— 3 —3 2 2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Oktmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ſ eiß und eſebedingungen. 1oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 22. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 33. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und i für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ß Answärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 66. Schadenersatz. 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Hiher und hoͤher ſtiegen die Wogen des mit⸗ tellaͤndiſchen Meeres an der nordoͤſtlichen Kuͤſte von Spanien; ein heftiges Gewitter zog dro⸗ hend am Himmel herauf; die ſchwarzen Wol⸗ ken verwandelten den hellen Tag in dunkle Nacht; in der Ferne zuckten ſchon einzelne Blitze, rollte ſchon dumpf murmelnd der Donner und uner⸗ rettbar ſchien der kleine Kahn verloren, welcher der Kuͤſte des Meeres zuſteuerte. Nur drei Maͤn⸗ ner befanden ſich darin; ſie waren wohl erfah⸗ ren in der Lenkung des Schiffes; krftig und 1* 3 unerſchrocken gebrauchten ſie die Ruder, aber die Gewalt des Elementes ſpottete ihrer An⸗ ſtrengungen. Bald war der Kahn hoch oben auf der Spitze der Wellenberge, bald verſank er in die grauſige Tiefe, aber immer wieder rang er ſich, wie von hoͤhern Maͤchten beſchutzt, auf die Oberflaͤche des Meeres empor. Wir wollen die drei Maͤnner, die hier ihrem ſcheinbar unvermeidlichen Untergange ent⸗ gegenkampften, naͤher betrachten. Zwei von ih⸗ nen waren Krieger, der Eine Ritter, der An⸗ dere Reiſiger. Der Dritte war in eine weite Pilgerkutte gehuͤllt; ein dichter langer Bart wallte von ſeinem Kinne herab, der breitkraͤm— pige, mit Muſcheln beſetzte Hut war tief in das Geſicht gedruͤckt; doch wenn er ſich hefti⸗ ger anſtrengte das Ruder zu regieren, ſchien es, als raſſele auch unter ſeiner Kutte eine Ruͤ⸗ ſtung, als blicke ſie hier und dort unter den verſchobenen Falten ſeines weiten Gewandes her⸗ — vor. Alle Drei mußten dem Tode oft und un⸗ ter weit ſchrecklicheren Geſtalten in das Auge geblickt haben, denn ſie achteten kaum der furcht⸗ baren Gefahr, der ſie ausgeſetzt waren, und erſchien der Tod ihnen jetzt wirklich, ſo fand er ſie bereit ihm ohne Zagen und Zaudern zu folgen. „Siehſt Du jenes Schloß dort?“ fragte jetzt raſch der Pilger den Ritter, als ein flam⸗ mender Blitz auf einen Augenblick die hohen Zinnen und Thuͤrme einer feſten Burg gewah⸗ ren ließ, die auf einem ſteilen Felſen erbauet war, der ſich uͤberhaͤngend in das Meer hinein erſtreckte. „Ich ſah ſie,“ entgegnete der Ritter.„Jetzt waͤre ich froh, könnte ich das Ruder ſehen, das ich in meiner Hand halte.“ „Dorthin,“ ſagte der Pilger und das Be⸗ ben ſeiner Stimme verrieth den muͤhſam be⸗ koͤmpften Schmerz,„dorthin gingen alle meine — 6— Gedanken, ſeit ich das geliebte Vaterland ver⸗ ließ.— Ach, Ruiz, wie werde ich die Theu⸗ ren wieder finden?— Werden ſie mein und meiner Liebe auch noch nicht vergeſſen haben?“ „Wie koͤnnten ſie das,“ troſtete ihn Ruiz— denn ſo wollen wir den Ritter von nun an nennen—„wenn ſie ſo ſind, wie Du ſie mir ſo oft ſchilderteſt.“ „Wenn aber der unerbittliche Tod ſie ab⸗ gefordert haben ſollte!“ ſeufzte der Pilger. „Eben recht, daß Ihr an den denkt, ge⸗ ſtrenger Herr,“ fiel der Reiſige, welcher am Steuer ſaß, ein.„Deſſen Beute werdet Ihr ganz unbedingt, ſo wie wir Alle, wenn Ihr das Ruder nicht kraͤftiger gebraucht, als ſeither, wo Euch die truͤben Gedanken in den Kopf ge⸗ kommen ſind.“— „Sehen kann ich zwar nichts, aber die Bran⸗ dung wird immer heftiger und ich muͤßte mich 5⸗ — 7— gewaltig irren, waͤren wir nicht der Kuͤſte ſo nahe, daß wir alle Kraͤfte und Geſchicklichkeit anſtrengen muͤſſen, ſoll unſer leichtes Fahrzeug nicht, noch ſo nahe dem Ziele, von den Wellen verſchlungen werden.“ „Dem Ziele nahe und doch vielleicht ſo fern!“ ſeufzte der Pilger. Es ſchien, als ſei er von prophetiſchem Geiſte beſeelt geweſen, als er dieſe Worte ſprach; denn ploͤtzlich rollte eine thurmhohe Welle heran; ſie erfaßte den Kahn mit unwiderſtehlicher Ge⸗ walt; zuckende Blitze ließen ſie die Kuͤſte nur noch wenige Klaftern vor ſich erblicken und mit einem leiſen Ave Maria empfahlen ſich alle Drei der Gnade und Barmherzigkeit des Him⸗ mels. Aber gerade was ihren Untergang her⸗ beizufuͤhren ſchien, ward ihre Rettung. Der gewaltige Waſſerberg hob ſie uͤber die gefaͤhr⸗ lichen Klippen, welche die Kuͤſte umzogen, hin⸗ weg und als die Welle rauſchend und brauſend — 8— wieder in das Meer zu ihren vielen tauſend Schweſtern rollte, ließ ſie den Kahn auf dem Trockenen zuruͤck. Gott mit inniger Ruͤhrung fuͤr dieſe wun⸗ derbare Rettung dankend, ſanken die drei Maͤn⸗ ner nieder auf die Knie. Als ſie ſich nach ei⸗ nem kurzen Gebete wieder erhoben, ſagte Ruiz, ſeinem Freunde die Hand reichend:„Hernandez, dieſe wunderbare Landung ſei Dir Buͤrge, daß im Vaterlande Deiner das Gluͤck harrt, wel⸗ ches Dich ſo lange gemieden, aber Dir oft auch ſo wunderbar gelaͤchelt hat.“ „Geſtrenge Herren,“ miſchte ſich jetzt San⸗ chez, der treue Knappe in das Geſpraͤch;„wie waͤr's, wenn wir dergleichen erbauliche und weiſe Redensarten auf gelegenere Zeiten verſpar⸗ ten und uns fuͤr's Erſte nach einem ſichern Orte umthaͤten, wo wir unſere durchnaͤßten Kleider trocknen und allenfalls auch einen Imbiß erhal⸗ ten koͤnnten?“ — G— „Der Magen iſt doch immer Dein Gott!“ laͤchelte der Pilger. „Willſt Du gleich auf das Schloß?“ fragte Ruiz. „Nein!“ erwiederte Hernandez.„Sie hal⸗ ten mich ſchon ſeit Jahren fuͤr todt; ehe ich mich ihnen alſo zeige, muß ich erforſchen, ob ſie meiner auch noch in Liebe gedenken;— ob noch Alles zwiſchen uns iſt, wie ehedem.“ „Nun, ſo laß uns ein anderes Obdach ſuchen,“ erwiederte Ruiz. „Das iſt gefunden!“ rief Sanchez in ko⸗ miſch⸗klaͤglichem Tone,„denn ich muͤßte mich ſehr irren, oder der Gegenſtand, der hier ſo eben mit meiner, leider etwas allzulangen, Naſe in ſehr unſanfte Beruͤhrung kam, iſt die Thuͤr einer Huͤtte.“ Ohne weiter eine Antwort ſei⸗ nes Gebieters abzuwarten, pochte er nun ſo gewaltig an die Thuͤr— denn eine ſolche war 3 * es wirklich,— daß die Bewohner todt oder mindeſtens taub haͤtten ſein muͤſſen, waͤren ſie von dem Laͤrme nicht herbeigezogen worden. Ein Fenſter that ſich auf und eine kraͤftige Manns⸗ ſtimme fragte:„Wer laͤrmt denn da, als wollte er die morſche Thuͤr meiner geringen Huͤtte in Truͤmmer ſchlagen. Bedenket fein, Herr Lands⸗ mann, daß wir Fiſcher hier zu Laude auch kraͤf⸗ tige Faͤuſte fuͤhren und noͤthigen Falls uns ge⸗ gen Unbill zu ſchuͤtzen wiſſen.“ Ruiz und Hernandez fuͤrchteten, daß San⸗ chez, deſſen Streitluſt ſie kannten, ganz unnoͤ⸗ thiger Weiſe mit dem Fiſcher Haͤndel anfangen und dadurch das kaum gefundene Dbdach wieder verſcherzen moͤchte; ſie traten daher naͤher und ſagten:„Wir ſind Schiffbruͤchige, die vor we⸗ nig Minuten kaum zehn Schritte von hier an das Ufer geworfen wurden und nun ein ſchuͤ⸗ tzendes Obdach ſichen.“ „ „ —— — — 11— „Wenn das iſt,“ erwiederte gutmuͤthig der Fiſcher,„ſo ſeid mir gaſtlich willkommen; und was meine arme Huͤtte zu bieten vermag, das ſei Euch im Voraus gewaͤhrt.“ Er oͤffnete nun ſogleich die Thuͤr, die nur mit einem hoͤlzernen Riegel verſchloſſen war und fuͤhrte die Fremdlinge in ein aͤrmliches aber rein⸗ liches Gemach, das ſpaͤrlich von einem kleinen Feuer im Kamine erhellt ward. „Mutter, einen Imbiß!“ rief er zur Thuͤr hinaus und bald darauf erſchien die bejahrte Hausfrau mit Brod, Kaͤſe und geraͤucherten Fi⸗ ſchen, welche ſie vor den Schiffbruͤchigen, die bereits hinter dem ſchwerfaͤlligen Tiſche Platz genommen hatten, hinſetzte. „Laßt es Euch ſchmecken, ihr Herren,“ ſagte ſie dazu freundlich.„Mehr vermag ich Euch nicht zu bieten, aber dieß Weni gebe ich von Herzen gern.“ — 12— Sonchez folgte der Einladung mit wahrem Heißhunger; auch Ruiz langte zu, doch Her⸗ nandez fuͤhlte keine Eßluſt; ihn verlangte nur darnach, Kunde von den Theuren einzuziehen, nach deren Wiederſehen er ſich ſo herzlich ſehnte. Wäͤhrend daher ſeine Gefaͤhrten ſich das beſchei⸗ dene Mahl ſchmecken ließen, knuͤpfte er mit dem greiſen Fiſcher, ſeinem freundlichen Wirthe, ein Geſpraͤch an. „Auf weſſen Grund und Boden,“ fragte er,„hat uns das Schickſal hier geworfen?— Hat mich das Licht der Blitze nicht getauſcht, ſo ſah ich unfern von hier, auf einem Felſen, der uͤber das Meer hinaushäͤngt, ein k Schloß liegen.“ „Ihr habt ganz recht geſehen,“ erwiederte der alte Fiſcher;„das Schloß gehoͤrt unſerem geſtrengen Gebieter, dem Grafen Gomez de Rungani, welcher daſelbſt wohnt.“ — 13— „Rungani?— Rungani?“ wiederholte Her⸗ nandez und ſchien eifrig uͤber etwas Halbver⸗ geſſenen nachzuſinnen.„Iſt es mir doch, als hoͤrte ich dieſen Namen nicht zum erſten Male.“ „Es iſt ein altes edles Geſchlecht,“ ſagte der Fiſcher,„doch jetzt dem Ausſterben nahe. Der Graf iſt der letzte ſeines Stammes, und hat es allen Anſchein, als wuͤrde er ſich keines maͤnnlichen Erben ſeines Namens und ſeiner Reichthuͤmer zu erfreuen haben.“ „Wie ſo?“ fragte Hernandez geſpannt.„Iſt der Graf nicht vermaͤhlt?“ „Er war es,“ lautete die Antwort. „War es?“ ſchrie Hernandez auf und ver⸗ barg nur ſchlecht den Schmerz, der ihn bei die⸗ ſer Rachricht erfaßte.„So iſt die Graͤfin todt?“ „Vor ſechs Monaten ward ſie in der Fa⸗ miliengruft beigeſetzt!“ — 14— „O armer Hernandez! armer Hernandez!“ rief der Pilger und rang verzweiflungsvoll die Haͤnde.„Dahin ſind nun alle Deine Hoffnun⸗ gen! zerſtoͤrt alle Deine lieblichen Traumgebilde von zukuͤnftiger Ruhe.“ „Herr, nanntet Ihr nicht den Namen Her⸗ nandez; aber was kann dieſer Name Dich kuͤm⸗ mern?“ „O, gar viel, gar viel,“ erwiederte haſtig der Fiſcher,„wenn noch ein anderer Name hin⸗ zukoͤmmt. Unſer Herr hatte einſt einen Freund, Hernandez de Ramiro.“— „Hernandez de Ramiro?“ unterbrach ihn der Pilger.„Den habe ich im gelobten Lande gekannt und vielleicht kehrt er bald in die Hei⸗ math zuruͤck.— Aber ſprecht Alter, was iſt's mit dem?“ „Er allein, und ſonſt kein Menſch auf Erden, koͤnnte unſern Herrn noch wieder in den Alten verwandeln.“ —— „Iſt denn der Graf boͤs?“ fragte Hernan⸗ dez mit muͤhſam unterdruͤcktem Staunen.„Ich erinnere mich ganz deutlich, daß Ramiro oͤfters von ihm ſprach, aber ſtets ſchilderte er ihn als den edelſten Menſchen, den liebevollſten Vater ſeiner Unterthanen.“ „Das war er; ach Gott, ja, das war er!“ ſeufzte der Fiſcher.„Aber ſeit jenem Unfalle iſt er wie umgetauſcht.“ „Seit jenem Unfalle?“ wiederholte Her⸗ nandez.„Ihr macht mich neugierig, Alter, ich bitte Euch, erzaͤhlt mir, was Euren Grafen betrifft. Ich weiß nicht wie es koͤmmt, aber ein unerklaͤrbares Gefuͤhl ſagt mir, daß ich Euch vielleicht nutzlich ſein kann.“ „Ja— ich wollte wohl,“ ſagte der Fiſcher zoͤgernd—„wenn nur nicht die Lauſcher vom Schloſſe— des Burgvogts Späher ſchleichen uͤberall umher.“ Er trat hierauf an das Fenſter, offnete es und blickte hinaus. Aber als er alles ringsum ſchweigend fand, kehrte er beruhigter zu ſeinem Sitze zuruͤck und begann:„Gern will ich Euch willfahren, frommer Mann, doch muß ich etwas! weit ausholen, wenn Ihr mich ganz ver⸗ ſtehen ſollt. Hernandez de Ramiro und unſer Graf ſind die Soͤhne der vertrauteſten Freunde und wurden nach dem Tode von des Erſtern Vater, der ſeinem Sohne keine Guͤter hinter⸗ ließ, gemeinſchaftlich auf dem Schloſſe des Gra⸗ fen erzogen. In inniger Freundſchaft wuchſen ſie mit und neben einander auf und waren die Wonne des alten Grafen, die Freude Jedes, der ſie ſah. Ungeſtoͤrt dauerte ihre ſeltene Freund⸗ ſchaft fort, bis beide das zwanzigſte Jahr er⸗ reicht hatten, da aber drohte ihr ein Sturm, den nur Hernandez Edelmuth zu beſchwichtigen vermochte.— Der alte Graf hatte ſeinen Sohn ſchon in fruͤher Jugend mit der Tochter eines edlen Hauſes, Elvira de Illora verlobt; in zwei Jahren ſollte die Vermählung gefeiert werden, und der Graf hielt es fuͤr zweckmäßig, daß ſich die „ — die jungen Leute ſchon fruͤher kennen lernten. Er bat daher Elvirens Vater, die Tochter un— ter der Obhut und Aufſicht einer alten Duenna nach Rungani zu ſchicken, und ſie bis zur Ver⸗ maͤhlung hier zu laſſen. Elvirens Vater war dieß gern zufrieden und das Maͤdchen erſchien, das lieblichſte anmuthigſte Geſchöpf der weiten Erde. Hernandez und Somez wurden von gleich heftiger Liebe zu ihr ergriffen, aber nur des Er⸗ ſtern Neigung konnte ſie erwiedern; ihr Verlob⸗ ter blieb ihr nichts als ein theurer Freund, ein geliebter Bruder.— Hernandez ſah bald, daß er Elvirens Herz gewonnen habe, aber er war zu edel ſeiner Leidenſchaft Worte zu geben. Hätte er auch die fruͤhern Rechte ſeines Freundes ver⸗ letzen wollen, wie konnte er, der arme namen⸗ loſe Juͤngling, der nur von der Gnade des aͤl⸗ tern Grafen lebte, hoffen, je die Hand einer Tochter aus dem ſtolzen Geſchlechte der Illora 2 — — 18— zu erhalten? Er verſchloß daher ſeine Leidenſchaft in die innerſte Tiefe ſeines Buſens, zog ſich von Elviren zuruck, ſoviel ſich dieß ohne Ver⸗ letzung des aͤußern Anſtandes thun ließ und ver⸗ ſuchte aus allen Kraͤften ſeine Gefuͤhle zu be⸗ kämpfen. Es gelang ihm wenigſtens, den alten Grafen und ſeinen Freund Gomez zu taͤuſchen; ſie ahneten nichts von ſeiner Liebe zu Elvira. Dieſe ſelbſt aber ſah ſchaͤrfer und ſein edelmuͤ⸗ chiges Betragen machte ihn ihr nur noch wer⸗ ther; da ward der alte Graf durch einen Sturz auf der Jagd ſchwer vetletzt, ſein Hauskapellan, der auch zugleich ſein Arzt war, verhehlte es ihm nicht, daß er nur noch wenige Stunden zu leben habe. Der einzige Wunſch, den der alte wuͤrdige Herr fuͤr dieſes Leben noch hatte, war der, ſeine Kinder durch den Segen der Kirche vereint zu ſehen. Er theilte den Verlob⸗ ten dieſen Wunſch mit und wie haätten ſie dem Sterbenden die Erfullung verweigern konnen?— Blutenden Herzens ſagte Elvira ihrer Liebe zu 5 3 Hernandez und der ſtillgenährten Hoffnung, einſt doch noch die Seinige werden zu koͤnnen, Valet und reichte Gomez ihre Hand. Beruhigt durch den Gedanken, das Gluͤck ſeiner Kinder begruͤndet zu wiſſen, ſchlummerte der alte Herr hinuͤber.— Nur wenige Monden vermochte Hernandez Zeu⸗ ge von dem unausſprechlichen Gluͤcke ſeines Freun⸗ des Gomez zu ſein und als dieſem nun auch die Ausſicht ward, Vaterfreuden zu genießen, da ſchied er von der Heimath. Eben war ein neuer Kreuzzug zu Befreiung des gelobten Lan⸗ des ausgeſchrieben und er ſchloß ſich an die Schaaren der heiligen Streiter an. Seitdem hoͤrten wir von ihm nichts wieder; es ſind zwoͤlf Jahre verfloſſen, aber noch lebt das Andenken an den ſchoͤnen edlen Juͤngling in den Herzen Vieler, und ſeit der Graf ſich ſo geaͤndert hat, ſind ſchon unzaͤhlige Seufzer zum Himmel auf⸗ geſtiegen, daß er Hernandez de Ramiro zuruck⸗ fuͤhren moͤge; denn auf ihn beruht jetzt die ein⸗ 2* — —— zige Hoffnung der armen, hartbedruͤckten Un⸗ terthanen.“ „„Weiter!— Weiter!“ draͤngte Hernandez; „erzäͤhlt mir die fernere Geſchichte des Grafen und der Graͤfin.“ „Die laͤßt ſich in wenige Worte faſſen;“ antwortete der Fiſcher.„Bald nachdem der jun⸗ ge Ramiro abgereiſt war, genaß die Graͤfin ei⸗ nes holden Toͤchterleins, das die ganze Freude der Eltern ausmachte, beſonders da keine ande⸗ ren Kinder ihm folgten. Ein ſtilles eingezoge⸗ nes, doch gluckliches Leben fuͤhrten nun der Graf und die Graͤfin. Die edle Frau dachte zwar wohl, wie man merken konnte, ihres fruͤheren Geliebten noch öfters, aber ſie verweigerte doch deshalb ihrem Gatten die Liebe nicht, die er durch ſein ſchonendes zuvorkommendes Betragen gegen ſie ſo ſehr verdiente. Beide waren ſuͤmmtlichen Unterthanen der weitläuftigen Guͤter Vater und Mutter, Freund und Beſchuͤtzer, und wo ſie gingen, da folgten ihnen die Segenswuͤnſche von Alt und Jung. Zehn Jahre vergingen auf dieſe Weiſe in Ein⸗ tracht, Gluͤck und Frieden. Da ward der Graf vor zehn bis zwoͤlf Monaten genoͤthigt eine Ge⸗ ſchaͤftsreiſe anzutreten, die ihm laͤngere Zeit von uns entfernen mußte. Die Graͤfin wollte ihn begleiten, aber er gab es nicht zu, denn er fuͤrchtete die Muͤhſeligkeiten der Reiſe fuͤr ſie. Er reiſte alſo allein ab.— Ach haͤtte er doch die Vortheile aufgegeben, die er ſich von dieſer Reiſe verſprach!— Zwei Monden waren ſeit des Grafen Abreiſe vergangen, ohne daß ſeine Gemahlin die geringſte Nachricht von ihm em⸗ pfing. Sie glaubte, daß ihm irgend ein gro⸗ ßes Ungluͤck zugeſtoßen, daß er wohl gar unter den Dolchen der Raͤuber in den Gebirgen, durch die er reiſen mußte, gefallen ſei.“ „Ihre Furcht hatte ſie nur zum geringen Theile getaͤuſcht; es ging in den dritten Mond, —— als Nachricht von dem Grafen einlief. Er ſchrieb, daß er in Cotaloniens Gebirgen von Raͤubern uͤberfallen worden ſei und dabei einen tiefen Hieb in die Hand erhalten habe, durch den es ihm verhindert worden fruͤher ſchon zu ſchreiben, als es ihm gelungen zu entfliehen, nachdem ſeine Diener in dem Kampfe gegen die Raͤuber gefallen. Er kuͤndete der Graͤfin an, daß er bald einzutreffen gedenke, verbat ſich je⸗ doch alle Empfangsfeierlichkeiten.“ „Dieſes Gebot ward nicht beachtet, wie Ihr leicht denken koͤnnt, denn wir Alle liebten unſern Herrn zu ſehr, um uns die Freude ei⸗ nes feſtlichen Empfanges verſagen zu koͤnnen. Aber wie bitter ward unſere Freude getaͤuſcht, wie ſchnoͤde unſere Liebe vergolten.— Der Graf kehrte zum beſtimmten Tage zuruͤck, im Aeußern ganz der Alte, ſogar bis auf die Kleidung, im Innern aber gaͤnzlich verwan⸗ delt; und ein Teufel in Menſchengeſtalt, viel⸗ — leicht auch ein boͤſer Zauberer, wich nicht von ſeiner Seite.“ „Der Graf empfing die Groͤfin kalt, er⸗ wiederte die Liebkoſungen der zaͤrtlichen Ge⸗ mahlin nicht und ſah ſeine Tochter kaum an. Unſerer achtete er gar nicht; er ging theil⸗ nahmslos an uns voruͤber und ſein finſterer, rothhaariger Begleiter trieb uns mit rauhen Worten und wilden Fluͤchen hinweg.— Nur einmal ſchien es, als werde unſer fruͤher ſo gnädiger Gebieter von einer ſanften Regung angewandelt, als wolle er mit altgewohnter Freundlichkeit zu uns ſprechen, doch da neigte ſein Begleiter ſich zu ihm, fluſterte ihm eini⸗ ge Worte in das Ohr, und ploͤtzlich zuckte der Graf zuſammen, erbleichte und ſtieß uns, die wir uns ihm nahen wollten, hart und kalt zuruͤck.“ „unbegreiflich war uns Allen der Wechſel, der mit unſerem Herrn vorgegangen, daß es —— aber ſo und nicht anders war, ließ ſich nicht leugnen. Der Rothkopf, Walther mit Namen, ward zum Burgvogte auf Rungani ernannt, und dieſer Unhold iſt ſeitdem unſer eigentlicher Gebieter. Oft giebt der Graf kaum den Na⸗ men, nie aber mehr. Sein Wille wird gaͤnz⸗ lich von dem des Burgvogts beherrſcht, und nur was dieſer will und gut heißt, geſchieht. Kehrt die fruͤhere milde Geſinnung des Grafen, die ihm unſer Aller Herz gewonnen hatte, ja einmal zuruͤck, und er will die Haͤrte des Burg⸗ vogts und deſſen ſtrenge Befehle mildern, ſo darf Walther ihm nur, wie bei dem Einzuge, wenige Worte zufluͤſtern und der Graf zittert, wird blaß, ringt wohl gar die Haͤnde und laͤßt den Burgvogt dann ungehindert gewaͤhren. Durch dieſen ſonderbaren Umſtand iſt denn ſchon gar Maoncher unter uns auf den Verdacht ge⸗ kommen, der Graf habe, um irgend einer Ge⸗ fahr zu entgehen, vielleicht ſogar um ſein Le⸗ ben zu friſten, einen Pact mit dem Boͤſen ge⸗ — 25— macht und dieſer begleite ihn nun in der Ge⸗ ſtalt des Burgvogtes, um ihn von jeder guten That, ja ſogar von jedem menſchlichen Beneh⸗ men, durch furchtbare Worte zuruͤckzuſchrecken.“ „Giebts Gott, ſo gelingt es mir dieſen Teufel zu bannen!“ murmelte Hernandez halb laut vor ſich hin, der Fiſcher aber fuhr in ſei⸗ ner Erzaͤhlung fort. „Gleich am erſten Tage von des Grafen Ruͤcktehr, wurde auf Rungani Alles in eine andere Geſtalt gebracht. Die Graͤfin ward auf den Gebrauch weniger Zimmer verwieſen und erhielt von ihrem Gemahle den ſtrengen Befehl ſie nicht ohne ſeine ausdruͤckliche Erlaubniß zu verlaſſen. Saͤmmtliche Dienerſchaft wurde ab⸗ gedankt und Walther nahm dafuͤr Andere in den Dienſt, finſtere, unheimliche Geſtalten, doch ihm mit Leib und Seele ergeben. Die Bauern und Pachter wurden mit harten Auflagen be⸗ druͤckt und wo ſie das Verlangte nicht zahlen —— konnten, da ward es mit Strenge und ſogar mit Grauſamkeit erpreßt. Vergebens beklagte ſich die Graͤfin, vergebens baten wir Alle um Milde und Schonung. Ich kann nichts fuͤr Euch thun! wendet Euch an den Burgvogt! war die ſtete Antwort des Grafen und der Burgvogt ward durch jede Klage nur zu dop⸗ pelter Härte gereizt.— Daß der Graf alle Selbſtſtändigkeit verloren hatte und ſich gaͤnz⸗ lich in der Gewalt dieſes Ungeheuers Walther befand, war augenſcheinlich, doch noch bis auf dieſe Stunde kann Niemand begreifen, wie es dahin mit ihm hat kommen koͤnnen. Die allge⸗ meine Meinung iſt, wie bereits geſagt, daß nur ein boͤſer Zauber zum Grunde liegt, und daß dieſer in den Worten enthalten iſt, die Wal⸗ ther dem Grafen bei jeder Gelegenheit, wo die⸗ ſer ſich zur Milde zu neigen ſcheint, in das Ohr füͤſtert. Oft trachtete die Graͤfin allein mit ihrem Gemahle zu ſprechen, um Aufſchluͤſſe über ſeine raͤthſelhafte Umwandlung zu erhal⸗ ten, aber nie gab der Burgvogt es zu, daß ſie unter vier Augen mit ihm ſei. Stets war er oder einer ſeiner getreuen Henkersknechte bei den Unterredungen zugegen und ſelbſt ſo durf⸗ ten ſich die Gatten nur aͤußerſt ſelten ſehen. Bald untergrub der Kummer die Geſundheit unſter theuren Gebieterin. Vor ſechs Monaten ſegnete ſie das Irdiſche und ward, wie ich be⸗ reits erwaͤhnte, in der Familiengruft beigeſetzt. Der Graf folgte zwar ihrem Sarge, aber in ſeinen ſtavren Zuͤgen malte ſich kein Schmerz uͤber den Verluſt der einſt ſo inniggeliebten Gat⸗ tin.— Uns verweigerte der rauhe Burgvogt ſelbſt die kleine Gunſt, unſere Mutter— denn das war ſie uns Allen— im Tode noch ein⸗ mal zu ſehen, und der, von welcher wir waͤh⸗ rend ihrer letzten Lebenstage fern gehalten wor⸗ den waren, die kalte Leichenhand zu kuͤſſen.— Das iſt nun Alles, was ich Euch zu ſagen vermag.“ — 23— Hier endete der Fiſcher ſeine Erzaͤhlung, in der er jedoch mehrmals durch Hernandez Fra⸗ gen und Ausrufungen unterbrochen worden war. Fuͤhrten wir dieß nicht jedesmal an, ſo geſchah es nur, um den Faden unſerer Geſchichte nicht unnuͤtz zu zerreißen. Raſch ſprang Hernandez jetzt empor, er⸗ griff des alten Fiſchers Hand, ſchuͤttelte ſie treu⸗ herzig und ſagte:„Alter, Euch Allen ſoll ge⸗ holfen werden.— Die Todten vermag ich zwar nicht zu erwecken und eine froͤhliche Urſtaͤnd da⸗ her der hinuͤbergeſchiedenen Graͤfin; aber die an⸗ dern Uebelſtunde denke ich mit Gottes Huͤlfe ab⸗ zuſtellen und dieſen ſchurkiſchen Burgvogt zu ver⸗ treiben.“ „Ach Herr, verſprecht nicht zu viel!“ ſagte der Fiſcher, indem er unglaͤubig den Kopf ſcht⸗ telte.„Ich hoffe nichts von Eurer Huͤlfe, ob⸗ gleich ich nicht zweifle, daß Ihr es redlich meint und gern helfen mochtet.“ „Hofft Ihr auch dann nichts von mir, alter Knabe,“ erwiederte Hernandez,„wenn ich Euch ſage, daß ich eben jener Hernandez de Ramiro bin, den Ihr ſo ſehnlich herbeiwuͤnſchet?“ „Wie, Ihr waͤret?“ ſagte der Fiſcher un⸗ glaͤubig, Hernandez mit forſchendem Blicke meſ⸗ ſend. „Ueberzeugt Euch ſelbſt,“ rief Hernandez, „wenn naͤmlich zwoͤlf Jahre unter den harten Drangſalen des Krieges und einem nagenden Kummer im Herzen, verlebt, mich noch nicht ſo ſehr entſtellt haben.“ Bei dieſen Worten warf er den Pilgerhut vom Haupte, nahm den falſchen Bart ab und der Fiſcher erkannte in den Zuͤgen des Mannes die des Juͤnglings, den er als Kind oft auf ſeinen Haͤnden getragen hatte, wieder. „Aber noch reinen Mund, Alter!“ ſagte Ramiro, indem er laͤchelnd mit dem Finger drohte.„Noch darf kein Menſch wiſſen, daß 4. ich aus weiter Ferne zuruͤckgekehrt bin.— Kennt der Burgvogt meinen Namen und mein fruͤheres Verhaͤltniß zu dem Grafen?“ „Ich glaube,“ entgegnete der Fiſcher,„daß Beides ihm nicht ganz unbekannt iſt.“ „Dann muß das Geheimniß um ſo ſtren⸗ ger bewahrt werden, denn ahnete er meine Naͤhe, ſo moͤchte er es leicht verhindern, daß ich den Grafen ſpreche und gerade auf mein perſoͤn⸗ liches Zuſammentreffen mit ihm ſetze ich meine Haupthoffnung.“ Ruiz und Sanchez hatten ſchon laͤngſt mit Mienen ihre Theilnahme bezeigt, jetzt miſchten ſie ſich auch in das Geſpraͤch und waͤhrend Mut⸗ ter Anna, des Fiſchers Weib, ab⸗ und zuging, berathſchlagten die vier Maͤnner, wie der Graf am ſchnellſten und ſicherſten aus den unwuͤrdi⸗ gen Banden zu befreien ſei, in welche Walther ihn geſchmiedet hatte. Nach laͤngerm Hin⸗ und Herreden wurde beſchloſſen, daß Hernandez am folgenden Mor⸗ gen auf das Schloß gehen, um dort den Gra⸗ fen zu ſprechen und durch das Geſpraͤch auf ihn zu wirken ſuchen ſollte. Ruiz wollte heim⸗ lich nach dem Schiffe zuruͤckkehren, dem er und ſein Freund angehoͤrten und welches unfern von hier in einer ſichern Bucht vor Anker lag. Er wollte von dort eine hinreichende Anzahl Be⸗ waffneter herbeiholen, um den Burgvogt no— thigen Falls mit Gewalt greifen zu koͤnnen; Sanchez ſollte in der Fiſcherhuͤtte verborgen blei⸗ ben, um die erforderliche Verbindung zwiſchen beiden Theilen zu erhalten. Nachdem dieß Al⸗ les in Richtigkeit gebracht war, ſtiegen die drei Schiffbruͤchigen auf den kleinen Boden uͤber dem Stalle des Fiſchers und ſanken hier in dem wei⸗ chen und duftenden Heu bald in einen erquicken⸗ den Schlaf. 3 6 3 3 3 6 5 1 3 3 3 1 † — ½ 1 Während der Nacht hatte der Sturm vol⸗ lig ausgetobt und der Morgen laͤchelte ſo heiter auf die Erde herab, als hätten die vergange⸗ nen Stunden kein Weh in ihrem Schooße ge⸗ tragen. Beim erſten Grauen des Tages ſprang Ruiz von ſeinem Lager auf und ruderte, in Be⸗ gleitung ſeines Wirthes, des alten Schiffers Pie⸗ tro, ſeinem Ziele entgegen. Hernandez dagegen mußte die paſſende Stun⸗ de zu ſeinem Beſuche auf dem Schloſſe abwar⸗ ten; aber er vermochte nicht in der dumpfen Fiſcherhutte zu weilen und ſchweifte daher im Freien umher, alle die Plaͤtzchen aufſuchend, welche die Erinnerung an ſeine gluͤckliche Kind⸗ heit und Jugend ihm heiligte. An der Kuͤſte des Meeres, auf einer bemooſten Bank unter einer breitaſtigen, immergruͤnen Eiche, wo er oft mit Gomez und Elviren geſeſſen hatte, ru⸗ hete er auch jetzt aus. Er verſank hier in truͤ⸗ bes Sinnen uͤber ſein zerſtörtes Lebensgluͤck, da ward ward er plotzlich durch einen Bettler aufgeſchreckt, der ihn um eine milde Gabe anſprach. Er nahm eine kleine Muͤnze aus dem Seckel und wollte ſie dem Ungluͤcklichen reichen, als er aber die Hand ausſtreckte, das Geldſtuͤck in den darge⸗ haltenen Hut fallen zu laſſen, ſah er dem Bett⸗ ler, einem alten, ſchwachen Greiſe in das Ge⸗ ſicht und es ſchien ihm, als haͤtte er dieſe Zuge fruͤher ſchon und oft geſehen.„Iſt es moglich rief er verwundert aus.„Alter, biſt Du wirk⸗ lich Fadrique, des alten Grafen von Rungani Schildknappe und Waffentrager?“ „Ich war es einſt!“ entgegnete der Greis und nickte traurig mit dem Kopfe.„Jetzt bin ich ein alter huͤlfloſer Bettler, und wenn mir die Barmherzigkeit der Menſchen nicht dann und wann eine Brodrinde zuwuͤrfe, ſo muͤßte ich verhungern, denn auf der weiten Gottes⸗ welt nenne ich nichts mein Eigenthum!“ 3 — 5— „Gomez! Gomez!“ rief Hernandez, auf⸗ ſpringend, aus;„verzeihe Dir Gott, daß Du ſo an dem Manne handeln konnteſt, der Dei⸗ nem Vater drei Mal das Leben rettete!“ „Herr, Ihr kennt mich?“ ſagte der alte Fadrique verwundert.„Wer ſeid Ihr?— Ich erinnere mich nicht Euch je geſehen zu haben!“ „Kennſt Du mich ſo?“ fragte Hernandez, indem er den falſchen Bart abnahm. „Ja, ja!— jetzt kenne ich Euch,“ ſagte der Greis in freudiger Haſt.„Aber nehmt ſchnell den Bart wieder vor; Euer Leben moͤchte nicht ſicher ſein, wuͤrdet Ihr erkannt.“ „Wie!“ rief Hernandez;„Du glaubſt doch nicht, daß Gomez—!“ „3ch halte ihn jetzt zu Allem ſihis,“ ſagte Fadrique;„zwar iſt Er noch immer der Alte, und ich habe ſelbſt geſehen, daß ſein Auge ſich bei der Grauſamkeit des Burgvogtes mit Thraͤ⸗ nen fuͤllte; aber irgend ein finſterer Zanber wal— tet uͤber ihm und beraubt ihn der Macht und Kraft zum freien Handeln.— Von Ihm haͤt⸗ tet Ihr nichts zu fuͤrchten, von dem Burg⸗ vogte aber Alles, denn durch Elvira weiß er von Euch und fuͤrchtet den Einfluß, den Ihr auf ſeinen Sklaven— denn dazu iſt Graf Go⸗ mez de Rungani herabgeſunken— uͤben moͤchtet.“ Hernandez glaubte ſeinen eignen Ohren nicht trauen zu duͤrfen und dennoch konnte er keinen Zweifel in die Ausſage des Greiſes ſetzen.„Al⸗ ter,“ ſagte er,„dieß ſoll und wird anders werden, oder ich muͤßte nicht mehr Hernandez de Ramiro, der Jugendfreund Gomez de Run⸗ gani's ſein.“ Mit einem fluͤchtigen, doch herzlichen Gruße gegen Fadrique eilte er nun ſchnell dem Schloſſe zu, denn nicht laͤnger mochte er zoͤgern, ſich Aufſchluß uͤber die unerklaͤrliche Veraͤnderung zu 3* — 8— ſchaffen, die mit ſeinem Freunde vorgegangen war. Der Thorwaͤchter ließ ihn auf ſein Geſuch ſogleich ein, als er aber mit dem Herrn der Burg zu ſprechen begehrte, ſagte der Thorwart ſpoͤttiſch:„Fuͤr Voͤgel Eures Gelichters giebt es hier nichts zu fangen. Melden will ich Dich laſſen, doch ſieh Dich wohl vor, guter Freund, daß es Dich nicht gereut, eine ſolche Gunſt er⸗ beten zu haben.“ Er befahl hierauf ſeinem Knechte, den Pilger in das Schloß zu geleiten und ihn dem Herrn zu melden. Vergebens waͤre es, die Gefuͤhle zu be⸗ ſchreiben, von denen Hernandez beſtuͤrmt wurde, als er, dem Knechte folgend, uͤber den Burg⸗ hof ſchritt, auf dem er als Knabe oft geſpielt und den erſten Unterricht in den Waffen em⸗ pfangen hatte. Er trat in die große Waffen⸗ halle und in herriſchem Tone befahl der Knecht ihm, hier zu harren, bis er den Gebieter der Burg herbeigeholt haben wurde. Hernandez ach⸗ tete der Frechheit des niedern Menſchen nicht, denn wo haͤtte er lieber geweilt, als eben hier, in der Halle, wo er nach der erſten ruͤhmlichen Waffenthat von ſeinem Wohlthäter, ſeinem zwei⸗ ten Vater, oͤffentlich belobt worden war, wo er Elviren zum erſten Male ſah, wo er ſo viele gluͤckliche und frohe Stunden verbracht hatte. Er vertiefte ſich ganz in die Erinnerung an eine ſchoͤnere Vergangenheit, da weckte ihn kraͤftiger Mannstritt aus ſeinen Traͤumereien. Er ſah auf und— Walther ſtand vor ihm. „Ihr habt mich zu ſprechen verlangt?“ ſagte er in barſchem Tone zu Hernandez. „Euch nicht,“ entgegnete Ramiro,„ſon⸗ dern den Herrn der Burg.“ „Und wer ſagt Euch, daß ich der nicht ſei?