———— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und weſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen., 3. Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:; für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Ft.— Pf. f.— Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 4 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ T korene oder defecte, Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt er Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. S Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird onders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen er nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ on mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 S Der Rönigin Juwelenſchmuck. Roman zwülf Büchern von C. J. L. Almquiſt. Tintomara. Zwei Dinge ſind weiß: Unſchuld— Arſenik. Aus dem Schwediſchen überſetzt von R. Seubert. 5 Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1 8 46. Die Zeiten der Duelle und der Doppeljalvuſieen, was waren dies doch für Zeiten voll intereſſanter Aben⸗ teuer, Zeiten, wo Stürme um die Locken ſausten und Feuer im Herzen brannte! Sie ſind vorüber, wenigſtens die erſtern. Der ge⸗ ſunde Menſchenverſtand, Herr Hugo, hat die Sitte, ſeinem Freund, um eines übereilten Wortes, einer mißverſtande⸗ nen Handlung willen, eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen, aufgehoben. Wenn einige Rittersleute unſerer Tage, ich meine damit Offiziere, ſich an einander ver⸗ ſuchen wollen, ſo werden ſie nicht mehr von der allge⸗ meinen Stimme entſchuldigt, falls die höchſte Macht ſie beſtraft. Man ſpricht zwar von der Sache und erhöht dadurch den Geſchmack an der Mandelſchnitte oder dem Biscuit, und Zunge und Gaumen wird durch das Ge⸗ ſpräch in eine lebhaftere Thätigkeit verſetzt, als wenn man ſchwiege. Aber die Erhöhung des Vergnügens, was der Zweck aller unſerer Geſpräche, unſeres ganzen Umgangs iſt und ſein muß, wird doch in unſern Tagen durch die Duellfrage nicht mehr und nicht beſſer befördert, als durch irgend einen andern Gegenſtand. Man rühmt zwar die höchſte Macht nicht ſehr, wenn ſie ſich in die Abenteuer miſcht, allein man wirft den Kämpfenden, welche den größten, uneigennützigſten Muth gezeigt haben, auch nicht ſonderliche Beifallsblicke zu. Ich frage jedoch in Ernſt, gibt es wohl einen vollkommeneren Muth, als wenn man ſein Leben für gar nichts wagt? Dies muß doch wohl ein ganz abſoluter Muth ſein! 6 Aber vielleicht thut man es nicht immer für nichts. Die Jalouſie hat ſich beſſer erhalten. Man bezeichnet ſie zwar als eine finſtere Krankheit, welche die Wangen bleicht und jede Bruſt verzehrt, in der ſie ihren Tempel aufgeſchlagen hat. Doch wenn die Eiferſucht eine wilde Spuckgeſtalt iſt, ſo erhob ſie ſich doch ſelten in einer an⸗ dern Eigenſchaft, denn als die Hüterin einer heiligen Flamme. Sagt mir ein Weib, das von dieſem furchtbaren Dämon verzehrt wird, und ich frage euch, ob es nicht deßhalb geſchieht, weil ſie tief und unendlich liebt? In ihrem Weſen flammt es rein, wie das Bild eines Sternes im klarſten Bache ſchimmert. Sie opferte ihr Herz und all ihre Gedanken; ihre ganze Welt hat ſie in eine lebens⸗ warme Hand gelegt. Wenn aber die Hand des Geliebten vor dem Tode erkaltet, dann fährt ein Dezemberſturm durch ihre Adern. Das hohe und feine Geſühl, welches nur einer edlen und ätheriſchen Neigung angehört, hat bei dem, der nie etwas anderes als ein ungetheiltes Gefallen an dem Schönen und Großen haben ſollte, was für ſie ſelbſt groß und ſchön iſt, eine Gleichgültigkeit entdeckt. Die Fluren ihres Landes ſind gewelkt, der Mond gefriert an ihrem Himmel, die Sonne ſelbſt lauſt zitternd und bleich aus der erkalteten Atmoſphäre ihrer Welt fort. Man tadelt die Eiferſucht, Herr Hugo, und ohne Zweifel begeht ſie den Fehler, daß ſie ſich täuſcht und etwas zu ſehen glaubt, wo nichts iſt; aber alles Unglück ſoll unſere Achtung haben, und dieſes iſt durch ſeinen Grund doppelt verehrungswürdig. Hege nie eine Liebe, außer etwa eine unverſchämte, und dann magſt Du Dich allerdings rühmen, daß Du nie von dem weinenden Nachtgeſpenſt angefallen worden ſeiſt. Warum ſollte denn Deine Bruſt zittern? Wenn Du heute eine Art Freundin verlierſt, ſo haſt Du morgen Mittag eine andere und eben ſo gute. Entſchuldigen Sie mich alſo, Herr Hugo, fuhr Richard Furumo in dem gelben Kabinete des Jagdſchloſſes fort, wo er eines Abends in der Geſellſchaft der verſam⸗ melten Familie ſaß; entſchuldigen Sie mich alſo, daß ich Ihr Entzücken über Calderons Marianne nicht ganz thei⸗ len kann, ſo weit es die Schmach betrifft, welche Ariſto⸗ bulus als ein Opfer der Eiferſucht in der ganzen Zuſam⸗ menſetzung des Stückes und durch die ſcharfen Ergüſſe ſeiner Gemahlin ertragen muß. Eine innere Humanität ſpiegelt ſich hierin nicht; doch gebe ich auf der andern eite gerne zu, daß ein Weſen, welches unverdient der Gegenſtand der Eiferſucht wird, ſich durch einen ſolchen Argwohn tief gekränkt fühlen muß. Die Jalouſie iſt etwas Arges, aber eine Doppel⸗ jalouſie iſt doch noch etwas Aergeres, noch Erſtaun⸗ licheres. Mein Gedächtniß weilt dabei auf einem Punkte in Oſtgötland, einem Hof oder einem Schloß. Ich war dort Zeuge einer Scene. Zwei Schweſtern, die eine verſchie⸗ dene Lebensweiſe führten, wohnten auf dem Schloſſe und wurden von Verwandten beſorgt, welche ihre Güter ver⸗ walteten und ſie ſelbſt pflegten. Die zwei Unglücklichen brachten ihre Zeit in dem oberen Stockwerke zu, das ganz ihren Bedürfniſſen über⸗ laſſen und reich an allen häuslichen Bequemlichkeiten war. Mit Ausnahme einer Dienerin, die zu gewiſſen Zeiten zu ihrer Bedienung erſchien, waren ſie den ganzen Tag über für ſich. Es war dies als das Paſſendſte und mit ihrem Charakter Uebereinſtimmendſte erfunden worden. Sie woll⸗ ten Niemand ſehen War Jemand von Ihnen auf dem Ribbingsholm2 Ein Strom, der die Seen Roren und Glan verbindet, bildet bei ſeinem Ausfluß in den letztern ein Vorgebirge. Das Vorgebirge iſt von dem Fluſſe, noch mehr aber von dem Glanſee ſo umſtrömt, daß es beinahe einem Holme gleicht, und vielleicht hat das Schloß, das darauf ſteht, ſeinen Namen von ihm entlehnt. Vom obern Stock in Ribbingsholm hat man eine weite Ausſicht über den breiten Glan, und auf der andern Seite davon ſieht man die lieblichen Geſtade von Riſinge⸗ land, welches zum Finspongsbezirke gehört. Die Leute 8 im Schloſſe hatten die Güte, mir nicht nur ein Nacht⸗ quartier an Ort und Stelle zu gewähren, ſondern mich auch die zwei— wie ſoll ich ſie nennen?— ſehen zu laſſen. Ich bekam Zutritt in der Wohnung der Fräuleins, wie man ſie hieß, ich bekam ihn auf dieſelbe Weiſe, wie das Geſinde ſelbſt die Bewohner des oberen Stockes zu beſuchen pflegte Wir traten in ein kleines Eckzimmer, das in dem einen Ende des Stockwerkes lag und ſchauten durch eine weiße Florgardine, deren Falten uns hinläng⸗ lich verborgen haben müſſen, die jedoch zwiſchen den Fal⸗ ten ſo durchſichtig war, daß wir ohne Schwierigkeit diejenige betrachten konnten, welche dort vorwärts in den Zimmern gingen. Der Gas machte, daß ſich die zwei Ge⸗ ſtalten wie in einer unbekannten Entfernung zu bewegen ſchienen, und ſie ſelbſt mit ihrer ganzen Umgebung kamen mir feenähnlich vor. Sie gingen Hand in Hand, zwei auf⸗ rechte ſchlanke, kleine Geſtalten im Zimmer auf und ab; doch war die eine etwas größer als die andere. Ihre Wangen waren jetzt nicht einmal mehr bleich, ſondern von jener Kreidenfarbe, wie man ſie an Köpfen ſieht, welche Zimmerzierden bilden und die Züge ſelbſt waren noch von der Art, daß ſie auf eine vergangene junoniſche und dianenähnliche Schönheit deuteten. Ihre Krankheit — Geiſteszerrüttung— wechſelte ſo, daß die Eine zeit⸗ weiſe geſund war. Sie pflegte und leitete dann die Andere mit der ſorglichſten Zärtlichkeit und wahrem Verſtand; ſie that es, bis die Reihe auch an ſie kam. Aber immer wurde die eine Schweſter vernünftig und übernahm die Sorge für ihre unglückliche Begleiterin in demſelben Augen⸗ blick, wo dieſe ihren inneren Erinnerungen erlag. Die Periode einer Jeden dauerte einige Wochen. Als ich kam, war die kleinere die Hüterin der größern. Glänzendes hellbraunes Haar, das vielleicht früher kaſtanienbraun ge⸗ weſen war, ſiel in unnachahmlichen Phantaſien ſich ſelbſt überlaſſen um die Schultern des größeren Fräuleins, und flatterte maleriſch dahin, während ſie in ſchweigender Düſterkeit aber ſchnell durch das Zimmer wanderte. Ich 9 ſage die Größere, obſchon auch ſie klein war; die andere, ſie pflegende Schweſter ging an ihrer Seite, ſtreichelte ihr Stirne und Wangen und ſchien ſich damit zu unterhalten, daß ſie die Perlen ihres Halsbands auf das Geſchmack⸗ vollſte ordnete und an einem Medaillon machte, das daran hing, bei der Bewegung aber nicht in die rechte Lage kam, die ſie ihm zu geben wünſchte. Plötzlich blieb die Kranke ſtehen. Obſchon ich ziemlich weit entfernt war ſah ich doch wie ihre ſchwarzen Augen ſich merklich ver⸗ größerten; ſie begannen zu funkeln und bekamen ein Aus⸗ ſehen, als ob ſie aus den Augenhöhlen ſpringen wollten. Sie trat mit einem drohenden Blick gegen ihre Schweſter einen Schritt zurück.„Abſcheuliche Zerſtörerin!“ rief ſie und erhob ihren Arm gegen die eigene zärtliche Pflegerin. Aber wenn die Zeit kam, daß die Geſunde ihrerſeits erkranken ſollte und die Kranke dann nach einer uner⸗ gründlichen, aber heiligen Vorſehung in derſelben Stunde zum Bewußtſein gelangte, ſo daß ſie, getrieben von einem Wiedervergeltungsinſtinkt, die ſorgfältige und innige Pfle⸗ gerin der andern wurde, dann mußte auch ſie eben ſo kränkende Aeußerungen, eben ſo wüthende Flammen und eben ſo wilde Blicke aus dem düſtern gypsbleichen Schwe⸗ ſterantlitz ertragen. Ich werde nun erzählen, was ich darüber gehört habe. Aber da eine Tradition nicht immer ganz richtig zu ſein pflegt, ſo kann ich auch hier nicht ſagen, ob alle hiſtoriſchen und politiſchen Dinge, welche darin vorkommen, ganz zuverläſſig ſind. Aus Achtung vor den Familien, denen die Perſonen angehörten, begnügten ſich meine Wirths⸗ leute bisweilen damit, daß ſie mir nur die Vornamen mittheilten oder wie ich glaube, manchmal Zu⸗ und Orts⸗ namen abſichtlich falſch, d. h. pſendonym angaben. Sollten meine Ribbingsholmer Papiere einige Lücken zeigen, ſo bitte ich Hrn. Hugo und die zuhörende Jugend durch eigenes Nachdenken und eine lebhafte Phantaſie die⸗ ſelben auszufüllen, und Alles zu einem ſchönen und an⸗ genehmen Ganzen zu verbinden. Wenn ich Dokumente —— 10 aufzeichnete, Geſpräche und Briefe vorlege, die ich abge⸗ ſchrieben habe, ſo haben Sie die Güte und entſchuldigen Sie die Schreibart, ſo wie die von Seiten der Verfaſſer nicht ſelten unnöthigerweiſe angeführten Fremdwörter, was ein Charakterzug der damaligen Zeit iſt, den ich für meine Perſon höchlich mißbillige, den ich aber nicht ausmerzen kann, ohne meine Urkunden zu verfälſchen. Daß ein Aus⸗ länder hier zu Lande ſeine Mutterſprache mit der ſchwe⸗ diſchen vermiſcht, kann ihm verziehen werden und iſt viel⸗ leicht patriotiſch von ihm, aber wenn ein Schwede ſich ſo ſehr an fremde Ausdrücke gewöhnt hat, daß er im tägli⸗ lichen Gebrauch, ſogar mitten in einer ſchwediſchen Unter⸗ haltung mit ihnen daher kommt, ſo iſt es in der That höchſt betrübt. Wenn es Hrn. Hugo geſchieht wie mir, daß er ſich nämlich im Anfang über die auftretenden Perſonen ärgert, ſo ſoll es mich freuen, da ich dann ſehe, daß wir ſympa⸗ thiſiren. Richard zog ein kleines Paket aus ſeiner Bruſttaſche, das in feines voſtindiſches Strohpapier gewickelt war. Der Rönigin Zuwelenſchmuch. Erſtes Buch. Tout à Vous, beau Tristan! Erſter Brief. Clas Heinrich+ an Moritz+. Ulriksthal, den 1. März 1792. Abends ſpät. Ich habe keine Worte für mein Erſtaunen! Fort iſt die Politik, fort ſind alle Pläne und Berechnungen aus meinem Kopfe, obwohl es unrecht, unverantwortlich un⸗ recht iſt— ich geſtehe es— daß die Sachen ſo weit ge⸗ kommen ſind, wie ſie ſind. Aber ich kann nicht helfen. In was für Zeiten leben wir? Sind wir denn nicht mehr in Stockholm, ſind wir wirklich in König Arthur's roman⸗ tiſchen Tagen, in den zauberiſchen Hainen um ſein Ritter⸗ ſchloß Cameloth? Aber großer Gott, wie kann ich damit ſcherzen? Das Abenteuer, von dem ich Zeuge wor, berührt mich, wie ich glaube, ſelbſt zu nahe. Mein Blut kocht und doch iſt die Fackel meines Lebens nach unten gekehrt; noch eine ſolche Scene und ſie erliſcht auf ewig. 12 In Kürze, mein lieber Waffenbruder, komm in mein Zimmer und ſieh nach meiner Garderobe, aber mit der größten Vorſicht und einem tartarusähnlichen Schweigen. Sieh nach, ob das Schloß meiner Piſtolen gut iſt, damit ſie nicht verſagen. Moritz, höre und urtheile! Es war ſchon in der Dämmerung, als ich zu Pferd ſtieg und meine Wohnung verließ. Mit dem fröhlichſten Herzen trabte ich über den Königshügel und durch das Nordthor hinaus. Nie hat ein ſchönerer Abend ſeinen milden Schimmer über den Brunsrik geſenkt— man ſagt, daß der Frühling dieſes Jahres ſpät ſei— aber welch' ein Abend war auch das! Möchte er auf einen glücklichen Erfolg der grauen Mantel⸗ unternehmung und † †† deuten. Wie eine ſchöne Opern⸗ ſcenerie ſpiegelte ſich das Waſſer in der Bai(eigentlich auf dem Eis, aber es war doch das Waſſer auf dem Eis, welches ſchimmerte) und dieſes floß mit den Wäldern im Hintergrunde zuſammen. Meine Bruſt ſchlug immer höher, ich dachte nur und wieder nur an das, was Du weißt. Plötzlich ſpitzte mein munteres Pferd die Ohren und ich fuhr aus meinem Traum empor. Es war nichts— oder doch, doch es war eine ſchwarze Hündin, die mit einem gellenden Geheul nach dem Walde Solna zuflog. Ich drückte meinen Hut ärgerlich herunter und ſuchte wieder in meine frohen Gedanken zu kommen. Ich hatte Alles vergeſſen, was es da Großes und Uebergroßes gibt, daß ich neulich Major geworden war, das Regiment, den Adel. Nur ihrer erinnerte ich mich. Ich ſuchte wenigſtens, mich ihrer zu erinnern, denn die verdammte ſchwarze Hündin zog einen langen ſchwarzen Strich über meinen Zuſtand. Doch was bedeutete das? Es war dunkel, als ich in kurzem Galopp an Hagalund vorbeiritt. Ich näherte mich ſchon Fröſunda, als ich im Park zur Linken von der Land⸗ ſtraße ein gewaltiges Raſſeln vernahm. Du weißt, was das liebliche Fröſunda für eine Bedeutung für mich hat. Ich war noch nicht weit auf den Hügel hinaufgekommen, als ich, da ich eben den Kopf umdrehe, eine Dame durch V 13 das Fröſundathor ſtürzen und über die Landſtraße nach dem gegenüber liegenden Hagawald eilen ſehe. Ein langer grüner Flor bedeckte ihren Kopf und feine Streifen von Goldkanten ſchimmerten in der Dämmerung, während der Schleier dem laufenden Mädchen nachflog. Schon die Farbe und das Gold am Schleier waren hinreichend, mich in Erſtaunen zu ſetzen— und das aus leicht begreiflichen Gründen, Moritz— es war, es konnte kein anderer ſeyn, als eben der Schleier, den Du mir ſelbſt einmal kaufen halfſt. Nun gut, einen Augenblick darauf fliegt ein junger Mann durch daſſelbe Thor nach und begibt ſich ebenfalls ſchnell in den Hagapark. In dieſem erkenne ich ſehr wohl Ferdinand † †, meinen eigenen Capitän. Aber Gott!— welche von beiden konnte jetzt ſie ſeyn? warum floh ſie? warum, wenn ſie die rechte iſt? Mein Entſchluß war gefaßt, ich ſtieg ab, band meine Rodamonte in einiger Entfernung an den Zaun und ſchlich mich in den Wald. Was ſah und hörte ich nicht in dem reizenden Helldunkel, das die Hagagegenden je hervorzau⸗ berten! Bald flatterten die weißen Zipfel ihres Kleides wie blendende Schneeflocken an einem Buſche vorüber, und kühlten meine brennende Einbildungskraft, bald kamen lange grüne Flammen von Flor— ich muß ſie Flammen nennen, denn ſie brannten mich— ich konnte mich nicht darin täuſchen, eben dieſen mit chineſiſchen Goldſchmetter⸗ lingen durchwobenen Schleier hatte ich ſelbſt ihr geſchenkt ja— es war ſie! Auf den Ruf des jungen Ritters blieb der ſchlanke Flüchtling bald ſtehen. Sie konnte nicht weiter, dichte dunkle Zweige ſtanden da und hinderten ſie weiter zu fliehen, wenn ſie auch gewollt hätte, Moritz. Ihr maleriſches Bild ſtach gegen die Zweige auf eine Weiſe ab, Moritz— o Gott! ich ſelbſt ſtand in einiger Entfernung verborgen und athmete nicht mehr. Eben die Undeutlichkeit, die halbe Hölle, in der ſie ſchwebte, machte ſie zu der ſchönſten Sylſide, ich habe in des Herzogs Gallerie keine reitzendere geſehen. Der Ritter ſtürzte auf ein Knie vor ihr nieder.„Nur etwas gib mir, wenn 14 es auch das Geringſte iſt,“ ſprach er flüſternd, aber kein Wort ging meinen Ohren verloren. Sie ſchüttelte ſachte, wie wenn ſie ſich weigerte— aber er verdoppelte ſeine Bitten.„Du mußt,“ ſprach er und faßte ihre Hand. „Du mußt,“ rief er nach einer Pauſe noch eindringlicher, „ſieh, das nehme ich!“ Mit dieſen Worten löste er ſchnell eine Binde von ihrem Kleide und warf ſie über ſeine Schultern. „Toute à Vous, beau Tristan!“ „Tout à Vous“— antwortete er ihr mit einer Stimme, die gewiß, gewiß vor Entzücken ſo hinſtarb. „Dieſe Deviſe— ja ſie ſoll unſer Wahlſpruch ſein! Immer, ſo lang unſere Liebe athmet, ſoll dieß die geheime Parole zwiſchen uns ſein, und Niemand außer uns beiden ſoll ſie von unſern Lippen hören.“ Moritz, ich ſchreibe nicht mehr. Es wurde immer finſterer in der Luft, im Herzen, in der Seele. Welches von beiden die letzten Worte äußerte, die ich hier anführte, konnte ich nicht unterſcheiden, aber gewiß war es beider Meinung. Ich hörte kein Wort mehr, es blitzte, wie wenn ein Meteor in den Brunswik niedergeſchlagen hätte, oder vielleicht war es der Ton von Capitän Ferdinands Kuß auf die verführeriſche Hand dieſes Walvgeiſtes. Meine letzten Kräfte halfen mir nur noch ſo weit, daß ich aus dem Parke fliehen, die Straße ſuchen und mein Pferd finden konnte. Ein Wunderwerk hat mich nach Ulriksthal geführt.— Moritz ſprich mit Adolph Ludwig. Ihr beide müßt mich begleiten. Hörſt Du einige Tage lang nichts von mir, ſo wirſt Du begreifen, daß Dein Jugendfreund und Kaſernenkamerad Clas Heinrich hier auf dem Schloſſe liegt belagert von den ſcheußlichſten Furien einer Hölle, wie Du nie welchen in's Geſicht ge⸗ ſehen haſt. Aber Sakerlot, Dieu et mon droit! Hier ſoll es ein heißes Spiel geben. Ja wahrhaftig! ich ritt in einem andern Geſchäfte nach Ulriksthal hinaus. In⸗ deſſen aber grüße die Freunde und ſage ihnen, daß ich nicht vergeſſen werde, was ich hier thun ſollte. Moritz! 15 die Sache geht, der rechte Mann iſt gefunden— ich habe neulich ein Billet aus der Hauptſtadt erhalten. Pasque — ange! Ich habe einen zu langen Brief geſchrieben und doch ärgert es mich, daß das Papier zu Ende iſt. Ich habe Stoff für tauſend Poſtpapier⸗Formate, aber hier iſt es zugleich pechſchwarz im Zimmer und im Herzen. NB. Die Piſtolen? hängen kreuzweis lints in der Garderobe über dem dreieckigen ſchwarzen Tuch. NB. Laß den Bedienten, der Dir dieſes gibt, nichts merken. Zweiter Brief⸗ Adolphine an Smanda. Stockholm, den 2. März. Amante fidelle, Charmante, mais cruelle Erinnerſt Du Dich der Melodie mit ihrem ſchönen Ritornell, nach der wir uns immer richten ſollten, Amanda? Nein, Du haſt ſie ganz vergeſſen, närriſches Mädchen. Aber Dank jetzt, tauſendmal Dank, liebe Amanda, für Deine Zeilen von heute Morgen und Deine Beſchreibung des Unbeſchreiblichen von geſtern Abend. Doch glaube mir in Ernſt und ohne Umſchweife, Du warſt unvorſich⸗ tig, meine Schweſter. Das Mädchen, das ihr Gefühl geſtanden hat, iſt verloren, ihr Herz iſt in's hellſte Licht geſetzt, ſie hat ihren größten Reiz eingebüßt, ſie iſt nicht mehr unüberwindlich, ſie iſt nicht mehr l'étre indefinis- sible, das nur en lointaine geahnt und bewundert wurde. Amanda! um Gottes willen, warum mußteſt Du ihm die Binde geben! Ich begreife wohl, daß Du nichts geſagt haſt, daß Du ſeinen Wunſch nicht mit dem ge⸗ ringſten Wort gewährteſt, daß er es war, der nahm, nicht Du, die gab. Aber es war auf alle Fälle zu viel, daß 16 Du ſtille hielteſt. Warum halten? Ich möchte wohl die Fichten ſehen, die mich hindern wollten, davon zu laufen, wenn ich meiner Wege gehen wollte. Gute Amanda, Du hätteſt begreifen ſollen, daß Du Ferdinand gerade ſo lange vor Dir auf den Knien erhalten konnteſt, als Du nur hie und da Deine Neigung an ihm vorbei ſchimmern ließeſt! Hie und da, ſage ich— er hätte an einem ſol⸗ chen hie und da hübſch lange haben können. Aber das„Ewig“ in Geſtalt eines Wehrgehenks über ſeine Schultern werfen! Amanda, glaubſt Du an ſo ſchöne Worte? Ich prophezeihe Dir, unglückliches Mädchen, daß er ſchon nicht mehr ſo heiß und entzückt an Dich denkt. Mit wenig Worten: Du haſt ſehr Unrecht im Park gehabt. Großer Gott, wenn ich an Deiner Stelle wäre, Amanda, ich hätte Alles beſſer gemacht. in Mädchen pflegt doch ſonſt mit einem Talent dafür geboren zu ſein, ich wundere mich über Dich. Aber ach! warum ſoll ich Dich traurig machen? verzeihe mir, glaube, daß ich ganz Unrecht habe, vergiß meine Worte, geliebte Amanda! ſeh nur jetzt recht fröh⸗ lich draußen in Fröſunda bei den beſcheidenen Leuten, ich komme bald zu Euch hinaus. Aber ich habe eine Menge Coſtümſachen für die Maskerade in Ordnung zu bringen. Meine Liebſte, ſchicke mir mit dem nächſten Boten meine grüne chineſiſche Florhaube, aber um Gottes willen gut eingepackt und petſchirt. Ich wage kaum an dieſe Koſt⸗ barkeit zu denken, ſo ſehr fürchte ich, daß ein Flecken oder Schaden an ſie kommen könnte; ich denke darüber nach, wie ich ſie bei einem Coſtüme auf der Redoute be⸗ nützen kann. Oder was meinſt Du, würde das nicht an⸗ gehen? Ich zittre beinahe, daß in einer ſo gemiſchten Verſammlung und in einem ſolchen Gedränge etwas daran paſſiren könnte, und weißt Du, Amanda, ich könnte es mir ſelbſt nicht verzeihen, wenn beim Gebrauch eines ſo koſtbaren Geſchenkes etwas geſchähe, wobei es befleckt würde. Wie bin ich doch ſo kindiſch! verrathe mich nicht. Nur weil es ein Souvenir von C. H. iſt, bin ich ſo „ —— ———— eih — 17 furchtſam, ſo närriſch, ich möchte um alle Welt nicht, daß er meine Narrheit wüßte. In Betreff der Perſon, die ich hier meine, habe ich unangenehme Nachrichten. Mein Major iſt nicht in der Stadt, und denke Dir, ſein ſauertöpfiſcher Bedienter war in unſerer Wohnung, wollte aber nicht herauf, da Mama ſelbſt nicht da war. Welche Delikateſſe! Indeſſen habe ich gehört, daß mein Major, mein Clas Heinrich, an kei⸗ nem geringeren Orte, als auf dem königlichen Luſtſchloß Utriksthal krank liegt, wohin er, Gott weiß warum, hin⸗ aus ritt. Bittet doch Euren guten Oberſtlieutenant draußen, daß er eine kleine Luftfahrt von Fröſunda nach Ulriks⸗ thal mache, und höre, wie ſich dieſer theure Freund un⸗ ſeres Hauſes befinde. Es geht durchaus nicht, daß er jetzt krank iſt, er muß vor Allem auf den Ball kommen. Helas! Du weißt noch nicht— doch Adien. Adolphine. Dritter Brief. Amanda an Sdolphine. Fröſunda, den 4. März. Ich kann Dir nicht viel Troſt geben. Wir waren Alle im Ulriksthal, und Dein ſchöner Major zeigte ſich von der Aufmerkſamkeit ergriffen, die ihm unſer Beſuch bewies. Seine Bläſſe ſtand ihm gut. Dir zu Lieb be⸗ ſchäftigte ich mich viel mit ihm und es kam mir vor, als ob er an— Gott weiß was— leide. Ich bin deſſen beinahe gewiß. Er war ſehr betrübt über Deine Abwe⸗ ſenheit. Nachdem er uns begrüßt hatte, ſagte er mit einem düſtern Lächeln:„Alle Mitglieder des M.. ſchen Hauſes haben die höchſt unverdiente Höflichkeit nach mei⸗ nem Befinden zu fragen, nur Fraulein Adolphine ſcheint Der Königin Juwelenſchmuck. 2 18 nicht“— Ich antwortete, daß Deine Abweſenheit in Stockholm, wohin Du vor drei Tagen gegangen ſeyſt, die einzige Urſache wäre, warum Du uns jetzt nicht be⸗ gleiteteſt. Ich wollte eben noch die wahre Bemerkung hinzuſetzen, daß Du die eigentliche Urheberin unſeres Be⸗ fuchs in Ulriksthal ſeyſt. Ich glaubte, nichts würde heil⸗ ſamer für ihn ſein, als wenn er dies hörte. Aber in dem Augenblick fiel mir Deine Idee ein, daß es noth⸗ wendig ſei, Deine Neigung nicht zu ſehr zu verrathen. Obſchon ich nicht begreife oder wenigſtens nicht billige, was Du damit willſt, denn ich möchte es geradezu Heu⸗ chelei nennen, meine Schweſter, ſo wagte ich doch nicht gegen Deine Anſicht zu handeln, zumal es diesmal Dich ſelbſt betraf. Aber ſage mir doch auf Dein Gewiſſen, meine Adolphine, iſt Deine Anſicht auch eine wahre? Welch' einen hohen Grad von Zurückhaltung oder Abneigung verlangteſt Du, wie ich mehrmals hörte, gegen gewiſſe Leute— der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich mir kein Wort, keine Handlung vorzuwerfen habe; aber ein ange⸗ legter Plan, nur um deſto mehr zu feſſeln, einen ſolchen Gedanken verabſcheue ich. Du haſt viel geleſen, Adolphine, Du weißt unendlich mehr als ich; aber das muß ich Dir ſagen: in meinem Park, bei meinen Bäumen, da hatteſt Du nichts, gar nichts zu thun. Es wäre gut, wenn Du nicht zu ſonderbar gegen Clas Heinrich handelteſt. Er machte einige abgeriſſene Betrachtungen über Deinen Aufenthalt in Stockholm, die ich nicht recht verſtand; er meinte, ungeachtet der Eile und Geſchäftigkeit mit Deinen Garnituren kämſt Du doch wohl bisweilen auf das Land, ja erſt kürzlich ſeyſt Du dort geweſen. Der Ausdruck ſeines Geſichts würde mich in der That um Deinetwillen beleidigt haben, wenn ich das Geringſte davon begriffen hätte. Aber ich bitte Gott, daß Du nicht durch irgend einen uns unbekannten Ein⸗ ſall— doch verzeihe, meine Adolphine, ich gehe zu weit, ich vergeſſe, wo eine Schweſter ſtehen bleiben muß. Doch mag Major Clas Heinrich ſeine Sonderbarkeiten haben, 19 ſo fließen ſie gewiß aus einem höchſt edlen Herzen.— Er meinte, Capitän Ferdinand, der gewöhnlich ſo oſt in Fröſunda verweilt und überdies ſein Regimentskamerad iſt, hätte ihm wohl auch das Vergnügen machen und in unſerer Geſellſchaft nach Ulriksthal kommen können, um nach ihm zu fragen. Er machte dabei ein Geſicht, das mir ſonderbar vorkam. Ich erwiderte, wenn Ferdinand an dieſem Tage bei uns geweſen wäre, ſo würde er uns ohne Zweifel begleitet haben, aber obſchon das Verhältniß zwiſchen ihm und mir eine unter allen Freunden bekannte Sache ſei, ſo wollte ich doch Ferdinand keine ſolche Feſ⸗ ſeln auflegen, daß er unmöglich wo anders ſein könnte, als wo ich ſei.„Wo kann man ihn denn treffen?“ fuhr der Major etwas aufgeregt fort,„ich habe ihm etwas Wichtiges mitzutheilen.“—„Ohne Zweifel in Stock⸗ holm,“ bemerkte ich.„So! in Stockholm.“ Er ſah mich dabei an, indem er kaum hörbar flüſterte:„Sie ſpricht ganz ruhig davon.“ Der gute Major begriff nicht, daß, wenn die Sachen einmal auf einem ſo entſchiedenen und reinen Fuße ſtehen, wie dies jetzt zwiſchen mir und Ferdinand der Fall iſt, man ſich ganz ruhig fühlt. Adolphine, hier folgt Deine Haube. Wie die ſu⸗ perbe iſt! Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ſie ganz unbeſchädigt iſt; beſehe ſie nur und verſichere Dich ſelbſt. Ich habe ſie nur geſehen, ja kaum etwas mehr mit ihr angefangen, das kann ich Dir ſagen, meine Beſte. Sieh wohl nach, Du wirſt finden, daß ſie in ganz gutem Zu⸗ ſtande iſt, ich habe Dir zwar Etwas darüber zu ſagen, und Du wirſt nicht böſe darüber werden, denn es iſt ja nichts Böſes daraus erfolgt. Doch ich verſpare dies, bis wir uns wieder treffen. Es iſt auch beinahe nichts.— Adieu, meine 18jährige Adolphine, Du ſtehſt vor allen andern Menſchen in meinem Geiſte— ein Einziger ſteht näher, und das erlaubſt Du doch— ach! war es zu⸗ verwundern, daß ich an dem Abend ſo fröhlich war, als 6 20 ich mein ſiebzehntes Jahr vollendete, das haſt Du vergeſſen, aber er dachte daran, er der liebt Deine Amanda. Vierter Brief. Adolphine an Amanda. Stockholm in unſerer Wohnung, in meinem Stübchen. Mein ganzes Herz iſt in Ertaſe. Ich werde den Fehler repariren, den Du begingſt, Amanda, den ſchreck⸗ lichen Fehler, Dich Deinem Ferdinand zu ſehr entdeckt zu haben. Ich habe einen Plan, der ohne Deine Mitwir⸗ kung, vielleicht ohne Deine Erlaubniß Dir dennoch helfen wird; kann etwas beſſer ſein? Ueber meine Theorie wol⸗ len wir nicht ſtreiten, ich weiß wohl, wie die Leute ſind, mit dem Major iſt es auch nicht ſo gefährlich, als Du glaubſt— er ſoll dadurch nur mehr an mich gefeſſelt werden. O wenn Du die Seligkeit zu koſten verſtundeſt, einen ſtolzen und ſchönen Mann unauflöslich gefeſſelt, auf den Knien, an den Boden geſchmiedet, mit dem Kopf in bittender Stellung, zu ſehen.— O wie iſt es doch ſo heiter hier in der Welt! Ich habe einen Planz ich erſehe aus Deinem Briefe deutlich, daß er in einem gewiſſen Zuſtande ſich befindet, er ſchöpft Argwohn, daß ich in der Stadt bin und Fer⸗ dinand ebenfalls. Kannſt Du Dir etwas Lächerliches denken, als dieſen Majors⸗Aerger; doch iſt nichts ſo Un⸗ gereimtes darin. Amanda und ich ſind Schweſtern, beide zwiſchen 17 und 18 Jahren, Ferdinand war, ſeit wir mit Onkel und Mama hinaufreisten und bei W—s in Frö⸗ ſunda lebten, in unſerer Umgebung. Ferdinand hat Dir eine eben ſo deutliche und entſchiedene Erklärung gemacht, wie Clas Heinrich mir. Daß dieſe zwei Herrn uns bei⸗ 21¹ den auf eine noble und chevalereske Weiſe ihren Hof mach⸗ ten, war Allen bekannt, mit denen wir umgingen, obſchon unſere Freibrieſe ſich verzögern und ich wünſchen möchte, daß Du Dich nicht übereilt hätteſt. Jetzt iſt es durchaus nicht ſo ungereimt zu denken, daß bei ſo vielen hellen Tagen Ferdinand auch einmal einen gnädigen und liebens⸗ würdigen Seitenblick auf die arme Schweſter ſeiner Amanda werfen könnte; warum nicht? Die Parthie iſt noch nicht gemacht. Sollte Ferdinand ſich nicht ändern fönnen und ſollte nicht auch Jemand anders deſſen fähig ſein? Tauſend ähnliche Dinge ſind meinem guten Clas Heinrich durch den Kopf gegangen, und eben weil er ſo vor dem Verluſte bebt, liegt er in zehnfachen Banden. Das weiß er ſelbſt noch nicht, aber er ſoll es ſchon er⸗ fahren, es iſt ſcharmant. Es iſt mir ſehr unangenehm, daß Du nicht dieſelbe Intrigue gegen Deinen Capitän ſpielteſt, der wahrhaftig, wenn man gerecht ſein will, und nicht wie ich mit Vorkiebe auf ſeinen Major ſieht, für einen weit ſchöneren Mann gelten kann, als der Major iſt. Ferdinand ſitzt ſüperb, er hat eine Art, eine nach⸗ läſſige Facon ſeinen Kopf zu tragen, wenn er ſitzt, die wirklich ſcharmant iſt. Das haſt Du doch bemerkt? Er lehnt ſich leicht zurück und dann fällt ihm ſeine große Locke herunter, wie eine— es iſt alſo weit mehr noth⸗ wendig, daß er gefeſſelt wird. Warum ihn alſo durch Sicherheit leichter und freier machen, meine liebe Närrin? Doch warum ſollte ein Mädchen, das eben ſo arm an Ueberlegung, als reich an unvergleichlichen Reizen iſt, eine Flut von Vernunft in ſich aufnehmen? Nun, Du wirſt ſchon ſehen.