1 Leihbiblivthet veutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe J binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet † wird. 6 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 3 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — Rookwood, oder: der Bandit der Hochstrasse. Roman von W. H. Ainsworth. Aus dem Engliſchen. Viertes bis ſiebentes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Die Zigennerin. Einen Kranz auf meine Bahre Legt mir friſch und neu; Mädchen traget Weidenzweige, 3 Sagt, ich ſtarb voll Treu!— Er war falſch, doch ich blieb feſt, Seit dem erſten Werde. Lieg' auf meiner Leiche ſanft Gute, theure Erde! Beaumont und Fletcher. Erſtes Kapitel. Ein Morgenritt. Die Schönſte in dem Stamme der Zigeuner War meine Schweſter, hold und liebenswürdig, In ihrem Innern, wie in ihrem Aeußern. Brome. Es herrſcht eine Friſche in den erſten Wehen eines neu anbrechenden Tages, wo — des neuen Tages aſchenfarb'ne Roſſe Das Licht aufjagen mit den Silberhufen Und durch die Himmel treiben— welche ſo belebend und ermunternd wirkt, daß ſogar die größte Ermattung ihrem ſtärkenden Einfluſſe wei⸗ chen muß. Von der ſcharfen, dünnen Luft angeweht, welche zu dieſer Zeit ihre größte Reinheit hat, und, ich möchte ſagen, wie durch den Schlummer erfriſcht iſt, ſchüttelt der ermüdete Körper ſeine Trägheit ab, und bereitet ſich zu neuen Anſtrengungen vor; wäh⸗ rend der mitfühlende Geiſt, in ſeiner Kraft ſeither un⸗ terdrückt, auf ein Mal ſeine Schnellkraft wieder bekommt, und gleich der aufſteigenden Lerche, ſich zur Munterkeit ſtimmt. Dieß war auch der Fall bei Lu⸗ kas, als er(nach ſeiner Flucht aus dem Herrenhauſe) den Duft des Herbſtmorgens einathmete, und ſich hie⸗ durch zu neuen Anſtrengungen gekräftigt, und mit fri⸗ ſcher Kraft beſeelt fühlte. Denn die zwei letzten Tage und Nächte waren für ihn ein Leben der größten kör⸗ perlichen Anſtrengung und geiſtigen Qualen geweſen; und mit Ausnahme einiger Stunden Schlafes in der Hütte Peter Bravley's(wo er den Tag nach ſeinem Abenteuer mit dem Wildhüter zugebracht hatte) und dem geſtörten Schlummer während ſeiner Gefangen⸗ ſchaft in dem Herrenhaus, hatte er noch keine Ruhe ſonſt gehabt. Seine Kraft hatte ihn daher auch bei⸗ nahe verlaſſen, als der friſche Morgenwind, gleich einem Jugendelixir, einen neuen Strom in ſeine Adern oß. Nachdem Lukas das Zimmer der Lady Rookwood verlaſſen hatte, ſo eilte er den düſtern Gang entlang, ſtieg die Wendeltreppe hinab, und eilte noch andere dunkle Gänge leiſe durchkreuzend, zu einer Thüre des Hinterhauſes hinaus. Eben brach der Tag an. Seine erſte Sorge war, ſich die Mittel zu einer beſchleunig⸗ ten Flucht zu verſchaffen; und da er Niemand in dem Hofe bemerkte, ſo richtete er ſeine Schritte nach dem Stall. Die Thüre deſſelben war glücklicherweiſe nicht heſhloſen⸗ und er fand beim Eintreten einen kräftigen Rothſchimmel vor, welcher, wie er wußte, ſeines Va⸗ ters liebſtes Jagdpferd geweſen war, und zu deſſen Benützung er ſich für vollkommen berechtigt hielt. Das Thier erhob ſich bei ſeiner Annäherung, ſchüttelte ſeine glänzenden Mähnen, und wieherte, wie wenn es den Tritt und die Stimme kennen würde. „Du irrſt Dich, alter Geſell,“ ſagte Lukas; vich vin nicht der, welchen Du meinſt; übrigens freut es mich, daß Dein Inſtinkt Dich ſo belehrt. Wenn Du meines Vaters Sohn ſo trägſt, wie Du meinen Vater 7 über ſo manches Feld, und ſo manchen Tag lang ge⸗ tragen haſt, ſo braucht er auch den beſt Berittenen ſeiner Verfolger nicht zu fürchten. So ho! komm hierher, Krähe.⸗. Das edle Roß kam auf den Ruf. Lukas ſattelte daſſelbe ſchnell, ſchwang ſich auf ſeinen Rücken, und richtete ſeinen Lauf, ohne auf irgend ein Hinderniß, welches ihm Gehäge und Gräben in den Weg legten, zu achten, gerade über das Feld hin auf die Hütte des Todtengräbers zu, um nicht den von der Kirche Zurückkehrenden zu begegnen. Er erreichte dieſelbe erade, als der Eigenthümer die Thüre derſelden im Begriff war aufzuſchließen. Peter bezeugte ſeine Freude und Verwunderung über die Flucht ſeines Enkels, durch einen Ausbruch ſeines gewohnten Gelächters. „Ha, ha!— frei— entflohen!“ rief er aus.— 3„Wer hat Dich aus den Händen der Moabiten befreit? Ha, ha! Doch warum frage ich? Wer könnte es ſonſt gethan haben als der, welcher ſich ſelbſt Palmer nennt? * Ich entwarf eben eine Liſt, um Dich ſpäter zu befreien, — und ſiehe, er hat es ſo raſch gethan.“ „Meine eigenen Hände haben mich in Freiheit geſetzt, entgegnete Lukas.„Ich bin Niemand für meine Freiheit verpflichtet— am wenigſten aber ihm. Ich kann jedoch hier nicht verziehen; jeder Augenblick iſt koſtbar. Ich kam hierher um Euch zu bitten, mich in das Lager der Zigeuner zu begleiten. Eure Ge⸗ genwart iſt nothwendig— wird ſehr nützlich ſein. Mit einem Wort, wollt Ihr mitgehen oder nicht?“ „Und hinter Dich aufſitzen?“ fragte Peter;„ich laſſe mich nicht gerne transportiren.“ 1 y„Nun ſo lebt wohl;“ und Lukas wandte ſein ferd. „Halt; dieß iſt das Pferd des Sir Piers, die alte Krähe; ich mache mir nichts daraus, auf ihm zu Schnell denn— ſteigt auf.“ „Ich werde Dich nicht zehn Sekunden lang auf⸗ halten,“ erwiderte der Todtengräber, indem er die Thüre aufmachte, und ſeine Geräthſchaften in die Hütte brachte.„Zurück Mole— zurück,“ rief er, als der Hund herausſprang, um ihn zu bewillkommen. „Komm mit Beinem Pferde an dieſen Stein hex, Enkei Lukas— hierher— ein wenig näher— ſo iſt es recht,“ und fort galoppirten ſie. Der Todtengräber fragte zuerſt darüber, wie Lu⸗ kas ſeine Flucht bewerkſtelligt habe; und nachdem er hierüber genügende Auskunft erhalten hatte, ſo ſchwieg er ſtill; vielleicht um über die Vorfälle nachzudenken, welche ihm mitgetheilt worden waren. Der Weg, welchen Lukas einſchlug, war ein rau⸗ her, wenig benützter Fußpfad, welcher faſt eine Meile weit ſich zwiſchen der moosbewachſenen Einzäunung und dem dichten Gehölz des Parkes hinzog. Er wandte fich ſodann rechts, und ſchien auf eine Hügelreihe zu⸗ zuführen, welche ſich in der Entfernung erhob. Auf der andern Seite verhinderten hohe Hecken jede Aus⸗ ſicht; aber zuweilen waren Lücken in denſelben, welche einen Blick in die Gegend erlaubten, durch welche ſie ritten. Man ſah ſtark bethaute Wieſen, welche von einem tief geränderten Gewäſſer durchfloſſen wurden, deſſen Lauf man ſowohl an der Dunſtwolke erkennen konnte, welche über ihm hing, als auch an niedern, düſtern, beſchnittenen Weiden, welche gleich ſchauern⸗ den Stachelſchweinen an den Ufern hinſtanden. Auf ſie folgten dann gelbe Felder mit goldenem Korn, oder glänzende mit bluͤhendem Klee, in jeder Schattirung; von dem Lichtgrün der Rübe, bis zu dem Dunkelgrün der Bohnen, den verſchiedenen Erzeugniſſen des frucht⸗ baren Erdreichs. Den Hintergrund des Ganzen bil⸗ deten dunkle Maſſen ringsum ſich hinziehender Obſt⸗ bäume. Lukas ſprach nichts, noch mäßigte er ſeinen ra⸗ ſenden Ritt, bis der Weg ſich einen ſteilen Abhang 9 hinabzuziehen begann. Hier hielt er die Zügel an, und überſchaute von den Höhen des Hügels die Ebene, durch welche er gekommen war. Es war ein reicher Ackerlands⸗Diſtrikt, der zwar nur wenig von der pittoresken, aber viel von der wahren engliſchen ſo reizenden Schönheit und Lieblich⸗ keit haite. Kurz eine ſolch' ruhige, gefällige Landſchaft, wie man ſie zu dieſer Jahreszeit von jeder Anhöhe der mittleren Grafſchaften unſerer fröhlichen Inſel aus ſehen kann. Das Gemälde erſtreckte ſich, wie wir ſchon oben bemerkt haben, hauptſächlich über eine Strecke Landes, welche mit reifem Korn, das nur auf die Si⸗ chel wartete, angefüllt, oder mit Garben derſelben goldenen Frucht beſetzt war, worein ſodann grüne Wieſen wieder eine gefällige Abwechslung brachten, welche ſo voll daſtanden, daß ſie die Senſe eigentlich herauszufordern ſchienen, und durch hohe Hecken von einander geſchieden waren, deren Einförmigkeit hie und da durch eine hohe Ulme, oder weitäſtige Eiche unterbrochen wurde. Manche alte Pachters⸗Wohnungen mit ihren großen Scheunen und Heuſchobern(für ſich ſelbſt ſchon kleine Dörfer bildend) zierten an verſchie⸗ denen Punkten die Landſchaft, und gaben durch ihr um⸗ fangreiches Aeußere Zeugniß von der Fruchtbarkeit des Bodens und der Wohlhabenheit der Bewohner. In einer Entfernung von ungefähr drei Meilen konnte man das zerſtreute Dörfchen Rookwood erblicken, deſſen mit Stroh bedeckte Häuſer man kaum in dem dunklen Schatten der Bäume zu unterſcheiden vermochte, welche daſſelbe von allen Seiten umgaben. Der Platz des Dorfes wurde übrigens durch den viereckigen Thurm der alten Kirche herausgehoben, welche den Gipfel des nahe lie⸗ genden Hügels zierte; und obgleich das Herrenhaus dem Blicke ganz entzogen war, ſo fand Lukas ſeine Stelle dennoch mitten in den Schatten des dunklen Waldes heraus, in welchen es eingehüllt war. Dieſe weite Ausſicht hatte in den Augen Lukas' 10 noch andern Werth, als den Vortheil maleriſcher Schönheit und fruchtbaren Bodens. Dieß war, oder ſchien ihm wenigſtens ſein Eigenthum; ſo weit ſein Auge reichte, ja ſogar noch über den Geſichtskreis hin⸗ aus, dehnten ſich die Beſitzungen der Rookwood aus. „Siehſt Du jenes Haus unter uns in dem Thale?“ fragte Peter ſeinen Gefährten. „Ja,“ erwiderte Lukas;„ein ſtilles altes Haus — das Muſter einer Pachterswohnung— alles ſcheint in demſelben behaglich und gut— es ſind da wohl ein Duzend Heuſchober, oder darüber; und die große Scheune mit ihrem goldgelben Dache erſcheint wie ein Kornboden; und da ſind Ställe und Kühhäuſer, Obſt⸗ gärten und Taubenhäuſer, Fiſchteiche und ein alter Garten mit Spalier⸗Obſt im Ueberfluß. Der Bewoh⸗ ner deſſelben muß ein glücklicher und wohlhabender Mann ſein.“ „Er wohnt nicht länger mehr in demſelben,“ ent⸗ gegnete Peter—„r ſtarb in der letzten Nacht.“ „Er ſtarb in der letzten Nacht!“ wiederholte Lu⸗ kas.„Wie weißt Du denn dieß? Noch rührt fich ja nichts in dem Hauſe?“ „Der Eigenthümer jenes Hauſes, Simon Toft,“ erwiderte Peter,„wurde in der letzten Nacht vom Blitz erſchlagen. Er war einer der Sargträger Dei⸗ nes Vaters. Du ſagſt ſie ſchlafen in dem Hauſe. Gut. Laß' ſie ſchlafen— ſie werden immerhin noch zu bald ſie mögen aufwachen wann ſie wollen— a, ha!“ „Ruhig,“ rief Lukas;„Du verdirbſt alles— ſo⸗ gar dieſe lachende Landſchaft würdeſt Du in eine trauernde verwandeln. Erweckt denn dieſer Morgen keine glücklicheren Gedanken in Deinem Gemüthe? Bei mir erſetzt er den Mangel an Schlaf— beſänf⸗ tigt den Grimm, und verbannt alle ſchwarzen Ahnun⸗ en. Es iſt doch eine heitere Sache, die Landſchaft ſo in der frühſten Morgenſtunde durchwandeln— allen 11 Geiſt und die Friſche eines ſolchen Morgens einzuath⸗ men— ſchon außen zu ſein, ehe die träge Welt kaum halb erwacht iſt— ſein kurzes Leben ſo gut als mög⸗ lich zu benützen, und ſchon eines Tags des herrlichſten Entzückens ſich erfreut zu haben, ehe derſelbe bei eini⸗ gen ſogar erſt beginnt, eines ſolchen Entzückens, wel⸗ ches der durch die Feſſeln des Schlafs Gebundene nie kennen lernen kann, dem der Tag erſt anbricht, wenn die Sonne die Hälfte ihres Laufes beinahe ſchon voll⸗ endet hat. Ich liebe es, dem Erwachen dieſes glän⸗ zenden Geſtirns zuvorzukommen— jede Linie des Lichts zu beobachten, wie es ſich vom dämmernden Grau zum roſigen Roth verändert! Sieh, wie der Himmel ſich färbt! Wer würde jenes prächtige Schauſpiel aus⸗ tauſchen,“ fuhr Lukas nach Oſten zeigend fort, indem er zu gleicher Zeit wieder ſein Pferd in vollem Lauf den Abhang hinunter ſprengte, wodurch er den Tod⸗ tengräber in Gefahr brachte herabzufallen,„wer möchte dieſen Anblick, und die belebende Friſche dieſes Mor⸗ gens gegen ein Bett von Eiderdunen und das Kopf⸗ weh, welches darauf folgt, vertauſchen?“ „Ich, erwiderte der Todtengräber ſcharf,„würde dieſes oder irgend ein anderes Lager gerne wählen, vorausgeſetzt, daß es mich von dieſem verfluchten Sitz erlöſen würde, welcher mich wund reibt. Mäßige Dei⸗ en Ritt, Enkel Lukas, oder ich bin gezwungen abzu⸗ eigen.“ Lukas ließ, dem Wunſche des Todtengräbers will⸗ fahrend, ſeinen Renner langſamer gehen. „So iſt's gut,“ fuhr Peter fort, welcher ſich nun etwas behaglicher fand;„nun kann ich den Aufgang der Sonne betrachten, in deſſen lautem Lobe ich eini⸗ germaßen mit Dir übereinſtimme. Dieß iſt für die Augen der Jugend ohne Zweifel ein prächtiger Anblick; und für die lebhafte Seele eines, deſſen Leben ſelbſt erſt eigentlich aufgeht, ſogar begeiſternd; allein wenn ſich einmal die Freudigkeit des Daſeins verloren hat — wenn das Blut nur noch träge durch die Abern fließt— wenn man die zerſtörenden Stürme ſchon er⸗ fahren hat, welche dem ſchönſten Sonnen⸗Aufgang vor⸗ hergingen, dann weigert ſich das verdorrte Herz ſei⸗ nem falſchen Schimmer zu trauen; und erkennt, gleich dem erfahrenen Schiffer, in dem heiterſten Himmel oft den Vorbvien des Sturmes. Einem ſolchen kann kein neuer Tag mehr für das Herz aufgehen— keine Sonne ſeinen kalten und freudeloſen Horizont vergol⸗ den— keine Kühlung ſeine Pulſe beleben, welche ſchon lange aufgehört haben, dem Einfluſſe der Auf⸗ regung ſich hinzugeben. So bin auch ich. Ich bin ſchon zu alt, als daß ich eine Erfriſchung durch dieſe ſcharfe Luft fühlen könnte; ſie macht mich mehr frieren, als die Dünſte der Nacht, an welche ich gewöhnt bin. Die Nacht— die Mitternacht; dieß iſt die Zeit mei⸗ nes Entzückens. Die Natur hat dann finſtere und ſchreckliche Geheimniſſe; dann herrſcht eine Sprache, die derjenige, welcher nicht ſchläft, ſondern wacht, viel⸗ leicht kennen lernen kann. Die unſichtbare Welt hat ſonderbare Sprachorgane— eine ſonderbare Sprache redet ſie— eine ſonderbare Gemeinſchaft hält ſie mit dem, welcher ihre Geheimniſſe erforſchen will. Sie ſpricht durch Fledermäuſe und Eulen— durch den rabwurm; und jedes kriechende Ding— durch den Dunſi der Gräber ſowohl als Derjenigen, welche in denſelben verweſen— aber ſie ſpricht ſtets bei Nacht, und hauptſächlich beim Vollmond. Der Unterricht, welchen ich da erhalten, macht mir dieſe Zeit ſo theuer. Gleich der Katze ſehe ich bei Nacht beſſer— ich blinzle bei dem Sonnenſchein gleich der Eule.“ „Halte ein mit dieſer ſchauerlichen Rede,“ ent⸗ gegnete Lukas;„fie tönen ſo ſcharf als Dein eigenes Eulen⸗Geſchrei! Gebe Deinen Gedanken eine heiterere Richtung, welche eher mit meinen eigenen, und dem ſchönen Anblick der Natur übereinſtimmt Soll ich ſie denn alſo auf das Lager der Zigeuner 13 richten?“ ſagte Peter grinſend.„Sind Deine Ge⸗ danken vielleicht auch bei denſelben?“ „Du irrſt nicht ſo ganz,“ erwiderte Lukas;„ich dachte an das Lager der Zigeuner, und an Jemand, der unter deſſen Zelten wohnt.“ „Ich wußte es wohl, antwortete Peter.„Glaubteſt Du denn mich täuſchen zu können, als Du die Freu⸗ digkeit Deines Herzens allein dem Sonnenaufgang zu⸗ ſchriebſt? Deine Gedanken waren während dieſer Zeit ſtets bei einer, welche ein Paar ſchwarze Augen und eine olivenfarbene Haut hat, aber dennoch weiß iſt— ſchwarz, aber hübſch, wie die Zelte von Kedar, wie die Vorhänge Salomos— ein Netz von ſchwarzen Haaren, welches Dich umgarnt hat— rothe Lippen, und eine geſchickte Zunge— eine der Plagen Egyp⸗ tens.— Ha, hal“ „Du haſt es ſchlau errathen,“ erwiderte Lukas; „ich brauche Dir nicht zu verhehlen, daß meine Ge⸗ danken mit ihr ſich beſchäftigten.“ „„Ich wußte dieß gewiß,“ antwortete der Todten⸗ gräber.„Aber welches iſt der Name derjenigen, bei welcher Deine Einbildungskraft weilte?“ „Sibille Pereg,“ erwiderte Lukas.„Ihr Vater war ein ſpaniſcher Zigeuner. Sie iſt bei ihrem Volke unter dem Namen ihrer Mutter, Lovel, bekannt. „Sie iſt ohne Zweifel ſchön?“ „„Ja dieß iſt ſie,“ antwortete Lukas;„und wie ſchön ſie iſt, davon wirſt Du Dich bald ſelbſt über⸗ zeugen können.“ „Ich nehme Dich beim Wort,“ entgegnete der Todtengräber;„Du liebſt ſie ohne Zweifel?“ „Leidenſchaftlich.“ „Liebſt Du ſie ſchon lange?“ „Schon ſeit Jahren.“ „Ihr ſeid nicht verheiratet?“ fragte Peter haſtig. Noch nicht,“ erwiderte Lukas; allein ich habe mein Wort verpfändet.“ 14 „Liebteſt Du nie eine andere?“ „Mein Herz iſt nicht ſo beweglich. Wo es ein Mal liebt, da bleibt es auch.“ „Aber auf welche Verſicherung hin verlobtet Ihr Euch denn?“ „Auf die wahrhafte Treue der Herzen hin, welche ſich im Angeſichte des Himmels einander verpfänden.“ „So möge es denn ſo ſein, und der Himmel, welcher Euer Gelübde gehört hat, Eure Ehe ſegnen.“ „Iſt dieß Dein Wunſch?“ „Er muß es wohl ſein. Ich wollte Dich zwar verheiraten, aber nicht an Sibille.“ „Und wen hatteſt Du denn auserſehen?“ „Eine, vor deren Schönheit jene erbleichen würde, wie die Sterne vor dem leuchtenden Tag.“ „Eine ſolche lebt nicht.“ „Glaube mir, es lebt eine ſolche— Eleonore Mowbray iſt ſo reizend wie keine. Doch es war blos ein Gedanke der Möglichkeit, als ich ſie Dir wünſchte — es iſt kaum anzunehmen, daß ſie ihre Augen auf Dich werfen wird.“ „Ich werde mich deßwegen nicht grämen. Habe ich jedoch ein Mal meinen Titel, ſo zweifle ich nicht daran, daß ich wohl eine Braut unter dem edlen Blut finden würde, wenn ich mir eine ſuchen wollte.“ „Sehr wahrſcheinlich. Aber das, was bei andern Gewicht hat, zieht gerade bei ihr nicht. Die Eigen⸗ ſchaften, welche Dir mangeln hat ſie bei einem andern gefunden.“ „Bei wem?“ „Bei Ranulph Rookwood.“ „Iſt er ihr Anbeter?“ „Ich weiß nicht; allein ich habe das Geheimniß ihres Herzens entdeckt.“ „Und Du könnteſt wünſchen, daß ich meine eigene Liebe verlaſſen ſollte, um meinem Bruder ſeine beſtimmte Braut zu rauben?“ —— 7—* —— 15 Der Todtengräber antwortete nicht, und Lukas glaubte ein Zittern in den Händen zu fühlen, welche ſeinen Körper faßten, um ſich zu halten. Es entſtand eine kurze Pauſe in ihrem Geſpräche. „Und wer iſt denn dieſe Eleonore Mowbray?“ fragte Lukas, das Stillſchweigen brechend. „Deine Baſe. Von Seiten der Mutter eine Rook⸗ wood. Deßwegen hätte ich auch Deine Verbindung mit ihr gewünſcht. Es beſteht in Beziehung auf die Familie eine Prophezeihung, welche ſich durch Deine Verbindung mit ihr erfüllen könnte. Wenn das wilde Krähmännchen niſtet auf höchſtem Zweig, Wird ſein ein Aechzen und Krächzen zugleich; Aber das alte NReſt wird ſtets gewahrt Der Krähe, die mit der Krähe ſich paart. Die verirrte Krähe biſt Du ſelbſt*)— dieß brauche ich Dir nicht erſt zu ſagen. Die Krähe, welche ſich mit einer andern paart, kann Ranulph ſein. Er wird Eleonore Mowbray heiraten, und die Beſitzungen werden Dir genommen werden. Wie dieſes kommen wird, dieß läßt ſich nicht leicht muthmaßen— wenn nicht— doch es genügt, Dich mit der Prophezeihung bekannt gemacht zu haben. „Ich glaube dergleichen Geſchichten nicht,“ erwi⸗ derte Lukas;„allein dieſe Worte beziehen ſich auf höchſt befremdende Art auf meine gegenwärtige Lage.“ Ihre Anſpielung auf Dich und ſie,“ erwiderte der Todtengräber,„iſt unzweifelhaft.“ „Es ſcheint in der That ſo,“ fügte Lukas bei, und verſank in ein Nachſinnen, aus welchem ihn der Todtengräber einige Zeitlang nicht erweckie. „Noch eine Frage habe ich zu fiellen;“ rief Peter aus, indem er plötzlich das Geſpräch wieder aufnahm. — * Rookwood heitßt Krähenwald. Rook die Krähe, Daher guch die häufigen Anſpielungen. Der Ueberſetzer, 16 „Was haſt Du zu fragen? Auf wen bezieht ſich Deine Frage?“ „Auf Sybille.“ „Nenne ſie nicht— Du thußt es doch blos, um mich zu quälen.“ „Doch antworte mir,“ beharrte Peter.„Du ſagſt, daß Du ſie ſchon lange liebeſt. Mit Dir zu lieben, heißt wahnſinnig, verzweifelt lieben. Bei ihr, welche Zigeuner⸗Blut in ihren Adern fließen hat, deſſen Feuer noch durch ihren ſpaniſchen Vater vermehrt ſein nuß, kann die Liebe nicht zarter Natur ſein.“ „Zarter Nakur,“ widerholte Lukas.„Sie iſt die Tochter eines wilden Stammes, und liebt mit einer Heftigkeit, von welcher diejenigen, welche in den Städ⸗ ten wohnen, gar keinen Begriff haben. Bei ihr iſt die Liebe eine heftige Leidenſchaft“ Und gleich dem Stab des Propheten, ſaugt ſie alle kleineren Leidenſchaften auf— als Stoih⸗ Rache, Mitleid. Dieß iſt bei Dir nicht der Fall, Lukas. Sie liebt Dich ohne Zweifel leidenſchaftlich— Ihr ſeid Jahre lang mit einander umhergezogen. Konnten Her⸗ zen, welche ſo für einander geſchaffen find, die Qual unbefriedigter Liebe ſo lange Zeit ertragen? Bei der Neigung zu willfahren— der Gelegenheit zur Aus⸗ führung— wäre es unvernünftig, einen andern Schluß zu ziehen! Sie iſt von keiner kalten Rage, ſagſt Du?“ „Wagſt Du anzuſpielen—“ „Daß ſie Deine Geliebte iſt— warum nicht? Schon weit unwahrſcheinlichere Sachen find vorge⸗ kommen. Ich halte dieſes Vergehen für zu leicht, als daß ich Dich wegen deſſelben tadeln könnte,“ 33 „Höre mich an,“ erwiderte Lukas, indem er nur mit Mühe ſeinen Zorn unterdrückte;„erfahre Du, welcher über die Liebe dieſes Weibes ſpöttelt, und ihre Keuſchheit bezweifelt, daß, obgleich ſie durch die Um⸗ ſtände zu einem unſtäten und gefahrvollen Leben ver⸗ dammt— von wilden und geſetzloſen Gefährten um⸗ —= — ſS) 8 9 S ec c 8c9————— ſe 8. ß 17 geben iſt— und mits ſo leidenſchaftlicher und heißer Inbrunſt und Hingebung liebt, als nur je den Buſen eines Weibes bewegten, der Ruf Sybillens doch ſo rein iſt, als der Bergſchnee. Als Knabe lernte ich ſie kennen— ſeit dieſer Zeit liebe ich ſie. Ach! noch gut erinnere ich mich, wie ich ſie zum erſten Male ſah; jener Augenblick iſt mir noch ſo friſch in meiner Erin⸗ nerung. Sie ſtand vor mir; ein Kind. Ein liebliches Weſen, das Ebenbild der Schönheit, mit blühenden Wangen, auf welchen das warme Blut ſein Spiel trieb— jenes Blut, welches die Wangen der Brünet⸗ ten färbt— mit großen und ſchwarzen Augen, voll Feuer und Zärtlichkeit— und Lippen, welche ſo roth waren als Incarnat; dazu noch mit reichen Kleidern, welche auf ihre zarten, runden Knöcheln herabſielen. Ich weiß nicht, wie bald meine Liebe in eine lodernde Flamme ausbrach, aber der Funke hatte ſich damals ent⸗ zündet. Du weißt, daß ich als Kind der Obhut der Barbara Lovel anvertraut worden war. Sie zog mich wie ihre eigenen Kinder auf. Während ich ein Knabe geworden war, kehrte Sybille mit ihrer ſterbenden Mutter von Toledo zurück. Ihr Vater war ein Schmuggler ge⸗ weſen; er war von den Zollwächtern in der Nähe jener Stadt erſchoſſen worden. Ihre Mutter war, haupt⸗ ſächlich um der Tochter willen, von der Inquiſfition gefoltert worden. Sie ſtarb bald nach ihrer Rückkehr in dieſes Land. Sybille fiel demnach auch der Sorge der Barbara anheim. Sie regiert, wie Du weißt, die Zigeuner faſt wie eine Königin. Ihre Macht und ibr Einfluß verbreiteten ſich auf Spbille und mich. Wir lebten zwar abgeſondert von den übrigen, waren ihnen aber doch nicht fremd. Manches wilde Aben⸗ teuer habe ich in ihrer Geſellſchaft beſtanden— manche luſtige That ausgeführt! Doch wir wollen dieß ruyen laſſen. Mit den Jahren nahm Sybillens Schönheit zu. Ihre Augen empfingen neues Feuer von der Sonne; ihre Wangen eine wärmere Gluth; ihre Locken Rookwood M. 2 eine ſchwärzere Färbung; ihre Lippen ein volleres Roth. Meine Liebe wuchs im Verhältniß. Himmel! und wie liebe ich!— ha!— Du lächelſt und ich ſeufze — verflucht ſei dieſes Lächeln! und doch weiß ich nicht, warum ich ſeufze. Ich war nicht gewohnt es zu thun. Es liegt mehr Kummer als Entzücken in der Erinne⸗ rung an jene glücklichen und ſchönen Stunden. Ich bin nicht das Ungeheuer, zu welchem Du mich gerne bei mir ſelbſt machen möchteſt— ich kann es nicht ſein. Jene Erſcheinung der Wonne erhebt ſich vor mir wie das Paradies, aus welchem ich mich ſelbſt verbanne. Sybillen entfagen! niemals, niemals. Hin⸗ weg mit dieſem verdammten Rath!“ Wie toll ſuchte Lukas dieſen Gedanken ſich durch eine Flucht zu entziehen, welche nicht raſender hätte ſein können, wenn ſein Pferd von einer Horniſſe ge⸗ ſtochen, und unfähig geweſen wäre, ſeinem unerbitt⸗ lichen Quäler zu enigehen, indem er es zu dem ſchnell⸗ ſten Lauf antrieb; und obgleich er ſeine qnälende Un⸗ ruhe in ſich trug, ſo entwaffnete er hiedurch doch we⸗ ſtens die Urſache derſelben, da in der That jetzt Peter ſeine ganze Aufmerkſamkeit darauf richten mußte, ſeinen Sitz nicht zu verlieren, welcher durch die Beſchaffenheit der Straße jeden Augenblick unſicherer wurde. Das Aeußere der Landſchaft hatte ſich, ſeitdem ſie ven Abhang hinabgeritten waren, gänzlich verändert. An der Stelle des reich angebauten Bodens breitete ſich jetzt eine große, braune Strecke unfruchtbaren Lan⸗ des vor ihnen aus, welches hie und da mit einzelnen Gruppen von Diſteln und andern Stachelgewächſen, und niederem Gebüſch bedeckt war, ſo eine nie bebaute Oberfläche zeigend, deren Unfruchtbarkeit durch die Steine beurkundet wurde, welche unter den Hufen des ſchnell dahineilenden Roſſes raſſelten, welches alle Gräben, Erhöhungen, und andere Hinderniſſe, welche ſich ſeinem Lauf entgegenſetzten, zum großen Behagen Lukas aher auch zur nicht mindern Beſorgniß des * ——„—.— ———— 8———— c——— —— * N—— S—* 1⸗ e ⸗ ⸗ P. r it ie te ⸗ , te ie 6 le he n 6 19 Todtengräbers überſprang. Peter erhielt ſich einige Zeit lang in ſeinem Sitze, indem er ſich an ſeinen Enkel anklammerte, wie ein Raubvogel an ſeine Beute; aber unglücklicherweiſe ſprang das Pferd, als ſie an einem Graben ankamen, der ziemlich breiter war als die übrigen, ſei es nun, daß dieß die Abſicht des Rei⸗ ters war, oder nicht, auf die Seite, wodurch der Tod⸗ tengräber von ſeinem„hohen Sitze⸗ herabgeſchleudert, Nauf den Rand des Grabens fiel, und unaufhaltſam denſelben hinab purzelte. Lukas ſtieg ab um nachzuſehen, ob Peter nicht be⸗ ſchädigt worden ſei; dieſer richtete ſeine beſchmuzte Geſtalt ſogleich wieder auf; aber ohne eine Antwort zu geben, ſondern„nur tiefe, nicht laute⸗ Verwün⸗ ſchungen murmelnd, nahm er ſeines Enkels dargebo⸗ tene Hand an, und ſtieg wieder auf. Während dieß vorfiel, glaubte Lukas ein fernes Geräuſch zu vernehmen, und als er ſich nach der Ge⸗ gend umſah, aus welcher dieſes kam— der nämlichen, welche er durchritten hatte— ſo erblickte er einen ein⸗ zelnen Reiter, welcher ihnen auf dem ßuße nachfolgte. Nach der Schnelligkeit zu ſchließen, mit welcher er ſich näherte, mußte er ſehr gut beritten ſein. Eine Ver⸗ folgung fürchtend, beſchleunigte Lukas das Auffitzen des Todtengräbers, und begab ſich, nachdem dieß ge⸗ ſchehen war, ohne ſich weiter mehr umzuſehen, eilends auf die Flucht. Er hielt es übrigens jetzt ſür noth⸗ wendig auf die Wahl ſeines Wegs mehr Rückſicht zu nehmen, und vermied hiedurch, da er mit dem Boden vollkommen bekannt war, alle unnützen und gefähr⸗ lichen Hinderniſſe; aber ungeachtet ſeiner vollkomme⸗ nen Wegkenntniß und der ausgezeichneten Beſchaffen⸗ heit ſeines Pferdes, kam ihm dennoch der Fremde zu⸗ ſehends näher. Das Pferd des letztern hatte keine doppelte Laſt, und war kein gemeines Miethpferd; leicht wie der Wind, ſchnell wie ein Araber der Wüſte, 2 20 ſo flog er dahin. Es war übrigens nicht länger mehr Gefahr zu fürchten. „Wir find gerettet,“ rief Lukas;„die Gränzen von Herdahaſe find überſchritten. In wenigen Sekun⸗ den werden wir im Wald von Davenham ſein. Ich werde das Pferd ſpringen laſſen, und wir ſelbſt fliehen dann in das Dickigt. Ich werde Dir ein verborgenes Plätzchen zeigen. Zu Pferd kann er uns nicht folgen und zu Fuß biete ich ihm Trotz. Es iſt zwar nur ein einziger Mann, aber ich möchte jetzt gerne jedes Zu⸗ ſammentreffen vermeiden, welches aller Wahrſcheinlich⸗ keit nur unglücklich ausgehen würde.“ „Halt,“ rief der Todtengräber.„Es iſt kein Verfolger— er ſchlägt eine andere Richtung ein— er wendet ſich rechts. Beim Himmel! Es iſt der böſe Feind ſelbſt auf einem ſchwarzen Roſſe, welcher zu krummbeinigen Ben kommt. Sieh, er iſt bereits ort.“ Der Reiter hatte ſich, wie es der Todtengräber geſagt, gegen einen Gegenſtand des Schreckens hinge⸗ wendet, welcher auf nur kurze rechts zu ſchauen war. Es ſtand nämlich dort ein Galgen mit ſeiner ſcheußlichen Bürde. Er ritt ſchnell auf denſelben zu, hielt ſein Pferd an, zog den Hut, und verbeugte ſich tief gegen den Leichnam, welcher im Morgenwind ſchaukelte. Gerade in dieſem Augenblicke ſchlug ein Windſtoß an das fleiſchloſe Skelett, deſſen Arm ſich hiedurch, wie wenn er die Begrüßung erwidern wollte, bewegte. Nachdem er einen Augenblick angehalten hatte, wandte er ſein Pferd wieder, und rief Lukas wieder zu, indem er ſeinen Hut ſchwenkte. „So wahr ich lebe,“ ſagte der letztere;„es iſt Jack Palmer.“ Dick Turpin willſt Du ſagen,“ fügte der Tod⸗ tengräber bei.„Er hat ſeinem Bruder dort ſeine Auf⸗ wartung gemacht. Ha, ha! Dick wird nie die Ehre — uf⸗ re F T 8 8S S* 21 des Galgens genießen; er geht zu ſorgfältig mit dem Meſſer um.— Doch hier kommt er.“ Im nächſten Augenblick war Turpin an ihrer Seite. Zweites Kapitel. Ein Zigeuner-Lager. Aufſteigen ſeh' ich eine Säule Rauchs Hoch uber'm Wald, der die Wildniß begrenzt. Cowper. „Schönen guten Morgen, meine Herrn,“ ſagte Turpin,(denn ſo werden wir künftig unſern Freund, Jack Palmer, bezeichnen) indem er im leichten Trott heranritt.„Hörten Sie denn mein Halloh nicht? Ich entdeckte Sie noch auf jenem Hügel dort,— ich er⸗ kannte Sie beide, auf zwei Meilen ſchon; und da ich mit Ihnen, Lukas Bradley, einige Worte zu ſprechen habe, ſo trieb ich Beß noch hierher, ehe ich dieſen Theil des Landes verlaſſe. Geſegnet ſei ihr ſchwarzes Fell,“ ſagte er, indem er den Hals des Thieres zärtlich patſchte;„in dieſer Gegend gibt es ihres Gleichen nicht mehr, eben ſo wenig wo anders; ſie verlangt keine Schmeicheleien, um ihre Schuldigkei zu thun. Ich würde ſchon bälder bei Ihnen geweſen ſein, hätte ich nicht einen kleinen Abſtecher gemacht, um nach dem armen Ben zu ſehen. Aber darf ich mir erlauben zu fragen, wohin Ihr geht, Kameraden?“ „Kameraden!“ flüſterte Peter dem Lukas zu; ei⸗ daß er ſeine alten Freunde ſo ſchnell nicht vergißt.“ „Ich habe Geſchäfte, welche keinen Aufſchub lei⸗ den, bemerkte Lukas;„und um offen zu ſprechen—“ 22 „Sie bedürfen meiner Geſellſchaft nicht,“ entgeg⸗ nete Turpin;„ich errieth dieß ſchon. Ganz natürlich! Sie haben eine dunkle Nachricht über Ihr großes Glück. Sie haben gefunden, daß Sie der Erbe eines reichen Mannes, und nicht der Baſtard einer armen Dirne ſind. Es ſoll dieß keine Beleidigung ſein; allein ich bin ein offener Mann, wie Sie finden werden, wenn Sie es noch nicht wiſſen ſollten. Ich habe durch⸗ aus nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie andern ſolche hübſche Streiche ſpielen, obgleich es fich nicht austragen würde, wenn Sie auch ſo gegen mich han⸗ deln wollten.“ „Herr!“ rief Lukas ſcharf. „Für Sie das Herr!“ erwiderte Turpin.„Sir Lukas— dieſe Anrede gefiele Ihnen wie ich glaube nicht ſo ganz übel. Ich weiß alles. Ein Wink iſt bei mir hinreichend. In der vorigen Nacht erfuhr ich die Thatſache von der Heirat des Sir Piers durch die Lady Rookwood:— Ja, von Ihrer Ladyſhip Sie ſtaunen,— und ſogar der alte Peter liebäugelt jetzt. Allein es war ſo— ans Verſehen machte ſie alles be⸗ kannt: und ich bin nun im Beſitze deſſen, was allein die erſte Ehe Ihres Vaters beweiſen, und Ihre An⸗ ſprüche begründen kann.“ ½ Der Teufel!“ rief der Todtengräber aus, indem er flüfternd gegen Lukas beifügte;„Du würdeſt beſſer daran gethan haben, eine ſo nützliche Bekanntſchaft nicht ſo ſchnell von der Hand gewieſen zu haben.“ „Sie ſcherzen,“ ſagte Lukas zu Turpin. „Vor dem Frühſtück ift's bös ſcherzen,“ erwiderte Dick;„ich bin ſelten in ſo großer Frühe ſchon zu einem Scherz aufgelegt. Wie, wenn ein gewiſſer Heirats⸗ ſchein in meine Hände gefallen wärel“ „Ein Heiratsſcheinſ“ widerholten Lukas und der Todtengräber im Echo. „Ben einzigen, eriſtirenden Beweis der Ehe des Sir Piers Rookwood mit Suſanne Bradley,“ fuhr ir be ei ie ie ie tzt. be⸗ ein n⸗ em ſer aft rte em ts⸗ der des uhr 23 Turpin fort.„Wie wenn ich zufälligerweiſe in den Beſitz eines ſolchen Dokuments gekommen wäre— noch mehr, wenn ich die Mittel ſagte, durch welche Sie vaſſelbe erlangen könnten?“ „Würdeſt Du nicht beſſer daran thun, Deine ſrühere Freundſchaft zu erneuern?“ wisperte Peter. „Ruhig!“ ſchrie Lukas ſeinem Quälgeiſte zu; und ſich hierauf an Turpin wendend, fuhr er fort:„wenn das wahr iſt, was Sie ſagen, ſo bin ich am Ende meiner Nachforſchungen. Alles, deſſen ich benöthigt bin, befindet ſich in Ihrem Beſitze. Andere Beweiſe find nur von untergeordnetem Werthe gegen dieſen. Ich weiß, mit wem ich es zu thun habe. Was ver⸗ langen Sie für den Schein?“ „Wir wollen nach dem Frühſtück hierüber weiter ſprechen,“ ſagte Turpin.„Ich möchte gerne mit Ihnen als Freund mit dem Freunde unterhandeln. Behan⸗ deln Sie mich ſo, und ich bin der Ihrige; verwerfen Sie meinen Antrag, und ich wende meinen Gaul und reite nach Rookwood zurück. In mir liegen alle Ihre Hoffnungen. Ich habe ehrlich gegen Sie gehandelt, und hoffe mit gleicher Münze bezahlt zu werden. Es wäre ein Unſinn, wenn ich das Glück, welches ſich mir jetzt darbietet, nicht benützen wollte. Würde ich es nicht ergreifen, ſo wäre ich ein Narr. Dieß können Sie nicht erwarten. Und ſodann habe ich noch Ruſt und Wilder zufrieden zu ſtellen. Ich habe ſie zurück⸗ gelaſſen, aber ſie wiſſen um meine Abſicht. Wir find alte Verbündete. Ich liebe Ihren Geiſt— ich ſcheere mich nichts um Ihren Stolz:— aber ich will Ihnen nicht die Mittel zu dem letzteren geben, um ſpäter mit den Füßen getreten zu werden. Sie verſtehen mich jetzt. Wohin gehen Sie?“ „Nach der Priorei von Davenham, in das Lager der Zigeuner.“ „Die Zigeuner ſind Ihre Freunde?“ „Ja, das ſind ſie.“ 24 „Ich bin allein.“ „Sie ſind ſicher.“ „Sie verpfänden Ihr Wort, daß mir nichts ge⸗ ſchieht. Wollen Sie verſprechen, gegen Niemand von dieſem Geſindel etwas von dem zu erwähnen, was ich Ihnen mitgetheilt habe?“ „Dieß kann ich nicht verſprechen— Jemand allein.“ „Wem?“ „Einem Weib.“ „Bös! Trauen Sie nie einem Unterrock.“ „Ich ſtehe mit meinem Leben für ſie ein.⸗ „Und für Ihren Großvater da?⸗ „Dieſer wird für ſich ſelbſt einſtehen,“ ſagte Pe⸗ ter.„Sie brauchen keine Verrätherei von meiner h Seite zu fürchten. Ehrenhaftigkeit unter Dieben, Sie wiſſen dieß ja. „Und wo anders ſollte man ſie denn auch ſuchen?? vi erwiderte Dickz„denn alle übrigen Claſſen der Geſell⸗ B ſchaft hat ſie verlaſſen. Ein Hochſtraßenmann nur iſt ſc ein Mann von Ehre. Ich vertraue Euch beiden; und F Ihr werdet finden, daß man auch mir trauen kann. ve Nach dem Frühſtück wollen wir die Sache zur Ent⸗ te ſcheidung bringen, wie ich ſchon vorhin geſagt habe. ch Pfeifen Sie uns Ihr Stückchen, Sir Lukas, und ich en bin zufrieden geſtellt. Sie ſollen in Rookwood Herr S ſein, ehe eine Woche vergeht— und dann— doch ſo ſel vieles Schwätzen iſt unnütz:— wir wollen eilen, da⸗ Kl mit wir zum Frühſtück kommen.⸗ Und fort galoppirten ſie. Ein enger Heckenweg führte ſie durch die Defileen eines dichten Waldes. Sie ritten im Schatten, und die Luft wehte kalt durch die Bäume hindurch, da die Sonne noch nicht hoch genug geſtiegen war, um die Tiefe derſelben durchdringen zu können, während über denſelben ſchon alles warm und hell war. Auf den Spitzen der hohen Bäume glänzend, verurſachten die horizontalen Sonnenſtrahlen durch ihr Abprallen pris⸗ S c„ er————— — ge⸗ on je⸗ er ie 2 l⸗ nd n. t⸗ e. ich rr ſo a⸗ n matiſche Färbungen, und erfüllten die Luft mit duftigen Goldſtäubchen. Unſere Reiter achteten weder auf Sonnenſchein noch Schatten. ZJeder tief in Gedanken verſunken, ſo ritten ſie ſtill dahin. Der Wald von Davenham, durch welchen ſie der Weg führte, hatte vor Zeiten eine ziemliche Ausdeh⸗ nung gehabt. Er hatte ehemals zu den Beſitzungen der Rookwvods gehört, war aber von dieſer Familie auf einen reichen benachbarten Grundbeſitzer und Rechts⸗ gelehrten, Sir Eduard Davenham übergegangen, und bei deſſen Nachkommen geblieben. Es war ein edler Wald, der viele patriarchaliſche Bäume zählte. Alte Eichen, deren weite Aeſte die Stürme von fünf Jahr⸗ hunderten vergebens zu knicken verſucht hatten, und welche nun traurig abſtarben, rieſenhafte Buchen, deren ſilberne Stämme glatt aufgeſchoſſen waren, und Aeſte von ſolcher Höhe hatten, daß ſie für ſich ſchon einen Baum gegeben hätten, bildeten dichte Laubdächer und ſchimmerten in reichen, herbſtlichen Tinten. Der wilde Feigenbaum, die düſtere Kaſtanie, die majeſtätiſche Ulme, von Epheu umrankt, jede Art von Holz, düſteres, dich⸗ tes und verſchlungenes, bildeten den Wald, durch wel⸗ chen ſie ritten. So zahlreich waren die Bäume, ſo eng beiſammen ſtanden ſie, ſo ſehr mit Unterholz und Schlingpflanzen ausgefüllt, daß man beinahe gar nichts ſehen konnte. Baum auf Baum, in die glänzende Kleidung vieſer Jahreszeit gehüllt, eilte vorüber, und wieder andere folgten. Manchmal hing auch ein Aſt über den Weg, und nöthigte die Reiter ſich zu bücken; auf ſolche Schwierigkeiten achteten ſie jedoch nicht, ſon⸗ dern eilten immer vorwärts. Nun wurde der Weg breiter, und ſie fühlten mit einem Male den begeiſtern⸗ den Einfluß der Sonne. Dieſer Uebergang war eben ſo angenehm als plötzlich. Sie waren nämlich an eine Stelle gekommen, wo weithin nur Fichten wuchſen, deren große, aßtloſe Stämme gleich Maſtbäumen da⸗ ſtanden, und dem lieblichen Sonnenſchein freien Zutritt —— 26 gewährten. Unter dieſen Bäumen war der Weg ſan⸗ dig, und frei von allem Unterholz, obwohl mit brau⸗ nen, haarähnlichen Stacheln und dürren Zapfen be⸗ deckt, welche von den Fichten abgefallen waren. Das flinke Eichhörnchen, dieſer freie Waldbürger, ſprang bei dem Erſcheinen der Reiter von dem Boden auf, nach dem nächſten Baum, und blickte zornig auf die Störer ſeiner Ruhe, indem es, ſein Mißvergnügen ausdrückend, die Zweige mit ſeinen Vorderfüßen ſchlug; das Kaninchen ſprang über ihren Wegz die ſchwarzen Elſtern flogen krächzend in das Gebüſch; während die gefleckten, wie neugierige Dorfgevatterinnen, in Hau⸗ fen die Fremden beſchauten, und ihr Erſtaunen durch lautes und anhaltendes Geſchnatter zu erkennen gaben. Obgleich der Weg ſich ſo allmählig erhob, daß man es kaum bemerken konnte, ſo war es doch offenbar, daß er allmählig einen Hügel hinanführte; und als ſie zuletzt einen freien Platz erreichten, ſo zeigte ſich ihnen die Erhöhung, auf welche ſie ſo unmerklich gekommen waren. Lukas hielt einen Augenblick auf der Spitze deſſelben an, deutete auf einen Bach, welcher ſich durch das Thal hinwand, und ſeinem Lauf folgend, auf einen eigenthümlichen, von Bäumen umgebenen Platz. Es war da kein Anzeichen von einem Wohnhauſe— kein Dach einer ländlichen Hütte, keine weiße Lein⸗ wand, welche die Zelte des wandernden Stammes hätte verrathen können, deſſen Wohnplatz ſie aufzuſu⸗ chen im Begriff waren; der einzige Umſtand, welcher zeigte, daß dort einſt Menſchen gehaust haiten, war eine graue Kloſterruine, welche man kaum von einem ſie umgebenden Steinhaufen unterſcheiden konnte; und das einzige Anzeichen, daß noch menſchliche Weſen dort ſeien, war eine dünne Säule blauen Rauchs, welcher wirbelnd aus dem Gebüſch aufſtieg, und deſſen ſchwache Färbung reitzend gegen das grüne Laubwerk abſtach, aus welchem er aufſtieg. 27 „Dort iſt der Ort unſerer Beſtimmung,“ rief Lu⸗ kas aus, in der Richtung der Rauches hindeutend. „Dieß höre ich mit vielem Vergnügen,“ ſagte Turpin,„und ſehe eben ſo gerne, daß ſchon Jemand dort munter iſt. Dieſer Rauch riecht etwas nach einem Frühſtück. Kein Rauch ohne Feuer, wie die alte Lady Scamnag ſagt, und ich will wetten, daß dieſes Feuer nicht angezündet worden iſt, damit dieſe Burſche ihre eigenen Finger daran zählen können. Wir werden drei Stangen finden, und einen ſchwarzen Topf, wel⸗ cher daran ſiedet. Dieſe Zigeuner haben ſich ein net⸗ tes Plätzchen zum Lager auserſehen— ganz pittoresk, könnte man— und wenn nicht jener ſchwache Rauch wäre, welcher gerade ſo ausſieht, wie der Dampf gus der Morgen⸗Pfeife eines holländiſchen Matroſen, und nur dazu dient, einen Freund zu leiten, ſo würde Niemand ihr Vorhandenſein ahnen. Ein hübſches Plätz⸗ chen, bei meiner Seele!“ Der Ort verdiente aber auch Turpin's Lobrede. Er war, wie er bemerkt hatte,„ganz pittoresk.“ Die Scene war ein kleines, von waldigen Hügeln umge⸗ benes Thal, und zwar ſo abgeſchloſſen und verborgen, daß man auch nicht eine einzige Wohnung oder irgend ein anderes Anzeichen, als das ſchon beſchriebene, ſehen konnte. Der Platz war überall von hohen Bäumen umgeben— ausgenommen auf der, wo unſere Geſell⸗ ſchaft ſtand, und wo ſich der Boden ſanft abdachte deren Kuppen einen unterbrochenen, dichten Laubwald bildeten, in dem ſich die verſchiedenſten Farbenſchatti⸗ rungen, vom Orange⸗ und Hell⸗Gelben, bis zum dunkelſten Grün, abſpiegelten. Vier Hügel faßten das Thälchen ein. Hie und da konnte man mitten im Walde einen grauen Felſen entdecken, und gerade unter ihnen prangte eine Vogelbeere auf einem Felſen⸗Vor⸗ ſprung. Tief unten in der Schlucht, unter welcher die Reiter gehalten hatten, und theilweiſe verborgen durch wildes Geſtrüpp und verkrüppeltes Unterholz, 28 ſtand eine Reihe jäher Felſen, dem Anſcheine nach durch irgend eine ſündfluthliche Erſchütterung von der entgegengeſetzten Bergwand abgeriſſen, da man an der⸗ ſelben eine entſprechende Verklüftung und Schichtenfolge entdecken konnte, und außerdem noch gezackte Aushöh⸗ lungen hohe Felſenkegel bildend, welche einſt dieſe ſteinernen Mauern zuſammengehalten haben mochten. Dieſe Verklüftung beſpülend, rieſelte ein klarer, ſich nach und nach ausbreitender Bach, welcher von der Brüderſchaft der Angler wohl gekannt und benützt war, obwohl ſich nur ſelten einer derſelben bis zu ſeinem Urſprung bei dieſen Hügeln verirrte. Das Waſſer floß durch eine links liegende Kluft in das Thal, und ſtürzte mit donnerndem Gebraus, einen kleinen Waſſer⸗ fall bildend, den Bergabhang hinab. In dieſer Rich⸗ tung gelangt man auch von Rookwood aus auf einen wenig benützten Fahrweg, in dieſes Thal, welchen aber Lukas klugerweiſe vermieden hatte. Alles ſchien der Stille, der Einſamkeit, der Ruhe der Natur geheiligt zu ſein; und doch war dieſe einſame und liebliche Scene jetzt der Ruheplatz geſetzloſer Räuber, während in frühern Zeiten Feudalherrſchaft und Prieſtermacht hier ihre drückende Gewalt ausgeübt hatten. Wir haben ſchon erwähnt, daß man kein Haus habe ſehen können; daß keine Spur von einer menſchlichen Be⸗ wohnung zu entdecken geweſen ſei; nur auf der Spitze des entfernteſten Hügels erblickte man Spuren von einer ſteinernen Mauer; und auf zeiner natürlichen Plattform, welche durch einen einzelnen Felſen gebil⸗ det wurde, ſtand ein finſterer viereckiger Thurm, der⸗ einſt das Gefängniß der Burg, deren Beſitzer die vier Hügel ihr Eigenthum nannten. Eine Warte hatte damals die Spitze eines jeden derſelben geziert; von dieſen war übrigens ſchon längſt keine Spur mehr vorhanden. Ebenſo hatte früher in dem engen Thal⸗ keſſel die ſchon früher angeführte Priorei geſtanden, (ein Kloſter von grauen Brüdern, vom Orden des 3 b—— e 29 heil. Franziskus) von deren ehrwürdigen Mauern noch einige erhalten waren; wenn dieſe nun auch nicht ge⸗ rade der Fledermaus und Eule zum Aufenthalt dien⸗ ten, wie es gewöhnlich das Schickſal ſolcher alter Ge⸗ bäude iſt, ſo wohnten in dieſen klöſterlichen Zellen dennoch Weſen, deren Natur gewiſſermaßen mit der jener Geſchöpfe der Nacht übereinſtimmte— einem Volke, deſſen Treiben der Finſterniß angehörte, und deſſen Augen das Licht ſcheuten. Hier hatten die Zi⸗ geuner ihre Zelte aufgeſchlagen, und obgleich dieſer Ort von der wandernden Horte manchmal wieder verlaſſen wurde, ſo hatten ihn doch einige Mitglieder dieſes Stammes, welche in den Jahren vorgerückt waren,(über welche Barbara Lovel wie eine Königin herrſchte) zu ihrem beſtändigen Aufenthalt auserwählt, und wurde von den benachbarten Obrigkeiten hier unbeläſtigt gelaſſen— eine Milde, welche wir, wegen unſers großen Antheils an dem Wohlergehen dieſes braunen Stammes, allen andern Richtern und Depu⸗ tirten anempfehlen möchten. Indem Lukas ſeinen Großvater bat, auf ſeinen Sitz Acht zu haben, ſetzte er über das hohe Ufer, und ritt, von Turpin gefolgt, den Hügel hinab. Peter ſorgte übrigens für ſich. Der Ritt war ſo gefährlich, und der Pfad ſo unſicher, daß er es vorzog ſich des⸗ jenigen Transport⸗Mittels zu bedienen, welches er von der Natur erhalten hatte, als ſich der Gefahr auszuſetzen, durch einen falſchen Tritt des Pferdes den Hals zu brechen. Er rutſchte alſo hinten pinunter, und wählte einen weniger gefährlichen Weg. Wie er ſeine Gefährten ſo in ihrem kecken Ritt den Hügel hinab, längs den Felſen beobachtete, konnte er ihnen ſeine Bewunderung nicht verſagen. Derjenige, welcher ſchon in den Alpen gereist iſt, muß oft Zeuge des wunderbar ſichern Schrittes jenes Berg⸗Piloten, des Maulthiers, geweſen ſein. Er muß bemerkt haben, wie es ſich mit feſtem Hufe ———— 30 an den Felſen hält, und von einem Hinderniß zum andern zieht, ohne ſeinen Reiter auch nur der gering⸗ ſten Gefahr auszuſetzen— wie es dem Brauſen des Windes trotzt, und unverzagt an dem Rand eines faſt unergründlichen Abgrundes ſteht. Nicht ſo das Pferd, flüchtig auf der Ebene, ſorgſam und vorſichtig auf unebenem Boden, iſt es furchtſam und unſicher in den Bergen, und die Gefahr, welche Lukas und Turpin beim Hinabreiten an dieſen faſt ſenkrechten Felſen⸗ wandungen liefen, war ſchrecklich. Peter betrachtete ſie zwar mit Bewunderung, aber mit noch mehr Ver⸗ achtung. „Er wird ganz gewiß das Genick brechen,“ ſagte er;„doch was macht es? es iſt jetzt ſo gut als ſpäter.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich dem Rande des Abgrunds, wo er ſie genauer ſehen konnte. Nie noch war da, wo Lukas wirklich ritt, der Huf eines Roſſes hingekommen. Der Weg war in den Felſen eingehauen, und bildete ein Zickzack ohne An⸗ haltspunkt für den Fußreiſenden, ausgenommen einige dürre Sträuche; welche jedoch für einen Reiter von durchaus keinem Werthe waren; die Möglichkeit, daß man ihn zu Pferde machen wolle, hatten ſich diejenigen ohne Zweifel gar nicht gedacht, welche denſelben ange⸗ legt hatten. Hiezu kam auch noch, daß die Stufen ſehr ungleich, und oft ſo klein waren, daß der Fuß⸗ gänger kaum Raum für ſeinen Fuß fand, wodurch die Gefahr für den Reiter verhältnißmäßig alſo noch ver⸗ mehrt wurde. „Der Teufel!“ rief Turpin abwärts ſehend;„iſt denn dieß der beſte Weg, den Sie haben?“ „Sie können einen bequemern ſinden,“ erwiderte Lukas,„wenn ſie eine Viertelmeile durch den Wald reiten, und dann dem Bache folgen. Sie finden mich bei der Priorei.“ Nein,“ antwortete der Hochſtraßenmann keck; — eiten Sie, ſo reite ich auch. Man ſoll nicht ſagen können, daß Dick Turpin ſich fürchte, einem andern wohin zu folgen. Nur zu.“ Lukas gab dem Pferde die Zügel frei; und das Thier begann langſam und ſchüchtern hinabzuſteigen, indem es ſeine Vorderfüße feſt aufſetzte, und die hin⸗ tern ſodann ſorgſam nachzog. Hier zeigte ſich die Leichtigkeit und Sicherheit von Turpins Pferd im hellſten Licht. Kein Maulthier hätte ſeinen Reiter leichter und ſicherer tragen können. Turpin munterte es durch Hand und Wort auf; doch deſſen bedurfte es nicht. Der Todtengräber ſah ſie ſo; und dieſer ſchwind⸗ liche Ritt intereſſirte ihn mehr, als er ſich gedacht hatte. Seine Aufmerkſamkeit wurde plötzlich durch Lukas gefeſſelt. „Er iſt dahin,“ rief Peter.„Er fällt— er ſinkt — meine Plane ſind alle vernichtet— das letzte Glied iſt geriſſen. Nein,“ fügte er mit ſeiner gewohnten Faſ⸗ ſung bei,„ſein Ende iſt nicht ſo unglücklich.“ Die Krähe hatte ihren Halt verloren. Sie rollte einige Schritte weit den Abgrund hinab. Der Tod des Reiters ſchien unvermeidlich. Seine Füße hingen in den Steigbügeln; er konnte ſich nicht frei machen. Eine kleine Birke, welche in einer Felſenſpalte wur⸗ zelte, hielt ſeinen weitern Fall auf. Aber ohne dieſe zeitige Hilfe wäre auch alles aus geweſen. Hier konnte ſich Lukas aus den Steigbügeln helfen, und auf die Beine kommen; er ergriff den Zaum, und führte ſein Pferd wieder auf den Weg zurück. „Sie haben da einen böſen Handel gehabt,“ ſagte Turpin, welchen der Vorfall ganz beſtürzt ge⸗ macht hatte.„Solches dickes Vieh iſt ſtets ungeſchickt; es iſt ein verteufeltes Glück, daß es nicht ſchlimmer abgelaufen iſt.“ Die ſchwierigſte Stelle war nun paſſirt; der Weg war jetzt verhältnißmäßig gut zu nennen; allein fie waren noch nicht in dem Thal angekommen, und es hatte den Anſchein, als oh Lukas jetzt einen Umweg 32 machen wollte. Dieß war ſo algenſcheinlich, daß ſein Ge⸗ fährte, obgleich derſelbe des Wegs unkundig war, nicht umhin konnte, hierüber ſeine Bemerkungen zu nachen. Lukas wich der Frage aus.„Der Feiſen iſt hier jäh,“ ſagte er:„übrigens möchte ich, um die Wahrheit zu ſagen, jene dort überraſchen.“ »Ho, ho!“ lachte Dick.„Sie überraſchen, he? Wie ſehr iſt es doch zu bedauern, daß jene Fichte im Weg ſtand; wie ſehr würden Sie ſie dann nicht über⸗ raſcht haben. Sehen Sie! hier ſteht uns eine neue Ueberraſchung bevor.“ Dicks letzter Ausruf rührte davon her, daß er plötzlich an einem Riß im Felſen angekommen war, in welchem der Bach jenen ſchon oben erwähnten Waſ⸗ ſerfall bildete. Auf der andern Seite war der Weg gut; aber die einzige Brücke über die Spalte war ein ſchmales Brett, auf welchem ein Pferd unmöglich hinüber konnte. „Sie müſſen toll geweſen ſein, als Sie dieſen Weg wählten,“ rief Turpin, indem er in die brau⸗ ſende Tiefe hinabblickte, in welchem der Waſſerfall wüthete, und die Weite mit ſeinem Auge maß.„So, ſo, Beß!— Ja, meine Dirne, ſchau' dich nur um. Ich will verffucht ſein, Lukas, wenn Ihr Pferd es thut, wenden Sie es deshalb nur wieder um.“ Aber Dick hätte eben ſo gut den Catakt bitten können, zurück zu fließen. Lukas ſteckte ſeinem Pferde die Sporen in die Seite. Das Thier ſprang auf die Brücke zu, ſchnaubte, und verſagte den Sprung. „Ich ſagte es ja zum voraus— es kann ihn nicht thun,“ ſagte Turpin.„Nun wohl; wenn Sie ſtarr⸗ köpfig ſind; einem ſolchen Menſchen muß man ſeinen Willen laſſen.— Gehen Sie auf die Seite; ich will es für Sie verſuchen.“ Der Beß einen Schlag gebend, trieb er ſie zum Galvpp an. Sie ſprang unerſchrocken über den Abgrund weg, und brachte ſo ihren Reiter auf die andere Seite des Felſens. 6e⸗ cht 312 ier eit e2 im r⸗ ue er r, ſ⸗ 33 „Nun,“ rief Turpin. Lukas trieb ſein Pferd wieder an; und dieſes Mal ſetzte auch das Thier ohne Zaudern über den Schlund weg, da es wahrſcheinlich durch den Vorgang er⸗ muthigt worden war. Im nächſten Augenblick befanden ſie ſich in dem Thale. Einige Zeit lang ritten ſie ſtillſchweigend die Ufer des Baches entlang. Endlich berührte ein Schall das ſcharfe Ohr des Hochſtraßenmannes. „Horchen Sie!“ rief er;„es fingt hier Jemand. Hören ſie es?“ „Ja,“ erwiderte Lukas, indem ihm das Blut in's Geſicht ſtieg. „Sie können mir ohne Zweifel ſagen, wer der Sänger iſt,“ ſagte Turpin, mit einem bezeichnenden Blick.„Brachten Sie ſich ſelbſt und mich deßhalb in Gefahr, das Genick zu brechen, um jene Waldlerche zu hören?“ „Ich bitte, ſeien Sie ſtill,“ flüfterte Lukas. „Ich bin ſtumm,“ erwiderte Dick;„ich liebe eine ſüße Stimme eben ſo ſehr als ein anderer.“ Hell und rein wie der Geſang eines Vogels, aber ſchwermüthig wie das entfernte Tönen der Abendglocke, ſo ſtieg der Klang einer ſüßen Stimme aus dem Wald auf. Es war das Bruchſtück eines ſpaniſchen Zigeuner⸗ Lieds: Lukas kannte es wohl. Die Romanze lautete folgendermaßen. Ta Gitanilla.*) An dem Guadalquivir, Eh' noch die Sonn' enteilt, Am ſtolzen Strome ſitzend Eine Jungfrau einſam weilt. In Muſik geſetzt von Mr. Fr. Romer. Rookwood M. 1 34 Und wie im Strome glänzend Der Abendſtrahl ſich bricht, Glänzt zart ihr ſchwarzes Auge Als wie ſein zaubriſch' Licht. Und wie die flücht'ge Welle Sich taucht in Purpur⸗Gluth, Auf ihrer heißen Wange Ein dunkles Feuer ruht. Das iſt die Gitanilla, Die ſchmachtend harret hier, Süß hoffend, daß der Abend Den Buhlen führ' zu ihr. II. Doch ach! die Sonne finket Es dämmert Flur und Thal, Es trinken ſchon die Fluthen Des Himmels letzten Strahl. Schon ſpielen ſeine Schatten 2 och noch verräth kein Plätſchern Den lang erſehnten Kahn. ² Iſt dieß die ſüße Stunde? Ach nein! ſie iſt dahin, Und mit der Zeit ſo eilig Will ſelbſt die Hoffnung flieh'n. Doch harrt die Gitanilla Der Noch immer hoffend hier, Daß jetzt die nächt'ge Siunde Den Buhlen führ zu ihr. ne der lieblichen Sängerin. zitternde Klang einer Guitarre begleitete die Der Geſang hörte auf. „Wer iſt dieſer Vogel?“ fragte Turpin. „Wir wollen ſo ſtill als möglich weiter reiten, und Sie ſollen ihn ſehen,“ ſagte Lukas, welcher mit dieſen Worten auf den Wiesboden hineinritt, ſo daß man den Tritt ſeines Pferdes nicht hören konnte. Er kam bald an einen Punkt, wo man durch die Zweige der Bäume hindurch den Gegenſtand ſeiner Neugierde genau ſehen konnte, obgleich ſie ſelbſt verdeckt ſtanden. Auf einem Felſen, welcher ſo hoch war als die Bäume, und beinahe ſenkrecht über dem Bett des Baches, zeigte ſich die Geſtalt eines Zigeunermädchens. Ihr Fuß ſtand auf dem äußerſten Rande des jähen Felſen, an deſſen Fuß ſich das Waſſer in ſchäumenden Wirbelwellen brach, ſo daß ſogar die waghalſige Gemſe nicht unerſchrockener hätte ſich wohin ſtellen können. Eine kleine Hand ruhte auf der Guitarre; die andere hielt den Kopf. Ein Haar von der dunkel⸗ ſten und glänzendſten Farbe hing ihr um die Stirne. In reiche Locken zuſammengerollt, Einer Krone gleichend von ächtem Gold, Amoretten in ihren Bögen ſaßen, Als wollten für immer ſie Sitz dort faſſen. So reich war dieſe ſeltenſte aller weiblichen Zier⸗ den, daß es ihr in dicken Flechten beinahe bis auf die Füße herniederhing, nachdem ſie es aus der Stirne geſtri⸗ chen, und zurückgeworfen hatte. Glänzend wie die Sonnenſtrahlen, welche ſich auf ihren dunklen, aber leuchtenden Zügen abſpiegelten, ſo ſchienen die großen, ſchwarzen, orientaliſchen Augen des Mädchens, welche von langen, ſeidenen Wimpern beſchattet waren. Sie hatte ein mauriſches Geſicht, in welchem die Pracht der Augen auch das ſchönſte Geſicht verdunkelt;(wel⸗ chen Effekt man in vielen Gemälden Murillo's finden kann) und die lieblichſten Folgen dem Auge entgehen, welches ganz und gar durch dieſe großen, ſchmachten⸗ den und leuchtenden Sterne gefeſſelt wird. So war 36 auch Sypbille. Ihre Züge waren ausgezeichnet ſchön; und doch blickte man nur ihre Augen an— ſie waren die Magnete ihres Geſichts. Ihr Anzug war fremd⸗ artig, und gehörte, wie ſie ſelbſt einem andern Him⸗ melsſtriche an. Wie bei allen Andalufierinnen es der Fall iſt, ſo zog auch ſie die ſchwarzen Farben vor; und ihre ganze Kleidung war beinahe aus dunklen Stoffen gemacht. Ein Leibchen von ſchwarzem ver⸗ ziertem Sammt, hielt den fanft ſchwellenden Buſen zurück; ein reicher Gürtel an welchem eine ſilberne Kette herabhing, woran ein kurzer Dolch befeſtigt war, umgab ihre Hüfte; um ihren Hals trug ſie ein koſt⸗ bares Schleiertuch; und der ieh. Theil der Kleidung war darauf berechnet, ihre zwar kleine, aber fehlerloſe Geſtalt im vortheilhafteſten Lichte zu zeigen. Die Stellung, welche ſie in dieſem Augenblicke angenommen hatte, war die des tiefen Nachdenkens; ſie wußte nicht, daß ſie beobachtet wurde. Ihre Gui⸗ tarre aufnehmend, berührte ſie die Saiten; nur wenige Akkorde ſchlug ſie an, und nahm ſodann ihre Romanze wieder auf:— IIH. Es wälzt der Strom ſich ſchneller So auch die Nacht— vorwärts, Sie aber bleibt und harret, Erfüllt vom Liebesſchmerz. Ihr Geſang hörte auf— ihre Hand mußte die Thränen abwiſchen, welche ihren großen dunkeln Augen entſtrömten. Mit einem Male veränderte ſich ihre Siel⸗ lung. Sie hörte eine wohlbekannte Stimme, welche ihre unbeendigte Melodie vollends ausſang: Horch! Ruderſchläge rauſchen Jetzt, welch' ein ſüßes Nah'n; Auf dir, Guadalquivir! Es iſt des Liebſten Kahn. ——* V NN v— N d„—* 37 Und horch! ein Sang erklinget Sie höret jeden Ton, Und wie der Sänger nahet, Ja ihren Namen ſchon. Nun weilt die Gitanilla Am Strom nicht länger mehr, Die mitternächt'ge Stunde Führt ja den Buhlen her. Dieß war die Stimme ihres Geliebten. Sie hörte dieſe Töne, fuhr dabei auf wie das Reh ſich bei der Annäherung des Jägers erhebt, flog den Felſen hinun⸗ ter, und ſtand an ſeiner Seite, ehe er noch den Refrain beendigt hatte. Lukas warf Turpin die Zügel zu, ſprang vom Pferde, und drückte ſie in ſeine Arme. Spybille ent⸗ wand ſich ſeiner leidenſchaftlichen Umarmung und zog ſich, über die Gegenwart des Hochſtraßenmannes be⸗ ſchämt, zurück. „Du brauchſt Dich vor ihm nicht zu ſcheuen,“ ſagte Lukas;„es iſt ein Freund.“ „Dann iſt er hier willkommen,“ erwiderte Sybille. „Aber warum biſt Du ſo lange ausgeblieben, theurer Lukas? fuhr ſie fort, als ſie ſich ein wenig von dem Hochſtraßenmanne entfernten.„Was hat Dich ſo lange aufgehalten? Langſam, langſam rannen die Stunden während Du fort warſt.— Bringſt Du gute Neuigkeiten?“ „Ja, gute Neuigkeiten— mein Mädchen; ſo gut, daß ich ſie Dir kaum ſagen kann. Du ſollſt alles er⸗ fahren. Aber ſieh', unſer Freund dort wird ungedul⸗ dig. Gibt es etwas? Wir müſſen ihm ein Frühſtück bereiten, und zwar ſogleich; er iſt einer von jenen, welche das lange Warten nicht lieben.“ „Ich will dieſes Wiederſehen der Liebe durchaus nicht ſtören,“ ſagte Turpin, welcher die Scene wohl⸗ gefällig mit angeſehen hatte;„allein in nüchternem 38 Ernſt; ſollte ſich irgend ein Kapaun in die Zelte der Egypter verirrt haben, ſo würde es mir ſehr lieb ſein, ſeine Bekanntſchaft machen zu können. Ich glaubte, etwas Aehnliches gerochen zu haben.“ „Folgen Sie mir,“ ſagte Sybille,„Ihrem Be⸗ dürfniſſe ſoll abgeholfen werden.⸗ „Halt,“ ſagte Lukas,„es befindet ſich noch Jemand in unſerer Geſellſchaft, deſſen Ankunft wir zuerſt ab⸗ warten müſſen.“ „Hier iſt er, ſagte Sybille, als ſie den Todten⸗ gräber in einiger Entfernung erblickte.„Wer iſt jener alte Mann?“ „Mein Großvater, Peter Bradley?“ „Iſt dieß Peter Bradley?“ fragte Sybille. „Jaz Sie können wohl fragen,“ ſagte Turpin, „ob denn auch jenes alte, ausgedorrte Geripp, welches man in einen Glaskaſten fletſchen laſſen ſollte, damit ihn auch das Volk anſtaunen könnte, ein ſo naher Verwandter eines ſo hübſchen Jungen, wie Lukas, ſei. Aber er iſt es in der That.“ „Obwohl er Dein Großvater iſt, Lukas,, ſagte Spbille,„ſo gefällt er mir dennoch nicht. Sein Blick gleicht ſo ſehr dem böſen Auge.“ Und in der That glich auch der Blick, welchen Peter auf fie heftete, demjenigen, welchen die Klapper⸗ ſchlange auf ihr Schlachtopfer richtet, und Spybille fühlte das, was ein ſolch' unglücklicher Vogel wohl auch fühlen mag. Sie konnte ihre Augen von den ſeinigen nicht abwenden, obwohl ſie zitterte, wenn ſie ihn anſah. Dieſe Art der Bezauberung übte Peter ſehr gerne aus. Wir haben ſchon früher geſagt, daß ſeine Augen denen einer Kröte glichen. Das Alter hatte den Glanz derſelben nicht geſchwächt. In ſeinen harten Zügen konnte man blos bittern Hohn oder kal⸗ ten Haß leſen, aber ſeine Augen übten ein magnetiſches Anziehen oder Zurückſtoßen mit wunderbarer Kraft aus. Spbille empfand das erſtere Gefühl auf eine v 39 höchſt unangenehme Weiſe. Sie wurde, wie durch die Bewegung eines Strudels, zu ihm hingezogen, und klammerte ſich unwillkürlich an Lukas an⸗ „Es iſt— es iſt das böſe Auge, theurer Lukas.⸗ „Stille, ſtille, liebe Sybille; ich ſage Dir ja, daß es mein Großvater iſt.⸗ „Das Mädchen hat übrigens Recht,⸗ fügte Turpin bei,„Peter hat einen abſcheulich garſtigen Blick und ſtarrt einen ſo an, daß eine ſchüchterne Dirne wohl aus der Faſſung kommen kann. Komm, komm, mein alter Erdenwurm, krieche weiter, wir haben lange genug auf Dich gewartet. Iſt denn dieß das erſte Mal, daß Du ein hübſches Mädchen fiehſt, he?⸗ „Es iſt das erſte Mal, daß ich ein ſo ſchönes ſehe,“ ſagte Peter,„und ich bitte ſie um Entſchuldigung, wenn meine Freiheit ſie beleidigt haben ſollte. wundere mich nicht über Deine Begeiſterung, Enkel Lukas, da ich jetzt das Original vor mir ſehe. Aber ich möchte dieſem hübſchen Kinde wohl einen guten Rath geben. Ich möchte ihr nämlich rathen, Dich das nächſte Mal auf dem Gipfel des Hügels zu erwarten, weil ſonſt die größte Wahrſcheinlichkeit vorhanden iſt, daß Du das Thal nicht mit ungebrochenem Halſe erreichen wirſt.“ Es lag etwas in dieſer Rede Peters, obwohl dieſelbe auf eine ziemlich ſpöttiſche Weiſe vorgetragen wurde, was darauf berechnet war, einen günſtigeren Einfluß auf Spbillen zu machen, als es ſein anfängliches Be⸗ nehmen gethan hatte, und als ſie von Lukas die Aus⸗ ſage deſſelben beſtätigt hörte, ſo gab ſie ihm ihre Hand, wobei ſie ſich jedoch eines Schauders nicht erwehren konnte, als ſeine magern Finger die Ihrigen anfaßten. Es was wie die Hand der Venus in der eines Geripps. „Dieß iſt eine kleine Hand,“ ſagte Peter,„und ich habe einige En in dem Wahrſagen aus der Hand. Soll ich in den inien derſelben leſen?“ „Zetzt nicht, in des Teufels Namen,“ ſagte Tur⸗ 40 pin, indem er vor Ungeduld auf ven Boden ſtampfte. „Wir werden den alten Ruffin ſelbſt im Augenblick unter uns haben, wenn der Peter Bradley artig wird.⸗ Die Männer führten ihre Pferde bei der Hand, und ſo bewegte ſich die Geſellſchaft unter den Bäumen fort. Ein Marſch von wenigen Minuten zeigte ihnen das Lager der Zigeuner, welches auf einem Platze ſtand, den man das Eden des Thales hätte nennen können. Es ſchien ein Paradies zu ſein. Kunſt und Natur hatten ſich vereinigt, um ihn reizend zu machen. ie Natur hatte eine kleine grüne Fläche, welche ſo weich war als ein wohlgeſchorner Rasboden, und(mit Ausnahme derjenigen Stellen, wo die häufigen Feuer der Zigeuner die Oberfläche derſelben verbrannt hatten) durch den vorbeifließenden Bach ſtets grünend erhalten wurde, durch ein Amphitheater von waldigen Hügeln eingeſchloſſen, und die auf denſelben blühenden Bäume ſo hingeſtellt, daß jeder einzelne, welcher aus den Fel⸗ ſen emporſtieg, um mich der Sprechweiſe des Malers zu bedienen,„zu reden⸗ ſchien, während die Kunſt den Sammtteppich mit den Leinwandzelten, an welchen Flecke von den verſchiedenartigſten Farben angebracht waren, den roh geformten Hütten von einer Bauart aus den erſten Zeiten, ſo wie ſie von den wandernden Tartaren⸗Horden errichtet worden ſein mochten— den umgeworfenen Keſſel, zwiſchen zwei Pfählen auf quer gelegter Stange, den angebundenen Laſtthieren und den Ruinen der Prioreides heil. Franziskus beſtreut hatte, welch' letztere das ganze Gemälde mit einem edlen Hinter⸗ grund ſchloß. Durch die Bäume ſchimmernd, am äußerſten Ende der Ebene, konnte man die epheube⸗ wachſenen Mauern dieſer einſt berühmten Kirche ſehen. Obgleich vieles ein Raub der Zerſtörung geworden, ſo war doch noch genug übrig geblieben um erkennen zu laſſen, welches der urſprüngliche Zuſtand dieſes majeſtätiſchen Gebäudes geweſen, und die lange, ob⸗ wohl unterbrochene Linie der gothiſchen Bögen, welche ———— 41 noch die Kloſtermauern bezeichneten— die Pfeiler, welche das Schlafgemach noch ſtützten— der ungeheure hufeiſenähnliche Bogen, welcher noch den Hof über⸗ ſpannte— und vor allem das große zirkelrunde Fenſter, welches am Ende der Kapelle angebracht war, und ungeachtet der Zerſtörung der Glasmalerei, noch ſein gan⸗ zes inneres Gewebe wie ein auf die Rippen zurückgeführ⸗ tes Blatt erhalten hatte, ſprachen beredt von der Pracht in den vergangenen Zeiten, während ſie Ehrfurcht und Bewunderung für die noch beſtehende Schönheit der Gegenwart erregten. Nach dieſen Ruinen führte Sybille die Geſellſchaft. „Wohnt ihr denn dort drinnen?“ fragte Peter auf die Priorei deutend. „Ja, dieß iſt meine Wohnung,“ ſagte Sobille. „Ich wäre lüſterner nach ihr,“ entgegnete der Todtengräber,„als nach dem ſchönſten und geſchmack⸗ vollſten Hauſe.“ „Ich ziehe dieſe alten Mauern jedem andern Ge⸗ bäude vor, ſagte Spbille. Als ſie in die Zelle des Priors eintraten, wie man es nannte, ſo zeigten ſich verſchiedene ſchwarze Figuren unter den Zelten. Dem Lukas wurde mancher Gruß in dem verworrenen Kauderwälſch des Stammes zugerufen. Endlich ſprang eine ſonderbare braune Ge⸗ ſtalt, mit einem großen Kopf voll grauſer Haare auf ſie zu; dieſer Burſche ſchien Lukas als ſeinen Herrn zu betrachten. „He, Grashopper,“ ſagte Lukas,„hier, nimm die Pferde und ſehe zu, daß dieſelben ordentlich geputzt und gefüttert werden, oder ich laſſe Dich höher ſprin⸗ gen, als Du je zuvor gethan haſt?“ „Und hört, Grashopper,“ ſagte Turpin,„ich gebe Euch in Beziehung auf dieſes Pferd einen beſon⸗ dern Auftrag. Putzt und füttert es nicht, bis ich ſelbſt dabei bin. Geht zehn Minuten mit ihm herum, und 4² wenn Ihr ein Glas Ale in der Nähe habt, ſo gebt es ihm zu ſaufen.“ „Ihrem Befehle ſoll gehorcht werden,“ zwitſcherte das menſchliche Inſekt und ſprang mit ſeiner Beute fort. Eine bunte Verſammlung brauner Schurken, ſchwarzäugiger Weiber und Kinder, deren dunkle Ge⸗ ſichter ihre Abſtammung bewieſen, in ſonderbarer Klei⸗ dung und mit wildem Aeußern, ſtand auf dem Weg und rief Lukas ein Willkommen über das andere zu. Da er augenſcheinlich nicht in der Laune war, ſich in ein Geſpräch einzulaſſen, ſo zerſtreute ſie Spbille, welche eine gewiſſe Macht über dieſelbe zu haven ſchien, mit einem Wort, und der Haufen zog ſich in ſeine Wohnungen zurück. Eine niedere Thüre führte ſie dahin, wo einſt der Kloſtergarten geweſen war und noch einige alte Bäume ſtanden, welche durch ihr Alter faſt eben ſo ehrwürdig waren, als das anſtoßende Gebäude. Eine andere offene Thüre brachte ſie in ein großes Zimmer, welches ehedem zum Speisſaal oder Refek⸗ torium der heiligen Bruderſchaft gedient hatte, und es war ein gutes, aber dunkles Gemach, obwohl jetzt ſeine eingeſchlagenen Fenſter mit Heu ausgeſtopft waren, um den ſchneidenden Wind abzuhalten. Große Löcher zeigten, wo dickes eichenes Sparrwerk das Dach einſt getragen hatte, und ein Einſchnitt bezeichnete die frühere Feuerſtelle. Was nun dieſen letzteren Ort betrifft, ſo war dieſe gute alte Gewohnheit noch nicht ganz vergeſſen worden. Eine eiſerne, mit praſſelndem Holz bedeckte Platte trug einen gewichtigen, rufigen Keſſel, deſſen angenehmer Duft die Geruchsnerven des Hochſtraßenmannes zauberhaft berührte. Welch eine gute Vorbedeutung,“ ſagte er, ſich die Hände reibend. „Immer noch hungrig nach den Fleiſchtöpfen Egyp⸗ ſagte der Todtengräber mit einem ſchauerlichen ächeln. X —..———— ——— ————————— 43 „Wir wollen doch ſehen, was dieſer Keſſel ent⸗ hält,“ ſagte Lukas. „Handaſſah— Grace!“ rief Sybille. Auf ihren Ruf erſchienen zwei Mädchen, welche, nicht unvortheilhaft, in die Tracht der Zigeunerinnen gekleidet waren. „Bringt das Beſte, was unſere Speiſekammer enthält,“ ſagte Spbille,„und tummelt euch, ihr habt einen Hunger zu befriedigen, welcher durch einen langen Ritt in der ſcharfen Luft nicht wenig geſteigert wor⸗ den iſt.“ „Und durch ein nächtliches Faſten,“ fügte Lukas bei,„in welcher ich nicht aus den Stiefeln gekom⸗ men bin.“ „Und durch eine geſchäftige Nacht,“ bemerkte Turpin,„und es war dazu noch ein verteufelt unan⸗ genehmes Geſchäft.“ „Und überdieß noch eine Nacht des Begräbniſſes,“ krächzte Peter,„und zwar des Begräbniſſes eines Vaters. Wir wollen deßhalb ſchnell frühſtücken. Wir haben einen raſenden Hunger.“ Eine alte, eichene Tafel— es mochte wohl noch die nämliche ſein, auf welcher die heiligen Brüder ihr Frühſtück eingenommen hatten, ſtand in der Mitte des Zimmers. Der breite Tiſch ſtöhnte bald unter dem Gewichte des ruſigen Keſſels, deſſen fetter Inhalt ein Paar zergliederter Faſanen, eine gleiche Portion Ge⸗ flügel, große Stücke Schinken, Erdſchwämme, Zwiebel und andere pikante Zuthaten zu ſein ſchien und den Dick Turpin ſo ſehr befriedigte, daß er über einen Mund voll davon ſogar Thränen des Entzückens ver⸗ gießen mußte. Das Mahl war in der That der Triumph der Zigeuner⸗Küche, und ſo emſig widmete ſich Dick Turpin demſelben, und ſo vollſtändig vertiefte er ſich in ſein Geſchäft, daß er nicht bemerkte, wie er allein gelaſſen wurde; erſt wie er den letzten Schlegel 44 des letzten Vogels mit einem Schluck ausgezeichneten Ales hinunterſchwemmte, machte er dieſe Entdeckung. „Wie, alles fort— und auch Peter Bradley,— was der Teufel ſoll denn dieß heißen?“ ſagte er.„Ich darf meinen Kopf nicht weiter mehr mit dieſem Pharao betäuben, obgleich ich wie ein König von Egypten ge⸗ frühſtückt habe, dieß werde ich thun. Vorſicht— Dick — Vorſicht. Angenommen, ich nähme jenen Stein aus der Mauer heraus und ſchöbe dieſes koſtbare Doku⸗ ment darunter. Pah, Lukas begeht keine Verrätherei an mir. Und nun zur Beß— geſegnet ſei ihr ſchwar⸗ zes Fell— ſie wird nicht wiſſen, wo ich ſo lange bin. Es iſt nicht meine Art, ſie allein trinken zu laſſen, obwohl ſie es wohl allein thun kann.“ So mit ſich ſelbſt ſprechend ſtand er auf und ging nach der Thüre. Drittes Kapitel. Spbille. Die Rebe, die ſich um die Ulme ſchlingt, Und ſie mit dem Gewand von Blättern deckt, Wagt mit der Ceder nicht ſich zu vermählen. Glapthorne. Unter einer verfallenen Mauer, wohin fie ſich be⸗ geben hatten, um ungeſtört bei einander ſein zu können, ſaß Sybille mit ihrem Geliebten auf einer Bank von grünſtem Mooſe. Mit großer Neugier hörte ſie ſeiner Erzählung zu. Er wiederholte ihr alles, was ſeit ſeinem Weg⸗ gang ſich zugetragen hatte. Er erzählte ihr von den ſchrecklichen Erſcheinungen in der Gruſt— von dem Ringe, welcher, gleich einem Talisman, tauſend glän⸗ zende Ausſichten, mitten in ſeiner Traurigkeit, herauf⸗ S 5 — v— — 45 beſchworen hatte— von den darauffolgenden Gefahren — von ſeiner Flucht— ſeinem Suſnnenſe mit Lady Rookwood— dem Beſuche bei dem Leichnam ſeines Vaters— und von dem Zuſammentreffen mit ſeinem Bruder. Alles dieſes hörte ſie mit einem Ge⸗ ſichte, welches ſich jetzt vor Erwartung röthete, jetzt aus Furcht blaß wurde— mit klopfendem Buſen und unterdrücktem Athem an. Aber als er in einen ſanf⸗ teren Ton übergehend, die Liebe, Zuneigung und Seligkeit zum Gegenſtand ſeines Geſprächs machte, und die Wonne auszumalen ſuchte, welche ſie in ihrem neuen Glücke empfinden würde— wenn er ſeine Reich⸗ thümer in ihren Schvoß— und ſeine Titel zu ihren Füßen niederlegen und ſie bitten werde, ſie mit ihm zu theilen— wenn er mit geadelter Hand und unver⸗ ändertem Herzen das Gelübde, welches er ſich ſelbſt geſchworen,— als er noch ein Ausgeſtoßener, ein Verachteter geweſen— erfüllen werde, da wurden Sybillens Züge, ſtatt freudig und zärtlich, düſter; das ſanfte Lächeln flog hinweg, und wie auf hellen Sonnen⸗ ſchein ein plötzlicher Regenſchauer folgt, ſo trübte ſich auch der Glanz ihrer Augenſterne durch Thränen. „Wie— was iſt dieß, theure Spbille?“ fragte Lukas, indem er ſie mit einem Erſtaunen anblickte, in welchem unverkennbar auch Mißvergnügen lag. Was ſoll ich denn dieſe Thränen zuſchreiben? Du wirſt doch hoffentlich nicht traurig über mein Glück ſein?“ Nicht wegen Deiner, lieber Lukas,“ erwiderte ſie trüb,„die Thränen, welche ich vergoß, galten mir. — Es find die erſten, die einzigen Thränen, welche ich wegen einer ſolchen Sache weinte, und,“ fügte ſie bei, indem ſie ihren Kopf erhob, wie eine Blume, welche benäßt worden iſt,„es ſollen dieß auch die letzten ſein.“ „Dieß verſtehe ich nicht, theure Sybille. Warum ſollteſt Du Beſorgniß um Deinetwegen hegen— wa⸗ rum nicht lieber für mich? Beleuchtet denn der Sonnen⸗ ſchein des Glücks, welcher wirklich mich umglänzt, nicht ———————— — 2 5 46 auch Dich mit den nämlichen Strahlen? Bekräftigte ich nicht, ſogar im nämlichen Augenblicke, daß der Tag, welcher mich in das Haus meiner Väter eingehen ſieht, auch unſere Hochzeit ſehen ſoll?“ „O ja; aber die Sonne, welche über Dir ſcheint, hat für mich ein drohendes Ausſehen— der Tag dieſer Hochzeit wird nimmermehr anbrechen. Du kannſt mich nicht zur Lady von Rookwood machen.⸗ „Was muß ich hören? rief Lukas erſtaunt über dieſe ſo finſtere und überlegte Erklärung ſeiner Gelieb⸗ ten aus. Dieß kann offenbar nicht Deine Meinung ſein; irgend eine Zauberei wurde verübt— ich ſelbſt bin von ihr beſeſſen. Hat Peter Bradley— hat dieſer Feind auch Deine Ohren vergiftet? Hat er vielleicht auf Dich eingewirkt, wie er es auch auf mich thun wollte? Allein ich widerſtand dem Verſucher, ich trat ihn zu Bodenz ich ſchüttelte ihn von mir ab, wie auch Du ihn fern von Dir halten mußt. Mich nicht hei⸗ rathen!— und warum denn nicht? Iſt es der Rang, welchen ich errungen habe oder noch zu erringen hoffe, der Dir mißfällt? Sage, ob dem ſo iſt, damit ich jede weitere Anforderung an die Gunſt des Schickſals auf⸗ geben kann, da ſie zu theuer für mich bezahlt wären, wenn ſie Deinen Verluſt für mich zur Folge hätte. Spreche, damit ich nicht länger mehr den Schatten des Glücks verfolge, während das wirkliche mir entflieht.⸗ „Aber find denn dieß Schatten und iſt dieß auch das wirkliche Glück, theurer Lukas? Es mag ſein, daß Du wahr ſprichſt; werden aber Deine Anſichten ſtets die gleichen bleiben? Ja, denkſt Du ſogar in dieſem Augenblicke ſo? Frage das Innerſte Deines Herzens, und Du wirſt es anders finden. Du kannſt Deinen Triumph nicht aufgeben, es iſt unmöglich; Du hängſt zu ſehr an dem ſftolzen Titel, welcher Dir zufallen wird, als daß Du ihn einem andern abtreten würdeſt, wo er ſo leicht gewonnen werden kann. Und vor allem, wenn der Ruf Deiner Mutter und Dein eigener . — 8—„ — — v—————— v befleckter Name durch ein einziges i 47 . Wort gereinigt werden kann; würdeſt Du Dich da wohl befinnen, es auszuſprechen? Nein theurer Lukas, — ich leſe in Deinem Herzen, Du würdeſt nicht.