3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vor jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summ⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatte F wird. ¹ 4. Abonnement. Dafſelbe muß voraus bezahlt werden unt beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. 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Beſeherles Die feindlichen Brüder Ivo, der Hajrle Florian und Creszenz Seite 29 49 85 109 133 147 339 leibh Han hatt mit hall gaſſ abſc dam etw aus dein den ſn ju deir rotl Str jn Oh Pri und — —————— Ich ſehe dich vor mir, guter Tolpatſch, in deiner leibhaftigen Geſtalt, mit deinen kurzgeſchorenen blonden Haaren, die nur im Nacken eine lange Schichte übrig hatten; Du ſiehſt mich an mit deinem breiten Geſichte, mit deinen großen blauen Glotzaugen und dem allweg halboffenen Munde. Damals, als du mir in der Hohl⸗ gaſſe, wo jetzt die neuen Häuſer ſtehen, einen Lindenzweig abſchnittſt, um mir eine Pfeife daraus zu machen,— damals dachten wir nicht daran, daß ich einſt der Welt etwas von dir vorpfeifen würde, wenn wir ſo weit weit aus einander ſein werden. Ich erinnere mich noch wohl deiner ganzen Kleidung, freilich iſt ſie leicht zu behalten, denn Hemd, rother Hoſenträger, und für alle Gefahren ſchwarzgefärbte leinene Hoſen war ja Alles. Am Sonntag, ja da war es anders, da hatteſt du deine Pudelkappe,*) dein blaues Wamms mit den breiten Knöpfen, die ſcharlach⸗ rothe Weſte, die kurzen gelben Lederhoſen, die weißen Strümpfe und die klapſenden Schuhe ſo gut wie ein Anderer, ja ſogar meiſt noch eine friſch gepflückte Blutnelke hinterm Ohr ſtecken. Aber es war dir nie recht wohl in dieſer Pracht. Drum bleib ich bei dir in deinem Alltagskleide. ulb = Jetzt aber, nimm mir's nicht übel, lieber Tolpatſ ihrem und mach dich wieder fort. Ich kann dir deine Geſcht oft die m. Wenn Pelzverbrämte Mütze ohne Schild, mit einer Troddel von die Sauber⸗ in der Mitte. ches trauliche 1 1* — 2 nicht ſo in's Geſicht hinein erzählen; ſey ruhig, ich werde dir nichts Böſes nachſagen, wenn ich auch per„Er“ von dir ſpreche. Der Tolpatſch trägt ein ganzes Geſchlechtsregiſter in ſeinem Namen, denn er heißt eigentlich„des Bartels Baſche's*) Bua“ und ſein Taufname iſt Aloys. Wir thun ihm den Gefallen und bleiben bei ſeinem rechten Namen. Das freut ihn, da außer ſeiner Mutter Marei und uns wenigen Kindern ihn faſt Niemand ſo nannte; jeder hatte die Frechheit Tolpatſch zu ſagen. Darum ging auch unſer Aloys, obgleich er ſchon ſiebzehn Jahre alt war, am liebſten mit uns Kindern um. An verſteckten Orten ſpielte er Häufchens mit uns, oder rannte mit uns im Felde umher, und wenn der Tolpatſch, oder beſſer, der Aloys bei uns war, waren wir geborgen gegen jeden An⸗ griff der Kinder von der Leimengrube; denn die ganze Dorfjugend war faſt immer in zwei feindliche Parteien getheilt, die ſich auf allen Wegen und Stegen ſcharf befehdeten. Die Altersgenoſſen unſeres Aloys begannen aber ſchon eine Rolle, im Dorfe zu ſpielen. Sie rotteten ſich all— abendlich zuſammen und zogen, gleich den großen Burſchen, ſingend und pfeifend durch das Dorf, oder ſtanden ſchä⸗ kernd vor dem Wirthshauſe zum Adler an der großen Holzbeige, und neckten die vorübergehenden Mädchen. Das vornehmſte Kennzeichen eines großgewordenen Burſchen iſt aber die Tabakspfeife. Da ſtanden ſie dann mit ihren ſilberbeſchlagenen und mit ſilbernen Kettchen behängten „Ulmer Maſerköpfen; ſie hatten ſie kalt im Munde. Manch⸗ mal aber wagte es einer, bei des Bäckers Magd in der Küche eine glühende Kohle zu holen, und dann machten e fröhliche Geſichter zu ihrem Rauchen, wenn ihnen auch ch ſo übel davon wurde. Auch unſer Aloys hatte ſchon zu rauchen angefangen, ſomäus Sebaſtian. en en ſch n, aber nur ganz im Verborgenen. Eines Sonntags Abends wagte er es, die Pfeifenſpitze aus ſeiner Bruſttaſche herausgucken zu laſſen und ſich ſo zu ſeinen Altersgenoſſen zu geſellen. Einer von ihnen zog ihm mit Halloh die Pfeife aus der Taſche, Aloys forderte ſie zurück, ſie wan⸗ derte aber unter Jubel und Lachen von Hand zu Hand, und als ſie Aloys mit immer größerem Ungeſtüm for⸗ derte, da war ſie verſchwunden, keiner wollte ſie mehr haben. Aloys zerrte nun an Allen herum, und forderte mit Weinen ſeine Pfeife, aber Alles lachte; da packte er die Mütze des erſten, der ihm die Pfeife genommen, und rannte damit davon in des Schmied Jakoben Haus. Der Mützenloſe brachte nun die Pfeife, die in der Holzbeige verſteckt war, zu Aloys hinauf. Das Haus des Schmied Jakob Bomüller, das war der „Ausgang“ des Aloys. Hier war er nämlich immer, wenn er nicht zu Haus war, und er blieb nie zu Haus, ſobald er ſeine Arbeit darin fertig hatte. Die Frau des Schmied Jakob war ſeine Baſe, und außer ſeiner Mutter und uns wenigen Kindern nannte ihn auch noch die Frau Applon(Appolonia) und ihre älteſte Tochter Ma⸗ rannele bei ſeinem rechten Namen: Aloys. Des Morgens ſtand der Aloys früh auf, und wenn er ſeine zwei Kühe und ſeine Kalbin gefüttert und getränkt hatte, ging er nach des Jakoben Haus, klopfte, bis ihm das Marannele aufmachte, und nach einem einfachen„guten Tag“ ging er durch den Stall in die Scheune. Die Thiere kannten ihn, ſie brummten jedesmal freundlich und wendeten die Köpfe nach ihm; er aber ließ ſich dadurch nicht lange aufhalten, ſondern ging in die Scheune und ſteckte den beiden Ochſen und den beiden Kühen(Futter) auf. Beſonders freund⸗ lich ſtand Aloys mit der Bleßkuh. Er hatte ſie vom Kalb an auferzogen, und wenn er ſo bei ihr ſtand und ihrem Freſſen mit Behagen zuſah, dann leckte ſie ihm oft die Hände, was ſeiner Morgentoilette zu gute kam. Wenn er dann die Thüre des Stalles öffnete, und die Sauber⸗ keit darin wieder herſtellte, pflog er manches trauliche 1* — 3 4 Wort mit den Thieren, indem er ſie bald rechts bald links ſtellte. Kein Dünger im ganzen Dorfe war ſo breit und ſo ſchön viereckig geſchichtet, wie der an des Schmied Jakoben Haus, denn das bildet eine Hauptzierde eines ächten Bauern⸗ hauſes. Dann wuſch und ſtriegelte er die Ochſen und Kühe, daß' man ſich darin ſpiegeln konnte. Drauf lief er hinaus an den Brunnen vor dem Hauſe und pumpte den Trog voll; er ließ dann die Thiere hinausſpringen; und während ſie draußen ſoffen, machte er ihnen friſche Streue. Wenn nun das Marannele in den Stall kam, um die Kühe zu melken, war alles ſauber und aufgeräumt. Oft, wenn eine Kuh„ſtreitig“ war, d. h. ausſchlug, und ſich nicht melken laſſen wollte, ſtellte ſich Aloys zu ihr und hielt ſeine Hand auf das Rückgrat der Kuh gelegt, damit das Marannele beſſer melken konnte; meiſt aber machte er ſich ſonſt noch etwas zu ſchaffen. Und wenn dann das Marannele ſagte:„Aloys, Du biſcht e braver Bua,“ da ſchaute er nicht auf nach ihr, ſondern er kehrte mit dem Stallbeſen ſo heftig, als wollte er die Pflaſter⸗ ſteine aus dem Boden kehren. Drauf ſchnitt er in der Scheune Futter für den ganzen Tag, und wenn er die niedere Arbeit vollendet hatte, ſtieg er die Treppe hinauf, holte Waſſer für die Küche, hackte klein Holz und ging endlich in die Stube. Das Marannele brachte die Suppen⸗ ſchüſſel, ſtellte ſie auf den Tiſch, faltete die Hände, ein Jeder that desgleichen, und nun betete ſie vor. Nachdem man darauf das Zeichen des Kreuzes gemacht, ſetzte man ſich mit einem„G'ſegn es Gott“ zu Tiſche. Alles aß aus einer Schüſſel, und Aloys holte ſich oft einen Löffel voll von dem Platze, wo das Marannele ſich ſchöpfte. Still und ernſt, wie bei einer heiligen Handlung, ſaß man bei Tiſche; nur äußerſt ſelten wurde ein Wort geſprochen. Als abgegeſſen und abermals gebetet war, trollte ſich Aloys nach Hauſe. So lebte unſer Aloys bis in ſein neunzehntes Jahr, und als ihm zu Neujahr das Marannele ein Hemd ſchenkte, zu dem es den Hanf ſelber gebrochen, das es ſelber ge⸗ ſponnen, gebleicht und genäht hatte, da war er ganz ſelig; n 5 0 es that ihm wehe, daß er nicht„hemdärmelig“ über die Straße gehen konnte, es hätte ihn trotz der grimmigen Kälte gewiß nicht gefroren, aber die Leute hätten ihn aus⸗ gelacht, und Aloys wurde immer empfindlicher gegen den Spott der Leute. Daran war beſonders des alten Schultheißen Knecht ſchuld, der der Ernte in das Dorf et war. Es war ein ſchöner, ſchlanker Burſch, mit einem trotzigen Geſichte, das durch den röth⸗ lichen Schnurrbart noch eine beſondere Auszeichnung hatte. Jörgli, ſo hieß der Knecht, war Kavalleriſt, und trug faſt immer ſeine Soldatenmütze. Wenn er Sonntags in ſeiner geraden, kecken Haltung, die Füße auswärts ſetzend und die Sporen klingen laſſend, die Soldatenmütze auf dem Kopfe, mit den lederbeſetzten Reithoſen angethan, das Dorf hinaufging, da ſagte ſein ganzes Weſen:„ich weiß, daß alle Mädle ſich in mich vergucken;“ oder wenn er ſeine Pferde zur Tränke an des Jakoben Brunnen ritt, da wollt' dem guten Aloys faſt das Herz ſpringen, wenn er ſah, wie das Marannele jedesmal zum Fenſter hinauslugte. Er wünſchte, daß es gar keine Milch und Butter auf der Welt geßs, damit er auch Pferdsbauer wäre. So unerfahren auch unſer Aloys war, ſo waren ihm doch die Unterſchiede der drei Stände wohl bekannt. Da ſtanden zu unterſt die Kühbauern, die von ihren Zug⸗ thieren auch noch Milch und Kälber ziehen müſſen; dann kamen die Ochſenbauern, deren Zugthiere man doch noch mäſten und ſchlachten kann. Zuoberſt aber ſtanden die Pferdsbauern, deren Zugthiere weder Milch noch Fleiſch ————˖ 6 geben, und die doch das beſte Futter freſſen und oft am meiſten gelten. Ich glaube nicht, daß Aloys hiebei an den Nähr⸗, Lehr⸗ und Wehr⸗Stand dachte. Heute am Neujahrstag zeigte ſich ein Vorſprung, den der Jörgli als Pferdsbauer hatte. Er führte nach der Morgenkirche des Schultheißen Tochter und ihr„Geſpiel“ das Marannele im Schlitten nach Empfingen ſpazieren, und ſo ſehr auch unſerm Aloys darüber das Herz im Leibe zitterte, ſo folgte er doch dem Wunſche des Jörgli und half ihm die Pferde einſtweilen im Schlitten einpro⸗ biren. Er fuhr mit ihm im Dorfe umher und dachte nicht daran, welch ein ſchlechte Figur er neben dem ſtatt⸗ lichen Soldaten ausmachte. Als die Mädchen eingeſtiegen waren, führte Aloys die Pferde noch einige Schritte, bis ſie recht angezogen hatten, und rannte ſo neben den Pfer⸗ den her, er ließ ſie dann los. Und als darauf der Jorgli unter Peitſchenknallen und Rollengeklingel und dem Zu⸗ ſchauen der halben Gemeinde mit den beiden Mädchen dahin fuhr, da ſchaute ihnen Aloys noch lange nach, als man ſie längſt nicht mehr ſehen konnte; er ſchalt dann den dummen Schnee, der ihm das Waſſer aus den Augen trieb, und ging traurig nach Hauſe. Es war ihm, als ob das ganze Dorf ausgeſtorben wäre, da das Marannele den ganzen Tag darin nicht zu finden ſein ſollte. Ueberhaupt war Aloys ſchon ſeit dem Beginne dieſes Winters oft ſehr betrübt. Im Hauſe ſeiner Mutter kamen die Mädchen oft in die Karz, oder wie man es hier nennt, „zu Licht.“ Die Mädchen wählen zu dieſen abendlichen Zuſammenkünften immer am liebſten eine jung verheirathete Geſpielin oder eine freundliche Wittwe, die älteren Haus⸗ herren ſtören das harmloſe Treiben doch zu ſehr. So kamen die Mädchen auch oft zur Mutter Marei, und die Bauernburſchen kamen wie immer uneingeladen dazu. Früher hatte ſich Aloys gar nicht daran gekehrt, wenn man ſich nicht um ihn kümmerte, er ſaß in einer Ecke und— that gar nichts; jetzt ſagte er ſich immer in Gedanken:„Aloys! beim Teufel, du biſt doch jetzt neunzehn Jahre vorbei, du mußt dich jetzt auch vornhin ſtellen,“ und dann ſagte er wieder:„wenn nur der Teufel den Jörgli lothweiſe holen thät'.“ Der Jorgli war das End⸗ ziel ſeines Unmuthes, denn er hatte bald, ohnerachtet er ein Knecht war(wie das überhaupt hier wenig Unter⸗ ſchied macht), die Oberhand über alle Burſchen des ganzen Dorfes gewonnen, und ſie mußten alle nach ſeiner Pfeife tanzen; und wie prächtig konnte er ihnen pfeifen und ſingen und jodeln und Geſchichten erzählen wie ein Hexen⸗ meiſter. Er lehrte die Burſchen und Mädchen neue Lieder, und beſonders das Reiterlied:„Morgenroth ꝛc.“ Als er zum Erſtenmal den Vers ſang: „Thuſt Du ſtolz mit Deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen,“ da ſtand der Aloys plötzlich hoch auf, er ſchien größer wie ſonſt, er ballte die beiden Fäuſte und biß die Zähne vor innerer Freude knarrend auf einander. Es war, als ob er das Marannele mit ſeinen Blicken an ſich zöge, als ob er ſie erſt jetzt recht ſehe, denn gerade ſo wie es im Liede ſtand, ſah ſie ja aus. Die Mädchen ſaßen im Kreiſe, ein jedes hatte ſeine Kunkel*) mit dem Goldſchaum bedeckten Knaufe vor ſich ſtehen, an der der Hanf mit einem farbigen Bande befeſtigt war; ſie netzten den Faden aus ihrem Munde und ſpannen mit der Spindel, die ſich luſtig auf dem Boden drehte. Es war dem Aloys immer wohl, wenn er„etwas zum Annetzen,“ eine Schüſſel voll Aepfel oder Birnen für die Mädchen auf den Tiſch ſtellen konnte, und er ſtellte die Schüſſel immer nahe zu Marannele, damit ſie auch tapfer zugreifen konnte. Anfangs Winter that Aloys den erſten muthigen Schritt ſeiner Großjährigkeit. Das Marannele hatte eine *) Spinnrocken. 8 neue mit Zinn eingelegte ſchöne Kunkel bekommen. Als es nun zum erſtenmale damit in die Spinnſtube kam und ſich zum Spinnen geſetzt hatte, trat Aloys vor, erfaßte die Kunkel oben und ſagte den alten Spruch: „Jungfer, derf i eu' bitte: Lent*) mi Euere Engele ſchüttle, Die kleine wie die große Auf dere Jungfere Schooße. Jungfer, warum ſeind Ihr ſo ſtolz? Eure Kunkel iſcht doch nau von Holz, Wenn ſie wär' mit Silber bſſchlage No wett'**) i eu' was andres ſage.“ Mit einer ungewohnten Feſtigkeit, wenn auch mitunter mit Zittern, hatte Aloys den Spruch vorgebracht. Das Marannele ſchlug zuerſt die Blicke in den Schooß aus Scham und aus Angſt, der Aloys möchte in ſeiner Rede ſtecken bleiben; jetzt aber ſah es ihn mit glitzernden Augen an. Nach alter Sitte ließ es darauf Spindel und Wirtel auf den Boden fallen, der Aloys hob beide Gegenſtände auf und das Marannele mußte ihm für die Spindel ein Knöpfle***) und für den Wirtel †) ein Faſtnachtsküchle verſprechen. Das Beſte aber kam zuletzt. Aloys gab die Kunkel frei, und als Abloſung gab ihm das Marannele einen rechtſchaffenen Kuß. Der Aloys ſchmatzte ſo laut, daß man ihn in der ganzen Stube hörte, und die andern Burſchen ihn darum beneideten; er aber ſetzte ſich wieder in eine Ecke, rieb ſich die Hände und war mit ſich und der Welt zufrieden. Das dauerte aber nicht lange, denn der Jörgli war ſein Störefried. *) Laſſet. *) Nachher wollt. **) Schwäbiſche Mehlſpeiſe. †) Ein Ring von beinhartem Holz oder Stein, den man in das Ende der Spindel ſteckt, damit man ſie ſo beſchwert beſſer drehen kann. nd ßte Eines Abends bat der Jörgli das Marannele— das die erſte Vorſängerin in der Kirche war— das Lied vom „ſchwarzbraunen Mädichen“ zu ſingen. Es begann ohne langes Zaudern, und der Jörgli begann die zweite Stimme mit ſo kräftigem Wohllaute, daß alle Anderen, die an⸗ fangs mitgeſungen hatten, nach einander ſtille wurden und den Beiden zuhörten, die ſo ſchön ſangen. Marannele, das ſich von den Gefährtinnen verlaſſen ſah, ſang anfangs mit zitternder Stimme und ſtieß die andern neben an, doch mit weiter zu ſingen; als ihm aber Niemand folgte, ſang es keck weiter als könne es gar nicht aufhören, und es war, als ob die Stimme Jörgli's es frei und feſt empor⸗ hielte wie gewaltige Arme. Sie ſangen: Morgens fruh müſſen wir marſchiren Wohl zum obern Thörle'naus; O du wunderſchöns ſchwarzbrauns Mädichen Wohl zum obern Thörle naus. Geh' ich naus auf fremde Straßen, Schönſter Schatz vergiß nicht mein; Und wann du trinkſt ein Gläslein Weine Zur Geſundheit mein' und Deine, Weil ich von Dir ſcheiden muß. Jetzt lad' ich meine zwei Piſtolen, Thur vor Freuden einen Schuß, Meinem Schätzelein zum Gefallen, Weil es mich geliebet hat, Vor allen meinen Feinden zum Verdruß. Es ſind zwei Sternlein am blauen Himmel, Glänzen heller als der Mond; Einer ſcheint auf's ſchwarzbrauns Mädichen Einer ſcheint auf grünen Grund. Kauf ich ein Bündelein an meinen Degen Und ein Sträußelein auf meinen Hut, 10 Und ein Tüchelein in meine Taſchen, Meine Aeuglein abzuwaſchen, Weil ich von dir ſcheiden muß. Gib ich meinem Pferd die Sporen, Reit ich zu dem Thor hinaus, Gib ich Acht auf's ſchwarzbrauns Mädichen, Weil ich von ihm ſcheiden muß. Als ein jedes der Mädchen ſeine vier bis fünf Spin⸗ deln voll geſponnen hatte, wurde der Tiſch in die Ecke gerückt und auf dem freien Raume von kaum drei bis ſ vier Schritten, den man dadurch gewonnen, begann nun eines nach dem andern zu tanzen; die Sitzenden ſangen 3 den Andern dazu. Als der Jörgli mit dem Marannele tanzte, ſang er ſelber einen Ländler und tanzte dabei wie eine Spindel; ja er brauchte faſt nicht viel mehr wie eine Spindel, denn er behauptete: darin zeige ſich ein ächter Tänzer, daß man ſich auf einem Teller gewandt und flink drehen könne. Als er nun endlich mit dem Marannele einhielt, und es dabei nochmals ſo heftig ſchwenkte, daß der faltige Rock hoch aufwallte, da ließ ihn das Marannele ſchnell ſtehen, wie wenn es ſich vor ihm flüchtete, es ſprang in die Ecke, wo der Aloys krübſelig zuſchaute und ſeine Hand faſſend, ſagte es: „Komm, Aloys, du mußt auch tanzen.“ „Laß mich, du weißt ja, daß ich nicht tanzen kann. Du willſt mich nur foppen.“ „Du Tol—“ ſagte Marannele, es wollte: du Tol⸗ patſch ſagen, aber es hielt ſchnell inne, denn es ſah ſein Geſicht, auf dem die Wehmuth ausgegoſſen war, daß ihm das Weinen näher ſtand als das Lachen, es ſagte daher freundlicher:„nein, g'wiß nicht, ich will dich nicht foppen; komm, und wenn du auch nicht tanzen kannſt, ſo mußt du's lernen, und ich tanz' ſo gern mit dir als wie mit einem.“ Sie tanzte nun mit ihm herum, aber Aloys ſchlen⸗ pin⸗ Ecke bis nun gen nele wie eine hter link nele mele rang ſeine ann. ol⸗ ſein ihm aher pen, ußt mit len⸗ 11 kerte ſeine Füße, wie wenn er Holzſchuhe anhätte, ſo daß die Anderen vor Lachen nicht mehr ſingen konnten. „Ich lern' dir's ganz allein, Aloys,“ ſagte das Ma⸗ rannele, ihn beruhigend. Die Mädchen zündeten nun ihre Laternen an und wanderten nach Haus. Aloys ließ es ſich nicht nehmen, ſie noch zu begleiten; er hätte um Alles in der Welt das Marannele nicht allein mit den Anderen gehen laſſen, wenn der Jörgli dabei war. In der ſtillen, ſchneeweichen Nacht ſchallte das Schäkern und Spaßen der Mädchen und Burſchen weit hin durch das Dorf. Das Marannele aber war ſtill und wich dem Jörgli ſichtbar aus. Als die Burſchen die Mädchen alle nach Hauſe beglei⸗ tet hatten, ſagte der Jörgli zu Aloys:„Tolpatſch, du hätteſt heut' Nacht bei dem Marannele bleiben ſollen.“ „Hallunk,“ ſagte Aloys ſchnell und lief davon. Die Andern aber lachten ihm nach. Der Jorgli jodelte allein noch durch die Gaſſen bis nach Hauſe, daß es einem Jeden, außer den Schlafenden und Kranken, das Herz im Leibe erfreuen mußte. Des andern Morgens, als Marannele die Kühe melkte, ſagte Aloys zu ihm: „Guck, ich könnt' den Ibogli grad' vergiften, und du mußt ihn auch in Grundsboden'nein verfluchen, wenn du brav ſein willſt.“ Das Marannele gab ihm Recht, ſuchte ihn aber auch zu überzeugen, daß er ſich Mühe geben müſſe, auch ſo ein flinker Burſch zu werden, wie der Jörgli. Da ſtieg in Aloys ein großer Gedanke auf, er lachte vor ſich hin, er warf den ſteifen alten Stallbeſen fort und ſteckte einen neuen biegſamen an den Stiel, dann ſagte er laut:„Ja, ja, du wirſt Maul und Augen aufſperren, gib nau Acht.“ Er mußte nun ſogar dem Marannele verſprechen,„gut Freund“ mit dem Jörgli zu bleiben, und er verſprach es endlich nach langem Widerſtreben, aber er mußte ja immer thun, was ſie wollte. ————————— —— —— ——— — — 12 Darum hatte Aloys heute dem Jörgli mit dem Schlitten geholfen, darum trieb ihm der Schnee das Waſſer aus den Augen, als er den Wegrollenden nachſah. Abends, ſo„zwiſchen Licht,“ trieb der Aloys ſeine Kühe zur Tränke an des Jakoben Brunnen. Ein Rädchen junger Burſche, darunter auch der Jörgli und ſein alter Freund, ein Jude, des langen Herzles Kobbel*) genannt, der mit dem Jorgli in gleichem Regimente diente, hatte ſich dort zuſammengeſellt; das Marannele lugte zum Fen⸗ ſter heraus.— Der Aloys machte den Gang des Jörgli nach. Er ging ganz ſteif, wie wenn er einen Ladſtock geſchluckt hätte und hielt die Arme ſtrack am Leibe herunter, wie wenn ſie von Holz wären. „Tolpatſch,“ ſagte der Kobbel,„was krieg' ich Schmus⸗ geld,**) wenn ich mach', daß dich das Marannele hei⸗ rathet?“ „Eine tüchtige Trachtel auf dein Maul,“ ſagte der Aloys, und trieb ſeine Kühe heim. Das Marannele ſchob das Fenſter zu, und die Burſchen lachten aus vollem Halſe, die Stimme Jörgli's tönte aus allen vor. Aloys wiſchte ſich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirne, ſo viel Anſtrengung hatte ihn die Aeußerung ſeines Unmuthes gekoſtet.— Auf dem Futtertrog in ſei⸗ nem Stalle ſaß er dann noch lange, und ſein Plan reifte unwiderruflich in ihm.—— Aloys war in das zwanzigſte Jahr getreten und kam zur Rekrutirung. Am Tage, als er mit den andern Bur⸗ ſchen nach der Oberamtsſtadt Horb gehen ſollte, kam er in ſeinem Sonntagsſtaate nochmals in Marannele's Haus und fragte, ob er nichts aus der Stadt mitbringen ſolle. Als er fortging, folgte ihm das Marannele nach, und auf der Hausflur wendete es ſich ein wenig ab, zog ein blaues Papierchen aus der Bruſt, wickelte einen Kreuzer heraus und gab dieſen dem Aloys.„Da, nimm ihn,“ ²) Jakob. **) Maklerlohn. „ 13 iten ſagte es:„das iſt ein Glückskreuzer, ſieh, es ſind drei aus Kreuz' darauf; weißt du, wenn als Nachts ſo Sternfunken vom Himmel fallen, da fällt allemal ein ſilbern Schüſſele ene S auf den Boden, und aus denen Schüſſelen hat man die dchen Kreuzer gemacht, und wenn man ſo einen Kreuzer im alter Sack hat, hat man Glück; nimm ihn zu dir, und du annt, ſpielſt dich frei.“ batte Aloys nahm den Kreuzer. Als er aber über die Fen⸗ Neckarbrücke ging, langte er in ſeine Taſche, drückte die örgli Augen zu und warf den Kreuzer hinab in den Neckar: dſtock„Ich will nicht frei ſein, ich will Soldat ſein, wart' nur nter, Jörgli!“ ſo ſagte er vor ſich hin; ſeine Fauſt ballte ſich und er warf ſich keck in die Bruſt. nus⸗ Im Wirthshauſe zum Engel wartete der Schultheiß hei⸗ auf ſeine Ortskinder, und als ſie alle beiſammen waren, ging er mit ihnen nach dem Oberamt. Der Schultheiß der 6 war ein eben ſo dummer als anmaßender Bauer. Er war chob früher Unteroffizier geweſen, und bildete ſich große Stücke alſe, auf ſeine„Charge“ ein; er behandelte gern alle Bauern, ältere und jüngere, wie Rekruten. Auf dem Wege ſagte von er zu Aloys:„Tolpatſch, du ziehſt gewiß das größte Loos, ung und wenn du auch Numero 1 ziehſt, du brauchſt nicht ſei⸗ bang ſein, dich kann man nicht zum Soldaten brauchen.“ eifte„Wer weiß,“ ſagte Aloys keck,„ich kann noch ſo gut Unteroffizier werden, wie Einer; ich kann ſo gut leſen kam und ſchreiben und rechnen, wie Einer, und die alten ur⸗ Unteroffizier' haben auch nicht allen Verſtand gefreſſen.“ mer Der Schultheiß ſah ihn grimmig an. uus Als Aloys vor das Rad hinging, war ſeine Haltung lle. faſt herausfordernd keck. Mehrere Looſe kamen ihm in und die Hand, als er in das Rad griff; er drückte die Augen ein feſt zu, gleich als wolle er nicht ſehen, was er nehme, zer und zog eines heraus; zitternd reichte er es hin, denn er 16 fürchtete, daß es eine hohe Nummer ſein könne. Als er aber den Ausrufer„Numero 17“ rufen hörte, da johlte er ſo laut auf, daß man ihn zur Ruhe verweiſen mußte. Die Burſchen kauften ſich nun Sträuße aus gemachten 14 Blumen mit rothen Bändern daran, und nachdem ſie noch einen tüchtigen Trunk genommen, zogen ſie heimwärts. Unſer Aloys johlte und ſang am lauteſten. Oben an der Steige harrten die Mütter und viele Mädchen der Ankömmlinge, auch Marannele war darunter. Aloys, mehr vom Lärmen als vom Weine trunken, ging etwas unſicher Arm in Arm mit den Andern. Dieſe Zutraulichkeit war noch nie vorgekommen, aber heute waren ſie Alle gleich. Als die Mutter die Nummer 17 an der Mütze ihres Aloys ſtecken ſah, da weinte ſie und rief einmal über das anderemal:„daß Gott erbarm, daß Gott erbarm!“— das Marannele fragte den Aloys bei Seite:„Wo haſt du denn meinen Kreuzer?“—„Ich hab ihn verloren,“ ſagte Aloys, aber trotz ſeiner halben Unbewußtheit ſchnitt ihm dieſe Lüge doch tief in die Seele. Die Burſchen zogen nun ſingend in das Dorf, und die Mütter und Mädchen der muthmaßlich„Gezogenen“ gingen weinend hinterdrein und trockneten ſich mit den Schürzen die Thränen.—— Es waren noch ſechs Wochen bis zur Viſitation, und darauf kam ja eigentlich Alles an. Mutter Marei nahm einen großen Ballen Butter und einen Korb voll Eier und ging zu der Frau Doetorin; die Butter ſchmierte ſich trotz des kalten Winters doch recht gut, Mutter Marei erhielt die Verſicherung, daß ihr Aloys frei werden ſollez „denn,“ ſagte der gewiſſenhafte Arzt:„der Aloys iſt ja ohnehin untauglich, er ſieht ja nicht gut in die Ferne, und darum iſt er ja manchmal ſo tappig.“ Der Aloys aber kümmerte ſich gar nicht um all dieſe Geſchichten, er war ganz verändert, ſchwenkte ſich und pfiff immer, wenn er das Dorf hinaufging. Der Tag der Viſitation kam, die Burſchen gingen dießmal etwas ſtiller nach der Stadt. Als Aloys in das Viſitationszimmer gerufen wurde und er ſich entkleiden mußte, da ſagte er keck:„Kusperet mich nur aus, ihr werdet kein Unthätele an mir finden; ich hab' keinen Fehler, ich kann Soldat ſein.“ Er mußte 4 — och iele ing ieſe ute ind daß bei Ich en nd en 15 ſich unter das Maß ſtellen, und als er es vollauf hatte, wurde er als Soldat eingetragen; der Arzt vergaß Kurz⸗ ſichtigkeit, Butter und Eier bei der kecken Rede des Alohs. Jetzt, als es Ernſt geworden und er unwiderruflich Soldat war, jetzt wurde es dem Aloys ſo bang, daß er hätte weinen mögen. Als er aber vom Oberamte herab⸗ kam, und ſeine Mutter ſich weinend von den ſteinernen Stufen erhob, da richtete ſich ſein Stolz wieder auf und er ſagte:„Mutter, das iſt nicht recht, Ihr müßt nicht greinen; bis in einem Jahr bin ich wieder da, und unſer Kaver kann ſchon dieweilen das Sach' im Feld ſchaffen.“ Nach der erlangten Gewißheit ihres Soldatenſtandes brachten die Burſchen mit Trinken, Singen und Johlen ein, was ſie zuvor zu wenig gethan zu haben glaubten. Als der Aloys heim kam, gab ihm das Marannele weinend einen Rosmarinſtrauß mit rothen Bändern d'ran und nähte ihm denſelben auf ſeine Mütze. Aloys aber zog ſeine Pfeife heraus, rauchte flott durch das ganze Dorf hinauf und zechte mit ſeinen Kameraden bis tief in die Nacht. Noch ein dritter ſchmerzlicher Tag war zu überwinden, es war der Tag, wo die Rekruten nach Stuttgart ein⸗ rücken mußten. Aloys ging früh in des Jakoben Haus, das Marannele war im Stall, es mußte jetzt ſelber alle Arbeit verrichten; Aloys ſagte:„Marannele, gib mir deine Hand;“ ſie gab ſie ihm und er ſagte wieder:„verſprich mir, daß du nicht heiratheſt, bis ich wieder komm'.“— „Gewiß nicht,“ betheuerte ſie, und er ſagte,„So, jetzt bin ich fertig, aber halt— komm, gib mir auch einen Kuß.“ Marannele küßte ihn, und die Kühe und Ochſen ſahen verwundert zu, als wüßten ſie, was vorging. Aloys klopfte nun noch jeder Kuh und jedem Ochſen auf den Bug, und nahm ſo auch Abſchied von ihnen; ſie brummten vor ſich hin. Der Jorgli hatte ſeine Pferde an den Wagen geſpannt, um die Rekruten einige Stunden weit zu führen, und ſo fuhren ſie nun ſingend durch das Dorf; des Bäckers Konrad, der die Klarinette blies, ſaß mit auf dem Leiterwagen 16 und begleitete die Liederweiſen. Man fuhr im Schritt. Von allen Seiten drängten ſich noch die Freunde herbei und reichten eine Hand oder auch einen Abſchiedstrunk. Das Marannele ſchaute zum Fenſter heraus und grüßte noch freundlich. Man näherte ſich dem Ende des Dorfes, und nun wurde nochials„das Geſätz“ geſungen: Naus, naus,'naus und'naus, Zum Nordſtetter Thörle'naus ꝛc. Als man aber das Dorf verlaſſen hatte, wurde der Aloys plötzlich mäuschenſtille. Er ſchaute mit naſſen Augen überall umher; hier neben auf der Haide„Hochbur“ ge⸗ nannt, hatte das Marannele das Tuch gebleicht, von dem er das Hemd anhatte; es war ihm, als ob alle Fäden brenn⸗ ten, ſo heiß war es ihm. Er ſagte allen Bäumen an der Straße und allen Feldern wehmüthig Ade. Drüben im Schießmauernfeld, dort liegt ſein beſter Acker; er hat ihn ſo oft„umgezackert,“ daß er jedes Steinchen kennt. Dort neben hat er noch vorigen Sommer mit dem Marannele Gerſte geſchnitten, weiter unten im„Hennebühl“ liegt ſein Klee⸗ acker, er hat ihn geſäet, er ſollte ihn nicht wachſen ſehen. So ſchaute Aloys lange umher, und als man die Steige hinabfuhr, blickte er vor ſich hin und ſprach kein Sterbens⸗ wörtchen. Als man über die Brücke fuhr, ſtarrte er hinab in den Fluß; wer weiß, ob er jetzt noch ſo keck ſeinen Glückskreuzer hinabgeworfen hätte?— Durch die Stadt ging zwar das Singen und Johlen wieder von Neuem an, aber erſt als man jenſeits auf der Spitze der Bildechinger Steige angekommen war, da ath⸗ mete Aloys wieder frei auf: vor ihm ſtand ja ſein liebes Nordſtetten, man meinte, man könnte hinüberrufen, ſo gleichauf lag es mit dem Berge, obgleich es faſt eine Stunde fern war. Er ſah das gelb angeſtrichene Haus des Schmieds Jörgli mit den grünen Läden, und zwei Häuſer davon wohnte das Marannele. Er ſchwenkte ſeine Mütze und begann nochmals: Naus, naus, naus und'naus ꝛ. — 1 Der Jorgli führte die Rekruten bis Herrenberg, von dort an gingen ſie zu Fuß. Beim Abſchied fragte Jörgli den Aloys:„Soll ich nichts ausrichten an's Marannele?“— Aloys ſchoß alles Blut in den Kopf. Der Jörgli war ihm gerade der unrechteſte Botenmann, und doch hatte er eben den Mund geöffnet, um einen Gruß zu ſagen. Unwillkürlich aber brach er in die Worte aus:„Du brauchſt gar nichts mit ihm zu ſchwätzen, es kann Dich auch für den Tod nicht ausſtehen.“ Der Jorgli fuhr lachend davon. Unterwegs hatten die Rekruten noch ein bemerkens⸗. werthes Abenteuer: ſie zwangen nämlich im Böblinger Walde einen Holzbauern, ſie den zwei Stunden langen 1 Wald zu fahren; Aloys war der Aergſte dabei; er hatte 1 den Jörgli ſo oft von verwegenen Soldatenſtreichen erzählen hören, und er wollte auch ſo ſein. Er war aber auch der Erſte, der am Ende des Waldes ſeinen ledernen Beutel öffnete, und dem wieder umkehrenden Bauern Etwas gab. Vor dem Tübinger Thore wurden die Ankömmlinge von einem Feldwebel in Empfang genommen. Mehrere Nordſtetter Soldaten waren ihren Landsleuten entgegen gegangen, der Aloys biß die Zähne über einander, als ſie Alle:„Grüß Gott, Tolpatſch!“ ſagten. Das Johlen und 13 Singen hatte nun ein Ende, ſtill wie eine Heerde Schafe wurden die Rekruten in die Legionskaſerne geführt. Aloys ſagte ſeinen Landsleuten, daß er als Freiwilliger zur Kavallerie gehen wolle, denn er wollte es dem Jörgli nachmachen. Als er aber hörte, daß er dann wieder nach Hauſe müſſe, da das Exercitium der Kavallerie erſt im Herbſte beginne, da dachte er: Nein, das geht nicht, ich muß als ein ganz anderer Kerl heimkommen, dann ſoll mir noch Einer Tolpatſch ſagen, ich will Euch ſchon tolpatſchen.“ Aloys wurde nun in das fünfte Infanterieregiment eingereiht, er war gegen alle Erwartung anſtellig und gelehrig. Leider hatte er auch hier ein Mißgeſchick, denn er bekam einen Zigeuner als ſeinen„Schlaf“.*) Der Schlafkameraden, da ſtets zwei Soldaten auf einer Pritſche ſchlafen. 2 18 Zigeuner hatte einen abſonderlichen Widerwillen vor dem Waſſer. Aloys mußte ihn auf Befehl des Rottenmeiſters jeden Morgen an den Brunnen hinabführen und ihn tüchtig waſchen. Anfangs machte das dem Aloys Spaß, nach und nach wurde es ihm aber ſehr zur Laſt; er hätte lieber ſechs Ochſen die Schwänze, als dem Zigeuner das Geſicht gewaſchen. In der Kompagnie unſeres Aloys war auch ein ver⸗ lorener Maler. Er ſpürte bei Aloys manchen Mutter⸗ pfennig, und nun begann er ihn zu malen, in ganzer Uniform mit Ober⸗ und Untergewehr, und der Fahne neben ihm. Das war aber auch Alles, was man erkennen konnte, denn das Geſicht war eben ein Geſicht und weiter nichts. Darunter ſtand jedoch mit ſchönen lateiniſchen Buchſtaben: Aloys Schorer, Soldat im fünften Infanterie⸗ Regiment. Aloys ließ das Bild unter Glas und Rahmen bringen und ſchickte es mit dem Boten ſeiner Mutter. In dem Briefe, der dabei war, ſchrieb er:„Mutter! hänget das Bild in der Stube auf, zeiget es auch dem Marannele, hänget es über dem Tiſch auf, aber nicht zu nah am Turteltaubenkäfig, und wenn das Marannele das Bild haben will, ſo ſchenket es ihm, und mein Kamerad, der es gemacht hat, ſagt, Ihr ſolltet mir auch ein Bällele Butter und ein paar Ellen reiſten Tuch*) für meinem Feldwebel ſeine Frau, wir heißen ſie nur die Feldwebelina, ſchicken. Ich hab' auch von meinem Kameraden tanzen gelernt, ich gehe Sonntags zum erſtenmal nach Häslach zum Tanz. Brauchſt nicht zu maulen, Marannele, ich will mich nur probiren. Und das Marannele ſoll auch ſchreiben. Hat der Jakob ſeine Ochſen noch, und hat die Bleßkuh noch nicht gekalbt? Es iſt doch kein recht Geſchäft das Soldatenleben, man wird hundsrackermüd' und hat doch nichts geſchafft.“ Die Butter kam, und dießmal half ſie beſſer; der *) Hänfenes Linnen. Zigeuner wurde einem Andern zugewieſen. Bei der Butter war aber auch ein Brief, den der Schullehrer geſchrieben, darin hieß es: „Unſer Mathes hat aus Amerika fünfzig Gulden geſchickt. Er hat auch geſchrieben, wenn du nicht Soldat wärſt, könnteſt du jetzt zu ihm, er wollte dir dreißig Mor⸗ gen Ackers ſchenken. Halt' dich nur brav und laß dich nicht verführen, der Menſch iſt gar leicht verführt. Das Marannele trutzt ſo halb und halb mit mir, ich weiß nicht warum; als es dein Bild geſehen hat, hat es geſagt, das wärſt du gar nicht.“— Bei dieſen Worten ſchmun⸗ zelte der Aloys, denn er dachte: ſo iſt's recht, ja ich bin auch jetzt ein ganz anderer Kerl; hab ich Dir's nicht geſagt, Marannele? gelt Du?“ Monate waren vorüber, der Aloys wußte, daß nächſten Sonntag Kirchweih in Nordſtetten ſei; er erhielt durch ſeinen Feldwebel auf vier Tag Urlaub, er durfte in ganzer Uniform, mit Säbel und Tſchako nach Haus. O du Glücklicher! wie ſelig warſt du, als du Samſtag Morgens dein Putzzeug in den Tſchako legteſt und mit einem„Bhüt's Gott“ bei deinem Feldwebel Abſchied nahmſt! So eilig aber auch unſer Aloys war, ſo ſprach er doch noch mit der Wache am Kaſernenthor und mit der Wache am Tübinger Thor; er mußte es Allen ſagen, daß er heim ging, ſie ſollten ſich mit ihm freuen, und ihn dauerten die Kameraden, die ſo mir nichts dir nichts auf einem kleinen Fleck zwei Stunden lang umherwandeln mußten, während er in dieſer Zeit ſchon ſeiner Heimath um Vieles, Vieles näher war. Erſt vor Böblingen machte er Halt und trank auf der Waldburg einen Schoppen. Er konnte aber nicht ruhig auf dem Stuhle ſitzen, ſondern ging alsbald wieder fürbaß. In Nufringen begegnete ihm der Kobbel wieder, der ihn einſt ſo geneckt hatte; ſie reichten ſich freundlich die Hand. Aloys hörte viel von der Heimath, aber kein Wort von Marannele, und er ſcheute ſich, darnach zu fragen. In Bohndorf endlich zwang er ſich zur Raſt; er hätte 20 ſich ſonſt noch den„Herzbengel“ eingerennt, wenn er ſo fortgelaufen wäre. Er ſtreckte ſich auf eine Bank hin und überdachte, wie Alles aufgucken werde, wenn er heim komme; dann ſiellte er ſich wieder vor den Spiegel, ſetzte den Tſchako etwas nach dem linken Ohre, drehte die Locke auf der rechten Seite und nickte ſich Beifall zu. Es war Abend geworden, als er wieder auf der An⸗ höhe vor Bildechin⸗ gen ſtand, ihm ge⸗ genüber ſeine liebe Heimath; er johlte nicht mehr, er ſtand ruhig und feſt und machte ſeinem Geburtsorte den militäriſchen Gruß, indem er die Hand an den Tſchako legte. Immer langſamer ging Aloys, er wollte abſichtlich bei Nacht nach Hauſe kommen, um dann des andern Morgens Alle zu überraſchen. Sein Haus war eines der erſten im Dorfe, es war Licht in der Stube, er klopfte an das Fenſter und ſagte:„Iſt der Aloys nicht da?“ i 21 „Jeſus Maria Joſeph, ein Schandarm!“ rief die Mutter. „Nein, ich bin's, Mutter,“ ſagte Alohs, und nachdem er wegen der niedrigen Thüre den Tſchako abgenommen ging er hinein und reichte der Mutter die Hand. Bald nach den erſten Begrüßungen äußerte die Mutter ihre Bekümmerniß, daß nichts mehr zu eſſen da ſei, ſie ging aber hinaus in die Küche und ſchlug ihm ein Paar Eier ein. Aloys ſtand bei ihr am Heerde, und nun er⸗ zählte er Alles. Er fragte nach Marannele und warum ſein Bild noch draußen hänge. Die Mutter erwiederte: „Ich bitt' dich, ich bitt' dich, ſchlag' dir das Marannele aus dem Sinn, das iſt ein keinnütziges Ding.“ „Mutter, redet mir nimmer davon, ich weiß, was ich weiß,“ ſagte der Aloys; ſein vom Feuer auf dem Heerde roth überſchienenes Antlitz hatte einen gewaltigen trotzigen Ausdruck. Die Mutter ſchwieg, und in die Stube zurück⸗ gekehrt, ſah ſie mit Herzensfreude, was ihr Aloys für ein prächtiger Burſch geworden war. Jeden Biſſen, den er ſchluckte, ſchmeckte ſie ihm in ihrem leeren Munde nach; den Tſchako aufhebend, jammerte ſie über ſeine grauſame Schwere. Des andern Morgens ſtand der Aloys früh auf, fum⸗ melte ſeinen Tſchako, putzte das Behäng am Säbel und die Knöpfe, mehr als wenn er zur Ordonnanz gemußt hätte. Als es zum Erſtenmale zur Kirche läutete, ſtand er fir und fertig da, als es zum Zweitenmale zuſammen läutete, ging er das Dorf hinein. Auf dem Wege hörte er zwei Buben mit einander reden. „Iſt das nicht der Tolpatſch?“ ſagte der Eine. „Nein, er iſt's nicht.“ „Ja er iſt's,“ ſagte der Erſte wieder. Aloys ſchaute die Buben grimmig an, und ſie rannten mit ihren Geſangbüchern davon. Aloys ſchritt, von allen Kirchgängern freundlich begrüßt, der Kirche zu. Er kam vor dem Hauſe Marannele's vorbei, Niemand ſchaute heraus, er ging den Berg hinan, oft zurückſchauend, und trat, als „ 22 es eben zum Drittenmale läutete, in die Kirche. Er zog ſeine weißledernen Handſchuhe aus und beſprengte ſich mit Weihwaſſer. Er blickte überall in der Kirche umher, er ſah nirgends das Marannele, er blieb an der Thüre ſtehen, auch unter den Ankömmlingen war es nicht. Der Geſang begann, die Stimme Marannele's war nicht darunter; er hätte ſie ja aus tauſenden heraus erkannt. Was nützte ihm nun das Staunen Aller? Es ſah ihn ja nicht, für es allein war er den weiten Weg gerannt und ſtand er da, ſo feſt und ſtramm wie gegoſſen. Als aber nach der Predigt der Pfarrer die Marianne Bomüller von hier und den Georg Melzer von Wieſenſtetten als Brautpaar ver⸗ kündete, da ſtand der Aloys nicht mehr da wie gegoſſen, da zitterten ſeine Kniee und ſeine Zähne klapperten. Aloys war der Erſte aus der Kirche. Er rannte über Hals und Kopf nach Haus, warf Säbel und Tſchako auf den Stu⸗ benboden und verſteckte ſich im Heu und weinte. Einmal über das andere kam ihm der Gedanke, ſich zu erhängen, aber er konnte nicht aufſtehen vor Wehmuth und Weinen; alle ſeine Glieder waren ihm wie zerſchlagen, und dann dachte er auch wieder an ſeine Mutter, und dann weinte er wieder und ſchluchzte laut. Die Mutter kam endlich und fand ihn im Heu, ſie tröſtete ihn und weinte mit. Er erfuhr nun, daß der Jörgle das Marannele verführt hatte, und daß es hohe Zeit ſey, daß ſie zuſammen gegeben würden. Er weinte. von Neuem, dann aber folgte er ſeiner Mutter wie ein Lamm in die Stube. Als er hier ſein Bild anſichtig wurde, riß er es von der Wand und ſchmetterte es auf den Boden. Lange ſaß Aloys dann hinter dem Tiſche und hielt ſich das Geſicht mit beiden Händen bedeckt, end⸗ lich ſtand er auf, pfiff ein luſtiges Lied und ließ ſich zu eſſen geben; er konnte aber nicht eſſen, er zog ſich an und ging in das Dorf. Die Nachmittagskirche war vorüber, aus dem Adler tönte die Muſik zu ihm herab. Die Augen niederſchlagend, gleich als müßte Er ſich ſchämen, ging er 23 309 an des Jakoben Haus vorbei; als er aber vorüber war, hob nit er ſeinen Blick ſtolz empor. Nachdem er beim Schultheiß et ſeinen Urlaubspaß abgegeben, ging er nach dem Tanz⸗ hen, boden. Er ſchaute überall umher, ob Marannele nicht da ang wäre, und doch wäre ihm nichts unlieber geweſen, als et das. Der Jörgli aber war da; er trat auf Aloys zu, ütze reichte ihm die Hand und ſagte:„Grüß Gott, Kamerad!“ für Der Aloys ſah ihn an, als ob er ihn mit ſeinen Blicken er vergiften wollte; dann drehte er ſich um, ohne ihm eine der Hand oder Antwort zu geben. Er dachte jetzt, daß es und eigentlich geſcheiter geweſen wäre, wenn er geſagt hätte: er⸗„Was Kamerad! der Teufel iſt dein Kamerad, aber ich en, nicht.“ Es war indeß zu ſpät zu dieſer Antwort. h Von den Tiſchen brachten es nun alle Buben und nd Mädchen unſerm Aloys zu, er mußte aus jedem Glas u⸗ trinken, aber es ſchmeckte ihm Alles wie Galle ſo bitter. al Er ſetzte ſich dann auch an den Tiſch und ließ ſich eine n,„Bouteille vom Beſten“ geben, und obgleich es ihm nicht ſchmeckte, trank er doch ein Glas nach dem andern. Die Mechtilde, die Tochter ſeines Vetters, des Mathes vom m te Berg, ſtand nicht weit von ihm; er brachte es ihr zu. Das Mädchen that ihm herzlich Beſcheid und blieb bei ie ihm ſtehen, denn es kümmerte ſich Niemand um ſie, ſie er hatte keinen Schatz und darum heute noch keine Tour he getanzt, da Jeder faſt fort und fort mit ſeinem Schatze 3 tanzte oder mit der Geſpielin des Schatzes und dem Schatz n eines Andern wechſelte. Aloys fragte: „Mechtilde, möchteſt du nicht auch tanzen?“ „Ja, komm', wir wollen einmal.“ Sie faßte Aloys 6 bei der Hand, er ſtand auf, zog ſeine Handſchuhe an, ſchaute ſich nochmals um, als ſuche er Etwas und tanzte dann ſo flink, daß Alle ſtaunten. Aus Hoflichkeit bot * Aloys nach dem Tanze der Mechtilde Platz neben ſich an; er lud ſich damit eine Laſt auf, denn ſie blieb nun den . ganzen Abend bei ihm ſitzen. Er kümmerte ſich indeß wenig um ihre Unterhaltung, er ſchob ihr nur bisweilen 24 das Glas hin, daß ſie trinken ſolle. Die Zornesblicke des Aloys waren faſt immer auf den Jörgli geheftet, der ſich nicht weit von ihm geſetzt hatte. Als man denſelben fragte, wo das Marannele ſey, ſagte er, es ſey„unpaß,“ und lachte dabei. Aloys biß ſo mächtig auf ſeine Pfeife, daß ihm ein Gelenk der Spitze im Munde blieb, er ſpie es mit Pfui! aus; der Jörgli ſah ihn wüthend an, denn er glaubte, das Pfui gelte ihm. Als aber Aloys ruhig blieb, zuckte Jörgli nur verächtlich mit den Achſeln und begann allerlei Schelmenlieder zu ſingen. Sie hatten meiſt einerlei Weiſung und faſt alle nur Ein Geſätz wie: Und a luſtiger Bua Verreißt allbot*) e Paar Schua; Und a trauriger Narr Der hot lang am e Paar. Es war ſchon bald Mitternacht, als Aloys wiederum ſeinen Säbel von der Wand nahm und nach Hauſe gehen wollte. Da ſang der Jörgli mit ſeinen Kameraden das Fopplied, ſie ſchlugen dabei mit den Fäuſten auf den Tiſch Hoan,**) hoan, hoan gang i net, Wer will ſchaun hoame n Der muß koan Geld mei haunz;) Hoan! hoan! hoan gang i net. Aloys kehrte nochmals mit einigen ſeiner Kameraden um, und ließ ſich noch zwei Flaſchen Wein geben. Sie ſangen nun andere Lieder drein, während Jörgli mit ſeinen Kameraden ſang; Jörgli ſtand auf und rief:„Halt's Maul, Tolpatſch.“ Da ergriff dieſer eine volle Flaſche und warf ſie dem Jörgli in's Geſicht, drauf ſprang er über den Tiſch und packte ihn an der Gurgel, die Tiſche fielen um, die Gläſer klirrten auf dem Boden, die Muſik hielt ein, eine Weile war Alles ſtill, es war, als wollten ſich die beiden ²) Oftmals. **) Heim.***) Gehen. 4) Mehr haben. Kä all ein Bo ihr kle w ar di b E un Un ſch M kär 25 Kämpfenden ſtill erwürgen; dann aber entſtand wieder ein ſule allgemeines Halloh, Pfeifen, Schreien und Toben unter n einander. Die Freunde wehrten ab, indeß nach einer alten Fit Bauerntaktik hielten ſie beim Abwehren nur den Gegner ihres Freundes feſt, damit dieſer um ſo tüchtiger drauf rit klopfen konnte. Die Mechtilde aber riß den Jörgli ſo denn wacker am Kopf, daß ſie ihm ein ganz Büſchel Haare ruhig ausraufte. Stuhlbeine wurden nun abgeknickt, die Parteien, und die ſich um die beiden Kämpfenden gebildet hatten, zer⸗ miſt bläuten einander nach Herzensluſt. Aloys und Jörgli aber hielten ſich, wie wenn ſie ſich in einander verbiſſen hätten. Endlich nach langem Ringen hob ſich Aloys in die Höhe und warf den Jörgli auf den Boden, daß man meinte, er hätte das Genick gebrochen, dann kniete er auf ihn nieder, und es war, als ob er ihn erdroſſeln wollte. Der Dorf⸗ ſchütz trat ein und machte dem Lärmen ein Ende. Die Muſik mußte nun für heute aufhören, die beiden Haupt⸗ as kämpfer mußten in das Gefängniß des Rathhauſes wandern. ſch Mit einem zerrauften, blaumäligen Geſichte, bleich und abgehärmt, verließ Aloys des andern Tages das Dorf. Sein Urlaub war erſt morgen zu Ende, aber was ſollte er noch zu Hauſe? Er ging ſo gern wieder fort in's Sol⸗ datenleben, er wäre am liebſten in den Krieg gezogen. Der Schultheiß hatte ihm die Rauferei in den Paß geſchrieben, den Aloys ging einer harten Strafe entgegen. Er ſchaute ſich Sie nicht mehr um, er ging fort, ohne es zu wiſſen, und nen wünſchte nie mehr wiederzukehren. Als er in Horb den ul, Wegweiſer nach Freudenſtadt ſah, von wo aus man nach arf Straßburg geht, hielt er eine Weile ſtill, er gedachte nach ſſch Frankreich zu deſertiren. Da grüßte ihn unverſehens Mechtilde die und fragte:„Ei Aloys, gehſt du ſchon wieder nach Stuttgart?“ ine„Ja,“ antwortete dieſer, und ſchlug den Weg dahin ein. 4 den Die Mechtilde war wie ein Wegweiſer vom Himmel erſchie⸗ nen. Mit einem freundlichen„B'hüt' Gott“ ſchied er von ihr. Auf dem Wege ſummze ihm immer das Lied im Kopfe, das der Jorgli einſt zuerſt geſungen hatte; jetzt konnte es „ 26 der Aloys auch ſingen und jetzt paßte es erſt ganz auf das Marannele. Er ſummte immer, ohne daß er es wußte vor ſich hin: Ach wie bald, ach wie bald Schwindet Schönheit und Geſtalt. Thuſt Du ſtolz mit Deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Ach, die Roſen welken all. In Stuttgart angelangt, ſprach er nicht mehr mit der Wache am Tübinger Thor und der an der Kaſerne, er ſchaute wie ein Verbrecher kaum auf. Acht Tage mußte er im„dritten Grad,“ in einem finſtern Gefängniſſe, ſeine Rauferei abbüßen. Oft war er ſo ungeduldig und wild, daß er ſich an der Wand den Kopf entzwei rennen wollte, dann aber lag er wieder faſt Tag und Nacht im halben Schlaf. Als er aus dem Gefängniſſe kam und auf ſechs Wochen in die Strafklaſſe eingetheilt wurde, die ſich keine Stunde von der Kaſerne entfernen darf, ſondern immer zum Appell bereit ſein muß, da verfluchte er ſeinen Vorſatz, daß er zum Militär gegangen war und ſich ſo noch auf ſechs Jahre an die Heimath gebunden hatte. Er wäre gern fort, fort, ſo weit als es ging. Da kam eines Tags Mutter Marei mit einem Briefe von ihrem Mathes aus Amerika. Er hatte vierhundert Gulden geſchickt, damit ſich der Aloys einen Acker kaufe, oder wenn er zu ihm wolle, ſich mit dem Gelde vom Militär losmache. Der Aloys, der Mathes vom Berg mit ſeiner Frau und ſeinen acht Kindern, darunter auch die Mechtilde, wanderten noch dieſen Herbſt gemeinſchaftlich nach Ame⸗ rika aus. Als Aloys auf der See war, da ſummte er oft die Strophe des allbekannten Liedes vor ſich hin, er verſtand ſie erſt jetzt recht: „———— f das ußte, t der ußte ſeine vild, llte, ben chen nde pell er chs ern iefe ert fe, om au de, ne⸗ die 27 „Das, das, das und das, Das Schifflein hat den Lauf; Der, der, der und der, Der Schiffmann ſteht ſchon d'rauf, Spür' ich einen rechten Sturmwind weh'n Als wollt' das Schiff zu Grunde geh'n, Da ſtehen meine Gedanken Zu wanken.“ In ſeinem letzten Briefe, vom Ohio, ſchreibt der Aloys an ſeine Mutter: Es druckt mir oft ſchier das Herz ab, daß ich al das viele Gut ſo allein genießen ſoll. Ich wünſch' mir oft ganz Nordſtetten herbei: den alten Zahn, das blinde Konradle, das Schackerle von der Steingrub, den Soges, den Sauerbrunnenbaſche und das Maurizele vom Hungerbrunnen, die ſollten ſich alle bei mir ſatt eſſen, bis ſie nimmer weiter können. Was hab' ich davon, wenn ich ſo allein da bin? Da könntet ihr dann auch ſehen, wie der Tolpatſch jetzt ſeine vier Roſſ' im Stall und zehn Fohlen im Felde hat. Wenn's dem Marannele nicht gut geht, ſchreibet mir's auch, ich will ihm'was ſchicken; es darf aber nichts davon erfahren, von wem es iſt, es dauert mich in's Herz hinein. Der Mathes vom Berg wohnt eine Stund' von mir. Die Mechtilde iſt eine tüchtige Schafferin, aber ſie iſt doch kein Marannele. Wenn es ihm nur auch gut geht. Hat es ſchon Kinder? Auf der Ueberfahrt iſt auch ein geſtudirter Landsmann, der Doktor Stäberle von Ulm, bei uns geweſen, der hat mir an einer Weltkugel gezeigt, daß, wenn in Amerika Tag, es in Nordſtetten Nacht iſt, und ſo umgekehrt; ich hab nicht mehr daran gedacht, aber jetzt, wenn ich als im Feld bin und ſo denk: was machen ſie denn jetzt in Nordſtetten? da fällt mir's ein: Potz Blitz, die ſchlafen ja jetzt, und des Schackerle's Hannes, der Nachtwächter, ruft ſein: „B'hüt' uns Gott und Maria.“ Am Sonntag iſt mir's am ärgſten, daß in Nord⸗ ſtetten jetzt Samſtag zu Nacht iſt. Das ſollt' nicht ſein, es ſollt' Alles einen Tag haben. Am letzten Sonntag haben wir aber doch beim Mathes auf dem Berge getanzt, da war ja Kirchweih in Nordſtetten. Ich vergeſſ' das nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde. Ich möcht' nur auch einmal wieder eine Stund' in Nordſtetten ſein, da wollt' ich auch dem Schultheiß zeigen, was ein freier Bür⸗ ger von Amerika iſt.“ u c II. Die Rriegspfeifr. Das iſt eine ganz abſonderliche Geſchichte, die aber doch mit der neuern Weltgeſchichte, oder was faſt einerlei iſt, mit der Geſchichte Napoleon's, ganz genau zuſammen⸗ hängt. Damals war eine außerordentliche Zeit. Jeder Bauer konnte aus der Königsloge ſeines eigenen Hauſes die ganze Weltgeſchichte vorbei defiliren und agiren ſehen, Könige und Kaiſer ſpielten darin mit, und erſchienen bald ſo, bald ſo angezogen; und dieſes ganze großartige Schau⸗ ſpiel koſtete den Bauer oft weiter nichts als Haus und Hof und etwa noch ſein Leben. So arg ging's aber meinem Nachbar Hansjörg nicht; doch— ich will die Geſchichte von vorn erzählen. Es war im Jahr 1796. Wir in unſerer mäuschen⸗ ſtillen Zeit, wir Kinder des unbefriedigten Friedens, können uns kaum einen Begriff von der damaligen Unruhe machen; es war als ob die Leute gar nirgends mehr feſt zu Hauſe wären, als ob das ganze Menſchengeſchlecht ſich auf die Beine gemacht hätte, um Einer den Andern da und dorthin zu treiben. Ueber den Schwarzwald zogen bald die Oeſter⸗ reicher mit ihren weißen Wämmſern, bald die Franzoſen mit ihren luſtigen Geſichtern, dann wieder die Ruſſen mit ihren langen Bärten, und zwiſchen drin ſteckten die Baiern, Würtemberger, Heſſen, in allerlei Geſtalt. Der Schwarz⸗ wald war das allzeit offene Thor für die Franzoſen, und jetzt eben iſt man endlich dran, einen Riegel vorzuſchieben. Es war alſo oftmals ein Marſchiren, Retiriren und Vor⸗ dringen, ein Schießen und Donnern, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf ſtand; wirklich blieb er manchmal auch 32 nicht ſtehen, ſondern purzelte unverſehens um. Nicht weit von Baiſingen iſt mitten auf dem ebenen Felde eine An⸗ höhe ſo hoch wie ein Haus, und drunter ſollen lauter todte Soldaten liegen, Franzoſen und Deutſche bei einander. Mein Nachbar Hansjörg war aber davor behütet, Soldat werden zu brauchen, obſchon er ein ſchmucker und handfeſter Burſch war, der ſich überall ſehen laſſen durfte, und er eben in das neunzehnte Jahr trat. Das kam nämlich davon. Am Tage vor des& Maurers Wendel Hochzeit, der eine Frau von Empfingen hat, ritt der Hansjörg mit den Andern hinter dem Wagen drein, auf S dem die Braut mit dem Hausrath auf dem 6 blau angeſtrichenen Kaſten neben der Kunkel und der nagel⸗ neuen Wiege ſaß. Der Hansjörg ſchoß immer am teufel⸗ mäßigſten, er that immer eine doppelte Ladung in die Piſtole. Als nun der Zug bei der Leimengrube ankam, wo rechts der Weiher und links die Ziegelhütte iſt, aus der das Kätherle herausſah, da ſchoß der Hansjörg wieder, aber faſt noch — „ 33 ehe man den Knall hörte, hörte man den Hansjörg gotts⸗ erbärmlich ſchreien. Die Piſtole entfiel ſeiner Hand, er ſelbſt wäre vom Pferde gefallen, wenn ihn ſein Kamerad, der Fideli, nicht gehalten hätte. Jetzt ſah man, was ge⸗ ſchehen war: der Hansjörg hatte ſich am mittlern Gelenk den Zeigefinger der rechten Hand abgeſchoſſen; er wurde nun vom Pferde herunter gehoben. Alles ſprang mitleidig herzu, und auch das Kätherle aus der Ziegelhütte kam herbei und wurde faſt ohnmächtig, als es ſah, wie der Finger des Hansjörg nur noch an der Haut hing; der Hansjörg aber biß vor Schmerz die Zähne über einander und blickte ſtarr auf das Kätherle. Er wurde nun in das Haus des Zieglers gebracht. Der alte Jockel vom Schenbuß, der das Blut ſtillen konnte, wurde ſchnell herbeigerufen; ein Anderer lief nach der Stadt zu dem Erath, einem vielgeliebten Chirurgus.— Als der alte Jockel ins Zimmer trat, war Alles plötzlich ſtill und wich vor ihm zurück, ſo daß alle Anweſenden zu beiden Seiten eine Fronte bildeten, durch welche er zu dem Verwundeten ſchritt, der hinter dem Tiſche auf der Bank lag. Nur das Kätherle trat vor und rief:„Um Gotteswillen Jockel, helfet dem Hansjörg.“ Dieſer ſchlug die Augen auf und wendete den Kopf nach der Redenden, und als nun der Jockel vor ihm ſtand und leiſe murmelnd die Hand be⸗ rührte, da hörte das Blut ſchon auf zu rinnen. Das war aber dießmal nicht durch die Sympathie Jockel's geſchehen, ſondern durch eine andere Sympathie, nämlich durch die zwiſchen dem Kätherle und dem Hans⸗ jörg. Denn als dieſer die Worte Kätherle's hörte, fühlte er, wie ihm alles Blut nach dem Herzen drang, und dadurch hörte das Bluten des Fingers auf. Der Erath kam und dem Hansjörg wurde nun der Finger abgenommen. Er hielt ſich bei dem grauſamen Schmerze wie ein Held. Als er ſchon einige Stunden darauf im Wundfieber lag: war es ihm, als ob ein Engel zu ihm heranſchwebte, und ihm Kühlung zuwehte.(Er wußte es nicht, daß das Kätherle ihm die Fliegen abwehrte 3 34 und dabei oft ganz nahe an ſeinem Geſichte auf⸗ und abfuhr; es kann eine ſolche Nähe— wenn auch nicht eigentliche Berührung— einer liebenden Hand eine magiſche Wirkung in dem Andern hervorrufen und dieſe kann ſich wohl in unſerm Hansjörg als eine ſolche Traumgeſtalt gebildet haben.) Dann erſchien dem Hansjörg im Traume wieder eine ganz verhüllte Geſtalt; er konnte ſich nachher nicht mehr recht erinnern, wie ſie ausſah, und— ſo ſonderbar ſind die Träume— die Geſtalt hatte einen loſen Finger im Munde und ſchmauchte damit Tabak, als ob es eine Pfeife wäre, ſo daß die blauen Wölkchen ſich aus duftigen Ringen ausbreiteten. Kätherle bemerkte, daß die geſchloſſenen Lippen Hans⸗ jörg's ſich im Schlafe mehrfach auf und nieder bewegten. Als er erwachte, war das erſte, was er verlangte ſeine Pfeife. Hansjörg hatte die ſchönſte Pfeife im ganzen Dorfe, und wir müſſen ſie näher betrachten, denn ſie iſt ein Hauptſtück in unſerer Geſchichte. Es war ein Ulmer Maſer⸗ kopf, deſſen braune Marmorirungen die wunderlichſten Figuren machten, ſo daß man ſich allerlei hineindenken konnte. Der ſilberne Deckel war wie ein Helm geformt, und ſo blank, daß man ſich drein ſpiegeln konnte und noch den Vortheil hatte, daß man ſein Geſicht doppelt und zwar zu unterſt und zu oberſt darin ſah. Auch an der untern Kante, ſo wie am Stiefel war der Pfeifenkopf mit Silber beſchlagen. Ein doppeltes ſilbernes Kettchen mit einem Sprungringe diente ſtatt der Schnur und hielt das kurze Rohr mit der langen vielgelenken, krummen Mundſpitze. War dieſe Pfeife nicht ſchön und hatte Hansjörg nicht recht, daß er ſie liebte, wie ein Held des Alterthums ſeinen Schild? Das erſte, was nun Hansjörg bei dem Verluſte ſeines Fingers ärgerte, war das, daß er ſich nun ſchwer mehr werde eine Pfeife ſtopfen können. Das Kätherle lachte und ſchalt ihn aus über ſeine Liebhaberei, aber es ſtopfte ihm doch eine Pfeife, holte eine Kohle und that ſogar ſelbſt ein Paar Züge; es ſchüttelte ſich aber und machte ein — 35 Geſicht, als ob es ſich furchtbar davor ekle. Dem Hans⸗ jörg hatte aber noch nie eine Pfeife ſo gut geſchmeckt als die, welche das Kätherle vorher im Munde gehabt hatte. Trotzdem es heißer Sommer war, durfte der Hans⸗ jorg mit ſeiner Wunde nicht nach Haus gebracht werden; er mußte alſo bei dem Ziegler bleiben. Das war unſerm Patient ſehr recht. Obwohl ſeine Eltern kamen, um ihn zu verpflegen, wußte er doch, daß ſchon Zeiten kommen würden, wo er mit dem Kätherle allein ſein würde. Andern Tages war des Maurer Wendel's Hochzeit, und als es zur Kirche läutete, pfiff der Hansjörg den unab⸗ änderlich wiederkehrenden Hochzeitsmarſch, der jetzt drinnen im Dorfe geſpielt wurde, auf ſeinem Bette nach. Nach der Kirche zog die Muſik im Dorfe umher und ſpielte vor den Häuſern, in denen die ſchönſten Mädchen waren, oder ſolchen, die Schätze hatten. Die Burſchen und 3* 36 Mädchen ſchloſſen ſich dann dem Zuge an, der, je weiter er kam, ſich immer mehr vergrößerte; ſie kamen auch vor des Zieglers Haus. Der Fideli kam, als„Geſpiele“ Hansjörgs, mit ſeinem Schatz herauf, um ſtatt des Ver⸗ wundeten das Kätherle mit zum Tanze zu nehmen; dieſes aber dankte, ſchützte Arbeit vor und blieb daheim. Der Hansjörg war hierüber hoch erfreut, und als ſie allein waren, ſagte er: „Kätherle, gräm' dich nicht, es gibt bald wieder eine Hochzeit, und da wollen wir zwei rechtſchaffen mit einan⸗ der tanzen.“ „Eine Hochzeit?“ fragte das Kätherle betrübt,„ich wüßt' nicht von wem.“ „Komm mal her,“ ſagte Hansjörg lächelnd; das Kä⸗ therle trat näher, und er fuhr fort:„Ich will dir's nur geſtehen, ich hab' mir den Finger mit Fleiß abgeſchoſſen, damit ich kein Soldat zu werden brauch'.“ Das Kätherle fuhr zurück, ſchrie laut auf und bedeckte ſich mit der Schürze das Angeſicht. „Warum ſchreiſt du?“ fragte Hansjörg,„iſt dir's denn nicht recht? Es muß dir recht ſein, denn du biſt daran ſchuld.“ „Jeſus, Maria, Joſeph! nein, gewiß nicht, ich bin daran unſchuldig. O, du lieber Heiland, was haſt du für eine Sünd' gethan, Hansjörg; du hätteſt dich ja auch todt ſchießen können; nein, du biſt ein wilder Menſch, mit dir möcht' ich nicht hauſen, ich hab' Angſt vor dir.“ Kätherle wollte ihm entfliehen, aber Hansjörg hielt es noch mit der linken Hand feſt. Es ſtand da, riß un⸗ willig, wendete ihm den Rücken zu und kaute an einem Ende der Schürze; der Hansjörg hätte Alles in der Welt drum gegeben, wenn es ihn nur einmal angeſehen hätte, aber all' ſein Bitten und Flehen war umſonſt. Er ließ nun los und wartete eine Weile, ob es ſich nicht um⸗ kehre; als es aber immer ſtumm und abgekehrt blieb, da ſagte er mit zitternder Stimme:„Willſt du nicht ſo gut ſein und meinen Vater holen? Ich will heim.“ „Nein, das darfſt du nicht, du könnteſt ja den Hunds⸗ — 4— ——— 37 krampf kriegen, hat der Erath geſagt!“ erwiederte das Kätherle, noch immer abgekehrt. „Wenn du Niemand holſt, ſo geh' ich allein,“ ſagte Hansjörg. Das Kätherle drehte ſich um und ſah ihn an mit thränenden Augen, aus denen alle Bitten und alle Mächte der liebenden Beſorgniß hell leuchteten. Hansjörg faßte Kätherle's Hand, ſie war fieberheiß, und er ſchaute lange in das Antlitz ſeines Mädchens. Es war nicht ſo was man eigentlich ſchön nennt, es war derb und kräftig; das Antlitz, ſo wie der ganze Kopf hatte eine faſt kugel⸗ runde Bildung, die Stirn war hochgewölbt, beinahe wie ein Halbkreis, die Augen lagen tief in der Biegung, die kleine Stumpfnaſe, die etwas Neckiſches und Uebermüthiges ausſprach, die runden vollen Wangen, Alles verrieth ge⸗ ſundes, friſches Leben. Hansjörg betrachtete die Hocher⸗ glühende, wie wenn ſie die Allerſchönſte geweſen wäre. So hielten ſie ſich lange und ſprachen kein Wort; endlich ſagte Kätherle:„Soll ich dir ein' Pfeif' ſtopfen?“ „Ja,“ ſagte Hansjörg, und ließ ſie los. In dem Anerbieten Kätherle's lag der beſte Ausſpruch der Verſohnung; das fühlten Beide, ſie redeten darum kein Wort mehr von ihrem Streit. Gegen Abend kamen viele Burſchen und Mädchen mit hochglühenden Wangen und freudeſtrahlenden Augen, um das Kätherle zum Tanze abzuholen; es aber wollte durch⸗ aus nicht mitgehen. Der Hansjörg lächelte vor ſich hin. Als er aber das Kätherle bat, ihm doch den Gefallen zu thun und mitzugehen, hüpfte es freudig fort und kam bald darauf ſchön geputzt wieder. Nun war aber ein neuer Uebelſtand. Trotz ihrer Gut⸗ müthigkeit wollte doch keines von Allen vom Tanze weg und beim Hansjörg bleiben; da kam zu gutem Glück der alte Jockel, und für einen guten Schoppen, den man ihm vom Wirthshauſe ſchicken wollte, verſprach er, wenn's nöthig wäre, die ganze Nacht da zu bleiben. Der Hansjörg hatte ſich von dem Erath ſeinen Finger 38 in einem mit Spiritus gefüllten Glaſe aufbewahren laſſen, er wollte dieß dem Kätherle ſchenken; aber trotz ſeiner ſonſtigen Derbheit fürchtete ſich das Mädchen davor, wie vor einem Geſpenſte, es wagte kaum das Glas anzurühren. Als nun der Hansjörg zum erſten Male das Haus ver⸗ laſſen durfte, gingen ſie mit einander in den Garten vor dem Hauſe und begruben den Finger. Hansjörg ſtand ſinnend dabei, als das Kätherle das Loch wieder zuſchau⸗ felte. Die Sünde gegen das Vaterland, die er durch ſeine Selbſtverſtümmelung begangen hatte, kam ihm nicht in den Sinn; dagegen trat ihm der Gedanke in die Seele, daß hier ein Theil der ihm von Gott verliehenen Lebens⸗ kraft eingeſcharrt werde, für die er Rechenſchaft ablegen müſſe. Er ſtand ſo zu ſagen bei lebendigem Leibe bei ſeinem eigenen Begräbniß, und der Vorſatz ſtieg in ihm auf, alle ihm noch gebliebenen Kräfte nach Pflicht und Gewiſſen treulich zu üben und anzuwenden. Ein Todes⸗ gedanke überſchauerte ihn, und mit Wehmuth und Freude ſchaute er auf, ſah ſich lebend und neben ihm ſein geliebtes Mädchen. Solche Gedanken bewegten ſich halb klar in ſei⸗ ner Seele, und er ſagte:„Kätherle, ich ſeh's wohl ein, ich hab mich ſchwer ver⸗ ſündigt und ich muß beichten; ich muß es ₰ bald vom Herzen haben, ich will gern 2 jede Buße thun.“ Kätherle umarmte und küßte ihn, und — er genoß im Voraus die ſeligſte Abſolu⸗ 39 tion, wie ſie eigentlich das wahrhaft reuige Gemüth, mit feſtem Vorſatze ausgerüſtet, ſchon allein für ſich empfinden muß. Sonntags darauf ging Hansjörg zur Beichte. Man hat nie erfahren, welche Buße ihm auferlegt wurde. Man ſollte meinen, ein Menſch müſſe einen beſondern geheimen Zug nach der Stelle hin haben, wo ein Stück ſeines lebendigen Daſeins ruht. Wie uns das Vaterland doppelt heilig iſt, weil die Gebeine unſerer Lieben darin ruhen; wie uns die ganze Erde erſt recht heilig wird, wenn wir bedenken, wie ſich die Körper unſerer Freunde und Mitmenſchen mit ihrem Staube vermiſchen, ſo muß ein Menſch, von deſſen eigenem unzertrennlichen Körper ein lebendiger Theil ſchon Erde geworden, ſich von der unendlichen Macht der irdiſchen Heiligkeit angezogen fühlen, und ſich oft nach einem Theil ſeiner Ruheſtätte hinwenden. Solche Gedanken, wenn auch eine dunkle Ahnung davon in unſerm Freunde aufſtieg, konnten jedoch, wie natürlich, bei einem Menſchen, wie unſer Hansjörg war, nicht lange haften. Er ging tagtäglich nach des Zieglers Haus, nicht weil ein Todtes, ſondern weil ihn das Leben, d. h. die Liebe zu Kätherle, hinzog. Manchmal aber ging er auch recht betrübt von dort weg, denn das Kätherle ſchien es darauf angelegt zu haben, ihn zu ärgern und zu meiſtern. Das Erſte, was das Kätherle immer und immer von ihm verlangte, war: daß er das Rauchen auf⸗ geben ſolle. Er durfte es nie küſſen, wenn er geraucht hatte, und ehe er zu ihm ging, mußte er faſt immer ſeine liebe Pfeife verſtecken; in des Zieglers Stube aber durfte er nie und nimmer rauchen, und ſo gern er auch dort war, machte er ſich doch immer nach einer Weile wieder fort. Kätherle hatte wohl recht, wenn es ihn oft damit neckte. Hansjörg ärgerte ſich gewaltig über den Eigenſinn Kätherle's, und er ſteifte ſich immer mehr auf ſeine Lieb⸗ haberei. Er meinte, es ſei unmännlich, ſich von einem Weibe etwas vorſchreiben zu laſſen; das Weib müſſe nach⸗ geben, dachte er, und dann muß man auch bekennen: es war ihm rein unmöglich, ſeine Gewohnheit aufzugeben. Er probirte es einmal während der Heuernte zwei Tage lang, aber es war ihm immer, als ob er faſte, es fehlte ihm überall Etwas, und er holte ſich ſeine Pfeife wieder, und indem er ſie vergnüglich zwiſchen den Zähnen feſthielt und dabei Feuer ſchlug, ſagte er vor ſich hin:„Eh' mag das Kätherle und mit ihm alle Weibsleut' zum Teufel gehen, eh' ich das Rauchen aufgäb'!“ Er ſchlug ſich dabei auf die Finger, und die heftig ſchmerzende Hand ſchüt⸗ telnd dachte er: das iſt Sündenſchuld, denn das iſt eigent⸗ lich doch nicht wahr. Endlich kam der Herbſt herbei, Hansjörg wurde richtig für untauglich zum Militärdienſt erklärt. Noch einige andere Bauernburſchen hatten ihm ſeine Liſt nachgeahmt, ſie hatten ſich nämlich die Schaufelzähne ausgeriſſen, damit ſie keine Patronen beißen konnten; aber die Militärcom⸗ miſſion ſah dieß als abſichtliche Verſtümmelung an, wäh⸗ rend die des Hansjörg, ihrer Gefährlichkeit wegen, als Unglück betrachtet wurde. Die Zahnlückigen wurden zum Fuhrweſen genommen und mußten nun doch mit in den Krieg ziehen. Mit einer verſtümmelten Zahnreihe mußten ſie die oft mageren Biſſen der Kriegskoſt beißen, und am Ende mußten ſie gar in's Gras beißen, wozu ſie eigentlich gar keine Zähne mehr brauchten. In den erſten Tagen des Octobers hielt der franzöſiſche General Moreau ſeinen berühmten Rückzug über den Schwarzwald. Eine Abtheilung des Zuges kam auch durch Nordſtetten. Man hörte mehrere Tage vorher davon. Es war eine Furcht und Angſt im Dorfe, daß man ſich nicht zu helfen und zu rathen wußte. In allen Kellern wurde gegraben und geſchaufelt, und Alles, was man von Geld und Koſtbarkeiten hatte, hineingelegt. Die Mädchen brach⸗ ten ihre Granatenſchnüre mit der daranhängenden ſilbernen Münze(dem ſogenannten Anhenker), ſie zogen ihre ſilber⸗ nen Ringe vom Finger und legten ſie in die Grube. Alles ging ſchmucklos umher wie bei einer großen Trauer. Das Vieh wurde bei Egelsthal in eine unwegſame Schlucht getrieben. Die Mädchen und Burſchen ſahen ſich betrübt — — 2— 41 an, wenn man von dem herannahenden Feinde ſprach; mancher Burſch faßte dann nach ſeinem Meſſergriffe, der aus der Hoſentaſche hervorſah. Am übelſten waren aber die Juden dran. Wenn man dem Bauer auch Alles nimmt, ſeinen Acker und ſeinen Pflug kann man ihm doch nicht forttragen; die Juden aber hatten all' ihr Vermögen in beweglicher Habe, in Geld und Waaren; ſie zitterten daher doppelt und dreifach. Der jüdiſche Kirchenvorſteher, ein geſcheiter und gewandter Mann, fand einen pfiffigen Ausweg. Er ließ ein großes Faß mit rothem Wein, der tüchtig mit Branntwein ver⸗ geiſtigt war, vor ſeinem Hauſe aufſtellen, auf einen Tiſch gefüllte Flaſchen ſetzen, um damit die ungebetenen Gäſte zu regaliren. Die Liſt gelang, weil die Franzoſen ohne⸗ dieß Eile hatten, weiter zu kommen. Der Tag des Durchmarſches kam und ging beſſer vorüber, als man je gehofft hatte. Die Leute im Dorfe ſtanden haufenweiſe bei einander und betrachteten die Vor⸗ überziehenden. Zuerſt kam die Reiterei, dann kam ein gewaltiger Trupp Infanterie. Hansjörg war mit ſeinen Kameraden Fideli und Raver hinausgegangen nach der Ziegelhütte; er wollte für alle Fälle dort ſein, damit dem Kätherle Nichts geſchehe. Er ging mit ſeinen Kameraden in den Garten vor dem Hauſe, und über den Zaun gelehnt, ſchinauchte er behaglich ſeine Pfeife. Das Kätherle ſchaute zum Fenſter heraus und ſagte:„Wenn du nicht rauchen willſt, Hansjörg, kannſt du mit deinen Kameraden raufkommen.“ „Wir ſind ſchon gut da,“ erwiederte der Hanszörg, drei Qualme ſchnell nach einander aufſtoßend und die Pfeife feſter faſſend. Nun kam die Reiterei. Alle ritten ungeordnet einher, ſie ſchienen kaum zuſammen zu gehören, ein Jeder küm⸗ merte ſich faſt nur um ſich, und doch ſah man's wieder, daß ſie zuſammenhielten. Einige warfen keck lachend und winkend dem Kätherle am Fenſter Kußhändchen zu, der Hansjörg fuhr raſch mit der Hand nach ſeinem Seitenmeſſer; ⸗ das Kätherle ſchob das Fenſter zu und ſchaute nur noch verſtohlen hinter den Scheiben hervor. Nach der In⸗ fanterie kamen Fouragewagen und die Wagen mit den Verwundeten. Das war ein erbärmlicher Anblick. Einer der Verwundeten ſtreckte eine Hand heraus, an der auch nur vier Finger waren; das fuhr dem Hansjörg durch Mark und Bein, es war ihm plötzlich, als ob er ſelber da droben läge. Der Verwundete hatte nichts als ein Tuch um den Kopf gebunden und es ſchien ihn zu frieren. Der Hansjörg ſprang ſchnell über den Zaun, nahm die Pudelkappe vom Kopfe und ſetzte ſie dem Armen auf; dann gab er ihm noch ſein Geld mit ſammt dem ledernen Beutel. Der Verwundete machte mehrere Zeichen mit dem Munde und deutete damit an, daß er gern rauchen möchte; er ſah dabei den Hansjörg bittend und bettelnd an und deutete immer auf ſeine Pfeife, der Hansjörg aber ſchüttelte Nein. Das Kätherle brachte Brod und Hemden herbei und legte ſie auf den Wagen des Verwundeten. Die kran⸗ ken Krieger ſahen vergnügt auf das friſche Mädchen, und Einige machten ein militäriſches Begrüßungszeichen und welſchten unter einander. Sie fuhren dann, immer freund⸗ lich winkend, davon. Da dachte Niemand mehr, ob dieß Feinde oder Freunde wären; es waren unglückliche, hülfs⸗ bedürftige Menſchen, und Jeder mußte ihnen helfen. Ein großer Trupp Reiter beſchloß den Zug. Das Kätherle ſtand wieder am Fenſter, Hansjorg mit ſeinen Kameraden wieder auf ihrem Poſten; da ſagte der Fideli: „Guck, da kommen Marodeurs.