“ „Der Stempel der Knechtſchaft und der Gemeinheit, der Eurem ganzen Weſen unver⸗ kennbar aufgedruͤckt iſt, wie Ihr Euch auch in die Bruſt werfen moͤget.— Den Gr afen verlangte ich zu ſprechen, nicht den Burg⸗ vogt.“ „Ihr kennt den Grafen?“ fragte Walther lauernd. „Nur dem Namen nach,“ ſagte Hernan⸗ dez;„geſehen und geſprochen habe ich ihn nie.“ „Iſt nicht fuͤr Eure Ohren, Herr Burg⸗ vogt.— Laßt es Euch noch ein Mal geſagt ſein, ich will den Grafen Rungani ſprechen.— Geht und bittet ihn, mir auf eine Viertelſtunde Gehoͤr zu ſchenken!“ ſetzte er in gebietendem Tone hinzu. „Ihr ſcheint im Befehlen ſehr geuͤbt,“ ſpot⸗ tete Walther.„Sollte unter der Pilgerkutte etwa mehr verborgen ſein, als der Schein er rathen laͤßt?“ „Den Grafen will ich ſprechen, Herr Burg⸗ vogt!“ ſagte Hernandez, ſeine Worte ſcharf be⸗ tonend.„Wollt Ihr nicht, daß ihm der Schatz entgehe, deſſen Ueberbringer ich bin, ſo zoͤgert nicht, ihn herzuſenden;— ich bin des War⸗ tens muͤde!“ „Ein Schatz?“ murmelte der Burgvogt. „Den wollen wir Deiner Verwahrnng entneh⸗ men, guter Freund und dann ſchon weiter fuͤr Dich ſorgen.“— Laut ſetzte er dann hinzu: „Ich hole den Grafen!“ und verließ die Halle. „Und dieſes Schurken Knecht ſollte mein Gomez geworden ſein?“ ſagte Hernandez, als er ſich allein ſah.„Unmoͤglich! unmoͤglich!— Aber iſt es dennoch wahr, ſo ſoll das unheim⸗ liche Band, das ihn gefeſſelt haͤlt, mit Got⸗ tes Beiſtand bald geloſet werden.“ Graf Rungani und Walther traten jetzt ein und der Letztere ſchien bleiben zu wollen, da rief Hernandez ihm gebieteriſch zu:„Burg⸗ vogt— entfernt Euch!“— Walther wagte nicht zu widerſprechen, ſondern ging, dem ſtol⸗ zen Pilger einen wuͤthenden Blick zuſchleudernd. „Wir ſind allein!“ begann jetzt der Graf, deſſen ganzes Weſen eine angſtliche, unheimliche Scheu und Beſorgniß verrieth und der unab⸗ laͤſſig nach der Thuͤre blickte, als fuͤrchte er Walthers Eintritt eben ſo ſehr als deſſen Ab⸗ weſenheit. „Graf Rungani,“ ſagte nun Hernandez, „ich habe Euch einen Gruß zu uͤberbringen von Eurem Freunde, Hernandez de Ramiro.“ „So erwiederte der Graf.„Ich danke Euch!— Habt Ihr mir noch weiter etwas zu ſagen?“ „So kalt laͤßt Euch des Jugendfreundes Gruß?— Wißt Ihr mir kein herzliches Wort zu erwiedern?“ — ℳ „O— jal meinen Dank; wie ich ſchon ſagte.“ „Werft dieſe ſchimpflichen Feſſeln von Euch!— Jaget dieſen Walther mit Peitſchen⸗ hieben hinweg und ſeid wieder ein Mann!“ „Sprecht nicht weiter! Ihr macht mich unglucklich!“ rief der Graf und wehrte Her⸗ nandez, welcher ſich ihm naͤhern wollte, mit der Hand zuruͤck. „Nun wohlan!“ ſagte Hernandez, tief ver⸗ letzt;„die Gefuͤhle der Freundſchaft finde ich in Euch erſtorben, ſo will ich denn ſehen, ob fuͤr die Ehre in Eurem Buſen noch eine Stimme wiedertoͤnt.— Wollt Ihr mir mehr Aufmerkſamkeit ſchenken, als es jetzt der Fall zu ſein ſcheint?“ „Sprecht!— Sprecht!“ rief in aͤngſtlicher Haſt der Graf. „ — 42— „Nun denn.— Als Ihr die erſte ernſte Feldſchlacht kaͤmpftet, war Euer Freund Her⸗ nandez Euch ſtets zur Seite, mehr fuͤr Euer Leben beſorgt als fuͤr ſein eigenes.— Ein gluͤck⸗ licher Zufall wollte, daß er Euer Lebensretter ward; da zoget Ihr im Gefuͤhle der lebhafteſten Dankbarkeit einen Ring vom Finger, uͤberreich⸗ tet ihn dem Freunde und ſprachet: Sollte ich je der Dankbarkeit vergeſſen, die ich Dir ſchul⸗ dig bin, ſo zeige mir dieſen Ring vor oder laſſe ihn mir vorzeigen und was Du von mir be⸗ gehrſt, das ſoll erfuͤllt werden— Erinnert Ihr Euch deſſen noch?“ „Ja doch;— ja! Aber was ſoll das jetzt?“ erwiederte der Befragte, und konnte es nicht verbergen, wie druͤckend dieß Geſpraͤch ihm war. „Seht hier den Ring!“ rief Hernandez ihm die Rechte entgegenſtreckend, an deren Mit⸗ telſinger ein großer koſtbarer Ring funkelte.— Seht hier den Ring und betrachtet deſſen Mah⸗ — 4— nung, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch fur einen ehrloſen Schurken halten ſoll.“ „Herr, Ihr unterſteht Euch?“ rief der Graf, dunkle Roͤthe faͤrbte ſein Geſicht, und er ſchien mit irgend einem Entſchluſſe zu kaͤmpfen. Da⸗ bei nahmen ſeine Zuͤge, ſein ganzes Weſen, den Ausdruck mäͤnnlicher Kraft und Wuͤrde an; aber ploͤtzlich verſchwand dieſer Ausdruck wieder, eine weibiſche Furcht bemaͤchtigte ſich ſeiner, er erblaßte, es wollte Hernandez ſogar beduͤnken, als bebe er, und ſcheu nach der Thuͤr blickend, durch die der Burgvogt ſich entfernt hatte, rief er haſtig:„Walther! Walther!“ Da ſprang der Pilger raſch auf ihn zu, faßte ihn mit beiden Haͤnden bei den Schul⸗ tern, ſchuͤttelte ihn mit muͤhſam unterdruͤckter Wuth und donnerte ihm, auf die wahrſcheinliche Naͤhe des Burgvogts, trotz ſeiner Aufregung Ruͤckſicht nehmend, mit gedaͤmpfter Stimme zu: „Menſch, Menſch, Du biſt, ich kann nicht zwei⸗ 4— feln, taub geworden fuͤr den Ruf der Ehre. So will ich denn einen Bannſpruch waͤhlen, der ſelbſt auch noch auf Ehrlo ſe ſeine Macht auszuuͤben pflegt.— Bei der Erinnerung an Deine Gattin, bei dem Leben Deines Kindes be⸗ ſchwöre ich Dich, ſtehe mir Rede und Antwort.“ „Bei dem Andenken an mein Weib, bei dem Leben meiner Kinder?“ wiederholte der Graf und ſchien erſchuttert.„So ſprecht, was wollt Ihr von mir?“ Durch die Angſt, die ſich in allen Zuͤgen des Grafen malte, ergriffen, aber mehr ge⸗ ruͤhrt als empoͤrt, ließ Hernandez ab von ſei⸗ nem Freunde, betrachtete ihn ſtumm einen Au⸗ genblick und ſagte dann:„Was ich von Dir will, kannſt Du mich noch fragen?— O Go⸗ mez, Gomez! wohin iſt es mit Dir gekommen! Was ich von Dir begehre.— Abwerfen ſollſt Du die unwuͤrdigen Feſſeln, unter denen Du ſchmach⸗ teſt, von Dir ſtoßen dieſen Menſchen, der“— — 45— „Sprecht nicht ſo, oder wenigſtens nicht laut;“ fiel ihm der Graf in die Rede.„Ihr wißt nicht, was ich dafuͤr vielleicht leiden muß.“ „Gomez!“ rief der Pilger und ſein Stau⸗ nen fand kaum Worte.„Iſt es denn moͤglich? Biſt Du es denn wirklich?— Deine Zuͤge erkenne ich wieder, aber Du biſt es dennoch nicht ſelbſt.— So koͤnnte Gomez nicht mit dem Ab⸗ geſandten ſeines Hernandez, dem Freunde ſeiner Jugend, dem Retter ſeines Lebens ſprechen.— O, ich bitte, ich beſchwoͤre Dich, bei Allem was heilig und Dir theuer iſt.“— Er konnte nicht endigen. Haſtig ward die chuͤr aufgeriſſen und eilenden Schrittes trat— der Burgvogt herein. „Ich dächte das Geſpraͤch konnte lange ge⸗ nug gewaͤhrt haben,“ ſagte er, Beide mit durch⸗ bohrendem Blicke muſternd.„Sagt an, Herr Pilger, was fuͤr ein Schatz war es, den Ihr dem Grafen zuweiſen wolltet?“ — 15— „Den werthvollſten, den man auf Erden finden kann!“ erwiederte der Pilger. „Und der wäre?“ fragte Walther ge⸗ ſpannt. „Ein treuer Freund!“ ſagte Hernandez kalt und abgemeſſen. „Herr Pilger,“ fuhr bei dieſen Worten der Burgvogt wild auf,„ glaubt Ihr, daß Ihr mich zum Narren haben koͤnnt?— Dann rathe ich Euch, waͤhlt Eure Leute beſſer und nehmt Euch wohl in Acht, daß Ihr nicht ſelbſt zum Narren Eurer Kurzweil werdet.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ rief Her⸗ nandez. Seine Augen funkelten, ſeine Haͤnde Lallten ſich, und es ſchien, als hielte er ſich nur mit Muͤhe zuruͤck, den Nichtswuͤrdigen, der ſei⸗ nen geliebten Freund in ſo unwuͤrdige Feſſeln zu ſchlagen vermocht hatte, nicht mit eigenen Haͤnden zu erwuͤrgen. —— „Was ich damit ſagen will, das ſollt Ihr ſogleich zu Eurem Schrecken erfahren,“ lachte der Burgvogt hoͤhniſch, ſprang zur Thuͤr und rief hinaus:„He! Herbei!— Herbei!“ Hernandez vernahm das Heranſtuͤrmen Be⸗ waffneter und wie ein Blitz ſprang er auf den Burgvogt zu, packte ihn bei der Gurgel, warf ihn mit kraͤftiger Fauſt zu Boden, buͤckte ſich und riß ihm das Schwert aus der Scheide. In dieſem Augenblicke ſprang der Graf„ haſtig herzu, faßte den Arm ſeines Freundes„ und ſagte raſch:„wenn Ihr ſelbſt Hernandez de Ramiro ſeid, ſo—“ Der Burgvogt war aufgeſprungen, als Hernandez ſich auf des Grafen Rede zu dieſem wendend, von ihm abgelaſſen hatte, fluͤchtete ſich jetzt hinter eine große, an der Seite des Saales ſtehende Tafel, und rief von hier aus dem Gra⸗ fen zu:„Gedenke Deines—“ 5 — 1 Aber noch ehe er auszuſprechen vermochte, ſtuͤrzten die Knechte herein: Hernandez, das Schwert hoch ſchwingend, ſprang ihnen entge⸗ gen und es folgte ein wuͤthender Kampf. Der Graf, an demſelben keinen Theil nehmend, zog ſich in den Hintergrund des Saales zuruͤck; der Burgvogt ließ ſich von einem der Knechte das Schwert geben und drang wuͤthend auf Hernan⸗ dez ein. Doch mit einen kraͤftigen Schlage ſchmetterte dieſer ihm die Waffe aus der Hand, bahnte ſich dann einen Weg durch die ihn um⸗ ringenden Knechte, und entkam unverletzt bis auf den Bughof. Er hoffte das Thor noch ge⸗ öffnet zu finden, allein er ſah ſich in dieſer Er⸗ wartung, durch die Wachſamkeit und Vorſicht des Thorwarts, getaͤuſcht. Doch die Beſon⸗ nenheit, die Geiſtesgegenwart nicht verlierend, wandte er ſich ſchnell ſeitwaͤrts, dem haolb ver⸗ fallenen noͤrdlichen Theile der Burg zu und ver⸗ ſchwand hier in den, faſt unter dem ganzen Schloſſe ſich hinziehenden unterirdiſchen Gewoͤl⸗ ben ben den Blicken der ihn verfolgenden Knechte und war, wenigſtens fuͤr den Augenblick geret⸗ tet, denn Keiner wagte es, ihm in die Tiefe nachzudringen, denn unheimliche Geruͤchte man⸗ cherlei Art waren uͤber jene Gewoͤlbe im Um⸗ lauf; und hatte ja einer der Knechte Muth ge⸗ nug gehabt die Geiſter nicht zu fuͤrchten, die dort hauſen ſollten, ſo durfte er die Verfolgung des Fluͤchtlings doch aus dem Grunde nicht wa⸗ gen, weil von allen Knechten in den ſich viel⸗ fach durchkreuzenden Gaͤngen Keiner Beſcheid wußte, und daher fuͤrchten mußte in denſelben ſich zu verirren und dann auf die elendeſte Weiſe den fuͤrchterlichen Hungertod zu finden. Dem aber ſich auszuſetzen, dazu liebten die Knechte ihren finſtern Gebieter bei weitem nicht genug. Hernandez, mit den Gaͤngen noch von ſe⸗ ner Jugend her wohl vertraut, gelangte auch ohne Huͤlfe einer Fackel gluͤcklich durch das Ge⸗ winde derſelben, ſtets der Richtung folgend, wel⸗ 4 — 30— che ihn zu dem heimlichen Ausgange geleiten mußte, der eine gute Viertelſtunde von der Burg, von dichtem Geſtraͤuch umgeben, in das Freie fuͤhrte. Die Thuͤr, welche den Gang ſchloß, war ſeit einer Reihe von Jahren nicht geoͤffnet wor⸗ den; feſt in ihren Angeln eingeroſtet, wider⸗ ſtand ſie lange Hernandez Anſtrengungen und ſchon glaubte er die Hoffnung aufgeben zu muͤſ⸗ ſen, ſich auf dieſem Wege in Freiheit zu ſetzen, da machte er noch einen Verſuch, raffte ſeine ganze Kraft zuſammen, und krachend flog die Thuͤr auf, die friſche freie Luft wehte ihm er⸗ quickend entgegen und er ſah ſich gerettet. Mit aller Vorſicht verließ er nun den un⸗ terirdiſchen Gang, verſchloß ihn dann ſorgfaͤl⸗ tig wieder, damit kein Unberufener ihn ent⸗ decke, ſpaͤhete dann uͤberall umher und wagte ſich nicht eher in das Freie, als bis er ſich uͤberzeugt hatte, daß kein Menſch in der Naͤhe ſei. — 51— Wo moͤglich unbemerkt nach der Fiſcher⸗ huͤtte zu gelangen, dort die tapfern Waffenge⸗ fahrten abzuwarten, die Ruiz von dem Schiffe herbeiholte, dann durch jenen unterirdiſchen Gang in die Burg zu dringen, den Burgvogt und deſ⸗ ſen feile Knechte zu uͤberwaͤltigen und dann ſei— nen, immer noch aufrichtig geliebten Jugend⸗ freund, aus den unbegreiflichen, ſchimpflich auf ihm laſtenden Feſſeln zu befreien,— das war es, was er ſich jetzt ausmalte, und ſeine leb⸗ hafte Einbildungskraft ließ ihn bereits Alles als gelungen erkennen, obgleich noch manches Hin⸗ derniß ſich ihm in den Weg ſtellen konnte. 4. Indem er nun p eilig, aber die noͤthige Vorſicht nicht aus den Augen ſetzend, der Huͤt⸗ te des Fiſchers zuſchritt, gewahrte er in einiger Entfernung vor ſich eine Frau, welche zwei klei⸗ ne Kinder an der Hand fuͤhrte. An und fuͤr ſich hatte ihre Erſcheinung nichts Auffallendes, denn die Frau ihrer Kleidung nach dem Mittel⸗ 4* . ſtande anzugehoͤren und hatte auch in ihrem Aeußern nichts Bemerkenswerthes. Wohl aber war ihre ſichtliche Aengſtlichkeit ganz geeignet Verdacht zu erwecken. Scheu blickte ſie rechts und links umher, ſah wohl auch zuweilen fluch⸗ tig uͤber die Schulter zuruͤck; bei jedem plotli⸗ chen Geraͤuſche bebte ſie zuſammen und dabei ſchien es Hernandes, als richte ſie die ſpaͤhen⸗ den Blicke nach der, vor ihr ſtolz in die Wol⸗ ken emporragenden Burg Rungani, als wolle ſie irgend einen heimlichen Zugang zu derſelben erforſchen. Durch das, was er waͤhrend des letzten Tages gehoͤrt und ſelbſt erlebt hatte, ganz gegen ſeine Natur, zum Argwohn gereizt, beſchloß Hernandez dieſe Frau nicht aus den Augen zu laſſen, und wo moͤglich die Abſicht zu erfor⸗ ſchen, in der ſie hier auf ſo verdaͤchtige Weiſe um die Burg ſchleiche. —— . „ — 3— 0 Er ſuchte ſich ihr daher allmaͤhlig immer mehr und mehr zu naͤhern, denn er bemerkte, daß ſie bald mit dem Knaben zu ihrer Rech⸗ ten, der etwa 8 Jahr zaͤhlen mochte, bald mit dem hochſtens ſechsjährigen Maͤdchen, das ſie an ihrer Linken fuͤhrte, eifrig ſprach und er hoffte aus dieſen Geſprächen, wenn es ihm ge⸗ laͤnge dieſelben zu belauſchen, vielleicht einigen Aufſchluß zu erhalten. Sein Wunſch ſollte bald Gewaͤhrung in den, denn unter einem ſchattigen Baume, von dem aus mon der Ausſicht uͤber die ganze Burg und einen Theil des Meeres genoß, lagerte ſich die Frau mit ihren beiden Kindern und eine kleine Anhoͤhe, mit gewaltigen Eichen beſetzt, die ſich bis dicht zu ihrem Ruheplatze hinzog, gewaͤhrte Hernandez die Moͤglichkeit, ſich ihr bis auf wenige Schritte zu naͤhern; dieß that er auch ſofort und vernahm nun ein Geſpräch zwiſchen Mutter und Kindern, deſſen erſte Worte ſchon 6 allein hinreichend waren, die mannigfachſten, widerſtreitendſten Gefuͤhle in ſeinem Buſen zu erwecken. „Liebe Mutter,“ ſagte der Knabe, das dunkelbraune Lockenkoͤpfchen traulich an die Mut⸗ ter ſchmiegend, und die muͤden Glieder gemaͤch⸗ lich auf dem weichen Raſen dehnend,„dort in dem großen, prächtigen Schloſſe W wohnt unſer Vater?“ „Ja, mein Hugo,“ antwortete die Mut⸗ ter;„dort wohnt er. Sie ſchien noch etwas hinzuſetzen zu wol⸗ len, abes ſie unterdruckte es mit einem ſchmerz⸗ lichen Seufzer und der Knabe fuhr fort: „Aber liebe Mutter, ſo. laß uns doch ei⸗ len, daß wir zu dem Vater kommen.“ „Das geht nicht, mein Kind„erwiederte die Mutter und ſtreichelte ſchmeichelnd des Kna⸗ ben Wange. 5— „Hat uns der Vater denn nicht mehr lieb?“ fragte das kleine Maͤdchen. „So lieb als je,“ verſicherte die Mutter, „aber es wuͤrde unſer Aller Ungluͤck, wohl gar unſer Tod ſein, wenn der Burgvogt uns eher zu ſehen bekaͤme, als der Vater frei iſt.“ Immer geſpannter wurde Hernandez, im⸗ mer naͤher ſchlich er herzu, denn was er hier bisher vernommen hatte, war weit entfernt ſeine Neugierde zu befriedigen, ſondern konnte im Gegentheil nur dazu dienen ſie noch hoͤher zu ſpannen, ihn in ein Meer von Zweifeln zu ver⸗ ſenken; ſo war er denn bis auf wenige Schritte von der lagernden Gruppe herangekommen, de⸗ ren Augen er durch einen gewaltigen Baum⸗ ſtamm entzogen ward, als der Knabe in dem Geſpräche fortfahrend fragte: „Ich denke, der Vater iſt jetzt ein reicher Graf, der uͤber viele Leute gebietet?— Was haben wir denn da noͤthig, den Burgvogt zu fuͤrchten?— Oder iſt der Vater nicht ein rei⸗ cher, vornehmer Graf, wie Vasko mir ſo oft geſagt hat?“ „Er iſt es, mein Kind,“ erwiederte die Mutter,„doch nur zum Scheine. In der That iſt er nichts weiter als der Sklave des garſtigen Walthers, der ſich ſelbſt den Titel des Burgvogts ausbedungen hat, weil er nicht ſelbſt als Herr auftreten durfte.— Nur wir koͤnnen den Vater befreien und die armen Land⸗ leute von der Geißel erloͤſen unter der ſie ſeuf⸗ zen.“ „Ei, liebe Mutter,“ rief mit uͤberwallen⸗ dem Gefuͤhl der Knabe,„ſo laß uns doch eilen dieß zu thun.“ „Ach, mein Hugo,“ ſeufzte die Fran, „wollte Gott, die Sache waͤre ſo leicht, als Du ſie Dir in Deiner jugendlichen Unbefan— genheit vorſtellſt!— Aber ſie iſt ſchwer, ſehr ſchwer, und die Ausfuͤhrung des Planes, den ich mir entworfen habe, iſt mit vielen Schwierigkeiten verknuͤpft.— Wem ſoll ich, die gaͤnzlich Fremde,“ fuhr ſie nach einer Pauſe und wie mit ſich ſelbſt redend, fort, indem ſie das Haupt ſorgenvoll in die Hand ſtuͤtzte,— „wem ſoll ich mich vertrauen? Und wer wird mir ſein Vertrauen ſchenken, da ich das un⸗ gluckſelige Geheimniß keinem Menſchen vertrauen darf, ſoll ich nicht ſein und meiner Kinder Le⸗ ben in die unausweichlichſte Gefahr ſturzen.— Ja, gelaͤnge es mir ihm Kunde zu geben, daß ich in ſeiner Naͤhe bin, dann“— Sie ſprach es nicht aus, was ſie auf der Zunge hatte, ſondern ſchloß thraͤnenden Auges ihre beiden Kinder in die Arme und ſagte:„Betet mit mir zu dem Himmel, meine Kinder, und flehet ihn an, daß er unſer Vorhaben unterſtuͤtzen und die Bosheit, das Laſter beſtrafen moͤge.“ 4 — 58— Und alle drei ſanken nieder auf die Knie, erhoben die gefalteten Haͤnde und wendeten ſich im aufrichtigen doch ſtummen Gebete zu dem Herrſcher der Welten. Hernandez wußte kaum, was er von alle dem denken ſollte, was er durch dies Geſpraͤch erfahren hatte. Das wenigſtens war ihm klar, daß dieſe Frau mit ihren Kindern ſein ganzes Mitleid verdiene, und er beſchloß ihr aus allen Kraͤften ſeine Huͤlfe angedeihen zu laſſen. Doch fuͤr den Freund ſeiner Jugend, den er, nach dem, was er ſo eben gehoͤrt, als einen doppelten veraͤchtli⸗ chen Betruͤger halten mußte, erloſch das letzte Gefuͤhl der Freundſchaft in ſeinem Buſen, und feſt ſtand der Entſchluß in ihm, mit furchtba— rer Strenge von dem ſo tief Geſunkenen Re⸗ chenſchaft fuͤr all das Unrecht zu fordern, das er ſeiner Gattin zugefuͤgt hatte. — Mit dieſem Entſchluſſe erfuͤllt, entfernte er ſich leiſe aus der Naͤhe der Betenden, doch nur, um, nachdem auch ſie ihre Wanderung wieder angetreten hatten, ſich ihnen, ohne Ver⸗ dacht zu erwecken, wieder naͤhern zu koͤnnen. Denn ſeine Abſicht war, der Frau mit ihren Kindern in der Huͤtte des ehrlichen Fiſchers Antonio, ſeines freundlichen Wirthes, ein Un⸗ terkommen zu verſchaffen. Ein doppelter Wunſch leitete ihn hierbei; einmal der Frau, der er ſei⸗ nen Schutz, wenn auch nur im Stillen ange⸗ lobt hatte, gegen jede Gefahr zu ſichern, und dann der, ſie unter vier Augen zu behalten. Er redete ſie daher mit dem uͤblichen: Ge⸗ lobt ſei Jeſus Chriſtus! an, und zog ſie dann geſchickt in ein Geſpraͤch. Im Verlaufe deſſel⸗ ben wußte er ſowohl durch ſeinen herzlichen Ton als auch durch ſein Kleid und ſeine ungekuͤn⸗ ſtelte Freundlichkeit gegen die beiden Kinder ihr ganzes Zutrauen zu gewinnen. Sie geſtand ihm bald offen, daß ſie eines Obdaches fuͤr dieſe Nocht entbehre, ließ jedoch noch nichts von der Abſicht verlauten, durch welche ſie in dieſe ihr fremde Gegend gefuͤhrt wuͤrde. Hernandez verzieh ihr dieſe Zuruͤckhaltung gern und bot ihr mit gewinnender Freundlich⸗ keit ein Nachtlager bei dem Fiſcher an, auf deſſen Zuſtimmung er, wie er ſie verſicherte, mit Zuverſicht rechnen koͤnne; doch fand er es den Forderungen der Klugheit und Vorſicht an⸗ gemeſſen, daß die Frau, welche ſich Agathe nannte, bis zum Einbruche des Nacht ſich in der Naͤhe verborgen halte und erſt bei gaͤnzlicher Dunkel⸗ heit in die Fiſcherhuͤtte kommen ſollte, weil ſonſt die Spaͤher des Burgvogts dadurch aufmerkſam gemacht werden koͤnnten, daß ſich ſo viele Fremde in der niedern Fiſcherhuͤtte verſammelt haͤtten. Auch Hernandez ſelbſt ſchlich ſich nur mit aller moͤglichen Vorſicht nach der Huͤtte, denn er hatte — jetzt von den Knechten des Burgvogts Alles zu ſuͤrchten. Mit Staunen vernahm Hernandez, als er gluͤcklich und ohne bemerkt zu ſein in der Huͤtte angelangt war, daß Ruiz noch immer nicht zu⸗ ruͤckgekehrt ſei. Sein treuer Sanchez verſuchte es, durch heitere Scherze die Beſorgniſſe, die uͤber des Freundes lange Abweſenheit in ihm aufzuſteigen begannen, zu verſcheuchen, aber es gelang ihm nur zum Theil; denn kaum konnte er ſein Verlangen, die Jugendgeliebte, die Be⸗ trogene, Gemordete an dem treuloſen, verraͤ⸗ theriſchen Gatten zu raͤchen und den frechen Burgvogt zu zuͤchtigen, noch bezaͤhmen. Bald litt es ihn nicht mehr in der niedern Huͤtte des Fiſchers; es draͤngte ihn, an dem Grabe Elvirens zu beten und ihr all das Unrecht ab⸗ zubitten, das der Freund, dem er ſie nur mit blutendem Herzen uͤberlaſſen hatte, ihr ange⸗ — 6— than, und das wahrſcheinlich der Keim ihres Todes geworden war. Unfern der Huͤtte, kaum eine Viertelſtunde von dem Fuße des Schloßberges entfernt, ſtand die Dorfkirche, in deren Kapelle das Erbbegraͤb⸗ niß der Grafen Rungani ſich befand. Dorthin zog es ihn mit magiſcher Gewalt; er mußte dem Staube der Geliebten ſich nahen, er wußte ſelbſt nicht, warum; doch ſagte ihm ein uner⸗ klaͤrliches Gefuͤhl, daß dort Elvirens Geiſt ihn umſchweben, deſſen Naͤhe ihm Beruhigung und Milderung ſeines Schmerzes geben werde. Er gebot Sanchez, ihm zu folgen, denn er wußte, daß die Thuͤr des Grabgewoͤlbes ver⸗ ſchloſſen ſei, daß er ſie alſo erbrechen muͤſſe, um zu ſeinem Ziele zu gelangen; hierzu aber rraute er ſich allein nicht Kraͤfte genug zu. Ungern nur gehorchte Sanchez dem Ge⸗ bote ſeines Herrn. So muthig er auch jedem lebenden Freunde entgegen trat, ſo liebte er es doch keinesweges, mit Geiſtern in Beruͤhrung zu gerathen. Aber die Anhaͤnglichkeit zu ſeinem Herrn, der mehr als ein Mal ſein Leben fuͤr das des Dieners im heißen blutigen Kampfe ge⸗ gen die Unglaͤubigen gewagt hatte, beſiegte ſeine Furcht vor Geſpenſtern. Er bedachte, daß die Knechte des Burgvogtes dem Ritter auflauern koͤnnten, troſtete ſich damit, daß die wahre Gei⸗ ſterſtunde noch fern ſei, nahm ſein gutes Schwert unter den Arm, huͤllte ſich dicht in ſeinen Man⸗ tel und ſchritt mit ſeinem Gebieter hinaus in die finſtere Nacht; Hernandez aber verbarg die Laterne, die er ſich von ſeiner dienſtwilligen Wirthin hatte geben laſſen, ſorgſam unter dem Mantel, um nicht durch den Lichtſchein verra⸗ then zu werden. Keiner lebenden Seele begegneten die bei⸗ den naͤchtlichen Wanderer auf ihrem Wege zur Kirche, die ſie ohne Unfall erreichten. Zaͤhne⸗ klappernd ſtand Sanchez ſeinem Herrn in dem Verſuche bei, die Thuͤr zu erbrechen, doch alle ihre Anſtrengungen waren vergeblich, zumal da ſie jedes zu laute Geraͤuſch vermeiden mußten. Troſtlos ließ Hernandez endlich nach, als er ſah, daß die ſtarke eiſenbeſchlagene Thuͤr nicht weiche und nicht wanke; da rieth Sanchez, mit den Gittern des Fenſters noch einen Verſuch zu ma⸗ chen. Kraͤftig griffen nun Beide in die ſtarken Staͤbe; ſie wankten— brachen und der Ein⸗ gang in die Gruft ſtand Hernandez offen. Haſtig ſchlug er die Scheiben ein, draͤngte ſich mit Gewalt durch die ſchmale Heffnung, ließ ſich von Sanchez die Laterne reichen und ſtieg die Stufen hinab, die zu der Doppelreihe der uͤbereinanderſtehenden Saͤrge fuͤhrten. Er durfte nicht laͤnger nach dem Sarge ſuchen, wel⸗ cher Alles in ſich faßte, was auf dieſer Erde fuͤr ihn das Theuerſte geweſen war. Er ſtand gleich vorn an, in der erſten Reihe und auf einem — 65— einem ſilbernen Schilde war der Name der letzt⸗ verſtorbenen Graͤfin Rungani eingegraben. Thraͤnen des bitterſten Schmerzes, von dem Gefuͤhle erpreßt, daß er nun im Leben nichts mehr habe, was des Strebens, des Muͤhens werth ſei, entſtrömten Hernandez Augen. Die Knieen brachen ihm und er lehnte, in ſeinem Innerſten entkraͤftet und gebrochenen Herzens, das Haupt gegen den Deckel des Sarges herab, auf den er die Laterne geſtellt hatte. Lautlos entſtroͤmten bruͤnſtige Gebete fuͤr das Seelenheil der Entſchlafenen ſeinen Lippen, und gaͤnzlich in ſeinen Schmerz, in die Gedanken an eine beſſere getraͤumte Zukunft verſunken, war er der Außenwelt entruͤckt. So fand ihn Sanchez, der einige Zeit nicht hatte mit ſich einig werden koͤnnen, ob es beſſer ſei, oben vor der Gruft allein zu blei⸗ ben oder hinabzuſteigen zu den Todten, um in der Naͤhe ſeines Herrn zu weilen, den er zwar 5 1 — 66— auch fuͤr keinen Geiſterbanner hielt, an deſſen Seite er aber doch ſich muthiger fuͤhlte. „Lieber Herr!“ bat er, Hernandez aus ſei⸗ nen ſchmerzlich- ſuͤßen Traͤumen weckend;„gebt Euch nicht fuͤrder Euren Gedanken auf dieſe entmannende Weiſe hin; kommt hinweg von die⸗ ſem Orte des Grauſens. Es weht eine kalte ungeſunde Luft hier, die den Lebenden leicht ſchaͤdlich ſein kann; und den Todten hilft Euer laͤngeres Verweilen zu nichts.“ Wie gedankenlos ſtarrte Hernandez anfangs den Knappen an, dann aber ſich gewaltſam er⸗ mannend, rief er:„Du haſt recht; dieſer Schmerz ziemt dem Manne nicht, bevor die gelobte Rache vollbracht iſt.. Ich will hinweg, das Vergel⸗ tungsamt zu uͤben; doch zuvor— muß ich ſie noch ein Mal ſehen.“ „Daß Gott erbarm!“ ſchrie Sanchez auf und taumelte entſetzt drei Schritte zuruͤck.„Wel⸗ cher boͤſe Geiſt hat Euch nun wieder den Ge⸗ — 67— danken eingegeben?— Hu! mir grauſet, wenn ich nur daran denke, den Deckel des Sarges geluͤftet zu ſehen!— Ich bitte, ich beſchwoͤre Euch, gebt dieſen fuͤrchterlichen Gedanken auf!“ „Wie?“ ſagte Hernandez mit dem Laͤcheln des bittern Spottes.„Du haſt auf dem Schlacht⸗ felde Tauſenden von Leichen in das ſtarre Auge geblickt ohne zu zittern und wollteſt hier erbe⸗ ben, wo es das Anſchauen einer einzigen gilt?— Auf!— Hilf mir den Deckel des Sarges herab⸗ nehmen!“ „Nimmermehr!“ trotzte der Knappe in der Entſchloſſenheit der Feigheit, welche ſich oft der ſcheinbar kleineren Gefahr mit wahrem Loͤwen⸗ muthe entgegenſtemmt, jm der eingebildeten grö⸗ ßern zu entgehen. „Gehorche!“ rief ſein Herr, welcher ihn wohl kannte,„oder ich rufe die Geiſter der hier Schlummernden auf, Dich zu zuͤchtigen.“ 5* 1 1 1 1 3 — 1 3 1 . 13 1 10 3 1 1 — 68— „um Gottes Barmherzigkeit willen!“ fle⸗ hete Sonchez mit gerungenen Haͤnden,„gebt ſolchen Gedanken nicht Raum; ich will ja gern Alles thun, was Ihr von mir verlangt.“ Zu⸗ gleich ſprang er auch hinzu, den Deckel des Sar⸗ ges zu erfaſſen. Er war angeſchroben, aber bald wich er den vereinten Anſtrengungen der beiden kraͤfti⸗ gen Maͤnner, die feſtgefugten Breter krachten,— der Deckel ſchwankte, die Leuchte mit ihm, aber beſonnen griff Hernandez darnach und erfaßte ſie mit ſicherer Hand in eben dem Augenblicke, in welchem der Sargdeckel donnernd zu Boden ſtuͤrzte. Er leuchtete in den Sarg.— Er ent⸗ hielt keine Leiche!! E i Stumm ſtarrten Herr und Diener in den leeren Raum; Sanchez bebend vor Furcht, Her⸗ nandez ſprachlos vor Staunen und Ueberra⸗ ſchung. Aber bald gewann der Letztere ſeine Geiſtesgegenwart wieder. — „Gott im Himmel!“ rief er aus,„ſo hat meine dunkle Ahnung mich dennoch nicht be⸗ trogen!— Sie lebt!— Sie muß leben!— Sie kann dennoch die Meinige werden, denn Er iſt ihrer nicht mehr werth!“ Sanchez glaubte, ſein armer Herr habe plötzlich den Verſtand verloren, doch wurde er ſogleich uͤberzeugt, daß dem nicht ſo ſei. „Sanchez!“ rief Hernandez in ſtuͤrmiſcher Eile,„die wir hier begraben waͤhnten, die Freundin, die Geliebte meiner Jugend, wurde nicht in der Familiengruft ihres unnatuͤrlichen Gatten beigeſetzt.— Das Schein begraͤbniß kann nicht truͤgen; noch weilt ſie, wie auch eine innere Stimme mir beſtätigt, unter den Le⸗ benden, und wenn nicht Alles truͤgt, ſo kenne ich den Ort, an dem die Ungluͤckliche dem Au⸗ ge der Welt verborgen gehalten wird. Sie ret⸗ ten oder ſterben!— Das ſei jetzt mein Lo⸗ ſungswort;— daher eile nach der Huͤtte —— Pietros. Ruiz muß jetzt mit den treuen Waoffengefaͤhrten angekommen ſein oder es fuͤh⸗ ren ihn doch die naͤchſten Stunden an dieſe Kuͤſte. Bringe ihn mir nach, waͤhrend ich vor⸗ ausfliege, der Ungluͤcklichen ſchon jetzt Huͤlfe oder doch mindeſtens Troſt zu bringen.“ Er beſchrieb hierauf dem treuen Knappen jenen geheimen Eingang in die Burg nicht nur ganz genau, ſondern gab ihm auch die Rich⸗ tung an, die ſeine Gefaͤhrten im Innern der Burg einſchlagen ſollten. Dann trennten ſich Beide, jeder ſo ſchnell als ſeine Kraͤfte und die immer mehr uͤberhandnehmende Dunkelheit es erlaubten, ſeinem Ziele zueilend. Gluͤcklich in den unterirdiſchen Gewoͤlben der Burg angelangt, nahm Hernandez dreiſt die Laterne unter der Pilgerkutte hervor, die er noch immer trug, unter der er jedoch ſein treues und gepruͤftes Schwerdt verborgen hielt. — i Noch war er nicht langk in den engen gewundenen Gaͤngen fortgeſchritten, da kam es ihm vor, als hore er in einiger Entfernung vor ſich laute wie im Streite begriffene Stim⸗ men. Behutſam verbarg er die Leuchte wieder unter der Kutte, taſtete ſich an den Haͤnden vorwaͤrts und war ſo bald in die Naͤhe jener Streitenden gelangt. Mit nicht geringem Er⸗ ſtaunen erkannte er in ihnen, bei dem hellen Lichte einer in der Mauer befeſtigten Fackel, den Grafen und den Burgvogt. „Hoͤrt endlich auf, mit Euren weinerlichen. Bitten;“ ſagte der Burgvogt im gebietendem Tone:„Es ſoll ſo ſein und damit iſt es ab⸗ gemacht. Wir muͤßten ſonſt in beſtaͤndiger Furcht ſchweben.“ „So ſchenke ihr doch wenigſtens das Le⸗ ben!— Es iſt ja ohnehin ein erbaͤrmliches, bejammernswerthes Daſein, das Du ihr gelaſ— ſen haſt,“ entgegnete der Graf. Hernandez durchrieſelte es eiſig kalt bei die⸗ ſen Worten, denn nach der Entdeckung, die er im Grabgewoͤlbe gemacht hatte, durfte er kaum noch daran zweifeln, daß hier von ſeiner gelieb⸗ ten Elvira die Rede, daß es ihr Tod ſei, den der Unmenſch verlangte, aber ſo ſchrecklich auch dieſer Gedanke fuͤr ihn war, ſo lag doch darin ein Troſt: der, mit Gewißheit zu erfahren, daß die ungluͤckliche Verſtoßene noch am Leben ſei. Er zog, jedes Geraͤuſch vermeidend, und um zur augenblicklichen Huͤlfe bereit zu ſein, ſein Schwerdt unter der Kutte hervor, und ſchlich ſich noch naͤher zu den Sprechenden ſo daß er nur wenige Schritte von ihnen entfernt war und ſie mit einem Sprunge erreichen konnte. Schon jetzt waͤre er mit blanker Waffe hervor⸗ geſtuͤrzt, den ſchaͤndlichen Plan zu vernichten, hoͤtte ihn nicht die Hoffnung zuruͤckgehalten, durch das Geſpraͤch Aufſchluß uͤber das wahre Verhält⸗ niß des Burgvogts zu dem Grafen zu erhalten. — 73— „Geht jetzt,“ gebot der Burgvogt,„und laßt mich meinen Vorſatz ungeſtoͤrt vollbrin⸗ gen.“ Aber der Graf zogerte des Burgvogts Wil⸗ len zu erfuͤllen, obgleich dieſer ihn ganz im To⸗ ne eines ſtrengen Befehles ausgeſprochen hatte. Es ſchien, als raffe er mit gewaltſamer An⸗ ſtrengung all' den Muth zuſammen, den Her⸗ nandez ſonſt als ſchoͤne Zier an ſeinem Jugend⸗ freunde bewundert hatte. Mit dem Ausdrucke der Entſchloſſenheit trat er dem frechen Diener einen Schritt naͤher, faßte deſſen Arm und ſagte mit Beſtimmtheit:„Es ſoll aber nicht ſein; Du darfſt ſie nicht toͤdten; ich will es nicht.