“ „Und wenn ich dieß nun auch nicht aufgeben kann, warum weigerſt Du Dich, meinen Triumph mit mir zu theilen? Warum willſt Du mir alle Ehren werth⸗ los machen, wenn ich ſie errungen haben werde? Du liebſt mich nicht.“ „Ich Dich nicht lieben, Lukas?“ „Nun ſo beweiſe es.“ „Ich beweiſe es. Zeugen mag hiefür das Auf⸗ opfern aller meiner Hoffnungen, welche ich auf Deinem Altare Dir meinem Abgotte darbringe. Zeugen hie⸗ für mag der Kampf dieſer Stunde. Zeugen mag aller Schrecken des Geſtändniſſes, daß ich nie die Deinige werden kann. Als Lukas Bradley würde ich freudig— ach, wie freudig, Deine Braut geworden ſein. Als Sir Lukas Rookwvod⸗— und fie ſchauderte, als ſie dieſen Namen ausſprach,„kann ich es nie ſein.“ „Dann werde ich beim Himmel Lukas Bradley bleiben. Aber warum— warum nicht als Sir Lukas Rookwood. „Weil,“ erwiderte Sybille ſchmerzlich,„weil ich dann nicht mehr Deinesgleichen bin. Das niedrig ge⸗ borene Zigeunermädchen iſt keine Gemahlin für Sir Lukas Rookwvod. Die Liebe kann mich nicht blind machen, theurer Lukas. Sie kann mich zu keiner an⸗ dern machen, als ich bin; ſie kann mich in meiner eigenen Achtung nicht erhöhen, viel weniger in der⸗ jenigen der Welt, mit welcher Du, ach! nur zu bald in Verkehr treten wirſt, und welche mich ſtets als— gleichgültig als was— anſehen wird; ſie ſoll mich nicht als Deine Braut verhöhnen können. Ich will nicht Schmach und Schande auf Dich bringen. Ach! wenn um meinetwillen die Großen dieſer Erde Dich mit Verachtung behandeln würden, theurer Lukas; 48 dieſes Herz bräche. Für mich ſelbſt habe ich ſtolz ge⸗ nug,— vielleicht nur zu viel; wohl möglich, daß es dieſer Stolz iſt, welcher mich jetzt leitet. Wärſt Du der frühere geblieben, ich würde das zärtlichſte und treueſte Weib geworden ſein, was je lebte; was Du aber jetzt biſt— „Höre mich Sybille.“ „Laß mich ausſprechen theurer Lukas. Noch ein anderer Grund iſt vorhanden, welcher mich bei meiner jetzigen Handlungsweiſe leitet, und dieſer wäre ſchon an und für ſich hinreichend, wenn auch ſonſt alle Hinder⸗ niſſe überwunden wären. Fragemich nicht nach denſelben, ich kann ihn Dir nicht erklären. Beruhige Dich, um Deiner ſelbſt willen, mit meiner einfachen Weigerung.“ „Welches iſt aber mein Schickſal!“ rief Lukas aus, indem er ſich mit geballter Fauſt vor den Kopf ſchlug.„Keine Wahl bleibt mir. Auf jede Weiſe zerſtöre ich mein eigenes Glück. Auf der einen Seite ſteht Liebe, auf der andern der Ehrgeiz; und dieſe laſſen ſich nicht vereinigen.“ „Folge dem Ehrgeiz,“ ſagte Sybille voll Energie, „wenn Du je zaudern könnteſt. Vergeſſe, daß ich nur je gelebt; vergeſſe, daß Du je geliebt; vergeſſe, daß eine ſolche Leidenſchaft in dem menſchlichen Herzen wohnt, und Du kannſt noch glücklich werden, obgleich Du dann groß biſt.⸗ „Und glaubſt Du denn,“ erwiderte Lukas mit krampfhafter Ungeduld,„daß ich dieß thun könne— daß ich vergeſſen könne, daß ich Dich geliebt— daß ich Dich vergeſſen könnte! Koſte es auch was es wolle, der Kampf ſoll beginnen. Allein ich bitte Dich bei unſerer früheren Liebe, mir zu ſagen, was dieſe Ver⸗ änderung in Dir bewirkt hat. Warum weist Du mich jetzt zurück?“ „Ich habe Ihnen geſagt, daß Sie der Sir Lukas Rookwood ſeien,“ erwiderie Sybille mit einer pein⸗ lichen Bewegung.„Bedeutet denn dieſer Name nichts?“ S —„— 1 — *— ———— S S——— S 49 „Bedeutet er irgend eiwas Böſes?“ „Mir alles Böſe. Es iſt ein unglückliches Haus. Alle ſeine Glieder find vom Schickſal beſtimmt.“ „Zu was?“ fragte Lukas.— „Zu Mördern!/ erwiderte Sybille mit feierlichem Nachdruck.„Zu Mördern ihrer Weiber. Vergib mir Lukas, daß ich gewagt habe, dieß zu ſagen. Du ſelbſt verlangteſt es?“ Beſtürzung, Schrecken, Zorn machten Lukas für einige Augenblicke ſtumm. Auf ſeine Füße hinſtarrend, rief er aus „Und könnteſt Du mich je eines ſo ſchändlichen Verbre⸗ chens für fähig halten? Meinſt Du, daß weil ich den Na⸗ men annehme, ich auch den Charakter des Geſchlechts bekommen werde? Glaubſt Du, daß ich eines ſo ſchrecklichen Frevels fähig wäre? „Oh!l nein; ich glaube es nicht. Ich weiß gewiß, Du würdeſt es nicht thun. Deine Seele würde vor einer ſolchen That zurückſchaudern; aber wenn das Schickſal Deine Hand leiten, wenn der Rachegeiſt Deiner gemordeten Ahnfrau den Stahl führen würde, ſo könnteſt Du es nicht vermeiden.“ „Meiner gemordeten Ahnfrau? auf was ſpielſt Du hier an?“ „Auf eine Sage von Deinem Hauſe, erwiderte Sybille.„Höre mich an, ich werde Dir die Sage ſingen.“ Und mit einem Pathos, welcher einen fröſteln⸗ v S auf Lukas machte, ſang ſie folgende ade: Die Sage von der LTadg von kookwood. I Herr Ranulph heim um Mitternacht vom Krieg der Roſen kehrt, Vom Knappen, der am Thore wacht, er ein Geheim⸗ niß hört; Rookwood. M. 50 Doch zu dem Knechte, der da pricht, ſagt nichts Herr Ranulph wieder, Sein Auge ſprüht, im n tii geißterbleich er niede M. Raſch durch den dunklen Gang, 2. geheime Thür jetzt ei Er in's Gemach der Lady— ſie 1 5 allein dort weilt. Demüthig kniet das junge Weib Mutter Gottes⸗ Bi Es preßt die Hand den zarten⸗ Leib, F ihr Aug' voll Mild m.. Herr Ranulphs Herz vor itfi⸗ als er ihr ieht Die wilde Glut der Eiferſucht vor ihrer Huld eniflieht. Sein Name miſcht ſich in's er athmet frei d fra Doch weh!— der Blick!— Warhm zirht er den Dolch, den ſpitzen, blank? IV. Ein Mantel auf dem Schemel da von Seide ſchön geſti (So wie als feiner Junker knai man oftmals ihn Ein Bildniß an dem unnde trifft ſein Auge auch „Bei meines Vaters 2 tih, 5. Dein Herunter reißt der wilde nz das Bild und hoch wingt, Sein Auge blitzt, kein Wort er ſpricht“— der Mord⸗ ſtahl drei Mal blinki; * 51 Ihr Blut er itinkt, und wie ſie ſnt, vernimmi ſie ſeinen Schrei: „Das iſt die Strafe, falſche Weib, für Deine Buh⸗ erei!“ Drrauf flummer ſtand mit blut'ger Hand und einem lammenblick; Sein armes Weib mit ſchwachem Laut bejammert ſein ick: Der Himmel weiß, Dich liebt ich heiß, Du grauſam wilder Lord; Doch haß ich jetzt als Mörder Dich und fluch' Dir fort und fort. VM. „Dich liebt' ich lang und redlich treu ich dem Gemahl 3 verblieb Und den Du meinen Buhlen glaubſt, das war mein Bruder lieb; Die weiße Roſ' ſein Banner ſchmückt, auf Deinem rothe ſcheinen, Die Fehde, die ſo heiß entbrannt, ließ euch nicht mehr vereinen. VM. „In mein Gemach kam arglos er in ſtiller Mitternacht; Wir ahnten nicht und wußten nicht, daß hier ein Diener wacht. Die Stunden ſloh'n— zu raſch für mich— er ließ ſein Bildniß hier; Doch Unglück brachte das Geſchenk, er ſchied zu früh von mir. IX. „Ein böſer Geiſt umſchwebie uus⸗ als ich die Hand o Denn treuſte Tren' und 6h Lieb“ belohnſt Du mit em z Tod 52 In frommer Andacht habe ich mein Leben hingebracht, Doch trifft Dich Straf', ſo ſei mein Geiſt der Hölle gern vermacht.“ So fluchend ihr das Auge brach, es ſtarret Ranulphs ut, Der böſe Geiſt ſich plötzlich t(der Boden auf u „Den Wunſch erhört die Höll' und it und Deine ein, 2 Seel' i Ein gleich Geſchick trifft e die er und die Söhne en XKI. In tiefe Gruft, bis zum Siie die Arme wird gebracht, Ein andres Weib an Sit durchweint die ille Sie ſtirbt dahin; die Dritte iftegleichfal des Schick⸗ ag; Des Rookwood's Weib mit Fluch unt Leid vermählt ſich am Hochzeitstag. „Und dieß iſt die Sage von meiner Ahnfrau?“ fragte Lukas, als Spbille ihren Geſang geendigt hatte. „Ja,“ erwiderte fie. „Ein Mährchen,“ bemerkte Lukas verdrießlich. „Nein,“ antwortete Spbille,„Lag nicht der Fluch des Bluts auf dem ganzen Geſchlecht? Lag er nicht auf Deinem Vater, dem Sir Reginald, Sir Ralph, Sir Ranulph, auf allen? Welcher wäre ihm ent⸗ gangen? Und wenn ich Dir dieß ſage, theurer Lukas, wenn ich weiß, daß Du den Namen dieſes verfluchten Geſchlechts trägſt, kannſt Du Dich dann noch wundern, wenn ich davor zurückſchaudere, 0 als ein weiteres DOpfer dieſes grguſamen Geiſtes zu ehen; und daß ich für Dich zittere? Ich würde willig für Dich ſterben, e 3 53 aber nicht durch Deine Hand. Ich möchte nicht, daß mein Blut, welches ich jetzt ſo gerne wie Waſſer für Dich vergießen würde, anklagend ſich gegen Dich er⸗ höbe. Für mich ſelbſt fürchte ich nichts, für Dich aber tauſend Mal. Meine Mutter ſagte mir auf ihrem Todtenbette, daß ich nie die Deinige werden werde. Ich glaubte ihr nicht, denn ich war damals glücklich. Sie ſagte, daß wir nie vereinigt werden, oder wenn vereinigt—“ „Was dann im Namen des Himmels 2. „Werdeſt Du mein Mörder ſein; daß fich Deine Liebe in Haß verkehre und Du mich erſchlagen wer⸗ deſt. Wie konnte ich damals ihren Worten Glauben ſchenken? Wie könnte ich ſie jetzt bezweifeln, da ich weiß, daß Du ein Rookwvod biſt? Glaube aber ja nicht, theurer Lukas, daß ich dieſen Entſchluß aus Furcht für mich gefaßt habe. Du kannſt mich aber⸗ gläubiſch, thöricht nennen: ich bin in der Leichtgläubig⸗ keit auferzogen worden. Sie iſt der Glaube meiner Väter. Mich dünkt, es gibt Perſonen, welche in die Zukunft ſehen können; und es wurden von dieſen ſolche dielbedeutende Worte geſprochen; dieſe mögen nun wahr oder falſch ſein, daß ich mich nicht in die Gefahr begeben kann, ſie an mir erfüllt zu ſehen. Ich mag leichtgläubig, ich mag ſchwach ſein, ich mag mich irren, aber ich bin feſt entſchloſſen. Heiße mich zu Deinen Füßen verenden, ich thue es. Allein ich will nicht Dein Geſchick ſein. Ich will nicht das unglückliche Werkzeug Deines Verderbens abgeben. Ich werde lieben, verehren, wachen, dienen, ja ſterben für Dich, aber niemals deine Frau werden.“ Erſchöpft durch die Heftigkeit ihrer Aufregung würde ſie zu Boden geſunken ſein, hätte ſie Lukas nicht in ſeinen Armen aufgefangen. Sie an ſein Herz drückend, erneuerte er ſeine leidenſchaftlichen Verſiche⸗ rungen. Allein es war alles vergeblich; Sybille war nicht zu bewegen. 2 „Du liebſt mich noch ſo, wie Du mich ftets ge⸗ liebt haſt?“ ſagte ſie endlich. „Noch tauſend Mal brünſtiger,“ erwiderte Lu⸗ kas;„ſtelle mich auf die Probe.“ „Wie, wenn ich es zu thun wagte? Bedenke wohl, ich könnte zu viel verlangen.“ „Sag' an. Wenn Du nicht verlangſt, vaß ich Dir entſage, ſo werde ich Dir bei dem Leibe meiner Mutter gehorchen.“ „Ich möchte einen Eid vorſchlagen.“ „Einen Eid?“ „Einen feierlichen, bindenden Eid, daß Du außer mir keine andere heiraten wirſt. Ha! Du ſtutzſt? habe ich Dich erſchreckt?“. i5 6 ſtutze? Ich werde ihn annehmen. Höre mich— bei—“ „Halt!“ rief eine Stimme hinter ihnen,„begehe keinen Meineid;“ und unmittelbar darauf zeigte ſich der Todtengräber. Es lag ein heimtuckſſches Lächeln auf ſeinem Geſicht. Die Liebenden waren über dieſe Unterbrechung betroffen. „Hinweg!“ rief Lukas. „Schwöre nicht dieſen Eid“, ſagte Peter,„und ich verlaſſe Euch. Erinnere Dich an den Rath, wel⸗ chen ich Dir auf dem Weg gab.“ „Welchen Rath gab er Dir, Lukas?“ fragte Spbille ihren Geliebten ungeſtümm. „Wir ſprachen von Dir, liebes Mädchen,“ er⸗ widerte Peter.„Ich warnte ihn vor der Heirat. Ich kannte Deine Gefühle nicht, ſonſt hätte ich mir die Mühe erſpart. Du haſt recht geurtheilt. Würde er Dich heiraten, ſo entſpränge hieraus Unheil: allein er muß eine andere heiraten.“ „Mußl““ rief Spbille, indem ihre Augen aus ihren Nacht ähnlichen Tiefen Blitze ſchoßen; und wäh⸗ rend des Sprechens den kleinen Dolch ergreifend, wel⸗ cher an ihrem Gürtel hing, ſprang ſie auf Peter zu —,— — —.—————— ⸗— 55 und erhob ihre Hand zum Stich.„Muß eine andere heiraten! und Duwagſt es, ihm dieſen Rath zu geben?⸗ „Laß Deinen Dolch fallen, ſchönes Mädchen,“ ſagte Peter ruhig.„Wäre ich noch jünger, ſo wür⸗ den Deine Augen gefährlicher für mich geweſen ſein, als Deine Waffe; aber jetzt ſind mir beide gleichgültig. Du würdeſt doch keinen alten Mann, wie ich es bin, umbringen, und dazu noch einen Verwandten Deines Liebhabers?“ aufgehobene Hand fiel an ihre Seite zurück. „Es iſt richtig,“ fuhr der Todtengräber fort; ich wagite es, ihm dieſen Rath zu geben; und wenn Du mich erſt angehört haſt, ſo wirſt Du mich gewiß nicht für ſo unvernünftig halten, als ich Dir anfäng⸗ lich erſchien; davon bin ich überzeugt. Ich habe Euer Ge⸗ ſpräch ungeſehen mit angehört, nicht daß ich in Eure Ge⸗ heimniſſe einzudringen gewünſcht hätte, weit entfernt, ſon⸗ » dern nur aus Zufall hörte ich Euch. Ich billige Deinen Entſchluß: aber wenn Du geneigt biſt, alles für das Wohl Deines Geliebten aufzuopfern, ſo laſſe das Werk nicht unvollſtändig. Binde ihn nicht durch Eide, welche er als Spinnengewebe anſehen wird, die man nach Will⸗ kür zerreißen kann. Du weißt eben ſo gut als ich, daß er darnach ſtrebt, Herr von Rookwood zu werden; und in der That iſt bei einem feurigen Jüngling ein ſolches Verlangen auch ganz natürlich, ja lobenswerth. Es wird nicht nur angenehm, ſondern ſogar ehrenvoll für ihn ſein, wenn er den Mackel auslöſcht, welcher auf ſeiner Geburt ruht. Es iſt eine Handlung kind⸗ licher Pflicht für ihn, den guten Namen ſeiner Mutter wieder herzuſtellen; und ich, ihr Vater, lobe ihn wegen ſeiner urſprünglichen Bemühungen darum; obgleich ich, um die Wahrheit zu ſprechen, ſchönes Mädchen, nicht ſo ſtreng in meiner Anſicht von der menſchlichen 3 Natur bin, als Eure ſpitzfindigen Moraliſten, und der . Liebe eine Ungebundenheit zugeſtehe, welche die zarten 2 d —,— 56 Bedenklichkeiten derſelben nicht erlauben würden. Es wird ein ſtolzer Triumph ſein, über ſeinen unverſöhn⸗ lichen Feind zu ſiegen, und dieſen kann er erreichen—“ „Ohne Heirat,“ unterbrach ihn Spbille zornig. „Wahr, erwiderte Peter,„doch behaupte ich es nicht. Du haſt wahr geſprochen, das Haus Rookwood iſt ein verhängnißvolles Haus; und es wurde auch vorhergeſagt, daß wenn er nicht eine Verwandte von ihm heiratet, daß wenn die Krähe fich nicht wieder mit der Krähe paart, die Beſitzungen ihm entriſſen wer⸗ den werden, wie Du hören ſollſt.“ Und Peter wieder⸗ holte die prophetiſche Strophe, welche unſere Lefer be⸗ reits kennen.„Du weißt jetzt, was der Reim ſagt. Lukas iſt zweifelsohne die verirrte Krähe, und es gibt einen Vogel, welcher aus fernen Landen in dieſes ge⸗ flogen kam. Er muß dieſe zu ſeiner Gemahlin machen, oder ſie und das alte Neſt ſeinem Bruder überlaſſen. Ich für meinen Theil achte auf ſolche Sagen durchaus nicht. Ich habe wenig Glauben an Prophezeihungen und Ahnungen. Ich ſehe keinen Grund dafür ein. Ich weiß nicht, was Eleonore Mowbray, denn dieß iſt ihr Name, zu thun haben kann mit dem Beſitz von Rookwood. Es mag dieß nun der Fall ſein oder nicht. Aber wenn Lukas Rookwood, nachdem er einige Zeit der Herr war, wieder in Mangel und Niedrigkeit herabfinkt, ſo ſoll er nicht ſeinen Großvater dafür ſchelten, vaß er ſelbſt ſo wenig vorſichtig war.“ „Ich beſchwöre Dich Lukas, ſage mir,“ flehte Spbille, welche dem Todtengräber Angſt erfüllt zuge⸗ hört hatte, und unter dem fröſtelnden Einfluß ſeines heimtückiſchen Auges ſchauderte,„iſt dieß wahr? Hängt Dein Geſchick von Eleonore Mowbray ab? Wer iſt ſie? Was yat ſie mit Rookwood zu thun? Haſt Du ſie ſchon geſehen? Liebſt Du ſie? vIch habe ſie noch nie geſehen, erwiderte Lukas. ug Dem Himmel ſei Dank,“ rief Spbille,„dann liebſt Du ſie nicht.“ N—— — . ——— 57 „Wie wäre vieß möglich?“ entgegnete Lukas. ich denn nicht, daß ich ſie noch nie geſehen habe?“ „Nun, wer iſt ſie denn?“ „Dieſer alte Mann ſagt, ſie ſei meine Baſe. Sie iſt mit meinem Bruder Ranulph verſprochen.“ „Wie?“ ſtieß Sybille heraus,„Und könnteſt Du die Braut Deines Bruders ihm entreißen wollen? Jönnteſt Du dieſe Frevelthat an ihm ausüben? Be⸗ denke, theurer Lukas. Iſt es denn nicht genug, daß Du ihm das entreißſt, was er lange Zeit als ſein Eigenthum betrachtete? Und wenn er ſich auch hierin geirrt hat, ſo macht dieß doch den Verluſt nicht ums Ge⸗ ringſte weniger bitter. Was Du in dieſer Beziehung thuſt, das läßt ſich vollkommen rechtfertigen. Du haſt ein Recht an Dein Eigenthum. Die Beſitzungen von Rookwvod ſind Dein Eigenthum, aber ſie gehört nicht Dir. Doch warum ängſtige ich mich ſo? Wenn Eleonore Mowbray Deinen Bruder liebt, ſo wird ſie eher ſterben, als Dir die Hand geben, welche ſie ihm verpfändet hat. Ich weiß nicht wie diejenigen fühlen, welche ſorgſamer erzogen worden ſind als ich; allein ich ließe mich eher durch wilde Pferde in Stücke reißen, ſtürzte mich eher in den brauſenden Waldſtrom, wel⸗ cher von jenem Felſen herabſtürzt, als meine Treue zu brechen. Wenn Du ſo an Deinem Bruder frevelſt, ſo hoffe auf kein Glück, hoffe nicht auf Achtung, denn Niemand wird fie Dir zollen. Sogar dieſer ſteinharte alte Mann ſchaudert vor einer ſolchen That zurück, ſogar ſeine Schlangenaugen richten ſich zu Boden. Siehe, ich habe ſogar ihn bewegt.“ Und in der That ſchien Peter einen Augenblick eine ſonderbare Bewegung zu fühlen. „Es iſt nichts,“ erwiderte er, indem er ſeine Auf⸗ regung bemeiſterte.„Was berührt dieß alles denn mich? Ich hatte nie einen Bruder, ich hatte nie etwas, Weib, Kind oder Verwandten, das mich geliebt hätte. 58 Und auch ich liebe nicht die Welt, noch die Dinge dieſer Welt, noch diejenigen, welche ſie bewohnen, aber ich weiß, was die Welt und ihre Bewohner leitet und regiert;— es iſt dieß— der Eigennutz! Lukas möge hierüber nachdenken. DerSchlüſſel zu Rook⸗ wood iſt Eleonore Mowbray. Die Hand, welche ſie faßt, faßt auch jene Ländereien, ſo ſpricht die Prophezeihung.“ 2 „Es iſt eine lügenhafte Prophezeibung.“ „Sie wurde von einer Deines Geſchlechts aus⸗ geſprochen.“ „Von wem?“ „Von Barbara Lovel,“ ſagte Peter mit einem Lächeln. „Ha.“ „„Achte nicht auf ihn,“ rief Lukas aus, als Sy⸗ bille bei dieſer Nachricht bebte.„Ich bin Dein.“ „Nicht mein— nicht mein,“ kreiſchte ſie,„aber oh! auch nicht der ihrige.“ „Wohin gehſt Du?“ rief Lukas, als Sybille in wilder Aufregung ſich erhob. „Zu Barbara Lovel.“ „Ich werde mit Dir gehen.?“ „Nein, laß mich allein gehen— ich habe ſie vie⸗ les zu fragen; aber bleibe nicht bei dieſem alten Manne, theurer Lukas, oder verſchließe wenigſtens Deine Ohren vor ſeinen trügeriſchen Reden, wie vor denen der Schlange. Fliehe ihn. Oh! ich bin krank im Herzen. Folge mir nicht, ich flehe Dich an, folge mir nicht.“ Und irren Blicks verſchwand ſie in den Ruinen, Lukas vor Angſt und Staunen ganz beſtürzt zurück⸗ laſſend. Der Todtengräber behielt ſeine ernſte und ſtviſche Faſſung bei. „Sie iſt eben auch ein Weib, allem nach zu ſchließen,“ murmelte er;„alle ihre hochfliegenden Ent⸗ ſchlüſſe ſchmolzen bei dem Gedanken an eine Neben⸗ — — buhlerin wie der Schnee vor dem Sonnenſcheine. Ich bringe Dir meinen Glückwunſch dar, Enkel Lukas, Du biſt nun frei von Deinen Feſſeln.“ „Frei!“ wiederholte Lukas.„Gleich mir aus dem Geſicht, es eckelt mich, Dich anzuſehen. Du haſt das treueſte Herz gebrochen, das je in dem Buſen eines Weibes ſchlug.“ „Nun, nun,“ entgegnete Peter,„es iſt noch nicht gebrochen. Warte nur bis wir hören, was die alte Barbara geſagt hat; indeſſen müſſen wir mit Dick Turpin über den Preis des Heiratsſcheines uns ver⸗ fländigen. Der Schelm kennt den Werth deſſelben wohl. Komm, ſei ein Mann. Dieß iſt noch ſchlimmer als weibiſch.“ Endlich gelang es ihm auch halb durch Ueber⸗ redung und halb mit Gewalt, Lukas mit ihm fort⸗ zuführen. — Viertes Kapitel. Barbara Lovel. Les Gitanos son encantadores, adivinos, magos, quino mänticos, que dicen por las rayas de las manos lo futuro, que ellos Ciaman buenaventura, y generalmente son dados à toda supersticion. Doctor Sancho De Moncada. Discurso Sobre la espulicon de los Gitanos Gleich der Taube, welche den Grallen des Sper⸗ bers entflohen iſt, ſo floh auch Sybille von dem Todten⸗ gräber. Das Gehirn wirbelte ihr, ihr Blut ſchien Feuer; ſie konnte äußere Gegenſtände nicht mehr unter⸗ ſcheiden; ſie wußte ſelbſt nicht, was ſie zu thun im Begriff war, und glitt mehr wie ein fliehender Geiſt, 60 als wie ein lebendes Weſen durch die Ruinen hin. Ihr Haar war in Unordnung über das Geſicht herunter⸗ gefallen; ſie hielt nicht an, um es wieder in Ordnung, zu bringen, fondern ſchüttelte mit krampfhafter Unge⸗ duld die verhüllenden Locken auf die Seite. Sie fühlte das, was wohl Jemand empfinden muß, der es verſucht, ſeine durch Krankheit geſchwächten Nerven gegen irgend ein ſchreckliches, aber unvermeidliches Unglück zu ſtählen. Von tauſend Befürchtungen gefoltert, ob ſie ihr Geſchick beſchleunigen und ihren Geliebten noch mehr Gefahren ausſetzen ſolle„wünſchte Sybille noch den letzten Verſuch zu machen, um entweder ihren Seelen⸗ frieden wieder zu erlangen, oder für immer zu ver⸗ lieren. Sie wußte kaum, was ſie durch den Beſuch bei ihrer alten Verwandten zu gewinnen hoffte. Ihr hauptſächlichſter Grund war, ſich von der Wahrheit der Ausſagen Lukas(denn die verfinkende Liebe klam⸗ mert ſich ſogar noch an einen Strohhalm an) zu ver⸗ gewiſſern; nicht daß ſie in ſeine Wahrheit Zweifel ge⸗ ſetzt hätte, ſondern weil ſie noch hoffte, er könne ſich mit ſeinen Anſprüchen auf den Titel und die Beſitzun⸗ gen von Rookwood in einem Irrthume befinden. Hie⸗ von konnte fie ſich durch Barbara Lovel ſchnell über⸗ zeugen, welche den Leichnam ſeiner Mutter geſehen, ihn einbalſamirt hatte, ja ſogar den Ring geſehen haben mußte(den ſchlagenden Beweis von der Ver⸗ heiratung der Hingeſchiedenen), wenn ein ſolcher an ihren Fingern geſteckt war, deren Kenntniß der Arznei⸗ mittel und des menſchlichen Körpers fie ſogleich hätte erkennen laſſen, ob die Hingeſchiedene eines natürlichen Todes geſtorben und welche die Behauptung des Todten⸗ gräbers hinſichtlich der Prophezeihung mit einem Male beſtätigen konnte. Alles dieß konnte ſie durch dieſelbe erfahren. Fand ſich noch ein Zweifel, nur der Schat⸗ ten eines Zweifels, ſo war ſie noch glücklich. Aber wie, wenn Barbara Lovel alles beſtätigte? Wenn — 61 ſie den Ring geſehen hatte? Sie wagte es nicht, hieran zu denken. Sybille liebte ihre Verwandte, die alte Barbara; aber in dieſe Liebe miſchte ſich zugleich Furcht. Bar⸗ bara war nicht die Perſon, um Achtung einzuflößen, oder Zuneigung zu verlangen. Sie wurde von dem wilden Stamme als die erwählte Königin betrachtet, und zwar mit jenem Gefühl der unerklärlichen Furcht, welche die afrikaniſchen Sklaven vor dem Weib Obeah haben. Sie erkannten ihre Macht an, folgten ohne Zaudern ihren Befehlen und ſchauderten vor ihrem Anathema, welches übrigens nur ſelten ausgeſprochen wurde; aber wenn ſie es ausſprach, ſo betrachtete man daſſelbe wie das jüngſte Gericht. Ihren Stamm, ſah ſie als ihre Heerde an, und ſtreckte ihre mütter⸗ liche Hand über alle aus, welche ſtets bereit war wohl zu thun oder zu ſtrafen; und obgleich ſie ſchon eine Generation überlebt hatte, ſo konnte doch bei den Nachgewachſenen, welchen von ihrer Kindheit an eine abergläubiſche Verehrung für„die kluge Frau,“ wie ſie genannt wurde, eingeflößt worden war, dieſes Ge⸗ fühl nie ganz ausgerottet werden, ſondern beſtand mit ſolcher Kraft fort, daß auch der Wildeſte dieſer wilden Race ihren Befehlen blindlings gehorchte, und ſich vor ihr in Unterwerfung beugte. Spbille erreichte endlich eine Treppenflucht, in⸗ dem ſie, ohne ſelbſt zu wiſſen wie, durch dachloſe Hallen und umhergeworfene Bruchſtücke gebrochener Pfeiler ihren Weg nahm. Eine mit eiſernen Nägeln beſchlagene Thüre that ihrem weiteren Vorſchreiten Einhalt; es war eine alte, eichene Pforte, über wel⸗ cher ſich ein gothiſcher Bogen wölbte, in deſſen Schluß⸗ ſtein eines jener grotesken dämoniſchen Geſichter an⸗ gebracht war, mit welcher die Väter der Kirche ihre kapellen ſo gerne ſchmückten. Spbille ſah aufz ihr Auge begegnete dem leeren Blick des phantaſtiſchen Gebildes. Es rief ihr die Züge des Toptengräbers 62 in's Gedächtniß zurück, und ſchien ſie zu verhöhnen, ſie zu ſchmähen. Ihre Kraft verließ ſie mit einem Mal, ihre Finger lagen auf der Thürſchnalle. Sie zauderte, ſie entfernte ſich ſogar wieder, denn ſie fühlte, daß ſie vor Barbara Lovel nicht erſcheinen könne. Es war zu ſpät, ſie hatte die Schnalle bewegt. Eine tiefe Stimme rief ſie bei ihrem Namen. Sie wagte es nich gegen dieſen Ruf ungehorſam zu ſein: ſie ging nein. Das Zimmer, in welchem Spbille ſich jetzt befand, war das noch einzige erhaltene der Priorei. Es hatte die Verwüſtungen der Zeit überlebt, und war den Zerſtörungen der Menſchen entgangen, welche die der Zeit noch überbieten. Achteckig, luftig, obwohl ſchmal, konnte man ſogleich entdecken, daß es früher das In⸗ nere eines kleinen Thurmes gebildet hatte. Es erhielt ſein Licht durch ein kleines rundes Fenſter, welches eine Ueberſicht über die vorliegende, liebliche Scene gewährte und eine ſchwere eichene Einfaſſung hatte. ſeber demſelben waren halb zerſtörte Gypsfiguren an der Wand angebracht. Dieſes Zimmer hatte ſogar jetzt noch, in den Tagen ſeiner Entweihung, etwas von klöſterlicher Schönheit an ſich. Wo früher der Geruch der Heiligkeit vorgeherrſcht hatte, da wehte jetzt der Duft der Götzendienerei; allein die ſtets flüchtige Phantaſie ſchwang ſich in jene Zeiten zurück, wo es vielleicht(was auch eine alte Sage beſtätigte) das Hei⸗ ligthum und geheime Zimmer des Priors geweſen war. Barbara ſaß in einen Mantel gehüllt, der aus den Fellen verſchiedener Thiere zuſammengeſetzt war, auf einem niedern, mit ſcharlachrothem Tuch überzogenen Schemel. Um ihren Kopf ſchlang ſich, wie ein aſiatiſcher Turban, ein reicher aber ab⸗ genützter Shawl, und um ihren Körper trug ſie den Zodiakal⸗Gürtel— wie gewöhnlich alle Zauberinnen —den Mago Cineo der Eingara,(woher auch nach Mongada ihr Name rühren ſoll) welchen Barbara vW—* —— N*——* 63 aus Spanien mitgebracht hatte. Von ihren Ohren hingen lange goldene Ringe hernieder, von ſonderbarer alterthümlicher Form; und an ihren dürren Fingern, welche Aehnlichkeit mit einer zuſammengewickelten Eidechſe hatten, ſtacken eine Menge ſilberner Ringe von der reinſten aber einfachſten Arbeit. Sie ſchienen alle maſſiv zu ſein. Ihre Haut war gelb wie das Fell einer Kröte; zuſammengeſchrumpft wie der Rücken derſelben. Man hätte glauben können daß ſie von den Fingerſpitzen an, deren Nägel die gleiche Färbung hatten, bis zu denjenigen Theilen des Halſes, welche man ſehen konnte und runzelich waren wie der einer Schildkröte, in Safranfarbe getaucht worden ſei. Wenn man ſie ſo anſah, ſo hätte man glauben können, die Kunſt des Einbalſamirens ſei an ihr verſucht wor⸗ den; ſo todt— ſo blutlos— ſo ſchwärzlich ſchien das Fleiſch, wo noch ſolches übrig geblieben war; Leder konnte kaum härter ſein, als ihre Haut. Sie ſchien eine belebte Mumie zu ſein. Ein ſolcher Körper ſchien darauf berechnet, Jahrhunderte hindurch dauern zu können, und hätte es auch vielleicht gethan, doch lei⸗ der! kann die Seele nicht auch einbalſamirt werden; fein Oel kann dieſe köſtliche Lampe wieder anzünden, und daß Barbaras Lebensflamme bald vollends ver⸗ löſcht ſei, dieß zeigte ſich klar durch ihre ſchwere, blut⸗ unterlaufene Augen, welche einſt vom glänzendſten Schwarz, jetzt aber düſter und eingeſunken waren. Die Luft in dem Zimmer war ſowohl mit flüch⸗ tigen Dämpfen, welche aus einer Maſſe Kräuter und Flüſſigkeiten aufſtiegen, mit welchen die Schränke be⸗ laden waren, als auch durch verſchiedene Arten aus⸗ geſtopfter Vögel und Thiere geſchwängert. Die ein⸗ zige lebendige Geſellſchaft Barbaras war eine unge⸗ heure Eule, welche über dem Kopf der alten Zigen⸗ nerin hing, und bei Sybillens Annäherung einen Schrei ausſtieß, wie wenn ſie ſie erkannt hätte. Von einem Haken, welcher in der Decke befeſtigt war, hing eine ——— „ 64 Kugel von Kryſtallglas herunter, ähnlich einem großen Kürbis, welche mit einer reinen, hellen Flüffigkeit ge⸗ füllt war, in welcher eine kleine Schlange, die egyp⸗ tiſche Natter, beſtändige Kreisvewegungen machte. Trüb waren zwar Barbara's Augen, aber noch hatte ſie den Gebrauch derſelben nicht verloren. Die Unruhe ihrer Enkelin fiel ihr gleich bei deren Eintre⸗ ten auf. Sie fühlte die heißen Tropfen auf ihrer Hand, als Spbille dieſelbe küßte; ſie hörte ihr Schluch⸗ zen, welches ſie vergeblich zu unterdrücken verſuchte. „Was bekümmert Dich ſo, mein Kind? ſagte Barbara mit einer krächzenden Stimme, welche ſo hohl tönte als die eines Geſpenſtes.„Haſt Du etwas von Lukas Bradley gehört? Iſt ihm irgend etwas zuge⸗ ſtoßen? Ich ſagte Dir ja, daß Du dieſen Morgen ihn entweder ſelbſt ſehen, oder doch von ihm hören werdeſt. Er iſt nicht zurückgekehrt, wie ich bemerke. Was haſt Du gehört2⸗ „Er iſt zurück, erwiderte Spbille matt;„und kein Unfall iſt ihm zugeſtoßen. „Er iſt zuruͤck, und Du biſt hier,⸗ widerholte Barbara.„Du ſagſt, daß ihm kein Unfall zugeſtoßen ſei— verſtehe ich recht, wenn Dir etwas Unangeneh⸗ mes begegnet iſt?, Spbille antwortete nicht, ſie konnte nicht antworten. „Ich ſehe, ich ſehe ſchon,⸗ ſagte Barbara etwas ſanfter, indem ſie Haupt und Hand langſam bewegte —„ein Streit, ein Streit zwiſchen Liebenden. So alt ich auch bin, ſo habe ich doch die Gefühle nicht vergeſſen, welche ich als Mädchen hatte. Was thut ein Weib nicht, wenn ſie wirklich ein Weib iſt? und Du biſt, gleich Deiner Mutter, eine treuherzige Dirne. Sie liebte ihren Gemahl, wie ein Gemahl geliebt werden ſoll, Spbille; und obgleich ſie mich ſehr liebte, ſo liebte ſie ihn doch noch mehr, was auch recht war. 16 es war ein berber Tag, als ſie mich und ihr and verließ; denn obwohl unſeim wandernden Stamme ßen ge⸗ yp⸗ och Die re⸗ rer ch⸗ te. te hl n (E⸗ n 65 ₰ alle Länder gleich viel gelten, ſo iſt doch der Boden, wo wir geboren werden, uns theuer, und noch theurer die Gegenwart unſerer Verwandten. Wohl, wohl; ich will nicht daran denken. Sie iſt dahin. Reinz nimm es Dir nicht zu Herzen, Mädchen, Lukas hat ein heftiges Temperament. Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich es Dir ſage. Er kann Vorwürfe nicht ertra⸗ en, und Du haſt ihn wahrſcheinlich hinſichtlich ſeiner Kbreſenheit zu kitzliche Fragen geſtellt. Iſt dem nicht ſo? Achte nicht darauf. Glaube mir, er wird Dich um Verzeihung bitten, ehe die Schatten der Mütags⸗ ſonne ſich verkürzen.“ „Ach! ach!“ ſagte Sybille traurig, ves iſt kein Zank zwiſchen Liebenden, welcher zugleich vergeſſen und vergeben werden könnte— ich wollke, es wäre ſo.⸗ „Was iſt es denn?“ fragte Barbara; und ohne Sy⸗ billens Antwort abzuwarten, fuhr ſie mit Heftigkeit fort: „Hat er Dich beleidigt? Sage mir, Mädchen, auf welche Weiſe? Spreche, damit ich Dich rächen kann, wenn die Be⸗ leidigung Rache heiſcht. Du biſt Blut von meinem Blut, und glaubſt, ich werde es nicht thun? Nie blieb noch Jemand vom Blute der Barbara Lovel ungerächt. Als Richard Cooper meinen Sohn Francis erſtach, floh er nach Flandern, um meinem Grimm zu ent⸗ gehen— aber er entging ihm nicht— ich verfolgte ihn dorthin— ich jagte ihn auf— brachte ihn in ſein Land zurück— und an den Galgen. Es koſtete viel Gold— was machte es aber— Rache iſt köſtlicher als Gold. Und dem Lukas Bradley ſoll es nicht beſſer ergehen, als dem Richard Cooper. Ich werde ihn fangen, ſo weit er auch rennen mag— ich werde ihn erwiſchen, ſo hoch er auch ſpringen mag— ich werde ihn erreichen, ſo fern er auch fliehe— ich werde ihn an ſeinen Haupthaaren wieder hierher ziehen,“ fügte ſie mit flüſterem Lächeln bei, und packte mit ihren Hän⸗ den die Luft, wie wenn ſie Jemand an ſich heran ziehen wollte.„Er ſoll Dich noch in dieſer Stunde Rookwvod M. 5 „ 66 zeiraſllhhenn Du es haben willſt; oder wenn Deine Ehre dieß verlangen ſollte. Ich habe noch meine volle Macht. Noch ſteht mir mein Volt zu Gebot. No bin ich deſſen Königin, und wehe dem, der es wagt, mich oder Dich zu beleidigen.⸗ „Mutter! Mutter!“ rief Sybille, erſchreckt über den Sturm, welchen ſie angefacht batte;„er hat mich nicht beleidigt. Ich allein bin ſchuldig, nicht Lukas; er kann nichts dafür.“ „Du ſprichſt in Räthſeln,“ ſagte Barbara. „Sir Piers Rookwood iſt todt.“ „Todt!“ widerholte Barbara, vor leberraſchung litternd.„Sir Jls todt—“ »Und Lukas Bradley— „Pa!“ „Jü ſen Nauc „Wer„te Dir dieß?“ fragte Barbara mit ver⸗ mehrtem un. „Lukas telbſt. Ich weiß alles— es iſt alles offenba⸗ Spbille erzählte haſtig Lukas Aben⸗ teuer.„* Sir Lukas Rookwood.“ „Dieß j nir in der That eine Veuighelt ſagte Barbara„jedoch keine, wegen welcher man zu weinen Snhn ſollteſt Dich darüber freuen, ſtatt zu ui, klagen.* voraus— ich werde ſo lange leben, um llung gehen zu ſehen— das Kind meingr zu ſehen— es ver⸗ heiratet zu ſehen; ices rheiratet zu ſehen.⸗ „Theuerſte Mutte⸗“ „Ich kann Dich ausſtenern, und ich werde es thun. Du ſollſt Deinem Gatten nicht allein Deine ſeunbrß zubringen— Du ſollſt auch Reichthümer aben. „Aber Mutter—“ „Die Tochter meiner Agathe ſoll Lady Rookwood werden.“ „Nie! Es kann nicht ſein.“ 67 „Was kann nicht ſein?“— „Die Heirat, welche Sie jetzt vorſchlagen.“ „Was meinſt Du damit, alberne Dirne! Ha!— Ich ahne den Grund dieſer Thränen— es geht mir ein Licht auf— er hat Dich verworfen.“ „Rein, bei allen Himmeln, er iſt noch der näm⸗ liche— ſeine Neigung iſt unverändert.“ „Wenn dem ſo iß, ſo find Deine Thränen nicht am FPlatze.“ „Doch. „Ich ſage Dir nein— ha!— dieſen Blick— Du wirſt mir doch dadurch nicht ſagen wollen, daß Du eine Buhlerin biſt?“ „Es geht nicht an, Mutker, daß iw eine Zigeune⸗ rin, ihn heirate.“. „Geht nicht an ha u ein S“— geht nicht an! Stehe auf, oder ich geve Din inen Tritt — geht nicht an! Und dieß ſagſt Du“ mch ſage Dir, es geht an— Du ſollſt eine ſo reiche Nusſteuer haben, als irgend eine Lado im Lanan. deyl nicht an! Sagſ Du dieß, weil Du glaul ſuume von einem alten und ſtolzen Geſchlecht ab— ält und ſtolz — ha! ha! Ich kann Dir ſagen, Mädchen, veß ich für einen ſeiner Ahnen wohl zwanzig nennen könnte— ſtatt der Jahre, welche ſein Geſchle“hühte, kann das meinige Jahrhunderte herzählen war einſt ein Volk— ein Reich, ehe das Lans a welchem er wohnt, nur bekannt war. Wie! wenu burch den Fluch des Himmels vertrieben wort u ſind, ſo ruht auf ſeinem Hauſe der Fluch der Hölle. „Ich weiß es,“ ſagte Spbille;„ein fürchterlicher Fluch, welcher mich treffen wird, wenn ich ihn heirate.“ „Nein, nicht Dich— Du wirſt dieſem Fluche ent⸗ gehen. Ich kenne ein Mittel, um den Rachegeiſt zu befriedigen. Ueberlaſſe dieß nur mir.“ „Ich darf nicht; es kann nicht ſein. Doch ſagen Sie mir— Sie ſahen den Leichnam Lukas' un⸗ 68 glücklicher Mutter— wurde Sie vergiftet? Nein, Sie können ſprechen; der Tod des Sir Piers entbindet Sie Ihres Eides. Wie ſtarb ſie?“ „Durch Erdroßlung,“ ſagte die alte Zigeunerin, indem ſie ihre magere Hand an die Gurgel legte. „Oh!“ rief Sobille, aus lauter Schrecken nach Luft ſchnappend.„Befand ſich ein Ring an ihrem Finger, als Sie den Leichnam einbalſamirten? „Ein Ring— ein Ehering. Der Finger war gebogen. Höre an, Mädchen. Ich hätte dem Lukas das Geheimniß ſeiner Gehurt ſchon lange ſagen kön⸗ nen, aber der Eid, welchen mir Sir Piers auferlegt hatte, verfiegelte meine Lippen feſt. Seine Mutier war mit Sir Piers verheiratet— wurde von Sir Piers ermordet. Lukas wurde mir durch ſeinen Vater anvertraut. Ich habe ihn mit Dir aufgezogen. Ich habe euch mit einander verlobt— und ich werde euch noch vereinigt ſehen. Er iſt jetzt Sir Lukas— er iſt Dein Gemahl. „Täuſchen Sie ſich nicht ſelbſt, Mutter, ſagte Sybille mit ſchauerlichem Ernſt.„Er iſt noch nicht Sir Lukas Rookwvod— ich wollte er hätte keine Anſprüche auf dieſen Titel! Das Glück, welches ihm ſeither ſo günſtig war, möchte ihn jetzt verlaſſen. Denken Sie nur an eine Prophezeihung, welche Sie ausſprachen.“ „Eine Prophezeihung? Ha!⸗ 8 Und mit dumpfem Tone ſprach Sybille die myſti⸗ ſchen Worte aus, welche ſie von dem Todtengräber gehört hatte. Während fie dieſelben ſprach, begann eine Düſtern⸗ heit, einer Gewitterwolke ähnlich, ſich auf der Stirne der alten Zigeunerin zuſammen zu ziehen. Ihre ein⸗ geſunkenen Augen traten heraus, und heftiger Grimm 3 malte ſich auf ihrem Geſicht. Sie erhob ſich. „Wer ſagt Dir dieß2“ ſchrie Barbara. „Lukas' Großvater, Peter Bradley.⸗ Wie erfuhr es dieſer“ ſagte Barbara.„Nur 69 einem ſagte ich es, welcher längſt ſchon im Grabe iſt — ſchon ſo lange, daß ich gar nicht mehr an ihn vachte. Dieß iſt fonderbar!— Der alte Sir Regi⸗ nald hatte einen Bruder, ſo viel ich weiß; ſonſt gibt es Niemand mehr von dieſer Familie.“ „Es gibt noch eine Baſe— Eleonore Mowbray.“ „Ha! Ich begreife— eine Tochter von jener Eleonore Rookwood, welche aus dem Hauſe ihres Vaters floh. Thörin, Thörin; ich habe mich in mei⸗ nen eigenen Schlingen gefangen! Jene Worte waren Worte der Wahrheit und binden die Zukunft und das Geſchick, wie mit eiſernen Feſſeln. Sie müſſen erfüllt werden, aber nicht durch Ranulph. Er wird Eleonoren nie heiraten.“ „Wen ſonſt wird ſie denn heiraten?“ „Seinen älteren Bruder.“ „Mutter!/ kreiſchte Sobille.„Und dieß ſagſt Du? Oh! wiverrufe es.“ „Ich kann nicht; es iſt geſprochen. Lukas wird ſie heiraten.“ „Oh! Gott! hilf mir!“ rief Spbille aus. „Thörichte Dirne ſei ſtandhaft— es muß ſo ſein, wie ich ſage. Er wird ſie heiraten; und doch ſoll er ſie nicht heiraten— die Hochzeitsfackel wird, kaum angezündet, wieder verlöſchen— der Fluch des Rache⸗ geiſtes wird treffen— doch nicht Dich.“ „Mutter, ſagte Sybille—„wenn Sünde auf irgend ein unſchulviges Haupt fallen muß, ſo ſoll es das meinige ſein— nicht das ihrige.⸗ Ich liebe ihn — ich werde gerne für ihn ſterben. Sie iſt jung unſchuldig— vielleicht ſogar glücklich. Oh! laſſe ſie nicht untergehen.“ „Ruhig, ſage ich!“ rief Barbara,„und merke auf. Heute iſt Dein Geburtstag. Achtzehn Sommer find über Dein jugendliches Haupt hinweg geflogen, achtzig Winter haben das meinige mit Schnee bedeckt. Du haſt noch zu lernen. Jahre bringen Runzeln, aber ſie — — ——— ——— 70 bringen auch Weisheit. Gegen das Schickſal ankämpfen, hieße ſich der Allmacht widerſetzen. Wir können unſer Geſchick vorherſehen, aber demſelben nicht entgehen. Dieß iſt Dein achtzehnter Geburtstag, Spbille; es iſt für Dich ein verhängnißvoller Tag; heute kommt die Stunde Deines Planeten— eine gute oder döſe Stunde, nach Deinen Handlungen. Ich habe Dir das Horoscop geftellt; ich habe Deinen Lebensſtern beobach⸗ tet; er ſteht unter dem verderblichen Einfluſſe des Scor⸗ pions, und der feurige Saturn wirft ſeinen finſtern Glanz auf ihn. Laß mich Deine Hand ſehen. Die Lebenglinie iſt beftimmt und deutlich ausgedrückt,— ſie eilt— ha!— was bedeutet dieſes durchſchneiden? Hüte Dich, hüte Dich, meine Spbille. Handle ſo, wie ich es Dich heiße, und es ſoll Dir nichts geſchehen. Ich will noch einen andern Verſuch mit der Kryſtall⸗ Kugel machen. Warte.⸗ Einige ſeltſame Worte murmelnd, welche wie eine Beſchwörung lauteten, beſchrieb Barbara mit dem zweizackigen Haſelſtock, welchen ſie als Zauberſtab be⸗ nützte, einen Kreis auf dem Boden, in dieſem Kreiſe zog ſie wieder andere Linien, ſo daß dieſe ſieben Drei⸗ ecke bildeten, deren Grundlinien die ſieben Seiten des Siebenecks waren. Dieſe Figur unterſuchte ſie einige Augenblicke lang auf das Genaueſte; ſodann erhob 6 ihren Stab wieder, und berührte die Eule damit. Der Vogel entfaltete ſeine Schwingen, erhob ſich zum Fluge, und flatterte langſam um die herabhängende Kugel. Bei jeder Umkreifung kam er näher, bis er zuletzt die Oberfläche mit ſeinen Schwingen berührte. „Genug, rief Barbara. Und auf ein nochma⸗ liges Berühren mit ihrem Stabe, begab ſich der Vo⸗ gel auf die Flucht, und kehrte auf ſeinen Sitz zurück. Barbara erhob ſich. Sie ſchlug die Kugel mit ihrem Stabe. Die reine und helle Flüſſigkeit färbte ſich augenblicklich roth, wie wenn man Blut hinein⸗ — — 71 geſchüttet hatte. Man konnte ſehen, wie die kleine Schlange darin ſich wie im Toveskampfe krümmte. „Noch einmal ſage ich, hüte Dich;“ rief Barbara feier⸗ lich aus.„Dieß iſt die Vorbedeutung eines Unglücks.“ Spbille war aus Schwäche auf den Schemel geſun⸗ ten. Man hörte ein Klopfen an der Thüre. „Wer iſt außen?“ rief Barbara. „Ich bin es, Balthaſar; erwiderte eine Stimme „Du kannſt hereinkommen,“ antwortete Barbara; un ein alter Mann mit einem langen Barte, der ſo welß war wie Schnee, und bis auf ſeinen Gürtel herabreichte, trat herein. Sein Anzug mochte Aehn⸗ lichkeit mit der Kleidung eines jüdiſchen Hoheprieſters haden. Dieſe ehrwürdige Perſon war Niemand an⸗ ders, als der Patrico(von Pattercove) oder Prieſter des Gaunergeſindels. „Ich komme um Ihnen zu ſagen, daß Fremde, daß Damen in der Priorei find,“ ſagte der Patrico ernſthaft;„ich habe Sie vergeblich geſucht,“ fuhr er fort ſich an Spbillen wendend,„die jüngere derſelben ſcheint Ihres Beiſtandes zu bedürfen.“ „Woher kommen ſies“ fragte Barbara. „Sie ſind, ſo viel ich erfahren habe, von Rook⸗ wood hierher gefahren,“ antwortete der Patrico., Sie waren auf dem Wege nach Davenham, als ſie ange⸗ halten wurden.“ „Von Rookwood?“ widerholte Spbille,„ihre Namen, hörtet ihr die Namen derſelben?“ „Sie heißen beide Mowbray; es iſt eine Mutter mit ihrer Tochter, die jüngere heißt—“ „Eleonore?“ fragte Spbille mit einem Tone, als ob ſie irgend ein Unglück ahne. „Ja, ſie heißt Eleonore,“ erwiderte der Patrico etwas erſtaunt.„Ich hörte wie die ältere, welche ich für ihre Mutter halte, ſie ſo anredete.“ „Gnädiger Gott! Sie hier,“ rief Spbille aus. „Hier, Eleonore Mowbray hier,“ rief Barbara. 72 „In meiner Gewalt, kein Angenblick darf verloren werden. Balthaſar eile nach den Zelten; nicht ein Mann ſoll ſeinen Platz verlaſſen, vor allen aber Lukas Bradley nicht. Sorge dafür, daß dieſe Mowbrays in in der Abtei zurückgehalten werden. Laſſe die Glocke anziehen. Schnell, ſchnell; laſſe dieſe Dirne bei mir, ſie befindet ſich nicht wohl. Ich habe viel zu thun. Fort mit Dir, Mann, und thue es mir wieder zu wiſſen, wenn Du meinen Auftrag beſorgt haſt.“ Als Baltha⸗ ſar ſich zur Vollziehung ihrer Befehle entfernte, rief Barbara mit einem Blicke des Triumphs aus:„ſo; kaum kam mir der Gedanke, als ich auch ſchon die Mittel habe ihn auszuführen. Es ſoll auf ein Mal geſchehen ſein, ich werde den Knoten knüpfen, ich will ihn löſen und dann wieder knüpfen. Dieſe ſchwache Dirne muß zu dem Werk geſtärkt werden,“ fügte ſie bei, als ſie Spbillen ſinnlos daliegen ſah.„Hier iſt etwas, was ſie aufreitzen wird,“ indem ſie einen Schrank öffnete und eine kleine Phiole herausholte —„dieß wird ſie ſtärken; und dieß,“ fuhr ſie mit ſchauerlichem Lächeln fort, indem ſie ihre Hand auf ein anderes Gefäß legte,„dieß ſoll ihre Nebenbuhlerin aus dem Wege räumen, wenn alles vollführt iſt, dieſe Flüſſigkeit ſoll ihren Geliebten zu ihrem rechtmäßigen Gemahl machen. Ha! ha!“ ——— —„ Fünftes Kapitel. Die Einweihung. Bettler: Ein Concert, mein Herr! wir haben auch Muſiker unter uns. In der That fröhliche Bettler, welche gezwungen find, ſich in irgend einen Winkel zu flüchten, wenn ſie die Lieder aller unſerer Dichter ſingen wollen, da ſie in London für ſolche Pasauill gepeitſcht werden. Sie können alles höchſt melodiſch ſingen, mein Herr, mit Ausnahme der Pſalmen. Was ſie ſpäter unter dem Galgen thun werden, läßt ſich erwarten, unter uns aber leben ſie ſehr anſtändig und artig. Die fröhlichen Bettler. In Folge einiger Worte, welche der Todtengräber während des Frühſtücks in Gegenwart von Zuſchauern, vielleicht mehr aus Abſicht als aus Zufall, halte fallen laſſen, verbreitete ſich in vem Lager ſchnell die Kunde, daß der gefürchtete Richard Turpin ſich wirklich in demſel⸗ ben befinde. Dieſe Nachricht erregte eine Senſation, wie wenn in einer kleinen Stadt ein Prinz von Ge⸗ blit, ein kommandirender General, oder ſonſt ein be⸗ rühmter und ausgezeichneter Mann, ankommt, deſſen Ruf ſich durch das Gerücht„und ſeine tauſend Zungen⸗ bei ſeinem Nebenmenſchen verbreitet, und welcher ſich gleich unſrem Hochſtraßenmann ſchon ſo ausgezeichnet hat, daß er ein Gegenſtand der Bewunderung und Eiferſucht für ſeine Zeitgenoſſen wird. Alles wurde durch dieſe Nachricht aufgeſchreckt. Der Lagerrichter, das Haupt des Gefindels, ſtand von ſeinem Stuhle auf, zog ſeinen Staats⸗Mantel an, ein ſehr altes Kleid von Broeat, welches höchſt wahrſchein⸗ lich dem Mantelſack irgend eines Reiſenden entnom⸗ men worden war, nahm ſeinen Amtsſtab, einen dicken, eichenen Aſt, zur Hand, und machte ſich auf den Weg. Der Ruffler, deſſen Kinn mit einem ſo langen und ſchwarzen Bart, als der Sultan Mahmud's, geziert 74 war, der ſich für prächtig aufgeputzt, und einen durch⸗ aus nicht üblen Burſchen hielt, kam mit dem flinken Hooker aus einer Hütte, welche ſie das Luſt⸗Häuschen nannten, um wo möglich auch einen Blick von dem Fußen der Straßenritter zu erhaſchen. Der lahme Palliard nahm die Binden von ſeinen falſchen Wun⸗ den, ſchulterte ſeine Krücke, und trabte ihnen haſtie nach. Der Whip⸗Jack ſchnallte ſeinen Riemen auf, warf ſein hölzernes Bein weg, und„hüpfte munter wie ein Reh,⸗ der Dumerar, welchem die Algierer die Zunge herausgeſchnitten hatten, konnte dieſelbe plötz⸗ lich wieder gebrauchen, und ſtieß laute Freudentöne aus. Höchſt merkwürdige Wunder bewirkte in der That Dick Turpin's Anweſenheit. Der Lahme bekam lötzlich wieder den Gebrauch ſeiner Glieder, der Blinde ah, der Stumme ſprach. Haufen von ſchuftigen Män⸗ nern, alten und jungen Vetteln, ſchmierigen und ſchwarz⸗ braunen Kindern, in allen Schattirungen dieſes Ge⸗ findels, ſtanden herum. Es waren, um die Worte Brown's zu gebrauchen— Ganz ſichre, wahre, ganz aufricht'ge Bettler, Unzweifelhaft privilegirte Bettler, Liegende, hinkende, aller Art Bettler, Laufende, wandernde, fahrende Bettler. Alle dieſe ſonnverbrannten Burſche ſprangen aus ihren Hütten heraus, jede gelbe Dame, mit ihren braunen, halbnackten Kindern folgte ihnen auf der Ferſe nach, jedes„reife, junge Mädchen mit den glänzenden Au⸗ en,“ verweilte nur noch einen Augenblick, um ihre abenlocken vorher zu glätten, ihren Strohhut aufzu⸗ ſetzen, und überholte dann noch die andern, jedes runz⸗ liche Mütterchen humpelte ſo ſchnell nach, als es ihre ſteifen Gelenke erlaubten; und wie der alte Patriko die Nachzügler erreichte— ſteuerten alle auf ein großes Ziel zu— nämlich einen Blick von dem„größten WMann dieſer ftehlenden Welt⸗ zu erhaſchen. Wie ſich Turpin, auf dem Weg nach ſeinem Pferd — P — — WNNNN — 75 zu ſehen, unter der Thüre zeigte, ſo fand er dieſe zu feinem größten Erſtaunen hart belagert. Ein Freuden⸗ geſchrei des braunen Haufens, auf welches ein allge⸗ meines Händeklatſchen und Beifallrufen erfolgte, wie ſolches oft das Auftreten eines beliebten Schauſpielers begrüßt, bewillkommte den Hochſtraßenmann. Beim erften Anblick dieſes Haufens war er ein wenig ver⸗ blüfft, und griff unwillkührlich nach ſeinen Piſtolen; allein die Ausbrüche der Bewunderung und die Hul⸗ digungen waren zu unzweideutig, als daß man ſie einen Augenblick nur hätte mißverſtehen können; ſeine Hand fuhr aus der Taſche heraus nach dem Hut, um ihn vom Kopfe herunterzuſchnellen. Donnernder Beifall. Das Aeußere Turpin's war, wie wir ſchon früher bemerkt haben, äußerſt einnehmend. Hauptſächlich war dieß der Fall in den Augen des Geſchlechts(des„ſchö⸗ nen⸗ können wir bei dieſer Gelgenheit unmöglich ſa⸗ gen) bei welchem auch nicht eine Stimme gebört wurde, welche etwas an ihm auszuſetzen gehabt hätte. Alle ſtimmten darin überein, daß er ein feines Kerlchen ſei; konnten auf ſeinen Muth ſchon aus ſeinem Benehmen; auf ſeine feine Lebensart aus ſeiner muntern Höflich⸗ keit ſchließen, und ſahen als den größten Beweis ſei⸗ ner männlichen Schönheit den ungeheuern rothen Bart an. Dick bemerkte den Eindruck, welchen er gemacht hatte. Er war augenblicklich wie zu Hauſe. Ein ächter Hochſtraßenmann hat eine wahre Leidenſchaft ſich be⸗ merklich zu machen. Dieſe verläßt ihn ſogar unter dem Galgen nicht; ſie iſt noch mächtiger als der Tod, und hat noch Einfluß auf die Art, wie er baumelt! Einen einzigen Ruf als,„dieß iſt wirklich ein hübſcher Mann,“ zu hören, ſagt eine gewichtige Autorität,„der fehr abſcheuliche⸗ Jack Hall,„verſüßt einigermaßen die ſchrecklichen Gedanken an den Tod, und in einem ſchmutzigen Hemd gehen zu müſſen, wäre hinreichend dem Henker eine Arbeit zu ſparen, und einen Mann 76 in Kummer und Gram deßwegen dahinſterben zu ma⸗ chen, weil er ſich in einem ſo beklagenswerthen Zu⸗ ſtande befinde. Mit einem zierlichen Lächeln der Her⸗ ablaſſung, wie ein Volksredner— mit einem freund⸗ lichen Blick wie O'Connel, und einer Sicherheit wie Guizot, überſchaute er den männlichen Theil der Ver⸗ ſammlung, winkte den hübſcheſten Brünetten, welche er herausfinden konnte, bedeutungsvoll zu, und machte endlich noch mit ſeinen wohlgeſtiefelten Beinen einen e welcher wiederum donnernden Beifall her⸗ vorrief. Vor ihm ſtand der Lagerrichter, Zorvaſter,(ſo wurde er genannt) ein ſtarker, unterſetzter Spitzbube, deſſen große Körperkraft die Urſache ſeiner Erhebung zu ſeiner gegenwärtigen Würde geweſen war.(Ein nicht ſeltener Fall in der Kindheit der Regierungen, und oft von nicht wichtigeren Folgen als bei dieſem geringen Zigeuner.) Zoroaſter focht ſich wörtlich ſei⸗ nen Weg durch, und mußte im Anfange ſeinen Platz durch die Stärke des Arms behaupten; aber jetzt konnte er auf ſeinen ſauer errungenen Lorbeeren ausruhen, „die Friedenspfeife⸗ rauchen, und ſeinen Grog in Ruhe trinken. Für einen Zigeuner hatte er ein ungewöhn⸗ lich heiteres Schnapsgeſicht— ſeine Augen glänzten fröhlich— ſeine Lippen waren feucht, als wie vom häufigen Zechen— ſeine Wangen ſaftig, wie eine Pflaume von Orleans, mit welcher Frucht er über⸗ haupt ſehr viele Aehnlichkeit hatte. Auffallenderweiſe war auch ſein Körper, was man bei dieſer ſchlanken Rage ſelten trifft, ſchwer und plump; was ohne Zwei⸗ fel von ſeiner fortwährenden Unmäßigkeit herrührte. Es lag etwas ſo Poſſierliches in ſeinem Weſen, als er ſich vor Turpin aufpflanzte, und ſeine klinke Hand das Ende ſeines Mantels zuſammenhielt, während die rechte den Knüttel in die Hüfte ſtemmte, daß der Hoch⸗ ſtraßenmann hiedurch höchlichft ergözt wurde. Turpins Aufmerkfamkeit richtete ſich jedoch haupt⸗ ⸗ u⸗ T⸗ ie ſächlich auf ſeinen Nachbar, den Ruffler, in welchem er einen bekannten Betrüger erkannte, mit deſſen Geſchichte er hinlänglich vertraut war, um keinen Augenblick über ſeine Perſönlichkeit im Zweifel ſein zu können. Wir haben vorhin geſagt, daß ein prächtiger, kohlſchwarzer Bart das Kinn dieſes ſonderbaren Menſchen zierte; allein dieß war noch nicht alles— ſein Anzug ſtand in vollkommenem Einklang mit ſeinem Bart, und be⸗ ſtand aus einer ſehr theatraliſchen Tunika, auf deren Bruſttheil ein Maltheſer⸗Kreuz in Gold geſtickt ſich zeigte, während über ſeinen Schultern in reichen Falten ein tyriſcher Mantel hing. An ſeiner Seite baumelte ein langer und ſchwerer Degen, welchen er in ſeiner ritterlichen Sprache Epcalibur nannte, und auf ſeinem reichen Haare ruhte ein ſo breitränderiger Hut, als ein ſpaniſcher Sambrero. So auffallend dieſe Schilderung unſern Leſern auch vorkommen mag, ſo können wir ſie doch ver⸗ fichern, daß ſie nicht übertrieben iſt und daß ein Ge⸗ genſtück zu der Skizze, welche wir von dem Ruffler gaben,„zu ſeiner Zeit“ auf dem Theater des menſch⸗ lichen Lebens einherſtolzirte, ſo wie, daß die ſehr alte und vorſichtige Stadt Canterbury(welcher alle mög⸗ liche Ehre erwieſen ſei) der Schauplatz ſeiner Thaten war. Seine Geſchichte iſt ſo merkwürdig daß ſie kla⸗ rer als tauſend Abhandlungen beweist, wie ſchnell wir uns durch das Aeußere täuſchen laſſen, und wie leicht wir durch offenbare Betrüger gefoppt werden. Man erinnere ſich übrigens, daß wir von dem achtzehnten Jahrhundert ſprechen, ehe die Aufklärung ihren Lauf begonnen hatte: denn wir fiod jetzt zu wohl unterrich⸗ tet, als daß in dieſen erleuchteten Zeiten noch ein ähn⸗ licher Spuck vorkommen könnte. Doch wir wollen den Maltheſer⸗Ritter, denn dieſen Titel hatte der Ruffler ſich beigelegt, ſpäter ſeine Geſchichte ſelbſt erzählen laſſen, und uns mit der Moral begnügen, welche wir bereits aus derſelben gezogen haben. 78 Zunächſt bei vem Maltheſer⸗Ritter ſtand der Whip⸗ Jack in Matroſen⸗Tracht mit geftreiftem Hemd und ſchmutzigen, leinenen Pumphoſen. An dieſen reihte ſich der Palliard an, ein eckelhafter Schuft, deſſen Kleidung aus lauter Fetzen beſtand, und deſſen ſchmutzige Haut mit einer Menge künftlicher Geſchwüre und Beulen bedeckt war. Als Turpin's Auge ſo von einer dieſer Geſtalten zur andern ſchweifte, ſiel es zufälligerweiſe auf ein Individuum, welches ſchon lange ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen geſucht hatte. Dieſe Perſon ſtand ganz im Hintergrund. Alles was Dick an derſelben unterſcheiden konnte, war ein braunes Ringelhaar, nach der neuſten Mode gelockt, und ein hübſches, un- verſchämtes, ſonnenſproßiges Geſicht, in welchem das eine Auge geſchloſſen war, während dem andern der abgebrochene Hals einer Flaſche vorgehalten wurde, womit ſie ihn, wie durch eine Lorgnette anſah. Ein Hut war auf eine ſehr ſtutzermäßige Art unter den Arm geklemmt, und die Hand hielt einen ſchwarzen Stock von Ebenholz, ganz nach Art der franzöſfiſchen „Faſſtonable⸗ vom Jahr 1836. Ein Blick reichte für Turpin hin. Er erkannte in dieſer ſeltenen Perſon einen Bekannten. Zerry Juniper war vas, was der klaſſiſche Große als einen„Gentleman mit drei Ohne⸗*) bezeichnen würde; und obgleich er nicht ganz ohne Witz, noch, wie ſeine Verbündeten verſicherten, ohne Geld, und nach ſei⸗ ner eigenen Meinung, wenn man nach dieſer gefragt hätte, auch nicht ohne Lebensart warz ſo hatte er dochganz gewiß keine Schuhe, keine Strümpfe und kein Hemd. Der Mangel an letzterem wurde durch eine ungeheuer hohe Halsbinde erſetzt, an welcher verhältnißmäßig eben ſo breite Krägen ümgeſchlagen waren. Ein dünnes Paar *) Nämlich ein Gentleman: without wit, vithont money and vit- hont mannees; ohne Witz, ohne Geld, und ohne Lebensart. Der Uebprſ. — e ec — 79 gelber ziemlich abgetragener Inerpreſſibles; eine reich geſtickte Weſte von Silber⸗Brocat, welche aber etwas den Glanz verloren hatte, und ins Schwärzliche hin⸗ überſpielte, und ein dunkelbrauner, ziemlich abgeſcha⸗ bener Sammt⸗Rock vollendete den Anzug dieſes bet⸗ telnden Stuzers! Jerry Juniper war ein in jener Zeit wohlbekaun⸗ ter Charakter, als ein beſtändiger Beſucher aller Wett⸗ rennen, Jahrmärkte, Schifferſtechen, Stierhetzen, und Preis⸗Kämpfe, wobei er eine Schnelligkeit der Bewe⸗ gung entwickelte,(damit er kein ſolches Schauſpiel verſäume) welche nicht weniger merkwürdig war, als vie Dick Turpin's. Man konnte ihm in Epſom, in Ascot, in Newmarket, in Doncaster, Cheſter, und dem Curragh von Kildare begegnen. Er war ſowohl bei der entfernteſten als nächſten derartigen Verſammlung. Der Hahnenkampfplatz war ſein beſtändger Aufent⸗ halt, und in mehr als einem Sinne war er ein Bein. Kein Opern⸗Tänzer konnte beweglicher, flüchtiger, ja kaum graziöſer ſein, als Jerry mit ſeinen unbeſchuhten und ſtrumpfloſen Füßen; und die Art, mit welcher er eine Pirouette oder einen Pas vor einer Reihe von Woga ausführte, verfehlte ſelten,„ihm die goldene Anerkennung aller Arten von Damen“ zu verſchaffen. Man muß geſtehen, daß Jerry bei den Damen ſich oft viele Freiheit herausnahm; aber ohne Zweifel ſtanden die Damen eben auch auf zu gutem Fuße mit Jerrp; und wenn eine muntere Schöne ſich herabließ mit ihm zu ſcherzen, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß er hie und da die Grenzen des Anſtandes verletzte. Solche Vertrrungen waren übrigens reine Tändeleien; im Allgemeinen war er ſo bekannt, und kannte auch er wieder Jedermann ſo genau, daß er ſich ſelten ver⸗ ging; ja, er konnte bei Gelegenheit ſogar ernſthaft ſein. Zu ſeinen übrigen Vorzügen kam noch, daß Riemand beſſer ſcherzte, Niemand ein luſtiges Liev beſſer trillerte, als Jerry. Kurz ſeine Eigenheiten 80⁰ waren alle angenehmer Art, und er demnach auch der Liebling aller. 33 Jerry ſah nicht ſo bald, daß er bemerkt worden war, als er, dem Hochſtraßenmann nach Art eines Petit-maftre mit der Hand einen Kuß zuwerfend, durch die Menge ſich durchzudrängen verſuchte. Alle ſeine Verſuche waren jedoch fruchtlos; und ſeiner Lage mit⸗ ten im Gedränge müde, welche überdieß, wie er meinte, ſich mit ſeiner Wichtigkeit ſo wenig vertrug, nahm er zu einem, von Hanswurſten und im wirklichen Leben ſchon oft mit Erfolg angewendeten Mittel, ſeine Zu⸗ flucht. Er rannte einige Schritte zurück, um ſich einen 6 Schwung zu geben, nahm ſodann einen Anl f, und ſchwang ſich, ſeine Hände auf die Schultern ei s ſtäm⸗ migen Vagabunden, der ihm nahe ſtand, ſtützend, auf den breiten Rücken eines Zigeuners, welcher ſo ein⸗ geklemmt in der Mitte war, daß er ſich nicht rühren konnte, um dem Stoß auszuweichen; von wo aus er dann ohne Aufenthalt weiter voltigirte, und vor dem Geſichte Zorvaſters, unmittelbar an dem Hochſtraßen⸗ mann leicht auf den Boden⸗ ſprang. Dick lachte un⸗ mäßig über Jerry's Manveuvre. Er drückte ſeinem alten Gefährten herzlich die Hand, indem er ihm zu⸗ ſtüſterte,„Was der Teufel bringt Dich hierher Jerry?“ 13„Ich möchte Ihnen dieſe Frage zurückgeben, Ca⸗ pitän Turpin,“ erwiderte Zerrh sotto voce.„Es iſt 1 auffallend mich hier zu ſehen, ganz gewiß— ganz aus 5 4 meinem Element, ganz verloren unter dieſer Canaille, dieſem Gauner⸗Geſindel, alles der Fehler eines Paars Zigeuner⸗Augen, glänzend wie ein Diamant, ſchwarz» wie eine Schlehe. Sie verſtehen, ein kleines Geſchäft, ha! Man iſt ſolchen Sachen ausgeſetzt. Näher heran mit Ihrem Ohre, mein Junge, ſeid auf Eurer Hut, ſeht Euch ſcharf um nach Außen, ich möchte nicht für alle dieſe Schurken einſtehen.“ „Ich danke Ihnen für den Wink, Jerry, derte Dick in dem nämlichen Tone.„Ich erwog alles i. en es rch it⸗ l⸗ ⸗ wohl, ehe ich hierherging. Allein wenn ich irgend ein Zeichen von einer Hinterliſt— irgend einen Verſuch mir auf den Hals zu kommen enidecken ſollte— ſo habe ich einige Freunde bei der Hand, welche bei die⸗ ſer Gelegenheit nicht ſchweigen würden. Sein Sie verſichert, daß ich ein Auge auf dieſe knurrigen Schur⸗ ken habe— ich werde nicht umſonſt verkauft werden.“ „Machen Sie ſich hierauf gefaßt, entgegnete Jerry mit einem Winke.„Halt,“ fügte er bei;„ich habe da einen Gedanken— ich habe eine Liſt in petto, welche Ihnen vielleicht Spaß macht, und Ihre Sicher⸗ heit während Ihres Hierſeins jedenfalls verbürgt.“ „Was für eine?“ fragte Turpin. „Liebäugeln Sie einige Augenblicke mit dieſem hübſchen Mädchen, welche ſchon fünf Minuten lang Sie ohne Erfolg anſtarrt, während ich einen Meiſter⸗ ſtreich ausführe.“ Und als Turpin nicht ungerne dem Rath Jerrys folgte, wendete dieſer ſich an Zorvaſter. Nach einer kurzen Unterhaltung mit dieſer würdigen Perſon und dem Maltheſer⸗Ritter ging dieſes Trio auf Dick zu, welchen ſodann Jerry, die Stellung ernſter Würde annehmend, folgendermaßen anredete. Turpin hörte ihn mit dem Ernſte einer jener ausgezeichneten Per⸗ ſonen, von welchen wir am Anfange dieſes Kapitels geſprochen haben, als dieſe das Bürgerrecht einer Stadt aus den Händen des Mayor und der Corpo⸗ ration empfing, an. So ſprach Jerry: „Höchſter aller Hoch⸗Loby⸗Männer! Vortrefflich⸗ ſter aller vortrefflichen Straßenräuber und unſtäteſter aller Vagabunden! Im Namen der Barbara Lovel, unſerer höchſt braunen Königin— im Namen Zorva⸗ ſters, unſers Lagerrichters, Dimber Damber, oder Olli Campolli, durch alle, welche Namen Seine Excellenz ausgezeichnet werden— in unſerer aller Namen als Wegelagerer und Diebe, Rum Gills und Queer Gills, Patricvs, Palliards, Priggers, Whip Jacks und Jark⸗ Rookwood H. 6 81 8² herunter, bieten wir Ihnen, in dankbarſter Anerken⸗ nung der Ehre, welche ſie uns dadurch erwieſen, daß Sie die Abtei Ihres Beſuchs gewürdigt, und im Be⸗ wußtſein, daß wir Ihre Herablaſſung auf keine andere 3 Weiſe beſſer belohnen können, das Bürgerrecht unſers Lagers, ſo wie auch die Würde eines Lagerrichters an, welche, wie Sie erſehen werden, nicht gering iſt, und ernennen Sie zum Ehren⸗Miiglied des Vagabun⸗ den⸗Clubbs, welchen wir erſt kürzlich errichtet haben. Indem wir dieß thun, drücken wir nur ſchwach die Gefühle der Dankbarkeit und des Stolzes aus, welche men,*) von dem Erzſchelmen bis zum armen Schlucker uns erfüllen, indem wir unter unſere Mitglieder einen Mann aufnehmen, welcher den Ruhm der Räuberei ſo weit hin über das Land verbreitet, und auf den Hochſtraßen Englands einen Staub erregt hat, mit welchem er die Bewohner ſo wirkſam blendete— einen Mann welcher ſchon an ſich eine Legivn von— Hoch⸗ ſtraßenmännern iſt! Indem wir mit reſpektvollſter Ehrerbietung auf die Einwilligung Kapitän Turpins hoffen, bitten wir noch ein Mal um Annahme des La⸗ gerbürgerrechts.“ „In der That, meine Herrn,“ ſagte Turpin, wel⸗ cher den Zweck dieſer Anrede nicht ganz begriff;„Sie * 1 thun mir viel Ehre an. Ich weiß gar nicht, wodurch ich eine ſolche Aufmerkſamkeit von Ihrer Seite ver⸗ dient haben kann; und ich fühle mich in der That ſo unwürdig—“ hier erhielt Dick einen ausdrucksvollen Wink von Juniper, ünd hielt es daher für räthlich, ſeine Worte zu ändern.„Könnte ich mich einer ſol⸗ chen Auszeichnung für würdig erachten,“ fuhr der be⸗ ſcheidene Sprecher fort,„ſo würde ich Ihr ſo ehrendes Anerbieten ſogleich annehmen— allein—“ „Keiner iſt ſo würdig,“ ſagte der Lagerrichter. * Lauter Bezeichnungen für Diebsgeſindel. Der Ueb. 83 Mag von einem Abſchlagen etwas hören, ſagie der Maltheſer⸗Ritter. „Abſchlagen— dieß iſt unmöglichl“ widerholte Juniper. „Nein, nicht abſchlagen,“ rief ein Chor von Stimmen aus.„Dick Turpin muß einer der unſrigen werden. Er ſoll unſer Dimber Damber ſein.“ „Gut, meine Herren; da Sie darauf beharren, erwiderte Turpin,„ſo möge es ſo ſein. Ich will Ihr Dimber Damber ſein.“ „Bravo! bravo, rief das Gefindel von„Nicht⸗ Gentleman.“ „Bei St. Thomas à Becket, ſagte der Malthe⸗ ſer⸗Ritter, Excalibur ſchwingend,„wir werden ein ſo ſchönes Schauſpiel haben, als ich ſelbſt einſt den Herrn von Canterbury bereitete.“ Ein lautes Lärmen tönte nun in die Luft, und gleich darauf hörte man das Kratzen einer alten Fidel, welches von dem dumpfen Tone einer Trommel be⸗ gleitet war. Einige Zigeuner näherten ſich dem Dick Turpin, und ſetzten ihn auf ihre Schultern. Auf dieſe Art wurde er nach dem Mittelpunkt des Platzes ge⸗ bracht, wo die lange, eichene Tafel, welche einſt die Erfriſchungen der Franziskaner getragen hatte, jetzt die Bühne machte, auf welcher die Feierlichkeit vor ſich ging. Auf dieſe Tafel wurden drei Trommeln geſiellt, und Turpin gebeten, ſich auf die mittlere derſelben zu ſetzen. Ein feierliches Vorſpiel, noch überirdiſcher als der dritte Akt im Freiſchütz, wurde von dem Or⸗ cheſter der Bande geſpielt, und von dem Paganini des Flatzes dirigirt, welcher ſeinem Inſtrumente die merk⸗ würdigſten Töne enilockte. Ein Paar Schalmeien ga⸗ ben Grabestöne von ſich, während das dumpfe Rollen der Trommel hie und da an das Ohr ſchlug. Der Effekt war bezaubernd. Während dieſer Ouvertüre hatten der Patriko und der die 84 Redner⸗Bühne beſtiegen, indem der erſtere ſich rechts, der zweite aber links von Turpin niederſetzte. Unter ihnen ſtand der Maltheſer⸗Ritter, den in der Sonne funkelnden Excalibur in der Hand haltend. Im Gan⸗ zen gefiel dem Dick das Schauſpiel und die Neuheit ſeiner gegenwärtigen Lage. Rund um den Tiſch ſah man eine kompakte Maſſe von Köpfen; ſo kompakt, daß ſie nur einen einzigen Schädel auszumachen ſchie⸗ nen— einen Argus, welcher alle ſeine Augen auf den Hochſtraßenmann gerichtet hatte. Die Scene war ganz lieblich. Es war ein hei⸗ terer Morgen. Die durch den Sturm der letzten Nacht erfriſchte und gereinigte Luft wirkte wie Balſam auf die Nerven und die Organe des Räubers. Die wal⸗ digen Hügel flimmerten im Lichte— der ſchnell dahin⸗ fließende Bach durchſchnitt die grüne Fläche, gleich einer ſich ringelnden Schlange im Sonnenſcheine ſchim⸗ mernd— ſein„ruhiger Geſang⸗ verlor ſich in der wilden Harmonie der Bande, wie auch das Zwitſchern Tauſender von muntern Vögeln— die Felſen ſtanden entweder im hellſten Sonnenlicht, oder im tiefſten Schatten— die Schatten der Pfeiler und Bögen der alten Mauern von der Priorei wurden weithin gewor⸗ fen, während ſich die roſenartigen Verzweigungen des prächtigen, runden Fenſters, wie mit einem Pinſel auf dem grünen Raſen abbildeten. Die Ouvertüre war vorüber. Mit der äußern Erſcheinung der hauptſächlichſten Perſonen in dieſem ſeltſamen Gemälde iſt der Leſer bereits bekannt. Es bleibt jetzt nur noch übrig, ihm einen Begriff von dem Patriko zu geben. Man denke ſich einen alten Gais⸗ bock, auf den hintern Füßen aufgerichtet, in weiße Lein⸗ wand gekleidet, die ſich um ſeine Glieder gleich einer Toga in Falten legt, und man hat das leibhaftige Bild Balthaſars, des Patriko. Dieſe Aehnlichkeit mit dem obenerwähnten Thiere wurde durch ſeine breite, hängende, gaisbockähnliche Unterlippe, ſeinen langen —— * 6 er ge it te, en 8⁵ weißen Bart, und einer Art Kappe, welche mit einem Paar Hörner geziert war, wie wir ſie in Michel An⸗ gelo's Bild von Moſes finden, noch erhöht. Baltha⸗ far war übrigens, als Patriko des Stammes, deſſen erſter Profeſſor der Wahrſagerkunſt und der langjäh⸗ rige und treue Miniſter der Barbara Lovel, durch deren geheimen Unterricht er auch, wie behauptet wurde, die meiſten ſeiner magiſchen Künſte erlernt hatte. Eine Brille auf ſeine weiſſagende Naſe⸗ ſetzend, und ein Pergament aufrollend, auf welchem ſonderbare Charaktere Lerzeichnet waren, begann Balthaſar, ſich hn Turpin wendend, in feierlichem Tone folgender⸗ maßen: Der Du willſt uns Bruder ſein, Sprich, wie ſchreiben wir Dich ein? Gib uns Deinen Namen, Mann⸗ Eh' Du Dich uns ſchließeſt an⸗ Ich ſehe zwar keinen Grund ein, warum ich mei⸗ nen Namen ändern ſollte,“ erwiderte der Novize;„da übrigens ſogar die Päbſte bei ihrer Erhebung andere Namen annehmen, ſo kann auch ein Vagabund keinen Anſtoß daran nehmen, einem ſo berühmten Beiſpiele b ige So nennt mich alſo künftig den Nacht⸗ alken.“ F „Den Nacht⸗Falken— gut⸗ erwiderte der Prie⸗ ſter, den Namen auf das Pergament ſchreibend.⸗ Knieen Sie nieder,“ fuhr er fort. Nach einigem Zaudern willfahrte Turpin. „Sie müſſen den„Salomo“, oder Glaubens⸗Eid ſo widerholen, wie ich ihn vorſage, ſagte der Pa⸗ triko; und nachdem Turpin durch ein Nicken ſeine Ein⸗ willigung hiezu gegeben hatte, ſprach Balthaſar fol⸗ genden Schwur: Eid der Horde. Treue bis zur letzten Stund⸗ Schwör ich dieſem Brüder⸗Bund; 86 Seinen Regeln und Geſetzen Will ich mich nicht widerſetzen; Schweigſam ſein zu jeder Zeit Und nicht führen Zank und Streit; Will die über uns regieren Stets gehorſam reſpektiren, König oder Königin Ehren mit getreuem Sinn, Ihre Sache nur verfechten So im Unrecht wie im Rechten, Ihnen meinen Dienſt nur weih'n Und ſtets treu dem Bruder ſein; Will in nah' und fernen Zeiten Für ihr gutes Recht ſtets ſtreiten, Will nicht dulden die Geſellen, Die demſelben unterſtellen: Bettler, Strolche und von andrer Art Geſindel, Fiſche⸗Wandrer, Angler, Gaukler, Taſchenfeger, Gänſediebe Pferde⸗Jäger, Schlucker, Wickler, Keſſelflicker, Wegelagerer, Laurer, Knicker, Burſche, die von Schiffbruch lügen, 136 6 Und das Mitleid ſo betrügen; 33 Drauf den Stummen ſpielen wieder, 1 Zollaufpaſſer hoch und nieder; 14 Zitherſchläger, Bänkelſänger, Aller Arten Müſſiggänger: 14 Keinen laß ich bei mir bleiben, 13 Will ſie alle von mir treiben. 138 Das ſchwör' ich mit feſtem Ton, 11 So mir helfe Salomon. 14„So helfe mir Salomo!“ wiverholte Turpin mit 1 Nachdruck. 1„Zorvaſter,“ ſagte der Patriko zum Lagerrichter, 3„thue Du jetzt, was Deines Amtes iſt.⸗ nit er. 87 Boroaſter gehorchte; er nahm Eralibur aus den Händen des Maltheſer⸗Ritters, gab dem knieenden Hochſtraßenmann mit der Klinge deſſelben einen feſten auf die Schultern und half ihm ſodann auf⸗ ehen. Die Einweihung war geſchehen. „Gut,“ rief Dick aus;»ich bin froh, daß alles Lorbei iſt. Mein Bein iſt etwas ſteif— ich bin nicht an das Knieen gewöhnt— ich muß es heraustanzen,“ und ſomit begann er auf dem Tiſch herumzuhüpfen. „Ich will Euch etwas ſagen,“ fuhr er fort,„hochwür⸗ digſter Patriko; Euer„Salomo“ iſt verdammt lang — ich konnte kaum alles faſſen, und es ſoll mich ſehr Wunder nehmen, wenn er mir keine Beſchwerden macht. Was Euch betrifft, weiſer Zory, ſo ſollte man glauben, nach der Geſchicklichkeit, mit welcher Ihr das Schwert ſchwingt, zu ſchließen, daß Ihr ſchon bei Hof funktionirt hättet; Seine Majeſtät hätte es kaum beſſer machen können, wenn er irgend einen feisten Alder⸗ mann auf die Schulter ſchlägt, und ihn bittet als Sir Richard ſich zu erheben. Und nun, meine Jungen,“ fügte er ſich rund umſehend bei;„da ich jetzt zu euch gehöre ſo wollen wir auch noch zuſammen luſtig ſein. ehe ich von hier weggehe, denn ich glaube nicht, daß mein Aufenthalt im Lande Egypten von langer Dauer ſein wird. Dieſe Aufforderung Turpins ſtimmte ſo ſehr mit dem Wunſche der Geſellſchaft überein, daß ſie allge⸗ meine Zuſtimmung erlangte, und auf den Wink Zo⸗ roaſters einige Anweſende ſich ſogleich entfernten, um die nöthigen Vorbereitungen zum Mahle zu treffen. Zoroaſter ſprang von der Tafel herunter; ihm folgte Turpin, und etwas gemächlicher der Patriko. Es war zwar noch ziemlich früh zu einem Zech⸗ elage, allein das Gefindel war hierin nicht zu ängſt⸗ ich. Stühle wurden herbeigeholt, und das Klingen der Gläſer zeigte den Anfang der Präliminarien des 88 frühzeitigen Schmauſes an. Bänke und Stühle er⸗ ſchienen mit gleicher Schnelligkeit und das Innere des Zeltes hatte bald das Anſehen einer Jahrmarkts⸗ Bude. Ein Fäßchen Branntwein wurde herbeigebracht, und die Geſundheit des neuen Bruders aus vollen Gläſern getrunken. Der Hochſtraßenmann gab ſie dankend zurück. Zo⸗ roaſter präſidirte; der Maltheſer⸗Ritter machte den Mundſchenk. Ein zweiter Toaſt wurde ausgebracht— für die Zigeuner⸗Königin. Sie wurde mit gleichem Enthuſiasmus und mit der nämlichen Schnaps⸗Quan⸗ tität getrunken; da man übrigens ſo volle Gläſer Schnaps nicht ungeſtraft trinkt, ſo wurde es dem Prä⸗ fidenten klar, daß ſich die Toafie nicht ſo ſchnell fol⸗ gen dürfen. Um alſo eine Abwechslung zu haben, rief er zum Singen auf. Die zarten Töne der Fidel nun durch den Lärmen, und als Antwort auf den Aufruf ſang Jerry Juniper folgendes. Das Lied Jerrx Juniper's. Saepe patris similis filius esse solet. f In'ner Celle von Newgate ward ich geboren,. 1 Den Mann hat die Muiter am Galgen verloren, Faucht weg! Und mein Vater wie man mir geſagt, Faucht weg! War ein Tanzmeiſter, der ungefragt 1 Den letzten Tanz mit Beifall gewagt. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht wegl 131 2. ½ Der den letzten Tanz mit Beifall gewagt 1 Nach dem Takt einer Muſik, die ihm 4 . au nicht behagt; tweg! . *—— 8 v—— 89 Die Diebe im Kerker erzogen mich, Und belehrten mich ſo prächtiglich, Daß am Ende der Gelehrteſte ich. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht weg! 3. Daß am Ende der Gelehrteſte ich; Es übertraf kein Gauner mich, Faucht weg! Zu Tüchern und Ringen den Weg ich bald fand . Faucht weg! Auch Doſen trug ich in Eile zum Pfand Kein Beutelſchneider hatt''ne ſo geſchmeidige Hand. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht weg! Kein Beutelſchneider hatt''ne ſo geſchmeidige Hand, Den Weg ich ſtets zu den Taſchen fand. Faucht weg! Keine Seitentaſche hielt mich auf, Faucht weg! Die Taſchentücher ſtahl ich zu Hauf, Und nahm nach Swellſtreet dann meinen Lauf. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht weg! 5. Dann nahm ich nach Swellſtreet meinen Lauf, Und putzte mich da gewaltig auf, Faucht weg! Ich dachte, daß mein Gras ich hieb, Faucht weg! So lange der Mond am Himmel blieb, Nie ſah man ſolchen geleckten Dieb. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht weg! Faucht weg! 90 6.* Nie ſah man ſolchen geleckten Dieb, Mein Haar in ſchönſten Locken blieh; Faucht weg! Die Finger zierte manch ſchöner Ring Faucht weg! Von goldner Uhr gleiche Kette hing, Stets mit der feinſten Wäſche ich ging. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht weg! Stets mit der feinſten Wäſche ich ging. Die falſchen Banknoten manch Wechſelmann fing. Faucht weg! Allein mein Liebchen hatte zuletzt, Faucht weg! Mich bei der Polizei verhetzt, So daß ich ward ſchnell feſtgeſetzt. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht weg 8 So ward ich endlich feſigeſetzt Und beim Transporte nicht der letzt'. Faucht weg! Da brach ich die Feſſeln mit ſtarkem Schlag, Faucht weg! Verſchaffte dem Schließer'nen Feiertag, Und bin nun ſo frei hier, wie Einer ſein mag. Nichts, nichts, meine Burſchen, faucht weg! Großes Gelächter und Beifallsklatſchen belohnte Jerrys Verſuch ſich angenehm zu machen; und obgleich die Bedeutung des Geſangs ſogar mit Hülfe der zahl⸗ reichen Anmerkungen nicht ganz klar ſein wird, ſo können wir unſere Leſer dennoch verſichern, daß das Gauner⸗Gefindel ihn vollkommen gut verſtand. ₰ ( 91 Zoroaſter nahm nun die Pfeife aus dem Munde, um feine Abſicht zum Ausbringen eines Toaſts anzu⸗ deuten. Auf ein tobendes Stampfen mit den Abſätzen folgte ein tiefes Stillſchweigen. Der Feueranbeter ſprach; „Die Stadt Canterbury,“ meine Jungen;„und möge es ihr nie an Maltheſer⸗Rittern fehlen.