Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Gduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Weſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen., 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. — — — 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:„1 Mrt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— f. „ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Zrauring. tan hat ſchon oft die Beobachtung gemacht und ich mochte behaupten, daß man dieſelbe im Allgemeinen beſtätigt finden wird, daß jedes Mal, ehe eine große Wahrheit an das Tageslicht kommt, ein gewiſſes dumpfes Murmeln vorhergeht, und die Gemüther der Menſchen auf dieſe Wahrheit ſelbſt vorbereitet. Franzöſiſche Akten. Rechtsfäll des Grafen St. Geron. ———— Erſtes Kapitel. Die Gruft. Laßt mich jetzt wiſſen eure völl'ge Abſicht Mit dieſer ſchaurig ernſten Vorbereitung— Ein ſolch Geſpräch paßt für ein Knochenhaus. Webſter. „ In den düſtern Hallen einer Gruft— bei dem Scheine eines Lichtes, welches in einem ſchmutzigen Leuchter an der Wand ſtack, und zur mitternächtlichen Zauberſtunde— konnte man zwei Geſtalten entdecken, welche auf einem alten eichenen Sarge ſaßen, und eben ſo ſchweigſam waren, als die Todten um ſie. Das Gewölbe, worin dieſe Zuſammenkunft ſtatt fand, war von ganz eigenthümlicher Bauart und bedeuten⸗ der Ausdehnung. Augenſcheinlich gehörte es einer mächtigen Ind alten Familie an. Seitenwände und Rookwood. 1. 1 2 Decke beſtanden aus feſtem Mauerwerk. Die letztere wölbte ſich in einem weiten Bogen bis zu einer Höhe von wohl ſiebenzig Fußen von der Mitte des Gewöl⸗ bes bis auf den Boden gemeſſen. Die erſtern, durch dünne Mauern in kleine und enge, aber tiefe Gänge abgetheilt, waren zur Aufnahme der Todten beſtimmt. Der Eingang zu jedem ſolchen Grabgewölbe beſtand aus einem Thorweg, über welchem ein kleiner, nicht ſehr ſpitziger und auf zwei ſchlanken Granitpfeilern ruhender Bogen angebracht war. Der Raum zwiſchen den Bogen war mit verſchiedenen Gemälden, Wappen, Schilden und Inſchriften ausgefüllt, welche die Titel und heraldiſchen Würden der Hingeſchiedenen verkün⸗ deten. An dieſen Niſchen befanden ſich keine Thüren, und man konnte in denſelben eine Maſſe von Särgen ſehen, welche ſo lange auf einander geſtellt wurden, bis der Eſtrich unter ihrem Gewichte ſtöhnte. So zahl⸗ reich dieſe Behältniſſe aber auch waren, ſo reichten ſie doch nicht hin, alle Särge aufzunehmen; und eine äußere Reihe alten Gerümpels, faſt zu bedeutend für den Raum der Gruft, bezeugte die Verwüſtungen des Zerſtörers. An einem dieſer Pfeiler hingen an einem Haken zerfetzte und uralte Wappenſchilder, und in der Mitte des Gewölbes war das düſtere Bild des Sir Ranulph Rookwood(mit dem Beinamen„der Grim⸗ mige⸗), des Erbauers dieſes Mauſoleums und Grün⸗ ders des Geſchlechtes, welches in dieſen Mauern ruhte, zu ſehen. Dieſe Statue(ein Meiſterwerk der Bild⸗ hauerei) war von den meiſten andern derartigen Wer⸗ ken darin verſchieden, daß ihre Stellung aufrecht wie im Leben und nicht ruhend war. Sir Ranulph war in voller Rüſtung, mit ſeinem goldgeſtickten Waffen⸗ rock geſchmückt und den Arm g den Knopf einer ge⸗ wichtigen Streitart ſtützend, dargeſtellt. Sein Ausdruck war der ernſter Ruhe. Ein kegeiförmiger Helm zierte ſein Haupt; das Viſir war aufgezogen und ließ ſeine ſtrengen und gebieteriſchen Geſichtszüge ſehen, welche 60 L ——— —— —— der Bildhauer getren wiedergegeben hatte. Der goldene Ritterſporn war an ſeiner Ferſe befeſtigt; und zu ſei⸗ nen Füßen ruhte in einem koſtbaren Sarg von ſchwar⸗ zem Marmor, dem nämlichen, von welchem die Statue war, einer„der grauſamſten Ritter, weicher nur je eine Lanze gegen einen ſterblichen Feind eingelegt hatte.“ In ſchwankender Bewegung an der Decke auf⸗ flackernd, fiel die ſchwache Flamme des Lichts hie und da auf die vorher erwähnten menſchlichen Geſtalten, welche dadurch aus der ſie umgebenden Finſterniß her⸗ ausgehoben, ihre dunklen und phantaſtiſchen Schatten den Boden entlang warfen. Ein alter Sarg auf einer Tragbahre, diente, wie wir geſagt haben, dieſem ge⸗ heimnißvollen Paar als Sitz. Zwiſchen ihnen ſtand eine Flaſche und ein Glas; ein deutlicher Beweis, daß, welches auch der eigentliche Zweck ihres heim⸗ lichen Beſuchs ſein mochte, ſie doch nicht ganz außer Angen gelaſſen hatten, für ihre Erquickung zu ſorgen. Zu den Füßen einer dieſer Perſonen lag eine Haue, eine Hornlaterne, aus welcher das Licht genommen worden war, ein Bund Schlüſſel, und einige andere Werkzeuge, welche einen Beruf bezeichnen, den unſere Leſer wohl gleich vermuthen werden. Neben dieſen Geräthſchaften lag ein ſonderbarer alter Dachshund mit lahmem Rücken und eisgrauer Schnautze; einem Kopfe, an welchem ein Ohr fehlte und einem Fuße ohne Taze. Sein Herr, denn als ſolchen wollen wir ihn bezeichnen, war ein alter Mann mit hoher Stirne, welcher mit einer ſonderbar geformten Nachtmüze bedeckt war, und deſſen untere Körpertheile enge, gerippte, grauwollene Hoſen bedeckten, welche, nach der früheren Mode, oberhalb des Kniees aufhörten. Der Ellbogen des alten Mannes ruhte auf dem Stiele ſeines Spatens, ſein Kinn wurde durch die Fauſt un⸗ terſtützt, und ſeine großen Glasaugen, Whe gleich orſchend Irrlichtern in dem Dunkel leuchteten, ware auf ſeinen Begleiter geheftet. 1 4 Der Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit, eine viel füngere und anziehendere Perſon, ſchien in Träume⸗ reien verſunken, und gleich gefühllos für Zeit, Ort, und den Zweck ſeines Hierherkommens. Mit beiden Händen den Lauf eines Gewehrs umfaſſend, und auf dieſe ſeinen Kopf fützend, waren ſeine Züge durchaus unſichtbar; wozu auch noch das Licht beitrug, welches, bald zu Ende, ſeine Helle mehr nach Oben, als auf ſeine Perſon warf. Obgleich die Umriſſe ſeines Kopfes, und die Verhältniſſe ſeiner Figur nur unvollkommen ſich ausdrückten, ſo waren ſie dennoch höchſt auffallend und ganz ſymmetriſch. In eine grobe, eben ſo rauhe als ſchlecht gemachte Jagdkleidung, nach der Mode von 1737, gehüllt, würde dieſe ſchlechte Tracht eine ſehr niedere Stellung in der Geſellſchaft angedeutet haben, hätten nicht eine gewiſſe Hoheit und ein kühnes, obwohl ſorgloſes Aeußere dafür geſprochen, daß der⸗ jenige, welcher ſie trug, höhere Anſprüche im Leben habe, und dadurch den Eindruck größtentheils wider⸗ legt, welchen die ſchlechte Kleidung machte. Eine braune, zottige Pelzmüze von eigenthümlichem, aber nicht ungefälligem Schnitt, bedeckte ſein Haupt, von welchem ein rabenſchwarzes Haar in natürlichen Locken auf Hals und Schultern herabfiel. War ſein Geſicht nicht bedeckt, ſo zeigte es ſich, daß daſſelbe einem jun⸗ en Manne mit düſtern und ernſten Zügen, und einem ſwernuthign Ausdruck, welcher in der Ruhe beinahe hart genannt werden konnte, angehörte; wenn er jedoch ſprach oder ſonſt aufgeregt war, ſo wurden ſeine Züge belebt und feurig. Sein Geſicht war regel⸗ mäßig und zart, und hätte als eigenthümlich ſchön bezeich⸗ net werden können, wenn ihm nicht eine gewiſſe Run⸗ dung gefehlt, woran vielleicht Sorgen, Kummer oder zu große Anſtrengung Schuld waren, welche daſſelbe zwar als zu mager und etwas leidenſchaftlich, aber durchaus nicht als wild oder abgezehrt erſcheinen ließen. Die Naſe war zart und ſchön; ebenſo die 5 Naſenöffnungen; die Oberlippe kurz, aufgeworfen, zier⸗ lich und höchſt ausdrucksvoll. Was die Farbe ſeiner Haut betrifft, ſo hatte ſie das ächt ſpaniſche warme und kräftige Colorit. In aufgerichteter Stellung war ſeine Figur groß und männlich, und drückte, trotz ihrer Magerkeit, große perſönliche Kraft aus, und bei ſeinem ſorgloſen und freien Benehmen erſchien ſein Aeußeres als höchſt einnehmend und gewinnend. Wir wollen jetzt zu ſeinem Begleiter, dem alten Manne mit den großen, grauen, leuchtenden Augen zurückkehren. Peter Bradley von Rookwood, comitatu Ebor, wo er während des größten Theils ſeines Lebens, wel⸗ ches die gewöhnliche Bauer der Zeit, die den Sterblichen in der Regel vergönnt iſt, ſchon weit überſchritten hatte, das Amt eines Todtengräbers ausübte, war eine jener wunderlichen menſchlichen Carikaturen, welche unſer unnachahmlicher George Cruikshank zeichnete— und da er auch dieſen unſern Bradley wirklich Leben, oder vielmehr zum Sterben ähnlich darſtellte, iſt jede weitere Beſchreibung von unſerer Seite faſt unnöthig. Peter hatte jedoch etwas Ueberirdiſches an ſich, wel⸗ ches ſogar einem Cruikshank zu treffen unmöglich iſt — etwas Uebernatürliches in ſeinem Blick, was, in Verbindung mit ſeinem ſardoniſchen und, wie man ſagte, bösartigen Charakter, ihn zum Gegenſtande des Schreckens und Abſcheus für ſeine Nachbarſchaft machte. Seine lange dürre Geſtalt war beinahe einem 3 Skelett ähnlich. Sein kahler Kopf hätte an einen Todtenſchädel erinnert, wenn die überhängenden und behaarten Angenbraunen nicht geweſen wären. Tief gelegen und in ihre Höhlen zurückgeſunken, leuchteten ſeine grauen Augen mit unerträglichem Glanze. Die⸗ ſer Ausdruck war es auch hauptſächlich, welcher ſo ſehr den Schrecken des Landvolks in Rookwood erregte. 3 Wenige konnten ſeinen Blick ertragen— und Peter, 2 der ſeiner Gewalt ſich bewußt war, verfehlte 1 6 auszuüben. Noch eine andere Gewohnheit hatte er, welche Einige für Verrücktheit hielten, und ihn deß⸗ halb bemitleideten, während ihn Andere darum nur noch mehr fürchteten. Die Gewohnheit, welche wir meinen, beſtand nämlich in einem wilden, ſchrillen Gelächter zu Zeiten, wo ſonſt aller Scherz ſchweigt — und wo ein Ausbruch des Frohſinns nur der größ⸗ ten Rückſichtsloſigkeit und Mißachtung menſchlichen Kummers und Leidens, oder der Geiſteszerrüttung beigemeſſen werden kann. Die Mitleidigeren ſchrieben dieſe Eigenheit des Todtengräbers dem letztern Um⸗ ſtande zu,— aber Viele ſahen, oder bildeten es ſich wenigſtens ein, in Peters unzeitiger und wahnwitziger Heiterkeit nur das boshafte Frohlocken eines Feindes. Dieſes Gelächter war auch in der That ſo gräßlich, und von ſolchen Verzerrungen begleitet, daß ſelbſt der unerſchrockenſte Menſch darüber erſchreckt zurück⸗ ſchauderte. Es hielt ungefähr die Mitte zwiſchen den unverſtändlichen Tönen eines Geiſtes, und dem Grei⸗ nen eines galvanifirten Körpers. Peters Inneres ſtimmte mit ſeinem Aeußern voll⸗ kommen überein. Er war ein Mann der Gräber— „auf der Erde, irdiſch; mit den Todten, todt., Seine beſtändige Berührung mit Erde und Moder hatte, ſo zu ſagen, ſeine beſſern Gefühle verdorben und wurm⸗ ſtichig gemacht, ſein Gemüth„wie mit einer Rinde⸗ überziehend, und den geſunden Blutumlauf in ſchwarze und ſchwermüthige Galle verwandelnd. Er ſchien etwas der Nichtigkeit Verwandtes zu beſitzen, und doch hatte er wieder Feuer— ein verbindendes Glied zwiſchen dem athmenden Körper und dem knöcher⸗ nen Leichnam— Jörperlichkeit und zugleich Unkör⸗ perlichkeit: Er war im Tod des Lebens Alp, der's Blut gerinnen macht. Den Kirchhof konnte man ſein Gebiet nennen— das Grab ſeine Wohnung— das Beinhaus ſein — Muſeum von Seltenheiten. Und er ftellte eine eben ſo genaue Bekanntſchaft mit den letztern zur Schau aus als ſein Bruder vom Grabſcheit mit dem Schä⸗ del jenes tollen Schelmen Yorik, des Königs Spaß⸗ * macher;“ und zeigte die nämliche Sicherheit bei der Feſtſtellung des Namens oder des Alters„eines fleiſch⸗ loſen Kinnbackens“, oder irgend eines Beins, als nur je ein Gelehrter bei dem foſſilen Fangzahn eines Mam⸗ muth, dem rieſigen Kinnbacken eines Meſtodon, oder einem andern unbegreiflichen Ueberreſte von ausge⸗ ſtorbenen Geſchöpfen der vorſündfluthlichen Welt be⸗ weiſen kann. Des fortgeſetzten Stillſchweigens müde, ließ ſich Peter endlich zum Sprechen bringen. Seine Stimme war rauh, und tönte wie eine roſtige Angel. „Noch ein Glas?“ ſagte er, indem er ein wenig von dem bleichen Getränk einſchenkte. Sein Gefährte ſchüttelte den Kopf. „Es wird die Kälte vertreiben,“ fuhr der Todten⸗ Käber fort, indem er trank;„und Du, der an die Dünſte einer Gruft nicht ſo gewöhnt iſt, wie ich, magſt von derſelben wohl zu leiden haben. Ueberdieß, fügte er höhniſch bei,„wird es Dir Muth machen.“ Sein Gefährte gab keine Antwort. Aber der Blitz ſeines Auges gab ſeinen Unwillen über dieſen Vorwurf zu erkennen. 1„Nein, ſtarr' mich nicht ſo an, Lukas,⸗ fuhr der Todtengräber fort,„ich bezweifle weder Deinen Muth, ⁰ noch Deine Feſtigkeit. Aber wenn Du nicht trinken 1 willß, ſo will ich,— es geſchieht auf die ewige Ruhe des Sir Piers Rookwood! Du wirſt auf dieſen Be⸗ ſcheid Amen ſagen, oder Du biſt weder mein Enkel, —, noch die Frucht ſeiner Lenden.“ .„Warum ſollt ich auch ſein Andenken ehren,“ ant⸗ wortete Lukas bitter, indem er das angebotene Glas zurückwies,„der nie väterliche Liebe für mich zeigte? 1 Er vewäugnete mich im Leben— im Tode verläugne ich ihn. Sir Piers NRookwood war nich mein Vater.⸗ 8 Er war ſo gewiß Dein Vater, als Suſanne Bradley, Deine Mutter, meine Tochter geweſen iſt,⸗ erwiderte der Todtengräber. „Gewiß aber,“ rief Lukas ungeſtüm aus,„brauchſt Du Dich dieſer Verwandtſchaft nicht ſehr zu rühmen! Es ziemt Dir nicht, alter Mann, ihre Namen mit. einander zu verbinden— über die Schande Deiner Tochter und Deine eigene Entehrung zu frohlocken! Schäme— ſchäme Dich! Spreche nicht in einem Athem von denſelben, wenn Du nicht willſt, daß ich den Todten fluche. Ich hege keine Verehrung(was Du auch fühlen magſt) für den Verführer, für den Mörder meiner Mutter.⸗ „Du haſt hier in der That eine ſchöne Auswahl 3 von Titeln, guter Enkel, erwiderte Peter.„Sir 5 Piers ein Mörder!⸗ „Pah!“ antwortete Lukas unwillig,„heuchle nur keine Unwiſſenheit, denn Du weißt beſſer als ich, ob 3 die dunkle Sage in Betreff des Hinſcheidens meiner Mutter wahr oder falſch iſt; und wenn däs Gerücht nicht völlig lügt, ſo haſt Du gute Gründe gehabt, über dieſen Gegenſtand nie etwas zu ſprechen. Dieß weißt Du ſelbſt am beſten. Du wirſt Dich ſpäter zu verantworten haben, wenn Du für Sündengeld die ewige Gerechtigkeit hingabſt. Aber ob ſie an einem gebrochenen Herzen ſtarb, gebrochen durch Sir Piers' Treulofigkeit— oder ob ſie als ein Opfer der Ge⸗ 5 wiſſensbiſſe— der Verzweiflung fiel— und ihr zer⸗ knirſchtes Herz dem Gewicht der Reue über ihr Ver⸗ brechen, deſſen Urheber und Urſprung jener war, un⸗ ₰ * terlag, oder ob geheime Gewalt ſie aus der Welt 6 ſchaffte— dieß mag eben ſo unbeſtimmt und ungewiß bleiben, als es unſere Hoffnungen in Beziehung auf ½ 8 das Jenſeits find. Davon bin ich jedoch feſt über⸗ eugt, daß Sir Piers Rookwood die hauptſächliche rſache ihres Todes und ihr wirklicher, wenn auch nicht abſichtlicher Mörder war. — . „Kummer hat Suſens Herz nicht gebrochen,“ ſagte der Todtengräber;„wie ſie auch geſtorben ſein mag,— ſie ſtarb unbußfertig.“ „Ihre Sünden ruhen auf ihrem Verführer— ihr Blut ſchreit nach Rache!“ „Die Rache gehört dem Herrn,“ erwiderte Peter. „Ueberlaſſe es dem Sir Piers, ſeine eigenen Ange⸗ legenheiten in Ordnung zu bringen. Ich ſtehe dafür, daß er Deiner Hülfe nicht noch bedarf, um abwärts zu fahren. Und da wir wiſſen, daß er dieſes ſterb⸗ liche Treiben verlaſſen hat, und kein Wort mehr zu ſeiner Vertheidigung ſagen kann, noch die Macht hat, einen Frevel zu begehen, ſo begrabe Deinen Haß gegen ihn, in Betracht, daß er dahin geſchieden iſt, obgleich ich auch zugebe, daß er während ſeines Lebens keine beſondere Vorliebe für Dich an den Tag legte. Sage, daß Du ihm vergibſt.“ „Ich für meinen Theil vergebe ihm aus vollem und freiem Herzen; mehr kann ich nicht thun. Möge ihm Gott das Unrecht vergeben, welches er an mir begangen hat!“ „Nun, das heiße ich ſchön und recht geſprochen,“ erwiderte der Todtengräber,„obgleich Du noch weit davon entfernt biſt, Deine Lage richtig zu begreifen, Enkel Lukas, und noch leeren Träumereien über ein⸗ gebildetes Unrecht Raum gibſt. Höre zu, ich will Dir dieſe Deine Lage auseinanderſetzen. Du ſcheinſt es ſehr übel zu nehmen, daß Sir Piers ſich durchaus nicht als Deinen Vater bekannte. Daraus erwuchs gewiß auch weder für ihn noch für Dich, viel Gutes. Da es nun aber gegen den Willen und die Neigung beider Partieen geſchah, ſo wollen wir es beruhen laſſen. Du biſt ein braver Eeſelle, und wegen Dei⸗ ner unrechtmäßigen Geburt um kein Haar ſchlechter.“ „In Deiner Meinung— vielleicht— „Und eben ſo in der einer jeden fühlenden Perſon. Es brächte Dir keine Schande, wenn Du auchſ d 10 könnteſt. Du haſt Geiſt und ſollteſt Dich über ge⸗ meine Vorurtheile erheben. Unrechtmäßigkeit!— wie kann Dich dieß grämen? Biſt Du deßhalb weniger thatkräftig, geſchickt, energiſch, weniger unternehmend? Beſitzeſt Du weniger Fähigkeiten als ein im geſetz⸗* lichen Ehebett Erzeugter? Biſt Du deßhalb nur im Geringſten unfähiger, mannhaft zu werden? Und was dieſen Vorwurf betrifft, der nur in der Meinung der Welt beſteht, ſo ſollte man ihn nicht ſo hoch anſchla⸗ gen. Oh! Lukas, es fehlt Dir etwas von meiner ſchwermüthigen Philoſophie. Bemerke den Unterſchied zwiſchen uns. Sir Piers liebte meine Tochter Su⸗ ſanne,— verführt ſie—“ „Pflaſter vor Deinen Mund.“ „Höre mich zu Ende. Ich will das Benehmen Deines Vaters durchaus nicht vertheidigen, ſondern nur die Thatſachen erzählen, und natürliche Schlüße aus denſelben ziehen. Ich nehme Rückſicht auf die Verſchiedenheit unſerer Stellung im Leben; wie natür⸗ lich iſt es, daß ein ſchwaches, eitles Landmädchen, wie Suſanne, in Verſuchung fiel, und daß Sir Piers, welcher in Beziehung auf die dem Manne ankleben⸗ den Leidenſchaften keine beſondere Ausnahme machte, die Rolle des Verſuchers ſpielte. Es iſt dieß die menſch⸗ liche Natur— die ſchwache, irrende, menſchliche, aber doch immer menſchliche Natur. Ich möchte viel lieber, daß es nicht ſo gegangen wäre— aber ich tadle keine Partie. Und was die Entehrung betrifft, welche, wie Du ſagſt, auf mir haftet, ſo glaube ich meine Verach⸗ tung gegen die Meinungen der Welt ſchon ſo hinreichend bewieſen zu haben, als daß es nöthig wäre, meine Anſichten über dieſen Punkt wiederholt auszuvrücken, wenn es überhaupt je möglich wäre, daß ein Menſch ——— wie ich, entehrt werden könnte. Dich erkenne ich aber eben ſo für meinen Enkgl an, als wenn Du von ſtreng rechtmäßiger Gebutt ſein würdeſt; nein, ich bin im Gegentheil noch ſtolzer auf Dich, den Baſtard des Sir Piers, als wenn Du der geſetzliche Spröß⸗ ling irgend eines ehrlichen Bauers wäreſt.“ „Nichts mehr hievon,“ rief Lukas ungeduldig aus, ſprang raſch von ſeinem Sitze auf, warf das Gewehr über ſeine Schulter und ging haſtig in der Gruft auf und ab, indem er jeder Niſche, an welcher er vorüberkam, einen ſcharfen Blick zuwarf. Der Boden dröhnte unter ſeinen Schritten, und ſeine große Geſtalt verlor ſich bald im Dunkel, bald wurde ſie wieder ſichtbar. Während der Zeit war der Tod⸗ tengräber nicht ohne Beſchäftigung. Er machte die traurigen Vorbereitungen zu der Feierlichkeit, welche den andern Tag ſtattfinden ſollte; vertrieb ſich die Zeit mit einzelnen abgeriſſenen Ausrufungen und Lie⸗ dern, welche eben ſo übernatürlich und ſonderbar waren, wie er ſelbſt, indem er dieſe mitunter mit einem Pfeifen begleitete, worin er ſelbſt eben ſo wenig den Regeln der Muſik folgte, als er in deren Auswahl ängſtlich war. Während einer Pauſe in dieſer ſelt⸗ ſamen Beſchäftigung nähert ſich ihm Lukas mit der Frage: „Um welche Stunde ſtarb Sir Piers Rookwvod?“ „Letzten Donnerſtag Nachts. Die Stunde weiß ich nicht genau.“ „An welcher Krankheit?“ „Auch dieß weiß ich nicht. Sein Ende war plötz⸗ lich, aber nicht ohne daß ein warnendes Zeichen vor⸗ hergegangen wäre.“ „Was— ein warnendes Zeichen?“ fragte Lukas. „Nichts anderes, als das Todes⸗Omen des Hauſes. Du ſcheinſt erſtaunt. Wäre es möglich, daß Du nie von dem verhängnißvollen Lindenbaum und dem fatalen Aſt gehört heben ſollteſt? Da dieß doch eine ganz bekannte Sache in der Umgegend iſt und ſie Dir erzählen. Vielle t haſt Du ſchon die alte Lindenallee geſehen, w e nach dem Herrenhaus ſchon ſeit Jahrhunderten Jedes alte Weib kann ch 7 12 führt, beinahe eine Viertelmeile in der Länge hat, und eine ſo edle Allee von Bäumen iſt, als nur irgend eine in der Grafſchaft. Nun, darunter befindet ſich ein Baum— der letzte linker Hand ehe man an das Uhrenhaus kommt— größer als alle übrigen— ein hoher Stamm, mit weit ſich ausbreitenden Aeſten, und ich weiß nicht gerade von welchem Umfangs. Dieſer Baum ſteht auf eine geheimnißvolle Weiſe in genauer Ver⸗ bindung mit der Familie Rookwood, und untittelbar vor dem Tode eines Mitglieds dieſes Geſchlechts fällt ficher jedes Mal ein Aſt von ſeinem Mutterſtamme, ſolchermaßen ein Vorbote des Todes. Doch Du ſollſt die Sage hören.“ Und in einem eigenthümlichen Grabestone, welcher übrigens dem Terte gar nicht angemeſſen war, ſang Peter folgende Strophen:— Die Sage vom Lindenbaum. Eine Ballade. . Dort in dem ſchatt'gen Laubgewölb von Linden ſtark und groß, Durch das der Pfad ſich zieht hinauf zu Rookwoods altem Schloß, Ragt über allen hoch empor mächt'ger Kron' ein aum, Gleich Adlersſchwingen breitend aus die Arm' zum Himmelsraum. H. Sein Stamm wohl ſieben Ellen faßt; ich darf's behaup⸗ ten kühn; Ihn ſchmückt der Rinde Silbergran, der Blätter dunkles rün. Und unter ſeinen Aeſten baut ſein Neſt ein Rabenpaar, Heckt ſeine ſchwarze Brut, und geht und kommt von Jahr zu Jahr. III. Wenn ſpielend ſanft um dieſen Baum die Sommer⸗ lüfte weh'n, Dann hört man leiſen Klagelaut durch ſeine Blätter geh'n; Und wenn in ſtärkerem Accord des Sturmwinds Brau⸗ ſen hallt, So iſt's als wenn ein Wehgeheul von Menſchenſtimm' erſchallt. 1V. Doch ob es ſtürmet oder ruht, ob kein Gewölk man ſieht, Das Schickſal will, daß jedes Mal dem Baum entfällt ein Glied, Ein grüner Aſt noch unverſehrt von Beil und Sturm's Gewalt, Um anzudeuten Rookwood's Haupt, daß Tod ihm nahe bald. V. Der Eine glaubt, daß dieſer von höh'rer Macht eſeelt. Der Glocke gleich die Stunde zeigt, die das Geſchick erwählt; Ein And'rer ſagt, daß an dem grauſe Spur erblickt, Viel Flecken, Menſchenadern gleich, Roth in das Grün geſtickt. VI. Und wiederum ein And'rer will, daß am zeriſnen Baß, Ein ſchwarzes Mal die Stelle zißt von Teufelshand erfaßt; 14 Daß von des Zauber Fall der Rabe drei Mal ſchreit, Verkündigend die vom Geſchick noch zugemeſſ'ne Zeit. VM. Vor Zeiten, wie die Sage geht, Herr Ranulph ſehr geſtreng, Bemerkte, wie durch ſeinen Wald einſt eine Hexe ging; Und alsbald ſeine Bluthund' et er auf das arme eib; Die folgten ihr in raſcher Jagd, und gingen ihr zu VIII. Mit Flammenaugen blutigroth zurückkam jeder Hund, Verſtümmelt und zerriſſen lag die Hexe auf dem Grund. Und wo ſie lag, begraben ward ihr rauchendes Gebein, Hier ließ mit ſchadenfroher Luſt ſie Ranulph ſcharren ein. IK. Und während noch der Boden war benetzt vom blut⸗ gen Mord, Ranulph mit einem Lindenſtab der Armen Herz durch⸗ ohr Und wunderbar! der Stab ſogleich im Boden Wurzeln chlug, Und, wohlgenährt in ſeinem Beet, balo ſtarke Schoßen trug. X. Von Jahr zu Jahr trieb friſch der Stamm, bald ſtand eer mächtig da; In wilder Freude Ranulph glüht, als er das Wunder ah ————— Doch als er unterm Baume einſ in ſtolzer Nuhe lag, Da fand am Boden ſich ein Aſt.— Er ſtarb an nächſten Tag. 5 15 XI. Und von der Stund an ward der Baum von Zauber⸗ macht regiert, Ein Warnungszeichen Ranulphs Stamm, das ihm den Tod gebiert. Denn traun, ſo wie gefunden wird ein Aſt an ſeinem Fuß, Eh' dreimal geht die Sonne auf, ein Rookwvod ſter⸗ ben muß. „Und ein ſolches Omen, ſagteſt du, ging Sir Piers Tode voraus?“ fragte Lukas, welcher aufmerkſam dem Geſange ſeines Großvaters zugehört hatte. „Ganz gewiß. Letzten Bienſtag ſchleuderte ich Morgens zufälliger Weiſe durch die Allee,“ erwiderte der Todtengräber;»ich weiß ſelbſt nicht, was mich zu einer ſo frühen Stunde dorthin führte, allein ich ſtrich ſo ganz nach Gefallen herum, bis ich in die Nähe dieſes Baumes kam. Und ſchau! da lag, gerade über den Weg herüber, ein großer Aſt auf dem Boden: eine Schlange hätte mich nicht ſo erſchreckt. Es iſt ſo etwas ganz Eigenes,— ein grüner, ſtarker Aſt, welcher von dem Stamm abgelöst iſt— aber weder durch den Wind, den Sturm, noch die Axtz ich blieb ſtehen, und machte mir ſo meine Gedanken über das Schickſal und den Tod. Während ich in Nachdenken verſunken war, galoppirte Sir Piers in lauter Luſt, von einem Troß fröhlicher Freunde gefolgt und von ſeinen Hunden umrast, aus dem Thore. In vollem Jagen ritt er auf mich zu; kaum hatte aber ſein Pferd den Aſt erblickt, als es zurückſprang, und den Sir Piers aus dem Sattel warf. Er war durch den Fall etwas verletzt; als er jedoch den Grund ſeines Unfalls bemerkte, ſo machte ihm dieſer mehr zu ſchaffen, als alles andere. Er ſuchte zwar ſeine Unruhe zu ver⸗ bergen„aber ich ſah ihm ſeine Angſt wohl an. Es * 16 war der Vorbote ſeines Todes. Ich erblickte ſogar die Hand des Schickſals in ſeinem Geſicht. Zuerſt⸗ ſtürmte er, und fragte wer dieß gethan habe. Jeder⸗ mann wurde gefragt— alle verneinten, etwas davon zu wiſſen. Hugh Bodger, der Wildhüter, hielt fein Pferd, aber er wollte nicht wieder aufſteigen, ſondern kehrte. traurig nach Haus zurück, und gab die Jagd für jenen Tag auf. Vor ſeinem Weggehen ſprach er einige Worte insgeheim mit mir in Betreff deiner, und deutete mit ſchwermüthigem Kopfſchütteln auf den Af der Gedauke an eine andere Welt lag in ſeinem Auge. Doktor Titus Tyrconnel, und jener wilde Ge⸗ ſell, der Jakob Balmer, verſuchten ihn aufzuheitern, aber es wollte nicht gehen; es war alles vorbei, ſeine Stunde hatte geſchlagen. Zwei Tage ſpäter war ſein Geſchick erfüllt.⸗ „Und glaubſt Du denn wirklich an dieſe Sage?/ fragte Lukas mit erheuchelter Gleichgültigkeit, obgleich ſich aus ſeinem Benehmen wohl ſchließen ließ, daß er nicht ſo ganz frei von Aberglauben war, als er ſchei⸗ nen wollte. „Darüber kann kein Zweifel ſein,/ erwiderte der Todtengräber;„ich wäre ſchwerer von dem Gegen⸗ theile zu überzeugen, als einſt der ungläubige Jünger; drei Mal hatte es flatt, ſo lange ich weiß, und jedes Mal mit dem gleichen Erſolg; zuerſt mit Sir Reginald das zweite Mal mit Deiner eigenen Mutter; und das dritte Mal wie ich ſo eben erwähnt habe, mit Sir Piers./ 3„Ich meine Du habeſt eben vorhin geſagt, daß fich dieſes Todes⸗Omen, wenn es je ein ſolches iſt, nur auf die eigentliche Familie Rookwood, und nicht auf bloße Hausbewohner beziehe. „Allein auf die Häupter dieſes Geſchlechts, ſie mögen nun weiblich oder männlich ſein.“ „Wie konnte es ſich dann bei ihr ereignen? War fie von jenem Hauſe? War ſie eine Frau? „Wer will ſagen, daß ſie es nicht war?⸗ erwiderte der Todtengräber. „Wer will ſagen, daß ſie es war? rief Lukas, indem er die Worte mit zornigem Nachdruck wieder⸗ holte.—„Wer will dieſes behaupten?“ Ein Lächeln, kalt wie winterlicher Sonnenſchein, ſpielte um die Lippen des Todtengräbers. „Ich werde dieß nicht länger ertragen,“ rief Lukas; „erzürne mich nicht, oder ſieh Dich vor. Mit einem Wort, haſt Du mir irgend etwas in Beziehung auf ſie zu ſagen? wenn nicht, ſo laß mich gehen.“ „Ja, ich habe Dir etwas zu ſagen; aber ich laſſe mich durch einen Knaben, wie Du einer biſt, nicht zwingen,“ erwiderte Peter mürriſch.„Geh, wenn Du willſt, und nehme die Folgen auf Dich; meine Lppen ſind dann für immer verfiegelt, und ich habe Vieles zu ſagen,— Vieles was Du wiſſen ſollteſt.⸗ „Dann heraus damit; warum kam ich denn hier⸗ her? Als Du mich dieſen Morgen in meinem Zufluchts⸗ ort bei den Zigeunern in dem Wald von Davenham aufſuchteſt, bateſt Du mich, um Mitternacht mit Dir in der Vorhalle der Kirche zuſammen zu treffen. Ich war meinem Verſprechen treu.“ „Und ich werde das Meinige auch nicht brechen. Setze Dich. Du weißt wo Du biſt; dieß iſt der Be⸗ gräbnißplatz der Familie Rookwood.“ „Puh!“ „Unterbreche mich nicht. Was ich zu ſagen habe betrifft Deine Mutter eben ſo gut als Dich, wie Du finden wirſt. Sieh' dich um. Schau wie jede Zelle in dieſem Grabgewölbe beſetzt iſt. Die Särge ſind gleich Kiſten in einem Lagerhaus auf einander gehäuft. Und wie nutzlos iſt das Blei verſchwendet; man hätte es beſſer zu guten Kugeln gegoſſen, und damit unter dem Ueberfluß an Menſchen aufgeräumt, als faulende Leichname darin aufzubewahren; einige Bretter ſind alles, was der Beſte von uns nöthig gebe Rookwood. I. 3 mir ein tiefes Grab, ein dünnes Brett, und ſandigen 1 Boden. Was iſt denn ein Kirchhof— he?— Doch hier ſind ſie nun einmal in allen Ehren, welche die Erde geben kann— Väter und Söhne— hier liegen ſie in Reihen zu drei und vier, an vielen Stellen ſo⸗ gar zu fünf. Rücke näher, damit ich Dir in das Ohr wiſpern kann. Unter allen Rookwood, welche hier um uns herum liegen— und unter allen, welche je die⸗ ſen Namen trugen, mit Ausnahme des Sir Piers, welcher in dem Saale auf dem Paradebett liegt, iſt hier— nicht ein— merke auf, was ich ſage— nicht ein männlicher Zweig dieſes Hauſes, welcher nicht im Verdachte wäre— „In welchem 2/ „Ein Mörder zu ſein!“ erwiderte der Todtengrä⸗ ber mit liſpelndem Ziſchen. „Ein Mörder!“ ſprach Lukas zurückſchaudernd nach. „Es ruht ein ſchwarzer Flecken auf allen— Blut, Blut wurde von jedem vergoſſen.⸗ „Von jedem?“ „Und was für Blut! ihr Verbrechen war kein ſ gewöhnliches. Sogar der Mord hat ſeine Abſiufun⸗ gen— der ihrige gehörte in die erſte Reihe.⸗ „Ihre Weiber— doch dieß kannſt Du nicht meinen?“ „Ja, ihre Weiber meine ich! Du haſt es alſo ge⸗ hört. Ha! ha! Sie hatten einen Kunſtgriff. Hörteſt Du nie die alte Sage? ſie iſt in dem Munde jedes alten Weibes in der Umgegend: Nie war eine Genoſſin genug auf der Hut Gegen eine Krähe von Rookwood.*) Dieß iſt eine luſtige und wahre Sage; nie ſtand eine Frau einem Rookwood im Wege, welche nicht eilig hinweg geſchafft worden wäre; dieß iſt ſicher. Mit Aus nahme des armen Sir Piers verſtan⸗ *) Rook heißt rähe; Rookwvod Krähenwald. D. ueberf. — S* N ——— v— 19 den ſie alle die Kunſt, einer läſtigen Frau den Mund zu ſtopfen, und übten ſie auch bis zur Vollendung gut aus— eine ſeltene Kunſt, ha?“ „Was gehen denn aber die Miſſethaten ſeiner Vorfahren den Sir Piers an,“ erwiderte Lukas,„oder gar vollends meine Mutter?, „Sehr viel. Wenn er ſein Weib nicht los wer⸗ den konnte(und ſie iſt eine Partie für den Teu⸗ fel ſelbſt), ſo folgt noch durchaus nicht daraus, daß er ſeine Geliebte nicht leichter hätte aus dem Wege räumen können.“ „Haſt Du alſo beſtimmte Kenntniß von etwas?“ fragte Lukas, indem ſeine Stimme vor innerer Bewe⸗ gung zitterte. „Nein, ſondern ich wollte bloß andeuten.“ „Solche Andeutungen ſind ſchlimmer, als eine offene Sprache. Laſſe mich das Schlimmſte wiſſen. Tödtete er ſie?“ Und Lukas ſtarrte den Todtengräber an, als wollte er im Innerſten ſeiner Seele leſen. Aber Peter war nicht ſo leicht auszuforſchen. Sein kaltes, helles Auge gab Lukas Blick feſt zurück, und er antwortete ruhig: „Ich habe alles geſagt, was ich weiß.“ „Aber nicht alles, was Du denkſt.“ „Die Gedanken ſoll man nicht immer ausſprechen, ſonſt bringt man oft ſein eigenes und das Wohl An⸗ derer in Gefahr.“ „Eine eitle Ausflucht; und bei Dir noch mehr als eitel. Ich will eine Antwort haben, ja oder nein. War es Gift— war es Stahl?“ „Keines von beiden. „Aber es gibt noch andere Mittel, wodurch man das Lebenslicht auslöſchen kann.“ „Genug— ſie ſtarb.“ „Nein, nicht genug. Wann?— wo?“ „Während des Schlafes— in ihrem Bett.“ „Wie; dieß war ja natürlich.“ 5 2 6 20 Ein höhniſches Lächeln zog die Augenbraunen des Todtengräbers zuſammen. „Was ſoll denn dieſes ſchreckliche Gelächter be⸗ deuten?“ rief Lukas aus, indem er ſeine Schulter mit einer ſolchen Kraft erfaßte, daß er den Mann der Gräber beinahe umgeworfen hätte.„Sprich, oder ich erwürge Dich. Sie ſtarb, ſagſt Du, im Schlafe?“ „Im Schlafe,“ erwiderte der Todtengräber, in⸗ dem er ſich den Händen des Lukas entzog.„Der Abend ſah ſie fröhlich, geſund, blühend— der Mor⸗ gen ſtarr, ſteif und ohne Athem.“ „Ich begreife,“ ſtieß Lukas mit einer ſchrecklichen Geberde heraus.„War es ſo?“ „Es mag ſein.“— „Und warum mir dann erſt ſagen, daß ich mich an dem Mörder meiner Mutter zu rächen habe, warum mich an das Grab deſſelben rufen— wenn er außer⸗ halb des Bereichs meiner Rache iſt?“ Lukas geberdete ſich ſo heftig und ungeſtümm, daß der Todtengräber einigermaßen fürchtete, ſeine Sinne möchten durch dieſe plötzliche Nachricht etwas zerrüttet worden ſein. Er verſuchte daher, die Aufmerkſamkeit ſeines Enkels durch einen etwas mildern Ton auf ſich zu lenken. „Ich will nichts mehr hören,“ unterbrach ihn Lukas, von deſſen leidenſchaftlichen Klagen das Ge⸗ wölbe wiederhallte.„Bin ich der Spielball jenes höhniſchen Feindes?“ rief er,„welcher meiner Seelen⸗ in ſpottet— welchem meine Verzweiflung eine Duelle der Freude iſt— vor deſſen ſtarrem Blick mein Geiſt zurückſchaudert— welcher mit halb ausge⸗ ſprochenen Vermuthungen meine Seele foltert, und meine Einbildungskraft erregt, welche mich zu finſtern Handlungen der Verzweiflung forttreibt? Geiſt mei⸗ ner Mutter! Dich rufe ich an. Wenn Du in Deinem Grabe die Stimme des unglücklichſten aller Söhne, welcher Dich gerne rächen möchte, hören kannſt— ſo — * . 3 antworte mir, wenn Du die Macht dazu haben ſollteſt. Laſſe mich die Wahrheit oder Falſchheit dieſer ſchreck⸗ lichen Vermuthungen erkennen, damit ich gegen dieſen Dämon kämpfen kann. Doch nein,“ fuhr er mit dem Ausdrucke der Verzweiflung fort;„kein Ohr hört mich, außer dem, welchem mein Unglück nur Stoff zum Hohne gibt.“ „Könnten Dich die Todten hören, ſo würde es Deine Mutter gewiß thun,“ etwiderte der Todten⸗ gräder.„Sie liegt in dieſem Gewölbe.“ Lukas taumelte, wie von einem plötzlichen Schlag £ getroffen, zurück. Er ſprach nichts, ſondern ſiel mit ſeiner ganzen Schwere plötzlich gegen einen Haufen von Särgen, an welchen er ſich halten wollte. —*—„ v N 5„Ja, dort,“ rief der Todtengräber, indem er n einen ſeiner magern Finger ausſtreckte,„Du haſt ihn 5 umgeworfen.“ „Was habe ich gethan!“ rief Lukas ſchaudernd aus. 5 Ein donnerähnliches Geräuſch ertönte durch die e Gruft. Einer der Särge, gegen welche Lukas gefallen war, fiel zu Boden, und ſprang auseinander. it„Gerechter Himmel! was iſt dieß?“ ſchrie Lukas, als ein Leichnam in vollem Todtengewand vor ſeine Füße hinrollte. n„Dieß iſt der Körper Deiner Mutter,“ antwor⸗ ⸗ tete der Todtengräber. 8„Ich brachte Dich hierher, damit Du ihn ſehen 1⸗ könnteſt; Du biſt mir jedoch zuvorgekommen.“ e„Dieß meine Mutter?“ ſchrie Lukas auf.„Kön⸗ c nen die Todten wirklich hören?“ fügte er ſchaudernd ⸗ bei.„Dieß iſt ein feierliches Zeichen: ſie war nicht d gefühllos für mein Flehen.“ n Er warf ſich auf ſeine Kniee neben den Leichnam i⸗ nieder, indem er eine der kalten Hände ergriff und m ſich über das Antlitz der Tovten beugte, welche mit dem Geſicht nach oben auf dem Boden lag. 0.— 3 . — 22 Der Todtengräber nahm das Licht aus dem Wandleuchter. „Kann dieß der Tod ſein!“ ſchrie Lukas;„un⸗ möglich! Oh Gott! ſie regt ſich— fie bewegt ſich. Das Licht!— ſchnell— ich ſehe, wie ſie ſich bewegt! Dieß iſt ſchrecklich!“ „Täuſche Dich nicht ſelbſt,“ fagte der Todten⸗ gräber in einem Tone, welcher mehr Bewegung an⸗ deutete, als man ſonſt an ihm gewöhnt war.„Es iſt die Verirrung der Einbildungskraft: ſie wird ſich nie mehr bewegen, die arme Dirne.“ Er hielt nun ſeine Hand ſo vor das Licht, daß alle Helle auf das Geſicht der Todten fiel. Es war eben ſo bewegungslos, als ein in Stein gehauenes. Keine Spur von Verwüſtung war in ihren ſtarren, aber ſchönen Zügen ſichtbar. Kein gelber Hauch ent⸗ ſtellte die Zartheit ihrer Umriſſe, ſondern eben ſo ſchön wie im Leben, erſchienen ſie auch noch im Tode. Das Geſicht war wirklich ein Wunder und ein Geheimniß; es war, als ob irgend ein mitleidiger Geiſt den Au⸗ genblick erfaßt hätte, Bevor der Tod mit zerſtörenden Krallen Die Züge verlöſcht, die ſo ſehr gefallen. um die Hand des Verwüſters aufzuhalten, ehe ſeine Berührung Züge hatte verwelken machen können— ehe der Hauch ſeines verderbenden Athems auf ſein Schlachtopfer gefallen war, und, da er den Streich des Schickſals nicht habe abwenden können, die ſchöne Form, welche er nicht wieder zu beleben vermochte, mit fortdauerndem Liebreiz habe umgeben wollen. Eine Fülle rabenſchwarzer Haare, deren Bande ſich im Fal⸗ len gelöst hatten, hing einem dunkeln Schleier gleich über den Buſen und die Geſtalt der Hingeſchiedenen berab, und kontraſtirte überraſchend mit der weißen Haut und den grauen Gewändern. Auf ihrer Hand war noch Fleiſch, welches ſich aber in Staub auflöste, als Lukas die Finger an ſeine Lippen drückte. Die 23 Kleider der Todten glichen Nachtgewändern, und aus ihren Falten waren einige verwelkte Blumen gefallen. Ein ſtarker aromatiſcher Geruch verbreitete ſich in dem Gewölbe; ein Beweis, daß die Kunſt, welche die alten Egyptier anwendeten, theure Angehörige der Verwe⸗ ſung zu entziehen, wieder vorgeſucht worden war, um die vergänglichen Reize der Suſanne Bradley zu er⸗ halten; und daß jener, welcher ſie im Leben nicht geliebt, oder wenn auch geliebt, doch getödtet hatte, jetzt als ſie todt— und für ihn für immer verloren war— von einem unerklärbaren Gefühle getrieben, jene unglückſeligen Reize, welche zuerſt in ſeinen Au⸗ gen Gnade gefunden, und zuletzt den Tod der unglück⸗ lichen Beſitzerin herbeigeführt hatten, vor der äußerſten Zerſtörung bewahren wollte. Eine Pauſe ſchauerlichen St lſchweigens trat ein, welche nur durch das krampfhafte Geſtöhn des Lukas unterbrochen wurde. Der Todtengräber ſchien ein gleichgültiger Zuſchauer der Scene des Schreckens zu ſein. Sein Auge wanderte von 9er Todten zu dem Lebenden und leuchtete mit einem ganz beſondern und unerklärbaren Ausdruck, halb in Gefühlloſigkeit, halb in Zerſtreuung. Nur einen einzigen Augenblick zogen ſich ſeine Angenbraunen, als er die Züge ſeiner Toch⸗ ter anſah, wie vor Zorn zuſammen, erhoben ſich aber ſogleich wieder, wie zum Hohne. Aber ſonſt hätte man vergeblich verſucht, den Ausdruck jenes kalten, gefühl⸗ loſen Blicks zu ergründen, welcher ſich einen kurzen Augenblick auf das Geſicht der Mutter heftete, und dann wie zufällig wieder auf dem Sohne verweilte. Endlich erregten die verwelkten Blumen ſeine Auf⸗ i Er bückte ſich, um eine derſelben aufzu⸗ nehmen. euch pflückte, als der Buſen, an welchem ihr ruhtet!“ murmelte er.„Kein ſüßer Duft blieb zurück— doch— hinweg!“ Die trockenen vlättt, welche er an das . n „Ihr ſeid eben ſo unglücklich als die Hand, welche 24 Licht hielt, waren augenblicklich angezündet, und ihr ſchnell vorübergehender Glanz verbreitete ſich wie ein Lächeln über die Züge der Todten. Peter bemerkte dieſe Wirkung.„So war Dein Leben,“ rief er aus; „kurz, hellglänzend, dunkel aber war ſein Ende!“ Und er ſchüttelte die erlöſchenden Funken der verbrannten Blumen von ſeiner Hand. Zweites Kapitel. Die Hand des Skeletts. Herz.: Ihr ſeid ſehr kalt.. ch fürcht', die Reiſ' hat Euch nicht gut gethan. Ha! Licht.— Oh ſchrecklich! Fer.: Bringt viele Lichter. 6 Herz.: Durch welche Zaubermacht gelang es ihm, Zu laſſen hier die todte Hand. Herzogin von Malfy. Das abnehmende Licht erinnerte jetzt den Todten⸗ gräber an die verrinnende Zeit, und nachdem er ſeine Zubereitungen vollends gemacht hatte, wendete er ſich an Lukas, und theilte ihm ſeine Abſicht, wegzugehen, mit. Da er keine Antwort erhielt, und ſein Enkel kein Lebenszeichen mehr von ſich gab, ſo begann er zu fürchten, derſelbe möchte in eine Ohnmacht gefallen ſein. Er näherte ſich deßhalb Lukas und nahm ihn bei der Hand. Bei dieſer Störung ſtöhnte Lukas laut auf, machte jedoch keinen Verſuch zum Aufſtehen. „Ich bin froh, daß Du athmen kannſt, ſollte es auch nur auf dieſe ſchwermüthige Weiſe ſein,“ ſagte der Todtengräber;„aber komme, ich habe ſchon Zeit genug verloren. Du mußt Deinem Kummer an einem andern Orte nachhängen.“ „Laß mich,“ ſchrie Lukas. „Wie, hier? Dieß hieße meinen Dienſt auf das ———— —.—— ————— —.,—————— Spiel ſetzen. Du kannſt in einer andern Nacht wie⸗ der zurückkehren; aber gehen mußt Du jetzt wenigſtens, wenn Du auch darüber Dich grämſt. Ich rechnete auf keine ſolche Scene, ſonſt hätte es lange anſtehen kön⸗ nen, bis ich Dich hierher gebracht hälte. So komm' dochz aber vorerſt hilf mir, dieſen Leichnam in ſeinen „Berühre ihn nicht,“ ſchrie Lukas;„fie ſoll nicht länger mehr in dieſen verfluchten Mauern weilen. Ich werde ſie ſelbſt von hier wegbringen.“ Und dann ver⸗ fiel er, krampfhaft ſchluchzend, wieder in ſeine vorige Gefühllofigkeit. „Pfui— dieß iſt noch ſchlimmer als ein Sonnen⸗ ſtich,“ rief Peter aus;„allein der Burſche iſt vom Kummer zermalmt, und ganz bei ſeiner Mutter, welche vier und zwanzig Jahre im Grabe gelegen iſt. Ich will ſie nur ſelbſt aus dem Wege ſchaffen.“ Mit die⸗ ſen Worten verſuchte er den Leichnam ſo geräuſchlos wie möglich in ſeinen Armen aufzurichten, und an ſeine frühere Stelle zu bringen. So ſorgſam er auch zu Werke ging, ſo konnte er ſein Geſchäft doch nicht ohne einen kleinen Unfall ausführen. Unempfindlich für die Vorgänge um ihn, hatte Lukas die Hand ſeiner Mutter nicht losgelaſſen, und als Peter den Körper aufrichtete, riſſen die Sehnen, welche die Hand mit dem Arme verbanden, plötzlich aus einander. Man wird aus Späterm erſehen, daß dieſes Band ſchon verletzt und theilweiſe verrenkt geweſen war. Ohne uns jedoch hier in weitere Erörterungen einzulaſſen, wird es hinreichend ſein, wenn wir bemerken, daß die Hand, welche am Gelenke ſich von der Armröhre ab⸗ gelöst hatte, in der Fauſt des Lukas zurückblieb. Von dem Unfall, den er angerichtet hatte, nichts wiſſend, fuhr der Todtengräber unverdroſſen in ſeiner Arbeit fort, vie das Geräuſch, welches er nothwendigerweiſe machen mußte, als er ſich mit ſeinen Ferſen gegen die Planke ſtemmte, Lukas wieder in's Leben zurückrief. 26 Das erſte, was er erblickte, als er ſeiner Sinne wieder mächtig geworden, waren die Finger des Skeletts, welche in ſeinen eigenen lagen. „Was haſt Du mit ihr angefangen? Warum haſt Du mir dieß zurückgelaſſen!“ ſagte er. „Es geſchah nicht aus Abſicht,“ antwortete der Todtengräber, ſeine Arbeit einſtellend.„Ich habe zwar ſoeben den Deckel zugemacht, allein er iſt gleich etif Du thuſt beſſer, ſie wieder hineinzu⸗ egen. „Sie wieder hineinlegen,“ wiederholte Lukas, auf das Gebein hinſtarrend. „Nun! was für einen Nutzen hat denn eine todte Hand? Dieß iſt ein unglückliches Andenken und verur⸗ ſacht nur Gram. Ich weiß nur einen einzigen Fall, in welchem man ein ſolches Ding gebrauchte, und zwar bei dem krummbeinigen Ben, welcher in Hard⸗ chaſe Heath wegen Mords gehängt worden war, und deſſen Hand in der erſten Nacht am Gelenk abgehauen wurde, um eine Wunder⸗Hand, oder ein Todtenlicht daraus zu machen. Haſt Du nie gehört, was die alte Sage ſpricht?“ Und ohne ſeines Enkels Antwort ab⸗ zuwarten, brach Peter in folgenden wilden Geſang aus: Die Wunder-Hand.*) Vom Leichnam, der hängt zur Seit' der Straß' (Derſelbe muß ſein eines Mörders Aas) Die rechte Hand trenne mit irgend was. Die Hand trenne los, die die That gethan, Das Fleiſch muß den Knochen noch kleben an, Doch das Blut in den Adern ſei trocken alsdann. Um die dürren Finger weiß und kalt, Sorgfältig d'rauf ein Grabtuch falt'; *) Siehe das berühmte Rezept für die Wunder⸗Hand in Pes secrets du Petit Albert — 27 Dann die ſieben Namen zähle Der Himmelsfürſten*) ohne Fehle. Sei's in ein Gefäß von Erden Drachenwurz dazu muß werden. Bleich' ſie an der Sonne Strahl, Bis das Mark zerſchmolzen all', Bis das Fleiſch iſt weiß und fahl, Gleich der Wolk' im Mondenſchein, Gleich dem Hemde fleckenrein. Sei ſodann die kalte Hand Uum ein Todtenlicht gewandt; Den Talg deſſelben vom Leichnam hol, Denn aus Mörders Fett es beſtehen ſoll, Auch aus Wachs und Seſam bereitet wohl. Sein Docht ſei gezwirnt von des Todten Haar, Das zerſtreut' auf der Haide der Krähen Schaar. Wo auch vieſe furchtbare Leuchte brennt, Der Schläfer umſonſt zu erwachen ſich ſehnt; Die Augenlieder wie Blei ſo ſchwer, Beim mag'ſchen Scheine nicht öffnet er. Leben und Schätze hat er in der Hand, Wem der Zauber der Wunder⸗Hand bekannt. Doch vor Katzengall' ſei er ſtets auf der Hut, Und vor der Nachtenle gift'gem Blut. „Friede!“ donnerte Lukas, indem er die Hand ſeiner Mutter dem Todtengräber hinhielt;„was fiehſt Du?“ „Was ich noch ſelten ſah— zwei Hände beieinan⸗ der— eine lebendige und eine todte— die eines Sohnes und einer Mutter!“ „Siehſt Du nichts an dieſem Finger?“ „Ich ſehe etwas glänzen. Halte ihn näher ans — *) Die ſieben Planeten, welche von Mereurius Trismagiſtus ſo genannt wurden. 28 Licht. Ha! dieß iſt fürwahr ſonderbar. Wie kam dieſer Ring dahin?“ „Frage den Sir Piers! frage ihren Gemahl!⸗ jauchzte Lukas in wilden Tönen frohlockenden Geläch⸗ ters.„Ha! ha! ha! dieß iſt ein Trauring; und ſchau', der Finger iſt gekrümmt; er muß dahin geſteckt worden ſein ſo lange ſie noch am Leben war. Es iſt keine Täuſchung; keine Liſt— ha!“ „Es ſcheint nicht; dieſe Sehne muß im Leben zuſammengedrückt worden ſein. Die Flechſen find ſo ſtark zuſammengezogen, daß man den Ring nicht heraus⸗ ziehen konnte, ohne den Finger abzubrechen.“ „Du weißt gewiß, daß jener Sarg ihren Leichnam enthält?“ „Ich weiß es ſo beſtimmt, als daß dieſes Gerippe mir gehört.“ „Iſt dieß ihre Hand? Kann darüber irgend ein Zweifel ſein? „Warum auch? Dieſe Hand wurde ja ſo eben aus Zufall von dem Arme abgebrochen. Ich bemerkte es zwar nicht, aber es muß ſo geweſen ſein.“ „Daraus folgt dann, daß ſie verheiratet war und ich kein— Baſtard bin.—„Um deinetwillen iſt mir dieß lieb.⸗ „Mein Herz will brechen. Oh! könnte ich die That⸗ ſache dieſer Heirat beweiſen— ihr Ruf, mein Unrecht wäre gerächt.⸗ „Gebe Dich nicht zu bald der Hoffnung hin; Du wirſt es nicht ſo leicht beweiſen können. Angenvmmen auch, es wäre der Fall geweſen, und ich bin geneigt, es zu glauben, ſo bedenke, mit wem Du zu kämpfen haſt.⸗ „Mit wem?“ „Mit Lady Rvokwood.“ „Meine Mutter war vor ihr Lady Rookwood,“ „Glaubſt Du denn, daß der junge Sir Ranulph ſein Geburtsrecht dem erſten beſten Abendteuerer, welcher darauf Anſpruch macht, nur ſo leicht hin abtreten wird?“ — „Sein Geburtsrecht! Das meinige! wenn dieß wahr iſt. Sir Ranulph— dieſer Titel gehört mir. Ich will ſie ihrer erborgten Würden bexauben. Ich will—.“ „Zugegeben Du thuſt dieß: Du mufßt aber außer dieſem Ring noch andere Beweiſe haben, auf welche Du Deine Anſprüche gründen kannſt. Er mag Dich und andere Perſonen, welche dabei betheiligt find— mich ſelbſt, zum Beiſpiel,— hinlänglich überzeugen, daß eine ſolche Heirat ſtattgefunden habe, aber dieſen unbedingten Glauben wird man bei andern ſchwerlich finden, und noch ſchwerer wird es Dir werden, die ausgedehnten Ländereien von Rookwood und dieſen ſtolzen Namen zu erlangen. Und vor Allem mußt Du die Verbindung zwiſchen Sir Piers und Deiner Mutter außer allen Zweifel ſetzen; denn es wäre wohl möglich, daß es einige geben könnte, welche ſagen, daß ſie zwar eine verheiratete Frau, aber nicht die Gemahlin des Sir Piers geweſen ſei.“ „Vor meinen Ohren werden ſie dieſe Behauptung nicht wiederholen. Warum mir dieß alſo ſagen?“ „Ich denke und ſage Dieß nicht. Alles was ich fürchte iſt das, daß Sir Piers ſeine Vorſichtsmaßregeln ſo gut genommen hat, daß Du nie im Stande ſein wirſt, beſtimmte Beweiſe darüber beizubringen, daß eine ſolche Heirat beſtanden habe.“ „Aber wir können beweifen, daß ſie nie eine andere Verbindung eingegangen hatte; und wenn Sir Piers mit ſo großer Vorſicht zu Werke ging, warum hinter⸗ ließ er dann dieſen ſprechenden Beweis?“ „Dieß läßt ſich nicht leicht erklären. Und doch wird ein Ereigniß wie das gegenwärtige nicht leicht Gauben finden. Wenn man übrigens das Handgelenk näher betrachtet, ſo gewinnt es den Anſchein, als ob er wirk⸗ lich beabſichtigt habe, eine ſolche Entdeckung zu ver⸗ meiden, aber wieder davon abgeſtanden ſei, nachdem er ſeinen Zweck wenigſtens theilweiſe erreicht gehabt; denn Sir Piers war ein Charakter, welcher in einem 3 30 Augenblick eine Handlung beging und ſie im nächſten wieder bereute; und daß er dieſen Ring ſtecken ließ, dieß rührte wahrſcheinlich von einem vorübergehenden Gefühle der Reue her. Uebrigens rechnete er, wie ich vorhin ſchon bemerkt habe, aller Wahrſcheinlichkeit nach auf keinen ſolchen Zufall. Er trug Sorge, daß wäh⸗ rend ſeiner Lebzeit Niemand die Gruft ohne ſeine Erlaubniß beſuchte. Den Schlüſſel dazu hütete er ſtets ſorgfältig. Nur mir wurde er auf ſeinem Todtenbette eingehändigt. Nun höre auf mich, Lukas. Ich ſagte Dir, als ich Dich zu dieſer mitternächtlichen Zuſammen⸗ kunft beſtellte, daß ich Dir ein Geheimniß mitzutheilen habe. Dieſes Geheimniß iſt nun entdeckt— es war die Heirat Deiner Mutter.“ 8 „Und Du wußteſt während ihrer Lebzeit ſchon darum?“ „Ja— aber ich hatte geſchworen, darüber Still⸗ ſchweigen zu beobachten.“ „Du haſt alſo auch Beweiſe?“ „Ich habe keine andern, als das Wort des Sir Piers— und der ift jetzt für immer verſtummt.“ „Wer vollzog denn die Trauung?“ „Ein römiſcher Prieſter— ein Jeſuit— ein ge⸗ wiſſer Peter Chackley, welcher damals in dem Hauſe wohnte— denn Sir Piers bekannte ſich zu jener Zeit zum katholiſchen Glauben, welchen er ſpäter jedoch wieder abſchwur— und dieſer Chackley verſah das Amt eines Beichtvaters und Rathgebers bei ihm; er theilte ſeine Vergnügungen und unterſtützte ihn bei ſei⸗ nen Bosheiten. Er war Deines Vaters böſer Geiſt.“ „Iſt er noch am Leben?“ „Ich weiß es nicht. Nach dem Tode Deiner Mutter verließ er das Herrenhaus. Ich habe Dir ſchon geſagt, daß er ein Jeſuit war, und will noch beifügen, daß er an gefährlichen politiſchen Intriguen bedeutenden Antheil hatte, in welchen tief ſich einzulaſſen, der Charakter Deines Vaters zu ſchwach war— aber obgleich nicht kräftig genug zum Führer, war er doch . 5 31 ein folgſames Werkzeug; und dieß wußte Chackley. Er leitete ihn ganz ſo, wie er wollte. Ich kann Dir nicht ſagen, welcher Art ihre Intriguen waren; dieſes iſt auch von keinem Werthe für Dich.— Genug, daß Dein Vater verloren geweſen wäre, wenn man dieſelben entdeckt hätte. Er wurde aber durch ſeine Frau gerettet.“ „Und ihre Belohnung—“ ſtöhnte Lukas. „— War der Tod. Welcher Jeſuit“— erwiderte Peter,„hätte aber auch je eine Beleidigung— ſei es nun eine wirkliche oder bloß vermeintliche— vergeben? Ich muß Dir nämlich ſagen, daß Deine Mutter eine Proteſtantin war. Somit beſtand eine Verſchiedenheit in den religiöſen Meinungen— die ſchlimmſte Ver⸗ ſchiedenheit, welche zwiſchen Mann und Frau vorkom⸗ men kann. Chackleh ſchwur ihr den Untergang und er hielt ſeinen Schwur. Ihre Schönheit machte ihn verliebt— aber zur nämlichen Zeit, wo er in ehe⸗ brecheriſchen Begierden entbrannt war, verzehrte ihn auch der wüthendſte Haß— zwei widerſtreitende und doch ſonderbarer Weiſe ſich mit einander vertragende Leidenſchaften, wie Du ſpäter noch zu beobachten Ge⸗ legenheit haben wirſt.“ „Fahre fort,“ ſagte Lukas mit den Zähnen knirſchend. „Nun ja,“ erwiderte Peter.„Von jener Stunde an nahm Deines Vaters Liebe für ſeine vermeintliche Geliebte — und nicht anerkannte Frau— ab, und mit der Liebe auch ihre Geſundheit. Ich will nicht viele Worte machen, um die Kataſtrophe zu beſchreiben, welche ihre Verbindung löſte, es reicht hin, zu ſagen, daß ſie eines Morgens als Leichnam in ihrem Bette gefunden wurde. So groß der Verdacht auch war, welcher auf Sir Piers ruhle, ſo wurde er voch durch Chackley zum Schweigen gebracht, welcher Goldes in Menge und in größter Heimlichkeit vertheilte. Der Leichnam wurde von Barbara Lorel, der Zigeuner Königin einbalſamirt.“ „Von meiner Pflegmutter!“ rief Lukas mit dem Tone der äußerſten Verwunderung aus. „Ja, von Deiner Pflegmutter,“ wiederholte Peter; „von ihr kannſt Du auch alle Einzelnheiten erfahren. Du haſt jetzt Deine Mutter geſehen. Du weißt nun das Geheimniß Deiner Geburt. Der Weg liegt vor Dir, und wenn Du zu Ehren gelangen willſt, ſo mußt Du ihn unverrückt verfolgen und weder zur Rechten noch zur Linken abweichen. Bei jedem Schritte wirſt Du auf Widerſtand ſtoßen— aber er wird nur dazu dienen, Deinen Pfad mehr zu erhellen. Jede Hoffnung auf Chackley iſt vergeblich, ſogar wenn dieſer ſchreckliche Pfaffe noch am Leben ſein ſollte. Er iſt ſelbſt zu tief in die Schuld mitverwickelt— 5 Peter hielt an, denn in dieſem Augenblick ging das Licht plötzlich aus und die Sprechenden befanden ſich in der tieſſten Finſterniß. Etwas wie ein Stöhnen folgte auf den Schluß von des Todtengräbers Rede. Es war offenbar, daß es nicht von ſeinem Enkel her⸗ rührte, weil er zu gleicher Zeit auch einen Ausruf that. Lukas ſtreckte ſeinen Arm aus. Eine kalte Hand ſchien die ſeinige zu drücken und ſeinem Körper einen Schauer, gleich dem des Todes, mitzutheilen. „Wer iſt zwiſchen uns?“ ſtieß er raſch aus. „Zwiſchen uns!“ rief der Todtengräber, indem er mit einer Eile von dem Sarg aufſprang, welche ihm Ehre machte.„Iſt denn etwas zwiſchen uns2“ „Ich will mein Gewehr abfeuern. Sein Blitz wird uns leuchten.“ „Thue dirß,“ erwiderte Peter haſtig,„aber nicht in dieſer Richtung.“ „Stelle Dich hinter mich,“ rief Lukas, und zog an dem Drucker. Die Finſterniß wurde durch den Blitz des Schuſſes auf einen Aug nblick erhellt. Es war jedoch nichts ſichtbar, als die Geſtalt des Ritters, welche plötzlich auftauchte und dann wie ein Geiſt wiede verſchwand. Der Knall prallte am andern Ende des Gewolbes ab. „Laß uns von hier weggehen,“ ſagte der Todten⸗ 33 5 gräber, welcher indeß nach der Thüre getappt war und u dieſelbe weit aufgeriſſen hatte, raſch.