“ Zwei zerlumpte Kerle in halber Uniform, ohne Sattel und Bügel ſprengten heran. Eine Strecke, ehe ſie bei Hansjörg waren, hielten ſie ein und ſprachen etwas mit einander, man hörte den Einen lachen. Sie ritten dann langſam und der Eine ganz nahe an dem Zaune hin, und ratſch! riß er dem Hansjörg die Pfeife aus dem Munde, und dann im geſtreckten Galopp auf und davon. Der Marodeur ſteckte ſich die noch brennende Pfeife in den Mund und dampfte luſtig wie zum Hohne. 43 Der Hansjörg hielt ſich den Mund, es war ihm als ob ihm alle Zähne aus dem Kiefer herausgeriſſen wären; das Kätherle aber lachte aus vollem Halſe und rief:„So, jetzt hol' dir dein' Pfeif'.“ „Ja, ich hol' ſie,“ ſagte Hansjörg und knackte vor Wuth eine Latte am Zaun zuſammen,„kommet, Fideli, Kaver, wir thun unſere Gäul' raus und reiten nach, und wenn wir darüber zu Grund gehen, den Halunken laß ich mein' Pfeif' nicht.“ Die beiden Kameraden gingen davon und holten ſchnell die Pferde aus dem Stall; das Kätherle aber kam herabgeſprungen, rief den Hansjörg in den Hausgang, unwillig ging er zu ihm, denn er war bös, daß es ihn ſo ausgelacht hatte; das Kätherle aber faßte zitternd ſeine Hand und ſagte:„Um Gotteswillen, Hansjörg, laß die Pfeif'. Guck, ich will dir auch Alles zu Gefallen thun, folg' mir nur jetzt. Willſt du dich denn wegen ſo eines nichts⸗ nutzigen Dinges umbringen laſſen? Ich bitt' dich, bleib da.“ „Ich mag nicht. Mir iſt's recht, wenn mir einer eine Kugel durch den Kopf ſchießt. Was ſoll ich da thun? Du kannſt doch nur nichts als foppen.“ „Nein, nein!“ rief das Kätherle und fiel ihm um den Hals,„ich laß dich nicht gehen, du mufßt da bleiben.“ Den Hansjörg durchzuckte es wunderbar, aber er fragte keck:„willſt du denn mein Weib ſein?“ „Ja, ja, ich will ja!“ Die Beiden umarmten ſich ſelig, dann rief Hansjörg: „Mein Lebtag kommt mir kein Pfeif' mehr in den Mund. Guck, mich ſoll ein Heiligkreuz—“ „Nein, ſchwör' nicht, du mußt's auch ſo halten können, das iſt viel beſſer. Gelt, du bleibſt jetzt aber auch da? Laß die Pfeif' beim Franzos und beim Teufel.“ Unterdeſſen kamen die Kameraden zu Pferd, ſie hatten ſich mit Heugabeln bewaffnet und riefen:„Tapfer, Hans⸗ jörg, komm!“ „Ich geh' nicht mit,“ ſagte der Hansjörg, das Kätherle im Arm haltend. „Was kriegen wir denn, wenn wir dein' Pfeif' wieder⸗ bringen?“ fragte Fideli. „Sie iſt Euer.“ Die Beiden ritten wie im Sturme davon den Weg nach Empfingen, Hansjörg und Kätherle ſchauten ihnen nach. Dort, an der kleinen Anhöhe, wo die Lehmgrube für die Ziegelhütte iſt, hatten ſie die Marodeurs faſt eingeholt; als dieſe ſich aber verfolgt ſahen, machten ſie keck kehrtum, ſchwenkten ihre Säbel und der eine zielte noch mit einer Piſtole. Als der Fideli und der Kaver das ſahen, machten ſie ebenfalls hurtig kehrtum und waren ſchneller wieder da, als ſie dort geweſen waren.— Von dieſem Tage an that der Hansjörg keinen Zug mehr aus einer Pfeife. Vier Wochen ſpäter wurde er von der Kanzel herab mit dem Kätherle verkündet.— Eines Tages ging Hansjörg nach der Ziegelhütte; er war hinter dem Hauſe hergekommen, Niemand hatte ihn geſehen; da hörte er drinnen das Kätherle mit Jemanden ſprechen: „Alſo du kennſt ſie ganz genau?“ fragte das Kätherle. „Warum ſoll ich ſie nicht kennen?“ erwiederte der Angeredete. Hansjörg erkannte an der Stimme das rothe Maierle, einen Handelsjuden,„ich hab ihn ja oft genug mit ihr geſehen! er hat ſie ſo gern gehabt, wie er dich hat, und wenn es' gegangen wär', ich glaub', er hätt' ſie geheirathet.“ „Weißt du,“ ſagte Kätherle,„ich will nur ſehen, wie er die Augen ſperrangelweit aufreißen wird, wenn er ſie an ſeiner Hochzeit wiederſieht. Ich kann mich alſo ganz gewiß darauf verlaſſen?“ „So gewiß ſoll ich hundert tauſend Gulden reich werden, ſie muß da ſein.“ „Aber der Hansjörg darf nichts von ihr erfahren.“ „Stumm wie ein Fiſch!“ erwiederte das rothe Maierle und ging davon. Hansjörg kam ſchüchtern zu Kätherle, er ſchämte ſich zu geſtehen, daß er gehorcht habe; als ſie aber traulich bei einander ſaßen, ſagte er;„Ich will dir's nur ſagen, 8— 2 N Am Hochzeitstiſche ging Alles luſtig her. Gleich nach Tiſch ging Kätherle hinaus in die Küche, es kam aber ſchnell wieder und hatte die uns wohlbekannte Pfeife im Munde— man konnte wirklich nicht unterſcheiden; ob es die alte oder eine auf's Pünktchen hin ähnliche ſei— das Kätherle that nun mit verzerrten Mienen wieder einige Züge aus der Pfeife und reichte ſie dann dem Hansjörg mit den Worten: „Da, nimm, du haſt dich wacker gehalten, du kannſt dir ſchon was verſagen; meinetwegen magſt du wohl rauchen, ich hab' kein bisle dagegen.“ Hansjörg wurde feuerroth, er ſchüttelte aber Nein und ſagte:„Was ich einmal geſagt hab', da beißt kein Maus keinen Faden davon; mein Lebtag thu' ich keinen Zug mehr.“ . 47 Er ſtand auf und ſagte wieder!„Gelt, Kätherle, aber dich darf ich doch küſſen, wenn du geraucht haſt?“ Die beiden Glücklichen lagen ſich ſelig in den Armen. Darauf geſtand Hansjörg, daß er gehorcht habe, als ſich das Kätherle mit dem rothen Maierle beſprach, und daß er gemeint habe, es ſei von der Adlerwirthsmagd die Rede. Man lachte herzlich über den Spaß. Die Pfeife wurde als ewiges Andenken über dem Himmelbette des jungen Ehepaares aufgehängt, und Hans⸗ jörg deutet oft darauf hin, wenn er beweiſen will, daß man ſich mit feſtem Vorſatz und durch Liebe Alles ab⸗ gewöhnen könne. Zwei Worte rücken uns plötzlich weit hinaus: Hans⸗ jörg und Kätherle ſind betagte Großeltern, im Kreiſe der Ihrigen glücklich, friſch und munter. Die Pfeife gilt als ein ehrwürdiges Familienſtück bei den fünf Söhnen Hans⸗ jörg's; keiner von ihnen und von ihren Kindern hat ſich bis heute das Rauchen angewöhnt. —— — III. Des Schloßbauers Pefele. Wenige werden errathen, wie der obenſtehende Name eigentlich im Kalender heißt, und doch iſt er allgemein bekannt, und erinnert das Schickſal deren, die ihn trug, leider nur zur ſehr an das ihrer Patronin Genovefa. Das vornehmſte Haus des ganzen Dorfes, das eine ſo breite Fronte nach der Straße zu macht, daß alle Hand⸗ werksburſchen, die durch das Dorf wandern, hineingehen und um einen Zehrpfennig bitten, das gehörte einſt dem Vater des Vefele; die beiden rechts und links ſtehenden Häuſer, das waren ſeine Scheunen. Der Vater iſt todt, die Mutter iſt todt, die Kinder ſind todt. In dem großen Hauſe iſt eine Lein⸗ weberei. Die Scheunen ſind zu Häuſern verbaut, und das Ve⸗ fele iſt ſpurlos verſchwunden. Nur das Eine ſteht noch feſt, und wird es wohl immer bleiben, im ganzen Dorfe 4 52 heißt das große Haus noch immer„des Schloßbauern Haus;“ denn der alte Zahn, der Vater Vefele's, wurde der Schloßbauer genannt. Er war nicht aus dem Dorfe gebürtig, ſondern aus dem zwei Stunden entfernten Baiſin⸗ gen herübergezogen. Baifingen gehört zu dem kornreichen ſogenannten„Strohgäu,“ und die Baiſinger werden ſpottweiſe„die Strohgänger“ genannt, weil im ganzen Dorfe faſt alle Gaſſen mit Stroh beſtreut ſind. Dieß dient ſowohl dazu, um der Mühe der Straßenreinigung überhoben zu ſein, als auch, um auf dieſe Weiſe in dem zertretenen Stroh neuen Dünger zu gewinnen, denn die Baiſinger haben ſo viele Aecker, daß ſie deſſen nicht genug habhaft werden können. Dreißig Jahre wohnte der Schloß⸗ bauer im Dorfe, aber ſo oft er einen Streit hatte, wurde er der Baiſinger Strohgänger und ſeine Frau die krumme Baiſingerin geſchimpft. Die Frau Zahn war aber keines⸗ wegs krumm, ſie war noch in ihrem Alter eine ſchöne ſchlanke Frau mit gerader Haltung; nur war ihr linker Fuß etwas zu kurz, und daher kam's, daß ſie beim Gehen hinkte. Dieſer Körperfehler war aber auch mit die Urſache ihres ungewöhnlichen Reichthums. Ihr Vater, Staufer mit Namen, ſagte einmal öffentlich im Wirthshauſe, daß der kurze Fuß ſeiner Tochter nichts ſchade, er ſtelle als Heiraths⸗ gut ein geſtrichenes Simri Kronenthaler darunter, und da wolle er ſehen, ob das nicht gerade mache. Der alte Staufer hielt Wort, und als der Zahn deſſen Tochter heirathete, ließ er ihn ein Simri mit Kronen⸗ thaler füllen und ſo viel hineinthun, als hineinging; drauf ſtrich er mit dem Streichbengel darüber und ſagte: „So, was drin iſt, iſt dein!“ Seine Tochter mußte zum Spaß ihren linken Fuß darauf ſtellen, und das mit dem Gelde gefüllte Kornmaß prangte als ſchöne Schüſſel auf dem Hochzeitstiſche. Der Zahn kaufte ſich bald darauf mit dem Gelde das gräflich Schleitheimiſche Schloßgut, er baute ſich das ſchöne große Haus, und darum hieß er der Schloßbauer. Von neun Kindern, die ihm geboren wurden, blieben fünf am —— — Leben, drei Söhne und zwei Töchter. Das jüngſte Kind war Vefele. Es war ſo ſchön und zart gebaut, daß man es, halb ſpöttiſch, halb anerkennend, das„Fräle“ hieß. Halb aus Mitleid, halb aus Schadenfreude bemerkte faſt Jeder, wenn von ihm die Rede war, es ſei eben doch eine„Ge⸗ zeichnete,“ denn es hatte den kurzen Fuß von der Mutter geerbt. Mit dem Ausdruck„Gezeichnet“ verbindet ſich ein ſchlimmer Nebenbegriff; man nennt die Rothen, Buck⸗ ligen, Einäugigen, Hinkenden ſo, und will damit ſagen, daß Gott ſie damit gezeichnet habe, weil ſie gewöhnlich gefährliche und ungutmüthige Menſchen ſeien. Weil man nun ſolche Unglückliche ſpöttiſch und argwöhniſch behan⸗ delt, werden ſie meiſt ſchalkhaft, bitter und hinterliſtig; das anfänglich ungerechte Vorurtheil ruft die Folgen hervor, die es dann als Beſtätigung für das Vorurtheil annimmt. Das Vefele that zwar Niemanden etwas zu Leide, ja es war gut und freundlich gegen alle Menſchen; aber der Haß des ganzen Dorfes gegen den Schloßbauer wurde auch auf alle ſeine Kinder ausgedehnt. Der Schloßbauer prozeßte ſchon ſeit achtzehn Jahren mit der ganzen Gemeinde. Er machte auf die patronats⸗ herrlichen Rechte Anſpruch, er bezog den Rauchhafer, Hühnerhafer, Weghafer, und wie alle die grundherrlichen Abgaben heißen; auch hatte er fünfzig Stimmen bei der Schultheißenwahl. Nur mit dem tiefſten Aerger, mit Schelten und Schimpfen entrichteten die Bauern dieſe ihre gewohnten Abgaben. So ſind die Menſchen! Einem Grafen, Baron oder Freiherrn hätten ſie ohne Widerrede Alles entrichtet; aber jetzt verfluchten ſie jedes Körnchen, das ſie an einen ihres Gleichen abgeben mußten. Sie wußten ſich nicht anders zu rächen, als daß ſie dem Schloßbauer Nachts ſeine Korn⸗ felder niedermähten, wenn das Korn noch grün war. Das gereichte aber zu ihrem doppelten Nachtheil, denn der Schloßbauer brachte es durch Klagen beim Syndikatsamte dahin, daß der ihm zugefügte Schaden— da die Thäter nicht entdeckt wurden— auf den Gemeindeſchaden geſtellt B — —————————— —— 54 und er aus der Gemeindekaſſe entſchädigt wurde; auch hielt er ſich fortan einen eigenen Flurſchützen, den das Dorf zur Hälfte beſolden mußte. Die Reibereien zwiſchen den Dorfbauern und dem Schloßbauer dauerten aber noch immer fort. Da ließ ſich ein neuer Advokat in dem Städtchen Sulz nieder, und nun begann der Prozeß der Gemeinde mit dem Schloßbauer, bei dem ſo viel Papier verſchrieben wurde, daß man einen ganzen Morgen Acker damit zudecken konnte. Das Dorf gehörte damals noch, wie ein großer Theil des Schwarzwaldes, zu Vorderöſterreich, der Landvogt hatte ſeinen Sitz in Rottenburg, das Appellationsgericht in Freiburg im Breisgau; ein größerer Prozeß konnte aber noch weiter getrieben werden. Bei der entfernten und verwickelten obern Gerichtsbarkeit war es daher ein Leich⸗ tes, den Prozeß bis zum jüngſten Gericht in gehöriger Verwirrung zu erhalten. Die Streitigkeit zwiſchen dem Schloßbauer und ſeinen Ortsbewohnern geſtaltete ſich mit der Zeit zur Feindſelig⸗ keit zwiſchen den Baiſingern und Nordſtettern. Die Bai⸗ finger foppten und neckten auf Märkten oder in der Stadt, wo ſie mit den Nordſtettern zuſammen kamen, dieſelben; nannten ſie ſpottweiſe ihre Unterthanen und Grundholden, weil ein Baiſinger Bauer über ſie herrſchte. Die Nord⸗ ſtetter, unter dem Namen der Spitzmäuligen oder der Spött⸗ ler bekannt, blieben keine Antwort ſchuldig. Ein Wort gab das andere, man lachte, man ſcherzte, immer noch als„gut Freund,“ aber die Anzüglichkeiten wurden immer derber, und ehe man ſich's verſah, war der Krieg auf irgend einer Seite ausgebrochen und es ſetzte die ergiebig⸗ ſten Prügel. Das war zum erſten Male auf dem Ergen⸗ zinger Markt, als dieß geſchah, und nun konnten Nordſtetter und Baiſinger nie mehr beiſammen ſein, ohne ſich zu prügeln. Stundenweit gingen namentlich die jungen Burſchen beider Orte zu einem Tanze oder zu einer Hochzeit, tranken und tanzten zuerſt ruhig mit einander, und am Ende brach das Hauptfeſt, eine tüchtige Prügelei, los. ——— Der Schloßbauer lebte aber mitten im Dorfe wie auf einer Einöde. Kein Menſch bot ihm die Zeit, kein Menſch beſuchte ihn. Wenn er ins Wirthshaus kam, war Alles plötzlich ſtill. Es war ihm immer, als ob ſie gerade von ihm geſprochen hätten. Er legte ſeinen mit gutem Tabak gefüllten Beutel neben ſich auf den Tiſch, aber eher hätte einer ſeinen Mund auf einen Stein aufgeſchlagen, ehe er den Schloßbauer um eine Pfeife Tabak gebeten hätte. Anfangs gab er ſich alle Mühe, um die wie verabredete Feindſeligkeit Aller durch Freundlichkeit und Güte zu zer⸗ ſtreuen, denn er war von Natur ein guter und nur etwas ſtrenger Mann; als er aber ſah, daß es nichts fruchtete, verachtete er Alle insgeſammt, ſcherte ſich wenig mehr um ſie, und ſetzte nun erſt recht ſeinen Kopf darauf, ſein Recht zu behaupten. Er ſchloß ſich nun ſelber von Allen ab, nahm Taglöhner aus Ahldorf zu ſeinen Feldarbeiten, und gleichſam um auch nicht einmal Gott mit ſeinen Dorf⸗ genoſſen zu dienen, ging er Sonntag Morgens jedesmal nach Horb in die Kirche. Er ſah ſtattlich aus, wenn er ſo dahin ſchritt. Er ſchien kleiner, als er war, denn er war gedrungen und breitſchulterig; er hatte ſeinen drei⸗ eckigen Hut etwas muthig nach der linken Seite zu geſetzt und den breiten Theil nach vorn gekehrt. Durch den Schatten, der dadurch auf ſein Antlitz fiel, ward dieſes noch finſterer und ernſter, als es eigentlich war. Wenn er dann ſo feſt einherſchritt, klingelten die breiten, ganz nahe an einander gereihten ſilbernen Knöpfe an ſeinem blauen Rocke ohne Kragen und die runden ſilbernen Knöpfe an ſeiner rothen Weſte hell wie ein Glockenſpiel auf einander. Die Mutter und ihre Kinder, namentlich aber ihre beiden Töchter Agathle und Vefele, litten am meiſten bei dieſer Trennung von der Gemeinde. Sie ſaßen oft bei einander und klagten über ihr Loos und weinten, während der Vater in der Stadt mit ſeinem Advokaten beim Schop⸗ pen ſaß und erſt ſpät heimkehrte. So weit war der Haß gegangen, daß ſelbſt die Armen, aus Furcht vor den Andern, keine Gabe aus des Schloßbauern Hauſe nehmen durften. — In doppelter Heimlichkeit, ſowohl vor dem Vater als vor den andern Dorfbewohnern, übten die Mutter und ihre Töchter ihre fromme Wohlthätigkeit; gleich als ob es Diebſtähle wären, trugen ſie Kartoffeln, Korn und Mehl in den Schloßgarten, wo die Armen ihrer warteten. Die Mutter hielt Alles das nicht mehr aus, ſie ging zu ihrem Vater und klagte ihm ihre Noth. Der alte Staufer war ein beſonnener, ruhiger Mann und wollte ſichern Weges gehen. Er ſchickte daher zuerſt ſeinen Hof⸗ juden Marem nach Nordſtetten, damit er insgeheim aus⸗ kundſchafte, wer denn eigentlich die Rädelsführer bei dem Prozeſſe ſeien, und ob ſich nicht ein Vergleich machen ließe. Der Marem war aber geſcheiter als der alte Staufer, trotzdem dieſer ſchon fünfzehn Jahre Schultheiß war. Er ließ durch einen Bekannten in Nordſtetten das Gerücht ausſprengen, der Schloßbauer habe es dahin gebracht, daß eine kaiſerliche Commiſſion auf Unrechts Koſten nach Nord⸗ ſtetten kommen, die Sache unterſuchen und dort bleiben werde, bis ſie entſchieden ſei. Dann kam er ſelber und ging unmittelbar zu den Hauptleuten, ſagte ihnen, daß er gegen eine beſtimmte Vergütung einen Vergleich zu Stande bringen wolle, obgleich es ſehr hart halten werde; er ſicherte ſich ſo auf beiden Seiten einen Vortheil. Was helfen aber alle noch ſo feinen Finten bei Men⸗ ſchen, die bärenmäßig drein ſchlagen und alle Berechnun⸗ gen und Kunſtſtücke zu Schande machen? Der alte Staufer kam, mit ihm Marem. Sie gingen in Begleitung des Schloßbauern nach dem Wirthshauſe, wo ſich die Wortführer verſangelt hatten. „Guten Tag, Herr Schultheiß“ ſagten die Verſam⸗ melten zu den Eintretenden; ſie thaten, als ob ſonſt Nie⸗ mand als der Gegrüßte eingetreten wäre. Der alte Staufer fuhr zuſammen, ließ aber doch alsbald zwei Flaſchen Wein bringen, ſchenkte ein und ſein Glas ergreifend, ſtieß er die andern Gläſer an undrank den Verſammelten zu. Da ſagte aber der Schloſſetudwig:„Wir nehmen's für genoſſen an, wir trinken ber nicht. Allen Reſpekt vor S— 1 — U A F N A„. F er gal —— m 5 itn — Euch, Herr Schultheiß, aber bei uns iſt der Brauch, daß man erſt nach dem Handel den Weinkauf trinkt. Wie's die reichen Herrenbauern in Baiſingen machen, das wiſſen wir nicht.“ Der Schultheiß ſetzte, ohne zu trinken, ſein Glas wieder ab und ſeufzte tief. Er begann darauf mit ziemlicher Ruhe die Verhandlung und ſetzte aus einander, daß man ſein ſauer erworbenes Gut nicht an„die Blutſauger, die Advokaten,“ wegwerfen ſolle, daß jeder Prozeß mit aus der Schüſſel eſſe und das Fett oben runter ſchöpfe, und ſchloß damit, daß ein Schritt hüben und ein Schritt drü⸗ ben zum Frieden führe. Es wurde nun von beiden Seiten eine weit aus einan⸗ der liegende Vergleichsſumme ausgeworfen. Der Marem gab ſich alle Mühe, ſie einander näher zu bringen. Er nahm bald Dieſen bald Jenen bei Seite, flüſterte ihm etwas in's Ohr; er nahm endlich ſogar, trotz beiderſeitiger Einrede, eine Vergleichsſumme auf ſeine eigene Verant⸗ wortung; er zerrte an Allen umher und ſuchte die Hände der beiden Parteien mit Gewalt in einander zu legen. Da ſagte endlich der Schloßbauer:„Nein, eh' ich ſo einen Bettel nehm', ſchenk ich's Euch lieber ganz, Ihr Hungerleider.“ „Was Du!“ ſagte darauf der Schloſſer Ludwig,„mit Dir ſchwätzt man ja gar nicht, Du Strohgänger.“ „Gebt nur Acht,“ erwiederte der Schloßbauer,„Ihr werdet keine Strohgänger. Ich will Euch ſchon betten, daß Ihr kein Stroh mehr unter'm Kopf habt zum Drauf⸗ liegen. Und wenn Ich und Weib und Kind drüber zu Grund gehen ſoll, und wenn mir kein Handbreit Ackers übrig bleibt, keinen rothen Heller laſſ' ich Euch jetzt mehr nach; ich muß mein Recht haben, und wenn ich an den Kaiſer ſelber gehen muß. Wartet nur!“ er ſtand zähne⸗ knirſchend auf; der Vergleich war durch keinerlei Be⸗ mühungen mehr zu Stande zu bringen. Er fing ſogar zuletzt noch mit ſeinem Schwäher Händel an und ging fort, indem er die Thür laut hinter ſich zuſchlug. — ——— 58 Zu Hauſe weinte die Mutter mit ihren Töchtern ſo laut, als ob Jemand geſtorben wäre, ſo daß alle Vor⸗ übergehenden eine Weile vor dem Hauſe ſtehen blieben; aber alle Bitten der Mutter und der Kinder halfen nichts, der Schloßbauer blieb bei ſeinem Vorſatze. Der alte Staufer reiste wieder nach Hauſe, ohne nochmals zu ſeiner Tochter zu kommen, er ließ ihr nur durch den Marem Adjes ſagen. Der alte Zuſtand dauerte fort, der Schloßbauer und ſeine Frau lebten oft in Unfrieden, aber das Vefele wußte immer Alles gut zu machen. Der Vater hatte eine ge⸗ wiſſe heilige Ehrfurcht vor dem Kinde, denn„das Kind“ hieß das Vefele im ganzen Hauſe. Es hatte ein ſo engel⸗ mildes Antlitz und eine ſo bezaubernde Stimme, es durfte nur ſeine Hand nehmen, ihn mit den treuen blauen Augen anſchauen und ſagen:„Aber lieber Aetti,“ und er war ſtill und gut; der ſtarke, trotzige Mann ließ ſich von ſei⸗ nem Kinde beſänftigen, wie wenn es ein höheres Weſen wäre, nie redete er ein hartes Wort, wenn das Vefele zugegen war, er that ihm Alles, was es wollte, zu Ge⸗ fallen, nur nicht die Verſohnung mit ſeinen Feinden. In dieſer letzteren Beziehung war der Schloßbauer, trotzdem er nach außen ſo feſt“ und beſtimmt auftrat, doch innerlich in einem gewaltigen Zwieſpalte. Er hätte gern ſeinen Feinden gutwillig die Hand gereicht, aber er ſchämte ſich, ſo ſchwach zu ſein, wie er es nannte, und er glaubte auch, er habe es ſchon zu weit kommen laſſen, ſeine Ehre hänge davon ab, es durchzuſetzen. Dann, wenn er an die Ehre dachte, erhob ſich wieder ſein Stolz und er hielt ſich für etwas Beſſeres, als alle die andern Bauern. In letzterm Gedanken beſtärkten ihn die ſchmarotzenden Schrei⸗ ber in dem nahen Städtchen und der Kronenwirth; ſie redeten ihm viel vor von ſeinem ungewöhnlichen Verſtande und von ſeinem Baronenvermögen; er glaubte es zwar nicht, es that ihm aber doch wohl, es zu hören. Nach und nach, als er merkte, daß die Stadtleute wirklich nicht geſcheiter waren, als er, hielt er ſich in der That für 7 beſ rec ein da ſic ſie ſi bl o laf hat in Gr kei W der ſie geſ — 59 beſſer als alle andern Bauern. Es war ihm zwar nie recht wohl in der Geſellſchaft dieſer Leute, die ſich gern einen guten Schoppen von ihm bezahlen ließen; aber, dachte er wieder, man muß doch Geſellſchaft haben, und es iſt doch beſſer, als Bauerngeſchwätz. Ohne daß er ſich's recht geſtand, ging er gern in dieſe Geſellſchaft, weil ſie auf alle Art ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte. So geht's. Der Schloßbauer lebte in Unfrieden mit ſich, mit ſeinem Weibe, mit ſeinen Mitbürgern, mit Allen, bloß weil er ſich nicht demüthigen wollte, weil er nichts von den alten Herrenrechten, oder beſſer Unrechten, nach⸗ laſſen wollte, während er doch ſonſt noch vollauf zu leben hatte; ſein Herz und ſeine Gedanken kamen immer mehr in Verwirrung, und er richtete ſich und die Seinigen zu Grunde, während es ihnen doch hätte ſo wohl ſein können. Nach und nach kamen einige alte Bauern, die zu Hauſe keinen warmen Ofen hatten, oder die ihren ſcheltenden Weibern davon gegangen waren, in den Winterabenden zu dem Schloßbauer; er aber war mürriſch und barſch gegen ſie, es verdroß ihn, daß nur dieſe und nicht auch die An⸗ geſeheneren kamen. Die Beſuchenden blieben wieder weg. Die Mutter war mit ihren beiden Töchtern oft mehrere Tage bei ihrem Vater in Baiſingen, der Schloßbauer aber ſchmollte mit ſeinem Schwäher. Er ſah ihn nicht mehr, bis er auf der Bahre lag. Das Leben im Dorfe ward immer unangenehmer. Es iſt ein traurig Ding, wenn man in's Feld geht, und Niemand bietet Einem die Zeit. Der Schloßbauer unter⸗ hielt ſich dann immer mit ſeinem großen Hunde, dem Sultan; das iſt und bleibt doch immer eine traurige Unterhaltung für einen Menſchen. Die ſchweren Zeiten, die durch Napoleon über Europa kamen, verſchonten auch nicht das einſamſte Bauernhaus im Schwarzwald. Straßburg war nicht weit, und Leute, die beſonders gute Ohren hatten, wollten auf der Hochbur die in Straßburg abgefeuerten Siegesſchüſſe gehört haben; das ſollte große kommende Noth anzeigen. Freilich war vamals leicht prophezeihen, daß Alles drunter und drüber zugehen werde. Der Feldzug nach Rußland wurde mit aller Macht gerüſtet. Auch der Philipp und der Caſpar, die beiden älteſten Söhne des Schloßbauern, mußten mit in den Krieg; ihr Vater wäre lieber ſelber mitgezogen, denn ihm war Alles verleidet, er ſah ſeine beiden Söhne mit einem Stumpfſinn und einer Gleichgültigkeit ſcheiden, wie wenn Einer ſagt: Mir iſt alles eins, komm' was da wolle. Der Philipp und der Caſpar ſind wahrſcheinlich im ruſſiſchen Schnee begraben, man hat nie mehr etwas von ihnen gehört; nur das Eine hat der General Hügel oft erzählt: Auf dem Rückzuge von Moskau aus ſah er einen Soldaten, der etwas abſeits ging und dem die Kälte oder die Noth und das Heimweh, oder vielleicht Alles zuſammen, die Thränen ſtromweiſe über die Backen herunterrinnen machte. Der General ritt auf ihn zu und fragte ihn freundlich:„Woher?“ „I bin des Schloßbauern Bua vom Schwarzwald do obe ra!“ erwiederte der Soldat, nach der Seite zudeutend, als ob ſeines Vaters Haus nur einen Büchſenſchuß weit dort um die Ecke läge. Der General mußte über die 4— dur Un 61 Antwort des Soldaten, der in Gedanken ſo nahe zu Hauſe war, ſo herzlich lachen, daß auch ihm Thränen über die Backen liefen, die aber in ſeinem langen Schnurrbarte als Eistropfen hängen blieben. Das iſt Alles, was die Geſchichte über das Leben und Ende der beiden Söhne des Schloßbauern berichtet. Unterdeſſen war zu Hauſe Freud und Leid gemiſcht. Wenn ein Unglück oder ein trauriger Zuſtand lange dauert, richtet man ſich zwiſchen Thür und Angel wohn⸗ lich ein; ein Menſch, wenn er geſund iſt, kann nicht lange dem Schmerze nachhängen, die alte Luſt des Lebens blitzt bald wieder in ihm auf. So wurden zu Hauſe Kirch⸗ weihen und Hochzeiten gefeiert, während draußen in fernen Landen Hunderte der nächſten Angehörigen vom Tode in ſein kaltes Bett gelegt wurden. Agathle, die älteſte Tochter des Schloßbauern, war die Braut des Rößlewirths in Eutingen geworden; der Schloß⸗ bauer, der mit dem ganzen Dorfe verfeindet war, mußte ſeine Kinder außerhalb des Ortes verheirathen. Vefele ſah am Hochzeitstage ſeiner Schweſter gar präch⸗ tig aus. Die Schweſtern hatten im Dorfe keinen weitern Umgang, und ſo war Vefele die einzige„Geſpiele“ der Braut, und ganz ſo wie ſie gekleidet. Es hatte die „Schappel“— eine Krone von flimmernden Silberflittern — auf dem Haupte, in die beiden den Rücken hinabhän⸗ genden Zöpfe waren handbreite, ziegelrothe Seidenbänder eingeflochten, die faſt bis auf den Boden herabreichten; das iſt die beſondere Zierde einer Jungfrau, denn nur eine ſolche darf rothe Bänder im Haare tragen, ein Mädchen, „das ſich verfehlt hat,“ muß weiße leinene Bänder tragen. Um den Hals hatte Vefele die vielreihige Granatenſchnur, deren dunkle Farbe die auffallende Zartheit der Haut noch mehr hervorhob; über dem weißen Spitzen⸗Koller ragte ein friſcher Blumenſtrauß aus dem ſcharlachrothen Mieder hervor, das zu beiden Seiten von ſilbernen Agraffen, durch die ſich Silberkettchen ſchlangen, gehalten war; der um und um weitfaltige blaue„Wieflingrock,“ der bis an die Kniee reichte, war zur Hälfte von der weißen Schürze bedeckt; überall, an den Schultern wie an den Enden der kurzen Hemdärmel flatterten rothe Bänder. Die„Stöckle⸗ ſchuhe“ mit den hohen hölzernen Abſätzen in der Mitte gaben dem ohnedieß ſchwankenden Gange Vefele's noch etwas Unſichereres. Dennoch, als es unter dem Klange der Muſik und dem Abfeuern der Piſtolen neben ſeiner Schweſter zur Kirche ging, erſchien Vefele ſo liebreizend, daß Jeder es gerne als die Braut angeſehen hätte.— Wer weiß, wo die beiden Söhne des Schloßbauern waren, während dieſer mit den Seinen fröhlich beim Hochzeitsſchmauſe ſaß! Niemand gedachte ihrer. Nur Vefele ſchaute einmal lange unverrückt drein; es war, als ob es nichts von alle dem ſehe, was um es her vorging; es war, als ob ſein Blick durch die Wände dringe und ſuchend hinausſchweife ins Unendliche— es gedachte ſeiner fernen Brüder.— Kaum zwei Monate ſpäter feierte auch Melchior, der dritte Sohn des Schloßbauern, ſeine Hochzeit. Er hatte auf des Agathle's Hochzeit ſeine Braut, die einzige Tochter des Engelwirths von Ergenzingen, kennen gelernt und ſich mit ihr verſprochen. Obgleich Melchior noch ſehr jung und kaum ein Jahr älter war als Vefele, beſchleu⸗ nigte man doch die Hochzeit, denn man fürchtete, er müſſe ſonſt auch mit in den Krieg. Melchior zog nun auch fort aus dem Dorfe und Vefele blieb allein im Hauſe. Die Mutter kränkelte, ein ſtiller Gram zehrte an ihrem Leben. Sie wollte ihren Mann immer dazu bringen, daß er Alles verkaufe und aus dem Dorfe weg zu einem ſeiner Kinder zöge; der Schloßbauer aber gab ihr ſo heftige Antworten, daß ſie nicht mehr davon reden durfte. Da hatte das Vefele traurige Zeiten, denn es hatte immer zu vertuſchen und zu begütigen. Die Kränklichkeit der Mutter machte ſie noch immer gereizter und unnachgiebiger, und ſie ſagte oft: wenn ihr Vater noch lebte, würde ſie ihrem Manne auf und davon gehen.— Dieſe Leute ſahen doch ſchon bald das zweite Geſchlecht aus ihrer Ehe hervorgehen, —* E S — und noch konnten ſie ſich nicht in einander finden; ja, je älter ſie wurden, um ſo mehr ſchien ſich eine Uebelneh⸗ merei, eine heftige Bitterkeit zwiſchen ihnen kund zu geben. Das Vefele wußte zwar immer wieder den Frieden herzu⸗ ſtellen; es war dann vergnügt und munter, aber im Stillen weinte es oft bitterlich über das traurige Schickſal ſeiner Eltern und über ſein eigenes, und dann gelobte es ſich heilig, nie zu heirathen. Es kannte ja ohnedieß Nie⸗ manden, dem es ſein Leben hätte widmen mögen, und dann ſah es wohl ein, wie nöthig es im elterlichen Hauſe ſei, wenn nicht das Feuer zum Dache herausſchlagen ſolle. Geſchrieben ſteht: Gott ahndet die Sünde der Väter an den Kindern; das gilt am meiſten von einer böſen Ehe. In dem Herzen ohne Kindesliebe nimmt gar leicht Trüb⸗ ſeligkeit oder Verirrung anderer Art Platz. Der Tod brachte die Mutter Vefele's bald zu ihrem Vater, und jetzt, nachdem ſeine Frau todt war, fühlte der Schloßbauer erſt, wie viel ihm fehlte, wie lieb er doch im Grunde ſeines Herzens ſeine Frau gehabt hatte. Er grämte ſich, daß er ſie nicht nachgiebiger behandelt, und daß er ihre Kränklichkeit ſo oft für Verſiellung angeſehen hatte; jedes harte Wort, das er ihr gegeben, ſchnitt ihm tief durch die Seele; er hätte gern ſein Leben drum gegeben, wenn er es wieder hätte zurückrufen können. So geht's. Statt im Leben freundlich und friedfertig einander zu tragen und zu erfreuen, grämen ſich die meiſten Menſchen, wenn es zu ſpät iſt, wenn der Tod die traulichen Lebens⸗ gefährten von unſerer Seite geriſſen hat; darum ſoll man ſich lieben, ſo lange man noch lebt, denn jede Stunde, die man in Unliebe verbringt, hat man ſich und dem Andern unwiederbringlich vom Leben geraubt. Der Schloßbauer ging des Sonntags nicht mehr nach der Stadt, ſondern in die Kirche des Dorfes, denn neben der Kirche lag ja ſeine Frau begraben; er machte jedesmal den Umweg und ging über den Gottesacker. Es war, als ob er das Grab ſeiner Frau durch dieſen ſonntäg⸗ lichen Beſuch verſöhnen wollte. ————— Im Hauſe war Alles ſtill, man hörte kein lautes Wort mehr, und das Vefele waltete ſtill wie ein Friedens⸗ engel. Der Friede war da, aber die Freude fehlte doch; es war immer im Hauſe, wie wenn man Jemanden ſchmerzlich vermißte oder erwartete. Nach und nach fühlte ſich der Schloßbauer durch das freundliche Walten Vefele's ſo wohl, daß er wieder neu auflebte; er that gar nichts ohne die Zuſtimmung„des Kindes,“ er ließ es ſogar meiſt allein über Alles verfügen, und wenn Jemand Etwas von ihm haben wollte, ſagte er immer ruhig:„Da müſſet Ihr eben mein Vefele fragen.“ So lebten ſie viele Jahre; Vefele hatte die erſte Hälfte der zwanziger Jahre überſchritten. Viele Freier ſtellten ſich ein und hielten um ſeine Hand an, aber es ſagte immer, daß es nicht heirathen wolle; der Vater gab ihm recht. Dann ſagte er wieder:„Vefele, du biſt zu fein für einen Bauersmann, und wenn ich meinen Prozeß ge⸗ winn', ziehen wir in die Stadt und ich geb' dir auch ein Simri voll Kronenthaler zum Heirathsgut, und dann kannſt du unter den Herren⸗Leuten wählen.“ Das Vefele lachte zwar, aber innerlich gab es ſeinem Vater doch darin recht, daß, wenn es auch heirathe, es doch nie und nimmer einen Bauern heirathen wolle. Es“ hatte ihre Leidenſchaft⸗ lichkeit und Unverſöhnlichkeit zu lange mit erduldet und hatte nun ein tiefes Vorurtheil gegen ſie; es wähnte, in der Stadt, wo die Leute geſitteter und feiner wären, müß⸗ ten ſie auch beſſer und braver ſein. Die vielen Kränkun⸗ gen hatte es nur dadurch ertragen, daß es die Leute für zu roh und ſich ſelber für etwas Beſſeres hielt, und indem es ſo immer mehr über das Bauernleben nachdachte, hielt es ſich ſelber nicht nur für beſſer als die Andern, ſondern auch für höher ſtehend und vornehmer. Das war ſein großes Unglück. 2 Man irrt ſich gar gewaltig, wenn man glaubt, auf dem Lande da könne man ganz ungeſtört allein für ſich ———— m lt rn in uf i leben. Das kann man nur in einer großen Stadt, wo die Menſchen ſich nicht um einander bekümmern, wo Einer an dem Andern täglich vorübergeht, ohne zu wiſſen, wer er iſt, was er thut und treibt, wo man ohne Gruß, ja faſt ohne Blick vor einem Menſchen vorbeirennt, als ob er ein Stein und nicht als ob er ein Menſch wäre; auf dem Lande, in einem Dorfe aber, wo die kleine Anzahl der Einwohner ſich kennt, muß man gewiſſermaßen von ſeinem Thun und Treiben einem Jeden Rechenſchaft geben, man kann ſich nicht ſelbſtgenügſam abſchließen.— Im Schwarzwalde ändert ſich der Gruß je nach dem öffent⸗ lichen Thun: gehſt Du den Berg hinab, ſo ſagt Dir der Begegnende:„Weant(wollt) Ihr au do'na?“ Den Berg hinauf:„Weant Ihr au do nuf?“ Ladeſt Du etwas auf den Wagen, ſo heißt es:„Ueberladet et;“ oder: „Ueberſchaffet Eu et.“ Sitzeſt Du ausruhend vor Deinem Hauſe oder auf einem Feldraine:„Weant Ihr au g'ruawe (ruhen)?“ oder:„Hent(habt) Ihr Feierobed?“ Plau⸗ derſt Du mit Anderen, ſo ſagt der Vorübergehende:„Hent Ihr gute Roth?“ u. ſ w. In dieſer ausgeſprochenen Theilnahme an dem Thun und Laſſen des Andern liegt eine gewiſſe ſinnige Gemein⸗ ſchaft des Lebens, die ſich über Alles ausbreitet; aber auch hier fehlen die Schattenſeiten nicht. Will Einer aus be⸗ ſonderen Gründen ſein Leben ſo einrichten, daß es gegen die allgemeinen Sitten und Gewohnheiten verſtößt, ſo iſt er dem Widerſtreben und dem Spotte Aller ausgeſetzt; namentlich iſt ein alter Junggeſelle oder eine alte Jungfer die Zielſcheibe des Straßenwitzes, gleichviel, ob ſie aus Armuth oder aus irgend einem andern Grunde im ledigen Stande verharren. Je mehr ſich nun Vefele der trübſeligen Altjungferzeit näherte, um ſo mehr erlaubte man ſich, das„Schloß⸗ fräle“ zu necken und zu verhöhnen. Einmal, an einem Sonntage, ging Vefele durch das Dorf. Vor dem Rath⸗ hauſe ſtand ein„Rädchen junger Burſche, der Tralle, ein halbſtummer Dorftölpel, ſtand nicht weit davon. Als ſie 5 —— 66 nun das Vefele bemerkten, da rief einer:„Tralle, da kommt Dein' Hochzeiterin!“ Der Tralle grinſte fröhlich. Sie ermuthigten, hetzten und ſtießen ihn nun, er ſolle ſeine Braut am Arme nehmen; das Vefele hörte es und glaubte, es müſſe vor Scham und Aerger in den Boden ſinken. Schon ſtolperte der Tralle zu ihm her und faßte es mit grinſenden, verzerrten Mienen am Arme; Vefele erhob ſeinen Blick ſo jammernd und vorwurfsvoll nach den Burſchen, daß wirklich einer derſelben verſucht war, ihm beizuſtehen. Man hörte nicht, was er ſprach, denn die Burſchen lachten überlaut. Da kam dem Vefele un⸗ verſehens Hülfe. Der Hund, das Mohrle, der ihm ge⸗ folgt war, ſprang plötzlich auf den Rücken des Tralle, faßte ihn am Kragen und riß ihn zu Boden. Vefele hatte nur zu thun, den Hund wieder von ſeiner Beute loszumachen, und dann ging es ſchnell ſeines Weges fort. Das Mohrle war fortan eine gefürchtete Macht im Dorfe. Dieſer Vor⸗ fall betrübte das Vefele ſehr, und die Abneigung gegen das Bauernweſen beſtärkte ſich immer mehr in ihm. Vefele war auf einige Wochen zum Beſuche bei Mel⸗ chior in Ergenzingen; auch hier war es oft betrübt, denn der Melchior hatte eine hartherzige, geizige Frau, bei der er kaum ſatt zu eſſen bekam. Der Schultheiß von Ergenzingen, ein Wittwer mit drei Kindern, kam oft zum Melchior, und eines Tages freite er um Vefele. Vefele war faſt entſchloſſen, dem Antrage zu willfahren; es hatte zwar keine Neigung zu dem Schultheißen, aber das einſame Leben war ihm ver⸗ leidet, und dann erfreute es ſich in dem Gedanken, den mutterloſen Kindern eine freundlich liebende Mutter zu ſein. Da kam der Schloßbauer und ſtellte ſeinem Kinde vor, daß der Schultheiß ein Grobian ſei, der ſeine erſte Frau hart gehalten habe, und dann ſagte er wieder, daß für Vefele nur ein feiner Mann paſſe. Der Schultheiß erhielt eine abſchlägige Antwort. Sein Antrag war aber im Flecken bekannt geworden; die jungen Burſchen, die dem ſtrengen Mann gern einen Streich ſpielten, ſtreuten ihm be ve bauern ſchien frü 5 Der einſt ſo des Nachts Spreu von ſei⸗ nem Hauſe bis zu dem Hauſe Melchior's. Der Schultheiß faßte fortan einen beſon⸗ deren Haß gegen Melchior und Vefele, dieſes aber zog mit ſeinem Vater wieder nach Haus in die Einſamkeit. Hätte nur Vefele ſeiner eigenen Eingebung gefolgt und den Schultheißen ge⸗ heirathet; Aber es war be⸗ ſtimmt, es ſollte ſein trau⸗ riges Schickſal erfüllen. Das Leben des Schloß⸗ her enden zu wollen als ſein Prozeß. ſtarke Mann kränkelte und ſiechte; der lange verhaltene Gram und Aerger hatten wie ein Wurm ſeinen —— — Lebenskern angefreſſen. Oft halbe Tage ſaß er in ſeinem großen Lehnſtuhle und redete kein Wort, nur bisweilen murmelte er ein paar unverſtändliche Worte mit ſeinem Hunde Mohrle, der, den Kopf auf ſeines Herrn Schooß gelegt, mit treuen Augen nach ihm aufſchaute. Vefele konnte nicht immer um den Vater ſein, und jetzt in ſeiner Krankheit fühlte er doppelt und dreifach, wie vereinſamt und abgeſchnitten er von aller Welt war. Gerade wie es vielen Menſchen ergeht, die, ſo lange ſie geſund und glücklich find, oft von Gott verlaſſen ſo in den Tag hineinleben, wenn aber Krankheit und Unglück über ſie kommen, um ſo ſchmerzlicher nach Gott, ja ſogar oft nach dem falſchen Gott des Aberglaubens ringen: ſo erging es in anderer Weiſe dem Schloßbauer. Er hatte, ſo lange er geſund war, von den Menſchen verlaſſen ge⸗ lebt, und ſich wenig darum bekümmert; jetzt wäre es ihm überaus lieb geweſen, wenn irgend einer, wer es auch ſei, mit ihm ſeine warme Stube getheilt hätte, und wenn ſie ſich gegenſeitig nur hätten eine Priſe Tabak bieten koͤnnen. Der Schloßbauer legte ſich in das Fenſter und ſchaute hinaus, er huſtete wenn Einer vorüberging; aber Niemand grüßte, Niemand kam. Er machte dann immer wieder mißmuthig das Fenſter zu. Es war zwei Tage vor Neujahr, Vefele war mit der Magd am Rathhausbrunnen, um Waſſer zu holen; es zwang ſich abſichtlich zu dieſer groben Arbeit, weil es gehört hatte, daß die Leute im Dorfe ſagten, es ſchäme ſich einer ſolchen. Eben hatte es ſeinen Küßel voll ge⸗ pumpt, da ſagte die Magd:„Guck, der do mit den dop⸗ pelten Augen, des iſt g'wiß der neu Feldſcherer.“ Ein modiſch gekleideter Herr kam das Dorf herab, er trug eine Brille auf der Naſe. Eben als er an den beiden Mädchen vorüberging, nahm Vefele das Waſſer auf den Kopf, aber durch einen unglücklichen Tritt glitt es auf dem Glatteiſe aus, fiel auf den Boden und ward ganz durchnäßt. Als Vefele ſich wieder aufrichtete, ſtand der fremde Herr bei ihm, er reichte ihm die Hand und hob — 69 es auf, dann fragte er theilnehmend, ob es ſich keinen Schaden gethan, es wäre gar gefährlich gefallen. Es lag ſo was Gutes in dem Ton ſeiner Worte, daß dem Vefele plötzlich gar wunderlich zu Muthe wurde; es dankte herz⸗ lich und ſagte, daß es ſich nichts gethan; es ging weiter, der Fremde ging neben ihm.„Ei, Sie hinken ja!“ ſagte der Fremde wieder,„haben Sie ſich den Fuß verrenkt?“ „Nein, ich hab' einen kurzen Fuß,“ ſagte Vefele und trotz dem, daß es an allen Gliedern fror, ſchoß ihm doch das Blut ſiedendheiß in's Geſicht. Es bedeckte ſich mit der Schürze das Geſicht und that als ob es ſich abtrocknen wollte, und doch war die Schürze ganz durchnäßt. Der Fremde bemerkte nun, daß es kaum merklich hinke; Vefele lächelte halb ungläubig, halb geſchmeichelt darüber. Es war Vefele ganz eigen zu Muthe, daß der Fremde immer ſo neben ihm herging durch das ganze Dorf bis zu ſeinem Hauſe; aber auch dort trat er mit einigen Entſchuldigungs⸗ worten ein, ohne eine Antwort darauf abzuwarten. Das Mohrle aber ſprang plötzlich auf den Fremden los und haͤtte ihn gewiß niedergeriſſen, wenn nicht der herbei⸗ gekommene Schloßbauer und das Vefele mit aller Macht abgewehrt hätten. Der Fremde verordnete nun für Vefele mancherlei Vorkehrungen gegen Erkältung, es mußte ſich in's Bett legen, Thee trinken ꝛc. Mittlerweile ſaß nun der Fremde, oder wie er eigent⸗ lich hieß, Eduard Brönner, bei dem Schloßbauer und plauderte behaglich mit ihm; kaum eine Stunde war vor⸗ über, ſo hatte er die ganze Geſchichte des Schloßbauern erfahren. Dieſer gewann den Herrn Chirurgus Brönner ſchnell lieb, ſprach aber ſo viel von der Brille, und fragte mehrmals, ob er dieſe immer nöthig habe, daß Brönner wohl merkte, dieſes Gelehrteninſtrument war ihm unan⸗ genehm. Er nahm daher die Brille ab und der Schloß⸗ bauer nickte ihm dafür freundlich zu, indem er ſogleich bemerkte, daß er viel offener mit Einem ſprechen könne, der ſein Augenlicht nicht in einer Laterne ſtecken habe. Nun klagte er auch ſein körperliches Leid, und Brönner machte eine ——— — 70 gar wichtige Miene, ſagte: er wäre bis jetzt durchaus falſch behandelt worden, und verſchrieb ein unfehlbares Mittel. Brönner kam von dieſer Zeit an faſt jeden Tag in des Schloßbauern Haus. Jedes freute ſich, wenn er kam, nur das Mohrle behielt ſeine Abneigung; es gab keinen Worten mehr Gehör, ſondern mußte jedesmal angebunden werden, wenn Brönner da war. Eines Tages als Brön⸗ ner wegging, warf er unverſehens dem Hund ein Stück Brod hin, aber der Hund ließ das Brod liegen und ſprang nach dem Geber, als ob er ihn zerreißen wollte, und das Sprüchwort, daß kein Hund ein Stück Brod von ihm nahm, bewährte ſich an Brönner buchſtäblich. Vefele aber nahm um ſo mehr die Schmeicheleien und ſchonen Reden Brönner's an. Es zankte gar gewaltig mit der Magd, welche behauptete, der Brönner habe nur Einen Rock, denn er käme Sonntags und Werktags in demſelben; es ſchalt das Mädchen dumm und erklärte, daß das bei den Herren⸗Leuten ſo wäre. Vefele ſaß oft dabei, wenn Brönner mit dem Vater über Allerlei ſprach, und es freute ſich jedesmal, wenn dem Vater die Anſichten Brönners gefielen und er ſie geſcheit nannte, wie wenn es ſelber das geſagt hätte. Der Schloßbauer fühlte ſich auf das von Brönner verordnete Mittel zufällig etwas beſſer, und nun ſprach dieſer oft davon, daß er eigentlich ein beſſerer Doctor ſei als der Phyſicus, daß aber das Geſetz ihm die Ausübung verbiete. Er ſchalt dann auf die Herren, die da meinen, nur Einer, der viel Bücher im Kopfe habe, wäre geſcheit; die„Praxi“(wie er es nannte) mache den Meiſter; ein Bauer, der die Welt kennt, verſtände oft mehr von der Regierung, als alle Miniſter und Landvögte, und ſo ſei es auch meiſtens bei der Medizin, die„Prari“ mache den Meiſter. Indem er nun ſo, zufällig oder abſichtlich, Wahres und Falſches unter einander miſchte, gewann er die Neigung des Schloßbauern immer mehr, der ſich in ſeinen Lieblingsanſichten immer mehr beſtärkt ſah.— Auch des Prozeſſes nahm ſich Brönner an; er be⸗ ſtärkte den Schloßbauer in ſeinem Vorſatze, nun endlich auch wie ſeine Gegenpartei zur Beſtechung ſeine Zuflucht 4— zu nehmen. Brönner hatte den geſcheiten Gedanken, daß man ſeine Gegenpartei übertreffen und Gold geben ſolle. Damals in der„guten alten Zeit“ konnte kein Rechts⸗ handel ohne„Schmierale“ fertig werden, und die Beamten nahmen dieß ohne Scheu an. Als Brönner eines Abends aus des Schloßbauern Haus wegging, gab ihm Vefele das Geleite bis unter die Thür; da ſtanden ſie noch eine Weile bei einander. Brön⸗ ner faßte die Hand Vefele's und ſagte:„Parole d'honneur, Vefele, Sie ſind ein liebes Mädchen und gar nicht wie ein Bauernmädchen, Sie ſind auch viel zu fein für ein Bauernmädchen, parole d'honneur, und haben ſo viel Ver⸗ ſtand, wie irgend Eine in der Stadt.“ Vefele ſagte zwar, er wolle es nur foppen, aber inner⸗ lich gab es ihm doch recht. Er küßte dann die Hand Vefele's und nahm Abſchied, indem er höflich ſeinen Hut vor ihm abzog. Vefele ſtand noch lange unter der Thür und blickte gedankenvoll drein, ein heiteres Lächeln ſchwebte auf ſeinem Antlitze; die höfliche und doch ſo gutherzige Art Brönner's hatte ihm gar wohl gefallen. Dann ging es ſingend die Treppe hinauf, und als es die große Suppen⸗ ſchüſſel fallen ließ, lachte es überlaut. Es kam ihm heute Abend Alles ſo luſtig vor, daß es keine trübe Miene machen konnte, es ging noch ſpät in den Keller und holte den Knechten heimlich eine Flaſche Obſtwein; ſie ſollten auch einmal mitten in der Woche vergnügt ſein. Das Verhältniß zwiſchen Brönner und Vefele ging nun in Rieſenſchritten vorwärts. Ein neues, durch das lange Harren faſt unerwartetes Ereigniß, brachte friſche Luſt und Freude in des Schloß⸗ bauern Haus; die Nachricht war angekommen: er hatte endlich ſeinen Prozeß gewonnen. Die Gegenpartei war in Rottenburg geweſen, und der Landvogt hatte ihnen offen und doch verblümt geſagt:„Des Schloßbauers Füchsle haben Eure Schimmele überritten.“ Trotz dem der Schloß⸗ bauer nicht ausgehen konnte, zog er doch ſein Sonntagskleid an und ſaß vergnügt in ſeinem Stuhle und ſchüttete dem Moyhrle einen ganzen Hafen Milch in ſeine Morgenſuppe. „„ Er ſchickte ſogleich Boten nach Melchior und Agathle, ſie ſollten kommen und ſich mit ihm freuen; man ſagte ihm nicht, daß Agathle todtkrank darniederläge. Auch nach Brönner wurde geſchickt, und dieſer war der Einzige, der zum Schmauſe kam. Der Schloßbauer ſaß bis tief in die Nacht hinein und trank und lachte und ſcherzte, manch⸗ mal wurde er auch trüb; er wünſchte ſich nur, daß ſeine „Alte“ das auch noch mit erlebt hätte, und er trank ein volles Glas zu ihrem Andenken. Man mußte den Ueber⸗ fröhlichen, der ſchon auf dem Stuhle halb eingeſchlafen war, endlich zu Bette bringen. Es war ſchon ſpät, als auch Brönner ſich zum Fort⸗ gehen anſchickte; Vefele leuchtete ihm hinab, ſie waren beide hoch erregt und küßten ſich heftig. Auf ſein Bitten und Betteln ſagte nun Vefele ganz laut:„gut Nacht;“ Brönner that desgleichen, er nahm den Hausſchlüſſel, ſchloß die Thür auf, ſchlug ſie heftig zu und verſchloß wieder. Aber er war nicht hinausgegangen, ſondern er ſchlich ſich hinauf in das Kämmerlein Vefele's. Niemand im Hauſe merkte etwas davon, nur das Mohrle, das im Hofe angebunden war, bellte unaufhörlich die ganze Nacht, wie wenn ein Dieb in's Haus gedrungen wäre. In derſelben Nacht theilte ſich der Engel des Lebens und der Engel des Todes in die Herrſchaft des einen Hauſes; am andern Morgen fand man den Schloßbauer vom Schlage gerührt todt in ſeinem Bette. Niemand ahnte, warum das Vefele bei der Leiche ſeines Vaters wie wahnſinnig raste und ſich gar nicht wollte beruhigen laſſen; es war ſonſt immer ſo verſtändig und beſonnen, und jetzt wollte es gar keine Vernunft annehmen. Das Schloßgut wurde nun wieder von einem Barone angekauft, und die Bauern bezahlten nach wie vor ohne Widerrede die alten Herrenabgaben. 3 Vefele zog nun zu ſeinem Bruder Melchior nach Ergen⸗ zingen; nichts war ihm aus dem Dorfe gefolgt, als das Lot m nin nat hal na kü tet de Na gle liel gut del Er den abe der ſug der bra aut mů gut üh D fri mi no — Mohrle. Die Schweſter Agathle ſtarb bald nach dem Tode des Vaters, und die Leute munkelten, Vefele werde nun ihren Schwager heirathen; das konnte aber nie und nimmer geſchehen. Brönner kam jede Woche mehrmals nach Ergenzingen; er mußte irgendwo Geld aufgetrieben haben, denn er war überaus prächtig gekleidet, auch be⸗ nahm er ſich gegen Vefele und die Andern ganz ſicher, ja faſt vornehm. Er gab zu verſtehen, daß man ihn künftighin„Herr Doctor“ heißen ſolle. Vefele wußte nicht recht, was das ſein ſollte, es ließ ſich aber Alles gefallen, denn es hatte ihm ſeinen Stand eröffnet.— Im Hauſe Melchior's war ein Knecht, Wendel mit Namen, ein baumſtarker und arbeitſamer Burſch, der theilte gleiche Freundſchaft und Feindſchaft mit dem Mohrle; er liebte den Hund, weil er wie er den Brönner haßte, und er liebte ihn doppelt, weil er ebenfalls dem Vefele ſo gut war. Brönner hatte einmal per„Er“ mit dem Wen⸗ del geſprochen, und dieſer, der ſchon lang gern einen Grund gehabt hätte, um Brönner zu haſſen, faßte von dem an eine Todfeindſchaft auf den„Bartkratzer.“ Dennoch aber ließ er ſich mehr als zwanzigmal und oft ſpät in der Nacht zu ihm nach der Stadt ſchicken, wenn Vefele ſagte:„Wendel, willſt Du nicht ſo gut ſein.“ Da wan⸗ derte er dann hin und das Mohrle ſprang mit, und ſie brachten einen Brief von Vefele an den„Doctor.“ Oft auch wenn der Wendel den ganzen Tag geackert hatte und müder war als ſeine Gäule, brauchte das Vefele nur ein gut Wort zu ſagen, und er ſpannte nochmals ein und führte den Brönner durch Nacht und Wetter heim. Eines Samſtags Abends ſagte Vefele im Hofe zum Wendel:„Morgen früh mußt Du ſo gut ſein und ganz früh nach Horb fahren und den Brönner holen.“ „Iſt's denn wahr?“ fragte Wendel,„daß Ihr Euch mit einander verſprechen wollt? „Wenn ich Euch rathen ſoll, ſo thut's nicht, es gibt noch rechtſchaffene Bauersleut' genug.“ 74 Vefele erwiederte:„Du kannſt's eben dem Brönner nicht vergeſſen, daß er einmal Er zu Dir geſagt hat.“ Es wollte noch mehr hinzuſetzen, aber es bedachte ſich, denn es wollte den Wendel nicht beleidigen. Innerlich aber ſagte es ſich:„es iſt doch gräßlich, wie dumm und hartnäckig ſo ein Bauer iſt,“ und es freute ſich, darüber hinausgekommen zu ſein.— Trotz ſeiner Widerrede war Wendel doch ſchon lange, ehe es tagte, mit dem Wägel⸗ chen an der Straße, um den Brönner abzuholen. Vefele und Brönner verlobten ſich nun öffentlich mit einander, und die Leute ſprachen allerlei davon, ja ſie ſagten ſogar heimlich, der Brönner habe dem Schloßbauer einen Trank gegeben, woran er geſtorben ſei, weil er die Heirath mit ſeiner Tochter nicht habe zugeben wollen.— So ſchießen die Leute in ihren überklugen Vermuthungen meiſt über das Ziel hinaus. Die erſte Veränderung, der ſich nun Vefele unterwer⸗ fen mußte, war eine ſehr traurige. Der Brönner ſchickte ihm eines Tages eine Näherin aus der Stadt und ließ ihm Kleider anmeſſen. Vefele kam ſich vor wie ein Rekrut, der nicht mehr Herr über ſich iſt und ſich in jede beliebige Uniform ſtecken laſſen muß, weil ihn das Loos ſo getrof⸗ fen; es ließ Alles ohne Widerrede aus ſich machen. Als es nun am Sonntage darauf die neuen Kleider anziehen mußte, ſtand es weinend bei der Näherin in der Kammer, es nahm von jedem einzelnen Stückchen wehmüthig Ab⸗ ſchied, es war ihm, als ob es ſeinem ganzen bisherigen Leben damit entſagte. Mit beſonderer Wehmuth betrach⸗ tete es den feinen Wiflingrock; ſeine Mutter hatte ihn ihm gegeben, als es gefirmt wurde, es war darin zum erſten Male zur Beichte und zu Gottes Tiſch gegangen, und die Mutter hatte ihm geſagt, es ſolle einſt damit zum Traualtare gehen. Auch das iſt eine Unannehmlichkeit der Stadtkleider und bezeichnet ſchon das Herrenweſen, daß man ſich damit nicht allein anziehen kann und Jemand zum Zuhaften braucht. Vefele ſchauderte immer zuſammen, wenn die Näherin ſo an ihm herum boſſelte. Die Haare waren in einen Zopf geflochten und mit einem Kamme — 4 ni La mi au ſi 75 aufgeſteckt, und als nun das Vefele endlich fir und fertig da ſtand und ſich im Spiegel betrachtete, mußte es über ſich lachen, und es verbeugte ſich höflich vor ſich ſelber. Brönner war hocherfreut, als das Vefele ſchüchtern in die Stube trat; er bemerkte, daß es zehnmal hübſcher ausſehe. Als aber Vefele ſagte: daß die Stadtkleider doch nichts ſeien, und daß ein einziges Bauernkleid mehr werth ſei und auch mehr koſte, als ſechs ſolcher Stadtfahnen, da machte der Brönner ein böſes Geſicht und ſagte,„das wäre dummes Bauerngeſchwätz.“ Das Vefele preßte die Lippen zuſammen und die Thränen ſtanden ihm in den Augen, es ging hinaus und weinte. Das Vefele ging faſt gar nicht aus dem Hauſe, denn es ſchämte ſich, ſo„vermaskirt“ zu ſein; es meinte, Jeder⸗ mann müſſe es drum anſehen. Nur ein einziges Mäd⸗ chen im Dorfe, das bei der alten Urſula aufgezogen ward, hatte auch Stadtkleider an, und man wußte nicht recht, woher es war. Das Vefele hatte ſchwere Zeiten in dem Hauſe Mel⸗ chior's, deſſen Frau ein böſer Drache war und immer todte Kinder gebar, ſo daß die Leute ſagten, ihr Gift tödte die Kinder im Leibe.— Oft ſaßen Melchior und Vefele in der Scheune und ſie thaten, als ob ſie ſich zum Spaß Rüben ſchälten; in der That aber aßen ſie ſie mit gutem Appetit. Vefele gab ſich alle Mühe, ſeinen Bru⸗ der zu ſteter Nachgiebigkeit zu ermahnen. Es hatte er⸗ fahren, was Unfriede in einem Hauſe war, und es drang nun darauf, daß bei allen Entbehrungen Friede ſein ſolle; der gute Melchior willigte gern in Alles. Doppelt und dreifach drang aber Vefele bei Brönner auf baldige Verheirathung. Da trat dieſer mit einem nuen Plane hervor: er wolle nach Amerika auswandern, er könne ſo gut doctern wie der Amtsphyſicus, hier zu Lande aber dürfe er das nicht, und darum wolle und müſſe er fort. Das Vefele rang die Hände, warf ſich auf die Kniee und bat, daß er von dieſem Plane abſtehe, ſie hätten ja Vermögen genug, um auch ohne Doctorei zu leben. Der Brönner aber blieb unerſchütterlich und 76 nannte das Vefele ein„dummes Dorfkind, das nicht wiſſe, daß hinter'm Berge auch noch Leute wohnen.“ Da ſank das Vefele in ſich zuſammen, es lag mit dem Angeſichte auf dem Boden und ein furchtbarer Gedanke ging ihm durch die Seele, der Gedanke: daß es mißachtet und auf ewig unglücklich ſein werde. Brönner mochte das ahnen, er kam zu ihm, hob es freundlich auf, küßte es und redete gar fein und höflich, ſo daß das Vefele Alles vergaß und in Alles willigte; es wollte mit ihm nach Amerika auswandern, es wäre ihm in die Hölle gefolgt, ſo hatte er ſein Herz und ſeine Sinne beſtrickt. Brönner hatte ſchon Alles vorbereitet, das Vermögen Vefele's wurde zu Geld gemacht, und um zur Reiſe be⸗ quemer zu ſein, in lauter Gold eingewechſelt. Vefele hob es bei ſeiner Ausſteuer auf. Vefele und Brönner ſollten in der Kirche verkündet werden; aber die Papiere Brönner's, der aus dem Hohen⸗ lohiſchen gebürtig war, blieben immer aus. Da kam dieſer eines Tages, Vefele ſtand in der Küche am Waſch⸗ zuber, und er ſagte:„Vefele, weißt Du was, ich muß heim und die Papiere ſelber holen, unten iſt ein guter Freund mit einer Chaiſe, ich habe gerade Gelegenheit nach Tübingen zu fahren; dann laſſ' ich auch für uns den Paß von dem Geſandten unterſchreiben und dann gehen wir noch den Herbſt fort.“ „Lieber heut als Morgen,“ ſagte das Vefele. „Apropos,“ ſagte Brönner wieder,„ich habe jetzt gerade kein Geld, kannſt Du mir nicht was geben?“ „Da haſt Du den Schlüſſel,“ ſagte Vefele,„hol' Dir droben; Du weißt ja wo's liegt, links bei den neuen Hemden, die mit dem blauen Bändele zuſammen⸗ gebunden ſind.“ Brönner ging hinauf und kam nach einer Weile wie⸗ der, Vefele trocknete an der Schürze die Hand und reichte ihm dieſelbe, Brönner's Hand zitterte. Vefele wollte ihm ein Stück Weges„ausfolgen;“ er aber bat es, da zu bleiben, und er rannte ſchnell die Treppe hinab. Es war Vefele traurig zu Muthe, daß Brönner ſich nicht eim et übe trd um P na mi YW W der ſell trü ein Re doc ſich doe un her ha erſ N ga de nk te m uf nd ika tte en einmal bis unter die Hausthür begleiten ließ, es glaubte, er ſchäme ſich ſeiner vor ſeinem Freunde; es dachte dar⸗ über nach, wie das einſt werden ſolle, und bittere Thränen tröpfelten in den Waſchzuber. Dennoch ging es hinauf in ſeine Dachkammer und ſchaute zum Fenſter hinaus, um die Kutſche noch mit den Blicken begleiten zu können. Wie erſtaunte es aber, als es ſah, daß die Kutſche nicht nach Tübingen, ſondern den Weg nach Herrenberg fuhr. Es hatte ſchon den Mund geöffnet, es war ihm, als müßte oder könnte es ihnen zurufen, ſie ſeien auf falſchem Weg; da beſann es ſich, daß es ſich wohl verhört, oder der Brönner ſich verſprochen haben möge.— Acht, vierzehn Tage waren vorüber, weder Brönner ſelber noch Nachricht von ihm kam. Vefele war oft be⸗ trübt in dem Gedanken, daß es ſein ganzes Leben lang einem Manne hingegeben ſein ſolle, der keinen rechten Reſpekt vor ihm hatte; es war nicht ſtolz, aber es dachte doch daran, wie Jeder, und ſogar der Schultheiß im Orte, ſich hochgeehrt gefühlt hätte durch ſeine Hand. Oft aber dachte es wieder mit dem innigſten Entzücken an Brönner, und es bat ihn in Gedanken um Verzeihung für alle die herben Vorwürfe, die es ihm in ſeiner Seele gemacht hatte. Es ſtellte ſich ihn ganz vor, wie er war, und da erſchien er ſo herrlich und lieb, es ſah gar keinen Fehler mehr an ihm; denn ſo iſt es immer: wenn wir von Menſchen entfernt ſind, die wir gern haben, ſehen wir gar keinen Fehler und nur Tugenden an ihnen.— Hätte der Brönner nur Eine Tugend gehabt! WMelchior fragte Vefele über das lange Ausbleiben Brönner's, und es that, als wüßte es den Grund und wäre es darüber beruhigt. Eines Tages ſaß Vefele in trüben Gedanken in ſeiner Kammer; es hatte lange zum Dachfenſter hinausgeſchaut, ob Brönner nicht komme, aber es ſah nichts. Es wollte ſich eine Freude machen und öffnete den Schrank, um die ſchöne Ausſteuer zu betrachten, aber, o Himmel! da war Alles ſo zerzaust, als ob Hexen darüber geweſen wären; es griff unwillkürlich nach dem Gelde, aber— das war —— 78 fort. Es ſchrie laut auf, und plötzlich, wie feurige Pfeile ſo ſchnell, flogen ihm die Gedanken durch die Seele: der falſche Weg, den Brönner gefahren, das Zittern ſeiner Hand, daß es ihm nicht ausfolgen durfte, ſein langes Ausbleiben—— Mit raſchen Schritten ſprang Vefele an das Dachfenſter und wollte ſich hinausſtürzen; da faßte es eine Hand von hinten, es war Melchior, der auf den Schmerzensſchrei herbeigeeilt war. Vefele warf ſich auf die Kniee und erzählte händeringend ſeinem Bruder Alles. Melchior raſ'te und wüthete; er wollte fort, alle Gerichte zu Hülfe rufen. Da fiel Vefele auf das Angeſicht und erzählte ihm ſeine Schande; Melchior ſank zu ihm nieder auf den Boden und weinte mit. Lange ſaßen die beiden Geſchwiſter ſo auf dem Boden hart an einander gelehnt, laut ſchluchzend, ohne ein Wort zu reden, ja Beide ſcheu⸗ ten ſich faſt, ſich anzuſehen.— Wer die Menſchen kennt und die Eigenthümlichkeiten der Bauern insbeſondere, der wird es wohl zu ſchätzen wiſſen, daß Melchior ſeiner Schweſter Vefele nie den ge⸗ ringſten Vorwurf über ihren Fall machte; ja, er ſuchte, ſo viel er konnte, ihren niedergedrückten Lebensgeiſt wieder aufzurichten. Die meiſten Menſchen machen ſich für ihre Theilnahme bei einem Mißgeſchick oder einem Fehltritt gleich dadurch bezahlt, daß ſie ihrem freundſchaftlichen Aerger und ihren weiſen Ermahnungen Luft machen. Das mag bei Kindern oder überhaupt bei ſolchen Menſchen am Platze ſein, die nicht wiſſen, was ihnen geſchehen oder was ſie gethan; bei Menſchen aber, die den Pfeil wohl fühlen, der in ihre Bruſt gedrungen, iſt es unvernünftig, wenn nicht grauſam, den Pfeil noch um und um zu wüh⸗ len, ſtatt ihn ſogleich behutſam und zart herauszuziehen. Melchior berathſchlagte nun mit Vefele, was zu thun ſei, und ſie kamen überein, daß man vorerſt keinen Lärm machen und Alles im Geheimen zu Ende führen müſſe. Mit einer Entſchiedenheit, als wäre er ein ganz anderer Menſch geworden, forderte Melchior ſeiner Frau Geld ab, und wenige Stunden darauf reiſſte er in ſeinem Wägel⸗ chen dem Brönner nach. Vefele wollte mit, es wollte faſt ver als Ni N erſ Es oh tra v01 MW ſi leb e3 Uerſ entt reif Sti als wu lio ſein Liel nod geri jigt delt ſich und ſchi zur A Vo Nen St ie verzweifeln, daß es zu Hauſe bleiben und nichts thun ſolle, als harren und weinen, aber Melchior redete ihm die Mitreiſe auf's Liebevollſte aus. Tage und Wochen ſchmerzlichen Hinbrütens vergingen. Wer das Vefele früher gekannt hatte, wäre jetzt furchtbar erſchrocken über die Veränderung ſeines ganzen Weſens. Es ließ ſich aber vor Niemanden ſehen, es lebte ein Leben ohne Willen, das kein eigentliches Leben war, es aß und trank, ſchlief und ſtand auf, aber es wußte und wollte von alle dem nichts, es blickte immer drein wie eine Wahnſinnige. Auch weinen konnte es nicht mehr. All ſein Denken, ſeine tiefſte Seele war wie ſcheintodt, wie lebendig begraben; es hörte die Welt draußen handiren, es verſtand ſie wohl, aber ſich ſelber konnte es nicht verſtändigen. Als Melchior zurückkam, ohne eine Spur von Brönner entdeckt zu haben, hörte Vefele Alles mit einem herzzer⸗ reißenden Stumpfſinn an, es ſchien auf Alles gefaßt. Still, faſt ohne ein Wort zu reden, lebte es dahin. Nur als es vernahm, daß Brönner mit Steckbriefen verfolgt wurde, jammerte es laut auf; es war ihm, als ob Mil⸗ lionen Zungen durch die Welt hin ſeinen Schmerz und ſeine Schande verkündeten, und doch— ſo weit geht die Liebe— weinte es faſt mehr um Brönner, als um ſich ſelber. Bei alle dem hatte das traurige Schickſal Vefele's noch nicht ſeine höchſte Höhe erreicht. Als ſeine Schwä⸗ gerin ſeinen Stand inne ward, ſteigerte ſich ihre Harther⸗ zigkeit zum empörendſten Grade, ſie verfolgte und mißhan⸗ delte Vefele auf jede Weiſe. Es aber duldete ſtill, es ſah ſich auserkoren, das größte Kreuz über ſich zu nehmen, und es gehorchte ohne Murren; das Doppelleben in ihm ſchien es mit einer geiſtigen und körperlichen Kraft aus⸗ zurüſten, die über jedes Ungemach unverſehrt hinwegſchritt. Als aber Vefele hörte, wie die Schwägerin dem Melchior Vorwürfe machte, und wie ſie den Tag verwünſche, an dem ſie in eine Familie eingetreten war, die einen ſolchen Schandfleck habe, da blutete das Herz der Unglücklichen tief. Die Engelsmilde, ſie, ſollte die Schande ihrer Familie ſein! Alles ertrug ſie leicht, nur das, daß ſie die Schuld an dem Unglück und der Schande ihres Bruders ſein ſolle, das war zu viel! Es iſt jammervoll, daß faſt lauter böſe, in die Tracht ſchwarzer Leidenſchaften gehüllte Menſchen am Lebenswege Vefele's ſich wie eine feſtgeſchloſſene Reihe aufgeſtellt hatten. Das verhinderte es auch, die guten in den Lichtglanz des Edelſinns gehüllten Menſchen zu erkennen, die ſich nicht ſo leicht hindurchdrängen, weil es ihre ſtille Tugend ſo mit ſich bringt, und weil ſie auch erwarten dürfen, daß man ſie doch herausfinde. Vefele ſaß eines Tages weinend in der Küche auf dem Herde, da trat der Wendel ein, er ſagte: „Müſſet nicht greinen, ich hab's Euch ja damals ge⸗ ſagt, es gibt noch rechtſchaffene Bauersleut' genug, wenn ſie auch keinen Katzenbuckel machen können.“ Vefele ſah mit thränenden Augen auf, über dieſe Rede befremdet; es antwortete aber nichts, und Wendel fuhr nach einer Weile fort: „Ja, gucket mich nur an; was ich ſag' iſt ſo wahr, wie wenn's der Pfarrer von der Kanzel ſagt.“ Er näherte ſich Vefele und faßte deſſen Hand, indem er weiter ſagte: „Drum kurz und gut, ich weiß, wie's mit Euch ſteht, aber Ihr ſeid doch bräver als hundert Andere, und wenn Ihr Ja ſaget, iſt über vierzehn Tag' unſere Hochzeit und Euer Kind iſt mein Kind.“ Vefele entzog ihm raſch die Hand und bedeckte ſich damit die Augen, dann ſtand es auf und ſagte glühenden Antlitzes:„Weißt Du denn auch, daß ich bettelarm bin? Gelt das haſt Du nicht gewußt?“ Wendel ſtand eine Weile ſtill, Zorn und Mitleid kämpften in ſeinem Herzen wie auf ſeinem Angeſichte, er ſchämte ſich für das Vefele und für ſich ſelber über dieſe Rede; endlich ſagte er:„Ja, ich weiß Alles; wenn Du noch reich wärſt, hätt' ich mein Lebtag nichts geſagt; meine Mutter hat ein klein's Gütle und ich hab' mir auch ein Geldle geſpart, und wir konnen ja ſchaffen und uns in Ehren durchbringen.“ — eſe gt nir nd Vefele faltete die Hände, hob die Blicke himmelwärts und ſagte dann:„Verzeih' mir's Wendel, aber ich hab's nicht ſo ſchlecht gemeint, ich bin nicht ſo ſchlecht, aber die ganze Welt kommt mir ſo vor; verzeih' mir's Wendel.“ „Nun ſagſt Du Ja?“ fragte dieſer. Vefele ſchüttelte den Kopf verneinend, und Wendel ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden:„Warum denn nicht?“ fragte er. „Ich kann nicht viel reden,“ ſagte Vefele ſchwer ath⸗ mend,„aber verzeih' mir's, ich kann nicht; Gott wird Dir Dein Herz gewiß noch belohnen, aber gelt, jetzt reden wir weiter kein Wort mehr davon?“ Der Wendel ging weg und ſagte noch in derſelben Stunde dem Melchior auf Martini den Dienſt auf. Endlich kam das äußerſte Unglück über Vefele. Der Schultheiß des Ortes hatte ihren Stand erfahren, und der hartherzige Mann ließ nun ſeinen alten verhaltenen Grimm aus; er ließ Vefele durch den Dorfſchützen ſagen, es müſſe das Dorf verlaſſen und nach ſeinem Geburtsorte zurückkehren, da ſonſt das Kind, wenn es hier geboren würde, Heimathsrechte anſprechen könnte. Vefele duldete es nicht, daß man Schritte gegen dieſe Grauſamkeit that, und in einer ſtürmiſchen Herbſtnacht beſtieg es mit Wendel das Wägelchen und fuhr nach See⸗ dorf. Wendel ſuchte es auf dem Wege zu tröſten, ſo gut er konnte; er ſagte, daß er ſich jeden Tag darüber gräme, daß er nicht, wie er oft vorgehabt habe, den Brönner einmal die bildechinger Steige hinabgeworfen habe, damit er Hals und Bein breche. Vefele ſchien faſt froh, als es in Seedorf kein Unterkommen fand. Wendel bat und beſchwor es, mit ihm zu ſeiner Mutter nach Bohndorf zu gehen; es aber gab auf alle ſeine Bitten kein Gehör, ſchickte ihn des andern Morgens nach Hauſe und wanderte zu Fuße fort, wie es ſagte, nach Tübingen. Das Moyrle war auch mit geweſen, es wollte ſich von Vefele nicht trennen laſſen, und der Wendel mußte den Hund mit einem Seile unter dem Wägelchen anbinden. 6 * Der Wind jagte den Regen, der Boden war ſo ſchlüpf⸗ rig, daß man bei jedem Schritte ausglitt, als Vefele den Weg nach Rottenburg einſchlug. Es war ſtädtiſch geklei⸗ det, und hatte ein hellrothes Halstuch um, unter dem Arme trug es ein kleines Bündel. Ein altes Lied, das es faſt ganz vergeſſen hatte, tauchte plötzlich in ſeiner Er⸗ innerung auf; es war das Lied von der betrogenen Gra⸗ fentochter. Ohne den Mund zu öffnen, wiederholte es oft innerlich den Vers: Weinſt du um dein Vatergut, Oder weinſt du um dein' ſtolzen Muth? Oder weinſt du um dein junges Blut? Oder weinſt um deine Ehr'? Ja Ehr'? Die find'ſt du nimmermehr. Kaum einige hundert Schritte war Vefele von Seedorf entfernt, als plötzlich etwas an ihm heraufſprang. Es fuhr erſchreckt zuſammen, aber ſein Antlitz war ſchnell wieder freundlich, es war Mohrle; der Hund trug einen Seilſtumpf, den er abgebiſſen hatte, am Halſe, er geberdete ſich ganz wie ſelig und wollte ſich gar nicht beruhigen laſſen. Der Sturm war ſo heftig, daß es war, wie wenn man ganz hart an dem Ohre zwei Steine auf einander ſchlüge, und als ob um und um unfaßbare rauſchende Gewänder Einen umſtrickten und zu erſticken trachteten Vefele ging mühſam weiter und plötzlich— ohne daß es wußte warum oder wie— kam ihm der Gedanke, daß Brönner jetzt auf dem Meere ſei. Es hatte in ſeinem Leben nur einmal eine bildliche Darſtellung des Sturmes im Evangelium geſehen, aber jetzt ſah es ihn leibhaftig vor ſich, es ſelbſt war mitten drin; es ſah die häuſerhohen dunkeln Wellen, ſah das Schiff, wie es auf und nieder geſchnellt wurde, und oben ſtand der Brönner und ſtreckte jammernd die Arme empor. Da! wehe! Vefele ſtreckte ebenfalls die Arme empor, ſein Mund öffnete ſich, aber der Schrei erſtarb ihm auf der Zunge, es ſah den Brönner hinabſtürzen in das Meer und eine Welle begrub ihn. ——— * 83 Vefele ließ die Arme finken, ſein Haupt neigte ſich, ſeine n Hände falteten ſich und es betete für die arme Seele des ⸗ Verlorenen. So ſtand es eine Weile, in ſeinem Innerſten n b ſah es, Brönner war in dieſer Minute geſtorben. Dann 3 richtete es ſeufzend das Haupt wieder empor, es hob das ⸗ Bündel auf, das ihm entfallen war, und ſchritt durch 5 Sturm und Regen wieder fürbaß. ſt Auf der Anhöhe, wo der Weg umbiegt und das Städt⸗ chen Rottenburg vor den Blicken liegt, ſteht eine Kapelle. Vefele trat hinein und betete lange inbrünſtig vor der Mutter Gottes. Als es wieder aus der Kapelle trat, ſah es die lange Ebene vor ſich faſt wie einen See; der Neckar war übergetreten. Vefele ging außen an der Stadt herum, Hirſchau zu. Hier traf es plötzlich einen alten Bekannten, den auch uns noch wohl erinnerlichen Marem; er trug einen Querſack über dem Rücken und führte eine Kuh am Seile, er ging ebenfalls nach Hirſchau. Wer ſollte es glauben, daß Marem ein Mitgefühl mit dem Schickſale. Vefele's hatte, daß es ihm Thränen auspreßte? Und doch 3 war es ſo. Nehmt einen Dorfiuden und einen Bauern 6 von gleicher Bildungsſtufe, ihr werdet jenen verſchmitzter, auf ſeinen Vortheil bedachter und ſcheinbar kälter finden; aber bei jedem rein menſchlichen Elend werdet ihr meiſt eine Wärme und Zartheit des Mitgefühls in ihm entdecken, die ihn weit über ſein ſonſtiges Sein hinaushebt. Sein Schickſal hat ihn für manche andere Weltbeziehung ab⸗ geſtumpft, aber ihn auch zum theilnehmenden Bruder jedes rein menſchlichen Schmerzes gemacht. Marem bot Alles auf, um Vefele von ſeinem Wege zurückzubringen, er bot ihm ſein eigenes Haus als Unter⸗ kommen an, ja er wollte ihm ſogar Geld aufdringen. Vefele lehnte aber Alles ab. In Hirſchau kehrten die Bei⸗ den ein. Marem ließ dem Vefele eine gute Suppe kochen, aber es ſtand gleich, nachdem es den erſten Löffel voll ge⸗ nommen, wieder auf, um weiter zu gehen. Marem wollte den Hund bei ſich behalten, aber Vefele ließ das treue Thier nicht, es ſchied mit einem:„Vergelt's Euch Gott!