— Adolphine prophezeit, daß Dein F. von jener Stunde an ein anderer Mann geworden iſt, und. um einen kleinen Anfang zu machen, kann ich Dir erzäh⸗ len, daß er hier in der Stadt ſehr munter iſt. Ich we⸗ nigſtens ſehe ihn nie anders, als im Enthuſiasmus. Er iſt natürlich ſehr oft in unſerer Wohnung hier, um ſich nach Deinem Befinden zu erkundigen oder um ſeine Uni⸗ form umzuziehen, die er nach alter Gewohnheit in dem 2 Zimmer neben Onkels hat. Er verplaudert manche Stunde mit mir, und ich konnte nicht den geringſten Spleen an ihm entvecken. Ich habe ihm vorgeſtellt, daß es am beſten und liebenswürdigſten von ihm wäre, wenn er ſelbſt nach Fröſunda hinaus ginge, um nach Euch zu ſehen; aber gewöhnlich antwortet er dann mit geſenktem Haupt und einem Seitenblick, daß politiſche Dinge von dringender Wichtigkeit ſeine Anweſenheit in Stockholm erforderten. Eine ſaubere Politik! Amanda! wenn ich an Deiner Stelle unter den ver⸗ zauberten Bäumen im Park geweſen wäre, wie ungemein ſpaßhaft wäre die Sache nicht ausgefallen. Ich würde Alles auf eine andere Weiſe gemacht haben, ich würde einen Kamm in die Haarlocke geſteckt haben, damit ſie nicht ſo entſetzlich frei zur Seite hätte fliegen können, die Binde! die Binde! Ja, ein Zaum— doch milles Adieux! ich muß ſchließen. Es iſt doch zu widerwärtig, ich wollte Dir eben den Plan auseinander ſetzen, wie ich Deiner Sache wieder auf die Beine helfen werde. Ei der tauſend, das iſt ein gar heftiger und ſtarker Finger, der ſo an die arme Doppelthüre klopſt. Adien gute vortreffliche Amanda! Wer klopft? wie? ich glaube—? Deine Ad Fünfter Brief. Amanda an Adolphine. Fröſunda Meine liebe Schweſter, liebe Adolphine, keinen ſolchen Brief mehr! F. iſt heiter, kann Dich das wundern? er iſt heiter, weil— eben weil er ſeiner Sache ſo gewiß iſt, er iſt ſeiner Liebe verſichert, ſiehſt Du. Sollte darin etwas Böſes liegen? wünſche ich mir nicht dieſelbe Ruhe? 23 Mama meint, Du ſeyſt jetzt lange genug in Stock⸗ holm geweſen, ſie hat mich gebeten, ein Wort davon fal⸗ len zu laſſen, wenn ich mit dem W—ſchen Milchboten ſchreibe, der heute Nacht von hier abgeht. Es wohnten zwar, ſagt ſie, mehrere von unſern Leuten in unſerm Hauſe am Heumarkt, und auch der Onkel ſei hie und da dort, aber doch, meint ſie, ſeyſt Du jung und— Dein Ruf, ſagt die Mama. Wenn Du es bei Deinen ſchreck⸗ lich viel Zubereitungen machen kannſt, ſo komm' bald. Mama wird Dich dann mit höchſt freundlichen Augen ſehen; die Maskerade wird doch noch nicht ſo bald vor ſich gehen. Könnteſt Du denn nicht erſt kurz vor derſel⸗ ben in die Stadt gehen, und einſtweilen hier auſſen an den Coſtüms arbeiten? Ich kann die Maskeraden nicht leiden; bringe etwas Velinpapier mit. Ich muß eine und die andere Scene zur Erinnerung zeichnen, hier klopft zwar Niemand an meine Thüre, aber ich ſchließe dennoch. Die Feder iſt ſo ſchlecht, ich habe ſeit langer Zeit Nie⸗ mand gehabt, der mir eine geſchnitten hätte. Kaufe mir ein wenig Gummi und bringe ihn mit, ich will einige Fehlſtriche in meiner armen Skizze herausmachen Um halb 12 Uhr Nachts. Amanda. Sechster Brief. Adolphine an Amanda. Stockholm in der Schreibtiſchecke. Ich komme zu Euch heraus, Du kleine Aufrichtige. Ich werde mich nach Mamas und Deinem Wunſche fü⸗ gen und nachher wieder hereinfahren, entſchuldige mich. In Ernſt geſagt, ich möchte jetzt gerne auch perſönlich mit Dir zuſammen treffen. Das ewige Brieſſchreiben ärgert mich, obſchon ich nicht ſagen kann, daß es mir an guten Federn fehlt, auch habe ich Federnſchneider; aber ſprechen 24 iſt auf alle Fälle tauſendmal beſſer als ſchreiben, und rb ſchon Grtt weiß, daß ich ſo wenig ſchreibe, als ich nur kann, ſo werden Deine Briefe doch unerträglich lang, und es iſt auch ſchwer das Papier hier auf der Schreib⸗ pultecke in Ordnung zu erhalten. Aber in Wahrheit ich möchte Dich auch deßhalb gerne ſprechen, weil ich nicht Alles auf das Papier ſagen kann, obſchon es ſehr ver⸗ ſchwiegen iſt, und weil ich meiner guten geliebten Amanda ſo gerne in's Geſicht ſehe. Beim Himmel, ich glaube Du biſt etwas ärgerlich, weil ich einmal ſagte, ich möchte in Deinem Walde geweſen ſein. Ach meine Schweſter, ver⸗ ſtehe mich nur recht! Aber ich bin jetzt auf dem Weg, Deine eigene Affaire für Dich zu repariren. Es iſt mir endlich gelungen eine kleine, kleine Wolke auf die Stirne des Capitäns zu jagen, und Du kannſt nicht glauben, wie gut ſie ihm ſteht. Doch begreife ich ſelbſt nicht, worin die Wichtigkeit deſſen liegt, was ſeine romantiſchen Augbrau⸗ nen zuſammengezogen hat. Ich erwähnte zufälligerweiſe zum eilfhundertſten Male die bekannte Zeile aus dem alten Rittergedicht: tout à vous, beau Tristan! und Du kannſt Dir nicht vorſtellen, welche Blitze er auf mich ſchleuderte, wie wenn er nur das Recht hätte, die Phraſe zu wiſſen. Unergrünvliches Myſtere! Doch ich muß Dir noch in Kürze erzählen, warum ich auf den Einfall gerieth, in meinem Stübchen hier vor dem Capitän einen ſo ſchönen Vers zu citiren. Mein Major, der noch krank in Ulriks⸗ thal liegt oder mit irgend ſonſt Etwas, das ich nicht be⸗ greife dort, beſchäftigt iſt, mein Clas Heinrich hat einen Schritt gethan, der mich mehr freut, als ich Dir in der Eile beſchreiben kann. Er hat von einem Rechte Gebrauch gemacht, das ich ihm ſchon vor einem Jahre als unſere Belanntſchaft eine frohe Wendung nahm, gewährte, näm⸗ lich von dem Rechte, mir hie und da ein Billet zu ſenden, und das hat er nun in einem ausgeſucht ſchönen Brief ge⸗ than. Dieſer enthielt die innigſte rührendſte Wärme, den feinſten Witz(ich ſpreche in Ernſt, Amanda), aber es tauchen auch einige Vorwürſe daraus hervor. Es iſt irgend 25 eine merkwürdige Begebenheit, auf die er hindeutet, die er erzählen will ohne ſie zu erzählen, und die ich doch wohl verſtehen werde, wie er meint, aber ich begreife dieß eben ſo wenig wie das Siebengeſtirn, mit dem er mich vergleicht, das iſt doch ein ſehr ſchönes Gleichniß, aber er wirft dem Siebengeſtirn por, daß es jetzt am Rande eines dunkeln Waldes ſey, in den es leider mit ſeinem glänzenden Fuße hinabſteigen wolle, wie er ſagt. Armer Stern! kann er denn etwas davor, daß er niederſteigen muß. Er wird ſich wohl auch einmal zur Ruhe legen wollen wie andere Menſchen. Der unvernünſtige hieroglyphiſche auf das feinſte Vanillepapier geſchriebene Brief liegt hier vor mir. Er ſagt, er habe etwas geſehen, und Grtt weiß, daß ich das nicht bezweifle, denn Clas Heinrich hat ſtets ein Paar der ſüperbſten klarſten Augen gehabt, die jemals wegen ihrer Schärfe berühmt waren, ſo daß er wohl etwas geſehen haben mag. Aber Spaß bei Seite! der Brief freut mich ſo ſehr, daß mir das Herz klopft, denn ich erſehe daraus, daß ich ſehr geliebt bin, mag er immerhin ſeine kleinen, bizarren Majorsgrillen haben, ich werde mir wohl auch einigen Argwohn über ihn verſchaffen, und wenn ein und das andere Jahr von ſo heiterem Charakter zu unſerem beiderſeitigen Vergnügen dahin gefloſſen iſt, ſo will ich mich zur rechten Zeit fügen und wir werden ein Paar der beſten Gatten, eine der glücklichſten Familien von der Welt werden. Doch wer löst mir das Räthſel? Mitten unter ſeinen feurigen Gefühlen, mit denen er mich nicht wenig in die Enge treibt, bringt ſein Brief auch Spitzen zum Vorſchein, die ſo fein ſind wie engliſche Nähnadeln, und er würzt die Sätze mehrmals mit dem Ausdruck: tout à vous, beau Tristan! ja, er wiederholt die Worte auf eine Weiſe, wie wenn ein ganzes königl. Luſiſchloß auf dieſen Ausdruck gebaut wäre, oder ich glaube eher, er ſelbſt meint, das Mauſoleum ſeiner Liebe ruhe darauf. Du wirſt Dich wohl noch erinnern, daß wir alle zuſammen zu Weihnachten in Fröſunda einen alten Roman laſen, den wir durch die 26 Gefälligkeit des artigen Hrn. Leopold von der Drottnigholmer Bibliothek geliehen bekamen, und der die Reiſe der Köni⸗ gin Iſolde von Irland zu König Markus in Kornwallis ſchilderte. Dort wird auch der tapfere Ritter Triſtan und ſein Abenteuer mit der ſchönen Iſolde erwähnt und ohne Zweifel kommt unter Anderem dort vor, wie ſie zu ſeiner Auf⸗ munterung die Worte ſagt: tout à vous, beau sire chevalier! Davon macht nun der dumme Clas Heinrich in ſeinem Brief ein Weſen!— Aber guter Gott! Das 6 noch eine Kleinigkeit gegen das, was Du jetzt hören ſollſt. Als unſer Capitän eine kleine Weile, nachdem ich den Brief des Majors erhalten hatte, zu mir eintrat, ſo grüßte ich ihn von ſeinem Vorgeſetzten und ganz unſchuldig ließ ich unter vielem Andern auch jene magiſchen Worte fallen, wobei ich die wahre Bemerkung hinzu fügte, daß Clas Heinrich ſich jetzt viel mit dieſen Worten beſchäftigen müſſe. Aber admirable dieu! dieſe fremden Worte hatten kaum meine Roſenlippen verlaſſen, als meinem großen ſchönge⸗ wachſenen Capitän eine ſchnelle Farbe über die Wangen flog und ſeine Augen ſich aufriſſen, wie wenn ſie Pfeile abſchießen wollten. Er hat eine Batterie von zwei ſchönen Piecen im Geſichte, und ihr Kanonenfeuer iſt ſehr ſtark. Der Sonnenſchein ſeiner Gentileſſe vertrieb zwar bald die Wolken und er fragte, wie ſich denn der Wajor wirklich befände, worauf ich der Wahrheit gemäß erwiderte, daß ich von ſeinem Unwohlſeyn nichts mehr wüßte, als daß Ihr in Fröſunda mehrere Parthien nach Ulriksthal ge⸗ macht hättet, wobei Du vor Allen ihn in ſeiner Krankheit intereſſant gefunden habeſt(ſiehe Deinen Brief). Jetzt zeigte ſich wahrhaftig etwas noch Schlimmeres in den Feuerbrunnen meines Zuhörers. Ich verſichere Dich lmanda, die mürriſche Kleinigkeit, die er hörte, hat wirk⸗ lich einen Funken Unruhe in ihm entzündet und das iſt zu Deinem Vortheil, Mädchen! Mädchen, wirſt Du mir dafür zu danken wiſſen? Wenn dieſer Funke nur etwas bear⸗ beitet wird, ſo kann Deine ganze Stellung gerettet werden 15 ie aß e⸗ eit tzt en ich k⸗ zu ür 27 und Dein F. wird aus Schreck wieder zu Deinen Füßen fliegen. 6r gewann jedoch für diesmal Stärke genug über ſich, um ſich nichts weiter merken zu laſſen, obſchon ein vernünftiger Menſch genug geſehen hatte. Sein Antlitz klärte ſich wieder auf, und er wich allen Geſprächen über den Major ſo wie über Dich aus, was um ſo auffallender war, als ich mehrmals eine ſo koſtbare Perſon, wie Du biſt, mit Fleiß auf die Bühne brachte, aber er umſegelte ſtets meine Klippen und glaubte ſich verborgen, während mich doch ſein Ausweichen erkennen ließ, daß er ſich in den Scheeren befand. Ja, um Alles zu geſtehen, er war nachher, bis er ging, ausgezeichnet zuvorkommend, beinahe aimahle, was Alles, verſtehe mich recht, nicht als eine Hommage gegen mich angeſehen werden darf, er wollte damit nur die Karten miſchen und ſeinen Harlekin zwi⸗ ſchen den Huſaren und dem Blumentopfe verbergen. Es thut mir leid, daß ich noch nicht gleich nach Frö⸗ ſunda hinaus kann, denn es fiel mir eben ein, daß ich heute Abend mit einer Freundin eine Rolle repetiren muß, die wir auf der großen königl. Maskerade ausführen wollen. Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, Amanda, was das für ein Maskenvergnügen geben muß. Es lebe unſer großer König, unſer theurer Guſtav III. Was thut es, daß er auf dem dummen Reichstag zu Gefle Zank gehabt und die ſchweflichten Edelleute gereitzt hat? Wie kleinlich, ich be⸗ greife manche unſerer Bekannten nicht, die ich bisweilen ſo ſehr ſchimpfen und fluchen höre, daß mein offen ausge⸗ ſprochener Abſcheu ſie kaum zum Schweigen zu bringen vermag. König Guſtav iſt mein König; ich liebe ihn und das hat fuͤr mich noch mehr zu bedeuten. Es be⸗ weist, daß er ſich in Allem auf die Hauptſachen verſteht und ſich nicht um Nebendinge bekümmert. Er hat die Freude nach dem Norden gebracht, und das iſt mehr werth als ſaure Geſichter, Amanda. Du mußt Deinen Wider⸗ willen überwindenz Du mußt mit auf die Maskerade. Das große Haus des Königs auf dem Norderzmarkte iſt 28 im Innern gar nicht zu beſchreiben. Ich habe die Ma⸗ ſchinerien darin geſehen und bin vor Staunen zurückge⸗ wichen, und ich bin doch nicht ſo ungewohnt, merkwürdige Dinge zu ſehen. Aber das ſag' ich, wenn ich einmal ein Haus baue, ſo thue ich es ganz nach dem Plane des töniglichen. Kannſt Du's glauben, Amanda, es iſt voll von Zimmern und langen, gekrümmten Gängen, die unter, über und auf beiden Seiten des großen Schauſpielſaales hinführen. Und dort ſoll der Ball ſein! Ich war dort, und habe mich in Geſellſchaft einer Perſon, die mir den Weg zeigte, ein wenig umgeſehen, damit ich nicht ſo ganz fremd darin ſein möchte. Pfui! wie habe ich geſchrieben! jetzt muß ich mir die Feder wieder ſchneiden laſſen. So ſchließe einmal, du dummes Schreiben. Ach, wie froh bin ich, Adieur— milles adienx! A— phine. Siebenter Brief. MWoritz an+ Clas Heinrich †. Stockholm bei Kleinhans in der grünen Straße. Gott ſei Dank, daß Deine Schwäche in Ulriksthal ſo langwierig war und Du die Piſtolen bisher nicht bedurſteſt. Nun hör' ich aber, daß mein Freund ſich wieder zu er⸗ holen beginnt, und ich muß daher pflichtſchuldig berichten, daß ich die Waffen genau nachgeſehen habe. Allein ob⸗ ſchon ich es nicht anders als billigen kann, daß Du Deine Ehre ſür beleidigt hältſt, und obſchon ich Dir als ein treues Mitglied des ſchwediſchen Ritterhauſes in der bluti⸗ gen Sache beiſtehen will, die, wie ich hoffe, nur eine luftige ſein wird, ſo mußt Du mir zugleich verzeihen, wenn ich auſrichtig geſtehe, daß ich es für exsecrable, ——— — — 29 ja ahominable dumm halte, ſich jetzt in eine ſolche Sache zu engagiren, da unſere Freunde in vernünftigeren Unter⸗ e nehmungen ſo weit gekommen ſind, daß das † † † außer aller Frage iſt. Eure Bataille ober könnte wenig⸗ s ſtens auf einige Tage einen Krähenfuß darüber machen. Clas Heinrich, was zum Teufel denkſt Du denn? General P. war ſehr erzürnt. 6 Doch ich muß geſtehen, daß Ferdinand ebenfalls ein t, ſonderbarer Kauz iſt. Ich glaube, er hat ſeinerſeits auch n etwas gegen Dich im Sinne. Er nahm mich geſtern Abend bei Seite, und nachdem wir eine Weile in dem Hopfengarten vor dem kleinen Ballhaus und Theater auf e u ewandelt waren, blieb er plötzlich vor mir ſtehen u und fragte mich mit Blicken, wie der Teufel ſelbſt keine düſter glimmenderen haben kann.„Sage mir, Moritz, was für ein Mann iſt Clas Heinrich?“—„Haſt Du auf dem Blocksberg geſchlafen?“ war meine Antwort, „oder wer hat Dir den beſten, tapferſten Kameraden an⸗ geſchwärzt?“ Ich forſchte ihn näher aus, weil ich glaubte, irgend etwas Politiſches könnte entdeckt worden ſein; aber es ſind nur Thorheiten. Irgend eine Elektrizität muß in Fröſunda gewirkt haben, Funken müſſen geflogen ſein, Gemüther geſtürmt haben, aber ich konnte den Zuſammenhang nicht recht er heraus bekommen. Die Baronin M. iſt ſehr unruhig wegen ihrer jüngſten Tochter; die Zauberin Amanda hat ſo blaſſe Wangen. Der Onkel Oberjägermeiſter, unſer Aller ſt. Onlel, iſt jetzt wie immer der ordentlichſte Menſch. Er r trocknet die Thränen der Andern, während er ſelbſt weintz n„ aber es hilſt doch nichts. Die Wirthin ſelbſt, Fr. W., b⸗ theilte die Schwermuth ihrer Freunde. Aus fragmenta⸗ ne riſchen Redensarten, die ich in der Familie aufgeſchnappt in habe, erſehe ich, daß ein verdammt heißes Gefecht zwiſchen ti⸗ Ferdinand und Fräulein Amanda ſtatt geſunden haben ne muß. Er, deſſen beſtändige Anweſenheit in der Stabt , m unſerer Affairen willen ſo nothwendig war, hatte ſich, e, getrieben von der Begierde, die Geliebte zu quälen, dennoch ——— 30 hinausgeſtohlen. Dort ſell es Vorwürfe geſetzt haben. Der Streit ging wegen einiger unbedeutender Worte an, die gegen ein Verſprechen vor— vermuthlich vor dem Teufel ſelbſt ausgeſprochen worden ſein mußten, da ein ſolches Speltakel daraus entſtehen konnte. Das Fräulein ſoll nur geweint, F. aber wie ein mauriſcher, ein afrikaniſcher Ritter ausgeſehen und Alles auf eine Weiſe beendigt haben, die— mir ganz unbekannt iſt. Es wäre wohl zu ver⸗ wundern, wenn ſich hierin etwas Tieferes verſteckte. Wenn ich meinen Ferdinand recht verſtehe, ſo iſt es verletzter Stolz, der ihn anfeuert. Er wird wohl manche Leute gekannt haben, ehe er Amanda ſah, aber ohne Zweifel iſt er wüthend, weil ſie es wagte, auf den Mund und die ſchönen Zähne eines Andern zu ſehen. Niemand ſoll mir vorwerfen, daß ich nicht an die Ewigkeit, Beſtändigkeit, Unſterblichkeit der wahren Liebe glaube. Wenn das Herz auf wahre Sympathie trifft, ſo erliſcht ſie nicht, das iſt mein Glaubensbekenntniß. Aber hier— nun ich weiß nicht. Wären die Leute in dieſer Welt Weſen von Kry⸗ ſtall, mein Freund, d. h. wären ſie durchſichtig, ſo daß Jeder ſeinen eignen und Anderer Charakter kennte, ſo würde man einander anſehen, ob wirkliche Gleichheit und perſönliche Sympathie vorhanden wäre. Ich ſage das zu Deinem eigenen Bedenken, Major. In einer beſſern Welt, das glaube ich beſtimmt, ſehen die guten Menſchen ſich und Andere ſo rein und klar, daß ſie einander ver⸗ ſtehen. Dann kann kein Mißgriff mehr geſchehen, und Die, welche einander gleich ſind, können nicht mehr aus⸗ einander kommen, und Die, welche einander nicht gleich ſind, werden nicht beiſammen ſein wollen. Aber hier auf der Welt entſtehen ſehr oft Tragödien aus dem Leben, in dem wir, uns ſelbſt und Andern unbekannt, umher ſchwe⸗ ben, und dieſem für die einzelnen Perſonen und die ganze Geſellſchaft ſo höchſt verderblichen Uebelſtand kann nicht eher abgeholfen werden, als bis man die menſchlichen Charaktere beſſer kennen lernt, und dadurch einander tiefer — 31 verſteht und nach Verbindungen ſtrebt, die auf wahre Gleichheit, nicht aber auf zufällige Einfälle gegründet ſind. Da ich vernommen habe, daß Dein Name ſich oft in Ferdinands und Amanda's Erklärungen miſchte, ſo möchte ich von Dir ſelbſt erfahren, ob Du mir ſo viel Lcht hinter meine Couliſſe geben kannſt, daß ich zwiſchen alten Freunden vermittelnd auftreten kann. Aber ſchnell und bald; die Zeit geht hin und darf nicht an Nebendinge vergeudet werden. Pfui tauſend, ſchämt Ihr Euch nicht? Iſt das Politik? Haſt Du die Sache mit Denen, die bei Utriksthal erſcheinen ſollten, verabredet? Was antwor⸗ teten ſie? Iſt Jemand neulich in der Hauptſtadt geweſen? Es iſt höchſt nothwendig, daß Du mit ihm in der Haupt⸗ ſtadt ſprichſt. Moritz. E Achter Brief. Clas Heinrich an Moritz. Ulriksthal. Sprich mir nicht von F. und noch weniger von einer Vermittlung. Ein alter Freund, ja! aber ein Freund, der zum Schurken geworden iſt. Er unterſteht ſich, einem ſolchen Engel Vorwürfe zu machen; Amanda Vorwürfe von Ferdinand! Das iſt unerhört, da er es eben iſt, der ſein Verſprechen gebrochen hat, und das weiß ich. Meine Sinne ſind nicht in Ordnung. Es iſt jetzt ſo weit ge⸗ diehen, daß ich mich körperlich wieder ganz geſund fühle, und morgen werde ich in Stockholm ſein. Sacre-dieu einem Andern zur Laſt legen, was man ſelbſt verſchuldet! Er muß ein ganz infamer Menſch geworden ſein! Piſtolen ſind zu gut, ich ändere meinen Entſchluß.— Du brauchſt mir nicht mehr zu ſchreiben, Moritzz fürchte nicht, daß ich die Zeit verſäume. Ich werde Dir mündlich Etwas mittheilen, was Du noch nicht weißt; doch Alles geht, wie es gehen ſoll. Clas. Neunter Brief. Cerdinand an Clas Heinrich. Den 15. März. Der Herr Major, der ſo gerne Viſiten empfängt, möge ſo gefaͤllig ſein und auch einmal einem Mann präcis 9 Uhr Abends in der nordöſtlichen Ecke des Hopſengartens begegnen. Ja, gerade dort, in der Nähe der grünen Straße, mein Major, ſoll der Platz Ihrer Schande ſein Wählen Sie die Waffen. Sie haben das Recht. Ein Paar Ter⸗ erole und über den Mantel, das möchte wohl am beſten jein Kommen Sie nicht, Major, ſo erfahren Sie, daß Nichts auf der Welt mich abhalten ſoll, Sie einen feigen Vaurien, einen Weibermann zu nennen, und das mitten unter den Unſern. Der älteſte Capitän in demſelben Regiment, wo Sie der jüngſte Major ſind. Zehnter Brief. Clas Heinrich an Ferdinand. Den 15. Capitän, Jugendfreund! Elender! wäre Dein Brief mir nicht zuvorgekommen, ſo würdeſt Du ſelbſt einen ähn⸗ lichen von mir erhalten haben. Die Sekundanten find bereit. Nein, Du biſt das Pulver nicht werth! Der Degen iſt meine Waffe, und ich habe jetzt das Recht der Wahl, da ich der Geforderte bin. Vergiß bei dieſer — — 6 6 8 8S 8 — —— 33 Gelegenheit nicht, die Binde zu tragen, die Du von ihr bekamſt. Auf dieſe will ich zielen und durch ſie das treffen, was früher ein Herz zu heißen verdiente. Unter den Unſrigen! Ha! ja, gerade unter den Unſrigen werde ich Dich treffen. Clas Heinrich. Zweites Buch. Sie ſchaute noch jenen Sterblichen vor ſicw, der ſich nicht gefurchtet hatte, durch das Thor der Prophezeiungen einzutre⸗ ten der aber auch als er daraus hervor⸗ getreten war, mit dem Schrecken ge⸗ ſchlagen wurde, vor ſeinen Augen plötz⸗ lich die Geſtalt ſeines kunftigen Mör⸗ ders zu ſehen. Am 15. März 1792 nach Mittag ging Fräulein Adolphine, nur von einem Bedienten in kurzer Entfernung begleitet, auf einer der dunkleren Straßen Stockholms dahin. Sie hatte eben eine Galanteriebude verlaſſen, wo ſie vier Ellen eleganten Zeug für einen ihr ſehr wichtigen Zweck erhandelt hatte. Tiefſinniger, als Manche ihres Geſchlechts vielleicht erwartet hätte, überlegte ſie bei ſich ſelbſt, auf welche Weiſe ſie die Sache am richtigſten und ſchönſten ausfuͤhren wollte, ſo daß die beabſichtigte Wirkung erreicht und manches Uebel, deſſen Grundurſache ſie ihrem eigenen Charakter zuſchrieb, wieder gut gemacht würde. In tiefe Gedanken verſunken, die Augen auf die mitt⸗ lerſte Steinreihe der Straße geheftet, wandelte ſie mit kurzen Schritten weiter, und obſchon ihr Gang leicht und ſehr frei war, ſo war dies für dieſen Augenblick nur eine Folge ihrer natürlichen Anmuth, aber gewiß nicht ihrer leichten Stimmung. Die Straße ſelbſt machte ebenfalls einen düſtern Eindruck und mußte es auf jedes von Natur Der Königin Juwelenſchmuck. 3 34 zärtere Gemüth machen. Die weſtliche Hauptſtraße ſieht noch heutiges Tages etwas grau ans, und wenn uns dies, zumal in der Mitte des Tags, nicht ſo ſehr auffällt, ſo kommt es von der Anzahl der Handeltreibenden her, die ſich durch ihre Figuren gegenſeitig zerſtreuen. Aber das adelige Fräulein, das wir hier beſchreiben, machte ihre„ hübſchen Schrittchen an einem kühlen Nachmittag, und ringsum war es menſchenleer. Nur um einige Ecken weit 3 vor ſich ſah ſie ein ſehr hohes Haus mit aſchfarbenen Wänden und Fenſterbögen, die darauf ſchließen ließen, daß ſie gewiß ſchon lange nicht mehr der reparirenden Pand eines Freundes begegnet hatten. Doch die innere Stadt hat manche ähnliche und die Häßlichkeit des Hauſes ſelbſt wirkte in Wahrheit weniger auf das Mädchen, als der Gedanke an die berüchtigte Perſon, die, wie ſie wußte, für gegenwärtig ihren Sitz dort aufgeſchlagen hatte. Mademviſelle Arvedſon war eine Art Wahrſagerin; aber ſie gab ſich nicht ſo eigentlich der Wißbegierde des niedern„ Haufens hin; ſie befriedigte vft die Wünſche von ſehr 2 Hochgeſtellten, die einen Blick hinter den unheimlichen Vorhang des Schickſals werfen wollten, und es waren daher merkwürdige, ja wirklich unglaubliche Berichte über ſie im Umlauf, indem man ſich ſagte, daß Perſonen, die 5 bei Hofe den heiterſten Unglauben über jene zweidentigen Ausſprüche an den Tag legten, es doch nicht verſchmähten, 4 die weiſe Jungfrau zu beſuchen, wo ſie dann in tiefer Verkleidung, in blaſſen und langen Geſichtern der Be⸗ ſchreibung ihrer Zukunft die größte Aufmerkſamkeit ſchenk⸗ ten, ſo wie auch nicht ſelten erſchrocken zurückfuhren, wenn 3 ſie unvermuthet gewiſſe Dinge aus ihrem verſtoſſenen Leben p hören bekamen, die ihrem Hoffen nach allen Lebenden unbekannt ſein mußten. Es iſt daher nicht zu verwundern, 3 daß manche Dukaten aus dem Publikum verſchwanden und ſich in aller Stille bei der klugen Dame in dem Sattin⸗ . rocke mit den Aermeln von Percal aufhäuften. Dieſes Bild machten ſich die Leute von ihr, da man bisweilen eine Figur in ähnlicher Tracht an den Fenſtern vorbeiſchim⸗ 35 mern ſah. Noch in unſeren Tagen erinnert man ſich des Namens dieſer zur Zeit König Guſtav des III. bekannten und berühmten Sorciére. Sie war die nordiſche Lenor⸗ mand jenes Zeitalters. Zufälligerweiſe hatte Fräulein Adolphine von Oberſt⸗ lieutenant W., als ſie einmal zuſammen dieſe Straße gin⸗ gen, erfahren, daß Mademviſelle Arvedſon jetzt hier wohnte, denn vorher hatte dieſe Perſon ihr Quartier in dem groſ⸗ ſen Bromſiſchen Hauſe am Heumarkte gehabt, wo auch die Stadtwohnung von Fräulein Adolphine und ihrer An⸗ gehörigen lag. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß das Fräulein bei'm Anblick der Ecke, die ſie an der weſt⸗ lichen Hauptſtraße ſah, ein wenig in ihrem Schritte zö⸗ gerte, und eine ganze Reihe melanchvliſcher Gedanken er⸗ hob ſich bei ihr in der Erinnerung an die Auftritte und die Ausdrücke, die ſie daheim in dem Bromſiſchen Hauſe gehört hatte, von jener Zeit her, wo die Arvedſon einen Theil deſſelben in Beſitz gehabt hatte. Sie wollte ſich von dieſen Gedanken losmachen und ſah ſich deßhalb ſchnell und mit raſchen Blicken um. In demſelben Augenblicke trat eine Perſon aus der Thüre der geheimnißvollen Wohnung und zog ihren Blick da⸗ durch auf ſich, daß er deutlich die Aufmerkſamkeit jedes Spähers vermeiden wollte. Er trug einen dunkelbraunen Oberrock, unter dem ausgezeichnet feine Seidenſtrümpfe und Schuhe hervorſahen. Sein Geſicht war blaß, wohl⸗ gebildet und ziemlich voll, aber nicht ganz gleich auf bei⸗ den Seiten. Obſchon der Hut mit Fleiß tief herab ge⸗ drückt ſchien, ſchloß doch Fräulein Adolphine aus der Nei⸗ gung deſſelben, daß eine hohe Stirne darunter verborgen ſey; und große ausdrucksvolle blaue Augen warfen un⸗ aufhörlich unruhige Blicke nach allen Seiten, wie wenn ſie jemand zu begegnen fürchteten. Er faßte einen andern Mann unter dem Arm, der kurz nach ihm aus der Thüre kam, und begann an deſſen Seite weiter zu wanken, wie wenn die Füße ihn nicht recht tragen wollten. Die bei⸗ den waren noch nicht weit gekommen, als das Fräulein 3 36 ſah, wie aus einer Quergaſſe eine dritte Perſon in tiefen Gedanken und den Kopf beinahe ganz im Mantel verhüllt, heraustrat und den zwei Andern zufällig den Weg ab⸗ ſchnitt. Bei dieſer Begegnung blieb der im braunen Oberrock plotzlich ſtehen und ſtarrte den Herankommenden an, der ohne ſich darum zu bekümmern, ſeinen Marſch fortſetzte. Aber als dieſer dritte den beiden andern näher kam, flog ein ſcharlachrother Zipfel ſeines Mantels herum. Bei dieſem Anblicke zitterte der Herr im Oberrock noch mehr, trat einen halben Schritt zurück und ſah dem Mann im Mantel eine Zeitlang nach, der jetzt gegen Norden abbog und mit philoſophiſch abgemeſſenen Schritten gegen Gromunkegränd zuging. Der Schrecken bei dem Ober⸗ rock verwandelte ſich jedoch bald in ein leichtes und vor⸗ nehmes Schütteln des Kopfes, wobei er ſeinen Begleiter noch heftiger unter dem Arm faßte, und ſie eilten nach einem der Gatterthore, die von der weſtlichen Hauptſtraße aus nach dem großen Markte der Börſe und dem königl. Schloſſe führen. Fräulein Adolphine ſetzte in Geſellſchaſt ihres neuge⸗ fauften Zeuges und ihres Bedienten ebenfalls ihren Weg fort. Aber tauſend Betrachtungen verfolgten ſie. Der dritte der Vorübergehenden, deſſen Geſicht zum größten Theil verborgen geweſen war, hatte bei einer Gelegen⸗ heit ſoviel davon ſehen laſſen, daß das Fräulein eine ſchöne Bildung und einen ungewöhnlich ſchwarzen Bart⸗ grund bemerkte. Sie konnte ſich keine Rechenſchaſt über die Gefühle geben, deren Raub ſie plötzlich wurde, aber ein unwillkührliches Zittern ergriff ihre Nerven. Es kam ihr vor, als ob der Unbekannte ein Verwandter oder we⸗ nigſtens ein Bekannter ihres Clas Heinrich ſeyn müſſe, und als ob ſie ihn irgend einmal in ſeiner Geſellſchaft geſehen habe. Je mehr ſie ſich der Schmiedſtraße, dem Münz⸗ markte und endlich der Nordbrücke näherte, deſto mehr erweiterte ſich ihr Geſichtskreis; aber Wolken von ſchnell ſich ändernden Geſtalten zogen über den Stockholmer Him⸗ 37 mel hin und der Nachmittag ging dem Abend zu. Ohne abergläubiſch zu ſeyn, gab ſie der allgemeinen Menſchen⸗ natur ihren Tribut, und fühlte ſich ohne eine gewiſſe Ur⸗ ſache erſchreckt. Als ſie an der Bewunderung des Volkes, der dem König Guſtav Adolph auf dem Norderzmarkte errichteten Bildſäule vorüberging, ſchauderte ſie und wagte nicht einmal einen Seitenblick zur Rechten nach ihrem ge⸗ liebten Opernhauſe zu werfen. Sie verdoppelte ihre Schritte, erreichte athemlos den Heumarlt und ging in ihre Wohnung hinauf⸗ Sie warf ſich in eine Sophaecke in ihrem einſamen Stübchen und überließ ſich eine Weile dem freien Strome ihrer Gedanken. Sie meinte eben erſt mit vermeſſenem Fuße in der furchtbaren Nähe des Tri⸗ bunales der Zukunſt gewandelt zu ſein und mit angeſe⸗ hen zu haben, wie ſich ein verbotener Zipfel des ſchwar⸗ zen Schleiers lüftete. Sie ſah noch in ihrer Phantaſie die braunen Roctſchöße, die ſeidenen Strümpfe und die Schuhe auf den verfallenen Treppen, und konnte ſich nicht von dem Gedanken losmachen, daß das, was ſie von dem Geſichte der Perſon geſehen ihr nicht ganz unbekannt ſey, obwohl, ſobald ſie es in ihrer Erinnerung näher in's Auge faſſen wollte, das übrige Coſtüm ihr ſtark wider⸗ ſprach, indem ihr die letztere eine weit prächtigere Tracht zu dieſem Körper malen wollte. Aller Arbeit ungeachter fonnte ſie ſich nicht klar werden und vermochte nicht zu begreifen, wie ihre Gedanken einen ſo großen Widerſpruch zwiſchen dem Kopf und dem Oberrock finden wollten. Sie ſchaute dieſen Sterblichen noch vor ſich, der ſich nicht gefürchtet hatte, zur Pforte der Prophezeiungen einzutre⸗ ten, der aber auch als er daraus hervorgetreten war, mit dem Schrecken geſchlagen wurde, plötzlich die Geſtalt ſei⸗ nes künftigen Mörders vor Augen zu ſehen. „Gott! Mörder? warum denn! wer hat das ge⸗ ſagt? welche unberufenen Spuckgeſtalten nehmen meine Einbildungskraſt in Beſchlag?