deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Liter atur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iz auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 ————————— — 4 6 1 Jack Sheppard. Ein Roman von W. Harriſon Ainsworth. Aus dem Engliſchen von Dr. RA dolph Drnder. Zweiter Theil. BS S Stuttgart. Verlag von Rarl Göpel. 1845. Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Erſtes Kapitel. Die Rückkehr. Beinahe neun Jahre nach den zuletzt erzählten Ereig⸗ niſſen und zwar gegen die Mitte Mai 1724 ging ein junger Mann von ungewöhnlich einnehmendem Aeußeren eines Nach⸗ mittags die Wychſtraße entlang, und die Genauigkeit, mit welcher er die linke Straßenſeite betrachtete, ſchien darauf hinzudeuten, daß er ein beſtimmtes Haus ſuchte. Er konnte kaum älter als ein und zwanzig Jahre ſein, war hoch, kräf⸗ tig und ſchlank gewachſen und ſein helles graues Auge und offnes Geſicht verrieth einen hochherzigen, entſchloſſenen Cha⸗ rakter. Seine Züge waren regelmäßig und ſchön gebildet, ſeine Geſichtsfarbe blühend, jedoch ein wenig vom Reiſen und von der Sonne gebräunt; und mit lobenswerther Ver⸗ achtung der damals allgemein vorherrſchenden abgeſchmackten Mode, die natürliche Kopfbedeckung durch eine zu Ainsworth, Jack Sheppard. II. 1 2 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. erſetzen, ließ er ſein eignes dunkelbraunes Haar in ſo üppigen Locken über ſeine Schultern fließen, wie ſie nur je den Höf⸗ ling aus Karls des Zweiten Zeit geſchmückt haben konnten — eine Mode, an deren Wiederheſtellung in unſern Tagen wir keineswegs verzweifeln. Er trug die franzöſiſche Inte⸗ rimsuniform der damaligen Zeit nebſt hohen Reiterſtiefeln und einem Treſſenhut; und obgleich ſeine Kleidung keinen beſtimmten Rang andeutete, ſo hatte er doch ganz das Weſen einer Perſon von Rang. Die Wirkung, welche ſeine gute Miene und ſein männliches Benehmen auf die Vorübergehen⸗ den machte, war ſo groß, daß wenige, beſonders vom ſchönen Geſchlecht, ihm begegneten, ohne ſich nach ihm umzuſehn und dem hübſchen Fremden noch einen Blick nachzuſenden. Des Intereſſes, welches er erregte, unbewußt und nur mit ſeinen eignen Gedanken beſchäftigt, die man voller Hoffnung und Furcht zugleich befunden haben würde, wenn man ſein Inneres hätte unterſuchen können, ging der junge Mann weiter vorwärts, bis er an ein altes Haus mit großen vor⸗ ſpringenden Bogenfenſtern im erſten Stock gelangte, welches ſo dicht als möglich hinter der St. Clementskirche lag. Hier blieb er ſtehen und blickte nach einem ungeheuren Ladenſchild hinauf, auf dem ein buntfarbiger Engel mit ausgebreiteten Flügeln und einem Olivenzweige gemalt war, welches aber nicht den erwarteten Namen trug, ſondern dieſen: William Kneebone, Tuchhändler. Die Thränen traten dem jungen Manne in die Augen, als er dieſe Veränderung bemerkte, und er konnte ſich kaum ſo viel beherrſchen, um die beahſichtigten Nachfragen nach dem früheren Eigenthümer des Houſes zu thun. Als er in den Laden trat, kam ihm eine ſtattliche Perſon zum Empfange entgegen, die er ſofort als den gegenwärtigen Eigenthümer erkannte. Herr Kneebone war nach der neueſten Mode ge⸗ kleidet. Eine vollgelockte Perrücke wallte ihm bis zur Mitte N k Die Rückkehr. 3 über Nacken und Rücken herab; ein Halstuch vom„ächten Mechelnſchen“ war ſo eng um ſeinen Hals gewunden, daß es ihm faſt den Athem verſetzte und mit einem Schlagfluß drohte; um die Handgelenke und am Hemd trug er ebenfalls Spitzen, an ſeinen Stümpfen goldene Zwickel und an ſeinen Schuhen rothe Hacken. Ein zimmtfarbiger Rock von ſteifem, geziertem Schnitt, mit plattirten Knöpfen von der Größe eines Kronenſtücks an Aermeln, Taſchen und Schößen beſetzt, ging ihm bis mitten auf die Waden herab, und der ſilber⸗ geheftete Degen an ſeiner Seite und der Treſſenhut unter ſeinem Arm vollendeten ſeinen Putz. Der Tuchhändler verbeugte ſich ſehr artig gegen den Fremden und fragte nach ſeinem Begehr. „Ich fürchte mich beinahe es auszuſprechen,“ ſtotterte dieſer;„aber darf ich fragen, ob der Tiſchlermeiſter Wood noch lebt, der früher hier wohnte?“ „Wenn Sie um ſeinetwillen beſorgt find, Sir, ſo kann ich glücklicherweiſe Ihre Beſorgniſſe heben,“ antwortete Knee⸗ bone bereitwillig.„Mein guter Freund, Owen Wood,— Gott erhalte ihn!— lebt noch. Und für einen Mann, der ſeine ſechszig hinter ſich hat, kann ich Ihnen verſichern, daß er ſich noch ſehr gut conſervirt hat.“ „Ihre Nachricht erfreut mich ſehr,“ ſagte der Fremde, deſſen frohe Miene wiederkehrte.„Da er ſeine alte Woh⸗ nung verlaſſen hat, ſo fürchtete ich faſt, daß ihm ein Unglück zugeſtoßen wäre.“ „Ganz im Gegentheil,“ verſetzte der Tuchhändler, gut⸗ müthig lachend.„Alles iſt ihm außerordentlich gut geglückt. Sein Geſchäft iſt gegangen; Legate ſind ihm unerwartet in den Schooß gefallen, und um dem Ganzen die Krone auf⸗ zuſetzen, hat er ſich durch eine glückliche Spekulation in den Südſeeaktien ein bedeutendes Vermögen gemacht,— und das noch dazu in einem Augenblick, wo ſo manche Andre 4 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ein Vermögen eingebüßt haben, wie z. B. Ihr ganz erge⸗ benſter Diener— ha! ha! Mit einem Wort, Sir, Herr Wood iſt jetzt in ſehr wohlhabenden Umſtänden. Er iſt ſo lange als nöthig, und meiner Meinung nach, länger, beim Geſchäft geblieben. Als er dies Grundſtück vor drei Jahren veräußerte, nahm ich es ihm ab; oder vielmehr— um offen gegen Sie zu ſein,— er überließ es mir miethsfrei, denn, ich ſchäme mich des Geſtändniſſes nicht, ich habe Verluſte gehabt, ſehr ſchwere Verluſte; und wäre er nicht geweſen, ſo hätte ich nicht gewußt, wohin mit mir. Herr Wood, Sir,“ fuhr er mit großer Rührung fort,„iſt einer der beſten Menſchen, und er würde der glücklichſte ſein, wenn— wenn—“ hier ſtockte er. „Nun, Sir?“ fragte Jener neugierig. „Seine Frau lebt noch,“ erwiederte Kneebone trocken. „Ich verſtehe,“ verſetzte der Fremde, der ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.„Aber es wundert mich, ich habe gehört, daß Miſtreß Wood einſt ein Liebling von Ihnen war.“ „Das war ſie auch,“ entgegnete der Tuchhändler, eine gewaltige Priſe nehmend, mit der Miene eines Mannes, der ſich nicht ungern mit ſeinen galanten Abenteuern necken läßt—„das war ſie auch. Aber die Zeiten ſind vorüber — ganz vorüber. Seit ihr Mann mir ſo große Verpflich⸗ tungen auferlegt hat, konnte ich in Ehren nicht mehr fort⸗ fahren, ihn— hem!“ hier nahm er zu mehrerer Deutlichkeit wieder eine Priſe.„Dazu kömmt noch, daß ſie weder ſo jung mehr iſt, wie ſie war, noch hat ſch ihre Laune irgends gebeſſert— hem!“ „Genug davon, Sir,“ ſagte der Fremde ernſt;„laſſen Sie uns von etwas ſprechen,— von ihrer Tochter.“ „Das iſt allerdings etwas viel Angenehmeres, 7 entgeg⸗ nete Kneebone mit ſelbſtgefälligem Grinſen. Die Rückkehr. 5 Der Fremde machte eine Miene, als hätte er Luſt, ihn für ſeine Unverſchämtheit zu züchtigen. „Iſt ſie verheirathet?“ fragte er nach kurzer Pauſe. „Verheirathet!— nein— nein,“ antwortete der Tuch⸗ händler.„Winifred Wood wird ſich nicht verheirathen, wenn das Grab nicht etwa ſeine Todten herausgibt. Als bloßes Kind richtete ſie ihre Neigung auf einen jungen Menſchen, Namens Thames Darrell, den ihr Vater aufzog und der, wie man glaubt, vor ungefähr neun Jahren ums Leben ge⸗ kommen iſt; und ſie hat den Entſchluß gefaßt, ſeinem An⸗ denken treu zu bleiben.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen,“ ſagte der Fremde mit bewegter Stimme. „Es iſt freilich zum Erſtaunen, daß ein Frauenzimmer beſtändig ſein ſollte,“ meinte Kneebone,—„beſonders bei einer mädchenhaften Liebe; aber es iſt der Fall. Sie hat unzählige Anträge gehabt, denn wo Geld und Schönheit ver⸗ einigt ſind, wie bei ihr, fehlt es ſelten an Freiern. Aber ſie ließ ſich nicht in Verſuchung führen.“ „Sie iſt ein Mädchen ohne Gleichen!“ rief der junge Mann. „Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ erwiederte Kneebone, noch einmal ſeiner Doſe zuſprechend, um dem zornigen Blick zu entgehn, welchen ſein Beſucher ihm zuſandte. „Ich habe noch eine Frage an Sie zu richten, Sir,“ ſagte der Fremde, ſobald er ſein Mißvergnügen bezwungen hatte,„und dann will ich Sie nicht länger beläſtigen. Sie ſprachen aber von einem jungen Menſchen, den Herr Wood erzog. So viel ich mich erinnere waren es zwei. Was iſt aus dem andern geworden?“ „Wie, Sie meinen doch nicht Jack Sheppard: 2“ rief der Tuchhändler verwundert. „So hieß der Knabe,“ entgegnete der Fremde. 6 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich muthmaßte ſchon aus Ihrer Kleidung und aus Ihrem Weſen, Sir, daß Sie lange aus Ihrem Vaterlande entfernt geweſen ſein müſſen,“ ſagte Kneebone;„aber jetzt bin ich davon überzeugt, ſonſt hätten Sie dieſe Frage nicht gethan. Jack Sheppard iſt das Gerede und der Schrecken der ganzen Stadt. Die Damen können um ſeinetwillen nicht ruhig im Bett ſchlafen; und die Männer wagen überhaupt nicht zu Bett zu gehn. Er iſt der verwegenſte und geſchick⸗ teſte Einbrecher, der je eine Brechſtange in die Hand nahm. Ueber Schlöſſer und Riegel lacht er; und je ſorgfältiger man ſein Haus vor ihm verwahrt, deſto ſicherer kann man ſich auf einen Angriff von ihm gefaßt machen. Seine Thaten und ſeine Fluchtverſuche ſind in aller Welt Munde. Er hat in jedem Gefängniß der Hauptſtadt geſeſſen und iſt aus allen ausgebrochen, und er rühmt ſich, daß es keines gibt, vas feſt genug für ihn wäre. Wir wollen ſehn. Seine Geſchick⸗ lichkeit iſt noch nicht auf die Probe geſtellt worden. Jetzt iſt er unter Jonathan Wild's Gewahrſam.“ „Beſitzt dieſer Schurke noch ſeine frühere Macht?“ fragte der Fremde unwillig. „Gewiß““ erwiederte Kneebone;„und was noch wun⸗ derbarer iſt, ſie ſcheint im Zunehmen zu ſein. Jonathan ver⸗ eitelt und verhöhnt vollſtändig die Wege der Gerechtigkeit. Es iſt unmöglich, gegen ihn anzukommen, ſelbſt mit dem Recht auf unſerer Seite. Vor einigen Jahren, Anno 1715, kurz vor der Rebellion, war ich unvorſichtig genug, mich mit der Jakobitiſchen Partei zu vereinigen, und ward durch Wild's Umtriebe in Newgate geſteckt, wo ich froh war, wieder mit dem Kopf auf den Schultern herauszukommen. Ich be⸗ ſchuldigte den Diebsfänger, was auch der Fall war, daß er mir mit Hülfe des jungen Sheppard, den er dazu antrieb, eben daſſelbe Taſchenbuch geſtohlen hatte, das er als Beweis gegen mich vorbrachte; aber es half nichts,— ich ward nicht —— Die Rückkehr. 6 gehört. Herr Wood iſt noch ſchlimmer gefahren. Von einem gewiſſen Sir Rowland Trenchard beſtochen, entführte Jo⸗ nathan den Pflegeſohn des Tiſchlermeiſters, Thames Darrell, und lieferte ihn an einen Holländiſchen Schiffer aus, mit der Weiſung, ihn bei erſter Gelegenheit über Bord zu werfen; und obgleich ihm dies ſo klar wie die Sonne bewieſen ward, wußte der Hallunke die Sache doch ſo geſchickt zu drehen und zu wenden, daß er mit fliegenden Fahnen abzog. Eine von den Urſachen ſeines guten Erfolges mochte in dieſem Fall wohl die ſein, daß er ſeinen Verbrechensgenoſſen Sir Row⸗ land Trenchard wegen Hochverraths zur Haft brachte und deshalb von Walpole begünſtigt ward, der ſeine Rechnung dabei fand, einen ſolchen Helfershelfer zu haben. Mag es klar ſein, wie es will, Jonathan blieb Sieger, und bald darauf erwirkte er Trenchard,— für den dritten Theil ſeiner Güter, wie man ſich zuflüſterte,— die Freiheit.“ Bei Erwähnung dieſes Umſtandes lagerte ſich eine dunkle Wolke auf der Stirn des Fremden. „Wiſſen Sie weiter noch etwas von Sir Rowland?“ fragte er. „Nur dies noch,“ antwortete Kneebone,—„daß er ſich nach Mißglückung ſeiner Pläne und Zerſtreuung ſeiner Partei auf ſeinen Landfi ſitz Aſhton⸗Hall bei Mancheſter zurück⸗ zog und dort ſeitdem ganz abgeſchieden von der Welt ge⸗ wohnt hat.“ Der Fremde verſank einen Augenblick in Gepintn. „Wollen Sie mir nur noch die Gefüälligkeit erzeigen, Sir,“ ſagte er endlich aufbrechend,„mir zu ſagen, wo ich Herrn Wood finden kann?“ „Mit Vergnügen,“ erwiederte der Tuchhändler.„Er wohnt in Dollis⸗Hill, einem hübſchen Ort in der Nähe von Willisden, ungefähr vier oder fünf Meilen von der Stadt, wo er ſich ein Landgut gekauft hat. Wenn Sie hinausreiten, — — — „ 8 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſo werden Sie ihn beſtimmt antreffen. Ich ſprach ihn geſtern noch und er ſagte mir, er würdezacht Tage lang nicht aus dem Hauſe gehn. Er beſuchte mich auf dem Rückwege von einem Beſuch in Bedlam bei der armen Miſtreß Sheppard.“ „Jack's Mutter!“ rief der junge Mann.„Gerechter Gott!— iſt ſie im Irrenhauſe?“ „Die ſchlechten Streiche ihres Sohnes haben ſie dahin gebracht, Sir,“ antwortete der Tuchhändler traurig.„Ach, daß die Strafe für ſein Vergehen auf ihr Haupt fallen mußte. Arme Seele! ſie wäre bald geſtorben, als ſie hörte, daß er ſeinen Herrn beſtohlen hatte, und es wäre vielleicht gut für ſie geweſen, denn ſie iſt ſeit der Zeit nicht wieder zu Ver⸗ ſtande gekommen. Sie phantaſirt beſtändig von Jack, ihrem Mann und von dem elenden Jonathan, dem ſie, ſo viel ſich aus ihren unzuſammenhängenden Reden abnehmen läßt, ihr ganzes Unglück zuſchreibt. Sie thut mir vom Grund meines Herzens leid. Aber in all ihrem Trübſal hat ſie an Herrn Wood einen treuen Freund gefunden, der für ihre Bequem⸗ lichke it ſorgt und ſie häufig beſucht. Ja, ich habe ihn ſagen hören, wäre es nicht wegen ſeiner Frau, ſo würde er ſie in ſein eignes Haus aufnehmen. So etwas, nenne ich ein guter Samariter ſein.“ Der Fremde antwortete nichts, ſondern niſchte ſich ſchnell eine Thräne aus dem Auge. Als Herr Kneebone ſah, daß er im Begriff war fortzugehn, ſo wagte er die Frage, mit wem er die Ehre habe zu ſpechen. Ehe der junge Mann hierauf antworten konnte, öffnete ſich eine Nebenthür und ein ſehr hübſches Frauenzimmer von Amazoniſchem Wuchs trat ein und ging vertraulich auf Herrn Kneebone zu. Sie war äußerſt bunt aufgeputzt und ihr um⸗ fangreicher Reifrock ließ ihre hohe Statur noch kraftvoller hervortreten. Sobald ſie des Fremden anſichtig ward, beehrte ſie ihn mit einem höchſt unverſchämten Anſtieren und gab Die Rückkehr. 9 ſich kaum die Mühe, das Wohlgefallen zu verbergen, welches ſie an ſeinen guten Mienen fand. „Sehn Sie nicht, daß ich Geſchäfte habe, meine liebe Miſtreß Maggot,“ ſagte Kneebone, etwas außer Faſſung gebracht. „Wen haben Sie da bei ſich?“ fragte die Amazone keck. „Ich kenne den Gentleman nicht, Poll,“ erwiederte der Tuchhändler mit ſteigender Verlegenheit.„Ich weiß nicht, wie er heißt.“ Und er machte eine Miene, als wäre ihm die Neugierde danach ganz vergangen. „Na, jedenfalls iſt es ein hübſcher Kerl,“ meinte Miſtreß Maggot, ihn mit augenſcheinlichem Wohlgefallen von Kopf bis zu Fuß muſternd;—„ein verteufelt hübſcher Kerl.“ Wahrhaftig, Poll,“ ſagte Kneebone ſtark erröthend, „Sie untn auch wohl etwas delikater ſein, als ihm dies vor meinen eignen Augen zu ſagen.“ „Was!“ rief Miſtreß Maggot, ihre ſchöne Geſtalt ſo grade wie möglich aufrichtend;„weil ich mich herablaſſe mit Ihnen zu leben, ſoll ich keinen andern Mann anſehn dürfen, — beſonders keinen, der ſo ſehr nach meinem Geſchmack iſt, wie dieſer? Bilden Sie ſich nichts ein!“ „Sie thäten beſſer, ſich zu entfernen, Madam,“ ſagte der Tuchhändler kurz,„wenn Sie ſich nicht anſtändiger auf⸗ führen können.“ „Behalten Sie Ihre Befehle für die, welche gehorchen mögen,“ verſetzte die Dame übermüthig.„Wenn Sie bei der verliebten Närrin, Miſtreß Wood, den Herrn geſpielt haben, ſo denken Sie ja nicht, daß Sie es auch bei mir können. Da!“ Und ſie ſchlug ihm ein Schnippchen vor der Naſe. „Alle Wetter!“ rief Kneebone aufgebracht.„Gehn Sie auf Ihr Zimmer, auf der Stelle oder ich bringe Sie heraus!“ „Sie mich herausbringen!“ wiederholte Miſtreß Maggot mit lautem verächtlichen Gelächter.„So verſuchen Sie es doch!“ 10 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Ueber die Keckheit ſeiner Geliebten entrüſtet, bemühte ſich der Tuchhändler, ſeine Drohung wahr zu machen, aber alle ſeine Anſtrengungen, ſie von der Stelle zu bringen, waren vergeblich. Endlich als er ſein Vorhaben aus gänzlicher Erſchöpfung aufgegeben hatte, ergriff die Amazone ihn beim Kragen und ſtieß ihn mit ſolcher Gewalt zurück, daß er über den Ladentiſch rollte. „Da!“ rief ſie lachend,„das wird Sie lehren, noch einmal Hand an mich zu legen. Ehe Sie Ihre Kraft an mir verſuchen, ſollten Sie ſich erinnern, daß als ich Sie 3 von der Wache befreite und Sie mich beredeten, zu Ihnen 3 zu kommen und mit Ihnen zu leben, ich vier Mann in die Flucht jagte, von denen Jeder es mit Ihnen aufgenommen 3 hätte— ha! ha!“ „Meine liebe Poll!“ ſagte Kneebone wieder aufſtehend, „ich bitte, mäßigen Sie ſich.“ „Mäßigen, Firlefanz!“ entgegnete Miſtreß Maggot: „ich habe Sie ſatt und will wieder zu meinem alten Lieb⸗ haber, Jack Sheppard. Er iſt mehr werth, als ein Dutzend von Ihrer Sorte. Oder wenn dieſer hübſche junge Mann nur ein Wort ſagt, ſo gehe ich mit ihm.“ 3„Gehn Sie in Gottesnamen, Madame!“ verſetzte Knee⸗ ¹ bone ſchmollend.„Aber ich dächte nach dieſen Beweiſen Ihrer Liebenswürdigkeit, die Sie eben gegeben haben, wird Nie⸗ 1 mand ſich eine ſolche Laſt auf den Hals locken wollen.“ „Was ſagen Sie dazu, Sir?“ fragte die Amazone den Fremden mit liebäugelndem Blick.„Sie werden mich ſchon lenkſam finden, und mit mir zur Seite brauchen Sie weder Konſtabel noch Wache zu fürchten. Ich habe Jack Sheppard aus mancher Klemme geholfen. Ich kann einen Knüttel ſo gut wie ein Preisfechter ſchwingen und habe Figg ſelbſt auf Hieber geſchlagen. Wollen Sie mich haben?“ So lockend Miſtreß Maggot's Vorſchlag auch ſein mochte, Die Rückkehr. 11 ſo ſchien es dem jungen Mann doch angemeſſen, ihn abzu⸗ lehnen, und nach einigen wohlverdienten Komplimenten über ihre Tapferkeit und wiederholten Dankſagungen an Herrn Kneebone entfernte er ſich. „Adien!“ rief Miſtreß Maggot, ihm eine Kußhand nachwerfend,„ich werde Sie auffinden. Und jetzt,“ fuhr ſie verächtlich gegen den Tuchhändler gewandt fort,„ietzt will ich zu Jack Sheppard gehn.“ „Erſt ſollſt du nach Bridewell, du Hexe!“ verſetzte Kneebone.„Höre, Tom,“ rief er ſeinem Ladenjungen zu, „laufe und hole einen Kanſtabel.“ „Laſſen Sie ihn lieber ein halbes Dutzend holen,“ ſagte die Amazone, eine Elle zur Hand nehmend und ſich ruhig hinſetzend,„einer iſt nicht genug.“ Als der junge Mann Herrn Kneebone's Haus verlaſſen hatte, eilte er nach einem Gaſthofe in der Nähe von Covent⸗ garden, wo er ſich ein Pferd geben ließ, um aus der Stadt zu reiten. Er zog den Zügel nicht eher ein, als bis er das Tyburn⸗Thor erreichte, wo er einen Augenblick, ehe er die Edgewareſche Landſtraße einſchlug, halten blieb, um den Richtplatz zu betrachten. Dieſer„letzte Aufenthalt der un⸗ glücklichen Tapfern“ war mit einer niedrigen hölzernen Ein⸗ faſſung umgeben, innerhalb derer der dreifache Baum auf⸗ gerichtet war. Dem Galgen gegenüber ſtand eine Art von Gerüſt, welches bei feierlicher Gelegenheit mit Zuſchauern beſetzt war. Außerhalb der Einfaſſung erhoben ſich mehrere hohe Galgen mit ihrer grauſigen Laſt. Es war ein ekeler⸗ regender, empörender Anblick. Wahrſcheinlich von Herrn Kneebone's Nachrichten über Jack Sheppard's unmoraliſchen Lebenswandel veranlaßt und über das Schickſal ſchaudernd, das ſeiner aller Wahrſcheinlichkeit nach erwartete, verſank der junge Mann bei dieſem Schauſpiel in düſteres Hin⸗ brüten. Während er ſo bei ſich ſann, ritten zwei Reiter an —— 12 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ihm vorbei und blieben in einiger Entfernung ebenfalls halten. Der eine von beiden war ein handfeſter, vierſchrötig gebauter Mann mit ungewöhnlich dunkler Geſichtsfarbe und barſchen abſtoßenden Zügen. Er war gut beritten, ſo wie auch ſein Begleiter, und hatte Piſtolen im Halfter und einen Fänger an der Seite. Der andre, welcher jenſeits deſſelben hielt, war dem Fremden einſtweilen noch verborgen. Plötzlich machte er jedoch eine Bewegung und zeigte ihm ſein Geſicht, welches das eines jungen Mannes von demſelben Alter war. Der Anzug dieſer Perſon war überaus glänzend und beſtand aus einem ſcharlachrothen, blau gefütterten und beſetzten, über und über mit breiten goldenen Treſſen ausgeputzten Reitrock, einer grünen mit Silber geſtickten und mit einer tiefherabreichenden Kante beſetzten Seidenweſte und einem Hut, der auf dieſelbe modiſche Art ausſtaffirt war. Seine Geſtalt war ſchlank und wohlgebaut und er maß nicht über fünf Fuß vier Zoll. Seine Geſichtsfarbe war blaß und in ſeinen großen ſchwarzen Augen lag etwas unheilweiſſagendes. Sein Kopf war klein und kugelförmig, und er trug keine Perrücke, ſondern hatte ſein glänzendes ſchwarzes Haar um die Schläfen kurz abſchneiden laſſen. Ein gegenſeitiges Wiedererkennen fand in demſelben Augenblicke zwiſchen dem Fremden und dieſem Individuum ſtatt. Beide ſtutzten. Der letztere ſchien geneigt, ſich jenem zu nähern und ihn anzureden; aber plötz⸗ lich änderte er ſeinen Sinn und rief ſeinen Begleiter in Tönen an, welche dem Ohr des Fremden wohlbekannt waren, worauf beide ſpornſtreichs auf der Edgewareſchen Landſtraße davonritten. Von unerklärlichen Gefühlen getrieben, ſetzte der Fremde ihnen nach; allein ſie waren beſſer beritten und ließen ihn bald weit zurück. Da er bemerkte, daß ſie zur Linken abbogen, ſo ſchlug er denſelben Weg ein und befand ſich bald auf der Paddingtonſchen Gemeindewieſe. Eine Allee von prächtigen und damals ſchon ehrwürdigen Ulmen breitete Die Rückkehr. 13 ihre langen Arme über dieſen anmuthigen Ort aus. Von einem Manne, der im Schatten einer dieſer edlen Bäume ſtand, erfuhr er, daß die Reiter auf die Harrowſche Straße geritten wären. Mit der ſchwachen Ausſicht ſie einzuholen, ſpornte ihr Verfolger ſein Pferd zu größerer Eile an. Als er in Weſtbourne⸗Green ankam, ſah er durch die Hecken die Gegenſtände ſeines Suchens langſam den ſanften Abhang hinanreiten, der ſich hinter Kenſal⸗Green erhebt. Gegen die Zeit, daß er den Gipfel dieſes Hügels er⸗ reichte, hatte er alle Spur von ihnen verloren; und da ſich ſein Jagdeifer einigermaßen gelegt hatte, begann er ſich ſeine Thorheit vorzuwerfen, daß er ſich einen ſeiner Meinung nach ſo großen Umweg gemacht hätte. Ehe er jedoch wieder zurückritt, erkundigte er ſich bei einem Ackersmann und er⸗ fuhr, daß er auf einem Feldwege etwas weiterhin zur Rechten am kürzeſten nach Willesden kommen würde. Er folgte der angegebenen Richtung und gelangte auf einen der ſchönſten Feldwege, die man ſich denken kann, der ihn nach manchen Windungen auf eine beſuchtere Straße führte und endlich nach dem Ort ſeiner Beſtimmung brachte. Als er den Weg⸗ weiſer über dem Gefängniß, welches, wie oben beſchrieben worden, am äußerſten Ende des Dorfs lag, zu Rathe ziehn wollte und keinen Arm nach Dollis⸗Hill fand, erkundigte er ſich wieder bei einem ältlichen Mann, der mit einem andern Landmann bei dem kleinen Gefängniß ſtand. „Weſſen Haus ſuchen Sie, Sir?“ fragte dieſer grüßend. „Herrn Wood's,“ lautete die Antwort. „Da iſt Dollis⸗Hill,“ ſagte der Mann, indem er auf eine etwa eine Meile weit entfernte, bewaldete Anhöhe zeigte, „und das iſt das Haus von Herrn Wood. Wenn Sie an der Kirche vorbeireiten und den Hügel hinaufſteigen, ſo werden Sie nach Neasdon kommen und dann haben Sie keine halbe Meile mehr.“ 14 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Der junge Mann dankte ihm für ſeine Nachweiſungen und wollte ihnen eben Folge leiſten, als Jener ihm nachrief: „Noch eins, Sir; haben Sie je von Herrn Wood ſeinem berüchtigten Lehrling erzählen gehört?“ „Von welchem Lehrling?“ fragte der Fremde erſtaunt. „Nun, von Jack Sheppard, dem bekannten Einbrecher, derſelbe, der halb London geplündert hat. Sie müſſen wiſſen, Sir, als er noch ein Knabe war, brach er bei ſeinem Herrn in der Wychſtraße ein und am Tage drauf beſtahl er einen Gentleman in unſrer Kirche, während des Gottesdienſtes,— das that er, der Heide. Der Gentleman ertappte ihn dabei und zur Sicherheit ſperrten wir ihn in dies Gefängniß ein. Aber,“ fuhr er lachend fort,„es dauerte nicht lange, ſo war er ausgeflogen. Seit der Zeit, daß er ſo berühmt ge⸗ worden iſt, haben die Leute hier in der Gegend es Jack Sheppard's Käfig getauft. Seine Mutter pflegte in dieſem Dorf zu wohnen, hier dicht bei, aber als ihr Sohn auf ſchlechte Wege gerieth, verlor ſie den Verſtand,— und jetzt iſt ſie in Bedlam, habe ich gehört.“ „Ich will dir was ſagen, John Dump,“ ſagte der andre, welcher bisher geſchwiegen hatte,„ich weiß nicht, ob dein Gerede über Jack Sheppard es mir in den Kopf geſetzt hat oder nicht; aber ich habe ihn mir mal zeigen laſſen, und wenn er das geweſen iſt, den ich damals geſehn habe, ſo iſt er jetzt bei uns vorbei geritten und in den Sechs Glocken ab⸗ geſtiegen.“ „Den Teufel auch!“ rief Dump.„Wenn du das gewiß wüßteſt, ſo könnten wir ihn fangen und uns die Belohnung geben laſſen.“ „Das wäre nicht ſo leicht, wie es ausſieht,“ erwiederte der Landmann,„Jack iſt ein verzweifelter Burſche und immer gut bewaffnet, und dann hat er auch einen Kameraden bei ſich. Aber ich will dir ſagen, was wir thun könnten—“ ———— Die Rückkehr. 15 Weiter hörte der junge Mann nichts. Er ſchlug die angegebene Richtung ein und ritt davon. Als er an den Sechs Glocken vorbei kam, bemerkte er zwei Reitpferde vor der Thür und ein Blick in das Haus zeigte ihm den jün⸗ geren der beiden Reiter auf dem Flur. Kaum hatte dieſer ihn bemerkt, ſo verſchwand er in das nächſte Zimmer. Nach einiger Ueberlegung, ob er noch eine Unterredung herbei⸗ führen ſollte, welche, obgleich jetzt in ſeiner Macht, von der Gegenpartei ſo eifrig gemieden ward, entſchied er ſich zum Gegentheil und begnügte ſich damit, einige Worte auf einen Papierſtreifen zu ſchreiben:„Sie ſind den Dorfbewoh⸗ nern bekannt,— ſein Sie auf Ihrer Hut.“ Dies gab er dem Hausknecht mit dem Befehl, es augenblicklich an den Eigenthümer des Pferdes, welches er ihm zeigte, zu über⸗ geben, und ſetzte dann ſeinen Weg fort. Herrn Wood's Wohnhaus,— eine einfache, geräumige Meierei, ſtand unter zwei hohen Ulmen, deren Zweige das Dach vollſtändig überſchatteten. Auf einer Bank zu Füßen dieſer Bäume ſaß der würdige Tiſchlermeiſter mit einer Pfeife im Munde und einem Kruge an ſeiner Seite, ein Bild der Gutherzigkeit und des Wohlwollens. Der Einfluß der Zeit hatte ſich an Herrn Wood durch zunehmende Beleibtheit und verringerte Sehkraft, durch tiefere Runzeln, gebückteren Gang und gedrücktes Athemholen offenbart. Dennoch ſah er geſund und rüſtig aus, und das Landleben, welches er führte, hatte ſeiner Wange eine gebräuntere Färbung ver⸗ liehen. Alles um ihn her zeugte von Wohlſtand. Eine Un⸗ zahl von Heu⸗ und Strohſchobern waren längs den zu ſeiner Wohnung gehörigen Scheunen aufgereiht, der Hof war voll von Geflügel, Tauben ſuchten ſich ihr Futter zu ſeinen Füßen, Rinder und Pferde zogen auf ihrem Wege nach den Ställen vorüber, ein großer Hofhund raſſelte mit ſeiner Kette und ſpazierte würdevoll vor ſeinem Hauſe hin und her, und meh⸗ 16 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefingniß⸗Brecher. rere Ackerknechte kamen und gingen im Verfolge ihrer ver⸗ ſchiedenen Beſchäftigungen. Hinter dem Hauſe erhob ſich auf einer Anhöhe ein altmodiſcher Garten, voller blühender Apfel⸗ und andrer Fruchtbäume, prangend im herrlichen Grün des anbrechenden Frühlings. Als Herr Wood einen Reiter herankommen hörte, wandte er ſich nach ihm um. Es fing jetzt an zu dämmern und er konnte die Züge und die Geſtalt des Fremden nur undeut⸗ lich unterſcheiden. „Ich brauche nicht erſt zu fragen, ob Herr Wood hier wohnt,“ ſagte dieſer,„denn ich finde ihn vor ſeiner eignen Tchüre.“ . 6 „Sie haben Recht, Sir,“ antwortete der würdige Tiſch⸗ lermeiſter aufſtehend.„Ich bin Owen Wood, zu Ihren Dienſten.“ „Sie erinnern ſich meiner wohl nicht,“ bemerkte der Fremde. „Nicht ſo recht,“ verſetzte Wood.„Ihre Stimme ſcheint mir bekannt,— und— aber ich werde ſchon etwas taub und meine Augen ſind auch nicht mehr ſo gut, wie früher, beſonders bei dieſem Dämmerlicht.“ „Gleichviel,“ entgegnete der Fremde und ſtieg ab;„Sie werden ſich allmälig auf mich beſinnen. Ich bringe Ihnen Nachrichten von einem alten Freunde.“ „Dann ſind Sie herzlich willkommen, Sir, wer Sie auch ſein mögen. Bitte, treten Sie ein. Hier, Johann, führe das Pferd des Herrn in den Stall und gieb ihm zu freſſen. Wollen Sie ſo gut ſein, mir jetzt zu folgen, Sir?“ Dann ſtieg Herr Wood eine ziemlich hohe und nach heutigen Begriffen unbequeme Treppe hinan und führte ſeinen Gaſt in ein ſauberes Empfangzimmer, deſſen Fenſter mit Blumentöpfen und Schlingpflanzen beſetzt waren. Es war kein Licht im Zimmer, aber deſſen ungeachtet entdeckte der Die Rückkehr. 17 junge Mann bald Miſtreß Wood's ſtattliche Geſtalt, jetzt noch ſtattlicher und bunter aufgeputzt als je,— ſo wie auch ein junges, ſchönes Frauenzimmer, in der er ohne Schwie⸗ rigkeit die Tochter des Tiſchlermeiſters erkannte. Winifred Wood ſtand jetzt in ihrem zwanzigſten Jahre. Ihre Züge trugen noch immer leiſe Spuren der Krankheit, auf die wir bei ihrer Beſchreibung als Kind hingedeutet haben,— aber dies war der einzige Mangel an Schönheit. Ihr Ausdruck war ſo liebenswürdig, daß er auch ein tau⸗ ſendmal fehlerhafteres Geſicht gut gemacht haben würde. Ihre Geſtalt war vollkommen ebenmäßig,— hoch, an⸗ muthsvoll und gerundet,— und dann hatte ſie ſo innige blaue Augen, daß ſie die Sterne an Glanz übertrafen. Beim Eintritt des Fremden ſaß ſie emſig mit ihrer Nadel beſchäf⸗ tigt am Fenſter. „Meine Frau und Tochter, Sir,“ ſagte der Tiſchler⸗ meiſter, indem er ſie ſeinem Gaſt vorſtellte. Miſtreß Wood, deren Geſchmack an männlicher Schön⸗ heit ſich keineswegs vermindert hatte, warf einen Blick auf die wohlgebaute Geſtalt des jungen Mannes und beehrte ihn mit einem ſehr freundlichen Gruß. Winifred's Empfang war höflich, aber zurückhaltender, und nach Beendigung dieſes kleinen Ceremoniells nahm ſie ihre Arbeit wieder auf. „Dieſer Gentleman bringt uns Nachrichten von einem alten Freund, meine Theure,“ fagte der Tiſchlermeiſter. „So! und wer könnte das ſein?“ fragte ſeine Frau. „Jemand, den Sie vielleicht vergeſſen haben,“ antwor⸗ tete der Fremde,„aber der nie die Güte vergeſſen kann, die er von Ihnen und Ihrem vortrefflichen Gemahl empfan⸗ gen hat.“ Beim Klange ſeiner Stimme entwich alle Röthe von Winifred's Wangen und die Arbeit, mit welcher ſie beſchäf⸗ tigt war, entſank ihrer Hand. Ainsworth, Jack Sheppard. M. 2 7 18 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich habe Ihnen ein Andenken zu übergeben,“ wandte ſich der Fremde an ſie. „Mir?“ ſagte Winifred athemlos. „Dies Schloß,“ ſagte er, indem er ein kleines Ge⸗ ſchmeide von einem ſchwarzen Bande an ſeiner Bruſt ablöste und ihr überreichte,—„erinnern Sie ſich deſſen?“ „Gewiß— gewiß!“ rief Winifred. „Was hat dies alles zu bedeuten?“ rief Wood voll Erſtaunen. „Kennen Sie mich nicht, Vater?“ ſagte der junge Mann und ergrif, mit Wärme ſeine Hand.„Haben neun Jahre mich ſo verändert, daß keine Spur mehr von Ihrem Pflege⸗ ſohn übrig geblieben iſt?“ „Gott ſegne mich!“ rief der Tiſchlermeiſter, ſich die Augen reibend.„Iſt es wirklich möglich?“ „Wahrhaftig,“ ſchrie Miſtreß Wood,„Thames Darrell iſt wieder lebendig geworden.“ „Er iſt es!— er iſt es!“ rief Winifred und ſtürzte ſich in ſeine Arme,—„es iſt mein theurer— theurer Bruder!“ „Daß ich dies erleben ſollte, hätte ich wirklich nicht gedacht,“ ſagte der Tiſchlermeiſter und trocknete ſich die Augen. „Hoffentlich iſt es kein Traum! Thames, mein theurer Junge, ſobald Winifred mit dir fertig iſt, laß dich von mir umarmen.“ „Erſt komme ich,“ wandte ſeine beſſere Hälfte ein. 1„Komm in meine Arme, Thames! O Gott! O Gott!“ — Die Fragen und Glückwünſche zu wiederholen, welche — jetzt erfolgten, oder die übermäßige Freude des Tiſchlermei⸗ 18 ſters zu beſchreiben, der, als er ſeinen Pflegeſohn mit ſolchem 3 Entzücken an die Bruſt gedrückt hatte, daß er ihm faſt den Athem ausgepreßt hätte, im Zimmer umherzuſpringen an⸗ fing, ſeine Perrücke in den leeren Kaminheerd warf und verſchiedene andere phantaſtiſche Dinge beging, um ſich ſeiner überſtrömenden Glückſeligkeit zu entledigen,— das kaum ————— Die Rückkehr. 19 geringere Entzücken ſeiner Ehehälfte oder die zurückhaltendere und doch nicht weniger innige Zufriedenheit Winifred's zu beſchreiben, wäre ein überflüßiges Unterfangen, da es ſich der Einbildungskraft eines Jeden von ſelbſt darbietet. Das Abendeſſen ward ſogleich aufgetragen, die älteſte Flaſche Wein ward aus dem Keller heraufgeholt, das ſtärkſte Faß Bier ward angezapft, aber Keiner von der ganzen Geſell⸗ ſchaft konnte eſſen oder trinken,— ihre Herzen waren zu voll. Thames hielt Winifred's Hand in die ſeinige geſchloſſen und begann die Erzählung ſeiner Abenteuer, welche hier in Kürze wiederholt werden mag. Als Van Galgebrok ihn auf die hohe See hinausgebracht und über Bord geworfen hatte, wurde er, noch mit den Wellen kämpfend, von einem franzöſiſchen Fiſcherboot aufgegriffen und in Oſtende ans Land geſetzt. Nach vielfachen Mühſalen und Entbehrungen, während deren ihm keine Verbindung mit England möglich war, fand er ſeinen Weg endlich nach Paris, wo er ſich dem Cardinal Dubvis bemerklich machte, der ihn als Se⸗ cretär beſchäftigte, und ſpäter trat er in die Dienſte des Regenten Philipp von Orleans ſelbſt. Nach dem Tode ſeines königlichen Gönners beſchloß er, in ſeine Heimath zurückzukehren, und dieſe Abſicht hatte er jetzt nach Ueber⸗ windung mehrfacher Hinderniſſe, die ihn bis zu dieſem Augen⸗ blick aufhielten, ausgeführt. Winifred hörte ſeiner Erzählung mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu, und ihr thränenvolles Auge und hoch⸗ klopfendes Herz bewieſen die Theilnahme, welche ſie an ſeinen Schickſalen hatte. Das Geſpräch wandte ſich dann zu Darrell's ehemaligem Spielgefährten, Jack Sheppard, und Herr Wood deutete mit Rückſicht auf deſſen ungeregelten Lebenswandel auf den be⸗ trauernswerthen Zuſtand hin, in den er ſeine Mutter ver⸗ ſetzt hatte. 20 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Was mich betrifft,“ bemerkte Miſtreß Wood,„ſo habe ich nichts anderes von ihm erwartet, und ich wundere mich nur, daß er noch nicht für ſeine Verbrechen hat baumeln müſſen. Der Galgen wartet ſchon ſeit Jahren auf ihn. Uebrigens habe ich für ſeine Mutter gar kein Mitleid. Es iſt ihr ganz recht geſchehen.“ „Sagen Sie das nicht, liebe Mutter,“ verſetzte Wini⸗ fred.„Eine von den Folgen eines verbrecheriſchen Lebenswan⸗ dels iſt die Schande und Schmach, welche er, empfindlicher als jede Strafe, welche über den Uebelthäter verhängt werden kann, auf die unſchuldigen Verwandten häuft; und wenn Jack dies berückſichtigt hätte, ſo würde er vielleicht anders gehandelt und nicht ſo viel Elend über ſeine unglück⸗ liche Mutter gebracht haben.“ „Mir iſt Miſtreß Sheppard immer zuwider geweſen,“ rief Miſtreß Wood mit Bitterkeit,„und ich ſage noch ein— mal, Bedlam iſt viel zu gut für ſie.“ „Meine Liebe,“ meinte Wood,„du ſollteſt doch nach⸗ ſichtiger ſein.—“ „Nachſichtig!“ wiederholte ſeine Frau,„das iſt ewig dein Stichwort. Ei! ſeht mir doch! Ich bin noch viel zu nachſichtig geweſen. Da treibt Winny dich immer, hinzugehn und Miſtreß Sheppard im Hoſpital zu beſuchen, und ihr dieß mitzunehmen, und das hinzuſchicken;— und ich habe nie ein Wort dagegen geſagt, obgleich ſolche mißverſtandene Menſchenfreundlichkeit einen Heiligen erboßen könnte. Und dann muß fie dir wahrhaftig auch noch abreden, Jack Shep⸗ pard wegen des Einbruchs in der Wychſtraße hängen zu laſſen, was du doch gekonnt hätteſt. Du nennſt das vielleicht Menſchenfreundlichkeit; ich nenne es aber, der Gerechtigkeit ins Geſicht zu ſchlagen. Sieh dich vor, was für ein Unge⸗ heuer von Schurken du gegen die Welt losgelaſſen haſt!“ „Gewiß, Mutter,“ verſetzte Winifred,„wenn Einer Die Rückkehr. 21 Urſache hätte, Rache zu fühlen, ſo wäre ich es, denn Keiner hätte einen größeren Schrecken davon haben können. Aber der arme Jack that mir leid,— und thut es noch, und ich hoffte, er würde ſich beſſern.“ „Beſſern!„wiederholte Miſtreß Wood verächtlich,„er beſſert ſich nicht eher, als bis er nach Tyburn geht.“ „Wenigſtens will ich mir die Hoffnung nicht nehmen laſſen,“ entgegnete Winifred.„Aber wie geſagt, bei dem Einbruch in der Nacht war ich fürchterlich erſchrocken. Ob⸗ gleich ich damals noch ſo klein war, ſo erinnere ich mich doch zu genau jedes Umſtandes. Ich war noch auf, betrübt über dein Verſchwinden, theurer Thames, als ich ein un⸗ gewohntes Geräuſch vernahm und nach der Treppe ging, von wo ich Jack Sheppard mit zwei andern in Flor verhüllten Männern beim Schein der Diebsleuchte heraufſchleichen ſah. Ich muß mich ſchämen, aber ich war zu erſchrocken, um auf⸗ zuſchreien, und lief fort und verſteckte mich.“ „Still davon!“ rief Miſtreß Wood.„Du wirſt mich noch damit krank machen. Denkſt du, daß ich es ſo leicht vergeſſe? Haben ſie nicht alles Silberzeug und das Geld mit weggehen heißen,— und faſt alle meine beſten Kleider und unter andern meinen liebſten ranunkelfarbigen Rock; und ich habe nie wieder einen eben ſolchen wieder kriegen können! O, ich dächte gar! Alle ſollten ſie mir hängen, wenn ich ſie hätte. Geſchähe ſo etwas noch einmal wieder, ich ließe meinem Mann keine Ruhe, bis er die Schurken vor Gericht ſtellte.“ „Ich hoffe, daß ſo etwas nie wieder geſchehen wird, meine Liebe,“ ſagte Wood ſanftmüthig;„ſollte es aber doch der Fall ſein, ſo iſt dann immer noch Zeit genug, über die zu ergreifenden Maßregeln zu berathen.“ „Sie mögen es verſuchen, wenn ſie es wagen!“ rief Miſtreß Wood, die ſich immer mehr erhitzte,„und ich — 22 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſtehe ihnen dafür, der Kühnſte von ihnen ſoll es bereuen, mir in den Weg gekommen zu ſein.“ „Kein Zweifel, meine Theure, kein Zweifel,“ beſänftigte der Tiſchlermeiſter. Thames, der mehr als einmal auf dem Punkt geſtanden hatte, ſein zufälliges Zuſammentreffen mit Jack Sheppard zur Sprache zu bringen, indem die bloße Thatſache ſeines Aufenthalts in der Nachbarſchaft ihm wirklich einige Be⸗ ſorgniß verurſachte, hielt es jetzt, aus Furcht Miſtreß Wood noch mehr aufzuregen, für das gerathenſte das Ganze zu verſchweigen; und hierzu fand er ſich um ſo mehr veranlaßt, als das Geſpräch jetzt auf ſeine eigenen Angelegenheiten zu fallen begann. Herr Wood konnte ihm weiter keine Aus⸗ kunft über Sir Rowland Trenchard geben, als was er von Herrn Kneebone gehört hatte, und bat ihn jeden Entſchluß in Betreff ſeines demnächſtigen Verhaltens in dieſer Sache bis zum andern Tage aufzuſchieben, indem er ihm einen Plan vorlegen zu können hoffte, den er billigen würde. Die Nacht war ſchon ziemlich vorgerückt und die Ver⸗ ſammelten begannen ſchon ans Aufbrechen zu denken. Als Miſtreß Wood, die ihre ganze Laune wiedergefunden hatte, das Zimmer verließ, ſchenkte ſie Thames noch eine herzliche Umarmung und ſagte lachend, daß„ſie ihre Vorſchläge auch bis zum andern Tage auffparen würde.“ Bis zum andern Tage! Sie erblickte ihn nicht mehr. Nach einem zärtlichen„gute Nacht“ an Winifred, ward Thames von dem Tiſchlermeiſter in ſein Schlafzimmer ge⸗ führt,— ein behagliches, heimliches Stübchen, wie man es nur auf dem Lande finden kann, mit ſeinen Damaſtvor⸗ hängen um das Bett, ſeinen lavendel duftenden Betttüchern, ſeinen reinen, weißen Gardinen und ſeiner belebenden friſchen Luft. Als er ſich allein fand warf er einen Blick durch das Zimmer und ſein Herz klopfte hoch, als er über dem Kamin⸗ Der Einbruch in Dollis⸗Hill. 23 geſims ſein eigenes Bildniß bemerkte. Es war eine Kopie der Bleiſtiftſkizze, welche Winifred vor neun Jahren entworfen hatte, und ſie erweckte tauſend zärtliche Erinnerungen in ihm. Als er ſich zur Ruhe legen wollte, fiel ihm ſein Zu⸗ ſammentreffen mit Jack Sheppard wieder ein und er machte ſich faſt Vorwürfe, Herrn Wood nicht damit bekannt gemacht und vor der Möglichkeit eines Angriffs gewarnt zu haben. Indem er die Sache hin und her überlegte, ward er ſo un⸗ ruhig, daß er hinunterzugehen und ihm ſeine Befürchtungen mitzutheilen beſchloß. Aber als er mit dieſer Abſicht bis vor die Stubenthür gekommen war, ſchämte er ſich ſeiner Furcht, und in der Ueberzeugung, daß Jock, ſo ſchlecht er auch ſonſt ſein möchte, doch keiner ſolchen Niederträchtigkeit fähig ſein könnte, ſeinen Wohlthäter zweimal zu beſtehlen, begnügte er ſich damit, die Ladung ſeiner Piſtolen zu unter⸗ ſuchen und für den Nothfall in Bereitſchaft zu legen, und warf ſich dann auf das Bett und ſchlief bald ein. Zweites Kapitel. Der Einbruch in Dollis⸗Hill. Thames Darrell's Beſorgniſſe waren jedoch nicht unge⸗ gründet. Die Gefahr lauerte draußen in eben der Geſtalt, die er vermuthet hatte, und er ſollte nicht lange der Ruhe genießen. Nach Empfang der warnenden Zeilen verließ Jack Sheppard mit ſeinem Begleiter das Dorf und ſchlug, des Scheins halber, die Richtung nach Harrow ein, um mit Anbruch der Nacht auf einem Nebenwege nach Neasdon zu⸗ rückzureiten und in einem kleinen Gaſthof unter dem Zeichen des gefleckten Hundes einzukehren. Hier blieben ſie bis 24 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Mitternacht, verlangten dann die Rechnung und ihre Pferde und verließen das Haus. Die Nacht war für ihr Vorhaben wohlgeeignet, ruhig, ſtill und ſtockfinſter. Indem ſie unter den dichten Bäumen längs des Weges nach Dollis⸗Hill vorbeikamen, war die Dunkelheit faſt undurchdringlich. Die Räuber ritten hinter⸗ einander und hielten fich auf dem Raſen neben dem Wege, ſo daß die Hufe ihrer Pferde kein Geräuſch machten. Als ſie ſich dem Hauſe näherten, machte Jack Shep⸗ pard, der voranritt, Halt und redete ſeinen Gefährten mit leiſer Stimme an: „Mir gefällt dies Geſchäft gar nicht recht, Blauhaut,“ ſagte er,„es war mir immer zuwider. Aber ſeit ich Tha⸗ mes Darrell, den Freund und Kameraden meiner Kindheit geſehen habe, habe ich nicht den Muth mehr dazu. Sollen wir umkehren?“ „Und Herrn Wild ärgern, Hauptmann?“ ſtellte Jener ihm mit unterwürfigem Tone vor.„Du weißt, daß es ſein Lieblingsplan iſt. Es möchte nicht gerathen ſein, ihm in den Weg zu treten.“ „Pah!“ rief Jack,„ſein Zorn kümmert mich keinen Strohhalm. Unſte ganze Brüderſchaft fürchtet ſich vor ihm, aber ich lache über ſeine Drohungen. Er wagt es nicht, mit mir anzubinden, und nenn er es ja thut, ſo mag er ſich in Acht nehmen. Ich habe beſondere Gründe, an die⸗ ſem Geſchäft keinen Gefallen zu finden.“ „Nun gut, du weißt, daß ich unter deinen Befehlen ſtehe, Hauptmann,“ erwiederte Blauhaut,„und wenn du das Zeichen zum Umkehren gibſt, ſo gehorche ich natürlich; aber ich weiß, was Edgeworth Beß ſagen wird, wenn wir mit leeren Händen wiederkommen.“ „Nun, was wird ſie ſagen?“ fragte Sheppard. Der Einbruch in Dollis⸗-Hill. 25 „Daß wir uns fürchten,“ erwiederte Jener,„aber laß ſie nur.“ „Nein, laß ſie nicht,“ rief Jack, auf den ſeines Kame⸗ raden Bemerkung den gewünſchten Eindruck gemacht hatte. „Wir wollen es thun.“ „Das iſt Recht, Hauptmann,“ entgegnete Blauhaut. „Du haſt Herrn Wild das Wort gegeben—“ „Ja, ja,“ unterbrach ihn Jack,„und ich habe es noch nie gebrochen. Wenn auch ein Dieb, ſo iſt Jack Sheppard doch ein Mann von Wort.“ „Ganz gewiß,“ ſtimmte Blauhaut ein.„Ich möchte den Mann ſehen, der etwas dawider hätte.“ „Ein Wort, ehe wir anfangen, Blauhaut,“ ſagte Jack in gebietendem Ton;„ſollte Lärm in der Familie entſtehen, hörſt du wohl, keine Gewaltthätigkeit. Es gibt eine Per⸗ ſon in dem Hauſe, der ich um Alles in der Welt kein Leid anthun möchte.“ „Wood ſeine Tochter, wahrſcheinlich,“ bemerkte Jener. „So iſt es,“ antwortete Sheppard. „Was meinſt du zu einer Entführung, Hauptmann?“ ſchlug Blauhaut vor.„Wenn das Mädchen dir gefällt, ſo könnte es geſchehn.“ „Nein, nein,“ lachte Jack.„Beß würde keine Neben⸗ buhlerin vertragen. Aber wenn du Wood eine Freundſchaft thun willſt, ſo kannſt du ihm ſeine Frau fortholen.“ „Mir iſt nichts daran gelegen, ſie ihm vom Halſe zu ſchaffen,“ ſagte Blauhaut verdroſſen,„und wenn ſie mir in den Weg kommt, ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn ich nicht kurzen Prozeß mit ihr machen.“ „Du vergißt,“ rief Jack ernſt;„ich habe dir eben ge⸗ ſagt, daß ich von keiner Gewaltthat hören will,— merke dir das.“ Hiemit ſtiegen ſie ab, banden ihre Pferde an einen 26 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Baum feſt und begaben ſich nach dem Hauſe. Es war noch immer ſo dunkel, daß nur die ſchweren Holzmaſſen ſichtbar waren, mit denen das Gebäude umgeben war, aber als ſie näher kamen, ſahen ſie Licht an einigen von den Fenſtern. Bald ſtanden ſie vor einer Mauer, jenſeits welcher der Hund heftig zu bellen anſing, aber Blauhaut warf ihm ein Stück zubereitetes Fleiſch hinüber und nach leiſem Knur⸗ ren beruhigte er ſich endlich. Dann erſtiegen ſie eine Hecke, kletterten über eine zweite Mauer und gelangten in den Garten im Rücken des Hauſes. Mit geräuſchloſen Schrit⸗ ten auf dem weichen Boden erreichten ſie bald das Wohn⸗ gebäude. Hier fühlte Jack nach einem beſonderen Fenſter umher und als er das geſuchte gefunden und von ſeinem Begleiter die nöthigen Werkzeuge in Empfang genommen hatte, machte er ſich ſogleich ans Werk. In wenig Sekun⸗ den ſprang der Fenſterladen auf,— dann das Fenſter, und ſie ſtanden im Zimmer. Jack machte jetzt die Fenſterladen ſorgfältig wieder zu, während Blauhaut Feuer ſchlug und ein Licht anzündete. Das Zimmer, in dem ſie ſich befan⸗ den, war eine Art von Alkoven, deſſen Thür von außen verſchloſſen war; für Jack war dies jedoch nur ein geringes Hinderniß, denn er drückte den Riegel mit einem Meißel zurück. Das Ganze war mit ſolcher Geſchwindigkeit und mit ſo wenig Geräuſch vollbracht, daß ſelbſt wenn Jemand auf der Wacht geweſen wäre, er es kaum hätte entdecken können. Nun zogen ſie ihre Stiefel aus und ſchlichen be⸗ hutſam die Treppe hinauf, indem ſie ſo leiſe auf den Ze⸗ henſpitzen auftraten, daß auch nicht ein Brett unter ihrem Gewicht knarrte. Jack legte das Ohr an jedes Schlüſſel⸗ loch auf dem Gange und horchte aufmerkſam. Als er das Zimmer, in welchem Thames ſich befand, an ſeinem Athem herausgefunden hatte, war es ihm ein Kleines, ihn einzu⸗ ſchließen, dann klinkte er die Thür von Herrn Wood's ——+——„— — e e————+ 8 F Der Einbruch in Dollis⸗Hill. 27 Schlafzimmer auf,— ſie war verſchloſſen und der Schlüſſel ſtack inwendig. Dies verurſachte eine kleine Zögerung; doch Jack, deſſen Geſchicklichkeit in ſeinem Berufsfach ohne Glei⸗ chen war und der Schwierigkeiten nur lachte, ſchnitt bald mittelſt eines Sticheiſens und eines Meſſers ein Stück des Thürblatts aus, zog den Schlüſſel von der andern Seite ab und öffnete die Thür. Das Geſicht mit einer Flor⸗ maske bedeckt und ſeinem Gefährten das Licht abnehmend, trat Jack jetzt hinein, näherte ſich mit vorgehaltenen Piſto⸗ len dem Bett und hielt den Schlafenden das Licht vor die Augen. Die lauten Athemzüge, welche von dem Lager her ſchallten, bewieſen, daß ihr Schlummer tief und ungeheu⸗ chelt war, und der drohenden Gefahr unbewußt, drehte Miſtreß Wood ſich zu einer bequemeren Lage um. Bei die⸗ ſer Bewegung ergriff Jack den Lauf ſeiner Piſtole, hielt den Athem an und winkte Blauhaut, der ein langes Meſſer hervorzog, ſich ruhig zu verhalten. Als dieſe unerhebliche Störung beſeitigt war, warf er ein Stück Waſchleder über ein Schreibpult, um das Geräuſch zu dämpfen, und erbrach es ſogleich mit einem kleinen Stemmeiſen. Während er ſeine Taſchen aus dieſem Behältniß mit Goldmunzen an⸗ füllte, hatte Blauhaut den Silberkaſten unter dem Bett her⸗ vorgeholt und begann einen Sack mit deſſen Inhalt— ſil⸗ bernen Kaffeekannen, Präſentirtellern, Krügen, Bechern und Leuchtern zu füllen. Man ſollte glauben, daß alle dieſe Gegenſtände beim Hineinſtecken in den Sack hätten aneinan⸗ der ſtoßen müſſen, aber dieſe geſchickten Praktiker machten ihre Sachen ſo gut, daß auch nicht der geringſte Laut dabei hörbar ward. Als ſie alles Tragbare in dem Zimmer zu⸗ ſammengerafft hatten, Miſtreß Wood's Koſtbarkeiten und Kleidungsſtücke nicht ausgeſchloſſen, machten ſie ſich auf den Rückweg. Jack gab dann ſeine Abſicht zu erkennen, in Winifred's Zimmer einen Beſuch zu machen, in welchem, 28 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. wie er wußte, mehrere werthvolle Gegenſtände aufbewahrt wurden; aber da er trotz ſeines zügelloſen Charakters noch immer einige Achtung für den Gegenſtand ſeiner knabenhaf⸗ ten Neigung bewahrte, ſo wollte er ſich nicht von Blauhaut begleiten laſſen, ſondern befahl ihm, die Schlafenden zu be⸗ wachen, jedoch mit dem gemeſſenen Befehl, ihnen keinen Schaden zuzufügen. Mit Hülfe des Sticheiſens, denn Wi⸗ nifred's Thür war verſchloſſen, hatte Jack beinahe ſchon die Thürplatte durchbohrt, als ein plötzlicher Schrei aus dem Zimmer des Tiſchlermeiſters herüberſchallte. Gleich darauf machte ſich ein heftiges Handgemenge hörbar und Blauhaut erſchien, von Miſtreß Wood verfolgt, an der Thür. Jack blies augenblicklich das Licht aus und befahl ſei⸗ nem Gefährten, ihm zu folgen. Aber Blauhaut fand es unmöglich, ſich— wenigſtens mit der Beute— davonzu⸗ machen, denn Miſtreß Wood hatte Hand an den Sack gelegt. „Gebt die Sachen heraus!“ rief ſie.„Hülfe, Hülfe!“ „Losgelaſſen!“ donnerte Blauhaut—„losgelaſſen— das wäre das Gerathenſte!“ und er hielt mit der einen Hand, ſo gut er konnte, den Sack feſt, während er mit der andern nach ſeinem Meſſer ſuchte. „Feuer!— Mörder!— Diebe!— Ich habe einen von ihnen!“ „Komm ſchnell,“ rief Jack. „Ich kann nicht,“ antwortete Blauhaut.„Dieſer Dra⸗ chen hat den Sack zu faſſen gekriegt. Losgelaſſen, ſage ich!“ und er öffnete das Meſſer mit den Zähnen. Wood—„Owen,— Owen!— Thames, zu Hülfe“ gend.„Wo biſt du?“ „Nein, ich laſſe nicht los!“ ſchrie Miſtreß Wood. „Hülfe!— Mörder!— Diebe!“ kreiſchte Miſtreß „Ich komme!“ rief Herr Wood aus dem 2 ſprin⸗ — hrt ch f⸗ ut be⸗ en die em uf aut ei⸗ der Der Einbruch in Dollis⸗Hill. 29 „Hier,“ antwortete ſeine Frau.„Zu Hülfe,— ich halte ihn!“ „Laß ſie los,“ rief Jack, die Treppe hinuntereilend— „das Haus iſt im Aufruhr, folge mir!“ „Die Hölle über dich!“ rief Blauhaut wild.„Willſt du dir nicht rathen laſſen, ſo ſollſt du fühlen!“ Er zog ihr den Kopf bei den Haaren zurück und fuhr mit dem Meſſer mit aller Kraft über ihre Kehle. Ein ſchreckliches halbunterdrücktes Stöhnen, und ſie ſank ſchwer⸗ fällig zu Boden. Das Geſchrei der unglücklichen Frau hatte Thames aus ſeinem Schlummer geweckt. Er griff zu ſeinen Piſtolen und eilte nach der Thür, aber fand ſie zu ſeinem Schrecken verſchloſſen. Er hörte den Kampf auf dem Gange, den ſchweren Fall des Körpers, das Stöhnen,— und fand in ſeiner Verzweiflung Kräfte genug, um die Thür einzuſtoßen. Jetzt erſchienen mehrere von der erſchreckten Dienerſchaft mit Lichtern. Ein furchtbares Schauſpiel zeigte ſich dem Blick des jungen Mannes:— der Fußboden von Blut geröthet, — ſeine Pflegmutter eine verſtümmelte, lebloſe Leiche,— Winifred ohnmächtig in den Armen einer Dienerin,— und Wood in einem Zuſtande des Wahnſinnes. So war diefe glückliche Familie in wenigen Minuten in den Aögrund des Elends hinabgeſtürzt. In dieſem Augenblick erhob ein Be⸗ dienter von unten das Geſchrei, daß die Räuber durch den Garten flüchteten. Thames ſtürzte an ein Hinterfenſter und feuerte ſeine beiden Piſtolen ab, jedoch vergebens. Im nächſten Augenblick verkündete das Pferdegetrampel die glück⸗ liche Flucht der Verbrecher. 1 30 Dritter Abſchnitt. 4724. Der Gefingniß⸗Brecher. Drittes Kapitel. 3 Jack Sheppard's Zank mit Jonathan Wild. Kaum eine Stunde nach dem eben erzählten grauſen⸗ vollen Exeigniß ſaß Jonathan Wild in dem Empfangzimmer ſeiner Wohnung in Old Bailey mit ſeinen Regiſtern und Rechnungsbüchern beſchäftigt, als Quilt Arnold ihn plötz⸗ lich durch ſein Eintreten unterbrach, und Jack Sheppard und ¹ Blauhaut anmeldete. j„Ah!“ rief Wild, die Feder hinlegend und mit zufrie⸗ denem Lächeln aufblickend.„Ich dachte eben an dich, Jack. Was gibt's Neues? Haſt du das Geſchäft auf Dollis⸗Hill beſorgt— he?“ „Nein,“ antwortete Jack, ſich verſtimmt auf einen Stuhl werfend,„das habe ich nicht!“ „Was ſoll das bedeuten?“ rief Jonathan.„Jack Shep⸗ pard könnte etwas mißglückt ſein? Wenn er mir es nicht ſelbſt ſagte, würde ich es nicht glauben.“ „Mir iſt nichts mißglückt,“ antwortete Jack ärgerlich; „im Gegentheil, wir haben zu viel gethan.“ „Ich kann keine Räthſel löſen,“ ſagte Jonathan. „Sprich deutlicher.“ „Mag dies für mich ſprechen,“ſagte Sheppard und ſtieß ihm einen ſchweren Geldſack hin.„Dieſe Sprache verſtehn Sie in der Regel. Hier iſt mehr, als ich mich verpflichtet habe, mitzubringen. Es iſt durch Blut erkauft!“ „Was! haſt du dem alten Wood den Hals abgeſchnit⸗ ten?“ fragte Wild gleichgültig, indem er den Sack aufhob. „Hätte ich es gethan, ſo ſähen Sie mich nicht hier,“ erwiederte Jack.„Das vergoſſene Blut iſt das ſeiner Frau.“ „Es war ihre eigene Schuld,“ bemerkte Blauhaut. „Sie wollte mich nicht loslaſſen. Ich habe es aus Noth⸗ wehr gethan.“ Jack Sheppard's Zank mit Jonathan Wild. 31 „Es iſt mir einerlei, warum es geſchehn iſt,“ ſagte Jack entſchloſſen.„Wir arbeiten nicht mehr zuſammen.“ „Laß nur gut ſein, Hauptmann,“ beſänftigte Blauhaut. „Ich glaubte, deine üble Laune würde nachgerade verflogen ſein. Du weißt ſo gut wie ich, daß es ein bloßer Zufall war.“ „Zufall oder nicht,“ verſetzte Sheppard;„wir ſind nicht länger Kameraden.“ „Alſo dies iſt der Dank vafür, daß ich dich zum erſten Gauner gemacht habe,“ brummte Blauhaut;„ohne weiteres weggejagt zu werden, blos weil ich einem Schreihals von Frauenzimmer den Mund geſtopft habe. Das iſt doch zu hart. Befinne dich erſt.“ „Ich bin entſchloſſen,“ erwiederte Jack kalt;„in dieſer Nacht trennen wir uns.“ „Ich gehe aber nicht,“ antwortete Jener;„ich habe dich ſo lieb wie meinen Sohn und folge dir wie ein Hund. Du weißt doch nicht, was du ohne mich anfangen ſollſt, und ſollſt mich nicht fortbringen.“ „Nun!“ ſagte Jonathan, der wenig auf den Inhalt ihres Geſprächs geachtet hatte;„dies iſt freilich eine ver⸗ drießliche Geſchichte, aber wir müſſen uns ſo gut wie mög⸗ lich herauszuziehen ſuchen. Du mußt dich verſtecken, bis der Sturm ausgetobt hat. Ich habe unten ein Plätzchen für dich.“ „Ich brauche es nicht,“ verſetzte Sheppard.„Ich bin das Leben müde, das ich jetzt führe. Ich will es aufgeben und außer Landes gehn.“ „Ich gehe mit,“ ſagte Blauhaut. „Ehe einer von Euch geht, werdet Ihr mich um Er⸗ laubniß fragen,“ ſagte Jonathan gelaſſen. „Wie!“ rief Sheppard.„Sie meinen doch nicht, daß Sie mir ein Hinderniß—“ „Was ich meine, iſt dies,“ unterbrach ihn Wild mit 32 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Grfingniß⸗Brecher. verächtlichem Lächeln;„ich will Euch weder erlauben, Eng⸗ land noch Euren Beruf zu verlaſſen. Ich würde Euch ſelbſt nicht erlauben, ehrliche Leute zu werden, wenn Ihr es könntet,— woran ich zweifle. Du biſt mein Sklave und ſollſt es bleiben.“. „Sklave?“ wiederholte Jack. „Sei ungehorſam,“ fuhr Jonathan fort,„mißachte meine Befehle und ich hänge dich.“ Sheppard ſprang heftig auf. „Hören Sie mich an,“ rief er, kaum ſeiner ſelbſt mäch⸗ tig.„Es iſt Zeit, daß Sie wiſſen, mit wem Sie zu thun haben. Von jetzt an werfe ich das Joch, das Sie mir auf⸗ gelegt haben, entſchieden ab. Ich rühre weder Hand noch Fuß mehr für Sie. Wenn Sie auch nur einen Verſuch machen, mich zu beläſtigen, ſo zeige ich Sie an. Sie ſind mehr in meiner Macht, als ich in der Ihrigen. Jock Shep⸗ pard iſt Jonathan Wild noch zu jeder Stunde gewachſen.“ „Das iſt er,“ ſtimmte Blauhaut beifällig ein. Jonathan lächelte verächtlich. „Ein Grund allein ſoll mich bewegen, es noch mit Ihnen zu halten,“ ſagte Jock. „Und der wäre?“ „Der junge Menſch, den Sie an Van Galgebrok aus⸗ geliefert haben,— Thames Darrell iſt wieder da.“ „Unmöglich!“ rief Jonathan.„Er iſt über Bord ge⸗ worfen und in der See umgekommen.“ „Er lebt,“ erwiederte Jack,„ich habe ihn geſehn und hätte mit ihm ſprechen können, wenn ich gewollt hätte. Nun weiß ich, daß Sie ihm zu ſeinem Recht verhelfen kön⸗ nen. Thun Sie das, und ich bin wieder ver Ihrige, wie früher.“ „Hm!“ ſann Jonathan. „Ihre Antwort!“ rief Sheppard.„Fa oder nein.“ Der Einbruch in Dollis⸗Hill. 33 „Ich laſſe mich auf keinen Vertrag mit dir ein,“ ver⸗ ſetzte Wild.„Du haſt mir getrotzt und ſollſt meine Macht fühlen. Du viſt mir von Nutzen geweſen, ſonſt hätte ich dich nicht ſo lange geſchont. Vor zwei Jahren habe ich ge⸗ ſchworen, dich an den Galgen zu bringen, aber ich habe meinen Plan aufgeſchoben.“ „Aufgeſchoben!“ rief Sheppard. „Höte mich zu Ende,“ ſagte Jonathan.„Du biſt un⸗ ter meinem Geleit hieher gekommen und ſollſt frei wieder fortgehn— ja noch mehr, du ſollſt eine Stunde Friſt ha⸗ ben. Iſt dieſe Zeit um, ſo ſchicke ich dir meine Spürhunde hinterher.“ „Sie können mich nicht hindern, fortzugehn,“ erwiederte Jack furchtlos,„und deßhalb iſt Ihr Anerbieten nicht viel werth. Aber ich ſage Ihnen dafür, daß ich mir keine Mühe geben werde, mich zu verſtecken. Wenn Sie etwas von mir wollen, ſo wiſſen Sie, wo ich zu finden bin.“ „Eine Stunde!“ ſagte Jonathan, nach der Uhr ſehend —„ſo habe ich geſagt!“ „Wenn Sie nach den Kreuzſchaufeln in der Münze zu mir ſchicken, wohin ich mit Blauhaut gehe, ſo will ich mich ohne Widerſtand ergeben,“ verſetzte Jack. „Dann wirſt du den Polizeidienern eine Mühe erſpa⸗ ren,“ erwiederte Jonathan. „Kann ich der Sache vielleicht ein Ende machen, Haupt⸗ mann?“ flüſterte Blauhaut, eine Piſtole ſpannend. „Thue ihm nichts zu Leide,“ ſagte Jack ſorglos,„er wagt es nicht.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. „Blauhaut,“ ſagte Jonathan, als dieſer Ehrenmann ihm folgen wollte.„Ich rathe dir, bei mir zu bleiben.“ „Nein,“ antwortete der Böſewicht rauh.„Wenn Sie ihn verhaften, ſo müſſen Sie mich mitverhaften.“ Ainsworth, Jack Sheppard. M. 3 34 Dritter Abſchnitt. 41724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Wie du willſt,“ ſagte Jonathan und ſetzte ſich nieder. Jack ging mit ſeinem Begleiter nach der Münze, wo er Edgeworth Beß antraf, mit der er ganz unbefangen zu Abend aß. Seine Mahlzeit war jedoch nach Verfluß der angegebenen Zeit durch den Eintritt von Quilt Arnold und Abraham Mendez nebſt einer Rotte Polizeidiener unterbro⸗ chen. Jack ergab ſich zum Erſtaunen aller ſeiner Kameraden ohne weitere Umſtände, doch Blauhaut hätte gern einen ver⸗ zweifelten Widerſtand geleiſtet, wenn ſein Anführer ihm nicht befohlen hätte, davon abzuſtehen. Dann machte er fich aus dem Staube. Edgeworth Beß, die für Sheppard's Frau galt, ward ebenfalls feſtgenommen. Beide warden vor einen Richter geführt und von Jonathan Wild mehrerer Diebſtähle angeklagt; aber da Jack Sheppard ausſagte, daß er mehrere wichtige Mittheilungen zu machen, ſo wie auch Beſchuldigungen gegen ſeinen Ankläger vorzubringen habe, ſo ward er mit ſeiner Begleiterin nach dem Neuen Gefäng⸗ niß in Clerkenwell zu weiterem Verhör abgeführt. Viertes Kapitel. Jack Sheppard entſpringt aus dem Neuen Gefängniß. Der Aufſeher des Neuen Gefängniſſes hielt es wegen Jack Sheppard's berüchtigter Verwegenheit für das gera⸗ thenſte, ihm Feſſeln von ungewöhnlichem Gewicht anzulegen und ihm eine Zelle anzuweiſen, die von ihrer Feſtigkeit und Sicherheit den Namen die Newgatefeſte führte. Dieſe Zelle war ungefähr ſechs Ellen lang und drei Ellen breit, und mochte etwa zwölf Fuß hoch ſein. Die Fenſter waren gegen neun Fuß über dem Fußboden und hatten keine Glasſchei⸗ ben, ſondern waren mit dicken Eiſenſtangen und einem ei⸗ chenen Querbalken vergittert. Ueber den Fußboden lief eine Jack Sheppard entſpringt aus dem Neuen Gefängniß. 35 eiſerne Stange hin, an welcher Jack's Kette befeſtigt war, ſo daß er längs derſelben von einem Ende des Zimmers bis zum andern gehn konnte. Außer ihm ward kein anderer Ge⸗ fangener als Edgeworth Beß in dieſe Zelle gebracht. Jack war in der beſten Laune und machte ſich durch ſeinen Witz und ſein einnehmendes Betragen bald ſo ſehr bei dem Schließer beliebt, daß dieſer ihm alle mit ſeiner Stellung verträglichen Freiheiten geſtattete. Das Gerücht ſeiner Verhaftung ver⸗ urſachte ein ungeheures Aufſehen. Unzählige Anklagen war⸗ den gegen ihn vorgebracht, unter andern auch der Einbruch auf Dollis⸗Hill und die Ermordung Miſtreß Wood's, und für Blauhauts Einziehung ward eine große Belohnung aus⸗ geboten; und da Jack überdies mit einer Anklage gegen Wild gedroht hatte, ſo ſah man ſeinem nächſten Verhör mit der größten Spannung entgegen. Am Tage, ehe dieſes Verhör ſtattfinden ſollte,— am dritten ſeiner Gefangenſchaft— verlangte ein alter, anſtän⸗ dig gekleideter Mann ihn zu beſuchen. Dies war Jack's Freunden im Allgemeinen geſtattet; aber da er ſeine Abſicht eines Fluchtverſuchs offen ausgeſprochen hatte, ſo ward ihr Benehmen auf das genaueſte bewacht. Der alte Mann ward von dem Schließer, der während des ganzen Beſuchs in ſei⸗ ner Nähe blieb, in Jack's Zelle geführt. Er ſchien dem Gefangenen fremd zu ſein und ihn nur aus Neugierde be⸗ ſuchen zu wollen. Nach einer kurzen Unterhaltung, welche Sheppard mit ſeiner gewohnten Lebhaftigkeit führte, wandte der alte Mann ſich zu Beß und richete einige galante Ge⸗ meinplätze an ſie. Während deſſen machte Jack plötzlich eine Bewegung, welche die Aufmerkſamkeit des Schließers auf ſich zog, und in dieſem Augenblick ließ der alte Mann ei⸗ nige in ein Taſchentuch zuſammengebundene Gegenſtände in die Hände des Mädchens gleiten, welche ſie ſchnell in ihren Buſen verſteckte. Der Schließer ſah ſich unmittelbar darauf 38 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. eine Höhe von mehr als zwanzig Fuß hatte und mit furcht⸗ baren, ſtachlichen ſpaniſchen Reitern beſetzt war, mußte noch überſtiegen werden. Jock hatte indeſſen ein Auskunftsmittel, um dieſe Schwierigkeiten zu überwinden. Er wagte ſich an eins der großen Thore und trieb ſeine Bohrer abſatzweiſe in das Holz, indem er ſich ſo eine Art von Treppe ver⸗ ſchaffte. Mit Hülfe derſelben kletterte er hinauf und als er oben war, befeſtigte er einen Theil ſeiner Kleidung an den Eiſenſpitzen und zog nicht ohne Gefahr ſeine Begleiterin zu ſich hinauf. Sobald Beß erſt über die Spitzen hinüber war, ließ ſie ſich leicht dazu bewegen, ſich an der andern Seite der Mauer herunterzulaſſen. Als Jack ſeine Geliebte wohl⸗ behalten unten ſah, folgte er ihr ſogleich, nachdem er den größten Theil ſeiner Kleidungsſtücke dem Schließer als An⸗ denken zurückgelaſſen hatte. Und ſo hatte er ſeine Flucht aus dem Neuen gefüng⸗ niß bewirkt. Fünftes Kapitel. Die Verkleidung. Auf einem Niedergrunde zwiſchen den Wieſen hinter dem Gefängniſſe, aus welchem Jack entwichen war,— denn damals war das ganze, jetzt dicht bevölkerte Viertel von Clerkenwell⸗Bridewell offnes Land und ſtreckte ſich in frucht⸗ baren Feldern bis nach Islington hin,— auf dieſem Nie⸗ dergrunde ſtand, ungefähr eine Viertelmeile weit entfernt, ein einſamer Schuppen, der unter dem Namen der Höhle der ſchwarzen Maria bekannt war. Dieſe Stelle, welche noch heute dieſelbe Benennung trägt, hat ihren Namen von einem alten Weibe, das dort wohnte und, einen ſehr zwei⸗ deutigen Ruf im Punkt der Eyrlichkeit abgerechnet, auch noch im Geruch einer Hexe ſtand. Ohne uns weiter auf Die Verkleidung. 39 die Richtigkeit dieſer letzteren Beſchuldigung einzulaſſen, ge⸗ nügt es uns zu wiſſen, daß die ſchwarze Maria eine Perſon war, auf die Jack Sheppard ſich verlaſſen zu können glaubte, und da Edgeworth Beß keiner großen Anſtrengungen mehr fähig war, ſo beſchloß er, ſie bis zur nächſten Nacht in den Händen des alten Weibes zurückzulaſſen, während er ſeine eigenen Angelegenheiten beſorgte und ſeinen Entſchluß aus⸗ führte,— denn wie verwegen und gefährlich ein Plan auch ſein mochte, ſo ſtand Jack nie davon ab, wenn er ihn ein⸗ mal gefaßt hatte,— nämlich Jonathan Wild in ſeinem Hauſe in Old⸗Bailey zu beſuchen. Es war genau zwei Uhr am Morgen des Pfingſtmon⸗ tags, den 25. Mai 1724, als die oben erzählte merkwür⸗ dige Flucht bewerkſtelligt wurde, und obgleich es noch zwei Stunden bis zu Tagesanbruch war, ſo verhinderte doch der matte Schimmer des abnehmenden Mondes eine völlige Dun⸗ kelheit. Nach einem haſtigen Rückblick auf die Hauptthore und die oberen Fenſter des Gefängniſſes ſetzte Jack, da er keine beunruhigenden Anzeichen bemerkte, in mäßigem Schritt ſeinen Weg nach dem erwähnten Schuppen fort, wobei er ſeiner Gefährtin ſorgfältig über jede Unebenheit des Bodens forthalf und ſie ſelbſt in ſeinen Armen trug, wenn ſie, was mehr als einmal der Fall war, aus Furcht und Erſchöpfung zuſammenfinken wollte. Auf dieſe Weiſe durchwanderten ſie einige öffentliche Gärten und einen Kegelplatz,— die Gegend von Clerkenwell war damals mit ſolchen Vergnügungsörtern dicht beſäet,— kamen an dem bekannten Teich vorüber, in den die ſchwarze Maria öfters untergetaucht worden war, und bogen dann links quer über die Felder ab, worauf fie in einigen Minuten ihren Beſtimmungsort erreichten. Es gelang ihm bald, die alte Sibhlle zu ermuntern, und als er Edgeworth Beß mit dem Verſprechen einer reich⸗ lichen Belohnung für den Fall einer ſorgfältigen Beſchützung 38 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. eine Höhe von mehr als zwanzig Fuß hatte und mit furcht⸗ baren, ſtachlichen ſpaniſchen Reitern beſetzt war, mußte noch überſtiegen werden. Jack hatte indeſſen ein Auskunftsmittel, um dieſe Schwierigkeiten zu überwinden. Er wagte ſich an eins der großen Thore und trieb ſeine Bohrer abſatzweiſe in das Holz, indem er ſich ſo eine Art von Treppe ver⸗ ſchaffte. Mit Hülfe derſelben kletterte er hinauf und als er oben war, befeſtigte er einen Theil ſeiner Kleidung an den Eiſenſpitzen und zog nicht ohne Gefahr ſeine Begleiterin zu ſich hinauf. Sobald Beß erſt über die Spitzen hinüber war, ließ ſie ſich leicht dazu bewegen, ſich an der andern Seite der Mauer herunterzulaſſen. Als Joack ſeine Geliebte wohl⸗ behalten unten ſah, folgte er ihr ſogleich, nachdem er den größten Theil ſeiner Kleidungsſtücke dem Schließer als An⸗ denken zurückgelaſſen hatte. Und ſo hatte er ſeine Flucht aus dem Neuen Gefüng⸗ niß bewirkt. Fünftes Kapitel. Die Verkleidung. Auf einem Niedergrunde zwiſchen den Wieſen hinter dem Gefängniſſe, aus welchem Jack entwichen war,— denn damals war das ganze, jetzt dicht bevölkerte Viertel von Clerkenwell⸗Bridewell offnes Land und ſtreckte ſich in frucht⸗ baren Feldern bis nach Islington hin,— auf dieſem Nie⸗ dergrunde ſtand, ungefähr eine Viertelmeile weit entfernt, ein einſamer Schuppen, der unter dem Namen der Höhle der ſchwarzen Maria bekannt war. Dieſe Stelle, welche noch heute dieſelbe Benennung trägt, hat ihren Namen von einem alten Weibe, das dort wohnte und, einen ſehr zwei⸗ deutigen Ruf im Punkt der Ehrlichkeit abgerechnet, auch noch im Geruch einer Here ſtand. Ohne uns weiter auf Die Verkleidung. 