⸗ Der Toaſt wurde unter vielfachem Gelächter und ſtarkem Trappen getrunken. Der Ritter, auf welchen ſich aller Augen gerichiet atr ſtand„langſam und majeſtätiſch« auf, um zu danken. „Ich bin Euch unendlich verbunden, meine Brü⸗ der, fagte er, rund um die Geſellſchaft überblickend; fodann ſich gegen den Präſidenten verbeugend;„aber hauptſächlich Ihnen, hochverehrteſter Richter Zory, we⸗ gen der Ehre, meinen Namen mit der ehrwürdigen Stadt Canterbury in Verbindung zu bringen. Glau⸗ ben Sie mir, daß ich das Compliment wohl zu ſchätzen weiß, und daß es im Grund meiner Seele nachklingt. Es wird nie an einem Maltheſer⸗Ritter fehlen, wie ich hoffe. Als Erwiderung auf Ihre Artigkeit ſollen Sie ein Lied haben— zwar nur ein ſchlechtes, wie Sie 8en werden, welches ich aber bei Gelegenheit meinet Pilgerfahrt in jene Stadt machte, und nach mir zu nennen für gut befunden habe.“ Der Maltheſer-Ritter. Eine Erzählung von Canterbury. 1 sonnt, pört nir zut 30 ſchildre euch, nicht ſol⸗ ernd und nicht räuſpernd, Eine beß're Fahrt nach“ y, als die des alten 8; 92 Hört einen Streich, den ich' ſpielt der guten Stadt, er alten Ich boff das Angedenken d'ran wird ewig fich erhalten. Mit meinem Bart purpurrothem an Mit Reiſeſtiefeln und dem Hut mit breitem Rande. Heiſa, für den Ritter von Malta! Um auszuführen meinen Plan, das müßt zuerſt ihr wiſſen, Sir's! Ließ wachſen ich das Haar, den Bart und Schnurbart wohl befliſſen, Sir's, That einen rothen Mantel um, hing mir ein Schwert zur Seite, Sir's, Beſtieg alsdann ein ſchwarzes Roß, d'rauf ich zur Stadt hinreite, Sir's, Mit meinem Bart kohlſchwarz u. ſ. w. 3. Zwei Pagen ritten neben niref auf hübſchen, kleinen In Scharlach⸗Uniform e dezte Nett'res gab's Erden; Mein Roß war ſtattlich aufgeputzt, entſprechend mei⸗ nem Stande, Und meinen Lockenkopf bedeckt ein Hut mit breitem ande. Mit meinem Bart kohlſchwarz u. ſ. w. 4. Von allen Seiten kam das den haav'gen Mann u ſehen Denn in ganz Lun bhtetei nie ge⸗ en; Mein wallend. Bart, mein Pferd, . n Sir's! 93 Ward die Ritterzeit kehr' wieder, Alles wähnte, Sir's! Mit meinem Bart kohlſchwarz u. ſ. w. 5. Ich ſchwatzt' dem Volk ein Mährchen vor, ſo eitel wie ein Flitter, Da ſehen wirklich ſie in mir von Malta, einen Ritter; Schwor, daß ich Tom von Heßet l⸗ der Märtyrer ſo heil Und köderte das Volk damit— ich glaubte kaum es eilig Mit meinem Bart thlſchwarz u. ſ. w. 6. Ich ritt herum, ſprach hin un e zum Beſten hatt' Betrog die Wirthe und beht den Magiſtrat mit eden; Das Volk wie zum Luppſi den Wundermann zu preiſen, Und weiſer als von Gotham wäre, von Canterb'rp die Weiſen. Mit meinem Bart kohlſchwarz u. ſ. w. 6 Zuerſt auf das Theater tret' ich dann und ſprech zur Menge, Sir's! Da von Einſchränkung und Jeein, die Breite und die Länge, Sir's, Von Taxen und von Zehnten i nebenher mit Feuer Und aufzuheben gleich geſchickt von Malz, wußt' ich die Steuer, Sir's. Mit wineſ Bart kohlſchwarz u. ſ. w. Dann tret' ich auf als die Stadt reprä⸗ ſentiren 94 Wollt' ich, und zu mein Durchfall beim otiren; Denn ſicher war der Beſte ich, den ie gefunden hätten, Um Witz und Weisheit gehörig zu ver⸗ reten. Mit meinem Bart kohlſchwarz u. ſ. w. 9 Als Schmuggler man verhört' hernach, war nicht ſo klug mein Rühren, Denn auf der Bank die Richter that ich eigentlich an⸗ führen. Ich ſchwur, daß Fäſſer ich geſehn, obgleich es klar wie Sterne, Sir's, Daß zu derſelben Zeit ich juſt an fünfzig Meilen ferne, Sir's! Mit meinem Bart kohlſchwarz u. ſ. w. 10. Die Lüge war drum doch zu ſtark, das muß ich ſelbſt bekennen, Des Meineids angeklagt müßt' ich raſch von dem Platz mich trennen; Und ſo durch dieſen Mißgriff ging mein Glück ſchnell in die Splitter, Sir's, Bekreuzt auf dieſe Weiſe floh jetzt der Maltheſer⸗ Ritter, Sir's! Mit ſeinem Bart kohlſchwarz, mit pur⸗ purrothem Mantel, Mit Reiſeſtiefeln und dem Hut mit brei⸗ tem Rande, Lebewohl! dem Ritter von Malta: Der Ritter ſetzte ſich unter dem allgemeinen Bei⸗ fallsklatſchen der Geſellſchaft. Die Verſammlung hatte ſich indeß durch die An⸗ kunft des Todtengräbers und Lukas' vermehrt. Der ⸗ ſo ⸗ n 95 Letztere, welcher keine Luſt hatte an der Schmauſere Theil zu nehmen, lehnte die Bitte ſeines Großvaters, welcher ihn zum Eintreten bewegen wollte, ab, und blieb mit gefalteten Armen unter der Thüre ſtehen, indem er ſeine Augen feſt auf Turpin heſtete, deſſen Bewegungen er durch die Oeffnung in der Leinwand bemerken konnte. Der Todtengräber ging auf Dick zu, welcher den Ehrenplatz inne hatte, klopfte ihn auf die Schulter, und wünſchte ihm Glück zu der ange⸗ nehmen Lage, in welcher er ihn fand. „Ha! ha! ſeid Ihr da, Ihr alter Todtenkopf auf einem Bohnenſtecken?“ ſagte Turpin lachend.„Krächzt uns ein Liedchen, mein vorſündfluthlicher Spitzbube; indeſſen ſtopfen Sie mir eine Pfeife Jerry; und wenn das, was ſie da brauen, eine Schüſſel voll Magen⸗ ſafts iſt, Sir William,“ fügte er, ſich an den Mal⸗ theſerritter wendend bei,„ſo können Sie mir einen S voll davon, wenn's Ihnen gefällt, zukommen aſſen.“ Jerry gab demgemäß dem Hochſtraßenmann eine Pfeife, und ein volles Glas von dem Getränk, welches der Ritter zubereitet hatte. Während die große Schüſſel nun bei der Geſell⸗ ſchaft die Runde machte, verkündigte ein Vorſpiel von den Schalmeien, daß Peter zum Singen bereit ſei. Nachdem die Symphonie beendigt war, begann Peter, an einzelnen Stellen von einem dieſer Inſtru⸗ mente begleitet, ſein Lied in einem ſolch' hohen Tone, voß der Schalmeienbläſer auch mit der größten An⸗ ſtrengung ſeine Höhe nicht erreichen konnte. Der Ge⸗ genſtand ſeines Geſanges war— Der Alraun. Unter'm Galgenbaum wächſt der Alraun, Und wild und grün iſt ſein Blatt zu ſchau'n: So wild und grün wie das Gras, das ſprießt, 1 Wo feuchter Thau auf Gräber ſich gießt. Und ob es rundum auch öde ſei, Blüht doch die Mandragora dort frei. 1 Marautha! Anathemal Graus iſt der Fluch der Mandragoka. Euthanafia! M. Am Galgen nah' der Alraun entſpringt, Da wo der Leichnam klappernd ſich ſchwingt;* Der Eine wähnt, daß aus deſſen Fett, Das zur Erde träufelt, er entſteht; ſ Der Andre in ihm ein menſchlich Bild,* Ja, wie die Vorſtellung ihn erfüllt. t Marantha u. ſ. w. LI. Ein Tovtenbein⸗Laub der Alraun hat, Wie Todtenbein hängt die Frucht am Blatt; Doch kein ander Kraut hat ſolche Kraft,. 7 Und kein Gewächs ſolche Eigenſchaft; 42 Wolfswurz, Nachtſchatten und Schierting verleihn, Kein ſolches Gift, ſo beißend und fein. 6 Marantha u. ſ. w. MW, Und ob der Alraun nun auch eniſtand, 3 Daß mit der Blüthe ſich Fleiſch verband, 4 2 97 Ich weiß es nicht; doch wenn man ihn gräbt Alsbald die Wurzel Geſchrei erhebt, Und ſeufzet und ſtöhnt und blutig ſchwitzt Aus dem Kern, der tief im Innern ſitzt. Marantha u. ſ. w. V Wer den Alraun grub, ſtirbt ſicherlich, Denn für ſein Blut rächt blutig er ſich; Mit Stöhnen ſtarben da Viele ſchon, Das glich ſeiner Wurzel Sterbeton; Im Wahnfinn Viele— Viel' ruhig zwar, Ein grauſer Tod aber allen war. Bewahr' uns Jeſus vor ſolcher Noth, Vor der Mandragora ſchrecklichem Tod. Euthanaſia! „Ein ſeltſamer Geſang das,“ ſagte Zoroaſter, als Zeichen ſeiner Mißbilligung laut huſtend. „Ganz und gar nicht nach meinem Geſchmack,“ ſagte der Maltheſerritter.„Wir lieben in Canterbury etwas Fröhlicheres.“ „Eben ſo wenig nach dem meinigen,“ fügte Jerrp bei;„ich glaube nicht, daß man noch ſo einen wird haben wollen. Bei meiner Seele, Dick, Sie müſſen uns etwas ſingen, oder wir werden nimmermehr „Euthanaſia!“ unter dem Galgen rufen.“ „Von ganzem Herzen, erwiderte Turpin:— Die Jagd auf der Heerſtrasse Dum vivimus vivamus. I. Der Mond ſetzt ſeine Kappe auf, Kein Stern mehr Licht verbreitet; Auf ſchwarzem Roß die Haid hinauf Der Räuber ſchnell jetzt reitet, Rookwood M. —— ———— 98 Gleich der Rakete, wenn ſie los, Fliegt er dahin durch's Weite; Die Larve deckt ihn— ſein Geſchoß Und Schwert hängt ihm zur Seite. Chor. Sag', wer es kann, Was Schön'res an, Als dieſe Jagd des Räubers! II. Der Wand'rer hört ihn und dahin Flieht er des Wegs mit Eile. Nicht ſchrecken Blitz und Donner ihn, Daß ſäumend er verweile; Allein des ſchwarzen Renners Huf Entflieht der Wand'rer nimmer; „Halt! Her das Geld!“ ſo klingt der Rufl Hoch! Räuberjagd für immer. Chor. Sag', wer es kann, Was Schön'res an, Als dieſe Jagd des Räubers! IHI. Glaubt mir, es iſt kein andres Spiel Der Räuberjagd zu gleichen, Dorum will auch bis zum letzten Ziel Ich keiner Kugel weichen; Und droht zuletzt der Galgen mir, — Selbſt Punſch ſchmeckt nach dem Bittern— So ſteig ich— Dreibein— auf zu dir, Und Niemand ſeh' mich zittern. Chor. D'rum hurra hoch, Nicht Furcht iſt noch, Hurrah! die Jagd des Räubers. „Und nun, meine Herrn,“ ſagie Dick, welcher anfing das ſo früh genoſſene Getränke zu ſpüren,„trage 99 ich darauf an, daß wir ausſetzen. Glauben Sie mir, daß ich ſtets im Gedächtniß behalten werde, daß ich ein Bruder Ihrer Bande bin. Sir Lukas und ich haben noch ein kleines Geſchäft mit einander abzu⸗ machen, ehe ich weggehe. Adieu!“ Und Lukas beim Arm faſſend, verließ er das Zelt mit ihm; Peter Bradley ſtand auf, und folgte ihnen⸗ An der Thüre fanden ſie den kleinen Grashopper mit der ſchwarzen Beß. Dick gab dem Zwerg eine Belohnung für ſeine Mühe, ſchlang den Zügel ſeines FPferds um ſeinen Arm, und ging weiter auf dem Raſen fort. Einige Minuten lag ſchien er in Nach⸗ denken verſunken. „Ich will Ihnen etwas ſagen, Sir Lukas,“ be⸗ gann er;„ich möchte wohl edelmüthig ſein, und Ihnen mit dieſem Wiſch Papier ein Geſchenk machen. Aber Sie wiſſen ja ſelbſt, daß man ſein Glück nicht mit den Füßen von ſich ſtoßen darf— es gibt bei den Dieben eine Zeit, welche, wie die Spieler ſagen, erhaſcht werden muß, oder ſonſt— doch das thut nichts zur Sache. Ihr alter Vater, Sir Piers,(Gott helfe ihm!) war ein reicher Kauz, ſo viel ich weiß; er war das, was wir ein Rhinoceros nennen. Sie werden einige Tauſende nicht ſpüren; überdieß ſind noch zwei andere da, Rust und Wilder, welche mit mir in demſelben Nachen fahren, und mit welchen ich daher den Gewinn theilen muß. Dieß alles zuſammen betrachtet, können ſie ſich nicht darüber beklagen, wie ich denke, wenn ich fünf Tauſend dafür verlange. Jene alte Metze, Lady Rookwood bot mir beinahe eben ſo viel dafür.“ „Ich will bei Ihnen nicht von Edelmuth ſprechen, ſagte Lukas: ich will nicht ſagen, daß dieſes Dokument mir von Rechtswegen gehört. Es fiel durch Zufall in Ihre Hände. Da Sie nun einmal im Beſitze deſſel⸗ ben ſind, ſo kann ich Sie nicht deßwegen tadeln, daß Sie Ihren Vortheil ſo gut wie möglich verfolgen. Ich bin wohl gezwungen, auf Ihre Bedingungen einzugehen.“ 7 6 100 „Oh nein,“ erwiderte Turpin;„Sie haben ganz die Wahl; Lady Rookwood wird mir eben ſo viel geben, und den Mund nicht darüber aufmachen. So, ſo, Mädchen! Was macht denn die Beß ihre Ohren auf ſolche Art ſpitzen?— Ha— ein Wagen rollt in einiger Entfernung! Die Mähre kennt den Schall ſo gut als ich. Ich muß doch gleich nachſehen, was es iſt.— Sie haben zehn Minuten Zeit zum Nachdenken. Wer weiß, ob ich nicht zu meinem Glück hierher ge⸗ kommen bin?“ In dieſem Augenblick bog ein Wagen in der Ent⸗ fernung von ungefähr dreihundert Rards um die Ecke eines Felſen, und fuhr langſam den Hügel hinunter. Schneller als ein Falke auf ſeinen Raub, ſchoß Turpin auf denſelben zu. Vergebens rief ihm der Todtengräber, welchen er beinahe überritt, zu, er ſolle halten. Er flog wie ein Pfeil „Möge der Teufel ihm das Genick brechen,“ rief Peter, als er ihn durch den Bach reiten ſah;„konnte er ſie nicht ungeſtört laſſen?“ „Es darf nicht ſein,“ ſagte Lukas;„weißt Du, wem der Wagen gehört?“ „Es iſt ein Kaſten, welcher den Juwel enthält, der in Deinen Augen am meiſten Werth haben ſollte,“ entgegnete Peter;„eile und halte die Hand des Räu⸗ bers auf.“ „Wen meinſt Du?“ fragte Lukas. „Eleonore Mowbray,“ erwiderte Peter.„Sie iſt dort— eile— rette ſie!“ „Eleonore Mowbray!“ widerholte Lukas—„und Spbille“—. In dieſem Augenblick hörte man einen Piſtolenſchuß. „Willſt Du einen Mord begehen laſſen, und dazu noch an Deiner Baſe?“ rief Peter mit einem zorni⸗ Lny u„Du biſt nicht derjenige für welchen ich * e — — ** 8—— —— — — —— 101 Lukas antwortete nicht, ſondern eilte ſchnell wie ein losgelaſſener Windhund in der Richtung des Schalles hin. Sechstes Kapitel⸗ Eltonore Mowbrap. Das Unglück. Iſt dem Beſuch der Franzigkaner gleich, N Denn einzeln kommen niemals ſie zu uns. Der Prozeß des Teufels. Der Gang unſerer Erzählun führt uns zu Eleo⸗ nore Mowbray zurück. Nachdem ſe ſich von Ranulph Rookwood getrennt, und ihn unter dem großen Ein⸗ gangsbogen verſchwinden geſehen hatte, ſo ſank ihr Herz, und wurde, ſich in in dem Wagen zurück⸗ drehend, eine Beute der herbſter Qual. Vergebens verfuchte ſie die Gefühle der Verzweiflung zu verban⸗ nen, indem ſie ſich das glü liche Wiederſehen in weni⸗ gen Stunden ausmalte. Es wollte nicht gehen. Ent⸗ muthigung hatte Beſitz von ihr ergriffen— das magi⸗ ſche Bild der Wonne entfloh, oder ſchimmerte nur in unerreichbarer Ferne, um ſie alle Qualen des Tanta⸗ lus fühlen zu laſſen. Eine Ahnung, daß Ranulph nie der Ihrige werden könne, trübte ihren Geiſt, und warf auf alle andern Gefühle einen düſtern Schatten. Ver⸗ gebens verſuchte ſie ihren Gedanken eine mehr heitere und ruhige Richtung zu geben. Ihre Bruſt behielt ihre Bürde, wie wenn ſie vom Alp gedrückt würde. Während Eleonore ſo ihren Gedanken nachhing, floh die Zeit unmerklich dahin, bis das plötzliche An⸗ halten des Wagens die Geſellſchaft aus ihrem Nach⸗ denken aufweckte. Major Mowbray ſah, daß die Ur⸗ ſache des Anhaltens die ſchnelle Annäherung eines Reiters war, welcher in vollem Lauf auf ſie zu ritt. 10² Die Erſcheinung eines einzelnen Reiters war etwas befremdend, und hätte durch die Art ſeiner Annäherung einige Beſorgniſſe erregen können, würde Major Mow⸗ bray in ihm nicht ſogleich einen Freund entdeckt haben; er war aber dennoch über deſſen Erſcheinung ſehr ver⸗ wundert, und wendete ſich an Mrs. Mowbrah um ſie zu benachrichtigen, daß Vater Ambroſius zu ſeinem unendlichen Erſtaunen auf ſie zu komme, und nach ſeinem Benehmen zu ſchließen, der Ueberbringer un⸗ willkommener Neuigkeiten ſei. Vater Ambrofits war vielleicht das einzige We⸗ ſen, welches Eleonore nicht leiden konnte. Sie hatte ſtets eine Abneigung gegen ihn gefühlt, von welcher ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte, und die ſie während ihrer langen und genauen Bekanntſchaft weder bemeiſtern, noch ablegen konnte. Es wird nöthig ſein hier zu bemerken, daß Eleonore in den Grundſätzen der katholiſchen Kirche auferzogen wurde, bei welchem 1 Glauben ihre Mutter(als dem ihrer Vorfahren(ge⸗ blieben war; und daß Vater Ambroſius, mit welchem ſie zuerſt während des Aufenthalts der Familie in Bordeaur bekannt geworden war, die Stelle eines geiſtlichen Rathgebers und Beichtvaters bekleidete. Von 3 Geburt ein Engländer, war er als Pfarrer in der Diöcöſe angeſtellt, in welcher ſie wohnten, und deß⸗ halb ein fleißiger Beſucher, ja inabe beſtändiger Be⸗ 8 wohner des Chateau: aber obgleich Pflicht und Ehr⸗ furcht Eleonoren geboten, den Vater liebevoll zu be⸗ 1 trachten, ſo konnte ſte doch nie die Gefühle der Ab⸗ neigung und des Mißtrauens unterdrücken, welche ſie gleich Anfangs gegen ihn gefaßt hatte; welche Abnei⸗ gung noch durch den befremdenden Zwang vermehrt wurde, unter welchem er ihre Mutter, welche ihn mit einer nahe an Thorheit gränzenden Verehrung betrach⸗ . tete, zu halten ſchien. Er war ſeinen Freunden unter 1 einem falſchen Namen nach England gefolgt(da ſeine Rückkehr in das Vaterland für ihn, welcher ein den v — 8 103 Eid weigernder römiſcher Prieſter, und in gewiſſe ſeſuitiſche Complotte verwickelt war, nicht unbedeutende Gefahren hatte), und einige Monate bei ihnen im Hauſe geblieben. Eleonore bemerkte wohl, daß er früher auf irgend eine Weiſe mit einem Mitgliede des Hauſes Rvokwood vekannt geweſen ſein mußte, (ſie glaubte er werde mit dem Sir Reginald in poli⸗ tiſche Intriguen verwickelt geweſen ſein, was bei ſeinem heftigen und ehrgeizigen Charakter durchaus nicht un⸗ wahrſcheinlich ſchien) und die Kenntniß dieſes Umſtan⸗ des machte ſie doppelt argwöhnen, daß ſeine gegen⸗ wärtige Mittheilung ſich auf ihren Geliebten beziehen werde, welchem der Vater niemals geneigt geweſen war, und hinſichtlich deſſen Lage er jetzt einige Ent⸗ deckungen machen konnte, welche, wie ſie fürchtete, nachtheilig für Ranulph ſein möchten. Da der Frieſter in einen langen ſchwarzen Man⸗ tel gewickelt war, einen breitkrämpigen Hut tief in die Stirne hinein gedrückt hatte, und ſich überdieß noch durch ſeine lange Geſtalt auszeichnete, ſo konnte man unmöglich etwas von ſeinem Geſichte entdecken, bis er das Wagenfenſter erreicht hatte, wo er ſodann, den Hut ziehend, einen Kopf enthüllte, wie ſie Titian malte, und der, über der dunkeln Kleivung ſich erhe⸗ bend, Aehnlichkeit hatte mit dem eines ernſten und ſchwermüthigen Venetianers. Die Stirne war ehr⸗ würdig, nur dünn mit Haar bedeckt, welches über ſtarken Augbraunen flatterte, die wiederum in ihrer Reihe ſcharfe und ſtechende Augen beſchatteten. Die Augenhöhlen waren tief, und unter der bleichen Haut konnte man blaue Adern durchſchimmern ſehen; die Backenknochen ſtanden weit heraus, und es lag etwas in dem Geſichte, welches ſtrenge Kaſteiung an⸗ deutete, während die dünnen, feſt zuſammengekniffenen Lippen und der ſtrenge finſtere Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts bewieſen, daß ſeine Selbſtdemüthigung, wenn er ſie je geübt hatte, den Geiſt des Stolzes kaum 104 Wigt babe, deſſen Herrſchaft ſich noch in den inien und Furchen ſeiner hochfahrenden Phyſiognomie erkennen ließ. Der Vater ſah zuerſt Mrs. Mowbray an, und warf dann einen argwöhniſchen Blick auf Eleonore. Mrs. Mowbray ſchien ihn zu verſtehen. „Sie möchten ohne Zweifel gerne ein Wort allein ſagen,“ fragte ihn Mr. Mowbray.„Soll ich aus⸗ ſteigen?“ Der Prieſter verbeugte ſich bejahend. „Meine Sendung betrifft übrigens nicht Sie allein, ſagte er ernſt;„Sie alle ſind dabei betheiligt; Ihr Sohn würde wohl daran thun, auch auszuſteigen.“ „Sogleich,“ erwiderte der Major.„Wollen Sie nur Ihr Pferd dem Poſtillon zum Halten geben; wir werden im Augenblick bei Ihnen ſein.“ Eleonore ſah Mutter und Bruder, mit verſtärkter Beſorgniß für Ranulph, den Wagen verlaſſen, obgleich fie ſich keinen Grund für dieſes Gefühl ſagen konnte; und in der Hoffnung, aus den Geberden der Spre⸗ chenden irgend etwas errathen zu können, beobachtete ſie die Bewegungen derſelben ſo aufmerkfam, als ihr Sitz es ihr geſtattete. Aus der Ernſthaftigkeit des hhe„und der Theilnahme ſeiner Zuhörer zeigte ch klar, daß ſeine Mittheilung von Wichtigkeit war. Mrs. Mowbray kehrte im Augenblick wieder, in Begleitung des Vater Ambroſius, in den Wagen zu⸗ rück, während der Major das Pferd des Letztern be⸗ ſtieg, ſeiner Schweſter nur haſtig Adien ſagte, wobei er ihr einen Blick zuwarf, welcher ungefähr ſagen wollte es ſteht alles gut,“ ohne ſich jedoch in irgend eine Erörterung über die Urſache ſeines ſchnellen Weggehens einzulaſſen, und auf dem Wege, auf welchem ſie hierher gekommen, in der Richtung nach Rookwood wieder zurückritt. Da Eleonore die einzige Perſon, an welche ſie ſich um Auskunft hätte wenden können, beraubt war, ſo mußte ſie nothgezwungener Weiſe in ihrem frühe ren Stillſchweigen verharren, 4 3 105 obgleich ſie vor Reugierde und Angſt über den Grund der ſeltſamen Unterredung, und der plötzlichen Ver⸗ änderung des früheren Planes, bei welcher ſie ſich ſo genau betheiligt fühlte, faſt ſtarb; denn ihre Mutter ſchien, nachdem ſie wieder in den Wagen eingeſeſſen, in peinliches Nachdenken verſunken und nicht auf ſie zu achten; der Vater aber, welcher ein Buch aus der Taſche gezogen hatte, gab ſich den Anſchein, als ob er ſich in daſſelbe ganz vertieft habe. „Theure Muiter,“ ſagte Eleonore endlich zu Mrs. Mowbray; mein Bruder iſt weggegangen—“ „Ja, nach Rookwood,“ ſagte Mrs. Mowbray in einem Tone, welcher darauf berechnet war, jede weitere Frage zu vermeiden; Eleonore war jedoch in zu großer Angſt, als daß ſie dieß bemerkt hätte. „Und darf ich wiſſen, Mutter,“ fuhr ſie fort, „warum er ſich entfernte?“ „Jetzt noch nicht, mein Kind— noch nicht,“ er⸗ widerte Mrs. Mowbray;„Du wirſt alles noch früh⸗ zeitig genug erfahren.“ Der Frieſter erhob jetzt ſeine Katzenaugen von dem Buche, um die Wirkung dieſer Worte zu beob⸗ achten, ſchlug ſie aber augenblicklich wieder nieder, als Eleonore ſich gegen ihn hinwandte. Sie war im Begriff geweſen ihn anzureden, wie ſie aber dieſen Blick geſehen hatte, gab ſie ihr Vorhaben auf und verſuchte ihre Gedanken dadurch zu zerſtreuen, daß ſie durch ihre ſchimmernde Thränen die Lieblichkeit der umliegenden Landſchaft betrachtete; und lieblich erſcheint die Schöpfung ſtets, ſie mag nun das Gewand des finſtern Sturmes oder des hellſten Sonnenſcheins tra⸗ gen, einem Herzen, welches durch die kalte Gefühl⸗ loſigkeit der Menſchen gekränkt worden iſt. Die Straße war durch ein langes, waldiges Thal gegangen, und führte jetzt den ſteilen Abhang eines di els hinab. Sie befanden ſich bald in der Gaſt der Priorei und des Zigeuner⸗Lagers. Nachb 106 Der Prieſter lehnie ſich aus dem Wagen und flüſterte dann der Mrs. Mowbray etwas in die Ohren, worauf dieſe das verfallene Gebäude aufmerkſam be⸗ trachtete, von welchem man einige Mauern von der Straße aus ſehen konnte. In dieſem Augenblick unterbrach das Klappern eines Pferdehufs und ver Schall einer lauten Stimme, welche den Poſtillion, der eine Maſſe von Verwünſchun⸗ gen ausſtieß, in befehlendem Tone halten hieß, die Unterredung; die Annäherung eines unwillkommenen Störers anzeigend, und zwar eines ſolchen, welcher ſich, wie alle nur zu wahr fürchteken, nicht ſo leicht werde abweiſen laſſen. Der Poſtillion that übrigens ſein Möglichſtes, um ſie aus dem Bereich des An⸗ greifers zu bringen. Als er einen maskirten Reiter in wüthendem Jagen hinter ſich erblickte, ſo war er keinen Augenblick mehr über die Abſichten deſſelben im Zweifel, und Turpin, denn es war unſer Hoch⸗ ſtraßenmann, machte ſeine Vermuthungen bald zur Gewißheit. Er rief ihm zu, zu halten, allein der Burſche achtete nicht auf dieſen Befehl und eben ſo wenig auf die Piſtole, welche er ganz nahe und auf eine höchſt gefährliche Weiſe auf ſich gerichtet ſah. Er ſteckte ſeinem Pferde die Sporen in den Leib, und verſuchte zu fliehen. Turpin war in einem Augenblick an ſeiner Seite. Als der Hochſtraßenmann verſuchte, ihm in die Zügel zu fallen, ſo drehte der Burſche urplötzlich den Wagen rechts gegen ihn hin, und würde ihn auch ſo wahrſcheinlich, ohne die ungemeine Ge⸗ ſchicklichkeit Turpins und die Schnelligkeit ſeines Pfer⸗ des an der Straßenwand zerquetſcht haben. Aber ſo wurde nur ſein linkes Bein leicht geſtreift. Hierüber erbittert, feuerte Turpin über dem Kopfe des Poſtillions eine Piſtole ab und ſchlug ihn mit dem Kolpen derſel⸗ ben aus dem Sattel. Die Pferde, welche über den Schuß erſchracken und nicht mehr gezügelt wurden, rannten mit wüthender Eile auf einen Graben zu, „— M — 8—„ vd d——— ——— 107 welcher die andere Seite der Straße begränzte. Hier wurde der Wagen aufgehalten und ſchlug um. Nach⸗ dem ſich Turpin davon überzeugt hatte, daß den da⸗ rin Sitzenden kein Unfall begegnet war, ſo zwang er zuerſt den Poſtillion, welcher indeß wieder auf die Beine gekommen war, die Pferde loszumachen. Als dieß geſchehen war und er ſeine Maske wieder zurecht geſetzt hatte, ſo öffnete er mit der größten Zierlichkeit, welche er aufwenden konnte, den Wagen und half ſei⸗ nen Gefangenen aus demſelben. „Bitte um Verzeihung, Madam,“ ſagte er, ſo⸗ bald er Mrs. Mowbray herausgehoben hatte,„es thut mir bei meiner Seele unendlich leid, Ihnen ſo viele unnütze Angſt verurſacht zu haben; alles der Fehler dieſes ſchuftigen Poſtillions, kann Sie ver⸗ ſichern; hätte der Kerl gehalten, wie ich es ihm be⸗ fahl, ſo wäre alles dieß vermieden worden; Sie wer⸗ den deſſen eingedenk ſein, wenn Sie ihn bezahlen; alles ſein Fehler, verſichere Sie, Madam.“ Als er keine Antwort erhielt, ſo hub er auch Eleonoren heraus, deren Schönheit den leichtentzünd⸗ lichen Hochſtraßenmann augenblicklich in Flammen brachte. Den Vater für ſich ſelbſt ſorgen laſſend, richtete er einige Phraſen plumper Gallanterie an ſie, allein ſie entriß ſich ihm und floh zu ihrer Mutter hin. „Es iſt unnöthig, mein Herr,“ ſagte Mrs. Mow⸗ bray, als Turpin auf ße zuging,„Unkenntniß Ihrer Abſichten zu affektiren. Sie haben uns ſchon in eine ernſtliche Gefahr gebracht. Ich hoffe deßhalb, daß Sie uns nicht weiter mehr beunruhigen werden, wenn wir Ihnen unſere zwar nur ſpärlich gefüllte Börſen geben, welchen Sie aber willkommen ſind. Sie ſchei⸗ nen etwas weniger roh zu ſein, als die andern Ihrer geſetzloſen Kameraden, und wenigſtens die gewöhnliche Menſchlichkeit zu kennen.“ „Gewöhnliche Menſchlichkeit!“ erwiverte Turpin, ich bin das menſchlichſte Geſchöpf der Erde; könnte 108 keiner Fliege etwas zu Leid thun, viel weniger noch einer Dame. Unhoöflichkeit wurde mir noch nie vor⸗ geworfen. Das Geſchäft kann in wenigen Sekunden abgemacht werden, und ſobald wir die Anzeltuenhe in Ordnung gebracht haben, ſo werde ich Ihrem Burſchen helfen die Pferde anzuſpannen und den Wa⸗ gen aus dem Graben herauszuziehen. Sie haben ohne Zweifel einen Banquier, Madam, vermutzlich in der Stadt— vielleicht auch auf dem Lande; allein ich liebe die Landbanquiers nicht; überdieß fehlt mir etwas baares Geld in Rumville— bitte um Ver⸗ zeihung, Mavam, London meine ich; meine Ohren find noch ſo voll von jenen romaniſchen Plapperern, daß ich beinahe in ihrer Sprache denke. Stellen Sie mir ſchnell einen Wechſel aus; ich habe ſtets Tinte und Papier bei mir: eine Anweiſung auf fünfzig in Madam,— nur fünfzig. Wie iſt der Name hres Banquier? Ich habe Wechſel auf die beſten Häuſer in meiner Taſche. Dieß, und ein Kuß von den ſchönen Lippen jenes lieblichen Mädchens,“ indem er Eleonoren zunickte, wird mich vollkommen zufrie⸗ den ſtellen. Sie ſehen, daß Sie es weder mit einem übertriebenen, noch unhöflichen Menſchen zu thun haben.“ Eleonore ſchmiegte ſich feſter an ihre Mutter an. Erſchöpft durch die Aufregung der letzten Nacht, be⸗ ſtürzt über den eben Statt gehabten Fall, und noch mehr erſchreckt durch die Worte und Geberden des Hoch⸗ ſtraßenmanns, fühlte ſie, da ſie in Gefahr ſtehe in Ohnmacht zu ſinken, und hielt ſich nur mit äußerſter Anſtrengung noch aufrecht. Der Prieſter, welcher in⸗ deß ſich auch aus dem Wagen herausgemacht hatte, ſtellte ſich nun zwiſchen die Damen und Turpin. „Begnügt Euch, irregeleiteter Mann,“ ſagte der Vater mit ernſter Stimme, indem er ihm eine Börſe reichte, welche Mrs. Mowbray ihm haſtig eingehän⸗ digt hatte;„mit dem Verbrechen, welches Ihr bereits begangen, und bringt nicht auch noch Eure Seele 109 durch eine ſchwere Schuld in Gefahr; begnügt Euch mit dem Wenigen, was Ihr hier bekommt und ent⸗ fernt Euch; denn ich verſichere Euch bei meinem heili⸗ gen Beruf, daß wenn Ihr noch einen Schritt vorwärts thut, um die Damen zu beläſtigen, dieß auf die Ge⸗ fahr Ihres Lebens hin geſchieht.“ Bravo!“ rief Dick aus,„ſo habe ich's gern. Wer hätte gedacht, daß dieſer alte Pfaffe einen ſolchen Muth beſitzt. Mein Herr, ich lobe Ihre Unerſchroken⸗ heit, allein Sie irren ſich etwas; ich bin der ruhigſte Mann auf Erden, und habe noch nie einem Menſchen etwas zu Leid gethan; zum Beweis hiefür ſehen Sie nur ihren Schuft von einem Poſtillion an, welchen jeder meiner Freunde zum Teufel geſchickt hätte, wenn er ihm nur halb ſo viel Mühe gemacht haben würde als mir; ſo ruhig ich aber auch bin, ſo laſſe ich mich doch nicht ſtören. Ich muß die fünfzig und den Schmatz haben, dann gehe ich ſo ſchnell ſie nur immer wünſchen mögen. Während die alte Lady die Anwei⸗ ſung ſchreibt, kann ich den Kuß nehmen, und ſo wer⸗ den wir auch das Siegel zur Unterſchrift haben. Nun — nun keine Lächerlichkeit! Manches hübſche Mäd⸗ chen würde es ſich zur Ehre ſchätzen, von Turpin einen Kuß zu bekommen.“ Eleonore ſchauderte mit größtem Eckel zurück, als ſie ſah, wie der Hochſtraßenmann den Prieſter, welcher ſich vergeblich zu widerſetzen ſuchte, auf die Seite ſchob und ſich ihr näherte. Er hatte ſeine Maske weggeſchoben; ſein triumphirendes Geſicht war auf ſie gerichtet. Ungeachtet des Abſcheus, welcher ihr das Blut in den Adern gerinnen machte, konnte ſie doch ihre Augen nicht wegwenden. Er kam näher; ſie ſtieß einen gellenden Schrei aus. In dieſem Augen⸗ blirk legte ſich eine ſchwere Hand auf Turpins Schul⸗ ter; er dreht ſich um und ſah Lukas. „Retten Sie mich! Retten Sie mich!“ rief Elev⸗ nore, ſich an den neu Angekommenen wendend 11⁰ „Verdammit!“ ſagte der Hochſtraßenmann,„was bringt denn Sie daher? man ſollte glauben, Sie ſeien der Beiſtand aller bedrängten Mädchen. Laſſen Sie mich fahren, oder Sie werden es, ſo war ein Gott über uns iſt, bereuen.“ „Thor!“ rief Lukas aus,„ſprechen Sie ſo zu einem, welcher Sie fürchtet.“ Und wie er ſo ſprach, ſchleuderte er den Turpin mit einer ſolchen Gewalt zurück, daß der Hochſtraßenmann einige Schritte weit fortſtolperte und dann zu Boden fiel. Der Prieſter war wie verſteinert über Lukas plötzliches Erſcheinen und ſeine kühne Handlungsweiſe. Indeſſen hatte ſich dieſer Eleonoren genähert. Er blickte ſie halb neugierig, halb bewundernd an, denn ſein Herz ſagte ihm, daß ſie ſehr ſchön ſei. Eine Todes⸗ bläſſe hatte ſich über ihre Wangen verbreitet; aber ungeachtet des Mangels an aller Farbe war ſie den⸗ noch ſchön, und ihr großes blaues Auge dankte ihrem Befreier für ſeine Hülfe. Die Worte, welche ihr mangelten, erſetzte Wrs. Mowbray, welche ihm in geeigneten Ausdrücken ihren Dank darbrachte, als ſie von Turpin unterbrochen wurde, welcher indeß wieder aufgeſtanden war und ſich genähert hatte. Auf ſeinem Geſicht lag ein grimmiger Ausdruck. „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ ſprach er,„Lu⸗ kas Bradley, oder Lukas Rookwood, oder wie Sie ſich ſonſt immer nennen mögen, Sie haben einen ver⸗ dammt unſchönen Vortheil in dieſer Sache über mich benützt und verdienten nichts Beſſeres, als daß ich Sie hiefür ſogleich zur Rechenſchaft zöge, und verflucht will ich ſein, wenn ich es nicht thue—“ „Lukas Bradley!“ unterbrach ihn Mrs. Mowbray, „find Sie jenes Individuum?“ „Man nannte mich ſo, Madam,“ erwiderte Lukas. Vater Ambroſius, iſi dieß die Perſon, von wel⸗ cher Sie ſprachen?“ fragie die Lady ſcharf. ———— —— — „ — ——* 11¹ „Ich glaube, Madam,“ erwiderte der Prieſter ausweichend. „Nannte er Sie nicht Lukas Rookwood?“ fragte Eleonore den Lukas ſchnell.„Iſt denn dieß Ihr Name?“ „Rookwood iſt mein Name, ſchöne Baſe,“ erwi⸗ eii⸗ Lukas,„wenn ich es wagen darf, Sie ſo zu eißen.“ „Und Ranulph Rookwood iſt—“ „Mein Bruder.“ „Ich hörte nie etwas davon, daß er einen Bru⸗ der habe,“ ſagte Eleonore mit einiger Aufregung. „Wie kann dieß ſein?“ „Deſſen ungeachtet bin ich ſein Bruder,“ erwi⸗ derte Lukas verdrießlich,„ſein älterer Bruder!“ Eleonore wandte ſich mit einem Blick flehender Angſt an ihre Mutter und den Prieſter— ſie las die Beſtätigung dieſer Behauptung in ihren Blicken. Kei⸗ nes von beiden widerſprach derſelben, ſondern beide ſchienen auf eine geheimnißvolle Weiſe auf ſie vorbe⸗ reitet zu ſein. Dieß war alſo das ſchreckliche Geheim⸗ niß. Dieß war die Urſache von ihres Bruders plötz⸗ licher Abreiſe. Die Wahrheit blitzte mit flammender Schnelligkeit durch ihren Geiſt. Lukas bemerkte dieſen fragenden Blick voll Kum⸗ mer und Verdruß. Sein Stolz war durch den Vor⸗ zug, welchen man ſeinem Bruder augenſcheinlich gab, verletzt. Ihre Schönheit hatte ihn ergriffen, tief er⸗ griffen. Er erkannte die Wahrheit von Peters Wor⸗ ten. Eleonorens Reize waren ohne Gleichen. Er hatte noch nichts ſo Schönes geſehen, und im näm⸗ lichen Augenblicke, als er ihrer anſichtig geworden war, erkannte er auch, daß er wegen ihr allein das Gelübde brechen könne, welches er Sybillen gethan. Der Geiſt der Nebenbuhlerſchaft und Eiferſucht er⸗ wachte bei Eleonorens Ausruf augenblicklich in ihm. „Sein älterer Bruder!“ wiederholte Eleonor 112 bei ſeinen Worten verweilend; dann ſich an Lukas wendend—„alſo müſſen Sie— doch nein, Sie find es nicht, Sie können es nicht ſein— es iſt Ranulphs Titel— es iſt nicht der Ihrige Sie ſind nicht—“ „Ich bin Sir Lukas Rookwood,“ erwiderte Lu⸗ kas ſtolz.* Ehe er noch dieſe Worte ausgeſprochen hatte, war Elevnore umgeſunken. „Es iſt Hülfe in der Nähe, Madam, wenn Sie dieſelbe annehmen und mir folgen wollen,“ ſagte Lu⸗ kas, indem er das ohnmächtige Mädchen in ſeine Arme nahm, und den Hügel hinab nach dem Lager trug, wohin ihm Mrs. Mowbray und der Prieſter nach⸗ folgten, welche während des kurzen Zwiegeſprächs ſehr bedeutungsvolle Blicke mit einander gewechſelt hatten. Turpin, welcher kein theilnahmsloſer Zuſchauer ge⸗ weſen war, wie man Grund hat anzunehmen, brach in ſein gewohntes lautes Lachen aus, als er ſah, wie Lukas ſeine reizende Bürde wegtrug. „Baſe! Ha, ha!“ ſagte er,„Alſo iſt die Dirne ſeine Baſe. Ich will verdammt ſein, wenn er nicht ſo halb und halb in ſeine neu aufgefundene Verwandte verliebt iſt; in dieſem Falle wird Sybille ſo gelb aus⸗ ſchauen, wie eine Guinee, oder ich müßte mich ſehr täuſchen. Wenn dieſer kleine ſpaniſche Teufel erfährt, vaß er eine neue Geliebte mitbringt, ſo werden wir eine hübſche, tragiſche Scene zu ſehen bekommen. Uebrigens darf ich den Sir Lukas nicht aus dem Ge⸗ ſicht verlieren, bis ich meine Rechnung mit ihm in's Reind gebracht habe. Hört Burſche,“ fuhr er fort, ſich an den Poſtillion wendend,„bleibt nur hier; man wird Euch einige Zeit lang nicht nöthig haben. Hier habt Ihr drei Guineen, um Dick Turpins Geſundheit zu trinken.“ Hierauf ſtieg er auf ſein Pferd und ritt langſam den Hügel hinunter. „Dieß iſt alſo der Dick Turpin, von dem das e eit 11³ Volk ſo vieles Weſen macht,“ ſagte der Burſche, in⸗ dem er ihm neugierig nachſchaute;„hätte ich dieß ge⸗ wußt, ſo hätte ich ohne Zögern auf den erſten Ruf gehalten. Es geht doch nichts über Erfahrung— ich werde es ein ander Mal beſſer machen“ fügte er bei, indem er ſein Trinkgeld einſchob. Lukas eilte ſchnell den Hügel hinunter an das Ufer des Baches, um etwas kaltes Waſſer auf die blaſſe Stirne Eleonorens zu ſpritzen. Wie er ſie ſo in ſeinen Armen hielt, ſo nahmen Gedanken, welche er gern in ihrer Geburt erſtickt haben würde, von ſei⸗ nem Herzen beſitz.„Ich wollte, ſie wäre mein!“ murmelte er.„Doch nein, dieſer Wunſch iſt unedel.“ Aber dieſer Wunſch wiederholte ſich ſtets dennoch wieder. Eleonore öffnete ihre Augen. Sie war noch zu ſchwach um ohne Unterſtützung gehen zu können, weß⸗ wegen ſie Lukas wieder in ſeine Arme nahm, und, Mrs. Mowbray zu folgen bittend, den Bach auf großen Steinen überſchritt, worauf er ſeine Bürde auf einem Nebenpfade in die Priorei trug, um das Geſindel zu vermeiden, welches auf dem grünen Platze verſammelt war. Sie waren in einer der dachloſen Hallen ange⸗ langt, als ſie dem Balthaſar begegneten, der über den Anblick der Geſellſchaft erſtaunte. Patrico wollte eben den Prieſter als einen Bekannten anreden, als der letztere ſogleich den Finger auf den Mund legte, zum Zeichen der Vorſicht. Dieſe Gebärde blieb von den andern unbeachtet. „Eile zu Sobillen,“ ſagte Lukas zu dem Patrico. „Bitte ſie, ſo ſchnell wie möglich her zu kommen. Sage, daß dieſes Mädchen— daß Miß Mowbray hier ſei und ihrer Hülfe bedürfe— fliege! Ich will ſie nach dem Refektorium tragen.“ Als Balthaſar an dem Prieſter vorüberging, ſo zeigte er mit einem ausdrucksvollen Blick auf eine Lücke in der Mauer, welche nach irgend einem unter⸗ Rookwood. M. 8 114 irdiſchen Zimmer zu führen ſchien. Der Vater machte wieder ein Zeichen des Stillſchweigens und Balthaſar eilte fort, um ſeinen Auftrag auszuführen. Lukas brachte Eleonoren nach dem Refektorium; er holte einen Stuhl für ſie herbei, aber weit enit⸗ fernt, ſich wieder zu beleben, ſchien ſie trotz allen Beiſtandes, welchen man ihr leiſtete, nur noch ſchwä⸗ cher zu werden. Er wollte eben forteilen, um Sybillen aufzuſuchen, als er zu ſeiner Verwunderung die Thüre geſchloſſen fand. „Unſer Befehl lautet, Sie hier nicht paſſiren zu laſſen,“ ſagte eine Stimme, welche Lukas augenblick⸗ lich als die des Maltheſer⸗Ritters erkannte. „Nicht paſſiren!“ wiederholte Lukas.„Was be⸗ deutet denn dieß?“ 5 „Unſer Befehl kommt von der Königin,“ ent⸗ gegnete der Ritter. In dieſem Augenblick hörte man den dumpfen Ton einer Glocke. „Die Glocke!“ rief Lukas aus;„es droht irgend eine Gefahr.“ Sein Herz ſchlug, als er an Spybille dachte und ängſtlich ſchaute er ſich nach Eleonoren um. Balthaſar trat wieder in das Zimmer. „Wb iſt Spbille?“ rief Lukas.„Will ſie nicht kommen?“ „Sie wird nicht hierher kommen,“ antwortete der Patriko. „Dann will ich ſie ſelbſt aufſuchen,“ ſagte Lukas, „die Thüre, durch welche Ihr eintratet, iſt frei.“ „Sie iſt nicht frei,“ erwiderte Balthaſar,„blei⸗ ben Sie, wo Sie ſind.“ „Wer wird mich wohl verhindern, wenn ich fort gehen will?“ fragte Lukas ernfi. „Ich,“ ſagte Barbara Lovel, welche plötzlich unter der Thüre erſchien.„Du rührſt Dich nicht, außer wenn ich es haben will. Wo iſt das Mädchen?“ fuhr te ar m; d⸗ 11⁵ ſie fort, indem ſie mit einem grimmigen Lächeln der Zufriedenheit über die allgemeine Beftürzung, welche ihr Erſcheinen bewirkt haite, ſich uniſchaute.„Hal ich ſehe, ſie iſt vhnmächtig. Hier iſt eine Herzſtärkung, welche ſie wieder in's Leben zurückrufen wird. Mrs. Mowbray, ich heiße ſie in der Wohnung der Zigeuner willkommen, Sie und Ihre Tochter; und Ihnen, Sir Lukas Rookwood, gratulire ich zu Ihrer neuerworbenen Würde.“ Sich gegen den Prieſter wendend, welcher augenſcheinlich ganz beſtürzt war, rief ſie aus:„und auch Sie, mein Herr, glauben Sie, ich erkenne Sie nicht wieder? Wir haben uns ſchon früher in Rook⸗ wood getroffen. Kennen Sie denn Barbara Lovel nicht mehr? Ha, ha! Meiner armen Wohnung wider⸗ fuhr ſchon lange keine ſo große Ehre mehr. Doch ich darf mit dem Mittel nicht zaudern. Geben Sie ihr dieß zu trinken,“ ſagte ſie, indem ſie der Mrs. Mow⸗ bray die Phiole übergab.„Es wird ſie im Augen⸗ blick wieder herſtellen.“ iſt Gift, rief Lukas, geben Sie es ihr nicht.“ „Gift!/ wiederholte Barbara.„Siehe!“ und ſie trank von der Flüſſigkeit.„Ich würde Deine Braut nicht vergiften,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich an Lukas wandte. „Meine Braut?“ wiederholte dieſer. „Ja, Deine Braut,“ ſagte Barbara. Lukas war wie verſteinert. Mrs. Mowbray glaubte faſt zu träumen, ſo unwahrſcheinlich erſchien ihr die ganze Scene. Eine dichte Maſſe von Zuſchauern ſtand unter der Thüre. Zuvorderſt der Todtengräber. Plötz⸗ lich hörte man einen gellenden Schrei und Spbille durch die Menge hindurch, welche ihr Platz machte. 8* Siebentes Kapitel. Mrs. Mowbrap. Gut; gehe Deiner Wege alter Riklas Machiavel, nie wird es mehr einen geben, welcher Dir an Staatsklugheit und gutem Rath gleicht; Du ge Dir Mühe, den Menſchen die dunklen Pfade und gehei⸗ men Intriguen des Mords und des Ver⸗ raths auszumglen, und Niemand folgt Dir. Das Zeitalter iſt undankbar, Deine Grundſätze ſind ganz vergeſſen und aus dem Gedächtniß verſchwunden. Shakerley Marmion's Alterthümler. Spbillens plötzliche Ankunft erfüllte die Gruppe, welche die Mrs. Mowbray umgab, mit neuer Bangig⸗ keit. Allein die erſtere ſah Niemand. Ihre Seele ſchien ſich an Eleonore auf welche ſie losſtürzte; und während ihr Auge auf der Schönheit derſelben verweilte, ſtrich ſie ſich die Haarflechten aus dem Geſicht, wodurch ihre helle und glatte Stirne ſichtbar wurde. Verwunderung, Ehrfurcht, Mitleid traten an die Stelle des Haſſes. Der Ausdruck des Zorns, welcher in ihren dunklen Augen gelegen war, wurde durch den des Mitgefühls verdrängt. Sie ſah Barbara flehend an. „Ja, ja,“ erwiderte die alie Zigeunerin, indem ſie ihr die Phiole zu gleicher Zeit hinſtreckte,„ich ver⸗ ſtehe. Hier iſt etwas, was ihr das Blut wieder in die blaſſen Wangen treiben, und das Feuer in den Augen entzünden wird. Gib ihr etwas davon.“ „Von dieſem!“ wiederholte Sybille, welche die Phiole mit Argwohn betrachtete. „„Fürchte nichts,“ ſagte Lukas, indem er ſich ihnen näherte;„ſie ſagt, es ſei eine Herzſtärkung; längeres zögern könnte Miß Mowbray in Gefahr bringen.“ as en ei⸗ lgt ine us be⸗ 117 „Und auch Du befiehlſt mir es zu thun?“ fragte Sybille den Lukas vorwurfsvoll. Lukas nickte bejahend, worauf ſie ohne weitere Einwendung gehorchte. Die Wirkung des Getränks war blitzſchnell und beurkundet Barbaras Kunſt. Schwa⸗ ches und abgebrochenes Athmen verkündigte zuerſt Eleonorens Wiederbelebung. Sie öffnete ihre großen und ſchmachtenden Augen, ihr Buſen hob ſich ſo ſehr, daß er beinahe zerſprengte; ihr Puls ſchlug ſchnell und fieberhaft; und wie das Reizmittel zu wirken anfing, ſo glänzte ein wilder und unnatürlicher Ausdruck in ihren Augen. Spbille ergriff ihre Hand um ſie zu erwärmen. Die Augen der beiden Mädchen begegneten ſich. Sie blickten einander feſt und ſchweigend an. Eleonore tannte Spbillen nicht, aber dieſen Blick des Mitge⸗ fühls konnte ſie nicht verkennen oder mißdeuten; fie konnte nicht im Zweifel ſein über den zitternden Hände⸗ druck; ſie fühlte die herabfallenden Thränen. Sie er⸗ widerte dieſen liebevollen Blick und ſchaute mit glei⸗ cher Verwunderung auf die ſie bedienende Fee, denn für eine ſolche war ſie geneigt, das vor ihr knieende Mädchen zu halten. Als aber ihr Auge von dem liebevollen Blick Sybillens zu dem verwitterten, unheil⸗ ſchwangeren Geſicht der Zigeuner⸗Königin wanderte, und ſodann auf die dunklen Geſtalten der Rotte ſchweifte, ſo wurde ſie mit neuem Bangen erfüllt und rief aus: wer ſind dieſe und wo bin ich denn?“ „Sie ſind in Sicherheit,“ erwiderte Lukas. Dieß iſt die Ruine der Priorei des heil. Franziskus, und jene fremde Geſtalten ſind eine Zigeunerbande. Sie haben jedoch nichts von denſelben zu fürchten.“ „Mein Befreier!“ murmelte Eleonore; allein plötz⸗ lich kam ihr wieder in das Gedächtniß, daß er ſich für einen Rookwood und den ältern Bruder Ranulphs 3 habe.„Zigeuner! ſagten Sie nicht, daß dieſe Leute hier Zigeuner ſeien? Sie ſehen gerade ſo 118 aus wie jene.— Sie ſind nicht, Sie können nicht Ranulphs Bruder ſein!“ „Ich kann mich nicht derſelben Mutter rühmen,“ entgegnete Lukas ſtolz,„allein mein Vater war Sir Piers Rookwvod und ich bin ſein Erſtgeborener.“ Er wandte ſich weg. Düſtere Gedanken ſtiegen in ihm auf. Ueber Eleonorens Schönheit halb raſend geworden, durch ihre Verachtung auf's Tieſſte verletzt, fühllos für die ſtillen Leiden Sybillens, welche ver⸗ geblich verſuchte, ſein Auge zu feſſeln, dachte er an nichts als an Rache und die Erfüllung ſeiner Wünſche. In ſeinem Innern wüthete ein wilder und ſchrecklicher Aufruhr. Seine beſſeren Grundſätze wurden durch die Einflüſterungen des böſen Geiſtes übertäubt.„Ich glaube,“ rief er halblaut aus,„daß wenn der Ver⸗ fucher mir dieſes Mädchen anbieten würde, ich nicht widerſtehen könnte, und geſchähe es ſogar auf die Ge⸗ fahr hin, mein ewiges Seelenheil zu verſcherzen.“ Der Verſucher war zur Hand. Er fehlt ſelten bei Gelegenheiten der gegenwärtigen Art. Der Todten⸗ gräber ſtand neben ſeinem Enkel. Lukas ſtarrte ihn anz er muſterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen und glaubte den Pferdfuß an ihm entdecken zu müſſen, welchen man für ein Merkmal des Teufels hält. Peter grinste geiſterartig. „So! Du wuͤrdeſt alſo ſogar die Hölle zu Hülfe rufen; gut, der Teufel ſteht neben Dir. Sie iſt Dein.“ „Mach Deine Worte wahr,“ rief Lukas unge⸗ duldig. „Gemach, gemach,“ entgegnete Peter.„Mäßige Dich, und Deine Wünſche ſollen erfüllt werden. Die⸗ ſelben ſtimmen mit denen anderer Perſonen überein; mit denen Barbaras. Sie will Dich mit Miß Mow⸗ bray verheiraten. Du biſt erſtaunt, aber es iſt doch ſo. Es iſt nur ein Deckmantel für tiefere Plane, allein dieß macht nichts zur Sache. Es müßte ganz ver⸗ kehrt gehen, wenn ich ſie nicht, trotz aller ihrer Liſt, — — v**— — v*„ 1. 1 r fe A e 4. . n r⸗ i, 1¹9 mit ihren eigenen Waffen beſiegte. In dem Gehirn vieſes alten Weibes ſteckt mehr Unheil, als je aus einem Krokodilsei ausgebrütet wurde; allein ſie ſoll ihren Mann finden. iderſetze Dich ihr nicht; über⸗ laſſe nur alles mir. Sie iſt wirklich daran,“ fügte er bei, als er Barbara und Mrs. Mowbray in einer Unterredung mit einander begriffen ſah.„Sei nur ruhig, ich will ſie beobachten.⸗ Hiemit verließ er ſei⸗ nen Enkel, um die alte Zigeunerin beſſer im Auge zu haben. Während der Zeit war Barbara nicht unthätig geblieben. „Sie brauchen bei ihrer Tochter keinen Rückfall zu befürchten, dafür ſtehe ich,“ ſagte die alte Zigeu⸗ nerin zu Mrs. Mowbray,„Spybille wird ſie pflegen. Geh' dem Mädchen nicht von der Seite,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich an ihre Enkelin wandte und dieſer zu⸗ flüſterte:„ſei vorſichtig, mache ihr keine Furcht, mein Auge wird ſtets bei Euch ſein; ſage kein Wort.“ Damit entfernte ſie ſich ein wenig mit Mrs. Mow⸗ brap, Spbillen im Auge behaltend und jede ihrer Be⸗ wegungen bewachend, wie ein Päther dem Spielen eines jungen Rehs zufieht. „Wiſſen Sie auch, wer mit Ihnen ſpricht?“ ſagte die alte Hexe in dem eigenthümlich gedämpften und vertraulichen Ton, welchen ihre Stammgenoſſen gegen Fremde anzunehmen pflegen.„Haben Sie den Na⸗ men Barbara Lovel vergeſſen?“ Ich erinnere mich Ihrer nicht mehr ſo genau⸗ erwiderte Mrs. Mowbray. „Denken Sie nach,“ ſagte Barbara,„und ob⸗ gleich Jahre darüber hingegangen ſind, ſo erinnern Sie ſich vielleicht doch wieder des ſchwarzen Zigeuner⸗ Weibs, welches Ihnen in der Hand las und den Na⸗ men des Geliebten in das Ohr flüſterte, als Sie noch von fröhlichen Anbetern umgeben waren. Hören Sie mich einen Augenblick an, Madam,“ ſagte Barbara 12⁰ als ſie ſah, wie Mrs. Mowbray bei dieſer Erinnerung ſchauverte;„ich bin alt— ſehr alt, ich bin über die Schmeichelei hinaus, und vielleicht durch die Gewalt, welche ich über mein Volk habe, daran gewöhnt, mir gegen andere zu viel zu erlauben.“ Hier hielt die Zigeunerin einen Augenblick inne und fuhr dann in einem vertraulicheren Tone fort:„die Beſitzungen von Rookwood ſind groß—“ „Weib, was wollt. iemit ſagen?“ „Sie können die were, L, n werden es auch, aber när durch jene Heitat. Sie würden Ihnen ſchön angeſtanden ſein. Aber Sir Re⸗ inald war eigenfinnig und ſtrich den Namen ſeiner Tochter aus, um den ſeines Sohnes an die Stelle zu ſetzen. Es iſt ſchade, daß ein ſo ſchoͤnes Geſchöpf, wie Miß Mowbray, den Brautſchatz verlieren ſoll zu welchem ihre Reize und Geburt ſie berechtigen. Es iſt daß Ra⸗ nulph Rookwood dieſeLändereien und Titel gerade in dem Augenblick verlieren ſoll, wo er in deren Beſitz zu gelangen hoffte. Es iſt ſchade, vaß dieſe großen Lände⸗ reien Ihnen und Ihren Kindern entgehen werden, was der Fall ſein wird, wenn Ranulph und Eleonore ſich mit einander verbinden.“ „Sie ſollen nie ſich verbinden,“ erwiderte Mrs. Mowbray haſtig. „Es hieße aber auch Dein Kind einem Bettler geben, ſagte Barbara. Mrs. Mowbray ſeufzte tief. „Es gibt noch einen Weg,“ fuhr die alte Vettel flüſternd fort,„wodurch die Ländereien Dir und den Deinigen erhalten werden können.“ „Wirklich?“ ſagte Mrs. Mowbrap ſchnell. i Piers Rookwood hatte zwei Söhne?“ „Pa!“ „Der ältere derſelben iſt hier?“ „Lukas— Sir Lukas. Er brachte uns hierher.“ „Er liebt Ihre Tochter. Ich ſah ſo eben noch ——— 8 ie t, ir ie 8 6 o— — * 8 8 121 ſeinen leidenſchaftlichen Blick. Ich bin jetzt alt, allein ich kenne die Blicke der Liebenden noch wohl. Warum aber auch ſie ihm nicht verheiraten? Ich leſe in den Händen, in den Herzen, wie Sie wiſſen. Sie ſind beide für einander geboren. Verſtehen Sie mich jetzt, Madam?“ „Aber obgleich ich es wünſche,“ erwiderte Mrs. Mowbray zaudernd, obgleich ich meine Einwilligung hiezu gebe, ſo iſt Eleonore doch mit Ranulph ver⸗ lobt— liebt ihn.“ „Denken Sie nicht an ſie, wenn Sie ihr Ziel erreichen wollen. Sie iſt nicht im Stande, ſo für ihr Wohl ſorgen zu können wie Sie. Sie iſt ein Kind— ſie weiß nicht, was ſie liebt. Sie wird Lu⸗ kas bald ihre Zuneigung ſchenken. Er iſt ein edler Jüngling, das Ebenbild ſeines Großvaters, Ihres Vaters, des Sir Reginald; und wenn ſie je mit einem verlobt iſt, ſo iſt ſie es mit dem Erben von Rook⸗ wood. Warum ſollte die Heirat nicht ſogleich und hier Statt finden können?“ „Hier! Wie wäre dieß möglich?“ „Sie befinden ſich in geheiligten Mauern. Ich werde Sie zu einem Altare führen. Eben ſo wenig fehlt es an einem heiligen Prieſter, welcher Ihre Hände vereinigen könnte. Ihr Gefährte, der Vater Ambroſius, wie Sie ihn nennen, wird dieſes Amt ſchnell und willig verſehen. Er hat ſeine Kunſt als Prieſter ſchon an andern Mitgliedern Ihres Hauſes verſucht.“ „Auf wen ſpielt Ihr hier an, räthſelhaftes Weib?“ fragte Mrs. Mowbray voll banger Ahnung. „Auf Sir Piers und Suſanne Bradley,“ ent⸗ gegnete Barbara.„Dieſer Prieſter vereinigte dieſelben.“ „Wirklich? Hievon ſagte er mir noch nie etwas.“ „Er durfte es nicht; er hatte einen Eid geſchwo⸗ ren, welcher ihn zum Schweigen verpflichtete. Der Tod hat ihn aber jetzt gelöst. Die Zeit iſt gekommen, welche noch größere Geheimniſſe aufdecken wird.“ „Es iſt doch befremdend, daß ich noch nie zuvor 122 etwas davon gehort habe,“ ſagte Mrs. Mowbrap nachdenklich, und doch hätte ich es aus ſeinen dunklen Anſpielungen in Beziehung auf Ranulph ahnen kön⸗ nen. Ich ſehe jetzt alles klar. Ich ſehe den Abgrund, in welchen ich hätte ſtürzen können; aber glücklicher⸗ weiſe wurde ich noch zur rechten Zeit gewarnt. Va⸗ ter Ambroſius,“ fuhr ſie gegen den Prieſter fort, wel⸗ cher in einiger Entfernung vor ihnen im Zimmer auf und ab ſchritt,„iſt es wahr, daß mein Bruder mit Suſanne Bradley verheiratet war?“ Ehe noch der Prieſter antworten konnte, zeigte ſich der Todtengräber. „Ha! hier iſt ja der Vater jenes Mädchens!“ ſagte Mrs. Mowbray,„welchen ich in unſerer Fami⸗ liengruft traf, und der ſo auffallend bewegt wurde, als ich ihm von Alen Rookwood ſprach. Iſt auch er hier?“ „Alan Rookwood?“ widerholte Barbara, welcher plötzlich ein Licht aufzugehen ſchien;„ha! was ſagte er von ihm?“ „Abſcheulicher Rabe,“ unterbrach ſie Peter grim⸗ mig,„begnüge Dich mit dem, was Du von den Le⸗ benden weißt und ſtöre nicht auch noch die Ruhe der Todten. Laß ſie liegen in ihrer Schande.“ „Die Todten,“ wiederholte Barbara mit ſchallen⸗ dem Gelächter; ha! ha! er iſt alſo todt; und was wurde aus ſeinem ſchönen Weib, dem Liebling ſeines Bruders? Es war eine thörichte Handlung, dieß ich zu, aber ſie wurde gebüßt. Es floß Blut— u—66 „Stille, Du Hexe,“ donnerte Peter,„oder ich werde Dich auf den Scheiterhaufen bringen für die Hexereien, welche Du verübt. Sieh' Dich vor,“ fügte er in dumpfem Tone bei,„ich bin noch Dein Freund.“ Auf Barbaras verwittertem Geſichte drückte ſich für einen Augenblick der tiefſte Grimm über Peters Drohung aus. Der Fluch zitterte auf ihrer Zunge; 3———,— —— n 1 T⸗ l⸗ ⸗ uf it te 1 ti⸗ e, er te m⸗ e⸗ er n⸗ es eß ich ür in ich rs e 123 ſie erhob ihren Stock zum Schlag, ſetzte ihn aber gleich wieder nieder. In dem nämlichen Tone, aber mit einem ſtehenden, argwöhniſchen Blick erwiderte ſie:„mein Freund ſagſt Du? Sieh' Dich vor, daß Du es beweiſeſt, oder hüte Dich vor mir.“ Und mit einem Ausdrucke der grimmigſten Bos⸗ heit wackelte die Zigeuner⸗Königin langſam auf ihre Satelliten zu, welche unter der Thüre aufgeſtellt waren. Achtes Kapitel. Der Abſchied. Das halt' ich nicht für Ehe, wo die Freunde Zur Liebe ihre Kinder zwingen; wo Die Jungfrau nicht vermählt,— verrathen wird. Ich möchte nicht die Leute ſo verbinden (Ich kann ſie wahrlich liebende nicht nennen) Und ihre Hochzeit nicht zu einer Feier, Nein, nur zu einem ſchweren Opfer machen. Kampf der Liebe und Freundſchaft WMiß Mowbray hatte mit der größten Unruhe be⸗ merkt, daß ihre Mutter ſich von ihr entfernt hatte und konnte nur mit Mühe von Spobillen zurückgehalten werden, daß ſie die Unterredung derſelben mit der Zigeuner⸗Königin nicht ſtörte. Bärbaras finſteres Auge ruhte während der ganzen Verhandlung auf ihnen und flößte Eleonoren ein unerklärliches Gefühl der Furcht ein. „Wer— wer iſt jenes alte Weib?“ fragte Eleo⸗ nore.„Nie habe ich auch in meinen wildeſten Träu⸗ men etwas ſo Gräßliches geſeben. Warum blickt fie uns ſo an? Sie macht mich ſchaudern; und doch kann ſie es nicht bös mit mir oder mit meiner Mutter meinen, wir haben ihr ja noch nichts zu Leid gethan?“ „Ach!“ ſeufzte Spbille. ——.—————— 124 „Sie ſeufzen,“ frief Eleonore voll Unruhe aus, „Haben wir alſo eine Gefahr zu fürchten? Helfen Sie uns. Warnen Sie ſchnell meine Mutter; ſie ſcheint aufgeregt. Oh! laſſen Sie mich zu ihr hingehen.“ „Huſch!“ wisperte Sybille, wegen des Luchsauges der Barbara äußerlich ganz ruhig bleibend.„Rühren Sie fich nicht, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt.— Sie wiſſen nicht wo Sie ſind, oder was Ihnen zuſtoßen kann. Ihre Rettung hängt von Ihrer Faſſung ab. Ihr Leben iſt nicht in Gefahr; aber dem was köſtlicher iſt als das Leben, Ihrer Liebe, droht ein ſchrecklicher Schlag. Man hat die Abſicht, Sie mit einem andern zu vermählen.“ „Himmel!“ rief Eleonore aus;„und mit wem?“ „Mit Sir Lukas Rookwood.“ „Lieber wollte ich ſterben! Ihn heiraten? Sie müſſen mich tödten, ehe ſie mich hiezu zwingen können!“ „Könnten Sie ihn denn nicht lieben?“ „Ihn lieben! Ich habe ihn erſt in dieſer Stunde geſehen— ich wußte nichts von ſeinem Daſein— er errettete mich aus einer Gefahr— ich werde ihm hie⸗ für danken, ich möchte ihn lieben, wenn ich könnte, um Ranulphs willen; und doch muß ich ihn haſſen um Ranulphs willen.“ „Sprechen Sie nicht in dieſen Ausdrücken von ihm gegen mich,“ ſagte Sybille etwas unwirrſch. „Wenn auch Sie ihn nicht lieben, ſo liebe doch ich ihn. Oh! verzeihen Sie mir, Lady; verzeihen Sie meine Heftigkeit— mein Herz iſt zwar gebrochen, aber hat noch nicht aufgehört für ihn zu ſchlagen. Sie ſagen, daß Sie eher ſterben wollen, als in eine ge⸗ wungene Verbindung mit ihm einwilligen. Ihre reue ſoll nicht ſo grauſam auf die Probe geſtellt werden. Wenn Jemand als Opfer fallen muß, ſo will ich es ſein; gebe Gott, daß ich das einzige bleibe. Seien Sie glücklich— ſo glücklich als ich unglücklich 1. . de ie⸗ e, en on Sie en, Sie ge⸗ hre ellt ſo ibe. lich 125 bin— Sie ſollen ſehen, was die Liebe einer Zigeu⸗ nerin zu thun im Stande iſt.“ Wie Spybille ſo ſprach, brach ſie in eine Fluth leidenſchaftlicher Thränen aus. Eleonore betrachtete ſie mit dem tiefſten Mitleiden; dieſes Gefühl war fedoch nur vorübergehend; denn Barbara näherte ſich jetzt und rief aus:„fort, zu Deiner Mutter, der Bräutigam wartet; zu Deiner Mutter, Mädchen!“ und fie ſtieß Eleonoren grimmig weg.„Was ſoll dieß bedeuten?“ fuhr die alte Zigeunerin fort,„was haſt Du zu dem Mädchen geſagt? Warnte ich Dich nicht davor, daß Du nichts mit ihr ſprechen ſolleſt? und Du haſt es gewagt, mir ungehorſam zu ſein. Du, meine Enkelin, die Tochter meiner Agathe, welcher mein leichteſter Wink ein Geſetz war! Ich verſtoße Dich!— Ich fluche Dir—“ „Oh, fluche mir nicht,“ rief Sybille.„Vermehre nicht noch mein Unglück.“ „Dann folge meinem Befehle blindlings, ver⸗ banne dieſe Schwäche, alles iſt bereit. Lukas ſoll in die Kapelle der Gruft hinabſteigen; die Ceremonie wird dort verrichtet werden, dort auch ſoll Eleonore ſterben und nach ihr ſollſt Du ihn heiraten. Nehme dieſe Phiole und ſtecke ſie in die Falten Deines Gür⸗ tels. Wenn alles vorbei iſt, ſo werde ich Dir ſagen, wenn Du ſie gebrauchen ſollſt. Sei feſt, ſei treu, ich werde alle Hinderniſſe aus dem Wege räumen; Du wirſt keine Nebenbuhlerin mehr zu fürchten haben. Biſt Du bereit? können wir fortgehen?“ „Ich bin bereit,“ ſagte Sybille hohlen Tones, „aber laß mich vorerſt noch mit Lukas ſprechen, ehe wir gehen.“ Mach' es kurz— jeder Augenblick iſt koſtbar. Halte Deine Zunge im Zaum. Ich gehe zu Mrs. Mowbray. Du haſt die Phiole doch gut verwahrt. Ein Tropfen davon wird Dich von allem Ungemach befreien.“ „In dieſer Hoffnung bewahre ich ſie auch“ er⸗ u widerte ſie, indem ſie auf Lukas zuging. Barbara 31 ſah ihr nach, bis ſie bei ihm war, und wendete ſich dann gegen Mrs. Mowbray und ihre Tochter. 2„Du biſt nicht ganz wohl, theurer Lukas,“ ſagte h Spbille, welche ſich ihrem treuloſen Geliebten ſtille b genähert hatte. „Nicht wohl!“ erwiderte Lukas, indem er in ein d krampfhaftes Gelächter ausbrach.„Nicht wohl!— zi Ha! ha!— an meinem Hochzeitstage. Nein— ich bin wohl— ganz wohl. Deine Augen ſehen gelb aus Eiferſucht.“ .„Lukas— theurer Lukas— lache nicht ſo.— ſe Es erſchreckt mich, ich könnte Dich für wahnſinnig E 3 halten. So, jetzt biſt Du ruhiger, mehr Dir ähnlich, o menſchlicher. Du blickteſt eben ſo— oh Gott! daß l ich es von Dir ſagen muß— als ob Du vom Teufel ſi 1 beſeſſen wäreſt.“ d „Und was wäre es auch, wenn dem wirklich ſo ſein würde?“. 7„Schrecklich! denke nicht daran. Du machſt mich faſt vie ſchreckliche Sage, welche ich gehört habe, glau⸗ S ben, daß nämlich die Rookwvod an ihrem Hochzeits⸗ u tage in der Macht des böſen Geiſtes ſeien.“ ſt „An ihrem Hochzeitstage— und blicke ich ſo?“ i „Ja— ja. Ohl ſchüttle dieſe Raſerei ab.“ 2 „Sie iſt mein— ſie iſt mein— ich bekümmere mich nichts darum, ob ich vom böſen Feind beſeſſen ſi bin, wenn dieß nur mein Hochzeitstag und Eleonore 2 meine Braut iſt— und Du ſagſt, ich ſehe einem Rool! T wood gleich— ha, hal“ 4 1„Schon wieder dieſes wilde Gelächter. Ich be⸗ ſchwöre Dich, Lukas, hore mich nur auf ein Wort — mein letztes—“ „Ich will keine Vorwürfe hören, hinweg.“ 1 „Jrh will Bir keine Vorwürfe machen. ch kan — 1 tig aß fel ſo ich au⸗ ts⸗ 2. * ee ſſen ore o be⸗ zort kam 127 um Dich zu ſegnen, Dir zu verzeihen, Dir Lebewohl zu ſagen. Wirſt Du mir nicht Lebewohl ſagen?“ „Leb' wohl.“ „Nicht ſo— nicht ſo— Gnade— mein Gott! habe Mitleiden mit ihm und mir— mein Herz wird brechen.— Wenn Du mich nicht tödten willſt, Lukas, ſo nehme dieſes Wort zurück. Belaſte Dich nicht mit der Schuld meines Todes. Um Dich von derſelben zu befreien— ſterbe ich!“ „Sterben!“ „Für Dich; aber oh! laß' es nicht durch Dich ſein.“ „Spville, Du haſt Recht— ich bin nicht mehr ich ſelbſt— ich weiß nicht, welche Teufel von meiner Seele Beſitz ergriffen haben, daß ich Deine Leiden ohne Gewiſſensbiſſe mitanſehen kann, daß Deine maß⸗ loſe Liebe mich nicht wieder zu Dir zurückführt; allein ſo iſt es nun. Seit dem unglückſeligen Augenblicke, da ich jenes Mädchen ſah, liebe ich ſie auch. „Nicht weiter. Nun kann ich von Dir ſcheiden — leb' wohl!“ „Halt, halt— ich Elender, der ich bin— halt, Sybille. Wenn wir uns trennen müſſen, und daß wir es müſſen, das fühle ich, ſo verzeihe mir wenig⸗ ſtens, wenn Du es kannſt. Laſſe Dich noch ein Mal in meine Arme ſchließen. Mögeſt Du glücklichere Tage ſehen— mögeſt Du—“ „Oh! ſo zu ſterben!“ ſchluchzte Spbille, indem ſie ſich aus ſeiner Umarmung losmachte.„Glücklichere Tage erleben, ſagteſt Du, Lukas? Wenn habe ich Dir auch nur für einen Augenblick Grund gegeben, an der Aufrichtigkeit meiner Liebe zu zweifeln, daß Du mich ſo beleidigen könnteſt?“ „Dann lebe mit mir— für immer.“ „Wenn Du mich noch lieben kannſt, ſo will ich für Dich leben, als Deine Sklavin, Deine Geliebte, Dein Weib, als alles, zu was Du mich annehmen willſt. Du haſt mich aus meinem grenzenloſen Jam⸗ 128 mer wieder aufgerichtet. Ohl⸗ fuhr ſie mit veränder⸗ tem Tone fort,„habe ich Dich etwa mißverſtanden? ſprachſt Du dieſe Worte aus falſchem Mitleid über meine Qualen?— ſprich'— noch iſt es nicht zu ſpät— alles kann noch gut werden. Mein Schickſal, mein Leben liegen in Beiner Hand. Wenn Du mich noch liebſt— wenn Du Eleonoren vergeſſen könnteſt, ſo ſprich— wenn nicht, ſo ſchweige? Lukas wandte ſich ab. „Genug!“ fuhr Sybille mit peinlich bewegter Stimme fort;„ich verſtehe— möge Gott Dir ver⸗ geben. Leb' wohl, wir werden uns nie wieder ſehen.“ „Scheiden wir denn für immer?“ fragte Lukas, welcher es nicht wagte ſie anzublicken. „Für immer!“ antwortete Sybille. Ehe noch ihr Geliebter etwas erwidern konnte, war ſie von ihm weggerannt und ihm aus dem Ge⸗ ſichte gekommen. Schneller beinahe als der Gedanke, ſprang ſie mitten in den ſchwarzen und dichten Haufen an der Thüre. Einen Angenblick ſpäter kam ſie in die friſche Luft, ſtand ſie in der unbedachten Halle; dieſe war freundlich und heiter von der Sonne er⸗ wärmt; in ihr ſtrömte der friſche Morgenhauch. Die epheuumrankten Trümmer, der Raſen, das blaue Himmelsgewölbe, ſchienen ſie freundlich anzulächeln— alles war freudig und lachend; nur ſie nicht. Mitten in ſolcher Pracht ſchien ihr Kummer nur um ſo herber und unnatürlicher; auch konnte ſie ihre Thränen kaum urückhalten, als ſie den belebenden Einfluß des Tages kihltez aber dennoch hielt ſie dieſelben zurück. Die Anſtrengung war herzbrechend— es war ſchrecklich, dieſe ſchöne Welt, dieſen blauen Himmel, dieſen Son⸗ nenſchein und alles was ſie liebte, ſo inng, ſo bald zu verlaſſen. Indem ſie unter den niedern Bogen trat, von welchem wir ſchon oben geſprochen haben, verſchwand 3 ſie gleich einem Geiſte bei der Annäherung des Morgens. „———— rS ter er⸗ 1.“ as, te, He⸗ e, fen lle; er⸗ Die aue — ten ber um ges Die ich, on⸗ ald von and ns. 129 Neuntes Kapitel. Der Liebestrank. Du haſt verdammter Frevler ſie bezaubert: Denn alles was Vernunft hegt, will ich fragen, Wenn nicht ein magiſch Band ſie hält gefangen. Shakspeare— Othello. Wir kommen jetzt wieder auf Miß Mowbray zu⸗ rück.— In einem Gemüthszuſtande, welcher nahe an Verzweiflung grenzte, eilte Eleonore auf ihre Mutter zu und bat ſie um ihren Schutz, indem ſie den Nacken derſelben mit ihren Armen umſchloß. Mrs. Mowbrap ſah die Veränderung in Eleonorens Antlitz mit Bangig⸗ keit, aber wenige Augenblicke reichten hin, dieſelbe großentheils verſchwinden zu machen. Der Ausdruck der Pein nahm nach und nach ab, und an die Stelle des leeren Blicks trat der einer unnatürlichen Auf⸗ regung. Ein Häutchen hatte ihre Augen auf einige Augenblicke verdunkelt; jetzt glimmte in ihnen das Feuer des Wahnwitzes. Sie lächelte— dieſes Lächeln war höchſt eigenthümlich; es war nicht jenes heitere und liebliche Spielen der Züge wie gewöhnlich; allein es war doch ein Lächeln, und damit beruhigte ſich auch das Herz der Mutter. Mrs. Mowbray wußte nicht, welchem Umſtande ſie dieſe wunderbare Veränderung zuſchreiben ſollie. Sie blickte den Prieſter an, welcher ſeitwärts vor ihnen ſtand, er war eben ſo überraſcht; er konnte ſich übrigens dieſe plötzliche Veränderung in Eleonorens Benehmen leichter erklären. „Wie, wenn ſie einen Liebestrank verſchluckt hätte2⸗ ſagte er, indem er ſich der Mrs. Mowbray näherte und kaum hörbar flüſterte.„Ich habe ſchon von ſolchen ſchändlichen Tränken gehört; ſelbſt der heil. Rookwood. II. 9 —.— Hieronymus erzählt ein Beiſpiel von einer ähnlichen Hexerei in ſeiner Lebensbeſchreibung des Hilarius; und man ſagt, daß dieſes Volk dieſelben zu bereiten ver⸗ e e. ⸗ 66„Es kann wohl ſein,“ erwiderte Mrs. Mowbray in dem nämlichen Tone.„Ich halte dieſe ganz eigene Senf in den Augen für etwas mehr als natür⸗ ich. —„Ich will wenigſtens einen Verſuch wagen, um die Wahrheit oder Falſchheit meiner Annahme zu er⸗ proben,“ entgegnete der Vater.„Ich habe gehört, daß diejenigen, welche einen ſolchen Liebestrank ge⸗ trunken haben, wie plötzliche und unwiderſtehliche Lei⸗ venſchaft für den Mann fühlen, welchen ſie ſehen, ſo lange ſie unter dem Einfluß des Tranks ſtehen. Ich will ihre Aufmerkſamkeit auf den Jüngling zu lenken ſuchen. Siehſt Du dort Deinen Bräutigam?“ fuhr er fort, indem er ſich an Eleonore wandte. Sie folgte mit ihren Augen der Richtung, nach welcher Vater Ambroſius hinwies. Sie ſah Lukas. Wir wiſſen nicht, wie wir die Gefühle beſchreiben ſollen, welche jetzt Beſitz von ihr ergriffen. Sie dachte nicht an Ranulph, oder wenn auch, doch nur mit der größ⸗ ten Gleichgültigkeit. In einer Art geiſtigen Entzückens überließ ſie ſich unbeſchränkt dem finnlichen Triebe, welcher ihre losgelaſſene Einbildungskraft ganz zu Lu⸗ kas hinrieß. Einige Augenblicke ſtarrte ſie ihn bewe⸗ gungslos an. Der Prieſter und Mrs, Mowbray beob⸗ achteten ſie ſtillſchweigend. Nichts veränderte ſich bei ihnen, bis Lukas hin⸗ zukam. Elevnore blickte ihn fortwährend an, und die augenſcheinliche Zärtlichkeit in ihren Augen ließ es ihn auch wagen, ſich ihr zu nähern. Das ſanfte Feuer, welches in ihren Augen flammte, war übrigens kalt und unbelebt. Lukas ging zu ihr hin; er nahm ihre Hand ſie entzog ſie ihm nicht. Er küßte dieſelbe— noch 131 immer ließ ſie ſie ihm— und blickte ihn mit flimmern⸗ den Augen an. „Meine Tochter gehört Ihnen, Sir Lukas Rook⸗ wood,“ rief Mrs. Mowbray aus. „Was ſagt aber das Mädchen ſelbſt?⸗ fragte Lukas. Eleonore antwortete nicht; nur ihre Augen waren immer noch auf ihn gerichtet. 66„Sie verweigert mir ihre Hand nicht,⸗ ſagte ukas. Das Schlachtopfer verſuchte keinen Widerſtand. „Nach der unterirdiſchen Kapelle,“ ſchrie Barbara, und gab der Bande das verabredete Zeichen. Daſſelbe wurde von dem Zigeuner⸗Geſindel wider⸗ holt. Eine angezündete Fackel über den Kopf ſchwin⸗ gend, zog der Maltheſer⸗Ritter ſeinen Excalibur aus der Scheide, und machte ſich bereit, nach der Gruft vor⸗ anzugehen. Wir bemerken hier gelegentlich, daß die Bande nicht theilnahmlos dieſen Vorfällen zuſchaute, ſondern ſich im Gegentheil über den Zweck und die Bedeutung derſelben gewaltig die Köpfe zerbrach.⸗ Der Zug begann ſich in Bewegung zu ſitzen. Eleonore ſtützte ſich auf den Arm ihrer Mutter. Neben ihnen ging Barbara mit dem Ausdrucke des Triumphs. Lukas folgte mit dem Prieſter. Eins hinter dem an⸗ dern gehend, ſo verließ die Verſammlung das Zimmer. Der Todtengräber allein verweilte noch.„Der Augenblick iſt gekommen,“ ſagte er nachdenklich,„wo alle dahinfahren werden.“ Mit wenigen Schritten war er im Hofe. Die Menge befand ſich noch daſelbſt. Ein augenblicklicher Verzug hatte Statt gefunden. Jetzt trat der Malthe⸗ ſer⸗Ritter in die Gruft ein. Er hielt ſeine Fackel ſo, daß dadurch eine zerbrochene Treppenflucht erleuchtet wurde, welche, wie es ſchien, zu Regionen ewiger Nacht führte. So dachte auch Eleonore, als ſie ſchaudernd in dieſen Abgrund hinabſah. Sie zauderte— ſie zit⸗ terte— ſie weigerte ſich; doch die un Mut⸗ ter, und die drohenden Blicke Barbaras vrachten fie enblich dazu, obwohl nur mit Widerſtreben, daß ſie ſich fügte. Envlich war der Platz leer. Peter wollte eben folgen, als der Schall von einem Pferdehuf ſein Ohr berührte. Er verweilte noch einen Augenblick, und herein in den Hof ritt der Hochſtraßenmann. „Ha, ha! alter Erdenwurm,“ rief Dick,„mein Neſtor des Kirchhofs; ganz allein! wo des Teufels iſt all' dieſes Volk hingekommen? Wo iſt Sir Lukas und ſeine neu aufgefundene Baſe, he?“ Peter ſetzte ihm in größter Haſt alles auseinander, „Eine Heirat unter dem Boden? famos! ſo etwas möchte ich vor allem andern mit anſehen. Ich will Beß an dieſen Epheuſtamm anbinden, und dann mei⸗ nen Weg mit Euch dorthin nachgraben, Ihr alter Maulwurf.“ „Sie müſſen hier bleiben und Wache halten,“ entgegnete Peter. „Möge ich gehangen werden, wenn ich dieß thue, während ein ſolcher Spaß vor ſich geht.“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach werdet Ihr wohl gehangen werden, entgegnete Peter;„ich würde je⸗ doch an Eurer Stelle meinem Schickfale nicht vorzu⸗ greifen ſuchen. Ihr müßt hier bleiben, und werdet es auch— dieß iſt eine gebieteriſche Nothwendigkeit. Ihr werdet hiebei nur gewinnen. Sir Lukas wird Euch ddelmüthig dafür belohnen, hiefür ſtehe ich ein. Ihr könnt ihm einen höchſt wichtigen Dienſt leiſten. Man erwartet hier Ranulph Rookwood und Major Mowbray.“ „Der Teufel auch; aber wie, oder warum—“ „Ich habe jetzt keine Zeit zu Erklärungen. Im Falle der Ueberrumplung ſchießt eine Piſtole los— ſie dürfen nicht in die Gruft kommen. Habt Ihr eine Pfeife? Denn Ihr habt eine doppelte Rolle zu ſpie⸗ len, und wir könnten Euren Beiſtand auch unten brauchen.“ „Sir Lukas kann über mich befehlen— hier iſt eine pie⸗ nten 133 n ſo ſchrille Pfeife, als des Teufels eigener Katzen⸗ ru 66 „Es iſt hinreichend, wenn ich Euch mit ihr zu Hülfe rufen kann. Kann man ſich aber auch auf Euch verlaſſen?“ „Wann hätte Dick Turpin jemals ſeine Freunde verlaſſen? Ueberall auf dieſer Seite des Styr erreicht mich der Ton dieſer Pfeife. Ich will in dem Hof her⸗ umreiten und Schildwach' ſtehen.“ „Genug,“ rief der Todtengräber, indem er unter dem Boden verſchwand. „Nehmt Eure Schienbeine in Acht,“ rief ihm Dick nach.„Dieß iſt ein verdammt düſterer Weg, allein er iſt ja an die Finſterniß gewöhnt. Eine Ueberrump⸗ lung, he? Ich will doch ein wenig nach meinen Pi⸗ ſtolen ſehen— die Steine wären gut. Nun können ſie kommen wenn ſie wollen, ich bin bereit.“ Nach⸗ dem er die Runde um den Platz gemacht hatte, hielt er nahe am Eingang in die unterirdiſche Kapelle, um Peters Pfeife hören zu können, hob ſodann ſein rech⸗ tes Bein gemächlich über den Sattel herüber, und zündete kaltblütig eine kurze Pfeife an(der Luxus der Cigarren war damals noch nicht bekannt) deren Dampfen er mit einer Ballade begleitete, deren Tert ein Lob auf ſein Gewerbe war: Der Strassenräuber. Quis ver rexe? Seneca. I. Es iſt kein König bis an der Welt Enden So froh, wie der König der Straße zu findenz Das Geſchoß iſt ſein Scepter, der Sattel ſein Thron, D'rauf erhebt er durch Zwangs⸗Leih'n und Steuern den Lohn. 8 ʒuchzel Die Landſtraße iſt ſein Gebiet wo von Allen, Die über ſie zieh'n, vie Zölle ihm fallen; Die Schenke ſein Schloß, wo er Hof hält zur Nacht, Und der Kuß und der Wein zum Gekrönten 8( uchhe! IM. Der Kriegs⸗ und der Seemann find Räuber nicht minder, Doch, wenn ſie verſtümmelt, des Elendes Kinder, Sie zieh'n auf den Bettel, auf Krücken geſtützt, Indeſſen der Räuber beim Leckermahl ſitzt. Juchhe! IV. Früh ſchwingt ſich der Hahn und ſpät Abends die Eule, ünd zieht auf die Jagd aus bei nächtlicher Weile; So ſchläft auch der Räuber, ſo lange es tagt, Und erſt, wenn es dunkelt, nach Beute er jagt. Juchhe! Wie dem Räuber im Leben viel' Reize verblüh'n, So iſt auch ſein Tod ohne Plagen und Müh'n. Er ſtirbt nicht wie And're in ſteigender Qual, Er endet— kein Feiger— mit einem Mal! Juchhe! Und ſomit verlaſſen wir ihn für den Augenblick. — O ſeltener Dick Turpin! 