“— —— —— S—M „ℳ. — Eine Stunde ſpäter ging Marem, nachdem er ſeine Kuh verkauft hatte, ebenfalls nach Tübingen. Nicht weit von Hirſchau ſprang ihm das Mohrle entgegen, es trug ein rothes Halstuch im Munde. Marem wurde blaß vor Schrecken, das Mohrle ſprang ihm nun voraus und er nach. Sie kamen an eine Stelle, wo das Waſſer über die Straße getreten war; der Hund ſprang hinein, er ſchwamm immer weiter, immer weiter, bis er endlich aus den Augen verſchwand.—— X X Das vornehmſte Haus des ganzen Dorfes, das gehörte einſt dem Vater des Vefele; der Vater iſt todt, die Mutter iſt todt, die fünf Kinder ſind todt, und das Vefele iſt ſpurlos verſchwunden. —,— W. — Tonele mit der gebiſt enen Wange. Auf dem Feldraine, da wo der Weg ſich ſcheidet und der eine nach Mühringen, der andere nach Ahldorf führt, im ſogenannten„Kirſchenbuſch,“ dort ſaßen an einem Sonntag Nachmittage drei Mädchen unter einem blühen⸗ den Kirſchenbaume. Rings umher war Alles ſtille, kein Pflug regte ſich, kein Wagen raſſelte. So weit das Auge ſchauen konnte, überall ſonntägige Ruh. Von der An⸗ höhe gegenüber, vom Daberwaſen, wo noch die Kirche eines alten Kloſters ſteht, tönte die Glocke, die wie mit lautem Gruße die Betenden heim geleitete. In dem kleinen Thälchen„im Grunde“ genannt, blühte der gelbe Reps zwiſchen den grünen Kornfeldern, und rechts auf der An⸗ höhe ſah man von dem jüdiſchen Gottesacker nur die vier Trauerweiden, die an den vier Ecken des großen Hügels ſtehen, unter welchem die Großmutter, die Mutter und ihre fünf Kinder ruhen, die alle in einem Hauſe verbrannt ſind.— Weiter unten ſtand mitten unter den blühenden Bäumen ein hohes, ziegelroth und weiß angeſtrichenes, hölzernes Crucifix. Sonſt war rings umher lauter ſtill treibendes Leben. Der einzige Laubwald in der ganzen Gegend, das ſogenannte„Buchwäldle,“ ſtand in voller Blätterpracht, und auf der andern Seite des Weges zog ſich der lichte Fichtenwald mit ſeinen ſtolzen und geraden Stämmen in lichter unbewegter Ruhe dahin. Kein Lüft⸗ chen wehte. Hoch zu den Wolken hinan ſchmetterte die Lerche ihren Geſang und tief in den Furchen verſteckt ſchlug die Wachtel. Es war, als ob die Aecker nur für ſich ſelber blühten; denn nirgends war ein Menſch zu ſehen, der mit Hacke und Schaufel andeutete, daß die Erde ihm unterthan ſei. Hie und da kam ein Bauer quer über's Feld, bisweilen einer, bisweilen aber auch mehrere, die ſich unter traulichem Geſpräche nach dem Gedeihen ihrer Saat umſchauten; in ihrem Sonntagsſtaate kamen ſie und ſahen vergnügt das ſtille Walten und Wirken in der Natur in ihrer Sonntagspracht. Die drei Mädchen ſaßen ruhig da, die Hände auf ihre weißen Schürzen gelegt, und ſtimmten ihre Lieder an. Bärbele ſang die erſte Stimme, das Tonele(Antonie) und das Brigittle begleiteten es mit natürlichem Takte. Andächtig und wehmüthig ſchallten die langgezogenen Töne über die Flur dahin, und ſo oft die Mädchen ſangen, pfiff ein Diſtelfink, der in den Zweigen des Kirſchbaumes ſaß, mit doppelter Luſt, und ſo oft die Mädchen nach Beendigung einer Strophe innehielten oder leiſe mit ein⸗ ander plauderten, verſtummte der Diſtelfink faſt plötzlich. Dig Mädchen ſangen: „Schön's Schätzle, um was i di bitte thur, Bleib nur noch e Jährle bei mir. Und Alles, was du verzehre thuſt, Das will ich bezahle vor dir.“ „Und wenn du gleich Alles bezahle thuſt, Geſchieden muß es jetzt ſein. Wir reiſen in fremdeſte Länder hinein, Schön's Schätzle, vergiß du nit mein.“ Und als ich in fremde Land hinein kam, Schön's Schätzle ſteht unter der Thür, Es thät mich ſo freundlich nit grüßen: „Schön's Schätzle, was machſt du allhier?“ Es iſt kein Apfel am Baum ſo roth, Schwarz Kerne ſind es darin. Es iſt kein Mädle im ganz Oeſtreich, So führt es ein falſchen Sinn. Paff, fiel ein Schuß, die Mädchen ſchreckten zuſammen, ihm bets die ihrer und latur ihre an. onie) akte. Töne gen, mes nach eln⸗ lich. 3 . 3 , 3 * der Diſtelfink flog vom Kirſchbaum fort. Da ſahen die Mädchen den Jäger von Mühringen in ein Repsfeld ſprin⸗ gen, ſein Hund ihm voraus. Der Jäger hob einen Rei⸗ her in die Höhe, raufte eine Feder aus, ſteckte ſie auf den Hut, ſchob den Vogel in die Jagdtaſche und hing ſich ſeine Flinte wieder um; es war ein ſchöner Mann, wie er ſo aus dem grünen Felde daher kam. Das Tonele ſagte:„er hätt' doch das Thier am Sonn⸗ tag leben laſſen können.“ „Ja,“ ſagte Bärbele,„die Jäger ſind alle keine rechten Chriſtenmenſchen: ſie können nichts als die armen Bauern wegen Holzfrevel in den Thurm und die unſchuldigen Thiere um's Leben bringen. Der grün' Teufelsknecht hat noch vergangen*) des Bläſis Käther auf vier Wochen in's Spinnhaus gebracht. Ich möcht keinen Jäger heiren**) und wenn er mir weiß nicht was verſprechen thät'.“ „Die alt Urſel hat mir einmal erzählt,“ ſagte Bri⸗ gittle, das jüngſte von den dreien,„daß ein Jäger jeden Tag ein lebiges Weſen todt machen muß.“ „Das kann er genug haben,“ lachte Bärbele, und wies ihn an das Ungeziefer. Unterdeſſen kam der Jäger näher. Wie auf eine Ver⸗ abredung begannen alle drei Mädchen zu ſingen; ſie woll⸗ ten thun, als ob ſie den Jäger nicht bemerkten, und doch ſangen ſie in ihrer Befangenheit nur mit halber Stimme und ſummten nur ſo vor ſich hin den letzten Vers des Liedes: Ein falſchen Sinn, ein hohen Muth, Drei Federn trag' ich auf meinem Hut; Und weil ich mein Schätzle verloren hab', So reiſ' ich gleich wiederum ab. „Guten Tag, ihr Jungfern, warum ſo leis?“ fragte der Jäger ſtehen bleibend. Die drei Mädchen fingen an zu kichern und hielten ſich ihre Schürzen vor den Mund; Bärbele aber gewann *) Vor Kurzem. **) Heirathen. am ſchnellſten das Wort wieder und es ſagte:„Schön Dank, Herr Jäger, wir ſingen halt nur für uns und wir hörens ſchon, wenn wir auch noch ſo leis ſingen, wir ſingen nicht für Andere.“ „Brr!“ ſagte der Jäger,„das Mäule ſchneid' ja wie geſchliffen.“ „Geſchliffen oder ungeſchliffen, das iſt gehupft wie ge⸗ ſprungen; wem's nicht gefällt, der kann's ja beſſer machen, wenn er's kann,“ erwiederte das Bärbele; das Tonele ſtieß es an und ſagte halblaut:„Du biſt aber auch grob wie Bohnenſtroh.“ „Ich kann ſchon einen Spaß vertragen,“ ſagte der Jäger, zu dem böſen Spiele gute Miene machend. Die Mädchen waren bei alle dem doch verlegen, und ſie wählten wohl gerade das unrechteſte Mittel, der Ver⸗ legenheit auszuweichen; ſie ſtanden auf, faßten ſich unter dem Arme, um nach Hauſe zu gehen. „Darf ich den Jungfern Geſellſchaft leiſten?“ ſagte der Jäger wieder. „Das iſt Landſtraße und die Straß' iſt breit,“ ſagte Bärbele. Der Jäger dachte daran, ſich von dem groben Mäd⸗ chen fortzumachen, aber er beſann ſich ſchnell, wie lächer⸗ lich es wäre, ſich verblüffen zu laſſen. Er fühlte es wohl, er ſollte auch in dem gleichen Tone antworten, aber er konnte nicht: das Tonele, an deſſen Seite er ging, hatte ihm ſo in die Augen geſtochen, daß er gar keinen tüchtigen Spaß machen konnte, und er war doch ſonſt gar nicht ſo blöde; er ließ daher dem Mädchen ſeine Freude und ging mit, ohne ein Wort zu reden. Um doch Einiges wieder gut zu machen, fragte das Tonele:„Wohin wollet ihr denn am Sonntag?“ „Ge' Horb,“ ſagte der Jäger,„und wenn mich die Jungfern begleiten thäten, es käm mir auf den beſten Schoppen nicht an.“ „Wir bleiben daheim,“ ſagte das Tonele, und wurde über und über roth. — — „Wir löſchen lieber den Durſt mit Gänswein, den kriegen wir auch geſchenkt,“ ſagte das Bärbele. Man war dem Dorfe näher gekommen, da ſagte das Bärbele abermals, auf einen Fußweg deutend:„Herr Jäger, da könntet ihr hinten rum kommen, da geht der nächſte Weg nach Horb.“ Dem Jäger wurde es endlich zu viel, und er hatte ein höchſt derbes Wortſpiel im Munde; aber er unterdrückte es und ſagte nur:„Ich ſeh' gern ehrlichen Leuten und einem ehrlichen Dorf in's Geſicht.“ Er konnte ſich aber nicht enthalten, dem Bärbele dabei den Rücken zuzukehren. So geht's. Weil der Jäger keinen Spaß machen konnte wurde er grob, und ſo geht's oft. Als die vier in das Dorf hineingingen, fragte der Jäger das Tonele, wie es heiße; aber noch ehe es ant⸗ worten konnte, ſagte Bärbele:„Wie man's getauft hat.“ Und als nun der Jäger zum Bärbele ſagte:„Ihr ſeid ja wundergeſcheit, wie alt ſeid Ihr denn?“ erhielt er die gewöhnliche Antwort:„So alt wie mein kleiner Finger.“ Das Tonele aber ſagte halb leiſe:„Ich heiß' Tonele. Warum fraget Ihr denn?“ „Weil mir's lieb iſt, es zu wiſſen.“ Man ging den Berg hinan, an dem ſich die beiden Häuſerreihen hinaufziehen; oben, an des Sauerbrunnen⸗ baſche's Haus ſteckten die drei Mädchen ſtillſtehend die Köpfe zuſammen, und huſch! ſtoben ſie wie verſcheuchte Tauben aus einander und ließen den Jäger allein ſtehen; dieſer pfiff ſeinem Hunde, der den Mädchen nachgeſprun⸗ gen war, ſteckte die linke Hand in den Gewehrriemen und ging ebenfalls davon. An der Steingrube erholten und ſammelten ſich die Mädchen wieder. „Du biſt aber auch gar zu grob,“ ſagte Tonele zu Bärbele. „Jo weger,*) betheuerte Brigittle. *) Wayrlich. ——— „Er hat dir ja nichts than,“ fuhr Tonele fort,„und du biſt auf ihn losgefahren wie ein Kettenhund.“ „Ich hab' ihm auch nichts than,“ ſagte Bärbele,„ich hab ihn nur gefoppt, warum hat der Tralle mir nicht rausgeben? Und wahr bleibt wahr, ich mag ihn nicht, wie kommt der Grünrock dazu? Meint er, weil er beim Baron Mühringen Jäger ſei, dürſt' er nur ſo mit uns laufen durch das ganze Dorf durch, daß alle Leute meinen, wir wollen was von ihm? Und was müßt' der Sepper*) und der Kasper davon denken? Nein, nein ich bin kein ſo Tättele**) wie du, ich laß' mir nichts gefallen, von keinem Grafen und von keinem Baronen.“ Das Geſpräch wurde unterbrochen, denn der Sepper und der Kasper kamen; ſie hatten ihre Schätze im Kirſchen⸗ buſch geſucht und nicht gefunden. Bärbele erzählte nun die ganze Geſchichte, es konnte Niemand außer ihm zu Worte kommen, und da ihm noch viel ſpitzere Redens⸗ arten einfielen, nahm es das nicht ſo genau und erzählte auch dieſe. Denn das findet ſich überall und bei gar vielen Menſchen, daß, wenn ſie etwas von ſich erzählen, ſie es noch ſchöner herausputzen; ſie berichten dann, daß ſie dieß und das geſagt und gethan, wozu ſie zur Zeit den Muth nicht gehabt hatten, oder was ihnen erſt ſpäter einfiel. Der Sepper gab dem Bärbele vollkommen recht und ſagte:„das Herrenpack muß man gleich von vorn herein abdachteln!“***) Der Jäger, der doch nichts weniger als ein„Herr“ war, wurde immer mehr zu einem ſolchen geſtempelt, damit man deſto beſſer auf ihn losziehen konnte. Sepper nahm ſeinen Schatz, das Tonele, an den einen Arm, an den andern hing ſich das Brigittle; der Kasper und das Bärbele gingen neben ihnen, und ſo wanderten ſie durch die Hohlgaſſe nach der Hochbur ſpazieren. Der Sepper und das Tonele waren ein herrliches Paar, *) Joſeph. *) Schüchternes Mädchen. ) Wahrſcheinlich abvecken, herunterreißen. ———— ich cht eim uns en, mit nen per ten 93 beide faſt gleich groß und ſchlank, und beide doppelt ſchön, wenn ſie mit einander gingen; jedes für ſich allein war ſchon ſchön, aber bei einander waren ſie es erſt recht, unter tauſenden heraus hätte man ſagen müſſen dieſe zwei gehoͤren zuſammen. Der Sepper ging halb bäueriſch, halb ſoldatiſch gekleidet; das kurze ſchlotterige Bauernwamms hob das ſchöne Ebenmaß der Glieder unter den eng zu⸗ geſchnürten Beinkleidern noch ſchärfer hervor. Der Sepper ſah aus wie ein Offizier, der ſich's kommod' gemacht hat, ſo ſchlank und ſtraff und doch wieder ſo frei und unge⸗ zwungen war ſein ganzes Weſen. Auf der Hochbur angelangt, ſahen ſie nicht weit davon den Jäger beim Nordſtetter Waldſchützen ſtehen. Der Sepper bemerkte ſogar, daß der Jäger nach ihnen hin⸗ deutete, und er räuſperte ſich, als ob er dem„Herren“ ſogleich eine tüchtige Antwort zu geben hätte, obgleich ſie noch mehr als zweihundert Schritte von einander entfernt waren. Dann faßte er das Tonele um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß, gleichſam auch als weit hin erkennbare Sprache. Darauf ſchritt er luſtig pfeifend dahin, und ſchwenkte ſich gar keck und muthig. Hätte er gehört, was der Jäger mit dem Waldſchützen ſprach, er wäre noch ſchärfer aufgetreten, denn der Jäger ſagte:„Gucket, da kommt es grad'. Es iſt ein Mädle wie von Wachs, grad' wie die Mutter Gottes in der Kirche; ſo lang ich mir denken mag, hab' ich noch keines ſo geſehen.“ „Ja, ja, wie ich unbeſehen geſagt hab',“ erwiederte der Waldſchütz,„das iſt des Pudelkopfs Tonele; man heißt ihren Vater den Pudelkopf, weil er ein Haar hat wie ein Schaaf, das Tonele hat auch ſo weißes gerölltes Haar; man heißt's auch im ganzen Dorf das Borsdorfer Aepfele, weil es ſo rothe Bäckle hat. Der alte Pfarrer, der war nicht verſteckt,*) der hat's zur Köchin haben wollen; aber proſt Mahlzeit, der Pudelkopf hat mit einem ſchönen *) Dumm. Dank das Maul gewiſcht. Das Tonele kriegt einmal ſeine fünf Jauchert Ackers in einer Zelg*) und das kleckt**) noch nicht.“ Der Jäger reichte dem Waldſchützen die Hand, und noch ehe ihn die Spazierenden erreicht hatten, ging er raſch die Steige hinab. Auf einem Feldraine ſitzend, wurde von unſern Be⸗ kannten unter Singen und Küſſen der Nachmittag ver⸗ bracht. Am übelſten war das Brigittle dran, ſein Schatz war in Heilbronn bei den Soldaten; wer weiß, wo er jetzt war, während ſein Mädchen glühenden Antlitzes ab⸗ ſeits von den Andern, mit einer Blume ſpielend ſeiner gedachte? Als es Abend zu werden begann, machte Bri⸗ gittle die anderen Mädchen wieder zurecht; ſeine eigene Halskrauſe war in der beſten Ordnung geblieben, während die Haare und Halskrauſen der Andern„verſtrobelt und verzobelt“ waren, wie es gutmüthig ſcheltend ſagte. Man ging wiederum auf der Straße ſpazieren. Alle Mädchen und Burſchen ſammelten ſich dort, und nun ſchieden ſich die Geſchlechter. Im Weſten, wie man bei uns ſagt,„über dem Rheine“ ging die Sonne blutigroth unter und prophezeite für mor⸗ gen einen guten Tag. Die Burſchen gingen in langen Reihen, aber ein Jeder für ſich, ſingend oder im Chore vierſtimmig pfeifend das Dorf hinein. Etwa dreißig Schritte hinter ihnen gingen die Mädchen Arm in Arm, ebenfalls in langen Reihen, die die ganze Breite der Straße einnahmen. Sie ſangen unaufhörlich. Immer wieder fing ein Mädchen ein neues Lied an, und die Anderen ſtimmten ohne lan⸗ ges Beſinnen und Hin⸗ und Herreden ein. Das Tonele ging an der linken Flanke und an ſeinem rechten Arme hing das Blätſchle's Marann', die Flambo⸗ marann' genannt. Das war ein unglückliches Mädchen, *) Fünf Morgen Ackers in jeder Gemarkung gilt als der Beſitzſtand eines wohlhabenden Bauern. **) Iſt noch nicht Alles. nal und r ver⸗ chatz er ab⸗ iner Bri⸗ ene end und Alle nun ne or⸗ ein fend nen gen Sie chen lan⸗ nem nbo⸗ chen, kſtand denn die ganze linke Hälfte ſeines Geſichts, von der Stirn bis zum Kinn, war blau, wie von geronnenem Blute unterlaufen. Bei dem großen Brande vor achtzehn Jahren, wobei die ſieben Menſchen verbrannten, war die Mutter Marann's, die damals ſchwanger war, ſchnell herzugeeilt, und da ſie die Flamme ſah, fuhr ſie ſich erſchreckt mit der Hand über das Geſicht. Als nun das Kind zur Welt kam, hatte es auf der einen Seite ein blitzblaues Geſicht. Das Tonele hatte immer einen unüberwindlichen„Grauſel“ vor der Marann', aber es hatte nicht Muth genug, vor ihr zurückzuweichen, als ſie ſeinen Arm faßte. So ging es nun neben ihr, innerlich zitternd, aber es ſang um ſo lauter, um dadurch gerade über ſich Meiſter zu werden. Bei des Schloßbauern Haus holte der Jäger, von Horb kommend, die Mädchen ein. Als er das Tonele anſichtig wurde, ward er feuerroth, er hob ſein Gewehr etwas von der Schulter, hing es aber ſogleich wieder über; und er ſagte zu Tonele gewendet:„Guten Abend, ihr Jungfern.“ „Schön Dank,“ erwiederten Einige, und der Jäger fuhr leiſer zu Tonele fort: „Iſt's jetzt eher erlaubt, daß man mitgeht?“ „Nein, das ſchickt ſich nicht, daß Ihr mit uns durch das Dorf gehet, thut mir den Gefallen und gehet voraus zu den Buben,“ erwiederte das Tonele ebenfalls ganz leiſe. Der Jäger war hierüber hoch erfreut und ging höflich grüßend voraus. Beim Adler machte Alles Halt. Die Abendglocke läu⸗ tete, die Burſchen zogen ihre Mützen ab und ſprachen ein leiſes Vaterunſer; auch die Mädchen ſprachen daſſelbe leiſe, darauf machte ein Jedes das Zeichen des Kreuzes. Kaum war aber dieß vorbei, ſo ging das Scherzen und Schäkern wieder los. Der Jäger ſagte:„Gut Nacht beiſammen“ und ging ſeines Weges. Die Mädchen foppten das Tonele mit dem Jäger, und daß es etwas leiſe mit ihm gemunkelt habe. Der Sepper, der das hörte, ſtand plötzlich ſtarr und hielt die Pfeife, N die er eben zum Munde führen wollte, krampfhaft vor ſich hin, ſeine linke Fauſt ballte ſich, er ſprach kein Wort, aber aus ſeinem Auge, das ſtier auf Tonele gerichtet war, blitzten furchtbare Gedanken. Dann aber wiegte er ſich wieder ſtolz auf ſeinen Knieen und warf nur einmal den Kopf rückwärts. Als ſich Alles zerſtreute, begleitete der Sepper das Tonele. Er ging eine Weile ſtill neben ihm her, dann ſagte er: „Was haſt du mit dem Jäger?“ „Nichts.“ „Was haſt du mit ihm gered't?“ „Was man eben ſo red't.“ „Ich will aber, du ſollſt kein Wörtle zu ihm ſagen.“ „Und ich laſſ' mir von Dir nicht befehlen, mit wem ich reden ſoll.“ „Du biſt eben ein hoffärtiges, falſches Ding.“ „Wenn Du's glaubſt, iſt mir's auch recht.“ Die Beiden gingen noch eine Strecke mit einander und redeten kein Wort. Sie kamen vor dem Hauſe Tonele's an, es ſagte gute Nacht, aber der Sepper gab ihm keine Antwort und das Tonele ging in's Haus. Den ganzen Abend blieb noch der Sepper vor dem Hauſe ſtehen, er pfiff und ſang allerlei Weiſen, er glaubte, das Tonele müſſe noch zu ihm herauskommen; aber es kam nicht, und er ging in heftigem Zorne davon. Während der ganzen Woche ſprach der Sepper kein Wort mit dem Tonele, ja er wich ihm ſogar aus, wo er ihm begegnete. Am Samſtag Nachmittag holte der Sepper mit ſeinen Gäulen im Würmlesthäle Klee für den Sonntag. Auf der Heimfahrt ſah er das Bärbele mit einem ſchweren Kleebündel auf dem Kopfe aus dem Veigele'sthäle kommen; er hielt an, rief dem Bärbele, es mußte ſeinen Klee auf den Wagen legen und ſich dann zu ihm hinauf ſetzen. Hier oben kam es nun zu einer grundmäßigen Erklärung. Das Bärbele machte dem Sepper wegen ſeiner dummen gen.“ wem und ele's keine nzen r onele nicht, kein 0 er inen Auf eten nen; auf etzen ung. men 97 Eiferſucht ſo tüchtig den Marſch, daß er noch an demſelben Abend beim Rathhausbrunnen wartete, bis das Tonele kam, um Waſſer zu holen; er ſprang ſchnell herzu, hob ihm den Kübel auf den Kopf, dann ging er neben ihm her und ſagte: „Wie haſt du denn die Woch' gelebt? Ich hab' ſünd⸗ lich viel zu ſchaffen.“ „Und machſt dir noch mehr zu ſchaffen, für nichts und wieder nichts. Du biſt ein recht unbändiger Menſch. Siehſt du jetzt ein, daß du unrecht gehabt haſt?“ „Mit dem Jäger darfſt du halt kein Wort mehr reden.“ „So oft ich will, red' ich,“ ſagte Tonele.„Ich bin kein Kind, ich weiß ſchon, was ich zu thun hab'.“ „Aber wenn du doch nicht mußt, brauchſt du doch nicht mit ihm zu reden?“ „Nein, das brauch' ich nicht, aber ich laſſ' mich nicht ſo kurz am Leitſeil halten.“ Der Friede war wieder hergeſtellt, keine Störung trat ein, denn auch der Jäger kam lange nicht mehr nach Nordſtetten. Tonele ſaß am Sonntage oft mit ſeinen Kamerädinnen oder auch mit dem Sepper im Kirſchenbuſch und ſang und ſcherzte. Die Waldkirſchen(denn andere gibt es bei uns nicht) waren längſt reif, der Reps wurde eingeheimst, Roggen und Gerſte geſchnitten, in dem ſtillen friedlichen Leben unſerer Bekannten war Alles beim Alten geblieben; die Liebe Tonele's und Seppers hatte, wenn es möglich war, noch an Heftigkeit zugenommen. Nur noch dieſen Herbſt hatte der Sepper das letzte Manöver beim Militär mitzumachen, dann bekam er ſeinen Abſchied und dann— gab es Hochzeit. Seit jenem Sonntage im Frühjahre hatte das Tonele den Jäger mit keinem Auge mehr geſehen. Erſt als es mit Sepper gemeinſchaftlich in der Molde*) Hafer ſchnitt, ging der Jäger vorüber und ſagte:„ſchneidet's gut?“ ) Name einer Gemarkung. 7 Das Tonele ſchreckte unwillkühr⸗ lich zuſammen, es antwortete nicht, ſondern bückte ſich und ſchnitt emſig, der Sepper aber ſagte„Großen Dank“ und auf eine Garbe kniend, drehte er die⸗ ſelbe recht feſt zu, als ob er dem Jäger damit den Hals zudrehe. Der Jäger ging fürbaß. Es war gut, daß der Sep⸗ per erſt drei Tage nach des Bär⸗ bele's Hochzeit mit dem Kaſpar zum Manöver einrücken mußte. Er nahm ſich deßhalb vor, ſich dabei noch recht wohl ſein zu laſſen, und er hielt getreulich Faſt in allen —½ Häuſern, wo der ühr⸗ rtete und aber auf die⸗ dem rehe. Sep⸗ Bär⸗ ſpar ßte. ſich 99 Sepper mit dem Kaſpar die Einladungen zur Hochzeit machte, ſagten die Leute:„Nun Sepper, jetzt kommt's bald an dich,“ und er ſchmunzelte bejahend. Am Hochzeitstage war es dem Sepper ſo wohl wie einem Vogel im Hanfſamen. Er genoß die Vorfreude ſeines künftigen baldigen Glücks. Als es zum Tanze ging, ſtieg er zu den Muſikanten auf die Erhöhung und beſtellte ſie, ſammt noch zwei Trompetern mehr, zu ſeiner Hochzeit; er wollte als Gardiſt recht viel Trompeten haben. Abends machte aber eine neue Erſcheinung dem Sepper einen Strich durch die Rechnung; der Jäger kam nämlich auch zum Tanze, und die erſte, die er„engagirte,“ war Tonele. „Iſt ſchon angeſchirrt,“ antwortete Sepper ſtatt des Tonele. „Die Jungfer wird wohl ſelber reden können,“ erwie⸗ derte der Jäger. „Den nächſten Hopſer wollen wir mit einander tan⸗ zen,“ ſagte das Tonele und nahm den Sepper bei der Hand. Es wendete ſich aber nochmals nach dem Jäger um, ehe es zu tanzen begann. Als nun das Tonele mit dem Jäger den Hopſer tanzte, ſetzte ſich der Sepper an den Tiſch, und er nahm ſich vor, heute Abend keinen Fuß mehr zu rühren, und daß das Tonele auch nicht mehr tanzen dürfe. Da kam Bärbele, von ſeiner„Geſpiele“ geſchickt und forderte den Mürriſchen auf. Der Hochzei⸗ terin darf nie einer einen Tanz ausſchlagen, und ſo folgte der Sepper dem ihn nachziehenden Bärbele, das ihm als⸗ dann beim Aushalten tüchtig die Leviten las:„Ich weiß gar nicht,“ ſagte es,„du kommſt mir ganz närriſch vor mit dem Jäger. Du biſt dran ſchuld, wenn ihn das To⸗ nele gern kriegt. Es thät ſchon lange mit keinem Ge⸗ danken mehr nach ihm umgucken; wenn du es aber ſo fort und fort mit ihm quälſt, da muß es ja immer wieder an ihn denken, und da denkt es darüber nach, ob es wirklich wahr iſt, daß der Jäger es gern hat, und da kann es ihn eben auch gern kriegen, denn guck, er kann doch noch beſſer tanzen, als du, ſo links rum kannſt du doch nicht hopſen.“ 100 Der Sepper lachte, aber innerlich mußte er dem ſchalk⸗ haft geſcheiten Weibchen recht geben, und als er dann mit ſeinem Schatze am Tiſche ſaß, brachte er es dem Jäger zu (ihm Beſcheid zu thun), er winkte dabei dem Tonele und ſagte:„ſtoß mit ihm an.“ Der Jäger trank, eine höfliche Verbeugung machend, auf die Geſundheit Tonele's, dem Sepper nickte er kaum zu. Dieſer aber nahm ſich vor, heute nicht mehr böſe zu ſein, ſondern er freute ſich viel⸗ mehr über ſein kluges Benehmen gegen den Jäger, und hielt dann das Tonele ſelig im Arme. Da wurde er zu dem Hauptſpaſſe einer Hochzeit abgerufen. Die geſammte ledige Mannſchaft hatte nämlich nach alter Sitte die Hochzeiterin geſtohlen. Sie hielten das Bärbele in einen großen Kreis geſchloſſen, und Kaſpar, der Hochzeiter, mußte es nun unter vielen poſſirlichen Hin⸗ und Herreden von den Unholden loskaufen. Sechs Flaſchen Wein befreiten die Gefangene, und die Beiden, die ſich wieder gefunden, marſchirten nach Hauſe. Die Muſikanten ſtiegen von der Anhöhe an die offenen Fenſter und ſpielten ihnen den üblichen Marſch auf und manches Hoch! ſchallte noch hinterdrein. Das Tonele ſtand träumeriſch am Fenſter, als das Bärbele ſchon längſt fort war und Alles wieder tanzte. Es war ſchon ſpät in der Nacht, oder eigentlich früh am Morgen, als der Sepper das Tonele nach Hauſe be⸗ gleitete. Sie waren noch lange allein und das Tonele ſchmiegte ſich mit wilder Gluth an ſeine Wangen und faßte ihn mit gewaltigen Armen feſt. Auch der Sepper war hoch erregt, aber er konnte es doch nicht unterdrücken, noch einmal von dem Jäger zu ſprechen. Das Tonele ſagte:„Laß jetzt den Jäger, guck, es gibt jetzt gar nichts auf der Welt als du.“— Der Sepper hob das Tonele hoch in die Lüfte, dann umfaßte er es wieder und den Mund an ſeine Wangen preſſend ſagte er:„guck, ich möͤcht' dir g'rad neinbeißen.“ „Beiß,“ ſagte Tonele. Wehe! der Sepper hatte wirklich gebiſſen; das Blut das ar, hen en, Die ſter ches das rüh he⸗ nele und per ten, nele chts nele den ich 101 rann Tonele von der Wange und floß hinab bis an den Hals. Erſchreckt fuhr es mit der Hand nach ſeiner Wange, es fühlte die offenen Spuren der Zähne, da ſtieß es den Sepper von ſich, daß er rücklings hinſtürzte, dann ſchrie und heulte es laut auf, daß Alles im Hauſe erwachte. Der Sepper richtete ſich auf, um es zu tröſten, aber jäm⸗ merlich wehklagend ſtieß es ihn abermals von ſich. Da man Geräuſch im Hauſe vernahm, ſchlich ſich der Sepper fort, denn er dachte: die Sache iſt nicht ſo arg; auch wollte er ſich und Tonele jede Verlegenheit erſparen, und er hoffte, es würde ſchnell eine Ausrede vorbringen, wenn die Leute herbeikämen. Der Vater und die Mutter kamen mit Licht und ſie ſchlugen die Hände zuſammen, als ſie ihr bluttriefendes Kind ſahen. Schnell wurde die alte Urſel, die viel Haus⸗ mittelchen kannte, herbeigeholt. Die alte Frau ſagte ganz offen:„das kann den Krebs geben, oder der das gethan hat, muß die Wunde mit ſeiner Zunge reinigen.“— Das Tonele ſchwur hoch und heilig, lieber zu ſterben, als daß der Sepper es nur noch einmal berühren dürfte. Es wurden nun allerlei Heilmittel angewendet und das Tonele ſtöhnte wie eine Sterbende. Andern Tages war die Geſchichte im ganzen Dorfe bekannt und man ſagte, der Sepper habe dem Tonele ein ganzes Stück Fleiſch aus dem Backen herausgebiſſen. Alles kam, um das Tonele zu tröſten, aber auch um ſeine Neu⸗ gierde zu befriedigen. Auch der Sepper kam, aber das Tonele ſchrie wie eine Beſeſſene, er ſolle augenblicklich aus dem Hauſe und nie mehr kommen. Keine Bitten, keine Klagen, nichts half; das Tonele that wie wahnſinnig und der Sepper mußte fort. Er ging zum Bärbele und bat es, doch für ihn ein gutes Wort einzulegen. Das Bär⸗ bele war gerade damit beſchäftigt, die Hochzeitsgeſchenke zu ordnen; Küchengeſchirr und allerlei Hausrath lag zer⸗ ſtreut um es her. Es ſchimpfte nun zwar den Sepper tüchtig aus, ließ aber doch augenblicklich Alles ſtehen und liegen und ging zum Tonele. Dieſes ſchrie laut auf am 102 Halſe ſeiner Geſpielin:„Ich bin verſchänd't für mein Lebtag.“ Auf vieles Zureden ſtand es endlich doch auf aus dem Bette, und als es nun zum erſten Male vor den Spiegel trat und die gräßliche Verwüſtung ſah, rief es: „Jeſus, Maria, Joſeph! Ich bin ja gerad' wie die Flambo⸗ marann'. Lieber Gott, ich hab' mich g'wiß an ihr ver⸗ ſündigt; ich bin geſtraft genug.“ Unter keiner Bedingung wollte das Tonele mehr den Sepper ſehen, und dieſer ging endlich zwei Tage darauf, ein kleines weißleinenes Ränzchen auf dem Rücken, nach Stuttgart. Erſt nach vierzehn Tagen ging Tonele aus dem Hauſe aber immer mit verbundenem Geſichte. Merkwürdig! faſt der Erſte, der ihm begegnete, als es mit der Hacke auf der Schulter zum Kartoffelgraben in's Feld ging, war der Jäger. „Wie geht's, ſchönes Tonele?“ fragte er gutmüthig die Verbundene. Das Tonele wollte vor Scham in den Boden finken, es war ihm ſo eigen, daß er es bei ſeinem Namen nannte und noch dazu„ſchönes“ ſagte; es fühlte jetzt doppelt, wie gräßlich entſtellt es war. Als es daher ſchweigend ſeufzte, ſagte der Jäger, ich hab' ſchon gehört, was Euch geſchehen iſt, darf man's nicht ſehen?“— Das Tonele ſchob ſchüchtern das Tuch weg und der Jäger ſchlug un⸗ willkührlich die Hände zuſammen, dann aber ſagte er: „Das iſt unverzeihlich, unmenſchlich, ſo mit einem herr⸗ lichen Mädchen umzugehen, wie Ihr ſeid. Das iſt einmal wieder eine rechte Bauernrohheit, verzeihet mir's, ich mein' Euch gewiß nicht mit, aber die Menſchen ſind oft halb Vieh. Laſſet's Euch aber nicht zu ſehr grämen.“ Das Tonele hörte aus allem dieſem nur die Theil⸗ nahme des Jägers heraus, und ſagte:„NRicht wahr, ich bin recht verſchänd't?“ „Bei mir thät das nichts,“ ſagte der Jäger,„und wenn Ihr nur einen Backen hättet, Ihr thätet mir doch beſſer gefallen, als alle Mädle von Nordſtetten bis Paris.“ nein auf den nbo⸗ ver⸗ den auf, nach faft der ger. 103 „Das iſt nicht recht, einen ſo zu foppen,“ ſagte das Tonele wehmüthig lächelnd. „Nein, ich fopp' nicht,“ ſagte der Jäger, die Hand des Mädchens faſſend und fuhr fort:„gucket, ich thät' Euch gleich heirathen, ſo wahr mir Gott das Leben gibt.“ „Das iſt ſündlich geſprochen,“ ſagte Tonele. „Ich ſeh' keine Sünd' d'ran, wenn wir uns heirathen thäten,“ ſagte der Jäger. „Wenn wir gut Freund bleiben wollen, ſo redet mir davon kein Wörtle mehr,“ ſagte Tonele und ging quer über's Feld. 6 Der Jäger war ſchon zufrieden, daß er„gut Freund“ init dem Tonele ſein durfte, und er machte ſich das wohl zu nutze; denn er kam jetzt faſt jede Woche ein paar Mal nach Nordſtetten. Er unterhandelte zuerſt mit dem Pudel⸗ kopf, Tonele's Vater, wegen der Holzfuhren, die es jetzt im Herbſte gab; dadurch bekam er immer mehr Gelegen⸗ heit, mit dem Tonele zu ſprechen. Er ſagte nichts mehr vom Heirathen, aber man hätte ein Narr ſein müſſen, wenn man's nicht gemerkt hätte, daß er darauf herum redete. Einen ſchweren Stand hatte der Jäger bei dem Bär⸗ bele, ohne das beim Tonele nichts auszurichten war. Zuerſt verſuchte er es mit Güte und Spaß, aber das Bärbele verſtand gar keinen Spaß mehr; es redete immer und immer vom Sepper, ſo oft der Jäger da war. Da begab ſich für den Jäger ein Ereigniß, wie er ſich's nicht beſſer wünſchen konnte. Das Tonele hatte eine reiche Baſe in Mühringen, deren Hochzeit in wenigen Tagen ſein ſollte, und das Tonele kam für den drei Tage lang dauernden Tanz nach Mühringen. Die Schweſter des Jägers ſchloß ſchnell Freundſchaft mit Tonele, und die beiden Mädchen ſpazierten mit einander über Wieſ' und Feld und hielten ſich beim Tanze zuſammen. Das Tonele erſchien hier zum erſten Male mit unverbundenem Geſichte, und man kann faſt ſagen, es war ſchöner ſeit dem Biſſe. Manche wilde und abergläubiſche Völker verſtümmeln 104 etwas vollkommen Schönes, damit der böſe Blick keine Macht über daſſelbe habe, und der Teufel, der nichts Voll⸗ kommenes duldet, darüber beruhigt ſei. Der Biß in der Wange Tonele's war nur ſo viel, daß der Neidteufel, der nie etwas ganz und durchaus loben mag, ſo ſein Aber dabei anbringen konnte. Der Jäger hielt ſich beim Tanze immer zum Tonele und am Abend machte er ihm noch eine Freude, wie ſie noch kein Bauernmädchen von ganz Nordſtetten gehabt hatte. Der alte Baron, ein wohllebig dicker Mann, ſo geizig er auch war, und ſo ſehr er auch einem Bauer, der ein Bündel dürres Holz im Walde holte, nachjagte, war doch ſehr ſplendid für ein kleines Theater, das er ſich auf dem Schloſſe hielt, und wozu er die Honoratioren der Gegend einlud. Der Jäger erhielt die Erlaubniß, das Tonele mit zum Theater zu bringen. Das Tonele zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, als es mit dem Jäger den Berg hinanging, auf dem das Schloß in alterthümlicher Weiſe, mit Zugbrücke, Wall und Graben ſteht. Still, ganz in ſich zuſammengeſchauert, auf den Zehen gehend, trat es in den Saal, wo die Herr⸗ ſchaften ſchon waren; es erhielt einen Platz nicht weit hinter der Muſik. Die Obervogtin richtete ihre Lorgnette lange nach ihm, und das Tonele ſaß da, ſchlug die Augen nieder und wagte kaum zu athmen; die Narbe an der Wange brannte, es war als ob der Blick der Obervogtin die Wunde wieder aufgeriſſen hätte. Da rauſchte nach der Muſik der Vorhang auf, Tonele hörte mit angehaltenem Athem zu. Es weinte bittere Thränen über das Schickſal des armen, herzensguten Lorenz Kindlein(denn dieſes Stück wurde geſpielt), es hätte gewiß nicht ſo lange gewartet, wenn es die Tochter geweſen wäre, und erſt als der Vor⸗ hang wieder fiel, entlud ſich ein gewaltiger Seufzer ſei⸗ ner Bruſt. Auf dem Rückwege faßte der Jäger das Tonele um den Hals und es ſchmiegte ſich traulich an ihn, es war ganz aufgelöst von der mächtigen Aufregung; es war ihm, — — —— 105 als ob der Jäger ihm Alles das geſchenkt hätte, als ob er das Alles ſelber gemacht hätte, und doch wäre es wie⸗ der gar zu gerne noch einmal zu dem guten alten Manne und ſeiner lieben Tochter gegangen, die jetzt ſo glückſelig bei einander waren. Aber auch der Jäger war glückſelig, denn er erhielt das Verſprechen, daß das Tonele am Sonntahe nach der Mit⸗ tagskirche im Buchwäldle mit ihm zuſammenkommen wolle. Und ſo war der Jäger bei ſeinem Manöver viel glück⸗ licher, als der Sepper zu Roſſe bei dem Manöver auf der Ebene von Ludwigsburg, und noch ehe er den Abſchied vom Militär erhielt, hatte ihm das Tonele den Abſchied gegeben. Bei ſeiner Heimkunft war der erſte Ausgang des Sep⸗ pers zu dem Tonele. Er traf es an der Kunkel in der Stube bei ſeinen Eltern, aber es redete kein Wort mit ihm und blickte ihn nur manchmal ſtier an. Er zeigte ſeinen ehrenvollen Abſchied und breitete ihn, nachdem er alle Stäubchen weggeblaſen, auf dem Tiſche aus; aber das Tonele kam nicht einmal her, um hineinzublicken. Er wickelte den Abſchied wieder in ein doppeltes Papier und ging, das Dokument behutſam in der Hand haltend, fort zu dem Bärbele. Hier hörte er nun Alles, und daß die beiden Geſpielen ſich wegen des Jägers verfeindet hät⸗ ten. Der Sepper zerknitterte den Abſchied mit beiden Händen zu einem Ballen zuſammen und ging dann fort. Es war in der Dämmerung, da ſaß der Sepper unter demſelben Baume im Kirſchenbuſch, wo wir das Tonele zuerſt geſehen haben. Der Baum war entblättert, der Wind pfiff über die Stoppelfelder und der Fichtenwald rauſchte und brauste wie ein Strom, vom Daberwaſen her tönte das Nachtglöckchen, und ein verſpäteter Rabe flog krächzend dem Walde zu. Der Sepper aber ſah und hörte nichts. Er ſaß da, die Ellbogen auf die Kniee ge⸗ ſtemmt und hielt ſich mit den Händen die Augen zu. So ſaß er lange. Da hörte er das Bellen eines Hundes und herannahende Schritte, er ſprang raſch auf. Der Jäger 106 kam aus dem Dorfe. Sepper ſah das Glitzern des Ge⸗ wehres, er ſah aber auch eine weiße Schürze, und er ver⸗ muthete mit Recht, daß das Tonele den Jäger begleitet hatte. Sie blieben eine Weile ſtehen, dann kehrte das Tonele um. Als ihm der Jäger nahe war, ſagte der Sepper in trotzigem Tone:„Guten Abend!“ „Schön Dank,“ erwiederte der Jäger. „Ich hab' mit Euch ein Hühnle zu rupfen,“ ſagte der Erſte wieder. „Ah, der Sepper,“ ſagte der Jäger,„ſeit wann ſeid Ihr wieder da?“ „Für dich zu früh, Du— Wir wollen nicht lange machen, da, wir wollen Hälmle ziehen, wer von uns beiden Gl⸗ ver⸗ eitet in e der ſeid ange iden 107 vom Tonele laſſen muß; und wenn ich's verlier', ſo muß ich das Gewehr für mich haben.“ „Ich zieh' kein Hälmle.“ „Dann zieh' ich dir dein' Seel' aus deinem Leib, du grüner Spitzbub',“ ſchrie der Sepper, das Gewehr des Jägers mit der einen Hand, mit der andern ſeine Gurgel packend. „Waldmann faß!“ ſchrie der Jäger noch mit halber Stimme, der Sepper aber gab dem Hunde einen tüchtigen Tritt, dadurch wurde indeß der Jäger etwas freier. Mit aller Macht riſſen ſich nun die beiden um das Gewehr und hielten ſich an der Gurgel, da,— plötzlich ging das Gewehr los und der Jäger ſtürzte rücklings in den Graben. Er ſtöhnte nur noch einmal, und der Sepper beugte ſich über ihn, um zu hören, ob er noch athme. Da kam das Tonele herbeigeſprungen, der Schuß in finſterer Nacht hatte es herbeigelockt, es ahnte nichts Gutes. „Da! da!“ rief der Sepper,„da liegt dein Jäger, jetzt heirath' ihn.“ Das Tonele ſtand erſtarrt und konnte ſich nicht regen, endlich ſagte es:„Sepper, Sepper, du haſt dich und mich unglücklich gemacht.“ „Was geh' ich dich an? Ich will von der ganzen Welt nichts mehr,“ rief der Sepper und floh nach dem Fichtenwalde zu.— Man hat nie mehr etwas von ihm gehört.— Auf dem Wege nach Mühringen im Kirſchenbuſch ſteht an dem Feldraine ein ſteinernes Kreuz zu ewigem Anden⸗ ken, daß hier der Jäger von Mühringen erſchlagen wurde. Das Tonele iſt aber erſt nach vielen Jahren einſamen Kummers vom Leben erlöst worden. egen, nich anzen„ dem ihm nden⸗ urde. amen V. Befehlerles. Am erſten Maimorgen prangte an des Wagner Michel's Haus ein ſtattlicher Maibaum; es war eine ſchöne ſchlanke Tanne, welcher man die Aeſte abgehauen und nur die Krone gelaſſen hatte. Weit über alle Häuſer hin ragte ſie, und ſtände der Kirchthurm nicht auf dem Berge, die Tanne hätte dar⸗ über hinausgeſchaut. Sonſt war kein Maibaum im gan⸗ zen Dorfe, und alle Mäd⸗ chen beneideten das Aivle,*) des Wagner Michel's älteſte Tochter, weil es allein einen Maien hatte. Die Kinder kamen das Dorf herauf; in ihrer Mitte bewegte ſich eine grüne Hütte. Eine zuckerhutförmige, aus Reifen gebundene und mit Laub bedeckte Hütte war über einen Knaben geſtülpt, der ſich nun ſo von Haus⸗ thür zu Hausthür bewegte und eine Weile dort Halt machte; neben ihm gingen zwei andere Knaben, einen mit *) Eva. 112 Spreu und Eiern gefüllten Korb an den Henkeln tragend; ein großer Schwarm von Knaben, grüne Zweige in den Hän⸗ den haltend, zog hinterdrein. Sie ſangen vor jedem Hauſe: Ho! ho! ho! Der Maiemann iſcht do, Geant auns ſchnell d'Eier'raus, Suſt kommt der Marder in's Heanerhaus, Grant aus Eier, wia mer's wella, Suſt ſtreue mer Spreuer auf dia Schwelle, Ho! ho! ho! u. ſ. w. Wo ſie nun keine Eier erhielten, vollführten ſie ihre Drohung und ſtreuten mit Jubel und Lachen eine Hand⸗ voll Spreu auf die Schwelle. Faſt überall aber wurde ihnen willfahrt, und ſie gingen von Haus zu Haus; nur an des Schloßbauern Haus gingen ſie ohne anzuhalten vorbei. Die Aufmerkſamkeit des Dorfes war aber dießmal nicht auf den Maiemann gerichtet, denn Alles ſtand vor des Wagner Michel's Haus und betrachtete den Maibaum. Zur Herbeiſchaffung eines ſolchen mußten wenigſtens ſechs Mann und zwei Pferde geholfen haben. Es war faſt wunderbar, wie das ſo„hehlings“ geſchehen konnte; denn das Maiſetzen war ſtreng verboten und wurde als großer Waldfrevel mit drei Monaten Ludwigsburg, d. h. Arbeits⸗ haus beſtraft. Darum hatte es keiner der Burſchen ge⸗ wagt, nach alter Sitte ſeinem Schatz dieſen gewaltigen Strauß vor's Haus zu ſtecken; nur des Wendel's Mathes, der„zu dem Aivle geht,“ hatte dieß trotz des Verbotes ausgeführt. Man konnte nicht herausbringen, wer ihm dabei geholfen hatte; man ſagte, daß ihm Burſchen aus dem eine Viertelſtunde entfernten Dettenſee, das zum„ſig⸗ maringer Ländle“ gehört, beigeſtanden hätten. Viele Bauern, die mit Egge und Pflug ins Feld gehen . wollten, andere mit der Hacke auf der Schulter, machten Halt und betrachteten eine Zeit lang den Maibaum. Auch des Wendel's Mathes war unter den Verſammelten, und er lachte immer in ſich hinein und winkte dem Aivle, das gend; ein den Hän⸗ m Hauſe: fie ihre e Hand⸗ r wurde us; n zuhalten dießmal tand vor kaibaum. ens ſechs war faſt te; denn 3 großet Arbeits⸗ chen ge⸗ waltigen Mathes, Verbotes wer ihm chen aus um„ſig⸗ eld gehen machten n. Auch en, und ivle, das 113 vergnügt zum Fenſter herausſah, mit den Augen zu;— dieſe Augen ſagten gar viel. Auf die oft ſchelmiſch wie⸗ derholte Frage, wer wohl den Maibaum geſetzt, antwortete das Aivle ſtets nur mit einem ſchelmiſchen Achſelzucken. Eben waren die Maikinder am Hauſe des Wagners Michel angelangt und begannen ihren Spruch, als der Dorfſchütz mit dem Bannert*) herzutrat und laut rief: „Sind ſtill, Ihr Krotten!“ Die Kinder ſchwiegen plötzlich; darauf ging der Geſtrenge gerade auf den Mathes zu, faßte ihn am Arme und ſagte:„Komm mit zum Schultes!“ Der Mathes ſchleuderte die breite Hand der Polizei von ſich weg und ſagte:„Warum?“ „Das wirſt Du ſchon erfahren; jetzt komm mit, oder es geht Dir ſchlecht.“ Der Mathes ſchaute ſich rechts und links um, als wiſſe er nicht, was er thun ſolle, oder als müſſe ihm von irgend einer Seite her Hülfe und Rath werden. Da bewegte ſich plötzlich die Maihütte gerade auf den Schütz zu und ſtieß ihm in's Geſicht. Der Bub verließ ſich wohl darauf, daß er als Mai eine geheiligte Perſon und unver⸗ letzlich ſei; der Schütz aber kannte keine andere unverletz⸗ liche Perſon als ſich ſelber und zerfetzte mit Einem Riſſe dem Knaben ſein ganzes Laubhaus. Der Chriſtle, der jüngſte Bruder des Mathes, ſprang daraus hervor, und der Maienmann hatte nun ein Ende. Unterdeſſen war das Aivle vom Hauſe herabgekommen, es erfaßte den Mathes beim Arme, als wollte es ihn retten. Dieſer aber rückte auch ſeine Hand eben ſo barſch von ſich ab, und der Dorfſchütz ſagte zum Aivle:„Du wirſt noch warten können, bis man Dich holt.“ „Ich geh' ſchon mit,“ ſagte Mathes, dem Aivle einen vielſagenden Blick zuwerfend. Dieſes aber ſah nichts mehr, denn die hellen Thränen ſtanden ihm im Auge, und die Schürze vor das Geſicht haltend, ging es ſchnell zurück in's Haus. *) Bannwart, Waldſchütz. 114 Die Bauern gingen nun aufs Feld, der Mathes mit den beiden Schützen hinein in das Dorf, die Kinder mit Halloh hinterdrein. Als der Schütz den Nachruf nicht mehr hören konnte, riefen einige verwegene Knaben: „Soges! Soges!“ Dieß war der Schimpfname des Schützen und brachte ihn jedesmal gewaltig auf. Er hatte nämlich noch in den letzten Jahren der öſterreichiſchen Herrſchaft ſein jetziges Amt verſehen; in ſeiner Dienſtbefliſſenheit glaubte er auch den öſterreichiſchen Dialekt ſprechen zu müſſen, und ſagte er einmal:„i ſog es.“ Seitdem ſchimpfte man ihn den„Soges.“ Hinter der geheimnißvollen braunen Hausthüre des Schultheißen verſchwand Soges, Mathes und Bannert. Der Schultheiß ſchalt den Angeklagten wegen ſeines Ver⸗ brechens ſogleich tüchtig aus. Mathes ſtand ruhig da, er ſpielte nur leiſe mit dem Fuße nach einer Melodie, die er innerlich ſang; endlich ſagte er:„Sind Ihr bald fertig, Herr Schultheiß? Das geht mich Alles nichts an, ich habe keinen Maien geſetzt; jetzt machet nur weiter, ich kann ſchon noch eine Weil' zuhören.“ Der Schultheiß fuhr auf; er wollte gerade auf Mathes los, aber der Soges ſagte ihm etwas ganz leiſe, und ſeine geballte Fauſt ſenkte ſich. Er befahl nun dem Soges, den Verbrecher wegen groben Läugnens 24 Stunden einzuſperren. „Ich bin ein Kind aus dem Ort, man weiß, wo ich zu finden bin, ich verlauf' wegen ſo einem Bettel nicht; man kann mich nicht einſtecken,“ ſagte Mathes mit Recht. „Man kann nicht?“ rief der Schultheiß zornglühend, „das wollen wir doch ſehen, Du—“ „Oha! es iſt genug geſchimpft, ich geh' ſchon,“ ſagte Mathes,„aber mit einem Bürgerſohne ſollt' man nicht ſo verfahren. Wenn mein Vetter, der Buchmaier, daheim wär', dürft' das nicht geſchehen.“ Noch auf dem Wege zum Gefängniſſe begegnete Ma⸗ thes dem Aivle, aber er verſuchte es nicht einmal, mit ihm zu ſprechen. Aivle konnte ſich das nicht erklären, es mit et mit nicht naben: chützen ämlich rſchaft ſenheit n zu impfte — —,— — 115 es ſchaute Mathes lange nach, und von der Schande und dem Kummer niedergedrückt, ging es geſenkten Blickes in des Schultheißen Haus. Die Frau Schultheißin war die Firmgode Aivle's, dieſes wollte nun nicht eher vom Platze gehen, bis der Mathes frei wäre. Aber dießmal half die ſo einflußreiche Verwendung nichts; der Schult⸗ heiß hatte mit Nächſtem das Ruggericht zu erwarten, und er wollte ſich durch unnachſichtige Strenge beim Oberamt⸗ mann beliebt machen. Im Verein mit dem Soges, ſeinem getreuen und weiſen Miniſter, ſetzte der Schultheiß einen Bericht auf, und am andern Morgen in aller Frühe ward Mathes nach Horb transportirt. Es war gut, daß der Weg nach der andern Seite des Dorfes zuging und das Aivle den Mathes nicht ſah, denn es war ein erbärmlicher Anbick, wie der ſonſt ſo muthig, ſäuberliche Burſche jetzt ſo geknickt und ver⸗ wahrlost ausſah; eine einzige Nacht im Gefängniſſe hatte ihn ſo zugerichtet. Von allen Hecken, an denen Mathes vorüberkam, riß er ſich im Zorne einen Zweig ab, warf ihn aber ſtets bald wieder weg, und als er durch den Tannenwald auf der Steige geführt wurde, riß er ſich ein Tannenreis ab und hielt es zwiſchen den Zähnen feſt. Auf dem ganzen Wege ſprach er kein Wort; es war, als ob dieſes Tannenreis ihm das ſichtbare Sinnbild ſeines Schweigens über den Maibaum wäre, als ob dieſes Reis⸗ lein ſeine Zunge wie mit einem Zauber feſtbinden ſollte. Vor dem Oberamte nahm er ſchnell das Tannenreis her⸗ aus, und faſt ohne es zu wiſſen, ſteckte er das Sinnbild ſeiner Anklage in die Taſche. Wer nie in den Händen des Gerichts war, weiß nicht, welch' ein ſchreckliches Lvos es iſt, ſo auf einmgl nicht mehr Herr über ſich zu ſein; es iſt, als ob einem der eigene Körper genommen wäre. Von Hand zu Hand ge⸗ ſchubt, muß man freiwillig ſeine Füße aufheben, um doch nur dahin zu gehen, wohin Andere wollen. Das fühlte Mathes, denn er war in ſeinem ganzen Leben jetzt zum erſten Male vor Gericht. Es war ihm ſo ſchwer und ſo 8* 116 bange zu Muthe, als ob er ein recht großer Verbrecher wäre, als ob er einen Menſchen um's Leben gebracht hätte; er meinte, die Kniee müßten ihm zuſammenbrechen, als er die vielen Treppen den Berg hinaufgeführt wurde. Er wurde nun in den Thurm geſperrt, der ſo zudringlich hoch auf dem Berge ſteht, wie eine Zwingburg, wie ein großer ſteinerner Zeigefinger, der der ganzen Umgegend zuwinkt: „Hütet Euch!“ Die Zeit wurde dem Mathes ſterbenslang. Er war, ſo lange er denken konnte, nie eine Stunde allein ohne Arbeit geweſen; was ſollt' er nun thun? Er lugte eine Weile durch das doppelt vergitterte Fenſter in der ſechs Schuh dicken Mauer hinaus, aber er ſah nichts als ein Stückchen blauen Himmel. Auf der Pritſche liegend, ſpielte er lange mit dem Tannenreis, das er in ſeiner Taſche fand, das war noch ein Ueberreſt aus der grünenden Welt draußen. Er ſteckte es zwiſchen eine Bretſpalte und dachte ſich es als den großen Maibaum, der an des Aivle's Haus ſtand, es kam ihm vor, als ob es ſchon hundert Jahre wäre, ſeit er dieſen geſehen hatte. Seufzend fuhr er auf, er ſchaute wirr umher und ſtampfte mit den Füßen, er fing nun an, pfeifend die Nadeln an dem Tannenreis zu zählen. Mitten drin aber hörte er auf und betrachtete das Reis genauer; er ſah jetzt zum erſten Male, wie ſchön ſo ein Reis iſt; unten waren die Nadeln dunkel⸗ grün und hart, nach der Spitze zu aber waren ſie noch ſo ſanft und hellfarbig, ſo weich wie der Flaum eines Vogels, der noch nicht flügge iſt, und ganz oben war der kleine Keim mit ſeinen zierlich über einander gelegten Schuppen— das ſollte ein Tannzapfen werden. Beſſer als Lavendel und Rosmarin roch der friſche Harzduft des Zweiges. Mathes fuhr ſich mit demſelben leiſe und ſanft über das ganze Geſicht und über die geſchloſſenen Augen; den Zweig in der Hand haltend, ſchlief er endlich ein. Im Traume war es ihm, als ob er auf einer ſchwanken⸗ den Tanne feſtgebannt wäre, ſo daß er kein Glied rühren könnte; er hörte die Stimme Aivle's, das den böſen Geiſt 17 bat, daß es zu ihm herauf dürfe, um ihn zu erlöſen. Er erwachte und hörte wirklich die Stimme Aivle's und die ſeines Bruders Chriſtle. Sie hatten ihm das Mittageſſen gebracht und baten den Gefängnißwärter, ihn in ſeinem Beiſein beſuchen zu dürfen, aber es wurde nicht geſtattet. Erſt gegen Abend wurde Mathes in das Verhör ge⸗ bracht. Der Oberamtmann redete ihn ſogleich mit Du an und ſchimpfte ihn auf Hochdeutſch eben ſo, wie geſtern der Schultheiß auf Bauerndeutſch. So lange die Gerichts⸗ verhandlungen nicht öffentlich ſind, wie ſie es zu alten Zeiten in Deutſchland überall waren, ſo lange wird ein Beamter immer mit einem Angeklagten machen können, was er will; darf er ihn auch nicht mehr auf die Folter ſpannen oder prügeln laſſen, es gibt noch viele andere, oft härtere Mißhandlungen. Sporenklirrend im Zimmer auf- und niederſchreitend, ein kleines Papierchen ſtets raſch zwiſchen den Fingern drehend, ſtellte der Oberamtmann ſeine Fragen: „Wo haſt Du den Baum geſtohlen?“ „Ich weiß von nichts, Herr Oberamtmann.“ „Vermaledeiter Spitzbub, du lügſt,“ ſagte der Amt⸗ mann raſch, indem er auf Mathes zutrat und den Zipfel ſeines„Bruſttuches“*) faßte. Mathes zuckte rückwärts zuſammen, ſeine Hand ballte ſich unwillkührlich zur Fauſt. „Ich bin kein Spitzbub,“ ſagte er endlich,„und Ihr müſſet das, was Ihr da geſagt habt, ins Protokoll nein⸗ ſchreiben; ich will ſehen, ob ich ein Spitzbub bin. Mein Vetter, der Buchmaier, kommt ſchon wieder heim.“ Auf dieſe Rede kehrte ſich der Amtmann um und kniff die Lippen über einander. Wäre die Sache des Mathes nur eine beſſere geweſen, es hätte dem Amtmann ſchlecht ergehen können; wohl⸗ weislich aber ließ dieſer ſeine Rede nicht in's Protokoll ſetzen. Er klingelte und ließ den Soges hereinkommen. *) Bruſttuch, ſo viel als Jacke. „Was habt Ihr für Beweiſe, daß der da den Maien geſetzt hat?“ „Jed' Kind im Dorf, die Ziegel auf dem Dach wiſſen's, daß der Mathes zu dem Aivle geht; nichts für ungut, aber ich mein', das Kürzeſte wär', man läßt das Aivle kommen, da wird er's nimmer läugnen, er kann keinen auf die Gabel nehmen,*) daß es nicht wahr iſt.“ Als der Mathes das hörte, ſperrte er die Augen weit auf und ſeine Lippen zuckten, aber er ſchwieg. Der Amt⸗ mann war eine Zeit lang ſtutzig, er erkannte das Unge⸗ hörige eines ſolchen Beweismittels wohl; aber er wollte „ein Exempel ſtatuiren,“ wie er ſich in der Gerichtsſprache ausdrückte. Nachdem Mathes, der Soges, nebſt den herkömmlichen zwei Gerichtsſchöppen— oder wie man ſie bei uns heißt, Gerichtsbeiſchläfer— das Protokoll unterſchrieben hatten, war das Verhör geſchloſſen. Mathes hatte den Muth nicht, ſeine frühere Forderung in Betreff der Schimpfreden des Oberamtmanns zu wiederholen, er wurde abermals in das Gefängniß abgeführt. Es war ſchon ſpät gegen Abend, da ſaß das Aivle oben an der Stiege und ſchaute hinüber nach dem Thurme auf dem Berge jenſeits; es meinte, der Mathes müſſe doch endlich kommen. Es ſaß hinter einer Hecke, um von den Leuten nicht geſehen und befragt zu werden. Da ſah es den Soges die Bergwieſe heraufkommen, es ging nach der Straße, der Soges winkte ihm zu, es ſprang ihm ſchnell entgegen. „Thur ſtet,**) Aivle,“ rief der Soges,„ich hab' dir nur ſagen wollen, du ſparſt mir einen Gang, du mußt morgen früh um acht Uhr vor Oberamt.“ Das Aivle ſtand leichenblaß da und ſchaute wie ver⸗ wirrt drein, dann rannte es ſchnell den Berg hinab und hielt erſt unten am Neckar inne; es blickte ſich verwundert *) Einen auf die Gabel nehmen, ſo viel als einen Eid ſchwören; von dem Bilde der erhobenen drei Finger genommen. **) Geh langſam. Naien ſſens, ngut, Aivle keinen weit Ant⸗ Unge⸗ wollte rache ichen heißt, ten, Ruth teden in Aivle urme doch den h es der hnell dir mußt ver⸗ und ndert on 1¹9 um, es war ihm geweſen, als würde es jetzt gleich ein⸗ geſperrt und als müſſe es auf und davon laufen. Still weinend und geſenkten Hauptes kehrte es heim. Faſt die ganze Nacht that Aivle kein Auge zu, denn morgen ſollt' es ja zum erſten Male vor Gericht; allerlei Schreckbilder von ſchwarzbehangenen Gemächern ſtanden vor ſeiner Seele, und hätte ſich nicht ſein Geſpiel, des Schneiderles Agath, erboten, bei ihm zu ſchlafen, es wäre geſtorben vor Angſt. Als kaum der Morgen graute, ging Aivle nach dem Schranke, holte ſeine Sonntagshäs,*) und die Agath mußte es ankleiden; es konnte vor Zittern kein Bändel knüpfen. Wehmüthig betrachtete es ſich in ſeinem zer⸗ brochenen Spiegel; es war ihm, als müßte es in ſeinen Sonntagskleidern zu einem Leichenbegängniſſe. Der Wagner Michel begleitete ſeine Tochter, er konnte das Kind ja nicht allein gehen laſſen. In der Oberamtei zog er ſeinen Hut ab, ſtrich ſich die kurzgeſchorenen Haare glatt und machte ſchon jetzt ein demüthig freundliches Ge⸗ ſicht, als er mit den Füßen ſcharrend vor der Stubenthür ſtand. Er ſtellte ſeinen Schlehdornſtock an die Wand und den dreieckigen Hut mit der linken Hand vor die Bruſt haltend, den Kopf demüthig vorgebeugt, klopfte er an. Die Thüre öffnete ſich.„Was will Er?“ fragte eine rauhe Stimme. Ich bin der Wagner Michel und das da iſt mein' Tochter, das Aivle, und das fürcht't ſich ſo, da hab' ich fragen wollen, ob ich nicht mit nein darf vor Gericht.“ „Nein,“ war die rauhe Antwort und die Thür wurde ihm vor der Naſe zugeſchlagen, daß der Wagner Michel zurücktaumelte. Er konnte ſeine weitere Begründung, daß eigentlich er und nicht ſeine Tochter vor Gericht gehöre, da der Maien vor ſeinem Hauſe ſtand, nicht mehr anbringen. Die beiden Hände auf den Schlehdorn gelegt und das Kinn auf die Hände geſtemmt, ſo ſaß der Wagner Michel *) Häs, Kleider. neben ſeiner Tochter auf der Hausflur und heftete ſeinen Blick auf die Steine des Fußbodens, die ſo kalt und theil⸗ nahmlos waren wie das Antlitz des Beamten. Dann brummte er vor ſich hin:„Wenn der Buchmaier da wär', müßt er andere Saiten aufziehen.“ Das Aivle konnte kein Wort reden, es hatte die Hände gefaltet und huſtete nur manchmal ganz leiſe in ſein ſchön gebügeltes Sack⸗ tuch hinein. Endlich wurde es in die Gerichtsſtube gerufen, es ſtand raſch auf, Vater und Tochter ſahen ſich ſtumm an, und das Aivle verſchwand hinter der Thüre. Es blieb hinter der Thüre ſtehen; der Oberamtmann war nicht da, aber dort ſaß der Schreiber und ſpielte mit der Feder in der Hand, neben ihm die beiden Gerichtsſchöppen, ſie piſperten leiſe mit einander. Aivle zitterte und bebte an allen Gliedern; die Stille dauerte faſt zehn Minuten, für Aivle eine halbe Cwigkeit. Endlich hörte man Sporen⸗ klingen, der Oberamtmann kam. Aivle ſchien ihm ſehr zu gefallen, denn er faßte es am Kinn, ſtreichelte ihm dann die heißen, rothen Wangen und ſagte:„Setz Dich nur.“ Aivle gehorchte, ſich zaghaft auf den Rand des Seſſels niederlaſſend. Nachdem es mit niedergeſchlagenen Augen auf die Fragen: Name, Stand, Alter u. ſ. w. angegeben, fragte der Oberamtmann:„Nun, wer hat Dir den Maibaum geſetzt?“ „J kahn's et wiſſe, Herr Oberamtmann.“ „Haſt Du nicht das Seil zum Anbinden an dem Dachfenſter hergegeben?“ „Noan, Herr Oberamtmann.“ „Weißt Du auch nicht, wer Dein Schatz iſt?“ Aivle fing laut an zu weinen. Es war ihm ſchrecklich, daß es hier läugnen ſollte, und doch konnte es auch nicht eingeſtehen. Der Amtmann half ihm, denn er ſagte: „Nun, was iſt denn da zu läugnen? Der Mathes iſt Dein Schatz, Ihr wollt Euch ja bald heirathen.“ Aivle dachte daran, daß ſie über vier Wochen ſich ſeinen theil⸗ Dann wär, konnte huftete Sack⸗ lich, icht thes 121 beim Amte die Heirathserlaubniß holen wollten; es glaubte, wenn es jetzt läugne, bekäme es die„Papiere“ und die „Annahme“ nicht; auch durfte es nicht nein ſagen, das war gegen ſein Gewiſſen. Sein Herz klopfte raſch, ein gewiſſes Gefühl des Stolzes erhob ſich in ihm, ein Bewußtſein, das über alle Gefahren hinausragte, belebte ſein ganzes Weſen, es dachte plötzlich nicht mehr an die Papiere, nicht mehr an den Oberamtmann, nicht mehr, wo es war, es dachte nur an den Mathes; die letzte Thräne fiel von ſeinen Wimpern, ſein Auge leuchtete hell, es erhob ſich raſch, ſchaute wie ſiegverklärt umher und ſagte:„Jo, koan andre uf der Welt nähm i.“ „Der Mathes hat Dir alſo den Maien geſetzt?“ „'s kann wol ſein, aber me derf jo et dabei ſein, und i bin dieſell Nacht—“ es konnte wiederum vor Weinen nicht weiter reden. Es war gut, daß Aivle die Augen zuhielt und das Lächeln der Gerichtsmänner nicht ſah. „Geſteh's nur, kein Andrer hat Dir den Maien geſetzt?“ „Was kahn i wiſſe?“ Durch allerlei Querfragen und durch die freundliche Verſicherung, daß die Strafe nur gering ſei, brachte der Oberamtmann endlich das Geſtündniß Aivle's heraus. Nun wurde ihm das Protokoll vorgeleſen, das in hoch⸗ deutſche Sprache überſetzt und in zuſammenhängende Rede gebracht war, von all' dem Weinen und den Qualen des Mädchens ſtand kein Wort darin. Aivle erſtaunte über alles das, was es da geſagt hatte; aber es unterſchrieb doch und war ſeelenfroh, als es wieder fort durfte. Als die Thür hinter ihm wieder zu war und die Klinke ins Schloß fiel, ſtand es plötzlich wie feſtgebannt da und fal⸗ tete die Hände; ein ſchwerer Seufzer entlud ſich ſeiner Bruſt, es meinte, der Boden müſſe unter ihm zuſammen⸗ ſinken, denn es überdachte jetzt erſt recht, was es ſeinem Mathes gethan haben konnte. Sich an das Treppengeländer haltend, ging es furchtſam die ſteinernen Stufen hinab und ſuchte ſeinen Vater, der im Lamm einen Schoppen zur Herzſtärkung trank; ohne ein Wort zu reden und ohne einen Tropfen über die Lippen zu bringen, ſſaß Aivle neben ihm. Unterdeß kam auch der Mathes abermals zum Verhör, und als er das Geſtändniß Aivle's hörte, ſtampfte er mit dem Fuß auf den Boden und knirſchte die Zähne. Dieſe Aeußerungen wurden ſogleich als Grundlage des Geſtänd⸗ niſſes genommen, und müde gehetzt gab ſich Mathes gefan⸗ gen; aber er geberdete ſich noch wie ein Wild, das im Netze ſteckt, ſich nach allen Seiten hin und her windet, um ſich loszumachen, aber immer tiefer ſich hineinwirrt. Auf die Frage, wo er den Baum geholt, ſagte Mathes zuerſt, daß er ihn aus dem Dettenſeer Walde(aus dem Sigmaringiſchen) genommen. Als man hierauf eine neue Unterſuchung einleiten und an das Amt Haigerloch berichten wollte, geſtand er endlich, daß er den Baum aus ſeinem eigenen Walde, im„Weiherle“ gelegen, genommen, und daß es ein ſolcher ſei, der nächſter Tage von dem Förſter ausgezeichnet worden wäre. In Betracht dieſer mildernden Umſtände wurde Mathes um zehn Reichsthaler geſtraft, weil er vor der Auszeich⸗ nung einen Baum aus ſeinem eigenen Walde geholt hatte. Oben an der Steige, dort wo der Mathes Tages zu⸗ vor einen Zweig abgeriſſen, traf er mit dem Aivle und ihrem Vater zuſammen, die den Wieſenweg heraufkamen. Mathes wollte ohne Gruß weiter gehen. Da ſprang das Aivle auf ihn zu, faßte ſeine Hand und rief ſchwer ath⸗ mend:„Mathes, trutz et, guck, do hoſcht du mein An⸗ henker und au meine Granate, wenn Du Strof zahle muſcht. Dank aunſern Heiland, daß du nimmeh ein⸗ g'ſperrt biſcht.“ Nach einigem Hin⸗ und Herreden gab Mathes nach, Hand in Hand ging er dann mit ſeinem Aivle das Dorf hinein und wurde von Allen freundlich bewillkommt. Das iſt die Geſchichte von dem Maibaum an des Wagner Michel's Haus; am Hochzeitstage der beiden Lie⸗ benden ward er mit rothen Bändern geſchmückt. Der —— ohne livle rhör, mit Dieſe änd⸗ efan⸗ s im ndet, t. thes dem eue ten nem und ſter ßoß hes ich⸗ 123 Himmel ſchien mehr Wohlgefallen an dem Baum zu haben als die löbliche Polizei, denn auf eine faſt wunderbare Weiſe grünte der Baum und ſchlug neue Wurzeln; noch heutigen Tages prangt er als ewiges Liebeszeichen an dem Hauſe der Glücklichen. 2 Mit dieſer Geſchichte hängt aber noch eine andere von allgemeiner Bedeutung zuſammen.— Das Maiſetzen, ſo wie noch andere nach dieſer Zeit vorgekommene Waldfrevel veranlaßten den Oberamtmann, eine Verordnung zu er⸗ laſſen, die ihm ſchon lange in der Feder ſchwebte.— Seit alten Zeiten iſt es nämlich ein Recht und eine Sitte der Schwarzwälder Bauern, bei einem Gange über Feld, d. h. von einem Orte zum andern, eine kleine Handart am linken Arme zu tragen; nur die„Mannen,“ d. h. die verheiratheten Männer, tragen dieſes Wahrzeichen, die „Buben,“ die ledigen Burſche, aber nicht. Es mag wohl ſein, das dieß, wie die Sage geht, noch ein Ueberreſt von der allgemeinen Wehrhaftigkeit ift. Am erſten Pfingſttage war in allen Dörfern des Oberamtes am ſchwarzen Brette des Rathhauſes folgende Verordnung zu leſen: „Da man in Erfahrung gebracht, daß viele Wald⸗ frevel von dem unbefugten Tragen der Aexte herrühren, ſo wird anmit zur öffentlichen Kunde gebracht: Von heute an ſoll Jeder, der ſich auf der Straße oder im Walde mit einer Axt umhertreibt, dem ihn betreffenden Land⸗ jäger, Flur⸗ oder Waldſchützen genaue Auskunft geben, wozu und warum er die Art bei ſich hat; ſofern er hier⸗, über nicht genügenden Ausweis geben kann, verfällt er beim erſtmaligen Betreffen in die Strafe von 1 Rthlr., bei Wiederholung in die von 3 Rthlrn. und beim aber⸗ maligen Zuwiderhandeln in eine Gefängnißſtrafe von acht Tagen bis vier Wochen. Der Oberamtmann Rellings.“ Viele Bauern ſtanden nach der Nachmittagskirche am Rathhauſe; der Mathes, der nun auch zu den Mannen gehörte, las die Verordnung laut vor. Alle ſchüttelten die Köpfe und murmelten Verwünſchungen und Flüche vor ſich hin; der alte Schultheiß aber ſagte laut:„Des wär' vor Alters et g'ſchea, des ſind aunſere G'rechtſame.“ Da ſah man den Buchmaier mit der Art am Arme vom obern Dorfe herabkommen; Alles ſchaute nach ihm hin, wie er ſo daher ſchritt. Es war ein behäbiger, kräf⸗ tiger Mann in ſeinen beſten Jahren, nicht groß, aber breitſchulterig und dick. Aus den kurzen ledernen Bein⸗ kleidern hatte ſich das Hemd etwas aufgeſtaucht; aus der offenen rothen Weſte ſah das breite Querband der an Neſteln*) aufgehakten Hoſenträger hervor, das buntgewo⸗ ben und in der Ferne wie ein Piſtolengurt ausſah; der dreieckige Hut ſaß auf einem faſt unverhältnißmäßig kleinen Kopfe, deſſen milde Geſichtszüge beſonders um Mund und Kinn etwas weiblich Zartes ausdrückten; die weitgeſchlitzten, hellglänzenden blauen Augen mit den emporſtehenden dunkeln Augenbraunen verkündeten Klarheit und männlichen Trotz. Mathes ſprang dem Buchmaier entgegen, meldete ihm die Verordnung und ſagte:„Vetter, ihr ſeid Alle keine rechten Gemeinderäthe, wenn ihr euch das gefallen laſſet.“ Der Buchmaier wandelte in ſeinem gemeſſenen Gange fort, ohne auch nur einen Schritt zu beſchleunigen; er ging geradeswegs auf das Brett zu. Alles wich zurück, damit er bequem leſen könnte, er rückte ſeinen Hut etwas in die Höhe, erwartungsvolle Stille herrſchte ringsum. Als der Buchmaier leiſe zu Ende geleſen hatte, ſchlug er ſich mit der flachen Hand auf die Rundung ſeines Hutes, ihn feſter ſetzend; das deutete etwas Unternehmendes an.— Darauf nahm er ruhig ſeine Art vom linken Arm und mit einem„Da!“ hieb er ſie in das ſchwarze Brett mitten durch die Verordnung; dann wendete er ſich zu den Um⸗ ſtehenden und ſagte:„Wir ſind Bürger und Gemeinderäthe; *) Wegen dieſer Neſteln ſtatt der Knöpfe gehören die Schwarzwälder zu den Neſtelſchwaben. m ne en ohne Amtsverſammlung, ohne Beiſtim⸗ mung von allen Gemeinderäthen kann man keine ſolche Verordnung erlaſſen; ich will einmal ſehen, ob die Schrei⸗ ber Alles ſind, und ob wir denn gar nichts mehr gelten, und wenn es bis an den König geht, wir dürfen das nicht leiden. Wer mit mir einig iſt, der nehme meine Art da heraus und hau' ſie noch einmal in's Brett.“ Der Mathes war der Erſte, der zu⸗ griff; der Buchmaier aber hielt ihm den Arm und ſagte:„Laß die älteren Leute zuerſt dran.“ Dieſes Wort wirkte auf die Ver⸗ zagten und Zweifelnden, die über die Handlungsweiſe des Buchmaiers be⸗ troffen waren und nicht wußten, was ſie thun ſollten. Der alte Schultheiß führte zuerſt ſeinen Hieb mit zitternder 126 Hand, dann griffen Alle tapfer zu; von allen Umſtehenden ſchloß ſich Keiner aus, und beſonders der Name des Ober⸗ amtmanns wurde kreuz und quer zerhackt.— Nach und nach kam das ganze Dorf herbei; Alle wurden zu gleich ſinnbildlicher Handlung ermuntert und unter Lachen und Jubeln that Jeder ſeinen Hieb. Der Schultheiß, von dem, was geſchehen war, be⸗ nachrichtigt, wollte Landjäger von Horb kommen laſſen. Sein weiſer Miniſter aber rieth ihm von dieſem Aufgebot ab, da das doch nichts helfe; auch dachte der kluge Soges bei ſich:„Gut, laß ſie nur Alle freveln, das gibt eine ganze Ernte Vorladungen, und für jede Vorladung einen Batzen; hauet nur wacker zu, es geht euch ins Fleiſch und das iſt mein Batzenfleiſch.“ Mit fröhlicher Miene berechnete Soges bei einem Schoppen im Adler ſeinen Gewinn aus den Dorfhändeln. So blieb endlich außer dem Soges und dem Schult⸗ heißen Keiner im ganzen Dorf an dem Exceſſe unſchuldig. Am Dienſtage gingen auf Veranlaſſung des alten Schultheißen die Gemeinderäthe ſelber vor Amt und machten die Anzeige von dem, was ſie gethan hatten. Der Ober⸗ amtmann wüthete und fluchte in der Stube umher. Er hieß nicht umſonſt Rellings, er ſah wirklich aus, wie ein geſchorener Kater,*) dem man eine Brille aufſetzt und Sporen an die Füße heftet. Er wollte die Verbrecher ſogleich einſtecken laſſen; der Buchmaier aber trat ſcharf vor ihn und ſagte:„Iſt das eure ganze Kunſt? Einſper⸗ ren? Da hat's noch gute Weil. Wir ſind da, um Gegen⸗ ſprach einzulegen, wir bekennen frei, was wir gethan haben, und da kann von keinem vorläufigen Einſperren die Rede ſein; ich bin kein Landläufer, Ihr wiſſet, wo ich wohn', ich bin der Buchmaier, das da iſt der Bäck, das da der Schmiedhannes, und das da des Michel's Baſche, wir ſind auf unſerm eigenen Grund und Boden zu finden. Ohne Urtel kann man uns nicht einſperren, ¹) Man nennt im Schwarzwalde einen Kater Relling. enden Obet⸗ und gleich und be⸗ lafſen. fge hot Soges eine einen leiſch liene inen * 127 und dann gibt's noch einen Ausweg weiter naus, Reut⸗ lingen zu und nach Stuttgart, wenn's ſein muß.“ Der Oberamtmann lenkte wieder ein und lud die Männer auf morgen um neun Uhr zum Verhöre vor. Dieſes Letzte war wenigſtens inſofern gut, daß der Soges dadurch um ſeine wohlgezählten Batzen geprellt wurde— So betrügen ſich oft die großen und kleinen Herren in ihren Berechnungen. Es ſah faſt kriegeriſch aus, als des andern Tages mehr als hundert Bauern, die Handärte am Arme, durch das Dorf hinauswanderten. Sie hielten oft vor einem Hauſe und riefen einen Verſpäteten an, der ſich in der Eile noch auf der Straße ſeinen Rock anzog, manche Scherze und Witzreden wurden nicht weiter geſponnen, wenn man den Buchmaier anſah, der die Augenbraunen tief hereinzog. Kein Tropfen wurde getrunken, ehe man vor Amt ging:„Erſt Rothes und nachher Brotes,“ 6 war der Wahlſpruch der Bauern. Der Oberamtmann ſah im Schlafrock mit der langen Pfeife im Munde zum Fenſter heraus. Als er nun den bewaffneten Zug ſo daher kommen ſah, machte er ſchnell das Fenſter zu und ſprang nach der Klingel, weil er aber ſtets Sporen an den Stiefeln hatte, verfing er ſich in dem Vorhange und ſtürzte der ganzen Körperlänge nach auf den Boden; die lange Pfeife lag wie ſeine Waffe neben ihm. Er erhob ſich indeß ſchnell wieder, klingelte nach dem Amtsdiener, ſchickte ihn zum Stationscommandanten, zum Wachtmeiſter der Landjäger, befahl, daß ſie alle mit ſcharfgeladenen Gewehren herkommen ſollten. Leider aber waren nur noch vier Mann im Orte. Er befahl nun, daß ſie ſich unten in der Amtsdienerſtube halten und jeden Augenblick bereit ſein ſollten. In der Amtsſtube befahl er ſodann, daß von den Bauern Einer nach dem Andern hereinkommen und daß ſogleich immer wieder geſchloſſen werden ſolle. *) Erſt Rathen, nachher Braten. 128 Als nun der Buchmaier zuerſt herein gerufen wurde, ſagte er, die Thür in der Hand haltend:„Guten Morgen, Herr Oberamtmann,“ und ſich ſogleich umkehrend, ſagte er zu den Draußſtehenden:„Kommet'rein, ihr Mannen, wir haben gemeinſchaftliche Sach', ich red' nicht für mich allein.“ Ehe ſich's der Oberamtmann verſah, war die ganze Stube mit den Bauern gefüllt, die ihre Aexte im— linken Arme trugen. Der Buchmaier trat vor, auf den Schreiber zu, und ſeine Hand ausſtreckend, ſagte er: „Schreibet's auf, Wort für Wort, was ich ſag'; ſie ſollen's bei der Kreisregierung auch wiſſen.