39 die Richtigkeit dieſer letzteren Beſchuldigung einzulaſſen, ge⸗ nügt es uns zu wiſſen, daß die ſchwarze Maria eine Perſon war, auf die Jack Sheppard ſich verlaſſen zu können glaubte, und da Edgeworth Beß keiner großen Anſtrengungen mehr fähig war, ſo beſchloß er, ſie bis zur nächſten Nacht in den Händen des alten Weibes zurückzulaſſen, während er ſeine eigenen Angelegenheiten beſorgte und ſeinen Entſchluß aus⸗ führte,— denn wie verwegen und gefährlich ein Plan auch ſein mochte, ſo ſtand Jack nie davon ab, wenn er ihn ein⸗ mal gefaßt hatte,— nämlich Jonathan Wild in ſeinem Hauſe in Old⸗Bailey zu beſuchen. Es war genau zwei Uhr am Morgen des Pfingſtmon⸗ tags, den 25. Mai 1724, als die oben erzählte merkwür⸗ dige Flucht bewerkſtelligt wurde, und obgleich es noch zwei Stunden bis zu Tagesanbruch war, ſo verhinderte doch der matte Schimmer des abnehmenden Mondes eine völlige Dun⸗ kelheit. Nach einem haſtigen Rückblick auf die Hauptthore und die oberen Fenſter des Gefängniſſes ſetzte Jack, da er keine beunruhigenden Anzeichen bemerkte, in mäßigem Schritt ſeinen Weg nach dem erwähnten Schuppen fort, wobei er ſeiner Gefährtin ſorgfältig über jede Unebenheit des Bodens forthalf und ſie ſelbſt in ſeinen Armen trug, wenn ſie, was mehr als einmal der Fall war, aus Furcht und Erſchöpfung zuſammenfinken wollte. Auf dieſe Weiſe durchwanderten ſie einige öffentliche Gärten und einen Kegelplatz,— die Gegend von Clerkenwell war damals mit ſolchen Vergnügungsörtern dicht beſäet,— kamen an dem bekannten Teich vorüber, in den die ſchwarze Maria öfters untergetaucht worden war, und bogen dann links quer über die Felder ab, worauf fie in einigen Minuten ihren Beſtimmungsort erreichten. Es gelang ihm bald, die alte Sibylle zu ermuntern, und als er Edgeworth Beß mit dem Verſprechen einer reich⸗ lichen Belohnung für den Fall einer ſorgfältigen Beſchützung 40 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. und Befriedigung aller ihrer Bedürfniſſe übergeben hatte, wozu die ſchwarze Marie ſich bereitwillig verſtand, entfernte er ſich mit bedeutend erleichtertem Herzen. Jack's erſte Sorge war, Blauhaut aufzuſuchen, den er beſtimmt in der neuen Münze zu Wapping zu finden hoffte, indem die alte Münze dem Vagabunden keinen ſichern Auf⸗ enthalt mehr gewährte; und in dieſer Abſicht ſchlug er einen Nebenweg nach Hockley ein. Er war noch nicht weit ge⸗ gangen, als ihn der Lärm von raſch herannahenden Pferde⸗ hufen erſchreckte, und er hatte kaum Zeit, über die Hecke zu ſpringen und ſich hinter einem Baume zu verſtecken, als ein hochgewachſener Mann in einem weiten Mantel und den Hut über die Stirn gezogen eilends vorüberritt. Ihm folgte ein zweiter Reiter dicht auf den Ferſen, aber gerade, als er an der Stelle vorüber kam, wo Jack ſtand, ſtolperte ſein Pferd und ſtürzte. Der erſte Reiter, der dieſen Unfall entweder nicht bemerkte oder ſich nicht darum bekümmerte, ſetzte ſeinen Weg weiter fort, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Jack, der die Gelegenheit für zu günſtig hielt, als ſie ſich entgehn zu laſſen, ſprang plötzlich über die Hecke, und ehe der Menſch, der mit einem Fuß im Steigbügel noch auf dem Boden zappelte, ſich aus ſeiner unangenehmen Lage befreien konnte, bemächtigte er ſich der Piſtolen, die er aus dem Halfter zog und jenem vor die Bruſt ſetzte. Der Menſch fluchte aus Leibeskräften mit einer Stimme, an der Jack ihn ſogleich als Quilt Arnold erkannte, und verſuchte vergebens ſich aufzuraffen und nach ſeinem Säbel zu greifen. „Hund!“ donnerte Sheppard, indem er den Piſtolen⸗ lauf ſo dicht an das Ohr des Janitſcharen hielt, daß dieſer bei dem Gefühl des kalten Eiſens zuſammenbebte,„kennſt du mich nicht?“ „Blut und Donner!“ rief Quilt, erſtaunt die Augen Die Verkleidung. 41 aufreißend.„Es kann unmöglich Hauptmann Sheppard ſein.“ „Er iſt es,“ erwiederte Jack,„und es wäre dir beſſer geweſen, du wärſt dem Teufel begegnet als mir. Erinnerſt du dich, was ich dir ſagte, als du mich vor vier Tagen in der Münze gefangen nahmſt? Ich ſagte dir, die Reihe würde einmal an mich kommen. Sie iſt gekommen,— und eher, als du gedacht haſt.“ „Ich merke es wohl, Hauptmann,“ verſetzte Quilt un⸗ terwürfig;„aber Sie ſind zu edelmüthig, um aus meiner Lage Vortheil zu ziehn. Ueberdem handelte ich aus Auftrag und nicht auf eigenes Geheiß.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Sheppard,„und deßhalb ſchenke ich dir das Leben.“ „Ich dachte mir wohl, daß Sie mir nichts thun wür⸗ den, Hauptmann,“ entgegnete Quilt mit einſchmeichelndem Ton, während er nach ſeinem Säbel fühlte;„Sie ſind viel zu tapfer, um einen Gefallenen zu mißhandeln.“ „Ha! Elender!“ rief Jack, der dieſe Bewegung be⸗ merkte,„noch ein ſolcher Verſuch, und es koſtet dir dein Leben.“ Bei dieſen Worten löste er den Gürtel, an welchem der Fänger des Janitſcharen hing, und befeſtigte ihn um ſeinen eigenen Leib. „Nun heraus damit,“ fuhr er mit rauhem Ton fort, „war es dein Herr, der eben vorbeiritt?“ „Nein,“ antwortete Quilt einſylbig. „Wer denn?“ fragte Jack.„Antworte oder ich ſchieße!“ „Nun, wenn Sie es durchaus wiſſen wollen, es war Sir Rowland Trenchard.“ „Sir Rowland Trenchard,“ wiederholte Jack voll Er⸗ ſtaunen.„Was haſt du mit ihm zu ſchaffen?“ „Es iſt eine lange Geſchichte, Hauptmann, und mir 42 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. fehlt der Athem dazu,— wenn Sie mich nicht Loslaſſen,“ erwiederte Quilt. „So ſteh' auf,“ ſagte Jack und befreite ſeinen Fuß von dem Steigbügel.„Nun, fange an.“ Quilt ſchien jedoch keine rechte Luſt zu haben. „Es würde mir leid thun, wenn ich zum Aeußerſten ſchreiten müßte,“ fuhr Jack fort, indem er die Piſtole erhob. „Nun Sie mich zwingen, die Geheimniſſe meines Herrn zu verrathen,“ erwiederte Quilt verdrießlich:„ich bin erpreß nach Mancheſter geritten, um an Sir Rowland eine Botſchaft zu beſtellen.“ „Wegen Thames Darrell?“ fragte Jack. „Wie Teufel kommen Sie' aber darauf?“ rief der Ja⸗ nitſchar. „Gleichviel,“ erwiederte Sheppard.„Ich ſehe mit Ver⸗ gnügen, daß ich Recht hatte. Und du haſt Sir Rowland benachrichtigt, daß Thames Darrell wieder da iſt?“ „So iſt es,“ antwortete Quilt,„und er beſchloß ſo⸗ gleich, mit mir nach London zurückzukehren. Wir ſind den ganzen Weg im Galopp geritten, und ich bin furchtbar er⸗ müdet, ſonſt hätten Sie mich nicht ſo leicht überwunden.“ „Wohl möglich,“ erwiederte Jock, dem etwas einzufal⸗ len ſchien.„Jetzt, mein Beſter, werde ich dich um deinen Rock bemühn. Ich habe meinen auf den Zacken des Neuen Gefängniſſes gelaſſen und muß mir deinen leihen.“ „Na wahrhaftig, Hauptmann, das kann nicht Ihr Ernſt ſein. Sie werden doch nicht Herrn Wild ſeinen oberſten Janitſcharen ausplündern wollen?“ „Ich würde Herrn Wild ſelber ausplündern, wenn er mir in den Wurf käme,“ verſetzte Jack.„Schnell herunter damit, Canaille, oder ich ſchlage dir das Gehirn ein und plündere dich nachher.“ „Nun da iſt er, Hauptmann, eher als daß Sie ein ſo Die Verkleidung. 43 großes Verbrechen begehn ſollen,“ entgegnete Quilt, ihm den Rock reichend.„Sonſt was?“ „Dein Weſte.“ „Donnerwetter, Hauptmann, ich werde mich zu Tode erkälten. Ich hoffte, Sie würden ſich mit meinem Hut und meiner Perrücke begnügen.“ „Ich werde ſie mir ebenfalls ausbitten,“ erwiederte Sheppard,„und deine Stiefeln auch.“ „Meine Stiefeln! Tod und Teufel! Sie werden Ihnen nicht paſſen, ſie find viel zu weit. Und außerdem, wie ſoll ich ohne ſie wieder nach Hauſe reiten?“ „Laß dir deßhalb keine grauen Haare wachſen,“ verſetzte Jack.„Du ſollſt zu Fuß gehn. Jetzt hilf ſie mir an,“ fügte er hinzu, als ſeine Befehle mit Widerſtreben vollzogen waren.. Quilt kniete hin, als wollte er gehorchen, aber die Ge⸗ legenheit wahrnehmend, faßte er plötzlich nach Sheppard's Bein in der Abſicht, ihn überzuſtürzen. Doch Jack war zu behende für ihn. Er holte mit dem Fuß aus und ſtieß dem Janitſcharen ein halbes Dutzend Zähne in den Hals; nicht genug: um dem Stoß Nachdruck zu verleihen, ſtreckte er ihn noch mit dem Piſtolenkolben blutend und beſinnungslos zu Boden. „Wie der Herr, ſo der Knecht,“ murmelte Jack, indem er den lebloſen Körper auf die Seite ſtieß.„Was war von Jonathan Wild's Buſenvertrauten anders als Hinterliſt zu erwarten?“ Hiermit begann er, ſich Quilt Arnold's Kleider anzu⸗ legen, ſetzte die Perrücke über Stirn und Augen, ſo daß ſeine Züge ganz verhüllt waren, zog die ungeheuren Stiefel über die Kniee herauf und vermummte ſich überhaupt ſo gut er konnte. Als er die Rocktaſchen durchſuchte, fand er unter andern Dingen eine Maske, einen Schlüſſel und ein Taſchen⸗ 44 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. buch. Das letztere ſchien einige Papiere zu enthalten, welche Jack ſorgfältig verwahrte in der Hoffnung, daß ſie ihm bei ſeinem Racheplan gegen den Diebsfänger von Wichtigkeit ſein würden. Dann beſtieg er die ermüdete Mähre, welche ſich ſchon längſt wieder aufgerafft hatte und ruhig am Wege graste, und ritt ſpornſtreichs davon. Er war noch nicht weit gekommen, als er Sir Rowland begegnete, der ſeinen Begleiter vermißt hatte und wieder umgekehrt war, um ſich nach ihm umzuſehn. „Was war das für ein Aufenthalt?“ fragte der Ritter ungeduldig. „Mein Pferd iſt geſtürzt,“ antwortete Jack, indem er Quilt Arnold's Stimme meiſterhaft nachahmte.„Es dauerte einige Zeit, ehe ich es wieder auf die Beine bringen konnte.“ „Mir däuchte, ich hörte Stimmen,“ verſetzte Sir Rowland. „Mir auch,“ antwortete Jack,„wir ſollten lieber weiter reiten. Dieſe Gegend iſt wegen Straßenräubern berüchtigt.“ „Ich dachte, Ihr hättet mir geſagt, der Schurke, der ſo lange der Schrecken der Stadt geweſen iſt, Jack Sheppard wäre eingezogen.“ „Das iſt er auch,“ antwortete Jack,„aber man kann nicht wiſſen, auf wie lange. Außerdem gehn noch größere Schurken, als Jack Sheppard, frei umher, Sir Rowland.“ Sir Rowland antwortete hierauf nichts, ſondern be⸗ ſchleunigte zornig ſeinen Schritt. Das Paar ſetzte ſeinen Weg fort und machte nach kurzer Zeit vor Jonathan Wild's Thüre Halt. Jack, der Quilt Arnold's Manier ſehr gut kannte, ſtieg ſogleich ab und öffnete die Thür, anſtatt an⸗ zuklopfen, mit dem Hauptſchlüſſel. Der Thürſteher zeigte ſich ſogleich und Sheppard trug ihm die Aufſicht über die Pferde auf. „Na, wie iſt die Reiſe ausgefallen, Quilt?“ fragte der WMenſch, indem er Sir Rowland vom Pferde half. Die Verkleidung. 45 „O, wir haben keine Zeit verloren, wie du ſiehſt,“ er⸗ wiederte Jack.„Iſt der Meiſter zu Hauſe?“ „Ja, er iſt in dem Empfangzimmer und hat Blauhaut bei ſich.“ „So? wirklich? was macht er da?“ fragte Jack. „Will Jack Sheppard vielleicht loskaufen,“ erwiederte Jener.„Aber's wird nicht gehn. Herr Wild hat ſeinen Entſchluß gefaßt, und dann bringt ihn die ganze Welt nicht davon ab. Jack wird morgen verhört werden, und ſo wahr ich Obadiah Lemon heiße, dann wird er ſein Quartier da drüben beziehn.“ Hier zeigte er nach Newgate. „Na, wir wollen ſehn,“ entgegnete Jack.„Habe auf die Pferde Acht, Obadiah. Treten Sie ein, Sir Rowland.“ Eben ſo gut wie Quilt Arnold mit jedem Theil von Wild's Wohnung, ſo wie mit den Manieren ihrer Einſaſſen bekannt, nahm Jack, ohne einen Augenblick zu zaudern, eine auf dem Flur brennende Lampe zur Hand und führte ſeinen Begleiter die große ſteinerne Treppe hinauf. Vor dem Em⸗ pfangzimmer angekommen, ſetzte er das Licht auf einen Tiſch, öffnete die Thür und meldete mit lauter Stimme, jedoch ganz mit dem Accent desjenigen, deſſen Aeußeres er angenommen hatte,„Sir Rowland Trenchard“ an. Jonathan, der mit Blauhaut im Geſpräch begriffen war, erhob ſich ſogleich und ging dem Ritter mit kriechender Höf⸗ lichkeit entgegen. Dieſer erwiederte hochmüthig ſeinen Gruß und warf ſich wie erſchöpft auf einen Stuhl. „Sie ſind eher angekommen, als ich erwartete, Sir Row⸗ land,“ begann der Diebsfänger.„Haben unterwegs keine Zeit verloren— nicht?— ich erwartete Sie früheſtens erſt morgen Vormittag. Entſchuldigen Sie mich auf einen Au⸗ genblick, daß ich dieſen Mann abfertige.— Du weißt deine Antwort, Blauhaut,“ wandte er ſich an dieſen, indem er ihn, ſcheinbar gegen ſeine Neigung, nach der Thür zog;„es 46 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. hilft dir nichts, noch einmal auf die Sache zurückzukommen. Jack ſteht im ſchwarzen Buch.“ „Noch ein Wort,“ bat Blauhaut. „Keine Sylbe,“ antwortete Wvod.„Und wenn du ſo viel wie ein Advokat von Old⸗Bailey ſprichſt, du änderſt meinen Entſchluß doch nicht.“ „Genügt mein Leben nicht ſo gut, wie das ſeinige?“ nahm Jener noch einmal das Wort. „Hm!“ rief Jonathan ſchwankend.„Und du wollteſt dich für ihn einſtellen— wie?“ „Ich ergebe mich gleich, wenn Sie verſprechen wollen, ihn durchzulaſſen; und Sie werden die Belohnung von dem alten Wood erhalten. Es ſind zweihundert Pfund. Be⸗ denken Sie das.“ „Treuer Burſche!“ murmelte Jack.„Ich verzeihe ihm ſeinen Ungehorſam.“ „Wollen Sie?“ fragte Blauhaut. „Nein,“ antwortete Wild;„und ich habe deinen abge⸗ ſchmackten Vorſchlag nur deßhalb angehört, um zu ſehen, wie weit dich deine unfinnige Hingebung gegen dieſen Kna⸗ ben führen würde.“ „Ja, ich liebe ihn,“ rief Blauhaut,„das iſt das Lange und das Breite von der Sache. Ich habe ihm Alles ge⸗ lehrt, was er kann; und es gibt ſeines Gleichen nicht und wird es auch nie geben. Ich habe manchen wackern Diebs⸗ geſellen geſehn, aber keinen wie ihn. Wenn Sie Jack Shep⸗ pard hängen, ſo zerknicken Sie die Blüthe der Genoſſen⸗ ſchaft. Aber ich kann es nicht von Ihnen glauben. Es mag Alles recht gut ſein, wenn Sie ihm eine Lection leſen und Gehorſam lehren wollen; aber da ſeh Sie ſchon weit genug gegangen.“ „Noch nicht ganz,“ verſetzte der Diebsfänger bedeu⸗ tungsvoll. Die Verkleidung. 47 „Gut,“ grollte Blauhaut,„Sie wiſſen mein Anerbieten.“ „Und du meine Warnung,“ entgegnete Wild.„Gute Nacht!“ „Blauhaut,“ flüſterte Jack mit ſeiner natürlichen Stimme, als Jener an ihm vorüberging,„warte draußen.“ „Ha! meine Augen!“ rief Blauhaut erſchreckend. „Was gibt's?“ fragte Jonathan ſtrenge. „Nichts— nichts,“ erwiederte Blauhaut;„ich glaubte nur—“ „Du ſäheſt den Scharfrichter, vermuthlich,“ ſagte Jack. „Beruhige dich, es iſt nur Quilt Arnold. Komm und mache dich rar. Siehſt du nicht, daß Herr Wild Geſchäfte hat?“ Und er ſetzte in leiſem Tone hinzu:„Verſtecke dich draußen und ſei auf meinen Ruf bereit.“ Blauhaut eilte und ging hinaus. Jack that, als machte er die Thür zu, aber ließ ſie halb offen. „Was ſagteſt du ihm?“ fragte Jonathan argwöhniſch. „Ich rieth ihm, er möchte Sie nicht weiter mit Jack Sheppard behelligen,“ antwortete der vermeintliche Janitſchar. „Er ſcheint in den Burſchen vernarrt zu ſein,“ ſagte Jonathan.„Ich werde ihn zur Geſellſchaft mit aufhängen laſſen müſſen. Und jetzt zu unſern Geſchäften, Sir Row⸗ land,“ wandte er ſich an den Ritter.„Wir haben uns lange nicht geſehn, acht Jahre und mehr. Ich hoffe, Sie haben ſich immer wohl befunden. Meiner Seel'! Sie ha⸗ ben ſich merkwürdig verändert. Ich hätte Sie kaum wieder⸗ gekannt.“ Der Ritter hatte ſich allerdings ſtark verändert. Ob⸗ gleich er nicht weit über die Mitte des Lebens hinaus war, ſchien er doch frühzeitig zum Greiſe gealtert zu ſein. Seine Geſtalt war zuſammengefallen und gebeugt, ſeine Augen lagen tief, ſeine Geſichtsfarbe war fahl und ſein Bart, wel⸗ cher während ſeiner kurzen Reiſe nicht abgenommen war, 48 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. vollkommen weiß. Sein Weſen war jedoch ſo würdevoll und hochfahrend wie immer und ſeine Blicke befaßen noch ihr gewohntes Feuer. „Ich bin nicht hiehergekommen, um Sie wegen meiner Geſundheit zu Rathe zu ziehn, Sir,“ äußerte er, Jonathan's Anſpielung auf ſein verändertes Ausſehen mißfällig auf⸗ nehmend. „Sie haben Recht,“ antwortete Wild.„Gewiß hat die unerwartete Nachricht von der Wiederkehr Ihres Neffen Sie überraſcht.“ „War ſie auf Ihrer Seite auch unerwartet?“ fragte der Ritter mißtrauiſch. „Bei meiner Seele, ja,“ erwiederte Jonathan.„Ich hätte eher erwartet, daß Tom Sheppard's Gebeine ſich wie⸗ dervereinigen und aus jenem Gehäuſe treten würden, als daß Thames Darrell wiederkäme. Der Schiffspatron Van Galgebrok verſicherte mir,— ja, ſtellte noch zwei von ſeiner Mannſchaft zu Zeugen,— daß er über Bord geworfen wor⸗ den iſt. Aber es ſcheint, als wäre er von Fiſchersleuten aufgefangen und nach Frankreich gebracht worden, wo er ſich bisher aufgehalten hat, und wo er beſſer gethan hätte, für immer zu bleiben.“ „Haben Sie ihn geſehn?“ fragte Trenchard. „Ja,“ antwortete Wild,„und nur das Zeugniß meiner eigenen Augen hätte mich nach den beſtimmteſten Verſiche⸗ rungen des Gegentheils überzeugen können, daß er noch am Leben wäre. Er iſt gegenwärtig bei Herrn Wood,— eben demjenigen, der ihn an Kindesſtatt aufgenommen hat, wie Sie ſich erinnern werden,— zu Dollis⸗Hill bei Willesden; und es iſt ein ſeltener und glücklicher Zufall, ſo weit wir dabei betheiligt find, daß Blauhaut, der Menſch, welcher eben das Zimmer verlaſſen hat, Miſtreß Wood am Abend ſeiner Rückkehr ermordet hat, da es das ganze Haus in 1 Die Verkleidung. 49 eine ſolche Verwirrung gebracht hat, daß er noch keine Zeit zu feindlichen Schritten gefunden hat.“ „Und welchen Plan haben Sie in Betreff ſeiner vor⸗ zuſchlagen?“ fragte Sir Rowland. „Mein Plan iſt ſehr einfach,“ verſetzte der Diebsfänger mit bitterem Lächeln.„Ich würde ihn ebenſo behandeln, wie Sie ſeinen Vater behandelt haben, Sir Rowland.“ „Ihn ermorden!“ rief Trenchard ſchaudernd. „Nun ja, ihn ermorden, wenn Ihnen das Wort ge⸗ fällt,“ entgegnete Wild.„Ich würde es lieber nennen, ihn unſchädlich zu machen. Aber was thut der Name, es kommt am Ende doch auf eins hinaus.“ „Ich kann es nicht zugeben,“ erwiederte Sir Rowland feſt.„Das Meer iſt barmherzig gegen ihn geweſen und ich will es auch ſein. Es iſt vergebens, gegen das Geſchick zu kämpfen. Ich will kein Blut mehr vergießen.“ „Und auf dem Schaffott endigen,“ verſetzte Jonathan verächtlich. „Mir bleibt noch die Flucht,“ erwiederte Trenchard. „Ich kann noch nach Frankreich entkommen.“ „Und glauben Sie, daß ich Sie abreiſen laſſen und mich in Gefahr ſetzen werde?“ rief Jonathan drohend. „Nein, nein. Wir ſind in dieſer Sache aneinander gekettet und müſſen ſie gemeinſchaftlich durchfechten⸗ Sie können nicht— Sie ſollen nicht entfliehn.“ „Tod und Teufel!“ rief Sir Rowland, aufſtehend und den Degen ziehend,„glauben Sie meinem freien Willen Feſſeln anlegen zu können, Schurke?“ „In dieſem beſondern Fall, ja, Sir Rowland,“ ent⸗ gegnete Jonathan ruhig,„denn Sie ſind ganz in meiner Gewalt. Aber gedulden Sie ſich, ich bin Ihr aufrichtigſter Freund. Thames Darrell muß ſterben. Unſre beiderſeitige Sicherheit erfordert es. Ueberlaſſen Sie mir das Weitere.“ Ainsworth, Jack Sheppard. M. 4 50 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Noch mehr Blut! noch mehr Blut!“ rief Trenchard, verzweiflungsvoll mit der Hand über die Stirn fahrend. „Soll ich niemals dieſe fürchterlichen Geſtalten von meinem Lager verſcheuchen,— den Vater mit ſeiner blutenden Bruſt und triefendem Haar!— die Mutter mit ihren ringenden Händen und ihren Blicken voll Rache und Vorwürfen!— Und muß ich ihnen noch einen andern zugeſellen— ihren Sohn! Furchtbar!— Möge mir dies neue Verbrechen er⸗ laſſen werden! Und doch— das Schaffott— mein Name beſudelt— mein Wappen von dem Henker zerbrochen!— Nein, ich kann es nicht ertragen!“ „So denke ich auch,“ warf Jonathan dazwiſchen, der ſeine Launen kannte und ihn zu nehmen wußte.„Furcht vor Blutvergießen iſt eine elende Schwäche.— Der General, welcher Befehl zu einem Blutbad im Großen gibt, ſchläft wegen des mitternächtlichen Aechzens ſeiner Opfer um keinen Deut unruhiger, und wäre es der Fall, ſo würden wir ihn wie einen Feigling verachten. Und ein Leben iſt im Grunde immer ein Leben, ſei es, daß es in der Schlacht, auf dem Lager oder auf der Heerſtraße genommen wird. Außer denen, die ich mit eigner Hand erſchlagen habe, habe ich noch über vreißig Perſonen an den Galgen geliefert. Die Ueberbleibſel der meiſten befinden ſich in jenen Schränken, aber ich wüßte nicht, daß einer von ihnen meine Ruhe geſtört hätte. Die Art und Weiſe des Mordes macht keinen Unterſchied aus. Es iſt für mich genau daſſelbe, ob ich meinen Janitſcharen befehle, Thames Darrell den Hals abzuſchneiden, oder ob ich Jack Sheppard's Hinrichtung anordne.“ Als er dieſe Worte ſprach, ſuchte Jack unwillkürlich nach einer Piſtole. „Doch zur Hauptſache,“ fuhr Wild fort, der Gefahr unbewußt, in die ihn ſeine Worte geſetzt hatten—„zur Hauptſache. Unter den Bedingungen, welche Ihnen Ihre — Die Verkleidung. 51 Befreiung aus Newgate verſchafft haben, will ich Sie dieſer neuen Gefahr überheben.“ „Dieſe Bedingungen waren der dritte Theil meiner Güter,“ bemerkte Trenchard bitter. „Und was will das heißen?“ meinte Jonathan.„Jeder Preis wäre annehmbarer als Ihr Kopf. Wenn Thames Darrell durchkommt, ſo werden Sie ſowohl Leben als Ver⸗ mögen verlieren.“ „Sehr wahr, ſehr wahr,“ verſetzte der Ritter mit Ver⸗ zweiflung im Blick;„es gibt keine andre Wahl.“ „Durchaus keine,“ entgegnete Wild.„Sind wir Han⸗ dels einig?“ „Nehmen Sie mein halbes Vermögen— nehmen Sie Alles— mein Leben, wenn Sie wollen— ich bin deſſen müde!“ rief Trenchard außer ſich. „Nein,“ erwiederte Jonathan.„Ich will Sie nicht beim Wort nehmen, was das letztere betrifft. Ich hoffe, wir werden Jeder noch unſern Antheil genießen, wenn Tha⸗ mes Darrell längſt vergeſſen iſt, ha! ha! Ein Drittel Ihres Vermögens nehme ich an. Und da ſo etwas immer als Geſchäftsſache behandelt werden ſollte, ſo will ich eben nur ein kleines Dokument über unſre Vereinbarung aufnehmen.“ Bei dieſen Worten nahm er einen Bogen Papier und warf eilig einige Zeilen darauf hin. „Unterzeichnen Sie dies,“ ſagte er, indem er Sir Row⸗ land das Blatt hinſchob. Dieſer kam ſeinem Verlangen mechaniſch nach. „Gut,“ rief Jonathan, das Dokument gierig einſteckend. „Und jetzt will ich Ihnen zur Vergeltung Ihrer Freigebig⸗ keit ein Geheimniß mittheilen, deſſen Mitwiſſenſchaft für Sie von großer Wichtigkeit iſt.“ „Ein Geheimniß!“ rief Trenchard.„Wen betrifft es?“ „Miſtreß Sheppard,“ antwortete Jonathan geheimnißvoll. 52 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Miſtreß Sheppard!“ wiederholte Jack, vor Erſtaunen die Vorſicht vergeſſend. „Ha!“ rief Wild, ſich zornig nach ſeinem vermeintlichen Diener umſehend. „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ erwiederte Jack mit dem Ton und der Geberde des Janitſcharen;„ich ließ mich zu dieſem Ausruf verleiten, weil ich mich wunderte, daß Sir Rowland Trenchard's Angelegenheiten mit einer ſo geringen Frau, wie Miſtreß Sheppard, etwas zu thun haben könnten.“ „So ſei ſo gut und mache deiner Verwunderung künf⸗ tig nicht in Worten Luft,“ verſetzte Jonathan mit Strenge. „Meine Diener müſſen, wie vrientaliſche Sklaven, Augen und Ohren haben,— und Hände, wenn's Noth thut,— aber keine Zungen. Verſtehſt du mich, Burſche?“ „Vollkommen,“ antwortete Jack.„Ich ſchweige.“ „Ihr Geheimniß?“ fragte Trenchard ungeduldig. „Ich brauche Sie nicht zu erinnern, Sir Rowland,“ erwiederte Wild,„daß Sie zwei Schweſtern hatten— Aliva und Conſtanze.“ „Sie ſind beide todt,“ verſetzte der Ritter düſter. „O nein,“ antwortete Wild.„Conſtanze lebt noch.“ „Conſtanze lebt? Unmöglich!“ fuhr Trenchard fort. „Ich kann es beweiſen,“ verſetzte Jonathan. „Wenn dies wahr iſt, wo befindet ſie ſich denn?“ „In Bedlam,“ antwortete der Diebsfänger mit ſatani⸗ ſchem Grinſen. „Gerechter Himmel!“ rief der Ritter, dem plötzlich ein Licht aufzugehen ſchien.„Sie ſprechen von Miſtreß Shep⸗ pard. Was hat ſie mit Conſtanze Trenchard zu thun?“ „Miſtreß Sheppard i ſt Conſtanze Trenchard,“ erwiederte Jonathan boshaft. Hier konnte Jack einen Austuf des Erſtaunens nicht unterdrücken. Die Verkleidung. 53 „Noch einmal,“ rief Jonathan erzürnt:„hüte dich!“ „Was!“ tobte Trenchard.„Meine Schweſter das Weib eines verurtheilten Verbrechers! Die Mutter eines andern! Es kann nicht ſein.“ „Und es iſt doch ſo!“ entgegnete Wild.„Kaum fünf Jahre alt, ward Conſtanze Trenchard von einer Zigeunerin geſtohlen und nach London gebracht, wo ſie in großer Ar⸗ muth unter der Hefe der Geſellſchaft lebte. Es wäre unnütz, ihren elenden Lebenslauf zu verfolgen, obwohl ich es nöthi⸗ genfalls könnte. Um ſich vor Mangel oder, in ihren Augen, vor etwas Schlimmerem zu bewahren, heirathete ſie einen Tiſchlergeſellen, Namens Sheppard.“ „O, daß eine ſo Hochgeborene einer ſolchen Erniedri⸗ gung heimfallen mußte,“ ſeufzte der Ritter. „Ich ſehe nichts Ueberraſchendes dabei,“ verſetzte Jo⸗ nathan.„Erſtens kannte ſie ihre Herkunft nicht und hatte alſo keinen falſchen Stolz zu bekämpfen. Zweitens war fie überaus arm und von Verſuchungen umlagert, von denen Sie ſich keine Vorſtellung machen können. Ein Elend, wie das ihrige, könnte weit größere Vergehen entſchuldigen, als ſie je begangen hat. In derſelben Lage thäten wir alle das gleiche. Armes Mädchen! ſie war einſt ſehr ſchön; ſo ſchön, daß ich, der ich mich wenig um Weiber kümmere, mir ein⸗ bildete, ich wäre in ſie verliebt.“ Jack Sheppard griff noch einmal nach ſeiner Piſtole, und nur die Hoffnung, noch einige Nachrichten über ſeine Mutter zu erfahren, hielt ihn davon ab, ſie auf den Diebs⸗ fänger anzulegen. Und er hatte bald alle Urſache, ſich we⸗ gen ſeiner Mäßigung Glück zu wünſchen. „Welche Beweiſe haben Sie für die Wahrheit dieſer Geſchichte?“ fragte Trenchard. „Dieſe,“ erwiederte Jonathan, indem er aus einer Mappe ein Papier nahm und dem Ritter einhändigte:„dieſe 54 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefän gniß⸗Brecher. geſchriebene Ausſage, welche von der Zigeunerin, die das Kind ſtahl und ſpäter wegen eines ähnlichen Verbrechens hingerichtet ward, unterzeichnet iſt. Sie iſt überdies, wie Sie bemerken werden, von dem jetzigen Gefängnißprediger, Herrn Purney, beglaubigt.“ „Ich kenne Herrn Purney's Hand,“ ſagte Jack, ſich nähernd,„und kann gleich entſcheiden, ob es eine Fälſchung iſt oder nicht.“ „So ſieh das Papier an,“ ſagte Wild, ihm die Mappe gebend. „Es iſt ohne Zweifel ſeine Unterſchrift,“ erwiederte Jack. Und indem er Sir Rowland die Mappe wiedergab, ließ er das koſtbare Dokument geſchickt in ſeinen Aermel und von dort in ſeine Taſche gleiten. „Und unſer edles Blut ſollte in den Adern eines er⸗ bärmlichen Hausbrechers rollen?“ rief Trenchard außer ſich. „Ich mag es nicht glauben.“ „Andre werden es, wenn du nicht willſt,“ murmelte Jack, indem er ſich entfernte.„Gott ſei gedankt! Ich bin nicht von niederer Geburt.“ „Jetzt hören Sie mich an,“ ſagte Jonathan,„und Sie werden finden, daß ich nichts halb thue. Aus dem Teſta⸗ mant Ihres Vaters, Sir Montacute Trenchard, wiſſen Sie, — und daher brauche ich es Ihnen nicht zu wiederholen,— daß im Falle Ihre Schweſter Aliva ohne Erben ſtirbt oder dieſe Erben mit Tode abgehn, das Vermögen an Conſtanze oder ihre Kinder heimfällt.“ „Ich höre,“ ſagte Sir Rowland düſter. „Ich auch,“ murmelte Jack. „Iſt Thames Darrell einmal auf die Seite gebracht,“ fuhr Jonathan fort,„ſo hat Conſtanze, oder beſſer, Miſtreß Sheppard, auf das Vermögen Anſpruch, und es fällt dann an ihren Sohn, falls er dem Galgen entgeht.“ Die Verkleidung. 55 „Ha!“ rief Jack, den Athem anhaltend und ſich mit geſpannter Aufmerkſamkeit vorüber beugend. „Nun, Sir?“ athmete Sir Rowland hoch auf. „Aber dies darf Sie nicht beunruhigen,“ fuhr Jonathan fort;„Miſtreß Sheppard iſt, wie ich Ihnen geſagt habe, als unheilbar wahnſinnig, in Bedlam; während ihr Sohn im Neuen Gefängniß ſitzt und von dort nur nach Newgate und Tyburn gebracht werden wird.“ „So denkſt du,“ murmelte Jack mit verbiſſenen Zähnen. „Um Sie wegen Miſtreß Sheppard's vollſtändig zu be⸗ ruhigen,“ fuhr Jonathan fort,„will ich ſie, wenn Thames Darrell abgethan iſt, in Bedlam beſuchen; und da ich höre, daß ich für ſie ein Gegenſtand des heftigſten Widerwillens bin, ſo ſtehe ich dafür, ihr einen ſolchen Schreck einzujagen, daß ſie es nicht lange überleben ſoll.“ „Teufel!“ murmelte Jack, noch einmal nach ſeiner Piſtole greifend. Aber der Rache gewiß, beſchloß er ſeine Zeit abzuwarten. „Jetzt, da wir die Nebenhinderniſſe überwunden haben,“ ſagte Jonathan,„will ich Ihnen einen Plan zur Beſeitigung der Hauptſchwierigkeit darlegen. Thames Darrell befindet ſich, wie geſagt, auf Dollis⸗Hill bei Herrn Wood, ganz ohne einen Anſchlag auf ſein Leben zu argwöhnen und ſogar ohne von Ihrer Kenntniß ſeiner Rückkunft oder überhaupt ſeines Daſeins zu wiſſen. Bei dieſen Umſtänden wird es leicht ſein, ihn in eine Falle zu ziehen. Morgen Abend,— oder beſſer geſagt heute Abend, denn es iſt nicht weit mehr von Tagesanbruch,— will ich ihn mittelſt einer Liſt, die unfehlbar anſchlagen wird, aus dem Hauſe locken, und was iſt dann leichter, als ihn auf den Kopf zu ſchlagen. Um ſicher zu gehn, will ich ſelbſt das Unternehmen leiten. Vor Mitter⸗ nacht ſoll es beendigt ſein, ich ſtehe dafür. Meine Janitſcha⸗ ren ſollen mit mir gehn. Hörſt du wohl, Quilt?“ wandte er ſich an Jack. 56 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ja, Sir,“ antwortete dieſer. „Abraham Mendez wird es beſonders lieb ſein, denn er hat immer einen Groll gegen Thames Darrell gehegt, ſeit er die Wunde am Kopf erhielt, als die beiden Knaben aus St. Gileswache auszubrechen ſuchten. Ich habe ihn nach dem Neuen Gefängniß abgeſchickt. Aber ich erwarte ihn in jedem Augenblick wieder zurück.“ „Nach dem Neuen Gefängniß!“ rief Sheppard.„Was ſoll er da?“ „Dem Schließer ſagen, daß er nach ſeinem Gefangenen ſieht,“ antwortete Wild mit liſtiger Miene.„Jack Sheppard hat geſtern Beſuch gehabt, wie ich höre, und könnte vielleicht einen Fluchtverſuch machen. Es iſt eben ſo gut, übervor⸗ fichtig zu ſein.“ „Gewiß,“ erwiederte Jack. In dieſem Augenblick erſpähte ſein aufmerkſames Ohr Fußtritte auf der Treppe. Er zog beide Piſtolen und machte ſich auf einen verzweifelten Kampf gefafßt. „Es gibt noch ein anderes Geheimniß, deſſen Enthül⸗ lung ich wünſchte,“ ſagte Trenchard zu Wild;„Sie haben mir vieles mitgetheilt, aber nicht genug.“ „Was verlangen Sie ferner noch?“ fragte Jonathan. „Den Namen und Stand von Thames Darrell's Vater?“ ſagte der Ritter. „Ein anderes Mal,“ erwiederte der Diebsfänger aus⸗ weichend. „Ich will es jetzt wiſſen,“ verſetzte Trenchard,„oder unſre Uebereinkunft iſt null und nichtig.“ „Sie müſſen ſich ſchon zufrieden geben, Sir Rowland,“ entgegnete Jonathan verächtlich. „Ha!“ rief der Ritter und zog ſeinen Degen,„das Ge⸗ heimniß, Schurke, oder ich preſſe es Ihnen aus.“ Ehe Wild nur ein Wort entgegnen konnte, ward die Die Verkleidung. 57 Thüre heftig aufgeriſſen und Abraham Mendez flog mit der äußerſten Beſtürzung in den Mienen ins Zimmer. „Er iſt entflohen!“ rief der Jude. „Wer? Jack?“ fragte Jonathan. „Ja,“ antwortete Abraham.„Ich gehe ins Neue Ge⸗ fängniß, und als ich ſeine Zelle mit dem Schließer beſuche, was finden wir, als die Ketten auf dem Fußboden, das Fen⸗ ſter erbrochen und Jack mit Edgeworth Beß ausgeflogen.“ „Verdammt!“ rief Jonathan, mit unbezähmbarer Wuth auf den Fußboden ſtampfend.„Lieber hätte ich tauſend Pfund gegeben, als daß mir dies geſchehen wäre. Aber vielleicht iſt er aus dem Gefängniß gebrochen und hat nicht über die Mauer von Clerkenwell⸗Bridewell kommen können. Habt, Ihr nicht auf dem Hofe geſucht, Ihr Narren?“ „Gewiß,“ antwortete Abraham,„und wir fanden ſeinen ſchönen Rock und Kragen in Streifen zerriſſen auf den Ei⸗ ſenſpitzen bei dem großen Thor. Er iſt da offenbar hin⸗ übergekommen.“ Jonathan ergoß ſich in eine Fluth von Verwünſchungen. Indem er ſeinem Zorn auf dieſe Weiſe Luft machte, öffnete ſich die Thüre noch einmal und Quilt Arnold ſtürzte blutend und halb entkleidet ins Zimmer. „Alle Teufel! was bedeutet dies!“ rief Jonathan aufs Aeußerſte erſtaunt,„Quilt Arnold biſt du es?“ „Ja, ich bin's, Sir,“ ſprudelte der Janitſchar hervor. „Jack Sheppard hat mich beraubt, gemißhandelt und beinahe ermordet.“ „Jack Sheppard!“ rief der Diebsfänger. „Ja, und ich hoffe, Sie werden volle Rache an ihm nehmen,“ ſagte Quilt. „Das will ich, wenn ich ihn fange, verlaß dich daüß verſetzte Wild. 58 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Sie brauchen ihn nicht weit zu ſuchen,“ erwiederte Quilt;„da ſteht er.“ „Ja, hier bin ich,“ ſagte Jack, Hut und Perrücke ab⸗ werfend und ſich der Gruppe nähernd, unter der ſich allge⸗ meines Erſtaunen über ſeine Verwegenheit ausſprach.„Sir Rowland, ich grüße Sie als Neffe.“ „Zurück, Hallunke!“ rief der Ritter hochmüthig.„Ich verläugne dich. Die ganze Geſchichte deiner Herkunft iſt nur eine Erfindung.“ „Die Zeit wird es lehren,“ erwiederte Jack mit glei⸗ chem Hochmuth.„Aber was da auch kommen mag, ich verläugne Sie.“ „Nun, Jack,“ ſagte Jonathan, der ihn mit einem Ge⸗ miſch von Erſtaunen und Bewunderung betrachtet hatte,„du biſt ein kecker, gewandter Burſche, das muß ich geſtehn. Wire ich nicht Jonathan Wild, ſo möchte ich Jack Shep⸗ pard ſein. Es thut mir faſt leid, daß ich ein Gelübde ge⸗ than habe, dich zu hängen. Aber es geht einmal nicht an⸗ ders. Ich bin ein Sklave meines Worts. Ließe ich dich gehn, ſo würdeſt du ſagen, ich fürchtete mich vor dir. Ueberdies haſt du Geheimniſſe belauſcht, die nicht laut wer⸗ den dürfen. Nab und Quilt an die Thüre! Jack, du biſt mein Gefangener.“ „Und Sie ſchmeicheln ſich, mich feſthalten zu können?“ lachte Jack. „Ich will es wenigſtens verſuchen,“ erwiederte Jonathan ſarkaſtiſch.„Du mußt ein noch gewandterer Burſche ſein, als wofür ich dich halte, wenn du hier heraus kommſt.“ „Halloh, Blauhaut!“ rief Jack. „Hier bin ich, Hauptmann,“ antwortete eine Stimme von draußen. Und die Thüre ward plötzlich aufgeriſſen und die beiden Janitſcharen von der nervigen Fauſt des handfeſten Räubers zu Boden geſchmettert. Die Verkleidung. 59 „Ihre Prahlerei war ein wenig zu voreilig, wie Sie ſehn, Herr Wild,“ ſagte Sheppard.„Leben Sie wohl, mein verehrter Onkel. Ich habe zum Glück die Beweiſe meiner Geburt in Sicherheit gebracht.“ „Wetter!“ donnerte Wild.„Schließt die Thüren un⸗ ten! Laßt die Hunde los! Verdammt! Sie hören mich nicht! Ich will die Lärmglocke ziehn.“ Und er erhob den Arm, um ſeine Abſicht auszuführen, als eine Kugel aus Jack's Piſtole ſeine Hand zerſchmetterte.„Aha! mein Junge!“ rief er, anſcheinend ohne den Schmerz der Wunde zu achten;„jetzt gebe ich dir kein Quartier.“ Und mit der unbeſchädigten Hand zog er eine Piſtole, die er, jedoch ohne Wirkung, auf Jack abfeuerte. „Fliehe, Hauptmann, fliehe!“ ſchrie Blauhaut;„ich werde dieſe beiden Teufel nicht länger niederhalten können. Fliehe! ſie ſollen mir das Gehirn einſchlagen— mögen ſie verdammt ſein!— ehe ſie dir etwas zu leide thun.“ „Komm fort!“ rief Jack, aus der Thüre eilend.„Der Schlüſſel ſteckt draußen— ſchnell! ſchnell!“ Dieſer Aufforderung Folge leiſtend, machte Blauhaut ſich davon. Zwei Schüſſe ſandte Jonathan ihm nach; einer ging ihm durch den Hut, der andre durch den fleiſchigen Theil ſeines Arms; doch bewirkte er ſeine Flucht. Die Thüre ward zugemacht— verſchloſſen,— und man hörte das Paar die Treppe hinabeilen. „Hölle und Verdammniß!“ wüthete Jonathan.„Sie wer⸗ den uns entwiſchen. Es darf kein Augenblick verloren werden.“ Bei dieſen Worten zog er an einem Ringe auf dem Fußboden und öffnete eine Treppe, welche er mit ſeinen Ja⸗ nitſcharen hinunterſtürmte. Dies Verbindungsmittel brachte ſie ohne Zeitverluſt auf den Hausflur. Aber Jack und ſein Begleiter waren ſchon fort. Jonathan riß die Hausthüre auf. Sein Thürſteher war 60 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Bre cher. von einem Schlag mit dem Schaft einer Piſtole zu Boden geſtreckt und lag auf dem Hofpflaſter. Er konnte ſich eben nur noch rühren und nach der Giltſpurſtraße hin zeigen. Jonathan wandte die Augen nach dieſer Richtung und ſah die Flüchtlinge triumphirend fortreiten. „Für heute haben ſie die Oberhand,“ ſagte Jonathan, indem er ſich ſeine verwundeten Finger mit dem Taſchentuch verband.„Morgen iſt die Reihe an mir.“ ¹ Sechstes Kapitel. Winifred erhält zwei Anträge. Die tragiſche Begebenheit auf Dollis⸗Hill war, wie wir kaum zu ſagen brauchen, ein fürchtbarer Schlag für die Fa⸗ milie. Herr Wood ertrug ihn mit großer Feſtigkeit, wohnte der Todtenſchau bei, gab ſeine Ausſage mit Faſſung ab und ordnete dann das Leichenbegängniß an, welches am zweiten Tage darauf, einem Sonntage, ſtattfand. Sobald jedoch die letzten feierlichen Ehren erwieſen und die Leiche der unglück⸗ lichen Frau ihrer ewigen Ruheſtätte übergeben war, verließ ihn ſeine Standhaftigkeit gänzlich und er unterlag der Laſt ſeiner Leiden. Zum Glück hatte ſich Winifred jetzt ſo weit wieder erholt, daß ſie ihrem Vater den beſten und einzigen Troſt gewähren konnte, deſſen er ſich unter ſolchen Umſtän⸗ den erfreuen konnte,— ihre perſönliche Pflege. Die anfängliche Nothwendigkeit, den grauſen Zeugen der blutigen That ungeſtört in ſeiner Lage ruhen zu laſſen, — die Gegenwart der verſtümmelten Leiche,— das Geräuſch⸗ volle der Todtenſchau, bei der ſie gegenwärtig ſein mußte,— alle dieſe Umſtände machten einen quälenden Eindruck auf das Gemüth des jungen Mädchens. Aber als Alles vor⸗ über war, ſtellte ſich eine ruhige Traurigkeit ein und, wenn Winifred erhält zwei Anträge. 61 auch nicht frei von Kummer, ſo war ſie doch gefaßt. Was Thames betrifft, ſo war er zwar im Innerſten von dem furcht⸗ baren Vorfall erſchüttert, der ſeine Rückkunft zu ſeinen alten Freunden begleitete, konnte aber doch ſeine Gefühle über⸗ wältigen und ſich mit der Linderung des Unglücks derer be⸗ ſchäftigen, welche am unmittelbarſten von dieſem Unglücksfall betroffen waren. Es war ein Sonntag Abend,— ein anmuthiger herr⸗ licher Abend, und aus dem glücklichen, heiteren Anblick des Hauſes hätte Niemand errathen, welch ein ſchreckliches Trauerſpiel noch vor Kurzem innerhalb ſeiner Mauern voll⸗ endet war. Die Vögel ſangen luſtig auf den Bäumen,— vom Hofe her erſchallte das Gebrüll der Rinder,— ein köſt⸗ licher Wohlgeruch zog vom Garten in das offene Fenſter— und in der Ferne hörte man die Kirchenglocken von Willes⸗ den den Abendgottesdienſt einläuten. Dies Alles athmete Frieden;— aber es gibt Augenblicke, wo die angenehmſten äußeren Einflüſſe einen niederdrückenden Einfluß auf den Geiſt üben, indem ſie die peinliche Erinnerung an vergangenes Glück erwecken. So dachte wenigſtens eine der beiden Per⸗ ſonen, die nebeneinander in einem kleinen Hinterzimmer des Hauſes auf Dollis⸗Hill ſaßen. Es war ein liebliches Mäd⸗ chen, in tiefe Trauer gekleidet, mit dem Ausdruck des innig⸗ ſten Kummers in ihren Zügen. Ihr Geſellſchafter war ein ſtattlicher, einnehmender Mann, ebenfalls in voller Trauer, mit den feinſten Spitzen an Händen und Bruſt und einem Degen in ſchwarzer Scheide an der Seite. Dieſe Perſonen waren Herr Kneebone und Winifred. Das Leichenbegängniß fand, wie ſchon erwähnt, an je⸗ nem Tage ſtatt. Unter den andern, welche dem Trauerge⸗ pränge beiwohnten, befand ſich auch Herr Kneebone. Da er ſich, als genauer Freund der Verſtorbenen, für verpflichtet hielt, ihrem Andenken die letzten Ehren zu erweiſen, ſo er⸗ 62 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſchien er als einer der Hauptleidtragenden. Herr Wood hatte ſich von Kummer überwältigt in ſein Zimmer zurückgezogen, und Thames zu ſich rufen laſſen. Winifred war daher, ſehr zu ihrem Verdruß, mit dem Tuchhändler allein geblieben, und dieſer beſchloß, zu Folge ſeines Grundſatzes,„daß zu viel Schüchternheit zu nichts gut wäre,“ die Gelegenheit zu nützen. Er hatte ſich bisher auch wirklich nur durch Furcht vor Miſtreß Wood abhalten laſſen, ſeine Werbung ſchon längſt anzubringen. Nach Beſeitigung dieſes Hinderniſſes glaubte er jetzt einen Verſuch machen zu dürfen. Mochte es ausfallen, wie es wolle, er konnte nichts dabei verlieren. „Wir haben einen herben Verluſt erlitten, meine liebe Winifred,“ begann er—„denn ich muß mich des Vorrechts eines alten Freundes bedienen und Sie auf dieſe vertraute Weiſe anreden,— wir haben einen harten Verluſt erlitten durch das Ableben Ihrer unglucklichen Mutter, deren An⸗ denken ich ewig verehren werde.“ Winifred's Augen füllten ſich mit Thränen. Dies war es eben nicht, was der Tuchhändler wünſchte. So verſuchte er dann ein anderes Faß anzuſtechen. „Wie merkwürdig,“ rief er aus, indem er ſeiner Doſe zuſprach,„daß Thames Darrell, den wir alle für todt hiel⸗ ten,“— Kneebone wünſchte in ſeinem Herzen aufrichtig, er wäre es geweſen,—„am Ende doch noch leben muß. Sonderbar, daß ich ihn nicht wiederkannte, als er bei mir vorſprach.“ „Das iſt freilich ſonderbar,“ erwiederte Winifred un⸗ befangen.„Ich kannte ihn gleich.“ „Natürlich,“ verſetzte Kneebone etwas boshaft,„aber das iſt leicht zu erklären. Darf ich als ein alter, theurer Freund Ihrer unglücklichen Mutter, deren Andenken ich ewig verehren werde,— darf ich eine Frage an Sie richten?“ „Gewiß,“ antwortete Winifred. Winifred erhält zwei Anträge. 63 „Und wollen Sie mir offen darauf antworten?“ „Gewiß.“ „Jetzt iſt's Zeit,“ dachte der Tuchhändler;„wenigſtens werde ich erfahren, wie die Sachen ſtehn.— Nun denn, meine Theure,“ fuhr er laut fort,„hegen Sie noch immer dieſelbe Zuneigung für Hauptmann Darrell, wie ehemals?“ Winifred's Wangen erglühten und ſie heftete ihre vor Unwillen blitzenden Augen auf den Fragenden: „Ich habe Ihnen eine Antwort verſprochen und will ſie Ihnen geben. Ich liebe ihn wie einen Bruder.“ „Nur wie einen Bruder?“ forſchte Kneebone beharrlich. Wenn Winifred ſtill ſchwieg, ſo würden doch ihre Blicke Jeden entwaffnet haben, der nicht die Unverſchämtheit des Tuchhändlers beſaß. „Wenn Sie wüßten, welche Wichtigkeit ich Ihrer Ant⸗ wort beilege,“ fuhr er leidenſchaftlich fort,„ſo würden Sie ſie mir nicht verweigern. Wenn Hauptmann Darrell Ihnen ſeine Hand anböte, würden Sie ſie annehmen?“ „Ihre Zudringlichkeit verdient eine ganz andre Behand⸗ lung, Sir,“ ſagte Winifred;„aber, um dieſer Beläſtigung ein Ende zu machen, ſo will ich es Ihnen ſagen— nein.“ „Und warum nicht?“ fragte Kneebone begierig. „Ich will mich nicht ſo verhören laſſen,“ ſagte Wini⸗ fred erzürnt. „Im Namen Ihrer unglücklichen Mutter, deren Anden⸗ ken ich ewig verehren werde, flehe ich Sie an, mir zu ant⸗ worten,“ drängte Kneebone,„warum— warum würden Sie ihn nicht annehmen?“ „Weil unſer Stand verſchieden iſt,“ antwortete Wini⸗ fred, welche dieſer Berufung auf ihre Gefühle nicht wider⸗ ſtehn konnte. „Sie find ein Muſter von Klugheit und Verſtändigkeit,“ verſetzte der Tuchhändler, mit ſeinem Stuhle näher rückend. 64 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Eine Ungleichheit des Standes erzeugt immer Unglück in der Ehe. Wenn Hauptmann Darrell's Herkunft bekannt wird, ſo wird es ſich ohne Zweifel zeigen, daß er eines Edelmanns Sohn iſt. Wenigſtens hoffe ich es um ſeinetwillen, wie um meinetwillen,“ ſetzte er bei ſich hinzu.„Er ſieht ganz da⸗ nach aus. Und jetzt, mein Engel, da ich Ihre Anſicht über dieſe Sache kenne, will ich gern ein Verſprechen erfüllen, das ich Ihrer unglücklichen Mutter gab, deren Verluſt ich ewig betrauern werde.“ „Ein Verſprechen an meine Mutter?“ ſagte Winifred arglos. „Ja, meine Theure, an ſie— Friede ſei mit ihr! Sie drang es mir ab und verpflichtete mich durch einen feierlichen Eid zu ſeiner Erfüllung.“ „O, ſagen Sie es.“ „Sie ſind dabei betheiligt. Verſprechen Sie mir, daß Sie den Befehlen derjenigen gehorchen wollen, deren Anden⸗ ken wir beide verehren müſſen. Verſprechen Sie es mir.“ „Wenn es in meiner Macht ſteht, unbedenklich. Aber was iſt es? Was haben Sie verſprochen?“ „Ihnen mein Herz, meine Hand, mein Leben anzubie⸗ ten,“ erwiederte Kneebone, ihr zu Füßen fallend. „Sir!“ rief Winifred, ſich erhebend. „Ungleichheit des Standes kann kein Hinderniß unſerer Verbindung ſein,“ fuhr Kneebone fort.„Dem Himmel ſei Dank, ich bin kein Edelmannsſohn.“ Trotz ihrem Mißfallen konnte Winifred nicht umhin, über eine ſo alberne Bewerbung zu lächeln. Ihr Freier hielt dies für eine Ermuthigung und ließ ſich noch närriſcher gehn. Er ergriff ihre Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. „Anbetungswürdiges Mädchen!“ rief er im leidenſchaft⸗ lichſten Tone und mit den leidenſchaftlichſten Blicken, die ihm zu Gebote ſtanden.„Anbetungswürdiges Mädchen, ich habe Winifred erhält zwei Anträge. 65 Sie lange bis zur Verzweiflung geliebt. Ihre unglückliche Mutter, deren Verluſt ich ewig betrauern werde, bemerkte meine Leidenſchaft und ermuthigte ſie. Lebte ſie doch noch, um meine Werbung zu unterſtützen!“ „Dies iſt nicht länger zu ertragen,“ ſagte Winifred, ihre Hand loszumachen ſuchend.„Verlaſſen Sie mich, Sir, ich beſtehe darauf.“ „Niemals!“ rief Kneebone mit geſteigerter Gluth,— „niemals, bis ich nicht von Ihren eigenen Lippen die Antwort erhalte, die mich zum glücklichſten oder zum elendeſten aller Sterblichen machen wird. Hören Sie mich an, anbetungs⸗ würdiges Mädchen! Sie kennen nicht die Größe meiner Er⸗ gebenheit. Mich beherrſchen keine feilen Rückſichten. Liebe allein— Bewunderung Ihrer unvergleichlichen Schönheit erfüllt mich. Laſſen Sie Ihren Vater ſein ganzes Vermögen ſeinem Pflegſohn hinterlaſſen, wenn er will. Mich kümmert es nicht! In Ihnen werde ich einen Schatz beſitzen, deſſen kein König ſich rühmen kann.“ „Bitte, hören Sie mit dieſem Unſinn auf,“ ſagte Wi⸗ nifred,„und verlaſſen Sie das ner, oder ich rufe nach Hülfe.“ 6 In dieſem Augenblic öffnete ſich die Thüre und Tha⸗ mes trat ein. Der Tuchhändler, der ihm den Rücken zu⸗ wandte, bemerkte ihn nicht, ſondern fuhr mit ſeinen leiden⸗ ſchaftlichen Phraſen fort. „Rufen Sie, wen Sie wollen, geliebtes Mädchen,“ rief er.„Ich gehe nicht eher fort, als bis ich Ihre Ant⸗ wort habe. Sie ſagten, daß Sie Hauptmann Darrell nur wie einen Bruder lieben—“ „Herr Kneebone!“ „Daß Sie ihn nicht annehmen würden, wenn er Ihnen ſeine Hand—“ „Schweigen Sie, Gir.“ Ainsworth, Jack Sheppard. D. 66 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Sie betrachten ihn,“ fuhr der Tuchhändler fort,„da⸗ her nicht—“ „Wie, Sir?“ rief Thames ſich nähernd,„was bedeutet mein Name in Ihrem Munde? Haben Sie dieſe Dame zu beleidigen gewagt? Wenn das iſt— „Sie beleidigen?“ rief Kneebone aufſtehend und be⸗ mühte ſich, ſeine Verlegenheit unter einer trotzigen Miene zu verbergen.„Weit davon entfernt, Sir. Ich habe ihr einen ehrbaren Heirathsantrag gemacht, um dem Verlangen ihrer unglücklichen Mutter, deren Andenken—“ „Wagen Sie es noch einmal, Schurke, dieſe Unwahr⸗ heit vor meinen Ohren auszuſprechen,“ unterbrach ihn Thames zornentbrannt,„und ich werde Sie außer Stand ſetzen, dieſe Beleidigung zu wiederholen. Verlaſſen Sie das Zimmer! verlaſſen Sie das Haus, Sir! und betreten Sie es nur auf Ihre eigene Gefahr wieder.“ „Ich werde keins von beiden thun, Sir,“ entgegnete Kneebone,„wenn dieſe Dame mich nicht fortzugehn bittet, — in welchem Fall ich ihre Bitte erfüllen werde. Und Sie haben es ihrer Gegenwart zu verdanken, hitzköpfiger Knabe, daß ich Ihre Unverſchämtheit nicht nach Gebühr züchtige.“ „Gehn Sie, Herr Kneebone,— bitte, gehn Sie!“ flehte Winifred.„Thames, ich bitte—“ „Ihre Wünſche ſind mir Geſetze, angebetetes Mädchen,“ erwiederte Kneebone mit tiefer Verbeugung.„Hauptmann Darrell, Sie werden von mir hören.“ „Wann Ihnen gefällig iſt, Sir,“ ſagte Thames kalt, und der Tuchhändler entfernte ſich. „Was bedeutet alles dies, liebe Winny?“ fragte Tha⸗ mes, ſobald fie ſich allein befanden. „Nichts, nichts,“ antwortete ſie, in Lhrinen ausbre⸗ chend.„Fragen Sie mich jetzt nicht danach.“ „Winny,“ ſagte Thames zärtlich,„einige Worte, die S 4 Winifred erhält zwei Anträge. 67 dieſer eingebildete Geck geſprochen hat, haben mir in ſo fern einen Dienſt geleiſtet, als ſie mich veranlaſſen, einen Gegen⸗ ſtand zu berühren, der mir lange auf den Lippen ſchwebte, und den ich nicht den With hatte, auszuſprechen.“ „Thames!“ „Sie ſcheinen meine Liebe zu bezweifeln,“ fuhr er fort, —„Sie ſcheinen zu glauben, daß eine Veränderung in den Umſtänden eine Veränderung in meinen Gefühlen hervor⸗ bringen könnte. Hören Sie mich denn an, ehe ich einen Schritt zur Enthüllung meiner Herkunft oder zur Wahrung meiner Rechte thue. Worin jene Rechte auch beſtehen mö⸗ gen, wer ich auch ſein mag, mein Herz gehört Ihnen. Neh⸗ men Sie es an?“ „Theurer Thames!“ „Vergeben Sie mir dieſes unzeitige Geſtändniß meiner Liebe. Aber antworten Sie mir. Täuſche ich mich? Iſt Ihr Serz das meinige?“ „Ja— ja, und iſt es immer geweſen,“ erwiederte Wi⸗ nifred, an ſeine Bruſt finkend. Die Zärtlichkeiten von Liebenden müſſen geachtet wer⸗ den. Wir ſchließen das Kapitel. Siebentes Kapitel. Jack Sheppard warnt Thames Darrell. Am folgenden Abend, nämlich Montag, verſammelte ſich die Familie zum erſten Male wieder nach dem verhäng⸗ nißvollen Ereigniß in dem Zimmer, in welches Thames Darrell bei ſeiner Ankunft in Dollis⸗Hill geführt wurde. Da es Miſtreß Wood's Lieblingsaufenthalt geweſen war und ihr Bild in ſo inniger Verknüpfung damit ſtand, ſo hatten weder der Tiſchlermeiſter, noch ſeine Tochter, bisher 68 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Muth genug ſammeln können, um es zu betreten. Jedoch mit dem Entſchluß, dies Gefühl ſo bald als möglich zu über⸗ winden, hatte Wood befohlen, das Abendeſſen darin aufzu⸗ tragen; aber trotz aller ſeiner guten Vorſätze, hatte er bei ſeinem erſten Eintritt genug zu kämpfen, um ſeiner ſelbſt mächtig zu bleiben. Das Bildniß ſeiner Frau war von ſei⸗ nem Platz an der Wand entfernt und die Stelle, welche es eingenommen hatte, war nur an der Schnur kenntlich, die es trug. Aber die bloße leere Stelle ergriff ihn ſtärker, als wenn es dageblieben wäre. Dann ward ein Tuch über den Käfig geworfen, um den Vogel zum Schweigen zu bringen; es war ihr Kanarienvogel. Die Blumen auf dem Kamin waren verwelkt und vertrocknet— ſie hatte ſie gepflückt. Alle dieſe Umſtände, an ſich unbedeutend, aber mächtig in ihrem Zuſammenwirken, trafen das Herz des armen Witt⸗ wers und trugen zu ſeiner Niedergeſchlagenheit bei. Das Abendeſſen war beendigt. Sie hatten es ſchwei⸗ gend verzehrt. Das Tuch war abgenommen, und Wood rückte den Tiſch ſo nahe wie möglich ans Fenſter, denn es fing an dunkel zu werden, ſetzte ſeine Brille auf und öffnete das heilige Buch, aus welchem der beſte Troſt in allem Trübſal zu ſchöpfen iſt. Die beiden Liebenden— ſo dürfen wir ſie von jetzt an wohl mit Recht nennen— blieben ſich ſelbſt überlaſſen, aber da wir ſchon unſern Entſchluß aus⸗ geſprochen haben, alle ſolche Ergießungen heilig zu halten, die, ſo intereſſant ſie auch für die betheiligten Parteien ſein mögen, es doch vielleicht nicht ſo ſehr für andre ſein könn⸗ ten, ſo wollen wir auch die„Liebesſtellen“ auslaſſen und zu Gegenſtänden von allgemeinerem Intereſſe übergehend, das Geſpräch an dem Punkte aufnehmen, wo Thames Darrell ſeinen Entſchluß zu erkennen gab, gleich nach Jack Sheppard's Vernehmung nach Mancheſter abzureiſen. „Ich wundre mich, daß wir heute keine Vorladung er⸗ J Jack Sheppard warnt Thames Darrell. 69 halten haben,“ bemerkte er;„vielleicht haben ſie den andern Räuber auch eingebracht.“ „Oder Jack kann entwiſcht ſein,“ meinte Winny. „Ich halte es nicht für wahrſcheinlich. Aber iſt dieſe traurige Angelegenheit abgethan, ſo will ich nicht eher ruhn, als bis ich meine gemordeten Eltern gerächt habe.“ „Der Bluträcher ſelbſt ſoll den Mörder er⸗ ſchlagen,“ ſagte Wood, der für ſich einzelne Stellen aus der Schrift auflas. „Es iſt die Stimme der Offenbarung,“ ſagte Thames, „und ich nehme ſie als einen feierlichen Befehl auf. Der Elende hat ſich ſeiner Sorgloſigkeit zu lange erfreut.“ „Blutige und trügliche Menſchen ſollen nicht die Hälfte ihrer Tage leben,“ ſagte Wood, indem er eine andre Stelle laut las. „Und doch iſt er ſo lange verſchont worden; vielleicht nicht ohne weiſe Abſicht,“ fügte Thames hinzu.„Aber wenn der Sturm ihn auch verſchont hat, ich will es nicht.“ „Gewiß,“ ſagte Wood, der wieder einige Blätter des heiligen Buches umgeſchlagen hatte,—„gewiß, dieſer Mann iſt ein Mörder; wäre er auch dem Meere entflohen, ſo läſſet ihn doch die Rache nicht leben.“ „Kein Verwandtſchaftsgefühl ſoll meine Rache hindern,“ ſagte Thames erbittert.„Nur ſein Leben kann mich befrie⸗ digen.“ „Du ſollſt nicht Blutgeld nehmen für das Leben eines Mörders, der des Todes ſchuldig iſt, aber gewißlich, er ſoll des Todes ſterben,“ ſagte Wood, einen andern Text aufnehmend. „Verhärte dein Herz nicht gegen ihn, lieber Thames,“ vermittelte Winifred. „Und dein Auge ſoll nicht Mitleid haben,“ 70 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſagte ihr Vater in mahnendem Ton,„ſondern Leben ſoll für Leben ſein, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß.“ Indem der Tiſchlermeiſter dieſe Worte mit kräftigem Nachdruck ausſprach, trat eine Dienerin herein und meldete, daß ein Gentleman draußen wäre, der mit Hauptmann Darrell in dringenden Geſchäften zu ſprechen hätte. „Mit mir?“ ſagte Thames. Wer iſt es?“ „Er hat ſeinen Namen nicht geſagt, Sir,“ antwortete das Mädchen;„aber er iſt ein junger Gentleman.“ „Geh' nicht hinaus, lieber Thames,“ ſagte Winifred; „er kommt vielleicht in böſer Abſicht.“ „Pah!“ rief Thames.„Was! einen Fremden abwei⸗ ſen, der mich zu ſprechen wünſcht. Sage ihm, daß ich zu ihm hinauskommen will.“ „Gott! Miß,“ meinte das Mädchen,„er hat wahrhaf⸗ tig gar nichts Schreckliches an ſich. Es iſt ein ſo artiger, höflicher Gentleman, als man ſich nur wünſchen kann. Sehn Sie nur,“ fügte ſie leiſer hinzu,„was er mir für ein blankes Kronenthalerſtück gegeben hat.“ „Der Dieb kommt in der Nacht und der Räu⸗ ber raubt vor der Thüre,“ ſagte Wood, der für jede Gelegenheit einen Text hatte. „Gott gnad' uns, Sir!— wie Sie doch ſprechen!“ rief das Mädchen;„dies iſt kein Räuber, wahrhaftig und gewiß nicht. Ich würde es doch auf den erſten Blick geſehn haben, wenn's einer wäre. Er ſieht eher wie'n Lord aus, als wie—“ Bei dieſen Worten hörte man nahende Fußtritte, die Thüre öffnete ſich und ein junger Mann trat keck in das Zimmer. Der Eindringling war elegant, ja ſogar reich gekleidet; er trug einen ſcharlachrothen, goldgeſtickten Reitanzug; ein ——— Jack Sheppard warnt Thames Darrell. breites Wehrgehenk, an welchem ein Fänger hing, ging ihm quer über die Bruſt; ſeine Stiefeln reichten ihm bis über die Kniee und in der Hand hielt er einen betreßten Hut. Als er bis mitten in das Zimmer vorgegangen war, ſtand er ſtill und heftete ſeine dunkeln, ausdrucksvollen Augen auf Thames Darrell. Sein Erſcheinen verurſachte die größte Verwunderung und Beſtürzung unter den Anweſenden. Wi⸗ nifred ſtieß einen lauten Schrei aus. Thames ſprang auf und zog den Degen halb aus der Scheide, während Wood, der ſeine Brille abnahm, um ſich zu überzeugen, daß ihn ſeine Augen nicht täuſchten, mit einem Ton und Blick, der die Größe ſeines Erſtaunens verrieth, in die Worte aus⸗ brach:—„Jack Sheppard!“ „Jack Sheppard!“ ſchrie das Mädchen.„Iſt dies Jack Sheppard? Oh, oh, wie wird mir! Er wird uns allen die Kehle abſchneiden! Oh! oh!“ Und ſie ſtürzte kreiſchend auf den Flur hinaus, wo ſie ohnmächtig hinſank. Die Veranlaſſung aller dieſer Verwirrung blieb unter⸗ deſſen vollkommen regungslos daſtehn, mit aufrechter Geberde und nicht ohne Würde in ſeinem Benehmen. Er richtete ſeine ſcharfen Augen unverwandt auf Thames, als erwartete er angeredet zu werden. „Deine Verwegenheit überſteigt allen Glauben,“ rief dieſer, ſobald er vor Erſtaunen zu ſich kommen konnte. „Wenn du aus deiner Haft entſprungen biſt, Schurke, ſo iſt dies doch der letzte Ort, an dem du iich blicken laſſen ſollteſt.“ „Und deßhalb der erſte, den ich beſuchen wollte,“ ent⸗ gegnete Jack mit Keckheit.„Aber verzeihe meine Zudring⸗ lichkeit. Ich mußte dich ſprechen. Und da ich fürchtete, du würdeſt nicht zu mir kommen, ſo ſchlug ich mich bis hierher durch, ſelbſt mit der Gewißheit, deine Freunde zu beläſtigen.“ „Gut, Elender!“ erwiederte Thimes,„ich kenne die Veranlaſſung deines Beſuchs nicht. Aber wenn du gekommen „ 72 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. biſt, dich der Gerechtigkeit zu überliefern, ſo iſt es gut; du kannſt nicht wieder fort von hier.“ „Nicht können?“ wiederholte Jack mit leiſem Lächeln. „Aber genug davon. Meine Abſicht iſt, dir einen Dienſt zu leiſten und das Leben zu retten. Wenn du mir dadurch vergelten willſt, daß du mich feſthältſt, ſo magſt du es thun. Ich werde keinen Widerſtand leiſten. Daß ich ſehr wohl weiß, welche Belohnung für meine Einziehung ausgeboten iſt, wird dir dies beweiſen;“ hier zog er einen großen An⸗ ſchlagebogen mit der Aufſchrift„Mordthat“ aus ſeiner Taſche und warf ihn nachläſſig hin.„Mein Benehmen wird dich überzeugen, daß ich nicht in feinvlicher Abſicht gekom⸗ men bin. Und um dir zu zeigen, daß ich nicht die Abſicht habe, zu fliehn, will ich ſelbſt die Thüre zuſchließen. Hier iſt der Schlüſſel. Biſt du jetzt zufrieden?“ „Nein,“ antwortete Wood ergrimmt;„ich werde nim⸗ mer zufrieden ſein, ehe ich dich nicht am höchſten Galgen in Tyburn hängen ſehe.“ „Es kommt vielleicht eine Zeit, Herr Wood, wo Sie zufriedengeſtellt ſein werden,“ erwiederte Jack tuhig. „Kommt vielleicht?— ſie wird kommen!— ſie muß kommen!“ rief der Tiſchlermeiſter, die Hand drohend gegen ihn erhebend.„Es fällt mir ſchwer, nicht ſelbſt dein Hen⸗ ker zu werden. O, daß ich eine ſolche Schlange an meiner Bruſt hegen mußte!“ „Hören Sie mich an, Sir,“ ſagte Jack. „Nein, ich will dich nicht hören, Mörder,“ verſetzte Wood. „Ich bin kein Mörder,“ entgegnete Sheppard.„Ich hatte nicht die entfernteſte Abſicht, Ihre Frau zu verletzen, und wäre lieber geſtorzen, als ein ſo ſcheußliches Verbrechen zu begehn.“ „Denke nicht mich zu täuſchen, verwegener Schurke,“ rief der Tiſchlermeiſte:.„Wenn du die That nicht begangen Jack Sheppard warnt Thames Darrell. 73 haſt, ſo biſt du doch mitſchuldig. Hätteſt du deinen Gefähr⸗ ten nicht hergebracht, ſo würde es nicht geſchehn ſein, aber du ſollſt hängen, Elender,— du ſollſt dafür hängen.“ „Mein Gewiſſen ſpricht mich von aller Schuld an die⸗ ſem Verbrechen los,“ erwiederte Jack demüthig.„Doch Ge⸗ ſchehenes iſt nicht zu ändern, und ich bin nicht hergekommen, um mich zu rechtfertigen, ſondern um dein Leben zu retten,“ wandte er ſich an Thames. „Ich wüßte nicht, daß es bedroht wäre,“ verſetzte Darrell. „Dann biſt du mir für meine Warnung Dank ſchuldig. Es iſt bedroht.“ „Von einem deiner Kameraden?“ „Von deinem Onkel, von meinem Onkel, Sir Row⸗ land Trenchard.“ „Was bedeutet dieſe eitle Prahlerei, Elender?“ ſagte Thames.„Dein Onkel, Sir Rowland?“ „Es iſt keine eitle Prahlerei,“ erwiederte Jener.„Der Einbrecher, Jack Sheppard, iſt dein Vetter.“ „Wenn es wahr wäre, ſo würde er große Urſache ha⸗ ben, auf ſeine Verwandtſchaft ſtolz zu ſein, wahrlich,“ be⸗ merkte Wood achſelzuckend. „Es iſt ſehr leicht, dergleichen zu behaupten,“ ſagte Thames verächtlich. „Und eben ſo leicht, es zu beweiſen,“ entgegnete Jack, ihm das Papier hinreichend, welches er Wild entwendet hatte.„Lies das.“ Thames durchflog es raſch mit den Augen und hielt es ſeinem Pflegevater mit ungläubiger Miene hin. „Gerechter Gott! Dies iſt wunderbarer, als alles andere!“ rief der Tiſchlermeiſter, ſich die Augen reibend. „Thames, dies iſt keine Fälſchung.“ „Sie glauben es, Vater?“ . 74 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Aus ganzem Herzen. Ich hielt Miſtreß Sheppard im⸗ mer für vornehmer, als ſie ſchien.“ „So ging es mir auch,“ ſagte Winifred.„Laſſen Sie mich das Papier durchſehn.“ „Arme Seele!— arme Seele!“ ſeufzte Wood, indem er ſich eine Thräne trocknete.„Nun, ich bin froh, daß ihr dies erſpart iſt. O, Jack, Jack, du haſt viel zu verantworten!“ „Das habe ich, ja,“ erwiederte Sheppard mit zerknirſch⸗ tem Tone. „Wenn dies Dokument richtig iſt,“ fuhr Wood fort, „und ich bin davon überzeugt,— ſo biſt du eben ſo un⸗ glücklich als gottlos. Sieh', was du dir durch deine Auf⸗ führung verſchlagen haſt,— ſieh', was du hätteſt kön⸗ nen. Dies iſt wahrlich Vergeltung.“ „Ich fühle es,“ erwiederte Jack zerknirſcht;„und ich fühle es mehr um meiner armen Mutter, als um meinetwillen.“ „Sie hat genug um dich gelitten,“ ſagte Wood. „Das hat ſie, das hat ſie,“ erwiederte Jack mit gebro⸗ chener Stimme. „Weine nur, Gottvergeſſener,“ rief der Tiſchlermeiſter, etwas erweicht.„Dieſe Thränen werden dir gut ſein.“ „Bekümmern Sie ihn nicht, lieber Vater,“ ſagte Wi⸗ nifred,„er empfindet ſeine Schuld aufrichtig. Oh, Jack, bereuen Sie Ihr böſes Treiben, da es noch Zeit iſt. Ich will für Sie beten.“ „Ich kann nicht bereuen— ich kann nicht beten,“ ent⸗ gegnete Jack, ſein trotziges Weſen wieder annehmend.„Ich würde nie zu dem geworden was ich wenn Sie nicht wären.“ „Wie ſo?“ fragte Winifred. „Ich liebte Sie,“ erwiederte Jack— erſchrecken Sie nicht,— es iſt jetzt vorüber— ich liebte Sie als Knabe, ohne Hoffnung, und dies brachte mich zur Verzweiflung. Jack Sheppard warnt Thames Darrell. 75 Und jetzt ſinde ich, da es zu ſpät iſt, daß ich Ihrer werth hätte ſein können,— daß ich von ſo guter Geburt, als Thames Darrell bin. Doch ich darf an dieſe Dinge nicht denken, wenn ich nicht wahnſinnig werden ſoll. Ich ſagte dir, daß dein Leben in Gefahr ſchwebt, Thames. Verachte meine Warnung nicht. Sir Rowland Trenchard weiß von deiner Rückkunft nach England. Ich ſah ihn in der ver⸗ gangenen Nacht bei Jonathan Wild nach meiner Flucht aus dem Gefängniß. Er war eben aus Mancheſter angekommen, von wo ihn dieſer erbärmliche Diebsfänger hatte kommen laſſen. Ich belauſchte ſie, wie ſie auf deinen Meuchelmord ſannen. Er ſoll dieſe Nacht verſucht werden.“ „O Himmel!“ ſchrie Winifred, während ihr Vater in ſchweigendem Entſetzen die Hände emporhob. „Und wenn ich dir ferner ſage,“ fuhr Jack fort,„daß nach dir und deiner Mutter ich der nächſte Erbe des Ver⸗ mögens meines Großvaters, Sir Montacute Trenchard, bin, ſo wirſt du vielleicht die Uneigennützigkeit meiner Warnung einräumen.“ „Könnte ich deine ſeltſame Geſchichte glauben, ſo würde ich es thun,“ erwiederte Thames mit verwirrtem Blick. „Hier find Jonathan Wild's geſchriebene Befehle für Quilt Arnold,“ verſetzte Sheppard, indem er das in dem Rocke des Janitſcharen gefundene Taſchenbuch hervorzog. „Dieſer Brief wird bezeugen, daß eine Uebereinkunft zwi⸗ ſchen deinen Feinden ſtattgefunden hat.“ Thames las die Depeſche durch und nach kurzer Ueber⸗ legung fragte er:„Auf welche Art ſoll der Anſchlag aus⸗ geführt werden?“ „Das konnte ich nicht erfahren,“ antwortete Jack,„aber ich rathe dir, auf deiner Hut zu ſein. So viel ich weiß, können ſie in dieſem Augenblick ſchon in der Nähe ſein.“ „Hier!“ rief Wood erſchreckt.„O Gott! ich hoffe nicht.“ 76 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „So viel weiß ich,“ fuhr Jack fort—„Jonathan Wild leitet den Angriff ſelbſt.“ „Jonathan Wild!“ wiederholte der Tiſchlermeiſter er⸗ bebend.„Dann iſt alles mit uns aus. O Gott! wie be⸗ daure ich, daß ich je aus der Wychſtraße ausgezogen bin. An dieſem ſchutzloſen Orte können wir alle ermordet wer⸗ den, ohne daß Jemand das Geringſte erfährt.“ „In dieſem Augenblick iſt Jemand im Garten,“ rief ck;„ich ſah ein Geſicht am Fenſter.“ „Wo— wo?“ fragte Thames. „Bleibe ſtill ſitzen,“ erwiederte Jack.„Ich will dich gleich von der Wahrheit meiner Behauptungen überzeugen, und ermitteln, ob der Feind wirklich in der Nähe iſt.“ Mit dieſen Worten trat er an das Fenſter, öffnete es und rief mit Thames Darrell's Stimme: „Wer iſt da 7 Ein Piſtolenſchuß war die Antwort. Die Kugel ging über ſeinen Kopf weg und blieb in der Decke ſitzen. „Ich hatte Recht,“ ſagte Jack, indem er ſich ſo kalt⸗ blütig umdrehte, als wenn nichts geſchehen wäre.„Es iſt Jonathan. Dein Onkel,— unſer Onkel iſt bei ihm. Ich habe Sie beide geſehn.“ „Darf ich dir trauen?“ fragte Thames geſpannt. „Du darfſt,“ erwiederte Jack;„ich will bis auf den letzten Athemzug für dich kämpfen.“ „So folge mir,“ rief Thames, den Degen ziehend und aus dem Fenſter ſpringend. „Bis ans Ende der Welt!“ antwortete Jack, ihm folgend. „Thames!— Thames!“ rief Winifred, an das Fenſter ſtürzend.„Sie werden ihn ermorden!— Hülfe!“ „Mein Kind!— meine Liebe!