“ rief Adolphine bei ſich ſelbſt und ſprang von dem Sopha empor, um ſie mit Ge⸗ walt abzuſchütteln. „Sein Mörder? nein, nein—“ Schnell faßte ſie einen Entſchluß, den beſten, den man in dergleichen Fällen faſſen kann. Sie nahm das Zeug hervor, zu deſſen Einkauf ſie die Wanderung in die Stadt gemacht hatte. Sie begann ihn durchzumuſtern, und fand mit Vergnügen, daß er ihren Zwecken entſprach und um die ſchwarzen Gedanken vollends ganz aus ihrer Seele zu verſcheuchen, begann ſie endlich halblaut mit ſich ſelbſt über die Arbeit zu ſprechen. „Ich denke daraus wird ſich wohl eine Binde, eine ſehr ſchöne Binde machen laſſen,“ ſagte ſie und brachte das Zeug unter die Scheere. Während ſie abmaß, um zu ſchneiden, that ſie was die Mädchen oft zu thun pflegen: Sie hatte ihre Arbeit auf einem Schreibtiſche liegen, der unter einem großen Spiegel ſtand, welcher den Pfeiler zwiſchen den beiden Zimmerfenſtern ausfüllte, ſo daß ſie, wenn ſie davor ſtand und die Arbeit in den Händen heelt, zugleich ihr Bild vor ſich im Spiegel hatte, wohin ſie bisweilen die Augen warf. Während ſie an dem Zeuge herumfingerte und mit ſich ſelbſt ſprach, wandte ſich ihr Kopf nach allen Richtungen im Zimmer hin, jedoch am öfteſten nach dem Glaſe. Es war zwar ſo dunkel gewor⸗ den, daß man die Gegenſtände nicht mehr deutlich ſehen konnte, aber ſie kannte ihre eigene Figur hinreichend, um zu wiſſen, daß es keine andere als dieſe ſeyn konnte, welche ſie im Spiegel vor ſich hatte. Uebrigens wartete ſie, daß die Kammerjungfer wie gewöhnlich bald herein kommen und das Licht anzünden würde. „Wird wohl die Binde, die ich hier machen will, nicht die Wirkung haben, die ich bezwecke? Warum nicht? Gewiß, ohne Zweifel. Doch ich kann nicht leugnen, daß ich jetzt gegen meine eigenen Grundſätze handle— will ich nicht Clas Heinrich einen Beweis meiner Gunſt gewähren, der ihm deutlich zu erkennen gibt, daß— doch warum auch immer Grundſätze? Auf irgend eine Weiſe muß ein ſo verwirrtes Seidengewebe auseinander gemacht werden, und da ich nicht leugnen kann, daß ich die Urſache von 39 mancherlei phantaſtiſchem Argwohn bin, ſo muß ich mich auch beeilen, die Arabesle volikommen fertig zu malen, damit wir Alle einander verſtehen. Wunderliches Herz! warum muß es Dir ſo unendlich wohl thun und ſchmei⸗ cheln, gerade den ferne zu halten, den Du am nächſten — großer Gott! wenn ich mich ſelbſt getäuſcht hätte! Gute Amanda, Du haſt mich vor einem gefährlichen Spiele gewarnt— ihre Art und Weiſe iſt geradezu— hat ſie nicht am Beſten daran gethan? Welche Stunde voll unſäglicher Herzenswonne hatte ſie nicht in ihrem ſchönen träumeriſchen Walde! Sie ließ ihn ihre Binde nehmen. Seraphl! wann habe ich einen Augenblick ge⸗ habt, wie Du? Doch ich werde Deinem Beiſpiele folgen. Auch er ſoll eine von mir bekommen. Düſtrer, wunder⸗ voller Abend, warum kommt Henriette nicht mit der Wachskerze herein und zündet mir ein Licht an? Hier ſte⸗ hen ja meine Lichter, aber ſie haben keine Flamme. Ich weiß nicht, ich habe niemals eine ſo romantiſche Binde genäht, und ich ſehe auch nicht, ob ich jetzt recht ſchneide — nein, ich muß warten. Eine gewöhnliche Binde, das wäre nichts, das könnte ich wohl machen. Aber gewiß war Etwas in den vielen Falten von Amanda's langem weißem Gace, das ſie zufällig über dem Arme liegen oder vielleicht um den Leib gebunden hatte, als ſie fort⸗ ſprang— gewiß war ſo etwas Eigenes daran, daß Fer⸗ dinand es zu einer Feldbinde für paſſend hielt. Eine un⸗ bedeutende Zierde würde ſeine Schulter gewiß verſchmäht haben. So ungefähr muß auch ich das meinige machen. Tiefe ſonderbare Neigung! was für Launen und Einfälle haſt du nicht! Warum müſſen ſie uns reizen und leiten7 Warum eben dieſe Falten, dieſe Form? Aber das Ge⸗ fühl ſagt mir, daß ich auch die meinige ſo machen muß. Amanda, meine Schweſter, lehre mich Deine ſchöne Art und Weiſe, leihe mir Dein ſchönes Modell zum Muſter. Ich kann die Natur nicht verwandeln— wenn ſie auch ein halber Wahnſinn iſt, und was wäre ohne dies die Süßigkeit der Leidenſchaft, was wäre ihr Geheimniß?— 40 Eile Dich, Henriette, eile Dich! rief Adolphine, indem ſie ſich ſchnell ſelbſt unterbrach. Sie hörte eine Bewe⸗ aung in dem angrenzenden Zimmer und hielt es für gut ihre Kammerjungfer zu größerer Eile zu ermahnen. Indeſſen fielen ihre Augen auf den Spiegel und es wunderte ſie nicht, daß die Bilder darin dunkelgrau waren, da alle Gegenſtände im Zimmer von der Dämmerung mit demſelben Colorit übergoſſen waren. Aber ein Schreck flog dennoch durch ihre Adern, als die Figur, die ſie im Spiegel gewahrte, ihr länger vorkam, als ſie ſich ſelbſt wußte, und eine Kopfbedeckung trug, die auf ihrem Kopfe nicht vorhanden war. Ein ſchneller Schreck hinderte ſie noch einmal einen Blick nach dem Spiegel zu wagen, ſie zog ſich ſchaudernd nach einem andern Theil des Zimmers zurück, und hörte, wie in demſelben Augenblicke die Thüre leiſe geſchloſſen wurde. Tauſend Ahnungen kämpſten in ihrem Geiſte. Was konnte das ſein? Mit der Scheere und dem gekauften Zeug in der Hand näherte ſie ſich der Thüre, öffnete und ſah, wie ſich eine Figur in dem äußern großen Zimmer fortbewegte. Der Rücken zeigte etwas Uniformähnliches.—„Ferdinand,“ ſagte ſie halblaut, „Du kommſt gerade recht; ich habe Dich um eine Kleinig⸗ keit zu bitten“ Da die Perſon ohne ihr eine Antwort zu geben, fort⸗ fuhr, gegen das andere Ende des Saales zu gehen und ſich der Thüre auf der entgegengeſetzten Scite näherte, beſchleunigte das Fräulein ihre Schritte, um ihn einzu⸗ holen und ihn zu bitten, daß er ihr die Binde leihen möge, die er Amanda genommen und die ſie jetzt als Muſter zu erhalten wünſchte. „Ferdinand, bleibe ein wenig! Guter, beſter Ferdi⸗ nand.“ Da ſie bei dieſen Worten die Gehenden erreicht hatte und die beiden zur andern Thüre gekommen waren, die durch ihre Lage beinahe in vollkommener Dämmerung ſtand, verſchwanden ſie zuſammen durch dieſe hinaus. Die Thüre führte nach einer Anzahl Zimmer, die auf einer andern Seite des Hauſes lagen, nach einer Ab⸗ 41 theilung der Wohnung, wo Capitän Ferdinand abzulegen und diejenigen Uniformsſtücke zu holen pflegte, welche er zufällig für den Dienſt brauchte. Ja, man kann ſagen, daß er in Folge der Güte des Onkel Oberjägermeiſters gewiſſermaßen in dieſen Zimmern wohnte. Eine Perſon mit dem Sacktuch vor dem thränen⸗ vollen Geſicht war in demſelben Augenblick von dem Oehrn aus in den länglichten Saal getreten, und ſah jetzt die zwei miteinander durch jene Thüre hinausgehen, welche nach der andern Abtheilung der Wohnung führte. Amanda— denn ſie war es— war eben vom Lande angekommen, und hatte ſich zu ihrer Schweſter begeben wollen, in der ſie wenigſtens eine wahre Freundin zu finden hoffte, um an einer ſo geliebten Bruſt den neuen tiefen Schmerz auszuſchütten und ſie um Rath zu bitten. Aber der Schattengott der Dämmerung wollte, daß ſie den letzten Ruf hörte, den ihre Schweſter dem nachrief, welcher vorausging; er wollte, daß ſie beide durch die Thüre in der Ferne ſchweigend verſchwinden ſah. Eine Eismaſſe von Gefühlen von einſt und jetzt erfüllte ihre Bruſt Sie vermochte kaum zu athmen. Zitternd ſchlich ſie durch den Saal und näherte ſich jener Thüre. Sie war nicht ver⸗ ſchloſſen, und ſie hörte von dorther wie aus dem fernſten Hintergrunde des Zimmers kommend ein tiefes Flüſtern, eine bittende überredende Sprache, Ausdrücke ſteigender Wünſche, ausweichende, immer weniger und weniger aus⸗ weichende Antworten. Amanda erhob ſich, doch nicht ohne Mühe, von einem Stuhl an der Thüre, auf den ſie im Anfang nieder ge⸗ ſunken war. Eine wunderbare Beſtimmtheit erwachte in ihr, wie wenn Schnee zu feſtem Eiſe wird. Klare, un⸗ freiwillige Thränen ſchimmerten auf einer Straße, die ſchon mehrmals vorher in feine Linien dort hinab gebahnt worden war und bildeten ſo die einzige Leuchte in dieſem ſchrecklichen Zimmer. Doch ſie trocknete ſie ſchnell und beſchloß wieder hinauszugehen und die Kammerjungfer auf⸗ zuſuchen, und von ihr die nöthigen Auftlärungen über eine 42 ſchreckliche Neuigkeit zu erhalten, die ſie erfahren hatte und um deretwillen ſie eigentlich von Fröſunda herein ge⸗ kommen war, um die Kataſtrophe wo möglich zu verhin⸗ dern. Sie fand Henrietten in der Küche, noch immer (unbegreifliche Langſamkeit!) mit dem Anzünden einer Wachskerze beſchäftigt, die wenn ſie zu rechter Zeit ge⸗ brannt hätte, einen Ocean von Finſterniß abgewendet ha⸗ ben würde. Eben als Amanda zu dem Mädchen eintrat, glimmte der Schwefel an dem Holze und wurde von dem erſten Funken aus dem Zunder erfaßt. Eine bläuliche Flamme entwickelte ſich. In dieſem Augenblicke wandte die Kam⸗ merjungfer den Kopf herum, da ſie die Schritte der Her⸗ einkommenden hörte.„Hu!“ rief ſie, das Hölzchen fiel ihr aus der Hand, traf den Boden und erloſch. „Wie? Henriette kennſt Du mich nicht mehr? Eile Dich, ſchlage wieder Feuer,“ ſagte Amanda mit ſchwacher und ſchauerlicher Stimme. „O wen? wen ſoll ich denn wieder erkennen?“ Eine weiß gekleidete Geſtalt ſtand ein Stück weit vor der angſtvollen Kammerjungfer, die Locken nachläſſig ge⸗ kräuſelt und über die Hälfte unter die Haube geſchoben— „Wen?“ ſagte die Angekommene.„Iſt Amanda Dir ſo unbekannt? iſt denn Alles hier ſo verändert?“ „Mein Fräulein! ſollte es das Fräulein ſein und das heute Abend? Gott erbarme ſich!“ fuhr Henriette zitternd fort,„es iſt heute Abend ſo ſchauerlich hier in der Stadt, ich glaube beinahe, daß es das Fräulein nicht iſt.“ „Mein Gott! mache Licht, warum ſollte ich es nicht ſein?“— „Wir haben hier in der Stadt ſo traurige Neuig⸗ keiten von Fröſunda erhalten; das gnädige Fräulein ſollte krank darnieder liegen. Unſer Fräulein Adolphine hier hat oft von Fräulein Amandas Gefahr geſprochen und jetzt“ —„Adolphine? ſolite ſie das gethan haben? Sie konnte ihre Gründe dazu haben— doch nein! Eile Dich, Henriette, 43 die Glocke iſt ſchon ſehr— Licht Licht! Eis! ein Glas friſches Waſſer, ich kann nicht mehr“— Von einer ſchnellen Ohnmacht überwältigt, ſchwankte ſie nach einem Schreibtiſch hin, gegen den ſie die Stirne ſtützte, und die Kammerjungfer, die noch gegen den Ge⸗ danken kämpfte, daß es vielleicht Fräulein Amanda nicht ſelbſt ſein könnte, ergriff die Hand der Unglücklichen, ließ ſie aber ſchnell wieder fahren, da ſie ſie kalt fand. Verletzt von einer ſo neuen Härte und dadurch friſch belebt, erhob ſich Amanda wieder und legte die verſchmähte Hand auf's Herz.„Hier hat ſich alles Blut verſammelt, wundere Dich alſo nicht, Unglückliche. Auch Deine Hand kann einmal kalt werden“ „Es iſt wahr,“ fuhr Amanda fort, nachdem ſie im Dunkel auf dem Schreibtiſch eine Kryſtallſchaale gefunden und daraus getrunken hatte,„es iſt nur zu wahr, daß ich krank war. Ich bin es noch weit mehr, als vorher— aber ich glaube, der Tod iſt ein anderes Gefühl, er iſt ruhiger. Verſuche es jetzt wieder und nimm meine Hand, Henri“— Bei dieſen Worten brach Henriette in ein Weinen aus, und überzeugt, daß ſie nicht den Seufzer eines Geiſtes, ſondern Amanden hörte, führte ſie ſie nach einem Stuhle in das dunkle Stübchen. „Ja, hier unter der Bruſt liegt eine große Laſt. Sie wird nicht leichter, obſchon ich ſo tiefe Seufzer hole, als ich nur vermag. Doch ſtille! alles Andere muß zu⸗ rückweichen, ich muß ein ſchreckliches Ereigniß verhindern! Ich werde Kräfte haben— deßwegen bin ich ja hieher gekommen. Aber antworte mir ſchnell, ich brauche einen Begleiter. Um 9 Uhr, präcis 9 Uhr muß ich im Hopfen⸗ garten ſein! Iſt der Bediente des Oberſtlieutenant nicht daheim? Wenn ich nur könnte— antworte— antworte ſchnell.“ „Fritz? Er iſt gewiß daheim,“ ſagte die Kammer⸗ jungfer,„er muß irgendwo hier im Hauſe ſein. Es iſt nicht lange her, ſo ſtand er in meinem Zimmer und ſollte mir 44 Feuer anmachen helfen, da Fräulein Adolphine darnach rief. Aber es war wie verhert mit dem Feuerſtein, der gar nichts tangte. Fritz war auch ſo unruhig und ging mehrmals ſtill und ſchleichend aus und ein. Ich glaube wahrhaftig, er hatte einen Plan, daß es kein Feuer geben ſollte. Aber liebes Fräulein Amanda, wenn Sie Jemand brauchen, der Sie um dieſe Zeit begleiten ſoll, wäre da nicht einer von den Herren beſſer, obwohl auch ſie heute Abend ganz ſonderbar ausgeſehen haben?“ „Die Herrn?“ „Ja, der Capitän und der Major, waren beide in dem Zimmer der Herrſchaft oder ſind vielleicht noch dort. Wenigſtens muß einer von ihnen da ſein,“ fuhr das Mäd⸗ chen mit leiſerer Stimme fort.„Mein Gott und Voter! ihre Augen brannten wie Kirchenlichter, aber ich weiß nicht, ob ſie mit einander zuſammen getroſſen ſind. Viel⸗ leicht vermieden ſie einander oder wußten ſie nicht— es war Alles eine lange Zeit hier ganz ſchrecklich.“ Amanda ließ ihre Uhr repetiren. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 6. 7— O Gott 7 oder 87 Viel⸗ leicht war die letzte Stunde 8 und der Minutenzeiger iſt vielleicht ſchon weit dort hinum. Habe ich falſch gerechnet? hörteſt Du den Schlag, Henriette? Schnell mit dem Licht hinein, ich muß auf die Uhr ſehen— ſchnell, ſchnell, hole Fritz— Wir müſſen fort— Pau de luce!“ Drittes Buch. Furchtbare Mächte! kann ich keine Ant⸗ wort erbalten? Um Gotteswillen, über⸗ gebe alles Andere, und erzähle mir, ſage mir, war es die letzte Stunde für Fer⸗ dinand? Herr Hugo, erlauben Sie mir jetzt eine Nachtſcene zwiſchen dem 15. und 16. März zu ſchildern. Das Schlafzimmer, welches gewohnt war, in ſtiller und un⸗ — 45⁵ ſchuldiger Anmuth die beiden Fräuleins M. aufzunehmen und einzuſchließen, ſoll die Scene unſerer Dichtung bilden. Doch nicht das Schlafzimmer ſelbſt, ſondern nur die Thüre dazu, die ein klein wenig offen ſteht. Fräulein Adolphine kommt durch dieſe Thüre heraus, bleibt jedoch noch etwas mit dem Kopfe zurück, um nach ihrer in unruhigen Schlummer verſunkenen Schweſter zu ſehen. Bald tritt ſie ganz in das Cabinet, welches vor dem Schlafzimmer liegt, läßt aber die Thüre ſo weit offen, daß ſie es hören kann, wann wieder einer von den ſchrecklichen Parorismen eintreten ſollte, die alle ihre Gedanken in Schrecken gejagt haben. In dem Cabinet, das von Alters her gewöhnt war, um die Mitternachtsſtunde von dem ſchwärzeſten Dunkel erfüllt zu ſein, waren zwar auch jetzt die dichten Roll⸗ gardinen herabgelaſſen, aber eine große Wachskerze brannte dieſe Nacht auf dem Toilettentiſch und warf einen licht⸗ gelben Schimmer auf zwei kleine Gemälde, die einzigen Zierrathen des Zimmers. Das Geſicht des erwachenden Fräuleins war weiß und ohne Spur einer verſchönernden Röthe, obſchon ihre Blicke nicht ſo ſehr Kummer als viel⸗ mehr Ahnung und Erſtaunen ausdrückten; und bisweilen fielen ſie auf eine Weiſe zur Seite, die man ſich nicht er⸗ klären konnte. Der Bediente Fritz kam in dieſem Augenblick durch eine andere Thüre aus dem Oehrn herein.„Eile, eile,“ rief Fräulein Adolphine mit halblauter, aber heſtiger Stimme ihm entgegen. „Iſt hier Alles ſtille und ſind wir vollkommen ſicher?2“ erwiderte er und ſah ſich mit ſpähenden Blicken um. Mit einem kleinen Zorn zwiſchen den Augbraunen flüſterte das Fräulein:„Wer ſollte denn anders hier ſein, als die Unglückliche da drinnen? aber ſie hört uns nicht. Schlaf oder, wie ich fürchte, etwas noch Schlimmeres hält ſie in ſtummer Verſchlrſſenheit gegen Alles, um ſie her. Eile Dich daher, erzähle Alles ſchnell und genau.“ „Mein liebes Fräulein,“ begann Fritz ſeine Erzahlung. 46 Doch wir können nicht umhin zuerſt einige Worte über die Natur eines für dieſe Geſchichte ſo wichtigen Bedienten zu ſagen. Er war ſo lange Weſcher Familienbedienter geweſen, daß man ihn wie ein Zubehör des Hauſes ſelbſt, wie ein lange geliebtes und geſchätztes Möbel betrachtete. Die Kinder der We—ſchen Familie waren von ihrem zar⸗ teſten Alter an gewöhnt geweſen, mit denſelben offenen Blicken auf Fritz zu ſehen, wie man einen wohlbekannten Tiſch ein geachtetes Hutgeſiell betrachtet. Wer verbirgt ſich vor ſo Etwas? wer ſetzt die Redlichkeit deſſelben in Zweifel? Deßhalb hatte auch er ſeinerſeits ſich an eine große Vertraulichkeit gegen ſie gewöhnt. Der Oberſt⸗ lieutenant ſelbſt hatte den Namen ſeines Bedienten von Friedrich in das freundlichere Fritz umgewandelt, da ihm dies eine frohe Erinnerung an den König von Preußen gewährte, dem Helden, den er am meiſten bewunderte, und den die Deutſchen auch in freieren Unterhaltungen ſo zu benennen wagten. Des Oberſtlieutenant Fritz hatte ein Paar große durchdringende Augen, einen kleinen Wuchs und vorwärts geneigten Kopf, ſo daß, wenn er ſeine lange Peitſche ſteif gewickelt hatte und der Oberſtlieutenant ihn den dreieckigen Hut aufſetzen ließ, ſein Herr ſelbſt und die ganze Geſellſchaft ſich über das Bild des Königs ver⸗ wunderten, das ſie vor ſich ſahen. Die dankbaren Preußen hatten ſich nicht damit begnügt, ihren Friedrich den Großen zu nennen, was ihnen zu gewöhnlich vorkam, da die ver⸗ gangenen Jahrhunderte gar zu viel Große hervorgebracht hatten, ſondern gaben ihm den Beinamen„der Einzige.“ Oberſtlieutenant W. wagte es nicht, ſeinen Friedrich den Einzigen zu nennen, da dies wie eine freche und höhnende Nachäffung gelautet hätte, aber er unterließ es nie, ſo zu denken; denn er hatte wirklich keinen Bedienten weiter. Außer dieſen zwei Eigenſchaften der Vertraulichkeit und Königsähnlichkeit beſaß Fritz noch eine dritte, einen Hang zum Leſen. Anekdoten und kleine hiſtoriſche Berichte über das Haus und Räthſel waren die liebſten Gegenſtände ſeines Nachſinnens; kein Menſch in Stockholm erfand ſo 47 gut, wie er. Ebers war ſein Lieblingsbuch und er ſelbſt war nicht immer frei von einem gewiſſen höheren Schwung in ſeinen Worten, wenn er mit jungen Leuten ſprach. Vor 20 Jahren ſchon war er ernſtlich darauf bedacht geweſen, Student zu werden. In ſpäteren Zeiten begann er ſogar in den Weriöer Stiftsmatrikeln zu forſchen, um den Namen der Pfarreien nachzuſehen, welche die bedeutendſte Anzahl Höſe in ſeiner Heimath hatten. Doch heftete er ſeine Aufmerkſamkeit ausſchließlich auf die Regalien, da er glaubte, daß hier die königliche Gnade nothwendig ſei und wie ſreute es ihn nicht, wenn ihm ein Freund ſagte, daß einem rechten Mann die Regalpfarren im ganzen Königreiche offen ſtünden. Schnell ſchlug er ſeine Weriöer Matrikel wieder zu, und ſah ſich nach allen Himmelsgegenden im ganzen Lande Schweden um. Als Beiſpiel ſeiner Dank⸗ barkeit muß jedoch angeführt werden, daß, als ſein Wohl⸗ thäter, der Oberſtlieutenant, einige Zeit nachher ein Paar ſchöne Fuchſen kaufte und die drei Buchſtaben O. J. W. auf ihre Lenden einbrannte, Fritz eine ſolche Neigung zu dem Pferdegeſchäft faßte, indem er jetzt unvermuthet eben⸗ falls Literatur entdeckte, daß er ſich in die Kunſt zu fahren verliebte, alle ſeine naſeweiſen Geiſtlichkeitspläne aufgab und ſeinen guten Oberſtlieutenant nie mehr zu verlaſſen beſchloß. — Der Geiſt der Vertraulichteit, der ſtets zwiſchen dem alten Fritz und dem W—ſchen Hauſe geherrſcht hatte, war jetzt auf die Familie M. übergegangen, während die Mitglieder derſelben bei ſeinem Herrn wohnten. „Ach, mein liebes Fräulein Adolphine!“ rief er daher im Cabinet,„wir hatten den Hopfengarten ſchon erreicht, und waren in der Nähe des alten Hauſes, das im Jahr 1640 die Milchkammer der Königin Chriſtine geweſen war,— die ganze dortige Gemeinde und die Felder in der Umgegend haben von der Zeit an den Namen Vieh⸗ hof beibehalten, wie das gnädige Fräulein weiß— und wir waren beinahe in die Mitte des ſtolzen Hopfengartens gekommen, als die Thurmuhr in Ladugordsland 9 Uhr zu ſchlagen begann. Schreckliche Stunden! Ich ſah, wie 48 Fräulein Amanda zu zittern anfing und ich ging nun nicht mehr hinter ihr drein. Ich faßte ſie bei der Hand, aber ſie bat mich, ſie noch mehr zu unterſtützen und ich nahm ſie unter den Arm.“ „Fritz, Fritz! was ſahſt Du in der Laube?“ unter⸗ brach ihn Fräulein Adolphine,„einige von Amandas ab⸗ gebrochenen Worten machten mich erbeben. Warum wußte ich von all dem nichts— was geſchah in der Laube, Fritz?“ „Nun, wenn Fräulein Amande ihre Geſchichte drin⸗ nen erzählt hat, was brauche ich da noch hinzuſtehen und dem gnädigen Fräulein vorzuſchwatzen. Es iſt bald Ein Uhr, wenn ich recht geſehen habe, ſollen denn auch Sie, gnä⸗ diges Fräulein, den Kopf finken laſſen?“ „Fritz, Fritz! ich befehle Dir, eile nach der Laube!“ „Großer Gott! was ſagten Sie da, mein Fräulein? Gerade dieſelben Worte ſprach auch Fräulein Amanda, als wir in den weitläufigen Hopfengarten hineingekommen waren und uns zur Linken an dem Ballhaus oder dem kleinen Theater vorbei machten, das in der Mitte der großen Alleen liegt. Ich muß geſtehen, daß mir das be⸗ abſichtigte Zuſammentreffen der Herrn nicht ganz unbekannt war. Meine Bruſt klopfte, daß mir der Knopf aus dem Loche ſprang und ich hätte gewünſcht, ich wäre der König,. um ſie mit einem gnädigen Nicken trennen zu können. Aber ich ſah keinen andern Ausweg, als das Fräulein Amanda ihnen Ruhe gebot, da ich die Achtunz kannte in der ſie bei den beiden Herren ſtand— wenigſtens hat der Major Achtung für ſie— wenn auch der Capitän ſeit einiger Zeit, wie mir ſcheint, ſich einige bedeutende Naſe⸗ weisheiten gegen ſie erlaubt— nun, ich will nichts geſagt haben. Um aber das beabſichtigte Uebel abzuwenden, hatte ich Fräulein Amanda einen Wink darüber gegeben, daß heute Abend um Neun Uhr einige Degenklingen blitzen ſollten und ich freute mich wie ein Mann, als ich ihren Entſchluß hörte, ſelbſt dahin zu gehen. Und dennoch, ſollten Sie es glauben, gnädiges Fräulein? meine eigene Bruſt zitterte, als ich jetzt in dem dunkeln Hopſengarten 49 ſtand. Ich bat Fräulein Amanda, ihre heißen Schläfe gegen eine Ecke des Theaters zu lehnen, während ich allein voraus ging, um nachzuſehen, ob ſchon Einer gekommen wäre. Ich ſchlich mich unbemerkt in der Allee vorwärts, die nach dem nordöſtlichen Theil des Gartens führte. In demſelben Augenblicke begann der dunkle Glockenlaut von der Jakobskirche ſich hören zu laſſen. Bald darauf ſchlug es auf der Hauptkirche, dann in Riddarholm, dann in Adolph Friedrich, dann in Sanct Catharina, dann in Königsholm, und immer ferner und ſchauerlicher. Jeder Glockenſchlag mußte ein Dolchſtich für mein dahintenge⸗ laſſenes Fräulein ſein. Ach, Fräulein Adolphine, als ich nun auf den Zehen zu der dünnen Laube hingekommen war, hörte ich die Stimme des Herrn Majors. Er ſprach ſo:„Stellen Sie ſich jetzt auf, meine Herrn Sekundanten. Ich habe dieſe Zeit gewählt, aber es wird wohl der Fackeln bedürfen. Stahl und Stein her!“ Ich zog mich jetzt mehr zur Seite, um nicht entdeckt zu werden, denn es war nur weniges Laub da und die ſchwarzen, halb⸗ nackten Zweige der Syrengen waren dünn, wie ich ſchon vorhin geſagt habe. Bald flackerte die Flamme von der angezündeten Fackel empor und warf einen braungelben Schimmer über drei feine Röcke, von denen ich den einen für den des Herrn Majors erkannte; die andern aber umhüllten gewiß ebenfalls Offiziere.„Kameraden! Untreue in der Liebe erzeugt Untreue im Dienſt,“ dieſe Worte ſagte Einer von ihnen.„Ja,“ verſetzte der Major;„er war früher immer präcis im Dienſt. Die Glocke hat auf allen Thürmen ausgeſchlagen. Es betrübt mich, daß ein ſrüher ſo geprüfter Freund in ſeiner letzten Handlung ſich nicht pünktlich zeigen ſollte; das letzte Geſchäft, das man abmacht, ſollte präcis geſchehen.“ Fräulein Adolphine fuhr zuſammen.„Schreckliche Stunde, es iſt jetzt über 1 Uhr; alſo ſchon vor 4 Stun⸗ den hätte die letzte ſein ſollen für?—— furchtbare Mächte! kann ich keine Antwort bekommen? Um Gottes willen, Fritz, übergehe alles Andere und erzähle mir— Der Königin Juwelenſchmuck. 4 ſag' mir— ſprich kürzer— wurde es die letzte Stunde für Ferdinand? Wehe Dir, meine grabähnliche Bruſt, warum? warum eben dieſe Buchſtaben?“— Bei dieſen halblaut ausgeſprochenen Worten trat ſie zur Seite und ließ die Blicke auf ihren Buſen herabfallen. Entſchleiert vor den Augen der Nacht, ſah ſie darin das ſchönſte Mau⸗ ſoleum wie mit zwei Kuppeln bedeckt. Das Monument war über kaum erſt geborne aber ſchon wieder begrabene Gefühle gewölbt.„Dort iſt es kalt, und ſo muß es ja auf einem Kirchhof ſein,“ flüſterte ſie leiſe über die zwei Grabgewölbe, indem das weiße Mouſſelin vor ihrer auf dem Herzen ruhenden Hand noch mehr zurückwich.„Aber Du ſtirbſt noch nicht, Herz, ich habe noch Vieles zu hören.“ Sie putzte das Licht und ging wieder zu dem Bedienten hin.„Sieh, Fritz, jetzt hab' ich Stärke zu hören. Sprich es aus, wie lief das Duell ab? Wer fiel? Schrecklich, wenn überhaupt Einer ſiel! Aber ſprich doch! wer? Aus den ſonderbaren, höchſt verwirrten, abgebrochenen Worten, die meine unglückliche Schweſter da drinnen ſprach, habe ich nur halbe Ahnungen erhalten“— „Setzen Sie ſich edles, erſchrockenes Mädchen, ich kann noch nicht ſagen, wer fiel, da es noch unmöglich iſt, dieß zu ſagen. Sie können mir glauben— aber ſtehen Sie nicht, ſondern ſetzen Sie ſich, zitterndes Fräulein! Ich werde vor Ihnen ſtehen,“ fuhr der alte Fritz fort, „ich werde Ihnen Rapport machen. Es iſt mir, als ſehe ich in dieſer Stunde den König von Preußen ſelbſt, wie er nach der Schlacht bei Collin Nachts in der Kirche ſtand und vor einem der Cherubin im Chor den Rapport aufzeichnete, ja den Belauf ſeiner gefallenen Leute nach Hauſe ſchrieb. Ja, mein Fräulein, ſie gleichen einem Cherubin und ich— ich bin dem Könige nicht ungleich.“ „O Menſch! wer, wer von Beiden iſt gefallen?“ „Ich muß Ihnen alſo, mein cherubähnliches Fräulein, berichten, daß, nachdem der Herr Major das eben wieder⸗ holte zu ſeinen Sekundanten geſagt hatte, ein ſcharfes und heftiges Hundegebell entſtand, und obſchon es in weiter 51 Entfernung gehört wurde, zog es doch die Aufmerkſamkeit der drei Herren Offiziere ſo ſehr auf ſich, daß ſie einige Schritte aus der Laube heraustraten. Aus ihrer Unter⸗ haltung konnte ich abnehmen, daß es tüchtige Jäger waren, und daß ſie die Stimme zweier Hündinnen unterſchieden, die ihnen bekannt waren. Die drei Herren wandten ſämmt⸗ lich den Kopf nach der Seite des Hopfengartens, welche gegen die grüne Straße geht, von wo aus das Hunde⸗ gebell mit zunehmender Heftigkeit herſcholl. Liebes Fräu⸗ lein, ſehen Sie mich nicht mit Verwirrung oder neuem Beben an. Ich betheure Ihnen, daß es nichts Böſes bedentete. Ein durchdringendes, gellendes und ſehr lang gezogenes Geheul eines dritten Hundes miſchte ſich mit den zwei ſrüheren, und der Schall, der im Anfang ſo fern war, daß er vom Ingemarshof herzutönen ſchien, kam jetzt deutlich aus der langen Krümmung der grünen Straße, näherte ſich dem Hopfengarten, und, denken Sie nur, in⸗ tereſſirte die Offiziere ſo ſehr, daß ſie nichts Anderes mehr bemerkten, bis auf einmal ſämmtliche Hunde ſchwiegen, wie wenn ein ſtrenger Befehlshaber hingekommen wäre. In demſelben Augenblicke wandten ſich auch die Gedanken ſämmtlicher Herren von den Hunden ab; denn von einer entgegengeſetzten dunkeln Seite der Laube hörte man die Stimme einer unterdeſſen angelangten Perſon, welche ſagte: „Nun, wie lang ſoll denn die Sache noch anſtehen?“ „Ferdinand— mein Gott!“ „Der Major wandte ſich um und ein großer, ſchlanker Mann ſtand kaum ſichtbar zwiſchen den Stämmen. Er trug den Hut ſo herabgedrückt, daß, als er ſeine großen Angen aufſchlug, die Kugeln gerade ſo glänzten, wie wenn ſie in der Hutkrämpe ſelbſt ſäßen— und ich verſichere Sie, Fräulein Adolphine, ſie ſchimmerten im Fackelſchein ſo zornig und doch traurig, daß ein Diener wie ich einer bin, nicht wußte, ob ich mich von ihnen ganz bezaubern laſſen oder ob ich nicht vielmehr aus Erſtaunen ſie zum Teufel wünſchen ſollte.“ 4* 52 „Ich habe die Kugeln geſehen— ich kenne ſie— ſprich nur von dem, was Du mußt.“ „Nun, ich muß geſtehen, daß der Major ſogleich Franzöſich zu ſprechen begann, was immer ein Zeichen von ſchlechten und geheimnißvollen Unternehmungen iſt. Der Herr zwiſchen den Stämmen hatte einen polniſchen Mantel an, er mordete den Major ſchon mit ſeinen grimmigen, vorwurfsvollen Blicken, und an dem Mantelzipfel ſchim⸗ merte eine lange blanke Linie von der gezogenen aber halb verborgenen Degenklinge. 3„En gardel“ ſagte der Major,„en garde, momsieur le beau! en garde, triste ane! au diable.“*)— „Geheimnißvoller Triſtan! biſt Du wieder da, wann werde ich Dich ergründen?“ „Trauriger Eſel! Ach Fräulein Adolphine ſagen Sie mir, iſt es denn auch ſchön, ein ſo häßliches Schimpfwort gegen einen ſolchen Mann zu rufen. Der Major ſprach noch weit mehr, aber ich bin noch nicht ſo weit im Fran⸗ zöſiſchen, daß ich auch das Uebrige begriffen hätte. Auch war das, was ich Ihnen eben ſagte, das Wichtigſte, denn die Mäntel flogen bei dieſem Wort von ihren Schultern, und ich dachte bei mir ſelbſt: wie grob man doch ſein darf, wenn man nur in einer fremden Sprache ſpricht. Kaum die Fuhrleute an der Munkbrücke würden einander ſo ſchnell und hitzig mit dem Eſelstitel regalirt haben. Schöne Eſel! meiſtens aber feige, erbärmliche Eſel! was ſie alles auf Franzöſiſch ſagten, obſchon ich es jetzt des beſſern Begriffs halber überſetze. Ich betheure Ihnen, mein Fräulein, der Anblick des Herrn Capitäns war ſchreck⸗ lich, als er unter den Bäumen hervortrat, ſobald er die Aeußerung des Herrn Majors hörte.„Priste ane!“ rief er ihm entgegen,„von welchen Lippen haben Sie dieſe Worte gehört?