“ Er fuhr ſich ſodann zweimal mit der rechten Hand durch den Hemdkragen, ſtemmte ſeine Fauſt auf den grünen Tiſch und begann: fſ wurde, o corgen, „ſugte lannen, mich die rte im uf den ſte er iſ fuhr h den Tiſch 129 „Allen Reſpekt vor Euch, Herr Oberamtmann, der König hat Euch geſchickt und wir müſſen Euch gehorchen, wie das Geſetz will; der König iſt ein braver, rechtſchaffener Mann, er will gewiß nicht, daß man die Bauern wie das Vieh hudeln oder wie die Kinder mit Döble*) ein⸗ ſchulen ſoll. Die kleinen Herrle, die von oben bis runter ſtehen, die haben Freud' an dem Befehlerles⸗Spielen; zu⸗ letzt ſchreiben ſie's noch nach Noten vor, wie die Henn' gackern muß, wenn ſie ein Ei legt. Ich will euch einmal das Deckele vom Häfele**) thun, ich will euch den klaren Wein einſchenken. Ich weiß wohl, es nützt jetzt nichts; geſagt muß es aber ſein, ich muß den Putzen einmal raus⸗ thun, es würgt mich ſchon lang. Die Gemeind' ſoll jetzt gar nichts mehr gelten, Alles ſoll in den Beamtenſtuben abgethan werden. Ei ſo pflüget und ſäet und erntet auch in den Beamtenſtuben. So ein verzwängtes Schreiberle eujonirt ein ganzes Rathhaus voll Bauern, und eh' man ſich's verlugt, wird ein Schreiberſchultheiß nach dem andern auf das Dorf geſetzt; da iſt hernach Alles in der beſten Schreiberordnung. Wahr iſt wahr, Ordnung muß ſein, aber zuerſt muß man ſehen, ob's nicht ohne Schreiber beſſer geht; und dann, wir ſind g'rad auch nicht auf den Kopf gefallen, und iſts auch nicht im Amtsſtyl, wir können's doch auch. Es muß g'ſtudirte Leut' geben, die über Alles eine Aufſicht haben; aber zuerſt müſſen die Bürger ſelber ihr Sach' in Ordnung bringen. „Zur Sache, zur Sache!“ drängte der Amtmann. „Das gehört zur Sach. Mit eurem Schreiberweſen wiſſet ihr nichts mehr zu befehlen und ihr kommet an's Verhüten, Vorſorgen und Verhindern, ja Verhindern, ich hätt ſchier geſagt— Zuletzt ſtellet Ihr noch an jeden Baum einen Polizeidiener, damit er keine Händel kriegt mit dem Wind und nicht zu viel trinkt, wenn's regnet. Wenn das mit dem Befehlerles ſo fort geht, möcht man ja auf der Kuh fortreiten.***) Alles, Alles wollt ihr *) Tatzen, Schläge auf die Hand.—**) Topf. ) Sprichwörtlich, ſo viel als: das äußerſte Fluchtmittel ergreifen. 9 ——— — ——— — — —— bringen.“ Er hob die Art hoch auf und fuhr dabei zähne⸗ knirſchend fort:„Und wenn ich mit der Art da die Thüren bis zum König aufbrechen muß, ich geb' ſie nicht aus der Hand. Von alten Zeiten her iſt es unſer Recht, daß wir Aerte tragen, und wenn man ſie uns nehmen will, ſo muß es die Amtsverſammlung oder der Landtag thun, und da haben wir auch ein Wort mit zu reden. Aber warum wollet ihr ſie uns nehmen? Damit kein Waldfrevel geſchieht? Dafür ſind Waldſchützen und Strafen und Geſetze da, und die gelten gleich für Edelmann und Bettelmann. Wie viel Zähn' braucht ein armer Bauer, um Grundbirnen*) zu eſſen? Reißt ihm die andern'raus, damit er nicht in Ver⸗ ſuchung kommt, Fleiſch zu ſtehlen. Und warum laſſet ihr denn die Hund rumlaufen mit ihren Fangzähnen? Wenn ein Bub' acht, neun Jahre alt iſt, hat er ſein Meſſer im Sack, und wenn er ſich in den Finger ſchneidt, iſt er eben ſelber daran ſchuld; thut er einem Andern was damit, klopft man ihm auf die Finger. Wer ſagt denn euch, daß wir noch ärger als kleine Kinder ſind, und ihr unſere Lehrer und Vormünder? Ihr Herren thut gerad', als wäret Ihr d'ran ſchuld, daß ich jetzt nicht zum Fenſter'naus⸗ ſpring'; in der Hauptſach' vom Leben muß ja doch Jeder für ſich und jede Gemeinde für ſich ſorgen und nicht Ihr Herren. Was ſag' ich da? Herren! Unſere Diener ſeid Ihr, und wir ſind die Herren. Ihr meinet immer, wir ſind euretwegen da, damit ihr was zu befehlen habt; wir bezahlen euch, damit Ordnung im Land' iſt, und nicht, um uns cujoniren zu laſſen. Staatsdiener ſeid ihr, und der Staat, das find wir, die Bürger. Wenn uns kein Recht wird, ſo gehen wir nicht zum Brünnele, ſondern zum Brunnen, und eh' leg ich meinen Kopf auf den Block und laß mir ihn mit der Art da vom Henker abhauen, eh' ich mir ſie von einem Beamten ohne meinen Willen nehmen laſſ. So iſt's, ich bin fertig.“ *) Kartoffeln. uns nehmen; jetzt iſt eins da, um das laſſen wir uns nicht s nicht ei zähne⸗ e Thüren aus der daß wit will, ſo hun, und rwarum eſchieht da, und Wie viel en*) zu in Ver⸗ aſſet ihr Wenn ſſer im iſt er damit, ch, daß unſere s wätet naus⸗ h Jeder cht Iht uer ſeid r, wir t; wit cht, um nd der Recht n zum ck und ch ich ehmen 131 Andächtige Stille herrſchte ringsum, ein Jeder ſah den Andern an, blinzelte mit den Augen, die gleichſam ſagten:„Der hat ſein Sach', jetzt kann er's ſieden oder braten.“ Der Baſche aber ſagte ganz leiſe zum Bäck: „Da paßt das Sprüchwort recht: dem iſt's gut von der Haue gefallen.“—„Ja, der hat das Maul nicht in der Taſch!“ erwiederte der Bäck. Der Oberamtmann ließ den Eindruck dieſer Rede nicht lange andauern; ein Papierchen zwiſchen den Fingern drehend, begann er mit ruhigem Tone die Schwere des geſchehenen Verbrechens darzuſtellen. Mancher ſcharfe Seitenhieb auf den Buchmaier ſiel; dieſer aber ſchüttelte immer nur leiſe den Kopf, als ob er Fliegen abwehre. Zuletzt ſprach der Oberamtmann von Prozeßkrämern und Aufrührern, von eingebildeten Herrenbauern, die einmal mit einem Advokaten einen Schoppen getrunken, die läuten hörten und nicht wüßten wo? Von dieſer allgemeinen Abſchweifung ging er ſodann wieder auf das Vorliegende über; er nannte ein⸗ zelne Anweſende bei Namen, lobte ſie als ruhige, verſtän⸗ dige Bürger, die zu einer ſolchen That unfähig ſeien. Er ſprach ſeine tiefe Ueberzeugung aus, daß ſie ſich von dem Buchmaier hatten verleiten laſſen; er beſchwor ſie bei ihrem Gewiſſen, bei ihrem Gehorſam gegen König und Geſetz, bei ihrer Liebe zu Frau und Kindern, die ſchwere Schuld nicht auf ſich zu laden, offen und frei die Verführung zu bekennen, und ihre Strafe werde mild ſein. Wiederum herrſchte Stille; Einige ſahen einander an und blickten dann verlegen zur Erde. Der Buchmaier erhob ſein Antlitz hoch und kühn, er ſchaute Allen frei in's Angeſicht, ſeine Bruſt hob ſich, erwartungsvoll hielt er den Athem an. Der Mathes hatte ſchon den Mund geoffnet, um zu ſprechen; da hielt ihm der Schmiedhannes den Mund zu, denn eben erhob ſich der alte Schultheiß, der von allen Anweſenden allein auf einem Stuhle geſeſſen hatte. Mit ſchweren Tritten, die Füße kaum erhebend, ging er vor an den grünen Tiſch, Anfangs keuchend und oft Athem holend, dann aber in fließender Rede ſagte er:„Groß Dank 9* für die gute Nachred', die ihr mir und Andern gehalten habt, Herr Oberamtmann, aber was der Buchmaier geſagt hat, unterſchreib ich auf's Tüpfele*) hin. Wenn's noch einen Beweis bräucht', daß uns die Herren wie kleine Kinder, wie Unmündige anſehen, ſo hättet Ihr ihn gelie⸗ fert, Herr Oberamtmann, nein, ich bin 76 Jahr alt und bin zwanzig Jahre Schultheiß geweſen. Wir ſind keine Kinder, die ſich zu ſo Etwas wie zu einem Bubenſtreich verführen laſſen; die Art bleibt bei mir, bis man mir ſechs Bretter mitgibt. Wer als ein Kind da ſteht, der ſoll's nur bekennen: Ich bin ein Mann, der weiß, was er thut; wenn's zur Straf kommt, bin ich auch dabei.“ „Wir auch!“ riefen alle Bauern wie aus Einem Munde; die Stimme des Mathes tönte vor. Das Antlitz des Buchmaiers war wie mit Licht über⸗ goſſen; er faßte noch mit der rechten Hand ſeine Art und drückte ſie innig an's Herz. Nachdem die herkömmlichen Förmlichkeiten beendet, das Protokoll unterſchrieben und der Buchmaier ſich eine Abſchrift davon erbeten hatte, verließen die Bauern ſtill die Oberamtei. Noch mehrere andere Gemeinden thaten Einſprache gegen die neue Verordnung; die Sache kam bis vor die Kreisregierung. Diejenigen, welche auf eine ſo ungebühr⸗ liche Weiſe mit den Aexten ſelber Einſprache gethan hatten, wurden um eine namhafte Summe beſtraft. Indeß wurde nach einiger Zeit der Oberamtmann Rellings verſetzt, die Verordnung aber nicht mehr erneuert. Nach wie vor trugen die Mannen ihre Art am lin— ken Arme. Ich erzähle wohl ein ander Mal noch Weiteres vom Buchmaier. 0) Pünktchen. ehalten geſagt s noch kleine gelie⸗ Ut und d keine nſtteich n mir t, der „was dabei.“ lunde; übet⸗ t und ſchrift amtei. prache or die bühr⸗ atten, wurde t, die VI. Die feindlichen Vrüder. In der ſpärlich bewohnten kalten Gaſſe,„der Kniebis“ genannt, ſteht ein kleines Häuschen, das außer einem Stall und einem Schuppen nur drei zum Theil mit Papier zugeklebte Fenſter hat; oben am Dachfenſter hängt ein Laden nur an einer Angel und droht jeden Augenblick herunter zu fallen. Neben dem Hauſe iſt ein kleines Gärt⸗ chen, das noch durch einen der Länge nach hindurchlaufen⸗ den Zaun von dürren Dornen in zwei Hälften geſchieden iſt. In dem Hauſe wohnten zwei Brüder ſchon ſeit vier⸗ zehn Jahren in unabänderlicher Feindſchaft. Wie im Gar⸗ ten, ſo war auch im Hauſe Alles getheilt, von der Dach⸗ kammer bis hinab in den kleinen Keller; die Fallthüre war offen, aber drunten hatte jeder ſeinen durch Latten abgetheilten verſchloſſenen Raum. Auch ſonſt waren an allen Thüren noch Hängeſchlöſſer befeſtigt, als ob man ſtündlich den Ueberfall von Dieben fürchtete; der Stall gehörte dem einen, der Schuppen dem andern Bruder. Kein Wort wurde im Hauſe vernommen, wenn nicht Einer bisweilen laut vor ſich hin fluchte. Michel und Koanradle, ſo hießen die beiden Brüder, waren beide ſchon ſehr bei Jahren und beide unbeweibt. Dem Koanradle war ſeine Frau ſchon früh geſtorben, und er lebte nun ſo für ſich allein; der Michel war nie ver⸗ heirathet geweſen. Eine blau angeſtrichene, lange ſogenannte Bankkiſte war die erſte Urſache des Bruderhaſſes. Nach dem Tode der Mutter ſollte Alles getheilt wer⸗ den; die im Dorfe verheirathete Schweſter hatte ſchon ihr Pflichtstheil bekommen. Der Koanradle behauptete, er habe die Kiſte aus ſeinem eigenen Gelde gekauft, das er ſich als Wegknecht durch Steinſchlagen auf der Straße verdient, er habe ſie nur der Mutter geliehen und ſie ſei ſein eigen; der Michel aber behauptete, der Koanradle habe der Mutter Brod gegeſſen und habe ſomit kein eigenes Vermögen. Nach einem perſoͤnlich heftigen Streite kam die Sache vor den Schultheiß und ſodann vor das Gericht, und es wurde entſchieden, daß, da die Brüder nicht übereinkommen können, Alles im Hauſe ſammt der Kiſte verkauft und der Erlös getheilt werden ſolle. Ja, das Haus ſelber wurde verſtei⸗ gert; da ſich aber kein Käufer dafür fand, mußten es in Gottes Namen die Brüder behalten. Die Brüder mußten nun ihre eigenen Sachen, ihr Bett und Anderes öffentlich wieder kaufen. Das machte dem Koanradle manchen Kummer, denn er hatte etwas mehr Empfindung als gewöhnlich.— Es gibt in jedem Hauſe mancherlei Dinge, die keinem Fremden für Geld zu haben ſind; ſie ſind viel mehr werth, als man eigent⸗ lich dafür bezahlen kann, denn es haften Gedanken und Lebenserinnerungen daran, die für keinen Andern in der Welt Werth haben. Solche Sachen müſſen ſich ſtill von Geſchlecht zu Ge⸗ ſchlecht forterben; dadurch bleibt ihr ſteter innerer Werth unangetaſtet. Muß man ſie aber erſt wieder aus den Händen Anderer reißen und für Geld mit Fremden darum ringen, ſo iſt ein großer Theil ihrer urſprünglichen Weihe dahin; ſie ſind in ihrem Geldeswerthe errungen und nicht ſtill, man möchte ſagen wie ein Heiligthum, ererbt. Sol⸗ cherlei Gedanken waren es, worüber der Koanradle oft den Kopf ſchüttelte, wenn ihm ein altes Hausgeräthe zu⸗ geſchlagen wurde, und als das in ſchwarzen Sammt ein⸗ gebundene Geſangbuch der Mutter mit den ſilbernen Span⸗ gen und den ſilbernen Buckeln zum Verkaufe kam, und ein Trödler das Silber in der Hand wog, um das Ge⸗ wicht zu ſchätzen, ſchoß ihm alles Blut in den Kopf Er ſteigte das Geſangbuch um hohen Preis. er habe er ſich emögen ache vor 5 wurde können, r Erlös verſtei⸗ nes in n, ihr machte etwas jedem Geld eigent⸗ n und in der u Ge⸗ Werth s den darum Weihe nicht Sol⸗ le oft he zu⸗ t ein⸗ Span⸗ 137 Endlich kam die Kiſte an die Reihe. Der Michel räuſperte ſich laut und betrachtete mit einem herausfordern⸗ den Blicke ſeinen Bruder; er ſetzte ſogleich eine namhafte Summe darauf. Der Koanradle bot ſchnell einen Gulden mehr, ohne dabei aufzuſchauen, und er zählte die Knöpfe an ſeinem Wamms. Der Michel aber bot, ſich keck um⸗ ſchauend, höher; kein Fremder ſteigte mit, und von den Brüdern wollte zum Hohne keiner dem andern die Streit⸗ ſache laſſen. Ein jeder dachte auch bei ſich: du brauchſt ja nur die Hälfte zu bezahlen, und ſo gingen ſie immer höher und höher, und endlich wurde die Kiſte für mehr als das Fünffache ihres Werthes, für acht und zwanzig Gulden, dem Koanradle zugeſchlagen. Jetzt erſt ſchaute er auf und ſein Geſicht war ganz verändert; Hohn und Spott ſprachen aus den aufgeriſſenen Augen, dem offenen Munde und dem ganzen vorgebeug⸗ ten Antlitze.„Wenn Du ſtirbſt, ſo ſchenk ich Dir die Kiſt', daß man Dich drein'neinlegt,“ ſagte er zitternd vor Wuth zum Michel, und das waren die letzten Worte, die er ſeit vierzehn Jahren zu ihm geſprochen hat. Im ganzen Dorfe wurde die Kiſtengeſchichte zu allerlei Spaß und Luſtbarkeit benutzt, und wo einer den Koanradle ſah, bemerkte er, wie ſchändlich der Michel gehandelt habe, und der Koanradle redete ſich immer mehr in Wuth gegen ſeinen Bruder hinein. Auch ſonſt waren die beiden Brüder ganz verſchiedener Sinnesart und gingen auch ihre verſchiedenen Wege. Der Koanradle hielt ſich eine Kuh, die er mit der Kuh ſeines Nachbarn Chriſtian zur Feldarbeit zuſammen⸗ ſpannte. In der übrigen Zeit ſchlug er für fünfzehn Kreu⸗ zer des Tages Steine auf der Straße. Auch war der Koan⸗ radle ſehr beiſichtig; er trat unſicher auf, und wenn er ſich Feuer ſchlug, brachte er den Zunder immer nahe zur Naſe, um dadurch gewiß zu ſein, daß er brenne. Er hieß im ganzen Dorfe der„blind' Koanradle;“ das le wurde ihm gegeben, weil er eine kurze, unterſetzte Geſtalt hatte. Der Michel hingegen war gerade das Gegenſpiel. Er war lang und hager und ſchritt ganz ſicher einher; er trug ſich vollkommen bäuriſch, nicht weil er ein beſonderer Bauer war, denn er war eigentlich gar keiner, ſondern weil ihm das zu ſeinem Handel ſehr forderlich war. Er handelte nämlich mit alten Pferden, und die Leute haben weit mehr Zutrauen zu einem Pferde, das ſie von einem bäuriſch gekleideten Manne kaufen. Der Michel war ein verdorbener Hufſchmied; er verpachtete und verkaufte zum Theil ſeine Aecker, legte ſich ganz auf den Pferdehandel und führte dabei ein Herrenleben. Er war eine wichtige Perſon in der ganzen Gegend. Er kannte auf ſechs, acht Stunden im Umkreis, im Württembergiſchen, im ganzen Sigmaringer und Hechinger„Ländle“ und bis in's Badiſche hinein den Zuſtand und das Contingent der Ställe ſo gut wie ein großer Staatsmann die ſtatiſtiſchen Berichte fremder Staaten und die Stellung der Kabinette; und wie dieſer in den Zeitungen, ſo ſondirte Michel die Stim⸗ mung des Volkes in den Wirthshäuſern. Er hatte auch in jedem Orte einen Thunichtgut als Reſidenten, mit denen er manche geheime Conferenzen hielt, und die im Noth⸗ falle eine Eſtafette zum Michel ſandten, nämlich ſich ſelber, für die ſie weiter nichts verlangten, als ein gutes Trink⸗ geld im buchſtäblichen Sinne des Wortes. Dann aber hatte auch Michel geheime Agenten, die die Leute zu Re⸗ volutionen in ihren Ställen verleiteten, und ſo kam es, daß in ſeinem Schuppen, der als Stall diente, faſt immer ein Marode⸗Gaul war, den er für einen neuen Feldzug, für die Oeffentlichkeit, d. h. für den Verkauf auf dem Markt zuſtutzte. Er färbte die Haare über den Augen, er feilte die Zähne, und wenn das arme Thier auch nichts mehr als Kleien freſſen konnte und beim andern Futter verhungern mußte, ihn kümmerte das wenig, denn er ſchlug es auf dem nächſten Markte unfehlbar wieder los. Dabei hatte er ſeine beſonderen Kunſtſtückchen: er ſtellte z. B. einen Helfershelfer auf, der zum Scheine einen Tauſch mit ihm machen wollte; ſie lärmten dabei ganz ungeheuer, dann rief aber der Michel ganz laut:„Ich kann nicht 6* 139 tauſchen, ich hab' kein Futter und keinen Platz, und wenn ich den Gaul für eine Karolin' weggeben muß, fort muß ern“ Oder er machte es noch geſcheiter; er ſtellte für ein Paar Kreuzer ein dummes Bäuerchen hin, gab ihm den Gaul, ließ ſich ihn vorreiten und ſagte:„wenn ein rechter Bauer das Thier hätt', da konnt' man einen ſchönen Gaul hinfüttern; das Geſtell iſt überaus, die Knochen ſind eng⸗ liſch, dem fehlt nichts als Fleiſch und da iſt er ſeine zwanzig Karolin werth.“ Dann brachte er einen Käufer, bedingte ſich noch ein Unterhändlergeld und erhielt beim Verkaufe ſeines eigenen Pferdes noch einen Nebenprofit. Am meiſten war der Michel den gerichtlichen Urkunden feind, in denen man gegen die Hauptfehler garantiren mußte; er ließ, wenn es drauf und dran kam, lieber noch ein Paar Gulden nach, ehe er ſolche Verbindlichkeiten einging. Dabei hatte er aber doch manchen Prozeß, der den Gaul ſammt dem Profit auffraß; aber es liegt in dieſer Art von Leben, von freiem, arbeitsloſem Herum⸗ ſtreifen etwas ſo Verführeriſches, und der Michel rechnete immer auch wieder Eins in's Andere, daß er vom Pferde⸗ handel nicht laſſen konnte. Sein Grundſatz war:„ich geh nicht vom Markt, gepatſcht muß ſein.“ Damit meinte er, ein Handel muß abgeſchloſſen ſein, wobei man die Hände ſchallend zuſammenſchlägt. Die Handelsjuden auf den Märkten waren ihm auch vielfach behülflich, und er ſpielte wieder mit ihnen unter der Decke. Wenn der Michel ſo zu Markte ritt, oder vom Markte heimfuhr und der Koanradle an der Straße Stein ſchlug, da ſah er ſeinen Bruder halb mitleidig, halb höhniſch an, denn er dachte:„O du armer Schelm, ſchlägſt Stein von Morgens bis Abends um fünfzehn Kreuzer, und ich ver⸗ diene, wenn's nur ein Bisle gut geht, fünfzehn Gulden.“— Der Koanradle, der das mit ſeinen blöden Augen doch vemerkte, ſchlug dann auf die Steine, daß die Splitter weit umherſpritzten. Wir wollen aber ſehen, wer es weiter bringt, der Michel oder das Koanradle. 2 S Der Michel war einer der beliebteſten Unterhaltungs⸗ menſchen im ganzen Dorfe, denn er konnte Tag und Nacht immerfort erzählen, ſo viel Schliche und Streiche wußte er, und er kannte auch Gott und die Welt. Freilich Gott kannte er wenig, obgleich er manchmal in die Kirche ging, denn davon kann ſich auf dem Lande Keiner ganz aus⸗ ſchließen; aber er ging eben in die Kirche, wie gar Viele, ohne etwas dabei zu denken und ſein Leben darnach einzurichten. Der Koanradle hatte auch ſeine Untugenden, und dazu gehörte beſonders ſein Haß gegen ſeinen Bruder und die Art, wie er denſelben äußerte. Wenn man ihn fragte: „Wie geht's deinem Michel?“ antwortete er immer:„dem geht's noch ſo;“ dabei machte er unter dem Kinn mit beiden Händen, als ob er einen Knoten ſchlinge, dann fuhr er nach beiden Seiten aus, und ſtreckte die Zunge heraus. Er wollte, wie leicht erkenntlich, damit ſagen: der wird noch gehenkt. — ngs⸗ acht ußte Gott ing, aus⸗ ohne hten. dazu die gte dem nit dann unge gen 141 Natürlich ſparten die Leute dieſe Frage nicht ſehr, und es war immer ein beſonderes Halloh, wenn man den Koanradle zu ſeiner feſtſtehenden Antwort brachte. Auch ſonſt ſchürten die Leute den Haß der Brüder, nicht gerade immer aus Bosheit, ſondern weil es ihnen Spaß machte. Der Michel aber zuckte nur verächtlich die Achſeln, wenn man von dem„armen Schelm“ ſprach. Nie blieben die Brüder in einer Stube; wenn ſie ſich nun in dem Wirthshauſe oder bei ihrer Schweſter trafen, ging immer Einer von ihnen fort. Niemand dachte mehr daran, ſie zu verſöhnen, und wenn zwei Leute in Feindſchaft mit einander waren, hieß es ſprichwörtlich:„Die leben wie der Michel und der Koanradle.“ Zu Hauſe redeten die Beiden kein Wort, wenn ſie ſich begegneten, ja ſie ſahen ſich nicht einmal an. Dennoch, wenn Einer merkte, daß der Andere unwohl im Bette lag, ging er den weiten Weg zu der Schweſter, die in der Froſchgaſſe wohnte, und ſagte:„Gang nuf, i glaub es iſcht ihm et reacht;“ und dann arbeitete ein jeder von den Brüdern gewiß leiſe und ohne Geräuſch, um den andern nicht zu ſtören. Außer dem Hauſe aber und unter den Leuten lebten ſie in gleichmäßiger Feindſchaft, und Niemand dachte daran, daß noch ein Funke von Liebe in ihnen ſei. Das dauerte nun in das vierzehnte Jahr. Dem Michel war unter dem vielen Hin- und Herhandeln das Geld von ſeinen verkauften zwei Aeckern durch die Finger ge⸗ fallen, er wußte nicht wie; der Koanradle aber hatte ſich von einem Auswanderer noch einen neuen Acker gekauft und faſt ganz bezahlt. Der Michel gab ſich nun meiſt damit ab, anderen Leuten beim Handel behülflich zu ſein, und er dachte daran, durch den Verkauf eines neuen Ackers ſich wieder flott und ſelbſt handelnd zu machen. „Und es kam ein neuer König in Aegypten,“ dieſen Vers im zweiten Buch Moſes, Kap. 1, V. 9, konnten die Leute im Dorf auf eine eigene Weiſe auf ſich anwenden. Der alte Pfarrer war geſtorben; er war ein guter Mann, aber er ließ Alles gehen wie es ging. Der neue Pfarrer, der in das Dorf gekommen war, war ein eifriger junger Mann; er wollte Alles in Ordnung bringen, und er brachte auch Vieles zu Stande; bis er endlich in ein offenbares Verhältniß zu dem Schäpfleswirths Lisle kam, worauf er ſich eben auch nicht mehr in die Privatangelegenheiten der Leute miſchte, denn man konnte ſagen: kehr' du vor deiner Thür! Jetzt aber war noch Alles im friſchen Schwunge. Es war an einem Sonntage nach der Mittagskirche, da ſaßen die Leute bei einander auf dem Bauholz für das neue Feuerſpritzenhaus neben dem Rathhausbrunnen; auch der Michel war mit darunter, er ſaß gebückt da und kaute ſpielend an einem Strohhalm. Da ging der Peter, der fünfjährige Bub des Schackerle's Hannes vorbei. Einer rief das Kind herbei und ſagte in die Taſche greifend: „Guck, Peter, du kriegſt ein Häufle*) Nuß, wenn du dem Koanradle nachmachſt; wie macht der Koanradle?“ Der Bub ſchüttelte nein und wollte gehen, denn er war geſcheit und fürchtete den anweſenden Michel, aber er wurde feſtgehalten und faſt gezwungen, und endlich machte er das Knotenſchlingen, das Ausziehen und das Zungenausſtrecken; es war ein Gelächter, daß man's durch das halbe Dorf hörte. Als nun der Bub die Nüſſe wollte, zeigte ſich's, daß der Verſprecher keine hatte, und neues Gelächter ent⸗ ſtand, als der Knabe mit den Füßen nach dem Betrüger ausſchlug. Der neue Pfarrer war indeß den kleinen Hügel am Rathhauſe herabgekommen; er war ſtehen geblieben und hatte dem ganzen Handel zugeſehen. Als nun der Knabe für ſeine dringende Forderung noch geprügelt werden ſollte, da trat der Pfarrer ſchnell herzu und riß das Kind weg; alle Bauern ſtanden ſchnell auf und riſſen die Mützen vom Kopfe. Der Pfarrer nahm den Heiligenpfleger, der mit darunter geweſen war, mit durch das Dorf und ließ * Vier. Nann, ſurtet, junger rachte nbares auf er en der deiner nge. kirche auch kaute iner end: du war urde das cken Dorf ent⸗ üger am und nabe llte, veg; itzen der ließ 143 ſich von ihm Alles erzählen. Er erfuhr nun die Feind⸗ ſchaft der Brüder und Alles was wir bisher erfahren. Am Samſtag darauf wurde der Koanradle, als er mitten im Dorf Steine ſchlug, auf morgen früh nach der Kirche zum Pfarrer vorgeladen. Er glotzte verwundert drein, die Pfeife ging ihm aus, und faſt zwei Sekunden lang blieb der Stein unter ſeinem mit einem Brette be⸗ ſohlten Fuße unzerſpalten, er konnte ſich gar nicht denken, was es im Pfarrhauſe gebe, er wäre gerne lieber gleich hingegangen. Den Michel traf die Vorladung, als er gerade einem alten Gaul„ſeine Sonntagsſtiefel ſchmierte,“ ſo hieß er nämlich das Aufputzen der Hufe; er pfiff dann die Me⸗ lodie eines unzüchtigen Liedes, hörte aber doch mitten drin auf, denn er wußte wohl, was es morgen geben würde. Er war froh, daß er ſich auch noch auf eine tüchtig ge⸗ ſalzene Gegenpredigt vorbereiten konnte; ein paar Brocken davon murmelte er ſchon jetzt leiſe vor ſich hin. Am Sonntag Morgen hielt der Pfarrer eine Predigt über den Tert Pſalm 129:„Siehe, wie gut und wie lieblich iſts, wenn Brüder beiſammen ſitzen.“ Er zeigte, wie alles Glück und alle Freude auf Erden halb und nichtig iſt, wenn wir es nicht mit denen genießen und theilen, die unter demſelben Mutterherzen wie wir geruht; er zeigte, wie die Eltern dieſſeits nicht glücklich und jen⸗ ſeits nicht ſelig werden können, deren Kinder Haß, Neid und Bosheit trennt; er wies auf das Beiſpiel von Kain und Abel hin und zeigte wie der Brudermord die erſte giftige Frucht des Sündenfalls war. Alles dieß und noch viel mehr ſprach der Pfarrer mit klangvoller, donnernder Stimme,; ſo daß die Bauern von ihr ſagten:„ſie druckt die Wänd' aus einander;“ aber freilich iſt es oft faſt noch leichter, die Wände aus einander zu drücken, als die ver⸗ härtete, verſchloſſene Bruſt der Menſchen zu öffnen. Die Bärbel weinte bittere Thränen über die Hartherzigkeit ihrer Brüder, und obgleich der Pfarrer zehnmal wiederholte, er meine nicht dieſen oder jenen, ſondern jeder möge die Hand auf's Herz legen und fragen, ob er die echte Liebe gegen die Seinigen hege, ſo dachte doch eben jeder nur: „das geht auf den Michel und den Koanradle, das iſt bloß für die gemünzt.“ Dieſe beiden ſtanden nicht weit von einander, der Michel kaute an ſeiner Mütze, die er zwiſchen den Zähnen hielt, der Koanradle aber hörte mit offenem Munde zu, und als ſich einmal die Blicke Beider begegneten, fiel dem Michel die Mütze aus der Hand und er bückte ſich ſchnell. Das Lied machte einen ſanften, beruhigenden Schluß; aber noch ehe die letzten Töne verklungen waren, war der Michel aus der Kirche und ſtand vor der Thüre des Pfarr⸗ hauſes. Sie war noch geſchloſſen; er ging in den Garten. Lange ſtand er hier an den Bienenſtöcken und ſah dem emſigen Treiben der Thierchen zu: „Die wiſſen's nit, daß Sunntig iſch,“ und er dachte:„Du haſt auch keinen Sonntag bei deinem Handel, denn du haſt auch keinen rechten Werktag,“ und er dachte wieder: wie viel hundert Geſchwiſter in ſo einem Bienenſtock bei einander wohnen, und alle arbeiten, wie die Alten; aber er blieb nicht lange bei derlei Gedanken, ſondern er nahm ſich vor, ſich von dem Pfarrer keine Trenſe aufſetzen zu laſſen, und als er nach dem Gottes⸗ acker drüben ſah, dachte er an die letzten Worte Koanradle's und ſeine Fäuſte ballten ſich. Im Pfarrhauſe traf der Michel den Pfarrer und den Koanradle ſchon in eifrigem Geſpräche beiſammen; der Pfarrer ſtand auf; er ſchien den Ankömmling nicht mehr erwartet zu haben. Er bot Michel einen Stuhl an; auf ſeinen Bruder deutend, erwiederte aber Michel: „Herr Pfarrer, allen Reſpekt vor Euch, aber ich ſetz' mich nicht wieder, wo der da iſt; Herr Pfarrer, Ihr ſeid erſt kurz im Dorf, Ihr wiſſet nicht, was der für ein Lugenbeutel iſt, das iſt ein ſcheinheiliger Duckmäuſer, der hat's aber fauſtdick hinter den Ohren. Alle Kinder machen ihm nach,“ fuhr er zähneknirſchend fort,„wie geht's deinem Michel?“ er machte nun ebenfalls die uns ſattſam bekannten ſte Liebe der nur: das iſt der, der Zähnen unde zu, fiel dem ſchnell. Schluß; war der s Pfurt⸗ Garten. ſah dem deinem g,“ und ſo einem ten, wie* edanken, er keine Gottes⸗ mradles und den nen; det icht meht nz auf al) r ich ſetz Ihr ſeid für ein uſer, der r machen ʒ deinem ekannten 4 6 — . un 145 Manieren, dann ſagte er wieder zitternd vor Wuth;„Herr Pfarrer, der da iſt an meinem Unglück ſchuldig, er hat mir den Frieden im Haus verſcheucht, und ich hab' mich dem Teufel mit ſeinem Roßhandel ergeben. Du haſt mir's prophezeit, du,“ ſagte er, auf ſeinen Bruder losfahrend: „ich häng' mich noch an einem Roßhalfter auf, aber zuerſt mußt du d'ran.“ Der Pfarrer ließ die beiden Brüder austoben; er ge⸗ brauchte ſeine Würde nur in ſo weit, um von Thätlich⸗ keiten zurückzuhalten. Er wußte wohl, daß, wenn der lang verhaltene Ingrimm ausgeſchüttet, auch die Liebe zum Vorſchein kommen müſſe, aber er täuſchte ſich noch halb. Endlich ſaßen die beiden Brüder wortlos und nur noch laut athmend da, Keiner regte ſich. Da ſprach der Pfarrer zuerſt mit ſanften Worten, er öffnete alle verborgenen Falten des Herzens; es half nichts, die Beiden ſahen zur Erde.— Der Pfarrer ſchilderte ihnen die Qualen ihrer Eltern im Jenſeits, der Koanradle ſeufzte, aber er ſah nicht auf; da faßte der Pfarrer alle ſeine Kraft zuſammen, ſeine Stimme dröhnte wie die eines ſtrafenden Propheten, er ſchilderte ihnen, wie ſie nach ihrem Tode vor den Richter⸗ ſtuhl des Herrn kommen, und der Herr ruft:„Wehe! Wehe! Wehe! ihr habt verſtockten Herzens in Haß gelebt, ihr habt die Bruderhand einander entzogen, gehet hin an einander geſchmiedet, verſchmachtet ewig in der Hölle.“ Alles war ſtille, der Koanradle wiſchte ſich mit ſeinem Aermel die Thränen ab, dann ſtand er auf und ſagte: „Michel!“ Der Angeredete hatte ſeit ſo vielen Jahren dieſen Ton * nicht gehört, daß er plötzlich aufſchaute, und der Koanradle trat näher und ſagte:„Michel, verzeih!“— Die Hände der Brüder lagen feſt in einander, die Hand des Pfarrers wie ſegnend darauf. Alles im Dorfe ſchaute auf und freute ſich, als man den Michel und den Koanradle Hand in Hand den kleinen Hügel am Rathhauſe herunterkommen ſah. Bis nach Hauſe ließen ſie ihre Hand nicht los, es 10 146 war, als ob ſie die lange Entbehrung einbringen müß⸗ ten. Zu Hauſe aber riſſen ſie ſchnell die Hängeſchlöſſer ab; dann gingen ſie in den Garten und ſtürzten den Zaun um, ſo viel Kohl auch dabei zu Grunde ging, dieß Zei⸗ chen der Zwietracht mußte fort. Dann gingen ſie zu ihrer Schweſter und aßen an einem Tiſch neben einander. Nachmittags ſaßen die beiden Brüder in der Kirche und ein jeder hielt eine Seite von dem Geſangbuche der Mutter in der Hand. Ihr ganzes Leben ward fortan wiederum ein einiges. ſchlöſſer nZaun 5 ßen an Kirche ſche der einiges. VIMI. Zvo, der Hajrle. Die Primiz. An einem Samſtag Nachmittage wurde auf der Hoch— bur emſig gezimmert und gehämmert. Der Zimmermeiſter Valentin ſchlug mit ſeinen beiden Söhnen ein Gerüſte auf, das nichts weniger war, als ein Altar und eine Kan⸗ zel. Des Schneider Chriſtle's Gregor ſollte hier morgen ſeine Primiz*) halten, ſo nennt man nämlich die Feier des erſten Meßopfers und die erſte Predigt eines neugeweih⸗ ten Geiſtlichen. Jvo, der kleinſte Sohn Valentin's, ein blonder Knabe von ſechs Jahren, half ſeinem —Vater mit wichtiger Miene bei der Arbeit. Barhaupt und barfuß kletterte er behend wie ein Eichhorn auf dem Gebälke umher, bei jeder Hebung eines Balkens ſchrie er gleichfalls: Holz her! ſtemmte ſich *) Primitiae, latein. Anfang. an und ſchnaufte, als ob er das Meiſte dazu vollbringe Valentin gab dem kleinen Jvo auch ſonſt immer„etwas zu ſchaffen;“ er mußte den Bindfaden auf die Spule wickeln, das(Handwerks⸗)„Geſchirr“ zuſammentragen, oder die Späne auf einen Haufen ſammeln. Mit einem Ernſt und emſigen Geberden, als ob er das größte Werk vollführe, befolgte Jvo ſeinen Auftrag, und als er einmal als Be⸗ ſchwerungslaſt auf die Spitze eines ſchwanken Balkens ſitzen mußte, zitterten ihm die Bewegungen der Säge ſo durch alle Glieder, daß er beſtändig laut auflachen mußte und faſt herunterfiel, er hielt ſich aber feſt und bemühte ſich, ſein gewichtiges Amt ſtill zu vollziehen. Das Gerüſte war endlich fertig. Der Sattler Ludwig war bereit, die Teppiche anzunageln. Jvo wollte ihm gleichfalls dabei helfen, aber der barſche Mann jagte ihn fort, und Ivo ſetzte ſich ſtill auf die zuſammengeleſenen Späne und ſchaute hinaus nach den jenſeitigen Bergen, über denen die Sonne glühendroth unterging. Da hörte er den Pfiff ſeines Vaters, er ſprang auf und eilte zu ihm. „Vater,“ ſagte Jvo,„wenn ich nur einmal in Hoch⸗ dorf wär'.“ „Warum?“ „Gucket, das iſt ganz nah beim Himmel, und da möcht' ich einmal'naufſteigen.“ „Du dummes Kind, das iſt nur ſo, wie wenn dort der Himmel aufſtehen thät, hinter Hochdorf iſt noch weit bis Stuttgart, und von da iſt es auch noch weit bis in den Himmel.“ „Wie weit?“ „Man kann eben nicht hinkommen, bis man todt iſt.“ Seinen kleinen Sohn an der rechten Hand führend und am linken Arm das Handwerkzeug tragend, ging Valentin durch das Dorf. Ueberall wurde geſcheuert und gewaſchen, die Stühle und Tiſche ſtanden vor den Häuſern; denn jedes erwartete zu der heiligen Handlung auf morgen einen Beſuch aus einem nahen oder entfernten Dorfe. Als Valentin an des Schneider Chriſtle's Haus vor⸗ über ging, langte er an ſeine Mütze, bereit ſie abzuziehen, , ſ „, — 8 S 151 wenn Jemand herausſähe; aber es ſah Niemand heraus, das ganze Haus war ſo ſtill wie ein Kloſter. Einige Bauernweiber gingen mit Schüſſeln unter den Schürzen in das Haus, andere kamen mit leeren Schüſſeln unterm Arme heraus; ſie begruͤßten ſich ſtill; ſie hatten die Hoch⸗ zeitsgeſchenke für den jungen Pfarrer in's Haus gebracht, der ja morgen öffentlich getraut wurde mit ſeiner heiligen Braut, der Kirche. Die Abendglocke läutete, Valentin ließ die Hand ſeines Sohnes los, der ſchnell ſeine Händchen faltete; auch Va⸗ lentin legte über dem ſchweren Handwerkzeuge die Hände über einander und betete ein Ave.—— Andern Morgens ſchaute ein heller Tag auf das Dorf herab. Jvo wurde ſchon früh von ſeiner Mutter ſchon angekleidet, mit einem neuen Janker von geſtreiftem Man⸗ cheſter und, wie ihm ſchien, ſilbernen Knöpfen und friſch gewaſchenen kurzen ledernen Beinkleidern; er ſollte das Kruzifir tragen. Gretle, die älteſte Schweſter Jvo's, nahm dieſen bei der Hand und führte ihn auf die Gaſſe, damit es„Platz im Hauſe gebe.“ Sie ſchärfte ihm ein, daß er ja nicht mehr zurückkehren ſolle; dann eilte ſie ge⸗ ſchäftig in's Haus zurück. Jvo ging das Dorf hinein, überall ſtunden die Männer und Burſchen in Rädchen auf der Straße; ſie waren nur in halbem Putze, ohne Jacke oder Rock, die weißen Hemdärmel zur Schau tragend. Hier und dort ſprangen Frauen und Mädchen ebenfalls ohne Mieder, mit halb aufgelösten Haaren und das flat⸗ ternde rothe Wickelband in der Hand tragend, von einem Hauſe in's andere. Es erſchien Jvo als eine grauſame Tyrannei ſeiner Schweſter, daß er ſo aus dem Hauſe ver⸗ ſtoßen war. Er wäre auch gar zu gerne wie die großen Leute zuerſt in Negligee, und dann unter dem Geläute der Glocken in voller Pracht erſchienen; aber er wagte es nicht, wieder zurückzukehren noch irgendwo ſich niederzulaſſen, aus Furcht, ſeine Kleider zu verderben. Behutſam ging er ſo durch das Dorf. Wagen an Wagen brachte fremde Bauern und Bäuerinnen, aus den Häuſern wurden ihnen Stühle zum ſi ſũ Abſteigen entgegengetragen und ſie freundlich bewillkommt. Alle Leute ſahen heute ſo in ſich vergnügt, ſo erhaben aus, wie eine Einwohnerſchaft, die einen ſieggekrönten Helden aus ihrer Mitte im Triumphe empfängt. Von der Kirche bis zur Hochbur war die Straße mit Gras und Blumen beſtreut, die einen würzigen Duft empor⸗ ſteigen ließen. Der Schultheiß kam aus des Schneider Chriſtle's Haus und ſetzte erſt auf der Straße ſeinen Hut wieder auf. Der Soges hatte ein friſch lackirtes Bandelier an ſeinem Säbel. Bald darauf kam auch die Frau Schultheißin, ihr⸗ ſechsjähriges Töchterchen, Bäbele, an der Hand führend. Bäbele war geſchmückt, juſt wie eine Braut. Es hatte die Schappel ſammt dem Kränzchen auf dem Kopfe und war überaus prächtig gekleidet; in der That ſtellte Bäbele, als reine Jungfrau, die Braut des jungen Geiſtlichen vor. Es läutete zum Erſtenmale, und wie durch einen — 153 Zauberruf zerſtreuten ſich plötzlich die Gruppen der hemdärm⸗ ligen Leute; ſie gingen in die Häuſer, um ſich würdig anzukleiden, Jvo ging nach der Kirche. Unter dem Geläute aller Glocken bewegte ſich endlich der Zug aus der Kirche hervor. Die Fahnen flatterten, die Stadtmuſik, die von Horb herbeigekommen war, ſchallte drein und mitten drinne hörte man wieder die Gebete der Männer und Frauen. Jvo ging voraus neben dem Lehrer mit dem Kruzifir. Auf der Hochbur war der Altar ſchön geſchmückt, die Kelche und Lampen, die Flitterkleider der Heiligen glitzerten im Sonnenlichte, und unabſehbar über die ganze Haide und über die Felder war die Menge der Andächtigen ausgebreitet. Jvo wagte es kaum, den Hajrle*) anzuſchauen, der in golddurchwirktem Gewande, entblößten, nur mit dem goldenen Kranze geſchmückten Hauptes und bleichen, frommen Antlitzes unter dem Schalle der Muſik ſich ſtets tief verbeugend, die kleinen weißen Hände auf der Bruſt über einander legend, die Stufen des Altars hinauf⸗ ſtieg. Ihm voraus war des Schultheißen Bäbele gegan⸗ gen, das als ſeine Braut eine mit Rosmarin umwundene brennende Kerze in der Hand trug. Es ſtellte ſich zur Seite des Altars auf. Das Hochamt begann, und als die Klingel läutete, ſtürzte Alles auf das Antlitz nieder, kein Laut war weit umher vernehmbar; nur ein Flug Tauben flog gerade über den Altar weg und man hörte das Flattern und Zwitſchern dieſer Thiere, das man ſtets bei ihrem Fluge vernimmt. Um Alles in der Welt hätte Jvo nicht aufgeſchaut, denn er wußte wohl, daß jetzt der heilige Geiſt herniederſteigt, um die geheimnißvolle Wand⸗ lung des Weines in Blut und des Brodes in Fleiſch vor— zunehmen, und daß kein ſterbliches Auge ſich zu ihm er⸗ heben darf, ohne zu erblinden. Der Kaplan von Horb beſtieg nun die Kanzel und redete den Primizianden feierlich an. Hierauf beſtieg der Hajrle die Kanzel. Jvo ſaß nicht Herrlein, Pfarrer. weit davon auf einem Schemel; den rechten Arm auf das Knie geſtemmt und das Kinn auf die Hand gelehnt, horchte er eifrig zu. Er verſtand wenig von Allem, aber ſein Blick hing an den Lippen und den Mienen des Predigers, die ſo treuherzig ſprachen und ſein Sinn war kindlich und liebend bei Gott und dem guten Hajrle. Als darauf unter abermaligem Geläute der Glocken und den Siegestönen der rauſchenden Muſik der Zug ſich wieder heim nach der Kirche bewegte, da faßte Jvo das Kruzifir mit beiden Händen feſt; es war als ob er mit erneuter Kraft ſeinen Herrgott vor ſich hertragen wollte. Unter der Menge, die ſich nun zerſtreute, ſprach Alles mit Entzücken von dem Hajrle, und wie glücklich die Eltern eines ſolchen Sohnes zu preiſen wären. Der Schneider Chriſtle und ſeine Frau gingen von ſeliger Luſt getragen die überdachte Treppe an dem Kirchberg herab. Man achtete doch ſonſt wenig auf dieſe Leute, heute aber drängte ſich Alles mit ausnehmender Verehrung zu ihnen, um ihnen Glück zu wünſchen. Die Mutter des jungen Pfar⸗ rers dankte mit thränenverklärten Blicken, ſie konnte vor ſeligem Weinen nicht reden.— Jvo hörte von ſeiner Baſe aus Rexingen, die zu der heiligen Handlung herüber⸗ gekommen war, daß die Eltern Gregor's dieſen nun mit Sie anreden müßten. „Iſt das wahr, Mutter?“ fragte er. „Gwiß, der iſt jetzt mehr als alle andere Menſchen,“ lautete die Antwort. Bei allem Entzücken blieb auch der wirkliche Vortheil des Schneider Chriſtle's nicht unbeſprochen. Man ſagte, der habe nun ausgeſorgt für ſein ganzes Leben; das Cordele, des Gregor's Schweſter, werde„Hauſere“*) und der Gregor ſei ein Glück für die ganze Familie und eine Ehre für das ganze Dorf. Zwiſchen ſeinen Eltern, von beiden an der Hand ge⸗ führt, ging Jvo nach Haus. *) Hauſerin, Haushälterin. 155 „Vater,“ ſagte er,„der Gregor ſollt' hier Pfarrer ſein.“ „Das geht nicht, man macht nie einen zum Pfarrer, wo er geboren iſt.“ „Warum?“ „Mit deinem ewigen dummen Warum? weil's eben ſo iſt,“ entgegnete Valentin. Die Mutter aber ſagte:„er hätt' ſonſt zu viel Anhang im Dorf und wär' nicht unparteiiſch.“ Entweder wußte ſie es nicht oder konnte ſie dem Kinde nicht erklären, daß bei einem Ortsangehörigen die Heilig⸗ keit des Amtes und die Ehrfurcht vor der Perſon des Prieſters beeinträchtigt würde, da man ſeinen menſchlichen Urſprung und ſein Wachsthum kennt. Valentin aber ſagte nach einer Weile: „Das beſt' Leben hat doch ſo ein Pfarrer. Er kriegt keine Schwiele in die Hand vom Pflügen und kein Rücken⸗ weh vom Schneiden, und die Pfarrſcheuer iſt doch voll Frucht; er legt ſich auf's Kanapee hin und denkt ſich ſein' Predigt aus, und macht ſeine ganze Familie glücklich. Jvo, wenn du brav biſt, kannſt du auch Hajrle werden. Möchteſt du gern?“ „Ja,“ ſagte Jvo mit voller Stimme und ſchaute mit weit aufgeriſſenen Augen nach ſeinem Vater auf,„aber ihr dürfet nicht Sie zu mir ſagen,“ ſetzte er dann hinzu. Das hat noch gute Weil',“ erwiederte Valentin lächelnd. Nach dem Mittageſſen ſtellte ſich Jwo hinter dem Tiſch auf die Bank, dort in die Ecke unter dem Kruzifir, wo der Vater geſeſſen. Zuerſt bewegten ſich ſeine Lippen leiſe, dann hielt er mit lauter Stimme eine Predigt. Mit der ernſteſten Miene ſprach er das kunterbunteſte Zeug, er wollte gar nicht aufhören, bis ihm Valentin freundlich mit der Hand über den Kopf fuhr und ſagte:„So, jetzt iſts genug.“ Die Mutter aber nahm den Jvo herab auf ihren Schooß, herzte und küßte ihn, und ſagte faſt weinend: „O liebe Mutter Gottes! ich möcht' nicht länger leben, als daß mich unſer Herrgott den Tag ſehen ließ, an dem du dein Primiz hältſt;“ dann ſetzte ſie kopfſchüttelnd und 156 leiſe hinzu, verzeih mir Gott meine Sünden, ich denk' ſchon wieder zu viel an mich.“ Sie ſtellte ihren Sohn nieder und hielt ihre Hand auf ſeinem Kopfe. „Gelt,“ ſagte Jvo„und unſer Gretle wird mein' Hauſerin und ich laß ihm auch ſo Stadtkleider machen, wie die Pfarrköchin hat.“ Die gute Baſe Magdalena von Reringen ſchenkte dem Jvo einen Kreuzer für ſeine Predigt. Schnell ſprang er dann zu dem Knechte, der vor dem Hauſe unter dem Nuß⸗ baum ſaß und erzählte ihm, daß er Hajrle werde. Nazi ſchüttelte nur mit dem Kopfe und drückte den überquillen⸗ den brennenden Tabak in ſeiner Pfeife nieder. Die Mittagskirche war nicht ſo feierlich und ſo beſucht wie ſonſt, die Andacht hatte ſich heute Morgen erſchöpft. Gegen Abend ging der junge Pfarrer mit dem Kaplan von Horb und mehreren anderen Geiſtlichen durch das Dorf. Alle Leute, die vor den Häuſern ſaßen, ſtanden auf und grüßten freundlich; die älteren Frauen lächelten dem jungen Pfarrer zu, wie wenn ſie ſagen wollten: „wir kennen dich und haben dich gern, denkt dir's noch, wie ich dir ein' Birn geſchenkt hab? und ich hab's ja ſchon lang geſagt, der Gregor wird ein großer Mann.“ Die jungen Burſchen zogen die Pfeifen aus dem Munde und die Mützen ab, und die Mädchen flüchteten ſich unter ein Haus und ſtießen einander und blickten verſtohlen heraus. Die Kinder aber kamen herbei, gaben dem Gregor die Hand und küßten die ſeinige. Auch Jvo kam herbei. Der junge Geiſtliche mochte vielleicht das Zittern des Knaben und ſeinen andächtig frommen Kuß herausfühlen, er hielt ſeine Hand noch länger, ſtrich ihm mit der andern Hand über die Wange und ſagte: „Wie heißt du, liebes Kind?“ „Jvo.“ „Und dein Vater?“ „Der Zimmermann Valentin.“ Sag einen ſchönen Gruß von mir an deinen Vater„ und deine Mutter, und ſei recht fromm und brav..— — 4 fſſſMM ſſW — ſſſ Jvo ſtand noch lange wie feſtgezaubert da, als die Männer ſchon längſt fort waren, es war ihm, als ob ihm ein Heiliger erſchienen wäre und mit ihm geredet hätte. Er blickte lange ſtaunend zur Erde, dann eilte er in großen Sätzen jubelnd nach Hauſe und erzählte Alles. Die ganze Familie ſaß auf dem Bauholze unter dem Nußbaume, der Nazi nicht weit davon auf einem Steine an der Hausthüre. Jvo ging zu ihm und berichtete auch ihm ſeine Begegnung, der Knecht aber war heute mürriſch, und Jvo ſetzte ſich zu Füßen ſeines Vaters nieder. „ Es war Nacht geworden, man ſprach wenig, nur der Schreiner Koch ſagte noch 158 „Ich will ſehen, wo ihr Geld krieget unter fünf Pro⸗ zent.“ Niemand antwortete. Jvo blickte einmal zu ſeinem Vater auf, aus ſeinem Auge leuchtete eine ſtille Verklärung, Niemand konnte ahnen, was die junge Seele bewegte. „Vater,“ ſagte Jvo,„ſchlaft denn des Schneider Chriſtle's Hajrle auch wie andere Menſchen?“ „Ja, aber nicht ſo lang wie du; wenn man Hajrle werden will, muß man früh aufſtehen und beten und lernen. Gang jetzt, marſch in's Bett.“ Die Mutter begleitete Jvo in's Haus, und in ſein Nacht⸗ gebet, das er ihr vorſagte, ſchloß er freiwillig neben den namhaft gemachten Verwandten auch den Hajrle ein. Die Primiz hatte die unmittelbarſten Folgen. Gleich andern Tages ging der Hansjörg, den wir noch von der Kriegspfeife her kennen, mit ſeinem Sohne, Peter, nach Horb zum Kaplan; auch der reiche Johannesle von der Bruck, der den Beinamen der Schmutzige hatte, brachte ſeinen Conſtantin, einen aufgeweckten, geſcheiten Buben, zum Kaplan. Die beiden Knaben ſollten fortan die latei⸗ niſche Schule beſuchen, Jvo war hiefür noch zu jung.— Wir treffen die beiden andern Knaben wohl ſpäter wieder, jetzt bleiben wir beim Jvo und wollen ſein ganzes Jugendleben möglichſt genau beobachten. 2 Der Lehrer. Der Lehrer im Dorfe war ein heller Kopf, dabei aber heftig; ſeine Neigung und ſein Haupttalent war die Muſik. Er hatte wenig Einfluß auf Jvo, wie dieß ein einzelner Mann bei hundertzwanzig Kindern auch ſonſt nicht wohl haben konnte. Der beſte Lehrer Jvo's, wer ſollte es denken! war der Nazi, der nicht ſchreiben und kaum leſen konnte. Man nennt bei uns die Dienſtboten„Ehhalten,“ was ihre Bedeutung gar ſchön bezeichnet, und wie man ſie ſchon 159 in der Stadt das Unterſchickſal des Familienlebens nennen kann, ſo ſind ſie das noch weit mehr im Dorfe, wo das ganze Leben des Hauſes ein in Arbeit und Genuß ge⸗ meinſames iſt. Weil nun in einer guten Haushaltung die Eltern und das Geſinde friedlich zuſammen leben, kann man um ſo gefahrloſer die Kinder den Einflüſſen des Ge⸗ findes überlaſſen, da man ſie genau kennt. Bei dem Nazi aber war gewiß nichts zu gefährden. Auf der Krippe und im Heuſchober errichtete Nazi ſeinen Lehrſtuhl, antwortete auf die eifrigen Fragen ſeines Zög⸗ lings oder erzählte ihm wunderbare Geſchichten. Nazi war am liebſten mit den Thieren zuſammen, und wenn er auch mit ihnen reden konnte, und wenn beſon⸗ ders das Falb Menſchenverſtand hatte, man konnte doch keine rechte Antwort bekommen, ſo viel man auch redete; der Jvo aber konnte doch wenigſtens einmal die Hände zuſammenſchlagen und„Ei Herr Jerem“ rufen. So hatte Nazi den Knaben gerne bei ſich. Wie ein Füllen neben dem im Wagen eingeſpannten Pferde los und ledig einher⸗ rennt und allerlei Sprünge macht, ſo ſprang Jvo immer neben dem Nazi einher, wo er auch hingehen mochte. Wenn dann wieder die Beiden auf dem Stroh ſaßen und Nazi die Geſchichte vom Mockle⸗*) Peter, vom Wach⸗ holdermännchen, oder von dem verwunſchenen Fräulein von Iſenburg erzählte, da bildeten die dumpfen Töne der freſſenden Thiere eine ſchauerliche Begleitung zu der Rede Nazi's. Beſonders die Geſchichte vom Mocklepeter, der den jungen Tannen, die noch bluteten, muthwillig die Kronen abriß, und der als Baummörder in der Egels⸗ thaler Halde geiſtet,**) ſo wie die Geſchichte vom Wach⸗ holdermännchen, das ein graues und ein ſchwarzes Aug' hat, die jedes Jahr mit ihrer Farbe abwechſeln, dieſe Ge⸗ ſchichten mußte Nazi oft erzählen; denn die Kinder ſind noch nicht ſo verwöhnt, daß ſie immer was Neues haben wollen. *) Tannzapfen. **) Als Geiſt umgeht. ——— 160 Bei dieſen Wiederholungen hatte indeß Nazi einen ſchweren Stand, denn ſobald er Etwas nicht mehr genau wußte oder anders erzählen wollte, fiel Jvo ein:„ei das iſt ja nicht ſo.“ Dann hob ihn Nazi auf den Schooß und ſagte:„du haſt recht, ich kann mich nicht mehr ſo recht darauf beſinnen. Narrle, es gehen mir noch viele andere Sachen im Kopf herum,“ und dann erzählte Jvo mit großem Eifer den weitern Verlauf, ſo daß Nazi von der Gelehrigkeit ſeines Zöglings entzückt war. Oft aber ſprachen auch die Beiden über allerlei Lebens⸗ verhältniſſe, von denen die Stadtkinder erſt ſpät Einſicht und Kunde erhalten: von Reichthum und Armuth, Treue und Falſchheit, Handel u. dgl.; denn das Leben im Dorfe iſt ſtets ein offenkundiges, das Innere des Hauſes iſt Allen bekannt, Groß und Klein. Einſt ging Jvo mit ſeinem Vater vom Zimmerplatze nach Hauſe. „Vater,“ ſagte er,„warum hat denn unſer Heiland die Bäum' nicht viereckig gemacht, da bräucht man's ja auch nicht zu behauen?“ „Warum? dummer Jung', da bräucht' man ja auch keine Zimmerleut' und hätt' auch keine Spän'.“ Jvo war ſtill und der Vater dachte darüber nach, daß der Bub doch eigentlich gar„gut gekopft“ ſei, und daß es unrecht ſei, ihn ſo barſch anzufahren; er ſagte daher nach einer Weile: „Jvo, ſo Sachen fragt man in der Schul' den Lehrer oder den Herrn Pfarrer. Merk' dir das.“ Das war brav von Valentin. Nur wenige Eltern ſind ſo gewiſſenhaft und ſo klug, dieſen allein richtigen Ausweg aus ihrer etwaigen Unwiſſenheit zu ergreifen. Jvo fragte aber nicht den Schullehrer und nicht den Pfarrer, er ging zu Nazi und ſagte:„Weißt du auch ſchon, warum unſer Heiland die Bäum' nicht viereckig, gerade recht zum Bauholz gemacht hat?“ „Weil man die Bäum' zu noch viel mehr Sachen als zum Bauen braucht.“ 161 Jvo ſtand verwundert da, das war noch eine andere Antwort. Dadurch, daß Jvo ſich ſo innig an Nazi anſchloß, hatte er unter ſeinen Altersgenoſſen eigentlich keinen Kame⸗ raden; dafür betrachtete ihn aber auch Nazi wie ſeinen Vertrauten und wenn er ihn liebkoste, ſagte er:„du gute alte Seele!“ In beſonders gemüthlichen Stunden erzählte er ihm dann auch viel von ſeinem Hellauf, dem Hunde, den er früher als Schäfer gehabt hatte, und der„geſchei⸗ ter war als zehn Doctor.“„Ich ſag dir's,“ betheuerte Nazi,„der Hellauf hat meine verborgenſten Gedanken errathen; wenn er mich nume angeſehen hat, hat er gleich gewußt, was ich will. Haſt du ſchon einmal ſo einen Hund genau betrachtet? Die haben oft ein Geſicht, auf dem der Kummer ausgeſchüttet liegt, grad wie wenn es ſagen thät; ich möcht' flennen, weil ich nicht mit dir ſchwätzen kann. Wenn ich meinen Hellauf ſo angeſehen hab', da hat er gebellt und geheult, und hat dabei die Augen zugedrückt, daß es mir durch die Seel' gegangen iſt. Wenn ich ihm nume ein bös Wörtle gegeben hab', hat er den ganzen Tag keinen Biſſen gefreſſen, es war ein Thier, es war zu gut für dieſe Welt.“ „Kommen die Hund' auch in Himmel?“ fragte Joo. „Ich weiß nicht, es ſteht nichts davon geſchrieben,“ erwiederte Nazi.— Beſondere Freude machte es dann Nazi, daß auch Jvo eine ſo innige Liebe zu den Thieren hatte; denn ganz alte einſame Leute oder Kinder, die beide mit ihrer Liebe nicht recht wiſſen wohin, wenden ihre Neigung den Thieren zu. Dieſe machen keine Anſprüche, man hat wenig Pflichten für ſie, und beſonders erfährt man von ihnen nie Wider⸗ ſpruch, welchen ſowohl die alten als die jungen Kinder nicht leiden mögen. „So eine Sau iſt doch ein arm's Thierle,“ ſagte Jvo einmal,„die iſt doch nur auf der Welt, um gemetzget zu werden; die anderen Thiere kann man doch auch noch lebig gebrauchen.“ Nazi nickte vergnügt mit dem Kopfe. 11 — Nach einer Weile ſagte er:„Es kann wohl ſein, daß deſſenthalben auch ſo eine Sau am ärgſten ſchreit und heult, wenn man's metzget.“ Durch mancherlei Fragen, Bemerkungen und Reden galt Jvo im ganzen Dorfe als ein„unterhaltſamer, aufgeweckter Bub,“ Niemand ahnte ſeinen Wecker. Der Schullehrer aber war unzufrieden mit ihm, weil er nie, wie es die Schulordnung verlangt, ruhig nach Hauſe ging, ſondern ſtets tollte und ſchrie wie beſeſſen. Die armen Kinder! ſie müſſen Stunden lang in ſich zuſammengepreßt ſitzen, wenn es dann endlich fortgeht, können ſie nicht anders, ſie müſſen ſich aufrütteln und frei in die Luft hinein jubeln. Darum iſt es oft um eilf Uhr, als ob das wilde Heer käme. Niemand zweifelte, daß der Jvo einſt ein tüchtiger Pfarrer würde, er war ſonſt fromm und geſittet. Der Valentin berühmte ſich einſt im Adler, ſein Jvo werde des Hansjörg's Peter und des Johannesle's Conſtantin noch weit überholen. Dazu hatte es indeß noch Zeit. 3 Kinderliebe. Neben Valentin wohnte des Schackerle's Michel, ein armer Mann, der bloß an Kindern reich war, wovon das jüngſte Emmerenz hieß; die Zimmermännin war deſſen Pathin, und die Emmerenz war nun faſt den ganzen Tag bei ihr im Hauſe, ſie aß und trank dort und ſchlief nur bei ihren Eltern. Emmerenz war faſt gerade ſo alt als Jvo, und die beiden Kinder waren unzertrennlich. Obgleich Jvo deßhalb von ſeinen ungalanten Schulkame⸗ raden der„Mädleſchmecker“ geſchimpft wurde, ließ er doch nicht von der Emmerenz. Sie hatten ſogar gemeinſchaft⸗ lich einen Maunkel, ſo nennt man nämlich einen Schatz geſammelten Obſtes, den man mit dem größten Geheim⸗ niß im Heu verſteckt, und der dem Speicher eines Korn⸗ 163 hamſters nicht unähnlich ſieht. Da ſaßen denn die Kinder d mit heimlich ſtillem Entzücken bei ihrem Schatze. Jvo zeigte ſich ſchon darin als Mann, daß er bis hundert lt zählen konnte. Er zählte die Aepfel, Birnen und Zwet⸗ t ſchen. Emmerenz hörte ihm andächtig zu und ſprach leiſe et die Zahlen nach. Die anbrüchigen Stücke und die von ie ungerader Zahl wurden zu gleichen Theilen verzehrt. Oft n aber gab es auch Händel und das Vereinsgut wurde t! alsbald getheilt. n, Dieſe Trennung dauerte aber nie länger als einen Tag, 3, denn die Beiden hätten ja ſonſt nicht mehr mit einander n. von ihrem Reichthum ſprechen können. e. Große Veränderungen aber gingen bald mit den bei⸗ er den Kindern vor; Jvo bekam vom Nazi eine Peitſche und er Emmerenz lernte ſtricken. de In der Stadt bekommen die Kinder eine Trommel oder einen kleinen Kaufladen, ſie ſpielen dann Soldaterles — 164 oder Handelns bis es ernſt mit dem Leben wird; auf dem Dorfe beginnt mit der Peitſche das Bauernſpiel.. Jvo ſtand nun oft auf dem leeren Wagen vor dem Hauſe, knallte nach der leeren Deichſel hinab und ſchrie: Hio! Hiſt und Hott. Sobald er aus der Schule kam, wurde Schiefertafel und Lineal auf den Tritt hinter den Ofen geſtellt, die Peitſche knallend erhoben, und die Hüh⸗ ner und Gänſe damit auf der Straße herumgejagt. So tollte er eines Mittags umher, da ſah er die Emmerenz, die mit ihrem Strickzeuge unter dem Nußbaume ſaß. Nicht weit davon lag ihr kleines ſchwarzes Kätzchen, Minzchen genannt, in der Sonne und puſtete und putzte ſich emſig. Das runde blondhaarige Mädchen knüpfte mit einem Eifer die Maſchen, daß es nicht aufzuſchauen wagte; ein ſo ungewöhnlicher Ernſt ſchwebte um die zuſammengepreßten Lippen, als gälte es, dem bergeshohen Schneemann, dem Winter, eine wollene Jacke zu ſtricken. Jvo ſtand eine Weile ruhig neben Emmerenz und ſchaute ihr zu, dann ſagte er:„ſtrickſt du Strümpf für dein' Katz?“ Emmerenz gab keine Antwort und ſtrickte ohne Unterlaß fort. Da kitzelte Jvo der Muthwille, er zog raſch die Nadeln aus dem Strickzeug und ſprang davon. Emmerenz ſtand ſchnell auf, warf ihm einen Stein nach, da ſie ihn aber, nach Art der Mädchen, nicht über die Schulter erhob, ſondern nur gerade vor ſich hin ſchleuderte, ſiel er kaum drei Schritte vor ihr nieder. Nachdem ſie die Nadeln zuſammengeleſen, ging ſie weinend nach Haus. Nachmittags machte Jvo ſeine Grauſamkeit ſchnell ver⸗ geſſen, er brachte der Emmerenz ein Stück blaues Glas von einer zerbrochenen Flaſche. Eines nach dem andern betrachtete nun die Sonne durch das Glas und rief: „Ujadele wie ſchön!“ Jvo wickelte das Kleinod in ein Papierchen und ſchenkte es der Emmerenz⸗ Einſt kam ein Mann in das Dorf, der, wie weiland der kühne Rattenfünger, alle Kinder hinter ſich dreinzog; dieß war nämlich der„Holgen⸗*) Mann,“ der für *) Heiligenbild. —— 165 zerbrochenes Glaswerk den Kindern die gemalten Bilder ver⸗ handelte. Jvo lief im ganzen Hauſe umher, bis er ſich die blinkende Münze erobert, und dann brachte er den Preis der Emmerenz. Aber nicht nur beim Sonnenſchein, auch beim Regen treffen wir die Kinder bei einander. Der alte Valentin ſah ſtill vergnügt zum Fenſter hin⸗ aus, denn man kann gar leicht, ohne etwas Beſtimmtes zu denken und zu haben, doch ſtill vergnügt einem Regen zuſehen; da wird Körper und Seele wie mit einem er⸗ quicklichen leichten, feinen Nebel angehaucht, und wie man träumeriſch dem Wellenſpiele eines Stromes zuſieht, ſo ſieht man nun von den Dächern überall die Tropfen rinnen; Alles was uns umgibt, die ſtill fließende Luft ſelber, hat Stimme und Gehalt gewonnen. Jvo und Emmerenz hatten ſich unter die offene Scheune geflüchtet, auch der kleine Jakobele, des Schultheißen dreijähriger Knabe, war dabei. Die Hühner hatten auch gleiche Zuflucht geſucht, ſie ſtanden neben den Kindern, ließen ihre Schwänze hängen und ſchüttelten ſich oft. Das ſchwarze Kätzchen kam gleichfalls ganz hart am Hauſe hergeſchlichen, es ging ſo leiſe und trat ſo behutſam auf und ſchüttelte nach jedem Auftreten die Pfote, daß man ſein Herbeikommen gar nicht merkte, bis die Hühner auf⸗ gackerten; es verſchwand aber ſchnell in dem offenen Stall⸗ fenſterchen. Anfangs rieſelte es ſo zart, daß man nur an der Dunkelheit des offenen Dachfenſters gegenüber merkte, daß Tropfen herunter fielen; bald aber plätſcherte es gewaltig, und Ivo ſagte:„Ah! das thut meinen Nägele*) im Gar⸗ ten gut.“„Garten gut,“ wiederholte der kleine Jakobele. Dann ſagte Jvo wieder:„Ah, das gibt einen großen Bach.“ „Großen Bach,“ wiederholte Jakobele abermals, Jo ſah ihn grimmig àn, dann ſang er, auf Emmerenz ſchlagend: *) Nelken. 166 Es regnet regnet Tropfe, Die Mädle muß mer klopfe, Die Bube muß mer Kutſche fahre, Die Mädle muß mer in Necker trage. Emmerenz machte ſich los und ſang, auf Jvo ſchlagend: Es regnet regnet Tropfe, Die Bube muß mer klopfe, Die Mädle legt man in ein golden Bett, Die Bube in ein' Dornenheck. Bauern fuhren mit leeren Säcken auf dem Kopfe ſchreiend vorbei, um dem ſchweren Wetter zu entfliehen; die Kinder lachten ſie aus und ſchrieen ebenfalls Hio! Emmerenz ſtand da, den Kopf auf die linke Seite geneigt und die Händchen unter der Schürze über einander gehalten; als es aber gerade am ärgſten regnete, ſtieß ſie Jvo hin⸗ aus unter die Dachtraufe. Der Jakobele ſprang von ſelbſt hinaus, gleichſam den Regen herausfordernd; er duckte aber doch blinzelnd ſeinen Kopf unter, als wollte er nicht zu ſchwer von dem Regen getroffen werden. Mit der Schürze über dem Kopfe gab ſich nun Emmerenz alle Mühe wieder unter Dach zu kommen, aber Jvo hielt ſtrenge Wacht, und erſt als ſie weinte, ließ er ſie herein. Der Regen hörte endlich auf, die Sonne ſchien hell, und mit unnennbarer Luſt ſprangen die Kinder umher; es war als ob die erfriſchte Luft auch dieſe jungen Menſchen⸗ pflänzchen neu belebte. Braune Ströme hatten ſich neben der Straße gebildet, die Kinder ließen Späne als Flöße darauf ſchwimmen und wateten mit Luſt in dem Waſſer, nach Eiſen darin ſuchend. Jvo, der immer weitere Pläne hatte, wollte ein Mühlrad bauen, aber lange ehe das Rad fertig war, war das Waſſer verfloſſen. Wie oft geht das ſo, daß wir Gewerke herrichten für den Strom unſerer Lebenstage, und ehe das Gewerk nur halb fertig, iſt Alles verſiegt und trocken. k So neckiſch auch Po manchmal gegen Emmerenz war, v Pſlſ ſn ſo ließ er ihr doch von Niemanden ein Leid anthun. Einſt ging er aus der Schule nach Haus, da ſah er, wie die Emmerenz von zwei Unholden, zwei alten grauen Gänſen, verfolgt wurde. Schreiend und wehklagend floh das Mäd⸗ chen mit rückwärts gekehrtem Kopfe. Schon hatte eine der Unholde ihr Kleid gefaßt und zerrte daran, da ſprang Ivo gerüſtet wie er war, mit ſeinem Schilde, der Schiefertafel, und ſeinem Schwerte, dem Lineal, auf die Verfolger los und trieb ſie nach ſchwerem, aber muthigem Kampfe in die Flucht. Mit heldenmüthigem Selbſigefühl hob er dann Emmerenz, die auf den Boden gefallen war, auf, und ſchritt triumphirend in ſeinem Waffenſchmucke neben ihr her. Nazi hatte ihm von Rittern erzählt, die die wehrloſen Fräulein von Drachen erretteten; er erſchien ſich jetzt als ein ſolcher Ritter und war gar zufrieden und vergnügt. 4. Muckele und Wuſele. Das Haus Valentin's wurde um ein Glied vermehrt, auf das die Blicke Aller gerichtet waren; Valentin brachte nämlich vom Oberndorfer Markt eine ſchöne Kuhkalbin mit. Ehe das Thier in's Haus gebracht wurde, muſterten und ſchätzten es die Nachbarn und alle Vorübergehenden. Die Mutter, Jvo und Nazi gingen dem Ankömmling bis vor die Thür entgegen. Hier erhielt Jvo ein hölzernes Pferd, dann übergab Valentin, vergnügt um ſich ſchauend, das Seil an Nazi, herausfordernd betrachtete er die Nach⸗ barn und wiederum das„ausbundige“ Thier, das er mit einem Schlage in den Stall entließ. Das Thier war ſchön und ſtattlich, mit einem Worte ſo was man eine„recht⸗ ſchaffene ſtolze Kuh“ nennt. Als die offene Stelle im Stalle nun wieder beſetzt war, eilte Jvo, ſein hölzernes Pferd auf der Bruſt tragend, mit Nazi in den Schoppen; ſie brachten„kurz Futter“ für die Fremde, aber das Thier öffnete den Mund nicht und brummte xur ſo vor ſich hin. Jvo ſtrich ihm ſanft mit der H über die zarten Haare, es wendete den Kopf nach nn und ſchaute ihn lange an. Jvo tummelte dann ſein hölzernes Pferd, das that gar nicht fremd, es war überall zu Hauſe und trug den Kopf mit der Hahnenfeder immer ſtolz. Nachts erwachte Jvo plötzlich von ſeinem Schlafe; er hörte ein Jammern, das ihm durch die Seele ſchütterte. Die Klagen ſer Algäuer Kalbin erſchollen immer tiefer und tiefer aihß, dem Innerſten heraus, und es war; als ob ſie ihr ga Leben damit ausklagen müßte. Jvo hörte e zu, wie das Schreien durch die Stille der Nacht ſo wehvoll und ſchauerlich klang. So oft das Thier eine Pauſe machte, horchte er mit angehaltenem Athem, er glaubte, jetzt und jetzt müſſe doch das Klagen aufhören, aber es kum immer wieder. Jvo weckte endlich ſeinen Vater. 169 „Was gibt's?“ „Die fremd' Kalbin ſchreit.“ „Laß ſie ſchreien, ſchlaf du dummer Bub, die Kalbin hat eben Jammer*) und da iſt's nicht anders. Jvo verhüllte ſich die Phren mit den Kiſſen und ſchlief wieder ein. 1 Faſt drei Tage lang 35 die Kalbin keinen Biſſen, endlich aber gewöhnte ſie ſich an das andere Vieh im Stalle und ſie war ſtill und fraß wie die anderen. Zu neuem Jammer gingen ihr aber die Klauen an den Vor⸗ derfüßen ab; ſie war nur gewohnt auf weicher Weide, nicht aber einen ſo weiten Weg auf harter Straße zu gehen. Jvo half nun oft dem Nazi der Kalbin die Füße ver⸗ binden, ſeine Demuth und ſein Mitleid, das er der Frem⸗ den bezeigte, war gar groß; ſie erwiederte aber auch, ſo weit ſie vermochte, ſeine Theilnahme, und Nazi, der ſich gar wohl auf die Thiere verſtand, ſagte:„Der Hirten⸗ bub von der Algäuerin hat dir ähnlich geſehen, Jvo, das merk' ich wohl.“ So viel Freude nun Jvo an der Algäuerin gewonnen, eben ſo viel Schmerz erlebte er an ſeinem hölzernen Pferde. Dieſes war durch den Lauf der Zeit unſauber geworden. Ganz in aller Stille lief er daher eines Morgens nach der Schwemme, wuſch und putzte es tüchtig, aber laut weh⸗ klagend kehrte er heim, denn alle Farben waren abgegangen. So erfuhr Jvo ſchon frühe, wie wenig den gemachten Spielzeugen zu trauen iſt; das Schickſal gab ihm aber reichlichen Erſatz für ſeinen Verluſt. Es war wiederum einmal ſpät in der Nacht, da war Alles im Hauſe wegen der Kalbin auf den Beinen; ſie gebar ein Junges. Jvo durfte nicht in den Stall, er hörte nur von ferne ein jämmerliches, dumpfes Wehklagen, denn auch die Haus⸗ thiere hat der Fluch getroffen, daß ſie„mit Schmerzen gebären.“ *) Heimweh. 17⁰ Als es kaum Tag war, eilte Jvo in den Stall. Er ſah das ſchöne Kälbchen zu Füßen der Mutter, es war ein Stromel,*) die Mutter küßte und leckte es mit ihrer Zunge; Niemand durfte ſich ihm nahen, denn die Kuh war dann wie wüthend, nur als Jvo hinzu kam und das Kälbchen ſchüchtern berührte, war die Algäuerin ruhig; ihr Erſtgebornes war ein Sohn, und Jvo ließ bei ſeinem Vater nicht nach, bis er ihm das Verſprechen gab, daß ſie das Kälbchen„anbinden,“ das heißt großziehen wollten. Von nun an war Jvo jedesmal in der Küche dabei, wenn der Wöchnerin warme Tränke bereitet wurden, und Niemand als er durfte ihr den Kübel hinhalten. Faſt nie bleibt eine Freude ungeſtört, das erfuhr auch Jvo. Eines Tages kehrte er aus der Schule heim, da ſah er einen großen Hund auf der Hausſchwelle ſtehen. Sorg⸗ ſam ging er an ihm vorbei nach dem Stalle. Dort er⸗ blickte er einen Mann mit einem blauen Ueberhemde, ein roth und gelb gewürfeltes Halstuch hing loſe geknüpft an ſeinem Halſe und in der Hand hielt er den von Meſſing⸗ Draht umwundenen Griff eines Schleedorn⸗Stockes. Jvo ſah wohl, daß das ein Metzger war. Der Vater ſtand bei ihm und ſagte: „Um acht Gulden geb ich's, es iſt aber ſchad, wenn es gemetzget wird, es hat ſo mächtige Stotzen.**) „Sieben Gulden geb' ich!“ Der Vater ſchüttelte den Kopf. „Nu meinetweg noch ein Kopfſtück.**) Jvo hatte dieß kaum vernommen, da wurde ihm Alles klar. Er ſtellte ſein Schulzeug ſchnell an die Wand, ſprang in den Stall, fiel dem Kälbchen um den Hals und es mit ſeinen Armen feſt umklammernd, rief er: „Nein, gut's Muckele, ſie dürfen dir nicht in dein' lieben ) Schwarzgeſtriemt. ¹ Füße. ***) 15 Kreuzer. 17¹ Hals nein' ſtechen,“ er weinte laut und konnte kaum noch die Worte hervorbringen:„Vater, Vater! ihr habt mir's ja verſprochen.“ Das Kälbchen ſchrie laut, gleich als ahnte es, was vorging, und die Kuh wendete den Kopf und brummte, ohne den Mund zu öffnen. Valentin nahm in Verlegenheit ſeine Mütze ab, ſchaute hinein und ſetzte ſie wieder auf. Mit einem lächelnden Blicke auf Jvo ſagte er endlich:„Nun, es ſoll ſo bleiben, ich mag's dem Kinde nicht zu leid thun. Jvo, du kannſt es aufziehen, aber du mußt ihm auch Futter ſchaffen.“ Der Metzger ging fort, ſein Hund bellte ihm voraus, gleich als wollte er den innern Zorn ſeines Herrn laut wer⸗ den laſſen. Er fuhr dann unter die Hühner und Gänſe Valentin's und jagte ſie aus einander, gerade wie ein Be⸗ dienter an den Untergebenen von ſeines Herrn Feinden ſeinen Muthwillen ausläßt. Jvo war nun glücklich mit dem Kälbchen, er hatte es vom Tode gerettet; aber es ſchnitt ihm doch tief durch die junge Seele, daß ſein Vater ihm ſein Verſprechen hatte brechen wollen. Er vergaß dieß in⸗ mit großer Freude führte er bald in ſeinen Freiſtunden das Muckele hinaus an einen Rain und ließ es weiden. Eines Nachmit⸗ tags ſtand Jvo neben ſeinem Muckele an dem Wieſenrain in der Hohlgaſſe, er hielt das Kälbchen freſſen. Mit heller Stimme 172 ſang er ein Lied, das ihn der Nazi gelehrt. Die Töne klan⸗ gen wie von Sehnſucht und Heimweh durchzittert. Er ſang: Dort oben, dort oben An der himmliſchen Thür, Und da ſteht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Arme Seele mein, arme Seele mein, Komm zu mir herein; Und da werden deine Kleider Ja alle ſo rein. So rein und ſo weiß So weiß als wie der Schnee, Und ſo wollen wir mit einander In das Himmelreich eingehn. In das Himmelreich, in das Himmelreich, In das himmliſche Paradies, Wo Gott Vater, wo Gott Sohne, Wo Gott heiliger Geiſt iſt. Kaum hatte das Lied geendet, da ſah er die Emmerenz von der Leimgrube herkommen. Sie trieb mit einem dür⸗ ren Tannenzweige junge Entchen vor ſich her, bei Jo hielt ſie an und ließ die Entchen ſich im Graben tummeln. „Ich komm' von der Leimgrub,“ erzählte ſie,„ich hab viel Praſt gehabt, bis ich meine ſechs Wuſele,*) guck da, vier graue und zwei weiße, aus dem Waſſer rausgelockt hab'. Jetzt ſind ſie acht Tag' alt. Denk' einmal, mein' Mutter hat die Eier einer Henn' untergelegt, und jetzt will ſie die Henn' nicht annehmen, ſie läßt ſie laufen und kümmert ſich gar nichts um ſie.“ „Das ſind jetzt Waiſenkinder, und da mußt du ihr' Mutter ſein,“ ſagte Jvo. „Ach und wie barmherzig konnen die einen anſehen, *) Eigentlich nennt man bloß junge Gänſe ſo, junge Entchen aber heißen Geitle, Emmerenz gebrauchte aber wechſelweiſe beide Ausvrücke. „— weißt du, nur ſo von der Seite“ Emmerenz ahmte die Thierchen nach, den Kopf auf die Seite legend und von unten aufſchauend blickte ſie Jvo gar lieblich an, der wiederum ſagte: „Guck, die Thierle können doch kein' Augenblick ruhig ſein, das pfludert und pfladert in einem fort; ich thät den Schwindel kriegen, wenn ich ſo wär.“ „Ich komm nicht draus,“ ſagte Emmerenz mit ſinnen⸗ dem Blicke,„woher denn die Geitle wiſſen, daß ſie in's Waſſer können; wenn ſie noch ein Geit ausgebrütet hätt', die thät's ihnen weiſen, aber die Henn hat ſie ja laufen laſſen, und wie ſie nur haben fortkratteln können, patſch⸗ ten ſie wick wack, von einem Fuß auf den andern, naus in die Leimengrub.“ Hier ſtanden die Gedanken zweier jungen Seelen vor der geheimen Thüre der Natur. Eine Weile herrſchte Stille, dann aber ſagte Jvo: „Die Geitle halten alle zuſammen und gehen nicht von einander; mein' Mutter hat geſagt, ſo müſſen's auch die Menſchen machen, Geſchwiſter gehören zuſammen, und wenn die Gluck ruft, kommen alle Bibele*) geſprungen.“ „Ja, die garſtigen Bibele, die großen Dinger ſchämen ſich nicht, und freſſen meine Geitle alles weg, wenn ich ihnen was bring. Wenn's nur auch einmal wieder recht⸗ ſchaffen regnen thät, daß meine Geitle auch wachſen thäten. Nachts, da thu ich ſie allemal in einen Kratten,**) man darf ſie nicht recht anrühren, ſo weich ſind ſie und da hutſchen ſie in ihrem Bettle zuſammen, wie ich zu meiner Ahnez***) und mein' Ahne hat geſagt, wenn ſie ein⸗ mal groß ſind, da rupft ſie ſie, und macht mir ein Kiſſen daraus.“ So plauderte Emmerenz. Jvo fing aber plotzlich an zu ſingen: *) Hühner. Forb ***) Großmutter. 