“ rief Wood und zog ſie mit Gewalt zurück. Es fielen zwei Schüſſe und bald hörte man Degengeklirr. Jack Sheppard warnt Thames Darrell. Nach einiger Zeit entfernte ſich das Getöſe mehr und mehr, bis alles ſtill war. Wood hatte unterdeſſen ſeine Knechte zuſammengerufen, und als er ſie mit allem, was an Waffen zur Hand war, verſehn hatte, begaben ſie ſich in den Garten, wo der erſte Gegenſtand, der ihnen in die Augen fiel, Thames Darrell war, der auf dem Boden lag und in ſeinem Blute ſchwamm. Von Jack Sheppard oder den Angreifern war keine Spur zu entdecken. Indem der Körper auf den Armen der Ackerknechte ins Haus getragen wurde, glaubte Wood das triumphirende Hohngelächter Jonathan Wild's zu hören. Achtes Kapitel. Old⸗Bedlam. Als Thames Darrell und Jack Sheppard aus dem Fen⸗ ſter ſprangen, wurden ſie ſogleich von Wild, Trenchard und ihren Begleitern angegriffen. Jack ging mit ſolcher Wuth auf Jonathan los, daß er ihn in ein Geſträuch zurückdrängte und vielleicht Sieger geblieben ſein würde, wenn er nicht bei einem heftigen Ausfall mit dem Fuß ausgeglitten wäre. In dieſer Lage wäre er vielleicht rettungslos verloren geweſen, da er vom Falle betäubt einige Augenblicke gebrauchte, ehe er ſich wieder erholen konnte, wenn nicht plötzlich ein Dritter zu ſeiner Hülfe herbeigeſprungen wäre. Das war Blauhaut, der aus den Bäumen hervorſprang und mit dem Degen in der Hand auf den Diebsfänger eindrang. So bald Jack ſich aufgerafft hatte, ſah er Blauhaut dem Anſchein nach mit einer ſchweren Wunde über den Schläfen, todt im Gebüſch liegen, und indem er ſich bückte, um ihm beizuſtehn, hörte er nicht 78 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. weit davon ein Stöhnen. Er folgte dem Klange und ſah Thames Darrell auf der Erde hingeſtreckt. „Biſt du verwundet, Thames?“ fragte Jack beſorgt. „Nicht gefährlich, hoffe ich,“ erwiederte Thames;„aber fliehe— rette dich.“ „Wo ſind die Meuchelmörder?“ rief Sheppard. „Fort,“ antwortete der Verwundete.„Sie glauben ihr Werk vollbracht zu haben. Aber ich komme wohl noch durch und werde ihre Plane vereiteln.“ „Ich will dich ins Haus tragen oder Herrn Wood ho⸗ len,“ ſchlug Jack vor. „Nein, nein,“ erwiederte Thames;„fliehe— oder ich ſtehe nicht für deine Sicherheit. Wenn du mir einen Ge⸗ fallen thun willſt, ſo geh.“ „Und dich ſo verlaſſen?“ verſetzte Jack.„Nein, das kann ich nicht.“ „Geh, ich bitte dich,“ rief Thames,„oder trage ſelbſt die Folgen. Ich kann dich nicht beſchützen.“ Auf dieſe Vorſtellung entfernte ſich Jack zögernd. Er eilte an den Ort, wo er ſein Pferd an einen Baum gebun⸗ den hatte, ſchwang ſich in den Sattel und ritt querfeldein, — denn er beſorgte, der feindlichen Partei zu begegnen,— bis er auf die Edgewareſche Landſtraße kam. In Paddington angelangt, nahm er ſeinen Weg über die Marylebonefelder, — denn von der Neuen Straße ließ man ſich damals noch nicht träumen,— und ließ in ſeiner Eile nicht eher nach, als bis er die City erreichte. Sein Beſtimmungsort war die Neue Münze. An dieſem Zufluchtsort, am Stromufer im Herzen von Wapping gelegen, kam er in weniger als einer Stunde gänzlich erſchöpft an⸗ In Folge des ſchändlichen Mißbrauchs ihrer Privilegien ward die alte Münze im neunten Regierungsjahre Georg des Erſten, wenige Monate vor dem Zeitpunkte unſerer gegen⸗ Old⸗Bedlam. 79 wärtigen Geſchichte, durch eine Parlamentsakte gänzlich auf⸗ gehoben; und eben ſo wie nach der Zerſtörung von White⸗ friars unter Karl dem Zweiten wegen des Schutzes, den ſeine Bewohner den„Gleichmachern“ und Anhängern der „fünften Monarchie“ gewährt hatten, die Einſaſſen von Al⸗ ſatia über den Fluß gingen und ſich in dem Flecken South⸗ wark anſiedelten,— ſo wanderten ſie jetzt, aus ihren Veſten vertrieben, noch einmal aus und ſetzten ſich an dem früheren Ufer der Thames in Wapping nieder; in einem elenden Vier⸗ tel zwiſchen der Artiſchockengaſſe und der Nachtigallengaſſe, welches ſie die Neue Münze nannten. Aus ſeiner alten Zu⸗ fluchtsſtätte der Kreuzſchaufeln verbannt, eröffnete Baptiſt Kettleby wieder eine Taverne in derſelben Art, wie die frü⸗ here, welche er die Sieben Zufluchtsſtädte nannte. Seine Unterthanen ſtanden jedoch nicht ganz mehr unter ſeinem Oberbefehl; und obgleich er ſeinen Anordnungen einige Ach⸗ tung zu verſchaffen ſuchte, ſo war ſein Anſehn doch offenbar ſtark im Abnehmen. Wohlwiſſend, daß man ſie nicht lange unbeläſtigt laſſen würde, benahmen die Neu⸗Münzer ſich ſo ausgelaſſen und mit ſo außerordentlicher Frechheit, daß in eben dieſem Augenblicke Maßregeln zu ihrer völligen Unter⸗ drückung vorbereitet wurden. Nach den Sieben Zufluchtsſtädten begab Jack ſich alſo. Nachdem er für ſein Pferd geſorgt und ein Glas Brannt⸗ wein getrunken hatte, warf er ſich, ohne andre Nahrung zu ſich zu nehmen, auf ein Lager, und verfiel gleich in einen feſten Schlummer. Als er erwachte, war es ſpät am Tage und er erſtaunte, Blauhaut an ſeinem Bette ſitzen zu ſehn, wie er mit blankem Säbel auf den Knieen, einer Piſtole in jeder Hand und einer blutgetränkten Binde um die Stirn über ihm wachte. „Beunruhige dich nicht,“ ſagte ſein Anhänger und winkte ihm, ſtill zu liegen;„es iſt Alles in Richtigkeit.“ 80 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Welche Zeit iſt es?“ fragte Jack. „Mittag vorüber,“ antwortete Blauhaut.„Ich habe dich nicht geweckt, weil du müde zu ſein ſchienſt.“ „Wie biſt du davongekommen?“ fragte Sheppard, der ſich in dem Maße, wie ſeine Müdigkeit von ihm wich, der Ereigniſſe der vergangenen Nacht zu erinnern begann. „O, ziemlich leicht,“ verſetzte Jener.„Ich glaube, ich muß einige Zeit beſinnungslos gelegen haben, denn als ich zu mir kam, fand ich dieſe Schmarre an meinem Kopf und die Erde von Blut gefärbt. Jedoch Niemand hatte mich be⸗ merkt, und ſo gelang es mir, mich bis zu meinem Pferde hinzuſchleppen. Ich dachte, wenn du lebteſt und nicht ge⸗ fangen wärſt, ſo würde ich dich hier ſinden,— und ich hatte Recht. Ich wachte bei dir aus Furcht vor einem Ueberfall von Seiten Jonathan's. Doch was kann jetzt gethan werden?“ „Das erſte wird ſein, daß ich meine arme Mutter in Bedlam beſuche,“ erwiederte Jack. „Du ſollteſt ſtatt deſſen lieber für deiner Mutter Sohn ſorgen,“ verſetzte Blauhaut.„Es iſt ein gefährliches Wageſtück.“ „Wageſtück oder nicht, ich gehe hin,“ ſagte Jack.„Jo⸗ nathan hat ihr ein Unglück gedroht. Ich muß ſie ohne Zeit⸗ verluſt beſuchen und zuſehn, ob ſie nicht fortgebracht werden kann.“ „Es wird nichts als Unheil dabei eriaitt brummte Blauhaut.„Was willſt du mit einer wahnſinni⸗ gen Mutter machen, wenn du ſelbſt alle deine fünf Sinne brauchſt, um dich aus deiner Klemme zu ziehn?“ „Kümmere dich nicht weiter drum,“ entgegnete Jack. „Ein für allemal, ich gehe zu ihr.“ „Willſt du mich nicht mitnehmen?“ „Nein, du mußt meine Rückkunft hier abwarten.“ „Dann werde ich lange warten müſſen,“ brummte Blau⸗ haut.„Du wirſt nie wieder kommen.“ Old⸗Bedlam. 81 „Wir wollen ſehn,“ antwortete Jack.„Sollte ich aber nicht wiederkommen, ſo gib dieſe Börſe an Edgeworth Beß. Du wirſt ſie in der Höhle der Schwarzen Marie finden.“ Nach einem eiligen Frühſtück machte er ſich auf den Weg. Alt Bethlehem oder Bedlam,— von dem jede Spur verwiſcht iſt, denn das Irrenhaus iſt nach den St. Georgs⸗ feldern verlegt worden, war ein ausgedehntes, prachtvolles Gebäude. Es ward im Jahre 1665 auf Moorfields nach dem Muſter der Tuilerien erbaut, und man ſagt, daß Lud⸗ wig der Vierzehnte ſo entrüſtet über die ſeinem Pallaſte zu⸗ gefügte Beleidigung war, daß er ein Ebenbild von St. Ja⸗ mes zum Gebrauch für die niedrigſten Verrichtungen auf⸗ führen ließ. Die Größe und Pracht des Gebäudes zog frei⸗ lich auch den Spott mehrerer der Schöngeiſter jener Tage auf ſich. Einer von ihnen, der witzige Tom Brown, ſagte da⸗ von:„Bedlam iſt ein luſtiger Ort und voll von Spaßhaf⸗ tigkeiten;— die hauptſächlichſte iſt die, daß ein ſo ſtattliches Haus für Perſonen gebaut iſt, die gar keine Empfindung für Schönheit und Nützlichkeit haben; denn das Aeußere iſt ein vollſtändiger Spott auf das Innere und veranlaßt zu zwei komiſchen Fragen,— ob diejenigen, die es bauen ließen, oder die es bewohnen, am verrückteſten waren? und ob Name und Sache nicht eben ſo widerſtimmig ſind, als Harfe und Harke?“ Ein Anderer, der nicht minder witzige Ned Ward, nannte es„ein koſtſpieliges Collegium für eine über⸗ geſchnappte Geſellſchaft, in einem tollen Zeitalter erbaut, wo die Häupter der Stadt in großer Gefahr ſtanden, ihre fünf Sinne zu verlieren, und es deßhalb deſto prächtiger zu ihrem eigenen Empfange einrichten ließen; oder ſie würden ſonſt nicht ſo viel Geld für einen ſo närriſchen Zweck ver⸗ ſchleudert haben.“ Die Koſten des Baues überſtiegen ſieben⸗ zehntauſend Pfund. Wie ſehr der architektoniſche Geſchmack auch in Frage geſtellt werden mag,— es war der ſteife Ainsworth, Jack Sheppard. 1I. 6 82 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefüngniß⸗Brecher. franzöſiſche Styl jener Zeit,— ſo war der allgemeine Ein⸗ druck doch überraſchend. Mit Einſchluß der Flügel hatte es doch eine Front von fünfhundert und vierzig Fuß. Jeder Flügel hatte eine kleine Kuppel und in der Mitte erhob ſich ein großer Dom, der eine vergoldete Kugel und Wetterfahne trug. Ein breiter Kiesweg führte durch einen an beiden Seiten mit einem ſteinernen Geländer eingefaßten und mit ſchattigen Bäumen beſetzten Garten auf das Hauptgebäude zu. Dann kam man über eine geräumige Terraſſe zu dem großen eiſernen Portal, auf welchem die beiden berühmten Statuen der Raſerei und des melancholiſchen Wahnſinns ſtanden, die von Cibber dem älteren ausgeführt und in der Dunciade von Pope in den folgenden wohlbekannten Zeilen verewigt ſind: Bei jenen Mauern, wo der Unſinn thront Uund Monroe's lacht, der ihn zu ſtürzen denkt; Wo über dem Portal, von ſeines Vaters Hand, Des großen Cibber's eh'rne Brüder ſtehn.“ Im Innern war es durch zwei lange Gallerieen, eine über der andern, der Länge nach getheilt. Dieſe Gallerien waren in der Mitte durch eiſerne Gitter getrennt. Die Zel⸗ len zur Rechten hatten die männlichen Patienten inne, und die zur Linken, die weiblichen. In der Mitte der oberen Gallerie war ein geräumiger Saal zum Gebrauch für die Direktoren des Hoſpitals eingerichtet. Aber das Grundübel, welches auch den ſtrengſten Tadel der oben genannten Schrift⸗ ſteller auf ſich zog, lag darin, daß dieſer Ort,— der doch vor allen am meiſten vor ſolchem Ueberlaufen hätte bewahrt werden ſollen,— zum öffentlichen Schauſpiel gemacht wurde. Hier fanden ſich alle lockeren Geſellen ein, hier gab man ſich ungeſcheut Stelldicheins und die Zuſchauer beluſtigten ſich an den Ungereimtheiten ſeiner unglücklichen Bewohner. Jack trat durch das Außenthor, ging über den erwähn⸗ Old⸗Bedlam. 83 ten breiten Kiesweg, ſtieg die Terraſſenſtufen hinan und ward von dem Thürſteher gegen eine Vergütigung durch ein zweites eiſernes Thor in das Hoſpital eingelaſſen. Hier ward er faſt von dem betäubenden Lärm, der von allen Seiten er⸗ ſchallte, überwältigt. Einige von den Wahnſinnigen raſſel⸗ ten mit ihren Ketten, andre kreiſchten, andre ſangen, andre ſchlugen mit raſender Wuth gegen die Thüren. Alles dies zuſammengenommen bildete das gräßlichſte Getöſe, das er je gehört hatte. Jedoch bei alledem gab es dort mehrere auf⸗ geräumte, lachende Gruppen, denen alles jenes Elend nur ein Gegenſtand der Beluſtigung zu ſein ſchien. Mehrere Zellenthüren wurden dieſen Geſellſchaften geöffnet und Jack konnte im Vorübergehn nicht umhin, einen Blick auf ihre unglücklichen Inhaber zu werfen. Hier war eine arme halb⸗ nackte Geſtalt mit einem Strohkranz auf dem Kopf und einem hölzernen Scepter in der Hand, die mit aller Würde eines Monarchen auf dem Fußboden ſaß. Dort war ein wahnſinniger Muſiker, der anſcheinend mit Entzücken den Tönen lauſchte, die er einer Kinderfidel entlockte. Hier war eine Schreckensgeſtalt, die mit den Zähnen knirſchte und wie ein wildes Thier heulte;— dort ein Geliebter mit gefalte⸗ ten Händen und leidenſchaftlich emporblickenden Augen. In dieſer Zelle war ein Jäger, der ſich auf der Jagd den Schä⸗ del geſpalten hatte und fortwährend ſeine Hunde hetzte;— in jener der melancholiſchſte von allen, der greinende, plap⸗ pernde Irre, das wahre Bild des„trübelächelnden, tieffin⸗ nigen Unverſtands.“ Jack riß ſich von dieſem herzzerreißenden Schauſpiel los und erreichte bald das Gitter, welches die Männerabtheilung von der der Frauen trennte. Er fragte nach Miſtreß Shep⸗ pard und eine Matrone erbot ſich, ihn nach ihrer Zelle zu bringen. „Sie werden ſie heute ziemlich ruhig finden, Sir,“ ſagte 84 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. die Frau, indem ſie nebeneinander hergingen,„aber ſie war in der letzten Zeit ſehr tobſüchtig. Ihre Wärterin ſagt, daß ſie es noch einige Zeit fortmachen kann, aber mir ſcheint ſie ſehr auf die Neige zu gehn.“ „Gott helfe ihr!“ ſeufzte Jack.„Ich hoffe nicht.“ „Ihre Erlöſung würde eine Wohlthat für ſie ſein,“ fuhr die Matrone fort.„O Sir! wenn Sie ſie in dem Zuſtande geſehn hätten, wie ich, ſo würden Sie ihr keine Verlängerung ihres Elends wünſchen.“ Da Jack nicht antwortete, ſo fuhr ſie fort: „Man ſagt, ſie haben ihren Sohn endlich gefangen und er ſolle hingerichtet werden. Mich freut es wahrhaftig; denn er iſt allein daran Schuld, daß ſeine arme Mutter hier iſt. Sehn Sie, wozu das Verbrechen führt, Sir. Wer gottlos handelt, häuft Elend auf alle, die ihm nahe ſtehn. Und ſo ſanft, wie die arme Frau iſt, wenn ſie grade nicht einen ihrer Anfälle hat,— es würde ein Herz von Stein ſich er⸗ barmen. Sie weint zuweilen Tage und Nächte hinterein⸗ ander. Wenn Jack Sheppard ſeine Mutter in dieſem Zu⸗ ſtande ſehn könnte, ſo würde er eine Lehre erhalten, die er nicht wieder vergäße,— ja, eine ernſtere, als ſelbſt der Henker ihm geben könnte. So verhärtet er auch ſein mag, das würde ihn rühren. Aber er iſt nicht ein einziges Mal bei ihr geweſen— nicht ein einziges Mal.“ Unter ſolchem Geplauder kamen ſie endlich an eine Thüre, wo die alte Frau ſtillſtand und einen Schlüſſel her⸗ vorſuchte.„Dies,“ ſagte ſie,„iſt Miſtreß Sheppard's Zelle, Sir.“ „Laſſen Sie uns allein, meine gute Frau,“ ſagte Jack, indem er eine Guinee in ihre Hand gleiten ließ. „So lange Ihnen gefällig iſt, Sir,“ antwortete die Matrone mit einer tiefen Verneigung.„So, Sir,“ fügte ſie hinzu, indem ſie die Thüre aufſchloß.„Sie können ohne — Old⸗Bedlam. 85 Furcht hineingehn. Sie iſt nicht bösartig— und dann iſt ſie auch angekettet und kann Sie nicht erreichen.“ Bei dieſen Worten zog ſie ſich zurück und Jack trat in die Zelle ein. So ſehr er auch auf einen erſchütternden Eindruck ge⸗ faßt war und ſeine Nerven dazu geſtählt hatte, ſo bebte Jack doch buchſtäblich vor dem herzzerreißenden Anblick zurück, der ſich ſeinen Augen darbot. Auf einem Haufen Stroh in einer Ecke ſaß ſeine unglückliche Mutter hingekauert, der vollſtän⸗ dige Gegenſatz zu dem, was ſie einſt geweſen war. Ihre Augen funkelten in der Dunkelheit,— denn das Licht hatte nur durch ein kleines vergittertes Fenſter Zutritt,— wie Flammen, und als ſie ſie auf ihn heftete, ſchienen ſie ſeine innerſte Seele zu durchdringen. Sie hatte ſich ein altes Stück einer Decke um die Schultern geworfen und trug keine andre Kleidung als einen Unterrock. Ihre Arme und Füße waren unbedeckt und von faſt ſkelettartiger Magerkeit. Ihre Züge waren eingefallen und leichenweiß und trugen den ſtar⸗ ren, furchtbaren Stempel des Wahnſinns. Ihr Kopf war kahl geſchoren und mit einem Lumpen umwickelt, in dem einige Strohhalme ſtacken. Ihre dünnen Finger waren wie die Fänge eines Raubvogels mit langen Nägeln bewaffnet. Eine Kette, an einen eiſernen Gürtel um ihren Leib ge⸗ gürtet, feſſelte ſie an die Wand. Die Zelle, in welcher ſie ſaß, war etwa ſechs Fuß lang und vier Fuß breit; die Wände waren über und über mit phantaſtiſchen Zeichnungen, Bruchſtücken von Gedichten, kurzen Sentenzen und Namen, — dem Werk der früheren Bewohner und der jetzigen,— bedeckt. Als Jack in die Zelle trat, ſprach ſie mit ſich ſelbſt auf jene murmelnde, unzuſammenhängende Art, wie fſie ihrem Zu⸗ ſtande eigen iſt; aber als ihr Auge einige Zeit lang auf ihm geruht haite, ließ der ſtarre Ausdruck ihrer Züge nach 86 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. und ein Lächeln verbreitete ſich über ſie. Dies Lächeln war ſogar noch peinlicher, als ihr früherer Stierblick. „Du biſt ein Engel,“ rief ſie mit freudeſtrahlendem Geſicht. „Eher ein Teufel, daß ich dies verſchuldet habe,“ ächzte ihr Sohn. „Du biſt ein Engel, ſage ich,“ fuhr die arme Wahn⸗ ſinnige fort,„und mein Jack wäre dir ähnlich geweſen, wenn er lebte. Aber er ſtarb als Kind. Es iſt ſchon lange,— lange her.“ „Wäre es doch ſo!“ rief Jack. „Der alte Van ſagte mir, wenn er groß würde, würde er gehängt werden. Er zeigte mir ein ſchwarzes Mal unter dem Ohr, wo die Schlinge ſich eindrücken würde. Und da will ich dir ſagen, was ich that—“ Und ſie brach in ein Gelächter aus, daß Jack das Blut in den Adern erſtarrte. „Was thatſt du?“ fragte er mit gebrochener Stimme. „Ich würgte ihn— ha! ha! ha!— ich würgte ihn, als er an meiner Bruſt lag— ha! ha!“— Und dann fügte ſie mit einer plötzlichen, ergreifenden Veränderung im Blick hinzu:„Das iſt es, was mich wahnfinnig gemacht hat. Ich habe mein Kind getödtet, um es vom Galgen zu retten— oh! oh! Wenn Einer in einer Familie gehängt wird, ſo iſt es genug. Wäre ich nicht irre geworden, ſo hätten ſie mich auch gehängt.“ „Arme Seele!“ rief ihr Sohn. „Ich will dir ſagen, was mir letzte Nacht geträumt hat,“ fuhr das unglückliche Weſen fort.„Ich war in Tyburn. Es war ein Galgen aufgerichtet und viel Volk darum verſam⸗ melt,— tauſende von Menſchen, und alle mit Geſichtern ſo weiß wie die Leichen. Mitten unter ihnen war ein Karren mit einem darauf— und dieſer Mann war Jack,— mein Old⸗Bedlam. 87 Sohn Jack— fie wollten ihn hängen. Und ihm gegenüber ſaß Jonathan Wild in einem Predigertalar und mit einem Buch in der Hand,— aber es konnte kein Gebetbuch ſein. Ich kannte ihn trotz ſeinem Anzuge. Und als ſie an den Galgen kamen, ſprang Jack vom Karren und der Scharf⸗ richter knüpfte Jonathan ſtatt ſeiner auf, ha! ha! ha! Wie das Volk ſchrie und jubelte— und ich ſchrie mit— ha! ha!“ „Mutter!“ rief Jack, der dieſe quälende Scene nicht länger ertragen konnte.„Kennſt du mich nicht, Mutter?“ „Ha!“ kreiſchte Miſtreß Sheppard.„Was war das? Jack ſeine Stimme!“ „Ja, ja,“ erwiederte ihr Sohn. „Die Decke ſtürzt ein! der Fußboden öffnet ſich! er kommt zu mir!“ rief das unglückliche Weib. „Er ſteht vor dir,“ entgegnete ihr Sohn. „Wo?“ rief ſie.„Ich kann ihn nicht ſehn. Wo iſt er?“ „Hier,“ antwortete Jack. „Biſt du denn ſein Geiſt?“ „Nein, nein,“ antwortete Jack.„Ich bin dein unglück⸗ licher Sohn.“ „Laß mich dich anfaſſen; laß mich fühlen, ob du wirk⸗ lich Fleiſch und Blut biſt,“ rief die arme Wahnſinnige, in⸗ dem ſie auf allen Vieren zu ihm kroch. Jock ging ihr nicht entgegen. Er konnte ſich nicht be⸗ wegen, ſondern ſtand wie betäubt mit gefalteten Händen, die Augen ſtarr auf ſeine Mutter geheftet. „Komm zu mir!“ rief die arme Wahnſinnige, die ſo weit herangekrochen war, als ihre Kette ihr erlaubte,— „komm' zu mir!“ rief ſie, den Arm nach ihm ausſtreckend. Jack fiel an ihrer Seite auf die Kniee. „Wer biſt du?“ fragte Miſtreß Sheppard und ließ ihre Hand über ſein Geſicht gleiten. 88 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Dein Sohn,“ erwiederte Jack—„dein unglücklicher, reuevoller Sohn.“ „Es iſt nicht wahr,“ rief Miſtreß Sheppard.„Du biſt es nicht. Jack war nicht halb ſo alt, als er ſtarb. Sie haben ihn nach dem Diebſtahl auf dem Kirchhofe von Wil⸗ lesden begraben.“ „O Gott!“ rief Jack,„ſie kennt mich nicht. Mutter— liebe Mutter!“ fügte er hinzu, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß,„ſieh' mich noch einmal an.“ „Fort!“ kreiſchte ſie und riß ſich aus ſeiner Umarmung. „Rühre mich nicht an. Ich will ruhig ſein. Ich will nicht wieder von Jonathan und Jack ſprechen. Ich will ihre Gräber nicht mit meinen Nägeln graben. Nimm mir nicht Alles, laß mir meine Decke! Mich friert des Nachts ſo ſehr. Oder wenn du mir die Kleider nehmen mußt, ſo gieße mir nur kein kaltes Waſſer über den Kopf. Er will faſt zerſpringen.“ „Entſetzen!“ rief Jack. „Schlage mich nicht,“ rief ſie und verſuchte ſich in der fernſten Ecke der Zelle zu verbergen.„Die Peitſche ſchneidet bis auf die Knochen. Ich kann es nicht ertragen. Schone mich, und ich will ruhig ſein— ruhig— ruhig!“ „Mutter!“ rief Jack, ſich ihr nähernd. „Fort!“ rief ſie mit lang ausgehaltenem, gellendem Schrei, und grub ſich unter das Stroh, das ſie ſich mit den wildeſten Geberden über den Kopf warf. „Ich tödte ſie, wenn ich länger bleibe,“ murmelte ihr Sohn, ganz erſtarrt. Während er noch überlegte, was er am beſten thun ſollte, erhob die arme Wahnfinnige, in deren verſtörtem Ge⸗ hirn wieder eine Veränderung vorging, ihren Kopf aus dem Stroh, ſah ſich ſcheu in dem engen Gemach um und mit leiſer Stimme:„Sind ſie fort?“ „Wer?“ fragte Jack. ——— v— Old⸗Bedlam. 89 „Die Wärterinnen,“ antwortete ſie. „Mißhandeln ſie dich?“ fragte ihr Sohn. „Still!“ rief ſie und legte ihren knöchernen Finger auf die Lippen.„Still!— Komm' her, und ich will es dir ſagen.“ Jack näherte ſich. „Setz dich zu mir her,“ fuhr Miſtreß Sheppard fort. „Jetzt will ich dir ſagen, was ſie thun. Halt, wir müſſen die Thüre zumachen, oder ſie werden uns überraſchen. Sieh!“ fuhr ſie fort, und riß ſich den Lappen vom Kopfe,—„ich hatte einſt ſchöne ſchwarze Haare. Aber ſie haben es mir abgeſchnitten.“. „Ich werde von Sinnen, wenn ich ihr länger zuhöre!“ rief Jack, und verſuchte aufzuſtehn.„Ich muß gehn.“ „Rühre dich nicht, ſonſt ketten ſie dich an die Wand,“ ſagte ſeine Mutter und hielt ihn feſt.„Nun ſage mir, weßhalb ſie dich hergebracht haben?“ „Ich bin gekommen, um dich zu beſuchen, liebe Mutter!“ antwortete Jack. „Mutter!“ wiederholte ſie—„Mutter! warum nennſt du mich immer Mutter?“ „Weil du meine Mutter biſt.“ „Wie!“ rief ſie, ihm ſcharf ins Geſicht ſehend.„Biſt du mein Sohn? Biſt du Jack?“ „Ich bin's,“ antwortete Jack.„Dem Himmel ſei Dank, endlich erkennt fie mich.“ „O Jack!“ rief ſeine Mutter und fiel ihm um den Hals und bedeckte ihn mit Küſſen. „Mutter— liebe Mutter!“ ſagte Jack und brach in Thränen aus. „Du wirſt mich nie wieder verlaſſen?“ ſchluchzte das arme Weib, ihn an ihre Bruſt drückend. „Nie— nie!“ 90 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Thüre heftig aufgeriſſen ward und zwei Männer eintraten. Es waren Jonathan Wild und Quilt Arnold. „Ha!“ rief Jack, ſich aufraffend. „Grade zur rechten Zeit,“ ſagte der Diebsfänger. „Du biſt mein Gefangener, Jack.“ „Erſt müſſen Sie mich tödten,“ verſetzte Sheppard. Aber indem er ſich zur Vertheidigung anſchicken wollte, ſchlang ſeine Mutter die Arme um ihn. „Sie ſollen dir nichts zu Leide thun, mein Herz,“ rief ſie. Dieſe Bewegung entſchied das Schickſal ihres Sohns. Jonathan und ſein Gehülfe, die ſich ſeine bedrängte Lage zu Nutzen machten, warfen ſich auf ihn und entwaffneten ihn ohne Schwierigkeit. „Dank Ihnen, Miſtreß Sheppard,“ rief der Diebsfän⸗ ger, indem er Jack ein Paar Handſchellen anlegte,„Sie ha⸗ ben uns gute Hülfe geleiſtet. Ohne Sie hätte es uns viel⸗ leicht etwas mehr Mühe gemacht.“ Die arme Wahnſinnige, welche ihr Verſehn offenbar einigermaßen einſah, ſprang mit raſender Wuth auf ihn zu und krallte ihre langen Nägel in ſeine Backen. „Fort mit dir, verdammte Hexe!“ tobte Jonathan,— „fort mit dir, ſage ich, oder—“ und er ſchlug mit geballter Fauſt auf ſie ein. Die unglückliche Frau taumelte, ſtieß ein tiefes Aechzen aus und fiel beſinnungslos auf das Stroh. „Teufel!“ rief Jack;„dieſer Schlag ſoll dir das Leben koſten.“ „Er braucht jedenfalls nicht wiederholt zu werden,“ verſetzte Jonathan, mit boshaftem Lächeln auf ſein Opfer herabſehend.„Jetzt fort— nach Newgate.“ Das alte Newgate. 91 Neuntes Kapitel. Das alte Newgate. Im Anfang des zwölften Jahrhunderts,— ob unter der Regierung Heinrich des Erſten oder Stephan's, iſt un⸗ gewiß,— ward den vier Haupteingängen von London, wel⸗ ches damals, wie nicht beſonders geſagt zu werden braucht, mit Wällen, Gräben und andern Feſtungsanlagen umgeben war, ein fünftes Thor hinzugefügt. Dies Thor, Newgate 60 genannt, weil es ſpäteren Urſprungs war als die andern,— ward über drei Jahrhunderte lang als Gefängniß für Ver⸗ brecher gebraucht; nach dieſer Zeit aber ward es, als ganz verfallen und„über die Maßen häßlich,“ von den Teſta⸗ mentsvollſtreckern des berühmten Sir Richard Whittington, des Lord Mayors von London, neu gebaut und vergrößert; weßhalb es unter einer gewiſſen Klaſſe von Studenten, de⸗ ren Examina mit einiger Strenge in Old⸗Bailey abgehalten wurden und denen der höchſte Grad an der Ecke des Hyde⸗ parks ertheilt zu werden pflegt, den Namen Whittingtons⸗ Collegium, oder kürzer, das Whit, erhielt. Es mag hier erwähnt werden, daß dieſes Thor, das beſtimmt war, ſeinen, Namen,— einen Namen voll ſchrecklicher Bedeutungen,— jedem folgenden Gebäude zu vermachen, welches an ſeiner Stelle aufgeführt ward, von Heinrich dem Sechsten im Jahre 1400 den Londonern Bürgern für ihre dem Könige geleiſte⸗ ten Dienſte abgetreten ward und ſeit jener Zeit zum gemein⸗ ſchaftlichen Gefängniß der City und der Grafſchaft Middleſer diente. Es begab ſich nichts beſonders Bemerkenswerthes mit Newgate bis zum Jahre 1666, in welchem es gänzlich von der großen Feuersbrunſt zerſtört ward. Unſre Geſchichte *) Neues Thor. 92 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. hat es aber mit dem nach jener ſchrecklichen Unglückszeit er⸗ bautem Gefängniß zu thun. Obgleich keineswegs ſo geräumig oder ſo bequem wie das heutige Gefängniß, war das alte Newgate ein großes und feſtes Bauwerk. Das Hauptgebäude ſtand an der ſüd⸗ lichen Seite der Newgateſtraße und ſchob ſich an der Weſt⸗ ſeite weit auf den Platz vor der Heiligengrab⸗Kirche hinaus. Ein kleiner Flügel lag nördlich vom Thore, wo jetzt der Giltſpur⸗Schuldthurm ſteht. Die ſüdliche oder Hauptſeite, welche nach der alten Bailey hinunter und nicht, wie bei dem jetzigen Gebäude der Fall iſt, hinauf ſah, machte mit ſeinen maſſiven Mauern von rauhbehauenen Quaderſteinen, — an einigen Stellen von Rauch geſchwärzt, an andern vom Wetter gebleicht,— mit ſeinem vorſpringenden ſchweren Geſims, ſeinen doppeltvergitterten Fenſtern ohne Scheiben, ſeinem düſteren, mit Feſſeln geſchmückten Portal, das durch eine ungeheure eiſerne Thüre verwahrt war,— alles dies machte einen ernſten, ergreifenden Eindruck. Das Thor, welches auf die Newgateſtraße ging, hatte einen weiten Schwibbogen und an der Nordſeite eine Pforte für Fuß⸗ gänger. Es war im reichverzierten Geſchmack gebaut und glich mit ſeinen Zinnen und ſechseckigen Thürmen und mit ſeiner dreifachen Reihe von Pfeilern von der Toskaniſchen Ordnung, deren Zwiſchenräume mit Statuen ausgefüllt wa⸗ ren, eher dem Triumpheingange zu einer Hauptſtadt, als zu einem Gefängniß. Die bedeutendſte von dieſen Statuen war die der Freiheit mit einer Katze zu ihren Füßen, als An⸗ ſpielung auf die vermeintliche Quelle des Reichthums ihres Begründers, Sir Richard Whittington. Zur Rechten der Pforte befand ſich ein kleines Gitter, welches die Schuldner⸗ abtheilung bezeichnete; und jedes Vergnügen, das der Vor⸗ übergehende in der Beſchauung des eben beſchriebenen pracht⸗ vollen Gebäus hätte genießen können, ward durch den An⸗ .————— —— „———— ——— Das alte Newgate. 93 blick der bleichen Geſichter und elenden Geſtalten der Gefan⸗ genen an den ſtarkvergitterten Fenſtern gedämpft. Einige Jahre nach dem Zeitpunkt dieſer Erzählung ward ein unge⸗ heurer Ventilator auf dem Thore eingerichtet, um die Luft des Gefängniſſes zu reinigen, welches wegen mangelnder Räumlichkeit und beſtändiger Ueberfüllung faſt immer mit jener furchtbaren, heute zum Glück unbekannten, anſteckenden Krankheit, dem Gefängnißfieber, verpeſtet war. Die Verhee⸗ rungen dieſer Krankheit, der Schuldner und Verbrecher auf gleiche Weiſe anheimfielen, waren in der That ſo ſchrecklich, daß ihre bedauernswürdigen Opfer öfters karrenweiſe hin⸗ ausgeſchafft und ohne Ceremonie in eine Grube auf dem Begräbnißplatz der Chriſtkirche geworfen wurden. Das alte Newgate war in drei geſonderte Gefängniſſe getheilt,— die Herrenſeite, die gemeine Seite und der Preß⸗ hof. Das erſte von dieſen, welches, mit Ausnahme eines Saals über dem Thorwege, an der Südſeite lag, war für die vornehmere Klaſſe der Schuldner beſtimmt, deren Ein⸗ künfte ihnen erlaubte, ihre Zimmermiethe, Gebühren und Möblirung zu beſtreiten. Das zweite, welches den Haupt⸗ theil ausmachte und in Hinſicht der Bequemlichkeiten um vieles ſchlechter war, da es mehrere finſtere und ungeſunde Zimmer unter der Erde hatte, war für Schuldner und Ver⸗ brecher gemeinſchaftlich,— eine Verbindung, welche der Moral und der Bequemlichkeit der erſteren eben nicht günſtig war, denn wenn ſie auch mit einem Reſt von Ehyrlichkeitsgefühl hineinkamen, ſo verließen ſie es doch ſelten ohne ganz un⸗ tergrabene Grundſätze. Das letzte,— in aller Hinſicht das beſte und luftigſte,— ſtand im Rücken des Hauptgebäudes und war für Staatsverbrecher vorbehalten, und für ſolche Perſonen, welche ſich den übertriebenen Forderungen der Aufſeher, nämlich einem Eintrittsgelde von zwanzig bis fünf⸗ hundert Pfund, je nach dem Range oder den Mitteln der 94 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Perſonen, und außerdem einer hohen wöchentlichen Miethe fügen wollten. Für dieſe Raubgier mag man vielleicht in dem Umſtande einige Entſchuldigung finden, daß Pitt, der damalige Aufſeher von Newgate fünftauſend Pfund für den Ankauf des Preßhofes ausgab. Dieſer Gentleman, der im Jahre 1716 auf den Verdacht, dem Rebellengeneral Forſter zur Flucht behülflich geweſen zu ſein, zur Unterſuchung ge⸗ zogen, aber freigeſprochen ward, ſammelte eine goldne Ernte während den Verhaftungen der Preſton'ſchen Rebellen, zu welcher Zeit ein einziges Zimmer mehr einbrachte, als(nach den Worten eines unter dieſen Umſtänden Mitleidenden)„die Miethe für das beſte Haus am St. James⸗Platz oder in Piccadilly auf mehrere Jahre betragen haben würde.“ Auch war dies nicht alles. Die Unterbeamten des Ge⸗ fängniſſes erlaubten ſich andre Erpreſſungen von bedrücken⸗ derer Art, inſofern ſie die ärmeren Klaſſen betrafen. Beim erſten Eintritt ward der Gefangene, wenn er den Anforde⸗ rungen der Schließer nicht entſprechen konnte oder wollte, mit den ſchlimmſten Verbrechern in die Verurtheilten⸗Zelle geworfen und durch Drohungen zur Unterwürfigkeit gebracht. Da den alten Beſtimmungen zufolge der freie Gebrauch von ſtarken Getränken unterſagt war, ſo ward im Vorderhauſe und auch in einem Keller auf der gemeinen Seite unter dem Vorſitz von Miſtreß Spurting,— der früheren Wir⸗ thin des dunkeln Hauſes in Queenhithe, wie man ſich er⸗ innern wird,— eine Schenke gehalten, wo Wein, Bier und Branntwein von ſchlechter Beſchaffenheit, mit falſchem Maß und zu hohen Preiſen für das ganze Gefängniß ausgeſchenkt ward, ſo daß dieſes an Lärm und Liederlichkeit der elende⸗ ſten Taverne gleich kam, wo es ſie nicht übertraf. Die Hauptſcene dieſer ekelhaften Orgien, der eben er⸗ wähnte Keller, war ein geräumiges, niedriges Gewölbe, ungefaͤhr vier Fuß unter dem Spiegel der Straße, vollkom⸗ Das alte Newgate. 95 men dunkel, wenn ihn nicht ein praſſelndes Feuer und auf zugeſpitzte Thonklumpen geſteckte Lichter erhellten, mit einer Reihe von Fäſſern und Tonnen auf der einen Seite, und mit Bänken und Tiſchen an der andern, wo die Gefangenen, Schuldner und Uebelthäter beiderlei Geſchlechts ſich, ſo lange ihr Geld vorhielt, verſammelten und die Zeit mit Trinken, Rauchen, Kartenſpiel und Würfeln vertrieben. Darüber be⸗ fand ſich ein geräumiger Saal, zu dem eine ſteinerne Treppe hinaufführte und der durch ein ungeheures eiſernes Gitter abgeſportt war, durch deſſen Zwiſchenräume die Verbrecher aus den oberen Zellen ſich mit ihren Freunden beſprechen konnten, oder auch, wenn ſie es wünſchten, gegen Erlegung einer kleinen Taxe herabkommen und ſich zu den Trinkenden geſellen durften. So ward ein und daſſelbe Plünderungs⸗ ſyſtem durchweg ausgeübt. Die Schließer beſtehlen die Ge⸗ fangenen, und die Gefangenen einander. Zwei große Säle befanden ſich in dem Thor; der eine, die Steinzelle, für die Hauptſchuldner beſtimmt, ſah gegen Holborn hin; der andre, von einem ungeheuren Stein in der Mitte, auf welchem den verurtheilten Verbrechern vor ihrer Abführung nach dem Richtplatz die Eiſen losgeſchlagen wurden, die Steinhalle genannt, ging auf die Newgateſtraße. Hier ſchöpften die Gefangenen Luft; und der Verfaſſer des engliſchen Landſtreichers hat eine humoriſtiſche, aber leben⸗ dige Schilderung dieſes Schauſpiels gegeben.„Als ich die⸗ ſen Ort zuerſt kennen lernte,“ ſagt er in den Leiden eines Gefängniſſes,„kamen mir die Gefangenen, welche in der Steinhalle auf⸗ und abſpazierten, nicht anders, als eben ſo viele Wracke auf dem Meere vor. Hier ſchlugen die Rippen eines Tauſendpfünders gegen die Nadeln— jenem gefähr⸗ lichen Felſen der Leichtgläubigkeit; dort ſchwammen Seiden⸗ ſtoffe, Kamlotts und Sammt, ohne einander auszuweichen, je nach ihrem Werthe hin und her; dort rollten eben ſo viele 96 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Weinfäſſer mit offenen Spundlöchern und waren ſo beſchä⸗ digt, daß der Kaufmann ſein Geld nur an's Bein binden konnte.“ Eine nicht ſo maleriſche, aber wahrere und deß⸗ halb melancholiſchere Beſchreibung derſelben Scene liefert der ſcharfſinnige und ſathriſche Ned Ward, der uns in ſeiner „Ergötzlichen Geſchichte des Whittington⸗Collegiums“ er⸗ zählt:„wenn die Gefangenen ſich durch Spazierengehen er⸗ holen wollen, ſo gehn ſie in einen geräumigen Saal, die Steinhalle, hinauf, wo man ſich vergebens bemühen würde, wenn man ſie zuſammen hin⸗ und hergehn ſieht, den Gent⸗ leman, den Handwerker und den Bettler von einander zu unterſcheiden, denn ſie tragen alle das Kleid der ſchmutzigen Armuth und bilden ein erbärmlicheres Schauſpiel als eine Hinrichtung; hier iſt es Mode, nur mit durchlöcherten El⸗ lenbogen zu erſcheinen, und nicht abgeſchabt zu ſein, wäre eine große Unanſtändigkeit.“ In einer Ecke der Steinhalle befand ſich die Ciſenkam⸗ mer, ein Gemach, welches eine reiche Auswahl von Feſſeln und Handſchellen von allen Größen und Gewichten enthielt. Vier Gefangene,„die Partners“ genannt, hatten die Auf⸗ ſicht über die Kammer. Ihr Amt war, darauf zu ſehn, wer aus⸗ und einging; die verſchiedenen Zellen zu öffnen und zu verſchließen, die Gefangenen, welche in Eiſen ge⸗ ſchloſſen werden ſollten, zu feſſeln, die Eßwaaren auszuthei⸗ len und einigermaßen Ordnung zu halten, zu welchem Zweck ſie Peitſchen und Stäbe tragen durften. Wenn irgend ein Unfug vorfiel,— und dergleichen kam alle Tage, zuweilen alle Stunden vor,— ſo rief eine Glocke, deren Strang in die Halle hinabging, die ſämmtlichen Schließer zu ihrer Hülfe. Ein ſchmaler Gang führte an der Nordſeite der Steinhalle nach dem Blaubartszimmer dieſes verzauberten Schloſſes, ein Ort, vor dem ſich ſelbſt die verwegenſte Brut ſcheute, wenn ſie ihn paſſiren mußten. Es war eine Art von Koch⸗ Das alte Newgate. 97 gelaß mit einem ungeheuren Heerd und einem Paar großer Keſſel, und hieß Jack Ketch's Küche, weil der Scharfrichter hier die Gliedmaßen der geviertheilten Hochverräther in Oel, Pech und Theer ſott, ehe ſie auf den Stadtthoren oder der Londoner Brücke ausgeſtellt wurden. Oberhalb dieſes ekel⸗ haften Gemachs war die Zelle der Schuldnerinnen; unter⸗ halb ein düſteres Gelaß, Tanger benannt, und noch tiefer die Steinzelle, ein furchtbares und ungeſundes Gefängniß, das unter der Erde lag und nie von einem Lichtſtrahl er⸗ hellt ward. Ganz von Stein gebaut und mit Stein gepfla⸗ ſtert, ohne Betten oder derartigen Schutz vor Kälte, ward dieſes fürchterliche Loch für das dunkelſte und ſchrecklichſte des ganzen Gefängniſſes gehalten und zur Aufnahme jener elenden Unglücklichen beſtimmt, welche die gewohnten Ge⸗ bühren nicht bezahlen konnten. Neben demſelben befand ſich die untere Zelle—„doch unter welchem Breitengrade ſie lag,“ bemerkt Ned Ward,„kann ich nicht ſagen, fie müßte denn neunzig Grad jenſeits des Nordpols liegen, denn ſtatt daß es dort nur ein halbes Jahr lang Nacht iſt, iſt es hier das ganze Jahr lang finſter.“ Sie war nicht viel beſſer, als die Steinzelle. Steigen wir auf dem Rückwege noch einmal das Thor hinauf, ſo finden wir über der Steinhalle noch einen großen Saal, die Schuldnerhalle, welche auf die Newgateſtraße ging und„gut gelüftet und gelichtet“ war. Das erſtere vielleicht ein Bischen zuviel; denn da die Fen⸗ ſter keine Scheiben hatten, ſo waren die Gefangenen den Unannehmlichkeiten des Wetters und des Oſtwindes aus⸗ geſetzt. Wir haben noch nichts von den Sälen der Verbre⸗ cherinnen geſagt. Es waren ihrer zwei. Der eine, die Waſſermannshalle, ein ſcheußlicher Ort neben der Pforte im Thorwege, wo ſie durch eine kleine vergitterte Heffnung All⸗ moſen von den Vorübergehenden erbettelten; der andre, ein Ainsworth, Jack Sheppard. M. 7 98 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. größeres Gemach, Namens Myladys⸗Zelle lag in dem höch⸗ ſten Stock des Gefängniſſes an der Nordſeite. Keiner von dieſen Sälen hatte Betten, und die unglücklichen Einwoh⸗ nerinnen waren gezwungen, auf dem eichenen Fußboden zu ſchlafen. Dieſe Gemächer waren in einem unbeſchreiblich ſchmutzigem, ekelhaftem Zuſtande, und die Gewohnheiten ihrer Inhaberinnen waren eben nicht viel reinlicher. In andern Hinſichten waren ſie eben ſo anſtandslos und widerwärtig. „Mit großem Bedauern,“ ſagt ein anonymer Geſchichtſchreiber von Newgate,„habe ich bemerken müſſen, daß die Frauen⸗ zimmer in jeder Zelle des Gefängniſſes unendlich viel ſchlech⸗ ter ſind als die ſchlechteſten Männer, nicht nur in ihrer Lebensweiſe, als vielmehr in ihren Reden, welche zu ihrer großen Schande ſo profan und gottlos find, wie die Hölle ſelbſt nur ſein kann.“ Es waren zwei Verurtheiltenzellen da,— eine für jedes Geſchlecht. Die für die Männer lag neben dem Vorder⸗ gebäude, mit welchem ſie durch einen dunkeln Gang zuſam⸗ menhing. Es war ein großes Zimmer, etwa zwanzig Fuß⸗ lang und fünfzehn breit, und hatte eine gewölbte Decke von Stein. Der Fußboden war mit Eichendielen belegt und mit eiſernen Platten, Haken, Ringen und Ketten bedeckt. In dieſer Zelle war nur ein einziges Fenſter, welches nur we⸗ nig Licht zuließ. Ueber dem Thorwege nach Snow⸗Hill zu waren zwei feſte Zellen, Namens das Kaſtell und das rothe Zimmer. Sie werden ſpäter unſre Aufmerkſamkeit beſchäftigen In der vorſtehenden haſtigen Aufzählung haben mehrere andre Zellen, beſonders an der Herrenſeite, nothwendig über⸗ gangen werden müſſen. Aber es gab zwei Straförter, welche wegen ihrer Eigenthümlichkeit beſondere Erwähnung verdie⸗ nen. Der erſte von dieſen, das Preßzimmer, ein enges dunkles Gemach neben der Waſſermannshalle, hatte ſeinen Das alte Newgate. 99 Namen von einer ungeheuren hölzernen Maſchine, mit wel⸗ cher ſolche Gefangene, welche auf ihre Anklage nicht plaidi⸗ ren wollten, todtgepreßt wurden,— eine Art inquiſitoriſcher Tortur, welche noch bis in die erſten Jahre der Regierung Georg des Dritten im Gebrauch war, und dann durch ein beſonderes Statut abgeſchafft wurde. In dem zweiten, der Bock genannt, wurden widerſpenſtige Gefangene geworfen und in eine Art von Stock geſchloſſen, woher der Name. Die Kapelle lag an der ſüdöſtlichen Ecke des Gefäng⸗ niſſes; der ordentliche Geiſtliche war zur Zeit unſrer Ge⸗ ſchichte der ehrwürdige Thomas Purney, und ſein Kaplan, Herr Wagſtaff. Es iſt von modernen Schriftſtellern viel über die de⸗ moraliſirenden Wirkungen des Gefängnißlebens geſagt wor⸗ den, und man behauptet, daß ein junger Menſch, der ein⸗ mal in Newgate eingeſperrt iſt, gewiß als ausgemachter Dieb wieder entlaſſen wird. Wie dem jetzt auch ſein mag, in Bezug auf das alte Newgate war es unbedingt richtig. Es war die große Pflanzſchule des Laſters,—„eine berüch⸗ tigte Univerſität,“ ſagt Ned Ward in dem Londoner Beob⸗ achter,„wo man nur, wenn man Luſt hat, ein hoffnungs⸗ volles Kind in der verwegenen Kunſt des Straßenraubs zu erziehen, in der leichtfingerigen Behendigkeit der Ladendie⸗ berei, in dem gewandten Gebrauch von Brechſtange und Dietrich, in dem geräuſchloſen Erbrechen von Riegeln und Barrikaden, oder in den ſchlauen Handgriffen des Taſchen⸗ diebſtahls,— wo man es nur in dieſes Collegium auf die gemeine Seite zu thun und nicht mehr als drei Monate lang fleißig ſeinen Studien obliegen zu laſſen braucht; und wenn es nicht zu jeder Art von Schurkenſtreich fähig herauskommt, ſo muß es der ehrlichſte Tropf geweſen ſein, dem je ſolche ausgezeichnete Lehrer zu Gute gekommen ſind.“ Um dieſe unvollkommene Skizze von Newgate bis auf 100 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. die neueſte Zeit herabzuführen, wollen wir erwähnen, daß das alte Gefängniß, als ſeinem Zweck nicht mehr entſpre⸗ chend, im Jahre 1770 abgeriſſen ward. Kaum war das neue Gefängniß vollendet, ſo ward es im Jahre 1780, während der Gordon'ſchen Unruhen vom Pöbel angegriffen und ſtark beſchädigt. Die Zerſtörungen waren jedoch bald wieder aus⸗ gebeſſert und nach zwei Jahren war es fertig. Es iſt ein erhebender Gedanke, daß in dem heutigen Gefängniß mit ſeinen reinen, weißgetünchten und wohlgelüf⸗ teten Zellen, ſeinen geräumigen Höfen, ſeinem Krankenhauſe, ſeinen verbeſſerten Einrichtungen und ſeinen menſchlichen, aufgeklärten Beamten, viele der Mängel des alten Gefäng⸗ niſſes beſeitigt ſind. Dieſe wohlthätigen Veränderungen ver⸗ dankt die menſchliche Geſellſchaft hauptſächlich den unermüd⸗ lichen Anſtrengungen des philanthropiſchen Howard. Zehntes Kapitel. Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. Montag, der 31. Auguſt 1724,— ein Tag, der lange nachher im Gedächtniß der Beamten von Newgate blieb,— zeichnete ſich durch einen ungewöhnlichen Zufluß von Be⸗ ſuchern in dem Vordergebäude aus. An jenem Morgen war aus Windſor der Hinrichtungsbefehl eingelaufen, demzufolge Jack Sheppard(ſeit ſeiner in einem der früheren Kapitel er⸗ zählten Verhaftung durch Jonathan Wild war er verhört, überführt und zum Tode verurtheilt worden) nebſt noch drei andern Verbrechern am folgenden Freitag gehängt werden ſollte. Bis zu dieſem Augenblick hatte man auf eine Be⸗ gnadigung gehofft, da die dringendſten Vorſtellungen zu ſei⸗ nen Gunſten an höchſter Stelle gemacht worden waren; aber jetzt, wo ſein Schickſal beſiegelt zu ſein ſchien, hatte ſich die Wie Jack Sheppatd aus der Verurtheiltenzelle entwich. 101 Neugier des ſchauluſtigen Publikums verdoppelt. Die Ge⸗ fängnißthore waren wie der Eingang zu einer Jahrmarkts⸗ bude belagert, und die Verurtheiltenzelle, wo er gefangen ſaß, und in die man gegen die mäßige Vergütigung einer Guinee für die Perſon eingelaſſen wurde, hatte ganz das Anſehn einer Ausſtellung. Mit Ablauf des Tages vermin⸗ derte ſich das Gedränge,— viele, welche ſich den Forderun⸗ gen des Schließers nicht fügen wollten, mußten unbefriedigt wieder weggehn,— und um fünf Uhr waren nur noch zwei Fremde, Herr Shotbolt, Oberſchließer des Clerkenwellgefäng⸗ niſſes, und Herr Griffin, der daſſelbe Amt im Weſtminſter'⸗ ſchen bekleidete, im Vordergebäude gegenwärtig. Jack, der früher im Gewahrſam beider dieſer Herrn geweſen war, bot ihnen ein herzliches Willkommen, entſchuldigte ſich wegen des elenden Zimmers, in welchem er ſie empfangen müßte, und beſtand darauf, als ſie Abſchied nehmen wollten, ſie mit einer Bowle Doppelpunſch zu traktiren, welcher ſie jetzt in Geſellſchaft des Oberſchließers Herr Ireton und ſeiner Ge⸗ hülfen Auſtin und Langley zuſprachen. In geringer Ent⸗ fernung von dieſer Geſellſchaft ſaß eine hochgewachſene, un⸗ heimlich ausſehende Perſon mit ſtrengen harten Zügen, ha⸗ gerem, ſehnigem Körperbau und großen knochigen Händen. Er ſchlürfte ein Glas kalten Branntwein mit Waſſer und rauchte eine kurze ſchwarze Pfeife. Sein Name war Marvel und ſein Beruf, welcher eben ſo widerwärtig war, als ſein Ausſehn, der eines öffentlichen Scharfrichters. Zu ſeiner Seite ſaß ein außerordentlich beleibtes Frauenzimmer, der er ſo viel Aufmerkſamkeiten bewies, als ihm ſein eiſernes We⸗ ſen nur erlaubte. Sie hatte eine nußbraune Haut, eine bärtige Oberlippe, ein munteres ſchwarzes Auge und einen tonnenmäßigen Leibesumfang. Zum vierten Male Wittwe, war es Miſtreß Spurling(unſrer alten Bekannten) entweder durch ihre perſönlichen Reize oder durch die ihres Geldbeutels 102 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. gelungen, das ſteinerne Herz des Herrn Marvel's zu rühren, und dieſer hielt es für ſeine Pflicht, da er ſie ihrer früheren CEhemänner beraubt hatte, deren Stelle zu erſetzen. Jedoch die Dame ließ ſich nicht ſo leicht gewinnen; und obgleich ſie ihn nicht geradezu abwies, ſo gab ſie ihm doch nur geringe Hoffnungen. Herr Marvel beſtand daher noch ſeine Probe⸗ zeit. Hinter Miſtreß Spurling ſtand ihr Negerbedienter Ca⸗ liban, ein ſcheußliches, misgeſtaltetes, boshaftes Ungethüm mit breiten buckligen Schultern, einer eingedrückten Naſe, Ohren wie die eines wilden Thieres, einem Kopf, der viel zu groß für ſeinen Körper, und einem Leibe, der viel zu lang für ſeine Beine war. Dies Ungeheuer von Verunſtal⸗ tung, das zugleich als Aufwärter und Kellner diente und die beſtändige Zielſcheibe der Gefängnißwitze war, hatte den Spitznamen: der ſchwarze Hund von Newgate. In dem allgemeinen Ueberblick über das Gefängniß, den wir im vorigen Kapitel gegeben haben, iſt von dem Vorder⸗ hauſe nur wenig geſagt worden. Ehe wir weiter gehn, mag es daher zweckmäßig ſein, es etwas genauer zu beſchreiben. Von der Straßenſeite führte eine breite ſteinerne Treppe hinauf zu einer ſchwerfälligen, eiſenbeſchlagenen und von innen mit ungeheuren Riegeln und einem mächtigen Schloß verwahrten Thüre. Etwas weiter nach innen befand ſich eine zweite Thüre oder eher Gitter, niedriger als die erſtere, aber eben ſo ſtark und oben mit einer Reihe ſcharfer Speichen beſetzt. Da man keine Entweichung durch dieſen Ausgang befürchtete,— der verwegenſte Verbrecher, der je in Newgate ſaß, hatte noch nie dergleichen verſucht,— ſo blieben beide Thüren bei Tage gewöhnlich offen. Um ſechs Uhr ward das Gitter zugemacht und um neun Uhr das Gefängniß gänzlich verſchloſſen. Nicht weit vom Eingange war zur Linken eine Bretterwand aus dicken eichenen Bohlen, die mit eiſernen Krampen und breitköpfigen Nägeln zuſammengefügt waren und bis an die Decke reichten. — — Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 103 In dieſer Wand, welche den Eingang zu einem dunkeln, nach der Verurtheiltenzelle führenden Gange verkleidete, befand ſich etwa fünf Fuß über dem Boden ein Gitter von langen, ſechs Zoll voneinander abſtehenden Speichen, jede von der Dicke eines Elephantenzahns. Die Speichen gingen oben beinahe bis an das Holz hinauf, indem zwiſchen ihren Spitzen und den Balken kaum Platz genug blieb, um eine Hand durchzuſtecken. Hier durften, wie ſchon erwähnt worden, die verurtheilten Verbrecher ſich mit denen von ihren Gäſten unterhalten, die nicht Einfluß oder Geld genug hatten, um Eintritt in die Zelle zu ihnen zu erlangen. Weiter hinter dem Gitter befand ſich in einer Mauervertiefung von drei oder vier Fuß eine Thüre, die in das Innere des Gefäng⸗ niſſes führte. Im Hintergrunde des Vordergebäudes war der Fußboden um einige Stufen erhöht, und von hier aus konnte man den ganzen Raum mit der einzigen Ausnahme des von der erwähnten Mauervertiefung gebildeten Winkels auf einen Blick überſehn. Auf dieſer Erhöhung war jetzt ein Tiſch hingeſtellt, an den ſich die Schließer und ihre Gäſte hinſetzten und ſich an dem duftenden, von dem Gefangenen vorgeſetzten Getränke gütlich thaten. Eine kurze Beſchreibung derſelben mag genügen. Sie waren älle kräftige, übel aus⸗ ſehende Leute, mit der vorſchriftsmäßigen Gefängnißlivree, einem ſchnupftabaksfarbenen Anzuge und einer Stutzperrücke bekleidet, und hatten alle eine ſtarke Familienähnlichkeit. Der einzige Unterſchied zwiſchen den Beamten von Newgate und ihren Amtsbrüdern war der, daß ſie ungeheure Schlüſſel⸗ bunde am Gürtel hängen hatten, wogegen die letzteren ihre Schlüſſel zu Hauſe gelaſſen hatten. „Ja, Herr Ireton, ich habe manchen tapfern Geſellen in meinem Leben geſehn,“ bemerkte der Oberſchließer des Weſtminſter⸗Gefängniſſes, indem er ſich ſein drittes Glas Punſch einfüllte;„aber noch nie einen, wie Jack Sheppard.“ 104 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich auch nicht,“ erwiederte Ireton, ſeinem Beiſpiel fol⸗ gend,„und ich habe doch auch einige Erfahrung. Seit der Zeit, daß er hier iſt, es ſind nun drei Monate, iſt er das Leben und die Seele des ganzen Orts geweſen; und jetzt, wo das Todesurtheil angekommen iſt, anſtatt niedergeſchla⸗ gen zu ſein, wie die meiſten ſein würden, und wie alle an⸗ dern ſind, iſt er aufgeräumter, als je. Es wird mir wirk⸗ lich leid thun, ihn zu verlieren, Herr Griffin. Er hat uns manchen ſchönen Pfennig eingebracht— bloß heute ſechzig Guineen.“. „Nicht mehr!“ rief Griffin ungläubig;„ich hätte ge⸗ dacht, es wäre wenigſtens doppelt ſo viel geweſen.“ „Keinen Pfennig mehr, ich verſichere Ihnen,“ verſetzte Ireton gereizt;„wir find hier alle ehrliche Leute. Ich habe das Geld ſelbſt eingenommen und muß es wohl wiſſen.“ O natürlich,“ entgegnete Griffin,„natürlich!“ „Ich habe Jack fünf Guineen für ſeinen Theil angebo⸗ ten,“ fuhr Ireton fort;„aber er wollte ſie nicht annehmen, und hat ſie an die armen Schuldner und Verbrecher gege⸗ ben, die ſie jetzt im Keller auf der gemeinen Seite vertrinken.“ „Jack iſt ein nobler Kerl,“ rief der Hauptſchließer von Clerkenwell, das Glas erhebend;„und obgleich er mir einen häßlichen Streich geſpielt hat, ſo will ich doch auf ſeine baldige Erlöſung trinken.“ „Zu Tyburn, nicht wahr, Herr Shotbolt?“ rief der Scharfrichter dazwiſchen;„auf den Toaſt thue ich von gan⸗ zem Herzen Beſcheid.“ „Na, was mich angeht,“ bemerkte Miſtreß Spurling, „ſo hoffe ich, daß er Tyburn nie zu ſehn kriegt. Und wenn ich der Staatsſekretär wäre, ſo ſollte er es auch nicht. Es iſt über und über Schade, einen ſo hübſchen Kerl zu hän⸗ gen. Seit den Zeiten von Claude du Val, dem Gentleman⸗ Straßenräuber, ſind nie ſo viele Damen im Gefängniß ge⸗ Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 105 weſen, und ſie ſagen alle, daß es zum Herzbrechen wäre, wenn er baumeln müßte.“ „Bah!“ rief Marvel verdrießlich. „Sie denken wohl, unſer Geſchlecht habe kein Gefühl, Sir,“ unterbrach ihn Miſtreß Spurling unwillig;„aber ich kann Ihnen das Gegentheil verſichern. Ja, was noch mehr iſt, ich ſage Ihnen, wenn Hauptmann Sheppard gehängt wird, ſo brauchen Sie ſich nicht die Hoffnung zu machen, mich Miſtreß Marvel zu nennen.“ „Alle Hagel!“ rief der Scharfrichter erſtaunend.„Wiſſen Sie auch, was Sie reden, Miſtreß Spurling? Wenn Haupt⸗ mann Sheppard davon käme, ſo wäre ich um fünfzig Gui⸗ neen ärmer. Den ſchönen geſtickten Rock, den er bei ſeinem Verhör trug, hatte ich mir zum Hochzeitsrock ausgeſehn.“ „Laſſen Sie ſich ſo etwas nicht einfallen, Sir,“ unter⸗ brach die Schenkwirthin.„Ich könnte Sie nicht darin ſehn. Was Sie da von dem Verhör ſagen, bringt mir die ganze Scene wieder ins Gedächtniß. Ach! ich werde es nie ver⸗ geſſen, was Jack bei dieſer Gelegenheit für eine Figur ſpielte. Welch ein Beifallsgemurmel durch den ganzen Saal lief, als er vorgeführt wurde! Und wie hübſch und gefaßt er aus⸗ ſah! Jeder wunderte ſich, wie ein ſolcher Schwächling ſolche verzweifelte Diebſtähle ausführen konnte. Seine Feſtigkeit verließ ihn auch keinen Augenblick, bis ſein alter Herr Zeug⸗ niß ablegte. Dann ſchwankte er freilich ein wenig. Und als Herrn Wood's Tochter,— in die er, wie ich gehört habe, vor Jahren verliebt war,— hereingeführt ward, ging ihm der Muth ganz aus, und er zitterte und konnte kaum auf den Beinen ſtehn. Armes junges Mädchen! Sie zitterte auch und konnte ihre Ausſage nicht ableiſten. Als das Ur⸗ theil geſprochen wurde, blieb kein Auge im Saale trocken.“ „Doch; eins war da,“ bemerkte Ireton. 106 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich weiß, wen Sie meinen,“ verſetzte Shotbolt.„Herrn Wild.“ „Ganz Recht,“ erwiederte Ireton.„Sonderbar, was für einen Haß er gegen Sheppard hat. Ich ſtand in jenem furchtbaren Augenblick neben Jack und bemerkte den Blick, den Wild auf ihn heftete. Es war wie das Grinſen eines Teufels und machte einem das Blut in den Adern ftillſtehn. Als der Gefangene fortgeführt ward, begegneten wir Jona⸗ than auf dem Hofe. Er hielt uns an und ſagte mit höh⸗ niſchem Tone:„Nun, Jack, ich habe Wort gehalten!“— „Sehr wahr, erwiederte Sheppard; zund ich werde das meinige halten!“ Und ſo ſchieden ſie von einander.“ „Und ich hoffe, er wird es, wenn es irgend zu Jona⸗ than's Schaden iſt,“ brummte Miſtreß Spurling halb bei Seite. „Ich wundere mich, daß Wild ſich heute nicht nach ihm umgeſehn hat,“ bemerkte Langley.„Es iſt das erſte Mal, daß er es ſeit dem Verhör unterläßt.“ „Er iſt nach Enfield auf Blauhaut's Spur, der ſo lange ſeiner Wachſamkeit entgangen iſt,“ verſetzte Auſtin.„Quilt Arnold war heute Morgen hier, um es zu ſagen. Es ſcheint, ein Frauenzimmer hat beſtimmte Nachrichten gebracht, daß Blauhaut heute um fünf Uhr in einer Diebsherberge bei dem Walde ſein würde, und ſie ſind alle fort, um ihn ein⸗ zufangen.“ „Herr Wild iſt nur mit knapper Noth neulich davon⸗ gekommen, in der Geſchichte mit Hauptmann Darrell,“ ſagte Shotbolt. „Ich weiß nicht, wie war es eigentlich damit?“ fragte Griffin neugierig. „Ich glaube, es weiß es Niemand ſo recht,“ antwortete Ireton mit bedeutungsvollem Blinzen.„Es iſt eine ganz beſondere Geſchichte. Aber ſo viel iſt mir bekannt: Haupt⸗. Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 107 mann Darrell, der bei Herrn Wood auf Dollis⸗Hill wohnt, iſt von einer Bande von Meuchelmördern, an deren Spitze, wie er eidlich angab, Herr Wild und ſein Onkel, Sir Row⸗ land Trenchard ſtand, angegriffen und faſt ermordet worden. Herr Wild bewies jedoch durch das Zeugniß ſeiner Bedien⸗ ten, daß er die ganze Zeit über in Old⸗Bailey war; und Sir Rowland Trenchard bewies, daß er in Mancheſter war. Die Anklage ward alſo abgewieſen. Dann brachte der Haupt⸗ mann eine andre Klage gegen ſie vor, daß ſie ihn als Kind auf die Seite gebracht und einem holländiſchen Schiffspatron, Namens Van Galgebrok, übergeben hätten, mit dem Befehl, ihn auf der See über Bord zu werfen, was auch geſchehn wäre, obwohl er ſpäter gerettet ward. Aber dieſe Klage hatte wegen Mangel von Zeugen daſſelbe Schickſal, wie die erſte, und Jonathan kam ſiegreich davon. Man glaubte aber, daß das Reſultat ein ganz andres geweſen ſein würde, wenn der Schiffer hätte gefunden werden können. Das war aber zu viel verlangt; denn wir wiſſen alle recht gut, daß wenn Herr Wild Jemand unſichtbar zu machen wünſcht, er bald die Mittel dazu findet.“ „Freilich, freilich,“ erwiederten die Schließer lachend. „Ich hätte in dieſem Falle ein verdrießliches Zeügniß geben können, wenn ich Luſt gehabt hätte,“ ſagte Miſtreß Spurling,„ja, und hätte auch Van Galgebrok gefunden. Aber ich verachte nie einen alten Kunden.“ „Herr Wild iſt ein großer Mann,“ ſagte der Henker, ſeine Pfeife ſtopfend,„und wir verdanken ihm viel und ha⸗ ben alle Urſache, ihn zu unterſtützen. Wenn ihm ein Un⸗ glück geſchähe, ſo würde Newgate nicht das mehr ſein, was es iſt, und Tyburn auch nicht.“ „Herr Wild hat Ihnen etwas Arbeit gegeben, Herr Marvel,“ bemerkte Shotbolt. „O ja, Sir, etwas,“ erwiederte der Scharfrichter mit 108 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. bitterem Lächeln.„Von den zwölfhundert Subjekten, die ich in die Höhe geknüpft habe, kann ich gut und gern die Hälfte auf ſeine Rechnung ſetzen. Wenn er je meine Dienſte nöthig hat, ſo ſoll er finden, daß ich nicht undankbar bin. Ich ſollte mich zwar nicht ſelber rühmen, aber keiner kann einen beſſern Knoten ſchlingen, als ich. Alſo auf Herrn Wood's Geſundheit, meine Herren, und den Galgenſtrick!“ „Füllen Sie Ihre Gläſer, meine Herrn,“ ſagte Ireton, „und ich will Ihnen den Witz erzählen, den Jack heute Morgen gemacht hat. Unter andern, die zum Beſuch zu ihm kamen, war ein gewiſſer Herr Kneebone, ein Tuchhändler in der Wychſtraße, mit deſſen Taſchen Jack ſich, wie es ſcheint, als Knabe einmal zu viel Freiheiten herausgenommen hatte. Als dieſer Gentleman fortging, ſagte er aus Scherz zu Jack, er würde ſich freuen, ihn heute Abend zum Abendeſſen bei ſich zu ſehn. Worauf dieſer antwortete, er nehme ſeine Einladung mit Vergnügen an, und werde ja nicht erman⸗ geln, ihr Folge zu leiſten.. Ha! ha! ha!“ „Sagte er ſo?“ rief Shotbolt.„Dann rathe ich Ihnen, ſcharf nach ihm auszuſehn, Herr Ireton, denn ich will ſelbſt hängen, wenn ich nicht glaube, daß er Wort hält!“ In dieſem Augenblicke zeigten ſich zwei ſehr nett ge⸗ kleidete Frauen in ſeidenen Mänteln an der Straßenthüre „Ah! wer iſt denn dies?“ rief Griffin. „Bloß Jack ſeine beiden Frauen,— Edgeworth Beß und Poll Maggot,“ erwiederte Auſtin lachend. „Sie dürfen nicht in die Verurtheiltenzelle,“ ſagte Ire⸗ ton mit Wichtigkeit;„es iſt gegen Herrn Wild's ausdrück⸗ lichen Befehl. Sie müſſen den Gefangenen am Gitter ſprechen.“ „Sehr wohl, Sir,“ erwiederte Auſtin, indem er auf⸗ ſtand und ihnen entgegen ging.„Na, meine hübſchen Da⸗ men,“ fing er an,—„wollen Ihren Mann beſuchen, he? Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 109 Müſſen ſich ſputen; nicht viel Zeit übrig. Sie wiſſen doch ſchon, denke ich?“ „Daß das Todesurtheil angekommen iſt?“ entgegnete Edgeworth Beß, in einen Thränenſtrom ausbrechend;„oh ja! wir haben es ſchon gehört.“ „Wie hat Jack es aufgenommen?“ fragte Miſtreß Maggot. „Wie ein Held,“ antwortete Auſtin. „Ich dachte es wohl,“ erwiederte die Amazone.„Komm, Beß; kein Gewinſel. Mache ihn nicht weich. Sollen wir ihn hier ſprechen?“ „Ja, mein Herzchen.“ „Nun, dann verlieren Sie keine Zeit und bringen Sie ihn her,“ ſagte Miſtreß Maggot.„Da, trinken Sie auf unſre Geſundheit.“ Bei dieſen Worten ließ ſie eine Guinee in ſeine Hand Zleiten. „Hier, Caliban,“ rief der Unterſchließer,„ſchließe Haupt⸗ mann Sheppard los und ſage ihm, ſeine Frauen ſind da und wollen ihn ſprechen.“ „Ja, Maſſa Auſtin,“ erwiederte der Neger und nahm die Schlüſſel. Sobald er fort war, legten die beiden Frauen ihre Ka⸗ putzen und Mäntel ab und warfen ſie, wie abſichtslos, in den abgelegenſten Theil der Mauervertiefung. Ihre ſchönen Geſtalten und ziemlich entblößten Schultern zogen Auſtin's Aufmerkſamkeit auf ſich, und er fragte ſeinen Vorgeſetzten, „ob er während der Unterredung bei ihnen ſtehen bleiben ſollte?“ „Oh! laſſen Sie ihn nur!“ rief Spurling, die wäh⸗ rend deſſen noch eilig eine Bowle zurecht gemacht hatte. „Setzen Sie ſich und ſein Sie guter Dinge. Ich will dar⸗ auf ſehen, daß nichts vorfällt.“ Unterdeſſen war Caliban zurückgekommen und Jack zeigte 110 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſich am Gatter. Er hatte einen weiten Schlafrock von dün⸗ nem Zeuge an und ſtand an der Ecke, wo die Frauen eben ihre Sachen hingeworfen hatten und keiner von der Geſell⸗ ſchaft ihn ſehn konnte, außer Miſtreß Spurling, die rechts am Tiſche ſaß. „Habt Ihr Jonathan aus dem Wege gebracht?“ fragte er bestekig in leiſem Tone. „Ja, ja,“ antwortete Edgeworth Beß.„Patientia Kite hat ihn auf eine falſche Fährte wegen Blauhauts nach En⸗ field gelockt. Du haſt von ihm oder ſeinen Janitſcharen nichts zu fürchten.“ „Das iſt gut!“ rief Jack.„Jetzt ſtell' dich vor mich hin, Poll. Ich habe die Uhrfederſäge im Aermel. Thut Beide, als weintet Ihr, ſo laut Ihr könnt. Dieſe Stange iſt über die Hälfte durchgeſägt. Ich habe geſtern und vor⸗ geſtern daran gearbeitet. Macht nur noch fünf Minuten Lärm und ich bin damit fertig.“ In Folge dieſer Aufforderung erhoben die beiden Mäd⸗ chen ihre Stimmen zu lautem Jammergeſchrei. „Was Teufel, worüber heult Ihr denn?“ rief Langley. „Denkt Ihr, wir ſollen uns das gefallen laſſen? Macht nicht ſo viel Spektakel, Weibervolk, oder ich jage Euch aus der Thüre.“ „Schämen Sie ſich, Herr Langley,“ verſetzte Miſtreß Spurling;„ich erröthe in Ihrer Seele, Sir! Sie nennen ſich einen Mann, und wollen dem natürlichen Lauf der Ge⸗ fühle Einhalt thun? Haben Sie kein Mitgefühl für dieſe beiden armen troſtloſen Geſchöpfe, die ihr Theuerſtes auf Erden verlieren ſollen? Iſt es eine Kleinigkeit, einen Mann am Galgen zu verlieren? Ich habe vier auf dieſe Art ver⸗ loren, und weiß, was es ſagen will.“ Hier begann ſie vor Mitleid laut zu ſchluchzen. „Tröſten Sie ſich, mein Engel,“ ſagte Herr Marvel in ———— ——r * Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 111 einem Tone, der zärtlich ſein ſollte.„Ich will ſie Ihnen erſetzen.“— „Sie!“ rief die Schenkwirthin mit grauſender Miene. „Niemals!“ „Verdammt!“ murmelte Jack, indem er plötzlich auf⸗ hörte,„die Säge iſt abgebrochen, wie ich bald ganz durch war.“ „Können wir die Stange nicht abbrechen?“ fragte Miſtreß Maggot. „Ich fürchte, nein,“ erwiederte Jack niedergeſchlagen. „Jedenfalls wollen wir es verſuchen,“ entgegnete die Amazone. Und die dicke Eiſenſpeiche ergreifend, drückte fie mit aller Gewalt dagegen, während Jack ihre Anſtrengungen von in⸗ nen unterſtützte. Nach vieler Mühe von beiden Seiten, gab die Stange ihren vereinten Kräften nach und ſchnappte plötz⸗ lich ab. „Halloh,— was iſt das?“ fragte Auſtin aufſpringend. „Bloß meine Ketten,“ antwortete Jack, damit klirrend. „So! alſo weiter war es nichts?“ ſagte der Schließer und ſetzte ſich ruhig wieder hin. „Jetzt gib mir das Wollenzeug, um meine Eiſen zu binden,“ flüſterte Sheppard.„Schnell!“ „Hier iſt es,“ erwiederte Edgeworth Beß. „Gib mir die Hand, Poll, und hilf mir durch,“ rief Jack, als er dieſe Operation bewerkſtelligte.„Sieh' dich ſcharf um, Beß.“ „Halt!“ rief Edgeworth Beß;„Herr Langley ſteht auf und kommt her. Wir ſind verloren!“ „Hilf mir auf jeden Fall durch, Poll,“ rief Jack, ſich durch die Oeffnung drängend. „Die Gefahr iſt vorüber!“ flüſterte Beß.„Miſtreß Spurling hat ihn wieder zum Sitzen gebracht. Ach! ſie 2 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſieht her und legt den Finger auf die Lippe. Sie weiß, was wir hier machen. Wir ſind alle ſicher!“ „So verliert keinen Augenblick,“ rief Jack und drängte ſich durch die Lücke, während die Amazone ihn mit Hülfe ihrer Gefährtin herauszog. „So!“ rief Miſtreß Maggot, indem ſie ihn geräuſchlos draußen auf die Erde ſetzte;„ſo weit wärſt du ſicher.“ „Kommt, meine troſtloſen Täubchen,“ rief Auſtin;„es fehlen nur noch fünf Minuten an ſechs. Ich erwarte Herrn Wild jeden Augenblick hier. Machen Sie's kurz ab.“ „Nur noch zwei Minuten, Sir,“ bat Edgeworth Beß, indem ſie ihm entgegentrat und Jack zu verbergen ſuchte, der ſich in den fernſten Winkel verkroch—„nur noch zwei Mi⸗ nuten und wir find fertig.“ „Nun gut, nun gut, guf die Minute kommt mir auch grade nicht an,“ verſetzte der Schließer. „Wir kommen mein Leben nicht unbemerkt heraus, Jack,“ flüſterte Poll Maggot.„Du mußt einen tüchtigen Anlauf nehmen.“ „Unmöglich,“erwiederte Sheppard.„Das wäre dem Unglück in den Rachen geſtürzt. Ich kann in dieſen ſchwe⸗ ren Ketten nicht laufen. Nein, ich muß es abwarten. Sage Beß, daß ſie hinausſchlüpft, und ich will ihre Kaputze und Mantel umnehmen.“ Unterdeſſen fuhr die Geſellſchaft am Tiſche fort, ſo luſtig zu plaudern und zu trinken, wie je. „Ich kann mir Jack Sheppard's Worte an Herrn Knee⸗ bone nicht aus dem Sinne ſchlagen,“ ſagte Shotbolt, indem er ſein zehntes Glas leerte.„Ich bin ſicher, daß er an die Flucht denkt und ſie heute Nacht auszuführen hofft.“ „Pah! pah!“ erwiederte Ireton.„Eitle Prahlerei. Ich habe dieſen Morgen die Verurtheiltenzelle ſelbſt ganz genau unterſucht und jeden Nagel an ſeinem Platz gefunden. Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 113 Bedenken Sie nur, daß er mit einem großen Schloß an den Fußboden gekettet iſt und nie losgelaſſen wird, wenn er nicht gerade Beſuch erhält. Wenn er überhaupt losbricht, ſo müßte es vor unſern eigenen Augen geſchehn.“ „Es ſollte mich gar nicht wundern,“ meinte Griffin. „Keck genug wäre er dazu. Aus dem Thorgefängniß kam er ganz ebenſo heraus,— er ſtahl die Schlüſſel und ging durch ein Zimmer, wo ich halb im Schlaf auf einem Stuhl ſaß.“ „Hat Sie beim Nachmittagsſchläfchen überraſcht, wie?“ verſetzte Ireton lachend.„Na, hier ſoll er das wohl blei⸗ ben laſſen. Wenn er es thut, will ich es ihm verzeihn.“ „Und ich auch,“ ſagte Auſtin.„Wir haben die Augen dazu viel zu weit offen. Nicht wahr, College?“ wandte er ſich an Langley, den der Punſch ſchon ziemlich ſchläfrig ge⸗ macht hatte. „Das wollte ich meinen,“ antwortete der ſchlaftrunkene Schließer gähnend. Während dieſes Geſprächs hatte Jack ſich unbemerkt die Kaputze und den Mantel umgeworfen, und da er ungefähr von derſelben Größe, wie ihre rechtmäßige Eigenthümerin war, ſo ſah er darin faſt eben ſo aus, wie ſie. Als dies geſchehn war, ſchlüpfte Edgeworth Beß bei der erſten guten Gelegenheit hinaus. „Halloh!“ rief Auſtin, dem ihre entweichende Geſtalt halb in die Augen fiel,„eines von den Frauenzimmern iſt fort!“ „Nein— nein,“ warf Miſtreß Spurling haſtig ein; „ſie ſind beide da. Sehn Sie nicht, daß ſie ihre Mäntel umnehmen?“ „Das iſt nicht wahr!“ verſetzte Marvel leiſe.