133 Zehntes Kapitel. Die Zelle des heil. Cpprian. Lasciate ohui speranzn voi ch'entrate. Dante. Laßt die Ihr eingeht, alle Hoffnung fahren. Cyprian von Mulverton, der fünfte Prior des Kloſters vom heil. Franziskus, ein Prälat von ſeltener Heiligkeit, gab ſich in den letzten Tagen ſeines Lebens einer ſolchen Kleinmüthigkeit hin, welche weder Faſten noch Kaſteiungen vertreiben konnten, daß er ein Ge⸗ lübde that, nie wieder mit ſeinen irdiſchen Augen das geſegnete Himmelslicht zu ſchauen, noch länger unter ſeinen Mitmenſchen zu wohnen. Er gab alſo ſeine geiſtliche Würde auf„die Welt vergeſſend, und von ihr vergeſſen,, um ſich während ſeiner noch übrigen Lebenszeit in ein Grab einzuſchließen. Er hielt ſein Gelübde. In den Felſen, aus wel⸗ chen das heilige Gebäude ſtand, wurde gerade unter der Kloſter⸗Kapelle eine andere eingehauen, und in dieſe zog ſich der heilige Mann zurück, nachdem er der Welt ein ewiges Lebewohl geſagt, und ſeine Heerde, welche er der Fürſorge ſeines Nachfolgers übergab, geſegnet hatte. Nie verließ er ſeine Zelle, außer um Mitternacht, und auch da nur ſo lange, als die Meſſen, welche für die Ruhe ſeiner Seele geleſen wurden, dauerten. Wel⸗ chen Eindruck mußte da nicht die Helle von unzähligen Kerzen, die warmen und ſcharfen Düfte der Weihrauch erfüllten Kapelle, welche ſo ſehr contraſtirten mit den unterirdiſchen Dämpfen ſeines Gefängniſſes, und der feierliche Klang des sanetus auf ſeine Sinne machen, da das einzige Licht ſeiner ſelbſt erwählten Grabes⸗ wohnung eine einzelne düſtere Lampe war, und man 136 mit ihm in ſeiner Zurückgezogenheit nur in dumpfen abgebrochenen Worten ſprechen durfte. Es mußte ge⸗ wiß ein Vorſchmack des Himmels für ihn ſein, welchen er zu gewinnen ſuchte. Gegen ſich ſo ſtreng, als es die menſchliche Natur nur immerhin erlaubte, verſagte er ſich ſogar die Ruhe. Er ſuchte den Schlaf nicht, und kannte ihn blos dann, wenn er unverſehens von demſelben überwältigt wurde. Sein Lager war der rauhe Felſen; und noch lange nachher, wenn die Gläubigen zu der Zelle des heiligen Priors kamen, und man ihnen dieſe ſcharfen und ge⸗ zackten Steine zeigte, wunderten ſie ſich darüber, wie ein Menſch ohne Furcht ſich habe auf ſie legen, ja ſo⸗ gar nur ſetzen können; man ſagte ihnen jedoch, daß trotzdem derjenige, welcher dem Wind gebiete, dem heiligen Dulder dieſes Lager ſo weich gemacht habe, als ein Daunenbett. Sein Körper war in ein Roß⸗ haar⸗Gewand von der gröbſten Art gekleidet; ſein Getränk waren die Tropfen, welche an den Wänden ſeiner Zelle herunterträufelten; und ſeine Nahrung be⸗ ſtand in ſolchen Brocken, welche ihm die Armen dar⸗ brachten— die einzigen Fremden, welche zu ihm gehen durften. Kein Feuer wurde da geduldet, wo ewiger Winter herrſchte. Niemand wurde zu ſeinen Nacht⸗ wachen zugelaſſen— Niemand ſah ſeine Bußübungen — niemals hörte man einen Seufzer in dieſer unter⸗ irdiſchen Höhle; aber der knotige, blutige Strick, wel⸗ chen man nahe an ſeinem Lager entdecken konnte, zeigte zu deutlich, auf welche Art dieſe langen Nächte zuge⸗ bracht wurden. So ging ein Jahr dahin. Die Spu⸗ ren ſeiner Leiden zeigten ſich in ſeiner gänzlichen Ent⸗ kräftung. Er konnte kaum noch ſchleichen; aber ſanft⸗ müthig lehnte er jeden Beiſtand ab. Er erſchien nicht bei der Mitternachts⸗Meſſe, wie es ſonſt ſeine Ge⸗ wohnheit war; aber die Thüre ſeiner Zelle wurde um dieſe Zeit aufgemacht; das Licht ſtrömte wie eine Glo⸗ rie um ſein ehrwürdiges Haupt; er hörte den fernen — 137 Wiederhall des dumpfen miserere, und athmete Düfte ein, welche aus dem Paradieſe zu wehen ſchienen. Eines Morgens fanden ihn einige, welche ſeine Zelle beſuchten, mit auf die Bruſt herabgeſunkenem Kopfe vor dem Bilde der Jungfrau, der Patronin ſei⸗ ner Kapelle, knieen. Da ſie ihn zu ſtören fürchteten, ſo blieben ſie ehrfurchtsvoll in einiger Entfernung ſtehen, und zwar eine ganze Stunde lang; weil er übrigens die ganze Zeit über durchaus kein Lebens⸗ zeichen von ſich gegeben hatte, ſo wagten ſie es, das Schlimmſte ahnend, ſich ihm zu nähern. Er war kalt wie der Marmor, vor welchem er kniete. Während dieſer Handlung des demüthigſten Flehens— ohne Zweifel in der Hoffnung auf Gnade— war Cyprians Geiſt entflohen. „Geſegnet ſind die, ſo in dem Herrn ſterben, riefen ſeine Brüder aus, welche ſeinen Leichnam mit der tiefſten Ehrfurcht betrachteten. Als er zufälliger⸗ weiſe berührt wurde, fiel er um. Er war nur wenig beſſer als ein Skelett. In dem Kreuzgange wurden ſeine Gebeine begra⸗ ben, und zwar mit einem Pomp und einer Pracht, welche nur wenig übereinſtimmten mit der Demuth und Selbſt⸗Erniedrigung dieſes Mannes der Pein und der Qual. Dieſe Kapelle war zu der Zeit, von welcher wir ſprechen, beinahe noch in dem nämlichen Zuſtande wie in den Tagen ihres heiligen Bewohners. Sie war ganz in den Felſen gehauen— Dach, Gewölbe, Bo⸗ den, alles von feſtem Granit. Drei dicke cylindriſche Pfeiler, welche aus dem natürlichen Felſen gehauen, und ſo rauh waren als die Aeſte der knorrigen Eiche hielten die Decke. Deſſen hätte es übrigens nicht be⸗ durft— ein Erdbeben würde dieſes fefte Sparrwerk kaum herabgedrückt haben. Nur in einem Winkel, wo das Waſſer durch eine Felſenſpalte gleich Thränen derabträufelte, waren einige Spuren des Verfalls zu 138 entdecken. Hier hatte das durch das beſtändige Her⸗ abträufeln etwas angegriffene Geſtein an einigen Stel⸗ len nachgegeben. Das Gewölbe hatte die Kreisform. Der Zwiſchenraum zwiſchen den maſſiven Säulen bil⸗ det je einen Spitzbogen. Von jedem Pfeiler gingen ſodann wieder andere Bögen aus, welche von Biago⸗ nalen Aeſten durchkreuzt, ſich ineinander verſchlangen, und wie Strahlen vom Mittelpunkt ausgehend, jene ſchönen Verwicklungen bildeten, auf welchen das Auge eines Liebhabers der Baukunſt ſo gerne verweilt. Mit⸗ ten in dem von dieſen dreifachen Säulen gebildeten Kreiſe ſtand ein Altar von Stein, und neben dieſem ein Crucifix, welches aus dem nämlichen rauhen Ma⸗ terial gearbeitet war. Hier ſtand auch das geheiligte Bild jener, welche den Prior mit den Gedanken der Heiligkeit inſpicirt hatte, und jetzt nur noch ein form⸗ loſer Stein war. Die ſchwache Lampe, welche gleich einem Stern, der mit dem finſtern Dunkel der win⸗ terlichen Zellen kämpft, ihren ſchwachen Schein auf das Geſicht der heil. Thekla geworfen hatte, war aus⸗ gegangen. Aber auf dem Schlußſtein der mittleren Bögen, von wo einſt eine Kette herabgehängt war, konnte man noch die durch die Zeit halb verwiſchte Inſchrift leſen: Sancta Thecla ora pro nobis. Nur ein Ausgang führte aus der Kapelle— der⸗ jenige, welcher die Treppenflucht hinauf in das Kloſter führie,— nur ein Gemach war da— die Zelle des Priors. Der erſtere befand ſich gerade vor dem Al⸗ tar— das andere gähnte gleich einer Grabesöffnung im Hintergrunde. Im Ganzen war es ein ſchauer⸗ licher Ort. Stumm waren die Wände, wie wenn ſie ſich geweigert hätten, die gemurmelten Gebete des Einſiedlers zurückzugeben. Ueberall herrſchte eine ein⸗ tönige, düſtere Färbung vor. Der graue Granit war aus Alter weiß geworden, und hatte ein geiſterhaftes Ausſehen; die Säulen waren ſchwer, und warfen tiefe —.— rc——————— 139 Schatten. Kummer und Aberglauben hatten auch über dieſen Platz ihre Erzählungen verbreitet, und ein gei⸗ ſtiges Dunkel vermehrte noch die Düſterheit deſſelben. Die Verzweiflung, welche deſſen Bau veranlaßt hatte, ſchien in demſelben fortzubrüten. Die Hoffnung ſcheute ſeine unerbittlichen Mauern. In dieſem tranrigen Heiligthum kniete Sybille vor dem Bild ihrer Schutzheiligen, und hob ihre Hände flehend zu derſelben empor. Alles war in Finſterniß gehüllt. Weder die ſchweren Dünſte, welche rings um fie aufſtiegen, noch der Altar, vor welchem ſie kniete, waren ſichtbar; da ſie aber mit dieſem traurigen Orte ſehr bekannt war, ſo wußte ſie auch, daß ſie ſich in Beziehung auf den Platz, den ſie ausgeſucht, nicht ge⸗ irrt habe. Sie hatte ſich durch die Berührung über⸗ zeugt, daß ſie ſich vor dem ſteinernen Altar befand— daß ihr Geſicht gegen das zerbrochene Bild der Hei⸗ ligen war; und an dieſe wendete ſie ſich auch mit ge⸗ falteten Händen und ſtrömenden Augen in düſterem und trauerndem Tone mit folgender Hymne: Bymne an die heilige Thetkla. ²) I In der Fülle meiner Schmerzen, Meines Kummers, tief und ſchwer, Mit gequältem, wundem Herzen Tret ich flehend zu Dir her. Heilige Märtprerin! ſtähle Mit der Kraft die Du bezeugt, Eine Schmerzbelad'ne Seele Die im Staub ſich vor Dir beugt, Die von Todesangſt umfangen Irrend— wie im falſchen Wahn— Zwiſchen Zweifeln, zwiſchen Bangen, ——— *) In Muſik geſetzt von Fr. Romer. 14⁰ Eine Schwache— ruft Dich an. Sündige Gedanken drücken Auf mich ein und weichen nicht; Schwarze Lockungen berücken Mich mit laſtendem Gewicht. Lebensmüde blick ich traurig Auf mein Daſein, gäb' es hin Gern, und aus der Welt ſo ſchaurig Möcht' zur Grabesruh ich fliehn. Grabes⸗Ruh! ach könnt' ich borgen Heil'ge! Deine Schwingen mir, Schwäng' ich über meine Sorgen, Mich zum Frieden auf bei Dir. Heil'ge Märtyrerin! ſtähle Mit der Kraft die Du bezeugt, Eine Schmerzbelad'ne Seele, Die im Staub ſich vor Dir beugt. Mein erbarm' Dich heil'ge Jungfrau! Leih' die ew'ge Ruhe mir. I. Dul! o Liebliche und Reine, Unentweiht und unbefleckt, Deren Seelenruhe keine Irdiſche Verſuchung ſchreckt'; Bei den Feſſeln die geſchlagen, Deinem Muth im Flammen⸗Roth, Deinem Glauben ohne Zagen, Deinem Engelſchutz im Tod; Bei dem reinen Gott⸗Vertrauen, Das in Martern Deine Kraft Stärkte und in ſel'gem Schauen Ew'ge Wonne Dir verſchafft'; Bei dem lichten Strahlenkranze Der Dich wundervoll umkränzt, Und in ewig hellem Glanze Um den Thron des Höchſten glänzt; — ——-—„——c—. pv— 141¹ Bei dem gnadenreichen Looſe, Das der Dulder⸗Lohn Dir gab, Blick auf eine Hoffnungsloſe, Mit Barmherzigkeit herab. Heil'ge Märtyrerin ſtähle Mit der Kraft, die Du bezeugt, Eine Schmerzbelad'ne Seele Die im Staub ſich vor Dir beugt! Bitt für mich zur Todesſtunde, Heil'ge Jungfrau hör mein Flehn. Kyrie Eleiſon. Die liebliche aber dumpfe Stimme der Sängerin verlor ſich in ſchwachen Tönen. Die Heftigkeit ihrer Pein war etwas gemildert. In der That verfehlt ein brünſtiges Gebet auch ſelten den Bekümmerten Troſt zu bringen. Sybille wurde gefaßter. Aber noch zit⸗ terte ſie bei dem Gedanken an das, was ihr noch zu thun übrig bliebe. „Sie werden hier ſein, ehe ich mein Gebet nur beendigt habe,, murmelte fie;„ehe ich das vollführt, was mich bewogen hat, hierher zu gehen. Laßt mich, o laßt mich Frieden mit meinem Schöpfer machen, ehe ich mich ihm übergebe, und dann beginne man mit mir, was man will.“ Und Sie beugte ihr Haupt in demüthigem Gebet. Noch einmal rief ſie mit aufgehobenen Händen und mit zur ſchwarzen Decke emporgerichteten Augen die Fürbitte des heiligen Mannes an, welcher dieſer Zelle den Namen gegeben hatte. Hymne an den heil. Cpprian. I Hör', o Dulder meine Klagen, Der ſein Haus hier aufgeſchlagen Zwiſchen Felſen und ſein Leben 142 Ganz der Buße hingegeben! . Dich von Deiner Schuld befreien Durfteſt Du durch ſtreng Kaſteien Selbſtverleugner, gib mir Kraft, Da der Tod hinweg mich rafft. Hilf durch deine Büßerwunde Mir in dieſer Prüfungsſtunde! I. Mög' durch Deinen Mund mein Flehen Wirkſam zu dem Himmel gehen. Vor der Hölle Heeresſchaaren Mögſt Du meine Seele wahren, Daß von meinem Geiſt im Scheiden Seine Sünden niedergleiten, Und zum Geber rein wie je, Seine Gabe heimwärts geh'. Hilf bei dieſem Schauerorte WMir durch Deine Mittlerworte. Kaum hatte ſie ihren Geſang beendigt, als die Fackel des Maltheſer⸗Ritters das Dunkel etwas er⸗ hellte, welches in der Kapelle ſeither geherrſcht hatte. * Eilftes Kapitel. Die Hochzeit. Cari. Ich will nicht ſerben es nicht Verlobt mit einem jungen Edelmann. Scharfrichter. Hier iſt der Brautring⸗ Herzogin von Malty. Langſam bewegte ſich der Zug abwärtsz feierlich und ſtill, wie wenn die Handlung, welcher man beiwohnte, ein Leichenbegängniß, und nicht die Feier einer Hochzeit ſei. — — — —„————— die er⸗ tte. nicht ann. t. 1 und ein ſei. 6 143 In der That mußte auch ein Zuſchauer glauben, daß es irgend eine eher von Dämonen als von menſchlichen Weſen ausgeführte ſchreckliche Ceremonie ſei, wenn er dieſe wilden und grimmigen Geſtalten bei dem flackern⸗ den Schein der Fackel ſah, welcher allen einen ſtrengen und grauſamen Ausdruck verlieh— wenn er dieſe mürriſchen Geſichter anblickte, welche eine Braut um⸗ gaben, von deren blaſſen Wangen jede Spur einer Farbe, ja faſt des Lebens geflohen war; und einen Bräutigam mit einem noch wilderen Geſichte, und un⸗ ruhigerem Benehmen. Das hohe Gewölbe, die Pfei⸗ ler, der Fackelſchein, und die wilden Geſtalten bildeten zuſammen ein Gemälde, welches eines Rembrandt oder Salvator würdig geweſen wäre. „Iſt Sybille in der Kapelle?„ fragte Barbara. „Ich bin da, antwortete eine Stimme vom Al⸗ tar her. „Warum zögern wir?“ ſagte die Zigeuner⸗Köni⸗ gin;„wir ſind alle verſammelt. Zu dem Altare.“ „Zu dem Altare?“ kreiſchte Eleonore.„Ohl nein— nein—“ „Erinnere Dich an meine Drohung, und gehorche,“ murrte Barbara;„Du biſt jetzt in meiner Gewalt.“ Ein krampfhafter Seufzer war alles, was Eleonore erwidern konnte. 2 „Unſere Zahl iſt noch nicht voll,“ ſagte der Prie⸗ ſter, welcher ſich vergeblich nach dem Todtengraber umgeſehen hatte;„Peter Bradley iſt noch nicht hier.“ „Ha!“ rief Barbara.„Man ſuche ihn augen⸗ blicklich auf.“ „Es iſt nicht nöthig, daß ſich Jemand deßhalb bemüht,“ ſagte Peter indem er vorſchritt. Der Maltheſerritter näherte ſich dem Altare. Das Fackellicht röthete die dicken ſteinernen Pfeiler. Es fiel auf den Altar, und das geiſterhafte Geſicht Spbil⸗ lens, welche auf der Seite ſtand. Wie das Licht ſo auf ſie fiel, ſo zeigte ſich ein Gegenſtand, welchen man 144 ſeither nicht haite ſehen können, und fſie ſtieß einen langen und ſchrecklichen Schrei aus; auch der Malthe⸗ ſerritter fuhr erſchreckt zurück; und ein allgemeiner Ruf des Erſtaunens entfuhr den Lippen der Vorderſten in der Gruppe. Alles drängte vorwärts, und eine all⸗ gemeine Beſtürzung bemächtigte ſich der Verſammlung. Jeder blickte ſeinen Nachbar an, um die Urſache des Tumults zu erfahren, und nicht wenig ängſtigten fich die hintern über die erſchreckten Blicke der vordern, die einzige Antwort welche dieſe gaben. „Wer hal es gewagt, dieſen Leichnam hieher zu bringen?“ fragte Barbara in einem Tone, in welchem ſich Zorn und Furcht ſtritten, indem ſie zu gleicher Zeit auf den geiſterhaften Leichnam eines weiblichen Weſens hindeutete, welcher am Fuße des Altars lag. „Wer hat dieß gewagt, ſage ich? Schnell! hinweg mit ihm. Was ſtarrt ihr ihn an? Ihr Raben! iſt es denn vas erſte Mal, daß ihr einen Leichnam ſeht — weil ihr ſo zurückſchaudert— vor demſelben ſo er⸗ vebt? Es iſt ein Klotz— nein, weniger noch als ein Klotz. Hinweg mit ihm— hinweg, ſage— „Berühre ihn Niemand,“ rief Lukas, indem er eine Wolke ſchwarzen Haars aus dem Geſicht ent⸗ fernte; es iſt der Leichnam meiner Mutter.“ „Meine Tochter!“ rief der Todtengräber aus. „Was!“ kreiſchte Barbara—„iſt dieß Deine Tochter— iſt dieß Lady Rookwood?— ſind die Tod⸗ ten aufgeſtanden, um dieſe Hochzeit mitzufeiern? Sprich! Du kannſt uns vielleicht ſagen, wie ſie hierher kam.“ „Nein, das kann ich nicht,“ entgegnete Peter, indem er Barbara grimmig anſah;„ich möchte im Gegentheil an Dich dieſe Frage ſtellen. Wie kam dieſer Teichnam hierher?“ „Frage den Richard Chekley,“ ſagte Barbara, ſich gegen den Prieſter wendend.„Er kann Dir viel⸗ leicht Auskunft darüber geben. Prieſter, fuhr ſie m gedämpfter Stimme fort,„dieß iſt Dein Werk.“ 3 6 1 1 — — ne d⸗ 145 Chekley erwiderte nichts.. „Chekley!“ kreiſchte Peter. Iſt dieß Richard Che⸗ kley?— iſt dieß—?“ „Ruhig!“ donnerte Barbara;„will Niemand den Leichnam wegnehmen? Noch ein Mal frage ich, fürchtet ihr die Todten?“ Es entſtand ein Gemurmel. Nur Balthaſar wagte es, ſich dem Leichnam zu nähern. Lukas ſtarrte auf den Boden hin, als dieſer ſich näherte. Seine Augen leuchteten in Tigerwuth. „Zurück, alter Mann,“ rief er;„wage es keiner, ſeine gottesläſterliche Hand an ihren Körpeér zu legen, oder ich ſtrecke ihn neben meine Mutter hin. Es iſt ganz gleichgültig wenn, und wie er hierher kam. Hier an dem Altare wurde er niedergelegt, und Niemand ſoll ihn von da wegnehmen. Die Todte ſoll Zeugin meiner Hochzeit ſein. So hat es das Schickſal be⸗ ſchloſſen— mein Schickſal— über welches die Todte wacht. Ihr Ring ſoll mich mit meiner Braut ver⸗ binden. Ich wußte nicht, zu was er mir noch dienen werde, als ich ihn von ihrem Finger nahm. Jetzt weiß ich es, hier iſt er;“ und er zeigte einen Ring. „Dieß iſt ein unheilvolles Geſchenk, dieſer zwei Mal gebrauchte Ring,“ ſchrie Sybille;„auf ihrem Todtenbette ſagte mir noch meine Mutter, daß ich einen ſolchen bekommen werde— ein ſolcher Ring werde mich verbinden, ſagte ſie—“ „Mit wem?“ fragte Lukas grimmig. „Mit dem Tode:“ erwiderte ſie feierlich. Lukas ſchlug die Augen nieder. Er wandte ſich tief ergriffen weg, unfähig ihren Blick länger ertragen zu können; indeſſen war das verzweifelnde Mädchen in folgenden Geſang mit ſo wildem Pathos ausge⸗ brochen, daß die Herzen aller Zuhörer davon ergriffen wurden— Herzen, welche von einem Stoffe waren, auf welchen man ſonſt nicht leicht einen Eindruck ma⸗ chen konnte:— Rookwood. IM. *) In Muſik geſetzt von F. Romer. . 146 Der zweimal gebrauchte Ring.*) I. Hüte dich vor deinem Hochzeitstage Meine Mutter ſterbend droht; Hüte dich, und höre, was ich ſage, Deiner harret nur der Tod. Wird dich kalt erfaſſen, Wirſt vor ihm erblaſſen; Küßt mit ſeinen kalten Lippen dich; Vor dem Brautkuß hüte dich!— I. Deinen Ring hat man von einer Leiche Starrem Finger für dich abgezogen; Auch, wie du, ward dieſe Arme, Bleiche, Von dem Manne ihrer Wahl betrogen. Ein zwei Mal gebrauchter Ring Iſt ein Unglück bringend Ding, Da durch ihn man fremdes Leid empfing. Hüte dich vor dieſem Ring. III. Denn der Altar und die dunkeln Grüfte Sind durch wenige Schritte nur geſchieden, Banner flattern oben durch die Lüfte, Unten ſchlummert tiefer grauſer Frieden. Dell die Glocke klinget, Aber Trauer bringet; Dunkelheit folgt auf den hellen Glanz. Hüte Dich vor deinem Hochzeitskranz. MW. Hüte dich vor deinem Hochzeitstage, Sprachen ihre Lippen im Erbleichen; 147 Jetzt von hinnen rufet mich die Klage, Und es ſendet mir das Grab ein Zeichen. Kalte Finger bringen Mir den ſchlimmſten von den Ringen; Bald erſtarrt auch meines Herzens Schlag.— Und das iſt mein Hochzeitstag! Ein tiefes Schweigen herrſchte, als die letzten, traurigen Töne verklangen, und manches rauhe Herz war ſogar bis zu Thränen gerührt. Eleonore war während der Zeit in einem Zuſtande leidender Be⸗ täubung geweſen, und blickte Sobillen an, welche allein für ſie da zu ſein ſchien, wie wenn ſie die Bedeutung ihres Geſanges unbeſtimmt begriffen hätte. „Dieß iſt mein Hochzeitstag,“ murmelte ſie vor ſich hin, als Sybille geendigt hatte.„Sagte jene ſüße Stimme nicht ſo? Ich weiß wohl, daß es mein Hoch⸗ zeitstag iſt. Aber was für eine Kirche haben Sie denn gewählt, Mutter!— Ein Grab— eine Gruft— doch dieß paßt zu einer Hochzeit, wie die meinige es iſt— und welche Hochzeitsgäſte:— Wurde jenes bleiche Weib in ihrem Sterbekleid von Ihnen eingeladen? Sagen Sie es mir, Mutter.“ „Mein Gott, ſie hat ihre Sinne verloren!“ rief rs. Mowbray.„Warum ging ich an dieſen gräß⸗ lichen Ort.“ Fragen Sie nicht warum, Madam.“ ſagte der Prieſter.„Die Zeit für die Betrachtungen iſt vorüber — wir müſſen handeln. Laſſen Sie die Heirat auf jede Gefahr hin vor ſich gehen; wir werden dann ſchon Mittel finden, von dieſem verfluchten Platze fortzukommen.“ „Man entferne dieſen gräßlichen Gegenſtand,“ ſagte Mrs. Mowbray;„er macht mein Kind verrückt.“ „Helfe mir, Richard Chekley,“ ſagte Peter, indem er den Prieſter ſtarr anſah. „Nein, nein,“ erwiderte der v eigenthümlichen Blick zu Mrs. Mowbray,„ſo ſehe eine Platte voll Salz, welche Miſchung der Teufel 148 „ich will nicht— ich kann ihn nicht berühren— ſchaffe ihn allein auf die Seite.“ Peter näherte ſich dem Lukas. Der Letztere wider⸗ ſetzte ſich nun nicht länger mehr, und der Leichnam wurde hinweggebracht. Eleonorens Augen folgten ihm in die finſtern Räume des Gewölbes; und als fie„ dem weißen Schein des Sterbekleides nicht mehr ſehen konnte, ſo ſchien ihr heftig arbeitender Buſen mit einem tiefen Seufzer zu berſten und ihr Kopf fiel auf ihre Schulter. „Laſſen Sie mich den Ring ſehen,“ ſagte der Prieſter zu Lukas, welcher denſelben noch zwiſchen ſeinen Fingern hielt. „Ich bin von Natur aus nicht abergläubiſch,“ ſagte Mrs. Mowbray;„es mag ſein, daß das Schreck⸗ liche dieſes Ortes meinen Geiſt etwas verwirrt hat; allein dieſer Ring macht mich bangen. Sie ſoll ihn nicht tragen.“ „Wenn man keinen andern finden kann,“ ſagte der Prieſter, mit einem bedeutungsvollen und ganz ich keinen Grund ein, warum man hiegegen eine Ein⸗ wendung machen ſollte. Ich hätte von Ihnen, Madam, keine ſolche Schwachheit erwartet— aber auch zuge⸗ geben, daß ſich an denſelben ein böſer Zauber knüpfe, was nicht der Fall iſt, wie Sie mir glauben dürfen — denn wie könnte dieß auch bei einem harmloſen Stückchen Gold der Fall ſein? ſo hätte mein Segen, und das Beſprengen mit Weihwaſſer hinlängliche Macht, den böſen Geiſt zu bannen und auszutreiben. Um Ihnen übrigens alle Furcht zu benehmen, ſo ſoll dieß ſogleich geſchehen.“ ₰ Ein Gefäß mit Waſſer wurde ihm gebracht, und nicht ſoll leiden können, und die man für ein Sinn⸗ bild der Unſterblichkeit und Ewigkeit hält; weil es an und für ſich dem Verderben nicht ausgeſetzt, auch alles, * 149 andere vor demſelben bewahrt. Mit der gewöhnlichen römiſchen Form des Gebets und der Beſchwörung ver⸗ miſchte der Prieſter drei Mal das Salz mit der rei⸗ nen Flüſſigkeit; hierauf nahm er den Ring mit großer Feierlichkeit in die Hand, beſprengte ihn mit einigen Tropfen des von ihm geweihten Waſſers, machte das Zeichen des Kreuzes über demſelben, ſprach noch eine zweite und mächtigere Beſchwörungsformel, um alle Gewalt des Satans zu vernichten, und gab ihn ſo⸗ dann an Lukas zurück. „Jetzt kann ſie ihn ruhig tragen,“ ſagte der Tod⸗ tengräber mit ſchneidendem Hohne.„Hätte ſich die Schlange ſelbſt um dieſes geweihte Ding herum gewickelt, ſo würden die Gebete ſie vertrieben haben. Doch warum verziehen wir noch? Nichts liegt mehr zwiſchen uns und dem Altare— der Weg iſt rein. Der Bräuti⸗ gam wird ungeduldig. „Und die Braut?“ fragte Barbara. „Iſt bereit, antwortete der Prieſter.„Zögern Sie nicht mehr länger, Madam. Tochter, Ihre Hand.“ Eleonore gab dieſelbe. Sie war ſtarr und kalt. Von ihrer Mutter unterſtützt ging ſie nach dem Altare, welcher nur wenige Schritte von dem Platze entfernt war, wo ſie ſtanden. Sie leiſtete zwar keinen Wider⸗ ſtand, allein ſie erhob auch ihren Kopf nicht. Lukas war ihr zur Seite. Jetzt zum erſten Male fühlte er die ganze Schändlichkeit der barbariſchen und entehren⸗ den Handlung, welche er zu begehen im Begriff war, mit voller Kraft. Er ſah ſie in den ſchwärzeſten Farben. Es war einer jener ſchrecklichen Augenblicke, in welchem das Rad der Leidenſchaft plötzlich ſtille ſteht. „Noch iſt es Zeit,“ keuchte er.„Oh macht nicht, daß ich mich ſelbſt verdammen muß— laßt mich So⸗ billen— mich ſelbſt— laßt mich auch ſie retten.⸗ Sie ſtanden vor dem Altare— jene wilden Hoch⸗ zeitsgäſte. Hoch über ihre Köpfe wurde die Fackel er⸗ hoben. Die rothe Flamme beleuchtete Bräutigam und 150 Braut, und gab den bleichen Zügen derſelben ein faſt lebhaftes Aus ſehen— es fiel auf die hagere Geſtalt des Todtengräbers, und ließ das Lächeln triumphiren⸗ der Bosheit ſehen, welches auf ſeinem Geſichte ſpielte — es fiel auf die phantaſtiſche Kleidung der Barbara, und auf das ſtolze, aber beſtürzte Geſicht der Mrs. Mowbray— es ſiel auf die gothiſchen Spitzbögen— auf einen verwitterten Pfeiler— auf das Marmor⸗ geſicht der Jungfrau Thekla, und auf das Sybillens, welches aus demſelben Stoff gemacht ſchien. Sie ſtand hinter dem Altar, ſchweigend und unbeweglich wie eine Statue. Die Wirkung von Licht und Schatten war bei andern Theilen der Scene, auf der wilden Kleidung und den harten Zügen mancher Zuſchauer eben ſo auffallend. Indeſſen war Spybille verſchwunden. War ſie ge⸗ flohen?— Neinz ſie war bei der Braut. Mechaniſch nahm Eleonore ihren Platz ein. Eine ſchwache Stimme aniwortete. Man konnte die Lippen der Miß Mow⸗ bray ſich kaum bewegen jehen; doch die Antwort war gegeben, und der Prieſter zufrieden. Er nahm den Ring; er beſprengte ihn wieder mit Weihwaſſer, in der Form des Kreuzes. Er ſprach das Gebet:„Benedic, Domine, aunullum hunc, quem nos in tuo nomine benedicimus, ut quae cum est averit, fidelitatem integram suo sponso tenens; in pace et voluntate tua parmaneat atque in mutua cha- ritate semper vivat.“ Er wollte Lukas eben den Ring wieder zurück⸗ geben, als die Fackel, welche der Maltheſerritter em⸗ porhielt, durch eine unſichtbare Hand zu Boden ge⸗ ſchlagen wurde, und ſogleich verlöſchte. Die wilde Flamme verlöſchte, wie die Figuren plötzlich verſchwin⸗ den, wenn das magiſche Glas weggenommen wird. Ein wilder Tumult folgte. Schrill übertönte Bar⸗ bar as Stimme den ganzen Lärmen. „An die Thüre, ſchnell— an die Thüre— laßt lt 1 te . ⸗ d ie n E. e v⸗ r er mM st in ck⸗ n⸗ e⸗ de n⸗ r⸗ t 151 Niemand hinaus. Wir wollen den Urheber dieſes Streichs ſchon herausfinden. Fort.“ Man gehorcht ihr. Einige Gauner ſtellen ſich an die Thüre. „Fahrt nur mit der Ceremonie fort,“ ſagte Barbara.„Die Heirat ſoll Statt finden, ſei es nun hell oder finſter.“ „Recht, rief der Todtengräber.„Fahrt fort— fahrt fort.“ Die Handlung nahm ihren Fortgang. Der Ring wurde der Braut an den Finger geſteckt; und wie ihn Lukas berührte, ſo ſchauderte er zuſammen. Er war kalt wie der des Leichnams, welchen er eben erſt um⸗ faßt hatte. Das Gebet wurde geſprochen— der Segen ertheilt— die Heirat war geſchehen. Plötzlich ertönten jetzt in der Finfterniß tiefe Grabestone, und eine Stimme ſang ein Lied, welches alle als den Todtenſang ihres Stammes kannten, und das von den Trauerweibern ſtets über eine ſter⸗ bende Schweſter geſungen wurde. Die Töne ſchienen in der Luft zu ſchweben. Das Lied lautete folgender⸗ maßen: Die Lodtenglocke.*) Defunctos ploro. I Schnell entflieh'n die Lebenszeichen, Ihre Lippen raſch erbleichen. Bald, bald wird ſie ſterben. I Raſch drückt Todeskampf ſie nieder Es erlahmen ihre Gliever, Raſch entflieht die Seele. *) In Muſik geſetzt von F. Romer. 152 Ueber Bergesgipfel eilet, Bei des Himmels Wunden weilet; Grüßet wenn fie Sterne ſieht, Da ſie aufwärts zieht. Horch! die Todtenglocke klingt, Mit dem Echo weiter dringt, Scheint zu künden. V. Sie erwacht zum Leben nimmer, Schloß die Augen, ach! für immer, Sie iſt todt! Die Vermählten verweilten noch an dem Altare, und warteten, wie es ſchien, die Erlaubniß der Zigen⸗ ner⸗Königin ab, um die Zelle verlaſſen zu können. Lukas rührte ſich nicht. Die kalte Hand der Braut, welche die ſeinige gefaßt hatte, hielt ihn zurück, und verhinderte ſein Weggehen. Mrs. Mowbray verlor die Geduld. Sie war nicht ganz frei von Furcht. Warum verziehen wir hier denn noch länger?“ wisperte ſie dem Prieſter zu. „Gehen Sie voran, Vater.“ „Der Haufen iſt zu dicht,“ erwiderte Chekleyp. „Man würde ſich mir widerſetzen.⸗ „Sind wir denn hier Gefangene?“ fragle Mrs. Mowbray erſchreckt. „Laſſen Sie mich den Verſuch machen,“ rief Lukas mit heftiger Ungeduld.„Ich werde uns einen Aus⸗ gang mit Gewalt bahnen.“ „Verlaſſe Deine Braut nicht, flüſterte Peter, wenn Dir etwas an ihr liegt. Bekümmere Dich um alles andere nichts. Sie allein iſt in Gefahr. Dulde nicht, daß man ſie von Dir entferne, wenn Du ſie — 153 nicht ganz verlieren willſt. Bleibe hier. Ich werde die Sache ſchnell zu Ende bringen.“ „Genug, erwiverte Lukas;„ich rühre mich nicht,⸗ und er zog ſeine Braut näher an ſich heran. Er bückte ſich, um ihr einen Kuß auf die Lippen zu drücken. Ein kalter Schauer durchfröſtelte ihren Körper, als er fie berührte, aber ſie widerſetzte ſich ſeiner Umarmung nicht. Der Verſuch Peters ſich einen Weg zu bahnen, war eben ſo erfolglos als der des Prieſters. Der Maltheſerritter nöthigte ihn zum Anhalten, indem er ihm die Excalibur auf die Bruſt ſetzte. „Sie können nicht paffiren,⸗ rief der Ritter; unſere Befehle ſind beſtimmt⸗ „Wie ſoll ich denn dieß verſtehen? ſagte Peter zornig.„Warum werden wir hier zurückgehalten?“ „Ihr ſollt es alle erfahren,“ entgegnete Barbara; vinzwiſchen ſeid ihr meine Gefangene;— oder, wenn euch dieſes Wort nicht gefällt, meine Hochzeitsgäſte.“ „Die Hochzeit iſt vorüber,⸗ erwiderte der Todten⸗ gräber. Braut und Bräutigam warten voll Ungeduld auf die Abreiſe, und wir, die Gäſte, obgleich es welche unter uns geben mag, welche keine Feinde der Finſter⸗ niß ſind, haben durchaus kein Verlangen, den Hoch⸗ zeitsſchmauß hier zu halten.⸗ „Aber Sybillens Hochzeit hat noch nicht Statt ge⸗ funden, entgegnete Barbara;„ihr müßt noch lange hier verweilen.⸗ „Ha! nun kommt es, dachte Peter.„Und wer unter dieſer verehrungswürdigen Geſellſchaft, wenn ich fragen darf,“ ſagte er laut,„iſt denn ihr Bräutigam?“ „Der Beſte derſelben,“ entgegnete Barbara;„Sir Lukas Rookwood.“ „Er hat ſchon eine Braut,“ erwiderte Peter. „Man kann ſie aus dem Wege ſchaffen,“ ſagte Barbara mit einem ganz eigenthümlichen Nachdruck. „Begreift Ihr jetzt meine Abſicht?“ „Ich will ſie nicht begreifen,“ ſagte Peter.„Du * N 154 kannſt nicht dieienige tödten wollen, welche jetzt vor dem Altare ſteht.“ „Sie die vor dem Altare ſteht, muß einer Nach⸗ folgerin Platz machen ſie, welche die Hand des Bräutigams hält, ſoll ſterben. Ich ſchwöre es bei dem Eid meines Stammes.“ „Und glaubt Ihr denn, daß Ihr Euer mörderi⸗ ſches Vorhaben ungeſtraft werdet ausführen können?“ ſchrie Mrs. Mowbray voll Schrecken aus.„Glaubt Ihr denn, daß ich dabei ſtehen und zuſehen werde, wie mein Kind vor meinen Augen getödtet wird— daß meine Freunde dieß zugeben werden? Glaubt Ihr, daß ſogar Euer Stamm es wagen wird, Euer ſchreckliches Vorhaben auszufühten? Nein, Nie⸗ mand wird dieß wagen. Es wird ſich alles auf unſere Seite ſchlagen. Sogar jetzt ſchon murren ſie. Was hofft Ihr denn durch eine ſo gräßliche und grauſame z. gewinnen? Welchen Grund könnt Ihr dazu aben?“ „Den nämlichen, wie ſie auch,“ entgegnete Bar⸗ bara:„das Beſte meines Kindes Spbille iſt mir 0 theuer, als Ihnen Eleonore. Sie iſt das Kind meines Kindes— die Tochter meiner geliebten Tochter. Ich habe geſchworen, ſie mit Sir Lukas Rookwood zu ver⸗ mählen. Die Mittel hiezu ſind in meiner Gewalt. Ich werde mein Gelübde halten. Ich werde ſie mit ihm verheiraten. Sie befannen ſich keinen Augenblick Ihre Tochter dem Manne, welchen ſie liebte, zu entreißen, und ſie vem zu geben, welchen ſie haßte; und für was? für Gold— für Macht— für Rang. Ich habe die nämlichen Beweggründe. Ich liebe mein Kind, und es liebt Sir Lukas, hat ihn ſchon lange — und treu geliebt, deßhalb ſoll es ihn auch haben. Was bekümmert mich dein Kind, oder deine Gefühle, außer wenn ſie mir zu meinen Zwecken dienlich find? Sie ſteht mir im Wege— ich entferne ſie.“ „Wer ßlellte ſie aber in denſelben?“ ſragte der * — —— 155 Todtengräber.„Botſt Du nicht helfend Deine Hand, um dieſe Schranke aufzurichten?“ „O ja,“ erwiderte Barbara.„Möchteſt Du wiſſen warum? Ich will es Dir ſagen. Ich hatte einen doppelten Zweck dabei. Es ruht auf dem Hauſe Rookwood ein Fluch, welcher die erſte ſchöne Braut tödtet, die von einem Gliede deſſelben zum Altar ge⸗ führt wird. Haſt Du noch nie davon gehört?“ „Ja! und dieſe lügenhafte Sage leitete Dich?“ „Und Du nennſt ſie lügenhaft? Du!— gut— ich hatte noch einen andern Grund— eine Prophe⸗ zeihung.“ „Welche Du ſelbſt ausſprachſt,“ erwiderte Peter. „Es iſt ſo, entgegnete Barbara.„Die Prophe⸗ zeihung iſt erfüllt. Die verirrte Krähe hat ſich ge⸗ funden. Die Krähe hat ſich mit der Krähe gepaart. Lukas hat Eleonoren geheiratet. Er wird ſeine Län⸗ dereien in Beſitz nehmen. Die Prophezeihung iſt erfüllt.“ „Aber wies“ fragte Peter;„kann Deine Kunſt Dir auch ſagen wie und warum er jetzt in den Beſitz derſelben kommen wird? Kannſt Du mir dieß ſagen? „Meine Kunſt reicht nicht ſo weit. Ich habe das Ereigniß vorhergeſagt. Es hat Statt gefunden. Ich bin zufrieden. Er hat ſie geheiratet. Mein Geſchäft ſei es, ihn von dieſem Joche zu befreien.“ Und Bar⸗ bara lachte frohlockend. Der Todtengräber ging auf die alte Hexe zu, und legte ſeine Hand mit Gewalt ihr auf die Schulter⸗ „Söre mich,“ ſchrie er; und ich werde Dich mit etwas bekannt machen, was Dir Deine trügeriſche Kunſt nicht ſagen kann. Eleonore Mowbray iſt die Erbin der Ländereien von Rookwood— ſie gehören ihr— ihr wurden ſie durch ihren Großvater Sir Re⸗ ginald vermacht.“ „Sie war bei ſeinem Tode noch nicht geboren,“ rief Mrs. Mowbray. 156 „Richtig,“ erwiderte Peter;„aber die Ländereien wurden Deinen weiblichen Nachkommen hinterlaſſen, wenn Dir ſolche geboren werden ſollten.“ „Und wußte Sir Piers, mein Bruder, darum? ſah er dieſes Teſtament?“ fragte Mrs. Mowbray mit zitternder Ungeduld. „Ja— aber er verheimlichte es.“ „Ha! warum wußte ich dieß nicht vorher? Warum ſagteſt Du es mir nicht ehe das geſchah, was nicht mehr ungeſchehen gemacht werden kann? Ich habe mein Kind geopfert.“ „Weil es nicht mit meinen Zwecken übereinſtimmte, früher mitzutheilen,“ antwortete Peter kalt⸗ ig. „Es iſt falſch— es iſt falſch,“ rief Mrs. Mow⸗ bray, bei welcher Zorn und Aerger den Sieg über ihre Furcht davongetragen hatten.„Ich glaube es nicht. Wer biſt Du, der Du behaupteſt, die Geheim⸗ niſſe unſeres Hauſes zu wiſſen?“ „Ein Mitglied dieſes Hauſes,“ erwiderte der Todtengräber. „Dein Name— dein Name?“ „Möchteſt Du gerne meinen Namen wiſſen?“ antwortete Peter ernſt.„Die Zeit iſt gekommen wo ich ihn nicht länger mehr verheimlichen werde— ich bin Alan Rookwvod.“ „Meines Vaters Bruder!“rief Mrs. Mowbray aus. „Ja, Alan Rookwvod— der geſchworene Feind Deines Vaters— Dein Feind— euer aller Feind: euer Geſchick— eure Beſtimmung— euer Fluch. Ich bin jener Alan Rvokwood, deſſen Namen Du in der Gruft ausſprachſt. Ich bin er, der Rächer— der Ge⸗ rächte. Ich ſah Deinen Vater ſterben. Ich hörte ſein Stöhnen— ſein Stöhnen! ha ha! Ich ſah ſeine Söhne ſterben;— der eine ſiel in der Schlacht,— ich war mit ihm dabei— der andere gab ſeinen Geiſt im Bett auf. Ich war bei Sir Piers als er ſeinen —„6 —,— letzten Seufzer aushauchte, und ich ſah ſeinen Todes⸗ kampf. Ich war es der ihm den Rath gab, Dir und Deinem Kinde die Ländereien vorzuenthalten, und er befolgte ihn. Nur einen einzigen unter dem ganzen Geſchlechte habe ich geliebt; und ihn nur deßhalb,“ fügte er mit einiger Bewegung bei,—„weil er das Kind meiner Tochter iſt— Lukas Rookwood— und ſogar er ſoll meiner Rache dienen. Er wird Dein Fluch ſein— der Fluch Deiner Tochter— denn er liebt ſie nicht. Und doch iſt er ihr Gemahl, und hat ihre Beſitzungen;— ha, ha!“ Und er lachte ſo lange, bis er durch den Paroxismus und dieſes feindliche Geläch⸗ ter Krämpfe bekam. „Ich bin ganz betäubt,“ rief Mrs. Mowbrah. „Die Braut iſt mein, überlaßt ſie mir,“ rief Barbara.„Vorwärts meine Kinder, ergreift ſie.“ Alan Rookwood(denn ſo wollen wir den Tod⸗ tengräber von jetzt an heißen) wurde plötzlich ruhig; er ſetzte die Pfeife an ſeine Lippen, welche einen ſo lauten und ſchrillen Ton von ſich gab, daß diejenigen, welche voran gegangen waren, unentſchloſſen wieder zurückwichen. WMan hörte an der Thüre des Gewölbs einen Lärmen. Die Schildwachen wurden zu Boden ge⸗ worfen; und von zwei Gefährten gefolgt, eine Piſtole in jeder Hand, ſprang Dick Turpin mitten in den Haufen hinein. „Dier ſind wir,“ rief er,„und bereit zu handeln. 6 Sir Lukas Rookwvod! wo meine Kirchhofseule Peter?“ „Hier,“ riefen der Todtengräber und Lukas zu gleicher Zeit. „Dann Platz gemacht,“ rief Dick, indem er auf ſie losſteuerte, und jeden Widerſtand überwältigte. Nehmt Euch ein wenig in Acht— die Drücker ſind gar kitzlig, Freund oder Feind, wer mich berührt, wird ein Kügelchen in ſeinen Leib bekommen. Hier 158 bin ich, Peter; und da ſfind auch meine zwei Stuben⸗ burſchen Ruſt und Wilder.“ „Haben wir jetzt die Erlaubniß ungehindert fort⸗ zugehen?“ fragte der Todtengräber,„oder müſſen wir uns den Weg ſelbſt bahnen?“ „Ihr werdet nicht fortgehn,“ ſchrie Barbara wü⸗ thend.„Glaubt Ihr denn mir meine Beute abjagen zu können? Wie, Memmen! Zaudert ihr. Ha!“ „Die Fackel angezündet,“ riefen verſchiedene Stimmen. Wir kämpfen nicht im Finſtern.“ Eine Piſtole wurde losgeſchoſſen. Die Fackel war wieder angezündet. Ihr Licht fiel auf eine tumulta⸗ riſche Gruppe. „Ergreift die Braut,“ ſchrie Barbara. „Halt!“ rief eine Stimme vom Altare her. Es war Sybille, welche gerufen hatte. Ihre Hand lag in der des Lukas. Eleonore lag in den Armen des Zigeunermädchens Handaſſah. „Biſt Du meine Braut?“ ſtieß Lukas bang hervor. „Sieh' den Ring an meinem Finger!— Deine eigene Hand ſteckte ihn dahin.“ „Betrogen!“ kreiſchte Alan.„Meine Plane ver⸗ nichtet— ich ſelbſt verloren— meine Feinde trium⸗ phiren— verloren— verloren. Alles.“ „Welches Glück,“ rief Mrs. Mowbray;„mein Kind iſt gerettet.“ „Und das meinige vernichtet,“ ſtöhnte Barbara. „Ich habe geſchworen die Braut zu tödten— und dieſe Braut iſt Sybille.“ 156 Zwölftes Kapitel. Alan kiookwood. Auffinden ſoll der Wolf ihr Grab, ſoll es Aufwühlen, doch die Leiche nicht zerfleiſchen, Und blos den Mord, den gräßlichen, entdecken. Webſter. „Bravo! vorzüglich!“ rief Turpin, welcher ſo lange und laut lachte, als eine olympiſche Gottheit; hat dieſes einfache Mädchen euch alle überliſtet— alle Plane dieſer Ränkeſchmiede vernichtet— he?— ausgezeichnet— ha, ha, ha! das nächſte Mal wenn Sie ſich wieder verheiraten, Sir Lukas, wählen Sie Ihre Frau nicht wieder im Finſtern, dieß rathe ich Ihnen— ein Mann ſollte bei einer ſolchen Gelegen⸗ heit alle ſeine Sinne gebrauchen. Verlieben Sie ſich, wenn Sie voll Weins find, aber verheiraten Sie ſich, wenn derſelbe wieder fort iſt, und vor Allem halten Sie die Augen offen— es iſt ganz köſtlich— ha, ha, ha!— Sie müſſen mich entſchuldigen, denn, bei meiner Seele, ich kann mir nicht helfen—/ und ſein Gelächter ſchien unauslöſchlich. „Nehmt Enre Männer wieder fort,“ flüſterte Alan Rookwood;„haltet wieder Wache— und das Losſchießen einer Piſtole ſei wieder das Zeichen von der Annäherung einer Gefahr wie zuvor— es bleibt jetzt hier noch viel zu thun übrig.“ Wie ſo fragte Dick;„ich glaubte es wäre jetzt alles in Ordnung— wenn auch gerade nicht nach Eurem Wunſche. Ich bin immer bereit meinem Freunde Lukas einen Dienſt zu leiſten, allein ich will verdammt ſein, wenn ich zu irgend einer Heimlichkeit helfe— ſpielt vffenes Spiel, oder Dick Turpin iſt nicht von der Partie— wenn Ihr jener armen Dirne irgend etwas zu Leid thut, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich nicht—, *160 „Ich habe nichts Böſes gegen ſie im Sinn,“ erwi⸗ derte Alan;„ich lobe Euch wegen Eures Edelmuthes, fügte er ſpöttiſch bei—„ſolche Gefüble ſtimmen aus⸗ gezeichnet mit Eurer Handlungsweiſe überein, dieß muß man geſtehen.“ „Sie mögen übereinſtimmen oder nicht,“ entgeg⸗ nete Turpin ernſt;„kaltblütiger Mord iſt durchaus nicht meine Art, und ich fühle meine Hände rein davon— einige Schüſſe zur Selbſtvertheidigung, dieß iſt eine andere Sache— und wenn—“ „Still davon,⸗ unterbrach ihn Alan;„das Mäd⸗ chen iſt ungefährdet; wollt Ihr wieder die Wache be⸗ ziehen?“ „Wenn dieß der Fall iſt, gewiß,⸗ erwiderte Dick; ich bin froh wieder zu meiner Beß zurückgehen zu können— ich konnte ſie doch nicht mit in dieſe finſtere Höhle bringen. Ein Paar Schüſſe ſollen Euch ſagen, wenn es Ranulph Rookwvod iſt— doch— kein Leid dem Zigeunermädchen— der Lady Rookwood wollte ich ſagen— ſie iſt ein Juwel, nehmt mein Wort darauf; und Sir Lukas müßte toll ſein, wenn er ihn ſich nehmen ließe.“ Mit dieſen Worten ging er, ſeinen Leuten rufend, wieder weg. Alan Rookwood ging auf die Zigeunerkönigin zu: Finſtere Gedanken bewölkten ſeine Stirne; er lächelte als er in Barbaras Nähe kam— es war ein Lächeln „Das faltete die Haut ſelbſt bis zum Haar.“ Barbara blickte ihn anfänglich mit Verachtung anz als er jedoch ſeine geheimen Abſichten ihr ent⸗ entdeckte, da ſpiegelte ſich dieſes Lächeln auch in ihren Zügen ab. Sie waren auf die Seite gegangen. Wir faſſen ſie gerne da, um zu dem Altar zurückzukehren. Mrs. Mowbray und der Prieſter ſtanden noch da. Beide bemühten ſich vergeblich, Eleonoren wieder ————— —.— zum Bewußtſein zu bringen. Sie erholte ſich zwar aus ihrer Ohnmacht, allein es war klar, daß ſie den — — w 9 t⸗ n ir er ar 161 Gebrauch ihrer Sinne noch nicht wieder erhalien hatte, und Mrs. Mowbray verſchwendete vergeblich die zärt⸗ lichſten Liebkoſungen an ihr Kind. Eleonore erwiderte dieſelben nicht. 4 Lukas war indeſſen in die wildeſte Wuth gerathen. Er entriß ſich Sybillens Hand— er ſtioß ſie von ſich weg— er ſah ſie mit funkelnden Bitden an— überhäufte ſie mit Vorwürfen. Sie ertrug ſeine Hef⸗ tigkeit mit der demüthigſten Unterwerfung— ſie blickte ihn flehend an— aber ſie antwortete nicht auf ſeine Schmähungen— ſie klammerte ſich wieder an den Saum ſeines Kleides an, wenn ſie weggeſtoßen wor⸗ den war. Kann das Herz eines Mannes einer ſolchen Liebe wiederſtehen? Hat es keine Gewiſſensangſt, kein Mitleid? Lukas ſchien ungerührt; wir wollen nicht unterſuchen, was in ſeinem Innern vorging. Er wurde ruhiger— ſeine Ruhe war für Sobillen ſchrecklicher als ſeine vorhergegangene Wuth. „Sie ſind mein Weib,“ ſagte er;„aber wie? — durch Betrug, durch Liſt haben Sie dieſen Titel erhalten, und er bleibt Ihnen auch— aber auch nur den Titel ſollen ſie haben. Nie werden Sie die Rechte eines Weibes bekommen. Es ſteht in ihrer Macht, ſich Lady Rookwood nennen zu laſſen— Sie werden es dem Namen nach ſein aber auch in nichts anderem.“ „Ich werde es nicht lange ertragen,“ murmelte Spbille.“ Lukas lachte grimmig.„So ſagten Sie auch vor⸗ her,“ erwiderte er.„Der Erfolg wird es lehren. Sie haben mich ſo betrogen, daß ich Ihren Verſicherungen keinen Glauben mehr ſchenken kann. Meine Hand gehörte Ihnen— Sie ſchlugen Sie aus— und jetzt, als ich ſie einer andern geben wollte, faſſen Sie die⸗ ſelbe heimlicherweiſe. Und ich ſoll glauben, was Sie jetzt ſagen? Der Wind ändert ſich— mit ihm dreht ſich auch die Wetterfahne.“ Rookwood. I. 14 — 162 „Ich werde mich in Beziehung auf Sie nie ver⸗ ändern,“ antwortete ſie ruhig. „Warum drängten Sie ſich zwiſchen mich und meine Braut?“ „Um ihr das Leben zu retten; das meinige für das ihrige hinzugeben.“ „Eitle Ausflüchte. Sie wiſſen wohl, daß Sie dabei keine Gefahr liefen, als ſie dieß thaten. Ihr Leben iſt nicht in Gefahr. Das Opfer war unnöthig. Ich hätte Ihres Beiſtandes nicht bedurft: ich hätte Eleonoren allein beſchützen können.“ „Ihr einzelner Arm hätte nichts gegen die Ueber⸗ macht vermocht: man würde auch Sie getödtet haben.“ „Stille!“ ſagte Lukas grimmig.„Sie haben mir nicht nur meine Braut entriſſen— Sie haben mich meiner ſchönen Ländereien— meines Hauſes— meines ganzen Eigenthums— meinen Namen ausgenommen, beraubt— und dieſen, ſogar ihn haben Sie befleckt.“ „Wahr— wahr,“ ſeufzte Sybille.„Ich wußte nicht, daß ihr die Ländereien gehören, ſonſt hätte ich es nie gethan.“ „Falſch— falſch,“ rief Lukas,—„falſch, wie alles andere. Jene werden dem Ranulph zufallen— fie ſelbſt auch wird Ranulph erhalten. Ich werde ausge⸗ ſtoßen bleiben, während er in meinen Sälen ſchwel⸗ en— ſie an ſein Herz drücken wird. Hängen Sie ſch nicht an mich.— Hinweg— oder ich werde Dich mit den Füßen wegſtoßen. Ich bin vernichtet— ver⸗ nichtet durch Dich, Du Verfluchte.“ „Oh! fluchen Sie mir nicht!— Ihre Worte ver⸗ wunden ſchon tief genug.“ „Ich wollte ſie würden Dich tödten,“ rief Lukas mit wilder Bitterkeit.„Du haſt mir meine Hoffnun⸗ gen vernichtet, unwiderruflich— nichts kann ſie wieder beleben, als— ha!—“ und ſein Geſicht bekam den F Ausdruck tödtlichen Haſſes und grimmiger Wuth. „Bei allen Himmeln, Du erweckſt den böſen Geiſt, 163 welcher, wie Du ſagſt, in der Bruſt meines verfluch⸗ ten Geſchlechts herrſcht. Ich glaube ich könnte Dich tödten.“ „Nein, nein,“ kreiſchte Sybille;„um der ewigen Barmherzigkeit willen— um Deiner ſelbſt willen, tödte mich nicht. Es iſt nicht zu ſpät— ich werde mein Unrecht wieder gut machen!“ 2 „Ewiges Täuſchen!— Du möchteſt mich gerne noch ein Mal hintergehen. Du kannſt es nicht wieder zu machen. Es bleibt nur ein Mittel übrig, und dieſes—“ „Werde ich anwenden,“ antwortete Sybille trau⸗ rig, aber feſt. „Niemals,“ ſagte Lukas;„Du ſollſt es nicht. Da!“ rief er, als er ſeine Arme plötzlich von hinten gebunden fühlte.„Welche neue Verrätherei iſt dieß2 Auf weſſen Befehl bin ich ſo gefeſſelt?“ „Auf den meinigen,“ erwiderte Alan Rookwood, indem er vorſchritt. „Auf Deinen!“ widerholte Lukas.„Und warum? Laß mich frei.“ „Gedulde Dich,“ erwiderte Alan.„Du ſollſt ſogleich alles erfahren. Inzwiſchen wirſt Du ſchon mein Gefangener bleiben. Laßt ihn nicht los,“ fügte er bei, indem er ſich an die Zigeuner wandte, welche Lukas gebunden hatten. „Sie ſtehen mit dem Leben für ihren Gehorſam ein,“ ſagte Barbara. Auf ein weiteres Zeichen Alans wurde Eleonore aus den Armen ihrer Mutter geriſſen, und der Mrs. Mowbray ſo plötzlich das Geſicht verhüllt, daß jede Möglichkeit des Rufens verhindert war, ehe ſie irgend einen Schrei ausſtoßen konnte. Der Prieſter allein wurde freigelaſſen. Barbara ergriff Elevnorens Hand. Sie zog ſie zu Sybillen hin. 164 „Du biſt Lady Rookwood,“ flüſterte ſie;„allein ſie hat Deine Beſitzungen. Ich übergebe ſie Dir.“ „Sie iſt die einzige Schranke zwiſchen Deinem Gemahle und ſeinen Rechten, wisperie Alan Rook⸗ wood in dem Tone gräßlicher Ironie,„es iſt nicht zu ſpät, um Dein Unrecht wieder gut zu machen.“ „Hinweg, Verſucher!“ rief Sybille voll Abſcheus. „Ich kenne Dich wohl. Doch,“ fuhr ſie in veränder⸗ tem Tone fort,„will ich Alles für ihn wagen. Ich habe unrecht gegen ihn gehandelt. Aber noch bleibt ein Weg der Sühne übrig; und ſo ſchrecklich er auch ſein mag, ich will ihn gehen. Laßt mich nicht zandern. Uebergebt ſie mir.“ Und hiemit ergriff ſie die Hand der willenloſen Eleonore. „Bedarfſt Du meines Beiſtandes?“ fragte Bar⸗ ara. „Nein,/ erwiderte Sybille;„es ſoll Niemand ſich nahen. Ein Klatſchen mit den Händen ſoll das Zei⸗ chen ſein, wenn alles vorüber iſt.. Mit dieſen Wor⸗ ten zog ſie ihr leidendes Schlachtopfer tiefer in das Gewölb hinein. „Sybille— Sybille,“ ſchrie Lukas, welcher ſich mit krampfhafter Heftigkeit zu befreien ſuchte.„Thue ihr nichts— ich war toll, ich war wahnfinnig— aber jetzt bin ich gefaßter:— ſie hört mich nicht— ſie will nicht umkehrén. Gott im Himmel, ſie wird ſie ermor⸗ den— es wird ſchon geſchehen ſein, ſo lange ich noch ſpreche. Laſſe ſie frei— ich muß es verhindern. Ich bin die Urſache von allem— laßt mich los! ihr Schur⸗ ken! Ach! wäre ich doch geſtorben, ehe ich dieſen Tag erleben mußte!“ Auf ein Zeichen des Todtengräbers wurden auch Lukas die Augen verbunden. Er gab jetzt allen Wi⸗ derſtand auf; aber ſeine arbeitende Bruſt zeigte von dem Kampfe in ſeinem Innern. „Ihr Böſewichte!“ rief jetzt der Prieſter aus, wil⸗ d. ——— — —„ 165 cher bis jetzt alle Vorgänge ſchaudernd mit angeſehen hatte.„Warum fallen dieſe Felſen nicht ein, und be⸗ graben euch und eure Frevelthaten? Rettet ſie, o rettet ſie. Habt ihr kein Mitleiden mit der Unſchul⸗ digen?“ „Wir haben eben ſo großes Mitleiden mit ihr,⸗ erwiderte Alan Rookwood,„als Du ſelbſt meiner Tochter bewieſeſt. Sie war eben ſo unſchuldig als Eleonore Mowbray, und doch hatteſt Du kein Mitleid mit ihr.“ 6 „Der Himmel ſei mein Zeuge,“ rief der Prieſter aus,„daß ich ihr nie etwas zu Leid that.“ „Rufe den Himmel nicht lügenhaft an,“ ſchrie Alan.„Wer ſtand dabei, während es geſchah? wer— als Du? Weſſen feſtere Hand unterſtützte die Verſuche des zitternden Mörders? Die Deinige. Weſſen Druck erſtickte ihr Geſchrei, und verachtete ihr Rufen um Gnade? Der Deinige— der Deinige; und nun ſchwäzſt Du mir von Mitleid— Du, der Mörder der ſchlafenden Unſchuld?“ „Es iſt falſch,“ rief der Prieſter im höchſten Schrecken aus. „Falſch!“ widerholte Alan.„Ich habe das eigene Bekenntniß des Sir Piers. Er erzählte mir Alles. Sie hatten Abſichten mit Sir Piers, welchen ſich ſeine Frau widerſetzte— Sie haßten dieſelbe— Sie be⸗ ſaßen das Vertrauen beider— wie ehrten Sie dieſes Vertrauen?— Er ſagte mir es wie; indem Sie den Geiſt der Eiferſucht und des Stolzes in ihm anfachten, welcher alle ſeine beſſeren Gefühle überwältigte. Falſch! Er theilte mir alle Ihre hölliſchen Machinationen mit— Ihre jeſuitiſchen Ränke— Ihre Kunſtgriffe— allein ſie vexfehlten ihren Zweck. Er war nicht ſtark genug— ein zu ſchwaches Werkzeug, als daß er hätte Ihnen dienen können— Sie verließen ihn aber nicht, ehe auch Sie ihn verlaſſen hatte.— Falſch! ha! ich habe etwas, was Sie im Augenblick überführen ſoll⸗ 166 Der Leichnam iſt hier; in dieſer Zelle. Wer brachte ihn hierher? Der Prieſter war fill: er ſchien über Alans Hef⸗ tigkeit beſtürzt. „Ich will auf dieſe Frage antworten,“ ſagte Bar⸗ bara.„Er wurde durch dieſen falſchen Prieſter hier⸗ her gebracht. Sein Agent, Balthaſar, hat ihn ver⸗ rathen. Er wurde hierher gebracht, um die Entdeckung von der rechtmäßigen Geburt des Sir Lukas Rook⸗ wood zu verhindern. Er kam hierher, um ſeine Schuld zu verkündigen— um als Zeuge gegen ihn zu dienen.⸗ Dann wandte ſie ſich gegen Checklep, indem ſie hinzu⸗ fügte:„Sie haben den Himmel als Zeugen Ihrer Un⸗ ſchuld aufgerufen— Sie ſollen es durch einen Eid auf dieſen Leichnam bekräftigen; und ſollte irgend etwas Ihre Schuld beweiſen, ſo werde ich Sie wie einen Hund aufhängen laſſen, und dadurch eine lange Schuld mit der Gerechtigkeit in Ordnung bringen. Beben Sie davor zurück?“ „Nein,“ erwiderte der Prieſter hohlen und ge⸗ brochenen Tones.„Man führe mich zu dem Leich⸗ nam.⸗ „Faſſe jeder einen Arm,“ ſagte Barbara— indem ſie ſich an Zoroaſter und den Maltheſer⸗Ritter wandte, „und führt ihn zu dem Leichnam.“ „Ich werde den Eid vorſprechen,“ ſagte Alan Rookwood ernſt. „Nein, nicht Du,“ ſtammelte der Prieſter. „Und warum denn nicht?“ fragte Alan.„Wenn Sie unſchuldig find, ſo haben Sie nicht bange vor ihr zu haben.“ 4 „Ich fürchte mich vor den Todten nicht,“ erwi⸗ derte der Prieſter;„vorwärts.“ Wir wollen jetzt zu Sybillen zurückkehren. Sie war allein mit ihrem Schlachtopfer. Sie ſtanden nahe am Eingange in die Zelle, welche vor Zeiten dem Prior Cyprian als Schlafgemach gedient hatte, und 4 * 3 — u v N — * — 167 jetzt faſt ganz in Finſterniß gehüllt war— da murein Lichtſtern durch die Pfeiler fiel. Eleonore hatte ſeither noch kein Wort geſprochen. Sie hatte ſich widerſtands⸗ los hierher führen laſſen, und ahnte, wie es ſchien, kaum eine Gefahr. Sybille ließ ihre Gefangene los: aber Eleonore verſuchte nicht zu fliehen. Das Zigeu⸗ ner⸗Mädchen ſah ſie einige Augenblicke voll Kummer und Ueberraſchung an.„Sie begreift ihre gefährliche Lage nicht,“ murmelte Sybille.„Sie weiß nicht, daß ſie am Rand des Grabes ſteht. O! ich wollte ſie könnte beten! Soll ich, ihre abſichtliche Mörderin, für ſie beten? Meine Gebete würden nicht erhört. Und doch wäre es ein zweifaches Verbrechen ſie ohne vorherige Berichte zu morden. Ich kann ſie nicht an⸗ blicken— meine Hand zittert— ich kann den Dolch kaum anfaſſen. Ich will an alles denken, was ſie ge⸗ ſagt hat. Ich habe gegen ihn ein Unrecht begangen— ich bin ſein Verderben— ſein Fluch. Ich habe ihn um Alles gebracht— es gibt blos noch ein Mittel— es iſt dieſes— O! Gott— ſie kommt wieder zu ſich— ich kann es jetzt nicht thun.“* Es war ein ſchrecklicher Augenblick für Eleonore, als ſie erwachte, und den blanken Stahl vor ihren Augen ſchimmern ſah. Es wäre beſſer geweſen, da ſie nun doch einmal gemordet werden ſollte, wenn die Waffe augenblicklich den Weg zu ihrem Herzen gefun⸗ den hätte, als daß man ihr zu marternden Betrach⸗ tungen Zeit gab. Der Schrecken brachte ſie plötzlich wieder zu ſich. Sie warf ſich Sybillen zu Füßen. „Schonen— ſchonen Sie mich,“ rief ſie.„O! welchen Traum hatte ich— und ſo zu erwachen, mit der Dolchſpitze auf der Bruſt— doch Sie wollen mich nicht umbringen— Sie, liebes Mädchen, welches mich zu ſchützen verſprach. O nein, ich weiß es gewiß, daß Sie dieß nicht thun werden.“ „Rufen Sie mich nicht weiter an,“ ſagte Spbille 168 wild.„Machen Sie ihren Frieden mit dem Himmel. Ihre Minuten ſind gezählt.“ „Ich kann nicht beten,“ ſagte Eleonore,„ſo lange Sie mir nahe ſind.“ „Wollen Sie beten, wenn ich mich zurückziehe, und Sie allein laſſe?“ „Nein, nein. Ich wage es nicht— ich kann nicht,“ kreiſchte Eleonore in der gräßlichſten Angſt. O! ver⸗ laſſen Sie micht nicht, oder laſſen Sie mich fort.“ „Wenn Sie ſich nur rühren,“ ſagte Sybille,„ſo durchbohre ich Ihr Herz.“ „Ich werde mich nicht rühren— ich werde hier immer vor Ihnen knieen. Tödten Sie mich, während ich knie— während ich Sie anflehe. Sie können mich nicht morden, während ich mich ſo an Sie anklammere — während ich Ihre Hände küſſe— während ich ſie mit meinen Thränen benetze. Dieſe Zähren werden ſie nicht beſudeln wie mein Blut.“ „Mävchen,“ ſagte Sobille, indem ſie verſuchte ihre Hand wegzuſtoßen,„laſſe mich los— Dein Sand iſt verronnen—“ „Gnade.“ „Es iſt vergeblich— Schließe Deine Augen.“ „Nein, ich werde ſie auf Dich heften— Du kannſt mich n nicht tödten. Ich will mich an Dich an⸗ klammern— Dich umarmen; Du biſt von Natur nicht — Deine Seele kennt das Mitleiden. Es chmilzt— dieſe Thränen— Du wirſt gnädig ſein— Du kannſt mich nicht bedachtſam morden.“ „Ich kann nicht— es iſt unmöglich!“ ſagte Sy⸗ bille in einem Ausbruch leidenſchaftlichen Kummers. „Nehme Dein Leben unter einer Bedingung hin.“ „Welches iſt ſie?— ſpreche.“ „Daß Du den Sir Lukas Rookwood heirateſt. „Ha!“ rief Elevnore aus;„mit vieſem Namen wird mir wieder alles klar; alles Gräßliche jener 169 ſchrecklichen Scene geht wieder an meinem Geiſte vor⸗ über.“ „Verwerfen Sie meinen Vorſchlag?“ „Ich wage es nicht.“ 3 „Sie müſſen mir darauf ſchwören. Schwören bei Ihrer Hoffnung auf Seligkeit, daß Sie Niemand an⸗ ders heiraten werden als Sir Lukas Rookwood.“ „Ich ſchwöre es bei jeder Hoffnung.“ „Während er lebte?“ „Während er lebt.“ „Handaſſah, Du wirſt den Eid dieſes Mädchens im Gedächtniß behalten, und Zeuge ſein von deſſen Erfüllung.“ „Ich werde,“ erwiderte das Zigeuner⸗Mädchen — indem ſie aus dem Hintergrunde vorwärts ſchritt, in welchem ſie ſeither unbemerkt geſtanden hatte. „Genug. Ich bin zufrieden. Bleiben Sie bei mir. Rühren Sie ſich nicht— ſchreien Sie nicht, was Sie auch ſehen oder hören mögen. Ihr Leben hängt von Ihrer Feſtigkeit ab. Wenn ich nicht mehr bin—“ „Nicht mehr?“ widerholte Eleonore voll Schrecken. „Seien Sie ruhig,“ ſagte Sybille.„Wenn ich todt bin, ſo klatſchen Sie in die Hände. Man wird kommen um Sie zu ſuchen, und mich an Ihrer Statt finden. Dann eilen Sie zu ihm hin— zu Sir Lukas Rookwood. Er wird Sie beſchützen. Sagen Sie ihm ſpäter, daß ich wegen des Unrechts geſtorben ſei, wel⸗ ches ich an ihm begangen— daß ich ihn ſterbend noch geſegnet habe.“ „Können Sie denn nicht leben und mich retten?“ ſchluchzte Elevnore.. „Fragen Sie nicht. So lange ich noch athme, iſt Ihr Leben in Gefahr. Wenn ich geſtorben bin— ſo wird Niemand Ihnen etwas zu Leid thun. Leben Sie wohl!— Erinnern Sie ſich an Ihren Eid, und 170 eben ſo gedenke auch Du ſeiner, Handaſſah. Erinnern Sie ſich auch an— ha!— jenes Stöhnen!“ Alle erſtarrten, als ein tiefes Geſtöhn zu ihren Ohren drang. „Woher kommt jener Ton?“ rief Sybille.„Stille! — eine Stimme?“ „Es iſt die des Prieſters,“ erwiderte Eleonore. —„Horcht! er ſtöhnt. Sie haben ihn ermordet! Gü⸗ tiger Himmel nimm ſeine Seele auf.“ „Betet für mich,“ rief Sybille:„betet brünſtig — wendet eure Geſichter ab— nieder auf eure Kniee — nieder— nieder! Leb' wohl Handaſſah!“ Und ſich von ihnen losreißend, ſtürzte ſie in den düſterſten Hintergrund des Gewölbes. Wir müſſen jetzt dieſe peinliche Scene mit einer andern, kaum weniger peinlichen vertauſchen, und zu dem unglücklichen Prieſter zurückkehren. Checkley war zu dem Leichnam der Suſanne Rook⸗ wood hingeführt worden, Sogar in der Dunkelheit war der Schimmer der weißen Leichengewänder, und das bleiche Geſicht der Todten noch geiſterhaft genug. Der Fackelſchein machte den Anblick ſchrecklich. „Kniee nieder,“ ſagte Alan Rookwood. Der Prieſter gehorchte. Alan kniete neben ihm. „Kennſt Du dieſe Züge?“ fragte er.„Betrachte ſie wohl— hefte Deine Augen auf ſie. Kennfi Du ſie?“ 7 „d. „Lege Deine Hand auf ihre Bruſt. Bewegt ſich das Fleiſch nicht unter Deiner Berührung und ſchau⸗ dert? Jetzt erhebe Deine Hand— mache das Kreuz Deines Glaubens auf ihren Buſen. Schwörſt Du bei Deinem Glauben, daß Du unſchuldig biſt?“ „Ich ſchwöre,“ entgegnete der Prieſter;„biſt Du jetzt zufrieden geſtellt?“ „Nein,“ erwiderte Alan.„Man bringe die Fackel weg. Deine Unſchuld muß noch beſſer beſtätigt wer⸗ den,“ fuhr er fort, als das Licht entfernt war.„Die⸗ — 8— —— 17¹ ſer Beweis wird nicht täuſchen. Lege Deine Finger um ihren Hals.“ „Habe ich nicht genug gethan?“ „Dein Zaudern beweist Deine Schuld,“ ſagte lan. „Welcher Beweis fehlt denn noch?“ entgegnete der Prieſter:„meine Hand iſt auf ihrem Hals— was mehr?“ „Schwöre bei Deiner Hoffnung auf Gnade in der S der Noth, daß Du ihr nie Gnade verweiger⸗ teſt!“ „Ich ſchwöre es.“ „Möge die Todte Dich des Meineids anklagen, wenn Du falſch geſchworen haſt,“ ſagte Alanz„Du biſt frei. Nimm Deine Hand weg.“ „Ha! was iſt dieß?“ rief der Prieſter. Ihr habt eine Schelmerei an mir verübt. Ich kann meine Hand nicht wegziehen. Sie klebt an ihrem Halſe, als ob ſie mit Blut an ſie angeleimt wäre. Zieht mich hinweg — ich habe nicht Kraft genug mich zu befreien. War⸗ um grinſeſt Du mich an? Auch der Leichnam grinst. Es iſt Zauberei. Ich bin unſchuldig.— Ihr möchtet mir gerne das Leben nehmen. Zieht mich weg, ſage ich; die Adern ſchwellen an— ſie werden ſchwarz— ſie füllen ſich mit neuem Blute, ich fühle wie ſie an⸗ ſchwellen— ſie winden ſich gleich lebenden Weſen um meine Finger— Sie lebt.“ „Und Du biſt unſchuldig?“ „Ich bin es— ich bin unſchuldig. Laßt Euch durch meinen Wahnwitz nicht überzeugen. Um Jeſu willen, laßt mich los.“ „Läſtere nicht Gott, ſondern ſtehe auf. Ich halte Dich icht. „Du hältſt mich,“ ſtöhnte der Prieſter. Du krallſt Deine Finger um meinen Hals;— es find Deine har⸗ ten und fleiſchloſen Hände— ich erſticke— Hülfe.“ 172 „Deine eigene Furcht erwürgt Dich. Meine Hand iſt an meiner Seite,“ erwiderte Alan ruhig. „Du lügſt Schurke. Dein Griff iſt wie ein Schraub⸗ ſtock. Die Kraft von tauſend Teufeln iſt in Deiner Hand. Will mir Niemand zu Hülfe kommen? Nie drückte ich ſo hart. Deine Tochter erduldete niemals ſolche Qualen!— nie— nie. Ich erſticke— erſticke — oh!“ Und der Prieſter fiel ſchwerfällig zurück. Es wurde ein tiefes Stöhnen— ein krampfhaftes Athmen in der Kehle gehört— und dann war alles ſtill. „Er iſt todt— erwürgt,“ riefen verſchiedene Stimmen im Hintergrunde. Das Geſicht des Prie⸗ ſters war ſchwarz und verdreht— die Augen hingen aus ihren Höhlen heraus— ſeine Zunge war vurch die verzweifelten Anſtrengungen, welche er gemacht hatte, um ſich aus Alans Krallen zu befreien, beinahe durchgebiſſen— ſein Haar hatte ſich vor Schrecken in die Höhe geſträubt. Es war ein entſetzlicher Anblick. Ein Murren erhob ſich unter den Zuſchauern. Barbara hielt es für klug, dieſelben zu beſchwichtigen. „Er war ſchuldig,“ rief ſie.„Er war der Mör⸗ der der Suſanna Rookwood.“ „Und ich, ihr Vater, habe ſie gerächt,“ ſagte Alan ernſt. Die ſchauerliche Stille, welche auf ſeine Worte folgte, wurde durch das Knallen einer Piſtole unter⸗ brochen. Obwohl daſſelbe erſchreckte, ſo war es deu⸗ noch eine Erleichterung für die Bruſt. „Wir ſind eingeſchloſſen,“ rief Alan.„Es ſollen ſogleich einige auf Kundſchaft ausgehen.“ „Auf eure Poſten,“ rief Barbara. Einige Gauner eilten nach der Thüre. „Die Gefangenen losgebunden,“ rief Alan. „Mrs. Mowbray und Lukas wurden demgemäß in Freiheit geſetzt. 1 Jetzt börte man zwei beinahe gleichzeitige Piſto⸗ lenſchüſſe. 173 Es iſt Ranulph Rookwood,“ ſchrie Alan;„dieß war das verabredete Zeichen.“ „Ranulph Rookwood,“ widerholte Eleonore, welche dieſen Ausruf aufgefaßt hatte; er kommt um mich zu retten. „Erinnere Dich an Deinen Eid,“ hauchte eine ſterbende Stimme.„Er gehört nicht länger mehr Dir an.“ „Ich erinnere mich deſſelben,“ erwiderte Eleonore zitternd. Einen Augenblick nachher berührte ein ſchwaches Händeklatſchen Barbara's Ohren. „Alles iſt vorüber,“ murmelte ſie. „Ha!“ rief Alan Rookwood mit einem ſchrecklichen Blick aus.— Iſt es gethan?“ Barbara trieb ihn nach dem vorderen Ende des Gewölbes. Dreizehntes Kapitel. Mr. Coates. Grimm. Sieh', Hauptmann, hier kommt einer von den Bluthunden der Juſtiz. Schwarz. Riedz mit ihm. Laßt ihn kein Wort reden. Moor. Still; ich will ihn hören. Schiller.— Die Räuber. Gerne vertauſchen wir jetzt die dumpfe Atmosphäre der Zelle des heil. Cyprian, und die Gräuel, welche uns dort ſo lange aufgehalten haben, mit einer bal⸗ ſamiſchen Luft— der Wirkung heiteren Sonnenſcheins — und der guten Geſellſchaft Dick Turpins. Als un⸗ ſer Hochſtraßenmann wieder bei den grünen Ruinen der Priorei ankam, fand er noch alles in vemſelben Zuſtande wie bei ſeinem Weggehen. Dick ging zů ſei⸗ nem Pferde hin. Die ſchwarze Beß wieherte freudig, als er ſich ihr näherte, und wendete ihren Kopf nach ihm hin, um ſeinen Liebkoſungen entgegenzukommen. Kein Araber der Wüſte liebte je ſein Pferd zärtlicher als Turpin.—„Dieß wird einen harten Tag abſetzen, wenn wir beide uns einmal trennen müſſen!“ mur⸗ melte er, indem er ihren ſchlanken und zierlichen Kopf zärtlich ſtrich. Beß legte ihm ihre Naſe in ſeine Hand — wie wenn ſie hätte ſagen wollen—„dieſer Tag wird nie kommen.“ Turpin wenigſtens verſtand es ſo. Er war in der Thierſprache ſehr bewandert.„Ich möchte eher meine rechte Hand verlieren, als daß dieß geſchehen ſollte,⸗ ſeufzte Dick;—„och; was ſage ich da:— die beſten Freunde müſſen ſcheiden; und auch für Dich und mich wird dieſer Tag einſt kommen,— Deine Beſtimmung iſt der Schindanger,— die meinige vielleicht der Galgen. Keines von uns beiden iſt zu einem hohen Alter beſtimmt, ſo viel iſt gewiß. Ich will verdammt ſein, wenn ich weiß wie es kommt; allein ſeitdem ich in dieſem Gewölb da unten war, ſteigen ganz wunderliche Grillen in meinem Gehirn auf. Ich muß Dich mit jenem armen Zigeuner⸗Mäd⸗ chen, der Sybille, unwillkührlich vergleichen, aber ver⸗ dammt will ich ich ſein, wenn ich Dich ſo behandle, wie ihr Geliebter ſie behandelt hat. Ha!“ rief er aus, indem er mit einer Schnelligkeit, welche ſeine Gefähr⸗ ten Ruſt und Wilder aufſchreckte, eine Piſtole heraus⸗ zog—„wir werden beobachtet. Seht Ihr nicht jene Schatten hinter der Mauer?“ „Ich ſehe ſie,“ erwiderte Ruſt. „Der Dachs wird ſogleich aus ſeiner Höhle ge⸗ trieben ſein,“ rief Wilder; indem er auf jenen Ort zueilte. Einen Augenblick ſpäter verkörperte ſich der Schat⸗ ten zu einem kleinen, beſtiefelten, beſpornten, und be⸗ ſchmutzten Weſen. Es wurde vor unſern Hochſtraßen⸗ „— „— mann Pebracht, welcher ſich während der Zeit in den Sattel geſchwungen hatte. „Mr. Cvates!“ rief Dick, indem er in ein lautes Gelächter über die lächerliche Geſtalt, welche er er⸗ blickte, ausbrach,„wenn anders der Schmutz mich recht ſehen läßt.“ „Sie irren ſich nicht, Kapitän Turpin,“ erwiderte der Advokat;„Sie ſehen in der That dieſe zweifach unglückliche Perſon vor ſich.⸗ „Was führt Sie hierher?“ fragte Dick.„Ah! ich ſehe. Sie ſind gekommen, um mir meine Weite zu bezahlen.“ „Ich dachte Sie hätten mir darüber ſchon eine Quittung gegeben,“ fiel ihm Mr. Cvates in die Rede, welcher ſogar in ſeinem Elende den zu verführeriſchen Wortſpielen nicht widerſtehen konnte. „Richtig, allein es geſchah nicht ſchriftlich,⸗ ver⸗ ſetzte Turpin raſch,„und ſo hat es alſo vor dem Ge⸗ ſetz auch keine Geltung, wie Sie ja ſelbſt wiſſen. Aber nun find Sie ja wieder da. Dieſes Mal werde ich Sie nicht ſo leicht davon kommen laſſen, darauf dür⸗ fen Sie rechnen. Binden Sie Ihren Klepper an— oder Sie meſſen den Boden. Keine weiteren Erwi⸗ derungen oder Einreden, mein Herr, ſonſt liegen Sie augenblicklich im Staube. Säubert doch einmal ſeine Taſchen, meine Jungens. Wir wollen doch auch ſehen, was er bei ſich hat.⸗ „Augenblicklich,“ erwiderte Ruſt.„Wir wollen ſeine innere Seite herauskehren. Was iſt denn da?“ rief er— als er die Taſchen des Advokaten unter⸗ ſuchte.—„Ein Paar Piſtolen,“ indem er dem Tur⸗ pin die Waffen einhändigte;„ſonſt findet ſich nichts von Bedeutung vor.“ „Findeſt Du denn nichts mehr?“ fragte Dick. „Nur noch ein altes Taſchentuch.“ „Keine Brieftaſche? Kehre einmal ſeine innere Rocktaſche um.“ 176 „Da iſt ſo ein kleines Ding, Kapitän.“ „Gib' es mir— Aha! die Sache macht ſich,“ rief Dick, als er den Inhalt der Brieftaſche unterſuchte; „dieß iſt in der That ein ausgezeichneter Glücksfall— ein Wechſel auf 500 Pfund Sterling— ſogleich zahl⸗ bar— He! Mr. Coates— ſchnell, indoſſiren ſie ihn, mein Herr— hier iſt Dinte und Feder— Schuft! wenn Sie verſuchen ſollten den Wechſel zu zerreißen, ſo ſchlage ich Ihnen den Hirnkaſten ein— raſch, mein Herr, unterzeichnet— gut!—“ fügte er bei, als Mr. Coates nach heftigem Widerßtreben den Wechſel indoſe firt hatte.„Gut— gut— ich werde mit dieſem Pa⸗ pierchen einen ganzen Tag vor Ihnen in London ſein — kein Courier holt die Beß ein— ha, ha!— Hel was iſt denn das?“ fuhr Dick fort, als er einen an⸗ dern Theil der Brieftaſche durchſuchend, auf einen Brief ſtieß;„die Ueberſchrift meiner Lady Rookwood!— Ent⸗ ſchuldigen Sie mich, Mr. Cvates, allein ich muß einen Blick in das Billet doux Ihrer Ladyſchip thun.— Iſt alles ſicher bei mir— bin ein Ehrenmann— ich muß Ihr Taſchenbuch noch einen Augenblick behalten.“ „Dann ſollen Sie auch den Auftrag ſelbſt aus⸗ führen,“ erwiderte Coates mürriſch.—„Sie ſcheinen mir der Mann zu ſein, für welchen es beſtimmt war.“ „Bravo,“ rief Turpin.„Sie können jetzt unge⸗ ſtraft ſcherzen, Mr. Cvates. Sie haben Ihre Späße theuer genug bezahlt; und wann dürfte denn ein Menſch ſich nicht auf ſeine eigene Koſten luſtig machen? ha, ha! Was iſt dieß?“ rief er, als er den Brief öffnete —„ein Ring, wie ich ſehe, und zwar von dem eige⸗ nen ſchönen Finger Ihrer Ladyſchip, darauf ſchwöre ich, denn er hat Ihren Namenszug, welcher ſo deut⸗ lich eingeprägt iſt, wie Ihr Bild in Ihrem Herzen— he, Coates? Sieh' einmal; Sie find allem nach ein glückliches Geſchöpf; eine ſolche Gunſt von einer ſol⸗ chen Dame, ha, ha! Inzwiſchen will ich an Ihrer 177 Statt dafür Sorge tragen,“ fuhr Dick fort, indem ief er den Ring an ſeinen kleinen Finger ſteckte. te; Dick hatte, wie wir ſchon früher bemerkt haben, — die Gabe der Nachahmung; und unwiderſtehlich be⸗ l⸗ fiel den Mr. Cvates das Gefühl der unterwürfigen n Ehrfurcht, als er den Inhalt von Lady Rookwood's ft! Brief in einem ſo beſtimmten und befehlenden Tone n vorleſen hörte, als wie wenn dieß durch die Gnädige in ſelbſt geſchehen wäre. Der Brief war in aller Eile, r. aber mit feſter Hand geſchrieben worden und zeugte von dem entſchloſſenen Charakter der Schreiberin. g⸗ Dick entzifferte ihn ohne Schwierigkeit. Das Schrei⸗ in ben lautete folgendermaßen: „Von Ihrer Ergebenheit und Verſchwiegenheit n⸗ überzeugt, vertraue ich Ihnen ſowohl meine Ehre, als ef auch die meines Sohnes an. Die Zeit erlaubt es t⸗ mir nicht, Sie ſelbſt zu ſehen, ſonſt würde ich nicht— en geſchrieben haben; doch gebe ich mich ganz in Ihre Hände. Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrau⸗ ch chen. Zur Sache: Ein Major Mowbray kam ſo eben mit der Nachricht hier an, daß der Leichnam der Su⸗ s⸗ ſanne Bradley(Sie werden ſchon wiſſen, auf wen ich n anſpiele) durch einen römiſchen Prieſter und einige Helfershelfer aus unſerer Familiengruft hinweggebracht e⸗ worden iſt. Wie er in dieſe kam, oder warum er je wieder weggeſchafft wurde, das weiß ich nicht.— Mein Zweck iſt auch durchaus nicht, Nachforſchungen hierüber anzuſtellen— es genügt zu wiſſen, daß er gegenwärtig in einem Gewölbe nahe bei der Priorei von Davenham liegt. Mein Sohn, Sir Ranulph, e welcher dem Betrüger, deſſen Mutter dieſes Weib ſein ſoll, ein zu leichtgläubiges Ohr geliehen hat, iſt in dieſem Augenblick damit beſchäftigt, Bediente und Päch⸗ ter zu bewaffnen, um den Leichnam zu ſuchen und wieder an ſeinen alten Ort zu bringen, wobei er je⸗ doch nicht ohne Grund bei einer Zigeunerhorde, welche Rookwood MI. 12 178 jene Ruinen bewohnt, auf Wiverſt and zu treffen ver⸗ muthet. Nun merken Sie wohl auf. Dieſer Leich⸗ nam darf nicht gefunden werden. Ihr Geſchäft ſei es, ſeine Auffindung zu verhindern. Nehmen Sie das ſchnellſte Pferd, welches Sie ſich verſchaffen kön⸗ nen— ſparen Sie weder Peitſche noch Sporen— eilen Sie nach der Priorei— verſchaffen Sie ſich um leden Preis den Beiſtand und die Hülfe der Zigenner. Suchen Sie den Leichnam— verbergen Sie ihn— vernichten Sie ihn— ſchneiden Sie ihn in tauſend Stücke— thun Sie was Sie wollen, nur laſſen Sie ihn nicht von meinem Sohne auffinden. Fürchten Sie nicht ſeinen Zorn— ich verantworte alles. Sie han⸗ deln nur auf meine Verantwortlichkeit hin. Ich ver⸗ pfände meine Ehre dafür, daß für Sie kein Nachtheil daraus entſteht. Eilen Sie und ſeien Sie verſichert, daß Ihre Dienſte reichlich belohnen wird „Maud Rookwood.“ „Eilen Sie und Gott ſei mit Ihnen.“ „Gott ſei mit Ihnen,“ widerholte Dick verächt⸗ lich in ſeiner eigenen Stimme.„Der Teufel hole Sie! wäre eine beſſere Nachſchrift geweſen. Auf dieſe Weiſe kamen Sie alſo zu dieſem feinen Auftrage, Mr. Coates?“ „Genau ſo,“ erwiderte der Advokat;„allein ich finde den Platz ſchon beſetzt— ſo ſchnell ich auch ritt— Sie waren doch vor mir da.“ „Und was haben Sie jetzt im Sinn zu thun?“ fragte Turpin. „Mit Ihnen um den Leichnam zu handeln,“ er⸗ widerte Cvates kaltblütig. „Mit mir handeln,“ ſchnaubte Turpin—„Hal⸗ ten Sie mich denn für einen Leichendieb, für einen Händler mit einem todten Kapital, ha! Burſche?“ „Ich halte Sie für einen Mann, welcher im All⸗ gemeinen ſich auf ſeinen Vortheil verſteht,“ entgegnete *— vN w w W—— 179 Coates.„Dieſe Herren da ſind vielleicht nicht ſo ſpröde, wenn ſie meine Anträge hören.“ „Seien Sie ſtill, mein Herr,“ unterbrach ihn Turpin—„Pſt; ich höre Pferdegetrappel von Außen; horcht— dieſer Schuß.“ „Machen Sie Ihr Geſchäft ab ehe man kömmt,“ drängte Coates. Ueberlaſſen Sie mir alles, ich will Sie auf eine falſche Fährte bringen.“ „Zum Teufel mit Ihrem Geſchäft!“ rief Turpin, „das Zeichen!“ und er zog an dem Drücker einer der Piſtolen des Mr. Cvates, welche er noch in Hän⸗ den hielt. „Schleppt ihn nach dem Eingang des Gewölbs,“ donnerte Turpin,„er wird im Falle eines Angriffs ein vortreffliches Deckungsmittel abgeben. Seht nach euren Waffen— hurtig— fort!“ Vergebens biß und ſchlug der unglückliche Advo⸗ kat— er fluchte und ſchrie— ſein Hut wurde ihm in den Kopf hineingeſchlagen, ſeine Perücke ihm in den Mund geſteckt und ihm die Füße gehalten. So wurde er, blind, ſtumm und dem Erſticken nahe, nach dem Ein⸗ gang in die Zelle geſchleift. Dick eilte indeß nach dem Ausgang aus der Ruine. Hier griff er in die Zügel, und die ſchwarze Beß ſtand ſo bewegungslos wie eine Säule. 12* 180 Vierzehntes Kapitel. Dick Turpin. It doch ſchon manches Univerſalgenie, das die Welt hätte reformiren können, auf dem Schind⸗ anger verfault, und ſpricht man nicht von ſo einem Jahrhunderte, Jahrtauſende lang, da wancher König und Churfürſt in der Geſchichte überhüpft würde, wenn ſein Geſchichtſchreiber die Lücke in der Succeſſionsleiter nicht ſchaute und ſein Buch dadurch nicht um ein Paar Oktavſeiten gewönne, die ihm der Verleger mit baarem Gelde bezahlt.— Und wenn Dich der Wanderer ſo hin und her fliegen ſieht im Winde— der muß auch kein Waſſer im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart und ſeufzt über die ſchlechten Zeiten. Schiller.— Die Räuber. Als Turpins Augen über den grünen Grund hin⸗ ſchweiften, welcher vor der alten Priorei lag, ſo zoagen fich ſeine Augbraunen einen Augenblick etwas zuſam⸗ men und er biß ſich ärgerlich in die Lippen. Dieſes Gefühl war jedoch vorübergehend; der nächſte Augen⸗ blick ſah an ihm wieder das nämliche ſorgloſe Weſen, welches er vorher gehabt hatte; ſeine Wangen waren etwas bleicher als gewöhnlich; dieß war alles; aber dafür glänzten ſeine Auge heller, und ſeine Beine drückten ſich unwillkürlich feſter an den Sattel an; ſonſt konnte man kein Zeichen von Unruhe an ihm bemerken. Es würde Dicks Tapferkeit keinen Eintrag thun, wenn wir zugeben müßten, daß ihn ein leich⸗ tes Zittern befallen habe, als er den furchtbaren Haufen ſeiner Feinde entdeckte. Ein ſolches Zuge⸗ ſtändniß iſt übrigens nicht nöthig— Dick ſelbſt wäre der letzte geweſen, welcher dieß für möglich gehalten hätte— und wir brauchen alſo dem Andenken unſers unerſchrockenen Hochſtraßenmannes keine ſolche Schmach anzuthun. Turpin war kühn bis zum Uebermaaße— 8 e = 8 5 n — v N 181 er war unbeſonnen und ſtürzte ſich oft in Gefahren, nur um das Vergnügen zu genießen, ſie beſtehen zu fönnen; kühnes Wagen war ſein Entzücken, und der Streit ſtand ſtets im Verhältniß mit der Gefahr, welche ihm drohte. Nach der erſten Beaugenſcheini⸗ gung wurde er, um ſeine eigene Worte zu gebrauchen, „ſo kühl wie eine Gurke—“ und fuhr gleich einem geſchickten Feldherrn, in der größten Ruhe mit der Schätzung der nummeriſchen Stärke ſeiner Gegner und der Entwerfung ſeines Vertheidigungsplanes, ſo lange es ihm von dieſen erlaubt wurde, fort. Der Reiterhaufen, denn ein ſolcher war es, mochte ungefähr zwanzig Köpfe zählen, und glich in ſeinem Aeußern dem Muſter einer ländlichen Fuchs⸗ jagd, da man jedem freie Wahl der Waffen gelaſſen hatte; ſie beſtanden in Säbeln ohne Scheiden, Mus⸗ keten, und einer Maſſe großer Reiterpiſtolen. Dieſe Aehnlichkeit wurde durch die Anweſenheit eines alten Jägers und einiger Parkhüter in rothen und grünen Jacken, und ſo wie einiger bellenden Hunde, welche ihnen gefolgt waren, noch erhöht. Die Mehrzahl des Haufens beſtand aus ſtämmigen Pachtern, von denen einige, auf jungen und wilden Pferden ſitzend, vollauf zu thun hatten, um ſich im Sattel zu halten, und in „höchſt bewundernswürdiger Unordnung“ daherſpreng⸗ ten; andere ritten zwar etwas zahmere Thiere; dieſe waren aber ſo zahm, daß man ſie füglich unter die Race der Karrengäule rechnen durfte; und ſo ſehr ſich auch die Reiter Mühe gaben, den ſchwerfälligen Gang derſelben etwas zu ſteigern, indem ſie bald mit ihren nägelbeſchlagenen Abſätzen gegen die Lenden ihrer Pferde baumelten, bald ſie mit langen Gerten nach allen Richtungen hin ſchlugen, ſo waren doch alle ihre Bemühungen vergeblich; wieder andere brachten ſteife, eigenſinnige Klepper zum Vorſchein— ſtarrköpfige, unbrauchbare kleine Beſtien, welche, wie es ſchien, ſich lieber um ihre eigene Axen drehten und höchſt wider⸗ 182 ſinnige Kreisbewegungen machten, als in der Richtung vorgingen, welche ihnen vorgezeichnet war. Dick konnte ſich bei dieſen pofſirlichen Manoeuvres kaum des Lachens enthalten; allein ſeine Aufmerkſamkeit wurde haupt⸗ ſächlich durch drei Perſonen gefeſſelt, welche augen⸗ ſcheinlich die Leiter und Anführer dieſer kriegeriſchen Erxpedition waren. An der hagern und langen Ge⸗ ſtalt des erſten von ihnen erkannte er Ranulph Rook⸗ wood.