174 Do droben auf'm Bergle, Do ſteht e weißer Schimmel, Und die brave Büeble Kommet alle in Himmel. Emmerenz ſang dagegen: Und die brave Büeble Kommet et allein drein, Und die brave Mädle Müſſet au dabei ſein. Jvo ſang wieder: Da droben auf'm Bergle Do ſteht e ſchwarzer Mann, Er hot mi wolle freſſe, Hot's Maul aufgethan. Bald begann nun eines bald das andere der Kinder, und ſie ſangen: Schätzle, ſchau ſchau! Jetzt kommt der Wauwau Hot e Ränzle auf'm Buckel Und e Pfeifle im Maul. Hörſt et wie's Vögele ſingt Hörſt et wie's pfeift, In dem Wald, aus dem Wald: Schätzle wo bleibſt? B Fahr mer et über mein Aeckerle, Fahr mer et über mein Wieſ', Oder i prügel di wägerle*) Oder i prügel di g'wiß. *) Wahrlich. 175 O Appele von Kappele Was machen deine Gänſ'? Sie pfluderet, ſie pfladeret Mit ihre kurze Schwänz' So ſangen die Kinder noch mancherlei, eines ſchien das andere an Liederreichthum überbieten zu wollen. End⸗ lich ſagte Jvo:„Treib du jetzt deine Geitle heim, i gang au bald.“ Ein gewiſſes Schamgefühl hielt ihn ab, mit Emmerenz zugleich durch das Dorf heimzukehren, er war ſich bloß der Scheu vor ſeinen neckenden Kameraden bewufßt. Nachdem Emmerenz eine Weile fort war, machte ſich Jvo mit ſeinem Muckele auf den Heimweg. Jvo, der mit einer beſonders feinen Empfindung be⸗ gabt, auf Alles ſein Gefühl übertrug, ſah mit Schmerz, daß die Algäuerin, ſeitdem ihr Junges abgewöhnt war, ſich gar nicht mehr um daſſelbe bekümmerte. Er hatte noch nicht gewußt, daß die Thiere nur ſo lange mit lie⸗ bender Sorgfalt an ihren Jungen hängen, als dieſe in unmittelbarer Abhängigkeit und in natürlichem Zuſammen⸗ hange mit ihnen ſtehen. Nur ſo lange die jungen Vögel noch nicht recht fliegen und ſich ihre Nahrung holen können, nur ſo lange ein Junges an der Mutter ſaugt, dauert das elterliche Verhältniß. Aus dem natürlichen Zuſammen⸗ hange, beſonders bei den Hausthieren, herausgeriſſen, oder ihm entwachſen, kennen die Eltern die Jungen nicht mehr. Der Menſch allein, der zu ſeinem Kinde nicht bloß in leiblichem, ſondern auch in geiſtigem Zuſammenhange ſteht, nur der Menſch erhält ſeine Liebe ewig für ſeine Sprößlinge. 5. Feldleben. Nicht nur zu Hauſe bei Menſch und Vieh, ſondern auch draußen bei der ſtillwachſenden Saat und unter den rauſchenden Bäumen hatte Jvo ein reich angeregtes Leben; * 176 die ganze Welt mit ihren Herrlichkeiten und ſtillen Freu⸗ den zog in die offenen Paradieſespforten dieſer jungen Seele ein. Wenn wir durch das ganze Leben ſo fortfahren könn⸗ ten an Wachsthum und Fülle zuzunehmen wie in der Kindheit, ein himmliſch geſegnetes Daſein wäre unſer Loos; aber das All dringt plötzlich in uns ein und wir haben unſer ganzes Leben lang nur damit zu thun, es zu zer⸗ legen, zu enträthſeln und zu erklären. Während der großen Vacanz, zur Zeit der Ernte und der Heberet,*) war Jvo faſt immer mit Nazi im Felde. Da draußen lebte er erſt recht und doppelt auf, und wenn er den Blick aufwärts richtete, ſo war das Blau ſeiner Augen wie ein Tropfen aus der Himmelsbläue droben, die ſich ſo ſtill und klar über die Erde und die emſigen Menſchen ausbreitete, und es war, als ob dieſes leibhaf⸗ tige Stückchen in einen Menſchen verſenkten Himmels, wieder aufſtrebe zu ſeinem unendlichen Urquell. So etwas wenigſtens dachte einſt Nazi, als er den aufſchauenden Jvo am Kinn faßte und ihn inbrünſtig auf die Augen küßte. Gleich darauf aber ſchämte er ſich dieſer Zärtlichkeit, und er neckte und ſchlug im Scherze den Jvo. Wenn die Kühe angeſpannt wurden, war Jvo immer zur Hand, er legte der Algäuerin, die nun auch zum Felddienſte angehalten wurde, das Polſter zwiſchen die Hörner; es freute ihn, daß das hölzerne Joch doch nicht gerade ſo hart auf dem Kopf der Thiere liege Dann ſtand er im Felde bei den Thieren und wehrte ihnen mit einem Baumzweige die Bremſen ab. Zu dieſer Sorgfalt für die wehrlos Angejochten hielt ihn Nazi mit weiſen Ermahnungen an. Jvo und Emmerenz ſtellten ſich auch oft ſchon lange ehe die Kühe oder der Falb angeſpannt wurde, auf den Wagen und tanzten auf dem Brette; dann fuhren ſie ſelig hinaus in's Feld, tummelten ſich auf der Wieſe, * Des Fflügens. — ſammelten das Heu auf Schochen*) und ſtießen einander muthwillig hinein. So oft der Nazi in's Feld fuhr, ſtand Jvo bei ihm auf dem Wagen oder er ſaß auch allein oben, die Hände in den Schooß gelegt, und wie ſein Leib erzitterte Son dem Rütteln des Wagens, ſo hüpfte ihm das Herz im Leibe. Er ſah träumeriſch hinaus in die Gefilde. Wer mag ermeſſen, welches lautloſe Naturleben die Bruſt eines ſolchen Kindes bewegt? Auch fromme Wohlthätigkeit übte Jvo ſchon frühe. Emmerenz mußte als Kind armer Eltern die abgefal⸗ lenen Aehren auf dem Felde zuſammenleſen. Jvo ließ ſich nun von ſeiner Mutter ein Säckchen nähen, hing es an einem Bändel um den Hals und ſammelte für Emmerenz die Aehren. Die Mutter warnte ihn nur, während fie ihm das Säckchen umhing, er ſolle Acht geben, daß der Vater ihn nicht ſehe, denn er würde zanken, da es ſich für ein Kind vermögender Eltern nicht ſchicke, Aehren zu leſen. Jvo ſah verwundert nach ſeiner Mutter, eine tiefe Betrüb⸗ niß blickte aus ſeinem Antlitze, aber das haftete nicht lange. Mit himmliſcher Freude, wie er ſie faſt noch nie em⸗ pfunden, ging er barfuß über die ſcharfen Stoppeln, und ſammelte für Emmerenz einen ganzen Sack voll Gerſte. Er war dann dabei, als Emmerenz mit einem Theile davon die jungen Entchen fütterte, er ahmte die Thierchen nach, wie ſie ſo haſtig hin und herſpringend die Körner auf⸗ ſchnabelten. Einſt ging Jvo mit Nazi in's Feld. Der Falb, ein wohlbeleibtes Pferd mit tief eingeſchnittenem Kreuze und weißen Mähnen, die bis auf die Bruſt hinabreichten, war an die Egge geſpannt. An des Schloßbauern Haus trieb ein Wirbelwind eine Staubſäule in die Höhe. „Meine Mutter hat geſagt,“ erzählte Jvo,„daß in ſo einem Wirbelwind böſe Geiſter einander würgen, und wenn man dazwiſchen kommt, verwürgen ſie einen.“ *) Haufen, nur beim Heu gebräuchlich. 12 178 „Wir kriegen heute noch bös Wetter,“ erwiederte Nazi, „bleib du daheim.“ „Nein, laß mich mit,“ erwiederte Jvo, die rauhe Hand Nazi's faſſend. Nazi hatte recht prophezeit. Sie waren kaum eine Stunde im Felde, als ſie von einem furchtbaren Hagel⸗ wetter überfallen wurden. Schnell wurde das Pferd von der Egge abgeſpannt, Nazi ſchwang ſich mit Jvo hinauf, und im Galopp ging es der Heimath zu. Es war ſo dunkel geworden, als ob die Nacht hereinbreche. Jvo ſchmiegte ſich furchtſam an Nazi:„Gelt,“ ſagte er,„das Wetter haben die böſen Geiſter vom Wirbelwind gebracht?“ „Es gibt keine böſe Geiſter, es gibt nur böſe Men⸗ ſchen,“ erwiederte Nazi. Sonderbar! Jvo fing vor Furcht an laut zu lachen, ſo daß es dem Nazi angſt und bange wurde. Schrecken und Freude ſind ſo nahe verwandt, daß Jvo in dem Zit⸗ tern ſeiner Seele ſo zu ſagen ein kitzelndes Wohlgefühl empfand. Leichenblaß und zähneklappernd kam Jvo nach Haus, ſeine Mutter brachte ihn ſchnell zu Bette, beſonders auch um ihn vor dem Vater zu verbergen, der es ſchon lange nicht leiden wollte, daß das zarte, zum Pfarrer beſtimmte Kind mit in's Feld ging. Jvo war kaum einige Minuten im Bette, da kam der Nazi mit einem Apothekerglas, gab ihm einige Tropfen daraus zu trinken, worauf er in einen ſanften Schlaf verfiel, und ſchon nach einer⸗Stunde ſo geſund war wie zuvor.—— Die unvergleichlichſte Freude genoß einſt Jvo, als er einen ganzen Tag lang, ohne nach Hauſe zu kommen, mit in's Feld durfte. Morgens in aller Frühe, ſchon vor der Frühmeſſe, ging er mit Nazi und dem Falben, der an den Pflug geſpannt war, hinaus in's Feld, nach dem größten und entfernteſten Acker Valentin's, der an der Iſenburger Gemarkung im Würmlesthäle liegt. Es war ein ſchöner heller Auguſtmorgen, es hatte heut Nacht gewittert, ein friſcher Lebensathem wehte von 179 den Bäumen und Feldern. Die Kleeblumen, das einzig Blühende im Felde, ſchauten wie mit glitzernden Augen auf zur Sonne, die man noch nicht ſehen konnte, obgleich es längſt heller Tag war; ſie war jenſeits hinter dem Hohenzollern aufgegangen.. Der Pflug griff wacker ein, ein erquicklicher Brodem ſtieg aus der braunen regengeſättigten Erde auf. Der Falb ſchien ſich faſt gar nicht anzuſtrengen, und Nazi lenkte den Pflug ſo leicht wie ein Fährmann das Ruder eines mit dem Strome ſchwimmenden Kahnes. Weit rings um war Alles ſo hell, und bald da bald dort ſah man Menſchen und Vieh fröhlich für ihre Nahrung arbeiten. Als es in Horb zur Frühmeſſe läutete, hielt Jvo an. Das Pferd ſtand ſtill, der Pflug ruhte in der Furche, Jo und Nazi falteten die Hände; es war faſt als ob der Falb auch mit betete, denn er ſchwenkte den Kopf mehrmals auf und nieder. Darauf zogen ſie noch die Furche bis an's Ende, ſetzten ſich an den Rain und verzehrten ein Stück Brod. „Wenn wir nur heut einen Schatz finden thäten,“ ſagte Jvo,„weißt du, wie ſelber Bauer, von dem der Emmerenz ihr Mutter erzählt hat, dem ein ganzer Hafen voll goldener Karlin beim Pflügen unter'm Fuß gelegen iſt, da thät ich der Emmerenz ein neu Kleid kaufen und ihrem Vater die Schuld von ſeinem Häusle bezahlen, und was thätſt du?“ „Nichts,“ ſagte Nazi,„ich brauch kein Geld.“ Nun ging es wieder tapfer zur Arbeit, die heute ſo leicht war, daß Nazi zu ſingen begann, aber nichts vom Pflügen und nichts vom Säen, und überhaupt nichts von der Feldarbeit. Er ſang: Wir ſind der Geſchwiſter drei, Die Liſe, die Käthi, die Mei, Die jüngſte, die ließ den Knaben herein. Sie ſtellt ihn wohl hinter die Thür, Bis Vater und Mutter im Bette war— Da zog ſie ihn wieder herfür. 12½ 180 Sie führt ihn wohl oben in's Haus, Sie führt ihn wohl in ein Zimmer hinein Und warf ihn zum Fenſter hinaus. Er fiel wohl auf einen Stein, Er brach ſich das Herz im Leibe entzwei, Dazu auch ein Achſelbein. Er raffte ſich wiederum heim; Ach Mutter! ich bin es gefallen Auf einen harten Stein. Mein Sohne und das geſchieht dir recht, Wärſt du es bei Tage nach Hauſe, Wie ein anderer Bauernknecht. Er legt ſich wohl oben auf's Bett, Und als das Glocklein zwölfe ſchlägt, Da hat ihn der Tod geſtreckt. Jetzt ſchlug Nazi ein Schnippchen, ſetzte den Hut feſter und ſang, wohl in Erinnerung an eine Vergangenheit: Ei liedricher Knecht! Und zum Saufen biſt recht, 3 Und zum Tanzen biſt g'macht, Und kein Geld haſt im Sack. Wenn i au kein Geld han Was geht's andere Leut an? D' Frau Wirthin ſchenkt ein Wenn i austrunken han. Und wenn i's net zahl,„ So ſchreibt ſe's an d' Thür, Daß e Jeder kann ſehen, Daß i liederich bin. Jo liederich bin i, Kein Menſch und der mag mi, Han kein Haus und kein Feld Und kein Theil an der Welt. 181 Plötzlich hielt Nazi inne und ſchrie dem Pferde zu: Hio! Man konnte nicht wiſſen, ob er vergeſſen, daß Jvo bei ihm war, oder ob er ſeiner nicht achtete; ſo viel aber iſt gewiß, daß derartige Lieder auf ein Dorfkind nicht, wie man glauben ſollte, einen verderblichen Einfluß ausüben. In früheſter Jugend hörte Jvo beſonders in Liedern allerlei Dinge bei ihren naivſten Benennungen, aber die Reinheit ſeines Gemüths ward dadurch keineswegs befleckt, vielmehr machte gerade das Offene und Unverhüllte der⸗ ſelben ſie ſpurlos abgleiten. In Nazi ſchienen heute allerlei Erinnerungen aufzuſteigen, und nach einer längeren Pauſe ſang er halb laut: Ich leb ſchon vierzig Jahre, Haß auch ſchon graue Haare, Und wenn ich halt kein Weib bekomm, Iſt Feuer auf dem Dach; Und wenn ich halt kein Weib bekomm, Da ſpring ich in den Bach. Gleich darauf ſang er wieder: Ach Schatz, ach Schatz, Wo fehlt es dir? Daß du nicht red'ſt mit mir? Haſt du einen anderweiten, Der dir thut die Zeit vertreiben, Der dir ja lieber iſt? Und wenn er dir ja lieber iſt, So reiſ' ich weg von dir, So reiſ' ich weg von hier. Reiſ' ich auf fremde Straßen, Thu meinen Schatz einem Andern laſſen, Und ſchreib ihm einen Brief; Du mußt wiſſen, Laß dich grüßen, Daß ich ein Reiter bin. 182 Thu ich reiſen fremde Straßen, Thu meinen Schatz einem Andern laſſen, O wie hart iſt das, Wenn man ein ſchön Schätzichen hat. O wie leicht iſt das Wenn man kein' Schatz nicht hat, Kann man ſchlafen ohne Sorgen Von dem Abend bis zum Morgen. O wie leicht iſt das, Wenn man kein' Schatz nicht hat. Es hätt' auch wohl ſchöne Städt', Die ich gewandret hätt', In dem ſpaniſchen Niederland, Und wo ich auch wandern thät Durch all' die ſchöne Städt Ich nirgends mein Schätzichen fand. Wer hat das Liedlein gemacht und erdacht? Es hat's gemacht, es hat's erdacht Ein ſchöner junger Knab', Seiner Herzlieben zu guter Nacht. Wie Sehnſuchtsblicke, die in endloſe Ferne ſchweifen, ſo zogen die Töne dahin, weit über das Feld, und ſie verklangen, ohne daß ſie wohl zu dem Ohre gelangten, dem ſie gegolten. Sollte der alte Knecht noch eine ſo tiefe Liebe in der Seele nähren? Es läutete eilf Uhr, und nun wurde wiederum ange⸗ halten und gebetet; das Pferd wurde vom Pfluge geſpannt und ihm ein Bündel Klee vorgeworfen. Jvo und Nazi ſetzten ſich auf den Rain neben dem Kleeacker, und harr⸗ ten auf das Gretle, das das Eſſen bringen ſollte; es ließ auch nicht lange auf ſich warten. Aus Einer Schüſſel aßen nun die Beiden und es ſchmeckte ihnen wohl, denn ſie hatten tüchtig gearbeitet; ſie aßen ſo rein aus, daß das Gretle ſagte: 8 183 „Es gibt morgen gut Wetter, ihr machet ſauber Gſchirr.“ „Ja,“ ſagte Nazi, die Schüſſel umkehrend,„da ver⸗ ſauft kein Wanz mehr drin.“ Nach dem Eſſen legten ſich die Beiden ein wenig nie⸗ der, denn: Es iſt kein'm Thierle zu vergeſſen, Es ruht ein Stündle nach dem Eſſen. — N N ——— Jvo lag an dem Raine ausgeſtreckt und auf das tauſend⸗ ſtimmige Zirpen im Kleeacker hinhorchend, ſagte er, indem er die Augen ſchloß: „Es iſt juſt, wie wenn der ganz' Kleeacker leben und die Blumen ſingen thäten und droben die Lerch'... und die Grasmück“— er beendete ſeine Rede nicht, denn er war eingeſchlafen. Nazi betrachtete ihn lange mit Wohl⸗ gefallen, dann holte er einige Stäbe herbei, ſteckte ſie be⸗ hutſam in den Boden, breitete das Grastuch, in welches der Klee eingebunden war, darüber aus, ſo daß der Knabe im Schatten ſchlief; leiſe ſtand er dann auf, ſchirrte das Pferd wieder an und fuhr lautlos in ſeiner Arbeit fort. Man wußte nicht, ob er die Lieder von ſeinem Munde zurückdrängte oder ob ein tiefer Ernſt ihn ſo ſtille machte. 184 Der Falb war ſehr folgſam, er zog von ſelbſt die Furchen ganz ſchnurgerade und es bedurfte nur eines leiſen Rucks am Zügel und keines lauten Worts, um ihn ſtets in gleich⸗ mäßiger Richtung zu erhalten. Die Sonne war ſchon im Hinabſteigen, als Jvo er⸗ wachte. Er riß das über ihm aufgebaute Zelt ſchnell ein und ſah ſich verwundert um, er wußte eine Zeit lang nicht, wo er war; als er den Nazi erblickte, ſprang er mit Freudenjubel auf ihn zu. Er half nun die Arbeit vollenden und es that ihm faſt wehe, daß der Nazi auch ohne ihn hatte pflügen können, denn er that ſich was darauf zu gut, bei der Arbeit helfen zu müſſen. Es war Abend geworden, als man den Pflug ab⸗ ſpannte, um mit dem ledigen Pferde heimzukehren. Nazi hob den Jvo auf das Pferd und folgte hinterdrein den Berg hinan; plötzlich erinnerte er ſich, daß er ſein Meſſer beim Pfluge hatte liegen laſſen, er kehrte um und nun ſtand er unten und ſchaute hinauf nach der ſcheidenden Sonne, die zwiſchen den zwei von ſchwarzen Tannen be⸗ kränzten Bergen unterging. Wie ein aus lauter Licht und fließendem Gold erbauter Chor einer Kirche ſah der Himmel und die Erde aus, es war, als ob die ganze Ewigkeit ihre Heiligthümer aufgeſchloſſen hätte; lange Glutſtreifen flatterten ringsum vom dunkelſten Flammenpurpur bis zum weichſten kaum gehauchten Roth, die kleinen Wölkchen glichen lichten Engelsköpfen und mitten drinne ſtand eine große Wolke in feierlicher Stille, gleich einem großen Altar, das Fußgeſtelle war blau, und drüber brannte eine Flam⸗ mendecke; es war, als müßte man ſich plötzlich da hinauf⸗ ſchwingen und verzehren, verglühen, und es war wiederum, als müßte jetzt plötzlich dieſe Wolke ſich zertheilen und heraustreten der Herr in ſeiner Glorie und das tauſend⸗ jährige Reich des Heils und des Friedens verkünden. Droben am Bergesrande ritt Jvo auf dem Pferde, und es war, als ob das Thier, das an die Erde gebannt, heute ihre Furchen aufwühlte, jetzt plötzlich hinweggehoben von der Scholle in der Luft ſchwebte und mit dem Kinde i ——— ——.— 185 hinaufgezogen würde in den Himmel; man ſah die Füße nur ſich ſanft in der Luft heben, Jvo ſtreckte die Arme aus, als winkte ihin ein Engel. Zwei Tauben flogen hoch in den Lüften der Heimath zu, ſie flogen hoch, ſie flogen weit— was iſt hier weit und was iſt hoch?— ihre Flügel regten ſich nicht, ſie ſchwebten dahin wie von einer unendlichen Macht gezogen und verſchwanden in den Gluthen. Wer verkündet all die Himmelspracht, wo das Herz, durchglüht vom heiligen Geiſte des Alls, ſich ausdehnt bis dahin, wo keine Schranke mehr, wo man aufgegangen in's Unendliche, doch beſeligt, befriedigt, in ſich, in Gott, die klopfende Bruſt hält! So ſtand Nazi da, alle Erdenpein und alle Begierde war von ihm genommen. In die Seele dieſes armen ein⸗ fältigen Knechtes ſiel ein Strahl aus der unerſchöpflichen Glorie Gottes, und er ſtand höher als alle die Großen auf den Thronen des Geiſtes und der Macht— die Ma⸗ jeſtät Gottes hatte ſich auf ihn herniedergeſenkt. Unvergeßlich blieb dieſer Tag für Nazi und Jvo. 6. Die lateiniſche Schule. Eine Lebensveränderung trennte Jvo bald von ſeinem Jugendfreunde. Die Zeit war herangenaht, in der Jvo ſeinen erſten Schritt aus dem elterlichen Hauſe und zu ſeinem Berufe thun mußte. Auch äußerlich ging zu dieſem Zwecke eine Aenderung mit ihm vor; ſtatt der kurzen Jacke hatte man ihm einen langen blauen Rock machen laſſen, und da man wohl vorausſehen konnte, daß er ihn verwachſen würde, war er nach allen Richtungen überflüſſig weit. Als nun Joo ſo ſtandesmäßig gekleidet mit ſeiner Mutter nach Horb ging, ſchlotterte der ſonſt ſo behende Knabe in den großen Stiefeln mühſelig einher, und er 186 hob ſtets ſeine Hände empor, um auch ſeinen abſtehenden Rock mitzunehmen. 3 Valentin nahm ſich wenig mehr um die Beſtimmung ſeines Sohnes an. Er hatte den Pfarrersgedanken ſchon genugſam ausgekoſtet, es war ihm jetzt faſt gleich, ob ſein Soͤhn Pfarrer oder Bauer würde; überhaupt war ihm, wo es drauf und dran kam, etwas Außergewöhnliches zu thun, jede Mühe zu viel. Die Mutter Chriſtine aber war eine fromme und ent⸗ ſchloſſene Frau, ſie ließ einen einmal gefaßten Gedanken nicht mehr ſo leicht wieder los. Der Kaplan wohnte neben der Stadtkirche. Mutter und Sohn gingen nun zuerſt in die Kirche, knieten vor dem Altare nieder und beteten inbrünſtig drei Vater⸗Unſer. Mit ähnlichen Gefühlen, wie einſt Channah ihren Sohn Samuel dem Hohenprieſter im Tempel zu Jeruſalem brachte, war die Seele der Mutter Chriſtine erfüllt. Sie hatte zwar das alte Teſtament nie geleſen und kannte die Ge⸗ ſchichte von Samuel nicht, aber in ihrem Geiſte lebten jene alten Empfindungen rein und neu wieder auf. Mit einem von Wehmuth und Liebe ſtrahlenden Blicke ſchaute ſie auf zur heiligen Mutter Gottes, die ſo hochbegnadigt war, den unter dem Herzen zu tragen, der da iſt das Heil der Welt, und ſie bat ſie, ihren Sohn zu beſchützen, und ihn anzunehmen als Diener der heiligen Kirche. Die Hände feſt auf ihren Buſen drückend, betrachtete Chriſtine ihren Sohn, als ſie mit ihm die Kirche verließ. In der Kaplanei ſtellte ſie ihr Körbchen in die Küche und gab der Köchin Eier und Butter; darauf wurde ſie gemeldet und mit kleinen Schritten, nach jedem Tritte ſich verbeugend, ging ſie in die geöffnete Stube des Kaplans. Dieſer war ein gutmüthiger Mann, der, ſeine fleiſchigen Hände ſtets in und aus einander wickelnd, mit ſalbungs⸗ vollen Reden und Geberden die Ankömmlinge traktirte. Die Mutter horchte ſo aufmerkſam zu, wie bei einer Pre⸗ digt, und als nun Jvo ermahnt wurde, recht fleißig zu ſein, weinte er laut auf, er wußte nicht warum, aber 187 ſein Herz war ſo voll, er konnte nicht anders; der gute Mann tröſtete und ſtreichelte ihn, und ſtill beruhigt ver⸗ ließen die Beiden das Haus. Nun ging es zu einer alten Wittfrau, die neben dem Staffelnbäck wohnte; im Vorbeigehen erhielt Jvo eine Faſtenpretzel, und am Ofen ſitzend, den Leckerbiſſen ver⸗ zehrend, hörte Jvo die Unterhandlung mit der Frau Hank⸗ lerin. Benannte Frau war eine Butter- und Eierhänd⸗ lerin, die in alter Geſchäftsverbindung mit der Frau Chriſtine ſtand. Es wurde nun ausgemacht, daß ſich Jvo künftig hier im Hauſe über Mittag aufhalten ſollte, daß ihm die Frau Hanklerin Etwas kochen, und dafür ein Gewiſſes an Eiern, Butter und Mehl erhalten ſolle. Zu Hauſe angekommen, warf Jvo ſchnell den weiten Rock ab, ſchlenkerte die Stiefeln von den Füßen, eilte in den Stall zu dem Nazi; dieſer fuhr ſich mit der Hand über die Augen, als er hörte, daß Jvo nun Student ſei. Andern Tages war es unſerm jungen Freunde ſchwer zu Muthe, als er zum Erſtenmale in die lateiniſche Schule ſollte. Er wurde früh aufgeweckt, mußte ſich ſchön an⸗ ziehen, und damit ihm der Abſchied nicht zu ſchwer ſei, begleitete ihn die Mutter bis vor das Dorf auf die Hoch⸗ bux. Dort gab ſie ihm noch ein Stückchen in Papier ge⸗ wickeltes gebraten Fleiſch, und ſagte ihm, das ſolle er heute Mittag verzehren: dann gab ſie ihm noch zwei Kreuzer, für alle Gefahren, damit er ſich Etwas kaufen könne. Die Leſer kennen längſt den Weg nach Horb, da ſie ihn ſchon oft gegangen; aber neben dem kaum halbſtün⸗ digen Schlangenweg, der ſich am ſteilen Berge hinan⸗ zieht, gibt es noch einen näheren Fußſteig von der Hochbur aus links durch den Wald, dieſen ſchlug Jvo ein, und in wenigen Minuten ſprang er— denn man kann hier nicht gehen, ſondern bloß ſpringen— bis hinab zur Horber Ziegelhütte. Sein Herz pochte ſchnell und ſeine Thränen floßen reichlich, denn er empfand es wohl, daß er ein neues Leben beginne. An der Ziegelhütte machte er Halt, trocknete ſeine „ 188 Thränen und ſchaute nach dem Braten; er roch daran und genoß einen angenehmen Duft. Er wickelte das Papier aus einander, das Fleiſch lachte ihn an, es war zum Küſſen, er ſpielte Verſucherle's, und kurz, nach einer Weile hatte er nichts mehr als das leere Papier. Geſtärkt und ganz wohlgemuth ging er nach der lateiniſchen Schule. Hier muſterten die Knaben den neuen Ankömmling ganz unverholen; ſie machten ſich beſonders über ſeine weiten Kleider luſtig. „Wie heißt du?“ fragte Einer. „Jvo Bock.“ „Das iſt der Jvo Bock Mit dem Familienrock,“ ſagte ein Knabe mit einem ſchönen geſtickten Hemdkragen. In Jvo's Antlitz verrieth ſich jenes Zucken, das dem Wei⸗ nen vorausgeht. Als nun aber Mehrere auf ihn zukamen und ihn zerren wollten, ſchlug er mit wüthender Kraft mit beiden Fäuſten um ſich. Der Reimeſchmied aber mit dem geſtickten Kragen kam auf ihn zu und ſagte:„ſei zufrieden, es darf dir Niemand'was thun, ich helf' dir.“ „Iſt das dein Ernſt, oder willſt du mich noch mehr foppen?“ fragte Jvo mit bewegter Stimme, indem er noch immer ſeine Fäuſte ballte. „Mein voller Ernſt, da haſt du meine Hand drauf.“ „Meinetwegen,“ ſagte Jvo, und ſeine Fauſt löste ſich zu friedlichem Händedruck auf. Es iſt wohl möglich, daß das Stadtkind unſern Jvo Anfangs noch weiter zu necken oder ihn mit hoher Gönner⸗ ſchaft zu ſchützen gedachte: die ſichere Haltung Jvo's mochte aber allem dieſem eine andere Wendung geben. Die Ankunft des Kaplans brachte plötzliche Stille unter die Verſammelten. Der Unterricht war der gewöhnliche, wenn man mensa zu decliniren beginnt. Als die Schule zu Ende war, begleitete der Knabe mit dem geſtickten Kragen nebſt ſeinem jüngern Bruder unſern Jvo bis zur Frau Hanklerin; es waren des Oberamtmanns Söhne, 189 deren Geſellſchaft er hatte. Wir konnen nun ſchon be⸗ ruhigter ſeinem Schickſale in der Stadt entgegenſehen. Bei der Frau Hanklerin waren alle Thüren ver⸗ ſchloſſen. Jvo ſetzte ſich auf die Hausſchwelle, der An⸗ kommenden harrend. Trübe Gedanken ſtiegen in ſeiner Seele auf, ſie waren zunächſt nur alltäglichen Urſprungs, ihn hungerte. Er gedachte, wie ſie jetzt zu Hauſe ſich alle um den Tiſch ſetzen und er allein hier hungernd und verlaſſen draußen in der Welt ſtehe, kein Menſch ſich um ihn kümmere: da liefen die Leute alle ſo raſch vorbei und keiner ſchaute nach ihm um, alle gingen zu dampfenden Schüſſeln, die ihrer harrten, nur er ſaß da, als ob er vom Himmel gefallen wäre und keine Heimath hätte. „Jedem Stückle Vieh,“ ſagte er,„ſteckt man zur Zeit ſein Futter auf, nur um mich bekümmert ſich Niemand; zwar hab ich zwei Kreuzer im Sack, aber ich darf das Geld doch nicht jetzt ſchon angreifen.“ Immer ſchrecklicher ward es ihm, ſo da draußen in der fremden Welt zu ſein, ein unnennbares Heimweh hob ſeine Bruſt; raſch richtete er ſich auf, und in großen Sätzen ſprang er auf und davon, der Heimath zu. Als er um die Ecke bog, begegnete ihm die Frau Hanklerin. Sie entſchuldigte ſich viel tauſendmal, ſie habe ihn vergeſſen und ſei aufgehalten worden.„Komm mit,“ war der troſt⸗ liche Schluß ihrer Rede,„ich koch' dir ein Rübelesſüpple und ſchmelz dir's recht gut, deiner Mutter zu lieb; dein' Mutter iſt eine brave Frau, und wenn du einmal Hajrle biſt und ich geſtorben bin, mußt du auch eine Meſſ' für mich leſen, gelt, das thuſt du?“ Jvo war ganz glückſelig, daß Jemand von ſeiner Mut⸗ ter ſprach: es war ihm, als wäre er tauſend Stunden weit, und ſchon zehn Jahre von Hauſe weg: das Latein, der Familienrock, die Händel, der Braten, der neue Ka⸗ merad, die Flucht— er hatte heut' ſchon ſo viel erlebt, mehr als ſonſt in einem halben Jahre. Er ließ ſich nun das Eſſen gut ſchmecken, aber es war ihm doch nicht recht wohl bei der fremden Frau; ein ſtilles Gefühl dämmerte in ihm, daß er dem Boden ſeines Daſeins, dem elterlichen Hauſe, entrückt war. Ein junger Waldbaum, der ſchützen⸗ den Genoſſenſchaft, dem ſtill ruhenden feſten Erdreiche ent⸗ zogen, auf raſſelnden Wagen dahingerollt, um auf ferner Anhöhe einſam zu wurzeln— wenn er reden könnte, er müßte herzdurchbohrende Jammertöne ausſtoßen. Ivo fühlte ein ſchweres Drücken auf ſeiner Herzgrube. Der Nachmittagsunterricht ging leichter, da kam Deutſch vor, da konnte Jvo auch ein Wort mitſprechen. Auf dem Heimwege geſellte er ſich zu ſeinen zwei Ortskindern, zu des Johannesle's Conſtantin und zu des Hansjörg's Peter. Conſtantin ſagte, der jüngſte der Studenten müſſe den 191 älteren immer die Bücher tragen, und Jvo ließ ſich die ſchwere Bürde ohne Widerrede aufladen. Oben an der Steige aber ſahen ſie die Mutter Chri⸗ ſtine, die ihrem Sohne entgegen gegangen war; die Bücher wurden ihm abgenommen. Jvo ſprang jubelnd ſeiner Mutter entgegen, aber mitten drinne hielt er ein, er ſchämte ſich vor den großen Burſchen, ſeiner Mutter um den Hals zu fallen, und duldete ſelbſt ihre Liebkoſungen nur ungern. Die Mützen auf die Seite gerückt, mit ihren Büchern unterm Arme ſtolzirend, gingen die beiden größeren Stu⸗ denten durch das Dorf. Jvo hatte nun ſeiner Mutter und zu Hauſe dem Nazi gar viel zu erzählen, als ob er über dem Meere geweſen wäre. Er kam ſich auch als was Rechtes vor, da man für ihn beſonders gekocht hatte, und ihm beſonders auf⸗ trug. Selbſt das Gretle, das ihm faſt nie ein gutes Wort gab, war jetzt freundlicher gegen ihn; er kam ja aus der Fremde. So wanderte nun Jvo von Tag zu Tag in die latei⸗ niſche Schule. Um dieſelbe Zeit war auch mit dem Muckele eine große Veränderung vorgegangen, es ſtand nicht mehr ſo fröhlich im Stalle, denn es war zum Zugthiere gezähmt worden. Jvo glaubte, das Thierchen leide durch ſeine Entfernung von Hauſe, und er war ſehr betrübt. In der lateiniſchen Schule aber ging Alles vortrefflich. Wie Jvo ſchnell in den zu weit angemeſſenen Rock hineinwuchs, ſo erfüllte er auch bald alle ſeine neuen Verhältniſſe und fühlte ſich behaglich darin. Die innige Beziehung zu Nazi litt ſehr, denn ſie konn⸗ ten nicht mehr ſo Alles mit einander theilen; die genauen Berichte hörten auch nach und nach auf, es gab ſelten etwas Wichtiges zu erzählen, und Jvo ſetzte ſich, wenn er nach Hauſe kam, meiſt ſtill hinter ſeine Bücher. Da⸗ gegen trat die Frau Hanklerin in ein freundſchaftliches Verhältniß. Sie ſagte immer:„man könne ſich mit Jvo ausſchwatzen wie mit einem Alten.“ Sie erzählte ihm 192 viel von ihrem verſtorbenen Mann, und Jvo half ihr ſorgen und rathen, wenn der vierteljährige Hauszins zu bezahlen war. Mit des Oberamtmanns Kindern ſtand Jvo in benei⸗ deter Freundſchaft. Und Emmerenz? Sie war jetzt neun Jahr alt, ging in die Schule und diente in den Frei⸗ ſtunden als Kindsmagd bei dem Schullehrer. In einem Lebensalter, in welchem ſonſt die Kinder nur mit einer Puppe ſpielen, hatte Emmerenz eine leben⸗ dige anſpruchsvolle Puppe zu verſorgen; aber ſie that es meiſt mit kindlicher Luſt und Spielerei. Nur wenn Va⸗ lentin nicht zu Hauſe war, durfte ſie mit ihrem Kind bei ihm„auſe laufen,“ d. h. Beſuch machen, ſonſt war fie „unwerth.“*) Der Zimmermann konnte das Kindergeſchrei nicht leiden. Er ward überhaupt immer krittlicher und unzufriedener. Jvo ſah nun zwar die Emmerenz hin und wieder, aber die beiden Kinder hatten eine gewiſſe Scheu vor einander, beſonders Jvo bedachte ernſtlich, daß es ſich für ihn, als künftigen Geiſtlichen, nicht ſchicke, ſo ver⸗ traut mit einem Mädchen zu ſein. Er ging oft mit ſeinen Büchern an Emmerenz vorbei, ohne ſie zu grüßen. Auch ſonſt ſah ſich Jvo vielfach von ſeinen alten Lieb⸗ lingsſachen hinweg gedrängt. Wenn er zu Hauſe war, und nach alter Gewohnheit in den Stall ging, um dem Nazi zu helfen, den Stier, die Algäuerin und den Falb zu füttern, da jagte ihn oft ſein Vater hinaus, mit den Worten:„fort, du haſt nichts im Stall zu ſchaffen, gang du zu deinen Büchern und lern' was Rechts, du mußt Hajrle werden. Meinſt du, man gibt das Heidengeld um⸗ ſonſt ais? Marſchir dich.“ Mit ſchwerem Herzen ſah Jvo, wie die anderen Kna⸗ ben die Pferde zur Schwemme ritten, oder ſtolz auf dem Sattelgaul an einem garbenvollen Wagen ſaßen. Mancher ſchwere Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt, während er die Helden⸗ thaten des Miltiades überſetzte; ihm wäre es draußen im *) Unwillkommen. W — W 193 Schießmauernfeld beim„Zackern“ viel wohler geweſen, als auf dem Schlachtfeld bei Marathon. Er ſprang oft vom Stuhle auf und ſchlug um ſich, gleich als erfüllte er damit ſein innerſtes Streben. Auch das entfremdete Jvo vom elterlichen Hauſe, daß er hier mitten unter den Seinigen ſeinen Geiſt mit Dingen erfüllte, um die ſich ſonſt Niemand bekümmerte; er konnte mit Keinem davon ſprechen, auch mit dem Nazi nicht. So war er mitten in ſeinem Hauſe ein fremder Menſch, mit ganz anderen Gedanken als die übrigen. Der Nazi aber dachte darüber nach, wie er dem ſo oft betrübten Knaben eine rechte Freude machen könne. Jvo hatte ihm oft mit Entzücken erzählt, welch' einen ſchoönen Taubenſchlag des Oberamtmanns Buben hätten, und nun zimmerte Nazi in ſeinen Freiſtunden den ver⸗ fallenen Taubenſchlag zurecht, kaufte für ſein eigen Geld fünf paar Tauben und Wicken zum Futter. Jvo fiel dem Knechte um den Hals, als er ihn eines Morgens, ohne ein Wort zu reden, auf die„Bühne“*) führte und ihm alles Vorbereitete ſchenkte. Man mußte nun Jvo ſehen, wie er des Sonntag⸗ Morgens hemdärmelig unter dem Nußbaum ſtand, die Arme auf der Bruſt über einander geſchlagen, mit ſeliger Spannung hinaufſchauend nach den lieben Thierchen auf dem Dache, die ihre Morgengeſpräche hielten, ihre Ver⸗ beugungen machten, und endlich luſtig aufflatterten hinaus in's Feld. Von den Beſitzthümern, die er faſſen konnte, die mit ihm auf der Erde wandelten, war er nun an ſolche gekommen, die er nur noch mit liebenden Blicken begleiten durfte; nur durch den unſichtbaren Gedanken beſaß er ſie, faſſen und liebkoſen durfte er ſie nicht, ſie flatterten dahin frei in die Luft, und nur mit den Ban⸗ den des ſeligſten Vertrauens hielt er ſie feſt. Kann man dieß nicht als ein Sinnbild der Lebens⸗ wendung anſehen, die das Schickſal Ivo's genommen? ₰ 7 *) Speicher. 13 194 Da ſtand er dann in dem ſonnenhellen Morgen unter dem Nußbaume, den Blick liebend nach oben gewandt. Er pfiff den Thierchen auf dem Dache, ſie kamen zu ihm hernieder, tänzelten vor ſeinen Füßen und pickten das Futter auf, das er ihnen hinwarf; aber er durfte ſich nicht rühren um ſeine Freude auszudrücken, ſtill mußte er ſie in ſeiner Seele hegen, wenn er nicht Alle plötzlich auf⸗ ſcheuchen wollte, und ſo ſummte er an den Baum gelehnt oft das Lied, das ihn Nazi gelehrt: Alles, was auf Erden ſchwebet Gleichet keiner Taube nicht, Taube iſt ein ſchönes Thier, Tauben die gefallen mir, Tauben die gefallen mir. Morgens fruh um halber achte, Steig ich vor mein Bett heraus, Schau was meine Tauben machen, Ob ſie ſchlafen oder wachen, Ob ſie noch bei Leben ſein. Morgens fruh um halber neune, Fliegen ſie nach Nahrung aus, Da wird mir's ganz angſt und wehe, Weil ich keine Tauben ſehe, Keine in dem Schlag mehr ſeh. Abends ſpat kommen ſie wieder, Fremde haben ſie mitgebracht; Da fliegen ſie ſo ſanft hinein, Ob ſie möchten ſicher ſein, Vor dem Marder in der Nacht. Wenn Jvo dann in die Kirche kam, war ſeine Seele ſo voll Liebe und kindlichen Zutrauens, daß er faſt immer: „guten Morgen, Gott!“ ſagte. Mit einem heimiſchen Wohl⸗ gefühle ging er dann in die Sakriſtei, kleidete ſich als Mini⸗ ſtrant an, und verrichtete beim Hochamte ſeine Funktionen. Eine tiefſinnige Gottesfurcht, getragen von einer tet dt. m a5 ht ie ſ⸗ nt 195 gluthvollen Liebe zur Mutter Gottes, und beſonders zu dem lieben herzigen Chriſtkindchen, wohnte in der Seele Jvo's. Mit beſonderer Freude dachte er daran, daß auch der Hei⸗ land eines Zimmermanns Sohn geweſen und ſich auf den Balken ſeines Vaters ſonnte. Von Kallen heiligen Tagen war Jvo der Palmſonntag der liebſte; er machte faſt noch mehr Eindruck auf ihn als der Charfreitag. Da trug man' große, mannshohe Sträuße, in denen beſonders viel wilder Salwei und die ſogenannte Königskerze war, in die Kirche. Die Sträuße wurden mit Weihwaſſer beſprengt und dann im Stalle aufgehängt, damit den Thieren kein Schaden geſchehen konnte. Zu Hauſe war den ganzen Tag Alles ſo ernſt und feierlich, man hörte kein lautes Wort, ſelbſt vom Vater nicht; ein Jedes behandelte das Andere freundlich und liebreich, ſo daß Jvo ganz glückſelig war. Schon frühe machte ſich indeß auch in religiöſen Dingen ein gewiſſer Geiſt des Nachdenkens bei ihm geltend. Der Kaplan erklärte einſt, daß der heilige Petrus deßhalb die Schlüſſel trage, weil er den Seligen die Himmelsthüre öffne. „Ei wie denn?“ fragte Jvo,„wo ſitzt denn der?“ „Am Himmelsthor.“ „Ei da kommt ja der gar nicht in den Himmel, wenn der da ſitzen muß, um den Anderen aufzumachen?“ Der Kaplan ſah Jvo betroffen an und ſchwieg eine Weile, dann aber ſagte er mit vergnüglichem Lächeln: „Der findet eben ſeine himmliſche Seligkeit darin, Anderen die Thore des ewigen Heils aufzumachen. Das iſt die hochſte Tugend, ſich an der Glückſeligkeit Anderer zu freuen und für ſie zu arbeiten; das iſt der hohe Beruf des heiligen Vaters zu Rom, der die Schlüſſel Petri auf Erden hat, ſowie aller derer, die von ihm und ſeinen Biſchofen geweiht ſind.“ Jvo war das ſchon recht, doch begriff er es nicht ganz und es that ihm bei alledem leid, daß der gute Petrus ſo immer an der Thüre ſtehen muß. Eine ſchwere Sorge lud der Kaplan dem Jvo auf, als er einſt den Kindern einſchärfte, man müſſe ſich jeden Tag fragen was haſt du heute gelernt oder Gutes gethan? 13* 196 Jvo nahm das buchſtäblich genau und war oft ſehr übel daran, wenn er nichts Rechtes auffinden konnte. Er wälzte ſich dann verzweiflungsvoll in ſeinem Bette umher. Es geht mit dem Wachsthum des Geiſtes, wie mit jedem natürlichen Wachsthume: ein Thier, eine Pflanze wächst, ohne daß man es eigentlich im wahren Sinne des Wortes ſieht. Man ſieht ſtets nur das Gewachſene, nie das Wachſen. Wir werden ſehen, daß Jvo an Geiſt zunahm, ob⸗ gleich er ſich keine rechte Rechenſchaſt davon geben konnte. Dagegen hatte der Kaplan eine weiſe und nachahmungs⸗ werthe Einrichtung in ſeiner Schule. Er ſetzte die Kna⸗ ben nicht nach ihren Talenten und Geſchicklichkeiten, ſondern nach ihrem Fleiße und ihrer Pünktlichkeit; erſt nach dieſen ſollten jene den Ausſchlag geben,„denn,“ ſagte er,„Fleiß und Ordnung kann ſich jeder angewöhnen, das Angeeig⸗ nete iſt die höhere Tugend, Talent und Geſchick aber ſind nur überkommene Naturgaben.“ So zwang er die Talent⸗ vollen zur Emſigkeit, und verlieh den Minderbegabten Muth und Zuverſicht. Jvo, der mit entſchiedenem Talente eine große Ge⸗ wiſſenhaftigkeit vereinigte, war bald einer der Erſten, und der Oberamtmann ſah es gerne, daß ſeine Knaben ihn in's Haus zogen. Wir kennen den Oberamtmann Rellings noch von dem Befehlerles her. Jvo hatte zu Hauſe auch oft von ſeiner Härte erzählen gehört; wie erſtaunte er nun, daß er einen freundlichen, gütigen Mann in ihm fand, der mit ſeinen Kindern ſpielte, und ihnen allerlei Freude bereitete. So iſt es eben. Man wird Hunderte von Menſchen treffen, die in Bezug auf das Allgemeine die freiſinnigſten Anſichten verfolgen; daß alle Menſchen gleich ſeien u. ſ. w., zu Hauſe aber quälen ſie ihr Geſinde, ja ſogar Frau und Kinder, wie echte eigenwillige Tyrannen; dagegen wird man Andere, beſonders Beamte finden, die jeden Menſchen, der kein Beamter iſt, wie einen Sclaven und Landläufer anſehen und dar⸗ nach behandeln, in ihren vier Wänden aber die beſten Haus⸗ hämmel ſind. So wohl ſich nun Jvo in der Stadt fühlte, ſo em⸗ pfand er doch jeden Sonntag Abend, wenn es zu Nacht läutete, einen ſtil⸗ len Schmerz; dieſe Töne verkündeten ihm: morgen iſt's Montag, und da geht's wieder fort aus dem elterlichen Hauſe, von der Mutter, vom Nazi und den Tauben. Nach und nach lernte er auch aus ſeinem täglichen Gange die darin liegenden Freuden ziehen. Er ging ſtets allein, denn er wich gerne dem Conſtantin aus, der ihn auf alle Weiſe neckte. Im Sommer ging er ſtets ſingend ſeinen Weg, im 198 Herbſte hatte er ſtets die beſondere Freude, daß ſeine Mut⸗ ter und Schweſter einige Tage in des Staffelbecks Mühle mahlten; er ging dann Mittags nicht zur Frau Hanklerin, ſondern aß mit den Seinigen in der dröhnenden Mühl⸗ ſtube zu Mittag. Der Winter bot ihm die meiſten Freuden. Nazi, der allerlei Handwerk verſtand, hatte mit einem alten Reife den Bergſchlitten mit Eiſen beſchlagen. Auf der Hochbur ſetzte ſich dann Jvo auf ſein leichtes Fahrzeug, und wie ein Pfeil fuhr er die Straße hinab bis vor die Neckarbrücke. Zähneklappernd ſagte er oft im Fahren ſeinen Spruch oder ſeine Regel aus der Syntar her. Freilich mußte dann Jvo auch des Abends ſeinen Schlitten wieder an einem Seile den Berg hinaufziehen, aber er that das gerne, und meiſt fand ſich auch ein Wagen, an den er ſein kleines Fuhrwerk anhängen durfte; nur äußerſt ſelten wider⸗ ſtand ein zäher Fuhrmann ſeinen freundlichen Bitten. Jvo verſah auch Botendienſte für das halbe Dorf: für den Einen trug er Garn in die Farbe, für den Andern einen Brief auf die Poſt, für einen Dritten fragte er nach, ob kein Brief für ihn da ſei. Beim Nachhauſegehen hatte er oft einige Stränge Seide, Bruftthee, Blutegel in einem Glaſe, auch Hoffmannstropfen und Allerlei, was ihm die Leute aufgetragen, in ſeinem Schulranzen; daher war er im ganzen Dorfe ſehr beliebt, während Peter und Con⸗ ſtantin ſolche Botendienſte ſtolz abwieſen. Großes Aufſehen erregte es im ganzen Dorfe, als des Sonntags Nachmittags im Herbſte die beiden Söhne des Oberamtmanns mit ihren rothen Mützen den Jvo beſuchten. Die Mutter Chriſtine ſah zum Fenſter hinaus und hörte wie die Knaben den blinden Koanradle nach Jvo's Haus fragten, und obgleich Alles im Zimmer wohl auf⸗ geräumt war, war ſie doch in großer Angſt. In ihrer Haſt legte ſie den Schemel auf das Bett, und ſtellte ein paar Stiefel, die im Winkel ſtanden, gerade vorn unter den Tiſch. Sie hörte den Beſuch die Treppe heraufpoltern und machte gar verlegen, aber doch mit ſichtbarer Freude den„jungen Herren“ die Thüre auf, hieß ſie willkommen; 199 dann rief ſie der Emmerenz zum Fenſter hinaus, ſie ſolle den Jvo aufſuchen und auch den Vater, ſie ſollten ſchnell heimkommen, es ſei Beſuch da. Abermals wiſchte ſie mit ihrer weißen Sonntagsſchürze beide Stühle ab, und nöthigte die Knaben zum Sitzen. Sie entſchuldigte ſich, daß Alles ſo unordentlich ausſehe; „ſo iſt es halt bei Bauersleuten,“ ſchloß ſie und heftete beſchämt den Blick auf den Boden, der doch ſo rein ge⸗ waſchen war, daß die Rippen aus den Brettern herausſahen. Der blinde Koanradle machte eben die Thüre guf, um zu ſehen, was es gebe, und dafür, daß er den Knaben das Haus gezeigt, an der Aufwartung, etwa an einem guten„Schäle“ Kaffee Theil zu nehmen; die Mutter Chri⸗ ſtine ſchob ihn aber, ohne viele Umſtände zu machen, wieder zur Thüre hinaus und ſagte„komm ein andermal.“ Gute Frau! Du warſt ſonſt ſo groß in deiner reli⸗ giöſen Kraft, und vor dieſen Setzlingen der Herren der Erde biſt du ſo klein und demüthig. Freilich biſt du in der Furcht des Herrn und faſt noch mehr in der Furcht der„Herren“ auferzogen und alt geworden. Der älteſte der Oberamtmanns-Söhne hatte ſich unter⸗ deſſen mit vieler Zuverſicht in der Stube umgeſehen; auf die Stubenthüre deutend fragte er nun:„Warum iſt denn das Hufeiſen da angenagelt?“ Ernſt die Hände zuſammenlegend und den Kopf nieder⸗ beugend ſagte die Mutter:„Das wiſſet ihr nicht? das iſt von deßwegen: Wenn man Mittags zwiſchen eilf und zwölf ein Hufeiſen findet, es unbeſchrieen einſteckt und an die Thür nagelt, kann kein böſer Geiſt, kein Teufel und kein' Her herein.“— Die Knaben ſchauten verwundert drein. Jvo kam und bald nach ihm der Vater, er zog die Mütze ab und hieß die„jungen Herren“ willkommen; dann ſagte er, ſich die Hände reibend:„Wie? Weib, hoſt denn gar nix im Haus? hol' au was zum Aufwarte.“ Die Mutter hatte nur darauf geharrt, bis ſie abkom⸗ men konnte; ſie ging nun, das Schönſte und Beſte zuſammen 200 zu ſuchen. Die Emmerenz war ſo geſcheit geweſen und hatte ſich in der Küche eingeſtellt, da man vielleicht noch ihrer bedürfe, denn das Gretle war mit ſeinem Schatze ſpazieren; auch hatte wohl Emmerenz noch den geheimen Grund, die vornehmen Kameraden des Jvo noch einmal zu ſehen, denn auch ihr that es wohl, daß er ſo hoch in Ehren ſtand. Noch viele Nachbarfrauen hatten ſich, von dem Be⸗ ſuche angelockt, in der Küche eingeſtellt, die Mutter ver⸗ ließ ſie mit freundlichen Entſchuldigungen, und trug eine große Schüſſel voll rothbackiger Aepfel,„Breitlinge“ ge⸗ nannt, in die Stube. Die Emmerenz trug auf einem blanken Zinnteller zwei Gläschen voll Kirſchenwaſſer. Die Knaben mußten eſſen und ſogar von dem Brannt⸗ wein trinken, dann ſtopfte ihnen die Mutter noch alle Taſchen voll Obſt. Zuletzt gab ſie dem Kleinen noch be⸗ ſonders einen ſchönen Apfel zum„Gruß an die Frau Mutter, und ſie ſolle ihn auf den Kommod ſtellen.“ Die Knaben gingen endlich fort. Valentin nickte freundlich, als ſie ihn baten, daß der Jvo mit dürfe; die Mutter rückte ihm noch den Hemdkragen zurecht und putzte ihm noch alle Fiſerchen von ſeinem blauen Rocke weg. Jvo hörte zu ſeiner Freude, daß er bald einen neuen bekäme. Mit den Frauen, die hinter der halb vorgezogenen Küchenthüre gewartet hatten, ging nun Chriſtine auf die Straße und ſah vergnügt den Dreien nach, die Valentin noch bis zum Adler begleitete. Die Schultheißin ſah zum Fenſter heraus und Chriſtine rief ihr hinauf:„Das ſind des Oberamtmanns Buben. Sie holen meinen Jvo'naus zu ihrem Vater in das Schäpfle,*) er ſieht's gern, daß ſie Kameradſchaft mit ihm haben, er iſt gar geſcheit und beliebt.“ Es darf auch nicht verſchwiegen werden, daß ſogar Jvo mit einem gewiſſen Stolze Hand in Hand mit den Knaben durch das Dorf ging. Er freute ſich, daß alle Leute zu den Fenſtern herausſahen und er ſagte Allen mit großer Selbſtzufriedenheit:„Guten Tag.“ Name eines Wirthshauſes. Schapf nennt man ein Gefäß, mit dem man Waſſer ſchöpft. — . 201 Wer wird ihm das verdenken in einem Lande, wo des Kindes Seele ſchon von der Allmacht der Beamten fabelt, wo ihr Daſein und ihre Wirkſamkeit in ein maje⸗ ſtätiſches Dunkel gehüllt iſt, wo Groß und Klein jeden Landreiter und Schröiber demüthig grüßt, weil man weiß, wie man in ihre Hand gegeben, wenn die Thüre des ge⸗ heimen Gerichtes hinter einem in die Klinke fällt. Der Schäpfleswirth grüßte Jvo ebenfalls ſehr freund⸗ lich, und rieb dabei nach ſeiner Gewohnheit die Hände, als ob es ihn friere. Jvo durfte nun in das„Herren⸗ ſtüble“ an den durch einen Bretterverſchlag abgeſonderten Tiſch, wo der Cameralverwalter und der Oberamtmann ſaßen. Zwei Kaufleute aus Horb ſtanden etwas zaghaft unter dem Eingange in die Pairskammer: Endlich ſagte der Eine: „Nun, Herr Stadtrath, was wollen wir denn trinken?“ „Was Sie wollen, Herr Stadtrath,“ erwiederte der Angeredete. Jetzt war's heraus, die beiden Männer waren geſtern zu dieſer Würde gewählt worden; ſie gehörten nun auch an den Herrentiſch und nahmen mit tiefen Bücklingen Platz. Der Oberamtmann ſah ſeinen Collegen an und lächelte höhniſch. Jvo war ſeelenvergnügt in dieſer Geſellſchaft, aber er ſollte bald eine Züchtigung für ſeine Eitelkeit erfahren. Die Kinder erzählten, was ſie von Jvo's Mutter über die Wirkſamkeit des Hufeiſens gehört hatten. Der Oberamt⸗ mann, der ſich gerne in religiöſen Dingen als freidenkend zeigte, weil das nicht gegen ein ausdrückliches Verbot des Geſetzes war, ſondern ſogar zur Bildung gehörte, ſagte:„Was dummes Zeug, das iſt ein hirnloſer Aber⸗ glaube. Laßt euch von einem einfältigen Bauernweib nichts aufbinden; ich hab's euch ſchon oft geſagt, es gibt keinen Teufel und keine Heiligen, oder Heilige, die will ich noch hingehen laſſen.“ Jvo zitterte auf ſeinem Stuhle. Es ſchnitt ihn tief durch die Seele, wie man hier von ſeiner Mutter ſprach, und noch dazu ſo gottlos. Er wünſchte ſich, daß nie 202 . ſolche Kameraden zu ihm gekommen wären. Gegen den Oberamtmann aber faßte er einen gründlichen Haß, er ſah ihn grimmig an. Dieſer ſchien nichts davon zu verſpüren, er war ſehr herablaſſend und freundlich gegen die zwei neuen Stadträthe, und dieſe, ganz entzückt von ſo viel Güte, konnten, wie man ſagt, den Mund nicht zubringen. Unſerm Jvo ward es aber erſt wieder leicht, als alle die„Herrenleute“ weggingen; und ſo bös war⸗ er, daß er ſich damit freute, daß er dem Oberamtmann keine gute Nacht gewünſcht hatte. Das Kloſter. Jahre gingen vorüber ohne daß man es kaum merkte. Conſtantin und Peter hatten im Herbſte ihre Prüfun beſtanden, und waren nun beſtimmt, in das Kloſter Rottweil einzutreten; ein Ereigniß aber, von dem ma noch lange redete, hielt den Peter im Dorfe feſt. Das zweite Gras war im Schloßgarten abgemäht, die Zeitloſe, bei uns Dirnenblume genannt, weil ſie ſo ſcham⸗ los ohne alle Blätterverhüllung erſcheint, ſtand einſam unter dem bereiften Graſe; die Kühe weideten jetzt hier frei, und die Kinder tummelten ſich überall und machten auf vereinzelte, an den Bäumen ſtehen gebliebene Aepfel und Birnen Jagd, gegen die ſie mit Stöcken und Steinen auszogen. Peter ſaß auf dem Wadelbirnenbaum an der Schloß⸗ mauer, nicht weit von dem Eckthurme, eine goldgelbe Birne war das Ziel ſeines hohen Strebens, der muth⸗ willige Conſtantin aber wollte ihm die Beute wegſchnappen, und warf mit einem Steine darnach. Da ſchrie Peter: „mein Aug, mein Aug!“ und ſtürzte ſammt dem Aſte, auf dem er geſeſſen, vom Baume; das Blut quoll ihm aus dem Auge, Conſtantin ſtand neben ihm, weinte und ſchrie aus vollem Halſe um Hülfe. 203 Das Mauritzele, das die Kühe hütete, kam herbei. Es ſah den blutenden Knaben, nahm ihn ſchnell auf die Schultern, und trug ihn nach Haus; Conſtantin ging hintendrein, alle anderen Kinder geſellten ſich dazu. Der Zug vergrößerte ſich ſtets, bis man vor Hansjörgs Haus kam; dieſer richtete eben einen Wagen her, und als er ſein Kind ſo blutend fand und ohnmächtig ſah, ſchlug er die Hände über dem Kopfe zuſammen. Peter ſchlug das eine Auge auf, das andere aber blutete immer ſtärker. „Wer hat dir das gethan?“ fragte Hansjörg mit ge⸗ ballter Fauſt, bald ſein jammerndes Kind, bald den zitternden Conſtantin betrachtend. „Ich bin vom Baum gefallen,“ ſagte Peter, auch das geſunde Auge zudrückend, ach Gott, ach Gott, mein Aug' lauft aus.“ Kaum hatte Conſtantin das gehört, ſprang er ſchnell fort nach Horb zu dem jungen Erath, der jetzt das Amt ſeines verſtorbenen Vaters bekleidete. Mit namenloſer Angſt lief Conſtantin vor dem Hauſe des Chirurgen ein⸗ her, der über Feld gegangen war; er hielt ſich immer mit der Hand ein Auge zu, um ſich das Unglück Peters recht zu vergegenwärtigen. Weinend und ſtöhnend biß er ſich die Lippen blutend, er wollte als ein Miſſethäter in die weite Welt entfliehen, und doch wollte er ausharren, um zu retten was zu retten war; ſchnell entlehnte er ein geſatteltes Pferd, und endlich kam der Erſehnte, er ritt ſchnell davon, aber Conſtantin lief noch ſchneller ohne auszuſchnaufen den Berg hinan. Der Chirurgus erklärte das Auge für unrettbar verloren. Conſtantin ſchloß ſeine beiden Augen, es war ihm, als ob plötzlich Nacht und Blindheit über ihn hereinbreche; Hansjörg aber ſah mit thränenſchweren Blicken vor ſich hin und hielt krampfhaft den Stumpffinger an ſeiner rechten Hand. Er ſah es als eine ſchwere Strafe Gottes an, der dafür, weil er einſt muthwillig ſich ſelber verletzt, jetzt ſeinem Kinde das Auge nahm. Mild und liebreich behandelte er den un⸗ ſchuldigen Peter, der für ihn ſo Hartes erdulden mußte— 204 Die Mutter aber, das uns wohlbekannte Kätherle, war nicht ſo demuthvoll, ſie ſagte ganz offen, daß das gewiß der vermaledeite Conſtantin gethan habe; ſie jagte ihn aus dem Hauſe und ſchwur, daß ſie ihm das Genick breche, wenn er noch einmal über die Schwelle käme. Peter beharrte bei ſeiner Ausſage, und Conſtantin verlebte die qualvollſten Tage; er rannte immer im Feld umher, wie von einem böſen Geiſte getrieben, und wo er einen Stein ſah, da erzitterte ſein Herz.„Kain! Kain!“ rief er oft, und er wünſchte, daß er auch in die Wüſte entflie⸗ hen könnte, aber er kehrte immer wieder nach Hauſe zurück. Nach drei Tagen endlich wagte er es, ſeinen Kame⸗ raden zu beſuchen. Er duckte ſich und war bereit, die härteſten Schläge auszuhalten, aber der Zorn der Mutter hatte ſich gelegt, es geſchah ihm nichts. Jo ſaß am Bette des Kranken, deſſen Hand haltend. Conſtantin ſchob den Jvo bei Seite und faßte die Hand Peters ohne ein Wort zu reden, ſein Athem zitterte, end⸗ lich ſagte er: 205 „Geh du fort, Jo, ich bleib' da, wir haben mit ein⸗ ander zu reden.“ „Nein, laß ihn da, der Jvo darf Alles wiſſen,“ ſagte der Halbgeblendete. „Peter,“ ſagte Conſtantin,„in der unterſten Höll' kann man nicht mehr ausſtehen, als ich ausgeſtanden hab'. Ich hab' unſern Herrgott oft darum gebeten, er ſoll mir mein Aug nehmen und das deinige erhalten; ich hab' mir, wo ich allein geweſen bin, immer ein Aug zugehal⸗ ten, ich will nicht mehr haben als du, gelt, lieber, guter, herziger Peter du verzeihſt mir?“ Conſtantin weinte bitterlich, und der Kranke beſchwor ihn, doch ja ſtille zu ſein, ſonſt würden es ſeine Eltern merken, auch Jvo tröſtete den Unglücklichen; ſchnell aber erhob ſich in dieſem ſeine alte Natur und er ſagte: „Ich wollt' es thät mir einer ein Aug' ausſtechen, dann bräucht' ich auch kein Pfarrer zu werden, hinter die Bücher hocken und ein Katzengeſicht machen, wenn die anderen Leute fröhlich ſind, ſei froh, daß du nur ein Aug' haſt, du brauchſt nicht Pfarrer zu werden. Aber wart nur, der Letzt' hat noch nicht gepfiffen.“ Jvo faltete die Hände und ſah den wilden Knaben kummervoll an. In der That konnte nun auch Peter nicht mehr Geiſt⸗ licher werden, denn geſchrieben ſteht 3 B. M. C. 3. V 1 „Wenn du dem Herrn ein Ganzopfer darbringſt, ſo ſoll es vollſtändig ſein, es darf keinen Fehler haben.“ Ein Geiſtlicher darf keinen Leibesfehler haben. Noch in der letzten Stunde, als ſchon der Wagen vor dem Hauſe ſtand, und Conſtantin bei Peter Abſchied nahm, ſagte er:„Ich wollt' daß der Wagen umſtürzen und ich einen Fuß brechen thät. B'hüt di Gott, Peter, und gräm dich nicht zu arg über dein verlorenes Aug.“ Auf Jvo hatten die Worte Conſtantins, die ſein inner⸗ ſtes Widerſtreben gegen den geiſtlichen Stand bekundeten, einen tiefen Eindruck gemacht. Oft, wenn er ſo einſam ſeines Weges nach der Schule ging, ſagte er leiſe vor —— 206 5 ſich hin:„ſei froh, daß du nur Ein Aug' haſt, du brauchſt nicht Pfarrer zu werden,“ und er hielt wechſelweiſe ein Auge zu, um ſich zu verſichern, daß er nicht in dem Fall ſei; den Conſtantin konnte er gar nicht begreifen, und doch betete er eine Zeit lang für ihn in der Kirche. Indeß war auch die Zeit herangenaht, da Jvo nach erſtandener Prüfung in das Kloſter zu Ehingen abreiſen ſollte. Im elterlichen Hauſe wurde die Ausſteuer herbeigeſchafft, als ob er verheirathet würde. Eine Weile freute ſich Jvo mit den neuen Kleidern, aber bald überwog das Gefühl des Abſchiedes, und eine unnennbare Bangigkeit breitete ſich über ſein ganzes Weſen aus; doch war er froh, daß ſeine Mutter mit Nazi und dem Falben ihn noch beglei⸗ ten wollten. Nachdem er von dem Kaplan, von den Kameraden in Horb und von der Frau Hanklerin Abſchied genommen, begann er ſchon drei Tage vor der Abreiſe ſeinen Rundgang durch das Dorf. Alles wünſchte ihm von Herzen Glück, denn jedes wollte ihm wohl, und pries die Eltern eines ſo ſchönen und trefflichen Knaben glück⸗ lich. Hier und dort erhielt er auch ein Geſchenk, ein Sacktuch, ein paar Hoſenträger, einen Beutel und ſogar etwas Geld; letzteres ſcheute ſich zwar Jvo anzunehmen, denn als Kind reicher Eltern ſchien es ihm faſt beleidigend, aber er dachte wieder: die Geiſtlichen müſſen Geſchenke annehmen, und freute ſich kindiſch mit den neuen Sechs⸗ kreuzer⸗Stücken. Der Rundgang durch das Dorf war ſchneller beendigt als Jvo gedacht hatte. Er ließ ſich nun vor den Häuſern, in denen er bereits Abſchied genommen, nicht mehr ſehen; denn es liegt eine unangenehme Empfin⸗ dung darin, Leuten, denen man bereits feierlich und auf Lange Lebewohl geſagt, wieder ſobald als derſelbe unter die Augen zu treten, es iſt als ob ein tiefes Gefühl dadurch verwiſcht würde, und als ob man eine eingegan⸗ gene Schuld noch nicht getilgt habe. Jvo blieb daher faſt wie ein Gefangener zu Hauſe, verweilte bei ſeinen Tauben, nahm von ihnen und von all den ſtillen Plätz⸗ chen feierlichen Abſchied. 207 Am Abende vor der Abreiſe ging er in das Haus der Emmerenz, um Adjes zu ſagen. Emmerenz brachte ihm etwas in ein Papier gewickeltes und ſagte:„Da, nimm's, es iſt ein's von meinen Geitle.“ Obgleich Jvo keinen Widerſpruch machte, ſagte ſie doch:„Nein, du mußt's nehmen. Weißt du noch wie ich's von der Hohlgaſſe reingetrieben hab'? da ſind ſie klein und wunzig geweſen, und du haſt ja auch Futter für's geſammelt; nein, nimm's nur, das könnet ihr morgen auf dem Weg verzehren.“ In der einen Hand hielt Jvo die gebratene Ente, die andere reichte er Emmerenz und ihren Eltern zum Ab⸗ ſchiede. Mit ſchwerem Herzen ging er dann nach Hauſe. Hier war Alles in großer Geſchäftigkeit, man wollte heut' Nacht um ein Uhr fort, damit man noch„eitlich“ nach Ehingen käme. Auf der Ofenbank ſaß ein Waiſenknabe aus Ahldorf, der ebenfalls in das Kloſter eintreten ſollte; neben ihm lag in einem blauen Kiſſenüberzuge ſein Bün⸗ del. Jvo vergaß ſeinen eigenen Schmerz über dem Mit⸗ leid mit dem Waiſenknaben, den Niemand begleitete, der, allein und verlaſſen, auf gute Leute bauen mußte. Da er keinen andern Troſt bei der Hand hatte, hielt er ihm die Ente unter die Naſe und ſagte:„guck, das eſſen wir morgen mit einander. Gelt, du ißt doch auch gern ein gut's Schlegele oder ein Stückle von der Bruſt?“ Er ſah hiebei ganz fröhlich aus, und um dem Fremden die volle Gewißheit ſeines Antheils zu geben, ſagte er:„Da haſt's, kannſt's in deinen Bündel thun.“ Die Mutter wehrte dieß ab, weil ſonſt die Kleider beſchmutzt würden. Man ging früh zu Bette. Der Waiſenknabe, Bar⸗ tholomä genannt, ſchlief in Nazi's Bett, da dieſer auf⸗ bleiben mußte, um den Gaul zu füttern und dafür zu ſorgen, daß man nicht verſchlafe. Als Jvo ſchon zu Bette lag, kam die Mutter noch⸗ mals, leiſen Schrittes. Sie hielt die Hand vor das Licht an der Oellampe, die ſie trug, um den etwa Schlafenden nicht zu ſtören; Jvo aber wachte noch, und die Mutter ſagte, indem ſie behutſam die Decke unter ſeinem Kinn —— 8 208 feſtlegte, und dann mit der Hand über ſeinen Kopf fuhr: „Bet' auch recht, dann ſchlafſt du gut. Gut Nacht.“ Jvo weinte bitterlich als ſeine Mutter fort war. Wie eine Lichtgeſtalt war ſie verſchwunden, und er lag wieder in dichter Finſterniß. Es war ihm, als wäre er ſchon fern in ödem, fremdem Haus; dann dachte er wieder, daß morgen ſeine Mutter nicht mehr zu ihm käme, und er ſchluchzte in die Kiſſen hinein. Er dachte an Emmerenz und an alle Leute im Dorfe, er hatte ſie alle ſo lieb, er konnte ſich gar nicht vorſtellen, wie ſie es denn machen würden, wenn er nicht zu Hauſe wäre, ob denn noch Alles gerade ſo fortginge wie geſtern; er meinte, alle Leute müßten ihn ſo entbehren, wie er ſich nach ihnen ſehnte, in das Leben Aller müßte ſein Weggehen ſo tief eingrei⸗ fen, wie in das ſeinige, er weinte um ſich und um die anderen, und ſeine Thränen floſſen unaufhaltſam. End⸗ lich raffte er ſich auf, faltete die Hände und betete laut, mit einer Inbrunſt, als ob er Gott und alle Heiligen leibhaftig an ſein Herz drücke, dann ſchlief er ſanft ein. Blinzelnd ſchlug Jvo um ſich, als Nazi mit dem Lichte kam, er wollte nichts vom Aufſtehen wiſſen, Nazi aber ſagte mit betrübter Miene:„Ich kann dir nicht helfen, ſteh' auf, du mußt jetzt lernen aufſtehen, wie's die Leut' befehlen.“ Noch in der Stube taumelte Jvo wie ſchlaftrunken umher. Erſt der erweckende Kaffee brachte ihn zur vollen Beſinnung. Alles im Hauſe war auf den Beinen, Jvo nahm von allen ſeinen Geſchwiſtern weinend Abſchied. Der Bartet ſaß ſchon bei Nazi auf dem vordern mit dem Haferſack gepolſterten Brette, die Mutter war ſchon auf den Wagen geſtiegen, Joſeph, der älteſte Bruder, hielt den Falben am Zügel; da hob Valentin ſeinen Sohn in die Höhe und küßte ihn, es war das erſtemal in ſeinem Leben, daß er ihm dieſes Liebeszeichen gab, Jvo umſchlang ihn laut wehklagend, Valentin war ſichtbar gerührt, aber er war noch Mann genug, und hob Jvo auf das Wägelchen, — vw— — —— — * 209 reichte ihm die Hand und ſagte mit ſtockender Stimme: „B'hüt di Gott Jvo, ſei brav.“ Die Mutter hüllte Jvo zu ſich in den Mantel ihres Mannes, der Falb zog an, und fort ging es durch das Dorf, das ſtill und dunkel war; nur hier und dort brannte ein traurig Licht bei einem Kranken, und ſchwebten trübe Schatten der Wartenden an den Fenſtern vorüber. Kein Lebewohl ſagten die trauten Menſchen, die hinter all den ſtillen Mauern wohnten; nur der Nachtwächter hielt an der Leimgrube mitten in ſeinem Rufe inne, und ſagte: „Gluck auf den Weg.“ Faſt eine Stunde lang fuhren die Vier ſo fort, man horte nichts als den Hufſchlag des Pferdes und das Raſſeln des Wagens. Jvo lag an dem Herzen ſeiner Mutter und hielt ſie feſt umſchlungen. Jetzt wickelte er ſich plotzlich aus der warmen Ver⸗ hüllung und ſagte:„Bartel, haſt du auch einen Mantel?“ „Ja, der Nazi hat mir die Roßdeck geben.“ Jvo legte ſich wieder ſtill an das warme Herz ſeiner Mutter, und von Trauer und Müdigkeit überwältigt, ſchlief er ein. Seliges Loos der Kindheit, deren Wehe noch die ſtille Nacht des Schlummers in Vergeſſenheit einwiegt! Der Weg ging faſt immer durch den Wald, zuerſt bis Mühringen, dann durch das liebliche Eiachthälchen und den Badeort Imnau. Jvo ſah von allem dem nichts. Erſt als man die Haigerlocher Steige hinanfuhr, erwachte er und ſchreckte wahrhaft zuſammen, als er da unten die Stadt von den ſenkrecht ſteilen Bergen umdrängt ſah, es kam ihm 3 wie ein Wunder vor. Es tagte, und die Kälte wurde eine Weile empfind⸗ licher, denn es iſt, wie wenn beim Aufgang der Sonne die kalte Nacht ſich von der Erde erhöbe und mit ver⸗ ſtärkter letzter Kraft die irdiſchen Geſchöpfe anhauche. In Hechingen im Rößle kehrte man ein, ein junges Mädchen 3 ſtand unter der Thüre des Wirthshauſes. 210 Jvo mochte an Emmerenz denken, denn er ſagte: „Mutter, eſſen wir jetzt das Geitle?“ „Nein, in Gamertingen machen wir Mittag und da laſſen wir uns auch ein Süpple dazu kochen.“ Der ſonnenhelle Tag im ſchönen Killerthale, die wech⸗ ſelnden Gegenſtände, das fremde Leben der rauhen Alb heiterten Jvo auf, und als er eine große Rinderheerde auf der Waide ſah, ſagte er zu Nazi:„Verſorg' nur auch meinen Stromel gut.“ „Da iſt nicht mehr viel zu verſorgen, dein Vater hat ihn an den Buchmaier verkauft, der wird ihn dieſer Tage holen und in's Joch eingewöhnen.“ Jvo kannte die Lebensſtufen im Schickſale der Thiere zu gut, um hierüber eine Betrübniß zu empfinden; er ſagte daher nur:„Beim Buchmaier hat er's gut, der iſt rechtſchaffen gegen Menſch und Vieh, der wird ihm nicht zu viel zumuthen. Er ſpannt ja auch die Ochſen nicht in's Doppeljoch, da hat jeder ſein beſonderes, das plagt ſie nicht ſo arg, da können ſie ſich doch regen.“ Die Sonne neigte ſich ſchon zum Untergehen, als man in das Donauthal kam. Nazi ſchien beſonders auf⸗ geräumt. Er erzählte mit zurückgebogenem Kopfe allerlei drollige Streiche von dem nahe gelegenen Munderkingen, dem man das Gleiche nacherzählt, was man ſonſt den Schildburgern aufbürdet; Jvo lachte aus voller Seele und er ſagte einmal:„Ich wollt', wir könnten ein ganz Jahr lang mit einander in der Welt herumfahren.“ Das hatte aber jetzt ein Ende, denn man war vor Ehingen angelangt. Jvo fuhr zuſammen und faßte die Hand ſeiner Mut⸗ ter feſt. WMan ſtellte in der Traube, nicht weit von dem Klo⸗ ſter, ein. Kaum hatten ſich unſere Reiſenden an einen Tiſch geſetzt, als es zur Veſper läutete; die Mutter ſtand auf, winkte den beiden Knaben, ſie gingen mit ihr zur Kirche. Es liegt eine tiefe Macht in der allverbreiteten Sichtbarkeit * 211 der katholiſchen Religion: wohin du wanderſt und wo du dich niederläſſeſt, überall ſtehen hohe Tempel offen für deinen Glauben, deine Hoffnung, deinen Gott, überall kniet die Gemeinde, andächtig nach denſelben Heilig⸗ thümern aufſchauend, dieſelben Worte im Munde, dieſel⸗ ben Zeichen führend; überall biſt du unter Brüdern und Kindern des einen heiligen ſichtbaren Vaters zu Rom. Der katholiſche Glaube in ſeiner ſtrengen ungetheilten Einheit und Allverbreitung, zeigt dir überall Säulen und Hallen, getragen vom Namen deines Herrn, und im Hauſe deines Gottes findeſt du überall dein Heimathhaus und den gleichen Eingang zu deiner ewigen Urſtänd. So lag die Mutter Chriſtine mit den beiden Knaben im andächtigen Gebete vor dem Altar. Sie wußten nicht mehr, daß ihre Heimath weit weg, die Hand des Herrn hatte den Kommenden eine ſelige Heimath auferbaut. Feſt und innig, gottvertrauend nahm die Mutter ihren Sohn an die eine, den Waiſenknaben an die andere Hand, und ging mit ihnen zum Kloſter. Hier war überall ein buntes Hin- und Herrennen, Trachten aus allen katholiſchen Gegenden des Landes waren hier zu ſchauen. Nachdem der Famulus am Eingange des Kloſters die Zeugniſſe eingeſehen und wieder zurückgegeben, wurden die drei zum Direktor geführt. Dieſer war ein alter, grämlich ausſehender Mann, er ſagte auf alle Reden der Mutter Chriſtine nur: gut, gut, ſchon recht.“ Er hatte heute ſchon gar viel anhören müſſen, daß man es ihm nicht verübeln konnte, wenn er wortkarg war. Jvo zupfte ſeine Mutter am Rocke und ſie bat nun, daß der„Herr Hochwürden“ erlauben möchten, daß ihr Sohn noch heute Nacht mit ihr im Wirthshauſe ſchlafe. Nach einer Weile ſagte der Mann:„Meinetwegen, aber morgen früh vor der Kirche muß er da ſein.“ Bartel nahm einen ſehr wortreichen Abſchied von der Frau Chriſtine. Der arme Knabe war es gewohnt, oft guten Leuten zu danken, und er konnte es ſo meiſtermäßig 1* ——— 212 . ſ wie eine Litanei. Er folgte willig dem Famulus in ſein Zimmer. Jvo ſprang und hüpfte frohlich, da er nun noch bei ſeiner Mutter bleiben durfte, und er plauderte mit ihr noch lange in die Nacht hinein. Ein klarer Sonntag im eigentlichen Sinne des Wortes leuchtete des andern Morgens. Schon eine Stunde vor der Kirche ging Jvo an der Hand ſeiner Mutter nach dem Kloſter, der Nazi ging hinter drein mit dem Gepäcke und dem Bündel für Bartholomä. Die Mutter half Jvo nun ſeine Sachen in den bereit ſtehenden Schrank einräumen und zählte ihm Alles vor, oft blickte ſie aber traurig umher, da ſie ſah, daß zwölf Knaben hier in einer Stybe hauſen mußten. Es läutete auf der Kloſterkirche. Mutter und Sohn trennten ſich; denn dieſer mußte ſich zu ſeinen Kameraden geſellen. Nach der Kirche ging die Mutter zur Frau Speiſe⸗ meiſterin, das war noch eine Frau, mit der konnte man doch eher reden. Sie bat ſie, ihrem Jvo doch mitunter etwas zwiſchen der Zeit zu geben, der Bub vergeſſe ſonſt daran, ſie wolle ja gerne Alles doppelt vergelten. Jvo durfte noch eine Weile vor dem Eſſen zu ſeiner Mutter in's Wirthshaus. Auch der Frau Traubenwirthin legte die ſorgſame Mutter ihren Sohn an's Herz, ſie ſolle ihm immer geben, was er wolle, Alles pünktlich auf⸗ ſchreiben, und es werde richtig bezahlt werden. Die ge⸗ ſchäftige Wirthin verſprach Alles, obgleich ſie wohl wußte, daß ſie nichts für ihn thun konnte. Bei Tiſche aß Jvo mit gutem Appetit, er wußte ja, daß ſeine Mutter bei ihm war; nach dem Eſſen aber ging er betrübt zur Traube zurück, denn jetzt kam der ſchwerſte — 214 Abſchied. Er ging in den Stall zu Nazi, der eben den Falb aufſchirrte. „Gelt, Nazi,“ ſagte er,„du bleibſt mir auch ein guter Freund?“ „Kannſt darauf ſchwören, wie auf's Evangelium,“ erwiederte dieſer, dem Pferde das Kummet über den Kopf ſchiebend; er kehrte ſich nicht um, denn er wollte ſeine Rührung verbergen. „Und du grüßt mir auch alle Leut', die nach mir fragen?“ „Ja, ja, g'wiß, gräm' dich nur nicht ſo, daß du jetzt nimmehr daheim biſt; das iſt noch ein fröhlich Abſchied⸗ nehmen, wenn man ſo zurückdenken kann, daß daheim Leut' ſind, die Einen von Herzen gern haben und denen man nichts Leids gethan hat.“— Die Stimme Nazi's ſtockte, die Kehle war ihm wie vertrocknet und es drückte ihn im Halſe; Jvo merkte von alle dem nichts, denn er fragte: „Und die Tauben, gelt, die gibſt nicht weg, bis ich wieder komm'?“ „Kein Federle kommt weg. Geh' jetzt aber'nein zu deiner Mutter, wir müſſen fort, ſonſt iſt morgen der Tag auch hin. Sei nur fröhlich und laß dich's nicht zu arg keien,*) das Ehingen iſt ja auch nicht aus der Welt. Huuf Falb.“ Er führte das Pferd an das Wägelchen und Jvo ging zu ſeiner Mutter. Als er ſie ſo jämmerlich weinen ſah, unterdrückte er ſeinen Schmerz und ſagte: „Müſſet nicht ſo jammern, das Ehingen iſt ja nicht aus der Welt, und bis Oſtern komm ich wieder, da wollen wir aber luſtig ſein, hui!“ Schmerzlich preßte die Mutter ihre Lippen zwiſchen die Zähne, dann beugte ſie ſich zu Jvo nieder, umfaßte ihn und küßte ihn und„bleib fromm und gut,“ das waren die letzten Worte, die ſie hervorſchluchzte; dann *) Keien, ſo viel als verdrießen. 1 215 ſtieg ſie auf den Wagen, der Falb zog an, das Thier ſchaute ſich nochmals um, als wollte es auch von Jvo Abſchied nehmen, der Nazi winkte noch einmal mit dem Kopfe, und fort raſſelten ſie. Jvo ſtand da, die Hände in einander gelegt, geſenk⸗ ten Hauptes. Als er den thränenſchweren Blick empor⸗ richtete und nichts von ſeinen Lieben mehr ſah, da trieb es ihn mit zauberiſcher Gewalt, er rannte dem Wägel⸗ chen nach durch die Stadt, da ſah er es von ferne auf der weißen Straße vahin eilen. Er blieb ſtehen und kehrte dann in die Stadt zurück: da waren alle Menſchen ſo froh und zu Hauſe, nur er war fremd und traurig. Draußen aber auf dem Wägelchen nahm die Mutter ihr „Nuſter“*) in die Hand und betete:„Liebe, heilige Mut⸗ ter Gottes! Du weißt, was Mutterliebe iſt, du haſt es in Schmerzen und Freuden empfunden. Beſchütze mein Kind, es iſt mein Herzblättchen. Und wenn ich eine Sünde damit thue, daß ich ihn ſo lieb hab', laß die Schuld mich entgelten und nicht ihn.“—— Als Jvo in das Kloſter zurückkam, mußte er ſogleich wieder in die Mittagskirche; aber er konnte dießmal keine Andacht finden, er war zu abgemattet, ſein Herz zitterte zu ſehr. Er war zum erſtenmale in der Kirche ohne zu wiſſen, daß er darinnen ſei: gedankenlos ſang, gedanken⸗ los hörte er. Schon in dieſem einzigen Umſtande liegt ein Ergebniß der nunmehr eintretenden Lebensweiſe: die eigene Willens⸗ beſtimmung trat zurück, der Befehl und das Geſetz herrſchte. So ward nun das Leben unſeres Jvo ein geſetzmäßiges ſtrenges Einerlei, und wenn wir den Verlauf eines Tages kennen, kennen wir die andern alle. Die Knaben ſchliefen in großen Sälen unter Aufſicht eines Repetenten. Morgens halb ſechs Uhr wurde geläutet, der Famulus kam, zündete die an der Decke hängende Laterne an, und *) Von pater noster, ſo viel als Roſenkranz. 