„Ich habe Alles geſehn.“ Ainsworth, Jack Sheppard. M. 8 114 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „O, meine Güte!“ rief die Schenkwirthin erſchrocken. „Sie werden ſie doch nicht verrathen.“ „Schlagen Sie ein, und ich bin ſtill,“ erwiederte der Scharfrichter.„Wollen Sie die meinige werden?“ „Es iſt nicht hübſch von Ihnen, ſich die Gelegenheit zu Nutz zu machen,— gar nicht hübſch,“ erwiederte Miſtreß Spurling;„indeſſen, ich willige ein.“ „Dann will ich hülfreiche Hand leiſten. Ich werde um meine Gebühren kommen und um den geſtickten Rock. Aber es iſt beſſer, die Braut ohne den Hochzeitsrock zu haben, als den Hochzeitsrock ohne die Braut.“ In dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke der Heiligen⸗ grabkirche ſechs. „Schließen Sie die Sie Auſtin,“ rief Ireton mit Amtswürde. „Gute Nacht!“ rief Jack, als nähme er von ſeinen Geliebten Abſchied;„morgen um dieſelbe Zeit!“ „Wir wollen pünktlich ſein,“ erwiederte Miſtreß Maggot. „Gute Nacht, Jack! und ſei guten Muths!“ „Nun dran!— auf Tod oder Leben!“ indem er den Gang eines Frauenzimmers nachahmte und nach der Thüre ſchritt. Als Auſtin aufſtand, um die Befehle ſeines Vorgeſetzten auszuführen und die Frauenzimmer hinauszubegleiten, ſtan⸗ den Miſtreß Spurling und Marvel auch auf. Der letztere näherte ſich nachläſſig dem Gatter und lehnte ſich mit dem Rücken an die Stelle, wo die Speiche ausgenommen war, ſo daß er ſie ganz verdeckte, und fuhr ſeine Pfeife ſo ruhig zu rauchen fort, als wenn nichts geſchehn wäre. Kaum war Jack unter der Thüre, ſo hörte er Männer⸗ tritte hinter ſich und wohl fühlend, daß die geringſte Un⸗ vorſichtigkeit ihn verrathen würde, blieb er ſtehn, was er thun ſollte. Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 115 „Einen Augenblick, mein Herzchen,“ rief Auſtin.„Sie vergeſſen, daß Sie mir das letzte Mal einen Kuß verſprachen.“ „Thut's einer von mir nicht eben ſo gut?“ vermittelte Miſtreß Maggot. „Viel beſſer,“ ſagte Miſtreß Spurling, die ihnen zur Hülfe eilte.„Ich habe ſelbſt ein Wort an Edgeworth Beß zu ſagen.“ Bei dieſen Worten drängte ſie ſich zwiſchen Jack und den Schließer. Es war ein Augenblick athemloſer Span⸗ nung für alle bei dem Unternehmen Betheiligten. „Nun alſo— der Kuß!“ rief Auſtin, indem er die Amazone vertraulich umarmen wollte. „Weg mit den Händen!“ rief ſie,„oder Sie ſollen es bereuen.“ „Nun, was wollten Sie machen?“ fragte der Schließer. „Ihnen Artigkeit lehren!“ verſetzte die Amazone, indem ſie ihm eine Ohrfeige ertheilte, daß er mehrere Schritte zu⸗ rücktaumelte. „So! fort mit dir!“ flüſterte Miſtreß Spurling, indem ſte Jack's Arm drückte und ihn aus der Thüre ſchob,„und komm nicht wieder.“ Ehe Auſtin wieder zu ſich kam, waren Jack und Miſtreß Maggot verſchwunden. „Verriegeln Sie die Gitterthüre!“ ſchrie Ireton, der ſich mit den andern nicht wenig an der Niederlage des galanten Unterſchließers ergötzt hatte. Das geſchah und Auſtin kehrte mit gedemüthigter Miene an den Tiſch zurück, worauf Miſtreß Spurling und ihr an⸗ genommener Freier ihre Sitze wieder einnahmen. „Sie werden doch Wort halten, mein Engel,“ flüſterte der Scharfrichter. „Gewiß,“ antwortete die Wittwe tief aufſeufzend.„O Jack! Jack!— du weißt nicht, wie viel du mir koſteſt!“ — 116 Dritter Abſchnitt. 41724. Der Gefüngniß⸗Brecher. „Nun, ich bin froh, daß dieſe Frauenzimmer fort find,“ ſagte Shotbolt.„Wenn ich ihre Anweſenheit mit Jack's Worten zuſammenhielt, konnte ich nicht anders, als ein Un⸗ glück befürchten.“ „Dabei fällt mir ein, daß er noch frei herumgeht,“ entgegnete Ireton. Fic Caliban, geh und ſchließ ihn wie⸗ der an.“ „Ja, Maſſa Ireton,“ antwortete der Neger. „Halt, Caliban,“ unterbrach ihn Miſtreß Spurling, welche die Entdeckung ſeiner Flucht ſo lange als möglich zu verſchieben ſuchte.„Ehe du gehſt, bringe mir die Flaſche Ananasrum, die ich geſtern aufmachte. Ich wünſchte, Herr Ireton und ſeine Freunde verſuchten ſie. Sie ſteht unten im Schenktiſch. O, du haſt den Schlüſſel nicht? dann muß ich ihn wohl haben. Gott! wie verdrießlich!“ rief ſie aus, indem ſie that, als wühlte ſie in ihren Taſchen,„wenn man etwas ſucht, ſo findet man es nie.“ „Es thut nichts, meine liebe Miſtreß Spurling,“ ver⸗ ſetzte Zrethn,„wir können den Rum nachher probiren, wenn er wieder kommt. Wir werden gleich Herrn Wild hier ſehn, und ich möchte um Alles in der Welt nicht— Donnerwetter!“ rief er, als die Geſtalt des Diebsfängers ſich an der Gitter⸗ thüre zeigte,„da iſt er. Fort mit dir, Caliban! Fliege, du Taugenichts!“ „Herr Wild hier!“ rief Miſtreß Spurling beſtürzt.„O Himmel! er iſt verloren.“ „Wer iſt verloren?“ fragte Ireton. „Der Schlüſſel,“ antwortete die Wittwe. Die Schließer ſtanden ſämmtlich von ihren Stühlen auf, um den Diebsfänger zu begrüßen, deſſen gewöhnlich verdroſ⸗ ſenes Geſicht noch finſterer ausſah, als ſonſt. Jreton eilte hinzu, um ihm das Gitter zu öffnen. Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 117 „Kein Blauhaut, wie ich merke, Sir,“ fing er mit ehr⸗ erbietigem Tone an, als Wild eintrat. „Nein,“ erwiederte Jonathan verſtimmt.„Ich bin durch eine falſche Anzeige getäuſcht worden. Aber das Menſch, das mich zum Beſten gehabt hat, ſoll es bitter bereuen. Ich hoffe, es wird nichts weiter zu bedeuten haben. Aber ich fürchte, man hat mich abſichtlich aus dem Wege bringen wollen. Hier iſt doch nichts vorgefallen?“ „Nicht das mindeſte,“ erwiederte Ireton.„Jack iſt eben wieder nach der Verurtheiltenzelle zurückgebracht. Seine bei⸗ den Frauen ſind hier geweſen.“ „Ha!“ rief Jonathan mit plötzlicher Heftigkeit, welche den Hauptſchließer elektriſirte,„was iſt dies! eine Speiche heraus! Tod und Teufel! Die Weiber, ſagen Sie, find hier geweſen. Er iſt entwiſcht.“ „Unmöglich, Sir,“ erwiederte Ireton in großer Auf⸗ regung. „Unmöglich?“ wiederholte Wild mit furchtbarem Fluch. „Nein, Sir, es iſt ſehr möglich,— mehr als möglich. Es iſt gewiß. Ich wette meinen Kopf, daß er fort iſt. Kommen Sie gleich mit mir nach der Verurtheiltenzelle, und wenn meine Vermuthung begründet iſt, ſo will ich— Hier unterbrach ihn die plötzliche Rückkunft des Negers, der eilig ins Zimmer ſtürzte und in ſeiner Verwirrung das ſchwere Schlüſſelbund fallen ließ. „O Maſſa Ireton! Maſſa Wild!“ ſchrie Caliban, „Schack Scheppart fort!“ „Fort? du ſchwarzer Teufel!— Fort?“ rief Ireton. „Ja, Maſſa. Caliban ſuch jede Winkel, aber Schack nich da. Nicks da ſein, als großes Schloß,— weiter nicks.“ „Ich wußte es,“ rief Wild mit geſteigerter Wuth;„und Ihr habt ihn Euch vor Eurer Naſe weglaufen laſſen, bei hellem Tage. Ihr habt gut ſagen, es iſt unmöglich. Seiner — 118 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Majeſtät Gefängniß zu Newgate wird zum Erſtaunen gut be⸗ wacht, muß ich ſagen. Ireton, Sie ſind mit ihm im Bunde.“ „Sir,“ rief der Oberſchließer gereizt. „Ja, Sie ſind es, Sir,“ donnerte Jonathan;„und wenn Sie ihn nicht wiederfinden, ſo bleiben Sie keine Woche mehr an Ihrem Poſten. Ich drohe nicht umſonſt, wie Sie wiſſen. Und Sie, Auſtin, und Sie, Langley, Ihnen ſage ich daſſelbe.“ „Aber, Herr Wild!“ flehten die Schließer. „Ich habe es geſagt,“ verſetzte Jonathan mit Nachdruck. „Und Sie, Marvel, müſſen auch unter der Decke geſteckt haben—“ „Ich, Sir!“ „Wenn er ſich nicht wieder findet, ſo ſehe ich mich nach einem neuen Scharfrichter um.“ „Wetter!“ rief Marvel,„ich—“ „Still!“ flüſterte die Schenkwirthin,„oder ich nehme mein Verſprechen zurück.“ „Miſtreß Spurling,“ ſagte Jonathan, der dies gehört hatte,„Sie verdanken mir Ihre Stelle. Wenn Sie Jack Sheppard's Flucht begünſtigt haben, ſo ſollen Sie mir auch Ihre Entlaſſung verdanken.“ „Wie Ihnen gefällig iſt, Sir,“ erwiederte die Schenk⸗ wirthin gelaſſen.„Und das nächſte Mal, daß Hauptmann Darrell einen Zeugen nöthig hat, ſoll er nicht lange zu ſuchen brauchen, das verſpreche ich Ihnen.“ „Ha! Elende, Sie wagen zu drohen?“ rief Wild; doch mäßigte er ſich und wandte ſich an Ireton.„Wie lange find die Weiber ſchon fort?“ „Kaum fünf Minuten,“ erwiederte dieſer. „So fliege Einer von Euch nach dem Markt,“ entgeg⸗ nete Jonathan;„ein Andrer nach dem Fluß, ein Dritter nach der Neuen Münze. Zerſtreut Euch nach allen Richtungen. — Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle entwich. 119 Wir wollen ihn doch noch fangen. Hundert Pfund dem, der ihn einbringt.“ Mit dieſen Worten ftürzte er nebſt Ireton und Langley hinaus. „Hundert Pfund!“ rief Shotbolt.„Eine fette Beloh⸗ nung! Glauben Sie, daß er ſie bezahlt?“ „Ganz gewiß,“ erwiederte Langley. „Dann ſollen ſie vor morgen früh in meiner Taſche ſein,“ ſagte der Schließer des Neuen Gefängniſſes zu ſich ſelbſt.„Wenn Jack Sheppard heute bei Herrn Kneebone zu Abend ißt, ſo will ich mich auch zu Gaſte bitten.“ Eilftes Kapitel. Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hill. Etwa eine Stunde nach den Begebenheiten in Newgate öffnete Winifred die Thüre des kleinen Hinterzimmers in Dollis⸗Hill und näherte ſich, geräuſchlos durch das Gemach ſchleichend, einem Ruhebett, auf welchem eine ſchlafende Frau lag. Sie betrachtete aufmerkſam ihr bleiches, ſorgenvolles Antlitz, und murmelte:„Dem Himmel ſei Dank! Sie ſchlummert noch ganz friedlich. Das Opiat hat ſeine Wir⸗ kung gethan. Arme Seele! wie ſchön ſie ausſieht! aber wie todtengleich!“ Die Ruhe der Schlafenden war in der That todten⸗ gleich— todtengleich und tief. Ihre Lippen waren halb geöffnet, aber kein Athem ſchien ihnen zu entſtrömen, und nur ein unmerkliches Heben der Bruſt bewies, daß noch Leben in ihr war. Ihr lebloſes Ausſehn ward noch durch die äußerſte Schärfe ihrer Züge, beſonders des Kinns und der Naſe, erhöht, und die Magerkeit ihrer Glieder machte ſich ſelbſt durch ihre Kleidung peinlich bemerkbar. Ihre ab⸗ 120 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. gezehrten Arme waren auf ihrer Bruſt gekreuzt, und ihre ſchwarzen Augbraunen und Wimpern bildeten einen ſchreck⸗ lichen Gegenſatz zu der leichenhaften Bläſſe ihrer Haut. Einige kurze, dunkle Locken, welche ſich unter ihrer Kopf⸗ bedeckung hervordrängten, zeigten, daß ihr Haar abgeſchnit⸗ ten geweſen und erſt ſeit Kurzem wieder gewachſen war. „Arme Miſtreß Sheppard!“ ſeufzte Winifred, indem ſie die ſchönen Trümmer betrachtete.—„Arme Miſtreß Shep⸗ pard! wenn ich ſie in dieſem Zuſtande ſehe und an Alles denke, was ſie gelitten hat und vielleicht noch zu leiden hat, ſo möchte ich faſt für ihre Erlöſung beten. Ich wage nicht, an die Wirkungen zu denken, die das Schickſal ihres — wenn alle Verſuche, ihn zu retten, vergebens ſind, auf ihren geſchwächten Körper und noch mehr auf ihr Ge⸗ müth haben wird. Welch ein Glück, daß der Schlag, den dieſer Barbar Wild nach ihr führte, obgleich er ſie an den Rand des Grabes brachte, ihr doch den Verſtand wieder⸗ gegeben hat! Ah! ſie bewegt ſich.“ Bei dieſen Worten trat ſie ein wenig auf die Seite, während Miſtreß Sheppard tief aufſeufzte und ihre Augen öffnete, welche jetzt größer, ſchwärzer und melancholiſcher ausfahn, als je. „Wo bin ich?“ rief ſie, indem ſie mit der Hand über die Sürn⸗ fuhr. „Bei Ihren Freunden, liebe Miſtreß Sheppard,“ ant⸗ worte Winifred ſich nähernd. „Ah! Sind Sie da, meine theure junge Freundin,“ ſagte die Wittwe matt lächelnd;„beim erſten Erwachen fürchte ich mich immer, wieder in dieſem gräßlichen Hoſpital zu ſein.“ „Sie brauchen ſich nicht mehr davor zu ängſtigen,“ entgegnete Winifred zärtlich.„Mein Vater wird dafür ſor⸗ gen, daß Sie ihn nie wieder verlaſſen.“ Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hill. 121 „O, wie viel verdanke ich ihm!“ ſagte die Wittwe mit Innigkeit,„daß er mich hierhergeſchafft und mich von jenen fürchterlichen Scenen entfernt hat, die mich allein ſchon wahnſinnig gemacht haben würden, ſelbſt wenn ich bei Verſtande geweſen wäre. Und wie viel verdanke ich auch Ihnen, theuerſte Winifred, für Ihre Liebe und Güte. Ohne Sie würde ich weder die Geſundheit noch den Verſtand wie⸗ dererlangt haben. Aber wenn ich Sie auch nicht belohnen kann, der Himmel wird es gewiß.“ „Sprechen Sie nicht davon, liebe Miſtreß Sheppard,“ verſetzte Winifred, ihre Rührung zwingend;„ich thäte alles in der Welt um ihretwillen, und mein Vater auch und mein Thames auch; aber es iſt auch ſeine Pflicht, denn Sie wiſ⸗ ſen, es iſt Ihr Neffe. Wir haben ihn alle ſehr lieb.“ „Gott ſegne Sie! Gott ſegne Sie!“ rief Miſtreß Shep⸗ pard und wandte ihr Geſicht ab, um ihre Thränen zu ver⸗ bergen. „Ich darf Ihnen nicht ſagen, was Thames für Sie zu thun denkt, wenn er je wieder in ſeine Rechte eingeſetzt wird,“ fuhr Winifred fort;„aber ich darf Ihnen ſagen, was mein Vater thun will.“ „Er hat ſchon zu viel gethan,“ antwortete die Wittwe; „ich werde wenig mehr bedürfen.“ „Aber hören Sie nur,“ verſetzte Winifred;„Sie wiſſen, daß ich nächſtens mit Ihrem Neffen verbunden werde,— das heißt,“ fügte ſie erröthend hinzu,„wenn er unter ſeinem wirklichen Namen getraut werden kann, denn eher will mein Vater es nicht zugeben.“ „Ihr Vater wird ſich gewiß nie Ihrem Glück wider⸗ ſetzen,“ ſagte Miſtreß Sheppard;„doch was hat dies mit mir zu thun?“ „Sie ſollen es hören,“ erwiederte Winifred;„wenn dieſe Heirath ſtattfindet, werden Sie und ich ſehr nahe ver⸗ 122 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. wandt werden, aber mein Vater wünſcht eine noch nähere Verwandtſchaft.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ entgegnete Miſtreß Sheppard. „Nun denn, um deutlich zu ſprechen,“ ſagte Winifred, „er fragte mich, ob ich nichts dagegen hätten, daß Sie meine Mutter würden.“ „Und was haben Sie ihm geantwortet?“ fragte die Wittwe geſpannt. „Können Sie es nicht errathen?“ entgegnete Winifred ſie umarmend.„Daß er mir keine angenehmere wählen könnte.“ „Winifred,“ ſagte Miſtreß Sheppard nach einer kurzen Pauſe, während der ſie ganz von ihren Gefühlen überwäl⸗ tigt zu ſein ſchien—„Winifred,“ ſagte ſie mit feſter Stimme, ſich ſanft den Armen des jungen Mädchens entwindend,„Sie müſſen Ihren Vater von dieſem Schritt abrathen.“ „Wie?“ rief dieſe.„Lieben Sie ihn denn nicht?“ „Ihn lieben?“ wiederholte die Wittwe.„Dies Gefühl iſt in meiner Bruſt ausgeſtorben. Ich liebe nur noch meiner armen verlornen Sohn. Ich kann ihn ſchätzen und achten; aber ihn lieben, wie er es verdient,— das kann ich nicht.“ „Ihre Achtung iſt alles, was er verlangt,“ ſagte Wi⸗ nifred. „Die beſitzt er und wird ſie immer beſitzen,“ erwiederte Miſtreß Sheppard herzlich,—„r beſitzt meine unbegränzte Dankbarkeit und Ergebenheit. Aber ich bin nicht werth, irgend eines Mannes Frau— am wenigſten ſeine Frau zu ſein. Winifred, Sie täuſchen ſich in mir. Sie wiſſen nicht, welch ein elendes, ſündliches Geſchöpf ich bin. Sie wiſſen nicht, auf welchen düſtern Wegen ſich mein Leben hingezogen hat, mit welchen Verbrechen es befleckt iſt. Aber die ich begangen habe, wären leicht gegen das, welches ich begehen würde, wollte ich Ihren Vater heirathen. Nein— nein, es kann nimmer ſein.“ Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hill. 123 „Sie ſchildern ſich ſchlechter, als Sie ſind, liebe Miſtreß Sheppard,“ verſetzte Winifred ſanft.„Ihre Fehler waren die Folge der Umſtände.“ „Beſchönigen Sie ſie, wie Sie wollen,“ erwiederte die Wittwe ernſt,„es waren Vergehen, und können als ſolche nicht durch ein größeres Unrecht gut gemacht werden. Wenn Sie mich lieben, ſo ſprechen Sie nicht wieder davon.“ „Es thut mir leid, daß ich überhaupt davon angefangen habe, da es Ihnen Kummer verurfacht,“ verſetzte Winifred; „aber da ich wußte, daß mein Vater ſich Ihnen antragen würde, im Fall der arme Jack begnadigt wird—“ „Im Fall er begnadigt wird?“ wiederholte Miſtreß Sheppard mit erſchreckender Aufregung.„Zweifelt Ihr Va⸗ ter daran? Sprechen Sie! ſagen Sie es mir!“ Winifred antwortete nicht. „Ihr Zaudern iſt mir Antwort genug,“ fuhr die Wittwe fort.„Iſt Thames von London zurück?“ „Noch nicht,“ antwortete Jene;„aber ich erwarte ihn jeden Augenblick. Mein Vater fürchtet hauptſächlich, muß ich Ihnen ſagen, Jonathan Wild's verderbenbringenden Einfluß.“ „Dieſer Elende tritt mir immer in den Weg,“ rief Mi⸗ ſtreß Sheppard mit einem Blick, deſſen Ausdruck das junge Mädchen erſchreckte.„Ich kann ihn nicht verſcheuchen.“ „Horch!“ rief Winifred,„Thames kommt zurück, ich höre ihn auf den Hof galloppiren. Jetzt werden Sie das Reſultat erfahren.“ „Der Himmel behüte mich!“ rief Miſtreß Sheppard matt. Bald darauf,— der beſorgten Mutter ſchien es ein Menſchenleben,— trat Herr Wood mit Thames ein. Der letztere ſah ſehr blaß aus, war es nun die Folge ſeiner noch nicht ganz geheilten Wunde oder unterdrückte Aufregung, und trug ſeinen Arm in einer Binde. 124 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Nun!“ rief Miſtreß Sheppard, ſich aufrichtend und ihn anblickend, als hinge ihr Leben von ſeiner Antwort ab. „Iſt er begnadigt?“ „Leider, nein!“ antwortete Thames traurig.„Der Be⸗ fehl zu ſeiner Hinrichtung iſt angekommen. Es bleibt nichts mehr zu hoffen.“ „Mein armer Sohn!“ ſeufzte die Wittwe zurückſinkend. „Gott ſei ſeiner Seele gnävig!“ rief Wood. „Der arme Jack!“ rief Winifred und verbarg ihr Ge⸗ ſicht an der Bruſt ihres Geliebten. Eine Zeit lang war alles ſtill und man hörte nur das untervrückte Schluchzen der unglücklichen Mutter. Endlich ſprang ſie plötzlich auf, und ehe Winifred ſie zurückhalten konnte, taumelte ſie auf Thames zu. „Wann ſoll er ſterben?“ fragte ſie und heftete ihre großen ſchwarzen Augen auf ihn, die mit wahnfinniger Gluth leuchteten. „Am Freitag,“ antwortete er. „Am Freitag!“ rief Miſtreß Sheppard,„und heute iſt Montag. Er hat noch drei Tage zu leben. Nur drei Tage. Drei kurze Tage. Gräßlich!“ „Armes Geſchöpf! ſie kommt wieder von Sinnen,“ ſagte Herr Wood, den ihre wilden Blicke erſchreckten.„Ich hatte es faſt befürchtet.“ „Nur drei Tage,“ wiederholte die Wittwe,„drei kurze, kurze Tage,— und dann iſt Alles vorüber, Jonathan's gott⸗ loſe Drohung iſt endlich erfüllt. Der Galgen ſteht vor mir — ich ſehe ihn mit allem ſeinem grauſenhaften Zubehör!— uh!“ und heftig ſchaudernd bedeckte ſie ſich das Geſicht mit den Händen, als wollte ſie ſich einem furchtbaren Anblick entziehen. „Verzweifeln Sie nicht, gute Seele,“ ſagte Wood tröſtend. M hde——— Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hill. 125 „Nicht verzweifeln!“ wiederholte Miſtreß Sheppard mit einem Gelächter, das die Anweſenden durch die Seele ſchnitt —„nicht verzweifeln! Und wer ſoll mich tröſten, wenn mein Sohn nicht mehr iſt? Ich habe geweint, bis meine Augen ausgetrocknet waren, ich habe gelitten, bis mein Herz ge⸗ brochen iſt, gebetet, bis die Stimme des Gebets verſtummte, — und Alles vergebens. Er wird gehängt werden— ge⸗ hängt! ha! ha! Was bleibt mir noch als Verzweiflung und Wahnſinn? Verſprechen Sie mir eins, Herr Wood,“ rief ſie mit plötzlich verändertem Ton, und ergriff krampf⸗ haft den Arm des Tiſchlermeiſters,„verſprechen Sie es mir.“ „Was denn, meine Liebe?“ antwortete Wood.„Alles, was Sie wollen.“ „Begraben Sie uns in einem Grabe auf dem Kirch⸗ hofe von Willesden. An der einen Seite von der Kirche ſteht ein kleiner Eibenbaum. Unter dieſem Baum laſſen Sie uns ruhn. In einem Grabe, hören Sie wohl. Ver⸗ ſprechen Sie mir dies?“ „Feierlich,“ verſetzte der Tiſchlermeiſter. „Gut,“ ſagte die Wittwe dankbar.„Ich muß ihn die⸗ ſen Abend ſehn.“ „Unmöglich, liebe Miſtreß Sheppard,“ ſagte Thames. „Morgen will ich Sie zu ihm bringen.“ „Morgen wird es zu ſpät ſein,“ erwiederte die Wittwe mit hohler Stimme,„ich fühle es. Ich muß heute Abend hin, oder ich werde ihn nie wiederſehn. Ich muß ihn ſeg⸗ nen, ehe ich ſterbe. Ich habe Kraft genug, um mich hin⸗ zuſchleppen, und ich brauche nicht wieder zurückzukommen.“ „Beruhigen Sie ſich, meine Liebe,“ ſagte Wood mit einem bedeutungsvollen Blick auf Thames,„es ſoll geſchehn und ich will Sie begleiten.“ „Der Segen einer Mutter über Sie!“ rief Miſtreß Sheppard inbrünſtig.„Und jetzt verlaſſen Sie mich, meine 126 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Freunde,“ fuhr ſie etwas ruhiger fort,„ich muß meine zer⸗ ſtreuten Gedanken ſammeln— mich auf das Wiederſehn vor⸗ bereiten und für meinen Sohn beten.“ „Sollen wir es thun?“ flüſterte Winifred ihrem Vater ins Ohr. „Auf jeden Fall,“ antwortete Dieſer;„laß uns keinen Augenblick zögern.“ Und in Begleitung des jungen Paares, das einen theilnehmenden Blick auf die arme Dulderin zurück⸗ warf, verließ er raſch das Zimmer und ſchloß die Thüre ab. Miſtreß Sheppard war kaum allein gelaſſen, als ſie auf ihre Kniee fiel und ſich in ein Gebet ergoß. So vertieft war ſie in ihrem leidenſchaftlichen Flehen, daß ſie kein Gefühl für Außendinge hatte, bis ſie ſich an der Schulter berührt fühlte und eine wohlbekannte Stimme in ihr Ohr flüſtern hörte:„Mutter!“ Sie fuhr zuſammen, als wäre ihr ein Geiſt erſchienen, und ſank in die ausgebreiteten Arme ihres Sohns. „Mutter! liebe Mutter!“ rief Jack und ſchloß ſie an ſeine Bruft. „Mein Sohn! mein lieber, lieber Sohn!“ erwiederte Miſtreß Sheppard und erwiederte ſeine Umarmung mit aller Zärtlichkeit einer Mutter. Jack war übermannt. Seine Bruſt wogte heftig und große Thränen rollten über ſeine Wangen herab. „Ich verdiene es nicht,“ ſagte er endlich;„aber ich hätte tauſendmal dem Tode getrotzt, um dieſen Augenblick des Glücks zu genießen.“ „Und du mußt vielen Gefahren getrotzt haben, denn kaum habe ich mich von dem Schrecken über deine Verur⸗ theilung erholt, ſo ſehe ich dich in Freiheit!“ „Es ſind noch nicht zwei Stunden,“ erwiederte Jack, „als ich noch in der Verurtheiltenzelle in Newgate ſaß. Mit einer kleinen Säge, die Thames Darrell mir vor einigen Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hill. 127 Tagen verſchafft hatte, und die ich in meiner Kleidung ver⸗ ſteckte, entfernte ich eine Speiche im Gatter und bewerkſtel⸗ ligte dann mit Hülfe einiger andern Freunde meine Flucht. Da ich von Thames hörte, daß du beſſer wärſt und nur um meinetwillen in Beſorgniß ſchwebteſt, ſo wollte ich dir die erſte Nachricht von meiner Flucht geben.“ „Meinen Segen dafür. Aber willſt du hier bleiben?“ „Ich darf es nicht. Ich muß für meine Sicherheit ſorgen.“ „Herr Wood wird dich beſchützen,“ ſagte ſeine Mutter. „Er kann es nicht, und wird es auch vielleicht nicht wollen. Und wenn er es wollte, ſo würde ich ihn doch keinen Unannehmlichkeiten ausſetzen. Sobald meine Flucht bekannt iſt, wird eine große Belohnung auf meinen Kopf geſetzt werden. Mein Anzug und meine Perſon wird genau beſchrieben werden. Jonathan Wild wird mir mit ſeinen Bluthunden und tauſend Andern gleich auf der Spur ſein. Ja, ſo viel ich weiß, mögen einige mich ſchon ausgewittert haben.“— „Du erſchreckſt mich,“ rief Miſtreß Sheppard.„O, wenn dies der Fall iſt, ſo zögere keinen Augenblick; fliehe! fliehe!“ „Sobald ich es ohne Gefahr thun kann, ſo komme ich wieder oder ſchicke ich zu dir,“ ſagte Jack. „Setze dich um meinetwillen keiner Gefahr aus,“ ver⸗ ſetzte ſeine Mutter.„Ich bin jetzt ganz ruhig; nimm mei⸗ nen Segen, meir lieber Sohn, und wenn wir uns nicht wiederſehn, ſei verſichert, daß mein letztes Gebet für dich ſein wird.“ „Sprich nicht ſo, liebe Mutter,“ entgegnete Jack und ſah ängſtlich in ihr bleiches Geſicht,„ſonſt kann ich dich nicht ruhig verlaſſen. Du mußt für mich leben.“ „Ich will es verſuchen,“ erwiederte die Wittwe mit gezwungenem Lächeln.„Noch eine Umarmung. Ich brauche 128 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. dich nicht zu ermahnen, dieſe böſen Wege zu verlaſſen, die dich in ſo große Gefahr geſtürzt haben.“ „Nein, du brauchſt es nicht,“ antwortete Jack zerknirſcht. „O, vergib mir das Elend, das ich dir bereitet habe, wenn ich mir es auch ſelbſt nie vergeben kann.“ „Dir vergeben!“ rief ſeine Mutter mit freudeſtrahlen⸗ dem Blick.„Ich habe nichts zu vergeben. Ha!“ ſchrie ſie plötzlich mit veränderter Miene und zeigte nach dem Fenſter, welches Jack offen gelaſſen hatte, und an dem eine dunkle Geſtalt ſtand,„dort iſt Jonathan Wild.“ „Verrath!“ rief Jack, nach derſelben Richtung blickend. „Zur Thür!— zur Thür!— Verderben! ſie iſt verſchloſſen — und ich bin unbewaffnet. Thor, der ich war!“ „Hülfe!“ rief Miſtreß Sheppard. „Ruhig,“ ſagte Jonathan, mit gemeſſenen Schritten durch das Zimmer ſchreitend;„dieſer Lärm wird zu nichts nützen. Wer auch herbeikommt, iſt gezwungen, mir zu ſeiner Gefangennehmung Hülfe zu leiſten. Sein Sie ruhig, ſage ich, wenn Ihnen an ſeinem Wohl gelegen iſt.“ Von Jonathans Weſen eingeſchüchtert, unterdrückte Mi⸗ niſtreß Sheppard den Schrei, der ſich auf ihre Lippen drängte, und Mutter wie Sohn ſtarrten unruhig die ſchwerfällige Ge⸗ ſtalt des Diebsfängers an, die ſich im Zwielicht zu ihrer doppelten Größe auszudehnen und das ganze Fenſter zu ver⸗ ſperren ſchien. Außer ſeinen gewöhnlichen Waffen trug Jo⸗ nathan einen mit einem ſchweren Gewicht verſehenen Stock, der an einem Riemen um ſeine Fauſt befeſtigt war; eine Lieblingswaffe, die er immer bei gefährlichen Unternehmun⸗ gen mit ſich führte. ₰ „Nun, Jack,“ ſagte er nach einer Pauſe, willſt du ruhig wieder mit mir zurückgehn?“ „Sie werden das erfahren, wenn Sie Verſuch machen, Hand an mich zu legen,“ verſetzte Sheppard entſchloſſen. Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hil. 129 „Meine Janitſcharen find draußen,“ erwiederte Wild; „ich bin bewaffnet und du nicht.“ „Gleichviel; lebendig ſollen Sie mich nicht fangen.“ „Schonen Sie ihn! ſchonen Sie ihn!“ rief Miſtreß Sheppard auf die Kniee fallend. „Steh auf, Mutter,“ rief Jack,„kniee nicht vor ihm. Ich will mir das Leben nicht von ihm ſchenken laſſen. Bis jetzt bin ich ihm entſchlüpft, und werde es auch ferner. Und komme, was da will, er ſoll nicht Genugthuung haben, mich hängen zu ſehn.“ Jonathan erhob den Stock, doch bezwang er ſich noch. „Thor!“ rief er,„denkſt du, ich hätte dich nicht ſchon längſt eingezogen, wenn ich nicht beſondere Gründe gehabt hätte?“ „Und dieſe Gründe ſind weiter nichts, als Furcht,“ entgegnete Jack verächtlich. „Furcht!“ wiederholte Jonathan mit ſchrecklicher Stimme. —„Furcht! Wiederhole dies Wort noch einmal und nichts ſoll dich retten.“ „Erzürne ihn nicht, mein lieber Sohn,“ bat die arme Wittwe mit flehendem Blick.„Vielleicht meint er es gut.“ „Unter einer Bedingung will ich ihn ſchonen,“ ent⸗ gegnete Wild;„nur unter dieſer einen Bedingung.“ „Welche iſt das?“ fragte die arme Frau. „Entweder er oder Sie müſſen mit mir gehn,“ ant⸗ wortete Jonathan. „So nehmen Sie mich,“ entgegnete die Wittwe und wäre zu ihm geeilt, wenn ihr Sohn fſie nicht mit Gewalt zurückgehalten hätte. „Geh nicht zu ihm, Mutter,“ rief Jack;„glaube ihHm nicht. Hinter ſeinen Worten lauert Verrath.“ „Ich will,“ ſagte Miſtreß Sheppard und ſuchte ſich loszuwinden. Ainsworth, Jack Sheppard. I. 9 130 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Hören Sie mich an, Miſtreß Sheppard,“ ſagte Jo⸗ nathan, der dieſem ergreifenden Auftritt ruhig zuſah.„Hö⸗ ren Sie mich an und achten Sie nicht auf ihn. Ich ſchwöre Ihnen auf's Feierlichſte, daß ich ihn retten will, ja noch mehr, ihn beſchützen will, wenn Sie meine Frau werden wollen.“ „Verabſcheuungswürdiger Schurke!“ rief Jack. „Du hörſt, er ſchwört, dich zu retten,“ rief Miſtreß Sheppard. „Gut,“ erwiederte ihr Sohn,„und du weiſeſt den An⸗ trag zurück.“ „Nein, ſie nimmt ihn an,“ verfetzte Jonathan triumphi⸗ rend.„Kommen Sie, Miſtreß Sheppard; es iſt ein Wa⸗ gen bereit, Sie nach der Stadt zu bringen. Kommen Sie! Kommen Sie!“ „Höre mich an, Mutter,“ rief Jack,„und ich will dir erklären, warum der Böſewicht dieſen ſeltſamen und em⸗ pörenden Vorſchlag macht. Er weiß ſehr gut, daß nur vier Augen,— Thames Darrell und Sir Rowland Trenchard,— zwiſchen dir und dem ungeheuren Familienvermögen ſtehn. Sind dieſe beiden beſeitigt,— und Sir Rowland iſt ganz in ſeinen Händen, ſo würde dies Vermögen dir zufallen,— — ihm! wenn er dein Mann wäre! Siehſt du jetzt ſeine Beweggründe?“ „Ich ſehe nur deine Gefahr,“ erwiederte ſeine Mutter zärtlich. „Geſetzt, es wäre auch ſo, wie du ſagſt, Jack,“ verſetzte Wild,—„und ich will mir nicht die Mühe geben, dir zu widerſprechen,— ſo würden die Guͤter dir ſpäter zufallen.“ „Lügner!“ rief Jack.„Stellen Sie ſich, als wüßten Sie nicht, daß ich ein verurtheilter Verbrecher bin, und als ſolcher nichts erben kann? Aber glauben Sie nicht, daß ich Ihre Bedingungen unter irgend welchen Umſtänden anneh⸗ men würde!“ . 4 Noch ein Beſuch auf Drllis⸗Hill. 131 „Ehe eine Stunde um iſt, muß ſie mir angehören,“ ſagte Jonathan ſich ihr nähernd. „Zurück!“ rief Jack aufgebracht;„legen Sie einen Fin⸗ ger an ſie und ich ſchmettere Sie zu Boden. Mutter! weißt du, was du thuſt? Willſt du dich dieſem Unhold verkaufen?“ „Um dich zu retten, gebe ich Leib und Seele hin,“ verſetzte ſeine Mutter, ſich ſeinem Arme entreißend. Jonathan bemächtigte ſich ihrer.„Nun fort!“ rief er mit teufliſcher Freude. Dies Wort und dieſer Blick erſchreckten ſie. „Ja, es iſt ein Teufel!“ ſchrie ſie zurückbebend.„Rette mich!— rette mich!“ „Tod und Verdammniß!“ tobte Jonathan.„Wir ha⸗ ben jetzt keine Zeit zu Tollhausſcenen. Fort mit dir, wahn⸗ ſinniges Geſchöpf. Bald will ich dir Gehorſam lehren.“ Hiermit verſuchte er, ſie fortzuſchleppen, aber ehe es ihm gelingen wollte, hatte Jack ihn bei der Kehle gepackt. Miſtreß Sheppard riß ſich in dem Handgemenge von ihm los und erfüllte das Zimmer mit ihrem Geſchrei. „Jetzt will ich dir meine Schuld bezahlen,“ rief Jack und ſchnürte dem Diebsfänger den Hals zu, bis ſein Ge⸗ ſicht ſchwarz wurde. „Hund!“ rief Wild, der ſich mit einer gewaltigen Kraft⸗ anſtrengung befreite und Jack einen heftigen Schlag mit dem Stock ertheilte, daß er zurücktaumelte.„Du biſt Jonathan Wild noch nicht gewachſen. Weder du noch deine Mutter ſollen mir entgehn. Doch ich muß meine Janitſcharen ru⸗ fen.“ Bei dieſen Worten ſetzte er eine Pfeife an ſeine Lip⸗ pen und gab ein lautes Zeichen, und als keine Antwort er⸗ folgte, ein noch lauteres.„Verdammt!“ rief er,„es muß etwas vorgefallen ſein. Aber ich will mich nicht um meine Beute betrügen laſſen.“ 132 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Hülfe! Hülfe!“ rief Miſtreß Sheppard, indem ſie vor ihm in die fernſte Ecke des Zimmers floh. Doch es nutzte nichts. Jonathan ergriff ſie wieder, als ſich plötzlich die Thüre öffnete und Thames Darrell mit Herrn Wood und mehreren bewaffneten Dienern in das Zimmer ſtürzte. Ein Blick genügte, um dem jungen Mann den Stand der Dinge deutlich zu machen. Er eilte an das Fenſter und hätte dem Diebsfänger ſeinen Degen durch den Leib geſtoßen, wenn dieſer nicht Miſtreß Sheppard ſchnell vorgehalten hätte, ſo daß ſie den Stoß empfangen haben würde. „Quilt!— Mendez!— Wo ſeid Ihr?“ rief Wild zum dritten Male ſeine Pfeife gebrauchend. „Sie rufen umſonſt,“ verſetzte Thames.„Ihre Diener find in meiner Gewalt. Ergeben Sie ſich!“ „Niemals!“ erwiederte Jonathan. „Laſſen Sie Ihre Beute los, Ungeheuer!“ ſchrie Wood und legte einen gewaltigen Doppelhaken auf ihn an. „Da, nehmen Sie ſfie,“ rief Jonathan und ſchleuderte ihm den lebloſen Körper der armen Wittwe zu, welche wäh⸗ rend des Kampfes ohnmächtig geworden war. Dann ſprang er aus dem Fenſter, und ehe Thames ihm nachſetzen konnte, war er verſchwunden. „Verfolgt ihn,“ rief Thames der Dienerſchaft zu,„und laßt ihn nicht entkommen.“ Dieſer Befehl ward ſogleich ausgeführt. „Jack,“ ſagte Thames zu Sheppard, der ſich eben erſt wieder von dem Schlage erholt hatte,„ich frage dich nicht, wis du hergekommen biſt, auch mache ich dir wegen dieſer Verwegenheit keine Vorwürfe. Zum Glück find ſämmtliche Hausbewohner, ſeit Wild's neulichem mörderiſchen Angriff, immer gut bewaffnet. Eine Poſcchaiſe, die man auf der Landſtraße geſehn hatte, beunruhigte uns zuerſt. Als wir — Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hill. 133 das Vorwerk durchſuchten, fanden wir zwei verdächtige Kerle im Garten, und hatten ſie kaum feſtgenommen, als das Ge⸗ ſchrei deiner Mutter uns grade zur rechten Zeit herrief. Du darſſt keinen Augenblick länger hier bleiben. Mein Pferd ſteht geſattelt vor der Thüre. Im Halfter ſtecken Piſtolen, — ſteige auf und fliehe.“ „Thames, ich habe dir Vieles zu ſagen,“ erwiederte Jack;„Vieles, was deine Sicherheit betrifft.“ „Jetzt nicht,“ entgegnete Thames ungeduldig.„Ich kann und will nicht länger zugeben, daß du länger hier bleibſt.“ „Ich gehe, wenn du mich um Mitternacht bei dem alten Hauſe in der Wychſtraße treffen willſt,“ ſagte Jack.„Ich werde dann einen Plan reiflich überlegt haben, der die Ab⸗ fichten deiner Feinde vereiteln ſoll.“ „Du wirſt bis dahin eingefangen ſein, wenn du dich ſo wenig in Acht nimmſt,“ verſetzte Thames.„Doch ich will mich einfinden. Lebe wohl.“ „Bis Mitternacht,“ antwortete Jack. Und nachdem er einen Kuß auf die kalten Lippen ſeiner Mutter gedrückt hatte, verließ er das Zimmer. Er fand das Pferd an der Stelle, die Thames ihm angedeutet hatte, ſchwang ſich hinauf und ritt querfeldein nach der Stadt zu. Zwölftes Kapitel. Der Brunnenraum. Jonathan Wild's erſte Sorge, ſobald er ſich in Sicher⸗ heit ſah, war, ſich nach ſeinen Janitſcharen umzuſehn und ſie wo möglich zu befreien. Mit dieſer Abſicht eilte er nach der Stelle, wo er die Poſtchaiſe gelaſſen hatte, und fand ſie in die Seite der Landſtraße gezogen, den Poſtillon abge⸗ 134 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſtiegen, und von zwei Landleuten bewacht. Jonathan ging mit dem Säbel in der Hand auf ſie zu, und erſchreckte ſie ſo durch ſeine barſche und entſchloſſene Miene, daß ſie ſich nach kurzem Widerſtande fortmachten und ihn als Sieger des Schlachtfeldes zurückließen. Dann öffnete er den Schlag und fand ſeine Janitſcharen mit gebundenen Armen im Wa⸗ gen, worauf er hineinſprang und ſo den Befehl zur Abfahrt gab. Der Poſtillon gehorchte und jagte, ſo ſchnell ſeine Pferde galloppiren konnten, nach Willesden. Hier ließ Jo⸗ nathan, der unterdeſſen ſeine Leute von ihren Banden befreit hatte, vor den ſechs Glocken halten, und miethete ein Paar Pferde für ſie, um Jack Sheppard nachzuſetzen, während er ſelbſt ſich nach der Stadt begab. Bei Old⸗Bailey ſchickte er die Poſtchaiſe fort und ging zu Fuß nach Newgate, um zu erfahren, was während ſeiner Abweſenheit vorgegangen wäre. Es war gegen neun Uhr, als er hier ankam, und Herr Auſtin fertigte eben eine Schaar Neugieriger ab, die ſich nach dem Vorfall erkundigten, denn das Gerücht hatte ſich ſchnell durch die Stadt verbreitet. Einige von dieſen Leu⸗ ten beſichtigten vie Stelle, wo die Speiche abgeſägt worden war, andre die Speiche ſelbſt, die jetzt ein Gegenſtand von Wichtigkeit geworden war, und alle wunderten ſich, wie es möglich geweſen wäre, daß Jack ſich durch eine ſo kleine Lücke hätte preſſen können, bis Herr Auſtin ſie belehrte, daß der berühmte Einbrecher von ſchlankem Körperbau wäre und da⸗ her die Fähigkeit beſäße, eine That zu vollbringen, die er, Herr Auſtin, oder irgend Jemand anders von ähnlichem Umfange für ganz unmöglich befunden haben würde. An der Wand war an einer in die Augen fallenden Stelle ein großer Zettel geklebt, welcher nach einer genauen Beſchrei⸗ bung von Sheppard's Perſon und Kleidung mit den fol⸗ genden Worten ſchloß:—„Wer den beſagten John Sheppard anzeigt oder zur Haft bringt, ſo daß Der Brunnenraum. 135 er zur Strafe gezogen werden kann, erhält eine Belohnung von Einhundert Guineen, zahlbar bei Herrn Pitt, Aufſeher von Newgate.“ Dieſer zog allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Wäh⸗ rend Jonathan ſich mit Auſtin unterhielt, dem er jedoch ſein Zuſammentreffen mit Jack Sheppard ſorgfältig verheimlichte, trat Ireton ein. „Alles umſonſt, Sir,“ ſagte der Oberſchließer mit nie⸗ dergeſchlagener Miene nicht ohne Furcht zu Wild.„Ich bin in allen Diebsherbergen in der Stadt geweſen und konnte nichts von ihm oder ſeinen Weibern erfahren. Keiner hat ihn geſehn. Wo ich hinkam, immer dieſelbe Antwort, und nirgends war auch nur die geringſte Spur zu finden.“ „Hm!“ brummte Jonathan. „Wäre es Ihnen vielleicht beſſer geglückt, Sir?“ fragte Ireton. 3 Wild ſchüttelte den Kopf. „Herr Shotbolt glaubt, er hat einen Plan, der nicht fehlen kann,“ ſagte Auſtin;„aber er wünſcht zu wiſſen, ob Sie wegen der großen Belohnung, die Sie auf Jack's Ein⸗ ziehung geſetzt haben, Wort halten wollen.“ „Habe ich je in ſolchen Sachen mein Wort gebrochen, daß er eine ſolche Frage zu thun wagt?“ verſetzte Jonathan rauh.„Sagen Sie Herrn Shotbolt, daß wenn er oder ir⸗ gend jemand anders Jack Sheppard vor morgen früh ein⸗ bringt, ich die Belohnung verdopple. Verſtehn Sie mich?“ „Sehr wohl, Sir,“ erwiederte Auſtin ehrerbietig. „Zweihundert Pfund, wenn er vor morgen früh in Newgate eingeſperrt iſt,“ fuhr Wild fort.„Machen Sie es unter Ihren Freunden bekannt.“ Mit dieſen Worten ſchritt er hinaus. „Zweihundert Pfund!“ rief Ireton,„außer der Beloh⸗ nung von dem Oberaufſeher,— das macht dreihundert. Ich 136 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. muß mich noch einmal an's Werk machen. Sehn Sie ſich ſcharf um, Auſtin, daß wir keinen Andern verlieren. Es ſollte mir leid thun, wenn Shotbolt die Belohnung erhielte.“ „Verteufelt unangenehm, daß ich keine Ausſicht darauf habe,“ murmelte Auſtin, als er allein war.„Indeſſen einer muß auf das Gefängniß ſehn, und ſie ſind alle fort, außer mir. Ein Glück, daß wir keine Jack Sheppard's mehr ha⸗ ben, ſonſt ſähe es ſchlimm um mich aus. Na, ich denke, es ſoll ihn keiner von ihnen kriegen; das iſt wenigſtens ein Troſt.“ Von dem Gefängniß begab Wild ſich in ſeine Woh⸗ nung. Dem Thürſteher ſagte er, daß er ſelbſt auf das Haus Achtung geben wollte, und befahl ihm, Jack Shep⸗ pard ſuchen zu helfen. Es lag etwas Beſonderes in Jona⸗ than's Weſen, als er dieſen Befehl gab, was dem Diener auffiel, und er erinnerte ſich deſſen ſpäter. Er ließ ſich je⸗ doch nichts merken, ſondern machte ſich gleich auf den Weg. Sobald Jonathan allein war, ging er in ſein Zimmer hinauf, ſetzte ſich und ſchien einige Zeit in Gedanken vertieft zu ſein. Sie werden zur rechten Zeit dem Leſer enthüllt wer⸗ den. Nach einer Pauſe ſchlug er die Augen auf und wer ihren Ausdruck in dieſem Augenblick geſehn hätte, würde ihn nicht ſo leicht vergeſſen haben. Er ſprach mit ſich ſelbſt und ſchien die Vortheile und Nachtheile irgend eines Planes an den Fingern aufzuzählen. Daß er ſeine Ausführung beſchloſſen hatte, von welcher Art er auch ſonſt ſein mochte, ging aus dieſen laut geſprochenen Worten hervor: „Es ſoll geſchehn. Eine ſo gute Gelegenheit zeigt ſich vielleicht nie wieder.“ Dann ſtand er auf und ſchritt haſtig im Zimmer auf und ab, als überlegte er fernere Plane. Hierauf ſchloß er einen Sekretär auf, zog ein geheimes Schubfach heraus, und nachdem er deſſen Inhalt durchſucht, fand er das gewünſchte Der Brunnenraum. 137 Papier und einen Handſchuh. Dieſe legte er auf die Seite und ſchob das Fach wieder hinein. Seine nächſte Beſchäf⸗ tigung beſtand darin, ſeine Piſtolen herauszunehmen, ihre Ladung zn unterſuchen und die Steine abzureiben. Dann beſichtigte er ſeinen Säbel, befühlte die Schneide und ſchien damit zufrieden zu ſein. Als er mit dem Säbel fertig war, nahm er den Knotenſtock zur Hand, wiegte ihn in der Hand und ließ ihn prüfend auf den Tiſch fallen. „Am Ende,“ ſagte er,„iſt dies die ſicherſte Waffe. Keine, die ich je gebraucht habe, hat mir ſo viele gute Dienſte geleiſtet. Der Knotenſtock ſoll es thun.“ Bei die⸗ ſen Worten ſchlang er ihn um die Fauſt. Jetzt nahm er eine Fackel in die Hand, die neben ihm flackerte und ging durch das Zimmer; er berührte eine Feder an der Wand und eine geheime Thüre ſprang auf. Hinter derſelben ſah man eine ſchmale Brücke, die über einen kreis⸗ förmigen Bau führte, in deſſen Tiefe ſich ein Brunnen be⸗ fand. Es war ein dunkler geheimnißvoller Ort, und wozu er beſtimmt war, wußte Niemand recht; doch diejenigen, welche ihn geſehn hatten, nannten ihn den Brunnenraum. Die Brücke hatte zu beiden Seiten ein Geländer mit weit von einander abſtehenden Stäben. An der andern Seite führten Stufen zu einer Thüre herab. Dieſe Thüre, welche offen ſtand, verſchloß Jonathan, und zog den Schlüſſel ab. Als er auf der Brücke ſtand, hielt er das Licht hinab und ſah in den Abgrund. Der röthliche Schein fiel auf die feuchten Mauerſteine und das ſchwärzliche Waſſer in der Tiefe. Ein leiſes Huſten Jonathan's erweckte das Echo und hallte dumpf wieder.„Bald wird hier ein lauteres Echo ſchallen,“ dachte Jonathan. Ehe er dieſen Ort verließ, ſah er auf⸗ wärts und konnte eben nur das blaue Himmelsgewölbe und die bleichen Sterne unterſcheiden, welche durch ein eiſernes Gitter herabſchienen. 138 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Beim Zurückgehn nach dem Zimmer ließ Jonathan ab⸗ fichtlich die Thüre des Brunnenraumes offen. Dann öffnete er einen Schrank, nahm einige kalte Speiſen nebſt einer Flaſche Wein und Branntwein heraus, und fing gierig an, zu eſſen und zu trinken. Er war beinahe damit fertig, als er es unten klopfen hörte; er ging hinunter und fand ſeine beiden Janitſcharen vor der Thüre. Sie kamen beide un⸗ verrichteter Sache zurück. Da Jonathan kaum etwas Beſſe⸗ res erwartete, ſo ſagte er nichts, ſondern befahl Quilt, ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen und nicht eher wiederzukommen, bis er den Flüchtling gefunden hätte, wogegen er Abraham Mendez ins Haus ließ und mit hinauf nahm. „Ich brauche dich zu dem Stück Arbeit, wovon ich neulich mit dir ſprach, Nab,“ ſagte er.„Ich will Nie⸗ mand weiter, als dich dabei haben. Komme herauf und nimm ein Glas Branntwein.“ Abraham grinſte und folgte ſeinem Herrn, der ihm in ſeinem Zimmer ein Glas vollſchenkte. Der Jude leerte es auf einen Zug. „Bei meiner Seele!“ rief er mit den Lippen ſchmatzend⸗ „das iſt gut, ſehr gut.“ „Wenn die Arbeit gethan iſt, ſollſt du die Flaſche aus⸗ trinken,“ erwiederte Jonathan. „Was wird es ſein, Herr Wild?“ fragte Mendez. „Sir Rowland Trenchard's Geſchichte— wie?“ „So iſt es,“ verſetzte Jonathan,„ich erwarte ihn jede. Minute hier. Wenn du ihn hereingelaſſen haſt, ſo ſchleiche dich ins Zimmer, verſtecke dich, und rühre dich nicht, bis ich das Wort ſpreche:„Sie haben eine lange Reiſe vor ſich.“ Das iſt dein Stichwort.“ „Ein prächtiges Stichwort,“ lachte Abraham.„Er hat eine lange Reiſe vor ſich— ha! ha!“ Der Brunnenraum. 139 „Genug!“ rief Jonathan.„Da klopft er ſchon. Geh und laß ihn herein. Und hörſt du wohl,— daß du ihm keine Veranlaſſung zum Argwohn gibſt.“ „O— haben Sie keine Furcht,“ verſetzte Abraham, indem er die Fackel nahm und hinausging. Jonathan warf einen haſtigen Blick rings umher, um ſich zu überzeugen, daß Alles zu ſeinem Zwecke in Bereit⸗ ſchaft wäre, ſtellte einen Stuhl mit dem Rücken nach der Thüre, ſtellte die Lichter ſo, daß der Eingang mehr im Schatten läge, und warf ſich auf einen Sitz, um Sir Row⸗ land's Ankunft zu erwarten. Dieſer blieb nicht lange aus. In Mantel gehüllt, trat er gravitätiſch ein und nahm den für ihn beſtimmten Platz ein. Der Jude, welcher ein geheimes Zeichen von Jonathan empfing, ſtellte unterdeſſen die Fackel am Eingange in den Brunnenraum hin und verkroch ſich, nachdem er die Thüre verſchloſſen hatte, hinter einen der Schränke. In dem Glauben, daß ſie allein wären, warf Sir Row⸗ land Trenchard ſeinen Mantel ab und zog einen ſchweren Geldſack hervor, den er auf den Tiſch warf, und als Wild ſeine gierigen Augen hinlänglich an deſſen goldenem Inhalt geweidet hatte, händigte er ihm ein Taſchenbuch voll Bank⸗ noten ein. „Sie haben ſich wie ein Mann von Ehre benommen, Sir Rowland,“ ſagte Wild, nachdem er das Geld zweimal gezählt hatte.„Bis auf den Heller richtig.“ „Geben Sie mir eine Quittung,“ ſagte Trenchard. „Es iſt wohl keine nöthig,“ erwiederte Wild,„doch, wenn Sie es verlangen, warum nicht? Hier iſt ſie.„Von Sir Rowland Trenchard empfangen 15,000 Pfund. Den 31. Auguſt 1724. Jonathan Wild.“— Wird das genügen?“ „Vollkommen,“ erwiederte Trenchard.„Dies iſt unſer letztes Geſchäft.“ 1 140 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich hoffe nicht,“ verſetzte Wild. „Es iſt das letzte,“ entgegnete der Ritter mit Nachdruck; „und ich wünſche, daß wir uns nie wieder begegnen. Ich habe Ihnen dieſe bedeutende Summe ausgezahlt,— nicht weil Sie darauf Anſpruch haben, denn Sie haben das Ver⸗ ſprochene nicht geleiſtet, ſondern weil ich nicht weiter von Ihnen beläſtigt werden will. Ich habe meine Angelegen⸗ heiten jetzt geordnet und alle Vorbereitungen zur Abreiſe nach Frankreich getroffen, wo ich dem Ende meiner Tage entgegenſehn werde. Und ich habe es ſo eingerichtet, daß meinem Neffen nach meinem Tode, wenn auch ſpät, doch endlich Gerechtigkeit werden ſoll.“ „Ich hoffe, Sie haben keine ſolche Anſtalten getroffen, die mich in Unannehmlichkeiten verwickeln werden, Sir Row⸗ land?“ fragte Wild haſtig. „So lange ich lebe, ſind Sie ſicher,“ verſetzte Tren⸗ chard;„nach meinem Tode kann ich für nichts bürgen.“ „Teufel!“ rief Wild unruhig.„Dies ändert die Sache bedeutend. Wann haben Sie zuletzt gebeichtet, Sir Row⸗ land?“ fügte er plötzlich hinzu. „Weßhalb fragen Sie?“ verſetzte dieſer hochmüthig. „Weil,— weil ich einem Prieſter immer mißtraue,“ antwortete Jonathan. „Ich bin ſo eben bei einem geweſen,“ ſagte Trenchard. „Deſto ſchlimmer,“ entgegnete Jonathan, aufſtehend und einmal auf⸗ und abgehend, als wüßte er nicht, was er thun ſollte. „Deſto beſſer,“ verſetzte Sir Rowland.„Wer, wie ich, am Rande des Grabes ſteht, ſollte nie unvorbereitet ſein.“ „Sie ſind ungewöhnlich abergläubiſch, Sir Rowland,“ ſagte Jonathan, ſtillſtehend und ihn ſcharf anblickend. „Wäre ich es, ſo befände ich mich jetzt nicht hier,“ entgegnete Trenchard. Der Brunnenraum. 141 „Wie ſo?“ fragte Wild neugierig. „Ich hatte in der vergangenen Nacht einen furchtbaren Traum. Mir däuchte, meine Schweſter und ihr ermordeter Mann ſchleppten mich hierher in eben dieſes Zimmer, und trugen Ihnen auf, mich umzubringen.“ „Allerdings ein furchtbarer Traum,“ ſagte Jonathan nachdrücklich.„Aber Sie müſſen ſich ſolcher düſtern Gedan⸗ ken nicht hingeben. Ich würde Ihnen ein Glas Wein em⸗ pfehlen.“ „Meine Buße verbietet es mir,“ ſagte Trenchard.„Ich kann nicht lange hier bleiben.“ „Du wirſt länger bleiben, als du denkſt,“ murmelte Wild. „Ehe ich mich entferne,“ fuhr Sir Rowland fort,„muß ich Sie bitten, mir Alles zu ſagen, was Sie in Betreff der Abſtammung Thames Darrell's wiſſen.“ „Sehr gern,“ erwiederte Wild.„Da ich vermuthete, daß Ihnen Auskunft hierüber wünſchenswerth ſein würde, ſo habe ich mich darauf vorbereitet. Zuerſt betrachten Sie die⸗ ſen Handſchuh. Er gehörte ſeinem Vater, und dieſer trug ihn in der Nacht ſeiner Ermordung. Sie werden bemerken, daß eine Adelskrone darauf geſtickt iſt.“ „Ha!“ rief Trenchard zuſammenfahrend,„war er von ſo hoher Geburt?“ „Dieſer Brief wird es Ihnen ſagen,“ erwiederte Wild und gab ihm das Dokument. „Was iſt dies?“ rief Sir Rowland.„Ich kenne dieſe Hand— ha! mein Freund! und ihn habe ich gemordet! Und meine Schweſter war ſo adelig, ſo glänzend vermählt. O Gott! O Gott!“ Seine Seelenqual ſchien ihn zu überwältigen. „O, hätte ich dies gewußt,“ rief er, 6 Gewiſ⸗ ſensbiſſe wären mir erſpart worden!“ 142 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Reue kommt zu ſpät nach geſchehener That,“ entgeg⸗ nete Wild bitter. „Es iſt noch nicht zu ſpät, das Unrecht wieder gut zu machen, das ich meinem Neffen gethan habe,“ rief Trenchard. „Ich will es nicht aufſchieben. Er ſoll das Vermögen ha⸗ ben. Ich will gleich nach Mancheſter zurück.“ „Sie thäten gut, einige Erfriſchungen zu ſich zu neh⸗ men, ehe Sie abreiſen,“ entgegnete Wild.„Sie haben eine lange Reiſe vor ſich.“ So wie dies Zeichen gegeben ward, ſprang der Jude, der ſchon einige Zeit. darauf gewartet hatte, gewandt und geräuſchlos hinter Sir Rowland und warf ihm ein Tuch über den Kopf, während Jonathan von vorn auf ihn zu ſtürzte und ihm mehrere raſche, heftige Schläge mit dem Knotenſtocke ins Geſicht gab. Das weiße Tuch färbte ſich ſogleich purpurroth, jedoch Jonathan ſetzte, ohne darauf zu achten, ſeinen mörderiſchen Angriff fort. Der Widerſtand des Verwundeten war verzweiflungsvoll,— ſo verzweiflungs⸗ voll, daß er in ſeiner Todesangſt den Tiſch umſtieß und in der Verwirrung das Tuch abriß, und ſein furchtbar entſtell⸗ tes, blutſtrömendes Geſicht enthüllte. Dieſer Anblick war ſo grauſenvoll, daß ſelbſt die Mörder, ſo vertraut ſie mit Blut⸗ ſeenen waren, entſetzt davor zurückbebten. Während dieſer furchtbaren Stille fühlte der Unglück⸗ liche nach ſeinem Schwert. Der Jude hatte es ihm aus der Scheide gezogen. Er ächzte, aber ſprach kein Wort. „Mach ein Ende mit ihm!“ ſchrie Jonathan. Sir Rowland, der ſich vertheidigungslos ſah, wiſchte ſich das Blut von den Augen und ſuchte zu entfliehn. Er entdeckte die offene Thüre, welche nach dem Brunnenraum führte, und ſprang ſogleich hinaus. „Ganz nach Wunſch!“ rief Jonathan.„Bringe das Licht, Nab.“ aMe———— Der Brunnenraum. 143 Der Jude ergriff die Fackel und folgte ihm. Jetzt entſtand das fürchterlichſte Handgemenge. Der Verwundete war über die Brücke geeilt und hatte ſich gegen die jenſeitige Thüre geworfen, aber da er ſie nicht aufſtoßen konnte, ſo wandte er ſich ſeinen Verfolgern entgegen. Jo⸗ nathan führte einen Schlag nach ihm, der den Kampf ſo⸗ gleich beendigt haben müßte, wenn er getroffen hätte; aber jener wich ihm aus und warf ſich auf den Diebsfänger. So feſt die Brücke gebaut war, ſo kreiſchte ſie unter ihren widerſtrebenden Kraftanſtrengungen dermaßen, daß Abraham ſich nicht über die Thüre hinaus wagen durfte, wo er mit der Fackel in der Hand, ein entſetzter Zuſchauer dieſes Auf⸗ tritts, ſtand. Indeſſen der Kampf war, wenn auch furcht⸗ bar, doch kurz. Jonathan machte ſeinen rechten Arm frei und gab ſeinem Opfer mit dem Knotenſtocke einen gewal⸗ tigen Schlag auf den Kopf, der ihm den Schädel ſpaltete, und warf ihn dann mit Aufbieten ſeiner ganzen Kraft über das Gitter, an das er ſich mit der Hartnäckigkeit der Ver⸗ zweiflung feſtklammerte. „Schonen Sie mich!“ ächzte er hinaufblickend.„Scho⸗ nen Sie mich!“ Jonathan jedoch ſuchte, anſtatt ihm zu antworten, nach ſeinem Meſſer, um ihm die Hände abzuſchneiden. Aber da er es nicht fand, ſo gebrauchte er wieder ſeinen Knotenſtock und begann ſo lange auf die Hand am obern Geländer zu ſchlagen, bis er die Finger zerſchmetterte und ihn loszulaſſen zwang. Dann hieb er auf die Hand am unteren Geländer, bis auch dieſe ablaſſen mußte. Dann ſtürzte Sir Rowland hinab. Ein dumpfer Schall, der ſich wieder an den Wänden brach, verkündete ſeinen Fall in das Waſſer. „Gib mir die Fackel,“ rief Jonathan. Er hielt das Licht hinunter und bemerkte, daß der Ver⸗ X 144 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. wundete wieder an die Oberfläche gekommen war und an den ſchlüpfrigen Seiten des Brunnens hinaufzuklettern verſuchte. „Schießen Sie! Schießen Sie!“ rief der Jude.„Ma⸗ chen Sie ſeinem Leiden ein Ende.“ „Wozu einen Schuß verſchwenden?“ verſetzte Jonathan roh.„Er kann ja nicht heraus.“ Nach vielen vergeblichen Verſuchen, ſich über Waſſer zu halten, ſank Sir Rowland unter, und ſein Aechzen, das immer matter und matter geworden war, hörte endlich ganz auf. „Alles vorbei,“ murmelnde Jonathan. „Wollen wir in das andre Zimmer zurückgehn?“ fragte der Jude.„Wir können da freier athmen. O Gott! die Thüre iſt zu. Sie muß während des Kampfs zugefallen ſein.“ „Zu!“ rief Wild.„Dann ſind wir gefangen. Die Feder kann von dieſer Seite nicht geöffnet werden.“ „Da iſt die andre Thüre!“ rief Mendez angſtvoll. „Sie geht blos nach dem Dachgitter,“ erwiederte Wild. „Dort iſt kein Ausgang.“ „Können wir nicht Hülfe rufen?“ „Und wer wird uns finden, wenn wir es thun?“ ver⸗ ſetzte Wild wüthend.„Aber ſie werden die Beweiſe des Mordes im andern Zimmer finden,— den umgeſtürzten Tiſch,— das blutige Tuch,— das Schwert des Todten,— das Geld,— und meine Quittung, die ich vergeſſen habe wegzulegen. Hölle und Teufel! Daß ich mich bei aller Vorſicht ſo fangen laſſen muß. Es iſt ganz allein deine Schuld, du zitternde Memme! und wüßte ich nicht gewiß, daß du für deine Nachläſſigkeit am Galgen baumeln wirſt, ſo würde ich dich auch in den Brunnen hinabwerfen.“ Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 145 Dreizehntes Kapitel. Das Abendeſſen bei Herr Kneebone. In der Ueberzeugung, daß Jack Sheppard ſeine Zu⸗ ſage an Herrn Kneebone halten würde, und in der Gewiß⸗ heit, ihn in dieſem Falle feſtzunehmen, eilte Shotbolt, als er Newgate verlaſſen hatte, nach dem neuen Gefängniß, um ſich zu dieſem Unternehmen vorzubereiten. Nach einiger Ueberlegung, ob er einen Gehülfen dazu nehmen oder allein den Verſuch machen ſollte, behielt ſeine Gewinnſucht die Oberhand über ſeine Furcht, und er entſchloß ſich zum letz⸗ teren. Als er ſich daher mit verſchiedenen Waffen verſehn hatte, unter andern auch mit einem ſtarken Eiſenſtocke, wie die Wache ihn damals gewöhnlich zu tragen pflegte, und überdies für den Nothfall einen Strick und Knebel einge⸗ ſteckt hatte, machte er ſich gegen zehn Uhr auf den Weg. Ehe er nach der Wychſtraße ging, ſprach er noch ein⸗ mal in Newgate vor, um zu ſehn, wie die Sachen ſtänden, und fand Miſtreß Spurling und Herrn Auſtin beim Abend⸗ eſſen, wobei ihnen Caliban aufwartete. „Na, Herr Shotbolt,“ rief der Schließer,„ich habe gute Nachrichten für Sie. Herr Wild hat ſein Verſprechen verdoppelt und der Oberaufſeher hat auch eine Belohnung von hundert Guineen für Jack's Gefangennehmung ausgeſetzt.“ „Was ſagen Sie?“ rief Shotbolt. „Da, leſen Sie,“ entgegnete Auſtin auf den Anſchlag⸗ zettel zeigend.„Ich muß Ihnen aber ſagen, daß Herrn Wild's Belohnung nur für den Fall gilt, daß Jack vor morgen früh eingefangen wird. Es iſt alſo wohl wenig Hoffnung, daß Jemand ſie erhält.“ „Meinen Sie?“ kicherte Shotbolt, der gierig den Zettel durchlas und ſich wegen ſeiner Vorſicht glückwünſchte;„mei⸗ Ainsworth, Jack Sheppard. I. 10 146 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. nen Sie?— ha! ha! Na, gehn Sie nicht zu Bett. Weiter will ich nichts ſagen.“ „Warum?“ fragte der Schließer. „Weil die Ankunft des Gefangenen Sie ſtören könnte — ha! ha!“ „Ich wette zwanzig Guineen, daß Sie ihn dieſe Nacht nicht fangen,“ verſetzte Auſtin. „Topp!“ rief Shotbolt.„Miſtreß Spurling, Sie ha⸗ ben es gehört. Zwanzig Guineen, vergeſſen Sie es nicht. Ich laſſe Ihnen keinen Pfennig ab. Wahrhaftig! Ich werde ein gutes Geſchäft dabei machen.“ „Zählen Sie Ihre Hühner nicht eher, als bis ſie aus⸗ geheckt find,“ ſagte Miſtreß Spurling trocken. „Meine Hühner ſind ausgeheckt, oder wenigſtens nahe daran,“ erwiederte Shotbolt immer aufgeräumter.„Halten Sie Ihre ſchwerſten Eiſen bereit, Auſtin. Ich werde Ihnen Nachricht ſchicken, wenn ich ihn fange.“ „Schicken Sie ihn lieber ſelbſt,“ ſpottete der Schließer. „Das werde ich thun,“ verſetzte Shotbolt,„das werde ich thun. Geſchieht es nicht, ſo ſollen Sie mich anſtatt ſei⸗ ner in die Verurtheiltenzelle ſperren. Für jetzt, guten Abend — hal ha!“ Und unter lautem Gelächter über ſeine eigene Spaßhaftigkeit verließ er das Gefängniß. „Ich wette meinen Kopf, daß er zu Herrn, Kneebone auf die Wildegänſejagd gegangen iſt,“ meinte Auſtin, in⸗ dem er aufſtand, um die Thüre zu verſchließen. „Es ſollte mich nicht wundern,“ erwiederte Miſtreß Spurling, als wenn ihr plötzlich etwas einſiele. Und wäh⸗ rend der Schließer mit den Schlüſſeln beſchäftigt war, flü⸗ ſterte ſie dem Neger zu:„Folge ihm, Caliban. Aber ſieh dich vor, daß er dich nicht bemerkt,— und ſage mir Be⸗ ſcheid, wohin er geht und was er thut.“ „Ja, Miſſis,“ grinſte der Neger. Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 147 „Sein Sie ſo gut und laſſen Sie Caliban heraus, Herr Auſtin,“ fuhr die Schenkwirthin fort;„er hat noch einen Gang zu gehn.“ Auſtin war gern dazu bereit. Indem er nach dem Tiſche zurückkehrte, legte er den Finger an die Naſe, und wenn er auch nichts ſagte, ſo dachte er doch, daß er bei Weitem die meiſte Ausſicht hätte, die Wette zu gewinnen. Ohne zu bemerken, daß ſeine Schritte belauſcht wurden, eilte Shotbolt unterdeſſen nach der Wychſtraße. Unterwegs miethete er einen Tragſeſſel mit einem Paar handfeſter Trä⸗ ger, und befahl ihnen, ihm zu folgen. Als ſie nicht mehr weit von ihrem Beſtimmungsort waren, ließ er Halt ma⸗ chen und zeigte nach einem dunkeln Winkel, dem Hauſe des Tuchhändlers faſt gegenüber, wo er die Seſſelträger warten hieß, bis ſie gerufen würden.“ „Ich bin ein Polizeibeamter,“ ſagte er,„und will eben einen berüchtigten Verbrecher verhaften. Er wird aus dieſer Thür kommen und wird ſich vielleicht etwas ſträuben! Aber Ihr müßt ihn ſo ſchnell als möglich in den Seſſel ſtecken und eiligſt nach Newgate tragen.“ „Und was kriegen wir für unſre Mühe, Eu'r Gnaden?“ fragte der vorderſte Träger, der, wie die meiſten ſeiner Be⸗ rufsgenoſſen, ein Irländer war. „Fünf Guineen. Ich gebe Euch ein Paar auf die Hand.“ „Meiner Seele, dann ſollen Sie mit uns zufrieden ſein,“ rief Jener.„Haben wir'n erſt drin, Eu'r Gnaden, ſo ſteh' ich dafür, er ſoll nicht ſo leicht wieder raus kommen, wie Jack Sheppard aus dem neuen Gefängniß.“ „Halt's Maul, Schlingel,“ verſetzte Shotbolt, dem dieſer Vergleich nicht ſonderlich gefiel,„und gebt wohl Acht, was ich Euch ſage. Ha! was iſt das?“ rief er, als Jemand eilig an ihm vorbeiſtreifte.„Hätte ich ihn nicht eben ver⸗ 148 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. laſſen, ſo möchte ich ſchwören, daß es Miſtreß Spurling ihr ſchwarzer Satan, Caliban, war.“ Als Shotbolt die Seſſelträger hinter dem Winkel ver⸗ ſteckt hatte, begab er ſich nach Herrn Kneebone's Behauſung, deren Fenſterläden zugemacht waren, und klopfte an die Thüre. Sie ward ſogleich von einem Ladenjungen geöffnet. „Iſt dein Herr zu Hauſe?“ fragte der Schließer. „Ja, Sir,“ erwiederte eine ſtattliche Perſon in einem glänzenden gelben, mit kirſchfarbiger Seide gefütterten Bro⸗ katſchlafrock, und mit einer karmviſinſammtnen Kappe mit goldener Puſchel auf dem Kopf.„Ich heiße Kneebone,“ ſagte er hinzutretend.„Was wünſchen Sie von mir?“ „Ich möchte ein Wort mit Ihnen allein ſprechen,“ er⸗ wiederte Jener. „Geh', Tom,“ befahl Kneebone.„Nun, Sir,“ fuhr er mit argwöhniſchem Blick auf ſeinen Gaſt fort,„was iſt Ihnen gefällig?“ „Ich wollte Sie benachrichtigen, daß Jack Sheppard entwiſcht iſt, Herr Kneebone,“ antwortete Shotbolt. „Den Teufel auch! Es find ja noch keine vier Stun⸗ den, daß ich ihn in der feſteſten Zelle von Newgate mit einem halben Centner Eiſen angeſchloſſen ſah. Irren Sie fich auch nicht, Sir?“ „Ich war in dem Augenblick grade in Newgate,“ ent⸗ gegnete der Schließer. „Dann müſſen Sie es freilich wiſſen. Es iſt aber doch kaum zu glauben. Als ich ihn zum Abendeſſen einlud, fiel es mir nicht im Entfernteſten ein, daß er es annehmen würde. Aber bei meiner Seele! ich glaube, er wird es!“ „Ich bin davon überzeugt,“ erwiederte Shotbolt,„und grade deßhalb bin ich hergekommen.“ Und nun begann er dem Tuchhändler ſein Vorhaben auseinanderzuſetzen. „Gut, Sir,“ ſagte Kneebone, als Jener zu Ende war, ——— Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 149 „ich will mich ſeiner Verhaftung allerdings nicht widerſetzen, aber ich will Ihnen auch keine Hülfe leiſten. Wann er ſein Wort hält, ſo will ich auch das meinige halten. Sie müſſen warten, bis das Abendeſſen vorüber iſt.“ „Wie Sie wollen, Sir,— wenn Sie ihn nur nicht entwiſchen laſſen.“ „Das verſpreche ich Ihnen, nicht zu thun. Ich habe noch andte Gründe zu vermuthen, daß er mir einen Beſuch machen wird. Ich habe mich geweigert, eine Bittſchrift zu ſeinen Gunſten an den Miniſter zu unterzeichnen; nicht aus böſem Willen gegen ihn, ſondern weil ſie von einer Perſon ausging, die mir beſonders zuwider iſt,— dem Hauptmann Darrell.“ „Ein ſehr genügender Grund,“ erwiederte der Schließer. „Tom!“ rief der Tuchhändler ſeinem Ladenjungen zu, „geh nicht fort. Ich habe dich vielleicht noch nöthig. Zünde die Laterne an. Und wenn du irgend ein ungewöhnliches Ge⸗ räuſch im Wohnzimmer hörſt, ſo kümmere dich nicht darum.“ „Nein, Sir,“ erwiederte Tom mit ſchläfrigem Tone und einem Blicke, der zu ſagen ſchien, als wäre er viel zu ſehr an ungewöhnliche Geräuſche bei Nacht gewöhnt, um darauf zu achten. „Nun, treten Sie näher, Herr Wie⸗heißen⸗Sie⸗doch?“ „Shotbolt, Sir,“ antwortete der Schließer. „Sehr gut, Herr Schattenholt; folgen Sie mir.“ Und er führte ihn in ein Hinterzimmer, in deſſen Mitte ein ge⸗ deckter Tiſch ſtand. „Ich glaube, Jack Sheppard kennt die Hausgelegenheit hier, Sir,“ bemerkte Shotbolt. „Jeden Winkel,“ entgegnete der Tuchhändler.„Es kann auch wohl nicht anders ſein, da er hier bei Herrn Wood ſeine Lehrlingszeit beſtanden hat, als dieſer noch im Hauſe wohnte. Oben iſt ſein Name in einen Balken geſchnitzt.“ „ 150 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „So!“ erwiederte Shotbolt.„Wo kann ich mich ver⸗ ſtecken?“ fuhr er fort, indem er ſich im Zimmer umſah. „Unter dem Tiſch. Das Tuch geht faſt bis auf die Erde herab. Geben Sie mir Ihren Stock. Er wird Ihnen im Wege ſein.“ „Geſetzt, er bringt Blauhaut oder einen andern Kerl mit,“ zauderte der Schließer. „Laſſen Sie ihn doch. In dem Fall will ich Ihnen helfen. Wir werden dann gleich ſtark ſein. Sie fürchten ſich doch nicht, Herr Schotenpahl.“ „O, Gott bewahre,“ erwiederte Shotbolt, unter den Tiſch kriechend;„da iſt mein Stock. Kann man mich noch ſehn?“ „Ein Bischen;— ziehen Sie die Beine ein. Rühren Sie ſich ja nicht eher, als bis das Abendeſſen zu Ende iſt. Ich werde zweimal aufſtampfen, wenn wir fertig ſind.“ „Ich vergaß zu erwähnen, daß eine kleine Belohnung auf ſeine Verhaftung geſetzt iſt,“ rief Shotbolt, den Kopf unter dem Tuch hervorſteckend.„Wenn wir ihn fangen, ſo will ich Ihnen gerne einen Theil abgeben,— ein Viertel, wollen wir ſagen,— vorausgeſetzt, daß Sie mir behulf⸗ lich ſind.“ „Hol' der Teufel Ihre Belohnung!“ rief Kneebone zornig.„Halten Sie mich für einen Spitzbubenfänger, wie Jonathan Wild, daß Sie ſich ein ſolches Anerbieten gegen mich herausnehmen?“ „Nehmen Sie's ja nicht übel, Sir,“ verſetzte der Schließer demüthig.„Ich habe keinen Augenblick vermuthet, daß Sie es annehmen würden, aber ich hielt es für Recht, es Ihnen wenigſtens anzubieten.“ „Still, und verſtecken Sie ſich. Ich will das Abend⸗ eſſen auftragen laſſen.“ Der Tuchhändler zog an der Klingel, und es trat ein Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 151 ſehr hübſches, junges Frauenzimmer ein, mit dunkelm jüdi⸗ ſchen Geſicht, ſchelmiſchen ſchwarzen Augen, weichem glän⸗ zenden Haar und ſehr ſchlankem Wuchs; kurz, das Muſter einer Wirthſchafterin für einen Junggeſellen. „Rahel,“ ſagte Herr Kneebone zu ſeiner netten Die⸗ nerin;„ſetze noch einige Teller auf und bringe alles, was in der Speiſekammer vorhanden iſt. Ich erwarte Geſellſchaft.“ „Geſellſchaft!“ rief Rahel;„ſo ſpät in der Nacht?“ „Freilich, mein Kind,“ verſetzte Kneebone.„Ich muß auch ein Paar Flaſchen Sekt haben, und eine Flaſche Us⸗ quebaugh.“ „Sonſt noch etwas, Sir?“ „Nein;— doch halt, bringe die ſilbernen Gabeln und Löffeln lieber nicht herauf.“ „Nun, Sie denken doch nicht, daß Ihre Gäſte ſie ſteh⸗ len werden?“ meinte Rahel ſchalkhaft. „Ich will Ihnen keine Gelegenheit dazu geben,“ erwie⸗ derte Kneebone. Und um die Vertraulichkeit ſeiner Haus⸗ hälterin im Zaum zu halten, zeigte er bedeutungsvoll nach dem Tiſch. „Iſt Jemand da?“ rief Rahel.„Ich will es ſehn.“ Und ehe er ſie daran verhindern konnte, hob ſie das Tuch auf und erblickte Shotbolt.„O Jemine!“ ſchrie ſie.„Ein Mann.“ „Wie Sie ſehn, mein Herz,“ erwiederte der Schließer. „Jetzt da du deinen Willen gehabt haſt, mein Kind,“ fuhr Kneebone fort,„wirſt du vielleicht meine Befehle voll⸗ ziehn.“ In nicht geringer Verwirrung über den geheimnißvollen Gegenſtand, den ſie geſehn hatte, verließ Rahel das Zim⸗ mer und kam bald mit den Erforderniſſen eines recht guten Abendeſſens wieder, nämlich, einem Paar kälter Hühner, einer Zunge, einem großen Stück Rinderbraten, einem Krug 152 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. voll Eingemachtem und zwei Tellern mit Paſtetenwerk. Dazu brachte ſie den Wein und Branntwein, wie ihr befohlen war, und als alles auf dem Tiſche ſtand, ſah ſie neugierig ihren Herrn an. „Ich erwarte einen ganz beſondern Gaſt dieſen Abend, Rahel,“ fing dieſer an. „Den Herrn unter dem Tiſch,“ antwortete ſie.„Es ſcheint freilich ein ganz beſonderer Gaſt zu ſein.“ „Nein, einen viel beſonderern.“ „O!— wer iſt es denn?“ „Jack Sheppard.“ „Wie! den berühmten Einbrecher. Ich dachte, er wäre in Newgate.“ „Sie haben ihn auf ein Paar Stunden herausgelaſſen,“ lachte Kneebone;„aber nach Tiſch geht er wieder hin.“ „O, wie freue ich mich darauf, ihn zu ſehn. Ich habe gehört, daß er ſehr hübſch iſt.“ „Es thut mir leid, daß ich es dir nicht erlauben kann,“ entgegnete ihr Herr etwas gereizt.„Ich brauche weiter nichts. Du kannſt zu Bette gehn.“ „Was hilft es, wenn ich zu Bette gehe,“ antwortete Rahel.„Ich kann doch nicht ſchlafen, ſo lange Jack Shep⸗ pard im Hauſe iſt.“ „So bleibe auf jeden Fall auf dem Zimmer,“ verſetzte Kneebone. „Ja wohl,“ fagte Rahel, indem ſie ihr hubſches Köpf⸗ chen warf,„ja wohl. Sehn muß ich ihn, und ſollte ich. dafür ſterben,“ murmelte ſie im Hinausgehn. Herr Kneebone ſetzte ſich jetzt nieder, um die Ankunft ſeines vermutheten Gaſtes zu erwarten. Eine halbe Stunde verging, ohne daß Jack ſich zeigte. Der Tuchhändler ſah nach der Uhr. Es war eilf. Es verging wieder eine ge⸗ raume Zeit. Die Uhr ward noch einmal zu Rathe gezogen. Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 153 Sie zeigte ein Viertel nach Zwölf. Herr Kneebone, der ſchläfrig zu werden begann, zog ſie auf und putzte die Lichter. „Ich glaube, unſer Freund hat ſich die Sache überlegt und kommt nicht,“ ſagte er. „Haben Sie nur ein wenig Geduld, Sir,“ verſetzte der Gefängnißwärter. „Wie geht's Ihnen da unten, Schotenpahl?“ fragte Kneebone.„Ein Bischen eng,— nicht?“ „Eigentlich wohl, Sir,“ antwortete Dieſer, indem er ſeine Lage änderte.„Ich werde mich bald recken können— ha! ha!“ „Still!“ rief Kneebone.„Ich höre Geräuſch draußen. Er kommt.“ Kaum war die Warnung ausgeſprochen, ſo öffnete ſich die Thüre und Jack Sheppard trat ein. Er war in einen Rocquelaur gehüllt, den er an der Thüre abwarf. Wir ha⸗ ben ſchon einmal angedeutet, daß Jack eine große Neigung zum Putz hatte, und wir hätten hinzufügen können, daß er den größten Theil ſeiner übel erworbenen Einnahmen auf die Ausſchmückung ſeiner Perſon verwendete. Bei dieſer Gele⸗ genheit ſchien er ſeiner Toilette mit ungewöhnlicher Sorgfalt obgelegen zu haben. Sein Anzug war überaus koſtbar und von der Art, wie ihn nur die vornehmſten Perſonen zu tra⸗ gen pflegten. Er beſtand aus einem Gallarock von braunem geblümtem Sammt und mit Silber beſetzt, einer ebenfalls reich geſtickten weißen Atlasweſte, Schuhen mit rothen Ab⸗ ſätzen und großen Diamantſchnallen, perlfarbenen Seiden⸗ ſtrümpfen mit goldenen Zwickeln, einem Muslinhalstuch oder Steinkirch, wie es dazumal hieß, mit den feinſten Spitzen beſetzt, Manſchetten von demſelben Stoff, und ſo groß, daß ſie faſt ſeine Fingerſpitzen verbargen, und einem Degen mit filbernem Griff. Dies Koſtüm, zwar etwas verſchwende⸗ riſch, ſetzte ſeine ſchlanke, wohlgebaute Geſtalt in das vor⸗ 154 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. theilhafteſte Licht. Das einzige, worin er von der herrſchen⸗ den Mode abwich, war die Perrücke,— eine Bedeckung, die er ſich nie zu tragen entſchließen konnte. Statt deſſen blieb er bei ſeinem ſchwarzen kurzgeſtutzten Haar, das ſein ganzes Leben lang ein auffallendes Kennzeichen an ihm blieb. Seit der Entdeckung ſeiner Verwandtſchaft mit der Trenchard'ſchen Familie hatte eine ſtarke Veränderung in Jack's Mienen und Benehmen ſtattgefunden, welches ſich ſo verbeſſert und ver⸗ feinert hatte, daß man in ihm faſt nicht denſelben Menſchen wiederkannte. Kneebone, der ihn nur in der Dunkelheit eines Gefängniſſes und mit Feſſeln beladen geſehn hatte, hatte dieſe Veränderung nicht bemerkt; doch jetzt ſiel ſie ihm ſtark auf. Er ging auf ihn zu und machte ihm eine ſteife Ver⸗ beugung, die er kalt erwiederte. „Ich wurde erwartet, wie ich ſehe,“ äußerte Jack auf die wohlbeſetzte Tafel blickend. „Gewiß,“ antwortete Kneebone.„Als ich von Ihrer Flucht hörte, war ich gewiß, daß Sie mich beſuchen würden.“ „Sie haben recht gedacht,“ verſetzte Jack;„ich habe noch nie ein Verſprechen gebrochen, weder gegen Freund noch Feind, und werde es auch nie.“ „Ein kühner Entſchluß,“ ſagte der Tuchhändler.„Es muß Ihnen diesmal viel Mühe gekoſtet haben, Ihre Zuſage zu erfüllen. Dies hätten Ihnen nur wenige nachgemacht.“ „Ich glaube es wohl,“ erwiederte Jack.„Wenn es nöthig geweſen wäre, hätte ich noch mehr gethan.“ „Nun, ſetzen Sie ſich,“ verſetzte Kneebone.„Ich habe mit dem Abendeſſen gewartet, wie Sie ſehn.“ „Laſſen Sie mich erſt noch einige Freunde einführen,“ entgegnete Jack nach der Thüre gehend. „Freunde!“ rief Kneebone mit verlegenem Blick.„Auf die habe ich nicht gerechnet.“ Jedoch ſeine Einreden wurden durch n plötzlichen Ein⸗ S Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 155 tritt von Miſtreß Maggot und Edgeworth Beß unterbrochen. Ihnen folgte Blauhaut in einen großen Flausrock gehüllt. Er ſtellte ſich mit untergeſchlagenen Armen an die Thüre und fing laut an zu lachen. Die Damen waren wie ge⸗ wöhnlich ſehr geputzt, und hatten, ebenfalls wie gewöhn⸗ lich, zu künſtlichen Mitteln gegriffen, um ihre Reize zu erhöhen:— „Schönfleckchen legten ſie ſich auf's Geſicht, Vergaßen auch dabei der Schminke nicht.“ Edgeworth Beß trug ein Negligee von gewäſſertem Scharlach, eine Art Ueberwurf, wie er damals ſtark in der Mode war und der ihr zum bewundern gut ſtand, und zum Kopfputz hatte ſie eine ſogenannte Flügelhaube mit reichen kantenbeſetzten Seitenſtücken gewählt. Miſtreß Maggot war mit einem hellblauen, mit Silber eingefaßten Reitanzuge, einem Jagdhut und einer Flachsperrücke bekleidet, und an⸗ ſtatt der Peitſche trug ſie einen derben Knotenſtock. Kneebone hatte einen Augenblick gezweifelt, ob er Shotbolt nicht lieber gleich das Zeichen geben ſollte, aber in Erwartung einer günſtigern Gelegenheit, beſchloß er, die Sachen nicht durch Uebereilung zu verderben. Er lud die Damen und Jack zum Sitzen ein und begann die verſchie⸗ denen Gerichte vorzulegen und die ſonſtigen Pflichten eines Wirths zu erfüllen. Blauhaut, der ſich ganz unbeachtet ſah, huſtete unterdeſſen laut und wiederholt. Aber als alle dieſe Winke nichts helfen wollten, marſchirte er endlich auf den Tiſch zu und zog ſich einen Stuhl heran. „Mit Erlaubniß,“ ſagte er, und ſpießte ſeine Gabel in ein Huhn, das er auf ſeinen Teller hinüberholte.„Dieſe Zunge ſieht außerordentlich appetitlich aus,“ fuhr er fort, indem er ſich ein ungeheures Stück abſchnitt,„mit Erlaub⸗ niß— ho! ho!“ 156 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Sie thun, als wären Sie zu Hauſe, wie ich ſehe,“ ſagte Kneebone mit unausſprechlichem Widerwillen. „Das iſt ſo meine Gewohnheit,“ entgegnete Blauhaut und ſchenkte ſich ein Glas Sekt ein.„Auf Ihre Geſund⸗ heit, Kneebone.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen ein Glas Usquebaugh an⸗ zubieten, meine Werthe,“ wandte Kneebone ſich an Edge⸗ worth Beß, wobei er ſie ſo unverſchämt anſtarrte, daß ſelbſt dieſe eben nicht ſehr zarte Dame erröthete. „Sehr gern, Sir,“ erwiederte Edgeworth Beß.„Mei⸗ ner Augen! welch einen ſchönen Ring Sie da haben,“ fügte ſie hinzu, indem ſie dem verliebten Tuchhändler Beſcheid that. „Finden Sie?“ entgegnete Kneebone, ihn abziehend und an ihren Finger ſteckend, bei welcher Gelegenheit er ihr die Hand küßte;„tragen Sie ihn zu meinem Andenken.“ „Ach! Sie ſind ſehr gütig!“ ſchmunzelte Edgeworth Beß und verſuchte ihre Verlegenheit dadurch zu verbergen, daß ſie auf ihren Teller herabſah. „Sie eſſen nicht,“ ſagte Kneebone zu Jack, der eine Zeit lang gedankenvoll, den Kopf in die Hand geſtützt, da⸗ geſeſſen hatte. „Der Hauptmann hat ſelten Appetit,“ erwiederte Blau⸗ haut, der das Huhn verzehrt hatte und ſich zu einem Angriff auf den Rinderbraten anſchickte.„Ich eſſe für uns beide.“ „So ſcheint es,“ entgegnete der Tuchhändler;„und für alle andern ebenfalls.“ „Hören Sie, Kneebone,“ verſetzte Blauhaut, indem er. einen ungeheuren Mundvoll mit einem zweiten Glaſe hin⸗ unterſpülte;„erinnern Sie ſich wohl, wie Herr Wild und ich Sie vor ungefähr neun Jahren in eben dieſem Zimmer faſt geknebelt hätten?“ „Gewiß,“ erwiederte Kneebone;„und jetzt,“ fügte er Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 157 hinzu,„hat ſich das Blatt gewendet. Ich bin nahe daran, dich zu knebeln.“ „Seit der Zeit iſt vielerlei vorgefallen, wie, Haupt⸗ mann?“ ſagte Blauhaut, indem er Jack in die Seite ſtieß. „Vieles, das ich gern vergeſſen möchte. Nichts, an das ich gern zurückdenke,“ antwortete Sheppard ernſt.„An dem Abend,— in dieſem Zimmer,— in deiner Gegenwart, Blauhaut,— in der Ihrigen, Herr Kneebone, gab Miſtreß Wood mir einen Schlag, der mich zum Dieb gemacht hat.“ „Sie hat ihn theuer bezahlen müſſen,“ murmelte Blauhaut. „Das hat ſie,“ verſetzte Sheppard.„Aber ich wollte, ihre Hand hätte ſo ſchwer getroffen, wie deine. An dieſem Abend,— dieſem verhängnißvollen Abend,— vernichtete Winifred alle Hoffnungen, die in meinem Herzen aufkeim⸗ ten. An dieſem Abend übergab ich mich an Jonathan Wild und ward— was ich jetzt bin.“ „An demſelben Abend ſahſt du mich zum erſten Mal, mein Herz,“ ſagte Edgeworth Beß und verſuchte ſeine Hand zu ergreifen, die er kalt zurückzog. „Und mich,“ fügte Miſtreß Maggot zärtlich hinzu. „Hätte ich Euch beide nie geſehn!“ rief Jack aufſtehend und mit unruhigen Schritten im Zimmer auf⸗ und abgehend. „Na, ich weiß doch, daß Winifred dich nie ſo lieb hätte haben können, wie ich,“ ſagte Miſtreß Maggot. „Du!“ rief Jack verächtlich.„Vergleiche deine Liebe, eine Liebe, die Jeder kaufen kann— nicht mit der ihrigen. Mich hat Niemand geliebt.“ „Ausgenommen ich,“ ſchmeichelte Edgeworth Beß.„Ich bin dir immer treu geweſen.“ „Still!“ verſetzte Jack mit ſteigender Bitterkeit.„Ich bin nicht länger Euer Spielball!“ „Wo Teufel weht der Wind jetzt Siuns⸗ rief Blauhaut voll Erſtaunen. * ——— 158 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich will es Euch ſagen,“ erwiederte Jack mit erzwun⸗ gener Ruhe.„Während dieſer letzten Minuten iſt mein gan⸗ zes ſchuldbeladenes Leben an mir vorübergegangen. Vor neun Jahren war ich ehrlich,— war ich glücklich. Vor neun Jahren arbeitete ich in dieſem ſelben Hauſe,— hatte einen gütigen, nachſichtigen Herrn, den ich beſtohlen— zwei⸗ mal beſtohlen habe, auf dein Anſtiften, Elender; eine Herrin, die du ermordet haſt; einen Kameraden, deſſen Freundſchaft ich auf ewig verloren habe; eine Mutter, deren Herz ich faſt gebrochen habe. In dieſem Zimmer begann mein Verder⸗ ben; in dieſem Zimmer ſollte es auch enden.“ „Komm, komm, Hauptmann, was find das für Reden,“ rief Blauhaut, indem er aufſtand und zu ihm ging.„Wenn einer die Schuld hat, ſo bin ich es. Ich will gern Alles auf mich nehmen.“ „Kannſt du mich wieder ehrlich machen?“ rief Jack. „Kannſt du mich zu etwas Anderm machen, als einem ver⸗ urtheilten Verbrecher? Kannſt du mich aufhören laſſen, Jack Sheppard zu ſein?“ „Nein,“ antwortete Blauhaut;„und wenn ich's auch könnte, ſo wollte ich's nicht.“ „Du magſt verdammt ſein!“ rief Jack wüthend—„ver⸗ dammt!— verdammt!“ „Fluche nur immer zu, Hauptmann,“ entgegnete Blau⸗ haut kaltblütig.„Das erleichtert einem das Herz.“ „Machſt du dich über mich luſtig?“ rief Jack und legte eine Piſtole auf ihn an. „Gewiß nicht,“ antwortete Blauhaut.„Nimm mir das Leben, wenn du Luſt haſt. In Gottes Namen. Und wir wollen ſehn, ob eins von dieſen beiden Frauenzimmern, die ſo groß mit ihrer Liebe thun, es mir nachmacht.“ „Welcher Unfinn,“ rief Jack ſich bezwingend. „Der größte Unſinn,“ erwiederte Blauhaut, an den ——————%YÜ————=—— B E Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 159 Tiſch tretend und ein Glas nehmend;„und um ihm ein Ende zu machen, trinke ich auf die Geſundheit des Einbrechers Jack Sheppard, und möge er in allen ſeinen Unternehmungen glücklich ſein. Und jetzt wollen wir ſehn, wer mir den Be⸗ ſcheid verweigert. „Ich,“ erwiederte Sheppard, ihm das Glas aus der Hand ſchlagend.„Setz dich, Narr!“ „Jack,“ ſagte Kneebone, der dikſem Auftritt mit der größten Theilnahme zugeſehn hatte,„bereuen Sie Ihr frü⸗ heres Leben aufrichtig?“ „Geſetzt, es wäre ſo,“ entgegnete Jack,„was dann?“ „Nichts— nichts,“ ſtotterte Kneebone, als ſein Mit⸗ leiden der Klugheit wich.„Es freut mich nur,“ ſagte er, indem er nach der Schnupftabackstoſe griff, ſeinem unfehl⸗ baren Rettungsmittel in jedem ſchwierigen Falle.„Den Polizeibeamten zu verrathen geht nicht,“ murmelte er bei ſich ſelbſt. „O je! welch eine prächtige Doſe!“ rief Evgeworth Beß.„Iſt ſie von Gold?“ „Aechtes Gold,“ antwortete Kneebone.„Ich habe fie von der armen Miſtreß Wood, deren Verluſt ich ewig be⸗ trauern werde.“ „ Bitte, geben Sie mir eine Priſe,“ ſagte Edgeworth mit bezauberndem Blick.„Ich ſchnupfe ſo gern.“ Der Tuchhändler gab ihr zuvorkommend die Doſe, aber Blauhaut riß ſie ihr weg und ſteckte ſie, nachdem er einen guten Griff hineingethan hatte, kaltblütig in die Taſche. Das entging Jack Sheppard keineswegs.„Gib ſie wie⸗ der heraus!“ gebot er. „Sapperment! Hauptmann,“ rief Blauhaut, indem er brummend dem Befehl gehorchte;„wenn du ſelbſt dich von den Geſchäften zurückgezogen haſt, ſo brauchſt du dich doch nicht um andre Leute zu kümmern.“ 160 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich äße gern etwas von der Pflaumentorte,“ ſagte Miſtreß Maggot,„aber ich ſehe keinen Löffel.“ „Ich will klingeln,“ erwiederte Kneebone aufſtehend, „aber ich fürchte, daß meine Dienerſchaft ſchon zu Bette gegangen iſt.“ Blauhaut hatte unterdeſſen ſein Glas ausgetrunken und wiedergefüllt, und begann ein Lied zu trällern: Es war einmal, wie ich vernahm, Ein Tiſchlermeiſter Lobeſam; In Wychſtreet wohnte Owen Wood Und hatte auch wohl Geld und Gut. Dudeldum⸗Dudeldei. Ein böſes Weib hatt' er gefreit, Zu ſchwerer Pein und Herzeleid; Die ließ ihm Tag und Nacht nicht Ruh, Legt' gar ſich einen Krämer zu. Dudeldum⸗Dudeldei. „Ich ſchlage Ihnen einen Toaſt vor, Herr Kneebone, dem Sie gewiß Beſcheid thun werden,“ rief Sheppard und füllte ſein Glas. „Worauf?“ fragte der Luchhänvler, indem er an den Tiſch trat und ſein Glas nahm. „Auf die baldige Vermählung von Thames Darrell Winifred Wood,“ erwiederte Jack. Kneebone ſchäumte vor Wuth und ſetzte den Wein un⸗ getrunken wieder hin, während hi wieder zu fingen anfing: Nun hatte Wood ein Kind, ſo zart Und gar nicht nach der Mutter Art; Der macht' der Krämer ſtark die Cour, Doch ſie vergalt mit Spott ihm nur. Dudeldum⸗Dudeldei. „Halt Frieden!“ rief Jack. Doch Blauhaut ließ ſich nicht zum Schweigen bringen. Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 161 Er ſetzte den zornigen Mienen ſeines Anführers zum Trotz ſeinen Geſang fort. Herr Kneebone war umſonſt galant, Umſonſt bot er ihr Herz und Hand; Sie ſprach:„Bemüh'n Sie ſich nur nicht, Mich kriegen Sie in Ihr'm Leben nicht.“ Dudeldum⸗Dudeldei. „Thames Darrell lieb' ich allezeit, Ein ſchmucker Byrſch, tpotz Haß und Neid; Und würd' er mir auch jemals über, Ich hätte doch Jack Sheppard lieber.“ Dudeldum⸗Dudeldei. „Weiſen Sie meinen Toaſt db?“ fragte Jack ungeduldig. „Ja,“ antwortete Kneebone. „So trinken Sie dies,“ lärmte Blauhaut, und ſchüttete den Inhalt eines Pulverhorns in ein Glas Branntwein, das er ihm reichte. In dieſem Augenblick öffnete Rahel die Thüre. „Was ſoll ich, Sir?“ fragte ſie mit verwundertem Blick auf die verſammelte Geſellſchaft. „Dein Herr will ein Paar Löffel haben, Kind,“ ſagte Miſtreß Maggot. „Geh hinaus,“ rief Kneebone verdrießlich. „Nein, ich will nicht,“ entgegnete Rahel naſeweis.„Ich will Jack Sheppard ſehn und gehe nicht eher hinaus, als bis Sie ihn mir gezeigt haben. Sie haben mir geſagt, daß er nach Tiſch wieder nach Newgate geht, und dann habe ich vielleicht keine Gelegenheit dazu.“ „So! hat er das geſagt?“ ſprach Blauhaut, indem er ſich ihr näherte und ſie unter das Kinn faßte.„Ich will dir Hauptmann Sheppard zeigen, mein Herzchen. Da ſteht er, ich bin ſein Lieutenant,— Lieutenant Blauhaut. Wir ſind ein Paar nette Leute, nicht wahr?“ Ainsworth, Jack Sheppard. II. 1¹ 162 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Sehr nett,“ antwortete Rahel.„Aber wo iſt der Herr, den ich vorhin unter dem Tiſch ſah?“ „Unter dem Tiſch!“ rief Blauhaut, indem er Jack zu⸗ winkte.„Wann haſt du ihn geſehn, mein Herz?“ „O, es iſt noch nicht lange her,“ antwortete die Haus⸗ hälterin unbefangen. „Es iſt Alles heraus!“ rief Jack. Und ohne weiter ein Wort zu ſagen, faßte er den Tiſch mit beiden Händen und warf ihn um; Schüſſeln, Teller, Flaſchen, Krüge und Glä⸗ ſer flogen nach allen Richtungen umher. Es war ein furcht⸗ bares Getöſe; die Lichter ſtürzten herab und verlöſchten. Und wenn Rahel nicht ein Licht in der Hand gehabt hätte, ſo wäre es ſtockfinſter im Zimmer geworden. Unter dieſer Ver⸗ wirrung raffte Shotbolt ſich auf und legte eine Piſtole auf Jack an, mit dem Befehle, ſich zu ergeben; aber ehe dieſer antworten konnte, hatte Blauhaut den Arm des Gefängniß⸗ wärters in die Höhe geſchlagen und ſich auf ihn geworfen, ſo daß beide auf die Erde rollten. Bei dieſem Handgemenge ging die Piſtole los, jedoch ohne Schaden für beide Theile. Der Kampf war von kurzer Dauer, denn Shotbolt war ſeinem athletiſchen Gegner nicht gewachſen. Er ward bald entwaffnet; und der Strick und Knebel, die man bei ihm fand, wurden von ſeinem Beſieger mit Spott auf ihn ſelbſt angewandt. Während des Getümmels trat Edgeworth Beß zu Rahel heran und rieth ihr, für ihr Leben kein Geſchrei zu machen oder ſich von der Stelle zu rühren; eine War⸗ nung, welche die Haushälterin, deren Neugierde weit größer als ihre Furcht war, ſich geſagt ſein ließ. Unterdeſſen näherte Jack ſich dem Tuchhändler und re⸗ dete ihn mit folgenden ernſten Worten an: „Sie haben die Geſetze der Gaftfreundſchaft verletzt, Herr Kneebone. Ich bin als Gaſt zu Ihnen gekommen, und Sie haben mich verrathen.“ Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 163 „Was ſoll man einem Verbrecher auch Wort halten?“ erwiederte der Tuchhändler verächtlich. „Wer ſeinen Wohlthäter betrügt, dem ſteht es wohl an, ſo zu ſprechen,“ entgegnete Jack.„Ich habe Ihnen nicht getraut. Andre, die es gethan haben, ſind ſtark in Ihnen getäuſcht worden.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ erwiederte Kneebone in eini⸗ ger Verwirrung. „Es wird Ihnen bald deutlich werden,“ verſetzte Shep⸗ pard.„Wo ſind die Packete, die Sir Rowland Trenchard Ihnen anvertraut hat?“ „Die Packete!“ rief Kneebone beſtürzt. „Es hilft Ihnen kein Läugnen,“ erwiederte Jack.„Blau⸗ haut hat Sie dieſen Abend beobachtet. Sie haben Sir Row⸗ land im Hauſe eines katholiſchen Prieſters, Vater Spencer, geſprochen. Es wurden Ihnen zwei Packete übergeben, deren Beſorgung Sie übernahmen,— das eine war an einen an⸗ dern Prieſter, dem Kaplan von Sir Rowland in Mancheſter gerichtet, das andre an Herrn Wood. Geben Sie ſie heraus.“ „Auf keinen Fall,“ entgegnete Kneebone. „Dann ſind Sie, beim Himmel! nur eine Leiche,“ ver⸗ ſetzte Jack, die Piſtole ſpannend und kaltblütig auf ihn an⸗ legend.„Ich gebe Ihnen eine Minute Bedenkzeit. Dann rettet Sie nichts mehr.“ Es entſtand eine kurze, ſpannungsvolle Pauſe. Selbſt Blauhaut erwartete athemlos den Ausgang. „Sie iſt verfloſſen,“ ſagte Jack und legte den Finger an den Drücker.. „Halt!“ rief Kneebone und warf die Puckete hin.„Sie haben für mich keinen Werth.“ „Aber für mich deſto mehr,“ ſagte Jack, indem er ſie auflas.„Dieſe Packete werden Thames Darrell's Geburt 164 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. beſtätigen, ihm ſeine Erbſchaft ſichern und ihm Winifred Wood's Hand verſchaffen.“ „Sein Sie deſſen nicht zu gewiß,“ verſetzte Kneebone, indem er den Knotenſtock aufhob und Jack einen Schlag damit verſetzen wollte, den Miſtreß Maggot jedoch glücklicherweiſe abwehrte. „Vertheidigen Sie ſich,“ rief Jack und zog den Degen. „Ueberlaß mir ſeine Beſtrafung, Jack,“ ſagte Miſtreß Maggot.„Ich habe noch eine alte Rechnung mit ihm ab⸗ zumchen.“ „So ſei es,“ erwiederte Jack, ſeine Klinge einſteckend. „Ich habe noch ſehr viel zu thun. Gib ihm kein Quartier, Poll, er verdient es nicht.“ „Und ſoll auch keine Gnade finden,“ entgegnete die Amazone.„Nun alſo, Herr Kneebone,“ fuhr fie fort, in⸗ dem fie ihre ſchöne Geſtalt aufrichtete und ihren Stock in der Luft wirbelte,„nehmen Sie ſich in Acht.“ „Bleibe mir vom Leibe, Poll,“ verſetzte der Tuchhänd⸗ ler,„ich mag dir nicht weh thun. Es ſoll nie geſagt wer⸗ den können, daß ich meinen Arm abſichtlich gegen ein Frauen⸗ zimmer erhoben habe.“ „Ich verzeihe Ihnen alles, was Sie mir zu Leide thun,“ entgegnete die Amazone.„Was zaudern Sie noch! Viel⸗ leicht bringt Sie dies auf, feige Memme?“ Und hier gab ſie ihm einen ſcharfen Hieb auf den Kopf. „Memme?“ rief Kneebone.„Weder Mann noch Weib ſoll mich ſo nennen. Wenn du dein Geſchlecht vergißt, Dirne, ſo muß ich das meinige auch vergeſſen.“ Hiermit erwiederte er nachdrücklich ihren Angrif. Es war merkwuͤrdig anzuſehn, wie dies außerordentliche Frauenzimmer, das, wie geſagt, die zarteſte Schönheit des Ge⸗ ſichts und das vollendetſte Ebenmaaß des Körpers mit einer wunderbaren Kraft und Gewandtheit verband, ſich in dieſem Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 165 Kampfe benahm, mit welcher Geſchicklichkeit ſie jeden Schlag ihres Gegners abwehrte, deſſen blutiger Kopf und Geſicht ſchon bewies, wie kräftig ſie ihn getroffen hatte;— wie ſie ihn bald hierhin, bald dorthin lockte, und bald vordringen ließ und bald zurückſchlug, ihn auf jede mögliche Art neckte und ermüdete, und augenſcheinlich zeigte, daß ſie dem Ge⸗ fecht zu jeder Zeit nach Belieben ein Ende machen konnte und den entſcheidenden Schlag nur verſchob, um ſeine Strafe deſto empfindlicher zu machen. Jack hatte unterdeſſen mit Blauhaut den Tiſch wieder aufgerichtet und ließ Shotbolt, der zwar noch geknebelt war, deſſen Arme aber auf einen Augenblick gelöst wurden, ſich an denſelben hinſetzen, nachdem er ein Schreibzeug aus einem nebenſtehenden Sekretär herbeigeholt hatte. „Schreiben Sie, wie ich dictire,“ rief er, indem er dem Schließer eine Feder in die Hand gab und eine Piſtole ans Ohr ſetzte. Shotbolt nickte zum Zeichen der Bejahung und ließ einen ſeltſamen Gurgellaut hören. „Schreiben Sie, wie folgt,“ fuhr Jack Sheppard fort. „Es iſt mir gelungen, Jack Sheppard zu fangen. Die Be⸗ lohnung iſt mein. Macht alles zu ſeinem Empfang bereit. Er wird wenig Minuten nach Ankunft dieſes Zettels in Newgate eintreffen. Unterzeichnen Sie es,“ fuhr er fort, als der Brief nach einigen Drohungen vorgeſchriebenerweiſe abgefaßt war,„und adreſſiren Sie an Herrn Auſtin. So! Und jetzt einen Boten finden.“ „Herrn Kneebone's Junge iſt im Laden,“ ſagte Rahel. „Er kann ihn beſorgen.“ „Kann ich mich auf ihn verlaſſen?“ ſann Jack.„Ja, er wird nichts argwöhnen. Gib ihm dieſen Brief, Kind, und ſage ihm, er ſoll ihn ohne Zeitverluſt nach Newgate 166 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. bringen. Blauhaut wird mitgehen,— um alle Mißverſtänd⸗ niſſe zu vermeiden.“ „Sie könnten mir auch trauen,“ ſagte Rahel beleidigt; „doch immerhin.“ Und ſie ging mit Blauhaut hinaus, der ihr höflich den Arm bot. Unterdeſſen war der Kampf zwiſchen Kneebone und Miſtreß Maggot beendigt worden. Als der Tuchhändler faſt ganz erſchöpft war, nahm die Amazone die Gelegenheit wahr und gab ihm einen Schlag auf den Arm, der ihn lähmte. „Das iſt wegen Miſtreß Wood,“ rief 3 als der Stock aus ſeiner Hand fiel. „Ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade, Poll,“ ver⸗ ſetzte Kneebone kriechend. „Das iſt wegen Winifred,“ rief die Amazone, indem ſie den Knittel mit Wucht auf ſeine Schulter fallen ließ. „Donnerwetter!“ ſchrie Kneebone. „Und das iſt wegen mir,“ verſetzte Miſtreß Maggot, indem ſie ihm einen Hieb gab, der ihn beſinnungslos zu Boden ſtreckte. „Bravo, Poll,“ rief Jack, der Shotbolt wieder feſtge⸗ bunden hatte und jetzt eilig einige Zeilen auf einen Brief Papier warf.„Du haſt ihm den Kopf zerbrochen, wie ich ſehe.“ S „Er wird ſchwerlich ein Pflaſter nöthig haben,“ erwie⸗ derte Miſtreß Maggot lachend.„Hier, Beß, gib mir den Strick und ich will ihn an ſeine Kommode binden. Ich glaube zwar nicht, daß er bald wieder zu ſich kommen wird. Aber beſſer zu vorſichtig, als zu wenig.“ „Ganz gewiß,“ erwiederte Edgeworth Beß,„und ich will dieſe Gelegenheit benützen, da Jack grade den Rücken dreht, ihm ſeine Tabacksdoſe abzunehmen,— er iſt ſeit kur⸗ — Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 167 zem merkwürdig eigenſinnig geworden. Vielleicht,“ flüſterte ſie weiter, indem fie ſich den genannten Gegenſtand zueig⸗ nete,„vielleicht hat er auch ein Taſchenbuch.“ „Slill!“ erwiederte Miſtreß Maggot;„Jack wird uns hören. Wir wollen das und den Schlafrock nachher bei Ge⸗ legenheit abmachen.“ Jetzt kamen Blauhaut und Rahel zurück. Ihre kurze Abweſenheit ſchien Wunder gewirkt zu haben, denn jetzt be⸗ ſtand das beſte Vernehmen unter ihnen. „Haſt du das Billet abgeſchickt?“ fragte Jack„Das haben wir, Hauptmann,“ entgegnete Blauhaut.„Ich ſage wir, denn Rahel und ich ſind eins geworden. Soll ich etwas fortbringen?“ fragte er mit gierigem Blicke. „Nein,“ antwortete Jack mit Nachdruck. Da er den Brief jetzt verſiegelt hatte, nahm er ein Taſchentuch, band es Shotbolt über das Geſicht, ſo daß es vollkommen bedeckt war, ſetzte ihm ſeinen Hut auf und drückte ihn über die Augen. Dann ergriff er den unglücklichen Ge⸗ fängnißwärter und ſchleppte ihn fort, während Blauhaut deſſen Bewegungen mit einigen wohlangebrachten Fußtritten beſchleunigte. Als ſie an die Hausthüre kamen, öffnete Jack ſie und rief, die Stimme des Schließers nachahmend, hinaus:„Nun, meine Burſchen, iſt alles bereit?“ „Hier ſind wir,“ riefen die Träger und trabten mit dem Seſſel aus ihrer Ecke hervor;„wo iſt er?“ „Hier,“ erwiederte Sheppard und zog Shotbolt beim Kragen heraus, während Blauhaut von hinten nachhalf und Miſtreß Maggot mit einer im Laden gefundenen Laterne leuchtete.„Hinein mit ihm!“ „Ja,— ja, Eu'r Gnaden,“ rief der eine Seſſelträger, hülfreiche Hand leiſtend.„Hinein mit dir, Hallunke!“ 5 168 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Und trotz allen Sträubens ward Shotbolt in den Seſſel geſtoßen und eingeſchloſſen. „So, da iſt er ſo ſicher wie Jack Sheppard in der Ver⸗ urtheiltenzelle,“ lachte der Mann. „Fort mit Euch nach Newgate!“ rief Jack,„und laßt ihn nicht eher heraus, als bis Ihr ihn im Thurm habt. Hier iſt ein Brief an den Oberſchließer Herrn Ireton. Hört Ihr wohl?“ „Ja, Eu'r Gnaden,“ antwortete der Träger und nahm den Zettel. „Worauf wartet Ihr noch?“ fragte Jack ungeduldig. „Auf den Herrn, der uns gemiethet hat,“ erwiederte der Menſch. „O, er kommt Euch gleich nach. Er hat nur noch et⸗ was im Hauſe qbzumachen. Verliert keine Zeit. Im Briefe ſteht alles drin.“ Der Seſſel ward nun eilig in Bewegung geſetzt und war bald verſchwunden. „Was machen wir jetzt?“ rief Blauhaut und kehrte zu Rahel zurück, die mit Edgeworth Beß unter der Thüre ſtand. „Ich gehe hinein und beende mein Abendeſſen,“ ſagte Miſtreß Maggot. „Und ich auch,“ ſtimmte Edgeworth Beß ein. „Wartet einen Augenblick,“ rief Jack, ſeine Geliebten aufhaltend.„Hier trennen wir uns,— vielleicht auf immer. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich eine lange Reiſe zu machen denke, und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß ich nie wieder zurückkomme.“ „O, ſage das nicht,“ rief Miſtreß Maggot.„Ich wäre ganz unglücklich, wenn ich denken könnte, es wäre dein Ernſt.“ „Der bloße Gedanke daran iſt nicht zu ertragen,“ ſchluchzte Edgeworth Beß. „Lebt wohl,“ rief Jack, ſie umarmend.„Nehmt dieſen 7 Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 169 Schlüſſel mit nach Baptiſt Kettleby. Wenn er ihn ſieht, wird er Euch ein Käſtchen geben, zu dem er paßt und in dem Ihr eine Kleinigkeit von fünfzig Guineen und einige Schmuckſachen finden werdet. Theilt Euch das Geld und tragt den Schmuck zu meinem Andenken. Aber wenn Ihr noch einen Funken Liebe für mich habt, ſo rührt nichts in dieſem Hauſe an.“ „Um alles in der Welt nicht!“ riefen beide Damen gemeinſchaftlich. „Lebt wohl!“ rief Jack, ſich von ihnen losreißend und eilte die Straße hinunter. „Was ſollen wir thun, Poll?“ ſchwankte Edgeworth Beß. „Natürlich, hineingehen, einfältiges Ding, und alles forttragen, was wir können,“ erwiederte Miſtreß Maggot. „Ich weiß, wo die Koſtbarkeiten verſchloſſen ſind. Da Jack uns verlaſſen hat, was macht es aus, ob er böſe iſt oder nicht?“ Jetzt erſchallte ein Pfiff. „Komme ſchon!“ rief Blauhaut, der noch bei Rahel zurückgeblieben war.„Der Hauptmann hat ſolche verdammte Eile, daß keine Zeit zum Tändeln iſt. Adieu! mein Engel. Du wirſt finden, daß dieſe beiden Damen außerordentlich angenehme Bekanntſchaften ſind. Adieu!“ Er gab ihr noch einen haſtigen Kuß und verſchwand. Unterdeſſen ward der Seſſel mit ſeinem unglücklichen Inhaber eiligen Schritts nach Newgate getragen. Dort an⸗ gekommen, pochte ein Träger an die maſſtve Eingangsthüre, welche ihnen ſogleich geöffnet war, da Shotbolts Billet kurs zuvor angelangt war. Die Schließer waren ſämmtlich zu⸗ gegen. Ireton und Langley waren von ihrer zweiten er⸗ folgloſen Nachforſchung zurückgekommen. Marvel war da, um Miſtreß Spurling eine gute Nacht zu wünſchen, und Auſtin hatte ſeinen Poſten noch nicht verlaſſen. Die Schenk⸗ wirthin war ganz Neugierde; aber ſie ſchien ruhiger zu ſein 170 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. als die andern. Hinter ihr ſtand Caliban und lachte in ſich und grinſte von Ohr zu Ohr. „Ja, wer hätte es gedacht, daß Shotbolt es uns allen ſo zuvorthun würde!“ ſagte Ireton.„Es thut mir um Newgate leid, daß ein andres Gefängniß es diesmal kriegt. Es iſt verdammt ärgerlich.“ „Verdammt ärgerlich!“ rief Langley ihm nach. „Niemand hat ſo viel Urſache, ſich zu beklagen, als ich,“ grollte Auſtin.„Ich habe meine Wette verloren.“ „Zwanzig Pfund,“ verſetzte Miſtreß Spurling.„Ich war Zeuge.“ „Da iſt er!“ rief Ireton, als es draußen klopfte.„Halt die Eiſen bereit, Caliban.“ „Warten etwas, Maſſa,“ entgegnete der grinſende Ne⸗ ger—„klein wenig warten— erſt zuſehn.“ Jetzt ward der Seſſel hereingetragen. „Habt Ihr ihn?“ fragte Ireton. „Er iſt drin,“ erwiederte der Seſſelträger und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn.„Wir ſind den ganzen Weg gelaufen.“ 3 „Wo iſt Herr Shotbolt?“ fragte Auſtin. „Der Gentleman wird gleich hier ſein. Er hatte Ab⸗ haltungen. Der andere Gentleman ſagte, im Brief ſtände alles drin.“ „Abhaltungen!“ rief Marvel.„Das iſt ſonderbar. Aber laßt doch den Gefangenen ſehn.“ Der Tragſeſſel ward geöffnet. „Shotbolt!— beim S—,“ rief Auſtin, als der Un⸗ glückliche herausſtolpette.„Ich habe am Ende doch ge⸗ wonnen.“ Von allen Seiten wurden verwundernde Ausrufungen laut. Miſtreß Spurling biß ſich in die Lippen, um ihre Fröhlichkeit zu verbergen. Caliban krähte buchſtäblich vor Luſt. Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone. 171 „Hören Sie den Brief an,“ ſagte Ireton und erbrach das Siegel.„So werde ich allen thun, die mich zu fangen denken. Unterzeichnet Jack Sheppard.“ „Alſo Jack Sheppard hat Shotbolt in dieſe Klemme gebracht?“ ſagte Langley⸗. „So ſcheint es,“ erwiederte Marvel.„Bindet ihn los und nehmt ihm das Taſchentuch ab; der arme Schelm iſt halb erſtickt.“ „Ich vermuthe faſt, welchen Antheil Sie hierbei gehabt haben,“ flüſterte Auſtin der Schenkwirthin zu. „Laſſen Sie's nur gut ſein,“ erwiederte ſie.„Sie ha⸗ ben Ihre Wette gewonnen.“ Eine halbe Stunde nach dieſem Vorfalle, als er hin⸗ länglich belacht und beſprochen war, als die Wette in Rich⸗ tigkeit gebracht und die Seſſelträger mit den andern drei Guineen, welche Shotbolt noch hergeben mußte, bezahlt waren, erhob ſich Ireton in der Abſicht, über die Straße zu gehn, um Herrn Wild von dieſem Umſtand in Kenntniß zu ſetzen. „Da es ſchon ſpät iſt und der Thürſteher vielleicht ſchon zu Bett gegangen ſein mag,“ meinte er,„ſo will ich den Hauptſchlüſſel mitnehmen. Herr Wild iſt gewiß noch auf. Er geht vor Tagesanbruch nicht zur Ruhe. Kommen Sie mit mir, Langley, und nehmen Sie die Laterne mit.“ Vierzehntes Kapitel⸗ Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward. Als Jack Sheppard Blauhaut zu ſich gerufen hatte, eilte er durch eine kurze Quergaſſe, welche von der Wych⸗ ſtraße hinter die St. Clemenskirche führte, wo er Thames Darrell fand, der ihn dort erwartet hatte. 172 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich wollte eben gehn,“ ſagte Thames.„Als ich dich vor Herrn Kneebone's Thür verließ, batſt du mich, hier höchſtens fünf Minuten auf dich zu warten. Statt deſſen iſt über eine halbe Stunde verfloſſen.“ „Du wirſt dich nicht über die Verzögerung beklagen, wenn ich dir ſage, was ich gethan habe,“ antwortete Jack. „Ich bin in den Beſitz von zwei Packeten mit Briefen von Sir Rowland Trenchard gekommen, und ich bezweifle nicht, daß ſie deine Anſprüche auf das Vermögen begründen wer⸗ den. Nimm ſie ihn, und mögen ſie dir die guten Dienſte leiſten, die ich erwarte.“ „Jack,“ erwiederte Thames tief bewegt;„ich wollte, ich könnte auch deine trüben Ausſichten aufheitern.“ „Das iſt unmöglich,“ entgegnete Jack.„Ich bin gänz⸗ lich verloren.“ „Nicht gänzlich,“ verſetzte Jener. „Unwiederbringlich, in Bezug auf alles, was mir theuer iſt,“ antwortete Jack düſter.„Höre mich an, Tha⸗ mes. Ich will dies Land für immer verlaſſen. Ich habe ein Schiff gefunden, das morgen mit Tagesanbruch nach Frankreich abſegelt, und das geringe Gepäck, welches ich beſitze, iſt ſchon an Bord gebracht. Blauhaut geht mit mir; der treue Burſche will mich nicht verlaſſen.“ „Niemals, ſo lange ich lebe, Hauptmann,“ rief Blau⸗ haut, der jetzt hinzukam.„England oder Frankreich, Lon⸗ don oder Paris, iſt mir eins, wenn ich nur bei dir bin.“ „Geh einen Augenblick auf die Seite,“ verſetzte ſein Anführer.„Wenn ich dich brauche, will ich dich rufen.“ Und Blauhaut zog ſich zurück. „Ich kann deinen beabſichtigten Lebenslauf nur billigen, Jack,“ ſagte Thames,„obgleich ich ihn aus einigen Gründen nicht gern habe. In ſpäteren Jahren kannſt du in dein Vaterland— zu deinen Freunden zurückkehren.“ ———— eüöiiäie Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward. 173 „Niemals,“ erwiederte Jack bitter.„Meine Freunde brauchen meine Wiederkunft nicht zu befürchten. Sie ſollen nie wieder Etwas von mir hören. Unter einem andern Namen,— nicht unter meinem jetzigen verhaßten,— will ich mich in fremden Dienſten auszuzeichnen ſuchen und mir Ruhm gewinnen oder ehrenvoll ſterben. Aber nie, nie will ich zurückkehren.“ „Ich will deinen Entſchluß nicht bekämpfen, Jack,“ ent⸗ gegnete Thames nach einer Pauſe.„Aber ich befürchte, daß deine Abreiſe eine ſchlimme Wirkung auf deine arme Mutter haben wird. Ihr Leben hängt an einem Faden und dieſer könnte leicht zerreißen.“ „Ich wollte, du hätteſt ihrer nicht erwähnt,“ ſagte Jack, mit gebrochener Stimme und vor Rührung zitternd.„Ich bemühe mich, mein Beſtes zu thun, und kann nur wünſchen, daß ſie Kraft genug finden möge, die Trennung zu ertragen. Du mußt ihr mein Lebewohl bringen, denn ich kann es nicht. Ich bitte dich nicht, meine Stelle zu erſetzen, denn das iſt vielleicht unmöglich. Aber ſei ihr wie ein Sohn.“ „Verlaß dich auf mich,“ entgegnete Thames, ihm herzlich die Hand drückend. „Und nun habe ich noch eine Bitte,“ ſtotterte Jack: „obgleich ich kaum weiß, wie ich ſie anbringen ſoll. Ich wünſche, daß du Winifred mit mir verſöhnſt. Laß ſie nicht ſchlimmer von mir denken, als ich es verdiene,— oder auch nicht einmal ſo ſchlimm. Sag ihr, daß ihr zartes Bild mich mehr als einmal zurückgehalten hat, wenn ich ein Ver⸗ brechen begehn wollte. Wenn hoffnungsloſe Liebe mich zum Dieb gemacht hat, ſo hat ſie mir auch manche Schuld er⸗ ſpart. Willſt du ihr das ſagen?“ „Ich verſpreche es dir,“ antwortete Thames. „Genug,“ ſagte Jack ſich wieder faſſend.„Und nun zu deinen Angelegenheitem Blauhaut, der die ganze Nacht 174 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher, auf der Lauer geweſen iſt, hat Sir Rowland Trenchard bis 5 nach Jonathan Wild's Haus verfolgt, und aus der geheim⸗ nißvollen Art zu ſchließen, wie er von Abraham Mendez, dem vertrauten Diener des Diebsfängers, und nicht von dem gewöhnlichen Thürſteher hereingelaſſen iſt, kann kaum bezwei⸗ felt werden, daß ſie allein find, und wahrſcheinlich einige Ver⸗ abredungen vor unſers Onkels Abreiſe aus England treffen.“ „Wie, will er verreiſen?“ fragte Thames erſtaunt.. „Er ſegelt morgen früh in demſelben Schiff mit mir ab,“ verſetzte Jack.„Wenn nun, wie ich wegen der Doku⸗ mente in deinen Händen vermuthe, Sir Rowland dir nach ſeiner Entfernung Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen denkt, ſo könnten ſeine Abſichten möglicherweiſe von Wild, deſſen Intereſſe ihnen augenſcheinlich entgegenläuft, vereitelt werden, wenn wir ſie nicht etwa beide zuſammen überraſchen, und dadurch, daß wir Sir Rowland von der Möglichkeit, deine Anſprüche durchzuſetzen, überzeugen, auch den andern hinter⸗ liſtigen Schuft zur Nachgiebigkeit zwingen. Jonathan weiß aller Wahrſcheinlichkeit nach nichts von dieſen Dokumenten, und ihre Vorzeigung mag ihn vielleicht einſchüchtern. Willſt du es verſuchen?“ „Es iſt ein gefährliches Wageſtück,“ ſagte Thames nach kurzer Ueberlegung,„aber ich will es thun. Doch du darfſt mich nicht begleiten, Jack. Die Gefahr für mich ſeh in keinem Verhältniß zur deinigen.“ „Ich mache mir aus keiner Gefahr Etwas, wenn ich dir von Nutzen ſein kann,“ entgegnete Sheppard.„Ueber⸗ dies wirſt du ohne mich auch nicht zu ihm gelaſſen werden. Es iſt nicht genug, blos an die Thüre zu klopfen, denn Jonathan Wild's Haus iſt nicht ſo leicht zugänglich, als Herrn Wood's.“ „Ich verſtehe,“ erwiederte Thames,„ſei es, wie du willſt.“ „Dann wollen wir keine Zeit länger verlieren,“ ver⸗ ſetzte Jack.„Komm' mit, Blauhaut.“ Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward. 175 Sie entfernten ſich mit beſchleunigten Schritten in der Richtung nach Old Bailey, und nachdem ſie mehrere wink⸗ lige und jinſtere Straßen zurückgelegt hatten, kamen ſie endlich in eine Sackgaſſe, an welche die nackten Mauern eines großen, düſtern Gebäudes gränzten. Eine Thüre dieſes Hauſes ging auf die Sackgaſſe; Jack verſuchte den Griff, aber fand ſie verſchloſſen. „Hätte ich nur meine alten Werkzeuge bei mir, ſo wollten wir dies Hinderniß bald überwinden,“ murmelte er.„Wir werden fie einſtoßen müſſen.“ „Verſuche es mit dem Keller, Hauptmann,“ ſagte Blau⸗ haut, indem er auf ein großes Brett auf dem Fußboden ſtampfte.„Hier iſt die Thür. Auf dieſem Wege ſchleppt der alte Dieb ſeine Beute hinein, die er in abgelegenen Winkeln ſeiner Satanshöhle unterbringt. Ich habe es oft mit angeſehn.“ Während er dieſe Worte ſprach, gelang es Blauhaut, mittelſt eines Stemmeiſens, das er gerade bei ſich hatte, das Brett aufzuzwängen, worauf er die Hand hinunterſteckte und es mit Jack's Hülfe ganz öffnete. Dann ſprang er in die dunkle Vertiefung hinab. „Folge mir, Thames,“ rief Jack ihm nachſpringend. Sie befanden ſich jetzt in einer Art von Keller, aus welchem an der andern Seite eine Thüre führte. Sie war von außen verſchloſſen, aber Jack drückte bald mit dem Stemm⸗ eiſen den Riegel zurück. Als ſie den jenſeitigen Raum betraten, ließ ſich ein dumpfes Knurren hören. „Laß mich vorangehn,“ ſagte Blauhaut;„die Hunde kennen mich. Soho! Burſche.“ Und als er ſich den Thieren näherte, die an der Kette lagen, erkannten ſie ihn ſogleich und ließen die andern, ohne zu bellen, vorübergehn. Nachdem dieſe durch ein oder zwei dunkle, ſumpfige 176 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Gewölbe getappt waren, ſt iegen ſieeine Treppe hinan, welche ſie auf den Flur führte. Hier war Niemand gegenwärtig, wie Jack vermuthet hatte, und obgleich auf einem Tiſch eine Lampe brannte, ſo beſchloſſen ſie doch, ohne ſie weiter zu gehn. Dann ſtiegen ſie ſchnell die Treppe hinauf und blieben vor dem Empfangzimmer ſtehn. Jack legte das Ohr lau⸗ ſchend an's Schlüſſelloch, konnte aber nichts hören. Zunächſt verſuchte er vorſichtig die Klinke, es war aber von innen verſchloſſen. „Ich fürchte, wir kommen zu ſpät,“ flüſterte er Thames zu.„Doch wir wollen uns davon überzeugen. Gib mir das Stemmeiſen, Blauhaut.“ Und er zwängte mit geſchickter Hand das Schloß auf. Sie traten in das Zimmer, in welchem es ganz finſter war. „Dies iſt ſonderbar,“ ſagte Jack mit halber Stimme. „Sir Rowland muß ſchon fort ſein. Und doch weiß ich es nicht. Der Schlüſſel ſteckt von innen im Schloß. Sei auf deiner Hut.“ „Das bin ich,“ erwiederte Thames, der ihm auf dem Fuße gefolgt war. „Soll ich das Licht holen, Hauptmann?“ flüſterte Blauhaut. „Ja,“ antwortete dieſer.„Ich weiß nicht, wie es kommt,“ fuhr er leiſe zu Thames fort, als ſie allein waren,„aber mir ahnt etwas Schlimmes. Mir vergeht der Muth und ich wollte faſt, wir wären nicht hergegangen.“ Indem er ſo ſprach, that er einige Schritte vorwärts, als er ſeine Füße wie von einer zähen Feuchtigkeit an dem Fußboden kleben fühlte und ſich danach bückte, um die Urſache zu unterſuchen, aber ſogleich mit einem Ruf des Entſetzens ſeine Hand zurückzog. „Gott im Himmel!“ rief er,„der Boden iſt mit Blut bedeckt. Hier muß ein Mord geſchehn ſein. Das Licht!— das Licht!“ Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward. 455 Von ſeinem Geſchrei erſchreckt, eilte Thames auf ihn zu. In dieſem Augenblicke erſchien Blauhaut mit der Lampe und beleuchtete den gräßlichen Schauplatz— den Fußboden mit Blut überſtrömt,— mehrere Möbeln umgeſtürzt,— Papiere umhergeſtreut, den Mantel des Ermordeten zertreten und mit Blut befleckt,— ſeinen Hut zerdrückt und ebenfalls geröthet,— ſeinen Degen,— das beſudelte Tuch,— und viele andre Beweisſtücke der mörderiſchen That. Etwas weiter hin waren blutige Fußtapfen auf dem Boden. „Sir Rowland iſt ermordet!“ rief Jack, ſobald er Worte finden konnte. „Er iſt offenbar von ſeinem hinterliſtigen Bundesge⸗ noſſen umgebracht,“ verſetzte Thames.„O Gott! wie furcht⸗ bar iſt mein Vater gerächt!“ „Sehr wahr,“ erwiederte Jack ernſt;„aber wir haben unſern Onkel zu rächen. Was iſt dies?“ rief er und bückte ſich nach einem Papier, das zu ſeinen Füßen lag— es war Jonathans Quittung.„Dies gibt die Erklärung zu der blutigen That.“ „Hier liegt ein Taſchenbuch voll Banknoten und ein ſchwerer Sack voll Gold,“ ſagte Blauhaut, dieſe Gegenſtände unterſuchend. „Die Summe, welche den Schurken zum Morde ver⸗ leitete,“ erwiederte Jack.„Aber er kann nicht weit ſein. Er muß ſich entfernt haben, um die Leiche auf die Seite zu ſchaffen, und wir werden ihn bald zurückkommen ſehn.“ „Ich will zuſehn, wohin dieſe Fußtapfen führen,“ ſagte Blauhaut, das Licht hinunterhaltend.„Hier ſind noch einige Papiere, Hauptmann.“ „Gib her,“ erwiederte Jack.„Ha!“ rief er,„ein Brief mit dem Anfang:„theuerſte Aliva— das iſt deiner Mutter Name, Thames.“ „Laß ſehn,“ rief Thames.„Ja! er iſt an meine Mutter Ainsworth, Jack Sheppard. I. 12 178 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. gerichtet, und zwar von meinem Vater. Endlich werde ich ſeinen Namen erfahren. Bringt das Licht her,— ſchnell! Ich kann die Unterſchrift nicht leſen.“ Jack wollte ihm eben willfahren, als eine unerwartete Unterbrechung ſtattfand. Blauhaut, der die Fußtapfen bis an die Wand verfolgt hatte und keinen Ausgang bemerkte, leuchtete in die Höhe und entdeckte blutige an dem Getäfel. „Er muß hier hinausgekommen ſein,“ murmelte Blau⸗ haut.„Ich habe oft von einer geheimen Thür in dieſem Zimmer gehört, obgleich ich ſie nie geſehn habe. Sie muß in dieſer Gegend ſein. Ha!“ rief er, als ſein Auge auf einen kleinen Knopf an der Wand fiel,„da iſt die Feder!“ Er berührte ſie und die Thüre ſprang auf. Im nächſten Augenblick war er von Jonathan Wild, dem Abraham mit der Fackel folgte, zu Boden geſchmettert. Ein einziger Blick genügte dem Diebsfänger, um ihm die Lage der Sachen zu zeigen. An dem leiſen Geräuſch, das zu ihm in ſeine Haft gedrungen war, hatte er gemerkt, daß Jemand den Mordſchauplatz entdeckt haben mußte, und in der aufgeregteſten Spannung erwartete er, auf das Schlimmſte gefaßt, den Ausgang ſeiner Unterfuchungen. Als er die Feder berühren hörte, ſprang er plötzlich heraus und ſchmetterte die ihm gegenüberſtehende Perſon mit ſeinem Knotenſtocke zu Boden. Als er die Eindringlinge erkannte, verwandelte „ſich ſeine Furcht in Frohlocken und er ſtieß einen Freuden⸗ ruf aus, wie er ſonſt nur von dem barbariſchen Einwohner der Wildniß gehört wird. So wie er ſich zeigte, legte Jack ſeine Piſtole auf ihn an. Doch Thames hielt ſeine Hand zurück. „Schieße nicht,“ rief dieſer.„Es iſt von der größten Wichtigkeit, ihn am Leben zu laſſen. Er ſoll ſeine Verbrechen am Galgen büßen. Sie ſind mein Gefangener, Mordgeſelle.“ Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward. 179 „Ihr Gefangener!“ rief Jonathan höhniſch.„Sie irren, — Sie ſind der meinige. Und der verurtheilte Verbrecher Sheppard nicht minder.“ „Verliere keine Worte mit ihm, Thames,“ rief Jack. „Auf ihn!“ „Ergib dich, Schurke, oder ſtirb!“ rief Thames und drang mit gezogenem Degen auf ihn ein. „Hier iſt meine Antwort!“ verſetzte Wild und ſchleu⸗ derte den Knotenſtock mit ſolcher Gewalt gegen ſeinen Kopf, daß er augenblicklich zu Boden ſtürzte. „Ha! Verräther!“ rief Jack und drückte ab. Wild, der dies vorausgeſehn hatte, wich dem Schuß durch eine plötzliche Seitenbewegung aus. Er kam aber nur mit genauer Noth davon, denn die Kugel ging nur zollweit an ihm vorbei und ſchlug tief in die Wand. Ehe Jack zum zweiten Male feuern konnte, mußte er ſich gegen den Diebsfänger vertheidigen, der ihn heftig mit ſeinem Degen angriff. Jack wich aus und zog ſeine Klinge, und ein verzweifelter Kampf begann. „Nimm den Degen dort auf, Nab,“ rief Wild, als er ſich hart bedrängt ſah,„und ſtich ihn todt. Er ſoll keine Gnade finden.“ „Feige Memme!“ rief Jack, als der Jude den Befehlen ſeines Herrn gehorchte und ihn mit der Waffe des Ermor⸗ deten angriff.„Aber ihr ſollt euch doch verrechnet haben.“ Er ſprang plötzlich zurück und eilte durch die Thür. „Ihm nach,“ ſchrie Wild,„er darf nicht entkommen. Todt oder lebend muß ich ihn haben. Nimm die Fackel.“ Und er ſtürzte mit Abraham aus dem Zimmer. Als Jack die Treppe gerade halb herunter war und Wild mit dem Juden das Geländer erreicht hatte, öffnete ſich die Straßenthür und Langleh trat mit Ireton, der eine Laterne trug, herein. 180 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Haltet ihn!“ lärmte Jonathan hinunter,„haltet ihn! Es iſt Jack Sheppard! „Auf die Seite!“ rief Jack heftig.„Den Erſten, der mich anrührt, haue ich zu Boden.“ Der Oberſchließer hätte ihm höchſt wahrſcheinlich ge⸗ horcht. Aber da ſein Untergebener ihn vorſchob, ſo war er genöthigt, ſich ihm gegenüberzuſtellen. „Du thäteſt am Beſten, dich ruhig zu ergeben, Jack,“ rief er,„du haſt weiter keine Wahl.“ Anſtatt auf ihn zu achten, warf Jack einen Blick über das eiſerne Geländer und maß deſſen Höhe. Jedoch der Fall war zu ſtark und er gab dieſen Verſuch auf. „Wir haben ihn!“ rief Jonathan hinuntereilend.„Er kann nicht heraus.“. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo kehrte Jack ſich mit der Schnelligkeit des Blitzes um und ſuchte den Diebsfänger mit kurzgefaßtem Degen in's Herz zu ſtoßen. Jedoch Ireton fiel ihm von hinten in den Arm und warf ſich auf ihn. „Gefangen!“ rief der Oberſchließer.„Ich wünſche Ihnen Glück dazu, Herr Wild,“ fuhr er fort, als Jonathan hinzukam und ihm den Gefangenen feſthalten und entwaffnen half.„Ich wollte Sie eben von einem komiſchen Streich benach⸗ richtigen, den uns dieſer Schelm geſpielt hat, und ich finde ihn hier,— an dem letzten Ort, wo ich ihn geſucht haben würde.“ „Sie ſind gerade zur rechten Zeit gekommen,“ erwie⸗ derte Jonathan,„und ich will dafür ſorgen, daß Ihre Dienſte nicht vergeſſen werden.“ „Herr Ireton,“ rief Jack im dringendſten Tone.„Ehe Sie mich fortbringen, bitte ich Sie, um der Gerechtigkeit willen, dies Haus zu durchſuchen. Dieſes Scheuſal Wild hat eben eine der gräßlichſten Mordthaten verübt. Sie werden die Beweiſe der blutigen That in ſeinem Zimmer Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward. 181 finden. Aber gehn Sie gleich hinauf, ich bitte Sie, ehe er Zeit hat, ſie zu entfernen.“ „Herr Ireton kann recht gern jedes Sinet in meinem Hauſe unterſuchen, wenn er Luſt hat,“ ſagte Jonathan keck. „Sobald wir dich nach Newgate gebracht haben, will ich ihn begleiten.“ „Herr Ireton wird das wohl bleiben laſſen,“ verſetzte der Oberſchließer.„Denkſt du, ich laſſe mich von ſolchem Unfinn hinter's Licht führen? Wahrhaftig nicht. Ich bin kein ſolcher Grünfink wie Shotholt, Jack, was du auch glauben magſt.“ „Um Gotteswillen gehn Sie hinauf,“ bat Sheppard. „Ich habe Ihnen noch nicht die Hälfte geſagt. Es liegt Jemand im Sterben oben,— der Hauptmann Darrell. Neh⸗ men Sie mich mit. Halten Sie mir eine Piſtole an's Ohr und erſchießen Sie mich, wenn ich die Unwahrheit geſagt habe.“ „Und wozu ſollte das helfen?“ fragte Ireton höhniſch. „Dich zu erſchießen, wäre ſo viel, als die Belohnung verlieren. Du ſpielſt deine Rolle meiſterhaft, aber es hilft dir nichts.“ „Wollen Sie nicht hinaufgehn?“ rief Jack leidenſchaftlich. „Herr Langley, ich wende mich an Sie. Ich ſage es Ihnen, es iſt ein Mord verübt! Es wird noch ein Mord begangen werden, wenn Sie es nicht hindern. Das Blut wird über Sie kommen. Hören Sie mich wohl, Sir? Wollen Sie nicht hinaufgehn?“ „Keinen Schritt,“ erwiederte Langley murrend. „Fort mit ihm nach Newgate!“ rief Jonathan.„Ireton, da Sie ihn gefangen haben, ſo gehört die Belohnung Ihnen. Aber ich wünſche, daß Langley den dritten Theil davon erhält.“ „Es ſoll geſchehn, Sir,“ erwiederte Ireton ehrerbietig. „Nun komm, Jack.“ „Elende!“ rief Sheppard, den die Heftigkeit ſeiner Auf⸗ regung faſt von Sinnen brachte,„Ihr ſeyd Alle mit ihm im Bunde.“ 182 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Fort mit ihm!“ rief Jonathan.„Ich will ihn ſelbſt in die Eiſen legen ſehn. Bleibe bei der Thür, Nab,“ fügte er hinzu, indem er einen Augenblick hinter den Andern zurück⸗ blieb,„und laß Keinen hinein noch heraus.“ Jack ward unterdeſſen nach Newgate geſchleppt. Auſtin wollte kaum ſeinen Sinnen trauen, als er ihn erblickte. Shotbolt, der ſich einigermaßen von den Wirkungen des ge⸗ habten Verdruſſes erholt hatte, war außer ſich vor Entzücken, und konnte ſich nicht genug über den Gefangenen freuen. Miſtreß Spurling hatte ſich ſchon zur Ruhe begeben. Jack wandte ſich an ſeine neuen Zuhörer, aber ohne beſſeren Er⸗ folg, als vorher. Seine Ausſage ward mit Spott entgegen⸗ genommen. Als Jonathan ihn mit ſchweren Ketten in der Verurtheilten⸗Zelle hatte feſſeln laſſen, ging er wieder über die Straße. Er fand Abraham auf Wache, wie er ihn verlaſſen hatte. „Iſt Jemand hier geweſen?“ fragte er. „Niemand,“ antwortete der Jude. „Das iſt gut,“ entgegnete Wild eintretend und die Thür verſchließend.„Jetzt wollen wir an unſere Sachen gehn. Nab, du zitterſt ja, als ob du das Fieber hätteſt,“ ſagte er zu dem Juden, dem die Zähne hörbar klapperten. „Ich habe mich noch nicht von dem Schreck im Brunnen⸗ raum erholt,“ erwiederte Abraham. Als Jonathan in ſein Empfangzimmer trat, fand er Thames Darrell ohne Befinnung an derſelben Stelle liegen, wo er ihn verlaſſen hatte; aber bei näherer Beſichtigung bemerkte er, daß ſeine Taſchen herausgekehrt und offenbar geplündert worden waren. Von dieſem Umſtande beunruhigt, blickte er umher und ſah die Fallthür, welche, wie erwähnt, nach der geheimen Treppe führte, offen ſtehn. Dann ent⸗ deckte er, daß Blauhaut nicht mehr da war, und nach fer⸗ nerer Unterſuchung fand er, daß dieſer ſämmtliche Banknoten, Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward. 183 Gold und Silber— und ſogar, wovon Jonathan ſelbſt nichts wußte, die beiden Packete aus Thames's Taſchen,— fortgetragen hatte. Jonathan griff mit einem furchtbaren Fluche nach der Fackel und ſtieg eilig die Treppe hinunter. Ungeachtet der ſorgfältigſten Nachforſchungen konnte er keine Spur von Blauhaut entdecken. Aber da er die Kellerthür offen fand, da ſchloß er, daß er auf dieſem Wege entflohn ſein müſſe. Er kehrte in einem keineswegs beneidenswerthen Ge⸗ müthszuſtand nach dem Empfangzimmer zurück und befahl dem Juden, Thames in den Brunnenraum zu werfen. „Sie müſſen ſich ſelbſt die Mühe machen, Herr Wild,“ verſetzte Abraham kopfſchüttelnd.„Ich gehe um keinen Preis wieder in das ſchreckliche Loch.“ „Narr!“ rief Wild, den Körper aufhebend,„wovor fürchteſt du dich? Am Ende,“ fuhr er ſinnend fort,„mag er mir lebend von größerem Nutzen ſein, als todt.“ Bei dieſem veränderten Plane ſtehen bleibend, befahl er Abraham ihm zu folgen und ſtieg noch einmal die geheime Treppe hinab, um den Verwundeten in dem tiefſten Theile ſeines Hauſes unterzubringen. Nachdem er mehrere Thüren geöffnet hatte, gelangte er in ein finſteres Gewölbe, welches es mit der dumpfſten Zelle in Newgate aufnehmen konnte, worauf er die Thür verſchloß. „Geh an die Pumpe, Nab,“ ſagte er, als dies ge⸗ ſchehn war,„und hole einen Eimer Waſſer. Wir müſſen dieſe Flecken oben auswaſchen und das Tuch verbrennen. Sie ſagen zwar, Blut geht nicht aus, aber ich habe immer noch das Gegentheil gefunden. Wenn ich mich eine Stunde ausgeruht habe, will ich Blauhaut nachſetzen.“ 184 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Fünfzehntes Kapitel. Wie Blauhaut die hochnothpeinliche Frage aushielt. Sobald es am andern Tage durch die öffentlichen Blätter bekannt ward, daß Jack Sheppard ausgebrochen und noch in derſelben Nacht wieder gefangen war, regte ſich die Neu⸗ gierde wieder, und es ſtrömten größere Haufen als je nach Newgate, in der Hoffnung, zu ihm in die Zelle gelaſſen zu werden; jedoch auf ausdrücklichen Befehl des Oberaufſehers, — Wild hatte ihm privatim dazu gerathen,— ward dies Niemanden geſtattet. Dann erhob ſich die Frage, ob der Gefangene Kraft des beſtehenden Befehls hingerichtet werden konnte,— einige neigten ſich zu der einen, andere zur ent⸗ gegengeſetzten Meinung. Um dieſen Punkt in's Reine zu bringen, machte der Oberaufſeher ſich auf den Weg nach Windſor, und übertrug ſein Amt für die Zwiſchenzeit auf Wild, der ſeine kurze Herrſchaft dazu benutzte, um die här⸗ teſten Maßregeln gegen den Gefangenen zu ergreifen. Er ließ ihn aus der Verurtheilten⸗Zelle fortbringen, ihm ſeine gute Kleidung nehmen, ihn in die ſchmutzigſten Lumpen ſtecken und in die Steinzelle werfen, von der wir ſchon er⸗ wähnt haben, daß ſie die ungeſundeſte im ganzen Gefängniß war. Ohne einen Sonnenſtrahl zu erblicken, von Niemand als Auſtin, der weder auf ſeine Fragen antwortete, noch ein Wort mit ihm ſprach, in beſtimmten Zwiſchenräumen be⸗ ſucht, mit der elendeſten Nahrung, buchſtäblich verſchimmeltem Brod und Grubenwaſſer geſpeist, umgeben von Steinwänden, mit einem Steinpflaſter zum Lager, und nicht einmal einer Decke, um ſich vor der tödtlichen Kälte zu ſchützen, verlor Jack endlich den Muth, und verfiel in die tiefſte Niederge⸗ ſchlagenheit, ſehnlichſt die Zeit herbeiwünſchend, wo ein ge⸗ waltſamer Tod ſeinen Leiden ein Ziel ſetzen würde. Doch „ Wie Blauhaut die hochnothpeinliche Frage aushielt. 185 es war nicht ſo beſtimmt. Herr Pitt kam mit der Nach⸗ richt wieder, daß die Hinrichtung aufgeſchoben wäre, und nach eingeholtem Gutachten von zwei der ausgezeichnetſten Rechtsgelehrten jener Zeit, Sir William Thomſon und Ser⸗ geant Raby kam man zu dem Schluß, daß erſt auf regel⸗ rechtem, gerichtlichem Wege der Beweis geführt werden müſſe, daß Sheppard ebendieſelbe Perſon wäre, welche verurtheilt worden und entſprungen war, ehe ein neuer Hinrichtungs⸗ befehl ausgefertigt werden könnte, und daß die ganze Sache deßhalb bis zur nächſten Old⸗Bailey⸗Sitzung im Oktober aufgeſchoben werden möchte. Der unglückliche Gefangene, der von dieſer Friſt nichts erfuhr, ſchmachtete unterdeſſen in ſeinem ſchrecklichen Gefäng⸗ niſſe und ward nach Verlauf von drei Wochen ſo ernſthaft krank, daß man an ſeinem Leben zweifelte. Er wies alle Nahrung von ſich,— und ſelbſt als ihm beſſere Speiſen geboten wurden, nahm er ſie nicht an. Da ſein Tod keines⸗ wegs das war, was Jonathan wünſchte, ſo beſchloß er, ihn in eine geſundere Zelle bringen zu laſſen und ihm ſolche kleine Bequemlichkeiten zu geſtatten, die zu ſeiner Wieder⸗ herſtellung beitragen könnten oder ihn wenigſtens bis zu ſeiner Hinrichtung am Leben erhielten. Aus dieſen Gründen ward Jack in eine Zelle getragen,— denn er konnte ſich ohne Beiſtand nicht mehr bewegen,— die über dem Thor an der weſtlichen Seite in dem für den feſteſten gehaltenen Theil des Gefängniſſes lag und das Kaſtell hieß. Die Mauern waren von ungeheurer Dicke, die kleinen Fenſter doppelt⸗vergittert und ohne Scheiben, der Kamin war ohne Roſt und ein Feld⸗ bett mit zwei Abtheilungen nahm eine Ecke derſelben ein. Sie war ungefähr zwölf Fuß hoch, neun Fuß breit und vierzehn Fuß lang und hatte eine doppelte Thür, deren jede ſechs Zoll dick war. Da Jack's Kräfte ſchnell hinzuſchwinden ſchienen, ſo wurden ihm ſeine Feſſeln abgenommen, ſeine eigenen Kleider wieder⸗ 186 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. gegeben und eine Matratze nebſt einigem Bettzeug bewilligt. Miſtreß Spurling war ſeine Krankenwärterin, und unter ihrer Pflege kam er bald wieder zu Kräften. Kaum war er auf dem Wege der Beſſerung und alle Befürchtungen wegen ſeines vorzeitigen Endes beſeitigt, ſo trat die frühere harte Behandlung wieder ein. Das Bett ward fortgebracht, Mi⸗ ſtreß Spurling durfte ihn nicht länger beſuchen, er ward wieder mit Eiſen beladen, mit einem ungeheuren Schloß an einen Ring auf den Fußboden geſchloſſen, und er vurfte nur auf einem Stuhle ruhn. Ein einzige Decke war ſein ganzer Schutz gegen die Nachtkälte. Trotz allem dieſem ward er von Tage zu Tage beſſer und gewann ſeinen frohen Muth wieder. Bis dahin war es noch Niemand geſtattet, ihn zu beſuchen. Indeſſen, ſo wie die Zeit heranrückte, wo ſeine Identität bewieſen werden ſollte, ward dieſe Strenge einiger⸗ maßen gemildert und einige Perſonen wurden zuweilen zu ihm hineingelaſſen, jedoch nur in Auſtin's Gegenwart. Von keinem von dieſen konnte Jack erfahren, was aus Thames geworden war, oder wie ſich die Familie auf Dollis⸗Hill oder ſeine Mutter befünde. Auſtin, der offenbar von Wild dazu angewieſen ward, beobachtete das tiefſte Stillſchweigen über dieſen Punkt. Auf dieſe Weiſe verfloß mehr als ein Monat. Der Oktober näherte ſich, und binnen einer Woche ſollten die Gerichtsſitzungen in Old⸗Bailey beginnen. Als Auſtin eines Abends um dieſe Zeit das große Thor verſchließen wollte, traten Jonathan Wild und ſeine beiden Janitſcharen mit einem an Hand und Fuß gebundenen Ge⸗ fangenen ein. Es war Blauhaut. Kaum waren die Stricke gelöſt, ſo that er einen verzweifelten Sprung nach Wild, warf ihn zu Boden, packte ihn an der Kehle und würde ihn un⸗ fehlbar erdroſſelt haben, wenn die Schließer nicht ſämmtlich hinzugeſtürzt wären und ihn mit Gewalt fortgeriſſen hätten. Er ſträubte ſich ſo heftig, daß es bei einem Mann von ſei⸗ Wie Blauhaut die hochnotbpeinliche Frage aushielt. 187 ner Körperkraft ziemlich lange dauerte, ehe ſie ſeiner Herr werden konnten, und es bedurfte der vereinten Anſtrengun⸗ gen ſämmtlicher Anweſenden, um ihn in Eiſen zu legen. Es ſchien aus ſeinen Worten hervorzugehn, daß er im Schlaf gefangen worden war,— daß ſein Branntwein verſetzt ge⸗ weſen wäre,— ſonſt hätten ſie ihn nimmer lebendig feſt⸗ nehmen ſollen. Wild, behauptete er, hätte ihn einer bedeu⸗ tenden Geldſumme beraubt, und ehe ihm dieſe nicht wieder gegeben wäre, wolle er nicht plaidiren. „Das wollen wir ſehn,“ erwiederte Jonathan.„Bringt ihn in den Stock und laßt ihn dort ſeinen trunkenen Muth ausſchlafen. Mag er plaidiren oder nicht, er ſoll mit ſeinem Spießgeſellen Jack Sheppard hängen.“ Bei dieſer Anſpielung auf ſeinen Anführer durchrieſelte ein Schauer ſeinen athletiſchen Körper. „Wo iſt er?“ rief er.„Laſſen Sie mich ihn ſehn. Laſſen Sie mich ein Wort mit ihm ſprechen, und Sie kön⸗ nen alles Geld behalten.“ Jonathan antwortete nicht, ſondern winkte den Gefäng⸗ nißwärtern, ihn fortzuführen. Sobald Blauhaut ſich entfernt hatte, gab er ſeinen Wunſch, das Kaſtell zu beſuchen, zu erkennen. Er ließ ſich von Ireton und Auſtin begleiten. Die ſchwerfällige Thüre ward geöffnet, und ſie traten in die Zelle. Wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie ſie leer und den Gefangenen verſchwun⸗ den ſahn! Jonathan konnte kaum ſeinen Augen trauen. Er blickte zornig und fragend von einem ſeiner Begleiter auf den andern, aber obgleich beide außerordentlich erſchrocken waren, ſo ſchien doch keiner ſchuldig zu ſein. Ehe ſie aber Worte finden konnten, hörte man ein kleines Geräuſch im Kamin und Jack kam mit ſeinen Eiſen heruntergekrochen. Ohne die geringſte Verwirrung zu verrathen oder auch nur einen Laut zu äußern, nahm er unbefangen ſeinen Sitz ein. X 188 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefingniß⸗Brecher. „Dies geht über Alles!“ rief Wild.„Wie hat er das Schloß geöffnet? Auſtin, es muß von Ihrer Nachläſfigkeit herkommen.“ „Von meiner Nachläſſigkeit, Herr Wild?“ ſagte der Schließer, an allen Gliedern zitternd.„Ich verſichere Ihnen, Sir, als ich ihn vor einer halben Stunde verließ, war es feſt verſchloſſen. Ich habe es ſelbſt unterſucht, Sir. Ich bin eben ſo erſtaunt, wie Sie. Aber ich kann es mir nicht erklären!“ „Jedenfalls ſollen Sie dafür büßen,“ donnerte Wild mit einem heftigen Fluch. „Er iſt unſchuldig,“ ſagte Jack aufſtehend.„Ich habe das Schloß mit einem krummen Nagel geöffnet, den ich auf der Erde liegen fand. Wenn Sie zehn Minuten ſpäter ge⸗ kommen wären, oder wenn ich keine Eiſenſtange im Kamin gefunden hätte, die mich aufhielt, ſo wäre ich längſt über alle Berge geweſen.“ „Du ſprichſt ſehr zuverſichtlich,“ verſetzte Wild.„Gehn Sie nach der Eiſenkammer, Auſtin, und laſſen Sie zwei von den Wärtern ein andres Schloß und die ſchwerſten Hand⸗ ſchellen bringen, die ſie finden können. Wir wollen ſehn, ob er noch einmal losbrechen wird.“ Sheppard ſagte nichts, und ein verächtliches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Auſtin entfernte ſich und kam bald mit den beiden Un⸗ terbeamten wieder, deren jeder ein ledernes Schurzfell um den Leib und einen Hammer in der Hand trug. Sobald die Feſſeln um ſeine Handgelenke und das Schloß an den Ring befeſtigt war, zogen ſie ſich zurück. „Laſſen Sie mich einen Augenblick mit ihm allein,“ ſagte Jonathan, und die Schließer entfernten ſich ebenfalls. „Jack,“ ſagte Wild mit triumphirendem Blick,„ich will dir jetzt ſagen, was ich gethan habe. Alle meine Pläne find gelungen. Ehe ein Monat um iſt, gehört deine Mutter mir. Wie Blauhaut die hochnothpeinliche Frage aushielt. 189 Das Trenchard'ſche Vermögen wird mir auch gehören, denn Sir Rowland iſt nicht mehr, und Thames wird nie wieder das Tageslicht erblicken. Blauhaut, der mir mit den Pa⸗ pieren und dem Gelde entſchlüpft war, iſt hier gefangen und wird an denſelben Galgen mir dir gehängt werden. Meine Rache iſt vollkommen befriedigt.“ Mit einem boshaften Blicke auf den Gefangenen verließ er, ohne auf eine Antwort zu warten, die Zelle, deren Thüre ſogleich doppelt verſchloſſen und verriegelt ward. „Ich bin noch nicht ganz fertig,“ ſagte Jonathan zu den Schließern.„Ich möchte ſehn, ob Blauhaut etwas ru⸗ higer geworden iſt. Ich habe eine Frage an ihn. Geben Sie mir die Schlüſſel und das Licht. Ich will allein gehn.“ Bei dieſen Worten ſtieg er eine kurze Wendeltreppe hin⸗ unter, die ihn in einen langen ſteinernen Gang führte, von dem ſich mehrere andere abzweigten, und nach einigen Wen⸗ dungen,— denn er war mit allen Oertlichkeiten des Ge⸗ füngniſſes vertraut,— ſtand er vor der geſuchten Zelle. Als er aus dem von Auſtin erhaltenen Bunde den rechten Schlüſſel gefunden hatte, ſtieß er die Thüre auf und erblickte Blauhaut im Hintergrunde des kleinen Gemachs mit gefeſ⸗ ſelten Händen und die Füße in einen ſchweren Stock ge⸗ klemmt, auf dem Fußboden ſitzend. Er ſchlief, als Jonathan eintrat, und murrte über die Störung. Aber ſobald er merkte, wer er war, ermunterte er ſich und heftete die Augen grim⸗ mig auf den Diebsfänger. „Was wollen Sie?“ fragte er rauh. „Ich will wiſſen, was du mit den übrigen Banknoten gemacht haſt,— mit dem Golde und den Papieren, die du aus meinem Zimmer genommen haſt!“ antwortete Wild. „Dann ſollen Sie nie mehr erfahren als dies,“ verſetzte Blauhaut mit zufriedenem Grinſen,—„ſie ſind an einem — 190 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſichern Ort, wo Sie ſie niemals finden ſollen, aber ein andrer ſie finden wird, und das wird nicht lange dauern.“ „Höre an, Blauhaut,“ ſagte Jonathan mit verbiſſener Wuth.„Wenn du mir ſagſt, wo ich dieſe Sachen zu ſuchen habe und wenn ich ſie finde, ſo will ich dich loslaſſen, und du ſollſt einen Theil von dem Gelde haben.“ „Ich will Ihnen ſagen, was ich thun will,“ entgegnete Jener.„Setzen Sie Hauptmann Sheppard in Freiheit, und enn ich höre, daß er in Sicherheit iſt,— aber nicht eher,— dann will ich Ihnen das Geld und die Papiere ausliefern, und auch noch einige andere Sachen, von denen Sie nichts wiſſen.“ „Unvernünftiger Tölpel!“ rief Jonathan wüthend. „Denkſt du, ich werde das Angenehmſte von der Rache unter ſolchen Bedingungen aus der Hand geben? Nein; aber ich will das Geheimniß ſchon auf einem andern Wege auspreſſen.“ Bei dieſen Worten ging er hinaus und ſchlug heftig die Thüre zu. Nach ungefähr zehn Tagen hatte Wild ihn verſchiedener Diebſtähle angeklagt und Blauhaut ſollte vor dem Old⸗Bailey⸗ Hofe zu Gericht geſtellt werden; da erklärte er aber, daß er auf die Anklage nicht plaidiren wollte, ehe ihm nicht die Summe von fünfhundert Pfund, die Jonathan Wild ihm genommen hätte, zurückgeſtellt würde. Dieſe Summe, welche Wild kraft eines Statuts aus dem vierten und fünften Jahre von Wil⸗ helm und Marie, betitelt:„Akte zur Aufmunterung der Ein⸗ bringung von Straßenräubern,“ in Anſpruch nahm, ward ihm vom Hofe zugeſprochen. Da Blauhaut noch immer bei ſeinem Vorſatze blieb, ſo wurde nun die an halsſtarrigen Gefangenen zu vollſtreckende Sentenz verleſen. Sie lautete, wie folgt, und machte einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer, außer dem Gefangenen, der ſein trotziges Benehmen auf keine Weiſe veränderte. Wie Blauhaut die hochnothpeinliche Frage aushielt. 