“—„Beau triste ane, miserable triste ane! je suis tout à vous, vraiment je le suis?“ be⸗ *) Stellung genommen, ſchöner Herr! Stellung genommen, trauriger Eſel! zum Teufel“— 53 gann jetzt der Major noch heftiger mit einem höhniſchen Zug um den Mundz„je vous voyais, vilain! enten- dez- vous, miserable! j'etais present à— jetais la, moi aussi!“*) „O Labyrinth für das Herz! dieſer Punkt iſt für mich ganz ſchwarz. Ich ſehe nur, daß eine ſchreckliche Verwirrung vorhanden iſt, aber ſollte dieſe nicht gelöst werden können?“ „Nun rückten ſie zornig mit dem klingenden Stahle an einander, mein Fräulein, die Degen ſchlugen Funken auf Funken, die geſchickteſten Paraden wurden ausgeführt, es war ein Leben und Weſen, daß ich glaubte, ſie würden in jeder Sekunde ſterben, als der Major plötzlich die De⸗ genſpitze zur Seite bewegte und ſagte:„Halt! ein Wort, Capitän, wo iſt die Binde? Ich als Ausgeforderter hatte das Recht die Kampfweiſe zu beſtimmen, ich ſchrieb Ihnen darüber. Legen Sie über Ihre rechte Schulter den An⸗ fang der Verrätherei, damit ich mit meiner Quarte darauf zielen kann— ich ſtoße nicht gerne gegen eine geliebte Uniform.“—„Wovon ſprechen Sie?“ entgegnete ſein Feindz„kennen Sie auch das, Major? doch was kümmert das Sie? ſtoßen Sie immerhin Ihre Quarte, wenn Sie es vermögen,“— und in einem kühnen Ausfall hätte der Capitän bei dieſen Worten gewiß den Major durchbohrt, wenn nicht eine Spuckgeſtalt mit wildem Geſchrei dazwi⸗ ſchen getreten wäre. „Geiſt des Gewiſſens! Ich ſchaudere,“ flüſterte Fräu⸗ lein Adolphine bei ſich ſelbſt.„O Gott! Ferdinand konnte in dieſem Augenblick keine Binde zeigen, er hatte ſie mir zum Muſter geliehen, damit ich eine ähnliche machen ſollte. Aber ſie iſt noch nicht fertig geworden, Grauſamer, un⸗ gerechter Clas Heinrich, aus welchem Grunde konnteſt Du eine Binde fordern? aus welchem Grunde— hier iſt es * Schöner trauriger Eſel, elender trauriger Eſel, ich bin ganz Dein, wahrhaftig, vas bin ich! Ich ſah Dich, Schurke! Verſtehſt Du mich, Elender? Ich war zugegen— ich war da, auch ich! 54 ſchwarz, ſchwarz vor mir. Fahre fort, dieſes ganze Räthſel iſt geſpenſterhaft.“ „Verzeihen Sie,“ antwortete Fritz,„verzeihen Sie meinem dreiſten Gleichniß. Es war kein anderer Spuck als das gnädige Fräulein Amanda, die vom Theater her⸗ kam. Ich war ſo verwirrt, erſchrocken und vergeßlich ge⸗ worden, daß ich Fräulein Adolphinens Schweſter auf einer Gartenbank mit der Stirne gegen die Dejanirasurne ge⸗ lehnt, zurückgelaſſen hatte. Aber ſie hatte wahrſcheinlich nicht erwarten können, bis ich zurückkommen würde, um ſie nach der Laube zu holen.“ „Und ihre Ankunft, ihr Anblick löſchte doch die un⸗ ſinnige Wuth der Männer? Amanda! wenn ich an Dei⸗ ner Stelle geweſen wäre! Ich würde geſagt haben, was es bedurft hätte, um ſie zu trennen.“ „Wie eine große, leuchtende Feuersbrunſt durch einen kleinen, wilden Waſſerſtrahl nur noch mehr gereizt wird, ſo wirkte auch Fräulein Amandas Ankunſt nur aufregend. Der Capitän, der mit ſeiner Degenſpitze hart daran war, den zurückweichenden Major zu treſſen, ſah wie eine Ge⸗ ſtalt, die im Halbdunkel einem weißen Nebel glich, ſich ſeinem ſichern Siege entgegenwarf und den Major beinahe umſchwebte. Ich glaube zwar nicht, daß ſie gerade ihn retten wollte, aber in dem Augenblick, wo ſie kam, war er der Unterliegende, und ich glaube in der That auch, daß das Unglück auf keine andere Weiſe verhindert werden konnte. Ich ſag' es noch einmal, ich glaube daß es ihr gewiß nicht ſo um den Major zu thun war, als es ausſah.“ „Nun, und dann?“ „Amanda!“ rief der Capitän, der ſie an der Stimme erkannte und fuhr einige Schritte weit zurück,„Du kommſt in dieſer Stunde um ihn zu retten?“— Aber der Major ſtürzte hervor.„Ha, Elender!“ rief er,„heraus mit der Binde, die Du, die ſie, ja, die ſie— heraus damit! ich befehl's, ich werde nicht wie Du, unerwartete Ausfälle machen; ich werde Dir Zeit geben, ſie über Deine Bruſt 55 zu hängen. In Gegenwart dieſes edlen grauſam beleidig⸗ ten Weſens werde ich Dein Verbrechen beweiſen gegen ſie und gegen— ja nicht nur gegen mich, ſondern gegen die hohen Geſetze der Ehre und der Schönheit. Heraus da⸗ mit, meine Degenſpitze ſoll Deine Binde faſſen, ganz wie Du in einer dunkeln Abendſtunde eine Hand zu ergreifen und mit Deinem ſtechenden Munde zu berühren wagteſt, eine Hand, die Du nicht küſſen durfteſt. Gerechter Him⸗ mel— ich weiß nicht, ob das Amanda ſelbſt iſt. Es ſcheint mir beinahe unglaublich denn ich weiß, wie gefähr⸗ lich ihr Zuſtand in Fröſunda war— wunderbare Ah⸗ nung, wenn ſie es ſein ſollte— ich zittre, meinen Ge⸗ danken auszuſprechen, aber“— fuhr der Major fort und ſenkte vor der Angekommenen ſeinen Degen, wie man vor einem König oder einer Königin die Fahne ſenkt,— „wer Sie auch ſeien, Geſpenſt, Staub oder Körper, ſo werde ich an dieſem ehrvergeßnen Offizier, Sie und mich ſelbſt rächen.“ Der Major ſchwieg.—„Ich bin Amanda und noch kein Geiſt, noch nicht,“ ſprach das Fräulein mit halber Stimme, als in demſelben Augenblick die von den Sekundanten abgeſchüttelte Fackel ein neues Licht über die Bäume warf und das Geſicht des Capitäns in einem furcht⸗ baren Zorne zeigte. Doch ſprach er mit klarer Stimme: „Hölliſcher Gedanke! ich bin es ja, der eine verletzte Ehre zu rächen hat und Sie ſind es, der von Beleidigung ſpricht? die Binde, ja, die hat ſie einmal mit mir gewechſeltz was meinen aber Sie damit, Major? was fordern Sie? Sollte ſo etwas zwiſchen einem freien Mädchen und mir nicht erlaubt ſein? Ich habe ſie allerdings jetzt nicht hier, aber Sie haben kein Recht, ſie von mir zu fordern. Pa⸗ riren Sie, ich bin es, der gewiſſe Dinge zu rächen hat.“— „Er hat die Binde nicht mehr. Ach, iſt es ſo weit?“ flüſterte Fräulein Amanda mit ohnmächtiger Stimme, und begann gegen die nächſte Syrengenhecke zu wanken. Ware ſie ganz auf dieſelbe hinzefallen, ſo würde ſie ſich gewiß an den ſcharfen Zweigen verletzt haben, aber zum Gluͤck wurde ſie im Fallen von dem— zeugt.“ 56 „Von dem Major aufgefangen? Das bin ich über⸗ „Ja der Herr Major ſtand zunächſt, und Fräulein Adolphine darf das nicht übel deuten, denn der Capitän war mehrere Schritte zurückgetreten. Aber mit einer tiefen Stimme ſprach der Capitän jetzt:„Ja ſo.“— Nachdem er eine Weile geſchwiegen hatte, fuhr er fort:„Ja ſo! alſo auf ihre Zumuthung ſollte ich hier mit einer Binde vor den Major treten, die ich in der einſamen Schönheit des Waldes von ihr erhalten hatte— großer Gott! auch das weiß er, und hat es hören dürfen? und Niemand ſollte doch das Geringſte von unſern zarten Geheimniſſen erfahren! Ach Degenſpitze! ich habe jetzt kaum mehr einen Grund, um Dich wieder vom Boden zu erheben. Ich ſehe, daß viel, ja ſehr viel zwiſchen Euch beiden geſchehen ſein muß.— Doch nein! eben jetzt habe ich einen dop⸗ pelten Grund meinen Degen zu heben. Vertheidige Dich, Schänvlicher! Nicht mehr die Liebe, das ſeh ich, aber die Ehre, die Ehre, meine von Euch beiden mit Füßen getre⸗ tene Ehre habe ich zu wahren.“ Der Erzähler ſchwieg, um Athem zu ſchöpfen und ſeine Erinnerungen zu ſammeln. Fräulein Adolphine ver⸗ ſank in eigne Gedanken und ging nach der Thüre des Schlafzimmers. „Erſtaunliches, liebenswürdiges Räthſel!“ ſprach ſie; „und doch verhaßtes Räthſel. Es iſt mir unergründlich, ich habe den Faden zu ſo Vielem; ich weiß die Wege in den halben ja mehr als halben Labyrinth, aber Etwas iſt mir ſchwarz, ganz blauſchwarz. Warum iſt Clas Heinrich ſo warm für Amanda geſtimmt, wie wenn er ſie gegen Ferdinand vertheidigen wollte? warum eiſert er wegen der Binde, und dem Namen Triſtan? Ich habe doch mit Clas Heinrich noch nicht wegen der Binde ſprechen können? Warum hat er eine Zeitlang mit mir geſtritten, mir Kopf⸗ zerbrechen und Vorwürfe gemacht und Feuer gefangen? Und unaufhörlich ſpricht er von dem Edelmuth meiner Schweſter, von der hohen Nobleſſe ihres Herzens! Nun 57 ja, ſie iſt edel, aber das kann man von einer Andern auch ſagen. Es iſt langweilig, ſo etwas immer und ewig hören zu müſſen. Ich begreife ſeine Anſpielungen nicht. Sollte am Ende etwas zwiſchen ihm und meiner Schweſter auf der Bahn ſeyn? Ich begreife ſonſt nicht, woher— o Amanda, wenn— wenn ein Wechſel— ließe ſich auf dieſe Weiſe nicht Alles bereinigen?— Doch nein, nein!— kein Wechſel; um Gotteswillen fliehe ſchlechter, häßlicher Ge⸗ danke. Wechſel? Nein, Morgen werde ich bei Gott Alles entwirren, Alle ſollen ihre Tafeln rein ſehen, Freunde ſollen wieder Freunde ſeyn. Ich werde eine Zuſammen⸗ kunft zwiſchen uns vier veranſtalten, eine verſöhnende Zu⸗ ſammenkunft.“— Schnell unterbrach ſich Fräulein Adolphine in ihren Gedanken und blieb vor Fritz ſtehen:„Ich Thörichte!“ rief ſie, was überlege ich, ich weiß ja den Ausgang des Duells noch nicht. Fritz, Fritz wer von ihnen fiel? wie ging es aus? Ums Himmels willen laß alle Andern bei Seite und antworte mir nur, wer fiel?“ „Wie ich geſagt habe: Fräulein Amanda fiel, ſonſt Niemand.“ „Sonſt Niemand?“ „Nein, mein Fräulein. Aber es war doch ſehr merk⸗ würdig, die Sache mit anzuſehen. Sie ſank zuerſt gegen die dunkle Syrengenhecke; dann wurde ſie im Falle von dem Herrn Major aufgenommen. Das Hundegebell von der grünen Straße her war jetzt bis zu uns gekommen und fremde Perſonen begannen ſich im Hopfengarten zu zeigen. Unſere Herrn mäßigten ſich, obſchon der Capitän den Degen zornig erhob. Zwei von ihren guten Freunden, wie ich glaube, fluchten mit lauter Stimme gegen ſie, kamen nach der Laube, legten ſich zwiſchen die Feinde, und begannen ſie an etwas Anderes zu erinnern, was jetzt weit wichtiger für ſie ſein ſollte, als einander todt zu ſtechen.“ „Und es gab kein Duell?“ „Nein. Aber der Major ſagte doch zu dem Capitän: „Wir treffen bald wieder zuſammen. Meine Kugel ſoll — ·˖——————— 58 Dir nicht entgehen.“ Dann wurde ein Miethwagen her⸗ beigeholt.— „Ich weiß, wie und in welch' beklagenswerthem, merk⸗ würdigem Zuſtande meine arme Schweſter wieder heimge⸗ führt wurde. Sonderbar, daß keiner von den Herrn ſie begleitete. Ich hätte ihm wohl Etwas zu ſagen gehabt, eine wichtige Sache. Was kann für ſie beide wichtiger ſeyn als wir beide? Sage, Fritz, haſt Du erfahren, was für ein Coſtüm die Herrn morgen Abend auf der Mas⸗ kerade tragen werden?“ „Von dem Capitän habe ich gehört, daß er in einem ſchwarzen Domino gehen werde, den großen ſeidnen Man⸗ tel, dazu ſah ich den Major— ja Gott weiß, ob der ſo luſtig iſt, daß er hinkommt.“ „Iſt mein Anzug angekommen?“ „Ich ſah drunten ein Paket.“ „Gehe hinab und hol es, Fritz.“ er Bediente ging. „Wenn ich Amanda bewegen könnte, ſich auf der Redoute einzufinden? Eine Masferade würde das arme Maädchen zerſtreuen. Aber ich ändere meine beabſichtigte Verkleidung. Ich habe ſo lange an meinem Coſtüme ge⸗ arbeitet, daß Alle es errathen haben, und mich ſogleich erkennen, wenn ſie mich ſehen. Was wird es dann für ein Vergnügen ſeyn? Nein, wie geſagt, ich nehme die gemie⸗ thete bunte Comödiantentracht, ich will doch ſehen, ob ich nicht die Rolle der Prima Donna einer wandernden Thea⸗ tertruppe ſpielen kann! Ein Stirnſchmuck z. B. das Dia⸗ dem einer indiſchen Königin ähnlich— ich entlehne das ſchöne Haardiadem der Schweſter Amanda mit dem großen rothen Stein mitten über der Stirne— Ja, ja, das wird ſchon gehen. Ueber das Uebrige werde ich noch weiter nachdenken. Feine weiße Mouſſelin⸗Aermel, wie ſie die Blekinger Mädchen tragen, würden mir ſchon gefallen— ein kurzer orangegelber Rock, rothe Strümpfe— ein Cor⸗ ſett von— aber ich glaube faum, daß dies Alles einen Charakter abgibt— doch man kann ja dieß für das Ne⸗ 59 gligé der Prima Donna auf ihrer Wanderung anſehen. Das macht ſich ſchon. Sollte der Major nicht auch hin⸗ kommen und in einer komiſchen Maske? Doch Ferdinand kommt und zwar in der ſchönen ſpaniſchen Tracht im ſchwarzen Domino, im Rittermantel einen breitkrämpigen Sombrero über die Locken. Ah das wird nicht übel laſſen — aber wie der Menſch mit meinem Paket zögern kann. Sollte er es nicht bekommen haben? Niemand darf etwas davon wiſſen, ich muß ſelbſt hinabgehen.“ Fräulein Adolphine ging hinaus, aber unter der Thüre des Schlafzimmers zeigte ſich ſchnell der Schimmer einer blaſſen Geſtalt und man hörte die abgebrochenen Worte: „Niemand anders ſiel als ich! Das iſt wahr— aber — aber ich werde wieder aufſtehen, wieder gehen— ich werde— werde Kräfte haben— morgen Abend?— Sie in veränderter Tracht, damit ſie von uns nicht er⸗ fannt wird; ſchwarzer Domino mit großem ſeidnen Man⸗ tel und breitkrämpigen Hut. Ich bin jetzt nicht ſo ver⸗ wirrt— nicht ſo krank, wie ihr glaubt— Gott ſey Dank, daß ich zeitig genug erwachte, um dieß zu hören. Ein Wechſel ein Tauſch? Ach ja, ſo ſagte ſie— aber ha! welche Gefahr!„Meine Kugel ſoll Dir nicht ent⸗ gehen,“ ſagte der Major. Er kommt gewiß auch hin. Meine Schweſter mag von ſeiner Abweſenheit hoffen, was ſie will. Fort, keine Schwachheit mehr, ich werde, ich werde—“ Viertes Buch. Chimären, Herr, gelebrte Chimären! Dies Weſen iſt kein Androgyn, ſondern ganz wie andere Menſchen, verlaſſen Sie ſich auf mich. Erſter Chirurg. Glauben Sie, mein Herr, daß die Tortur in Anwendung kommen wird? Liljenſparre— Zweiter Chirurg. O gewiß nicht— nehmen ————— 60 Sie ſich vor der Ecke dort in Acht— ein ſchrecklich fin⸗ ſterer Abend! Erſter Chirurg. Was iſt es heute? Freitag. Heute Nacht haben wir Mondwechſel und morgen Neu⸗ mond, dann werden wir wohl heller bekommen. Eine ab⸗ ſcheuliche enge Gaſſe! Wir wollen nach der niedergebrannten Bauſtätte gehen. Zweiter Chirurg. Wenn Sie nur leiſer ſprechen könnten. Erſter Chirurg. Sind wir noch nicht weit genug von der Polizei weg um nicht mehr gehört zu werden? Wohin glauben Sie, mein Herr, daß es noch fuhren wird, wenn Männer der Wiſſenſchaft wie wir zu ſo Etwas ver⸗ wendet werden. Zweiter Chirurg. Ja ſehen Sie; aber es iſt doch beſſer, daß die Wiſſenſchaft zu Rath gezogen wird, als wenn Gewalt und Laune allein herrſchen dürften. Uebrigens glaube ich— unter uns, ſehen Sie— vaß die ganze anbefohlene Beſichtigung ihren Grund nur in einer Neugierde höheren Orts hatte— Armfelk und vielleicht noch Einer weiter oben amüſirt ſich an dergleichen Dingen. Erſter Chirurg. Aber, mein Herr, mehrere an⸗ geſehene Familien ſind durch dieſes Weſen unglücklich ge⸗ worden, das könnte Grund genug für die Polizei ſein, um eine Unterſuchung anzuſtellen. Zweiter Chirurg. Unglücklich? Geſchwätz! Erſter Chirurg So ſagt man von Capitän Mannerhjelm, dem hoffnungsvollſten, edelſten, verſtändig⸗ ſten Manne; Sie wiſſen doch, was er gethan hat? Er hat in der Raſerei eine Perle verſchluckt, die er eines Abends aus dem Haar dieſer Sirene nahm. Zweiter Chirurg. Eine Glasperle? Erſter Chirurg. Man ſagt eine ächte, und er iſt unter heftigen Qualen geſtorben. Und dann Baron Hedenſtöld? Zweiter Chirurg. Iſt der junge Hedenſköld todt? Großer Gott, welche Neuigkeiten haben Sie da! — X 61 Erſter Chirurg. Er ritt eines Morgens in großer Gemüthsbewegung hinaus Er ſpornte ſein engliſches Pferd ſo lange, bis es durchging. Mit ſchnaubenden Nüſtern ſtürmte es durch die Gatterthore von Haga. Sein Reiter, der Baron, wurde abgeworfen und— Zweiter Chirurg. Das iſt ſchrecklich— und das wegen dieſer unbekannten Perſon? Erſter Chirurg. Und Herr Nichols an der Munk⸗ brücke! der reiche gefeierte Severin Nichols! Sein Körper war es und kein anderer, den man bei Strömsborg mitten von den Rödabuden fand. Er war verkleidet, mein Herr; aber ich erkannte ihn. Zweiter Chirurg. Wie? der Neffe des Kommer⸗ zienraths, der Nefſe von Zacharias Nichols? Erſter Chirurg. Dieſe Geheimniſſe find doch ziem⸗ lich bekannt; aber paſſen Sie jetzt auf, mein Herr. Fräu⸗ lein Joſephine R. hat in einem Glas Roce Gift genommen. Das Hoffräulein, Gräfin Amalie S., war ſchon lange in einem Zuſtand, daß man all ihr Thun und Laſſen über⸗ wacht, und das wird man gewiß nicht lange thun können. Sara N., die Bewunderung Aller, hat ſchon aufgehört zu athmen, und das auf eine höchſt traurige Weiſe, die ich den Straßen hier nicht anvertrauen will. Zweiter Chirurg. Sara N.? und warum? Erſter Chirurg. Alle, alle wegen dieſes einen und nemlichen Weſens— Liebe— Liebe und nichts an⸗ deres— abſcheuliches Weib! Zweiter Chirurg. Unmöglich! drei junge wohl⸗ erzogene ſtattliche Männer und drei Damen! Erſter Chirurg. Ja wohl; drei oder vielleicht vier, fünf junge Männer und eben ſo drei oder wohl noch mehr junge und liebliche Mädchen, wohlerzogene Mädchen. Vor dem Polizeimeiſter habe ich ſolche Dinge nicht an⸗ führen können, aber ich glaube, er kennt ſie, und das iſt die Urſache der ganzen Unterſuchung. Die Polizei ſcheint nicht dulden zu wollen, daß ein und daſſelbe Weib von aller Art Perſonen geliebt wird. Zweiter Chirurg, Lächerlicher Einfall von der Polizei! Erſter Chirurg. Es muß allerdings eine eigne Bewandtniß mit dieſem Weſen haben. Der Anfang des Halſes und der Bruſt waren, wie ich ſah, von einer ſehr reizenden aber wunderbaren Bauart, die zu erlauben ſchien, daß der erſte bisweilen verlängert und die letztere zuſam⸗ mengezogen oder verhärtet werden; und dann bei andern Gelegenheiten die letztere wieder erweitert und die ganze Figur verringert werden könne. Zweiter Chirurg. Ideen, mein Freund! Erſter Chirurg. Und dann die Stimme, mein Herr? der klarſte Ton, aber doch, welche Veränderung— eine Art Alt, der einmal in den Sopran überging, und ein andersmal an einen ordentlichen Tenor gränzte. Zweiter Chirurg. Ich verſtehe nichts von der Muſik. Erſter Chirurg. Sie hörten wohl ſelbſt, mein Herr, wie dieſes Weib ſich bald in dem ſchmeichelnden bezaubernden Ton einer leidenden Sirene uns entziehen wollte, bald ganz ſchnell mit ſpöttiſchem Stolz ſich auf eine Weiſe vertheidigte, die beinahe männlich erſcheinen konnte. Es iſt ſchade, daß das Geſicht bedeckt bleiben mußte; ich begreife Liljenſparres übel angewandte Güte in dieſer Be⸗ ziehung nicht. Welche merkwürdige Entdeckungen für die Wiſſenſchaft hätten wir nicht durch die Beobachtung der Uebergänge der Liniamente in dieſem ohne Zweifel höchſt außerordentlichen Geſichte gewinnen können! Zweiter Chirurg. Daran zweifle ich. Bei einer Gelegenheit ſah ich unter einen Zipfel, und entdeckte in der Eile nur feine aber keineswegs ſcharf ausgeſprochene Züge. Erſter Chirurg. Aber die Sache mit den un⸗ glücklichen Herrn und Damen iſt unleugbar. Zweiter Chirurg. Ich rieth Liljenſparre, die Perſon wieder heimzuſchicken und ich glaube auch, daß er dieß ſogleich that. Welche Jämmerlichkeit von einer Polizei! 63 Erſter Ehirurg. O mein Herr, bei der Polizei hat man allerlei zu bedenken. Doch geſtehe ich, daß es auch höchſt intereſſant für die Wiſſenſchaft ſein würde. Das Kürzeſte dürfte wohl ſein, daß man von den Eltern, wenn die Perſon noch welche am Leben hat, zu erfahren ſuchte, was für eine Perſon es iſt. Allein die Natur ar⸗ beitet oft ſo geheimnißvoll in dergleichen Dingen, daß nicht einmal die Mütter das wahre Verhältniß kennen, und im Weitervorrücken des Alters geſchehen innere Entwicklungen, die Niemand kennt. Zweiter Chirurg. Sie haben wohl etwas im Plato geleſen, mein Freund? Sie kennen die Meinung der Alten von den Androgynen? Erſter Chirurg. Androgyn?— nein, wahr⸗ zf mein Herr, die perſiſche Sprache war nie meine Sache. Zweiter Chirurg. Sind Sie toll? Androgyn iſt rein Griechiſch und bedeutet Jemand, der zugleich bei⸗ des iſt— Erſter Chirurg. Griechiſch, das iſt gut, dann ſind wir auf wiſſenſchaftlichem Grund und Boden. Zweiter Chirurg. Unter Androgyn— da wir jetzt auf die Schiffsbrücke gekommen ſind, wo es, wie ich ſehe, heute Abend leer iſt, und wir Zeit haben, eine Weile zu ſprechen, ehe wir weiter gehen, und Sie, wie ich bemerke, eine Freude an den Anſichten des alten Wei⸗ ſen haben, ſo will ich Ihnen auch eine Freude machen — unter Androgyn verſtand man etwas Sonderbares, ja Geheimnißvolles. Man glaubte, und ſehen Sie, man hatte verſchiedene Gründe dies zu glauben, daß der Menſch urſprünglich nur als Menſch erſchaffen worden ſey. Nicht als Mann und nicht als Weib, ſondern recht und ſchlecht als Menſch, verſtehen Sie, mein Freund? Ich weiß je⸗ doch nicht, ob man unter Androgyn ein Weſen verſteht, das kein Geſchlecht hat, oder ein ſolches, das beide hat. Das Erſtere erſcheint als etwas äußerſt Trauriges; über das Letztere hingegen haben die Alten ſehr viel nachge⸗ ————————— 64 dacht. Es wäre nämlich im letzteren Falle ein Ganzes vorhanden, das in einem Weſen beide Arten, ja Alles, alle Sphären, alle Richtungen vereinigte, das ſelbſt ohne ein anderes ſeyn könnte, was es in jedem Augenblicke zu ſeyn wünſchte, das, um im Styl des Dichters fortzufah⸗ ren: Held, Jäger, ein Freund des Sturms und der Fel⸗ ſen im Wald ſeyn könnte, aber auch eine Schweſter und Freundin der Blumen daheim in dem lieblichen Garten — verſtehen Sie— ein Weſen, das nie zu ſeufzen, zu ſchmachten, vor Sehnſucht oder Verlangen nach einem andern zu vergehen brauchte, das nicht von dem Bedürf⸗ niß der Freude oder dem Schmerz der Liebe gefeſſelt wäre. Die Alten, welche ſich unter Androgyn ein ſo vollſtändi⸗ ges, ſich ſelbſt genügendes, ihrer Anſicht nach gottſeliges Weſen dachten, ſetzten hinzu, daß eben der Fall der Men⸗ ſchen, oder wenigſtens ein bedeutender Theil des Falles darin beſtände, daß das Menſchen Weſen zerſpalten wurde und in zwei Geſchlechter zerfiel, deren Schickſal es ſeyn ſollte, einander unaufhörlich zu Wehe oder Wohl zu jagen. Durch die Zerſpaltung des urſprünglich einigen Menſchenwe⸗ ſens, wobei aus einer Sphäre zwei Hemiſphären, zwei Gattun⸗ gen von Weſen, Mann und Weib wurden, dadurch, mein Freund, entſtand zwar die Möglichkeit der Liebe(Eros), aber auch die der Zwietracht(Eris). Sie dürfen ſich alſo nicht wundern, daß die Alten der Idee des Andro⸗ gyns eine ſo große Aufmerkſamkeit ſchenkten. Erſter Chirurg. Und ich hatte mir dabei immer etwas Gemeines, etwas gar zu Thieriſches gedacht! Zweiter Chirnrg. Etwas Thieriſches? Das iſt etwas ganz Anderes, das hat nichts damit zu ſchaffen. Aber warum ſollte auch das Thieriſche, Natürliche ſo ge⸗ mein ſeyn? Das Thieriſche, das in den meiſten Fällen unter uns ſteht, ſteht doch in einem Falle über den Men⸗ ſchen, beſonders zu einer Zeit, wo wir doch durch unzäh⸗ lige Streitigkeiten in uns ſelbſt uneinig ſind. Die thie⸗ riſche Art des Seins, das Inſtinktleben zeigt das harmo⸗ niſch ſchöne Bild einer hohen Einheit mit ſich ſelbſt. Sie * 65⁵ haben wohl von der Anſicht der Myſtiker über das ani- mal cöleste gehört? Das Streben der Menſchen, be⸗ haupten ſie, ſei wirklich, am Ende wieder Natur, gleich⸗ ſam ein Thier zu werden. Erſter Chirurg. Das kann ich nicht glauben, mein Herr, das muß ich ſagen. Zweiter Chirurg. Jetzt ſind wir über der Schiffsbrücke. Ich ſuchte Sie zu unterhalten, mein Freund; jetzt wollen wir mit der Erzeugung der Einbil⸗ dungskraft ſchließen. Erſter Chirurg. Einbildung? Aber was Sie von den Androgynen geſagt haben, paßt unglaublich gut auf die Perſon auf der Polizei. Zweiter Chirurg. Außer, daß es nur eine Chi⸗ märe iſt. Erſter Chirurg. Aber das Unglück der ſechs Herren und Damen ſoll ja eben von der Sprödigkeit ge⸗ gen ſie hergekommen ſein, oder wie Sie ſich wiſſenſchaft⸗ lich ausgedrückt haben, von ihrer Selbſtgenügſamkeit? Zweiter Chirurg. Das mag ſein. Erſter Chirurg. Erlauben Sie alſo, mein Herr, in Ihrer Eigenſchaft als Vorgeſetzter, daß ich Sie im Protokoll ein Androgyn nennen darf? Die Polizei will morgen unſere ſchriftliche Aeußerung darüber haben. Zweiter Chirurg. Chimären, mein Herr, ge⸗ lehrte Chimären! Das Weſen iſt kein Androgyn, ſondern ganz wie andere Menſchen. Verlaſſen Sie ſich auf mich, ich weiß, was ich ſage. Den Androgyn haben die Leute nur erfunden, um eine Erllärung für Etwas zu haben, das ſie nicht begreifen. Erſter Chirurg. Und von welchem Geſchlecht iſt denn dieſe Perſon? Zweiter Chirurg. Ja— ſinnen Sie darüber nach! Ah mein Chirurgus, morgen werden wir über un⸗ ſer Protokoll ſprechen, gehen Sie heute Abend in die Oper? Erſter Chirurg. Es iſt heute Abend keine Oper; 5 Der Königin Juwelenſchmuck. — 66 dafür iſt der Maskenball der heute vor acht Tagen hätte ſein ſollen, damals aber aufgeſchoben wurde. Der Kö⸗ nig ſelbſt kommt heute Abend hin. Zweiter Chirurg. Der König? nun, das iſt nichts ſo Ungewöhnliches; aber gehen Sie auch hin. Erſter Chirurg. Wenn ich nur nicht ſo ungern maskirte Leute ſähe. Zweiter Chirurg. Ich würde gerne hingehen, wenn ich ein paſſendes Coſtüm hätte. Erſter Chirurg. Wenn Sie erlauben, mein Herr, ich habe eine Maske die ein Katzengeſicht vorſtellt. Zweiter Chirurg. Aber Sie haben vielleicht keine Handſchuhe mit Katzenklauen darin? Erſter Chirurg. Verzeihen Sie, mein Herr, ich wollte gewiß nichts vorſchlagen, das Sie beleidigen ſollte. Ich wollte nur etwas Thieriſches angeben. Zweiter Chirurg. Und zugleich etwas Liebliches, nicht ſo? Gut, man beleidigt mich nicht ſo leicht. Kom⸗ men Sie mit mir auf die Maskerade. Ich werde wohl irgendwo ein Coſtüm ausfindig machen. Wer weiß, ob wir nicht eben ſo zum Rutzen Anderer als zu unſerem eigenen Vergnügen dort ſein können. Wir ſind ja Aerzte, Anatomen, wer weiß ſage ich— wo Ueberfluß an Ge⸗ nuß und Glück iſt, pflegt ſich auch einiges Unglück ein⸗ zufinden. Kommen Sie mit! Erſter Chirurg. Aber, beſter Herr Nather, als Chirurg habe ich keine Freude an Luſtbarkeiten. Zweiter Chirurg. Ich gehe hin. Wer weiß, was geſchieht! Ich möchte gerne einen intimen Kamera⸗ den, einen Mann der Wiſſenſchaft bei mir haben. Erſter Chirurg Ich gehe gewiß unendlich gern mit einem Vorgeſetzten und Gönner, wenn es ſo gewünſcht und nothwendig verlangt wird, aber ich begreife nicht, wie ich mich maskiren ſoll. Zweiter Chirurg. Sie müſſen ſich ſo ankleiden, daß Sie unkenntlich werden. Erſter Chirurg. Ja, darin liegt es eben. 67 Zweiter Chirurg. Nehmen Sie das vollſtän⸗ dige Coſtüm eines Chirurgen; nehmen Sie Schnäpper, Lanzetten und Meſſer, nehmen Sie eine Waſſerkanne und Handtuch unter den Arm. Bringen Sie auch Waſſer mit, wenn Sie können. Doch das dürfte man wohl an Ort und Stelle bekommen, nehmen Sie ein rothes Wollen⸗ band— mit einem Wort, ſprechen Sie und benehmen Sie ſich ganz wie ein Feldſcheerer. Erſter Chirurg. Ich dachte, ich ſollte mas⸗ kirt ſein. Zweiter Chirurg. Sie werden unkenntlich ſein. Kein Menſch wird glauben, daß der Chirurg ſich als Chirurg verkleidet habe. Man erräth nie, daß die Wahr⸗ heit in der Wahrheit liegt; aber nehmen Sie die Maske eines Mohren vor's Geſicht, das ſchmeckt nach der Apo⸗ theke und paßt zum Uebrigen. Ich gehe jetzt zuerſt heim, aber treffen Sie mit mir heute Abend präcis 11 Uhr auf dem Norderzmarkte zuſammen. Sie finden mich an der ſüdweſtlichen Ecke der Archevéques Statue. Erſter Chirurg. Was iſt das für eine? Zweiter Chirurg. Ach die Statue Guſtav Adolphs; die ſüdweſtliche Ecke, wo die Diſtel unter dem Vorderfuß ſteht. Präcis 11 Uhr oder höchſtens 12. Wenden Sie Ihr Geſicht nach dem Kai, und wenn Sie einen Mann wie vom Fluſſe herkommen ſehen, der Ihnen mit einem kleinen Anker in der Hand winkt, ſo folgen Sie ihm. Mich treffen Sie in der Vorhalle der Oper, aber vergeſſen Sie die Lanzetten und die Schnäpper nicht. Fünftes Buch. O Maskerade des Herzens! Der Freitag Abend, der bedeutungsvolle unglückliche 16. März war da und es ging ſchon gegen 11 Uhr 5 68 Nachts. Denken Sie ſich, Herr Hugo, den Stockholmer Opernſaal zu einem glänzenden Maskenballe eingerichtet. Der innere Theil des Saals, der während der Vorſtel⸗ lungen die Stene bildet, zeigte auch jetzt auf beiden Sei⸗ ten Couliſſen und der Hintergrund wurde von einer zau⸗ bervollen Ausſicht gebildet, einer Dekoration, aus dem erſt kürzlich mit ſo viel Glanz gegebenen Oedipus. Er war ein Meiſterſtück von Depréz. Zwiſchen den Couliſſen gin⸗ gen maskirte Perſonen aus und ein, die vom Tanz her⸗ kamen oder dazu gingen. Jeder Gang führte von hier aus nach beſonderen Zimmern und Wohnungen, in dem weitläufigen Gebäude. Beſonders bitte ich Sie, Herr Hugo, Ihre Aufmerkſamkeit auf zwei Couliſſen zur Linken nicht weit von dem unterſten Ochſenauge entfernt, zu wenden. Sie ſtellten, glaube ich, die Drachengrotte in Kolchis vor und waren mit reich herabhaͤngendem Laub⸗ werk umgeben, unter dem eine hohe königliche Cypreſſe ſtand. Zwiſchen dieſen Couliſſen, an der Grotte vorbei, ging der Weg nach dem Foyer, wo die ausgeſuchteſten Erfriſchungen für die ermüdeten Tänzer und diejenigen Masken bereit ſtanden, welche ſich in intereſſanten Rollen warm gearbeitet hatten. Der übrige Theil des Tanzſaals erſtreckte ſich bis zu den Logen erſten Ranges. Ein pro⸗ viſoriſcher Boden war über das Amphitheater gelegt und man konnte bis zur großen königl. Loge gehen. Ich wünſche, daß die Einbildungskraſt beſonders des jüngern Theils meiner Zuhörer ſich den blendenden Schimmer der tauſend Lampen und der ſtattlichen Trachten ſo ſchön und lebhaft vorſtellen könnte, als er wirklich war. Die Tanz⸗ muſik rollte in unſichtbaren Wellen durch den Glanz der Lampen und der Dekorationen hin, und ich muß hinzu⸗ ſetzen, daß ſelbſt der in der ſchwediſchen Geſchichte wegen dieſes Abends ſo berühmt gewordene Hoftrompeter Oern⸗ berg einer der Mitarbeiter bei der Muſik war. Einer ſo entzückenden Pracht ungeachtet führt uns unſere Erzählung doch noch nicht in den Tanzſaal ſelbſt, ſondern will mit einer an den Muſen nicht ungewöhn⸗ — — X* — v uv— N 69 lichen Laune, daß wir uns lieber in einem der zahlreichen Seitengänge des Theatergebäudes in einem vom Tanze entfernten Theil des Hauſes herumtreiben. Der Gang geht an mehreren kleinen Zimmern vorbei, die zum An⸗ kleiden beſtimmt ſind. Er iſt ſehr lang und führt uns allmählig und durch Umwege, Vorhallen und Treppen zum Tanzſaal hinab. Dieſer Gang iſt zwar nicht ganz finſter, jedoch durch ſpärlich ſchimmernde Lampen nur ſchwach erleuchtet. Aus der Entfernung hört man dumpfe Schritte dieſes oder je⸗ nes Wanderers, aber noch wird Niemand ſichtbar. Schnell nähert ſich jetzt eine junge, elegant geklei⸗ dete unmaskirte Perſon. In demſelben Augenblicke, wo ſie im Gang an einer kleinen Seitenthüre vorbeikömmt, öffnet ſich dieſe und ein großer ſtattlicher Mann, der eben⸗ falls unmaskirt iſt, tritt heraus. „Herr Oberhofſtallmeiſter,“ ſagte der Letztere mit einer höflichen Verbeugung.