7 216 — nun mußte Alles in die Kirche zum Gebet; dann ging es zum gemeinſamen Frühſtück, worauf die Privatarbeit begann, bis um acht Uhr, da der Unterricht ſeinen An⸗ fang nahm; von dieſem ging es zum gemeinſamen Tiſche, nach welchem man eine Stunde„Recreation“ hatte, d. h. unter Aufſicht ſpazieren ging. Nach dem hierauf fortge⸗ ſetzten mehrſtündigen Unterrichte durften die Knaben eine Weile im Hofe ſpielen, aber auch hier fehlte das offene Auge des Aufſehers nicht. Wie ſchon der beſchränkte Raum die Unfreiheit anzeigte, ſo war dieſe auch inmitten des„freien“ Spiels: nirgends eine ſelbſtgeſchaffene unge⸗ bundene Freude, und vor Allem nie ein ſtill in ſich gehegtes Alleinſein. Zu Hauſe war Jvo wie das Kleinod der Familie ge⸗ halten worden: wenn er in der Stube bei ſeinen Büchern ſaß, ſorgte die Mutter behutſam, daß ſich kein Lärm und kein Geräuſch in ſeiner Nähe finde, faſt Niemand durfte die Stube betreten, und es war, als ob drinnen ein Hei⸗ liger geheimnißvolle Wunder vollführe; hier aber, wenn es nach dem Nachteſſen nochmals zur Privatarbeit ging, regte ſich bald da bald dort Einer und piſperte, wenn auch nur leiſe, Jvo konnte ſich nicht enthalten, darauf hinzuhorchen, und er arbeitete läſſig. 2 Wer es weiß, welch' eine unergründliche Macht oft die Seele durchdringt, die einſam mit ſich in ihren eigenen Gedanken ſich ſpiegelt, oder fremde Gedanken in ſich auf⸗ nimmt, wer jenen lautloſen Geiſtesverkehr kennt, der ſich ſtill ausbreitet, wie die Blume ſich geräuſchlos entfaltet, der wird den Schmerz Jvo's mit empfinden, daß er nun gar nicht mehr allein war. Er gehörte nicht mehr ſich ſelber, er gehörte unaufhörlich einer Genoſſenſchaft an. Um neun Uhr läutete es wieder zum allgemeinen Ge⸗ bet, worauf Alles ſich zur Ruhe begeben mußte. Erſt jetzt wurde Jvo ſich ſelber wieder gegeben, und er flüchtete ſich in Gedanken zu den Seinigen, bis der Schlaf Alles zudeckte. So kam ſich Jvo in den erſten Tagen wie verkauft — —————— ⸗ W vor, denn nirgends war mehr freier Wille, Alles Ver⸗ ordnung und Gebot; eine grauſame Erfahrung ſtand vor ſeiner Seele: die Unerbittlichkeit des Geſetzes. Es iſt eine folgerechte Anordnung jeglichen äußerlich feſt beſtimmten Kirchenthums, daß es ſchon frühe ſeinen Zöglingen die Fruchtbarkeit des freien Willens ausſchnei⸗ det und all ihr Thun und Denken in die unbeugſamen Geſetze einjocht.— Die höchſte Aufgabe der Bildung iſt aber die Erzie⸗ hung zur Pflicht, zur Erfüllung des Geſetzes, das wir in der Erkenntniß finden. Voll Trübſal ging Jvo umher, und es bedurfte nur eines harten Wortes, um die Thränen aus ſeinen Augen hervorzulocken. Das merkten ſich einige loſe Kameraden und ſie neckten ihn auf allerlei Weiſe. Es waren mit⸗ unter rohe, häßliche Geſellen, die, aus einem niedrigen Hausweſen gekommen, ſich bei der guten Koſt und der Fürſorge für Alles behaglich fühlten. Sie merkten, daß Ivo eckel ſei und ſprachen bei Tiſche allerlei eckelerregende Dinge, ſo daß Jvo oft ohne einen Biſſen zu eſſen aufſtand. Die Vorſorge der Mutter bei der Speiſemeiſterin kam ihm jetzt ſehr zu ſtatten. Das Vielregieren erzeigt überall ein Umgehen des Ge⸗ ſetzes, das die Wächter ohne ſtrenge Ahndung hingehen laſſen müſſen, und ſo hatten mehrere Knaben außer dem, was ſich wie durch eine geheime Ueberlieferung forterbte, bald allerlei Schliche und Winkelzüge zu größerer Freiheit erſonnen; Jvo aber nahm keinen Antheil daran, ebenſo wenig als an den geheimen Poſſen, die man mitunter den Lehrern und Aufſehern ſpielte— er war ſtill und allein. Der Brief an ſeine Eltern mag uns ſeine Lage zeigen, er lautet: „Liebe Eltern und Geſchwiſter! „Ich wollte nicht eher ſchreiben, als bis ich mich hier „eingewöhnt hatte. Ach! ich habe in dieſen drei Wochen ſo „viel erlebt, daß ich wähnte, ich würde ſterben. Wahrlich! „wenn ich mich nicht geſchämt hätte, wäre ich wahrhaftig 218 % „wieder heimgelaufen. Ich dachte oft daran: es ging mir, „wie unſerer Algäuerin, die fraß auch nichts, bis ſie ſich „an das andere Vieh gewöhnt hatte. Wir haben hier „gutes Eſſen, jeden Tag, außer Freitag, Fleiſch, und am „Sonntag auch Wein. Die Frau Speiſemeiſterin that „mir viel Gutes; zu der Traubenwirthin darf ich nicht „hingehen, da der Beſuch von Wirthshäuſern uns uner⸗ „laubt iſt. Ach! wir ſind überhaupt ſehr ſtreng gehalten „—— Wir dürfen nicht einmal allein ſpazieren gehen, „Mittags eine halbe Stunde. O! wenn ich nur auch als „Flügel hätte, daß ich zu euch hinfliegen könnte. Am lieb⸗ „ſten iſt mir's, wenn wir auf den Weg ſpazieren gehen, „wo wir herein gefahren ſind, da denke ich an die grüne „Zukunft—— wo ich auch dieſen Weg in die Vacanz „gehe. Es iſt hier auch*) ſehr kalt, ſchicke mir doch ein „wollenes Unterwamms, liebe Mutter, vorn auf der Bruſt „grün ausgeſchlagen. Es friert mich hier viel mehr, als „da ich nach Horb ging, da konnte ich machen, was „ich wollte; hier bin ich gar nicht mein eigen. Ach! „mir iſt der Kopf oft ſo ſchwer vom Weinen, daß ich „wähne, ich würde krank werden. Liebe Mutter, betrübe „dich aber nicht zu ſehr, es wird ſchon beſſer gehen, und „ich befinde mich auch ſonſt recht wohl; ich muß aber „doch mein Herz vor dir ausſchütten. Ich will gewiß „recht fleißig ſein, da wird mit Gottes Hülfe Alles gut „gehen; ich vertraue auf ihn, auf unſern Heiland, auf „die heilige Mutter Gottes und auf alle Heiligen, es hiel⸗ „ten es ja auch ſchon Andere vor mir aus. Seid alſo „recht vergnügt, habt einander recht lieb! denn wenn man „fort iſt, da fühlt man's, wie lieb man ſich haben ſoll, „während man bei einander iſt; ich wäre jetzt gewiß nie „ſtreitig oder unzufrieden, und das liebe Gretle würde „mich nicht mehr zanken. Lebet wohl, grüßet mir alle „gute Freunde, ich bin euer lieber Sohn Jvo Bock.“ *) Hier war frigor ad durchſtrichen. 2¹9 Postscriptum.„Liebe Mutter! Es kam auch ein neuer „Repetent an, nämlich des Schneider Chriſtle's Gregor, „er hat aber nicht ſeine Schweſter, ſondern eine fremde „Perſon bei ſich. Macht, daß der Schneider Chriſtle an „ihn ſchreibe, er ſolle ſich um mich annehmen.“ „Lieber Nazi, ich grüße dich von Herzen, ich denke „auch recht oft an dich. Man ſieht hier faſt lauter blaues „Algäuer Vieh, und wenn ich einen Bauer auf dem Felde „arbeiten ſehe, möchte ich immer gerade hin ſpringen und „ihm helfen. Der Speiſemeiſter hat auch Tauben, aber er „thut ſie alle ab auf den Winter!— Der Bartel wohnt „nicht mit mir auf einer Stube, er iſt ſehr zufrieden, er „hat es nie beſſer gehabt; er hat auch keine ſo liebe, gute „Mutter und auch keinen ſo Vater, wie ich. Wenn ich „nur einen rechtſchaffenen Kameraden hier hätte—“ „Man darf hier auch Beſuche Abends in Familien „machen, es gehen Viele dahin, aber ich kenne Niemand „hier. Ach Gott! wenn ich in Nordſtetten wäre——“ „Verzeihet mein ſchlechtes Schreiben, ach Gott! wenn „ich bei euch wäre, es liegt mir noch Vieles auf dem „Herzen, ich will aber jetzt ſchließen, es läutet zum Schlafen⸗ „gehen, denket auch recht oft an mich!“ Dieſer Brief machte einen gewaltigen Eindruck im elterlichen Hauſe, die Mutter ſteckte ihn in ihre Taſche und las ihn ſo oft, bis er in Stücke zerfiel; immer aber, wenn ſie an die Worte kam, wie:„ich dachte, ich that, ich konnte,“ ſchaute ſie ein wenig vom Blatte auf, ihr Kind war ihr hierin ſo fremd, dann aber beſann ſie ſich wieder, daß der Brief eben von einem„Gſtudirten“ ſei, und daß der Pfarrer in der Predigt ja auch ſo ſpreche. Ein beſonderes Kreuz waren dann noch die vielen Ge⸗ dankenſtriche, die konnten ſo gar Vieles enthalten. Der Nazi erbot ſich alsbald, eine ganze Nacht hin⸗ durch nach Ehingen zu laufen, um dem Jvo die gewünſch⸗ ten Sachen und Nachricht zu bringen. Das Walpurgle, die ſchöne Näherin, wurde nun in's Haus genommen, die Mutter gab ihr das Beſte zu eſſen 220 und zu trinken; es war ihr, als ob das dem Wämms⸗ chen zu gute käme, und dann ſagte ſie oft:„ſpar nur nichts, es iſt für meinen Jvo.“ Weihnachten war nicht fern, und ſo wurdefür Jvo Hutzelbrod gebacken, das mit Kirſchwaſſer ge⸗ knetet und mit ien Hei. ei⸗ nigem Geld und andern Sachen wurde in einen Sack gepackt, und ſpät am Abend ging Nazi damit durch das Dorf hinaus. Jvo wollte ſeinen Augen kaum trauen, als er auf dem Mittagsſpaziergange den Nazi mit einem Zwerchſacke daher kommen ſah; als aber Nazi winkte, ſprang er ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. Viele Knaben kamen herbei und ſtanden verwundert umher. „Bock,“ fragte Einer,„iſt das dein Bruder?“ Jvo nickte bejahend, er wollte nicht ſagen, daß der Nazi nur Knecht ſei. „Da muß dein Vater ein ſteinalter Bock ſein,“ ſagte ein anderer Knabe. Alle lachten. Der Clemens Bauer aber, ein Knabe aus dem Hohenlohiſchen, ſagte:„pfui, ſchämt euch, ihr Neidhämmel, ihr ſolltet euch mit freuen, daß er ſo eine Freud' hat.“ Er lief nun ſchnell zu dem Repetenten, der als Aufſeher mit ging, und Jvo erhielt durch ihn die Erlaubniß, allein mit Nazi heimzukehren. *) Gedörrte Birnen und Aepfelſchnitten. „— 221 Ein ſeliges Entzücken leuchtete aus dem Antlitze un⸗ ſeres Jvo, das war ein rechtſchaffener Bub; der Gedanke dämmerte durch ſeine Seele, daß er durch ſeinen Nazi auch zu einem Freunde kommen werde. An der Hand des alten Freundes ging er nun zurück, ſeines Redens und ſeiner Freude war kein Ende. Als nun gar noch die Sachen ausgepackt wurden, jauchzte er hoch auf. Er legte ſogleich Etwas zurück für den guten Clemens, aber auch einem jeden ſeiner Stubenkameraden theilte er bei ihrer Rückkehr Etwas mit. Nazi hatte auch einen Brief an des Schneider Chriſt⸗ les Gregor mitgebracht, Jvo trug ihn ſogleich hin, und Gregor bat ihn, öfter zu kommen und ihm alle ſeine Anliegen mitzutheilen. Abends durfte Jvo zu Nazi in's Wirthshaus, ſie konn⸗ ten gar nicht fertig werden mit Reden und Fragen. Als es zum Gebet läutete, ging Nazi noch mit bis an das Kloſter. Wie von einer freundlichen Hand getragen, faſt ſchwe⸗ bend ging Jvo die Kloſtertreppe hinauf, er fühlte ſich jetzt weit mehr hier zu Hauſe, da ſein ganzes Nordſtetten zu ihm hergekomnen war, indem es ihm ſeinen liebſten Ge⸗ ſandten geſchickt hatte; auch hatte er jetzt einen Gönner und einen Freund, Alles das durch den lieben, guten Nazi. Von nun an war das Leben unſers Jvo ein durch Fleiß, Heiterkeit und Freundſchaft gehobenes. Seine Mut⸗ ter ließ, wie man ſagt, keinen Vogel vorbeifliegen, ohne ihm Etwas an ihren Sohn mitzugeben. Und wie es dieſem in ſeinem Schranke faſt nie an etwas Beſonderem fehlte, ſo hatte er auch ſtets in ſeinem Herzensſchreine irgend eine heimliche Freude. Alles um ihn her gewann ein ſchöneres Leben, wozu beſonders auch die Ermunterung des Clemens beitrug. Dennoch ſchloſſen ſich die Beiden nicht ſo raſch an einander an, wie man hätte vermuthen ſollen; es bedurfte hiezu eines außerordentlichen Ereigniſſes. Die anderen Knaben aber, da ſie ſahen, daß Jvo bei dem Repetenten Haible, ſo hieß Gregor, viel galt, ließen ihn fortan ungekränkt und bewarben ſich ſogar um ſeine Gunſt. 222 Eine beſondere Freude gewann auch Jvo durch die Erlernung der Muſik. Man richtete ein möglichſt vollſtändiges Orcheſter für die Kirchenfeierlichkeiten ein, Jvo wählte das Waldhorn und gelangte bald zu einer ziemlichen Fertigkeit. Der Direktor wollte einſt den Knaben, die ein bloßes Kaſernenleben führten, wieder etwas Familien-Häuslichkeit zu koſten geben. Er lud daher in der Religionsſtunde die zwölf Erſten, wozu auch Jvo gehörte, auf einen Abend zu ſich ein. Dieſe Eröffnung wurde als Befehl angeſehen, und nach der Reihenfolge ihrer Plätze in der Klaſſe traten die Knaben, ein jeder ſich vielmal verbeugend, Abends ein. Der Direktor lebte mit ſeiner alten Schweſter zuſam⸗ men. Es wurde nun Thee bereitet und die Scholaren griffen ſchüchtern zu. Dem guten alten Manne ſelber war das Familien⸗ leben ſchon längſt abhanden gekommen. Statt daher die Knaben nach ihrer Heimath und dergleichen zu fragen, ſprach er mit ihnen von den Büchern und dem Studium. Nur einmal, als er einen luſtigen Spaß aus ſeiner Jugénd erzählte: wie nämlich zwei Blätter in ſeiner Bibel zu⸗ ſammengeklebt waren, und er ſich nicht zu helfen wußte, lief ein halblautes Kichern durch die Reihe der Knaben. Der Direktor aber knüpfte ſogleich die Lehre daran, daß, wenn man etwas in der Bibel nicht recht verſtehe, Einem noch irgendwo ein Blatt zugeklebt ſei. Als es neun Uhr läutete, ſagte er:„So, jetzt zum Nachtgebet.“ Alles ſtand auf und betete, dann ſagte er: „Gute Nacht,“ und die Knaben trollten ſich fort. Sie hatten wenig Familienleben bei dem Direktor gehabt. So verging für Jo der Winter. Oft war er auch ſehr betrübt, wenn er die Knaben aus der Stadt Schlitten fahren oder Schneeballen werfen ſah. Als aber draußen der Schnee ſchmolz und die erſten Triebe ſich in der Natur regten, da zitterte ſein Herz mit den Pulſen, die draußen die Erde belebten; es drängte auch ihn hinaus in die freie, ſonnige Heimath. — 8. Die Vacanz. Schon mehrere Wochen vor der Oſtervacanz hatte kein Knabe mehr ſeine Gedanken recht bei dem Lernen; Alles hüpfte und ſprang, wenn es an's Nachhauſegehen dachte. Jvo und Clemens gingen auf Spaziergängen oft Hand in Hand, und erzählten einander viel von der Heimath. Clemens war der Sohn eines Schreibers. Er hatte keine heimiſche Kindheit gehabt, da ſein Vater ſchon zum vrittenmale in eine fremde Stadt verſetzt worden war. Am Abend vor der Vacanz war großes Packen auf allen Stuben, wie vor einem Manöver; am Morgen aber mußten noch alle Knaben in die Kirche, und ſo laut ſie auch ſangen, ſo war ihr Denken und ihre Sehnſucht doch mehr nach ihrer irdiſchen Heimath gerichtet, als nach ihrer himmliſchen. Jvo nahm herzlichen Abſchied von Clemens, und nach der Fuhrmannsregel hielt er zuerſt kurzen Schritt, obgleich es ihn zur hochſten Eile drängte. Bartel begleitete ihn, er ging zu einer Baſe. Er war ein läſtiger Gefährte, denn wo unſer Herrgott einen Arm herausſtreckte, wollte er einkehren. Jvo willfahrte ihm erſt in Untermarchthal, wo ſich ihr Weg ſchied. Glücklicherweiſe traf hier Jvo jüdiſche Pferdehändler aus Nordſtetten. Sie hatten eine große Freude mit ihm, die er von ganzem Herzen erwiederte, ſie waren eben zur Abreiſe bereit und Jvo konnte mehrere Stunden mit ihnen fahren. Er fragte nun nach Allem, was im Dorfe vorgegangen war, und er hörte von Ge⸗ burt, Heirath und Tod. Jvo dachte, daß dieſe Drei die Parzen des Lebens ſeien, und ohne an dem überzähligen Fuß zu ſtraucheln, citirte er ſtill vor ſich hin: Clotho colum retinet et Lachesis net, et Atropos occat. ³0) *) Clotho hält nur den Rocken, und Lacheſis ſpinnet und Atropus ſchneid't ab. — 224 Als es bergan ging, zogen die reiſenden Handelsleute ihre Gebetriemen aus einem Beutelchen und legten ſie um Stirne und Arm, aus kleinen Büchern verrichteten ſie ſodann ihr langes Morgengebet. Jvo verglich die Athem⸗ wolken, die ihrem ſchnell bewegten Munde entſtrömten, mit dem Rauchopfer in der Bibel, denn er achtete jedes Glaubensbkkenntniß, und beſonders das jüdiſche als das uralt ehrwürdige. Er blickte auch in das offene Gebetbuch ſeines Nebenmannes und freute ſich, daß er auch ebräiſch leſen konnte. Der Betende nickte ihm ſtill aber freundlich zu. Jvo bewunderte die Fertigkeit, mit der dieſe Leute das Ebräiſche ſo ſchnell weglaſen, ſchneller als der Di⸗ rektor ſelber. Als Jvo herzlich dankend vom Wägelchen abſtieg, um ſeinen Weg zu Fuße weiter zu gehen, mußte gr ſeinen Landsleuten verſprechen, heute nicht mehr ganz Kach Hauſe zu gehen, damit er nicht krank werde. Sti ane Schritte fördernd, lobte Jvo innerlich ſein liebes Nordſtetten, in dem alle Menſchen ſo gut waren, Chriſt und Jud, Alles gleich. So ſehr auch die Gedanken Jvo's immer zu Hauſe waren, ſo merkte er doch auf Alles, und machte ſogar manche allgemeine Betrachtung. Mehrmals, als er von ferne die Thurmſpitze eines Dorfes erblickte, dachte er:„Es iſt doch ſchön, daß man von jedem Dorfe die Kirche zuerſt ſieht; da weiß man gleich, da ſind Chriſtenmenſchen bei ein⸗ ander, und ihr ſchönſtes und beſtes Haus gehört Gott.“ Ein andermal bemerkte er:„Wie prächtig iſt's, daß die Obſtbäume ſo rings um jedes Dorf Jtehen; ſie ſind die beſten Freunde von den Menſchen. Zuerſt kommt der Menſch, dann das Vieh, dann dis Dbſtbäume, die brau⸗ chen den Menſchen auch noch, er muß ſie äugeln, pfropfen und raupen. Es iſt doch wunderbar. Da rings herum iſt Alles Gras und klein Gewächs, und da auf einmal geht ein großer Stamm weit in die Luft hinein, und da hangt Alkes voll Blueſt.“*) Wune„ ⸗„* 225 O wunderſchön iſt Gottes Erde, Und werth darauf ein Menſch zu ſein, Drum wrill ich, bis ich Aſche werde, Mich ſeiner ſchönen Schöpfung freu'n. Jvo ſtand ſtille, die heilige Offenbarung von der Größe und Allmacht Gottes hatte ſich vor ihm aufgethan. Wenn nun auch die Seele unſers Jvo ſo in ſich be⸗ gnügt war, ſo ſchloß er ſich doch manchem Reiſenden an, der mit ihm des Weges ging; die Leute gewannen Alle ſchnell Zutrauen zu ihm, ſein freundliches Gemüth lag auf ſeinem Antlitze, und er war ganz glückſelig, daß überall lauter gute, freundliche Menſchen waren. Es war Nacht, als unſer Reiſender in Hechingen an⸗ langte, und ſo nur noch fünf Stunden von Hauſe ent⸗ fernt war. Er fühlte ſich zwar nicht ſehr müde, ja er hätte noch die ganze Nacht durchlaufen können, aber er dachte an ſein Verſprechen; ſodann wollte er auch bei hellem Tage nach Hauſe kommen.„Dunkel war's, als ich wegging,“ ſagte er, als er in der Herberge hinter dem Tiſch ſaß,„hell iſt's, wenn ich wieder komme.“ Er war ſogar ſo eitel, daß er wünſchte, ſein elterliches Haus läge am andern Ende des Dorfes, damit er mit ſeinem grünen Studentenränzchen durch das ganze Dorf hätte gehen und Aufſehen erregen können. Die Sonne leuchtete längſt in vollem Glanze, als Jvo erwachte. Das war ein fröhlicheres Erwachen, als bei der Kloſterlaterne. Es war ein ſchöner Tag, ein echter Jubeltag für die Vögel in der Luft und die Blüthen auf den Bäumen. Jvo wünſchte ſich nur auch Flügel zu haben, und er ließ wenigſtens ſeine Kappe in die Luft fliegen. Raſch ſchritt er des Weges dahin, plötzlich aber hielt er inne, ſetzte ſich an einen Rain, und die Worte aus 2. Buch Moſes C. 3 V. 5 ſprechend:„Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, auf dem du ſteheſt, iſt heiliger Boden,“ entkleidete er ſeine Füße. Hurtig, wie ein unbeſchlagenes 15 Füllen, ſprang er dahin, es ging j jetzt erſt recht der Heimath zu, bald aber merkte er, daß er im Kloſter das Barfußgehen verlernt hatte. Die Lippen vor Schmerz zu⸗ ſammenpreſſend und ſeine Füße wieder bekleidend, dachte er an den ſchönen Vers 12 im Pſalm 91:„der Herr wird ſeinen Engel vor dir herſenden, damit dein Fuß an keinen Stein ſtoße.“ In Haigerloch kaufte Jvo zwei roͤſche*) Faſtenbretzeln, die eine für ſeine Mutter, die andere für— Emmerenz. „Sie hat dir ja auch das Geitle geſchenkt,“ entſchuldigte er ſich bei ſeinem geiſtlichen Gewiſſen. Er machte gern den Umweg und ging der Landſtraße nach, denn er fürch— tete in ſeiner Herzensfreude zu verirren, er wollte ganz ſicher ſein; auch hatte er ſo eine größere Strecke durch das Dorf zu gehen, als wenn er von Mühringen kam. Je näher es nun der Heimath zuging, um ſo lichter wurde es für Jvo, um ſo mehr hob er im ſtillen Jubel die Arme empor. Manchmal aber fürchtete er auch, es wäre gar nicht möglich, daß er heim käme, die Freude wäre zu groß, er müſſe vor irgend einem Unglücke oder dem Uebermaße des Entzückens auf dem Wege erliegen; dann ſetzte er ſich oft nieder, um neue Kraft zu ſammeln. Die Leute hatten Unrecht, daß ſie von Haigerloch aus nur zwei Stunden rechneten,„den Weg hat der Fuchs gemeſſen, und hat den Schwanz dazu gegeben; das ſind— ja mehr als acht Stunden,“ dachte Jvo. O Heimath! du heiliger, trauter Ort. Da klopfen die Pulſe, da zittert das Herz: da iſt der Boden, da ſind die Wurzeln des Daſeins, zauberiſcher Athem haucht ringsum, durch die Gaſſen hin zieht die entſchwundene Kindheit, und Augen, längſt geſchloſſen, ſchauen freundlich zu dir nieder. Sei geſegnet! Sei geſegnet, du ſtille Heimath! Nicht weit vom Buchhofe ſah Jvo ſeinen Stromel an einem Pfluge ackern. Er ſprang ſchnell herzu, ſagte den Knecht, ob der Stromel gut ſei, und freute ſich ſeines *) Röſch, ſo viel als hartgebacken. * Nu ih⸗ au n um 227 Lobes; das Thier aber ſchien ihn nicht mehr zu kennen, es beugte ſeinen Kopf unter dem Joche erdwärts. Gern hätte ihm Jvo etwas gegeben, und er war nahe daran, ihm eine Bretzel vor die Schnauze zu halten, aber er ſchämte ſich und ging fürbaß. An der Ziegelhütte begegnete ihm des Hansjörgs Peter, der Einäugige, er reichte ihm traurig die Hand und ſagte: „Der Conſtantin iſt ſchon geſtern kommen.“ Von allen Leuten bewillkommt, ging Jvo weiter. Alles heimelte ihn an, was da lebte und was in ſtiller Ruhe ſtand, jeder Zaun, jede Holzbeuge ſchaute ihn traulich an und erzählte ihm vergangene Geſchichten; als er ſein elterliches Haus anſichtig wurde, zitterte es vor ihm, denn die Freudenthränen ſtanden ihm im Auge. UI Mſſ S Die Emmerenz ſaß mit des Schullehrers Kind unter dem Nußbaume. Als ſie den Kommenden erblickte, ging ſie ihh nicht entgegen, ſondern ſprang in das Haus und rief laut:„der Jvo kommt, der Jvo kommt!“ Die Mutter ſtand am Waſchzuber, ſie eilte ſchnell die Treppe hinab, trocknete ihre Hände an der Schürze und umarmte ihren lieben Sohn. Auch der Vater, das Gretle, 155 die Brüder, Alles kam fröhlich herbei, und die Mutter hielt ihren Arm um den Nacken ihres Sohnes und trug ihn faſt in's Haus. Nun kam auch die Emmerenz herbei, und ſagte:„Ich hab's gewußt, daß du heut' kommſt, der Conſtantin iſt ja ſchon geſtern kommen; geltet Bas, ich hab' ihn doch zuerſt geſehen,“ ſetzte ſie vergnügt, zu der Mutter ge⸗ wandt, hinzu. Nun kam auch endlich der Nazi, und nach herzlichem „Grüß Gott,“ zog er Jvo die Schuhe aus und brachte ihm ein Paar Pantoffeln. Unſerm Fremden kam die elterliche Stube ſo nieder vor, er war an die hohen Kloſterzimmer gewöhnt; ſich gewaltig reckend, wollte er mit ſeinen Armen nach der Decke hinaufgreifen, das war doch noch zu viel, obgleich er erſtaunlich gewachſen war. Die Mutter bereitete nun ſchnell für Jvo eine Suppe und einen Pfarrersbraten, ſo nennt man nämlich einen Pfannkuchen, weil dieß die gewöhnliche Koſt iſt, die man den Gäſten in den Pfarrhäuſern ſchnell vorſetzt. Jvo gab ſeiner Mutter die Bretzel und ging dann zu Nazi in den Stall. Die Thiere erkannten ihn wieder, beſonders die Algäuerin drehte ihm die Stirne zu, und ließ ſich gar gerne von ihm zwiſchen den Hörnern krauen. „Hoſt mir denn gar nichts gekrohmt?*) fragte Nazi lächelnd. Jvo langte in die Taſche und gab ihm ſtill die noch übrige Bretzel. Er ward hierdurch auch von dem Zweifel befreit, ob er nicht Unrecht thäte, wenn er der Emme⸗ renz Etwas mitbringe; als er aber wieder in die Küche zurückkam, hörte er, wie die Emmerenz ſagte: „Nu, Bas, was krieg i denn für e Bäckebrod?**) „Nimm die Bretzel, die er mitbracht hat, du wirſt nichts dagegen haben, Jo, ich nehm's für genoſſen an, aber ich kann's nimmeh gut beißen.““ — Ein Mitbring von der Reiſe heißt„Krohm“, Kram. *) Botenlohn für Verkündigung einer guten Botſchaft. 229 Gern willigte Jvo ein, die Emmerenz hatte nun doch was von ihm; es verdroß ihn aber ſehr, daß ſie alsbald dem ſchreienden Kinde die Hälfte davon abgeben mußte. Ueberhaupt nahm er viel Aergerniß an dem Kinde, das ſchon ſo groß war, und das Emmerenz noch immer herum⸗ ſchleppen mußte, ſo daß es oft ausſah, als müßte ſie das Uebergewicht erhalten und umſtürzen. Er ſagte daher mit gewichtigem Ernſt: Du thuſt eine Sünd', Emmerenz, an dir und an dem Kleinen, wenn du's auf den Arm nimmſt; das Kind hat ſtarke Füß', es kann laufen und muß es lernen, und du ſchleppſt dich krumm.“ Emmerenz ſetzte ſogleich das Kind nieder, und nahm es, trotz des Schreiens, nicht mehr auf den Arm; der Jvo war ja jetzt ein junger Pfarrer, und er hatte ja geſagt, es ſei eine Sünd'. 2 Dieſe Zurechtweiſung im Dienſtverhältniß war faſt die einzige Theilnahme, die Jvo während der ganzen Vacanz an Emmerenz bezeigte; er glaubte, ſie vor ſeinem Gewiſſen wohl verantworten zu können, mehr aber nicht. Das Mädchen ſah ihn oft fragend an, wenn er ſich ſo gar nichts um es kümmerte. Nur einmal in einer guten Stunde fragte er noch: „Wo haſt denn dein' Katz?“ „Narr, denk nur, der Pfannenflicker, der Hunskaspar, der hat ſie geſtohlen, hat ihr die ſchöne ſchwarze Haut abgezogen, und das gut Minzchen gefreſſen.“ Nachmittags genoß Jvo die volle Ehre des Willkomms bei einem großen Theile des Dorfes. Er hielt ſich bei allen Leuten gerne auf, es that ihm wohl, daß er nun ein ſo weit gereister Menſch war, daß alle auf ihn zu⸗ kamen, ihm die Hand gaben und ſein gutes Ausſehen bewunderten. Aber; nicht bloß Eitelkeit verklärte ſein Antlitz, noch ein höheres Gefühl ſtrahlte darauf: er em⸗ pfand den höchſten Genuß darin, daß die Leute alle ſo eine recht innige Freude mit ihm hatten. Das innerſte Streben ſeines Herzens fand eine wohlige Befriedigung. * 3 3 230 „Wie„heimelich“ war es dann Jvo Abends wieder, als er zu Hauſe lag, als ſeine Mutter zu ihm kam und ihn ſorgfältig zudeckte. Weiße Weihnachten, grüne Oſtern, das war dieſes Jahr eingetroffen. Andern Tages war Oſterſonntag, Alles ſchien doppelt hell und grün. Jvo ſtand wieder wie vor⸗ dem unter dem Nußbaume, an dem die bräunlich zarten Blätter noch ſcheu in ſich zuſammengehüllt waren; er be⸗ trachtete wieder mit alter Luſt ſeine Tauben, aber er ſang nicht mehr, das ſchickte ſich nicht für ihn. Nach der Mittagskirche machte ſich Jvo auf den Weg, um nach Horb zu gehen. Draußen im Scheubuß, an des Paule's Garten, ſaßen mehrere Frauen auf dem Brücken⸗ mäuerchen bei der Trauerweide, deren Aeſte in allerlei Bogen verwachſen ſind. Sie ſtanden alle ehrerbietig auf, als Jvo freundlich grüßte, eine aber trat auf ihn zu, und nachdem ſie ihre Hand mehrmals an der Schürze abgerieben hatte, reichte ſie ihm dieſelbe; wir kennen ſie noch wohl, obgleich ſie ſehr gealtert iſt, es iſt die Mutter Marei. „Grüß Gott Jvo,“ ſagte ſie,„du biſt recht gewachſen, ich ihrze dich nicht, bis du einmal im Seminar zu Rot⸗ tenburg biſt.“ „Ihr dürfet allfort du ſagen, Bas.“ „Nein, nein, das geht nicht.“ Die anderen Frauen kamen auch herbei und betrach⸗ teten den jungen Hajrle, aber keine redete ein Wort, ſo ſcheu waren ſie vor ihm. „Wie geht's dem Mathes und dem Aloys in Amerika?“ fragte Jvo. „Guck, das iſt brav, daß du an ſie denkſt. Mein Aloys hat mir erſt wieder geſchrieben. Du weißt, er iſt ſchon lang geheirath't mit der Mechtild', du kennſt ſie wohl, da des Matheſen vom Berg; ſie haben auch ſchon zwei Kinder, ich möcht' ſie nur ein gotzig's*) mal ſehen. Man iſt doch wie halb geſtorben, wenn man ſo verdammt *) Einziges, von Gott, dem Einzigen. — weit von einander iſt. Ich muß meinem Mathes und meinem Aloys ſeine Kinder ſehen, und die Söhnerin,*) die Amerikanerin, die kenn' ich ja noch gar nicht. Meine Buben ſchreiben mir allfort, ich ſoll kommen und kom⸗ men; ja, wenn's nur nicht ſo grauſam weit wär' nach dem Amerika; ſie wollen mich in Havre de grace abholen, und wenn's Gottes Wille iſt, geh ich nach Pfingſten mit Auswanderern von Rexingen fort. Wenn mich unſer Herrgott zu ſich nehmen will, weiß er mich ſchon zu fin⸗ den, wo ich bin. Gelt, ich hab recht?“ Jvo nickte bejahend, und Marei, ein ſorgfältig ein⸗ gewickeltes Papier aus der Taſche holend, ſagte:„Guck, das iſt der neu' Brief, du thätſt einen Gotteslohn, komm mit rein, lies mir ihn noch einmal vor; ich kann nicht Geſchriebenes leſen. Unſer Schullehrer, dem iſt's überleid, und der Judenſchullehrer hat mir ihn auch ſchon dreimal vorgeleſen: es iſt aber ein Wort darin, das können ſie all Beide nicht Frausbuchſtabiren, du biſt g'ſtudirt, du kannſt's gewiß.“ Jvo ging mit Marei in ihr Haus, die andern Frauen folgten erſt ſchüchtern, dann aber herzhaft nach, und ſetzten ſich ſtill horchend. Jvo las, und es wird wohl manchem alten Freunde des Tolpatſch lieb ſein, mit zuzuhören. Nordſtetten in Amerika am Ohiofluſſe, den 18. Oktober 18— „Liebe Mutter. Da ihr nicht wiſſet, wie mir's geht, ſo will ich's euch ſchreiben. Ich hab's euch von Anfang als gar nicht geſchrieben, wie hart mir's gegangen iſt; das iſt jetzund mit Gottes Hulf vorbei. Ich hab' als gedenkt, was braucht ſich dein Mütterle auch noch zu grämen, ſie kann dir doch nicht helfen, und da hab' ich Alles in mich'nein verſchluckt, und hab' gepfiffen und dabei recht geſchafft.“ Schwiegertochter. 6 6 3 232 Hier hielt Jvo einen Augenblick inne, er ſchien ſich das zur Lehre zu nehmen; dann fuhr er fort: „Nun, jetzt iſt Alles im Stand, es iſt kein' Kleinig⸗ keit, wenn man ſich ſo ein Haus bauen und alle Aecker zum erſtenmale umzackern muß, und neane*) kein Hulf und kein Rath von keinem Menſchen; jetzt ſieht's aber bei mir aus, ſchöner als beim Buchmaier. Es hat Arm⸗ ſchmalz gekoſtet, wir ſind aber doch geſund, und das iſt das Beſt'. Viele von unſeren Landsleuten ſind hier und haben's ärger als drüben, und müſſen an der Straß ſchanzen. Es gibt hier gar viele Verführer, wenn man an's Land kommt, die einem, weiß nicht was, vorſchwätzen, bis man keinen rothen Heller mehr im Sack hat, und darnach: haſt mich geſehen, fort ſind ſie. Es gibt recht ſcheinheilige Menſchen, hüben und drüben; die Ueberfahrt putzt nur den Magen aus, aber die Seel' nicht. Wir haben aber von dem Dampſfſchiffmann in Mainz ein' gute Anweiſung hehabt an eine Geſellſchaft von braven Män⸗ nern, von lauter Deutſchen, die einem umſonſt Weg und Steg zeigen, und Alles auf's Beſt' rathen; von uns iſt Keiner verunglückt. Saget das doch allen denen, wo noch rüber wollen, ſie ſollen Keinem trauen, als dem Mann und der Anweiſung. Von Anfang, wie ich als ein bisle von meinem Führer weggegangen bin, allein in Neuyork rum, bis der Mathes kommen iſt, da iſt mir's oft g'rad geweſen, wie wenn ich unter lauter Vieh wär. Verzeih mir's Gott, das waren ja auch Menſchen, ſie haben aber ſo mit einander gewelſcht, wie der Franzoſenſimpel, der Sepple von der Froſchgaſſ', der ſchwätzt auch Holderdipol⸗ derle. Es iſt aber Engliſch geweſen, was ſie mit einander ſchwätzen; ich kann jetzt auch ein bisle, es iſt oft gerad wie deutſch, man muß nur ein Maul dazu machen, wie wenn man an einem unzeitigen Apfel die Zähn' verſchla⸗ gen hätt' Es ſind noch viel mit uns geweſen, aber der Ein' iſt da, der Ander dorthin. Das iſt nichts, wir Nirgend. 233 Deutſchen ſollten auch ſo zuſammenhalten. Ich hab ſonſt immer als nur die Württemberger für meine Landsleut' gehalten, aber hier heißt man uns alle Deutſche, und wenn jetzt Einer aus dem Sachſenland kommt, da iſt es mir gerad', wie wenn er vom Unterland wär. Geltet, ich ſchreib da Sachen, die ihr nicht möget? aber mir gehen die Gedanken ſo oſt im Kopf rum, daß ſie, eh ich mich verguck', rausplotzen. Nun muß ich euch was Anders ſagen. Habt ihr nicht ſchon aufgemerkt, daß ich da oben Nordſtetten hingeſchrie⸗ ben hab? Ja, ſo iſt's und ſo bleibt's. Ich hab einen Stock, nicht weit von meinem Haus, hingeſteckt, mit einer Tafel, und darauf hab ich mit großen Buchſtaben hingeſchrieben: Nordſtetten. Es wird ſchon kommen, daß noch mehr Leut ſich hier anbauen, und da bleibt der Nam'; dann bauen wir ein' Kirch, grad wie die daheim, ich hab ſchon das Bergle dazu da, grad rüber von meiner Scheuer, wir heißen's ſchon jetzt das Kirchbergle. Da laſſen wir hernach einen Pfarrer von drüben kommen, und meine Aecker, die haben auch alle Namen von daheim. Ich und mein' Mechtild wir ſchwätzen oft Abends davon, wie das einmal ausſehen wird. Wenn wir's auch nicht mehr verleben, nachher verleben's unſere Kinder und Kin⸗ deskinder, und ich bin nachher halt doch die Urſach davon. Wenn nur einer von denen Nordſtetter G'ſtudenten dann rüber käm' als Pfarrer, er hätt's hier gut, aber im Feld ſchaffen müßt' er auch. Wir wählen uns hier ſelber den Pfarrer, wir nehmen den, der uns am beſten gefällt, wir laſſen uns keinen vom Conſiſtore aufbinden. Da ſpielen die Pfarrer auch nicht die Herren gegen uns, hier iſt Alles gleich, ſie ſind halt grad wie wir auch, nur daß ſie eben geſtudirt haben und geweiht ſind; wir haben drei Stund' von hier einen, der iſt von Rangendingen gebürtig. An meinem Haus haben ſich auch gleich Schwal⸗ ben angebaut, ich hab' vergangenen Herbſt einer ein Zet⸗ tele angehängt, und hab darauf geſchrieben:„Grüß Gott an Alle drüben,“ und meinen Namen darunter. Ich dummer Kerl hab ge⸗ meint, ſie käm nach Nordſtetten, und da iſt vß n ſie wieder kommen, da iſt auf einem Zettel ge⸗ ſtanden Xoge, ich hab noch Niemand fragen können, was das heißt, es iſt grad wie wenn's Kaibe*) hieß, das wär doch ſchändlich.“— „Weißt du vielleicht, N Jvo, wie's heißt?“ fragte Marei. Ja wohl, Chaire, es Wiſt griechiſch und bedeu⸗ tet:„ſei gegrüßt.“ Die Frauen ſchlugen die Hände zuſammen vor Erſtaunen über die große Ge⸗ lehrſamkeit Jvo's. „Wo hat denn die Schwalb überwintert?“ fragte Marei wieder. „Wahrſcheinlich bei den Feuerländern,“ erwiederte Jvo, und las nach einer Pauſe weiter: „Ich hab daheim gar nicht gewußt, daß die Lerchen ſo ſchön ſingen. Denket nur einmal! hier zu Land gibt's gar keine, und auch keine Nachtigallen; aber andere viel ſchöne Vögel, auch hat's ſchöne Fichten und Eichbäum' und noch andere prächtige Bäum', die geben ein Staatsholz. Liebe Mutter! Ich hab das da ſchon vor acht Tag geſchrieben, und wie ich's ſo überlug, ſag ich ei du ſchreibſt Larifari, aber mir iſt's alleweil, als wie wenn ich bei euch ſitzen thät vor des Schmied Jakoben Haus, am Brunnen, und da gehen die Leut vorbei und ſagen: „hent ihr gute Roth?“ und da iſt mir das Herz ſo voll, Kaib, ſo viel als Lump, Schuft. . X 235 und ich weiß nicht was ich zuerſt ſagen ſoll. Wir find Gottlob alle recht geſund, das Eſſen und Trinken ſchmeckt uns wohl und ſchlägt gut an. Wir haben alle unſere Kleider von drüben weiter machen müſſen. Es iſt gut, daß die Mechtild das Nähen gelernt hat.— Wenn ich als einen guten Biſſen eſſ, denk' ich wenn nur auch dein Mütterle da wär, da thät ich das Beſt' neben nauslegen und thät ſagen: da Mütterle, da müſſet ihr reinlangen, da liegt ein herzig's Bröckele, und es thät euch gewiß weidlich bei mir ſchmecken. Unſer Baſche, der gerathet prächtig, es hat ihm noch kein Bröſele gefehlt. Ach Gott! wenn das klein Mareile noch leben thät, das wär bis nächſte Michaeli ein Jahr alt, das iſt ein gar lieb Engele geweſen; es war doch erſt drei Wochen alt, aber wenn man's gerufen hat, da hat's einen ſo geſcheit angeſehen, und hat einem nach den Augen gegriffen. Auf Allerſeelen laſſen wir ihm ein eiſern Kreuz ſetzen. Ach du lieber Heiland! Das Kind iſt jetzt im Himmel, und der Himmel iſt doch erſt das recht' Amerika. Ich muß euch noch mehr von meinem Hausweſen ſchreiben, ich darf nicht ſo viel an das Kind denken, es eht mir ſo zu Herzen; ich ſag, wie der Pfarrer geſagt het; der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobt. Wenn uns nur Gott jetzt Alles geſund bei einander erhält. Unſer Herrgott hat mich auch noch immer mit dem Vieh glücklich erhalten, es iſt uns noch keines ge⸗ fallen, Alles kerngeſund, und das iſt mir eine beſondere Freud', daß das Vieh hier alleweil genug zu freſſen hat. Ich werd's mein Lebtag nicht vergeſſen, was die Futter⸗ klemme ein Kreuz und ein Elend geweſen iſt; gerad ſelben Sommer, eh ich zum Militär kommen bin, wo's faſt kein Hälmle Futter geben hat. Wiſſet ihr noch, wie's einem da um's Herz geweſen iſt, wenn man Mor⸗ gens aufgeſtanden iſt, und hat dem Vieh nur viertels⸗ ſatt zu freſſen geben können, und hat zuſehen können wie ihm das Fleiſch abgefallen iſt? Ich hätt' oft vor 236 Waitag*) verlaufen moögen. So ein Thierle iſt anbunden, und kann nicht ſchwätzen und deuten, und muß ſich Alles gefallen laſſen. Hier geht das Vieh faſt das ganze Jahr auf die Weid und hat alleweil vollauf, und es iſt mir noch nicht vorkommen, daß ich hab eines ſtechen müſſen, weil es zu viel gefreſſen hat. Drüben, weil ſie das ganze Jahr im Stall ſtehen, freſſen ſie, bis ihnen der Bauch aufſpringt, wenn ſie einmal an einen Kleeacker kommen; und wie's beim Vieh geht, ſo geht's auch bei den Men⸗ ſchen: die müſſen drüben auch im Stall ſtehen, vom Schultheiß und dene Amtleut anbunden, bis ſie ellenlange Klauen kriegen, daß ſie nimmeh laufen können, und wenn ſie einmal ausreißen oder man's nausläßt, werden ſie toll und voll. Das hat Einer in einer Volksverſammlung ganz ſchön ſo ausgelegt: Mutter, das iſt was ſchön's, ſo ein' Volksverſammlung, das iſt grad wie wenn man in der Kirch wär; aber nein, es iſt doch nicht ſo, denn da red't ein Jeder, wer nur kann und mag, da gilt Alles gleich. Gucket, ich will's euch verzählen, wie das iſt, aber ich kann's doch nicht recht. Ich muß euch nur noch ſagen, daß unſer Mathes ein Hauptſprecher iſt, dem geht's vom Maul weg, wie dem beſten Pfarrer; ſie haben ihn auch ſchon in die Abtheilung gewählt, er gilt viel, und der Nam' Mathias Schorer, das iſt ein Wort, vor dem Alle Reſpekt haben. Ich hab aber auch ſchon einmal vor alle Leut geſprochen. Ich weiß gar nicht, von Anfang hat mir ein bisle das Herz puppert, nachher iſt mir's aber grad geweſen, wie wenn ich zu euch reden thät, ſo frank von der Leber weg. Sie haben ſich da drum geſtritten, es iſt ein Deutſcher, ein Württemberger, oder wie man's hier heißt, ein Schwab ankommen, er iſt Offizier geweſen, und der König hat ihn begnadigt, er hat ein' Ver⸗ ſchwörung angeſtift't gehabt unterm Militär, und hat nachher alle ſeine Kameraden verrathen, hier hat er ſich für ein Freiheitsmann ausgegeben, da iſt aber ein Brief *) Wehe. 1 237 von drüben'rüber kommen, daß er dem Teufel vom Kar⸗ ren gefallen und für den Galgen zu ſchlecht ſei. Da haben ſie lang geſtritten, ob er bei uns hier Offizier werden kann, da hab ich endlich geſagt: Zu der Haue kann man einen Stiel finden. Er ſoll einen Brief beibringen von ſeinen Kameraden, daß er den Braven an ihnen gemacht hat. Ich kann's nicht glauben, daß ein Württemberger ſo ſchlecht iſt, daß er zuerſt den König und nachher noch einmal ſeine Kameraden verrath't; und das iſt auch beſchloſſen worden wie ich's geſagt hab. Wie ich aber den Mann mit ſeinem Geſicht wieder angeſehen hab, da hab ich denkt: das Letzt' hättſt können bleiben laſſen, der ſieht ja aus wie wenn er die Gais geſtohlen hätt'. B Ich bin auch Offizier bei der Nazenalmiliz, ſo was man bei uns Leutenant heißt; weil ich beim Militär ge⸗ weſen bin und die Sach gut verſteh, haben ſie mich dazu gewählt. Wir wählen uns hier ſelber die Offizier, hier iſt Alles frei. Der Schultheiß von Nordſtetten iſt doch nur Feldwebel geweſen. Wenn ich heim kommen thät, nein, ich thät mich doch nicht als Offizier anziehen; ich bin ein freier Bürger, und das iſt mehr als Offizier und General, ich tauſch mit keinem König. Mutter! es iſt ein prächtig Land das Amerika, ſchaffen muß man, und das recht tüchtig, aber darnach weiß man auch warum, die Zehnten und Steuern nehmen nicht den Rahm oben runter. Ich leb' hier auf meinem Hof, da hat mir kein Kaiſer und kein König was zu befehlen, und vom Preſſer weiß man hier gar nichts. Du lieber Gott! wenn ich dran denk, wie der mit einem langen Zettel in der Hand, mit ſammt dem Schütz durch's Dorf gangen iſt, und die Leut in den Häuſern haben geheult und geſchrieen und die Thüren zugeſchlagen, und da hat der Preſſer einen zinnernen Teller, einen Kupferhafen, eine Pfann' und eine Schabeslamp von einem armen Juden zum Schultheiß tragen. Es iſt ein Kreuz, daß das Elend bei uns ſo iſt; ich mein', das könnt' und müßt' anders ſein. Ich möcht' aber doch keinen dazu aufſtiften, rüber zu kommen. Es iſt kein' Kleinigkeit, ſo weit weg von daheim zu ſein, wenn man's auch noch ſo gut hat. Allbot überkommt mich ein Jammer, daß ich mich vor mir ſelber ſchäm', da möcht' ich grad Alles aufpacken und fort nach Deutſchland; einmal muß ich's noch ſehen, ſo lang mir ein Aug' offen ſteht. Ich kann's nicht ſagen, wie mir's iſt, aber ich verzwazel*) oft ſchier, und möcht' oft grad heulen wie ein Schloßhund. Ich weiß wohl, das ſchickt ſich nicht für einen Mann, aber ich kann nicht anders, und vor euch brauch ich mich ja nichts ſchämen. Ich glaub als, es iſt eigentlich nur der Jammer nach euch. Schon mehr als tauſendmal hab ich ſo vor mich hin geſagt: wenn nur auch mein Mütterle da wär, mein gut, gut Mütterle, wenn ſie nur einmal dort auf der Bank geſeſſen hätt, da thätet ihr euch freuen mit denen großen Milchhäfen, und o du lieber Heiland! mit meinem Baſche, und mit dem, wo jetzt auf dem Weg iſt. Wenn ich euch was leid's than hab, verzeihet mir's, es hat euch g'wiß kein Menſch auf der Welt lieber als ich. Ich hab ein bisle ausſchnaufen müſſen, und ſchreib jetzt weiter. Es iſt doch ein' ſchöne Sach, daß wir ordent⸗ lich ſchreiben und leſen gelernt haben; ich dank's euch tauſendmal, daß ihr uns recht dazu angehalten. Ihr müſſet aber nicht denken, daß ich traurig bin. Freilich bin ich nimmeh allweil ſo luſtig wie vor Zeiten, ich bin halt auch älter und hab viel erfahren; aber manchmal bin ich doch ſo froh, und hab Alles ſo gern auf der ganzen Welt, daß ich pfeifen, ſingen und tanzen kann. Manchmal thut mir's als noch ein bisle weh, wenn ich an etwas denk, aber ich mach Brr! und ſchüttel mich wie ein Gaul, und fort muß es. Ich und mein' Mechtild wir leben wie zwei Kinder, und unſer Baſche, der hat Knochen, ſo feſt und ſtark wie ein jung's Kalb, und Fleiſch wie ein Nußkern. Am Sonntag, wenn wir zur Kirch' fahren, da neh⸗ men wir uns Salz mit und was man ſonſt noch braucht, *) Verzwazeln, ſo viel als verzweifeln, ſpöttiſch gebraucht. 239 und mein Mechtild hat geſagt, wir holen uns auch himm⸗ liſch Salz, aus der Meſſ und der Predigt, und damit ſalzen wir unſer Seel. Die Mechtild macht oft gar ſchöne Räthſel und Gſpäß. Wir haben uns auch ein Ritterbuch gekauft, von dem Rinaldo Rinaldini, das iſt ein gar grauſelige Räuberg'ſchicht, und das haben wir ſchon mehr als zehnmal geleſen, und wie ich vorlängſt verſchlafen bin, iſt die Mechtild kommen, und hat das Lied geſungen, und hat mich g'weckt. Weil ich grad von Lieder red', hätt' ich eine Bitt', ihr müſſet mich aber nicht auslachen. Gucket, wenn man ſo in der weiten Welt draußen it, und allein für ſich ſingen ſoll, da merkt man erſt, wie man von ſo viel Lieder blos den Anfang kennt und das Andere hat man eben bloß ſo denen Anderen im Tralatel nachg'ſungen, und da möcht' man ſich ſchier den Kopf runterreißen, weil einem das Ding nicht einfallen will, aber man kriegt's halt nicht raus. Es geht einem mit vielen Dingen ſo, man meint, man kenn's, bis es einmal heißt: jetzt Alterle, jetzt mach's allein. Nun hätt' ich die Bitt', aber dürfet mich nicht aus⸗ lachen laſſet euch alle Nordſtetter Lieder vovm alten Schul⸗ lehrer aufſchreiben, ich will's ihm gern gut bezahlen. Geltet, ihr vergeſſet's aber nicht und ſchicket mir's oder bringet's mit, wenn ihr kommet. Ich muß euch auch noch was erzählen. Denket nur einmal, Mutter! Ich ſitz am Dienſtag vor drei Wochen an meinem Wagen und mach' die Deichſel zurecht— man kann hier nicht all' Ritt zum Wagner ſpringen, da muß man Alles ſelber machen— wie ich nun ſo da ſitz', da hör ich auf einmal:„Biſt fleißig, Aloys?“ Ich guck auf, wer ſteht da, des langen Herzle's Kobbel,*) der bei der Gard' geweſen iſt. Wir find ſonſt nicht die beſten Freund' geweſen, aber ich hab nicht daran denkt und bin ihm um den Hals gefallen und hab ihn ſchier verdruckt. Ich glaub, Jakob. ——— 3 5 240 wenn der Jörgli käm, ich thät ihm auch die Hand geben; er käm' ja von Nordſtetten. Ich hab Alles im Haus zuſammengerufen und hab einem welſchen Hahn den Kragen abgeſchnitten. Der Kob⸗ bel hat mit mir gegeſſen, wie ein anderer Menſch auch. Die Geſetz' von denen Eſſensſpeiſen, die ſind für die alt Welt und nicht mehr für die neu. Der Kobbel iſt acht Tag bei mir blieben und hat mir helfen ſchaffen im Feld, er kann's ſo gut wie ein Chriſt; das hat mir rechtſchaffen gefallen, daß er einſieht: für einen Soldaten, der Ehr im Leib hat, ſchickt ſich's nicht mehr, mit dem Zwerchſack'rumzulaufen; er will ſich hier herum Aecker kaufen; ich bin ihm dazu behülflich, ich muß auch meine lieben Juden von Nordſtetten hier haben, ſonſt iſt es gar kein rechts Nordſtetten. Darnach wird er auch zur Nazenalmiliz gehen. Er kann mit der Zeit auch Offizier werden. Hier fragt man keinen nach ſeinem Glauben, wenn der Menſch nur brav und geſund iſt. Abends ſind wir als zuſammen geſeſſen, ich, mein' Mechtild, mein Schwäher und mein' Schwieger und ihre Buben und Mädle und der Kobbel, und da haben wir Lieder von daheim geſungen, es iſt mir g'rad Jweſen, wie damals, wo das Marannele mit ſeiner neuen Kunkel kommen iſt. Ihr müſſet aber nicht weinen, daß ich oft an das Marannele denk. Ich hab mein Mechtild recht⸗ ſchaffen gern und ſie mich auch. Ich wünſch' daß alle Leut' einander ſo gern hätten und ſo gut hauſen thäten. Nun von wegen eurem Kommen. Ich mag nicht zu arg bitten, der Mathes wird euch Alles da drüber ſchrei⸗ ben: aber wenn's möglich wär, nein, ich will ja nicht bitten. Der Kobbel ſagt mir, daß unſer Kaver zu des Zimmermann Valentin's Gretle geht; das wird ſich auch nicht vor der Ueberfahrt fürchten und wird mit ihm gehen. Es iſt jetzt eins, Nordſtetten hüben oder Nordſtetten drüben. Schreibet auch bald Antwort. Schicket den Brief nur wieder an den Mathes, der kommt öfter nach der Stadt⸗ Nun wünſch ich von Herzen wohl zu leben. Denket 241 auch als einmal an mich. Mein' Mechtild und mein Baſche und meine Schwiegereltern grüßen euch von Herzen. Mein Schwieger hat mein'n Baſche gelernt, wenn man ihn fragt; wo iſt denn deine andere Ahne? hernach ſagt er: druͤben auf dem Schwarzwald. Ich verbleibe euer getreuer Sohn Aloys Schorer.“ S — Ich reich' euch meine kleine Hand B Hinüber in das ferne Land. . „Das iſt die Hand von meinem Baſche, ich hab ſie„ abzeichnet, liebe Mutter, grad wie er ſie auf's Papier gelegt hat, weil noch Platz da geweſen iſt.“ 16 242 Jvo ſollte nun auch noch den Brief vom Mathes leſen, aber er verſprach dieß auf ein andermal, und von der dankenden Mutter, die ihre Thränen trocknete, bis an die Thüre geleitet, machte er ſich auf den Weg. Draußen vor dem Dorfe ſah er ſeine Schweſter Gretle mit dem Faver nach der Wieſe gehen. Er wußte jetzt, warum ſeine Schweſter immer ſo ſtreitſüchtig und miß⸗ muthig war: der Vater wollte ihre Bekanntſchaft mit dem „Amerikaner,“ wie er Kaver betitelte, nicht dulden. Mit einem Hops hoch in die Luft ſpringend, ſchüttelte Jvo die ganze Laſt der Standeswürde von ſich ab. Er ſprang und ſang wie ehedem, immer über die Steinhaufen am Rande der Straße hinweg hüpfend. Der Brief des Aloys hatte einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Er ſah hier ein durch tüchtige Arbeit und Selbſtſtändigkeit beglücktes, ein rechtſchaffenes Leben in der eigentlichen Bedeutung des Worts; zum erſtenmal wurde es ihm recht klar: wie bei dem Studiren die Körper⸗ kraft ſo brach liegt und darum oft ſo eine prickelnde Un⸗ ruhe in allen Gliedern ſitzt, wie die Müdigkeit da kein ſo angenehmes Gefühl bietet, als nach körperlicher An⸗ ſtrengung. Er dachte daran, daß er Pfarrer und zugleich Bauer in Amerika ſein wolle, und er dachte weiter, wie er ſeine Schweſter beſuche, von Hof zu Hof wandere, die Kinder lehre und in allen Häuſern ein gottſeliges Auf⸗ ſchauen nach oben erwecke. So kam er unter mancherlei Gedanken nach Horb. Die Stadt erſchien ihm bei weitem nicht mehr ſo ſchön, als früher, die Häuſer nicht mehr ſo groß; er hatte jetzt ſchönere geſehen. Der Kaplan war hocherfreut mit ſeinem Zögling, und die Frau Hanklerin, die krank im Bette lag, ſagte: das macht mich wieder ganz geſund, daß du wieder da biſt. Die Oberamtmanns⸗Söhne waren nicht mehr in der Stadt, denn wir erinnern uns, daß ihr Vater von der Aexte⸗ geſchichte her verſetzt worden iſt. Es war ſchon Nacht geworden, als Jyo heimkehrte. 243 Im Dorfe traf er den Conſtantin, der, den einäugigen Peter an der Hand führend, mit den halbgewachſenen Burſchen ſingend durch die Straße zog; er lehrte ſie neue Lieder, und erzählte unter großem Gelächter allerlei Schliche und Schabernack, die er ſeinen Lehrern im Kloſter an⸗ gethan hatte. Jvo ging eine Weile ſtill mit, vor ſeinem Hauſe aber ſagte er:„gute Nacht“ und ging hinein. Während der ganzen Vacanz war Jvo viel allein. Er ſpazierte entweder einſam durch das Feld, oder übte ſich zu Hauſe auf dem Waldhorn, das er ſich von des Bäcken Konrad entlehnt hatte. Die Mutter Chriſtine aber drängte ihn immer, er ſolle auch aus dem Haus gehen und nicht ſo immer daheim hinhocken. Bisweilen ging er nun auch mit dem neuen Schullehrer über Feld. An Conſtantin ſchloß er ſich nur dann an, wenn er ihm nicht ausweichen konnte. Ein großer Schmerz durchwühlte das junge Herz unſers Jvo, er ſah die nur halb verdeckte Zwietracht zwiſchen ſeinen Eltern; früher hatte er nichts davon bemerkt, er war ſtets inmitten aller dieſer Verhältniſſe aufgewachſen, er kannte ihre Mängel nicht, im Kloſter hatte er ſich ſodann das Leben zu Hauſe als ein paradieſiſches, in ewigem Frieden hinfließendes vor die Seele gezaubert; alles Herbe und Schroffe, wenn je etwas davon in ſeiner Seele gehaftet hatte, war vergeſſen. So, mit neuem Be⸗ wußtſein, mit einem gewiſſen Bilde der Vollkommenheit in ſein elterliches Haus zurückgekehrt, erſchien ihm Vieles darin verzerrt und zerriſſen, vielleicht ärger, als es war. Er kam aus einem Hauſe, wo ſich Alles nach ſteten äußer⸗ lich feſtgeſtellten Geſetzen bewegte: da ging Alles ohne Ueberlegung und Widerrede nach der Regel, wie ein Uhr⸗ werk, und wenn ihn auch der Kloſterzwang ſehr bedrückte, ſo verſtand er es doch nicht, wie in einem freien Familien⸗ verbande, wo jedes nach eigener Beſtimmung für das Ganze handelt, manches Disputiren und manche laute Zurechtſetzung ſtattfinden muß. War ihm daher das ganze laute Treiben des Hauſes, ja ſogar das ſtark betonte Sprechen fremd, und ſah er die Leute verwundert an, ſo 16* 244 ſchüttelte er über die Art und Weiſe ſeines Vaters oft den Kopf. Wenn die Mutter zu den Planen Valentin's von neuen Häuſerbauten„auf den Verkauf“ ſchwieg, ſchrie er„da haben wir's wieder, du gibſt halt nie etwas auf das, was ich ſag; ob ein Hund bellt, oder ob ich ſchwätz', das iſt dir all' eins.“ Widerſprach ſie ihm, dann ſagte er ſchmerzlich:„Das iſt der alt' Tanz, was ich halt vor⸗ hab, iſt bei dir nicht recht.“ Behandelte ihn dann die Mutter ſanft, wie einen Gemüthskranken und er merkte das, ſo fluchte er. War ſie dagegen ſtandhaft und feſt und ließ ſich nichts von ihm gefallen, ſo ſagte er:„Das iſt Gott bekannt, du lebſt eben nicht für mich, du lebſt für deine Kinder; gelt, es wär' dir recht, wenn ich ſterben thät?“ und dann ſetzte er ſich hin, aß nicht und trank nicht und redete kein Wort, oder er ging in's Wirths⸗ haus; er ließ ſich aber dort nichts zu eſſen geben, denn er wußte, daß das ſeine Frau kränke, weil die Leute dar⸗ über reden würden, er ging dann lieber hungrig zu Bette. Mit unbeſchreiblichem Schmerze blickte Chriſtine bei derlei Vorkommniſſen auf ihren Jvo. Sie ſah alle die Qualen, die ihre Marterzüge auf ſeinem Antlitze aus⸗ breiteten und ſie gab ſich noch mehr Mühe, Alles zu N — W— S ₰ ℳ 245 verhehlen und zu vertuſchen; die anderen Kinder waren ſolche Scenen mehr gewöhnt, es ging ihnen nicht mehr nahe. Chriſtine fah wohl, daß ſie ſich mit ihrem jüngſten Sohne beſprechen müſſe; ſie ſetzte ſich daher eines Abends vor ſein Bett und ſagte ihm:„Guck, dein Vater iſt der rechtſchaffenſte Mann, den man finden kann, aber er hat eine unglückliche Natur, er iſt mit ſich ſelber unzufrieden, weil er halt Manches verunſchickt*) und nicht Alles nach ſeinem Kopf geht; und da möcht' er dann grad, daß Andere allfort mit ihm zufrieden ſein ſollten. Wenn er ſieht, daß das nicht iſt, und das kann ja nicht ſein, da regt ſich ſein guter Geiſt noch mehr in ihm, und ich bin's doch meinen Kindern ſchuldig, ich darf's nicht zugeben, daß Alles hinter ſich geht. Ich für mein Theil wollt' gern mein Leben lang trocken Brod eſſen, aber für meine Kinder darf ich's nicht zugeben, daß wir in fünf Jahren an Bettelſtab kommen und ſie unter fremden Leuten herum⸗ geſtoßen werden. Guck, er hat keinen Menſchen auf der Welt lieber als mich, er gäb' gleich den letzten Tropfen Blut für mich hin, ich für ihn auch; aber er will eine Hypothek auf's Haus und die Güter machen und will mit dem Schreiner Koch Häuſer auf den Verkauf bauen, und das thu ich nicht, da bringen mich keine zehn Gäul' dazu, das iſt meine Kinder ihr Sach', ich muß als Mutter an ihnen handeln. Wir ſind ſchon die reichen Leut nimmeh, und die Armen dürfen ja auch nicht drunter leiden, daß es nimmeh ſo bei uns iſt, die müſſen ihr Schenkaſche haben, und wenn ich mir's am Maul abſparen muß. Ja, lieber Jvo, laß dir das von deiner Mutter geſagt ſein: wie dir's auch geht, vergiß nur nie der Armen, das Korn auf der Bühne wächst noch, wenn man davon hergibt, und unſer Herrgott geſegnet das Brod in der Schublade, daß es beſſer ſättigt. Gelt, guter Jvo, du haſt dein'n Vater auch recht gern? Er iſt der beſt Menſch von der Welt. Gelt, du hältſt ihn in Ehren? du biſt ſein Stolz, wenn 5 Vernachläſſigt, falſch macht. —— — 246 er dir's auch nicht ſagt, er kann das nicht. Wenn er vom Adler heim kommt, wo dich alle Leut ſo überaus loben, weil des Schneider Chriſtle's Gregor ſo gut von dir ſchreibt, da kann man ihn um einen Finger wickeln. Nimm dir's nur recht vor, daß du dich gar nicht irr machen laſſen willſt, und ſei nicht betrübt. Was man ſich recht vornimmt, das kann man auch, glaub mir's.“ Jvo nickte bejahend und küßte die Hand ſeiner Mutter, aber eine tiefe Schwermuth lagerte ſich auf ſeine Seele: das Paradies ſeines elterlichen Hauſes war vor ihm ein⸗ geſunken, nur ſeine Mutter ſchwebte noch wie ein Licht⸗ engel darüber, und einmal ſagte er ſich ganz leiſe:„ſie heißt nicht umſonſt Chriſtine, ſie iſt grad wie der Heiland, ſie nimmt mit Lächeln das ſchwerſte Kreuz auf ſich, will gar nichts für ſich, und Alles für Andere.“ So kam es, daß Jvo dem Ende der Vacanz mit we⸗ niger Schmerz entgegen ſah, als er bei der Heimkunft ge⸗ dacht hatte. 9. Die Freunde. In der erſten Zeit, als Jvo in's Kloſter zurückgekehrt war, überfiel ihn wieder das alte Heimweh. Er machte ſich Vorwürfe, daß er die Vacanz nicht recht genoſſen habe, daß er ſich von Dingen verſtimmen ließ, die nicht einmal ſo arg waren, wie ſie erſchienen; aber er hatte ſich vorgenommen, es dem Aloys nachzuthun und ſeine Mutter nicht mit kläglichen Briefen noch mehr zu betrüben. Dadurch, daß JIvo früher in Gedanken immer zu Haus war, hatte er ſich gar nicht in ſeine neuen Verhältniſſe und in das Zuſammenſein mit ſeinen Kameraden eingelebt; das ſollte jetzt anders werden. „Man kann Alles, wenn man nur recht will“, hat meine Mutter geſagt, das ſoll mein Wahlſpruch ſein. Jvo und Clemens hatten ſich herzlich bewillkommt, 247 die anderen Kameraden waren dabei, ein Jeder hatte viel zu erzählen. Mittags auf dem Spaziergange blieben Jvo und Clemens wie auf eine geheime Verabredung zurück, und hinter einer blühenden Schlehdornhecke, wo es Nie⸗ mand ſah, fielen ſie, ohne ein Wort zu reden, ſich um den Hals und küßten und herzten ſich inniglich. Die Lerchen jubelten hoch in den Lüften und die Schlehblüthen bewegten ſich von einem ſanften Winde. Freudeverklärten Antlitzes, ein jeder ſeinen Arm um den Nacken des Andern geſchlungen, ſo kehrten ſie wieder auf die Straße zu den vorausgegangenen Kameraden zurück. Jvo ſagte nur, aus einer langen innerlichen Rede heraus, laut die Worte: „ſtill und heilig“ und ſchaute dabei in das hellleuchtende Auge ſeines Clemens, ſie reichten ſich ſchweigend die Rechte und hielten ſie feſt; dann ſchlug Clemens den Jvo und ſprang von ihm fort zu den Anderen. Jvo verſtand wohl, daß ſie ihren geheimen Liebesbund ja recht ſicher vor den Anderen verbergen ſollten. Sie gingen dann mit den Anderen, aber bald ſuchten ſie ſich wieder und ſchlugen ſich neckend, nun ſuchte der Eine dem Andern zu entrin⸗ nen, dieſer ihn wieder einzuholen, ſo waren ſie wieder eine Weile allein und in ſcheinbarem Ringen drückten ſie einander innig an's Herz und„lieber Jvo, lieber Clemens,“ hieß es immer. So erfinderiſch war ſchon dieſe junge, plötzlich wie eine Knoſpe aufgebrochene Freundſchaft. In den Herzen der beiden Knaben war von nun an ein neues, wonneſeliges Leben. Jvo hatte noch nie einen „Herzensbruder“ aus ſeinem Alter gehabt, Clemens hatte ſich bei den vielen Wanderungen ſeiner Familie nur an ſeine ältere Schweſter angeſchloſſen. Jetzt, wenn Jvo erwachte, ſchaute er freudig um ſich und ſagte:„Guten Morgen, Clemens,“ obgleich dieſer in einem andern Zimmer lag. Er war in der Fremde nicht mehr fremd, das Kloſter war kein Ort des Zwan⸗ ges und des unerbittlichen Geſetzes mehr, er that Alles willig, denn ſein Clemens war ja bei ihm. Nun brauchte —————— ————— 248 er ſich nicht mehr vorzunehmen, fröhliche Briefe nach Hauſe zu ſchreiben, ſein ganzes Leben war nur noch ein hochgeſtimmter Freudenklang und die Mutter Chriſtine ſchüttelte oft den Kopf, wenn ſie ſeine hohen Redensarten las. Clemens, der zu Hauſe eine große Menge Ritterbü⸗ cher und Mährchen geleſen hatte, eröffnete unſerm Freunde einen ganzen Zaubergarten voll Wunder; er machte ſich und Jvo zu zwei verwünſchten Prinzen, den Direktor zu dem Rieſen Goggolo, und eine Zeit lang redeten ſich die beiden Freunde immer in ihren Rollen an. Die Welt der Wunder und der Mährchen, die das Räthſel des Daſeins durch neue, ſelbſtgeſchaffene Abenteuer⸗ lichkeiten zu überbieten, und ſo gewiſſermaßen die alltäg⸗ liche Welt zu erklären ſtrebt, der ganze ſelbſtvergeſſene Taumel einer kindlich ſpielenden Phantaſie, war Jvo bis⸗ her fern geblieben; das, was ihm Nazi erzählt hatte, lehnte ſich noch zu ſehr an das rohe Feld⸗ und Waldleben, wußte nichts von unterirdiſchen Schlöſſern aus lauter Gold und Edelſteinen; die Wundergeſchichten der Religion hatte Jvo mit kindlich gläubigem Gemüthe hingenommen, ſie waren ſchlicht und ernſt— nun aber eröffnete ihm ſein Freund die goldenen Thore der Phantaſie, und ſie luſtwandelten behaglich in den Zaubergärten und in den Städten unter dem Meere. Die Schlehdornhecke ward von unſeren Freunden als der heilige Freundſchaftsbaum betrachtet, nie gingen ſie vorüber, ohne ſich anzuſehen und dann nach der Hecke zu ſchauen. Jvo, den wir ſchon als bibelfeſt kennen, ſagte einmal„Uns iſt es gerad gegangen, wie dem Moſes, dem iſt Jehovah im Dornbuſch erſchienen, der hat gebrannt und iſt doch nicht verbrannt. Jehovah, weißt du auch noch, was Jehovah heißt? Ich bin, der ich ſein werde, das iſt das Futurum von Hava. Gelt! auch im Futurum werden wir Freunde ſein, wie wir ſind?“ „Ich will dir einmal was erzählen,“ erwiederte Clemens. „Es iſt einmal eine Prinzeſſin auf einer Inſel geweſen, die hat aber nicht, wie die alt' Bas in der Bibel, Lea — — — — 249 geheißen, ſondern Schleha, die hat auch keine rothe Augen gehabt, wie dieſell, ſondern ganz ſchöne dunkel dunkelblaue; die hat aber gar kein'n Dorn leiden können, das kleinſt' Dörnle war ihr ein Dorn im Auge, und wenn ſie ein's geſehen hat, da hat ſie gleich gottsjämmerlich geſchrieen: „O weh, das ſticht mich, ich ſpür's ſchon in meinen ſchönen dunkel dunkelblauen Augen;“ und da hat man auf der ganzen Inſel, Alles was Dornen gehabt hat, plutt abſchneiden und bis auf's kleinſte Würzele'naus ausgraben müſſen, und wie die Prinzeſſin geſtorben iſt, da hat man ſie begraben und zur Straf', weil ſie hat keine Dornen leiden können, ſind aus ihren zwei Augen'raus zwei Dorn⸗ hecken gewachſen, die tragen aber auch ganz ſchöne dunkel dunkelblaue Augen, wie die Prinzeſſin gehabt hat, und man heißt's auch Schleha.“ So beendigte Clemens mit triumphirendem Lächeln ſeine Erzählung. Jvo betrachtete ihn mit heiterer Miene. Ach! es war gar zu ſchön, was Clemens erzählte. Wie eine glänzende Perlſchnur reihten ſich ſeine lieben Worte an einander; Alles, was doch der Clemens that und ſagte, war ſo ſchön, wie ſonſt gar nichts auf der weiten Welt. Auf Veranlaſſung Jvo's hatten ſich's die Freunde gelobt, recht große Männer zu werden, und ſie eiferten ſich nun gegenſeitig zu dem ausdauerndſten Fleiße an. Alles wurde ihnen leicht, da ein jedes dem andern zu lieb handelte. Jvo ward ſogar von dieſer Zeit an über ein Jahr lang Primus, mit Clemens aber ging oft ſeine Phankaſie durch. Alles, was er ſah, regte ihn an, er vergaß dann das MRächſte, von den Lehrern gefragt, erwachte er oſt wie aus einem Traume und gab zerſtreute Antworten. Der geheime Bund konnte indeß den anderen Mit⸗ ſchuͤlern nicht lange verborgen bleiben; denn wie Liebende ſich oft lange für unbemerkt halten, während ſie ſich die offenkundigſten Zeichen der Zuneigung geben, ſo erging es auch unſeren Freunden. Die hohe Stellung Jvo's machte, daß die hieraus entſtehenden Spöttereien und Neckereien nicht lange dauerten, ja es drängten ſich alsbald noch Mehrere in den Freundſchaftsbund; aber die Pforten waren ſtreng geſchloſſen, beſonders Clemens wachte ſorgſam, und die Fremden zogen ſich bald zurück. Nur als Bartel ſich mit großer Unterthänigkeit zu den Beiden geſellte und offen um ihre Freundſchaft bat, da nahm ihn Jvo auf. Er durfte ſich nun auf den Spaziergängen zu ihnen halten, ſo wie auch im Hofe und im Garten bei ihnen ſein. Der Bartel war, wenn er vollauf gegeſſen hatte, ein gar eifri⸗ ger und wißbegieriger Knabe, er that gern Alles, um nur auch recht geſchickt zu werden und auch obenan zu ſitzen; ſo lieb er daher Jvo und Clemens hatte, ſo war ihre hohe Stellung doch auch mit ein Grund ſeiner Annäherung; in das innerſte Heiligthum ihrer Freundſchaft, das hatte ſich Clemens vorausbedungen, wurde jedoch Bartel nicht zugelaſſen. Von ihren phantaſtiſchen Spielereien gelangten unſere Freunde auf ein anderes Gebiet, das ſich mehr der Wirk⸗ lichkeit näherte; in dem hohen Schwunge ihres Strebens ſuchten ſie ſich nämlich erhabene Vorbilder, Ideale. Man hatte einſt einen größeren Spaziergang Blau⸗ beuren zu unternommen, dort, auf einem hohen Berge, auf einem Felſenvorſprung, wo man das liebliche Thal der Blau überſchaut und ferner das Ulmer Münſter und die Donau erblickt, dort, hatte Clemens angeordnet, wollten ſie ſich ihren Fund offenbaren.. Auf dem Vorſprunge des Berges ſaßen nun die drei Knaben und ſchauten hinaus in die endloſe Ferne. „Wer iſt dein Ideal, Jvo?“ fragte Clemens. „Sirtus. Meine gute Mutter, die ſagt immer: man kann Alles erreichen, wenn man rechtſchaffen will, das hat Sirtus auch gezeigt.“ „Du willſt alſo auch Papſt werden?“ „Wenn's geht, warum nicht? Ich will jetzt einmal.“ „Und ich,“ ſagte Clemens,„ich habe mir einen viel Unheiligern gewählt, mein Ideal iſt Alerander der Große.“ Er erklärte nicht, in wiefern er ihm nacheifern wolle, denn Bartel fragte in weinerlichem Tone: —— 251 „Wen ſoll ich mir denn zum Ideal nehmen?“ „Frag den Direktor,“ erwiederte Clemens ernſthaft, Jvo ſchweigend zuwinkend. Bartel merkte ſich die Rede des Clemens und als man heimgekehrt war, ging er zum Direktor, klopfte an und auf das„Herein“ trat er in die Stube und ſagte zitternd und ſtockend: Herr Direktor, verzeihen Euer Hochwürden, ich hab' Sie bitten wollen, ich möcht' mir gern ein Ideal wählen, ich weiß nicht, wen ſoll ich mir denn nehmen? Der Direktor ſtand eine Weile ſtill, dann ſagte er, den Finger nach oben erhebend:„Gott.“ „Ich dank' vielmal, Herr Direktor, ſagte Bartel, ſich verbeugend und die Stube verlaſſend. Er ſprang ſchnell zu ſeinen Freunden und rief frohlockend:„ich hab' eins, ich hab jetzt auch ein Ideal.“ „Wen denn?“ „Gott,“ ſagte Bartel, ebenfalls den Finger nach oben erhebend. „Wer hat dir denn das verrathen?“ fragte Clemens neckiſch und zupfte dabei den Jvo. „Der Direktor.“ Jvo kehrte ſich aber nicht an die ſtille Ermahnung ſei⸗ nes Freundes, ſondern ſetzte dem Bartel aus einander, wie man nur figürlich ſich Gott zum Ideal nehmen könne, da man ja nie allmächtig oder allwiſſend werde; freilich bleibe Gott das höchſte Endziel, aber dazwiſchen ſeien die Heili⸗ gen da, die ſtünden uns näher, bei denen könnten wir leichter mit unſerm Gebet ankommen, und wenn's geht, könnten wir auch werden wie ſie. „Heiliger Jvo, ich will nichts von dir,“ ſagte Clemens und ging zornig davon; ihn ärgerte, daß Jvo jeden Spaß verdarb, und er redete den ganzen Abend und den andern Morgen kein Wort mit ihm. Auch ſonſt war der Bartel vielfache Veranlaſſung zu Zerwürfniſſen zwiſchen den Freunden. Clemens hatte ſich in den Kopf geſetzt, die ganze volle Freundſchaft ſeines Jvo 252 ſei ihm durch den Eindringling geſchmälert. Er nahm nun allerlei Gelegenheiten gewahr, um ſeiner Eiferſucht Nahrung zu geben. Einſt ſprach er deßhalb mit Jvo acht Tage lang kein Wort, nur ſeine Blicke verfolgten ihn überall, wie mit einer wahnſinnigen Leidenſchaft; am letz⸗ ten Abende warf er Jvo ein Zettelchen auf ſein Buch, worauf die Worte ſtanden:„Heute Nacht, Schlag zwölf Uhr, kommſt du auf den Kirchthurm oder wir ſind auf ewig geſchieden.“ Von den grauſamſten Qualen gemartert, wälzte ſich Jvo auf dem Lager, er fürchtete die Friſt zu verſchlafen und zählte jede langſame Viertelſtunde Als der erſte Schlag von Zwölf ertönte, huſchte er aus ſeinem Zimmer; aus dem andern, worin Clemens war, kam dieſer ebenfalls. Schweigend gingen ſie mit einander den Thurm hinan, der letzte Ton hatte ausgeklungen, da begann Clemens: „Gib mir deine Hand darauf, daß du von dem Bartel ganz laſſen willſt, wo nicht, ſo ſtürz ich mich da grad hinab.“ Jvo ſtand ſchaudernd und faßte die Hand ſeines Freundes. „Kein Wort! Ja oder Nein!“ knirſchte Clemens. „Nun ja, ja! Der arme Kerl dauert mich aber. Du biſt ganz verwildert in den acht Tagen.“ Clemens umarmte und küßte Jvo, dann ſtieg er ſchwei⸗ gend die Treppe hinab und verſchwand in ſeinem Zimmer. Andern Tages war Clemens wie zuvor, heiter und innig. Jvo durfte beim Tageslicht nie von jenem nächt⸗ lichen Begebniß ſprechen, der Bartel tröſtete ſich auch bald über ſeine Verabſchiedung. Während der unruhige Geiſt des Elemens in allerlei Seltſamkeiten abenteuerte, fühlte Jvo eine andere Unruhe; das Wachsthum ſeines Körpers war faſt noch raſcher vor⸗ geſchritten, als das ſeines Geiſtes, er war lang und breit⸗ ſchulterig; aber wenn er ſo an dem Pulte vor den Büchern ſaß, da raste alles Blut wild in ihm und er ſtand oft auf, ſich gewaltſam bäumend und reckend. Er hätte gerne irgend eine gewaltige Laſt ſchwebend in der Höhe getragen, aber es bot ſich ihm nichts als eine ſchwere Periode irgend ——— 253 eines klaſſiſchen Autors. An dem Turnen, das nur ſehr mangelhaft betrieben wurde, hatte Jvo keine rechte Freude; er wollte Etwas thun, eine wirkliche Arbeit vollbringen. Wenn er dann mit ſeinem Freunde draußen ſpazieren ging, klagte er oft, daß er nicht pflügen und nicht ſchneiden dürfe. Er war von Kindheit auf an Körperthätigkeit gewöhnt, ſpäter hatte der Gang nach der lateiniſchen Schule die Thätigkeit der Arme erſetzt; jetzt aber war es ihm wie einem Rieſen, dem man ſtatt der Keule eine Nähnadel in die Hand gegeben. Einſt ſagte er zu Clemens„Guck, das iſt mir ſo arg, daß ich mit der Bibel nicht recht einig bin, da iſt die hoͤchſte Straf' für die Erbſünd':„daß der Menſch im Schweiß ſeines Angeſichts ſein Brod eſſen ſoll.“ Daß man recht ſchaffen muß, das iſt ja grad das größt' Vergnügen.“ „O du!“ erwiederte Clemens,„was geht dich das alte Teſtament an? das iſt für die Juden, und für die paßt's, denen iſt Schaffen das ärgſte Kreuz.