191 „Gefangner vor den Schranken,“ ſo hieß es,„Ihr ſollt aus dem Gefängniß, aus dem Ihr gekommen, entfernt und in ein ſchlechtes Zimmer ohne Tageslicht gebracht werden; und dort ſollt Ihr auf den nackten Boden gelegt werden, ohne Streue, Stroh oder ſonſtige Bedeckung und ohne Be⸗ kleidung. Ihr ſollt auf Eurem Rücken liegen, Euer Kopf ſoll verhüllt werden und Eure Füße ſollen entblößt ſein. Euer einer Arm ſoll nach der einen Seite und der andre nach der andern ausgeſtreckt werden, und mit Euren Beinen ſoll auf gleiche Weiſe verfahren werden. Dann ſoll Euch ſo viel Eiſen oder Stein auf den Leib gelegt werden, als Ihr tragen könnt und mehr. Und am erſten Tage ſollt Ihr drei Biſſen Gerſtenbrod erhalten ohne Getränk; und am zweiten Tage ſollt Ihr ſo viel trinken können, als Ihr mögt, zu dreien Malen, von dem Waſſer, das zunächſt der Gefäng⸗ nißthür ſteht, aber kein fließendes Waſſer, und ohne Brod. Und dies ſoll Eure Nahrung ſein, bis Ihr ſterbt.“ „Gefangner vor den Schranken,“ fuhr der Gerichts⸗ ſchreiber fort,„gegen wen dieſe Strafe erkannt wird, deſſen Gut iſt dem König verfallen.“ Ein vumpfes Schweigen herrſchte im Gerichtsſaale. Je⸗ des Auge war auf den Gefangenen gerichtet. Aber da er keine Antwort gab, ſo ward er fortgeführt. Ehe die ganze Sentenz an ihm vollzogen ward, wurde er in ein kleines anſtoßendes Zimmer gebracht. Hier erhielt Marvel von Wild den Befehl, ſeine Daumen zuſammenzu⸗ ſchnüren, und dies geſchah mit einem Bindfaden ſo eng, daß er bis auf den Knochen einſchnitt. Da dies aber nichts fruchtete und ihm nicht einmal ein Aechzen entlockte, ſo ward der Gefangene wieder nach Newgate gebracht. Das Preßzimmer, in welches Blauhaut bei ſeiner An⸗ kunft im Gefängniß geführt wurde, war ein kleines Gemach mit ſteinernen Mauern und Fußboden. In jeder Ecke ſtand 192 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ein ſtarker viereckiger Pfeiler, der, bis an die Decke reichte. An dieſen war ein ſchwerer hölzerner Apparat befeſtigt, der mittelſt Flaſchenzügen nach Belieben gehoben oder geſenkt werden konnte. In dem Fußboden waren vier Ringe, un⸗ gefähr neun Fuß von einander, eingelafſen. Als der Ge⸗ fangene in dies Zimmer gebracht war, ward er noch einmal befragt, aber da er halsſtarrig verblieb, ſo wurden Vorbe⸗ reitungen zur Tortur getroffen. Da ſeine große Körperkraft bekannt war, ſo hatte Marvel es für gerathen geachtet, ſich von allen vier Wärtern nebſt Caliban begleiten zu laſſen. Der Gefangene zeigte ſich jedoch gefügiger, als zu erwarten ſtand. Er ließ ſich die Eiſen und die Kleidungsſtücke ohne Widverſtand abnehmen. Aber als ſie im Begriff waren, ihn auf den Fußboden zu legen, rhat er einen verzweifelten Sprung nach Jonathan, der mit untergeſchlagenen Armen von der Thüre aus das Schauſpiel beobachtete. Dieſer Ver⸗ ſuch war erfolglos. Er ward augenblicklich überwältigt und auf dem Boden ausgeſtreckt. Die vier Leute warfen ſich ihm auf Arme und Beine, und Caliban hielt ihm den Kopf feſt. In dieſer Lage gelang es ihm, die Hand des armen Negers mit den Zähnen zu faſſen, und er biß ihm faſt die Finger ab, ehe er losgemacht werden konnte. Unterdeſſen hatte der Scharfrichter ſtarke Stricke an ſeine Knöchel und Handgelenke gelegt und ſie an den eiſernen Ringen befeſtigt. Hierauf löste er die Flaſchenzüge und die gewichtige Maſchine, welche einem Troge ähnelte, ſenkte ſich langſam auf die Bruſt des Gefan⸗ genen. Marvel nahm dann zwei eiſerne Gewichte, jedes von hundert Pfund, und legte ſie in die Preſſe. Als dies nicht genügte, legte er nach Verlauf von fünf Minuten noch einen Centner zu. Der Gefangene athmete noch mit Mühe. Den⸗ noch befähigte ſein ſtarker Körperbau ihn, es zu ertragen. Nachdem er dieſe Tortur eine Stunde lang ausgehalten hatte, ward auf einen Wink von Wild noch ein Centner hinzuge⸗ ——,— Wie Blauhaut die hochnothpeinliche Frage aushielt. 193 fügt. In wenigen Minuten trat eine bemerkbare Verände⸗ rung mit ihm ein. Die Adern an Hals und Stirn ſchwollen ſchwarz auf, ſeine Augen traten aus ihren Höhlen und ſtarrten wild in die Ferne, dichte Schweißtropfen ſammelten ſich auf ſeiner Stirn, und das Blut ſtürzte ihm aus Mund, Naſe und Ohren. „Waſſer!“ ſtöhnte er. Der Scharfrichter ſchüttelte den Kopf. „Ergibſt du dich?“ fragte Wild. Blauhaut antwortete damit, daß er ſeinen Kapf heftig auf den Steinboden ſtieß. Dieſer Verſuch zum Selbſtmord ward jedoch verhindert. „Verſuchen Sie es mit n0 fünfzig Pfund,“ ſagte Jonathan. „Halt!“ ächzte Blauhaut. „Willſt du plaidiren?“ fragte Wild rauh. „Ja,“ antwortete der Gefangene. „Laßt ihn los,“ ſagte Jonathan.„Wir haben ihm ſeinen Eigenſinn vertrieben, wie Sie ſehn,“ ſprach er zu Marvel. „Ich will leben,“ rief Blauhaut mit einem Blick voll des tödtlichſten Haſſes auf Wild,„um an Ihnen Rache zu nehmen.“ Und als die Gewichte abgenommen wurttn⸗ ſank er ohnmächtig zuſammen. Sechszehntes Kapitel. Wie Jack Sheppard's Bild gemalt ward. Früh am Donnerſtag Morgen ven 15. Oktober 1724 öffnete Auſtin die Thüre des Kaſtells und meldete dem Ge⸗ fangenen mit ungewöhnlich wichtiger Miene vier Gentlemen an, die ihn mit dem Oberaufſeher beſuchen würden,—„vier Ainsworth, Jack Sheppard. M. 13 194 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſolche Gentlemen,“ ſagte er mit einem Ton, der ihm ein deutliches Gefühl der ihm zugedachten Ehre beibringen ſollte, „wie du ſie nicht alle Tage findeſt.“ „Iſt Herr Wood dabei?“ fragte Jack begierig. „Herr Wood!— nein,“ antwortete der Schließer. „Denkſt du, ich würde mir die Mühe machen, ihn anzu⸗ melden? Dies ſind Perſonen von Stande, ſage ich dir.“ „Wer ſind ſie denn?“ fragte Jack. „Nun, erſtens,“ verſetzte Auſtin,„Sir James Thornhill, Geſchichtsmaler des Königs und der erſte Künſtler ſeiner Zeit. Die großen Zeichnungen in der Kuppel der Paulskirche ſind von ihm. Und auch die Decke des Staatsſaals im Pallaſt zu Hampton⸗Court und die große Halle in Blenheim und wer weiß, wie viele Hallen und Kapellen ſonſt noch.“ „Ich habe ſchon von ihm gehört,“ erwiederte Jack un⸗ geduldig.„Und die andern?“ „Dann iſt da ein Freund von Sir James,— ein jun⸗ ger Mann, der Maskeradenbillets und Karrikaturen zeichnet⸗ — ich glaube, er heißt Hogarth. Ferner Herr Gay, der Dichter, der die„Gefangenen“ geſchrieben hat, die vor kur⸗ zem in Drury⸗Lane gegeben wurden und der Prinzeſſin von Wales ſo ſehr gefielen. Und endlich Herr Figg, der be⸗ kannte Fechtmeiſter vom neuen Amphitheater auf dem Ma⸗ rylebonefelde.“ „Figg iſt ein alter Freund von mir,“ erwiederte Jack. „Er war mein Lehrer auf Hieber und Rapier. Es freut mich, daß er mich beſuchen will.“ „Fragſt du nicht, weßhalb Sir James Thornhill kommt 2“ ſagte Auſtin. „Aus Neugierde, denke ich,“ erwiederte Jack nachläſſig. „Bewahre,“ entgegnete der Wärter.„Er kommt im Auftrage.“. „In welchem Auftrage?“ fragte Sheppard verwundert. Wie Jack Sheppard's Bild gemalt ward. 195 „Er ſoll dich malen,“ antwortete der Schließer. „Mich malen!“ rief Jack. „Auf Befehl des Königs,“ ſagte der Gefängnißwärter mit Wichtigkeit.„Er hat von deinen merkwürdigen Aus⸗ brüchen gehört, und möchte gern wiſſen, wie du ausſiehſt. Da kannſt du dir etwas darauf einbilden. Solche Ehre iſt noch keinem Hausbrecher widerfahren.“ „Alſo haben meine Ausbrüche wirklich ſo viel Lärm gemacht, daß ſie bis zu den Ohren des Königs gekommen ſind?“ ſann Jack.„Ich habe nichts gethan,— nichts gegen das, was ich thun könnte,— gegen das, was ich thun werde!“ „Du haſt vollkommen genug gethan,“ antwortete Auſtin, „mehr als du je wieder thun wirſt.“ „Und in dieſem Aufzuge abgenommen zu werden, in dieſen ſchmählichen Ketten!“ fuhr 32 fort,„auf ewig zum Schauſpiel zu dienen!“ „Nun, wie wollteſt du auch anders aufgenommen wer⸗ den?“ rief der Schließer mit rohem Gelächter.„Es iſt noch ein Glück, daß Herr Wild dir wieder deine ſchönen Kleider gegeben hat, ſonſt hätteſt du dich in einem noch ſchimpf⸗ licheren Anzuge aufnehmen laſſen müſſen. Ich für meinen Theil finde, daß dir dieſe Ketten recht gut ſtehn. Aber hier kommen ſie ſchon.“ An der Thüre warden Stimmen laut, und Auſtin eilte ſie zu öffnen, und ließ den Oberaufſeher Herrn Pitt, eine hochgewachſene Perſon mit vornehmer Miene, herein, der ſeinerſeits vier andre Perſonen einführte. Der erſte von die⸗ ſen, Herr Gay, war ein beleibter, gutmüthig ausſehender Mann von etwa ſechsunddreißig Jahren, von dunklem Teint, mit ovalem Geſicht, ſchönen ſchwarzen Augen, voll Feuer und Verſtand und ſchelmiſche Laune blitzend,— ein Aus⸗ druck, der auch in ſeinem ſarkaſtiſch Munde N 196 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. lag. Das Aeußere des Dichters war höchſt einnehmend. Bei ſeiner ſtarken Neigung zur Satire, jedoch ohne einen Schatten von Bosheit oder üblem Willen, verlor Gah durch ſeine ſcherzhaften Aeußerungen, ſei es in Wort oder Schrift, nie einen Freund. Im Gegentheil, er war allgemein beliebt und zählte die auserleſenſten Geiſter jener Zeit unter ſeinen genauen Bekannten,— Pope, Swift, Arbuthnot und„alle die beſſeren Brüder.“ Sein Benehmen war geglättet, ſein Umgang gefällig und ſanft, und er zeichnete ſich durch ſeinen edelmüthigen Charakter aus. In weltlichen Dingen harte Gay kein Glück. Er hatte ſich an dem Südſeeunternehmen betheiligt und ſchätzte ſein Vermögen einmal auf zwanzig⸗ tauſend Pfund. Aber als dieſe Seifenblaſe zerplatzte, ſanken ſeine Hoffnungen. Weder ſein Einfluß,— der keineswegs gering war,— noch ſeine allgemeine Beliebtheit, verſchaff⸗ ten ihm die gewünſchte Anſtellung. Trotz ſeiner beſtändigen Aufwartung bei Hofe hatte er die Kränkung, alle andern, nur ſich nicht, befördern zu ſehn. Der außerordentliche Er⸗ folg ſeiner„Bettler⸗Oper,“ die ohngefähr vier Jahre ſpäter herauskam, gab ihm für ſeine getäuſchten Hoffnungen Er⸗ ſatz, obgleich er nicht ganz das bekannte Epigramm auf ihn und den Theaterdirektor rechtfertigte, daß ſie Gay reich und Rich luſtig gemacht habe.*) In dieſem Augenblicke waren grade ſeine„Gefangenen“ in Drury⸗Lane gegeben, und er war mit ſeinen„Fabeln“ beſchäftigt, die zwei Jahre ſpäter herauskamen. Auf den Dichter folgte Sir James Thornhill. Der berühmte Maler hat angenehme, ausdrucksvolle Züge, eine gebogene Naſe und ſehr viel Würde in ſeinem Weſen. Er war nicht mehr weit vom fünfzigſten Jahre. Ihn begleitete ein junger Mann von etwa ſiebenundzwanzig Jahren, der *) Wortſpiel auf Gay= luſtig und Rich= reich. Wie Jack Sheppard's Bild gemalt ward. 197 ſeine Staffel trug, ſie aufſtellte, die Leinwand darauf legte, den Farbenkaſten öffnete, Pinſel und Palette herausnahm und ihm mit einem Wort die emſigſte Aufmerkſamkeit erwies. Dieſer junge Mann, deſſen Züge, zwar nichtsſagend und eben nicht fein, doch den unverkennbarſten Stempel des Ge⸗ nies trugen, und der ein dunkles, graues, durchdringendes Auge hatte, deſſen beweglicher Blick zwanzig Gegenſtände auf einmal zu umfaſſen und doch nur an einem zu haften ſchien, trug den geehrten Namen William Hogarth. Warum er Sir James Thornhill ſo viel Aufmerkſamkeit erwies, wird ſich ſpäter zeigen. Der letzte war ein großer breitſchultriger Mann mit einem derben, ehrlichen, aber unfreundlichen Geſichte, das manchen Hieb und manchen Riß trug, und jenes grimmige, trotzige, bulldogartige Ausſehn hatte, das einen Engländer immer ſo ſehr beſticht, weil er es für einen charakteriſchen Zug ſeiner Landsleute hält. Dieſer Mann, der niemand an⸗ ders als der berühmte Figg war,„der Atlas des Schwertes,“ wie ihn Hauptmann Godfrey nennt, hatte Hut und„Schä⸗ delbedeckung“ abgenommen und wiſchte ſich den Schweiß von ſeinem bepflaſterten und kurzgeſchornen Kopf. Sein Hemd ſtand offen und ließ einen ſtiermäßigen Nacken ſehn und eine Bruſt, die einem Herkules zum Model gedient haben konnte. Er hatte eine breite, vielleicht ſollten wir lieber ſagen, eine breitgeſchlagene Naſe und eine braune lederartige Haut, die ſo ausſah, als hätte ſie öfters die Behandlung des Gerbens durchgemacht. Unter ſeinem Arm trug er einen dicken Kno⸗ tenſtock. Dieſe Beſchreibung des„großen Figg, des von allen Klopffechtern anerkannten Alleinherrſchers von Maryle⸗ bonefeld“ mag vielleicht etwas zahm erſcheinen gegen die enthuſiaſtiſchen Ausbrüche ſeines tapfern Biographen, der von ihm behauptet,„daß eine Majeſtät aus ſeinen Blicken ſtrahlte und aus allen ſeinen Bewegungen leuchtete, die alles über⸗ 198 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. trifft, was ich je geſehn habe;“ aber ſie gibt vielleicht ein richtigeres Bild von ſeiner Perſönlichkeit. James Figg war der ausgezeichnetſte Fechter ſeiner Tage. Seine Geſchicklich⸗ keit, unterſtützt von ſeiner Stärke und Ruhe, machte ihn unüberwindlich, und man ſagt, daß er nie in einem Kampf den kürzeren gezogen hat. Seinen unerſchütterlichen Gleich⸗ muth beim Fechten hat Hauptmann Godfrey, der hier die Stelzen abzulegen geruht, vortrefflich gezeichnet.„Sein rechtes Bein, kühn und feſt vorgeſetzt, und ſein linkes, das kaum jemals aus ſeiner Lage gebracht werden konnte, gaben ihm einen überraſchenden Vortheil und erfüllten ſeinen Geg⸗ ner mit Verzweiflung und Schrecken. Er hatte eine beſon⸗ dere Art, bei der Parade auszufallen, kannte ſeinen Arm und den genauen Moment ſeiner Bewegungen, hatte ein feſtes Vertrauen darauf und benützte jede Blöße ſeines Gegners. Er war eben ſo ſehr ein größerer Meiſter, als alle andern, die ich je geſehn habe, als er ein größerer Beurtheiler von Zeit und Maaß war.“ Figg's Tapferkeit in einem Gefecht mit Sutton iſt von Dr. Byrom gefeiert worden,— einem Dichter, auf den ſeine Vaterſtadt Mancheſter alle Urſache hat, ſtolz zu ſein; und ſeine Züge und Geſtalt ſind von dem berühmteſten ſeiner Begleiter bei dieſer Gelegenheit, von Hogarth, in dem„Fortſchritt des Wüſtlings“ und in dem „Southwark'ſchen Jahrmarkt“ verewigt worden. Sheppard erhob ſich beim Eintritt ſeiner Gäſte,— ſeine Feſſeln raſſelten ſchwer bei dieſer Bewegung,— und mit un⸗ tergeſchlagenem Arm, ſo weit ſeine Handſchellen ihm dieſe Stellung erlaubten, erwiederte er die auf ihn gerichteten Blicke. „Dies iſt der berüchtigte Hausbrecher und Gefängniß⸗ brecher, meine Herren,“ ſagte Herr Pitt, auf den Gefange⸗ nen zeigend. „Was Sie ſagen!“ rief Gay erſtaunt,„ſollte dieſer ſchmächtige Aufſchößling Jack Sheppard ſein? Ich hatte er⸗ Wie Jack Sheppard's Bild gemalt ward. 199 wartet, einen Mann von wenigſtens ſechs Fuß zu finden, und ſo breit um die Bruſt, wie unſer Freund Figg dort. Dies iſt ja ein bloßer Knabe. Haben Sie ſich auch gewiß nicht in der Zelle geirrt, Herr Pitt?“ „Es iſt kein Irrthum, Sir,“ erwiederte der Gefangene ſtolz.„Ich bin Jack Sheppard.“ „Nun, ich muß geſtehn, ich bin nie in meinem Leben ſo überraſcht worden,“ ſagte der Dichter—„nie!“ „Er iſt genau der Mann, wie ich ihn erwartete,“ äußerte Hogarth, der ſich nach dem Gefangenen wandte, als er alles zu Thornhill's Zufriedenheit vorbereitet hatte, und jetzt, mit dem Kinn auf der Hand und dem Ellbogen auf dem andern Arm geſtützt, ſein ſcharfes graues Auge auf ihn heftete,„genau der Mann! Sehn Sie nur dieſe leichte, be⸗ hende Geſtalt,— lauter Muskel und Stärke, ohne ein Loth überflüſſiges Fett darauf. Bei meinem Suchen nach unge⸗ gewöhnlichen Geſtalten, Herr Gay, bin ich in manche abge⸗ legene Winkel der Stadt gekommen,— habe Orte beſucht, wo ſonſt nur Diebe hauſen,— die Alte Münze, die Neue Münze, den ſchlimmſten Theil von St. Giles und viele andre Viertel,— aber ich habe nirgends Jemand geſehn, der mei⸗ nen Begriffen von einem Einbrecher erſter Größe ſo voll⸗ kommen entſprochen hätte, als dieſe Perſon. Wo er mir auch ſo vorkäme, würde ich ihn unter Tauſenden als den Mann bezeichnen, der von der Natur dazu beſtimmt iſt, die bewunderungswürdigen Fluchtverſuche zu erſinnen und aus⸗ zuführen, die er vollbracht hat.“ Bei dieſen Worten flog ein Lächeln über Sheppard's Geſicht. „Er verſteht mich, wie Sie ſehn,“ ſagte Hogarth. „Nun, ich will Ihrem Urtheil in ſolchen Sachen nicht widerſprechen, Herr Hogarth,“ erwiederte Gay.„Aber ich wende mich an Sie, Sir James, ob es nicht merkwürdig * 200 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefüngniß⸗Brecher. iſt, daß eine ſo ſchmächtige Perſon ein ſo verwegener Dieb ſein kann, wie man von ihm ſagt,— und noch ſo jung obendrein, für einen ſo alten Verbrecher. Er kann ja kaum zwanzig ſein.“ „Ich bin einundzwanzig,“ ſagte Jack. „So, einundzwanzig!“ rief Gay.„Da habe ich ja nicht weit gefehlt.“ „Er ſieht allerdings ſehr jugendlich und ſchmächtig aus,“ ſagte Thornhill, der Sheppard's Geſicht aufmerkſam ſtudirt hatte.„Aber ich ſtimme Hogarth bei, daß er grade der Mann zu ſolchen Thaten iſt. Wie ein Vollblutrenner würde er doppelt ſo viel Strapazen ertragen, als eine Perſon von ſchwererem Körperbau. Kann ich wohl einen Stuhl erhal⸗ ten, Herr Pitt?“ „Gewiß, Sir James, gewiß,“ antwortete der Ober⸗ aufſeher.„Holen Sie einen Stuhl, Auſtin.“ Während dieſer Befehl vollzogen ward, näherte ſich Figg, der bei der Thüre ſtehen geblieben war, dem Gefan⸗ genen und reichte ihm ſeine Rieſenhand, die Jack herzlich drückte. „Nun, Jack,“ ſagte der Fechtmeiſter mit rauher, aber freundlicher Stimme und ſeinem eigenthümlichen derben We⸗ ſen,„wie geht's, mein Junge, he? Thut mir leid, Sie hier zu ſehn. Wollten meinen Rath nicht annehmen. Hab' Ihnen wohl geſagt, wie's kommen würde. Eine Geliebte, genug, um einen Menſchen zu ruiniren,— zwei, der Teufel. Lach⸗ ten mich aus damals. Lachen mit'm ſchiefen Mund jetzt.“ „Sie find doch nicht gekommen, um mich zu beleidigen, Herr Figg?“ ſagte Jack verdrießlich. „Beleidigen! bewahre,“ erwiederte Figg.„Von Ihrem Ausbruch gehört. Ganze Welt ſpricht von Ihnen. Wollte Sie wiederſehn. Alter Schüler. Kapitaler Schläger. Bald hingerichtet werden. Wollte Adieu ſagen. Kleinigkeit nö⸗ Wie Jack Sheppard's Bild gemalt ward. 201 thig?“ fügte er hinzu, indem er einige Goldſtücke in Jack's Hand gleiten ließ. „Sie find ſehr gütig, Sir,“ ſagte Jack, das Geld zu⸗ rückgebend;„aber ich brauche keine Unterſtützung.“ „Zu ſtolz, he?“ verſetzte der Fechtmeiſter.„Wollen Niemand was ſchuldig ſein?“ „Da irren Sie ſich, Herr Figg,“ erwiederte Jack lä⸗ chelnd;„im Gegentheil, ehe ich nach Tyburn geführt werde, möchte ich von Ihnen ein Hemd dazu abborgen.“ „Sollen's haben, recht gern,“ entgegnete Figg.„Habe immer zum Ueberfluß. Nie in meinem Leben ein Hemd gekauft, Herr Gay,“ wandte er ſich an den Dichter.„Und doch'ne gute Menge verkauft.“ „Wie ſtellen Sie das an, Herr Figg?“ fragte Gay. „So,“ antwortete der Fechtmeiſter.„Eine öffentliche Vorſtellung ankündigen. Herausforderung angenommen. Fünfzig Schüler. Den Tag vorher, zu Jedem herumſchicken, ein Hemd leihen. Fünfzig ins Haus geſchickt. Lauter ſu⸗ perfeine Leinwand. Trage eins davon am andern Tage auf der Bühne. In Stücke zerriſſen,— aufgeſchlitzt— blutig. Jeder Schüler denkt, es iſt ſeins. Biete es jedem beſonders wieder an. Von Allen dieſelbe Antwort:„Hol' Sie der Teufel, behalten Sie's.““ „Eine ſinnreiche Erfindung,“ lachte Gay. Als Sir James Thornhill's Vorbereitungen jetzt ge⸗ troffen waren, fragte Herr Pitt, ob er ſonſt noch etwas nöthig hätte, und da dies verneint wurde, entſchuldigte er ſich damit, daß ſeine Anweſenheit bei der Sitzung des Ho⸗ fes in Old⸗Bailey erforderlich wäre und entfernte ſich. „Setzen Sie ſich gefälligſt, Jack,“ ſagte Sir James. „Meine Herrn, etwas weiter ab, wenn Sie ſo gut ſein wollen.“ Sheppard kam der Aufforderung des Malers ſogleich nach, während Gay und Figg ſich auf die eine Seite zurück⸗ 202 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. zogen und Hogarth auf die andere. Der Letztere zog ein kleines Notizbuch und Bleiſtift aus der Taſche. „Ich will auch eine Skizze von ihm nehmen,“ ſagte er. „Jack Sheppard's Geſicht iſt des Aufbewahrens wohl werth.“ Als Sir James Thornhill die Phyſiognomie des De⸗ linquenten genau beobachtet und ihm mit dem Pinſel eine beſtimmte Stellung angewieſen hatte, begann er ſeine Ar⸗ beit, und während er ſeine Züge raſch auf die Leinewand übertrug, zog er ihn in ein Geſpräch, in deſſen Verlauf er ihn zu einer Erzählung ſeiner Abenteuer zu veranlaſſen ſuchte. Die Liſt gelang faſt über alle Erwartung. Jack's Züge erheiterten ſich bei der Erzählung, und der Ausdruck, den er vergebens bei ruhiger Stimmung geſucht haben würde, faßte der gewandte Künſtler jetzt ſchnell auf. Die ganze Ge⸗ ſellſchaft ergötzte ſich an Sheppard's Geſchichte,— beſonders Figg, der laut und anhaltend über ſeine Flucht aus der Verurtheiltenzelle lachte. Als Jack auf Jonathan Wild zu ſprechen kam, veränderte ſich ſeine Miene. „Wir müſſen von etwas anderm ſprechen,“ etite Thorn⸗ hill, einen Augenblick innehaltend;„das geht nimmermehr.“ „Sie haben Recht, Sir James,“ ſagte Auſtin.„Wir leiden es nie, daß er von Herrn Wild anfängt. Er ſieht nie ſo unvortheilhaft aus, als wenn er von ihm ſpricht.“ „Es wundert mich gar nicht,“ meinte Gah. Jetzt erhielt Hogarth von Thornhill einen heimlichen Wink, Jack's Aufmerkſamkeit zu beſchäftigen. „Sie haben alſo alle Hoffnung aufgegeben, je wieder zu entfliehn, Jack?“ fragte Hogarth. „Das iſt in Gegenwart des Gefängnißwärters etwas zu viel gefragt, Herr Hogarth,“ erwiederte Jack.„Aber ich will Ihnen offen geſtehn, und Herr Auſtin kann es ſeinem Herrn, Jonathan Wild, wieder ſagen, wenn er will,— ich gebe es nicht auf.“ Wie Jack She ppard's Bild gemalt ward. 203 „Das iſt recht, Jack,“ rief Figg.„Niemals den Muth verlieren.“ „Nun,“ meinte Hogarth,„wenn Sie mit dieſen Ketten aus dieſem Gefängniß brechen, ſo werden Sie etwas thun, was Ihnen noch Niemand vorgemacht hat.“ Ein eigenthümliches Lächeln flog über Jack's Züge. „Da habe ich's!“ rief Sir James lebhaft.„Grade der Ausdruck, den ich haben wollte.“ Und mit wenigen kunſtreichen Strichen feſſelte er den wandelbaren Ausdruck auf die Leinwand. „Ich habe es auch!“ rief Hogarth, emſig die Bleifeder handhabend.„Wahrhaftig, ein verteufelt ſchönes Geſicht, wenn es belebt iſt!“ „Zum Sprechen ähnlich, Sir,“ ſagte Auſtin, indem er Thornhill über die Schulter ſah.„Zum Sprechen ähnlich.“ „Ganz ſein Geſicht,“ rief Gay hinzutretend,„mit allen ſeinen Ausbrüchen darin.“ „Sie ſchmeicheln mir,“ lächelte Sir James.„Aber ich geſtehe, mir ſcheint es auch ſehr ähnlich.“ „Was halten Sie don meiner Skizze, Jack?“ fragte Hogarth, ihm ſeine Zeichnung reichend. „Ich denke, ſie iſt ziemlich ähnlich,“ verſetzte Sheppard. „Aber hier fehlt etwas,“ ſagte er, mit Bedeutung auf die Hand zeigend. „Ich verſtehe,“ rief Hogarth und zeichnete dem Bilde raſch eine Feile in die Hand.„So, iſt es nun gut?“ „Etwas beſſer,“ meinte Sheppard.„Aber Sie haben mir etwas gegeben, was ich nicht beſitze.“ „Hm!“ ſagte Hogarth, ihn ſcharf anſehend.„Ich wüßte nicht, wie ich es beſſer machen könnte.“ „Kann ich es auch ſehn, Sir?“ fragte Auſtin ſich nähernd. „Nein,“ erwiederte Hogarth, die Skizze ſchnell vernich⸗ tend.„Ich bin nie mit dem erſten Verſuch zufrieden.“ 204 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Wirklich, Jack,“ ſagte Gay,„Sie ſollten Ihre Aben⸗ teuer herausgeben. Sie würden gewiß eben ſo unterhaltend ſein, wie die Geſchichte von Guzman Alfarache, Lazarillo de Tormes, Eſtevanillo Gonzalez, Meriton Latrvon oder irgend eines andern beliebten Schelms, und viel belehrender.“ „Sie ſollten ſie lieber für mich ſchreiben, Herr Gay,“ verſetzte Jack. „Wenn Sie ſie ſchreiben, will ich ſie illuſtriren,“ ſagte Hogarth. „Mir fällt eben ein Gedanke ein,“ ſagte Gay,„auf den mich Jack's Erzählung gebracht hat. Ich will eine Oper ſchreiben, die ganz in Newgate ſpielt und deren Held ein Straßenräuber ſein ſoll. Ich werde Ihre beiden Geliebten nicht vergeſſen, Jack.“ „Und hoffentlich auch nicht Jonathan Wild,“ verſetzte Sheppard. „Gewiß nicht,“ erwiederte Gay.„Der Kerl muß mir an den Galgen. Aber ich vergeſſe,“ fuhr er mit einem Blicke auf Auſtin fort;„es iſt Hochverrath, von Herrn Wild in ſeinen eigenen Staaten ſchlecht zu ſprechen.“ „Ich höre nichts, Sir,“ lachte Auſtin. „Ich wollte noch ſagen,“ fuhr Gay fort,„daß meine Oper keine andre Muſik, als die guten alten Balladenme⸗ lodien haben ſoll. Und wir wollen ſehn, ob ſie nicht die italieniſche Oper mit ihrem Cuzzoni, Seneſino und dem „göttlichen Farinelli an der Spitze aus der Mode bringt.“ „Damit würden Sie der Nation einen Dienſt leiſten,“ ſagte Hogarth.„Es iſt graderaus geſagt eine Schande, ſo große Summen an dieſe Leute zu verſchwenden, und es würde mich entzücken, wenn ich ſie von der Bühne heruntergeziſcht ſähe. Aber ich habe eine Idee, die eben ſo wie die Ihrige aus Sheppard's Geſchichte entſpringt. Ich will zwei Lehr⸗ linge nehmen und ihren Lebenslauf malen. Der eine ſoll Wie Jack Sheppard's Bild gemalt ward. 205 durch Beharrlichkeit und Fleiß Vermögen, Ruf und die höch⸗ ſten Ehren erringen; und der andre ſoll auf dem entgegen⸗ geſetzten Wege und durch Liederlichkeit zuletzt nach Tyburn kommen.“ „Die Ihrige wird der Wahrheit näher kommen und eine höhere Moral enthalten, Herr Hogarth,“ ſagte Jack niedergeſchlagen.„Aber wenn mein Lebenslauf richtig dar⸗ geſtellt werden ſollte, ſo müßte er erſcheinen als ein unab⸗ läſſiger Kampf gegen das Schickſal in der Geſtalt von—“ „Jonathan Wild,“ unterbrach ihn Gay.„Ich wußte es wohl. Apropos, Herr Hogarth, habe ich Sie neulich nicht des Abends mit Lady Thornhill und ihrer hübſchen Tochter auf der Redoute geſehn?“ „Mich!— nein, Sir,“ ſtotterte Hogarth erröthend, und ſchickte dem Dichter über ſeinem Zeichenpapier einen Wink zu. Zum Glück war Sir James zu ſehr mit ſeiner Arbeit beſchäftigt, um es zu bemerken. „Dann habe ich wohl geirrt,“ erwiederte Gay.„Sie haben meinen Freund Kent in Ihrem„Burlingtonthor“ auf⸗ gezogen, wie ich geſehn habe.“ „Eine prächtige Karrikatur,“ rief Thornhill lachend. „Was ſagt Herr Kent dazu?“ „Er hält ſo viel davon, daß er ſagte, wenn er eine Tochter hätte, ſo würde er ſie dem Künſtler geben,“ ant⸗ wortete Gay boshaft. „Ah!“ rief Sir James. „Teufel!“ flüſterte Hogarth dem Poeten zu.„Sie ha⸗ ben meine Ausſichten verdorben.“ „Verbeſſert, vielmehr,“ erwiederte Gay in demſelben Tone.„Miß Thornhill iſt ein reizendes Mädchen. Ich halte eine Frau für ein überflüſſiges Anhängſel, und denke, als Junggeſelle zu ſterben. Aber wäre ich an Ihrer Stelle, ich wüßte, was ich thäte“— 206 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Was,— was würden Sie thun?“ fragte Hogarth lebhaft. „Mit ihr fortlaufen,“ erwiederte Gay. „Unſinn!“ rief Hogarth. Jedoch führte er dieſen Ge⸗ danken aus. „Adieu, Jack,“ ſagte Figg ſeinen Hut aufſetzend.„Bin hier nur im Wege. Will Ihnen das Hemd ſchicken. Hier, Schließer, Paar Guineen, auf Hauptmann Sheppard's bal⸗ dige Flucht zu trinken. Bei ihm bedanken, Freundchen, nicht bei mir. Reißen Sie dieſem Kerl aus, Jack, wenn's geht. Wenn nicht, den Muth nicht verloren.“ „Beſorgen Sie nichts,“ erwiederte Jack.„Wenn ich loskomme, ſo mache ich mit Ihnen einen Gang auf alle Waffen. Wenn nicht, ſo will ich mit Ihnen auf meinem Wege nach Tyburn in der Stadt Oxford ein luſtiges Glas trinken.“ „Ich will Ihnen in beiden Fällen mein Beſtes geben,“ entgegnete Figg.„Adieu!“ Und nach einem herzlichen Hände⸗ druck entfernte er ſich. Sir James Thornhill erhob ſich jetzt. „Ich will Sie nicht weiter bemühn, Jack,“ ſagte er. „Ich habe hier alles an dem Bilde gethan, was ich thun kann, und muß es zu Hauſe fertig machen.“ „Erlauben Sie mir, es zu beſehn, Sir James!“ bat Jack.„Ah!“ rief er, als ihm das Gemälde gezeigt wurde. „Was meine arme Mutter dazu ſagen!“ „Es that mir leid, das von Ihrer Mutter zu tören, Jack,“ ſagte Hogarth. „Was iſt geſchehn?“ rief Jack zuſammenfahrend.„Iſt ſie todt?“ „Nein,— nein,“ antwortete Hogarth.„Erſchrecken Sie ſich nicht. Ich las es dieſen Morgen in der täglichen Zeitung,— eine Anzeige, worin eine Belohnung ausge⸗ boten wurde—“ Wic Jack Sheppard's Bild gemalt ward. 207 „Eine Belohnung!“ wiederholte Jack.„Wofür?“ „Ich hatte das Blatt bei mir. Teufel! wo kann es hin ſein? Oh, da habe ich's,“ rief Hogarth, es von der Erde aufhebend.„Ich muß es haben fallen laſſen, als ich mein Notizbuch herauszog. Da iſt der Paragraph.„Miſtreß Sheppard hat ſich am Dienſtag“— das war alſo vor zwei Tagen—„aus Herrn Wood's Hauſe auf Dollis⸗Hill entfernt; man hat nichts weiter von ihr gehört.“ „Laſſen Sie mich ſehn,“ rief Jack, das Papier ergrei⸗ fend und begierig die Ankündigung durchfliegend.„Ha!“ rief er mit gevrückter Stimme.„Sie iſt dem Schurken in die Hände gefallen.“ „Welchem Schurken?“ rief Hogarth. „Jonathan Wild, will ich wetten,“ ſagte Gay. „Ja wohl!— ja wohl!“ rief Jack, ſich mit ſeinen ge⸗ feſſelten Händen auf die Bruſt ſchlagend.„Sie iſt in ſeiner Gewalt, und ich bin hier, an Hand und Fuß gekettet, und kann ihr nicht beiſtehn.“ „Ich könnte jetzt eine ſchöne Skizze von ihm machen,“ ſiüſterte Hogarth Gahy ins Ohr. „Ich habe es Ihnen wohl geſagt, Sir James,“ meinte Auſtin zu dem Künſtler, der ſich jetzt zum Weggehn an⸗ ſchickte,„er ſchreibt jedes Unglück, das ihn befällt, Herrn Wild zu.“ „Und nicht ohne Unrecht,“ erwiederte Thornhill kurz. „Erlauben Sie mir, Ihnen zu helfen, Sir James,“ ſagte Hogarth. „Vielen Dank, Sir,“ antwortete Thornhill mit kalter Höflichkeit,„aber ich brauche keine Hülfe.“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Jack,“ ſprach Gay zu ihm,„ich habe dieſen Morgen mehrere vringende Geſchäfte; aber ich will morgen früh wiederkommen und das Ende 208 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Ihrer Geſchichte hören. Wenn ich Ihnen worin dienen kann, ſo verfügen Sie über mich.“ „Morgen wird es zu ſpät ſein,“ ſagte Sheppard trübe. Die Staffel und Palette waren jetzt eingepackt und die Leinwand ſorgfältig von Auſtin abgenommen, und die Ge⸗ ſellſchaft bot dem Gefangenen Lebewohl; dieſer war aber ſo ſehr in Gedanken vertieft, daß er kaum ihre Entfernung be⸗ merkte. Als Hogarth grade durch die Thüre gehn wollte, hielt der Schließer ihn an. „Sie haben Ihr Meſſer vergeſſen, Herr Hogarth,“ ſagte er bedeutungsvoll. „Ja, richtig!“ erwiederte dieſer mit einem Blick auf Sheppard. „Ich werde ohnedem fertig werden,“ murmelte Jack. Dann ward die Thüre verſchloſſen und er befand ſich allein. Um drei Uhr deſſelben Tags brachte Auſtin ihm ſeinen Mundvorrath, unterſuchte ſeine Ketten, und als er alles in Richtigkeit fand, ſagte er ihm, wenn er noch etwas nöthig hätte, müßte er es ſagen, denn er würde den Abend nicht wiederkommen können, weil ſeine Anweſenheit anderswo erforderlich wäre. Jack verneinte es, und es bedurfte ſeiner ganzen Selbſtüberwindung, um die Freude zu verbergen, mit welcher ihn dieſe Ankündigung erfüllte. Auſtin entfernte ſich dann mit den gewöhnlichen Vor⸗ ſichtsmaßregeln. „Und jetzt,“ rief Jack aufſpringend,„an ein Werk, in Vergleich zu dem Alles, was ich bisher gethan habe, ver⸗ ſchwinden ſoll!“ Die Eiſenſtange. 209 Siebzehntes Kapitel. Die Eiſenſtange. Jack Sheppard's erſte Sorge war, ſich von ſeinen Hand⸗ ſchellen zu befreien. Dies bewirkte er dadurch, daß er die verbindende Kette feſt zwiſchen die Zähne faßte, und ſeine Hände ſo dicht zuſammendrückte, daß er ſie durch die Eiſen⸗ bänder ziehn konnte. Dann drehte er die ſchweren Ketten wieder und wieder rundum, bis er halb mit Gewalt, halb durch einen geſchickten Zug, das mittlere Glied ſprengte, an welches das große Schloß befeſtigt war. Darauf zog er ſich die Strümpfe aus, ſchob die Fußbänder ſo hoch als möglich hinauf und band die Enden der Ketten feſt an die Beine, da⸗ mit ſie nicht klirrten und ihn in ſeinen Bewegungen hinderten. Man wird ſich erinnern, daß Jack's früherer Verſuch, den Kamin hinaufzukriechen, an einer Eiſenſtange geſcheitert war. Um dies Hinderniß zu beſeitigen, war es nöthig, eine bedeutende Breſche in der Mauer zu machen. Mit den zer⸗ brochenen Kettengliedern, die ihm ſtatt wirkſamerer Werk⸗ zeuge dienen mußten, begann er ſeine Arbeit dicht über dem Kaminſtück und hatte bald ein Loch in dem Mörtel gehöhlt. Er fand die Mauer, wie er vermuthet hatte, feſt aus Ziegeln und Steinen gearbeitet; und mit den ſchwachen, un⸗ zweckmäßigen Inſtrumenten, welche er beſaß, koſtete es ihm unendliche Mühe, auch nur einen einzigen Stein herauszu⸗ ſchaffen. Als dies jedoch geſchehn war, ſah er bald, daß das Uebrige verhältnißmäßig leicht ſein würde, und indem er den Ziegel herunterwarf, rief er triumphirend:„der erſte Schritt iſt gethan— die Hauptſchwierigkeit iſt überwunden.“ Von dieſem kleinen Erfolge ermuthigt, ſetzte er ſeine Arbeit mit erneuertem Eifer fort, und der Haufen Steine und Schutt, welcher bald den Fußboden bedeckte, zeugte von Ainsworth, Jack Sheppard. II. 14 — 210 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. der Schnelligkeit ſeiner Fortſchritte. Nach Verlauf einer Stunde hatte er unter unabläſſigen Anſtrengungen eine ſo große Breſche in der Mauer gemacht, daß er aufrecht darin ſtehn konnte. Er war jetzt nur noch einen Fuß weit von der Stange entfernt, kroch in die Oeffnung und arbeitete ſich bald zu ihr hinauf. Ohne auf die Gefahr zu achten, die ihm von dem Fall eines Steins auf Kopf oder Füße drohte,— ohne auf den Lärm des herabſtürzenden Schutts zu achten, der ihn ſehr leicht einem der Gefängnißwärter verrathen konnte, fuhr er fort, große Mauerſtücke loszureißen und auf den Fußboden der Zelle hinabzuwerfen. Als er auf dieſe Weiſe noch eine Viertelſtunde gearbeitet hatte, ohne ſich ermüdet zu fühlen, obgleich ihn die Staub⸗ wolken faſt erſtickten, hatte er ein Loch von ungefähr drei Fuß Breite und ſechs Fuß Höhe gemacht und die Eiſenſtange bloßgelegt. Er faßte ſie kräftig mit beiden Händen an und riß ſie bald aus den Steinen, zwiſchen denen ſie eingelaſſen war. Es fand ſich, daß es eine breite Stange von beinahe einer Elle Länge und mehr als einen Zoll dick war.„Ein herrliches Werkzeug zu meinen Zwecken,“ dachte Jack,„und wohl der Mühe werth, die ſie mir gekoſtet hat.“ Während er mit dieſen Gedanken beſchäftigt war, kam es ihm vor, als hörte er Jemand am Thürſchloß. Ein kalter Schauer überlief ihn und er ergriff die ſchwere Waffe, die der Zufall ihm gegeben hatte, um den erſten, der ein⸗ träte, damit zu Boden zu ſchmettern. Als er jedoch eine Zeit lang athemlos gelauſcht hatte, überzeugte er ſich bald, daß ſeine Befürchtungen ungegründet wären und er ſetzte ſich mit erleichtertem Herzen auf den Stuhl, um auszuruhen und ſich zu größeren Anſtrengungen vorzubereiten. Mit allen Theilen des Gefängniſſes wohl bekannt, wußte Jack ſehr gut, daß er nur über das Dach zu fliehen hoffen Die Eiſenſtange. 211 durfte. Dieſes aber zu erreichen, war ein höchſt ſchwieriges Unternehmen. Dennoch war es möglich, und die Schwie⸗ rigkeit war nur ein neuer Reiz für ihn. Die bloße Aufzählung aller beſtehenden Hinderniſſe würde jeden minder verwegenen Geiſt, als Sheppard's, von dem Verſuch abgeſchreckt haben. Abgeſehn von allen andern Gefahren, und ſelbſt von der, ſich beim Herunterlaſſen den Hals zu brechen, wußte er ſehr wohl, daß er, um aufs Dach zu gelangen, nicht weniger, als ſechs der ſtärkſten Thüren des Gefängniſſes zu erbrechen haben würde. Jedoch voll Vertrauen auf ſein ſo glücklich errungenes Werkzeug, verzweifelte er nicht am Gelingen. „Mein Name wird nur als der eines Räubers im Ge⸗ dächtniß der Menſchen fortleben,“ ſann er,„aber er ſoll es wenigſtens als der eines kühnen Räubers; und die Tha⸗ ten dieſer Nacht, wäre es auch weiter nichts, ſollen mich über die großen Heerde der Verbrecher erheben.“ Von dieſem Gedanken belebt, voll Beſorgniß wegen ſeiner Mutter und vor Rache gegen Jonathan Wild glü⸗ hend, nahm er die Eiſenſtange zur Hand, die er über ſeine Kniee gelegt hatte, und ſchritt durch die Zelle. Hierbei mußte er über den ungeheuren Schutthauſen klettern, der jetzt den Fußboden bedeckte und, beinahe eine ganze Wagen⸗ ladung voll, bis an den Rand des Kaminſtocks hinaufreichte. „Auſtin wird die Augen aufreißen,“ dachte Jack,„wenn er morgen hereinkommt. Es wird ihnen einige Koſten ma⸗ chen, ihre Feſtung wieder auszubeſſern und ihnen mehr Zeit wegnehmen, ſie wieder aufzubauen, als mir, ſie niederzu⸗ reißen.“ Ehe er ſich an's Werk machte, überlegte er, ob es mög⸗ lich ſein würde, die Thüre zu barrikadiren, aber da er die Eiſenſtange bei den bevorſtehenden Arbeiten nicht entbehren konnte, ſo gab er den Gedanken auf und beſchloß, ſich einzig 2 212 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefüängniß⸗Brecher. und allein auf das gute Glück zu verlaſſen, das ihn bisher bei ähnlichen Gelegenheiten begünſtigt hatte. Er kroch wieder in den Kamin und kletterte bis zur Höhe der Zelle im obern Stock hinauf, wo er kräftig zu arbeiten begann. Mit dem ſtarken Werkzeug, das er jetzt beſaß, gelang es ihm bald, ein Loch in die Mauer zu ſtoßen. „Jeder Ziegelſtein, den ich ausnehme,“ rief Jack, als Schutt auf Schutt den Kamin hinunterraſſelte,„bringt mich meiner Mutter näher.“ Achtzehntes Kapitel. Das rothe Zimmer. Die Zelle, in welche Jack einzubrechen ſuchte, war das rothe Zimmer, von der ehemaligen Farbe ſeiner Wände ſo genannt, von der jedoch ſchon längſt alle Spuren verſchwun⸗ den waren. Gleich dem Kaſtell, welchem es in jeder Hin⸗ ficht ähnlich war, außer, daß es nicht einmal ein Feldbett enthielt, war das rothe Zimmer für Staatsgefangene be⸗ ſtimmt und ſeit dem Jahre 1716 nicht mehr bewohnt ge⸗ weſen, zu welcher Zeit das Gefängniß, wie ſchon erwähnt worden, mit den Preſton'ſchen Rebellen gefüllt war. Als Jack ein hinlänglich großes Loch in die Mauer ge⸗ ſchlagen hatte, um durchzukriechen, warf er zuerſt die Stange hinein und zwängte ſich dann ſelbſt durch. So bald er ſich aufgerichtet hatte, ſah er die nackten feuchten Wände der Zelle an und rief, von der dumpfen Luft faſt erſtickt:„Ich will ein wenig friſche Luft hereinlaſſen. Sie ſagen, es iſt ſeit acht Jahren verſchloſſen geweſen, aber mit mir ſoll es keine acht Jahre dauern, bis ich herauskomme.“ Indem er durch das Zimmer ſchritt, trat er ſich eine ſcharfe Spitze in den Fuß und fand, daß es ein langer ver⸗ Das rothe Zimmer. 43 roſteter Nagel war, der aus dem Fußboden hervorragte. Ohne auf den dadurch verurſachten Schmerz zu achten, nahm er ihn auf und bewahrte ihn zu künftigem Gebrauch auf. Er ſollte ihm bald von Nutzen ſein. Als er die Thüre beſichtigte, fand er ſie mit einem großen verroſtetem Schloß verſehn, das er mittelſt des eben gefundenen Nagels aufzudietrichen ſuchte; aber da alle Mühe vergebens war, ſo ſchlug er mit ſeiner Stange die Schloß⸗ platte ab und ſchob den Riegel mit den Fingern zurück. Er kam jetzt auf einen ſchmalen dunklen Gang, der, wie er wohl wußte, nach der Kapelle führte. Zur Linken waren die beiden Thüren nach der Kingsbenchzelle und der Stein⸗ zelle, zwei großen Sälen auf der Herrenſeite. Aber Jack war zu gut in der Geographie des Ortes bewandert, um hier einen Verſuch zu machen. Ja, ſelbſt wenn er damit unbe⸗ kannt geweſen wäre, würde ihm der Laut von Stimmen, die er undeutlich unterſcheiden konnte, eine Warnung gewe⸗ ſen ſein. Er eilte vielmehr weiter, aber bald ſtieß er auf eine ſtarke Thüre, mehrere Zoll dick und faſt ſo breit, wie der Gang. Als er aufmerkſam mit der Hand darüber hinfuhr, um das Schloß zu ſuchen, bemerkte er zu ſeinem Schrecken, daß es an der andern Seite angebracht war. Nach mehre⸗ ren vergeblichen Verſuchen, es mit Gewalt zu ſprengen, be⸗ ſchloß er, als letztes Hülfsmittel, ſo nahe wie möglich am Schloſſe durch die Mauer zu brechen. Dies war eine viel mühſamere Arbeit, als er erwartet hatte. Die Mauer war von beträchtlicher Dicke und ganz von Stein, und der Lärm, den er mit der ſchweren Stange machen mußte, die bei je⸗ dem Stoße Funken ſchlug, war ſo groß, daß er von den Gefangenen auf der Schuldnerſeite gehört zu werden fürch⸗ tete. Er fuhr jedoch unbekümmert um die Folgen mit ſeiner Arbeit fort. 214 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Die Anſtrengungen einer halben Stunde, während der er mehr als einmal innehalten mußte, um Athem zu ſchöpfen, genügten, um ein Loch zu machen, durch das er ſeinen Arm bis an den Ellbogen ſtecken konnte. Auf dieſe Weiſe gelang es ihm, einen ſchweren Bolzen zurückzuſtoßen, und er fand zu ſeiner unausſprechlichen Freude, daß die ſich ohne weiteres öffnete. Jetzt begrüßte er wieder das Tageslicht und betrat eilig die Kapelle. Neunzehntes Kapitel. 8. Die Kapelle. In dem oberen Theil der ſüdöſtlichen Ecke des Gefäng⸗ niſſes belegen, war die Kapelle von Newgate an der Nord⸗ ſeite in drei Abtheilungen oder Stühle für die gemeinen Schuldner und Verbrecher abgegittert. In der nordweſtlichen Ecke befand ſich ein kleiner Stuhl für die Verbrecherinnen, und im Süden eine geräumigere Abtheilung für die Herren⸗ ſchuldner und die Fremden. Unmittelbar unter der Kanzel ſtand eine große kreisförmige Reihe von Bänken, wo die verurtheilten Verbrecher die für ſie beſtimmte Sterbepredigt anhörten, und wo ſie der Menge, welche gewöhnlich von ſolchen Gelegenheiten herbeigelockt wurde, zum Schauſpiel dienten. Jack war, um wieder auf ihn zurückzukommen, in einen der Stühle auf der Nordſeite der Kapelle gerathen. Die Wand, welche ihn umgab, war gegen zwölf Fuß hoch; ihre untere Hälfte beſtand aus Eichenplanken, und die obere aus einem ſtarken Eiſengitter, auf welchem ſcharfe eiſerne Spei⸗ chen umherliefen. In der Mitte befand ſich eine Thüre. Sie war verſchloſſen, aber Jack erbrach ſie bald mit ſeiner Eiſenſtange. ℳ Die Kapelle. 215 Als er die geringen Hinderniſſe überwunden hatte, die noch auf ſeinem Wege lagen, gelangte er bald in den Stuhl der Verurtheilten, wo er ſelbſt früher einmal geſeſſen hatte, und legte ſich hin, um einen Augenblick Ruhe zu genießen. Dieſe war ihm jedoch verſagt, denn ſo wie er die Augen ſchloß, wenn auch nur einen Augenblick, drängten ſich ihm alle Umſtände ſeiner damoligen Anweſenheit an dieſem Orte auf. Hier ſaß er, wie damals, mit ſchweren Ketten be⸗ laſtet, und neben ihm ſaßen ſeine drei Gefährten, die ihre Verbrechen jetzt ſchon am Galgen gebüßt hatten. Die Ka⸗ pelle füllte ſich wieder mit Leuten und jedes Auge,— ſelbſt die Jonathan Wild's, der ihn zu verhöhnen kam,— war auf ihn gerichtet. So vollſtändig war die Täuſchung, daß er beinahe die feierliche Stimme des Predigers zu hören glaubte, der ihn an das Ende ſeines Lebenslaufs mahnte, und ſich auf die Ewigkeit vorzubereiten gebot. Aus dieſem unruhigen Zuſtande rüttelte ihn der Gedanke an ſeine Mutter auf, er wähnte ſich von ihrer ſanften Stimme zu neuen An⸗ ſtrengungen ermahnt und ſprang auf. An der einen Seite der Kapelle befand ſich ein großes Gitterfenſter, aber da es auf einen der inneren Gefängniß⸗ höfe ging, ſo zog Jack es vor, bei ſeinem urſprünglichen Plane zu bleiben, anſtatt an dieſer Stelle einen Verſuch zu machen. 5 Er begab ſich daher nach der ſüdlichen Thüre, welche den zum Dach führenden Gang verſchloß. Sie war vergit⸗ tert und mit Eiſenſpitzen beſetzt, wie die, welche er ſo eben erbrochen hatte; aber da er es für Zeitverſchwendung hielt, ſie aufzuzwängen, ſo brach er eine der Speichen zu ſpäterem Gebrauch ab und kletterte dann hinüber. Eine kurze Treppe brachte ihn in einen dunkeln Gang, in den er ſich vertiefte. Hier fand er wieder eine feſte Thüre, die fünfte auf ſeinem Wege. Wohl wiſſend, daß die Thüren 216 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. auf dieſem Gange viel feſter waren, als diejenigen, welche er eben verlaſſen hatte, war er weder verwundert, noch nie⸗ dergeſchlagen, als er ſie mit einem Schloß von ungewöhn⸗ licher Größe verwahrt fand. Nach wiederholten Verſuchen, die Platte abzuſtoßen, welche ſo feſt angeſchraubt war, daß ſie allen ſeinen Anſtrengungen widerſtand, und nach vergeb⸗ lichen Bemühungen, es mit der Speiche und dem Nagel aufzudietrichen, riß er endlich nach halbſtündiger, erfolgloſer Arbeit mittelſt der Eiſenſtange den Schloßkaſten ab und die Thüre ward, wie er ſich lachend ausdrückte,„ſeine ergebene Dienerin.“ Jedoch dieſe Schwierigkeit war nur überwältigt, um einer noch größeren Platz zu machen. Den Gang hinunter⸗ eilend, kam er an die ſechste Thüre. Hierauf war er vor⸗ bereitet; aber er war nicht auf die faſt unüberſteiglichen Hinderniſſe vorbereitet, die ſie ihm darbot. Er erſchrack, als er ſie mit der Hand befühlte und nur eine verwirrte Maſſe von Bolzen und Riegeln fand. Es ſchien, als wenn alle ſchon überwundenen Vorſichtsmaßregeln hier auf eine Stelle gehäuft wären. Jeder, der nicht ſeinen Muth beſaß, würde den Verſuch in der Ueberzeugung ſeiner gänzlichen Unausführbarkeit aufgegeben haben, ihn aber konnte ſie nicht abſchrecken, wenn ſie auch ſeinen Eifer auf einen Augenblick lähmte. Noch einmal ließ er die Hand darüber hingleiten und merkte ſich alle Hinderniſſe. Zuerſt das Schloß, dem An⸗ ſchein nach über einen Fuß groß, mit ſtarker Platte, und mit dicken eiſernen Reifen an die Thüre befeſtigt. Darunter ein ungeheurer Riegel, der mit einem gewaltigen Hauptſchloß verſehn war. Außerdem war die Thüre nach allen Richtun⸗ gen mit eiſernen Bändern und breitköpfigen Nägeln beſchla⸗ gen. Ein eiſerner Leiſten befeſtigte das Lager des Riegels und die Schloßbüchſe an den Hauptpfoſten der Thüre. Die Kapelle. 217 Von dieſer Unterſuchung keineswegs entmuthigt, machte Jack ſich an das Schloß, welches er mit allen ſeinen Werk⸗ zeugen bearbeitete,— indem er es bald mit dem Nagel auf⸗ zudietrichen, bald mit der Eiſenſtange abzuſprengen ſuchte,— doch alles vergebens. Er verfehlte nicht nur nicht die min⸗ deſte Wirkung auf daſſelbe, ſondern ſchien ſogar die Schwie⸗ rigkeiten zu vergrößern, denn nach einſtündiger Arbeit hatte er den Nagel zerbrochen und die Eiſenſtange ein wenig verbogen. Ganz ermüdet von der Anſtrengung, mit abgeſpannten Sehnen und zerſchundenen Händen, ſtrömend vor Schweiß und mit ſo dürren Lippen, daß er gern einen Schatz um einen Trunk Waſſer gegeben hätte, ſank er an der Mauer hin. In dieſem Zuſtande bemächtigte ſich ſeiner eine plötzliche, unerklärliche Furcht. Ihm ſchien, als hätten die Schließer ſeine Flucht entdeckt und verfolgten ihn,— als wären ſie den Kamin hinaufgeklettert,— in das rothe Zimmer ge⸗ ſtiegen,— hätten ihm von Thüre zu Thüre nachgeſpürt und würden jetzt nur noch von der Thüre zurückgehalten, die er unerbrochen in der Kapelle zurückgelaſſen hätte. Er meinte ſelbſt Jonathan's Stimme unterſcheiden zu können, der ſie anſpornte und anführte. Dieſer Gedanke machte einen ſo ängſtigenden Eindruck auf ihn, daß er die Eiſenſtange mit beiden Händen packte und heftig gegen die Thüre ſchmetterte, bis der Gang vom Echo wiederhallte. Allmählig legte ſich ſeine Furcht, und da er wirklich nichts hörte, ſo ward er ruhiger. Er lebte wieder auf und ſtärkte ſich mit dem Gedanken, daß das jetzige Hinderniß, obwohl das größte, doch das letzte war, und fing an ernſt⸗ haft zu überlegen, wie er es am beſten überwinden könnte. Da fiel es ihm ein, wie er die eiſerne Leiſte ablöſen könnte; ein Gedanke, den er kaum gefaßt hatte, als er ihn auch ſchon auszuführen begann. Mit unglaublicher Arbeit 218 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. und mit Hülfe, ſowohl des Nagels als der Speiche, gelang es ihm, die Spitze der Stange unter der Leiſte einzuzwän⸗ gen. Er bot ſeine ganze Kraft auf, und die Stange als Hebel gebrauchend, ſprengte er den eiſernen Reifen ab, der volle ſieben Fuß lang, ſieben Zoll breit und zwei Zoll dick war, und in ſeinem Fall die Büchſe des Schloſſes und das Lager des Riegels mit ſich riß, ſo daß kein Hinderniß wei⸗ ter zurückblieb. Ueber die Maßen über die Beſeitigung dieſer faſt un⸗ überwindlich ſcheinenden Schwierigkeit erfreut, flog Jack durch die nun offene Thüre. Zwanzigſtes Kapitel. Das Bleidach. Einige Stufen führten Jack zu einer Thüre hinauf, die er ohne Mühe öffnete, da ſie nur von innen verriegelt war. Die friſche Luft, welche ihm entgegenwehte, gewährte ihm große Erquickung. Er befand ſich jetzt auf dem ſoge⸗ nannten unteren Bleidach, der flachen Bedeckung eines Theils des Gefängniſſes in der Nähe des Thorweges und von allen Seiten mit vierzehn Fuß hohen Mauern umgeben. Im Nor⸗ den erhoben ſich die Strebepfeiler von einem der Thorthürme. Auf dieſer Seite führte eine hölzerne Treppe mit einem Ge⸗ länder zu einer Thüre, welche auf den höchſten Theil des Gefängniſſes ging. Jack ſtieg eilig die Stufen hinan und fand die Thüre, wie er erwartet hatte, verſchloſſen. Er hätte ſie leicht erbrechen können, aber er zog eine bequemere Art das Dach zu erreichen vor. Auf die zuletzt geöffnete Thüre kletternd, legte er die Hand oben auf die Mauer und ſchwang ſich leicht hinauf. Grade, als er auf dem Gefängnißdache ankam, ſchlug Das Bleidach. 219 die Uhr der Heiligengrabkirche acht. Ihr antwortete unmit⸗ telbar das tiefe Dröhnen der St. Paulsglocke und andre be⸗ nachbarte Kirchen folgten. So hatte Jack ſechs Stunden zur Vollendung ſeines ſchwierigen Werks gebraucht. Obgleich es faſt dunkel war, ſo dämmerte es doch noch genug, um die umgebenden Gegenſtände unterſcheiden zu kön⸗ nen. Durch die Finſterniß bemerkte er deutlich die Kuppel der Paulskirche, die wie eine ſchwarze Wolke in der Luft hing, und mehr in der Nähe die goldene Kugel auf dem Kollegium der Aerzte, die Garth mit einer„vergoldeten Pille“ verglichen hat. Als er in die Gefängniſſe hinabblickte, über⸗ lief ihn unwillkürlich ein Schauder, daß ein einziger falſcher Tritt ihn hier hinabſtürzen könnte. Um die Wiederholung einer ſolchen Flucht, wie die eben beſchriebene, zu verhindern, hat man es in neueren Zeiten für nöthig gehalten, einen Wächter auf dem Dache von Newgate anzuſtellen. Vor nicht vielen Jahren geriethen zwei von vieſen Leuten des Nachts in einen Streit und am andern Morgen fand man ſie leiver als Leichen auf dem Pflaſter des Hofes hingeſtreckt. Längs der Mauer hineilend, erreichte Jack den ſüvlichen Thurm, über deſſen Zinnen er kletterte, und ließ ſich auf das Dach des Thores fallen. Dann erſtieg er den nörd⸗ lichen Thurm und gelangte auf die Höhe desjenigen Theils des Gefängniſſes, welcher an der Giltſpurſtraße liegt. Als er das Ende des Gebäudes erreichte, fand er, daß es auf das flache Dach eines anſtoßenden Hauſes ſah, welches, ſo weit er im Dunkeln beurtheilen konnte, etwa zwanzig Fuß unter ihm lag. Es war zu gefährlich, ſich von einer ſo großen Höhe herabzulaſſen, und Jack ſah ſich daher nach einer andern Stelle um, wo er mit größerer Bequemlichkeit hinunterſtei⸗ gen könnte, aber er erblickte nichts als ſteile Abhänge ohne 220 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefüngniß⸗Brecher. den geringſten nutzbaren Anhaltspunkt. Da er die Unmög⸗ lichkeit einſah, an irgend einer Seite ohne beträchtliche Ge⸗ fahr hinunter zu kommen, ſo beſchloß Jack, ſeine Decke zu holen, mit deren Hülfe er einer glücklichen Landung auf das Dach des Hauſes in der Giltſpurſtraße gewiß zu ſein glaubte. Er begann daher denſelben Weg zurückzulegen, auf dem er hergekommen war, erkletterte die beiden Thürme, ging längs der Gefängnißmauer und ſtieg mit Hülfe der Thüre auf das untere Bleidach herab. Ehe er ſich wieder in das Gefängniß wagte, zauderte er einen Augenblick im Zweifel, ob er vadurch nicht die Wahrſcheinlichkeit einer Ueberraſchung auf eine furchtbare Art vergrößern würde, doch in der vollen Gewißheit, daß er keine andre Wahl habe, ſetzte er ſeinen Weg fort. Während dieſer ganzen Zeit hatte er ſeine Eiſenſtange keinen Augenblick aus der Hand gelaſſen, und jetzt umſpannte er ſie feſter mit dem unwiderruflichen Entſchluß, ſein Leben ſo theuer wie möglich zu verkaufen, falls er auf einen Wi⸗ derſtand ſtieße. Wenige Sekunden genügten jetzt, um den Weg zurückzulegen, zu dem er auf dem Hinwege mehr als zwei Stunden gebraucht hatte. Der Fußboden war mit Schrauben, Nägeln, Holzſtücken und Steinen beſäet, und quer über dem Gange lag der ſchwere eiſerne Leiſten. Er rührte nichts von dieſem Schutthaufen an, ſondern ließ ihn als ein Denkmal ſeiner Thaten ungeſtört liegen. Er ſtand jetzt am Eingange der Kapelle und ein kräf⸗ tiger Schlag mit ſeiner Eiſenſtange öffnete ihm die Thüre, über die er geklettert war. Ueber die Kirchenſtühle zu ſprin⸗ gen, war das Werk eines Augenblicks, und als er den zum rothen Zimmer führenden Gang durchſchritt, war der von ihm ſelbſt aufgeſchüttete Steinhaufen das einzige Hinderniß, dem er begegnete. Im Vorübergehn horchte er an einer der Thüren von — Das Bleidach. 221 der Herrenſeite und hörte ein Trinklied von lauten Stimmen ſingen. Das lärmende Gelächter, welches dieſen Geſang be⸗ gleitete, überzeugte ihn, daß auf dieſer Seite kein Verdacht rege geworden war. Er ging daher in das rothe Zimmer, kroch durch das Loch in der Wand, kletterte den Kamin hinab und befand ſich noch einmal in ſeiner alten Zelle. Doch wie verſchieden waren jetzt ſeine Gefühle, vergli⸗ chen mit denen, die ihn vorher bewegt hatten. Damals hatte er, obgleich voll Selbſtvertrauen, doch die Möglichkeit ſeiner Plane halb und halb bezweifelt. Jetzt hatte er ſie vollendet und war des Erfolges gewiß. Der ungeheure Schutthaufen auf dem Fußboden war ſo ſtark von den Zie⸗ geln und dem Mörtel durch ſeine Zerſtörung der Wand des rothen Zimmers vermehrt worden, daß es ihm einige Mühe machte, die halb darunter vergrabene Decke aufzufinden. Dann ſuchte er ſeine Schuhe und Strümpfe und zog ſie an. Während er hiermit beſchäftigt war, hatten ſeine Ner⸗ ven eine heftige Erſchütterung auszuhalten. Einige Ziegel⸗ ſteine, die wahrſcheinlich durch ſein letztes Herabſteigen ab⸗ gelockert waren, polterten den Kamin hinab und veranlaßten in der vollkommenen Finſterniß den Gedanken bei ihm, daß Jemand gewaltſam in die Zelle dringen wollte. Jedoch dieſe Furcht verſchwand eben ſo bald, wie die frühere, und er ſchickte ſich zum Rückwege auf das Dach mit dem frohen Gedanken an, daß das rechtzeitige Herabſtürzen der Ziegelſteine ihm wahrſcheinlich ernſtlichere Verletzungen erſpart habe. WMit der Decke auf dem linken Arm und der Eiſenſtange über der Schulter, kletterte er den Kamin hinauf, erreichte das rothe Zimmer, eilte durch den erſten Gang, ſchritt durch die Kapelle, legte den Vorplatz zu dem untern Dache zurück und befand ſich in weniger als zehn Minuten, nachdem er das Kaſtell verlaſſen hatte, am nördlichen Ende des Gefängniſſes. 222 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Hier hatte er den Nagel und die Speiche auf der Mauer liegen laſſen und mit dieſen befeſtigte er die Decke an der Steinverkleidung. Dann ließ er ſich behutſam daran herab und langte unten, da ihm nur noch ein Sprung von weni⸗ gen Fußen übrig blieb, unbeſchädigt an. Jetzt endlich zum zweiten Male glücklich aus Newgate entflohn, eilte er mit hochklopfendem Herzen ſein Werk zu vollenden. Zu ſeiner großen Freude fand er ein kleines Dachfenſter auf dem anſtoßenden Hauſe offen. Hier ſtieg er hinein, ging durch das Zimmer, in welchem ſich bloß ein kleines Rollbett befand, über das er ſtolperte, öffnete die Thüre und erreichte die Treppe. Als er eben hinunterſteigen wollte, raſſelten ſeine Ketten ein wenig.„O je, was iſt denn das?“ rief eine weibliche Stimme in einem anſtoßen⸗ den Zimmer.„Nur der Hund!“ antworteten die tiefen Töne eines Mannes. Jack befeſtigte die Kette ſo gut er konnte und eilte dann zwei Treppen herab, und er hatte beinahe den Flur erreicht, als ſich plötzlich eine Thüre öffnete und zwei Perſonen her⸗ austraten, von denen die eine ein Licht trug. In der Eile griff Jack nach der erſten beſten Thüre, trat in das Zim⸗ mer, und im Dunkeln nach einem Verſteck ſuchend, entdeckte er glücklicherweiſe eine ſpaniſche Wand, hinter der er ſich verkroch. Einundzwanzigſtes Kapitel. Was Jack Sheppard im Hauſe des Drechslers begegnete. Jack hatte ſich kaum verſteckt, als die Thüre aufging, und die beiden Perſonen, die er unten geſehn hatte, in das Zimmer traten. Wie groß war ſein Erſtaunen, als er an ihren Stimmen Kneebone und Winifred erkannte! Die letz⸗ Was Jack Sheppard im Hauſe des Drechslers begegnete. 223 tere war augenſcheinlich tief bekümmert und der erſtere ſchien alles Mögliche anzuwenden, um ſie zu tröſten. „Wie glücklich es ſich traf,“ rief er,„daß ich heute Abend grade bei dem Drechslermeiſter Bird etwas zu beſtel⸗ len hatte. Es war mir ein ganz unerwartetes Vergnügen, Sie und Ihren würdigen Vater zu treffen.“ „Bitte, unterlaſſen Sie dieſe Komplimente,“ entgegnete Winifred,„und wenn Sie mir etwas mitzutheilen haben, ſchieben Sie es nicht auf. Sie ſagten mir eben, daß Sie mit mir einige Worte über Thames Darrell zu ſprechen hätten, und zu dem Zwecke habe ich meinen Vater unten bei Herrn Bird gelaſſen und bin mit Ihnen heraufgegangen⸗ Was haben Sie zu ſagen?“ „Nur zu viel,“ erwiederte Kneebone kopfſchüttelnd,„zu viel.“ „Beunruhigen Sie mich nicht vergebens, ich bitte Sie,“ erwiederte Winifred.„Wie Ihre Nachrichten auch lauten mögen, ich will ſie zu ertragen ſuchen. Aber erregen Sie keine unnütze Angſt, wenn Sie keine beſondere Veranlaſſung dazu haben!— Was wiſſen Sie von Thames?— wo iſt er?“ „Beunruhigen Sie ſich nicht, theures Mädchen,“ ver⸗ ſetzte der Tuchhändler,„oder ich werde nie im Stande ſein, meine Erzählung zu beginnen.“ „Ich bin ruhig,— vollkommen ruhig,“ erwiederte Wi⸗ nifret„Bitte, thun Sie nicht ſo geheimnißvoll, ſondern erzählen Sie mir Alles ohne Rückhalt.“ „Da Sie es wollen, ſo muß ich gehorchen,“ erwiederte Fn„aber bereiten Sie ſich auf einen furchtbaren Schlag vor.“ „Um Gotteswillen, fahren Sie fort!“ rief Winifred. „Nun dann, Sie ſollen auf jeden Fall die Wahrheit „erwiederte der Tuchhändler mit ſcheinbarer Be⸗ ſorgtheit;„aber ſind Sie auch wirklich gefaßt?“ 224 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Vollkommen,— vollkommen!“ rief Winifred.„Dieſe Spannung iſt ſchlimmer als Folterqualen.“ „Ich fürchte mich faſt, es auszuſprechen, aber Thames iſt ermordet.“ „Ermordet!“ ſchrie Winifred. „„Verrätheriſch und grauſam ermordet von Jack Shep⸗ pard und Blauhaut,“ fuhr Kneebone fort. „O, nein— nein— nein,“ rief Winifred.„Ich kann es nicht glauben. Sie müſſen ſich irren, Herr Kneebone. Jack mag pieler Gottloſigkeiten fähig ſein, aber er würde nimmer ſeinen Arm gegen ſeinen Freund erheben,— davon bin ich feſt überzeugt.“ „Großherziges Mädchen!“ rief Jack hinter dem Schirme. „Ich habe Beweiſe vom Gegentheile,“ erwiederte Knee⸗ bone.„Der Mord iſt nach dem Diebſtahl in meinem Hauſe von Sheppard und ſeinen Mitſchulvigen verübt. Ich mochte meine Kenntniß von dieſer Thatſache Ihrem werthen Vater nicht mittheilen, aber ſie können ſich auf deren Richtigkeit verlaſſen.“ „Sie haben Recht gethan, es gegen ihn nicht zu er⸗ wähnen,“ verſetzte Winifred,„denn er iſt ſo ſehr über das geheimnißvolle Verſchwinden von Miſtreß Sheppard betrübt, daß ich von einer Vermehrung ſeiner Unruhe ſchlimme Fol⸗ gen befürchte. Und doch weiß ich es nicht, denn der Zweck ſeines heutigen Beſuchs hier war der, Jack Sheppard nütz⸗ lich zu ſein, und wenn Ihre Behauptung richtig iſt, was ich keinen Augenblick glauben kann, ſo verdient er ſeine Hülfe nicht.“ „Ganz gewiß nicht,“ verſetzte Kneebone,„doch ich ſehe nicht, auf welche Weiſe Ihr Vater ihm zu nützen denkt.“ „Aber Herr Bird, der ein alter Freund von uns iſt, hat einige Bekanntſchaft unter den Schließern von Newgate,“ antwortete Winifred,„und mit ſeiner Hülfe hoffte mein Vater Was Jack Sheppard im Hauſe des Drechslers begegnete. 225 ihm einige Werkzeuge zukommen zu laſſen, mit deren Hülfe er eine Flucht bewirken könnte.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Kneebone.„Dies muß verhindert werden,“ dachte er bei ſich hinzu. „Gebe der Himmel, daß Sie ſich in Bezug auf Tha⸗ mes täuſchen!“ rief Winifred;„aber ich bitte Sie, erwäh⸗ nen ſie deſſen auf keinen Fall gegen meinen armen Vater. Er iſt nicht in der Stimmung, es zu ertragen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich,“ entgegnete Kneebone. „Noch ein Wort, ehe wir uns trennen, anbetungswürdiges Mädchen,— nur ein Wort,“ fuhr er fort und hielt ſie zurück. Ich habe es nicht gewagt, meine Bewerbungen bei Thames's Lebzeiten fortzuſetzen, weil ich wohl wußte, daß Ihre Neigung auf ihn gerichtet war. Aber jetzt, da dies Hinderniß beſeitigt iſt, kann ich ſie, denke ich, ohne Un⸗ ſchicklichkeit erneuern.“ „Nichts mehr davon,“ ſagte Winifred erzürnt.„Iſt dies eine paſſende Zeit, um über ſolche Dinge zu ſprechen?“ „Vielleicht nicht,“ verſetzte der Tuchhändler.„Aber die unbezwingliche Heftigkeit meiner Leidenſchaft muß mich ent⸗ ſchuldigen. Mein ganzes Leben ſoll Ihnen geweiht ſein, geliebtes Mädchen. Und wenn Sie bedenken, wie ſehr dieſe Verbindung Ihrer armen Mutter am Herzen lag, deren Verluſt ich ewig betrauern werde, ſo bin ich überzeugt, Sie werden mich nicht länger abweiſen.“ „Sir!“ rief Winifred. „Sie werden mich zum Glücklichſten aller Menſchen machen,“ rief der Tuchhändler auf die Kniee fallend und ihre Hand ergreifend, die er mit Küſſen verſchlang. „Laſſen Sie mich gehn,“ rief Winifred.„Ich glaube nichts von der ganzen Geſchichte, die Sie mir erzählt haben.“ „Beim Himmel!“ rief Kneebone mit ſteigender Gluth, „ſie iſt wahr, ſo wahr, wie meine Liebe für Sie.“ Ainsworth, Jack Sheppard. I. 15 226 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich zweifle nicht daran,“ erwiederte Winifred verächt⸗ lich,„denn ich glaube weder an die eine noch an die andre. Wenn Thames ermordet iſt, ſo ſind Sie ſein Mörder. Laſſen Sie mich gehn, Sir.“ Der Tuchhändler antwortete nichts, ſondern ſprang haſtig auf, um die Thüre zu verriegeln. „Was wollen Sie thun?“ rief Winifred erſchrocken. „Nur eine günſtige Antwort von Ihnen erlangen,“ entgegnete Kneebone. „Dies iſt nicht der Weg dazu,“ ſagte Winifred und ſtrebte, die Thüre zu erreichen. „Sie ſollen nicht fortgehn, angebetetes Mädchen,“ rief Kneebone, ſie mit den Almen umfangend,„ehe Sie mir nicht geantwortet haben. Sie müſſen— Sie ſollen mir angehören.“ „Niemals,“ erwiederte Winifred.„Laſſen Sie mich augenblicklich los, oder ich werde meinen Vater rufen.“ „Thun Sie es,“ rief Kneebone;„doch erinnern Sie ſich, daß die Thüre verſchloſſen iſt.“ „Scheuſal!“ rief Winifred.„Hülfe! Hülfe!“ „Sie rufen vergebens,“ entgegnete Kneebone. „Keineswegs,“ rief Jack, die Wand umſtürzend.„Laſſen Sie ſie augenblicklich los! Schurke!“ Sowohl Winifred als ihr Freier erſchracken über dieſe prlötzliche Erſcheinung. Jack, deſſen Kleider mit Staub be⸗ deckt waren und deſſen Geſicht von den gehabten Anſtren⸗ gungen todtenbleich war, ſah mehr wie ein Geſpenſt, als wie ein Lebendiger aus. „Ins Teufels Namen, biſt du das, Jack?“ ie Kneebone. „Jeh bin's,“ erwiederte Sheppard.„Sie haben eine abſichtliche und wohlüberlegte Unwahrheit geſagt, wenn Sie behaupten, daß ich Thames ermordet habe, für den ich, wie Sie ſehr gut wiſſen, mein Leben hingeben würde. Nehmen — — 5 Was Jack Sheppard im Hauſe des Drechslers begegnete. 227 Sie augenblicklich Ihr Wort zurück oder tragen Sie die Folgen.“ „Was ſollte ich es zurücknehmen, Elender?“ rief der Tuchhändler, der beim Klange von Jack's Stimme wieder Muth faßte.„Nach meinem beſten Wiſſen haſt du Thames Darrell ermordet.“ „Eine freche Lüge,“ rief Jack mit fürchterlichem Tone, und ehe Kneebone ſeinen Degen ziehn konnte, hatte er ihn mit der Eiſenſtange zu Boden geſchmettert. „Sie haben ihn umgebracht!“ rief Winifred erſchrocken. „O nein,“ antwortete Jack;„obgleich er es nicht beſſer verdient hätte, wenn es ſo wäre. Sie glauben ſeinen Be⸗ hauptungen nicht?“ „Nein,“ verſetzte Winifred.„Ich konnte Sie einer ſo ſchlechten That nicht für fähig halten. Aber durch welch ein Wunder ſind Sie hierhergekommen?“ „Ich bin eben aus Newgate ausgebrochen,“ erwiederte Jack,„und bin durch meine Mitwirkung zu Ihrer Rettung mehr als belohnt für die ſchwere Arbeit, die ich überſtanden habe. Aber ſagen Sie mir,“ fuhr er mit Beſorgniß fort, „hat Thames ſeit meinem damaligen Ausbruch nichts wieder von ſich hören laſſen?“ „Nicht das Geringſte,“ antwortete Winifred.„Er ver⸗ ließ Dollis⸗Hill um zehn Uhr des Nachts und iſt ſeit der Zeit nicht wiedergekommen. Mein Vater hat alle möglichen Nachforſchungen angeſtellt und große Belohnungen angeboten, konnte aber nicht die kleinſte Spur von ihm auffinden. Sein Verdacht ſiel zuerſt auf Sie. Aber nachher hat er Sie von allem Antheil daran freigeſprochen.“ „O Himmel!“ rief Jack. „Er iſt unermüdlich in ſeinen Nachſuchungen geweſen,“ fuhr Winifred fort,„und iſt ſogar nach Mancheſter gereiſt. Aber obgleich er Sir Rowland Trenchard's Landſitz Aſhton⸗ 228 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Hall beſuchte, ſo konnte er weder von ihm Nachrichten er⸗ fahren, noch von ſeinem Onkel, Sir Rowland, der, wie es ſcheint, England verlaſſen hat.“ „Um nie zurückzukehren,“ ſagte Jack düſter.„Vor mor⸗ gen früh will ich wiſſen, was aus Thames geworden iſt, oder bei dem Verſuch umkommen. Und jetzt ſagen Sie mir, was meiner armen Mutter begegnet iſt.“ „Nach Thames's geheimnißvollem Verſchwinden war ſie ſchwer erkrankt,“ antwortete Winifred;„ſo ſchwer, daß wir jeden Tag für ihren letzten hielten. Auch hatte ſie gele⸗ gentlich Rückfälle ihrer furchtbaren Krankheit gehabt. Am Dienſtag Abend befand ſie ſich etwas beſſer, und ich hatte ſie auf kurze Zeit, wie ich glaubte, ſchlafend auf dem So⸗ pha in dem kleinen Wohnzimmer verlaſſen, worin ſie ſich ſo gern aufhält—“ „Nun,“ rief Jack. „Als ich wiederkam, fand ich das Fenſter offen und das Zimmer leer. Sie war verſchwunden.“ „Konnten Sie keine Spuren von Fußtritten entdecken?“ fragte Jack begierig. „Nahe am Fenſter befanden ſich einige, aber ob ſie neu waren, konnte ich nicht ausmitteln,“ antwortete Winifred. „O Gott!“ rief Jack in bitterer Angſt.