— Das geht uͤber unſern Vertrag hinaus.“ „Ei ſeht doch!“ ſagte der Burgvogt, und lachte widerlich hoͤhniſch.„Was faͤllt Euch ein? — Mir wagt Ihr zu widerſprechen und in einem ſolchen Tone?— Spukt Euch der Graf etwa einmal wieder im Kopfe?“ „Nicht der Graf, iſt es,“ erwiederte Go⸗ mez, ſondern der Mann, der Dir widerſpricht. Ich kann den feigen Mord eines armen huͤlf⸗ loſen Weibes nicht zugeben.“ „Nicht!?“ ſpottete der Burgvogt;„nun laß ſehen, ob ſich der Mann nicht beſiegen laͤßt.“ Dabei trat er, tuͤckiſche Schadenfreude in allen Zuͤgen, ganz nahe an den Grafen heran, ſchuͤt⸗ telte ihn am Arme und raunte ihm halblaut einige Worte in das Ohr, welche Hernandez indeſſen, ſo ſehr er auch ſein Gehoͤr anſtrengte, nicht verſtehen konnte. Kaum hatte er geendet, als der Graf er⸗ bleichte und heftig zu erſchrecken ſchien. Matt ſank ihm der Kopf auf die Bruſt herab, und haͤnderingend rief er aus:„o mein Gott, mein Gott!— Errette mich aus den Haͤnden die⸗ ſes Ungeheuers!“ „Hat das gewirkt, mein Graͤflein?“ fragte der Burgvogt mit ſeiner bereits beſchriebenen S——— — 75— Mark und Bein durchdringenden Lache.„Wohl, ſo laßt Euch einen Humpen Wein geben und mich waͤhrend deſſen hier unten vollbringen was ich fuͤr gut befinde und zu verantworten gedenke. Und ohne ein Wort zu erwiedern entfernte ſich der Graf, die nahe Treppe hinaufſteigend und dem Befehle des Burgvogtes knechtiſche Unterwuͤrfigkeit leiſtend. Wuͤthend knirſchte Hernandez mit den Zaͤh⸗ nen, krampfhaft ballte er die Faͤuſte, aber noch hielt er ſich und ſeinen Zorn im Zuͤgel, denn Raſchheit konnte hier leicht Alles verderben. Er mußte mit Beſtimmtheit wiſſen, wo die Un⸗ gluͤckliche, deren Tod der Schaͤndliche beſchloſ⸗ ſen hatte, eingekerkert ſei, ehe er den Burgvogt zuͤchtigen durfte; deshalb wich er langſam zu⸗ ruͤck, als der Burgvogt die Fackel ergriff und auf den Gang zuſchritt, in welchem Hernandez ſtand. Als er hier etwa zwanzig Schritt weit gegangen war, ſtand er ſtill, befeſtigte aber⸗ X — 76— mals die Fackel in einem eiſernen Ringe und öͤffnete dann eine in der Wand befindliche ei⸗ ſerne Thuͤr. „Heraus, ſchöne Bewohnerin der Unter⸗ welt!“ rief er hinein in die dunkle Tiefe und die Erwartung drohte Hernandez Buſen zu ſpren⸗ gen. Sollte er die Geliebte hier ſehen oder war eine Fremde hier eingekerkert? Doch be⸗ ruhigte ihn der Gedanke, daß der naͤchſte Au⸗ genblick Gewißheit bringen muͤſſe. Eine weibliche Geſtalt, bleich, abgemagert, in halb verfaulte Lumpen gekleidet, wankte her⸗ vor; aber vergebens ſpaͤhete Hernandez in ih⸗ rem Geſichte nach den Zuͤgen der Jugendgelieb⸗ ten. Er hielt ſich uͤberzeugt, die Ungluckliche jetzt in ſeinem Leben zum erſten Male zu ſehen. „Kommſt Du endlich, mich mit willkom⸗ mener Moͤrderhand von der Laſt des Daſeins zu befreien?“ fragte die Ungluͤckliche und bei der Stimme wurde Hernandez Ueberzeugung — 3— wankend; die Tone drangen wie bekannte lieb⸗ liche Harmonien zu ſeinem Herzen und in ver⸗ mehrter Spannung erwartete er das Kommende, das gezuͤckte Schwert in der Hand⸗ „Ihr habt mir meine Grauſamkeit ſo oft mit frechen Worten vorgeworfen,“ erwiederte der Burgvogt mit kaltem Hohne,„daß ich Euch eigentlich eine ſolche Wohithat nicht erzeigen ſoll⸗ te; aber mein Mitleid iſt großer als Ihr glaubt; ja, ich komme, um Euch den Tod zu bringen.“ „Ha, willkommenes Wort!“ rief die Un⸗ gluͤckliche und Freude ſchien ſie zu beleben. Aber plötzlich uberflog ein Gedanke ſie; ſie bebte hef⸗ tig zuſammen und ſagte dann mit gebrochener, tonloſer Stimme:„Ich bin zu ſterben bereit, doch ehe Du mir den Tod giebſt, gewaͤhre der Sterbenden noch eine Bitte!“ „Und welche?“ fragte der Burgvogt. „Laß mich mein Kind, meine geliebte Toch⸗ ter noch ein Mal ſehen, ſie noch ein Mal an — 78— das treue Mutterherz druͤcken und ihr meinen Segen mit auf den Weg in das ſturmbewegte Leben geben.— Laß mich Abſchied nehmen von dem grauſamen Gatten, um ihn meiner Ver⸗ zeihung zu verſichern, ihm ſcheidend das Ver⸗ ſprechen zu geben, daß ich ihn vor dem Throne des ewigen Richters nicht anklagen will.“ „Kann nicht erfuͤllt werden, dieſe Bitte,“ erwiederte der Burgvogt rauh und kalt.„Eure Tochter duͤrft Ihr nicht ſehen, damit ſie nicht an uns zur Verraͤtherin wird, oder Ihr muͤß⸗ tet ſie denn mit Euch nehmen wollen, und der Graf will Euch nicht ſehen. Er laͤßt Euch durch mich Lebewohl ſagen.“ „O Gpott, Gott!“ ſeufzte die Ungluckliche und rang verzweiflungsvoll die Haͤnde;„erhoͤre das Flehen der gemißhandelten Unſchuld; er⸗ barme Dich meiner und ſende mir einen Die⸗ ner Deiner lichten Engel, mich aus den Klauen dieſes Wuͤtherichs zu befreien. Oder haſt Du in — Deiner Weisheit meinen Tod beſchloſſen, wohl, ſo laß mich ſterben, aber ſtrafe dieſen Böſewicht fuͤr ſeine Unmenſchlichkeit; laß ſolche Grauſam⸗ keit nicht ungeſtraft veruͤben!“ „Spart Euch die Muͤhe, gnaͤdigſte Frau Graͤfin,“ ſpottete der Burgvogt.„Eure Worte dringen nicht uͤber die finſtern Raͤume dieſer Mauern hinaus und kein Engel kann Euch er⸗ ſcheinen.“ „Er iſt erſchienen!“ donnerte jetzt Hernan⸗ dez und ſprang auf den Burgvogt ein; doch raſch ſeinen Vorſatz aͤndernd toͤdtete er ihn nicht, ſondern begnuͤgte ſich, ihn mit einem furchtba⸗ ren Fauſtſchlage in das Genick zu Boden zu ſchmettern, daß er leblos liegen blieb. Auf den Tod erſchreckt durch Hernandez ploͤtzliches Erſcheinen, ſtieß die Gefangene einen leiſen Schrei aus, taumelte und fiel in des herzuſpringenden Hernandez ausgebreitete Arme. Alle Muͤhe wendete dieſer an, ſie in das Leben zuruͤck zu rufen, doch lange blieb dieß ohne Erfolg. Endlich aber fing ſie an, ſich zu regen; dann ſchlug ſie die Augen auf und ſtarrte ihren Retter an, ungewiß, ob ſie ihren Sinnen trauen duͤrfe.„Wer ſeid Ihr, den Gott mir ſo wunder⸗ bar zur Rettung geſendet?“ fragte ſie dann. „Ein Menſch mit Fleiſch und Bein, wie Ihr, arme Ungluͤckliche.— Doch haltet Euch jetzt nicht mit Fragen auf, ſondern laßt uns eilen, dieſen Ort des Schreckens und des Laſters zu verlaſſen.“ „O Gott!“ ſeufzte die unglückliche,„ich kann nicht; meine Knieen brechen; meine Kraft ſchwindet „Stuͤtzt Euch auf mich,“ troͤſtete Hernan⸗ dez,„und wenn das Gehen Euch ganz un⸗ möglich wird, ſo trage ich Euch auf meinen ſtarken Armen hinweg.“ „Du haſt die Rechnung ohne den Wirth gemacht, Verfluchter!“ ſchrie der Burgvogt, wel⸗ cher, — 8— cher, von Hernandez und der Gefangenen nicht bemerkt, allmaͤhlich zur Beſinnung gekommen war und jetzt mit gezuͤcktem Dolche auf Her⸗ nandez einſprang⸗ Der Angriff kam ſo uner⸗ wartet, daß Hernandez nicht Zeit gewann, ihn abzuwehren. Des Burgvogts Dolch traf ſeine Bruſt, doch auf die von der Kutte geborgene Ruͤſtung hatte der Böſewicht nicht gerechnet. Der Stoß glitt an dem feſten Stahle des Bruſt⸗ harniſches ab und mit kraͤftiger Fauſt packte Hernandez den Moͤrder und draͤngte ihn gegen die triefende Mauer, daß dem ſtshnenden Suͤn⸗ der kaum noch Athem in der Bruſt blieb. „Verruchter Schurke!“ donnerte er ihn an, „Dein boͤſer Engel ließ Dich zu fruͤh in das Leben zuruͤckkehren; Du haſt Dir durch Deine Frevelthat ſelbſt den Tod bereitet, doch zu ge⸗ linde wuͤrde Deine Ruchloſigkeit beſtraft und zu ehrenvoll waͤre es fuͤr Dich, ſollteſt Du von meinem Schwerte ſterben. Dein Loos ſei in 6 — 86 eben dem Kerker, in welchem Du dieſe Un⸗ gluckliche verſchloſſen hielteſt, eines langſamen qualvollen Hungertodes zu ſterben.“ Und bei dieſen Worten ſtieß er den Burg⸗ vogt in den geoͤffneten Kerker, ſchloß raſch hin⸗ ter ihm zu und ſchleuderte das Schluͤſſelbund weit hinweg. Dann nahm er die befreite Geſan⸗ gene, von der er jetzt nicht mehr zweifeln durfte, daß es Elvira, ſeine Elvira ſei, auf den einen Arm, ergriff mit der andern Hand die Fackel und trat den Ruͤckweg in das Freie an, um das Le⸗ ben der theuren Buͤrde, die auf ſeinen Armen ru— hete, ſchmerzlich beſorgt; denn auf's Neue kaͤmpfte Elvira mit einer Ohnmacht und nur matt noch ſchien der Lebensfunke in ihr zu glimmen. Unbeſchreiblich war die Wuth des gefan⸗ genen Burgvogtes. Wuͤthend ſchlug er gegen die Thuͤr ſeines Kerkers, ſchrie und tobte wie wahnſinnig darin umher und ſchlug dazwiſchen mit der geballten Fauſt ſich vor die Stirn. ————— — 33— Mit Rieſenkrallen packte ihn der Gedanke, hier langſam verſchmachten zu muͤſſen und ſeine einzige Hoffnung beruhete darauf, daß ſein Skla⸗ ve, der Graf, uͤber ſein langes Außenbleiben ver⸗ wundert, zuruͤckkehren und ihn befreien wuͤrde. Dazwiſchen aber quaͤlte ihn wieder der Zweifel: Wird der Graf aber auch den Willen haben, dich zu befreien? Wird ihm nicht vielmehr der Zufall willkommen ſein, der ihn von dem Pei⸗ niger befreit?— Und doppelt brach dann ſeine Wuth wieder aus, denn es gereichte ihm nur zu einem geringen Troſte, daß vielleicht die Knechte, die ihm blind ergeben waren, den Grafen bewa⸗ chen und ihn dadurch zu ſeiner Befreiung zwingen wurden. S Schneller als er es erwartet hatte, als er es hoffen durfte, wurden alle ſeine Zweifel ge⸗ tsſt. Er mochte noch nicht viel langer als eine Viertelſtunde in dem Kerker zugebracht haben, als er mehrere Menſchen eilenden Schrittes, und zwar von der innern Seite des Schloſſes her, 6* — 3— den Gang herabkommen hoͤrte. Dazwiſchen wur⸗ de laut und wie es ihm vorkam, aͤngſtlich ſein Name gerufen. Mit beiden Faͤuſten donnerte er nun gegen die Thuͤr und machte ſich durch Schreien kund. Er ward ſogleich bemerkt und war die Minute darauf in Freiheit, denn das Schluͤſſelbund war bald gefunden. Kaum ſah der Burgvogt ſich aus ſeinem Ker⸗ ker erlöſt, als er auch dem naͤchſten der Knechte, die mit dem Grafen gekommen waren ihn auf⸗ zuſuchen, das Schwert aus der Hand riß und dann den Andern zurief:„Auf! mir nach!— Noch kann es uns gelingen die Fluͤchtlinge einzuholen!“ Er wollte hinab, den Gang entlang, durch den Hernandez davon geeilt war, aber einer der Knechte hielt ihn beim Arme zuruͤck, be⸗ trachtete ihn eine Sekunde lang voll ſcheuen Staunens und ſagte dann:„Vernehmt zuvor, weshalb wir kamen Euch aufzuſuchen.“ — „Ein andermal!— Ein andermal!“ ſagte der Burgvogt.„Jetzt iſt dazu nicht Zeit.“ „Grade jetzt iſt Zeit dazu,“ erwiederte der Knecht;„denn uns Allen ſcheint Gefahr zu drohen. Als vor einer halben Stunde Jago mit noch zweien die Runde machte, ſtieß er auf einen zahlreichen Haufen Bewaffneter. Ohne bemerkt zu werden, zog er ſich klug zuruͤck und ſuchte die Abſicht der fremden Reiſigen zu er⸗ ſpaͤhen. Da ward es ihm denn bald klar, daß ſie die ganze Burg mit einer Poſtenkette um⸗ ſtellten und er eilte zuruͤck, Dir dieß anzuzei⸗ gen.“ „Gut! gut!“ ſagte der Burgvogt,„aber die Gefahr wird vergroͤßert, wenn der Freche unſerer Macht entrinnt. Auf daher, ihm nach, ich beſehle es!“ Und dem ſtrengen Worte gehorchend ſtuͤrm⸗ ten die Knechte, zweie, welche Fackeln trugen, voran, den finſtern Gang entlang, durch den Hernandez entflohen war, und von dem ſie ſelbſt noch nicht wußten, wohin er fuͤhre. Hernandez, welcher ſich gegen jede Verfol⸗ gung geſichert glaubte, ging bald langſamer, um der Ungluͤcklichen, welche er auf ſeinen Ar⸗ men trug, Erholung zu goͤnnen. Auch verlangte es ihn zu wiſſen, ob ſie es ſei, ſie, die allein noch im Stande ſein konnte ihm das Leben zu verſuͤßen. Eine Frage, die er an ſie richtete, genuͤgte, ihm die Ueberzeugung zu gewaͤhren, daß es wirklich Elvira war. Doch wagte er noch nicht ſich ihr zu erkennen zu geben, denn mit Recht fuͤrchtete er, daß die ploͤtzliche Freude den geliebten Jugendfreund wieder in ihrer Naͤhe zu ſehen, zu gewaltſam auf den entkraͤfteten Koͤrper der Bedauernswerthen wirken moͤchte. Und dieſe Vorſicht war ſehr wohl angewen⸗ det, denn ſchon nach einer kurzen Strecke droh⸗ ten Elvirens Lebensgeiſter zu ſchwinden. Her⸗ ſah 10 zu ruhen um K 5 — 87— nige Erholung zu goͤnnen. Dann nahm er ſie wieder auf ſeine Arme und trug ſie eine Strecke, um abermals wieder raſten zu muͤſſen, und ſo ſehr Hernandez auch wuͤnſchte, ſeine Geret⸗ tete recht bald in Sicherheit und Ruhe zu ſehen; ſo konnte er doch aus den angefuͤhrten Gruͤnden nicht ſo ſchnell vorwaͤrts eilen als er gerne gemocht haͤtte. Er hatte daher noch lange nicht den Ausgang des unterirdiſchen Ganges er⸗ reicht, als der Burgvogt, wie wir es erzaͤhl⸗ ten, durch ein Ungefaͤhr in Freiheit geſetzt wurde. Bei der Langſamkeit, mit der Hernandez ſeinen Weg fortſetzte, und der Haſt, mit der der Burg⸗ vogt und deſſen Knechte vorwaͤrts eilten, mußte der Erſtere ſehr bald eingeholt werden und in der That hoͤrte er auch, als er nicht mehr weit von dem Ende ſeiner unterirdiſchen Wanderung ent⸗ fernt war, die Tritte ſeiner Verfolger hinter ſich erſchallen. Er durfte uͤber die Abſicht der Na⸗ henden nicht in Zweifel ſein und ſtrengte daher alle ſeine Kraͤfte an, um wenigſtens mit ſeiner — 83— theuern Buͤrde das Freie zu erreichen, denn er hoffte, daß es ihm dann gelingen wuͤrde entweder den Ausgang zu ſperren, und ſo jede fernere Ver⸗ folgung zu verwehren, oder in der Dunkelheit der Nacht ſeinen Verfolgern zu entgehen. Vergeblich! Nur wenige Schritte war er noch von dem Ausgange entfernt; ſchon fuͤhlte er die friſche, freie Nachtluft ſich entgegen wehen, als die mit jeder Sekunde wachſende Gefahr ihn zwang, ſeinen Verfolgern die Spitze zu bieten, wollte er nicht von ihnen ereilt und von hinten niedergeſtoßen werden. Raſch entſchloſſen ließ er die durch Erſchöpfung und Angſt halbtodte Elvira auf den Boden nieder, beſchwur ſie, all' ihre Kraͤfte anzuſtrengen und das Freie zu erreichen und ſprang, um ihr Raum zu goͤnnen, dem Burgvogte einige Schritte entgegen. Es ent⸗ ann ſich ein wuͤthender Kampf; doch hinderte die Enge des Raumes beide Streiter von ihren Waf⸗ fen den beſten Gebrauch zu machen; indeſſen häͤtte —. —— — 89— Hernandez, obgleich er ſeinem Gegner ſowohl an Tapferkeit als an Geſchicklichkeit uͤberlegen war, wahrſcheinlich unterliegen muͤſſen, da ſich noch zwei Knechte neben den Burgvogt gedraͤngt hat⸗ ten und er alſo drei Schwerdter gegen ſich gewen⸗ det ſah. Doch ein Blick ruͤckwaͤrts uͤberzeugte ihn, daß es Elviren gelungen ſei ſich zu retten und allmaͤhlig zog er ſich nun zuruͤck, durfte er doch auch mit Zuverſicht hoffen, daß ſein treuer San⸗ chez nicht lange mehr ausbleiben konne. Hart bedraͤngt von ſeinen Verfolgern kam er in das Freie, aber hier ward der Kampf bald ge⸗ faͤhrlich fuͤr ihn. Es fehlte ihm an einen ſichern Ruͤckenhalt; ſeine Feinde benutzten dies, und griffen ihn von mehreren Seiten zugleich an; kaum vermochte er, trotz aller Gewandtheit, ſich noch der zahlloſen Streiche, die auf ihn niederfie⸗ len zu erwehren, und ſein Untergang ſchien unver⸗ meidlich; da nahte die lange herbeigeſehnte Hulfe. Die Reiſigen, welche, wie wir fruͤher hoͤr⸗ ten, das Schloß umzingelten, waren Hernandez Kriegsgefahrten, welche Ruiz herbeigeholt hatte. Sobald er die zur eignen Sicherheit ſo wie zur Bewachung des Feindes nothigen Poſten ausge⸗ ſtellt hatte, eilte er mit Sanches ſeinem Freunde nach, um den er in nicht geringer Beſorgniß war. Die Dunkelheit der Nacht war ſchuld, daß ſie den Eingang in die Gewoͤlbe der Burg lange vergebens fuchten; doch jetzt zeigte das Schwerdtergeklirre ihnen den Weg und ſie flogen zu Hernandez Beiſtand herzu. Ihr Angriff kam dem Burgvogte und ſeinen Knechten ſo unver⸗ hofft, daß ſie entwaffnet waren, ehe ſie nur die Nähe dieſer neuen Feinde geahnet hatten. Bebend ſtand der Graf Rungani, ein Bild des Jammers, zwiſchen zwei ihn bewachenden Knechten. Hernandez ließ ſich eine Armwunde, die er in dem Gefechte empfangen hatte, verbin⸗ den und grell beſchien das roͤthliche Licht der Fa⸗ — 91— ckeln das wuthverzerrte Geſicht des Kaſtellans, dem auf Hernandez Befehl die Arme auf dem Ruͤcken zuſammengebunden worden waren. Unſchluͤſſig ſchien der Graf mit ſich ſelbſt zu kaͤmpfen, doch ein drohender Blick des Vogtes und ein leiſe durch die Zaͤhne gemurmeltes: Ge⸗ denke!— deſſelben, hielten ihn jederzeit von der Ausfuͤhrung irgend eines unbekannten Vorſatzes zuruͤck. Nur auf das dringende Zureden ſeines Freundes Ruiz, und ſeines treuen Sanchez und halb mit Gewalt dazu gezwungen, hatte Hernan⸗ dez ſich den leichten Verband anlegen laſſen; ſo⸗ bald aber dies geſchehen war, konnte auch nichts mehr ihn abhalten die ungluckliche Elvira aufzu⸗ ſuchen; denn Ruiz und deſſen Begleiter hatten ſie nicht geſehen. Man durfte nicht lange ſuchen. Nur we⸗ nige Schritte von dem geheimen Eingange ent⸗ fernt, war ſie ohnmaͤchtig unter einem Baume — 92— umgeſunken. Einige Tropfen klaren Waſſers aus einem nahen Bache ihr in das Geſicht ge⸗ ſpruͤtzt, brachten ſie bald wieder in das Leben zuruͤck; Hernandez ließ ſie nun von einem ſeiner Reiſigen tragen und langſam bewegte ſich dann der Zug vorwaͤrts nach Pietros Huͤtte. Waͤhrend des Weges dahin war Hernan⸗ dez nur mit Elvira beſchaͤftigt und ſo bemerkte er es nicht, wie der Burgvogt ſich mehrmals an den Grafen Rungani zu draͤngen ſuchte, um ihm zuzufluͤſtern:„Schweigt und geden⸗ ket!“— Aber die Knechte, welche die Gefan⸗ genen geleiteten, bemerkten es und trennten ſie nun, eine Verabredung zu hindern. So kam der ganze Zug in die Hutte Pie⸗ tro's, welche kaum Raum genug fuͤr ſo viel Gäͤ⸗ ſte hatte. Die fremde Frau war, von der Anſtren⸗ gung einer vielleicht ſehr weiten Tagereiſe ermuͤ⸗ det, in feſten Schlaf geſunken und umſchlang mit jedem Arme eins ihrer Kinder. Jedoch das Geraͤuſch der Hereintretenden erweckte ſie. Ueber⸗ raſcht, verwildert, ſtarrte ſie die vielen Maͤn⸗ ner an, kaum aber trafen ihre Blicke den ge⸗ fangenen Grafen, als ſie laut aufſchrie und eine Bewegung machte, als wollte ſie ſich ihm in die Arme ſtuͤrzen. Faſt zu gleicher Zeit hatte der Graf auch ſie erblickt und ſich zu Hernan⸗ dez Fuͤßen werfend, umklammerte er deſſen Knie und rief im flehenden Tone:„Gnade, Barm⸗ herzigkeit!— Ich bin unſchuldig!“ Zugleich war von der andern Seite auch die Fremde vor Hernandez niedergeſunken und rief:„Ach habt Erbarmen mit einem armen Weibe, mit zwei unſchuldigen Kindern! Gebt mir meinen Paolo frei!— Er iſt ja wahrlich unſchuldig!“ Hernandez wußte kaum, was er von die⸗ ſem Auftritte denken ſollte. Es empoͤrte ihn und verletzte ſein Ehrgefuͤhl tief, den Jugend⸗ X ſreund in ſo demuͤthiger, erniedrigender Stel⸗ lung und die klare Ueberzeugung ſeines ſchänd— lichen Betruges gegen ſein edles Weib vor ſich zu ſehen, und doch empfand er auch wieder das tiefſte Mitleid mit dem Ungluͤcklichen; denn was mußte Alles mit ihm vorgegangen ſein, um ſeinen edlen Stolz, ſeine Tapferkeit, ſeine Rechtlich⸗ keit, ſo bis auf die letzte Spur zu vertilgen. „Steh' auf, Bedauernswerther!“ ſagte er zu dem Grafen.„Nicht mir kommt es zu, Dein Urtheil zu ſprechen.— Hier—(auf Elvira deutend, die in einem Zuſtande halber Bewußt⸗ toſigkeit dalag)— hier iſt Deine Anklaͤgerin und nur der Koͤnig kann uͤber ihre und Deiner Unterthanen Klagen Recht ſprechen.“ „Ich bin nicht“— ſagte der Graf. „Nicht ſchuldig! willſt Du ſagen?“ ſiel ihm Hernandez in das Wort.„O, ich bitte Dich, ſpare die Worte der Entſchuldigung, da⸗ mit nicht das Mitleid, welches jetzt noch in —— meiner Bruſt wohnt, in Verachtung ſich ver⸗ wandle.“ Ohne den tiefgeſunkenen Freund noch weiter zu beachten, wandte er ſich zu der Frem⸗ den und ſagte:„Auch Euch bitte ich, ſteht auf und ſagt mir, welchen Theil Ihr an dem Grafen Rungani habt?“ „Ich habe den Grafen Rungani nie ge⸗ kannt,“ erwiederte ſie,„doch der iſt mein Mann, Paolo, der arme Maler.“ „Weib, redet Ihr irre, oder ſeid auch Ihr ſchaͤndlich betrogen worden?“ rief Hernan⸗ dez verwundert aus und betrachtete ernſten und forſchenden Blickes den angeblichen Maler, in dem er aber Zug fuͤr Zug den Jugendfreund wieder erkannte; ſelbſt die Narbe auf der lin⸗ ken Seite der Stirn, die Folge einer Wunde, welche Gomez in der erſten Schlacht, welcher er beiwohnte, empfangen hatte, fehlte nicht; ſie ſtand blutigroth da, als wäre die Wunde kaum erſt vernarbt. . 98— „Ihr ſeid betrogen worden, Herr Rit⸗ ter,“ nahm jetzt der Graf oder Maler, noch immer in ſeiner demuͤthigen Stellung verhar⸗ rend, das Wort.„Die Frau Graͤfin, Ihr und alle Unterthanen des Grafen Rungani ſind betrogen und zwar durch meinen Peiniger, je⸗ nen Boͤſewicht dort.“ Bei dieſen Worten zeigte er auf den Burgvogt, welcher in ohnmaͤchtiger Wuth mit den Zähnen knirſchte und die ge⸗ vundenen Haͤnde krampfhaft ballte.— Dann fuhr der Sprechende, nachdem er und die Frau ſich auf Hernandes Wink von den Knieen er⸗ hoben hatten, fort:„Ich bin nicht der, fuͤr den ich hier allgemein gehalten werde, ſondern ein armer Maoler.“— Wie iſt das moͤglich!“ rief Hernandez aus. „Glaubſt Du uns Alle betruͤgen zu köͤnnen?— Glaubſt Du, daß Frau, Kind, Jugendfreund und viele langjaͤhrige Diener in Dir den Gra⸗ fen Rungani zu verkennen vermoͤchten?“ „Und — 97— „Und dennoch iſt dieß geſchehen,“ erwie⸗ derte Jener.„Eine taͤuſchende Aehnlichkeit, durch ein wunderbares Spiel der Natur her⸗ vorgerufen, hat Veranlaſſung zur Ausfuͤhrung des Betruges gegeben, den die Habgier erſon⸗ nen hat.“. „Spare Deine Worte,“ rief Hernandez zornig.„Welche Abſicht Du auch dabei haben magſt, uns zu taͤuſchen, ſo wird Dir dieß doch nie gelingen; denn Du vergißt, daß dieſe Narbe an Deiner Stirn kein Spiel der Natur iſt, daß Du alſo Dich gegen uns nicht verleugnen kannſt.“ „Dieſe Narbe iſt allerdings kein Spiel der Natur,“ ſagte der Maler,„ſondern ein Werk der Grauſamkeit jenes Boͤſewichts, aus deſſen Feſſeln ich mich durch Euch, edler Herr, und durch den Anblick meines Weibes und meiner Kinder befreit ſehe.“ „Wenn Du willſt, daß wir Dir glauben ſollen,“ rief jetzt Hernandez, der mehr noch 7 — 95— durch des Unbekannten fruͤheres unmaͤnuliches Betragen als durch deſſen jetzige Reden, in der Ueberzeugung, den wirklichen Grafen Gometz de Rungani vor ſich zu haben, irre geworden war;—„willſt Du, daß wir Dir glauben ſollen, ſo erkläre uns das Wunderbare Deiner Erſcheinung und ſage uns, wer jener ſchwarze Zauberer iſt.“ „Er iſt Hauptmann der Raͤuberbande,“ entgegnete nun der Maler,„weiche ſchon ſeit Jahren die Gebirge Cataloniens unſicher macht. Der Graf Rungani fiel auf ſeiner Reiſe unter den Mörderdolchen der Bande Mattheo's und mein boͤſes Geſchick wollte, daß dem Raͤuber⸗ hauptmanne in dem Augenblicke, wo die Leiche des ermordeten Grafen eingeſcharrt werden ſollte, deſſen wunderbare Aehnlichkeit mit mir auffiel.— Aus den Papieren des Erſchlagenen hatte er Einiges von deſſen Verhaͤltniſſen, beſonders aber deſſen großen Reichthum kennen gelernt. Meine * — — 99— Huͤtte war nicht weit von einem der gewoͤhn⸗ lichſten Schlupfwinkel jener Raͤuberbande ent⸗ fernt; aber nie hatte ich unter dieſer gefaͤhr⸗ lichen Naͤhe gelitten, da es allgemein bekannt war, daß ich mich nur kuͤmmerlich von dem Ertrage jener Arbeit naͤhre. Als jedoch jene ſeltſame Aehnlichkeit einen Plan in dem Rau⸗ ber erzeugt hatte, zu deſſen Ausfuͤhrung ich ſpä⸗ ter wider Willen die Hand bieten mußte, da ward ich waͤhrend der Nacht uͤberfallen und mit Frau und Kindern in die Hoͤhle der Raͤuber geſchleppt. Hier machte mich Mattheo mit ſei⸗ ner Abſicht bekannt. Ich ſollte mich fuͤr den Grafen ausgeben und damit die Taͤuſchung voll⸗ kommen wuͤrde, ließ er mir an der Stelle, wo der Ermordete die Narbe gehabt, eine Wunde ſchneiden; als dieſe vernarbt war, begleitete er mich hierher, um unter dem Namen eines Burg⸗ vogts den Herrn zu ſpielen, die Guͤter auszu⸗ ſaugen und monatlich betraͤchtliche Summen fort⸗ zuſchicken.“ — 100— „Meine Frau und meine Kinder blieben als Geißeln in der Gewalt der Raͤuber zuruͤck, und meine Liebe zu den Theuren legte meiner Zunge Feſſeln an. Oft ſtand ich, empoͤrt uͤber das un⸗ menſchliche Betragen des Burgvogtes, auf dem Punkte den Schaͤndlichen zu verrathen, aber dann durfte er mir nur den Bannſpruch zufluͤ⸗ ſtern:„Gedenke Deines Weibes und Deiner Kinder!“ und ich mußte verſtummen, denn Mat⸗ theo hatte mir zugeſchworen, ſie unter den furcht⸗ barſten Martern ſterben zu laſſen, ſobald ich nur den Verſuch machte ihn zu verrathen.“ „Anfangs wurden alle Bewohner Rungani's getäuſcht und ſogar die Graͤfin; da Mattheo aber jedes Alleinſein zwiſchen mir und ihr verhinderte, und ich die Liebe nicht fuͤr ſie erheucheln konnte, die ihr Gemahl ihr ſtets bewieſen hatte, ſchoͤpfte ſie den erſten Argwohn. Sorgſamer beobachtete ſie mich nun, legte mir in Mattheos Gegenwart Fragen in Bezug auf die Vergangenheit vor, die — 101— ich natuͤrlich nicht zu beantworten vermochte und uͤberzeugte ſo ſich bald von dem Betruge, der ihr geſpielt worden war.“ „Als Mattheo dieß gewahrte, mußte er na⸗ tuͤrlich Alles befuͤrchten und obgleich er die Graͤfin mit ſeinen Spaͤhern umgab, ſo daß ſie unbeachtet keinen Schritt machen konnte und ganz einer Ge⸗ fangenen glich, ſo hielt er ſich dadurch doch nicht vollkommen geſichert und beſchloß ihren Tod. Zum Gjluck theilte er mir, ehe er zur Ausfuͤhrung ſchritt, ſein ſchaͤndliches Vorhaben mit, dem ich mich nun aus allen Kraͤften widerſetzte; und ſo gelang es mir denn, daß er ſich mit der Einker⸗ kerung der Ungluͤcklichen begnuͤgte. Dieß war Alles, was ich fuͤr ſie zu thun vermochte, denn all meine Bitten, ja ſelbſt Drohungen, die ich wagte, konnten ihn nicht dahin bringen, der Graͤfin eine menſchlichere Behandlung angedei⸗ hen zu laſſen. Aber ich war froh ihr das Le⸗ ben gerettet zu haben, da ich hoffte, daß nun dech einſt Erloͤſung aus der finſtern Gewalt, in der ſie ſchmachtete, moͤglich ſei. Und der Him⸗ mel hat mein Gebet erhoͤrt, hat die Graͤfin und zugleich auch mich befreit.— ZJetzt iſt mein Geſtaͤndniß zu Ende und gern unterwerfe ich mich jeder Strafe, die Ihr uͤber mich verhaͤn⸗ gen wollt. Mein Weib und meine Kinder ha⸗ ben ſich, ohne daß ich ſelbſt noch weiß, wie, in Freiheit geſetzt und der Gedanke, ſie in Sicherheit zu wiſſen, wird mir Kraft und Muth verleihen, auch das Haͤrteſte zu tragen.“ Aber Hernandez ſprach, mit Elvirens Be⸗ willigung, den Maler von jeder Verantwortlich⸗ keit fuͤr das Boͤſe frei, welches der Burgvogt auf ſeinen Namen begangen hatte; er ertheilte ihm ſeine Freiheit und Elvira fuͤgte das Ver⸗ ſprechen hinzu, daß er auf ihren Guͤtern eine Freiſtatt haben ſollte, wenn die Furcht ihn ab⸗ halte, zu ſeinem fruͤhern Wohnſitze zuruͤckzukeh⸗ 43— Dankend nahm er es an, und ſeine Frau und Kinder kuͤßten der edlen Graͤfin die Hand dafuͤr. B Während deſſen hatte ſich der immer wei⸗ ter vorgeruͤckten Nacht ungeachtet, das Geruͤcht, daß die allverehrte Graͤfin von den Todten auf⸗ erſtanden, der lange erſehnte Ritter Hernandez de Ramiro aus dem gelobten Lande zuruͤckgekom⸗ men und der verhaßte Burgvogt ſich bereits als Gefangener in deſſen Gewalt befinde, von Huͤtte zu Huͤtte verbreitet, und Haufenweis ſtroͤmte das Landvolk herbei die Geliebten zu ſehen und zu begruͤßen, zugleich aber laut den Tod des Burgvogtes und ſeiner Knechte zu fordern. Hernandez ſaͤumte nicht tange dem Begehr ſo gerechter Sache zu willfahren. Der naͤchſte Morgen ſchon ſah ihn im Beſitze der Burg Run⸗ gani, indem er mit Huͤlfe des unterirdiſchen Ganges eingedrungen war und die Beſatzung im Augenblick des erſten Schreckens gefangen genom⸗ „— men hatte; und die aufgehende Sonne ſah den geweſenen Burgvogt und diejenigen der Knechte, welche mit ihm Raͤuber geweſen waren, an Baͤu⸗ men in der Nähe der Meereskuͤſte aufgeknuͤpft. Mit inniger Freude ruhte Hernandez Blick auf Elvirens gramentſtellten Zuͤgen, verklaͤrt durch die Wonne ihr geliebtes einziges Kind ge⸗ ſund und wohlbehalten an ihre Bruſt zu druͤcken, und der Ausdruck, mit dem ſie dann ihm, ſtumm dankend, die Hand reichte, ſagte den zahlrei⸗ chen Umſtehenden, daß eine Bitte von ſeiner Seite genuͤgen wuͤrde, ihm dieſelbe fuͤr immer zu laſſen. Sinige Zeit darauf wagte er die Bitte und ſie blieb nicht unerfuͤllt. ——————— 4*— Der Einer wahren Begebenheit nacherzählt. Während Joſeph Napoleons kurzer Herrſchaft in Spanien diente ich in den franzoͤſiſchen Hee⸗ ren. Das Gläck hatte mich auffallend begän⸗ ſtigt; raſch war ich von Stufe zu Stufe em⸗ porgeſtiegen und noch hatte ich das dreißigſte Lebensjahr nicht erreicht, da ſah ich mich ſchon zum Obriſtlieutenant und Regimentskommandeur befoͤrdert. Kaum hatte ich den Befehl des mir uͤber⸗ tragenen Regiments angetreten, als ich kom⸗ mandirt ward, nebſt mehreren anderen Trup⸗ — 106— pen zu der Armee in Spanien zu ſtoßen. Von Jugend auf an militaͤriſche Subordination ge⸗ woͤhnt, murrte ich nicht uͤber dieſe Ordre, aber innerlich erregte ſie meinen hochſten Mißmuth. Ich konnte mich nicht uͤberzeugen, daß die Be⸗ ſitznahme Spaniens keine widerrechtliche Uſur⸗ pation ſei, ich achtete die ſpaniſche Nation we⸗ gen des unglaublichen Heroismus, mit dem ſie ſich des ihr aufgedrungenen Herrſchers erwehrte und ich zog daher mit innerm Widerſtreben nach Spanien, denn es verdroß mich, daß ich auch meinen Arm zur Unterjochung des heldenmuͤthi⸗ gen Volkes hergeben ſollte. Unter vielen Haͤrten, die der Stand des Kriegers mit ſich füͤhrt, iſt es eine der größten, daß ſo oft der Arm vollbringen muß, wogegen das Herz ſich ſtraubt, wohl gar empört. Doch muß dann den Rechtlichen der Gedanke ermu⸗ thigen, daß ſich ihm uͤberall Gelegenheit bietet, das Gute zu thun und daß er bei der Aus⸗ — 5 bung ſeiner Pflicht nicht zögern darf. So ver⸗ ſohnte denn auch ich mich in Kurzem mit mei⸗ ner Beſtimmung und das um ſo mehr, als ich mich bald uͤberzeugte, daß die Spanier weniger durch Patriotismus und uͤberhaupt durch irgend ein edleres Gefuͤhl zu ſo wuͤthendem Widerſtande bewogen wuͤrden, wie die Geſchichte kein zwei⸗ tes Beiſpiel aufzuweiſen hat, als durch finſtern Fanatismus, der durch ſchmutzige, unwiſſende, ausgeartete Moͤnche ſtets wach erhalten und oft bis zu einer gräͤßlichen Hohe geſteigert ward. Je nher wir der Graͤnze Spaniens kamen, deſto mehr hoͤrten wir von den Greuelthaten er⸗ zählen, welche die Spanier an Einzelnen unſe⸗ rer Waffenbruͤder ausgeuͤbt haben ſollten und in Perpignan wußte jedes Kind eine andere Ge⸗ ſchichte, von denen die eine immer fuͤrchterlicher und grauſenerregender klang als die andere. Be⸗ ſonders grauſam aber, ſo hoͤrte man allgemein, ſollten die Bewohner Cataloniens ſein und wir — traten daher, von mannichfachen Gefuͤhlen leb⸗ haft bewegt, den Tagemarſch an, der uns auf den Boden des Fanatismus fuͤhren ſollte. Ein großer Theil der Unſrigen und unter dieſem ſogar Männer, die in mancher heißen Schlacht geſtanden hatten ohne zu wanken oder zu zagen, fuͤhlten ſich nicht ganz frei von Furcht, wenn ſie daran dachten, daß ſie in Spanien nicht nur muthig dem Feinde entgegen gehen ſollten, ſondern, daß noch außerdem uͤberall Verrath und Meuchelmord, Gift und Dolch auf ſie lauere. Das Gefuͤhl indeſſen, welches unbe⸗ dingt am allgemeinſten herrſchte, war das der gluͤhendſten Rachgier und faſt jeder Einzelne ſchwur bei dem erſten Tritte auf Spaniens Bo⸗ den an der ganzen Nation den Tod ſo vieler, oft unter den grauſamſten Qualen gemordeter Landsleute, Freunde und Waffenbruͤder zu raͤ⸗ chen. Und dieß Gefuhl ſollte bald noch lebhaf⸗ ter angefacht werden, denn kaum hatten wir —— — 109— bei dem Paſſe von Junquera die Pyrenäen be⸗ treten, als wir auch ſchon aus einem Hinter⸗ halte durch ein wuͤthendes, wohlgezieltes Kleinge⸗ wehrfeuer begruͤßt wurden. Mehrere der Unſri⸗ gen wurden getodtet, noch mehrere verwun⸗ det, und wir— bekamen nur dann und wann, und im Nu, einen Feind zu Geſicht, dienten unſichtbaren Schuͤtzen zur Zielſcheibe und hat⸗ ten doch ſelbſt kein Ziel nach dem wir ſchießen konnten. Uns blieb nichts uͤbrig, als dem Fein⸗ de einzelne Tirailleurs entgegen zu ſenden und außerdem ſo raſch als moͤglich vorwaͤrts zu mar⸗ ſchiren, nur dadurch entgingen wir einem em⸗ pfindlicheren Verluſte, doch war auch der, den wir erlitten, ſchon nicht unbedeutend. Unſer Marſch ging, nachdem wir Spanien betreten hatten, rechts durch Catalonien, nach Aragonien, nach Saragoſſa zu, das ſich nach zahrelangem Widerſtande noch immer mit aͤch⸗ tem Heldenmuthe vertheidigte. Einige Tage — — 110— hindurch bekamen wir keinen Feind zu ſehen, am dritten oder vierten jedoch hatten wir wie⸗ der ein kleines Scharmuͤtzel mit einem Haufen bewaffneter Bauern. Das Terrain war ihnen hier nicht ſo gunſtig als ihren Landsleuten bei Junquera, und mit leichter Muͤhe, ohne ſon⸗ derlichen Verluſt, vertrieben wir ſie daher, doch empfing ich bei dieſer Gelegenheit einen ganz unbedeutenden Streifſchuß am linken Fuße. * Ich wollte der Verletzung anfangs nicht achten, aber ſchon am naͤchſten Tage uͤberzeugte ich mich, daß mein Regimentschirurgus Recht habe und daß ich zuruͤckbleiben muͤſſe, wolle ich mich nicht den gefaͤhrlichſten Folgen, wohl gar dem Brande ausſetzen; dagegen konnte die Wunde wenigſtens nothduͤrftig geheilt werden, wenn ich nur wenige Tage, ſtatt zu reiten, mich fahren ließ. Ich entſchloß mich daher, obgleich mit ſchwerem Herzen, mein Regiment voraus mar⸗ ſchiren zu laſſen, behielt nur zwei von meinen Leuten bei mir, und ſchloß mich an das Kom⸗ mando eines Kapitaͤns an, der erſt zwei Geſchuͤtze repariren laſſen, und dann eine nicht unbedeu⸗ tende Anzahl Leichtverwundeter in kleinen Tage⸗ maͤrſchen dem Haupteorps wieder zufuͤhren ſollte. Er empfing zu dieſem Zwecke hundert Mann In⸗ fanterie und vierzig Dragoner zur Bedeckung. Zur Wiederinſtandſetzung der beiden Ge⸗ ſchutze waren zwei Tage erforderlich; die daraus fuͤr mich erwachſende Ruhe wirkte ſo wohlthaͤtig auf mich, daß ich mich ſchon jetzt wieder an die Spitze meines Regimentes haͤtte ſetzen moͤgen, und ich war daher innig erfreut, als wir am Morgen des dritten Tages unſern Marſch an⸗ traten. Der Kapitaͤn, welcher das Detaſchement fuͤhrte, theilte meine Ungeduld die Armee zu er⸗ reichen, denn aͤhnliche Kommando's ſind jedem Soldaten, der das Herz auf dem rechten Flecke hat, unangenehm, allein er ließ ſich durch ſeine — 112— Ungeduld zu einer unverantwortlichen Unvorſich⸗ tigkeit verleiten. Als wir naͤmlich in unſerem dritten Nachtzuartiere angelangt waren und der Kapitaͤn ſich nach dem Wege erkundigte, den er fuͤr den folgenden Tag einzuſchlagen habe, um nach der vorgeſchriebenen Etappe zu gelangen, ſagte ihm der Geiſtliche des Dorfes, bei dem er jene Nachricht einziehen wollte, daß er einen ungleich näͤheren Weg einſchlagen könnte, um in einem Tage zwei Etappen zuruͤckzulegen, ohne gleichwohl weiter marſchiren zu muͤſſen.