„Mole! Mole!“ r, rief er und der Hund ſprang ihm nach. 3.„Ich könnte varauf ſchwören, daß ich etwas gefühlt ch habe,“ ſagte Lukas;„woher kam das Gefühl?“ u„Frage nicht woher,“ erwiderte Peter.„Suche n, meine Haue, meinen Spaten und die Laterne, ſie find uf hinter Dir. Und halt; es wäre beſſer, die Flaſche e fortzuſchaffen.“ ef„Nimm ſie, und laß mich hier.“ „Allein in der Gruft— nein— nein, Lukas, ich g habe Dir noch nicht die Hälfte in Beziehung auf dieſe n geheimnißvolle Statue mitgetheilt. Man ſagt, ſie be⸗ n wege ſich— ſie gehe— ſie erhebe ihre Art— ich e bitte Dich, laß Dich warnen.“ r„Ich ſage, laß' mich: oder verweile, wenn Du willſt, ſo lange in der Kirche, bis ich wieder komme. Iſt hier etwas, was meinem Ohr allein entdeckt wer⸗ den ſoll, ſo werde ich nicht beben, und ſollten ſelbſt⸗ die Todten ſich erheben, um das Geheimniß zu offen⸗ baren. Es mag ſein— doch— gehe— hier find 8 Deine Geräthſchaften.“ Und die Thüre ſchloß ſich mit einem Knarren, welches den Todtengräber ſchüttelte. Nachdem Peter etwas über die Verwegenheit und t Mannhaftigkeit ſeines hartnäckigen Enkels vor ſich hin⸗ gemurmelt hatte, ſo ſtreckte er ſeine langen Gliedmaſſen auf einer gepolſterten Bank zur Ruhe aus; aber jetzt war keine Spur von dem gewohnten Hohne in ſeinen Zügen. Wie das bleiche Mondlicht auf ſein hageres und leichenähnliches Geſicht fiel, glich er irgend einem unheiligen Weſen, welches durch den gebietenden Ein⸗ fluß des geheiligten Ortes plötzlich verwandelt wurde. Mole lag zu ſeines Herrn Fußen. Peter hatte nur erſt wenige Minuten geſchlummert, als er durch Lukas Rückkehr wieder aufgeweckt wurde. Der Letztere ſah ſehr blaß aus, und dicke Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirne. Rookwood. 1. 3 34 „Haſt Du die Thüre feſt zugemacht?“ lautete die erſte Frage des Todtengräbers.. „Hier iſt der Schlüſſel.“ „Was haſt Du geſehen?“ fragte er dann, als er die Todesbläſſe auf ſeinem Geſicht gewahr wurde. Lukas antwortete nicht. In dieſem Augenblick ſchlug die Thurmuhr zwei, die Stille dieſes Ortes durch ihren ehernen Klang unterbrechend, Lukas ſchlug ſeine Augen auf; ein Strahl des Mondlichtes, welches durch ein gemahltes Fenſter hereinſtrömte, ſiel auf die goldenen Buchſtaben einer ſchwarzen Steintafel. Der untere Theil, die Inſchrift, befand ſich im Schatten, aber das Wappenſchild und die Worte Orate pro anima Reginaldi Rookwood quitis aurati drückten ſich klar und deutlich aus. Lukas zitterte, ohne zu wiſſen warum, als der Todtengräber darauf hindeutete. „Du haſt ſchon von der Handſchrift an der Mauer gehört,“ ſagte Peter; ſein Reich iſt ihm genommen worden?— Ha! Ha! Höre auf mich. Unter Deinem ganzen verruchten Geſchlechte— unter dem ganzen Geſchlecht der Rookwood wollte ich ſagen,— lebte nie ein größerer Teufel auf der Erde, als derjenige war, deſſen Gedenktafel Du hier ſiehſt. Er verrieth einen Bruder— er entehrte das Weib eines Bruders. Liebe, Ehre, Freundſchaft waren ihm leere Worte. Er achtete keine zarten Bande— ſprach allen menſchlichen Geſetzen und Verpflichtungen Hohn und bot denſelben Trotz— und doch war er fromm— oder wurde dafür gehalten— erhielt die letzte Oelung und ſtarb reich an Jahren und Würden, feſt bauend auf ſeine Erlöſung. Und nach ſeinem Tode bekam er jene Grabſchrift, welche ————— ſeine Tugenden erzählen ſoll. Seine Tugenden!— 3 ha— hal— Frage denjenigen, welcher an dieſem heiligen Orte der knieenden und ſich drängenden Menge predigt, welches der Lohn eines Mörders ſei— und er wird antworten— der Tod! und doch lebte Sir B Reginald ſehr lange. Die ſchreckliche Frage: Kain, wo iſt dein Bruder?“ ſtörte ſeinen ruhigen Schlum⸗ mer nicht. Ich habe Dir viel geſagt, Lukas— aber noch nicht alles. Du kennſt Deine Beſtimmung noch nicht— und ſollſt ſie auch noch nicht kennen. Aber Du ſollſt der Rächer der Schande und des Blutes ſein— mir wurde ein heiliger Auftrag anvertraut, welchen ich ſpäter Dir übertragen werde. Du ſollſt Sir Lukas Rookwood werden, wenn ich die Bedin⸗ gungen, unter welchen dieß geſchehen kann, vorſchrei⸗ ben darf.“ „Nicht weiter,“ ſagte Lukas,„mein Kopf brennt— ich fühle mich ſchwach— laß uns dieſen Ort verlaſſen, und in die friſche Luft gehen.“ Und an ſeinen Groß⸗ vater mit weiten Schritten vorbei, eilte er haſtig durch die Kirche. Peter zögerte nicht, ihm zu folgen. Der Schlüſſel wurde herumgedreht, und ſie traten auf den Kirchhof hinaus. Die Grasfläche ſchimmerte in den Mondſtrahlen, und zwei Trauerweiden, welche ihre ſchwarzen Schatten über einen Grabhügel warfen, er⸗ ſchienen wie zwei böſe Geiſter, welche über der gehei⸗ ligten Ruhe des Gerechten brüten. Der Todtengräber bemerkte zwar die tödtliche Bläſſe auf Lukas Geſicht, glaubte aber, daß ſie von dem bleichen Mondlicht herrühre. „Ich werde vor Tagesanbruch wieder bei Dir in Deiner Hütte ſein,“ ſagte der letztere, und ſich gegen einen Vorſprung der Kirche wendend, war er ſchnell verſchwunden. „So,“ rief Peter aus, indem er ihm nachblickte, „das Zündkraut iſt gelegt— der Funke hat gezündet— die Entladung wird bald folgen. Die Stunde naht, in welcher ich dieſes verfluchte Haus in den Staub ſfinken ſehen werde, und meine lang aufgeſchobene Rache end⸗ lich befriedigt werden wird. In dieſer Hoffnung lebe ich noch ſehr gerne meine wenigen mir noch übrigen Tage. Indeſſen darf ich das Stärkungsmittel vernach⸗ 36 läßigen. In kurzer Zeit werde ich deſſen nicht mehr bedürfen.“ Und ſeine Flaſche hervorziehend, trank er ſie bis auf den letzten Tropfen aus, warf ſie ſodann weit von ſich, und begann in hohen und ſchrillen Tö⸗ nen einen wilden Sang, deſſen Worte folgendermaßen lauteten: Der Todten-Naab. I. Der Raab iſt ein Todtengräber kühn, Er wagt's aus dem Grabe die Todte zu zieh'n; Dem Geizhals gleich wühlt er auf den Grund, Der den Goldſchatz birgt zur heimlichen Stund. Kraab! Kraab! Der Todten⸗Raab dem Prieſter gleich Trägt ein ſchwarzes Gewand, wie Seide weich; Einem Richter gleich grübelt er alles aus, Verfaultes Aas ſpürt er am liebſten heraus. Kraab! Kraab! Todten⸗Raab. Grab' Grab' in die Erde hinab! M. Der Todten⸗Raab iſt gar leckerhaft, Er ſtopft ſich mit Biſſen voll Würze und Saft; Alt Fleiſch vom Galgen liebt er ſehr, Zu lange hängt es ihm nimmermehr. Kraab! Kraab! 5 Der Todten⸗Raab riecht das Pulver gut, Und vor allem Blei iſt er wohl auf der Hut. Kein Witzkopf hat Verſtand ſo viel, Denn ſein Verſtand fehlt niemals das Ziel. Kraab! Kraab! Todten⸗Raab. 1 Grab'! Grab'! in die Erde hinab. Seinen Spaten auf die Schulter nehmend und ſeinem Hunde pfeifend verließ der Todtengräber den Kirchhof.. S —————— Peter war nur wenige Sekunden gegangen, als eine ſchwarze Figur, welche in einen weiten ſchwarzen Mantel gehullt war, inmitten von den Gräbern auftauchte, die Kirche umſchreitend— ihn einige Zeit ſcharf an⸗ blickte und mit einer drohenden Bewegung ſich hinter einen mit Epheu bewachſenen Pfeiler des alten grauen Gebäudes zurückzog. — Drittes Kapitel. Die Wilddieb. Brian. Ralph! hörſt Du kein Geräuſch? 3 Ralph. Ich hörte Jemand hier ſprechen, ganz nahe, in der Höhle. Ruhig! Herr, ſprecht leiſe. Wenn ich nicht einen Bogen ſchwirren, und einen Vock ſchreien höre, ſo hörte ich in meinem Leben noch kein Rothwild. Brian. Halt, oder ich ſchieße. Sir Arthur. Wer iſt hier? Brian. Ich bin der Huter, und befehle Euch zu halten. Ihr habt mir Wild geſtohlen. Der luſtige Teufel von Edmonton. Lukas hauptſächlichſter Beweggrund zum Weggehen war der geweſen, ſich des Zwangs zu entledigen, wel⸗ chen die Geſellſchaft ſeines Großvaters ihm auferlegte. Er ſehnte ſich danach, mit ſich ſelbſt verkehren zu kön⸗ nen. Ueber die niedere Mauer, welche den Kirchhof von einem langen, grünen Heckenwege trennte, ſpringend, eilte er ziemlich lange in einer Richtung fort, welche der des Todtengräbers entgegengeſetzt war, bis er an eine Oeffnung in der Haſelnuß⸗Hecke, welche an der Straße ſich hinzog, kam. Unbekümmert um die Hinder⸗ niſſe, welche ihm das Unterholz eines dichten Gebäges auf ſeinem Gange in den Weg legte, ſchlüpfte er durch die Oeffnung, und betrat letzt, über die moos⸗ bewachſenen Pfähle klimmend, den elaſtiſchen Raſen des Parkes von Rookwood. 38 Ein ſchneller Gang von einigen Minuten führte ihn auf die Spitze eines kleinen Hügels, welcher mit alten Eichen gekrönt war; und als er unter dem weiten Schatten derſelben anhielt, ſo erlangte ſein gepeinigter Geiſt, durch die Ruhe dieſer Scene erquickt, theilweiſe ſeinen frühern Ernſt und ſeine Faſſung wieder. Lukas gab ſich dem wohlthuenden Einfluſſe der Zeit und Stunde hin. Die Stille des Ortes beſänf⸗ tigte die Aufregung ſeines Körpers, und der feuchte Morgenthau kühlte das Fieber ſeines Gehirns. Sich gegen den knorrigen Stamm eines dieſer Bäume leh⸗ nend, überließ er ſich ganz der Betrachtung. Die Er⸗ eigniſſe der letzten Stunde— ſeines ganzen Lebens— gingen in ſchneller Folge an ſeinem Geiſte vorüber. Der Gedanke an das wegelageriſche, unſtäte Leben, welches er geführt— die wilden Abenteuer ſeiner Jugend— an alles was er geweſen— was er ge⸗ than— und was er erlitten hatte— beſchäftigten ſeinen Geiſt, und ſodann beſchatteten wieder die ſchreck⸗ lichen Erinnerungen der letzten Stunde, und die fürch⸗ terliche Nachricht, welche er über das Schickſal ſeiner Mutter— die Schuld ſeines Vaters erhalten hatte, ſeine Seele, wie der herbſtliche Mond, durch eine eilende Wolke plötzlich verdunkelt, die unter ihm liegende Land⸗ ſchaft in Nacht hüllt. Schaudernd erinnerte ſich ſein Geiſt an die Schreckniſſe, deren Zeuge er geweſen; aber die Verfinſterung war nur von kurzer Dauer; die Wolke eilte vorüber, der Mond zeigte ſich wieder in ſeinem vorigen Glanz— die Zukunft— die helle, glänzende Zukunſt ſtand vor ihm, und er ſehnte ſich heiß nach dem kommenden Kampf, deſſen Ausgang ſeine ſanguiniſchen Hoffnungen ihm, als mit vollſtändigem Erfolg gekrönt, ausmalten. „Der Hügel, auf welchem er ſtand, war einer der höchſten Punkte des Parkes, und bot eine Ausſicht auf das Herrenhaus dar, welches ungefähr eine Viertel⸗ meile entfernt, und durch die Bäume hindurch erkenn⸗ „ „* „— 39 var war. Seine weißen Mauern glänzten im Mond⸗ licht, und die hohen Kamine erhoben ſich aus der dich⸗ ten Maſſe des Waldes, welcher daſſelbe umgürtete. Der Boden neigte ſich ſanft in dieſer Richtung hin, indem er bald einzelne kleine, mit prachtvollen Bäu⸗ men bepflanzte Erhöhungen, bald lichte Flächen bildete, bis er plötzlich einen ſteilen Abhang ſich hinab ſenkte, durch welchen der Jagd⸗ und Haus⸗Park ohne eine Hecke oder ſonſtige Abgrenzung auf natürliche Weiſe von einander getrennt wurden. Ein kleiner Bach, welcher aus einem, in den höhern Theilen des Waldes verſteckt liegenden, Baſſin kam, rieſelte an dieſem Ab⸗ hange hin, und wuchs ſodann, in der Ebene fortlau⸗ fend, durch viele örtliche Quellen verſtärkt, und ver⸗ ſchiedene, natürliche und künſtliche Eindämmungen mehr zuſammengehalten, in der Nähe des Herrenhauſes, obgleich viel tiefer liegend als dieſes, zu einer bedeu⸗ tenden Waſſermaſſe an. Mit einer ländlichen Brücke, der einzigen Verbindung zwiſchen den beiden Theilen des Parks, hier verſehen, floß der Teich nach den Wieſen aus; und in dieſer ſtillen Stunde konnte man ſogar auf ziemlich weite Entfernung das Brauſen des ſtrömenden Waſſers vernehmen, wie es, einen ſchäu⸗ menden Waſſerfall bildend, den Abhang hinunter ſtürzte; während in einer weiteren Entfernung die ſchlängelnden Wendungen des raſch fließenden Baches, wie Silber⸗ ſtreifen im Mondſcheine glänzten. Die milden Strah⸗ len der Königin der Nacht, welche jetzt ihren höchſten Stand erreicht hatte, zitterten auf den höchſten Zwei⸗ gen der hohen Bäume, und ließen das untere Laub⸗ werk, als wie mit Diamanten beſät, erſcheinen; und durch die Zwiſchenräume der Bäume dringend, fielen ſie auf die durchſichtigen Dünſte, welche jetzt von der Oberfläche des Waſſers nach und nach aufftiegen, tauch⸗ ten dieſelben in einen geheimnißvollen Glanz, und verliehen dieſem Theile des Gemäldes den Charakter träumeriſcher und überirdiſcher Schönheit 40 unterbrach die Stille von Lukas Einſamkeit, ausge⸗ nommen das Geſchrei einer Eule, welche entweder durch ſeine Annäherung geſtört, oder Beute ſuchend, in unregelmäßigem Flug ſein Haupt umkreiste, indem ſie bei jedem Flügelſchlag ihr gellendes Geſchrei aus⸗ ſtieß; oder ein tiefes und entferntes Bellen, welches hie und da an das Ohr ſchlug, und von einer Koppel Hunde herrührte, welche in einer Hütte, nahe bei dem oben erwähnten Teiche, angelegt waren, durch den aufſteigenden Nebel dem Auge jedoch verdeckt wurde. Kein lebendes Weſen zeigte ſich; nur eine Heerde Wild lagerte in einem Dickicht braunen Farrenkrauts, unter dem Schatten einiger kleinen Bäume, gerade unter dem Punkte, auf welchem Lukas ſtand; aber obgleich man ihre äſtigen Geweihe kaum von den Zweigen der Waldbäume unterſcheiden konnte, ſo entgingen ſie doch ſeinem geübten Blicke nicht. „Wie oft, murmelte Lukas,„habe ich in früheren Jahren dieſe jetzt durch den Mond erhellten Waldblößen durcheilt, wie oft bin ich durch dieſe Waldungen in Nächten geſtrichen, welche eben ſo himmliſch waren, als dieſe— und zu keinem andern Zweck, als wegen einer ſolchen Heerde, wie dieſe da! Jedes Thal, jede Vertiefung, jede Anhöhe, jedes Dickicht und jeden Ab⸗ hang kannte mein Schritt eben ſo gut, als das flüch⸗ tigſte und freiſte dieſer Thiere; kaum iſt ein Baum, in dieſem weitgedehnten Walde, mit welchem ich nicht genau bekannt wäre; es iſt lange, ſeitdem ich ihn nicht mehr Kſehe habe.— Beim Himmel! es iſt ſchön!— und alles mein!“ „Kann ich vergeſſen, daß ich mich hier zum erſten Mal aus der Knechtſchaft befreite? Kann ich das grän⸗ zenloſe Gefühl der Freude vergeſſen, welches meine Adern durchdrang, als ich zum erſten Male das Joch der Sklaverei abſchüttelte, und zügel⸗ und feſſellos dieſe Wälzer durchſtreifte? Dieſe wilde, berauſchende Alles umher war im Einklang. Kein Gekäuſch ———— 41 Vonne fühlt mein Herz jeht noch. Und dieß ales iſ mein— mein! Sachte, was iſt dieß?2 Lukas Aufmerkſamkeit wurde durch einen Gegen⸗ ſtand gefeſſelt, welcher ihn, als einen Jäger, nothwen⸗ digerweiſe intereſſiren mußte. Ein Schnauben ließ ſich hören, und ein majeſtätiſcher Hirſch kam langſam 4 und feierlich aus dem Dickicht. Lukas beobachtete die Bewegungen des edlen Thieres mit großem Intereſſe, und zog ſich in den Schatten zurück. Ungefähr hundert Ellen mochte der Bock von ihm entfernt ſein— es war gerade die rechte Schußweite— da griff Lukas mecha⸗ niſch nach ſeinem Gewehr; aber kaum hatte ſeine Hand daſſelbe zur Hälfte über die Schulter gezogen, als er es wieder zurückwarf. „Was bin ich im Begriff zu thun?, rief er aus. „Warum ſollte ich, des bloßen Zeitvertreibs wegen, jenem edlen Geſchöpf das Leben nehmen, da mich ſein Jörper doch nichts nützt? aber die Macht der Gewohn⸗ † heit iſt ſo groß, daß ich dem Drange, Feuer zu geben, kaum widerſtehen kann; ich kenne eine Zeit, und es iſt noch nicht lange her, wo ich keine ſolche Selbſtbeherr⸗ ſchung bewieſen hätte.⸗ Die Gefahr, in welcher es geſchwebt hatte, nicht ahnend, ging das Thier mit dem nämlichen langſamen Schritt vorwärts. Plötzlich hielt es an, und ſpitzte die Ohren, als wie wenn ein Schall zu ihm gedrun⸗ gen wäre. In dieſem Augenblick wurde in einer klei⸗ nen Entfernung rechts von Lukas, ein Gewehr abge⸗ drückt. Es verſagte. Ein anderes Gewehr antwor⸗ tete augenblicklich, und der Hirſch fiel, vorher noch einen hohen Satz machend, auf ſeinen Rücken, und kämpfte mit dem Tode. Lukas hatte die Sache gleich 3 errathen; er wußte, daß Wilddiebe in der Nähe ſeien. Er glaubte die Leute zu kennen, und täuſchte ſich auch nicht in ſeiner Vermuthung. Zwei Männer ſprangen plötzlich aus einer Vertiefung rechts von ihm auf den brb hin, wo das Thier lag, und der zi nkom⸗ +₰ 4² mende machte ſeinem Kampf ſogleich ein Ende, indem er ihm ein Meſſer in die Kehle ſtieß. Die erſchrecktr Heerde nahm ſchnell die Flucht, und ſprang tiefer in den Wald hinein. Indeſſen hatte Lukas die Stimmen der Männer erkannt, und war unſchlüſſig, ob er ſie von ſeiner Anweſenheit in Kenntniß ſetzen ſolle, oder nicht. Er fühlte ſich geneigt, den Frevel, welchen er mit angeſehen, als eine perſönliche Beleidigung zu be⸗ ſtrafen, und ſeine Gefährten, denn dieß waren ſie früher, als Beeinträchtiger ſeiner eigenen eingebilde⸗ ten Rechte, zu behandeln. Er war zuerſt entſchloſſen, auf ſie loszuſtürzen, und ſie zum Verlaſſen ihrer Beute zu nöthigen; aber ein kurzes Nachdenken überzeugte ihn ſowohl von der Lächerlichkeit, als auch von der Gefahr eines ſolchen Benehmens, und entſchloſſen ihre Entfernung abzuwarten, beobachtete er ihre Bewegun⸗ gen mit wachſamem Auge. Ein Knie auf das noch ſchlagende Herz ſeines Opfers mit Macht ſtemmend, das rauchende Meſſer zwiſchen den Zähnen, war der eine von den beiden damit beſchäftigt, den Leib des Wildes zu unterſuchen, als ſich ihm der andere näherte, und in der Richtung gegen das Haus hin zeigte. Der erſtere erhob ſich aus ſeiner knieenden Stellung, und beide ſchienen aufmerk⸗ ſam zu lauſchen. Lukas glaubte ein ſchwaches Geräuſch in der Ferne zu vernehmen; von was aber auch die⸗ ſes herrühren mochte, die Wilddiebe waren augen⸗ ſcheinlich beunruhigt— ſie packten das Thier, und ver⸗ bargen es in dem langen Farrenkraut; dann zogen ſie ſich zurück, hielten einen Augenblick an um ſich zu berathen, und zwar nur wenige Schritte von Lukas entfernt, welcher ihren Augen dürch einen Baumſtamm entzogen war, hinter welchem er ſich aufgeſtellt hatte. Sie waren ſo nahe, daß ihm kein Wort von ihrer Unterhaltung entging. „Für dieſes Mal dürfen wir mit leeren Händen abziehen, Rob Ruſt,“ grollte der eine ärgerlich;„ſie 3 * 5 43 ſind uns auf der Ferſe, und wir müſſen dieſen ſchönen Bock ſchon ſich ſelbſt überlaſſen. Verdammi! wer hätte aber auch gedacht, daß dieſer Hugh Badger heute Nacht ſein Bett verlaſſen werde? Die Achtung vor ſeinem verſtorbenen Herrn hätte ihn dieſe Nacht vor deſſen Begräbniß ſchon ruhig halten ſollen. Doch ſieh Dich um Geſell,— ſiehſt Du ſie?“ „Dank dem alten Oliver— dort ſind ſie, er⸗ widerte der andere—„einer, zwei, drei— und oben⸗ drein noch ein Hund. Hugh iſt an ihrer Spitze— wollen wir Stand halten und mit ihnen kämpfen?— Ich habe beinahe Luſt dazu.⸗ „Nein, nein,“ erwiderte der, welcher zuerſt ge⸗ ſprochen hatte,„ieß thue ich nimmermehr, Rob; kein Gefecht— warum auch ſich der Gefahr ausſetzen, wegen eines Stück Wildprets todt geſchoſſen zu wer⸗ den? Wäre Lukas Bradley oder Jack Balmer bei uns, ſo würde dieß die Sache ſehr verändern. Da dieß jedoch nicht der Fall iſt, ſo laſſe ich's bleiben. Ueberdieß haben wir ja morgen ein Geſchäft im Her⸗ renhaus, welches uns für den Reſt unſeres Lebens zu Herren machen wird. Wir haben uns dem Jack Bal⸗ mer verpfändet— und können uns mit Ehren nicht losſagen. Ich möchte bei der Vertheilung nicht gerne zu kurz kommen— ſo laß' uns alſo in den Hecken⸗ weg einbiegen— halt Dich ſo viel wie möglich im Schatten— komm' geſchwind.“ Und die zwei wür⸗ digen Gefährten eilten ſchnell den Hügel hinunter. „Soll ich folgen,“ dachte Lukas,„und Gefahr laufen im jetzigen entſcheidenden Augenblick in die Hände des Wildhüters zu fallen? Nein— aber wenn man mich hier findet, ſo werde ich als ein Mitglied der Bande ergriffen werden. Etwas muß geſchehen — hal der Teufel hole ſiez ſie ſind bereits da.⸗ Eine weitere Zeit zum Ueberlegen wurde ihm nicht vergönnt— man hörte ein heiſeres Bellen, auf welches ein lautes Geſchrei der Hüter folgte. Der 44 Hund hatte das Wild ausgewittert; und da man kein Geheimniß mehr zu beobachten hatte, ſo wurde ihm der Maulkorb abgenommen. Jetzt fortzuſpringen, hätte ſich gewiß verrathen heißen; das Bleiben hatte eine faſt eben ſo gewiſſe Entdeckung zur Folge; und da er daran zweifelte, daß die Hüter ihm Glauben ſchenken werden, wenn er ſich ihnen in dieſer Kleidung und bewaffnet ausliefere, ſo verwarf er auch dieſen Gedanken. Jetzt erſt fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn, daß er ſein Gewehr ungeladen gelaſſen hatte, und er war eben eilig beſchäftigt, dieſe Nach⸗ läßigkeit wieder gut zu machen, als er den Hund mit lautem Gebell gerade auf ſich zu kommen hörte. Er legte ſich im dickſten Farrenkraut auf den Boden; dieß ſchien jedoch den Hund nicht von der Fährte abzubrin⸗ gen— er hatte ſeine Witterung und bellte ganz nahe bei ihm. Die Hüter näherten ſich— Lukas hielt ſich für verloren. Der Hund hielt aber da, wo die Wilddiebe geſtanden hatten, an und wurde irre: er beſchnuffelte den Boden, bellte, ſprang umher und eilte dann mit vermehrtem Bellen auf der Fährte der⸗ ſelben fort. Hugh Badger und ſeine Kameraden hiel⸗ ten auf dem nämlichen Platze an, blickten ſcharf um ſich und folgten ſodann, wie Lukas vermuthete, der Spur des Hundes. Schnell wie der Blitz ſtand Lukas auf ſeinen Füßen und rannte, ohne ſich auch nur im Geringſten nach der, von den Hütern eingeſchlagenen Richtung umzuſehen, in vollem Jagen fort, die Lichtungen in weiten Bogen umgehend und ſich immer unter dem Schatten der Bäume haltend. So raſch aber auch ſeine Flucht war, ſo wurde ſie doch bemerkt: einer der Begleiter des Wildhüters, welcher zurückgeblieben war, benachrichtigte ſie durch ein lautes Halloh. Lukas eilte mit verdoppelter Schnelligkeit vorwärts, ind er den Schutz des dickern Theils des Waldes gewinnen wollte, was er auch leicht hätte ausführen können, em 4. * 5—— 45 wenn er in ſeinem Wege auf kein Hinderniß geſtoßen wäre; aber ſein Zorn und ſeine Wuth waren gren⸗ enlos, als er das Geſchrei des Hüters, durch ein Jauchzen unmittelbar hinter ihm beantworten und das Gebell des Hundes ſich mit dem Geſchrei vermiſchen hörte. Er wendete ſchnell um, hielt eine mittlere Richtung und trachtete immer noch darnach, das Dickicht zu erreichen. Die Freude ſeiner Verfolger machte es ihm klar, daß er von ihnen ganz gut ge⸗ ſehen werde, und er hörte, wie ſie den Hund aufmun⸗ terten und leiteten. Lukas hatte die Einfriedung des Parkes erreicht, und rannte längs derſelben in der vergeblichen Hoff⸗ nung fort, einen Punkt zu finden, wo er dieſelbe überſteigen könne; allein ſie war hier— wegen der Unebenheit des Bodens— höher als an jedem andern Theile des Parks. Er hatte ſein Gewehr als unnütz weggeworfen; aber ſogar ohne dieſe Bürde durfte er die Verzögerung nicht wagen, welche ein Ueberſteigen der Hecke nach ſich zog. In dieſem Augenblick hört er ein heftiges Keuchen hinter ſich— er warf einen Blick über ſeine Schulter— wenig Schritte hinter ihm war ein wüthender Fanghund, deſſen Wildheit Lukas wohl kannte; dieſe Beſtien, von welchen er ſchon einige geſehen hatte, waren ſchon ſeit der Zeit Ranulphs in dem Herrenhauſe gehalten worden. Die Augen des Hundes waren glänzend und unterlaufen— ſeine Zunge hing heraus und zwei Reihen weißer . Fangzähne, denen eines Wolfes ähnlich, waren ſicht⸗ bar. Ein Brummen— ein Sprung— und der Hund hatte ihn eingeholt. Lukas' Muth konnte nicht in Zweifel gezogen werden; aber ſein Herz verließ ihn, als er das dumpfe Geſchrei der Beſtie hörte und fühlte, daß er ihr nicht mehr ausweichen könne. Sein Entſchluß war jedoch augen⸗ blicklich gefaßt; er hielt plötzlich an und zwar mit ſol⸗ cher Eile, daß der Hund, welcher eben inen Satz — k E„ ————— 6 k 8 ——— „ 46 machie, mit großer Gewalt an ihm vorbeiflog; ſo kurz nun auch der Augenblick war, welchen das Thier be⸗ durfte, um ſich zurecht zu finden, ſo war er doch für Lukas hinreichend, ſich auf ein Kniee niederzulaſſen und den einen Arm wie einen Schild vor ſein Geſicht zu halten, während er den andern zum Empfang ſei⸗ nes Feindes bereit hielt. Ein wildes Geheul aus⸗ ſtoßend, kehrt der Hund zum Angriff um, und ſprang auf Lukas zu, welcher ihn ohne zu wanken empfing. Ungeachtet eines ſtarken Riſſes am Arm, packte er doch das Thier an der Gurgel, warf es zu Boden, und drückte mit ſeiner ganzen Kraft auf ven Bauch deſſelben. Ein Schrei des Todes, der Kampf war und Lukas konnte ſeine Flucht ungeſtört fort⸗ etzen. So kurze Zeit dieſer Kampf auch nur gewährt hatte, ſo hatte die Verzögerung doch hingereicht, den Verfolgern ihr Opfer in das Geſicht zu bringen. Hugh Badger, welcher von einer Anhöhe aus das Schickſal ſeines Lieblings mit angeſehen hatte, ſchoß unter lautem Fluchen ſein Gewehr auf deſſen Mörder ab. Es war ein Glück für Lukas, daß ex in dieſem Augenblick über die Wurzel eines Baumes ſtolperte — der Schuß ging durch ſeinen Fall in das Laub⸗ werk, und der Hüter, welcher glaubte, ſeinem Vogel die Flügel etwas beſchnitten zu haben, ging etwas gemächlicher auf ihn zu. Wie Lukas auf dem Boden lag, fühlte er, daß er verwundet war; er konnte jedoch nicht beſtimmen, ob dieß durch die Zähne des Hundes, einen Streifſchuß oder eine Quktſchung beim Fallen, geſchehen ſei; er fühlte Schmerzen und beſchloß, den erſten, welcher ſich ihm nähere, ſeiner Rache zu opfern. Er ſchwur, ſich nicht lebendig gefangen nehmen zu laſſen— jeden zu erdroſſeln, welcher es wagen ſollte, Hand an ihn zu legen. In dieſem Augenblicke fühlte er ein Drücken auf ſeiner Bruſt— es war die Hand ſeiner todten Mutter! —————— 47 Lukas ſchauderte. Sein Grimm hatte ſich ver⸗ loren— das Feuer der Rache war verlöſcht. Er wollte ſeinen Schwur umgehen; aber doch konnte er ſich nicht entſchließen, ſich auf Gnade oder Ungnade, und ohne einen nochmaligen Verſuch gemacht zu haben, zu ergeben. Der Hüter und ſeine Gefährten näherten ſich dem Orte, wo er lag; allen voraus war Hugh Badger, welcher den Leichnam ſuchte und nur wenige Schritte von ihm entfernt war.„Verderben über den Kerl,“ ſchrie Hugh,„er iſt nur zur Hälfte getödtet; er ſcheint noch zu athmen.“ Dieſe Worte waren kaum aus ſeinem Munde gegangen, als er auch ſchon rückwärts umge⸗ worfen war und zappelnd auf dem Raſen lag. Plötz⸗ lich und unerwartet, wie ein Indianer ſich auf ſeinen Feind ſtürzen mag, war Lukas aufgeſprungen, hatte ſch mit großer Gewalt auf Hugh geworfen, welcher ihm gerade im Wege ſtand, und, ehe noch die Beglei⸗ ter des letztern, welche entweder zu ſehr erſtaunt waren, oder überhaupt nicht ſchießen wollten, ihn irgend zu faſſen im Stande waren, alle Behendigkeit, über welche er gebieten konnte, zuſammennehmend, die Zweige eines Baumes ergriffen, welche über der Hecke hingen und ſich mit einem einzigen Sprung über dieſelbe geſchwungen. Der ſtarke Hugh Badger war ſchnell wieder auf den Beinen und fluchte weidlich über ſeine Niederlage. Er befahl ſeinen Leuten, die Hecke zu beſetzen, um einen beſondern Theil des Parkes, welchen er nannte, auszuſuchen; er ſelbſt aber ſtieg, ein geladenes Gewehr nehmend, über die Hecke und war, durch das Kniſtern der Aeſte und des Laubes aufmerkſam gemacht, Lukas bald auf der Spur. Die Anlage, in welche jetzt die Jagd verſetzt war, bildete nicht, wie man glauben könnte, eine Fort⸗ ſetzung des kreisförmigen Gehäges, welches Lukas bei ſeinem Eintritte in den Park durchkreuzt hatte, obgleich es von derſelben Heckenlinie umgürtet war, ſondern 48 einen abgeſchloſſenen Faſanengarten und umfaßte die Seitenwände einer Kluft, welche ſich in dem, die Gränze des Parks bildenden und ſchon früher beſchrie⸗ benen Abhang endigte. Lukas ſtürzte ſich mitten in dieſen Engweg hinein und nahm ſeine Richtung ab⸗ wärts nach dem Bach. Seinem ſchnellen Fortſchreiten ſtanden dichtes Dorngeſträuch und anderes Geſtrüpp eben ſo hinderlich im Wege, als die Verſchlingungen der größern Dorn⸗ und Haſelſtauden, deren elaſtiſche und in einandergeſchlungene Ruthen im Zurückprallen ihm Ge⸗ ſicht und Hände zerfetzten. Dieß war ein Ungemach, um welches er ſich ſonſt wenig kümmerte; aber bei dieſer Gelegenheit war es die Urſache, daß ſein Zorn nur noch geſteigert und der Durſt nach Rache, welcher in ſeinem Buſen wüthete, noch vermehrt wurde. Durch die Kluft rieſelte der ſchon erwähnte kleine Bach, und Hugh Badger verlor, ſobald er die mit Binſen bewachſenen üfer desſelben erreicht hatte, jede Spur von dem Flüchtling. Er blickte vorfichtig umher, und lauſchte aufmerkſam, ſo daß ihm auch das geringſte Geräuſch nicht entgehen konnte. Alles war ſtill— kein Zweig bewegte ſich, kein Blatt raſchelte. Hugh war erſtaunt. Er hatte ſicher gehofft, „den ſchurkiſchen Wilddieb,“ wie er ihn nannte,„zu ſehen und ihm vielleicht in dem offenen Raum, wel⸗ chen der Kerl gewiß zu erreichen ſuchen werde, einen Schuß beizubringen;/ und jetzt war dieſer auf einmal wie ein Irrwiſch verſchwunden. Er konnte übrigens nicht weit weg ſein, und Hugh bemühte ſich, irgend ein Merkmal zu entdecken, welches ihn bei ſeiner Ver⸗ folgung leiten könnte. Es ſtand nicht lange an, ſo entdeckte er Fußſtapfen, welche tief in den Schlamm am andern Ufer eingedrückt waren. Hugh ſprang ſchnell hinüber. Weiter vornen waren einige Binſen niedergetreten und es fanden ſich auch noch einige Anzeigen von der Richtung, welche der Flüchtling eingeſchlagen hatte. 49 „Hurtig, vorwärts!“ rief Hugh bei dieſer Ent⸗ deckung in der Freude ſeines Herzens aus; und gleich einem gutgezogenen Jagdhunde folgte er mit Behen⸗ digkeit der Fährte, welche er aufgefunden hatte. Der Bach bot weniger Schwierigkeiten dar, als das dichte Unterholz, und der Wildhüter folgte dem Laufe des Waſſers, indem er vor Eile nicht ſelten in daſſelbe hineinpatſchte. Hie und da zeigte ſich auf dem Raſen eine Spur, welche ihn über die eingeſchlagene Rich⸗ tung beruhigte. Endlich bemerkte er an dem aufge⸗ riſſenen Boden, daß der Gegenſtand ſeiner Verfolgung den Abhang erklettert und ſeine Schritte gemäßigt habe. Als er hier einen Augenblick anhielt, ſo bemerkte er, wie Etwas, was er für einen Kopf hielt, hinter einem Erlenbuſch, welcher gerade über ihm am Ab⸗ hange ſtand, hervorſah. Sein Gewehr war augen⸗ blicklich von ſeiner Schulter geriſſen. „Komm herab, Du teufliſcher, ſchurkiſcher Wild⸗ dieb, rief Hugh,„oder ich werde Dich zu Schanden ſchießen.“ Keine Antwort erfolgte: das Schimpfen führte zu Nichts; und fürchtend, daß er ſich in eine nach⸗ theilige Lage bringen werde, wenn er verſuche, den Abhang zu erſteigen, feuerte Hugh, ohne ſich auf eine weitere Unterredung einzulaſſen. Der ſcharfe Schuß rollte als Echo den Abhang entlang, und ein Faſan, über den Schall erſchreckt, beantwortete von einem nahen Baume her die Ausforderung. Hugh war ein nie fehlender Schütze, und dieſes Mal hatte er dazu noch ſein Ziel feſt auf's Korn genommen. Der Erfolg war jedoch nicht ſo, wie er es erwartet hatte. Cine Pelzkappe, welche von dem Zweige, an welchem ſie gehangen, heruntergeſchoſſen worden, rollte den Abhang herunter, und verkündete die Liſt, welche ge⸗ gen den Wildhüter gebraucht worden war. Es blieb ihm nur wenig Zeit zu Betrachtungen; ehe er wie⸗ Rookwood. 1. 3 een— 50 der laden konnte, fühlte er ſich von Lukas Eiſenarm umkrallt. Hugh Badger war ein Mann von großer Kör⸗ perkraft— viereckig, krummbeinig, mit einer breiten Bruſt und von herkuliſcher Geſtalt. So wüthend auch Lukas Angriff war, ſo wurde er durch denſelben doch nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Der Kampf war verzweifelt. Lukas war zarter gebaut als der Hüter, obgleich er ihn mit Schultern und Kopf über⸗ ragte. Dieſes nützte ihn jedoch wenig. Man konnte es eher als einen Nachtheil bei dem gegenwärtigen Zuſammentreffen betrachten. Lukas hatte die Gurgel Hugh's wie mit einer eiſernen Klammer gefaßt; aber er hätte eben ſo leicht die eines Bullen gedrückt. End⸗ lich gelang es Hugh, welcher ſich mit ſeinen eiſenbe⸗ ſchlagenen Stiefeln vertheidigte und mit ihnen den Schienbeinen des Lukas mehrere heftige Schläge ver⸗ ſetzte, ſich nach einem heftigen Kampfe von dieſen erdroſſelnden Händen zu befreien; hierauf rang er mit ſeinem Feinde; und ſo glichen ſie einem Paar Bären, welche mit einander ſpielen. Drückend, zerrend, jeden Griff und Kunſtgriff mit den Füßen, Knieen und Schenkeln anwendend— bald ein Bein ſtellend, bald ſtoßend, jetzt vorgehend, nun weichend— ſo dauerte der Kampf, aber mit zweifelhaftem Erfolg, fort. Der Sieg ſchien ſich endlich zu Gunſten des ſtarken Wild⸗ hüters zu erklären. Seines Gegners Stärke gewahr werdend, war Lukas hauptſächlichſte Bemühung, ſeinen Unterkörper außer Gefecht zu laſſen, und mehr durch Gewandtheit als durch Kraft obzuſiegen. Dieſe zu vermeiden, bot Hugh Allem auf. Gegen jeden Kunſt⸗ riff auf der Hut, gelang es ihm endlich, ſeinen ſhllyfrien Angreifer feſt zu faſſen. Lukas Rückrat wurde dürch den Griff beinähe zermalmt; aber dieſer gab plötzlich nach, und zog, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, ſeinen Gegner etwas vorwärts, indem er zu gleicher Zeit Hugh's rechtes Bein etwas zu — 51 lüften wußte, und ihn rückwärts hineinwarf. Hugh fiel mit dem Geräuſch einer entwurzelten Eiche, und auf ihm ſein Feind, in das Bett des Baches. Kein Wort war während des Kampfes geſprochen worden. Ein krampfhaftes Geſtöhn entfuhr der harten Bruſt Hugh's. Seine Hand ſuchte den Gürtel, jedoch vergeblich; ſein Meſſer war verloren gegangen. Als er aufwärts blickte, ſah ſein irrendes Auge den Schim⸗ mer der Klinge— die Waffe war durch ſeinen Fall aus der Scheide gefallen— Lukas ſchwang ſie vor ſeinen Augen. „Schurke!“ keichte Hugh, indem er umſonſt ver⸗ zweiflungsvolle Verſuche machte, ſich zu befreien, „Du wirſt mich doch nicht morden wollen?“ Und von Neuem ſuchte er, mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte, ſich zu erheben. „Nein,“ antwortete Lukas, indem er das hoch ethobene Meſſer in den Bach warf;„dieß thue ich nicht, obwohl Du mir dieſe Nacht ſchon zwei Mal nach dem Leben getrachtet haſt; aber ich will Dich auf alle Fälle zum Schweigen bringen.“— Und mit die⸗ ſen Worten verſetzte er dem Hüter einen Schlag vor den Kopf, welcher jeden weitern Widerſtand endigte⸗ Indem er die lebloſe Maſſe dem Spiel der Wellen überließ, mit deren Waſſer ſich das aus der Wunde fließende Blut vermengte, ſchickte ſich Lukas zum Fort⸗ gehen an. Es waren jedoch noch nicht alle Gefahren für ihn vorbei. Von dem Schuß geleitet, deſſen Knall ſie auf⸗ ſchreckte, eilten die Begleiter des Wildhüters in der Richtung hin, in welcher ſie den Schall zu vernehmen glaubten, und kamen auf dieſe Weiſe gerade auf dem nämlichen Wege herbei, welchen Lukas im Begriff war, einzuſchlagen. Er mußte entweder umkehren, oder mit zwei Feinden zumal kämpfen. Sein Entſchluß wa ſchnell gefaßt. Er kehrte um und floh Einen Augenblick verweilten die bei ihrem — blutenden Gefährten und zogen ihn aus dem Waſſer — kn 3 ſie unter lauten Flüchen ihre Verfol⸗ gung fort. Lukas, welcher das Labyrinth des Waldes noch ein Mal zu erreichen ſuchte, eilte auf die Quelle des Baches zu. Dieß war gerade der Weg, welcher ſeine Feinde ihm ausgewählt hatten; und als ſie ihn den⸗ ſelben einſchlagen ſahen, ſo freuten ſie ſich ſchon über ſeine Gefangennehmung. Die Wände der Kluft wurden immer ſteiler, je weiter man vordrang, und nur an einzelnen Stellen ſtand dürftiges Gebüſch. Der Flüchtling machte keinen Verſuch, den Abhang zu erklettern, ſondern drängte immer nur vorwärts. Der Pfad ſchlängelte ſich um einen vorſtehenden Felſen herum. Jetzt bot er einen ſchönen Zielpunkt dar— doch nein; ſchnell war er wieder entſchlüpft, und ſchon außer Geſicht, ehe nur ein Gewehr hatte erhoben werden können. Sie erreich⸗ ten den nämlichen Punkt— ſie ſahen ihn wieder vor ſich— aber bald war ſeiner Flucht ein Ziel geſteckt. Steile, glatte Felſen, welche über einem kleinen aber tiefen Weiher, der Quelle des Baches, hingen, bil⸗ deten in dieſer Richtung ein, allem Anſcheine nach, unüberſteigliches Hinderniß. In einer Felſenſpalte wurzelte(der Himmel weiß wie) ein wilder Buſch, welcher mit einigen Zweigen den einſamen Teich be⸗ ſchattete; dieß war der einzige Anhalt, welchen Lukas zu hoffen hatte, wenn er es verſuchte den Felſen zu erklimmen. Der Felſen war glatt— der See tief — und doch eilte er darauf zu. Er erreichte den ſchlammigen Damm, ſtieg an einer Seite hinauf— und ſchien unſchlüſfig zu ſein. Die Hüter waren kaum hundert Gänge von ihm entfernt— beide Gewehre wurden auf ihn abgefeuert— und blitzſchnell wie der Knall, mit einem plätſchernden Plumps, einer unter⸗ tauchenden Fiſchotter ähnlich, fiel der Flüchtling ins Waſſer. Die Verfolger waren an dem Rand des 53 Weihers angekommen. Sie blickten in das Waſſer. Einige wenige Blaſen kräuſelten ſich auf der Ober⸗ fläche und platzten. Einiger Sand wirbelte auf. Kein rother Tropfen färbte die Wellen— keine Geſtalt zeigte ſich an dem kahlen Felſen— keine Handgriffe nach den bewegungsloſen Zweigen. „Der Teufel hole den Schuft!“ grollte der Eine;„ich will doch nicht hoffen, daß er uns ent⸗ kommen iſt?“ „Nein— nein, der hat genug, mache Dir keine Sorgen,“ erwiderte der Andere;„er liegt wie ein Aal auf dem Grund des Weihers; und fluche ihm, er verdient es, denn er dieſe Nacht unſern Händen oft genug wie ein Aak. Doch komm; wir wollen fortgehen, und dem armen Hugh Badger zu Hülfe eilen.“ Hierauf kehrten ſie um, in der Abſicht, dem ver⸗ wundeten und überwundenen Hüter beizuſtehen. Viertes Kapitel. Das Berrenhaus. Nah' bin ich meinem Haus— dem Sitze meiner Ahnen. Porkſhire Tragödie. Wir werden unfere Leſer zu dem Sitze der Fa⸗ milie führen, von welcher in den vorhergehenden Kapi⸗ teln ſchon ſo viel geſprochen wurde. Rookwood Place war ein ſchönes, altes, unregel⸗ mäßiges Gebäude von beträchtlichem Umfange, und gewährte mit ſeinen unzähligen Giebeln, ſeinen phan⸗ taſtiſchen Erkern und den laitinaſäten⸗ einen reichen und maleriſchen Anblick. Das Gebäude war durchaus nicht in gleichförm Style erhaut; aber — — 54 der Haupteindruck war doch gefällig und ſchön ſogar dieſe Unregelmäßigkeit hatte etwas Anziehendes. Bei ſeiner Erbauung war nur auf die Bequemlichkeit Rück⸗ ſicht genommen worden: von Zeit zu Zeit waren An⸗ bauten gemacht worden; aber es wurde Alles an ſeinen gehörigen Ort hingeſtellt, und war, die Schön⸗ heit des Ganzen erhöhend, ohne beſondere Abſicht eine Verzierung geworden. Kurz, es war eines jener herrlichen Herrenhäuſer, welche uns manchmal, gleich verwirklichten Träumen aus der Vorwelt, auf unſern Wanderungen aufſtoßen, und über welche wir uns, wie über den plötzlichen Fund eines Schatzes, freuen. Solche alterthümliche Gebäude(obgleich nicht gerade von derſelben Art) haben wir ſchon öfters in unſerer Grafſchaft Lankaſter, oder ihrer lieblichen Schweſter⸗ Provinz Lankaſterſhire, und zwar an Orten gefunden, wo man ſie nicht erwartet hätte; und nie konnten wir dieſelben betrachten, ohne ein inniges Vergnügen zu fühlen, und uns über die Friſche ihres Alters, und ihre antiken Reize zu freuen. Denn es ſei im Vor⸗ beigehen bemerkt, daß ein ſolches Herrenhaus in Che⸗ ſhire oder Lancaſhire, ſo alt es auch ſein mag, mit ſeinen oft erneuten ſchwarzen und weißen Quadraten, welche mit Roſetten und andern Figuren hübſch aus⸗ gefüllt ſind, ſeine Jahre ſo leicht zu tragen ſcheint, daß ſein Alter, weit entfernt ſeiner Schönheit Eintrag zu thun, ihm nur neue Reize verleiht; und man kann das nämliche Gebäude, bewundernswürdig gut erhalten, in der Zeit unſers Königs William eben ſo friſch und vollkommen ſehen, als es unter Eliſabeth war. Solche ſind Bramall, Moreton und noch viele Andere, welche —,— wir nennen könnten; das erſtere kann man vielleicht das ſchönſte in dieſer Art heißen,(und dieſe Art iſt nach unſerer Meinung die beſte), welches man in der Grafſchaft ſehen kann, ſowohl was die vollendete Aus⸗ ſtattung ſeines Aeußern, als auch die ſchon angeführte bunte Mal i;— jene faſt holländiſche Sorgfalt und —,— 55 Zierlichkeit, und den trefflichen Geſchmack betrifft, wel⸗ cher ſein Beſitzer bei der Wiederherſtellung und Er⸗ haltung ſeiner originellen und wahrhaft nationalen Schönheit bis auf die geringſte Kleinigkeit hinaus, bewies. Als einen ähnlichen Beweis alt⸗engliſcher Gaſtfreundſchaft(jener wirklichen, herzlichen Gaſt⸗ freundſchaft, wegen welcher die Edelleute dieſes Landes einſt ſo berühmt waren— ach! warum haben ſie dieſelbe für Gebräuche hingegeben, welche ſogar nicht engliſch ſind?)— mag man hier anführen, daß eine Straße den Wanderer gerade durch dieſes Haus, und im eigentlichen Sinne ein Zaſtliches Haus, führt, wo ihm ſodann Doppelbier und andere Erfriſchungen angeboten werden, und er zum Ausruhen ermuntert wird. Wohl wochte der alte King, der Geſchichts⸗ ſchreiber von Cheſhire, im Stolze ſeines revlichen Herzens ausrufen:„ich kenne verſchiedene Leute, bloße Pächter, welche man in ihrem Haushalte mit den Lords oder Baronen einiger Länder über dem Meere vergleichen könnte;— ja, wollte ich einen noch höhern Titel nennen, ſo wäre ich im Stande meine Behaup⸗ tung zu begründen. In unſern entarteten Zeiten haben wir keine ſolche goldene Pächter“ mehr. Das Haus war von Sir Ranulph von Rookwood (oder wie man damals ſchrieb, Rokewode) dem erſten die⸗ ſes Namens, einem tapfern Vorkiſten, erbaut worden, welcher unter der Regierung Eduards MW. lebte, und das ſchöne Gut, auf welchem dieſes Gebäude ſteht, als Belohnung für treue Dienſte, aus den Händen die⸗ ſes Fürſten erhalten hatte, als er ſich am Abend ſeines Lebens, nach dem Schluſſe des Kriegs der beiden Roſen, hierher zurückzog, um dem Getümmel des Kampfs zu entfliehen, und durch die Erbauung und Beſchenkung der benachbarten Kirche für das Heil ſei⸗ ner Seele zu ſorgen, Es war ein gemiſchter Styl und verkündigte die Eigenheiten jedes Jahrhunderts. Etwas von dem Trotz der üheren Tage der Zeit, 56 ehe die feſte Ritterwohnung, welche man unter der Regierung der letzten Heinriche fand, dem zierlichen und friedlichen Herrenhauſe gewichen war, beibehaltend, hatte das Wohnhaus der Rookwood ſchon jenen ſanftern Charakter einer ſpätern Zeit zum Voraus angenommen, obgleich es ſich nur wenig jener Fälle äußerer Ver⸗ zierungen und verſchwenderiſcher Schönheit rühmen konnte, welche die Wohnungen der reicheren Gutsbe⸗ ſitzer unter der Herrſchaft der jungfräulichen Königin auszeichnete und das Herrenhaus der Eliſabeth, wel⸗ ches man bezeichnend ſo nennt, zum Stolz und Ruhm unſerer einheimiſchen Baukunſt machte. Auf der Stelle, welche Sir Ranulph zu ſeiner auserſehen hatte, ſtand ſchon ein großes eichenes Gebäude, welches er theilweiſe abriß, obgleich man jetzt noch Spuren davon finden kann. An ſeine Stelle kam ein maſſives Haus mit Thor, Thurm und Graben, welches, nach ſeiner Feſtigkeit zu ſchließen, Jahrhunderte hätte dauern ſollen; aber gerade dieſe Maſſe zerfiel und die Nachkommen des Sir Ranulph veränderten durch Umbauen und Ausbeſſern das Aeußere deſſelben ſo ſehr, daß nur wenig von ſeinen urſprüng⸗ lichen und eigenthümlichen Charakter übrig blieb. Doch war es noch, wie wir vorhin ſchon geſagt haben, ein ſchönes altes Gebäude, obgleich einige Veränderungen gemacht worden waren, welche der Geſchmack nicht verzeihen konnte: ſo z. B. waren die tiefen einge⸗ ſchnittenen Fenſter ſolchen von moderner und luftiger Bauart gewichen; das weite Portal mit ſeiper Treppe, welches zu der großen Eingangshalle führte, hatte einer ſchmalen Thüre Platz machen müſſen; und an die Stelle des großen, viereckigen Hofes waren jetzt Kieswege getreten. Aller dieſer Veränderungen unge⸗ achtet war jedoch das Haus der Rookwood, als ein altes Gebäude,(und nach allem war es ein gutes, altes Gebäude 2) für einen ehrwürdigen Landedelmann, ———— 5 „welcher ein großes Beſitzthum hat,“ ein durchaus nicht zu verachtender oder unpaſſender Sitz. Bie Wohnung ſtand unfern des Fußes eines ſanft ſich abdachenden Hügels, ſchloß eine prachtvolle Allee von Linden und lag theilweiſe in einem Urwalde der⸗ ſelben Bäume verſteckt, welche der Familie, die unter dem von Krähen beſuchten Schatten derſelben hauste, den Namen gegeben hatten. Wenn man die Allee hinunter bis zu dem Punkte ging, wo die Straße, ſich um einen Hügel herumwindend, nach dem eine halbe Meile entfernten Dorfe führte, ſo wurde das Auge durch ein eigenthümliches, achteckiges Backſteinthürmchen gefeſſelt, welches neuer war als das Haus, und aller Wayrſcheinlichkeit nach den Platz einnahm, wo vor Alters der Thorweg geſtanden hatte. Dieſer Thurm erhob ſich in derſelben Höhe, wie das Wohngebäude, und war auf der Seite gegen das Haus durch eine vergoldete Sonnenuhr verziert, welche wie ein unver⸗ ſchämter Beobachter nach allem ſchaute, was innerhalb des Thores vorging; die zwei Zimmer, welche derſelbe enthielt, bewohnte der Pförtner. Der ſeinen kriegeri⸗ ſchen Ehrenzeichen beraubte Thorweg zeigte noch das Wappen der Familie— die Krähe und den myſtiſchen Aſt— in Granit gehauen, welches den Stürmen zweier Jahrhunderte widerſtanden hatte, obgleich es mit grünem Moos bedeckt war. Zur Linken zeigte ſich, zwiſchen den Bäumen verſteckt, der verwitterte Giebel des epheuumrankten Taubenhauſes, die Nach⸗ barſchaft einer alten Scheune, welche ſchon ſo alt war, als das erſte Wohnhaus, und eine kleine Welt von Vorraths⸗ und Wirthſchaftsgebäuden verkündend, welche in dem dichten Laubwerk verſteckt lagen. Rechts befand ſich der Garten— der Vergnügungsort des Platzes— ſteif, abgezirkelt, altmodiſch, künſtlich, doch ausgezeich⸗ net!—(wir loben uns dieſen ſchönen engliſchen Gar⸗ ten— in der That ein Garten— nicht jenes Gemiſch von Park, Wieſe und Wildniß, welches ſeit den Tagen 4 58 des Neuerers Kent, und„ſeiner verwegenen Genoſſen⸗ des Beſſerwiſſers Brown und Lo. ſo weit um ſich ge⸗ riſſen hat)— es war ein Garten! Hier konnte man die ſtattlichen Terraſſen ſehen, wie ſie Watteau, und unſer Wilſon, in ſeinen früheren Werken ſchilderten— die Baumgänge, alle Künſte der Baumbeſchneidung in fich vereinigend— Die Geitenwände, Geſchornen Taxus, der Stechpalme Zweige Zu hohen Laubengängen dicht verflochten; Die Laube wie mit Moſaik geſchmückt, Umher der Raſenplatz rings ausgeſchweift*). die freundlichſten Blumenbeete und grünſten Raſen, mit der mahnenden Sonnenuhr, dem Marmorbaffin in der Mitte, ſeinem Springbrunnen und dem Waſſer⸗ gott mit der Muſchel— dem zierlichen Sommerhaus, über welches die vergoldete Dachfahne ſich erhob— der Statue, welche aus dem Dickicht herausſchimmerte — der kühlen Cascade— den Urnen— Lauben— und tauſend andern Sachen, welche die Kunſt angab und ausführte, um der Natur nachzuhelfen und die Reize des„Außerdemhauſe⸗ zu erhöhen(ſo ſollte jeder Garten ſein) ohne daß dieß jedoch auf Koſten häus⸗ licher Behaglichkeit und Bequemlichkeit geſchehen wäre. Als Epikur der Welt gelehrt, Vergnügen ſei das höchſte Gut, (Er hatte Recht vielleicht wenn recht verſtanden) Und d'rauf ſein Leben mit der Lehre feſt verbunden In ſeinem Gartenhain dieß höchſte Gut gefunden**). Alle dieſe Reize mochte er einſt in ſich vereinigt habenz aber zu der Zeit, von welcher wir ſchreiben, war die⸗ ſer ſchöne Garten größtentheils eine Wüſte. Schlecht gepflegt und vernachläßigt wie er war, wucherte Un⸗ raut in den Blumenbeeten— wuchs Gras auf den Sandwegen— waren verſchiedene Urnen umgeworfen— zeigte die Sonnenuhr die Stunde nicht mehr— war die Quelle verſtopft! nur der glattgeſchnittene Raſen war, wie es ſchien, der allgemeinen Zerſtörung ent⸗ ſond engliſcher Garten.*) Cowlen. — 59 gangen, damit er als Kegelbahn dienen konnte, wie das Geräthe zu dieſem Spiele, welches zerſtreut umher lag, hinlänglich andeutete. Vom Garten zum Wohnhaus übergehend, ſo haben wir ſchon früher bemerkt, daß die älteſten und eigenthümlichſten Umriſſe des Gebäudes größtentheils verlöſcht und vernichtet worden waren; weniger jedoch durch die Hand der Zeit, als durch den abweichenden Geſchmack verſchiedener Beſitzer; dieß war aber bei dem öſtlichen Flügel, welcher nach dem Garten ging, nicht ſo der Fall. An ihm waren noch viele Spuren ſeines Alters zu entdecken. Die Dicke und Feſtigkeit der Mauern, welche nicht wie andere Theile durch neue Arbeiten ver⸗ deckt waren— die niedern Tudorbögen— die künſtlich gearbeiteten Fenſtergitter— alles verkündete ſein Alter. Dieſer Flügel hatte eine obere und eine untere Gal⸗ lerie, welche mit einer Reihe Zimmer in Verbindung waren, die alle, bis auf eines oder zwei, welche als Schlafzimmer benützt wurden, und ein anderes kleines Gemach auf dem untern Gang, mit einem runden Fenſter, von welchen aus man die ganze umliegende Landſchaft überſah,— und welches das Lieblingsplätz⸗ chen des verſtorbenen Sir Piers war— verlaſſen ſtanden. Das Innere des letztern war wegen ſeines Getäfels merkwürdig, welches tief in Gyps eingedrückt, die Wappen und Waffen der Rookwood enthielt. In der Mitte befand ſich das Wappen der Königin Eliſa beth, welche das Herrenhaus auf einer Reiſe einſt mit einem Beſuche beehrt hatte, und deren Namens⸗ zug E. R. eben ſo auf der großen Eiſenplatte zur Schau geſtellt war, welche den Feuerroſt bildete. Wir wollen nun wieder auf einen Augenblick nach dem Garten zurückkehren, bei welchem wir verweilen, wie eine Biene bei einer Blume: Unter dem freien ½ Platze befand ſich eine andere, von einer niedern Stein⸗Baluſtrade eingefaßte Terraſſe, welche eine liebliche Ausſicht über den Park, das Waſſer und den 60 Wald darbot. Hohe, herniederhängende Bäume wog⸗ ten im Vordergrund, und ein ausgedehnter Strich flachen Landes ſchloß ſich an eine Kette blauer und dunkler Hügel an, welche auf weite Entfernung hin den Horizont begränzte. Der Uebergang vom Hauſe auf die Bewohner iſt natürlich. Außer der Verbindung, in welcher dieſe mit einander ſtanden, glichen ſie ſich noch in manchen Punkten;— da waren im Allgemeinen die nämlichen Familienzüge— dieſelbe ſchwermüthige Größe, der⸗ ſelbe romantiſche Charakter, das gleiche phantaſtiſche Ausſehen. Eben ſo wenig fehlten die geheimen Stel⸗ len, welche dem einen eigenthümlich waren, in der Geſchichte des andern. Beide hatten ihre Mpſterien. Ein Mackel war auf dem ſonſt ſtolzen Schild der Rookwood, welcher ſeinen Glanz verdunkelte und ſeine Strahlen erbleichen machte: ihre Sonne war von ihrem Aufgange an bis zum Mittagspunki durch Blut verdunkelt. Bieſer Vorwurf laſtete auf dem ganzen Geſchlecht;— keiner war davon frei. Es wurden Gerüchte vom Vater auf den Sohn übergetragen; dieſe verbreiteten ſich durch die ganze Grafſchaft und wurden auf den Schwingen des Windes noch weiter Ihre Verbrechen wurden zum Sprichwort. ie kam es, daß ſie der Strafe entgingen? Wie konnten ſie der Hand der Gerechtigkeit entſchlüpfen? An Beweiſen fehlte es immer—— die Gerechtigkeit wurde ſtets getäuſcht. Sie waren ein grauſames und halsſtarriges Volk, voll unbändigen Stolzes und nicht zu überwindender Entſchloſſenheit, wozu meiſtens auch noch eine Charakterſtärke kam, welche ſie fähig machte, Schwierigkeiten und Gefahren, welchen gewöhnliche Menſchen unterlegen wären, Trotz zu bieten. Keine Eigenſchaft iſt dem, der ſie beſitzt, ſo vortheilhaft, als nei und die energiſche Entſchloſſenheit der ookwood trug ſie ungefährdet durch ein Meer voll Gefahren. Ueberdieß waren ſie reich; freigebig bis ———————————— —————— 61 zur Verſchwendung— und Gold thut viel, wenn es nützlich angewendet wird. Deſſenungeachtet hing eine drohende, dunkle Wolke über ihrem Hauſe, und man erwartete immer, daß die ſo lange aufgeſchobene Rache des Himmels ſie endlich treffen und vernichten werde. Im Beſitze von beträchtlichen Ländereien, welche ſich faſt über eine halbe Grafſchaft erſtreckten, wuchs die Familie in einer ununterbrochenen Reihe von Jahren an Muth und Bedeutung, bis zum Ausbruch jenes innern Zwieſpaltes, welcher ſich mit einem bür⸗ gerlichen Kriege endigte. In dieſem vertheidigte Sir Ralph Rookwood(ein ausſchweifender, verdorbener Menſch, welcher übrigens bei der Krönung Karls I. zum Ritter des Bath⸗Ordens ernannt worden war), der damalige Beſitzer des Herrenhauſes, die königliche Sache mit dem Schwert ſowohl als mit Rath, wurde aber bei Noſeby getödtet, und verlor den größten Theil ſeiner Beſitzungen. Dieſen Verluſt erſetzte übri⸗ gens die Dankbarkeit Karl M. bei ſeiner Wiederein⸗ ſetzung, dem jugendlichen Erben des Sir Ralph Re⸗ ginald, hinlänglich wieder. Sir Ralph Rookwood hin⸗ terließ zwei Söhne, Reginald und Alan. Das Schick⸗ ſal des letztern war in Dunkel gehüllt— es war ſo⸗ gar der Familie ein Geheimniß. Man ſagte, er ſei ein vielverſprechender Junge mit angenehmen Manieren geweſen; welcher nach einer unklugen Heirat aus Eifer⸗ ſucht oder einem andern Beweggrund ſein Weib ver⸗ laſſen habe, und aus dem Lande geflohen ſei. Ver⸗ ſchiedene Gründe wurden dieſer Handlung unterge⸗ legt. Unter anderm wurde behauptet, daß der Gegen⸗ ſtand von Alan's eiferſüchtigem Verdachte ſein älterer Bruder Reginald geweſen ſei; und daß die Entdeckung von ſeines Weibes Untreue ihn veranlaßt habe, mit ſeinem Kinde urplötzlich zu verſchwinden. Einige ſag⸗ ten, er ſei im Auslande geſtorben. Andere, daß er noch einmal für kurze Zeit in dem Herrenhaus erſchie⸗ 62 nen ſei. Aber alle ſtimmten jetzt darin überein, daß er todt ſei. Von ſeiner Tochter wußte man nichts. Sein ungetreues Weib, welche einige Jahre von Gewiſſensbiſſen gepeinigt, und von Sir Reginald verlaſſen worden war, endigte ihr Leben durch Gift. Dieß iſt alles, was man von der Geſchichte und dem Unglücke des Alan Rookwood wußte. Der junge Sir Reginald war Carln in der Eigenſchaft als Page in die Verbannung gefolgt, und wenn er auch die Anhänglichkeit des Sohnes nicht da⸗ durch belohnen konnte, daß er ihm alle von ſeinem Vater verlornen Güter wieder zurückgab, ſo konnte der Monarch ihm doch den wohlthuenden Einfluß ſeiner Gnade und ſeines Anſehens gewähren, und eine ein⸗ trägliche Stelle in ſeinem Haushalte, als Beweis ſeines guten Willens, geben. Und dieß that er auch in hohem Grade. Man darf ſich nicht wundern, daß Sir Re⸗ ginald, welcher ſich in ſeiner Jugend durch perſönliche Reize auszeichnete, in der chroniquc seandaleuse jener Zeit oft erwähnt wird, da er ein Cavalier von vollen⸗ deter Geſchicklichkeit und Klugheit, unvergleichlichem Witz und unglaublicher Munterkeit war, welcher ſich am meiſten von allen ſeinen Gefährten durch ſein Glück bei den ausgezeichnetſten Schönheiten, welche . glänzenden und üppigen Hof zierten, bekannt machte. Eine Laufbahn vornehmer Ausſchweifung endigte mit einer Heirat. Seine erſte Ehe war unglücklich. In ſeinen Unternehmungen auf die Keuſchheit einer Dame von großer Schönheit und hoher Ehre nicht zum Ziele gelangend, war er unbeſonnen genug, ſie zu heiraten? unbeſonnen, ſagen wir, denn von jener fatalen Stunde an, trübte ſich alles; der Vorhang ſeines Lebens⸗Theaters fiel herab, um ſich nur zur Darſtellung von Gräueln wieder zu erheben. Als die Leidenſchaft nachließ, und die Reue erwachte, ſo dachte er nur an die Befreiung aus den Feſſeln, welche —— 3 ₰ 63 ſich und ſeiner unglücklichen Gemahlin ſo ſorglos an⸗ gelegt hatte. Die Frau des Sir Reginald war ein ſehr ſchönes und zartes Geſchöpf, welches auf den wirbelnden Wellen des Lebens ſchwamm, und dahinſtarb, wie ein Sommerfaden durch einen rauhen Windſtoß hinweg⸗ genommen wird und für immer verloren iſt. So ſchön, ſo lieblich war ſie, daß wenn Der Kummep nicht. Den Kummer ſchöner machte, als die Schönheit ſelbſt; es ſchwer zu entſcheiden geweſen wäre, ob der Reiz ihrer Sanftmuth und Milde nicht bewundernswürdiger ſei, als ihre fehlerloſe körperliche Schönheit. Aber als der Schatten der Schwermuth die einſt ſo klare und liebliche Stirne färbte— als Thränen das ſchöne Blau ihrer großen und ſchmachtenden Augen verdunkelten— als heiße, fieberiſche Hitze an die Stelle der geſunden Blüthe trat, und Verzweiflung ihr Herz ergriff, da erſt ſah man, in was eigentlich der Reiz der Lady Rookwood beſtand, wenn anders das ein Reiz genannt werden kann, deſſen Anblick zur Schwermuth ſtimmt, und das Herz des Beſchauers vor Wehmuth faſt ver⸗ gehen macht. Jedermann mußte zugeſtehen, daß ſo lieblich ſie auch vorher geweſen, die ſchwermüthige, traurige Lady jetzt doch noch lieblicher ſei. Sieben Monde waren gekommen, und wieder ge⸗ flohen— ſieben Monate der Thränen und des Kum⸗ mers— und jeden Tag verlangte die Lage der Lady Rookwood zartere Aufmerkſamkeit von Seiten ihres Gemahls. Um dieſe Zeit kam der Bruder ſeiner Frau welchen er haßte, aus dem Kriege in Deutſchland zu⸗ rück. Ueber das veränderte Ausſehen ſeiner Schweſter betroffen, errieth er leicht die Urſachen; auch waren alle Zungen bereit, ſie ihm mitzutheilen. Lionel Vava⸗ ſour, welcher ſeine Schweſter leidenſchaftlich liebte, beſchwor ſie um“ die Mittheilung der Urſache ihres Kummers. Die verwirrte Lady gab ausweichende Ant⸗ 64 worten, indem ſie ihr ſchlechtes Ausſehen jeder andern Urſache, als der Grauſamkeit ihres Gemahls zuſchrieb und ihren Bruder bat, wenn ihm ihre Ruhe und Liebe werth ſei, nie wieder dieſen Gegenſtand zu berühren. Der feuerige junge Mann ging weg. Er ſuchte ſo⸗ gleich ſeinen Schwager auf und ließ ihn wegen ſeiner Unmenſchlichkeit hart an, ſeinen Vorwürfen noch Dro⸗ hungen beifügend. Sir Reginald hörte ihn kalt und ſtill an. Als der Andere geendigt hatte, ſo erwiderte er mit einer ſarkaſtiſchen Verbeugung:„mein Herr, ich bin Ihnen ſehr verbunden für die Mühe, welche Sie ſich Ihrer Schweſter wegen gegeben haben; als ſie ſich aber meinem Schutze anvertraute, entſagte ſie jedem Anſpruch auf Ihre Vormundſchaft⸗ wenn ich nicht irre; übrigens danke ich Ihnen für die Mühe, welche Sie ſich genommen, möchte Ihnen aber um Ihretwillen rathen, ſich vor jeder Wiederholung einer ſolchen Einmiſchung zu hüten.