“ Es iſt wunderbar, wie Clemens dieſen bekannten Kniff der Theologen, wenn ſie ſich mit dem alten Teſtament nicht mehr helfen können, aus ſich ſelber fand. Clemens blieb aber nicht bei derlei Erörterungen, er vertraute vielmehr auch ſeinerſeits ſeinem Freunde, wie es ihn dränge, mit Gefahren zu kämpfen, fremde Länder und Gebiete zu durch⸗ ſtreifen. Die beiden Freunde redeten ſogar viel von einer Flucht aus dem Kloſter. Sie malten ſich's gar ſchön aus, wie ſie auf einer unbewohnten Inſel ankämen, wie ſie mit wilden Thieren kämpften, und den Boden zum erſtenmal umpflügten. Es blieb indeß bei dieſer Gedankenflucht; die Geſetze des Kloſters und die Familienbande hielten ſie in der Heimath feſt. Die Innigkeit der beiden Freunde nahm faſt mit jedem Tage zu, und ſo verſchieden auch ihre Charaktere waren, ſie fanden ſich doch einig in der Liebe. Jvo ließ es ohne Trübſal geſchehen, daß er ſeinen erſten Platz verlor, und ſogar ſo weit hinunterrückte, daß der Bartel über ihn kam; dieſe äußerliche Hintanſetzung freute ihn 254 faſt, ſie bekundete ſeine Unluſt an dem Studium. Das Bewußtſein, daß er mehr war als es ſchien, that ihm wohl, es gab ihm eine gewiſſe Selbſtſtändigkeit, eine gewiſſe Abgeſchloſſenheit der Außenwelt gegenüber. Mit den unterſten Dienern des Kloſters, mit den Holzhackern, ſchloß Jvo einen geheimen Bund. Mit einem Eifer, als gälte es die ganze Erdkugel zu zerſpalten, führte er im Geheimen die Art, bis endlich ein Profeſſor dieſe Ausſchwei⸗ fung gewahr wurde und Jvo dafür im Carzer büßen mußte. So war Jvo, von dem erſten und fleißigſten der Schüler, zu einem der letzten und widerſpenſtigſten herab⸗ geſunken. Wenn die Vacanz kam, trennten ſich die beiden Freunde oft mit fieberhafter Wehmuth; ſie tröſteten ſich mit dem Wiederſehen, und wünſchten doch nie mehr in das Kloſter zurückzukehren. Auf dem Wege erſchien dann Jvo die Welt nicht mehr ſo ſchön, die Leute nicht mehr ſo gut; denn die Welt in ihm hatte eine andere Geſtalt angenommen. Zu Hauſe zog ſich Jvo nicht mehr ſo ſtreng von Con⸗ ſtantin zurück, das Leben in ſeinem elterlichen Hauſe er⸗ ſchien ihm nicht mehr ſo gedrückt; er ſah, daß faſt kein Menſch auf Erden, für ſich allein betrachtet, ganz glück⸗ lich iſt, daß alſo eine Gemeinſchaft des Lebens, in der Ehe, in der Familie, auch manches Unvollkommene und Unglückliche haben muß. Die Welt der Ideale war ihm eingeſunken. Nur manchmal erhob er ſich noch im innigen Gebete über alle Mißlichkeiten und Herbheiten des irdiſchen Daſeins, aber auch ſelbſt in die himmliſchen Heiligthümer verfolgte ihn bisweilen der Gedanke der Unvollkommenheit und Mangel⸗ haftigkeit— er war ſehr unglücklich. Die Leute hielten ſein verſtörtes Ausſehen für eine Folge des Studiums. Es ſchnitt ihm tief durch die Seele, wenn ihn ſeine Mutter bat, ſich nicht ſo übermäßig beim Studiren anzuſtrengen; er konnte der guten Frau nicht klar machen, was ihn bedrückte, war es ja ihm ſelber nicht klar. So, in der Fülle der Lebenskraft ſtehend, fühlte er — — 255 ſich doch erdenmatt und lebensmüde; er hatte das Räthſel des Daſeins noch nicht beſiegt, und glaubte, daß nur der Tod es loͤſe. In der vorletzten Vacanz, vor dem Aßgange nach Tübingen, erfuhr Jvo einen herben Verluſt; er traf ſeinen Nazi nicht mehr im Hauſe. Das Gretle hatte ſich mit Paver verheirathet, der Widerſpruch des Vaters war end⸗ lich beſiegt worden, und ſie war mit nach Amerika ge⸗ zogen; jetzt fehlte es an weiblicher Hülfe im Hauſe, die Söhne Valentin's konnten das Feldgeſchäft ſchon allein beſorgen, und ſo wurde der Nazi verabſchiedet; er war fortgegangen, ohne zu ſagen wohin? Der Taubenſchlag war leer, und die Thiere im Stalle ſchienen mit Jvo um den fernen Freund zu trauern. Freilich war Emmerenz dafür als Magd in's Haus gekommen. Sie war ein ſtarkes, munteres Mädchen ge⸗ worden, etwas kurz und unterſetzt; ſo was man„mockig“ nennt, man konnte ſie wohl zu den Hübſcheren im Dorfe zählen; aber Jvo widmete ihr längſt keine Aufmerkſamkeit mehr, die Liebe zu ſeinem Clemens hatte ſein ganzes Herz erfüllt. Es waren Vacanzen vorübergegangen, in denen er Emmerenz nicht einmal angeſprochen. Jetzt betrachtete er ſie bisweilen verſtohlen, ſchnell aber wendete er dann, wenn er dieß inne wurde, den Blick. Nur einmal, als er ſie im Stalle ſo freundlich handiren ſah, ſagte er:„das iſt brav, Emmerenz, daß du das Vieh gut verſorgſt; gib nur auf den Falb und die Algäuerin recht acht.“ „Ich weiß wohl,“ erwiederte die Angeredete,„das ſind deine alten Lieblinge, guck, das gefällt mir jetzt, daß du die noch gern haſt, und gleichſam um einen alten Klang aus ſeiner Kindheit in ihm zu wecken, ſang ſie, während ſie der Allgäuerin Futter aufſteckte: Da droben auf'm Bergle, Da ſteht e weißer Schimmel, Und die brave Büeble, Kommet alle in Himmel. 256 Und die brave Büeble Kommet et allein drein, Und die brave Mädle, Müſſet au dabei ſein. Jvo ging ſtill da⸗ von hinaus in das Veigelesthäle, wo er einſt einen ganzen Tag mit dem Nazi gezackert hatte; er meinte, er müßte hier eine Kunde von ihm finden. Er beneidete ſeine Brüder, die hier arbeiteten, die am elterlichen Tiſche mit den Ihrigen Freud' und Leid theil⸗ ten, die Niemanden als ihren natürlichen Obern zu ge⸗ horſamen hatten. Mit erneuter Innigkeit ſchloß ſich Jvo bei der Rück⸗ kehr in's Kloſter an ſeinen Clemens an: er mußte ihm jetzt auch den verlorenen Nazi erſetzen. Der letzte Sommer, der nun in Ehingen zu verleben war, brachte auch mannigfache Abwechſelung. Clemens war aus einer großentheils proteſtantiſchen Stadt, er kannte daher mehrere von den Klöſterlingen in Blaubeuren, die etwas mehr Freiheit hatten; ſie kamen nun bisweilen nach Ehingen, gingen zum Direktor, Einer ſagte, daß er ein Landsmann von Clemens, der Andere, daß er des⸗ gleichen von Jvo ſei, und ſo Andere von Anderen; die Landsleute erhielten nun einen Mittag frei; und im nahen — — 257 Dorfe, unter fröhlichen Liedern, mit dem vollen Glaſe in der Hand, ſchloß Jvo manches Smollis mit den prote⸗ ſtantiſchen Klöſterlingen. Sie waren beiderſeits nicht frei, wenn auch die Blaubeurer einzelne Conceſſionen mehr hatten. Die Studentenzeit ſtand wie ein lichtglänzender, von Süßigkeiten behangener Weihnachtsbaum vor der Seele aller dieſer Jünglinge, und ſie rüttelten gewaltſam an den Pforten der künftigen Beſcheerung; ſie genoſſen im Voraus die Freude des Burſchenlebens, die ihnen doch nicht voll⸗ auf werden ſollte. So kam endlich der Herbſt. Am Abend vor dem Ab⸗ ſchiede gingen Jvo und Clemens nach der Freundſchafts⸗ hecke, ein jeder brach ſich einen Zweig und ſteckte ihn auf die Mütze, dann reichten ſie ſich die Hände und ſchwuren ſich nochmals ewige Freundſchaft. Jvo verſprach noch, ſeinen Clemens während der Vacanz in Crailsheim zu beſuchen— Das Verlaſſen eines Ortes, ſo wenig glücklich man auch in demſelben gelebt hat, erregt doch ſtets eine Weh⸗ muth; die Hülle der Vergangenheit fällt ab, man kehrt nie mehr als derſelbe zu ihr zurück: dieſe Häuſer, dieſe Gärten und Straßen ſind die Geburtsſtätten eines ganzen Schickſals. Hier hatten ſich die Freunde gefunden, hier hatte ſich ihr Geiſt zu ungeahnter Höhe entfaltet, und mit tiefem Schmerze trennten ſich die Freunde von dem Kloſter und der Stadt. Sie gelobten, einſt, in altersgrauen Tagen, wieder mit einander dahin zu wallfahrten, um die ſtillen Spielplätze ihrer jugendlichen Gedanken als Männer auf⸗ zuſuchen. 10 Nenes Zuſammentreffen. „ Nachdem Jvo nur wenige Tage zu Hauſe geblieben war, machte er ſich auf den Weg zu ſeinem Freunde, deſſen Wohnort am andern Ende Württembergs, nach Franken 17 258 hin, lag. Als er nun zum erſtenmale auf der jenſeitigen Anhöhe ſtand, gedachte er jenes Abends vor der Primiz Gregor's, da er geglaubt hatte, hier könne man in den Himmel hineinſteigen. Jetzt wußte er, daß es keine irdiſche Stelle gibt, von wannen ſich der Eingang in den Himmel öffnet; ja dieſer ſelbſt ſtand ihm nicht mehr vor dem Auge, und er fragte nach dem Wo? Er ſuchte das Himmelreich auf Erden, und wußte es nicht zu faſſen. Mit ſtillen Betrachtungen durchwanderte er die Städte und Dörfer, mit fragendem Blicke betrachtete er das Trei⸗ ben der Menſchen; das Räthſel des Daſeins verwirrte ſich ſtets mehr vor ſeinen Augen. Der traubenreiche Herbſt jubelte durch das Unterland, Lieder ſchallten, Piſtolen knall⸗ ten von den Geländen, aber Jvo fragte: ſammelt ihr den Wein, der ſich in Blut verwandelt? Es war am dritten Abend, Jvo wanderte der guten Stadt Schwäbiſch Hall zu, die Sonne ging feierlich unter, es war wie an jenem Abende, da er mit Nazi im Vei⸗ gelesthäle geweſen; er ſtand ſtill und gedachte mit Weh⸗ muth des armen Freundes, den er auf immer verloren; da ſah er einen Schäfer, er ſtand mit dem Rücken gegen die Straße gewendet, auf ſeinen Stab gelehnt, und ſchaute hinein in die Abendgluthen; er ſang das Lied Da droben, da droben An der himmliſchen Thür, Und da ſteht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Jvo durchzuckte es wie eine Ahnung, er ſprang ſchnell feldein, er wollte den Schäfer fragen, wie weit er noch nach Hall habe, da bellte der Hund, der Schäfer rief, ſich umwendend:„Still, Bleß!“ und mit dem Rufe„Biſt Du's?“ lag Jvo ſeinem Nazi am Halſe. Nun war des Fragens kein Ende. Die Nacht war hereingebrochen, und Jvo ſagte: 7— „Ach Gott, ich muß jetzt ſchon fort; ich muß ſehen, daß ich eine Herberge krieg'.“ „Warum?“ erwiederte Nazi, auf die rothe Schäfer⸗ hütte deutend,„gefällt dir der Gaſthof zum rothen Haus nicht?“ Bleib' du nur bei mir, ich duck mich in ein' Eck, du ſollſt gut ſchlafen; oder ich mach' mir nichts daraus, und bleib' ganz auf, heut Nacht um zwei Uhr kommt ein Hauptſtern.“ Jvo willigte gerne ein, mit Nazi in der Hütte zu ſchlafen. „Haſt Hunger? fragte Nazi,„da unter'm Dach iſt mein Keller.“ Er holte Brod und Milch herbei, machte ein kleines Feuer und wärmte für Jvo die Milch; dann hob er die hölzerne Gabel weg, auf der der Hintertheil der Hütte während des Tages aufgerichtet war, und ſagte. „Sodele,*) da können wir gut ſchlafen, das Geſicht muß gegen Sonnenaufgang liegen.“ Wie das ſo oft geſchieht, daß man, wenn man ſo viel *) So⸗chen. 260 zu ſagen hat, gerade das Unbedeutendſte zuerſt vorbringt, ſo fragte auch Jvo:„Was bedeuten denn die wunderlichen Zeichen von Meſſingnägeln auf dem Riemen da?“ „Das ſind die drei Haupthimmelszeichen, die ſchützen das Vieh gegen böſe Geiſter; weiter kann ich dir nichts ſagen.“ Wieder wie in den Tagen ſeiner Kindheit ſaß Jvo neben Nazi auf dem Feldraine und verzehrte ein einfaches Mahl; aber es war Nacht, ſie waren in fremder Gegend, und Vieles hatten ſie ſeitdem erlebt. „Was macht denn die Emmerenz?“ fragte Nazi. „Die iſt jetzt Magd bei uns.“ „Wenn du nicht Pfarrer würdeſt, bigott,*) die hätteft du heirathen müſſen.“ „Das hätt' ich auch,“ ſagte Jvo mit feſter Stimme; die Nacht verdeckte die dunkle Röthe, die in ſeinem Antlitze aufſtieg. Nun fragte Jvo nach den Lebensſchickſalen Nazi's, und dieſer begann: „Du biſt jetzt in dem Alter, daß ich dir Alles erzäh⸗ len kann; wer weiß, ob wir uns je wieder ſehen, und du ſollſt Alles von mir wiſſen, du biſt mein Herzbruder. Ich bin nicht aus deiner Gegend gebürtig, ich bin von der andern Seite vom Schwarzwald, gegen den Rhein zu. Wenn man von Freiburg aus durch's Himmelreich und das Höllenthal geht und die Höllſteig oben iſt, da ſieht man rechts ein Thal, wo die Treiſam fließt und viel viel Ham⸗ merwerke, Sägmühlen und Mahlmühlen ſind, und wenn man auf der andern Seite den Berg naufgeht, man heißt's das Windeck, da ſieht man ein groß„Buurehus,“ das iſt des Beßtebuuren, und das war mein Vater. Du kannſt dir denken, was das für ein Gut iſt: es hält ſeine ſechzig auch ſiebzig Stückle Vieh, und man braucht kein Hämpfele**) *) Bei Gott. **) Hampfel= Handvoll. 261 Heu kaufen. Dort iſt es nicht wie da hier rum und bei euch, da wohnt ein jeder Buur für ſich, mitten auf ſeinem Grund und Boden. Das Haus iſt ganz von Holz, nur die Grund⸗ mauern ſind von Stein, die Fenſter ſind alle hart neben einander gegen die Morgenſeite hin, um's ganze Haus herum geht eine Altane, und das Dach geht weit vor und iſt von Stroh, das vor Alter grau geworden iſt, da iſt's wärmer wie im ſchönſten Schloß. Ach Gott, wenn du einmal kannſt, mußt du einmal hingehen, wo dein Nazi aufgewachſen iſt, thu's mir zu lieb. Unſere Aecker, die gehen weit auf den Feldberg nauf, und nab bis zur Trei⸗ ſam, und zweihundert Morgen Waldung, man kann des Jahres ganz leicht für zehntauſend Gulden Holz ſchlagen. Es iſt ein Pracht. Wo man hinguckt, iſt Alles eigen und Alles in gutem Stand. Wir waren drei Kinder, wie das gewöhnlich iſt, ich war der älteſte, und nach mir noch ein Bruder und eine Schweſter, und muß ich dir noch ſagen, daß beim Abſterben vom Vater, oder wenn er ſein Sach abgibt, der Hof nicht getheilt wird, der älteſte Sohn kriegt Alles, und der Vater macht den Anſchlag, was er ſeinen Geſchwiſtern an Geld rausbezahlen muß. Wenn aber ein's von den Kindern klagt, nachher theilt die Regierung den Hof. Das iſt aber nur ein paar Mal vorgekommen und iſt nie gut ausgegangen. Nun hat vierhundert Schritt von uns, auf einem ganz kleinen Schnipfele Feld, eine Wittfrau ihr einzecht ſtehend Häusle gehabt, und darin hat ſie ge⸗ lebt mit ihrer einzechten Tochter. Sie waren im dritten Glied Nachkommen von einem jüngern Kind und waren blutarm, aber lieb und gut wie die Engel, ſo ſind ſie mir wenigſtens vorgekommen. Die Mutter, weißt du, das war eine von den langen Weibern, die immer ſo freund⸗ lich thun können; das Lisle, nein, in dem war keine falſche Ader, das muß ich noch heut ſagen. Die Mutter und Tochter haben ſich davon ernährt, daß ſie Strohhüt genäht haben, denn drüben über'm Berg, im Glotterthal, da 262 tragen die Weibsleut runde, hellgelbe Strohhüt, grad ſo wie in der Stadt die Herren, und die Mannen tragen ſchwarze Strohhüt Ein Hut vom Windecker Lisle hat immer drei Groſchen*) mehr gegolten; und wenn eine noch ſo Wüſte**) einen Hut von ihm aufgehabt hat, war ſie ſchön. Das Lisle hat Händ' gehabt, ſo zart und ſo weiß wie eine Heilige; es hätt' aber doch auch recht im Feld ſchaffen können. Wenn es ſo am Fenſter geſeſſen iſt und hat genäht, bin ich oft draußen hingeſtanden und hab ihm zugeguckt; wenn es ſich einmal in den Finger geſtochen hat, iſt mir's durch Mark und Bein gegangen. Mein Vater hat's bald gemerkt, wie's mit mir und dem Lisle ſteht, und er hat' nicht leiden wollen, aber ich hätt' eher vom Leben gelaſſen, als von ihm; und da hat mich mein Vater vom Hof weg auf die Sägmühle gethan, die gehört eigentlich nicht zu unſerm Erblehen, die hat mein Vater nur ſo angekauft, und da hab' ich die ganze Woch' keinen Menſchen geſehen, als das Kind, das mir das Eſſen ge⸗ bracht, und die Leut', die die Stämme her und die Bret⸗ ter fortgeführt haben. Nachts bin ich aber als auf und davon, um nüme***) noch ein Wörtle mit dem Lisle zu reden. Da iſt plötzlich mein Vater geſtorben und hat das Gut meinem Bruder vermacht, und für mich zehntauſend Gulden und auch ſo viel für meine Schweſter; das iſt ein Bettel, das iſt das Holz von einem Jahr. Meine Schwe⸗ ſter hat ſich nach der Neuſtadt an einen Uhrmacher ver⸗ heirathet; ich war ganz rabiad und hab geſagt, ich geh' nicht aus dem Haus, ich laſſ' es auf einen Prozeß an⸗ kommen Da geh' ich einmal Abends nüber zum Lisle, und wie ich zum Fenſter neinguck, wer meinſt, daß darin ſitzt und das Lisle küßt und herzt? mein Bruder, und die alt' Her ſteht dabei und lacht, daß ihr Geſicht doppelt ſo *) Man zählt im obern Schwarzwald noch nach Groſchen. **) Wüſt= häßlich. **) Nume, ſo viel als nur, im obern Schwarzwald, gegen den Rheinabhang hin, gebräuchlich. . — — 263 lang geweſen iſt Ich nein in's Haus, das Meſſer ziehen, meinem Bruder in den Leib ſtechen, das war all eins.“ Hier ſeufzte Nazi tief, ſchwieg eine geraume Zeit, dann fuhr er fort:„Mein Bruder iſt auf dem Boden gelegen und hat ſich nicht geregt, das Lisle iſt ſeiner Mutter um den Hals gefallen und hat geſchrieen:„Mutter! an dem Tod ſeid Ihr ſchuld. Geh' fort, Nazi, ich kann dich nicht mehr ſehen.“ Ich bin davon, wie wenn mich der Teufel am Bändel hätt, und hinten nachſchleifen thät, und einmal über's an⸗ dere bin ich wieder ſtehen geblieben und hab' mich an einen Baum aufhängen wollen; da trifft mich der Schmiedjörg, und ich geh' mit ihm und verſteck' mich bei ihm bis den andern Tag. Tauſendmal hab' ich gebetet, daß Gott mein Leben von mir nehmen und mir die ſchwere Schuld des Brudermords nicht aufladen ſoll. Ich hab' die Hand auf's Herz gelegt und hab' heilig geſchworen, von da an ein buß⸗ fertiges Leben zu führen, und unſer Herrgott hat mich erhört, Am andern Morgen, ganz früh, kommt der Schmiedjörg zu mir in die Scheuer, wo ich im Heu gelegen hab, und hat geſagt:„Dein Bruder lebt und er kann davon kommen.“ Da bin ich fort über Berg und Thal, hab' meinem Bruder Alles gelaſſen und hab' mich zum Buchmaier als Schäfer verdingt; ich hab nimmer unter Menſchen ſein mögen, ich war froh, ſo allein auf dem Feld. Mein Hellauf, der war mein einziger Freund; du erinnerſt dich wohl, ich hab' dir ja oft von ihm erzählt— ich bin ſchändlich drum gekommen.“ Hier hielt Nazi wiederum ein, ſein neuer Hund ſchmiegte ſich an ihn und ſah traurig zu ihm auf, gleich als gräme es ihn, den alten Verluſt nicht erſetzen zu können. „Wie ich ſo allein auf dem Feld geweſen bin,“ fuhr Nazi fort:„hab' ich mir viel Kräuter gemerkt, hab' ſie geſammelt und Tränkle daraus gemacht; einmal im Winter kriegt ein Nebenknecht von mir das Fieber, daß es ihn ſchier zum Bett herausgeworfen hat, ich helf ihm ſchnell, und von der Zeit an ſind alle Leut' aus der Umgegend zu 264 mir gekommen, wenn Einem Etwas gefehlt hat, und ich hab' ihnen ſo ein Tränkle geben müſſen. Weißt du noch, wie du einmal ſo krank vom Feld heimgekommen biſt? da hab' ich dir auch geholfen, das war ſeitdem das erſtemal, daß ich Jemand was gegeben. Damals hat das der Doctor erfahren und hat mich bei Amt angezeigt. Es iſt mir nun bei hoher Straf' das Quackſalbern verboten worden. Ich hab nun keinem Bitten und keinem Betteln mehr nachgegeben. Da iſt ein' Geſchicht' paſſirt, du kannſt dich nicht er⸗ innern, du warſt noch zu klein: Der Dick, draußen in den Hinterhäuſern, hat zwei Söhn' gehabt, der eine war ein Menſch wie ein Graf, er war bei der Gard' in Stuttgart und war auf Urlaub; ſein beſter Freund war ſein kleiner Bruder, ſo ein halbgewachſener wilder Bub, der hat Jochem geheißen. Der Gardiſt iſt zu dem ſchönen Walpurgle, zu der Näherin, gegangen, du kennſt ſie wohl, die mit dem feinen Geſicht, die allfort ſo in Pantöffele rumläuft; die hat aber auch noch einen andern Liebhaber gehabt von Betra. Des Dicken Buben, die beiden Brüder, die haben dem einmal aufgepaßt um ihn tüchtig durchzukarbatſchen, der Betramer wehrt ſich aber tapfer; da zieht der kleine Jochem das Meſſer und ſticht nach ihm und ſticht ſeinen Bruder gerad' in den Leib. Ich lieg in meinem Schäferhäuschen und hör' auf einmal ſchreien und rufen und heulen, ich ſteh' auf und da ſind viel Männer und auch der Jochem, und ſie erzählen mir Alles und bitten mich, ich ſoll dem Erſtochenen was geben; da iſt mir ſelbe Nacht von daheim in den Sinn gekommen, das Walpurgle und das Lisle ſind auch einander gleich geweſen, kurzum, ich hab' meine Schaf' dem Schackerle übergeben und bin mit. Wie der Gardiſt faſt ganz todt da gelegen iſt, und ich hab' ihn angeſehen, hat mir's als einen Herzſchütterer nach dem anderen gegeben. Ich hab' geweint wie ein Kind und die Leut' haben mein Mitleid gelobt; ſie haben nicht gewußt, wie mir's iſt, und ich hab's — 265 ihnen nicht ſagen können. Ich hab' dem Gardiſt ein Tränkle eingegoſſen, daß er den Brand nicht kriegen ſoll, und da ſind hernach die Dortor gekommen und er iſt doch geſtorben. Kurz und gut, ſie haben mich in's Gefüängniß geſperrt und ein Jahr in's Zuchthaus. Der Jochem iſt auch in's Zucht⸗ haus gekommen, der war ſchlecht, er hat lang Alles ge⸗ läugnet und die Schuld auf den Betramer geſchoben, bis ſich's bewieſen hat, daß er's gethan hat. Bruderherz!“ ſagte Nazi, die Hand Ivo's faſſend,„was ich im Zuchthaus ausgeſtanden hab, das iſt nicht zu vermelden; in der Höll' kann man bei keinem ſchlechteren Geſindel ſein, ich hab' aber Alles gern ertragen und hab's als Sündenſchuld für mein vergangen Leben angeſehen. Einmal hab' ich auch dem Pfarrer gebeichtet und hab' ihm Alles erzählt; er hat geſagt: ich hätt' neues Unrecht gethan, ich hätt' mein Vermögen der Kirch' vermachen müſſen; ſeitdem ließ ich mich eher verreißen, eh' ich an einen Veichtſtuhl geh'! Wie ich nausgekommen bin, war mein Erſtes, daß ich den Hellauf wieder aufgeſucht hab'“ der Dick hat ihn zu ſich genommen; aber ſie haben geſagt, der Hund ſei, wie ich fort geweſen bin, toll geworden, und da haben ſie ihm auf den Kopf geſchlagen. Des Dicken hätten mich gerne bei ſich behalten, aber ihr Haus war ganz verruinirt: die Mutter iſt ein Jahr lang nicht an's Tageslicht gegangen, nur Nachts nimmt ſie ein Laternle und geht auf das Grab von ihrem Hannesle und betet dort. Du wirſt dich noch wohl erinnern, ſie geht ihr Lebtag ſchwarz gekleidet. Wie ich nun ſo das Dorf hin⸗ ausgeh', allein und nicht einmal mein Hund mehr bei mir, da verkommt*) mir dein' Mutter; ſie hat wohl gewußt, daß ich nicht ſchlecht bin, wenn ich auch ein Sträfling war, und da bin ich halt zu deinem Vater in den Dienſt ge⸗ kommen. Ich hab nimmer mögen Schäfer ſein, ich hab' *) Begegnet. wieder unter Menſchen leben müſſen. Wie mir's nachher gegangen iſt, weißt du. Ich hab' jetzt wie⸗ S der einen guten Dienſt, da auf dem Deurershof; aber es iſt mir doch als, Bruder, und wär' mein' Demuth erſt die recht', wenn ich bei ihm dien.“ Nazi hielt inne und drückte ſich mit der Hand die Augen zu, da ſagte Jvo: „Du hätteſt eigentlich ſol⸗ len in ein Kloſter gehen und Mönch werden, das paßt für dich.“ „Pfaff?“ ſagte Nazi mit ungewöhnlich ſcharfem Tone, „da ließ ich mir lieber die Händ' abhacken; vom Frommſein leben das iſt nichts nutz. Nimm mirs nicht übel, verzeih' mein einfältig Geſchwätz, ich bin ein dummer Kerl; du wirſt Pfarrer und du thuſt recht daran, du haſt ein rein Gemüth, aber komm,“ ſagte er dann, nach den Sternen aufſchauend, „es iſt ſchon bald elf Uhr, wir wollen ſchlafen.“ Mit tief bewegter Seele ſchlüpfte Jvo mit Nazi in den Karren. „Sag mir einmal, du biſt doch g'ſtudirt,“ begann Nazi, „wie kommt's, daß die Lieb' das meiſte Unglück über die Menſchen bringt? wär's nicht beſſer, ſie wär gar nicht da?“ Jvo war verlegen, er hatte darüber noch nicht nach⸗ gedacht, mit ſchläfriger Stimme antwortete er indeß:„das kommt vom Sündenfall, von der Erbſünde ich will aber darüber nachdenken. Gute Nacht.“ Die müde Seele und der ermattete Körper Jvo's wurden von den weichen Armen des Schlafes eingenommen. Als S als müßt' ich zu meinem —— x — 267 er andern ens erwachte, war ihm Alles wie ein Traum⸗ er fand den Nazi nicht n ehr an ſeiner Seite, und als er n herausſtreckte, ſtand der Schäfer ſeinen Thieren. ch einem einfachen Morgenimbiß rrennten ſich die beiden Freunde, und noch als Jvo fort war, rief ihm Nazi abermals nach:„Wenn du einmal nach Freiburg gehſt, komm' zum Befßtebuur, da bin ich.“—— Mit Clemens verlebte Jvo fröhliche Tage, nur einmal ſchüttelte er den Kopf über ſeinen Jugendgenoſſen; er erzählte ihm nämlich ſein Zuſammentreffen mit Nazi und deſſen Geſchichte, da ſagte Clemens:„Donner und Doria! das iſt ein prächtiges Abenteuer, du biſt ein Glückskind, ich beneide dich faſt darum; die Geſchichte von dem Knecht iſt ganz ſchön ſchauerlich, nur fehlt noch ein Geiſt oder ein Geſpenſt darin.“ Jvo verſtand den Clemens nicht, er begriff es nicht, wie man die herben Schickſale des Menſchen als Phantaſie⸗ gebilde des müßigen Weltgeiſtes betrachten könne. 1 Das Convict. Allein, ohne ein Geleite von Familienangehörigen, zog Jvo nach ſeinem neuen Beſtimmungsort; er war den Fa⸗ milienbeziehungen entwachſen, und ſelbſtſtändig ging er nun ſeinen Weg. Freundlich und hell lachte ihn die gute Stadt Tübingen an. Er träumte von den Wonnen, die ſich ihm hier erſchließen ſollten, obſchon er wohl wußte, daß noch immer Kloſterzwang, wenn gleich ein etwas mil⸗ derer, ſeiner harrte. Das Leben der freien Wiſſenſchaft war nun unſerm Jvo geboten. Er beſuchte mehrere philoſophiſche Vorleſungen außer⸗ halb des Kloſters, in dem tieſſten Grunde ſeiner Seele aber 268 hatte Alles eine theologiſche oder eigentlich eine katholiſche Beziehung. Die ſchläfrigen Vorträge alter Lehrer— die die dürren Begriffsformeln auſpflanzten, an welchen nirgends friſches Leben grünte— waren nicht geeignet, 39% auf die Höhe der freien Wiſſenſchaft zu heben, von wo aus die Theolo⸗ gie in ihrer abgeſchiedenen und begrenzten Stellung ſich erweist. Feſt ſchloß ſich Jvo an ſeinen Elemens an, mit dem er nun doch eine Stunde im Freien ohne Aufſicht ſich ergehen durfte. Auch andere Bekannte traf er hier: vorerſt die Söhne des Oberamtmanns. Sie thaten jetzt ſehr vornehm, ihr Vater war zum Regierungsrath befördert und hatte den Verdienſtorden erhalten, er ſchrieb ſich jetzt von Rellings; obgleich nun die Söhne dadurch noch nicht geadelt waren, ſchloſſen ſie ſich an den Adel und beſonders an den an⸗ weſenden Sohn eines mediatiſirten Fürſten an. Jvo begegnete ihnen eines Tages, als ſie in ihrer vornehmen Geſellſchaft ausritten, er ſprang auf ſie zu und reichte ihnen die Hand; ſie hatten aber Peitſche und Zügel zu halten und er erhielt nur einen Finger. Mit herab⸗ laſſendem Zunicken ſagte der älteſte: „Ah, jetzt auch hier? das iſt ſchön,“ und ihren Pferden die Sporen gebend, ritten ſie davon. Jvo gedachte jenes Tages, da er einſt ſtolzirend mit ihnen durch das Dorf gegangen war, er ſah dieſe Behand⸗ lung als eine gerechte Strafe für ſeinen damaligen Hoch⸗ muth an. Die Rellingſe hatten jetzt Höhere gefunden und ſie thaten in deren Begleitung eben ſo herablaſſend gegen ihn, wie er einſt in ihrem Geleite den grüßenden Bauern gedankt hatte. So erfuhr Jvo das ſeltene Unglück, daß Standesunter⸗ ſchiede der Eltern auch in das Zwiſchenreich des Studenten⸗ lebens hineinragen; denn 2 gerade ſonſt noch der einzige Puhkt, auf welchem Möhnlichen Lebenstrennun⸗ gen nicht vorhanden ſns Wö die jungen Geiſter ſich auf dem ungeſpaltenen Boden der Gleichheit bewegen. 269 den Jvo im Kloſter traf, ſchloß n ihn an, dieß war Conſtantin. ind Auswege, wie man die Stunden ſchwänzen u r in's Wirthshaus ſitzen, wie man ſich Abends frei machen und einem flotten Burſchencommers bei⸗ wohnen konnte; er gab ſich viele Mühe, den„craſſen Fuchſen,“ ſeinen Landsmann Jvo, ebenfalls zu einem„forſchen Studio“ herzurichten. So wenig ihm dieß indeß bei Jvo gelang, um ſo gelehriger war Clemens; ſein abenteuerlicher ESinn fand in dem Studentenleben eine entſprechende Nah⸗ rung. Nachts, an zuſammengeknüpften Tüchern aus dem Convicte zu entfliehen, in den Kneipen zu ſingen, zu jubiliren, dann durch die Straßen zu randaliren und wieder mit doppelter Gefahr in das Kloſter zurückkehren, das war eine Freude nach ſeinem Herzen. Die Luſt des brauſenden Jugend⸗ muthes reizte Clemens faſt noch mehr, als die Freude, das Geſetz verhöhnen zu können. Obgleich nun Jvo mehrmals ſeinen Clemens ermahnte, mehr an die Zukunft zu denken, ließ er ſich doch einſt ſelber dazu verleiten, in dunkler Nacht dem Kloſtergefängniß zu entrinnen. Sie waren nach Conſtantin's Ausdrucke„kreuz⸗ fidel,“ ſetzten in der Kneipe bunte Mützen auf und Jvo war der Luſtigſte von allen; aber gerade dießmal wurden ſie bei der Heimkehr ertappt und Jvo mufßte mehrere Tage im Carcer ſeine Schuld abbüßen. Conſtantin war hocherfreut, daß ſein Landsmann nun die Studentenweihe erhalten habe, er ſagte oft:„ich werde kein Pfarrer, die Scheer' wird nicht geſchliffen, die mir die Haare abſchneidet, ich muß nur vorher was abwarten.“ Dann ſagte er ein andermal:„wenn ein recht Leben unter euch wär', thäten wir uns alle verbinden, daß wir ſammt und ſonders aus dem Kloſter austreten, nachher ſoll einmal unſer Herrgott allein die Welt regieren, er ſoll ſehen,⸗ wie er fertig wird.“ 270 „Was möchteſt du denn dieſe gottloſen Reden das Bli „Ein Nordſtetter Bauer u n „Aufrichtig geſtanden, das möcht' ich einmal meine Beſtimmung nicht.“ „Ich will mich noch beſtimmen, gib nur a,“ ſagte Fonſtantin.. Viele Convictoren bekamen auch von ihren Eltern Be⸗ ſuch, es waren meiſt Bauern, in ihre übliche Landestracht oft ärmlich gekleidet. Es that Jvo ſehr wehe, daß die „Herren Studenten“ ſich ihrer Eltern ſchämten und ungerne mit ihnen ausgingen; als ihn daher einſt ſeine Mutter beſuchte, ging er ſtets Hand in Hand mit ihr durch die Stadt und verließ ſie den ganzen Tag nicht. Es war im Februar, da kam Conſtantin zu Jvo auf ſeine Stube, die den altherkömmlichen Beinamen„Zion“ hatte: er zog einen Strauß von gemachten Blumen mit rothen Bändern daran aus der Taſche, und ſagte:„Guck, das hat mir das Hannele von der Hauffei geſchickt, ich bin Rekrut, ich bin dieß Jahr beim Zug und hab' mich frei geſpielt, juchhe! jetzt komm' ich aus dem Kloſter.“ „Wie ſo?“ „O du Boöcklein weiß wie Schnee, ging einſtens auf die Weide! Ich will dir ſagen, wie das geht, aber auf dein Cerevis, daß du's bei dir behältſt. Wenn ich freiwillig aus dem Kloſter treten thät, müßt' ich den Genuß, den ich da⸗ rin gehabt, rausbezahlen und müßt' Soldat werden; vom letztern bin ich jetzt frei, und wenn ich mach', daß ſie mich aus der Wallachei da nausmaaßregeln, nachher brauch ich nichts zu bezahlen, dem Direktor, dem ſpendir ich noch ein beſonders Trinkgeld.“ Conſtantin ſteckte den rothbebänderten Strauß auf ſeine Mütze und ging keck damit über den Kloſterhof; er kam den ganzen Tag nicht mehr zurück und zog mit den andern Studenten, die ebenfalls dieſes Jahr im Zuge und daher — * 1 „ Rekruten nheh in Arm über den Markt und durch die nze Stadt ſang und trank und randalirte er. Erſt ſpät bends kehrte er heim und wurde ſogleich auf den ſogenann⸗ ten„Herrentritt“ zu dem Direktor beſchieden. Der Direktor war allein, Conſtantin blieb an der Thüre, ſich mit beiden Händen rückwärts an derſelben feſthaltend, da trat der Direktor mit grimmiger Rede auf ihn zu, Con⸗ ſtantin lachte, ſtolperte vorwärts und trat den Direktor ſo hart auf die Füße, daß er laut aufſchrie und noch härtere Reden vorbrachte; aber Conſtantin rückte abermals vor und machte den Herrentritt zur buchſtäblichen Wahrheit. Der arme Direktor nahm den einzigen Stuhl, der im Zimmer war und hielt ihn vor ſich, aber Conſtantin drang ſtets ſchärfer auf ihn, jagte ihn von einer Seite zur andern und ſchrie, wie die engliſchen Reiter, wenn ſie ein Pferd im Kreiſe treiben, ha! hupp! und ſchnalzte mit der Zunge. Endlich gelang es dem grauſam Verfolgten, die Klingel zu errei⸗ chen; der Famulus kam und Conſtantin wurde in das finſterſte Carcer geſperrt. Vier Wochen lang mußte er hier ſeinen ſchnöden Muth⸗ willen abbüßen, und als ihn Jvo einmal beſuchte, gab er ihm recht, daß es ſündhaft war, den Unmuth gegen das Geſetz an dem unſchuldigen Vollſtrecker deſſelben auszulaſſen. Jvo ſagte mit Recht: „Es iſt doppelt ſündlich die Alten find wohl die Kerkermei⸗ ſter, die uns bewachen, aber ſie müſſen ja auch grad wie wir im Gefängniß wohnen und haben's nicht viel beſſer; der Schlüſ⸗ ſel, der ihnen ſelber aufſchließen könnt' iſt gar nicht einmal hier.“ „Jo,“ lachte Conſtantin,„weißt, wie es als im Ab⸗ zählen beim Spielen geheißen hat? Das Engelland iſt zugeſchloſſen Und der Schlüſſel abgebrochen. Da hab' ich halt eine Riegelwand eingeſtoßen.“ Conſtantin wurde mit Schimpf aus dem Kloſter entlaſſen. Als Jvo in der Oſtervacanz nach Hauſe kam, reichte ihm Conſtantin ſeine Hand, an der drei Finger verbunden waren; er hatte ſich nämlich bei einer Rauferei, zwiſchen den Nordſtettern und Baiſingern, von der Schloßbauern⸗ feindſchaft her, gewaltig ausgezeichnet, wobei ihm eine Flaſche auf ſeiner Hand in Splitter zerſchlagen wurde. Ueberhaupt gehörte bereits der Studentle— ſo hieß fortan Conſtantin — zu den meiſterloſeſten*) Burſchen im Dorfe. Er hatte ſich bäueriſch gekleidet und gefiel ſich darin, recht toll zu ſein und jedes höhere Bildungselement, das noch an ihm haftete, abzuſtreifen. Mit ſeinen beiden Kameraden, des Hansjörgs Peter und des Metzgerle's Florian, dem Sohne eines verkommenen Schlächters, führte er allerlei loſe Streiche aus; die Drei hielten feſt zuſammen und ließen keinen Andern in ihre Kameradſchaft. Höchſt eigenthümlich war das Ver⸗ hältniß Conſtantin's zu Peter: liebender wacht ein Mutter⸗ auge nicht über das Wohl ihres kranken Kindes, nachgiebi⸗ ger iſt ein ſanftes Weib nicht gegen ihren verſtörten Gatten, als Conſtantin gegen Peter war; ja, er unterdrückte ſogar die Neigung zu des Jörg's Magdalene, weil er merkte, daß Peter ſich um ihre Liebe bewarb, er verhalf ihm hierzu ſo viel er konnte. Wenn Conſtantin ganz wild war, ſo daß kein Menſch mit ihm auskommen konnte und er Alles kurz und klein ſchlagen wollte, durfte Peter nur ſagen:„thu's mir zu lieb, Conſtantin, und gib Frieden,“ ſo war er zahm und folgſam wie ein Lamm. Jvo hatte viel Mühe, ſich von Conſtantin los zu machen, aber es gelang ihm doch. Er war ſtill und ernſt, ſelbſt bei den luſtigſten Reden und Späßen Conſtantin's verzog er keine Miene, und dieſer ließ den„Betbruder“ endlich gewähren. Als Jvo wieder in das Kloſter zurückgekehrt war, traf⸗ er ſeinen Freund Clemens in einer großen Umwandlung. *) Meiſterlos, ſo viel als unbändig, den Niemand bemeiſtern kann. 273 Clemens war als junger, lebenskecker Student in nähere Beziehung zu der Tochter ſeines Amtmanns gekommen, ſein ganzes Weſen loderte nun in Einer Flamme für ſie. Er wollte aus dem Kloſter austreten und die Rechte ſtudiren, er verhöhnte das geiſtliche Amt mit den bitterſten Reden, er verhöhnte ſich ſelber und ſein Geſchick, das ihn arm und hülflos an einen verhaßten Beruf kettete; mit dem ganzen Ungeſtüm ſeines Geiſtes rüttelte er ſtets an den Feſſeln, die ihn einengten. Er ſah überall nichts als Sklaverei, bleichen Antlitzes und oft zähneknirſchend ging er einher. Jvo bot die ganze Macht ſeiner Liebe auf, um ſeinen Freund zu retten; aber er erkannte bald, daß hier eine höhere Macht waltete, und er trauerte mit ſeinem armen Freunde, obgleich er ſeinen wilden Ungeſtüm nicht recht faſſen konnte. Clemens ſaß in den Hörſälen, und während die Anderen mit eifriger Haſt die flüchtigen Worte des Lehrers nachſchrie⸗ ben, ſchrieb er nur bisweilen den Namen Cornelie und ver⸗ kritzelte ihn dann wieder zur Unkenntlichkeit. Der Funke der Unzufriedenheit, der in Jvo geſchlum⸗ mert hatte, drohte zur Flamme zu werden, aber noch hielten ihn die feſten Mauern des Gehorſams, die gewohnte Unter⸗ ordnung unter das Schickſal, in ſtiller Lohe. Eine Verſchiedenheit in dem Weſen der beiden Freunde zeigte ſich beſonders auch darin, daß Clemens in ſeinem Mißmuthe ſtets durch Zerſtreuungen, lärmende Geſellſchaften und dergleichen Selbſtvergeſſenheit ſuchte, während Jvo in ſeinen Verſtimmungen ſich immer mehr in ſich ver⸗ ſenkte, gehalten und leiſe ſeinen Schmerz aufzuklären und in der Selbſterkenntniß zu löſen trachtete. Dieß gelang ihm aber nur ſchwer, und ein trüber Flor lagerte ſich auf ſeine Seele; auch er liebte das Leben weniger als ſonſt, es war ihm eine Bürde, er ſagte oft, daß er gerne ſterben oder ewig ſchlafen möchte. „Das beſte auf der Welt,“ ſagte er einmal Nachts zu ſeinem neben ihm liegenden Clemens,„iſt doch ein Bett. 18 274 Ein Vogel im Käfig, der iſt übel d'ran, wenn er auch ſchläft, er ruht dabei doch nicht recht aus. Er ſitzt auf dem Stängele und muß ſich noch immer mit ſeinen Krallen feſthalten, das iſt noch immer eine Thätigkeit, das iſt keine vollkommene Ruhe. So auch der Menſch wenn er ſitzt, ruht nicht recht aus, er muß ſich dabei noch immer halten, erſt wenn man ſich niederlegt, alle Glieder ſich auflöſen läßt und gar keine Muskel mehr anſpannt, erſt das iſt die wahre Ruhe. Darum iſt es dem Vogel im Neſt und dem Menſch im Bett ſo wohl. Plato hat den Menſchen einen federloſen Zweifüßler geheißen: was ſchadet's? er ſteckt ſich in fremde Federn. Der Nazi hat mir einmal geſagt: wenn man einen Raubvogel zahm machen will, hängt man ihn in eine Mühle, damit er nicht ſchlafen kann, und da wird er ſo geſchlacht wie eine Taube; das iſt gerade wie von dem Tyrannen, wo wir einmal in Ehingen geleſen haben, der ſeine Gefangenen alle Stund hat wecken laſſen. Wenn's an's Plagen geht, da ſind die Menſchen gar erfinderiſch; mit dem Erfreuen ſind ſie nicht ſo bei der Hand. Das größte Wunder ſind mir immer noch die Säulenheiligen, die allfort geſtanden ſind. Das iſt die größte Selbſtüber⸗ windung. Denk nur einmal, wenn man ſo ſein Lebenlang immer daſtehen müßt', daß einem die Füße ganz pekzig werden! Ahdele!*) ich dank unſerm Herrgott für das Bett, ein gut's Rüh'le, geht über ein gut's Brüh'le, ſagt man bei uns daheim.“ So philoſophirte Jvo, Clemens aber gab ihm keine Ant⸗ wort und ſeufzte nur einmal leiſe„Cornelie.“ Jvo ſchlief ruhig ein. Der Weltgeiſt, der Geiſt der Natur, wenn er allnächt⸗ lich auf die Klöſter herabſah, verhüllte klagend ſein Antlitz. Clemens hielt ſich gewaltſam wach, und als es eilf Uhr geſchlagen, ſchlich er leiſe in den Kloſterhof. Es war eine *) Ah⸗chen. — 275 linde Sommernacht, es hatte gewittert, zerriſſene Wolken ließen das Licht des Vollmondes bald hell erglänzen, bald überdeckten ſie es mit ihren Schatten, Clemens kniete nieder, und die Hande ringend rief er zitternd:„Teufel! Beelzebub! du Herrſcher der Hölle, erſcheine mir, gib mir von deinen Schätzen, und meine Seele ſei dein, erſcheine, erſcheine!“ Clemens horchte mit angehaltenem Athem, Alles war ſtille, nichts regte ſich, nur von ferne vernahm man das Bellen eines Hundes. In ſich zuſammengekauert lag Cle⸗ mens lange ſo, und als noch immer nichts erſchien, kehrte er fröſtelnd in ſein Bett zurück. Andern Tages ſaß Clemens blaß und abgehärmt an ſeinem Pulte, das Buch war vor ihm aufgeſchlagen, aber er las nicht. Wie Schlangenwindungen krochen die ſchwar⸗ zen Zeichen vor ſeinem Auge in einander, da brachte ihm der Brieſträger einen Brief; er hatte ihn kaum überleſen, als er ohnmächtig vom Stuhl herabfiel, ſeiner krampfhaft geballten Hand entfiel ein lithographirtes Billet, darauf ſtand:„Cornelie Müller und Herrmann Adam, Verlobte.“ Alles eilte ſchnell herbei, Clemens wurde zu Bette gebracht. Jvo harrte zitternd und weinend, bis der Athem ſeines Freun⸗ des wieder zurückkehrte; nun aber verfiel Clemens in ein hef⸗ tiges Fieber, ſeine Zähne klapperten und er zuckte ſtets zu⸗ ſammen, daß man ihn halten mußte. Drei Tage lang lag der Unglückliche im Delirium, er ſprach bisweilen von dem Teufel und bellte wie ein Hund; nur einmal ſagte er ſanft die Augen zulegend:„Gute Nacht, Cornelie.“ Jvo durchlas den Brief ſeines Freundes, er hatte dieß Recht ſtets gehabt, und nun fand er einigermaßen den Zuſammenhang. Der Brief enthielt die Nachricht, daß ein reicher Oheim von Clemens' Mutter geſtorben ſei und ſie zur Geſammterbin eingeſetzt habe; die freudigſten Ausſichten für die Zukunft waren hieran geknüpft. Jvo wich nicht von dem Bette ſeines Freundes, und wenn er fort mußte, löste ihn meiſt Bartel ab. „ 8 276 Das Krankenlager des Clemens war ein tief ſchmerzliches. Meiſt düſterte er ſo hin mit offenen Augen, aber wie es ſchien, ohne Etwas zu ſehen. Jvo mußte die Hand auf ſeine brennend heiße Stirne legen, und dann ſagte er manchmal, die Augen ſchließend: Ah! Es war wie wenn bei der Be⸗ rührung der geweihten Freundeshand böſe Martergeiſter aus der engen Behauſung des Gehirnes auszögen. Hin und wieder brauste auch Clemens in gewaltigem Ingrimm auf und verfluchte die ganze Welt und ihre Liebloſigkeit; wenn ihn dann Jvo zu begütigen ſuchte, kehrte ſich der Zorn des Gereizten gerade gegen ihn, mit krampfhaft zitternden Hän⸗ den um ſich ſchlagend rief er:„O du herzloſer Wicht, gelt, mich kannſt du quälen?“ Mit frommer Duldung, Thränen in den Augen, nahm Jvo dieſe rauhe Behandlung hin; ja er empfand bisweilen ſogar eine gewiſſe innere Freude und Genugthuung darin, für ſeinen Freund auch dieſes über ſich nehmen zu dürfen. Am vierten Tage als Clemens erwachte, war es ihm, als ob ſich vor ihm in der Unendlichkeit, aber doch wieder ganz nahe, ſo daß er es greifen konnte, in der blauen Luft eine Niſche aufthäte, die von lauter Licht erfüllt war; um ihn und aus ihm rief es„Clemens!“ Er hatte ſich wieder gefunden. Noch oft erzählte er, daß es ihm in dieſem Augenblicke war, als ob Gott in ſeiner Strahlenglorie ihn erhellte und ihn zurückführte, zu ihm und zu ſich ſelber. Als er nun endlich wieder zu ruhiger Beſinnung gelangt war, ſagte er, die Hände hoch erhebend;„Mich hungert nach Gottes Tiſch.“ Er verlangte nach dem Beichtiger und ſagte dieſem nun Alles: daß er den Teufel beſchworen, daß dieſer ihm geholfen und ihn zu Grunde gerichtet habe. Er bat zerknirſcht um eine ſchwere Buße und Abſolution. Der Beichtiger auferlegte ihm eine leichte Buße, und bedeutete ihn eindringlich, daß ihm das Vergangene dazu dienen müſſe, alle weltlichen Gelüſte von ſich abzulöſen, wie Gott 277 ihn wunderbar gerettet, und wie er fortan nur ihm angehö⸗ ren müſſe. Wer in das Antlitz des Clemens hätte ſchauen können, als er mit gläubig geſchloſſenen Augen da lag, und der Beichtiger, den Segen über ihn ausſprechend, als Sinnbild der Verſöhnung das Zeichen des Kreuzes auf dem Angeſichte des Kranken vollführte, wer die Spannung der Muskeln und das Pulſiren der Wangen hätte beobachten können, der hätte es Clemens nachfühlen mögen, welch' eine heilige Wand⸗ lung mit ihm vorging; es war ihm wirklich und wahrhaft, als ob die ätheriſche Hand Gottes ihn berührte, leicht und lind all' die Schwere aus ihm hervorleitete und ihn von Neuem durchhauchte.— Der wieder erſtandene Clemens war ein ganz Anderer als ehedem. Er ſchlich leiſe umher, ſich oft umſchauend, als fürchte er Etwas, dann ſtand er wieder plötzlich ſtille. Jvo vermochte es nicht, ihn aufzurichten, denn ſelbſt ihm hatte Clemens den ganzen Verlauf ſeiner Sündhaftigkeit nicht zu bekennen gewagt.— Wiederum nach der Vacanz war Clemens ganz ver⸗ wandelt. Er ſah wohl blühend aus wie zuvor, aber aus ſeinem Auge leuchteten geheimnißvolle Flammen. Einſt zog er im Burgholz, in dem nahen Walde, ſeinen Freund an ſeine Bruſt und ſagte:„Jvo, danke Gott mit mir, er hat mir die Gnade wieder gegeben. Unſere Schuld iſts, wenn der Herr nicht Wunder an uns thut, weil wir uns nicht reinigen zu Gefüßen ſeines unerforſchlichen Willens. Ich habe gelobt, Miſſionär zu werden, und den Wilden das Heil der Welt zu verkünden. Ich habe ſie wieder geſehen, die meine Seele dem Herrn geſtohlen hatte, aber mitten in ihrem Anſchauen verſchwand die Welt vor meinen Augen, der Allbarmherzige legte ſeine Hand auf mich und rettete mich. zog mich hinauf auf den Berg. Dort ſaß ich bis die Sönne verglühte und die Nacht hereinbrach, Alles umher ſtill und todt. Da hör' ich plötzlich jenſeits im Walde die Stimme eines Knaben, das waren nicht irdiſche Töne, es ſang: „Wohl nach dem heißen Afrika.“ Ich kniete nieder und der Herr vernahm mein Gelöbniß. Mein Herz war mir aus dem Leibe genommen, ich hielt es in der Hand. Ich küßte den Fels unter mir und den Baum neben mir, und ich habe den Geiſt Gottes aus ihnen in mich eingeſogen; ich hörte die Bäume ſchauern und die Felſen in verhaltenem Harme klagen, ſie weinen und ſie trauern und harren des Tages, da das Kreuz geworden iſt der Lebensbaum, aufgerichtet zwiſchen Himmel und Erde, da der HERR, HERR wieder erſcheint und die Welt erlöst iſt, da werden die Felſen freudig hüpfen und die Ströme freudig jauchzen.“ Clemens kniete nieder und fuhr dann fort:„Herr! Herr! begnade mich! lege Deine Worte auf meine Zunge, würdige mich der ſeraphiſchen Liebe, gieße Deine Gnade aus über meinen Herzbruder, zerbrich ihn, daß er mitfühle die Schwerter, die durch Deine Bruſt gegangen und die das Herz der Welt zerſchneiden. Ich danke Dir, o Herr! daß Du mich mit der heiligen Armuth vermählt; ja, ich will mich ganz weihen der glückſeligen Thorheit und will mich ſchmähen und ſchänden laſſen, bis die Hütte meines Leibes wieder abgebrochen wird, bis ich die Verweſung dieſes Lebens vollendet habe. Herr! Du haſt mich reich gemacht, damit ich werde der Armen einer. Selig ſind die Armen, ſelig ſind die Kranken!“ Clemens küßte die Füße ſeines Freundes, lag dann noch eine Weile, das Haupt auf den Boden gedrückt, dann ſtand er auf, und die Beiden gingen ſtille heimwärts. In der Seele Jvo's bebte eine namenloſe Furcht; wohl fühlte er die Macht des Opfermuthes, die übeFlemens gekommen war, aber er ſah auch ihre ſchrecklichen Brirrun⸗ gen— er fühlte ein Schwert durch ſein Herz fahren. 279 Willig folgte er ſeinem Freunde in die Nachtgebiete menſchlichen Lebens und Wiſſens, es war ihm, als müſſe er ihn ſtets begleiten, um zur Hülfe bereit zu ſein. Das Leben der Heiligen war es, was ſie vor allem durchforſchten. Jvo ſagte einmal:„ich freue mich der Er⸗ kenntniß, daß die Offenbarung fort und fort durch die Menſchheit geht; Heilige erſtehen, denen ſich der Herr geoffenbart und ihnen die Wunderkraft verliehen, und wer ſich recht heiligt, dem kann es durch die Gnade werden. Jetzt hat wiederum jede Stadt und jedes Land ſeinen wah⸗ ren Heiligen, wie einſt die Griechen die falſchen Götter. Gott iſt überall leibhaftig nahe.“ Clemens küßte, ohne zu antworten, die Stirne Jvo's. Nach einer Weile aber ſprach er mit feuriger Zunge von den Helden, die mit leerer Hand die Welt erobert und bewältigt. Das Leben des heiligen Franz von Aſſiſi nahmen ſie mit beſonderer Innigkeit in ſich auf; ſeine Bekehrung vom brauſenden Weltleben und die Art, wie er zuerſt einen Aus⸗ ſätzigen durch ſeinen Kuß geheilt, zog Clemens beſonders an. Jvo aber erquickte ſich an der kindlichen Einheit des Heiligen mit der Natur und ſeiner Wundermacht über ſie: wie er einſt den Vögeln gepredigt, daß ſie das Lob Gottes ſingen ſollen, wie ſie ſtille horchten, bis er das Zeichen des Kreuzes über ſie gemacht und ſie geſegnet, und ſie dann ein ſchmetternd Lied erſchallen ließen; wie er mit einer Nach⸗ tigall einen Wett⸗ und Wechſelgeſang zum Lobe Gottes bis zum Abende fortſang, wie er dann ermüdet war, ſo daß der Vogel auf ſeine Hand geflogen kam, damit er ihn ſeg⸗ nete. Bei der Erzählung von dem Lamme, das der Heilige von der Schlachtbank gerettet und das jedesmal im Chore beim Geſange niederkniete, dachte Jvo mit Freude an ſein Muckele. Bei Erzählung, daß der Heilige ſo hochbegnadigt war, die Wunbenmale Chriſti, die durchſtochenen Hände und Füße und die Lanzenwunde im Herzen an ſeinem eigenen 280 Leibe auf wunderbare Weiſe zu empfangen, fing Clemens an laut zu weinen. 5 Er wiederholte ſeinen Vorſatz, Franziskaner⸗Mönch zu werden, und forderte auch Jvo zu Gleichem auf, damit ſie nach der Ordensregel zu zweit durch alle Welt wandelten, Qualen aufſuchten, arm und hülflos nur von Almoſen lebten. Mit unerſättlicher Gier verſenkte ſich dann auch Clemens in die Tiefen der Myſtik und riß ſeinen Freund mit ſich fort. Der Studentle. In der Vacanz wurde Jvo wiederum mächtig in das Leben hereingezogen. Da konnte man das Treiben und Wirken der Außenwelt nicht ſo leicht von ſich weiſen und ſich in eine Welt willkürlicher Gedanken verſenken. Solche Ueberhebungen ſind meiſt nur möglich, ſo lange man außer⸗ halb der Familie, alſo außerhalb des eigentlichen wirklichen Lebens ſteht; ins Dorf zurückgekehrt, ſchlangen ſich um Jvo wiederum die Familienbande und die vielfach verſchlungene Lebensgeſchichte der Dorfbewohner drang auf ihn ein. Er kannte ja das innere Gebaren in all dieſen Häuſern, hinter all dieſen Mauern; er fand ſich wie nach einem Erwachen wieder. Eines Abends traf Jvo den Conſtantin vor ſeinem Hauſe, er kaute an einem Strohhalm und ſah verdrießlich drein. „Wo fehlt's?“ fragte Jvo. „Was? du kannſt mir doch nicht helfen.“ „Nun, ſo ſag's doch.“ „Du haſt keinen Sinn für die Welt, du kannſt dir nicht denken, was das iſt jetzt iſt bald Pfingſten, und da iſt der Hammeltanz und— ich hab' keinen Schatz; ich könnte einen haben, aber ich hab' mich zu und doch mag ich halt keinen andern, und hät mich 281 gottſträflich verzürnen, wenn ſie mit einem Andern ging'“ Das gibt einen Hammeltanz, daß Gott erbarm.“ „Wer iſt denn die Stolze?“ „Du kennſt's wohl, die Emmerenz.“ Jvo erſchrack unwillkürlich, er fragte aber doch ſchnell: „Haſt du ſchon lang Bekanntſchaft mit ihr?“ „Sie will ja nichts von mir, das iſt eben die Sach', die thut ſo heilig und zimperlich wie die keuſche Diana.“ „Meinſt du's denn auch ehrlich mit ihr, und willſt du ſie heirathen?“ „Was? ehrlich? g'wiß, was denn anders? aber vom Heirathen iſt jetzt noch keine Red'; kennſt du noch das alte Burſchenlied: Lieben, lieben will ich dich, Ich will dich lieben, Aber heirathen nicht.“— „Da muß ich der Emmerenz Recht geben.“ Was? sans touche, das capirſt du nicht recht: ſo ein Mädle muß content ſein, wenn es einen Schatz kriegt wie ich bin. Des Schulzen Bäbele thät mit allen zehn Fingern nach mir langen, wenn ich nur bſt! machen thät; aber die könnt' jetzt auch nicht mehr die keuſche Kirche vor⸗ ſtellen, wie bei des Gregor's Primiz, ich mag ſie nicht.“ Während Jvo und Conſtantin ſo mit einander ſprachen, kam auch der Peter und der Florian hinzu. „Ah!“ ſagte der Letzte,„läßt ſich der Herr Student auch einmal ſehen? Ich hab' gemeint, unſer eins wär ihm zu gering, daß er ihm nur ein Wörtle gunnen thät'.“ „Ja,“ ergänzte Peter,„alle Buben im Ort ſagen: ſo wär' noch keiner geweſen wie du, Jvo; du thuſt ja als ob du von Stuttgart wärſt, und nicht von Nordſtetten.“ „Um Gotteswillen,“ ſagte der von allen Seiten ange⸗ griffene Jvo,„es iſt mir nie eingefallen, ſtolz zu ſein; kommet, wir gehen mit einander in's Wirthshaus.“ 282 „Das iſt recht,“ ſagte Florian,„wir feiern heut Abend meinen Abſchied, Morgen geh' ich in die Fremd“.“ Die Leute im Dorfe wunderten ſich, als ſie den Jvo mit dem Kleeblatt dahingehen ſahen, das war ein ſeltener vierblättriger Klee. „Haben wir auch einmal die Ehr?“ ſagte die Adler⸗ wirthin, als Jvo mit den Andern in die Wirthsſtube trat. „Ich will gleich ein Licht in's Verſchlägle ſtellen. Mit was kann man aufwarten? Soll ich ein Schöpple guten Ueberrheiner bringen?“ „Wir bleiben für jetzt noch bei Württeinberg,“ ſagte Conſtantin,„und der Jvo trinkt mit uns, er iſt ein Nord⸗ ſtetter Bub, grad wie wir auch.“ „Wie du nicht, das wär' ſchad,“ entgegnete die Wirthin. „Ich will dir einmal was aufzurathen geben, du Schneppepperle: worin ſind die Weiber und die Gänſ ein⸗ ander ganz gleich?“ ſagte Conſtantin. „Daß ſo Ganstreiber wie du ſie regieren wollen,“ er⸗ wiederte die Wirthin. „Bärbele, ſei froh: wenn man am Dummſein ſchwer tragen thät, du könnteſt ſchon lang nimmeh laufen. Ich will dir's ſagen, worin ſie gleich ſind: an den Gänſ' und an den Weibern iſt alles gut, bis auf den Schnabel. Jetzt gang' und hol ein Maaß Sechſer.“ „Du biſt kein Batzen werth,“ ſagte Bärbele lächelnd, indem es fortging, um das Befohlene zu bringen. Wir haben es wohl wieder erkannt, es iſt das Bärbele, deſſen wir uns noch vom Jäger von Mühringen her er⸗ innern. Der Kaſpar hatte den Adler gekauft und Bärbele war eine tüchtige Wirthin; es konnte Jedermann gut unter⸗ halten, und blieb, wie wohl bekannt, Niemand eine Antwort ſchuldig, ſo daß ſogar die Horber„Herren“ nicht mehr blos in das Schäpfle gingen, ſondern auch den Adler mit ihrem Beſuche beehrten. Nachdem eingeſchenkt und angeſtoßen war, begann Florian — 283 das Lied:„Es geht ein Pudelmann*) um unſern Tiſch herum,'rum, rum.“ Dann wurde„Saſa geſchmauſet“ geſungen, und die Worte„edite, bibite“ waren in„hebet ſie, leget ſie,“ übertragen; dieſe Einbringung fremder Cultur war das Werk Conſtantin's. Die Burſchen waren nicht wenig ſtolz auf ihre neuen Lieder. Jvo ſang mit lächelndem Munde ſogar mit, denn er wollte nicht herriſch erſcheinen. Die drei Kameraden waren trefflich eingeübt. Peter ſang die erſte Stimme, und obgleich er ein klangvolles Organ hatte, überbot er es doch durch übermäßiges Schreien, denn die ſingenden Bauern und die predigenden Pfarrer halten meiſt die ins Unnatürliche getriebene Stimme für ſchöner und weihevoller. Conſtantin bewegte ſich beim Singen ſtets auf und nieder, er ballte die beiden Fäuſte und ſchlug damit in kurzen Sätzen in die Luft; Florian aber lag ruhig mit beiden Armen auf den Tiſch geſtemmt und drückte wie zu innerer Andacht die Augen zu. Die Maaß war bald getrunken, da rief der Studentle: „Bärbele, noch einmal ſo, auf Einem Fuß lauft man nicht,“ und dann ſang er: Wein her! Wein her! Oder i fall um und um. Umfallen thur i net Lutheriſch wur i net; Wein her! Wein her! Oder i fall um. Gleich darauf aber ſang er wieder: Und die ni gar et mag, Die ſieh ni alle Tag Und die ni gerne hätt', Die iſt ſo weit aweg; *) Burſchcomment. 284 Kein' Schöne krieg i net, Kein' Wüſte mag i net. Und ledig bleib' i net: Was fang i an? „Iſt's wahr, Conſtantin?“ fragte Bärbele, kannſt du ſo gut polniſch betteln gehen? Hat dich die Emmerenz mit einem Helf dir Gott*) um ein Haus weiter geſchickt?“ „Ich parir drei Maaß vom Beſten, ſie geht mit mit zum Hammeltanz und mit keinem Andern. Florian ſang: „Wegen ein'm Schätzle trauern, Das wär mir e Schand, Und i kehr mi glei um, Geb er Andre die Hand. Peter erwiederte: Wenn i ſchaun kein Schatz haun, F leb ohne Sorgo; Es wurd alle Tag Obed Und wieder morgo. Conſtantin ſang: Wenn's ſchneit, ſo ſchneit's weiß, Und wenn's gffriert, ſo gfriert's Eis; Und was die Leut' keit, Das thur i mit Fleiß. Florian dagegen: Heut iſt es grad acht Tag', Hot mir mein Schatz aufg ſagt; Es hat ſo bitter g'weint, 1 Und i haun gllacht. Und: Drei Wochen vor Oſtern, Da geht der Schnee weg, *) Abweiſung eines Bettlers. 285 Da heiret mein Schätzle, No haun i den Dreck. „Nicht ſo, man muß den Stiel umkehren; ſo muß es heißen,“ ſagte Conſtantin und ſang: Drei Wochen vor Oſtern, Da geht a weg Schnee, Da heiret mein Wüſte, No haun i e Schön. Ein ſchallendes Gelächter und allſeitiger Lobpreis aus allen Ecken der Stube lohnte das neue Geſätz. Der Peter ſang: Schätzle du närrt's, Du liegſt mir im Herz Und du kommſt mir et draus, Bis das Leben iſt aus. Und: Wenn i nu wüßt', Wo mein Schätzele wär, Und da wär mein Herz Nit halb a ſo ſchwer. Florian ſang wieder: Und wenn man will recht fröhlich ſein Und leben ohne Kummer, Muß mer heiren wie die Vögelein: Nur auf ein einzigen Sommer. Conſtantin ſang: Zu dir bin i gange, Zu dir hat's mi gffreut. . Zu dir gang i nimmeh, Der Weg iſt mir z'weit. Es wär mir et z'weit, Und er wär' mir ſchon recht Und du kannſt dir's wohl denken, Du biſt mir viel z'ſchlecht. 286 Jvo ſaß mit unruhigem Sinnen hinter dem Tiſche. Er dachte darüber nach, wie er um dieſe Stunde bei der ein⸗ ſamen Lampe die Geheimniſſe der Weltſchöpfung und Er⸗ löſung zu enträthſeln trachtete, wie da all das Treiben der Menſchen, all die Wünſche des Einzellebens fernab von ihm lagen, und nun ſtellte er allem dieſem das Leben ſeiner Altersgenoſſen entgegen! der Mittelpunkt ihres Denkens und Treibens war die Liebe, in derbem Spott wie in zarten Sehnſuchtshauchen klang das einzige Gefühl doch überall durch— das ganze Daſein fiel ihm wiederum wie von ſcharfem Stahl zerſchnitten in zwei Hälften aus einander, in Geiſtlich und Weltlich. Bärbele hatte ihn genau beobachtet, es hatte das mißbehagliche Zucken in ſeinem Antlitze wohl entdeckt, es ging daher auf die Singenden zu und ſagte: „Ei wie? ſchämet ihr euch et? könnet ihr denn nicht auch ein ordentlich Lied ſingen?“ 287 Conſtantin erwiederte: Ei g'fällt's Euch halt et? So gefällt es halt mir; Ei könnet Ihr's beſſer, So ſinget jetzt Ihr. „Ja, wir wollen, wenn du mitſingſt,“ ſagte Florian. „Meinetwegen.“ „Nun, was denn?“ fragte Peter. „Ehrlich und fromm.“ „Iſt mein Reichthum, nein, das mag ich nicht,“ ſagte Conſtantin. „Nun, das: Morgens fruh beim kühlen Thauen.“ „Ja.“ Bärbele begann herzhaft und die Anderen ſangen mit. Morgens fruh beim kühlen Thauen, Wann das Gras am längſten iſt, Werd' ich mein ſchön Schätzlein ſchauen, Eh' und bevor es Niemand ſieht. Fuchs und Haſen ſoll man ſchießen, Eh' ſie laufen in den Wald; Junge Mädchen ſoll man lieben, Eh' und bevor ſie werden alt. Bis daß der Mühlſtein trägt die Reben, Und herausfließt rother Wein; So lang der Tod mir ſchenkt das Leben, So lang ſollſt du mein eigen ſein. Jvo dankte dem Bärbele herzlich für das ſchöne Lied, Conſtantin aber ſetzte ſogleich darauf: Aus iſt's mit mir Und mein Haus hat kein Thür, Und mein Thür hat kein Schloß, Und vom Schatz bin i los. 288 Aus iſt's mit mir In dem ganzen Revier, Und wann die Donau austrocknet, No heirathen wir. Und ſie trocknet net aus Und iſt alleweil naß, Jetzt muß ich gehn ſchauen Um ein anderen Schatz. „Wollen wir jetzt das: Es ging ein Knab ſpazieren?“ fragte Bärbele. „Laß du ihn nur daheim,“ entgegnete Conſtantin. „O du! wärſt du daheim blieben, hätt' man dich nicht heimgeſchickt wie das Hundle von Bretten.“ „Fang eins an,“ ſagte Florian, und ſie ſangen nun: Froh will ich ſein! Wann's nur dir wohl geht, Wann ſchon mein jung friſch Leben In Trauerheit ſteht. Alle Wäſſerlein auf Erden, Die haben ihren Lauf, Kein Menſch iſt ſchier auf Erden, Der mir mein Herz macht auf. Die Sonne und der Mond, Das ganze Firmament, Soll Alles für mich trauern, Bis an mein ſelig End. Ivo ſaß unruhig auf ſeinem Stuhle, in dieſem Liede war ſein Schickſal ausgeſprochen. „Bleib nur da,“ ſagte Conſtantin, der die Unruhe Jvo's „Bärbele, bei dir geht's nicht wie bei dem Wirth zu Emmaus, du gibſt zuerſt den guten und dann den ſchlechten, 289 du haſt da lutheriſch und katholiſch unter einander gebracht, der Wein iſt eine gemiſchte Ehe.“ „Wenn die Mäuß' ſatt ſind, nachher ſchmeckt das Mehl bitter,“ erwiederte die Wirthin. „Wiſſet ihr was?“ rief Conſtantin,„jetzt trinken wir warmen Wein“ „Du haſt g'nug für heut,“ ſagte Bärbele. „Was wir nicht trinken, ſchütten wir in die Schuh. Heut wollen wir einmal einen Commers halten, du biſt doch auch dabei, und du, und du?“ Alles nickte bejahend und Florian ſang Bruder trink einmal, Wir ſeind ja noch jung, Im Alter iſt es immer Für Sorgen Zeit genung. Denn der gute Weine Iſt für gute Leute, Bruder laß uns heute Froh und fröhlich ſein. Als der warme Wein kam, ſang Conſtantin, mit den Füßen ſtampfend und mit den Fäuſten auf den Tiſch ſchlagend: J und mein altes Weib, Können ſchön tanzen! Sie nimmt den Bettelſack, J nehm den Ranzen.* Schenk mir einmal bairiſch ein, Bairiſch wollen wir luſtig ſein: Bairiſch, bairiſch, bairiſch wollen wir ſein. Sie ging wohl in die Stadt, J bleib da draußen; Was ſie erbettelt hat, Thur ich verſaufen. Schenk mir einmal bairiſch ein u. ſ. w. 19 290 Es war ſchon ſpät, ein Bub hatte Jvo den Haus⸗ ſchlüſſel gebracht, der Schütz war gekommen, um„abzubie⸗ ten,“ aber Conſtantin beſchwichtigte ihn durch ein Glas Wein; Gleiches gelang auch bei dem bald eintreffenden Nachtwächter. Conſtantin begann die Profeſſoren nach⸗ zuahmen und von ſeinen Studentenſtreichen zu erzählen. Sich entſchuldigend ſtand Jvo auf, um nach Hauſe zu gehen, die Anderen wollten ihn halten, Conſtantin aber machte ihm Platz; beſonders weil er ſich ſcheute, im Bei⸗ ſein Jo's manche fremde Heldenthat ſich ſelber anzueignen, er ſagte daher nur noch: „Trink aus, du könnteſt ſonſt über den Stumpen fallen.“ Jvo leerte noch das Glas glühenden Weines und ſagte gute Nacht. „Nimm die Stubenthür zu dir in's Bett,“ rief ihm noch Conſtantin nach; Jvo hörte es nicht mehr. Eine linde Vollmondsnacht legte ſich über die Erde, es war, als ob das ſanfte Licht überall hin Stille und Ruhe ausbreitete. Jvo hielt oft an und legte die Hand auf die hochklopfende Bruſt, er zog die Mütze ab, um ſein Haupt um und um von den ſanften Lüften anfächeln zu laſſen. Als er ſich zu Hauſe entkleiden wollte, fühlte er doppelt, wie all ſein Blut in ihm wogte, wie die ſchnel⸗ len Takte ſeiner Pulſe ſich jagten; er verließ daher noch⸗ mals das Haus, um draußen in dem Frieden der Nacht Ruhe zu finden. Auf der Landſtraße und durch die Felder ſchritt er hin, er war ſo froh und ſelig, er fragte nicht warum, er hätte ewig ſo fortwandeln mögen, ſo mit freu⸗ dig hüpfender Bruſt: der Geiſt des Lebens war wiederum in ihm auferſtanden und trug ihn ſchwebend auf der ſchönen friedlichen Erde. Als er endlich wieder heimgekehrt war, ſah er die Thüre an der Ehren⸗*) Kammer halb offen. Ohne daß er es wußte oder wollte, ging er hinein und“ *) Ehren= Hausflur. 291 ſtand wie feſtgezaubert: da lag Emmerenz: der Mond be⸗ ſchien ihr Antlitz, ihr Haupt lag unter ihrem rechten Arme, und die linke Hand ruhte an dem Gelände. Die Bruſt Po's hob ſich, ſein ganzes Weſen erzitterte, er wußte nicht wie ihm geſchah, aber er beugte ſich über Emmerenz und küßte ſie ſo leiſe und zart wie der Mondſtrahl auf ihre Wangen; Emmerenz ſchien es doch zu fühlen, denn, ſich auf die andere Seite legend, ſagte ſie nur halblaut:„ein' Katz, Katz, Katz.“ Jvo ſtand noch eine Weile ſtill mit empor⸗ geſtreckten Armen lauſchend, ob ſie nicht erwacht ſei; als ſie aber ungeſtört fortſchlief, ward Jvo von der Heiligkeit dieſer Ruhe bewältigt, er ſchlug ſich zähneknirſchend mit geballter Fauſt vor die Stirne und verließ das Gemach. In ſeinem Zimmer warf er ſich dann auf den Boden und ſeine tiefſte Seele marternd rief er:„Herr, Gott! vergib, laß mich ſterben, denn ich habe geſündigt, ich bin ein Ver⸗ worfener, Nichtswürdiger. Herr, Gott, ſtrecke deine Hand aus und zermalme mich.——“ Von Kilte geſchüttelt, erwachte Jvo, es war Tag, er legte ſich zu Bette. Die Mutter brachte ihm den Kaffee vor das Bett, ſie fand ihn ſehr übel ausſehend, ſie wollte es nicht zugeben, daß er aufſtände; Jvo aber ließ ſich nicht davon abhalten, denn er wollte und mußte zur Kirche gehen. Als Jvo vor dem Stalle vorüberging, hörte er die Emmerenz drinnen ſingen: J haun koan Haus Und haun koan Hof, J haun koan Feld Und haun koan Geld, Und ſo e Mädle Wie ni bin Hot koan Freund auf der Welt. „Warum ſo traurig?“ konnte ſich Jvo nicht enthalten zu fragen,„haſt du ſchlecht geſchlafen?“ 19* „Vom ſchlecht Schlafen weiß ich nichts, ich bin müd wenn ich in's Bett komm, und da fallen mir die Augen zu; das Lied iſt mir halt grad ſo eingefallen.“ „Brauchſt nichts zu verhehlen, gelt, du hätteſt eben doch gern den Conſtantin zum Schatz?“ „Den, lieber den Franzoſenſimpel, oder den blinden Koanradle; ich hab' kein Geluſt, das halb Dutzend bei ihm voll zu machen. Ich brauch' kein Schatz, ich bleib' ledig.“ „So ſprechen alle Mädchen.“ „Du wirſt ſchon ſehen, daß mirs ernſt iſt.“ „Wenn du einen braven Mann kriegen kannſt, mußt du nicht zu heikel ſein.“ „Was könnt' ich kriegen? ſo einen alten Wittwer, der ſchon ein paar Weiber unter die Erd' geliefert hat. Nein, wenn ich einmal nimmeh bei euch bleiben kann, bin ich kurz reſolvirt; ich hab dem Gretle verſprochen, ich komm' 293 zu ihm nach Amerika. Es macht mir aber rechtſchaffen Freud', daß du dich auch noch um mich kümmerſt; ſo iſt's ja net, daß, wenn man Geiſtlich wird, man gar nicht nach ſeine alte Freund ummer gucken darf?“ „Ich wünſche von Herzen, daß ich dir zu deinem Glück verhelfen könnte.“ Emmerenz ſah ihn freudeſtrahlend an, dann ſagte ſie: „das hab' ich mir immer denkt, du biſt allfort gut ge⸗ weſen, ich hab's nie glaubt, daß du ſtolz ſeiſt. Frag' nur dein Mutter, wir reden oft von dir. Spürſt als nichts in deinem rechten Ohr?“ Die Beiden plauderten noch eine Weile ſo mit einander. Emmerenz erzählte, daß ſie der Mutter die Briefe vorleſe und daß ſie ſie faſt ganz auswendig wiſſe. Jvo hielt es für ſeine Pflicht, ſie darauf aufmerkſam zu machen, daß er auch ihrer nicht vergeſſen habe und daß ſie nur ſtets recht brav ſein ſolle; er ſagte dieß Alles mit großer Selbſt⸗ beherrſchung, denn das treuherzige Weſen des Mädchens hatte einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Es läutete, und an einigen mit ihren Gebetbüchern heimkehrenden alten Frauen merkte Jvo, daß er die Früh⸗ meſſe verſäumt hatte. „Wo ſchaffſt du denn heute im Feld?“ fragte er noch⸗ „Draußen im Weiherle.“ WMit einem„B'hüt di Gott“ ging Jvo auch hinaus in's Feld, aber gerade nach der entgegengeſetzten Seite hin; es zog ihn oft dahin, wo er wußte, daß Emmerenz war, dann ging er aber um ſo ſchneller, um der Verſuchung ſeines Herzens Trotz zu bieten. Endlich kehrte er nach Haus und nahm ein Buch vor, um zu ſtudiren, aber er konnte ſeine Gedanken nicht zuſammenbringen. Er nahm Papier und begann einen Brief an ſeinen Clemens, er wollte ihm ſein ganzes Inneres aufdecken, bald aber zerriß er den angefangenen Brief wieder und tröſtete ſich damit, daß er ſeinen Freund ja bald wieder ſehe. 294 Gegen alle frühere Gewohnheit war nun Jvo ſelten zu Hauſe. Er brachte oft halbe Tage in des Jakoben Schmiede zu. Die Schmieden ſind Aufenthaltsplätze für allerlei Nichtsthuer, für alte Leute⸗ und Faullenzer: da kom⸗ men fremde Fuhrleute, da kommen Einheimiſche, die die Pferde beſchlagen laſſen oder ſchadhaftes Feldgeräthe brin⸗ gen; wie der Blasbalg immer neu das Feuer anſchürt, ſo ſtrömt auch ſtets neue Unterhaltung herzu. Jvo dachte viel darüber nach, wie es geworden wäre, wenn der Wunſch ſeiner Kindheit in Erfüllung gegangen und er das Schmiede⸗ handwerk erlernt hätte. Er nahm ſich vor, einſt, wenn er Pfarrer ſei, dieſe Orte oft zu beſuchen und hier gelegent⸗ lich manches gute Wort anzubringen, und wenn er daran dachte, daß er vielleicht nie zum geiſtlichen Berufe gelange, ſagte er ſich innerlich:„Immerhin, aber nur nicht ſo wer— den wie der Studentle.“ 18 Der Zwieſpalt. Als Jvo wieder in das Kloſter zurückgekehrt war, ließ er mehrere Tage vorübergehen, ehe er die Bewegung ſeines Innern ſeinem bleich gewordenen Freunde Clemens mit⸗ theilte; er ſchauderte mit Recht vor dieſer Eröffnung. Als ſie wiederum im Burgholz waren, faßte Clemens die Hand Jvo's und ſagte:„Ich habe es im Traume ge⸗ ſehen, wie Satan ſein Netz über dich ausſpannte.“ Jvo geſtand ſeine Liebe zu Emmerenz. „Wehe!“ rief Clemens,„Wehe! auch über dich iſt der Verſucher gekommen! Aergert dich dein Auge, ſo reiß' es aus, du mußt dieſe Höllenflamme in dir zertreten und ſterbe auch dein Leben mit.“ Jvo mußte nun alsbald zur Beichte gehen. Auch von ihm erfuhr man nie, welche Buße ihm auſerlegt wurde, nur willigte er gerne in den Vorſchlag des Clemens, daß 295 ſie fortan auf der Erde ſchliefen und ſich auch ſonſt auf allerlei Weiſe kaſteiten. Clemens ſchlief faſt immer auf der Erde, mit ausgebreiteten Armen, in, der Form eines Kreuze Mit aller Macht ſeines Willens wendete Jvo Seele von den Weltgedanken ab und es gelang ihm wiederum ſich ganz in die Gottesgelahrtheit zu verſenken. Bald aber verfolgte ihn auch in dieſe heiligen Gebiete ein fremder Dämon. Er wagte es nicht, dieß Clemens mitzutheilen; denn dieſer hätte von Neuem kläglich Zeter gerufen. So war der Zerfall der beiden Freunde ſchon vorberei⸗ tet, der endlich ganz unerwartet zum Durchbruche kam. Clemens ſprach einſt von der Gottheit Chriſti, der den martervollen Kreuzestod über ſich genommen und wie ihn das erſt als Gott und Heiland der Welt offenbare. „Ich ſehe an dem Kreuzestod nichts ſo Uebermenſch⸗ liches,“ ſagte Jvo ganz ruhig.„Es iſt heilig, aber nicht übermenſchlich, als Unſchuldiger für ein erhabenes Streben zu ſterben. Nicht der gekreuzigte Chriſtus, ſondern der lebende und lehrende, der ſo allliebend war, wie noch Keiner vor ihm, der iſt mein Heiland; er wäre mir derſelbe, wenn er die Treue ſeiner göttlichen Sendung auch nicht mit dem Martertode beſiegelt, wenn die verblendeten Juden ihn an⸗ erkannt und ihn leben gelaſſen hätten. Nicht der gekreu⸗ zigte, ſondern der lebendige Chriſtus, ſein göttliches Leben und ſeine göttliche Lehre iſt mein Heiland, mein Erlöſer.“ Clemens ſtand da und zitterte am ganzen Körper, ſeine Lippen quollen auf, ſein Auge rollte wild und mit gewal⸗ tiger Fauſt ſchlug er Jvo in's Geſicht, daß dieſem die Funken aus den Augen ſprühten und die Wange brannte. Jvo ſtand ruhig da, Clemens aber fiel vor ihm nieder, faßte ſeine Hand und ſchrie: „Wirf dich mit mir in den Staub, Elender! Wahr⸗ lich, die ſchwerſte Züchtigung, die für deine Gottloſigkeit dir werden konnte, hat der Herr durch meine Hand an dir 296 vollführt; ich wollte es nicht, aber der Herr hat meinen Arm gegen dich geſchleudert. Du biſt mein Herzbruder und durch mich mußteſt du gezüchtigt werden, daß du es fühleſt, wie zweiſchneidige Schwerter durch dein Gebein fahren. Wirſt du mich von dir ſtoßen, ſo iſt das die härteſte Strafe, die der Herr über dich verhängte; er will dir deinen beſten Freund nehmen. Thue wie dir dein Geiſt befiehlt, verſtoße mich, dann biſt du zwiefach elend. In tiefe Nacht muß dich der Herr tauchen, damit du zum Licht kommſt, mit Wehmuth muß er dich tränken, mit Galle dich ſättigen, bis der Lügengeiſt aus dir ausfahre und der Sündenſchlamm von dir abfällt. Herr! laß dir dieß Opfer wohlgefallen, ich opfere dir ein Stück meines Herzens, meinen Freund. Du biſt mein Freund, o Herr! Vergib mir, daß meine Seele noch an ihm hing, der da iſt ein Fraß der Würmer. Begnadige mich, o Herr! reiche mir den vollen Becher des Schmerzes, führ' mich den Dornenweg, zu dir, zu dir!“ Wehmüthig ſtand Jvo da und blickte auf ſeinen Freund, deſſen überquillende Heftigkeit er wohl kannte, er wollte ihn aufrichten, Clemens aber wehrte es ab und Jvo er⸗ kannte bald den vollen Gedankenlauf dieſer Verzückung; mit unbeſchreiblichem Schmerze ſah er dann hier in ſeinem lebendigen Freunde deſſen Leiche vor ſich, und wiederum war es ihm, als ſtünde ſein eigener Geiſt vor ſeinem eigenen entſeelten Körper und ſähe ihn zum letztenmale zuſammen⸗ zucken; ihn ſchwindelte. Er verſuchte es nochmals Elemens aufzuheben, dieſer aber richtete ſich ſtraff auf und fragte Jvo gebieteriſch: „Willſt du Buße thun? Willſt du mit den Thränen der Reue den Roſt deiner Seele abwaſchen?