„Zwar,“ ſagte der Geiſtliche, leicht hingeworfen,„ſoll dieſe naͤhere Straße nicht ganz ſicher ſein, doch glaube ich dieß kaum, denn es ſind nun ſchon uͤber vierzehn Tage, daß wir keinen einzigen bewaff⸗ neten Patrioten in unſerem Dorfe ſahen; die Truppenmaͤrſche des Feindes durch dieſe Gegend, ſind in der letztern Zeit haͤufig und zahlreich gewe⸗ ſen, deshalb haben die Patrioten ſich mehr zu⸗ ruckgezogen.“ Ich — 113— Ich war zugegen, als der Capitain dieſe Un⸗ terredung hatte, denn er verſtand nur ſehr we⸗ nig Spaniſch, und ſprach es noch weniger, ich aber hatte ſeit dem Tage, an dem ich den Be⸗ fehl erhielt nach Spanien zu marſchiren, den größten unermuͤdlichſten Eifer auf Erlernung der Sprache gewendet, und es ſchon zu einer ziemli⸗ chen Fertigkeit gebracht, weshalb ich denn hier den Dollmetſcher machte. Es ſchien mir, als ruhe das Auge des Geiſtlichen tuͤckiſch lauernd auf dem Capitain, als er des naͤheren Weges erwaͤhnte, und als blitze eine wilde Freude darin auf, als er ſah, daß ſeine hingeworfene Bemerkung auf⸗ gefangen werde. Ich theilte dem Capitain dieſe Beobachtung, die ihm entgangen war, mit, und rieth ihm den weitern, aber ſichern Weg dem kuͤrzern doch ge⸗ fahrvolleren vorzuziehen; er jedoch erklaͤrte ſei⸗ nen feſten Entſchluß, den naͤheren einzuſchlagen. „Der Vortheil iſt zu uͤberwiegend,“ ſagte er. 8 — 114— „Um den Gewinn eines ganzen Tagemarſches laͤßt ſich das kleine Waogſtuͤck ſchon unterneh⸗ men; zudem ſind wir ſtark genug, es mit einem zahlreichen Haufen dieſes Bauerngeſindels auf⸗ zunehmen.“ Vergebens machte ich ihm noch mehrere lebhafte Vorſtellungen. Fuͤr jeden meiner Gruͤn⸗ de hatte er einen Gegengrund, und endlich gab er mir ſogar nicht undeutlich zu verſtehen, daß ich, obgleich aͤlterer Offizier als er, den⸗ noch hier nichts zu ſagen haͤtte, da ich mich nur als verwundeter an das Commando ange⸗ ſchloſſen habe, das unter ſeinen unmittelbaren und unumſchraͤnkten Befehlen ſtaͤnde.— ZJetzt durfte ich kein Wort mehr verlieren; ich unter⸗ druͤckte meinen aufwallenden Zorn und beſchloß, das Einzige zu thun, das mir uͤbrig blieb, naͤmlich mich ruhig in die Anordnungen des Capitains zu fuͤgen, ſo widerſinnig ſie auch vielleicht herauskommen moͤchten. — — 115— Zu Anfang des Marſches ging alles gut, die Gegend war eben und offen und ich merkte wohl, wie der Capitain mich dann und wann triumphirenden Blickes anſah, als wolle er ſa⸗ gen: Nun wer hat Recht? Waren deine Be⸗ ſorgniſſe nicht grundlos? Ich fing ſelbſt ſchon an zu glauben, ich koͤnnte mich doch wohl geirrt und dem Geiſtli⸗ chen Unrecht gethan haben, allein nach der er⸗ ſten Meile fing der Boden an ſich leicht zu erheben; hie und da ſtanden einzelne Baumgrup⸗ pen, zwiſchen denen ſich niedriges aber dichtes Gebuͤſch hinzog. Und in geringer Entfernung vor uns breitete ſich ein dichter Wald aus. Der Capitain begann jetzt ſelbſt beſorgt zu werden und wendete jede Vorſichtsmaßregel an, unſeren Marſch zu decken und zu ſichern. Doch noch zeigte ſich nichts, was die Beſorgniſſe ge⸗ rechtfertigt haͤtte. Unangefochten erreichten wir den Hochwald und freuten uns einen Grad der 8* — 116— Sicherheit gewonnen zu haben. Denn der Wald war frei von Unterholz, und man konnte zwi⸗ ſchen den hohen ſchlanken Stammen der Kaſta⸗ nien und der maͤchtigen, immergruͤnen Eichen weit hineinblicken. Aber nicht lange blieb es ſo. Je weiter wir kamen, deſto dichter wurde der Wald, deſto unebner der Boden, deſto unge⸗ bahnter der Weg und als wir etwas uͤber eine Stunde auf dieſe Weiſe marſchirt waren, verlor ſich jede Spur einer gebahnten Straße, wir befanden uns auf einem ſelten befahrenen Holz⸗ wege, der ſich bald zur Rechten bald zur Linken an ſteile mit dichtem Buſchwerke bewachſene Höhen lehnte, und oft mehrere hundert Schritte weit zum gefaͤhrlichſten Hohlwege wurde. Jetzt ſah der Capitain ſelbſt ein, wie graͤn⸗ zenlos unvorſichtig er geweſen war; mit Worten geſtand er es zwar nicht ein, aber man ſah es an allen ſeinen Anordnungen. Er ließ die Wagen mit den verwundeten dicht auffahren — 117— und zog ſeine Mannſchaft eng zuſammen, nur die noͤthigſte Vorhut und Seitenpatrouillen de⸗ taſchirend. Bald zeigte es ſich, daß dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregeln nicht vergeblich geweſen ſeien; denn ploͤtzlich fielen vorn und zur Seite Schuͤſſe und die Dragoner, welche unſere Avantgarde gebildet hatten, kamen mit der Nachricht zu⸗ ruckgeſprengt, daß vor uns und zur rechten Seite der ganze Wald von bewaffneten Bauern wimmele. Der Capitain warf ihnen ſogleich eine hinreichende Anzahl Tirailleurs entgegen, ließ die Dragoner, um ſie nicht nutzlos dem feind⸗ lichen Feuer auszuſetzen, ſich links neben dem Weg ßiehen, denn dieſe Seite hatten die Bauern unbeſetzt laſſen muͤſſen, um nicht durch ihre eigenen Kugeln zu fallen, und befahl dann, daß der Zug unter dem beſtaͤndigen Scharmutzi⸗ ren langſam fortruͤcken ſolle. Dieß war das Kluͤgſte, was er thun konnte, allein es half — 113— leider nicht viel, denn die Bauern merkten die Abſicht leicht und zielten, um unſeren Marſch zu hemmen, vorzugsweiſe auf die Pferde und ſie erreichten ihren Zweck nur zu gut, denn bald ſtuͤrzte hier, bald dort eins zuſammen. Aber es iſt nicht meine Abſicht, unſeren ganzen Zug, Schritt fuͤr Schritt mit allen ſei⸗ nen Unannehmlichkeiten und Gefahren zu be⸗ ſchreiben. Genug, wir gelangten endlich, auf den Tod ermuͤdet, gegen Sonnenuntergang an das Ende des Waldes und hatten ein Dritttheil unſerer Mannſchaft eingebuͤßt; ein zweites Dritt⸗ theil und daruͤber war verwundet, obgleich nicht gefaͤhrlich, doch ich war wunderbarer Weiſe ganz unverletzt geblieben. Laut murrten die Soldaten gegen ihren Fuͤhrer und der Capitain mied ſorgfaͤltig meine Naͤhe, weil er wahrſcheinlich meine Vorwuͤrfe fuͤrchtete. So zogen wir ſchweigend unſeres Weges; die Bleſſirten verbanden ihre Wunden — 119— ſo gut es gehen wollte und Riemand ſprach ein Wort. Ploͤtzlich brachen die Vorderſten in ein lautes Jubelgeſchrei aus und bald ſtimmte der ganze Zug mit ein. Wir hatten jetzt eine tleine Anhoͤhe erreicht und ſahen nun zu un⸗ ſeren Fuͤßen, kaum eine Viertelſtunde entfernt, ein ſtattliches, von maͤchtigen Wirthſchaftsgebäu⸗ den umgebenes, Schloß liegen. Aus den Eſſen wirbelte in kleinen leichten Woͤlkchen Rauch auf und zeigte uns ſo zu unſerer innigen Freu⸗ de, daß dieß Schloß nicht auch, wie ſo viele, von ſeinen Bewohnern verlaſſen ſei. Der Gedanke an Ruhe und Pflege, an Speiſe und Trank, ſtieg ſchnell in der Bruſt eines Jeden auf und raſcheren Schrittes, hei⸗ terern Blickes ging es nun gerade auf das Schloß los. Aber unſere Hoffnungen ſollten bitter ge⸗ täuſcht werden. Als wir dem Schloſſe ganz na⸗ he gekommen waren, ſahen wir, daß es rings von einer hohen Mauer umgeben war. Kein — 120— Menſch ließ ſich blicken, doch hörten wir auf dem Hofe Waffengeraͤuſch und den lauten ge⸗ genſeitigen Zuruf mehrerer kraͤftiger Maͤnner⸗ ſtimmen. Der Capitain ließ den Trompeter der Dragoner, den der Tod verſchont hatte, gegen das Thor heranreiten und die unbekannte Be⸗ ſatzung des Schloſſes zur Uebergabe auffordern. Lange blieb alles ſtill, aber bei dem dritten Tuſch des Trompeters ertoͤnte die hoͤhnende Antwort, daß wir uns ein anderes Nachtlager ſuchen moͤchten. Zugleich fiel ein Schuß und die Ku⸗ gel pfiff dicht an dem Kopfe des Trompeters vorbei; dieſer ſprengte raſch zu uns zuruͤck und das ganze Detaſchement, wuͤthend, auch hier noch Widerſtand zu finden, wo es gemaͤchlich der Ruhe zu pflegen gehofft hatte, forderte mit lauter Stimme von dem Capitain das Schloß ſogleich zu ſtuͤrmen.„Nicht einer der Hunde ſoll mit dem Leben davon kommen!“ toͤnten die rauhen drohenden Stimmen der Soldaten und der Fuͤhrer ſchien ganz ihrer Meinung zu ſein. —— Unſer eines Stuck Geſchuͤtz hatten wir im Walde zuruͤcklaſſen müſſen, aber das zweite war uns zu retten gelungen. Dieß ließ nun der Capitain ſogleich in geringer Entfernung dem Thore gerade gegenuͤber auffahren; es krachte und praſſelnd ſtuͤrzte das ſchwere Thor zuſam⸗ men. Unaufhaltſam drangen nun unſere Leute auf den Schloßhof und die hier anweſenden Spanier, ſich einer ſolchen Wendung gewiß nicht vermuthend, fluͤchteten in das Innere des Schloſ⸗ ſes, deſſen Thuͤren ſie raſch hinter ſich verram⸗ melten. Es folgte jetzt ein kurzes, aber hitziges Gefecht. Unſere Leute achteten des feindlichen Feuers nicht, obgleich die im Schloſſe gut ziel⸗ ten und mehrere der Unſrigen theils toͤdteten, theils verwundeten. Sie ſtießen unaufhaltſam mit den Kolben ihrer Gewehre gegen die Thuͤr; Andere ſprengten einige nur ſchwach vertheidigte Fenſter, und ſo war der Schauplatz des Blut⸗ — 122— vergießens bald in die innern Gemaͤcher und Gaͤnge des Schloſſes verlegt. „ Meine Pflicht heiſchte nicht mich mit in den Kampf zu miſchen und ich hatte mich aus dieſem Grunde bisher davon fern gehalten, jetzt aber ging ich in Begleitung meiner beiden eige⸗ nen Leute in das Schloß, um wo moͤglich un⸗ nuͤtze Graͤuelthaten zu verhuͤten, beſonders aber den weiblichen Bewohnern des Schloſſes, falls dergleichen hier ſein ſollten, mit meinem Schutze beizuſtehen. Ueberall zeigten ſich mir die Spuren des Gemetzels; Todte und Schwerverwundete la⸗ gen faſt in jedem Zimmer und Stroͤme von Blut bedeckten den Fußboden. Das Getuͤmmel hatte ſich in den linken Fluͤgel des Schloſſes gezogen, doch hoͤrte ich auch, wie die Soldaten. im erſten Geſchoſſe die Thuͤren einſchlugen und war daher anfangs unentſchloſſen, wohin ich mich wenden ſollte; der Wunſch unnützes Blut⸗ — 123— vergießen zu verhindern, entſchied, und ich eilte in den Seitenfläͤgel des Schloſſes. Als ich hier um die Ecke in einen gewoͤlbten Gang bog, bot ſich meinem Blicke ein uͤberraſchendes Schau⸗ ſpiel dar. An dem Ende des Ganges war ein Mann in vornehmer prachtvoller Kleidung und, dem Anſehen nach, ſchon hoch in den Sechzi⸗ gern, ein wunderſchoͤner Juͤngling von etwa vierzehn bis funfzehn Jahren und drei bis vier Bediente in glaͤnzenden Livreen hinter einem Haufen Tiſchen und Stuͤhlen verſchanzt und von zehn bis zwoͤlfen unſerer Infanteriſten be⸗ lagert. Der alte Mann blutete und hielt ſich nur mit Muͤhe aufrecht, und ſeine Begleiter waren eben damit beſchaͤftigt ihre Gewehre aufs Neue zu laden. Raſch trat ich unter die Soldaten und rief ihnen ein lautes, donnerndes: Halt! zu; ſie ſahen ſich verwundernd um und gehorchten nur zögernd dem Befehle. Die augenblickliche — 124— Stille, welche jetzt eintrat, benutzte ich, um dem Greiſe, der etwas wahrhaft Ehrfurcht erwecken⸗ des in den ernſten bleichen Zuͤgen hatte, in ſpa⸗ niſcher Sprache zuzurufen, daß er ſich ergeben und mein Wort darauf nehmen ſolle, anſtaͤn⸗ dig behandelt zu werden. Er wollte antworten, aber noch ehe das Wort uͤber ſeine Lippen kam, legte der Juͤngling an, zielte eine Secunde, druͤckte, und hinter mir ſtuͤrzte einer der Sol⸗ daten todt zu Boden; ich ſelbſt aber fuͤhlte Blut uͤber meine Wange rieſeln; der Schuß hatte mich geſtreift. Jetzt war es ein vergebliches Bemuͤhen, der Wuth der Soldaten noch laͤnger Einhalt thun zu wollen; im Nu donnerten zehn Schuͤſſe auf die Unglucklichen los und auf den Tod ge⸗ troffen ſanken der ſchoͤne Juͤngling und zwei der Bedienten zu Boden. Als der Greis dieß ſah, ſchleuderte er das Gewehr, das er in der Hand gehalten, weit von ſich und ſtürzte laut — 125— ſchreiend uͤber den Leichnam des geliebten Kindesz denn ſein Sohn mußte der Gefallene ſein;— nur Gternebe vermag ſich 5 zu Die Soldaten hatten weiter nichts gewollt, als alles aus dem Wege raͤumen, was ſich ih⸗ nen bei der Pluͤnderung des Schloſſes entgegen ſtellte, und kaum ſahen ſie die Feinde ſturzen, als ſie ihrer auch ſchon nicht mehr achteten, ſondern ſich in die verſchiedenen Gemaͤcher des Schloſſes vertheilten. Ich trat jetzt zu dem verwundeten Greiſe und dem ſterbenden Juͤnglinge und das Bild des herzzerreißenden Kummers, das ich hier vor mir ſah, erfuͤllte mich mit ſolcher Wehmuth, daß ich nur mit Muͤhe die Thranen der auf⸗ richtigſten Theilnahme zuruͤckzuhalten vermochte. Schweigend betrachtete ich einen Augenblick die Gruppe, die, wie ich ſie mir jetzt in das Ge⸗ daͤchtniß zuruͤckrufe, ein herrlicher Gegenſtand fuͤr Pinſel oder Griffel eines bildenden Kuͤnſt⸗ — 126— lers geweſen waͤre. Dann bog ich mich zu dem Greiſe hinab und fragte ihn mit ſanfter Stim⸗ me:„ob ich irgend etwas zu ſeinem Beiſtande, ſeiner Huͤlfe zu thun vermoͤchte.“ Er hoͤrte mich nicht; ſtarr hatte er den Blick auf das immer matter und matter wer⸗ dende Auge des Juͤnglings gerichtet, in deſſen, von drei Kugeln zerriſſener Bruſt das letzte Funkchen des entfliehenden Lebens glomm. Da legte ich meine Hand leiſe auf ſeine Schulter und wiederholte meine Frage mit hoͤrbarer Ruͤh⸗ rung. Wie aus einem Traume unſanft empor⸗ geſchreckt wendete er ſich wuͤthend gegen mich, als er mich aber erkannte, da wich der Aus⸗ druck des Zornes dem des tiefſten Kummers. „Edler Mann,“ ſagte er, mir die Hand rei⸗ chend,„Sie meinten es redlich, ſelbſt mit ihren Feinden, aber der Himmel wollte es an⸗ ders; ſein Wille geſchehe!— Sie bieten mir Ihren Beiſtand, Ihre Huͤlfe?— Wozu — 127— bedarf ich jetzt noch der Huͤlfe irgend eines Sterblichen!— Doch ja; einen Dienſt koͤn⸗ nen ſie mir noch erzeigen und ich will nicht auf die Uniform achten, die Sie tragen, ſondern will dieſen Dienſt von Ihnen heiſchen;— hel⸗ fen Sie mir meinen Sohn zur Ruhe beſtatten, und dann betten ſie mich zwiſchen ihn und mei⸗ ne gemordete Gattin.“ Der eine Diener, welcher nicht von un⸗ ſern Kugeln getroffen worden war, ſich aber bisher ſcheu in eine Ecke gedruckt hatte, trat jetzt näher. Er warf ſich dem ehrwuͤrdigen Alten zu Fuͤßen, umklammerte ſeine Knie, und rief mit fiehenden Tonen:„Ach, lieber Herr, denkt doch nur an Euch ſelbſt; Eure Wunden fordern Huͤlfe; zgert Ihr leichtſinnig damit, ſo moͤchte es bald zu ſpaͤt ſein.“ „Beruhige Dich, Alter,“ erwiederte der Greis, dem alten Diener geruͤhrt die Hand darreichend;„ich erkenne Deine Treue, Deine gute Abſicht, aber was nuͤtzt mir das Leben, da die mir vorangegangen ſind, die mir auf dieſer Welt die Theuerſten waren. Nein, alter treuer Pedro, ich will ſterben, und— gelobt ſſei die heilige Mutter Gottes— ich fuͤhle, daß iſt.— Jetzt, mein Herr,“ wendete er ſich zu mir,„jetzt bin ich bereit, den Dienſt von Ihnen anzunehmen, zu dem Sie ſich ſo groß— můthig erboten haben.“— Schweigend beugte er ſich dann nieder, dräckte ſeinem geliebten Sohne, der eben den letzten Seufzer ausge⸗ haucht hatte, die Augen zu, winkte ſeinem Diener und den meinigen, welche ſich auf mei⸗ nen Befehl in meiner Naͤhe gehalten, den Leich⸗ nam aufzuheben und ſchritt uns ſchwankend nach einer nahen Thuͤr voran; ſchnell eilte ich ihm nach und bot ihm meinen Arm zur Stütze; er druͤckte mir ſtumm die Hand und ein aus⸗ drucksvoller Blick ſagte mir einen herzlichern Dank, als die beredteſten Worte es vermocht haͤt⸗ — 129— haͤtten. Dann oͤffnete er die Thuͤr, der wir zugeſchritten waren, und wir traten in eine kleine Hauskapelle, in deren Mitte ſich ein zier⸗ liches, in Alabaſter gehauenes Mauſoleum er⸗ hob; der Sarkophag ſchien ein doppelter zu ſein, war aber mit einer Purpurſammetdecke verhan⸗ gen. Als der Greis die rothe Hulle erblickte, wankte er merklicher, und beinahe von mir ge⸗ tragen ſtieg er die Stufen hinan, die zu dem Sarkophage fuͤhrten. Der Schmerz drohte ſein Herz zu brechen, aber keine Thraͤne rann über ſeine gefurchte, todtenbleiche Wange;— einer ſolchen Verlaͤugnung des Schmerzes iſt nur ein Spanier faͤhig. Jetzt zog der Greis die Sammetdecke hin⸗ weg und ich taumelte, entſetzt vor dem Anblicke, der ſich mir nun bot, zuruͤck. In dem Sar⸗ kophage lag eine Frau, die, ſo viel man erken⸗ nen konnte, kaum die Vierzig uͤberſchritten ha⸗ ben mochte; ſie trug eine prachtvolle, feſtliche 9 — 130— Kleidung, doch war ſie mit Stromen Blutes uͤbergoſſen und nahe dem Herzen hatte ſie eine furchtb are Todeswunde empfangen; eine zweite Kugel war in die eine Augenhoͤhle gedrungen. „Gerechter Himmel!“ rief ich unwillkuhr⸗ lich aus,„wer konnte ſolchen Frevel an einem ſchwachen Weibe veruͤben?“ „Wer?— Die Ihrigen!“ erwiederte der Greis mit bitterm Grimme in Ton und Blick „Pedro,“ wendete er ſich zu dem greiſen Die⸗ ner;„erzaͤhle Du dem theilnahmvollen Fremd⸗ linge, in dem ich den Feind meines Vaterlan⸗ des nicht ſehen mag; ich kann es nicht, denn meine Kraft bricht!“ Dabei ſank er neben dem Sarkophage auf die Knie, lehnte das Haupt auf den kalten Rand und hoͤrbar keuchte ſeine Bruſt unter der furchtbaren Anſtrengung ſeine Thraͤnen zuruͤckzuhalten. „Wir feierten,“ begann Pedro,„heut den Geburtstag unſeres geliebten jungen Herrn, und — 131— um ſo froͤhlicher, als er erſt ſeit kurzer Zeit von einer ſchweren Krankheit geneſen war, die Mo⸗ nate lang ſein Leben bedroht hatte. Die ganze Nachbarſchaft war auf dem Schloſſe verſammelt und eben waren die Herrſchaften von der Tafel aufgeſtanden, als wir im nahen Walde das hef⸗ tige anhaltende Schießen hoͤrten. Voller Schre⸗ cken eilten ſogleich die Gaͤſte nach Haus, und wir bereiteten uns eilig vor, im Falle eines An⸗ griffes auf das Schloß, den tapferſten Wider⸗ ſtand zu leiſten.— Das Weitere wiſſen Sie; die Sie hier liegen ſehen, iſt die Gemahlin unſeres Gebieters. Sie beſchwur den Herrn Marquis, ſich nicht ſelbſt der Lebensgefahr aus⸗ zuſetzen, und als er ihrer Bitten, ihrer Warnun⸗ gen nicht achtete, als auch ihr geliebter Sohn ſich in das Gefecht miſchte, da erklaͤrte ſie, nicht von ihrer Seite weichen, jede Gefahr mit ihnen theilen zu wollen.— Sie hielt Wort;— ober bald ſank ſie, von zwei Ku⸗ geln zugleich durchbohrt, todt an der Seite ihres 9 — 132— Gemahles nieder. Wir trugen ſie ſchnell hieher und eilten dann mit dem Muthe der Verzweif⸗ lung den Feinden entgegen, welche waͤhrend der Zeit in das Schloß gedrungen waren.— Nun wiſſen Sie alles.“ Der ehrwuͤrdige ungluͤckliche Greis, dem ich, nach dem, was ich gehoͤrt hatte nichts wuͤn⸗ ſchen konnte, als eine baldige ſchmerzenloſe Be⸗ freiung von den irdiſchen Feſſeln, ſchien waͤh⸗ rend deſſen in einem ſtummen Gebete verſunken geweſen zu ſein. Jetzt erhob er ſich mit einer wahrhaft wunderbaren Kraft, und bat mit lei⸗ ſer Stimme die Huͤlle des Juͤnglings an die Seite ſeiner Gattin zu legen. Wir thaten was er begehrte und ſanken dann mit ihm auf un⸗ ſere Knie, uns im lautloſen aber bruͤnſtigen Gebete fuͤr das Seelenheil des Verblichenen mit ihm zu vereinigen. Noch waren unſere Gedanken allem Ir⸗ diſchen entruͤckt zu Gott gewendet, da wurde —————————— —————————— 2 — 138— haſtig die Kapellenthuͤr aufgeriſſen und athem⸗ los ſtuͤrzte ein verwundeter Diener des Hauſes, der ſich bisher gluͤcklich verborgen gehalten hatte, herein.„Jeſus Maria, Herr Marquis, retten Sie ſich!“ ſchrie er, der Sprache kaum maͤch⸗ tig.„Es brennt! faſt das ganze Schloß ſteht in Flammen und kaum ſind die Ausgaͤnge noch zu gewinnen.“ „Maria Joſeph!“ ſtoͤhnte der Greis aus gepreßter Bruſt hervor und wollte raſch auf⸗ ſpringen, aber Blutverluſt und die ſchrecklichen Ereigniſſe des Tages hatten die Kraͤfte ſeines Körpers aufgerieben. Mit einem leiſen Seuf⸗ zer ſank er zuſammen.„Ich— ſterbe“— fluͤſterte er kaum hoͤrbar.„Pedro— rette— rette.“ Leblos ſtaͤrzte er gegen den Sarkophag, ſeine Augen ſchloſſen ſich und ich glaubte, der Tod habe ſeine Beute in Empfang genommen. Aber noch ein Mal kehrte er mit gewaltſamer Anſtrengung von den Grenzen des Schatten⸗ reiches zuruͤck. Er ſchlug die Augen auf und ſein brechender Blick traf mich.„Sie!“ rief er laut und wie mit entſetzlicher Angſt, indem er mir zugleich matt die Hand entgegenſtreckte: „Sie— retten— retten.— Pedro— weiß“— Mehr vermochte er nicht zu ſagen. Wie⸗ der ſank ſein greiſes Haupt gegen den Sarko⸗ phag zuruͤck und die Seele war der ſterblichen Huͤlle entflohen, ſich in den Regionen der Se⸗ ligen mit der Gattin, dem Sohne zu ver⸗ einigen. Wehmuthsvoll blickte ich auf den Entſeel⸗ ten, doch hier war jetzt keine Zeit zu verlieren, denn ſchon war das Gepraſſel der Flamme deut⸗ lich zu vernehmen, ſchon hoͤrte man entfernte Theile des Gebaͤudes krachend zuſammenſtuͤrzen. Daher warf ich raſch die Sammetdecke uͤber den Verblichenen, ergriff dann die Hand Pedro's und ſagte haſtig:„Alter, ſprich, wer iſt zu ret⸗ ten? wen ſoll ich retten?— Fuͤhre mich, 185— damit ich das letzte Gebot des Sterbenden er⸗ fuͤlle.“ Schweigend ſah mir der alte Diener des Hauſes in das Geſicht, um zu pruͤfen, ob er mir auch wirklich trauen duͤrfe, wendete ſich dann ab, rief:„Jolgen Sie mir!“ und ging eilenden Schrittes einem finſtern Winkel der Ka⸗ pelle zu. Ich folgte ihm und auf meinen Wink ſchloſſen ſich auch meine beiden Bedienten an uns an. Denn ſo viel Vertrauen ich auch in die rechtſchaffenen Zuͤge des Alten ſetzte, ſo hatte ich doch zu viel von dem grauſamen Verrathe der Spanier gehoͤrt, um mich ganz ohne Schutz in Gefahr zu begeben; zudem that auch viel⸗ leicht der Beiſtand Mehrerer noth. In der Ecke, auf welche der alte Pedro zuſchritt, war keine Thuͤr ſichtbar und ich konnte daher nicht begreifen, was wir hier ſollten, aber Pedro zoͤgerte nicht mit der Erblaͤrung. Er druckte einen Stein in einer Blende zuruͤck und — — 1¹36— der ganze Hintergrund der Blende ſchob ſich ſeit⸗ waͤrts und ließ uns eine ſchmale, ſteil aufwärts fuͤhrende Treppe ſehen. Raſch ging es hinan und ſchnarrend fuhr die Blende hinter uns wie⸗ der zu. Am Ende der Treppe angelangt oͤff⸗ nete Pedro eine Thuͤre und wir traten in ein kleines, finſteres, aber zierlich ausmeublirtes Ge⸗ mach; eine Thuͤr, welche in ein anſtoßendes Zimmer zu fuͤhren ſchien, war nur angelehnt. Raſch öffnete Pedro auch dieſe Thuͤr, da ſah ich ein Maͤdchen in einfacher doch feſtlicher Klei⸗ dung vor einem Kruzifixe auf den Knieen liegen; ſie betete, den Ruͤcken uns zugewendet, halb laut und rang dabei verzweiflungsvoll die Haͤnde. Bei dem Geraͤuſche, welches unſer Ein⸗ tritt verurſachte, ſprang ſie raſch auf und ich erblickte das reizendſte, lieblichſte Weſen, das meine Augen je geſehen. Die Todtenblaͤſſe, die ihre Wangen deckte, war nicht im Stande, ihre Reize zu verbergen, im Gegentheil diente ſie — 137— nur dazu, die höchſte Theilnahme, das innig⸗ ſte Mitgefuͤhl fuͤr ihre Leiden in Anſpruch zu nehmen. ls ihr Auge auf mich traf, ſank ſie mit einem leiſen Schrei ohnmaͤchtig zuruͤck, und waͤre Pedro und ich nicht raſch hinzugeſprungen, haͤtte ſie das Haupt an der Mauer ſchwer verletzen koͤnnen, doch unſere ſchuͤtzenden Arme fingen ſie auf. Unſeren vereinten Bemuͤhungen gelang es bald, ſie wieder in das Leben zuruͤck zu rufen. Wir hatten uns ſo geſtellt, daß ihr erſter Blick nur den alten Pedro treffen konnte; kaum ge⸗ wahrte ſie ihn, da fiel ſie ihm weinend um den Hals und rief:„Wohl mir, daß Du wie⸗ der bei mir biſt. Ich war hier ſo graͤßlich allein und gern haͤtte ich mich mitten in das Getuͤm⸗ mel geſtuͤrzt, um nur unter Menſchen zu ſein, aber dann hielt mich wieder die Furcht vor der wilden Gier der Feinde zuruͤck.— Aber ſprich, Pedro, wie geht es meiner Mutter, meinem Vater, meinem Bruder? Sind ſie wohl? Sind ſie in Sicherheit?“ „Wohl und in Sicherheit!“ erwiederte der Alte finſter.„Euch aber, edle Donna,“ fuhr er, ſich ſchnell ermannend, fort,„Euch droht die größte Gefahr. Das Schloß brennt und nur augenblickliche Flucht kann Euch retten; doch noch iſt das Schloß von den Franzoſen umringt und Euer edler Vater ſendet Euch daher hier einen Schuͤtzer, den die Vorſehung Euch mitten unter den Feinden wunderbar zugefuͤhrt hat.“ Bei dieſen Worten zeigte er auf mich und ich trat, mich ehrerbietig verneigend, der lieb⸗ lichen Jungfrau naͤher.„Ja, Donna,“ ſagte ich mit weicher Stimme,„Euer edler Vater gebot mir, Euch zu retten und ich zweifle nicht, daß Ihr Euch meinem Schutze willig anver⸗ trauen werdet. Doch zogert nicht, mir zu fol⸗ gen, denn wuͤthend greift die Flamme um ſich — 139— und nicht lange mehr kann dieſer Theil des Schloſſes von ihr verſchont bleiben.“ „Ich Euch folgen?“ erwiederte das Mäd⸗ chen, mich mit mißtrauiſchem Blicke meſſend. „Euch, einem geſchwornen Feinde meines Va⸗ terlandes?— Nimmermehr!“ „Ihr duͤrft ihm trauen, Donna,“ nahm Pedro das Wort.„Der alte Pedro verbuͤrgt ſich fur ihn und das wäre hoffentlich ſchon ge⸗ nug; aber ſeht zum Ueberfluſſe noch dieſe friſch⸗ blutende Wunde, die er bei dem Beſtreben em⸗ pfing, Eurem Bruder das Leben zu retten.“ „Das thatet Ihr?“ rief ſie, den Sinn der Worte mißverſtehend und funkelnd hafteten ihre Blicke einen Moment mit dem Ausdruck des innigſten Dankes auf meiner verwundeten Wange. Dann hielt ſie mir die Hand hin und rief raſch:„Ich folge Euch!— Wohin ſagte mein geliebter Vater, daß Ihr mich bringen ſolltet?“ 446 So natuͤrlich eine ſolche Frage auch war, ſo wenig hatte ich mich doch darauf vorbereitet und leicht waͤre ihr Argwohn erweckt und da— durch vielleicht Alles verloren worden, haͤtte mich nicht der alte Pedro, ſchnell einfallend„der Ver⸗ legenheit entriſſen. „Nach Barbaſtro„ ſagte er,„zu Eurem Herrn Onkel. Der Herr Marquis werden nebſt Eurer Frau Mutter und Eurem Herrn Bruder verſuchen, gleichfalls, doch auf Umwegen, ſo⸗ hald als moͤglich dahin zu gelangen. Sie ha⸗ ben bereits einem glůcklichen Augenblick zur Flucht benutzt und das Schloß ſchon verlaſſen.— Ich ſoll Euch begleiten.— Jetzt aber, Donna, folgt uns ohne Zögern; und was wir zu ret⸗ ten vermoͤgen, wollen wir nicht leichtſinnig den Flammen opfern.