„Meine ſchlimm⸗ ſten Ahnungen beſtätigen ſich. Sie iſt in Wilv's Händen.“ „Ich muß noch hinzufügen,“ fuhr Winifred fort,„daß einer ihrer Schuhe im Garten gefunden wurde und ihre Fußſtapfen auf dem weichen Gartenboden entdeckt wurden; ob ſie dabei vor Jemand floh oder in verzweifelndem Schrecken fortſtürzte, war unmöglich zu ſehn. Mein Vater glaubte das Letztere. Er ließ die ganze Gegend durchſuchen, aber bis jetzt ohne Erfolg.“ „Ich weiß, wo ſie zu finden iſt und wie,“ verſetzte Jack ſchaudernd. Was Jack Sheppard im Hauſe des Drechslers be gegnete. 229 „Ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen,“ fuhr Winifred fort.„Bald nach Ihrem letzten Beſuche auf Dollis⸗Hill ward meinem Vater eines Abends von einem Mann aufge⸗ lauert, der ihm ſagte, daß er ihm etwas über Thames mit⸗ zutheilen hätte und eine große Geldſumme und einige wich⸗ tige Dokumente übergeben wollte, falls er ſich verpflichtete, Ihre Befreiung zu bewirken.“ „Es war Blauhaut,“ ſagte Jack. „So glaubte mein Vater auch,“ erwiederte Winifred, „deßhalb feuerte er ſogleich nach ihm. Aber obgleich der Schuß traf, wie aus den Blutflecken auf der Erde zu ſehn war, ſo entkam der Schurke doch.“ „Ihr Vater that Recht,“ entgegnete Jack, nicht ohne Bitterkeit.„Aber wenn er dieſen Schuß nicht gethan hätte, ſo hätte er Thames retten können, und die Papiere erhal⸗ ten, welche ſeine Herkunft und ſeine Anſprüche auf das Trenchard'ſche Familienvermögen feſtgeſtellt hätten.“ „Sollte er den Mörder meiner Mutter frei ausgehn laſſen?“ rief Winifred. „Nein, nein,“ antwortete Jack.„Und doch— aber es iſt nur ein Glied der Unglückskette, die mich zu umwin⸗ den ſcheint. Hören Sie mich an, Winifred.“ Und nun erzählte er ihr in Kurzem die Begebenheiten in Jonathan Wild's Hauſe. Die Beſchreibung der Entdeckung von Sir Rowland's Ermordung erfüllte ſie mit Grauſen; aber als ſie hörte, wie es Thames gegangen war,— wie er von dem Knotenſtocke des Diebsfängers zu Boden geſtreckt und für todt liegen ge⸗ laſſen war,— da ſtieß ſie einen gellenden Schrei aus, und wäre ohnmächtig zuſammengeſunken, wenn Jack ſie nicht in ſeinen Armen aufgefangen hätte. Jack wäre beinahe mitgefallen. Der Gedanke, daß er jetzt das Mädchen in ſeinen Armen hielt, die er einſt ſo 230 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. leidenſchaftlich liebte, und für die er noch immer eine glů⸗ hende, wenn auch hoffnungsloſe, Neigung bewahrte, über⸗ mannte ihn faſt. Er ſtarrte ſie mit thränenvollen Augen an und drückte einen brüderlichen Kuß auf ihre Lippen. Es war der erſte— und der letzte! In dieſem Augenblicke ward die Thüre aufgeklinkt und draußen ward Herrn Wood's Stimme laut, die erzürnt Ein⸗ laß begehrte. „Was gibt es hier?“ rief er.„Ich glaubte einen Schrei zu hören. Warum iſt die Thüre verſchloſſen? Oeff⸗ net ſie augenblicklich.“ „Sind Sie allein?“ fragte Jack, Kneebone's Stimme nachahmend. „Warum?“ fragte Wood.„Oeffnen Sie die Thüre, ſage ich, oder ich werde ſie einſtoßen.“ Nachdem er Winifred ſorgfältig auf ein Sopha hinge⸗ legt hatte, löſchte Jack das Licht aus, öffnete die Thüre und ſtellte ſich hinter ſie. Herr Wood trat mit einem Licht in der Hand herein, welches Jack ſogleich ausblies und die Treppe hinunterſtürzte. Er rannte eine Perſon um, wahr⸗ ſcheinlich Herrn Bird, der auf Wood's Geſchrei die Treppe hinaufoilte: doch, ohne ſich hierdurch irre machen zu laſſen, erreichte er den Boden und gelangte durch die offene Thüre auf die Straße. Und ſo war er denn noch einmal wieder in Freiheit, nachdem er einen der verwegenſten Ausbrüche erſonnen und vollbracht hatte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Gefangen und frei. Gegen ſieben Uhr deſſelben Abends rief Jonathan Wild ſeine beiden Janitſcharen, die ſchon lange auf dem Flur ge⸗ Gefangen und frei. 231 wartet hatten, zu ſich in ſein Empfangszimmer. Hier fand eine lange, geheime Berathung zwiſchen ihnen ſtatt, worauf ſie einer nach dem andern entlaſſen wurden. Als Jonathan allein war, zündete er eine Lampe an und öffnete die Fallthüre, welche nach der geheimen Treppe führte. Unten angekommen, ſchlug er einen engen Gang zur Rechten ein, bis er zu einer kleinen Thüre, ähnlich dem Eingange zu einem Gewölbe, gelangte. Dieſe öffnete er und trat in ein kleines Gemach, welches ſeiner äußeren Er⸗ ſcheinung keineswegs widerſprach. Auf einer Streue lag in einer Ecke eine blaſſe, abg⸗⸗ magerte Frauengeſtalt. Jonathan beleuchtete mit der Lampe ihre ſtarren und doch noch ſchönen Züge, und legte die Hand nicht ohne Beſorgniſſe auf ihre Bruſt, um ſich zu überzeu⸗ gen, ob ihr Herz noch ſchlüge. Von dem Erfolge ſeiner Prüfung zufriedengeſtellt, zog er dann eine kleine Flaſche hervor, füllte einen ſilbernen Becher daraus und ſchüttelte die Schlafende hart am Arme. Sie öffnete ihre großen dun⸗ keln Augen, heftete ſie einen Augenblick mit einem Gemiſch von Widerwillen auf ihn und wandte dann den Blick ab. „Trinken Sie,“ rief Jonathan, ihr den Becher reichend; „Sie werden ſich beſſer darnach befinden.“ Das arme Geſchöpf ſetzte den Becher mechaniſch an die Lippen und nahm ihn ohne Zaudern zu fich. „Iſt es Gift?“ fragte ſfie. „Nein,“ antwortete Jonathan mit rohem Lachen;„noch iſt mir nichts daran gelegen, Sie auf die Seite zu ſchaffen. Es iſt Branntwein.— Sie pflegten ihn ja ſonſt zu mögen. Sie werden bald finden, vaß er Ihnen gut thun wird. In dieſer Nacht haben Sie Vieles durchzumachen.“ „Ah!“ rief Miſtreß Sheppard,„wollen Sie Ihre fürch⸗ terlichen Bewerbungen wieder anfangen?“ „Ich will meine Drohungen ausführen,“ erwiederte N * 232 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Wild.„In dieſer Nacht ſollen Sie meine angetraute Frau ſein.“ „Eher ſterbe ich,“ entgegnete Miſtreß Sheppard. „Nachher ſollen Sie ſo bald ſterben, als Ihnen ge⸗ fällig iſt,“ verſetzte Jonathan,„aber bis dahin ſollen Sie leben. Ich habe nach dem Prieſter geſchickt.“ „Barmherzigkeit!“ rief Miſtreß Sheppard und verſuchte vergebens, einen Schimmer von Mitleiden in den unerbitt⸗ lichen Zügen des Diebsfängers zu entdecken— F zigkeit!“ *„Pah! Sie ſollten ſich freuen, zu einer ehrlichen Frau gemacht zu werden,“ erwiederte Wild. „O laſſen Sie mich ſterben,“ ächzte die Wittwe.„Ich habe nur noch wenige Tage,— vielleicht wenige Stunden zu leben. Aber tödten Sie mich lieber, als daß Sie mir dieſe Gewalt anthun.“ „Das würde gar nicht zu meinen Plänen paſſen,“ er⸗ wiederte Jonathan roh.„Ich habe Sie dem alten Wood nicht entführt, um Sie umzubringen, ſondern um Sie zu heirathen.“ „Was könnte Ihnen dies nützen?“ fragte Miſtreß Sheppard. „Sie wiſſen es recht gut,“ antwortete Jonathan.„Doch ich will Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen. Einſt hätte ich Sie wegen Ihrer Schönheit heirathen können,— jetzt heirathe ich Sie wegen Ihres Vermögens.“ „Wegen meines Vermögens,“ erwiederte Miſtreß Shep⸗ pard;„ich habe nichts.“ „Sie find die Erbin des Trenchard'ſchen Vermögens,“ verſetzte Jonathan,„eines der größten Güter in Lancaſhire.“ „Doch nicht, ſo lange Thames Darrell und Sir Row⸗ land leben.“ „Sir Rowland iſt todt,“ antwortete Jonathan düſter. Gefangen und frei. 233 „Thames Darrell erwartet nur meinen Befehl, um ihm zu folgen. Vor unſrer Trauung wird kein Leben mehr zwiſchen Ihnen und dem Vermögen ſtehn.“ „Ha!“ rief Miſtreß Sheppard. „Sehn Sie hier,“ fuhr Jonathan fort und ergriff einen Ring auf dem Fußboden, mit welchem er nicht ohne Mühe einen ſchweren Stein aufhob.„In dieſem Abgrunde iſt Ihr Bruder begraben. Hier wird Ihr Neffe binnen Kurzem hinab⸗ geworfen werden.“ „Gräßlich!“ rief Miſtreß Sheppard, heftig ſchaudernd. „Aber Ihre ſchrecklichen Thaten werden auf Ihr eigenes Haupt zurückfallen. Der Himmel kann einer ſolchen Gott⸗ loſigkeit nicht lange zuſehn.“ „Ich will es darauf ankommen laſſen,“ tttei⸗ Jonathan mit höhniſchem Lächeln.„Meine Pläne find mir bis jetzt ziemlich gut gelungen.“ „Ein Tag der Wiedervergeltung wird gewiß anbrechen,“ ſagte Miſtreß Sheppard. „Bis dahin will ich es zufrieden ſein,“ entgegnete Wild. „Und nun, Miſtreß Sheppard, merken Sie wohl auf das, was ich Ihnen zu ſagen habe. Vor Jahren, als Sie noch ein Mädchen und in den Blüthen Ihrer Schönheit waren, liebte ich Sie.“ 4 „Sie liebten mich! Sie!“ „Ich liebte Sie,“ fuhr Jonathan fort,„und überraſcht von Ihrem Aeußern, welches über Ihrer Stellung zu ſein ſchien, forſchte ich nach Ihrer Herkunft, und fand, daß Sie von einer Zigeunerin geſtohlen waren. Ich reiſte nach Mancheſter, um die Sache weiter aufzuklären, und überzeugte mich dort, daß Sie die älteſte Tochter von Sir Montacute Trenchard wären. Mit dieſer Entdeckung eilte ich nach London zurück, um Ihnen meine Hand anzubieten, aber ich fand, daß Sie unterdeſſen einen milchbärtigen, glattzüngigen 234 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Tiſchler Clemens Sheppard geheirathet hatten. Das wich⸗ tige Geheimniß blieb in meiner Bruſt verſchloſſen, aber ich wollte gerächt ſein. Ich gelobte mir, Ihren Mann an den Galgen zu bringen,— wollte Sie in ſolches Elend, ſolchen Mangel ſtürzen, daß Sie keine andre Wahl hätten, als die letzte Hülfsquelle der Verlaſſenen zu ergreifen;— auch ge⸗ lobte ich, Ihren Sohn, wenn Sie einen hätten, das Schick⸗ ſal ſeines Vaters theilen zu laſſen.“ „Und furchtbar haben Sie Ihr Gelübde gehalten,“ er⸗ wiederte Miſtreß Sheppard. „Das habe ich,“ entgegnete Wild.„Doch jetzt komme ich zu dem Punkt, der Sie am meiſten angeht. Willigen Sie in dieſe Verbindung ein und zwingen Sie mich nicht, zu Erlangung meiner Zwecke Gewalt zu gebrauchen, ſo will ich Ihren Sohn ſchonen.“ Miſtreß Sheppard ſtarrte ihn an, als wollte ſie die finſtern Tiefen ſeiner Seele ergründen. „Schwören Sie es mir!“ rief ſie. „Ich ſchwöre es,“ antwortete Jonathan bereitwillig. „Aber was gilt Ihnen ein Eid!“ rief die Wittwe miß⸗ trauiſch.„Sie werden nicht anſtehn, ihn zu brechen, wenn es Ihnen gut dünkt. Ich habe ſchon zu viel von Ihrer Falſchheit gelitten. Ich will Ihnen nicht vertrauen.“ „Wie Ihnen gefällig iſt,“ erwiederte Jonathan ſtrenge. „Bedenken Sie, daß Sie in meiner Gewalt find. Jock's Leben hängt von Ihrem Entſchluß ab.“ „Was ſoll ich thun?“ rief Miſtreß Sheppard ver⸗ zweifelnd. hA „Ihn retten,“ antwortete Sheppard⸗„Sie können es.“ „Bringen Sie ihn her,— laſſen Sie mich ihn ſehn, — ihn umarmen,— überzeugen Sie mich, daß er in Si⸗ cherheit iſt, und ich bin die Ihrige. Ich ſchwöre es.“ „Hm!“ ſann Jonathan. Gefangen und frei. 235 „Sie zaudern?— Sie täuſchen mich.“ „Bei meiner Seele, nein,“ antwortete Jonathan mit geheuchelter Offenheit.„Sie ſollen ihn morgen ſehn.“ „So ſchieben Sie die Trauung bis dahin auf. Ich werde niemals einwilligen, ehe ich ihn nicht geſehn habe.“ „Sie fordern Unmöglichkeiten,“ erwiederte Jonathan verdrießlich.„Es iſt Alles vorbereitet. Die Heirath kann und ſoll nicht aufgeſchoben werden. Dieſe Nacht müſſen Sie die meinige ſein.“ „Keine Gewalt ſoll mich zur Ihrigen machen, ehe Jack in Freiheit iſt,“ antwortete die Wittwe entſchloſſen. „Um eine Stunde werde ich mit dem Prieſter wieder⸗ kommen,“ entgegnete Jonathan, nach der Thüre ſchreitend, und verließ das Gewölbe mit triumphirendem Blicke. „Um eine Stunde werde ich deiner Bosheit entriſſen ſein,“ ſagte Miſtreß Sheppard und ſank erſchöpft auf die Streue hin. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die letzte Zuſammenkunft Jack's mit ſeiner Mutter. Als Jack aus dem Hauſe des Drechslermeiſters ent⸗ flohn war, eilte er über den Kirchhof der Heiligengrabkirche und verfolgte denſelben Weg, den er und Thames einge⸗ ſchlagen hatten, um auf den Platz hinter Jonathan's Woh⸗ nung zu gelangen. Man wird ſich erinnern, daß eine Thüre aus Wild's Hauſe auf dieſen Platz ging. Ehe er Gewalt anlegte, ver⸗ ſuchte Jack ſie zu öffnen, und fand ſie zu ſeiner großen Ver⸗ wunderung und Freude unverſchloſſen. Als er eingetreten war, befand er ſich in einem engen, nach der Hintertreppe führenden Gange. Kaum hatte er einige Schritte gethan, 236 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefüngniß⸗Brecher. ſo erblickte er Quilt Arnold mit einer Lampe in der Hand am obern Treppengeländer. Quilt, der unten ein Geräuſch hörte, rief in der Meinung, daß es der Jude ſein müßte, hinunter. Jack zog ſich haſtig zurück und ſtieg die Keller⸗ treppe hinab, als das beſte Mittel, ſich zu verbergen. Unterdeſſen kam Quilt herunter, unterſuchte die Thüre, die er offen fand und verſchloß ſie mit einem derben Fluche über die Nachläſſigkeit ſeines Kameraden. Dann ging er denſelben Weg, den Jack zurückgelegt hatte. Hierbei kam er ſo nahe an Jack vorüber, der ſich hinter einem Tiſch ver⸗ krochen hatte, daß er ihn beinahe berührte. Es war Jack's Abſicht, ihn mit der Eiſenſtange zu Boden zu ſchlagen, doch ihm ſiel die Miene des Janitſcharen ſo ſehr auf, daß er ihn zu ſchonen beſchloß, bis er ſich von deſſen Vorhaben in Kenntniß geſetzt hätte. In dieſer Abſicht ließ er ihn unge⸗ hindert vorbeigehn. Quilt's Benehmen war in der That das eines Menſchen, der ſeine ganze Entſchloſſenheit zur Verübung eines verab⸗ ſcheuungswürdigen Verbrechens aufbietet. Er ſtand ſtill, ſah ſich furchtſam um,— blieb wieder ſtehn und rief laut:„Mir gefällt der Auftrag nicht; und doch muß es geſchehn oder Wild wird mich an den Galgen bringen.“ Mit ſolchen Betrachtungen ſchien er ſeinen Muth aufzuſtacheln und ging wieder dreiſt weiter. „Hier iſt ein Verbrechen im Werke, das ich vielleicht hindern kann,“ murmelte Jack bei ſich.„Gebe der Himmel, daß ich nicht zu ſpät darüber zukomme.“ Von Jack Sheppard verfolgt, der ihm nahe genug blieb, um ſeine Schritte zu belauſchen, doch ohne ſich ſelbſt bloszuſtellen, öffnete Quilt dann ein Paar Thüren und ge⸗ langte durch einen dunkeln Gang zu der Thüre eines Ge⸗ wölbes. Hier ſetzte er die Lampe nieder und zog einen Schlüſſel heraus. Der Ausdruck ſeiner Züge war hierbei ſo * Die letzte Zuſammenkunft Jacks mit ſeiner Mutte 237 wild, daß Jack ſeinen Verdacht für vollkommen begründet halten mußte. Als Quilt nun aufgeſchloſſen und ſeinen Degen gezogen hatte, trat er in die Zelle. Einen Augenblick darauf hörte Jack einen Schrei von Thames's Stimme. Bei dieſem Klange ſprang er eilig herbei und erblickte Quilt über Thames, der an Händen und Füßen mit Stricken gebunden war, hinge⸗ beugt, und eben im Begriffe, ihm den Degen in die Bruſt zu ſtoßen. Ein Schlag mit der Eiſenſtange ſtreckte den Mör⸗ der augenblicklich zu Boden. Dann begann Jack, den Ge⸗ fangenen von ſeinen Banden zu befreien. „Jack!“ rief Thames.„Biſt du's?“ „Ich bin's,“ antwortete Sheppard, indem er die Stricke löste.„Ich könnte dir die Frage wiedergeben. Hörte ich nicht deine Stimme, ſo würde ich dich nicht wiederkennen. Du haſt dich ſehr geändert.“ Die Gefangenſchaft hatte in der That eine auffallende Veränderung an Thames hervorgebracht. Er war nur noch ein Schatten, abgemagert, ſchwach, hohläugig.— ſein Bart lang gewachſen,— man konnte ſich nichts Jammervolleres denken. „Ich bin nicht aus dieſem ſcheußlichen Verließ heraus⸗ gekommen, ſeit wir uns zum letzten Mal geſehn haben,“ ſagte er;„doch weiß ich nicht, wie lange es her iſt. Mir iſt Tag wie Nacht einerlei geweſen.“ „Es ſind ſechs Wochen ſeit jener verhängnißvollen Nacht verfloſſen,“ erwiederte Jack.„Während dieſer ganzen Zeit habe ich in Newgate feſt gefangen geſeſſen und bin nun eben erſt ausgebrochen.“ „Sechs Wochen!“ rief Thames in trübem Tone.„s ſchienen mir ſechs lange Monate.“ „Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete Juc.„Nur wer es ſelbſt erfahren hat, kann das Elend einer Gefangenſchaft meſſen.“ 238 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Sprich nicht davon,“ rief Thames mit Grauſen.„Laß uns fliehn aus dieſem ſchrecklichen Ort.“ „Ich will dich zum Ausgang führen,“ erwiederte Jack, „aber ich kann nicht eher fortgehn, als bis ich weiß, ob meine Mutter hier auch gefangen gehalten wird.“ „Das kann ich dir ſagen,“ erwiederte Thames.„Sie iſt hier. Das Ungeheuer Wild ſagte mir geſtern Abend, als er mich in meiner Zelle beſuchte, um mein Elend zu ver⸗ mehren, daß ſie nicht weit von mir wäre.“ „Nimm die Waffen dieſes Elenden,“ ſagte Jack,„und laß uns ſuchen.“ Thames gehorchte, aber er war ſo ſchwach, daß es kaum möglich ſchien, daß er im Falle eines Angriffs einen wirkſamen Widerſtand leiſten könnte. „Stütze dich auf mir,“ ſagte Jack. 2 Dann ergriff er das Licht und ſie ſchritten durch den Gang. Es befand ſich weiter keine Thüre in ihm und Jack bog daher zur Rechten in einen andern Gang ab. Kaum hatten ſie einige Schritte gethan, hörten ſie ein leiſes Stöhnen. „Sie iſt hier,“ rief Jack vorwärts eilend. Nach wenigen Augenblicken ſtand er vor der Thüre des Gewölbes, welches ſeine Mutter umſchloß. Sie war ver⸗ ſchloſſen. Jack hatte den Schlüſſelbund mitgebracht, den er Quilt Arnold abgenommen, aber keiner wollte paſſen. Er ſah ſich daher genöthigt, die Eiſenſtange zu gebrauchen, und dies that er mit ſo viel Vorſicht, als die Umſtände erlaub⸗ ten. Beim erſten Schlag ſtieß Miſtreß Sheppard einen gel⸗ lenden Schrei aus. „Elender!“ rief ſie,„du ſollſt mich nicht zu deinen ver⸗ haßten Abſichten zwingen. Ich heirathe dich auf keinen Fall. Ich habe ein Meſſer bei mir,— und wenn du die Thür' öffneſt, ſtoße ich es mir in's Herz.“ Die letzte Zuſammenkunft Jack's mit ſeiner Mutter. 239 „O Gott!“ rief Jack von ihrem Geſchrei gelähmt. „Was ſoll ich thun? Fahre ich fort, ſo tödte ich ſie.“ „Fort,“ ſchrie Miſtreß Sheppard mit wahnſinnigem Lachen.„Du ſollſt mich nimmer lebend erblicken.“ „Mutter!“ rief Jack mit gebrochener Stimme.„Es iſt dein Sohn.“ „Es iſt nicht wahr,“ antwortete ſie.„Denke nicht, daß du mich täuſchen kannſt, Scheuſal. Ich kenne die Stimme meines Sohns zu gut. Er iſt in Newgate. Fort!“ „Mutter! liebe Mutter!“ rief Jack mit einer Stimme, deren Klang grade durch ſeine Bemühung, deutlich zu ſein, verändert ward,„höre doch. Ich bin ausgebrochen und komme, dich zu retten.“ „Es iſt nicht Jack's Stimme,“ verſetzte Miſtreß Shep⸗ pard.„Ich laſſe mich nicht täuſchen. Das Meſſer iſt be⸗ reit. Rühre nur einen Fuß und ich ſtoße zu.“ „O Himmel!“ rief Jack außer ſich.„Mutter— liebe Mutter! Noch einmal bitte ich dich, auf mich zu hören. Ich will dich aus Wild's Händen befreien. Ich muß die Thür' aufbrechen. Halte deine Hand nur einen Augenblick ſtill.“ „Du haſt meinen feſten Entſchluß gehört, Elender,“ rief Miſtreß Sheppard.„Ich weiß, daß mein Leben für dich von Werth iſt, ſonſt hätteſt du mich nicht ſo lange ge⸗ ſchont. Aber du ſollſt dich irren. Fort von Ich ver⸗ eitle deine Pläne.“ „Es nähern ſich Fußtritte,“ rief Thames.„Achte nicht auf ſie. Es iſt nur eine leere Drohung.“ „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll,“ rief Jack, faſt zur Verzweiflung getrieben. „Ich höre dich mit deinen gottloſen Bundesgenoſſen berathen,“ rief Miſtreß Sheppard.„Ich durchſchaue Alles.“ „Sprenge die Thür',“ ſagte Thames,„oder du kommſt zu ſpät.“ 240 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Beſſer, ſie füllt durch ihre eigne Hand, als durch die⸗ ſen Bluthund,“ rief Jock, die Stange ſchwingend.„Mutter, ich komme zu dir.“ Bei dieſen Worten ſchlug er kräftig gegen die Thüre. Er lauſchte und hörte darinnen einen tiefen Seufzer, dann einen Fall. „Ich habe ſie getödtet,“ rief Jack die Stange hinwer⸗ fend,„es war dein Rath, Thames. O Gott, verzeihe mir.“ „Verliere keine Zeit,“ rief Thames.„Sie kann noch gerettet werden. Ich bin zu ſchwach, um dir zu helfen.“ ck ergriff die Stange wieder und zerſchmetterte die Thüre bald mit wüthenden Schlägen. Die unglückliche Frau lag auf dem Fußboden hinge⸗ ſtreckt, mit einem blutigen Meſſer in der Hand. „Mutter!“ rief Jack und ſprang auf ſie zu. „Jack!“ rief ſie, den Kopf aufhebend.„Biſt du es?“ „Ja,“ antwortete ihr Sohn.„O, warum wollteſt du nicht auf mich hören?“ „Ich war außer mir,“ erwiederte Miſtreß Sheppard matt. „Ich habe dich getödtet,“ rief Jack und ſuchte das ſtrö⸗ mende Blut zu ſtillen.„Vergib mir, vergib mir „Ich brauche nichts zu vergeben,“ erwiederte Miſtreß Sheppard.„Ich habe allein Schuld.“ „Kann ich dich nicht wohin tragen, wo dir Hülfe ge⸗ leiſtet werden kann?“ rief Jack angſtvoll. „Es nützt nichts,“ antwortete ſeine Mutter,„mich kann nichts mehr retten. Ich ſterbe glücklich,— ganz glücklich, da ich dich noch einmal ſehe. Bleibe nicht hier. Du könn⸗ teſt deinen Feinden in die Hände fallen. Fliehe! fliehe!“ „Denke nicht an mich, Mutter, ſondern nur an dich,“ rief Jack mit ſtrömenden Thränen. „Du biſt mir immer lieber geweſen, als ich ſelbſt,“ Die letzte Zuſammenkunft Jack's mit ſeiner Mutter. 241 entgegnete Miſtreß Sheppard.„Aber ich habe noch eine letzte Bitte an dich. Laß mich auf dem Kirchhof zu Willes⸗ den ruhn.“ „Gewiß,— gewiß,“ rief Jack. „Wir werden uns bald wieder ſehn, mein Sohn,“ rief Miſtreß Sheppard, ihre dunkel werdenden Augen auf ihn heftend. „O Gott! ſie ſtirbt,“ rief Jack mit erſtickter Stimme. „Vergib mir— oh, vergib mir!“ „Vergebung— Segen!“ flüſterte ſie. Ein kalter Schauer überlief ihren Körper, und ihre ſanfte Seele war auf immer entflohn. „O Gott! daß ich auch ſterben könnte,“ rief Jack, ne⸗ ben ihr auf die Kniee fallend. Als der erſte heftige Ausbruch des Schmerzes nachge⸗ laſſen hatte, redete Thames ihn an. „Du darfſt nicht länger hier bleiben,“ ſagte er,„du kannſt deiner armen Mutter jetzt nichts mehr helfen.“ „Ich kann ſie rächen,“ rief Jack mit furchtbarem Tone. „Laß dich von mir leiten,“ erwiederte Thames.„Du wirſt ihren Wünſchen am beſten nachkommen, könnte ſie ſie noch ausſprechen, wenn du nachgibſt. Verliere die Zeit nicht mit unnützen Klagen, ſondern laß uns die Leiche entfernen, damit wir ihren Befehlen gehorchen.“ Jack willigte ein.„Geh mit dem Licht voraus,“ ſagte er.„Ich will ſie tragen.“ Und bei dieſen Worten nahm er ſie in ſeine Arme. Kaum hatten ſie das Ende des Ganges erreicht, ſo hörten ſie die Stimme Jonathan's und des Juden in Tha⸗ mes's früherer Zelle. Wild hatte augenſcheinlich den Kör⸗ per von Quilt Arnold gefunden und machte ſeinem Zarn und Erſtaunen Luft. Ainsworth, Jack Sheppard. M. 16 242 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Blaſe das Licht aus,“ rief Jack;„biege zur Linken um. Schnell! ſchnell.“ „Dieſer Befehl kam grade zur rechten Zeit. Sie hat⸗ ten eben erſt den anſtoßenden Keller erreicht, als Jonathan mit dem Juden in der Richtung nach dem Gewölbe zu vor⸗ übereilte. „Es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ rief Jack,„folge mir.“ Bei dieſen Worten ſtürmte er die Treppe hinauf, öff⸗ nete die Hinterthüre, und befand ſich auf dem freien Platze. Als er ſich überzeugt hatte, daß Thames ihm auf dem Fuße. folgte, eilte er mit ſeiner Bürde die Seacoalgaſſe hinunter. „Wohin gehſt du?“ rief Thames, der, obgleich unbe⸗ laden, doch kaum Schritt halten konnte. „Ich weiß nicht— und kümmere mich auch nicht darum,“ erwiederte Jack. In dieſem Augenblicke fuhr eine Kutſche vorüber und Thames rief ſie ſogleich an. „Am beſten, du ließeſt mich ſie nach Dollis⸗Hill brin⸗ gen,“ ſagte er. „Du haſt Recht,“ erwiederte Jack. Glücklicherweiſe war es ſo dunkel, und es brannte auch keine Lampe in der Nähe, daß der Kutſcher den Zuſtand der Leiche nicht bemerkte, welche die beiden jungen Leute in den Wagen hoben. „Was willſt du thun?“ fragte Thames. „Ueberlaſſe michtmeinem Schickſal,“ verſetzte Jack, und ſorge für meine Mutter.“ „Zweifle nicht daran,“ erwiederte Thames. „Begrabe ſie am Sonntage auf dem Kirchhofe von Willesden, wie ſie verlangt hat,“ ſagte Jack.„Ich werde mich zur rechten Zeit einfinden.“ Mit dieſen Worten machte er den Schlag zu. Der Die letzte Zuſammenkunft Jack's mit ſeiner Mutter. 243 Kutſcher erhielt ſeine Anweiſung und fuhr auf das Ver⸗ ſprechen einer beſondern Belohnung, wenn er ſich beeile, in vollem Trabe davon. Als Jack ſich entfernte, ſprang eine dunkle Geſtalt hin⸗ ter einer Mauer hervor und eilte ihm nach. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Jagd. Als Jack eine Strecke weit gelaufen war, ſtand er ſtill, um noch einmal dem Wagen nachzuſehn, welcher die Ueber⸗ reſte ſeiner unglücklichen, geliebten Mutter davontrug. Dieſer war kaum ſeinen Augen entſchwunden, als zwei Perſonen, die er ſogleich als Jonathan und Abraham Mendez erkannte, um die Straßenecke bogen und durch ihr Geſchrei verriethen, daß ſie ihn ebenfalls bemerkten. Jack machte ſich eiligen Schritts davon, rannte die Turnagaingaſſe hinunter, verfolgte den öſtlichen Rand des Fleetgrabens, kam über die Holbornbrücke und begann den benachbarten Hügel zu erſteigen. Als er die St. Andreas⸗ kirche erreichte, waren ſeine Verfolger auf der Brücke ange⸗ langt und die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden, welche die Straße belebten, ward durch ihr Geſchrei auf ihn gelenkt. Unter andern ſtürzte der Wächter, der ſeinen Stand an der Kirchhofmauer beim Eingange in die Shoegaſſe hatte, aus ſeinem Gehäuſe und ließ ſeine Knarre raſſeln, worauf ihm ſogleich eine andere Knarre von der Holbornbarriere her antwortete. Die Feldgaſſe hinunterſtürmend, vertiefte Jack ſich jetzt in das Labyrinth von Straßen zur Linken; aber obgleich er ſo ſchnell als möglich lief, blieb er doch nicht unbemerkt. S 244 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Der Wächter hatte ſeinen Weg mit den Augen verfolgt und gab Wild die Richtung an. „Es iſt Jack Sheppard, der berüchtigte Hausbrecher,“ rief Jonathan mit ſeiner hellen Stimme.„Er iſt eben aus Newgate gebrochen. Ihm nach! Hundert Pfund dem, der ihn fängt.“ Sheppard's Name wirkte wie ein Ziucer auf den Hau⸗ fen. Der Ruf ward von zwanzig verſchiedenen Stimmen wiederholt. Die Leute liefen aus ihren Läden, um ſich der Jagd anzuſchließen, und als Wild die Feldgaſſe erreichte, hatte er einen Trupp von ſechzig Perſonen hinter ſich, die alle eifrig zu helfen bereit waren. „Haltet den Dieb!“ ſchrie Jonathan, der den Flüchtling längs den Hatton'ſchen Gärten dahineilen ſah.„Es iſt Jack Sheppard— Jack Sheppard— haltet ihn!“ Und die Blut⸗ hunde auf ſeinen Ferſen ſtimmten mit in den Ruf ein. Jack hörte das Geſchrei wohl, ließ aber in ſeinem Laufe nicht nach. Nach mehreren Wendungen und Drehungen, während deſſen ihn ſeine Verfolger, deren Zahl ſich immer mehr vergrößerte, nicht aus den Augen ließen, erreichte er die Gray's⸗Inn⸗Gaſſe. Hier ward er hart verfolgt. Von ſeinen gehabten Anſtrengungen ermüdet und von ſeinen Feſſeln beläſtigt, war er, obwohl ſonſt ſehr ſchnell zu Fuß, ſeinen Feinden, die ſich ihm mehr und mehr näherten, keineswegs gmachſen⸗ An der Ecke der Liquorpondſtraße ſtand die alte Hamp⸗ ſenvſche Fuhrgelegenheit; und an dieſem Abend war eine Schaar von Stallknechten, Kärrnern, Kutſchern und Stall⸗ jungen auf dem Hofe verſammelt. Bei dem herannahenden Lärm eilten dieſe Leute an den Eingang und kamen dort grade an, als Jack vorüberſtürzte.„Haltet den Dieb!“ ſchrie Jonathan.„Haltet den Dieb!“ brüllte der Pöbel hinter ihm. Die Jagd. 245 Wohl begreifend, daß Jack hiermit gemeint ſei, ſpran⸗ gen die beiden nächſten auf ihn ein. Aber Jack wich ihnen aus. Ein Stalljunge hetzte ihm einen großen Kettenhund nach; aber er gab ihm einen Schlag mit ſeiner treuen Ei⸗ ſenſtange und ſchickte ihn heulend zurück. Die beiden Knechte blieben ihm jedoch dicht auf den Ferſen und Jack, den die Kräfte zu verlaſſen begannen, fürchtete, daß er es nicht lange mehr aushalten würde. Doch entſchloſſen, ſich nicht leben⸗ dig fangen zu laſſen, eilte er voran. Noch immer den Vorſprung vor ſeinen Verfolgern be⸗ wahrend, beharrte er auf dem graden Wege, bis die Häuſer aufhörten und er auf das freie Feld kam. Hier ſchickte er ſich eben an, über die Hecke zur Linken auf den Acker zu ſpringen, als er ſich von zwei Reitern abgeſchnitten ſah, die, durch das Geſchrei aufmerkſam gemacht, auf ihn zuritten und mit den Griffen ihrer ſchweren Reitpeitſchen nach ihm hie⸗ ben. Jack wehrte die Hiebe ſo gut wie möglich mit der Stange ab und gab beiden Pferden einen ſo heftigen Schlag auf die Köpfe, daß ſie ſich bäumten und nicht nur ihre Reiter verhinderten, ihn weiter anzugreifen, ſondern auch die beiden Stallknechte aufhielten; und in der entſtehenden Ver⸗ wirrung ſprang Jack über die Einzäunung und rannte quer⸗ feldein in der Richtung von Sir John Oldeaſtle's Landhaus. Dieſer Aufenthalt hatte die Entfernung zwiſchen ihm und ſeinen Verfolgern, die ſich jetzt auf mehr als hundert Perſonen beliefen und zum Theil Laternen und Fackeln tru⸗ gen, weſentlich verringert. Als die beiden Reiter erfuhren, daß derjenige, dem dieſe Jagd galt, Jack Sheppard wäre, ſetzten ſie über die Hecke und waren ihm bald auf den Fer⸗ ſen. Wie ein hart verfolgtes Wild, verſuchte Jack zu dou⸗ bliren, aber dieſer Kunſtgriff brachte ihn ſeinen Feinden, die den Acker in allen Richtungen durchſchwärmten und die Lüfte mit ihrem Geſchrei erfüllten, nur noch näher. Der Lärm — 246 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. war furchtbar,— Menſchen ſchrieen durcheinander,— Hunde bellten,— doch über Allem hörte man Jonathan's Stentor⸗ ſtimme, die ſie anſpornte. Jack war ſo abgemattet, daß er ſich halb geneigt fühlte, ſich zur Wehr zu ſetzen. Während er in vollem Laufe war und jede Sehne an⸗ ſtrengte, glitt ſein Fuß plötzlich aus und er ſtürzte kopf⸗ über in einen tiefen Graben, den er in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Dieſer Fall rettete ihn, denn die Reiter ſprengten über ihn hin. Er kroch ſchnell auf Händen und Füßen weiter und fand den Eingang zu einem bedeckten Ab⸗ zugsgraben, in den er ſich verbarg. Kaum war er ver⸗ ſchwunden, ſo kamen die beiden Reiter zurück, da ſie be⸗ merkten, daß ſie über ihr Ziel hinausgeeilt waren. Jetzt kam auch Jonathan mit dem ihn begleitenden Haufen hinzu und die Fackeln verbreiteten faſt Tageshelle. „Er muß hier in dieſer Gegend ſein,“ rief einer der Reiter abſteigend.„Wir waren dicht an ihn heran, als er auf einmal verſchwand.“ Jonathan gab hierauf keine Antwort, ſondern ſprang mit einer Fackel, die er einem der Umſtehenden entriß, in den Graben und begann ſorgfältig umherzuſuchen. Grade, als er an den Eingang zu dem bedeckten Theile kam und Jack ſich ſchon auf eine Entdeckung gefaßt machte, erhob ſich ein lautes Geſchrei am andern Ende des Feldes, daß der Flüchtling gefangen wäre. Sämmtliche Anweſenden entfern⸗ ten ſich mit Jonathan an der Spitze nach dieſer Richtung, als es ſich fand, daß der vermeintliche Einbrecher ein harm⸗ loſer Bettler war, den man ſchlafend unter einer Hecke ge⸗ funden hatte. Jonathan machte ſeinem Verdruß über dieſe Täuſchung in bittern Verwünſchungen Luft und kehrte eiligſt wieder nach dem Graben zurück. Er hatte jetzt aber die rechte Stelle verloren, und in der Meinung, daß er den Abzugs⸗ Die Jagd. 247 graben durchſucht hätte, richtete er ſeine Aufmerkſamkeit nach einer andern Gegend. Unterdeſſen hatte ſich der Jagdeifer ziemlich gelegt. Der Haufen zerſtreute ſich nach verſchiedenen Richtungen und ein Regenſchauer, der ſich zu rechter Zeit einſtellte, ſchlug ſie völlig in die Flucht. Jonathan zögerte jedoch noch. Er ſchien den Regen gar nicht zu bemerken, obgleich er bald in Strömen fiel, und ſetzte ſeine Nachſuchungen mit unvermin⸗ dertem Eifer fort. Als er ſich auf dieſe Weiſe faſt eine Stunde beſchäftigt hatte, glaubte er, Jack müßte ihm entwiſcht ſein. Dennoch war ſein Verdacht ſo dringend, daß er Mendez befahl, die ganze Nacht an dieſer Stelle auf Wache zu bleiben, und noch zwei andere Leute durch das Verſprechen einer großen Belohnung dazu bewog, ihm Geſellſchaſt zu leiſten. Bei ſeiner Entfernung flüſterte er dem Juden zu: „Fange ihn lebend oder todt; aber wenn es uns diesmal mißlingt und du in der Seacvalgaſſe recht gehört haſt, ſo find wir ſeiner am Sonntag beim Begräbniß ſeiner Mutter gewiß.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Wie Jack Sheppard ſich ſeiner Eiſen entledigte. Ungefähr eine Stunde ſpäter wagte Jack ſich aus ſei⸗ nem Verſteck hervor. Es regnete noch heftig und war ſtock⸗ finſter. Bis auf die Haut durchnäßt,— er hatte buchſtäb⸗ lich im Schlamm gelegen,— und ganz durchgekältet, fühlte er ſich ſo ſteif, daß er ſich kaum bewegen konnte. Geſpannt lauſchend glaubte er die Athemzüge eines Menſchen in ſeiner Nähe zu hören und entfernte ſich behut⸗ ſam in der entgegengeſetzten Richtung. Trotz ſeiner Vorſicht ſtieß er auf einen Mann, der ihn feſtzuhalten ſuchte und 248 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. mit Mendez Stimme rief:„Wer geht da? Sprich, oder ich ſchieße!“ Da keine Antwort erfolgte, ſo feuerte der Jude ohne Weiteres ſeine Piſtole ab, und wenn der Schuß auch nicht traf, ſo ward Sheppards Geſtalt doch durch das Aufblitzen der Flamme ſichtbar. Aber da es im nächſten Augenblicke wieder vollkommen finſter war, ſo gelang es Jack ohne Mühe zu entkommen. Ohne zu wiſſen wohin, ſetzte Jack ſeinen Weg über die Felder fort, und im Gehen verlor ſich die Steifheit ſeiner Glieder einigermaßen und ſein Selbſtvertrauen kehrte zurück. Er bedurfte ſeiner ganzen unerſchöpflichen Charakterſtärke, um auf ſeinem mühſamen Marſche über das naſſe Gras oder das aufgeweichte Ackerland nicht zu unterliegen. Endlich kam er auf einen Feldweg, aber kaum hatte er dieſen be⸗ treten, ſo erſchreckten ihn wieder Pferdetritte. Noch einmal drängte er ſich durch die Hecke und flüch⸗ tete auf's Feld. Er war faſt zur Verzweiflung getrieben. Durchnäßt, wie er war, fühlte er, daß er vor Kälte um⸗ kommen müßte, wenn er ſich in's Gras legte; und wenn er irgendwo ein Unterkommen für die Nacht ſuchte, mußte ſein blut⸗ und ſchmutzbefleckter Anzug unfehlbar ſeine Verhaftung und Auslieferung zur Folge haben. Und dann die Feſſeln, die er noch an den Beinen trug:— wie ſollte er ſich ihrer entledigen? Trotz Ermüdung und Niedergeſchlagenheit wanderte er doch weiter. Er ſuchte die Landſtraße wieder auf und kam durch Clapton; dann wandte er ſich zur Linken und erreichte den Fuß des Hügels von Stamford. Er ging noch eine Stunde weiter, bis er kaum mehr einen Fuß vor den andern ſetzen konnte. Endlich ſank er am Wege hin und glaubte ſeinen letzten Augenblick herannahen zu ſehen. Wie lange er ſo gelegen hatte, wußte er nicht; aber als der Morgen eben tagte, ſuchte er ſich wieder aufzurichten Wie Jack Sheppard ſich ſeiner Eiſen entledigte. 249 und kroch eine Anhöhe hinauf, von wo er Tottenham in der Entfernung von einer Meile liegen ſah. Nicht weit davon entdeckte er auf dem Felde eine Art Schuppen, und dorthin bemühete er ſich, ſeine müden Glieder zu ſchleppen. Als er die Thüre öffnete, fand er ihn voll Stroh, auf das er ſich hinwarf, worauf er ſogleich einſchlummerte. Als er erwachte, war es ſpät am Tage, und es reg⸗ nete heftig. Eine Zeit lang war er unfähig, ſich zu bewe⸗ gen, ſo krank und erſchöpft fühlte er ſich. Seine Beine waren furchtbar geſchwollen, ſeine Hände zerſchunden, und ſeine Feſſeln verurſachten ihm die unerträglichſten Schmerzen. Seine Körperleiden verſchwanden jedoch gegen ſeine Seelen⸗ gual. Alle Begebenheiten des vorigen Tages drängten ſich ſeiner Erinnerung auf, und obgleich er unabſichtlich die Ver⸗ anlaſſung des Todes ſeiner Mutter geweſen war, machte er fich doch eben ſo ſchwere Vorwürfe, als wäre er wirklich ihr Mörder geweſen. „Wäre ich nicht ein ſo elender Prrbrecher, xieß er in Thränen ausbrechend,„ſo hätte ſie nie auf ſolche Weiſe ihren Tod gefunden.“ Als dieſe Gewiſſensbiſſe ihren natürlichen Verlauf ge⸗ nommen hatten, ließen ſie etwas nach und ſeine Gedanken richteten ſich auf ſeine gegenwärtige Lage. Er ermunterte ſich und trat an die Thüre. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft war noch feucht und kühl, und der Boden von dem gefallenen Waſſer überfluthet. Jack nahm ein Paar große Steine, die in der Nähe lagen, und verſuchte die Bänder ſeiner Feſſel in eine längliche Form zu ſchlagen, damit er ſeine Hacken durchziehn könnte. Während er hiermit beſchäftigt war, kam ein Land⸗ mann darüber zu. Jack ſprang ſogleich auf, und der Mann, den ſein Ausſehn erſchreckte, rannte nach einem benachbarten Hauſe davon. Ehe er wiederkam, machte Jack ſich aus dem 250 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Staube und ging ſo viel wie möglich längs an Hecken und Zäunen hin, um nicht geſehn zu werden. Als er ſeine Taſchen durchſuchte, fand er zwanzig Gui⸗ neen in Gold und einiges Silbergeld darin. Aber die Frage war, welchen Nutzen er daraus ziehn könnte, denn in ſeiner jetzigen Kleidung mußte er nothwendig erkannt werden. Beim Anbruch der Nacht ſchlich er ſich in die Stadt Tottenham. Als er die Hauptſtraße entlang ging, hörte er ſeinen Namen nennen und fand, daß es ein Ausrufer war, der die Ge⸗ ſchichte ſeiner Ausbrüche für einen Penny feil bot. Es hatte ſich ein Haufen Menſchen um ihn geſammelt, und er ſetzte ſeinen Vorrath reißend ab. „Hier iſt die ganz wahre und genaue Geſchichte von Jack Sheppard's letztem merkwürdigen und unvergeßlichen Ausbruch aus dem KRaſtell von Newgate,“ ſchrie der Aus⸗ rufer,„mit ſeinem Bild, nach dem Leben gezeichnet, wie er gefeſſelt und feſtgeſchloſſen war. Nur einen Penny— zwei Stück— macht zwei Penny's— dank' Ihnen, Sir. Hier iſt die—“ „Geben Sie mir eins,“ rief ein Dienſtmädchen, die über die Straße kam und in der Eile die Hausthüre zuzu⸗ machen vergaß,—„hier iſt das Geld. Der Herr und die Frau ſprechen den ganzen Tag von Jack Sheppard und ich habe keine Ruhe, bis ich ſein Leben leſe.“ „Hier haben Sie eins, mein ſchönes Kind,“ erwiederte der Ausrufer.„Noch eins abgeſetzt!“ „Wenn du nicht ſchnell wieder umkehrſt, Luch,“ rief einer der Umſtehenden,„ſo lommt Jack Sheppard eher in's Haus als du.“ Dieſer Scherz erregte allgemeines Gelächter. „Wenn Jack in mein Haus käme, ſo würde ich ihn verſtecken,“ ſagte ein ſchmuckes Frauenzimmer.„Armer Schelm! mich freut es, daß er wieder los iſt.“ Wie Jack Sheppard ſich ſeiner Eiſen entledigte. 251 „Jack ſcheint bei dem ſchönen Geſchlecht gut angeſchrie⸗ ben zu ſtehn,“ äußerte ein geſchniegelter Krämerlehrling. „Natürlich,“ verſetzte der vorige Sprecher, der einen Hang zur Satyre hatte,—„bje größer der Schelm, deſto lieber haben ſie ihn.“ „Hier iſt eine genaue Beſchreibung von Jack ſeinen vie⸗ len Diebſtählen und Ausbrüchen,“ ſchrie der Ausrufer,— „wie er in das Haus ſeines Meiſters, Herrn Wood auf Dollis⸗Hill, einbrach—“ „Geben Sie eine her,“ ſagte ein Tiſchlermeiſter, der grade vorüberging,—„Herr Wood iſt ein alter Freund von mir, und ich erinnere mich, Jack bei ihm geſehn zu haben, als er bei ihm in die Lehre kam.“ „Einen Penny, wenn Sie ſo gut ſein wollen, Sir,“ ſagte der Ausrufer.—„Wieder eins abgeſetzt. Hier haben Sie die ganze wahre und genaue Beſchreibung von der grauſamen Mordthat, die Jack Sheppard und ſein Spieß⸗ geſelle Joſeph Blake, auch Blauhaut genannt, an Miſtreß Wood“— „Das iſt nicht wahr!“ rief eine Stimme hinter ihm. Der Mann drehte ſich um und mehrere der Anweſen⸗ den ebenfalls; aber ſie konnten die betreffende Perſon nicht herausſinden. Jack, der ſich in der Nähe der Gruppe aufgehalten hatte, ging jetzt weiter. Mitten in dieſer kleinen Stadt befand ſich der Laden eines Kleiderjuden. Der Eigenthümer ſtand vor der Thüre und nahm mehrere Kleidungsſtücke von dem Haken, an dem er ſie zum Verkaufe ausgehängt hatte. Unter andern hatte er eben auch einen alten betreßten Bavareſen, eine Art Ueber⸗ rock, wie er damals viel getragen wurde, heruntergenommen. „Was verlangen Sie für dieſen Rock, Landsmann?“ fragte Jack herantretend. 252 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Mehr, als Sie dafür werden, Landsmann,“ näſelte der Jude. „Woher wiſſen Sie das?“ verſetzte Jack.„Wollen Sie eine Guinee dafür haben.“ „Das Doppelte wäre nicht zu viel,“ erwiederte der Jude, „es iſt ein Rock für einen Edelmann, bei meiner Seele!“ „Hier iſt das Geld,“ ſagte Jack und nahm den Rock. „Soll ich ihn Ihnen anhelfen, Sir?“ fragte der Jude, der jetzt auf einmal höflich ward. „Nein,“ antwortete Jack. „Ich glaube faſt, dies iſt ein Straßenräuber,“ dachte der Jude;„er iſt mit ſeinem Geld ſo bei der Hand. Ich habe noch einige andre Sachen drinnen, die Sie vielleicht kaufen würden, Sir,— ein Paar Piſtolen.“ Jack war nahe daran, darauf einzugehn, doch, da ihm ſein Weſen nicht gefiel, ſo ging er fort. Nicht weit davon war ein kleiner Viktualienladen, in welchem Jack eine alte Frau mit einem kleinen Mädchen am Zahltiſch ſitzen ſah. Er wagte ſich hinein und kaufte ein Brod. Als er dies zu ſich geſteckt hatte,— denn er war halb verhungert,— ſaͤgte er, daß er einen Hammer ver⸗ loren hätte und einen zu kaufen wünſchte. Die alte Frau antwortete ihm, daß ſie keine Eiſenwaaren führte, und wies ihn an einen Grobſchmied in der Nähe. Von dem Schimmer der Schmiede geleitet, die ihren röthlichen Schein über die Straße warf, fand Jack bald den geſuchten Ort; er trat in die Werkſtätte und fand den Schmied damit beſchäftigt, den Reifen eines Wagenrades zu glühen. Dieſer hielt bei Jack's Eintreten mit der Arbeit inne und fragte nach ſeinem Begehr. Jock gab ihm eine ähnliche Geſchichte, wie der alten Frau, zum Beſten und ſagte, daß er einen Hammer und eine Feile kaufen wollte. Der Mann ſah ihn ſtarr an. . Wie Jack Sheppard ſich ſeiner Eiſen entledigte. 253 „Antwortet mir erſt auf meine Frage,“ ſagte er;„ich vermuthe halb und halb, daß Ihr Jack Sheppard ſeid.“ „Der bin ich,“ entgegnete Jack ohne Beſinnen, denn das Weſen des Grobſchmieds ſagte ihm, daß er ihm trauen könnte. „Ihr ſeid ein kecker Burſche, Jack,“ verſetzte der Schmied. „Aber Ihr habt recht gethan, mir zu vertrauen. Ich will Euch die Eiſen abnehmen,— denn ich merke wohl, wozu Ihr den Hammer und die Feile haben wollt,— aber unter einer Bedingung.“ „Und die wäre?“ „Daß Ihr ſie mir laßt.“ „Sehr gern.“ Jetzt führte er Jack in einen Schuppen hinter ſeiner Werkſtätte und befreite ihn bald von ſeinen Feſſeln. Und nicht nur dies, ſondern er gab ihm auch noch eine Salbe, welche die Schmerzen in ſeinen Gliedern linderte, und ſetzte dem Ganzen dadurch die Krone auf, daß er ihm ein Glas vortrefflichen Biers reichte. „Ich fürchte, Jack, daß Ihr an den Galgen kommt,“ meinte der Schmied;„ſollte es aber wirklich geſchehn, ſo will ich nach Tyburn gehn, um Euch zu ſehn. Aber von Euren Eiſen werde ich mich nie trennen.“ Als er ſah, in welchem beſchmutzten Zuſtande ſich Jack befand, holte er ihm einen Eimer Waſſer, mit dem dieſer ſich ſo gut wie möglich reinigte, worauf er mit vielen Dank⸗ ſagungen an den ehrlichen Schmied, der nichts für ſeine Mühe nehmen wollte, die Werkſtätte verließ. Nachdem Jack eine mittelmäßig gute Mahlzeit gehalten hatte, ſuchte er, von Müdigkeit überwältigt, in einer Scheune in Stocke⸗Newington Zuflucht und ſchlief bis ſpät in den Tag, wornach er ſehr geſtärkt erwachte. Das Aufſchwellen ſeiner Glieder hatte ebenfalls nachgelaſſen. Es regnete den 254 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ganzen Tag ſehr heftig, ſo daß er ſich nicht aus ſeinem Verſtecke entfernte. Gegen Abend wagte er ſich jedoch heraus und ging auf London zu. Als er in Horton ankam, fand er die Straßen⸗ ecken mit Anſchlagezetteln bedeckt, in denen Belohnung auf ſeine Einfangung geſetzt war, und er ſchien an allen Orten der Gegenſtand des Geſprächs zu ſein. Von einem Haufen Müſſiggänger in einem Wirthshauſe hörte er, daß Jonathan Wild eben vorübergeritten wäre und ſeine Spürhunde das Land nach allen Richtungen durchſtreiften. In London angekommen, wandte er fich nach dem Weſt⸗ ende, und da er einige Kenntniſſe von einem Kleiderladen aus zweiter Hand in der Rupertſtraße hatte, ſo begab er ſich dorthin und ſuchte einen anſtändigen Traueranzug nebſt Degen, Mantel und Hut aus, und fragte nach dem Preiſe. Es wurden ihm zwölf Guineen abgefordert, aber nach eini⸗ gem Handeln erhielt er ihn für zehn. Mit ſeinem Einkauf unter dem Arme ging Jack jetzt nach einer kleinen Taverne in derſelben Straße, wo er ein Mittagseſſen beſtellte und ſich ein Zimmer anweiſen ließ, um ſich anzukleiden. Kaum hatte er ſeine Toilette beendigt, ſo ſtörte ihn ein Geräuſch an der Thüre und er hörte ſeinen Namen mit eben nicht freundlichem Tone nennen. Zum Glück lag das Fenſter nicht hoch über der Erde; er öffnete es alſo leiſe und ließ ſich auf den Hinterhof hinab, von wo er leicht auf die Straße gelangte. Als er über den Haymarkl eilte, fand er einen Haufen Bänkelſänger verſammelt. Jack blieb einen Augenblick ſtehn und bemerkte, daß ſeine eigenen Abenteuer den Gegenſtand des Liedes bildeten. Er wagte jedoch nicht zuzuhören, ſon⸗ dern eilte weiter. Wie Jack Sheppard dem Begräbniſſe ſeiner Mutter beiwohnte. 255 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wie Jack Sheppard dem Begräbniſſe ſeiner Mutter beiwohnte. Für dieſe Nacht wanderte Jack nach Paddington und ſchlug ſein Nachtlager in einer kleinen Taverne, die Waizen⸗ garbe genannt, in der Nähe des Angers auf. Am folgen⸗ den Morgen, dem Sonntag, an dem der Verabredung ge⸗ mäß das Begräbniß ſeiner Mutter ſtattfinden ſollte, begab er ſich auf die Harrow'ſche Landſtraße. Es war ein klarer, lieblicher Oktobermorgen. Die Luft war kühl und ſchneidend, und die Blätter, welche ſchon ihre herbſtliche Färbung angenommen hatten, fielen von den Bäumen. Der Weg, der ſich längs dem Weſtbourne'ſchen Anger hinzog, gewährte ihm eine volle Ausſicht auf den Hügel von Hamſtead mit ſeiner Kirche, ſeiner Häuſermaſſe und ſeinen in Laub verſteckten Villen. Jack hatte jedoch das Herz zu voll, um an dieſer Aus⸗ ſicht Vergnügen zu finden, und ſo ſchritt er dann einher, ohne die Augen aufzuſchlagen, bis er in Kenſal⸗Green an⸗ kam. Hier frühſtückte er und ſtieg dann den Hügel hinauf, von wo er rechts auf den Acker abbog. Hier gelangte er zu einer Anhöhe, die, nach ihrer merkwürdigen Geſtaltung zu ſchließen, zu einem römiſchen Lager gehört zu haben ſcheint und eine prachtvolle Ausſicht beherrſcht. Er lehnte ſich an ein Gemäuer und ſchaute in das Thal hinab. Es war eben dieſelbe Stelle, an der ſeine unglückliche Mutter nach ihrer vergeblichen Bemühung, ihn aus der Münze zu holen, geſtanden hatte; dies war ihm zwar unbekannt, doch beſchäftigte ihn jetzt ihr Bild allein. Er erblickte den grauen Thurm der Kirche von Willesden, wie er über dem herbſtlichen Purpurkleide der umgebenden Bäume emporſtrebte. Dort lag die Hütte, welche ſie ſo viele Jahre lang bewohnt 256 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. hatte,— auf jenen Feldern war ſie umhergewandelt,— in jener Kirche hatte ſie gelebt. Und alles dies hatte er zer⸗ ſtört. Wäre er nicht geweſen, ſo hätte ſie noch leben und glücklich ſein können. Dieſer Gevanke war zu peinlich und er brach in einen Thränenſtrom aus. Das Glockengeläute weckte ihn aus ſeinen Gedanken, und er beſchloß, auf jede Gefahr hin dem Gottesvienſte beizuwohnen. In dieſer Abſicht ſtieg er von der Anhöhe hinunter und fand bald einen nach der Kirche führenden Fußpfad. Aber es war ihm beſchieden, alle ſchmerzhaften Saiten berührt, alle Wunden aufgeriſſen zu fühlen. Der gewählte Fußweg brachte ihn zu der beſchekdenen Wohnung ſeiner Mutter. Als ſie darin waltete, war ſie die Sauber⸗ keit ſelbſt; die kleine Laube war mit Schlingpflanzen über⸗ wachſen,— der Garten reinlich und ordentlich gehalten. Jetzt war ein Durcheinander von Unkraut. Die Fenſter⸗ ſcheiben waren zerbrochen, die Dachbedeckung beſchädigt, die Mauern verfallen. Jack wandte ſich mit ſchmerzerfülltem Herzen ab. Es ſchien ihm ein Sinnbild des von ihm ver⸗ urſachten Verderbens zu ſein. Im Weitergehn warden andere peinliche Erinnerungen in ihm geweckt. Bei jedem Schritte ſchien ihm das Geſpenſt der Vergangenheit entgegenzutreten. Dort war die Hecke, an der Jonathan Wild ſaß, und er erinnerte ſich deutlich der Wirkung ſeines höhniſchen Blicks,— wie er ſein Herz gegen ſeiner Mutter Bitten gehärtet hatte.„O Gott!“ rief er,„ich bin hart beſtraft worden.“ Er hatte jetzt die Hauptſtraße erreicht. Die Dorfbe⸗ wohner ſtrömten in Schaaren zur Kirche. Beim Umbiegen um eine Ecke ſtieß er auf ſein ehemaliges Gefängniß. Eine bäueriſche Hand hatte über die Thüre geſchrieben:„Jack Sheppard's Käfig;“ und an die Mauer war ein großer Zettel geheftet, der ſeine Perſon beſchrieb und eine Belohnung Wie Jack Sheppard dem Begräbniſſe ſeiner Mutter beiwohnte. 257 für ſeine Gefangennehmung zuſicherte. Jack verhüllte ſein Geſicht und wandte ſich ab; aber er hatte kaum einige Schritte gethan, ſo hörte er einen Mann eine Beſchreibung ſeines Ausbruchs laut aus einer Zeitung leſen. Er eilte nach der Kirche und trat durch ebendieſelbe Thüre ein, in deren Nähe er ſein erſtes Verbrechen began⸗ gen hatte. Der Schrei ſeiner Mutter ſchien ihm wieder in den Ohren zu tönen, und er war ſo tief bewegt, daß er, um kein Aufſehn zu erregen, das heilige Haus zu verlaſſen ſchloß, als ihm Thames, bleich wie der Tod, mit Winifred am Arme entgegentrat. Herr Wood folgte ihnen in tiefer Trauer. Jack zog ſich unwillkührlich in die fernſte Ecke des Kir⸗ chenſtuhls zurück und begrub das Geſicht in ſeinen Händen. Der Gottesdienſt begann. Jack, der ſeit vielen Jahren in keinem Gotteshauſe geweſen war, fühlte ſich mächtig ergrif⸗ fen. Als er zufällig die Augen aufſchlug, ſah er, daß die Familie von Dollis⸗Hill ihn bemerkte, und daß er ein Ge⸗ genſtand der innigſten Theilnahme für ſie war. Sobald der Gottesdienſt beendigt war, ſuchte Thames ſich ihm zu nähern und flüſterte ihm zu:„Sei vorſichtig,— das Begräbniß wird nach der Nachmittagskirche ſtattfinden.“ Jack getraute ſich nicht, einen Blick auf Winifred zu wagen, ſondern verließ die Kirche und ging auf eine an⸗ ſtoßende Wieſe, von wo er ſie langſam den Weg nach Dollis⸗Hill zurückgehn ſah. Bei einer Wendung des Wegs bemerkte er, wie Winifred ſich ſuchend nach ihm umſah und, als ſie ihn entdeckte, mit der Hand winkte. Dann kehrte er nach dem Kirchhofe zurück und ging rings um ihn herum; und an der weſtlichen Seite ſiel ihm ein neuaufgeworfenes Grab in der Nähe eines Eiben⸗ baums auf. „Weſſen Grab iſt dies?“ fragte er einen neben ihm ſtehenden Mann. Ainsworth, Jack Sheppard. M. 17 258 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich weiß es nicht,“ antwortete dieſer,„aber ich will den Todtengräber, William Morgan, fragen. Höre, Peter,“ wandte er ſich an einen lockigen Knaben, der auf einem der bemvosten Gräber ſpielte,„bitte deinen Vater, daß er her⸗ kommt.“ Der Kleine ging und kam bald mit dem Todtengräber wieder. „Das Grab iſt für Miſtreß Sheppard, die Mutter von dem berühmten Einbrecher,*ſagte Morgan auf Jack's Frage; —„am Ende iſt es noch viel, daß ſie ihr ein chriſtliches Begräbniß geben,— denn ſie ſagen, ſie habe ſich wegen ihres Sohns um's Leben gebracht. Geſtern war die Todten⸗ ſchau,— und hätten ſie nicht bewieſen, daß ſie von Sinnen war, ſo wäre ſie am Kreuzwege begraben.“ Länger konnte Jack es nicht ertragen. Er ließ ein Stück Geld in Morgan's Hand gleiten und eilte fort. „Bei meiner Seele,“ ſagte der Todtengräber,„der ſieht Jack Sheppard ſo ähnlich, wie nur irgend einer, den ich je meiner Lebtage geſehn habe.“ Jack begab ſich nach den Sechs Glocken, beſtellte Er⸗ friſchungen und ließ ſich ein beſonderes Zimmer anweiſen, wo er bis zum Nachmittage in Kummer verſunken blieb. Unterdeſſen hatte ſich das Wetter geändert. Der Him⸗ mel hatte ſich plötzlich bewölkt. Der Wind wehte in hef⸗ tigen Stößen und ſchüttelte die gelben Blätter von den Ul⸗ men und Roßkaſtanien. Sob ald die Nachmittagsglocke ertönte, verließ Jack das Haus. Als er den Kirchhof erreichte, ſah er den Trauerzug den Hügel herunterkommen. In eben demſelben Augenblicke fuhr ein Wagen mit vier Pferden vor den Sechs Glocken vor; doch Jack war zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um es zu bemerken. Jetzt begann die Glocke auf eine eigenthümliche Art zu läuten, um die Ankunft einer Leiche zu verkünden. Das Wie Jack Sheppard dem Begräbniſſe ſeiner Mutter beiwohnte. 259 Thor öffnete ſich, der Sarg ward hereingetragen und Jock, deſſen Augen ſich mit Thränen füllten, ſah Herrn Wood und Thames vor ſich vorübergehn und ſchloß ſich ihnen an. Unterdeſſen näherte ſich der Geiſtliche in ſeinem Chor⸗ hemde mit entblößtem Haupt. Als er die drei erſten Verſe des für die Beerdigung der Todten beſtimmten Liturgie ge⸗ leſen hatte, kehrte er in die Kirche zurück, in die auch der Sarg durch die ſüdweſtliche Thüre getragen und in der Mitte des Schiffs hingeſetzt ward, wo Herr Wood und Thames ſich zu beiden Seiten deſſelben ſtellten und Jack in geringer Entfernung hinter ihnen. Wenn Jack am Morgen ſchon gerührt war, ſo war er jetzt ganz zerknirſcht. Dort lag mitten in den geheiligten Räumen, die er einſt entweiht hatte, die Leiche ſeiner un⸗ glücklichen Mutter, und er konnte nicht umhin, ihr vorzei⸗ tiges Ende als die vergeltende Rache des Himmels für die von ihm verübten Verbrechen anzuſehn. Sein Kummer äußerte ſich ſo laut, daß er die Aufmerkſamkeit einiger der Umſtehenden auf ſich zog und Thames ihn bitten mußte, ſich zu beherrſchen. Hierbei erhob er zufällig die Augen und glaubte faſt die widerwärtige Geſtalt des Diebsfängers halb von einem Pfeiler am weſtlichen Ende des Schiffs verborgen zu ſehn. Ehe ſich die Gemeinde trennte, ſtieg der Geiſtliche von der Kanzel und begab ſich auf den Kirchhof, wohin ihm die Sargträger und Leidtragenden nebſt Jack in angemeſſener Entfernung folgten. Der erwähnte Wagen, der vor den Sechs Glocken vor⸗ gefahren war, enthielt vier Perſonen,— Jonathan Wild, ſeine beiden Janitſcharen und ſeinen Thürſteher, Obadias Lemon. Kaum waren ſie ausgeſtiegen, ſo ſtellte ſich das Fuhrwerk hinter einem Baume neben dem Gefängniſſe auf. Jonathan, der den Leichenzug aus der Ferne beobachtete, 260 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. glaubte Jack's Geſtalt unterſcheiden zu können, aber da er deſſen nicht ganz gewiß war, ſo begab er ſich in die Kirche. Er wäre keck genug geweſen, ihn in Gegenwart der ganzen Gemeinde zu ergreifen und fortzuführen, doch zog er es vor, zu warten. Von ſeiner Unterſuchung zufriedengeſtellt, kehrte er zu⸗ rück, ſchickte Abraham und Obadias nach der nordweſtlichen Ecke der Kirche, ſtellte Quilt hinter einen vorſpringenden Pfeiler am Ausgange und verbarg ſich hinter einer der Ulmen. Der Leichenzug hatte jetzt das Grab erreicht, um das ſich viele Mitglieder der Gemeinde, die einen lebhaften An⸗ theil an der Trauerfeierlichkeit nahmen, verſammelten. Ein feiner Regen fiel herab und einige Blätter wirbelten im Winde umher. Jonathan miſchte ſich unter die Gruppe und wartete, ſeiner Beute gewiß, ſeine Zeit ab. Unterdeſſen fuhr der Geiſtliche mit der Liturgie fort, während der Sarg an den Rand des Grabes geſetzt ward. Als die Leiche in die Erde hinabgeſenkt werden ſollte, fiel Jack neben dem Sarge auf die Kniee, indem er ſeiner Bekümmerniß in den ungemeſſenſten Ausdrücken Luft machte, ſich des Mordes ſeiner Mutter anklagte und die Rache des Himmels auf ſein Haupt herabrief. Ein Murmeln erhob ſich unter den Verſammelten, von denen mehrere ihn jetzt erkannten. Aber ſo heftig war ſein Kummer, ſo aufrichtig die Reue, welche er zeigte, daß alle ihn mit mitleidigem Auge betrachteten, außer Einem. Dieſer näherte ſich ihm jetzt. „Du biſt mein Gefangener, Jack,“ rief Jonathan, in⸗ dem er gewaltſame Hand an ihn legte. Jack ſprang auf, doch ehe er ſich zur Wehr ſetzen konnte, hatte der Jude, der leiſe herbeigeſchlichen war, ſich ſeines Arms bemächtigt. „Höllenhunde!“ rief er,„laßt mich los.“ Wie Jack Sheppard dem Begräbniſſe ſeiner Mutter beiwohnte. 261 In demſelben Augenblicke eilte Quilt Arnold mit ſol⸗ cher Haſt hinzu, daß er über William Morgan ſtolperte und ihn in das Grab ftürzte. „Elender!“ rief Jack.„Begnügen Sie ſich nicht mit den Verbrechen, die Sie ſchon begangen haben,— müſſen Sie Ihre Niederträchtigkeit bis auf dieſen Punkt treiben? Sehn Sie dort Ihr unglückliches Opfer zu Ihren Füßen liegen?“ Jonathan antwortete hierauf nicht, ſondern befahl ſeinen Dienern, den Gefangenen fortzuſchleppen. Thames hatte unterdeſſen ſeinen Degen gezogen und wollte ſich auf Jonathan werfen, doch Wood hielt ihn zurück. „Vergieße nicht noch mehr Blut,“ rief der Tiſchlermeiſter. Jetzt ward ein mißbilligendes Murren unter dem Haufen laut, und es zeigte ſich eine offenbare Neigung zum Wider⸗ ſtande. Ein kleines Ziegelſtück flog durch die Luft und traf Jonathan am Kopfe. „Wir laſſen Sie nicht durch,“ riefen mehrere aus dem Haufen. „Ich habe ſeine arme Mutter gekannt, und um ihret⸗ willen kann ich dies nicht mit anſehn,“ rief John Dump. „Legt ihm die Handſchellen an,“ rief der Diebsfänger. „Und jetzt wollen wir ſehn, wer ſich zu widerſetzen wagt. Ich bin Jonathan Wild. Ich verhafte ihn im Namen des Königs.“ Es erfolgte ein tiefes unwilliges Murren. „Laſſen Sie mich die Erde über ſie werfen ſehn,“ bat Jack,„und dann bringen Sie mich, wohin Sie wollen.“ „Nein,“ donnerte Wild. „Erlauben Sie ihm dieſe kleine Gunſt,“ rief Wood. „Nein, ſage ich Ihnen,“ verſetzte Jonathan, ſich durch den Haufen drängend. „Meine arme Mutter,— meine arme Mutter!“ rief 262 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Jack. Doch, trotz ſeinem Rufen und Widerſtreben, ward er von Jonathan und deſſen Janitſcharen fortgeſchleppt. Am öſtlichen Thore des Kirchhofes ſtand der Wagen mit herabgelaſſenen Stufen. Das Volk verfolgte den Diebs⸗ fänger und ſeine Dienerſchaft den ganzen Weg entlang und ſchleuderte alles, was es auftreiben konnte, als Wurfgeſchoſſe auf ſie. Es drohte ſogar, die Stränge abſchneiden und die Räder vom Wagen abnehmen zu wollen. Der Jude ſtieg zuerſt ein. Dann ward der Gefangene von Quilt hineinge⸗ hoben. Ehe Jonathan ihnen folgte, wandte er ſich gegen den Pöbel um. „Zurück!“ rief er drohend.„Ich bin ein Beamter und in der Ausübung meiner Pflicht begriffen. Wer mir in den Weg tritt, ſoll die Schwere meiner Hand fühlen.“ Dann ſprang er in die Kutſche, deren Schlag von Oba⸗ dias zugemacht ward, welcher darauf auf den Bock ſtieg. „Nach Newgate,“ rief Jonathan, den Kopf aus dem Fenſter ſteckend. Ein tiefes Murren begleitete dieſen Befehl und Wurf⸗ geſchoſſe aller Art wurden gegen den Wagen geſchleudert, der ſich in voller Eile entfernte. Und während ihr Sohn wieder nach ſeinem Gefängniſſe zurückgebracht ward, ſenkte man die Leiche der unglücklichen Miſtreß Sheppard in die Erde. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wie Jack Sheppard wieder nach Newgate gebracht ward. Jack Sheppard's Flucht aus Newgate am Abend des 25. Oktober ward nicht eher, als am folgenden Morgen entdeckt; denn obgleich mehrere Perſonen die Nachricht im Laufe der Nacht in das Gefängniß brachten, ſo ſchenkte ihnen Wie Jack Sheppard wieder nach Newgate gebracht ward. 263 Auſtin, welcher der wachthabende Beamte war, keine Auf⸗ merkſamkeit. Als Jonathan Wild den Flüchtling auf die oben be⸗ ſchriebene Art verfolgt hatte, kehrte er nach ſeiner Wohnung zurück, wo er ſich den übrigen Theil der Nacht damit be⸗ ſchäftigte, mit Quilt Arnold's und Obadias Lemon's Hülfe Alles zu entfernen, was im Falle einer Hausſuchung gegen ihn zeugen könnte. Dann warf er ſich auf einen Stuhl, denn ſein eiſerner Körperbau bedurfte ſelten der Bequemlich⸗ keit eines Betts, und ruhte ſich eine Stunde aus, ehe er die Niederträchtigkeiten des folgenden Tages begönne. Gegen ſechs Uhr weckte ihn Abraham Mendez aus ſeinem Schlafe. Er mochte nicht geſtehn, daß Jack ſeiner Wachſam⸗ keit entgangen wäre, und begnügte ſich damit zu berichten, daß er bis Tagesanbruch Wache gehalten, dann den Acker ſorgfältig durchſucht und endlich, da er keine Spur von ihm gefunden, für das Beſte gehalten hätte, nach Hauſe zu gehn. Dieſe Nachricht nahm Jonathan mit gerunzelter Stirne auf. Er tröſtete ſich jedoch mit der Gewißheit, ſeine Beute am Sonntage einzufangen. Nach beendigtem Frühſtück, das er mit wölfiſchem Heißhunger verzehrte, ging er nach New⸗ gate hinüber und freute ſich innerlich über die Beſtürzung, die ſein Erſcheinen unter den Schließern hervorbringen würde. Als er in das Vorderhaus trat, war die erſte Perſon, der er begegnete, Auſtin, der eben erſt aufgeſtanden und deſ⸗ ſen Toilette kaum beendigt zu ſein ſchien. Ein Blick über⸗ zeugte Jonathan, daß der Schließer nichts von der Flucht des Gefangenen wußte, und er beſchloß, ſich den Spaß, wo⸗ mit er es anſah, nicht durch eine vorzeitige Entdeckung zu verderben. „Sie ſind heute ſehr früh im Gange, Herr Wild,“ be⸗ merkte Auſtin, während er den Rock anzog und ſeine Per⸗ rücke zurechtſchob.„Vermuthlich etwas Neues im Werke?“ 264 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Ich komme blos, um nach Jack Sheppard zu fragen,“ verſetzte Jonathan. „O, beunruhigen Sie ſich nicht um ſeinetwillen, Sir,“ antwortete Auſtin.„Der ſitzt feſt genug, ich verſichere Ihnen.“ „Ich möchte mich ſelbſt davon überzeugen,“ verſetzte Wild trocken. „Sogleich, Sir,“ antwortete Auſtin, der ſich jetzt, nicht ohne Unbehaglichkeit, der verſchiedenen, während der Nacht erfolgten Anzeigen erinnerte.„Sie denken hoffentlich nicht, daß ein Unglück geſchehn iſt, Sir.“ „Gleichviel, was ich denke,“ erwiederte Wild.„Kom⸗ men Sie mit mir nach dem Kaſtell.“ „Gleich, Sir,“ antwortete Auſtin,„gleich. Hier, Ca⸗ liban, gib auf die Thür Acht, und laß das Gitter verſchloſ⸗ ſen, bis ich wiederkomme. Hörſt du. Jetzt, Sir.“ Er nahm die Schlüſſel und ging voran, während Jo⸗ nathan ihm mit innerer Vorfreude über den Schreck, der dem armen Schelm bevorſtand, folgte. Die Thüre ward aufgeſchloſſen und als Auſtin die Zelle betrat, prallte er buchſtäblich vor dem Anblicke zurück, der ſich ihm darbot, und hätte kaum beſtürzter ausſehn können, wenn ihm das ganze Gefängniß über dem Kopfe zuſammen⸗ gefallen wäre. Verſteinert und ſprachlos richtete er einen flehenden Blick auf Wild, der nicht minder über den vor ihm liegenden Schutthaufen erſtaunt war. „Hölle und Teufel!“ rief Jonathan, die Breſche in der Mauer anſtarrend.„Er muß Jemand zur Hülfe gehabt haben. Wenn er nicht mit dem Teufel in Verkehr ſteht, ſo kann er dies nimmermehr allein gethan haben.“ „Ich glaube feſt daran, daß er mit dem Teufel im Bunde iſt,“ antwortete Auſtin, von Kopf bis zu Fuß zit⸗ ternd.„Aber vielleicht iſt er nicht weiter, als in die obere Wie Jack Sheppard wieder nach Newgate gebracht ward. 265 Zelle gekommen. Sie iſt eben ſo feſt, wo nicht noch feſter, als dieſe. Ich will nachſehn.“ Bei dieſen Worten kletterte er über den Schutt und kroch in den Kamin. Aber obgleich das Loch unten für ihn groß genug war, ſo konnte er ſeine beleibte Geſtalt doch nicht durch die Oeffnung nach dem rothen Zimmer preſſen. „Ich glaube, er iſt fort,“ ſagte er, zu Jonathan zurück⸗ kehrend.„Die Thür iſt offen und das Zimmer leer.“ „Sie glauben?— Sie wiſſen es,“ erwiederte Jona⸗ than, ihm einen ſeiner zornigſten und durchdringendſten Blicke zuſendend.„Was Sie auch ſagen mögen, ſo wird mich nichts überzeugen können, daß Sie nicht an ſeiner Flucht Theil haben.“ „Ich, Sir!— ich ſchwöre Ihnen—“ „Schon gut!“ unterbrach ihn Jonathan heftig.„Ich werde dem Oberaufſeher meinen Verdacht mittheilen. Kom⸗ men Sie ſogleich mit mir herunter. Alle ferneren Nach⸗ ſuchungen müſſen unter Zuziehung gehöriger Zeugen geführt werden.“ Mit dieſen Worten ſchritt er hinaus, eilte die Stein⸗ treppe hinab und faßte unten nach dem Strange der großen Gefängnißglocke, die er heftig läutete. Da dies nur in wich⸗ tigen Fällen geſchah, ſo fanden ſich in wenigen Augenblicken ſämmtliche Schließer, Marvel, die vier Partners und Miſtreß Spurling, ein. Nichts konnte den Schrecken dieſer Würden⸗ träger überſteigen, als ſie hörten, weßhalb ſie zuſammen⸗ gerufen wären. Sie ſchienen Alle Auſtin's Beſtürzung zu theilen, außer Miſtreß Spurling, die aber ihre Zufriedenheit nur durch ein geheimes Zwicken an dem Arme ihres zukünf⸗ tigen Gemahls zu erkennen zu geben wagte. Mit Jonathan an der Spitze begaben ſich nun alle Schließer nach dem oberen Theile des Gefängniſſes, und nachdem mehrere Thüren aufgeſchloſſen waren, da ſie nur 266 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. auf einem Umwege nach dem rothen Zimmer zu euntegi kamen ſie endlich nach dem Schauplatze von Jack's Thaten. Vor jeder Thüre ſtilleſtehend, nahmen ſie die Schloßplatten auf, beſichtigten die ſchweren Riegel und erſtarrten faſt bei dem Anblicke ſo vieler Wunder. Als ſie nach der Kapelle kamen, wuchs ihr Erſtaunen. Sämmtliche Schließer erklärten es für unmöglich, daß er ſein außerordentliches Werk ohne Hülfe hätte vollbringen können, aber wer ihm dieſen Beiſtand gewährt hätte, war eine Frage, die ſie nicht beantworten konnten. Von hier nach dem Gange zum untern Bleidach gehend, kamen ſte an die beiden Eiſenthüren und ihr Erſtaunen über Jack's wun⸗ derbare That war ſo groß, daß ſie ſich kaum überreden konn⸗ ten, daß menſchlicher Scharfſinn ſie vollbracht haben könnte. „Von dieſer Thüre,“ ſagte Ireton, als ſie zu der letz⸗ ten vor dem Bleidach kamen,„von dieſer Thüre hätte ich ſchwören mögen, daß ſie allem widerſtanden hätte. Künftig werde ich mich nicht mehr auf Stangen und Riegel verlaſſen.