„Ich komme auf einen Be⸗ ſehl, der mir durch Remy mitgetheilt worden iſt.“ „Das iſt ſchön, mein braver Freund; der König er⸗ wartet uns.“ „Ich habe vom königl. Schloſſe mehrere von Seiner Majeſtät Coſtümen mitgebracht; ſie befinden ſich in den kleinen Zimmern.“ „Zum Beiſpiel?“ „Ich habe Seiner Majeſtät großen venetianiſchen Man⸗ tel von ſchwarzem Taft mitgebracht; item Seiner Majeſtät Jocke von melirtem grauem Seidenzeug, die Jacke meine ich, die mit grauem Taſt gefüttert und mit Baumwolle geſtopft iſt; item Seiner Majeſtät Eſcharpe von demſelben Seidenzeuge; item—“ „Was für Masken und ſpaniſche Hüte?“ „Bei den Masken und ſpaniſchen Hüten war ich in Verlegenheit, welche ich nehmen ſollte, da ich nicht ganz beſtimmt weiß, wie ſich Seine Majeſtät heute Abend ver⸗ kleiden will. Ich weiß das um ſo weniger, als Einer vom Hofe geſagt hat— ja, Herr Baron und Oberhof⸗ 70 ſtallmeiſter— es hat Jemand geflüſtert, Seine Majeſtät ſeien unruhig und wollten nicht in den Redoutenſaal hinab gehen— ein ſonderbares Gerücht— Seine Majeſtät ſoll durch ein Billet gewarnt worden ſein.“ „Keine Politif, mein guter Freund! wir haben zu thun, was unſeres Amtes iſt.“ „Das haben wir, Herr Baron.“ „Der König iſt nie unruhig, Pollet. Er iſt hier und geht gewiß in den Tanzſaal hinab. Das Coſtüm? Ich glaube, Seine Majeſtät nimmt den ſchwarzen Do⸗ mino.“ „Das Billet ſoll doch Dinge von der gefährlichſten Natur angedeutet haben.“ „Um die ſich aber Seine Majeſtät ſo wenig beküm⸗ merte, daß er das Billet offen auf dem Tiſch liegen ließ, ſo daß es Jedermann in Augenſchein nehmen konnte, und ſt den beſtimmten Entſchluß faßte, heute Abend hier zu ſein.“ „Ein bewundernswürdiger Muth! Er beweist den gleichen Hochſinn wie damals, als ſich Seine Majeſtät ſorglos und leicht erkennbar auf offenem Felde in Schuß⸗ weite der Kanonen von Fredrikshame zur Ruhe nieder⸗ legte und—“ „Was iſt da zu verwundern? wir ſprechen ja von dem König von Schweden.“———— Während dieſer Unterhaltung waren die beiden vor⸗ wärts geſchritten und verſchwanden jetzt in dem gekrümm⸗ ten Gange. Nach einer Weile begann es hier belebter zu werden. Masien gingen und kamen. Auch zeigten ſich manche wahre Phyſiognomien, die ihre Masken in den Händen trugen, tief Athem holten, friſche Luft ſchöpften, fluchten, lachten, in ihrer Mutterſprache redeten, an Haar und Knietroddeln herumgriffen, ihre Schuhe abſtäubten und in Allem ſie ſelbſt und unmaskirt waren. Unter dieſen Allen zieht eine weiß gekleidete Frauen⸗ geſtalt in einen Winkel, den der Gang an dieſer Stelle 71 bildet, unſere Aufmerkſamkeit auf ſich. Sie muß die Rolle einer Novize oder vielleicht ſchon Nonne haben; ein dun⸗ felblauer durchſichtiger Schleier hängt wie eine Trauer⸗ wolke auf ihrem Kopf, und fließt ihr über Schultern und Bruſt herab, aber ſie hebt ihn visweilen auf, als wolle ſie nach den Gegenſtänden der Welt ſehen, die ſie noch nicht zu vergeſſen vermag. Wenn ſie den dunkelblauen Schleier mit ihrer linken Hand lüſtet, gewahren wir etwas Bleiches und Weißes— ob es Maske oder Geſicht iſt, fönnen wir in dem dunkeln Gange nicht unterſcheiden— beinahe ſo weiß wie Gyps. 23 Plötzlich hört man ein wildes, lang ausgehaltenes Gelächter in einiger Entfernung aus irgend einem Laby⸗ rinthe des Hauſes, und ein dumpfes Echo deſſelben ge⸗ langt bis in unſern Gang. Die Nonne im Winkel dreht ſich dabei ſchnell zur Linken, ohne jedoch ihren Platz zu verlaſſen. Mehrere Salven erneuerter Heiterkeit laſſen ſich vernehmen, allmählig kommt ein Theil des Geräuſches näher. Mehrere Perſonen ſpringen mit Eifer und Hef⸗ tigkeit vorbei. Einige flüſtern; in den Geſichtern Vieler zeigt ſich Entzücken und Bewunderung; Lachen und Freude beinahe in Allen. In dieſem Augenblicke ſchwebt, wie um den gierigen Blicken der Uebrigen zu entfliehen, eine Figur ſchnell vor⸗ wärts, die mehr einer leichten Wolke, als einem menſch⸗ lichen Weſen ähnlich ſieht. Ihre kleinen gelben Saffian⸗ ſchuhe berühren kaum den Boden; von den dunkelrothen ſeidenen Strümpfen ſieht man jedoch nicht wenig, denn zu ihrer Tracht gehört ein kurzer Rock, der in orange⸗ gelben Falten zurüciflattert. Der Leib iſt ſo ſchlank, daß man ihn bei den heftigen Bewegungen der Geſtalt bei⸗ nahe gar nicht wahrnimmt; aber etwas Blendendes und Milchweißes von längeren, Formen, das auf eine eigene, freie und naive Weiſe im Gange vorwärts ſchimmert, kann wahrſcheinlich nichts anderes bedeuten, als die zwei Arme der Figur, die in den feinſten Mouſſelin oder vielleicht in weiße holländiſche Leinwand gehüllt ſind. Sie iſt ſchon 72 vorbei, aber von der Kammſpitze im Nacken flattert ein langer durchſichtiger, grüner— ja wie ſollen wir es nen⸗ nen— es ſollte wohl einen Schleier bedeuten, der be⸗ ſtimmt war, über Kopf und Geſicht herabzufallen, aber vermuthlich war er während der Bewegung zurückgeworfen worden und flog jetzt der Dahineilenden graziös in der Luft nach wie ein Nebel. Von einer Lampe, an der ſie vorbei kam, fiel ſchnell ein Feuerglanz durch den grünen Flor, ſo daß er von Golvſtreifen durchwebt ſchien. In der Niſche unter dieſer Lampe ſtand die vorhin erwähnte Geſtalt im Nonnencoſtüm.„Jeſus, es iſt alſo wieder meine Schweſter!“ rief ſie, als die Unbekannte im Drangerock vorbei flog.„O Gott! wie iſt Adolphine ſo erſtaunlich ſchlank geworden, ja ſchlanker als jemals— ſo ſchlank ſie auch ſonſt iſt.“— Amanda(daß ſie die Nonne in der Niſche war, wird Herr Hugo ſchon längſt gemerkt haben) ſchwieg plötzlich in ihren Betrachtungen und zog ſich zitternd noch tiefer in die Niſche, als ſie zwei maskirte Männer bemerkte, die mit haſtigen Geberden von derſelben Richtung herkamen, wie die ſpringende Fee. Die Richtung ihres Ganges und der Eifer ihrer Bewegungen bewies, daß ſie ohne Z veifel die im gelben Kleide aufſuchten. Die eine dieſer zwei Perſonen hielt die andere nachläſſig unter dem Arm, ſtützte ſich vornehm darauf und bemühte ſich, ſchnell vor⸗ wärts zu kommen. Amanda maß den Mann mit neu⸗ gierigen und erſchrockenen Blicken.„Schwarzer Mantel, ſchwarzer Domino, derſelbe— ja er iſt es— der ſpaniſche Hut mit der großen Kraͤmpe— aber welche Binde? Von grau melirtem Seidenzeug. O Himmel! jetzt liegt ihm nichts mehr daran, meine Binde zu tragen— und,“ fuhr ſie in ihren Betrachtungen fort,„auf welche hochgewach⸗ ſene Perſon ſtützt ſich Ferdinand? Es iſt einer ſeiner Verführer, vielleicht Ribbing oder—“ e Zwei waren jetzt bis zu ihr hergekommen. „Eilen Sie ſich, Eſſen,“(ſprach der, den Amanda in 73 ihren Gedanken als ihren Ferdinand, den Regenten ihres Weſens, anbetete)„dorthin ſchimmerte jener grüne Flor.“ Bei dieſen halblaut geſprochenen Worten ihrer ge⸗ liebten Maske konnte ſich Amanda nicht länger in der Riſche halten. Sie ging nach, ſo ſchnell ihr Schreck es erlaubte, dieſelbe Maske fuhr fort mit ihrem hochgewach⸗ ſenen Begleiter zu ſprechen: Voilà Essen— une Comédienne de la plus parfaite ironie! d'une svelte diuine— Mademviſelle Stading iſt ein Nichts gegen dieſe Figur. Amandas Fuß zitterte. Der äußerſte Zipfel des ve⸗ netianiſchen Mantels, der ihrer geliebten Maske nachflog, näherte ſich ihren Händen; ſie führte ihn an den Mund und küßte ihn. Aber ihr ſchwankender Schritt vermochte den zwei Forteilenden nicht immer ſo nahe zu folgen; ſie hörte nur verworrene und abgebrochene Worte von der Maske. „Sahſt Du, Eſſen? Dort hinten ſchimmerte etwas Rothes; par dieu einer von den Strümpfen des fiéren Mäochens. Eine Sylfe für Bellmans oder Kellgrens Pinſel— für welchen von beiden entſcheiden wir nicht— aber ſie iſt feiner, luftiger, graziöſer als Lydia ſelbſt— und ganz ſo irdiſch wie Ulla Winblad.“ „Ich wage zu glauben,“ unterbrach ihn ſein Beglei⸗ ter,„daß das Rothe etwas höher oben funkelt. Die Gänge des Tartarus ſind nicht ſo finſter, wie hier; nein, nicht an den Füßen, auf dem Kopfe ſchimmert das Rothe.“ „Ah, es iſt ihr Haarſchmuck, Eſſen, welche Stirne! ſchnell, ſchnell! ſonſt verſchwindet ſie.“ Amanda konnte nicht mehr.„Grauſame, Grauſame,“ flſterte ſie,„ſelbſt den Haarſchmuck hatteſt Du entlehnt, Adolphine, von mir entlehnt; mit dieſem ziehſt Du ihn jetzt zu Dir, ziehſt— v Gott im Himmel!“— die Nonnengeſtalt ſank ohnmächtig gegen die Mauerwand des Ganges; ſie konnte nicht weiter. Die Andern ſchritten indeſſen immer weiter vorwärts. 74 „Vergebens,“ ſagte die Maske, die zuletzt geſprochen, „wir wollen hier bleiben. Sie iſt jetzt fort; drunten im Redoutenſaal werden wir ſie nachher ſchon wieder finden. Ich gehe heute Abend nicht aus dieſem Hauſe, Eſſen, ich muß ſie noch einmal ſehen. Das Rothe iſt jetzt ſchwarz. Wir erblicken nichts mehr. Auch wenn ich die Augen ſchließe, ſteht das Rothe vor mir, nicht unähnlich einem Purpurblitz aus dem Abgrund. Ich werde es Deprez er⸗ zählen, er ſoll es für Eurydice abmalen.— Närriſch! age das Niemand, Eſſen; wir haben unſere Gedanken.“ „Euer Majeſtät?“ „Pauvre dame brune! elle avait la mine bien douce portant, sans affectation, sans farde, mais bien melancolique.“ „So große glänzende Augen ſieht man ſelten.“ „Ehe ſie floh, als wir ſie zuerſt traſen, als ich den Schleier über ihr Geſicht hinauf riß, glaubte ich zuerſt eine Maske zu ſehen, ſchöner als die Natur ſie nachahmen kann.“ „Man ſieht ſelten eine ſolche Wirklichkeit.“ „Und ſie floh von uns mit einem ſo naiven Ent⸗ ſetzen, daß es nicht wie eine erkünſtelte Furcht, eine Ko⸗ ketterie, ausſah, Eſſen.“ „So ſchien es; aber vielleicht war es nur der Gipfel derſelben.“ „Pauvre belle dame! ſie wird ein Triumph für das Theater. Hans Heinrich, es iſt närriſch, ſag' es Niemand, wir haben da einen eigenen Gedanken.“ „Sire!“ „Dieſes Kind iſt von obscürer Race. Ihre Taille, ihre Facon iſt gai, aber doch, si vous voulez, sombre; ja, noire. Ich ſah auf ihre Hände, ehe ſie vor uns er⸗ ſchrack und davon ſprang; ich ſah auf ihre Wangen und den Mund— ſie gehört nicht zu den beſſeren Klaſſen.“ „Auf eine Maskerade drängen ſich Leute von allen Charalteren.“ „Das Rothe ſchimmert noch vor Unſern Augen, wenn 75 Wir ſie auch ſchließen. Grand' chose! Aber was wol⸗ len Wir doch ſagen— Wir wollten heute Abend Etwas anſtellen, worüber Monſieur Armfelt ſeiner Lebtage lachen ſoll(und Wir fürchten, Wir werden Uns ſelbſt für künf⸗ tig ein Gelächter daraus fourniren). Aber jetzt— pre- nez-garde, Monſieur Eſſen, verrathe Uns gegen Nie⸗ mand. Thue aber, wie Wir befehlen.“ Sie waren jetzt auf einen Platz gekommen, wo ſich kein Menſch mehr um ſie zeigte. Der Oberhoſſtallmeiſter, Baron Hans Heinrich von Eſſen, ſtand in edler, aber ehr⸗ erbietig gebeugter Haltung vor König Guſtav 1Il., der alſo ſprach: „Entendez-bien, mon ami; dieſes Kind des Vol⸗ kes ſoll für das Theater angeworben werden. Vielleicht iſt ſie ſchon aufgeſiſcht, obſchon ich ſie dort noch nicht ge⸗ ſehen habe. Du ſollſt das verhindern. Weder Armfelt, noch Debeſche, noch Aminoff ſoll ſie ſehen, ich will es nicht.“ „Was befiehlt denn Eure Majeſtät, daß mit ihr ge⸗ ſchehen ſoll?“ „Pauvre ame, douce et jolie— was der König will, daß mit ihr geſchehen ſoll? Eſſen fragt und der König antwortet: Wir wiſſen es nicht.— Aber was Wir nicht wollen, daß mit ihr geſchehen ſoll, das wiſſen Wir. Es iſt Unſer Wille, Eſſen, daß ſie nicht l'enfant perdu du théatre wird, keine chose perdue, voyez vous. Enſin, c'est un affaire bien étrange d'étre perdu! — Aller se perdre! oh c'est immense, horrible, eftroyable— west-ce-pas? Aller se perdre! grand Dieu.“ „Mein König!“ „Wir ſtehen hier allein,“ fuhr Guſtav III. fort, „Niemand hört Uns; Niemand ſieht Uns, Niemand weiß von der Sache. Sauver une fille, c'est un aftaire hien ridicule pour un roi, n'est-ce-pas?— Oue croyes-vous-en? Eſſen ſoll Uns nicht verrathen, Arm⸗ 76 felt ſoll nicht über Uns lachen. Eſſen iſt ein Edelmann, gib mir Deine Parole.“ „Euer Majeſtät, ich gebe meine Parole.“ „Dunkles Schickſal! was habe ich mit dieſem Mäd⸗ chen zu ſchaffen?— Chose sombre et perdue, que cette dame!— chose leste et charmante pour- tant!— Ja, Eſſen, wenn dies z. B. die letzte Handlung während meiner ganzen Regierung wäre?— Das Sprich⸗ wort ſagt die letzte Handlung eines Menſchen ſei eine Inconſequenz,— ich würde ſie doch nicht bereuen. Eſſen ſoll ein Auge dafür haben, Wir wollen es nicht ſelbſt thun— es muß Einer für ſie denken, irgend Einer von der Bourgecisie— irgend ein zuverläſſiger Mann ſoll für ſie ſorgen, ohne daß es als eine Gnade von Uns herauskommt. Point de malice, monsieur, pas de mystilication. Vraiment, c'est notre tout-de-hon, notre bon plaisir— ich wünſche ihr daſſelbe Ende, wie mir ſelbſt.“ Gruppen von Gehenden in weiter Entfernung ließen ſich hören und ein ſtarkes Geräuſch wie eine Fanfare von Blasinſtrumenten tönte vom Tanzſaal her mit einem Jubel, der das ganze Haus durchdrang.„Mein gutes Volk freut ſich. Komm, Eſſen, ich will hinunter. Die Freude des Volks iſt das Element eines Königs— quelle misére, der Anonymus und ſein Billet! Ich weiß, daß ſie Alle mich lieben, was für eine Gefahr lauft ein König, wie ich?“ „Nur einige Uebelgeſinnte von dem Adel vielleicht— die Erinnerung an Gefle.“ Der Koͤnig wandte ſich ſchnell zu ſeinem Begleiter. „Eſſen, Du biſt von Adel; ſolches Blut liebe und ehre ich. Ich bin ſelbſt aus dem Hauſe Waſa, und weiß, was es heißt, daraus zu ſein. Wäre der ganze ſchwediſche Adel wie Du, Eſſen, dann würde ich ihn nicht niederge⸗ worfen haben, und er würde mich lieben, wie Du es thuſt. Komm, laß uns über dieſes noch übrige misére 77 unſeres Schweden lachen; bald ſoll es der letzte Schlag treffen. Wir gehen hinab.“ Eine andere Seite des halb erleuchteten Ganges. Zu⸗ erſt zwei Masken, die ſchweigend einander von Kopf bis zu Fuß meſſen.„Querſtiefel— gut.“ Der eine nickt dem andern zu.— Dann noch drei Masken, die wieder ſchweigend difriren und ſich ſelbſt von Kopf bis zu Fuß durchmuſtern. Querſtiefel— ſchön.— Dann noch fünf Masken, die ſchweigend die früheren und ſich von Kopf bis zu Fuß muſtern.„Querſtiefel— richtig— kein Fremdling hier? Wir Alle Männer vom Adel? Zehn Köpſe nickten bei dieſer Frage einander zu⸗ „Der König ſollte hier im Gange ſein.“— „Wir wollen ihn umbringen.“ „Aber er iſt nicht hier.“ „Aber er ſollte doch hier gehen.“ „Aber er iſt fort— wir wollen dort hinter der Ecke ſehen.“ „Nein— es iſt nichts da.“ „Das iſt ſein ewiges und verwünſchtes Königsglück. Das iſt jetzt das vierte Mal, daß er da nicht iſt, wo er ſein ſollte.“ „Aber das fünfte Mal wollen wir ihn treffen.“ „Heute Abend ſoll er zum letzten Male da nicht ſein, wo er ſein ſollte.“ „Was für eine Tracht hat er?“ „Das weiß ich—“ „Welches Zeichen?“ „Ich klopfe ihm auf die Schulter.“ „Wer hat die Waffe?“ „Der Mann.“ „Welches iſt die Waffe?“ „Eine Piſtole mit Kugelſchrot und ein Meſſer mit einem Widerhacken. Ich ſah zu, als der Widerhacken ge⸗ feilt wurde.“ „Wo iſt der Mann?“ „Er ſollte hier im Gange ſein.“ 78 „Wir umringen ihn im Triumph.“ „Aber er iſt nicht hier.“ „Aber er ſollte doch hier herum gehen.“ „Aber er iſt fort— wir wollen dort hinter der Ecke ſehen.“ „Nein— er iſt nicht da; das iſt ſeine ewige ver⸗ wünſchte Untugend, das iſt jetzt das zweite Mal, daß er nicht iſt, wo er ſein ſollte.“ „Aber das dritte Mal wird er zur rechten Zeit da ſein.“ „Was für eine Tracht hat der Mann?“ „Runder Hut, weiße Geſichtsmaske, ſchwarz gekleidet vom Wirbel bis zur Zehe, wie ich.“ „Wie ich.“ „Wie ich.“ „Wie ich.“ „Wie ich.“ „Aber hier ſtehen wir ohne den König und ohne den ann.“ „Sie haben einander ſelbſt ohne uns aufgeſucht, recht ſo.“ „Der König den Mann aufgeſucht?“ „Nein, der Mann hat den König geſucht.“ „Ohne uns? recht ſo.“ „Ohne uns? ſehr gut“ „Ohne uns? um ſo beſſer. Dann ſieht Niemand von uns die That, dann weiß keiner von der That. Aber die That trägt Früchte, die pflücken wir.“ „Schweden ſoll noch ſeinen Adel haben.“ „Aber das Andere muß ſogleich geſchehen, ſobald das Erſte geſchehen iſt.“ „Welches Andere?“ „Die Regierungsveränderung.“ „Sch! keinen Namen.“ „Recht; aber der Adel ſoll wieder die Stimme im Reiche haben. Er weiß es am beſten, will es am heſten und kann es am beſten. Lumpenpack ſoll wieder Lumpen⸗ pack werden.“ 79 „Dem Lumpenkönig zum Trotz.“ „Keine Sicherheit mehr ſeit der Sicherheitsalte.“ „Dem erſten Stand des Reichs mit den Waffen zu drohen!“ „Branntwein im ganzen Lande.“ „Ein elender Krieg an der Gränze.“ „Verkaufte Pfarreien.“ „Schröderheim, Armfelt— pfui, pfui!“ „Fort, fort mit ihm ſelbſt und dann die Verän⸗ derung.“ „Aber das kann keiner von uns ausführen, das muß der Alte thun.“ „Sogleich. Sobald jener durch die Kugel oder das Meſſer gefallen iſt— jogleich ſoll dann das Zweite ge⸗ ſchehen, denn zögern wir damit, ſo ergreift ein Anderer die Zügel— der Herzog—“ „Still— keine Anſpielung.“ „Es iſt nothwendig, daß die Sache auf der Stelle gelingt. Es muß ein Chirurg angeſchafft werden, der unter dem Schein des Verbandes und der Dienſifertigkeit die Wunde ſchlimmer, tief, unheilbar, augenblicklich tödt⸗ lich macht. Der Chirurg iſt dort unten.“ „O deſſen bedarf es nicht. Der Mann macht ſeine Sache allein ab.“ „Sogleich nach dem Falle muß ein Bote zu dem Alten gehen. Wer geht?“ „Ich gehe zu Pechlin.“ „Sch! keinen Namen.“ „Ich gehe, ſage ich.“ „Der König, der Mann, der Alte, das ſind drei Sachen.“ „Und wir?“ „Wir ſind die Hauptſache.“ „Was müſſen wir jetzt weiter thun?“ „Nichts.“ „Gar nichts?“ „Nein; denn der Mann macht die Sache mit dem König ab, und der Alte die mit der Regierungsveränderung.“ ——— „Sch! Sch!“ „Aber Etwas ſollten wir doch thun.“ „Wir wollen hinuntergehen und in den Tanzſaal ſehen.“ Die von den ſchwarzen Dämonen ihrer Seele geplagte Amanda war gegen eine Ecke des langen Ganges nieder⸗ geſunken. Kaum ermahnte ſie ihr Bewußtſein, wie noth⸗ wendig es ſei, ihre Geſellſchaft wieder aufzuſuchen. Kaum erinnerte ſie ſich noch, daß ſie, die jede Verſtellung früher ſo ſehr gehaßt hatte, daß ſie, die alle Maskerade verab⸗ ſcheute, dennoch an dieſem Ahend zur Liſt ihre Zuflucht genommen, eine ihrer Bekannten Frau Gyllenkreutz auf⸗ geſucht und ſie gebeten hatte, in ihrer Geſellſchaft dem Ball anwohnen zu dürfen, da ſie Alles und Alle beob⸗ achten wollte, ohne daß, wie ſie hofſte, irgend Jemand Das ahnen ſollte, was ſie dazu vermochte.„Weder meine Mutter, noch meine Schweſter, noch ſonſt Jemand ſoll davon wiſſen; ich habe dann freiere Augen,“ ſo hatte ſie gedacht und Alles demgemäß veranſtaltet, um hieher zu kommen. Von Ahnungen getrieben und von einer männ⸗ lichen Stimme verführt, die ſie auf einer Treppe wieder zu erkennen geglaubt hatte, hatte ſie ſich ſchnell von ihrer Geſellſchaft getrennt und war in dieſem Gang von Frau Gyllenkreutz weggeſchwunden. Unerfahren und von inneren Furien gejagt, nahm ſie den erſten ſchwarzen Domino, den ſie ſah, für den, den ſie ſuchte. O Maskerade für das Herz! Als ſie den, welchen ſie für ihren Ferdinand hielt, mit lebhaften Geberden eine Geſtalt verfolgen ſah, die nach der Beſchreibung, welche ihr Adolphine von ihrem Comödianten⸗Coſtüme gegeben hatte, ihre Schweſter ſein mußte, da hatte ihr ängſtliches Beben ſeine Arbeit begonnen. Reizende Nonne! warum mußteſt Du an dieſem ſchwarzen Abend dorthin gehen? Warum hielt Dich Dein reines Gefühl an dieſem ſchrecklichen 16. März nicht daheim? Du weißt nicht, was Alles das Schictſal in ſein Comö⸗ dianten⸗Paket gelegt hat. Fliehe, fliehe, ſo lange es noch Zeit iſt. Um Mitternacht iſt es zu ſpät. Doch ich ſehe, Du fliehſt nicht. Deine ohnmächtige Geſtalt iſt gegen eine 81 Ecke des Ganges niedergeſunken. Deine Stirne wird immer freidefarbiger.— Verzeihen Sie mir, daß ich beim Anblick dieſer Geſtalt betrübt werde, Herr Hugo. Sie ſtand an der Mauer, ſo ſchwach, ſo verloren, ſo ohne Himmel, Sterne und Erde, ſo ohnmächtig, matt, mit geſchloſſenen Augen, daß ſie gewiß auf den Boden geſunken wäre, preisgegeben dem frechen Scherz der Herumwandernden, der Hohen, der Glücklichen, wenn nicht ein Mann, eine Moske mit rundem Hut und weißer Geſichtslarve, ſonſt aber vom Wirbel bis zur Zehe ſchwarz gekleidet, vorüber gegangen wäre. Bei dem rührenden Anblick ſchüttelte er den Kopf, nahm die Ohnmächtige in ſeine Arme und be⸗ gann ſie nach der Gegend des Hauſes zu tragen, wo Erfriſchungen zu finden waren. Amanda war zwar etwas größer, als Adolphine, aber jedenfalls nicht groß, Herr Hugo, und von einem eben ſo zarten Wuchs, wie ihre Schweſter. Ihr Körper hing über den linken Arm des Trägers, während dieſer ſie ſorgfältig hielt. Sie mußte ganz bewußtlos geworden ſein, denn ihr Körper lag ohne alle Haltung über den Arm des Retters. Nur hie und da ſchienen die Nerven ihre Kraft wieder gewinnen zu wollen, ſie ſchlug mit den Armen umher, wie mit Flügeln, und krampfhafte Zuckungen verlündeten Leben und inneren Kampf. „Major, Major! laſſen Sie die Füße fortgehen. Hier iſt es am leichteſten,“ ſo hörte man die Unglückliche mit dumpfer Stimme und geſchloſſenen Augen ſprechen. „Ja, ich ſage, hier iſt es am leichteſten; Ferdinand iſt ſehr ſchmal um den Leib; hauen Sie ihn in der Mitte durch und laſſen Sie die Füße ihrer Wege gehen; das iſt am beſten. O mein Gott— mein Gott— mein Gott — ſchneiden Sie ihn in der Mitte ab. Die Füße find treulos— ſeine Füße gehen— ſie gehen— zu ihr— ſie ſtahl mir den Schmuck. O wenn Du das wüßteſt, Ferdinand! Ja, laſſen Sie die Füße fort gehen, ſchneiden Sie ihn in der Mitte ab, ſo bleibt doch noch das Herz mit dem Kopf da— ein ſo ſchöner Kopf— und das Der Königin Juwelenſchmuck. 6 82 Herz bleibt auch da. Ich danke Dir, o Gott! ſchneiden Sie ab, ſag' ich, ſchnell ſchneiden Sie ab. Geht es nicht? — mit einer feinen, ſcharfen— ſcharfen Scheere— haben Sie nicht ein geſchliſſenes Meſſer bei ſich? nein?— keine Kugel! o retten Sie ihn, retten Sie ihn, erſchießen Sie ihn nicht— Sie dürfen nicht, dürfen nicht! Schieß' nicht, ſag' ich, Deine Hände ſind rabenſchwarz, obſchon Dein Geſicht weiß iſt, Meuchelmörder.“ Durch die Anſtrengung des letzten Ausrufs erwachte Amanda. Sie fühlte, wie ein Paar ſehr harte Hände ſie hielten und ſah ein papierweißes Geſicht mit Augenlöchern auf ſie herab ſtarren.„Frau Gyllenkreutz, Frau Gyllen⸗ kreutz, wo biſt Du?“ rief ſie und riß ſich aus den Armen ihres Trägers, die ihr wie die des Todes ſelbſt vorkamen. Der Fremde ſtand ſtille und ſchwieg; noch ſchienen ſeine Arme ein wenig zu zittern, entweder von der Laſt, die er getragen, oder von— „Wo iſt meine Geſellſchaft? wo iſt der Tanzſaal? Dort muß Sophie Gyllenkreutz ſein und Fredrique. Gott! wie konnten ſie mich ſo verlaſſen? Fort, fort! finſtere, ſchreckliche Phantome!“ Die weiße Maske wagte jedoch, ihre Hand zu ergreifen, obſchon mit großer Sanftheit; machte dann eine Ver⸗ beugung und ſagte mit halber Stimme:„Nonne, Sie haben ſich verirrt; wenn Sie zum Redoutenſaal und zu Frau Gyllenkreutz zu gehen wünſchen, ſo verſchmähen Sie einen Begleiter nicht. Man iſt nicht ſo ſchlecht, wie man ausſieht.“ Amanda ſah empor und begriff, daß es nur ein Papiergeſicht geweſen war, was ſie beim Erwachen ſo erſchreckt hatte, und daß immerhin ein wirkliches Men⸗ ſchengeſicht darunter ſtecken konnte. Um ſeinen runden Hut ſah man eine kurze Straußfeder. Amanda ſprach zwar nichts, geſtattete jedoch, daß er ſie unter dem Arm nahm und weiter führte. Vielleicht war es nur Einbildung, aber es ſchien ihr, als ſei der Arm ihres Begleiters ſo kalt, daß die Kälte davon in ihren eigenen Körper über⸗ 83 ſtröme und ſich überall hin verbreite; ihre Zähne begannen zu klappern. Sie gingen mehrere Treppen hinauf und dann wieder hinab. Das Geräuſch der Tanzmuſik ließ ſich immer näher hören und ſie merite, daß ſie in die Nähe des Saales ſelbſt kam. Schnell blieb ihr Begleiter ſtehen.„Nein! die Straußfeder taugt nichts, ſie könnte da drinnen die einzige in ihrer Art ſein. Sie könnte verrathen;“— nach dieſen undeutlich geſprochenen Worten rieß er die Feder herunter, ohne den Hut abzunehmen, beugte ſich dann herab, um ſie unter ſeinen Fuß zu legen und zertrat ſie. Als er ſich herabbengte, meinte Amanda, Etwas aus ſeiner Bruſttaſche blinken zu ſehen, das dem Hahn einer kleinen Feuerwaffe glich. Sie traten durch zwei Couliſſen, die eine Grotte vorſtellten, in den Saal und erblickten eine höchſt glänzende Verſammlung von den bunteſten Farben, über die ſich ein blendender Lampenſchimmer goß. „Es iſt gewiß ℳ 12 Uhr,“ hörte man eine große Maste zu einer andern ſagen, wobei Amanda fühlte, wie ein heftiges Zucken den Arm ihres Begleiters durchfuhr, und er ſich halb zur Seite gegen den wandte, der ge⸗ ſprochen hatte. Dann beugte er ſich zu ihrem Ohr und flüſterte:„Ich bleibe hier, aber gehen Sie gerade über den Saal. Dort unter der Loge Nrv. 5 ſteht Ihre Ge⸗ ſellſchaft.“ Amanda ſah hin, entdeckte wirklich das Coſtüm der Frau Gyllenkreutz, entfernte ſich hierauf mit einem dankbaren Kopfnicken(was, wie ſie dachte, man auch dem Schlimmſten geben müſſe, wenn er einem beigeſtanden habe) von ihrem Begleiter und vereinigte ſich bald unter Nro. 5 mit den Freunden, die ſie zur Oper geführt hatten. „Hat noch Niemand meine chweſter hier im Saale geſehen?“ fragte Amanda Frau Gyllenkreutz. „Adolphine? Neinz ſie ſollte ja mit Oberſtlieutenant W— gehen.“ „Ja;z aber hat Niemand ein mit grünem, 84⁴ flatterndem Schleier, gelben Safflanſchuhen und einem kurzen, vrangegelben Rocke geſehen?“ „Nein.“ „Will Amanda Adolphine treffen, ohne ſelbſt erkannt zu werden?“ fragte eine maskirte Dame, die ſich der Gruppe der Frau Gyllenkreutz näherte. Die Stimme kam Amanda ungewiß vor, ſie wußte nicht, wer es ſein konnte; doch begriff ſie, daß dieſelbe mit Fleiß und zum Masken⸗ ſcherz ſo verändert und ſchnarrend gehalten wurde, und daß die, welche ſprach, ohne Zweifel zu den Bekannten der Geſellſchaft gehörte. „Das ſollte mich freuen,“ antwortete Amanda. „Ich glaube, wir können die Herrſchaft W. leicht auffinden. Mich erkennſt Du doch, liebe Amanda?“ „Ja, Roſalie,“ antwortete Amanda etwas zögernd und ſah an der äußerſt eleganten Charaktermaske auf und nieder.„Du näſelſt zwar etwas ſonderbar, aber ich täuſche mich nicht in Dir. Du biſt Roſalie, die Coufine von Fredrique Gyllenkreutz. Nicht wahr?“ Um ſich in ihrer Vermuthung noch mehr zu beſtärken, ſah Amanda dabei auf Frau Gyllenkreutz; aber da dieſe die Maske vor dem Geſicht trug, ſo ließen ſich ihre Gedanken nicht entziffern. Die Fremde nickte Beifall und ſagte:„Wenn Du meine Tracht genau in Augenſchein nimmſt, ſo wirſt Du einſehen, daß ich radebrechen muß, um in meiner Rolle zu ſein. Ich radebreche, wie ich hoffe, Italieniſch oder Spaniſch, obſchon Couſine Fredrique ſo böſe iſt und behaup⸗ tet, es laute, wie der Dialekt eines finniſchen Fräuleins.“ „Nun, Finniſch und Italieniſch, das iſt ja daſſelbe, wenigſtens dem Tone nach, obſchon ich, Gott ſei Dank! keines von beiden verſtehe,“ bemerkte Frau Gyllenkreutz. „A ber was ſtellſt Du vor, meine liebe Amanda?“ ſagte die vermeintliche Roſalie.„Ich glaube, eine Nonne; doch nicht von la Trappe, Gott ſei Dank! Die Tracht von la Trappe iſt ganz unerträglich. Du ſiehſt nur wie eine Novize aus.“ „Wie Du willſt— ich bin nichts— ach gar nichts!“ 85⁵ „Aber, Amanda, wenn Du nicht, wie ich, Deine Stimme durch Näſeln verſtellen willſt, ſo mußt Du es vadurch thun, daß Du heiterer ſprichſt. Weißt Du, was ich vorſtelle?“ Amanda betrachtete die in grünen Taft gekleidete, geſchmeidige Perſon, die etwas kleiner war, als ſie ſelbſt. Sie trug einen breitkrämpigen, ſuperfeinen, florentiniſchen Strohhut etwas ſchief auf dem Kopfe und einen vollen Fruchtkorb unter dem Arm.„Roſalie, Di mußt eine Obſthändlerin von Toskana ſein, aber laſſe wenigſtens zwiſchen uns Deinen Dialekt bei Seite. Wohin ich mich wende, Verſtellung, das peinigt mich unausſprechlich. Sprich lieber geradezu Italieniſch, wenn es ſein muß; aber verunſtalte nicht Deine ſchöne Mutterſprache.“ „Signora Nonne,“ antwortete die Fremde und ver⸗ veugte ſich graziös vor Amanda,„ich handle mit toskani⸗ ſchen Früchten. Aber Du, bella domzella, wenn Du Dich noch nicht für ein gewiſſes Kloſter entſchloſſen haſt, ſo gehe in das von San Paolina de Clarissimis Die Aebtiſſin dort bereitet Salben für alle Wunden. Aber, aha! gerade dort unter der großen königlichen Loge ſehe ich die W— ſchen Coſtüme, dort iſt gewiß auch Deine Schweſter, oder meinſt Du nicht? Wollen wir eine Tour dahin machen?“ Amanda ſah mit brennenden Augen hin.„Meine Schweſter iſt nicht dort; ich ſehe keinen grünen Flor, keinen gelben Rock.“ „Wer weiß,“ verſetzte die Florentinerin,„gib mir Deinen Arm, mia cara.“ „Ja, macht eine Tour zuſammen nach der königlichen Loge, meine Mädchen,“ ſagte Frau Gyllenkreutz;„macht, daß ihr dabei in gutes Einverſtändniß mit einander kommt. Ich ſehe dort Einen, der, wenn ich mich nicht täuſche, Graf Horn iſt— ah, da iſt auch Adolph Ludwig und ſelbſt Ribbing. Geht, meine Mädchen, ich bleibe hier.“ „Gutes Einverſtändniß? Ja, ich hoffe und vermuthe, daß es ſo werden wird wiederholte die Obſthändlerin — 86 und nahm die Nonne unter dem Arm. Sie bahnte ſich einen Weg durch die maskirten Gruppen vor der königli⸗ chen Loge.„An was erkennt Amanda ihre Schweſter?“ ſagte ſie. „An dem Coſtüm einer herumziehenden Prima donna, einem kurzen, gelbſeidenen Rock, rothen Strümpfen, weißen Aermeln, auf dem Kopf— ach—“ Die Unbekannte blieh plötzlich mit einer veränderten Geberde vor Amanda ſtehen und ein:„Woher weiß ſie das?“ entfuhr ihr; aber ſogleich ſagte ſie laut:„Iſt das auch ſo gewiß, Amanda? Deine Schweſter konnte ihren lan wohl ändern; haſt Du ſie ſchon hier unten geſehen?