“ „Und ich, mein Herr, warne Sie. Geben Sie Acht, daß Sie meine Worte erwägen oder ich werde denſelben, ſo wahr ein Himmel über uns iſt, Geltung zu verſchaffen wiſſen.“ „Sie werden mich zu jeder Zeit eben ſo bereit finden, mein Benehmen zu vertheidigen, mein Herr, als ich feſt in meinen Entſchlüſſen bin. Ihre Schweſter iſt mein Weib. Was wollen Sie mehr haben? Wäre ſie eine Hure, ſo ſollten Sie ſie mit größtem Ver⸗ gnügen wieder en Die Thörin iſt tugend⸗ haft. Denken Sie irgend eine Liſt aus, und nehmen Sie ſie mit ſich— auf dieſe Art befreien Sie mich von ihr, und ich bin zufrieden.“ „Rookwood, Sie find ein Schuft.“ Und Vavaſour ſpie ſeinem Schwager in's Geſicht. Sir Reginalds Augen funkelten. Sein Schwert fuhr aus der Scheide.„Vertheidigen Sie ſich,“ rief er aus, indem er Vavaſour wüthend angriff. Es wur⸗ den verſchiedene Gänge gewechſelt. Wüthende Hiebe ———. 65 geführt und parirt. Zu den feinſten und verzweifelt⸗ ſten Finten nahm man ſeine Zuflucht. Ihre Schwerter glänzten gleich flammenden Blitzen. In der Hitze des Kampfes verwirrten ſich die Klingen. Dieß verur⸗ ſachte einen kurzen Aufſchub. Einer warf dem Andern Blicke des tödtlichſten, unauslöſchlichſten Haſſes zu. Beide waren ausgezeichnete Fechter. Beide ſo voll Ingrimm, daß ſie nicht an die Folgen dachten. Sie nahmen ihre Waffen wieder auf. Vavaſours Klinge ſprang ab. Er befand ſich in der Gewalt ſeines Geg⸗ ners— eines Gegners, welcher keine Gnade kannte. Sir Reginald rannte ſeinem Schwager das Schwert durch den Leib. Das Gefäß ſtieß an den Rippen auf. Sir Reginalds Grimm war durch die vollbrachte That nur noch mehr erweckt, ſtatt ausgelöſcht. Dem Tiger gleich hatte er Blut gekoſtet— gleich dem Ti⸗ ger dürſtete er nach mehr. Er ging nach Haus. Seine Gemahlin kam ihm entgegen. Obgleich durch ſeinen Blick erſchreckt, nahm ſie doch allen ihren Muth zuſammen, um ſich ihm zu nahen. Sie ergriff ſeinen Arm— ſie drückte ſeine Hand. Sir Reginald lächelte. Sein Lächeln war ſo ſcharf als die Schneide ſeines Schwerts. „Was fehlt Dir, mein Schatz?“ ſagte er. „Ich weiß es nicht; Dein Lächeln macht mich ſchaudern.“ „Mein Lächeln macht Dich ſchaudern— Thörin! ſei dankbar dafür, daß ich nicht die Stirne runzle.“ „Oh! ſei nicht böſe. Sei lieb, mein Reginald, wie Du es warſt, als ich Dich kennen lernte. Lächle nicht ſo kalt, ſondern ſo wie früher, damit ich einen Augenblick wieder glauben kann, Du liebeſt mich wie Du es damals ſchwurſt.⸗ „Albernes Weib! ſieh'— ich lächle.⸗„ „Dieſes Lächeln macht mich ſchandern— es iſt ſo kalt wie Eis. Oh, Reginald! könnteſt Du wiſſen, Rookwood. 1. 5 B 66 was ich dieſen Morgen ſchon um Deinetwillen gelit⸗ ten Mein Bruder Lionel war hier.⸗ „Sh. „Nein, blicke nicht ſo. Er wollte die Urſache meines veränderten Ausſeheus durchaus wiſſen. „Und ohne Zweifel machteſt Du ihn damit be⸗ Du erzählteſt ihm die Geſchichte nach Deiner Art⸗ „Nicht ein Wort, ſo wahr ich das Leben habe.⸗ „Du lügſt!“ „Bei meiner Ehre, nein.⸗ „Du lügſt, ſage ich; er verſicherte es mir ſelbſt.⸗ „Unmöglich! Er war mir nicht ungehorſam; er hätte es nicht thun können.“ Sir Reginald lachte bitter. „Er konnte keine Veranlaſſung zu irgend einem Auftritte geben, deſſen bin ich gewiß. Du ſagſt dieß bloß, um mich auf die Probe zu ſtellen, nicht wahr* — ha! was iſt das? Deine Hand iſt blutig. Du haſt doch nicht— ſpreche— Du konnteſt nicht— wich bitte Dich um des Himmels Barmherzigkeit willen, ſprich, ich flehe Dich darum an. Du haſt ihm kein Leid gethan? Er lebt? Weſſen Blut iſt dieſes? „Dein Bruder ſpie mir in's Geſicht— ich habe den Flecken wieder abgewaſchen.“ „Dann iſt es alſo das ſeinige,“ kreiſchte Lady Rookwvod, indem ſie ihre Hände vor die Augen drückte. „Iſt er todt— getödtet? Sir Reginald wendete ſich weg. „Halt,, rief ſie, indem ſie ihn mit ihrer ſchwachen ⸗ Kraft zurückzuhalten verſuchte, und bleich wurde wie Aſche,„halt, Du Mann des Blutes! Du grauſamer eineidiger! bleib, und höre mich. Mich haſt Du, 5 fühle es, durch Deine Liebloſigkeit getödtet. Ich habe gegen ſie angekämpft, aber vergeblich. Ich werde bald nicht mehr ſein. Ich, die Dich liebte, nur Dich; ja, mit Ausnahme eines Einzigen, meines Bruders 2 67 — und dieſen haſt Du erſchlagen. Sein Blut klebt an Deinen Händen, und ich habe ſie geküßt, umfan⸗ gen. Und jetzt,“ fuhr ſie mit einer Kraft fort, welche den Sir Reginald erſchreckte,„haſſe ich Dich— ver⸗ abſcheue ich Dich— entſage ich Dir— für immer! Möge meine ſterbenden Worte Dir auf Deinem Todten⸗ bette in den Ohren gellen; denn dieſes wird auch für Dich einſt kommen. Dieſem wirſt Du nicht entgehen. Dann denke an ihn, denke an mich!“ „Hinweg!“ unterbrach ſie Sir Reginald, und verſuchte, ſie wegzuſtoßen. „Ich werde nicht fortgehen! ich werde mich an Dich hängen;— ich werde Dir fluchen. Mein unge⸗ borenes Kind ſoll Dir zum Fluche leben— ſoll Dir vergelten— ſoll den an mir verübten Frevel an Dir und den Deinigen heimſuchen. So ſchwach ich auch bin, ſo wirſt Du mich doch nicht wegbringen. Du wirſt ſogar lernen, mich zu fürchten.“ „Ich fürchte kein lebendes Weſen; am wenigſten ein wahnfinniges Weib.“ „So fürchte denn die Todten.“ „Hinweg! oder ſo wahr ein Gott über uns iſt—„ „Nimmermehr!“ Ein kurzes Ringen— ein Schlag— und die unglückliche Lady ſank kreiſchend zu Boden. Krämpfe befielen ſie. Heftige und andauernde Wehen ptellten ſich ein. Sie ſprach nicht mehr, ſondern ſtarb noch in derſelbigen Stunde, indem ſie einem Mädchen das Leben gab. Eleonore Rookwood wurde der Abgott ihres Vaters— ihres Vaters Verderben. Alle Liebe, deren er fähig war, trug er auf ſie über; ſie erwiderte dieſelbe nicht. Sie floh ſeine Liebkoſungen. Mit all⸗ der Schönheit ihrer Mutter— hatte ſie auch den Stolz des Vaters. Jeder Gedanke des Sir Regi⸗ nald gehörte ſeiner Tochter an— er waerſ in ſeinen Aufmerkfamkeiten. Vergeblich. Sie ſchien ihn blos zu dulden; und während ſeine Liebe ſtets wuchs, und ſich mit ihr verflocht, verwelkte ſie unter ſeinen Umarmungen, wit ein zartes Gewächs in den Ranken des Unkrauts. Sie näherte ſich dem Alter der Jungfrau. Anbeter umlagerten ſie— liebenswür⸗„ dige und vornehme. Sir Reginald bewachte ſie mit eiferſüchtigem Auge. Er war reich— mächtig— ſtand hoch in des Königs Gunſt;z und ſo konnte er eine willkürliche Wahl treffen, was er auch that. Anfangs verſprach Eleonore, ſich in ſeine Wünſche zu fügen. Sie ſtimmten mit ihrer Neigung überein. Der Tag war anberaumt— er kam— aber mit ihm keine Braut. Sie war geflohen, mit dem geringſten und niedrigſten ihrer Anbeter— mit einem, von welchem Sir Reginald glaubte, daß ſie ihn keines Blickes würdige. Er verſuchte ſie zu vergeſſen, und zwar, dem äußeren Anſcheine nach, nicht ohne Erfolg; aber er fühlte, daß der Fluch auf ihm ruhe; die nie erſter⸗ 6 bende Flamme brannte in ſeinem Herzen. Noch ein⸗ mal trafen ſie zuſammen, in einem fremden Lande, wohin ſie gegangen war. Es war ein ſchreckliches Wiederſehen— ſchrecklich für Beide; aber am meiſten für Sir Reginald. Er ſprach nie mehr von ihr. urz nach dem Tode ſeiner Frau hatte Sir Reginald einer vornehmen und reichen Wittwe, einer Bekann⸗ ten aus früheren Zeiten, Anträge gemacht, und war ohne Bedenken angenommen worden. Man konnte ſagen, daß die Macht der Familie damals ſich auf ihrem höchſten Punkt befand; und ohne das Dazwi⸗ ſchenkommen einiger unerwarteter Umſtände, und den wachſenden Einfluß ſeiner Feinde würde Sir Reginald ſogar zu der Würde eines Pairs erhoben worden ſein. Wie alle gebeſſerten Verſchwender war auch er ein Geizhals geworden, und ſein ganzes Trachten nur auf die Eroberung von Reichthümern gerichtet. Wäh⸗ rend der Zeit war ſeine zweite Gemahlin der erſten —— —— 69 nachgefolgt; und zwar ſollte ſie, nach der allgemeinen Sage aus Kummer und Gram geſtorben ſein. Die Neigung zur Ehe, welche ſtets eine hervor⸗ ſtehende Eigenſchaft der Roockwood geweſen war, zeigte ſich bei Sir Reginald auffallend. Der zweiten folgte eine dritte Frau, welche eben ſo reich, aber jünger und ſchöner als die erſtere war. Sie war eine große Buhlerin und wurde ihrem Manne bald ungetreu. Sir Reginald ſtellte ſie nicht zur Rede. Dieß war nicht ſeine Art. Er kam nur jeder Wiederholung ihrer Verfehlung zuvor. Sie wurde aus dem Wege ge⸗ räumt und mit ihr verlor ſich Sir Reginalds Popu⸗ larität vollends ganz. So ſtark war der Ausdruck des Haſſes gegen ihn, daß er es für räthlich hielt, ſich ganz auf das Land zurückzuziehen, und in ſeinem Hauſe abzuſchließen. Eine Anomalie in dem ſonſt durch und durch ſelbſtſüchtigen Charakter des Sir Reginald war ſeine grenzenloſe Anhänglichkeit an das Haus Stuart; kurz nach der Abdankung Jakobs HI. folgte er dieſem Moͤnarchen nach St. Germain, und nahm bedeutenden Antheil an geheimen prolitiſchen Intriguen. Er kehrte von Frankreich nur nach Rook⸗ wood zurück, um ſeine Gebeine zu denen ſeiner Vor⸗ fahren in die Familiengruft zu legen. Sir Reginald hinterließ bei ſeinem Tode drei Kinder, eine Tochter, die ſchon erwähnte Elevnore, (welche von der ganzen Familie verläugnet wurde, und von allen mit Ausnahme des Vaters, vergeſſen zu ſein ſchien) und zwei Söhne von ſeiner dritten Frau. Reginald, der älteſte derſelben, welchen ſeine militäriſchen Talente ſchon frühe das Kommando einer Kompagnie zu Pferd verſchafft hatten, und deſſen politiſche Anſichten mit denen ſeines Vaters nicht über⸗ einſtimmten, fand noch zu Lebzeiten deſſelben, bei Killiacrankin, unter den Fahnen William's den Tod. So gelangte Piers, der zweite Sohn zum Erbe. Sein Charakter war von dem ſeines Vaters und Bruders in manchen Beziehungen ſehr verſchieden, da er an dem Hof und den Hofleuten, dem Kriegsdienſte, an politiſchen Intriguen und den Spitzfindigkeiten jeſuitiſcher Diplo⸗ matie durchaus keinen Gefallen fand, wenn er aber auch keine Freude an Lagern und Feldzügen hatte, ſo 3 bemerkte man bei ihm doch den Familienhang, nämlich„ eine entſchiedene Neigung für das weibliche Geſchlecht; und ſeine Minderzahl an Frauen erſetzten zahlreiche Liebſchaften. Unter andern befand ſich auch die unglück⸗ liche Suſanne Bradley, mit welcher er, nach den Be⸗ hauptungen einiger, heimlich vermählt geweſen ſein 1 ſollte. In früher Jugend bekannte ſich Sir Piers, wie ſchon geſagt worden iſt, zum römiſchen Glauben, — aber bald nach dem Tode ſeiner ſchönen Geliebten, oder Frau, bekam er mit dem Beichtvater ſeines Va⸗ ters, Checkley, Streit, und ſchwur ſeine Irrthümer öffentlich ab. Später vermählte ſich Sir Piers mit Maud, der einzigen Tochter des Sir Thomas d'Aubeney,— des letzten Zweiges eines eben ſo ſtolzen und harten Geſchlechts, als das ſeinige. Jetzt wandte ſich aber das Blatt. Lady Rookwood bekam ihren Gemahl voll⸗ ſtändig unter ihre Gewalt, und Sir Piers, welcher eine Null in ſeinem eigenen Hauſe war, und kaum Herr ſeiner Perſon blieb, führte ein ſo klägliches Leben, daß man ihn bei ſeinen Trinkgelagen oft ſagen hörte, er bedaure, mit den Gütern nicht auch das Familien⸗ eheimniß ererbt zu haben, wie man ſich des ehelichen goch entledigen könne, wenn es zu hart drücke. Sir Piers kämpfte ein Mal ſtark, um ſeine Bande. zu ſprengen aber vergeblich— er wurde noch feſter gefeſſelt, und rannte von der Zeit an nur noch, wie eine gefangene Lerche, gegen die Gitter ſeines Gefäng⸗ niſſes. Jeden weitern Verſuch der Emancipation auf⸗ ſuchte er, wie alle ſchwachen Menſchen, in der usſchweifung Erſatz. Er trank ſo unmäßig, um ſeine Sorgen zu vergeſſen, daß ſeine feſte Geſundheit durch ſeine Exceſſe zuletzt zerrüttet wurde. Man ſagte auch,. 71 daß Gewiſſensbiſſe über das Verlaſſen des Glaubens ſeiner Väter an ſeinem Unglück theilweiſe Schuid ſeien; und vaß ſein alter Geiſtlicher, und wenn das Gerücht nicht log, laſterhafter Rathgeber, Pater Checkley, ihn heimlich in dem Herrenhaus beſucht habe. Man ſah, wie Sir Piers bebte, wenn man nur den Namen des Prieſters erwähnte, Da Sir Piers jedoch im Allgemeinen ein ſehr heiterer Mann war, und nur wenig von der Strenge ihm mitzutheilen; da Lady Rvokwood es jedoch für der alten Rookwood an ſich hatte, ſo ſtand er bei ſeinen Genoſſen in hoher Achtung; zuletzt verbitterte ſich jedoch ſein Gemüth, weßhalb ihn ſeine Freunde verließen; denn wegen ſeiner häuslichen Unannehmlich⸗ keiten, ſeiner Gewiſſensbiſſe und ſeiner, durch anhal⸗ tende Unmäßigkeit, ſchon ſehr geſchwächten Natur, wurde er in ſeiner Fröhlichkeit ſo desperat und toll, und beging ſo ſchreckliche Ausſchweifungen, daß ſogar ſeine ausgeleſenſten Gefährten vor ſeiner Begier zurück⸗ bebten. Schauderhaft waren die Scenen, welche bei ſolchen Gelegenheiten zwiſchen ihm und der Lady Rook⸗ wood vorfielen— ſchrecklich ſogar für die Zeugen. Und das häufige Vorkommen derſelben war vielleicht mehr als alles andere Urſache, daß Rookwood von jeder anſtändigen Geſellſchaft gemieden wurde. Zur Zeit von Sir Piers Tode, welcher uns zu unſerer Geſchichte zurückführt, war ſein Sohn und Nachfolger, Ranulph, auf Reiſen. Kurz nach Vollen⸗ dung ſeiner akademiſchen Studien, war er nach dem Continent gereist, und beinahe ſchon ein Jahr ab⸗ weſend. Er war im Unfrieden von ſeinem Vater ge⸗ ſchieden. und ſollte auch ſein Antlitz nicht mehr lebend ſehen! Die letzte Nachricht, welche man von dem jungen Rookwood hatte, war aus Bordeaur, und man glaubte, daß er von da aus nach den Pyrenäen ab⸗ gereist ſei. Ein beſonderer Bote war abgeſchickt wor⸗ den, um ihn aufzuſuchen und das traurige Ereigniß äußerſt unwahrſcheinlich hielt, daß ihr Sohn bald zurückkommen werde, ſo gab ſie Befehl, daß die letzten Ehren, welche ihren Gemahl erwarteten, ihm in der ſechsten Nacht nach ſeinem Tode erwieſen werden ſollten,(es mag hier bemerkt werden, daß die Rook⸗ wood die Gewohnheit hatten ihre Todten um Mitter⸗ nacht zu beerdigen) und überließ die Anordnung der Feierlichkeit ganz der Sorge eines von des Sir Piers Schmarotzern(Mr. Titus Tyrconnel), wegen deſſen ſie auch in der ganzen Nachbarſchaft ſehr üble Nach⸗ reden zu erdulden hatte. Ranulf Rookwood war ein viel verſprechender junger Mann. Man ſollte dieß freilich nicht glauben, wenn man den Stamm betrachtet, von welchem er ein Zweig war; aber es trifft oft zu, daß aus den dunkelſten Elementen die reinſten und zarteſten Gegen⸗ ſtände entſtehen; und dieß war auch bei dem gegen⸗ wärtigen Beiſpiel der Fall. Schön, offen und frei— edelmüthig, treuherzig— ſchien er das gerade Gegen⸗ theil ſeines ganzen Geſchlechts— deſſen widerſtreiten⸗ des Prinzip zu ſein. Nachſichtig und launenhaft, hatte ihm ſein Vater bedeutende Mittel zu Gebot geſtellt, und ihn nie in ſeinen Ausgaben eingeſchränkt; in dem einen Augenblick willfahrte er jeder Laune und wider⸗ ſetzte ſich im nächſten wieder derſelben. Bei einer ſolchen Sachlage war es nun für den Sohn unmög⸗ lich, mit Entſchiedenheit zu handeln, ohne ſich das MWißfallen ſeines Vaters zuzuziehen; und die einzige Sache, auf welcher er mit Entſchiedenheit beſtand, — ſeine Entfernung für einige Zeit— hatte gerade das zur Folge gehabt, was er dadurch hatte vermeiden wollen. Er hatte übrigens noch andere, geheime Gründe, welche ihn hiezu beſtimmten, und wir werden ſie auch noch zu ihrer Zeit mittheilen. Um jedoch wieder auf unſere Geſchichte zu kom⸗ men. Die Zeit der erſten Feierlichkeit nahte ſich. Das Hin⸗ und Herrennen der Dienerſchaft— die mannig⸗ 8 9 73 faltigen Zubereitungen für die Nacht— die dunklen Verzierungen, und die Vertheilung der Leichenſpeiſen⸗ gaben Jedermann vollauf zu thun. Außerdem fand ein fortwährendes Ab⸗ und Zuſtrömen des Landvolks in der Allee Statt; und es zeigte ſich hie und da ein einzelner Reiter, ein langſam daher rollender Wagen mit Freunden des Verſtorbenen, von denen einige wirklich in der Abſicht kamen, dem Hingeſchiedenen den letzten Beweis ihrer Freundſchaft zu geben, während andere nur durch das ſeltene Schauſpiel eines Begräb⸗ niſſes beim Fackelſchein angezogen wurden. Wieder andere gab es, für welche keine Wahl übrig blieb; welche als Vaſallen der Rookwvod bei dem Begräbniſſe ihres Herrn entweder den Sarg tragen oder Fackeln hal⸗ ten mußten. Von dieſen letztern waren viele in dem Herrenhauſe verſammelt; ſie ſollten von Peter Brad⸗ ley angeführt werden, welcher in dieſem Geſchäfte ſehr bewandert war, da er ſchon zwei Feierlichkeiten dieſer Art angewohnt hatte. Dieſe geheimnißvolle Perſon erſchien übrigens zum größten Schrecken der Verſammlung, nicht. Man ſchickte Boten aus, um ihn aufzuſuchen, dieſe kehrten mit der Nachricht zu⸗ rück, daß die Thüre ſeiner Wohnung geſchloſſen und der Bewohner derſelben augenſcheinlich abweſend ſei. Keine andere Nachricht konnte man über den vermiß⸗ ten Todtengräber erhalten. Es war ein ſchwüler Auguſtabend. Kein Lüft⸗ chen wehte in dem Garten, kein kühler Thau er⸗ friſchte die ausgedörrte und heiße Erde— aber duftende Wohlgerüche entſtrömten den ſchmachtenden Blüthen. Das Plätſchern einer Quelle erquickte das Ohr, durch ihr Geräuſch die glühende Luft gleich⸗ ſam erfriſchend und abkühlend,— wäßrend ein tieſes und dumpfes Summen von den Bäumen aufſtieg, wo⸗ durch das Zwielicht zur Ruhe einlud. Die finkende Sonne, welche den Tag über die Luft mit ihren ſengenden Strahlen durchglüht hatte, näherte ſich 8 raſchen Fluges dem Ziele ihrer Wanderung; und wie ſie ſo hinter dem Herrenhaus unterging, ſtachen ſeine maleriſchen Umriſſe, jeden Augenblick dunkler werdend, auffallend gegen den gerötheten Himmel ab. In dieſem Augenblicke wurde eine kleine Thüre, welche nach dem Gehäge führte, aufgemacht, und es trat Jemand in den Garten ein, welcher raſch durch das Gebüſch hineilte, und ſeine Schritte nicht bälder anhielt, als bis er an einen Punkt gelangt war, von welchem aus man einen freien Ueberblick über das Wohngebäude hatte. Auf der Stelle, bei welcher der Fremde anhielt, befand ſich ein kleines, ſeichtes Bafin, welches ſein Waſſer aus dem Rachen eines königlichen Löwen erhielt. Seine Kleidung war beſchmutzt und ſtaubig und ſein ganzes Aeußeres zeigte an, daß Hitze und Anſtrengung ihn bedeutend ermüdet hatten. In⸗ dem er ſich auf eine daſtehende Bank ſetzte, nahm er ſeine Reiſemütze ab, knüpfte ſein Halstuch los, und brachte hiedurch einen hübſch geformten Kopf und Nacken und ein Geſicht zum Vorſchein, welches außer ſeiner Schönheit noch jenes edle Gepräge trug, welches man zwar nicht häufig bei der Ariſtokratie— aber nie bei der gewöhnlichen Menſchenklaſſe findet. Eine raſt⸗ loſe Unruhe bezeugte die außergewöhnliche Aufregung ſei⸗ nes Geiſtes ſowohl, als ſeine körperliche Ermattung. Sein Blick war mild und unſtät— ſeine ſchwarzen Locken hingen frei über eine weiße, hohe Stirne herab, auf welche frühzeitige Sorgen ihren Stempel eingedrückt hatten; und ſeine großen ſchwermüthigen Augen waren, faſt mit dem Ausdruck der Pein, auf das vor ihm liegende Haus geheftet. 25 „Und hier war es,“ murmelte der jugendlich Fremde,„wo wir ſchieden, um uns nie wieder zu ſehen— hier verließ er mich im Zorn und in der Un⸗ freundlichkeit— und hier, auf dieſem Plätzchen ver⸗ weilte ich noch, bis die Sonne auf ſeinen Zorn unter⸗ gegangen war, wie ſie jetzt auf ſein Grab niederfinkt 5 5 75 — und er kehrte nicht zurück! Und jenes Lebewohl— jenes ſchreckliche Lebewohl, ſollte unſer letztes ſein! Großer Gott!— hätte ich das gedacht— daß ich ohne ſeinen Segen weggehen mußte— ohne ſeine Verzeihung! Doch das Vergangene kann nicht zurück⸗ gerufen werden! O! für eine halbe Stunde mit ihm, wäre ſie auch ſo ſchrecklich als die Nacht, in welcher— doch daran will ich nicht denken. Ich muß es jetzt glauben— hier iſt die finſtere, ſchreckliche Be⸗ ſtätigung. In jener Wohnung ſtarrt mich der Tod aus jeder Oeffnung an— er grinst in meinem Wege mein Vater liegt todt darin! Wenn ſogar die Todten nicht ruhen können, warum ſollten ſich da die Lebenden Sorgen machen? Dieſer Himmel im Zwielicht— jene untergehende Sonne— warum erfüllen ſie mich mit Ahnungen?— warum ſcheint die Luft ſich zu trü⸗ ben— warum werden die Bäume dunkel— warum röthen ſich die Wolken blutig? Dieß iſt der Tod! — überall Tod! ringsumher— außerhalb— inner⸗ halb!— Mein Leben iſt vergiftet. Aber ich habe dem Ruf gehorcht— ich bin hier— was bleibt noch zu thun übrig? Und wie gegen eine heftige Bewegun und überwältigende Erinnerung kämpfend, erhob ſich der junge Mann, ſtreckte ſeine Hand in das Bafin und kühlte ſeine Stirne ab. Sichtbar ruhiger richtete er ſeine Schritte jetzt nach dem Herrenhaus, als zwei Figuren, welche plötzlich aus einem nahen Gehölze kamen, ſein weiteres Fortſchreiten verhinderten: keine derſelben bemerkte ihn. Nach einem kurzen Geſpräch verſchwand eine derſelben in dem Gebüſch, und die andere, welche den Fremden erblickte, zeigte die harten Züge und dürre Geſtalt des Peter Bradley, Hätte Peter den todten Sir Piers geſehen, ſo hätte er keine größere Ueberraſchung blicken laſſen können, als wie er vor dem Fremden zurückprallte. „Der junge Ranulph hier,“ rief der Todtengräber aus, nachdem der Jüngling an ihm vorübergegangen „ X 76 war— jetzt, in dieſem Augenblick angekommen— dieß iſt ſonderbar— unerklärlich!— Wie kann er nur ſeines Vaters Tod erfahren haben. Ich hörte doch, er ſei in Bordeaux. Kann ihn die Nachricht erreicht haben? Unmöglich!— Doch dieß muß Lukas wiſſen. Er mag noch etwas zuwarten. Sein Anſchlag darf dieſe Nacht nicht ausgeführt werden.— Mit dieſen Worten pfiff Peter gegen das Gebüſch hin. Seinem Rufe wurde aber keine Antwort.„Soll ich ihn auf⸗ ſuchen?“— fuhr er fort—„Nein— es würde mir dieſes zu viel Mühe machen— Uebrigens iſt er noch nicht ausgeführt, wenn gleich die Stunde beinahe heran⸗ gekommen iſt. Ich will dem Schickſal nicht vorgreifen. Und ich weiß, welches das Schickſal des Lukas ſein wird, eben ſo gut als das Ranulph's. Jenes ſonder⸗ bare Geplapper der Zigeuner⸗Königin Barbara Lovel, welche glaubt die Gabe der Wahrſagung zu beſitzen, tönt mir noch in den Ohren— Wenn die verirrte Krähe ſich ſetzt auf den höchſten Aſt, So entſteht wohl viel Lärmen, und ſie hat noch nicht Raſt. Doch das alte Neſt, es wird ſtets gewahrt Der Krähe, die mit der Krähe ſich pgart. Die verirrte Krähe iſt zweifelsohne Lukas— das kann ich mir wohl denken, und eben ſo weiß ich auch ungefähr wer der Vogel iſt, welchen er heiraten ſoll. Und ich weiß auch warum er ſie heiraten muß. Aber es wird zur Enthüllung dieſes Geheimniſſes noch Zeit genug ſein, wenn er einmal im Beſitze ſeiner ver⸗ meintlichen Rechte iſt. Wenn ich dieſes Geheimniß für mich hehalte, ſo wird meine Gewalt über ihn nur deſto fichrer ſein. Neue Schwierigkeiten könnten ihn gänzlich abſchrecken; und er hat deren überdieß„für jetzt genug. Aber jetzt zum Herrenhaus und ſeinen fröhlichen Leidtragenden! Ich werde mich an dieſer mitternächtlichen Begräbnißfeier eben ſo ſehr ergötzen, als ſich die Hexe Mara über ihren nächtlichen Ritt — 77 freut. Und während er ſo nach dem Herrenhaus hin⸗ ſchlich, verkürzte ſich Peter den Weg durch folgende Strophen: 2 Der A Ich bin die Hexe, die bei nächtigem Duft Auf weißem Roß durch die mondloſe Luft Ueber die träumende Erde reitet dahin, Bald rechts, bald links— nach eigenem Sinn. Mein Leib iſt verſchrumpft— mein Angeſicht alt, Mein Haar gefroren, die Glieder eiskalt, Wenn vorüber ich zieh', der Hofhund ächzt, Die Wölfe heulen, die Eule krächzt. Nah' ich, ſo wird es dem Schläfer hart Zu athmen, und das Blut in der Ader ihm ſtarrt. Vergebens fleht er um Mitleid mich an, Kein Gebet kann der grauſamen Mara nah'n. Zu ſeinem Lager wie ein Blitz,— Eil' ich, und auf die Bruſt ihm ſitz', Und drück' ihn mit Behagen; Ein Zauber nur vermag allein, (Das iſt ein ausgehöhlter Stein*) Mich weg von ihm zu jagen. Ich erſcheine in tauſenderlei Geſtalt, Das muthigſte Herz weicht meiner Gewalt. Der Geizhals träumt von Säcken voll Gold *) In hebereinſtimmung mit dieſer vermeintlichen Zauberei bemerkt Sir Thomas Brown in ſeinem Volks⸗Aberglauben, welchen Erfolg man vernünftigerweiſe abwarten könne, wenn man zu Abhaltung des Alps und der Nachthexe einen hohlen Stein in ſeinen Ställen aufhänge.“ Eben ſo ſagt Groſe, daß ein hohler Stein, an das Bett gehängt, die Rachthexe vertreibe, und deßwegen auch Hexenſtein genannt werde.⸗ Der Glaube an dieſe Zauberei herrſcht noch in einzelnen Bezirken, und widerſteht, wie auch der an das Scheuernthor genagelte Pferdehuf, der Aberglauben⸗Zerſtörerin, der Auf⸗ klärung,“ 78 Und Kiſten, die auf die Bruſt ihm gerollt. Der Trunkenbold ſeufzt unterm Faſſe voll Wein, Ein Lendenſtück wird dem Schwelger zur Pein; Vor dem Feinde ſucht der Feige zu flieh'n, Doch ſeine Füße zu Boden ihn zieh'n; ₰ Auf Bergesſpitzen der Hirt ſich wähnt, Bis der Abgrund ihn faßt, der unter ihm gähnt; Der Mörder fieht ſich vom Meſſer bedroht, Und ſtöhnt wie in ſicherer Todesnoth; Den Dieb erfaßt der ſengende Brand, Der Schiffer ertrinkt— ganz nahe dem Land. Den Sünder zu foltern beſitz ich die Macht, Und zu quälen— doch nicht bis zur Todpesnacht. Doch vor reiner Stätte, das iſt mein Geſchick, Da muß ich flieh'n mit ängſtlichem Blick. Zu Roß! und fort! Von dieſem Ort,. Die Quere und die Breite! Der Haushund ächzt, Die Eule krächzt,. Wenn durch die Luft ich gleite. Wir verlaſſen ihn an der Thüre, und trelen vor ihm in die Halle. Fünftes Kapitel. . Ein iriſcher Abenteurer. Scapin. Ein ſehr heftiger lärmender Geſell, mit einem roth aufgedunſenen, von Branntwein erhitzten Geſichte.. Betrügereien des Seapin. Eine Stunde oder zwei vor den eben erzählten Vorgängen war in einem kleinen traulichen Zimmer 79 des Herrenhauſes, welches von dem letzten Eigenthümer angeblich als Gerichtszimmer benützt wurde, in der That aber zum Sanktum, geheimen— und Rauch⸗ zimmer diente, ein ſonderbares Trio verſammelt; es hatte die Abſicht dem Leichenbegängniſſe ſeines dahin⸗ geſchiedenen Freundes und Gönners anzuwohnen, be⸗ ſchäftigte ſich aber in dieſem Augenblicke mit der Un⸗ terſuchung eines großen Kruges mit ausgezeichnetem Claret, deſſen Bouquet die Luft erfüllte, wie der Duft eines Veilchenbeetes. Dieſes kleine Zimmer war das Lieblingsplätzchen des armen Sir Piers geweſen. Es war aber auch in der That das einzige Zimmer im Hauſe welches er ſein eigenes nennen konnte; und hier vertrieb er ſich, vor jeder Störung ſicher, öfters die Zeit mit Punſch und der Pfeife. Es war ein ſtilles, alterthümliches Zimmer; hatte ſchwarzes, eichenes Täfelwerk; ein ſchönes, altes Kabinet von demſelben Material, und zwei Reihen ſchwacher, wurmſtichiger Bücher⸗Geſtelle, die mit Staub überdeckt waren, und auf welchen einige unbenützte Geſetzbücher und eben ſo vernachläßigte, ältere theologiſche Werke ſtanden. Das einzige Buch, welches Sir Piers je geleſen hatte, war die„Anatomie des Trübfinns, und er ſtudirte Burton nur deßhalb, weil der ſpitzfindige und kräftige Styl dieſes gelehrten, alten Hypochonders zuweilen ſeiner Stimmung zuſagte, und ſeinem Kummer einen Beigeſchmack gab, wie ihn die Oliven ſeinem Weine verliehen. Vier Gemälde zierten die Wände; das des Sir Reginald und ſeiner Gemahlinnen. Die Da⸗ men waren in die faltenreichen Gewänder aus den Tagen Karls gekleidet; der Schnee ihrer ge⸗ wölbten Buſen war durch vernachläßigte Behandlung etwas beſchmutzt, und die blendende Friſche der Nacken vom Tabaksdampf geſchwärzt. Es war hier eine Schäferin mit ihrem Hirtenſtabe, deren große ſchmachtende Augen, etwas herabhangende Lippen, * — 80 welche jeden Augenblick zum Küſſen bereit ſchienen, und ein gewiſſer Zug wollüſtigen Hingebens zu allem anderm paßten, nur nicht zu der unſchuldigen Einfach⸗ heit ihrer Kleidung. Sie war dargeſtellt, wie ſie eine Heerde weißer Schafe hütete, welche rothe Bänder um ihre Hälſe hatten, und von einem ſchönen kleinen Hunde begleitet war, deſſen lange Ohren und ſeidenartiges Fell ihn als eine Zierde ſeiner Race zu erkennen gabenz deſſen augenſcheinliche Gleichgültigkeit für ſein Amt aber auch klar bewies, daß ſein Charakter eben ſo wenig zu ſeiner gegenwärtigen Lage paſſe, als die lüſternen Reize ſeiner Herrin mit ihrer natürlichen Darſtellung übereinſtimmten. Dieß war die Mutter des Sir Piers, die dritte Frau; ein ſchönes Weib, welches durch ſein Aeußeres deutlich erkennen ließ, daß ſie in ihren Tagen ſo etwas von einer Buhlerin ge⸗ weſen war. Nächſt ihr hing eine prächtige Dame mit dem Hals und dem Arme einer Juno, und einer vollen Bruſt(die Bruſt war damals, was jetzt die Brüſichen find— der höchſte Reiz— ob die Verän⸗ verung eine Verbeſſerung ift, dieß zu entſcheiden über⸗ laſſen wir den Verehrern des ſchönen Geſchlechts)— dieß war die Wittwe. Zuletzt kam die liebenswürdige aber unglückliche Eleonore. Alle Reize, welche dieſe unglück⸗ liche Dame hatte, waren durch die Hand Laly's in nie vergehendex Schönbeit auf der Leinwand wiedergegeben worden, und es athmete ein Zauber in dem Gemälde, welcher faſt eben ſo feſſelte wie jener, welcher das aus⸗ gezeichnete Original umgeben hatte. Ueber dem hohen Kaminmantel war das Porträt des Sir Reginald auf⸗ gehängt. Es war in ſeiner Jugend gemalt worden; die Züge waren ſchön, aber hochmüthig,— und hatten eine Wildheit, welche durch das höfiſche Aeußeke hin⸗ durchſchimmerte. Die Augen waren ſchön, ſchwarz wie die Mitternacht, und eben ſo durchbohrend als die von Cäſar Borgia, in Raphaels wundervollem Ge⸗ mälde dieſes brudermörderiſchen Herzogs, in dem Palaft Borgheſe in Rom. Sie ſchienen den Beſchauer zu be⸗ zaubern— an ſeine Blicke ſich anzuklammern— ihm überall hin zu folgen, wohin er auch gehen mochte— und in ſeiner Seele zu forſchen, wie es die ſchwarzen Augen des Sir Reginald während ſeiner Lebzeit ge⸗ than hatten. Es war gleichfalls das Werk Lelys, und hatte die ganze Treue und zierliche Vollendung dieſes großen Meiſters; auch war das flolze Geſicht des Sir Reginald des patriciſchen Malers nicht unwürdig. Von Sir Piers war kein Bild zu entdecken. Aber ſtatt deſſen hingen an einem Paar Hirſchhörner des würdigen Ritters beſudelter ſcharlachener Rock(der nämliche, welchen er getragen hatte, als er bei jener Gelegenheit, welche Peter Bradley erzählte, auf die Jagd ausgeritten war), ſeine Pelzmüze, ſeine Peitſche, deren Griff aus einem Rehgeweih beſtand, und ſeinen übrigen Jagdgeräthſchaften. Dieſer Anzug wurde von der Geſellſchaft mit ſchwermüthigem Intereſſe betrach⸗ tet, da er ſo ſichtbar an den Hingeſchiedenen erinnerte, von welchem derſelbe ein Theil zu ſein ſchien. Die Geſellſchaft beſtand aus dem Unterpfarrer von Rookwood, Dr. Polyphemus Polycarpus Small, Mr. Titus Tyrconnel, einem angeblichen Profeſſor der Me⸗ diein, welcher von der Schweſter⸗Inſel ausgewandert war. Durch ſeine Luſtigkeit war er zuerſt in das Her⸗ renhaus eingeführt, und ſpäter feſtgehalten worden. Der dritte endlich war Mr. Cecil Cvates, Advokat, Amtmann und Einnehmer. Wir hatten Unrecht als wir ſagten, Tyrconnel ſei feſtgehalten worden. Er war ein unverſchämter, zudringlicher Burſche, den man fich nicht mehr vom Halſe ſchaffen konnte, nachdem er einmal feſten Fuß im Haus gefaßt hatte. Er war gleichgültig gegen jede Beleidigung— unempfindlich für die Verachtung— und legte gegen Lady Rookwood, wenn ſie anweſend war, den tiefſten Reſpekt zur Schau aus: kurz er war ſtets bereit Alles zu thun, nur nicht fortzugehen. Rookwood. 1. 6 82 Sir Piers war einer jener Menſchen, welche nicht allein zu Mittag ſpeiſen können. Er verabſcheute jedes einſame Mahl beinahe eben ſo ſehr, als ein téte-téte mit ſeiner Gemahlin. Man hätte ihn für Amphitryon halten können, wenn Jemand dreiſt genug geweſen wäre, die Rolle des Jupiter zu ſpielen. Stets bereit ein Gaſtmahl zu halten, ſiellten ſich demſelben Schwie⸗ rigkeiten entgegen, welche man bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten gewöhnlich nicht findet— es gab nämlich Niemand, der einer Einladung gefolgt wäre. Er hatte die beſten Weine; hielt einen ausgeſuchten Tiſch; war kein karger Wirth; aber ſeine eigenen Verdienſte, ſo wie die ſeiner Küche wurden über den widrigen Auftritten vergeſſen, welche ein ſolches Feſt ſtets im Gefolge hatte, und der feinſte Wein verlor ſeinen Wohlgeſchmack, wenn die letzte Flaſche ihre Wirkung that. Allein eſſen das wollte Sir Piers nicht. Und als ſeine alten Freunde ihn verließen, ſo ſuchte er ſich ſeine Geſellſchaft in einer tieferen Region aus, und verſammelte eine Claſſe von Menſchen bei ſich, welche Niemand in dem Herrenhauſe anzutreffen erwartet hätte; welche aber der Hausherr auch nicht aufgenommen haben würde, wenn ihm noch irgend eine Auswahl übrig geblieben wäre. Er fügte ſich übrigens in ſein Schickſal, ohne gerade Mißver⸗ gnügen zu äußern.„Alles für ein ruhiges Leben,“ waren ſeine beſtändigen Worte, und wie die meiſten Menſchen, deren Lieblings⸗Grundſatz dieſe Worte bil⸗ den, hatte er das peinlichſte Leben, was man ſich nur denken kann. Leiden, welche das Mitleid erregen, muß man ohne Murren tragen— ein Grundſatz, deſſen alle Bekümmerten des ſchönen Geſchlechts eingedenk ſein ſollten. Sir Piers litt, aber er murrte munter; und er war doch gewiß und ohne Zweifel ein Dulder, denn häuslichen Kummer, hauptſächlich wenn der Mann der beklagenswerthe Theil iſt, hält man nicht mit Un⸗ recht für das unerträglichſte unter allen denkbaren Lei⸗ den. Kein Wunder, daß ihn alle ſeine Freunde ver⸗ 83 ließen; noch war aber Titus Tyrconnel da— ſeine Ohren und Lippen ſtanden für Klagelieder und Punſch ſtets offen, ſo behielt Titus auch ſeinen Stand. Gleich nach dem Hintritte ihres Gatten war es die Abſicht der Lady Rookwvod geweſen, das Haus von all' die⸗ ſem„Gewürm“, ſo drückte ſie ſich aus, welches das Haus ſo lange vergiftet habe, zu reinigen, und Titus, nebſt einigen andern Eindringlingen derſelben Gattung, gewaltſam hinauswerfen zu laſſen. Aber in Folge ge⸗ wiſſer Winke von Seiten Mr. Coates, welcher ihr die unumgängliche Nothwendigkeit vorſtellte, ſich nach eini⸗ gen teſtamentariſchen Beſtimmungen des Sir Piers, welche in dieſer Beziehung ganz eigene waren, zu rich⸗ ten hielt ſie es für gerathen, ihre Abſicht bis zur Be⸗ endigung der Trauerfeierlichkeit aufzuſchieben; und überkrug indeſſen, ſonderbarer Weiſe, die Leitung der Anordnungen dem Titus Tyrconnel. Dieſer nahm auch, jedem Winke gehorchend, ſein Amt nicht ungern an, und entledigte ſich zum Verwundern gut ſeines Auftrags: hauptſächlich, wie er ſagte,„in dem Depar⸗ tement des Eſſens und Trinkens— dem wichtigſten Theile des Ganzen.“ Er hielt offenes Haus— offene Tafel— offenen Keller— da er entſchloſſen war, daß das Begräbniß ſeines Herrn ſo viel als möglich den Charakter einer derartigen iriſchen Feierlichkeit im großen Maßſtabe haben ſollte,„es ſchönſten Anblicks,⸗ nach ſeiner Meinung,„auf der ganzen Welt.⸗ Aufgeblaſen im Gefühle der Wichtigkeit ſeines Amtes— von der Hitze geröthet, ſaß Titus da, einem wierſchrötigen, mit einer großen Perücke verſehenen⸗ Aldermanne nach einem Gaſtmahle gleichend.— Die natürliche Röthe ſeines Geſichts hatte ſich zu einem tiefen, dunklen Purpur verändert, gleich dem einer vollen Gichtroſe, während ſeine poſſierliche Würde noch durch eine ſchwarze Kleidung vermehrt wurde, in welche ſeine ſtattliche Perſon geſteckt worden war. Der erſte Krug war unter gen geleert worden; die Wolke, welche über dem Con⸗ clave hing, zertheilte ſich durch den begeiſternden Ein⸗ fluß einer„andern und beſſern Flaſche,“ und wich ei⸗ nem dichten Dampf, welcher durch das Hervorholen der Pfeifen und deren Zubehör verurſacht wurde. Ausgeſtreckt in einem alten bequemen Seſſel(nicht jeder alte Seſſel iſt bequem) mit der Pfeife im Munde, und in voller, ungeſtörter Gemächlichkeit, ruhte Doktor Small, welcher wegen der Hitze ſeine buſchige, blumen⸗ kohlartige Perrücke abgelegt hatte, aus. Small*) war eigentlich eine Art Abnamen, welchen man dem wür⸗ digen Doktor geben konnte, da er außerdem, daß er kein Menſchenkind unter der gewöhnlichen Größe war, keine unbedeutende Meinung von ſich ſelbſt hatte. Seine Größe war zwar nicht auſlend aber die Breite ſei⸗ ner Schultern— die Dehnbarkeit ſeines Magens— und ſeine dicken Beine— dieß waren einzige Dinge! Von ſeiner Abſtammung wiſſen wir nichts; aber allem Anſcheine nach mußte er, auf die eine oder die andere Weiſe, mit jener zahlreichen Familie„der Kleinen⸗**) verwandt ſein, welche nach Chriſtoph North den vor⸗ herrſchenden Theil des Menſchengeſchlechts ausmachte. Was die äußere Geſtalt betrifft, ſo war der Dok⸗ tor kurzhalſig, und aufgedunſen, mit einem dicken Pa⸗ ſteten⸗Geſicht, in welchem ein Paar Augen lagen, deren Schielen über einem Ausdruck guter Laune gewiſſer⸗ maßen vergeſſen wurde. Man hielt ihn für einen Mann von großer Gelehrtheit, und er hatte auf der Univerſität hohe Ehren erhalten. Streng orthodor, verabſcheute er ſogar den Namen Papiſt, mit welchem ketzeriſchen Titel er auch ſeinen Gefährten, Mr. Titus Tyrconnel, beehrte— da Irland bei ihm gleichbedeu⸗ tend war mit Aberglaube und Katholizismus— und er jeden Irländer für einen Ketzer und Rebellen hielt. *)„Klein.“ Anmerk. des Ueberſ. **) Anſpielung auf ſeinen Namen. Der Ueberſ. 8⁵ Ueber dieſen Punkt ſtritt er ſehr gerne. Seine Vor⸗ urtheile verhinderten ihn jedoch keineswegs am Genuſſe des Clarets, und einem herzlichen Gelächter, ſo weit ſolches durch ein beſchwerliches Keuchen, und das Ge⸗ fühl für den Anſtand, welchen man bei dieſer Gelegen⸗ heit beobachten mußte, erlaubt war über die Späſſe und Witzeleien des Irländers, welcher, wie ex zuge⸗ ſtand, ungeachtet ſeiner Ketzereien, ein angenehmer Ge⸗ ſell“ ſei. Und als ihm der dienſtfertige Titus, welcher es nicht an Schmeicheleien fehlen ließ, auch noch eine Pfeife anbot, gerade als Small dieſe Nachmittags⸗ Erquickung ſich wünſchte, ſie jedoch nicht gerne fordern mpchte— als die Thüre feſt zugemacht worden war, und er die erſte Wolke von ſich blies, da verſchwanden alle ſeine Sorgen, und er gab der ſüßen Verführung In dieſem Zuſtande der Wonne finden wir ihn. „Ja! Sie haben hierin ganz Recht, Doktor Small,⸗ ſagte Titus als Antwort auf irgend eine Bemerkung des Pfarrers,„dieß iſt ein höchſt merkwürdiger Satz. Unſer Aller Leben hängt an einem Faden. Ach! wie viele habe ich ſchon plötzlich hinſcheiden ſehen. Wie mancher feine Burſch fiel ſchon unverſehens, wenn er es am wenigſten erwartete. Der Tod hängt über un⸗ ſern Häuptern an einem einzelnen Haare, wie Euer Hochwürden bemerkten, gerade wie das Schwert des Dan Macliſe,*) des Schmeichlers des Dinniſch, wel⸗ ches bereit iſt jeden Augenblick zu fallen, oder gar nicht — he?— Mr. Coates. Und dieß bringt mich auf Sir Piers zurück— den armen Herrn— ach! einen Edelmann wie ihn wird man nicht wieder finden!⸗ „Armer Sir Piers!“ ſagte Mr. Cvates, ein klei⸗ nes Männchen in einer großen Perrücke, und einem Geſicht, welches rund und roth wie ein Aepfel, aber ouch faſt eben ſo klein war:„es iſt ſehr zu bedauern, *) Frage: Damokles? 86 daß ſeine etwas zu große Luſtigkeit ſein trauriges Ende beſchleunigt haben ſoll.“ „Luſtigkeit!“ erwiderte Titus;»nichts davon— es war ein Schlag— eine Ueberſättigung des sarum.“ „Eine Ueberfülle*) des Rums und Waſſers, mei⸗ nen Sie, erwiderte Cvates, welcher gleich allen Ad⸗ vokaten witzelte. „Die Krankheit des Squire,“ fuhr Titus fort, „war eine Blutentleerung, wie wir es nennen— ein Blut⸗Andrang gegen den Kopf, welcher durch eine Schwermuth verurſacht wurde, in welche er kurz vor dem Anfalle gefallen war— durch einen beſtimmten Fall der hypochondriaſis, wie jenes alte Buch ſagt, welches Sir Piers ſo gerne die blauen Teufel nannte. Er vernachläßigte die Flaſche, was bei einem Manne, der ſein Leben lang ein wackrer Zecher geweſen, im⸗ mer ein böſes Zeichen iſt. Doktor, ich werde Sie ein wenig ſtören⸗— denn Small hatte in einem Anfall von Geiſtesabweſenheit es überſehen, die Flaſche kreiſen zu laſſen, obgleich er ſich ſelbſt nicht vergeſſen hatte.. „Wäre er dabei geblieben,— indem er ein funkeln⸗ des Glas in die Höhe hielt—„er wäre bis zu dieſem Augenblick noch friſch und geſund wie wir ſelbſt— aber er ließ ſich nicht rathen. Nach meiner Anſicht hätte ein geiſtlicher Zuſpruch von Euer Hochwürden in dieſem Falle gerade nichts ſchaden können; und wenn ſein Gewiſſen durch Beichte und Abſolution er⸗ leichtert geweſen wäre, ſo hätte er mit fröhlichem Her⸗ zen und freier Bruſt ſeine Rechnung aufs Neue eröff⸗ nen können.“ „Ich hoffe, mein Herr, ſagte Small, indem er ſeine Pfeife voll Würde aus dem Munde nahm,„daß Sir Piers Rookwood ſich an eine höhere Quelle, als ein ſündiges Geſchöpf gleich ihm wendete, um die Ver⸗ *) Dieß iſt ein Wortſpiel was im Deutſchen nicht wieder ge⸗ geben werden kann. Der Ueberſ. w— 87 gebung ſeiner Sünden von ſeinem Schöpfer zu erflehen; belaſtete aber noch irgend eine geheime Schuld ſein Gewiſſen, ſo iſt es ſehr zu bedauern, daß er den letz⸗ ten Troſt der Kirche ausſchlug, und ohne den Genuß des Abendmahls ſtarb. Man verbot mir den Zutritt in ſein Zimmer.“ „Gerade ſo ging es auch mir,“ ſagte Mr. Coates lebhaft;„man verweigerte mir den Eintritt, obgleich mein Geſchäft von der höchſten Wichtigkeit war— ge⸗ wiſſe Befehle— beſondere Vermächtniſſe— Angele⸗ genheiten, welche ſich auf ſeine Schweſter bezogen— denn obgleich auf dem Gute das Recht der Erſtgeburt ruht, ſo liegen auf ihm doch noch gewiſſe Laften— Sie verſtehen mich— ſehr ſonderbar, daß er ſich wei⸗ gerte mich vorzulaſſen. Gewiſſe Leute mögen dieſe zu bedauern haben, werden es ihr Leben lang zu bedauern haben, ſage ich— dieß iſt alles. Ich habe der Lady Rookwood ſo eben ein Packet zugeſchickt, welches zihr erſt nach dem Tode des Sir Piers ausgefolgt werden durfte. Ein ſeltſamer Umſtand das— es war lang in meinem Gewahrſam— einiger Grund zu glauben, daß Sir Piers im Sinne hatte, ſeinen letzten Willen zu ändern— er hätte mich vorlaſſen ſollen— ſeltſame Nachläſfigkeit!“ „Dieß iſt ſehr zu bedauern— aber Sir Piers war daran nicht ſchuld!“ erwiderte Titus;»er hatte keinen eigenen Willen während ſeines Lebens, der arme Kamerad, und nach ſeinem Tode konnte er doch beim Teufel keinen Willen mehr haben. Lady Rook⸗ wood war an Allem ſchuld,“ fügte er flüſternd bei. „Sogar ich, ſein Doktor und vertrauter Freund, wurde aus dem Zimmer geſchickt, und obgleich ich wußte, daß es ſich um Tod und Leben handelte, wenn ich ihn ver⸗ ließ, ſo mußte ich mich dennoch fügen: und würden Sie es glauben, ich hörte laute Worte, als ich das Zimmer verließ. Ja, Doktor, ſo wahr ich hoffe ſelig zu wer⸗ den, ſie ftieß in dieſer ſchrecklichen Criſis zornige Reden 88 aus.“ Der letzte Theil ſeiner Rede wurde mit ge⸗ dämpfter Stimme und auf geheimnißvolle Weiſe ge⸗ ſprochen. Die Sprechenden rückten ſo dicht aneinan⸗ der, daß ihre Pfeifen einen gemeinſamen Mittelpunkt bildeten, von welchem die Röhre ſtrahlenförmig aus⸗ gingen. Ein augenblickliches Stillſchweigen trat ein, während deſſen jeder aus Leibeskräften die Wolken von ſich blies. Small klopfte zuerſt die Aſche aus ſeiner Pfeife, und ſtoppte ſie wieder friſch, indem er bedeu⸗ tungsvoll huſtete. Mr. Coates ſtieß aus einer kleinen Deffnung in der Ecke ſeines faſt unſichtbaren Mundes eine dünne, kräuſelnde Dampfwolke heraus, und zog ſeine Augbraunen auf eine eigenthümliche Weiſe in die Höhe, wie wenn er es nicht wagte, ſeine Gedan⸗ ken auf eine andere Weiſe auszudrücken. Titus ſchüt⸗ telte ſein Rieſenhaupt, und gewann durch einen unge⸗ heuren Zug, welchen er hinnnterſchluckte, Entſchloſſen⸗ heit genug, ſeinen Büſen vollends zu entlaſten. „Bei meiner Treue, ſagte er mit vorſichtigem Flüſtern, wie wenn er fürchtete, daß ſogar die Mauern ihn verrathen könnten,„Lady Rookwood iſt ein ſchreck⸗ liches Weib— ein ſchreckliches Weib— eine paſſende Partie für den Beelzebub ſogar, wenn er als Teufel nicht zu geſcheidt wäre, als daß er ein Weib nähme. Ich will Ihnen gerade erzählen, was Statt fand. Wir alle wiſſen recht qut, wie ſie den armen Sir Piers während ſeines Lebens behandelte. Aber man ſollte glauben, daß wenn auch im Leben ſie keine Liebe für einander hatten, das Herannahen des Todes doch alles Andere hätte zum Schweigen bringen ſollen: aber kei⸗ neswegs! Als ich in das Zimmer zurückkam, ſo lag da der Squire in einer Ohnmacht, und ſie funkelte ihn an wie eine Tigerin— ſo wild— ſo voll Bosheit, und Hohn, und teufliſcher Freude, daß mein Blut in den Adern erſtarrte.⸗ Small ſchüttelte ſein Haupt, und murmelie einen einfilbigen Ausruf vor ſich hin, der außerordentlich — — viele Aehnlichkeit mit einem Fluch hatte. Mr. Cvaies ahnte unausſprechliche Dinge, ſogar die Haare ſeiner Perrücke ſchienen ſich zu ſträuben, aber ſagte, mit der ſeinen Stand charakteriſierenden Vorſicht, kein Wort. „Ich näherte mich dem Bett,⸗ fuhr Titus fort, „wie ich offen ſage, nur mit Angſt und Zittern; denn obwohl kein Mann auf der Erde lebt, welcher ſagen könnte, daß Titus Tyrconnel ihn fürchte, ſo hat die Lady doch ſo ein gewiſſes Etwas an fich, was mich ſtets ängſtigte,— und dieſe Angſt befällt mich immer unwillkürlich. Ich ging aber doch an das Bett, und ergriff die Hand des ſterbenden Mannes. Der Druck regte ihn auf; glaubte er nun, daß ſeine Frau etwas milder geſtimmt ſei, oder nicht, dieß kann ich nicht ſa⸗ gen; ein ſchwaches Lächeln flog über ſein Geſicht— eine ſchwache Bewegung der Lippen war ſichtbar; er verſuchte mich anzublicken, und als ſein ſinkendes Auge entdeckte, wer es war, bebte er ſichtbar, und ſeine Au⸗ gen füllten ſich mit Thränen. Verdammt, aber meine eigenen werden naß, wenn ich daran denke.„Sir Piers, ſage ich zu ihm,„ſeien Sie ruhig— faſſen Sie ſich— ich bin es nur, Titus Tyrconnel.⸗„Ich kann nicht ruhig ſein,⸗ ſchnappte er.„Ich kann nicht ſterben, wenn ich nicht vorher Ruhe bekomme.“— „Geben Sie ihm Laudanum,“ wisperte Lady Rook⸗ wood,„hier iſt das Fläſchchen, es wird ſeine Leiden⸗ abkürzen.—„O, nein— nein!⸗ ſagte Sir Piers, mit einem Blick des Schreckens, welchen ich nie ver⸗ geſſen werde, und ſich zum Sprechen zwingend— „kein Gift— kein Gift— laßt mich leben, wenn auch nur für wenige Minuten. Und er ſank befinnungslos auf ſein Kiſſen zurück, als ich das Fläſchchen wegnahm. Aus der augenblicklichen Erſtarrung, in welche ich ge⸗ fallen war, wurde ich bald wieder durch die Lady auf⸗ geweckt, welche augenſcheinlich mit meinem Benehmen nicht ſehr zufrieden war; ja ſie ſagte es mir ſogar— aber ſo ſehr ich auch durch ihre Anweſenheit außer 90 Faſſung gebracht war, ſo konnte ich doch nicht umhin zu ſagen, daß ich es nicht für chriſtlich halte, in einem ſolchen Augenblick noch dem Haß Gehör zu ſchenken; und daß, was auch immer für ein Zwieſpalt zwi⸗ ſchen ihr und ihrem Manne geherrſcht habe, ſie ſich doch noch mit demſelben ausſöhnen ſolle, ehe dieß un⸗ möglich ſei. Bei meinem Glauben! ich wünſchte Sie hätten ſie geſehen. Sie erwiderte kein Wort, ſondern verließ raſch das Zimmer, und kehrte nicht wieder in daſſelbe zurück, ſo lang der Squire noch am Leben war. Ich möchte wohl wiſſen, Doktor, aus welchem Stoff ihr Herz gemacht iſt. Ich weiß recht wohl, was ein Zank ſagen will, und könnte im Zorne, da ich ein Irländer bin, mit allem Vergnügen einem lebenden Freunde den Hirnſchädel einſchlagen; aber einem Mit⸗ menſchen, welchen man vor ſeinen Augen verenden ſieht, nicht die Hand zur Vergebung zu reichen— wenn dieß den Sterbenden tröſten könnte— dieß iſt barbariſch, unnatürlich, teufliſch.⸗ „Mein Herr, entgegnete Doktor Small mit Nach⸗ druck, indem er ſeine Pfeife weglegte,„es iſt verdam⸗ mungswürdig!— dieſe Sache ſollte unterſucht werden; ein ſolches Benehmen kann nur durch Tollheit ent⸗ ſchuldigt werden. Sie muß verrückt ſein.“ „Ich will darauf ſchwören,“ ſagte Titus,„ſie iſt non compot.“ „Ein guter Gedanke! wollen Sie in der That?“ rief Cvates heftig aus— deſſen ſcharfe, kleine Augen ſchimmerten—„ich halte es für meine Pflicht dem jungen Ranulph den Rath zu geben, ſich eine Urkunde de lunatico inquirendo ausſtellen zu laſſen; ich bin — —— ſicher, daß er froh ſein wird, ſie vom Halſe zu be⸗ kommen.“ „O! wir haben in unſerm Lande eine gute Art, widerſpenſtige Frauen in Ordnung zu halten,“ ſagte Titus mit einem bezeichnenden Blick;„wir ziehen ſie * VW NMe NM N W— — 91 in der Jugend— nehmen ihnen ihre Untugenden bei Zeiten. Was Lady Rookwood anbelangt—.“ „Beiläufig, wo iſt denn Ihro Gnaden?“ fragte Small;„ich habe ſeit meiner Ankunft im Herrenhauſe nichts von ihr gehört.“ „O! bei meiner Treu!“ erwiderte Titus,„feſt verſchloſſen in ihrem eigenen Zimmer, wo Niemand hinkommt, mit Ausnahme ihrer Abigail, der alten Agnes, welche(indem er ſeine Stimme dämpfte) ge⸗ rade von derſelben Art iſt, wie ſie; dort hält ſie ſich ſeit dem Tode des armen Sir Piers ſtets auf. Ich habe kein Auge von ihr geſehen, ausgenommen, als ich meine Befehle rückſichtlich des Leichenbegängniſſes erhielt.— Sie wollte nichts mit demſelben zu thun haben— alles wurde mir überlaſſen; Sir Piers könnte ſich ſonſt aber auch ſelbſt begraben laſſen, ſo verkehrt ſind alle ihre Handlungen, und hiezu zwingt ſie der Anſtand ſchon.