— Die Züge und die Geſtalt des zweiten wa⸗ ren ihm hingegen ganz unbekannt; er ſchloß jedoch (und nicht mit Unrecht) aus ſeiner militäriſchen Hal⸗ tung, oder, wie er ſich ausgedrückt haben würde, „aus dem ſoldatenmäßigen Schnitt ſeines Aeußern,⸗ daß es niemand anders ſein könne, als der Major Mowbray.— In dem runden, roſigen Antlitz und der friſchen Geſtalt des Hinderſten im Kleeblatt enideckte er ſeinen alten Verbündeten, Titus Tyrconnel. „Ah! Titus, mein Juwel— ſind Sie auch da?⸗ rief er aus, ſobald er den Irländer unterſcheiden konnte.„Kommen Sie; ich habe nun doch wenigſtens einen Freund unter denen, welche ich bewillkommen ſoll.— So; jetzt ſehen ſie mich. In welcher Unord⸗ nung ſie daherziehen. Zurück, Beß, langſam zurück — hier— halt! Und Beß ſtand wieder bewegungslos. Der Haufen hatte Turpins Schuß gehört, und alle wurden dadurch aufmerkſam. Er hatte ſich kaum einige Sekunden unter dem Thorweg gezeigt, als ſich ein lautes Geſchrei erhob, und die ganze Cavalcade auf ihn losſprengte. wodurch, wie man ſich leicht den⸗ ken kann, keine geringe Unordnung entſtand. Je näher ſie dem Thorweg kamen, deſto lauter wurde geſchrieen; ſie verrannten einander vor lauter Eifer den Weg, bearbeiteten ſich gegenſeitig mit Flüchen und Hieben, und zahlten einander Püffe und Stöße mit ſolch gren⸗ zenlos gutem Willen wieder heim, daß wenn Turpin je den Ariost oder Eervantes geleſen, oder auch von der Unordnung im Lager des Königs Agramante ge⸗ ——— —— ——— 183 pört hätie, dieſes mélée ihm als eine Verwirklichung jener Beſchreibungen hätte erſcheinen müſſen. Da er vor dieſem Angriff nicht ſehr bange hatte, ſo feuerte er ſie durch Zurufen noch mehr an. Kaum hatte ſich übrigens der vorderſte Reiter aus dem Gedränge ſei⸗ ner Gefährten herausgearbeitet und war im Begriff ſeine Piſtole gegen Turpin zu erheben, als eine wohl⸗ gezielte Kugel dem Angreifer das Gehirn zerſchmetterte und Roß und Mann zu Boden ſielen. Rache dürſtend ein zweiter hervor und wurde gleichermaßen zu Boden geſtreckt. „Dieß ſagt dem alten Peter, daß Ranulph Rook⸗ wood da iſt,“ rief Dick aus.„Ich werde keinen Schuß verlieren.“ Die Scene vor dem Thorwege war jetzt die der vollkommenſten Verwirrung. Einige der Bauern, welche durch die Schüſſe erſchreckt worden waren, hätten ſich gerne aus dem Staube gemacht, wenn nicht andere mitten in ihrem Anritt an ſie angeprellt wären und vorwärts gedrängt hätten. Hie und da warf ein junges Pferd, durch den Knall erſchreckt, und weder Zügel noch Ferſen achtend, ſeinen Reiter in die Luft und jagte über die Ebene hin, oder rannte auch eines vorwärts, ſtolperte über die Trümmer, welche vor dem Eingang in die Priorei lagen und ſtreckte ſeinen Reiter kopfüber zu den Füßen ſeines Feindes nieder. Während dieſes Tumults waren einige Schüſſe auf den Hochſtraßenmann abgefeuert worden, welche ihn jedoch nicht im Geringſten verletzten, ſondern nur weſentlich zur Vermehrung ver Verwirrung beitrugen. Man hörte jetzt Turpins Stimme, den Lärmen übertönend, eine Unterredung verlangen, und da er keine feindſeligen Abſichten zeigte, ſo wagten es einige ſeiner Gegner, ſich vom Boden zu erheben und ihm zu nähern. „Ich verlange, daß man mich zu Sir Ranulph Rookwood führt,“ ſagte Turpin. —— 184 „Hier iſt er,“ ſagte Ranulph, indem er vorritt. „Ihr ſeid mein Gefangener, Schürke.“ „Wenn Sie mich anhören, Sir Ranulph,“ ent⸗ gegnete Dick kaltblütig,„erlauben Sie jedoch, daß ich mit Ihnen ein Wort im Vertrauen rede, ehe Sie etwas thun, was Sie nachher gereuen könnte.“ „Keine weiteren Worte, mein Herr— liefern Sie Ihre Waffen aus, oder—“ „Meine Piſtolen ſtehen zu Ihren Dienſten; ich habe ſie ſo eben losgeſchoſſen;“ erwiderte Dick. „Sie können noch andere haben— wir müſſen Sie ausſuchen.“ „Halt,“ rief Dick; wenn Sie mich nicht anhören wollen, ſo leſen ſie wenigſtens dieſen Brief; und hie⸗ mit händigte er Ranulph den Brief ſeiner Mutier ein. Er war ohne Umſchlag, denn dieſen hatte er weggeworfen. „Die Hand meiner Mutter!“ rief Ranulph aus, indem er vor Zorn roth wurde, als er den Inhalt haſtig las.„Und ſie hat Euch dieß geſchickt? Ihr lügt, Schurke— es iſt Betrügerei.“ „Dieſes ſoll für mich ſprechen,“ entgegnete Tur⸗ — indem er ihm den Finger zeigte, an welchem der ing der Lady Rookwood ſtack.„Kennen Sie dieſen Namenszug?“ „Ihr habt ihn geſtohlen,“ rief Ranulph.„Meine Mutter,“ fügte er mit tiefem Flüſtern, welches blos Turpins Ohren verſtehen konnten, bei, würde Ihre niemals einem Hochſtraßenmanne anvertraut aben.“ „Sie hat mir noch mehr anvertraut— ihr Le⸗ ben, erwiderte Dick in nachläßigem Tone.„Sie wollte mich ſogar beſtechen, damit ich einen Mord be⸗ gehen ſollte.“ „Mord!“ widerholte Ranulpb voll Beſtürzung. Ja, um Ihren Bruder zu morden,“ entgegnete Dick;„doch laſſen wir das. Sie haben dieſen Brief „— 185 geleſen. Ich habe nur auf die Verantwortlichkeit Ihrer Mutter hin gehandelt. Die Ehre der Lady Rookwood iſt für meine Sicherheit verpfändet. Deßhalb wird mich ihr Sohn auch in Freiheit ſetzen.“ „Niemals!— doch meine Mutter—“ „Gut; wie es Ihnen beliebt. Ihre Mutter iſt in meiner Gewalt. Mit mir verrathen Sie auch jene. Setzen Sie mich in Freiheit, und Niemand ſoll etwas erfahren.“ „Nicht weiter!“ entgegnete Ranulph ernſt.„Gehen Sie Ihrer Wege— Sie ſind frei.“ „Verpfänden Sie mir Ihr Ehrenwort, daß ich ſicher bin.“ Kaum hatte Ranulph dieſes gegeben, als Major Mowbray wüthend hergeritten kam. Die tiefe Gluth heftigen Zornes malte ſich auf ſeinen Wangen ab; er hatte ſeinen Säbel gezogen und blickte Turpin an, wie wenn er ihn dadurch hätte aus dem Sattel heben wollen. „Dieß iſt der Räuber, welcher mich vor einigen Monaten anfiel,“ ſchrie der Major wild,„und auf deſſen Ergreifung, nach der Proklamation des Königs, eine Belohnung von dreihundert Pfund, ſo wie auch volle Verzeihung für ſeine Mitſchuldiger ſteht. Dieß iſt Richard Turpin. So eben fügte er ſeinen andern Frevelthaten noch ein anderes Verbrechen bei. Er beraubte meine Mutter und Schweſter. Der Poſt⸗ knecht erkannte ihn im Augenblick wieder. Wo ſind ſie,— Wohin ſind ſie gegangen?— Ant⸗ worte!“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Turpin ruhig. „Sagte Ihnen denn der Burſche nicht auch, daß ſie befreit wurden?“ „Befreit!— von wem?“ fragte Ranulph in großer Aufregung. 6 „Von einem, der ſich ſelbſt Sir Lukas Rookwvod nennt,“ antwortete Dick mit einem vielſagenden Lächeln. K .— 186 62 ihm!“ ſtieß Ranulph hervor!„Wo ſind e etz. „Ich habe dieſe Frage ſchon beantwortet,“ ſagte Dick. Ich widerhole noch ein Mal, ich weiß es nicht.“ „Ihr ſeid mein Gefangener,“ rief der Major, indem er Turpins Zügel faßte. „Ich habe Sir Ranulphs Ehrenwort für meine Sicherheit,“ verſetzte Turpin.„Laſſen Sie meine Zügel fahren.“ „Was iſt dieß?“ fragte der Major ungläubig. „Fragen Sie mich nicht. Laſſen Sie ihn frei,“ erwiderte Ranulph. „Sie verlangen etwas Unmögliches, Ranulph— meine Ehre— meine Pflicht iſt bei der Gefangen⸗ nehmung dieſes Mannes betheiligt.“ „Die Ehre von uns allen verlangt ſeine Frei⸗ laſſung,“ entgegnete Ranulph flüſternd.„Laſſen Sie ihn gehen. Ich will Ihnen nachher alles auseinander⸗ ſetzen. Laſſen Sie uns ſie aufſuchen— Eleonoren. Sie werden uns doch gewiß in unſerer Nachforſchun nach ihnen jetzt beiſtehen,“ fügte er bei, indem er ſi an Turpin wandte.. „Ich wünſchte von ganzem Herzen es thun zu können,“ erwiderte der Hochſtraßenmann. Ich ſah die Damen über den Bach gehen und in dieſe Ruinen eintreten,“ unterbrach ſie der Poſtil⸗ lion, welcher jetzt auch zu der Geſellſchaſt getreten war.„Ich ſah ſie von dem Hügel aus, und da ich immer ſcharf hinſah und ein erträglich klares Aug habe, ſo glaube ich nicht, daß ſie wieder herausge⸗ kommen find.“ „Es iſt Jemand dort in jener Maueröffnun rief Ranulph;„ich ſehe eine Geſtalt ſih ewegen.“ r ſprang vom Pferde und auf den Eingang der Zelle zu. Seinem Beiſpiele folgte Major Mowbray, den Säbel in der Hand⸗ * „* * 5— — S 8* — — S —— — —— * 187 „Das Spiel beginnt jetzt erſt recht,“ ſagte Dick zu ſich ſelbſt;„der alte Fuchs wird bald aus ſeinem Loche gejagt ſein— ich muß nach meinen Piſtolen ſehen,“ und damit griff er raſch in ſeine Taſche, um ſeine Piſtole zu ſuchen. Wie Ranulph und der Major in die Niſche ein⸗ traten, fiel ihnen die Geſtalt des unglücklichen Advo⸗ katen in die Augen. „Mr. Cvates!“ rief Ranulph voll Erſtaunen aus: „Was machen denn Sie hier, mein Herr?“ „Ich— ich— es iſt— Sir Ranulph— Sie werden entſchuldigen, Sir— ein ganz eigenes Ge⸗ ſchäft— kann es nicht ſagen,“ entgegnete der zitternde Advokat; denn in dieſem Augenblicke entgegnete ſein Auge dem Turpins, und dem unheilvollen Wiederſchein eines hell polirten Laufs, welcher gerade auf ihn ge⸗ richtet war. Eben ſo bemerkte er, daß er auf der andern Seite die Zielſcheibe für Ruſt und Wilder war, welche hinter ihm ſtanden und gedroht hatten, ihm ein Paar Kugeln durch den Hirnkaſten zu jagen, wenn er es wagen würde, ihr Verſteck zu verrathen.„Ich muß mich mit meinen Antworten in Acht nehmen,“ murmelte er. „Iſt noch irgend Jemand außer Ihnen an dieſem Ort?“ ſagte der Major, indem er eine entſprechende Bewegung machte. „Nein, mein Herr, durchaus Niemand,⸗ antwor⸗ tete Coates, welcher in dieſem Augenblicke das Knacken eines Hahnens zu hören glaubte, haſtig. „Wie kamen Sie daher, mein Herr?“ fragte Ranulph. „Meinen Sie an dieſen Platz hier?“ erwiderte Coates ausweichend. „Sie können doch offenbar keinen Grund haben, auf dieſe Frage nicht zu antworten,“ ſagte der Major ernft. „Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe bedeutende 188 Gründe in meiner jetzigen Lage, ſolche Fragen nicht zu beantworten.“ „Haben Sie Miß Mowbray geſehen?“ fragte Ranulph zornig. „Oder meine Mutter?“ ſagte der Major im glei⸗ chen Tone. „Keine von beiden,⸗ erwiderte Coates, welcher bei dieſen Fragen wieder etwas leichter athmete. „Ich glaube gar Sie wollen uns hintergehen, mein Herr,“ ſagte der Maior.„»Sie find verwirrt — ich bin überzeugt, daß Sie mehr von der Sache wiſſen, als Sie ſagen wollen; und wenn Sie mir nicht im Augenblick genügende und ganz befriedigende Auskunft geben, ſo ſchwöre ich beim Himmel—“ und der Säbel des Majors beſchrieb einen flimmernden Kreis um ſein Haupt.. „Wiſſen Sie etwa, wo ſie verſteckt ſein könnten?“ fragte Ranulph.„Haben Sie irgend etwas von ihnen, oder von Lukas Bradley geſehen?“ „Sprechen Sie, oder dieſer Augenblick iſt Ihr letzter,“ ſagte der Maior. „Und ſollte es auch mein letzter ſein, ich kann doch nicht ſprechen,“ entgegnete Cvates;„ich kann auf Ihre Fragen durchaus nicht antworten, meine Herrn.“ „Und ſie verſichern mich ganz beſtimmt, daß Sie Mrs. Mowbray und deren Tochter nicht geſehen ha⸗ ben?“ ſagte Ranulph. „Hier gab Turpin dem Coates einen Wink. Er wurde verſtanden. „Ich kann dieß nicht beſtimmt verſichern,“ ſtot⸗ erte er. „Wie! Sie haben ſie geſehen?“ ſchnaubte Ranulph. „Wo ſind ſie?— In Sicherheit— ſprechen Sie!“ fügte der Major bei. Eine wiederholte ausdrucksvolle Geberde des Hoch⸗ ſtraßenmannes belehrte den Advokaten über die Art ſeiner Erwiderung. 3 2 —— ⸗ — 189 „Außen, Sir— draußen— dort,“ erwiderte er.„Ich will Sie führen— folgen Sie mir meine Herrn, folgen Sie.“ Und fort ſtolperte Coates, ohne es nur zu wagen, einen Blick hinter ſich zu werfen. In einem Augenblick war die öde Halle verlaſſen und Turpin allein gelaſſen. In der Aufregung des Augenblicks war ſeine Gegenwart unbeachtet geblieben. Einen Augenblick nachher fand ſich in der Arena eine gleich zahlreiche Geſellſchaft ein. Ruſt und Wilder kamen aus ihrem Verſteck hervor, und waren von einem Theile der Zigeunerhorde gefolgt. „Wo iſt Sir Lukas Rookwood?“ fragte Turpin. „Er bleibt unten,“ lautete die Antwort. „Und Peter Bradley?“ „Bleibt auch.“ „Macht nichts. Nun macht euch fertig Burſche. Feuert einmal einen Schuß los— Hurrah!“ „Hurrah! rief der Haufen mit voller Kehle nach. Ranulph Rookwood und ſeine Begleiter hörten den Schuß. Mrs. Coates hatte ſchon berichtet, wel⸗ chen Kunſtgriff der liſtige Hochſtraßenmann gebraucht, und in welcher gefährlichen Lage er ſelbſt ſich befun⸗ den habe. Sie waren eben im Begriff zurückzukehren und Dicks Gefangennehmung zu bewerkſtelligen, als das laute Geſchrei des Geſindels ſie wieder davon abhielt. Aus dem Lärmen ging augenſcheinlich her⸗ vor, daß er von irgend einem verſteckten Punkte aus bedeutende Verſtärkung erhalten haben mußte, und obgleich der Major vor Begierde brannte, ſich an dem Hochſtraßenmanne zu rächen, ſo fühlte er doch auch die ganze Schwierigkeit des Unternehmens, und daß nur die äußerſte Vorſicht ihnen einen glücklichen Er⸗ folg ſichern könne. Nur mit Mühe konnte er Ranulphs Ungeduld zurückhalten, welcher kaum dieſe wenigen Minuten nöthigen Aufſchubs ausharren wollte. Der Major Mowbray ertheilte jedem einzelnen Manne ſeine Befehle und ließ einige abſitzen. Durch dieſe ⸗ Maaßregeln wurde Mr. Coates mit einem Roß und einem Paar Piſtolen verſehen; und er ſchwur, ſich mit den letztern an ſeinen Peinigern zu rächen. Nach einer kurzen Pauſe, während welcher dieſe Vorkehrun⸗ ſ getroffen worden waren, rückte der Haufen lang⸗ am und in beſſerer Ordnung als das erſte Mal, gegen das Thor vor. Aber auch die Tapferſten hiel⸗ ten an, als ſie die zahlreiche Zigeunerbande anſichtig wurden, welche in der Mauer der Abtei ſich kampf⸗ aufgeſtellt hatte. Jede Parthie beobachtete die ewegungen der andern mit Stillſchweigen und Ver⸗ wunderung, und wartete begierig, obwohl auch ge⸗ wiſſermaßen bange, auf das Zeichen ihrer Führer zum Beginnen des Kampfes. Dieſes ließ nicht lange auf ſich warten. Ein Schuß aus den Reihen der Rook⸗ wooder ſtreckte den Rob Ruſt leblos zu Boden. Wei⸗ ter bedurfte es nicht, um den Kampf allgemein zu machen. Die Gewehre wurden von beiden Seiten gegen einander abgefeuert, ohne vielen Schaden an⸗ zurichten; als aber eine Abtheilung zu Pferd, von Major Mowbray geführt, einen Angriff machten, wurde das Handgemeng ernſthafter. Nachdem die Zigeuner das erſte Feuer abgegeben hatten, warfen ſie ihre bei Seiten und griffen zu ihren lan⸗ en Meſſern, mit welchen ſie ſowohl Reitern als ferden ſtarke Wunden beibrachten. Major Mow⸗ bray wurde leicht am Schenkel verwundet, und ſein ferd, we 5 den für ihn beſtimmten Schlag erhielt, olperte unb warf ſeinen Reiter zu Boden. Zum Glück für den Major war Ranulph Rookwood in der Rähe und ſchlug mit dem Kolben ſeiner ſchweren Piſtole den Kerl zu Boden, welcher eben im Begriff war, ſeinen Schlag zu widerholen. Während dieſer ganzen Zeit hatte Turpin ver⸗ gleichungsweiſe einen nur ſehr geringen Antheil an dem Kampfe genommen. Er ſchien ſich mit der Ver⸗ theidigung zu begnügen, und feuerte nur einen einzi⸗ 191 gen Schuß auf Titus Tyrconnel ab, welchen er in dem Haufen entdeckte und nicht wenig durch eine Kugel erſchreckte, die er ihm durch ſeine Perrücke jagte. Eben ſo fällte er Coates vom Pferde, indem er ihm mit großer Geſchicklichkeit die losgeſchoſſene Piſtole an den Kopf warf. Obwohl er anſcheinend an dem Gefechte keinen Antheil nahm, ſo zog er ſich doch nicht aus demſelben zurück, ſondern blieb feſt auf ſeinem Platze ſtehen. Er ſchien kugelfeſt“ zu ſein, denn keine von den vielen Kugeln, welche um ihn herum ſausten, und von denen manche für ihn beſtimmt waren, verletzten ihn. „Er iſt geboren um gehängt zu werden, er kommt auf keine andere weiſe um, dieß iſt einmal gewiß,“ ſagte Titus.„Jeder Verſuch auf ſein Leben iſt unnütz. Doch beim Jeſus! er hat mir meinen beſten Hut und meine ſchönſte Perücke verdorben. Das Loch iſt wahr⸗ haftig ſo groß wie ein Kronenthaler.“ „Doch Ihr eigener Kopf iſt unverletzt, und dieß iſt einigermaßen eine Beruhigung,“ ſagte Coates, „während der meinige eine Beule hat, ſo groß wie ein Schwanen⸗Ei. Ach!— wenn wir nur an ihn kommen könnten.“ Der Kampf dauerte ohne Unterbrechung fort; und obgleich jetzt deutliche Beweiſe von ſeiner Heftigkeit und Wuth in der Geſtalt verwundeter Männer und getödteter oder untauglich gemachter Pferde vorhanden waren, deren klaffende Wunden den Boden mit Blut benetzten, ſo war doch ſchwer zu entſcheiden, auf welche Seite ſich der Sieg neigen werde. Obgleich die Zi⸗ geuner am meiſten gelitten hatten, ſo behaupteten ſie doch ihr Feld. Sie boten einen fürchterlichen und drohenden Anblick dar, deſſen Wirkung durch ihre hef⸗ tigen Geberden durchaus nicht vermindert wurde, wie ſie ſo im Blute der von ihnen getödteten Pferde wa⸗ teten und ihre langen Meſſer ſchwangen. Auf der andern Seite drängten die von Major Mowbrap an⸗ gefeuerten Bauern unverzagt vorwärts; und wenn die — 192 ſtämmigen Pachter ihre geſchmeidigen Feinde feſt packen, oder ihnen einen Schlag mit ihren Bärentatzen ver⸗ ſetzen konnten, ſo verfehlten ihr Gewicht und ihre größere Kraft ſelten die Wirkung. Hieraus iſt zu erſehen, daß ſie einander ſo ziemlich bis jetzt die Stange hielten — der Zahl nach waren die Zigeuner im Vortheil; der Muth war vielleicht auf beiden Seiten gleich groß, aber die„Kraft⸗ hatten die Landleute für ſich. Sei dem nun wie ihm wolle; aus allem bisher Vorgefal⸗ lenen war zu ſchließen, daß der Kampf einen ſehr ernſthaften Ausgang nehmen werde. Von Zeit zu Zeit blickte Turpin nach dem Ein⸗ gang der Zelle, in der Hoffnung Sir Lukas Rookwood erſcheinen zu ſehen; als er aber ſeine Erwartung ſtets getäuſcht ſah, konnte er ſeinen Unmuth nicht verbergen. Endlich beſchloß er einen Boten an ihn abzuſchicken, und auf ſein Geheiß entfernte ſich ein Zigeuner. Er kam ſogleich wieder zurück, und zwar mit dem Blicke banger Furcht. In unſerer haſtigen Erzählung des Kampfes biel⸗ ten wir uns weder mit den Einzelnheiten deſſelben auf, noch gaben wir ein Verzeichniß der Kämpfenden. Unter dieſen befanden ſich übrigens einige, welche unſern Leſern genau bekannt find: z. B. Jerry Juniper, der Maltheſerritter, und Zoroaſter. Excalibur war, wie man ſich wohl denken kann, nicht müßig geblie⸗ ben, allein Ranulph Rookwood hatte ihn gleich zu An⸗ fang zerbrochen, und ſo war der Ritter jetzt waffen⸗ los. Zorvaſter, welcher nicht allein das Feuer anbe⸗ tete, ſondern auch viel Feuer gab, hatte ſich mit den Bauern tüchtig herum gehauen, und war ſtark ver⸗ wundet worden. Jerry war wie Turpin ziemlich theil⸗ namslos geblieben.„Der geeignete Augenblick war noch nicht gekommen, wie er ſagte. Turpins Gefähr⸗ ten ſchien ein eigenes Unglück zu verfolgen. Rust war zuerſt gefallen; auch Wilder befand ſich unter den Todten. So ſtanden die Sachen, als der Bote zurück⸗ — — 193 kam. In Turpin ging eine auffallende Veränderung vor. Nicht länger mehr ſchaute er gleichgültig zu. Er ſchien zor⸗ nig und aufgeregt. Er nagte an ſeinen Lippenz ein ſicheres Zeichen ſeines Zorns. Er ſprach mit lauter Stimme zu dem Haufen. Da er aber in der Gaunerſprache der Zigeuner redete, ſo konnte ihn die Gegenpartie nicht verſtehen; allein bald wurde der Sinn ſeiner Worte klar, da die Zigeuner ſich plötzlich vom Kampfplatz zurückzogen. Alle flohen ſie zumal, indem ſie nur wenige Schwerver⸗ wundete zurückließen, in die verwickelten Ruinen der Priorei, wodurch jede Verfolgung, wenn man eine ſolche auch verſucht hätte, unmöglich gemacht wurde. Jerry Juniper war der letzte im Rückzug, ſprang abe⸗ auf einen Wink Turpins wie ein Reh über die Köpfe ſeiner Gegner hinweg, und entfloh. Der Hochſtraßen⸗ mann blieb allein zurück. Er ſtand da wie ein um⸗ zingelter Löwe, weicher die um ihn herumſpringenden Jäger tuhh anſchaut. Ranulph Rookwood ritt auf ihn zu, und forderte ihn auf ſich zu ergeben. „Halten Sie mich nicht,“ rief er mit einer Don⸗ nerſtimme.„Wenn Sie diejenigen retten wollen, welche Ihnen theuer iſt, ſo ſteigen ſie in dieſes Gewölb hinunter. Aus dem Wege ſage ich.“ Mit dieſen Worten entriß ſich Turpin mit leichter Mühe Ranulphs Hand. „Dießmal ſollt Ihr mir nicht entgehen, Schurke, ſagte Major Mowbray, indem er ſich zwiſchen Turpin und den Ausgang ſtellte. „Ich möchte Ihr Blut nicht gerne auf mir liegen haben, Major Mowbray,“ ſagte Dick.„Laſſen Sie paſſiren;“ und er richtete ſeine Piſtole auf eſen. „Schießt nur zu, wenn Ihr es wagt, ſagte der Maior ſeinen Säbel ziehend.„Ihr paſſirt nicht. Eher will ich ſterben, als Euch entfliehen laſſen. Verram⸗ melt die Thüre. Haut ihn zuſammen, wenn er ver⸗ ſuchen ſollte zu entfliehen. Richard Turpin, ich ver⸗ Rookwood 11. 13 wir ſogleich abreiſen?“ 194 hafte Euch im Namen des Königs. Ihr hört es, meine Burſche, in ſeiner Majeſtät Namen. Ich befehle euch, bei der Gefangennehmung dieſes Räubers beizu⸗ ehen.“ Turpin brach in ein lautes und ſpöttiſches Geläch⸗ ter aus.„Gehen Sie, und ſuchen Sie Ihre Mutter und Schweſter in dem Gewölbe da unten auf,“ ſagte er zu dem Major.„Sie werden dort genug zu thun finden.“ Hiemit zwang er Beß einige Schritte rückwärts zu gehen, drückte ihr die Sporen in die Weichen und ſetzte, ehe die Zuſchauer nur ſeine Abſicht ahnen konn⸗ ten, über den niederſten Theil der verwitterten Mauer der Priorei. Sein Pferd ſchien zu dieſem Sprung erſt keine beſondere Kraftanſtrengung gemacht zu haben. „Bei allen Mächten!“ rief Titus;„jetzt kommt er uns auch noch durch; und gerade in dem Augen⸗ blick, wo wir ihn ganz ſicher zu haben glaubten. Wie, Mr. Coates, dieſe Mauer iſt höher als fünf Fuß; dieſe Höhe hat in meinem Lande keine einzige Mauer. Es iſt der außerordentlichſte Sprung, den ich je ſah!“ „Der Teufel muß in dieſem Kerl, oder in ſeinem FPferde ſtecken,“ entgegnete Coates;„aber er ſoll mir doch nicht entwiſchen. Ich weiß wohin er geht— er iſt mit meinem Wechſel auf dem Wege nach London — aber ich werde mit ihm noch dort ſein. Ich werde ihn ausſpüren wie ein Bluthund, langſam aber ſicher, wie mein Vater der Diebseinfanger einer Witterung zu folgen pflegte. Erinnern Sie ſich an den Haſen und die Schildkröte. Was ſagen Sie dazu? Es han⸗ delt ſich um fünfhundert Pfunden, nein, um fünftau⸗ ſend; denn es iſt auch ein gewiſſer Heiratsſchein dabei im Spiel, es wäre ein ſchönes Sümmchen! Sie ſollen die Hälfte haben, wenn wir gewinnen. Wir wollen ihn todt oder lebendig zu bekommen ſuchen. Was ſagen Sie zu London, Mr. Tyrconnel?— Wollen „ 3 195 „Von Herzen gern,“ erwiderte Titus.„Ich bin von der Partie.“ Und ſomit entfernte ſich das edle Paar. Inzwiſchen war Ranulph in das Gewölbe hinun⸗ ter geeilt. Der Boden war ſchlüpferig, und faſt wäre er gefallen Lautes und tiefes Klagen, wie ein Tod⸗ tengeſang tönte zu ſeinen Ohren. Ein Licht am äußer⸗ ſten Ende des Gewölbes zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Er war voll ſchrecklicher Ahnungen, aber noch fürchterlicher war die Ungewißheit. Er eilte auf das Licht zu. Er kam an dicken Sdulen vorüber, und ent⸗ deckte dort bei dem rothen Fackelſcheine zwei weibliche Geſtalten. Die eine derſelben war ein altes, phan⸗ taſtiſch gekleidetes Weib, welche bald jammernd die Hände rang, bald wieder in kauderwelſcher Sprache wilde Strophen in mißtönenden aber feierlichen Accor⸗ den hervorſtieß. Die andere war Mrs. Mowbray. Beide ſchienen ein Raub der Verzweiflung zu ſein. Vor ihnen lag ein bewegungsloſer Gegenſtand. Er bemerkte nicht das alte Weib— kaum ſah er Mrs. Mowbray— ſeine Augen waren nur auf jenen Ge⸗ genſtand des Schreckens gerichtet. Es war ein leb⸗ loſer weiblicher Körper. Das Licht fiel nur theilweiſe und ſchwach auf das Geſicht— er konnte nicht die Züge, wohl aber den Schleier, welcher um dieſelben hing, unterſcheiden— dieſer Schleier gehörte ihr!— gehörte Eleonoren! Er fragte nicht weiter. WMit einem wilden Schrei ſprang er hinzu.„Eleo⸗ nore, meine Geliebte,“ rief er. WMrs. Mowbray ſchrack zuſammen, als ſie ſeine S hörte, allein ſie ſchien betänbt und außer ſich zu ſein. „Sie iſt todt,“ ſagte Ranulph, bei dem Leichnam haltend.„Todt— todt!“ „Aber es iſt nicht Eleonore,“ rief er, als er die Züge näher betrachtete.„Dieſes Geſicht gehört nicht ihr. Dieſes aufgelöste Haar iſt ſchwarz. Die langen Locken, welche ihre Stirne ſchwarz. 196 Sie iſt aber kaum todt. Die Hand, welche ich faſſe, iſt noch warm— die Finger bewegen ſich.“ „Und doch iſt ſie todt,“ ſagte das alte Weib mit gebrochener Stimme.„Sie iſt ermordet.“ „Wer hat ſie ermordet?“ fragte Ranulph. „Ich— ich— ihre Mutter, ermordete ſie.“ „Du!“ rief Ranulph ſchaudernd aus.„Aber wo iſt Eleonore?“ fragte er.„War ſie nicht auch da?“ „Beſſer, ſie wäre noch hier, ſogar an der Stelle dieſes armen Wäochens, ſagte Mrs. Mowbray,„als wo ſie jetzt iſt „Wo iſt ſie denn?“ fragte Ranulph mit kampf⸗ hafter Haſt. „Geflohen! Wohin weiß ich nicht.“ „Mit wem?“ „Mit Sir Lukas Rookwood— mit Alan Rool⸗ wood. Sie haben ſie von hier weggebracht— Sie kommen zu ſpät Ranulph.“ „Fort!“ rief Ranp grimmig mit den Füßen ſtampfend.„Wie konnten ſie denn entfliehen? Es ſcheint doch keinen andern Eingang in dieſes Gewölb zu geben. Ich will jeden Winkel ausſuchen.“ „Es iſt vergeblich,“ erwiderte Mrs. Mowbray. „Es iſt noch ein Ausgang da. Durch dieſen ſind ſie entflohen.“ „Nur zu wahr— zu wahr,“ ſchnaubte Ranulph, — welcher haſtig die Zelle durchſucht hatte.„Aber warum folgten Sie nicht?“ „Der Stein rollte vor die Oeffnung, und widerſtand allen meinen Bemühungenz ich konnte nicht folgen.“ Tod und Teufel!— ſie iſt auf immer für mich verloren, rief R anulph in der größten Seelen⸗ pein aus. „Nein,“ ſchrie Barbara, ſeine Arme faſſend. e traue mir, und ich finde ſie Dir wieder.“ „Du!“ ſagte Ranulph. 8 le [6 ir n⸗ 197 „Gerade ich,“ erwiderte Barbara.„Das Unrecht, welches man an Dir beging, ſoll wieder gut gemacht — meine Spbille gerächt werden.“ . 23—„ Der kRitt nach York. Hinweg, hinweg, ſo ging's im Flug, Als wenn mich Sturmestoben trug. Mazeppa. Fünfzehntes Kapitel. Das Rendez-vous in Bilburn. Nur brav getrunken meine wackern Burſche. Aus einem alten Luſtſpiele. Wir übergehen nun drei oder vier Tage, um unſere Leſer in die Nachbarſchaft der Hauptſtadt zu verſetzen, und mit ihrer Erlaubniß in eine abgelegene Laube des alten Gaſthauſes von Kilburn Wells zu führen. DDie gegenwärtig ſo ausgebreitete, und unter dem Namen Kilburn bekannte Vorſtadt wurde kaum vor einem Jahrhundert in's Leben gerufen, und das Gäſt⸗ haus, von welchem wir ſprechen, ſo wie einige zer⸗ ſtreute Pachtershäuſer, waren die einzigen Wohnungen, welche man damals in dieſem jetzt ſo volkreichen Stadt⸗ theile fand. Der Erfriſchungsplatz für die Stadtkinder des Jahres 1737 war ein altes, maſſives Haus vom guten alten Schlag, mit großen, braunrothen Fenſtern, und einem Balkon in der Fronte, welcher als Schild das joviale Geſicht bes luſtigen Ritters Jack Falſtaff führte. Eine runde Bank umgab den alten Stamm 198 einer Ulme, deren weit verbreitete Aeſte die erſtere be⸗ ſchatteten, und den Wanderer fark in Verſuchung führ⸗ ten auf ſeinem ſtaubigen Wege„dankvoll anzuhalten,“ um eine ſchäumende Kanne voll des beſten Ales von Bow Wells zu koſten. Auf einem Tiſche welcher ſo grün war als die Schlingpflanzen der Laube, ſtand eine große Porzellain⸗ Schüſſel, eines jener wallfiſchartigen Denkmäler der früheren Zechluſt, wie wir ſie noch manchmal ganz zu oberſt in einem gefirnißten Schranke, aber ſellen oder ₰ nie mehr auf dem Platze finden, auf welchen ſie hin⸗ gehören— nämlich auf dem Tiſche. Alle äußern An⸗ zeichen eines Trinkgelages waren vorhanden. ſeiſeß und Humpen waren auß der Tafel. Ein nicht ſeht ſtarker, aber angenehmer Duft ſtieg aus der Schüſſel auf, und bildete in Vereinigung mit dem Geruch eines ₰ benachbarten Beetes von Reſeden und Levkojen eine ſo liebliche und immer angenehme Atmosphäre, als man ſich an einem Auguſtnachmittage nur wünſchen So dach⸗ ten wenigſtens die derzeitigen Inſaßen der albe, welche ſich übrigens durchaus nicht mit der Befriedigung eines einzigen Sinnes begnügten. Der ambroſiſche Inhalt, der Porzellainſchüſſel bewies ſich als eben ſo köſtlich für den Geſchmack, wie ſein Buft für den Geruch, während das Vuge ſich an dem grünen Raſen, welcher unmittelbar vor ihnen ausgebreitet lag, ſich ergötzte, oder auf den lieblichen, wellenförmigen Matten ver⸗ weilte, welche ſich in der Entfernung einer Meile in den waldigen, kegelförmigen Höhen von Hampſtead endigten.—— Auf der linken Seite des Tiſches ſaß, oder lag vielmehr ein ſchlanker, eleganter junger Mann, mit ſchwarzen, ſchmachtenden Augen, und bleicher Farbe, * deſſen Züge jenen eigenthümlich nachdenkenden Aus⸗ druck hatten, welcher oft die Fole der Ausſchweifung iſt, aber, wir bedauern es ſagen zu müſſen, in den Augen des ſchönen Geſchlechts oft reizender erſcheint, 199 als er eigentlich ſein ſollte. Er war in einen leichten, nach der Mode jener Zeit, aber aus einfachem und unſcheinbaren Stoffe gemachten Reitanzug gekleidet, welcher wohl etwas geputzter hätte ſein dürfen; allein gerade dieſer anſcheinende Mangel verlieh ihm das Aeußere eines vollkommenen Gentleman. Sein ganzes Weſen war anſpruchslos, wodurch es, im Verein mit anſcheinend großem Vermögen, höchſt auffallend mit der gemeinen Aufgeblaſenheit ſeiner geputzten Gefähr⸗ ten abſach. Die Geſtalt des jungen Mannes war ſchwach, ja beinahe gebrechlich, und zeigte nur wenig von der großen Körperſtärke, welche er in der That geſaß. Um dem Leſer jedes Kopfzerbrechen, wer dieſe Perſon wohl ſein könne, zu erſparen, wollen wir ihn gleich mit deſſen Namen und Stand bekannt machen. Es war Niemend Geringeres als Tom King, ein be⸗ fannter Räuber jener Zeit, welcher wegen ſeines Aeußern den Beinamen des„Gentleman⸗Straßenräu⸗ ber“ erhalten hatte. Tom war aber auch ein höchſt liebenswürdiger Geſelle. Seine Laufbahn war kurz aber glänzend; Mekeore erſcheinen ja immer nur auf Augenblicke. Er war der jüngere Sohn einer guten Familie— hatte gutes Blut in ſeis Adern— aber keinen Groſchen in der Taſche. Nah dem alten Liede w das Beſitzthum ſeiner Eigenſchaften alles, was e ekam. Obgleich er nun zwar duschaus kein Einkomm hatte, ſo wußte er doch ſo zu leben, als ob er wirklich ſolches habe: ein Wunder, welhes nicht er allein ſchon verrichtete. Für einen geldloſen Mann hatte er ſehr koſtſpielige Gewohnheiten. Er hielt ſich drei Pferdez und wenn die Sage nicht lügt, ein gleiche Anzahl Mädchen;— ja wenn wir gwiſſen fkandalöſen Gerüchten glauben dürfen, welche wir hörten, ſo war er eine Zeit lang der begünſtigte Liebhaber einer gefeierten Bühnenhel⸗ din, welche ihm die Mittel zu ſeinem Aufwande ver⸗ ſchaffte. Aber ſo konnten die Sachen nicht lange blei⸗ 200 ben. Tom war ein Muſter von Untreue, und dieſen Fehler allein konnte ſeine Geliebte nicht überſehen. Sie entließ ihn augenblicklich, als ſie es erfuhr. Un⸗ glücklicherweiſe hatte er noch andere Unglücksfälle, welche vollends dazu beitrugen, ihn zu ruiniren. Er liebte das Wettrennen— das Spiel— war in Drurp wohl bekannt, und ſpielte nicht die ſchlechteſte Rolle bei Howell und an den dortigen Pharotiſchen. Er war der Glanzpunkt von Smyrna, d'Oſyndor und andern Chocolade⸗Häuſern jener Tage, und hier fiel er auch zuerſt geſchickten Gaunern in die Hände, welche ihn zuerſt plünderten und nachher in ihre Kunſt ein⸗ weihten. Unter ihrem Schutz machte er wunderbare Fortſchritte. Er richtete ſeine Tglente auf einen Punkt. Seine Augen begannen ſich zu öffnen. Seine neun⸗ tägige Blindheit war vorüber. Das Hündlein ſah; allein ſeiner Geſchicklichkeit ungeachtet wurde er eines Tags erwiſcht, und auf eine Art von Howells hinaus geworfen, daß ihm keine Wahl mehr übrig blieb. Er mußte entweder ſeinen Gegner herausfordern, oder ſich aus dem Staube machen. Er wählte das letztere und verlegte ſich auf die Landſtraße, in welchem Geſchäfte er auch ungeheueres Glück machte. Glücklicherweiſe hatte er keine Gewiffensbiſſe zu überwinden. Tom hatte das, was Sir Walter Scott ſo treffend einen dunkeln Begriff von„mein und dein⸗ nennt, und ge⸗ wann nach und nach die lKeberzeugung, daß alles, was er bekommen könne, rechtmäßige Beute ſei. Und ſogar diejenigen, welche er beraubt hatte, gaben zu, daß er ver feinſte Hochſtraßenmann ſei, mit welchem fie zu⸗ ſammen zu kommen das Glück gehabt hätten und nur wünſchten, immer ſo glücklich zu ſein. So beliebt und bekannt wurde er auf der Straße, daß es für eine Auszeichnung galt, von ihm angeha'ten zu werden; er machte es ſich zum Gewiſſen, nur vornehme Herrn, und— Tom's Schatten würde ſich noch gegen uns auflaſſen, wenn wir es zu ſagen unterliepen— Damen — —— W 201 zu berauben. Er wurde auf eine ganz eigene Weiſe mit Turpin bekannt,— nämlich durch ein remontre. Turpin hielt dem Tom, deſſen Aeußeres ihm aufge⸗ fallen war, eine Piſtole vor, und bat ihn um ſeine Börſe. Der Letztere brach in ein lautes Gelächter aus, und gab ſich zu erkennen. Von der Zeit an wur⸗ den ſie geſchworene Brüder— die Pylades und Ore⸗ ſtes der Straße; und machten manchen luſtigen Ritt im Mondſchein zuſammen, obgleich man ſie ſonſt ſelten beiſammen ſah. Tom hatte ſtets ſeine drei Mädchen, ſeinen Be⸗ dienten, ſeinen Groom,(Tiger hätten wir ihn genannt) „und außerdem noch viele verſchiedene Anzüge,“ ſagt ſein Geſchichtsſchreiber,„ſo daß er eher einem Lord als einem Hochſtraßenmann glich.. Und wir möchten wohl auch wiſſen, was mehr ſich ein Lord wünſchen könnte? Wenige jüngere Söhne können ſich, unſerer Meinung nach, ſolcher Dinge rühmen; und hauptſäch⸗ lich ihretwegen haben wir uns, in der ſchwachen Hoff⸗ nung der unbeſchäftigten Jugend aller Stände nützlich werden zu können, ſo lange bei Tom King's Geſchichte aufgehalten. Die Straße iſt— wir müſſen es wieder⸗ holen— noch offen— die Ausſichten find günſtiger als je— wir ſind der feſten Anſicht, daß dieß der ein⸗ zige Weg zu ihrem Glücke iſt, denn wir haben einen großen Mangel an Hochſtraßenmännern! Man denke ſich nur wie Tom bei d'Oſyndor's lehnt, und ſorglos mit den Füßen auf dem Boden trommelt! Iſt er nicht ein verteufelt guter Gentleman? Niemand hätte ihn für einen Hochſtraßenmann gehal⸗ ten, würde man es nicht von uns erfahren haben. Ein Kellner erſcheint— er beſtellt auf zwölf Uhr ſein Abendeſſen— gebratenes Geflügel und eine Flaſche Bur⸗ gunder ſein Grvom bringt das Pferd— er ſitzt auf. Es iſt ſo ſeine Gewohnheit, Abends noch auszureiten— er iſt weniger geſtört. In Marylebone Fields(jetzt der Regent's Park) verläßt ihn ſein Groom. Er hat eine . 202 Geliebte in der Nachbarſchaft. Er bleibt einige Stun⸗ den aus, und iſt fröhlich oder niedergeſchlagen, je nachdem ihn das Glück begünſtigt hat. im zwölf Uhr iſt er am Nachteſſen, und hat nun die Nacht vor ſich. Wie angenehm erſcheint dieß alles. Iſt es möglich, daß wir keine Tom Kings haben?. Wir wollen jedoch zu unſerem Tom King in der Laube zurückkehren. Nach ſeinem Benehmen zu ſchließen, ſchien er auf die Anweſenheit ſeiner Gefährten gar nicht zu achten, und eben ſo wenig Theil an ihrem Gelage zu nehmen. Er kehrte ſeinem Nachbar den Rücken zu; ſein Glas ſtand unberührt neben ſeinem Arm— und eine ſehr weiße und kleine Hand, ein Zeichen der Geburt und Erziehung(nach Byron) ruhte auf dem Rand des Tiſches, während ſeine dünnen und 1 zarten Finger, welche ſein Talent mit Nehmen laut verkündigten,(nach James Hardy Vaux) ſich mit einem ſilbernen Zahnftocher beſchäftigten. Er ſchien überhaupt in tiefe Träumereien verſunken, und über neue Wäne zu brüten. Zunächſt an King ſaß unſer alter Freund Jerry Juniper; aber nicht der Jerry, wie er bei den Zigen⸗ nern war, ſondern eine glänzend herausgeputzte Per⸗ ſon.— Jerry war nicht mehr ein Gentleman mit „drei Außenſeiten⸗— es wäre jetzt ſchwer geweſen, einen Mangel an ihm herauszufinden. Er hatte ſich 5 wie eine Schlange gehäutet, und erfreute ſich wieder neuer und glänzender Kleider.„Es waren ſprechende Kleider, und dazu auch noch ſprechende Taſchen. Sein* Weißzeug war ausgezeichnet fein, ſein Anzug vom ſchönſten Stoffe, glänzende Ringe ſchimmerten an ſeinen 3 Fingern— eine kryſtallene Doſe drehte er graziös 3— eine ſchöne goldene Repetiruhr mit einem unge⸗ heuren Behänge an einer dicken Kette, wurde häufig herausgezogen. Er trug Spitzen⸗Manſchetten, und Schuhe,(eine ihm lange Zeit unbekannte Sache) 203 welche große Schnallen hatten, zwängten ſeine Füße ein. Eine ſtark gepuderte Perücke und ein Degen mit einem ſilbernen Gefäſſe vollendeten den Anzug des verwandelten Jerry, oder wie er ſich jetzt nennen ließ, des Grafen Albert Conyers. Jerry hatte nämlich nach dem Scharmüzel gefürchtet, jene Gegend möchte für ihn zu heiß werden, und deßhalb in Begleitung Zorvaſters das Gauner⸗Gefindel verlaſſen, und ſich auf den Weg nach der Hauptſtadt gemacht. Sie lang⸗ ten glücklich dort an, und da ſie mit Tom King etwas bekannt waren, ſo ſuchten ſie ihn an ſeinem gewöhn⸗ lichen Aufenthaltsort, bei d'Oſyndor's auf, um ſich unter ſeinen Schutz zu begeben. Tom nahm ſie mit offenen Armen auf, ſtellte ihnen ſeine ganze Garderobe zu Dienſten, und verlangte als Gegendank nur einen kleinen Dienſt. Er hatte einen großen Plan in petto, bei veſſen Ausführung ſie ihm ſehr behülflich ſein konnten. Jerry war von Profeſſion ein Grieche, und konnte ſo geſchickt als nur irgend Jemand ſondiren. Zoroaſter war gerade der rechte Mann bei Schlägereien. Niemand hätte Tom gelegener kommen können, und er empfing ſie deßhalb auch mit brüderlicher Herzlichkeit. Wir müſſen uns aber auch mit Jerrys vis à vis beſchäftigen, welcher Niemand anders war als der Lagerrichter, der Magus Zoroaſter berühmten Namens. Auch er war verwandelt wie Juniper, aber auf eine noch ſonderbarere Weiſe. Von Jerry waren doch noch einige Spuren zurück geblieben, allein von dem ehemaligen Dimber Damber war auch nicht das Ge⸗ ringſte mehr zu erkennen. Seine eigene Mutter hätte ihren Sohn nicht mehr erkannt. Dieſe auffallende Veränderung rührte übrigens nicht allein von der Kleidung her; ſondern hatte vielmehr ihren Grund in der Züchtigung, welcher er bei dem Angriffe auf die 204 Priorei davongetragen hatte. Nicht ein Zug war mehr geblieben; ſeine geſchwollenen Lippen gingen über die Naſe hinaus; die Naſe ſelbſt war platt geſchlagen, während ſeine Wange wie ein großer Fleiſchknopf un⸗ ter ſeinem einzigen Auge ſich erhob— einzigen ſagen wir, denn leider!— ſah er auf dem andern nichts— ſein rechtes Augenfenſter war völlig verfinſtert— und das noch übrig gebliebene leuchtete ſo matt, als ein Licht in London bei einem Nebel. Um einige Stro⸗ phen von dem gekrönten Dichter der„Fancy“ zu ent⸗ lehnen: Der eine ſeiner Gucker war bankrott, Und ſeine Ladenfenſter feſt geſchloſſen, Den anderen umgab ein ſchwarzer Rand, Wie eine Zeitung, wenn der König todt. Ein ſchwarzes Pflaſter zierte ſeine Wangen, welche in allen Farben des Regenbogens ſchimmerte, und ſein Kinn; in der Heffnung, welche durch herausge⸗ ſchla ene Backenzähne entſtanden war, ſteckte ſeine Pfeiß⸗ Er trug den Anzug eines Boxers— ſein Hals ſtack in einer hohen Cravatte— um ſeinen Kopf hatte er ein ſchmutziges Tuch gebunden, welches über ſein rechtes Aug wegging, während ein weißer Filzhut das Hinterhaupt des Magus bedeckte. Und obgleich es auf den erſten Anblick hin ſcheineß könnte, als ob die Geſellſchaft eines ſo übel zugerichteten Mannes, wie es der Lagerrichter war, und ſeiner geputzten Ge⸗ ſellſchafter etwas Ungereimtes habe, ſo wird ſich die Verwunderung des Leſers dennoch ſchnell verlieren, wenn er bedenkt, daß jeder P. C. ausgezeichnete Mann S auch in der auserleſenſten Geſellſchaft leicht Zutritt fin⸗ det. Der alte Simon Carc, der kupfernafige Wirth zum Fallſtaff, welcher ſchon etwas in der Welt erfah⸗ ren hatte, und die Sache aus dieſem Geſichtspunkt be⸗ trachtete, wunderte ſich daher auch gar nicht über die Vertraulichkeit, welche zwiſchen Zorvaſter und ſeinen Gefährten herrſchte. Auch fühlte ſich der Magus, ob⸗ 205 gleich man beinahe vom Gegentheile hätte überzeugt ſein ſollen, vollkommen behaglich. opferte wie gewöhnlich dem Gott des Feuers. Seine Mithea oder Pfeife, das Symbol ſeines Glaubens, hielt er voll Eifer zwiſchen ſeinen Lippen, und nie ſog ſein chaldäiſcher, bactriſcher, perſiſcher, pamphiliſcher, proconneſianiſcher, oder baby⸗ loniſcher Namensbruder, welcher von dieſen ſechs nun immer der wahre Zoroaſter ſein mochte,(ſiehe Bayle) an dem Feuer⸗Altare brünſtiger die Luft ein, als unſer Magier aus dem Ende ſeiner dampfenden Röhre. Wir glauben, daß Zoroaſter ſeinem Glauben nach ein Dua⸗ liſt, und von der myſtiſchen Beziehung der Prinzipten des Guten und Böſen überzeugt war— denn er ſah ſeine Pfeife als ſein Rezdan oder ſeinen wohlthätigen Einfluß; ſeinen Bauch im leeren Zuſtande aber als ſeinen Ahreman oder Teufel an. Doch wir wollen uns bei der Unterſuchung ſeiner Grundſätze nicht lange aufhalten— wir miſchen uns in Niemands religiöſe Meinungen, und werden auch den Magier ungeſtört bei ſeinen Anſichten laſſen, dieſe mögen nun auch ſein, welche ſie wollen. Es bleibt uns jetzt nur noch ein Gaſt übrig, und mit dieſem werden wir bald fertig ſein. Ich glaube kaum, daß man dem Leſer wird zu ſagen brauchen, wem dieſe kühnen grauen Augen— dieſer ungemein große rothe Bart— dieſer himmelblaue Frack ange⸗ hörte. Es war Der tapfere Theilhaber von der Straße, Der Hecken und der Wege ſehr gewandter Aufſeher. mit einem Worte— Dick Turpin! Dick war zum Präſidenten des Gelages ernannt worden, und dieſen machte er auch auf eine ganz vor⸗ treffliche Art, indem er unermüdet ſich mit der Punſch⸗ Bowle beſchäftigte. Keinen Augenblick durfte ein Glas leer bleiben. Toaſte, Trinkſprüche, und anaereontiſche Lieder folgten ſich in ganz kurzen Zwiſchenräumen; doch von einem Gegenſtande durfte nicht geſprochen 206 en Gelegenheiten, wo ällein de gefährlichen Handwerks. Tageszeit, verfiel ſchäfts⸗Angelegenheiten zu ſprechen. mir dünkt, mich wohl für einige Zeit auf's allein ein ruhiges Leben behagt mir nicht. etwas zu thun haben, und wieder nach Forkſhire zurückreiten.“ „Wirklich, ſagte der soi-disant Graf mit ſchmach⸗ tender Stimme—„ſo bald ſchon?“ „Ich weiß nicht, was mich hier zurückhalten ſollte,“ erwiderte Dick.„Und, um Ihnen die Wahrheit zu werden— von der Politik. Er ließ Kirche und Staat für ſich ſelbſt ſorgen. Nie gab Dick zu, daß bei ſol⸗ m Vergnügen geopfert wurde, von Politik die Rede ſein durfte. Sein Grund⸗ ſatz war, die ſchnell vorüberfliegenden Augenblicke ſo gut wie möglich zu benützen; nie vergaß er das„dum vivimu vivamus“; und dieß empfehlen wir auch allen Gentlemen des nämlichen, oder irgend eines andern Ungeachtet aller Bemühungen Dick Turpins, die Fröhlichkeit im Gang zu halten, wobei ihn auch noch das ausgezeichnete Gebräu unterſtützte, begann die Un⸗ terhaltung dennoch nach und nach zitſtocken; zuerſt war ſie allgemein geweſen, jetzt wurde ſie nur noch von einzelnen geführt. Tom King, welcher den Punſch über⸗ i zu einer ſolchen in tiefe Träumerei— dieß iſt bei Spielern oft der Fall— während der Magier, wel⸗ cher ſich ſchläfrig geraucht hatte, in einen ſanften lummer verfiel. Dieſe Gelegenheit ergriff Turpin, um mit Jerry Juniper, oder wie er ſich jetzt nennen ließ, mit dem Grafen Conyers, einige Worte in Ge⸗ „Mein werther Graf,“ ſagte Dick mit gedämpfter Stimme;„Sie ſchen, daß ich den Zweck meiner erreicht habe— ich habe Mr. Cvates' Wechſel zu baa⸗ rem Geld gemacht— da hab ich's, fuhr er fort, in⸗ dem er wohlgefällig auf ſeine Taſchen ſchlug.„Mit einem kühlen Tauſend in der Hand könnte ich, ſo will ich denn he 3—+———.— ———„—— 3——,———— —— c—„——=— „ 207 ſagen, ich möchte gerne ſehen, wie es mit Sir Lukas Rvokwood ſteht. Es würde mir leid thun, wenn er aus Mangel an Beiſtand, welchen ich ihm leiſten kann, zu Schaden käme.“ „Wahr,“ entgegnete der Graf,„man würde ein ſolches Ereigniß gewiß bedauern— allein ich fürchte, daß Ihre Hülfe etwas zu ſpät kommen könnte. Er kann indeſſen ſchon lange aufgehoben worden ſein.“ „Nun dieß wollen wir eben ſehen,“ ſagte Turpin. „Obgleich ſein Fall ein verteufelt übler iſt, ſo iſt er doch nicht ganz hoffnungslos. Ich liebe den Kerl trotz all' ſeines Ungeſtüms und Hochmuths, und helfe ihm auch, wenn es mir nur halbwegs möglich iſt. Es wird ein ſchweres Stück Arbeit ſein, ihm auf die Beine zu helfen, allein ich glaube, daß es geht. Jene unterirdi⸗ ſche Heirat war eine vollkommene Narrheit, und lief 5 ſo ſchlimm ab, als es ſich von einer ſolchen Liſt er⸗ warten ließ. Arme Sybille! ich hätte ein Aug für ſie laſſen können. Sie kommt mir nicht aus dem Kopf. — Geben Sie mir eine Priſe, ſolche Gedanken erwei⸗ chen mich zu ſehr. Mit dem Prieſter iſt es eine ganz andere Sache. Der alte Alan hatte vollkommen Recht, mit eigenen Händen Juſtiz auszuüben, und ihn zu er⸗ morden, wenn er ſeine Tochter erdroſſelt hat.— Ich hätte an ſeiner Stelle eben ſo gehandelt; und da er ein verbannter Jeſuit, und ohne des Königs Erlaub⸗ niß zurückgekehrt war, ſo kann Vater Checkleys Mord (wenn man es ſo nennen muß, denn ich liebe ſolche harte Ausdrücke nicht), kein großer Vorwurf für Alan ſein. Dieß hat übrigens mit Sir Lukas nichts zu thun. Er war wed Anſlifter noch Mitſchuldiger. Aber den⸗ noch befindet er ſich noch in Gefahr, und zwar haupt⸗ ſächlich durch die Umtriebe der Lady Rookwood. Die tur Grafſchaft Rork iſt jetzt ohne Zweifel unter den affen.“ „Warum gehen Sie dann hin?“ fragte der Graf etwas ſpöttiſch;„ich für meinen Theil habe die eigene 208 Leidenſchaft, jeder Unannehmlichkeit ſo lange wie mög⸗ lich aus dem Wege zu gehen.“ „Jeder nach ſeinem Geſchmack,“ verſetzte Turpin —„ich liebe die Gefahr. Fliehen Sie vor ihr! pah! Halbwegs ſtoßen Sie doch wieder mit Ihrem Feinde zuſammen.“ „Sehr wahr,“ erwiderte der Graf;„halbwegs! — aber Sie gehen ihm ja den ganzen Weg entgegen. Welcher kluge Mann würde auch dem Löwen in den Rachen laufen.“ „Ich war nie ein kluger Mann,“ antwortete Dick lächelnd—„übergroße Vorſicht iſt meine Schwäche nicht. Entſtehe daraus was will; ich ſuche dieſen Lu⸗ kas Rookwpod auf, und biete ihm meine gutgeſpickte Börſe, meine zum Handeln ſtets bereite Hand, und meinen Kopf an, welcher trotz ſeiner mannigfachen Feh⸗ ler, doch oft beſſer für andere denkt, als für ſeinen eigenen Beſitzer.“ „Sehr ſchön!“ rief der Graf mit nur ſchlecht ver⸗ hehltem Hohne aus—„aber ich hoffe daß Sie nicht vergeſſen, daß der Heiratsſchein, welchen Sie noch ha⸗ ben, jetzt ganz werthlos geworden iſt. Die Ländereien gehören, wie Sie ja ſelbſt wiſſen— „Gehören nicht länger mehr dem Sir Lukas— ich ſehe, auf was Sie anſpielen wollen, Graf,“ ent⸗ gegnete Dick kaltblütig.—„Allein er wird ihn doch nöthig haben zur Begründung ſeiner Anſprüche auf den Titel— und er ſoll ihn auch haben.— So lange er Sir Lukas mit jährlich zehntauſend Pfunden war, machte ich hohe Forderungen, und wücde ihm auch keinen Pfenning nachgelaſſen haben; aber jetzt, da er einer der Unſrigen“ iſt, ein bloßer Straßen⸗Ritter, ſoll er ihn umſonſt haben, und willkommen ſein.“ „Vielleicht wäre Lady Rvokwood oder Mrs. Mow⸗ bray zu einem Handel geneigt,“ fuhr der Graf bos⸗ haft fortz„der Titel könnte für Ranulph doch auch einigen Werth haben.“ 1* — 209 „Er iſt für Lukas mehr werth; und wenn auch nicht— ſo bekommt er den Schein dennoch. Sind Sie jetzt zufrieden?“ „Vollkommen,“ erwiderte der Graf mit erheu⸗ chelter bonhomie—„und ich will Sie jetzt mit einem Geheimniß in Beziehung auf Miß Mowbray bekannt machen, welches Ihnen in Beziehung auf Ihre Hand⸗ lungsweiſe von Vortheil ſein kann; denn wenn man den Worten einer Frau trauen darf, obgleich ich für meine Perſon gerade nicht ſagen könnte, daß ich den⸗ ſelben großen Glauben ſchenkte, ſo iſt Sir LukasGlücks⸗ ſtern noch nicht völlig untergegangen.“ „Dieß wünſchte ich gerade zu wiſſen, mein theu⸗ rer Geſelle,“ ſagte Turpin raſch.—„Sie haben mir bereits geſagt, daß Sie Zeuge einer ſeltſamen Unter⸗ redung zwiſchen Mrs. Mowbray und Sir Lukas, nach meiner Entfernung von der Priorei, geweſen ſeien. Wenn ich mich nicht irre, ſo hängt alles davon ab. Was fiel denn vor? Laſſen Sie mich alle Einzelhei⸗ ten wiſſen. Die ganze Geſchichte und das ganze Ge⸗ heimniß.“ „Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte der Graf —„und ich lebe der Hoffnung, daß die Sache noch zu Ihrer Zufriedenheit ſich endigen werde. Nachdem ich vom Schlachtfeld in der Priorei weggegangen war, und den Rookwoodern daſſelbe überlaſſen hatte, floh ich mit den Zigeunern nach den Felſen hin. Hier hiel⸗ ten wir einen kurzen Kriegsrath. Einige ſtimmten für eine Erneuerung des Kampfes, allein dieſer Vorſchlag fiel vollkommen durch, und man beſchloß, daß diejeni⸗ gen, welche Weiber, Töchter und Schweſtern haben, ſ mit dieſen auf ihrer Flucht nach dem Hof ſo ſchnell wie möglich vereinigen ſollten; da ich aber zufälliger⸗ weiſe kein ſo anziehendes Band, ſondern nur eine eiferſüchtige Geliebte hatte, welche meiner Meinun nach wohl für ſich ſelbſt ſorgen konnte, ſo ging i tiefer in den Wald hinein, und lenkte meine Schritte, Rookwvod. M. 14 2¹0 vielleicht durch das Schickſal geführt, nach der Höhle zu.“ „Der Höhle!“ rief Dick, ſich die Hände reibend 1—„es iſt etwas Kößliches um eine Höhle. Tom King 1 und ich hatten einſt eine eigene in Epping, und ich möchte gerne wieder eine andere haben— eine Höhle iſt für einen Hochſtraßenmann ſo unentbehrlich, wie ein Schloß für einen Baronen, doch fahren Sie fort.“ „Die Höhle von welcher ich ſpreche,“ ſprach der Graf weiter,„wird nur bei höchſt dringender Noth von einigen Mitgliedern der Horde benützt. Sie iſt eine Art einſamen Käfigs für unſere alte Löwin Bar⸗ bara, und wird daher auch, wie alles was ihr gehört, von ihren Narren reſpektirt; deſſenungeachtet iſt es übrigens eine ganz gute Höhle— wohl verborgen im Gebüſch, und ziemlich erleuchtet durch eine Felſenſpalte; ſie liegt nahe an der Quelle des Baches, mitten im Wald, gerade über dem Waſſerfall„und man kann nur mit Mühe zu ihr hinkommen.“ „Ich kenne ihre Lage einigermaßen,“ ſagte Turpin. „Nun gut,“ entgegnete der Grafz„hierher floh ich alſo in der Hoffnung ſie leer zu finden; allein den⸗ ken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich ſie ſchon beſetzt 1 fand, und zwar von Sir Lukas Rookwood, ſeinein Großvater, Miß Mowbray, und was am ſchlimmſten war, gerade auch von der Perſon, welche ich zu ver⸗ meiden wünſchte, von meiner alten Flamme Handaſſah. Glücklicherweiſe bemerkte man mich nicht, und ich trug Sorge, auch fernerhin nicht bemerkt zu werden. Zu⸗ rückziehen konnte ich mich im nämlichen Augenblick* nicht wieder, und ſo war ich denn ein unfreiwilliger Zuhörer. Ich kann nicht ſagen, was vor meiner An⸗ kunft vorgefallen war, allein ich hörte, wie Miß Mow⸗ bray den Sir Lukas anflehte, ſie zu ihrer Mutter zu⸗ rückzubringen. Er ſchien ſo halb und halb geneigt, ihren flehentlichen Bitten nachzugeben, aber der alte Alan ſtimmte ihn wieder um. Jetzt ergriff Handaſſah 2 — 21¹ das Wort; dazu war der kleine Teufel von jeher ſchnell bereit.„Fürchten Sie nicht,“ ſagte ſie,„daß ſie den Sir Ranulph heiraten wird. Uebergeben Sie ſie ihren Freunden wieder, Sir Lukas, und freien Sie in Ehren um ſie. Sie wird Sie beſtimmt nicht aus⸗ ſchlagen.“ Sir Lukas blickte ungläubig darein, und der grimmige alte Alan lächelte.„Sie hat geſchwo⸗ ren die Ihrige zu werden,“ fuhr Handaſſah fort;„ſie hat es geſchworen bei jeder Hoffnung auf Seligkeit, und der Eid wurde durch Blut beſiegelt— durch Sy⸗ billens Blut.“ „Spricht ſie wahr?“ fragte Lukas in zitternder Aufregung. Miß Mowbray antwortete nicht. „Sie werden es doch nicht läugnen wollen, Mäd⸗ chen?“ ſagte Handaſſah.„Ich hörte, wie der Eid vorgeſprochen wurde— ich hörte ihn nachſprechen. Sie können es nicht läugnen.“ Ich thue es auch nicht,“ erwiderte Miß Mow⸗ ängſtlich;„wenn er mich verlangt, ſo bin ich die einige.“- „Er wird Dich verlangen,“ ſagte Alan Rook⸗ wood triumphirend.„Er hat Deinen Schwur; wie man ihn Dir abzwang, macht nichts zur Sache;— Du mußt Dein Gelöbniß erfüllen.“ „Ich bin dazu bereit,“ ſagte Eleonore.„Allein wenn ihr mich nicht tödten wollt, ſo erlaubt, daß mich dieſes Mädchen zu meiner Mutter— zu meinen Freun⸗ den bringe.“ „Zu Ranulph,“ fragte Sir Lukas bitter. „Nein, nein,“ entgegnete Miß Mowbray in der tiefſten Verzweiflung—„zu meiner Mutter— ich will ihn nie mehr ſehen.“ „Nun es geſchehe,“ rief Sir Lukas;„allein erin⸗ nere Dich, daß Du in Liebe oder Haß die meinige biſt; ich verlange die Erfüllung Eides. Leb' 4 gen? 212 wohl. Handaſſah wird Dich zu Deiner Mutter brin⸗ gen. Miß Mowbray nickte mit dem Kopfe, aber ant⸗ wortete nichts, und Sir Lukas verließ mit dem alten Alan die Höhle.“ „Wo gingen ſie hin?“ fragte Turpin. „Dieß weiß ich nicht,“ erwiverte Jerry.„Ich wollte ihnen gerade folgen, als ich daran verhindert wurde.. 6 „Und wodurch?“ fragte Dick. „Durch die plötzliche Ankunſt einer andern Partie. Kaum hatten ſich nämlich die beiden Rookwvods ent⸗ fernt, als man außen Geſchrei hörte, und der junge Ranulph mit Major Mowbray— den Säbel in der Fauſt— in die Höhle traten. Dieß war eine Lage — für mich, meine ich— der jungen Lady war es ohne Zweifel ſehr angenehm— aber mein Kopf war in Gefahr. Sie wiſſen aber ja, daß ich einige Kör⸗ perkraft beſitze, und bei dieſer Gelegenheit machte ich den beſten Gebrauch von der Behendigkeit, mit welcher mich die gute Natur auszurüſten beliebte. Inmitten der freudigen Beſtürzung— der Seufzer, Umarmun⸗ gen, Beglückwünſchungen— ſuchte ich gleich einer wil⸗ den Katze an den Felſenwänden der Höhle hinanzu⸗ klettern, und verbarg mich hinter einem abgeriſſenen Felsſtück. Daran that ich ſehr wohl, denn kaum hatte ich mein Verſteck erreicht, als die alte Barbara in Be⸗ gleitung der Mrs. Mowbrah und einem Dutzend an⸗ derer Leute hereintrat.“ „Nein,“ erwiderte Jerry;„dazu iſt die alte Höl⸗ lenkatze zu pfiffig. Sie hatte den Sir Lukas verrathen, und hoffte ihn und ſeinen Großvater hier zu fangen. 6 Aber die Vögel waren ausgeflogen.“ „Barbara!“ ſtieß Dick hervor,„War ſie gefan⸗ „Es freut mich, daß ihre Abſicht vereitelt wurde,“ * 213 n⸗ ſagte Dick.„Stellte man denn keine Nachſuchungen nach ihnen an?“ t⸗„Kann's nicht ſagen,“ erwiderte Jerry.„Ich n konnte ihre Stimmen nur ganz undeutlich in meinem hohen Verſtecke unterſcheiden. Ehe ſie die Höhle ver⸗ ließen, entſchloß ſich Mrs. Mowbray nach Rookwood ch zu gehen, und ihre Tochter dorthin mitzunehmen, wel⸗ rt chem Plane ſich die letztere jedoch lebhaft widerſetzte.“ „Nach Rookwood,“ ſagte Dick nachdenklich.„Ich bin doch ſehr begierig, ob ſie ihren Eid halten wird.“ ₰„Dieß iſt mehr als ich ſagen kann,“ ſagte Jerry, t⸗ ſirnnſc ſchlürfend.„Es iſt ein trügeriſches Ge⸗ chlecht!“ r„In der That ein trügeriſches Geſchlecht,“ wider⸗ e holte Dick, mit dem Glaſe trommelnd;„für eine Sp⸗ 8 bille ſtoßen wir auf zwanzig Handaſſah's, he, Graf?“ r„Zwanzig!— auf hundert für eine,“ erwiderte ⸗ Jerry.„Es iſt ein niederträchtiges Geſchlecht!“ Sechzehntes Kapitel. — Zom Ring. 2 Schwarz. Wie herrlich die Sonne dort untergeht. ⸗ Moor.(in den Anblick verſenkt.. So ſtirbt ein Held!— Anbetungswürdig! Grimm. Du ſcheinſt tief gerührt. „ Moor. Da ich noch ein Bube war— war's mein Lieblingsgedanke, wie ſie zu leben, zu ſterben wie ſie—(mit verbiſſe⸗ nem Schmerz.) Es war ein Buben⸗ ⸗ gedanke. Grimm. Das will ich hoffen. Die Räuber. 1—„Ruhig, ihr niedrigen Verleumder,“ rief Tom King, welcher durch dieſe Anſchwärzungen des ſchönſten Theils der Schöpfung aus ſeinen Träumereien auf⸗ 2¹4 geweckt worden war.„Ruhig, ſage ich. Niemand wage es jenes theure Geſchlecht zu verleumden, wenn es der Vorkämpfer deſſelben hört, ohne eine Lanze mit ihm zu brechen. Was wißt ihr, die ihr die Frauen auf ſolche Weiſe verunglimpft, von denſelben. Nichts — weniger als nichts; und doch wagt ihr es, auf eure elenden Erfahrungen hin, eure Stimmen zu erheben, und dieſes Geſchlecht zu verſchreien. Ich kenne daſſelbe — und auf meine Erfahrung hin behaupte ich, daß, als Geſchlecht betrachtet, das Weib in Vergleich mit dem Mann, ſich wie ein Engel zu einem Teufel ver⸗ hält. Als Geſchlecht iſt das Weib treu— liebend— aufopfernd. Nur wir machen es anders; wir, die ſelbftſüchtigen, anſpruchsvollen, gleichgültigen Männer; wir unterrichten es in der Gleichgültigkeit, und ſchmä⸗ hen es dann, wenn es ſich als gelehrige Schülerin zeigt. Wir plündern uns ſelbſt, und ſchmähen ſodann die Karten. Ich will nichts Nachtheiliges über die Frauen hören. Gib mir ein Glas Grog, Dick— das ſchöne Geſchlecht!— drei Mal; und obendrein ſollt ihr auch noch ein Lied haben.“ Mit dieſen Worten ſang Tom King in weichem, klagendem Tone folgende Strophen: Toaſt des Hochſtrassenmannes. — Sine amore joris que Nil est jucundum. 1 Kommt, füllt mir das Glas für die Schönſte der Erde, Die den Tapfern und Freien durch Anmuth entzückt, Für Dudley's, Hind's, Wilmot's und Waters*) Lieb⸗ Werthe, Was auch für ein Rang und ein Reiz ſie geſchmückt. Friſch leeret die Becher aufs Wohl jeder Schönen, *) Vier berüchtigte Räuber. v 2¹⁵ Der das Auge einſt ſchwamm bei des Hochräubers Fall, Und die an dem Galgen in klagenden Strömen Beweinte das Schickſal des tapfern Du Val. II. Es gelte der Schönen, die Kriegsglück uns ſendet, Und die wir uns haſchen mit heißer Begier, An die, wie der Buhle zur Liebſten ſich wendet, Mit Bitten die zärtlichſte Frage thun wir. Wie oft entfloß roſigen Lippen mehr Süße, Als dem roſigſten Buch, wie oft ward ein Ring Bewahrt ſchon durch glänzende Augen, durch Küſſe Und Schmeicheln der Gürtel, der Mädchen umfing. IMI. Wir plündern— geplünderten Herzens daneben— Die Taſchen, und weil in uns Ritter⸗Sinn wohnt, So wagen wir für die Geliebte das Leben, Die unßre Trophäen mit Huldigung lohnt. D'rum ſtoßet friſch an! einen Toaſt allen Schönen, Es haftet an Name und Zahl ja kein Recht— Laß't jeglichem Weib von Verdienſt ihn ertönen, Und— nichts zu vergeſſen— dem ganzen Geſchlecht. „Gut,“ rief Dick, indem er Kings Glas friſch füllte, und über ſein Lied herzlich lachte;„ich kann Deinen Toaſt nicht zurückweiſen, obgleich mein Herz nicht gleich dem Deinigen fühlt. Ah, Tom! das Ge⸗ ſchlecht, welches Du ſo ſehr erhebſt, wird, wie ich fürchte, Dein Unglück ſein. Handle ganz nach Belie⸗ ben, aber verdammt will ich ſein, wenn ich mein Le⸗ ben einem Unterrocke anvertraue. Es hieße dieß die vier Regeln der Vorſicht ganz vernachläßigen.“ „Die vier Regeln der Vorſicht,“ ſagte King; was find denn dieß für?“ „Hörteſt Du ſie denn nie?“ erwiderte Dick,„Nun ſo merk' auf und erbau Dich daran.“ 2¹6 Die vier Regeln der Vorſieht. E Merk' auf der Vorſichtsregeln vier, Dann drohet ſelten Unheil Dir; Und wirſt Du alt auch ſechzig Jahr'! Vor der Piſtole Dich bewahr'! Von vorne, von vorne, Vor der Piſtole Dich bewahr'! II. Wenn rückwärts es die Ohren ſtreckt, Und ſeinen Schweif zum Schenkel reckt, Die zweite Regel nicht veracht', Und nimm Dich vor dem Pferd in Acht, Von hinten, von hinten, Nimm vor dem Pferde Dich in Acht! III. Zum dritten, wenn Du in dem Reit'ſt auf dem Roſſe jung und ſtark, Scherz'ſt mit des Alten junger Braut, Wohl vor der Kutſche aufgeſchaut! ur Seite, zur Seite, Wohl vor der Kutſche aufgeſchaut! W. Dann ob im Purpur oder Grau, Ob trunken, nüchtern, offen, ſchlau, In jeder Form, in jeder Tracht, Nimm vor den Pfaffen Dich in Acht! Ueberall, überall, Nimm vor den Pfaffen Dich in Acht! „Ganz gut,“ ſagte Tom King;„ſinge was Du willſt, meine Meinung von den Frauen änderſt Du ——— —— —— ————— — 217 nie. Vor der Dame meines Herzens habe ich kein Geheimniß. Sie hätte mich längſt ſchon verkaufen und verrathen können, wenn ſie das gewollt hätte— allein eine ſolche Dirne iſt mein ſüßes Suschen nicht.“ „Es iſt ja immer noch Zeit dazu,“ ſagte Dick. „Noch kann Dich Deine Dalilah den Philiſtern über⸗ antworten.“ „Dann werde ich für eine gute Sache ſterben,“ ſagte King,„denn Ein Hochgericht. Erſchreckt mich nicht, Mag hängen wer da will!— ich bin in Freiheit. Ich ließ mir die Nativität ſtellen, und die Sterne ſagten, daß ich durch die Hand meines beſten Freun⸗ des ſterben werde— und dieß biſt Du— he, Dick?“ „Gewiß bin ich das,“ erwiderte Dick; aber ich rathe Dir, Dich mit Jack Ketch nicht zu vertraut zu machen— er könnte ſich ſonſt am Ende als Deinen beſten Freund beweiſen.“ „Sehr wahr,“ entgegnete King lachend;„und wenn ich rückwärts nach Holborn Hill fahren muß, ſo werde ich es mit Anſtand thun, und dem ehrlichen Jack Ketch ſo viel wie möglich ſein Amt erleichtern. Ein Mann ſollte immer heiter ſterben. Keiner von uns kann wiſſen, wie bald ſein Stündlein ſchlägt; allein komme es wann es wolle, es ſoll mich nicht ſchwach finden.— Wie des Räubers Leben an Reiz iſt ſo reich, Iſt ſein Tod der ſchnellſte und beſte zugleich, Er ſtirbt nicht wie andre in ſteigender Qual, Und endet— kein Feiger— mit einem Mal. wie Dein Lieblingslied beſagt. An der Auszehrung werde ich wenigſtens nicht ſterben; und erſt nach mei⸗ nem Tode ſoll das Meſſer des Arztes an mich kom⸗ men. Dieſer Gedanke hat etwas ganz beſonders Be⸗ hagliches.“ „Wahr, erwiderte Dick,„und mit einer kleinen 218 en würde mein Lied vollkommen auf Dich paſſen: Kein König auf der ganzen Welt, So fürſtlich wie Tom King*) ſich hält; Das Weib das iſt ſein Reich und jedes Mädchen ſein, Er würde lange herrſchen, ließ' er ſie nur allein⸗ Ha! hal⸗ „Ha! ha!“ lachte Tom;„doch jetzt von etwas an⸗ derem. Du willſt heute Nacht nach Rorkſhire reiten, wie ich höre, Dick. Bei meiner Seele, Du biſt ein wunderbarer Geſelle, ein perſonifizirtes Alibi!— hier und wieder wo anders zu einer und derſelben Zeit— kein Wunder, daß man Dich den fliegenden Hochſtraßen⸗ mann nennt. Heute in der Hauptſtadt— morgen in Rork— übermorgen in Cheſter. Der Teufel weiß, wo Du nach einer Woche zu treffen biſt. In allen Grafſchaften machſt Du zu gleicher Zeit Lärmen. Die⸗ ſer Mann ſchwört, Du habeſt ihn bei Hounslow be⸗ raubt— jener, bei Salisbury Plain— während wieder Andere einen Eid darauf ablegen, daß Du Chesſhire und Yorkſhire beſteuert habeſt. Ich hörte vor einigen Tagen einige verteufelt gute Geſchichten von Dir bei d'Oſynards; der Kerl, welcher ſie mir erzählte, hatte wahrſcheinlich nicht den entfernteſten Gedanken daran, daß ich Dein Zunſtgenoſſe ſei.⸗ „Du ſchmeichelſt mir, ſagte Dick mit einem ſelbſigefälligen Lächeln;„allein es iſt nicht mein Ver⸗ dienſt. Die ſchwarze Beß macht es mir allein mög⸗ lich ſo zu handeln, und ihr gebührt die Ehre. Weil Du gerade davon ſprichſt, daß ich überall zu gleicher Zeit ſei, will ich Dir doch auch erzählen, was ſie für mich einſt in Chesſhire that. Inzwiſchen ein Glas auf das beſte Pferd in England— Du weigerſt Dich hoffentlich nicht, darauf anzuſtoßen. Ach! wenn Dir Deine Geliebte ſo treu iſt, als mir mein Pferd, ſo *) King heißt König. D. Ueb. 2¹9 brauchſt Du das dickſte hänfene Halsband, welches je gedreht worden iſt, nicht zu fürchten, und Dein beſter Freund ſogar wird Dir nichts ſchaden können— die ſchwarze Beß! und Gott ſegne ſie. Aber nun zum Lied!? Mit dieſen Worten ſang Turpin in großer Bewegung folgende Strophen. Die ſchwarze Bess.*) ———— Mlli ardua cervix, Arßumentumque caput, brevis alvus, obesaquo terg⸗ virzil. I. Mag ſeine Geliebte der Liebende preiſen Und feiern in ſchmachtenden Liedern und Weiſen; Ich ſinge in rauhen, doch wahren indeß, Das Lob meiner ſchwarzen und munteren Beß. M. Aus Oſt war ihr Vater, der gab ihr zum Erſten Das Feuer— die Raſchheit die Mutter aus Weſten. Kein Peer in dem Reiche und keine Peereß Hat edleres Blut in den Adern als Beß. II. Seht, ſeht, wie die Augen wie Flammen ihr glühen, Ihr nacken ſich wölbt, ihre Rüſtern ausſprühen! Die Mähne ihr wallt wie'ne ſeidene Treß', Und ſchmücket die ſchwarze und muntere Beß. IV. Seht, wie auf der kohlſchwarzen Haut, die ſich glättet Wie Sammt, kein einzig weiß Haar ſich gerettet, Wie nervig der Hals— und der Wahrheit gemäß, Sagt: iſt ſie nicht herrlich und prächtig, die Beß? *) In Muſik geſetzt von Fr. Romer. * 220 V. Wohl tauſend der Meilen auf vielerlei Wegen Sind wir ſchon geritten in Sonne und Regen; Oſt theilten wir Lager und Brod; ich geſteh's, Das beſtändigſte Paar find ich und die Beß. VI. Bei Mondſchein, im Dunkel, bei Nacht und wenn's taget, Was wär, das im Lauf ſie zuſammen es waget. Nicht ſchrecket ſie Ferne noch Mühe— indeß Wo iſt noch ein Renner, der gliche der Beß? „Höre, das hätte ich nicht gedacht, rief King aus;„Du biſt ja mit Deinem Pferde ſo ſentimental, als ich mit meiner allerliebſten Suſanne— doch ver⸗ zeih' meine Unterbrechung— bitte, fahre fort.“ „Laß mich nur zuerſt meine Gurgel ein wenig ausſchwenken,/ entgegnete Dick,„ſo jetzt—“ vn. In Chesſhire nächſt Dunham traf einſt einen Reiter klllein ich, den hielt ich, und ließ ihn erſt weiter, Als leicht ihm die Säcke— und zweifelt nicht deß: Daß Turpin ſchnell macht, wenn er ſitzt auf der Beß. VI. Nun ſcheint's, daß der Mann mich von früher her kannte, Weil er, mit dem Galgen mir drohend, mich nannte. Ich lachte der Drohung des Schwätzers indeß, Ein Alibi ſicherte mir ja die Beß. IX. Die Straße war Hohlweg, der tief wie ein Graben Und jähe— die dichteſten Bäume umgabenz Ich komm auf die Höhe, mach' kurzen Prozeß, Einen einzigen Spornſtoß nur gab ich der Beß. 221 Ueber Buſch, Bach und Wieſe und Blachfeld jetzt eilet Sie raſch wie der Falk, wenn die Lüfte er theilet; So kam ich in kaum fünf Minuten nach deß, Nach Houg⸗Green; und ſo ward mein Retter die Beß. Als nun auf dem Raſen ich hin und her gehe, So ſorg' ich, daß Jeder der da war, mich ſehe; Sprach nebenbei auch von der Stunde, indeß Kein einziges Wort von der Flucht meiner Beß. XII. Juſt war es nun vier Uhr,— das ſagte ich klüglich Den Andern, und that mir im Kegeln vergnüglich, Dacht' nicht an Gefahr mehr— da kam unterdeß Mein Reiter und ſuchte den Reiter der Beß. XIMI. Wozu noch des Weitern!— Er ſchwur auf die Stunde, Daß juſt ich um Vier ihn beraubt; doch im Bunde Beſchwuren die Andern, daß juſt ich indeß Hätt' Kegel geſchoben— das dankt' ich der Beß. XIV. Drum laßt uns ein lautes Halloh jetzt erheben, Das ſchnellſte, das treuſte der Pferde ſoll leben! Lang rühme der Jäger der Wahrheit gemäß, Noch des Räubers ſchwarze und muntere Beß. „Und nun, meine Freunde, lebt wohl!“ ſagte Dick in einem theatraliſchen Abſchiedstone.„Die beſten Freunde müſſen ſich trennen, wie ich ſchon vorhin ge⸗ ſagt habe. Entweder ſehen wir uns bald wieder, oder ſcheiden für immer. Wir können unſerm Schickſal nicht gebieten, aber wohl können wir den beſten Ge⸗ 222 brauch von der kurzen Zeit machen, welche uns noch vergönnt iſt. Ihr habt Eure Rolle zu ſpielen— ich die meinige; mögen wir alle den Erfolg haben, wel⸗ chen wir verdienen.“ „„Höre, das hoffe ich nicht, ſagte King;»ich fürchte, daß wir in dieſem Falle den Kürzeren ziehen würden.“ „Nun gut; den Erfolg, welchen wir uns wün⸗ ſchen, wenn Dir dieß beſſer gefällt,“ verſetzte Dick. „Ich habe nur noch etwas zu bemerken; daß es mir nämlich vergönnt ſein möchte, heute den Zahlmeiſter machen zu dürfen. Kein Wort— ich will keine Silbe weiter hören. Wirth,— he, wie!“ fuhr Dick fort, indem er aus der Laube trat; hier, mein alter Admiral von der weißen Flagge, was macht die Zeche — was iſt zu bezahlen, frage ich? „Ich werde es Ihnen ſogleich ſagen, mein Herr,“ erwiderte der Wirth zu Falffaff. „Beſtellen Sie mein Pferd— den Rappen,“ fügte Dick bei. „Auch das meinige,“ ſagte King,„den falben Hengſt. Ich will ein paar Meilen mit Dir auf der Straße fortreiten, Dick, vielleicht ſtoßen wir auf etwas.“* „Iſt mir ſehr angenehm.“ 2 „Um zwölf Uhr treffen wir uns bei d'Oſynards, Jerry,“ ſagte King,„wenn nichts vorfällt.“ „Einverſtanden,/ antwortete Juniper. „Was halten Sie von einem Kegelſchieben wäh⸗ rend der Zeit? ſagte der Magier, indem er ſeine nie raſtende Pfeife aus dem Munde nahm. Jerry willigte ein; und während ſie ihre Vor⸗ bereitungen zu dieſem Spiele trafen, ſchleuderten Tur⸗ pin und King gemüthlich auf dem Raſen hin. Es war ein köſtlicher Abend. Die langſam verſin⸗ kende Sonne ſchimmerte gleich einer Feuerkugel durch das dichte Laubwerk einer nahen Ume. Ob Tom —— —— . f 223 King von dieſem prächtigen Sonnenuntergang bewegt wurde wie der Räuber Moor, dieß wagen wir nicht zu entſcheiden; allein gewiß iſt es, daß der Schatten unausprechlicher Schwermuth über ſein ſchönes Geſicht ſich verbreitete, als er in der Richtung von Harrow⸗ on⸗the⸗Hill hinſah, welches weſtlich von ihnen lag, und deſſen hohe Thurmſpitzen und luftige Gebäude von dem blaßrothen Himmelſcharfbegränzt wurden. Er ſprach nichts— aber Dick bemerkte ſeine Gemüthsbewegung. „Was fehlt Dir, Tom? fragte er ihn mit Fer Theilnahme;„biſt Du nicht wohl, mein Junge?“ „Oh doch! ich befinde mich ganz wohl,“ ſagte King,„ich weiß nicht was über mich kam; allein wie ich ſo nach Harrow hinſah, dachte ich unwillkürlich an meine Schuljahre und was ich damals war. Dieſer prächtige Anblick rief mir meine Hoffnungen als Knabe in's Gedächtniß zurück.“ „Hinweg damit— hinweg,“ ſagte Dick;„es iſt Unſinn— Du biſt jetzt ein Mann.“ „Ich weiß es,“ erwiderte Tom;„allein ich bin auch einſt ein Knabe geweſen. Wenn ich irgend an Ahnungen glaubte, ſo würde ich ſagen, daß dieß der letzte Sonnenuntergang ſei, welchen ich erlebe.“ „Da kommt unſer Wirth,“ ſagte Dick lächelnd. „Ich habe durchaus keine Ahnung, daß dieß die letzte Rechnung iſt, welche ich je bezahlen werde.“ Die Rechnung wurde gebracht und berichtigt. Das Benehmen des Mannes dabei war höchſt ſonder⸗ bar und erregte Turpins Verdacht. „Sind unſere Pferde bereit?“ fragte Dick ſchnell. „Ja, mein Herr,“ ſagte der Wirth. „Wir wollen gehen,“ flüſterte Dick dem King zu;„das Benehmen dieſes Kerls gefällt mir durchaus nicht. Ich glaubte, ich hörte ſo eben einen Wagen vor der Thüre halten— es mag Gefahr vorhanden ſein. Flieht!“ ſagte er zu Jerry und dem Magier. „Jetzt, mein Herr,“ ſich gegen den Wirth wendend, 224 Zeigen Sie uns den Weg. Sei auf Deiner Hut, Tom.“ Die beiden Kegelſpieler verachteten Dicks Wink nicht. Sie beobachteten ihre Kameraden und horchten aufmerkſam, ob nicht irgendwo Gefahr ſich nahe. Siebenzehntes Kapitel. Ein Meberfall. War dieß wohl gethan, Jenny? Kapitain Macheat. Während Dick und Tom auf dem Raſen auf und abwandeln, wollen wir ſehen, was außen vor dem Wirthshauſe vorging. Kings Vorgefühl einer Gefahr war, wie es ſich da zeigte, nicht ohne Grund. Kaum hatte der Stallknecht die Pferde unſerer beiden Hoch⸗ ſtraßenritter herausgezogen, als eine von zwei oder drei Reitern geleitete Poſtchaiſe wüthend auf die Thüre zufuhr. In dem Wagen ſelbſt ſaß nur eine Dame, von welcher man nur die kleine und hübſche Geſtalt ſehen konnte, da ihr Geſicht dicht verſchleiert war. Der Wirth, welcher ſich eben mit Turpins Zeche be⸗ ſchäftigte, eilte auf den Lärmen hinaus. Zwiſchen dem Wirth und den Reitern wurden einige Worte gewechſelt, der erſtere zeigte nach dem Garten hin und die letzteren ſtiegen augenblicklich ab. „Jetzt haben wir ihn einmal ſicher,“ ſagte einer derſelben, ein ſehr kleiner Mann, welcher ſich beinahe in ſeinen Stiefeln verlor. „Bei allen Mächten; ich fange auch an, es zu glauben,“ erwiderte der andere Reiter;„aber verder⸗ ben Sie nicht Alles durch zu große Haſt, Mr. Coates.“ „Haben Sie nicht bang davor, Titus,“ ſagte Cvates, denn es war der ſtatiliche Advokat; er kommt gewiß zu ſeinem Pferde her. In dieſer Schlinge kann „ ——— „ N S— * man ihn ſicher fangen, he, Mr. Paterſon. Er müßte doch ver Satan ſelbſt ſein, wenn wir, mit dem Haupt⸗ Conſtable von Weſtminſter im Rückhalt, nicht Manns genug für ihn wären.“.. „Und auch für Tom King,“ erwiderte der Haupt⸗ Conſtable;„ſeit ſeine Geliebte beichtete, iſt auch ſein Spiel verloren. Wir haben ſchon lange ein Aug auf ihn gehabt, und wollen ihn jetzt einmal faſſen. Er iſt einer jener Narren, welchen wir lange zuſehen, aber die wir endlich doch in Sicherheit bringen. Wenn Sie nach Dick Turpin ſehen, meine Herren, ſo will ich mich an Tom King machen.“ „Ich wünſchte lieber, Sie würden uns helfen, Mr. Paterſon,“ ſagte Coates;„laſſen Sie jetzt den Tom King laufen und nehmen Sie ihn ein ander Mal feſt.“ „Nein,“ ſagte Paterſon,„der eine iſt ſo viel werth, als der andere. Ich nehme den Tom auf mich, und Sie beide, der Wirth und der Hausknecht noch dazu, können doch gewiß den Turpin überwältigen.“ „Ich weiß das nun doch gerade nicht,“ ſagte S zweifelhaft;„er iſt ein Teufelskerl in ſolchen achen.“ 4 „Faſſen Sie ihn nur raſch,“ ſagte Paterſon.— „Die Chaiſe aus dem Weg, Burſche. Führt unſere Pferde auf die Seite, und ſtellt die ihrigen an die Thüre, Stallknecht. Können Sie ihn aber auch von da aus, wo Sie ſind, ſehen, Ma'am?“ fragte der Haupt⸗ Conſtable, indem er auf den Wagen züging und ſei⸗ nen Hut zog. Als er von der Haube und dem Schleier ein bejahendes Nicken erhalten hatte, kehrte er zu ſei⸗ nen Gefährten zurück.„Jetzt, meine Herren,“ fügte er bei„wollen wir ein wenig bei Seite gehen. Ge⸗ brauchen Sie Ihre Feuerwaffen nicht zu bald.“ Die ſchwarze Beß ſchien das, was um ſie her vorging, zu begreifen und die Gefahr ihres Herrn zu ahnen. Sie war höchſt ungeduldig und ſchlug ſo hef⸗ tig um ſich, daß der Stallknecht ſie kaum zu halten Rookwvod U. 15 im Stande war.