“ Dabei öffnete er ein gehei⸗ mes Wandſchraͤnkchen, nahm ein Kaͤſtchen mit Schmuck, ein anderes mit wichtigen Papieren heraus und bat uns dann, ihm ſo ſchnell als X 1 — 1 — 141 möglich zu folgen, denn ſchon drang Brand⸗ geruch von der Seite der Kapelle her in das Simmer, und ſollte das Feuer, ehe wir entka⸗ men, auch den Gang erreichen, der dieſe ge⸗ heimen Zimmer mit dem entgegengeſetzten Theile des Schloſſes verband, ſp waren wir Alle ret⸗ verloren. „ Zum Gluͤck war unſere Beſorgniß unbe⸗ gruͤndet geweſen; wir gelangten ohne Grefaͤhrde auf dem Schloßhofe an, wo die Soldaten, durch die Flammen vertrieben, ſchon zum groͤß⸗ ten Theile mit Beutegegenſtänden aller Art be⸗ laden, verſammelt waren. Meine Begleiterin achtete nicht darauf, daß ſie Alle ſich an ihrem Eigenthume bereichert hatten, ſondern ſchritt zit⸗ ternd vor Furcht und die Blicke feſt zu Boden geheftet, neben mir her; auf der andern Seite neben ihr ging der alte Pedro, wie es ſchien feſt entſchloſſen, ſeine junge Gebieterin mit ſei⸗ nem Leben zu vertheidigen, wenn es noth thaͤte. 142— Mit ſcheelen Blicken ſahen die Soldaten, deren Wuth an dieſem Tage durch ſo viele Er⸗ eigniſſe gereizt worden war, auf meinen ſchö⸗ nen Schuͤtzling; doch hielt die Ehrfurcht vor dem Stabsoffizier ihre freche Begier in den Schranken und Keiner wagte Thaͤtlichkeiten; aber indem ich an den zum großen Theile Trunkenen voruͤberſchritt, hoͤrte ich nicht undeutlich fluͤſtern, daß die Offiziere immer das Beſte fuͤr ſich naͤh⸗ men, daß dergleichen unerlaubt ſei, und Aehn⸗ liches mehr. Ich achtete nicht darauf und war nur froh, daß das arme Maͤdchen die halb⸗ unterdruͤckten Drohungen nicht verſtand, denn in welchem Grade haͤtte dadurch ihre Angſt ver⸗ mehrt werden muͤſſen. Ohne Unfall geleitete ich meine ungluͤckliche Schutzbefohlene zu meinem Wagen und machte ihr auf demſelben, ſo gut es ſich thun laſſen wollte, einen Platz zurecht. Pedro gebot ich, ſich an ihre Seite zu ſetzen, ich ſelbſt aber — 143 wollte eines meiner Pferde beſteigen, weil ich mich ſo fuͤr einen beſſern und zuverlaͤſſigern Schuͤtzer hielt. Mit Ungeduld erwartete ich den Aufbruch des Kommando's, aber noch immer zoͤgerte der Capitain, den Befehl zum Abmarſch zu geben, obgleich das Feuer ſich jetzt auch ſchon den Wirth⸗ ſchaftsgebaͤuden des Schloſſes mitgetheilt und ſo⸗ mit jede Ausſicht fuͤr uns zerſtoͤrt hatte, hier ein Nachtlager zu finden. Endlich kam der Capitain, aber in wel⸗“ chem Zuſtande!— Er mußte in den Wein⸗ keller gerathen ſein, denn er taumelte, daß er ſich kaum auf ſeinen eigenen Beinen erhalten konnte. Der Wein hatte ſeine natuͤrliche Roh⸗ heit(denn er war von der Pike an avancirt) nur noch aͤrger aufgereizt, und er hatte vom Menſchen kaum mehr als die Geſtalt.— Die Soldaten mußten ihm ſchon von meiner Be⸗ gleiterin geſagt haben, denn er ging oder wankte vielmehr gerade auf meinen Wagen zu, neben dem ich ſtand, mit dem Verbande meiner Wunde beſchftigt, die jetzt arg zu brennen anfing. „Obriſtlieutenant,“ ſagte er, mich vertrau⸗ lich auf die Achſel klopfend,„die kleine Hexe da oben iſt mein. Hoffentlich werden Sie das einſehen, denn als Kommandeur des Detaſche⸗ ments habe ich das Recht, mir mein Theil von der Beute auszuſuchen.“ Nur mit lallender Zunge ſagte er dieß und machte zugleich Anſtalt, auf den Wagen zu klettern. „Halten Sie das ganz nach Belieben. er⸗ wiederte ich mit muͤhſam unterdruͤcktem Zorne, faßte ſeinen Arm und zog ihn etwas unſanft zuruͤck.„Die Beute mache ich ihnen nicht ſtreitig, dieſe Dame aber gehoͤrt nicht mit zur Beute; ſie befindet ſich uͤberdieß unter meinem Schutze und den bitte ich zu reſpectiren.“ „Nichts reſpectire ich, gar nichts!“ ſchrie der Capitain wuͤthend.„Hier hab' ich zu be⸗ fehlen, — 145— fehlen, und die Dirne da muß mein werden. Es ſoll Keiner wagen, ſich mir zu widerſetzen, cher „Was— oder!“ fiel ich raſch ein. „Oder er entgeht der verdienten Zuͤchtigung nicht!“ ſagte der Capitain, begleitete die Rede mit einem derben Fluche und ſchlug dabei dro⸗ hend an den Degen. „Herr!“ rief ich, jetzt die noͤthige Ruhe vergeſſend,„ſind Ihre Worte mehr als leere prahleriſche Drohung, ſo muͤſſen Sie mir auf der Stelle fuͤr Ihre Beleidigung blutige Ge⸗ nugthuung geben!“ Und klirrend ſchlug nun auch ich an den Saͤbel. Mein Schuͤtzling hatte von dem ganzen Streite kein Wort verſtanden, aber ſie hatte unſere zornigen Geberden geſehen, ſie ahnete, daß ihr Gefahr drohe und ſank jetzt mit dem leiſen Ausruf: Santa Maria! ohnmaͤchtig in die Arme des alten Pedro. Wohl ihr, denn 10 — 146— ſo ward ſie der Qual uͤberhoben, Zeugin des folgenden Auftrittes zu ſein. Kaum hatte ich jene Worte gegen den Ca⸗ pitain ausgeſtoßen, als dieſer wuͤthend den De⸗ gen aus der Scheide riß und mir zuſchrie:„Zie⸗ hen Sie! Obriſtlieutenant; ſolche Drohung laͤßt Capitain Cavaur ſich nicht zwei Mal ſagen.— Heraus mit der Klinge, oder— beim Satan— ich ſtoße Sie uͤber den Haufen.“ Zugleich drang er mit ſolcher Hitze auf * mich ein, daß keine Zeit zur Gegenwehr zu verlieren war. Schnell kreuzte ich meine Klin⸗ ge mit der ſeinigen, doch nur mit der groͤßten Muͤhe und Geſchicklichkeit konnte ich ſeine wuͤ⸗ thenden blitzſchnell aufeinander folgenden Stoße pariren. Endlich aber gluͤckte es mir eine Bloͤ⸗ ße, die er mir gab, zu benutzen; ich ſchlug ſeine Klinge ſeitwaͤrts, hieb raſch nach, und mit einem Fluche ließ mein Gegner den Degen dem blutenden Arme entfallen. Der Sieg war — 147— jetzt mein, aber der Capitain ſchaͤumte und wollte ich von ihm, der in ſeinem trunkenen auf⸗ geregten Zuſtande jeder Gewaltthat faͤhig war, nicht alles zu fuͤrchten haben, ſo mußte ich mich der entferntern, vielleicht großern Gefahr aus⸗ ſetzen, um mich der nächſten zu entziehen. Ich gebot daher dem Fuhrmann meines Wagens die Pferde anzutreiben, ſchwang mich ſelbſt in den Sattel meines treuen Thieres und ſprengte dem Wagen nach, dem Detaſchement voraus⸗ eilend. Die Donna hatte ſich waͤhrend deſſen wie⸗ der erholt und aͤngſtlich ſuchte ihr Auge nach mir. Als ſie mich erblickte ſah ich, wie der Ausdruck der Freude ihre ſchoͤnen Zuͤge verkläͤrte und ein unnennbares Wonnegefuͤhl durchzog meine Bruſt. Meine erſte Sorge war nun unſer Aller Sicherheit.„Wo aber nun hin?“ fragte ich deshalb den alten Pedro.„Iſt Barbaſtro weit 10* — 148— von hier entfernt; in welcher Richtung liegt es und iſt franzoͤſiſche Beſatzung dort?“ „Herr,“ entgegnete der Alte,„es liegt kaum drei Stunden ſeitwärts und iſt ſchon lange in Euren Haͤnden. Zwar fuͤhren von hier nur ſelten befahrene Wege dorthin, allein ich glaube um ſo weniger, daß wir jetzt von den Patrioten etwas zu befuͤrchten haben, da ſie ſich wahrſcheinlich heut alle in jenem Walde zu dem Angriff auf Euer Detaſchement vereinigt hatten. Und ſollten ja noch einige zuruͤckge⸗ blieben ſein, ſo hofft der alte Pedro, daß ſeine Begleitung und die Gegenwart der Donna, deren Vater in der ganzen Provinz in hoher Achtung ſteht, hinreichen werden, feindli⸗ chen Angriff abzuwenden.“ Es kam dahin nicht.— Der Alte kannte die Wege genau und gegen Mitternacht lang⸗ ten wir wohlbehalten in Barbaſtro bei dem Hauſe an, welches dem Oheim der Donna ge⸗ hoͤrte. Pedro weckte die Bewohner, welche be⸗ reits in tiefem Schlafe lagen und ihm mürriſch und brummend öffneten, ſogleich aber anderes Sinnes wurden, als ſie ihn erkannten. Er bat meine ſchoͤne Begleiterin, noch einen Augenblick zu verweilen, daß er ihren Oheim auf ihren Empfang vorbereiten koͤnne. Ich durchſchaute ſeine Abſicht und freute mich ſei⸗ nes Zartgefuͤhles, das bei Leuten ſeines Stan⸗ des ſelten gefunden wird. Nach einer kleinen halben Stunde kehrte er zuruͤck und bat mich im Namen des Don Cäſar Guzman von Hinarejas ſeine Nichte zu ihm zu begleiten. Don Caͤſar war einige Jahre juͤnger als ſein Bruder, der Marquis; aber das offene Zutrauen Erweckende, welches mich bei dem er⸗ ſten Blicke zu dieſem unwiderſtehlich hingezogen hatte, vermißte man bei jenem. Er war finſter, muͤrriſch und man ſah es ihm an, welchen 7 Zwang es ihm koſtete, dem Retter ſeiner Nichte, indem er nur den Feind ſeines Vaterlandes ſah, ſelbſt mit wenigen Worten zu danken. Unſere ganze Unterredung waͤhrte kaum fuͤnf Minuten und war kalt, ſteif und formlich, wie man ſie nach einem ſolchen Dienſte, als ich ihm gelei⸗ ſtet, nicht hätte erwarten ſollen. Emport uͤber ſein Betragen verneigte ich mich ſchweigend gegen ihn, richtete dann noch einige Worte an ſeine Nichte, die bisher ſtumm und in ſich verſunken an ſeiner Seite geſtanden hatte und wollte das Zimmer verlaſſen; da er⸗ mannte ſich die ſchoͤne Gerettete, trat raſch auf mich zu, zog einen Ring von ihrem Finger und ſagte, ihn mir uͤberreichend, mit unendlich zar⸗ ten Toͤnen:„Edler Mann, großmuͤthiger Ret⸗ ter ihrer Feinde, nehmen Sie dieß geringe Zei⸗ chen des Dankes guͤtig von mir an und er⸗ innern Sie ſich bei deſſen Anblick Olivia's Hinareja's, in deren Bruſt die Dankbarkeit 1 — 151— fuͤr ihren Retter nur mit ihrem Leben enden wird.“ Die Ruͤhrung hemmte ihre Sprache; gern haͤtte ich ihr geantwortet, hätte ihr geſagt, daß ihr Bild auf ewig in mein Herz gegraben ſei, aber Don Cäſar warf mir giftige Blicke zu und ſein Anblick war mir ſo widerlich, daß ich raſch die Hand auf das Herz druͤckend das Zimmer verließ. Fuͤr immer, fuͤr dieſes Leben wenigſtens, war ich jetzt von ihr geſchieden und die Ueber⸗ zeugung davon durchzuckte mich mit unenbli⸗ chem Weh. Aber nicht lange hatte mein Herz Raum fuͤr dieſen Schmerz. Zwei Tage ſpäter traf ich wieder mit meinem Regimente zuſam⸗ men, und das wechſelvolle Geſchick des Krieges nahm meine ganze Kraft, meine ganze Thaͤtig⸗ keit ſo ſehr in Anſpruch, daß mir kaum ſo viel Zeit blieb, an die reizende Olivia zu den⸗ ten und war dieß dennoch ja einmal der Fall, — 162— ſo geſchah es mehr wie an ein ſchoͤnes, uner⸗ reichbares Traumbild, wie an eine verlohrne Wirklichkeit. Zwei Jahre waren verfloſſen; ich hatte waͤhrend der Zeit faſt ganz Spanien an der Spitze meines Regimentes durchzogen und ſtand endlich wieder in Aragonien. Die Bewohner waren ſeit einiger Zeit in ihren Unternehmun⸗ gen dreiſter und thaͤtiger geworden. Unſere Trup⸗ pen waren an anderen Punkten, wo die Eng⸗ laͤnder uns hart bedraͤngten, gebraucht worden, und mehrere Staͤdte deshalb nur ſchwach beſetzt geblieben. Die Spanier hatten ſich dieſen Um⸗ ſtand zu Nutze gemacht, und nach und nach mehrere, mit unter recht bedeutende Plaͤtze, in ihre Gewalt gebracht. Unter den Staͤdten, an deren Beſitz uns viel gelegen ſein mußte, war auch Barbaſtro, da es die Verbindung zwiſchen Catalonien und Aragonien hemmte, ſo lange es ———— ———— — 153 3 in den Haͤnden des Feindes blieb, der es vor kurzer Zeit durch Ueberrumpelung eingenommen hatte. Die Brigade, zu der auch mein Regi⸗ ment gehoͤrte, erhielt Ordre es unter jeder Be⸗ dingung wieder zu nehmen. Wir beſchloſſen, um Menſchen zu ſparen, uns der Stadt durch ei⸗ nen Coup de main zu bemaͤchtigen; allein unſere Abſicht war verrathen worden und als wir mit der erſten Morgendaͤmmerung vor den Mauern Barbaſtro's anlangten, fanden wir den Feind auf unſern Angriff vorbereitet. Sogleich gab nun unſer Commandeur Befehl zum Sturme und ich ſchauderte, als ich dieß vernahm, denn mein erſter Gedanke, als ich Barbaſtro's erwaͤh⸗ nen hoͤrte, war Olivia geweſen; Olivia, zu der die Liebe in meiner Bruſt, wie ich jetzt leb⸗ haft fuͤhlte, noch immer nicht erſtorben war. Nur mit Entſetzen dachte ich der mannigfachen Gefahren, des Gräuels, denen die Geliebte in einer durch Sturm eroberten Stadt ausgeſetzt ſein konnte, und zum erſten Male, ſo lange — 154— ich Soldat war, war es mir ſchmerzlich bei der Cavallerie zu ſtehen, denn ſo ſchtand faſt jede Hoffnung, die Einzige, fuͤr die mein Herz lebhafter ſchlug, vor Gefahren ſchuͤtzen zu koͤnnen. 5 Das Unternehmen, die Stadt mit Sturm zu gewinnen, war nicht ſo leicht, als wir es uns gedacht hatten, denn die Lage Barbaſtro's iſt feſt durch die Natur und die bewaffneten Patrioten, welche die Mauern vertheidigten, wurden durch die ganze Buͤrgerſchaft unterſtutzt. Endlich, nach zwei Stunden langem, wuͤthendem Kampfe gelang es den Unſrigen den Wall zu erſteigen. Schnell bemaͤchtigten ſie ſich nun des zunaͤchſt liegenden Thores, ſprengten es, und ich erhielt ſogleich Befehl mit meinem Regi⸗ mente einzuruͤcken und die Straßen zu ſaubern. Freudig klopfte mein Herz, als ich dieſen Be⸗ fehl empfing und mit verhaͤngtem Zuͤgel jagte ich, von meinen Treuen gefolgt, in die Stadt. — 155— Durch alle Straßen ließ ich meine Leute ſich vertheilen, wer aber wollte ſich daruͤber wun⸗ dern, wer es mir verargen, daß ich ſelbſt nur fuͤr Olivia Sinn hatte. Von einem Dutzend meiner erprobteſten Reuter begleitet, ſprengte ich ihrer Wohnung zu; nur ein Mal war ich dort geweſen, aber verfehlen konnte ich ſie den⸗ noch nicht. Spruͤhend flogen hinter uns die Funken aus den Pflaſter und wie der Sturm⸗ wind ſauſten wir dahin. Bald hatten wir es erreicht. Da hoͤrte ich wuͤthendes Getuͤmmel in dem Hauſe, hoͤrte mehrere Schuͤſſe im In⸗ nern deſſelben fallen und es war mir als durch⸗ bohrten ſie meine eigne Bruſt. Bei dem Hauſe ſelbſt angekommen ſprang ich vom Pferde und flog mit geſchwungenem Saͤbel die Treppe hinan. Der erſte Gegen⸗ ſtand, der ſich meinem Blicke bot, als ich den Hausflur betrat, war ein verwundeter Spanier, der ſich bei meinem Eintritt matt vom Boden — 166— erhob und das Gewehr, welches er in der Hand hielt, auf meine Bruſt richtete. „Pedro!“ rief ich ihn erkennend,„wo iſt Donna Olivia?— Sprich!“ „Ach, Herr, ſeid Ihr es?“ ſagte er, mich nun auch erkennend;„Euch ſendet die Mutter Gottes zur guten Stunde.— Dort— die Treppe hinauf— am Ende des Ganges 5 die letzte Thuͤr rechter Hand.— Die Donna ringt mit drei blutgierigen Wuͤthrigen;— eilt, ehe es zu ſpät wird.— Ich kann Euch nicht fuͤhren; der Schuß traf mich zu ſchwer.— Eilt, um aller Heiligen willen!“ Die letzten Worte rief er mir nur noch nach, waͤhrend ich ſchon auf der Treppe war. Mit der Angſt des verfolgten Verbrechers flog ich der bezeichneten Thuͤr zu; ſie war von innen verriegelt und das wilde Gelaͤchter mehrerer rauhen Stimmen toͤnte mir daraus entgegen; dazwiſchen vernahm ich matte Klagelaute einer weiblichen Stimme! Mit einer gewaltigen Anſtrengung, mit einer Kraft, die nur die Gefahr des Augenblickes mir geben konnte, ſtieß ich die Thuͤr ein, und ſah HOlivia eben von den rohen Faͤuſten eines unſerer Infanteri⸗ ſten zu Boden gedruͤckt. Ohne mich einen Au⸗ genblick zu beſinnen ſprang ich hinzu, fuͤhrte ei⸗ nen kraͤftigen Streich auf den Boͤſewicht und blutend ſank er neben dem reizenden Maͤdchen nieder. Olivia ſchrie laut auf und ihre Sinne ſchwanden, die Genoſſen des Verwundeten aber ſprangen nach ihren Gewehren und drangen wuͤthend auf mich ein.„So recht! ſtoßt den Hund nieder!“ ſchrie der am Boden liegende, den verwundeten Kopf mit beiden Haͤnden hal⸗ tend.„Stoßt ihn nieder! Hier kraͤht weder Huhn noch Hahn darnach!“ Vergebens donnerte ich den Frechen zu, ſich zu entfernen und das Gebot des Offiziers zu achten; in einem Augenblicke wie dieſer, wenn — 158— eine Stadt nach blutiger Gegenwehr mit Sturm genommen worden iſt, hat der Offizier kaum uͤber die Leute ſeines eigenen Truppentheiles Gewalt, geſchweige denn uͤber die Soldaten einer fremden Waffengattung und ich wuͤrde verloren geweſen ſein, waͤren nicht meine Reu⸗ ter jetzt zu meinem Beiſtande hereingeſtuͤrmt. Schnell wurden die Infanteriſten uͤberwaͤltigt, ich aber ſtuͤrzte zu Olivia, die Todesangſt im Herzen, ich moͤchte dennoch wohl mit meiner Huͤlfe zu ſpaͤt gekommen ſein. Aber ſchon in der naͤchſten Minute ſchlug ſie die Augen auf und als ſie mich erblickte, raffte ſie ſich ſchnell empor, rief:„Zum zwei⸗ ten Male mein Retter, und aus unendlich groͤßerer Gefahr!“ und preßte mich gluͤhend an ihr Herz. Es war ein Moment unbeſchreiblicher Won⸗ ne, aber auch eben ſo kurz wie alle aͤhnliche. Was Olivia gethan, war in der erſten Wal⸗ — 159— lung ihres Gefuͤhles geſchehen; der naͤchſte Au⸗ genblick gab ihr die ruhige Beſonnenheit wieder, ſie ſah mit Beſchaͤmung, wie weit ſie die Graͤnze des Anſtandes uͤberſchritten hatte, matt ſanken ihre Arme von meinem Halſe herab und mit kal⸗ ter Foͤrmlichkeit dankte ſie mir nun nochmals. Doch die eine Sekunde entzuͤckenden Ver⸗ geſſens hatte hingereicht, mich einen tiefen Blick in ihr Herz thun zu laſſen und mehr bedurfte es fuͤr jetzt nicht, um mich auf den Gipfel des Gluͤckes zu heben.— Ich durfte nun nicht laͤnger hier weilen, denn meine Pflicht rief mich wieder hinab in das Getuͤmmel; aber ruhig konnte ich ſcheiden, denn ich wußte ſie ja in Sicherheit. Ich ergriff ihre Hand, preßte ſie gluͤhend an Herz und Lippen, ließ einige mei⸗ ner Leute als Sauvegarde zum Schutze des Hau⸗ ſes und der Geliebten zuruͤck, gebot ihnen, fuͤr den alten Pedro Sorge zu tragen und ſturzte dann zum Kampfe fort. — 160— Zwei Stunden ſpater trugen mich meine Leute blutend und bewußtlos in das Haus Olivia's.— Wir hatten den fliehenden Feind zu hitzig ver⸗ folgt und waren in einen Hinterhalt gerathen. Hier hatte ein Kolhenſchlag auf den Hinterkopf mich beſinnungslos vom Pferde geworfen und eine Kugel mir den rechten Arm zerſchmettert. Wie ich ſpaͤter von meinem Diener erfuhr, war Hlivia in wilde Verzweiflung gerathen, als ſie mich in dieſem Zuſtande erblickte, und erſt als der herbeigerufene Arzt ihr die heilige Ver⸗ ſicherung gab, daß meine Wunden nicht lebens⸗ gefaͤhrlich ſeien und daß mir nichts Noth thue, als Ruhe und ſorgſame Pflege, erſt da hatte ſie ſich beruhigt. Sꝛie wich nun, einer liebenden Schweſter gleich, nicht von meinem Krankenlager und dul⸗ dete es nicht, daß ein Anderer als ſie ſelbſt mir die Arznei und ſo manche kleine Huͤlflei⸗ ſtung reiche, wie der Verwundete ſie bedarf— — 61 ja, ich durfte nicht laͤnger zweifeln,— auch in ihr Herz hatte die Liebe, trotz des National⸗ haſſes, Eingang gefunden. Sie verhehlte mir dieß nicht, und als ich, der Geneſung unter ihrer liebreichen Pflege mit ſchnellen Schritten entgegeneilend, ſie mit dem Geſtaͤndniß meiner Liebe beſtuͤrmte, als ich ſie bat, die Meinige zu werden, da geſtand ſie mir offen, daß nur ich ihr theuer ſei, daß ſie nie einen andern Mann lieben koͤnne, aber dennoch weigerte ſie ſich mit Feſtigkeit, mir ganz und fuͤr ewig an⸗ zugehoͤren. Vergebens drang ich mit Bitten in ſie, mir den Grund dieſer betruͤbenden Weigerung zu ge⸗ ſtehen; lange widerſtrebte ſie, endlich aber konnte ſie mir nicht mehr widerſtehen und ſagte, daß ſie, trotz der gluͤhenden innigen Liebe zu mir, nie einem Manne ihre Hand reichen koͤnne, der die Waffen gegen ihr geliebtes Vaterland trage. 44 — 162— „Aber wenn ich den Dienſt verlaſſe,“ fragte ich,„wirſt Du dann vergeſſen koͤnnen, Ge⸗ liebte, daß ich einſt gegen Spanien focht?“ Forſchend ſah ich ihr hiebei ins Auge, ihre Ant⸗ wort in dem holden Engelsblicke zu leſen. „Ja, dann!“ lispelte ſie und ſank errs⸗ thend an meine Bruſt. „Aber Dein Oheim?“ fragte ich zoͤgernd; „wird er, der in jedem Einzelnen von uns die ganze Nation mit unverſoͤhnlichem Ingrimme haßt, wird er je in unſere Vereinigung willi⸗ gen?“ „Er hat ſeinen Haß mit dem Leben be⸗ zahlt,“ entgegnete ſie leiſe.„Als Ihr Bar⸗ baſtro ſtuͤrmtet, ſtellte er ſich an die Spitze der eilig bewaffneten Buͤrger und fiel bei der Ver⸗ theidigung eines gefahrvollen Poſtens.— Mit ihm ſank der letzte meiner maͤnnlichen Anver⸗ wandten in das Grab und ich ſtehe frei, meine eigene Herrin, da, aber auch eben darum ein⸗ — — ſam, verlaſſen und ſchutzlos!“— Unaufhalt⸗ ſam rannen bei dieſen Worten ihre Thraͤnen, der Erinnerung an den ſchmerzlichen Verluſt des Vaters und des Bruders geweint. Ich ehrte ſchweigend ihren Kummer und begann erſt nach einer langen Pauſe:„Nicht einſam, nicht ſchutzlos ſtehſt Du da, Geliebte, denn noch heute ſchreib' ich um meinen Abſchied. Vor einigen Tagen erklärte mir der Wundarzt, daß ich des Gebrauches meines Armes nicht wie⸗ der maͤchtig werden wuͤrde, und ſo bietet ſich mir jetzt eine ehrenvolle Gelegenheit aus dem zu ſcheiden.“ Wie ich es ſagte, ſo ward es; ich erhielt in huldvollen Ausdruͤcken den Abſchied und bald darauf wurde Olivia mein Weib. Ich machte nun ihr nicht unbetraͤchtliches Vermoͤgen zu baa⸗ rem Gelde, und ſie und der treue Pedro, der — 164— von ſeiner Wunde gluͤcklich geneſen war, beglei⸗ teten mich in mein geliebtes deutſches Vater⸗ terland, das bald nach meiner Ruͤckkehr von dem laſtenden Joche des fremden befreit wurde. Hlivia hatte ſich an das rauhere Klima des Nordens gewoͤhnt und ſegnet noch jetzt oft gemeinſchaftlich mit mir die Unvorſichtigkeit des Capitains, der ſich dem Ueberfalle in jenem Walde ausſetzte; denn haͤtte er dem Gebote der Vorſicht gehorcht, ſo waͤre ich vielleicht nie mit meiner Olivia bekannt geworden, wenigſtens nicht unter ſo merkwuͤrdigen Verhaͤltniſſen und dieſe allein waren bei dem Nationalhaſſe im Stande, uns zu naͤhern. Gedenken wir jenes Zufalles, der fuͤr uns ſo gluͤckliche Folgen hatte, ſo fuͤhlen wir uns zwar von ſchmerzlicher Trauer ergriffen, aber dennoch bewundern wir die Wege des Schick⸗ — 165— ſals, welches ſeine Lieblinge oft durch Leid zur Freude fuͤhrt. Was mich mit meiner Olivia zu⸗ ſammenfuͤhrte, wird nie in unſern Herzen das Gefuͤhl tiefer Wehmuth, herber Trauer, ver⸗ ſchwinden laſſen, und dennoch fuͤhlen wir uns in unſerm Beſitze ſo unausſprechlich glucklich, daß wir dem Himmel, der uns zuſammenfuͤhrte, nicht hadern koͤnnen. 5 Die Dietholde 14 oder die Leipzig Schoffen. Erzählung aus dem Anfange des E⸗ war im Jahre des Herrn 1213, als Bruno Diethold, der angeſehenſte der Leipziger Rathsherren und Schoͤffen, in ſeinem Zimmer, von dem er die Ausſicht auf den geraͤumigen Marktplatz der Stadt hatte, mit maͤchtigen Schritten und verſchraͤnkten Armen auf und nieder ging. — 157— „Himmelſchreiend! himmelſchreiend!“ rief er in einzelnen Pauſen aus.„Unerhoͤrt iſt ein ſolcher Eingriff in unſere Rechte und wir ver⸗ dienten nicht Maͤnner zu heißen, ließen wir die Schmach geduldig an uns veruͤben.“ „Recht ſo, Bruno!“ rief der juͤngere Bru⸗ der des Rathsherrn, der Schoffe Curt Diethold, welcher ſich mit finſter zuſammengezogenen Au⸗ genbtaunen, ein zerdruͤcktes Papier in der Hand haltend, auf einen der ſchweren, mit kuͤnſtlichem Schnitzwerk verzierten Seſſel geworfen hatte. „Recht ſo, Bruder!“ rief noch ein Mal. „Wir wollen und wir duͤrfen es nicht dul⸗ den. Noch iſt es nicht zu ſpaͤt, die ganze Sache zu hintertreiben, und ſahen wir muͤſſig zu bis der Plan zur Reife gedieh, ſo wollen wir doch wenigſtens die Ausfuͤhrung des Wer⸗ kes hindern. Auf, Bruder! Zogere nicht; eile Du in das Viertel von St. Thomas, ich will nach St. Nicolas. Raſch koͤnnen die treuen — 168— muthigen Buͤrger unter den Waffen ſein. Wir umzingeln das Haus dieſes ſchurkiſchen Schult⸗ heißen und nehmen Alle, die dort verſammelt ſind, mit einem Streiche gefangen.“ Noch ehe er dieſ Rede geendet hatte, war er haſtig aufgeſprungen und wollte jetzt aus dem Zimmer ſtuͤrzen, den uͤbereilt gefaßten Su noch uͤbereilter auszufuͤhren. „Halt, Curt!— Halt!“ rief der aͤltere und bedaͤchtigere Bruder ihm zu und zog den Widerſträubenden bei den Bauſchen ſeines Er⸗ mels zurc„Nichts übereilt; ich bitte— ich beſchöte Dich bei unſerm Kn Wohle und dem unſter theuren Stadt.— Geſetzt auch, der Streich gelaͤnge und wir bemaͤchtigten uns ſuͤmmtlicher Zeugen?— Was dann?“ „Dann haͤtten wir die Macht in Haͤnden und koͤnnten Vorſchriften machen, nicht ſie empfangen, und nimmer duͤrfte der Grund⸗ — 169— ſtein zu dieſem beabſichtigten Kloſter des heiligen Thomas gelegt werden.“ „Nein, Bruder, ſo wuͤrde es nicht kommen. Hoͤre mich ruhig an und Du wirſt mir Recht geben.“ „Das fragt ſich noch!“ brummte Curt un⸗ wirſch, aber er warf ſich doch mit erzwungener Geduld und dem feſten Vorſatze, den Bruder ohne Unterbrechung ausreden zu laſſen, wieder auf den kaum verlaſſenen Seſſel. „Du wirſt nicht leugnen,“ begann nun der aͤltere Bruder, vor den juͤngeren hintretend, „daß unter den Maͤnnern, die bei dem Schult⸗ heißen Heinrich verſammelt ſind, ſich mehrere befinden, die unſerer Stadt eigentlich wohlwollen und dem Markgrafen nicht ſonderlich hold ſind.“ „Zugeſtanden.“ „Bekommen wir nun dieſe Herren durch den Ueberfall wirklich in unſere Gewalt und — 10 ich zweifle keinesweges daran,— ſo können wir ſie doch nicht ewig in Nlei Gewahrſam be⸗ halten.“ „Allerdings nicht!“ waxf Curt ein. „Entlaſſen wir ſie aber, ſo werden ſie mit Groll ob der ihnen widerrechtlich zugefuͤgten Un⸗ bill von uns ſcheiden und ohne allen Nutzen verwandelten wir maͤchtige Freunde in gfähr⸗ liche Feinde.“ „Waͤren ſie unſere Freunde,“ erwiederte Curt, unwillig, daß er dem Bruder nicht ganz Unrecht zu geben vermochte,„wie koͤnnten ſie dann dieſen Eingriff in unſere herkommlichen geheiligten Rechte durch ihr eigenes gewichtiges Zeugniß billigen?“ „Du vergißt, daß es zum Theil geiſtliche Herren ſind und daß dieſe ſtets noch mehr als andere Menſchenkinder an dem Sprichworte han⸗ gen: Jeder iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte.“ „ 11— „Aber zum Henker!“ polterte der Juͤn⸗ gere,„willſt Du denn dulden, daß die Stif⸗ tungsurkunde vollzogen und das Kloſter aufge⸗ fuͤhrt werde?“ „Das Erſtere: Ja!— das Letztere: Nein!“— erwiederte Bruno gelaſſen.„Mein Plan iſt, den Erzbiſchof von Magdeburg und die Biſchofe von Naumburg, Meißen und Mer⸗ ſeburg, die der Markgraf durch die Gruͤndung dieſes Kloſters fur ſich gewonnen hat, wieder auf unſere Seite zu bringen und zwar dadurch, daß wir ihnen noch groͤßere Vortheile gewaͤhren oder wenigſtens vorſpiegeln, als ſie von dem unzuverlaͤſſigen wankelmuͤthigen Markgrafen ver⸗ ſprechen. Iſt dieß geſchehen und ich hoffe, es ſoll bald geſchehen, ſo wird es uns nicht ſon⸗ derlich ſchwer fallen, dem verhaßten Dietrich Vorſchriften zu machen. Das ſchwoͤre ich Dir aber, und mag es kommen wie es komme,— ſo lange ich am Leben und in Leipzig bin, ſoll — 12— das Kloſter des heiligen Thomas nicht innerhalb unſerer Ringmauern, auch nicht einmal auf un⸗ ſerm Weichbilde erbauet werden.— Und nun lies mir noch einmal die Unterſchriften der Stif⸗ tungsurkunde vor, damit ich unſere Feinde huͤbſch im Gedaͤchtniß behalte.“ Curt entfaltete das Pergament, welches er bisher noch immer in der zuſammengepreßten Hand gehalten hatte, glaͤttete es ein wenig und begann: Im Namen der heiligen untheilbaren Drei⸗ einigkeit. —„Wir Dietrich, von Gottes Gnaden Markgraf von Meißen“— „Nicht doch! nicht doch!“ unterbrach Bruno ihn mit lebhafter Ungeduld.„Die Worte der Urkunde kenne ich ſo genau, als haͤtte ich ſie ſelbſt entworfen.— Nur die Namen lies mir, die Namen!“ — 173— Curt uberflog, dem Wunſche ſeines Bruders gemaͤß, die Urkunde, von der er ſich dieſe Ab⸗ ſchrift zu verſchaffen gewußt hatte und als er an das Ende derſelben gekommen war, las er mit lauter kraͤftiger Stimme: Albert, Erz⸗ biſchof von Magdeburg.— Engelhard, Bi⸗ ſchof von Naumburg.— Bruno, Biſchof von Meißen.— Dietrich, Biſchof von Mer⸗ ſeburg.— Siegfried, Abt von Pegau.— Albert, Abt von Porzorge.— Dietrich, Probſt vom Petersberg.— Bertram, Probſt von Wurzen.— Herrmann, Landgraf von Thuͤringen.“—— „Ha, daß der kuppleriſche Vater der haͤß⸗ lichen Jutta nicht fehlen werde,“ unterbrach Bruno den Leſenden,„das konnte ich mir wohl denken. Verwuͤnſcht ſei dieſer Landgraf mit ſammt ſeiner lieblichen Tochter; ohne dieſe Bei⸗ den waͤre unſer geliebter Albrecht vielleicht noch am Leben, und es ſtuͤnde beſſer um uns.— Doch weiter, Bruder, lies weiter!“ — 174— „Friedrich, Graf von Brene.— Burk⸗ hard, Graf von Mansfeld— Burkhard Caſtellan von Magdeburg.— Heinrich, Vogt von Skeudiz.— Albert von Drowitz.— Heinrich, Caſtellan von Dohna und deſſen Sohn Otto.— Meiner, Caſtellan von Meißen.— Erkenbold von Breslau.— Hartmann von Lobdeburg.— Heinrich von Wahren.— Otto von Lichtenhagen.— Al⸗ bert von Pforte— Heinrich von Kam⸗ burg.— Albert, Truchſeß; Heinrich, Mar⸗ ſchall; Konrad; Konrad, Mundſchenk.— Siegfried, Villicus ꝛc. und Heinrich, Schult⸗ heiß in Leipzig.“*) *) Die Stiftungsurkunde, in welcher Dietrich der Bedraͤngte, Markgraf von Meißen, ſagt, daß er zur Suͤhnung ſeiner Suͤnden und der ſeiner Gemahlin Jutta(Judith) Tochter des Landgrafen Herrmann von Thuͤringen, bei der ſchon fruͤher veſtandenen Kirche zu St. Thomas in Leipzig, „Groß genug iſt ihre Zahl und auch ihre Macht,“ ſagte Bruno, bitter laͤchelnd, als ſein Bruder geendet hatte.„Aber laß uns des⸗ halb nicht zagen, Bruder.“ „Ich, zagen?“ exwiederte Curt unwillig. „Nimmermehr!— Wo wäre denn auch uͤber⸗ dieß der Grund zur Beſorgniß?— Unſere Sa⸗ che iſt gerecht und unſer Saͤckel gefuͤllt, unſere Mauern ſind ſtark und unſere Buͤrger treu und muthig,— weshalb ſollten wir da zagen?“ „Still, Bruder unterbrach ihn Bruno; „der Junker von Lindenau koͤmmt ſo eben quer uͤber den Markt auf unſer Haus zugeſchrit⸗ ten.— Laß ihn 90 von Seßräche merken.“ ein Kloſter gruͤnden wollte, deſſen Moͤnche die Regel des heiligen Auguſtin annehmen ſollten, fuͤhrt im Originale alle jene oben bezeichneten Un⸗ terſchriften. Sie iſt vom Jahre 1213 ausgeſtellt. P— „Auch ſo ein Fuͤrſtenknecht, dieſer Linde⸗ nau;“ brummte Curt.„Wahrlich Bruder, Du thateſt beſſer ihm Deine Schwelle zu ver⸗ bieten.“ „Schmähe mir den Junker nicht,“ ſagte der Aeltere warm.„Er iſt edel und brav, und wenn ſeine Pflicht als Lehnsmann des Mark⸗ grafen ihn auf deſſen Seite ſtellt, ſo zieht ſein Herz und ſein redlicher Sinn ihn doch zu uns heruͤber.“ „Zu Deiner Eliſabeth!“ bemerkte Curt. „Auch zu meiner Eliſabeth;“ erwiederte Bruno,„und ich bin nicht gegen dieß Verhaͤlt⸗ niß, denn es kann in allen Ehren beſtehen, und beſteht auch ſo.— Nun ober bitte ich Dich Bruder, behandle ihn nicht unfreund⸗ lich.— Ich hore ſeinen Schritt bereits auf dem Vorſaale.— Bedenke, daß wir in dieſer Zeit nicht zu viele Freunde werben koͤnnen.“ Er — m— Er ſchwieg; es ward beſcheiden an die Thuͤr gepocht und herein trat der Junker Ru⸗ dolph von Lindenau, ein hoher ſtattlicher Juͤng⸗ Aing mit freiem, offenem Geſicht, um welches das blonde, reichgeringelte Lockenhaar in uͤppi⸗ ger Fuͤlle wallte. „Gott zum Gruß, ihr Herren,“ ſagte er, in⸗ dem er ſich artig gegen Curt verneigte, und dann auf Bruno zuſchritt, dem er herzlich die Hand ſchuͤttelte, unbekuͤmmert um die Unfreundlichkeit des juͤngern Diethold, der ſeinen Unmuth gegen Alle vom Adel kaum ſoweit maͤßigte, daß er des Junkers Gruß mit leichtem Kopfnicken er⸗ wiederte. „Was bringt Euch zu uns, Junker?“ fragte der aͤltere Diethold, welcher des Linde⸗ nauer's Haͤndedruck nicht mit der altgewohnten Herzlichkeit erwiedert hatte. „Was mich ſtets zu Euch fuͤhrte, ſtets zu Euch fuͤhren wird,“ entgegnete der Junker mit 12 — 178— Wärme.„Mein Herz, meine Freundſchaft und Anhaͤnglichkeit fuͤr Euch.“ „Mich wundert's, Herr Junker,“ begann jetzt der juͤngere Diethold, ohne ſich aus ſeiner nachlaͤſſigen Stellung zu erheben,„mich wun⸗ dert's, daß Ihr nicht auch bei den andern edlen Herren in der Wohnung des Schultheißen Heinrich ſeid.