“ „Nein; glaubſt Du, daß ſie ihren Anzug geändert at? Ich würde ihre Füße küſſen, wenn ſie nicht in dieſer Tracht hergekommen wäre.“ „Vielleicht— vielleicht auch nicht! nimm von meinen Zitronen, liebe Nonne, ihr Geruch heilt den Schwindel.“ „Iſt das hier die große königliche Loge2“ „Ja; aber wo ſind die W—s, die ſchönen Fräulein W. ſehe ich nicht. Doch halte und ſieh Dich um, Amanda!“ Hier ſtand vor einer Weile der König.“ „Wie 2 Seine Majeſtät?“ „Er ſtand hier an der Seite von Schwedens ſchönſtem ann, dem Baron Eſſen. Aber ich war nicht weit davon und hörte die Worte des Königs. Welch' ein König! ich liebe ihn.“ „Und ſeine Worte, Roſalie?“ „König Guſtav ſagte: Siehe Dich hier nach allen Seiten um, Eſſen! Hier ſtehe ich in meinem Reich. Wie man mich auch in Schweden tadeln mag, dies Haus ſoll mein Mauſoleum ſein und ſo lange die Freude in Schwe⸗ den nicht vergeſſen wird, ſo lange werde auch ich nicht vergeſſen werden.“ „Ha! meine Freude iſt vergeſſen.“ „Seine Majeſtät wurde von Allen erkannt, als er dieſe prophetiſchen Worte ſprach, und lauter Beifallsruf ſchallte von den Verkleideten rings umher. Aber jetzt hat 87 er wieder den Saal verlaſſen, und iſt hinausgegangen, wie ich ſehe.“ „Wo finden wir die, welche wir ſuchen.“ „Wir wollen nach den Couliſſen gehen.“ „An was glaubſt Du, daß wir meine Schweſter erkennen werden, wenn ſie ihre gelbe Tracht, ihren grünen Flor nicht mehr trägt?“ „Ich werde die Masken durch Fragen prüfen,“ ſagte die Obſthänvlerin. „Fragen an Adolphine?“ „Sie wird ſich dadurch verrathen. Höre mir zu, ich will mich an eine von den Geſtalten wenden, wie ich mich jetzt an Dich wende, Amanda, und ich frage: Schliefſt Du heute Nacht?“ „Vergangene Nacht? Mein Gott— 3 „Dann frage ich: Wie lief der Congreß zwiſchen den Vieren ab, ter heute morgen gehalten wurde?“ „Roſalie, Du weißt?“ „Beile masque! frage ich dann weiter: wurde Alles ſo, wie man es wünſchte, zwiſchen['amica sorella und Signor Fernandez in's Reine gebracht?“ „Großer Grtt! welche Worte! wer biſt Du? Du biſt nicht Roſalie.“ „Fernandez, il caro, wurde doch wieder vollkommen zufrieden geſtellt? Er wurde doch wieder recht zärtlich gegen ſeine carà amica.“ „Wozu dieſe Fragen? Du kannſt nicht Roſalie ſein, aber wer biſt Du?“ „Beruhige Dich. Adolphine ſoll durch dergleichen Fragen entdeckt werden. Wie, glänzten nicht wieder Fer⸗ dinands Augen auf ſeiner Amanda?“ „O das iſt ein Dolchſtich! O Gott, Du mußt Adol⸗ phine ſelbſt ſein.“ „Nahm Ferdinand nicht wieder die Hand ſeiner Amanda, beugte er nicht ſein Knie? War er nicht zornig auf ſich ſelbſt, nicht ganz abgekühlt durch ihre Vorwürfe?“ 88 „Grauſame! er beugte nicht ſein Knie— er nahm nicht meine Hand— o!“ „Ferdinand küßte nicht die Hand ſeiner Amanda zur Verſöhnung?“ „Hör auf, aus Mitleid.“ „Er hat doch nicht am Schluſſe des Congreſſes difür die Hand einer Andern geküßt?“ „Schreckliche! ſchweig, ſchweig! Nein, er war mir ewig treu— aber ach— zerſtreut war er— und— Du Schreckliche, laß meine Hand los. Tauſend Dolche fahren in dieſe Bruſt; haſt Du nicht genug, Adolphine; Gewiß wirſt Du nicht eher aufhören, Grauſame bis Du ihn, meinen Heißgeliebten, getödtet haſt; denn Du wirſt Deinen eigenen— Aufgegebenen zwingen, aus unfinniger Rache den meinigen zu morden— ha! laß lus, Vernich⸗ terin! laß meine Hand los.“ Es gab ſchnell einen allgemeinen Aufruhr im Saal, alle Gruppen blieben ſtehen und ordneten ſich.„Er kommt!“ rief es von mehreren Seiten.„Er kommt auf's Neue. Seine Majeſtät kommt wieder in den Redoutenſaal, begleitet von Ihrem Oberhofſtallmeiſter.“ Amandas ſchreckliche Gemüthöerſchütterung verhinderte ſie, auf das allgemeine dumpfe Gemurmel dieſer Worte Acht zu geben, wenn ſie ſich auch dafür intereſſirt hätte. Aber ſie ſtand jetzt vor den Couliſſen, durch welche ſie zu⸗ erſt eingetreten war, an der dunkeln Drachengrotte mit dem reichen Laubwerk umher und der königlichen Cypreſſe zur Seite. Das Ganze war von dem hellſten Schein unzäh⸗ liger Lampen blendend erleuchtet. In dieſem Angenblick ſah ſie zwiſchen dieſen Couliſſen, wie die zwei Masken hereinkamen, denen ſie oben im Saale gefolgt war. Ihrer ſelbſt kaum mehr mächtig, rief ſie aus:„Sieh dort, o mein Herz, den ſchwarzen Dominv.“ Ein Piſtolenſchuß hrannte zwiſchen den Couliſſen ab, ſie fah den Geliebten in die Arme ſeines Begleiters fallen, der venetianiſche Mantel entzündete ſich am Schuß und 89 ging in einer hellen Flamme auf. Amanda ſank beſin⸗ nungslos zu Boden. „Der König iſt erſchoſſen! riegelt alle Thüren, nehmt alle Mosken ab!“— Das unglückliche Mädchen hörte dieſe Worte nicht mehr. Sechstes Buch. Man wird heiterer, wenn man ſich mit ſeinen Bekannten verſöhnt und mit ſei⸗ nen künftigen Bekannten vertraut macht. Der finſtere Genius des Königsmords ſchwebte über Schwedens Hauptſtadt. Seine weiten Schwingen waren oben ſchwarz wie eine Märznacht um 12 Uhr, unten roth wie die flammenden Kerzen in einem Maskenſagl. „Es brennt, es brennt! riefen mehrere Masken hinter den Couliſſen. Aber bald wurde die Flamme an dem Mantel des Königs gelöſcht und ſeine Umgebung begann zu ahnen, daß der Ruf nur ein Vorwand geweſen ſei, um Alarm zu erregen und den Thäter zu verbergen. Auf dem Boden traf der Fuß des Lieutenants Pollet auf ein ſcharfes Meſſer mit einem Widerhacken. Nicht weit davon lag eine Piſtole und weiter gegen die Logen hin wieder eine Piſtole. Der König war nicht todt, wurde aber verwundet aus dem Redoutenſaal nach ſeinen Zimmern hinaufgetragen. Die Verwirrung im Saale führte die Gruppen der Demaskirten bald in dünnen Reihen, bald dicht geſchaart umher wie Wolken. Adolphine wurde von einer ſolchen Maſſe erfaßt und mit Gewalt von der Seite ihrer unglück⸗ lichen Schweſter hinweggenommen. Sie hatte wie alle andern dem Befehl gemäß die Maske abgelegt; ihren großen florentiniſchen Hut aber aufbehalten, der ſie jetzt noch beſſer kleidete, da das wahre Geſicht darunter leuchtete. Der Fall des Königs hatte ſie Anfangs in Erſtaunen ge⸗ 90 ſetzt; aber als ſie den Befehl zum Verriegeln der Thuren hörte, klopfte ihr Herz hoch, denn wie eine ſchauerliche Spuckgeſtalt ſtieg die Ahnung in ihr auf, daß die Gedanken und geheimnißvollen Handlungen ihrer Freunde ſchon lange darauf abgezielt hätten. Abſcheu und Furcht ſtritten um die Obergewalt in ihrer Seele— die Furcht, Einen von denen, die ihr zunächſt ſtanden, entdeckt, verhaftet, verhört, vielleicht gefoltert, verurtheilt, hinausgeführt, ha! ſchreck⸗ licher Gedanke— auf's Rad geflochten, gerädert zu ſehen! Dieſe Phantome flogen ſo ſchnell durch Adolphinens bewegliches Gemüth, daß ſie ſich in dieſem Augenblicke kaum ihrer Schweſter erinnerte. Sie fürchtete ſelbſt auf⸗ gefangen, zu einem Zeugniß genöthigt zu werden— ha! eine Braut vor dem Richterſtuhl gegen ihres Herzens— fort! fort aus dem Saale, ſchrecklicher Gedanke! Sie eilte nach allen Richtungen hin, wo ein Ansgang aus dem Saale erſpäht werden konnte. Die Familie des Oberſt⸗ lieutenants W. konnte ſie nirgends finden. Sie trat auf eine Bank, um eine weitere Ausſicht zu bekommen. Da bemerkte ſie in einiger Entfernung Frau Gyllenkreutz mit Amanda beſchäftigt und an ihrer Seite einige Figuren, die wie Chirurgen ausſahen. Adolphine erinnerte ſich, daß ſie dieſelben Perſonen gleich nach Abſchießung des Schuſſes um den König ſelbſt beſchäftigt geſehen hatte, wo ſie eifrig mit ihren Werkzeugen und Bandagen handirten, von Eſſen aber wahrſcheinlich, weil ſie für unnöthig erachtet wurden, zurückgewieſen worden waren. Jetzt fand ſie ſie bei ihrer Schweſter, konnte jedoch nicht bemerken, ob eine Ader ge⸗ öffnet wurde oder Blut floß; doch ſah ſie, daß Amanda ſich nicht erhob. Sie wurde nach einer Thüre getragen und verſchwand durch dieſelbe. „Alſo wird doch eine Thüre geöffnet?“ fragte Adol⸗ phine eine naheſtehende demaskirte Perſon. „Ja gewiß, meine florentiniſche Abenteurerin. Der Herr Richter Liljenſparre ſteht ſelbſt am Ausgang. Wer hinaus will, gibt ihm ſeinen Namen an und er zeichnet 91 dieſen in ſeine Liſte auf für den morgenden Tag. Es iſt die Liſte der Candidaten für den Königsmord.“ Adolphine ſchauderte bei dem Gedanken, ihren Namen auf Liljenſparres Papier zu ſehen. Sie beſchloß lieber Alles zu verſuchen, als durch die Hände der Polzei hinaus zu gelangen. Mit der Maske in der Hand ging ſie nach einer ganz entgegengeſetzten Richtung des Saales, wo die Anzahl der Anweſenden dünner zu werden begann. Sie drängte ſich ſo weit als möglich zwiſchen den Couliſſen hinein. An der Rückſeite einer Couliſſe, welche den Hintergrund eines Luſthauſes bildete, ſah ſie vier übereinanderbefeſtigte Quer⸗ riegel. Sie ſtieg wie auf einer Treppe auf den Riegel. Die Gewandtheit ihrer ſchlanken Figur kam ihr dabei wohl zu ſtatten; ſie entdeckte ein Holzſtück nach dem andern, auf das ſie ſteigen konnte; hielt ſich oft mit den Händen feſt, wenn ſie ſich nicht ganz ſicher auf die Treppen verlaſſen konnte, und fam endlich über die Couliſſe zu einer Kante, einer herrlichen Dachleiſte von doriſcher Ordnung, die jetzt aber ſo morſch war, daß ein Stück davon unter dem Fuß des Mädchens brach. Adolphine ſah die Lebensgefahr vor Augen und war nahe daran, hinabzufallen, als ſie noch behend eine Wolke erfaßte, deren lichtgrauer Rand über einem Baume ſchwebte. Glücklicherweiſe war die Wolke von ſo friſchem und gutem Holz, daß ſie darauf ſteigen fonnte. Mit Händen und Füßen kletterte ſie auf die bi⸗ zarren Umriſſe der Wolken hin und fand ſie überall zu⸗ verläſſiger als irdiſche Gegenſtände. „Dieſe Wolke gehört gewiß zu einem ganz neuen Himmel, da ſie noch ſo feſt zuſammenhält— armer König Guſtav— ſie gehört vielleicht zu Deinem ſchönen Orpheus, den ich vor kurzer Zeit von dem Amphitheater aus mit Entzücken ſah. Ja, ich erinnere mich der Wolken hier zur Rechten. Ich bewunderte ſie in der Entfernung wegen der leichten Anmuth, womit ſie über die Scene ſchwebten. Ich glaubte damals nicht, daß ich ſo bald in ihnen wan⸗ dern würde, und auch Du, guter König(Gott! kann der unglaubliche Traum wahr ſein, daß Du erſchoſſen biſt 2) ja, Du wirſt jetzt ſelbſt bald die Stärke Deiner Wolken prüfen und ſehen können, ob ſie ſo halten, daß Du darauf gehen kannſt.“ Die Ueberlegung, wie ſie glücklich noch weiter hin⸗ aufkommen ſollte, hielt ſie von weiteren Betrachtungen ab. Sie befand ſich jetzt auf der Spitze eines Abſatzes mitten in der Opernmaſchinerie und ſah ein Stück weit zur Rechten eine kleine Wendeltreppe, die beinahe in der Luft hing. Mit großer Vorſicht und wahrer Lebensgefahr kam ſie mit Händen und Füßen ſo glücklich von einem gemalten Fels⸗ ſtück, Wald⸗ und Wolkenbett zum andern, daß ſie ſich bald ganz nahe an der Treppe befand und nur noch durch einen Schritt davon getrennt war. Um aber auf die Treppe hinauf zu gelangen, ſtand ihr kein anderes Mittel zu Ge⸗ bot, als zuerſt auf eine Figur zu ſteigen, die in ihren Augen einem Donnerkeile gleich ſah, der von haarſcharfer Form und feuerſprühender Farbe aus ihrer Wolke her⸗ vorſchoß. Zitternd ſah ſie ſich überall um und war nahe daran, vor dem Abgrund zurückzuſchaudern. Wohin ſie ſich wandte: lange Windewerke und unten im Abgrund unzählige Räder und andere ſchreckliche Maſchinen, wie ein mit Folterinſirumenten drohendes Gehemme.“ Hier iſt zwar Alles nur das Werk oder das Werkzeug der Pvoeſie, aber die Gefahren zwiſchen ihnen ſind keine eingebildeten. Iſt dieſer Keil wohl ein ſo gutes Holz, daß er hält? Ich wollte, es wäre lieber ein wirklicher Donner“— Adol⸗ phine dachte ihren kühnen Gedanken nicht aus, aber ihre Rettung mit frohem blindem Vertrauen der Vorſehung anheimſtellend, die auch mitten in dieſer Welt von Fiktionen gebot, machte ſie die Spitze ihres linken Fußes ſo leicht, als ſie konnte und wagte einen Schritt auf den gefähr⸗ lichen Donnerkeil. Zugleich ſchwang ſie ſich mit einem ſchnellen Satz vorwärts, um mit beiden Händen die hän⸗ gende Treppe zu erfaſſen. Es gelang; denn der Blitz brach zwar unter ihrem Fuß und fiel mit ſeinem rothen Zickzack in den Opernſchlund hinab— aber die 93 Hände des Mädchens hatten doch in einem Nu den un⸗ terſten Theil des Treppengeländers erfaßt. Sie ſchwang ſich hinauf, faßte Fuß auf der Treppe und ging jetzt die Höhen hinan, wie eine Nymphe Dianas, die über Klüfte und Abhänge ſiegreich der Spitze des Parnaſſus ſich naht. Zu oberſt, am Ende der Treppe fand ſie einen be⸗ quemeren Gang, zwei Bretter breit, der längs des höchſten Randes der Couliſſen hinführte und mit dem Theaterboden in Verbindung ſtand. Ein religiöſes Gefühl der Dank⸗ barkeit für ihre Rettung, ein Gefühl der tiefſten Ehrfurcht hob ihre Blicke nach oben. Sie dachte an Gott; aber in demſelben Augenblick ſtach es ſie wie ein Dorn in die Bruſt, wie wenn ſie heute Abend nicht ganz recht ge⸗ handelt hätte. Ihre Augen ſanken verwirrt zu Bodenz ſie blickte umher, entdeckte einen Seitengang auf dem Boden und kam nach einer Thüre. Sie wußte nicht, in welchem der unzähligen Labyrinthe der Scenerie ſie ſich befinden konnte. Sie wünſchte eine der größeren Treppen des Hauſes zu finden und ſo nach dem Norderzmarkt oder dem Jakobsplan hinauszukommen. Die kleine Thüre gab vor einem gelinden Fingerdruck nach; ſie trat in eine matt erleuchtete Vorhalle, fand eine breite Steintreppe und wanderte hinab, indem ſie freudig bei ſich dachte, daß ſie dem ſchrecklichen Liljenſparre entgangen ſei und friſche Luft ſchöpfen dürfe, ohne ihren Namen in dem ſchrecklichen Regiſter des Königsmords zu wiſſen. Vergebens! die Treppe führte nicht aus dem Hauſe, ſondern nur nach einem niedereren Stockwerk, wo eine hohe und verſchloſſene Doppelthüre ſie nicht weiter zu laſſen drohte. Aber Du erſchrackſt nicht, Du heitere Florentinerin, Du drehteſt den Schlüſſel ein Paar Mal herum, die hohe Doppelthüre öffnete ſich und Du haſt einen großen Saal vor Dir, der von zwei Kronleuchtern erhellt war, in denen noch Wachslichter brannten. Aber wohin warſt Du ge⸗ rathen? Adolphine entdeckte keine menſchliche Seele. Alle Ge⸗ genſtände und Möbel im Saal lebten höchſt vertraulich und in der größten Unordnung mit einander. Glänzende Trachten von allen Farben, Säbel, Piken, Wurfſpieße, ſtumpfe und ſcharfe Pfeile, verſilberte Schilde, vergoldete Helme, Alles lag ſpielend auf Tiſchen und Stühlen neben einander herum, und dieſe ſelbſt weit entſernt ſymetriſch an den Wänden zu ſtehen, hatten ſich eigenmächtig im Zimmer umher zerſtreut, wohin ſie eben eine heitere Laune geführt hatte. Ein langes Kanapée mit ſeidenem Ueber⸗ zug ſtand ganz ungenirt mitten vor einem hohen und brei⸗ ten Kamin, von deſſen Herd eine friſche Glutmaſſe ihren Schimmer vorwärts warf, und ein angenehmer Rauch von aufgeſtreutem dürren Lavendel verbreitete ſich überall im Zimmer umher. So maleriſch und bis zum Aeußerſten unordentlich auch die ganze theatraliſche Rüſtkammer war, ſo war doch nicht ein einziges Stück vorhanden, das nicht ſchöne Formen zeigte, hell blinkte und elegant und gut gemacht war. Abgebrochene und zerſchlagene Artikel lagen in Menge umher; aber jedes Fragment war ſchön. Avol⸗ phine ſah ſich um. Wohin ſollte ſie ſich wenden? Nun, zu einem der großen Wandſpiegel, in dem ſie bald das Vergnügen genoß, ein feines Bild betrachten zu dürfen. Sie nahm ihren florentiniſchen Strohhut ab, ordnete ihr Haar, zog die Krauſe unter dem Kinn zurecht und ſchenkte ihrem Geſicht manchen fröhlichen Blick. Je länger ſie es jedoch betrachtete, deſto mehr ſchien es ihr die Miene der Koketterie anſtatt der Naivetät anzunehmen, weßhalb ſie ſogleich beſchloß, nicht länger hiurzſeheni Sie wandte ſich zur Seite— in demſelben Augenblick gewahrte ſie die Zipfel von Etwas, das ſchnell durch eine kleine Seiten⸗ thüre verſchwand. Adolphine ging nach. Sie öffnete die kleine Thüre nicht ohne Furcht. Sie kam in ein kleines viereckiges Zimmer, das erleuchtet, aber nicht ſehr hell war. Rund an den Wänden umher liefen vom Boden bis zur Decke Stangen von Schatten. Es ſah aus wie eine Um⸗ zäunung oder Spalier, ſo daß das Zimmer einem großen Vogelbauer glich; und als Adolphine an der Decke nach⸗ ſah, fand ſie, daß die ſonderbare Schattirung an den 95 Wänden von dem Kronleuchter herrührte; das Licht ſtack nemlich im Mittelpunkt deſſelben, und die Kryſtallgehänge um vas einſame Licht erzeugten den Schatten an den Wänden, den Boden und die Decke des Zimmers. Zuhinderſt ſtand ein Ectſopha von rothem Damaſt und eine Geſtalt lag nachläſſig darauf, oder wenn ſie ſaß, ſo geſchah dies wenigſtens in einer ſo freien, leichten und eigenen Stellung, daß man es liegen nenntn konnte. Aber Adolphine unterbrach ihren Gedankengang, denn die Perſon ſtund auf und ſetzte ihre Toilette am Sopha ſtehend fort. „Großer Gott!“ Dachte Adolphine,„bin ich denn ſelbſt das Weſen, das ich hier begegne? Rothe Strümpfe von der feinſten Seide, gelbe Schuhe, ein kurzer vrange⸗ gelber Rock und ein grüner Schleier, der vom Nacken herabhängt, das iſt ja ganz daſſelbe Coſtüm, deſſen ich mich ſelbſt bedienen wollte, das aber nie ankam.“ Als die Unbekannte am Sopha Adolphinens Tritte hörte, wandte ſie ſich mit einem ſchnellen Wurf des Kopfes und einer Erhebung des Scheitels zur Seite. Es war eine graziöſe Geberde, ganz wie man ſie an einem jungen Pferde ſieht, das bei dem geringſten Ton zur Seite ſcheut. Dieſes Thier paßt hier zum Vergleich, da es in jedem ſeiner Glieder eine wunderbare Anmuth, in jeder Bewe⸗ gung eine ausgezeichnetere Feinheit beſitzt als die Natur an irgend einem andern Thiere zeigt. Adolphine ſah auf der Stirne des Mädchens ein Diadem von großen funkelnden Edelſteinen, unter denen ein Rubin in der Mitte ſaß, und ſie erſchrack, denn der Schmuck ſchien fürſtlich und die Steine flammten mit einem ſo edlen Waſſer gegen das Licht, daß ihr Werth ohne Zweifel unberechenbar war. Das Mädchen am Sopha fragte mit einem kleinen Nicken: „Biſt Du beim Ballet?“ „Ich“ ſagte Adolphine erröthend. „Vielleicht Schauſpielerin?“ Die Unbekannte ſtellte ihre Frage mit einer Stimme, die mehr wie Geſang als wie Rede lautete, und mit einem glänzenden halb betrübten 96 halb lächelnden Seitenblick, der eine entfernte Hoffnung auszuſprechen ſchien fuhr ſie fort—„hilf mir an der Schnalle hier.“ Adolphine näherte ſich mit einem heimlichen Lächeln über dieſe vertrauliche Bitte, und öffnete das Kleid. Sie empfand ein ſonderbares Gefühl—„doch wir ſind beide Frauenzimmer,“ dachte ſie,„und das macht nichts“— Eine ſonderbare Bewegung empfand ſie gleichwohl, als unter ſchnellen lieblichen Wendungen nicht nur der Gürtel ſondern das ganze Orangekleid(der Schnürleib blieb un⸗ berührt bis zum Halſe hinauf zurück), die Mouſſelinärmel, die Schuhe und Purpurſtrümpfe kurz Alles von der Ge⸗ ſtalt abſiel, die jetzt mit einem leichten Kopfſchütteln ihre auf den Damaſtſopha geworfene bunte Tracht beſah und leiſe ſagte: „Lockvogel?— hm— nein!“ Aber ſchnell wurde unter dem Eckſopha ein Bündel hervorgezogen und ein anderes Coſtüm daraus entwickelt. Adolphine machte wieder die Helferin. Eine ganz ſchwarze, aber feine und ſehr dicht geſtickte Tracht begann nun Glie⸗ der einzuſchließen, welche Adolphine mit ſonderbaren Augen betrachtete. Sie empfand keine Spur von Neid in ſich und doch ſah ſie, daß Alles, was dieſe Geſtalt vor ihr enthüllte, über allen Vergleich mit dem erhaben war, was ſie von ſich ſelbſt und ihren Bekannten wußte. Dennoch fühlte ſie keinen Aerger, keinen Neid. Im Gegentheil, ſie wurde mit der freundlichſten Innigkeit, ja mit einer wunderbaren Sym⸗ pathie zu einer Perſon hingezogen, die ſie früher nie ge⸗ ſehen hatte, und es machte ihr ein großes Vergnügen, ihr beim Umkleiden zu helfen. Eine ſolche ſchweſterliche Güte iſt zwiſchen gebildeten Menſchen gewöhnlich. Plötzlich rief es von einem andern Zimmer: „Donna Zouras! don Azouras!“(Adolphine konnte nicht unterſcheiden, ob es Donna Zouras oder Don Azouras ſeyn ſollte) noch nicht umgekleidet? wie?“ Dabei machte die Gerufene dieſelbe Bewegung mit Hals und Kopf, die Adolphine vorhin an ihr bemerkt hatte. 97 „Donna Zouras! on va commencer! Depechez bien vite!“ Das Mädchen war jetzt fertig und ſtand vom Hals bis zu den Füßen ſchwarz gekleidet vor Adolphine. Nur die Arme waren von den Schultern an nackt, wo oben an den Achſeln ſelbſt weiße Manſchetten ſaßen und das Kleid ſchloſſen, jedoch nicht weißer waren, als die Arme ſelbſt. Dieſer ganze Anzug lag ihr dicht am Leibe; nur der ſchwarze Rock war etwas weiter aber ſehr kurz und ging nur wenig über die Knie.— „Danke,“ ſagte ſie und klopfte mit ihrer Hand ſanft auf Adolphinens,„danke! Biſt Du erſt Eleve am Theater?“ Adolphine öffnete ihren Mund zur Antwort— in demſelben Augenblick begannen Violinen und Blasinſtru⸗ mente mit ſo raſchen Griffen ganz in der Nähe einzufallen, daß das Fräulein zuſammenfuhr und nichts vnn ſich wußte, bis ſie einen leichten ſchwarzen Schatten über die Wand hingleiten ſah, eine Thüre im Cabinete knarren hörte und bemerkte, daß ſie allein war. Die Unbekannte war ver⸗ ſchwunden. Aber nach einem kleinen Bedenken beſchloß Adolphine nachzugehen.„Hier weiß noch Niemand, daß der König erſchoſſen iſt,“ dachte ſie.„Ich habe Luſt, ſo lange ver⸗ gnügt zu ſein, als es möglich iſt.“ Vielleicht kann ich auch auf dieſem Wege hinauskommen“— die Thüre öffnete ſich vor ihrer Hand und ſie befand ſich auf der Schwelle eines ſehr großen Saales, der ziemlich ſchön verziert, aber ſparſam erleuchtet und deſſen Boden von Scheuern nicht ſehr beläſtigt war. „Spät ſein? bah! ca ne fait rien— ah ca!“ Fräulein Adolphine hörte dieſe Worte von einem flinken Herrn mit gepuderten Haaren und einer Maſchine in der Hand, die einer leichten Karbatſche oder einem Rothang⸗ ſtock glich. Er ging mit lebhaften Geberden unter einer Menge junger Leute im Saale umher, die ſchlecht, ja zer⸗ lumpt gekleidet, aber Alle hübſch waren. Nirgends ent⸗ deckte Adolphine ihre ſchwarze Freundin mit dem Haar⸗ Der Königin Juwelenſchmuck. 7 —— 98 ſchmuck, die aus dem Cabinet verſchwunden war. Auf einen Wink des Herrn mit dem Puder ſchwiegen die Inſtrumente. „Diable! à tous diables! I n'y a rien de si triste que voir mal danser, quand il faut danser bien. He donc— ma ſoi, il ſaudrait danser comme Albronini! Na— na— na taugt nichts comme ca — verdammt. Sa, ſa, ſa, fangen Sie jetzt wieder an— ſpielen die Herrn Muſik!“ Adolphine wandte ſich an eine ältere Perſon, die ein Stück weit von ihr ſtand und ein ernſter Tänzer zu ſein ſchien.„Mein Herr, ich weiß nicht, ob ich mich täuſche oder nicht: iſt dieß der Repetitionsſaal der Oper oder der Elevenſchule oder das Magazin? Verzeihen Sie meiner Unwiſſenheit— iſt das der Herr Balletmeiſter ſelbſt, der Franzoſe Terrade? der dort, welcher—“ „Lintomara! Tintomara! la fosca Tintomara!“ Bei dieſem lauten Ruf aus dem entfernteſten Hintergrunde des Saales brach Adolphine ihre Frage ab, und der Herr, an den ſie ſich gewendet hatte, nahm ſchnell eine aufmerk⸗ ſame Miene an.„Gott ſey Dank,“ ſagte er,„jetzt beginnt die wahre Pantomime.“ Er öffnete gefühlvoll den Beckel einer ovalen Silberdoſe und nahm eine Priſe.„Das iſt ein Meiſterſtück! ein chef-d'oeurres unter den Pantomim⸗ Balleten!“ Der Herr Balletmeiſter im Saal ſchwenkte jetzt fröh⸗ lich ſeine Handmaſchine und peitſchte ſich in ſichtlichem Ent⸗ zücken um die Waden:„lei, mes gens! fleißig jetzt, jeu- nes gens,— le Roi ſoll werden surpris—'Opera geht nicht vom Fleck vhne uns— morgen Abend debu⸗ tiren— jetht arbeiten!“ Eine mimiſche Vorſtellung wurde im Saale ange⸗ ordnet. Der Herr mit der Tabacksdoſe meinte vermuthlich unhöflich geweſen zu ſein, als er vorhin die Fragen des hereingekommenen Fräuleins unbeantwortet gelaſſen hatte; er wandte ſich daher jetzt an Adolphine und ſagte:„Die Demoiſelle muß nemlich wiſſen, daß die Eleven hier, unter denen viele find, die König Guſtav ſelbſt noch nicht geſehen 99 hat, ein Meiſterſtück vorhaben, und er ſoll erſtaunen trotz dem, daß er König iſt. Es iſt eine neue Pantomime, die über einen modernen Gegenſtand componirt iſt. Der König hat keine Idee davon; wir haben en secret ja zur Nacht⸗ zeit daran gearbeitet. Es ſoll ihn überraſchen, er ſoll ſich freuen wie ein Vater, der ein Kind zu ſehen bekommt, von dem er nichts gewußt hat.“ „Eine neue Kompoſition? und der Gegenſtand?“ „Une prise havannah, Demoiselle?“ Adolphine machte eine verneinende Verbeugung.„Ich ſchnupfe nicht, Monſieur. Ich weiß auch nicht, ob ich Zeit zum Bleiben habe. Wie kommt man aus dieſem Saal auf die große Treppe hinab? Doch ehe ich gehe, ſagen Sie mir noch was bedeutete der Ruf Pintomara?“ „Wie kann Demoiſelle das erfahren, wenn Demoiſelle nicht bleibt?“ „Aber, mein Herr, können Sie mir es nicht in Kürze erzählen?“ „Nun in Kürze, die amerikaniſchen Stoffe werden von dem Geſchmacke gut geheißen und gebilligt. Hat nicht Cora und Alonzo einen vortrefflichen Erfolg gehabt? Wir ſind durch dieſes Glück aufgemuntert worden, eine ameri⸗ kaniſche Pantomime zu komponiren, la Sauvage saurée oder die gerettete Wilde. Iſt das nicht ein guter Stoff?“ „Ich weiß nicht.“ „Der König ſoll davon entzückt werden! doch hören ſie! die Amerikaner haben die grauſame Gewohnheit, ihre Gefangenen zu Tode zu peinigen. Sie haben wohl davon gehört, Demviſelle? die Qualen werden verlängert, das iſt allgemein bekannt. Hören ſie jetzt den Stoff: Die Tochter eines Kaziken wird gefangen und eine Nacht über ver⸗ wahrt. Damit die zum Opfer auserſehene Gefangene nicht entfliehen kann, legen ſie ſie auf den Boden und befeſtigen ſie mit Seilen, mit vier langen Seilen an jeden Fuß und jede Hand eines, an vier Hölzer. Auf dieſen Seilen liegen die Wächter der Gefangenen, ſo daß, wenn ſie auch wah⸗ rend der Nacht einſchlummern ſollten, ſie doch durch die 7 100 geringſte Bewegung oder Fluchtverſuch der Unglücklichen erweckt werden müßten. Mit der Morgendämmerung ſollen die Qualen beginnen und ſo lange fortgeſetzt werden, bis ein ſpäter grauſamer, vielleicht ſehr ſpäter Tod endlich die Qualen ſchließt—“ „Ein abſcheulicher Stoff für eine Pantomime.“ „Nein, nein! nur die rohe amerikaniſche Wirklichkeit war dieß. Im Ballet machen wir Alles beſſer, lieblicher, Es ſoll Effekt machen, glauben Sie mir, Demviſelle. Die Kazikentochter Tint-om'-Hara, das Todesopfer, die wun⸗ derſchöne Gefangene, wird nach Beendigung der Kampf⸗ muſik heimgeführt und auf den Boden gelegt. Aber an⸗ ſtatt der Seile laſſen wir vier Perſonen um ſie herum ſitzen, einen jungen Wilden auf jede ihrer ausgeſtreckten Hände und eine junge Wilde auf jeden Fuß. Sie ſollen eine ſchöne Gruppe zu ſehen bekommen. Sehen Sie hier—“ Er nahm aus der Taſche einen Pique Fünfer.„Da haben Sie eine Idee davon! Gerade wie dieſer Fünfer ſoll es ausſehen. Die Hauptperſon iſt die Pique in der Mitte. Die übrigen Vier ſind ihre Wächter. Durch eine Kraft und Gewandtheit, wie ſie nur die wilden Weiber haben, macht ſich die mittelſte Pique von den Vier in den Ecken auf ihren Händen und Füßen los, und entflieht. Aber ſehen Sie— ſie wird erwiſcht. Jetzt kommt es an die Martern. Aber ſtatt deſſen, was geſchieht? Der Sieger erſtaunt über die unerklärlichen Reize der Gefangenen und findet, daß ihre Qualen ſich für ihn ſelbſt in zu grau⸗ ſame Foltern verwandeln. Er befiehlt daher ſtatt deſſen einen Tanz— une dance etincelante de l'amour sauvage— oder einen feurigen Tanz der wilden Liebe. Die Funtrnt endigt alſo damit, daß die Wilde die glückliche Gebieterin ihres Gebieters wird. Ah— ſie haben, glaube ich, ſchon angefangen. Die Muſik iſt vor⸗ trefflich; ſie iſt von Krauß— aber— wo ſeh ich die Hauptperſon? Iſt die Wilde noch nicht gekommen? Im Vertrauen, ihre Rolle wird von einer jungen Eleve aus⸗ ——— e— — ⸗ e ie ie r⸗ ie 8⸗ 10¹ geführt, die der Augapfel des Herrn Balletmeiſters iſt. Demvoiſelle ſoll ſehen.“ Adolphine ſah nach dem Saal, wo eine kriegeriſche Pantomime auf eine ſehr maleriſche, kunſtvolle und gut komponirte Weiſe ſtatt fand. Die Muſik ging von dem Kriegslärm allmählig zu einem hoͤchſt eigenen Tone über (es ſei peruvianiſch, dachte Adolphine). Es war ein Allegro vivace, das allmälig zum andante, ja zum adagio wurde und ſich endlich in einem tristamoroso aus der dunkelſten und dennoch freundlichen Heimath des Naturgefühls auflöste(er Krauß! dachte Adolphine). Plötzlich ſchloß Pantomime und Muſik. Die Wilde die gefangen werden ſollte, fand ſich nicht. Der Balletmeiſter lief unruhig umher:„Gentil ani- mal, ou es-tu? venezrdonc! Grand Dieu! animal capricieux, impertinent, voluptieux— wo verbirgſt Du Dich? Taille merveilleuse et charmante-coquine, he donc!“ Aber die Wilde kam nicht. Der Balletmeiſter erhob ſeine Stimme, vermied aber ſorgfältig alle Vorwürfe und häßlichen Worte:„Douce Tintomara, wo biſt Du? complaisante creature, wir warten— vraiment, mais c'est curieux.“ Endlich ſtieg ſeine Ungeduld ſo hoch, daß er mehr⸗ mals mit ſeinem Kantſchu an die Wand ſchlug, ſich mitten in's Zimmer ſtellte und auf dem Abſatz rund herum fuhr. „Ah! Zouras Lauuli Tintomara! jetzt ſehe ich Dich. Tritt hervor, keine Complimente, point d' Ein⸗ wendungen. Chez les Musiciens? chez messieurs la Musique? malicieus figure! mais ce n'est pas beau, ca.