“ Dann ſtiegen ſie auf das Dach und verfolgten die Spur des Flüchtlings bis an das äußerſte Ende des Gebäudes, wo ſie ſeine Decke an der Speiche befeſtigt fanden, zum Beweiſe, daß er auf dieſem Wege entflohn war. Als Jonathan nach einem ſtrengen Verhöre mit Auſtin durch das Zeugniß ſeiner Amtsgenoſſen dargethan fand, daß er Jack keinen Vorſchub bei ſeiner Flucht hatte leiſten kön⸗ nen, nahm er ſeinen harten Ausſpruch zurück und ging ſo⸗ gar ſo weit, ihm zu verſprechen, daß er als Vermittler zwiſchen ihm und dem Oberaufſeher auftreten wollte. Dies war ein kleiner Troſt für den armen Menſchen, der zum Sterben erſchrocken war; wozu er auch alle Urſache hatte, indem die Meinung der Schließer und andrer, welche die Oertlichkeit unterſuchten, dahin ging, daß Jack allein, in wenigen Stunden und, ſo weit es ſich ermitteln ließ, mit Wie Jack Sheppard wieder nach Newgate gebracht ward. 267 unvollkommenen Werkzeugen, eine Arbeit vollbracht hatte, die ein halbes Dutzend mit den zweckmäßigen Inſtrumenten mehrere Tage hingehalten haben würde. Nach ihrer Schätzung belief ſich der verurſachte Schaden auf mehr als hundert Pfund. Sobald Jack's Ausbruch bekannt wurde, ſtrömten Tau⸗ ſende nach Newgate, um ſeine Heldenthaten zu beſehn, und die Schließer hielten eine reichliche Erndte von ihrer Neugierde. Jonathan beobachtete unterdeſſen die größte Verſchwie⸗ genheit in Betreff ſeiner Ausſichten, den Flüchtling einzu⸗ fangen; und als Jack am Sonntage nach Newgate zurück⸗ gebracht wurde, war ſeine Ankunft ganz unerwartet. An dieſem Tage rollte ein Wagen mit vier Pferden etwas nach fünf Uhr um die Ecke von Old⸗Bailey und hielt vor dem Vorderhauſe. Auſtin eilte ſogleich vor die Thüre und wollte kaum ſeinen Augen trauen, als er Jack Sheppard im Gewahrſam von Quilt Arnold und Abraham Mendez erblickte. Jack's Wiedereinbringung ward bald unter allen Ge⸗ fängnißbeamten kund und das Vorderhaus war augenblick⸗ lich mit Perſonen angefüllt. Das Entzücken der Schließer überſtieg alle Gränzen; aber die arme Miſtreß Spurling war in einer ſolchen Verzweiflung und begann Jonathan ſo hef⸗ tig auszuzanken, daß ihr künftiger Gemahl gewaltſame Hand an ſie legen und ſie fortführen mußte. Auf Wild's Befehl ward der Gefangene in die Ver⸗ urtheiltenzelle gebracht, wohin ihm die Geſammtheit der Beamten und die Partners folgten; zwei von ihnen trugen große Hämmer und zwei die Feſſeln. Es war nur ein Ge⸗ fangener in der Zelle. Er war an den Boden gekettet, ſprang aber bei ihrer Ankunft auf. Als er Jack erblickte, ſtieß er ein tiefes Aechzen aus. „Hauptmann,“ rief er mit Bitterkeit,„haſt du dich von dieſen Hunden matt jagen laſſen? Wäreſt du nicht ſo un⸗ 268 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. glücklich geweſen, ſo wäre ich vor Morgen Abend zu dir geſtoßen.“ Jack antwortete nicht und richtete nicht einmal die Au⸗ gen auf ſeinen Anhänger. Aber Jonathan durchbohrte ihn mit einem fürchterlichen Blick uud rief: „Ha! was ſagſt du? Du mußt unterſucht werden. Meine Burſchen,“ wandte er ſich an die Partners;„wenn Ihr dort fertig ſeid, ſo ſegt dieſem Menſchen neue Feſſeln an. Ich vermuthe, daß er dieſe ſchon bearbeitet hat.“ „Das nächſte Glied der Kette am Block iſt durch⸗ geſägt,“ ſagte Ireton, der ſich nach Blauhaut's Feſſeln her⸗ unterbückte. „Durchſuchen Sie ihn und legen Sie ihn in neue Ei⸗ ſen,“ befahl Wild.„Aber erſt wollen wir Sheppard feſt⸗ machen. Dann wollen wir ſie beide in die mittlere Stein⸗ zelle bringen, wo ſie Tag und Nacht bewacht werden ſollen, bis ſie nach Tyburn abgeführt werden. Da ſie ſich einander ſo gern haben, ſo ſollen ſie ſich ſelbſt dann nicht trennen, ſondern an demſelben Galgen hängen.“ „Den Tag ſollen Sie nicht erleben,“ rief Blauhaut, ihm einen drohenden Blick zuwerfend. „Wie viel wiegen dieſe Eiſen?“ fragte Jonathan ruhig einen der Partner. „Mehr als drei Centner, Sir,“ erwiederte dieſer.„Es find die ſchwerſten, die wir haben,— und ausdrücklich für Hauptmann Sheppard geſchmiedet.“ „Sie ſind nicht zur Hälfte ſchwer genug,“ erwiederte Wild.„Legt ihm Handſchellen an und an jedes Bein dop⸗ pelte Eiſen, und wenn wir ihn in der Steinzelle haben, ſoll er nicht nur an den Fußboden gekettet werden, ſondern auch noch zwei neue Ketten erhalten, die durch die Hauptglieder gehn und ihm an beiden Seiten befeſtigt werden. Wir wol⸗ len ſehn, ob er ſich dieſe auch ſo abſchütteln wird?“ fügte Wie Jack Sheppard wieder nach Newgate gebracht ward. 269 er mit rohem Gelächter hinzu, in das die Anweſenden ein⸗ ſtimmten. „Hören Sie mich an,“ ſagte Jack;„ich bin zweimal aus dieſem Gefängniß trotz aller Ihrer Vorſichtsmaßregeln ausgebrochen. Und wollten Sie mir auch dreimal ſo viel Eiſen anhängen, als Sie zu thun denken, ſo ſollte mich das nicht hindern zum dritten Mal zu entkommen.“ „Das iſt recht, Hauptmann,“ rief Blauhaut.„Wir wollen ihnen das Nachſehn laſſen und dieſen blutgierigen Spitzbubenfänger an ſeinen eigenen Galgen hängen.“ „Ruhig, Hund,“ rief Jonathan und gab ihm mit ge⸗ ballter Fauſt einen heftigen Schlag in's Geſicht. Zum erſten Mal vielleicht in ſeinem Leben bereute er ſeine Rohheit. Kaum war der Schlag ertheilt, ſo ſprang Blauhaut mit einem Satz wie ein Tiger auf ihn ein. Die Kette, welche am Block zum Theil durchgeſägt war, zerriß, und ehe die verdutzten Wärter Hülfe leiſten konnten, hatte Blauhaut ſeinen Feind in den Klauen. Seine Körperkraft haben wir ſchon als ungewöhnlich groß dargeſtellt, jetzt aber, von Racheſucht erhöht, war fie unwiderſtehlich. Jonathan, grade kein Schwächling, war unter ſeinen Fäuſten nur wie ein Kind. Er faßte ihn am Kinn, bog ihm den Hals zu⸗ rück, während er mit der Linken ein Taſchenmeſſer heraus⸗ holte, das er mit den Zähnen öffnete, und ſchnitt Wild, indem er deſſen Kopf mit dem Arm umklammerte, trotz ſei⸗ nem Widerſtande, tief in den Hals. Die Falten eines dicken Muslinhalstuch beſchützten ihn einigermaßen, doch war die Wunde bedeutend. Blauhaut zog ihm das Meſſer noch ein⸗ mal über die Kehle, um die Wunde zu erweitern; er riß ihm ſogar den Kopf zurück, um ihn in eine günſtigere Lage zu bringen, und würde ihn unfehlbar vom Rumpf getrennt haben, wenn die Wärter, die ſich jetzt von ihrer Ueber⸗ 270 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefüngniß⸗Brecher. raſchung erholt hatten, ſich nicht auf ihn geworfen und ihn zurückgehalten hätten. „Jetzt iſt deine Zeit da,“ rief Blauhaut, indem er fich gegen ſeine Angreifer wandte und mehrere tiefe Schnitte mit ſeinem Meſſer austheilte.„Fliehe, Hauptmann,— fliehe!“ Jack, der dieſem mörderiſchen Anblick mit grauſamer Genugthuung zugeſehn hatte und jetzt die Möglichkeit einer Flucht wahrnahm, entriß ſich ſeinen Wächtern und eilte nach der Thüre. Blauhaut ſchlug ſich ebenfalls durch und er⸗ reichte ſte mit Aufbietung ſeiner ganzen Kraft, rechts und links mit dem Meſſer ausholend, zu gleicher Zeit. Jack würde höchſt wahrſcheinlich entflohn ſein, wenn Langley, der unten geblieben war, nicht von dem Getümmel aufmerk⸗ ſam gemacht und herbeigee ilt wäre. Als er Jock in Frei⸗ heit ſah, griff er ſogleich nach ihm und verwickelte ihn in einen Kampf. Jetzt kam auch Blauhaut hinzu und wehrte die Schließer mit dem Meſſer ab. Er that alles Mögliche, um Jack von Langley zu befreien, aber, ſelbſt von allen Seiten hart an⸗ gegriffen, konnte er ihm keine wirkſame Hülfe leiſten. „Fliehe!“ rief Jack.„Fliehe, wenn du kannſt; küm⸗ mere dich nicht um mich.“ Blauhaut warf noch einen beſorgten Blick auf ſeinen Anführer und rannte den Gang hinab. Die einzigen im Vorderhauſe anweſenden Perſonen wa⸗ ren Miſtreß Spurling und Marvel. Als die Schenkwirthin das Kampfgeräuſch hörte, glaubte ſie, es wäre Jack, der ſich zu befreien ſuchte, und riß die Gitterthüre trotz den Vorſtel⸗ lungen des Scharfrichters weit auf. Blauhaut traf daher auf kein Hinderniß. Er ſtürzte durch die offene Thüre, ver⸗ tiefte ſich in eine enge Gaſſe auf der andern Straßenſei und war binnen einer Minute trotz allen Nachſetzens ni mehr zu finden. —.—————————— Wie Jack Sheppard wieder nach Newgate gebracht ward. 271 Nach ihrer Rückkehr hoben die Schließer Jonathan auf, der ſich in ſeinem Blute wälzte und im Sterben zu liegen ſchien. Sie ſuchten das Blut zu ſtillen und ſchickten nach einem Wundarzt. „Iſt er fort?“ fragte der Diebsfänger matt. „Blauhaut?“ fragte Ireton. „Nein,— Sheppard,“ verſetzte Wild. „Nein, nein, Sir,“ antwortete Ireton.„Er iſt hier.“ „Das iſt recht,“ erwiederte Wild mit ſchrecklichem Lä⸗ cheln.„Bringen Sie ihn nach der mittleren Steinzelle,— bewahren Sie ihn Tag und Nacht, hören Sie wohl?“ Sit „Eiſen,— ſchwere Eiſen,— Tag und Nacht.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, Sir.“ „Gehn Sie mit ihm nach Tyburn,— laſſen Sie ihn keinen Augenblick aus den Augen, bis die Schlinge geknüpft iſt. Wo iſt Marvel?“ „Hier, Sir,“ antwortete der Scharfrichter. „Hundert Guineen, wenn Sie Jack Sheppard hängen. Ich habe ſie bei mir. Nehmen Sie ſie, wenn ich ſterbe.“ „Beruhigen Sie ſich, Sir,“ erwiederte Marvel. „O, daß ich es noch erlebte,“ hauchte Jonathan und ſank mit ſchmerzverzerrten Zügen in Ohnmacht. „Er iſt todt,“ rief Auſtin. „Ich bin zufrieden,“ ſagte Jock.„Meine Mutter iſt gerächt. Bringt mich nach der Steinzelle. Blauhaut, du biſt ein treuer Freund geweſen.“ Jonathan ward dann in ſeine Wohnung getragen, wäh⸗ rend Jack in die mittlere Steinzelle geführt und dort auf die von Wild befohlene Art angekettet ward. ———————— 272 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Was ſich auf Dollis⸗Hill begab. „Endlich iſt dies Trauerſpiel beendigt,“ ſagte Herr Wood, als die Erde die Ueberbleibſel der unglücklichen Miſtreß Shep⸗ pard deckte und alle langſam den Kirchhof verließen.„Laßt uns hoffen, daß ſie, wie die, welche viel geliebt hat, Ver⸗ gebung für ihre Sünden erhalten wird.“ Dann trat er ſchweigend, von Thames begleitet, ſeinen Rückzug nach Dollis⸗Hill in einem Zuſtande tiefſter Nieder⸗ geſchlagenheit an. Thames verſuchte nicht, ihm Troſt zuzu⸗ ſprechen, denn er war faſt ebenſo herabgeſtimmt. Das Wetter war mit ihren Gefühlen im Einklang. Es regnete gelinde und ein dichter Nebel ſammelte ſich in der Luft und trübte die herrliche Ausſicht. Bei ſeiner Nachhauſekunft war Herr Wood ſo erſchöpft, daß er ſich in ſein Zimmer zurückziehn mußte, wo er ſich einige Stunden von Kummer überwältigt aufhielt. Die beiden Liebenden befanden ſich zuſammen, und ihr ganzes Geſpräch drehte ſich um Jack und ſeine unglückliche Mutter. Als der Abend heraufzog, zeigte ſich Herr Wood etwas beruhigter und ließ ſich von ſeiner Tochter überreden, einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Dann verfloß eine Stunde mit der Ueberlegung, ob es möglich wäre, Jack auf irgend eine Art Hülfe zu leiſten, und welches Benehmen in Bezug auf Jonathan Wild einzuhalten wäre. Während ſie hiermit beſchäftigt waren, trat das Dienſt⸗ mädchen herein und meldete, daß Jemand draußen wäre, der ein Packet für Hauptmann Darrell hätte, das er nur in ſeine eigenen Hände abgeben wollte. Trotz Wood's und Winifred's Gegenvorſtellungen folgte Thames augenblicklich der Dienerin und fand einen Mann mit verhülltem Geſicht Was ſich auf Dollis⸗Hill begab. 273 vor der Thüre, wie er ihm beſchrieben war. Ven ſeinem Aus⸗ ſehn etwas beunruhigt, legte Thames die Hand an den Degen. „Sein Sie ohne Furcht, Sir,“ ſagte der Mann, den Thames an der Stimme ſogleich als Blauhaut erkannte. „Ich komme, um Ihnen Dienſte zu leiſten. Hier find die Packete, die mein Hauptmann Ihnen mit Gefahr ſeines Le⸗ bens verſchafft hat und die, wie er ſagt, Ihre Anſprüche auf das Trenchard'ſche Familienvermögen begründen werden. Hier ſind auch die Briefe, die in Wild's Zimmer nach der Ermordung von Sir Rowland umhergeſtreut lagen. Und hier,“ fügte er hinzu, indem er ihm einen ſchweren Geldſack und ein Taſchenbuch einhändigte,„iſt eine Summe von nicht viel weniger als fünfzehn tauſend Pfund.“ „Wie ſind Sie zu dieſen Sachen gekommen?“ fragte Thames auf's Höchſte erſtaunt. „Ich trug ſie an dem Abend fort, als wir in Wild's Haus gingen und als Sie zu Boden geſtreckt wurden,“ ant⸗ wortete Blauhaut.„Sie haben ſeit der Zeit an einem ſichern Ort gelegen. Von Wild haben Sie jetzt nichts mehr zu fürchten.“ „Wie ſo?“ fragte Thames. „Ich habe dem Henker eine Mühe erſpart und ihm den Hals abgeſchnitten,“ erwiederte Blauhaut.„Und ich will verdammt ſein, wenn ich je in meinem Leben etwas gethan habe, womit ich beſſer zufrieden wäre.“ „Allmächtiger Gott! iſt es möglich?“ rief Thames. „Sie werden es bald erfahren,“ antwortete Blauhaut. „Nur das Eine bedaure ich, daß es mir nicht gelingen wollte, den Hauptmann zu befreien. Wenn er davongekommen wäre, ſo hätten ſie mich meinetwegen hängen mögen.“ „Was kann für ihn gethan werden?“ fragte Thames. „Das iſt ſchwer zu beantworten,“ verſetzte Blauhaut. „Aber ich will Tag und Nacht vor Newgate lauern und Ainsworth, Jack Sheppard. I. 18 274 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. hoffe, ihn herauszuholen. Er würde meine Hülfe nicht nö⸗ thig haben, aber ehe ich Jonathan den Mund ſtopfte, hatte er Befehl gegeben, ihm doppelte Ketten anzulegen und ihn beſtändig zu bewachen.“ „Armer Jack!“ rief Thames.„Ich wollte mein ganzes Vermögen,— alle meine Ausſichten opfern, um ihn zu befreien.“ „Wenn es Ihr Ernſt iſt,“ verſetzte Blauhaut,„ſo geben Sie mir dieſen Gelvſack. Er enthält tauſend Pfund, und wenn alle andern Pläne mißlingen, ſo verpflichte ich mich, ihn auf dem Wege nach Tyburn frei zu machen.“ „Darf ich Ihnen trauen?“ zögerte Thames. „Warum habe ich nicht das Geld behalten, als ich es hatte?“ verſetzte Blauhaut ärgerlich.„Kein Pfenning davon ſoll anders als zu des Hauptmanns Nutzen ausgegeben werden.“ „So nehmen Sie es,“ entgegnete Thames. „Sie retten ihm das Leben,“ erwiederte Blauhaut. „Und jetzt hören Sie noch eins. Was ich für Sie gethan habe, verdanken Sie ihm, und nicht mir. Hätte ich nicht gewußt, daß Sie und Ihre Verlobte ihm lieber ſind, als ſein Leben, ſo hätte ich das Geld zu meiner eigenen Sicher⸗ heit verbraucht. Nehmen Sie es, und nehmen Sie die Gü⸗ ter in Hauptmann Sheppard's Namen. Ehe ich Sie ver⸗ laſſe, verſprechen Sie mir noch eins.“ „Und was?“ fragte Thames. „Wenn der Hauptmann nach Tyburn gebracht werden ſollte, ſo ſein ſie in der Nähe des Richtplatzes,— am Ende der Edgewareſchen Landſtraße.“ „Gewiß.“ „Im Fall der Noth werden Sie mir hülfreiche Hand leiſten?“ „Ja— ja.“ „Schwören Sie es!“ —— Was ſich auf Dollis⸗Hill begab. 275 „Ich ſchwöre es!“ „Gut!“ verſetzte Blauhaut und entfernte ſich in eben dem Augenblicke, als Wood, den Thames's lange Abweſen⸗ heit ſchon zu beunruhigen anfing, mit einer Hakenbüchſe in der Hand erſchien. Thames gab ihm ſogleich von den Schätzen Nachricht, die er auf ſo unerwartete Weiſe erhalten hatte und kehrte in das Zimmer zurück, um Winifred ſein Glück mitzutheilen. Die Packete wurden ſogleich erbrochen, und während Wood mit Leſen der von Sir Rowland an ihn gerichteten Depeſche beſchäftigt war, ſuchte Thames den Brief, bei welchem er an jenem verhängnißvollen Abend in Jonathan Wild's Hauſe unterbrochen wurde. Kaum hatte er ihn geleſen, ſo entſank er ſeiner Hand. Winifred nahm ihn ſogleich auf. „Du biſt nicht länger Thames Darrell,“ ſagte ſie, ihn eilig mit den Augen durchfliegend,„ſondern der Marquis de Chatillon.“ „Mein Vater ſtammte aus dem königlichen Blute von Frankreich!“ rief Thames. „Wie! was bedeutet dies?“ rief Wood über ſeiner Brille hervorſehend.„Wer iſt der Marquis de Chatillon?“ „Ihr Pflegeſohn, Thames Darrell,“ antwortete Winifted. „Und die Marquifin iſt Ihre Tochter,“ fügte Thames hinzu. „O Gott!“ rief Wood.„Mir geht der Kopf rund um. So viel Unglück,— ſo viel Freude zu gleicher Zeit iſt zu viel für mich. Lies dieſen Brief, Thames,— oder eigentlich Mylord Marquis. Lies ihn und du wirſt finden, daß dein unglücklicher Onkel, Sir Rowland, dir alle ſeine Güter in Lancaſhire abtritt. Du haſt nichts zu thun, als Beſitz zu ergreifen.“ „Wie ſeltſam meine Schickſale ſind!“ ſagte Thames. 276 Drit ter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Als Kind geraubt und von einem meiner Onkel nach Frank⸗ reich geſchickt, iſt es mein Loos, in die Hände eines andern zu fallen, des Marſchalls de Chatillon, meines Vaters Bru⸗ der, dem ich nächſt dem Kardinal Dubois mein ganzes Glück verdanke.“ „Die Wege der Vorſehung ſind unerforſchlich,“ ſagte Wood. „In Frankreich hörte ich von dem Marſchall, daß ſein Bruder in London in der Nacht des großen Sturms umge⸗ kommen wäre. Man glaubte, daß er beim Ueberſetzen über den Fluß ertrunken war, da ſein Leichnam ſich niemals wie⸗ derfand. Ich ahnte nicht im Entfernteſten, daß von meinem Vater die Rede war.“ „Ich meine, ich habe in dieſen Papieren etwas über deinen Vater geleſen,“ bemerkte Wood.„War er nicht auf irgend eine Art in die Jakobitiſchen Komplotte verwickelt?“ „Ja,“ antwortete Thames.„Er hatte ſich lange vor ſeiner Ermordung in England aufgehalten. In dieſem Briefe, den er an meine unglückliche Mutter richtete, ſpricht er von ſeiner Freundſchaft zu Sir Rowland, den er im Auslande gekannt zu haben ſcheint, aber er bittet ſie, die Heirath aus Gründen, die er noch näher angibt, noch einige Zeit geheim zu halten.“ „Und ſo hätte Sir Rowland alſo ſeinen Freund er⸗ mordet,“ verſetzte Wvod.„Verbrechen über Verbrechen!“ „Vielleicht ohne es zu wiſſen,“ erwiederte Thames. „Doch ſei dem, wie es wolle, er iſt jetzt der irdiſchen Strafe entrückt.“ „Aber Wild lebt noch,“ rief Wood. „Auch er hat für ſeine Verbrechen gebüßt,“ entgegnete Thames.„Er iſt durch die Hand Blauhauts gefallen, der mir dieſe Packete brachte.“ ₰ „Gott ſei Dank dafür!“ rief Wood ernſt. . Was ſich auf Dollis⸗Hill begab. 2 277 „Und jetzt,“ ſagte Thames(wir muſſen ihm ſeinen alten Namen laſſen),„jetzt werden Sie mein Glück nicht länger aufſchieben.“ „Halt!“ fiel Winifred ein.„Ich entbinde dich deines Verſprechens. Eine Tiſchlertochter iſt keine paſſende Verbin⸗ dung für einen Pair von Frankreich.“ „Wenn ich meinen Stand durch deinen Verluſt erkau⸗ fen muß, ſo entſage ich ihm,“ rief Thames.„Wirſt du ihm in meinen Augen ſeinen Werth rauben?“ fügte er hin⸗ zu, indem er ſie mit den Armen umſchlang und an ſeine Bruſt drückte. „Es geſchehe, wie du willſt,“ erwiederte Winifred. „Meine Lippen würden mein Herz Lügen ſtrafen, wenn ich dich ausſchlüge.“ „Vater, Ihren Segen,— Ihre Einwilligung,“ rief Thames. „Ihr ſollt Beides haben,“ antwortete Wood gerührt. „Dieſe Verbindung iſt zu viel Ehre, zu viel Glück für mich. O, daß ich es erleben mußte, Schwiegervater eines Pairs von Frankreich zu werden! Was würde meine arme Frau ſagen, wenn ſie wieder aus dem Grabe erſtehn könnte? O Thames,— Mylord Marquis, ſollte ich ſagen,— du machſt mich zum Glücklichſten, zum Stolzeſten aller Menſchen.“ Wenige Tage nach dieſer Begebenheit läuteten die Glocken an einem klaren Oktobermorgen luſtig von dem alten grauen Kirchthurme von Willesden herab. Das ganze Dorf war auf dem Kirchhofe verſammelt. Jung und Alt hatte ſeine ſchönſten Kleider angethan; und das Lächeln, welches jedes Geſicht erheiterte, die ſchlauen Blicke der jungen Burſche und das ſittſame Niederſehn mehrerer hübſchen Landmädchen ſag⸗ ten deutlich, daß eine Ceremonie, welche niemals die Theil⸗ nahme aller Klaſſen zu erregen verfehlt, eine Trauung, ſtatt⸗ finden ſollte. 278 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. An dem Thore nach Dollis⸗Hill zu hatten ſich William Morgan und John Dump aufgeſtellt. Bald rollten zwei Wagen den Hügel herab und fuhren vor. Aus dem erſten ſtieg Thames, oder wie er jetzt genannt werden muß, der Marquis de Chatillon. Aus dem andern Herr Wood mit ſeiner Tochter. Die Sonne hatte nie ein lieblicheres Paar beſchienen, als das, welches jetzt vor den Altar trat. Die Kirche war zum Eidrücken voll von Neugierigen, und ſo bald die Ce⸗ remonie beendet war, geleiteten ſie die Neuvermählten an den Wagen und überſchütteten ſie mit den lauteſten Segens⸗ wünſchen. Das jugendliche Paar hatte einige Minuten im Wagen gewartet, als Herr Wood ſich zu ihnen ſetzte, nachdem er ſich auf kurze Zeit entfernt hatte, um ein öffentliches Früh⸗ ſtück, das er in den Sechs Glocken für alle, die daran Theil nehmen wollten, beſtellt hatte, auftragen zu laſſen. Er gab auch Befehl, daß am Nachmittage auf dem Raſenplatze ein ganzer Ochſe gebraten und nebſt einem Faß Bier vertheilt werden ſollte. Am Abend begab ſich eine Bande von Dorfmuſikanten, von den jungen Leuten von Willesden begleitet, nach Dollis⸗ Hill hinaus, wo ſie ein ländliches Konzert unter der großen Ulme vor der Thüre aufführten. Hier wurden ſie noch ein⸗ mal mit einer reichlichen Mahlzeit von dem gaſtfreundlichen Tiſchlermeiſter bewirthet, welcher ſelbſt bie Aufſicht dabei führte. Dieſe Feſtlichkeiten erfreuten ſich jedoch nicht der Gegen⸗ wart des neuvermählten Paars, das unmittelbar nach der Trauung nach Mancheſter abgereist war. Wie Jack Sheppard nach Weſtminſterhall gebracht wurde. 279 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Wie Jack Sheppard nach Weſtminſterhall gebracht wurde. Mit den ſchwerſten Ketten beladen und beſtändig von zwei Unterſchließern bewacht, die ihn weder auf einen ein⸗ zigen Augenblick verließen, noch einem Beſuch den Eintritt geſtatteten, fand Jack alle Fluchtverſuche unmöglich. Er war in die mittlere Steinzelle geſperrt, einem ge⸗ räumigen, hellen und gutgelüfteten Gemach über dem Thor⸗ wege an der Weſtſeite, welches ihm, nicht zu ſeiner Be⸗ quemlichkeit, ſondern zu der ſeiner Wächter, angewieſen war, da ſie ſeinen Aufenthalt nothwendig hätten theilen müſſen, wenn er in ein dumpferes oder unbequemeres Gefängniß gebracht worden wäre. Während dieſer ſeiner letzten Prüfung behielt Jack un⸗ unterbrochen ſeine gute Laune. Er ſchien ergeben und doch wohlgemuth zu ſein, und hatte häufig ernſte Unterredungen mit dem Geiſtlichen, den ſeine aufrichtige Reue erfreute. Der einzige Umſtand, der ein Gefühl des Unmuths in ſeiner Bruſt erweckte, war der, daß ſein unverſöhnlicher Feind, Jonathan Wild, die von Blauhaut erhaltene Wunde über⸗ lebte und ſich langſam erholte. Sobald er ohne Gefahr das Haus verlaſſen konnte, ließ Jonathan Wild ſich nach Newgate tragen und in die mittlere Zelle bringen, um ſeine Augen an ſeinem Opfer zu weiden. Nachdem er jede Vorſichtsmaßregel ergriffen hatte, um ſeiner ſichern Bewachung gewiß zu ſein, entfernte er ſich und murmelte:„Ich werde ihn doch noch hängen ſehn,— ich werde ihn doch noch hängen ſehn.“ Von unerſättlicher Rachſucht belebt, ſchien er täglich an Kräften zu gewinnen,— ſo raſch, daß er binnen vier⸗ zehn Tagen nach ſeiner Verwundung wieder ausgehn konnte. 280 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Am Donnerſtage, den 12. November, nach faſt einmo⸗ natlicher Gefangenſchaft ward Jack Sheppard von Newgate nach Weſtminſterhall gebracht. Er fuhr, an Händen und Füßen ſchwer gefeſſelt, in einer Kutſche und ward von einer großen Menge Polizeidienern bis Temple⸗Bar bewacht, wo ihn eine neue Ablöſung von Konſtabeln in Empfang nahm. Jack's Ruf unter dem Pöbel war um dieſe Zeit zu einer ſolchen Höhe geſtiegen, ſeine Thaten waren ſo ſehr das allgemeine Stadtgeſpräch geworden, daß die Straßen von den Menſchenmaſſen, die ihn zu ſehn herbeieilten, faſt verſtopft waren. Auf dem großen Platze vor Weſtminſter⸗ hall war ein ſolches Gedränge, daß die Konſtabeln nur vermittelſt einer nachdrücklichen Anwendung ihrer Stäbe einen Weg für den Wagen bahnen konnten. Endlich aber, als der Gefangene ausſtieg, entſtund ein ſolches Treiben, daß mehrere Perſonen niedergetreten wurden und ſchwere Ver⸗ letzungen erhielten. In der Halle angekommen, warden dem Gefangenen die Handſchellen abgenommen und er ſelbſt vor den Gerichtshof von King's⸗Bench geführt. Sein von der Old⸗Baileyſitzung geſprochenes Todesurtheil ward dann vorgeleſen, und da kein Einſpruch erfolgte, ſo trug der Generalanwalt auf ſeine Hinrichtung am folgenden Montage an. Hierauf hielt Jack eine beredte und wohlgeſetzte Anrede an den Hof und bat, daß eine von ihm an den König gerichtete Bittſchrift ver⸗ leſen werden möchte. Dieſe Bitte ward ihm jedoch abge⸗ ſchlagen, und ihm vorgeſtellt, daß er ſich nur durch Angabe ſeiner Helfershelfer bei ſeinem Ausbruche der Gnade ſeiner Majeſtät empfehlen könnte, indem der begründetſte Verdacht vorhanden wäre, daß er ihn nicht allein bewerkſtelligt hätte. Sheppard erwiederte mit der feierlichen Betheurung, „daß er von Niemand Beiſtand erhalten hätte, als vom Himmel.“ Eine Antwort, wegen welcher der Hof ihm ſo⸗ Wie Jack Sheppard nach Weſtminſterhall gebracht wurde. 281 gleich einen Verweis ertheilte. Als es erwähnt wurde, daß er ſich unmöglich auf die von ihm beſchriebene Art ſeiner Eiſen hätte entledigen können, ſo erbot er ſich, wenn ihm ſeine Handſchellen angelegt würden, ſie ſich in Gegenwart des Hofes abzunehmen. Dieſer Vorſchlag ward jedoch nicht be⸗ liebt, und der Lord Oberrichter Powis ſprach nach Aufzäh⸗ lung ſeiner mehrfachen Verbrechen und Erörterung ihrer Strafwürdigkeit gegen ihn das Todesurtheil auf den folgen⸗ den Montag aus. Als Jack fortgebracht wurde, bemerkte er Jonathan Wild in geringer Entfernung, wie er ihn mit einem Blick voll teufliſcher Genugthuung anſah. Ein dickes Tuch um⸗ gab den Hals des Diebsfängers und ſein Geſicht hatte ein geſpenſtiges, leichenartiges Ausſehn, welches ſeinen Blicken einen unbeſchreiblich widerwärtigen Ausdruck verlieh. Unterdeſſen hatte ſich das Gedränge draußen außeror⸗ dentlich vermehrt und es begann ſich einige Neigung zum Tumult zu zeigen. Die Kutſche, in welcher der Gefangene hingefahren war, war ſchon zertrümmert und der Kutſcher mit genauer Noth entkommen. Der Pöbel erhob einen furchtbaren Lärm und drohte Jonathan Wild in Stücke zu zerreißen, wenn er ſich zeigte. Mitten unter dieſem Tumult bemerkte man mehrere Männer, mit gewaltigen Knotenſtöcken bewaffnet, die Geſich⸗ ter mit Fett und Ruß beſchmiert und auf ſonſtige Art ent⸗ ſtellt, die das Volk zu einem Befreiungsverſuche aufwiegel⸗ ten. Ihr Anführer war ein athletiſch gebauter Mann mit ſchwärzlicher Geſichtsfarbe, der ſeinen Fänger beſtändig über ſeinem Kopfe ſchwang, um ſeine Kameraden aufzumuntern. Dieſe Tollköpfe hatten ſich bei Zerſtörung der Kutſche am thätigſten bewieſen und jetzt näherten ſie ſich ſogar, vom Pöbel unterſtützt, keck dem Portal der uralten Halle. Das Geſchrei, das Geheul und Gebrüll, welches ſie aus⸗ 282 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. ſtießen und das von der hinter ihrem Rücken verſammelten Menge wiederholt ward, war wahrhaftig betäubend. Jonathan, der dieſe Bande mit den andern Konſtabeln in Augenſchein genommen und Blauhaut als ihren Rädels⸗ führer erkannt hatte, befahl ſeinen Untergebenen, ihm zu folgen und machte einen Ausfall, um ſeiner habhaft zu wer⸗ den. Von ſeiner Wunde geſchwächt, hatte Jonathan zwar viel von ſeinen Kräften, aber nichts von ſeiner Wildheit und Thatkraft verloren,— er griff Blauhaut mächtig an und machte einen verzweifelten, aber erfolgloſen Verſuch, ihn feſtzunehmen. Er ward jedoch augenblicklich zurückgeſchlagen, und die Wuth des Pöbels war ſo groß, daß er ſich nur mit Mühe den Rückzug ſichern konnte. Es mußten alle Kräfte der Konſtabeln, Schließer und Andrer verwandt werden, um den Haufen aus der Halle fern zu halten. Die Thüren warden verſchloſſen und barrikadirt, und der Pöbel drohte, fie ein⸗ zurennen, wenn Jack ihnen nicht ausgeliefert würde. Die Dinge nahmen jetzt eine ſo ernſte Wendung, daß ein Bote heimlich nach der Savoye geſchickt wurde, um Truppen zu holen, und nach einer halben Stunde kam ein Garderegiment an, dem es mit großen Anſtrengungen gelang, die aufrüh⸗ reriſche Verſammlung theilweiſe zu zerſtreuen. Dann ward eine andre Kutſche herbeigeſchafft, in die der Gefangene ſtieg. Jack's Erſcheinen ward mit dem lauteſten Freudenge⸗ ſchrei begrüßt, aber als Jonathan folgte, und entſchloſſen, wie er ſagte, ihn keinen Augenblick aus den Augen zu laſ⸗ ſen, einen Platz neben ihm im Wagen einnahm, gab ſich der Abſcheu der Menge in den ſchrecklichſten Verwünſchungen kund. Dieſes Toben war ſo furchtbar, daß es ſelbſt auf Jonathan's abgehärtete Gefühle einen Eindruck machte, denn er bebte ſichtbar davor zurück. Er hatte wohl daran gethan, ſich neben Sheppard zu Wie Jack Sheppard nach Weſtminſterhall gebracht wurde. 283 ſetzen, denn nur aus Fückſicht für dieſen unterließ man es, die tödtlichſten Wurfzeuge auf ihn zu ſchleudern. Auf dieſe Art ging es weiter; der Pöbel heulte und jauchzte abwech⸗ ſelnd, je nachdem Wild's oder Sheppard's Name genannt wurde, und einige von den keckſten Individuen ſtreckten ſo⸗ gar den Kopf in das Wagenfenſter und verſicherten Jack, daß er keinenfalls nach Tyburn gebracht werden ſollte. „Das wollen wir ſehn, Ihr Kläffer!“ verſetzte Jona⸗ than mit wüthenden Blicken. So ward Jack wieder nach Newgate gebracht und in der mittleren Steinzelle feſtgeſchloſſen. Es war ſpät, ehe Jonathan ſich wieder in ſein Haus wagte, wo er die ganze Nacht aufblieb und ſeine Janitſcha⸗ ren und andre Untergebenen unter den Waffen bleiben ließ. Dreißigſtes Kapitel. Wie Jonathan Wild's Haus niedergebrannt ward. Der zur Hinrichtung beſtimmte Tag ſtand jetzt nahe bevor und der Gefangene, welcher alle Hoffnungen zu ent⸗ fliehn aufgegeben zu haben ſchien, wandte ſeine Gedanken ganz von irdiſchen Dingen ab. Am Sonntag ward er in die Kapelle gebracht, durch welche er am Tage ſeines großen Ausbruchs gekommen war, und nahm ſeinen Sitz noch einmal in dem Verurtheiltenſtuhl ein. Herr Purney, der Gefängnißgeiſtliche, welcher ſeit der letzten Zeit viel auf Jack hielt, richtete eine Anſprache an ihn, die zugleich ſein Reuegefühl wach hielt und ihm Troſt einzuſprechen geeignet war. Die Kapelle war zum Erdrücken voll. Aber hier,— ſelbſt hier durfte ſich der Dämon ein⸗ ſchleichen, und Jack's Gedanken wurden durch Wild's Anwe⸗ ſenheit zerſtreut, der in geringer Entfernung von ihm ſtand, 284 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. und ſeine blutgierigen Augen während des ganzen Gottes⸗ dienſtes auf ihn geheftet hielt. Am Abend deſſelben Tags ereignete ſich ein ungewöhn⸗ licher Vorfall, der die Behörden überzeugte, daß bei Jock's Transportirung nach Tyburn jede mögliche Vorſichtsmaßregel ergriffen werden müſſe,— eine Thatſache, auf die ſie ſchon früher, obgleich nicht in dem Maße, durch das tumultuariſche Treiben vor Weſtminſterhall aufmerkſam gemacht worden waren. Gegen neun Uhr verſammelte ſich ein unzählbarer Pöbelhaufen vor Newgate. Es war ganz dunkel, aber da einige der Verſammelten Fackeln trugen, ſo ermittelte man bald, daß ſie von derſelben Bande angeführt wurden, welche die Hauptveranlaſſung der damaligen Störungen geweſen war. Unter den Rädelsführern befand ſich Blauhaut, deſſen dunkle Geſichtszüge und rieſenmäßige Geſtalt leicht erkennbar waren. Ein zweiter war Baptiſt Kettleby, und ein dritter, in holländiſcher Tracht, ward an ſeinem greiſen Bart als der Schiffspatron Van Galgebrok erkannt. Ehe eine Stunde verfloß, hatte ſich der Zulauf beſorg⸗ nißerregend vermehrt. Der Platz vor dem Gefängniſſe war gedrängt voll. Die Thüre des Vorderhauſes wurde ge⸗ ſtürmt, aber ſie war zu ſtark, um eingerannt zu werden. Dann riefen die Anführer zum Angriff auf Wild's Haus auf, und die Wuth des Pöbels richtete ſich ſogleich nach dem Punkte. Die eiſernen Geländerſtangen vor der Woh⸗ nung des Diebsfängers warden aus ihren Faſſungen geriſſen und als Waffen zum Einbruch der Thüre angewandt. Während deſſen öffnete Jonathan ein Fenſter im Ober⸗ geſchoß und feuerte mehrere Schüſſe unter die Angreifer ab. Aber obgleich er ſich hauptſächlich Blauhaut und Kettleby zum Ziel ausſah, ſo verfehlte er doch beide. Der Anblick des Diebsfängers ſteigerte die Wuth des Pöbels aufs Höchſte. Ein gellendes Geſchrei durchſchnitt die Luft. Die ſchweren Wie Jonathan Wild's Haus niedergebrannt ward. 285 Stangen donnerten gegen die Thüre und ſie gab bald den vereinten Anſtrengungen nach. „Kommt, Jungen!“ rief Blauhaut,„wir wollen den alten Fuchs herausſtöbern.“ Während dieſer Worte fielen zwei Schüſſe aus den Fenſtern im Obergeſchoß und zwei Männer ſtürzten tödtlich verwundet hin. Doch dies erbitterte die Angreifenden nur deſto mehr. Mit gezogenem Säbel in der einen und ge⸗ ſpannter Piſtole in der andern Hand ſtürmte Blauhaut die Treppe hinauf. Der Ausgang derſelben ward oben von Quilt Arnold und dem Juden vertheidigt. Den Erſteren ſchoß Blauhaut durch den Kopf und er fiel als Leiche über das Treppengeländer. Der Jude bot, von dem Schickſale ſeines Kameraden erſchreckt, keinen Widerſtand und ward ſo⸗ gleich ergriffen. „Wo iſt dein verfluchter Herr,“ fragte Blauhaut, indem er ihm den Säbel auf die Bruſt ſetzte. Der Jude antwortete nicht, ſondern zeigte nur nach dem Empfangszimmer. Blauhaut übergab ihn den Andern zur Bewachung und eilte mit einem zahlreichen Gefolge in der angegebenen Richtung weiter. Die Thüre war verſchloſſen, aber mit den Eiſenſtangen ward ſie bald geſprengt. Meh⸗ rere von den Angreifern trugen Fackeln, ſo daß das Zimmer vollkommen erleuchtet war. Jonathan war jedoch nirgends zu ſehn. Blauhaut ſprang nach dem Eingange zum Brunnen⸗ raum und berührte die geheime Feder. Er war nicht da. Dann öffnete er die Fallthüre, ſtieg in den Keller hinab,— durchſuchte jede Zelle, jeden Winkel und jede Ecke beſon⸗ ders. Wild war enfflohn. Seiner Beute beraubt, ward die Wuth des Pöbels jetzt unzähmbar. Envlich entdecke Blauhaut am Ende eines Ganges neben der Zelle, in welcher Miſtreß Sheppard ein⸗ 286 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. geſchloſſen geweſen war, eine Fallthüre, die er noch nicht bemerkt hatte. Sie ward augenblicklich eingeſtoßen, und der ſcheußliche Geſtank, der aus ihr hervordrang, überzeugte ſie, daß es das Behältniß für die ermordeten Opfer des Diebs⸗ fängers ſein mußte. Blauhaut leuchtete mit einer Fackel in dieſe Art von Grube hinein und bemerkte eine reichgekleidete Leiche. Er zog ſie heraus, und als er in ihr, trotz der Verweſung, Sir Rowland Trenchard erkannte, gebot er ſeinen Beglei⸗ tern, ſie die Treppe hinaufzutragen, ein Befehl, der ſogleich vollzogen ward. In das Empfangszimmer zurückgekehrt, ließ Blauhaut den Juden vorführen. Dann ward die Leiche Sir Rowland's auf einen Tiſch gelegt. Ihr gegenüber ward dem Juden ſein Platz angewieſen. Da er aus den drohenden Blicken ſeiner Widerſacher ſah, daß ſie ihre Rache an ihm auslaſſen woll⸗ ten, ſo bat der Elende in den kriechendſten Ausdrücken um Gnade und beſchuldigte ſeinen Herrn der gräßlichſten Ver⸗ brechen. Sein Bericht von Sir Rowland's Ermordung er⸗ ſtarrte ſogar ſeine ruchloſen Zuhörer. Einer von den Schränken von Jonathan's Sammlung ward jetzt erbrochen und ein Strick herausgenommen. Trotz ſeines Geſchreies ward der Jude dann in den Brunnenraum geſchleppt und mit der Schlinge um den Hals vom Brücken⸗ geländer heruntergeſtoßen. Hiermit begnügte ſich die Rachſucht der Angreifer nicht. Sie erbrachen den Eingang zu Jonathan's Vorräthen, nah⸗. men Alles, was nur irgend Werth hatte, heraus und plün⸗ derten jede Kammer, jede Schieblade und jedes geheime Verſteck. Dabei entdeckten ſie große Geldhaufen, Gold und Silbergeſchirr, Uhrgehäuſe und viele andre Koſtbarkeiten. Kurz, nichts Tragbares oder Werthvolles ward zurückgelaſ⸗ ſen. Es fand ſich auch altes Diebshandwerkzeug, und die ———— Wie Jonathan Wild's Haus niedergebrannt ward. 287 verborgenſten Schlupfwinkel des Diebsfängers wurden aus⸗ geleert. Als das Werk des Plünderns beendigt war, begann das der Zerſtörung. Stroh und andre Brennſtoffe wurden herbeigeſchafft, und mitten im Empfangszimmer aufgethürmt. Auf dieſe warfen ſie den ſämmtlichen widerwärtigen Inhalt von Jonathan's Sammlungen nebſt der Leiche Sir Rowland Trenchard's. Dann ward Feuer angelegt und in wenigen Minuten ſtand das ganze Zimmer in vollem Brande. Hier⸗ mit nicht zufrieden, legten die Angreifer noch an einem hal⸗ ben Dutzend andrer Stellen Feuer im Hauſe an, und bald griffen die Flammen unbezähmbar um ſich. Unterdeſſen hatte derjenige, um deſſen willen dieſer ganze Unfug verübt ward, ſich nach Newgate geflüchtet, von deſſen Dach er der Zerſtörung ſeines Eigenthums zuſah. Er ſah die Flammen aus den Fenſtern herausſchlagen und dies ent⸗ muthigende Schauſpiel verurſachte ihm vielleicht Qualen, die manchem der von ihm begangenen Verbrechen gleichkamen. Während er ſo daſtand, verriethen ihn die Flammen, welche in der ganzen Straße Tageshelle verbreiteten und einen röthlichen Schein auf die Geſichter des Pöbels war⸗ fen, ſeinen Feinden und ein Hagel von Steinen und andern Wurfzeugen vertrieb ihn bald aus ſeiner Stellung. Dann richteten ſie ihre Aufmerkſamkeit auf Newgate und ihre Drohungen ſchienen darauf hinzudeuten, daß fie es in Brand ſetzen wollten. Leitern, Steinrammen, Schmiede⸗ hämmer und andre Zerſtörungswerkzeuge warden herbeige⸗ ſchafft, und wahrſcheinlich würden ſie ihren Zweck erreicht haben, wäre nicht zur rechten Zeit eine Abtheilung der Gar⸗ den hinzugekommen, die ſie, nicht ohne einigen Verluſt an Menſchenleben, auseinanderjagten. Es wurden mehrere gefangen gemacht, aber die Rä⸗ delsführer entkamen. Mehrere Spritzen wurden auf Wild's 288 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Wohnung und die angränzenden Häuſer gerichtet. Die letz⸗ teren wurden gerettet; aber von der erſteren ſah man am folgenden Morgen nur noch das geſchwärzte Gemäuer ſtehn. Einunddreißigſtes Kapitel. Der Zug nach Tyburn. Der dieſen Unfug begleitende Lärm verfehlte nicht, bis ins Innere des Gefängniſſes zu dringen. Der Wiederſchein der Flammen erhellte ſogar die Zelle, in welcher Jack Shep⸗ pard ſaß. Er verlebte alſo die Nacht vor ſeiner Hinrichtung in dem unruhigſten Gemüthszuſtande, und ſeine Aufregung ward keineswegs durch Wild's Eintreten gemindert, welcher, vom Dach des Gefängniſſes vertrieben, ſich in die mittlere Stein⸗ zelle begab, um ſeine Wuth an dem Gefangenen auszulaſ⸗ ſen, den er als die Urſache ſeines jetzigen Unglücks anſah. Seine leidenſchaftliche Aufregung war ſo groß, daß, hätte ihn nicht die Anweſenheit der beiden Schließer im Zaum gehalten, er vielleicht durch einen gewaltſamen Angriff auf ſein Opfer dem Laufe der Gerechtigkeit vorgegriffen haben würde. Als er ſeinem Zorne in den ungemeſſenſten Ausdrücken Luft gemacht und die ſchrecklichſten Verwünſchungen ausge⸗ ſtoßen hatte, entfernte er ſich nach einem andern Theile des Gefängniſſes, wo er ſich mit dem Oberaufſeher über die zweckmäßigſte Art, den Gefangenen ſicher nach Tyburn hin⸗ überzuſchaffen, berieth. Herr Pitt ſuchte ihn von ſeinem Entſchluß, perſönlich dabei gegenwärtig ſein zu wollen, ab⸗ zubringen, indem er ihm die große Gefahr vorſtellte, der er ſich von Seiten des Pöbels ausſetzen würde. Aber Jona⸗ than ließ ſich nicht abſchrecken. Der Zug nach Tyburn. 289 „Ich habe es geſchworen, daß ich ihn hängen ſehn will,“ ſagte er,„und nichts ſoll mich davon abhalten,— nichts, bei—“ Auf Wild's Anrathen ward die Zahl der Konſtabeln bedeutend vermehrt. Alle Konſtabeln und Stadtvögte wur⸗ den durch Boten aufgefordert, zu erſcheinen,— den She⸗ riffs wurde angeſagt, daß ſie ſich mit einer ungewöhnlichen Anzahl von Untergebenen einzufinden hätten, und aus der Savoye wurde eine Militärbedeckung gefordert. Kurz, es wurden mehr Vorbereitungen getroffen, als wenn ein Staats⸗ verbrecher hingerichtet werden ſollte. Envlich brach der Morgen des Montags, des 16. No⸗ vember 1724, an. Es war ein trüber, nebliger Tag, und die Atmoſphäre war ſo dick und ſchwer, daß die Neugieri⸗ gen, welche ſich vor dem Gefängniſſe einfanden, um acht Uhr kaum den Thurm der Heiligengrabkirche ſehn konnten. Mit der Zeit hörte man Pferdegetrampel langſam den Snowhügel heraufkommen, und bald ſtellte ſich eine Schwa⸗ dron auf dem Platze vor Newgate auf. Dieſen ſchloß ſich dann ein Infanterieregiment an. Darauf erſchien eine große Schaar von Konſtabeln von Weſtminſter, deren Haupt ſich in das Vorderhaus begab, wo ſich auch bald die ſtädtiſchen Behörden einfanden. Um neun Uhr kamen die Sheriffs mit ihren Unterbeamten und Spießträgern an. Unterdeſſen füllte ſich die mittlere Steinhalle mit allen den Gefängnißbewohnern, Schuldnern, Verbrechern, Schließern und Beamten, welche die Erlaubniß erhalten konnten, bei der Ceremonie des Losſchlagens der Eiſen des Gefangenen gegenwärtig zu ſein. Caliban, der durch Herrn Ireton's Einfluß zu dieſem Amt beſtimmt war, ſtand mit einem großen Hammer in der einen Hand und einem Stemmeiſen in der andern neben dem großen Steinblock bereit, ſeine Pflicht zu erfüllen. Dicht neben ihm ſtand die hagere Geſtalt Mar⸗ Ainsworth, Jack Sheppard. II. 19 290 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. vel's mit ſeinen großen, knochigen Fäuſten, ſeinem dürren Hals und ſeinem unheimlichen Geſicht. Bei dem Scharf⸗ richter ſtand ſeine Frau,— die ehemalige Miſtreß Sypurling. Miſtreß Marvel hielt ſich das Schnupftuch vor die Augen und ſchien ſehr betrübt zu ſein. Aber ihr Gemahl, in deſſen Benehmen ſeit der Knüpfung des unlösbaren Knotens eine große Veränderung vorgegangen war, bekümmerte ſich nicht im Mindeſten um ihre Traurigkeit. Jetzt begann die Glocke von Newgate zu läuten und die Glocke der Heiligengrabkirche antwortete ihr. Die große Thüre der Steinhalle öffnete ſich und die Sheriffs ſchritten unter Vortritt der Spießträger herein. Ihnen folgte Jona⸗ than, der einen dicken Stock unter dem Arme trug und ſich neben den Block ſtellte. Kein Wort fiel unter der ganzen Verſammlung; alle waren von der geſpannteſten Erwartung beherrſcht. Dann öffnete ſich eine andre Thüre und unter Vortritt des Geiſtlichen, der die heilige Schrift in der Hand trug, trat der Gefangene ein. Obgleich von den Eiſen beläſtigt, war ſein Schritt feſt und ſein Benehmen voll Würde. Sein Geſicht war todtenbleich, aber keine Muskel zitterte, und er verrieth auch nicht den leiſeſten Anſchein von Furcht. Im Gegentheil, es war unmöglich, ihn anzuſehn und nicht über⸗ zeugt zu ſein, daß ſeine Entſchloſſenheit unerſchüttert war. Mit langſamem feſtem Schritt auf den Steinblock zu⸗ gehend, ſetzte er den linken Fuß hinauf, richtete ſich gerade auf und heftete einen ſo durchdringenden Blick auf Jona⸗ than, daß der Diebsfänger davor zurückbebte. Der Neger ſchwang unterdeſſen ſeinen Hammer und ent⸗ nietete bald die Ketten. Der erſte Schlag ſchien alle leiden⸗ ſchaftlichen Regungen Jonathan's zu erwecken. Er richtete einen wilden, triumphirenden Blick auf Sheppard und rief: „Endlich iſt meine Rache vollſtändig.“ Der Zug nach Tyburn. 291 L „Elender!“ antwortete Jack, drohend die Hand erhe⸗ bend,„dein Triumph wird von kurzer Dauer ſein. Ehe ein Jahr verfloſſen iſt, wirſt du daſſelbe Schickſal theilen.“ „Meinetwegen,“ verſetzte Wild;„habe ich dich doch noch hängen geſehn!“ „O Jack, lieber, lieber Jack!“ rief Miſtreß Marvel, die jetzt in Thränen zerfloß,„ich werde dies nie überleben.“ „Halt den Mund, Weib!“ rief ihr Mann mürriſch. „Die Frauen ſollten ſich bei ſolchen Gelegenheiten nicht ſehn laſſen, wenn ſie ſich nicht zu benehmen wiſſen.“ „Lebe wohl, Jack,“ riefen zwanzig Stimmen. Sheppard ſah ſich um und wechſelte freundliche Grüße mit denen, die ihn ſo anredeten. „Jetzt, da mir die Ketten abgenommen ſind, fühle ich mich ſo leicht, daß ich beinahe tanzen möchte,“ meinte er lächelnd. „Du wirſt bald auf Nichts tanzen,“ verſetzte Jona⸗ than roh. „Leben Sie wohl auf ewig,“ ſagte Jack und reichte Miſtreß Marvel ſeine Hand. „Lebe wohl!“ ſchluchzte die Frau des Scharfrichters, indem ſie ſeine Hand küßte.„Hier haſt du ein Paar Hand⸗ ſchuhe und einen Strauß. O Gott! o Gott! Geh' gelinde mit ihm um,“ wandte ſie ſich an ihren Mann,„und mach' es raſch; ſonſt ſiehſt du mich nie wieder.“ „Still, Närrin!“ rief Marvel ärgerlich.„Denkſt du, ich verſtehe mein Handwerk nicht?“ 6 Auſtin und Langley näherten ſich jetzt dem Gefangenen, legten die Arme um ihn und führten ihn in die Vorhalle hinunter, wohin ihnen die Sheriffs, der Geiſtliche, Wild und die andern Dienſtthuenden folgten. Unterdeſſen waren draußen alle Vorbereitungen zum Abmarſch getroffen. Am Ende von zwei langen Linien In⸗ N 292 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. fanterie ſtand der Karren, vor den ein ſtarker Rappe ge⸗ ſpannt war. Vorn auf dem Karren ſtand der Sarg. Zur Rechten waren mehrere Kavalleriſten aufgeſtellt und zur Lin⸗ ken etwa ein halbes Dutzend Spießträger. An verſchiedenen Stellen der Straße ſtanden Militärabtheilungen, um das Volk abzuwehren und andre ritten auf und ab, um Platz für den Zug zu machen. Die verſammelte Menge war faſt unzählbar. Jedes Dach, jedes Fenſter, jede Mauer, jeder Vorſprung war von Zuſchauern beſetzt. Die Mauern der Heiligengrabkirche und der Thurm waren dicht bedeckt. Der Zulauf erſtreckte ſich von der Giltſpurſtraße bis Smithfield. Niemand durfte durch die Newgateſtraße gehn, welche abgeſperrt und von einer ſtarken Konſtabelmannſchaft bewacht war. Die erſte Perſon, welche aus dem Gefängniß trat, war Herr Marvel, der auf den Karren ſtieg und ſich auf den Sarg ſetzte. Der Scharfrichter iſt immer der Gegenſtand eines beſondern Abſcheues für den Pöbel, ein furchtbares Hohngeſchrei begrüßte ſein Erſcheinen, und es bedurfte der Stäbe und Säbel, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Dann herrſchte jedoch tiefes Siillſchweigen, welches nur von dem Geläute der Glocken von Newgate und der Heili⸗ gengrabkirche unterbrochen ward. Plötzlich durchzitterte ein ſolches Geſchrei die Luft, wie es ſelten von menſchlichen Ohren gehört wird.„Er kommt!“ ward von Tauſenden von Stimmen gerufen, und der Ruf pflanzte ſich über Smith⸗ field und Snow⸗Hill fort und ſagte denen, die auf Holborn⸗ Hill verſammelt waren, daß Sheppard das Gefängniß ver⸗ laſſen hatte. Die beiden Beamten, welche Jack zu beiden Seiten un⸗ tergefaßt hatten, führten ihn zu dem Karren. Er ließ ſeine Augen umherſchweifen, und als er jenen betäubenden Ruf hörte, als er den Einfluß jener Tauſende auf ihn gerichteter* ——————— — Der Zug nach Tyburn. 293 * 3 3 3 Blicke fühlte, als er jenem ermunternden Geſchrei lauſchte, verſchwand alle trübe Stimmung, die ihn vielleicht noch be⸗ herrſchte, und er dünkte ſich eher einem Triumphe, als einem ſchimpflichen Tode entgegenzugehn. Jack hatte kaum ſeinen Platz auf dem Karren einge⸗ nommen, als ihm der Geiſtliche folgte, der ſich neben ihn ſetzte und laut aus dem Gebetbuche zu leſen begann. Unter einer ſo aufregenden Umgebung konnte Jack aber den Er⸗ mahnungen des trefflichen Mannes wenig Aufmerkſamkeit ſchenken und er verlor ſich in einen Strudel von verwirren⸗ den Gefühlen. Der Zug ſetzte ſich jetzt langſam in Bewegung. Die Kavalleriſten ſchwenkten und machten den Weg frei; die In⸗ fanterie ſchloß ſich dem Karren an. Dann kamen die Spieß⸗ träger, vier Mann hoch, und zuletzt eine lange Reihe von Konſtabeln in derſelben Anordnung. Kaum hatte ſich der Zug zu einer Marſchlinie gebildet, als ſich ein furchtbares Grunzen, mit gellenden Pfiffen, Zi⸗ ſchen und Verwünſchungen vermiſcht, erhob. Es ward durch Jonathan Wild's Erſcheinen veranlaßt, der zu Pferde ſtieg und ſich dem Zuge anſchloß. Jonathan ſchenkte dieſer Aeuße⸗ rung von Haß aber nicht die mindeſte Beachtung. Er hatte ſeinen Fänger angelegt und zwei Piſtolen in den Gürtel, ſo wie noch ein Paar in den Sattelhalfter geſteckt. Der Zug erreichte jetzt das weſtliche Ende der Mauer der Heiligengrabkirche, wo er einem alten Herkommen ge⸗ * mäß Halt machte. Ein Schneidermeiſter Robert Dow heatte nämlich in ſeinem letzten Willen die Anordnung getroffen, daß der Küſter der Heiligengrabkirche an jeden Verbrecher auf ſeinem Wege nach Tyburn eine feierliche Mahnung rich⸗ ten und dafür ein kleines Jahrgeld erhalten ſollte. Sobald der Zug daher anhielt, trat der Küſter vor, läutete eine 6 kleine Glocke und ſprach die folgende Mahnrede aus: 294 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „Alle guten Leute, betet herzlich zu Gott für dieſen armen Sünder, der jetzt ſeinen Tod zu empfangen geht, für den dieſe große Glocke läutet.“ „Du, der du zum Sterben verurtheilt biſt, bereue mit heißen Thränen. Bitte den Herrn um Gnade zur Erlöſung deiner Seele, durch das Verdienſt des Todes und Leidens Jeſu Chriſti, der jetzt ſitzet zur Rechten Gottes, Fürſprache für dich zu thun, wenn du dich reuevoll zu ihm kehrſt. Der Herr ſei deiner Seele gnävig!“ Nach Beendigung dieſer Ceremonie ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung. Er ging langſam den Snowhügel herab, begleitet von demſelben betäubenden Geſchrei, Zuruf und Geheul, das ihn bei Newgate empfangen hatte. Die Wachen hatten viele Mühe, den Weg ſrei zu halten, ohne zu gewaltſamen Maßregeln zu ſchreiten, denn der Strom, der von vorn, von hinten und an allen Seiten auf ſie ein⸗ drang, war faſt unwiderſtehlich. Die Häuſer auf dem Snow⸗ hügel waren eben ſo beſetzt, wie die in Old⸗Bailey. Jedes Fenſter, vom Grundgeſchoß bis zur Dachkammer, die Dächer ſelbſt waren mit Zuſchauern beſetzt. Von vielen Seiten wurden aufmunternde, bemitleidende Worte an Jack gerich⸗ tet, der manchen freundlichen Blick auf ſich gewandt ſah. Auf dieſe Weiſe erreichten ſie die Holbornbrücke. Hier entſtand eine kleine Stockung. Der Uebergang war ſo be⸗ engt, daß nur für den Karren mit einer einzigen Reihe Soldaten an jeder Seite Raum war; und da die Mauern der Brücke mit Zuſchauern beſetzt waren, ſo hielt man es für gerathen, nicht eher weiter zu gehn, als bis dieſe Per⸗ ſonen entfernt wären. Während dies bewerkſtelligt wurde, kam die Nachricht an, daß ein beſorgnißerregender Pöbelhaufe ſich durch die Fieldgaſſe bewege, deren eines Ende abgeſperrt war. Die Vorderbedeckung ritt voran, um jedem Widerſtande zuvor⸗ Der Zug nach Tyburn. 295 zukommen, während der Hauptzug die Brücke überſchritt und ſich langſam den Holbornhügel hinaufwand. Der Eingang zur Shoegaſſe und die ganze Mauerlänge des St. Andreaskirchhofes, deren Glocke ebenfalls läutete, war mit Zuſchauern beſetzt. Auf den Stufen zu den Kirch⸗ thüren ſtanden zwei Perſonen, welche Jack ſogleich wieder⸗ erkannte. Es waren ſeine Geliebten, Poll Maggot und Edgeworth Beß. Sobald die letztere ihn erblickte, ſtieß fie einen lauten Schrei aus und ſank ohnmächtig hin. Einige der Umſtehenden fingen ſie auf und boten ihr allen Beiſtand, der in ihrer Macht ſtand. Was Miſtreß Maggot betrifft, ſo hatte ſie ſtärkere Nerven und begnügte ſich damit, ihrem Liebhaber freundlich mit der Hand zuzuwinken und durch ihre Geberden Muth zuzuſprechen. Während deſſen ereignete ſich eine andre Störung von viel ernſthafterer Art. Die Vorderwache hatte den Pöbel⸗ haufen in der Fieldgaſſe auseinanderzuſprengen geſucht, ſtieß aber auf einen unerwarteten Widerſtand. Das Pflaſter war in der Eile aufgeriſſen und quer über die Straße gehäuft worden, und bildete mit den hinaufgeworfenen Planken und Fäſſern eine unüberſteigliche Barrikade. Die Meiſten unter dem Pöbel waren mit Piken, Knitteln, Säbeln und Flinten bewaffnet und leiſteten einen erheblichen Wiverſtand gegen das Militär, das ſie mit einem Hagel von Pflaſterſteinen zurücktrieben. Die Ankunft des Karrens an dem Ausgange der Field⸗ gaſſe ſchien das Signal zu einem Befreiungsverſuch zu ſein. Mit lautem Geſchrei ſprang der Pöbel unter Anführung eines handfeſten, mit einem Säbel bewaffneten Mannes, deſſen Geſicht ſo ſchwarz wie das eines Mulatten war, über die Barriere und ftürzte ſich auf das Fuhrwerk. Es ward ſogleich Halt gemacht. Die Soldaten ſchaarten ſich um den Karren zuſammen, zogen die Säbel und hieben zuerſt mit X 296 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. flachen Klingen, dann aber ſcharf auf die Aufrührer ein, ſo daß es ihnen gelang, ſie in die Flucht zu ſchlagen. Bei dieſem Scharmützel zeichnete ſich beſonders Jona⸗ than aus. Er ſprengte mit gezogenem Fänger in den Hau⸗ fen, ritt die Vorderſten nieder und machte einen Verſuch, den Rädelsführer, in welchem er Blauhaut erkannte, zu ergreifen. In ſeinem Vorhaben geflört, ſtieß der Pöbel ein Ge⸗ brüll aus, wie es nur tauſend zornige Stimmen erheben können, und ſchleuderte einen Hagel von Wurfgeſchoſſen auf das Militär. Von allen Seiten flogen Steine und Ziegel⸗ ſtücke einher und Herr Marvel ward von einem todten Hunde, der ihn ins Geſicht traf, beinahe von ſeinem Sitz auf dem Sarge herabgeworfen. Endlich bewirkte die Mannſchaft jedoch durch Austhei⸗ lung von Hieben nach Rechts und Links und durch manche ſchwere Verwundung einen freien Weg und ſchlug die An⸗ greifer zurück, die ſich hinter die Barrikaden zurückzogen und mit drohendem Tone riefen:„Nach Tyburn! nach Tyburn!“ Derjenige, um den dieſer ganze Tumult veranlaßt wor⸗ den war, blieb unterdeſſen ganz ruhig ſitzen und lehnte ſich in den Karren zurück, als wäre er entſchloſſen, nicht die geringſte Anſtrengung zur Wiedererlangung ſeiner Freiheit zu machen. Jetzt ſetzte der Zug ſeinen Weg ohne weitere Unter⸗ brechung bis Holborn fort. Wie ein Fluß, der durch viele Waldbäche anwächſt, ſo ſammelte er neue Kräfte aus den verſchiedenen Zugängen, die ihre Ströme in ihn ergoſſen. Die Fettergaſſe zur Linken und Grah's⸗Inn zur Rechten zoll⸗ ten ihre Beiträge. Von allen Seiten wurde Jack bewill⸗ kommnet und Jonathan ausgeziſcht. Endlich näherte ſich der Zug der St. Gileskirche. Hier durfte der Gefangene, einem andern alten Herkommen ge⸗ Der Zug nach Tyburn. 297 mäß, vor einem Wirthshauſe unter dem Zeichen der Krone Halt machen und einen Zug aus dem St. Gilesbecher,„als ſeine letzte Erquickung auf Erden,“ thun. Vor der Thüre dieſes Wirthshauſes zur Linken der Straße und nicht mehr, als zweihundert Schritt von der Kirche entfernt, deren Glocken zu läuten begannen, ſobald man des Zuges anſichtig ward, fuhr der Karren vor und hielt an. Ein hölzerner Balkon an einem der anſtoßenden Häuſer war voll von Damen, die alle eine lebhafte Theilnahme an dem Schauſpiel verriethen, und das größte Mitleid, das vielleicht nicht ganz frei von Bewunderung war, für den Verbrecher zu hegen ſchienen. Alle Fenſter der Taverne waren mit Gäſten gefüllt, und wie bei der Andreaskirche, ſo war auch die Kirchhofsmauer von St. Giles mit Zuſchauern beſetzt. Jetzt erfolgte eine Scene, welche jene Zeiten und die gegenwärtige Veranlaſſung betreffend, bezeichnet. Der Trauer⸗ zug nahm auf einmal einen feſtlichen Charakter an. Viele von den Kavalleriſten ſtiegen ab und ließen ſich zu trinken geben. Ihrem Beiſpiel folgten ſogleich die Beamten, Kon⸗ ſtabeln, Spießträger und andre Betheiligte; und man hörte nichts, als Lachen und Scherz, und man ſah nichts, als Gläſer herumtragen und ſchäumende Krüge leeren. Herr Marvel, den ſein Unfall auf Holbornhügel etwas verſtört hatte, ſtopfte ſich ganz ruhig ſeine Pfeiſe und zündete ſie an. Eine Gruppe vor der Thüre zog Jack's Aufmerkſamkeit auf ſich, da ſie aus mehreren ſeiner alten Bekannten be⸗ ſtand, Herrn Kneebone, Van Galgebrok und Baptiſt Ket⸗ tleby, die ihn alle herzlich grüßten. Außer dieſen war ein vierſchrötiger Menſch da, den er ſogleich als den ehrlichen Grobſchmied wiedererkannte, der ihn in Tottenham von ſei⸗ nen Eiſen befreit hatte. „Ich bin hier, wie Ihr ſeht,“ ſagte der Schmied. „Ich merke es,“ erwiederte Jack. 298 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. In dieſem Augenblicke trat der Wirth der Krone, ein munter ausſehender, beliebter Mann mit einer weißen Schürze, aus dem Hauſe und trug einen großen hölzernen Becher voll Bier, den er Jack anbot. Dieſer nahm ihn ſogleich an, er⸗ hob ihn in der rechten Hand und mit einem Blick auf den Balkon, wo die Damen ſaßen, bat er um Erlaubniß, auf ihre Geſundheit trinken zu dürfen; dann wandte er ſich gegen Kneebone und die andern, die ihm die Hände reichten, und ſetzte ihn an die Lippen. Er wollte ihn eben leeren, als er Jonathan's Baſiliskenblick begegnete und inne hielt. „Ich laſſe den Becher für Sie zurück,“ rief er und gab ihn dem Wirth ungekoſtet wieder. „So hat dein Vater auch geſagt,“ erwiederte Jonathan boshaft,„und doch hat er ſo lange warten müſſen.“ „Sie werden hier einſprechen, ehe ſechs Monate um ſind,“ verſetzte Jack mit ſcharfem Tone. Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung, ging an der St. Gileskirche vorbei, deren Glocken unaufhörlich läuteten, und kam auf die Orfordſtraße oder, wie ſie damals häufig genannt wurde, die Tyburnſtraße. Als ſie an der Straße nach Tottenham⸗Court vorüber waren, hatten ſie nur noch ſehr wenigg Häuſer zur Rechten, und hinter der Wardour⸗ ſtraße war Alles offenes Feld. Die Menſchenmaſſe zerſtreute ſich jetzt über die Aecker, und man ſah Tauſende ſo ſchnell, als ihre Beine ſie tragen wollten, über die Hecken ſetzen, alle Hinderniſſe auf ihrem Wege niedertreten und nach Tyburn eilen. Außer denen, welche ſich auf friedfertigere Art benah⸗ men, bemerkten die Führer des Zugs mit großer Unruhe beträchtliche Banden bewaffneter Männer mit Stöcken, Knit⸗ teln und andern Waffen, die in derſelben Richtung quer⸗ feldein dahinrannten. Da man ein Unglück befürchtete, ſo erbot ſich Wild, mit einer kleinen Abtheilung vorauszu⸗ N —— Der Zug nach Tyburn. 299 reiten und den Platz bis zur Ankunft des Gefangenen frei⸗ zuhalten. Dieſer Vorſchlag ward angenommen und der Diebs⸗ fänger ritt mit einer Abtheilung Kavallerie vorauf. Unterdeſſen war der Zug bei der Marylebonegaſſe vor⸗ beigekommen und hielt auf Jack's Bitten noch einmal vor der Thüre eines Wirthshauſes, zur Stadt Orford genannt, an. Kaum hatte er Halt gemacht, als ein kräftig gebauter Mann trotz allem Widerſtande durch die Soldatenreihen zu dem Karren drängte und dem Gefangenen ſeine große horn⸗ hautartige Hand reichte. „Ich verſprach Ihnen vorzuſprechen, um Ihnen Lebe⸗ wohl zu ſagen, Herr Figg,“ ſagte Jack. „So war's,“ erwiederte der Fechtmeiſter.„Bedaure, daß Sie Wort halten müſſen. Von Ihrem letzten Aus⸗ bruch gehört. Hoffte, würden nicht wiedergefangen werden. Hemd nicht holen laſſen.“ „Ich hatte es nicht nöthig,“ entgegnete Jack;„aber wer ſind dieſe Herren?“ „Gute Freunde,“ antwortete Figg;„wollen Sie ſehn; — Sir James Thornhill, Herr Hogarth und Herr Gay. Laſſen Sie vielmal grüßen.“ „Sagen Sie ihnen meinen herzlichen Dant dafür,“ entgegnete Jack und grüßte mit der Hand hinüber, welches Alle erwiederten.„Jetzt leben Sie wohl, Herr Figg. In wenig Minuten wird Alles vorbei ſein.“ Figg wandte ſich auf die Seite, um die Thränen zu verbergen, die ihm in die Augen traten, denn der tapfere Klopffechter beſaß bei dem Muth eines Mannes ganz das Gemüth eines Weibes,— und der Zug ging wieder weiter. 300 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Schlußſcene. Tyburn war jetzt in der Nähe. Ueber dem Meer von Köpfen erhob ſich ein ſchwarzer, düſterer Gegenſtand. Es war der Galgen. Jack, der ihm den Rücken zukehrte, ſah ihn nicht, aber an den mittleidsvollen Aeußerungen des um⸗ gebenden Haufens bemerkte er, daß er zu ſehn wäre. Dieſer Umſtand bewirkte in ſeinem Benehmen weiter keine Verän⸗ derung, als daß er ſeine Gedanken von ſeiner nächſten Um⸗ gebung abzuziehn und ſeine Aufmerkſamkeit auf die Gebete, welche der Geiſtliche ſprach, zu richten ſuchte. Dies war ihm kaum gelungen, als er noch einmal ge⸗ ſtört ward und der Anblick Herrn Wood's, der an der Ecke eines aufgeſchlagenen Schaugerüſtes ſtand und ihm theilneh⸗ mend mit der Hand zuwinkte, ihn faſt entmannte. Jack ſprang plötzlich auf, und mehrere ſeiner Wachen, die dies als einen Fluchtverſuch anſahen, zogen die Säbel und bedeuteten ihm, ſich hinzuſetzen. Doch Jack achtete nicht auf fie. Seine Blicke waren auf ſeinen alten Wohlthäter gerichtet., „Gott im Himmel ſegne dich, unglücklicher Knabe!“ rief Wood in Thränen ausbrechend,„Gott ſegne dich!“ 6 Jack ſtreckte die Hand nach ihm aus und ſah ſich be⸗ gierig nach Thames um, aber er war nirgends zu finden. Ein herber Schmerz durchzuckte Jack's Herz, und er hätte die Welt darum gegeben, wenn es ihm vergönnt geweſen wäre, ſeinen Freund noch einmal zu ſehn. Doch der Wunſch war vergebens; er ſuchte alle irdiſchen Gedanken zu ver⸗ bannen und wandte ſich wieder ernſtlich und aufrichtig zum Gebet. Während deſſen war Jonathan zurückgeritten, um Mar⸗ —————— Die Schlußſcene. 301 vel zu ſagen, daß Alles bereit wäre, und ihm ſeine letzten Anweiſungen zu geben. „Verlieren Sie keine Zeit,“ ſagte der Diebsfänger. „Hundert Pfund, wenn Sie es ſchnell abmachen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich,“ antwortete der Scharf⸗ richter und warf ſeine Pfeife fort, die er eben ausgeraucht hatte. Jetzt herrſchte eine tiefe, furchtbare Stille, wie die, welche einem Donnerſturme vorangeht, unter der ganzen Verſammlung. Die tauſend Stimmen, welche einen Augen⸗ blick vorher ſo lärmend geweſen waren, verſtummten. Kein Athemzug ward gehört. Die Truppen hatten einen breiten Saum um den Galgen geräumt. Die umgebenden Gerüſte waren mit Zuſchauern angefüllt,— ſo auch das Dach einer großen Schenke, damals das einzige Hans, welches am Ende der Edgewareſchen Landſtraße ſtand,— ſo auch die Bäume, — die Mauer des Hydeparks,— eine benachbarte Scheune, ein Schuppen,— kurz jede nutzbare Stellung. Der Karren hatte ſich dem Schafott genähert. Die Wachen und Konſtabeln bildeten einen großen Kreis um ihn, um den Pöbel abzuhalten. Es war ein furchtbarer Augenblick. In dieſer ſchrecklichen Lage bewahrte Jack ſeine Faſſung,— ein Lächeln ſchwebte auf ſeinem Geſicht, ehe die Kappe darüber gezogen ward,— und die letzten Worte, die er ſprach, waren:„Meine arme Mutter! bald bin ich bei dir!“ Dann ward die Schlinge umgelegt und der Karren begann ſich zu bewegen. Im nächſten Augenblick war er der Ewigkeit übergeben! Kaum hatte er eine Sekunde gehangen, ſo ſprang ein Mann mit gebräuntem Geſicht mit einem offenen Taſchen⸗ meſſer in den Karren, durchhieb, ehe er daran gehindert werden konnte, den Strick und ſchnitt den Körper ab. Es war Blauhaut. Seine Hülfe kam zu ſpät. Eine Kugel aus 302 Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. „ Wild's Piſtole durchbohrte ſein Herz und eine Musketenſalve ſchlug in die noch athmende Bruſt ſeines Anführers. Blauhaut war jedoch nicht ohne Beiſtand. Tauſend begierige Helfershelfer drängten ihm nach. Jack's Körper ward ergriffen und wanderte von Hand zu Hand über tau⸗ ſend Köpfe fort, bis er weit von dem verhängnißvollen Orte entfernt war. Der Schrei des Unwillens, das furchtbare Geheul, das ſich jetzt erhob, übertrifft alle Beſchreibung. Ein wüthender Angriff ward auf Jonathan gemacht, der ſich zwar wie ein Löwe vertheidigte, aber doch ſchwer verwundet ward und unvermeidlich umgekommen wäre, wenn die Wachen ihn nicht vertheidigt und ſowohl Säbel als Feuerwaffen ange⸗ wandt hätten, um ihn vor dem Pöbel zu ſchützen. Endlich ward er ſeinen Angreifern entriſſen,— doch nur um fieben Monate ſpäter in aller Schande an eben demſelben Galgen, an den er ſein Opfer gebracht hatte, ſein Leben zu büßen. Unterdeſſen ward Jack Sheppard's Körper von jener furchtharen Schaar, welche ſich wie die Wellen des Ozeans hob und ſank, fortgetragen, bis er vas Ende der Edgeware⸗ ſchen Landſtraße erreichte. An dieſer Stelle ſtand ein Wagen mit reichbekleideten Bedienten. Am Schlage wartete ein vornehm gekleideter junger Mann mit einer Maske vor dem Geſicht und ſpornte die Menge durch Wort und Geberde an. Endlich gelangte der Körper zu ihm. Der junge Mann ließ ihn ſogleich in den Wagen heben, warf den Schlag zu und befahl ſeinen Bedienten, fortzufahren. Sie gehorchten, und die Pferde galloppirten die Edgewareſche Landſtraße entlang. Ein halbe Stunde ſpäter ward Jack's Körper ſorgfältig unterſucht. Er war noch vor dem Tode abgeſchnitten wor⸗ den, aber eine Soldatenkugel hatte ſein Herz durchbohrt. So ſtarb Jack Shepypard. — Die Schlußſcene. 303 In derſelben Nacht ward auf dem Kirchhofe zu Wil⸗ lesden ein Grab gegraben, neben dem, in welchem Miſtreß Sheppard beerdigt worden war. Nur zwei Perſonen außer dem Geiſtlichen und dem Todtengräber waren bei der Cere⸗ monie gegenwärtig. Es war ein junger Mann und ein alter, und beide ſchienen tief ergriffen zu ſein. Der Sarg ward herabgeſenkt und die Leidtragenden entfernten ſich. Ein einfaches hölzernes Denkmal, ohne Namen und Jahrestag, ward auf das Grab geſetzt. In ſpäteren Jahren fügte eine mitleidige Hand die Inſchrift hinzu, welche ſo lautete— 2 [ Ck SMRPPLRP. Inhalt des zweiten Theils. Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel S 5 1 5 5 6 d— . Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel 13. Kapitel 14. Kapitel 15. Kapitel 16. Kapitel 17. Kapitel 18. Kapitel 19. Kapitel 20. Kapitel 21. Kapitel 22. Kapitel 23. Kapitel 214. Kapitel 25. Kapitel 26. Kapitel 27. Kapitel 28. Kapitel 29. Kapitel 30. Kapitel 31. Kapitel 32. Dritter Abſchnitt. 1724. Der Gefängniß⸗Brecher. Bie Rütktehr Der Einbruch in Dollis⸗Hill. Jack Sheypard's Zank mit Jonathan Wild Jack Sheppard entſpringt aus dem neuen Gefängniß„ Die Verkleidung„ Winifred erhält zwei Anträge Jack Sheppard warnt Thames Darrell„ Hlb Bedlin Das alte Newgät. Wie Jack Sheppard aus der Verurtheiltenzelle i Noch ein Beſuch auf Dollis⸗Hill„ Der Pinenraum Das Abendeſſen bei Herrn Kneebone Wie Jack Sheppard wieder eingefangen ward„„ Wie Blauhaut die hochnothpeinliche Frage aushielt„ Wie Jack Sheppard's Bild gemalt ward Sie Ciſenii Pas roe i Hir Näpe Das Bleidach Was Jack Sheppard im int des Drechelerz e Gefangen und frei 4 Die letzte Zuſammenkunft Jack's 6 ſu Mutter Sie Jag Wie Jack Sheppard ſich ſeint Eiſen entlerlſ Wie Jack Sheppard dem Begräbniſſe ſeiner Mutter beiwohnt„ ⸗ Wie Jack Sheppard it nach n Was ſich auf Dollis⸗Hill bega Wie Jack Sheppard nach Weſtminſterhall heſit Pir Wie Jonathan Wild's Haus niedergebrannt ward.. i ————o 100 119 133 145 171 181 193 21¹2 25⁵ 262 272 279 253 288 300