“ „Zum Glück,“ ſagte der Advokat,„würde das Geſetz dieß befehlen. Die Rookwood waren hinſicht⸗ lich ihrer Beerdigung ſtets den Geſetzen unterworfen. Die Gewohnheit des Begräbniſſes beim Fackelſchein und um Mitternacht iſt für das Haus zur ausdrück⸗ lichen Verbindlichkeit geworden.“ „Und es iſt ein ſchöner Brauch, Herr Doktor?“ ſagte Titus, welcher ſeinem Hang, Small anzugreifen, nicht widerſtehen konnte,„und er hat auch ohne Zwei⸗ fel Ihre vollkommene Billigung. Eine Begräbnißfeier beim Fackelſchein muß einen wunderbaren Eindruck auf das Landvolk hier und in der Umgegend machen, wel⸗ ches demſelben vollſtändig anwohnen muß, gerade wie in meinem eigenen Lande. O! dieß iſt ein edler Brauch?“ „Ein abergläubiſcher Brauch, ſollten Sie vielmehr ſagen, mein Herr,“ brummte Small,„und je bälder er abgeſchafft wird, deſto beſſer iſt es. Es wäre gut geweſen, wenn Sir Piers, als er die religiöſen Irr⸗ 92 thümer ſeiner Vorväter verließ, auch alle die wider⸗— finnigen Gewohnheiten abgeſchafft hätte, welche ihren Urſprung in der papiſtiſchen Verblendung haben.“ Und damit blies der Pfarrer dem Irländer eine dichte Rauch⸗ wolke in's Geſicht. „Gut— wohl,“ erwiderte Titus, welcher jeden Streit vermeiden wollte— abergläubiſch oder nicht— ich habe in der letzten Zeit genug geſehen, was einen ruhigen Manne beinahe um ſeine Sinne bringen könnte. Ich fürchte, daß mir wenigſtens eine Woche lang kein Schlaf mehr in die Augen kommen wird. Ich habe Ihnen nicht die Hälfte älles Schrecklichen von dem Tode des Sir Piers geſagt, und kann es eben ſo wenig beſchreiben. Es muß etwas geweſen ſein,“ fuhr Titus fort, indem er wieder ſeine geheimnißvolle Art annahm, und ſeine Stimme dämpfte,„etwas Schau⸗ derhaftes auf ſeinem Herzen— etwas— nein, ich kann Ihnen die Sache nicht verhehlen— mit einem Worte, ein zu großes Verbrechen, als daß es aufge⸗ deckt werden könnte.“ 3 „Verbrechen!“ riefen Coates und der Doktor im nämlichen Augenblicke aus. „Ja, Verbrechen!“ widerholte Titus, mit dem⸗ ſelben dumpfen Tone—„ſt! nicht ſo laut, damit uns Niemand hört. Armer Kerl; jetzt iſt er todt. Ich weiß gewiß, daß ſie beide ihn eben ſo liebten, wie ich— ihn bemitleiden, und ihm vergeben wenn er ſchuldig war. Ach! das war ein ſchreckliches Verenden. Hören Sie, und ſie ſollen es erfahren. Als Lady Rookwood das Zimmer verlaſſen hatte, wie ich vor⸗ hin ſchon ſagte, was thut da Sir Piers? er verläßt, ſo übel er auch war, und ehe ich es verhindern konnte, ſchnell das Bett, und, nach der Thüre wankend, ver⸗ ſchließt er dieſelbe— ja, ſchloß ſie feſt— und dann rief er mich zu Hilfe.„Sie ſoll mich nicht vergiften,“ ſagte er: ich will die kurze Friſt meines Daſeins noch leben— die Hölle auf der Erde iſt immer noch erträg⸗ — — —————* N —— v —— — — —— — licher, als die Hölle welche erſt kommt. Auf dieſe Worte führte ich ihn wieder an ſein Bett— und er begann zu raſen und zu ſchreien, da ſich ſein Delirium wieder eingeſtellt hatte. Ich wußte, daß der Tod jetzt nicht mehr fern ſei. In der einen Minute war er auf der Jagd, und feuert die Hunde an„Halloo! Tallyho!“ rief er; wer iſt in jenem Gehäge?— wer ſchwimmt dort im Waſſer?“ In der nächſien trank er wieder, zechte und lärmte an ſeiner Tafel.„Hip! hip? hip!“— ſchrie er ſo wild, toll und raſend, als er nur zu thun pflegte, wenn er den Wein ſpürte. Und dann hielt er wieder mitten in ſeinem Toben inne, und rief: Wie, noch hier?— wer ließ ſie herein?— Die Thüre iſt doch feſt zu— ich ſchloß ſie ja ſelbſt. Der Teufel, warum habt Ihr ſie geöffnet— Ihr habt mich betrogen— ſie will mich vergiften— und ich kann keinen Widerſtand leiſten. Ha! eine andere! Wer— wer iſt dieß?— ihr Antlitz iſt weiß— das Haar hängt ihr um die Schultern.— Iſt ſie wieder in's Leben zurückgekehrt? Suſanne, Suſanne, warum die⸗ ſen Blick? Du liebteſt mich ſehr— zu ſehr. Du wirſt mich nicht in's Verderben ziehen! Du wirßt nicht gegen mich erſcheinen? Nein, nein, nein, dieß liegt nicht in deinem Weſen— du, die mein Abgott war, welche ich liebte— welche ich— allein ich bereute— ich härmte mich ab— ich betete— betete! Oh! Oh! Ge⸗ bete wollten nichts nützen. Bete für mich, Suſanne — auf ewig! Deine Fürſprache kann helfen. Es iſt nicht zu ſpät. Ich will allen Gerechtigkeitthun. Bringe mir Feder und Tinte— Papier— ich will es be⸗ kennen— er ſoll alles haben. Wo iſt meine Schweſter? Ich möchte gerne mit ihr ſprechen— möchte ihr ſagen— ihr ſagen. Rufe Peter Bradley— ich werde ſterben, bevor ich es ſagen kann. Komme hierher, ſagte er zu mir.„Es laſtet ein ſchwarzes, ſchreckliches Geheimniß auf meinem Herzen— es muß hinweg. Sage meiner Schweſter — nein, meine Sinne vergehen— Suſanne iſt mir N 94 nahe— Wuth iſt in ihren Augen zu leſen— die Wuth der Rache— halte ſie ab. Was iſt dieß für eine weiße Maſſe in meinen Armen? was halte ich da? iſt es der Leichnam an meiner Seite, wie er in jener langen, langen Nacht dalag?— Er iſt's— er iſts. Kalt, ſteif und bewegungslos wie damals. Weiß— ſchreck⸗ lich weiß— als wenn der Mond, welcher nicht unter⸗ ehen will allen ſeinen Glanz darüber verbreitete. a er bewegt ſich— umarmt mich— erſtickt— er⸗ würgt mich. Hilfe! das Kiſſen weg. Ich kann nicht athmen— ich erſticke— oh!“ Und jetzt komme ich zu dem ſeltſamſten Theil meiner Geſchichte— ſo ſeltſam ſie auch lauten mag, ſo iſt doch jedes Wort ſo wahr als das heilige Evangelium.“ „Nun!“ huſtete der Pfarrer. „Gut! in dieſem Augenblick— dieſem ſchrecklichen Augenblick— was hörte ich!— einen Schlag an die Wand. Heilige Jungfrau! wie mich dieß ſchreckte. Mein Herz drängte ſich nach dem Mund, und ſchlug dann ſchnell wieder gegen die Rippen. Aber ich ſagte nichts. Allein das rürfen Sie verſichert ſein, ich hielt meine Ohren weit offen— und hörte dieſen Schlag deutlich etwas lauter wiederholt— und kurz darauf zum dritten Mal— ich hätte noch nichts geſagt, hätte Sir Piers den letzten nicht auch gehört, und wäre er nicht bei dieſem Geräuſch aufgefahren, wie wenn es die letzte Trompete geweſen wäre. Herein, rief er mit ſterbender Stimme, und der Himmel vergebe mir, daß ich glaubte, es werde ein gewiſſer Herr herein⸗ treten, deſſen Geſellſchaft bei einer ſolchen Gelegenheit nicht ſehr wünſchenswerth iſt. Obgleich er es aber nicht ſelbſt, ſo war es doch Jemand anders, der nahe mit ihm verwandt iſt; denn eine Thüre, welche ich noch nie zuvor in der Mauer geſehen hatte, und von welcher ich mir nichts träumen ließ, öffnete ſich und herein trat Peter Brodley— ja, Sie mögen mich noch ſo ſehr anſtarren, meine Herrn, allein es war Peter ——— e Brodley, mit einem Geſicht ſo ſtarr wie das einer Eule, und ſo trüb wie ſeine Haue. Gut; er geht ſtraks auf das Bett des ſterbenden Mannes zu, und heftet ſeine großen, teufliſchen, grauen Augen auf ihn— fort⸗ während lachend— ja, lächend— Sie können ja ſein verfluchtes Greinen. Doch weiter.„Sie haben mich rufen laſſen, ſagte er zu Sir Piers; ich bin hier— was wollen Sie von mir?“ Wir ſind nicht allein,⸗ keuchte der ſterbende Mann— verlaßt uns Mr. Tyr⸗ connel— verlaßt mich auf fünf Minuten— nur fünf, verſtanden. Ich will gehen, denke ich, aber ich werde Sie nicht mehr am Leben treffen. Und dieß war nur zu wahr— ich ſah ihn nicht wieder, ſo lange Athem in ſeinem Körper war. Ich verließ ihn ohne viel Geräuſch, und war kaum in den Gang getreten, als ich die Thüre hinter mir ſchließen hörte. Ich blieb ſtehen um zu horchen, und ich weiß gewiß, Sie wer⸗ den mich deßhalb nicht tadeln, ich hielt mein Auge ſo⸗ gar an das Schlüſſelloch— denn ich argwöhnte irgend eine Frevelthat— aber der Himmel ſei uns gnädig! jener verſchmitzte Todtengräber hatte ſeine Vorſichts⸗ maßregeln zu gut genommen. Ich konnte weder etwas ſehen noch hören, ausgenommen nach einigen Minuten einen wilden, überirdiſchen Schrei— und dann wurde die Thüre aufgemacht und ich ſtürzte— mich deſſen nicht verſehend— Kopf über Kopf unter in das Zim⸗ mer, zum großen Schaden meiner Naſe. Als ich wieder aufſtand, war Peter verſchwunden; wahrſcheinlich auf dem nämlichen Wege, auf welchem er gekommen war, und der grme Sir Piers lag auf ſein Kiſſen ausge⸗ ſtreckt, ſeine Hände wie flehend ausgeſtreckt— ſeine Augen ſtarr und offen— und ſeine Glieder kalt und ſteif!“ Ein tiefes Stillſchweigen folgte auf die Erzählung Tyrconnel's. Mr. Cvates wagte keine Bemerkung. Doktor Small ſchien auf einige Minuten in heimliches Nachdenken verſunken: enblich ſprach er.„Sie haben eine entſetzliche Begebenheit erzählt, Mr. Threonnel, 96 und zwar auf eine Weiſe, welche mich von der Wahr⸗ heit derſelben überzeugt; aber ich hoffe Sie werden mir, als einem Freunde des verſtorbenen Sir Piers verzeihen, wenn ich Sie bitte, künftig über dieſen Ge⸗ genſtand ein Stillſchweigen zu beobachten. Ihre Wie⸗ derholung kann nichts Gutes ſtiften, ſondern möchte„ nur zu unendlich viel Kummer Veranlaſſung geben, da ſie verläumderiſchen Gerüchten Stoff darbieten, und die Gefühle der Hinterlaſſenen ſchmerzlich berühren würde. Jedermann, welcher mit der Geſchichte des Sir Piers, bekannt war muß bemerken, was ich Ihnen ſchon ſagen zu dürfen glaube, daß irgend etwas vor⸗ handen ſein müſſe, was einen Schatten auf ſeine irdiſche Laufbahn warf, ſeinen Charakter verdarb, und ſeine Geſundheit untergrub. Es iſt eine ſchreckliche Anſchul⸗ digung— aber ich glaube, nein, ich bin deſſen gewiß, daß ſie ungegründet iſt. Ein ſchwarzer Verdacht klebt an einem römiſchen Prieſter Namens Checkley— aber ich glaube, daß auch dieſer außerhalb des Bereichs menſchlicher Gerechtigkeit ſich befindet. Verfehlt hatte ſich Sir Piers ohne Zweifel; allein ich glaube, daß er eher ſchwach, als laſterhaft war. Ich habe Grund zu glauben, daß er das Werkzeug anderer, haupt⸗ ſächiich aber das des ſchon erwähnten Schurken ge⸗ weſen iſt. Und es iſt leicht zu verſtehen, wie jener räthſelhafte Narr, Peter Bradley, Einfluß auf ihn gewinnen konnte. Sie wiſſen, daß ſeine Tochter die Geliebte des Sir Piers war. Unſer Freund iſt jetzt dahin geſchieden, und ſomit laßt uns ſeine Verfeh⸗ lungen, ſo wie das Andenken an dieſelben begraben. Daß ſeine Seele ſchwer belaſtet war, erhellt aus Ihrem Bericht von ſeinem letzten Augenblicke; ich hoffe jedoch ewiß, daß ſeine Reue aufrichtig war, in welchem gale auch Vergebung ſeiner Sünden zu hoffen iſt. Zu welcher Zeit auch immer ein Sünder ſeine Miſſe⸗ ihat bereuen wird, von Grund ſeines Herzens, ſo will ich ſeine Verfehlung aus meinem Gedächtniß aus⸗ NM—— 97 wiſchen, ſagt der Herr.⸗ Die Barmherzigkeit Gottes iſt größer als die Sünden der Menſchen: und ſogar für Sir Piers iſt demnach Hoffnung auf Erlöſung vorhanden.⸗ „Ich hoffe es auch, ſagte Titus in großer Be⸗ wegung;„und was das Wiederholen deſſen, was ich eben geſagt habe, betrifft, ſo will ich beim Teufel kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand ſprechen. Meine Lippen ſollen verſchloſſen und verſiegelt ſein für immer, wie durch Feſſeln des Mr. Cvates: allein ich hielt es für räthlich, Sie mit dieſen Umſtänden bekannt zu machen. Und da ich nun das Böſe für immer vergeſſen habe, ſo bin ich bereit, nur noch von den guten Eigenſchaften des Sir Piers zu ſprechen, und er hatte deren nicht wenige. Was mangelte ihm denn, als er der Herr wurde, möchte ich fragen? Konnte er nicht eben ſo gut jagen, als irgend einer in der Grafſchaft? und hatte er vielleicht nicht eben ſo gute Koppeln Hunde? Schoß, ritt, fiſchte er nicht eben ſo gut, trank er nicht gleich einem— oder noch beſ⸗ ſer?— nur konnte er ſeinen Wein nicht führen, und dieß war ſein Unglück, nicht ſein Fehler. War er nicht ſtets bereit, einen Freund zum Mittageſſen zu bitten? und gab er ihm, wenn er kam, nicht ein gutes Eſſen, die guten Weine, welche demſelben folg⸗ ten, nicht einmal gerechnet? Und hatte er nicht alle Annehmlichkeiten um ſich, mit Ausnahme ſeines Wei⸗ bes, denn dieſe war ein falſcher Wechſel? Und war er nicht trotz aller ſeiner Launen und Eigenheiten ein ſo gutmüthiger Mann, als nur einer? und an Herz ein Irländer? Uund ich würde ihm langes Leben wünſchen, wenn er nicht geſtorben wäre; da er aber nicht mehr iſt, ſo Friede ſeinem Andenken!“ Wie das Geſpräch dieſe Wendung genommen hatte, hörte man an der Thüre, welche Jemand von Außen vergeblich zu öffnen verſucht hatte, ein Geräuſch. Titus ſtand auf, um dieſelbe zu öffnen, und führt Rookwvod. I. 7 98 ein Individuum ein, welches man in dem Herrenhaus als Jack Palmer kannte. Sechstes Kapitel. Ein engliſcher Abenteurer. Er hat ein verwünſchtes Galgen⸗Geſicht ohne den Vortheil der Geiſtlichkeit. Liebe um Liebe. Jack Palmer war ein munterer, gutmüthig aus⸗ ſehender Mann mit einem ungeheuren, buſchigen, rothen Bart, einem ſommerſproßigen, blühenden Ge⸗ ſicht, röthlichem Haupthaar, welches gegen den Ober⸗ kopf hin ziemlich ſpärlich ſtand und ſeinen Nacken mit kleinen gekräuſelten Löckchen einfaßte, und ſo der Glatze eines Mönchs ziemlich ähnlich war. Ungeach⸗ tet dieſer Anlage zu einem Kahlkopfe konnte Jack doch nicht weiter als dreißig Jahre zählen, obwohl ſein Ausſehen ſeinem Alter um fünf Jahre voran war. Sein Geſicht war eines von jenen unerklärlichen, welche einer beſondern Menſchenklaſſe anzugehören ſcheinen— eine regelrechte Newmarket Phyſiognomie — in welchem ſich hauptſächlich Verſchlagenheit und Zuverſicht ausdrückte— keine gemeine Verſchlagenheit oder pöbelhafte Zuverſicht, ſondern eine feine, mun⸗ tere Verſchmitztheit, welche ſich wenig Sorgen machte — ſich um Hinderniſſe nichts kümmerte— jeden Zu⸗ fall, der ihm irgend nützlich ſein konnte, blitzſchnell erfaſſend— ſtets ſcherzhaft— heftig doch gefällig— beißend aber friedlich. Er war etwas auffallend ge⸗ kleidet und zwar ſo, daß er halb wie ein Stutzer in jenen Tagen, halb wie ein Jokey in den unſrigen usſah— ſein Unterkörper ſtack nämlich in feſt an⸗ genden, abgetragenen Beinkleidern und Stiefeln 99 mit Stulpen, welche eine genaue Bekanniſchaft mit dem Sattel verriethen, während das Auffallende eines breit bordirten, himmelblauen Reitrocks, einer reichen Weſte, deren Taſchen nach der Mode von 1737 bis zur Ueberladung verziert waren; die gepützelte Net⸗ tigkeit ſeiner Hemdkrauſe und ein gewiſſer ſonderbarer Geſchmack in der Größe und Farbe ſeiner Knöpfe hin⸗ länglich verkündigten, daß, wenigſtens nach ſeiner Mei⸗ nung, ſeine Perſon das Herausputzen wohl verdiene; auch können wir, um Jack Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, nicht ſagen, daß er ſo ganz im Irrthum war. Er war das Muſter eines Mannes von fünf Fuß; breit, feſt, bis auf das kleinſte Glied ausgezeichnet gebaut, ausgenommen daß ſeine Beine leicht auswärts gekrümmt waren, welcher Fehler aller Wahrſcheinlichkeit davon herrührte, weil er beſtändig zu Pferde ſaß— in wel⸗ cher Kunſt Jack aber auch ausgezeichnet war, und nicht mit Unrecht den Ruf eines vollendeten Reiters hatte. Auch war es ſein kühnes Reiten bei einer beſondern Veranlaſſung, was ihm die Ehre einer Einladung nach Roockwood verſchafft hatte. Wer er ſei, woher er ſtamme, dieß war eine Frage, die man nicht ſo leicht beantworten konnte, da Jack nie auf dieſe Frage genügende Auskunft gab. Sir Piers zerbrach ſich hierüber auch nie den Kopf; er war ein„verdammt guter Kerl— rritt verteufelt gut und machte nie lange Umſtände“. Dieß war für ihn genug. Niemand ſonſt wußte etwas von ihm, ausgenommen, daß er ein Kapital⸗Pferdekenner ſei, ein ausgezeichnetes ſchwarzes Pferd habe und jede Jagd in der Grafſchaft mitmache— daß er ein hübſches Lied fingen könne, ein luſtiger Cumpan und drei Flaſchen zu trinken im Stande ſei, ohne im Mindeſten davon beläſtigt zu werden. Um das Unpaſſende, welches ſein Aeußeres viel⸗ leicht haben könnte, zu vermeiden, hatte Doktor Small haſtig ſeine Pfeife weggelegt und. getüch auf⸗ 100 geſetzt; als er jedoch ſah, wer der Eintretende war, ſo nahm er ſeine Beſchäftigung mit einem trotzigen Brummen wieder auf, ohne dem letztern ſeinen Gruß zu erwidern, oder irgend weiter Notiz von ihm zu nehmen. Durch das Mißvergnügen des Geiſtlichen nicht im Geringſten aus der Faſſung gebracht, grüßte Jack den Titus herzlich und warf ſich mit einer nach⸗ läßigen Verbeugung gegen Mr. Cvates, in einen Seſſel. Er füllte ſich ſogleich ein Glas mit Claret und trank es auf einen Zug aus. „Sind Sie weit geritten, Jack?⸗ fragte Titus, als er den Staub auf Palmers blauem Rock bemerkte. „Einige Dutzend Meilen,“ erwiderte Palmer; „dieß an einem ſolchen Nachmittag gethan, läßt einen ſchon durſtig werden. Ich bin ſo trocken wie Sand⸗ boden. Ein prächtiger Wein das— ein ſchönes Ge⸗ tränk— beſſer als jeder andere rothe. Oh! wie ihn der arme Sir Piers nicht liebte! Nun, dieß iſt Alles vorüber; ein Glas davon würde ihm da gut thun, wo er hingegangen iſt. Ich fürchte, zudringlich zu ſein, aber ich möchte doch gerne etwas über die Ord⸗ nung des Zuges wiſſen, und da ich Sie unten nicht fand, ſo ſuchte ich Sie hier auf. Sie find zum erſten Leidiragenden ernannt, wie ich glaube, Titus— pro⸗ biren Sie doch einmal Ihre Rolle, he?“ „Gehen Sie, gehen Sie, Jack, keinen Scherz,“ erwiderte Titus;„die Sache iſt zu ernſt. Ich bin der erſte Leidtragende— und alle übrigen ſind Leid⸗ tragende. Wir müſſen alle zur rechten Zeit trauern wird eine Maſſe Volks in der Kirche ſich ein⸗ nden.“ „Es iſt eine Maſſe von Leuten bereits da,“ ent⸗ gegnete Jack,„wenn fie alle mitgehen.“ „Und ſie werden alle mitgehen— für was wäre denn das Schmauſen und Zechen? Ich werde keine Seele in dem Haus laſſen.“ — 6 101 „Eine ausgenommen,“ ſagte Jack ſchlau.„Sie wird nicht mitgehen, wie ich denke.“ „Ja, eine ausgenommen— ſie und ihre Diene⸗ rin— alle übrigen gehen mit und nehmen Theil an dem Zug— Sie gehen auch mit?“ e— welche Zeit haben Sie denn feſtge⸗ ( „Genau zwölf Uhr. Sobald die Glocke ſchlägt, ſetzen wir uns in Bewegung— alle in einer Reihe, und wir werden eine lange Reihe bilden. Ich warte nur auf jenen alten Kerl mit ſeinem Grabes⸗Antlitz, Peter Bradley, um die Ordnung feſtzuſetzen.⸗ „Wie lange wird die ganze Sache wohl währen, nach Ihrer Berechnung?“ fragte Jack ſo oben hin. „Dieß kann ich nicht beſtimmt ſagen,“ entgegnete Titus;„vielleicht eine Stunde, mehr oder weniger— aber wir werden auf die Minute abgehen— das heißt, wenn wir alle zuſammen gehen können; deßhalb bleiben Sie um den Weg. Und hören Sie Jack, Sie müſſen Ihre Kleider wo möglich wechſeln— dieſer himmelblaue Rock würde ſich nicht paſſen— es geht nicht, durchaus nicht.“ „Haben Sie deßwegen keine Angſt, erwiderte Palmer;„aber wer waren denn die in dem Wagen?“ „Meinen Sie in dem letzten?— dieß iſt Squire Foreſter mit ſeinen Söhnen— ſie ſpeiſen mit den andern Edelleuten in dem großen Zimmer über eine Treppe, damit ſie etwas aus dem Wege liegen. Oh, wir werden einen ſchönen Zug bekommen— und bei St. Patrik! ich muß jetzt doch einmal nachſehen.“ „Halten Sie einen Augenblick,“ ſagte Jack,„laſ⸗ ſen Sie uns zuerſt noch ein kühles Fläſchchen geben; die Leute unten ſorgen alle für ſich ſelbſt, und da Peter Bradley noch nicht da iſt, ſo haben Sie ja keine folche Eile. Ich werde dann gleich mit Ihnen gehen — ſoll ich nach dem Claret läuten?“ „Immerhin,“ erwiderte Titus. 102 Jack zog alſo die Klingel; ein Kellermeiſter er⸗ ſchien ſchnell auf den Befehl und der Wein ſtand in einem Nu auf dem Tiſche. „Sie hörten von dem Kampf in der letzten Racht, wie ich vermuthe?“ ſagte Jack, indem er die Unter⸗ haltung wieder aufnahm. „Mit den Wilddieben?— gewiß hörte ich davon — Heute morgen in aller Frühe wurde ich ſchon zu Hugh Badger gerufen, um ſeine Wunden zu unter⸗ ſuchen,— er hat eine tüchtige Schmarre, gerade über dem Auge, außer mehreren andern Quetſchungen.“ „Iſt die Wunde gefährlich?“ forſchte Palmer. „Tödtlich gerade nicht, wenn Sie dieß damit erwiderte der Irländer,„gefährlich, ganz gewiß.⸗ „Hum!“ rief Jack aus;„fie führten, ſo viel ich weiß, einen ziemlich kecken Streich aus. Entdeckte man irgend etwas von dem Leichnam?“ „Von welchem Leichnam?“ fragte Small, welcher halb ſchlummerte. „Dem Leichnam des erſoffenen Wilddiebs,⸗ er⸗ widerte Jack,„fie ſuchten ihn dieſen Morgen.“ „Sie fanden ihn nicht!“ rief Titus aus.„Ha, ha! Ich muß lachen, daß ich faſt berſte,— ein Ka⸗ pitalſtreich war es, den er ihnen ſpielte— Kapital— ha, ha!— Was meinen Sie, daß der Kerl that?— Ha, ha!— nachdem er ſie rund um den Park herum gejagt, einen Hund getödtet, der ſo wild war, wie ein Wolf, und Hugh Badgers Kopf, welcher ſo hart und dick iſt, wie ein Fleiſchers Block, gebrochen hatte, ſo taucht der Kerl in einem Weiher unter, über wel⸗ chem ein großer Felſen hängt und ſchwimmt durch eine unterirdiſche Höhle, von welcher vorher Niemand noch etwas wußte, auf die andere Seite, während ſie kommen, um ſeinen Leichnam zu ſuchen, da ſie ihn ertrunken glauben— ha, ha!⸗ — „Ha, ha, ha!“ rief Jack im Chor nach.„Bravo, dieß iſt ein Burſche von der rechten Art,— ha, hal“ „Er! wer?“ fragte der Advokat. „Nun, der Wilddieb ohne Zweifel,“ erwiderte Jack;„von wem ſonſt ſprach man denn?“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ entgegnete Cva⸗ tes;„ich glaubte nur, Sie hätten irgend etwas in Erfahrung gebracht. Wir haben ein Aug' auf ihn— wir wiſſen, wer es iſt.⸗ „So! wirklich!“ rief Jack aus,„und wer war es denn?“ „Ein Individuum, welches unter dem Namen Lukas Bradley bekannt iſt.“ „Wetter!“ rief Titus,„ſagen Sie nicht, er ſei es geweſen?— Mord in Irland! dieß verändert die ganze Sache— denn er iſt des Sir Piers— „Natürlicher Sohn, erwiderte der Advokat. „Man hörte ſchon einige Zeit lang nichts mehr von ihm— dem unverbeſſerlichen Schuft!— Es iſt un⸗ möglich, mit ihm etwas anzufangen.“ „Ach! ja!“ ſagte Jack;„ich habe Sir Piers von dem Burſchen ſprechen hören— und nach ſeiner Er⸗ zählung iſt es ein ſo hübſcher Kerl, als nur je einer den Rücken eines Füllen beſtieg— ein wenig wild und unbändig, wie der beſte von uns es ſein kann— es fehlt ihm die Zucht, ſonſt nichts— ein wildes Füllen gibt immer das beſte Pferd und ſo iſt es auch mit ihm. Um die Wahrheit zu ſagen, ſo freut es mich, daß er entkam.“ „Mich nicht minder,“ fügte Titus bei;„denn er⸗ ſtens habe ich eine närriſche Vorliebe für Wilddiebe, und bedaure ſtets, wenn einer eingefangen wird; und zweitens hätte es mich ſehr betrübt, wenn dem eige⸗ nen Fleiſch und Blut des Sir Piers irgend ein Un⸗ fall zugeſtoßen wäre, was dieſer Junge doch allem Anſcheine nach iſt.“ „„Allem Anſcheine nach iſt?“ wiederholte Palmer; ——— 104 vin dieſer Sache gibt es keinen Anſchein, behaupte ich. Dieſer Bradley iſt ein unbezweifelter Sprößling des alten Squire. Seine Mutter war Magd in dem Herrenhauſe, wie ich glaube; Sie, mein Herr,“ ſich gegen Coates wendend,„können uns vielleicht Auf⸗ ſchluß über die Sache geben.“ „Sie war etwas Beſſeres noch als Magd,“ er⸗ widerte der Advokat.„Ich erinnere mich ihrer noch ganz gut, obwohl ich damals nur ein Knabe war— ſie war ein liebliches Geſchöpf, und deßhalb nimmt es mich auch durchaus nicht Wunder, daß Sir Piers ſich in ſie verliebte. Er war damals wie toll hinter allen Weibern her und vor allen hinter Suſe Bradley. Sie lebte bei ihm wie ſeine Frau.“ „So habe ich auch gehört,“ entgegnete Jack. „Sie blieb bis zu ihrem Tod bei ihm; und war nicht etwas ganz Beſonderes in der Art ihres Todes, war er nicht ziemlich raſch und unerwartet— erregte er damals nicht Aufſehen, he!“ „Ich hörte nie etwas,“ erwiderte Coates, ſeinen Kopf ſchüttelnd und völlige Unwiſſenheit heuchelnd; während Titus ſich ſtellte, als ob er die Bemerkung gar nicht gehört habe und ſich mit ſeinem Glaſe be⸗ ſchäftigte. Small ſchnarchte hörbar.„Ich war da⸗ mals noch zu jung, als daß ich ſolchen Gerüchten Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte,“ fuhr Coates fort. „Es iſt ſchyn lange Zeit her. Darf ich vielleicht um den Grund Ihrer Frage bitten?“ „Es iſt nichts weiter, als einfache Neugierde,“ erwiderte Jack, welcher ſich an der Verwirrung ſei⸗ ner Gefährten weidete.„Es iſt, wie Sie bemerkten, ſeither ſchon eine lange Zeit verſtrichen; aber es iſt doch ſonderbar, wie lang man ſich ſolcher Sachen er⸗ innert. Man ſollte glauben, daß die Leute andere Sachen zu thun hätten, als ſtets über die Angelegen⸗ heiten Anderer zu ſprechen; ich für meinen Theil, ſprech haſſe dieſes Geſchwätz; aber es gibt noch Perſonen in —————————— 105 der Nachbarſchaft, welche ſagen, daß es eine vertrackte Geſchichte geweſen ſei. Unter Anderm habe ich auch davon gehört, daß dieſer nämliche Lukas Bradley ſich ſehr offen darüber ausſpreche.“ „Thut er dieß wirklich!“ ſagte Cvates.„Um ſo ſchlimmer für ihn. Er ſoll nur erſt mir unter die Hände kommen; ich will ihm einen Knebel in den Mund ſtecken, welcher ſeinem Geſchwätz für die Zu⸗ kunft ein Ende machen wird.“ „Dieß iſt gerade der Punkt, auf welchem ich Sie gerne zu haben wünſchte,“ erwiderte Jack;„und ich rathe Ihnen, dieß unter allen Umſtänden, der Familie wegen, auszuführen. Niemand hat ſeine Freunde gerne in dem Munde anderer Leute, und deßwegen würde ich an Ihrer Stelle die Sache in Güte ab⸗ machen. Laſſen Sie den Kerl gerade ſeiner Wege gehen; er wird nicht ſo bald wieder zurückkommen, davon bin ich überzeugt; was aber das Einſperren betrifft, ſo möchte er da plaudern— möchte den Stiel umkehren.“ „Den Stiel umkehren!“ erwiderte Coates,„was der Henker iſt denn dieß? Meiner Meinung nach hat er den Stiel ſchon umgekehrt“; auf alle Fälle ſoll er den Raub von heute Nacht theuer bezahlen, darauf dürfen Sie rechnen. Was bedeutet denn ſein Geſchwätz? Laſſen Sie ihn erſt mir unter die Hände kommen, dann wollen wir ſchon mit ihm fertig werden.“ „Gut, gut, ſagte Jack,„nur nicht zornig; ich wollte Ihnen blos einen Wink geben. Ich dachte nämlich, daß die Familie, der junge Sir Ranulph, meine ich, die Sache wahrſcheinlich nicht gerne wieder aufgewärmt ſehen wird; was die Lady Rookwood betrifft, ſo bekümmert ſie ſich, ſo viel ich weiß, wenig um üble Nachreden; in der That, wenn ich recht be⸗ richtet wurde, ſo iſt ſie dem Jungen durchaus nicht geneigt und verſuchte ſchon lange, ihn aus dem Lande zu ſchaffen; aber, wie Sie ſagen, was hat auch ſein 106 Geſchwätz zu bedeuten? Sir Piers iſt ja todt und nicht mehr am Leben.“ „Hum!“ murmelte Coates mürriſch. „Aber es ſcheint doch ein wenig hart zu ſein, daß der Knabe baumeln ſoll, weil er ein Maul voll Wildprett in ſeines eigenen Vaters Park getödtet hat.“ „Wozu er außerdem noch ein natürliches Recht beſaß,“ rief Titus. „Ein natürliches Recht, den Leib von ſeines Va⸗ ters oder irgend eines andern Menſchen Wildhüter zu verletzen, muthwillig anzugreifen oder gar deſſen Leben zu bedrohen, hat er nicht,“ entgegnete Coates. „Ich ſage Ihnen, mein Herr, er hat ein Hauptver⸗ brechen begangen, und wenn er ergriffen wird—“ „Dieß wird nicht der Fall ſein, wie ich hoffe, unterbrach ihn Jack. „Dieſem Wunſche muß ich beiſtimmen,“ ſagte Titus;„meiner Seel', dieſe Wilddiebe ſind feine Jungen, wenn man die Wahrheit fagen will!“ „Die allerfeinſten Jungen,“ rief Jack mit Enthu⸗ ſiasmus aus,„ſie ſind die Vögel der Nacht und die Günſtlinge des Mondes, welche wir ungerechter⸗ weiſe Wilddiebe nennen. Sie ſind Allem nach bloße Jäger von Profeſſion, indem ſie das als ein Geſchäft betreiben, was wir als ein Vergnügen betrachten; was für uns am Tage eine Zerſtreuung iſt, das iſt bei der Nacht für jene ein Studium; darin liegt der wirkliche Unterſchied. Alles übrige iſt reine Einbil⸗ dungz ſie ſäubern eben einen zü überfüllten Park, wie Sie, Doktor, einen vollſäftigen Kranken herab⸗ ſtimmen; oder wie Sie mit einem reichen Clienten verfahren, wenn er Ihnen in den Wurf kommt, Herr Advokat. Und dann, um wie viel wiſſenſchaftlicher und ſyſtematiſcher gehen ſie dabei zu Werk, als wir Liebhaber; wie geräuſchlos ſacken ſie einen Haſen ein, ſpüren ſie einen Faſanen aus oder ſchießen ſie einen Bock mit der Windbüchſe zuſammen; keines Erlaub⸗ — 107 nißſcheines bedürfend, haben ſie nur ein ſcharfes Auge, und ein leichtes Paar Füße nöthig; wie ganz entbehr⸗ lich iſt für ſie die Erlaubniß dieſes Herrn So und So, oder eines Lords Beſchränkung, ſie ſind ohne allen Schutz, und kümmern ſich nichts um die Aende⸗ rung der Jagdgeſetze. Ich habe ſchon oft daran ge⸗ dacht, ſelbſt ein Wilddieb zu werden, wenn ich ſonſt gar keinen andern Ausweg mehr weiß. Nach meiner Anſicht iſt ein Wilddieb ein ganz ehrenhafter Charak⸗ ter. Was ſagen Sie hiezu, Mr. Cvates?“— indem er ſich ſehr ernſt an dieſen Herrn wandte. „Eine ſolche Frage,“ erwiderte Cvates ſich brü⸗ ſtend,„verdient kaum eine erüſthafte Antwort. Viel⸗ leicht wollen ſie nächſtens auch noch behaupten, daß ein Straßenräuber ein Gentleman ſeir⸗ „Ohne allen Zweifel,⸗ erwiderte Palmer in dem⸗ ſelben ernſthaften Ton, welchen man für Scherz hätte nehmen können, wenn Jack je geſcherzt hätte,„ich werde dieß nicht nur behaupten, ſondern auch beweiſen. Ich kann gar nicht begreifen, was er eigentlich anders ſein könnte. Es iſt für einen Menſchen eben ſo noth⸗ wendig vorher ein Gentleman zu ſein, ehe er ein Straßenräuber werden kann, als ein Doktor vorher ſein Diplom, und ein Advokat vorher ſein Certifikat haben muß. Einige der feinſten Gentlemen ihrer Tage, wie die Capitäns Lovelain, Hind, Hannum, und Dudley, waren ausgezeichnete Straßenritter, und doch beſtimm⸗ ten ſie die Mode. Seit dieſer Zeit nun würde ſich ſeder Hochſtraßenmann für entehrt halten, wenn er ſich nicht in allem wie ein Gentleman benehmen würde. Vielleicht gibt es in ihren Reihen auch Burſche, welche ſich dieſen Titel blos anmaßen, allein dieß ſind Ausnahmen, und ſie ſprechen nur für die Regel. Welches find die hauptſächlichſten Kennzeichen eines wahren Gentieman? — vollkommene Kenntniß der Welt— vollkomwmene Unabhängigkeit des Charakters— Bekanntſchaft mit allen Ereigniſſen— der Beſitz von Geld— und be⸗ „ 108 deutendes Glück bei den Frauen. Dieß alles werden* Sie zugeben. Zuerſt alſo macht die vollkommenſte Be⸗ kanntſchaft mit der Welt einen Theil des Geſchäfts von einem Hochſtraßenmann aus— er ißt der gefälligſte 1 angenehmſte Geſell. Denn weſſen Neigungen„ ſind ſo unbewacht, als die eines Hochſtraßenmanns, ſo lange die Träumer ruhen? wer einen ſo großen Eindruck, als er, durch die wenigen Worte?— Halt die Börſe, bewirkt, iſt ſicher, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen— Jedermann wird durch eine ſo» handgreifliche Kühnheit gefeſſelt. Was nun das Geld betrifft, ſo gewinnt er eine Börſe mit hundert Guineen eben ſo leicht, als Sie die nämliche Summe auf der Pharao⸗Bank. Und worin beſteht der Unterſchied? Einzig und allein in dem Namen des Spiels. Wer bedarf ſo wenig eines Banquier wie er? alles was er zu begreifen braucht, iſt ein Schach— alles was er zieht iſt ein Drücker. Und was die Frauen anbe⸗ langt, ſo find ſie in ihn vernarrt— ſogar Ihr roth⸗ rockiger Soldat iſt nicht ſo glücklich. Betrachten Sie einmal einen Hochſtraßenmann auf ſeinem fliegenden Hengſt, die Piſtolen in den Halftern, und die Maske vor dem Geſicht— kann es wohl einen zierlicheren Anblick geben? das Stampfen der Hufe ſeines Roſſes tönt ihm wie Muſik in den Ohren— er iſt auf einer untrüglichen Spur— er ruft dem fliehenden Reiter zu, zu halten— dieſer flieht immer fort— welche Jagd iſt nur halb ſo anziehend, als dieſe? Angenom⸗ men, er holt ſeine Beute ein, was zehn für ein Mal der Fall ſein wird, wie ſchnell wird da ſeinem Befehl, zu Uebergabe der Börſe nicht Folge geleiſtet— wie befriedigend iſt nicht die Beſitznahme eines geſpickten Beutels, oder einer dicken Brieftaſche— wenn man auch einmal in einen Kampf verwickelt wird, ſo will dieß nichts dagegen heißen. Wie ruhig er ſich ent⸗ ernt, vor ſeinem neuen Bekannten den Hut abnimmt, ihm eine vergnügte Reiſe wünſcht, und in dem Gebüſch — v S„ X — S— ——— — —— 109 verſchwindet. England, mein Herr, kann mit Recht auf ſeine Hochſtraßenmänner ſtolz ſein. Sie ſind nur unter ſeinem Himmel zu finden, und ſtehen eben ſo ſehr über dem Straßenräuber Italiens— dem Schmuggler Spaniens, oder dem Taſchendieb Frankreichs, als ſeine Matroſen über denen der ganzen übrigen Welt! Nie wird hoffentlich der Tag kommen, wo wir bis zu den Fußwegen herabſinken, und unſere nächtliche Ritter⸗ ſchaft verlieren werden. Sogar die Franzoſen borgen von uns— ſie haben nur einen Hochſtraßenmann von Bedeutung, und dieſer lernte und übte ſeine Kunſt in England.“ wer iſt dieß, wenn ich fragen darf?“ ſagie vates. „Claude du Val,“ erwiderte Jack,„und obgleich Franzoſe, ſo war er zu ſeiner Zeit dennoch ein ver⸗ teufelt netter Burſche— ein vollendeter Stutzer— er konnte hüpfen und ſich drehen wie eine Tänzerin, zwitſchern wie eine Opernſängerin, und war der größte Meiſter ſeiner Zeit auf der Flöte— er führte dieſes Inſtrument, wie ſeine Piſtolen, ſtets bei ſich. Und erſt ſeine Kleidung— es war prächtig anzuſehen, wie hübſch er herausgeputzt war; lauter Sammt und Seide; und ſogar wenn er ſeine Maske vor dem Geſicht hatte, ſo ſchrieen die Damen auf, wenn ſie ihn ſahen. Sodann nahm er eine Börſe mit dem Anſtand und der Zierlichkeit eines General⸗Einnehmers— alle Frauen beteten ihn an— und dieſe war der beſte Be⸗ weis für ſeine Schönheit— ich wünſchte er wäre kein Mounſere*) geweſen. Die Weiber irren ſich nie— ſie erkennen immer den wahren Gentleman— und alle, jedes Standes, von der Gräfin bis zur Küchen⸗ magd herunter, waren bis über die Ohren in ihn verliebt.“ *) Monsieur. D. PV. „Er wurde vermuthlich aufgegriffen?“ fragte Cvates. „Ja,“ antwortete Jack;„die Weiber waren ſein Unglück, wie ſchon manches braven Burſchen vor ihm, und wie ſie es noch nach ihm ſein werden.“ Gerührt dieſe Betrachtung wurde Jack zum erſten Mal i ſeinem Leben empfindſam, und ſeufzte:„Armer du Val! er wurde in dem Wirthshauſe zum Loch in der Mauer der Chandos Stonat durch den Boillit von Ffri ergriffen— und kurz darauf zu Tyburn gehängt.“ „Wie iſt es doch zu bedauern,“ ſagte Mr. Cvates höhniſch,„daß ein ſo feiner Gentleman ein ſo ſchimpf⸗ liches Ende nahm!“ „Ganz im Gegeniheil,“ entgegnete Jack;„wie ſein Geſchichtsſchreiber Doktor Pope ſo richtig bemerkt, wo iſt der, welcher des Namens Mann würdig iſt, der einen ſolchen Tod nicht einem gemeinen dunklen Leben vorziehen würde? Beiläufig bemerkt, Titus, da wir gerade an dieſem Gegenſtande find, ſo will ich, wenn es Ihnen recht iſt, ein Lied von den Hoch⸗ ſtraßenmännern fingen.“ „Es iſt mir ganz lieb,“ erwiderte Titus wel⸗ cher eine ſehr günſtige Meinung von Jack's Stimme hatte, und auch ſelbſt ein durchaus nicht zu verachten⸗ der Sänger war—„nur nimmt eine etwas tiefe Stimmgabel.“ F Jack erwartete keine weitere Aufmunterung, ſon⸗ dern ſang, auf die Winke und Blicke des Cvates durch⸗ aus nicht achtend, mit vieler Salbung die folgende Ballade in einer guten alten Melodie, welche damals ſehr volksthümlich war— deren Verdienſte Niemand läugnen kann, und wir hegen eine ſo günſtige Mei⸗ nung von dieſem Lied, daß wir es unſern Leſern mit der Mufik vorlegen. . 2. A NM— & . 1 —— 11¹ Ein Kapilel von Straſsenräubern. Monte sub Loe lapidum tegitur Balusta sepultut, Necte, die, tutum carpe, iter. I Insaualia. Da — S ——— 2 größ⸗ auf den mein Kopf fich be⸗ſinnt, war der lu⸗ſti⸗ge Ka⸗pi⸗tän Jakob Hind. — — 8 Wie Nie⸗mand leng⸗nen kann, wie ——— ue mand leug„nen kann.* 5 Dſen iſt die wd welche Dr. Pepuſch dem Macheath mit den Worten gegeben hat— „Da es für jede Claſſe Geſeze gibt,⸗ Aber dieſenigen. denen die Dper„die Beftrer⸗ vekannt iſt, *5 „ —— 10 . Doch der luſtigſte von ihnen all', In Laut, Corato und Madrigal, War der heitere Fränzmann— Claude du Val!“*) 5 Niemand leugnen kann. Doch kein Beutelſchneider hatt' das Lob Daß ſo fein er der Kutſchen Schäz' hob, Oder Taſchen leerte, wie der alte Mob.—**) Niemand leugnen kann. Als Hausdieb keiner gewandter war, Koffer zu machen des Inhalts baar, Wie Tom Cox mit ſeiner vortrefflichen Schaar!***) Wie Niemand leugnen kann. V. Kein fröhlicherer Burſch' im grünen Wald Rief je mit'nem Fluch dem Wand'rer Halt,“ werden aus den obigen Noten erſehen, daß der gelehrte Ton⸗ künſtler, welcher ſonſt die Muſik mit ſo viel Geſchick auf muntere lyriſche Gedichte anwendete, den charakteriſtiſchen Theil der Melodie, nämlich den Refrain„Was Niemand läugnen kann,“ verfehlt hat. Anm. eines Muſikfreundes. James Hind(der Fürſt der Diebe“)— ein ziemlich be⸗ kaunter rohaliſtiſcher Anführer, wurde im Jahr 1652 gehängt, gerädert und geviertheilt. Man erzählt ſich einige gute Ge⸗ ſchichten von ihm. Man ſagt, er habe Cromwell, Brodſchow, und Peters beraubt. Seine Anrede an den letzteren ſoll hauptſächlich erbauend geweſen ſein.„ Siehe Du Val's Leben von Dr. Pope, oder den glänzenden Lebensabriß,welchen Leigh Hunt im⸗tho Indicator“ von ihmgab. Wir können nicht viel zu Gunſten dieſes Würdigen ſagen, der eigentlich Thomas Simpſon hieß. Der Grund, warum er den obigen Spottnamen erhielt, wiſſen wir nicht anzu⸗ geben. Er war in der Wahl ſeiner Mittel, um ſich fremdes Eigenthum anzueignen, gerade nicht ſehr ſtrupulös. Man erzählt von ihm folgende Geſchichte.— Als er einſt eine Wittfrau beraubte, ſagte er zu ihr,„daß das Ende des Ge⸗ mahls einer Frau mit Thränen beginne— aber daß das Ende dieſer Thränen ein anderer Gemahl ſey⸗— worauf, ſagt ſein Geſchichtsſchreiber, die Edeldame ihm bei fünfzig Guineen gab. *) Tom war ein heiterer Burſche, und S nerieit verließ * 113 Wie der Teufelskerl, den man Holloway ſchalt! ²) Wie Niemand leugnen kann. VX. Und in Schelmerei'n keinem gab weich Ein Gettings und Grey voll pfiffger Streich', Nebſt den ſechs, die dem Neddy wic 4 zugleich* Wie Niemand leugnen kann. VU Reiner ein Schloß konnt öffnen ſo gut Wie Schephard, den ſie nahmen in Huth; Der die Schließer betitelte ſeine Brut!***) Niemand leugnen kann. Und kein Räuber zuvor je beſaß, (Die für Noth und Gefahr er auserlas,) ihn ſelbſt auf ſeinem Weg zum Galgen nicht; denn im Augenblick ehe er gehängt wurde, warf er Mr. Smith, den Geiſtlichen, und den Henker uper den Karren hinunter, wel⸗ cher Spaß natürlich keine geringe Senſation verurſachte. Von Holloway erzählt man ſich allerlei gute Geſchichtchen. Er ſchloß übrigens ſeinen Lebenslauf mit einem Mord. Es war ihm gelungen aus Newgate auszubrechen, kehrte jedoch wieder dahin zürück, um dem Verhore eines ſeiner Verbün⸗ deten anzuwohnen. Wie ihn nun hier ein gewiſſer Richard Spurling, der Schließer war, ergreifen wollte, ſchlug er ihm in Gegenwart des verſammelten Gerichtshofes den Schädel ein. Für dieſe Frevelthat wurde er im Jahre 1712 mit der höchſten Strenge des Geſetzes beſtraft. **) Wicks Abenteuer mit Madame Toly ſind höchſt luſtig. Dieſer Held war es, und nicht Turpin, wie man irrig be⸗ hauptet hat, der den gefeierten Lord Mahun anhielt. Je weniger man von Gettings und Grey, und den„ſechs“ ſagt, deſto beſſer iſt es. *** Man erzählt von Schephard.— Als ihm von Mr. Wagſtaff⸗ einem Caplan eine Bibel aufgedrungen wurde, lehnte ſie Jack mit den Worten ab;„daß in ſeiner Lage eine Feile mehr werth ſey, als alle Bibeln der Welt.“ Ein Herr⸗ welcher Newgate beſuchte, bat Schephard zum Eſſen, worguf dieſer erwiderte; daß er bald Gelegenheit haben werde, ihm ſeine Aufwartung zu machen. Wir glauben, daß er ſein Wort hieit. Nookwood I. 8 * — —————— 114 Eine Stute, wie Dick Turpin's ſchwarze Bas! Wie Niemand leugnen kann. „Ein Capitallied, bei allen Mächten!“ rief Titus, als Jack ſeinen Geſang geendigt hatte; aber ihr eng⸗ en Räuber ſind gar nichts im Vergleich mit unſern vries und Rapparens— gar nichts— dieſes find die wahren Gentlemen— fie waren die Burſche, welche mit Leichtigkeit eine Gurgel abſchnitten.“ „Pah!“ rief Jack mit Verachtung aus;„die Gentlemen, von welchen ich ſpreche, thaten Niemand etwas zu Leid, außer wenn ſie der Selbſtvertheidigung wegen hiezu genöthigt wurden.“ „Dieß kann ſein,“ erwiderte Titus;„ich will hierüber nicht ſtreiten— aber dieſe Rapparens waren treue Brüder der Klinge, und vollkommene Gentlemen. Ich will ihnen doch auch ein Lied ſingen, welches ich auf ſie machte. Indeſſen wollen wir die Flaſche ergeſſen— das Sprechen iſt ein zu trockenes Geſchäft— Ihr Diener, Doktor!“ fügte er bei, indem er dem ſchläfrigen Doktor zunickte. Und ſein Glas niederſetzend, ſang Titus folgende Ballade mit großer Munterkeit, deren Worte er der Melodie der Hayne des Teichs“ anpaßte. Dit Rapparens. . Mag England die Turpins und Shephards preiſend erhöh'n, *) Das Wort Tory, wie es hier gebraucht iſt, darf nicht ver⸗ wechſelt werden mit jenem, welches eine beſtimmte Partie in der politiſchen Welt bezeichnet. Es verſteht in dieſem Sinn nur einen Dieb im großen Maßſtabe, etwas mehr, ais„einen Schnapver nach Lapalien, oder einen kleinen Mauſer. Hiefur haben wir klaſſiſche Autoritäten.—„Tory ein Vertheidiger der abſoluten Monarchie, auch iriſcher Landſtreicher, Dieb oder Rapparsn.“ Großes Diktionary. 1.— d te m r, en ry er Seine Mulſaks und Cheneys und Swiftneks*) dieß iſt alles nur leeres Gedröhn, Verglichen mit Irlands Räubern, da halten ſi ie wahr⸗ lich nicht Stand, Denn ſolche Schurken gab's nie, wie in meinem eigenen and. LI. Zuerſt kommt Redmond O Hanlon; vor allen gebührt ihm ein Klang,**) *) Ein Kleeblatt berüchtigter Räuber, Swiftneck war, neben⸗ bei bemerkt, Capitän bei den iriſchen Dragonern. **) Redmond O'Hanlon war Irlands Räuber⸗König, und ſeine Thaten, von denen wirklich viele bemerkenswerth ſind, wür⸗ den für den Novelliſten einen eben ſo reichen Stoff geben, als ſie für den Balladenſänger Fhon waren. Einige davon findet man übrigens in einem kleinen Werkchen, welches den Titel„Geſchichte der Rapparens⸗führt, und zu Belfaſt hergus⸗ kam, ſehr hübſch erzählt. Auch ſind wir im Beſitz einer Leichenrede, weiche beim Begräbniſſe des„edeln uud berühm⸗ ten“ Henry St. John, Esg. gehalten wurde. Dieſer war nämlich von den Lolies(welche auch in dieſen Tagen noch ſo viel Unheil anrichten) getödtet und in der Leichenrede auch Redmonds Stwäßtiung geſchehen. Nach einer kurzen Beſchreibung des glücklichen Zuſtandes des nördlichen Irlands, ums Jahr 1680, ſagt der ehtwurdige Lawrence Power, der Verfaſſer der oben erwähnten Rede:„Nur etwas iſt unheil⸗ voll, und verdirbt ſo manches Gute, nämlich das Beſtehen einer Bande frecher, blutdürſtiger Banditen, welche dort Tories genannt werden. Dieſe haben ſich dort ſo feſt einge⸗ niſtet, daß ſie, bei dem Anhang, den ſie bei den Eingebornen und ſogar bei einigen Engländern(zu ihrer Schande ſei es geſagt) finden, eine Art Oberherrlichkeit in drei oder vier der nördlichen Grafſchaften ausüben, Das Haupt derſelben iſt ſchon ſeit vielen Jahren hindurch Redmond OHanlon, ein durchtriebener, gefährlicher Kerl, welcher, trotz dem daß er mit ſeiner ubrigen Bande für vogelfrei erklärt, und ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt wurde, dort immer noch herrſcht, und alles in Unterwürfigkeit erhält, und zwar ſo ſehr, daß er, was kaum geglaubt werden wird, in einem Jahre mehr Geld durch 2 Brundſchabung en, 4 la mode de France, erhebt, als die Pachtungen der tengt Ländereien und das Kamingeld aus⸗ machen, wodurch er auch in den Stand geſetzt iſt die Ge⸗ hülfen der Beamten, wenn nicht gar dieſe i() zu beſte⸗ . 116 Der in dem Bezirk von Ulſter das Banner der Rap⸗ parens ſchwang, Ein herrlicher Burſche war er, wie je Ihr einen erblickt', Im Spannen des Hahns, wie im Schwingen des Meſſers geſchickt. 6 r. Und dann die verwegene Schaar, die ihm als Beglei⸗ . tung gefiel, Meel, Mactigh, Jack Reilly, Schan Bernagh, Phil. Gal⸗ loge und Arthur O'Neal(O'Nöhl) Wo Lärmen und t ſ⸗ da waren die erſten ie g'wiß, Sie rapsten alles im zan darum man ſie Rapparens ieß.* IV. Dann Power, der Tory**) von Munſter, als Gentle⸗ man allweg bekannt, Jack Macpherſen von Leinſter, der ein Hufeiſen brach mit der Hand; chen.“ Es ſcheint alſo, daß die Agitation nicht blos ein Kind unſerer Tage ſei— ſondern, daß„das ſchönſte Land der Spiel iſt nur unter anderm Namen wieder aufgenommen— der einzige Unterſchied iſt der, daß wenn Redmönd O'Hanlon in unſerer Zeit gelebt haben würde, er nicht nur ein Land aus. geplundert, ſondern auch ein Parliment vertreten hatte⸗ Noch herrſcht der Geiſt der Rapparen, aber nicht mehr bei den Torys, wie wir fürchten. Wir empfehlen dieſe Bemerkung dem ernſtlichen Nachdenken derſenigen. welche ſo viel uber die Leiden der ſechs Millionen ſchwazen. *) Hier irrt ſich Titus ein wenig; er verwechſelte Urſache und Wirkung.„Sie wurden Rappgrens genannt,“ ſagt Mr. Ma⸗ lone, weil ſie mit einem kurzen Pike bewaffnet waren, welche in Irland den Namen Rapparen führt.“— Todd's Johnſon. **) Tory; ſo nannte man ſie nach dem Worte Toren,—„gebt mir Euer Geld.“— Todd's Johnſon. Welt⸗ ſtets das gleiche war und bleiben wird. Das alte. 3c ind der alte. der in s. tte⸗ ung ber und Ma⸗ ren, n. gebt n. den 117 Ein fröhlicher Burſch, dem ſelbſt der Tod war ein fröhlicher Kauf, Denn als man zum Galgen ihn führte, ſpielt ſelbſt er die Feldmuſik auf.*) V. Als nächſte find Paddy Flaming, Dick Balf und Mul⸗ honi genannt, Von denen ein jeder vortrefflich das Taſchenausleeren verſtand;z Den Vormännern ſolget Jemmy Carrick, dann Pur⸗ ney der drollige Schnack, Der beim Hornpfeifentanz zu Tyburn den Henker noch quält' um Tabak. VI. Paul Liddy, der lockige Tory, deſſen Kopf den Schand⸗ pfahl geziert, Und Billy Delany, dem als Sänger**)— wie keinem andern— die Ehre gebührt. *) Als er zum Galgen geführt wurde, ſpielte Jack eine hübſche Melodie eigener Compoſition, auf der Sackpfeife. Sie hat bis auf den heutigen Tag noch den Namen„Maepherſon's Lied.— Geſchichte der Rapparens. **)„Obgleich Delany ein ſo großer Schurke war, ſo bewegte er ſich dennoch ſehr anſtändig, war ein äußerſt unterhaltender Geſellſchafter und wußte ſich ſogar in der Geſellſchaft von Gentlemen zu benehmen. Er war ein politiſcher Schlau⸗ kopf(was bei einem ſolchen Stock⸗Tory nicht zu verwundern iſt) und würde es wohl weit gebracht haben, wenn er ſeine Zeit gehörig benützt und angewendet hätte. Er machte ver⸗ ſchiedene Lieder und componirte auch die Muſik dazu. Durch ſeine Kenntniſſe in der Muſik und ſeine gute Stimme hatte er auch die Gunſt der fahrenden Muſikanten erhalten, welche ihm allen nur möglichen Vorſchub leiſteten und manchen ink gaben.“ Geſchichte der Rapparens. Die Hinrichtung des„Sängers“ war ſehr merkwürdig.—„Als er vor den Gerichtshof gebracht wurde, um das Todes⸗Urtheil zu ver⸗ nehmen, ſo ſagte ihm der Richter, daß ihm ſeine Aeußerung⸗ es gebe keinen Strick in Irland, welcher im Stand ſei ihn 1¹⁸ Seinem Hals ward von einer Hexe die ſchüzende Salbe zu Theil, Daß ſeiner Kehle konnt' ſchaden kein hänfenes Seil. VM. Zuletzt kommt Cahir Na S ber gewandteſte Schuft überall, Der braucht' nur ein Wörtchen zu flüſtern, um zu locken das Roß aus dem Stall; Der Herr und der Knecht, die ſchützen das Thier nicht im eigenen Haus, Und erwiſcht es Cahir am Ohr, führt er es als ſichere Beute hinaus. VII. Drum Glück den Torys von Irland, von edlem und fröhlichem Schlag, Doch nennt ſie, und die beſten Räuber von England, nicht am nämlichen Tag; Und gält es, den Beweis h— wer höher iſt zu eiern— zu tödten, wohl bekannt ſei„Doch will ich einmal verſu⸗ chen,“ fuhr er fort,„ob es in Kilkennn keinen gibt, der ſtark genug iſt zu dieſem Geſchäft; man fährt eben ſo lange fort, bis man einen findet.“ Sodann befahl er dem Sheriff einen Strick herbeizuſchaffen und ſetzte Delany's Hiurichtung auf den andern Tag feſt. Der Sheriff wußte um die Prahlerei ſeiner Mutter, daß ihren Sohn kein Strick hängen könne, und er ſorgte daher(was dem Richter gleichfalls Recht war) für zwei Stricke; allein Delany riß ſie beide nacheinander entzwei Hierüber gerieth der Sheriff ganz in Wuth⸗ holte drei dicke Stricke, und legte ſie dreifach zufammen. Dieſe brachen nun nicht mehr! Und dennoch befurchtete der Sheriff, De⸗ lany möchte noch nicht todt ſein, ſtieß ihn dethalb mit einem Degen in die Fußſohlen, und hieb endlich den Strick los. Hierauf wurde der Leichnam nach dem Gerichts⸗Gebäude zu⸗ ruckgebracht, und blieb dort zwei Tage lang im Sarge gus⸗ geſtellt, bis der Richter und die Zuſchauer vollkommen be⸗ ruhigt darüber waren, daß er ſteif und todt ſei. Jetzt erſt gab man ſeinen Freunden die Erlaubniß, den Leichnam weg⸗ zunehmen und zu begraben! Geſchichte der Rapparens. * 1¹9 So wißt, vaß unſere Räuber find Torys, und Whigs ſind die Euern. cifi rief Jack, indem er auf den Tiſch opfte. „Wohl,“ ſagte Coates,„wir haben jetzt genug von den iriſchen Hochſtraßenrittern; aber wir haben bei uns einen Schuft dieſer Art, deſſen Sie nur ge⸗ legentlich erwähnt haben, und welcher ein größeres Aufſehen macht, als alle dieſe zuſammengenommen.“ „Wer iſt dieß?, fragte Jack etwas neugierig. „Dick Turpin, erwiderte der Advokat;„er ſcheint mir der Erwähnung eben ſo würdig, als alle Hinds, Vals, oder Rapparens, welche Sie aufgezählt aben.“ „Ich dachte nicht an ihn,“ erwiderte Palmer lã⸗ chelnd;„wäre es aber auch der Fall geweſen, ſo ver⸗ diente er doch kaum mit dieſen berühmten Männern auf gleiche Linie geſtellt zu werden.“ „Wie! rief Titus aus;„man ſagt mir, daß Tur⸗ pin den beſten Klepper in den vereinigten Königreichen habe, und in einem Tage weiter reiten könne, als mancher andere in einer ganzen Woche.“ „Dieß habe ich auch gehört,“ ſagte Palmer mit einem Blicke der Selbſtzuſriedenheit;„ich möchte wohl ein Mal mit ihm rennen. Ich ſchmeichle mir, nicht weit zurückzubleiben.“ „Ich möchte ihn wohl ein Mal ſehen,“ bemerkie us. „Ich auch, fügte Coates bei;„aber in der Ent⸗ fernung.“ 5 „Vielleicht kann der Wunſch beider Herrn erfüllt werden, bemerkte Palmer.„Man ſagt, daß es eben ſo viel ſei von dem Teufel, als von Dick Turpin zu ſprechen; er iſt an Ihrer Seite, ehe die Worte recht aus dem Mund gekommen ſind. Er hört Sie vielleicht 7 120 in dieſem Augenblick, denn wir wiſſen doch von allem nur das Gegentheil.“ „Bei meinem Leben!“ ſtieß Coates hervor,„ſagen Sie dieß nicht. Turpin in Yorkſhire! Ich dächte, er beſchränke ſeine Unternehmungen auf die Umgebungen der Hauptſtadt, und er habe den Forſt von Epping zu ſeinem Hauptquartier erwählt.⸗ „Dieß that er auch,“ erwiderte Jack;„allein die Höhle iſt nun leer. Die ganze Straße nach dem Norden, von dem Kreuz von Tottenham an, bis zu den Thoren von York iſt Dick's gegenwärtiger Tum⸗ melplatz; und der heilige Nikolaus allein weiß es, in welchem Theil deſſelben er am eheſten zu finden iſt. Er verändert ſeine Quartiere ſo oft und ſchnell wie ein Tartar; und derjenige, welcher ihn erblickt, kann vielleicht einen Tartaren*) fangen— ha— hal⸗ „Es iſt eine Schande für das ganze Land, daß ein ſolcher Schurke dem Strange ſo lange entwiſcht,“ entgegnete Cvates aufgebracht.„Die Regierung ſollte fichhhier in's Mittel legen. Soll denn das ganze Kö⸗ nigreich durch einen einzigen Hochſtraßenmann aufge⸗ regt werden?— Sir Robert Walpole ſollte dieſe Sache in ſeine eigenen Hände nehmen.“ „Poſſen!“ rief Jack aus, indem er ſein Glas leerte. „Ich habe über dieſen Gegenſtand ſchon einen Brief an den Herausgeber der„geſunden Vernunft⸗ geſchrieben,“ ſagte Cvates,„worin ich meine Meinung unverholen ausgeſprochen habe: und ich wiederhole es; es iſt eine Schande, daß ein ſolcher Schurke ſo lange geduldet wird.⸗ „Sie haben vermuthlich Ihren Brief nicht gerade bei ſich, ſagte Jack,„ſonſt möchte ich wohl um das Vergnügen bitten, ihn hören zu dürfen?— Ich kenne —— *) Tartar im Engliſchen Tartar und Hölle, Der Ueberſ. 12¹ die Zeitſchrift nicht, von welcher Sie ſprechen;— ich leſe„Fogs*) Journal.““ „Dieß dachte ich mir,“ erwiderte Coates höhniſch; „dieß iſt auch der Grund, warum Sie ſo leicht hinter⸗ gangen werden können.— Glücklicherweiſe habe ich jedoch das Papier in meiner Taſche: und Sie ſollen meinen Aufſatz ſogleich hören. Hier iſt es,“ fügte er bei, indem er eine Zeitung herausholte.„Ich werde meine einleitenden Bemerkungen weglaſſen, und ſogleich zur Hauptſache übergehen.“ „Thun Sie dieß,“ ſagte Jack. „Ich danke Gott,“ begann Coates mit wichtiger Stimme,„daß ich in einem Lande geboren wurde, welches früher die Römer, in ihrem Geiſte für das Staatswohl, nachgeahmt haben; wie dieß ſeine Erobe⸗ rungen in fremden Welttheilen, und ſeine innern Kämpfe für die Freiheit beweiſen.“ „Was hat denn aber alles dieß mit Dick Turpin zu ſchaffen?“ unterbrach ihn Jack. „Sie werden gleich hören,“ erwiderte der Advo⸗ kat—„keine Unterbrechung, wenn es Ihnen beliebt.“ Allein dieſer edle Grundſatz,“ fuhr er mit großem Nachdruck fort,„iſt meiner Anſicht nach gegenwärtig, obwohl nicht gänzlich vergeſſen, doch nicht ſo lebendig, wie er es bei einer, auf ihre Freiheit ſo eiferſüchtigen, Nation ſein ſollte.“ „Gut!“ rief Jack aus.„In dieſer Bemerkung liegt mehr als„geſunde Vernunft,“ Mr. Evates.“ „Mein Vorwurf,“ las Covates weiter,„gründet ſich auf eine Begebenheit aus der neuſten Zeit. Ich meine nämlich das öffentliche und ungeſtörie Treiden des berüchtigten Turpin, welcher ſolche Räubereien verübt, wie ſie ſchon ſeit langen Jahren nicht mehr erlebt worden find, und die Unverſchämtheit und Frech⸗ heit ſo weit treibt, ſogar einzelne Perſonen zu bedro⸗ — * Fog, dicker Nebel. Der ueberſ. 122 hen, und dadurch ſowohl für das Leben, als für das Vermögen des engliſchen Volks gefährlich wird.“ „Es kommt immer beſſer,“ ſchrie Jack mit einem ungemäßigten Gelächter.