„Der Teufel ſteckt in der Mähre,“ ſagte er,„ſo geberdet ſie ſich; vor einigen Minuten war ſie noch ganz ruhig. Ho, ho!— ruhig.“ Turpin und King gingen indeſſen ſchnell durch das Haus, indem ſie dem Wirthe, welcher ſie nur zitternd gegen die Thüre hinführte, auf dem Fuße nachfolgten. Hier angekommen, eilte jeder ſchnell auf ſein Pferd zu. Dick war in einem Nu im Sattel, und die ſchwarze Beß warf den Knecht, welcher die Zügel durchaus nicht fahren laſſen wollte, zu Boden, indem ſie mit den Vorderfüßen auf ihn zuſprang. Tom King war nicht gleich glücklich. Ehe er noch ſein Pferd beſteigen konnte, erhob ſich ein lautes Ge⸗ ſchrei, wodurch ſein Pferd erſchreckt wurde, und ſich zu bäumen anfing, ſo daß Tom, welcher den Steig⸗ bügel verloren hatte, zu Boden fiel. Er wurde ſo⸗ gleich von Paterſon ergriffen, und rang nun mit die⸗ ſem, indem er ſich vergeblich bemühte, eine Piſtole herauszuziehen. „Schieß' ihn nieder, Dick— Feuer, oder ich bin verloren,“ rief King.„Feuer, verdammt ſeiſt Du— warum feuerſt Du nicht?“ brüllte er in Verzweiflung, indem er immer noch mit Paterſon rang, der ſehr ſtark, und dem leichten King weit überlegen war. „Ich kann nicht, rief Dick;—„ich würde Dich treffen.“ „Laß' es darauf ankommen,“ brüllte King.— „Iſt dieß Deine Freundſchaft?“ Auf dieſe Aufforderung hin gab Turpin endlich Feuer. Die Kugel riß Paterſons Rockärmel auf, aber verwundete ihn ſelbſt nicht. „Noch einmal!“ rief King.—„Schieß' ihn nie⸗ der, ſage ich— hörſt Du mich nicht? Noch einmal Feuer!“ Da Turpin von allen Seiten gedrängt wurde, und ſelbſt als Scheibe diente, denn Coates ſowohl als Thrconnel hatten ſchon auf ihn geſchoſſen, und ————— „——„2 — — —— — 227 waren nun aufgeſeſſen, um ihn verfolgen zu können, ſo konnte er nicht ſicher zielen; hiezu kam noch, daß Paterſon und King jeden Augenblick ihre Stellung im Ringen änderten. Er wollte übrigens nicht länger mehr zaudern, ſondern ſchoß auf die Aufforderung ſeines Freundes. Die Kugel drang dem King in die Bruſt! Er fiel ſogleich zu Boden. In dieſem Augen⸗ blick hörte man ein Kreiſchen vom Wagen aus. Das Fenſter wurde aufgeriſſen, der Schleier auf die Seite geſchoben, und es zeigte ſich plötzlich das Geſicht eines ſehr hübſchen Weibes, deren Züge aber den Ausdruck des Schreckens und der Verzweiflung hatten. King heftete ſeine ſterbenden Augen auf ſie. „Suſanne!“ ſeufzte er;„ſehe ich wirklich recht?“ „Ja— ja, ſie iſt es ganz gewiß,“ ſagte Pater⸗ ſon.—„Sie ſehen jetzt, Ma'am, wohin Sie und Ihresgleichen ihn geführt haben. Sie werden übri⸗ gens Ihre Belohnung verlieren, denn er geht wahr⸗ haftig weit genug.“ „Belohnung!“ ſchnappte King;„Belohnung! Verrieth ſie mich denn?“ „Ja, ja, mein Herr,“ ſagte Paterſon;„ſie ließ ſich kirr machen; es gewährt Ihnen vielleicht noch einigen Troſt, daß Sie dieß erfahren.“ „Troſt!“ wiederholte der ſterbende Mann— „ſchändliche Creatur!— oh!— die Prophezeihung— mein beſter Freund— Turpin— ich ſterbe von ſeiner Hand.“ Nach einigen vergeblichen Verſuchen ſich auf⸗ zurichten, fiel er wieder zurück, und gab ſeinen Geiſt auf. Ach! armer Tom! „Mr. Paterſon— Mr. Paterſon!“ ſchrie Cvates, „laſſen Sie den Wirth für den Leichnam dieſes todten Schelmen ſorgen, und ſteigen Sie zu Pferde, um mit uns den noch lebenden zu verfolgen. Kommen Sie, mein Herr— ſchnell— ſteigen Sie auf— eilen Sie. Sie ſehen, er iſt dort unten— er ſcheint zu zaudern— jetzt haben wir ihn.“ 52 228 „Gut, meine Herren— ich bin ſfertig,“ ſagte Paterſon,„aber wie zum Teufel kommt es denn, daß Sie ihn entfliehen ließen?“ „Der hl. Patrick weiß es!“ ſagte Titus; er iſt ſchlüpfrig wie ein Aal— und kommt ſiets auf die Beine wie eine Katze, Sie mögen ihn auch drehen, wie Sie wollen. Es würde mich gar nicht Wunder nehmen, wenn er uns ſogar jetzt wieder entkäme, ob⸗ gleich er nur einen ſo kleinen Vorſprung hat; ſein Roß fliegt wie der Wind.“ „Es wird nicht mehr nöthig haben, weit zu ſpringen,“ ſagte Paterſon, indem er ſeinem Pferde die Sporen eindrückte.„Ich habe einen tüchtigen Renner unter mir, und Sie ſind auch nicht ſchlecht beritten— er iſt nur dreihundert Schritte voraus, und es wäre doch des Teufels, wenn wir ihn nicht einholten. Es handelt ſich hier um eine Spielerei von dreihundert Pfunden, Mr. Cvates, und darum kann man ſchon ein Bischen rennen.“ „Sie ſollen noch weitere hundert von mir bekom⸗ men, mein Herr, wenn Sie ihn einfangen,“ ſagte Coates, indem er ſein Pferd antrieb. „Dank' Ihnen, mein Herr, dank! Ihnen— folgen Sie mir nur, und wir werden ihn ſicher bekommen,“ ſagte der Conſtabel.„Langſam— langſam— nicht ſo ſchnell den Berg hinauf— Sie ſehen, er läßt ſein Pferd ausſchnaufen— nur Alles mit Ruhe, Mr. Coates— alles mit Ruhe, mein Herr.“ Beide Parthieen ritten ſolchermaßen in gleicher Entfernung den Hügel hinan, welchen man jetzt, wie ich glaube, Wind mill Hill nennt. Wir wollen aber wieder zu Turpin zurück. Der über die That, welche er aus Zufall began⸗ gen hatte, erſchreckte Dick, war einige Augenblicke un⸗ ſchlüfſig geweſen; er ſah, daß er den Tom tödtlich verwundet haite, und daß alle Verſuche zu deſſen Be⸗ freiung nutzlos ſein würden; eben ſo ſah er, daß Nr. her ber an⸗ un⸗ lich Be⸗ 229 Jerry und der Magier ihre Flucht bewerkſtelligt hat⸗ ten, da er ſehen konnte, wie ſie ſich im Innern einer Hecke fortſchlichen. Er zauderte deßhalb nicht länger. Er wandte ſein Pferd, und galoppirte langſam weg, ſich wenig um die Verfolgung kümmernd, welche . ihm drohte. „Jede Kugel hat ihren Quartierzettel,“ ſagte Dick,„allein ich dachte nicht, daß ich wirklich den Mörder des armen Toms abgeben müſſe. Zum Teu⸗ ſel mit dir, du ſchurkiſche Piſtole,“ rief er, indem er die Waffe über die Hecke hinüberwarf.„Nie mehr könnte ich mich ihrer bedienen. Es iſt voch höchſt ſonderbar, daß man ihm ſein Schickſal vorausgeſagt hatte— verteufelt ſonderbar;— und daß er auch noch vollends durch jene Dirne verrathen werden mußte, welche er kurz vorher noch ſo ſehr lobte! Dieß wäre eine Lehre, wenn ich derſelben bedürfte— traue einer einem Weibe! ich nicht nagelsgroß.“ Achtzehntes Kapitel. Die Verfolgung. Sechs Herrn, als auf der Straße ſie So Gilpin jagen ſah'n; Weit hinter ihm den Poſtillon, Zu ſchreien fingen an: Halt guf! halt auf! halt auf den Dieb, So hört man laut ſie ſchrei'n, Und wer daher des Weges kam, Der lief mit hintendrein. John Gilpin. Nachdem Turpin auf der Spitze des Hügels, von wo aus man eine herrliche Ausſicht auf die Land⸗ ſchaft um die Metropolis herum hatte, angekommen war, hielt er einen Augenblick an und ſchaute ſich nach ſeinen Verfolgern um. Titus und Coates beach⸗ 3 230 teie er gar nicht; aber Paterſon war ein gefährlicher Feind, und er wußte wohl, daß er es hier mit einem Manne voll Erfahrung und Entſchloſſenheit zu thun habe. Jetzt erſt ſtieg der Gedanke an den ſo außer⸗ ordentlichen Ritt nach Jork wieder in ihm auf— ſein Buſen hob ſich und er rief unwillkürlich laut aus, in⸗ ſich in ſeinem Sattel erhob:„Bei Gott, ich ue es!“ Er warf noch einen Blick auf die große Babel, welche in einem Wald von Bäumen verſteckt hinter ihm lag, und mußte wider Willen an Kings letzte Worte denken, als ſein Auge über die herrliche Pracht der untergehenden Sonnehinſchweifte.„Armer Burſche,“ vachte Dick;„er ſprach wahr— er ſollte keinen Son⸗ nenuntergang mehr ſehen.“ Aufgeſchreckt durch das nahende Geräuſch ſeiner nicht weit entſernten Verfol⸗ ger, bog er in einen Heckengang, welchen man jetzt Schvot⸗up⸗hill Lane nennt, rechts von der Straße ein, und ritt in der Richtung auf Hampſtead fort. „Jetzt meine Kinder,“ rief Paterſon,„treiben Sie Ihre Klepper an— wir dürfen ihn in dieſen Heckengäßchen keine Sekunde lang aus den Augen verlieren.“ Und ſo blieben die beiden Parthieen, da Turpin durchaus nicht Willens war, ſein Pferd ſchon ſo früh⸗ zeitig anzuſtrengen, und der Boden ſich immer noch abwärts ſenkte, in dem früheren Abſtande von einander. Endlich gelangte Turpin, nach verſchiedenen Win⸗ dungen und Drehungen des Hohlwegs, nachdem er einige Pächter erſchreckt und verſchiedenes Wild auf⸗ gejagt hatte, in den grünen Grund von West⸗End, und einen andern Hügel hinanreitend, auf die mit Stechpflanzen bewachſene, ſandige und ſchöne Heide von Hampſtead. Dick hielt ſich jetzt links, durchſchnitt den kleinen Theil der Heide und ſchlug einen Pfad ein, welcher nach North⸗End führt, indem er über den höchſten Punkt ritt, auf dem jetzt ſchlanke Pinien 231 ihr Haupt in die Luft erheben. Zetzt erſt begann die Jagd intereſſant zu werden. Da der Boden ganz eben war, ſo konnten ſich der Verfolgte und die Ver⸗ folger ganz gut ſehen, und die Scene hatte wirklich ein ganz belebtes Anſehen, wie Dick ſchnell ven Hügel hinanritt, und das lärmende Trio ihm hart auf den Ferſen nachfolgte. Er ritt den Hügel hinab— paſ⸗ ſirte die Hendon Straße— Crackſtull Common— und eilte auf der Querſtraße nach Highgate hin. Bis jetzt waren ſeine Verfolger noch nicht im Vortheil geweſen— ſie hatten zwar keinen Boden verloren, aber auch keinen Zoll breit gewonnen, und mußten außerdem noch bedeutend mit den Sporen arbeiten, um immer in der nämlichen Entfernung zu bleiben. Als man ſich aber Highgate näherte, mäßigte Dick den Schritt ſeines Pferdes, während ſeine Ver⸗ folger ihre Anſtrengungen verdoppelten. Um die Stadt zu vermeiden, lenkte Dick in einen engen Weg zur Rechten ein, und ritt langſam den Hügel hinunter. Jetzt waren ſeine Verfolger nur noch hundert Schritte von ihm entfernt, und riefen ihm„Halt' zu. Dick kam an ein Gitterthor, welches jede weitere Flucht unmöglich zu machen ſchien; allein er ſetzte ohne Zaudern über dasſelbe weg. Nicht ſo die Parthie des Coates— und die Zeit, welche man mit dem Oeffnen desſelben verlor, da keiner ſonſt darüber wegſetzen wollte, gab Turpin Gelegenheit, den Ab⸗ ſtand zwiſchen ihm und ſeinen Verfolgern zu verdop⸗ peln. Es ſchien übrigens durchaus nicht ſeine Abſicht zu ſein, denſelben ganz zu entfliehen; die Jagd er⸗ götzte ihn ungemein, und er war entſchloſſen, ſie ſo lange fortzuſetzen, als es ſich mit ſeiner Sicherheit vertrage. Nachdem man an Highgate vorüber war, verdoppelte Dick wieder ſeinen Lauf, und bog, wie ein ſchnellſegelnder Schooner, deſſen Spur drei ſchwer⸗ fällige Indienfahrer folgen, in einen ſchmalen Weg ein, welcher die Felder in der Richtung nach Hornſey 11 —— 232 1 durchkreuzte. Das Geſchrei ſeiner Verfolger hatte noch andere Leute auf die Füße gebracht, und als er ſich Crouch End näherte, indem er einen Weg über⸗ ſchritt, welcher von Du Val ſeinen Namen hat, und wo ein Haus ſteht oder ſtand, welches dieſer häufig beſucht hatte, ſo hört er einen mißtönenden Chor von 3 Stimmen rufen,„Ein Räuber— ein Räuber!“ die ganze Nachbarſchaft wurde durch das Geſchrei und das Pferdegetrappel aufgeſchreckt— die Männer von Hornſey wollten den Flüchtling greifen— und die Weiber hielten ihre Kinder in die Höhe, damit ſie auch etwas von der dahinfliegenden Cavalcade ſehen möchten, welche mit jedem weiteren Schritte an Zahl und Lebendigkeit zunahm. Plötzlich erſcheinen drei Reiter auf der Straße— ſie hören den Tumult und den Lärmen.„Ein Räuber— ein Räuber!“ ſchreien alle,„haltet ihn, haltet ihn!“ Doch dieß iſt nicht ſo leicht. Mit einer Piſtole in jeder Hand und den Zaum zwiſchen den Zähnen haltend, eilte Turpin dreiſt an ihnen vorüber. Seine wilden Blicke— ſein wüthender Renner— die Gewalt, mit welcher er 1 vorwärts drängte, warf Alles vor ihm nieder. Die 11 Reiter wichen zur Seite und dienten nur dazu, den Troß der Verfolger zu vermehren. 1 etzt haben wir ihn— wir haben ihn jetzt!“ rief Paterſon frohlockend aus.„Schreit was ihr könnt— der Schlagbaumwärter wird uns hören— ſchreit— noch ärger!— der Kerl hat uns gehört— das Gitter iſt zu; wir haben ihn— ha, ha!“ Der alte Zollplatz von Hornſey war ein hohes 1 Gitterthor, welches mit ſpaniſchen Reitern verſehen 1 war, oder vielleicht noch iſt. Das Thor fiel ins Schloß und gleich einem Tiger in ſeinem Lager ſtellte ſich der pflichtgetreue Wächter im Wege auf, bereit über den Flüchtling herzufallen. Aber Bick hielt plötz⸗ lich an. Er maß kaltblütig die Höhe des Gitters— er blickte links und rechts; es war kein Ausweg mög⸗ ————*—— ů—*———*— —*— 1 1* N N— ð B 233 lich— er ſagt der Beß einige aufmunternde Worte — pätſchelte ihren Hals— dann ſteckt er ihr die Sporen ein, und ſetzte nur einen Zoll hoch über die eiſernen Nägel weg. Aus dem Weg taumelte der beſtürzte Wächter, welcher beinahe unter den Hufen der Beß zertreten worden wäre. „Raſch das Thor aufgemacht, ſputet Euch;“ ſchnaubte der Haupt⸗Conſtabel. „Nein,“ erwiderte der Mann trotzig—„nicht eher, als bis ich bezahlt bin— ich bin ſchon um einen Theil meines Geldes gekommen; aber lieber laſſe ich mich tödten, ehe ich auch den andern vollends verliere.“ „Seht Ihr denn nicht, daß es ein Räuber iſt? Seht Ihr nicht, daß ich der Haupt⸗Conſtable von Weſtminſter bin?“ ſagte Paterſon, indem er ſeinen Stab zeigte.„Wie könnt Ihr es wagen, mich in der Ausübung meiner Pflicht zu hindern?“ „Geht mich Alles Nichts an,“ ſagte der Mann knurrend;„Sie paſſiren nicht eher, bis ich bezahlt bin, dieß iſt mein letztes Wort.“ Unter einer Fluth von Flüchen warf ihm Coates eine Krone zu, und das Thor flog auf. Turpin hatte dieſen Aufenthalt dazu benützt, ſein Pferd ausſchnaufen zu laſſen, und trabte, bei der Dunketts Wieſe in einen Seitenweg einlenkend, lang⸗ ſam auf Tottenham zu. Es war ihm aber keine lange Ruhe vergönnt. Seine Verfolger waren ihm, einer Koppel bellender Hunde ähnlich, ſchon wieder auf den Ferſen. Er mußte jetzt durch die Straßen der lang ſich hinziehenden Stadt Tottenham reiten, deren Einwohner ihn vergeblich zu fangen ſuchten. Der ganze Ort war in Aufruhr; Alles ſchrie, kreiſchte, rannte hin und her, und alle nur denkbaren Geräth⸗ ſchaften wurde nach Pferd und Reiter geworfen. Dick antwortete im Vorbeireiten voll Heiterkeit auf das Geſchrei, und lachte blos über die Ziegelſtücke, welche 234 ſo dicht wie Hagel fielen, aber auch eben ſo wenig verletzten als dieſer. Der anſtrengende Ritt von einigen Meilen hatte die Volontairs ermüdet, und ehe die Jagd noch Edmonton erreicht hatte, war der größere Theil von ihnen zurück⸗ geblieben. Hier wurden friſche Pferde genommen, und die Verfolgung noch heftiger fortgeſetzt. John Gilpin ſelbſt hätte bei den guten Leuten von Edmon⸗ ton nicht mehr Erſtaunen erregt, als unſer Ritter, wie er durch die Stadt galoppirte. Unähnlich dem Pöbel Tottenhams empfingen ihn die Leute hier mit Beifallsgeſchrei, da ſie ohne Zweifel dachten, der Ritt elte wie bei den Bürgern der berühmten Stadt ondon eine Wette. Allein plötzlich nahte ſich auf den Fittichen des Windes das Geſchrei:„Turpin, Dick Turpin!“ und die Hurrahs verwandelten fich in Verwünſchungen; allein ſo raſend ritt unſer Hoch⸗ ſtraßenmann, daß an kein Aufhalten desſelben zu den⸗ ken war. Ein Mann mit einem kleinen Karren, wel⸗ cher nicht mehr hatte aus dem Wege kommen können, hielt mitten in der Straße— allein Turpin machte es ihm wie dem Zollwächter, und ſetzte ohne Mühe über Kutſcher und Wagen weg. Dieß war ein Kapi⸗ talſtreich, und ganz geeignet, die Menge, für ihn ein⸗ zunehmen, welche jede kühne That liebt.„Macht daß Ihr fort kommt, Dick!“ tönte es von allen Seiten— ſeine Verfolger eben ſo freigebig ausgeziſcht wurden. 235 Neunzehntes Kapitel. Die kurze Pfeife. Die Päeinier ſind vollkommene Reiter, und zu verſchiedenen Malen ſah ich, wie ſie im ſchnell⸗ ſten Galopp den Pferden die Zügel auf den Hals legten, eine Handvoll Tabak aus der Taſche nahmen, und mit einem Stuͤckchen Papier oder einem Maisblatt eine Cigarre machten, ſodan⸗ Feuer ſchlugen und dieſelbe Head. ort flogen ſie, an einſamen Wohnungen vorbei, flüchtig und ſchäumend, gleich Adlern. Alle waren gut beritten, und die Pferde, welche jetzt vollkommen waren, hatten ihren Schritt beſchleunigt, und thaten ihre Pflicht wundervoll gut. Keiner von Coales“ Ge⸗ fährten war zurückgeblieben, allein ſie hielten ſich blos auf Koſten ibrer Pferde, von welchen das Waſſer hin⸗ unterlief, während die ſchwarze Beß kaum ein naſſes Haar hatte. Der Leſer weiß bereits, daß Turpin ein verwe⸗ gener Reiter war; er war der verwegenſte Reiter in England zu ſeiner und vielleicht jeder Zeit: man durfte ibn zu Nimrod's“ glänzenden Reiterzug rechnen— und wir möchten wünſchen, daß jener große Held der luſtigen Welt, ſtatt unſrer, ſeine wunverbaren Thaten erzählen könnte. Wie wäre ſeine flüchtige Feder über die Blätter hingaloppirt, den Leſer auch hier, wie in allen ſeinen andern Beſchreibungen mit ſich fortreißend! Die Kunſt und das Geheimniß der Jokei⸗Zunft war damals noch nicht ſo allgemein wie in unſern Tagen; die Menſchen behandelten ihre Pferde ganz verſchie⸗ den; und nur wenige ritten daials ſo gut als jetzt viele, und wo jeder Junge ſich tummelt, als ob er ein geborener Guacho wäre. Dick Turpin machte eine — 236 rühmliche Ausnahme, und war ſeiner Zeit vorausge⸗ eilt. Er ritt wundervoll leicht, hatte dabei einen aus⸗ gezeichneten Sitz, und vertheilte ſein Gewicht ſo gut, daß ſein Pferd ihn kaum fühlte. Jeder Bewegung des Thieres kam er entgegen, und machte gleichſam ein Ganzes mit demſelben aus; vor Allem aber gab er darauf Acht, daß es nicht gedrückt wurde. Leicht und ſchnellend wie eine Feder war ſein Schritt; ſchön waren alle ſeine Bewegungen— zierlich trat es auf, und viele hätten etwas vom Sitz und der Führung Turpins lernen können. Wir haben ſchon früher geſagt, daß es Turpins Abſicht durchaus nicht geweſen ſei, ſeinen Verfolgern zu entfliehen; dieß hätte er jeden Augenblick thun kön⸗ nen; er liebte eine ſolche Jagd, und es hätte ihn eigentlich geärgert, wenn dieſer Spaß ſo bald ſchon geendigt hätte. Seines Pferdes ganz ſicher, trieb er dasſelbe nur zu einer ſolchen Schnelligkeit an, daß ſeine Verfolger immer in vollem Athem dadurch er⸗ halten wurden, und ohne daß eben für ihn irgend eine Beläſtigung daraus erwuchs. Der Leſer kann ſich ſelbſt einen Begriff von der Eile machen, mit welcher ſie ritten, wenn wir ihm ſagen, daß ſie in wenig mehr als einer Stunde über zwanzig Meilen zurückgelegt hatten. Kein ſo übles Reiten, das,“ hören wir viele ſagen. „Bei der Mutter die mich gebar,“ fagte Titus, wie ſie ſo dahin flogen,— Titus ritt, beiläufig ge⸗ ſagt, ein großes, ramsnaſiges, ſtarkes Pferd, welches ganz zu ſeinem Gewicht paßte, aber auch nur durch beſtändiges Arbeiten mit Händen und Füßen dahin gebracht werden konnte, gleichen Schritt mit den an⸗ dern zu halten—„bei der Mutter die mich gebar,“ indem er, nach iriſcher Manier, mit ſeinen Waden beinahe allen Wind aus ſeinem Buccephalus heraus⸗ pumpie,„der Kerl hat ſeine Pfeife angezündet! ich ſah die Funken auf allen Seiten hinausfliegen— und * 237 da zieht er hin wie ein rauchendes Kamin an einem froſtigen Morgen! ſeht nur, er wendet ſein unver⸗ ſchämtes Geſicht mit der Pfeife im Mund! ſollen wir ihm dieß nur ſo hingehen laſſen, Mr. Coates 2“ „Warten Sie nur noch etwas, mein Herr— warten Sie nur,“ ſagte Cvates,„wir werden ihm ſchon noch für das Rauchen thun.“ Sir Francis hat die Bewohner der Pampas be⸗ ſungen; allein das was der edle Major an den Rei⸗ tern Süd⸗Amerika's ſo laut preist, d. h. das Anzün⸗ den einer Cigarre mitten im wildeſten Rennen, wurde ſchon vor hundert Jahren von unſerem engliſchen Hochſtraßenmanne mit gleicher Leichtigkeit ausgeführt, und er hielt dieß dazu noch für gar nichts Beſonde⸗ res. Stahl, Stein und. Zunder waren in Dick's wei⸗ ter Taſche, die kurze Pfeife hatte er auch bei ſich, und ſo ſtrömten in wenigen Sekunden große Rauch⸗ wolken aus ſeinem Munde, ähnlich denen eines den Strom hinabfahrenden Dampfbootes. „Ich will ihnen doch auch zeigen, was ich von ihnen halte,“ ſagte Dick, indem er kaltblütig den Kopf wendete. Die Dämmerung war inzwiſchen hereingebrochen. Die Düfte der nahenden Nacht floßen wie ein lichter Vorhang über der reichen Landſchaft. Man hörte alles Geräuſch und Sumſen dieſer köſtlichen Stunde, deren feierliche Ruhe nur durch das regelmäßige Klap⸗ pern der Pferdehufe geſtört wurde. Die Verfolger ritten nun, des Schreiens endlich müde, ſtill dahin; ſie hielten ihren Athem zuſammen und drückten nur bie und da ihren Pferden die Spornräder tief in die Weichen; allein die Thiere hatten bereits ihr Mög⸗ lichſtes gethan und waren keiner größeren Anſtrengung mehr fähig. Paterſon, ein guter Reiter, und vielleicht auch beſſer beritten als die beiden andern, verließ ſie. Die Letzteren folgten nun eben ſo gut ſie vermochten. Der ruhige und milde Charakter der Scene wurde 238 nur durch das Geräuſch, welches der wilde Ritt ver⸗ urſachte, einigermaßen geſtört. In beinahe unſicht⸗ barer Höhe ſchwebte eine Schaar geſchwätziger Krähen über der Allee, welche zu einem alten Herrnhauſe, das etwas abſeits lag, führte.— Die Fledermaus hatte fich auch ſchon aus ihrem Verſtecke hervorgewagt— von Zeit zu Zeit ſchlug das entfernte Brüllen einer Rindvieh⸗Heerde an das Ohr— lieblich tönte das fröhliche Pfeifen des heimkehrenden Landmannes und das Gebimmel kleiner Glöcklein, welche an dem Ge⸗ ſchirr der verſchiedenen Zugthiere angebracht waren. Aber dieſe lieblichen Töne, welche der Stunde des Zwielichts einen ſo reizenden Charakter verleihen, ver⸗ loren ſich in dem Getrappel der Reiter, welche jetzt drei Parthieen bildeten. Der Landmann eilte, ſich im Dickicht zu bergen; und der Fuhrmann ſpitzte ſeine Ohren, da er das entfernte Rollen eines Erdbebens zu hören glaubte. So eilen ſie dahin, peitſchend, ſpornend, zerrend. Wiederum machen ſie Lärmen, in der Hoffnung, es möchte vielleicht dem Fuhrmann gelingen, den Flücht⸗ ling aufzuhalten; aber Dick war ſchon an ſeiner Seite. „Hört, mein Schatz,“ rief er, im Vorbeireiten ſeine Pfeife aus dem Munde nehmend,„ſagt doch meinen Freunden dahinten, daß ſie in Jork von mir hören werden.“ „Was ſagte er?“ fragte Paterſon, welcher einen Augenblick ſpäter ebenfalls anlangte. „Daß Sie ihn in Jork finden werden,“ erwiderte der Fuhrmann. „In York!“ wiederholte Coates ganz verwundert. Turpin war ihnen jetzt aus dem Geſicht gekom⸗ men, und obgleich unſer Kleeblatt ſeine Pferde mäch⸗ tig bearbeitete, ſo konnte es ihn doch nicht mehr ent⸗ decken, bis ſie ihn in einer kurzen Entfernung von Ware an der Thüre einer kleinen Schenke ſtehen, und, mit dem Zaum in der Hand, ganz ruhig ein Glas —— 239 Ale leeren ſahen. Aber nicht ſobald war Dick ihrer anſichtig geworden, als er ſich wieder in den Sattel ſchwang und auf und davon ritt. „Der Teufel hole Euch! warum ergrifft Ihr ihn nicht?“ ſchnaubte Paterſon, als er dort ankam.„Mein Pferd iſt todt müde. Ich kann nicht weiter. Wißt Ihr denn nicht, was für eine Brut Ihr habt ent⸗ wiſchen laſſen? Wißt Ihr denn nicht, wer es war?“ „Nein, mein Herr, ich weiß es nicht,“ antwortete der Schenkwirth;„ich weiß bloß, daß er ſeinem Renner mehr Ale gab, als er ſelbſt trank und daß er mir die Zeche, welche, beiläufig geſagt, ſich kaum auf einen Schilling belief, mit einer Guinee bezahlte. Es iſt gewiß ein vornehmer Herr!“ „Ein vornehmer Herr!“ ſagte Paterſon;„es war Turpin, der berüchtigte Räuber. Wir ſind in ſeiner Verfolgung begriffen. Habt Ihr vielleicht Pferde? unſere Mähren ſind zu Schanden geritten.“ „Sie werden in der Stadt ein Poſthaus finden, meine Herrn. Es thut mir unendlich leid, daß ich Ihnen nicht dienen kann; allein ich halte keine Pferde. Ich wünſche Ihnen einen recht vergnügten Abend.“ ießi Worten zog ſich der Wirth in ſein Haus zurück. „Dieß ſind Ausflüchte, darauf will ich mich hän⸗ gen laſſen,“ ſagte Paterſon.„Ich werde es mir aber merken, mein Freund, darauf könnt Ihr Euch ver⸗ laſſen. Bis jetzt hätten wir ihn noch nicht, Mr. Coa⸗ tes; aber ich will verdammt ſein, wenn ich ihn fahren laſſe. Ich folge ihm, und ginge es auch an das äußerſte End der Welt.“ 3 Recht ſo, mein Herr— ganz Recht,“ ſagte der Advokat.„Ganz der rechte Geiſt, Mr. Conſtable. Sie würden ſich eine Dienſtnachläſſigkeit zu Schulden kommen laſſen, wenn Sie anders handeln würden. Sie erinnern ſich doch gewiß auch meines Vaters, Mr. Paterſon?“ fitt 240 „Ganz gut, mein Herr,“ erwiderte der Haupt⸗ Conſtabel. „Der größte Diebsfänger,“ fuhr Coates fort.„Ich erbte ſeinen ganzen Eifer— alle ſeine Hitze.— Weiter, mein Herr. In einer Stunde werden wir prächtigen Mondſchein haben— es wird ſo hell ſein wie beim Tag— nach dem Poſthaus— nach dem Poſthaus!“ Sie eilten alſo auf das Poſthaus zu. Mit ſo wenig Zeitverluſt, als nur immer möglich war, verſchafften fie ſich friſche Renner, und ſetzten in Begleitung eines Poſtknechts ihren Ritt mit erneuter Heftigkeit fort, da ſie durch die Meinung, noch immer auf der rechten Fährte zu ſein, noch mehr angefeuert wurden. Die Nacht hatte indeſſen ihren Mantel über die Erde ausgebreitet; aber doch war es nicht völlig finſter. Einige wenige Sterne flimmerten an dem tiefen, wolkenloſen Himmel, und ein ſchwacher Glanz am öſtlichen Horizont verkündigte die nahe Ankunft der nächtlichen Lichtkugel. Ein friſcher Wind hatte ſich erhoben— der Nachtthau war bereits gefallen— und die Atmosphäre war mild und trocken. Eine ſolche Nacht hätte gewiß jeder zu einem Ritt gewählt, wenn er einen ſolchen aus Liebhaberei hätte machen wollen; und dem Turpin, deſſen Hauptausflüge zu dieſer Zeit geſchahen, erſchien ſie beinahe himmliſch. Turpin, welcher feſt entſchloſſen war, ſeinen Plan auszuführen, ritt voll freudiger Aufregung ſtets in der anfänglichen Richtung fort. Alles ſchien ſein Unter⸗ nehmen zu begünſtigen; die Straßen waren in vor⸗ trefflichem Zuſtande; ſein Pferd ließ nichts zu wün⸗ ſchen übrig— es war an Anſtrengungen gewöhnt, hatte ſich in der Stadt hinreichend von dem vorher⸗ gegangenen Ritte ausruhen können und war noch nie beſſer gelaufen.„Jetzt hat ſie erſt ihren rechten Wind,⸗ ſagte Dick,—„ich will doch ſehen, was ſie leiſten kann— ſpute Dich, mein Schätzchen— ſpute Dich! — 241 Ich wünſchte, ſie könnten mich jetzt ſehen,“ fu rer fort, als ſie beinahe mit ihm aitee Aufgemuntert durch die Worte und die Hand ihres Herrn, eilte die ſchwarze Beß mit einer Schnellig⸗ keit dahin, welche nicht leicht ein anderes Pferd ge⸗ zeigt, aber noch weniger ſo lange ausgehalten hätte. Sogar Dick, welcher doch an ihre faſt wunderbare Flüchtigkeit gewöhnt war, fühlte ſich durch die Schnellig⸗ keit, mit welcher er ſo fortgetragen wurde, beinahe ſiſet„Bravo, bravo,“ rief er,„ſpute Dich, ( Der düſtere und feierliche Wald, durch welchen fie dahin eilten, tönte von Dicks Geſchrei, und dem hellen Geklapper von Beß Hufen wieder, und ſo verfolgte er ſeinen Weg, während nach den Worten der Ballade: Da flogen rechts, da flogen links Gebirge, Baum und Hecken, Es flogen links und rechts und links Die Dörfer, Städt' und Fiecken. Zwanzigſtes Kapitel. — Die ſchwarze Bess. Dauphin. Ich tauſche mein Pſerd gegen keines, Das nur auf vier Pfoten geht Ah ea Er ſpringt von der Erde, als ob er mit Haaren ausgeſtopft wäre, le cheral volant. der Pegaſus, qui a les narines de feu! Wenn ich ihn reite, ſo ſchwebe ich in Luften; ich bin ein Falke, er trabt auf der Luft, die Erde ſingt, wenn er ſie berührt; das ſchlechteſte Hornſeines Hufes iſt muſikaliſcher als die Pfeife des Hermes. Shakspeare.— Heinrich V. 3te Scene. (Ueberſetzung von Schlegel.) Da die ſchwarze Beß unzweifelhaft der Held der „nächſten Kapitel“ iſt, ſo wird uns der Leſer gewiß Rookwood M. 16 242 verzeihen, wenn wir uns hier ein wenig über ihre Geburt, Verwandtſchaft, Erziehung, über ihre Formen und Schönheiten verbreiten. Und zwar wollen wir zuerſt von ihrer Abſtammung ſprechen: denn bei dem Pferde zeigt ſich, nicht wie bei den Menſchen, die edle oder unedle Geburt auf eine höchſt auffallende Weiſe; dieſes Thiergeſchlecht iſt die wahre Ariſtokratie — und das reine Blut, welches in den Adern der edlen Stute fließt, wird ſich unfehlbar fortpflanzen, wenn der Hengſt von gleich edler Race iſt. Beß war kein Baſtard— ſie hatte durchaus reines Blut:— Wenn Blut den Adel machen kann, War ſie ein ad'lich Pferd; Vollblut war ihrem Eiternpaar Und dem ganzen Stamm beſcheert. Ihr Vater ſtammte aus dem wüſten Arabien, und war durch einen reichen Reiſenden in dieſes Land ge⸗ bracht worden; zur Mutter hatte ſie ein engliſches Race⸗Pferd, kohlſchwarz wie der Sprößling. Beß vereinigte das Feuer und die Sanftmuth, die Kraft und Härte, die Enthaltſamkeit und Ausdauer des einen, mit dem Geiſt und der außerordentlichen Flüchtig⸗ keit des andern. Wie Turpin in ihren Beſitz gelangte, macht wenig zur Sache. Wir hörten nie, daß er einen hohen Preis für ſie gezahlt, obgleich wir be⸗ zweifeln, ob er ſie für irgend eine Summe hergege⸗ ben hätte. Sie war beerſchwarz und hatte ein ſo weiches Fell als polirtes Erdpech; nicht ein einziges weißes Härchen konnte man an ihrem Sammtgewande entdecken. Ihre Geſtalt war ausgezeichnet; jedes Glied vollkommen, ſchön, feſt; kurz, ſie war ein Muſter der Kraſt und Schuelligkeit. Ihr Hals war ghe wie der eines Schwanes; hell und ſchön glänzten ihre Au⸗ gen, wie die der Gazelle; rund und hart wie eine Trommel war ihr Bauch, und wohl eine Elle maß ihre Bruſt. Auf ſie konnie man die Worte des römi⸗ ſchen Dichters anwenden;„pulchrae dunes, preve V V W v NM——— 2¹3 eaput, arduaque cervix.“ Sie war zwar nicht ſehr wohlbeleibt; ihre Seite hätte vielleicht etwas runder und ihr Kreuz voller ſein dürfen; aber man mußte die Nerven und Sehnen anſehen, welche ſich ſcharf ausprägten! Obgleich mehr kräftig als hübſch gebaut, war ſie dennoch ſchön. Man mußte dieſen niedlichen kleinen Kopf— dieſe dünnen, ſpitzigen Ohren, welche ſo nahe bei einander ſtanden, dieſe weiten Nüſtern und dieſes Auge anſehen, welches ſo hell und glänzend war, wie der Diamant von Giamſchid!— Iſt ſie nicht ſchön? Man beobachte ihren Gang! wie reizend find ihre Bewegungen! Jetzt rennt ſie dahin— kein Ad⸗ ler könnte mit ſeinen Schwingen ſchneller die Lüfte durchſchneiden.— Iſt ſie nicht prachtvoll? Und dazu iſt ſie noch gutmüthig wie ein Lamm. Ein Kind hãtte ſie leiten können. Doch jetzt wieder zu Dick Turpin zurück. Wir verließen ihn mitten in ſeinem luſtigen Rennen. Er konnte aber auch nicht anders als freudig geſtimmt ſein, da nichts ſo ſehr aufregt, als ein raſender Ga⸗ lopp. Man ſcheint ein ganz anderer Menſch zu ſein — neue Kraft beſeelt den Körper— die Gedanken fliegen mit dem Pferde dahin— man glaubt, deſſen Flüchtigkeit zu theilen. Man lacht— man frohlockt— man ſchreit vor Freude laut auf. Man ruft mit Mephiſtopheles, aber nur nicht in ſeiner ſardoniſchen Art: Wenn ich ſechs Hengſte zahlen kann, Sind ihre Kräfte nicht die meine? Ich renne zu und bin ein rechter Mann, Als hätt' ich vier und zwanzig Veine. Dieß waren auch Turpin's Anſichten,— mit vier Beinen und einer weiten Ebene vor ſich, braucht er keinen Mephiſtopheles, um zum Teufel zu reiten, ſo weit ihn ſein Pferd nur immer tragen mochte. Schnell! — ſchnell!— der Weg iſt rein— nur immer zu, Du Thier, kein Hinderniß iſt Dir im Wege!— und eh!— der Mond geht auf; ſein— Licht ver⸗ 244 verbreitet ſich über die waldige Landſchaft. Dunkle Schatten ziehen ſich am Wege hin— und die fliegenden Geſtalten des Reiters wie des Pferdes drücken ſich gleich riefigen Geſpenſtern auf dem Boden ab! Fort— fort— uns vergeht der Athem, wenn wir noch länger bei dieſem furchtbaren Rennen ver⸗ weilen— doch Dick hat ihn noch nicht verloren, denn wir hören ſein fröhliches Geſchrei— horch! er fingt. Der Leſer wird wiſſen, daß Oliver den Mond bedeu⸗ tet— und daß es heißt der erſte plaudere, wenn ſich der letztere am Horizont zeigt. Oliver plaudert. I Oliver plaudert, hat's plaudern ſo lieb, Und erzählt, was beſſer verſchwiegen blieb'; Zu meinen Freunden hat nie er gehört, Was allzuhell ſcheint, das acht' ich nicht werth. Gebt'ne Nacht mir ſo ſchwarz wie die Hölle und dann Sollt ſeh'n Ihr, was Alles ich zeigen Euch kann. II. Oliver plaudert! Was liegt daran mir, Ob guckt er und gaffet mit Blicken ſo ſtier; Schau' wer da will nach dem blaſſen Geſicht, Ich reit' auf die Jagd und ſcheu' nicht ſein Licht; Und ob er auch Wege und Stege erhellt, So ruf' ich doch laut:„Halt! Her mit dem Geld!“ „Sieh' einmal,“ ſprach Dick vor ſich ſelbſt pin, nachdem er ſein Lied eih hatte und nach dem Mond ſchaute,„der alte No Geſelle. Ich möchte heute Nacht nicht um vieles ohne ſein bleiches Geſicht ſein. Er iſt ein ſo ſicherer Führer als eine Laterne; ich will Beß etwas langſamer tra⸗ iſt doch kein ſo übler S S 8* 245 ben laſſen; wir wollen es in aller Ruhe abmachen. Langſam, meine Dirne— langſam— ſiehſt Du denn nicht, daß es den Berg hinan geht. Der Teufel ſteckt doch in dem Gaule; er bekümmert ſich auch um gar nichts. Und als Dick den Hügel hinabritt, erweckte ſeine Stimme wiederum das nächtliche Echo. Will Davies und Dick Zurpin. Hodie mihi, cras tibi. H. Auguſtin. I. Einſt Nachts ritt ich auf meiner Mähr, Und kam nach Bagshot⸗Haide her, Da ſah ich an dem Galgen gleich, Will Davies hängen nackt und bleich, Mit roſtigem, muffigem, dumpfem Geſicht. II. Blau in den Ketten hing er dort, Weg war ſein Schwerdt, die Schnapper fort, Die ihm gedient ſo treu und gut; Sprach ich:„Will Davies ſag', wie's thut?“ Mit ſo roſtigem, muffigem, dumpfem Geſicht. III. „Dick Turpin!“ ſprach er,„ſiehſt es ja, Wie ich am Galgen hänge da, Doch nehm' ich's leicht, und wie an mich, Kommt einſt die Reihe auch an Dich, Mit dem pfiffigen, 1w Halsbrechers ſi 1. IV. Sagt' ich:„mein Junge, das iſt wahr, Doch bis zur Stunde der Gefahr, Führt Turpin ſein Geſchoß und Schwerdt Und nichts ſich um den Galgen ſcheert.“ Mit dem roſtigen, muffigen, dumpfen Geſicht. 246 „Armer Will Davies!“ ſeufzte Dick;„Bagshot wird ihn nie vergeſſen.“*) V Denn nimmermehr der Fall eintritt, Daß Bagshot einen Räuber ſieht, So rüſtig, ſtattlich, fort und fort, Als Will, der hing am Galgen dort, Wit dem roſtigen, muffigen, dumpfen Geſicht. „Nun wohl,“ ſprach Turpin in Gedanken ver⸗ ſunken;„ich glaube, daß ich eines Tags das gleiche Schickfal habe wie ſie, und einen langen Tanz zu der Muſik der vier Winde aufführen werde, wie ſchon beſſere Männer, als ich, thaten; allein ich hoffe, daß wenn mein letztes Stündlein geſchlagen hat, und die zungenfertigen Schreiberſeelen mich in ihre Gewalt bekommen, dieſe mir doch keinen verdammten Unfinn in den Mund legen werden; ſtets will ich ſo ſprechen, *) Dieß iſt, wir müſſen es zu unſerm größtem Bedauern ſagen, nicht der Fall. Das Andenken an Bold Will Davies den oldenen Pachter⸗ wurde er genannt, wril er ſeinen Grundzins ſtets in Gold bezahlte) iſt in ſeinem Wohnorte Bagshot faſt ganz erloſchen. Die Schenke, welche einſt ſeinen Namen trug, ſteht noch, um dem Reiſenden zu verkündigen, welchen Gefahren ſeine Vorfahren beim Durchreiſen dieſer Heide ausgeſetzt waren. Gerade unter der Schenke dehnt ſich die Ebene auf Meilen weit nach allen Richtungen hin aus, und ſcheint eigentlich zu einem tüchtigen Galopp einzu⸗ laden; und wenn man aus dem Innern einer ſchnell dahin⸗ ellenden Chaiſe, wie es bei uns der Fall war, auf dieſe mit Diſteln bewachſene Wüſte hinausſieht, ſo gehört gerade keine ſarke Phantaſie dazu, um ſich einzubilden, man ſehe den Will Davies gleich dem Winde über die wilde und unwirth⸗ liche Ebene hinfliegen. Es thut uns ſehr leid, ſagen z müſſen, das der goldene Pachter“ ſeinen Schild jetzt in„den luſtigen Pachter⸗ verwandelt hat; welche Aenderung zwar der wirklichen Zeit ſehr angemeſſen iſt, aber hoffentlich bald wieder in die fruhere Bezeichung umgewandelt werden wird. Wir können doch unmoglich zugeben, unſern goldenen Pachter zu verlieren. —,———— — 247 wie ich gefühlt habe, wie ein Mann, der nie den Tod fürchtete, oder ſeinem Freunde den Rücken zukehrte. Inzwiſchen will ich ihnen etwas zu reden geben. Die⸗ ſer mein Ritt ſoll ihnen noch lange in den Ohren gellen— Und wenn ich geſtorben einſt, ſoll lange Zeit Noch unter den Jägern fortwähren die Sage: Daß gleich wie Dick Turpin kein and'rer ſo weit Zu reiten vermochte an einem Tage. »Und auch Du, brave Beß!— Dein Name wird mit dem meinigen genannt werden, und mit ihm auf die Nachwelt kommen; aber wie,“ fügte er kleinmüthig bei,„wenn es für Dich zu viel ſein ſollte? wie wenn — doch nein. Beſſer Du ſtirbſt jetzt, ſo lange ich noch bei Dir bin, als daß Du in die Hände jener Schur⸗ ken fieleſt. Beſſer Du ſtirbſt in allen Ehren, als daß Du Dich in Deinen alten Tagen an einem Sand⸗ ke hinſchleppteſt. Spute Dich, mein Schatz— in 66 6 Durch welchen ganz eigenthümlichen Inſtinkt ent⸗ deckt jenes edle Thier, das Pferd, die leichteſte Ver⸗ änderung in der Stimmung ſeines Herrn, und über⸗ läßt ſich dem Einfluße derſelben, indem es nach der jeweiligen Geiſtesrichtung ſeines Reiters, ſeine An⸗ ſtrengungen mäßigt oder ſteigert, und übergeht Vom Schritt zum Trab— zur Corriere vom Galopp? Woher dieß komme, dieſe Frage überlaſſen wir denen zur Entſcheidung, welche mit der Metaphyſik der Thiere beſſer bekannt find als wir. Verurſachen der Sattel oder Zaum, gleich metalliſchen Leitern, Schwingungen zwiſchen dem Geiſte beider? Wir wiſſen es nicht— allein das iſt gewiß, daß kein Diener ſich ſo ſehr in den Charakter ſeines Herrn ſchickt, als ein Pferd. Das Thier, welches wir gewöhnlich reiten, wird endlich ein Theil von uns ſelbſt. Es denkt und fühlt mit uns. Sind wir fröhlich, ſo iſt es munter— 248 find wir niedergedrückt, ſo finkt ihm der Muth. Zum Beweis hiefür möge der Leſer nun ſehen, was manche Leute aus dem Pferde machen— machen ſagen wir, weil ſich in ſolchen Händen ſein Charakter ganz ver⸗ ändert. Es theilt den Muth und die Feſtigkeit der Hand, welche es leitet, und die Entſchloſſenheit des Reiters— es thut was der Letztere haben will, oder ſtrengt ſich doch wenigſtens an es zu thun. Wenn dieſe leitende Macht nachläßt, ſo läßt auch ſeine Ener⸗ gie nach, und ſein feines und zartes Gefühl läßt es augenblicklich den Charakter und Geiſt ſeines Reiters erkennen. Eine Gabe der Götter iſt das edle Pferd, und wir können von ihr, wie von allen andern einen richtigen Gebrauch machen, aber auch Mipbrauch mit ihr treiben— über fie zu gebieten, oder ſie zu verach⸗ ten— das ſteht bei uns; es iſt der ſicherſte Probir⸗ ſtein unſerer Selbſibeherrſchung. Die ſchwarze Beß beſtätigt alles, was wir hier behauptet haben; denn während Turpins augenblick⸗ licher Niedergeſchlagenheit ging ſie auffallend lang⸗ ſamer; aber als er wieder zu ſich kam, ſammelte auch fie ſich ſchnell und wieherte, wie von neuem Enthuſiasmus beſeelt, freudig. Jetzt verkündigte ihre angeborene Ausdauer, daß das Kind der Wüſte an ihr keinen unwürdigen Sprößling hinterlaſſen hatte. Volle fünfzig Meilen hatte ſie ſchon gemacht, und doch zeigte ſie noch keine Ermüdung. Sie ſchien wo mög⸗ lich noch friſcher, als wo ſie aus dem Stall gekommen war. Sie hatte wieder etwas ausgeſchnauft— ihre Glieder waren geſchmeidiger— ihre Bewegungen freier— leichter— ſchneller. Ihr Vater, welcher in ſeinen pfadloſen Wildniſſen den peſtillenziſchen San⸗ num überlief, und mit ungelöſchter Zunge und unbe⸗ friedigtem Magen drei Mal die Sonne untergehen ſehen konnte— hätte nicht mehr Ausdauer zu beweiſen vermocht. Die Stärke hatte ſie von ihm als Erbtheil erhalten. Ihre Mutter, welche auf ſammtenem Raſen 249 von unerreichter Schnelligkeit war, und ihrem Eigen⸗ thümer oft mehr Gold eintrug als ſie ſelbſt werth war, hätte kaum Schritt mit der Tochter halten kön⸗ nen, und wäre ſchon bei dem dritten Theil dieſer An⸗ ſtrengung erlegen. Allein Beß war das Mußter eines Pferdes. Wir werden nie mehr ein Thier ſehen wie ie, wenn wir nicht einen Beduinen⸗Chef überreden können uns mit einem Racepferd ein Geſchenk zu machen; aber dann könnte die Pferde haltende Welt erſt ſehen, was wir für Thiere in das Land bringen würden. Eclipſe, Childevs, ja ſogar Hambletonian wären nichts dagegen. Doch wir wollen jetzt wieder zur Beß zurückkehren, oder ſie vielmehr auf ihrem Rennen begleiten, denn jetzt iſt ſie nicht mehr zu halten: wir machen zwanzig Knoten in einer Stunde— wir ſegeln vor dem Winde: und der Leſer muß entweder gleichen Schritt mit uns halten, oder hinter dem Schiff zurückbleiben.— Jetzt iſt Beß in vollem Jagen, und Dick glücklich. Glück⸗ lich!— er iſt entzückt— toll— wie betrunken! Pah! der Wein hätte ihn nie in ein ſo brennendes Delirium zu verſetzen vermocht. Auch der feinſte und beſte bringt keine ſolche Begeiſterung hervor. Seine Dämpfe ſind ſchwer und hitzig, während dieß eine gleichſam ätheriſche Aufregung iſt. Sein Blut wirbelt durch die Adern — windet ſich um ſein Herz— ſteigt ihm in's Gehirn. Fort— fort! Er iſt wild in ſeiner Luſt. Schlöſſer, Hütten, Bäume, Thürme, Wieſen, Heiden und Wälder ſieht er, fliegt vorüber, läßt ſie hinter ſich, und ſie find wie ein Traum verſchwunden. Man kann kaum eine Bewegung ſehen— es iſt ein Drängen— ein Fliegen. Pferd und Reiter werden mit einer Schnel⸗ ligkeit vorwärts getrieben, welche ſich durch ſich ſelbſt noch zu vermehren ſcheint. Man ſieht ein Dörfchen im Mondſchein daliegen. Kaum iſt es entdeckt, ſo ſprüht ſein Pflaſter auch ſchon Funken unter den Hu⸗ fen der Beß. Dieſelben klappern einen Augenblick 250 auf den Steinen, und die Häuſer ſind wieder ver⸗ ſchwunden. Jetzt kommt wieder die ſtille lächelnde Landſchaft, nun werden ſie von den dunkeln Schatten düſterer Wälder aufgenommen— jetzt eilen ſie auf einer weiten Ebene hin— ſetzen bald über ein zuge⸗ ſchloſſenes Zollthor, bald ſprengen ſie über eine hohl tönende Brücke, wo der ſilberne Strom für einen Augenblick ihre Geſtalten zurückſtrahlt— bald rennen ſie einen Hügel hinan, und ſtürzen dann, wie die Pferde bes Phöbus in den Ocean, an ſeinem ſteilen Abhange hinab. Schon haben ſie die Grenzen zweier Grafſchaften paſſir. In der dritten befinden ſie ſich wirklich. Sie find in der heitern Gegend von Huntingdon— ſie haben ſchon den ſanften Hügel überſchritten, welcher ſich nach Godmancheſter hinabſenkt. Sie find am Ufer der reiſenden Ouſe— die Brücke iſt paffirt, und wie Turpin durch die öden Straßen Huntingdons reitet, verkündigt die eiſerne Zunge des Thurmes der St. Marienkirche die eilfte Stunde. In vier Stunden (als er wegritt war es beinahe ſieben Uhr) hatte Dick volle ſechzig Meilen zurückgelegt! Nur wenige taumelnde Saufbrüder ſahen den Reiter durch die Straßen fliegen; einige Fenſter wur⸗ den geöffnet; aber ſelbſt der pfeifende Tom von Co⸗ ventry würde wenig Hoffnung gehabt haben die unver⸗ ſchleierten Schönheiten der Königin Godiva zu ſehen, wenn ſie ſo ſchnell geritten wäre als Dick Turpin. Einem Meteore ähnlich verſchwand er ſogleich nach ſeinem Erſcheinen wieder. Er hat Huntingdon hinter ſich, und iſt jetzt wieder von ſtark bethauten Hecken und ſtillen, ſchlummernden Bäumen umgeben; auf der andern Seite find weit ſich hinziehende Wieſen mit ſchläfrigem Rindvieh oder dumpf blöckenden Schafen; aber was iſt für Turpin jetzt die Natur, die belebte oder lebloſe? Er denkt nur an ſein Pferd— an ſein künftiges Schickſal. Nie⸗ mand konnte ihn reiten ſehen— kein aufmunternder ———— 251 Beifall ſchlug an ſein Ohr— keine tauſend Hände klatſchen— keine Taſchentücher werden geſchwenkt— kein Hals ſtreckt ſich— keine ſchöne Augen glänzen ihn an— keine Adlerblicke bewachen ſeine Bewegun⸗ gen— man hört keine Glocken tönen— kein laben⸗ der Trunk erwartet den Sieger— kein Gewinn— kein Geld. Aber er wird berühmt werden— berühmt für immer: ſein Ruf wird nicht mit ihm ſterben, ſon⸗ dern in dem Munde des Volks noch fortleben. Er entbehrt alle dieſe äußern Aufreizungen; aber er fühlt in ſich einen Trieb, welcher ſtärker iſt als jene alle. Er weiß, was er thut. Wenn er auch nicht um des Lebens willen reitet, ſo reitet er doch der Unſterb⸗ lichkeit wegen. Und wie ein Held fühlen mag,(denn auch ein Räuber kann wie ein Held fühlen) wenn er ſein Leben willig für einen ewig berühmten Namen aufopfert, ſo bekümmerte ſich auch Turpin nichts um das, was ihm zuſtoßen konnte, wenn er ſich nur als der erſte ſeines Landes hervorthun konnte, die Welt mit ſeiner Reiterkunſt bezaubernd. Zu was brauchte er Zuſchauer? Das Auge der Nach⸗ welt ruhte auf ihmz er fühlte den Einfluß jenes Argus⸗ blickes, welcher ſchon manchen armen Wicht, welcher nicht ſo viel Hoffnung auf das Ankommen am Ziele haben konnte wie Turpin, ſeinen Pegaſus ſpornen machte. Er wußte daß Millionen noch Ungeborener von ihm und ſeinen Thaten hören werden. Er zit⸗ terte vor innerer Aufregung, und Beß zitterte unter ihm. Aber die Bewegung war vorübergehend— weiter fliehen ſie; der vom Felſen herabſtürzende Waldbach — der in den Lüften ſegelnde Adler— ja ſelbſt die Gedanken können kaum flüchtiger ſein! 252 Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Butſche von Pork. Von York in vier Tagen.— Die Fahrt der Kutſche beginnt Freitag den 18. April 1706. Alle, welche gerne von London nach York, von York nach London, oder nach irgend einem andern Ort an dieſer Straße fahren wollen, haben ſich in dem ſchwarzen Schwanen, in Hol⸗ bornſtraße, in London, oder in dem ſchwarzen Schwanen, Conney⸗Straße in York zu melden. Von diefen beiden Plätzen geht jeden Montag, Mittwoch und Freitag, eine Chaiſe ab, welche die ganze Reiſe in vier Tagen macht, (mit Gottes Beiſtand) und fährt Morgens fünf Uhr ab. Sie braucht von York nach Stamford zwei Tage, und eben ſo viele von Stamford nach Huntingdon. Jeder Paſſagier hat vierzig Pfund Gepäck frei, und zahlt fur ſedes weitere drei Pence. Unter der Leitung von Ben⸗ jamin King, Henry Harriſon und Walter Baynes;“— So lautete ein großer Bogen, welcher im Kaffeczimmer des Gaſthauſes zum ſchwarzen Schwanen in York ange⸗ ſchlagen war. Die Nacht war bisher balſamiſch und ſchön ge⸗ weſen; unzählige Maſſen ſchimmernder Sterne, und die goldene Mondesſichel, welche mit ihren Strahlen die Luft zu erwärmen ſchien, hatten ihr liebliches Licht verbreitet; aber jetzt nahte ſich Turpin der Nebel⸗ und Sumpfgegend, und er begann den Einfluß dieſer dum⸗ pfen Luft zu fühlen. Die waſſerreichen Deiche— Sümpfe— Gräben— oder wie man ſie immer nen⸗ nen mochte, ſtrömten jetzt ihre Dünſte aus, welche die warme und reine Luft erkälteten, ſie verfinſterten und auch die Straße in Dunkel einhüllten. Aber Beß machte ſich nichts aus Sumpf und Nebel; ihre Hufe klapperten luſtig auf der Straße, und ſie ſtürzte aus den Dunſtwolken heraus, wie Eos beim anbrechen⸗ den Tage. Wie Turpin nun auch ein Mal wieder aus einem ſolchen Sumpfe herausritt, prallte er gegen die Jor⸗ 253 ker Kutſche an. Es war durchaus kein ungewöhnliches Ereigniß, daß ſie angehalten wurde z und ſo wüthend rannte unſer Hochſtraßenmann gegen dieſelbe, daß der Mann unwillkührlich ſeine Pferde anhielt. Auch Tur⸗ pin griff in die Zügel, denn das Setzen über eine hohe, wackelnde, mit Reiſenden angefüllte Kutſche, war auch für Beß unmöglich. Der Mond beſchien Turpin und ſein Pferd. Er trug keine Maske, und man konnte deßhalb ſeine Züge ganz gut ſehen. Ein Herr auf dem Kutſchersſitze, welcher ihn augenſcheinlich er⸗ kannt hatte, ſtieß einen Ausruf aus. „Haltet an— ſtellt Eure Pferde über die Straße herüber,“ rief der Herr—„es iſt Dick Turpin, der Hochſtraßenmann. Seine Ergreifung trägt euch drei⸗ hundert Pfunde ein,“ fügte er bei, indem er fich gegen den Kutſcher wandte,„und iſt für mich von großer Wichtigkeit. Halt!“ ſchrie er, eine geſpannte Piſtole ihm entgegenhaltend. Dieſe Entſchloſſenheit des Herrn war augenſchein⸗ lich weder der Mehrzahl der Reiſenden, noch dem Kutſcher, auf welche alle der Name„Turpin“ magiſch eingewirkt hatte, ſehr angenehm. Ein Mann ſchlüpfte hinten hinaus, und konnte nachher nur mit Mühe in einem tiefen Graben neben der Straße wieder enideckt werden. Ein alter Herr in einer baumwollenen Nacht⸗ müze hatte ſeinen Kopf hinausgeſtreckt um über den Kutſcher hineinzufluchen, zog ihn aber plötzlich wieder zurück. Ein weibliches Weſen im Innern ſtieß einen ſchwachen Schrei aus; und es war überhaupt kein kleiner Tumult entſtanden. Unter anderem Getöſe hörte man auch den Condukteur ſeine langen Reiter⸗ piſtolen ſpannen.„Die Yorker Vier Tagskutſche an⸗ zuhalten,“ ſagte er, indem er ſeine näſelnde Stimme durch eine Welt von Tüchern, welche ſeinen Hals um⸗ gaben, hindurchdrängte; die größte Kutſche des König⸗ reichs; hörte man je von einer ſolchen Frechheit? Ich ſage, Jor, halte Deinen Vorläufer an— wir kommen 254 ja ſonſt in den Graben hinein. Siehſt Du denn nicht, wo die Straße iſt? Wer ſchreit— ſage ich.“ Der Herr auf dem Bocke ſchoß jetzt ſeine Piſtole los, wodurch der Tumult im Innern noch vermehrt wurde. Die weiße Nachtmütze hatte wie ein Kaninchen herausgeguckt, zog ſich aber ſchnell wieder zurück, als der Hochſtraßenmann ſeine Stimme ertönen ließ. Im Augenblick wo der Herr ſchoß, ſtürzten die Pferde, und ſo fehlte er ſein Ziel. Dick, welcher auf dergleichen Fälle gefaßt, und elten noch geflohen war, erwartete den Schuß ohne zu zucken. Dann peitſchte er die Pferde daß ſie aus dem Wege gingen, und ritt auf den Herrn zu, welcher efeuert hatte.„Major Mowbray,“ ſagte er ernſten ones,„ich kenne Sie wohl. Ich wollte weder Ihnen noch dieſen Herrn hier etwas zu Leid thun— und doch trachteten Sie mir ſchon zum zweiten Mal nach dem Leben, mein Herr. Allein jetzt ſind Sie in meiner Gewalt, und, bei allen hölliſchen Mächten, nichts ſoll Sie retten, wenn Sie mir auf meine Fragen nicht antworten.“ „Ich werde nicht antworten; feuert nur!“ ſagte der Major.„Ich werde bei einem Menſchen wie Ihr, nie um mein Leben bitten.“ „Haben Sie Sir Lukas Rookwood geſehen?“ fragte Dick. „Der Schurke, den Ihr meint, iſt zwar noch nicht gefangen,“ erwiderte der Major,„allein wir find ihm auf der Spur. Ich fahre nach der Stadt in der Ab⸗ ſicht, mir von vort her wirkſamen Beiftand zu holen.“ „Sie haben ſie ſeither alſo noch nicht getroffen?“ ſagte Dick gleichgültig. „Getroffen! Wen meint Ihr damit?“ „Sir Lukas und Ihre Schweſter,“ ſagte Dick. „Meine Schweſter bei ihm!“ rief der Major zor⸗ nig—„Fglaubt Ihr denn er dürfe es wagen, ſich in Rookwood ſehen zu laſſen?“ 6 —— 2355 „Ho— ho!“ lachte Dick—„ſie iſt alſo in Rook⸗ — Tauſend Dank, Major— gute Nacht meine errn. „Nehmt das mit auf den Weg und denkt an den Condukteur,“ rief dieſer Geſelle aus, welcher auf das Dach der Kutſche geklettert war, da et von ſeinem Sitze aus nicht zielen konnte, und von da aus eine ſeiner langen Piſtolen auf das abgefeuert hatte, was er für den Kopf des Hochſtraßenmannes hielt, zum Glück für Turpin aber nur ſein Hut war, welchen er abgenom⸗ men hatte um die Reiſenden zu grüßen. „Ich werde an Dich denken,“ ſagte Dick, indem er ſeinen Hut kaltblütig wieder aufſetzte,„Du kannſt Dich darauf verlaſſen, Burſche. Ich werde Dich nicht vergeſſen, wenn wir einmal wieder zuſammentreffen.“ Und fort flog er wie der Sturmwind. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. —— Die Schenke an der Landſtraſst. Geſagt, gethan, der Wildgraf ſchwang 5 Sich uber'n Hagen raſch voran, Und hinterher, bei Knall und Klang Der Troß mit Hund und Roß und Mann. Bürger. Wir wollen uns jetzt wieder nach Mr. Coates und ſeinen Gefährten umſehen, welche wir und Dick einige Zeit lang aus den Augen verloren haben. Mit immer gleicher Eile und Haſt drängte der rachſüchtige 8 Mann des Geſetzes und ſeine Myrmidonen vorwärts. Hochſtraßenmann ſchien mit ſeinen Verfolgern einen ſtillſchweigenden Vertrag eingegangen zu haben, daß ſie ihm folgen müſſen, ſo lange er fliehe. Gleich Bluthunden blieben ſie auf der Fährte— und waren lange nicht ſo weit zurück, als Dick vermuthete. In jedem Poſthaus, an welchem ſie vorbeikamen, nahmen ſie friſche Pferde, und während dieſe geſattelt wurden, ſchickten ſie einen Poſtknecht nach der nächſten Station, welcher wieder friſche beſtellen mußte. Auf dieſe Art wurden ſie nie aufgehalten. Die Pferde warteten ſchon auf ſie, wenn ſie,„blutig vom Spornen, und feurig heiß vor Eile,“ mit ihren abgetriebenen Gäulen ankamen. Man hatte Turpin überall geſehen oder gehört. Zollaufſeher— Fuhrleute— Karrenführer Taglöhner, alle hatten ihn geſehen. Ueberdieß glaub⸗ ten ſie auch, ſo ſonderbar es auch klingen mag, ſeinem Wort. Sie waren überzeugt, daß Bork der Ort ſeiner Beſtimmung ſei. Endlich ſahen ſie die Kutſche, mit welcher Dick zuſammengetroffen war. Es hatte einen neuen Aufent⸗ halt und Tumult gegeben. Auch die Nachtmütze des alten Herrn kam wieder zum Vorſchein, wie bei der früheren Gelegenheit. Der Poſtknecht, welcher voraus⸗ geeilt war, hatte gehalten, und ſein Pferd an Major Mowbray abgegeben, der ſeinen Sitz auf dem Bock mit dem im Sattel vertauſchte, da er es nach ſeinem Zuſammentreffen mit Turpin für räthlicher hielt, nach Rookwvod zurückzukehren, als nach London zu fahren. Der Poſtknecht wurde hinter Mr. Coates, als den leichteſten, aufgeſetzt; und ſolchermaßen verſtärkt, eilten ſie wieder mit gleicher Schnelligkeit vorwärts. Sie halten jetzt etliche und achtzig Meilen gemacht — die Grenzen einer andern Grafſchaft, Nordhampton, paſfirt; Dick Turpin und ſein Pferd hatten noch keine Ruhe gehabt, ſich noch nicht erfriſcht. Aber jetzt hielt er es für angemeſſen, einen kleinen Halt zu machen. An den Grenzen der ſchönen Beſitzungen des Hauſes Burleigh ſtand eine kleine abgelegene Schenke, welche den Lord⸗Oberſchatzmeiſter als Schild führte. Dick kannte dieſes Haus und den Burſchen, welcher die Wirthſchaft führte. Es war Mitternacht, aber eine helle und klare Mitternacht. Er ritt auf die ——.— — 257 Stallthüre zu und klopfte auf eigenthümliche Weiſe an dieſelbe. Der Wirth, welcher Dick durch eine zer⸗ brochene Glasſcheibe hindurch firirte, brachte, mit dem Erfolg ſeiner Forſchung offenbar zufrieden, einen Kopf voll Stroh zum Vorſceln, wie der tolle Tom auf der Bühne gewöhnlich vorgeſtellt wird. Eine Maſſe von Begrüßungen folgte auf eine tiefe Verbeugung. „Sehr eſraut, Sie zu ſeh'n, Kapitän Tu pin,“ ſagte er;„kann ich was für Sie thun?“ „Gib mir zwei Flaſchen Branntwein und ein Beefſteak,“ ſagte Dick. „Den Branntwein können Sie augenblicklich ha⸗ ben— aber das Fleiſch; der Herr ſegne Sie, s“ alte Weib würd' jetzt nich' aufſtöhn; ich hab' aber kalt's Rindfleiſch, vielleicht thut's das auch— oder ein Schun⸗ kenknochen?“ „Zum Teufel mit Deinem Schinken, Ralph,“ ſchrie Dick;„haft Du kein rohes Fleiſch im Haus?“ „Rohes Fleiſch!““ wiederholte Ralpb ganz erſtaunt; „oh ja; siſt ein ganz ſchönes Stück Ochſenfleiſch da — wenn ſie dieß wollen.“ „Ja, gerade das will ich,“ ſagte Dick, indem er ſein Pferd etwas losgürtete;„gib mir einen Striegel — ſo— eine Hand voll Stroh kann ich von Deinem Kopf nehmen— nun lauf' und hol' den Branntwein — bring' lieber drei Flaſchen— mache ſie gleich aufz und nehme auch eine halbe Gölte voll Waſſer mit, damit ich den Schnaps damit vermiſchen kann.“ „Eine Gölte voll Waſſer und Schnaps, um ein rohes Stück Fleiſch damit'nunter zu ſchwemmen— ſo wahr ich lebe!“ rief Ralph aus, indem er ſeine ver⸗ ſchlafene Augen weit aufriß, und im Weggehen hinzu⸗ fügte;„ich hielt ſie immer für Straßenräumer des Rums wegen, wie ſie ſich ſelbſt nennen, aber jetzt weiß ich es ganz gewiß.“ Der pünktlichſte Groom hätte ſeinem Leibpferde nicht mehr Aufmerkſamkeit und Sorgfalt erweiſen Rookwood M. 17 253 können, als Dick. Er ſtriegelte es, trocknete es ab, unterſuchte jede Muskel, betaſtete jede Nerve, zupfte es an den Ohren, unterſuchte den Zuſtand ſeiner Füße, und wuſch es endlich, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſein Widerriſt unverletzt ſei, vom Kopf bis zu den Füßen mit einer Miſchung von Branntwein und Waſſer; jedoch nicht eher, als bis er ſelbſt ſeine eigene lechzende Gurgel durch einen tüchtigen Zug von dieſer Flüſſigkeit erquickt, und das, was Falſtaff eine Taſchen⸗ piſtole nennt, damit angefüllt hakte. Während Ralph damit beſchäftigt war, die Beß nach ihrer Abwaſchung wieder trocken zu reiben, bearbeitete Dick das rohe Fleiſch nicht auf die Art, wie der Stallburſche es vermu⸗ thet hatte, ſondern wickelte es um das Gebiß des Zaumes. „Jetzt wird ſie ſo lange laufen, als ſie Athem in der Bruſt hat, ſagte er, indem er ihr das Gebiß wieder in den Mund gab. Nachdem der Sattel wieder in Ordnung war, und Beß einige Male an dem Gebiß gekaut hatte, begann ſie zu ſchnauben und die Erde mit dem Fuße zu ſtampfen, wie wenn ſie über den Aufenthalt unge⸗ duldig wäre; obgleich nun Dick zwar ihren unbeſieg⸗ baren Geiſt und ihre unerſchütterliche Kraft kannte, ſo verwunderte doch auch er ſich über ihren Zuſtand. Keine Anſtrengung ſchien ſie zu erſchöpfen, ihre Munterkeit ſchien um nichts verringert, ſondern als ſie wieder in's Freie kam, zeigte ſich ihr Schritt als eben ſo leicht und frei wie vor dem Ritte, und ihr Ohr noch ſo ſcharf wie nur je. Plötzlich ſpitzte ſie ihre Ohren und ſtieß ein dumpfes Wiehern aus. Man hörte ein fer⸗ nes Getrappel. „Ha!“ rief Dick aus, indem er in den Sattel ſprang,„ſie kommen.“ „Wer kommt, Kapitän?“ fragte Ralph. „Nicht wahr hier macht die Straße eine Wen⸗ dung— oder nicht?“ fragte Dick—„wendet ſich rechts durch das Gehölz dort unten?“ —— — „—— 259 „Ja— ja— Kapitän,“ antwortete Ralph;„man fieht's, Sie kennen den Boden. „Was liegt dort hinter jener Hütte?2 „Eine große Hecke, Kapitän— und dahinter ein Hügel deſſen Wände ſo gäh ſind wie ein Haus— nie kam ein unbeſchuhter Fuß noch hinunter.⸗ „Wirklich!“ lachte Dick. Ein lautes Hallvo von Major Wowbray, welcher wie eine Windsbraut daherſchoß, ſagte Dick, daß er entdeckt ſei. Der Major war ein ausgezeichneter Rei⸗ ter, und eilte allen voraus; er ſteckte ſeinem Pferde die Sporen mit aller Macht ein, ließ ihm vollkommen Luft, und flog daher wie eine Bombe durch die Luft. Die Waldungen von Burleigh entfernten ſich hier einige hundert Schritte von der Straße, und der hie⸗ durch entſtandene Raum war von einem, mit niedrig beſchnittenen Hecken eingefaßten Garten eingenommen. Nicht ein einziges Bäumchen ſtand zwiſchen Dick und ſeinen Verfolgern, ſo daß beide Partheien einander ganz genau beobachten konnten. Dick erkannte augen⸗ blicklich, daß jeder Verſuch zur Flucht ihn an der Bie⸗ gung der Straße unvermeidlich mit dem Major zu⸗ ſammenführen müſſe, fühlte aber durchaus keine Luſt, ein ſolches Wagſtück jetzt zu beſtehen. Er ſchaute ſich bedenklich nach der doppelten Hecke um. Kommen's ſchnell in den Stall— ſchnell Kapi⸗ tän, ſchnell,“ rief Ralph. „In den Stall?.— wiederholte Dick zaudernd. „Ja, in den Stall— haben ſonſt keine Wahl mehr. Sehn's ihn denn nicht um's Eck herum reiten, und wie ſie alle kommen ſchnell, Herr, ſchnell.⸗ Dick bückte ſich, und ritt in den Stall hinein, deſſen Thüre dem Major höchſt unhöflich vor der Naſe zugeſchlagen und ſodann verriegelt wurde. „Schurke!“ rief Major Mowbray, indem er an die Thüre donnerte.„Kommt heraus— Ihr ſeid nun endlich doch ertappt— wie die S in Eurer 1* * 260 eigenen Schlinge gefangen. Wir haben Euch— öffnet die Thüre, ſage ich, und erſpart uns die Mühe ſie einzuſchlagen. Ihr könnt uns nicht entfliehen. Wir fangen Euch und müßten wir auch das Gebäude nie⸗ derbrennen.“ „Was befehlen's, Herr?, rief Ralph hinter ſeinem Fenſter vor, von wo aus er den Major beobachtete und die Thüre zuhielt.„Sie irren ſich, s'iſt kein Menſch da hinnen.“ „Wir wollen es gleich ſehen, ſagte Paterſon, wrelcher jetzt auch angekommen war; mit dieſen Wor⸗ ten ſtieg der Haupt⸗Conſtable vom Pferde, ging einige Schritte zurück, um einen Anlauf nehmen zu können, und ſtieß mit ſeinem Fuß die Thüre auf. Nachdem dieß gethan war eilten der Major und Paterſon in den Stall hinein, aber er war leer. Eine Hinter⸗ thüre ſtand offen. Sie ſprangen durch dieſelbe. Unge⸗ fähr zwölf Schritte von der Thüre entfernt fiel der Hügel ſteil ab. Für einen Reiter war das Hinunter⸗ kommen höchſt gefahrvoll, aber doch ſah man Spuren von Pferdehufen in dem aufgelockerten Raſen. „Der Donner!“ rief der Major;»er iſt uns ent⸗ kommen.“ „Dort unten reitet er, ſagte Paterſon indem er auf Turpin wies, der ſchnell über eine dampfende Wieſe hineilte.„Sehen Sie, er biegt wieder nach der Straße ein— er ſetzt über die Hecke. Er hat uns, beim Himmel, einen ſchönen Streich geſpielt.!“ „Brav gemacht, in der That!“ rief der Major. „Bei allen ſeinen Fehlern ehre ich doch den Muth dieſes Burſchen, und bewundere ſeine Tapferkeit. Er iſt in dieſer Nacht ſo geritten, wie noch nie ein Menſch vor ihm. Ich hätte es nicht gewagt an dieſer Mauer hinunter zu reiten, denn es iſt eigentlich doch nichts anderes, und wenn mir der Feind dicht auf den Ferſen eweſen wäre. Was ſagen Sie dazu, meine Herrn? Haben Sie genug, wollen wir ihn gehen laſſen, oder—?“ —,— 261 „So weit auch die Jagd gehen mag, ſo glaube ich doch nicht, daß wir die Sache zur Entſcheidun bringen,“ ſagte Titus.„Ich glaube nicht, daß i mich in der nächſten Woche nur werde ſetzen können. Ich habe abſcheulich viel Haut verloren.“ „Was ſagt Mr. Coates?“ fragte Paterſon.„Ich richte mich ganz nach ihn.“ „Dann zu Pferd und fort,“ rief Cvates—„das öffentliche Wohl heiſcht es, daß wir ihn gefangen nehmen.“ „Und Privathaß,“ entgegnete der Major. „Doch das macht Nichts zur Sache— am Ende iſt es das Gleiche— der Gerechtigkeit ſoll Genüge ge⸗ ſchehen. Zu Pferde, meine Herren. Sputen wir uns.“ Titus vergaß ſein Leiden, als er wieder in Be⸗ wegung kam, und wandte ſich zu dem Advokaten, an deſſen Seite er ritt. „Wohin kommen wir denn jetzt?“ fragte er, in⸗ dem er auf einige, vom Mond beleuchtete Thürme einer Stadt hinwies, der ſie ſich raſch näherten. „Nach Stamford,“ erwiderte Coates. „Stamford!“ rief Titus aus,„bei allen Mäch⸗ ten, wir ſind jetzt ſo eine Kleinigkeit von neunzig Meilen geritten. Selbſt die großen Thaten Redmonds Oanlon ſind nichts dagegen. Ich werde den Tag meines Lebens daran denken, und mit Recht,“ fügte er bei, indem er ſeinen Sitz im Sattel langſam ver⸗ änderte. 262 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Aufreizung. 3 Wie floh, was Mondſchein ſchwach nur zeigt, Was Dunkelheit verbarg; Die Erde unter ihrem Tritt Der Himmel drüber fort. William und Helene. Dick Turpin eilte indeſſen ſtracks auf ſeinem Weg fort.— Beß hatte ſich weder auf den ſchlüpfrigen Weg am Abhang des Hügels hinunter, gegquetſcht, noch war ſie durch den Sprung über die Hecke er⸗ ſchüttert worden.„Es war eine verteufelte That, wie Dick ſagte. Nachdem die Landſtraße wieder gewonnen war, fiel ſie in ihren alten Schritt, und noch einmal 3 ließen ſie den ſchnellen Wagen der Zeit, in ſeinem ſauſenden Laufe über die Erde hin, hinter ſich zurück. Stamford und der Theil der ſumpfigen Grafſchaft Lincoln auf welchem es liegt, waren in einem Athem ² paſſirt. Rutland wird erreicht und paſſirt; ſie kom⸗ men wieder nach Lincolnſhire. Die Straße zog ſich jetzt einen Bogenſchußweit in dem Athen der Jagd 3(Corinth ſollten wir vielleicht ſagen) Melton Mow⸗ bray fort. Melton war damals noch unbekannt, 3 allein, wie von jener Jagdwuth beſeelt, welche jetzt alle erfaßt, die ſich auf zwanzig Meilen dieſer Cha⸗ rybdis der Jagd nähern, ſo griff Beß jetzt aus, daß auch der beſte Renner eines Squire's von Leiceſter⸗ ſpire mit ihr nicht hätte Schritt halten können. Der Geiſt, welchen ſie durch die Poren ihrer Haut einſog, und das Fleiſch, das ſie gekaut hatte, ſchienen ſie in eine übernatürliche Aufreizung verſetzt zu haben. Ihr Rennen war in der That fürchterlich— ihre Augen ———, 263 hatten ſich erweitert, und glänzten gleich hellem Kar⸗ funkel; während ihre weit ausgedehnten Nüſtern, in dem kalten Mondſchein, Funken wie aus einer Eſſe, zu ſprühen ſchienen. Turpin hätte vergeblich verſucht, ſie zu meiſtern; er hätte ſeine ganze, faſt übermenſch⸗ liche Kraft anwenden müſſen, wenn er ihrem Raſen hätte Einhalt thun wollen. Aber jetzt— und zwar das erſte Mal während ihres ſo unterwürfigen Lebens — wollte Beß ihren eigenen Kopf haben, und hatte ihn auch. Gleich einem gefälligen Freunde gab Dick nach.— Es lag etwas von ehelicher Philofophie in dieſer ſeiner Nachgiebigkeit.„Nun ſo ſoll ſie auch ihren Willen haben, die eigenſinnige Mähre,“ ſagte er,„ſie hat es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, und Nichts wird ſie davon abbringen, das weiß ich ſchon; ſie klappert wie die Zunge eines alten Weibes, und wenn das einmal anfängt, ſo wiſſen wir ja alle, daß die Kinnkette Nichts mehr hilſt. Es iſt am beſten, ſie austoben zu laſſen, oder ſie vielmehr noch anzu⸗ treiben— es wird nur um deſto bälder vorüber ſeyn. — Nur zu, mein Schatz! Ich weiß ſchon, wer von uns zwei am bäldeſten ermüdet.“ Wir haben bereits vorhin geſagt, daß die heftige Aufregung eines anhaltend ſchnellen Ritts in den Or⸗ ganen einen Parorismus hervorbringt, welcher ſich beinahe bis zum Delirium ſteigert. Dick's Blut rollte wieder gleich Feuer durch feine Adern. Zuerſt taumelte er, wie es nach einem tiefen Zug von einem recht feurigen Getränke der Fall iſt; dieſer Zuſtand war zwar ſchnell wieder vorüber, aber noch war der Geiſt in ſeinen Adern— wirkte auf ſein Gehirn ein. Alle ſeine Heftigkeit, Hitze und Wuth kehrten zurück — er ritt wie toll, und ſteckte auch ſeinen Renner mit ſeiner Raſerei an. Beß ſprang— bäumte ſich — riß den Voden unter ſich auf— während Dick in einem langen, wilden Halloh ſeiner Aufregung Luft machte. Mehr als die Hälfte ſeines Weges iſt jetzt 264 gemacht. Er hat alle Schwierigkeiten beſiegt. Er braucht keinen Halt mehr zu machen. Beß trägt ihr Futter bei ſich. Der Weg iſt gut— der Erfolg ſcheint gewiß— ſchon ſieht man den Grenzpfahl— der Weg des Ruhmes iſt gewonnen. Noch ein wil⸗ des Halloh, auf welches das Echo der Wälder ant⸗ wortet, ertönt, und weiter geht der raſende Ritt. Fort!— fort!— Du unvergleichliches Pferd! — noch ſind deine Nerven ſtraff— halte, halte deinen Athem, denn das Ziel iſt noch nicht erreicht. Doch vorwärts, vorwärts, immer fort, Es ſchnaubt das Roß mit Macht; Der Reiter athmet tief und ſchwer, Bei dieſer wilden Jagd. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Galgen. Sieh' dort, ſieh' da, was hier ſich ſchwingt Und in den Luften ſchwenkt; Galgen und Rad und Rabenſtein, Ein Mörder d'ran gehenkt. William und Helene. Wie der beulende Sturmwind im Dezember über die Ebene hinſtreicht, ſo durchflogen Perd wd Reiter den noch übrigen Theil von Lincolnſhire. Grantham iſt paſſirt und langſamer geht es den Hügel von Go⸗ meby hinan, welcher Turpin ſehr gut bekannt iſt, denn hier hatte ſchon manche Börſe ihren Herrn ge⸗ wechſelt. Mit ſenem Gefühle der Unabhängigkeit und des Frohſinns, welches wohl Jedermann ſchon gefühlt bat, ſab ſich Turpin ringsum, als er den Hügel er⸗ ſtiegen hatte. Sein Auge leuchtete riumphirend; allein dieſer Triumph war ſchnell vorüber, als ſein Blick —— 265 auf einen Galgen ſtel, welcher nahe bei ihm auf einer runden Hügelſpitze— der Grenze des großen Thals von Belvior— ſtand. So große Eile Dick auch hatte, ſo bog er dennoch augenblicklich von der Straße ab, und nahte ſich jenem Platze. Zwei vogelſcheuchen⸗ artige Körper, an welchen nur noch alte Lumpen und roſtige Ketten hingen, baumelten an dem Galgen. Das Gekreuſch einer Nachteule, welche um die Leich⸗ name herumflog, vermehrte noch das Schauerliche der Scene. Auf dieſem einſamen Platze konnte man nichts ſeben, als den lebendigen Hochſtraßenmann und die Skelette ſeiner Brüder. Rund um ihn waren die öden Hügel, welche in das Mond beſchienene Thal hinabſchauten— zu ſeinen Füßen lag ein Stück von einem Balken— über ihm beleuchtete der blaß ver⸗ finkende Mond den bewölkten Himmel auf geiſterhafte Weiſe— vor ihm hingen die bleichen Gebeine der Mörder, denn dieß waren ſie. „Ich möchte wohl wiſſen, ob dieß einſt auch mein Loos ſein wird? ſagte Dick, indem er unwillkürlich aufwärts blickte und dabei zuſammen ſchauderte. „Ja, er will eine Gemahlin,“ rief eine gebückte Geſtalt, welche plötzlich hinter einem einzeln ſtehenden Buſch hervorſprang. Beim Erblicken dieſer unerwarteten Erſcheinung erſtarrte Dick faſt in ſeinem Sattel und Beß fuhr er⸗ ſchrocken zuſammen. „Wie! Du biſt es Barbara, Du Teufelsmutter? rief Dick aus, als er ſah, daß es die Zigeuner⸗Köni⸗ in und kein Geſpenſt war.„Sei ruhig, Beß— gehe, mein Mädchen. Was thuſt Du hier, Mutter der Finſterniß? Sammelſt Du Alraun zu Deinen Gifttränken, oder ſtiehlſt Du Fleiſch von den Todten? Laß' ihre Gebeine in Ruh', oder ich werde Dich fort⸗ zutreiben wiſſen. Was ſchaffſt Du hier, frage ich, Du alte Mutter des Galgens? „Ich will hier ſterben!“ erwiderte Barbara ſchwa⸗ 266 chen Tones, und zeigte, indem ſie ihre Kappe zurück⸗ ſchlug, Züge, welche ſo geiſterhaft waren, als die der Skelette. „In der That,“ erwiderte Dick,„Ihr habt Euch da ein liebliches Plätzchen dazu auserſehen, das muß ich geſteh'n. Aber Ihr wollt doch jetzt noch nicht ſterben?“ „Weißt Du, wem dieſe Leichname da gehören?“ ſagte Barbara, indem ſie aufwärts deutete. „Zweien Deines Stammes,“ erwiderte Dick; „ächten Brüdern der Klinge.“ „Meinen zwei Söhnen,“ kreiſchte Barbara;„mei⸗ nen zwei Kindern. Ich bin hierher gekommen, um meine Gebeine neben die ihrigen zu legen— ihr Grab ſoll auch das meinige ſein; mein Leib ſoll den nämlichen Vögeln, welche ihr Fleiſch ernährte, zur Speiſe dienen. Wenn die Geiſter gehen können, ſo werden wir miteinander auf dieſem Hügel herum⸗ ſchweifen. Ich ſage Dir etwas, Dick Turpin,“ fuhr die Hexe fort, indem ſie ſich dem Hochſtraßenmanne ſo weit näherte, als es wegen der Beß anging;„die Todten gehen und reiten; ja, reiten— dieß iſt ein Troſt für Dich. Ich habe es ſchon geſehen. Ich habe ſie ihre Ketten wegwerfen und tanzen ſehen— ja, ſie haben ſchon mit mir getanzt— mit ihrer Mutter. Keine Luſt kommt derjenigen der Todten gleich, Dick. Ich werde bald mit ihnen vereinigt ſein.“ „Aber Ihr werdet doch nicht ſelbſt gewaltſame Hand an Euch legen wollen, Mutter?“ ſagte Dick, welcher nur mit Mühe Herr über ſeinen Schrecken werden konnte. „Nein,„ erwiderte Barbara mit verändertem Tone.„Ich werde die Natur ihr Geſchäft verrichten laſſen— ich wollte, ſie thäte es etwas raſcher; allein ein Leben wie das meinige endigt ſich erſt nach lan⸗ gem Kampfe. Warum ſollte ich denn aber auch noch leben? Alle ſind dahin— ſie und ihr Kind! —— 267 Doch was geht Dich das an! Du haſt kein Kind— und hätteſt Du auch eines, ſo könnteſt Du es doch nicht wie ein Vater lieben— doch all' eins— ich fasle. Höre mich an. Ich bin an dieſen Ort herge⸗ krochen, um hier zu verenden. Schon fünf Tage bin ich hier, und noch keine Nahrung ging über dieſe Lip⸗ pen— kein Getränk, mit Ausnahme des Himmels⸗ thaues— erquickte dieſen lechzenden Gaumen. Die Zeit kann nicht mehr fern ſein— kannſt Du jetzt er⸗ rathen, wie ich ſterben will?— Hinweg, verlaß' mich — Deine Gegenwart ßtört mich. Ich will meinen letzten Athem allein aushauchen, und Niemand ſoll Zeuge meiner Todesqual ſein.“ „Ich will Euch nicht weiter ſtören, Mutter,⸗ ſagte Dick, indem er ſein Pferd wandte,„aber ich werde auch Euren Segen nicht verlangen.“ „Meinen Segen!“ ſtieß Barbara grimmig her⸗ vor.„Du ſollſt ihn haben, wenn Du ihn willſt, aber Du wirſt nur einen Fluch finden. Halt— ich habe da einen Gedanken. Wohin gehſt Du? „Ich ſuche Sir Lukas Rookwvod, erwiderte Dick, „wißt ihr etwas von ihm?“ „Sir Lukas Rookwood!— Du ſuchſt ihn— Du möchteſt ihn gerne finden?, kreiſchte Barbara. „Ja,“ ſagte Dick. „Du wirſt ihn auch finden, ſagte Barbara— „und zwar bald. Aber ich werde ihn nie mehr ſehen — ich wollte ich könnte! Ich habe einen Auftrag an ihn— einen auf Leben und Tod. Willſt Du ihn ihm überbringen?“ „Ich will?, ſagte der Hochſtraßenmann. „Schwöre bei dieſen Gebeinen, daß Du es thuſt,⸗ rief Barbara, indem ſie mit ihren knöchernen Fingern auf den Galgen deutete.„Daß Du meine Botſchaft ausrichten willſt.⸗ „Ich ſchwöre,“ rief Dick. „Breche Deinen Schwur nicht, oder wir werden 263 Dich bis zum Ende Deines Lebens heimſuchen,“ ſagie Barbara, und fügte, indem ſie ihm ein verſiegeltes Packet übergab, bei:„gib dieß dem Sir Lukas Rook⸗ wood— ihm allein. Ich würde es ihm durch andere Hände als die Deinigen überſchickt haben, aber mein Volk hat mich verlaſſen— ſie haben mich geplündert — haben mir Alles geſtohlen außer dieſem. Ich, die — doch all eins. Gib das, ſage ich, dem Sir Lukas mit Deinen eigenen Händen;— Du haſt es geſchwo⸗ ren und wirſt Deinen Schwur nicht brechen. Gib es ihm und ſage ihm, er möchte beim Oeffnen desſelben der Sybille gedenken. Allein er darf es nicht bälder thun, bis Elevnore in ſeiner Gewalt iſt; und ſie muß beim Erbrechen des Siegels zugegen ſein. Es be⸗ zieht ſich auf Beide. Wage nicht, es zu öffnen, oder mein Fluch wird Dich verfolgen. Das Packet iſt durch einen dreifachen Zauber bewacht, der für Dich unheil⸗ bringend wäre. Gehorche mir, und mein ſterbender Hauch wird Dich noch ſegnen.“ „Fürchtet Nichts, ſagte Dick das Packet nehmend —„ich werde Euch nicht täuſchen, Mutter, verlaßt Euch darauf.“ „Hinweg!“ ſchrie die Hexe, und als ſie Dicks Geſtalt nach und nach auf der Heide ſich verkleinern und zuletzt ganz hinter dem Hügel verſchwinden ſah, fiel ſie zu Boden, da ihre ſchwachen Kräfte jetzt ganz erſchöpft waren.