“ „Ich weiß Herr Diethold,“ ſagte der Jun⸗ ker von Lindenau gelaſſen,„daß Ihr den Adel nicht liebt, daß Ihr auch', und gerade in dieſem Augenblicke doppelt, Urſache habt ihn nicht zu lieben, aber daß Ihr alle uͤber einen Leiſten ſchlagt, daß Ihr den Einzelnen nicht von der Menge zu unterſcheiden wißt, das iſt ſehr un⸗ gerecht von Euch!“ „Wer will mich der Ungerechtigkeit zeihen!“ rief der Schoͤffe, indem er zornig aufſprang und den Junker mit feuerſpruͤhenden Blicken maß, gleichſam als erwarte er nur noch ein — ¹79— Wort deſſelben um dem muͤhſam unterdruͤckten Grolle Luft zu machen. Mit beſorgter Miene ſtand der ältere Diethold neben den beiden Maͤnnern, willig zu ſchlichten und zu beſaͤnfti⸗ gen, wo es ſich thun laſſe und doch nicht wiſ⸗ ſend, was er in dieſem Augenblicke beginnen ſolle. Aber unerſchrocken ſah der Junker dem Auf⸗ brauſenden dreiſt und frei in das Angeſicht und ſagte dann mit ruhiger maͤnnlicher Wuͤrde: „Das will ich ſelbſt, Herr Diethold, wenn Ihr naͤmlich fortfahrt Eure Freunde mit Eu⸗ ren Feinden zu vermengen.“ „Seid Ihr denn unſer Freund?“ fragte Curt mit hohniſch ſpottendem Tone,„und wo⸗ mit, geſtrenger Herr Junker, habt Ihr uns dies bisher bewieſen? Etwa durch Eure Liebesbe⸗ theuerungen gegen meine Nichte, die holde Eliſa⸗ beth, des reichen Schoͤffen Diethold einzi⸗ ges Kind?“ 12* — 180— „Ihr mahnt mich zur rechten Zeit an Eure Nichte, Herr Diethold,“ erwiederte Rudolph und man ſah es ihm an, daß er nur mit der groͤßten Anſtrengung die aufſteigende Zornes⸗ gluth niederkaͤmpfte;„die Erinnerung an Eliſa⸗ beth wird mir Kraft verleihen nie zu vergeſſen, daß Ihr dieſes Engels leiblicher Oheim ſeid. Als ſolchem will ich Eurer Spottrede mit Ruhe und Maͤßigung erwiedern, daß ich Eurem Bruder bisher nur deshalb noch keine thaͤtigen Beweiſe meiner aufrichtigen Freundſchaft gab, weil mir dazu die Gelegenheit mangelte; zeigt mir dieſe und Eure beleidigenden Zweifel ſol⸗ len, bei Gott, gehoben werden. Unwillig mit dem Kopfe ſchuttelnd, daß er des Junkers Rede mit Grund nicht wider⸗ legen könnte, wendete der juͤngere Diethold ſich ab, der aͤltere aber trat raſch auf Rudolph zu, zog ihn an die Bruſt und rief:„Braver Junge, ich zweifle ſchon jetzt nicht daran und erkenne — 181— es im Innerſten meines Herzens, daß ich kei⸗ nen wuͤrdigern Eidam als Dich zu finden ver⸗ moͤchte. Das Verſprechen, welches ich Dir ſo lange verweigerte, empfange es jetzt: Dein ſei Eliſabeths Hand— ſobald die Zwiſtigkeiten zwiſchen unſerer Stadt und dem Markgrafen auf eine oder die andere Weiſe geſchlichtet ſind. Eher— kann und darf es nicht ſein.“ „Leider muß ich Euch Recht geben,“ ſagte Rudolph, indem die Ausſicht auf ſo lange Ver⸗ zögerung ſeines Gluckes die Freude uͤber das empfangene Verſprechen noch nicht recht auf⸗ kommen ließ.„An den Markgrafen feſſeln mich Eid und Pflicht, an Euch Ueberzeugung und Liebe; ganz aber muß Euer Eidam Euch an⸗ gehoͤren und Ihr ſelbſt könntet mich nicht ach⸗ ten, wollte ich mit Verletzung heiliger Pflichten ganz auf Eure Seite treten.“ „Junker, Ihr ſprecht wie ein Ehrenmann,“ ſagte, als Rudolph geendet batte, der juͤngere — 182— Diethold, der zwar aufbrauſend und heftig, aber von Herzen beſſer als ſein Bruder war, dem oft die Mittel gleich waren, wenn es die Verfolgung und Erreichung ſeiner Plaͤne und Zwecke galt.„Verzeiht, wenn ich Euch wirk⸗ lich Unrecht gethan haben ſollte und traut der Verſicherung, daß es mich herzlich freuen ſoll, gelingt es Euch, mich davon zu uͤberzeugen.“ Treuherzig reichte er dabei dem Junker die ſtarke Rechte hin, in welche dieſer freudig einſchlug, ſo einen Bund ſtiftend, der laͤngere Dauer ver⸗ ſprach, als mancher, der mit Eiden und Ver⸗ traͤgen beſiegelt wird. „Nimm meinen herzlichen Dank, Bruder, fuͤr die Bekaͤmpfung Deines ungerechten Vor⸗ urtheils,“ ſagte Bruno, den Bruder an die Bruſt druͤckend;„ich weiß, der Sieg iſt Dir nicht leicht geworden, aber um ſo inniger er⸗ kenne ich es an, was Deine Liebe fuͤr mich und unſere Stadt Dir abgerungen.— Ge⸗ — 188— wiß, Du wirſt den Junker mit der Zeit noch eben ſo achten und lieben lernen, als ich ihn bereits achte und liebe.“ „Nicht verargen kann ich es Euch,“ nahm jetzt Rudolph, ſich zu dem Juͤngern der Diet⸗ holde wendend, das Wort,„daß Ihr den leeren Verſicherungen meiner Freundſchaft keinen Glau⸗ ben ſchenkt, ſondern thaͤtige Beweiſe verlangt; aber auch die, hoffe ich, ſollen nicht lange aus⸗ bleiben. Ihr wißt, daß ich aus einer der aͤlte⸗ ſten Familien des Landes entſproſſen bin, und wenn das neidiſche Gluͤck mich auch mit Guͤ⸗ tern nur karglich bedachte, ſo mangelt es mir doch deshalb nicht an Anhang unter dem Adel und ich darf wohl ohne eitles Prunken behaup⸗ ten, daß mein Wort und Beiſpiel, beſonders bei den juͤngern Rittern, etwas gilt. Dieſes Anſehn, dieſen Einfluß, ſoweit es mit meiner Lehns⸗ und Unterthanenpflicht gegen Markgraf Dietrich vertrͤglich iſt, zu Gunſten Eurer Stadt 5 — 184— anzuwenden, ſei meine naͤchſte Sorge und ich hoffe nicht viel zu ſagen, wenn ich verſpreche mehrere meiner Freunde wenigſtens dahin zu bewegen, daß ſie dem Markgrafen nicht mit der Gewalt der Waffen gegen Euch beiſtehen, wenn ſie ſich auch nicht geradezu fuͤr Euch er⸗ klaͤren.“ „Ihr koͤnnt uns dadurch weſentliche Dien⸗ ſte leiſten, Herr Junker,“ ſagte der aͤltere Bru⸗ der;„doch waͤre es uns freilich lieber, den Streit ohne Entſcheidung der Waſſen zu ſchlich⸗ ten oder beizulegen.— Wir ſprechen nächſtens wohl noch weiter daruͤber wie Ihr uns viel⸗ leicht auch darin behulflich ſein konnt. Fuͤr⸗ jetzt glaube ich, wird es Euch nicht unlieb ſein, wenn ich Euch die Erlaubniß ertheile meine Eliſabeth aufzuſuchen, und ihr zu ſagen, was ich Euch ſo eben verſprach.“ Sonder Zögern machte Rudolph von die⸗ ſer Erlaubniß Gebrauch„doch wollen wir die — 185— beiden Liebenden ihrem ſtillen Gluͤcke ungeſtort uͤberlaſſen. Der Bau des Auguſtinerkloſters zu St. Thomas ward nun mit Eifer betrieben. Die dazu erforderlichen Summen lagen bereit und wurden nicht geſpart, zohlreiche Froͤhner und Tagesarbeiter aus der ganzen Umgegend wur⸗ den gedungen und ſo ſtiegen denn, trotz aller Gegenvorſtellungen der Leipziger Buͤrger, die Mauern mit Rieſenſchritten empor und mit ih⸗ nen nahm auch die Unzufriedenheit und Gaͤhrung unter den reichen Leipzigern zu. Ueberall ſchuͤr⸗ ten die Dietholde, welche ſowohl wegen ihres Reichthumes, als auch wegen ihrer Familienver⸗ bindungen des groͤßten Anſehens und Einfluſſes genoſſen, den glimmenden Funken an, ſo daß es zuletzt nur eines Winkes, eines Wortes von ihnen bedurfte, um die lichten Flammen des Aufruh⸗ res und der Meuterei auflodern zu machen. — 486— Aber es mangelte ihnen nicht an der nöthigen Klugheit: ſie mußten auch im guͤnſtigſten Falle durch einen Krieg mit dem Markgrafen fuͤr ſich ſelbſt bedeutenden Schaden befuͤrchten, und der endliche Ausgang blieb, trotz des Eifers und Muthes der Buͤrger, trotz des bedentenden Reichthumes ihrer Stadt, noch ungewiß. Sie zoͤgerten daher um ſo mehr mit dem Zeichen, die Waffen zu ergreifen, als bedeutende Mißhelligkei⸗ ten zwiſchen Markgraf Dietrich und dem Erz⸗ biſchofe von Magdeburg und dem Biſchofe von Merſeburg ausgebrochen waren.*) Dietrich war unbeſonnen genug, hier hartnaͤckig auf ſeinem *) Dietrich hatte naͤmlich den Abt des Kloſters zu Pegau, Seifried, der ſich ſeinem Willen nicht fuͤgen wollte, groblich beleidigt und beſchimpft. Der Erzbiſchof Albrecht von Magdeburg und Bi⸗ ſchof Eckard von Merſeburg, nahmen ſich der Sache des Abtes kraͤftig an und thaten, als Dietrich ſich ihrem Willen nicht fuͤgen wollte, ihn(ſpäter) in den Bann. 16— WPillen zu beharren, dadurch ward ein gaͤnzlicher Bruch immer wahrſcheinlicher und die Leipziger Schoͤffen glaubten nicht mit Unrecht, daß es ih⸗ nen dann leicht gelingen wuͤrde die geiſtlichen Her⸗ ren, die vornehmſten Zeugen bei der Stiftungs⸗ urkunde jenes Kloſters, das den Leipzigern ein Dorn im Auge war, fuͤr ſich zu gewinnen. Ge⸗ lang ihnen dieß, ſo war die unbedingte Uebermacht auf ihrer Seite und es ſtand dann ganz in ihrer Wahl, ob ſie den Markgrafen mit den Waffen in der Hand zur Erfuͤllung ihres Willens zwin⸗ gen, oder ihn durch guͤtliche Vertraͤge dazu be⸗ wegen wollten. Unter dieſen Umſtaͤnden war mehr als die Haͤlfte des Jahres 1213 verronnen und faſt das ganze Land befand ſich in Gaͤhrung, denn auch viele des Adels, welche die Erinnerung an Markgraf Albrecht den Stolzen, des jetzi⸗ gen Markgrafen aͤlteren Bruder, der ihnen durch einen unnatuͤrlichen Tod entriſſen ward, — 188— noch immer nicht aufgeben mochten, waren zur Empoͤrung geneigt, und ſehnten ſich nach einem andern Herrn, thaten deshalb auch der Stadt Leipzig, theils heimlich, theils öffentlich Vor⸗ ſchub. Unter denen aber, welche mehr mit un⸗ wandelbarer Hartnaͤckigkeit als Treue auf der Seite des Markgrafen Dietrich beharrten, war auch der Ritter, Heinrich von Lindenau, des uns bereits bekannten Junkers, Buluh von Lindenau Vater⸗Bruder. Da, wo in unſern Tagen, das den meiſten Sachſen und Namentlich allen Leipzigern wohl⸗ bekannte Gaſthaus des freundlichen Dorfes Lin⸗ denau ſteht, prangte in den Zeiten, in welchen unſere Erzaͤhlung ſpielt, eine ſtattliche Ritter⸗ burg, in welcher der kampf⸗ und ſtreitfůchtige Ritter Heinrich von Lindenau hauſete. Die ho⸗ hen Mauern wurden von der hier ziemlich rei⸗ ßenden Elſter beſpuͤlt; ein tiefer Graben, der aus dem Fluſſe ſein Waſſer erhielt, zog ſich — 180— rings um die Burg und nur eine einzige mäch⸗ tige Zugbruͤcke bildete den Verbindungsweg zwi⸗ ſchen der Feſte und dem Dorfe, deſſen aͤrmliche Huͤtten rings umher verſtreut lagen. Auf der Waſſerſeite, nach der Stadt Leipzig zu, bemerkte man ein kleines Ausfallpfoͤrtlein, von einem ho⸗ hen Wartthurme uͤberragt, auf dem beſtändig eine Schildwach mit gemeſſenem Schritte auf und nieder ging; und unten auf der Elſter wieg⸗ ten ſich mehrere Kaͤhne, jederzeit bereit, eine ziemliche Anzahl Streiter uͤber den Fluß zu fuͤh⸗ ren. Einer von dieſen Kaͤhnen ward jetzt auf ein zuvor gegebenes Zeichen losgebunden, zwei Knechte ſtiegen hinein und ruderten an das ent⸗ gegengeſetzte Ufer, wo der Junker Rudolph von Lindenau ihrer harrte. Der Junker gebot, als der Kahn an das Ufer geſtoßen war, ſeinem Knappen mit den Roſſen auf ihn zu warten, ſtieg dann in das kleine ſchwankende Fahrzeug und bald nahm das Ausfallpfortchen ihn auf. — 0— 1 Sein Ohm, mit ſeinen Geſinnungen un⸗ zufrieden, hatte ihn zu ſich beſcheiden laſſen, um ihm derb ſeine Meinung zu ſagen und zu verſuchen, ob er den Juͤngling andern Sinnes machen koͤnne. Rudolph achtete zwar das Ge⸗ bot ſeines Vaterbruders und erſchien, wie Ritter Heinrich es geheiſcht hatte, aber die Art und Weiſe, wie er in die große Waffenhalle trat, die Feſtigkeit, welche ſich in ſeinen Mienen, ſeinem ganzen Benehmen ausſprach, ſchienen eben keine ſonderliche Neigung zum Nachgeben zu verrathen. „Ihr habt mich zu Euch berufen laſſen, Herr Ohm,“ ſagte er, ſich achtungsvoll gegen den Ritter verneigend, der ſich bei ſeinem Ein⸗ tritt leicht vom Seſſel erhob, dann aber ſeinen Platz ſogleich wieder einnahm und dem Neffen mit der Hand ein Zeichen gab, ſich an ſeiner Seite niederzulaſſen⸗ „Nicht herbeſcheiden ließ ich Dich, Ru⸗ dolph,„ ſagte der Ritter,„ſondern Dich — 191— zu mir zu verfuͤgen, weil ich mancherlei mit Dir zu beſprechen habe. Du weißt, Du biſt Dein eigner Herr und haſt nicht noͤthig, miei⸗ nen Befehlen zu gehorchen.“ „Dafuͤr werden Eure Bitten fur mich ſtets Befehle ſein,“ entgegnete Rudolph, indem er einen Seſſel nahm und ſich dem Oheim gerade gegenuber ſetzte. „Rudolph,“ ſagte nun der Ritter,„ich habe ein ernſtes Wort mit Dir zu reden und hoffe, daß Du es als Mann, nicht aber mit kindiſchem Trotze anhoͤren wirſt.“ „Seid uͤberzeugt,“ erwiederte der Junker, „daß ich nie die Achtung aus den Augen ſetzen werde, die ich dem Bruder meines theuren, mir auf ſo grauſame Art entriſſenen Vaters ſchul⸗ dig bin.— Sprecht daher ohne viele Um⸗ ſchweife, die Sache pflegt nicht ſonderlich be⸗ ſtellt zu ſein, die lange Vorerinrierungen noͤthig macht.“ — 192— „Rudolph,“ ſagte jetzt der Ritter, die Stirne finſter runzelnd und ſich ſtellend, als hätte er des Neffen letzte Worte uͤberhoͤrt,„Ru⸗ dolph— ich hoͤre mit Schmerz und Unwillen, daß Du Dich täglich feſter an dieſe Pfahlbuͤr⸗ ger, dieſe aufruͤhreriſchen Leipziger anſchließeſt.“ „Ich leugne es nicht, Herr Oheim,“ ent⸗ gegnete Rudolph ſtolz„und ich habe es nie ge⸗ leugnet, daß ich die Sache der Leipziger fuͤr die gerechte halte, ſo lange dieß der Fall, wer⸗ det Ihr mich auf ihrer Seite ſehen.“ „Und bedenkſt Du dabei auch, daß Du Dich dadurch an Deinem rechtmaͤßigen Gebie⸗ ter, an dem Dir von Gott verliehenen Lehns⸗ herrn, an dem erlauchten Markgrafen Dietrich ſchwer vergehſt?“. „Herr Ritter,“ erwiederte Rudolph finſter, „dieß iſt ein Punkt, uͤber den ich nur ungern mit Euch ſtreiten möchte, denn unſere Anſich⸗ ten daruͤber laſſen ſich nie ausgleichen.— Ihr ſagt, Dir ſiehſt.“ 1 — 193— ſagt, dieſer Oberherr ſei uns von Gott verlie⸗ hen, und ich mochte lieber glauben, der boͤſe Feind habe ihn uns aufgedrungen.“ „Neffe wahre Deine Zunge!“ ſchrie der Ritter auffahrend.„Vergiß nicht, daß Du einen der treueſten Lehnsleute des Markgrafen vor „Auch ich bin gewohnt, meine Lehnspflicht zu erfullen,“ entgegnete Rudolph barſch. Schon hatte ſich des Ritters aufbrauſende Hitze gemaͤßigt; er erinnerte ſich noch bei Zei⸗ ten, daß ſein Neffe nicht der Mann ſei, der ſich durch rauhe Worte einſchuͤchtern ließ und mit erzwungener Ruhe fuhr er daher fort: „Ich weiß mir Deine Abneigung vor un⸗ ſerem gnaͤdigſten Landesherrn gar nicht zu er⸗ klaͤren.— Sprich, Rudolph, was koͤnnteſt Du gegen ihn haben?“ „Ich fuͤr mein Theil,“ erwiederte der Jun⸗ ter,„habe mich nicht perſonlich uͤber ihn zu be⸗ — 194— 5 klagen, und da er nun einmal unſer rechtmaͤ⸗ ßiger Sebieter iſt, werde ich ihm ſtets die Ach⸗ tung und den Gehorſam erweiſen, die ich ihm ſchuldig bin.— Aber lieben?— Nein, wahr⸗ lich, lieben kann ich ihn nimmer!— Muß ich Euch noch erſt an das mannigfache Ungluͤck erinnern, welches er bereits uͤber ſein Land ge⸗ bracht hat?— An den ungluͤckſeligen Bru⸗ derzwiſt, an das verhaßte Buͤndniß mit dem Thuͤringer Herrmann, und— o, daß ich es verſchweigen koͤnnte!— an den Tod unſeres ge⸗ liebten Markgrafen Albrecht, von dem es nur allzugewiß iſt, daß Gift ſeinem Leben ein Ende machte— Gift— wahrſcheinlich auf das Ge⸗ heiß oder mindeſtens doch mit Wiſſen und Wil⸗ len ſeines Bruders ihm beigebracht!“ „Ich ſehe,“ erwiederte der Ritter, indem er nur mit Muͤhe verbergen konnte, welche An⸗ ſtrengung es ihm koſtete, ruhig zu bleiben;„ich ſehe, Rudolph, daß Du Dich durch verleum⸗ — 195— deriſche Geruͤchte mit fortreißen ließeſt ein har⸗ tes ungerechtes Urtheil uͤber Dinge zu faͤllen, die ſich ereigneten, als Du noch ein Kind ohne jedes eigne Urtheil wareſt.“ „Wahrlich,“ ſagte Rudolph,„ich thue wiſſentlich Niemandem Unrecht; koͤnnt Ihr mich daher uͤberfuͤhren, daß Dietrich beſſer iſt als das ganze Volk ihn haͤlt und auch ich ihn ſchaͤtze, ſo will ich Euch geduldig zuhoren.“ „Thu das, Rudolph, und Du wirſt, wenn Du mich verlaͤßt, gewiß fuͤr uns gewonnen ſein.— Du haſt den verſtorbenen Markgraf Albrecht, den aͤlteren Bruder unſeres gegenwaͤr⸗ tigen Gebieters, nicht gekannt, aber Du weißt doch, daß man ihm den Beinahmen des Stol⸗ zen gab. Dieſen Namen verdiente er auch in der That, denn ſein Stolz kannte keine Graͤn⸗ zen und darin faſt allein iſt der Grund zu den haͤufigen Streitigkeiten der Bruͤder zu ſuchen, unter denen das Land allerdings ſehr litt.— 43* — 196— Dietrich war von den beiden Bruͤdern der min⸗ der maͤchtige; kann man es ihm daher wohl verargen, daß er ſich nach Beiſtand umſah und die Huͤlfe nicht zuruͤckwies, die ſich von ſelbſt ihm darbot?“ „Ihr meint die 1800 Reuter, welche Land⸗ graf Herrmann von Thuͤringen ihm unter der Bedingung anbot, daß er ſeiner häßlichen Toch⸗ ter Jutta die Hand reiche?“ „Eben dieſe meine ich; was laßt ſich dem Dietrich deshalb fuͤr ein Vorwurf machen?“ „Pfui uͤber den Mann!“ rief Rudolph hef⸗ tig aus,„der ſich durch ein Weib verſchafft, was ſein Muth und ſein gutes Schwerdt ihm gewaͤhren konnen, der ſich in das Ehejoch mit einem ungeliebten Weibe ſchmiegt, nur um den Kampf zu vermeiden!“ „und wer ſagt Dir, daß Dietrich ſeine Gemahlin nicht liebe?“ — 197— „Das ſagt mir die geſunde Vernunft,“ rief Rudolph.„Stimmen nicht Alle, die dieſe Jutta je geſehen, darin uͤberein, daß ſie haͤßlich iſt, wie ſelten ein Weib geſchaffen ward? „Das laͤßt ſich freilich nicht leugnen„ er⸗ wiederte der Ritter,„allein die Häͤßlichkeit Jut⸗ ta's erſtreckt ſich nur auf ihr Geſicht. Ihr Gemuͤth iſt eben ſo ſchoͤn als ihre Zuͤge ab⸗ ſchreckend ſind; wer ſie kennt liebt ſie und von ihren naͤchſten Umgebungen wird ſie angebetet.— Du ſiehſt alſo, daß Dietrich ſie wohl gleich⸗ falls lieben kann; waͤre dieß aber auch nicht, ſo muͤßte man ihn dieſer Verbindung wegen doch weit eher loben als tadeln, denn durch ſie und nur durch ſie gab er dem Lande die lange ent⸗ behrte und ſchmerzlich erſehnte Ruhe wieder. Al⸗ brecht ſah, daß er der vereinigten Macht ſeines Bruders und des Landgrafen von Thuͤringen nicht gewachſen ſei;— er ſah ſich vergebens nach fremdem Beiſtande um, und ſo beugte er denn endlich ſeinen Stolz und ſchloß Frieden.“ — 198— „Wie aber wollt Ihr Albrechts Mord ent⸗ ſchuldigen?“ fragte Rudolph, durch des Oheims Worte nur theilweiſe uͤberzeugt, nicht ohne Hef⸗ tigkeit. 196 „Auch hier denke ich Dir zu genuͤgen,“ fuhr der Ritter fort.—„Bald nachdem der Bruderzwiſt beigelegt worden war, zog Dietrich, durch ſeine Froͤmmigkeit und Gottesfurcht ange— trieben, in das gelobte Land, um gegen die Unglaͤubigen tapfer zu kaͤmpfen und ſo fur das Heil ſeiner Seele thätig zu ſein. Waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenheit nun ſtarb plotzlich Albrecht.“— „Vergiftet!“ unterbrach ihn Rudolph mit Heftigkeit;„vergiftet durch ſeinen Stallmeiſter Hugold und auf Geheiß ſeines Bruders Dietrich.“ „Allerdings hegte man damals die Vermu⸗ thung, daß Albrecht an Gift geſtorben ſei, auch laſtete allerdings auf Hugold ſtarker Verdacht, gllein dieſer konnte keinesweges erwieſen werden, am asllerwenigſten aber darf man es dreiſt be⸗ — 489— haupten, daß Dietrich darum gewußt oder es gar veranlaßt habe; jeder Beweis fuͤr dieſe Ver⸗ muthung mangelt.“ „und iſt das nicht Beweiſes genug, daß Hugold den Bruder des Gemordeten, den er als deſſen naturlichen Rächer fliehen ſollen, auf⸗ ſuchte; daß er von demſelben nicht nur nicht zur Rechenſchaft gezogen, ſondern ſogar zum Guͤnſtling erhoben ward?“ „Nein, das beweiſet nichts, denn Hugold hatte dem verſtorbenen Grafen Albrecht lange Jahre treu gedient, und da kein öffentlicher An⸗ kläͤger gegen ihn aufſtand, durfte Dietrich ihn nicht zur Rechenſchaft ziehen.— Erwaͤgſt Du nun dieß Alles wohl, ſo wirſt Du eingeſtehen muͤſſen, daß die Stadt Leipzig wegen ihrer Wi⸗ derſetzlichkeit ſtrenge zu tadeln iſt und daß Alle die Unrecht haben, welche ſich gegen Markgraf Dietrich auflehnen, denn er iſt der Liebe ſeiner Unterthanen werth.“ „Doch nicht ſo ganz, als Ihr zu meinen ſcheint, Herr Oheim; weshalb gönnte er dem Lande keine Ruhe, als er zum alleinigen Be⸗ ſitze der Markgrafſchaft gelangt war, ſondern miſchte ſich fortwaͤhrend in die Streitigkeiten der Kaiſer und Ste, die ihn doch nichts angingen?“ „Die Umſtaͤnde verlangten gebieteriſch, daß er ſich fuͤr die eine oder die andere Meinung erklaͤre; auch haben unſere Kriegsvolker ſich in dieſen Streitigkeiten und Fehden fortwaͤhrend Ruhm erkaͤmpft.“ — „Und gebe ich dieß auch zu,“ entgegnete Rudolph,„ſo muͤßt Ihr doch auch eingeſtehen, daß die Leipziger nichts deſto weniger gerechten Grund haben, dem Markgrafen abhold zu ſein.— Hat er ſich nicht fortwaͤhrend gewei⸗ gert, ihre Privilegien zu beſtaͤtigen und hat er ihnen Namentlich nicht das wichtige Recht, die Meſſe betreffend, vorenthalten, das ſein erlauch⸗ — 201— ter Bruder der Stadt ſchon im Jahre 1190 verlieh?“ „Hat die Stadt Urſach, dem Markgrafen abhold zu ſein,“ erwiederte der Ritter in ſpot⸗ tendem Tone,„ſo hat dieſer wahrlich zehnfache, dieſe frechen Staͤdter zu haſſen, die ſich ihm von jeher mit Wort und That keck und uͤber⸗ muͤthig entgegengeſtellt haben.“ „Herr Oheim, Herr Oheim,“ erwiederte Rudolph, indem ſeine Mundwinkel ſich zu ei⸗ nem ſpottiſchen Lächeln verzogen,„Euer Eifer fur die Sache des Markgrafen koͤnnte wahrlich nur dann als rein erſcheinen, wenn man nichts von Euren beſtaͤndigen Haͤndeln mit den Leip⸗ zigern wuͤßte, die eben nicht ſonderliche Urſach haben, ſich Eurer Nachbarſchaft zu freuen und die ſich, um Euren fortwaͤhrenden Neckereien endlich einen Damm entgegen zu ſetzen, gezwun⸗ gen ſahen, Euch die Warte an die Grenze Eu⸗ rer Beſitzungen zu bauen, die Euch jetzt ein — 202— Dorn im Auge iſt und von neun Zehntheilen Eurer Galle die Schuld trägt.*) Tiefe Gluth des Zornes faͤrbte das Geſicht des Ritters faſt dunkelroth, als er der Worte Erwaͤhnnug thun hoͤrte, die ſein ganzes Aer⸗ gerniß ausmachte. Jetzt galt es ſeine eigne Sache und da verachtete er die Klugheit und Mäͤßigung, die er in der Sache des Markgra⸗ fen fur raͤthlich gehalten hatte. Aufſpringend rief er daher im Tone des bitterſten Hohnes: „und Dein Eifer fuͤr die Sache der Spießbuͤr⸗ *) Der Ritter Heinrich von Lindenau, deſſen Burg auf dem Grund und Boden des jetzigen Dorfes gleiches Namens ſtand, beunruhigte die Leipziger fortwaͤhrend, ſo daß dieſe zuletzt, um gegen ſeine ſteten Ueberfaͤlle und Neckereien geſichert zu ſein, da wo die Grenze ihres Stadtgebietes mit der Grenzmark des Ritters von Lindenau zuſammen⸗ traf, eine Warte erbaueten; dieß iſt eben die, welche noch jetzt unter dem Namen des Kuhthur⸗ mes allgemein bekannt iſt. — 203— ger, Herr Neffe, könnte nus dann fuͤr rein gelten, wenn man nicht wuͤßte, daß eine freche Buͤrgerdirne Dich in den Netzen ihrer buhleri⸗ ſchen Kuͤnſte gefangen haͤlt.“. Auch Rudolph war ſchon fruͤher von ſei⸗ nem Seſſel aufgeſprungen; jetzt fuhr ſeine Hand unwillkuͤrlich an den Griff des Schwertes. Dann aber bekaͤmpfte er mit einer gewaltſamen, faſt krampfhaften Anſtrengung den verderben⸗ bringenden Ausbruch ſeiner Wuth und rief, der Stimme kaum mächtig:„Oheim, nur dem Zu⸗ falle, daß Ihr mit meinem geliebten Vater un⸗ ter einem Herzen geruhet habt, dankt Ihr jetzt Euer Leben, ſonſt wuͤrde ich in dem frechen Ehrenſchaͤnder ſelbſt den Waffenloſen nicht ge⸗ ſchont haben; aber fortan iſt jedes Band zwi⸗ ſchen uns zerriſſen und wo Ihr auch immer ſein möget, köͤnnt Ihr Euch uͤberzeugt halten, daß ich als Euer bitterſter Feind Euch gegen⸗ uͤberſtehe.“ — 24— Ohne des Ritters Antwort abzuwarten ſtuͤrmte er aus dem Gemache, warf die ſchwere Eichenthuͤr mit ſolcher Gewalt hinter ſich zu, daß das ganze Gebaͤude zu beben ſchien, war mit zwei Spruͤngen am Fuße der hohen Wen⸗ deltreppe, ließ ſich haſtig uͤber den Fluß rudern und ſprengte zwei Minuten ſpaͤter der Stadt zu, des Oheims nicht ferner achtend, der ihm ſchmaͤhend aus dem hohen Bogenfenſter nach⸗ rief:„Viel Gluͤck auf den Weg, Herr Buͤrger⸗ knecht!— Ich rathe Euch, Euren Ehrenna⸗ men bald abzulegen, ehe Ihr dazu gezwungen werdet.“ Als Rudolph an der Warte vorbei kam, deren wir im vorigen Abſchnitte erwaͤhnten, hielt er unwillkuͤrlich ſein Roß an und be⸗ trachtete lͤchelnd den hohen feſten Thurm, der fuͤr die Ewigkeit gebaut zu ſein ſchien.„Glaubs wohl,“ murmelte er halblaut vor ſich hin, „daß du meinem Herrn Oheim nicht gefaͤllſt; aber die wackern Buͤrger—“ — 205— „Herr Gott, es brennt!“ unterbrach ihn jetzt ſein Knappe mit lautem Ausrufe.„Seht doch geſtrenger Junker wie dort eine helle Feuer⸗ ſäule grade zum Himmel aufſteigt!“ dabei deu⸗ tete er in gerader Richtung nach Leipzig und Rudolph ſah, wie die helle Lohe, zuweilen mit dichtem, ſchwaͤrzlich grauem Rauche untermiſcht, emporſchlug. „Um Gottes Willen!“ rief er, von jůhem Schrecken erfaßt;„das iſt genau die Richtung, in welcher der Markt liegen muß!“ Und nur mit dem Gedanken an Eliſabeth erfullt, an die Gefahr, in der ſie vielleicht ſchwebte, drůͤckte er ſeinem Roſſe beide Sporen ein und ſprengte, als gaͤlte es das Heil ſeiner Seele, der Stadt zu. Gedankenſchnell flogen die Gegenſtaͤnde zu beiden Seiten des Weges an ihm voruͤber und in wenigen Minuten ſchon war er den Ring⸗ mauern der Stadt nahe. Das Feuer nahm noch immer mehr und mehr zu, doch ward kei⸗ ne Sturmglocke gezogen, wohl aber war es ihm, — 106— als vernaͤhme er ein verworrenes Getoͤſe und SGebrauſe, dem éines Waſſerfalles nicht unaͤhn⸗ lich. Das Raͤthſel ſollte ihm bald geloͤſt wer⸗ den. Kaum war er durch das Thor eingeritten in die Straßen der Stadt, als er eine zahl⸗ reiche Menge von Buͤrgern,— Maͤnner, Wei⸗ ber und Kinder,— aus allen Richtungen der Stadt der Gegend des Marktes zueilen ſah. Seine Furcht, der Dietholde Haus möchte von der Flamme ergriffen ſein oder mindeſtens doch bedroht werden, wuͤrde ſich dadurch noch geſtei⸗ gert haben, wenn er nicht aus den einzelnen Worten der Voruͤbereilenden entnommen haͤtte, daß die Leipziger der guͤtlichen Verſuche, die ſich fortwaͤhrend als vergeblich erwieſen, endlich uͤberdruͤßig zur Gewalt gegriffen und den halb⸗ vollendeten Kloſterban an vielen 4 zugleich mf hůtten. Auf dieſe Veiſe war er zwar zum Theile be⸗ ruhigt, aber dennoch beſchloß er, geradesweges — 207— nach der Wohnung ſeiner Geliebten zu reiten, denn in einem ſolchen Augenblicke der Unruhe mußte ſeiner Eliſabeth ſeine Gegenwart dop⸗ pelt willkommen ſein. Immer dichter draͤngte ſich die Menge, je naͤher er dem Markte kam und aus dem Blicke Aller blitzte lebhafte Freude, hier und dort nicht ohne eine Miſchung von Zorn oder Wuth. Endlich nahm der Andrang der Menſchen ſo ſehr uͤberhand, daß er mit dem Pferde kaum noch von der Stelle konnte. Raoſch entſchloſſen ſchwang er ſich daher aus dem Sattel, warf ſeinem Knechte den Zuͤgel des Roſſes zu und eilte zu Fuß ſein Ziel zu erreichen. Nur noch einige Haͤuſer war er von dem ſeiner Geliebten entfernt, als er in einem Zimmer zur ebenen Erde einen gewaltigen Laͤrmen und das Klirren vieler Schwerdter vernahm. Es war in dieſem Hauſe eine Schenkwirthſchaft, die auch der Oheim ſeiner Eliſabeth öfters zu beſuchen pflegte, um v — — — ſich bei dem Humpen mit ſeinen Freunden und den angeſehenſten Buͤrgern uͤber dieß und jenes zu unterhalten, beſonders aber Alles zu beſpre⸗ chen, was das Gemeinwohl der Stadt betraf. Dieſe Erinnerung, verbunden mit einem un⸗ willkuͤrlichen innern Draͤngen, einzutreten und die Streitenden wo moͤglich auseinander zu trei⸗ ben, ließen Rudolph fuͤr den Augenblick ſeinen Vorſatz aufgeben. Er trat raſch in das Haus, riß die Thuͤr der Schenkſtube auf und ſtand mitten unter den Kaͤmpfenden. Ein Blick ließ ihn die Ueberzeugung gewinnen, daß Gott ihn gerade im wichtigſten Momente hieher fuͤhrte. Die Streitenden beſtanden aus Adligen und Buͤrgern; wahrſcheinlich hatte der Brand des Kloſters die, ohnehin ſchon zwiſchen beiden Par⸗ teien Statt findende, Bitterkeit zum Ausbruche gebracht; vielleicht auch, daß Herr Curt Diet⸗ old, welcher ſich mitten unter den Wüthenden befand, ſeine Hitze wieder nicht zu bezahmen ver⸗ — 2090— vermocht und ſeiner Rede etwas allzufreien Lauf gelaſſen,— genug, als Rudolph von Lindenau das Gemach betrat, tobte das Gefecht eben von beiden Seiten heiß und blutig, doch neigte ſich der Vortheil auf die Seite der Adligen, die nicht nur an Zahl ihren Gegnern uͤberlegen wa⸗ ren, ſondern auch mit dem Schwerdte beſſer umzugehen wußten, als die friedlichen Buͤrger, welche die ſchneidende Woffe zum Theil mehr als Zier denn zur Nothwehr trugen, obgleich es in jenen Zeiten viele Buͤrger gab, welche es mit jedem Rittersmanne aufnahmen. Zu dieſen gehorte auch der juͤngere Diethold, und er war es beſonders, welcher durch ſein Bei⸗ ſpiel wie durch ſeine perſoͤnliche Tapferkeit die gaͤnzliche Niederlage ſeiner Partei noch verzoͤgert hatte; aber er blutete bereits aus mehreren Wun⸗ den und matter fielen ſeine Streiche auf die gegen ihn herandringenden Feinde herab. Wit aller Anſtrengung vertheidigte er ſich ſchon ge⸗ gen einen der Ritter, als ein zweiter, ein ge⸗ 14 — 210— ſchworner Feind der Buͤrger und ein perſoͤnlicher Widerſacher des Schoͤffen, auf ihn eindrang. Zum gewaltigen Hiebe erhob er die kraͤftige Fauſt und ohne des Lindenauers Beiſtand in der Noth waͤre der Schoͤffe verloren geweſen. Rudolph ſah die Gefahr, in welcher Eliſabeths Oheim ſchwebte; raſch warf er ſich zwiſchen Diethold und deſſen Feind und hielt dem Streiche des Letztern ſein eignes Schwerdt entgegen. Doch nur zum Theil vermochte er die furchtbare Ge⸗ walt zu brechen. Das Schwerdt des Ritters fuhr ziſchend auf die Stirn des Schoͤffen herab, das Blut ſtroͤmte dieſem uͤber das Geſicht und bewußtlos ſank er zuſammen; aber hatte Ru⸗ dolph den Hieb nicht ganz abzuwenden vermocht, ſo war doch wenigſtens deſſen toͤdtende Kraft gebrochen, wie ſich ſpaͤterhin erwies. Als der juͤngere Diethold gefallen war, ſprang Rudolph, ſeinen Feind abwehrend, ſchnell 1 vor den Verwundeten und aus ſeinen blitzenden 1. —— Augen, aus ſeiner trotzigen Stellung leuchtete der feſte Entſchluß hervor, den blutenden Schoͤf⸗ fen, wenn es ſein muͤßte, mit Gefahr ſeines eignen Lebens zu vertheidigen. Doch es bedurfte dieſer edlen Selbſtaufopferung nicht. Rudolphs Einmiſchung in das Gefecht, vereint mit dem Falle des Buͤrgeranfuͤhrers, machte dem Kampfe ſchnell ein Ende. Unter denen vom Adel be⸗ fanden ſich Mehrere, welche es im Herzen mit den Buͤrgern hielten und die ſich, als die Feind⸗ ſeligkeit zum offenen Ausbruche kam, nur ſcheue⸗ ten, ihre Meinung offen an den Tag zu legen und ſich gegen ihre Standesgenoſſen auf die Seite der Buͤrger zu ſchlagen; ſie hatten an dem Kampfe nur laͤſſig und mit Widerſtreben Theil genommen, jetzt aber, als Rudolph ih⸗ nen mit ſeinem Beiſpiele voranging, zoͤgerten ſie, die ihm zum Theil perſoͤnlich befreundet waren, nicht laͤnger, ihm nachzufolgen und tra⸗ ten mit dem lauten Ausrufe:„Ruhe!— Frie⸗ den!— Schwerdter in die Scheide!