“ „Nein.“ „So fahre zur Hölle!“ rief Clemens, Jvo abermals packend, dieſer aber wehrte kräftig ab, und der Wilde ſagte bittend:„ſchlage mich, tritt mich, ich will Alles gern über mich nehmen, aber retten muß ich dich, das will der Herr.“ 297 Jvo kehrte ſich ab und verließ lautlos ſeinen Freund. Still und gedankenvoll ging Jvo lange Tage umher: die volltönendſte Saite ſeiner Seele war in ſchrillem Miß⸗ klange zerriſſen, er hatte eine ſchöne Liebe begraben, ſeine Trauer war tief und namenlos.— Jetzt auch, da er ein Ertrem der Glaubensſchwärmerei vor ſich geſehen hatte, regten ſich viele halbſchlummernde Zweifel und Bedenken lebhafter, er war„zwiefach elend,“ wie Clemens verheißen, aber er konnte ſich nicht retten. Der Horber Kaplan war als Profeſſor nach Tübingen gekommen, er hatte noch immer eine gewiſſe Vorliebe für Jvo, dieſer ſchloß ſich ihm inniger an und eröffnete ihm die Marter ſeiner Seele. Sonderbar! gerade über die Jungfrau Maria wagte Jvo die meiſten Bedenken. Er fragte zuerſt, ob ſie„eine Heilige, auch allgegenwärtig ſei,“ da man doch überall zu ihr bete. Der Profeſſor ſah ihn etwas betroffen an, dann ſagte er:„Der Begriff der Gegenwart iſt ein bloß menſch⸗ licher, den körperlichen Dingen entnommen, cigentlich nur für ſie geltend; indem wir das Wörtchen„all“ zu„gegen⸗ wärtig“ hinzuſetzen, wollen wir nur die Geſammtheit des Daſeins zuſammenfaſſen, wir glauben nun dadurch einen neuen Begriff zu gewinnen, in der That aber haben wir keinen. Wie wir überhaupt nichts Ueberirdiſches, als ſolches, in Begriffe faſſen können, iſt alſo das Daſein eines Geiſtes durch den Begriff der Gegenwart gar nicht meßbar. Wir faſſen überhaupt alles Ueberirdiſche nicht durch den Begriff, ſondern durch den Glauben.“ Jvo befriedigte ſich vollkommen bei dieſer Antwort, ſchüchtern wagte er noch die Frage: wie man von der Jung⸗ frau Maria ſprechen könne, da doch in der Bibel Brüder Chriſti erwähnt würden. DerProfeſſor erwiederte:„Das griechiſche Wort ciꝗeos*) *) Bruder. 298 iſt nicht wörtlich zu nehmen, das iſt ein orientaliſcher Aus⸗ druck, aus dem Ebräiſchen genommen, und heißt ſo viel als: Verwandter, Freund.“ „So wäre alſo der Ausdruck 09 560*) auch nicht wörtlich zu nehmen, und wäre auch bloß vrientaliſcher Ausdruck?“ „Keineswegs, hiefür ſprechen ausdrücklich die meſſianiſchen Stellen des alten Teſtaments, die Cvangelien und die Satzun⸗ gen der Kirche, und dann,“ ſetzte er hinzu, indem er die Mienen Jvo's ſcharf beobachtete,„iſt die ganze Menſch⸗ werdung Gottes nur dazu, um dem menſchlichen Begriff einen Halt zu geben, da, wie ich vorhin geſagt, wir das Ueberirdiſche nicht begreifen können; das Weſen derſelben iſt und bleibt eben ein Myſterium, das wir nur glauben können, und der Glaube wird in dir wohnen, wofern du dich nur recht befleißeſt, deine Seele rein und kindlich zu erhalten.“ „Ja das iſt nicht ſo leicht,“ ſagte IJvo zaghaft. Ich will dir einen bewährten Rath geben,“ ſagte der Profeſſor, die Hand auf die Schulter Jvo's legend:„ſo oft ein Gedanke in dir aufſteigt, der dich vom Glauben entfernt, ſuch ihn augenblicklich zu bannen durch Gebet und Studium, laß ihn nie länger in dir walten. Es geht uns mit unſerm Gotte, wie mit einem Freunde; haben wir uns länger in⸗ nerlich von ihm entfernt, ſo finden wir leicht den rechten Weg zu ſeinem Herzen nicht mehr.“ Dieſe Lehre und dieſes Gleichniß traf Jvo gewaltig, aber es war zu ſpät. Man ſollte vermuthen, ſolcherlei Forſchungen hätten Jvo über die Kirche hinaus bis an die äußerſten Grenzen des Denkens treiben müſſen, aber er war und blieb ein gläubiges Gemüth; er war vom Vorhandenſein der Wunder lebendig überzeugt, und nur eine Seele, die noch auf dem *) Gottes Sohn. 1— 299 Zauberboden der Wunder ſteht, weilt noch auf dem Gebiete des wahrhaften Kirchenglaubens der Glaube iſt die Hingabe an ein unerklärbares oder Unerklärtes, an ein Wunder. Das Widerſtreben Jvo's gegen das geiſtliche Studium hatte noch ganz andere Grundlagen, die ihm jetzt immer deutlicher wurden: die alte Luſt nach einem thätigen Leben regte ſich in ihm. Eine frühere Gedankenreihe, die ſchon im Kloſter zu Ehingen begonnen, aber wieder abgebrochen ward, ſetzte ſich jetzt in Jvo fort.„Nicht die ſchweißvolle Arbeit der Hände,“ ſagte er zu ſich,„iſt die Strafe für die erſte Sünde, ſon⸗ dern, weil die Menſchen vom Baume der Erkenntniß einmal gegeſſen, müſſen ſie nun ewig darnach ſtreben, ohne ſich ganz daran erſättigen zu können; im Schweiße ihres An⸗ geſichts ſuchen ſie das Brod ihres Geiſtes, die flatternden dürren Papiere ſind die Blätter am Baume der Erkenntniß, zwiſchen welchen die Frucht verſteckt ſein ſoll. Glückſelig! wem der heilige Chriſtbaum mit ſeinen, von höherer Hand angezündeten Lichtern, der volle Baum der Erkenntniß geworden, Arbeit! Arbeit! Nur das Thier lebt und arbeitet nicht, es gehet aus, um ſeine Nahrung zu ſuchen und be⸗ reitet ſie nicht; der Menſch aber greift ein in die ewig ſchaffende Kraft der Erde, frei mitwirkend in der Thätigkeit des All's, kömmt der Segen der That, Ruhe und Friede über ihn. Ihr verblendeten Römer, euer Wahlſpruch war: Leben heißt Krieg führen, und ihr ginget hin, eure Brüder zu unterjochen, um im ſtolzen Triumphe in die Roma ein⸗ zuziehen. Nein! Leben heißt arbeiten. Wohl iſt das auch ein Kampf mit den ſtillen Mächten der Natur, aber ein Kampf des freien Lebens, der Liebe, der die Welt umgeſtaltet: des Steines Härte weicht des Meißels Kraft und füget ſich zum ſchönen Bau, und vor Allem ſei du mir geprieſen Ackerbau! In der Erde Furchenwunden ſtreueſt du ſieben⸗ fültig Leben. Da hebt ſich das Herz, da wächſt der Geiſt. Und wie wir die Erde bebauen, ſie uns unterthan machen, 300 ſo lernen wir auch unſere Erdennatur, die wir mit uns herumtragen, beherrſchen und lenken; und wie wir des Re⸗ gens und des Sonnenſcheins von oben harren, der unſer* Werk aufgehen und reifen macht, ſo iſt es dein Wille, o Herr! die Gnade über uns auszugießen, auf daß die Saat unſeres Geiſtes gedeihe und unſern Leib heilige. Gib mir, o Herr! einen kleinen Fleck Erde, und ich will ihn ſieben⸗ fältig umarbeiten, auf daß die verborgenen Säfte aufſchießen in Halme, die ſich vor dem Hauch deines Mundes anbe⸗ tend neigen; ich will meine ſchwieligen Hände lobpreiſend zu dir erheben, bis du mich hinaufziehſt in das Reich dei⸗ ner Glorie.“ „Ich möcht' wohl Pfarrer ſein,“ ſagte er ein andermal vor ſich hin,„aber nur des Sonntags ſo die ganz' Woch' mit nichts als mit unſerm Herrgott und von dem leben, was man von ihm weiß, in der Kirche ſo daheim ſein wie in ſeiner Stub', da hat man gar keine Kirche und keinen Sonntag mehr. Ach, lieber Himmel! wie ſchön war mir's, wenn ich des Sonntags in die Kirche gekommen bin und hab'„guten Morgen Gott“ geſagt: die Sonne hat ganz anders geſchienen, die Häuſer haben anders ausgeſehen, und die Welt war ganz anders wie an einem Werktag.“ Jvo mochte an Emmerenz gedacht haben, denn er ſagte weiter: „das lutheriſch Pfarrleben gefällt mir auch nicht. Von dem Predigen eine Frau und einen Haufen voll Kinder ernäh⸗ ren, nein! nein!“ Dann kamen wieder leiſe die theologiſchen Bedenken, und er ſagte einmal: die Theologie verdirbt die Religion, was braucht's da viel? Liebe Gott, liebe deinen Nächſten. Punktum.“ So erzitterte und erbebte das ganze Weſen Jvo's. Der Gedanke an Emmerenz jagte ihm oft Fiebergluthen in das Antlitz, und dann überrieſelte ihn wieder Eiſeskälte, wenn er an ſein Schickſal dachte. Jo dachte nun viel darüber nach, wie er ſeinen Eltern ſeinen unabänderlichen Entſchluß, aus dem Kloſter zu treten, 301 mittheilen wolle; es war ſchwer, ihnen klar zu machen, daß er keinen rechten Beruf zum Geiſtlichen und auch den vollen Glauben nicht in ſich fühle. Da kam plötzlich ein Bote aus Nordſtetten mit einem Briefe vom Schultheiß an den Direc⸗ tor, der den Wunſch enthielt, Jvo einige Tage nach Hauſe zu entlaſſen, da ſeine Mutter eine ſchwere chirurgiſche Ope⸗ ration nur in ſeinem Beiſein beſtehen wolle. Von Angſt gejagt, eilte Jvo mit dem Boten nach Hauſe. Er erfuhr, daß ſeine Mutter ſchon vor längerer Zeit, beim Fallen von der Treppe einen Arm gebrochen, daß ſie aber nicht darauf geachtet, und nun, als es ſchlimmer geworden ſei, der Arm noch einmal gebrochen und wieder eingerichtet werden müſſe, ſonſt müßte ſie ſterben; nur ihrer Kinder wegen, für die ſie ſich erhalten müſſe, wollte ſie ſich der ſchmerzlichen Operation unterziehen. Es durchſchnitt Jvo die Seele, daß der Bote immer von ſeiner Mutter ſprach, wie wenn ſie ſchon geſtorben wäre, oder ſicherlich„nicht mehr davon käme.“„Es war die rechtſchaffenſte Frau ſo weit man kocht,“ war der ſtete Schluß ſeiner Reden. Das Wiederſehen von Mutter und Sohn war herz⸗ ergreifend, und die Mutter ſagte„So, jetzt kann ich Alles beſſer aushalten, wenn du da biſt.“ Andern Tages kam der Chirurgus, er wollte, daß man der Frau die Augen verbinde ſie aber ſagte„Nein, rucket das Bett in die Mitte des Zimmers, ſo daß ich den Hei⸗ land ſehen kann, und ihr werdet's erfahren, ich werd' nicht zucken und keinen Laut geben.“— Nach vielem Einreden und Widerſtreben wurde ihr willfahrt. In der einen Hand, an ihrem kranken Arme, hielt ſie den Roſenkranz, mit der andern hielt ſie die Hand ihres Sohnes feſt, ihr Auge war ſtarr nach dem Erucifir gerichtet und ſie ſagte:„Lieber Heiland! Du haſt die höchſten Schmerzen mit göttlichem Lächeln ertragen, lieber Heiland gib mir Kraft, halte mich ſeſt, wenn ich zittern will, und wenn die Schwerter mir — 302 durch die Seele fahren, will ich Dein gedenken, o heilige Mutter Gottes! und ſtille dulden. Bete mit mir, lieber Jvo.“ Ohne einen Laut von ſich zu geben, ließ ſie die Ope⸗ ration vollziehen, und als das Bein unter gewaltigem Drucke knackte, als Alles ringsum weinte und ſtöhnte, als der Vater halb ohnmächtig in die Kammer geführt und hinter der verſchloſſenen Thüre ſein halb unterdrücktes Schluchzen laut wurde, da war die Mutter Chriſtine ſtill und regungs⸗ los, nur ihre Lippen bewegten ſich, ihr Auge war feſt auf den Heiland gerichtet, und ein heiliger Glanz leuchtete da⸗ raus hervor. Als nun Alles vollendet war, und ſelbſt der Chirurgus nicht umhin konnte, die Heldenkraft der Kranken zu preiſen, da ſank Chriſtine in die Kiſſen zurück, ihr Auge ſchloß ſich, aber eine lichte Glorie ſchwebte auf ihrem Antlitze. Alle Anweſenden ſtanden in ſtummer Bewunderung. Der Vater war wieder eingetreten. Er beugte ſich über ſeine Frau, als er ihren Athem fühlte, blickte er mit einem ſchweren Seufzer und dem Rufe:„Gelobt ſei Gott,“ nach oben. Ivo kniete an dem Bette nieder, er blickte zu ſeiner Mutter auf und betete die Verklärte an. Alles faltete ſtill die Hände, Niemand wagte einen Laut, und es war, wie wenn der lebendige Geiſt Gottes durch alle Herzen zöge. Als die Mutter Chriſtine erwachte und„Valentin!“ rief, eilte dieſer auf ſie zu, faßte ihre Hand, drückte ſie an ſein Herz und weinte. „Gelt,“ ſagte er endlich,„du verzeihſt mir? du ſollſt gwiß kein unſchön Wörtle mehr von mir kriegen. Ich bin dich nicht werth, das ſeh' ich erſt jetzt doppelt ein; und wenn unſer Herrgott dich mir genommen hätt', ich wär' toll geworden.“ „Sei nur ruhig, Valentin, ich hab' dir nichts zu ver⸗ zeihen, ich weiß wohl, du biſt gut, wenn du auch manchmal nicht ſo biſt, wie du biſt. Gräm' dich nur jetzt nicht, — 303 Valentin, es geht wieder Alles gut. Unſer Herrgott hat uns nur verſuchen wollen.“—— Die Mutter Chriſtine genas wunderbar ſchnell. Valen⸗ tin hielt getreulich Wort. Er wachte um ſeine Frau wie um ein höheres Leben, der leiſeſte Wink ihres Auges war ihm ein fröhliches Gebot; man mußte ihn zwingen, ſich nur einige Nachtruhe zu gönnen. Emmerenz und Jvo wechſelten oft ab, um bei der Mut⸗ ter zu wachen, und dieſe ſagte manchmal:„Ihr ſeid liebe, brave Kinder, unſer Herrgott wird's euch g'wiß gut gehen laſſen.“ Oft auch, wenn die Mutter ſchlief und das Eine kam, um das Andere abzulöſen, redeten ſie noch lange mit einander. Jvo offenbarte der Emmerenz den tiefſten Wunſch ſeiner Seele nach einer anſtrengenden Arbeit, und ſie ſagte:„Ja, ich kann mir's denken, ich könnt' nicht leben, wenn ich nicht recht tüchtig zu ſchaffen hätt?; ich will mich nichts berüh⸗ men, aber im Schaffen nehm ich's mit einer jeden im Dorf auf.“ „Und wenn du erſt ein eigen Hausweſen hätteſt, gelt, da thäteſt du erſt rechtſchaffen arbeiten?“ „Ja,“ ſagte Emmerenz und ſtreifte ihre kurzen Hemd⸗ ärmel noch beſſer hinauf und ſtraffte ihre kräftigen Arme gleich als müſſe ſie jetzt augenblicklich zugreifen.„Ja, wenn das wär' aber es iſt mir auch ſo kein Arbeit zu viel.“ „Nun,“ ſagte Jvo,„denkſt du denn auch als etwas bei der Arbeit?“ iß „Was denn?“ „Was einem eben ſo in den Sinn kommt, ich hab' mich noch nie darum beſonnen.“ „Nun ſag' mir's zum Beiſpiel.“ „Ja, da weiß ich nichts.“ Das ſonſt ſo zuverſichtliche Mädchen wußte ſich vor Verlegenheit gar nicht zu helfen. 304 „Schämſt du dich, mir's zu ſagen?“ „Kein Bröſele, aber ich weiß halt nichts.“ „Nun, was haſt du heut' Morgen bei'm Dinkel⸗*) ſchneiden gedacht? was für Gedanken ſind dir durch den Kopf gegangen?“ „Ja, da muß ich mich beſinnen, du darfſt mich aber nicht auslachen.“ „Nein.“ „Zuerſt hab' ich, glaub' ich, an gar nichts gedenkt. Du könnteſt mich drauf rädern, es fällt mir nichts ein. Ja doch, ich hab' dacht, wie lang wir da zu ſchneiden haben. Hernach bin ich auf ein Wachtelneſt geſtoßen, da ſind ganz junge Vögele drin geweſen; jetzt hab' ich's auf die Seite than, daß es die Buben nicht kriegen. Jetzt hätt' ich gar zu gern die Alten geſehen, wie die ſich wundern, wenn auf einmal ihr Haus an einem andern Fleck ſteht. Jetzt iſt mir das Lied vom Nazi eingefallen, du kannſt's ja auch ſo ſchön ſingen, das von der armen Seel. Jetzt hab' ich ſo dacht wo mag auch der Nazi ſein. Jetzt, ja, jetzt hab ich dacht: es iſt gut, daß bald Mittag iſt, denn ich hab einen wetterlichen Hunger gehabt. So, das iſt Alles. Gelt, das iſt nicht viel?“ Scheu zupfte das Mädchen an ſeinen Klei⸗ dern und wollte den Blick gar nicht erheben! Jvo fragte nun wieder: „Denkſt du denn nicht auch als daran, wie wunderbar es iſt, daß Gott das Samenkorn, das der Menſch geſät, ſiebenfältig aufſchießen läßt, daß die Saat unter dem Schnee ſchläft, bis die Frühlingsſonne ſie weckt? wie viel Millio⸗ nen Menſchen ſich ſchon von dem Safte der Erde genährt und ihn doch nie erſchöpfen?“ „Ja wohl, das hab' ich auch ſchon denkt, aber von ihm ſelber wär' ich nicht drauf kommen; der Pfarrer hat das auch oft in der Predigt und in der Chriſtenlehr geſagt. *) Dinkel, Roggen. N T —— 305 Guck, wenn man ſelbſt ſo viel mit dem Sach zu ſchaffen hat, da kommt man auf keine ſolche Gedanken, da denkt man halt: iſt's bald zeitig und gibt's viel aus? Die Pfar⸗ rer, die nicht im Feld ſchaffen, die kein'n Dung nausführen und nicht dreſchen, die kommen eher auf ſolche Gedanken.“ „Du mußt ſie auch öfter aufſuchen, dann findeſt Du ſie von ſelber, thu das Emmerenz.“ „Ja wohl, das will ich, du haſt recht, es iſt immer gut, wenn man Einen ermahnt. Wenn du mich wieder fragſt, wirſt ſehen, kann ich Dir mehr ſagen; ich bin nicht ſo dumm.“ „Und recht lieb,“ ſagte Jvo. Er wollte ihre Hand faſſen, hielt aber ſchnell wieder an ſich; das aber konnte er ſich nicht verwehren, daß er das kernhafte Weſen des Mäd⸗ chens immer mehr liebte.—— Mit tief erſchütterter Seele kehrte Jvo wieder in das Kloſter zurück. Er bewunderte die Heldenkraft ſeiner Mutter und gelobte ſich, ihr nachzuſtreben; aber noch Anderes bewegte ſeine Bruſt: das Paradies ſeines elterlichen Hauſes war aus Schmerz und Qual vor ſeinen Augen wideer erſtanden. Er erkannte, welch' eine unverſiegbare Seligkeit es iſt, wenn zwei liebende Herzen feſt an einander halten und im ewigen Wechſel des Lebens ſich traut an einander ſchmiegen. Der mächtig zurückgehaltene ewige Schmerz trat hervor. Er dachte an Emmerenz— und im dunkeln Tannenwalde ſaß er und weinte. Drunten im Thale ſchrillten die grellen Töne einer Sägmühle, Jvo wünſchte, daß dieß die Bretter zu ſeinem Sarge ſein möchten, die man dort bereite.—— In der nächſten Vacanz war Jvo wiederum faſt immer zu Hauſe; hier war jetzt ein ſeliges Leben, Valentin war wie ausgewechſelt, kein lautes Wort wurde vernommen, ein jedes behandelte das andere liebreich und zart, es war wie ein ſteter Palmſonntag aus der Kinderzeit. Aber alle dieſe Ruhe erregte auch in Jvo eine Unruhe, alle dieſe Freude erweckte ihm auch Schmerz und Unfriede; er erkannte deutlich 20 306 ſeine einſam verkümmerte Zukunft, ihm war kein ſo ſeliges Leben beſchieden. Zwei gewichtige Ereigniſſe erhöhten noch das Leben dieſer Vacanz; der Johannesle hatte für ſeinen Conſtantin ein Haus bauen laſſen, Valentin hatte es mit ſeinen Söhnen aufgerichtet, und Joſeph, der in dieſen Tagen Meiſter wurde, hielt den Bauſpruch. Flii, Das ganze Dorf war vor dem Hauſe verſammelt, Meiſter und Geſellen ſtanden hoch oben und ſteckten die junge Tanne, mit Bändern aller Art geſchmückt, auf der Spitze des Giebels. Alles war geſpannt auf den erſten Spruch Joſeph's. Nach einem einfachen Gruße ſagte er: Allhier bin ich aufgeſtiegen und geſchritten, Hätt ich ein Pferd gehabt, ſo wär' ich heraufgeritten 307 Weil ich aber hab' kein Pferd, So iſt es nicht viel Sagenswerth. Das höchſte Haupt, der Kaiſer gut, Den Gott erhalt' auf ſeiner Hut, Ja alle Fürſten, Grafen und Herren Das ehrbar Zimmerhandwerk nicht können entbehren. Ein Zimmergeſelle bin ich genannt, Ich reiſe Fürſten und Herren durch's Land, Daſſelbe mit Fleiß zu beſehen, Daß ich einmal möchte beſtehen. Wann ich hätte aller Jungfrauen Gunſt, Und aller Meiſter ihre Kunſt, Und aller Künſtler ihren Witz, So wollt ich ein Haus bauen auf eine Nadelſpitz'; Weil ich aber daſſelbe nicht thun kann, So muß ich bauen nach einem guten Plan. Wer da will bauen auf Gaſſen und Straßen, Der muß einen jeden können reden laſſen. Ich lieb was fein iſt, Wann's gleich nicht mein iſt; Wann mirs gleich nicht werden kann, Hab ich doch Luſt und Freud' daran. Drauf trinket ein Gläſelein Wein: Kamerad! ſchenk mir drauf eins ein. Bauherr! ich bring's euch aus Lieb' und Freud, Nicht aus Haß oder großem Neid, Sondern aus Lieb' und Freundlichkeit. Auf unſers Kaiſers ſeine Tapferkeit! Auf ſeines Feindes Verderblichkeit, Auf hieſiger Herren Geſundheit Und aller guten Freunde insgemein, Die hier unten verſammelt ſein. Jetzt trink ich über euch allen, Gebt acht! das Glück wird hinunterfallen, Hinunter iſt gar gefährlich 20* 308 Und euch herauf beſchwerlich. Ich will mich jetzt eins bedenken Und das Glas hinunterſchwenken. Joſeph trank, das Glas fiel hinab und ein hundert⸗ ſtimmiges Hoch erſchallte, dann ſprach er wieder: Durch Gottes Hülfe und ſeine Macht Haben wir dieſen Bau zu Stande bracht, Drum thun wir dem lieben Gott danken, Daß er Keinen hat laſſen wanken; Daß Keiner iſt in Unglück kommen, Und daß Keiner kein' Schaden genommen, Auch thun wir den lieben Gott noch bitten: Er wolle uns ferner in Gnaden behüten; Nun befehl' ich dieſen Bau in Gottes Hand, Dazu auch das ganze Vaterland. Auch wünſch ich daneben unſerm Bauherrn im neuen Haus Gut Nahrung von denen, die gehen ein und aus; Und ſo wünſch' ich Allen insgeſammt Glück, Segen und Heil zu allem Stand. Ich hätt' mich bald hoch vermeſſen, Und der viel ehr⸗ und tugendſamen Jungfrauen vergeſſen, Die uns dieſen Kranz haben formirt Und mit ſchöner Lieberei geziert; Ich dank' für alle dieſe Liebereien gut, Die werden uns hübſch ſtehen auf'm Hut. Mit dem Rosmarinſtrauße auf dem Hut und dem un⸗ verſchnittenen Felle angethan kam Joſeph herab und wurde von Allen beglückwünſcht und geprieſen, ſelig aber faßte ſeine Braut, des Hansjörgs Mareile, ſeine beiden Hände, ſah ihm freudeverklärt in das Antlitz und blickte dann ſieges⸗ froh nach den Unſtehenden. Jvo ſtand daneben, und Joſeph ſagte:„Gelt, Jvo, ich kann auch predigen, wenn's ſein muß? Das iſt mein Primiz.“ 309 Jvo ſeufzte tief, da er an die Primiz erinnert wurde. Als Alles theils nach Hauſe, theils zum Schmauſe ging, ließ ſich Jvo durch kein Zureden Conſtantin's zu letzterem bewegen; er ſtand noch eine Weile allein vor dem luftigen Gebälke und dachte darüber nach, wie glücklich der Con⸗ ſtantin bald ſein werde, der nun ſchon ein Haus ſein eigen nannte.„So ein Pfarrhaus,“ ſagte er dann vor ſich hin, „iſt wie ein Schilderhaus, das gehört Niemanden, keiner hinterläßt eine ächte Spur ſeines Daſeins, da zieht eine andere einſame Wache auf, bis wieder eine kommt und ab⸗ löst; doch ich will nicht ſelbſtiſch ſein, wird mir auch das Glück des Familienlebens nicht, ich will für Andere arbeiten und an den Spruch denken: Ich lieb' was fein iſt, Wann's gleich nicht mein iſt; Wann mir's gleich nicht werden kann, Hab' ich doch Luſt und Freud' daran. Acht Tage ſpäter war nun auch die Hochzeit Joſeph's. Da ging es luſtig her, die Mutter Chriſtine ſaß obenan neben ihrem Sohne Jvo, dieſer war und blieb der Stolz der Familie. Jvo tanzte dann auch einmal mit ſeiner Schwä⸗ gerin, hierauf aber auch mit Emmerenz; ſie war ganz ſelig und ſagte:„So, jetzt haben wir doch auch einmal mit einander getanzt; wer weiß, ob wir noch im Leben dazu kommen.“ Nun brachte der zweitälteſte Bruder Jvo's ihm ſeinen Schatz und ſagte:„Tanzet mit einander.“ Jvo willfahrte gerne. Als er geendet, kam die Mutter Chriſtine auf ihn zu und ſagte:„du tanzt ja prächtig, wo haſt's denn gelernt?“ „Das kann ich noch von meiner Jugend her; wiſſet ihr, die Spinnerin hat mich's als zwiſchen Licht gelehrt.“ „Wollen wir's auch einmal probiren?“ „Ja Mutter.“ Alles hielt aus, während Jvo mit ſeiner Mutter tanzte. 310 Jetzt erhob ſich Valentin, ſchnalzte mit den Fingern und rief: „Spielleut! einen Vortanz für mich, es gibt eine Bouteill. Komm Alte.“ Er nahm ſeine Frau am Arm, hüpfte und ſprang, dann tanzte er den alten National⸗ tanz er ſchnalzte mit der Zunge, ſchlug ſich auf Bruſt und Schenkel, wiegte ſich bald auf den Zehen, bald auf den Ferſen und führte allerlei Figuren auf; bald faßte er ſeine Tänzerin, bald ließ er ſie wieder los und trippelte mit geneigtem Kopfe und ausgeſtreckten Armen ganz verliebt um ſie herum. Chriſtine ſah mit züchtiger Andacht aber doch freudevoll zur Erde, drehte ſich oft und oft, faſt ohne ſich von der Stelle zu bewegen. Sie hielt ein Ende ihrer Schürze anmuthig in der Hand und ſchlüpfte bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arme ihres Mannes durch, bald drehten und wendeten ſich beide unter ihren erhobenen Armen hinweg. Mit einem Hops, von dem der ganze Boden zitterte, beſchloß Valentin den Tanz. So war dieſe Vacanz voll Freude im Hauſe und außer demſelben. 14. Der Zerfall. Von allen dieſen Freuden weg mußte Jvo aber⸗ und abermals in das Kloſter. Er traf Clemens nicht mehr. 344 Dieſer hatte die Erlaubniß erhalten ein Jahr früher auszu⸗ treten, um ſich in ein königlich bairiſches Kloſter zu begeben. Einen neuen Schmerz erfuhr Jvo in dem Schickſal Bartel's, den wir mit ihm ſeit einiger Zeit aus den Augen verloren haben. Der gutmüthige Jüngling hatte ſich ſeit lange im Voraus einem geheimen Laſter ergeben, das ſeine ganze Körperkraft unterwühlte: er kaute immer an den Nägeln und dann rieb er ſich wieder die Hände, als ob es ihn friere, ſein Gang war ſchwankend und unſtet, die Farbe ſeines Geſichts war weißlichgrün, eingefallene Wangen, eine rothe Naſe und ſtets weit aufgeriſſener Mund machten den lang aufgeſchoſſenen lendenſchwachen Jüngling zu einer Schreck⸗ geſtalt. Er war dem Blödſinne nahe und wurde nun im Lazarethe untergebracht. Man wollte noch den Verſuch ſeiner Herſtellung machen und ihn andernfalls aus dem Kloſter entlaſſen Jvo ſchauderte, als er ihn beſuchte, denn die 312 einzelnen kräftigen Erhebungen Bartel's waren nur dazu, um ſein eigenes Thun mit den heftigſten Gewiſſensbiſſen anzuklagen. Immer mächtiger drängte ſich Alles auf Jvo heran, die Luft um ihn her ſchien ihm verpeſtet, er ſchrieb endlich einen Brief an ſeine Eltern, worin er ihnen ſeinen unabänderlichen Entſchluß eröffnete, aus dem Kloſter auszutreten, denn er könne nicht Geiſtlicher werden; weiter ließ er ſich auf keine Erörterung der Gründe ein, denn er wußte wohl, daß dieſe doch nichts verſchlagen würden, auch hätte man ihn gottlos geſcholten, wenn er ſie darlegte, und das hätte doppelten Schmerz gebracht. Mit feſter Hand ſchrieb er den Brief, mit zitternder aber warf er ihn im Abenddunkel in die Brief⸗ lade. Als er das Papier den Schieber hinabgleiten hörte, war es ihm, als ob ſein vergangenes Leben damit in's Grab hinabſinke, und jedes Leben, ſei es auch noch ſo ſchmerzlich und verloren, krümmt ſich im Tode; entſchloſſen richtete er ſich dann wieder auf, der Zukunft entgegen ſchauend. Einige Tage ſpäter erhielt Jvo einen Beſuch von ſeinen Eltern. Sie nahmen ihn mit in das Wirthshaus zum Lamm. Dort ließ ſich Valentin ein Zimmer anweiſen und als ſie alle darin waren verriegelte er die Thüre. „Was geht mit dir vor?“ fragte er Jvo ſtreng. „Ich kann nicht Geiſtlich werden, lieber Vater, ſehet mich nicht ſo grimmig an, ihr ſeid doch auch einmal jung geweſen.“ „So? da ſteckt der Putzen? Du vermaledeiter Bub, warum haſt du denn das nicht vor acht Jahren geſagt?“ Ich hab's damals nicht ſo verſtanden und hätt' auch die Kuraſche nicht gehabt.“ „Wart, ich will dich kuraſchen. Mit dir mach' ich kurzen Handel, du wirſt Pfarrer und damit Baſta!“ „Eh' ſpring ſch in's Waſſer.“ „Iſt nicht nöthig, du kommſt nicht lebendig aus der Stub', wenn du mir nicht in die Hand hinein verſprichſt, Geiſtlich zu werden.“ 313 „Das thu ich nicht.“ „Was? das thuſt du nicht?“ ſchrie Valentin, Jvo an der Gurgel packend. „Vater!“ ſchrie Jvo,„um Gotteswillen Vater! laſſet mich los, machet nicht, daß ich mich wehren muß, ich bin kein Kind mehr.“ Chriſtine hing ſich an ihren Mann:„Valentin!“ klagte ſie,„ich ſchrei Feuerjo zum Fenſter naus, wenn du nicht gleich losläßt.“ Valentin ließ ab, und Chriſtine fuhr fort: „Iſt das die Sanftmuth, die du mir verſprochen haſt? Jvo verzeih' ihm, er iſt nicht ſo bös, er iſt ja dein Vater, Gott hat ihm die Macht über dich gegeben. Valentin, wenn du noch ein laut Wörtle redſt, haſt du mich geſehen, ich lauf' auf und davon. JIvo, thu's mir zu lieb und gib ihm die Hand.“ Jvo ſtand da und preßte die Lippen zuſammen und weinte große Tropfen.„Vater,“ ſchluchzte er,„ich hab' mich ja nicht ſelber zum Geiſtlichen beſtimmt, und Ihr ſeid auch unſchuldig, Ihr habt nicht wiſſen können, daß ich nicht dazu taug'; wir wollen einander keine Vorwürf' machen.“ Er ging auf Valentin zu und wollte ſeine Hand faſſen, dieſer aber ſagte:„Schon recht, was will denn der hoffärtig Herr werden?“ „Laſſet mich noch ein halb Jahr die Thierarzneiſchul' beſuchen, und dann will ich mich als Thierarzt und Bauer ſchon irgendwo niederlaſſen.“ „Haſt's gut vor und ich ſoll dem Kloſter rausbezahlen? für jed' Jahr 200 fl.? da kann man mir mein Haus aus⸗ ſchellen, das wird ſchön klingen, und da wird's heißen: ja der Jvo wird ein Katzendoktor, da kann man das Häusle ſchon dafür ſpringen laſſen, und von was willſt du denn ſtudiren? Willſt du auf den alten Kaiſer nein leben, oder meinſt gar, ich geb dir Geld? Du kannſt einen Prozeß mit mir anfangen, kannſt dein Mütterliches verlangen; ich 314 will dir aber hernach ſchon eine Rechnung machen, was du mich koſteſt.“ „Ich werde es beim Miniſterium dahin bringen, daß man die Vergütung an das Kloſter auf mein einſtiges Vermögen überträgt.“— „Wir haben mit einander ausgered', brauchſt mir nichts mehr zu ſagen,“ unterbrach ihn Valentin.„Wenn du nicht folgſt, denk' nur nicht, daß du noch einen Vater auf der Welt haſt. Du biſt mein Stolz geweſen, jetzt darf ich keinem Menſchen mehr unter die Augen treten, ich muß froh ſein, wenn die Leut ſo gut ſind und nicht von dir reden.“ Dem harten Manne quollen Thränen aus den Augen, das Geſicht in beide Hände drückend, fuhr er fort: „wenn mich nur ein fiedig Donnerwetter in Boden nein verſchlagen hätt', eh' ich den Tag erlebt“— er legte den Kopf auf das Fenſtergeſims, kehrte ſich nicht mehr um und ſtampfte mächtig gegen die Wand. Da ſieht man's wieder, wie's die Menſchen machen: ſeinen Haß und ſeinen Zorn ganz offen an ſeinem Sohne auszulaſſen, trug Valentin keine Scheu, ſeine Liebe und Zufriedenheit aber ſchämte er ſich ſtets zu offenbaren und verſchloß ſie in ſich. Machen's nicht die meiſten gebildeten und ungebildeten Menſchen ſo? Die Mutter Chriſtine hatte bis jetzt nur immer mit beiden erhobenen Händen Stille und Begütigung zugewinkt, nun ſagte ſie mit feſterer Stimme, als man ihrem Antlitze nach hätte vermuthen ſollen:„Ivo, lieber Jvo, du biſt doch allfort brav und gottesfürchtig geweſen, es iſt ja kein bös Aederle in dir, ich will nichts davon ſagen, daß ich mir denkt hab' wie mir das ein Staffel im Himmel iſt, wenn du Geiſtlich wirſt, davon iſt jetzt kein' Red', es iſt mir um deinetwegen; um Jeſu Chriſti Blut willen geh' in dich, ſei gut, bet' rechtſchaffen, und unſer Herrgott wird dir helfen und dein Herz von Allem, was nicht nein gehört, reinigen. Ach! du haſt ja immer einen ſo frommen Sinn gehabt. 315 Guck, ich kann nicht viel reden, es ſtoßt mir ſchier das Herz ab ſei wieder ſo fromm und gut, wie du geweſen biſt, ſei wieder der lieb' Jvo,“— ſie fiel an ſeinen Hals und weinte. Jvo umarmte ſie und ſagte: „Mutter lieb, Mutter lieb, ich kann nicht Geiſtlich werden; glaubet Ihr denn, ich hätt' Euch den Kummer ge⸗ macht wenn ich anders könnt'? Ich kann nicht.“ „Sag nicht: ich kann nicht, das iſt nicht fromm; will du nur recht, nimm dich recht feſt zuſammen und ſchüttel all das böſe Gelüſt von dir, es muß gehen. Der Allbarm⸗ herzige wird dir helfen und du biſt wieder unſer Glanz und unſer Freud und biſt ein fromm Kind vor Gott und den Menſchen.“ „Ich bin nicht ſchlecht, liebe Mutter, aber ich kann nicht Geiſtlich werden. Zerreißet mir das Herz nicht ſo. Ach! ich möcht Euch ja ſo gern folgen, aber ich kann nicht.“ „Laß ihn zum Teufel gehen, den Hallunk,“ ſagte der Vater, Chriſtinen von ihrem Sohne wegreißend,„kannſt du denn dein Mutter ſo bitten und betteln ſehen?“ „Zerreißet mich!“ rief Jvo,„aber Geiſtlich kann ich nicht werden.“ „naus, fort, naus oder ich vergreif' mich an deinem Leben,“ rief Valentin, der Schaum ſtand ihm vor dem Munde, er riegelte die Thüre auf und ſchob Jvo hinaus.— „Es iſt vorbei,“ ſagte Jvo tief aufathmend, und ſchwankte die Treppe hinab. Von droben vernahm man ein Poltern, die Thüre wurde aufgeriſſen und die Mutter kam herab; Hand in Hand ging ſie mit ihrem Sohne bis vor das Kloſter, ſie redete kein Wort, nur als ſie jetzt Abſchied nahm, ſagte ſie: „Gib mir dein Hand drauf, daß du's noch überlegen willſt, und daß du dir kein Leid an deinem Leben anthuſt.“ Jvo verſprach's und ging ſtill in ſeine Klauſe, der Voden wankte unter ihm, aber in dem tiefſten Kern ſeiner 316 Seele ſtand der Gedanke feſt und aufrecht, ſich durch keinerlei kindliche Bewegungen zu einem Lebensberufe hin⸗ drängen zu laſſen.„Ich habe Pflichten gegen mich ſelber und muß ſelber für mich einſtehen,“ ſagte er zu ſich.„In den Tod könnte ich gehen, um meiner Mutter zu willfah⸗ ren, aber ein Leben, deſſen tiefſte Wurzel der innerſte Beruf ſein muß, kann und darf ich nicht über mich nehmen.“ In der Nacht aber erwachte Jvo plötzlich, es war ihm, als ob er durch einen Schrei ſeiner Mutter aufgeweckt wor⸗ den wäre; er richtete ſich in ſeinem Bette auf, und jetzt gedachte er, welch' einen hohen, heiligen Beruf er zu ver⸗ laſſen gedenke, die ganze Herrlichkeit des geiſtlichen Amtes ſtand vor ſeiner Seele: ein liebender, tröſtender, hülfreicher Freund der Armen und Bedrängten, ein Vater der Waiſen und Verlaſſenen, ein Spender des Lichts und des Heils in allen Seelen; er ſah über alle die theologiſchen Satzungen weg, ja er gedachte mitzukämpfen den heiligen Kampf der Befreiung von Aberwitz und Menſchenſatzung und den kommenden Geſchlechtern das reine Licht des Himmels zu ſichern, er kämpfte alle Erdenluſt und alle Selbſtſucht in ſich nieder, er wollte leben für Andere und für die andere Welt— kein Tag ſollte vorübergehen, an dem er nicht eine Seele erquickt, ein Herz erfreut. „Wo ein armes Erdenkind in trüͤbem Harme weint, da will ich ſein Wehe in mein Herz aufnehmen und es darin auskämpfen laſſen. Ich will die Thränen der Trauern⸗ den trocknen, und du, o Herr! trockne die Thränen von meinem Antlitze, wenn mein Geiſt erlahmt und ich nichtlic weine über mein armes verlaſſenes Leben!“ So ſprach Jvo vor ſich hin, und ihm wär ſo leicht und frei, es war ihm, als ob er, aller irdiſchen Schwere entbunden, ſich jetzt hinaufſchwingen müſſe zum Urquell der Seligkeit; und dann fühlte er ſich wieder ſo ſiegesmuthig, ſo kraftdurchſtrömt, als müſſe er ſich plötzlich in das heißeſte Gewühl der Schlachten ſtürzen; entzückt dachte er 317 an den Jubel, den ſeine Rückkehr zu ſeinem Berufe im elterlichen Hauſe erwecke— aus ſeligem Entzücken wurde er wieder hinüber getragen in das Reich des Traumes. Andern Morgens ſchrieb Jvo einen Brief nach Hauſe, worin er mit tiefem Ernſte und ſiegesfroher Zerknirſchung die Rückkehr zu ſeinem Berufe verkündete und die Hoheit ſeines Wirkens pries. Was er aus Nachgiebigkeit gegen ſeine Eltern nicht thun konnte, das hatte er jetzt aus freier Selbſtbeſtimmung vollführt. Als er wiederum an dem Briefſchalter ſtand und das Schreiben durch den Schieber hinabrauſchte, da deuchte ihm dieß wie der ſcharfe Schnitt eines Richtſchwertes, er hatte ſich ſelbſt das Urtheil geſchrie⸗ ben und vollzogen; kopfſchüttelnd ging er nach dem Kloſter zurück, die Kraft ſeines Weſens war zerbrochen und klaffte im Zwieſpalte aus einander. Mit allem Aufgebot ſeiner Willenskraft gab er ſich nun wiederum dem Studium hin, es gelang ihm für einige Zeit Friede und Beruhigung darin zu finden. Zu Hauſe erregte der Brief das höchſte Entzücken. Kaum war die erſte Freude der Botſchaft vorüber, da lächelte die Mutter oft ſchmerzlich vor ſich hin; ſie ging gedankenvoll im Hauſe umher und redete wenig. Oft ließ ſie ſich Abends, wenn ihr die Augen übergingen, den Brief von Emmerenz vorleſen, und wenn ſie an die Stelle kam: „Ich will mein Leben Gott opfern, der mir es gegeben; ich will Euch, meine liebe Mutter, die höchſte Freude Eures Lebens gewähren,“ da ſeufzte Chriſtine ſchwer. Einſt am Samſtag Abend ſaßen Chriſtine und Emme⸗ renz bei einander und ſchälten Kartoſſeln auf morgen, Em⸗ merenz hatte den Brief wieder vorgeleſen, und ſie ſagte nun: „Bas, es iſt mir immer, als ob Ihr Euch nicht grund⸗ müßig freuen könntet, daß der Jvo Geiſtlich wird; ſaget's nur frei von der Leber weg, ich merk's wohl, vor mir brauchet ihr ja kein Hehling haben.“ „Du haſt recht, guck, ich will dir's nur ſagen, vor 318 Ihm“(ſie meinte hiemit ihren Mann)„dürft' ich davon nicht ſchnaufen, da wär gleich Feuer und Flamm' auf dem Dach. Guck, mir iſt es halt immer, wie wenn ich ein' ſchwere Sünd begangen hätt'; guck, ich hab' ihm ſein Herz ſo ſchwer gemacht, und er iſt gar ein gut Kind, es iſt kein bös Blutströpfle in ihm und da wird er mir zu lieb Geiſt⸗ lich und ſein Herz hangt doch an der Welt, und das iſt ein' ſchwere Sünd'.“ „Das iſt ja ganz erſchrecklich, da hätt' ich kein ruhige Stund'“ da müßt' mir geholfen ſein.“ „Ja, aber wie? Guck, ich möcht' ihm das gern zu wiſſen thun, und hinter Ihm“(ſie meinte hiemit wieder ihren Mann)„mag ich mich doch dem Schullehrer nicht anvertrauen, und ich kann doch ſelber nicht mehr ſchreiben.“ „Da iſt leicht geholfen, da ſchreib' halt ich, ich kann's ganz gut, und Ihr ſaget mir Alles vor.“ Ja, das iſt ja wahr, daran hab' ich gar nicht dacht. Du biſt ein lieb Kind, komm wir wollen gleich.“ Nun war aber ein großer Jammer, denn nirgends war eine geſchnittene Feder zu finden; ſo klein dieß auch erſchei⸗ nen mag, ſo war es doch ein großer Mangel. Emmerenz wollte zum Schullehrer gehen und ſich eine ſchneiden laſſen, ſie wollte der fragenden Frau Schulmeiſterin ſchon was vor⸗ lügen, aber Chriſtine duldete es nicht.„Wir dürfen nicht mit einer Sünd' anfangen,“ ſagte ſie. Die gleiche Antwort gab ſie auch, als Emmerenz ſagte, ſie wiſſe, wo der Schul⸗ lehrer ſeine Federn liegen habe, ſie wolle eine ſtehlen und dafür ein Dutzend ungeſchnittene Eckfedern hinlegen. Endlich rief Emmerenz, ſich erhebend:„Ich kriege eine. Meiner Schweſter ihr Bub, der Karle, geht ja in die Schul, der muß mir eine geben.“ Sie ſprang fort und kehrte jubelnd, eine Feder in der Hand, zurück. Nun ſetzte ſie ſich an den Tiſch, zog mit einer Kluf*) *) Kluf„ Stecknadel. 319 den Docht an der Lampe beſſer heraus, legte Alles zurecht und ſagte: „So, jetzt machet mir die Diktate.“ Die Mutter ſaß hinter dem Tiſch in der Ecke unter dem Kruzifir und verſuchte es noch eine Kartoffel zu ſchälen, ſie ſagte: „Schreib:„„Lieber Jvo.““ Haſt das?“ 7 „Id. „„Ich denk' alleweil an dich, es vergeht kein. Stund im Tag, und Nachts, wenn ich im Bett lieg und wach ſind meine Gedanken bei dir, herzlieber Jvo.““ „Nicht ſo ſchnell, ſonſt komm' ich nicht nach,“ jam⸗ merte Emmerenz; ſie hob ihr hocherröthend Antlitz, blickte in das Licht und kaute eine Weile an der Feder, gerade ſo hätte ſie ja auch für ſich ſelber an den Jvo geſchrieben; ihr Angeſicht faſt ganz auf das Popier legend, ſchrieb ſie dann und ſagte endlich:„herzlieber Jvo— weiter.“ „Nein, lies mir zuerſt vor, was du geſchrieben haſt.“ Emmerenz las. „So iſt's recht, jetzt ſchreib weiter:„„Es iſt mir nicht recht wohl dabei, daß du dich wieder ſo ſchnell anders reſol⸗ i haſt Halt, das ſchreib noch nicht... ſo darf man nicht anfangen.“ Emmerenz ſtützte das Kinn auf die Hand und blickte harrend drein, die Mutter aber ſagte „Du haſt jetzt ſchon gehört, wie mir's ums Herz iſt, ſchreib du jetzt Alles, ſo macht's der Schullehrer auch.“ „Ich will Euch was ſagen,“ begann Emmerenz, ſich erhebend,„ſo ein Brief kann in unrechte Händ' kommen, er kann verlorengehen, und wir können's ja doch nicht ſo recht aufſetzen; das beſt' wird ſein, ich geh'zum Jvo und ſag' ihm Alles. Morgen iſt Sonntag, da verſäum' ich nichts, Kurzfutter hab ich geſchnitten, ich will dem Vieh noch ſchnell über Nacht geben und den einzigen Tag kann's mein Schweſter ſchon verſorgen, die Grundbirnen ſind 320 geſchält, ich richt's hin, daß ihr bloß das Fleiſch an's Feuer zu ſitellen braucht. Dem Thal nach ſind es ja nur ſieben Stund' bis Tübingen, und ich will laufen wie ein Feuer⸗ reiter; ſo ein Sonntag iſt lang und morgen Abend bin ich wieder zeitlich da.“ „So ganz allein willſt fort? und in der Nacht?“ „Allein? unſer Herrgott iſt überall, und der hält ſeine Hand über ein armes Mädchen.“ Faſt unwillig ſetzte Em⸗ merenz hinzu:„in der Nacht muß ich ja fort, ſonſt käm' ich ja morgen nicht wieder heim und Er thät balgen.“*) „Ich kann nicht Nein ſagen, es iſt mir, als müßt' das ſo ſein; geh' in Gottes Namen. Da, nimm mein Nuſter mit, da iſt ein Stückle Zedernholz vom Berg Libanon drin, das ſtammt von meiner Urahne, das wird dich beſchützen.“ Sie nahm den Roſenkranz, der an der Pfoſte der Stuben⸗ thüre über dem Weihkeſſelchen hing, reichte ihn Emmerenz und fuhr fort: „Ueberlauf dich nicht, wenn du müd biſt, komm erſt übermorgen, es iſt noch Zeit. Ich hab' auch noch einen Sechsbätzner, den will ich dir geben, und da nimm das Brod mit, Brod aus der Schublade bringt Segen. Aber was ſag ich denn den Leut' wenn ſie nach dir fragen? Ich darf doch nicht lügen?“ „Ihr ſaget halt, ich hätt' was Nothwendiges zu ſchaf⸗ fen, die Leut' brauchen ja nicht Alles zu wiſſen, ich will nur machen, daß ich fort bin, eh' Er heimkommt.“ Mit wunderbarer Behendigkeit ſprang Emmerenz trepp⸗ auf und treppab und beſorgte Alles, wie ſie geſagt, dann ging ſie in ihre Kammer, um ſich ſonntagsmäßig anzu⸗ kleiden. Die Mutter half ihr, und als das Mädchen ſein ſchönſtes Koller aus der Kiſte hervorzog, fiel etwas in ein Papier Gewickeltes klingend auf den Boden. „Was iſt das?“ fragte die Mutter. *) Balgen, ſo viel als ſcharf zanken. S — „Das iſt ein Stückle Glas, das hat mir der Jvo einmal geſchenkt, wie wir noch ganz kleine Kin⸗ der geweſen ſind,“ ſagte das Mädchen, mit Haſt das Kleinod wieder verber⸗ gend. Als Emmerenz endlich angekleidet war, ſagte die Mutter, ihr Schürzenband auf und wieder zuknüpfend: „Ich weiß nicht, du ſollteſt eben doch da bleiben.“ „Da bleiben? Mich halten keine zehn Gäul' mehr. Bosget nur nicht, Ihr habt mir's einmal verſprochen, daß ich gehen ſoll; das wär' das erſtemal, daß Ihr Euer Wort nicht halten thätet.“ Nachdem Emmerenz nochmals in die Stube gegangen und ſich aus dem Weihkeſſelchen an 6 der Thüre im Zeichen des Kreuzes beſprengt 6 hatte, machte ſie ſich auf den Weg. Noch unter der Hausthüre ſuchte Chriſtine die Emmerenz zurückzuhalten, dieſe aber ſchritt ſchnell mit einem„B'hüt Euch Gott“ davon. Chriſtine ſah ihr mit frommen Segenswünſchen nach, wie ſie durch den Garten in das Feld ging. Emmerenz wählte dieſen Weg, damit Niemand im Dorfe ihr begegne. Als ſie nun durch das Schießmauernfeld ſo dahin ſchritt, war der Mond von einer großen Wolke be⸗ deckt, ſie betrat den dunklen Bergwald, um nach dem Neckar hinabzugehen, ihr ſchauderte ein wenig, ringsum war Alles ſo ſtill und ſo„finſter wie in einer Kuh.“ Sie ſchaute ſich um, es war ihr, als ſchritte etwas hinter ihr drein, 21 322 aber es war nur ihr eigener Schritt, den ſie vernommen; muthig hüpfte ſie, ohne zu ſtraucheln, über die Wurzeln weg, die ſich über den ſchmalen Waldweg ſchlängeln. Em⸗ merenz war gut geſchult, ſie glaubte nicht mehr an Geiſter und Geſpenſter, aber an den Mocklepeter glaubte ſie ſteif und feſt, hatten ihn ja ſchon ſo viele Leute hockeln müſſen. Sie hob oft ihre Schultern, um ſich zu vergewiſſern, daß der Geiſt nicht auf ihr ſitze. Auch an das Nickesle glaubte ſie, das ſich oft den Leuten wie eine wilde Katze oder wie ein Holzblock vor die Füße rollt, ſo daß, wenn man ſich darauf ſetzen will, man in feuchten Schlamm verſinkt. Sie hielt den Roſenkranz feſt um ihre Hand gewunden. An der Lichtung des Waldes, wo die ſchöne Buche ſteht, an deren glattem Stamm ein Muttergottesbild befeſtigt iſt, dort kniete Emmerenz nieder, faßte den Roſenkranz zwiſchen ihre gefalteten Hände und betete inbrünſtig. Der Mond trat, wie man ſagt, mit vollen Backen aus den Wolken hervor und überglänzte wie mit Wohlgefallen die Betende, die ſich dann geſtärkt erhob und ihres Weges fortſchritt. Längs des Neckars zog ſich nun die Straße hin, zu beiden Seiten ſtanden die ſchwarzen Tannenwälder bis zum Bergesgipfel hinan, das Thal war meiſt ſo eng, daß es nur für ſchmale Wieſen, für den Fluß und die Straße Raum bot. Alles lag in ſtiller Ruhe, nur bisweilen zirpte ein Vogel wie aus dem Schlafe, als wollte er ſagen: „ahdele, da iſt's recht gut im Neſt.“ Die Hunde ſchlugen an, wenn Emmerenz an den einſamen Gehöften vorüber ſchritt, die immer wiederkehrenden Mühlen klapperten und pochten emſig, aber das Herz des Mädchens pochte noch viel ſchneller. Emmerenz war noch nie weiter als zwei Stunden von ihrem Geburtsorte fort gekommen, viele Gedanken beweg⸗ ten nun ihre Seele. Zuerſt lobte ſie ihre liebe Heimath, „da iſt's doch anders, das liegt auf dem Berg und hat Felder mit Boden wie Speck“ Emmerenz wünſchte nur, 323 daß der Neckar über den Berg fließen möchte, damit der Waſſermangel nicht ſo groß ſei. Die Sterne glitzerten hell, Emmerenz blickte hinauf und ſagte:„Es iſt doch goldig, wie viel Millionen Stern' da oben ſind, das iſt grad, wie wenn an einer rußigen Pfann' ſo viel tauſend Lichtle fünkeln, aber viel vielmal ſchöner und heiliger und da droben ſitzt unſer Herrgott und hält Wacht. Man verſchlaft doch das ganze Jahr recht viel Schönes, und wenn man nicht recht um ſich guckt, merkt man's auch nicht, wenn man die Augen offen hat. Er hat recht gehabt, ich merk' jetzt viel beſſer auf Alles auf, und es macht mir auch viel Freud.“ Da fiel eine Stern⸗ ſchuppe, Emmerenz hob die Hände empor und rief:„Jvo!“ Sie ſtand ſtill und blickte ſchamhaft zur Erde, ſie hatte den tiefſten Wunſch ihres Herzens geoffenbart, denn es iſt wohlbekannt, daß das, was man beim Fallen einer Stern⸗ ſchuppe wünſcht, in Erfullung geht. Raſch ihres Weges fortgehend dachte Emmerenz wieder: „Ach Gott! Wenn ich nur ſo ein' Mühl' hätt', da wollt' ich ſchaffen wie ein Gaul. Ach lieber Heiland! es muß doch prächtig ſein, wenn man ſo ein Gütle anguckt und ſagen kann: das iſt mein. Ich möcht' nur wiſſen, wen er heirathen thät, wenn er kein Geiſtlich wird? Unſer Herr⸗ gott iſt mein Zeug', ich lauf grad ſo gern für ihn, wenn er auch eine Andere nähm'; grad ſo gern? nein, das doch nicht, aber doch rechtſchaffen gern. Er hat recht, daß er kein Geiſtlich wird: ſo Niemand auf der Welt haben und Niemanden ſein,*) das iſt doch ein ſchwer Kreuz. Wenn unſer Herrgott gewollt hätt', daß man kein Weib nehmen ſollt', hätt' er lauter Mannsleut' gemacht und ließ er die Menſchen auf den Bäumen wachſen. Ei das ſind doch recht gottloſe Gedanken“— ſchloß Emmerenz ihr Selbſt⸗ geſpräch und lief ſchneller, als wollte ſie ihren eigenen *) Angehören. 3 2 324 8 0 F 6 S3 S eS⸗ P— 8 R 4 4 Ml Gedanken entfliehen. Sie richtete mit Gewalt ihr Sinnen auf die Außenwelt und auf das Rauſchen des Fluſſes hor⸗ chend, gleich ihm unaufhaltſam fortſchreitend, dachte ſie „Es iſt doch gar ein wunderiges Ding ſo ein Wäſſerle, das lauft und lauft immer fort. Gelt, du möchtſt nur ſo für paſſlethan dein's Wegs fort und nichts ſchaffen? Aber Mulle blas Gerſte, das geht nicht, guck, du mußt halt auch die Floß tragen und da mußt du die Mühlene treiben; ſchaffen muß Alles auf der Welt und das iſt auch recht. Das iſt ja auch ſein*) Kreuz, er möcht auch ſchaffen und nicht bloß predigen und Meß verrichten und in denen Büchern leſen, da hat man ja noch nichts geſchafft. Ich will ihm ſchon Alles ſagen, aber von mir darf er nichts merken.“ Es tagte, und nun erſt wurde es Emmerenz recht leicht. ₰ *) Sie meinte Jvo. — 30 Sie ſtrich ſich ihre Kleider glatt, ging hinab an den Fluß, wuſch ſich die Augen hell und glättete ihr Haar; träume⸗ riſch ſtand ſie eine Weile da und ſchaute nach ihrem Bilde, das der Fluß wiederſpiegelte, ihre Augen waren ſtarr auf die Wellen gerichtet, aber ſie ſah nichts, ſie hatte, was man ſo ſagt,„den Glotzer,“ wo es iſt, als ob ein Ge⸗ danke den leiblichen Blick von der nächſten Unmgebung ent⸗ führt, um ihn auf einen Gegenſtand zu lenken, der vor der Seele ſchwebt, auf daß man ihn lebendiger anſchaue. Weiter ſchreitend ſchaute ſich Emmerenz oft verwundert in der Gegend um, es war ihr ganz eigen zu Muthe, ſo allein beim erſten Sonnenſtrahl auf fremdem Boden zu ſtehen, wo Niemand ſie kennt, Niemand etwas von ihr weiß; trotzdem ſie den Gang wohl fühlte, war es ihr doch, wie wenn ſie urplötzlich daher gezaubert wäre. Es war ein ſchöner, heller Auguſtmorgen, die Lerchen jubelten froh in den Lüften, im Walde zwitſcherten die Amſeln; Alles das machte keinen Eindruck auf Emmerenz, ſie war das gewohnt, und im Weitergehen ſang ſie Die hohen hohen Berge, Das tiefe tiefe Thal! Jetzt ſeh ich mein ſchön Schätzele Zum allerletztenmal. In Rottenburg machte ſie eine Weile Raſt, dann ging ſie wieder neu geſtärkt weiter. Erſt als ſie Tübingen ſah, ſiel es ihr ſchwer aufs Herz, wie ſie es anfangen ſollte, den Jvo im Kloſter zu ſehen. Sie erinnerte ſich indeß, daß des Chriſtians Lisbeth beim Prokurator dient, die Magd eines Prokurators, dachte ſie, wird ſchon leicht Rath wiſſen, lauft ja Alles zu ihrem Herrn, wann es nicht mehr weiß, wo aus noch ein. Nach vielem Umherfragen fand Emmerenz die Lisbeth, dieſe wußte aber keinen Rath und trug den ſchwierigen Fall dem Knechte vor. Der Knecht, ſchnell überrechnend, daß ein Mädchen, das einen 326 katholiſchen Geiſtlichen heimlich ſprechen wollte: nicht heikel ſein möge, ſagte:„komm' Sie mit, ich will's Ihr zeigen.“ Er verſuchte es, ſeinen Arm um den Hals der Emmerenz zu ſchlingen, Emmerenz ſchlug ihm aber auf die Bruſt, daß es laut wieder dröhnte. Etwas von„holzigen Schwarz⸗ wäldern“ brummend, ging der Knecht von dannen. „Weißt du was?“ ſagte nun Lisbeth, die geſcheite Advokatenmagd,„bleib' ein Stund da, bis es zuſammen⸗ läutet und man in die Kirch' geht, in der Kirch ſetzſt du dich links vorn hin und da ſiehſt du den Jvo oben auf dem Empor, dann gibſt ihm ein Zeichen, daß er nach der Kirch zu dir rauskommen ſoll.“ „In der Kirch?“ ſagte Emmerenz, laut die Hände zu⸗ ſammenſchlagend,„Jeſus, Maria, Joſeph! Du biſt aber recht verdorben in der Stadt. Lieber thät' ich unverrich⸗ teter Sach wieder heimgehen.“ „Nu ſo hilf dir anders, du Scheinheilige.“ „Das will ich auch,“ ſagte Emmerenz fortgehend. Sie begab ſich nun geradewegs in das Kloſter, ließ ſich beim Direktor melden und ſagte aufrichtig, ſie habe was mit dem Jvo zu ſprechen. „Biſt du ſeine Schweſter?“ fragte der Direktor. „Nein, ich bin nur die Magd im Haus.“ Der Direktor ſah Emmerenz ſtarr in das Geſicht, ſie blickte ihn treuherzig an, keine Miene zuckte; der Direktor befahl dem Famulus, ſie zu Jvo zu führen. In einer Fenſtervertiefung auf der langen gewölbten Hausflur wartete Emmerenz, bis Jvo herauskam, er ſchreckte unverkennbar zuſammen, als er ſie erblickte. „Grüß Gott Emmerenz, was machſt du hier? es iſt doch Alles wohl daheim?“ fragte Jvo, nichts Gutes ahnend. „Alles wohl auf, ich bin von der Mutter geſchickt, viel tauſend herzliche Grüß' und ich ſoll ſagen, der Jvo braucht nicht Geiſtlich zu werden, wenn er's nicht von Herzen gern thut. Die Mutter kann nicht ruhen und raſten, ſie —— 327 meint, ſie häb' ihm das Gemüth zu ſchwer gemacht und er thät's ihr zu lieb, und das bräucht' er nicht, und er wär' doch ihr lieber Sohn, wenn er auch nicht Geiſtlich wird und.. ja das iſt Alles.“ „Sei nur nicht ſo erſchrocken, ſprich herzhaft mit mir, gib mir deine Hand,“ ſagte Jo, als eben einer ſeiner neugierigen Kameraden vorbeigehuſcht war,„ich bin dir ja nicht ſo fremd, wir ſind ja alte gute Freund', gelt?“ Nun erzählte Emmerenz mit wunderbarer Geläufigkeit, wie ſie den Brief habe ſchreiben wollen und wie ſie die Nacht durch zu ihm hergewandert ſei; ſie blickte manchmal zur Erde und drehte den Kopf, als ſuche ſie Etwas. Die Augen Jvo's ruhten mit tiefer Innigkeit auf ihr, und wenn ihre Blicke ſich begegneten, erglühten die Wangen Beider, aber ein Jedes ſcheute ſich vor dem Andern, ſie ſagten ſich nichts von dem, was ihre Seele bewegte. Als Emmerenz ihre Erzählung geendet, ſagte Jvo:„Ich dank' dir von Grund des Herzens, es kann wohl einmal die Zeit kommen, wo ich dir deine Gutthat vergelten kann.“ „Das iſt ja nicht der Red' werth, wenn's zu deinem Beſten wär' und du thätſt ſagen: lauf jetzt für mich nach Stuttgart zum König, ich thät mich nicht lang beſinnen und ging eben grad, es iſt mir jetzt ſo.. wi „Nun wie denn?“ fragte Jvo das ſtockende Mädchen. „Wie.. wie wenn mir jetzt grad halt Alles gut ausgehen müßt.“ Ohne ein Wort zu reden, ſtanden die Beiden eine Weile einander gegenüber, im Innerſten aber wechſelten ſie die trauteſten Reden; endlich ſagte Jvo, ſich mit einem ſchweren Seufzer erhebend: „Sag meiner Mutter, ich müſſ' mir das Alles noch überlegen, ſie ſoll ruhig ſein, ſchlecht werde ich nicht, ſorg' recht für ſie und laß ſie mit ihrem kranken Arm nicht zu viel ſchaffen. Nächſt meiner Mutter biſt du und der Nazi mir die liebſten Menſchen auf der Welt.“ Sowohl Jvo 328 als Emmerenz blickten zur Erde bei dieſen Worten, jener aber fuhr fort:„haſt nichts vom Nazi gehört?“ „Nein.“ „Ohne daß es die Beiden merkten war die ihnen zu⸗ gemeſſene Zeit vorübergegangen, es läutete:„Du gehſt doch auch in die Kirch?“ fragte Jvo. „Ja, aber hernach muß ich tapfer machen, daß ich wie⸗ der heim komm'.“ „Wenn ich's machen kann ſeh' ich dich noch einmal nach der Kirch' drunten in der Neckarhalde, wo man nach Hirſau geht, wenn's aber nicht ſein kann, ſo ſag' ich dir Adje. B'hüt dich Gott, lauf' nicht zu arg und und bleib rechtſchaffen.“ Sie trennten ſich. Trotzdem Emmerenz vor einer Stunde ſo ſcharf über die Lisbeth losgezogen hatte, ſetzte ſie ſich in der Kirche doch links und freute ſich, daß ihr der Jvo ſo mit den Augen zuwinkte. Faſt eine Stunde wartete Emmerenz nach der Kirche in der Neckarhalde, aber Niemand kam. Sie ging nun ihres Weges, indem ſie noch oft zurück⸗ ſchaute; endlich gelobte ſie ſich dieß nicht mehr zu thun.„Es iſt beſſer ſo,“ ſagte fie, „ich mein' zwar im⸗ mer, ich hätt' ihm die Sach' nicht recht ge⸗ ſagt, aber es iſt doch beſſer ſo.“ Sie ſchaute ſich nun zwar nicht mehr um, ſetzte ſich aber, ihr Brod ver⸗ S zehrend, auf eine An⸗ —. ℳ höhe, von wo ſie den 329 ganzen Weg bis zur Stadt überſehen konnte. Die Bro⸗ ſamen von ihrem Kleide abſchüttelnd, ſtand ſie endlich raſch auf und verfolgte ihren Weg. Wir können ſie nicht begleiten und können nur ſo viel berichten, daß ſie wohlbehalten und munter nach Hauſe ge⸗ langte. Wir bleiben beim Jvo, der in ſchweren Gedanken umherwandelte. Er hatte ſich wieder in ſeinem angewieſenen Berufe zurecht gefunden, nun aber hatten die Ermahnungen der Mutter den feſten Grund ſeines Willens wieder ganz aufgelockert und ihn an ſich ſelber unſicher gemacht. Die Erſcheinung des Mädchens, dem ſich ſein Herz zuwendete, hatte einen ſchweren Kampf in ihm erregt. Er hätte wohl noch nach der Kirche in die Neckarhalde kommen können, aber er fürchtete ſich vor ſich ſelber, vor Anderen, und blieb weg. Der reine, friſche Willensbeſchluß, den Jvo früher gegen ſeine Eltern durchgeführt hatte, war durch ſeine nachmalige freie Umkehr jetzt anbrüchig und morſch; er hatte kein rechtes Vertrauen zu ſeiner eigenſten Kraft mehr.— Es iſt immer ſchwer, wenn man ſich etwas feſt vorgeſetzt und wieder davon abgelaſſen, abermals dazu zurückzukehren; es fehlt dann das friſche Mark, die rechte Erquickung, es iſt wie das Nachgras, das wird wohl feiner und zärter, gibt aber keine feſte Nahrung mehr. 15 Erlöſung. Ein ſchaudervolles Ereigniß ließ Jvo aus Schmerz und Qual wieder neu erſtehen. Bartel war an ſeinem Namenstage, am Tage des hei⸗ ligen Bartholomäus, den Wächtern im Lazarethe entronnen; von Gewiſſensbiſſen gefoltert, ſtürzte er ſich zum Fenſter hinaus und zerſchmetterte ſich das Hirn. Um zum Frommen 3* Sr * 330 des Kloſters dieſe That zu verhehlen, ſo wie auch aus Rückſicht der Geiſteskrankheit Bartel's, ließ man ihm ein ehrliches Begräbniß angedeihen. Die Klöſterlinge zogen nun Alle mit Floren behangen unter der klagenden Trauer⸗ muſik hinter der Leiche drein. Jvo blies das Horn, ſeine Töne flatterten wie jach zerriſſene Bänder in den Lüften. Auf dem Kirchhof trat Jvo vor und hielt ſeinem verlorenen Kameraden eine herzergreifende Denkrede. Anfangs ſtockte er ein wenig, alle ſeine Pulſe zitterten; zum erſtenmale hatte ihm der wirkliche Tod eine Leiche vor die Füße gerollt und ihm zugerufen:„lerne das Leben begreifen und den Tod!“ Wie er einſt Clemens vor ſeinen Füßen als todt erblickt hatte, ſo lag jetzt in Wahrheit die entſeelte Hülle eines Jugendgenoſſen vor ihm, mit dem er ſo lange gelebt. Er pries zuerſt das Leben, das freie, ſelige Athmen, und wollte den Tod weit weg bannen aus der Mitte der Men⸗ ſchen, dann aber ward ſeine Rede feuriger, wie ein leben⸗ diger Springquell ſtrömten die Worte dahin, mit ſchmerz⸗ loſer Innigkeit pries er das Loos des Entſchlummerten, der, ein verlorenes Waiſenkind, endlich heimgekehrt ſei zu ſeinem Vater im Himmel. Die Weihe kam über Jvo, noch bevor ihn die Hand eines Prieſters berührt. Er ſchwang ſich hinauf zum Thron des Allvaters, kniete nieder und bat um Gnade für ſeinen Freund; in kurzen, abgeſtoßenen Sätzen bat er dann um Gnade für ſich, um ſein eigenes ſeliges Ende, um das aller Menſchen und ſprach endlich das Amen. Mit jubelndem Marſche zogen die Klöſterlinge wiederum heim, ſie, das ſtehende Heer des Himmels, ſollten gleich dem ſtehenden Heere der Erde auch nie lange dem Schmerze ſich hingeben, ſondern alsbald wieder lebensmuthig die Schritte fördern, obgleich die Todesbetrachtung zu ihren vornehmſten Exercitien gehörte. Auch Jvo fühlte wieder neue Lebensluſt in ſich aufknoſpen, die Beiden, die ihm am nächſten geſtanden, hatte das Geſchick von ihm geriſſen, den Einen durch geiſtigen, den Andern durch leiblichen Selbſtmord 331 — er fühlte ſich allein und ſtark. Als nun die anderen Kameraden, die das Leben, ihr Geſchick und den Tod leichter nahmen, alleſammt in ein Wirthshaus gingen, um nach altem Brauch dem Verſtorbenen hundert und einen Schoppen Bieres, jeden Schoppen in einem Zug, in's Grab zu trinken, da ging Jvo einſam, ſein Waldhorn unter dem Arm, hinaus über die Brücke, immer weiter. Die Sonne begann zu ſinken, noch zitterten ihre letzten hellen Strahlen auf der Erde, aber ſchon ſtand der Mond hoch oben am wolkenloſen Himmel, als wollte er den Erdenkindern ſagen: zaget nicht, ich wache über euch und leuchte euren nächtlich ſtillen Bahnen, bis eine neue Sonne glänzend heraufſteigt. Jvo ſagte ſich innerlich:„So zagen und jammern die Menſchen, wenn eine neue Lehre untergeht oder eine Lebens⸗ leuchte verſinkt, nicht immer iſt alsbald ein neues Licht in ihnen aufgeſtiegen und doch naht es ſich ihnen unvermerkt, ſie aber fürchten die ewige Nacht, weil ſie es noch nicht erblicken, weil ſie nicht vertrauen dem ewigen Licht.“ Es wurde Nacht, Jvo ſtand ſtill, aber mit dem Rufe:„fort, fort, nie mehr zurück!“ ging er ſtets raſcher. Er ſchlug nun einen andern Weg ein, er wollte ſeine Heimath vermeiden. Wohl dachte er des Schmerzes ſeiner Mutter, aber er wollte ihr von Straßburg aus ſchreiben, dorthin wendete er ſich⸗ Er gedachte ſich einſtweilen mit der Muſik zu ernähren, oder als Bauernknecht zu dienen, bis er ſo viel Geld habe, um nach Amerika auszuwandern. Es war ihm, als ob er nie hinter den Büchern geſeſſen, er wußte nichts mehr von all' den theo⸗ logiſchen Satzungen und Syſtemen, er kam ſich wie neu⸗ geboren vor, und nichts als die Erinnerungen ſeiner früheſten Jugend ſpielten vor ſeiner Seele. So lief er die ganze Nacht durch, ohne zu raſten, und als er ſich beim erſten Morgenſtrahl in einem fremden Thale fand, da ſtand er ſtille und betete inbrünſtig zu Gott um ſeine Hülfe. Er kniete nicht nieder, aber ſeine Seele lag anbetend vor dem 332 Herrn. Im Weitergehen ſummte er ein Lied vor ſich hin, das er in ſeiner Kindheit oft gehört. Nun adjes, herzlieber Vater, Nun adjes, jetzt lebet wohl! Wollt ihr mich noch einmal ſehen, Steigt hinauf auf Bergeshöhen, Schaut hinab in's tiefe Thal, Seht ihr mich zum letztenmal. Nun adjes, herzliebe Mutter, Nun adjes, jetzt lebet wohl! Habt ihr mich in Schmerz geboren, Für die Kirche*) auferzogen, Seht ihr mich zum letztenmal, Nun adjes, jetzt lebet wohl. Auf einem Steine ſitzend überlegte dann Jvo ſein Schickſal: er war doch unbeſonnen fortgegangen, er hatte nichts Klingendes bei ſich, als die Klänge ſeines Waldhorns; er gedachte, wie er nun gute Leute anſprechen müſſe, um fortzukommen. Auch bei dem reinſten Herzen iſt es doch immer etwas tief Einſchneidendes, betteln zu müſſen; Jvo erröthete im Voraus bei dem Gedanken. Wir dürfen auch nicht vergeſſen, daß er als reicher Leute Kind an die Fülle zu Hauſe dachte, und aus ſeiner tiefſten Seele löste ſich ein abgeriſſener Klang eines alten Liedes; mit ſchmerzlichem Lächeln ſang er: Han kein Haus und han kein Geld, Und kein Theil an der Welt Da ſah er eine Schaar Ochſen des Weges daher kommen, voraus ging ein Paar Stromel. Jvo geſellte ſich zu den Ochſentreibern und fragte, wohin ſie gingen, er *) Jpvo ſetzte hier willkürlich für die Kirche, ſtatt für den Kaiſer. 333 erfuhr, daß ſie die fetten Thiere einem Metzger in Straßburg brächten, auch erfuhr er, daß ſie gerade auf dem Wege nach Freiburg ſeien. Jvo war um viele Stunden umgegangen, war aber doch noch auf dem rechten Wege. Er bat nun die Männer, ſie begleiten zu dürfen, er wolle ihnen helfen und ſie ſollten die Zehrung für ihn bezahlen; die Männer ſahen den ſonderbaren Menſchen in den ſchwarzen Kleidern mit dem Horn unterm Arm von oben herunter an, ſie munkelten etwas mit einander. „In der Fremdenlegion, mit dem nach Algier gehen, iſt's nichts,“ ſagte der Eine. „Es iſt beſſer,“ ſagte der Andere,„man ſitzt ſeine paar Jahr Straf daheim ab; es koſtet den Kopf nicht.“ Er lächelte ſo zuverſichtlich, daß Jvo wohl merkte, er habe dieſe Erfahrung ſelbſt gemacht. Jvo erkannte nun, daß er für einen Verbrecher gehalten wurde, er wagte es indeß nicht, dieſe Meinung zu entfernen, er wollte das Mitleid der Leute für ſich wach erhalten; ſie ſagten ihm aber, ſie könnten ihm nichts verſprechen, in Neuſtadt träfen ſie ihren Herrn, er ſolle mit dem reden. Still ging nun Jvo hinter den Thieren drein, der Zucht⸗ hauserfahrene trat ihm gnädig ſein Scepter ab, und Jvo regierte mild und ſicher mit demſelben die Unterthanen. „Woher iſt das Paar Stromel?“ fragte Jvv. „Nicht wahr?“ ſagte der Algierfeind,„denen ſieht man's an, daß ſie aus einem guten Stall kommen? die ſind auf dem Hornberger Markt vom Buchmaier gekauft worden.“ Jvo ſprang zu den Thieren und erkannte ſeinen Stromel alsbald an den aufgeſträubten Haaren mitten auf der Stirne, es war ihm, als habe er gleiches Schickſal mit dem Thiere und ginge er gleich ihm dem Tode entgegen, aber er konnte und wollte nicht mehr zurück. Wie erſtaunte aber Jvo, als zu Neuſtadt angelangt die Treiber ihren Herrn begrüßten, der zum Fenſter des Wirthshauſes 334 herausſchaute, und Jvo den Florian in ihm erkannte. Er wollte ſeinen Augen kaum trauen, bis Florian auf ihn zukam und mit unbändigem Gelächter den ſonderbaren Ochſentreiber bewillkommte. Jvo erzählte nun Alles, und Florian ſchrie, auf den Tiſch ſchlagend:„Noch eine Bouteill, brav, das iſt recht, ich helf' dir durch, du haſt meine Parole. Narr, ohne Paß kommſt du nicht auf Straßburg, da,“ er ſchlüpfte behend aus ſeinem blauen Ueberhemde,„zieh das an, da wird dich jeder für einen Straßburger Metzger halten, und,“ ſetzte der Schelm hinzu, ſeine ſchwere Geldkatze aufhebend, „die tragſt du auf der Achſel, die macht dich ferm zu einem von uns.“ Jvo ließ ſich Alles gern gefallen und zog, nachdem er ſich ſattſam geſtärkt hatte, wohlgemuth mit Florian weiter. Florian war ſeinerſeits froh, viel von ſeinem angeſehenen Leben erzählen und den Nordſtettern ein Schnack ſpielen zu können; dabei half er aber auch dem Jvo von Herzen gern. Es war ein heißer Tag, oben an der Höllſteig wurde Mittag gemacht. Florian ſetzte dem Jvo mit Trinken ſehr zu, ſo daß dieſer ſich eine Weile von ihm loszumachen ſuchte. Er ging in die Schmiede neben dem Wirthshauſe und unterhielt ſich mit dem Meiſter, es heimelte ihn hier wiederum ſo an, wie ehedem zu Hauſe. Plötzlich gedachte Jvo, daß hier der Ort und dieß der Mann ſei, bei dem ſich einſt ſein Nazi verborgen; eben wollte er nach ihm fragen, als der Schmied zu ſeinem Jungen ſagte: „Da, trag die zwei Pflugeiſen nüber zum Beßtebuur.“ „Wie weit iſt das?“ fragte Jvo. „Eine gute Viertelſtund'.“ „Ich geh' mit,“ ſagte Jvo, ſprang in das Wirthshaus, ſagte Florian, daß er bald wiederkäme, und er würde ihn ſchon wieder einholen, dann legte er das Ueberhemd ab und nahm ſein Waldhorn unter den Arm. — ——Z ——— 335 In Begleitung des Jungen ging er nun über die Wieſe den Waldſteig hinab. Drunten rauſchte der Bach und klapperten die Mühlen; Jvo war's als müßte hinter jedem Baum ſein Nazi hervortreten, er fragte den Jungen: „Iſt der Beßtebuur ein braver Mann?“ „Ja, bräver weder ſein Bruder wo geſtorben iſt.“ „Wie heißt denn der jetzige Beßtebuur mit ſeinem Taufnamen?“ „Das weiß ich nicht, er heißt halt der Beßtebuur; er iſt in vielen fremden Ländern geweſen als Knecht und als Doktor.“ Jvo jauchzte hoch auf, hierher hatte ihn der Finger Gottes geführt. „Seit wann iſt denn der Beßtebuur da?“ fragte er wieder. „Seit zwei Jahren. Er hat ein Jahr lang als Knecht bei ſeinem Bruder gedient, und da iſt der geſtorben, man ſagt, er häb's ihm anthun, er iſt ein halber Hexenmeiſter; er hat ihn auch ſchon vor vielen Jahren einmal umbringen wollen, und weil keine Kinder da geweſen ſind, iſt der Hof an ihn gefallen, er iſt aber ſonſt ein braver Mann.“ Mit tiefer Trauer erfuhr Jvo, daß nun ſein guter Nazi doch als Brudermörder gelten ſollte, weil er einſt die Sünde zu vollziehen getrachtet hatte, aber Jvo tröſtete ſich bald wieder mit Recht, daß dieß nur ein Geſchwätz neidiſcher Leute oder alter Weiber ſein könne. Sie kamen an der Sägmühle vorbei, in welcher Nazi einen großen Theil ſeiner Jugend verlebt. Jvo freute ſich beſonders, daß auch hier, von der Bergwand geſchützt, ein ſchöner Nußbaum ſtand, gerade wie zu Hauſe vor der Wohnung ſeiner Eltern. Nun ging es raſch den andern Berg hinan. Jvo wußte zwar wohl, was eine nachbarliche Bauernviertelſtunde zu bedeuten habe, aber daß es mehr als eine Stunde ſei, hatte er doch nicht gedacht. Da er ſehr eilte, nahm er dem Jungen die ſchweren Eiſen ab, damit er gleichen Schritt Jo blieb bei Nazi, der ihn wie ſeinen Bruder behandelte. 336 mit ihm halte. Der Harzgeruch der ſonnenbeſchienenen Tannen erweckte in Jvo die Jugenderinnerungen immer lebendiger: er ſah ſich auf der Krippe neben ſeinem Nazi ſitzen, er war draußen im Veigelesthäle— fingend und jubelnd tanzten und ſprangen alle die Bilder der Kindheit vor ihm her. Auf der Windeck angelangt, ſah Jvo das ihm wohlbekannte kleine Haus, ein bleiches Frauenbild ſah aus dem Fenſter, es war das Windecker Lisle, das hier wieder einſam wohnte. Jvo dachte darüber nach, wie auffallend es ſei, daß die Kirche es wagte, ein ausdrückliches Gebot der Bibel in ein Verbot umzuwandeln. Nach dem alten Teſtamente mußte der Bruder die kinderloſe Wittwe ſeines Bruders heirathen, das kanoniſche Recht aber verbot dieß geradezu. Nazi und Lisle durften ſich nie ehelichen. Jvo fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, als wollte er die letzte theologiſche Er⸗ innerung aus ſeinem Kopfe verbannen. Man näherte ſich dem Hofe des Beßtebuuren, die Wege waren gut und ſauber. Endlich wurde man das ſtattliche Haus anſichtig, als man faſt vor ihm ſtund Jvo ſah den Nazi, der Heu rechte, mehrere Mägde und Knechte um ihn her, aber Jvo eilte nicht auf ihn zu, ſondern ſetzte das Horn an den Mund und blies die Weiſe des Liedes: Da droben, da droben An der himmliſchen Thür, Und da ſteht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Dann rief er: Nazi! und die beiden ſich Erkennenden lagen einander ſelig in den Armen. „ 5 Wie nach banger, pfadloſer Irre können wir jetzt auf gebahntem Wege dem Ende unſerer Erzählung zueilen. 337 Als einer der reichſten Bauern konnte er in Allem für ihn ſorgen. Er reiste für ihn als Brautwerber in die Heimath und holte die Emmerenz, die ſich vor Freude gar nicht zu faſſen wußte. Alle Leute im Dorfe und ſogar die Eltern verſöhnten ſich mit der Lebenswendung Jo's, denn wenn es einem Menſchen gut ergeht, beruhigen ſich die Leute gerne bei einer Aenderung, die ihnen ſonſt verdammlich erſchiene. Nazi ſchenkte dem Jvo die Sägmühle; mit freudiger Luſt arbeitete er nun dort unverdroſſen im Verein mit ſeiner Emmerenz. Oft ſitzt er Abends unter ſeinem Nußbaum und bläst auf ſeinem Waldhorn, daß es weithin erſchallt. Weit umher von den einzelnen Gehöften ſtehen in ſtillen Mondnächten die Burſchen und Mädchen und lauſchen den fernen Klängen. Emmerenz ſagte das einſt Jvo und dieſer erwiederte:„Guck, in der Muſik haben wir ein Gleichniß N XM 338 vom rechten Menſchenleben: ich mach' jetzt die Muſik doch eigentlich nur für uns, aber wenn ich weiß, daß die Töne weit hinausfliegen und noch anderer Menſchen Herzen er⸗ freuen, da iſt mir's noch viel lieber, ich bin noch viel fröh⸗ licher und beſſer. Wenn nur jeder für ſich ſelber ſein Sach recht macht, ſo hilft er auch Anderen und macht ihnen Freud'. Ich bin nicht uneigennützig genug geweſen, bloß für andere Leut' Muſik zu machen; ich tanz' auch gern ſelber mit.“ „Ja,“ ſagte Emmerenz,„du biſt doch ſtudirt und ich verſteh' dich doch. Wenn als die Buben beim Mockle⸗ ſammeln in der Neckarhalde ſo luſtig geſungen und gejodelt haben, da hab' ich als denkt: guck', die ſingen für ſich und mich freut's doch auch und einen jeden, der die Ohren bei ihm hat, und die Vögel ſingen auch für ſich und es gefällt den Menſchen doch wohl, und wenn ein Jedes in der Kirch' recht für ſich allein ſingt, nachher paßt Alles gut zuſammen und iſt Alles ſchön.“ Jvo umärmte innig ſeine Emmerenz. „Wenn's nur nie Winter werden thät, es iſt doch gar einödig da,“ ſagte Emmerenz. „Da wohnet ihr eben bei mir,“ ſagte eine Stimme, es war die des guten Nazi. rey Control Chart Sreen Nellow Red Magenta