“ Eine ſchwarz gekleidete ſchlanke Geſtalt wurde jetzt von der Bank der Muſikanten aus weiter in den Saal hinein und zur Pantomime geführt. Adolphine erkannte ihre Bekanntſchaft, die ſie in dem Cabinete hatte helfen an⸗ ziehen. Der Kopf war geſenkt und kein Diadem war darauf, aber viele Haarbuckeln waren über den Manſchetten an den Schultern und auf dem Arme ſelbſt herabgefallen C„das gehört zum Stück,“ dachte Adolphine). Der Aus⸗ druck des Geſichtes paßte vortrefflich zu einer Gefangenen und ſie erweckte das Entzücken des Balletmeiſters. Jetzt erfolgte, wovon Adolphine ſchon vorher in Kenntniß ge⸗ ſetzt war: Tintomara wurde mitten unter ihren Feinden auf den Boden gelegt, und vier Wächter, aus den Eleven gewählt, ſetzten ſich in einem Viereck um ſie herum. Adol⸗ phine, welche die Gruppe aus der Entfernung von einer Bank, auf die ſie geſtiegen war, anſah, lachte über das be⸗ zeichnende Bild eines Pique Fünfers; denn die Wilde ſelbſt in der Mitte mit den zwei Jünglingen auf den ausge⸗ ſtreckten Händen und ihren zwei Mädchen über den Füßen auf der weißen unter ihnen ausgebreiteten Matte bildete in der That ein Gemälde, daß dieſer ominöſen Karte glich. Die Muſfik begann und bei einem ſcharfen fortissimo machte Tintomara eine Bewegung, ein elaſtiſches aber zu⸗ gleich ſo ſtarkes Zucken mit den Händen und Füßen, daß die vier Wächter weit von ihr wegflogen. Im Augenblick war ſie auf und entfloh. Bald wurde ſie aufs Neue gefangen. Die Mimik zeigte den furchtbaren Anblick von zwölf Wilden, die der Verlorenen mit Marterwerkzeugen in den Händen drohten. Jetzt trat der Häuptling ſelbſt hinzu. Schnell ſank ſein Zorn, als er die Gefangene näher betrachtete. Der beab⸗ ſichtigte amour sauvage etincelant et profond des Kapellmeiſters trat an die Stelle des Zornes. Der Liebestanz ſollte jetzt vorgenommen werden und begann wirklich. Er wurde nach den Nachrichten, welche amerikaniſche Reiſende über dieſe charakteriſtiſchen Volksfeſte gegeben hatten, ſehr geſchickt ausgeführt. Der Häuptling war feurig, tanzte außerordentlich— „Eh bien Tintomara! vergiß die Tour nicht, nohle badine— mais comment, ma chere? comment? — Naissance divine! Du ſchwingſt Dich zu ſehr links. — Ah. Tourne-rose, que faites-vous là?“ Die Wilde, wirklich nicht ungleich einer Roſe, die den Blumenkopf abwendet, zog ſich auf eine merkwürdige Weiſe — W— 103 aus der Tour.„Soll das auch zum Stück gehören,“ dachte Adolphine und begann ſich zu verwundern, denn ſie ſah, daß Tintomara anſtatt als eine moitiee amoureuse ihre Mimik gegen den Häuptling auszufahren, das Geſicht deutlich von ihm abwandte, ihm auswich und ſich zur Lin⸗ ken zog. Das deutete weder auf Vergeßlichkeit noch auf Ungeſchicklichkeit. „Mais diable! Tournerose! que faites-vous lo. Tintomara? Comment coquine?“ Die Bewegungen der Wilden waren von einer ſo feinen Anmuth, daß nur eine außerordentliche Kunſt oder die Natur ſelbſt auf eine ſo ſonderbare Weiſe aus dem Sinne des Stückes heraustreten und doch den Balletmeiſter ſo ſehr in Spannung erhalten konnte, daß er entzückt von dieſem Anblick keinen Schritt zu thun vermochte, um ihr grobes Vergehen gegen die Pantomimen des Ballets zu verhindern. Sie vermied ſtets die nachtanzenden verliebten Häupt⸗ linge und bei einem gewiſſen Punkt in den Wendungen ſchoß ſie wie ein Pfeil durch den ganzen Saal bis zur Cabinetsthüre und verſchwand durch dieſelbe. Adolphine, die überzeugt war, daß etwas mehr als bloſer Scherz darunter liege, eilte ihr in das Fleine Zim⸗ mer nach, wo ſie vorher geweſen war. Hier ſah ſie Tin⸗ tomara, die auf den rothen Damaſtſopha hinauf geſprun⸗ gen war. „Verriegle die Thüre!“ Adolphine that es, obſchon ſie nicht begriff, woher jener ſchnelle Schreck gekommen war. Draußen im Repetitionsſaal hörte man einen großen Lärmen und Gelächter über die ſcherzhafte Flucht der Wilden Aber in das Geräuſch miſchten ſich auch fran⸗ zöſiſche Flüche. Plötzlich machte ſich draußen eine neu⸗ angekommene fremde Stimme geltend. Die Inſtrumente ſchwiegen. Es wurde ſtill wie im Grab und man ver⸗ nahm nur franzöſiſche Angſtrufe. „Was iſt das?“ ſagte Adolphine. 104 „Ich hörte den Kommenden ſchon auf der Treppe,“ ſagte die Wilde auf dem Sopha. Adolphine horchte aufmerkſam an der Thüre und vernahm von draußen her jene Miſchlingsſprache, die den Mund des Herrn Balletmeiſters beurkundete Affreux, entſetzlich Monsieur! BRoi se meurt? erſchoſſen? fi donc—“ „Erſchoſſen, mein Freund!“ „Das BVallet zu Ende! plus de l'opera, plus de tragédie! Kein Schauſpiel mehr! Grand Dieu!— fin totale! Das Haus wird für alle Zeiten geſchloſſen werden.“ „Ja, mein Terrade, hier iſt eine Tragödie geſpielt worden, die Schuld ſein wird, daß man hier keine Tra⸗ gödien mehr ſpielen wird.“ „Comment? Niemand kommt unaufgeſchrieben hin⸗ aus? ſi donc.“ „Ich habe Befehl— ihre Namen, meine Freunde—“ „Gut. Iſt ſonſt Niemand mehr hier?“ „Pas de tout; Niemand mehr als meine Azouras Lazuli; aber ſie floh da hinein, la folle Tournerose! und mit ihr ſprang auch eine Fremde hinein, die, die, je ne sais— „Eine Fremde?“ „Inconnue, sans nom—“ „Was bedeutet das?— eine Verdächtige, die viel⸗ den Königsmörder kennt? Laſſen Sie mich ſogleich nein.“ Die an der Cabinetsthüre ſtehende Adolphine wurde dabei ohne Zweifel ſehr bleich, denn das ſchwarz gekleidete Mädchen auf dem Sopha nickte ihr zu und ſagte: „Ich ſehe Dir an, Du weißt von der Sache?“ Adolphine erſchrack und wußte kaum, was ſie ant⸗ worten ſollte. Beſtürzt ſah ſie ſich an den Wänden des Zimmers um, deren Schattenlinien ſie ſchon vorher zu dem Vergleich eines Vogelbauers geführt hatten. Sie ſelbſt meinte jetzt ein gefangener Vogel darin zu ſein. Das Geräuſch näherte ſich jetzt der Thüre.„Schließ 105 doch auf, la maliziosa! Schließ auf, Tintomara, Tour- nerose ouvrez! gentille maudite! launiſche Roſe, die ſich von dem weg wendet, der Dich liebt! ouvrez, ouvrez la porte!— ich ſchlage entzwei la serrure— casserai — par Dieu—“ „Jetzt iſt es Zeit,“ ſagte Tintomara, erhob ſich noch höher im Sopha, ſtreckte die Hand nach einem Gemälde aus, das an der Wand hing, klopfte an eine laubreiche Eiche, hinter der ſich eine kleine Blende in dem Gemälde ſelbſt öffnete, und nahm einen Schlüſſel daraus. Bald ging die Lücke wieder zu und die Eichenkrone trug ihr zuſammenhängendes grünes Laubwerk wie zuvor.„Komm!“ Adolphine folgte ihr auf dem Fuße. Sie eilten zur andern Cabinetsthüre hinaus, durch welche Adolphine zu⸗ erſt hereingekommen war. Schnell ſprangen ſie dann an all den Herrlichkeiten der Theaterrüſtkammer und dem la⸗ vendelduftenden Kamin vorbei. Eben als ſie in die Vor⸗ halle traten, hörten ſie, wie der Thürriegel innen endlich nachgegeben hatte, und die Leute hereinſtürzten; aber die Mädchen waren nicht faul. Die Führerin nahm den Weg die nemliche Treppe hinauf, die Adolphine einige Zeit vorher herabgekommen war, und bald ſah dieſe ſich wieder auf dem oberen Boden. Sie vermochte kaum den Schritten der Unbekannten zu folgen. Die Beleuchtung oben war ſehr ſchwach. Die in dem ſchwarzen Kleid hatte einen großen Vor⸗ ſprung und kam endlich zu einer Region des Theater⸗ bodens, die ſo finſter war, daß das nacheilende Fräulein ihr Bild nur mit Mühe in den Augen feſthielt. Nur die weißen bis zu den Schultern nackten Arme und das hie und da rückwärts gekehrte, noch weißere Geſicht gaben ein ſicheres Zeichen von der voranſpringenden Perſon, und auch das ſchwarze Seidenzeug auf ihrem Leib zeigte hie und da an den erlöſchenden Lampen einen Schimmer, der dem phosphoriſchen Scheine gewiſſer Thierhäute nicht un⸗ ähnlich war. Sie ſtanden jetzt an einer Wendeltreppe, und Lazuli ſchwang ſich mit ſo ſchnellen Wendungen und 106 naiven Bewegungen voraus, daß Adolphine einer Katze zu folgen glaubte. Gott weiß, was für Wege ſie gingen und durch welche Paſſagen ſie kamen! Bald trafen ſie auf eine verſchloſſene Thüre. Fräu⸗ lein Adolphine erhielt hier Zeit, ihre Wegweiſerin einzu⸗ holen; dieſe athmete kaum. Azuras Lazuli drückte an die Thüre, aber ſie wollte nicht nachgeben. Da wurde der Reſerveſchlüſſel herausgenommen, das Schloß knarrte, die Thürangeln ſtöhnten, und ſie kamen hinaus. Draußen war es ſehr finſter, und eine kalte Nachtluft hauchte ihnen ſtark entgegen. Sowohl aus Furcht vor dem Dunkel, als wegen der umgebenden Kälte ſchmiegte ſich Adolphine feſt an die Geſtalt, die ihr den Weg zeigte. Schweſterlich ſchlang ſie ihren Arm um den Leib derſelben, und da Azuras es nicht verſchmähte, ihren weißen Arm ebenfalls um Adol⸗ phinens Schultern zu legen, ſo meinte dieſe von dorther Wärme und Schutz zu empfinden. Gewiſſe Sympathien ſind geheimnißvoll und unerklärlich. Nach einer Weile bemerkte Adolphine, daß der ſtei⸗ nerne Boden, auf dem ſie vorwärts ſchritten, ohne weitere Treppen hinaus lief.„Was will das heißen?“ flüſterte das Fräulein.„Wie lange ſoll'es ſo hier in der kohl⸗ ſchwarzen Finſterniß fortgehen?“ „Bis nach dem Nordſtröm.“ Das Fräulein ſchauderte bei der Antwort Es fuhr ihr wie ein Sturm durch die Adern, als ob Alles, was ſie an dieſem Abend geſehen und erlebt habe, nur ein Traum geweſen ſei und ſie eben jetzt einem Phantom zum Verderben folge. Ihre Glieder begannen zu zittern. Sie wußte nicht, daß ſie ſich jetzt ganz einfach auf der Pferdetreppe des königlichen Theaters befinde, und daß es durshaus kein Unglück ſei, auf der ſüdlichen Seite des Hauſes hinaus zu kommen. Auch konnte ſie nicht zurück⸗ fliehen, ſie folgte deshalb; ſie ſchloß ſich noch näher an die Geſtalt an, deren Arm ſie für ſtark genug hielt, um 107 ihr beizuſtehen. Ein Gefühl des reinſten Vertrauens, der froheſten Hingebung, der größten Innigkeit durchſtrömte ihre Adern und ſie vergaß allen Schreck. Jetzt ſtanden ſie unter dem kleinen Südthore am Ende der Pferdetreppe. Adolphine ſah wirklich Nordſtröm wie einen breiten düſtern Gürtel vor ihren Augen liegen. Der Nachthimmel war trüb; nähere Gegenſtände auf der Straße ließen ſich jedoch unterſcheiden. „Leb' wohl,“ ſagte Azuras. „Verläßt Du mich hier?“ „Kannſt Du einen Freund angeben?“ fuhr die An⸗ dere fort.„Liljenſparre hat Zungen— da ſpringe lieber in den Nordſtröm.“ Avolphine hielt die weiße Hand zurück, und es wurde ihr anfangs ſchwer, Worte für ihre Gedanken zu finden. „Von der Schulter bis zu den Fingerſpitzen weiß, ganz weiß,“ ſagte ſie.„Ja, ich glaube, daß Du viel Liebens⸗ würdigkeit beſitzeſt— wer Du auch ſeiſt, höre jetzt einige Worte von mir. Du biſt in einer ſonderbaren Geſell⸗ ſchaft da oben, ich meine— ſchlimme Sitten— ein Mädchen, wie Du— Du fühlſt— Du mußt es ſo gut fühlen, wie ich— vermeide die Geberden dieſer Leute, wenn ſie von— von Liebe ſprechen— hüte Dich vor der Liebe.“— Adolphine ließ den Kopf hängen; ſie be⸗ g ſelbſt nicht, wie ſie dazu gekommen war, ſo etwas zu ſagen. „Liebe?“ fragte die Unbekannte leiſe.„Du ſprichſt ein Wort aus, das ich nicht verſtehe.“ „Aber es gibt welche, die Dir werden begreiflich machen wollen, was es iſt. Nimm Dich in Acht.“ „Eile bald heim, vornehmes Mädchen(ach ich ſehe, daß Du keine arme Eleve biſt und nicht zum Hauſe ge⸗ hörſt!) Du darſſt an dieſer Stelle nicht länger weilen.“ Mit dieſen Worten verſchwand die Fremde zur Lin⸗ ken die Kaiſtraße hinab. Fräulein Adolphine meinte jedoch, die Geſtalt bald durch eine Thüre in der Nach⸗ 108 barſchaſt in der Nähe des Delagardiſchen Hauſes hinein⸗ hüpfen zu ſehen. ——„*— 4.—„.* 7**—* Straße. Adolphine. Es iſt kalt! es iſt ſchauerlich! eine furchtbare Nacht! daß ich ſo ganz allein ſein muß! Wo⸗ hin ſoll ich mich wenden? Ein einzelnes Mädchen bei Nacht heimgehen? Ich habe ſchon davon reden hören, was das in Stockholm heißen will. Es iſt ſchrecklich, daß ich die Oberſtlieutenants nicht finden kann. Wie ka⸗ men ſie wohl hinaus?— Ach— mein Ueberkleid, meine Ueberſchuhe, hätte ich ſie nur da— und dieſer dünne ſeidene Rock! Wenn ich da nicht Fieber und Froſt be⸗ komme, ſo bin ich ſehr geſund— daß aber auch ſeine Equipage ſchon fortgefahren ſein ſollte.— Ja, ja— es iſt ſchon ziemlich lange ſeither. Sie werden mich wohl geſucht haben. Welchen einſamen Weg ſoll ich machen. Hu, hu! welche Straßen! ich bin naß bis über die Knö⸗ chel, ihr armen ſeidenen Schuhe, ihr armen Füße. Wo bin ich jetzt? Das da iſt der Jakobskirchthurm; hier iſt die kleine Gartenſtraße, dort die Schloßgartenmauer.— Großer Gott! laß Niemand zu mir her kommen. Hu wie kalt! die Zähne klappern mir. Es hilft nicht viel, wenn ich auch die Hände reibe. Himmliſcher Vater, was für ein Abend! und was ſoll daraus werden? Ferdinand— Clas Heinrich— ſtill! keinen Namen— Liljenſparre hat Ohren und Zungen.— Entſetzliches Gemälde! O Ge⸗ ſpenſt in meinem Innern! o meine Schweſter! Amanda, was hab' ich heute Abend gethan, wie konnte ich ſo über⸗ müthig, ſo grauſam zu Dir reden! Ich fühle einen Dorn in der Bruſt.— Aber konnte ich was davor, daß unſere Zuſammenkunft ſo ſchloß. Als ich uns vier zu einer Ver⸗ ſammlung berief, meinte ich es gut, da wollte ich Alles aufklären, vereinigen— wollte ich es nicht? Ja, ich 109 wollte es, aber es war nicht mein Fehler, daß— warum ſteht Amanda in einem gleichgültigeren Lichte vor Ferdi⸗ nand ſeit— habe ich es nicht vorausgeſagt? Und ich kann es nicht läugnen, auch Clas Malchus erſcheint mir fader.— Pfui! welch' ein Wort, Adolphine— ſeit er anfängt zu zweifeln und unruhig zu werden und Vorwürfe zu machen. Man ſollte einander nie Vorwürfe machen. Ausgemacht iſt es übrigens, daß ich Ferdinand nie mehr anlocken will— niemals— niemals— niemals— daß doch Niemand die Namen hören möchte, an die ich hier denke, oder flüſterte ich ſie wirklich? Sprach ich ſo, daß man es hörte? Was geht dort? Ich glaube, es iſt ein Mann. Jeſus, laß mich in Frieden gehen. Laß Niemand heran kommen. Es iſt ein Offiziersmantel! Gott! er nähert ſich. Der Mann. Mädchen, es iſt nicht gut, daß Du ſo ſpät allein gehſt; ich werde Dich heimführen. Adolphine. Gehen Sie, mein Herr, ich kenne meinen Weg. Der Mann. Fürchte nichts von mir. Haſt Du keine Angſt vor der Nacht, Mädchen? Ich begleite Dich. Wo wohnſt Du? Adolphine. Der Herr trägt eine Maske; ich traue der Verſtellung nicht. Die Mann. Ich komme von der Maskerade. Es iſt noch nicht lange, daß ich heraus geſchlüpft bin. Ich habe meine Maske der Wärme halber vorgeſteckt. Adolphine. Einem Begleiter, den ich kenne, würde ich in dieſer ſchrecklichen Nacht nicht mißtrauen. Nehmen Sie die Maske ab. Der Mann. Nein! heute Nacht trage ich meine Maske. Du frierſt, armes Mädchen. Mein Mantel iſt groß und weit, ich hänge die Hälfte über Deine Schul⸗ tern, die andere Hälfte über mich; ſo gehen wir. Hörſt Du nicht an meiner Stimme, daß ich nicht wie ein An⸗ beter ſpreche. Rede ich nicht rauh; ha! iſt meine Stimme nicht ſehr rauh⸗ 1¹⁰ Adolphine. Danke für Ihre Güte.— Es iſt wahr, ich friere— Ich danfe, mein Herr. Aber neh⸗ men Sie die Maske ab. Der Mann. Heute Nacht trage ich meine Maske. Morgen lege ich die Maske ab, übermorgen den Kopf. Adolphine. Wie? Der Mann. Fürchte nichts von der Straße. Es iſt ja die kleine Gartenſtraße; ſie führt nach dem Packer⸗ markt oder ſonſt wohin, wenn man ſonſt wohin gehen will oder kann. Sei ohne Furcht wegen mir; der Man⸗ tel liegt jetzt gut über Deinen Schultern Es iſt Dir jetzt warmer als vorhin, junges Mädchen! Nicht wahr? ich glaub' es wenigſtens. Adolphine. Mein Herr, ich will nach dem Heu⸗ markt. Der Mann. Wir wollen verſuchen dahin zu kom⸗ men. Wegen meiner brauchſt Du keine Angſt zu haben. Sprich, gibt es nichts, wovor Du Dich fürchteteſt? Adolphine. Ich erſchrecke vor Ihren Fragen und dem Ton Ihrer Stimme, mein Herr! Was meinen Sie damit? Der Mann. Ich dachte ein wenig an den Mas⸗ inbt Warſt Du auch dort? ein luſtiger Tanz, nicht wahr olphine. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen ant⸗ worten ſoll. Der Mann. Ja, es war ſehr luſtig. Aber ſage mir aufrichtig, junges Mädchen, antworte mir ganz aus dem Innern Deines Herzens, gibt es etwas, wovor Du Dich fürchteteſt? Adolphine. Ich fürchte mich in der That. Der Mann. Nicht vor mir. Nein, aber z. B. vor Geiſtern. Gibt es keinen Geiſt, vor dem Du Dich fürchteteſt? Adolphine. Wie finſter und kalt iſt es dieſe Nacht! Laſſen Sie mich los, mein Herr. Unter Ihrem Mantel iſt es noch weit kalter.— Laſſen Sie mich los. 44 Der Mann. Du biſt kindiſch. Sprechen wir von Geiſtern. Haſt Du z. B. ein Gewiſſen? Adolphine. Großer Gott— aber mein Herr! Der Mann. Haſt Du nicht ein ſchreckliches inne⸗ res Geſpenſt? Adolphine. Ein inneres Geſpenſt! Der Mann. Bebe nicht deshalb. Die Garten⸗ ſtraße iſt jetzt zu Ende, da kommt ein Markt, der Packer⸗ markt. Adolphine. Ich bebe nicht; aber ich friere. Ich wünſchte, daß wir von vernünftigen Gegenſtänden ſprächen. Ich friere eigentlich auch nicht, aber ich habe Fieber! Der Mann. Deſto wärmer biſt Du. Kannſt Du Dein inneres Geſpenſt nicht vertreiben? Was meinſt Du. Adolphine. Wer ſchickte Sie zu mir? Um Got⸗ tes und aller Engel willen, wer ſind Sie? Der Mann. Ich bin ein Mann mit einem Kopf, nemlich vor der Hand. Adolphine. Laſſen Sie mich los— Schrecklicher — Sie ſind wahnſinnig. Der Mann. Das glaub' ich nicht. Ich habe nicht einmal Fieber. Laß mich Deine Stirne fühlen. Ja, Du haſt wirklich heiß. s iuſ Um Gottes willen, wie ſoll das en⸗ digen Der Mann. Hier ſehen wir jetzt den Packermarkt. Du willſt nach dem Heumarkt, und das iſt ſehr recht von Dir; aber dorthin kann man noch ſpäter kommen. Jetzt lomm' hieher. Ich werde Dir etwas auf dem Packer⸗ markt zeigen. Adolphine. Ich vergehe— ich bleibe hier ſtehen. Ich kann nicht mehr— ich gehe nicht einen Schritt weiter. Der Mann. Gewiß gehſt Du einen Schritt, zwei Schritt, drei Schritt. Das hört man am beſten an dem Platſchern Deiner kleinen Füße im Schmutz. Ich gehe auch. Hier ſind wir jetzt. Ein geraumiger Markt, der 112 Packermarkt. Hier werden die Leute Raum zum Stehen haben, wenn es Etwas zu ſehen gibt. Hier ſieht man einen langen Pfahl, auf dem eine ſchwarze Figur mit dem Ruthenbündel ſteht, das iſt der Geiſt der Strafe: Mathias oder Matts*). Siehſt Du ihn, Mädchen, er iſt von Kupfer. Dort bekommt man die Ruthe. 2 Adolphine. Rettung! Himmel, gibt es keine Hülfe für mich? Der Mann. Bah! Du bekommſt nicht die Ruthe, nur ich. Adolphine. Fliehe, Verwünſchter! fliehe, laß mich los! Der Mann. Biſt Du verwirrt; ich muß Dich ja heimführen. Adolphine. Aber ein Wort, ein vernünftiges Wort, mein Herr. Wer ſind Sie 2 Der Mann. Es wäre unklug, dies zu ſagen. Morgen vielleicht wirſt Du, wird Stockholm, wird Eu ropa meinen Namen hören. Adolphine. Jeſus L— ich bebe— ich ahne— Sie haben— Sie ſind alſo der— Der Mann. Ich habe Weib und Kinder in der Kloſterſtraße. Aber das thut nichts— konnte nichts n Man wird heiterer, wenn man ſich mit ſeinen Bekannten verſöhnt, wenn man ſich mit ſeinen künſtigen Bekannten vertraut macht. Deßhalb will ich die Dinge hier auf dem Markte in der Eile betrachten. Daß das Beil und der Stock hier fehlen, iſt ſchlimm. Wie kann ich mich jetzt auch mit ihnen vertraut machen? Doch gleichviel— thu' mir eine Gefälligkeit— eine kleine Gefälligkeit. Adolphine. Nein— nein— nein! ich will nicht hier am Schandpfahl niederſitzen. Der Mann. Fürchte nichts für Clas Heinrich, *) Auf dem Stockholmer Schandpfahl ſteht ein kupfernes Bild, welches ein Bürgermeiſter Namens Mathias F. der Stadt ſchenkte, 113 noch ſür Ferdinand. Du wirſt ſie nie mehr ſehen, ſie werden leben aber Du und Niemand wird ſie ſehen— Adolphine. Sie kennen ſie? Gott, wer ſind Sie? Sie kennen mich. Was iſt das für eine Stimme? Der Mann. Ja, ich kenne Sie, Fräulein Adol⸗ phine. Es iſt mißlungen. Adolphine. Was iſt mißlungen? Der Mann. Der König lebt. Adolphine. Er lebt! ach der abſcheuliche Schuß ſehlte? Gott im Himmel ſei Dank. Der Mann. Jetzt bleibt allen Andern nichts übrig, als zu fliehen. Ich bleibe und ſchweige, ſchweige— von ihnen. Adolphine. Fliehen, fliehen! Ferdinand fliehen! Clas Heinrich!— Der Mann. Flieht ebenfalls. Sie werden Keinen von beiden wiederſehen. Es wäre beſſer geweſen, men Schuß hätte ſein Ziel getrofſen, nicht wahr? Adolphine. O Gott! Der Mann. Mein Fräulein, thun Sie mir einen kleinen Dienſt. Ich bitte Sie darum, ich will mich mit dem Beil und dem Richtblock bekannt machen. Ich will mit meinen künftigen Bekannten Freundſchaft ſchließen. Adolphine. Sie nicht mehr ſehen, nie mehr! Ferdinand, Clas Heinrich, nie mehr ſehen! verſunken auf ewig in dieſer Nacht! Sind ſie ſchon entflohen? Der Mann. Ich hoff' es. Adolphine Auf ewig! Grauſamer, wiſſen Sie, was das heißt? und das geſchieht um Ihrer Frevelthat willen! ich kann nicht mehr! Der Mann. Ihr Fieberfroſt nimmt zu— aber ehe Sie ſinken und fallen, thun Sie mir einen Dienſt. Adolphine. Nein— nein— nein! ich will nicht mehr länger hier am Pfahl ſitzen, habe ich geſagt. Legen Sie Ihren Kopf nicht in meinen Schvoß! hu! Der Mann. Haben Sie nie einen Bekannten ge⸗ mordet? nie den Fall eines Menſchen verurſacht? Der Königin Juwelenſchmuck. 8 1¹4 Adolphine. Ha, Schrecklicher! Der Mann. Wenn Sie es haben, Adolphine— wenn Sie gemordet haben— ich meine im Spiel— ſo haben Sie eine kleine Uebung darin.— Thun Sie alſo das, warum ich Sie bitte und was auch nur ein Spiel iſt.— Mein Kopf liegt jetzt in Ihrem Schvoß— ich mache mich vertraulich mit Ihrem Schvoß— ich ſtelle mir vor, es ſei mein Richtblock, mein letztes Kopfkiſſen. Mißdeuten Sie es nicht, daß ich Sie mit meinen beiden Armen halte, denn ſonſt würden Sie mir entſtiehen, das fühle ich an Ihren Nervenzuckungen, aber das möchte ich nicht— bleiben Sie— und zittern Sie nicht— ſeien Sie mein Richtblock! So— mein Hals iſt bloß!— Nehmen Sie und ſtreichen Sie mit einem Finger über den Hals. Ich will mich damit vertraut machen, wie es ſich fühlt. Seien Sie mein Scharfrichter, ich will mich mit meinen letzten Bekannten vertraut machen. Welche Zuckungen in allen Ihren Gliedern! Können Sie nicht im Spiel Scharfrichter ſein? Es iſt keine Kunſt!— Thun Sie, wie ich ſage! Thun Sie wie ich befehle!— Gehor⸗ chen Sie! Strecken Sie den Mittelfinger aus und ſtreichen Sie mir über den Hals, fallen Sie in Ohnmacht? Ma⸗ chen Sie die Augen zu, Mädchen, es thut nichts, aber ſtreichen Sie mir über den Hals. Adolphine. Ihr Donner der Nacht! Ich ſteige hier auf Donnerwolken! Brauſende Wogen umher— das ſchrecklichſte Geſpenſt habe ich in dem eignen Buſen! Auf dem eignen Schvoß— hinweg! hinweg— Der Mann. Ich laſſe Dich nicht, bis Du mir gehorchſt und mich mit Deinem Finger enthaupteſt. Ma⸗ thias ſieht mit ſeinen kupfernen Augen auf uns herab. Ich weiß nicht, ob er lächelt. 11⁵5 Siebentes Buch. Und das thateſt Du nur um meinetwil⸗ len, weil ich es ſo wünſchte? Darn muß es gewiß ſein, daß Du mich liebſt. Erſte Scene. Der Hintergrund des Theaters gegen das Delagardiſche Haus hin. Ein kleines Zimmer. Ein Jüngling und ein Mädchen. Er iſt in die weiße Muſi⸗ kantenuniform der Garde gekleivet. Sie trägt blaue lange Hoſen von Garn, zerlumpte Schnürſtiefel, einen kurzen Rock von ge⸗ ſtreifter Sackleinwand und einen Handſchuh an einer Hand; ſie legt einen Bündel zuſammen. Er. Erzürnt, wild bin ich auf Euch Alle drei, auf den Balletmeiſter am meiſten, auf die Mutter und Dich. Sie. Zeige her; wo haſt Du das—* Er. Schurke von einem Franzoſen! Haſt Du heute Abend nicht getanzt, daß ein Engel im Paradies nicht feuriger tanzen könnte, und Du warſt immer ſein Juwel und doch nicht? So wahr ich Klarinettiſt beim Ballet und bei der Garde bin. Er läßt Dich nie auf die Scene kommen. Nur Eleve! Pfui Teufel! keinen Stüber Ein⸗ kommen. Wirſt Du denn nie Actrice? Sie. Wo haſt Du denn das, was ich Dir bei der Muſikantenbank eingewickelt gab, mein Bruder? Er. Auch auf Dich bin ich erzürnt, obſchon Du mir Ehre machſt. Ach, wenn nur— nein, das kann doch nicht ſein— Aber wenn ſie doch ſo verliebt ſind? Das könnte Geld geben wie Heu. Und wie ſiehſt Du jetzt aus? wie ſiehſt Du aus, da die Theaterkleider herunter ſind und dort in dem Bündel liegen und wieder hinauf getra⸗ gen werden ſollen? Mit einem Handſchuh, ja, Du biſt eine Rare. Und wie ſiehſt Du daheim bei der Mama aus — mit Deinem Teint, Deinen merkwürdigen Augen— 8 1¹6 ja, ſtarre mich nicht damit an, ſie ſind jedenfalls größer, als die anderer Leute. Sie lönnten eine Goldgrube wer⸗ den, gewiß geht es jetzt mit dem 7ten, Sten und Hten, wie es mit dem 2ten und 3ten gegangen iſt und wie es mit dem 4ten, 5ten und 6ten ging. O es iſt ſchrecklich. Ein anderes Mal läßt Dich der Richter nicht los, das wirſt Du ſehen, aber auf eine gewiſſe Art habe ich doch Ehre von Dir. Welche— ei, ei! welche Stiefel! das kommt von den Goſſen bei Nacht her. Haſt Du kein Geld um Deine Schnürſtiefel mit ausbeſſern zu laſſen, das iſt doch verwünſcht. Sie. Imanuel, verliere das zuſammengewickelte Packet nicht, das ich Dir zum Heimtragen gab. Wie wird ſie ſich freuen! Er. Die Mutter? ja! Aber auch auf ſie bin ich zornig. Ich begreife nicht, wie das hat geſchehen können, daß ſie Dir nie einen ordentlichen Namen gab! So müſſen wir Dich hier nach den Rollen nennen, die Dich der Herr Balletmeiſter in ſeinen verwünſchten Hotentottenpantomimen ſpielen läßt. Zuras, Azuras was heißt das? Azuras Bazubi Tintomara! iſt das ein chriſtlicher Name? Heute Abend ſetzte es, glaube ich, noch einen neuen Turnros? war es nicht ſo? Sie. Ja, Tourne⸗Roſe. Ich heiße nicht erſt ſeit heute Abend ſo. Er. Das iſt unerträglich; laß uns gehen. Es iſt gewiß 2 Uhr; wir hatten heute Nacht wahrhaftig einen artigen Weg heimzuwandern. Die Regierungsſtraße hin⸗ auf bis zum neuen Weg und dann links, eine ſaubere Paſſage. Dann die Thorſtraße, bis zum Sauerbrunnen und noch einmal links, ein hübſcher Biſſen! und endlich die Baſtſtraße bis zum äußerſten Ende, und dann nach Bellevue— Hage. Sie. Du haſt doch den eingewickelten Schmuck ſorg⸗ fältig in Deine Bruſitaſche gethan? Er. Habe keine Furcht, es wäre beſſer, wir dächten an eine nähere Herberge und das könnte leicht geſchehen, 117 wenn, wenn— aber wahrlich, ich liebe Dich doch, To⸗ mara. Konm, ſetze Deinen Knabenhut auf. Es iſt nicht übel für ein Mädchen in Knabenkleidern zu gehen, wenn ſie bei Nacht ſo weit zu wandern hat Löſche das Wachs⸗ licht aus, Schweſter Mara; aber nimm es mit heim. Sie werden nicht argwohnen, daß wir die Lichterſtumpen im Tanzſaale nahmen.— So Maria— entſchuldige, ich nenne Dich noch ſo, obſchon Du in Knabenkleidern biſt. Die Herren bei der Muſik ſagen, daß man in Italien Knaben und Mädchen Maria nenne. Iß Etwas von meinem Raſpelbrod, Du haſt heute Abend nichts gegeſſen. Sie. Darf ich Deine Klarinette tragen! Er. Sehr gerne. Nein, nimm ſie nicht an den Mund, Du darfſt jetzt nicht blaſen, weder hier noch auf der Straße. Sie. Ich kann ein neues Stück, Imanuel. Er. Du ſollſt einmal mein Vikarius bei der Garde werden, aber ſchweige jetzt. Sieh nicht mit ſo glänzenden Augen auf die Klarinette, ſonſt werde ich ſelbſt traurig, armes Mädchen. Du liebſt Niemand auf der ganzen Welt als die Klarinette, glaube ich. Das iſt ſchade im 17. Jahr. Puh, jetzt iſt das Licht ausgeblaſen! Gute Nacht, Flamme. Komm. Zweite Scene. Bellevue⸗Hage. Ein kleines Haus. Cin größeres Zimmer mit niederer Decke. Hinten in einer Ecke ein zerfallenes Vwettgeſtell, und etwas Unordentliches darin. Las Mätchen ſieht ihrem Bruder Imannel nach, der in das kleinere Zimmer daneben gebt, und ſchließt die Tbure hinter ihm. Vor ibrem kleinen Wachslicht wickelt ſie vas Paket auf und fin⸗ ret mit einem fröblichen Nicken, daß Alles in Orvnung iſt. Schnell legt ſie Rock, Hoſen, Schnürſtiefel und die garſtigen Strumpfe ab— ach! ſie paßten ſo ſchlecht zu den Füßen! Emſig gebr ſie dann an ten Herd und ſetzt das Licht und eine Waſch⸗ ſwüſſel auf den Rand deſſelben. Sie waſcht ibre Füße in flinken Bewequngen; je weißer ſie werden, deſto mebr klärt ſich ihr Blick auf. Lächelnd betramtet ſie die Umiſſe ver Fuße und legt oft ihre beiten Hande daneben, um zu vergleichen, ob alle viere 18 gleich weiß ſind. Sobald ſie bemerkt, daß ſie dieß geworden ſind, geht ſie an das Bettgeſtell, kniet nieder und zieht zwiſchen den Bettfüßen einen zuſammengerollten Teppich hervor, den ſie auf⸗ wickelt und auf dem Boven längs dem Bette hin ausbreitet. Sie beginnt jetzt auch eben ſo behutſam ein Kopfkiſſen hervorzuzieben, als ſich ſchnell Etwas im Bett ſelbſt bewegt, ſo daß ſie erſchrocken mit Kopf und Hals bei Seite fährt. Klara. Du willſt Dich auf Deinen Teppich legen, aber ich ſchlafe nicht, Du brauchſt nicht ſo ſtill zu ſein. Sie. Biſt Du wach, Mutter? jetzt wollen wir vergnügt ſein. Klara. Vergnügt? Ich werde wohl heute Nacht nicht mehr ſchlafen, als heute den Tag über. Du ſuchſt meine kranke Hand, wie ich ſehe; ſie liegt dort im Loch der Decke Es iſt dort etwas Baumwolle, die weich und warm gibt, darum will ich die Hand nicht aus dem Loche thun. Küſſe mich dafür auf den Mund, doch ich kann den Kopf nicht aufheben; übrigens empfinde ich keine Zuckungen mehr im Körper. Sie. Ich habe Etwas bei mir, das Du gewiß gern ſehen willſt. Klara. Ach biſt Du jetzt Actrice? Sie. Nein. Klara. Wirſt Du es nie werden? Haſt Du heute Abend geſpielt? Sie. Zum letzten Mal. Klara. Wie? was iſt geſchehen? Arme Eleve, biſt Du verabſchiedet? Sie. Der König iſt erſchoſſen, die Oper geſchloſſen. Klara. Der Konig! halte mich an der Schulter, Mädchen, halte gut; wenn der Krampf anfängt, ſo werde ich wie ein Bogen aus dem Bette ſchnellen. Ach! wann denn? wann? wann? Sie. Heute Nacht um 12 Uhr. Klara. Das war ein luſtiger Blitz, mein Kind! O mein Kind, jetzt iſt Deines Vaters Sohn König. Sie. Oben war ich auch und nahm mit mir, was Du wollteſt. 1¹9 Klara. Wie? was haſt Du genommen? Sie. Sieh, hier die Juwelen, es iſt der Schmuck. Klara. Gott! Du warſt auf dem Schloſſe bei dem 13jährigen Knaben? Gott, laß mich leben und noch nicht ſterben. Jetzt wird es eine andere Zeit für uns werden. Du wirſt nicht mehr lange Eleve ſein. Jetzt iſt der König, welcher der Sohn deſſen iſt, der, ſo viel ich weiß, Dein Vater iſt. Du wirſt nicht mehr ſpielen, nicht mehr agiren, Du wirſt Etwas werden— Jeſus, Jeſus Chriſtus! Wie haſt Du gewagt, dieſes Juwelendiadem zu nehmen? Sie. Du wollteſt es ſehen, Mutter. Klara. Ich wollte— Sie. Jetzt ſollſt Du nicht mehr ſagen, daß Du betrübt ſeiſt und zweifleſt, ob ich bei ihm geweſen bin. Biſt Du nicht fröhlich? Klara. Welch' ein Glanz! welch' ein unermeßlicher Glanz! 