—„Seele und Leib mögen nun in Frieden hinfahren,“ ſchnappte ſie.—„Ich habe den Zweck meines Lebens erreicht.. Und ehe nur eine Stunde vergangen war, ſaß ſchon der Nacht abe auf ihrem noch athmenden Körper. Dick verfolgte, in tiefes und langes Nachdenken über dieſe ſeltſame Begegnung verſunken, ſeinen Weg. Endlich hatte er den Einfall, das Packet, welches ihm die alte Zigeunerin anvertraut hatte, zu unterſuchen. „Es fühlt ſich wie ein Käſichen an!“ dachte er;„es kann kein Gold ſein— aber vielleicht Juwelen— —— „* 8 S—— 8 8 269 aber es klappert nicht, und iſt auch nicht ſchwer ge⸗ nug. Was kann es wohl ſein?— Ich möchte es wohl wiſſen. Dahinter ſteckt ein Geheimniß, das hat einmal ſeine Richtigkeit— doch ich will das Siegel nicht aufbrechen, nein, ich nicht. Was ihren Zauber betrifft— der iſt keinen Ffifferling werth, aber ich habe geſchworen, es dem Sir Lukas zu übergeben, und ihren Auftrag auszurichten. Ich will mein Wort halten, wenn ich kann— er ſoll es haben.“ Mit dieſen Worten ſchob er es wieder in ſeine Taſche. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Vas geſpenſtiſche Pferd. Ich rede mit Dir, ob die Hölle auch Mich angähnt' und zu ſchweigen mir beföhle. Hamlet. Die Zeit drängt. Wir wollen uns in unſerem kaufe nicht aufhalten. Wir müſſen unſerm dahin⸗ raſenden Hochſtraßenmann vorausfliegen. Volle vier⸗ zis Meilen wollen wir in einem Athemzuge über⸗ ſpringen. Zwei weitere Stunden ſind verronnen, und er fährt noch bei ſeinem tollen Rennen fort; ſein Herz iſt ſo entſchloſſen, als nur je, und er hat ſeinen Sinn noch nicht geändert. Das ſchöne Newmark und den ſchäumenden Trent den lieblichſten von Englands Strömen', hat er ſeinen Lorbeeren hinzugefügt. Broad Notts mit ſeinen beſchwerlichen Straßen und holpri⸗ gen Hohlwegen— die Wüſte(nicht mehr Forſt) von Scherwood ſind paſſirt— die Erinnerung an Robin Hood und ſeine fröhlichen Geſellen, ſeine Marianne und ſeine Ritte im Mondſchein, iſt aufgeſtiegen und wieder vergeſſen.— Hurrah! Hurrah! dieſes wilde 270 Halloh! dieſe grüßende Hand— dieſes luſtige Ge⸗ ſchrei. Was ſoll dieß Alles bedeuten? Er iſt wieder auf dem Boden von Yorkſhire— der Huf ſeines Roſ⸗ ſes betritt wieder éinmal den Grund dieſer edeln Grafſchaft. In ſo freudiger Aufregung war Dick, daß er beinahe aus dem Sattel geſprungen wäre, um den Staub zu ſeinen Füßen zu küſſen. Dreimal fünf⸗ zig Meilen hat er ſchon gemacht, und noch iſt der Tag nicht angebrochen. Hurrah— bald iſt er am Ziele; halloh— halloh— fort! Bawtrey iſt paſſirt— er ſchlägt den nähern Weg über Thorne und Selby ein. Er reitet durch die Fluthen des tief geränderten Don. Beß begann jetzt einige kleine Anzeichen von Müdigkeit merken zu laſ⸗ ſen. Sie ſchnaufte etwas hart— ihre Augen wurden trübe— ſie ließ die Ohren hängen— und bekam einen unſicheren Gang, was Turpin mit großer Be⸗ ſorgniß wahrnahm. Noch rannte ſie zwar fort, aber nicht mehr ſo leicht und ſchnell als früher. Wie ein müder Vogel auf dem Ozean noch mit dem Sturm⸗ wind kämpft— wie der ermattete Schwimmer alle ſeine noch übrigen Kräfte aufbietet, um ſich vor dem Unterfinken zu bewahren— ſo auch ſie— Turpin wagte es auch nicht, zu halten, weil er fürchtete, daß ſie dann ihre Kräfte verlieren, oder wenn ſie fiele, nicht mehr auſſtehen möchte. Es war jetzt jene graue und unbehagliche Stunde gekommen, wo der Oſten noch nicht gelb oder roſen⸗ roth iſt, und ſelbſt die nie raſtende Natur eine kurze Ruhe erhaſchen zu wollen ſcheint. Dieß iſt auch die einzige Stunde, in welcher der Lärmen der geräuſch⸗ vollen Städte ſchweigt. Um Mitternacht iſt noch Alles wach— lebendig— in den Straßen tönt Gelächter und lärmen noch raſſelnde Wagen. Um die dritte Stunde hingegen herrſcht überall ein ſchauerliches, tiefes Schweigen. Die lauten Straßen find ſtumm geworden. Jedermann hat ſie verlaſſen, mit Aus⸗ —————„——— „ 271 nahme einiger Rachtwächter und lauernder Diebe. Aber auch fern von dem Treiben der Menſchen, und dem Lärmen der Stadt iſt es ſo.„Die beſte Pflege⸗ rin der Natur⸗ ſcheint die Natur zu unterdrücken, und überall herrſcht tiefe Stille. Auf unſere Gefühle übt die rauhe und ſchneidende Luft dieſer Stunde, in welcher weder die angenehm fröſtelnde Kühle des Morgens, noch die der tiefen Nacht herrſcht, einen großen Einfluß aus: der Körper kämpft vergebens gegen die betäubenden und erſchlaffenden Einwirkun⸗ gen, welche die Nebel verurſachen, und auch ſchnell ſich dem Geiſte mittheilen. Die Hoffnung verläßt uns. Wir ſind müde und erſchlafft; unſere Energie iſt dahin. Nicht drückt der Schlaf die Augenlieder nieder,“ wir ſtarren leer vor uns hin— wir beſchwö⸗ ren tauſend unſtäte, abſchreckende Bilder herauf— wir verlaſſen vorher gebildete Pläne, welche, in die⸗ ſer Stimmung betrachtet, uns als phantaſtiſch, chimä⸗ riſch und albern vorkommen. Uns fehlt die Ruhe, die Friſche, die Kraft. Wir wollen nicht gerade ſagen, daß Turpin alle dieſe Unbehaglichkeit fühlte. Aber er mußte anhaltend kämpfen, um über Schlaf und Erſchöpfung obzufiegen. Der Mond hatte ſich am Himmelsgewölbe ver⸗ loren. Die Sterne hoch oben an dem weiten Himmel, waren alle— mit Ausnahme eines einzigen, des He⸗ rolds des Morgens— erbleicht— dichte Nebel hingen über den Gewäſſern— und die Luft wurde ſchneidend kalt. Turpins ſtarre Finger konnten kaum mehr den ſchlaff herabhängenden Zügel halten, wäh⸗ rend ſeine, durch die ſcharfe Luft entzündeten Augen die ihn umgebenden Gegenſtände kaum mehr genau unterſcheiden oder den Weg erkennen konnten. Dieſem letztern Umſtande war es auch wahrſcheinlich zuzu⸗ ſchreiben, daß Beß plötzlich ſtolperte und fiel, wo⸗ 272 k6 der Reiter über ihren Kopf hinausgeworfen wurde.. Turpin ſtand ſogleich wieder auf. Sein erſter Gedanke war ſein Pferd.— Doch Beß war ſchnell wieder auf den Beinen— ſie war mit Staub und Schaum bedeckt— und blickte mit ihren großen, hel⸗ len Augen ihren Herrn wie flehend an. „Biſt Du verletzt, mein Schätzchen?“ fragte Dick, als ſie ſich ſchüttelte— und ſomit unterſuchte er ſie. —„Nichts als eine kleine Erſchütterung— aber die⸗ ſes trübe Aug'— dieſe zitternden Seiten—“ fügte er bei, indem er ſie ernſt anſah.„Sie kann nicht weiter; ich muß es aufgeben— was! es aufgeben, gerade wenn das Ziel erreicht iſt? Nein, dieß kann nicht ſein.— Ha— ein guter Gedanke— ich habe ja einen Trank von einem alten Burſchen, einem ge⸗ ſchickten Kerl und einſt weit berühmten Reiter, der, wie er mir ſchwur, ein Pferd ſo lange gehen mache, als es noch Beine habe; er hat mich, dieſen für einen von ihm— aber jetzt will ich doch den Verſuch machen. — Ich muß ihn wohl in dieſer Taſche hier haben. Ah! Beß, meine Dirne, ich fürchte, ich behandle Dich Allem nach wie Sir Lukas ſeine Geliebte, welche ich ſo treffend mit Dir verglich— doch all' eins— das Ende wird glorreich ſein.“ Dick legte nun ihren Kopf auf ſeine Schultern und ſchüttete ihr den Inhalt der Flaſche den Hals hinunter.— Er brauchte nicht lange zu warten— die belebenden Wirkungen derſelben zeigten ſich augen⸗ Nothfall aufzuſparen— ich machte noch nie Gebrauch blicklich. Das vorher glaſige Auge leuchtete wieder — ſie erhob ihren Kopf— ihre Seiten zitterten nicht mehr— und ſie wieherte laut und munter. „Schau, der alte Geſelle hatte Recht,“ rief Dick —„der Trank hat Wunder bewirkt.— Was zum Teufel mochte er wohl enthalten?— Es ſchmeckt wie Branntwein,“ fügte er bei, indem er ein wenig aus — 273 der Flaſche verſuchte.„Ich wollte, ich hätte auch noch etwas für mich übrig gelaſſen. Doch dieß wird den nämlichen Dienſt thun.“— Und hiemit trank er ſeine Schnapsflaſche bis zum letzten Tropfen aus. Dicks Glieder waren nun ſo ſteif geworden, daß er nur mit Mühe wieder zu Pferd ſteigen konnte— nachdem jedoch dieſe nothwendige Vorarbeit mit Hülfe einer kleinen Erhöhung gethan war, hatte er gleich wieder ſeinen gewohnten Sitz im Sattel gefunden. Wir wiſſen nicht, ob irgend eine Aehnlichkeit zwiſchen Turpin und jenem modernen Herkules der jagenden Welt, Mr. Osbaldeſtone beſtand— ferne ſei es zwar von uns, eine Vergleichung zwiſchen beiden anſtellen zu wollen, aber wir können nicht umhin zu glauben, daß Dick in einer Beziehung dieſem„handfeſten/ Squire geglichen habe. Doch dieß wollen wir der Entſchei⸗ dung unſerer Leſer überlaſſen. Dick ertrug ſeine Be⸗ ſchwerden wundervoll— er litt etwas von dem Mär⸗ tyrerthum, welches, nach Thomas Moore,„die Weber und M. P.s, wegen des langen Sitzens zu erdulden haben— doch kümmerte ihn, als er wieder auf ſei⸗ nem Renner ſaß, dieß alles nichts mehr. Noch ein Mal reitet er eiligen Flugs über die Ufer des Don, rast durch die Flachsfelder hin, welche dieſelben einfaſſen, und kommt beinahe ſchneller als die Wellen dieſes Fluſſes, zu deſſen Einfluß in den Aire. Snaith war paſſirt. Er war auf der Straße nach Selby als der erſte Strahl der Morgendämme⸗ rung ſich zeigte. Hie und da hörte man jetzt ein Zwit⸗ ſchern in den Hecken; ein Haſe, grau wie der Morgen ſelbſt, rannte über den Weg; und die Nebel begannen jetzt von der Erde aufzuſteigen. Ein goldener Schein, ähnlich dem Dache eines prächtigen Palaſtes, zeigte ſich im Oſten; allein die Dünſte waren in dieſem Land der Ströme und ihrer Nebenflüſſe ſchwer und dicht. Vor ſich hatte er die Ouſe, hinter ſich den Trent und die Aire; auf der andern Seite Derwent, Rookwood. I. „ 274 welche alle ſich mit einander vereinigen, ehe ſie ven rieſigen Humber bildeten. Es iſt nicht zu verwundern, daß in einer ſo waſſerreichen Gegend der Nebel ſo ſtark wie Regen fiel. Hie und da war die Luft etwas klar, aber dann kam wieder eine Dunſtwolke dick und fühlbar wie Rauch. Wie Dick in einer dieſer Nebelwolken ſich befand, ewahrte er einen andern Reiter neben ſich. Man onnte die Züge deſſelben unmöglich unterſcheiden, allein ſeine Geſtalt erſchien im Nebel rieſenhaft; eben ſo wenig ſah man die Farbe ſeines Pferdes. Nichts war zu entdecken, als die magern, Geſpenſter ähnlichen Umriſſe eines Pferdes und ſeines Reiters, und kaum hörte man den Schall der Hufe, da der Unbekannte auf dem Raſen zur Seite der Straße ritt. Turpin blickte ihn nicht ohne abergläubiſche Scheu an. Er verſuchte mehrere Male den ſeltſamen Reiter anzureden, aber ſeine Worte blieben ihm im Halſe ſtecken. Er glaubte in den— vom Nebel vergrößerten— Zügen des Fremden eine ſeltſame und phantaſtiſche Aehnlich⸗ keit mit ſeinem Freunde Tom King zu erkennen.„Es muß Tom ſein,“ dachte Turpin;„er kommt um mich von meinem nahen Tode zu benachrichtigen— ich will ihn anreden.“ Doch das Grauen war ſtärker als ſeine Zunge— er konnte kein Wort hervorbringen, und ſo ritten ſie ſtillſchweigend neben einander fort. Vor Furcht zitternd, obwohl er ſich dieß kaum ſelbſt geſtand, bewachte Dick jede Bewegung ſeines Begleiters— dieſer war ſtill, ernſt, geiſterartig, hoch⸗ gewachſen, und glich auf ſeinem geſpenſtigen Pferde einem Dämon. Sein Renner ſchien, in ſeinen unbe⸗ ſtimmten Umriſſen, nur Haut und Bein zu ſein, und als er wüthend in den Nebel hineinſchnaubte, ſo glaubte Dick in ſeiner Phantaſie einen Flammenſtrahl aus Maul und Nüſtern herausſchießen zu ſehen. Kein Wort wurde geſprochen— kein Ton gehört, ausgenommen 275 das dumpfe Geräuſch der Hufe auf dem Gras. Es war unerträglich, ſo Seite an Seite mit einem Ge⸗ ſpenſte zu reiten. Dick konnte es nicht länger mehr ertragen— er gab ſeinem Pferde die Sporen, und verſuchte zu entfliehen, doch umſonſt— der Fremde war, und zwar augenſcheinlich ohne Mühe, ihm wieder zur Seite, und Beß war, in der gleichen Angſt wie ihr Herr, gleichſam an den Boden genagelt. Nach und nach wurde aber die Luft heller— ſtarke, zitternde Strahlen drangen durch den Nebel, und jetzt ſah Dick, daß das, was er für das Geſpenſt Tom Kings gehal⸗ ten hatte, nichts anderes war, als Lukas Rookwood. Er ritt ſein altes Pferd, die Krähe, und ſah grimmig und wild wie ein Geiſt beim Hahnenſchrei d'rein. „Sir Lukas Rookwood zu dieſer Stunde!“ rief Dick voll Erſtaunen aus. ch hielt Sie für—“ „Den Teufel, ohne Zweifel?“ erwiderte Lukas ernſt lächelnd, und wartt erſchreckt, mich ſo nahe zu ben doch beruhigt Euch; noch bin ich Fleiſch und ut.“ „Hätte ich Sie für einen Sterblichen gehalten,“ ſagte Dick,„ſo wäre ich bald im Reinen über Sie geweſen; aber der Nebel täuſchte mich, und Beß war eben ſo thöricht als ich. Jetzt aber, da ich Sie er⸗ kenne, Sir Lukas, müſſen Sie ſchon etwas eilen, denn die Falken ſind losgelaſſen, und ich varf keine Sekunve verlieren, obwohl ich Ihnen vieles zu ſagen habe.“ Somit erzählte Dick kurz die Einzelheiten ſeines Ritts, und ſchloß mit ſeinem Zuſammentreffen mit Barbara. „Da iſt ein Packet,“ ſagte er,„gerade ſo wie ich es erhalten habe— Sie müſſen es bis zum geeigneten Zeitpunkt aufbewahren. Und da,“ fügte er bei, indem er in ſeiner Taſche nach einem andern Papiere ſuchte, „iſt der Heiratsſchein. Sie find jetzt der geſetzliche Sohn Ihres Vaters— da nehmen Sie es. Wenn Sie einmal die Hand der Miß Mowbray haben, ſo werden Sie den Dick Turpin nicht 276 „Das werde ich nicht,“ ſagte Lukas, indem er haſtig nach dem Papiere griff;„allein ſie wird nie die meinige werden.“ „Sie haben ja aber ihren Schwur?“ „Ja, den habe ich.“ „Was brauchen Sie denn mehr?“ „Ihre Hand.“ „Die wird ſchon folgen.“ „Sie ſoll folgen,“ erwiderte Lukas wild.„Du haſt Recht— ſie iſt meine verlobte Braut— verlobt vor der Hölle, wenn auch nicht vor dem Himmel. Ich habe ihre Hand auf Koſten meiner unſterblichen Seele erworben, und ſie ſoll mein werden; ich habe den Con⸗ Strakt mit Blut beſiegelt— mit Sybillens Blut— und es ſoll ſich erfüllen— mein ſoll ſie werden. Ich habe ihren Schwur— ihren Schwur— ha, ha! Und ſollte ich auch in dem Unterfangen zu Grunde gehen, ſo werde ich ſie dennoch dem Ranulph entreißen. Nie ſoll ſie ſein werden— ich würde ſie eher umbringen — ich daſſe ihn mit allem Haß eines Bruders. Kennſt Du dieſes Gefühl? Kein anderer Haß iſt ſo ſtark wie dieſer. Zwei Mal ſchlugen meine Verſuche ſie zu ent⸗ führen ſchon fehl. Ich komme eben jetzt von Rookwood; doch ne werde ich den Angriff erneuern. Willſt Du mir beiſtehen?“ „Morgen Nacht!“ unterbrach ihn Dick. „Nein, heute Nacht wollte ich ſagen— der neue Tag iſt ja ſchon angebrochen,“ erwiderte Lukas. „Ich komme— iſt ſie in Rookwood?“ „Sie ſchmachtet wirklich dort bei ihrer Mutter und ihrem Geliebten— ja, ihrem Geliebten— ihrem begünſtigten Liebhaber. Das Haus wird bewacht— Ranulph iſt ſtets bei der Hand, aber noch gefährlicher als er iſt Lady Rookwood. Aber wir wollen den Platz ſtürmen— ich habe einen Spionen in den Mauern — ein Zigeuner⸗Mädchen, welche mir ergeben iſt, Han⸗ daſſah. Durch ſie habe ich auch erfahren, daß der v—— 1—* * 277 Plan gemacht iſt, Eleonore und Ranulph zu verhei⸗ raten— daß die Heirat morgen in aller Stille Statt finden ſoll— dieß nun muß verhindert werden.“ „Ja. Aber warum denn nicht frei und kühn auf⸗ treten, und ſie fordern?“ „Warum nicht? So magſt Du fragen? Ich bin ein geächteter Miſſethäter— auf meinen Kopf iſt ein Preis geſetzt— ich werde durch das Land gehetzt— ich bin gezwungen mich verborgen zu halten, und darf mich nicht öffentlich zeigen, aus Furcht ergriffen zu werden. Was kann ich unter dieſen Umſtänden ma⸗ chen? Man würde mich mit Feſſeln belaſten— in ein Gefängniß begraben, und Eleonoren mit Ranulph verheiraten. Wie könnte ich ſo meine Rechte geltend machen? Zu was nützte da ihr Schwur? Nein; ſie muß durch Gewalt die meinige werden. Sein ſoll ſie nie werden. Noch ein Mal frage ich Dich, willſt Du mir helfen?“ „Ich habe ſchon geſagt— ich will. Wo iſt Alan Rookwood?“ „Er hält ſich in der Hütte von Thorm Waſte verborgen— Du kennſt ſie— es war einſi auch Deine Wohnung.“ „Ich kenne ſie wohl,“ ſagte Dick,„und Conkey Jem, ihren Eigenthümer, noch obendrein— er iſt ein durchtriebener Spitzbube. Ich werde um Mitternacht mit Ihnen bei der Hütte zuſammentreffen, wenn alles gut geht. Wir werden ihnen allen zum Trotz die Dirne wegbringen— ſo etwas iſt gerade nach meinem Geſchmack; aber ich halie es für gerathen, Ihnen meine zu übergeben, für den Fall, daß mir ein Unfall zuſtieße.“ Lukas wollte dieſes Anerbieten ausſchlagen. „Pah!“ ſagte Dick.„Wer weiß, was ſch ereig⸗ net? und ſie iſt dazu noch ziemlich geſtärkt. Sie wer⸗ den ſo einige Hundert in dem ſeidenen Beutel finden — es kommt nicht oft vor, daß ein Hochſtraßenmann 278 ſeine Börſe weggibt; doch nehmen Sie— wir werden heute Nacht Alles in Ordnung bringen; und ſollte ich nicht kommen, ſo behalten Sie ſie— ſie kann Ihnen vielleicht zu Ihrer Braut helfen— und nun machen Sie daß Sie zur Hütte kommen, denn Sie hindern mich nur. Adieu. Dem alten Alan meinen Gruß— wir wollen heute Nacht den Streich ausführen. Fort nach der Hütte— bleiben Sie dort ruhig bis Mitter⸗ nacht, und dann wollen wir zuſammen hinüber nach Rookwood reiten.“ „Um Mitternacht,“ erwiderte Sir Lukas wegrei⸗ tend,„erwarte ich Euch.“ „Aufgepaßt!“ hallohte Dick. Doch Lukas war verſchwunden. Im andern Au⸗ genblick flog Dick wieder ſo ſchnell als nur je über die Ebene hin. Indeſſen, da Dick ja doch zufällig auf die Falken angeſpielt hat, mag es nicht unpaſſend ſein, nachzuforſchen, ob ſie auch die Nacht hindurch geflogen ſind, und mit der Verfolgung ihres Raubes fortfahren. Mit Ausnahme von Titus, welcher in Granthan ab⸗ efallen war—„da er,“ wie er ſagte,„ſchon hin⸗ änglich ſatt habe,“— waren ſie alle noch auf dem Fluge, und entſchloſſen, früher oder ſpäter ſich auf ihre Beute zu ſtürzen— indem ſie, in Beziehung auf die Poſtpferde, das nämliche Verfahren wie früher beobachteten. Maior Mowbray und Paterſon ritten an der Spitze, allein der gallige und unüberwindliche Advokat, deſſen Wuth ſich durch die ausgeſtandenen Beſchwerden durchaus nicht vermindert hatte, blieb nicht weit hinter ihnen zurück. In Bawtey bielten ſie einige Minuten lang Kriegsrath, da ſie über die ein⸗ zuſchlagende Richtung etwas im Zweifel waren;— allein ihrer Ungewißheit wurde durch einen Fußreiſen⸗ den, welcher an der Grenze von Nottighamſpire Dicks lautes Halloh gehört, und ihn den Nebenweg einſchla⸗ gen geſeben hatte, ein Ende gemacht. Sie wählten alſo auf's Geradewohl hin die Straße nach Thorne, ————— 279 und erfuhren bald zu ihrer Befriedigung, daß es die rechte ſei. Wie wüthend rasten ſie 1 er. 6 erreichen Selby— ſie wechſeln in dem Ganyauſe, wei⸗ ches vor der ehrwürdigen Haupt⸗Kirche ſteht, die Pferde, und erfahren dort von dem Poſtknechte, daß vor un⸗ gefähr fünf Minuten ein ziemlich abgematteter Reiter auf einem abgejagten Renner durch die Stadt gekom⸗ men, und noch keine Viertelmeile voraus ſei.„Sein Thier war ſo todtmüde,“ fügte der Burſche bei,„daß er gewiß nicht weit gekommen ſein kann— und wenn Sie etwas ausgreifen laſſen, ſo werden ſie ihn ſicher einfangen, ehe er die Fähre von Cawood er⸗ reicht.“ Mr. Crates war außer ſich vor Entzücken.„Ehe eine Stunde vorüber iſt, werden wir ihn im Tburm von Bork im Trockenen haben, Paterſon,“ rief er Händereibend aus. „Ich poffe es, mein Herr,“ erwiderte der Haupi⸗ i—„aber ich fange an, etwas Uebelkeit zu püren.“ „Jetzt, meine Herren,“ rief der Poſiknecht,„kom⸗ men Sie— ich werde Sie bald bei ihm haben.“ an Kaum war er vom Ufer abgeſtoßen, als die Verfolger wieder ein Geſchrei ausſtießen— das Trap⸗ peln ihrer Pferde wurde deutlicher und immer deut⸗ licher gehörk. 280 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Fähre von Cawood. Der Anblick weckt mein Pferd gleich auf, Heißt die erloſchne Kraft ſich regen, Und treibt es an zu raſchem Lauf; Es wiehert ihnen ſchwach entgegen, Dann ſtürzt es plotzlich nieder, Schnauht, ſeine Augen ſtarr, es regen, Sich ſeine Schenkel nimmer wieder, Es war ſein erſter, letzter Ritt. Mazeppa. Als Turpin die Fähre von Cawood erreichte, war die Sonne gerade über dem hohen öſtlichen Hügel aufgeſtiegen, und wurde von dem tiefen und trägen Waſſer des Ouſe zurückgeſtrahlt. Nur mit Mühe war er bis hieher gekommen— mit Mühe und langſam. Die Kräfte ſeines edlen Pferdes waren erſchöpft, und kaum konnte er es ſo weit zuſammennehmen, daß es nicht fiel— es war gerade fünf ein halb Uhr— nur noch neun Meilen hatte er vor ſich— und dieſer Ge⸗ danke belebte ihn wieder. Er erreichte das Ufer des Waſſers— er rief nach dem Kahn, welcher am andern Ufer war. In dieſem Augenblick drang ein lautes Geſchrei an ſein Ohr— es war das Halloh ſeiner Verfolger. Verzweiflung mahlte ſich in ſeinen Blicken. Er rief nach dem Fährmann, und bat ihn ſchnell zu machen. Der Mann gehorchte; aber er hatte einen ſtarken Strom zu durchſchneiden, und einen ſchweren Das des Fluſſ Ruhig Fahrzeug war kaum bis in die Mitte gekommen. Seine Feinde waren nahe. nUfer auf und ab, und ging vorſich⸗ „ 281 tig in das Waſſer hinein. Man hörte einen Plumps, und Pferd und Reiter ſchwammen im Fluſſe. Major Mowbray war jetzt am Ufer angekommen. Er zauderte einen Augenblick, dann ſtürzte auch er ſich in das Waſſer. Daſſelbe that Mr. Cvates, den eine Manie für Bravvur im Reiten erfaßt zu haben ſchien. Nicht ſo Paterſon. Er zog ſehr kaltblütig ſeine Piſtolen heraus, und überlegte bei ſich das Für und Wider, wenn er Turpin während des Hinüber⸗ ſchwimmens niederſchöße.„Ich könnte ihn jetzt ganz ficher haben,“ dachte oder ſagte vielmehr der Conſtable; „doch zu was dieß? Ein todter Räuber iſt nichts werth — ein lebendiger wiegt 300 Pfunde. Ich will ihn nicht todtſchießen, aber doch erſchrecken.“ Und dem⸗ gemäß feuerte er. Der Schuß ſtrich über das Waſſer hin, aber ver⸗ letzte Niemand. Uebrigens war er die Urſache eines andern Unfalls, welcher für unſern im Waſſer befind⸗ lichen Advokaten beinahe unglücklich abgelaufen wäre⸗ Der über den Schuß erſchreckte Coates, riß in der Aufregung dieſes Augenblicks ſo ſtark an den Zügeln, daß ſein Pferd ſchnell wieder zu finken begann. Einige Augenblicke nachher tauchte er wieder auf, ſeine Ohren ſchüttelnd, und auf das Ufer zuſteuernd. Die Wirkung dieſes unerwarteten kalten Bades war ſo ſtark, daß Mr. Coates jetzt mehr an ſeine eigene Rettung, als an Turpin's Gefangennehmung dachte. Dick hatte in⸗ deſſen das entgegengeſetzte Ufer erreicht; die durch das Waſſer erfriſchte Beß kletterte an dem Ufer hinauf, und gewann ſchnell die Straße wieder.„Jetzt kann ich es thun,“ jauchzte Dick, dieſer Fluß hat ſie ge⸗ rettet.— Spute Dich, Schätzchen!— Spute Dich!“⸗ Beß hörte den aufmunternden Ruf, und beant⸗ wortete denſelben. Sie nahm alle ihre Kräfte zuſam⸗ men— ſtrengte jede Nerve an. Noch ein Mal trug ſie ihn auf den Schwingen des Windes von ſeinen Verfolgern hinweg, und Major Mowbrap, welcher 282 jetzt auch das Ufer erreicht hatte, und ihn gewiß zu haben glaubte, ſah ihn wie einen verwundeten Haſen unter ſeiner Hand entſchlüpfen.„Er kann es nicht ausdauern,“ ſagte er„es iſt nur das Aufflackern einer Flammte— das edle Pferd muß bald allen.“ „Dieß thut's g'wiß,“ ſagte der Poſtknecht.— „Wir werden's bald auf der Straß' finden.“ Gegen alle Erwartung hielt Beß aber aus, und ließ die Verfolger weit hinter fich. Ihr Schritt war ſchnell— aber die Bewegungen waren unſicher und mechaniſch— es fehlte die Leichtigkeit, die Ruhe, das Leben des früheren Rittes. Sie ſchien zu einer Arbeit, welche ſie zu vollenden hatte, angetrieben zu werden. Sie wurde zwar nicht gepeitſcht— nicht geſpornt: aber das Herz pochte, ſchlug gegen die Rippen— und ihr Geiſt ſpornte ſie vorwärts. Ihr Auge verlor den Glanz— ihre Bruſt ſchwoll an— ihre Seite zitterte — ſie ließ den Kopf finken. Noch lief ſie weiter.„Bei Gott, ſie ſtirbt!“ ſagte Dick—„ich fühle es—.“ Im⸗ mer noch ſprang ſie fort. Fulford iſt paſſirt. Die Tbürme und Dächer von Fork ſteigen plötzlich in aller Friſche, Schönheit und Pracht eines hellen und klaren Herbſtmorgens auf. Die alte Stadt ſchien ihm ein Willkommen, einen Gruß zuzulächeln. Das edle Münſter mit ſeinen ern⸗ ſten und maſſiven Kuppeln und Thürmen— geſchwärzt, laternenartig und ſchön; St. Mariens luftiger Thurm — der von Allerheiligen— die maſſiven, verfallenden Mauern des nahe liegenden Pförtchens— das grim⸗ mige Caſtell— und Clifford's benachbartes Burgver⸗ ließ— alles dieß leuchtete ihm entgegen,„einem ſchön⸗ augigen Antlitz gleich, welches laut lacht.“—„Es iſt gethan— es iſt gewonnen,“ rief Dick.„Hurrah— hurrah!“ Und die ſonnige Morgenluft hallte von ſei⸗ nem Freudengeſchrei wieder. Beß war nicht gefühllos gegen das Frohlocken — 283 ihres Herrn. Sie wieherte ſchwach als Antwort auf ſein Geſchrei und ſchwankte fort. Es war ein erbar⸗ mender Anblick— ihre ſtarren, heraushängende Augen — ihre zitternde Seite zu ſehen;— aber ſo lange Seele und Leib zuſammenhielten, läßt ſie nicht nach. Eine weitere Meile iſt gemacht. York iſt nah! „Hurrah!“ jauchzte Dick; allein plötzlich war er wieder ſtill.— Beß taumelte— ſiel. Es war ein ſchreckliches Schnappen— ein ſterbendes Geſtöhn— ein Schnauben— ihr Auge heſtete ſich einen Augen⸗ blick mit dem Glanze des Todes auf ihren Herrn— dann wurde es glaſig, trübe, ſtarr. Ein Fröſteln rie⸗ ſelte durch ihren Leib.— Ihr Herz hatte aufgehört zu ſchlagen. Dicks Augen waren wie durch Regen geblendet. Er vergaß ſeinen errungenen Triumph— nicht dachte er an ſeine Rettung mehr. Er ſtand weinend und fluchend da. „Und Du biſt dahin, Beß;“ rief er mit ſchmerz⸗ licher Stimme aus— indem er den Kopf ſeines Ren⸗ ners erhob, und ſein mit blutigem Schaum bedecktes Maul küßte.„Dahin, dahin! und ich habe das beſte Pferd getödtet, welches je geboren wurde! Und für was?“ fügte Dick bei, indem er ſich mit der geballten Fauſt vor den Kopf ſchlug— für was? für was?“ In dieſem Augenblicke ſchlug die dumpfe Glocke des Münſters die ſechste Stunde. „Ich weiß es jetzt,“ ſchnappte Dick;„es geſchah um dieſe Töne zu hören.“ Turpin wurde aus dieſem Zuſtande der Betäu⸗ bung durch einen leichten Schlag auf ſeine Schulter aufgeweckt. Dadurch wieder zu ſich ſelbſt gebracht, richtete er ſich plötzlich auf, und wollte ſeine Piſtolen aus der Taſche ziehen. Allein er wurde nicht in die Nothwendigkeit verſetzt ſie gebrauchen zu müſſen, da er ſeinen Störer als den bärtigen Zigeuner Balthaſar * 284 erkannte. Der Pairiko war als Bettler gekleidet, und trug einen großen Schnappſack auf dem Rücken. „So; das beſte Pferd in England iſt alſo hin, wie ich ſehe,“ ſagte Balthaſar;„ich kann mir wohl denken, wie es zuging— Ihr werdet verfolgt.“ „Ja, das werde ich,“ verſetzte Dick barſch. „Sind Eure Verfolger in der Nähe?“ „Einige hundert Ellen ſind ſie vielleicht noch ent⸗ ernt.“ „Was ſteht Ihr denn dann ſo hin?— flieht, ſo lange Ihr noch könnt.“ „Nie— nie,“ rief Turpin;„hier will ich es ausfechten— an der Seite der Beß. Arme Dirne! Ich habe ſie getödtet— allein ſie hat es doch ausge⸗ führt— ha, ha!— wir haben gewonnen— was?“ und wiederum ſchwieg er plötzlich ſtill. „Hört! Ich vernehme Pferdegetrappel und Ge⸗ ſchrei,“ rief der Patriko.. „Da, nehmt dieſen Sack— Ihr werdet einen Enz darin finden— eilt in jenes Gebüſch— rettet u 6 „Aber Beß— ich kann ſie nicht verlaſſen,“ rief Dick aus, indem er einen Blick des tiefſten Schmerzes auf ſein Pferd warf. „Aber wegen was anders ſtarb denn Beß, als um Euch zu retten?“ verſetzte der Patriko. „Wahr— wahr,“ ſagte Dick;„nehmt Euch ihrer an. Ueberlaßt dieſen Höllenhunden ihren Leichnam „Fort,“ ſchrie der Patriko;„überlaßt die Beß nur mir!“ 3 DDick ergriff den Sack und verſchwand in dem nahen Gebüſch. Kaum war er einige Sekunden weg, als Major Mowbray daher geſprengt kam. „Wer iſt dieß?“ rief er aus, indem er raſch vom ſprang, und den Patriko ergriff:„dieß iſt nicht Turpin.“ „Sicherlich nicht,“ erwiderte Balthaſar kaltblütig. Ich ſehe offenbar keinem Straßenräuber ähnlich.“ „Wo iſt er aber denn? Was iſt aus ihm gewor⸗ den?“ fragte Cvates in Verzweiflung, als er und Paterſon zu dem Major kamen. „Entflohen, wie ich fürchte,“ erwiderte der Major. „Habt Ihr Jemand geſehen, Burſche?“ fügte er bei, indem er ſich an den Patriko wandte. „Ich habe Niemand geſehen,“ erwiderte Baltha⸗ ſar. Ich bin ſo eben erſt hier angelangt— dieſes todte Pferd da erregte meine Aufmerkfamkeit.“ „Ha!“ rief Paterſon aus, indem er vom Pferd ſtieg;„dieß iſt allem nach Turpin. Er hat ſo viele Verkleidungen als der Teufel ſelbſt, und kann dieſen Bocksbart wohl mit ſich in der Taſche geführt haben.“ Mit dieſen Worten ergriff er den Patriko beim Barte, und riß mit eben ſo wenig Ehrerbietung daran, als der Gallier den römiſchen Senator beim Kinn faßte. „Der Teufel noch einmal! Hand weg,“ knurrte Balthaſar.„Bei Salomo, dieß dulde ich nicht— Glaubt Ihr denn, daß ein Bart wie der meinige, in einigen Minuten wächst? Hände weg, ſage ich.“ „Er hat es in der That ausgeführt!“ ſagte Pa⸗ terſon, indem er das Kinn des Patriko los ließ, und ganz verblüfft drein ſchaute. „Ja,“ rief Cvates,„er verdankt es dieſem Aas da. Hoffte ich nicht ihn an jenen Mauern baumeln zu ſehen,“ indem er auf das Caſtell hindeutete,„ſo möchte ich ihrem Herrn das gleiche Schickſal wünſchen. Zum Teufel mit ihr;“ und er wollte eben mit den Füßen nach dem Leichnam der armen Beß treten, als ein heftiger Schlag, welchen der Patriko mit ſeinem Knüttel auf ihn führte, ihn zu Boden warf. „Ich will Euch lehren mich ſo zu mißhandeln,“ 286 ſagte Balthaſar, der im Begriffe war, auch Paterſon anzugreifen. „Kommt, kommt,“ ſagte der getäuſchte Haupt⸗ Conſtable,„laßt es gut ſein. Es iſt klar, wir haben uns geirrt. Jedes Bein in meinem Körper ſchmerzt mich ſchon hinlänglich, auch ohne Euren Prügel, alter Kam'rad. Kommen Sie, Mr. Covates, nehmen Sie meinen Arm, und laſſen Sie es gut ſein. Wir haben einen hölliſch langen Ritt für nichts gemacht.“ „O nein,“ erwiderte Coates;„ich habe ihn ziem⸗ lich theuer bezahlt. Wir wollen aber doch ſehen, ob man in jenem Gehöfte dort unten nicht ein Früh⸗ ſtück bekommen kann; ich habe zwar meinen Morgen⸗ trunk ſchon eingenommen,“ fügte der drollige Mann des Geſetzes bei, indem er ſeine triefende Geſtalt be⸗ trachtete. „Arme ſchwarze Beß!“ ſagte Major Mowbray, indem er den Leichnam des Pferdes gedankenvoll an⸗ ſah.„Du hätteſt einen beſſern Herrn, und ein beſſeres Schickſal verdient. In Dir hat Turpin ſeinen beſten Freund verloren. Möge die Erde leicht auf Dir ruhen, Du bewunderungswürdiges Thier!“ Nach dem Gehöfte gingen ſie nun hin, und ließen den Patriko im unbeſtriitenen Beſitze des lebloſen Kör⸗ pers der ſchwarzen Beß. Major Mowbray befahl ein kräftiges Frühſtück in aller möglichen Schnelligkeit. Ein Bauer, welcher in ein Ueberhemd gekleidet 2 ße ſich eifeigſt mit ſeiner Morgen⸗ ahlzeit. Man ſollte glauben, der Kerl hätte einen gan⸗ zen Monat gefaſtet, wenn man ihm die Biſſen ſo hin⸗ unterfliegen ſieht,“ ſagte Coates;„da ſieht man die heilſamen Wirkungen eines redlichen und thätigen Le⸗ bens, Paterſon. Ich beneide ihn um ſeinen Appetit — das Eſſen würde mir weit beſſer ſchmecken, wenn Dick Turpin an ſeiner Statt hier wäre.“ Der Bauer ſah auf. Es war ein ältlich aus⸗ —„— v v 8* S*— ⸗ t 1 1. 1 ie E. it n 6 287 ſehender, ſchielender Burſche mit einem ſeltſam ver⸗ drehten Geſichte. „Ein häßlicher Hund!“ rief Paterſon;„wie der Kerl ſchielt!“ Was haben's vom Dick Taarpin g'ſagt?“ fragte der Bauer, den Mund halb voll mit Brod geſtopft. „Habt Ihr vielleicht etwas von ihm geſehen?“ fragte Coates. „Nein,“ brummte der Landmann zwiſchen ſeinen Zähnen—„aber sVolk ſpricht viel von em— s'heißt er trotz allen Richtern und Conſtables, und lach' in ſich hinein über ihre Verſuche ihn z'fangen— ha— ha! Er gehe in einem Tag über mehr Boden hin, als ſie in einer Woch'— ho, ho!“ „Dieß iſt jetzt alles vorbei,“ ſagte Coates mür⸗ riſch.„Er hat ſich ſelbſt an's Meſſer geliefert— ſein ausgezeichnetes Pferd zu Tod geritten.“ Der Bauer erftickte beinahe an einem Biſſen, wel⸗ chen er nur mit Mühe den Hals hinabzwängte.„So — in der That! Wie ging denn das zu?“ fragte er, als er wieder ſprechen konnte. „Der Thor ritt in der letzten Nacht von London nach Jork,“ entgegnete Cvates;„ſo etwas geſchah nie vorher— welches Pferd hätte aber auch eine ſolche Anſtrengung überlebt?“ „Ja, er war ein Thor, daß er das verſucht hat,“ der Bauer;„aber Ihr ſeid ihm doch g'folgt?“ d. „Und hab't'en auch g'kriegt?“ fragte der Land⸗ mann, ärger als je zuvor kauend. „Nein,“ entgegnete Coates,„dieß können wir nicht ſagen.— Aber wir bekommen ihn jetzt gewiß. Ich bin ſicher, daß er nicht weit weg ſein kann— wir find ihm vielleicht näher als wir ſelbſt glauben.“ „Mag wohl ſein, Herr,“ erwiderte der Bauer; „aber darf ich mer d'Freiheit nehmen zfragen, wie viel Gäul Sie braucht haben ein halb's Dutzend vielleicht?“ „Ein halbes Dutzend!“ grollte Paterſon; wenig⸗ ſtens zwanzig.“ „Und ich eines,“ ſtieß Turpin achtlos heraus, denn er war der Bauer. Der Eid. Es war ein böſer Schwur, doch beſſer wohl Gebrochen als gehalten— es entheben Ratur⸗Geſetz und das der Völker uns In ſolchen Fällen weiſe der Verpflichtung. Tateham. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Fütte auf Thorne Waste. Hind. Sind Pferd' und Waffen all' in Sicherheit? Furko. Gleich Plutos Roſſen freſſen unſ're Renner Da unten; unſ're Schwerdter und Piſtolen Sammt dem Geräth' birgt vn Sammel⸗ platz. Das Gelage des Fürſten der Diebe. Die Hülte von Thorne Waste, auf welche wir früher ſchon zufällig anſpielten, und auf die wir jetzt wieder zurückkommen, war ein elendes Gebäude, und ſtand einſam an den Ufern des tiefen und ſchlammig⸗ ten Don, an der ößtlichen Grenze eines ausgedehnten Moorgrundes. Scheinbar betrieb der Eigenthümer verſelben das Geſchäft eines Fährmanns an dieſer Stelle des Fluſſes, da ehen die Straße, welche an ————.—e————+————————————— SS— 289 ſeiner Wohnung vorbeiführte, nur wenig benützt wurde, ſo blieb ſein Fahrzeug die meiſte Zeit hindurch in tie⸗ fer Ruhe im Schlamme liegen. In der Wirklichkeit war er aber der Agent einer Schmuggler⸗Bande, welche an der nahen Küſte ihr Weſen trieb; ſeine Hütte war ihr Sammelplatz und nicht ſelten auch die Niederlage von geſchmuggelten Gütern, wie man ſagte. Conkey Jem(ſo wurde er von ſeinen Verbündeten, wegen des vorgebirgartigen Vorſprungs in ſeinem Geſichte, genannt) hatte früher das nämliche Geſchäft betrieben. Nach einer ſieben⸗ jährigen Abweſenheit aus ſeinem Vaterlande, während welcher Zeit er ein unſtätes und geſetzloſes Leben ge⸗ führt hatte, kehrte er wieder in dasſelbe zurück, und machte jetzt ſeine Geſchäfte mit ſo viel Umſicht und Klugheit, daß man ihn nie wieder über einer uner⸗ laubten Handlung ertappte. Eben ſo wenig drehte er auch ſeinen Mitſchuldigen je eine Naſe, obwohl er ſelbſt ſo verſchwenderiſch damit ausgeſtattet war, oder betrog er ſie, mit andern Worten. Im Gegen⸗ theile diente ſeine Hütte allen denen, welche ſich vor der Gerechtigkeit flüchten mußten, als Aſyl. Obgleich man nun die Heiligkeit ſeiner Mauern aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach nur wenig reſpektirt hätte, wenn man Jemand innerhalb derſelben entdeckt haben würde, ſo verloren ſich doch, ſogar wenn man einen Dieb in Jem's un⸗ mittelbarer Nachbarſchaft ausgeſpürt hatte,(was oft geſchah) alle Spuren von demſelben bei der Hütte des n* und war jede weitere Nachforſchung vergeblich. Das Innere des Gebäudes bot gerade einen ſol⸗ chen Anblick dar, wie man ihn nach dem Gewerbe des Eigenthümers und dem unſcheinbaren Aeußern erwar⸗ ten konnte. Es beſtand aus zwei Zimmern, an deren rauhen, weißgetünchten, ſchmutzigen Wänden, anſtatt einiger Gemälde beſſerer Art, eine Gallerie von ſchauer⸗ lich gemalten Balladen, die Thaten verſchiedener Hoch⸗ Rookwood. M. 19 1 11 290 ſtraßenmänner verherrlichend, herumhingen. Unter ihnen ſfigurirte auch unſer Freund Dick Turpin auf ſeinem ſchwarzen Pferde; und zwar war Beß durch einen ungeheuer großen, ſchwarzen Flecken vargeſtellt, und Dick hielt eine Piſtole in der Hand, welche be⸗ trächtlich länger war, als ſein Arm. Zunächſt dieſer ſeltſamen Sammlung ſah man ein Fiſchernetz, eine Angelruthe, eine Aalgabel und verſchiedene andere Fiſcher⸗Geräthſchaften, ferner ein Paar Bootſtangen, den Zeichen von Jem's Amt als Fährmann, an ver⸗ ſchiedenen Nägeln herumhängen. Das Ganze war durch Torf⸗Rauch geſchwärzt und beſchmutzt, da die Dünſte, welche von dem mit Torf bedeckten Feuer⸗ herde aufſtiegen, durchaus keinen regelmäßigen Aus⸗ gangsweg hatten. Die Hütte hatte nur ein Fenſter, und zwar in der Fronte; in das dunkle Zimmer, welches Jem als Schlafgemach diente, kam kein Licht mit Ausnahme desjenigen, welches durch die Verbin⸗ dungsthüre der beiden Zimmer hereindrang. Einige wenige zerbrochene Stühle, nebſt zwei ſchmutzigen Tiſchen bildeten den ganzen Hausrath des Fährmanns. Des ſeltſamen Eindrucks, welchen Jem's unge⸗ heure Naſe machte, ungeachtet, war ſein Aeußeres wild und abſtoßend; ſein dichtes ſchwarzes Haar bing in wilden, koboldartigen Locken über ſein flammrothes Geſicht herab; ſeine kleinen, gerötheten, wolfsartigen Augen blitzten unheimlich unter buſchigen Augenbrau⸗ nen hervor— während einzelne ſeiner Zähne, gleich Hauern, zwiſchen dicken Lippen und aus einem ſinn⸗ lichen Mund hervorſahen. Klein und mißgeſtaltet, wie er war, ſchien Jem für die Kraft gebaut zu ſein; und er glich mit ſeinen breiten Schultern, und dem kurzen Nacken faſt einem Würfel. Sein Hals und ſeine beharrte Bruſt, welche beſtändig jeder Witterung ausgeſetzt waren, hatten eine rothbraune Farbe, wäh⸗ i bis an die Schultern entblößten und mit einem Pelz, der ſo rauh war, wie das Fell eines ————— 291 Bären, bekleideten Arme und Hände eine Menge ſtark hervortretender Muskeln zeigten, deren Kraft wohl Niemand ungeſtraft auf die Probe geſetzt haben würde. Es war ungefähr Mitternacht; Jem, welcher auf dem Boden ſeiner Hütte ausgeſtreckt gelegen war, und ietzt plötzlich durch jene innere Stimme, welche nie verfehlt, Leute ſeines Handwerks genau zur be⸗ ſtimmten Zeit, die ſie munter finden ſoll, aufzuwecken, aufgetrieben wurde, fachte die verlöſchende Flamme auf ſeinem Herde wieder an. Nachdem er friſchen Torf zugelegt hatte, unterſuchte er Thüre und Fenſter, zündete, als er Schloß und Riegel in Ordnung, und den Fenſterladen feſt geſchloſſen fand, ein Licht an, und ging in ſein Schlafzimmer. Allein nicht um die nächtliche Ruhe zu ſuchen, zog ſich der Fährmann da⸗ hin zurück. Neben ſeiner gebrechlichen Lagerſtätte lagen leere Flaſchen und ein Bierfaß, wodurch das Zimmer faſt ausgefüllt wurde. Das letztere rollte er auf die Seite und drückte mit ſeinem Fuß auf das darunter ſich befindliche Brett. Dieſes gab nach und es zeigte ſich nun eine ſchmale Treppe, welche in die Erde hinab zu führen ſchien. Jem beugte ſich über den Abgrund und rief Jemand in heiſeren Tönen. Sein Ruf wurde augenblicklich beantwortet und am Fuße der Treppe glänzte gleich darauf ein Licht. Zwei Geſtalten kamen herauf. Die erſte, welche den Fuß in des Fährmanns Zimmer ſetzte, war Alan Rookwood; die andere aber, wie unſere Leſer viel⸗ leicht ſchon errathen haben werden, ſein Enkel. „Iſt es Zeit?“ fragte Lukas, indem er herauf⸗ prang. „Ja,“ erwiderte Jem mit heiſerem Gelächter; „ſonſt hätte ich mir nicht die Mühe genommen, Euch zu rufen. Aber Ihr möchtet vielleicht,“ fügte er bei, indem er ſein Benehmen etwas geſchmeidiger zu machen ſuchte,„eine Erfriſchung zu Euch nhen ehe Ihr 292 weggeht? So ein Schlückchen würde Euch zur Arbeit ſtärken, ha, ha!“ „Ich mag Nichts,“ erwiderte Lukas, welchem die Vertraulichkeit ſeines Gefährten unerträglich war. „Gebt mir etwas zu trinken,“ ſagte Alan— in⸗ dem er ſchwachen Schrittes auf das Feuer zuging, und ſeine dürren Finger über dasſelbe hinhielt.„Ich bin faſt erfroren in dieſem ſumpfigen Loch da drunten — das Feuer in meinem Innern iſt beinahe ganz verlöſcht.“ „Hier iſt etwas, was neues Mark in Eure alten Knochen bringen wird,“ verſetzte Jem, indem er ihm ein großes Glas Branntwein reichte—„trinkt es aus. Ich ſchwöre darauf, daß es Euch gut thun wird, Eure Kinnbacken ſehen ganz verteufelt ſonder⸗ ar aus.“ Alan hatte aber auch in der That etwas Geſpen⸗ ſtiſches an ſich; ſeit der Leſer nichts mehr von ihm hörte, hatte er ſich ſchrecklich verändert. Sein Geſicht war beinahe leblos; und als er mit unſicherer Hand und zitternden Lippen das ſtarke Getränk hinunter⸗ geſchüttet hatte, verzerrten ſich ſeine Züge zu einer ſchauerlichen Grimaſſe, wie ſie bei einem Leichnam durch die galvaniſche Maſchine hervorgebracht wird. Sogar Jem betrachtete ihn mit einer Art Scheu. Nachdem Alan wieder zu Athem gekommen war, brach er in ein wildes und ungemäßigtes Geläch⸗ ter aus. „Ja, in der That,“ rief er aus;„dieß macht wie⸗ der jung, und bringt neues Feuer in die Adern. Wer würde glauben, daß ſo viel Kraft und Leben in einem ſo kleinen Gefäße enthalten wäre? Ich bin wieder ich ſelbſt, und nicht mehr jener ſeelenloſe Erdenklotz wie vor wenigen Augenblicken noch. Die Dünſte die⸗ ſer Höhle hatten mich vernichtet— und die Einſam⸗ keit— die Träume, welche ich im wachenden Zu⸗ ſtande gehabt habe— die Erſcheinungen!— ſchreck⸗ 293 lich! doch ich will nicht daran denken— es iſt mir jetzt wieder beſſer— ich kann meine Plane ausfüh⸗ ren— Deine Plane, wollte ich ſagen— Enkel Lukas. Sind unſere Pferde in Bereitſchaft? Warum zögern wir? Die Stunde iſt da, und ich möchte nicht, daß mein friſch belebter Muth verfliege, ehe das große Werk, der Zweck meines Lebens, gethan iſt. Iſt es einmal geſchehen, dann brauche ich keine Stärkung mehr.— Laßt uns gehen.“ „Wir wollen noch auf Turpin warten,“ ſagte Lukas;„ich bin eben ſo ungeduldig, als Du. Ich fürchte, es hat ihn irgend ein Unfall betroffen, ſonſt hätte er ſein Wort gehalten. Glaubt Ihr nicht auch?“ fügte er bei, indem er ſich an den Fährmann wandte. „Nun,“ erwiderte Jem widerſtrebend,„da Ihr es mir anheimſtellt, und ich es nicht länger mehr verſchweigen kann, ſo will ich Euch ſagen, was ich ſeither verheimlicht habe, weil ich fürchtete, es möchte Euch niederſchlagen; Dick Turpin kann nichts für Euch thun— er iſt gefangen.“ „Turpin gefangen!“ ſtieß Lukas heraus. „Ja,“ erwiderte Jem.„Ich erfuhr es durch einen Pachter, welcher ſich heut' Abend überſetzen ließ, daß man ihn dieſen Morgen in Jork bekam, nachdem er ſein ſchönes, ſchwarzes Thier zu Tod geritten hat, dieß betrübt mich bei der ganzen Sache am meiſten, obgleich ich fürchte, daß Dick dieß Mal dem Galgen nicht enigehen wird.— Seine Zeit iſt um, glaube ich.“ „Wollt Ihr an ſeiner Statt mit uns gehen?“ fragte Lukas den Fährmann. „Nein— nein—“ erwiderte Jem kopfſchüttelnd —„es iſt zu gefährlich, und zu wenig zu gewinnen bei dem Geſchäft— es würde ſich nicht bezahlen.“ „Um welchen Preis würdet Ihr denn an dem Unternehmen Antheil nehmen?“ fragte Alan. „Um einen größern, als Ihr mir bieten könnt, 294 Meiſter Peter,“ erwiderte Jem, welcher Alans wirk⸗ lichen Namen und Stand nicht kannte. „Wie könnt Ihr das wiſſen?“ fragte Alan. „Jordert einmal.“ „Nun gut; ich will nur hundert Pfund ſagen; wenn Ihr ſo viel hättet, ſo könnte dieß mich beſtechen—“ „Eure Seele dem Teufel zu verſchreiben, ohne Zweifel,“ ſagte Lukas wüthend auf den Boden ſtampfend. „Wir wollen gehen— wir bedürfen eines ſolchen feilen Beiſtandes nicht— wir können es auch ohne ihn ausführen.“ „Halt,“ ſagte Alan,„Ihr ſollt die Hundert haben, wenn Ihr uns Eure Hülfe verſprecht.“ „Gebt Euch keine Mühe weiter, Meiſter Todten⸗ gräber,“ erwiderte Jem mürriſch.„Wenn ich gehen ſoll, ſo muß ich das Geld vorher haben— und dieß iſt doch mehr, als Ihr thun könnt, denk' ich.“ „Gib mir Deine Börſe,“ wisperte Alan ſeinem Enkel zu.„Pah,“ fuhr er fort,„zauderſt Du? Die⸗ ſer Mann kann viel für uns thun. Denke an Eleo⸗ noren, und ſei klug. Du kannſt Dein Vorhaben nicht ohne Beiſtand ausführen.“ Er nahm nun die ver⸗ langte Summe aus dem Beutel, und gab Sie dem Fährmann mit der Bemerkung:„wenn der Erfolg uns günſtig iſt, ſo ſoll ſie verdoppelt werden; aber jetzt laßt uns gehen.“ Während Alan ſprach, waren Jems ſcharfe Augen auf den Beutel geheftet, und mechaniſch griff er nach den Banknoten, welche ihm dargeboten wurden. Er konnte ſeinen Blick nicht wegwenden, ſondern ſtarrte fortwährend auf den Schatz vor ihm, wie wenn er ſich gerne durch Gewalt in deſſen Beſitz geſetzt hätte. Alan erkannte den Fehler, welchen er gemacht, indem er den Inhalt der Börſe dem habſüchtigen Fährmann gezeigt hatte, und er wollte dieſelbe eben wieder dem Lukas zuſtellen, als ſie ihm plötzlich ent⸗ riſſen und er ſelbſt durch einen Schlag zu Boden 2 —————————————————————————.— N — —— v— N— . . 295⁵ geworfen wurde. Conkey Jem hatte der Verſuchung nicht widerſtehen können. Da er wohl wußte, daß er ſeinen beiden Gäſten überlegen war, und an keine Störung dachte, ſo faßte er den Gedanken, ſie beide aus dem Wege zu räumen, und ſich ihres Geldes zu bemächtigen. Nicht ſobald hatte er ſich Alans ent⸗ ledigt, als er auf Lukas losging, welcher ſeinem An⸗ griff entgegenkam. Der Leſer kennt bereits die Kraft und Gewandtheit des Letztern, aber der herkuliſchen Stärke des Fährmanns, welcher ihn mit der Wuth eines Bären, dem er ſo ſehr glich, angriff, war er doch nicht gewachſen. Er hatte aber doch nicht im Sinne, wie man ſich auch leicht denken kann, ſein Leben ohne Kampf aufzugeben. Er erkannte die mör⸗ deriſchen Abſichten des Schurken ſogleich, und würde ſich, da er deſſen übermenſchliche Stärke wohl kannte, in kein Ringen eingelaſſen haben, wenn er es hätte vermeiden können; allein dieß war unmöglich. Er hatte die Aalgabel von der Wand geriſſen, und ſie ſeinem Feinde an den Kopf geworfen, aber ohne Er⸗ folg. Im nächſten Augenblicke ſchon ſtöhnte er unter Tatzen, welche ſo ſchrecklich waren, wie die eines Po⸗ larbären. Lukas war— ſeiner Anſtrengungen unge⸗ achtet, ſchnell zu Boden geworfen, und Jem, welcher ſich auf ihn geworfen hatte, ſuchte augenſcheinlich nach irgend einem Mordgewehr, um den Streit auf eine blutige Weiſe zu endigen, als plötzlich das Trappeln eines Pferdes, drei leichte Schläge an die Thüre und ein Pfeifen gehört wurde. „Verdammt!“ ſtieß Jem ärgerlich heraus;„ge⸗ ſtört!“ Er ſchien nicht ganz entſchloſſen zu ſein, und veränderte ſeine Lage auf Lukas' Leib ein wenig. Dieſer Moment war für Lukas ein Glück, und rettete ihm, aller Wahrſcheinlichkeit nach, das Leben. Er befreite ſich von den Krallen des Fährmanns— kam wieder auf die Füße, und was noch wichtiger „ 296 war, er konnte die Waffe, mit welcher er geworfen hatte, wieder ergreifen. „Schurke!“ rief er, und war im Begriff ſeinem Gegner den Spieß mit aller Macht in den Leib zu rennen.„Ihr ſollt—“ Wiederum hörte man das Pfeifen außen. „Merkt Ihr denn nichts?“ rief Jem;—„es iſt ja das Signal Turpins.“ 1 „Turpin!“ wiederholte Lukas— indem er die Spitze ſeiner Waffe ſinken ließ.„Mache die Thüre auf, Du ſchurkiſcher Verräther, und laſſe ihn herein.“ „Gut; ſagen Sie nichts, Sir Lukas,“ bemerkte Jem kriechend;„ich weiß, daß ich Ihnen mein Leben zu verdanken habe— ich danke Ihnen hiefür. Neh⸗ men Sie das Geld wieder— er hätte es mir eben nicht zeigen ſollen— dieß war an allem Unheil Schuld.“ „Die Thüre aufgemacht und das Maul gehalten,“ ſagte Lukas verächtlich. Jem gehorchte mit behender Eile, aber doch mit Widerſtreben und warf Lukas, während er die Riegel wegzog, argwöhniſche Blicke zu. Als die Thüre end⸗ lich geöffnet war, ſtürzte Turpin wild, erſchöpft und mit Staub bedeckt in das Zimmer herein. „Gut, vaß ich hier bin,“ ſagte er mit ſchallen⸗ dem Gelächter.—„Ich habe mein Wort gehalten— ha— ha!— Ich bin verdammt gejagt worden— aber da bin ich, ha— ha!“ und er ſank auf einen Stuhl hin. „Wir hörten, Sie ſeien gefangen worden,“ ſagte Lukas.„Ich bin froh, daß dieſe Nachricht falſch war,“ fügte er bei, indem er den Fährmann zornig anblickte. „Wer dieß Ihnen geſagt hat, der log, Sir Lu⸗ kas,“ erwiderte Dick;„aber warum ſeht denn Ihr ſo mürriſch d'rein, alter Charon?— und auch Sie, Sir Lukas?— Warum ſeht Ihr denn einander ſo an?— Macht die Thüre feſt zu— verſchließt ſie Cerberus— recht ſp. Jetzt gebt mir ein Glas — S— günſtigen Erfolg hatten, und Alan wieder zu Sinne 297 Branntwein— dann erſt kann ich ſprechen— ein großes Glas— ſo— noch eins. Was ſehe ich denn da— einen todten Mann? den alten Peter— Alan, wollte ich ſagen— iſt ihm denn irgend etwas zuge⸗ ſtoßen, daß er ſo ruhig da liegt?⸗ „Ich hoffe nicht,“ ſagte Lukas, indem er ſeinen Großvater aufzurichten verſuchte.—„Der Schlag hat ihn nur betäubt.⸗ „Den Schlag?“— wiederholte Turpin—„Wie! fand denn ein Streit ſtatt? Ich dachte es mir doch, nach den freundlichen Blicken zu ſchließen, welche Ihr ein⸗ ander zuwerft. Kommt— kommt— unter uns dür⸗ fen keine Zwiſtigkeiten vorkommen. Gebt dem alten Erdenwurm einen Schluck von dieſem da— ich wette, es bringt ihn wieder zu ſich— ja reibt auch ſeine Schläfe damit, wenn Ihr dieß vorzieht— doch es iſt weit wirkſamer die Gurgel hinab— im natürlichen Wege— und hört, Jem, ſucht ſchnell in Eurer Hütte, ob ſc nicht etwas zwiſchen die Zähne, und ein ordent⸗ liches Bier im Keller vorfindet— ich bin hungrig wie ein Jagdgaul, und durſtig wie ein Kameel.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Major Mowbrap. Mephiſtopheles. mit Eurem Flederwiſch! ur zugeſtoßen! ich Wh t . au. Während der Fährmann in ſeiner Hütte nach Speiſe und Trank ſuchte beſchäftigte ſich auch Turpin mit dem noch immer betäubten Alan Lange brauchte es, bis ſeine und Lukas vereinigte Bemühungen einen 298 kam. Er war ſehr überraſcht, den Hochſtraßenmann hier zu finden, und drückte den ernſtlichen Wunſch aus, die Hütie ſo bald als möglich zu verlaſſen. „Dieß ſoll ſogleich geſchehen, mein werther Ge⸗ ſelle,“ ſagte Dick.„Allein wenn Sie ſo lang als ich gefaſteit, und überdieß auch noch etwas von meiner Anſtrengung verſchmeckt hätten, ſo würde Ihnen auch die Zweckmäßigkeit eines Abendeſſens mit leichter Mühe einleuchtend werden. Doch da kommt ja ſchon Jem mit einem Stück Brod und Speck. Ich könnte, glaube ich, ein ganzes Schwein verſchlingen, ſolchen Hunger habe ich.“ Mit dieſen Worten fiel er über das Brod und eine Flaſche ſtarken Marchbieres, welche Jem auf dem Tiſche aufgepflanzt hatte, her, und that mächtige Züge aus der erſteren, während Jem damit beſchäftigt war, den Speck auf der heißen Aſche zu röſten. Während der Zeit ſchritt Lukas ungeduldig im Zimmer auf und ab. Er hatte zwar die Aalgabel auf die Seite Plegt⸗ aber ſteckte ſogleich eine Piſtole vornen in die Bruſt, um jeden Augenblick, wenn es nöthig ſein ſollte, in Bereitſchaft zu ſein, da er der Treue des Fährmanns nur wenig traute. Er blickte ungeduldig auf Turpin, welcher ſein Abendeſſen mit einer ausdauernden Gefräßigkeit, die einem halb aus⸗ gehungerten Soldaten Ehre gemacht haben würde, ſfortſetzte;— allein der Hochſtraßenmann beantwortete ſeine Blicke nur durch das raſtloſe Arbeiten ſeiner kauenden Kinnbacken, und ſchien ſein Mahl allem An⸗ ſchein nach, nie endigen zu wollen. „Ich ſtehe in einer Sekunde zu Dienſten, Sir Lukas,“ ſagte endlich Dick;„Jjetzt iſt alles in Ord⸗ nung— ein Kapitalbier, Charon— ſo ſtark als der Styr— ha, ha!— noch eine Flaſche, und ich bin fertig— thut mir unendlich leid, daß ich Sie auf⸗ halte— können gar nicht glauben, wie ie in Rork in der Verkleidung als B habe alles dem alten Patrico zu — ——— ——————— zum geheimen Gang. Du kennſt den Eingang. Ich 299 alter Gauner— ha, ba! Meine alten Kameraden drehen einander nie eine Naſe, he Jem— helfen einander immer aus dem Waſſer— ſind immer brave Burſche— Eure Geſundheit, alter Freund.“ Jem gab eine mürriſche Antwort, indem er das letzte Stück Speck, welches ſogleich verſchlungen wurde, auf den Tiſch legte. „Arme Beß,“ murmelte Dick, indem er das letzte Glas Bier hinunterſtürzte.„Arme Dirne! wir be⸗ gruben ſie neben der Straße, unter die Bäume— tief— tief. Ihre Ruhe ſoll nie geſtört werden. Ach! Ach! meine gute ſchwarze Beß! doch all' eins— ihr Name lebt fort— ihre Thaten werden ſie überleben — ſie hat die Probe beſtanden. Und jetzt,“ fuhr er, ſich vom Stuhle erhebend, fort:„bin ich der Ihrige. Wo ſind die Pferde?“ „In dem unterirdiſchen Stalle,“ murrte Jem. Alan Rookwood war indeſſen zu ſeinem Enkel herangetreten, und beſprach ſich eine kurze Zeit lang mit dieſem allein. „Ich werde zum Geſchäft dieſer Nacht nicht ſtark genug ſein,“ ſagte er.„Dieſer Kerl hat mich durch und durch erſchüttert. Du mußt jetzt eben ohne mich nach dem Herrenhauſe gehen. Da haſt Du den Schlüſſel will Dich in der Gruft erwarten.“ „In der Gruft!“ wiederholte Lukas. „Ja, in unſerer Familiengruft,“ erwiderte Alan mit geiſterartigem Greinen—„es iſt der einzige Ort, wo ich für wirklich ſicher bin. Dort laſſe Du mich ſie ſehen. Laß mich wiſſen, daß meine Rache kommen iſt— daß ich im Sterben über i fluchten Bruder triumphire— durch D Enkel. Dein Bruder iſt Dein Rivale— zugter Rivale— Du weißt jetzt was Haß iſt „Ja,“ entgegnete Lukas grimmig. „Aber Dein Haß kommt dem m Du ha 300 gleich— er hat ein ganzes, ein langes Leben hindurch gedauert— gleich ſtark von Anfang bis zu Ende— von einem aus hat er ſich auf das ganze Geſchlecht ausgedehnt— auf alle außer Dir— und jetzt ſogar noch, wo der Tod ſchon auf meinem Geſicht liegt— wo der Geiſt aus ſeiner Kerkerwohnung zu entfliehen im Begriff iſt, brennt er noch ſo wild als nur jemals. Du kannſt von einem Haß gleich dieſem nichts wiſſen. Man muß zuerſt an Dir gefrevelt haben— ſo wie man an mir frevelte.“ „Mein Haß gegen Ranulph iſt ſo wild als der Deinige—“ „Nenne ihn nicht,“ kreiſchte Alan.„Doch ach! wenn ich an die Braut denke, welche er mir raubte — die junge— die ſchöne— welche ich bis zur Ra⸗ ſerei liebte— deren Andenken wie ein Widerhacken in meinem Herzen feſt ſitzt. Gott der Gerechtigkeit, wie konnte ich dieß ſo lange überleben— da andere Menſchen wegen der unbedeutendſten Sache ſchon da⸗ hin gehen. Meine ſterbenden Lippen follen ſeinen Namen noch nennen, und zwar nur um ihm zu fluchen.“ „Ich ſpreche nicht mehr von ihm,“ ſagte Lukas. „Ich werde Dich in der Gruft abholen.“ „Wenn es Dir aber mißglücken ſollte—“ „Dann kehre ich nicht wieder.“ „Erinnere Dich; morgen iſt der Tag, an welchem ſie mit Ranulph verheiratet werden ſoll.“ „Glaubſt Du denn ich hätte es vergeſſen?“ „Denke nur ſtets daran. Der morgende Abend muß ſie als die Deinige, oder als die ſeinige ſehen. ehren Schwur. Entweder Dir, oder dem Tode iſt ſie verlobt. Sollte ſie in der Wahl ſchwan⸗ ken, ſo ſei nicht unſchlüſſig; der Wille des Weibs iſt wankelmüthig— Gewiſſensbiſſe überwindet man leicht bei ihnen— nichts gilt ihnen ein Gelübde— aber laß ſie Dir nicht entgehen. Entferne Deine Schwäche. Du biſt jung und nicht altersſchwach wie ich. Sei feſt, 301 und,“ fügte er mit einem ſchrecklichen Blick bei,„wenn alles mißlingen ſollte— wenn Du umringt biſt— wenn Du ſe nicht fortſchaffen kannſt— dann gebrauche dieß,“ und hiemit drückte er Lukas einen kurzen Dolch in die Hand.„Er hat mich ſchon früher an einem meineidigen Weibe gerächt— er wird auch Dich an einer meineivigen Geliebten rächen, und Dir Rookwood verſchaffen.“ Lukas nahm die Waffe.„Soll ich ſie denn töd⸗ ten?“ fragte er. „Eher, als zugeben, daß ſie Ranulphs Frau wird.“ „Ja, alles andere eher als das; aber ich möchte nicht beide morden.“ wiederholte Alan.„Ich verſtehe Dich nicht.“ „Spybille und Elevnore“ erwiderte Lukas;„denn ſo wahr ich das Leben habe, wird die Schuld von Sybillens Tod auf mir liegen.“ ſo?“ fragte Alan;„ſie vergiftete ja ſich elbſt.“ „Wahr,“ erwiderte Lukas mit ſchrecklichem Nach⸗ druck,„aber ich ſprach mit ihr über den Mord. Höre mich an,“ ſagte er, indem er hohlen Tones ſeinem Großvater in die Ohren wisperte.„Ich ahne, daß ich nicht lange mehr auf dieſer Welt ſein werde. Ich habe ſie ſeit ihrem Tode wieder geſehen.“ „Puh— puh,“ erwiderte Alan.„Solche Reden ziemen ſich nicht für Dich. Laß dieſe weibiſche Ein⸗ bildung fahren.“ „Weibiſch oder nicht,“ verſetzte Lukas;„entweder 3 täuſchte mich meine Phantaſie, oder ich ſah ſie ſo ge⸗ nau, wie ich jetzt Dich hier ſehe, in dem Keller drun⸗ 1 ten, während Du neben mir ſchlummerteſt.“ „Es war eine Verirrung Deiner Phantafie,“ ſagte Alan Rookwood;„Du wirſt am Leben bleiben — leben, um Rookwood zu erben— leben, um ſie zermalmt vor Deine Füße hinfinken zu ſehen. Ich 302 ſelbſt bekümmere mich nichts darum, wie bald ich vor den Richterſtuhl Gottes treten muß, wenn ich nur weiß, daß Du Herr über Eleonorens Hand biſt, daß ſie Deinen Nebenbuhler nicht mehr glücklich machen, oder Deinem Glücke hinderlich ſein kann.“ „Von dem einen oder dem andern ſollſt Du Dich heute Nacht überzeugen können,“ ſagte Lukas, indem er den Dolch in ſeine Seitentaſche ſteckte. In dieſem Augenblicke hörte man ein Pferde⸗Getrap⸗ pel vor der Hütte, und im nächſten hallte die Thüre von lauten Schlägen wieder. Der Fährmann löſchte augenblicklich das Licht aus, und bedeutete den andern ſich ſtill zu verhalten.“ „Ho, ho!“ rief eine Stimme;„man braucht den Fährmann.“ „Potz Wetter!“ ſagte Dick;„ſo wahr ich lebe, es iſt Major Mowbray.“ „Major Mowbray,“ wiederholte Alan erſchreckt. „Was hat denn der hier zu ſchaffen?“ „Er iſt ohne Zweifel auf dem Wege von York nach Rookwood,“ ſagte Dick.„Wenn er hier iſt, ſo wollte ich darauf wetten, daß die andern auch nicht weit ſind.“ Kaum waren dieſe Worte aus Dicks Munde, als man wieder ein Trappeln, und Coates mit lauter Stimme Einlaß begehren hörte. „Wir wollen uns in das andere Zimmer zurück⸗ ziehen,“ flüſterte Turpin,„und dann kann man ſie ja immerhin hereinlaſſen, Jem; aber hört, ſucht ſie einige . Sekunden lang aufzuhalten.“ „Ich will es thun,“ ſagte Jem.„Es iſt ein Loch in der Wand, durch welches Ihr durchſehen könnt.“ Man vernahm jetzt wieder ein Gepolter, wodurch die Thüre faſt eingeſchlagen wurde.“ „„Nun ja, ich komme,“ ſagte Jem, als er das Zimmer leer ſah, gähnend, wie wenn er erſt aus dem Schlafe aufgewacht wäre.„Sie kommen doch nicht — 303 bälder über den Fluß, und wenn Sie auch einen noch ſo großen Lärmen verführten.“ Mit dieſen Worten ſchloß er die Thüre auf, und Coates und Paterſon, welche, wie es ſchien, mit dem Major nach Rvokwood gingen, traten in das Gemach. Major Mowbray hielt zu Pferd vor der Thüre. „Könnt Ihr uns vielleicht ein Glas Branntwein geben, um uns etwas vor dem Nebel zu ſchützen?“ ſagte Cvates, welcher von dem Gewerbe des Fähr⸗ manns ſchon etwas erfahren hatte.„Ich weiß, daß Ihr dieſes Getränk auch liebt.“ „Ich kann wohl, Maſter, wenn ich magz aber möcht' der and're Herr vielleicht nicht auch'rein kommen?“ „Nein, nein,“ ſagte Cvates;„Major Mowbray mag nicht abſteigen.“ „Gut, wie Sie wollen,“ antwortete Jem;„aber ich brauche einige Minuten bis ich den Kahn für all' die Pferde hergerichtet habe.“ „Nur den Branntwein vorerſt,“ ſagte Cvates; „was iſt denn dieß da?⸗ fügte der geſchwätzige Advo⸗ kat, die Ueberbleibſel von Dicks Mahl bemerkend, bei. „Wenn wir nicht ſo große Eile hätten, ſo wünſchte ich auch ſolchen geröſteten Speck.“ Jem öffnete die Thüre zu ſeinem Schlafzimmer mit der größten Vorſicht, aber ſcheinbarer Gleichgül⸗ tigkeit, und kam ſchnell wieder mit dem Branntwein zurück. Cvates füllte ein Glas für Paterſon, und ein anderes für ſich ſelbſt. Der Fährmann verließ das Haus, um nach ſeinem Kahne zu ſehen, und ſchloß die Thüre halb hinter ſich zu. „Meiner Treu, dieß iſt etwas Aechtes, Paterſon, ſagte der Advokat.„Wir können verſichert ſein, daß ſeine Stärke nie durch die Probe eines Aichers beurkundet rden iſt; nehmen Sie noch ein Gläschen; wir haben och zwölf Meilen bis nach Rookwood. Allem nach machten wir nur eine ſchlechte Nachtarbeit, Paterſon 304 — verdammt tölpelhaft von uns, ihn entwiſchen zu laſſen. Ich wünſchte mir nur noch einmal eine ſolche Gelegenheit. Ha, wenn wir ihn jetzt faſſen könnten — wie würden wir auf ihn losſtürzen— ihn augen⸗ blicklich in ſichern Gewahrſam bringen— wie würde mich eine ſolche Begegnung freuen. Bch ſage Ihnen etwas, Paterſon; wenn er je gefangen wird, ſo halte ich es für eine Gewiſſensſache, ſeiner Hinrichtung an⸗ zuwohnen, und zu ſehen, ob er fröhlich ſtirbt— ha, ha!— Sie glauben ſicher, daß er baumeln wird, Paterſon, he?“ „Warum nicht,“ erwiderte der Haupt⸗Conſtable; „ich möchte nur wünſchen, meine Belohnung ſo gewiß zu haben, als daß Turpin einmal am Galgen figuriren wird. „Ihre Belohnung?“ verſetzte Cvates.„Machen Sie ſich darüber keine Unruhe, mein Junge; Sie ſollen Ihr Geld haben, verlaſſen Sie ſich darauf; nein, ich Geld jetzt gleich geben, wenn es Ihnen o recht iſt. „Nur nichts auf morgen verſchoben,“ ſagte Paterſon;„wir wollen die Sache ſogleich ins Reine bringen.“ „Nun gut,“ ſagte Coates, eine Brieftaſche heraus⸗ ziehend;„Sie ſollen die verſprochenen Hundert haben; — Sie gewannen zwar nicht die Belohnung, welche auf Turpin geſetzt iſt, die dreihundert Pfunde, allein da kann man helfen— Sie ſollen die meinige haben — immer ein Mann von Wort, Paterſon,“ fuhr der Abokat fort, indem er das Geld vorzählte.„Mein Vater, der Diebsfänger, war ſchon vor mir ein Mann von Wort.“ „Darüber iſt kein Zweifel,“ ſagte der Haupt⸗ Confiable—„ich werde mich immer glücklich ſchätzen, Ihnen dienen zu können.“ „Da iſt aber auch noch eine andere Angelegenheit,“ ſagte der Advokat geheimnißvoll, noch immer damit ——— . 30⁵ beſchäftigt Banknoten herzugeben—„die mit dem Lukas Bradley— ich meine den Kerl, der ſich ſelbſt Lukas Rookwood nennt— ha, ha! Ein arger Betrü⸗ ger!— Noch zehn, ſo macht es fünfzig— Sie be⸗ kommen alſo noch fünfzig, Paterſon— doch, wie ich ſchon ſagte, da könnte man ein hübſches Geſchäft ma⸗ chen— wir müſſen ihn ausſpüren— er iſt meiner Lady Rookwvod ſchon lange ein Dorn im Auge— er iſt ein verſchmitzter Schurke.“ „Ueberlaſſen Sie es nur mir,“ ſagte Paterſon; „ich habe ihn ehe eine Woche vergeht. Doch weſſen klagen Sie ihn an?“. „Des Mords, des Einbruchs, überhaupt jedes Verbrechens, welches auf der Erde möglich iſt,“ ſagte Coates.„Er iſt ein eingefleiſchter Teufel. Dick Tur⸗ pin iſt im Vergleich mit ihm noch ſo rein wie Milch. Beiläufig geſagt, ich glaube, daß dieſer Jem, Conkey Jem, wie das Volk ihn nennt, vielleicht etwas von Bravley weiß— er iſt ein durchtriebener Spitzbube, — ich will ihn doch ausforſchen. Dreißig, vierzig, fünfzig— dieß macht gerade die Summe. Nun dieß für Dick Turpin.“ „Dick Turpin dankt Ihnen hiefür in eigener Per⸗ ſon,“ ſagte Dick, Paterſon plötzlich die ganze Summe aus der Hand reißend, und den Haupt⸗Conſtable durch einen Schlag mit ſeiner Piſtole zu Boden werfend. „Ich wünſchte eben ſo gewiß dem Galgen zu entgehen, als Paterſon ſeine Belohnung empfangen hat. Sie find erſtarrt, mein Herr— Sie ſind auch wieder ein⸗ mal in den Händen der Philiſter. Sehen Sie, wen Sie vor ſich haben.“ Coates, welcher beim Anblick Turpins aus Schrecken beinahe alle ſeine Sinne verloren hatte, wagte kaum den Kopf zu drehen; allein als er es 2 wurde er durch die drohende Erſcheinung des Lukas, kwvod. M. nther einen in dem Schlafzimmer des Fährmanns 306 gefundenen Hirſchfänger in der Hand hielt, noch mehr erſchreckt. „Sie bürden mir alſo Verbrechen auf, welche ich nie begangen habe,“ ſagte Lukas.„Ich bin verſucht, ich geſtehe es, ihrer Zahl noch die Vernichtung Ihres unwürdigen Daſeins beizufügen.⸗ „Gnade, um Gotteswillen, Gnade!⸗ rief Coates aus, ſich Lukas zu Füßen werfend;„ich wußte nicht was ich ſagte.⸗ „Fort, Wurm, ſagte Lukas, ihn auf die Seite ſhenz„ich überlaſſe es andern, ſich mit Dir abzu⸗ geben.“ In dieſem Augenblick flog die Thüre auf, und hereinſtürzte Major Mowbray, den Säbel in der Hand, und von Conkey Jem gefolgt. „Da ſteht er, Herr,“ rief der Letztere;„auf ihn.“ „Wie! Conkey Jem verräth ſeine Cameraden?“ ſchrie Dick;„ich traue kaum meinen eigenen Ohren.“ „Macht Euch aus dem Staube, Dick,“ knurrte Jem;„der Springer iſt offen, und das Boot los— überlaßt Lukas ſeinem Schickſale— er iſt verkauft.. „Nimmermehr, ſchändlicher Verräther,“ ſchnaubte Dick;„Du biſt verkauft, nicht er;⸗ und kaum waren dieſe Worte geſprochen, als auch ſchon der verräthe⸗ riſche Fährmänn eine Kugel im Gehirn ſitzen hatte. Major Mowbray war indeſſen wüthend auf Lukas ie dieſer empfing ſeinen Angriff mit ger Entſchloſſenheit. Der Kampf war heftig, und ru drohie einen ſchnellen und unheilvollen Ausgang zu nehmen; von Seiten des Majors war es ein ver⸗ zweifelter Angriff auf Hieb und Stoß, welche Lukas nur mit Mühe abwehrte; aber dennoch war noch keiner der Kämpfenden verwundet geworden. Obgleich der Major Soldat war, ſo wußte ſich doch Lukas mit glei⸗ cher Kunſt zu vertheidigen, und war ihm im Gebrauch des kurzen hreiten Säbels vielleicht noch überlegen: , —*— ——ð *— 307 bei der gegenwärtigen Gelegenheit kam ihm ſeine Kaltblütigkeit ſehr zu Statten. Turpin wollte ihm, da er ihn hart bedrängt ſah, zu Hülfe eilen, aber Lukas rief ihm zu ſich entfernt zu halten, und alles, was Dick inmitten der blitzenden Klingen thun konnte, war, Tiſche und Stühle den Kämpfenden aus dem Wege zu räumen. Lukas' Arm wurde jetzt durch einen von Major Mowbray geführten Stich, der aber noch parirt war, leicht geritzt. Der Schmerz der Wunde reizte ſeinen Grimm. Er griff nun ſeinerſeits den Major mit ſolcher Heftigkeit an, daß dieſer durch den unwiderſtehlichen Anfall zurückgedrängt, über den Leichnam des Fährmanns, welcher ihm im Wege lag, fiel; wobei ihm ſein Säbel aus der Hand flog und er plötzlich ganz in die Gewalt ſeines Gegners kam. Lukas ſteckte ſeine Waffe ein.„Major Mowbray, ſagte er ernſt,„Ihr Leben iſt in meiner Gewalt— ich ſchone es wegen des Blutes, das uns verbindet— wegen Ihrer Schweſter— ich möchte meine Hand nicht gegen deren Bruder erheben.⸗ „Ich verlange keine Schonung, Schurke!“ rief der Major grimmig aus.„Ich halte Euch für nichts anders, als einen elenden Betrüger, welcher Anſprüche macht, die er nicht beweiſen kann; und was meine Schweſter betrifft, wenn Ihr nur wagt, Ihren Namen zu nennen“— und der Major machte einen vergeb⸗ lichen Verſuch ſich zu erheben und ſeinen Säbel, welchen aber Turpin weggenommen hatte, wieder zu bekommen. „Wagen!“ widerholte Lukas höhniſch,„Sie wer⸗ den meine Drohungen noch zu fürchten lernen und erfahren, wie weit ich zu gehen wage; in dieſer Hoff⸗ nung ſchenke ich Ihnen auch das Leben. Hören Sie auf mich, mein Herr. Ich bin im Begriff nach Rook⸗ wood zu gehen— ich weiß geheime Eingänge in das Haus— in das Zimmer Ihrer Schweſter— in ihr Zimmer— merken Sie ſich dieß! Ich werde be⸗ waffnet— begleitet dorthin gehen.. noch o wird ſie die meinige werden. Ihnen— dem Ranulph — der Lady Rookwood, allen werde ich ſie entführen. Sie wird die meinige, und Sie vor Tagesanbruch mein Bruder werden, oder—“ und Lukas hielt inne. „Welche weitere Schändlichkeit ſprecht Ihr nicht aus?“ fragte der Major grimmig. „Sie ſollen das Andenken Ihrer Schweſter be⸗ weinen,“ erwiderte Lukas finſter. Ich wähle das Letztere ohne Zaudern,“ verſetzte der Major—„Gott gebe ihr Kraft, Dir zu widerſtehen — aber ich zittere für ſie;“ und der ernſte Soldat ſtöhnte laut. „Da iſt ein Strick um ihn zu binden,“ ſagte Turpin;„er muß hier gefangen zurückbleiben.“ „Recht,“ ſagte Alan Rookwvod—„wenn nicht — doch es wurde ſchon Blut genug vergoſſen.“ „Ja, wahrlich,“ ſagte Bick—“ und ich hätte dem Conkey Jem gerne keine blaue Bohne zu ver⸗ ſuchen gegeben, hätte ich ein anderes Mittel gehabt, den ſchwatzenden Schurken zum Stillſchweigen zu brin⸗ en; doch der Major iſt ein edler Feind und ihm ſoll ein Leid geſchehen, ſo lange Dick Turpin dabei iſt.— Kommen Sie, mein Herr,“ fügte er bei, indem er ihm Hände und Füße band,„ich werde es ſo artig wie möglich thun— allein Sie ergeben ſich lieber gut⸗ willig— es iſt ja doch nichts mehr zu machen. Und nun zu meinem Freunde Paterſon, der mir ſo eifrig ein hänfenes Halsband verſchaffen wollte, ehe mein Hals in Ordnung war— er ſoll eine Ertra⸗Schlinge haben, damit er bei ſeinem Erwachen doch gleich das Unangenehme einer zu feſten Halsbekleidung ver⸗ ſchmecken kann.“ Mit dieſen Worten band er den Haupt⸗Conſtable auf ſolche Weiſe, daß jeder Verſuch zur Befreiung von ſeiner Seite, ihn unfehlbar er⸗ würgen mußte.„Was Sie betrifft, Mr. Coates,“ ſagte er, ſich an den bebenden Mann des Geſetzes wendend,„Sie ſollen mit uns nach Rovokwood.— — t —₰ 309 Sie können uns da von Nutzen ſein, und ich werde Ihnen einen Sitz hinter meinem Sattel anweiſen— eine Auszeichnung, welche ich noch nie zuvor einem Manne Ihres Standes angedeihen ließ. Erinnern Sie ſich noch des Bauers in dem Gehöfte bei ork?— ha, ha! Kommen Sie mit, mein Herr. Und Dick ſchickte ſich zum Weggehen an, nachdem er zuvor das Torffeuer ausgelöſcht hatte. Man würde vergeblich verſuchen, die Gefühle der Wuth und der Verzweiflung, welche in dem Buſen des Majors Mowbray ſtürmten, zu beſchreiben, als er die Verbündeten die Hütte in Begleitung des Mr. Coates verlaſſen ſah. Vertraut mit ihren Abſichten, machte er einige verzweifelte Verſuche zur Befreiung; da er aber hiedurch ſeine Bande nur noch feſter zog, ohne ſeine Lage im mindeſten zu verbeſſern, ſo ergab er ſich, wiewohl mit den ſchrecklichſten Ahnungen, in ſein Schickſal. Niemand haite er, der mit ſeinen Lei⸗ den hätte ſympathifiren können; neben ihm lag der blutige Leichnam des Fährmannes und in einiger Ent⸗ fernung der lebloſe Körper des Haupt⸗Conſtable. Auch wir müſſen ihn ſo daliegen laſſen, um Lukas und ſeinen Gefährten zu folgen. Sie hatten ſich wenig um ihre eigenen Pferde bekümmert, ſondern die erſten beſten, welche zur Hand waren, genommen, und bald die Wellen des trüben Don durchſchnitten. Nachdem ſie am andern Ufer des Fluſſes angekommen waren, ſtiegen ſie wieder auf und langten, von Lukas geführt, nach einem halbſtündigen, ſcharfen Ritte am Saume des Parks von Rookwood an. In den ſchönen Wald eintretend, ritten ſie einige Zeit lang ſtillſchweigend zwiſchen den Bäumen hin, dis ſie den Hügel erreichten, von welchem aus Lukas in der verhängnißvollen Nacht, in der er ſeiner Mut⸗ ter Verlobungsring fand, das Herrenhaus erblickt hatte.— Seither waren nur wenige Tage vergangen; aber welche Stürme waren in dieſem kurzen Zeitraume — 310⁰ über ſein Inneres hingegangen— welche Verwüſtun⸗ gen hatten ſie angerichtet. Bamals war er voll Kraft⸗ gefühl— Ungeſtümm— Unabhängigkeit. Die Zukunft bot ihm eine pelle, wolkenlofe Ausſicht dar. Reich⸗ thum, Ehre und Glück warteten augenſcheinlich ſeiner. Die Scene war immer noch gleich prächtig, friedlich, heilig, ruhig— gleich feierlich, wie in jener Nacht. Der Mond ſtand hoch am Himmelszelt, auf Wald und Waſſer ſeinen ſilbernen Schein werfend und die weißen Mauern des ruhigen Edelhauſes heraushebend. Die Natur war ruhig, heiter, friedlich. Unter den Bäumen ſah er das flüchtige Rothwild— über dem Waſſer ſtiegen neblige Dünſie auf— alles, alles war träumeriſch, lieblich, ſanft, alles, ausgenommen ſein Herz.— Dort war der Streit— dort die Verände⸗ rung. War es nur ein beängſtigender Traum, unter deſſen finſterem Druck er ſich abkämpfte, oder war es das ernſte, wachende, handelnde Leben? Die Erinne⸗ rung an ſeine wilde Laufbahn war in dieſem Augen⸗ blicke ſchrecklich für ihn. Er ſah, wohin ihn ſeine unbezähmbare Leidenſchaftlichkeit geführt hatte— er ſah, welche Folgen unvermeidlich daraus entſtehen mußten— er ſah auch ſein eigenes Geſchick voraus — aber wie toll raste er weiter. Er ritt um den Park herum, indem er ſich im Schatten des Waldes hielt, bis er in die Allee ge⸗ langte, welche nach dem Haus hinführte. Die Stämme der bejahrten Linden ſchimmerten ſilberweiß im Mond⸗ ſchein. Lukas griff bei einem der größten in die Zügel. „Ein Aſt iſt herabgefallen,“ ſagte er, als ſein Großvater zu ihm kam. „Hal rief Alan aus,„ein Aſt von dieſem Baum da?“ „Es bedeutet Uebles für Ranulph,“ wisperte Lukas,„nicht wahr?“ 27„Vielleicht,“ murmelte Alan;„es iſt ein großer 1 ⸗ t * ——* v v8 8 8 — 311 „Wir treffen uns in einer Stunde wieder, ſagte Lukas plötzlich. „In der Gruft unſerer Ahnen,“ erwiderte Alan; vori will ich Dich erwarten.“ Und als ſie von einander wegritten, murmelte Alan folgenden Vers aus einem ſeiner Lieder vor ſich hin: Doch ob es ſturmet oder ruht ob kein Gewölk man fieht, Das Schickſal will, daß jedes Mal dem Baum entfällt ein Slied, Ein gruner Aſt, noch unverſehrt von Beil und Sturm's Gewalt, Um anzudeuten Rookwood's Haupt, daß Tod ihm nahe bald. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Yoktor Small. Ich hab es manches Jahr ſchon fluſtern hören, Is ſtirbt Niemand aus unſerer Familie, Wenn man nicht einer alten Frau Geſtalt Erblickt, von der die Sage geht, es hätten Um ihres Reichthums Willen ihre Neffen Sie umgebracht.