“ auf ſeine 14* Seite. Dadurch wurden ſelbſt diejenigen von den Edlen, welche entweder von beſonderem Raufgeiſte beſeelt oder den Buͤrgern feindlich geſinnt waren, ſelbſt wider ihren Willen gezwun⸗ gen, Ruhe zu halten. Es wurden von beiden Seiten nur noch einige erfolgloſe Streiche ge⸗ wechſelt, bald aber ſtellte ſich der Friede wie ganz von ſelbſt wieder her und ſchon nach we⸗ nigen Minuten war die noch eben uͤberfuͤllte Trinkſtube gaͤnzlich leer, denn immer wilder tobte draußen die Volksmenge. Die vom Adel begannen in der Mitte der ihnen feindlich ge⸗ ſinnten Stadt fuͤr ihre Sicherheit beſorgt zu werden und ſchlichen ſich hinaus, waͤhrend guch die Buͤrger auf die Straße eilten, ſich umzu⸗ ſehen, wie es in der Stadt hergehe. Jetzt erſt gewann Rudolph, welcher ge⸗ zwungen mit mehreren Befreundeten unter bei⸗ den Parteien einige füͤchtige Worte gewechſelt hutte⸗ ſo viel Zeit, ſich nach ſeinem Geretteten S Pis— umzuſehen. Er war verſchwunden, ohne daß Rudolph im erſten Augenblicke zu begreifen ver⸗ mochte, wie er von hier fort und wohin er gekommen ſein koͤnnte. Doch nicht lange ſollte er in Ungewißheit bleiben; in einem benach⸗ barten Gemache vernahm er leiſe Seufzer, wie das Geſtöhn eines Leidenden und dazwiſchen die halblauten Anordnungen eines Mannes, der, ſeinen Aeußerungen nach zu urtheilen, mit dem Verbande einer Wunde beſchäftigt ſein mußte. ohne ſich lange zu beſinnen, öffnete Ru⸗ dolph behutſam die Thuͤr, die, wie er wußte, in das beſcheidene Schlafkaͤmmerlein des Schenk⸗ wirthes und ſeiner Ehegattin fuͤhrte, und was er hier zu finden erwartet, das fand er auch in der That. Auf dem Bette des Wirthes lag, bleich, halb beſinnungslos, das Geſicht mit ge⸗ ronnenem Blute bedeckt, Herr Curt Diethold; mit huͤlfreichen Handleiſtungen beſchaͤftigt, eil⸗ ten der Wirth und die Wirthin, welche ſich — 214— gleich bei dem Ausbruche des Gefechtes hieher gefluͤchtet hatten, in dem kleinen Gemache hin und her; uͤber dem Verwundeten aber lehnte, eben den kunſtgerechten Verband vollendend, ein fremder Mann von finſtrem, faſt widerlichem, abſchreckendem Anſehen, in das weite, ſchwarze, farbige Gewand gehuͤllt, welches in damaliger Zeit die Gelehrten verſchiedener Satnte zu tragen pflegten. Der Arzt— denn das war der Fremde ſeiner jetzigen Beſchaͤftigung nach offenbar— achtete des eintretenden Rudolph nicht weiter, als daß er, wie Ruhe gebietend, mit der Hand rückwärts winkte; dann zog er ein kleines Flaͤſch⸗ en aus dem bauſchigen Gewande, goß einige Tropfen der geiſtigen Eſſenz, welche das ge⸗ ſchliffene Flaͤſchlein enthielt, auf die Bruſt des Verwundeten und bald darauf ſchien dieſer in einen ruhigen, erquickenden Schlummer zu ſin⸗ ken, der unter den obwaltenden Umſtanden nur eine Wirkung der Wunderarznei ſein konnte. — 215— Der Arzt deutete jetzt den Anweſenden an, daß nun Ruhe das erſte Bedingniß zur Gene⸗ ſung des Kranken ſei; ſie moͤchten ſich daher entfernen, waͤhrend er zur Aufſicht bei dem Verwundeten bliebe und deſſen Erwachen ab⸗ warte. Der Wirth und die Wirthin verließen ſo⸗ gleich das kleine Gemach, um an die Beſor⸗ gung ihrer Geſchaͤfte zu gehen und auch Ru⸗ dolph ging, im Herzen innig erfreut, daß ein guͤtiges Geſchick ihm Gelegenheit gegeben, den ihm bisher noch immer feindlich geſinnten juͤn⸗ gern Diethold ſich zum Danke verpflchten zu können, denn daß derſelbe nur ihm ſein Leben verſchulde, durfte er ſich nicht leugnen. Rudolph fand ſeine Eliſabeth ganz allein, von Angſt beſtuͤrmt in ihrem freundlichen Stuͤbchen. „Gott ſei gelobt, daß er Euch zu meinem Troſte hergeſendet; ich bin faſt vergangen vor Furcht. Schon ſeit dem fruͤhen Morgen ſind — 216— der Vater und der Oheim abweſend und unſere Dienſtboten waren nicht zu halten, als ſie von dem Brande des Kloſters und das Getuͤmmel auf den Straßen hoͤrten; ſo bin ich denn ganz allein in dem weiten Hauſe und voll Beſorg⸗ niß fuͤr alle meine Lieben. Ich weiß es wohl, daß Viele des Adels von der Partei des Markgrafen in der Stadt ſind; wie leicht kann alſo da, trotz der Liebe, die ſie bei ihren Mitbuͤrgern genießen, dem Vater oder Oheim etwas zugeſtoßen ſein. Um Euch aber war meine Beſorgniß noch ge⸗ rechter und deshalb auch faſt noch großer. In dem wilden Tumulte waret Ihr, als Einer des Adels, jeder Unbill von Seiten des aufgeregten Poͤbels ausgeſetzt; denn nicht alle Bewohner un⸗, ſerer Stadt wiſſen, wie aufrichtig Ihr es mit uns meint.“ „Welchem Uebel,“ erwiederte Rudolph, „ginge man nicht freudigen Muthes entgegen, wenn man auf Eure Theilnahme rechnen darf? — 2— Doch war zum Gluͤck Eure Beſorgniß ungegruͤn⸗ det, denn wie Ihr ſeht, bin ich wohl und unver⸗ ſehrt; Euer Vater wird es ſonder Zweifel, um⸗ geben von den treuen, ihn liebenden Buͤrgern, gleichfalls ſein, und ſollte Eurem Oheim wirklich etwas zugeſtoßen ſein, ſo—“ „Ihr erſchreckt mich, Junker!“ rief Eli⸗ ſabeth voll Beſorgniß.„Ich beſchwoͤre Euch, ſprecht deutlicher.— Ihr wuͤrdet ſchon ſo viel nicht ſagen, haͤttet Ihr nicht noch mehr verſchwie⸗ gen.— Ich bitte Euch, laßt mich Alles wiſ⸗ ſen!— Hat den Vater, den Oheim irgend ein Ungluck betroffen?“ „Euren Vater nicht, ſo viel ich weiß,“ ſagte Rudolph,„und auch wegen Eures Oheims koͤnnt Ihr jede Furcht aufgeben.“ Ruhig und mit moͤglichſter Milderung er⸗ zählte er nun, was dem juͤngeren Diethold zuge⸗ ſtoßen und benahm endlich ſeiner Geliebten jede Beſorgniß durch die Betheuerung, daß die Wunde U ihres Oheims nicht gefaͤhrlich und daß derſelbe unter der ſorgſamen Pflege und Obhut eines er⸗ fahrnen Arztes ſei. „Und nun,“ fuhr er fort, als er ſeinen Be⸗ richt geendet hatte,„nun laßt mich wiſſen, was es mit dem unerwarteten Aufruhre fuͤr eine Be⸗ wandtniß hat.“ „Daß ein ſolcher Ausbruch des allgemeinen Unwillens ſchon ſeit laͤngerer Zeit vorbereitet war,“ nahm Eliſabeth das Wort,„darf ich Euch nicht erſt ſagen. Nur eines leiſen, unbe⸗ deutenden, aͤußeren Antriebes bedurfte es, um den von innen glimmenden Funken zu hellen Flammen anzublaſen und dieſer Antrieb fand ſich heute Morgen, indem der Erzbiſchof von Magde⸗ burg und der Biſchof von Merſeburg in einem gnaͤdigen Handſchreiben, welches ein eigener Bote berbrachte, unſerer Stadt eine betraͤchtliche Huͤl⸗ fe an Kriegsvoͤlkern verſprechen, wenn der Mark⸗ 3 graf ſich, wie das Gerede geht, gegen Leipzig — 219— ruͤſten ſollte.— Schnell verbreitete ſich das Ge⸗ ruͤcht von dieſem Handſchreiben durch die ganze Stadt; die Buͤrger, durch die Ausſicht auf ſo bedeutende Huͤlfe uͤbermuͤthig gemacht, ſtuͤrmten, mit Feuerbraͤnden und Pechkraͤnzen bewaffnet, nach dem Kloſter, und bald ſtand der noch nicht vollendete Bau, an mehreren Orten zugleich an⸗ gezuͤndet, in hellen Flammen. Der Vater eilte fort, um zu verhuͤten, daß das Feuer die Woh⸗ nungen der Buͤrger, die dem Kloſter zunaͤchſt lie⸗ gen, ergreife, und den Oheim trieb ſein edles Herz an, den Probſt Conrad zu retten und wie ich hoͤre, iſt es ihm gelungen. Waͤre er in die Gewalt des rohen, zuͤgelloſen Poͤbels gefallen, ſo war es, aller Wahrſcheinlichkeit nach, um ſein Leben geſchehen.“ „Brav, ſehr brav!“ ſagte der Junker. „Ich haͤtte nicht geglaubt, daß Herr Curt im Stande waͤre, ſeine Leidenſchaft ſo weit zu be⸗ zwingen.“ — 220— „Lernt ihn nur erſt beſſer kennen,“ erwie⸗ derte Eliſabeth,„und ihr werdet ihn gewiß auch lieben und ſchaͤtzen lernen. Glaubt mir, der Oheim ſteht keinem Ritter an Edelſinn nach. Zwar iſt er heftig, aufbrauſend, oft ſogar wild, aber er verſchmaͤht jedes unedle Mittel, um zu dem Ziele zu gelangen, das er ſich geſteckt hat. Gewalt dunkt ihm kein Unrecht, ſonſt wuͤrde er — dieſe anwenden.“ „Ich habe ihn ſtets als einen geſchaͤtzt,“ entgegnete Rudolph,„aber was Ihr mir jetzt von ihm ſagt, meine Eliſabeth, ver⸗ mehrt meine Achtung noch unendlich und ich werde gewiß kein Mittel unverſucht laſſen, mir ſeine . zu erwerben.“ „Die iſt Euch, nach dem, was Ihr dieſen Morgen fuͤr ihn gethan, gewiß, denn ſein Herz iſt der Dankbarkeit nicht unempfaͤnglich— Wo aber nur der Vater bleiben mag?“ rief ſie nach einer Pauſe aus und tiefe Roͤthe uͤberzog ihr ——— — 221— Wangen, Hals und Buſen, denn ploöͤtzlich hatte ſie ſich mit Schrecken daran erinnert, welcher Un⸗ anſtaͤndigkeit ſie ſich ſchuldig mache, indem ſie ſo lange ganz allein in der Geſellſchaft des Junkers weilte. „Theurer Rudolph,“ begann ſie daher und ihre Zunge ſtockte, auszuſprechen, was Anſtand und Sitte ihr geboten,„deutet es mir nicht uͤbel, wenn ich Euch bitte, mich jetzt zu verlaſſen.“ „und weshalb Euch verlaſſen?“ fragte er mit zaͤrtlichem Tone, indem er zugleich ſeinen kräftigen Arm um des keuſchen Mädchens zarten Leib ſchlang. „Weil die Sitte der Jungfrau verbietet,“ erwiederte Eliſabeth, ſich mit ſanfter Gewalt von ihm loswindend,„allein in der Geſellſchaft eines Mannes zu weilen.“ „Auch wenn eben dieſer Mann der Verlobte der Jungfrau iſt?“ fragte Rudolph. — 222— „Auch dann,“ entgegnete Eliſabeth;„min⸗ deſtens, wenn die Welt von der Verlobung noch nichts weiß, wie es bei uns der Fall iſt.“ 4„Eliſabeth, Ihr ſeid ſehr hart!“ ſagte Ru⸗ dolph mit einem ſchweren Seufßzer. 8 „Und dennoch wollte ich wetten,“ erwiederte ſie, in den Ton des leichten Scherzes uͤbergehend, „daß Ihr findet, neben der Häͤrte waltet Ge⸗ rechtigkeit.— Rudolph,“ fuhr ſie nach kurzer Pauſe fort und aus Blick und Ton leuchteten die innigſte Zaͤrtlichkeit und Liebe,—„Rudolph, verlaßt mich jetzt, wenn ich Euch, wenn Euch mein Ruf werth iſt.“ Schweigend zog er nun ihre Hand an ſeine Lippen und verließ dann das Zimmer, einen Blick auf die Geliebte werfend, der ſeinen Schmerz wie ſeine Liebe ausdruͤckte. Sowohl Vater als Tochter wurden die Verſicherungen des Arztes bald uͤber den Zuſtand des Verwundeten beruhigt. — 223— „Ruhe und ſorgſame Pflege muͤſſen jetzt das beſte thun,“ ſagte der Fremde, und als er er⸗ fuhr, daß die Wohnung des Schoͤffen ſo nahe gelegen ſei, hatte er nichts dagegen, den Kran⸗ ken hinuͤberſchaffen zu laſſen. Er ſelbſt, der, wie er ſagte, zu der bevorſtehenden Meſſe nach Leipzig gekommen war, nahm mit Dank die Wohnung an, die ihm in der Behauſung der Dietholde ge⸗ boten wurde. Als der Kranke zur Ruhe gebracht worden war, ſuchte der Arzt den Junker von Lindenau auf, der ſich in eine unſern belegene Herberge zuruͤckgezogen hatte. „Verzeiht,“ ſagte er, Rudolph freundlich begruͤßend,„wenn ich zu ungelegner Zeit erſcheine, aber ich habe, ſeit ich Euren Namen gehoͤrt, keine Ruhe, bis ich weiß, ob Ihr eben der Lin⸗ denau ſeid, den ich ſuche.“ „Ihr mich?“ erwiederte Rudolph mit dem Ausdrucke der Ueberraſchung.„Ich wuͤßte mich — 224— nicht zu entſinnen, daß ich Euch ſchon je zuvor im Leben geſehen haͤtte.“ „Das habt Ihr allerdings nicht,“ ſagte der Fremde,„allein bald ſoll es Euch klar werden, weshalb ich Euch aufſuche.— Beantwortet mir zuvor die Fragen: Empfinget Ihr in der heiligen Taufe den Namen Rudolph, und zog Euer Vater in dem Gefolge des jetzigen Markgrafen mit in das gelobte Land, das Grab unſeres Heilandes vor den Angriffen der Unglaͤubigen beſchutzen zu helfen?“ „Beides iſt ſo, wie Ihr ſagtet,“ erwiederte Rudolph, deſſen Spannung immer hoͤher ſtieg. „Rudolph iſt mein Name und mein Vater fiel in Palaͤſtina im ehrenvollen Kampfe gegen die Feinde unſeres Glaubens.“ „Seid Ihr deſſen uͤberzeugt?“ „Vollkommen; die Kunde ſeines Todes ward mir durch ſeinen eignen Knappen uͤberbracht, den ein⸗ einzigen von allen ſeinen Begleitern„ welcher dem Schwerte der Unglaͤubigen entkam.“ „So mag es Euch erzaͤhlt worden ſein und das Hiſtorchen klingt in der That recht glaubwuͤr⸗ dig, allein wie, wenn man Euch zu taͤuſchen ge⸗ ſucht haͤtte?“ „Waͤre es moͤglich?“ rief Rudolph heftig aus.„Doch Ihr wißt mehr von der Sache, als ich anfangs glauben konnte.— Ich bitte, ich beſchwoͤre Euch, verhehlt mir nichts!“ „Wohlan denn,“ erwiederte der Arzt.„Ihr ſollt die Wahrheit vernehmen, aber bereitet Euch darauf vor, Schreckliches zu hoͤren.— Wahr iſt es, daß Euer Vater in Palaͤſtina ſein Leben endete, doch uͤber die Art und Weiſe ſeines Todes hat man Euch hintergangen, und wenn der Die⸗ ner Eures Vaters es war, der Euch dieſe Nach⸗ richt hinterbrachte, ſo muß er beſtochen worden ſein oder aus irgend einer andern unlautern Ab⸗ 15 — 25— ſcht gehandelt haben; denn Euer Vater ſtarb auf Befehl des Markgrafen.“ „Ha, unmoͤglich!“ rief Rudolph aus und bei dem Gedanken, daß er den Mord eines ge⸗ liebten Vaters zu raͤchen habe, fiht dunkle Zor⸗ nesgluth ſeine Wangen. „Wie ich Euch ſage,“ erwiederte der Arzt, „ſo iſt es in der That. Ich ſelbſt war zu jener Zeit in Palaͤſtina, in der Naͤhe des Markgrafen und kann Euch von allen näheren Umſtaͤnden in Kenntniß ſetzen.“ „Erzählt! ezůhitr⸗ draͤngte Rudolph. „Bei einer Streifparthie,“ begann nun der Fremde,„traf der Markgraf mit ſeinem Ge⸗ folge, unter dem ſich Euer Vater befand, auf einen ziemlich zahlreichen Haufen der Unglaͤubi⸗ gen. Es war ein Paſcha, der mit ſeiner Fami⸗ lie, zwei Soͤhnen und einer Tochter, auf einer Reiſe begriffen war, und der, um gegen jede Ge⸗ fahr geſichert zu ſein, eine zahlreiche Menge ſei⸗ — 227— ner Sklaven zur Bedeckung mitgenommen hatte. Es entſpann ſich ein wuͤthendes Gefecht, doch durch die größere Tapferkeit der Chriſten, die noch dazu den Vortheil der ſchwereren Ruͤſtung fuͤr ſich hatten, waͤhrend ihre Gegner nur leicht bewaffnet waren, entſchied ſich der Kampf bald zum Vortheil der Unſrigen. Der alte Tuͤrke und deſſen juͤngerer Sohn, ein Juͤngling von hoͤch⸗ ſtens ſiebzehn Jahren, geriethen in Gefangen⸗ ſchaft und dem aͤlteren Sohne ſpaltete der Mark⸗ graf ſelbſt den Schädel. Die Sklaven ſtreckten ſogleich die Waffen, ſobald ſie ihren Gebieter in feindlicher Gewalt ſahen; doch noch duͤnkte dem Markgrafen der Sieg nicht vollkommen, denn gleich im Anfange des Gefechtes waren die Skla⸗ ven, welchen die beſondere Obhut uͤber die Saͤnſte oblag, in der ſich des alten Muſelmannes Toch⸗ ter befand, entflohen. Der Markgraf, in der feſten Ueberzeugung, daß hier eine ausgezeichnete Schoͤnheit in ſeine Haͤnde fallen wuͤrde, ſprengte den Fluͤchtlingen nach. Bald kamen ſie ihm zu 15* Geſicht, aber die Hoffnung, eine reizende Beute zu machen, war vernichtet. Euer Vater, Herr Junker, hatte die Saͤnfte, von zwei Knappen begleitet, gleich anfangs verfolgt, hatte ſie bald eingeholt und als der Markgraf herankam, war die Tuͤrkin bereits in der Gewalt Eures Vaters, denn die acht Begleiter der Saͤnfte hatten es kaum gewagt, den geringſten Widerſtand zu leiſten. 5 Der Markgraf verlangte nyn in herriſchem Tone, daß ihm die Gefangene ausgeliefert wurde. Euer Vater verweigerte dieß ſtolz, mit gutem Grunde behauptend, daß die Tuͤrkin ſeine recht⸗ maͤßige Kriegesbeute ſei. Die andern Ritter tra⸗ ten auf ſeine Seite und mit tiefem Groll im Herzen ſtand endlich, nach längem Streite, der Markgraf von ſeinem Verlangen ab. 3 Man kehrte nun in das Lager zuruͤck; der Markgraf mit ſeinen maͤnnlichen Gefangenen, Euer Vater mit ſeinem weiblichen. Am folgen⸗ den Tage beſuchte der Markgraf Euren Vater in ſeinem eigenen Zelte, um nochmals, doch im Guten, die Auslieferung der Tuͤrkin von ihm zu verlangen.. „Herr Markgraf,“ erwiederte Euer Vater, „ehe ich auf Euer Verlangen antworte, erlaubt mir, Euch zu fragen, was Ihr uͤber den Va⸗ ter und Bruder meiner Gefangenen beſchloſſen habt?“ „Sie ſollen gegen ein Loͤſegeld, uͤber welches wir ſchon einig ſind, entlaſſen werden.“ „Nun wohlan,“ ſaste Euer Vater, ſobald Eure Gefangenen in Freiheit ſind, uͤberliefere ich Euch die Meinige freiwillig, denn bei groͤ⸗ ßerer Ruhe und kaͤlterer Ueberlegung als ich ge⸗ ſtern im Augenblicke nach dem hitzigen K Kampfe faͤhig war, habe ich eingeſehen, daß es tadelns⸗ werth von mir ſein wuͤrde, mich den Wuͤnſchen meines Fuͤrſten und Landesherrn zu widerſetzen. Meine Sklavin, welche Ihr dort ſeht, iſt uͤber⸗ — 230— dieß bereit, Euch zu folgen und Eure Liebe durch Gegenliebe zu vergelten.“ Bei dieſen Worten zeigte er auf die gefangene Tuͤrkin, welche, dicht verſchleiert, in der Ecke des Zeltes auf weichen Polſtern ruhte und dem Markgrafen, als ſie ſich von ſeinem Blick getroffen ſah, durch Zeichen zu verſtehen gab, daß ſie ihm gern folgen wuͤrde. „Iſt ſie ſchoͤn?“ fragte der Markgraf. „Ihre Sklavinnen verſichern es,“ entgeg⸗ nete Euer Vater. „So wären wir denn alſo im Reinen,“ ſagte der Markgraf, ſich von ſeinem Sitze erhe⸗ bend;„ſobald meine Gefangenen die Freiheit er⸗ halten,— und ihrer Verſicherung nach ſoll das Löſegeld ſchon in wenigen Togen eintreffen— uͤberliefert Ihr mir die ſchoͤne Turkin.“ Der Markgraf ging und erhielt wenige Tage darauf, als er jenen alten Tuͤrken mit ſeinem Sohne wirklich bereits in Freiheit geſetzt hatte, die Gefangene von Eurem Vater ausgeliefert⸗ — 231— Denkt Euch aber ſeine Ueberraſchung, ſeinen Schreck, ſeine Wuth, als er der Tuͤrkin nach ſanftem Straͤuben von ihrer Seite den Schleier entwand und ein Geſicht erblickte, das an Häß⸗ lichkeit ſeines Gleichen ſuchte. Zornentbrannt ſuchte der Markgraf Euren Vater auf und machte ihm die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe, daß or ihn getaͤuſcht, hintergangen und betrogen haͤtte, da er ihm von einer ſchönen Gefangenen vorgeſchwatzt und ihm eine haͤß⸗ liche uͤberantwortet hätte. Vergebens ſtellte Euer Vater dem Markgra⸗ fen vor, daß er an einer Täuſchung, wenn ſolche hier wirklich vorgefallen waͤre, durchaus unſchul⸗ dig ſei, da er, wie er ausdruͤcklich bemerkt, ſeine Gefangene ſelbſt nicht unverſchleiert geſehen habe. Der Markgraf achtete nicht auf dieſe Ent⸗ ſchuldigung, die allerdings buͤndig erſcheinen mußte, obgleich ſie es in der That nicht war, wie Ihr ſpäterhin erfahren ſollt. Euer Vater ———— — I* 1 1 . 3 3 . 3. 1 3 1 1 5 1. 6 3 3 13 1 113 S —— —— 2 ———— — — ward nun auch hitzig und im bitterſten Grolle ſchieden endlich die beiden Maͤnner. Als der Markgraf zu kaͤiterer Ueberlegung kam, ſchien es ihm, als habe Euer Vater ihn unwiſſentlich getäuſcht; denkt Euch nun, wie ſehr er in Wuth gerieth, als er bald darauf das Gegentheil erfuhr.— Die Sache verhielt ſich naͤmlich folgendergeſtalt: Die Schoͤnbeit ſei⸗ ner Gefangenen, vereint mit deren ruhrenden Bitten, hatten das Herz Eures Vaters erweicht, ſo daß er ihr verſprach, ſie in die Arme ihres Vaters und Bruders zuruͤckzufuͤhren, wenn es denſelben gelungen ſein wuͤrde, ſich durch Löſe⸗ geld oder auf irgend eine andere Weiſe in Frei⸗ heit zu ſetzen. Wie Euer Vater den Markgra⸗ fen kannte, durfte er annehmen, daß derſelbe ſeine Abſichten auf die gefangene Tuͤrkin nicht ſo leicht aufgeben wuͤrde und er hielt es daher fuͤr das Gerathenſte, zur Täuſchung ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen. Zu dem Zwecke ward ver⸗ . — 233— abredet, daß die ſchöne Zuleima, Eures Vaters Gefangene, heimlich aus dem Lager entfernt und in Sicherheit gebracht werden ſollte, waͤh⸗ rend an ihrer Statt eine treue Sklavin, deren Aeußeres von der Natur ſtiefmuͤtterlich bedacht worden war, zuruͤckbleiben ſollte. Alles ward gluͤcklich ausgefuͤhrt, wie es ausgeſonnen worden war, doch der Verräther ſchlief nicht und ſo erfuhr denn der Markgraf, Gott weiß, auf welche Weiſe, den ihm geſpiel⸗ ten Betrug. Er ſchaͤumte vor Wuth und dieß um ſo mehr, als ihm, wenigſtens fuͤr den Au⸗ genblick, an beiden Theilnehmern die Rache ver⸗ wehrt war; denn die Sklavin hatte er im er⸗ ſten Zorn uͤber ihre Paͤßlichkeit ſelbſt in Frei⸗ heit geſetzt und ſie war nun ſchon laͤngſt bei den Ihrigen, und Euer Vater ſtand bei dem ganzen Kreuzheere in ſo hoher Achtung, daß er es nicht wagen durfte, demſelben oͤffentlich eine Unbill zuzufuͤgen, wollte er nicht die allgemeinſte — 234— unzufriedenheit gegen ſich erwecken. Aber je verſteckter die Rache geuͤbt wird, um deſto ſicherer trifft ſie auch. Der Markgraf ſtellte ſich àußer⸗ lich freundlich gegen Euren Vater, waͤhrend er ihm im Herzen den Untergang geſchworen hatte. Bald darauf kam es zu einer Hauptſchlacht, die Eurem Vater das Leben koſtete. Er ward von hinten mit einem Pfeile durchbohrt, der in der Wunde ſtecken blieb und den Jeder im ganzen Lager fur einen chriſtlichen erkannte. Wer der Meuchelmoͤrder geweſen, ward nie in Erfahrung gebracht; doch daß der Markgraf davon mehr wiſſe, als fur das Heil ſeiner Seele gut ſei, ſagte man laut und ohne Hehl.“ „Grußlich! gräßlich!“ rief Rudolph aus, indem er in herzzerreißendem Schmerze beide Haͤnde vor das Geſicht ſchlug.„Ermordet, meuchlings— weil er einem feigen Wolluſt⸗ ling ein unſchuldiges Mädchen aus den Klauen riß?“ 3 ———————————————— — 235— „Ja, es iſt eine That, welche blutige Rache heiſcht,“ ſagte der Fremde.„Ihr duͤrft nicht zögern, ſie an dem Moͤrder zu nehmen, ſoll der bleiche blutige Schatten Eures ermordeten Vaters Euch nicht zuͤrnen.“ „Aber wie kann ich mich rächen?“ fragte Rudolph halb bewußtlos, indem er das Haupt auf die Hand ſtuͤtzte und in finſteres Sinnen verſank. „Ich konnte Euch allenfalls ein Mittel an die Hand geben,“ ſagte der Arzt, indem er Rudolph mit tuͤckiſch lauerndem Blicke von der Seite betrachtete. „Und welches?“ fragten Rudolphs Lippen, ohne daß ſein Geiſt dieſer Frage ſich vollkom⸗ men bewußt war. „Dieſes Flaͤſchchen,“ ſagte nun Jener, ſich Rudolph vertraulich naͤhernd,„reichte hin, Euch zu raͤchen und das Land von dem verhaßten Herrn zu befreien.“ Bei dieſen Worten wollte — 236— er Rudolph ein kleines glaͤnzendes Flaͤſchchen in die Hand druͤcken, aber als dieſer ſich von dem kalten Glaſe beruͤhrt fuͤhlte, fuhr er erſchrocken auf, blickte den Arzt ſtarr an und ſchien ihn jetzt erſt zu verſtehen. Schaudernd ſtieß er ihn von ſich. „Hebe Dich weg, ſchaͤndlicher Giftmiſcher!“ donnerte er ihm zu.„Ja, ich will mich rächen, doch die Rache ſei eines edlen Mannes wurdig. Du aber huͤte Dich, mir je wieder vor die Augen zu kommen.“ Haſtig und ohne den Fremden weiter eines Blickes oder Wortes zu wuͤrdigen, verließ er das Zimmer. Lange irrte er auf den Straßen umher, wo ſich noch immer viel Volk drängte, obgleich der Kloſterbrand bereits geloͤſcht war. Es währte längere Zeit, ehe er bei ſich ſelbſt zu einem feſten Entſchluſſe kommen konnte. Furchtbar kaͤmpfte der finſtere Geiſt, der durch jene Worte des fremden Arztes erweckt worden ———————— „ 8. war, mit ſeinem beſſern Selbſt, bis dieſes end⸗ lich den Sieg errang. Alſogleich ſuchte er nun den aͤltern Diethold auf, den er uͤber mehreren, wie es ſchien wichtigen Papieren, in ſeinem Arbeitszimmer ſitzend fand. „Herr Diethold,“ ſagte er, raſch auf ihn zutretend, ſeine Hand ergreifend und ſie heftig druͤckend,„jetzt bin ich der Eurige, ganz, mit Leib und Seele, im Rathe wie im offenen Kam⸗ pfe, und habt Ihr einen Poſten, wo doppelte, ja zehnfache Gefahr droht, ſo ſtellt mich hin, und bei Gott! Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein.“ „Aber Junker, erklärt mir doch, woher dieſer plotzliche Entſchluß?“ fragte der Schoͤffe, indem er dem Juͤnglinge verwundert in das, von Leidenſchaft noch immer wildbewegte, Ge⸗ ſicht ſah.— „Jetzt nicht, jetzt nicht!“ ſagte Rudolph haſtig;„vielleicht auch nie.— Iſt Euch meine Erklaͤrung angenehm, wie ich hoffe, ſo laßt ———— —————————— 3 36 . 1 11 3 44 66 3 ik. . 11 1* 3 3 33 1 1 3 . 11 4 3 3 13 —————— ——— — 238— es Euch daran genuͤgen und forſcht nicht weiter nach dem Grunde derſelben.“ „Auch das, wenn es Euch lieber iſt,“ er⸗ wiederte Herr Diethold, des Juͤnglings Hand ſchuͤttelnd.„Und ſomit begruͤß' ich Euch denn freudig und mit aufrichtiger Herzlichkeit als den Unſrigen.— Wir werden der tapfern Arme bald mehr beduͤrfen, denn der Ausbruch der duͤrfen wir ihn nicht mehr ſcheuen, denn der Erzbiſchof von Magdeburg und der Biſchof von Merſeburg haben uns Huͤlfsvolker zugeſagt und wir erwarten deren Ankunft in unſern Mauern faſt täglich; auch thut ſie noth, denn der Mark⸗ graf ruſtet ſich mit Macht gegen uns. Heim⸗ lich hat er alle ſeine treueſten Anhaͤnger bereits aufgeboten und auch das öͤffentliche Aufgebot an alle ſeine Vaſallen wird bald erfolgen. Nun, er komme nur heran; er ſoll uns bereit zu ſei⸗ nem Empfange finden.“ ———— Feindſeligkeiten ſcheint jetzt unvermeidlich. Auch —————————————— — 239— Vier Wochen ſpaäter ſah es in Leipzig ge⸗ waltig kriegeriſch aus. Erzbiſchoͤflich Magde⸗ burgiſche und biſchoͤflich Merſeburgiſche Söldner waren in allen Straßen zu ſehen und verſahen gemeinſchaftlich mit den bewaffneten, kampfluſti⸗ gen Buͤrgern den Dienſt auf den Feſtungswer⸗ ken der Stadt. Der Markgraf Dietrich hatte Leipzig mit bedeutender Heeresmacht belagert und ſchien feſt entſchloſſen, es der Stadt mit Feuer und Schwerdt entgelten zu laſſen, daß ſie es gewagt, ſich ſeinen Befehlen zu widerſetzen. Doch die Leipziger zagten nicht; ſie waren mu⸗ thig, im Gefuhl ihres guten Rechtes, trotzten auf den Beiſtand der geiſtlichen Herren und wurden durch das Beiſpiel mehrerer ihrer erſten Raths⸗ herren angefeuert. Unter dieſen zeichneten ſich vor allen Andern die beiden Dietholde aus; denn wenn auch der juͤngere der beiden Bruͤder von ſei⸗ ner Wunde noch nicht wieder ganz hergeſtellt war, ſo ließ er ſich doch dadurch nicht abhalten, ſich uͤberall zu zeigen, wo die Gefahr winkte. — 240— So ſehr nun auch beide Parteien von Haß und Kampfesluſt beſeelt wurden, ſo ſchienen ſie 5 doch beide jeden entſcheidenden Schritt gleich ſehr zu meiden⸗ Täglich fielen zwar kleine Ge⸗ fechte vor; bald machte dieſer bald jener An⸗ führer mit ſeinem Haufen einen Ausfall, aber der Verluſt war auf beiden Seiten nur unbe⸗ deutend, und zu einer entſcheidenden Schlacht, zu einem Hauptſturme ſchien es nicht kommen zu wollen. Dadurch verſchwand denn, ſelbſt in den Augen der Frauen, wie ſie des Kriegs⸗ getuͤmmels nach und nach gewohnter wurden, allmaͤhlich das Ernſte, Blutige des Kampfes, und man darf ſich daher nicht wundern, daß Eliſabeth eines Tages einen Entſchluß faßte, der unter andern Umſtänden die größte Tollheit genannt zu werden verdiente. Einige hundert, vielleicht auch tauſend Schritte vor dem Thore, auf der Seite nach WMoͤckern zu, ſtand eine einſame, unſcheinbare Huͤtte, — 241— Huͤtte, von einer armen alten Frau, mit ih⸗ rer einzigen, kaum zur Jungfrau gereiften Toch⸗ ter bewohnt. Die arme Alte war ſchon längere Zeit krank und nur durch Eliſabeths Pflege ward ihr Leben erhalten, ſo wie ihre Wohl⸗ thaten faſt allein den Lebensunterhalt fuͤr Mut⸗ ter und Tochter beſtritten. Lange ſchon war ſie jetzt nicht draußen geweſen bei der Alten, denn der Gang wäre mit zu viel Gefahr verbunden geweſen, und ihr mitleidiges Herz erfullte ſie mit lebhafter Beſorgniß, wie es ihren Schutz⸗ lingen ergehen moͤchte. Da erſchien plotzlich die Tochter in Leipzig und bat Eliſabeth im Na⸗ men ihrer ſterbenden Mutter, noch ein Mal zu ihr zu kommen, ihr die Augen zuzudruͤcken und ihren letzten Segen zu empfangen.„Ihr habt nichts von den Kriegsvoͤlkern zu befuͤrch⸗ ten,“ ſetzte die Kleine hinzu, als ſie Eliſabeths Zögern ſah, deſſen Grund ſie ſich leicht zu er⸗ klären wußte.„Wir haben ſie bisher noch kaum zu ſehen bekommen, auch ſteht ein ſtarker Po⸗ 16 — 242— ſten der Unſrigen noch uͤber unſerer Hütte hinaus. An. ESliſabeth, durch dieſe vuſcheun beru⸗ higt und von dem lebhaften Wunſche beſeelt, den letzten Pillen einer Sterbenden zu erful⸗ en, verſprach mitzukommen. Um aber in ihrem edelmüthigen Unternehmen nicht gehindert zu werden, beſchloß ſie, Niemandem, ſelbſt Ru⸗ dolph nicht, von dem gefaͤhrlichen Gange etwas zu ſagen. Auch wollte ſie die Daͤmmerung ab⸗ warten, um unter ihrem Schutze den gefaͤhr⸗ lichen Gang mit deſto großerer Sicherheit zu⸗ ruͤcklegen zu konnen.* Als der Abend anbrach und die Schatten ſich allmählich verlaͤngerten, ſchlich ſie ſich, von dem armen Maͤdchen begleitet, heimlich aus dem Hauſe ihres Vaters und gelangte gluͤcklich, und ohne ein einziges Mal angehalten zu werden, aus dem Thore und bis in die Naͤhe jener Huͤtte. Doch das Ziel ihres menſchenfreund⸗ lichen Ganges ſollte ſie nicht erreichen. Der Fuͤhrer eines Haufens Erzbiſchoͤflicher hatte an eben dieſem Abend einen Ausfall gemacht und gerade dieſes Thor dazu gewaͤhlt, weil er die Markgraͤflichen wegen ihrer gaͤnzlichen Unthätig⸗ keit auf dieſem Punkte hier am ſchwaͤchſten hielt. Doch er fand ſich gewaltig getauſcht. Mit be⸗ deutender Uebermacht ward er zuruͤckgeworfen und von dem Feinde bis an die Thore der Stadt verfolgt; ja, es gelang ihm ſogar nur mit Mühe, in die Stadt zu kommen, ohne daß die Feinde zugleich mit hineindrangen. Ehe ſie es nur ahnen konnte, ſah ſich Eliſabeth mit ihrer Begleiterin mitten in dem wildeſten Ge⸗ tuͤmmel. Zwar hatte ſie Geiſtesgegenwart genug, auf eine Flucht, ſeitwaͤrts in die Felder, zu denken, aber ihr Streben ward vereitelt. Einer der Mark⸗ graͤflichen hatte ſie bemerkt und ſprengte ihr, luͤ⸗ ſtern auf ſo ſchoͤne Beute, nach, hatte ſie nach wenig Galoppſpruͤngen ſeines Pferdes eingeholt und fuͤhrte ſie als Gefangene mit ſich fort. 16* — 244— Eliſabeth war in Verzweiflung; ſie befuͤrch⸗ tete das Aergſte und machte ſich die bitterſten Vorwuͤrfe, daß ſie ſich ſo unvorſichtig in dieſe Gefahr geſtuͤrzt hatte. Wohl aber ſah ſie ein, daß alle Ueberlegung jetzt zu ſpaͤt komme und daß ihre einzige Huͤlfe darin beſtehe, ihre Gei⸗ ſteskraft zu ſammeln. Dieß gelang ihr denn auch, und als der gemeine Reiter, der ſich ih⸗ rer bemaͤchtigt hatte, ſie nach der Ruͤcktehr von der Verfolgung der Erzbiſchoflichen dem Be⸗ ſehlshaber des Poſtens uͤberlieferte und dieſer Miene machte, ſich ihr mit frechen Scherzen zu nahen, da wieß ſie ihn mit ſolchem Ernſte, ſolcher Wurde zuruͤck, daß ihm die Luſt zu ei⸗ nem zweiten Angriffe der Art verging. „Herr Ritter,“ ſagte ſie in ſtolzem Tone, „fuͤhrt Ihr mit Weibern Krieg? oder muß ich Euch erſt an das Hauptgeſetz der Ritterehre mahnen: Das ſchwache Weib zu ſchuͤtzen, wo auch immer ſich die Gelegenheit dazu finde?— 3— 245— Ich fordere von Euch eine anſtaͤndige Behandlung und daß Ihr mich entweder ungehindert nach der Stadt zuruͤckkehren laßt, oder mich an einen Ort ſendet, der ſich fuͤr mein Geſchlecht paßt.“ „Das erſtere, mein ſchoͤner Hitzkopf,“ er⸗ wiederte der Ritter,„moͤchte ſich unter den ob⸗ waltenden Umſtaͤnden nicht gut thun laſſen; doch bin ich bereit, Euren letzten Wunſch zu erfuͤllen. Unſere gnädigſte Frau Markgraͤfin iſt eben heut im Lager angekommen um ihren Gemahl zu beſuchen. Zu ihr werde ich Euch daher ſenden, denn bbeſſer aufgehoben zu ſein, könnt Ihr nicht verlangen.