—„Ich bitte, fahren Sie fort, mein Herr⸗“ „Daß ein Kerl, von welchem das ganze König⸗ reich weiß, daß er ein Dieb iſt,“ fuhr Coates fort, „ſo lange fortfahren kann uns zu berauben, und nicht allein uns zu berauben, ſondern ſogar ſein Spiel mit uns zu treiben.“ „Ha— ha— ha— ganz köſtlich!— entſchuldi⸗ gen Sie mich, mein Herr,“ keuchte Jack, welcher lachte, daß ihm die Thränen an den Wangen herabliefen, „bitte, bitte, fahren Sie fort.“ „Ich finde da nichts zu lachen,“ erwiderte Cvates etwas beleidigt;„ich werde übrigens meinen Brief vollends ausleſen, da ich ihn einmal angefangen habe“ —„nicht allein uns zu berauben, ſondern ſogar ſein Spiel mit uns zu treiben, die Geſetze zu verhöhnen, und über die Gerechtigkeit ſich luſtig zu machen, dieß beweist einen Mangel an Gemeingeiſt, welcher jedes einzelne Mitglied der Geſellſchaft für das öffentliche Unglück intereſſiren, und nach der Ehre geizen laſſen ſollte, einen ſolchen anerkannten Räuber aus der Ge⸗ ſellſchaft zu vertilgen, da er ſein langes Glück keiner andern Urſache als ſeiner unbegränzten Unverſchämt⸗ heit, und der Trägheit und Feigheit derjenigen zu ver⸗ danken hat, welche ihn in die Hände der Gerechtigkeit bringen ſollten.“—„Ich will nicht läugnen,“ fuhr Coates fort,„daß ich geheime politiſche Abſichten da⸗ bei hatte, als ich dieſen Brief ſchrieb, da ich ein eifri⸗ ger neuer Whig bin. Deſſen ungeachtet, meine Grund⸗ ſätze auch bei Seite geſetzt—“ „Ganz recht,“ bemerkte Jack,„ihr Whigs, neu oder alt, ſetzt immer eure Grundſätze bei Seite.“ „Wenn ich auch die politiſchen Anſichten, zu wel⸗ chen ich mich bekenne, bei Seiten ſetze,“ fuhr Coates, 123 die Unterbrechung nicht beachtend, fort,„dennoch wie⸗ derhole ich, daß ich meinen ganzen Stolz darein ſetze, dieſen modernen Cacus— dieſen Autolycus des acht⸗ zehnten Jahrhunderts zu vertilgen.“ „Und durch welche Mittel glauben Sie denn zum Zweck zu gelangen?“ fragte Jack;„denn ich vermuthe, daß Sie dieſen„Muß uns ſchlagen,“ wie ſie an einer Stelle in der Zeitung ihn nennen, doch nicht ſelbſt ein⸗ zufangen hoffen.“ „Ich habe die Gewohnheit mein Herr, meine Geheimniſſe für mich zu behalten,“ erwiderte Coates ſchnippiſch;„und um offen mit Ihnen zu reden, ich hoffe die ganze Belohnung für mich ſelbſt zu erhalten.“ „Wie! iſt denn auf die Einfangung Turpin's ein Preis geſetzt?“ fragte Titus. „Nicht weniger als zweihundert Pfund,“ antwor⸗ tete Cvates;„und dieß iſt keine Kleinigkeit, wie Sie wohl beide zugeben werden. Haben Sie denn die Erklärung des Königs nicht geſehen, Mr. Palmer?“ „Ich, nein;“ erwiderte Jack mit erheuchelter Gleich⸗ gültigkeit.. „Ich eben ſo wenig,“ fügte Titus etwas neugie⸗ rig bei;„haben Sie dieſelbe vielleicht bei ſich?“ „Ich führe ſie immer bei mir,“ erwiderte Cvates, „damit ich ſie im Fall der Noth gleſch benützen kann. Mein Vater war ein berühmter Diebsfänger. Er er⸗ griff den Spicket und Chriſtopher, oder Keit Cvates, wie man ihn im vertrauten Umgange nennt, Child, und noch ein halbes Dutzend andere; und Fox hatte die Beſchreibung derſelben ſtets in ſeiner Taſche. Ich bemühe mich, in die Fußſtapfen meines würdigen Va⸗ ters zu treten. Ich hoffe, mich durch die Feſtnehmung Turpins bekannt zu machen. Beiläufig,“ fügte er bei, Palmer näher anblickend,„es ſcheint mir, daß Turpin Ihnen ziemlich ähnlich ſehen müſſe, Mr. Palmer?“ „Mir ähnlich,“ ſagte Jack, den Coates ſchief an⸗ 124 ſehend—„mir ähnlich— wie ſoll ich Sie verſtehen Herr, he?“ „Keine Beleidigung— durchaus keine, mein Herr — ah! halten Sie; Sie werden es mir gewiß nicht übel nehmen, wenn ich eine kleine Vergleichung mit der Beſchreibung anſtelle. Dieß kann Ihnen keinen Kummer verurſachen— Niemand würde Sie für einen Hochſtraßenmann halten— gar Niemand,— ha! ha! Auffallende Aehnlichkeit— he, he. Dergleichen Sachen kommen oft vor— obgleich nicht ſehr oft. Doch hier iſt Turpins Beſchreibung in der Zeitung, 28. Juni, im Jahr 1737.„Da dem Könige gemeldet wurde, daß Richard Turpin am Dienstag den 4. Mai auf Sr. Majeſtät Straße Vavaſour Mowbray, Esq, Ma⸗ jor bei dem 2. Regiment der Grenadiere zu Pferd, beraubte—(iener Major Mowbray iſt, nebenbei ge⸗ ſagt, ein Neffe des verſtorbenen Sir Piers, und Vet⸗ ter des gegenwärtigen Baronet)— und noch andere Frevel und Räubereien in der Nähe von London be⸗ ging, ſo gefällt es Sr. Majeſtät, jedem ſeiner Mit⸗ ſchuldigen Verzeihung, und eine Belohnung von zwei⸗ hundert Pfunden jeder Perſon zu verſprechen, welche entdeckt, damit er ergriffen und überführt werden ann.“ ⁰ „Potz Tauſend,“ rief Titus aus,„eine ſchöne Be⸗ lohnung!— Ich möchte wohl dieſen Turpin ergreifen,“ fügte er bei, indem er Palmern auf die Schulter klopfte. —„Ich wünſchte, er wäre in dieſem Augenblick an Ihrer Stelle.“ „Ich danke Ihnen!“ erwiderte Palmer, ſeinen Seſſel wegſchiebend. „Turpin,“ fuhr Coates fort,„wurde geboren zu Thackſted in Eſſex und iſt ungeſähr dreißig Jahre alt“ —„Sie, mein Herr, ſind nach meiner Meinung auch etwa dreißig;“ fügte er, gegen Palmer ſich wen⸗ dend, bei. 125 „So ungefähr,“ ſagte Jack trotzig;„was hat denn aber mein Alter mik dem Turpins zu ſchaffen?“ „Nichts— gar nichts,“ antwortete Coates— „erlauben Sie übrigens, daß ich weiter mache“— „iſt von Profeſſion ein Metzger“—„Sie mein Herr, nie etwas mit dieſem Geſchäft zu⸗ thun, wie ich glaube.“ „„Ich weiß ſo ungefähr wie man ein läſtiges Kalb zur Ruhe bringt,“ entgegnete Jack.„Aber Turpin iſt, obgleich als Fleiſcher beſchrieben, ſo viel ich weiß, der gerade Abkömmling eines großen franzöſiſchen Erz⸗ biſchoffs deſſelben Namens.“ „Desjenigen, welcher die Geſchichte jenes könig⸗ lichen Räubers, Carls des Großen, ſchrieb; ich kenne ihn,“ erwiderte Coates—„ein ſchrecklicher Lügnerl! — Der moderne Turpin iſt ungefähr fünf Fuß, neun Zoll groß,“—„genau Ihre Größe, mein Herr!— ganz genau!“ „Ich bin fünf Fuß, zehn Zoll,“ antwortete Jack, indem er ſich ſtracks erhob. „Sie haben alſo einen Zoll zu Ihren Gunſten,“ entgegnete der ruhige Advokat, in ſeiner Prüfung lang⸗ ſam fortfahrend—„er hat ein braunes Geſicht, auf welchem Pockennarben ſich vorfinden.“ „Mein Geſicht iſt blühend, meine Haut ohne eine Narbe,“ ſagte Jack. „Dieſer Bart könnte etwas verdecken,“ erwiderte Cvates mit einem Grinſen.—„Niemand trägt hent zu Tag einen ſolchen Bart, als ein Hochſtraßenmann. „Mein Herr,“ ſagte Jack zornig,„Sie werden perſönlich.“ „So war es nicht gemeint,“ erwiderte Cvates; „aber Sie müſſen doch zugeben, daß die Beſchreibung auffallend zutrifft. Hören Sie mich nur vollends zu Ende“—„ſeine Backenknochen ſind breit— ſein Wuchs iſt ſchlank— ſein Geſicht kurz— er geht ſehr aufrecht— und hat breite Schultern—,“„Ich be⸗ 126 rufe mich jetzt auf Mr. Tyrconnel, ob dieß alles nicht Ihr Porträt gibt.“ „Berufen Sie ſich nicht auf mich,“ ſagte Titus haſtig,„bei einer ſo zarten Sache. Ich könnte nicht ſagen, daß ich es billige, wenn man einen Gentleman mit einem Hochſtraßenmann vergleicht— wenn es aber je einen Hochſtraßenritter gab, ſo wünſchte ich, daß ſie alle entweder Redmond O'Hanlon oder Richard Tur⸗ pin geglichen hätten; der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, welcher von den beiden der größte Schelm war! „Nun, Mr. Palmer,“ ſagte Coates,„ich wieder⸗ hole noch ein Mal, daß ich nicht beleidigen will— aber die Aehnlichkeit iſt auffallend. Man ſagt, ich gleiche meinem Lord North, ob dieß wahr iſt oder nicht, weiß der Herr. Wenn ich aber je dem Turpin begegne, ſo will ich an Sie denken— he— he. Ach! wenn ich je das Glück haben ſollte auf ihn zu ſtoßen — ich habe einen Plan zu ſeiner Gefangennehmung, welcher nicht fehlſchlagen kann— nur muß ich denſel⸗ ben zu Geſicht bekommen, ſonſt braucht es weiter nichts.„ Sie werden ſehen, was ich mit ihm anfange.“ „Gut, mein Herr, wir werden ſehen,“ bemerkte Palmer;„und um Ihretwillen wünſche ich Ihnen, daß Sie ihm nie näher kommen möchten, als Sie es in dieſem Augenblicke find. Man ſagt, daß Dick Turpin mit ſeinen Freunden ſo friedlich ſei wie ein Lamm; mit ſeinen Feinden aber, hauptſächlich mit einem Manne des Geſetzes wie Sie, garſtig umzugehen pflege. Ich ſah ihn ſchon ein Mal, wie ich Ihnen ſagte, in New⸗ market, wo er von zwei Conſtable geführt wurde. Den einen warf er auf die Seite, dem andern gab er mit ſeiner ſchweren Peitſche einen Schlag in's Geſicht, ſteckte ſeinem Gaul die Sporen in die Rippen, und war bald außer aller Gefahr, obgleich die ganze Verſammlung ihm nachſtürzte.“ „Und wie kam es denn, daß Sie ihre Schnellig⸗ [* 127 keit nicht mit ihm maßen, wie Sie doch ſo eben den Wunſch ausdrückten?“ fragte Coates. „Ich that es auch, und war ihm näher, als alle andern. Ich war beinahe an ſeiner Seite. Ich war die einzige Perſon, welche ihn den Händen der Ge⸗ rechtigkeit hätte ausliefern können, wenn ich Luſt dazu gehabt hätte.“ „Wetter noch einmal!“ rief Cvates;„wenn ich eine ſolche Gelegenheit hätte, ich ſuchte ihn um jeden Preis zu fangen. Entweder er oder ich ſollte zuerſt an den Pfahl kommen. Ich würde ihn todt oder le⸗ bendig greifen.“ „Sie den Turpin greifen!“ rief Jack höhniſch. „Ich verpflichte mich, es zu thun,“ erwiderte Cvates.„Ich will mit Ihnen hundert Guineen wet⸗ ten, daß ich ihn greife, wenn ich die nämliche Gele⸗ genheit dazu habe.“ „Es gilt!“ rief Jack aus, indem er zu gleicher Zeit auf den Tiſch ſchlug, daß die Gläſer auf demſel⸗ ben tanzten. „Dieß iſt recht,“ ſchrie Titus,„bei mir gilt es die Hälfte.“ „Was gibt es— was gibt es?“ ſagte Small, der aus ſeinem Schlaf auffuhr. „Nur eine kleine Wette auf einen Hochſtraßen⸗ mann,“ erwiderte Titus. „Einen Hochſtraßenmann!“ rief Small aus.„He! Eis es wird doch hoffentlich in dieſem Hauſe keiner ein.“ „Ich hoffe nicht,“ antwortete Coates.„Aber die⸗ ſer Herr da hat die Vertheidigung des berüchtigten Fis Turpin auf eine ſo auffallende Weiſe geführt, 0— „OQuod factu foedum est, idem est et Dictu Turpe,“ entgegnete Small.„Je weniger man über dieſen Schurken ſpricht, deſto beſſer iſt es.“ „Dieß iſt auch meine Anſicht,“ erwiderte Jack. 128 „Sie haben ganz Recht, mein Herr— wäre Dick hier, ſo würde er gewiß die Freiheit haben, ſich zu verſtecken.“*) Jedes weitere Geſpräch wurde durch das plötzliche Oeffnen der Thüre abgeſchnitten, durch welche ein ſchlanker, hochgewachſener Jüngling hereintrat, welcher haſtig auf den Tiſch zuſchritt, um welchen die Geſell⸗ ſchaft herumſaß. Sein Erſcheinen erregte bei der gan⸗ zen Gruppe das größte Erſtaunen. Neugierde war in jedem Geſichte ausgedrückt— Palmer, welcher eben trinken wollte, hielt ſein Glas mitten in ſeinem Wege unwillkührlich an.— Doktor Small verbrannte ſich den Daumen am Pfeifenkopf; und Mr. Cvates erſtickte beinahe an einer ungeheuren Rauchwolke, welche er einſchluckte. „Der junge Sir Ranulph!“ ſtieß er hervor, ſo⸗ bald er wieder zu ſich gekommen war. „Sir Ranulph hier!“ ſprach Palmer im Echo nach, und ſtand auf. „Engel und Geiſtliche!“ rief Small aus. „Potz Tauſend!“ ſchrie Titus mit theatraliſchem Blick;„dieß iſt über meine Erwartung.“ „Meine Herrn,“ ſagte Ranulph,„laſſen Sie ſich durch meine unerwartete Ankunft durchaus nicht ſtören. Doktor Small, Sie werden die Art meines Eintritts entſchuldigen, und auch Sie, Mr. Cvates. Einer dieſer Geſellſchaft war, ſo viel ich weiß, der ärztliche Bei⸗ ſtand meines Vaters, Mr. Tyrconnel.“ „Ich hatte die Ehre,“ erwiderte der Irländer mit einer tiefen Verbeugung.„Ich bin Titus Tyrconnel, Sir Ranulph, Ihr unterthäniger Diener.“ „Wann, und zu welcher Stunde hauchte mein Vater ſeinen letzten Athem aus, mein Herr?“ fragte Ranulph. ²) Engliſches Wortſpiet, welches ſich auf die eigene Art grün det, mit welcher die Engländer das eiſh eeen er Ueberſ. telte ſeinen Leib. Einen Augenblick la 1²9 „Der arme Sir Piers,“ aniwortete Titus unter wiederholten Verbeugungen,„ſchied letzten Donnerstag aus dieſem Leben.“ „Die Stunde?— die Minute? fragte Ranulph ungeſtümm. „Traun, Sir Ranulph, ſo viel ich mich zu erin⸗ nern weiß, ſo mochte es wohl einige Minuten vor Mitternacht ſein.“ „Dieſelbe Stunde!“ rief Ranulph aus, indem er gegen das Fenſter zuſchritt. Seine Schritte wurden gehemmt, als ſein Auge auf den Anzug ſeines Vaters fiel, welcher, wie ſchon früher bemerkt wurde, an dem Ende des Zimmers hing. Ein leichter Schauder ſchüt⸗ ng ſtarrte Ra⸗ nulph die Kleider an.„Auch dieſelbe Kleidung!“⸗ mur⸗ melte er; hierauf wendete er ſich gegen die Geſellſchaft, welche ſeinen Bewegungen mit Erffaunen folgte, und ſagte zu Small:„Boktor ich habe Ihnen etwas allein zu ſagen. Wollen Sie das Zimmer auf einige Mi⸗ nuten verlaſſen, meine Herrn?“ „Auf meine Ehre⸗ ſagte Tyrconnel zu Jack Pal⸗ mer, als Sie das Sankium verließen,„ein mächtig feiner Junge iſt doch dieſer Ranulph! und ein Span von dem alten Block!— er wird ein eben ſo guter Kerl ſein, wie ſein Vater.“ „Ohne Zweifel,“ erwiderte Palmer, indem er die Thüre zumachte.„Aber was der Teufel führte ihn denn noch gerade zur rechten Zeit zurück?“ Rookwyod J. 9 130 Siebentes Kapitel. ———— Ranulph Rookwood. Fer. Ja, Franzisko.. Er ſchleuderte den Fluch auf mich⸗ Franz. 2 Wie Fer. Ja, ſeinen Au begreifſt Du, was a eißt, — Geſprochen von des Vaters Groll? Wenn ich Die arme Feliſerda nicht aus mei⸗ nem Herzen reiße, So hinterläßt er mir als Erbtheil nur den Fluch. Die Brüder.— Shirley. „Es iſt Niemand mehr hier. Ich glaube, theurer junger Freund, und ehemaliger Pflegſohn,“ ſagte Dok⸗ tor Small, nachdem die Thüre geſchloſſen war„daß Ihr Geiſt unter dem Kummer leidet, welcher die na⸗ türliche Folge eines ſo großen Unglücks, wie das ge⸗ genwärtige, iſt. Verzeihen Sie mir, wenn ich zu ſtreng urtheile. Sie wiſſen, welches Intereſſe ich immer an Ihnen nahm— ein Intereſſe, welches ſich nicht ver⸗ mindert hat, und meine Bitte, ihr Herz mir auszu⸗ leeren, entſchuldigen wird. Welcher Art auch Ihre Mittheilungen ſein mögen, ſo verſichere ich Sie zum Vor⸗ aus meiner innigſten Theilnahme und meines herzlich⸗ ſten Bedauerns. Ich bin eher im Stande Ihnen ra⸗ thend beizuſtehen, wenn dieß nöthig ſein ſollte, als andere, da ich Ihren Charakter und Ihr Temperament genau kenne. Ich ſetze nichts Böſes voraus, und bin vielleicht unnöthigerweiſe argwöhniſch; aber ich geſtehe es, die Zerſtörung in Ihrem Geſichte, ſo wie Ibr plötz⸗ liches und beinahe geheimnißvolles Erſcheinen zu dieſer traurigen Stunde, erſchreckt mich. Antworten Sie mir; war Ihre Rückkunft Sache des bloßen Zufalls?„ X X SN* —— 131 muß man ſie als eine jener unerklärlichen Begeben⸗ heiten betrachten, welche man beinahe für ein Schick⸗ ſal anſehen muß, und die unſere Vernunft zu Schan⸗ den machen? oder waren Sie vielleicht näher bei der Heimath als man glaubte, und erhielten die Nachricht von dem Hinſcheiden Ihres Vaters durch eine uns un⸗ bekannte Quelle? Ich bitte Sie darum, befriedigen Sie meine Neugierde hierüber.“ „Ihre Neugierde, mein theurer Herr,“ erwiderte Ranulph ernſt und traurig,„wird ſich nicht vermin⸗ dern, wenn ich Ihnen ſage daß meine Zurückkunft we⸗ der das Werk des Zufalls war,(denn ich kam im Vorgefühl des traurigen Ereigniſſes, welches ich ver⸗ wirklicht finde) noch durch eine Nachricht von Ihrer, oder einer andern Seite her, veranlaßt worden iſt. Erſt bei meiner Ankunft hier erhielt ich die volle Be⸗ ſtätigung meiner Befürchtungen. Ein anderer, weit ſchrecklicherer Ruf forderte mich zur Heimkehr auf.“ „Was für ein Ruf?— Sie machen mich beſtürzt!“ rief Small aus, indem er ſeinem jungen Freunde ah⸗ nungsvoll ins Geſicht ſah. „Ich ſelbſt war beſtürzt,“ entgegnete Ranulph. „Ich habe vieles zu erzählen; aber ich bitte, hören Sie mich bis zu Ende an. Ich habe etwas auf dem Herzen, welches, wie eine Schuld, demſelben abgenom⸗ men werden muß.“ „Sprechen Sie ohne Furcht,“ ſagte Small, indem er Ranulphs Hand liebevoll drückte;„und ſeien Sie zum Voraus meiner innigſten Theilnahme verſichert.“ „Es wird nöthig ſein,“ begann Ranulph,„mei⸗ ner Erzählung eine kleine Beziehung auf ſchmerzliche Ereigniſſe(und noch jetzt weiß ich nicht, warum ich fie ſchmerzlich nenne, ausgenommen wegen ihren Fol⸗ gen) vorherzuſchicken, welche auf mein Benehmen bei der letzten Zuſammenkunft zwiſchen Vater und Sohn Einfluß hatten— einer Zuſammenkunft, welche meine Abreiſe nach dem Continent veranlaßte ſo ſchreck⸗ 16 132 licher Art war, daß ich nicht mehr auf dieſelbe zurück⸗ 8 kommen würde, wenn ſie nicht eine nothwendige Ein⸗ leitung zu dem Ereigniſſe bildete, welches ich Ihnen mitzutheilen im Begriff bin. 3„Nachdem ich Orford verlaſſen hatte, brachte ichh einige Wochen in London zu. Ein Univerfitätsfreund,» welchem ich zufälligerweiſe begegnete, ſtellte mich wäh⸗ 3 rend eines Spaziergangs in dem St. James Park einer ihm bekannten Familie vor, die ſich zur gleichen Zeit 1 in demſelben erging.— Dieſe Familie, deren Namen Mowbray war, beſtand aus einer Wittwe, ihrem Sohn, und ihrer Tochter. Dieſe Vorſtellung war auf meine eigene Bitte geſchehen. Ich war erſtaunt über die Schönheit der jüngern Dame, deren Geſicht einen eige⸗ nen und unerklärbaren Reiz für mich hatte, denn es glich dem Porträt der Lady Eleonore Rookwood, bei deren Reizen, und unglücklichem Geſchick ich ſo oft ver⸗ weilte, und ſie bemitleidete. Hier iſt das Gemälde,“„ 11 fuhr Ranulph fort, indem er auf daſſelbe hinwies; 1„ſehen Sie daſſelbe an, und Sie haben das Weſen, von welchem ich ſpreche, vor ſich; die Farbe der Haare — das ſanfte Feuer der Augen. Nein— der Aus⸗ 17 druck iſt nicht ſo ſchwermüthig, ausgenommen wenn— 3 iſt gleichgültig; ich erkannte die Züge ſo⸗ gleich. „Ich erſtaunte, daß beim Nennen meines Namens die Geſellſchaft, hauptſächlich aber die ältere Dame, einige Verwunderung äußerte. Ich für meinen Theil 1 war durch die Schönheit der Tochter, deren Eindruck„ 1 auf mich eher die Erfüllung eines vorherbeſtimmten 1 Ereigniſſes ſchien, das in der auffallenden Bezauberung, welches das Familien⸗Porträt auf mein Herz hervor⸗ gebracht hatte, ſeinen Grund haben mochte, als die Wirkung deſſen, was man Liebe beim erſten Anblick nennt, ſo ſehr gefeſſelt, daß ich die Aufregung der Mutter durchaus nicht bemerkte. Ich verſuchte vergeb⸗ lich, meine Faſſung wieder zu gewinnen; ich konnte . — — — — M N B 133 nicht ſprechen— alles, was ich thun konnte, war das, die ſüße Zauberkraft dieſer ſchmachtenden Augen ein⸗ zuſaugen. Je länger ich ſie betrachtete, deſto höher ſtieg meine Bewunderung. „Ich begleitete ſie nach Haus. Wie durch einen unwiderſtehlichen Zauber gefeſſelt, konnte ich mich nicht wegbegeben; ſo daß ich es wagte, obgleich ich Zeichen des Mißvergnügens in den Augen der Mutter und des Sohnes zu erblicken glaubte, unbekümmert um die Fol⸗ gen, uneingeladen in das Haus einzutreten. Um den Zwang zu entfernen, welchen, wie ich wohl fühlte, meine Anweſenheit verurſachte, fand ich es unumgäng⸗ lich nothwendig, meine Schüchternheit abzulegen, und alle Künſte der geſellſchaftlichen Unterhaltung anzuwen⸗ den. Ich hatte mich auch eines ſo günſtigen Erfolgs zu erfreuen, daß das Geſpräch bald belebt und fröh⸗ lich wurde; und was mich am meiſten entzückte, war das, daß ſie, wegen welcher ich dieſe Unhöflichkeit be⸗ gangen hatte, zu lächeln anfing. Ich bemühte mich aufs Eifrigſte, eine Aufklärung über die Aehnlichkeit, von welcher ich ſo eben geſprochen, herbeizuführen, und der günſtige Augenblick hiezu war nach meiner Meinung gekommen. Ich machte auf einen eigenthüm⸗ lichen Ausdruck in den Zügen der Miß Mowbray auf⸗ merkſam, und ſprach ſodann von der Aehnlichkeit, welche zwiſchen ihr und meiner Ahnfrau herrſcht.„Es iſt dieß um ſo auffallender,“ ſagte ich, indem ich mich an ihre Mutter wandte,„da keine Verwandtſchaft zwiſchen denſelben beſteht, ſo viel ich weiß; und doch iſt die Aehnlichkeit in der That frappant.“—„Es iſt nicht ſo auffallend, wie Sie glauben,“ antwortete Mrs. Mowbrah,„es beſteht ſogar eine ſehr nahe Verwandt⸗ ſchaft. Jene Lady Rookwvod war meine Mutter. Eleonore Mombray gleicht ihrer unglücklichen Groß⸗ mutter.“ „Worte vermögen mein Erſtaunen nicht auszu⸗ vrücken. Ich blickte Mrs. Mowbray an, ob ich ſie 134 denn auch richtig verſtanden habe oder nicht— ob dieſe Worte nicht die Wirkung meiner Einbildungskraft ſeien, um meinen raſchen und leidenſchaftlichen Ideen damit zu ſchmeicheln. Doch nein! ich las in ihrem ruhigen, gefaßten Geſicht, in dem niedergeſchlagenen Blick, und der plötzlichen Traurigkeit Eleonorens powohr, als auch ₰ in dem plötzlich veränderten und ſtolzen Benehmen des Bruders, daß ich richtig gehört hatte. Eleonore Mow⸗ bray war meine Baſe— der Sproße jenes unglück⸗ lichen Weſens, deſſen Bild ich beinahe angebetet hatte.“ „Nachdem ich mich von meinem Erſtaunen erholt hatte, wandte ich mich an Mrs. Mowbray, und ſuchte meine Unkenntniß der Verwandtſchaft damit zu ent⸗ ſchuldigen, daß man mir den Namen jenes Herrn nicht mitgetheilt habe, welchen ſie geheiratet.„Es war dieß auch nicht der Name,“ antwortete ſie,„welchen er da⸗ mals in Rookwood trug; die Umſtände verboten dieß. Von der Stunde an, in welcher ich das Haus verließ, bis zu dieſem Augenblick, habe ich, mit Ausnahme einer Zuſammenkunft mit meinem— mit Sir Reginald Rook⸗ wood— Niemand von meiner Familie geſehen— bin in keiner Verbindung mit derſelben geſtanden— meine Brüder waren mir fremd— ſelbſt den Namen Rook⸗ wood hörte man nicht, kannte man nicht; auch würden Sie hier nicht aufgenommen worden ſein; wenn es der Zufall nicht ſo gewollt hätte.“ Ich wagte es ſie zu unterbrechen, und die Hoffnung auszuſprechen, daß ſie eine Bekanntſchaft auch ferner noch dulden werde, welche ſo glücklich begonnen habe, und vielleicht das Mittel zur vollkommenen Ausſöhnung der beiden Fa⸗ milien werden könne. Ich ſprach mit ſolcher Wärme, da meine ganze Seele mitredete, daß ſie mir endlich 1 geneigteres Gehör ſchenkte. Auch Eleonore lächelte 3 mir Aufmunterung zu. Die Liebe gab mir Beredt⸗ 3 ſamkeit; und endlich reichte mir Mrs⸗ Mowbray, als Beweis meines Erfolgs und ihrer Erweichung, die —— 135 Hand; ich drückte ſie innig. Dieß war der glücklichſte Augenblick meines Lebens. „Ich will Sie mit keiner weitſchweifigen Beſchrei⸗ bung Eleonorens Mowbray quälen. Ich hoffe, daß Sie ſie früher oder ſpäter ſelbſt ſehen werden und be⸗ urtheilen können; denn obgleich ſeither widrige Um⸗ ſtände uns entfernt von einander gehalten haben, ſo hoffe ich doch, daß die Zeit zur Erneuerung unſerer Bekanntſchaft fich naht; denn noch habe ich nicht alle Hoffnung aufgegeben. Aber dieß werden Sie mir zu ſagen erlauben, daß die ſeltene Schönheit ihrer Perſon noch durch die Reize ihres Geiſtes übertroffen wird.“ „Im Auslande erzogen, hat ſie die ganze Lebhaf⸗ tigkeit unſerer fröhlicheren Nachbarn, und vereinigt damit alle die edleren Eigenſchaften, auf welche wir, als die uns eigenthümlichen, Anſpruch machen. Ihr leichtes und munteres Weſen iſt ächt franzöſiſch; aber ihr liebenswürdiges, offenes Herz iſt wahrhaft engliſch. Der ausländiſche Accent, mit welchem ſie ihre Worte betont, verleiht ſogar ihrer Sprache bei der Unterhal⸗ tung einen unerklärbaren Reiz.“ „Ich will mich jedoch bei dieſem Gegenſtande nicht zu lange aufhalten. Ich ſchäme mich meiner Weit⸗ ſchweifigkeit. Und doch bin ich überzeugt, daß Sie mir dieſelbe vergeben. Ach! jene ſchönen, kurzen Tage! zu ſchnell flohen ſie dahin! ich könnte mich über jede Mi⸗ nute verbreiten— jedes Wort wieder erzählen— je⸗ den Blick wieder herbeirufen. Es kann nicht ſein— ich muß darüber wegeilen. Trübere Tage warteten meiner.“ „Meine Liebe machte reißende Fortſchritte; jede Minute machte mich verliebter in meine neu aufgefun⸗ dene Baſe. Meine ganze Zeit brachte ich in ihrer Nähe zu; ich konnte in der That kaum ohne ſie leben. Nur kurze Zeit ſollte mir aber dieſe Wonne vergönnt ſein, Eine glückliche Woche war herum. Ich erhielt — 136 von meinem Vater den gemeſſenen Befehl, nach Haus zurückzukehren.“ „Sogleich, nachdem ich dieſe Bekanniſchaft gemacht, hatte ich nämlich meinem Vater geſchrieben, und ihn mit allen Einzelheiten des Vorgangs genau bekannt gemacht. Ich hätte es zwar ſchon aus eigenem Antrieb gethan, wurde aber auch noch durch Mrs. Mowbray hiezu aufgefordert. Der Heuchelei unkundig, hatte ich mich über die Schönheit Eleonorens auf eine Art aus⸗ geſprochen, daß ſie, wie ich fürchte, einiges Unbehagen in ſeiner Bruſt erregte. Sein Brief war lakoniſch. Er berührte den Gegenſtand gar nicht, über welchen ich mich in dem meinigen verbreitet hatte; ſondern be⸗ fahl mir einfach die Rückkehr. „Die bittere Stunde war gekommen. Ich durfte in der Vollziehung des Befehls nicht zaudern. Ich war im Voraus verſichert, daß Mrs. Mowbray, ohne die Einwilligung meines Vaters, keine Fortdauer der Bekanntſchaft zugeben werde. Der Neigung Eleono⸗ rens glaubte ich einigermaßen ſicher zu ſein; aber ohne die Einwilliguug ihrer Mutter, welcher ſie gänzlich er⸗ geben war, war meine Bewerbung, ſogar wenn ich Sie gedrängt hätte, hoffnungslos; dieß fühlte ich wohl. Der Brief, welchen ich von meinem Vater erhalten hatte, machte mich mehr als zweifeln, daß er meinen Wünſchen ſich geneigt zeigen werde. Tauſend Befürch⸗ tungen zum Raub, machte ich am Morgen meiner Ab⸗ reiſe noch einen Beſuch. Ich erklärte Eleonoren meine Liebe— alle meine Hoffnungen wurden beſtätigt, jede Ahnung erfüllt. Aus ihrem Munde vernahm ich die Erfüllung meiner heißeſten Wünſche; aber dieſe Hoff⸗ nungen verwelkten wieder in der Knoſpe, als ich zu gleicher Zeit hörte, daß die Erfüllung derſelben von dem Willen zweier andern Perſonen abhänge, deren Zuſtimmung, wie ſie fürchtete, man nie erhalten werde. Von Mrs. Mowbray erhielt ich eine beſtimmtere Ant⸗ wort. All' ihr Stolz war erwacht. Ihre Abſchieds⸗ 137 worte überzeugten mich, daß es ihr gleichgültig ſei, ob wir uns als Fremde oder als Verwandte wieder ſehen werden. Bei dieſer Gelegenheit war es, daß die angeborene Zärtlichkeit Eleonorens ſich durch einen Ausbruch des Gefühls äußerte, wie dieſes nur bei einem ſo gefühlvollen Herzen, wie das ihrige, gefun⸗ den werden kann. Sie ſah meinen Schmerz— es ſchwand die natürliche Zurückhaltung ihres Geſchlech⸗ tes, ſie flog in meine Arme und ſo ſchieden wir. „Mit düſtern Ahnungen kehrte ich nach Rookwood zurück und machte mich, voll von den niederdrückend⸗ ſten Vorempfindungen, ſelbſt auf das Schlimmſte gefaßt. Ich kam an. Mein Empfang war ſo, wie ich es vermuthet hatte, und zudem fand ich auch meine Eltern, was meinen Kummer noch vermehrte, im hef⸗ tigſten Zwiſte. Ich will Sie und mich mit der Er⸗ zählung ihrer Streitigkeiten nicht peinigen. Meine Mutter hatte meine Partie ergriffen und zwar, wie ich fürchte, hauptſächlich deßhalb, um die Plane mei⸗ nes Vaters durchkreuzen zu können. Er war in einer entſetzlichen Wuth; er war außer ſich durch die feu⸗ rigen Weine, welche er zu ſich genommen und die ihn zwar ſeiner Vernunft nicht völlig beraubt, aber doch den ſchlafenden Aufruhr bis zur Gewaltthätigkeit ge⸗ ſteigert und entflammt hatten. Er war wie toll. Ich kam Abends an. Ich hätte die Zuſammenkunft ſehr gerne bis zum andern Morgen aufgeſchoben. Es war unmöglich. Er beſtand darauf, mich zu ſehen.“ „Meine Mutter war anweſend. Sie kennen die Gewalt, welche ſie gewöhnlich über meinen Vater hatte und wie ſie ihn leitete. Bei dieſer Gelegenheit konnte ſie es nicht thun. Er fragte mich über alle Einzelnheiten aus; ſondirte das Innerſte meines Her⸗ zens— zog jedes geheime Gefühl an das Tageslicht und donnerte dann ſeine Entſcheidung heraus, daß Eleonore nie mein Weib werden dürfe, und daß er eben ſo wenig ihre Muitter, die entartete Tochter ſei⸗ 138 nes Vaters, unter ſein Dach aufnehmen werde. Ich verſuchte ihm Vorſtellungen zu machen. Er war taub für meine Bitten. Meine Mutter fügte meinen Aus⸗ einanderſetzungen ſcharfe und ſchneidende Worte bei. Ich habe ihre Zuſtimmung, ſagte ſie, was es denn mehr bedürfe? Die Ländereien vererben ſich nach der Erſtgeburt. Ich werde über kurz oder lang der Beſitzer derſelben werden, und könne dann nach Ge⸗ fallen handeln!“ Dieß führe ich an, um Sie auf meines Vaters ſeltſame Antwort vorzubereiten. „Nehmen Sie ſich in Acht, Madam, erwiderte er,„und halten Sie Ihre Zunge im Zaum; ſie ver⸗ erben ſich nach der Erſtgeburt, dieß iſt richtig; aber ich brauche ſeine Einwilligung nicht, um ihm dieſes Erbe zu entziehen. Sollte er es wagen, mir auch nur im Geringſten ungehorſam zu ſein, ſo werde ich den Kanal meiner Reichthümer ſo zu leiten wiſſen, daß auch nicht ein Tropfen ihn erreicht. Ich werde — doch wozu drohn?— er ſoll es thun, und die Fol⸗ gen werden nicht ausbleiben.“ „Am andern Morgen erneute ich meine Bitten mit keinem beſſern Erfolg. Wir waren allein.“ „Ranulph, ſagte er,„Du verlierſt Deine Zeit, wenn Du meinen Entſchluß zu ändern ſuchſt; er ſteht feſt. Ich habe viele Gründe, welche mir ſo zu handeln gebieten; ich kann keine Erklärung über die⸗ ſelben geben, aber ſie ſind gebietend. Eleonore Mow⸗ bray kann nie die Deinige werden. Vergeſſe ſie ſo ſchnell als immer möglich und ich mache mich anhei⸗ ſchig, auf wen ſonſt auch Deine Wahl fallen möge, derſelben kein Hinderniß in den Weg zu legen.“ „Aber warum, rief ich mit Heftigkeit aus,„ver⸗ werfen Sie eine Perſon, welche Sie noch gar nie geſeten haben? Willigen Sie wenigſtens darein, ſie zu ſehen.“ „Niemals!“ war ſeine Erwiederung. Das Band iſt zerriſſen und kann nicht wieder geknüpft 139 werden; mein Vater band mich durch einen Eid, nie wieder in freundſchaftliche Verhältniſſe mit meiner Schweſter zu treten und ich will mein Gelübde nicht brechen. Ich will dieſe Verpflichtung ſogar im zwei⸗ ten Grad nicht verletzen. Wir können uns nie wie⸗ der ſehen. Eine alte Prophezeihung, welche ich gehört habe, ſagt: daß wenn ein Rookwood ſich wie⸗ der mit einer Rookwood vermählen werde, das Ende des Hauſes nahe ſei. Darauf nehme ich nun keine Rückſicht. Sie kann unwahr ſein; ſie kann aber auch viel Wahres enthalten. Für mich hat dieſelbe ſonſt keine Bedeutung, als daß jeder Morgen Landes, den ich beſitze, für Dich verloren iſt, wenn Du Eleonoren heirateſt. Und ſei verſichert, daß dieß keine eitle Drohung iſtz ich kann und werde es thun. Mein Fluch ſoll Dein einziges Erbtheil ſein.“ „Ich konnte nicht umhin, etwas zu erwidern und ihm vorzuſtellen, wie wenig ein ſolches Be⸗ nehmen gegen mich in einem Falle zu rechtfertigen ſei, wo das Glück meines ganzen Lebens auf dem Spiele ſtehe, und wie wenig man es mit den Vor⸗ ſchriften unſerer barmherzigen Religion vereinigen könne, wenn man dem Gefühle des Haſſes einen Ein⸗ fluß auf die Handlungen geſtatte. Alle meine Vor⸗ ſtellungen waren jedoch, wie am vorhergehenden Tage, fruchtlos. Je mehr ich ſprach, deſto ungehaltener wurde er; ich gab alſo nach, aber nicht eher, als bis er mir befohlen hatte, das Haus zu verlaſſen. Ich blieb in der Nachbarſchaft und ſah ihn Abends noch ein Mal.“ „Unſere letzte Zuſammenkunft fand im Garten ſtatt. Ich ſagte ihm da, daß ich mich entſchloſſen habe, auf zwei Jahre ins Ausland zu gehen, nach deren Verlauf ich wieder nach England zurückzukehren edenke; ich hoffte, daß ſein Entſchluß bis dahin ſich viel⸗ eicht geändert haben möchte und er vielleicht auf meine Bitie hören werde, deren Erfüllung zu hoffen ich nie * 140 anz aufgab. Ich glaubte, daß die Zeit mir günſtig ein werde. Er billigte meinen Plan, verlangte je⸗ doch von mir, daß ich Elevnoren vor meiner Abreiſe nicht mehr ſehen ſolle, indem er ſchwermüthig hinzu⸗ fügte: Wir werden uns vielleicht in dieſem Leben nie wieder ſehen, Ranulph; in dieſem Falle leb' wohl für immer. Gebe keinen eitlen Hoffnungen Raum. Eleonore kann nie die Deinige werden; nur unter einer Bedingung, und in dieſe würdeſt Du doch nie einwilligen!“—„Nennen Sie dieſelbe!“ rief ich; „es gibt keine Bedingung, welche ich nicht einginge!“ —„ünbeſonnener Knabe!“ erwiderte er;„Du weißt nicht, was Du ſagſt; dieſe Forderung wirſt Du nie erfüllen, wenn ich ſie Dir auch ſtellte; doch— ſollte ich bei Deiner Rückkehr noch am Leben ſein, ſo ſollſt Du ſie wiſſen— und nun, leb' wohl!“—„Sprechen Sie jetzt, ich flehe Sie darum an!“ rief ich aus; „Alles, Alles— was Sie wollen!“—„Rede nicht weiter,“ erwiderte er, auf das Haus zugehend; „wenn Du zurückkommſt, ſo wollen wir wieder dar⸗ über ſprechen; leb' wohl— vielleicht für immer.“ Seine Worte waren prophetiſch— dieſes Scheiden war für immer. Ich blieb bis in die tiefe Nacht hinein im Garten. Ich ſah meine Mutter, aber er kam nicht wieder. Ich verließ England, ohne Elev⸗ noren geſehen zu haben.“ „Machten Sie denn Eleonoren durch keinen Brief mit den ſtattgehabten Vorgängen und Ihren Abſich⸗ ten für die Zukunft bekannt?“ fragte Small. „Doch,“ erwiderte Ranulphz„ich erhielt aber keine Antwort. Meine nächſten Nachforſchungen ſol⸗ len dahin gehen, ob die Familie noch in London iſt. Es iſt dieß eine Frage, welche ich Ihrer Entſcheidung anheimſtelle, ob ich nicht gerechtfertigt werden kann, wenn ich von meines Vaters ausgeſprochenem Wunſche abgehe, oder ob ich hiedurch ſeine Befehle übertrete.“ „Ueber dieſen Gegenſtand wollen wir ſpäter noch 14¹ ſprechen,“ erwiderte Small, indem er beifügte, als er die zunehmende Bläſſe ſeines Geſellſchafters be⸗ merkte,„Sie ſind zu erſchöpft, um weiter fortfahren zu können— Sie würden beſſer daran thun, den Reſt der Geſchichte bis auf ſpätere Zeit zu verſchieben.“ „Nein,“ erwiderte Ranulph, indem er ein Glas Waſſer hinunterſtürzte,„ich bin zu ſehr aufgeregt, ich könnte jetzt doch nicht ruhen— mein Blut iſt in einer Wallung, welche nichts lindern kann. Ich werde mich beruhigter fühlen, wenn ich Ihnen Alles mitge⸗ theilt habe. Ich nähere mich dem Ende meiner Er⸗ zählung. Sie wiſſen jetzt die Geſchichte meiner Liebe den Grund meiner Abreiſe. Sie ſollen nun auch die Urſache meiner Rückkehr erfahren.“ „Ich war während der Zeit meiner Verbannung von Stadt zu Stadt gewandert— wurde von der hoffnungsloſen Leidenſchaft verzehrt— wenig nur machte mir Vergnügen, obgleich ich von tauſend Ge⸗ genſtänden umgeben war, welche für Andere Intereſſe hatten; ich fand das Leben nur durch die ernſteſten Studien oder die größte Thätigkeit erträglich. Ich kam nach Bordeaux; hier machte ich einen langen Halt, da mich die Schönheit der benachbarten Land⸗ ſchaft entzückte. Die Lage einer Villa an den Ufern der Garonne, nur wenige Stunden vor der Stadt, überraſchte mich. Es war ein altes Schloß mit ſchö⸗ nen Gärten, welche die blauen Wellen des Stromes begrenzten und eine Menge herrlicher Ausſichten dar⸗ boten. Das Haus, welches theilweiſe ſchon ze war, wurde von einem bejahrten Paar bewohnt, welches früher in Dienſten einer engliſchen Familie geſtanden war, welche auf dieſe Weiſe für daſſelbe geſorgt, als es in ſein Vaterland zurückkehrte. Ich fragte nach dem Namen derſelben. Denken Sie ſich meine Ueberraſchung, als ich hörte, daß dieſes Schloß die Wohnung der Mowbray geweſen ſei. Dieſe Nach⸗ richt beſtimmte mich ſchnell— ich nahm meinen Auf⸗ 14² enthalt in dieſem Hauſe, und hiedurch öffnete ſich mir eine neue und unerwartete Quelle des Troſtes und Entzückens. Ich ging auf den Pfaden, welche ſie betreten hatte, bewohnte das Zimmer, welches ihre Wohnung geweſen wad, pflegte die Blumen, welchen ſie ſich gewidmet hatte; und an den goldenen Som⸗ merabenden betrachtete ich die ſchnell hineilenden Wel⸗ len, welche in aller Pracht der untergehenden Sonne ſtrahlten und meine Schritte anhielten, indem ich daran dachte, wie auch ſie verweilt und denſelben. nachgeblickt haben mochte. Ihre Gegenwart ſchien den Ort zu durchdringen. Ich war jetzt vergleichungs⸗ weiſe glücklich, und ſchrieb, um unbeläſtigt zu bleiben, nach Haus, daß ich Bordeaur verlaſſen und den Weg nach den Pyrenäen und Spanien eingeſchlagen habe.“ „Dieſe Nachricht gelangte hieher,“ bemerkte Small. „In einer Nacht,“ fuhr Ranulph fort,„es iſt die ſechste nach der Begebenheit, die ich jetzt im Be⸗ griffe bin zu erzählen, ſaß ich in einer Laube, welche die Ausſicht nach dem Strom hatte. Es war ein lieblicher Abend geweſen— ſo lieblich, daß ich in der Betrachtung ſeiner himmliſchen Schönheiten noch iz verweilte. Ich beobachtete die roſige Färbung, welche ſich auf der Oberftäche der Gewäſſer abſpie⸗ gelte— jetzt in Gelb überging— und zuletzt ſilber⸗ hell glänzte. Ich bemerkte das mpyftiſche Vermiſchen des Zwielichts mit der Finſterniß— des Tages mit ver Nacht, bis der breite Strom eine dunkle Waſſer⸗ maſſe geworden war. Ich konnte kaum das Laub unterſcheiden— Alles war in Finſterniß gehüllt— aber ſiehe da! abermals eine Veränderung! Der Mond ging auf— ein Lichtſtrom verbreitete ſich rings⸗ um— der Strom hüpfte wieder in den brechenden Strahlen dahin, und ich weilte immer noch bei ſeinem Blinken.“ „Ich haite einige Zeit nachgedacht und den Kopf in meine Hände gelegt, als ich, meine Angen zufälli⸗ 143 gerweiſe erhebend, eine Geſtalt vor mir ſah. Ich war hierüber erſtaunt, denn ich hatte die Annäherung derſelben nicht bemerkt— hatte keine Fußtritte gegen mich herkommen hören, und wußte gewiß, daß Nie⸗ mand außer mir ſich in dem Garten befände. Die Gegenwart der Geſtalt erfüllte mich mit einer uner⸗ klärlichen Bangigkeit, und ich kann kaum ſagen, warum; aber ein ſchauderndes Vorgefühl ſagte mir, daß es eine übernatürliche Erſcheinung ſei. Ohne Bewegung — ohne Leben— ohne Körper, ſo erſchien ſie; doch hatte ſie noch die äußern Zeichen des Lebens. Ich blickte zu Boden. Gott! was ſah ich? Das Geſicht derſelben war auf mich gerichtet— meines Vaiers Geſicht! Und mit einem Ausdrucke— einem Blick! Die Zeit wird nie dieſen ſchrecklichen Eindruck verwi⸗ ſchen; er iſt in mein Gedächtniß eingegraben— ich kann ihn nicht beſchreiben. Es war nicht Zorn— es war nicht Schmerz: es war, als ob eine Ewigkeit von Weh in ſeinen Zügen ſich ausdrücke. Es war zu ſchrecklich anzuſehen. Ich hätte gern meinen Blick abgewendet— meine Augen waren gefeſſelt— ange⸗ klammert— ich konnte ſie nicht von dem gräßlichen Geſicht abwenden. Ich ſchauderte vor demſelben zu⸗ rück und ſtarrte es doch an— ich konnte kein Glied regen. Geräuſchlos gegen mich hergleitend, näherte ſich die Erſcheinung. Ich konnte nicht vom Platze. Sie ſtand hart neben mir. Ich war halb todt. Das Geſpenſt ſchüttelte ſein Haupt wie in der tiefſten Ver⸗ zweiflung; und als das Wort„Kehre zurück“ vernehm⸗ bar in meine Ohren ſchallte, zerfloß es wieder all⸗ mählig. Ich kann nicht ſagen, wie ich aus der Ohn⸗ macht, in welche ich gefallen war, wieder erwachte; aber der grauende Morgen fand mich auf dem Weg nach England. Hier bin ich. In jener Nacht— zur ſelbigen Stunde, ſtarb mein Vater.“ „Es war alſo Allem nach ein übernatürlicher Ruf, den Sie erhielten,“ ſagte Small. 1⁴4 „Unzweifelhaft,“ erwiderte Ranulph. „Hm!— das Zuſammentreffen iſt ſehr auffal⸗ lend,“ entgegnete Small nachdenklich;„es würde je⸗ doch, meiner Meinung nach, nicht ſchwer ſein, die Täuſchung auf natürlichem Wege zu erklären.“ „Es war keine Täuſchung,“ erwiderte Ranulph gelaſſen;„die Geſtalt war ſo handgreiflich, wie Ihre eigene. Kann ich zweifeln, wenn ich den Erfolg be⸗ trachte? Hätte man mir auf eine ſolche Entfernung einen Betrug ſpielen können?— überdieß war es noch genau dieſelbe Zeit, wie Sie zugeben. Forderte mich das Geſpenſt nicht zur Rückkehr auf?— Ich kam zurück— er iſt todt. Ich habe ein Weſen aus der andern Welt geſehen. Nach jenem Geſicht noch zwei⸗ feln, hieße freveln.“ „Was meine Meinung auch immer ſein mag, mein theurer junger Freund,“ entgegnete Small ernſt,„ich will ſie jetzt nicht ausſprechen— Sie find noch zu ſehr aufgeregt; laſſen Sie mich Ihnen rathen, und gehen Sie zur Ruhe.“ „Ich fühle mich leichter,“ erwiderte Ranulphz „aber Sie haben Recht, ich will verſuchen, ein wenig zu ſchlafen. Eine innere Stimme ſagt mir, daß noch nicht alles vorüber iſt. Was wird noch kommen?— Ich ſchaudere wenn ich daran denke. Ich werde Sie um Mitternacht wieder treffen. Ich will der Feier⸗ lichkeit ſelbſt beiwohnen. Adieu.“ Ranulph verließ das Zimmer. Small ſchüttelte ſeufzend ſeinen Kopf, und verſenkte ſich, nachdem er die Pfeife ergriffen, und in Zug geſetzt hatte, in eine Rauchwolke und in metaphyſiſche Träumereien. „—— e er————— X S„ vv W 8 S 8 — 1¹⁵ Achtes Kapitel. —— Lady Rvokwood. Frau von Med. Eu'r unglücklicher Gemahl ſt todt— Vit. Cor. Doch ach! jetzt iſt er glücklich, Nun hat er der Natur die Scht⸗ richtet. Mon. Sieh' her; ſein Weib iſt dieß Geſchöpf. Doch kommt ſie nicht als Wittwe— kommt bewaffnet Mit Trotz und Hohn.— Iſt dieß ein Trauerkleid? Der weiße Teufel. Der Forigang der Erzählung verlangt unſere Ge⸗ genwart in einem andern Zimmer des Herrenhauſes — einem großen, einſamen Gemache im öſtlichen Flü⸗ gel, von dem wir bereits als dem älteſten Theile des Gebäudes geſprochen haben— deſſen düſteres Ausſehen noch durch ſchwarzbraune, verblichene Tapeten vermehrt wurde, welche die Wände begleiteten, und einen Be⸗ weis für die Geduld und den Fleiß einer gewiſſen Dame Dorothea Rookwood abgaben, die einige Jahr⸗ hunderte früher geblüht, und deren kunſtvolle Nadel den bethlehemitiſchen Kindermord mit einer Strenge des Geſchmacks und ängßtlichen Pünktlichkeit darge⸗ ſtellt hatte, welche bei einer ſo liebenswürdigen Lady, als man ſie ſchilderte, ſehr verwundern mußte. Der finſterblickende Herodes ſchaute grinſend von dem Gewebe hernieder, und die geiſterartigen Kriegsſchaaren, welche ſeinen Mordbefehl vollzogen, glichen einer Truppe am Sabbath tanzender Hexen. Das myſteriöſe Zwielicht, welches durch die dunkeln, tiefen Bogenfenſter hereindrang, hob die alterthüm⸗ lichen Geräthſchaften des Zimmers„welche noch mit einem verwitterten Glanz prahlten, der vielleicht mehr Rookwood. 1. 10 146 noch imponirte, als die frühere bunte Pracht, heraus und ließ die luftigen Vorhänge und den großen, Bah⸗ ren ähnlichen Traghimmel eines Bettes erblicken, wel⸗ ches früher Staatsbett war, jetzt aber als Schlafftätte der Lady Rookwood diente. Die karmoifinrothen Um⸗ hänge waren mit Goldſtickereien verziert, welche das Wappen und den Namenszug der Eliſabeth darſtell⸗ ten, woher auch dieſes Zimmer, da die Fürftin das⸗ ſelbe einſt benützt, den Namen„Zimmer der Königin“ Erhalten hatte. Die einzige Bewohnerin des Gemachs war ein Weib, in deren Geſicht Zeit und Leidenſchaft zwar arge Verwüſtungen angerichtet, die auffallende Schön⸗ heit und klaſſiſche Größe der Züge aber nicht ganz hatten verwiſchen können. Es war ein majeſtätiſches und ſtrenges Geſicht. In allen ſeinen Linien lag der Ausvruck des Stolzes; und obgleich ſich bisweilen alle übrigen Leidenſchaften in demſelben zeigten, ſo war es doch unverkennbar, daß ſie derjenigen untergeord⸗ net waren, welche die Engel zu Fall gebracht hatte. Die Umriſſe ihrer Geſtalt waren von der reinſten griechiſchen Form und hätten ein Modell für eine Medea abgegeben; ſo ſehr ſtimmten die düſtere Größe der Augenbraunen, der ernſte Ausdruck der aufgewor⸗ fenen Lippen, die ſchöne Rundung des Halſes und die mackelloſe Symetrie ihrer vollen Geſtalt mit dem ſchönen Ideal jenes antiken Meiſterwerks überein. Eine Fülle des weichſten, rabenſchwarzen Haares, welches noch nichts von ſeinem düſtern Glanze verloren hatte, peſchattete eine hohe Stirne, welche ſich äußerſt vor⸗ theithaft herausgehoben hätte, wäre ſie nicht in dieſem Augenblicke durch die heftigſte Leidenſchaft entſtellt geweſen, wenn man überhaupt ſagen kann, daß jene Leidenſchaft entſtelle, welche nur einen harten und heftigen Ausdruck hervorruft. Ihre Figur, n bloß Größe fehlte, um würdig zu ſein, war in da ewan der Wittwe gekleidet; und wenn ſie —— 147 auch jene Betrübniß des Herzens nicht fühlte, welche dieſe Kleidung gewöhnlich vorausſetzen läßt, ſo war ſie doch augenſcheinlich eine Beute von andern, kaum weniger quälenden Gefühlen. Gerade zu der Zeit, von welcher wir ſprechen, war Lady Rookwood, denn ſie war es, mit der Unterſuchung des Inhalts eines Schreibtiſches beſchäftigt. Die Papiere, welche darin lagen, alle genau durchgehend, legte ſie jedes bei Seite, ſobald ſie ſich von deſſen Inhalt überzeugt hatte, bis ihr ein kleines Packet in die Hände kam, welches mit einem ſchwarzen Bande ſorgfältig um⸗ ſchlungen und verſiegelt war. Dieß erbrach Lady Rookwvod haſtig und brachte ein kleines Miniatur⸗ Gemälde zum Vorſchein. Es war das eines jungen und ſchönen Weibes, zwar roh, aber getreu ausge⸗ führt; wir ſagen getreu, denn es lag in demſelben ein Ausdruck der Milde und Einfachheit; kurz ein Charakter der Wirklichkeit und Natur,(es iſt ſelten, daß man eine Aehnlichkeit verkennt, ſogar wenn man mit dem Original ſelbſt nicht bekannt iſt) welche da⸗ für zeugten, daß der Künſtler getreu geweſen war. In dem Geſicht ſtrahlte ein Lächeln, welches dasſelbe erhellte, wie die Sonnenſtrahlen den Tag. Das Por⸗ trait war in Gold gefaßt und an ihm war eine Locke des ſchönſten ſchwarzen Haars befeſtigt. Unter dem Gemälde ſtand, von der Hand des Sir Piers ge⸗ ſchrieben:„Lady Rookwvod. Eben ſo hing an ihm noch ein gefaltetes Papier. Lady Rookwood betrachtete die Züge einige Mi⸗ nuten lang höhniſch und entfaltete hierauf das Papier, bei deſſen Anblick ſie verwirrt und bleich wurde. „Gott ſei Dank!“ rief ſie,„daß dieß in meinem Beſitz iſt; ſo lange ich es habe, find wir ſicher. Wäre es nicht beſſer, dieſen Beweis für immer zu vernich⸗ ten? Nein, nein, jetzt nicht; es ſoll ſtets bei mir bleiben. Ich will Ranulphs Rückkehr abwarten.“ Den Trauungsſchein, denn dieſer in ihrem 148 Buſen ſieckend und das Gemälde auf ven Tiſch legend, ordnete ſie den Inhalt der Schublade ſchnell wieder. Alle äußern Spuren der Aufregung waren jetzt bei Lady Rookwvod wieder verſchwunden, obgleich ſie, jedoch nur wenige Minuten, den heftigſten Zorn an den Tag gelegt hatte; und ſie ſuchte jetzt, augen⸗ ſcheinlich aber nur mit Anſtrengung, ihre Faſſung wie⸗ der zu gewinnen, was ihr auch ſo wohl gelang, daß man hätte glauben ſollen, ſie beſchäftige ſich mit einer Angelegenheit, welche nur wenig Intereſſe für ſie habe. Es war eine fürchterliche Ruhe, welche die⸗ jenigen, denen ihr Charakter bekannt war, mit Schrecken erfüllt hätte.„Aus dieſen Papieren ſchließe ich,“ rief ſie aus,„daß der elende Sprößling nichts von ſeinem Glücke weiß. Nun, ſo fahre hin. Er kann ſich auf keine Weiſe Aufklärung über dasſelbe verſchaffen und meine hauptſächlichſte Sorge ſoll da⸗ hin gerichtet ſein, Allem vorzubeugen, was das Ge⸗ heimniß ſeiner Geburt entdecken könnte. Ich will für ihn ſorgen; ha, ha! ich werde ihm etwas beſorgenz das Grab! Dort will ich ihn und ſein Geheimniß begraben. Die Sicherheit meines Sohnes und mein eigenes Wohl verlangen es. Ich muß ſichere Mittel wählen. Das Werk darf nicht bloß halb gethan ſein, wie bisher. Wenn ich recht weiß, fo iſt er wirklich in der Nachbarſchaft mit einem Trupp Wilddiebe; gerade wie erwünſcht.“ Als ſie dieß ſprach, ſtörte ſie ein Klopfen an der Thüre in ihren Betrachtungen. „Biſt Du es, Agnes?“ fragte Lady Rookwood. Auf dieſen Ruf trat die alte Dienerin in das Gemach.. „Warum iſt man meinen Befehlen ungehorſam?“ fragte die Lady mit ſtrenger Stimme.„Sagte ich nicht, als Du mir vieſes Packet von Mr. Coates überbrachteſt, welcher es ſelbſt mir einzuhändigen wünſchte, daß ich nicht geſtört ſein wolle.“ „Ja, meine Lady, allein—“ — — 149 „Spreche nur weiter,“ ſagte Lady Rookwood etwas milder, als ſie aus dem Benehmen der Agnes erſah, daß ſie eine Mittheilung von Wichtigkeit zu machen habe.„Was führt Dich hierher?“ „Es thut mir leid,“ erwiderte Agnes,„wenn ich Eure Gnaden ſtöre, allein— allein—“ „Allein was?“ unterbrach ſie Lady Rookwood ungeduldig. „Ich konnte nicht anders, meine Lady, er würde mit mir gekommen ſein; er ſagte, er ſei entſchloſſen Gnaden zu ſehen, ob Sie nun wollten oder ni 65 „Er wolle mich ſehen, ha! iſt es ſo? Ich er⸗ rathe ſeinen Auftrag, und ſeinen Zweck, er hat einigen Verdacht. Nein, dieß kann nicht der Fall ſein er wagte es nicht, dieſe Siegel zu verletzen. Agnes ich will ihn nicht ſehen.“ „Aber er ſchwört, meine Lady, daß er das Haus gar nicht verlaſſe ohne Sie geſehen zu haben, er würde mit Gewalt zu Ihnen gedrungen ſein, wenn ich nicht darein gewilligt hätte, ihn anzumelden.“ Unverſchämterl“ rief Lady Rookwvod aus, indem ihre Augen Entrüſtung äußerten;„mit Gewalt zu mir dringen! Ich verſichere Dich, er ſoll nie mehr Luft bekommen, ſeinen Beſuch zu wiederholen. Sage dem Mr. Coates, daß ich ihn annehme.“ „Mr. Coates! dieſer iſt es nicht, meine Lady. Er würde es nie gewagt haben, ungerufen vor ihnen zu erſcheinen. Er kennt ſeine Stellung zu gut. Nein, nein, es iſt nicht Mr. Coates.“ „Wer ſollte es denn ſein, wenn nicht er? „Lukas Bradley, Euer Gnaden wiſſen ſchon, wen ich meine.“ „Er hier, jetzt?“ „Ja, meine KLady; und er blickte ſo wild und ſtreng, daß ich mich ordentlich vor ihm fürchtete. Er blickte gerade ſo wie ſein— ſein—“ . 150 .„Sein Vaier, wollteſt Du ſagen, ſpreche es nur aus.“ „Nein meine Lady, wie ſein Großvater— der alte Sir Reginald. Er iſt das Ebenbild von ihm; aber würden Euer Gnaden nicht beſſer daran thun, die Glocke zu ziehen? und wenn er hereinkommt, ſo will ich eilends die Bedienten holen, er iſt gefähr⸗ lich; ich weiß es gewiß.“ „Ich fürchte ihn nicht. Er will mich ſehen, ſagſt u „Ja, er will,“ rief Lukas aus, indem er die Thüre aufmachte, ſie hörbar wieder zuſchlug, und auf Lady Rookwood zuging;„und nicht länger mehr warten.“ Es dauerte einige Augenblicke, ehe die ſolcher⸗ maßen überraſchte Lady Rookwood ihre Sprache wie⸗ der gewinnen konnte. Sie heſftete ihre forſchenden Augen mit dem Ausdrucke heftigen Zorns auf den ver⸗ wegenen Eindringling, welcher, hiedurch nicht aus der Faſſung gebracht, ihren Blicken mit eben ſo feſtem und ernſtem Ausdruck begegnete. „Wer ſeid Ihr, und was wollt Ihr?“ rief Lady Rookwood nach einer kurzen Pauſe aus, und ihre Stimme zitterte hörbar.„Was wollt Ihr von mir haben, da Ihr es wagt, zu einer ſolchen Zeit, und auf dieſe Art vor mir zu erſcheinen?“ „Ich hätte eine ſchicklichere Gelegenheit abgewar⸗ tet,“ erwiderte Lukas,„wenn ich es nöthig hätte. Mein Geſchäft wird bald abgemacht ſein— Sie müſſen dieſes Eindringen in Ihr Privatzimmer, zu einer ſol⸗ chen Zeit des Kummers, wie die gegenwärtige es iſt, ſchon entſchuldigen. Was die Art meines Beſuchs be⸗ trifft, ſo müſſen Sie dieſelbe ebenfalls nachſehen, i konute nicht anders, ich werde es ſpäter wieder gut zu machen ſuchen. Wer ich bin, dieß werden Sie ohn Zweifel errathen. Was ich will, das ſollen Sie hör wenn dieſes alte Weib das Zimmer verlaſſen h wenn anders Sie nicht einen Zengen bei einer Erklä⸗ 3 154 *n wollen, welche Sie eben ſo genau berührt als mich.“ Ein unbeſtimmtes Gefühl der Ahnung war gleich beim Eintritt des Lukas in dem Geiſt der Lady Rook⸗ wood aufgeſtiegen. Sie antwortete übrigens kalt: „Was Ihr zu ſagen haben könnt, intereſſirt mich ſehr wenig— eben ſo wenig hat es zu bedeuten, ob es Jemand hört. Man ſoll übrigens nicht ſagen kön⸗ nen, daß Lady Rookwvod ſich fürchte allein zu ſein, wenn ſogar ihr Leben dadurch in Gefahr gebracht werden ſollte.“ „Ich bin kein Meuchelmörder,“ erwiderte Lukas, „und habe eben ſo wenig meinem Todfeinde nach dem Leben getrachtet— obgleich es nur Wiedervergeltung geweſen wäre, wenn ich es gethan hätte.“ Lady Rookwvod war verblüfft. „Sie haben mich nicht zu fürchten,“ fuhr Lukas fort;„meine Vergeltung werde ich auf eine andere Weiſe bekommen.“ „Geh,“ ſagte Lady Rookwood zu Agnes—„doch bleibe außen im Vorzimmer.“ „Meine Lady,“ ſagte Agnes, welche kaum im Stande war, eine Sylbe zu ſprechen,„ſoll ich—“ „Hören Sie mich, Lady Rookwood,“ unterbrach ſie Lukas;„ich wiederhole es, daß ich nichts Böſes gegen Sie im Sinne habe. Mein Zweck iſt einzig und allein der, eine Unterredung mit Ihnen allein zu erhalten. Sie können keinen Grund haben, mir dieſe Bitte abzuſchlagen. Ich werde Ihre Güte nicht miß⸗ brauchen. Ich komme nicht umſonſt. Sagen Sie nur, daß Sie mich abweiſen, und ich werde im Augenblick mich entfernen. Ich werde einen andern Weg aus⸗ findig machen, mich gegen Sie auszuſprechen— aber einen weniger geraden, und alſo auch weniger ange⸗ nehmen. Wählen Sie. Aber wir müſſen allein— ungeſtört ſein. Rufen Sie Ihre Dienerſchaft zuſam⸗ men— laſſen Sie mich ergreifen, und ich werde laut 15² verkündigen, was Sie, ſchon um Ihretwillen, gerne verhindern würden.“ „Verlaſſe uns, Agnes,“ ſagte Lady Rookwood— „ich fürchte mich nicht vor dieſem Manne. Ich werde allein mit ihm fertig werden, wenn es nöthig ſein ſollte.“ „Agnes,“ ſagte Lukas, mit ernſtem, tiefem Ge⸗ lispel, indem er die Dienerin anhielt, als ſie an ihm vorüber ging;„verlaſſet die Thüre nicht, bis ich wie⸗ der zurück bin. Habt Ihr Eure frühere Herrin ver⸗ geſſen?— meine Mutter! Habt Ihr Barbara Lovel, und jene Nacht vergeſſen?“ „In's Himmels Namen, ſchaudernd. „Laßt es wieder friſch werden in Eurem Gedächt⸗ niß. Weicht keinen Fuß breit, was Ihr auch hören mögt,“ fügte er in dem nämlichen Tone, wie zuvor, bei. „Ich werde nicht— ich werde nicht;“ und Agnes ging weg. Lukas wurde einen Augenblick in ſeinem Entſchluß wankend, als er ſich mit der Lady allein fand, deren altes und gefaßtes, aber ſtolzes Benehmen, mit wel⸗ chem ſie ſich auf den, für die Unterredung hingerichteten Seſſel niederließ, nicht verfehlte, ihm ein gewiſſes Ge⸗ fühl der Scheu einzuflößen. Ihren Vortheil erſehend, und ſchlau genug, denſelben zu benützen, blieb Lady Rookwood ganz ſtill, und heftete ihre Augen ſtarr und forſchend auf ihn, was ſeine augenblickliche Verwir⸗ rung noch vermehrte. Endlich bekam er hinreichenden Muth, um ſie anzureden, und er ſprach, beſchämt über ſeine Schwäche folgendermaßen:— „Als ich in das Zimmer eintrat, ſo fragten Sie nach meinem Namen und Begehren. Was nun den ſtille!