— Solch' ein Weſen g'rade Erſchien dem Fürſten als er ſpät noch ſaß Bei einem Buche— in der Nacht. Herzogin von Malfy. Wir werden nun wieder Rookwood⸗Place beſu⸗ chen, von wo wir ſo lange fern gehalten worden ſind. In einem jener großen, alterthümlichen Gemächer, welches, wie der Leſer ſich vielleicht noch erinnert, zu einer Reihe den öſtlichen Flügel des Hauſes bildenden Zimmer gehörte— in der nämlichen Nacht, in wel⸗ cher die eben erzählten Ereigniſſe Statt fanden, und ungefähr um die gleiche Zeit, ſaß Eleonore mit ihrer neuen Dienerin, dem Zigeunermädchen daaſaß. Die Augen der erſteren waren mit einer Miſchung von Zärtlichkeit und Mitleid auf die Züge eines vor ———— 3¹2 ihr auf einem Geſtell ſtehenden, ſchönen, weiblichen Portraits, welches viele Aehnlichkeit mit ihr ſelbſt hatte, obgleich es, nach der altmodiſchen Tracht zu ſchließen, ſie nicht vorſtellen ſollte, geheftet. Die nächt⸗ liche Geiſterſtunde war nahe; das Zimmer, düſter und dunkel, ſeiner einſt glänzenden Tapeten an manchen Stellen beraubt, und bei ſeinem großen Umfange nur ſchwach durch die auf dem Tiſch aufgeſtellten Lichter erhellt. Die Sage bezeichnete es als das Zimmer, in welchem ſchon viele der unglücklichen Damen von Rookwvod den Geiſt aufgegeben haben ſollten— und deßwegen war es auch vom Aberglauben als haupt⸗ ſächliches Eigenthum in Beſchlag genommen worden. Daſſelbe ſtand im Ruf, von Geiſtern heimgeſucht zu ſein, und hatte ſchon lange Zeit hindurch das Schick⸗ ſal ſolcher verrufenen Zimmer getheilt— es war nämlich vollkommen verlaſſen geweſen. Jetzt aber wurde es von einer Perſon bewohnt, welche zu jung und zu rein war, als daß ſie irgend etwas Ueber⸗ natürliches zu fürchten gehabt hätte. Eleonore ſchien übrigens von der tiefen Melancholie des Gemäldes, welches ſie anblickte, dennoch etwas ergriffen. End⸗ lich bemerkte Handaſſah, wie ſie ihre Augen ſchaudernd von dem Portrait abwandte. „Nimm es weg,“ rief Eleonore,„ich habe die⸗ ſes Bild meiner Ahnfrau ſo lange angeblickt, bis es fich zu beleben ſchien— bis ſeine Augen mir meinen Blick zurückzugeben und zu weinen ſchienen. Schaff' es hinweg, Handaſſah.“ Handaſſah nahm das Gemälde ſtillſchweigend weg und hing es an die Wand. ₰ „Nicht ſo— nicht ſo,“ rief Elevnore,„drehe das Geſicht gegen die Wand— ich kann dieſe Augen nicht ertragen; und nun komm her, Mädchen— näher zu mir her— denn ich weiß nicht, welche plötzliche Bangigkeit mich befallen hat— Dieß war ihr Zim⸗ mer, Handaſſah— das Zimmer meiner Ahnfrau— 313 aller Ladies von Rookwood— wo man ſagt— ha! — Hörteſt Du kein Geräuſch?— ein Raſcheln in der Tapete— Fußtritte an der Wand?— wie, Du blickſt ſtarr wie ich, Mädchen— bleibe bei mir— ich laſſe Dich nicht von der Seite— es war bloße Einbildung.“ „Ohne Zweifel, Lady,“ ſagte Handaſſah, ihre Augen auf die Tapeten richtend. „Pft!“ rief Eleonore.„Schon wieder.“ „Es iſt nichts,“ erwiderte Handaſſah; aber ihre Blicke ſtraften ihre Worte Lügen. „Gut, ich will mich beherrſchen,“ ſagte Eleonore, ihre Faſſuug wieder zu gewinnen ſuchend;„aber die Gedanken an Lady Rookwood— denn ſie war eine Eleonore wie ich,— Handaſſah— und ach! noch ungkücklicher— haben mich ganz ſchwermüthig ge⸗ ſtimmt— ich kann ſie nicht verbannen: obgleich dieſe ſchrecklichen Bilder ſo peinlich für mich ſind, ſo komme ich doch wieder wie durch Zauberei auf ſie zurück, als ob ich in ihrem Schickſal mein eigenes ſehen könnte. jede, welche einen Rookwood heiratete, hat es eklagt.“ „Aber Sie werden ja auch einen heiraten,“ ſagte Handaſſah. „Er gleicht den andern nicht,“ ſagte Eleonore. „Wie können Sie dieß wiſſen, Lady?“ fragte Handaſſah. Seine Zeit kann noch nicht gekommen ſein. Sehen Sie zuerſt, was der morgende Tag bringen wird.“ „Du mißbilligſt meine Heirat mit Ranulph, Handaſſah.“ „Ich war Sybillens Dienerin, ehe ich die Ihrige war, Lady. Ich erinnere mich eines feierlichen Ver⸗ trags mit der Todten, welcher durch dieſe Heirat ge⸗ brochen wird. Sie ſind durch einen Schwur einem andern verlobt, wenn er Ihre Hand verlangt.“ „Aber er hat ſie nicht verlangt.“ 31⁴ „Würden Sie ihn denn nehmen, wenn er es thätes“ fragte Handaſſah plößzlich „So meinte ich nicht,“ erwiderte Eleonore. „Mein Schwur iſt aufgehoben—“ „Sagen Sie dieß nicht, Lady,“ rief Handaſſah; Besvege ſchonte Sybille Ihr Leben nicht. Ich liebe Sie, aber ich liebte auch Spbillen, und möchte ihre ſterbende Bitte erfüllt ſehen.“ „Es kann nicht ſein, Handaſſah,“ verſetzte Eleo⸗ nore.„Warum ſollte ich wegen eines leeren Begriffs von Ehre, mein ganzes Daſein einem Manne zum Opfer bringen, welcher mich nicht lieben kann und den auch ich nicht lieben könnte! Brauche ich dieſen Mann denn zu heiraten, weil ſie mir, in ihrer blin⸗ den, abgöttiſchen Verehrung ſeiner, einen Schwur abnöthigte, welchem ich nicht die Kraft hatte mich zu widerſetzen, und der durch den Zwang ſchon vernichtet wurde? Erwecke nicht die Erinnerung an die Schrecken jener ſchauerlichen Kapelle— berühre den Gegenſtand nicht weiter. Ich habe nur deßwegen eingewilligt, Ranulph ſo bald zu heiraten, weil ich hoffe, dadurch für immer von ſeiner Verfolgung befreit zu ſein. Dadurch werden Lukas' Anſprüche für immer zum Schweigen gebracht werden.“ Handaſſah antwortete nicht, ſondern beugte ihr Haupt gleichſam billigend. Man hörte jetzt Schritte an der Thüre und ein Diener meldete alte Bekannte von uns, den Doktor Small und Mrs. Mowbray an. „Ich komme, um mich von Ihnen für heute Nacht zu verabſchieden, meine theure, junge Lady,“ ſagte der Doktor;„ehe ich jedoch nach meiner Pfarrwoh⸗ nung zurückkehre, habe ich dem Rathe, welchen Sie die Güte hatten heute Morgen von mir anzunehmen, noch einige Worte beizufügen. Sie werden Ihrer Dienerin ſchon erlauben, ſich auf einige Minuten zu⸗ rückzuziehen. Was ich Ihnen zu ſagen habe, geht Sie X 6 — 15— — **ð———* X 31⁵ allein an. Ihre Muitter wird uns Geſellſchaft leiſten. So,“ fuhr der Doktor fort, als Handaſſah entlaſſen war—„ich bin froh, daß dieſe ſchwarze Zigeunerin fort iſt. Ich kann nicht ſagen, daß mir ihre Art ge⸗ fällt; und der erſte Gebrauch, welchen ich als Gemahl von meiner Gewalt machte, wäre, Ihre Dienerin zu entfernen. Doch zur Sache. Wir find allein, denke ich. Dieß iſt ein ſeltſames altes Gebäude, und wir befinden uns in dem ſeltſamſten Theile deſſelben. Man ſagt, daß ſogar die Wände Ohren haben; und in die⸗ ſem Hauſe gibt es ſo viele Winkel und Löcher, daß man hier nie von Geheimniſſen ſprechen ſollte.“ „Aber ich muß erſt erfahren, mein Herr,“ ſagte Eleonore,„um was für ein Geheimniß es ſich eigent⸗ lich handelt.“ „Nun, es iſt gerade kein großes Geheimniß,“ erwiderte der Doktor; wenigſtens weiß Jedermann im Hauſe ſchon um daſſelbe. Was glauben Sie denn, daß vorgefallen ſei?“ „Ich kann es unmöglich errathen. Ich hoffe, daß Ranulph nichts begegnet iſt.“ „Nichts von Bedeutung— obgleich er dabei be⸗ theiligt iſt.“ „Was iſt es?“ fragte Eleonore. „Bitte, befriedigen Sie ihre Neugierde, Doktor,“ unterbrach ihn Mrs. Mowbray. „Nun wohl,“ ſagte Small ziemlich ernſthaft;„die Sachen ſtehen ſo:— Lady Rookwood, welche, wie Sie ja wiſſen, nicht die ſanfteſte Frau in der Welt iſt, zeigt ſich jetzt auch nicht als die gütigſte Mutter, und hat ſeit einer Stunde herausgefunden, daß ſich Ihrer Verbindung mit Ranulph Hinderniſſe in den Weg ſtellen.“ „Sie erſchrecken mich, Doktor.“ Erſchrecken Sie durchaus nicht. Es wird ſich alles noch machen, aber man muß etwas ſchonend, zu Werk gehen. Ranulph iſt wirklich bei ihr und —— 316 wird die Angelegenheit ohne Zweifel ganz zu Ihrer Zufriedenheit in's Reine bringen.“ „Aber welche Hinderniſſe wären denn vorhan⸗ den?“ fragte Eleonore;„wäre es vielleicht wegen meiner Verbindlichkeit gegen Lukas— wegen meines Schwurs?“ „Still— ſtill!— entfernen Sie alle Gedanken an dieſen Gegenſtand,“ ſagte der Doktor.„Dieſer Schwur iſt eben ſo wenig bindend für Sie, als es die Bande der Ehe geweſen hin würden, wenn Sie durch einen den Eid verweigernden römiſchen Prieſter, den Pater Checkley, deſſen Sünden der Herr gnädig ſein möge, vermählt worden wären. Denken Sie gar nicht mehr daran. Aber ſowohl ich, als auch Ihre Mutter, möchten Sie jetzt ſo bald als möglich verheiratet ſehen, damit dieſe Frage endlich für immer bereinigt iſt; und ſollte Lady Rookwood ihre Einwilligung verweigern, ſo geht eben die Handlung ohne ſie vor ſich, da ihre Einwilligung ja ganz unnöthig iſt.“ „Die Gründe, warum Lady Rookwood ſich wi⸗ derſetzt, ſagte Mrs. Mowbray. „Ja, dieſe Gründe,“ unterbrach ſie Small, der Niemand anders ſprechen hören konnte, wenn er ein⸗ mal begonnen hatte,„ſind einfach folgende. Sie kann die Idee nicht ertragen, die Führung der Haushaltung und die Aufſicht über die Ländereien andern Händen übergeben zu ſollen. Sie kann und will Ihre Stel⸗ lung an der Spitze der Haushaltung, welche Ranulph als Ihr Recht für Sie in Anſpruch genommen hat, nicht abtreten. Ich dachte, ſie hätte ihre Anſicht ge⸗ W als ich mit ihr über dieſen Gegenſtand ſprach, allein Naturam expelles furca, tamen usque recurret. Ich bitte um Verzeihung. Sie iſt und wird immer die gleiche bleiben.“ „Aber warum gab Ranulph in dieſem Punkt nicht — ——— —— —— —*—— 8— — — 317 nach? Ich will nicht hier wohnen. Ich bekümmere mich nichts um dieſe Ländereien— um dieſes Haus. Sie haben keine Reize für mich. Ich kann überall glücklich ſein mit Ranulph, und überall glücklicher, als hier.“ 3 Der gutherzige Doktor drückte ihr als Erwide⸗ die Hand, und wiſchte ſich eine Thräne aus den ugen. „Warum er nicht nachgab!“ ſagte Mrs. Mowbray ſtolz.„Weil es nicht von ihm abhing. Er konnte nicht nachgeben. Dieſes Haus— dieſe Ländereien— gehören alle— alle Dir, und es wäre in der That eine ſchöne Vergeltung, wenn Du, nachdem ſie uns ſo lange ſchon ungerechterweiſe entzogen waren, noch von Lady Rookwood abhängig werden ſollteſt.“ „Ohne ſo weit gehen zu wollen, Madam,“ ſagte der Doktor,„iſt es nur gerecht, wenn Ihre Tochter in den vollen Beſitz ihrer Rechte eingeſetzt wird; auch möchte ich keinen Augenblick ihr rathen, oder zugeben, daß ſie das nämliche Haus mit Lady Rookwood be⸗ wohne. Das Temperament dieſer Lady iſt ſo eigen, daß dabei jede Hoffnung auf Glück ſchwinden würde; aber ich hoffe zu gleicher Zeit, daß durch ein ſchonen⸗ des Benehmen— immer nur durch ein ſchonendes— ihre Gnaven vermocht werden kann, in Frieden abzu⸗ ziehen. Ich erfahre, daß alle geſetzlichen Vorkehrun⸗ gen, welche zur Verbindung zwiſchen Ihrer Tochter und ihrem künftigen Gemahle nöthig ſind, getroffen wurden. Ich bedaure nur die Abweſenheit meines Freundes Coates in dieſem Augenblicke. Es iſt dieß ein Verluſt für ihn. Aber er erbte von ſeinem Vater eine Leidenſchaft für das Einfangen der Diebe, welcher er wirklich, offenbar mit Beeinträchtigung ſeines eigent⸗ lichen Berufs, nachhängt. Doch horch! ich höre Ra⸗ nulphs Schritte in der Gallerie. Er wird uns den Erfolg ſeiner Unterredung mittheilen. Ich kam um Ihnen zu rathen, meine Theure,“ ſagte der Doktor 315 7 flüſternd zu Eleonoren;„doch ich ſehe, daß es unnö⸗ thig iſt.„Wer ſich ſelbſt erniedrigt, der ſoll erhöhet werden. Ich bin froh, daß Sie nicht an den Felſen ſcheitern, an welchem ſchon die Hälfte Ihres Geſchlechts Schiffbruch gelitten hat.“ In dieſem Augenblicke trat Ranulph Rookwood in das Zimmer. Seine Wangen waren geröthet, und er ſchien überhaupt ſehr aufgeregt zu ſein. Alle erſtarrten über ſein Ausſehen. „Was iſt vorgefallen?“ fragten Doktor Small und Mrs. Mowbray in einem Athem.— Ranulph zauderte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort, während welcher Zeit er Eleonoren mit der Kten Aengſtlichkeit betrachtete, und mit ſich ſelbſt zu ath zu gehen ſchien, auf welche Weiſe er ſeine Ant⸗ wort einkleiden ſolle, damit ſie ihre Gefühle am we⸗ nigſten verletze. Indeſſen ſtellte auch Elevnore, in der bangen Ahnung kommenden Unglücks die nämliche Frage an ihn. „Nur ſehr ungern,“ ſagte er endlich in einem Tone der Kleinmüthigkeit, der nicht ohne einen Bei⸗ ſatz von Mißvergnügen war,„ſchwatze ich über die Schwächen einer Mutter, und beurtheile ihr Beneh⸗ men ſo ſtreng, als ich es jetzt zu thun im Begriff bin. Ich fühle das Unpaſſende dieſes Schrittes, und würde ihn gerne vermeiden, könnte ich es mit meinen An⸗ ſichten von Recht vereinigen— und hauptſächlich in einem Augenblick wie der gegenwärtige— wo alle Hoffnung meines Lebens darauf beruht, mit Ihnen, theure Eleonore, durch Bande, welche mir beinahe ſo nahe ſind, als die, welche mich an meine Mutter knü⸗ pfen, vereinigt zu werden. Allein die Unterredung, welche ich ſo eben mit Lady Rookwood hatte— und ſehr bitter und herzbrechend war— zwingt ihr Benehmen in den ſtärkſten Ausdrücken als hart, ungerecht, und unehrenhaft zu bezeichnen; und wenn ich den Sohn ſo ganz verleugnen könnte, wie ſie „———— ——„„ c——— ——„— — ℳ — 319 eii die Mutter, ſo würde ich ganz kurz agen—“ „Theurer Ranulph,“ ſagte Eleonore vor Furcht zitternd;„ich ſah Sie noch nie ſo aufgeregt.“ „Auch war ich es noch nie mit ſo viel Grund,“ verſetzte Ranulph.„Ich für meinen Theil könnte alles ertragen— aber für Sie—“ „Bezieht ſich denn der Streit auf mich?“ fragte Eleonore.„Und wegen mir haben Sie ſich dem Zorne Ihrer Mutter ausgeſetzt? Schieden Sie deßhalb im Aerger von Ihrer Mutter, weil ſie ſich der Aufſicht über das Hauswefen und die Ländereien nicht begeben will? War dieß die Urſache des Streites?“ war dieß der Grund dazu,“ erwiderte Ra⸗ nulph. „Mutter,“ ſagte Eleonore feſt zu Mrs. Mowbray, Sie mit mir nach dem Zimmer der Lady Rook⸗ wood.“ „Warum?“ fragte Mrs. Mowbray. „Fragen Sie mich nicht, theure Mutter— oder laſſen Sie mich allein gehen.“ „Ich errathe Deine Abſicht, Tochter,“ ſagte Mrs. Mowbray zornig—„Du willſt Deinen Anſprüchen uinßen der Lady Rookwood entſagen.— Iſt es n 0 66 „Da Sie mich zu einer Antwort zwingen, Mut⸗ ter,“ ſagte Eleonore erröthend,„ſo muß ich zugeben, daß Sie recht gerathen haben. Ich werde ſtets Ihre Tochter, ſo wie die der Lady Rookwood ſein, in ſo weit ſich dieß mit meinen Pflichten vereinigen läßt,“ fügte ſie noch viel tiefer erröthend bei,„aber meine hauptſächlichſte Rückſicht gilt meinem Gemahle; und wenn Lady Rookwood zufrieden geſtellt werden kann — doch bitte, fragen Sie nicht weiter— begleiten Sie mich nach deren Zimmer?“ „Elevnore,“ unterbrach ſie Ranulph—„theuerſte Eleonore— das Opfer, welches Sie bringen wollen, 320 iſt unnütz— vergeblich. Sie kennen meine Mutter nicht— ſie würde die Reinheit Ihrer Abſichten— nur ungern ſage ich es— gar nicht einmal anerkennen— ſie würde Ihren Gefühlen keinen Glauben beimeſſen — ſie würde Ihren Beſuch als eine Zudringlichkeit nur zurückweiſen.“ „Meine Tochter verſteht Sie, mein Herr,“ ſagie Mrs. Mowbray ſtolz.„Ich werde Sorge dafür tra⸗ gen, daß ſie in ihrem eigenen Hauſe keiner Beſchim⸗ pfung ausgeſetzt wird.“ „Mutter, theure Mutter, ſagte Eleonore,„miß⸗ verſtehen Sie ihn nicht abſichtlich.“ „Sie wiſſen natürlich nicht, Madam,“ ſagte Ra⸗ nulph ruhig, aber traurig,„wie viel ich gelitten— wie ſehr ich dem Zorne meiner Mutter Trotz geboten — welchen Verwünſchungen ich mich von ihrer Seite ausgeſetzt habe, um von Ihnen und Ihrer Tochter die Beleidigung abzuwenden, welche Sie befürchten. Wie ich ſchon vorhin geſagt habe, Sie kennen meine Mut⸗ ter nicht; auch kann Niemand ſich einbilden, wie weit die Heftigkeit ihrer Leidenſchaft ſie führt, wenn ihre Plane durchkreuzt werden. Sie werden noch nicht vergeſſen haben, wie ſie Ihnen begegnete— eben ſo wenig werde ich Ihnen ihre Kälte, ihren Stolz in's Gedächtniß zurückzurufen brauchen.— Dieſe Kälte iſt jetzt die Heirat, welche ſie anfangs aus allen Kräften beförderte, gän verhindern, wenn dieß in ihrer Macht läge. Ich kann nicht beſtimmt ſagen, woher dieſe plötzliche Veränderung rührt; es iſt nicht die Gewohnheit meiner Mutter, ihre Handlungen oder Wünſche mit Gründen zu belegen; ihr genügt es, ſie auszudrücken; aber ich konnte bemerken, daß je näher die Zeit der Erfüllung meiner ſehnlichſten Wünſche ſeither bis bie geſtiegen— und ſie würde zli kam, deſto ſtärker auch ihre Abgeneigtheit ſich vermehrte; bis heute das, was ſie ſeither nur durch Winke ange⸗ deutet hatte, offen erklärt und offener Widerſpruch — „ 4 32¹ geleiſtet wurde. Ihr Charakter iſt übrigens der Art, daß ich, bis zur eilften Stunde ſogar noch, eine Ver⸗ änderung bei ihr bewirken zu können hoffte— doch nein!— unſere letzte Zuſammenkunft war entſcheidend. Sie befahl mir das Verhältniß abzubrechen. Ich wei⸗ gerte mich deſſen feſt und beſtimmt. Verzeihen Sie mir, Madam— verzeihen Sie mir, theuerſte Eleonore, wenn ich auf Einzelheiten eingehe— aber es iſt un⸗ umgänglich nothwendig, jetzt klar und deutlich zu ſein. Ueber meinen Widerſtand gegen ihre Wünſche ganz raſend geworden, kannte ihre Wuth jetzt keine Gren⸗ zen mehr. Mit ſchrecklichen Verwünſchungen gegen das Andenken meines armen Vaters, und auch Ihres Vaters, Madam, deſſen Hauptverbrechen in ihren Au⸗ ſen war, Eleonoren das Gut vermacht zu haben, hieß e mich gehen, und als Erbtheil ihren Fluch mitneh⸗ men. Unter dieſem Dache— unter ihrem Dache, fügte ſie bei, werde meine Heirat nie geſtattet werden. Ich könne gehen oder hier bleiben, wie es mir beliebe: aber Sie und Ihre Tochter, die ſie Eindringlinge nannte, ſollten keine Stunde mehr in Ihrem Hauſe bleiben. Auf dieſes wilde Raſen antwortete ich mit ſo viel Faſſung, als ich gewinnen konnte, daß ſie ihre eigene Stellung gänzlich verkenne, und daß, weit entfernt den Vorwurf des Eindrängens Ihnen machen zu kön⸗ nen, dieſer nur diejenigen kreffe, welche aus Unkennt⸗ niß den rechtmäßigen Eigenthümern ſchon Jahre lang dieſe Ihre Erbſchaft vorenthalten haben. Jetzt war vollends ihr Grimm ganz entfeſſelt. Sie verleugnete mich als ihren Sohn— entſagte allen mütterlichen Be⸗ ziehungen, und ſchleuderte eine ſchreckliche Verwün⸗ auf mich, bei der Erinnerung ich noch zittere. ich will Ihnen weitere Einzelnheiten dieſer ſchau⸗ haften Scene erſparen. Für mich iſt ſie höchſt be⸗ bend; denn obgleich feſt entſchloſſen eine Bahn nicht u verlaſſen, welche mir die geſunde Vernunft und eine innere Stimme als die richtige bezeichnen, kann Rookwood M. 21 322 ich doch auch nicht gefühllos ſein gegen die furchtbare Verantwortlichkeit, die ich auf mich nehme, indem ich den Fluch der Mutter auf mein Haupt lade, und gegen die Gefahr, in welche ſie ihre eigene, unbändige Heftigkeit bringen wird.⸗ Mrs. Mowbray hörte Ranulphs Darſtellung mit ſtolzem Mißfallen; Eleonore mit banger und ſchau⸗ dernder Theilnahme; Doktor Small mit gemiſchten Gefühlen des Zornes und Erſtaunens an. „Das Benehmen der Lady Rookwood,/ ſagte der Doktor,„iſt, Sie müſſen mir verzeihen, theurer Ra⸗ nulph, wenn ich mich harter Ausdrücke bediene, ab⸗ ſcheulicher als je zuvor, und kann nur durch Verrückt⸗ heit entſchuldigt werden, welche ich ihr auch von Her⸗ zen gerne beimeſſen würde, wenn es möglich wäre. Aber ſie hat zu viel Methode in ihrer Tollheit, als daß man dieß annehmen könnte: ſie iſt argliſtig, ge⸗ fährlich, und falſch; und da ſie nun einmal entſchloſſen iſt, dieſer Heirat ſich zu widerſetzen, ſo wird ſie auch kein Mittel unverſucht laſſen. Ich weiß nicht, wozu ich Ihnen unter dieſen Umſtänden rathen ſoll— das heißt, wenn Sie meinen Rath verlangten.“ „Was ſchwerlich geſchehen wird, wie ich glaube, mein Herr,“ ſagte Mrs. Mowbray kalt.„Nach dem Vorgegangenen halte ich es für meine Pflicht, dieſe Verbindung, welche ich dazu noch nie für ſo wünſchens⸗ werth gehalten habe, daß ihre Auflöſung mich auch nur für einen Augenblick unangenehm berühren würde, abzubrechen.“ „Die Peſt über alle dieſe Rookwoods!⸗ murrte Small.„Man ſollte glauben, daß aller Hochmuth des Fürſten der Finſterniß in ihrem Herzen vereinigt wäre. Aber Madam, fuhr der wohlwollende Doktor fort, „haben Sie denn keine Rückſicht für die Gefühle Ihrer Tochter, oder Ihres ſo nahen Verwandten— Ihres Neffen? Ihr Sohn, der Major Mowbray, wünſcht, 32 323 ſo viel ich weiß, ſehr, daß dieſe Verbindung zwiſchen ſeiner Schweſter und ſeinem Freunde Statt finde.⸗ „Meine Kinder find gewöhnt, ſich meinen Wün⸗ ſchen unbedingt zu unterwerfen,“ ſagte Mrs. Mow⸗ bray;„und Major Mowbray wird, deſſen bin ich ge⸗ wiß, das Geeignete des Schrittes, welchen ich thun will, wohl einſehen. Ich begnüge mich alſo nur da⸗ mit, ſeiner Anſicht beizuſtimmen.“ „Auch wieder umſonſt!“ rief der Doktor achtlos und achſelzuckend aus.„Es iſt vergeblich, ein ſo har⸗ — — — X tes Material bearbeiten zu wollen.“ Ranulph blieb ſtumm und in einer Stellung tie⸗ fer Schwermuth. Ein ſprechender Blick, welcher ihre bangen Gefühle einander mittheilte, war zwiſchen ihm und Eleonore gewechſelt worden. In dieſem verhängnißvollen Augenblicke wurde plötzlich die Thüre aufgeriſſen; die alte Agnes, der Ladh Rookwood bejahrte Dienerin, ſtürzte in das Zim⸗ er herein, und ſank, an allen Gliedern zitternd, zähneklappernd, und mit dem Ausdrucke des größten 1 Schreckens im Geſicht, in die Knie. Ranulph eilte ſogleich zu ihr hin, um ſich nach der Urſache ihres ——— v— Schreckens zu erkundigen. 1 „Nein, laſſen Sie mich beten,“ rief Agnes, als er ihre Hand faßte um fie aufzuheben—„laſſen Sie mich beten, ſo lange es noch Zeit iſt— laſſen Sie 1 den würdigen Doktor mit mir beten. Beten Sie für eine ſchwer belaſtete Seele, Herr— beten Sie herz⸗ 1 lich, wenn Sie ſelbſt einſt auf Gnade hoffen; ach! nur wenige kennen die Leiden derjenigen, welche keine Gnade gefunden haben. Der Herr vergebe mir meine 18 WMiſſethaten, und ſpreche ſie frei.“ 5 ———*— ℳ „Wen meint Ihr damit?“ fragte Ranulph mit Be⸗ wegung.„Ihr ſpielt doch nicht auf meine Muiter an? „Sie haben nicht länger mehr eine Mutter, jun⸗ ger Mann,“ ſagte Agnes feierlich. „Was!“ rief Ranulph erſchreckt ſie todt?“ S—*— * 324 „Sie iſt hingegangen.“ „Gegangen! Wie?—„Wohin? riefen alle, in⸗ dem ſich ihre Beſtürzung durch den Schrecken der alten Frau, und die augenſcheinlich gräßliche Urſache deſſel⸗ ben, von Augenblick zu Augenblick vermehrte. „Sprecht!“ rief Ranulph;„doch warum zaudere ich? meine Mutter liegt vielleicht im Sterben— ich will gehen.“ Doch die alte Frau faßte ihn krampfhaft, wie wenn ſie zwiſchen Leben und Tod kämpfte.„Es nützt nichts, ſage ich Ihnen; es iſt alles vorbei,“ ſagte ſie — die Todten ſind wieder gekommen— die Todten ſind wieder gekommen— und ſie iſt hingegangen— „Wohin?— wohin?“ „In das Grab— in das Grab,“ ſagte Agnes tiefen und hohlen Tones, und mit einem Blick, der Ranulph's Blut gerinnen machte.„Hören Sie mich an, Ranulph Rookwvod, mein Kind, mein Pflegling — hören Sie auf mich, ſo lange ich noch ſprechen kann. Wir waren allein, Ihre Mutter und ich, nach der Scene zwiſchen ihr und Ihnen— nach den finſtern Vorwürfen, welche ſie auf das Haupt der Todten ge⸗ häuft, als ich eine Art dumpfen Stöhnens hörte, und Ihre Mutter mit wilden Blicken auf einen Fleck hin⸗ ſtarren ſah— als wie wenn ſie das dort erblickt hätte, an was ich nicht zu denken wage.“ „Und was glaubt Ihr denn, daß fie ſah?“ fragte Ranulph in banger Ahnung zitternd. „Das was Ihr Vater geweſen war,“ entgegnete Agnes hohlen Tones.„Zweifeln Sie nicht daran, err— ich weiß gewiß, daß er dort war. Es lag ein ſchauderhafter, ſprachloſer Schrecken auf ihrem Ge⸗ ſichte, der mein altes Blut zu Eis erſtarren machte— zu dem Eis, welches es jetzt noch iſt— oh— oh. Endlich ſtand ſie auf, immer noch mit ſtarren Augen, und ging, ohne ein Wort zu ſprechen, durch die Ta⸗ petenthüre. Sie iſt hingegangen!“ „ 325 „Welche Tollheit iſt denn dieß?“ rief Ranulph. „Laßt mich gehen, Weib.“ „So gehen Sie denn,“ ſchrie Agnes.„Wenn Sie meinen Worten nicht glauben, ſo ſuchen Sie ſie, und überzeugen Sie ſich ſelbſt. Sie iſt hingegangen, ſage ich Ihnen— das Zimmer iſt leer— alle Zimmer find leer— der Gang leer— ſie ging durch die Thüre — ſtill, ſtill— unhörbar. Doch kommen Sie, wir wollen das ganze Haus durchſuchen— kommen Sie, kommen Sie—“ Und hinaus ſtürzte ſie aus dem Zimmer, gefolgt von Ranulph, Mrs. Mowbray und Doktor Small, welche alle gerne Aufſchluß über die verwirrte Erzäh⸗ lung der Agnes gehabt hätten. Handaſſah folgte Ranulph an die Thüre nach, machte ſie hinter ihm zu, und verſchloß fie ſodann von innen. Nachdem ſie dieß gethan hatte, ging ſie ſchnell wieder zu Eleonoren zurück, indem ſie mit einem Tone des Frohlockens ausrief:„Sie ſind auf immer von ihm geſchieden.“ Dreißigſtes Kapitel. Spbillens Mitgift. Sardin. Biſt Du gekommen? Du ſiehſt furchtbar Ein mächtiger Entſchluß, Senen mit Ruht auf dem Antlitz Dir.— So wird r That, Bot. Ich kam, um Dich zu tödten. Herzogin v. Malfy. „Was willſt Du damit ſagen, Mädchen?“ rief die über dieſes Benehmen geängſtigte Eleonore.„War⸗ um haſt Du die Thüre verſchloſſen? Oeffne ſie; ich befehle es Dir!“ 326 „Mir befehlen!“ lachte Handaſſah höhniſch.“ Wie, wenn ich Ihrem Geheiß nicht gehorchte? wie, wenn ich nun meinerſeits Ihnen befehlen würde mir zu ge⸗ horchen? Ich erkannte ſtets nur eine einzige als meine Gebieterin an. Ich habe eine Zeit lang meinen Nacken vor Ihnen gebeugt; aber nur, um den Wunſch der Sterbenden zu erfüllen. Ich habe mich Ihnen unter⸗ worfen, um das vollbringen zu können, was ich jetzt voll⸗ bracht habe. Ihr Schwur, gedenken Sie Ihres Schwurs; die Stunde ſeiner Erfüllung iſt jetzt gekommen.“ Bei dieſen Worten klatſchte Handaſſah in die Hände. Eine Thüre in der Tapete wurde geöffnet, und Lukas ſtand plötzlich vor ihnen. Still und ernſt ſchritt er auf Eleonore zu, und zog ſie, eine ihrer Hände ergrei⸗ fend, gewaltſam gegen ſich her. Eleonore leiſtete kei⸗ nen Widerſtand; ſie hatte nicht die Kraft dazu; ebenſo wenig ſchrie ſie, denn ſo groß war ihr Schrecken, daß ſie einen Augenblick lang keinen Laut von ſich geben konnte. Lukas rührte ſich nicht und ſprach nichts, ſon⸗ dern ſtarrte Eleonoren, welche er noch immer feſt hielt, nur in's Geſicht, während dieſe, wie bezaubert, ihre Augen nicht von ihm wegwenden konnte. Man konnte nichts Gräßlicheres ſehen, als Lukas' ganze Erſcheinung. Erſchöpft und abgemattet durch ſeine, in den letzten Tagen geführte Lebensweiſe— der natürlichen Ruhe faſt ganz beraubt— von Gewiſſensbiſſen verzehrt— war ſeine Geſtalt beinahe zu einem Skelett geworden, während ſein früher dunkles Geſicht jetzt ſo bleich und farblos geworden war wie der weißeſte Marmor. Die⸗ ſes blaſſe und todtenähnliche Ausſehen rührte wahr⸗ ſcheinlich von dem Blutverluſte her, welchen er durch die vom Major Mowbray erhaltene Wunde, deren Spuren man noch an ſeinen Kleidern bemerken konnte, erlitten hatte; denn obgleich nur eine Streifwunde, hatte ſie ihn dennoch bedeutend geſchwächt. Seine ſchwarzen Augen glänzten mit gewohntem Feuer— nein, ſie erſchienen durch ſeine außerordentliche Bläſſe —*— w 327 noch dunkler und glänzender; überhaupt war auf ſei⸗ nem Geſichte ein ſolches körperliches und geiſtiges Lei⸗ den ausgedrückt, daß, ſeiner Wildheit und Verzweif⸗ lung ungeachtet, nur wenige ihn, ohne Mitleid mit ihm zu fühlen, hätten anſehen können. Wirkliche Ver⸗ zweiflung hat etwas ſo Peinliches in ſich, daß fie Nie⸗ mand ungerührt läßt. Sein Anzug war nicht der nämliche, in welchem ihn der Leſer zuerſt geſehen hat, ſondern eine einfache, ſchwarze Kleidung, welche ſeinem wirklichen Rang mehr entſprach, als die früher von ihm getragene: allein ſie war durch den hitzigen Kampf in Unordnung gerathen, und trug deſſen blutige Spu⸗ ren noch an ſich; während ſeine langen, ſchwarzen Locken, einſt ſein Stolz, dem Ringeln der Waſſer⸗ ſchlange ähnlich, herabhingen. Sogar in ihrem Schrecken mußte Eleonore, indem ſie ſeine edlen Züge betrachtete, zugeben, daß ſie den unzweifelhaften Sprößling und das lebendige Ebenbild des ſchönſten und ausgezeich⸗ netſten ihres Hauſes— des laſterhaften und verbre⸗ cheriſchen Sir Reginald vor ſich ſehe. Als ihr Auge, dieſem Gedanken mechaniſch folgend, für einen Augen⸗ blick zu dem ſtolzen Portrait Sir Reginalds, welches unter andern Familienbildern hier hing, und von da auf das ſeiner unglücklichen Gemahlin hinwanderte, ſo faßte ſie plötzlich der Gedanke, es möchten alle Gräuel früherer Tage in ihren Perſonen wieder aufleben, und es konnten ſie auf eine unbegreifliche Weiſe zu ihren unglücklichen Vorfahren in genauer Beziehung ſtehen. Dieſe Idee vrückte ſich ſo auffallend in ihrem Geſichte aus, daß Lukas, welcher ihren Blicken gefolgt war, dieſelbe augenblicklich erkannte. Sie näher gegen das Bild der Lady Eleonore hinziehend, verglich er ihre Aehnlichkeit in ſtummer Verwunderung; ſich ſodann gegen das des Sir Reginald wendend, rief er ſtolz aus:—„Sie zweifelten einſt an meiner Abſtammung, Mädchen— können Sie dieſe Züge anſehen, welche beinahe der Wiederſchein der meinigen zu ſein ſcheinen, 328 und noch länger darüber ungewiß ſein, weſſen Spröß⸗ ling ich bin? Ich ſetze meinen Stolz in dieſe Aehn⸗ lichkeit— es liegt ein wildes Entzücken darin, alle menſchlichen Regungen zu verachten; man ſagt er ſei ſo geweſen— auch ich bin ietzt ſo. In dieſen Mauern ſcheine ich eine mir verwandte Luft einzuathmen. Ich ſehe jetzt, was ich ſchon oft in meinen Träumen, oder in einem Zuſtande des Hellſehens erblickt habe. Mich dünkt, wenn ich Dich ſo anſehe, ich ſei Sir Reginald und Du ſeine Braut, die Lady Eleonore. Unſer Ge⸗ ſchick iſt gleich— ſie war mit ihrem Herrn durch Bande des Haſſes verbunden— durch einen Schwur— einen Brautſchwur!— ſo auch Du mit mir. Und ſie konnte ihm nicht mehr enifliehen— konnte ihre Bande nie mehr ſprengen— auch Du ſollſt es nicht. Ich ver⸗ lange die Erfüllung Deines Schwurs— Du biſt mein.“ „Nie— nie!“ kreiſchte Eleonore, indem ſie ſich vergeblich anſtrengte, ſich loszureißen. Doch Lukas lachte nur ihrer Schwäche. Handaſſah ſtand mit über die Bruſt gefalteten Händen, als unthätige Zuſchauerin dieſer Scene da. „Sie verweigern Ihre Einwilligung!“ ſagte Lu⸗ kas höhniſch.„Hoffen Sie einſt nicht auf den Himmel, haben Sie keine Furcht vor der Verdammung, daß Sie es wagen, Ihr Gelübde zu brechen? Bedenken Sie die ſchreckliche Natur dieſer Verpflichtung— ge⸗ denken Sie des Lebens, welches geopfert wurde um dieſelbe aufzuerlegen— des Blutes, welches um Rache gegen die Mörderin rufen würde, wenn Sie zauder⸗ len. Bei dieſem durch Blut beſiegelten Sakrament verlange ich Sie als die meinige. Sie ſind mein.“ Und er zog ſie gegen die Oeffnung hin. Eleonore ſtieß einen langen und gellenden Schrei aus. „Seien Sie ſtill, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt —“ fügte er bei, indem er nach dem, ihm von Alan Rvokwood gegebenen Dolch ſuchte— während ſeine Hand ſeine nach der Waffe ſuchte, entriß ſich Eleonore 329 ſeinem Griff, und flog auf die Thüre zu; aber Han⸗ daſſah hatte ihre Abſicht geahnt. Der Schlüſſel war abgezogen, und das unglückliche Mädchen verſuchte vergebens, das Schloß zu öffnen. In dieſem Augenblicke erſchien Turpin unter der Tapetenthüre. eHurtig— ſchnell!“ rief er ungeduldig—„ſpu⸗ ten Sie ſich in des Teufels Namen— das Haus iſt alarmirt— ich höre die Stimme des jungen Ranulph in der Gallerie.“ „Ranulph!“ kreiſchte Eleonore.—„Dann bin ich gerettet.“ Und mit verdoppelter Macht rief ſie um Hilfe. Lukas ergriff ſein Schlachtopfer wieder.— Ihre Hände hatten in der Verzweiftung den Griff der Thüre ſo krampfhaft feſt gefaßt, daß er ſie nicht wegzureißen vermochte. In dieſem Augenblicke kam Ranulph, wel⸗ cher den wiederholten Hülferuf gehört hatte, an die Thüre. Er hörte ihre Anſtrengungen— er hörte Lu⸗ kas' Drohungen— ſeinen Hohn— ſein durchdringen⸗ des Gelächter;— aber vergeblich, vergeblich verſuchte er die Thüre mit Gewalt zu öffnen. Sie war von feſtem Eichenholz, und widerſtand allen Verſuchen. Nur ein Brett ſchied ihn von ſeiner Geliebten. Er konnte ihr Stöhnen und Aechzen hören— er ſah aus der Bewegung der Thürſchnalle wie ſie ſich an dieſelbe an⸗ klammerte; und durch dieſen Anblick zum Wahnſinn getrieben, ſuchte er die Thüre zu ſprengen— allein alles vergeblich. Endlich ſtand der Griff ſtill— man hörte einen ſchweren Fall— ein erſticktes Stöhnen— und ein Geräuſch, wie wenn man einen Körper weg⸗ trüge. Dieſer Gedanke war zum Raſendwerden. „Nach der geheimen Treppe— nach der Treppe!“ rief eine Stimme(es war die Turpins) von innen. „Der geheimen Treppe! ha!“ widerholte Ranulph mit einem plötzlichen Hoffnungsſtrahl.„Jetzt kann ich ſie retten. Und mit der Schnelligkeit des Blitzes eilte er den Gang hinab. 330 Lukas hatte indeſſen vergeblich alle ſeine Kräfte erſchöpft, um Elevnoren von der Thüre wegzureißen. Die Verzweiflung gab ihr Kraft— ſie klammerte ſich an— aber ſie fühlte, wie die Kraft ſie verließ— ihre Hand ließ nach. Und ſodann noch der gräßliche Ge⸗ danke, daß ſie bald die ſeinige ſein— daß er ſie er⸗ morden werde— während Ranulph ſo nahe und doch nicht im Stande war, ſie zu beſchützen. Mit wildem Entzücken frohlockte Lukas über die Qualen der Liebenden. Er hörte Ranulphs fruchtloſe Verſuche— er hörte ſein Stöhnen— er hörte ihr gegenſeitiges Rufen. In wilder Eiferſucht triumphirte er über ſeine Rache, und verlängerte noch die Pein, welche er denſelben hätte verurſachen können. Er ſtand da wie ein Inquiſitor, welcher die Pein ſeines Opfers auf der Folter ſieht, und darüber nachfinnt, wie er dieſelbe verlängern könne. Aber er konnte dieſen ſchreck⸗ lichen Genuß nicht länger mehr ſich verſchaffen. Sein Gefährte wurde ungeduldig. Eleonorens ſchöne, lan⸗ gen Haare waren während des Ringens aufgegangen, und fielen in Unordnung auf ihre Schultern herab⸗ Lukas ergriff ſie bei denſelben und riß ſie nach hinten; — das arme, erſchöpfte, und zu jedem ferneren Wider⸗ ſtande unfähige Mädchen fiel zu Boden. Lukas nahm die jetzt faſt Bewußtloſe in ſeine Arme, und hatte beinahe ſchon die Oeffnung erreicht, als in der Tapete, welche derjenigen, durch welche er ent⸗ fliehen wollte, entgegengeſetzt war, und mit einem an⸗ dern Zimmer in Verbindung ſtand, ein Geräuſch ge⸗ hört wurde. Eine kleine Thüre ging auf, und durch ſie erſchien Ranulph Rookwvod. Ein Ausruf der Freude, daß er noch zu rechter Zeit kam, entfuhr ſeinen Lippen; und er war eben im Begriff vorzuſtürzen, als plötzlich die Geſtalt des unglücklichen Mr. Cvates in die Seff⸗ nung hineingeſchoben wurde. „Verräther!“ rief Ranulph, den Coates mit fürch⸗ terlicher Wuth betrachtend;„wagen Sie es, ſich mir — — 33¹ zu wiverſetzen— fort, oder beim Himmel ich ſtoße Sie nieder.“ „Es iſt unmöglich,“ ſtieß der Advokat heraus. „Um Ihrer ſelbſt willen, Sir Ranulph— um meinet⸗ willen— ich bitte— ich beſchwöre Sie— verſuchen Sie nicht, hier vorzugehen— wählen Sie die andere Thüre.“ Ranulph ſagte Nichts mehr. Er rannte dem un⸗ glücklichen Advokaten ſeinen Säbel durch den Leib, und dieſer fiel mit einem tiefen Stöhnen zu Boden. Da ſomit das einzige Hinderniß in ſeinem Wege ent⸗ fernt war, ſo trat er plötzlich in das Zimmer. Die Brüder ſtanden jetzt einander gegenüber, aber nur wenig von brüderlicher Liebe konnte man in den Blicken entdecken, welche ſie einander zuwarfen. Ranulphs ſanfte aber zugleich auch enthufiaſtiſche Ge⸗ müthsart hatte ſich bei dieſer Gelegenheit verändert wie Flachs, welcher dem Feuer zu nahe gebracht wird. Er befand ſich in einem Zuſtande wilder Raſerei. Lukas war ruhiger, allein ſeine Wuth war tödtlich und unauslöſchlich. Das Zuſammentreffen war auf beiden Seiten ſchrecklich. Mit dem einen Arm umfaßte Lukas Eleonoren, mit dem andern zuckte er den Dolch, deſſen Spitze auf ihre Bruſt gerichtet war. Mit grimmigem Trotz Ranulph anblickend, rief er aus:„Geh' einen Schritt vor, und mein Dolch durchbohrt ihr Herz.⸗ Ranulph zauderte, unſchlüßig, was er thun ſollte; er ſchäumte vor Wuth, und bebte zu gleicher Zeit auch vor Angſt. „Ranulph,“ ſtöhnte Eleonore,„das Leben ohne Dich hätte keinen Werth— gehe vor— räche mich.“ Aber noch zauderte Ranulph. Er konnte es nicht über ſich gewinnen, durch eine Handlung von ſeiner Seite Eleonorens Leben zu gefährden. Lukas erſah ſeinen Vortheil und war nicht läßig in deſſen Benützung.„Sie beſiegeln Ihren Tod, wenn Sie ſich rühren,“ ſagte er. 332 „Schurke,“ entgegnete Ranulph ſich auf die Lip⸗ pen beißend, und nur mit Mühe ſo viel Faſſung ge⸗ winnend, daß er mit Ueberlegung ſprechen konnte: „Ihr ſeht Eure Gewalt; aber beleidigt ſie, und nichts auf Erden ſoll Euch dann mehr ſchützen. Gebt ſie frei, und nehmt dafür Leben und Freiheit hin; nein, ſogar Belohnung— wenn Ihr dieſe wollt— Ihr könnt mir auf keine andere Art mehr entgehen.“ „Euch entgehen!“ lachte Lukas verächtlich.„Geht auf die Seite, und laßt mich durch. Seht Euch vor,“ fügte er grimmig bei,„wenn Ihr mir in den Weg treten wollt— ich möchte nicht gern das Blut eines Bruders auf meiner Seele haben.“ „Auch ich nicht,“ rief Ranulph;„allein Ihr dürft nicht fort,“ und er ſiellte ſich Lukas in den Weg. Lukas ging aber ſchnell vorwärts, indem er Eleo⸗ noren ſo zwiſchen ſich und Ranulph hielt, daß ſeine eigene Perſon hiedurch geſchützt wurde; der Letztere, welcher Gelegenheit zu haben glaubte, einen Hieb führen zu können, ohne ſeine Geliebte dadurch zu verletzen, wollte dieß eben wagen, als er ſeine Arme von hinten ergriffen fühlte, und auf dieſe Art kampf⸗ gemacht wurde. „Verloren, verloren,“ ſtöhnte er;„ſie iſt auf immer für mich verloren!“ „Ich fürchte, daß dieß nur zu wahr iſt,“ erwi⸗ derte Turpin; denn unſer Hochſtraßenmann war der⸗ jenige, welcher Ranulph feſthielt. „Muß ich ſie denn vor meinen Augen entführen ſehen? rief Ranulph.„Laßt mich frei— laßt mich los.“ „Iſt für den Augenblick ganz unmöglich,“ erwi⸗ derte Dick.„Aufgeſeſſen und fort, Sir Lukas,“ fuhr er fort,—„bekümmern Sie ſich nichts um mich— ich werde mir ſchon zu helfen wiſſen.“ „Eleonore!“ rief Ranulph, als ſie ganz nahe an ihm vorbeigetragen wurde. „Ranulph!“ kreiſchte fie, welche durch ſeine Stimme 6 —————— ——„„—— 333 wieder in's Bewußtſein zurückgerufen worden war, laut auf,„für immer leb' wohl.“ „Ja, für immer,“ antwortete Lukas triumphi⸗ rend—„nie mehr trefft Ihr einander auf Erden.“ Er wollte eben durch die Thüre treten, als Eleo⸗ nore alle ihre noch übrige Kraft aufbot, um zum letz⸗ ten Mal ſich zu befreien zu ſuchen. In dieſem Rin⸗ gen fiel ihm ein Paket aus dem Buſen. Handaſſah hob es auf. „Von Sybillen?“ rief ſie aus, als ſie die Ueber⸗ ſchrift ſah. „Erinnern Sie ſich an das Verſprechen, welches ich der alten Barbara gab,“ ſagte Dick, welcher, wie der Leſer weiß, ſehr neugierig war, den Inhalt des Pakets kennen zu lernen.„Die Zeit iſt gekommen— Eleonore iſt in Ihrer Gewalt— ſie iſt zugegen.“ „Gib mir das Paket,“ ſagte Lukas;„und“ fügte er bei, indem er Elevnoren indeß der Handaſſah zum Halten übergab,„nimm den Stahl da, und laſſe ſie nicht los.“ Handaſſah, welche trotz ihrer ſchwächlichen Geſtalt außerordentliche Kraft beſaß, ſchlang ihre Arme ſo um Miß Mowbray, daß ſich dieſe durchaus nicht be⸗ wegen konnte. Lukas machte das Paket auf. Es enthielt ein Käſtchen, welches ſorgfältig in Tücher und zuletzt noch in Papier gewickelt war, auf welchem folgende Worte ſtanden: Sybillens Mitgift. Haſtig und voll Neugierde riß Lukas den Deckel des Käſtchens auf. Es enthielt eine lange, ſeidene Locke von Spbillens ſchwärzeſtem Haar, die auf ganz eigenthümliche Weiſe geflochten war. Er wollte ſie zuerſt wegwerfen; im nächſten Augenblick drückte er ſie jedoch reuig an ſeine Lippen. Er fuhr zuſammen, wie wenn ihn eine Schlange gebiſſen hätte. In dieſem Augenblick hörie man ein lautes Lär⸗ 334 men in der Gallerie. Im nächſten wurde die Thüre durch heftige Streiche aufgeſprengt. Augenſcheinlich wurde dieß durch die vereinigten Anſtrengungen meh⸗ rerer Angreifer bewirkt. Turpins Stimme übertönte das betäubende Geräuſch.„Eine Kugel für den Er⸗ ſten, der hereinkommt,“ ſchnaubte er.— Schnell, Sir Lukas, und der Preis iſt gewonnen— fort und—“ Als er jedoch bei dieſer Ermahnung nach Lukas binſah, ließ er den halb ausgeſprochenen Satz unvoll⸗ endet, und blickte erſchreckt und beſtürzt. Ehe er die Urſache ſagen konnte, ſprang die Thüre auf und eine Menge von Bedienten, von Major Mowbray und Titus Tyrconnel angeführt, drang in das Zimmer. „Nein, das Spiel iſt verloren!“ rief Dick;„ich habe in Rookwood RNichts mehr zu thun;“ und mit dieſen Worten ſprang er durch die Tapetenthüre, und wurde nicht wieder geſehen. Als die Neuangekommenen ſich umſahen, konnten ſie nur zwei Geſtalten erblicken— diejenigen der bei⸗ den Liebenden— denn Eleonore war blaß, erſchöpft und beinahe ohnmächtig in Ranulphs Arme geſunken. Aber bald feſſelte ein geiſterartiger Gegenſtand ihre Aufmerkſamkeit. Alle ſtürzten vorwärts— alle prall⸗ ten zurück, als ſie entdeckten, daß es der lebloſe Kör⸗ per des Lukas Rookwood war. Seine Glieder waren ſteif, wie diejenigen eines Leichnames, der dieß ſchon ſeit Stunden ift— ſeine Augen waren aus ihren Höhlen getreten— ſein Geſicht war angeſchwollen. Alles verkündigte mit ſchrecklicher Gewißheit die Wir⸗ kungen des Gifts und der vollen Rache Barbara's. Handaſſah war wahrſcheinlich ſchon vor Turpin entflohen. Jedenfalls pörte man nie mehr etwas von ihr in Rookwood. Eleonore war bald wieder aus ihrer Betäubung erweckt; und als ſie wieder zu ſich gekommen, ſich gerettet ſah, brach ſie in laute Ausrufungen des Dan⸗ kes aus, und umarmte ihren Bruder. 335 Indeſſen waren auch Mrs. Mowbray und Doktor Small herbei gekommen. Der würdige Doktor war voll Schrecken geweſen, allein ſeine beabſichtigten Beileidsbezeugungen ver⸗ wandelten ſich in Glückwünſche, als er die Einzeln⸗ heiten der eben vorgefallenen, ſchrecklichen Scene, und der ſeltſamen und beinahe übernatürlichen Rettung Eleonorens erfuhr. „Nach dem Vorgefallenen, Madam,“ ſagte der Doktor leicht huſtend zu Mrs. Mowbray,„können Sie einer gewiſſen Verbindung kein Hinderniß mehr in den Weg legen, he?“ „Ich will in dieſer Beziehung für meine Muitter antworten,“ ſagte Major Mowbray, indem er vortrat. „Sie wird für ſich ſelbſt antworten mein Sohn,“ ſagte Mrs. Mowbray.„Ich gab meine volle Ein⸗ willigung zu der Heirat; aber welchem Zufall darf ich das unerwartete Glück Deiner Rückkehr zuſchreiben?“ „Einer Reihe ganz ſonderbarer Umſtände,“ ſagte der Major,„welche ich Ihnen ſpäter noch mittheilen werde. Es genügt zu ſagen, daß ich ohne die glück⸗ liche Ankunft dieſes Herrn hier,“ fügte er, nach Titus Tyrconnel hinblickend, bei,„in der Hütte von Thorne⸗ Waste als Gefangener, aber nicht auf Ehrenwort, hätte bleiben müſſen, und zwar, was am ſchlimmſten war, ohne Lebensmittel, ſo wie ganz genau über den Plan zur Entführung meiner Schweſter unterrichtet. Es war ein ſehr großes Glück für mich, Mr. Tyr⸗ connel, und auch für den armen Paterſon, daß Sie gerade des Wegs daher kamen.“ „Ja, meiner Seel', Major, das können Sie ruhig ſagen, und es war ein befonderes Glück, daß wir im Keller über die Klepper ſtolperten, ſonſt wären wir nimmermehr noch zu rechter Zeit hierher gekom⸗ men. Ich glaube, daß wir für dieß Mal alle Hoff⸗ nung auf Dicks Gefangennehmung ſchwinden laſſen dürfen. Er iſt uns ſchon entkommen.“ 336 „Dieß bedauere ich nicht im Mindeſten,“ ſagte der Major.„Er iſt ein braver Burſche; und ich ehre den Muth überall, wo ich ihn finde, mein Herr, ſogar bei einem Straßenräuber. Es würde mir ſehr leid thun, wenn ich als Zeuge gegen ihn auftreten müßte. Ich hoffe, daß dieß nie der Fall ſein wird.“ Wir wollen uns mit der Beſchreibung des herz⸗ lichen Wiederſehens zwiſchen Bruder und Schweſter — der Glückwünſche über ihre Errettung aus der Gefahr, der zärtlichen Umarmungen und der warmen Dankſagungen, welche Ranulph für ſeinen edlen Dienſt dargebracht wurden, nicht lange aufhalten.„Sie iſt die Ihrige, mein theurer Junge,“ ſagte der Major; „und obgleich Sie ein Rookwood find, und ſie den unheilvollen Namen Eleonore trägt, ſo prophezeihe ich dennoch, daß gegen die Gewohnheit unſerer Fami⸗ lien in derartigen Fällen, alles Unglück vor der Hei⸗ rat ſtattgefunden hat.“ „Es iſt nur Etwas,“ ſagte Small mit einem anz eigenthümlichen Ausdruck, welcher als ernſt⸗ omiſch hätte gelten können, könnten wir überhaupt unſern gutmüthigen Doktor im Verdachte einer ſolchen Schelmerei haben, was unſer gegenwärtiges Glück trüben kann. Man hat noch Nichts von Lady Rook⸗ wood in Erfahrung gebracht.“ „Meine arme Mutter,“ ſagte Ranulph beängſtigt. „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte der Doktor,„ich zweifle nicht, daß wir morgen etwas von ihr hören werden. Ich fürchte nur,“ fügte er halb bei Seit' hinzu, daß wir ſchon früher von ihr hören werden.“ „Noch ein anderer Umſtand betrübt mich,“ ſagte Ranulph.„Der arme Mr. Cvates!“ „Was ſagen Sie da von Mr. Coates, Sir Ra⸗ nulph?“ rief Titus. ch fürchte, daß er in dem eben ſtattgehabten Kampf getödtet worden iſt,“ ſagte Ranulph.„Man ſoll nach ſeinem Leichnam ſehen.“ e—„——— — — 337 „Getödtet!“ wiederholte Titus.„Mr. Cvates getödtet? Ach! dahin, und Alles aus mit ihm? Iſt er dahingegangen, um ſich mit ſeinem Vater, dem großen Diebsfänger zu vereinigen? Man führe mich zu ſeinen irdiſchen Ueberreſten.“ „Er wird Ihnen dieſe ſelbſt darbringen,“ ſagte der Advokat, indem er hervortrat.„Zum Glück ging Ihr Säbel bloß durch die Kleider, und ließ meinen Körper unverſehrt, ſo daß Sie alſo nicht die Rolle eines Notars der Ewigkeit ſpielten.— Meiner Treu! ich habe doch ein Leben wie eine Katze— ha, ha!“ Ranulph bewillkommte den muntern Rechtsgelehr⸗ ten mit nicht geringer Freude. Wir halten es für unnöthig, uns in weitere Ein⸗ zelnheiten einzulaſſen. Für Elevnoren wurde ein an⸗ deres Zimmer in Bereitſchaft geſetzt, in welches ſie ſogleich gebracht wurde. Die Ueberreſte des einſt wil⸗ den und ſtolzen Lukas, welche jetzt zwar ſteif und ſtarr waren, aber auch im Tode noch ſeinen trotzigen und bochmüthigen Charakter zeigten, wurden auf dieſelbe Bahre gelegt, und mit demſelben Mantel zugedeckt, welche vor noch nicht einer Woche bei dem Leichen⸗ begängniſſe ſeines Vaters benützt worden waren. Und wie die Dienerſchaft ſich um ſeinen Leichnam verſammelt, ſo war auch nicht einer darunter, dem nicht ſeine merkwürdige Aehnlichkeit mit ſeinem Groß⸗ vater, Sir Reginald, aufgefallen wäre, und eben ſo wenig vergaßen die Abergläubiſchen das Herabfallen des Unheil verkündenden Aſtes. Endlich herrſchte wieder Ruhe im Herrenhauſe! Die Nacht und den ganzen folgenden Tag hindurch ſtellte Ranulph Nachforſchungen nach ſeiner Mutter an, aber ohne Erfolg. Jetzt begann er ernſtliche Be⸗ fürchtungen zu bekommen, und befahl eine allgemeine und genaue Nachſuchung, aber auch wieder vergeblich. Erſt einige Jahre ſpäter erfuhr man ihr Schickſal. Ihre alte Dienerin, Agnes, ſtarb im Laufe des Rookwyod. M. 22 338 folgenden Tages im Wahnwitz, und erklärte noch auf ihrem Todtenbett, daß ſie gewiß ſei, daß„Sir Piers ihre Gebiererin geholt habe;“ was auch bei allen Leicht⸗ gläubigen, und deren Zahl war nicht gering im Her⸗. renhauſe, Glauben fand. Einunddreißigſtes Kapitel. Dr 8 Nun iſt's zu End' wie eines alten Weibs e er. Ungeachtet des Dunkels, welches über dem Schick⸗ ſal der Lady Rookwood ſchwebte, wurde Ranulphs und Eleonorens Hochzeitsfeier nicht lange verſchoben; die Trauung fand in der Pfarrkirche Statt, und wurde durch den würdigen Doktor verrichtet. Es war ein freudiger Anblick für alle Anweſenden, und deren waren es nicht wenige, da die ganze Nachbarſchaft zu dieſem Feſte eingeladen worden war. Die alte Alee war gedrängt voll von den heitern und ſtrahlenden Geſichtern der bunt geſchmückten Mädchen und der jungen Burſchen, welche in ihrem ſchönſten Sonntags⸗ putz einherſtolzirten; auch fehlte nicht der luſtige Pachter mit ſeiner muntern Ehehälfte— weder der Greis des Dorfes, noch das lallende Kind. Sogar die Krähen ſchienen die allgemeine Luſt zu theilen; ſie begrüßten mit heißerem Geſchrei den luſtigen Zug von den Gi⸗ pfeln ihrer Bäume herab. Der Weg nach der Kirche war mit Blumen beſtreut— dieſe ſelbſt ſchien nur ein einziger Blumenkranz zu ſein. Nie ſah man noch eine fröhlichere Hochzeit— die Sonne ließ ihre Strahlen auf die Braut fallen— dieß ſah man als eine glück⸗ liche Vorbedeutung an; denn ſo weit die älteſten Leute zurück denken konnten, war bei allen früheren Ver⸗ mählungen der Himmel finſter umwölkt geweſen, und hatten peftige Stürme gewüthet. Die Braut hatte 339 ihre volle Schönheit und Blüthe wieder erlangt, wäh⸗ rend die düſtere Schwermuth, welche für immer auf der offenen Stirne des Bräutigams ſich lagern zu wollen ſchien, jetzt einem nachdenklichen Schatten Platz gemacht hatte, welcher ſeine ausdrucksvollen Züge nur noch intereſſanter machte; und als nach Vollendung der heiligen Handlung das junge Paar Arm in Arm mitten unter dem Gedränge des bewundernden Land⸗ volks nach dem Herrenhauſe zurückging, ſtieg manches brünſtige Gebet auf, daß der Fluch des Hauſes Rook⸗ wood nicht auch ſie treffen möge. Um unſere Leſer über dieſen Punkt nicht im Ungewiffen zu laſſen, wol⸗ len wir gleich hier beifügen, daß dieſe Bitten nicht ver⸗ geblich waren, und daß dieſer ſo hell anbrechende Tag von einem wolkenloſen und heitern Abend geſchloſſen wurde. Der übrige Theil des Tages war der Freude und Luſt gewidmet. Das alte Haus, welches kaum alle Gäſte faſſen konnte, war von der großen Halle an, bis auf den kleinſten Winkel in der Küche, angefüllt, und ſeine Mauern tönien von herzlichem Gelächter wieder, welchen Klang zu hören es ſchon lange nicht mehr gewohnt geweſen war. Die Tiſche ſtöhnten unter den rieſigen Fleiſchgerichten und den burgartigen Paſteten, welche auf der einen Seite durch Ochſenzun⸗ en flankirt, und auf der andern durch berghohe Schin⸗ en vertheidigt wurden;— guieheie pieces de résistance. Große Krüge ſtarken Biers wurden her⸗ beigetragen, und ihr brauner Inhalt ſchnell vertheilt; ab er die Geſundheit des Bräutigams und der Braut wurde in gewürztem Wein, unter donnerndem Hoch, etrunken. Titus Tyrconnel hatte das Amt eines ber⸗Ceremonienmeiſters, und befand fich, wie Mr. Coates erklärte,„ganz in ſeinem Element“ So auf⸗ gebläht war er, daß er es ſogar wagte, dem Pfarrer einige ſeiner ſchon oft da geweſenen itze zuzuwerfen, und zwar, was das Seltſamſte war, ohne daß ſich Small darüber geärgert hätte. — 22* 340 Um auf den dunkleren Theil unſerer Geſchichte wieder zurückzukommen, müſſen wir bemerken, daß die Ueberreſte des unglücklichen Sir Lukas Rookwood einige Wochen vor dieſem glücklichen Ereigniſſe zu denen ſeiner Väter gebracht worden waren. Da man das Dokument, welches ſeine rechtmäßige Geburt be⸗ ſtätigte, bei ihm fand, ſo wurden ihm die im Leben verweigerten Anſprüche im Tode wenigſtens zugeſtan⸗ den, und er mit aller Pracht und Feierlichkeit ſeines Hauſes in der Gruft ſeiner Ahnen beigeſetzt. Bei dieſer Gelegenheit machte man auch eine Ent⸗ deckung rückſichtlich des Alan Rookwood, weßwegen wir wieder auf die Nacht zurückkommen müſſen, in welcher Eleonorens Entführung verſucht worden war. Nachdem Alan ſeinen Enkel in der Allee verlaſſen hatte, ging er über die Felder hin auf die Kirche zu. Er ſuchte ſeine niedrige, aber jetzt verlaſſene Hütte auf. Die Thüre war mit Gewalt aufgemacht— eini⸗ ges von den ärmlichen Geräthſchaften weggebracht wor⸗ — den; und der Hund, ſein einziger Gefährte, entflohen. „Armer Mol!⸗ ſagte er;»ich hoffe, du haſt einen beſ⸗ ſern Herrn gefunden.“ Nachdem er das gefunden hatte, wegen deſſen er hergekommen war, nämlich einen Bund Schlüſſel und ſeine Laterne, die er in einem abſeits ſtehenden Schranke verwahrt hatte, ging er ſchnell wieder fort. Eer befand ſich wieder einmal auf dem Kirchhofe — auf jener ſchauerlichen Bühne, auf der er eine ſo lange Zeit hindurch ſeine ſeltſame Rolle geſpielt hatte; er blickte auf den im Mondſchein glänzenden Kirchen⸗ thurm— auf die grünen, wellenförmigen Hügel— die„bunten Kreuze,“ die ſchimmernden Grabſteine— und die ſchwarzen und herabhängenden Trauerweiden, wie auf„alte Bekannte.“ Er verweilte einige Augen⸗ blicke, wie es ſchien mit tiefem Intereſſe, auf dieſer Scene. Sodann ging er unter dem Schatten der Bäume hin, indem er einige Verſe aus einem ſeiner —————̃T,,,,—ũũ ˙ 341 wilden Lieder ſang, von deren Inhalt er ganz ent⸗ zückt ſchien. Der Eibenbaum im Rirthhof. — Matuandreque Sucse. 2 Taxus. Statius. I. Die Eibe im Kirchhof hat ſchreckliche Kraft, Als wenn aus den Todten ſie zög' ihren Saft; Ihre Zweige blicken ſo ſchauervoll d'rein, Wie Kränze, die zieren die Leiche im Schrein. Sie nicken geſpenſtiſch gezackt ſich herab, Umſchattend gleich finſtern Geiſtern das Grab: Ach! graus iſt die Eibe im Kirchhof zu ſchaun, Kein anderer Baum ſchreckliches Graun. I Doch feſt in dem Kern iſt der ſchaurige Baum, Nichts Zäheres wachſet auf waldigem Raum; Zur Armbruſt des Britten gab er einſt ſein Holz, Zum Schrecken des Feind's, unſ'rer Inſel zum Stolz; Es ſchnitt unſer Ahn ſeinen kräftigen Stab Aus dem Aft, der hing über des Vaters Grab. Ob traurig die Eibe im Kirchhof auch ſprießt, Einen kräftigen Kern doch ihr Inn'res verſchließt. Nachdem Alan ſeinen Geſang geendigt hatte, trat er in die Kirche; indem er die Thüre nur leicht an⸗ lehnte, um Lukas das Hineinkommen zu erleichtern. Einen Augenblick verweilte er an dem Altare. Das volle Mondlicht ſiel auf die Grabmäler ſeines Ge⸗ ſchlechts; Alans Augen hefteten ſich durch den Inſtinkt des Haſſes auf die vergoldete Gedenktafel ſeines fal⸗ ſchen Bruders Reginald, und„tiefe, obwohl nicht laute⸗ Flüche murmelnd, ſchritt er ſodann weiter. Nachdem er ſeine Laterne angezündet hatte, ſtieg er in die Gruft hinab, indem er beſonders vorſichtig mit der Ein⸗ gangsthüre war, die er, den Schlüſſel im Schloß ſtecken laſſend, offen ließ. Hier wollte er Lukas' Rück⸗ — . 342 kunft abwarten. Der Leſer weiß, wie ſehr er alle Wahrſcheinlichkeit eines günſtigen Erfolgs für ſich hatte. Eine Zeit lang ſchritt er, in tiefes Nachdenken verſunken, und wie es ſchien Lukas' Unternehmen, ſo wie die Erfüllung ſeiner eigenen ſchwarzen Pläne über⸗ legend, im Gewölbe auf und ab, indem er mit finſterm Blick die ſchaurigen Reihen der Särge zählte und zu ſeiner Zufriedenheit bemerkte, daß der Sarg ſeiner Tochter wieder auf ſeiner früheren Stelle ſtand. Er gedachte ſodann der Anweſenheit des Paters Chekley an dieſem Orte, in der Nacht ſeiner Zuſammenkunft mit Lukas, wo ſie vor ihm als einer übernatürlichen Erſcheinung erſchrocken waren, und es erregte ſeine Neugierde in hohem Grade, wie dieſer ſo ungeſehen und ungehört hatte hierher kommen können. Er be⸗ ſchloß den Boden zu unterſuchen und nachzuſehen, ob nicht ein geheimer Eingang vorhanden ſei; dumpf und ſchwach gaben die harten Platten das Stampfen ſeiner Ferſen zurück. Endlich feſſelte ihn der Klang einer Eiſenplatte gerade hinter der Marmorſtatue des Sir Ranulph. Hier herein war der Prieſter gekommen; allein dieſe Entdeckung nützte Alan nichts, da die Platte unten befeſtigt, und ſomit alle Verbindung mit dem Kirchhofe, oder wohin ſonſt dieſer Ausgang führen mochte, abgeſchnitten war. Jetzt war übrigens nicht die Zeit zu weiterer Unterſuchung, und ziemlich zu⸗ frieden mit der bereits gemachten Entdeckung fuhr er fort in der Gruft auf und ab zu gehen. Endlich wurde die tiefe Stille des heiligen Ge⸗ bäudes durch das plötzliche Zuwerfen der Kirchthüre unterbrochen. Gleich darauf hörte man Fußtritte in dem Chor. „Er kommt— er kommt!“ rief Alan freudig aus — fügte jedoch einen Augenblick ſpäter mit veränder⸗ tem Tone bei—„aber er kommt allein.“ Die Tritte näherten ſich dem Eingange in die Gruft— jetzt hörte man fie auf der Treppe— Alan ———— — 343 ging vorwärts, um ſeinen vermeintlichen Enkel zu begrüßen, prallte jedoch vor Erſtaunen und Furcht wieder zurück, als er, ſtatt ſeiner, Lady Rookwood erſcheinen ſah. Er zog ſich in den Hintergrund zurück, während die Lady, die eiſerne Thüre mit Gewalt hinter ſich zuwerfend, vorſchritt. Bei der Statue des erſten Sir Ranulph angekommen hielt ſie an; und jetzt be⸗ merkte Alan den ſeltſam ſchrecklichen Ausdruck ihrer Augen, welche auf die Statue, oder irgend einen unſichtbaren Gegenſtand neben demſelben hinzuſtarren ſchienen. Es lag etwas in ihrem ganzen Weſen, was den Zuſchauer mit dem tiefſten Grauen erfüllen mußte. Alan's Furcht wuchs mit jedem Augenblick. Lady Rookwood ſtand ſo ſtolz und aufrecht da, wie wir ſie früher beſchrieben haben— gleich trotzig wölbten ſich ihre Augenbraunen— gleich verächtlich waren ihre Lippen aufgeworfen, aber das ſtarre, regungsloſe Auge, und ein tiefes Stöhnen, welches von Zeit zu Zeit aus ihrer Bruſt ſich herauspreßte, verriethen ihre tödtliche Furcht. Alan beobachtete ſie voll Beſtürzung. Er wußte nicht, wie dieſe Scene wohl ſich endigen, noch was ſie bewogen haben möchte, dieſen ſchauerlichen Ort zu einer ſolchen Stunde zu beſuchen; er beſchloß den Ausgang ſtillſchweigend abzuwarten— ſtill, wie ſie ſelbſt war. Nach einiger Zeit gewann jedoch die Ungeduld die Oberhand über ſeine Befürchtungen und Bedenklichkeiten, und er redete ſie an. „Was thut Lady Rookwood an dem Orte der Todten?“ fragte er. Sie fuhr bei dem Klang ſeiner Stimme zuſammen, aber ſtarrte immer noch in die Leere hinaus. „Haſt Du mir nicht hierher gewinkt, und bin ich nicht gekommen?“ entgegnete ſie hohlen Tones.„Und jetzt fragſt Du, warum ich hier ſei. Ich bin hier, weil ich Dich im Tode ſo wenig fürchte, als ich es im Leben that— ich bin hier weil—“ 3⁴4 „Was ſiehſt Du?/ unterbrach ſie Peter mit ſchlecht verhehltem Schrecken. „Was ich ſehe?— ha— ha—“ ſchrie Lady Rookwood mit mißtönendem Gelächter— etwas, was ein weniger feſtes Herz, als das meinige iſt, erſchrecken könnte— eine ſchauerliche Geſtalt, in deren Adern flammendes Feuer zu rieſeln ſcheint.— Ein Weſen, obgleich nur ein Schatten, ganz ähnlich wie im Leben — ha— runzle nur die Stirne, ich kann Dir Deine Blicke zurückgeben—“ „Wo ſiehſt Du dieſes Geſpenſt? fragte Alan. „Wo“ wiederholte Lady Rookwood, welche jetzt erſt die Anweſenheit eines Fremden bemerkte.„Ha— wer iſt es, der mich fragt? wer biſt Du? Sprich!⸗ „Es iſt gleichgültig, wer oder was ich bin,“ er⸗ widerte Alan—„ich frage Dich, was Du ſiehſt.⸗ „Kannſt Du nichts ſehen?“ „Nein,“ entgegnete Alan. „Kannteſt Du den Sir Piers Rookwood?⸗ „Iſt er es?“ fragte Alan, zu ihr hintretend. „Ja,“ erwiderte Lady Rookwood;„ich bin ihm hierher gefolgt, und ich werde ihm überall folgen, wo er mich hinführt, wäre es auch zur— „Was macht er jetzt?“ fragte Alan;„ſiehſt Du ihn noch?“ „Die Geſtalt deutet auf dieſen Sarg,“ entgegnete Lady Rookwood.„Kannſt Du den Deckel lüften?“ „Nein,“ erwiderte Alan,„meine Kraft wird hiezu nicht hinreichen.“ „Wir wollen den Verſuch einmal machen,“ ſagte Lady Rookwvod;„die Geſtalt deutet noch darauf hin, — mein eigener Arm ſoll Dir helfen.“ Alan betrachtete ſie in ſtummer Verwunderung. Sie ging auf das Monument zu, und winkte ihm zu folgen. Nur wiverſtrebend willfahrte er. Ohne irgend eine Hoffnung den ſchweren Deckel des Sarges luften zu können, machte er ſich endlich doch, auf die wieder⸗ — * holten Bitten der Lady Rookwood an die Arbeit. Aber wie groß war nicht ſein Erſtaunen, als unter ihren vereinigten Anſtrengungen der gewichtige Deckel ſich in den Angeln bewegte, und dann ohne Schwierigkeit vollends ganz aufgerichtet werden konnte, obgleich Alan alle ſeine Kräfte aufbieten mußte, um ſein Zurückfal⸗ len zu verhüten. „Was enthält er?“ fragte Lady Rookwood. „Die Aſche eines Kriegsmannes,“ erwiderte Alan. „Es liegt ein roſtiger Dolch hier auf einem ab⸗ geſchoſſenen Tuche,“ rief Lady Rookwood, das Licht abwärts haltend. „Es iſt dieß die Waffe, mit welcher die erſte Dame von Rookwood ermordet worden iſt,“ ſagte Alan mit grimmigem Lächeln. Wer aus dem Grab ſie nimmt, der mag, Sie halten bis zum jüngſten Tag, Und wenn's von Menſchenhand geſchieht, Der Fluch von Rookwoods Stamme flieht. So lautet der Vers. Habt Ihr jetzt genug geſehen?“ „Nein,“ ſagte Lady Rookwood, ſich in den Mar⸗ mor⸗Sarg hineinſtürzend.„Ich muß dieſe Waffe haben.“ „Heraus— kommt heraus,“ rief Alan.„Mein Arm zittert— ich kann den Deckel nicht mehr halten.“ „Ich muß ihn bekommen, und ſollte ich auch darüber ſterben müſſen,“ ſchrie Lady Rookwood, in⸗ dem ſie vergeblich verſuchte den Dolch loszureißen, welcher mit ſammt dem Tuche, auf dem er lag, durch irgend eiue Subſtanz verbunden, feſt an dem Boden des Sargs anklebte. In dieſem Augenblicke erhob Alan ſeine Augen und ſah etwas, was ihn mit neuem Schrecken erfüllte. Die Art der dunklen Statue ſchwebte über ihrem Kopfe, wie wenn ſie einen Schlag damit nach ihm führen wollte. Es war augenſcheinlich, daß eine geheime Maſchinerie den Deckel des Sarges und die geheimniß⸗ volle Figur verband— allein im erſten Schrecken ließ Alan pen Deckel fahren und dieſer fiel langſam zu. 346 Alan ſtieß einen langen Schrei aus. Lady Rookwood hörte denſelben— in dieſem Augenblicke richtete ſie fich auf— ſie hielt den Dolch in der Hand— ſie ſtemmte ihn gegen den Deckel, allein dieſer drückte zu ſchwer abwärts— das Licht war in dem Sarg, und Alan konnte ihre Züge ſehen— der Ausdruck derſel⸗ ben war ſchrecklich— ſie ſtieß einen Schrei aus— und der Sarg ſchloß ſich für immer! Alan befand ſich nun in einer völligen Finſterniß. Das Licht war mit der Lady Rookwood eingeſchloſſen. Es lag etwas ſo Schreckliches in dem Schickſal, wel⸗ ches derſelben wahrſcheinlich wartete, daß ſogar er bei dem Gedanken daran ſchauderte. Er bot alle ſeine Kräfte auf und verſuchte den Deckel wieder zu lüften, allein dieſer war jetzt feſter geſchloſſen als je. Alle ſeine Anſtrengungen waren vergeblich. Einmal glaubte er, derſelbe weiche ſeinen ſchwellenden Sehnen, allein es war nur ſeine Hand, welche auf dem glatten Mar⸗ mor ausglitſchte. Er war feſt— unbeweglich. Der Sarg tönte von den Streichen wieder, welche die unglückliche Lady mit der Spitze des Dolches führte, allein dieſen Klang hörte man nicht lange. Jetzt war alles ſtill; der Marmor erzitterte nicht mehr unter ihren Streichen. Alan ſtieß mit ſeinen Abſätzen gegen den Sarg, allein er erhielt keine Antwort. Alles warſtill. Er wurde nun auf ſeine eigene Lage, welche ziemlich beängſtigend war, aufmerkſam. Eine Stunde mochte ſchon vergangen ſein, aber noch war Lukas nicht gekommen. Die Thüre der Gruft war ver⸗ ſchloſſen— der Schlüſſel ſtack in dem Schloß, und zwar außen. Er war in dem Gewölbe eingeſchloſſen. Wie, wenn Lukas nicht zurückkehrte? Wie, wenn er bei ſeinem Unternehmen getödtet worden wäre, was wohl der Fall ſein konnte? Dieſer Gedanke fuhr wie ein elektriſcher Schlag durch ſein Gehirn. Niemand wußte um ſeinen Aufenthalt als ſein Enkel. Er konnte in der einſamen Gruft Hungers ſterben. — — — 347 Doch er verwarf dieſen Gedanken ſchon im Auf⸗ tauchen;— es war zu ſchrecklich, ihn zuzugeben. Tau⸗ ſend verſchiedene Umſtände konnten Lukas länger zurück⸗ halten. Er mußte ganz gewiß kommen. Doch die Einſamkeit— die Finſterniß, waren ſchrecklich, uner⸗ träglich;— alles um ihn her ſterbend und todt. Er wagte es nicht ſich zu rühren. Noch eine Stunde verrann— ſie ſchien ihm ein Jahrhundert zu ſein— noch war Lukas nicht gekommen. Schreckliche Ahnungen erfaßten ihn, aber er ſuchte ſie zu unterdrücken. Er ſtand auf und tappte in der Richtung der Thüre fort— ſogar der Schall ſeiner eigenen Tritte erſchreckte ihn. Er erreichte dieſelbe, und ſein Herz pochte in freudiger Hoffnung— er hielt ſein Ohr an das Schlüſſelloch— er lauſchte aufmerkſam— aber nichts war zu hören. Ein Stöh nen ſogar wäre Muſik in ſeinen Ohren geweſen. Eine weitere Stunde war vergangen!— Jetzt wurde er eine Beute der bangſten Befürchtungen, zu welchen noch die wildeſten Aufregungen der Wuth hinzukamen. Er glaubte einen Augenblick, Lukas habe ihn verlaſſen, und häufte Flüche und Verwünſchungen auf deſſen Haupt— im andern beklagte er, in der Ueberzeugung, daß er getödtet worden ſei, ſein und ſeines Enkels Geſchick. Er durchſchritt das Gewölbe wie ein Raſender. Er ſtampfte auf die Eiſenplatte — er ſtemmte ſich mit ſeinen Händen gegen die Thüre — er rief, und die Gruft gab dumpf das Echo ſeiner Jammertöne zurück. Doch der Sand der Zeit ver⸗ rann und kein Lukas kam. Alan überließ ſich jetzt ganz der ei Nicht länger mehr konnte er hoffen, daß ſein Enkel kommen— daß er befreit werde. Sein Schickſal war befiegelt.— Der Tod erwartete ihn.— Er ſah deſſen langſamen aber ſichern Streich voraus— er litt alle Schrecken des Verhungerns zum voraus. Der Gedanke an ein ſolches Ende war zum Raſendwerden, 348 und dennoch war er genöthigt varan zu denken, So ſchrecklich däuchte ihm ein ſolches Schickſal, daß er ſich entſchloß, den Kopf ſich an der Wand zu zerſchmettern und ſeinen Qualen ſo ein Ende zu machen. Und nur die Befürchtung, er könnte ſeinen Zweck nicht ganz erreichen und ſeine Martern dadurch nur noch ver⸗ mehren, hielt ihn von der Ausführung dieſer ſchreck⸗ lichen Idee ab. Seinen Dolch hatte er nicht mehr; eine andere Waffe beſaß er nicht. Schreckniſſe anderer Art trieben ihm jetzt die Haare gen Berg. Er glaubte die Todten aus ihren Särgen ſteigen und die Finſter⸗ niß mit gräßlichen Phantomen bevölkern zu ſehen. Sie umgaben ihn von allen Seiten— raſpln und drehend— ſtöhnend— ſchwatzend— kreiſchend— lachend— und wehklagend! Er war ſtarr— be⸗ täubt— die Luft ſchien erſtickend— peſtartig zu wer⸗ den— das wilde Gelächter verdoppelte ſich— ſie ſchie⸗ nen ihn die Gruft entlang zu zerren— und mitten unter ihrem Geheul ſiel er zu Boden und verlor das Bewußtſein. Als er wieder zu ſich kam, brauchte es einige Zeit, bis ihm ſeine Lage klar wurde, und beinahe wäre er wieder in Ohnmacht geſunken, als er alle Schrecken derſelben begriff. Er erhob ſich— er ſtürzte auf die Thüre zu— er klopfte mit ſeinen Ferſen gegen dieſelbe, bis das Blut an ihnen herablief— er krazte mit ſeinen Nägeln an derſelben bis ſie ſich vom Fleiſche lostrennten mit wüthender Raſerei rannte er gegen ſie an— alles vergeblich. Wieder ging er nach der Fallthüre. Er ſuchte ſie— er fand ſie. Er legte ſich auf den Boden— es war nicht die geringſte Spalte da, auch nur um die Fingerſpitze hineinlegen zu können— er ſchlug mit der geballten Fauſt gegen dieſelbe— er zog mit den Zähnen daran— er ſprang darauf— er ſtemmte ſich mit den Abſätzen dagegen. Das Eiſen klang hohl und dumpf. Wiederum verſuchte er ſich an dem Deckel des Sarges. Verzweiflung verſtärkte ſeine Kräfte. Er 349 hob denſelben einige Zoll weit auf— er ſchrie— er kreiſchte— allein keine Antwort wurde gegeben— wiederum fiel der Deckel zu. „Sie iſt todt!“ rief Alan. Warum habe ich ihr Schickſal nicht getheilt? Das meinige iſt noch ſchreck⸗ licher— ein ſolcher Tod! oh,— oh!“ Und raſend geworden durch dieſe Gedanken, rannte er wieder ge⸗ gen die Thüre und erneute ſeine fruchtloſen Verſuche zu ſeiner Befreiung, bis die Natur dazwiſchen trat und er ſtöhnend und erſchöpft zu Boden ſank. Körperliches Leiden trat nun an die Stelle geiſti⸗ ger Qualen. Von einem wilden, innern Fieber ver⸗ zehrt, wurde er von einem unlöſchbaren Durſt, dem unerträglichſten unter allen menſchlichen Leiden, ge⸗ quält. Seine Zunge war trocken und dürr— ſein Hals wie verſengt— ſeine Lippen faſt ganz ausge⸗ dörrt. Er leckte den feuchten Boden— er ſuchte die Salpeter⸗Tropfen, welche an den Mauern herabträufel⸗ ten, einzufangen; allein dieſe dienten nur dazu, ſeinen Durſt zu vermehren, ſtatt ihn zu löſchen. Er würde die ganze Welt gegeben haben, wenn er einen Tropfen kalten Quellwaſſers hätte bekommen können. O! hätte er ſterben können, nahe dem murmeln einer ſprudeln⸗ den Quelle— aber ſo verenden zu müſſen—! Auch die Qualen des Hungers blieben nicht aus. Er hatte alle Pein des Hungertodes zu erdulden und verſchmachtete vor Durſt. Drei Tage und drei Nächte gingen in dieſem ſchrecklichen Zuſtande über das Haupt des unglücklichen Alan hin. Für ihn gab es weder Tag noch Nacht. Er konnte die Zeit nur nach ihrer Dauer meſſen, und dieſe ſchien ihm eine Ewigkeit zu ſein. Jede Stunde vermehrte nur ſeine Leiden, ohne Linderung für ihn zu bringen. In dieſer Zeit der Pein wankte oft ſeine Vernunft. Manchmal ſtand er unter dem Einfluſſe der wildeſten Leidenſchaftlichkeit. Er warf die untereinander— rollte ſie auf dem Boden, brach ſie 350 auf, und nahm die darin befindlichen Leichname heraus. Ein ander Mal konnte er bitterlich weinen; und ein Mal— nur ein Mal verſuchte er zu beten, allein er fuhr wieder von ſeinen Knieen auf, da er das Echo eines hölliſchen Gelächters in ſeinen Ohren zu ver⸗ nehmen glaubte. Dann ſchleuderte er wieder Ver⸗ wünſchungen auf ſich und ſein ganzes Geſchlecht— trat auf den Särgen herum, die er untereinander ge⸗ worſen hatte— und rutſchte, wenn er wieder etwas ruhiger geworden war, nach dem Sarge hin, der den Leichnam ſeines Kindes enthielt, und küßte ihn in einem krampfhaften Ausbruch der zärtlichſten Liebe. Endlich fühlte er ſeine nahe Auflöſung. Ihm mochte der Gedanke an den Tod wohl ſchrecklich ſein, obgleich er vor ihm nicht zurückſchauderte, ſondern in ſeinen letzten Augenblicken all' die gewohnte Feſtigkeit ſeines Charakters wieder zu bekommen ſchien. Er raffte ſeine letzten Kräfte zuſammen und ſchleppte ſich nach der Niſche, in welcher die Ueberreſte ſeines Bruders aufgeſtellt waren. Seine Hand auf den Sarg legend, rief er feierlich und laut aus—„Meinen Fluch— meinen ſterbenden Fluch— für immer!“ Kaum hatte Alan dieſe Worte geſprochen, als er mit dem Geſichte auf den Sarg fiel und augenblick⸗ lich verſchied. In dieſer Stellung fand man ihn auch. Unſere Erzählung iſt jetzt zu Ende. Es iſt uns jedoch vielleicht geſtattet, einige wenig Worte über zwei untergeordnete Charaktere unſeres Dramas(Melo⸗ dramas ſollten wir eigentlich ſagen), nämlich über Jerry Juniper und den Maltheſer⸗Ritter, beizufügen. Juüiper ſcheint ein zweiter ewiger Jude geworden zu ſein; denn gewiß iſt es, daß eine ihm ſehr ähnliche Perſon jetzt noch lebt und an Jerry's alten Aufenthalts⸗ örtern gefunden werden kann; wir zweifeln in der That nicht, ihn bei den Zuſammenkünften zu Ascot und Hampton wieder zu treffen. Was den Maltheſer⸗Ritter betrifft, ſo bedauren wir ſehr, ſagen zu müſſen, daß ſich ſeine Laufbahn in einem Narrenhauſe endigte, und der arme Ritter auf dieſe Weiſe in der That ein Hoſpitaliter wurde! Nach dem in ſolchen Anſtalten herrſchenden Brauch, wurde der Ritter ſeiner üppigen Locken beraubt; und der Verluſt ſeines Bartes machte ihn vollends unheilbar; doch machte der Barbier des Ortes ſein Glück da⸗ durch, weil er alle die ſchwarzen Locken ſammelte und mit großem Nutzen verkaufte. Dieß iſt die letzte Nachricht, welche wir von dem Erz⸗Lügner Canterburys erhielten! Turpin wurde(warum ſollte man es verhehlen 2) im Jahr 1739 in gork gehängt. Seine Feſtigkeit ver⸗ ließ ihn auch im letzten Augenblick nicht. Als er die verhängnißvolle Bühne beſtieg, zitterte ſein linkes Bein; er ſtampfte ungeduldig mit demſelben, und ſtürzte ſich, nachdem er vorher noch ein wenig mit dem Henker geplaudert hatte, plötzlich und entſchloſſen von der Leiter. Seine Leiden ſchienen kurz zu ſein, wie er ſelbſt ſang: Er ſtirbt nicht wie andre in ſteigender Qual, Und endet— kein Feiger— mit einem Mal. Die Ueberreſte des flüchtigen Hochſtraßenmannes fanden ihre letzte Ruhe in dem entheiligten Kirchhofe von St. Georg, außerhalb des Fiſcherthors, einem grünen und Gras bewachſenen Begräbnißplatz, der aber nichts Düſteres und Unheimliches an ſich hat. Nur wenige neuere Gräber bezeichnen die Stellen, wo einige Opfer der Peſt im Jahr 1832— 33 beerdigt wurden. Allein wir ſuchten vergebens Turpin's Grab auf, wenn nicht(was mehr als wahrſcheinlich iſt) ein ein⸗ facher Stein mit den Buchſtaben R. T. daſſelbe bezeichnet. Seine Feſſeln werden noch im Caſtell von York gezeigt,(die von Newgate, auf welche ein bekannter Schriftſteller, deſſen Werke den Namen„Boz“ tragen, anſpielt, ſind durchaus apoerpphiſch) und ſind ziemlich ſchwer und dick. Der gegenwärtige Schließer konnte 352 ſie kaum in die Höhe heben, obgleich ſich der herkuliſche Räuber mit Leichtigkeit in denſelben bewegt haben ſoll. Ein altes Weib in der nämlichen Stadt hat eine Locke von Turpins Haar. Sie behauptet, ihr Großvater habe ſie von Turpins Leichnam abgeſchnit⸗ ten, und die Gläubigen halten ſie auch ſehr in Ehren. O ſeltener Dick Turpin! Nachſchrift. Es trifft uns vielleicht der Vorwurf, uns über ddden Charakter des Hochſtraßenmannes zu viel ver⸗ breitet zu haben, und wir bekennen uns zum voraus ſchuldig; allein wir konnten es unmöglich vermeiden, ein wenig in das Extreme zu fallen. Von Jugend auf kannten wir liebliche Gegenden in Chesſhire, wo Turpin gehaust haben ſoll; und für eine uns ſehr theure Perſon(von deren, nun leider! ſtummen Lippen wir manche Erzählung ſeiner Thaten vernommen ha ben) war er eine Art von Held. Wir fanden ein beſonderes Ergötzen in der Beſchreibung ſeiner Tha⸗ ien ſo wie ſeiner großen Flucht; und wenn der Leſer nur halb ſo viel Vergnügen in dem Leſen ſeiner Abenteuer findet, als wir bei dem Beſchreiben derſel⸗ ben empfanden, ſo ſind wir vollkommen befriedigt. Vielleicht haben wir ihn in einem zu günſtigen Lichte dargeſtellt— und dennoch wiſſen wir dieß nicht. Auch auf ſeiner Geſchichte, wie auf der noch weit berühm⸗ terer Perſonen, ruht mannichfaches Dunkel. Wir haben ihn ſo geſchildert, wie er nach unſerem Dafürhalten War— und hoffen, daß der nachſichtige Leſer am Ende unſeres Werks zu derſelben Anſicht gelangen erde, und nach en Worten des hübſchen, alten Prologs zum„Gelage des Fürſten der Diebe: — danken dem Mann, Der aus jedem Dieb einen Roscian machen kann. Ende. N — ⸗ 3 e — — 8. U 6 — — 1.