“ Eliſabeth war dies gern zufrieden, denn wenn ſie auch dem Zuſammentreffen mit dem Markgrafen und der Markgraͤfin, welche ihren Vater als Rebell betrachteten, nur unter ban⸗ gem Zagen entgegenſah, ſo ſchien es ihr doch dem laͤngern Verweilen unter rohen Kriegsleu⸗ ten weit vorzuziehen zu ſein. — 246— Der Ritter ſchickte ſie ſogleich unter Be⸗ gleitung einiger ſeiner Leute, und auf einem be— deutenden Umwege, nach der entgegengeſetzten Seite der Stadt, wo ſich der Markgraf ſelbſt mit ſeiner erlauchten Gemahlin befand. Hier ward Eliſabeth alsbald fur die Toch⸗ ter des aͤltern Diethold erkannt, und als ſolche von dem Markgrafen nicht eben glimpflich em⸗ pfangen. Ja, er wollte ſogar, das Geſchlecht und die Unſchuld der Gefangenen an dem ge⸗ genwaͤrtigen Kampfe nicht achtend, die Tochter das Vergehen des Vaters entgelten laſſen, und hatte ſchon den Befehl gegeben, ſie in einen finſtern, ungeſunden Kerker werfen zu laſſen, da aber nahm ſeine Gemahlin ſich der Ungluͤck⸗ lichen an. „Mein guͤtiger Gemahl,“ ſagte ſie,„wol⸗ let nicht ſo grauſam mit der ſchuldloſen Jung⸗ frau verfahren. Begnuͤgt Euch damit, ſie als Geißel fur ihres Vaters Benehmen in Eurer —————— — n— Gewalt zu haben, aber behandelt ſie nicht ſtren⸗ ger, als ſie es verdient. Wollt Ihr mir guͤtig eine Bitte gewaͤhren, ſo erlaubt, daß ich die Jungfrau als meine Gefangene betrachte; ich nehme ſie dann unter meine Kammerfrauen auf, und wenn ich morgen nach Schloß Eiſenberg zuruckkehre, begleitet ſie mich dahin. Und ich hoffe, ihr die Feſſeln der Liebe und Freund⸗ ſchaft ſo feſt anzulegen, daß ihr jeder Gedanke, der Haft zu entrinnen, vergehen ſoll.“ Eliſabeth war innig geruͤhrt durch die un⸗ erwartete Guͤte und Milde der verſchrieenen Jutta, und preßte mit Inbrunſt die Hand, wel⸗ che die Fuͤrſtin ihr bot, an ihre Lippen, zugleich auf ein Knie vor ihr niederſinkend. „Eure Bitte ſei Euch gewaͤhrt, meine theure Gemahlin,“ ſagte der Markgraf, die Markgraͤfin freundlich auf die Stirne kuͤſſend. „Doch hoffe ich,“ fuhr er, ſich zu Eliſabeth wendend, fort,„daß Ihr Euren ſtarrkopfigen — 248— Vater zur Anerkenntniß dieſer unſerer unverdien⸗ ten Huld und Nachſicht vermoͤgen werdet.“ Schweigend legte Eliſabeth das Verſpre⸗ chen ab, indem ſie ſich ehrfurchtsvoll neigte, und die Haͤnde, wie betheuernd, auf der Bruſt kreuzte. Mit leichtem Kopfnicken entfernte ſich hierauf der Markgraf, der am folgenden Tage ſeine Semahlin nach Eiſenberg begleiten, und deshalb noch einige wichtige Befehle ertheilen, einige nöthige Anordnungen treffen wollte. Jutta winkte nun Eliſabeth freundlich, auf⸗ zuſtehen, und unterhielt ſich dann noch einen großen Theil des Abends angelegentlich mit ihr. Fruͤh am andern Morgen brach der ganze Hofſtaat des Markgrafen und der Markgraͤfin nach dem Schloſſe Eiſenberg auf, und auch Eliſabeth befand ſich mit unter dem Gefolge. Schnell ward die Kunde von Eliſabeths Gefangenſchaft in Leipzig bekannt, denn das — 249— junge Maͤdchen, gluͤcklicher als ihre Begleiterin, war nach der Stadt entkommen, und eilte hier ſogleich zu den Schoͤffen, ihn von Eliſabeths Schickſal in Kenntniß zu ſetzen. Der ungluͤckliche, ſeines einzigen Kindes ſo ploͤtzlich beraubte Vater, war außer ſich vor Schmerz und Verzweiflung. Er fuͤhlte nur zu gut, daß er von dem Markgrafen keine milde Behandlung ſeiner Tochter erwarten duͤrfe, auch ſahen wir bereits, daß er ſich, ohne die Ver⸗ wendung der Markgraͤfin, nicht getaͤuſcht haben wuͤrde. Schon ſah er ſein Kind im tiefen Kex⸗ ker, vom Hunger gepeinigt, vielleicht gar unter grauſamen Foltern das Leben endend, und der Schmerz ſeines Vaterherzens verdraͤngte fuͤr den Augenblick jedes andere Gefuͤhl ſo ganz, daß er wahrſcheinlich noch in dieſer Stunde, und ſelbſt unter harten Bedingungen, Frieden mit dem Markgrafen geſchloſſen haben wuͤrde, waͤ⸗ re es ihm nur dadurch moͤglich geweſen, ſeine — 250— Eliſabeth ſogleich und unbeſchaͤdigt wieder in ſeine Arme zu ſchließen. In der That kaͤmpfte er auch ſchon mit dem Entſchluſſe, ob er nicht einen Bevollmaͤchtigten in das markgraͤfliche La⸗ ger ſchicken ſollte, um die Freilaſſung ſeiner Tochter unter jeder Bedingung zu bewirken; da traten ſein Bruder und jener fremde Arzt, der noch immer unter ſeinem Dache weilte, raſch zu ihm ein. Auch ſie hatten ſchon von dem Verſchwinden Eliſabeths gehört, und kamen nun, ſich bei ihrem Vater zu erkundigen, was Wah⸗ res oder Unwahres an dem Geruͤchte ſei. Sie fanden Herrn Bruno in der heftigſten Aufregung, und es bedurfte vieler Worte und an⸗ haltenden Zuredens, um ihn nur einigermaaßen wieder zu beruhigen. Endlich jedoch gelang dies beſonders dem Arzte, und es entſpann ſich nun ein Geſpräͤch von der hochſten BVichtigkeit, das bei feſtverſchloſſenen Thuͤren gehalten ward. Wir wollen unſere Leſer mit dem Inhalte erſt ſpaͤter bekannt machen. — 251— Es waͤhrte gegen drei Stunden/ und es muß⸗ te dabei ʒiemlich heftig hergegangen ſein, denn Dienſtboten, welche an der verſchloſſenen Thuͤre voruͤbergingen, hoͤrten mehrmals ein ſo lautes Sprechen, daß es faſt in Geſchrei ausartete; doch ward es ſtets ſogleich wieder ſtill, wahr⸗ ſcheinlich, weil die Sprechenden einſahen, daß es mit der groͤßten Gefahr fuͤr ſie verbunden ſein wuͤrde, ſollten ſie von irgend Jemand be⸗ lauſcht werden. Endlich ward die Thuͤr gewalt⸗ ſam aufgeriſſen, und mit hochrothem, zorngluͤhen⸗ dem Geſichte ſtuͤrzte der juͤngere Diethold, nicht auf das Zureden ſeines Bruders achtend, der ihn zuruͤkzuhalten ſtrebte, zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab. Kopfſchuͤttelnd ſahen ſein Bruder und der Arzt ihm nach, und der Er⸗ ſtere fluͤſterte dem Letzteren noch einige Worte in das Ohr. „Verlaßt Euch darauf;“ erwiederte Jener laut.„Sonder Zögern, denn was geſchehen ſoll, — 252— muß bald geſchehen, ſonſt moͤchte uns dieſer Hitzkopf mit ſeinen Tugendgrillen einen Quer⸗ ſtrich machen, ehe wir es zu hindern vermoch⸗ ten.— Doch verlaßt Euch auf mich, und Ihr ſollt gewiß mit dem Erfolge zufrieden ſein.“ Leicht grůßend eilte hierauf der Arzt aus dem Hauſe, der Schoffe aber ſchloß ſich in ſein Zimmer ein, ſich hier Gedanken mannigfacher widerſtreitender Art zu uͤberlaſſen. Als der juͤngere Diethold, wie beſchrieben, ſo eilig aus dem Hauſe ſtuͤrzte, ſuchte er Ru⸗ dolph auf, welchen er vom heftigſten Schmerze betäubt fand; denn auch er hatte ſchon die Nachricht von Eliſabeths Gefangennehmung er⸗ halten und glaubte ſie ſich nun fuͤr immer ent⸗ riſſen. Beide redeten einige Zeit eifrig mit ein⸗ ander und es ſchien, als ob der Junker von Lindenau aus den Worten des Schoͤffen Troſt ſchoͤpfte. Als das Geſpraͤch beendigt war, rief der Junker nach ſeinem Knappen, befahl die — 253— Roſſe zu ſatteln und vorzufuͤhren und zog bald darauf, der finſtern Nacht und des von Mi⸗ nute zu Minute mehr uͤberhand nehmenden Stur⸗ mes nicht achtend, zum Thore hinaus, in der Richtung auf Schloß Eiſenberg zu. Kaum hatte er die Stadt verlaſſen, hals die Thore ſich wieder offneten, um abermals einem Reiter mit ſeinem Diener Raum zu ge⸗ ben. Die Vermummung, in welche ſich dieſer, theils um unerkannt zu bleiben, theils um ſich gegen den Ungeſtuͤm der Witterung zu ſchuͤtzen, verhuͤllt hatte, ſoll uns nicht verhindern, dem Leſer zu verrathen, daß es Niemand anders war, als der fremde Arzt. Er zog deſſelben Weges, den der Junker von Lindenau ſchon vor ihm eingeſchlagen, aber ſo ſehr er auch eilte, vermochte er doch nicht Rudolph einzu⸗ holen; denn dieſer ſchien nicht mindere Eile zu haben, als der Arzt, deſſen Ziel ʒleichfals Schlöß Eiſenberg war. „ 1 3 3 . — 254— Im Zwiſchenraume einer Viertelſtunde lang⸗ ten Beide vor den Ringmauern des Schloſſes an, wo Rudolph ſogleich Einlaß begehrte und trotz dem, daß die Sonne noch nicht aufgegan⸗ gen war, vor den Markgrafen gefuͤhrt zu wer⸗ den forderte, indem er vorgab, demſelben Nach⸗ richten von der großten Wichtigkeit zu überbrin⸗ gen zu haben. Vielleicht wurde ſein Geſuch, trotz der Unziemlichkeit und Sonderbarkeit deſ⸗ ſelben, gewährt worden ſein, da der Markgraf wahrſcheiulich geglaubt haben wuͤrde, wie es denn in gewiſſer Hinſicht auch in der That war, er komme von dem belagerten Leipzig. Doch der Diener, welcher den Auftrag erhielt, ihn zu melden, kannte ihn durch Zufall und indem er ihn dem Markgrafen meldete, nannte er ihn zugleich. Dieß hatte Rudolph freilich nicht ge⸗ wollt, denn was er gefuͤrchtet, wenn der Mark⸗ graf ſeinen Namen erfuͤhre, das erfolgte auch in der That. Der Markgraf, von ſeinem en⸗ gen Anſchließen an die Leipziger durch geſchaͤf⸗ 1 . . — 255— tige Zwiſchentraͤger bereits unterrichtet, weigerte ſich nicht nur, ihn vor ſich zu laſſen, ſondern ſendete ihm auch das muͤndliche Gebot zu, ſich augenblicklich aus dem Schloſſe und deſſen Naͤhe zu entfernen, wenn er nicht als Empoͤrer er⸗ griffen und behandelt werden wolle. Vergebens ließ Nudolph nochmals um Gehoͤr bitten. Die⸗ ſelbe Antwort erfolgte, nur in noch ungnaͤdi⸗ gern Ausdruͤcken, und wollte Rudolph nicht Al⸗ les verderben, ſo mußte er ſich jetzt zuruͤckzie⸗ hen, einen guͤnſtigern Augenblick zur Erreichung ſeiner Abſichten zu erwarten; doch hatte er dazu faſt keine Hoffnung, da ſein Zweck nur erreicht werden konnte, wenn er in die Naͤhe des Mark⸗ grafen zu gelangen vermochte; dieſe aber mußte er wegen Beruͤckſichtigung ſeiner eigenen Sicher⸗ heit ſorgfaͤltig meiden. Deſto beſſer gelang es dem Arzte, ſeine Abſicht, wenigſtens zum Theil, zu erreichen. Er wartete in einer, nahe bei dem Schloſſe — 256— gelegenen Herberge den Morgen ab, weil er befuͤrchtete, mitten in der Nacht ſich dem Mark⸗ grafen anmelden zu laſſen, moͤchte leicht deſſen Argwohn erwecken und den mußte er durchaus hintertreiben. Kaum aber war die Stunde er⸗ ſchienen, zu welcher der Markgraf das Lager gewöhnlich zu verlaſſen pflegte, als auc ſchon der Arzt um ein geheimes Gehoͤr bitten ließ; dem Diener, der ihn meldete, trug er auf, wenn der Markgraf nach ſeinem Begehr fragte, ſollte er nur ſagen, er hinterbringe wichtige Nach⸗ richten aus dem belagerten Leipzig, das er erſt den Abend zuvor verlaſſen habe. Dieß war der beſte und ſicherſte Weg ſo⸗ gleich vor den Markgrafen zu gelangen, wie auch der Erfolg bewies, denn ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten kehrte der Diener zuruͤck und unmittelbar darauf ging in ſeiner Begleitung der Arzt dem Schloſſe zu. Ru⸗ — 257— Rudolph, welcher ihn nicht aus den Au⸗ gen gelaſſen hatte, ſah dieß und es bemaͤchtigte ſich ſeiner die hoͤchſte Unruhe und Beſorgniß. Kaum ſah er die Pforte des Schloſſes ſich hin⸗ ter dem Fremden und deſſen Begleiter ſchließen, als auch er Einlaß verlangte. Er wurde ihm ohne Zoͤgern, da der Pfoͤrtner, der ihn nicht kannte, keinen Grund zu haben glaubte, am hellen Tage einen Mann von ſo unverdächtigem Aeußern zuruͤck zu weiſen. Als Rudolph bis in das Innerſte der Burg gelangt war, blieb er einige Augenblicke unent⸗ ſchloſſen ſtehen, wandte ſich aber dann raſch nach dem linken Fluͤgel des Schloſſes, wo, wie er ſich hatte ſagen laſſen, die Markgraͤfin Jutta mit ihrem Gefolge wohnte. Eine Zofe begegnete ihm hier und ohne zu bedenken, in welchen unwuͤrdigen Verdacht er dadurch die Ge⸗ liebte bringen könnte, fragte er nach Eliſabeth, der Tochter des Schoͤffen Diethold. Voll Ver⸗ 17 — 258— wunderung, und mit dem unberhehlten zweideu⸗ tigen Laͤcheln des Mißtrauens, blickte die Zofe ihn an, ohne ihm jedoch zu antworten; als er aber ſeine Frage mit Haſt wiederholte und dabei wie in Verzweiflung hinzufuͤgte:„Um Gotteswillen, zögert nicht, mich zu ihr zu bringen, es ſteht ein Menſchenleben auf dem Spiele!“ da zeigte ſie auf eine unfern gelegene Thuͤre und ſagte: „das iſt ihr Zimmer.“ Ohne weiter auf die Zofe zu achten, welche ihm kopfſchuͤttelnd nachſah, ſtuͤrzte er hinein zu der Geliebten, welche ſo eben ihren Morgen⸗ anzug vollendet hatte und im Begriff war, ſich zur Markgraͤfin zu begeben, bei der ſie ſente den Dienſt hatte. Rudolphs plötlicher Eintritt verurſachte ihr den heftigſten Schrecken; zwei Worte aber er⸗ klarten ihr ſein Kommen und mit gleicher Haſt, wie die, mit welcher er in ihr Zimmer geſtuͤrzt war, verließ ſie jetzt daſſelbe und eilte gefluͤgel⸗ — 259— ten Laufes den Gemaͤchern des Markgrafen zu. Verwundert uͤber die Wildheit ihrer Erſcheinung wichen die Kaͤmmerlinge im Vorgemache zur Seite und ungehindert und unangemeldet trat ſie, die Thuͤr raſch aufresßend, in das Kloſet des Markgrafen. Dieſer war mit dem fremden Arzte allein und eben mit Leſen eines großen Pergamentblattes beſchaͤftigt. Der Arzt ſtand ſeitwaͤrts neben einem kleinen Tiſchchen, auf wel— chen ein Kredenzteller mit zwei Pokalen und ei⸗ nigem Backwerk als Morgenimbiß geſetzt wor⸗ den war. „Trinkt nicht! um Gottes willen, trinkt nicht!“ ſchrie Eliſabeth dem Markgrafen zu, ſeine Hand ergreifend. Der Markgraf wußte ſich des Maͤdchens ſonderbares Betragen nicht zu deuten und er war nicht uͤbel geneigt, zu vermuthen, daß irgend ein ungluͤcklicher Zufall ihre Sinne ploͤtzlich verwirrt haͤtte. Alsbald aber wurde es ihm klar, was ihr Ausruf zu bedeuten gehabt, denn kaum war er uͤber ihre Lippen, als er — den Fremden erbleichen ſah. Dieß war jedoch nicht der einzige Verdacht, den derſelbe auf ſich waͤlzte, denn er machte zugleich auch Miene, ſich heimlich aus dem Zimmer zu ſchleichen. Da ſprang der Markgraf raſch hinzu, packte den Arzt bei der Bruſt und rief nach Kaͤmmerlin⸗ gen und Trabanten. Haſtig ſturzten dieſe auf den Ruf ihres Gebieters herein; der Markgraf uͤbergab ihnen ſeinen Gefangenen und wendete ſich nun erſt zu Eliſabeth, um von ihr irgend eine Aufklaͤrung zu erhalten. Bleich und erſchöpft ſtand das Maͤdchen da und vermochte ſich kaum aufrecht zu erhalten. „Eliſabeth!“ redete der Markgraf ſie an, „erklore mir,— woher weißt Du— und klagſt Du dieſen Mann auch nicht falſch an?“ „Fragt mich nicht weiter,“ bat Eliſabeth; „ſetzt Ihr aber Zweifel in meine Worte, ſo laßt dem Gefangenen beide Becher, die dort ſte⸗ hen, ſelbſt austrinken.“ . Augenblicklich gebot der Markgraf dem Arzte, die Becher zu leeren; da warf ſich dieſer vor Dietrich nieder und bat um Schonung ſeines Lebens, bekennend, daß er von dem juͤngern Diethold abgeſendet ſei, den Markgrafen durch Gift aus der Welt zu ſchaffen. Dieß falſche Geſtaͤndniß gab ſeine Bosheit ihm ein. Er ſah ſehr wohl, woher der Schlag kame, der ihn vernichtete und da ſein eignes Verderben unver⸗ meidlich war, wollte er wenigſtens ſeinen Ver⸗ derber mit ſich hinabreißen. Auf Befehl des Markgrafen ward er nun ſogleich zur Folterbank geſchleppt und endete hier unter fuͤrchterlichen Qualen ſein Leben, nachdem man zuvor in ihm, des falſchen Bartes beraubt, Hugold, den ehemaligen Stallmeiſter des Mark⸗ grafen, erkannt hatte, eben jenen Hugold, deſ⸗ ſen ſich Dietrich, wie das Geruͤcht ging, be⸗ dient haben ſollte, um ſeinen Bruder, Albrecht den Stolzen, vergiften zu laſſen. Hugold war, — — 262— wie wir fruͤher bereits anfuhrten, dem Mark⸗ grafen Dietrich dann nach dem gelobten Lande gefolgt und hatte ſich mehrere e Jahre hindurch der ausgezeichneten Huld und des unbedingteſten Vertrauens ſeines Gebieters zu erfreuen gehabt. Als er ſich aber nach und nach zu ſehr uͤberhob und auf längſt Vergeſſenes pochend, gegen den Markgrafen ſelbſt einen Ton annahm, wie der Herr ihn nimmer vom Diener vertragen kann, da fiel er in Ungnade, ward vom Hofe verwie⸗ ſen und ſchwur, ſich an dem Markgrafen furcht⸗ bar zu raͤchen. Die im Zuſtande der Empoͤrung befindlichen Leipziger ſchienen ihm dazu das ſicherſte Mittel darzubieten und zu ihnen begab er ſich daher, jedoch, um gegen jeden Verrath geſchuͤtzt zu ſein, in der bereits mehrfach Ver⸗ 5 Eliſabeth unis als ſie den oſn ge⸗ rade ihn, durch den allein der Markgraf gerettet worden war, ſo verleumderiſch anklagen hoͤrte. X — 263— Sollte ſie aber die Anklage widerlegen und ih⸗ ren eignen Vater einer ſo graͤßlichen Schuld zeihen? Unmoͤglich! Sie ſchlich daher, in der erſten Aufregung, in der ſich noch Alles befand, von Niemandem bemerkt nach ihrem Zimmer zuruͤck, warf ſich hier nieder auf die Knie und bat Gott in bruͤnſtigem Gebet und unter hei⸗ ßen Thraͤnen, daß er ihrem Vater das Ver⸗ brechen, das er habe begehen laſſen wollen, das aber durch des Allmaͤchtigen gnädige Fuͤrſorge verhuͤtet worden war, nicht zu ſchwer anrechnen moͤchte. Geſtaͤrkt durch dieß Sebet und ermuthigt in die Zukunft ſchauend, erhob ſie ſich und ging, ihren Dienſt zu verſehen, zur Markgraͤſin. Dieſe war bereits von allem Vorgefallenen un⸗ terrichtet, und als ſie mit ſanften Worten in Eliſabeth drang, ihr offen zu geſtehen, wie ſie das Fuͤrchterliche erfahren, da vermochte die Jungfrau nicht laͤnger, der fuͤrſtlichen Gebiete⸗ rin, der ſich ihr ganzes Herz im Vertrauen 2 3 8 65 ½ 6 i1 1 . 1 1 1 3 11 2 1 5 — aufgeſchloſſen hatte, die Wahrheit zu verbergen. Sie geſtand ihres Vaters Schuld, zugleich um Gnade fuͤr denſelben flehend. Jutta verſprach der Bittenden gern und willig ein Fuͤrwort bei ihrem Gemahle einzule⸗ gen, auch demſelben den Edelmuth des juͤngern Diethold und Rudolphs von Lindenau zu ruͤh⸗ men, welche es verſchmaͤht hatten, den Feind, den ſie mit dem Schwerdte in der Fauſt bekaͤmpf⸗ ten, meuchlings aus der Welt ſchaffen zu laſ⸗ ſen. Jutta verlangte nun nach Rudolph, von deſſen Liebe zu Eliſabeth ſie durch dieſe ſelbſt in Kenntniß geſetzt war, zu ſprechen. Die freundliche Abſicht dieſes Verlangens war, den Liebenden ein Stuͤndchen ungeſtoͤrten Beiſam⸗ menſeins zu verſchaffen, aber Eliſabeth ſagte, daß Rudolph ſogleich, nachdem er ſie geſprochen, wieder nach Leipzig zuruͤkgekehrt ſei. So war es auch in der That. Als er ſich der Stadt naͤherte, vernahm er voll Verwun⸗ — 265— derung ein ungewohnliches Larmen und Trei⸗ ben; das markgraͤfliche Lager ſchien in der groß⸗ ten Unordnung zu ſein, und Alles zeigte nur zu deutlich, daß waͤhrend ſeiner kurzen Abwe⸗ ſenheit irgend etwas Wichtiges vorgefallen ſei. dit leichter Muͤhe gelang es ihm, ſich durch die feindlichen Poſten zu ſchleichen, denn Keiner ſchien hier ſein Amt zu verſehen. Als er die Stadt erreichte, fand er auf ſaͤmmtlichen Stra⸗ ßen ein faſt noch lebhafteres Gewuͤhl, als da⸗ mals, bei dem Brande des Kloſters. Nach der Urſache dieſes ungewöhnlichen Laͤrmens und Treibens durfte er nicht lange forſchen, denn der Erſte, den er darnach fragte, rief ihm freu⸗ dig entgegen:„der Markgraf Dietrich iſt todt; wir haben einen neuen Herrn!“ Ueberall hoͤrte er dieſen Ruf wiederholen und er durfte nicht lange zweifeln woher er entſtanden. Seine Vermuthungen daruͤber wur⸗ den durch Eliſabeths Oheim beſtaͤtigt, ſobald *— —— ———— — 266— er demſelben berichtete, was ſich auf Schloß Eiſenberg zugetragen; und er konnte dieß, denn er hatte die Herberge nicht eher verlaſſen, als bis ſich das Geruͤcht verbreitet hatte, man habe den Markgrafen vergiften wollen, er ſei jedoch zeitig genug gewarnt und gerettet worden. Der aͤltere Diethold hatte nicht daran ge⸗ zweifelt, daß Hugold ſeine Abſicht erreichen wuͤrde. In dieſer Vorausſetzung hatte er am Morgen nach des verkleideten Arztes Abreiſe die Nochricht von dem Tode des Markgrafen uͤberall verbreitet. Er fand Glauben und wie ein Lauffeuer flog das Geruͤcht durch die Stadt und ſelbſt durch das Lager. Die Wirkungen, 2 die es hervorbrachte, waren ſehr verſchieden, doch herrſchte Freude vor. Viele Markgraͤfliche, welche es bisher heimlich mit den Leipzigern gehalten, erklaͤrten ſich jetzt laut fuͤr dieſelben; Andere, welche ohne gerade eine beſtimmte Par⸗ thei zu ergreifen, den Buͤrgerkrieg haßten, zogen —— —— E— Scdaꝑo——zaůůzz—f—————— 267— mit ihren Lehnsleuten, ohne weiter den Befehl dazu abzuwarten, nach Haus und das ganze Be⸗ lagerungsheer befand ſich in einem ſoichen Zuſtan⸗ de der Aufloͤſung, daß es den Leipzigern ein Leichtes geweſen ſein wuͤrde, einen entſcheiden⸗ den Sieg zu erringen, haͤtten ſie jetzt einen Ausfall gemacht. Aber auch ſie wollten Blut⸗ vergießen vermeiden, das ſie unter den jetzt eingetretenen Umſtaͤnden fuͤr nutzlos hielten; denn ſie hatten, trotz der Feindſeligkeit, nicht verlernt, die Belagerer als ihre Bruͤder und Mitbuͤrger zu betrachten und die geiſtlichen Soͤld⸗ ner, welche in der Stadt lagen, waren nicht von ſo uͤbermaͤßig kriegeriſchem Feuer beſeelt, daß ſie fuͤr ſich ſelbſt den Kampf aufzuſuchen geneigt geweſen waͤren. Von alle dem ahnete der Markgraf nichts; als er am folgenden Tage zuruͤckkehrte, um die Belagerung mit erneuertem Eifer fortzuſetzen, ward er daher eben ſo gewaltig als unangenehm — 268— uͤberraſcht, die Lage der Dinge ſo ſehr und ſo ganz zu ſeinem Nachtheile veraͤndert zu ſehen.— Die, welche zu den Leipzigern uͤbergetreten wa⸗ ren, beharrten ſelbſt da, als ſie die Kunde er⸗ hielten, daß der Markgraf nicht nur am Leben, ſondern auch ſogar bei voͤlligem Wohlbefinden ſei, auf der Seite, auf die ſie ſich gewendet hatten, weil ſie die Strafe fuͤr ihre Abtruͤnnig⸗ keit fuͤrchteten, und die Andern konnten nicht ſo ſchnell, als es noͤthig geweſen waͤre, zu der Belagerung zuruͤckgerufen werden, ſelbſt wenn Alle den guten Willen gehabt haͤtten, ſich wie⸗ der einzuſtellen. Dazu kam noch, daß das Ge⸗ ruͤcht von dem Tode des Markgrafen durch die Kriegsleute, welche ſich von der Belagerung Leipzigs entfernt hatten, auch im Lande verbrei⸗ tet worden war, und uͤberall die Unzufrieden⸗ heit, welche lange im Stillen geglommen, zum volligen Ausbruche gebracht hatte. So ſah ſich denn der Markgraf gezwungen, theils um ſich noch verderblicheren Folgen zu entziehen, theils — um ſich von dem Banne zu befreien, mit wel⸗ chem der Erzbiſchof von Magdeburg und der Biſchof von Merſeburg ihn belegt hatten, und der allmaͤlig die nachtheiligſten Wirkungen zu äußern begann, mit der Stadt Leipzig unter den ſchwerſten Bedingungen einen Vergleich einzu⸗ gehen. Dieſer Vergleich, welcher am Loſten Juli des Jahres 1216 geſchloſſen ward, exiſtirt noch jetzt im Originale, und beſonders ihm hat der Markgraf Dietrich es zu danken, daß ſeine Zeit⸗ genoſſen ihm den Beinamen des„Bedraͤngten“ gaben, durch den er auch noch jetzt unterſchie⸗ den wird. Einige Zeit nach dieſem Vergleiche, der Die⸗ trich mit dem bitterſten Grolle gegen die Stadt Leipzig, beſonders aber gegen die Dietholde er⸗ fuͤllte, ſuchte Kaiſer Friedrich II. den Markgra⸗ fen heim, dem er höchlich verpflichtet war, weil derſelbe ihm bei verſchiedenen Streitigkeiten mit . 8 1 6 4 6 3 F 1 3 „ — 270— ſeinen Widerſachern kraͤftigen Beiſtand guiſ hatte. Der Mark graf ſprach mit dem Kaiſer in vollem Unwillen uͤber die Schmach, der er ſich hatte fuͤgen muͤſſen, und aͤußerte unverho⸗ len, daß ihm nichts erwuͤnſchter ſein wuͤrde, als an den ſtolzen Pfahlbuͤrgern eine empfindliche Rache zu nehmen. Der Kaiſer erklaͤrte ſich be⸗ reitwillig, ſeinem Bundesgenoſſen und treuen An⸗ hänger darin behuͤlflich zu ſein; unter den bei⸗ derſeitigen Hoͤflingen befanden ſich geſchaͤftige Rathgeber und ſo ward denn auf der Stelle be⸗ ſchloſſen die Stadt zu uͤberrumpeln, ſich der Raͤdelsfuͤhrer zu bemaͤchtigen und ſie dann zur Strafe zu ziehen. Der Vorſchlag ward ſowohl von dem Markgrafen als auch von dem Kaiſer genehmigt, doch ſahen beide ein, daß man da⸗ bei mit der großten Vorſicht und Behutſamkeit zu Werke gehen muͤßte, denn man hatte uͤber keine Kriegsvoͤlker zu gebieten, und Leipzig konnte viele wehrhafte Maͤnner ſtellen. Aber waͤren auch ganze Heere in der Naͤhe geweſen ſo wuͤrde man — 271— man ſich ihrer doch nicht haben bedienen kän⸗ nen, denn Leipzig haͤtte gewiß jeder bedeu⸗ tenden bewaffneten Macht ſogleich den Ein⸗ gang verwehrt. Was man alſo unternehmen wollte, mußte mit dem Gefolge des Kaiſers und des Markgrafen unternommen werden, und man hielt es daher fuͤr kluger zu Liſt und Ver⸗ rath ſeine Zuflucht zu nehmen. Einige Tage nach der beſchloſſenen Ueber⸗ rumpelung ließen die fuͤrſtlichen Herren dem Leipziger Rathe ihren Beſuch anſagen. Die vornehmſten Rathsherren und an ihrer Spitze die beiden Bruͤder Diethold, beeiferten ſich, nichts Arges ahnend, in aller Eile Anſtalten zu einem glanzenden Empfange ihrer vornehm⸗ ſten Gaͤſte zu treffen. Am zweiten Tage zogen die beiden Fuͤrſten mit einem zahlreichen ſtatt⸗ lichen Gefolge, von blendendem Glanze um⸗ geben, in die Thore Leipzigs ein. Auf dem Rathhauſe waren die vornehmſten und reichſten 18 — 272— Buͤrger verſammelt und ein prachtvolles, uͤppiges Banket bereitet. Kaiſer und Markgraf unter⸗ hielten ſich freundlich und huldvoll mit mehre⸗ ren der Anweſenden und nahmen dann an der Tafel die Ehrenſitze ein. Nach dem zweiten oder dritten Gange erhob ſich der Kaiſer raſch von ſeinem Sitze, den Seſſel zuruͤckſchiebend. Voll Schreck, den kaiſerlichen Herrn moͤchte ein Uebelbefinden beſallen haben, erhoben ſich auch die zunaͤchſt ſitzenden Rathsherren, da wur⸗ den ſie plotzlich von den Begleitern des Kaiſers und des Markgrafen, welche unter ihren Feſt⸗ kleidern leichte Ruͤſtungen trugen, mit blankem Schwerte uͤberfallen. Voll Schrecken, doch von Wuth erfullt, griffen die beſturzten Rathsherren zu den Waffen, und begannen eine tapfere Ge⸗ genwehr. Bald jedoch ward ihre Lage bedenk⸗ lich. Einige, welche dem Eingange zunaͤchſt ge⸗ weſen waren, hatten ſich durchgeſchlagen um die Rathhausthore zu erreichen, in die Stadt * 1 —— ——————— . — — 273— zu gelangen und die Buͤrgerſchaft zum Beiſtan⸗ de aufzubieten. Aber ſie fanden die Treppen von der kaiſerlichen Dienerſchaft beſetzt und je⸗ den Ausgang verwahrt. Voll Verzweiflung, aber auch mit vermehrter Wuth, kehrten ſie in den Saal zuruͤck, um gemeinſchaftlich mit ihren Bruͤdern einen ehrenvollen Tod zu ſuchen. Da ſchallte des juͤngern Diethold Donnerſtimme durch den Saal:„Auf den Thurm!— Auf den Thurm!— Die Sturmglocke gezogen, daß die Buͤrgerſchaft uns zu Huͤlfe kommt!“ Er ſelbſt war am obern Ende des Saales, wo er in der Naͤhe des Kaiſers geſeſſen hatte, im wuͤthendſten Handgemenge mit mehreren Wi⸗ derſachern begriffen und konnte nicht bis zum Eingange durchdringen; doch mehrere von de⸗ nen, welche an den Thuͤren des Saales zu⸗ naͤchſt waren, folgten ſeinem Rufe, und ſchlu⸗ gen ſich nach dem Thurme hindurch. Haſtig riſſen ſie, froh des Gelingens an dem Glocken⸗ 16* — 24— ſeile, aber keine Glocke ertonte; ſie fuͤhlten den Schwung derſelben aber ſie blieb lautlos, und ſchien durch ihr Schweigen der Verzweiflung der Bedraͤngten zu ſpotten.— Der Thuͤrmer war, als der Markgraf ſeinen Beſuch anſagen ließ, mit ſchwerem Golde beſtochen worden, und hatte den Kloͤppel aus der Glocke genommen.——*) Das Entſetzen in den bleichen Zuͤgen ge⸗ malt, ſtuͤrzten die Rathsherren mit dieſer Schre⸗ ckenskunde in den Saal zuruͤck, wo der Kampf augenblicklich ſein Ende erreichte, denn jeder Ein⸗ zelne ſah die Nutzloſigkeit ferneren Widerſtan⸗ des ein und hoffte durch Ergebung und Unter⸗ werfung Gnade zu erlangen. Nur die Dietholde waren von der Zahl der Uebrigen ausgenommen; ſie erkannten, daß ſie auf keine Milde rechnen duͤrften, wenn ſie in die Gewalt des Markgrafen fielen; beſonders *) Treu geſchichtlich. war der aͤltere der beiden Bruͤder uͤberzeugt, daß ſeiner nur das haͤrteſte Geſchick warte. Ruͤcken an Ruͤcken gebruͤckt, ſetzten ſie daher Beide ihre Vertheidigung auch da noch fort, als alle ihre Ungluͤcksgenoſſen die Waffen bereits ge⸗ ſtreckt hatten.— Ihre Abſicht, unter den Streichen der Feinde zu fallen, ſollte jedoch nicht ganz erreicht werden; Eliſabeths Vater ſank, von dem Schwerte eines markgraͤflichen Höf⸗ lings durchbohrt, kautlos und entſeelt zu Boden, ſein Bruder aber ward unmittelbar nach ſeinem Falle uͤberwaͤltigt und mit noch einigen Andern als Gefangener hinweggefuͤhrt; die Uebrigen, dem Markgrafen als unbedeutend oder unſchaͤd⸗ lich bekannt, erhielten die Erlaubniß, ſich nach der Entfernung der Fuͤrſten in ihre Wohnungen zu begeben. Jetzt war die Mißhelligkeit zwiſchen dem Markgrafen und der Stadt Leipzig ausgeglichen, denn dieſe, ihrer Raͤdelsfuͤhrer beraubt, wagte ferner nicht, ſich dem Fortgange des beabſichtig⸗ —— * . 3 — 276— ten Baues zu St. Thomas zu widerſetzen, und Dietrich, durch die Erreichung ſeiner Abſicht zufrieden geſtellt, verſchmaͤhte es, eine grauſa⸗ me, jedes Fuͤrſten unwuͤrdige Rache zu nehmen. Der Hauptgegenſtand ſeines Zornes und ſeiner gerechten Rache, Eliſabeths Vater, war jeder Verantwortung, jeder Strafe durch den Tod entzogen, und an dem juͤngern Diethold mochte und konnte er die Vergehungen, die der⸗ ſelbe ſich gegen ihn hatte zu Schulden kommen laſſen, nicht ahnden, denn es war ihm nicht verborgen geblieben, daß nur er es war, wel⸗ cher den Junker Rudolph von Lindenau abſchick⸗ te, ihn vor Hugolds meuchelmoͤrderiſchem An⸗ griffe warnen zu laſſen, und daß er ihn daher als ſeinen Lebensretter zu betrachten habe. Was nun den Junker von Lindenau be⸗ trifft, ſo war dieſer, deſſen Vermaͤhlung ſchon nach wenig Tagen gefeiert werden ſollte, als zukuͤnftiger Eidam des erſten Rathsherrn, mit — —————————————————— —*—* — 2741— bei jenem Bankette geweſen und befand ſich auch unter den Gefangenen, die der Markgraf, um ſie zu richten, mit ſich fortgefuͤhrt hatte und Eliſabeths Sorge um den verloren geglaub⸗ ten Geliebten, ward nur durch ihren Schmerz um den Vater aufgewogen. Doch ihre Furcht war vergeblich geweſen. Auch ohne die Dank⸗ barkeit, zu der Dietrich Rudolph, als dem zwei⸗ ten ſeiner Lebensretter, verpflichtet war, hatte der Junker von Lindenau in des Markgrafen Bruſt einen maͤchtigen Fuͤrſprecher. Als er naͤm⸗ lich Rudolph erblickte, der mit ſeinem verſtorbe⸗ nen Vater eine auffallende Aenlichkeit hatte, er⸗ wachte plötzlich Dietrichs Gewiſſen, das nur zu lange geſchlummert hatte; er erinnerte ſich ſeiner Schuld gegen den Vater und wollte ſie gegen den Sohn nicht erneuern. Er ſchenkte daher Rudolph die Freiheit, und gab ihm die Erlaubniß ſich mit Eliſabeth zu verbinden, wel⸗ cher er ſaͤmmtliche Guͤter ihres Vaters ließ, ob⸗ gleich er zu deren Einziehung wegen des Angrif⸗ —— — 278— fes auf ſein Leben vollkommen begrundetes Recht gehabt haͤtte. Auch Eliſabeths Oheim ward mit Rudolph zugleich in Freiheit geſetzt, doch ließ der Mark⸗ graf ihm ſagen, daß er es gern ſehen wuͤrde, wenn er das Land fuͤr einige Zeit verließe. Ein ſolcher Wunſch war unter dieſen Verhaͤltniſſen dem ſtrengſten Befehle gleichzuſtellen, und ſo trat denn Herr Curt Diethold, nachdem er noch der Vermaͤhlung ſeiner Nichte mit dem Junker von Lindenau beigewohnt hatte, eine Pilgerfahrt in das gelobte Land an, von wo er nach meh⸗ reren Jahren zuruͤckkehrte, um ſein Leben in der Familie Rudolph's, geliebt und geehrt wie ein Vater, in Ruhe zu beſchließen. ———— gedruckt bei Heinrich Ruff jun. — — —