“ erwiderte Agnes erſten anbetrifft, ſo beantworte ich ihn mit dem Eurer Gnaden. Ich habe lange Zeit den Namen meiner Wutter gettagen— ich verlänge jeßt den meines Va⸗ —— * — 153 ters. Mein Begehren iſt die Einſetzung in meine Rechte.“ „So!— wie ich es erwartete,“ dachte Lady Rookwood, indem ſie unwillkührlich ihre Augen nie⸗ derſchlug—„Höre ich recht?“ rief ſie laut aus— „Euer Name iſt—“ „Sir Lukas Rookwvod. Als meines Vaters Erſt⸗ geborner; durch ſein Recht auf dieſen Namen.“ Häite ihn ein Blick zerſchmettern können, ſo wäre Lukas leblos der Lady zu Füßen gefallen. Mit einem Lächeln unausſprechlichen Hohnes erwiderte ſie:„ich weiß nicht, warum ich zaudere, dieſe Beſchimpfung augenblicklich zu rächen. Aber ich will doch ſehen, wie weit eure Kühnheit geht. Der Name, den Ihr tragt, iſt Bradley?“ „Aus Unwiſſenheit trug ich ihn,“ antwortete Lukas. „Ich bin der Sohn derjenigen, welche als Mädchen Bradley hieß. Sie war—“ „Es iſt nicht wahr— ich will es nicht hören— ſie war es nicht,“ rief Lady Rookwood aus, indem ihre Heftigkeit über die Klugheit ſiegte. „Eure Gnaden wiſſen alſo ſchon; was ich ſagen, wollte,“ entgegnete Lukas.„Suſanne Bradley war das erſte Weib des Sir Piers Rookwood.“ „Seine Geliebte— ſein Kebsweib, wenn Ihr ſo wollt; nichts anderes. Du unſinniger Thor, wer hat Dir denn ein ſolches Mährchen erzählt? Weib! Eine niedrig geborene Bäurin ſein Weib! Sir Piers Rook⸗ wood's Weib!— Ha! ha! Deine bäuriſchen Verwand⸗ ten ſollen Dich über dieſe alberne Meinung aufklären. Sollte es Dir denn etwa unbekannt ſein, daß man eine ſolche Dorfdirne mit derartigen Vorſpieglungen kirr macht? Ich zweifle nicht daran, daß auch ſie ſo betrogen wurde, jetzt iſt es übrigens zu ſpät, fich darüber zu beklagen, und ich möchte Dir gerathen haben, Deine eitle Prahlerei nie mehr zu wiederholen. Ich verſichere ——. —— 15⁵4 Dich, daß es zu weiter nichts dienen wird, als Deine eigene, und Deiner Mutter Schande zu verkündigen.⸗ „Lady Rookwood,⸗ antwortete Lukas ernſt,„der Ruf meiner Mutter iſt ſo unbefleckt, als der Ihrige. Beſchimpft wurde ſie— ihr Name, der mackellos und rein war, wurde befleckt und verleumdet; aber über kurz oder lang ſoll er wieder ſo rein ſein als das 1 Tageslicht; weder ſie noch ihr Kind ſoll mehr lange 1 ein Sprichwort der Menſchen bleiben. Hören Sie mich, Madame, ich wiederhole, daß Suſanne Bradley die erſte Gemahlin Sir Piers war— daß ich, ihr Kind, das Recht des Erſtgebornen habe: ja, daß ich der einzige Erbe der Güter und Titel Ihres Gemahls, 1 mit Ausſchluß Ihres Sohnes, bin. Erwägen Sie 31 dieſe Mittheilung. Man ſagt, daß die Leute Sie, als ein böſes Weſen, fürchten. Ich fürchte Sie nicht. Es gab Tage, wo die Rookwood ihre Damen in der Ab⸗ hängigkeit und Unterwerfung hielten. Enidecken Sie ————— 1 nichts hievon in mir?“ 3 Als Lady Rookwvod Lukas anſah, ſo mußte ihr 1 Herz die Wahrheit dieſer Verſicherung anerkennen. Es gibt eine, durch innere Aufregung hervorge⸗ 4 ———— brachte Beredtſamkeit, welche ſo ſtark iſt, daß ſie nie verfehlt, ſogar auf den entſchiedenſten Ungläubigen ihre überzeugende Macht zu äußern. Obgleich ſie übri⸗ gens von der Wahrheit der Behauptung Lukas' über⸗ zeugt war, ſo würde ſie dennoch kein Zugeſtändniß gemacht haben: allein ihr Entſchluß wich ihrem Er⸗. 1 ſtaunen, daß er ſo genau unterrichtet war, und der 1 unwiderſtehlichen Macht ſeines Benehmens. Wenn Lukas auch nur wenig von der charakteriſtiſchen Vor⸗ ſicht ſeiner Ahnen geerbt, ſo hatte er doch ihren gan⸗ zen Ungeſtümm; und Lady Rookwvod mußte im In⸗ nern zugeben, daß einer jenes heftigen Geſchlechts, 1 mit deſſen trauriger Geſchichte ſie nur zu ſehr vertraut war, hier vor ihr ſtehe. Widerſtrebende Gefühle drück⸗ 11 ten ſich in ihrem Geſichte aus: Stolz, Schäm, Wuth 1 — 15⁵ und Furcht ſtritten ſich um die Oberhand. Mit ge⸗ ſenktem Haupte ſchien ſie in Gedanken verloren zu ſein, während Lukas ſie düſter anblickte. Plötzlich wen⸗ dete ſie ſich gegen ihn mit dem Ausruf, deſſen Ton ſowohl als das ganz unerwartete Geſtändniß, welches derſelbe enthielt, ihn ſtutzen machten—„Ich weiß recht gut, daß dem ſo iſt. Ihr ſeid ſein Sohn.⸗ „Sie geben dieß alſo zu?⸗ „Habe ich nicht ſo geſagt?⸗ „Und Sie wollen die Beſitzung abtreten?“ fragte Lukas voll Erſtaunen. „Wenn Ihr ſie gewonnen habt; aber nicht früher als dann. Thor, der Ihr ſeid! Haltet Ihr mich denn für ſo albern als Euch ſelbſt— als Euren Vater? Ich glaube Eure Geſchichte— es gibt keine Gemein⸗ heit, deren Sir Piers nicht fähig geweſen wäre. Alles, was Du von Thorheit und Unfinn auffinden kannſt, käme nicht meiner Ueberzeugung gleich, daß er es aus⸗ geführt hätte. Ich glaube Dir ganz; und dennoch ver⸗ läugne ich Dich. Der Gedanke, daß ich deine Rechte weiß, ſie aber nie anerkennen werde, möge ein ſtets ſchmerzender Pfeil in Deiner Bruſt ſein; und eben ſo weiß ich auch, daß Du nicht die Mittel haſt, ſie zu beweiſen. Du kannſt ſie nicht beweiſen. Ha, ha! Jetzt höre auf mich. Die Heirat geſchah geheim — ohne einen Zeugen— ich allein könnte ſie be⸗ weiſen. Seid Ihr jetzt zufrieden? Sagt der Welt was Ihr gehört habt— wiederholt meine Worte— wer wird Euch glauben? Verſucht das Geſetz; wir ſind im Beſitz— wir haben die Macht. Ihr ſeid arm, ohne Freunde, ungekannt; nein, nicht ungekannt; Euer Charakter iſt zu gut bekannt— Euer Name iſt bekannt als der eines verzweifelten Menſchen, und gleich be⸗ deutend mit Laſter und Verbrechen. Wer wird ſolchen Beweiſen Glauben beimeſſen, wie Ihr ſie vorbringen könnt, Ihr, der Ihr den Geſetzen des Landes ſchon verfallen ſeid! Ihr ſeid vogelfrei, da Ihr in der letz⸗ 156 ten Nacht einen meuchelmörderiſchen Angriff auf mei⸗ nen Parkhüter gemacht habt. Deßhalb ſollt auch Ihr, der erſtgeborne Sohn des Sir Piers Rookwvod— der unbezweifelte Erbe ſeiner Güter— und ſeines Namens, alle Schärfe des Geſetzes zu erdulden haben; denn bei dem Gott, der über uns iſt! ich werde euch verfolgen— Euch zu Tod hetzen. Nun, Prahler, flehe um Gnade— um Varmherzigkeit— bitte um meine Nachſicht. Ihr ſeid mein Gefangener.“ „Ihr Gefangener! Lady Rookwood/ entgegnete Lukas, höhniſch auflachend.„Wenn ich Ihre meuchel⸗ mörderiſchen Abſichten ſtrafen wollte, ſo wären Sie die meinige. Zweimal ſchon haben Sie mir nach dem Leben getrachtet— aber der Himmel hat mich beſchützt. Sie können mich nicht zermalmen; triumphirend werde ich mich erheben. Was hindert mich denn, bewaffnet wie ich bin, denn ich bin bewaffnet, Sie bei der Ge⸗ fahr Ihres Lebens zur Unterzeichnung einer Erklärung zu nöthigen, worin Sie die Rechtmäßigkeit meiner Anſprüche anerkennen? Was anders hält mich davon ab, ſage ich, als die Ahnung, vaß meine gerechte Sache dennoch triumphiren wird? Ich überlaſſe ihre Ver⸗ fechtung derjenigen, welche ſchon ſo viel gethan hat⸗ Der Himmel wird mich führen— meine Mutter wird mich leiten—“ „Zu dem Galgen,“ rief Lady Rookwood—„vor welchem nichts Dich erretten ſoll. Wie alle Teufel, wird auch Dich der böſe Geiſt, welcher Dir gedient hat, zuletzt im Stich laſſen.“ „Ich ſetzte meine Hoffnung auf ſie,“ ſagte Lukas. In dieſem Augenblick wurde ſein Auge von dem Mi⸗ niatur⸗Gemälde gefeſſelt, auf welches es zufälligerweiſe gefallen war. Er ergriff es. Es kam ihm vor, wie eine Beſtätigung ſeiner Hoffnungen— er drückte es an ſeine Lippen.„Sagte ich es nicht?“ rief er aus; „wie hätte dieß ſonſt in meine Hände fallen können?“ „e N* 157 „„Dieß iſt Zufall, ſagte Lady Rookwood, welche dieſer Vorfall verwirrt hatte. „Zufall!“ rief Lukas aus;„es iſt das Schickſal — das Schickſal, welches über mein Geſchick wacht. War es Zufall, als die Gräber in der letzten Nacht ihre Todten wieder von ſich gaben? als ſie, deren Züge und Geſtalt hier abgemalt find, friſch und ſchön wie der Frählingstag mir zum erſten Mal erſchien? Nein! beſchimpfter, geheiligter Geiſt, die Stunde der Vergeltung iſt nah. Ich, dein Sohn, werde das Werk⸗ zeug deiner Vergeltung ſein.“ Und das Bild küſſend, gab er ihm den Platz auf ſeinem Herzen. Während dieſes Geſprächs richteten ſich die Augen der Lady Rookwood mehrere Male auf den Glocken⸗ zug, wie wenn ſie denſelben ziehen wollte; aber dieſer Plan wurde eben ſo bald wieder aufgegeben, als ge⸗ vildet; ohne Zweifel aus Furcht vor den Folgen einer ſolchen Handlung. Sie war nicht ohne Furcht über den Ausgang der Unterredung, und dachte darüber nach, wie ſie dieſelbe, ohne Gefahr für ſich ſelbſt zu Ende bringen, und ſich zu gleicher Zeit der Perſon des Lukas verſichern könne, als der letztere raſch auf ſie zugehend, und eine Piſtole ziehend, ausrief—„Fol⸗ gen Sie mir!“ „Wohin und warum?“ antwortete ſie ängſtlich. „In das Todtenzimmer!“ „Warum dort hin? Was wollt Ihr thun? Schänd⸗ licher! Ich werde mein Leben Euch nicht anvertrauen. Ich werde Euch nicht folgen.“ „Zaudern Sie nicht, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt. Wagen Sie es, das Haus zu allarmiren und ich gebe Feuer. Ihr Leben ſteht in Ihrer Hand. Ich will den Leichnam meines Vaters ſehen, ehe er in das Grab gelegt wird. Ich will Sie nicht hier laſſen.“ „Geht, ſagte Lady Nookwood;„wenn dieß alles iſt, ſo verpfände ich mein Wort, daß Ihr nicht geſtört werden ſollt.“ 158 „Ich will Ihr Wort nicht; Ihre Gegenwart ſoll meine Sicherheit ſein. Bei dem noch ungerächten An⸗ denken meiner Mutter, wenn Sie mich verrathen, ſo ſterben Sie auf der Stelle, und ſtünden alle Ihre Die⸗ ner um Sie! Gehorchen Sie mir, und es wird Ihnen nichts zu Leid geſchehen. Unſer Weg führt uns durch die geheime Wendeltreppe in jenes Zimmer— wir werden unbemerkt dorthin gelangen können— Sie ſehen, ich kenne den Weg, das Zimmer iſt auf ihren eigenen Befehl leer— ausgenommen den Todten. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen mein Kompliment über Ihre Vorſicht mache. Wir werden allein ſein. Wenn dieß geſchehen iſt, ſo gehe ich hinweg. Sie wer⸗ den dann nach Willkühr handeln können. Wagen Sie es, mir ungehorſam zu ſein, ſo komme Ihr Blut über Ihr eigenes Haupt.“ „Gehen wir,“ ſagte Lady Rookwood, gegen das Vorzimmer ſich wendend. „Ich glaube die Thüre iſt da,“ nach einem andern Theil des Zimmers deutend—„jener Wandkaſten— „Ha! wie wiſſen Sie dieß?“ „Dieß thut nichts zur Sache— folgen Sie.“ Lukas drückte an eine Feder, der Kaſten flog auf, und zeigte eine tiefe Riſche, in welche Lukas hinein⸗ ging, indem er die Hand der Lady Rookwood ergriff, und ſie ſo hinter ſich her zog. Neuntes Kapitel. Das Lodtenzimmer. Der Le ichnam iſt's.— ich hab Befehl gegeben Daß man hierher ihn legen ſoll. von Montfort. Die voben erwähnte Niſche war früher ein kleines Betzimmer geweſen, und es waren in demſelben noch 159 Polſter und Crucifix zu ſehen, obwohl es ſchon lange nicht mehr benützt worden war. Zwei Eingänge führ⸗ ten in daſſelbe; von welchen der eine in ein weiteres Schlafzimmer, der andere aber auf die Gallerie ging. Durch den letztern ging Lukas, nachdem er die Oeff⸗ zugemacht hatte, ohne ſeine Beute fahren zu laſſen. Es wurde nun auf ein Mal finſter, denn ſogar zu der hellſten Tageszeit wurde dieſer düſtre Corridor durch enge, gemalte und mit Drath überſponnene Fenſter, welche auf den alten, viereckigen Hofraum gingen, nur unvollſtändig erhellt; wie ſie aber aus der Betkapelle heraustraten, ſo beleuchtete ein flam⸗ mender Blitzſtrahl(da ſich plötzlich ein Sturm erhoben hatte) auf einen Augenblick die ganze Länge des Gan⸗ ges, und zeigte am andern Ende der Gallerie die hin⸗ wegeilende Geſtalt eines Mannes, welcher in einen weiten, ſchwarzen Mantel gehüllt war. Lady Rook⸗ wood ſtieß einen Hilferuf aus, aber der Mann, wer er auch ſein mochte, verſchwand wieder in dem plötz⸗ lich eintretenden Dunkel, und ließ ſie im Zweifel, ob er ihre Lage entdeckt habe voder nicht. Lukas hatte dieſe ſchwarze Geſtalt im nämlichen Augenblick geſehen; und nicht ganz ohne Furcht, es möchte ſein Plan zu⸗ letzt noch ſcheitern, faßte er Lady Rookwood noch feſter am Arm, und riß ſie eilig vorwärts, indem er ihr die Mündung ſeiner Piſtole auf die Bruſt ſetzte. Alles war in völlige Finſterniß gehüllt— man konnte nicht ein Mal ein Geſicht ſehen, als ſie durch den dunkeln Gang eilten, aber Lukas'gleich feſte Hand bewies ebenſo die Beharrlichkeit ſeines Entſchluſſes, als der langſame, würdige Schritt der Lady keine Be⸗ ſorgniß von ihrer Seite verrieth. Indem ſie eine kleine Wendeltreppe— die Verbindung zwiſchen der obern Gallerie und dem untern Stockwerk— hinabſtiegen, führte ſie ihr Weg, welcher wenig benützt wurde, un⸗ ter der großen Eingangshalle hin, indem er dieſe quer 160 durchſchnitt, und daher auch ſein ſpärliches Licht nur von oben erhalten konnte. Ihre Tritte hallten auf dem gepflaſterten Gange wieder— kein anderer Laut war zu hören. Indem fie eine andere, der eben be⸗ ſchriebenen ähnliche Wendeltreppe hinaufſtiegen, gelang⸗ ten ſie in einen andern Gang. Wenige Schritte führ⸗ ten ſie an eine Thüre. Lukas machte ſie auf, und ſie ſtanden im Todtenzimmer. Das Gemach, welches die irdiſchen Ueberreſte des armen Sir Piers enthielt, war mit all' dem Flitter⸗ ſtaat ausgeſchmückt, welcher ſo wenig den Tod zu ver⸗ decken im Stande iſt, daß er vielmehr nur dazu dient, die Nichtigkeit und Hinfälligkeit des Menſchen in ein grelleres Licht zu ſetzen. Es war vordem das gewöhn⸗ liche Speiſezimmer geweſen— eine ſonderbare Wahl; allein der Bequemlichkeit halber war es ſchon in den früheſten Zeiten hiezu verwendet worden, und die lange Gewohnheit hatte dieſen Gebrauch beinahe zu einem Geſetz erhoben. Dieſes Zimmer, welches eine ziem⸗ liche Ausdehnung hatte, war früher ein Theil der großen Halle geweſen, und durch eine dicke, hübſch gebohnte Wand aus Eichenholz, zu deren größerer Verzierung noch phantaſtiſche Relief⸗Figuren angebracht waren, von jener getrennt worden. An den Wänden hiengen verſchiedene Bilder von Familien⸗Mitgliedern in jedem möglichen Anzug, von der Stahl⸗Rüſtung des Sir Ra⸗ nulph an, bis zu den weiten Gewändern des Sir Ne⸗ ginald. Die meiſten des Geſchlechts hiengen im Zim⸗ mer, und blickten in dem fahlen Lichte, welches die Fackeln und Kerzen auf ſie warfen, wie eine Reihe ernſter und ſchweigender Zeugen, welche ihren hinge⸗ ſchiedenen Nachkommen geleiten wollten. Das Zimmer war mit ſchwarzem Tuch ausgeſchlagen, und in der Mitte deſſelben ruhte der Leichnam auf einer Bahre. Große ſchimmernde Wappen verkündigten die heraldi⸗ ſchen Würden des Verſtorbenen. Dicke Kerzen brann⸗ ten zu ſeinem Haupte und ſeinen Füßen, und duftender —+—————.——— — ——.——— — — NW v*— v M 161 Weihrauch verbreitete ſeine Wohlgerüche aus ſilbernen Schaalen. Lukas und ſeine unfreiwillige Begleiterin waren plötzlich eingetreten. Der ſchnelle Uebergang von der Finſterniß zum hellſten Lichte hatte ſie beinahe erblinden gemacht, und ſie waren ſchon weit in dem Zimmer vorgeſchritten, ehe Lady Rookwood einen Mann er⸗ blickte, welcher ſich über die Bahre beugte, und den ſie für einen der Träger hielt. Der Sarg war ganz aus der gewöhnlichen Lage verrückt, und die Perſon, welche ihnen den Rücken zukehrte, ſchien in eine ſchwer⸗ müthige Betrachtung über das Schauſpiel, welches ſich ihren Blicken darbot, verſunken. Lady Rookwood riß ſich ſchnell von Lukas los, und eilte mit einem lauten Schrei auf den Mann zu, indem ſie ſeine Schulter berührte. Er ſah ſich auf den Ruf um, und zeigte da⸗ durch die Züge ihres Sohnes! Lukas war ihr eben ſo ſchnell gefolgt. Er richtete das Piſtol auf ihren Kopf, aber ſeine Hand fiel an die Seite zurück, als er dem Auge Ranulphs begegnete. Alle drei ſchienen ſtarr vor Erſtaunen. Ranulph brei⸗ tete die Arme gegen ſeine Mutter aus, welche ſich mit dem einen Arm auf ſeine Schulter ftützte, während ſie mit dem andern auf Lukas hinwies; der letztere blickte beide ernft und forſchend an— doch keines ſprach ein Wort. Rookwood. I. 162 Zehntes Kapitel. Die Prüder. Wir ſind betrübt, Durch ſeine heft'ge That floß Blut der Ehre⸗ Das unſ're Ehre ſchändete, Die Stirne unſ'res Rufs beſchmuzte Dinte, Boöswill'ge Geiſter tauchen ihre Federn. Pach unſ'rem Tod hinein zu unſrrer Schande; Denn was Verrath bei unſ'rem Leben ſcheint, Iſt nach demſelben Scherz. Wer kaum wa 8 Zu lispeln, wird dann laut zu ſprechen wagen⸗ Und Wort und Kiel wird unſ're ver⸗ unden. Der Rächer.— Ein Trauerſpiel. Mit jenem ſchnellen Ueberblick, welcher viele bei einem ſo unvorhergeſehenen Ereigniſſe wie dieſes, ihre Lage ſogleich richtig auffaſſen läßt, ahnte Lukas ſogleich, wer vor ihm ſtehe. Obgleich beſtürzt, behielt er den⸗ noch ſeine Faſſung, und erwartete den Erfolg mit über die Bruſt gefalteten Händen ab. „Ergreife ihn, rief Lady Rookwood, ſobald ſie ihrer Sprache wieder mächtig geworden war. „Er rennt in ſeinen Tod, wenn er ſich nur rührt, antwortete Lukas, indem er auf ſeine Piſtole wies: „und Sie, ſeine Mutter, werden ſein Leben zu ver⸗ antworten haben. Er iſt unbewaffnet, er kann es nicht mit mir aufnehmen.“ „Bedenkt, wo Ihr ſeid, Ihr Böſewicht!“ rief Ranulph;„Ihr habt Euch in Euren eigenen Schlin⸗ gen gefangen. Ergebt Euch auf Gnade oder Ungnade, Widerſtand wäre vergeblich, und würde Euch nichts nützen, ſondern Euer Vergehen nur noch vergrößern. Ergebt Euch—“ 3 5 163 „Nimmermehr,“ erwiderte Lukas:„wiſſen Sie auch wer der iſt, von dem Sie Ergebung verlangen?“ Wie ſollte ich?“ antwortete Ranulph. „Durch denjenigen Inſtinkt, der mir ſagt wer Sie ſind. Fragen Sie die Lady Rookwood, ſie kann Ihnen Auskunft hierüber geben, wenn ſie will.“ „Sprich nicht mit ihm, ergreife ihn,“ rief Lady Rookwood aus.„Er iſt ein Dieb, ein Mörder, wel⸗ cher nach meinem Leben getrachtet hat.“ „Hüten Sie ſich,“ ſagte Lukas zu Ranulph, wel⸗ cher den Befehlen ſeiner Mutter Folge leiſten wollte, „ich bin kein Dieb, kein Mörder, meine Seele iſt von jeder ſolchen Schuld frei, obgleich ich manche Frevel⸗ thaten begangen haben mag. Machen Sie mich zu keinem Brudermörder.“ „Höre ihn nicht,“ ſtieß Lady Rookwood heraus. „Es iſt falſch— laß Dich von ihm nicht beſchwäzen, denn ſeine Seele— ich will nach Hilfe rufen.“ „Halten Sie, meine Mutter!“ rief Ranulph. in⸗ dem er Lady Rookwood aufhielt;„dieſer Mann könnte das wirklich ſein, für was er ſich ausgibt. Ehe wir zum Aeußerſten ſchreiten, will ich ihn doch vorher fra⸗ gen. Ich würde es nie in Ihrer Gegenwart erwähht haben, wenn ich es hätte vermeiden können, allein mein Vater hat noch einen Sohn.“ Lady Rookwood runzelte die Stirne. Sie würde jede weitere Bemerkung von ſeiner Seite verhindert haben, allein Lukas fügte bei— „Sie haben die Wahrheit geſprochen, er hatte einen Sohn, ich bin dieſer, ich—“ eis⸗ ich befehle es Euch,“ ſagte Lady Rook⸗ wood. „Tod und Teufel!“ rief Lukas mit lauter Stimme aus; warum ſollte ich denn auf Ihr Geheiß ſchweigen, auf Ihres, welche Sie doch keine Achtung vor den Ge⸗ ſetzen, weder menſchlichen noch göttlichen haben; Sie verfolgen Ihre eigenen ſchändlichen 3w ohne weder 164 Scheu vor Gott, noch vor den Menſchen zu haben. Verſchwenden Sie Ihre grimmigen Blicke nicht an mich, ſie ſind mir gleichgültig. Halten Sie mich denn für einen zahmen Hund, welchen man ſchweigen heißen kann? Ich werde ſprechen. Ranulph Rookwvod, der Name, den Sie tragen, iſt der meinige, und zwar durch ein Recht, welches ſo gut iſt, als das Ihrige. Ich entſproßte den Lenden desjenigen, der hier als Leiche vor uns liegt. Kein Mackel haftet auf meiner Geburt. Ich bin der Sohn Ihres Vaters, ſein Erſt⸗ geborner, Ihr älterer Bruder. Höre mich!“ rief er aus, indem er gegen die Bahre hinſtürzte.„Bei die⸗ ſem Leibe ſchwöre ich, daß ich die Wahrheit geſprochen, und obgleich er nie für mich das war, was ein Vater ſein ſoll; obgleich ich nie ſein Lächeln gekannt, ſeine Liebkoſungen nie gefühlt, ſeinen Segen nie empfangen habe, ſo ſei jetzt doch alles vergeben, vergeſſen.“ Und er warf ſich mit krampfhaftem Ungeſtümm über den Sarg hin. . Der Eindruck, den Lukas' leidenſchaftliche Erklä⸗ rung auf Ranulph machte, und die Gefühle, welche dieſelbe in ſeinem Buſen erregten, ſind ſchwer zu be⸗ ſchreiben. Beſtürzung und Schrecken herrſchten vor. Die ſchreckliche Scene vor ſeinen Augen, und die Erin⸗ nerung an das Geſpenſt, welches er geſehen zu ha⸗ ben glaubte, machten ihn auf die Beſchwörung des Lukas mit einem Gefühl hören, welches ſeine Gebeine erſchütterte. Seine ſchlimmſten Befürchtungen ſchienen verwirklicht, und zwar auf eine ſo ſchreckliche und faſt übernatürliche Weiſe, als das Geſicht ſelbſt. Unfähig ein Glied zu rühren, ſtarrte er ſtillſchweigend vor ſich hin. Nicht ſo Lady Rookwood. Der Augenblick zum Handeln war da. Sich mit gedämpftem Tone an ihren Sohn wendend, ſagte ſie;„die Beute iſt in Deiner Gewalt. Bringe ſie in Sicherheit.“ „Warum?“ erwiderte Ranulph;„ſoll ich meine Hand gegen ihn erheben, wenn er mein Bruder iſt?“ ð 165 en denn nicht?“—entgegnete Lady Rook⸗ wood. „Dieß wäre eine verfluchte That,“ antwortete Ranulph.„Das Geheimniß iſt gelöst. Deßwegen rief er mich nach Haus.“ „Ha! was ſagſt Du?— gerufen? durch wen?“ „Durch meinen Vater!“ „Deinen Vater?“ erwiderte Lady Rookwood hoch erſtaunt. „Ja und zwar durch meinen todten Vater! Er iſt mir ſeit ſeinem Tode erſchienen, nein, gerade in dem Augenblick, als ſein Geiſt hinſchied, um mich zur Rückkehr aufzufordern; warum, das wußte ich nicht. Der Zweifel iſt nun aufgeklärt.“ „Ranulph, Du faſelſt, der Schmerz hat Dich wahn⸗ ſinnig gemacht.“ „Nein Mutter, aber ich werde nicht gegen mein Schickſal ankämpfen?“ „Schickſal! ha, dein Schickſal iſt Rookwood, deſſen Rechte, ſeine Ländereien, ſeine Einkünfte und ſein Name; und Du ſollſt dieß alles auf keinen ſo niedrig geborenen Kerl, wie dieſer es iſt, abtreten. Er ſoll ſeine Rechte beweiſen. Dann ſoll er alles erhalten. Das Geſetz ſoll es ihm zuſprechen, und wir treten es ihm ab, aber keinen Augenblick bälder. Ich ſage Dir, daß er dieß Recht nicht hat, und es eben ſo wenig beweiſen kann. Er iſt ein betrogener Träumer, welcher dieß glaubt, und behauptet, da er irgend ein leeres Geſchwäz über ſeine Geburt gehört hat, und weil dieß mit ſeinen Wünſchen übereinſtimmt. Ich hörte ſeine Erzählung mit der Geringſchätzung an, wie ſie es verdient. Ich würde ihn forigejagt haben, allein er iſt bewaffnet, wie Du ſiehſt, und nöthigte mich hierher zu gehen, vielleicht um mich zu morden; welche That er auch ohne Zweifel ausgeführt hätte, wäreſt Du nicht da⸗ zwiſchengekommen. Sein Leben iſt wegen eines Ver⸗ fuchs der nämlichen Art in der vergangenen Racht 166 dereits verwirkt. Wegen was ſonſt wäre er denn hier⸗ her gekommen? warum hätte er mich an dieſen Platz geführt? Laß ihn dieß beantworten?“ „Ich werde es beantworten,“ erwiderte Lukas, indem er ſich von der Bahre erhob. Sein Geſicht war aſchfarben, und eben ſo ſchauerlich anzuſehen als der Leichnam, über welchem er gelegen war.„Ich mußte etwas thun, wobei ich Sie zum Zeugen wünſchte. Es war ein wildes Unterfangen; aber die Art und Weiſe, durch welche ich zur Kenntniß meiner Rechte gelangte, war eben ſo wild. Ranulph, wir beide ſind die Skla⸗ ven einer unvermeidlichen Nothwendigkeit. Du haſt Deinen Ruf hierher erhalten, ich den meinigen eben ſo. Der Geiſt Deines Vaters rief Dich; die Todten⸗ hand meiner Mutter winkte mir. Wir beide kamen hierher. Ein Ding bleibt noch übrig, und mein Auf⸗ trag iſt vollendet.“ Indem er dieß ſagte, zog er die Todtenhand herbor; und nachdem er erſt den Trau⸗ ring von ihrem Finger abgezogen hatte, legt er das verwelkte Glied an ſeines Vaters linke Bruſt.„Ruhe hier,“ rief er aus,„für immer.“ „Wirſt Du dieß dulden?“ ſagte Lady Rookwood höhniſch zu ihrem Sohne. „Nein,“ erwiderte Ranulph;„eine ſolche Ent⸗ weihung des Todten foll nicht geduldet werden, und wäre er zehnmal mein Bruder. Geht auf die Seite,“ fügte er bei, indem er gegen den Sarg vorging und Lukas wegſchob.„Berührt nicht mit Eurer Hand den Leichnam meines Vaters, und nehmt weg, was Ihr auf denſelben hingelegt habt.“ „Ich werde es nie wegnehmen, noch dulden, daß es hinweggenommen werde, entgegnete Lukas.„Deß⸗ wegen allein kam ich hierher. Mit dieſer Hand war er im Leben vereinigt, und ſoll nun auch im Tod nicht von ihr geſchieden ſein.“. „Hörſt Du ihn!“ rtef Lady Rookwood. „Ein ſolcher Frevel ſoll nicht geduldet werden;“ 3— S—- 6 167 rief Ranulph aus, indem er mit der einen Hand Lu⸗ kas ergriff⸗ und mit der andern die Sterbegewänder faßte.„Thut dieß weg, oder beim Himmel—“ „Laſſen Sie mich los,“ ſagte Lukas mit einer Donnerſtimme; Ihre Verſuche ſind vergeblich.“ Alle Anſtrengungen Ranulphs, ihn zurückzuſtoßen, waren er⸗ folglos; er entwand ſich ſeinen Griffen, und faßte die Hand ſeines Bruders, um ihn an der Ausführung ſei⸗ nes Vorhabens zu hindern. In dieſem unnatürlichen und unziemlichen Streit waren von dem Leib ihres Vaters die Gewänder weggezogen worden, und die ſhn⸗ welche auf der bewegungsloſen Bruſt lag, wurde ar. Als ob die ſchauerliche Impietät ihres Benehmens ſogar bei dem Todten einen augenblicklichen Vorwurf hervorgerufen habe, ſo ſchien ſich die Stirne des Sir Piers zu runzeln, als ihre erbitterten Blicke in dieſer Richtung hinfielen. Dieſe ſchauerliche Wirkung wurde nur durch die Annäherung der Lady Rookwood veranlaßt, deren Schatten auf die Stirne und das Ge⸗ ſicht des Hingeſchiedenen ſiel, und hiedurch die beſchrie⸗ bene Erſcheinung hervorbrachte. Sie ließen augenblick⸗ lich einander los, und blieben, mit einem tiefen Ge⸗ fühle der Schaam und des Vorwurfs, ſtehen, indem ſie ihre Augen auf den Todten hefteten, deſſen Ruhe ſie geſtört hatten. Indem Lukas die Sterbegewänder ſorgſam wieder übereinander legte, ſchickte er ſich zum Weggehen an. „Halt!“ rief Lady Rookwood;„Ihr geht nicht von hier weg.“ „Mein Bruder Ranulph wird meinem Wegehe keine Hinderniſſe in den Weg legen,“ erwiderte Lukas; „wer ſonſt wollte mich denn daran verhindern?“ „Ich will es,“ rief eine ſcharfe Stimme hinter ihm; und ehe er ſich noch umwenden konnte um zu ſehen, von wem dieſer Ausruf herrühre, fühlte ſich Lu⸗ kas von zwei ſtarken Männern ergriffen, welche ihm 168 die Piſtole aus den Händen wanden, und dieſelben ſeſt banden. Dieß war kaum das Werk eines Augenblicks, und er ein Gefangener, ehe er nur daran denken konnte, Widverſtand zu leiſten. Ein höhniſches Lächeln des Frohlockens bewies, wie zufriedengeſtellt Lady Rook⸗ wood war. „Bravo, meine Jungen, bravo!“ rief Mr. Cva⸗ tes, indem er vorſchritt; denn unter ſeiner gewandten Oberleitung war die Gefangennahme vor ſich gegangen: „prächtig ausgeführt; die Leute meines Valers, des Diebseinfängers, hätten ſich nicht beſſer benehmen kön⸗ nen, gebt mir dieſe Piſtole, ſie iſt geladen wie ich ſehe, vhne Zweifel mit Kugeln, o, er iſt ein köſtlicher Schurke, durchſucht ihn, kehrt ſeine Taſchen um, während ich mit der gnädigen Frau ſpreche.“ Mit dieſen Worten näherte ſich der tapfere Rechtsgelehrte, welcher höch⸗ lichſt über ſeine Heldenthat erfreut war, unter tiefen Bücklingen der Lady Rookwood, indem er zu gleicher Zeit äußerſt ſelbſtzufrieden lächelte.„Gerade noch zur rechten Zeit, um ein Unglück zu vermeiden,“ ſagte er; „hoffe, Eure Gnaden werden durch den gehabten Schrecken keine Angelegenheit gehabt haben, bitte um Verzeihung, Verdruß wollte ich ſagen, welche dieſe ſchreckliche Gewaltthätigkeit hervorgebracht haben muß, äußerſt unangenehme Sachen, dieſe da, einer Dame ſtets, aber zu einer ſolchen Zeit, wie die jetzige, noch empörender. Wir haben indeß den Schurken feſt ge⸗ nug zur Verfügung Eurer Gnaden. Ein ſehr glück⸗ licher Umſtand, der mich gerade um den Weg ſein ließ. Vielleicht wünſchten Eure Gnaden zu wiſſen, wie ich xs erfuhr—“ 2 „Jetzt nicht,“ erwiderte Lady Rookwood, indem ſie die Geſchwäzigkeit des Mannes des Geſetzes hemmte. „Ich danke Ihnen herzlichſt, Mr. Cvates, für den Dienſt, welchen Sie mir geleiſtet haben; Sie werden die Verbindlichkeiten, welche Sie mir bereits auferlegt haben, noch weſentlich vermehren, wenn Sie den Ge⸗ — N — ————** v — — — ——— — 169 fangenen ſo ſchnell von hier wegbringen, als es nur immer angeht. „Gewiß, wenn es Eure Gnaden wünſchen. Soll ich ihn während der Nacht hier in dem Herrenhauſe einſperren, oder ſogleich nach dem Gefängniß in dem Dorfe bringen?“ „Wohin es Ihnen beliebt; thun Sie es nur raſch,“ erwiderte Lady Rookwood, welche mit großem Unbe⸗ hagen die Aufregung ihres Sohnes bemerkte, und we⸗ nigſtens fürchtete, er möchte in Gegenwart ſo vieler Zeugen etwas ſagen oder thun, was Ihrer Sache nach⸗ theilig ſein könnte. Auch waren Ihre Befürchtungen nicht ungegründet. Als Mr. Cvates zu dem Gefan⸗ genen zurückkehren wollte, ſo wurde er durch Ranulphs Stimme angehalten, welche ihm zu bleiben befahl. „Mr. Cvates,“ ſagte er,„obwohl der äußere Schein gegen dieſen Mann ſein mag, ſo iſt er doch kein Dieb— Sie müſſen ihn alſo wieder freigeben.“ „Wie ſo; was iſt denn dieß? ihn freigeben, Sir Ranulph?“ „Ja, mein Herr; ich ſage Ihnen, daß er weder in der Abſicht zu ſtehlen, noch um Gewaltthätigkeiten zu verüben, hierher gekommen iſt.“ „Dieß iſt falſch, Ranulph,“ erwiderte Lady Rook⸗ wood.„Ich wurde von ihm hierher geſchleppt, mit BGefahr meines Lebens. Er iſt übrigens ſchon wegen eines andern Vergehens der Gefangene des Mr. Conies. „Ganz ohne allen Zweifel; Eure Gnaden haben vvollkommen Recht; ich habe einen Verhaftsbefehl gegen ihn, wegen ſeines Angriffs auf Hugh Badger, den Wildhüter, und noch einiger andern Schelmenſtreiche.“ „Ich mache mich anheiſchig, wegen dieſer Ver⸗ gehung für ihn zu ſprechen, erwiderte Ranulph.„Nun, mein Herr, geben Sie ihn frei.“ „Auf Ihre Gefahr“ rief Lady Rookwöod aus. „Num in der That“ murrte der erſtaunte Advokat; — 17⁰ „dieß iſt doch das Sonderbarſte, was mir nur je in meinem Leben vorgekommen iſt.“ „Ranulph,“ fagte Lady Rookwood ſtreng zu ih⸗ rem Sohn,„hüte Dich, meinem Willen Dich zu wi⸗ derſetzen.“ ⸗ „Ja, Sir Ranulph, erlauben Sie, daß ich Ihnen einen Rath gebe; als Freund, widerſetzen Sie ſich nicht der Lady,“ wisperte der Rechtsmann;„fie hat in der That Recht;“ da er aber ſah, daß ſein Rath nicht gehört wurde, ſo zog ſich Coates ein wenig zurück. „Ich werde nicht zugeben, daß dem Sohne mei⸗ nes Vaters Unrecht geſchieht, erwiderte Ranulph mit gedämpfter Stimme.„Warum wollen Sie ihn ge⸗ fangen halten?“ „Warum?“ entgegnete ſie:„unſer Wohl erheiſcht es, unſere Ehre.“ „Unſere Ehre verlangt ſeine augenblickliche Be⸗ freiung; jeder weitere Augenblick, welcher ihn noch in dieſen Banden ſieht, befleckt die Reinheit derſelben, ich ſelbſt werde ihn von ſeinen Feſſeln befreien.“ „Und meinem Fluche trotzen, thörichter Knabe? Du zogſt Dir das Anathema Deines Vaters wegen einer viel geringeren Sache zu, als dieß iſt. Unſere Ehre, Deine Ehre, meine Ehre, ſchreien laut nach ſei⸗ nem Blute. Würde ich nicht in dem Punkte beſchimpft, in welchem Frauen am empfindlichſten find? Meinſt Du, ich hätte den Sir Piers Rookwood geheiratet, wenn ich nur das Geringſte von dieſer Ehe geahnt hätte; noch mehr, wenn ich mir hätte träumen laſſen, daß ein Sprößling derſelben am Leben ſei? Wurde ich nicht betrogen? Wurdeſt nicht auch Du hintergan⸗ gen? Soll man mich verhöhnen und verſpotten dür⸗ fen, wenn dieſe Täuſchung an das Tageslicht kommt, oder wirſt Du dieſe Schmach ertragen? Wo würde alsdann meine Ehre ſein? Meiner ſchönen Güter be⸗ raubt, mein Sohn, ich ſelbſt, Bettler, abhängig von der Gnade eines Abenteurers. Verlangt die Ehre M —— 171 von Dir, dieß zu dulden? Wenn die Ehre Dich zu etwas anderm antreiben würde, ſo wäre ſie ein Trug⸗ gebild, ſo eitel als der Schatten Deines Vaters, von dem Du ſprichſt.“ „Erwecke ſeinen ſchrecklichen Geiſt nicht, Mutter,“ rief Ranulph ſchaudernd aus;„fordere ſeinen Grimm nicht heraus.“ „Fordere Du meinen Grimm nicht heraus,“ entgegnete Lady Rookwvod.„Ich bin noch weit mehr zu fürchten. Denke an Eleonore Mowbray— das Hinderniß eurer Vereinigung iſt weggefallen. Möch⸗ 3, S Dir ſelbſt eine noch größere Schranke auf⸗ richten?“ „Mutter! Mutter!“ „Wollteſt Du feiger Weiſe zugeben, daß dieſer erſt aufgetauchte Prätendent, welchen Du nicht kennſt, noch nie geſehen haſt, Dir Dein Erbe ohne den geringſten Kampf entreiße? Ich ſage Dir, daß ohne Rookwood Eleonore Mowbray nie die Deinige wer⸗ den wird; dieß weiß ich von Mrs. Mowbrah ſelbſt. Sogar hier könnte er Dich ausſtechen; nein, ich ſpreche nicht auf's Gerathewohl. Laſſe ihn zum Beſitz gelangen und erwarte die Folgen; jetzt iſt er in unſerer Gewalt. Er wird entweder am Galgen ver⸗ faulen oder aus dem Lande geſchafft werden. Sprich das einzige Wort; Du wirſt Dir entweder dieſen Rieſen ſelbſt in den Weg ſtellen oder ihn zermalmen, ſo lange er noch ſchwach iſt. Wähle zwiſchen ihm und mir.“ „Mutter—“ „Nein, höre mich weiter. Unſere Rache iſt ge⸗ recht. Ich wurde eben ſo gut betrogen, als Du. Man hat uns beiden Unrecht gethan. Bie heilige Schrift lehrt uns, bei einer ſolchen Gelegenheit zur Liſt unſere Zuflucht zu nehmen. Gleich Eſau hat er ſein Erſtge⸗ burtsrecht verloren, und wie Rachel an Jakob han⸗ delte, ſo will ich auch an Dir es thun. Ich will 172 Dich zum älteren machen, zum Herrn Deines Bru⸗ ders und ſeines Hauſes.“ „Wenn er mein Bruder iſt und dieß Haus das ſeinige, ſo würde ich mich an dem Himmel verſündi⸗ gen, wenn ich es ihm vorenthielte; ich werde es nicht thun. Ihre eigenen Worte beweiſen Ihre Ueberzeu⸗ gung von ſeinem Rechte.“ „Meine Ueberzeugung! Ranulph, Du machſt mich verrückt, wenn Du ſo ſprichſt. Was iſt für mich Ueberzeugung oder Zweifel? Der Weg, den wir ein⸗ ſchlagen müſſen, iſt uns klar vorgeſchrieben: er ſoll ſein Recht beweiſen; alsdann iſt es noch immer Zeit genug zum Nachgeben. Indeſſen, mag er auch ſein, was er will, gebe ihm nicht dieſen Vortheil in die Hände; jetzt iſt er in unſerer Gewalt. Er hat gegen die Landesgeſetze gefrevelt, welche ſeine Freiheit, wenn nicht gar ſein Leben gefährden; laſſe ihn vorerſt dieß widerlegen. Entſchließe Dich ſchnell; aller Augen ſind auf uns gerichtet. Das Zimmer iſt jetzt angefüllt mit der Dienerſchaft, den Vaſallen, den Gäſten. Ver⸗ kündige, wenn Du es ſo willſt, vor Allen Deine eigene Schmach, Dein Nichts und ſeine Erhebung; ſeine! Und dann laß uns hier ſcheiden für immer.“ „Genug, Mutter, mehr als genug. Sie haben mich zum Entſchluß, aber nicht zur Ueberzeugung ge⸗ bracht. Halten Sie ihn, wenn Sie wollen, bis mor⸗ gen im Hauſe. Während der Zeit will ich über den Weg, welchen ich einſchlagen ſoll, nachdenken.“ „Iſt dieß alſo Dein feſter Entſchluß?“ „So iſt's. Mr. Cvates,“ ſagte Ranulph zu dem Rechtsgelehrten, welcher zwar ein Augen⸗, aber glück⸗ licherweiſe kein Ohrenzeuge dieſes Geſprächs geweſen war;„binden Sie den Gefangenen los und bringen Sie ihn hieher.“ 4 Beliebt es ſo Ihrer Ladyſchip?“ ſragte Mr. ₰ Coates, welcher ausnehmend bedauerte, nicht beiden ½ Parthieen zu Gefallen leben zu können. — M—— BB̃—— — V M 173 Lady Rookwood zeigte ihre Einwilligung durch eine leichte, bejahende Bewegung an. „Ihrem Wunſche ſoll willfahrt werden, Sir Ra⸗ nulph,“ ſagte Cvates, indem er ſich mit einer Ver⸗ beugung entfernte. „Sir Ranulph!“ widerholte Lady Rookwvod mit ſtarkem Nachdruck;„bemerkteſt Du dieß?“ „Bei meiner Seele,“ murrte der Advokat,„dieß iſt doch die außergewöhnlichſte Familie. Machen Sie Platz, meine Herrn, wenn es Ihnen gefällig iſi,“ fügte er bei, indem er ſich durch die Menge zu dem Gefangenen durchdrängte. Nachdem wir beſchrieben haben, was in dem einen Theile des Zimmers zwiſchen Lady Rookwood und ihrem Sohne vorgegangen war, müffen wir auch noch in der Kürze einige wichtige Ereigniſſe erzählen, welche in einem andern Theile ſtattfanden. Das Gerücht von der Gefangennahme eines Diebes verbreitete ſich raſch durch das ganze Haus, und beinahe alle Bewoh⸗ ner eilten nach jenem Zimmer; unter ihnen waren auch Doktor Small, Titus Tyrconnel und Jack Palmer. „Alle Wetter! ſind Sie auch da, mein Lieber?“ ſagte Titus, welcher ſeinen Freund erblickte,„der Vogel iſt gefangen, wie Sie ſehen.“ Verdammt ſei dieſe Gefangennahme,“ erwiderte Jack trotzig;„ja ich ſehe— Alles ſeine eigene Schuld; hölliſche Thorheit hierher zu gehen und gerade zu einer ſolchen Zeit. Da iſt jett aber nicht mehr zu helfen; er muß die Sache eben ſo nehmen, wie ſie einmal iſt. Wenn ich aber dieſem ſchleichenden, glotz⸗ augigen, federfuchſigen Pergamentmann dieſer Tage ſeine Dienftfertigkeit nicht heimgebe, ſo iſt mein Name nicht Jack Palmer.“ „Potz Tauſend! hörte ich je, was der Teufel geht denn Sie der Junge an, Jack? Reelles Han⸗ deln iſt ein Juwel, und ſicher that Mr. Cvates nur ſeine Pflicht. Es thut mir leid, daß er ergriffen 174 wurde, weil er mit dem Sir Piers verwandt iſt und weil ich glaube, daß er für ſeine Vergehungen aufge⸗ knüpft werden wird; und doch könnte ich ihm das Wildern verzeihen; aber daß er bei einer ſolchen Ge⸗ legenheit wie dieſe, in ein Haus einbrach, alle Wet⸗ ter! dieß iſt ein verteufelt ſchlechter Streich. Ich fürchte, er iſt doch ſchlimmer, als ich geglaubt habe.“ Eine Gruppe Landvolks, von welchen viele be⸗ rauſcht waren, hatte ſich indeſſen um den Gefangenen verſammelt. Welcher Art aber auch die Gedanken Lukas ſein mochten, ſo konnte man doch keine Spur von Furcht auf ſeinem Geſicht entdecken. Er ſtand mitten in dem Haufen aufrecht, indem ſeine hohe Geſtalt alle Umſtehenden überragte und ſeine Augen auf die Bewegungen der Lady Nookwood und ihres Sohnes gerichtet waren. Er hatte die Angſt des Letz⸗ tern und die Leidenſchaftlichkeit der Erſtern wohl be⸗ merkt; die wahre Urſache beider auch wohl errathen. Das Geſpött und der Hohn, die Drohungen und un⸗ verſchämten Fragen der um ihn herumſtehenden Bauern gingen ungehört an ſeinen Ohren vorüber; doch eine Stimme, ſo ſcharf als das Ziſchen einer Schlange, machte ihn ſtutzig. Es war die des Todtengräbers. Du haſt es gut gemacht,“ ſagte Peter,„oder nicht? Deine Feſſeln find, wie ich hoffe, nach Deinem Geſchmack. Wohl! ein eigenſinniger Menſch muß ſeinen eigenen Weg gehen; aber in der nächſten Zeit wirſt Du vielleicht gerne meinem Rath folgen. Du mußt Dich nun ſelbſt, ſo gut es gehen kann, aus den Händen dieſer Moabiten befreien, und ich verſpreche Dir, daß dieſes keine leichte Sache ſein wird. Ha, ha!“ . Peter verlor ſich in dem Haufen. Lukas, welcher ihn vergeblich zu enidecken ſuchte, fand die Augen des Jack Palmer mit einem ganz eigenthümlichen und ſehr dezeichnenden Ausdruck auf ſich geheftet. In dieſem Augenblick erſchien Mr. Coates. „Bringt den Gefangenen herbei, ſagte der Mann ——— S 8 S N X— S 8 7 ——— S 17⁵ des Geſetzes zu ſeinen zwei Häſchern; und demgemäß wurde Lukas fortgezogen, indem Mr. Coates alle ſeine Kräfte anwandte, um die Menge zurückzuhalten. Während des Gedränges hörte Lukas eine Stimme in ſein Ohr wispern:„habt keine Furcht, es iſt Alles gut;“ und wie er den Kopf wandte, ſo entdeckte er den Jack Palmer in ſeiner Nähe. Der Letztere zog ſeine Augenbraunen mit dem Zeichen des Stillſchwei⸗ gens in die Höhe und Lukas ging weiter, als ob Nichts vorgekommen wäre. Er ſtand bald vor Lady Rookwood und ihrem Sohne; aber ungeachtet der Anſtrengungen des Mr. Coates, welcher noch von wenigen andern unterſtützt war, wurden ſie von der Menge dicht umdrängt. „Nehmt dieſe Feſſeln weg,“ ſagte Ranulph. Und ſeine Banden waren gelöst. „Willigt Ihr ein, bis morgen hier als Gefange⸗ ner zu verweilen?“ „Ich willige in Nichts ein,“ erwiderte Lukas; „ich bin in Ihren Händen.“ „Er verdient Ihre Milde nicht, Sir Ranulph,“ unterbrach ihn Mr. Cvates. „Laſſen Sie ihn nur machen,“ ſagte Lady Rook⸗ wood;„er wird die guten Folgen davon bald zu erndten bekommen.“ „Wollt Ihr verſprechen, nicht fortzugehen?“ fragte Ranulph. „Wie,“ rief der Advokat;„ſeien Sie verſichert, er wird es thun. Ha, ha!“ „Nein,“ entgegnete Lukas ſtolz,„ich werde es nicht thun, und Sie werden mich auf Ihre Gefahr hin gefangen halten.“ „Immer beſſer, rief der Advokat aus.„Dieß iſt der größte Spaß, den ich je erlebt habe.“ „Ich werde Euch alſo ſo lange im Gewahrſam behalten, bis geeignete Nachforſchungen gemacht find, ſagte Ranulph.„Ihrer Sorge, Mr. Cvates und — 176 jener des Mr. Tyrconnel, welchen ich erſuchen muß, Ihnen helfend beizuſtehen, übergebe ich ſeine Bewa⸗ chungz und ich muß Sie ferner noch bitten, ihm jede Aufmerkſamkeit zu erweiſen, welche ſeine Lage geſtat⸗ tet. Man bringe ihn weg. Wir haben an dem Tod⸗ ten eine geheiligte Pflicht zu erfüllen, welcher ſogar die Gerechtigkeit an den Lebenden weichen muß. Zer⸗ ſtreuen Sie dieſen Haufen und treffen Sie ſogleich An⸗ ſtalten zur Vollziehung der Feierlichkeit. Sie verſtehen mich mein Hert.“ „Ranulph Rookwvod,“ ſagte Lukas ernſt, als er wegging,„Du haſt eine andere, eine heiligere Pflicht zu erfüllen. Komme Deiner Pflicht gegen den Sohn Deines Vaters nach.“ „Hinweg mit ihm,“ rief Lady Rookwood.„Ich werde keine Geduld mehr mit dieſem Narren haben. Folge mir in mein Zimmer,“ fügte ſie gegen ihren Sohn bei, indem ſie nach der Thüre ging. Die Zu⸗ ſchauer, welche mit Erſtaunen die ganze Seene mit angeſehen und die große Milde Ranulphs bewundert hatten, machten ihr augenblicklich Platz und fie verließ 4 das Zimmer in Begleitung ihres Sohnes. Der Ge⸗ fangene wurde durch eine andere Thüre abgeführt. .„Der Teufel auch!“ rief Titus, als er mit Mr. Coates der Wache folgte,„warum wählte er gerade mich aus? Ich werde durch dieſe Anordnung für die Begräbnißfeierkichkeit gar nichts mehr thun können. 8 .„Dieß iſt ſicher,“ erwiderte Palmer.„Soll ich vielleicht Ihren Stellvertreter machen?“ „Nein, nein,“ entgegnete Cvates.„Ich will Niemand anders als den Mr. Tyrconnel haben. Es war der ausdrückliche Wunſch des Sir Ranulph.“ „Dieß iſt gerade der Teufel,“ erwiderte Titus; n ich, der ich der erſte Leidtragende war und alle nfalten getroffen habe, werde jetzt auf die Seite geſchoben. Ich wünſchte, daß Sir Ranulph bis mor⸗ gen gewartet hätte. Was mußte ihn aber auch hier⸗ 177 her bringen, um Alles zu verderben? Es iſt verdammt ärgerlich!“ „Verdammt ärgerlich!“ widerholte Jack. „Da man übrigens nicht helfen kann, ſo muß man es eben ſo gut wie möglich hinnehmen,“ entgeg⸗ nete der gutgelaunte Irländer. „Bei meiner Seelel“ ſagte Coates,„es iſt bei allem dem Etwas, was ich nicht ergründen kann. Was das Aufbewahren des Gefangenen hier betrifft, ſo iſt dieß Alles leerer Dunſt. Ich glaube übrigens, daß wir morgen Alles erfahren werden.“ „Ja,“ erwiderte Jack Palmer mit einem vielbe⸗ deutenden Lächeln,„morgen—“ Der Lodtengräber. Du biſt ſehr offen. Boſola: Mein Amt iſt, den Todten zu ſchmeicheln, nicht den Lebenden. Ich bin ein Todtengräber. Webſter. 66ilftes Kapitel. Der Sturm. Komm, horch und lauſch! die Glocke tönt um eine Seel', die ſcheidend ſtöhnt! Hat's nicht wie Todesruf geächzt, Die Eule und der Raab gekrächzt? Der Wolf, der im Gebüſche wacht, Heult durch die grauſig finſt're Nacht. Der jetzt geſchied'nen Seele nach. Die Nacht war wild und ſtürmiſch. Der Tag Rookwyod. 1. Horch, lauſch, die Glocke tönt noch, ah Heywood.— Der Raub der Lukrezia. war ſchwül geweſen und der ſchwarze nae ———— —. —————— 178 mel hatte wie eine große galvaniſche Platte über der Natur gehangen. Mit dem Einbruch des Abends zeigten ſich alle Vorboten eines nahenden Sturmes. Unzweifelhafte Anzeigen ſeiner Annäherung wurden von den Wetterkundigen im Herrenhauſe bemerkt. Man ſah die Schwalbe ſo nahe über die Oberfläche des Weihers hinwegfliegen, daß ſie deſſen hellen Spie⸗ gel berührte, und wie ſie dann im pfeilſchnellen Kreis⸗ flug, mit zwitſcherndem Geſchrei, in raſcher Flucht ſich nach ihrem Lehmhäuschen unter die Dachvorſprünge der Scheune wandte. Das Vieh, welches nach dem Waſſer getrieben worden war und ſich durch das Plätſchern in demſelben von der dreiſten Verfolgung der Myriaden quälender Inſekten zu retten geſucht hatte, kehrte von ſelbſt und mit hängenden Köpfen in den Stall zurück. Das Wild, durch das Zwielicht zur Erfriſchung herbeigeführt,„ſchnuffelte plötzlich mit weit ausgedehnten Naslöchern in der Luft“, und eilte in ſeine Verſtecke, mitten im ſchirmenden Farrenkraut, zurück. Die Krähen, mit lärmendem Flug und in Maſſen verſammelt“, krächzten auf eine Weiſe, welche ihre Furcht beinahe ſo deutlich ausdrückte, als dieß durch Worte hätte geſchehen können. Einige ſchlugen, in der Luft ſchwebend, dieſelbe mit hörbarem Flügel⸗ ſchlag; andere ſchoßen mitten in der Luft gerade auf⸗ wärts, wie um das Wetter zu erkunden; während wieder andere, mit lautem unharmoniſchem Gekrächze, von der höchſten Spitze der Lindenbäume aus, ihren Gefährten zuſchrieen; aber alle ſchienen eben ſo ängſt⸗ lich und geſchäftig, als Seeleute vor einem Sturm⸗ Mit dem Untergang der Sonne ſtiegen die heißen Dämpfe, welche den Tag über den Horizont verdun⸗ kelt hatten, in ſchlängelnden Kreiſen, wie der Rauch rines brennenden Waldes, in die Höhe, und nahmen unter allmähliger Verdichtung die Form von großen, wellenförmigen Maſſen an, welche, das Sonnenlicht zurückſtrahlend, wie die finkende Kugel immer mehr — v— —— 179 verſchwand, vom Purpur zum flammenden Roth und ſodann zum Aſchgrau übergingen. Die Nacht rückte heran gleich einem ſchwarzen Renner; überall herrſchte die Ruhe des Todes. Die Stille wurde nur hie und da durch abgeriſſene, ſeufzende Windſtöße unterbro⸗ chen, welche hohl wie ein Murmeln aus den Gräbern ſich erhoben. Ein einzelner, heller, ungemein raſcher Blitz ſchoß mitten aus den Wolken herab, und machte die Erde wie vom Donner einer Kanone erzittern. In zehn Minuten herrſchte die finſterſte Nacht und ein praſſelndes Sturmgewitter war losgebrochen. Die in der großen Halle verſammelten Landleute beobachteten die wachſenden Fortſchritte des Sturms mit unendlicher Angſt; und laut und häufig waren Ausrufungen hörbar, ſobald wieder das Krachen des Donners über ihren Köpfen hinrollte. Einer jedoch befand ſich unter dem Haufen, welchen dieſer Aufruhr der Natur zu ergötzen ſchien. Eine verwandte Auf⸗ regung ſchien in ſeinen Augen zu glänzen, als er in das Wüthen des Sturmes hinausblickte. Dieß war Peter Bradley. Er ſtand hart an dem Fenſter und ſchloß ſeine Augen auch nicht vor den blendendſten Blitzen. Ein Grimm unnatürlicher Heiterkeit ſptelte in ſeinen Zügen, und er ſchien über die Schrecken des Ungewitters zu frohlocken, welche doch die Be⸗ herzteſten unter ſeinen Gefährten mit Grauſen erfüllten und alle in den Winkeln des Zimmers zittern machten. Das Benehmen Peters blieb nicht unbeobachtet, ſo wenig ſein Ruf der Gottſeligkeit vergeſſen war. Für einige war er ein eben ſo großer Gegenſtand des Schreckens, als der Sturm ſelbſt. „Sahſt Du je einen ſolchen Menſchen wie ihn? ſagte der Pächter Burtenſchaw, einer der Gäſte, deſ⸗ ſen rundes, ehrliches Geſicht durch den reichlich genoſ⸗ ſenen Wein gewöhnlich roth gefärbt, durch die Furcht jetzt aber weiß gefleckt war, indem er ſich zu einem Nachbar wandte;„hörteſt Du je en der 180 ein Chriſt war, mitten in ein ſolches Unwetter hinaus lachen, während ihm der Blitz doch ſeine Augen jeden Augenblick herausſchlagen und der Donner ihm das Ohrenfell hineinſchlagen kann? Ich dachte von jeher, Peter Bradley ſei nicht ſo, wie er eigentlich ſein ſollte, und ich bin deſſen jetzt gewiß.⸗ „Ich für meinen Theil, Nachbar Burtenſchaw, denke, entgegnete der andere,„daß dieſes abſcheu⸗ liche Wetter ganz von ihm herrührt; denn noch nie in meinem Leben hörte ich ein ſolches Getöſe und hoffe auch nie wieder eines zu hören. Ich habe mei⸗ nen Großvater von Leuten ſprechen hören, welche dem Wind und Wetter befehlen konnten; und es mag wohl ſein, Peter hat dieſe Gewalt; wir wiſſen ja alle, daß er mehr thun kann, als ein anderer Menſch. „Auf alle Fälle weiß man,“ erwiderte Burten⸗ ſchaw,„daß er nicht lebt wie ein anderer Menſch; daß er Nacht für Nacht ganz allein auf dem düſtern Kirchhof zubringt; daß er in ſeiner ſchlechten Hütte kein anderes lebendes Weſen, als einen alten Dachs⸗ hund hält, und daß er das ganze Jahr hindurch Nie⸗ mand in ſein Haus hinein läßt. Ich ging ſchon zwan zig Jahre lang nicht mehr über ſeine Thürſchwelle Doch,“ fuhr er geheimnißvoll fort,„ich ging einmal in einer finſtern, ſchaurigen Nacht zufälligerweiſe an ſeinem Hauſe vorüber, und was meinſt Du, daß ich da durch das Fenſter ſah?“ „Was— was ſahſt Du denn?“ „Peter Bradley ſaß da und hatte ein großes Buch auf ſeinen Knieen; ich meine, es war eine Bi⸗ bel, und er weinte, wie ein Kind.⸗ „Biſt Du deſſen auch gewiß?“ „Die Thränen fielen auf die Blätter,“ enigegnete Burtenſchaw;„als ich jedoch an die Thüre klopfte, legte Peter haſtig das Buch weg und hieß mich in einem Tone fortgehen, als ob er ſich ſchäme, ertappt worden zu ſein.“ „ d n 181 „Ich glaubte, daß noch nie eine Thräne aus ſei⸗ nem Auge gekommen wäre,“ ſagte der andere.„Wie er nur lachte, als ſeine Tochter Suſanne in das Her⸗ renhaus kam; und die Leute behaupten, er habe bei ihrem Tode Geld erhalten, um nichts zu ſagen. Dieß war eine ſo ſchlimme Sache als nur irgend eine; und nun, da ſein Enkel Lukas über dem Einbruch in das Haus erwiſcht worden iſt, benimmt er ſich, als ob gar nichts vorgefallen wäre.“ „Glaube dieß nur nicht zu feſt, erwiderte Bur⸗ tenſchaw;„ich kenne nun den Peter Bradley ſchon zwei und fünfzig Jahre, und ſah, mit Ausnahme jener Nacht, nie etwas Gutes von ihm, und es kann auch Niemand ſagen wer er iſt, oder woher er kommt.“ „Etwas iſt wenigſtens gewiß,⸗ erwiderte der Pach⸗ ter,„er wurde nicht zu Rookwood geboren. Der Teufel weiß, wie er hierher gekommen iſt. Himmel! Welches Krachen! ich ſag Dir, daß dieſer Sturm ſich nur auf ſein Geheiß erhoben hat.“ „Er iſt, was er aller Wahrſcheinlichkeit nach wer⸗ den wird,“ unterbrach ihn ein anderer Sprecher in lauterem Tone, und mit einem weniger furchtſamen Benehmen, als das ſeiner Kameraden war, da ſeine Nerven wahrſcheinlich durch eine größere Portion von den ſtarken Getränken auch etwas feſter geworden waren. „Meinſt Du denn, Samuel Plant, daß die Vor⸗ ſehung einem ſolchen Menſchen die Macht über die Elemente anvertrauen werde? Nein, nein es iſt grove Gottesläſterung, ſo etwas anzunehmen, und ich habe zu viel vön der wahren katholiſchen und apoſtoliſchen in mir, als daß ich dieſer Meinung beipflichten onnte.“ „Wohl; es mag aber ſein, daß er ſeine Macht von dem Fürſten der Finſterniß hat;“ erwiderte Plantz „kein anderer Menſch könnte ſich ſo benehmen wie er, ſehe ihn nur an. Er ſcheint auf den Blitz zu lauern.“ 182 „Ich wünſchte in dieſem Falle, daß er ihn fangen möchte,“ enigegnete der andere. „Dieß iſt ein ſchlimmer Wunſch, Simon Toft, welchen Du zu bereuen haben wirſt.“ „Ich nicht,“ erwiderte Toft;„es wäre eine gute Reinigung für die Nachbarſchaft, wenn ſie dieſen alten krächzenden Filz verlieren würde.“ Ob Peter dieſe Unterhaltung mit angehört hatte, oder nicht, dieß können wir nicht entſcheiden, allein in. dieſem Augenblick ließ ein flammender Blitzſtrayl er⸗ kennen, wie er ſtarr auf die Gruppe hinſah. „So wahr ich lebe, er hat Euch gehört, Simon,“ 6 Plant aus;„ich möchte nicht in Eurer Haut ecken.“ „Ich auch nicht,“ fügte Burtenſchaw bei. „Er ſoll mich hören,“ antwortete Toft;„was kümmert mich dieß? Er ſoll jedes Wörtchen hören. Ich fürchte weder ihn noch ſeine Künſte, und wären dieſe ſo ſchwarz als die des Beelzebub ſelbſt; um e aber zu zeigen, daß ich keine Angſt habe, will ich augen⸗ blicklich hingehen und mit ihm anbinden.“ „Du biſt ein Narr, wenn Du dieß thuſt, Freun Toft;“ entgegnete Plant;„dieß ſage ich Dir.“ „Laß' Dir rathen, und bleib'da,“ unterſtützte ihn Burtenſchaw— indem er ihn zurückzuhalten verſuchte. Allein Toft ließ ſich nicht berichten— 6 Er wagr ein Mann von herrlichen Gaben, Und über die Mängel des Lebens erhaben. Indem er auf Peter zuſchritt, legte er eine Hand auf deſſen Schulter, und ſo ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich lenkend, brach er in ein lautes, wieherndes Ge⸗ lächter aus. Allein Peter war oder ſchien zu beſchäftigt, um nach ihm ſehen zu können. „Was ſiehſt Du denn Mann, daß Du ſo hin⸗ ausſt arrſt?“ 183 Er kommt, er kommt— der Regen— der Re⸗ gen— ein Waſſerſtrom— eine Ueberſchwemmung— ha, ha! Geſegnet iſt der Leichnam, auf welchen der Regen fällt. Sir Piers kann durch ſeinen bleiernen Sarg hindurch ſich in einer Waſſerfluth, wie dieſe da, baden— platſche, platſche— Feuer und Waſſer und Donner— alles mit einander— iſt das nicht ſchön? — ha, ha! Die Himmel wollen für ihn weinen, ob⸗ gleich ſeine Freunde keine Thräne um ihn vergießen. Wann fühlte aber auch der Erbe eines großen Man⸗ nes Trauer über das Hinſcheiden ſeines Herrn? Wann trauerte ſeine Wittwe? Wann betrauerte Jemand ſeinen Nebenmenſchen? Nie! Man freut ſich— man iſt im Innerſten des Herzens fröhlich— hier iſt nicht zu helfen— ſo iſt die Natur. Wir alle beten für— wir alle freuen uns über den Tod des andern. Wir wurden hiezu erſchaffen; oder warum ſonſt könnten wir ſo handeln? Ich weinte noch nie über den Tod irgend eines Menſchen, aber wohl gelacht habe ich ſchon darüber. Natürliches Mitgefühl!— Dumme Phraſe. Die ent⸗ fernten Himmel— die gefühlloſen Bäume— die har⸗ ten Steine, werden euch mehr bedauern als die Men⸗ ſchen— werden euer Hinſcheiden aufrichtig beklagen. Ja, ſo iſt's recht— regne herab— platſche, platſche; dieß wird das Höllenfieber etwas abkühlen. Herab, herab— Eimer und Kübel— ha, hal“ Es entſtand jetzt eine Pauſe, während welcher der, durch die Raſerei, in die er ſich ſelbſt verſetzt hatte, beinahe erſchöpfte Todtengräber für alles um ihn herum füllos ſchien. „Ich ſage Dir,“ ſagte Burtenſchaw zu Plantt ich dachte ſtets, daß hinter dem Peter Bradley mehr ſtecke, als er nach ſeinem Aeußern ſcheint. Er iſt das nicht, für was man ihn hält; darauf kannſt Du mein Wort nehmen. Der Herr ſei mit Dir! glaubſt Du denn daß ein Mann, wie er es zu ſein vorgibt, ſo 184 ſprechen könnte? dieß iſt gegen die Natur, es kann unmöglich ſein.“ Als Peter wieder zu ſich kam, ſo brach ſeine tolle Fröhlichkeit, welche durch die Pauſe nur friſche Kräfte geſammelt hatte, mit erneuertem Muth los. „Schaut hinaus, ſchaut hinaus,“ ſchrie erz„hört ihr den Donner— den Regen. Seht ihr den Blitz — ſeht ihr das Uhrenhaus— und den Vogel auf dem Dach? Dieß iſt die Krähe— der große Vogel des Hauſes, welcher die Seele des Verſtorbenen hin⸗ weggetragen hat. Hier, hier— könnt ihr ihn nicht ſehen? Er ſitzt und krächzt durch Sturm und Regen, und nichts beachtet er— warum ſollte er aber auch darauf achten? Seht, er ſchlägt die weiten ſchwarzen Schwingen, er krächzt— ha, ha! Er kommt— er kommt.“ In dieſem Augenblicke ſchoß ein Vogel, welcher wahrſcheinlich durch die Schrecken des Sturmes getrie⸗ ben, einen ſichern Aufenthalt ſuchte, gegen das Fenſter, und fiel zu Boden.„Dieß iſt ein Ruf,“ fuhr Peter ſort;„es wird bald vorüber ſein, und wir müſſen an⸗ treten. Der Todte wird nicht zu warten brauchen. Seht ihr den Feuerſchweif in der Allee; jenes ſtrahlende Licht, ähnlich dem Schweif einer Rakete? Dieß iſt ver Weg, welchen der Leichnam nehmen wird. Des hei⸗ ligen Hermes flackerndes Feuer— Robin Grovbfellows tanzendes Licht, oder die blaue Flamme des Todten⸗ lichts, welches ich in der vorigen Woche auf dem Kirch⸗ hofe hüpfen ſah— ha, ha! Vor einem Augenblick ver⸗ langtet ihr ein Lied— jetzt ſollt ihr eines ungebeten erhalten.“ Und ohne ſich um die Einwilligung ſeiner Gefährien etwas zu bekümmern, brach Peter mit aller Heftigkeit eines halb verrückten Improviſatoren in fol⸗ gende wilde Strophen aus: ——— 185⁵ Das Todtenlicht. Lambere flamma 7CP0g et circum funera pasci. ₰+ I. Durch Mitternachts Dunkel ein blaues Licht Zum Kirchhof hat ſeinen Flug gericht. Drei Mal flattert es um der Mauern Wand, * Drei Mal pielt es ſtill, bis das Grab es fand. Ueber den grasgrünen Raſen erglänzte es, Ueber die friſch aufgeworfene Erde tanzte es; Gleich einer Fackel im Nachtwind es ging, Nie ward geſehrn ſo ein luſtiges Ding, Nie ward teſe n ſo ein lieblicher Glanz, Als des blauen Lichts mitternächt'ger Tanz. H. Nun, was weißt Du von der bläulichen Flamm', Wohin ſie geht, oder woher ſie kam? ſt es die Seele vom Staube befreit, DDie über die Erd' ſich ſchwinget zur Zeit; Am Orte, wo der Leichnam wird eingeſcharrt, Einen Augenblick noch voll Fröhlichkeit barrt? Over iſts eines neckenden Geifies Spiel, 2 Der an der Menſchen Schmerz ſich ergötzen will, Den Weg bezeichnet, den der Sarg wird geh'n, Und die Stelle, wo die Bahre wird ſteh'n? 3 Hol' Antwort bei andern, ich kenne ihn nicht, n Grund von dem blauen und bleichen Licht. ————— ch könnte nicht ſagen, daß ich Deinen Geſang liebe, Meiſter Peter,“ ſagte Toft, als jener ſein Lied eendigt hatte;„aber wenn Du ein Todtenlicht ſahſt, wie Du dieſe bleiche, blaue Flamme nennſt, weſſen Fod bedeutet es dann? he!“ Deinen eigenen,“ erwiderte Peter ſcharf. 186 „Den meinigen, du alter, lügenhafter Betrüger, wagſt Du mir dieß in's Geſicht zu ſagen? Wie, ich bin ſo geſund und friſch, als nur irgend Jemand im Hauſe. Meinſt Du, es ſei kein Leben und keine Kraft in dieſem Arm, Du alter, faſelnder Narr?“ Worauf Toft den Peter mit einer ſolchen Kraft an der Gurgel faßte, daß der Prophet nur durch das ſchnelle Einſchreiten der Geſellſchaft, welche zu ſeinem Beiſtande herbeieilte dem Schickſal entging, welches er einem andern vorhergeſagt hatte. Kaum war Peter von Toft's Fauſt befreit, als er ſogleich wieder in ſein heiſeres Gelächter ausbrach; und ſeinem Widerſacher mit Blicken, welche vor Wulh funkelten, feſt in's Geſicht ſehend, und ſeine Hände erhebend, als wie wenn er eine Verwünſchung auf deſſen Haupt ſchleudern wollte, ſchrie er mit ſchriller und mißtönender Stimme:„So! Ihr wollt auf meine Warnung nicht hören? Ihr ſchmäht mich, Ihr ver⸗ ſpottet mich! Wohlan! Euer Schickſal ſoll eine War⸗ nung für alle Ungläubigen werden, wenn auch nicht Ihr, ſo werden doch ſie ſich an dieſe Nacht erinnern — Thor! Thor!— Euer Schickſal war ſchon lange entſchieden! Ich ſah Euch ſchon todt Eure Ruheſtätte Euch ausſuchenßz ich kenne den Platz. Euer Grab iſt ſchon gegraben ha, ha!“— Und mit erneutem Ge⸗ lächter verließ Peter das Zimmer. „Habe ich Dir nicht gerathen, Freund Toft, ihn nicht zu reitzen?“ ſagte Plant;„mit ſchneidenden Din⸗ gen iſt nicht gut ſpielen; aber laßt ihn nicht in dieſer Stimmung fortlaufen, gehe ihm einer von euch nach. „Ich will es thun, erwiderte Burtenſchaw, in⸗ dem er ſich entfernte, um den Todtengräber aubfzu⸗ ſuchen. „Ich rathe Dir, Nachbar, die Sache mit Peter ſo bald Du kannſt beizulegen,“ fuhr Plant fort,„er ie ſchlimmer Freund, aber ein noch ſchlimmerer — 187 Was kann er mir denn anhaben?“ entgegnete Toft, welcher übrigens nicht ganz unbefangen war. „Wenn ich ſterben muß, ſo gibt es dagegen kein Mit⸗ tel, ſeinetwegen werde ich keine Minute bälder aus dem Leben ſcheiden, wenn er ſogar die Wahrheit ge⸗ ſprochen hätte, welches, wie ich glaube, nicht der Fall ſein wird; und muß ich ſterben, ſo gehe ich nicht unvor⸗ bereitet; ich möchte nur wünſchen, wenn es der Vor⸗ ſehung ſo gefiel, noch einige Jahre beimeiner alten Le⸗ bensgefährtin bleiben, meine kleine Mädchen zu Frauen heranwachſen, und ordentlich verſorgt ſehen zu können. Doch Sein Wille geſchehe. Ich werde fie nicht ſo ganz dürftig hinterlaſſen, und es Zibt wenigſtens ein Auge, welches, deſſen bin ich gewiß, bei meinem Tode nicht ganz trocken bleiben wird.“ Hier wurde Toft's hartes Herz etwas weich, und er vergoß einige wenige „natürliche Thränen,“ welche er jedoch ſchnell ab⸗ wiſchte.„Ich will Euch etwas ſagen, Nachbarn,“ fuhr er fort;„ich glaube wir könnten alle daran den⸗ ken nach Haus zu gehen, denn heute Nacht kommen wir, nach meiner Anſicht, doch nicht mehr auf den Kirchhof.“ „Dieß werdet Ihr nicht,“ rief eine Stimme hinter ihm; und wie ſich Toft umwandte, ſo begegnete er wieder den Blicken Peters. „Kommt, kommt, Meiſter Peter,“ ſagte der gut⸗ müthige Pachter,„dieß war ein garſtiger Scherz, ich bitte euch um Entſchuldigung, mein Benehmen gegen Euch thut mir leid, ſo gib mir Deine Hand, Mann, und denk nicht mehr daran.“ Peter ſtreckte ſeine Tatze hin, und die Partieen ſtanden allem Anſcheine nach wieder auf ganz freund⸗ ſchaftlichem Fuße. Zwölftes Kapitel. Der fortwährende Sturm— die Leichenrede, Im Nordland lang der Brauch ſich trug. Daß man bei einem Leichenzug Stets den Begleitern an das Grab Elaret⸗Wein oder Bisenit gab. King. Ceterum priusquam corpus humeinjactä contegatur, defune ius oralione funcbri laudacadur. Durand. Uebrigens, ehe die Leiche mit Erde zugedeckt wurde, pries man den Verſtorbenen in einer Leichenrede. Jetzt brachte man wieder friſches Getränk und Lichter, und ſtellte dieſe auf eine große, eichene Tafel. Die Geſellſchaft ſetzte ſich um dieſelbe herum, alle Un⸗ behaglichkeit war ſchnell verſchwunden, und ſogar der Sturm wurde jetzt über den häufigen Trankopfern, welche dargebracht wurden, vergeſſen. In vieſem Zeit⸗ punkt erſchien ein Mann in der Halle. Er wurde von Niemand bemerkt, ausgenommen dem Todtengräber, welcher ſein Benehmen mit Neugierde beobachtete. Jener ging an das Fenſter, und ſah, ſo viel man be⸗ merken konnte, mit großer Ungeduld in das Unwetter hinaus. Er ſchritt ſodann raſch im Zimmer auf und ab, und Peter glaubte in den halb unterdrückten Aus⸗ rufungen Mißvergnügen enidecken zu können. Er ging wieder an das Fenſter, als wie wenn er ſich über die ungefähre Dauer des Sturmes vergewiſſern wollte; draußen war alles ſtockfinſter, der Blitz war nur noch in langen Zwiſchenräumen ſichtbar, aber der Regen floß noch hörbar in Strömen. Da die Perſon den Elementen augenſcheinlich nicht gebieten konnte, ſo näherte ſie ſich dem Tiſche. „Was halten Sie von der Nacht, Mr. Palmer?“ . 189 fragte der Todtengräber den Jack, denn dieſer hatte ſo unruhig nach dem Wetter geſehen. „Weiß nicht, kann nichts ſagen, hört auf, denke ich, verdammt ungeſchickt, wegen des Leichenbegäng⸗ niſe meine ich, wir werden ganz durchnäßt wenn wir gehen.“ „Und erſaufen wenn wir bleiben,“ ſagte Peter. „Doch haben Sie keine Furcht, es wird aufhören, verlaſſen Sie ſich darauf, lange noch vor der be⸗ ſtimmten Zeit. Wo hat man den Gefangenen hinge⸗ bracht?“ fragte er mit plötzlich verändertem Weſen. „Ich weiß das Zimmer, kann es jedoch nicht be⸗ ſchreiben; es iſt die zweite oder dritte Thüre in dem untern Gange der öſtlichen Gallerie.“ „Gut. Wer hat die Wolhe?“ „Titus Tyrconnel. und jener ſchieläugige, feder⸗ fuchſige Coates.“ „Genug. „Kommt, kommt, Maſter Peter,“ brüllte Toft, „ſingt uns ein Lied, gebt uns eines Eurer alten Stück⸗ en zum Beſten, keine Todtenlichter oder dergleichen Dinger mehr, etwas Feines, etwas Hübſches, ha, ha!“ .„Eine brave Bitte,“ ſchrie Jack.„Einen hübſchen Geſang von Euch, ein luſtiges Lied von einem Tod⸗ tenkopf, ha! ha!“ „Meine Lieder find alle von einer Art, erwiderte Peter;„man verlangt ſelten von mir, daß ich ein zweites Mal ſinge. Uebrigens ſollt Ihr das luſtigſte hören, welches ich weiß.“ Und nachdem er ſich gleich einem vollendeten Sänger mit einigen Räuſpern vor⸗ reitet hatte, brach er in folgendes traurige Lied aus. S. —————————— ———————— — 190 Pr 5 arg Eine Ballade. Sic ergo componi vertus in ossa velim. Tibulling. I. Im Kirchhof auf dem Raſen dort man einen Sarg Den Todtengräber ihm nret auf's Grabſcheit hingebückt; Es war ein alter, ſchwarzer von wunderſamer Und Eichenholz, manch ſellſam 3 man eingeſchnitzt gewahrt' Ein Bildniß war d'rauf ert mit leidendem Voll Todesqual; ein Schlangenpan darum geſchlun⸗ gen d In jeder Ecke grinſend war ein ehtenbi zu ſchaun Von Rollen, Schädeln und Gebein noch ein Gemiſch zum Grau'n. 4 II. Leis ſpricht der greiſe Gott, de „Hier unter dieſem Deckel tni arg' Geheim „Von der Abtei, die hier einſt ſtand, ein alter Sar „Der eines Abt's Gebein, eit nur eines wön 8 umſchließt. 191 IV. „Als tief ich grub, wo Mönche ruh'n, dort an der Kloſter Wand, War's Zufall, daß in dem Gewölb' den alten Sarg ich fand; „Des Deckels Bilder macht ich rein vom Staub, und hofft' zu ſeh'n „D'rauf einen Namen oder Tag, konnt' ich nichts erſpäh'n. 8 V. it„An ſechzig Jahre und g führ' ich den Spa⸗ ier, „Doch, wunderbar wie ziee Sur erſchien nie eiwas Viel' Särge hab' ich ſchon giſeh· n in ſeltner Form gebaut, „Doch ſeltſam ſo, wie dieſen hier, noch keinen je er⸗ ſchaut.“ VI. So ſprechend ſprengt mit Schlag er jetzt den Deckel ab, Da wird der Greis vor Schrecken bleich, als ſtieg er aus dem Gra Ein fürchterlicher Anblick 6 ihm, faſt ihn Von menſchlicher ʒerſörunt i die letzte Stufe zeigt. VII. Verwandelt und zerfallen faſt in Staub bis auf's Ge⸗ bein In ſchauervoller Stellung ien Leichnam in dem rein; Noch war die Hand geballt zu ſchau n, der Kiefer ganz verrenkt, Und ſo: wie einſt der Arme gern den Kerker hätt' geſprengt. 192 VIII. Gebogen waren Hals und Rumpf, kein Glied war ausgeſtreckt, Zerkratzt die Nägel und von ſchwarz geronn'nem Blut % bedeckt; Und als der Todtengräber ſich bückt und vom Boden hebt Den Sarg, ein zäher Sren und Schmutz an Fingern klebt. — KK. Leis ſprach zu ſich der greiſ⸗ Mann; So helf der Himmel mir; „Zernichtet hat ein ſchwer Geſchick dieß arme Weſen hier „Noch lebend und von Kraft iun warf man es in det „Welch' grauſer i eh' er 4 6 eine Leich es barg.“ b.S Und ſchnell ein gräßlich Traumgeſicht bricht über ihn herein: Gleich jenem armen Weſen dort liegt er in einem Schrein; Ohnmächti liegt er drinn u ihi wie feſt er zu⸗ 6 Und ob er ſchläft gleich, wie zuletzt er doch R. Und feierlich ſieht er ihn jetzt Männern forigr⸗ Voraus die Fateln; Srnen Lönt vurch di eu Nacht. ar lut e en em 3 193 Laut beiet für den Todten Seel' noch nicht entfloh'n, Zuletzt wird's ſtill vor ſeinem Ohr, die Erde deckt ihn ſchon. XII. Zu fürchterlichem Leben nun erwacht' er auf vom Tod, Doch gräßlicher als jenes 0 zu Todeskampf und Noth; Sein Ringen iſt umſonſt er muß, muß ſterben hart und ſchwer, Wird Himmelszelt und Sonnenſchein nicht fürder ſehen mehr. XKIII. „Barmherziger!“ ruft der Greis jetzt aus, als er vom Traum erwacht', „Iſt's auch ein Traum nur, ſah ich doch des Todes Schreckens⸗Macht; „Scharrt tief mich in den Grund, wenn nicht, werft mich in's Meer hinab,, „Nur nagelt mich in keinen Sarg, nie grab' ich mehr ein Grab.“ Man konnte den Eindruck, welchen dieſer Geſang bei dem größeren Theile der Zuhörer hervorgebracht hatte, leicht in deren verlängerten Geſichtern leſen. Jack Palmer lachte übrigens kaut und lang. „Bravo, bravo,“ rief er;„dieß behagt mir außer⸗ ordentlich; ich laſſe meine Gedanken gern bei einem Sarge verweilen! „Ein Galgen thäte bei Dir vielleicht den nämli⸗ chen Dienſt, murrte der Todtengräber indem er laut + hinzufügte;„ich bin jetzt berechtigt Ihnen zuzurufen; eein Lied! ein Lied!“ „Ja, ein Lied, Mr. Palmer, ein Lied, ſchrieen die Bauern.„Die Ihrigen haben ſo die rechte Art.“ Rokwod 1. 13 194 „Seid nur ſtill“ erwiderte Jack;„ich werde ein Lied Preis geben, welches auf Dick Turpin, den Hoch⸗ ſtraßenmann, gemacht worden iſt. Ich weiß wohl, daß es weiter nicht viel heißen will, allein es iſt mein veſtes;“ und dem Todtengräber einen bedeutſamen Wink gebend, begann er in den ächten Naſentönen folgende Strophen. Ein Fuſs in dem Zteigbügel oder Turpin's erſte Flucht. Cum epet proposita fuga Turpis. Cicero. I Den Fuß in dem Bügel, den Zaum in der Hand, U'nd, mach' ich mich frei nicht, den Strick mir als Band! O! gebt mir den Sattel nur einmal noch frei, Dann ſollet Ihr ſeh'n, daß die Jagd nicht vorbei!“ So murrte Dick Turpin, der fand, daß im Schlaf Die Schlauheit der alten Philiſter ihn traf; Ihr Netz, wie den Kater im Garn, ihn umhing, Und weg man die Schnapper*) den Renner ihm fing. Hollahoh! M. Wie Dick ward gefangen, erzählt ſich gar bald, Heiße war die Verfolgung, die Nacht aber kalt. So ſucht er beim Anbruch des Tages denn Ruh', Und wandte dem dichteſten Kornfeld ſich zu. 3 Doch hilft es ihn nichts und umſonſt gab ſein Roß, Steis wachſam dem Schläfer manch' warnenden Stoß; Beß leckte vergebens ihm Hals und Geſicht, 3 Das treue Thier weckte den Schlummernden nicht. Hollahoh! *) Schnapper heißen in der Gaunerſprache die Piſtolen 2 D Ueberſ. — II. „So habt Ihr,“ rief Turpin,„mich wirklich erwiſcht, Und richtig den flüchtigen Räuber gefiſcht;. Trumpf iſt Euer Spiel,(denn ich weiß meinen Werth) Und Euch der Gewinn und der Strick mir beſcheert; Doch komme was will noch, ſo ſollt Ihr geſteh'n, Daß Turpin der Letzte beim Spiel war zu ſeh'n. Ich wette, eh' weiter ich zieh'n mit Euch muß, Ihr laßt in den Bügel mir nimmer den Fuß.“ Hollahoh! IV. „Ich wette ein Hundert zu Eins gar mit Euch, Und iſt in der That auch die Wette nicht gleich! Mit voller Hand ſpend' ich die Goldvögel hier, Laß't nochmal den Fuß in den Bügel Ihr mir.“ Und ſorglos ſo ſprechend, warf liſtig jetzt Dick Seitwärts auf ſein Pferd einen munternden Blick; Und wer es geſehn, der hätte geahnt, Daß, ſpitzend die Ohren, es wohl ihn verſtand. Hollahoh! V Es wurde nun über die Wette gelacht,„ Und daß er im Irrthum ſich Hoffnung gemacht; Doch wie aus der Taſche die Scheiner*) er zieht, Und zu den Einhundert ein Zweites noch biet't, Da waren ſie alle zum Wetten bereit, Und ſprachen gar klüglich zur nämlichen Zeit: „Laßt machen den Thoren— ei laßt ihm den Sinn, Er ſteht in Gedanken im Bügel ſchon d'rinn.“ Hollahoh! *) Goldmünzen. D. Ueberſ⸗ 13* 196 VI. Als Beß d'rauf herbeigeführt, blickt er ihr ſtarr In's Auge und ſchnell in dem Bügel er war. Dann faßt' er den Zügel mit ficherer Hand, Und raſch auf dem Sattel zurecht er ſich fand. Hell wiehert der Renner entgegen dem Wort Des ſchlauen Gebieters:„Nun mache Dich fort! Jetzt Schurken packt vorn oder hinten mich an, Mein Fuß iſt im Bügel, ergreif' mich wer kann.“ Hollahoh! VII. Wie jagten die Roſſe nun hin durch den Wald, Vom Ruf der gefoppten Philiſter durchhallt; Wie ging's nun dahin über Stock und Geſtein, Doch der Wind ſelbſt holet Dick Turpin nicht ein! Nichts half den Verfolgern die Peitſche, der Sporn, Dick lachte ob ihrem unmächtigen Zorn. „Mein Fuß iſt im Bügel,“ ſo rief er zum Schluß, „Beß hat mich verſtanden und flink iſt ihr Fuß.“ Hollahoh? Stürmiſcher Beifall folgte auf Jacks Lied, allein die Luſtigkeit der Leidtragenden wurde durch den Be⸗ fehl in das Staatszimmer zu kommen, unterbrochen. Die Stille war auf ein Mal wieder hergeſtellt; und in der beſten möglichſten Ordnung folgten ſie ihrem Führer, Peter Bradley. Jack Palmer war unter den letzten, welche eintraten, und blieb kein theilnahmloſer Zuſchauer eines durchaus nicht gewöhnlichen Schauſpiels. Es waren Vorbereitungen getroffen worden, um der Feierlichkeit die nöthige Würde zu verleihen. Der bleierne Sarg war zugemacht, und in einen andern von Eichenholz eingeſchloſſen, auf deſſen Deckel eine reich verzierte, ſilberne Kanne ſtand, welche mit ge⸗ branntem Claret gefüllt war, und der Gnaden⸗Kelch piß. Aüe Schier waren enffeint, mit uename weiet W N* 197 großen Wachskerzen, welche im Hintergrund ſtanden, und einen hellen Schein auf die Gruppe warfen, welche zc um den Sarg ſich aufgeſtellt hatte, und aus anulph Rookwvod nebſt einigen andern Freunden des Verſtorbenen beſtand. Doktor Small ſtand gerade vor dem Sargz und unter der Leitung des Peter Bradley bildeten Pächter und Dienerſchaft einen wei⸗ ten Halbkreis in dem Zimmer. Alles ſtand in ge⸗ ſpannter Erwartung, als Doktor Small ernſt die Ver⸗ ſammlung überblickte, und ſogar Jack Palmer, welcher vielleicht einer derjenigen Menſchen war, welcher ſich am wenigſten einem Eindruck dieſer Art überlaſſen, fühlte ſich durch das Schauſpiel etwas bewegt. Der, wie unſere Leſer wohl wiſſen, ſtreng ortho⸗ dore Small, hatte den höchſten Abſcheu vor allem, was nach dem Aberglauben der Papiſten ſchmeckte; und bei ſolchen Anſichten iſt kaum anzunehmen, daß eine Leichen⸗ feier Gnade vor ſeinen Augen fand, welche von Weih⸗ rauch⸗Gefäſſen, Kerzen und Kelch begleitet war, was alles noch augenſcheinlich von der Zeit herrührte, in welcher, unter der Herrſchaft des dreifach gekrönten Papſtes, der tonfirte Prieſter den Segen über den Todten geſprochen, und die Seele des Reuigen aus den Flammen des Fegfeuers erlöst hatte, welche Er⸗ löſung der Nachfolger jedoch mit ſchwerem Geld er⸗ kaufen mußte. Small betrachtete die Idee, in dieſe Fußſtapfen zu treten, als eine Beleidigung ſeiner Per⸗ ſon und ſeines Kleides. Sollte er, der ſo unduldſam gegen die Papiſterei war, dieſes dulden? Sollte er, welchem ſogar der Geruch des Katholizismus uner⸗ träglich war, durch eine ſolche thatſächliche Berührung, ſeine Naſenlöcher entweihen, ſeine Kleidung beflecken laſſen? Daran war nicht zu denken, und er äußerte auch ſeinen Widerwillen förmlich gegen Mr. Cvatesz allein ſowohl eine kurze Unterredung mit dieſem Herrn, und gewiſſe gewichtige Gründe, welche vorgebracht, (die Familie war nämlich der Patron der Kirche in 198 Rookwood) und ihm vorgeſtellt wurden, als auch die Auseinanderſetzung der Strafe, welche eine ſolche Wei⸗ gerung nach ſich ziehe, beruhigten Smalls Bedenklich⸗ keiten; und er verſprach mit der beſten Miene, welche er annehmen konnte, ſeine Einwilligung zur Abhal⸗ tung der Feierlichkeit. Bei dieſen Gefühlen kann man ſich leicht denken, daß der Doktor nicht in der günſtigſten Stimmung zum Vortrag ſeiner Rede war. Sein Blut war durch ver⸗ ſchiedene kleine Unannehmlichkeiten aufgeregt worden, deren bedeutendſte der Umſtand war, in welchen die gute Bewirthung ſeinen Kirchendiener, Zacharias Trundle, jetzt verſetzt hatte, deſſen rollende Augen, ſchwankende Bewegungen und offener Mund klar bewieſen, daß er zur Verrichtung ſeines Dienſtes durchaus unfähig ſei. Zacharias wurde alſo fortgeſchickt, und Small begann die Feierlichkeit ohne einen Beiſtand. Da die Wiederho⸗ lung der Rede aber, und wenn ſie auch noch ſo erbau⸗ lich wäre, wahrſcheinlich nur wenig zur Unterhaltung unſerer Leſer beitragen würde, ſo wollen wir kurz über ſie hinweggehen. Es genügt zu ſagen, daß die⸗ ſelbe ſo ſehr mit langen Auszügen aus den Kirchen⸗ vätern als: Chryſoſtomus, Hieronimus, Ambroſius, Baſilius, Bernhardus und andern, mit deren unver⸗ ſtändlichem Latein der Doktor wohl bekannt war,(ob⸗ wohl ſie ſeinen Anſichten) und welche er daher auch ſtets gerne anführte, beſpickt war, daß ſeine Zuhörer vollkommen myſtifizirt und verwirrt wurden, was viel⸗ leicht auch nicht ganz ohne Abſicht geſchah. Die Augen richteten ſich mit ſolcher Verwunderung auf Small, daß er, welcher ein ſehr feines Gefühl für das Lächer⸗ liche hatte, im weitern Verlaufe ſeiner Rede kaum das Lachen unterdrücken konnte; uund wenn wir eine ſo ernſte Perſon im Verdacht der Schelmerei haben könn⸗ ten, ſo möchten wir beinahe glauben, daß er zur Wie⸗ dervergeltung ſeinen erſtaunten Zuhörern irgend eine ſchwer verſtändliche, mönchiſche Leichenrede aufgebunden — u* 199 habe. Sein Weſen machte übrigens auf die Verſamm⸗ lung einen weit tieferen Eindruck, als die dunkle Sprache, in welche ſeine Ermahnungen gehüllt waren. Nachdem die Rede beendigt war, wurden denjeni⸗ gen Pächtern, welche dieſelben vertheilen ſollten, ver⸗ ſchiedene ſüße Backwerke eingehändigt. Die Austhei⸗ lung des Gnadenkelchs, welche einen Theil der Pflich⸗ ten des Zacharias hätte ausmachen ſollen, wenn er zu ſeinem Dienſt fähig geweſen wäre, wurde jetzt dem Todtengräber übergeben. Die Schaale wurde zuerſt von Ranulph, deſſen Lippen vor Bewegung zitterten, und hernach von den anweſenden Freunden geküßt; allein kein Tropfen wurde getrunken; ein Umſtand, welcher Peters Auge nicht entging. Als an die Päch⸗ ter die Reihe kam, ſo war Toft zufälligerweiſe der erſte. Peter reichte ihm den Kelch, und als er im Be⸗ griff war einen tiefen Zug zu thun, ſo wisperte ihm Peter in's Ohr;„laß Dir rathen, mein Freund, und keinen Tropfen von dieſem Wein über Deine Lippen gehen. Denn für jeden wird Sir Piers eine Sünde weniger haben, und Du haſt ſie nur um ſo ſchwerer auf Deinem Gewiſſen liegen. Möchteſt Du Deine Seele gegen einen Mund voll ſüßen Getränks verſetzen, welches in dem Munde ſüß, in dem Bauch aber bitter ſein wird? Die Trauben, aus welchen dieſer Wein gepreßt wurde, waren Trauben des Grimms. Hör⸗ teſt Du nie von der Sünden⸗Abwaſchung? Wegen was ſonſt wäre dieſer Gebrauch angenommen worden? Siehſt Du nicht, daß der Rand des Kelchs noch nicht feucht gemacht wurde? Nun, wie Ihr wollt— ha, ha!“ und der Todtengräber ging weiter. Nachdem ſein Geſchäft beinahe beendigt war, blickte er ſich nach Jack Palmer um, welchen er während des Gebeis bemerkt hatte, konnte ihn aber nicht mehr ent⸗ vecken. Peter wollte den Kelch, welcher jetzt beinahe geleert war, wieder auf ſeinen früheren Platz hinſtellen, allein Small nahm ihn ihm gus den Händen. 200 „In poculi fundo residuum non relinque, er⸗ mahnte Pythagoras,“ ſagte er.„Es ſoll nichts in dem Kelch zurückbleiben— Dein Geſchäft iſt zu Ende.“ Indem er dieß ſagte, gab er ihn dem Todtengräber ganz ausgeleert zurück. „Mein Geſchäft iſt hier zu Ende,“ murrte Peter, aber nicht ſo wo anders. Schlechtes oder gutes Wetter, Donner oder Regen, ich muß nach der Kirche.“ Indem er einigen von der Dienerſchaft, welche Theil an dem Zuge nehmen ſollten, im Falle dieſer weg⸗ ginge, ſeine letzten Befehle ertheilte, öffnete er die Hausthüre, und richtete ſeine Schritte nach der Allee, i der ſchlagende Regen ſchwer auf ſein Geſicht el. Dreizehntes Kapitel. Der Birchhot. Com. Der Weg iſt holperich. Sage, woher ommt das? Führer. Es iſt der Kirchhof, dieſe Hügel Gräber. Com. Vorwärts. Die Todten achten unſ rer nicht. Fuhrer. Sie achten unſre Schritte nicht, o Herr, Und hören ſie auch nicht; doch man Wie ein leichtſinnig' Wort wird wohl erinnert' An jenem Tag, wo ſie der Gruft ent⸗ eigen. Com. So gebe Gott, daß es den Weg aus⸗ beßre. Iſaak Comnenus. Wie der Todtengräber in den Kirchhof eintrat, ſo ſtrömte Licht durch das Fenſter am Altare, wodurch die verzweigten Umriſſe des edlen gothiſchen Bogens dunkel bezeichnet, und die glänzenden Farben ſeines — 5 — 201 6 reich⸗bemalten Glaſes beleuchtet wurden, welches reich⸗ lich mit den Wappenſchildern des Gründers dieſer Kirche, und vieler ſeiner Nachkommen verziert war. Der Schein ihrer Wappen glänzte hell in das nächt⸗ liche Dunkel hinaus, als wie um einen andern der Familie, deren Ehren ſie verkündeten, in ſeine letzte Heimath zu leuchten. Brennende Farben, ſo vielfäl⸗ tig wie die des Regenbogens, ſpiegelten ſich auf den Blättern einer nahen Trauerweide und den bewachſe⸗ nen Gräbern umher ab. Wie Peter, nach dieſer Richtung hinſehend, das Gitterthor aufmachte, gewahrte er eine dunkle Geſtalt, welche in einen weiten, ſchwarzen Mantel gehüllt und mit einem niederhängenden Hut bedeckt, in einiger Entfernung zwiſchen dem Fenſter und dem Baume ſtand, wodurch der volle Glanz der Lichtſtrahlen auf ſie fiel, was dazu diente, ihre beinahe ſchon übermenſch⸗ liche Größe noch mehr zu erhöhen. Der Todtengräber blieb ſtehen. Die Geſtalt bewegte ſich nicht. Es lag ſowöhl in der Kleidung als Stellung der Figur etwas Außergewöhnliches. Peters Neugierde war ſogleich erregt, und da er mit jedem Fleck des Kirchhofs genau bekannt war, ſo beſchloß er den nächſten Weg einzu⸗ ſchlagen, und ſich davon zu überzeugen, wem dieſer geheimnißvolle Mantel und Hut angehöre. Er ſchlug alſo ſeinen Weg über die wellenförmigen Gräber ein, und ſtand, wie aus Inſtinkt die Steine umgehend, welche ſeinem Vorſchreiten im Weg ſtanden, ſchnell in der Nähe des Gegenſtandes ſeiner Neugierde. Nach der Bewegungsloſigkeit der Geſtalt zu ſchließen, ſchien ſie Peters Annäherung nicht bemerkt zu haben. Sei⸗ nen Augen erſchien ſie immer größer, je näher er ihr kam. Er ſtand jetzt beinahe hart auf ihr, als ſeinem weitern Vorſchreiten plötzlich durch einen heftigen Schlag auf ſeine Schulter Einhalt gethan wurde. Er blieb beſtürzt ſtehen, und ſtieß einen Schreckensruf aus. In dieſem Augenblick erhellte ein flammender Blitzſtrahl 202 den ganzen Kirchhof, und Peter glaubte in einiger Entfernung von ihm zwei andere Geſtalten zu ſehen, welche auf ihren Schultern einen großen Kaſten, oder auch einen Sarg trugen. Die Kleidung dieſer Geſtal⸗ ten war, in ſo weit man dieß erkennen konnte, äußerſt phantaſtiſch. Die erſte ſchien einen langen weißen Bart zu haben, welcher bis auf den Gürtel herabhing. Peler hatte jedoch nur wenig Muße zu Beobachtungen,— die Erſcheinung begegnete nicht ſo bald ſeinem Blick, als ſie auch ſchon wieder verſchwunden war; und nichts war weiter mehr zu ſehen, als die leuchtenden Grab⸗ ſteine; nichts zu hören als der pfeifende Wind und die ſchwer niederfallenden Regentropfen. Er rieb ſich die Augen,— die vermummte Geſtalt war verſchwunden, und keine Spur von den myſteriöſen Sargträgern mehr zu entdecken.— „Was habe ich geſehen,“ dachte Peter in ſeinem Innern;„iſt dieß Zauberei oder Verrätherei, oder beides? Leichendiebe würden in einer Nacht wie dieſe, wo die ganze Nachbarſchaft auf den Füßen iſt, dieſen Platz nicht beſuchen. Sollte ich ein Geſpenſt geſehen haben? Pah! ſoll ich mich ſelbſt betrügen, wie ich dieſe Bauern hintergehe? Ich ſab keinen bärtigen Dämon, ſondern den Zigeuner— Patriko Balthaſar; jetzt erkenne ich ihn mit einem Male; aber was bedeu⸗ tet dieſe vermummte Geſtalt und weſſen Arm konnte mich gefaßt haben? Ha!— wie, wenn Lady Rook⸗ wood zum Wegſchaffen von Suſannens Leichnam Be⸗ fehl gegeben hätte. Doch nein— nein— das kann nicht ſein. Ueberdieß habe ich die Schlüſſel zur Gruft; und zu der Zeit befinden ſich Hunderte in der Kirche, welche eine ſolche Entweihung nicht zugeben würden. Ich weiß gar nicht, was ich davon denken ſoll. Doch ich will in die Gruft.“ Mit dieſen Worten eilte er nach der Vorhalle der Kirche, und trat, nachdem er die Näſſe von ſeinen Kleidern abgeſtreift, wie ſie ein Waſſerhund von ſeinem — e ——„———— 203 zottigen Fell abſchüttelt, und ſeinen breiträndrigen Hut abgenommen hatte, in das heilige Gebäude ein. Das Innere deſſelben erſchien dem Todtengräber, durch den plötzlichen Uebergang von der außen herrſchenden Dun⸗ kelheit, wie ein Lichtmeer. Nur wenige Perſonen wa⸗ ren da; wahrſcheinlich ſolche, welche noch mit Vorbe⸗ reitungen beſchäftigt waren, aber eine Gruppe zog augenblicklich ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Nahe an dem Abendmahltiſche ſtanden drei in tiefe Trauer gekleidete Perſonen, welche ſich augenſcheinlich damit beſchäftigten, das verſchiedene künſtliche Schnitz⸗ werk zu betrachten, welches die Wände zierte. Peter's Geſchäft führte ihn nach dieſem Theil der Kirche. Mit der Abſicht in die Gruft hinabzuſteigen, um die letzten Vorbereitungen zur Aufnahme des Todten zu treffen, mit einer Laterne, Schüſſeln, und einer Spate in der Hand, näherte er ſich der Geſellſchaft. Man ſchenkte dem Todtengräber wenig Aufmerkſamkeit, bis das rauhe Knarren des Schloſſes gehört wurde. Peter war verduzt, als er das Geſicht einer der drei Perſonen erblickte; er ließ den Griff des Schlüſ⸗ ſels fahren, und der große Riegel ſchlug wieder in das Schloß ein. Es entſtand ein Geflüſter bei der Geſellſchaft. Man hörte einen leichten Schritt ſich ihm nähern, und ehe der Todtengräber ſeine Faſſung wie⸗ der recht hatte gewinnen können, ſtand eine weibliche Geſtalt an ſeiner Seite. Der ſcharfe, forſchende Blick, welchen Peter auf das Geſicht der jungen Dame richtete, ſchreckte ſie ſo zurück, daß ſie ihre Abſicht, ihn zu fragen, aufgab, und ſich haſtig wieder zurückzog. „Sie hier,“ murmelte Peter;„nun wohl, ich darf Lukas das ſchreckliche Geheimniß nicht länger mehr vorenthalten, oder Ranulph wird ihm in der That ſeine Beſitzungen entreißen.“ Auf das Zureden ihrer Begleiter, einer ältern Dame und eines großen, ſchönen Mannes, deſſen Tracht 204 und Benehmen ihn als einen Soldaten zu erkennen gaben, ging die ſchöne Fremde noch ein Mal auf Pe⸗ ter zu. „Ihr ſeid der Todtengräber,“ ſagte ſie mit einer ſüßen und klangvollen Stimme zu ihm. „Das bin ich;“ erwiderte Peter. An ihren Stim⸗ men konnte man Harmonie und Disharmonie unter⸗ ſcheiden lernen. „Dann könnt Ihr uns vielleicht ſagen,“ ſagte die ältere Dame,„ob das Begräbniß wohl heute Nacht Statt finden wird? wir hielten es für möglich, daß der Sturm die Ceremonie vielleicht verhindere.“ „Der Sturm wird alsbald vorüber ſein,“ erwi⸗ derte Peter.„Der Leichenzug wird ſich nun bald auf den Weg machen. Ich komme ſo eben von dem Her⸗ renhauſe.“ „Wirklich!“ rief die Lady aus.„Vermuthlich wird Niemand von der Familie zugegen ſein. Wer iſt denn der Hauptleidtragende?“ „Der junge Sir Ranulph!“ antwortete der Todten⸗ gräber.„Es werden mehr Mitglieder von der Fa⸗ milie zugegen ſein, als man erwartete.“ „Iſt der junge Sir Ranulph denn zurückgekehrt?⸗ fragte die junge Dame in großer Bewegung.„Ich glaubte er ſei im Ausland, und werde nicht erwartet. Seid Ihr auch gewiß, daß Ihr recht unterrichtet ſeid?“ „Ich ſchied in dem Herrenhaus vor noch nicht zehn Minuten von ihm,“ erwiderte Peter.„Er kehrte heute Nacht ganz unerwartet aus Frankreich zurück.⸗ „Ach, Mutter!“ rief die jüngere Dame aus,„daß dieß der Fall ſein muß— daß ich ihm hier begegnen ſoll. Warum kamen wir aber auch hierher?— wir wollen wieder weggehen.“ „Dieß iſt unmöglich, erwiderte ihre Muiter; „das Unwetter verbietet es uns. Die Nachricht dieſes Mannes iſt ſo befremdend, daß ich ſie kaum glauben 205 kann. Habt Ihr uns aber auch gewiß die Wahrheit mitgetheilt?“ ſagte ſie, indem ſie ſich an Peter wandte. „Ich bin nicht gewöhnt, Zweifel in meine Worte geſetzt zu ſehen,“ gab er zur Antwort.„Noch andere, eben ſo befremdende Dinge haben ſich in dem Herren⸗ hauſe zugetragen.“ „Was meint Ihr damit?“ fragte der Herr, wel⸗ cher dieſe letzte Bemerkung gehört hatte. „Sie hätten nicht nöthig dieſe Frage an mich zu richten, wenn Sie ſich hier unter den andern Gäſten befunden hätten,“ entgegnete Peter.„Seltſame Dinge, ſage ich Ihnen, find dieſe Nacht hier geſchehen, und noch ſeltſamere mögen ſich bis zum Morgen ereignen.“ ſeid unverſchämt, Burſche! Ich verſtehe Euch nicht.“ „Genug! Ich kann Sie verſtehen,“ erwiderte Peter bedeutſam;„ich kenne die Liſte der Leidtragenden, welche zu dieſer Feierlichkeit eingeladen ſind, und ich ſehe, daß es deren drei zu viel ſind.“ „Kennen Sie dieſen frechen Kerl, Mutter?“ „Ich kann mich ſeiner nicht erinnern, obſchon ich glaube, ihn früher geſehen zu haben.“ „Mein Gedächtniß iſt mir treuer, Lady,“ unter⸗ brach ſie Peter.„Ich erinnere mich einer, welche einſt die ſtolze Erbin von Rookwood war— ja ſtolz und ſchön— damals war das Haus von Anbetern ange⸗ füllt. Schwerter kreuzten ſich für ſie. Herzen bluteten ihretwegen. Und doch erhörte ſie keinen, bis in einer unglücklichen Stunde. Sir Reginald hatte eine Toch⸗ ter; Sir Reginald Rookwood verlor eine Tochter. Hal— Ich ſehe, ich habe Recht. Wohl; er iſt todt und begraben; und Reginald ſein Sohn, iſt gleich⸗ falls todt; und Piers iſt auf dem Wege hierher; und Sie ſind die letzte, während Sie nach dem Gang der Natur die erſte hätten ſein ſollen. Und jetzt, da ſie alle dahin gegangen find, haben Sie Recht, wenn Sie Ihren Kummer mit ihnen begraben.“ 206 „Still Burſche,“ rief der Herr aus,„oder ich ſchlage Euch mit Eurer eigenen Haue den Schädel ein.“ „Nein; laß ihn ſprechen, Vavaſour,“ ſagte die Lady mit einem Ausdruck der Angſt ver hat Erin⸗ nerungen an andere Tage in mir erweckt.“ „Ich habe dieß gethan,“ ſagte Peter,„und muß jetzt an die Arbeit. Wollen Sie mit mir zu dem Be⸗ gräbnißplatz Ihrer Ahnen hinabſteigen, Madam? Ihre ganze Familie liegt darin— ja, und dabei auch Lady Eleonore, Ihre Mutter.“ Mrs. Mowbray gab ihre Einwilligung zu erken⸗ nen, und die Geſellſchaft ſchickte ſich an, ihm zu folgen. Der Todtengräber hielt die Laterne ſo, daß das Licht auf die Treppe fiel, als ſie in den düſtern Auf⸗ enthaltsort der Todten eintraten. Unſere Leſer ſind mit ſeinem Innern ſchon bekannt. Eleonore bereute es halb und halb, daß ſie es gewagt hatte, an dieſen Ort der Trauer gegangen zu ſein; ſo ſehr erfüllte ſie die Erſcheinung der gähnenden Catakomben, welche mit Todten überladen waren, hauptſächlich aber die geiſter⸗ artige Geſtalt des grimmigen Ritters mit Furcht, als ſie gedankenvoll umherblickte. Sie brauchte die volle Unterſtützung von ihres Bruders Arm; auch Mrs. Mowbray blieb nicht ganz unbewegt. „Und die ganze Familie liegt hier begraben, ſagt Ihr?“ fragte die letztere. „Die ganze,“ erwiderte der Todtengräber. „Wo liegt denn der jüngere Bruder des Sir Re⸗ ginald? „Wer?“ rief Peter verblüfft aus. „Alan Rookwood.“ „Was iſt es denn mit ihm?“ „Richts von Bedeutung; allein ich dachte, Ihr könntet mir vielleicht etwas von ihm ſagen. Er ſtarb jung.“ „Ja,„ erwiderte Peter mit bewegter Stimme, „ſehr jung; aber nicht ohne vorher im Unglück ſehr — — (⸗ hr rb e, hr 207 alt geworden zu ſein. Kennen Sie ſeine Geſchichte, Madam?“ „Ich habe ſie gehört.“ „Aus dem Munde Ihres Vaters?“ „Von Sir Reginald Rookwvod— nie. Nennt ihn nicht meinen Vater, Burſche; ſogar hier will ich ihn nicht ſo nennen hören.“ „Verzeihen Sie mir, Madam, erwiderte der Todtengräber.„An Lady Eleonore wurden viele Grau⸗ ſamkeiten verübt, und dieſe mögen wohl einen unver⸗ ſönlichen Haß in dem Buſen ihres Kindes erwecken; und dennoch glaube ich, daß das Böſe, was er ſeinem Bruder Alan that, die größte Schuld war, welche auf Sir Reginald's ſchwarzer Seele laſtete.⸗ Welche beſondere Schuld wirfſt Du dem Sir Reginald vor? fragte Major Mowbray;„welches Unrecht that er ſeinem Bruder Alan? „Er beſchimpfte die Ehre ſeines Bruders, erwi⸗ derte der Todtengräber;„er beraubte ihn ſeines Weibes — vergiftete ihm das Leben, und ſtieß ihn in ein früh⸗ zeitiges Grab.“ Elevnore war während dieſer gräßlichen Erzäh⸗ lung, deren Anhören ſie gerne vermieden hätte, wenn dieß möglich geweſen wäre, ſchaudernd zurückgeblieben. „Kann dieß wahr ſein?“ fragte der Major. „Nur zu wahr, mein Sohn,“ erwiderte Mrs. Mowbray ſchmerzlich. „Und wo liegt der unglückliche Alan?“ fragte Major Mowbray. „Zwiſchen zwei Kreuzwegen. Wo anders ſollte der Selbſtmörder liegen?“ Jede weitere Frage vermeidend, ſchritt Peter ha⸗ ſtig durch die Gruft, indem er das Licht erhob, um den Inhalt jeder einzelnen Celle zu beleuchten. Ein Umſtand erfüllte ihn mit Erſtaunen und Furcht— er konnte den Sarg ſeiner Tochter nirgends entdecken. Vergebens ſah er in jede Celle hinein— ſie waren 208 7. anſcheinend alle noch in Ordnung; und Peter gab end⸗ lich voll innerer Verwunderung und Furcht das Su⸗ chen auf.„Dieſe Erſcheinung wäre alſo erklärt,“ murmelte er—„der Leichnam iſt hinweggeſchafft— aber durch wen? Tod! kann ich zweifeln?— Es muß Lady Rookwood ſein.— Wer ſonſt könnte irgend ein Intereſſe an dieſem Raube haben. Sie hat kühn ge⸗ handelt— aber ſie ſoll jetzt Urſache bekommen, ihre Verwegenheit zu bereuen.“ Als er ſeine Nachſuchung fort etzte, folgten ihm ſeine Begleiter ſtillſchweigend. Plötzlich hielt er an, und als er bemerkte, daß alles geſehen ſei, verließen jene nicht ungern dieſen Ort des Schreckens, während er zurückblieb. „Dieß iſt ein ſchauderhafter Ort,“ wisperte Eleo⸗ nore ihrer Muitter zu;„gewiß wäre ich nicht hierher gegangen, hätte ich etwas von dieſen Schrecken geahnt. Feſer ſonderbare Mann! wer oder was iſt er enn? „Ja, wer iſt er?“ widerholte Major Mowbray. „Ich erinnerte mich jetzt ſeiner,“ erwiderte Mrs. Mowbray;„es iſt dieß Jemand, der von jeher mit der Familie bekannt geweſen iſt. Er hatte eine Toch⸗ ter, deren Schönheit ihr Verderben war: es iſt eine garſtige Geſchichte; ich kann ſie jetzt nicht erzählen: Ihr habt ſchon genug von Unglück und Frevelthaten gehört; aber dieß mag wohl die Urſache ſein, daß er mit ſolcher Erbitterung ſprach. Er war ein Vaſall mei⸗ nes armen Bruders.“. „Armer Mann!“ erwiderte Eleonore;„wenn er unglücklich geweſen iſt, ſo bemitleide ich ihn. Ich be⸗ daure, daß wir an dieſem ſchauderhaften Ort waren. Ich bin ſehr ſchwach; und ich zittere mehr als je bei dem Gedanken, Ranulph Rookwood wieder zu begeg⸗ nen. Ich kann mich kaum aufrecht halten— ich weiß gewiß, daß ich ihn nicht werde anſehen können.“ „Hätte mir nur die Möglichkeit träumen können, daß er der Ceremonie anwohnen werde, ſo ſei über⸗ ———— —*— N * 8 v ** 8 — 209 zeugt, theure Eleonore, daß wir nicht hier wären: aber man benachrichtigte mich, daß ſeine Rückkehr zur beſtimmten Zeit eine Unmöglichkeit ſei. Da ich nun einmal hier bin, werde ich nicht mehr fortgehen. Faſſe Dich mein Kind. Es wird dieß für uns beide eine Zeit der Prüfung werden; aber jetzt kann es nicht mehr vermieden werden.“ In dieſem Augenblick begann die Glocke zu läu⸗ ten.„Der Zug hat ſeinen Anfang genommen,“ ſagte Peter, als er an den Mowbrays vorüberging.„Dieſe Glocke zeigt an, daß er weggeht.“ „Seht Ihr jene Perſonen auf die Thüre zueilen,“ rief Eleonore haſtig, und mit zitternder Heſtigkeit aus. „Sie kommen. O! ich werde nicht im Stande ſein es zu ertragen, theure Mutter.“ Peter eilte nach der Kirchthüre, wo er ſich mit andern, eben ſo neugierigen Gäſten aufpflanzte. Flak⸗ kernde Lichter in der Entfernung, welche wie Sterne durch die Bäume glänzten, zeigten ihnen, daß der Zug ſich jetzt vor dem Herrenhauſe ordne. Der Regen hatte jetzt gänzlich aufgehört, der Donner rollte nur noch in weiter Ferne, und der Blitz ſchien nur die Tropfen auf den Blättern aufzulecken. Die Glocke fuhr fort zu tönen, und ihr lautes Gebimmel ſchallte als Echo in dem Thale nach. Plötzlich hörte man einen einzel⸗ nen, ſchrecklichen Donnerſchlag; im nämlichen Augen⸗ blick kam ein Mann mit der Nachricht vom Glocken⸗ ſtuhl herunter, daß er gerade über dem Herrenhauſe eine Feuerkugel habe aus den Wolken fallen ſehen. Jedes Ohr war ängſtlich auf den nächſten Schlag ge⸗ ſpannt: keiner wurde gehört. Es war dieß die Kri⸗ ſis des Ungewitters geweſen. Noch ſetzte ſich der Zug nicht in Bewegung. Der zelle Schein der Fackeln war noch in der Allee ſichtbar, bald verſchwindend, bald wieder hell aufflackernd, wie eben die Träger zwiſchen den Bäumen hin und herrannten. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß die Unordnung vorherrſche, und irgend Rookwvod. I. 14 210 ein Unfall Statt gefunden habe. Jeder murmelte ſei⸗ nem Nachbar etwas in die Ohren, und es gab nur wenige, welche die Urſache der Verzögerung nicht er⸗ rathen wollten. Endlich drang ein Mann ohne Hut, athemlos, und vor Furcht beinahe gelähmt, mitten durch ſie hindurch, und fiel, über die Schwelle ſtol⸗ pernd, Kopf über, Kopf unter in die Kirche. „Was gibt es, Maſter Plant? Was iſt vorge⸗ fallen? Erzählt! Erzählt!“ ſo riefen viele Stimmen zumal aus. „Der Herr ſei uns gnädig!“ rief Plant nach Luft ſchnappend, und nicht die geringſte Anſtalt machend, wieder aufzuſtehen.„Es iſt ſchrecklich! gräßlich! o! — o! „Was hat ſich denn ereignet?“ fragte Peter auf den gefallenen Mann zugehend. „Und das brauchſt Du noch zu fragen, Peter Bravley? Du, der Du dieß alles vorhergeſagt haſt? Doch, ich will nicht ſagen, was ich denke, obgleich es meine Zunge juckt, Dir die Wahrheit zu ſagen. Es ſei Dir genug, daß Du die Zauberkunſt nicht umſonſt grlernt haſt— er iſt todt.“ „Wer? Ranulph Rookwood! Iſt ihm irgend etwas zugeſtoßen, oder ſeinem Gefangenen, Lukas Bradley?“ fragte der Todtengräber haſtig. Hier ſtieß Jemand, der hinter ihnen ſtand, einen Schrei aus, und ungeachtet aller Bemühungen ihrer Mutter, welche ſie zurückhalten wollte, ſtürzte Elevnore Mowbray vorwärts. „Iſt dem Sir Ranulph irgend ein Unglück zuge⸗ ſtoßen,“ fragte ſie. „Nein— nein— nicht dem Sir Ranulph— er iſt bei dem Zug.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Eleonore aus. Und dann fragte ſie, augenſcheinlich beſchämt über ihre Heftigkeit, und es konnte auch ſcheinen, über ihre Gleich⸗ ———+„— N — N „ 8 8 b. r e 21¹¹ gültigkeit an dem Mißgeſchick eines Nebenmenſchen, wer denn verunglückt ſei. „Es iſt der arme Nachbar Toft, der vom Blitz erſchlagen wurde, Ma'm,“ erwiderte Plant. Ausrufungen des Schreckens waren von allen Um⸗ ſtehenden hörbar. Niemand war aber über dieſe Nachricht erſtaunter, als der Todtengräber. Gleich vielen andern Prophe⸗ ten hatte er aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht auf das Eintreffen ſeiner Prophezeiung gerechnet, und war jetzt über ſein Vorherwiſſen ſelbſt beſtürzt. „Ich will Dir etwas ſagen, Maßter Petir,“ ſagte Plant, indem er ſein rundes Haupt ſchüttelte;„es iſt gut, daß Du nicht zur Zeit meines Großvaters lebteſt, ſonſt wärſt Du in einer Bettdecke erſtickt worden, oder verbrannt wie Ridley und Latimer, wie man leſen kann— aber deſſen ungeachtet ſollſt Du hören, wie der arme Toft geſtorben iſt; und Niemand kann euch dieß beſſer ſagen als ich, da ich gerade neben ihm ſtand, als er zu Boden ſtürzte, der arme Kerl. Gut, wir dachten der Sturm ſei ganz vorüber— wir alle ſtellten uns in die Ordnung, und begannen eben in die Allee einzutreten, in welcher die Sargtriger luſtig vorwärts eilten, und die Fackeln hell ſchienen, als der arme Simon Toft, welcher noch in ſeinem zanzen Le⸗ ben nicht gut gehen konnte, wenn er zu iieß in's Glas geguckt hatte, auf die Seite taumelte, und gegen den erſten hohen Lindenbaum rennend, ſich unter ihn hin⸗ ſetzte— Du kennſt den Baum, wie ich glatbe?“ „Den Baum des Schickſals,“ entgegrete Peter. „Ich ſollte ihn kennen, däucht mich.“ „Nun gut, ich ging eben auf die Seit, um ihn wieder aufzurichten, als auf ein Mal ein gräßlicher Donnerſchlag erfolgte, und, durch die Bäune fahrend, eine rothe Feuerkugel ſo hell und leuchtend herunter⸗ blitzte, daß ich beinahe erblindet wäre; als ich meine blinzelnde und feuchte Augen öffnete, ſo ch etwas, ————————————— 2¹2 was mich faſt noch eher die Augen gekoſtet hätte als der Blitz— das, was vorher der arme Simon ge⸗ weſen, war jetzt nur noch eine ſchwarze Maſſe dampfen⸗ der Aſche— ſeine Kleider in tauſend Fetzen geriſſen — Erde und Steine aufgewühlt und umhergeworfen. Ein großer Splitter des Baumes lag neben ihm.“ „Gottes Wille geſchehe!“ ſagte der Todtengräber; „dieß iſt ein furchtbares Gericht.“ „Und die Macht des Satans möge unterdrückt werden, denn dieß iſt ein Stück von ſeinem Handwerk,“ murrte Plant, indem er beim Weggehen hinzufügte: „wenn Feter Bradley je in eine Bettdecke kommt, ſo ich verdammt ſein, wenn ich nicht auch Hand, an⸗ ege. Vierzehntes Kapitel. Die Begegnung. Wie gleich dem Strome, der in Nacht gehült, Mit unſern Seufzern leicht vorüber fließet, Bewegt ſich dieſer feierliche Zug! Mit Thränen, Seufzern, falſchen Trauerzeichen. Die weil ich ganz allein— des Todes Stohnen In dieſem Hayne, ſo erſchalle nun. Die verhangnißvolle Mitgift. Als vas Zeichen gegeben wurde, daß der Leichen⸗ h in de Nähe angekommen ſei, ſo wurden die Thor⸗ ügel außemacht und die bereits Verſammelten bil⸗ deten zwe Reihen, um ihn durchzulaſſen. Indei war in dem Ausſehen der Nacht, ſogar in dieſem kuzen Zeitraume, eine auffallende Verände⸗ rung vor ſich gegangen. Der vorher in ſchwarzes Dunkel Himmel war nun durch ein feierliches weiches Nondlicht erhellt, welches in einem duftigen Hofe ſchnimmend, die Verzweigungen einiger wenigen 13— 3 N N—— t. 1. . l⸗ 8 6 n n 213 eiſterhaften Wolken, welche an dem tiefen und ſtrah⸗ enden Horizont hineilten, mit einem filberfarbenen Hauch überzog. Die Schnelligkeit dieſer Veränderung mußte Erſtaunen und Verwunderung erregen, worein ſich auch noch Verdruß miſchte, daß man den Zug nicht bis auf dieſen Augenblick verſchoben habe. Langſam und trauernd nahte ſich der Zug dem Kirchhofe, indem er ſich melancholiſchen Schrittes, Paarweiſe um die Windungen der Straße herumzog. Zuerſt kam Doktor Small; ſodann die Leichenführer mit ihren düſtern Gewändern; nach dieſem die Fackel⸗ träger, hierauf diejenigen, welche den Sarg trugen, durch die ſchwere Bürde faſt zuſammengedrückt wur⸗ den; an ſie ſchloß ſich Sir Ranulph und ein langer Zug von Leidtragenden an, welche man alle bei dem flammenden Fackelſcheine genau unterſcheiden konnte. An dem Thore wurde ein kurzer Halt gemacht und es kamen andere Träger an den Sarg. „Dieß iſt ein böſes Zeichen!“ ſagte Peter;„konnte man denn keinen andern Platz zum Halt wählen? muß denn Sir Piers bis zu nächſten Weihnachten Thürhüter ſein? Nein,“ fügte er bei, als er ſah, was darauf folgte;„nach Allem zu ſchließen, wird es der arme Toft werden.“ Hart auf den Sarg folgte nämlich eine rohe Tragbahre, welche, wie Peter richtig geſchloſſen hatte, die traurigen Ueberreſte des Simon Toft enthielt, welchen ſein Schickſal auf die von Maſter Plant be⸗ ſchriebene Weiſe erreicht hatte. Der Todesſtreich war von dem Bauern, welchen er zuerſt getroffen hatte, abgeſchnellt und hatte den unglücklichen Pachter in einen Staubhaufen verwandelt. Es herrſchte allge⸗ meine Beſtürzung und man war im Zweifel darüber, was man damit thun ſolle. Doktor Small hielt es für das Beſte, die Ueberreſte ſogleich nach dem Bein⸗ hauſe zu bringen. So war der arme Toft, in einer kurzen Sekunde, in dem Zucken des Auges,„ohne die 2¹4 letzte Oelung, mit all' den Unvollkommenheiten ſeines Zuſtandes“, von der Höhe des Lebens zur Dunkelheit des Grabes herabgeſchleudert, und ſo ſchrecklich ent⸗ ſtellt, daß man in der verſtümmelten Maſſe, welche von ihm übrig geblieben war, kaum noch eine Spur von einem menſchlichen Weſen entdecken konnte. Mit Recht kann man von uns ſagen, daß wir in der Blindheit und inmitten tiefer Fallgruben umherwandeln! Der Kirchhof wurde durch den Trauerzug ganz angefüllt. Der lange Zug dunkler Geſtalten, der flackernde Fackelſchein, welcher röthlich in den weißen Mondſchein hinausſtrahlte— bald auf den dunklen Gewändern der Träger und ihrer eingehüllten Bürde ruhte— bald von den gezackten Blättern der Bäume zurückgeſtrahlt wurde, oder auf die epheuumrankten Säulen der alten Kirche fiel, bildeten ein eindrucks⸗ volles Gemälde. Ueber Allem ſchien wie eine am Himmelsgewölbe aufgehängte Lampe der ſtille Mond, welcher einen milden, geiſterartigen Glanz über die ganze Scene verbreitete. Die tönende Orgel brach in eine feierliche Weiſe aus, als der Sarg nach dem mittleren Chor getragen wurde. Die Trauernden folgten feierlichen und lang⸗ ſamen Schrittes. Der Sarg wurde nahe beim Ein⸗ gange in die Gruft niedergeſetzt und die ganze Ver⸗ ſammlung ſchaarte ſich rund um denſelben. Doktor Small begann nun den hehren Leichendienſt und ſprach denſelben in einem Tone, welcher ſowohl wegen ſei⸗ ner Rührung, als auch wegen ſeiner Kraft und Brün⸗ ſtigkeit bemerkenswerth war. Kein Auge blieb trocken — keine Stirne unumwölkt. Obgleich das ganze Gebäude hell erleuchtet war, ſo gab es doch noch einige Winkel, welche durch die mächtigen Pfeiler in den Schatten geſtellt wurden; in einem von dieſen ſtand Eleonore, von Mutter und Bruder unterſtützt, als eine weinende Zuſchauerin die⸗ ſer Scene. Sie ſah, wie man den Sarg ſtill dahin v 8— — 2¹⁵ trug, ſie ſah dieſem eine ſchwarze Geſtalt langſam folgen — ſie kannte dieſe bleichen Züge— o! und wie bleich waren ſie! Ein Jahr hatte eine ſchreckliche Verände⸗ rung hervorgebracht; ſie konnte kaum glauben, was ſie ſah. Er mußte in der That gelitten— tief gelit⸗ ten haben, und ihr Herz ſagte ihr, daß dieß um ihret⸗ willen geſchehen ſei. Mancher ſehnſuchtsvolle Blick richtete ſich übrigens auf die Hauptperſon bei dieſer Feierlichkeit— auf Ranulph Rookwood. Er war eine Beute des unaus⸗ ſprechlichſten Seelenſchmerzes; ſein Herz blutete um den verlorenen Vater. Voll Schwermuth dem Leich⸗ nam durch den Chorgang folgend— hatte er ſeinen Standpunkt nahe bei demſelben genommen, blickte irren Auges auf die Umſtehenden— hörte mit düſterer Faſ⸗ ſung auf die ausdrucksvollen Worte Smalls, bis er las—„denn der Menſch wandelt im eitlen Schatten, und macht ſich Sorgen umſonſt; er häuft Reichthümer auf, und kann nicht ſagen, wer dieſelben erndten wird.“ „Sehr wahr!“ rief eine tiefe Stimme aus; wie Ranulph ſich umſchaule, begegnete er den Augen Peter Bradley's, welche feſt auf ihn gerichtet waren; aber es war augenſcheinlich, daß der Todtengräber nicht geſprochen hatte. Ranulph wendete ſein Auge ab; aber obgleich er ängſtlich dieſen Blick zu vergeſſen ſuchte, ſo peinigte er ihn dennoch. Small fuhr in dem Gottesdienſte fort. Er kam zu dem Vers:„Du haſt unſere Miſſe⸗ thaten vor Dir; und unſere geheimen Sünden in dem Lichte deines Angeſichts.“ „Gerade ſo“ rief die Stimme wieder; und wie Ranulph ſeine Augen in der Richtung des Schalles erhob, ſo glaubte er eine dunkle Geſtalt zu erblicken, welche in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, hinter einem der Pfeiler verſchwand. Sein Herz pochte; und ſein Geſicht in den Händen verbergend, fing er laut an zu weinen.* 2¹6 „Ich hitte Sie, mein theurer Sir Ranulph, be⸗ herrſchen Sie ſich,“ ſagte Doktor Small, ſobald der Gottesdienſt vorüber war,„und laſſen Sie dieſe trau⸗ rige Feier vollends zu Ende bringen.“ Mit dieſen Worten richtete er Ranulph ſorgſam auf, und der Sarg wurde in die hlt ſinabglaſſen Ranulph blieb einige Zeit lang in den tiefſten Schmerz verſunken. Als er wieder einigermaßen zu ſich kam, hatte ſich die Menge verlaufen, und nur noch wenige Perſonen waren in der Kirche zurückgeblie⸗ ben; nahe bei ihm ſtanden drei Perſonen. Sie gingen auf ihn zu. Ein Schrei des Erſtaunens und der Ver⸗ wunderung entfloh ſeinen Lippen. „Eleonore!“ „Ranulph!“ Iſt es möglich? Sehe ich Sie wirklich Eleonore?“ Kein Wort wurde weiter geſprochen. Sie flogen einander in die Arme. Oh! traurig— traurig iſt das Scheiden der Liebenden— keine Pein iſt ſo groß; aber wenn das Leben einen Reiz hat, der höher iſt als jeder andere— wenn Glückſeligkeit einen ſüßeren Tropfen in ihrem Kelche hat, als die übrigen ſind, ſo iſt dieß die Wonne, welche Liebende bei einem Wie⸗ derſehen, wie das gegenwärtige fühlen. Wenn man ſagen wollte, daß er aus den Tiefen der Qual durch irgend einen tröſtenden Engel erhoben worden ſei, ſo wäre dieß eine ſchwache Vergleichung für Ranulphs Entzücken. Die ſchmerzliche Wonne Eleonorens— ihre zitternde Zärtlichkeit— die ſüße Hingebung, welche alle ihre mädchenhaften Bedenklichkeiten be⸗ ſiegte, zu malen, iſt eine Unmöglichkeit. Mit wider⸗ ſtrebendem Zugeſtehen— mit Furcht, aber doch nach⸗ gebend, waren ihre Lippen in einem langen liebenden Ruß, dem geheiligten Unterpfand ihrer geprüften Liebe vereinigt. „Eleonore— theure Eleonore,“ rief Ranulph aus „obgleich ich Sie in meinen Armen halte— obgleich 217 jede Nerve meines Körpers mich von ihrer Gegenwart überzeugt, obgleich ich in dieſe Augen ſchaue, welche mir lieblicher glänzen, als nur je vordem— obgleich ich dieß alles fühle, ſehe und weiß, ſo iſt doch dieſes Glück ſo uner⸗ wartet, ſo plötzlich, daß ich beinahe an ſeiner Wirk⸗ lichkeit zweifle. Warum— warum bin ich ſo ſelig? Verzeihe mir Eleonore, wenn ſo manche düſtere Ein⸗ drücke meine Stirne beſchatten; denn ich muß das am meiſten fürchten, nach welchem meine Bruſt am heiße⸗ ſten ſich ſehnt; und obgleich ich Dich an mein Herz drücke; obgleich meines Herzens innerſte Fiber mir ſagt, daß Du mir nahe biſt, ſo muß ich doch bangen, daß das Schickſal, welches Dich hierher gebracht hat, mich wieder von Dir trennen werde. Spreche— ſpreche, theure Eleonore, und ſage mir, welchem glück⸗ lichen Umſtande ich dieſes unerwartete Glück zu ver⸗ danken habe.“ „Ich bin hier— wir find hier, theurer Ranulph; aber die traurige Veranlaſſung unſeres Wiederſehens drängt ſogar die Freude zurück, welche ich darüber fühle, daß ich Sie wieder erblicke. Wir wohnen nicht weit von hier bei Freunden; und da meine Mutter von dem Tod ihres Bruders hörte, und alle Feind⸗ ſchaft mit' ihm gerne begraben ſehen wollte, ſo be⸗ ſchloß ſie dieſer traurigen Feier anzuwohnen. Man hatte uns geſagt, daß Sie nicht anweſend ſein könnten.“ „Und würde meine Anweſenheit Sie verhindert haben, hierher zu kommen, Eleonore?“ „Nicht dieß, theurer Ranulph; allein—“ „Allein was?“ „Ich fürchtete mich vor dem Wiederſehen.“ „Warum fürchten, theure Eleonore?“ Sie wandte ihr Geſicht ab, ohne zu antworten. In dieſem Augenblick flog die Erinnerung an die warnenden Worte ſeiner Mutter, und die Veränderung, welche ihrem Geſchick bevorſtehen könne, wie ein — 218 über das Paradies hinwegziehender Feind, durch Ra⸗ nulphs Geiſt; und er bebte. „Unter Ihren Verhältniſſen find wir blos unter⸗ geordnete Perſonen, Sir Ranulph,“ ſagte Mrs. Mow⸗ bray hervortretend. „Sir Ranulph!“ ſprach der junge Mann in ſei⸗ nem Innern nach.—„Was wird ſie denken, wenn ſie erfährt, daß dieſer Titel nicht mir gehört?— Ich zittere es ihr zu ſagen.“ Er fügte ſovann mit ſchwer⸗ müthigem Lächeln laut hinzu—„Ich bitte um Ihre Verzeihung, Madam, allein das Entzücken über das ſo unerwartete Wiederſehen Ihrer Tochter muß zu meinen Gunſten ſprechen.“ „Dieß iſt gar nicht nöthig, Sir Ranulph,“ ſagte Major Mowbray.„Ich, der ich erfahren habe, was die Trennung von meiner Schweſter ſagen will, weiß 1 Ihre Gefühle wohl zurecht zu legen. Aber Sie ſehen übel aus.“ „Ich habe in der Zeit viele geiſtige Qualen zu erdulden gehabt,“ ſagte Ranulph, Eleonoren anblickend; „allein dieß iſt jetzt vorüber, und ich ſchmeichle mir mit der Hoffnung, daß jetzt hellere Tage kommen wer⸗ den?“ Sein Herz antwortete, daß dieß nur eine Hoff⸗ nung ſei. „Sie wurden für dieſe Nacht hier nicht erwartet, Ranulph,“ ſagte Mrs. Mowbray;„von uns wenig⸗ ſtens nicht: man ſagte uns Sie ſeien im Ausland— daß Sie nicht kommen könnten.“ „Man hatte Ihnen richtig geſagt, Madam,“ er⸗ widerte Ranulph.„Ich wurde nicht erwartet, nicht allein nicht von Ihnen, ſondern überhaupt von Nie⸗ mand. Ich kam erſt dieſen Abend von Bordeaux an.“ „Von Bordeaux!“ rief Eleonore aus. „Vom Chateau La Riviere, an der Garonne,“ erwiderte Ranulph. „Vom Chateau La Riviere?““ widerholte Eleonore voll Erſtaunen.„Und Sie beſuchten alſo das theure 2¹9 alte Haus? Erfuhren Sie, wer ſeine Bewohner früher geweſen waren?“ „Ja, theure Eleonore,“ erwiderte Ranulph;„ich habe die letzten zwei Monate dort gewohnt.“ „Wirklich!“ ſagte Mrs. Mowbray.„Und Ma⸗ dam Dorville und ihr Gemahl—“ „Befanden ſich bei meiner Abreiſe wohl.“ „Es freut mich ſehr dieß zu hören. Aber wie fanden Sie denn dieſes Haus?— Sie müſſen mir alles hierüber mittheilen, theurer Ranulph.“ „Jetzt nicht, Eleonore,“ unterbrach ſie Mrs. Mow⸗ bray„Du vergißt—“ „In der That ich vergaß.“ ſagte Eleonore traurig. „Wir müſſen jetzt ſcheiden,“ ſagte Mrs. Mow⸗ bray ſich an Ranulph wendend.„Wir ſind gegenwär⸗ tig bei den Davenham's in Braybrook, und werden einige Zeit dort verweilen. Adieu.“ „Die Tage meiner Trauer werden durch pein⸗ liche, aber nothwendige Pflichten unterbrochen werden, welche keinen Aufſchub leiden,“ erwiderte Ranulph; „ich werde morgen hinreiten. Ich habe Sie über Vie⸗ les um Rath zu fragen. Ich würde es gewagt haben Sie um die Gunſt zu bitten, mich nach Haus zu be⸗ gleiten, wäre die Veranlaſſung eine andre geweſen, als die gegenwärtige.“ 5 „Und ich würde Ihre Einladung ſehr gerne ange⸗ nommen haben, wäre der Zeitpunkt günſtiger geweſen, Sir Ranulph,“ erwiderte Mrs. Mowbray;„ich möchte dieſes Haus wohl wieder ein Mal ſehen. Wäh⸗ rend Ihres Vaters Lebzeiten konnte ich mich demſelben nicht nähern; jetzt, da Sie der Eigenthümer der Beſitz⸗ ung ſind, wird es mich ſehr freuen, es wieder ein Mal zu ſehen. Es iſt ein ſchönes altes Haus!— Sie haben ſchöne Ländereien, Sir Ranulph— eine ſchöne Erbſchaft.“ „Madame.“„ „Und einen ſtolzen Titel, welcher Sie ſehr zieren 220 wird. Der erſte, der edelſte unſeres Hauſes war der⸗ jenige, von welchem Sie Ihren Namen tragen. Sie ſind der dritte Sir Ranulph; der erſte gründete das Haus Rookwvod; der zweite erhöhte es— Ihnen iſt es vorbehalten, ſeinen Ruhm auf den höchſten Gipfel zu erheben.“ „Ach! Madam, ich habe keinen ſolchen Gedanken.“ „Und warum nicht?— Sie ſind jung— Sie find reich— Sie ſind mächtig. Mit ſolchen Befitzungen, wie die von Rookwood ſind— mit einem ſolchen Titel, auf welchen deſſen Herr Anſpruch machen kann, iſt auch keine Hoffnung zu kühn.“ „Ich hoffe auf nichts, Madam, als die Hand Ihrer Tochter; ſogar um dieſe zu bitten— werde ich nicht wagen bis Sie bekannt find mit—“ und er zauderte. „Mit was?“ fragte Mrs. Mowbray. „Theurer Ranulph— um Gotteswillen— nicht jetzt— ſprechen Sie jetzt nicht davon—“ unterbrach ihn Eleonore. „Ein ſonderbares und höchſt befremdendes Ereig⸗ niß hat heute Nacht Statt gefunden,“ erwiderte Ra⸗ nulph,„welches meinem künftigen Glücke ſehr hinder⸗ lich im Wege ſtehen kann.“ „Ihrem Glück!“ widerholte Mrs. Mowbray; „bezieht ſich dieß auf Ihre Mutter?“ „Nein, Madam, nicht auf ſie, auf Jemand anders!“ „Ha! wen?“ „Fragen Sie nicht— ich bitte, fragen Sie jetzt nicht weiter über dieſen Gegenſtand, theure Mutter,“ ſagte Eleonore;„Sie quälen ihn.“ „Sie ſollen morgen alles erfahren,“ ſagte Ranulph. „Ja, morgen, theurer Ranulph,“ ſagte Eleonore; „und was immer der morgende Tag bringen mag, er wird für mich ein glücklicher ſein, wenn Sie der Ueber⸗ bringer der Neuigkeiten find.“ „Theure Eleonore!“ *„ * 8—** 221 „Ich erwarte Ihre Ankunft mit Ungeduld,“ ſagte Mrs. Mowbray.“ „Und ich,“ ſagte der Major Mobray, welcher ſtillſchweigend zugehört hatte,„biete Ihnen meine Dienſte in allem an, wo ich Ihnen werde nützlich ſein können. Befehlen Sie über mich nach Gefallen.“ „Ich danke Ihnen herzlich,“ erwiderte Ranulph. „Morgen werden Sie alles erfahren. Indeſſen ſoll es mein eifrigſtes Geſchäft ſein, die Wahrheit oder Falſch⸗ heit des Gerüchts, welches ich gehört, zu prüfen, ehe ich Sie damit bekannt mache.“ „Bis dahin leben Sie wohl!“ ſagte Eleonore. „Als ſie aus der Kirche traten, fing es ſchon an zu grauen. Der Wagen der Mrs. Mowbray hielt an der Thüre. Die Familie ſtieg ein; und Ranulph ging in Begleitung des Doktor Small, welchen er in der Sakriſtei fand, nach dem Herrenhaus zurück, wo eine neue Ueberraſchung ſeiner wartete. Fünfzehntes Kapitel⸗ Der Gefangent. Schwarzer Will. iſt der Platz, wohin man uns verbergen will Grün. Dieß innere Gemach. Schwarzer Will. Nun gut. Die Loſung iſt,„Nun faß' ich Euch.“ Arden von Fewerſcham. Indem wir Ranulph Rookwood auf dem Rückwege wollen wir jetzt zu dem Gefangenen zurück⸗ ehren. Unter der Bewachung der zwei jungen Pächter, welche bei ſeiner Ergreifung ſo viel Geſchick bewieſen hatten, wurde Lukas in das kleine Zimmer im öſtli⸗ chen Flügel in Sicherheit gebracht, welches Cvates für 3 222 dieſe Nacht zu ſeinem Gefängniſſe auserſehen hatte. Das Zimmer, oder beſſer geſagt Cabinet, hatte ſeinen Eingang von einem andern Zimmer, und war außer⸗ ordentlich gut geeignet zu dem Zweck, für welchen es ausgeſucht worden war, da es keinen bemerkbaren Ausgang hatte; und auf der einen Seite durch eine Wandung vom härteſten Eichenholz, auf der andern aber durch das feſte Mauerwerk des Hauſes geſchützt war. Es war ein Ueberbleibſel des alten Gebäudes aus den erſten Zeiten des Sir Ranulphs; und die engen Begrenzungen von Lukas Zelle waren lange vor der Zeit des erſten Ahnen ſchon errichtet geweſen. Nachdem ſie den Gefangenen ſicher untergebracht hatten, wurde das Zimmer ſorgfältig unterſucht, jede Diele erforſcht, jeder Winkel und jede Spalte durch das neu⸗ gierige Auge des kleinen Rechtsmannes beſehen; und als man nichts Schadhaftes entdeckte, ſo brachte man das Licht weg, ſchloß die Thüre, entließ die ländlichen Häſcher, lud ein Paar Piſtolen, und legte. ſie auf den Tiſch, worauf Mr. Coates erklärte, daß er ſich voll⸗ kommen beruhigt und behaglich fühle. „Behaglich!“ Titus ſtieß einen Seufzer aus, als er dieſes Wort wiederholte— es fand kein Echo in ſeinem Herzen. Er fühlte alles, nur keine Behag⸗ lichkeit. Sein Herz war fortwährend bei dem Leichen⸗ begängniſſe. Er dachte an den Glanz der Begräb⸗ nißfeierlichkeit, die Fackeln, die beleuchtete Kirche, ſeinen eigenen würdigen Gang durch den Chor, und den Eindruck welchen er auf die rohen Land⸗ leute zu machen hoffte. Er dachte an alles dieſes, und wünſchte Lukas zu allen Teufeln. Der Anblick des alten, dumpfigen Gemachs, an welchem überall die verblichenen Tapeten herunterhingen, und wie er ſagt,„nach nichts als Ratten und Geiſtern und der⸗ gleichen Gezücht röche,“ trug auch keineswegs zu ſeiner Erheiterung bei; und ſein Blut kam ſo lange nicht in das gehörige Gleichgewicht, bis der Eintritt eines — N—* Kellermeiſters, welcher alle zu einem Punſch nöthigen Materialien herbeibrachte, ihn einigermaßen tröſtete. „Was machen ſie denn wirklich alles, Tim?“ fragte Titus. „Sie zechen noch alle,“ antwortete der Diener: „Doktor Small wird ſogleich die Leichenrede beginnen.“ „Der Teufel hole es,“ erwiderte Titus;„dieß iſt ein weiterer Verluſt.— Könnte ich nicht einen Augenblick hinausſchlüpfen, und ſie mit anhören?. „Durchaus nicht,“ ſagte Coates.„Bedenken Sie, daß Sir Ranulph hier iſt.“ „Gut, gut,“ ſagte Titus, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß, und eine Orange ausdrückte—„ſeid Ihr auch gewiß, daß dieß Waſſer fiedend iſt, Tim? Ihr wißt, daß ich hierin mächtig eigen bin.“ „Weiß es vollkommen gut, Sir.“ „Ah, Tim, erinnert Ihr Euch noch, welche Mittel ich anwendete, um für den armen Sir Piers einen Punſch, mit rothen Johannisbeeren auf den Grund des Glaſes, zu brauen. Und nach dieſem allen noch denken zu müſſen, ſeinem Leichenbegängniſſe nicht an⸗ wohnen zu dürfen— dieß iſt die größte Unmenſchlich⸗ keit. Tim, dieſer Rum iſt ein ärmlicher Stoff— bei dieſem Punſch verlohnt es ſich der Mühe des Trin⸗ kens nicht; aber Whiskey⸗Punſch— ein Glas ächten Geiſtes, ſo recht ſtrohfarben, in die Naſe fahrend, zehn Grad über die Probe, dieß iſt das einzige Ding, was meinen Kummer allenfalls mildern könnte. Iſt irgend ſo etwas in dem Keller? Es pflegte hie und da eine alte Flaſche oder ſo etwas dort zu ſein, Tim— in dem linken Kaſten, nahe bei der Thüre.⸗ „Ich wüßte nicht, daß dort eine wäre,“ entgeg⸗ nete Timotheus.„Ich will den Kaſten durchſuchen, den Kaſten, welchen Euer Ehren genannt haben, und wenn ich eine erwiſchen kann, ſo ſollen Sie ſie haben; Sie dürfen ſich darauf verlaſſen.“ Der Kellermeiſter entfernte ſich, un us fuhr ———— 224 in edlem Wetteifer mit Mr. Coates, welcher ſich ſchon in eine Wolke gehüllt hatte, wie Juno bei der An⸗ näherung des Jrion, wieder fort, aus ſeiner Pfeife zu dampfen. Indeſſen war Lukas allein und ohne Licht gelaſſen worden. Er ging in ſeinem engen Gefängniſſe auf und ab; nur wenige Schritte konnte er machen; dieſer nutzloſen Beſchäftigung müde, ſetzte er ſich endlich nie⸗ der. Er hatte über Vieles nachzudenken, und nichts ſtörte den Gang ſeiner Gedanken, nichts zog ſeine Aufmerkſamkeit ab; in Stillſchweigen, in Einſamkeit und Finſterniß brütete er über ſeine vergangene und gegenwärtige Lage, ſo wie ſeine Ausſichten für die Zu⸗ kunft. Dieſe war dunkel genug— die Gegenwart reich an Gefahren. Und als jetzt das Fieber der Auf⸗ regung vorüber war, machte er ſich ernſtliche Vorwürfe über ſeine Uebereilung. NRach und nach wurde übrigens ſein Blut ruhiger; und von der großen, vorhergehenden Anſtrengung er⸗ ſchöpft, legte er ſich auf den Boden ſeines Gefängniſſes nieder, und überließ ſich dem Schlummer. Das Ge⸗ räuſch, welches er hiebei machte, veranlaßte Cvates in das Zimmer zu kommen; welches er that mit der Pi⸗ ſtole in der Hand, von Titus gefolgt, mit einer Pfeife und einem Lichte; als die Wächter aber alles in Ord⸗ nung fanden, zogen ſie ſich wieder zurück. „Man kann mit halbem Auge ſehen, daß Ihr an kein Federbett gewöhnt ſeid, mein Freund,“ ſagte Ti⸗ tus, als die Thüre geſchloſſen war.„Bei allen Mäch⸗ ten, er iſt ein ſo langer Bengel, wie nur irgend einer ſeine Füße berühren beinahe die Thüre. Ich glaube das Zimmer iſt ungefähr ſechs Fuß lang, Mr. Cvates.“ „Genau ſo viel.“ „Nun, ich habe gut gerathen. Verflucht ſei der garſtige Schuft Tim; er wird den Whiskey gar nicht bringen; allein ich werde ihn worgen dafür zu bekom⸗ men wiſſen. Könnten Sie nicht ungefähr zehn Minuten — w u—— Vd N*— w— v — — — lang allein bei dem Gefangenen bleiben, Mr. Cvates? „Nicht zehn Sekunden. Ich werde Sie verklagen wenn Sie von Ihrem Poſten gehen. Hier wurde die Thüre geöffnet, und Tim trat mit dem Whiskey ein. „Ah, bei meiner Seele, Tim, kommt Ihr endlich doch— entpfropft ſie, und gebt uns einen Fingerhut voll— blob— jetzt ſpringt der Stöpſel— hier iſt ein Glas— indem er mit ſeinen Lippen ſchmatzte— „pſt Tim, noch einen Tropfen— ein Getränke wie dieſes kann nie einem Menſchen etwas ſchaden. Mr. Coates, verſuchen Sie ihn— nicht— ich dachte, Sie wären ein Mann von Geſchmack.“ „Ich muß Sie auf ein gewiſſes Maß beſchränken,“ erwiderte Cvates,„ſonſt werden Sie nicht im Stande ſein, Wache zu halten— noch ein Glas iſt alles, was ich Ihnen erlauben kann.“ „Noch ein Glas! und glauben Sie denn, daß ich mich einer ſolchen Zumuthung unterwerfen werde?“ „Ich bitte um Entſchuldigung meine Herrn,“ ſagte Tim,„aber Ihro Gnaden hat gewünſcht, daß ich Ihnen beiden ſage, ſie hoffe, daß Sie die ſtrengſte Aufſicht über den Gefangenen führen werden. Den nämlichen Auftrag habe ich auch von Sir Ranulph.“ „Hören Sie es?“ rief Coates. „Und was treiben ſie jetzt ees, Tim?“ fragte Titus. „Sie ziehen ſo eben weg, mein Herr— ſie ma⸗ chen ſich alle fertig, erwiderte Tim;„und ich darf in der That hier meine Zeit nicht mit Klatſchen ver⸗ lieren, denn ich habe viel zu thun. Sie müſſen es ſich eben gefallen laſſen, ungefähr eine Stunde lang für ſich ſelbſt zu ſorgen, meine Herrn, denn es werden nur einige wenige weibliche Perſonen in dem Hauſe zurückbleiben. Der Sturm iſt jetzt gerade vorüber, Rookwood 1. 15 226 und die Männer zünden alle ihre Fackeln an. O dieß iſt ein prächtiger Anblick!“ und hinaus ging Tim. „Ein ſo großes Unglück für mich, als nur irgend eines,“ rief Titus aus;„dieß iſt mehr, als ich ertragen kann— ich habe jetzt genug mit dieſer Wache und Beaufſichtigung— wenn der Gefangene ſich regt, ſo ſchließen Sie ihn, wenn es Ihnen ſo recht däucht— ich werde in einer Stunde zurück ſein.“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Mr. Tyrconnel,⸗ ſagte Coates kalt, indem er eine Piſtole von dem Tiſche nahm;»ich bin ein Mann von wenig Worten, allein dieſe wenige werden, wie ich hoffe, ihren Zweck nicht verfehlen; ich thue Ihnen hiemit zu wiſſen, daß wenn Sie von Ihrem Stuhl aufſtehen, oder den Ver⸗ ſuch machen das Zimmer zu verlaſſen, ich verdammt ſein will, wenn ich Ihnen nicht ein Paar Kugeln hin⸗ ten nach ſchicke. Ich ſpreche im Ernſt, dieß verſichere ich Sie;“ mit dieſen Worten machte er die Piſtole⸗ ſchußfertig. Titus verſuchte keine weitere Erwiderung, ſondern füllte ſich nachdenklich ein großes Glas mit Whiskey und Waſſer. „Dieß iſt Ihr letztes Glas,“ ſagte der unerſchüt⸗ terliche Cvates. Wir kehren wieder zu Lukas zurück. Er ſchlief nur kurze Zeit ſehr unruhig, und wurde durch ein Geräuſch erweckt, welches auſeine träumenden Ohren ſchlug, und in Verbindung ſtand mit den Erſcheinungen, welcheler im Schlafe hatte. Es währte einge Minuten, ehe er ſich erin⸗ nern konnte, wo er ſich befand. Er konnte ſich nicht mehr dazu bringen wieder einzuſchlafen, obgleich er von Müdigkeit überwältigt war— es lag eine ſchwere Laſt auf ſeinem Herzen, als wie wenn ſein Blut im Stocken wäre. Indem er ſeine Lage veränderte, ſtützte er ſich auf ſeinen Arm— jetzt hörte er ein kratzendes Geräuſch, ähnlich demjenigen, welches er in ſeinem Traume gehört hatte und ſah nun was er vorher v—**— — r d m n⸗ r n re te es er noch nicht bemerkt hatte, einen kleinen Schimmer durch einen Spalt in der eichenen Wandung. Seine Auf⸗ merkſamkeit wurde im Augenblick erregt, und indem er ſein Auge dicht an den Spalt drückte, welcher ohne Zweifel durch das Werfen des Holzes entſtanden war, konnte er deutlich eine düſtere Laterne brennen ſehen, und bei ihrem Scheine einen Mann, welcher an einem Werkzeug zum Einbrechen feilte. Das Licht fiel auf die harten Züge dieſes Mannes, deſſen Geſicht Lukas wohl bekannt war; und obgleich Lukas nur eine Per⸗ ſon zu Geſicht bekam, ſo konnte er doch aus einer leiſe geführten Unterhaltung erkennen, daß dieſe einen Gefährten habe. Die Männer ſtanden in ſeiner Nähe, und obgleich ſie ſehr leiſe ſprachen, ſo konnte Lukas ſcharfes Ohr doch folgendes auffaſſen: „Es wundert mich, was den Jack Palmer auf⸗ hält,“ ſagte der Feilende.„Wir find alle zum Schlage bereit— das Pulver iſt auf der Pfanne— und ich ſag' Dir Rob Rust, ich hab' mein Taſchenmeſſer ſo ſcharf wie ein Raſirmeſſer gemacht, und ich will ver⸗ dammt ſein, wenn ich der Lady Rookwood das Spre⸗ chen für die Zukunft nicht vertreibe, wenn ſie irgend Widerſtand zu leiſten verſuchen wollte; dieß verſichere ich Euch.⸗ Ein unterdrücktes Gelächter von Seiten Rust's, erfolgte auf dieſe Rede. Dieſes Gelächter machte Lukas Blut in ſeinen Adern gerinnen. „Hört e'n Mal, Dick Wilder, Ihr ſeid ein ganzer Kerl, und ſcheert Euch um nichts— ich wal verflucht ſein, wenn es mir mehr Sorge macht, als Euch; aber Jack iſt ſo empfindlich beim Blutvergießen, als eine junge Miß, welche ein Geſchrei aufſchlägt, weil fie ſich in den Finger geſchnitten hat. Dieß iſt der beſſere Plan. Sage mir was Du willſt, nichts ſonſt als das wird die Zunge einer Frau zum Stillſchweigen bringen.“ „Ich werde mit der Gnädigen heute Nacht kurze Umſtände machen. Horch! jetzt kommt Jad.“ 15 228 „Man hörte Fußtritte in dem Zimmer, und gleich varauf Ausrufungen des Erſtaunens und ein dumpfes Gelächter. 4 „Bravo, Jack— famos. Dieſe Verkleidung würde den Teufel ſelbſt hinter das Licht führen.“ „Und nun, meine Jungen,“ ſagte der neu Ange⸗ kommene,„iſt alles bereit?“ „Fir und fertig.“ „Nichts vergeſſen?“ „Richts.“ „Dann hinweg mit euren Trappern, und die leich⸗ ten Pantoffel angezogen— nicht ein Wort. Folgt mir, und thut bei eurem Leben keinen andern Schritt, als ich euch führe. Die Loſung iſt, Sir Piers Rvok⸗ wood ruft.“ Mit dieſen Worten entfernten ſie ſich geräuſchlos; ſo ſorgfam ſie aber auch die Thüre ſchloßen, ſo ent⸗ deckte dennoch Lukas' Ohr das Geräuſch. Sie waren weg gegan en— was ſollte er thun?— Das Haus ſollte eſtohlen werden. Der unmittelbare Angriff war auf Lady Rookwood gerichtet; im Falle ſie Widerſtand leiſten wollte, ſollte ſie ermordet werden; und daß dieß keine leere Vermuthung ſei, deſſen verſicherte ihn der Charakter dieſer Menſchen nur zu ſehr. Sein Blut erſtarrte bald vor Schrecken— bald kochte es vor Un⸗ willen— und er erfuhr alles das, was diejenigen gefühlt haben müſſen, welche ſchon in der Lage gewe⸗ ſen find, Jemand beiſtehen zu wollen, aber nicht zu können— vin Gefühl, welches beinahe der Folter gleich kommt. In dieſem Augenblick drang ein entfernter Schrei an ſein Ohr— noch einer— er zauderte nicht länger. Er donnerte aus Leibeskräften an die Thüre. Was wollt Ihr, Schuft?“ rief Coates von Außen. Es ſind Diebe in dem Hauſe.“ Danke Euch für die Nachricht. Ich weiß wohl, daß einer da iſt.“ ———————————————— 229 „Thor; ſie ſind in dem Zimmer der Lady Rook⸗ wood— eilen Sie ihr zu Hülfe.“ „Eine feine Geſchichte; und Euch hier laſſen.“ „Hören Sie dieſen Schrei?“ „Ha, wie— was iſt dieß?— Ich höre etwas.“ Hier rannte Lukas mit aller Macht gegen die Thüre. Sie wich dem Schlage, und er ſtand vor dem erſtaunten Advokaten. „Geht nur einen Schritt vorwärts, Schurke,“ ſagte Coates, indem er ſeine beiden Piſtolen vorhielt, „und ich jage Euch ein Paar Kugeln durch den Schädel.“ „Hören Sie mich an,“ ſagte Lukas;„es find Diebe in dem Hauſe— ſie ſind in dem Zimmer der Lady Rookwood— ſie wollen das Haus ausräumen— ſie vielleicht ermorden. Fliegt zu ihrem Beiſtande, ich werde Sie begleiten— Ihnen beiſtehen— Sie haben ſonſt keine Wahl.“ „Sonſt keine Wahl— Euer Rettungsweg; haltet Ihr mich denn für einen Stockfiſch? Dieß ſind bloße Ausflüchte; konntet Ihr Euch auf nichts Beſſeres be⸗ finnen? Allein zurück in Euer Zimmer, oder ich werde mir nicht mehr daraus machen auf Euch zu ſchießen, als dieſes Licht zu putzen.“ „Laſſen Sie ſich rathen, mein Herr— ich warne Sie Lady Rookwood ſelbſt wird die Schuld auf Sie ſchieben. Es ſind deren drei— geben Sie mir eine Piſtole, und Sie ſollen nichts zu fürchten haben „Euch eine Piſtole geben! Ha, ha— um ſelbſt als Ziel dafür zu dienen. Ihr ſeid ein unterhaltender Burſche, ich muß geſtehen.“ „Ich ſage Ihnen mein Herr, daß kein Augenblick z. verlieren iſt. Gilt denn das Leben nichts? Lady vokwood kann ermordet werden.“ „Ich ſage Euch ein für alle Mal, ich werde es nicht thun; geht in Euer Zimmer zurück, oder nehmt die Folgen auf Euch.“ „Aber ein anderer wird es thun, rief Titus 230 aus, indem er ſelbſt ſich auf den Advokaten warf, und ihm beide Arme hielt;„Sie haben mich lange genug gequält— ich bin überzeugt, daß der Burſche Recht hat.“ Lukas wand Coates die Piſtolen aus den Händen. „Sehr wohl, Mr. Tyrconnel; ſehr wohl, mein Herr;“ rief der Advokat vor Wuth ſchäumend, und ſeine Worte herausſprudelnd—„Ausgezeichnet wohl, mein Herr; Sie wiſſen vielleicht nicht mein Herr, was Sie gethan haben; allein Sie werden es bereuen, mein Herr, bereuen, ſage ich, bereuen war mein Wort, Mr. Tyrconnel.“ „Folgen Sie mir,“ rief Lukas; verſchieben Sie Ihr Gezänke bis auf ſpäterhin. Schnell, oder wir werden zu ſpät kommen.“ Coates lärmte ihm nach, und Titus, welcher den Hals der verbotenen Whiskey⸗Flaſche an ſeine Lippen geſetzt, und heftig einen Mund voll hinunter geſchwemmt hatte, hob ein altes Schüreiſen auf, und folgte den beiden andern mit größerer Behendigkeit, als man von einer ſo gewichtigen Perſon hätte erwarten ſollen. Sechzehntes Kapitel⸗ Das Geſpen ſt. gibbet. Gut, meine Herren, dieß iſt eine prächtige Nacht fur unſere Unternehmung. Hounslow. Schwarz wie die Hölle. Bagshot. Und das bläſt wie der Teufel⸗ Bonifai. Ihr werdet mit keinem andern Geſchöpf etwas zu . ſei haben, als mit Damen. Gibbet. ünd ich kann Euch verſichern Freund, daß eine große Geſchicklichkeit und feine Sitten dazu Vehören: eine Dame zu berauben. Ich bin in dieſer eziehung der feinſie Gentleman, der nur je auf einer Straße reiste. Stutzer Liſt. Lady Rookwood kehrte, nachdem ſie das Todten⸗ zimmer verlaſſen hatte, in Begleitung ihres Sohnes 231 nach ihrem eigenen Zimmer zurück. Sie waren allein. Sie erneuete alle ihre Beweiſe, nahm zu leidenſchaft⸗ lichen Bitten ihre Zuflucht, zu heftigen Drohungen; alles erfolglos. Ranulph beharrte in tiefem Schwei⸗ en. Er hörte mit ſchwermuthsvoller Aufmerkſamkeit ihr zu, aber erwiderte kein Wort. Es iſt ſtets der Fall, daß die Leidenſchaften am Ende in ſich ſelbſt ver⸗ enden; und da Lady Rookwood ſah, welche üblen Fol⸗ gen ihr Unmuth und Zorn aller Wahrſcheinlichkeit nach haben werde, mäßigte ſie allmählig die Heftigkeit ihres Weſens, und ließ ihren Sohn endlich weggehen. Wie ſie ſich nun ſelbſt und den Einflüſterungen ihres gequälten Geiſtes überlaſſen war, ſo verlor ſie ihre Standhaftigkeit unter dem Drucke aller der Schwie⸗ rigkeiten, welche ſie von allen Seiten umgaben. Sie konnte keinen Plan aushecken, keine Liſt anwenden, außer mit der größten Gefahr. Sie mußte allein han⸗ deln— ſchnell, entſchieden. Geheim, ihren Sohn zu gewinnen, dieß war ihr hauptſächlichſter Wunſch, und dieß wollte ſie auch auf jede Gefahr hin ausführen. Aber wie? Sie kannte nur einen Punkt, in welchem er verwundbar war— ſeine Liebe für Eleonore Mow⸗ bray. Sie wollte ihn dadurch zum Eingehen in ihre Plane, als dem nothwendigen Mittel zur Erfüllung ſeiner Wünſche zwingen, daß ſie Zweifel in ſeinem Innern errege, und neue Schwierigkeiten zeige. Dieß wünſchte ſie zu bewirken; allein noch zweifelte ſie; in der ſanften Strömung von Ranulphs Charakter lag eine Tiefe des Entſchluſſes, welche ſie ſchon oft mit bemerkt hatte. Sie kannte ſeine Feſtigkeit, und ürchtete am Ende noch, ſein Rechtsgefühl werde noch ſtärker ſein, als ſeine Leidenſchaft, obwohl die letztere heftig genug war. Doch den Verſuch wollte ſie machen. Als ſie über dieſen finſtern Planen brütete, ſo bemäch⸗ tigte ſich Furcht, welche ſie vorher noch nicht gekannt hatte, ihrer Seele. Sie horchte auf das Heulen des Windes, auf das Knarren des Gebälks, auf das Rollen des Donners, und das Flatſchen des Regens, bis ſie, welche früher bei dem Gedanken an eine Ge⸗ fahr nie gezittert hatte, jetzt voll Bangigkeit und Un⸗ ruhe wurde. Sie rief ihre Dienerin Agnes. Die alte Aufwärterin bemerkte das ängſtliche Weſen ihrer Gebieterin, machte jedoch keine Bemerkung. Licht wurde befohlen; und als Agnes zurückkehrte, heftete Lady Rookwood einen ſo gedankenvollen Blick auf ſie, daß 6 wagte ſie anzureden. Agnes zitterte als ſie prach— „Verzeihen Sie mir, meine Lady, allein Sie ſehen ſehr bleich aus, und dieß iſt auch kein Wunder. Fühl' ja ſogar ich mich im Innern unwohl. Es iſt alles vorüber, und er wird nun zur Rechenſchaft gezogen, der arme Herr! er, der den Tod ſo ſehr fürchtete— und dann eine ſolche Nacht zu ſeinem Begräbniß! Oh, meine Lady, ich werde froh ſein, wenn ſie von der Kirche zurückkommen, und noch froher, wenn der Mor⸗ gen kommt— ich kann kein Aug' voll ſchlafen— kann meine Augen nicht ſchließen, ſondern muß immer nur an ihn denken.“ „An ihn?“ „An Sir Piers, meine Lady; denn obwohl er todt glaube ich ihn doch nicht fort gegangen.“ ie 66 „Ja, meine Lady, der verwesliche Theil von ihm iſt fort, dieß iſt ſicher; aber der unverwesliche, wie Doktor Small es nennt— der Geiſt, meine Lady— es mag dieß nur Einbildung von mir ſein, gnädige Frau; allein ſo wahr ich hier ſtehe, als ich eben in das Zimmer zurück ging, um die Lichter zu bringen, ſo glaubte ich, ſo wahr ich das Leben habe, den Sir Piers zu ſehen.“ „Du biſt verrückt Agnes.“ „Rein, meine Lady, ich bin nicht verrückt— es war reine Einbildung, ohne Zweifel; allein ich glaubte ihn zu ſehen. Oh! es iſt etwas Geſegnetes, mit einem ℳ — ꝛ 8 —— ——— guten Gewiſſen zu leben— etwas dreifach Geſegnetes, mit einem guten zu ſterben, und dieß werde ich nie können, fürchte ich. Armer Sir Piers! ich würde ein Gebet für ihn murmeln, wenn ich dürfte.“ „Fort— verlaß mich,“ ſagte Lady Rookwood. Agnes verließ das Zimmer. „Wie, wenn die Todten zurückkehren könnten?“ dachte Lady Rookwood.„Alle Menſchen bezweifeln es, und doch glauben es alle. Ich würde es nicht „ würde mich nicht ein ſchleichender Schrecken efallen, wenn ich an den Zuſtand jenſeits des Grabes denke— jenen Mittelzuſtand, denn ein ſolcher muß es ſein, zwiſchen Himmel und Hölle, wenn der Leib verweſend im Boden liegt, und die Seele lebt, um feſſellos bis zur Stunde des Gerichts umher zu irren. Ha— was für ein Geräuſch war dieß?— ein er⸗ ſtickter Schrei,— Agnes!— draußen!— ſie iſt voll Furcht— ich bin ſelbſt nicht frei davon, aber ich will ſie abſchütteln. Dieß wird mich zerſtreuen, indem ſie den Heiratsſchein aus ihrem Buſen zog.„Dieß wird den erſtarrten Lauf meines Bluts wieder in Bewegung bringen— Piers Rookwood mit Suſanne Bradley.“ — Und durch wen eingeſegnet? Der Name iſt Checkley — Richard Checkley— ha, ich erinnere mich— ein papiſtiſcher Prieſter— ein Abgefallener— welcher einige Zeit lang in dem Herrenhauſe ſich aufhielt. Ich habe von dieſem Menſchen gehört— er wurde ſpäter verhaftet,— entfloh aber— er iſt entweder todt, oder im Ausland. Keine Zeugen— dieß iſt gut! Mich dünkt, daß Sir Piers Rvokwood wohl daran that, dieß aufzubewahren— es ſoll der Scheiterhaufen ſei⸗ nes Todes ſein— ich wünſchte, er könnte mich jetzt ſehen, wie ich es vernichte.“ Sie hielt das Papier gegen das Licht; ehe daſſelbe jedoch die Flammen berührt hatte, ſiel es ihr aus der Hand. Wie wenn ihr ſchrecklicher Wunſch erhört wor⸗ den wäre, ſo ſtand die Geſtalt ihres Gemahls vor 234 tchr! Lady Rookwood ſprang nicht auf. Kein Zeichen des Bebens oder der Furcht, außer daß ſie wie ver⸗ ſteinert daſaß, konnte man bemerken. Ihr Buſen hörte auf zu pochen— ihr Athem ſtockte— ihre Augen waren ſtarr auf das Geſpenſt geheftet. Die Geſtalt bewegte ſich nicht, ſondern betrachtete ſie ernſt. Sie ſtand in einiger Entfernung in dem Schatten, welchen die hohe Bettſtatt warf. Doch konnte man dieſelbe genau unterſcheiden; es war augen⸗ ſcheinlich keine Täuſchung; ſie bewegte ſich— ſie war in den Anzug gekleidet, welchen Sir Piers gewöhnlich trug— in Jagdkleidung. Alles, was ihr ihr Sohn geſagt hatte, ſchwebte ihrem Geiſte jetzt vor. Das Geſpenſt ging vorwärts; ſein Geſicht war bleich, und hatte einen düſtern Ausdruck. „Was wollten Sie vernichten?“ fragte das Ge⸗ ſpenſt in hohlem Tone. „Den Beweis der—“ „Weſſen?“ „Ihrer Heirat.“ „Mit Ihnen ſelbſt, verfluchtes Weib?“ „Mit Suſanne Bradley.“ „Mit ihr?“ ſtieß die Geſtalt in verändertem Tone aus—„Mit ihr— mit ihr verheiratet! dann iſt Lukas rechtmäßig, und der Erbe dieſes Guts!“ Mit Sieſen Worten eilte die Geſtalt nach dem Tiſche hin, und ergriff das Dokument auf eine ſehr irdiſche Weiſe. Ein Heiratsſchein!“ rief das Geſpenſt aus— welch ein Glück! Bei dem dreifachen Baum des h. Grego⸗ rius, dieß iſt ein Preis, der des Gewinnes ſich ver⸗ lohnt— es kommt in der Lotterie unſeres Lebens nicht oft vor, daß wir einen ſolchen Gewinnſt, wie dieſen ziehen. Auf dem einen oder dem andern Wege muß dieß einige kühle Tauſende einbringen.“ „Gebt mir das Papier zurück, Bube, rief Lady Roolwood aus, welche alle natürliche Kühnheit ihres Charakters wieder bekam, ſobald ſie entdeckte, daß der 235 Eindringling ein ſterbliches Weſen ſei—„ſtellt es mir wieder zu, oder beim Himmel, Ihr ſollt die Stunde beklagen, in welcher Ihr es wagtet—“ „Sachte, ſachte,“ erwiderte das Pſeudo⸗Geſpenſt, indem es mit der einen Hand die Lady zurückſtieß, während die andere das werthvolle Document einſteckte, „gemach,“ ſagte er, indem er auf ſeine Hoſentaſche hinſchlug„nur zwei Worte, meine Lady. Ich kenne deſſen Werth eben ſo gut, als Sie ſelbſt, und muß deßhalb mir auch ein entſprechendes Ziel vorſetzen. Der höchſt Bietende hat mich, gnädige Frau; der iſt ein ſchlechter Verſteigerer, der ſeine Waare ausbietet, wenn nur ein Käufer da iſt. Lukas Bradley, oder was er jetzt iſt, Sir Lukas Rookwood, zeigt ſich viel⸗ leicht etwas gefälliger.“ „Wer ſeid Ihr, Räuber, der Ihr Euch als Sir Piers Rookwood verkleidet habt? Zu welchem Zwecke habt Ihr Euch ſo vermummt? Wenn Ihr es deßhalb gethan habt, um mich zu ängſtigen, damit ich in die Plane jenes Tollhäuslers, Lukas Bradley eingehe, der wahrſcheinlich Euer Verbündeter iſt, ſo iſt Eure Mühe verloren— Eure geſtohlene Verkleidung macht nicht mehr Eindruck auf mich, als ſeine vergeſſene Forde⸗ rungen.“ „Vergeſſene Forderungen. Wie! er muß ein ge⸗ ſchickter Burſche ſein, daß er dieſes Certifikat vergeſe hat. Doch Eure Gnaden befinden ſich im Irrthum, Sir Lukas Rookwood iſt nicht mein Verbündeter. Ich bin ein Freund ſeines hingeſchiedenen Vaters. Ich habe jedoch keine Zeit mit unnützen Worten zu verlieren. für Geld haben Sie in dem Haus? machen Sie urtig.“ „Ihr ſeid alſo ein Räuber?“ „Rein, ich bin ein Steuereinnehmer, ich ſammle nur die Taxe von den Reichen ein, ha, ha! Doch kommen Sie. Was für Silbergeſchirr haben Sie? Nein, fürchten Sie ſich nicht, nehmen Sie es ruhig 236 — gegen ſolche Sachen gibt es keine Hilfe, es iſt eſſer, wenn Sie ſich gutwillig darein ſchicken, es iſt bei weitem das Beſte, was Sie thun können, nur kein Geſchrei, dieß könnte ihren Lungen Schaden brin⸗ gen, und würde doch Niemand aufmerkſam machen. Ihre Dienerinnen haben ohnehin ſchon ſo viel zu thun, es iſt unter Ihrer Würde, ſo viel Lärmen zu machen. So, Sie wollen nicht auf mich hören? Wie Sie wollen!“ Hiemit ſchnitt er raſch die Klingelſchnur ab, und zog zu gleicher Zeit ein Paar Piſtolen heraus. „Agnes, kreiſchte Lady Rookwood, welche nun ernſtliche Befürchtungen hegte. „Ich muß Ihro Gnaden rathen, ſtill zu ſein,“ ſagte der Räuber, welcher, wie unſere Leſer ohne Zweifel bereits errathen haben werden, Niemand an⸗ ders war, als der gefürchtete Jack Palmer. Indem er eine Piſtole ſpannte, ſagte er:„für Agnes iſt be⸗ reits geſorgt. Obgleich ich übrigens im Aeußern Eurem hingeſchiedenen Herrn und Meiſter“ ſo ſehr gleiche, ſo werden Sie doch auch finden, daß Sie mich in einem ganz andern Geiſte behandeln müſſen, als den Sir Piers. Ich bin natürlich der höflichſte Mann auf Erden— habe den Ruf der beſterzogenſte Mann auf der Straße zu ſein, bei jeder Dame, welche ich anzu⸗ reden ſchon die Ehre hatte; und ich würde ſehr be⸗ dauern, wenn ich meinen wohl erworbenen Ruf durch irgend etwas verlieren würde, was einer Rohheit gleich ſähe. Aber ich muß doch ein wenig Gewalt, aber von der zarteſten Art anwenden. Sie erlauben mir vielleicht, Sie nach einem Sitz hinzufübren— der Tauſend! was Ihro Gnaden für eine Fauſt haben: Verzeihen Sie, wenn ich ein wenig weh' thue; aber Sie ſind ſo verteufelt ſtark. Verflucht will ich ſein, wepn ich je gedacht hätte, von einer Frau bemeiſtert zu werden. Was; ho! Sir Piers Rookwood ruft'—“ „Sogleich, rief eine Stimme. „Dieß iſi die Loſung, rief ein Anderer;„ſo⸗ „—*** 237 gleich.— Uund augenblicklich traten zwei Männer, das Geſicht durch ſchwarze Flormasken vollkommen verhüllt— in grober Kleidung und mit Piſtolen be⸗ waffnet, in das Zimmer. „Legt Hand an,“ ſagte Jack. Sogar in dieſer äußerſten Gefahr verließ Lady Rookwood ihr Muth nicht. Ihre Abſicht ahnend, entriß ſie ſich, ehe ihre Angreifer ſie packen konnten, den Griffen Palmer's, und warf ſich ſo unerwartet auf den vorderſten, daß, ehe noch der Mann ſie ergreifen konnte, was er zu thun verſuchte, ſie ihm eine Piſtole aus der Hand gewunden hatte und ihm mit einem Blick, gleich dem einer bedrängten Tigerin, vor den Kopf hielt— ihr Auge wanderte von einem zu dem andern, als wie wenn ſie ſich ein Ziel ausſuchen wollte. Es entſtand eine Pauſe von wenigen Sekunden, während welcher die Männer auf die Lady, und ſo⸗ dann auf ihren Führer blickten. Jack ſchien beſtürzt. „Hem!“ ſagte er kalt—„dieß iſt etwas ganz Neues— entwaffnet— herausgefordert von einem Unterrock. Faßt ſie, Rob Rust; die Schande bleibt auf Euch. Stellt Eure Ehre wieder her, indem Ihr 8 unſchädlich macht. Wie! Angſt vor einem eib?“ Einem Weib!“ widerholte Rust in einem mür⸗ riſchen Tone;„in der That teufliſch wie ein Weib. Nur wenige Männer könnten thun, was ſie gethan hat. Befehle und ich feure; aber ſie ergreifen; dieß iſt mehr, als ich verſprechen kann.“ „Rust, Ihr ſeid eine Memme, ſagte Jack. Ich will rein von Blut bleiben— ich kann helfen. Kom⸗ men Sie, Madam, ergeben Sie ſich, wie der gefühl⸗ vollere Theil Ihres Geſchlechts, auf Gnade oder Un⸗ gnade. Wiverſtand wird Sie nichts nützen;“ und hie⸗ mit ſchritt er keck auf ſie zu. Lady Rookwood zog am Drücker. Das Pulver brannte blos von der Zündpfanne auf. Sie warf die unnütze Waffe, ohne ein Wort zu ſprechen, von ſich. „Ha, ha!“ ſagte Jack, indem er gemächlich an⸗ pielt, um die Piſtole aufzuheben, und der Lady ſich fodann nahte—„die Kugel iſt noch nicht gegoſſen, welche meine Addreſſe trägt. Hier,“ fügte er bei, in⸗ dem er Rust einen ſchweren Schlag mit dem Kolben der auf die Schulter verſetzte—„nimm Deine Waffe, und ſehe, daß Du in das Zündloch hinein⸗ ſtichſt, ſonſt wird Dir Dein Gewehr zu nichts nützen. Und nun, Madam, muß ich mir noch ein Mal die Freiheit nehmen, Sie nach einem Sitz zu führen. Dick Wilder, die Schnur— raſch. Es betrübt mich außer⸗ ordentlich, ſo mit Ihro Gnaden verfahren zu müſſen — allein gut binden, gut ſich befinden, wie Mr. Cvates ſagen würde.“ „Ihr werdet mich doch nicht binden, Ihr Räuber.“ D ja; allein Ihro Gnaden irren ſich groß— ich habe keine andere Wahl— Euer Gnaden Fauſt iſt viel zu gefährlich, als daß man Sie in Freiheit laſſen dürfte. Ich muß Sie noch ein Mal bitten, weniger gewaltthätig zu ſein— Sie halten das Ge⸗ ſchäft nur auf, welches in aller Stille und Schnellig⸗ keit abgemacht werden ſollte.“ Lady Rookwood's Zorn und Wuth über dieſe un⸗ würdige Behandlung waren grenzenlos. Aller Wider⸗ ſtand war übrigens vergeblich, und fie unterwarf ſich ſtillſchweigend. Die Schnur ward feſt um ihre Arme gebunden, als es ihr erſt einfiel, daß Coates und Tyrconnel, welche in dem untern Gang ihren Gefan⸗ genen bewachten, zu Hilfe gerufen werden könnten. Dieſer Gedanke war nicht ſo bald in ihr aufgeſtiegen, als ſie auch ſchon einen lauten und verzweifelten Schrei ausſtieß. „Tod und Teufel!“ rief Jack—„Höflichkeit iſt hier umſonſt verſchwendet. Gib mir den Knebel, Rust.“ Es wäre beſſer, ihre quickende Pfeife auf ein N W N* 3 239 Mal zu ſtopfen, erwiderte Rust, indem er ſein Ta⸗ ſchenmeſſer zog—„ſie wird noch alles verderben.“ „Den Knebel ſage ich, nicht dieß.“ „Ich kann ihn nicht finden,“ rief Wilder unge⸗ ſtümm aus.„Laſſe den Rob Rust hinter ſie— erwird ſie zum Stillſchweigen bringen, dieß verſichere ich Dich, während wir beide das Zimmer ausleeren.“ „Ja, laß' mich hinter ſie,“ ſagte der andere Böſe⸗ wicht.„Seht Euch im Zimmer um, und achtet nicht auf mich— ihre Hände find gebunden, ſie kann nicht kratzen— es wird mit einem einzigen Schnitt abge⸗ macht ſein— ich will ſie ihrem Herrn nachſchicken, welchen ſie ſo ſo ſehr liebte, ehe er noch unter dem Boden iſt. Man wird doch auch etwas zu ſehen haben, wenn man von der Feierlichkeit zurückkommt. Die Herrin ermordet und todt, um zu einer andern Ver⸗ anlaſſung zu geben.— Ho, ho!“ „Gnade, Gnade!“ kreiſchte Lady Rookwood. „Ja, ja, ich will gnädig ſein,“ ſagte Rust indem er das Meſſer vor ihren Augen ſchwang.„Ich will es kurz machen. Ueberlaſſe ſie mir, ich will ihr einen Geſchmack von Sir Sydney beibringen.“ „Nein, nein, Rust, kein Blutvergießen, ſagte Jack gebieteriſch,„ich werde einen andern Weg aus⸗ findig machen, um dieſen Nickel zum Schweigen zu bringen.“ In dieſem Augenblick hörte man Geräuſch raſcher Fußtritte in dem Gang. „Es kommt Hilfe,“ kreiſchte Lady Rookwood. „Hilfe! Hilfe!“ „An die Thüre,“ rief Jack. Allein dieſe Worte waren kaum aus ſeinem Munde, als Lukas in Beglei⸗ tung des Coates und Tyrconnel auch ſchon in das Zimmer trat. Palmer und ſeine Genoſſen hielten den Eintreten⸗ den ihre Piſtolen entgegen, und die letztern würden Feuer gegeben haben; allein da Jack's ſcharfes Ange den Lukas entdeckt hatte, ſo verbot er alle Feindſelig⸗ keiten für den Augenblick. Wie ſich Lady Rookwood auf dieſe Weiſe befreit ſah, ſo ſprang ſie ihren Be⸗ freiern entgegen, und in Lukas ausgeſtreckte Arme, welcher ſeine Piſtolen über ſie weg hielt. Hinter ihm ſtand Titus Tyrconnel, mit dem Schüreiſen paradirend, und Mr. Coates, welcher beim Anblick dieſer kriegeri⸗ ſchen Anſtalten es etwas bereute, ſich ſo vorſchnell in den Rachen des Löwen begeben zu haben. „Lukas Bradley!“ rief Palmer aus, indem er vor⸗ wärts ging. „Lukas Bradley!“ widerholte Lady Rookwvod, indem ſie zurückfuhr, und ihm ins Geſicht ſtarrte. „Fürchten Sie nichts, Madam,“ rief Lukas. Ich bin hier zu Ihrem Beiſtande, ich werde Sie mit mei⸗ nem Leben vertheidigen.“ „Ihr mich vertheidigen!“ rief Lady Rookwood wie im Zweifel aus. „Ja, ichl⸗ ſagte Lukas;„ſo ſonderbar dieß auch ſcheinen mag.“ „Heilige Mächte ſchützt mich!“ ſtieß Titus heraus. „So wahr ich lebe, es iſt Sir Piers ſelbſt.“ „Sir Piers!“ widerholte Coates von dem Schrecken angeſteckt, als er Palmern genauer anſah. „Was! iſt der Todte wieder in s Leben zurückgekehrt? — ein Geiſt— ein Geiſt— ein Geiſt!“ „Ein Geiſt!“ widerholte Titus.„Bei meiner Seele, dieß iſt der erſte Geiſt von dem ich hörte, daß er einen Einbruch in ſeinem eigenen Hauſe begangen habe, und dazu noch in der Nacht ſeines Leichenbegäng⸗ niſſes. Doch wer des Teufels ſind denn ſeine Begleiter? am Ende find es auch Geiſter?“ „Ja,“ ſagte Palmer in hohlem Tone, indem er die Sprache des Sir Piers nachahmte;„s find die⸗ nende Geiſter. Wir ſind wegen dieſes Weibes ge⸗ kommen— ihre Zeit iſt aus- alſo nicht weiter „— ——„„—— 4——— — ₰ 6— v V S 8 241 geplappert, Titus, ſondern helft mir ſie nach dem irchhofe bringen, und mögt ihr ſelbſt verdammt ſein.“ „Auf meine Ehre, Mr. Cvates,“ ſchrie Titus, „dieß iſt entweder der Teufel, oder Sir Piers. Wir find hier nur hinderlich im Wege. Er will nur ſeine alte Rechnung mit der Lady in's Reine bringen. Ich dachte mir ſchon lange, daß es ſo kommen werde. werden am Beſten thun, wenn wir uns zurück⸗ iehen.“ Jack benützte den Vortheil dieſer augenblicklichen Verwirrung, welche die Furcht hervorgebracht haite, um Rust an die Thüre zu ſtellen, durch welche die neu Angekommenen hereingetreten waren. Nachdem dieß geſchehen war, brach er in ein lautes Gelächter aus. „Wie! Ihr kennt mich nicht,“ rief er—„kennt nicht Euren alten Freund mit einem neuen Geſicht, Lukas? Auch Sie nicht, Titus? noch Sie, der Sie doch durch einen Mühlſtein ſehen können, rechtsgelehr⸗ ter Cvates, erkennt ihn nicht—“ „Jack Palmer, ſo wahr ich ein Sünder bin,“ rief Titus.„Bei allen Mächten, ſo iſt es. Wie, Jack, mein Freund, was bedeutet denn dieß? Sehe ich Sie in ſolcher Geſellſchaft? Sie werden doch nicht im Ernſt rauben wollen?“ „Oh doch, dieß will ich, Freund Titus,“ ſagte Jack;„und Sie ſehen hiemit mein eigenes werthes Ich. Ich nahm mir ſo eben die Freiheit, des Sir Piers alten Jagdanzug aus dem Gerichtszimmer zu borgen. Sie n daß meine Kleidung ſich nicht für die Feierlichkeit ſchicke. Allem nach bin ich alſo Niemand anders, als der Jack Palmer.“ „Mit einem halben Dutzend Alias im Rückhalt, kann ich wohl ſagen,“ rief Coates.„Ich hatte Euch längſt ſchon im Verdacht.— Eure Anpreiſung des Lebens eines Hochſtraßenmannes ging bei mir nicht ver⸗ loren. Nein, nein— ich kann in einen Müuͤhlſtein ſehen, und wäre er auch noch ſo dick.“ Ryokwood. I. 16 242 „Wohl;“ erwiderte Jack—„es thut mir leid Sie hier zu ſehen, Freund Titus; allein verhalten Sie ſich ruhig, und es ſoll Ihnen kein Haar gekrümmt werden. Was Sie betrifft, Lukas Bradley, ſo ſind Sie meiner Abſicht um eine halbe Stunde zuvorge⸗ kommen; ich wollte Sie in Freiheit ſetzen. Sie, Mr. Coates, können in Zukunft alle Sorge für Ihre Ge⸗ ſchäfte Ihren Exekutoren, Verwaltern und Anwälten überlaſſen. Sie werden nicht weiter nöthig haben, ſich mit weltlichen Angelegenheiten abzugeben,“ indem er eine Piſtole auf Mr. Cogtes richtete, welcher fich übrigens, dieß muß man zu Ehren ſeiner Herzhaftig⸗ keit ſagen, hinter der Perſon des Lukas verbarg. „Gehen Sie auf die Seite, Lukas,“ ſagte Jack. „Ich gehe nicht vom Platze,“ erwiderte dieſer. „Ich danke Ihnen für Ihre gute Abſicht, und werde keine Feindſeligkeit gegen Sie ausüben— das heißt, wenn Sie mich nicht dazu nöthigen. Ich bin hier, um die Dame zu vertheidigen.“ „Was ſagen Sie da?“ erwiderte Jack erſtaunt— „Ihro Gnaden vertheidigen?“ „Mit meinem Leben,“ erwiderte Lukas.„Laſſen Sie ſich rathen und entfernen Sie ſich.“ „Sind Sie raſend? Sie vertheidigen— Lady Rookwood— Ihre Feindin— welche Sie hängen laſſen möchte? Ei, ei! Gehen Sie auf die Seite, ſage ich, Lukas Bradley, oder ſehen Sie ſich vor.“* „Sie würden beſſer daran thun, ſich ſelbſt vor⸗ zuſehen, ehe Sie handeln,“ ſagte Lukas.„Sie kennen mich ſchon von alten Zeiten her— ich habe es ſchon oft mit einer gleichen Ueberzahl aufgenommen, und bin noch nie unterlegen.“ 6 „Die Ueberzahl iſt ausgeglichen,“ rief Titus, „wenn Mr. Coates fechten will— ich will Euch bis auf den letzten Mann beiſtehen, theurer Junge— Sie ſind der ächte Sohn Ihres Vaters, obgleich nicht ſo ganz rechtmäßig. O! Jack Palmer, mein Juwel, kein Wunder, daß Sie dem Dick Turpin ſo gleichen.“ „Hören Sie es?“ rief Lukas.„ „Eigenfinniger Thor!“ murrte Jack. „Warum ſchießt Ihr ihn nicht auf dem Fleck zu⸗ ſammen?“ ſagte Dick Wilder. „Um mir mein eigenes Glück zu verderben?“ dachte Jack;„nein, dieß ſoll nie geſchehen— ſein Leben darf nicht gefährdet werden. Sei ruhig,“ ſagte er flüſternd zu Wilder;„ich habe noch einen andern Trumpf zum Ausſpielen, welcher uns mehr eintragen wird, als der ganze Plunder hier. Dieſem Jungen darf kein Leid geſchehen— ſein Leben iſt für uns Tau⸗ ſende werth.“ Indem er ſich ſodann an Lukas wandte, fuhr er fort:„es würde mir leid thun, Sie einer Ge⸗ fahr ausſetzen zu müſſen, allein was kann ich thunk — um ſo ſchlimmer für Sie, wenn es zum Schuß kommt. Ich rathe Ihnen daher als Freund, keinen Widerſtand zu leiſten. Wir ſind drei gegen drei; aber zwei von Ihrer Partie find unbewaffnet.“ „Unbewaffnet!“ unterbrach ihn Titus;„der Teufel hole mich, wenn dieſes Eiſen nicht Sie, oder irgend einen Ihrer Gefährten von dem Gegentheile überzeu⸗ gen ſoll.“ „So macht Euch denn fertig, meine Jungen,“ rief Jack. „Haltet nur eine Minute,“ rief Cvates aus; „dieß wird ernſthaft— es wird mit Mord enden— unſere Gurgeln werden uns gewiß abgeſchnitten wer⸗ den; und obgleich ſie ganz ſicher dafür baumeln wer⸗ den, ſo iſt dieß doch eine ſchwache Genugthuung für die Ermordeten. Würden wir nicht beſſer daran thun, die Sache in der Güte abzumachen? „Seien Sie ſtill!“ ſagte Lukas. „Ich bin dafür, daß wir es ausfechten,“ ſagte Titus, indem er ſein Schüreiſen wie 244 über ſeinem Haupte ſchwenkte:„mein Blut iſt in Gäh⸗ rung. Heran, Jack Palmer, ich nehme Sie.“ „Ich würde für den Rückzug ſtimmen,“ ſchnatterte der Mann des Rechts,„wenn dieſer verdammte Kerl nicht einen ne exeat an die Thüre geſtellt hätte.“ „Gebt das Wort, Kapitän,“ rief Rust ungeduldig. „Ja— ja,“ rief Wilder nach. „Ein geſchickter General unterhandelt ſtets,“ ſagt Jack.„Ein Wort in Ihr Ohr, Lukas, ehe das ge⸗ ſchieht, was nicht mehr geändert werden kann.“ „Sie glauben mich überliſten zu können?“ ent⸗ gegnete Lukas. Jack antwortete nicht, ſondern ließ die Hahnen an ſeinen Piſtolen vor, und ſteckte ſie in ſeine Taſche. „Schießt ihn zuſammen, wenn er vorgeht,“ flü⸗ ſterte Coates;„er iſt jetzt in Ihrer Gewalt.“ „Schurke!“ erwiderte Lukas,„halten Sie mich für eben ſo niederträchtig, als ſich ſelbſt?“ „Pſt, pſt! ſetzen Sie mich um Gotteswillen nicht aus,“ ſagte Coates. Lady Rookwood haite dieſer ſonderbaren Unter⸗ handlung anſcheinend mit mürriſcher Faſſung zugehört, obwohl ſie in Wirklichkeit wegen der Folgen derſelben vor Furcht bebte; und als ſie nun erſah, daß Palmer dem Lukas alles entdecken wolle, ſo hielt ſie ihn an, wie er an ihr vorüberſchreiten wollte. „Binden Sie mich auf!“ rief ſie,„und Sie ſol⸗ alles haben, was Sie wünſchen— Geld— Ju⸗ welen— „Ha! darf ich darauf rechnen?“ „Ich verpfände mein Wort.“ 3 Palmer löste die Schnur; Lady Rvokwood näherte ſich einem Tiſche, auf welchem ein Schreibzeug ſtand, einer Feder, und eine geheime Schublade zeigte ſich. „Thun Sie dieß aus eigenem freien Willen?“ ——— —— Scit 245 fete Lukas.„Sagen Sie es nur, wenn dem nicht o iſt. „Ich thue es,“ erwiderte die Lady haſtig. Palmer's Augen funkelten beim Anblick dieſer ätze. „Hier ſind Juwelen von unſchätzbarem Werthe. Nehmt ſie— und befreit mich, fügte ſie flüſternd bei, „von ihm. „Lukas Bradley?“ „Jd „Händigen Sie mir dieſelben ein.“ „Auf dieſe Bedingungen hin gehören Sie Dir aus freien Stücken. „Sie hören es, Lukas,, rief er laut;„Sie hören es, Titus— es iſt kein Raub. Mr. Cvates— ich rufe Sie zum Zeugen auf, daß Lady Rookwood mir dieſe Kleinigkeiten hier ſchenkt.“ „Ja, dieß thue ich, erwiderte ſie, indem fie flü⸗ ſe beifügte;„auf die Bedingungen hin, welche ich ellte. „Aber muß es ſogleich geſchehen?“ „Es leidet keinen Augenblick Aufſchub.“ „Vor Ihren eigenen Augen?“ „Ich fürchte mich durchaus nicht, es mit anzu⸗ ſehen— jeder Augenblick iſt koſtbar— Sie brauchen blos an dem Drücker zu ziehen— er iſt jetzt nicht auf ſeiner Hut— Sie thun es ja, wie Sie wiſſen, zur Selbſtvertheidigung.“ „Und Sie?“ „Aus der nämlichen Urſache.“ „Er kam aber doch her, um Ihnen beizuſtehen. „Wie ſo?“ „Er würde ſein Leben für Sie gewagt haben. „Ich kann die Verbindlichkeit nicht anerkennen. Er muß ſterben!“ „Das Dokument?“ „Wird alsdann werthlos ſein.“ 246 „Wird dieß nicht hinreichend ſein?— warum ihm nach dem Leben trachten.“ „Sie treiben Ihr Spiel mit mir. Sie haben Furcht vor der That.“ „Furcht!“ pat„Nun denn, los— Sie ſollen noch mehr Gold aben.“ „Ich werde es thun,“ rief Jack, indem er die Schublade dem Wilder übergab, und die beiden Hände der Lady Rookwood ergriff.—„Ich bin kein italieni⸗ ſcher Bravo, Madam— kein Meuchelmörder— kein gewiſſenloſer Gurgelabſchneider— Was ſind Sie— Teufel oder Weib, die Sie dieß von mir verlangen? Lukas Bradley ich ſage.„ „Wolltet Ihr mich verrathen?“ rief Lady Rook⸗ wood. „Sie haben ſich ſelbſt verrathen, Madam.— Nein, nein, Lukas, nieder mit den Waffen. Sehen Sie, Lady Rookwood, wie Sie einen Freund behandeln. Dieſer fremde Burſche hier würde mir den Schädel einſchlagen, wenn ich Hand an Sie legte.“ „Ich werde nicht dulden, daß man ihr etwas zu Leid thut,⸗ ſagte Lukas;„laſſen Sie ſie los.“ „Die gnädige Frau hört ihn,“ ſagte Turpin. „Und Sie, Lukas, ſollen erfahren, wie hoch man Ihren Edelmuth ſchätzt. Sie würden nicht zugeben, daß man ſie mißhandle. In dieſem Augenblicke nun ſchlug fie mir Ihre Ermordung vor— nein, bezahlte mich da⸗ ür.⸗ „Wie?/ rief Lukas zurückfahrend aus. „Eine Lüge, die ſo ſchwarz iſt als die Hölle,“ rief Lady Rookwood. „Eine Wahrheit, die ſo rein iſt als der Himmel,“ erwiderte Jack;„ich werde Sie ſogleich von der That⸗ ſache überzeugen.“— Sich alsdann gegen Lady Rook⸗ wood wendend, flüſterte er—„Soll ich ihm vielleicht den Heiratsſchein geben?“ 247 „Bewahre!“ ſagte Lady Rookwood. „Sage ich alſo die Wahrheit?“ Sie war ſtill. „Ich habe meine Antwort,“ ſagte Lukas. „Dann überlaſſen Sie ſie ihrem Schickſale.“ „Nein,“ erwiderte Lukas:„ie iſt dennoch ein Weib, und ich werde ſie nicht der rohen Gewaltthä⸗ tigkeit überlaſſen. Setzen Sie ſie in Freiheit.“ „Sie ſind ein Narr,“ ſagte Jack. „Hurrah, hurrah!“ rief Coates, welcher an das Fenſter geeilt war—„Rettung, Rettung!— ſie keh⸗ ren ſo eben von der Kirche zurück— ich ſehe Fackel⸗ ſchein in der Allee— wir ſind gerettet!“ „Hölle und Teufel!“ ſchrie Jack laut;„kein Au⸗ genblick iſt mehr zu verlieren. Munter, meine Jungen — bringt alles weg, was Ihr könnt— ſeid hurtig!“ „Lady Rookwood, ich ſage Ihnen Lebewohl,“ ſagte Lukas in einem Tone, in welchem ſich Zorn und Trüb⸗ finn vermiſchten.„Wir werden uns wieder treffen.“ „Wir find noch nicht geſchieden,“ entgegnete ſie: „werdet Ihr dieſen Mann weggehen laſſen? Tauſend Pfund für ſein Leben.“ „Auf der Stelle?“ fragte Rust. „Bei dem lebendigen Gott, wenn es Jemand wagen wird ihn anzurühren, ſo ſchlage ich ihm auf der Stelle den Schädel ein, er mag nun Freund oder Feind ſein,“ rief Jack aus.„Lukas Bradley, wir tref⸗ fen uns wieder. Dann ſollen Sie von mir hören.“ „Lady Rookwood,“ ſagte Lukas beim Weggehen; „ich werde dieſe Nacht nicht vergeſſen.“ „Iſt alles fertig?“ fragte Palmer ſeine Kame⸗ raden. „Alles.“ „Dann fort.“ „Halt!“ ſagte Lady Rookwood flüſternd zu ihm. e dieſes Dokument?“ „Hem!“ widerte Jack. „ — —— 248 „— Tauſend Pfund?“ Verdpppeln Sie dis Summe.“ Sie ſoll pelt werden.“ Ich will sWerlegen. „Sagt mir nur jetzt Euren Entſchluß.“ „Sie ſollen von mir hören.“ „Auf welche Weiſe?“ „Ich werde ſchon Mittel finden.“ „Euer Name iſt Palmer?“ Palmer iſt der Name, den er wirklich trägt, Ihro Gnaden,“ erwiderte Coates;„allein es iſt bei dieſen Schurken ſo Mode, ein Alias zu haben.“ §„Ha— ha, ſagte Jack, indem er den Ladſtock in den Lauf ſeiner Piffole warf, wie um ſich zu über⸗ zeugen, ob auch wirklich eine Kugel darin ſei;„ſind Sie hier, Mr. Coates?— Bezahlen Sie Ihre Weite, Herr.“ „Welche Wette?“ „Die hundert Pfund, welche Sie daran ſetzten, daß Sie mich ergreifen werden, wenn Sie je Gelegen⸗ heit dazu bekämen. „Sie ergreifen— es war Dick Turpin, auf wel⸗ chen ich wettete.“ „Ich bin Dick Turpin— dieß iſt mein Alias,“ —— —„Dick Turpin! Dann werde ich Sie auf jede Gefahr hin ergreifen, ſchrie Cvates, indem er plötz⸗ lich auf ihn zuſprang. 3 „Und ich Sie, ſagte Turpin, indem er dem ge. ſchwinden Rechtsmann ſeine Piſtole gerade ins Geſicht abfeuerte—„dieß iſt eine Quittung für voll.“ 1 *—