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15 Steine, Saphire und Smaragden, aber meiſtens Diamanten und einen großen, großen Rubin in der Mitte So, hier muß der Haarſchmuck ſitzen. Neige Deine Stirne her— ei, um's Himmelswillen, wie ſchön Du biſt, Mädchen! Die Kronjuwelen in dem Haar. Ja, ſo ſoll es ſein. Ach, in des Herren Namen, welch' ein Geſicht! Sie. Richte Dich nicht auf, ich möchte, daß Du ſo gut ſchlafen könnteſt. Ich möchte, daß Du heute Abend heiter und vergnügt werden ſollteſt. Klara. Mich nicht aufrichten? jetzt nicht aufrich⸗ ten? Siehſt Du, ich kann ja hüpfen. Stehe ich nicht aufrecht. Ich bin ja auch einmal in einer Pantomime geſprungen. O ich bin nicht ſchwach, wenn es eine Freude des Himmels gilt. Sei nicht erſchrocken! Ich erkälte mich nicht; ich bin ſo warm, ſo ſelig! Haſt Du denn nichts mehr an, Mädchen? Haſt Du Dich ſchon entklei⸗ det? ſchon ganz?— Aber wie, wie, wie konnteſt Du Dich unterſtehen und ſo ſchrecklich, ſchrecklich unvorſichtig ſein, und die Kronjuwelen aus dem königlichen Schloſſe forttragen? 120 Sie. Du wellteſt ſie ſehen, ich wollte Dir eine Freude machen. Klara. Einen Spiegel, einen Spiegel! O daß ich keinen Spiegel mehr habe. Ich war ja doch bei der Oper, und jetzt habe ich nicht einmal einen Spiegel in meiner großen Krankheit. Glaube aber, was ich ſage; glaube mir auf mein Wort. Ich brauche Dir nicht zu zeigen, wie Du im Spiegel ausſiehſt. Ich werde es Dir ſagen. Ja, Du biſt ſchön! Sie. Jetzt bin ich froh. Klara. Nicht nur um meinetwillen darfſt Du froh ſein, ſondern auch um Deiner ſelbſt willen. Sage mir doch, wie ſieht der Knabe aus, er hat wohl— Sie. Große Augen, aber einen dummen Blick. Klara. Aha! nun, nun, er hatte eine andere Mutter. Es hilft Einen nicht immer etwas, eine vor⸗ nehme Frau zu ſein, nicht einmal, wenn man vorneh⸗ mer als die vornehmſten iſt. Nun, er iſt erſt 13 Jahre alt; er wird am erſten November 14; er wird ſich ma⸗ chen. Was für ein Gemüth hat er? Sie. Ein gutes. Klara Wie wirſt Du oben genannt? Sie. Wie es ihnen eben einfällt; am meiſten ſagen ſie Tintomara, à Tournerose. Klara. Aber wie haſt Du hinein kommen können? Sie. Ich habe Schlüſſel, und weiß die Gänge. Klara. Aber doch— wenn Du Zutritt zu ſolcken Bekannten haſt, warum— doch es iſt und ſoll ſo ſein! Warum Dir nicht Etwas verſchaffen— warum nicht es bitten, auswirken, ferdern, was Dir ſo leicht wäre. Sie Geld? Klara. Ja, Geld. Sie. Wozu. Ich gehe in irgend einem Opern⸗ coſtüme hin und ſehe dort immer gut aus. Klara. Haſt Du dem Knaben geſagt, wer Du biſt? Sie. Hm! Klara. Arme Eleve, Du haſt es nicht geſagt. 121 Du wußteſt es ſelbſt nicht. Wurde er nicht lebhafter, wenn Du ihn anſahſt? Sie. Hm! Klara. Ja, ja! Du aber werde darum nicht trotzig, Mädchen. Ah ſeht doch, welch' ein Mund, welch' eine feine Naſe! Aber werde nicht hochmüthig, das taugt nichts, gar nichts. Du ſollteſt mich geſehen haben, als ich auf die Bühne kam und Actrice wurde, dort, wo Du noch nicht hingekommen biſt. Du ſollteſt mich geſehen haben, es iſt ſchade, daß Du damals nicht lebteſt, da würdeſt Du Etwas geſehen haben. Das Publikum würde uns Beide verglichen haben, und es iſt ungewiß, wer den Preiß davon getragen hätte. Ich muß Dir ſagen, ich war ſo ſchön, daß es mein Unglück wurde. Denn ich war ſchöner als Mamſell Stading ſelbſt, und das war mein Unglück. Sie nannten mich damals Mamſell Klara. Jo, ich erinnere mich eines Menſchen, der Klarina ſagte, und eines andern der Klarinetta ſagte, aber das iſt vor⸗ vei—— nein! ach nein! laß den Haarſchmuck auf Dei⸗ ner Stirne. Nium ihn nicht ab; er ſteht Dir ſo gut, ſo recht, ſo ordentlich. Armer Schmuck, man wird keine Stanze mehr auf Dich machen.— Aber was, was ums Himmels willen! Das haſt Du vom Schleſſe genommen? Jeſus, Du weißt nicht, Du begreiſſt nicht, was es heiſ⸗ ſen will, des Königs Gold und Saphire zu nehmen, und das thateſt Du nur um meinetwillen, mein ſußes Auge? weil ich es wünſchte, mein Mädchen, mein liebes Kind. Ja, Du mußt mich gern haben! Sie. Ich liebe Dich, Mutter. Klara. Ich weiß, daß ich allein in Deinem Her⸗ zen bin und Niemand ſonſt dort iſt. Sonderbares Mäd⸗ chen! Das Niemand liebt— und Du biſt ſo reizend! Wie würdeſt Du Einen froh machen, wenn Du Einen liebteſt. Mit dieſen ſonderbaren Blicken könnteſt Du Man⸗ chen des Paradieſes theilhaftig machen, und Du könnteſt viel dafür bekommen, und reich und prächtig werden. Sage mir, ſchöne Wolke, wirſt Du ohne allen Regen 3 122 über den Himmel hingehen? Wirſt Du keinen Thau, keine Perle auf Erden hinter Dir laſſen? Ich war klüger als Du; ich wollte nicht, daß meine Schönheit welken und verſchwinden ſollte. Ich gebar Dich, um Etwas nach mir zu haben, ſiehſt Du. Du biſt auf's Neue ich ſelbſt, und auf dieſe Weiſe bin ich jetzt noch in meiner Blüthe da; ſo muß man es machen. Sei nur nicht vermeſſen, darum bitte ich Dich; denn in Dir iſt kein Funke, der nicht ich ſelbſt, gerade ich wäre. Ja, ſieh mich an mit den großen Augen, das magſt Du immerhin. Dieſe Au⸗ gen, meine Liebe, habe ich in mir gehabt. Sei nicht ſtörriſch. O, welche Locken! welche Bruſt! welcher Leib — Gott ſei Dank, ich verſtand meine Sache nicht ſchlecht. Du Blüthe aus meinen früheren Blüthen! daß ich Dich liebe, iſt nicht zu verwundern, aber ſage mir, wie kannſt Du mich lieben? Das iſt nicht möglich. Sie. Ich erinnere mich, wie Du mich wiegteſt und ſo oft Zeichen in der Luft über meiner Stirne machteſt, daß ich gut ſchlafen ſollte. Ich liebe Dich, meine Mutter. ara. Ja, ja, wie ich ſage, ganz wie ich ſage. Es iſt nichts Anderes, als ich ſelbſt. Dein Buſen iſt aus meinem Buſen gewachſen, Dein friſcher Augenglanz hat ſich in meinen gebrochenen, eingefallenen Augen ent⸗ zündet. Es geht mit mir herum, wenn ich an all' das denke— glaube mir nur, ich habe Alles ſo ſchön, ganz ſo ſchön gehabt, wie Du es jetzt haſt. Sie. Darf ich nicht den Juwelſchmuck abnehmen und ihn Dir aufſetzen, dann legſt Du Dich damit nieder und ſchläfſt um ſo beſſer. Klara. Ich ſchlafe nicht. Im Himmel ſchläft man nicht und in der Hölle ſchläft man auch nicht. Ich bin entweder im Himmel oder in der Hölle. O wäre ich nur in meinem Bette und dürfte ſchlafen! Sie. Du ſollſt ſchlafen, ich habe Etwas bei mir. Klara. Was? Sie. Lege Dich erſt nieder. Klara. So? ich glaube Du willſt regieren und „— —.—— — 123 befehlen, Du? Das iſt ziemlich gewaltthätig von einer Närrin, die nicht mehr als Eleve iſt. So, ich liege jett— danke— danke— die Kiſſen— ſo, ſo— danke Mädchen— ach Du haſt weiche, weiche Hände. Mache die Decke zurecht. Danke, ſüßes Herz— aber Gott! was haſt Du da? Sie. Wein für Dich. Klara. Ah, das iſt ſchön! Haut— brion? Mal- voisir? Was für eine Sorte? Du darfſt mir glauben, ich habe auch einmal jeden Abend im Foyer getrunken. Ach das iſt entſetzlich viele Jahre her. Wie heißt die Sorte? Sie. Ich weiß es nicht; es iſt ein rother Wein. Klara. Bourgogne. Gott ſey Dank, daß Du anfängſt Geld von ihm heraus zu kriegen. Etwas muß doch eine Eleve haben. Jetzt kaufen wir uns Wein, das ſchmeckt gut. Bringe dort unſer anderes Glas her. Du ſollſt mit trinken; wie viel haſt Du bekommen? Sie. Geld? Klara. Ja. Sie. Nichts. Klara. So! Wie bekommt man denn gegenwärtig den Wein? Sie. Ich nahm die Flaſche von einem Tiſche weg. Klara. Wie? was? Du nahmſt? Sie. Ja. Klara. Pfui! Großer Gott, mein Kind nimmt! Ha das kommt mir wieder zurück, ich erinnere mich wie⸗ der der ſchrecklichen der großen Vergangenheit. Pfuil man darf nicht nehmen, Mädchen, das haſt Du doch wohl gehört? Sie. Du brauchteſt Wein. Schlaf' jetzt wohl, ich werde das Zeichen in der Luft über Dir machen, wie Du es über mir in meiner Wiege machteſt. Klara. Ich fühle, daß es wirkt. Ich muß Dir ſagen, ich bin es nicht gewöhnt. Sie. Trinke etwas mehr. 124 Klara. Genommen? genommen? Den Schmuck nahmſt Du auch. Den mußt Du morgen gleich wieder zu Hofe tragen, ſo bald Du kannſt. Unterſtehe Dich nur nicht zu zaudern? das iſt mein ſtrenger Befehl. Sie. Wenn Du ſo willſt. Klara. Die Krondiamanten ſtehlen! Gott ſei uns gnädig, das geht an's Leben. Danke, Dank euch, ihr weichen Finger. So, Du legteſt meine Hand wieder in den Watt. Danke, meine Liebe; danfe, mein kleiner Tintv. Die Decke iſt allerdings lumpig; aber es iſt weich und warm in der Watteöffnung hier; das habe ich gern. Hörſt Du hörſt wohl? Ganz zeitig morgen früh! Daß Du Dich ja nichts Anderes unterſtehſt. Sie. Nein. Klara. Aber heute Nacht, Mädchen, behalte den Schmuck auf der Stirne und ſchlafe heute Nacht mit Deiner Zierde. O mein Mädchen, Dein Bett iſt klein; Dein Teppich iſt nichts beſonders, ſtatt der Decke haſt Du nichts, glaube ich. So ſei hübſch ordentlich mit Deinem Schmuck—— Es iſt merkwürdig mit Dir. Du nimmſt oft Sachen weg. Nimm Dich wohl in Acht. Bringſt Du nicht Geflügel nach Hauſe und Löffel, um damit zu eſſen? Das geht nicht an; und daß ich es brauche und haben möchte, iſt kein Grund. Radischen und Levkoyen, das will b. — weniger ſagen, davon ſpreche ich auch nicht, ſo wenig als von den Narziſſen aus den Gärten; aber Löffel, Zwirnknäul, Dockenſeide und Nähnadeln, nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht— Ach meine Augenlider, die Augenlider, die Augen⸗ lider! Alles geht herum— Höret mich ihr im Himmel, ich bin Klara, meine Tochter verſteht nichts von den Ge⸗„ boten! Verzeiht ihr, verzeiht ihr! Es iſt nicht ihr Fehler, ſie hat nichts davon geſehen und nichts davon gehört; ſie erhielt ja keine— das ſiebente Gebot, großer Gott! ver⸗ zeih ihr! Vom erſten, zweiten und dritten Gebot weiß ſie nichts, aber im ſechsten Gebot iſt ſie Dir treu und lügen thut ſie nie. Das vierte Gebot iſt in ihre Bruſt einge⸗ wachſen, das weiß ich am beſten. Das fünfte— ach! ich — 5 5 ——— . 125 fann nicht mehr. Ich kann nicht ſprechen, mir iſt ſo wohl, es iſt ſo lange her, daß ich den Schlummer nicht mehr fühlte, den ſchönen Schlummer. Lege Dich eben⸗ falls nieder, arme Tinto und ſchlafe auch. Man träumt wenigſtens, doch lege Dich. Ich ſchlummere ſchon. Das Auge zu, ich träume jetzt.— Dritte Scene. Der große Markt, Benjamin Iſaak, Cohens Haus. Efraim. Rabbi! ich höre das Zeichen am Laden. Benjamin. Laß den Pfeifer in das Schlafzimmer. Imanuel tritt ein. Sage dem da, daß er hinaus gehe. Benjamin. Geh, Efraim; aber ſchließe unſere Kammerthüre gut.— Der junge Herr hat auf ſich warten laſſen. Es iſt 4 Uhr Nachts. Imanuel. Die Nacht war ſehr böſe, Hr. Benja⸗ min Cohen. Benjamin. Nun, hat man das Ding? Imanuel. Sehen Sie her. Es ſind 15 Steine, alle hell und ſehr groß. Nun, ich denke, es iſt das, wovon wir ſprachen. Benjamin. Himmel und Erde! Du biſt ein geſchickter junger Mann. Ja, ja— aber iſt es denn auch das rechte? kommt es vom Hofe? Unmöglich! Imanuel. Rechnen Sie, meſſen ſie, probiren Sie. Da ſteht ja Ihr Schreibtiſch offen mit allen Gewichten und Prüfſteinen, fangen Sie an; aber machen Sie ſchnell. Benjamin. Wahrhaftig! ein Paar Saphire, ein Paar Smaragde. Sonſt aber lauter große herrliche Dia⸗ manten und in der Mitte ein unſchätzbarer Rubin! Imanuel. Geben Sie mir jetzt— Benjamin. Wahrhaftig— der Juwelenſchmuck Ihrer Majeſtät der Königin Wittwe oder wie man ſagt das Haar⸗Diadem; als väterliches Erbtheil an Seine kè⸗ nigliche Hoheit den Kronprinzen Guſtav Adolph geſchenkt und in der rothen Saffianſchatulle Seiner königl. Hoheit verwahrt, ſo oft es nicht gebraucht wird. Imanuel. Ja, gewiß; ſo iſt es beſtimmt. Benjamin. Ich erkenne es wieder ganz gut. Ich habe die Einfaſſung um den fünften Juwel gemacht. Imanuel. Darum und deßwegen geben Sie mir meine 100 Platten*), gegen welche Summe Hr. Benja⸗ min Cohen den Diamantenſchmuck einen Monat lang geliehen haben darf, wie zwiſchen uns ausgemacht wurde. Benjamin. Ja, Du darfſt alſo hier ruhen, Du unvergleichliche Schönheit.(Er ſchließt das Diadem ein) Junger Mann, Du warſt geſchickt, das heißt Du warſt nicht ungeſchickt. Imanuel. Es iſt ſpät; eilen Sie ſich, Hr Cohen. Benjamin. Jungen Leuten preſſirt es, wie mir ſcheint, ſehr zu hängen. Imanuel. Hängen, Herr? Wenn mich Hr. Ben⸗ jamin um meine 100 Platten prellen will, ſo ſage er es õ nur ſchnell. Benjamin. Geld ſollſt Du haben, aber ich kann nicht begreifen, wie Du die Geſchicklichkeit haben konnteſt, die Juwelen in meine Hände zu bringen. Wie iſt die Sache zugegangen? Imanuel. Zugegangen, Herr? Wir haben ja ſchon früher darüber geſpochen, wie der Schmuck herbeigeſchafft werden ſollte. Benjamin. Ja, ja, wie wir es uns erdachten: nemlich, daß Du die Thorheit Deiner Mutter, welche einen derartigen Beweis von dem wirklichen Aufenthalt Deiner Schweſter bei Hof verlangte, noch mehr aufreizen und eben ſo Deine unvergleichliche Schweſter dazu antreiben ſollteſt, ihn heimzuſchaffen Ja, das war allerdings der Plan; aber der Erfolg? Wie konnte eine ſo köſtliche Thorheit gelingen? Weißt Du gewiß, Pfeifer— denn *) Eine Münze im Werth von 16 Schilling. 127 Krongold ſtehlen koſtet, ſo viel ich weiß, den Hals. Biſt Du gewiß, daß Niemand ſie ſah, als ſie oben war und ſtahl. Imanuel. Stahl, mein Herr? Pfui Teufel, Herr! ſie nahm das Kleinod mit heim, um ihrer Mutter auf einen Tag eine Augenweide zu bereiten, und da nur von einem Monat zwiſchen mir und dem Herrn die Rede war, ſo hielt ich es für keine Sünde, die Sache zu ſchüren. Sie würde es doch noch zeitig genug heimbringen, dachte ich Meine Mutter und meine Schweſter waren allerdings thöricht, aber ich war der Thörichſte Benjamin. Du warſt der Geſchickteſte. Imanuel. Dann würde ich nicht mit leeren Händen hier ſtehen, und Herr Cohen die Steine zwiſchen ſeinen langen krummen, dürren, weißen, verfluchten, häßlichen Fingern haben— Benjamin. Du biſt, ſcheint es mir, ein ungeſchickter Menſch. Du ſprichſt abſcheulich, Burſche, ich muß Dir ſagen— Himmel und Erde! ja Du, und kein Anderer hat den Diamantenſchmuck geſtohlen. Imanuel. Ich, geſtohlen, Herr? Benjamin. Und Dich geht die Galgenfrage an und keinen Andern. Imanuel. Die Galgenfrage? Benjamin. Ja, wahrhaſtig. Tomara hat es nur genommen, um es, wie es mir ſcheint, wieder zurück zu bringen, und ich habe es, meiner Anſicht nach, nur empfangen, um es zu kaufen; aber Du, ja ſieh mich nur an, Du haſt geſtohlen. Imanuel. Pfui! Benjamin. Nun, was iſt's? gab Dir Deine Schweſter die Juwelen, um ſie zu verkaufen? Imanuel. Verkaufen? Wer ſpricht vom Ver⸗ kaufen? Der Herr hat mich nur gebeten, ihm den großen Dienſt zu thun und den unſchätzbaren Schmuck der Kö⸗ nigin in die Hände des Herrn zu ſchaffen, um ihn einen Monat lang, ich glaube zum Nachmachen oder zu was weiß ich, bei ſich zu behalten. Dagegen ſollte ich hundert 128 Platten bekommen, die ich auch jetzt gleich haben will. Wie unterſteht ſich alſo der Herr von einem Kauf zu ſprechen? Benjamin. Das werden wir ſehen. Ich ſage noch einmal, und präg es Dir wohl ein, Du biſt der Dieb, der hängen wird und Niemand anders Deine Schweſter iſt zwar auch eine Art Diebin, aber— oder antworte mir, gab ſie Dir den Schmuck, um ihn mir zu überliefern? Imanuel. Nein, Herr Cohen. Benjamin. Gab ihn Deine Mutter Dir? Imanuel. Ach nein, Herr Benjamin Cohen. Benjamin. Nun, wer ſtahl alſo? wer iſt hän⸗ genswerth? Imanuel. O kleine Lazuli! warum ſchlieſſt Du ſo feſt, als ich mich aus meiner Kammer zu euch hinein⸗ ſchlich? Warum träumteſt Du nicht von einem Dieb, als ich auf den Zehen zu Deinem Kopfe hintrat und den Schmuck ſo leis aus Deinen Locken löste. Das Herz flopfte mir in der Bruſt. Das bedeutete, daß es mir Ar⸗ men hier ſo gehen ſollte. Hätte dieſer Judenhund eine Seele, es würde ihn rühren— hätteſt Du den dünnen Teppich auf dem Boden geſehen, Jude, und das ſchlafende Mädchen darauf, das nichts Böſes gethan hat, das keine Decke, ſondern nur einen Rock über ſich hatte, um ſich zu wärmen— ein Anblick, bei dem ſechs Herrn und noch ſechs von Sinnen gekommen wären— doch Dich, Dich rührt nichts!— und ihren Kopf auf dem Kiſſen der, ehe ich kam der reichſte in Stockholm, und als ich ging, wieder der ärmſte war— da würde Herr Benjamin Mitleiden mit mir haben und einſehen, was ich in dieſem Augen⸗ blicke wegen der That in meiner Bruſt empfinde. Doch es. ſoll Niemand ſagen, daß ich ſchöne Worte an Dich verſchwendet habe, Du Hund. Ja, erbleiche, erbleiche! obſchon ich bei der Muſik bin, habe ich einen Säbel, einen kleinen aber ſpitzigen und ſehr ſcharfen Säbel. Siehſt Du die Spitze? halla, Kanaille, gib mir meine 100 Platten! 125 Benjamin. Oder den Tod? Iſt es nicht ſo?(Er zog plötzlich eine Piſtole aus ſeinem Pult und hielt ſie dem Klarinettiſten entgegen). Da ſieh den Freund hier, den habe ich bei dergleichen Gelegenheiten ſtets bei der Hand. Nun ſprich, junger Mann, ſoll ich Dich er⸗ ſchießen? Imanuel. Nein, Sie ſchießen nicht, Sie ſchießen nicht, Herr, denn Sie wiſſen, daß ich Recht habe und Sie Unrecht haben. Benjamin. Schieße ich nicht? Imanuel. Nein, Sie haben Achtung vor Chri⸗ ſtenblut. Benjamin. O ja, wenn Du nicht ſtichſt, ſo ſchieß ich nicht. Imanuel. Aber ich will Ihnen ſagen, was ich thue. Werden Sie nicht von allen andern Juden, der weiße Jude genannt, denn Ihre Glaubensverwandten kön⸗ nen Sie nicht leiden, weil Sie ſich ſo tief in chriſtliche Angelegenheiten gemiſcht haben. Ihre Haut iſt in der That auch nicht ſo braun, wie die der andern. Aber von den Chriſten werden Sie der ſchöne Jude genannt, denn Ihr Geſicht, Herr Cohen, iſt nicht gemein häßlich.— Benjamin. So ſagt man, wie mir ſcheint. Imanuel. Nein, nicht ſo häßlich wie Ihre gemei⸗ nen, dürren, gelben Finger. Aber ſo lieblich Sie auch im Geſicht ſind, ſo werde ich doch ganz Stockholm er⸗ zählen, was Sie für ein Menſch unter der Haut ſind, und daß Ihre Glaubensgenoſſen, eben die Juden, Recht haben, wenn ſie Ihrer ſpotten. Und ich werde erzählen, daß Sie eine verborgene Piſtole im Schreibpulte haben, S Sie den armen Leuten drohen, die auf Pfänder eihen. Benjamin. Du wirſt das erzählen? Du biſt noch nicht mit dem Leben davon gekommen. Imanuel. Ich thue noch weit mehr, als das. Sie gehen zwar nicht wie andere Ungläubige in ihre Syna⸗ goge am deutſchen Brunnen, aber Sie gehen doch aus. Der Königin Juwelenſchmuck, 9 130 Nehmen Sie ſich in Acht, nehmen Sie ſich in Acht, Herr Benjamin Cohen! Ich habe einen Freund in der Kaſerne, der auch eine Piſtole hat. Seien Sie an keinem Hauſe der Kimſtuſtraße ſicher. Wenn Sie auf der Schwarz⸗ mannſtraße, der Scheerenhofſtraße, der Kaufmannſtraße gehen, ſo nehmen Sie ſich in Acht? Ja, gehen Sie nie nach der Wollmarykullſtraße, gehen Sie nie auf das dor⸗ tige Kaffeehaus, Herr Iſaak Spitzbube, verſtehen Sie mich? So wahr ich Klarinette blaſe, Sie ſollen eine Ku⸗ gel im Leib haben; denn jetzt weiß ich, daß ſo etwas ſich thun läßt. Beſſere Leute als Sie haben heute Nacht eine Kugel bekommen. Benjamin. Beſſere Leute als—7 Heute Nacht, eine Kugel? Imanuel. Ja wohl, Herr, wechſeln Sie nur die Farbe, werden Sie blaß, Sie werden immer ſchöner! Benjamin. Höre, junger Mann, ſei geſchickter, und ſage Alles ordentlicher. Beſſere Leute eine Kugel— 2 Sn Nünit Du damit, was verſtehſt Du unter beſſere eute? Imanuel. Beſſere Leute als Sie? Ja beſinnen Sie ſich einmal, denken Sie einmal darüber nach, ob es ſolche gibt. Benjamin. Ich weiß nicht. Wie mir ſcheint, wird das ſchwer zu finden ſein. Höre, Mann, ich muß lachen. Wir verplaudern da die Zeit und Du wirſt doch Deine 100 Platten bekommen(er zählt bei ſich ſelbſt 50 Platten auf und thut ſie in einen Beutel). Sieh da, Pfeifer; nimm das Geld und ſei wieder fröhlich und gu⸗ ter Dinge. Imanuel. Ich danke, Herr Cohen, jetzt iſt Alles wieder gut. Benjamin. Nun können wir von andern Dingen ſprechen. Du haſt meinen Rath ſowohl in frühern Zei⸗ ten, als da ich Dir die Gedanken mit dieſem Schmucke eingab, mit Vergnügen und Achtung gehört. Ich muß auch geſtehen, Du warſt in der Ausführung ſehr geſchickt 131 und würdeſt Dich noch mehr darüber freuen, wenn Du wüßteſt, welche ſchöne und vornehme Hände auf die Ju⸗ welen hier warten. Doch das kann ich Dir nicht an⸗ vertrauen, bis ich Dich geprüft habe. Davon ein ander Mal. Du haſt heute Nacht einen langen Weg gemacht, bis vom Belle vue her. Höre, Mann, war Einer von Schröderheims Leuten draußen? Nein, ſiehſt Du, Du darſſt nicht ohne einen Schnaps und einen Biſſen fort⸗ ehen. Imanuel. Es iſt ſpät. Gute Nacht, Herr Ben⸗ amin. Benjamin. Ziehſt Du vielleicht ein Glas Wein vor? Als Muſikliebhaber wirſt Du Dich auf Zuckerbrod verſtehen. Tunk ein! Imanuel. Ich danke. Benjamin. Bleibe da, es iſt gefährlich. Heute Nacht erſchießt man ja die Leute, wie Du ſagſt. Imanuel. Es hat keine Gefahr für mich und Sie, Herr. Heute Nacht werden nur Könige erſchoſſen. Benjamin. Himmel und Erde! Iſt König Guſtav erſchoſſen 2 Imanuel. Ha, ich glaube, das freut Herrn Co⸗ hen. Der Herr machte ja einen entſetzlichen Satz rück⸗ wärts. Benjamin. Ich? mich freuen? Einfältiger Menſch! Wenn der Regent eines ganzen Reiches erſchoſ⸗ ſen wird, ſo iſt es, als ob jeder Unterthan einen Schuß bekäme. Imanuel. Auch flog der Herr hoch in die Luft. Doch haben Sie keine Angſt, Herr Benjamin Iſaak. Seine Majeſtät lebt, das hoͤrte ich von Einem, der mit Remy ſprach. Benjamin. Seine Majeſtät— lebt? Er— lebt! Er— lebt! Imanuel. Herr Cohen wird ganz verdammt weiß und immer ſchöner. Wenn aber der Herr noch bläſſer wird, ſo wird er häßlich. Setzen Sie ich jmmerhin in 13³2 den Lehnſtuhl, Herr, Sie ſind ja hier zu Hauſe. Sie könnten mich aber auch zum Sitzen einladen. Benjamin. Setze Dich junger Muſikfreund, aber ſprich keine Thorheiten. Wahrhaftig, ich bin ſehr müde, es iſt zu ſonderbar, daß ich gegenwärtig keinen guten Schlaf habe; meine Geſundheit iſt ſeit einiger Zeit hin. Imanuel. Mit mir iſt es merkwürdig, ich habe einen vortrefflichen Schlaf. Benjamin. Früher habe ich vorzüglich geſchlafen. Ich erinnere mich der Zeit, wo ich alle Tage 17 Stun⸗ den ſchlief. Das ſtärkte mich. Imanuel Ich erinnere mich, wo ich 28 Stun⸗ den im Tage ſchlief. Benjamin. Das iſt viel. Doch ſchwatzen wir nicht weiter. Es iſt natürlich, daß ich von ſo vielen Nachtwachen müde ſein muß und anders iſt es nichts. Da es einmal ſo iſt, ſo wollen wir einander mit Erzäh⸗ len und Sprechen unterhalten. Ein höchſt merkwürdiges Ereigniß mein Freund! Du haſt gewiß heute Abend in der Oper geſpielt? Erzähle mir den Verlauf der Sache. Imanuel. Wenn das den Herrn unterhält. Im⸗ merhin: Ja wohl war es ein höchſt unglücklicher Schuß. Ich ſpielte den ganzen Abend über und die Nacht hin⸗ durch zum Tanz bis vor einigen Stunden. Benjamin. Und Du hörteſt und ſahſt? Imanuel. Alles. Benjamin. Sah man, wer den König erſchoß? Imanuel. Das weiß der Teufel. Benjamin. Auf welche Weiſe fiel Seine Majeſtät? Imanuel. Der Teufel weiß es. Benjamin. Es iſt traurig, aber nützlich für einen Unterthanen, zu wiſſen, wo, ich meine an welcher Stelle der Regent den Schuß bekam? Imanuel. Ei der Teufel! Benjamin. Nur um zu wiſſen, ob eine Heilung möglich iſt. Aber Du ſagteſt ja, Seine Majeſtät lebe? Imanuel. Wenigſtens iſt er nicht todt. 133 Benjamin. Nun, ſo ſprich, wie ſah denn die ganze Sache aus? Imanuel. Das mag der Teufel wiſſen. Benjamin. Biſt Du beſeſſen? Haſt Du Dich dem Teufel verſchrieben, wie die Chriſten ſagen. Du ſagteſt ja, daß Du Alles geſehen habeſt; was ſahſt Du denn? Imanuel. Ich ſah blos auf Die, welche in der Tanzſchule der Eleven und im Magazin, wie ihr Tanz⸗ zimmer heißt, nach meiner Pfeife tanzten. Benjamin. Aber ſie ſollten ja den König im großen Redoutenſaal erſchießen, wo der Maskenball ge⸗ halten wird? Imanuel. Ei! woher weiß denn das Herr Cohen? Benjamin. Pah!(für ſich.) Das ändert die Sache, das ändert Alles, das ändert verflucht viel, wie die Chri⸗ ſten ſagen. Auf dem Flecke todt, da wären ſie gleich auf der Krone des Baumes, im Wipfel geweſen, aber ſo— das greift in die Zügel— er lebt— da wird es Ge⸗ fahren, Verhöre abſetzen— ſie müſſen fort, Hals über Kopf— ſie müſſen gewarnt werden.(laut.) Um welche Zeit geſchah es? Imanuel. Das Ding? Das den Herrn ſo freute? Benjamin. Einfältiger Klarinettiſt, ich meine, um welche Zeit jener ſo höchſt unglückliche Schuß auf Seine Königl. Majeſtät abgefeuert wurde? Imanuel. Gegen 12 Uhr hieß es. Benjamin. Und jetzt iſt es über vier. Die Zeit iſt hochſt koſtbar. Junger Mann, Du haſt Dich in einer Sache ſehr geſchickt gezeigt, wie mir ſcheint; willſt Du ein dringendes Geſchäft beſorgen und ein ſchönes Geld dabei verdienen und zwar gleich in dieſer Stunde? Imanuel. Geld um dieſe Stunde, Herr? Ja, ge⸗ wiß will ich das. Benjamin. Nein, ein Geſchäſt um dieſe Stunde beſorgen. Kennſt Du die Barone Bjelke oder Thure? Imanuel. Nein, Herr Benjamin. Benjamin, Kennſt Du den Rathöherrn Alegren. 134 Imanuel. Nein, Herr Iſaak. Benjamin. Kennſt Du den Vicenotar beim Stadt⸗ gericht, den Kanzliſten Gerhard Friedrich Enhörning. Imanuel. Nein, mein Herr Cohen. Benjamin. Du biſt zu nichts tauglich. Geh Deiner Wege! Aber höre Mann, Du kennſt vielleicht Einen, der dieſe Herren kennt. Imanuel. Keinen. Benjamin. Verdammt! muß ich denn ſelbſt in der kalten Nacht hinaus! Wie es bläst, aber gewarnt muß Bjelke werden, wo iſt mein Stock? Imanuel. Meint Herr Cohen den Enhörning, der königl. Sekretär iſt? Benjamin. Ja wohl, den königlichen Sekretär Enhörning. 1 Imanuel. Den ſah ich heute Abend im Opern⸗ eller. Benjamin. Gott ſei Dank, ſahſt Du das gewiß? Dann kennt Enhörning das königl. Unglück und hat Bjelke und Alegren bereits gewarnt. Imanuel. Das glaub ich wahrhaftig nicht. Benjamin. Wie ſo, Pfeifer? Imanuel. Nun, Enhörning trank ja im Opern⸗ keller. Benjamin. Enhörning trinkt nicht zu viel, wenn es Kugeln ſetzt. Imanuel. Wünſcht Herr Benjamin Iſaak, daß ich den königl. Sekretär daheim aufſuche und ihn warne? Was bekomm ich für die Mühe. Benjamin. Es bedarf deſſen nicht. Auch weißt Du ja nicht, wo er wohnt. Du kennſt ihn ja nicht, wie Du ſagteſt. Imanuel. Ich kenne Enhörning eben nicht als einen Mann von Wort, oder ſonſt als einen prächtigen Mann, doch weiß ich ſehr gut, wo er wohnt. Benjamin. Du lügſt, er iſt ein vorzüglicher 135 Mann, das weiß ich am beſten. Ich habe Goldſachen von ihm hier. IJmanuel. Die würde Herr Cohen wohl nicht hier aben, wenn Herr Enhörning ein Mann von Wort wäre, oder vielleicht hat er bei Herr Cohen ein Anlehen gemacht, um Herrn Alegren etwas zu leihen und Herr Alegren hat das Geld nicht zurückgezahlt. Iſt es ſo, oder nicht — doch der Henker hole Sie! Soll ich alſo zu Baron Bjelke gehen und ihn warnen, was bekomm ich davor2 Benjamin. Es bedarf deſſen nicht, ſage ich. Sie haben ihm gewiß ſchon gemeldet, daß der König lebt. Es war ſehr gut, daß Enhörning auf dem Keller war. Er iſt gewiß ſchon zu dem Baron gegangen. Imanuel. Unmöglich, es bläst draußen und iſt ſo finſter, daß kein honetter Menſch herum gehen kann. Benjamin. Du biſt mir ein Quälgeiſt— ein— Du kennſt ja Baron Bjelke nicht, wie kannſt Du dann zu ihm gehen? Imanuel. Der Baron Thure Bjelke, der bei Smitterlöwe auf der Königinſtraße wohnt? ja. Benjamin. Smitterlöwe? Du Teufelsbeſtie, wie man zu ſagen pflegt, Du weißt ja auf einmal recht viel. Doch was willſt Du bei dem Baron thun, das möcht ich wiſſen? Imanuel. Bei dem Baron? Ich ſollte ihn ja vor dem warnen, was Herr Cohen mir ſagen würde. Benjamin. Aber ich ſage nichts. Du fängſt an, mir ein gefährlicher Pfeifer zu werden. Gute Nacht, mein Freund, gute Nacht. Imanuel. So, nun weiß ich ſelbſt was ich zu thun habe. Ich werde Baron Bjelke ſagen, daß er nicht mehr leben ſolle, denn wenn er ſich unterſtehe, länger zu leben, ſo werde er Gefahr laufen, bald ſterben zu müſſen. Benjamin. Pah— wie ſo?— Du— Imanuel. Nun, als Ritwiſſer am königl. Mord. Benjamin. Biſt Du mondſüchtig? wer hat Dir 6 136 geſagt, daß Baron Thure Stenſſon Bjelke an dem un⸗ gluͤcklichen Verſuch auf Seine Majeſtät Antheil hat? Imanuel. Das hat der Herr geſagt. Benjamin. Ich, ich? Aber Du biſt mir doch ein— ein Klarinettenbläſer— ich, ich? Theilhaber an dem Mordverſuch auf Seine Majeſtät2 Imanuel. Herr Cohen? So war der Herr ſelbſt auch Theilhaber? Ei, ich glaubte der Herr wüßte nur, daß Enhörning und Baron Bjelke— Benjamin. Aber ſage mir nur, Du merkwürdi⸗ ger Spitzbube, wann habe ich je erzählt, daß Enhörning und Alegren und der Baron Etwas wüßten? Du biſt ein unverſchämter, abſcheulicher Menſch. Imanuel. Wann mir der Herr das erzählt hat? So ſagen Sie mir doch, von was hat Herr Benjamin die ganze Zeit über geſprochen? Benjamin. Davon, daß Du einen Gang für mich machen und dafür bezahlt werden ſollteſt. Nun braucht es aber keinen Gang, doch würde ich Dich gerne mit einer kleinen Summe erfreuen, da Du bei dem ſchlechten Wetter hier ſo lange aufgehalten worden biſt. Höre, Mann, junger Muſikant, Du ſollſt geſchickt auf Deinem Inſtrumente ſein — offenherzig geſprochen, Du ſchweigen? a u ſe. Benjamin. Antworte, wie es Dir ums Herz iſt, Dir und Deiner ſogenannten Schweſter ſoll es nicht an Geld fehlen. Kannſt Du die Dinge verſchweigen, die Du gehört haſt, ich meine die Dinge, die Du nicht gehört, mit Deinem muſikaliſchen 6 aber doch begriffen haſt? a u ſe. Benjamin. Kannſt Du ſchweigen, frag ich? e a u ſe. Benjamin. Menſch! hörſt Du nicht, daß ich Dich frage? Antworte mir, 1 Du ſchweigen? Bau ſe. Benjamin. So ſprich doch einmal, Satan! Imanuel. Das kann ich, und daß ich ſchweigen 137 kann, das hörte Herr Cohen eben. Aber ſprechen, darauf verſtehe ich mich ſo gut, daß es der Mühe werth iſt. Das ſoll Herr Benjamin Iſaak Cohen erfahren; ich habe meine gewiſſe Mittel und Wege zu dem vornehmen Herrn, dem Herrn Richter Liljenſparre, zu gelangen, wohin ich neulich den Weg fand— doch das gehört nicht hieher. Zu dem gehe ich und gebe die vier Herrn ſämmtlich an. Benjamin. Nein, Dn ſchweigſt. Imanuel. Gewiß nicht, Herr. Benjamin. Aber Du kannſt doch ſchweigen? Imanuel. Wie der Herr eben hörte, abes es koſtet was. Benjamin. Du biſt entſetzlich geldgierig. Wahr⸗ haſtig, ihr müßt ſehr locker bei Deiner Mutter leben. Mache kein ſo finſteres zornrothes Geſicht, ſei anſtän⸗ dig. Die Muſik ſollte Dich veredeln. Warum biſt Du ſo geizig, Du haſt ja Deinen Pfeifergehalt. Imanuel. Der zu den Klappen an meiner Kla⸗ rinette hinreicht und zu noch etwas Wenigem mehr; doch gleichviel, Herr, gute Nacht! ich gehe zum Polizeimeiſter. Benjamin. Aber Herr Jeſus? wie man zu ſagen pflegt, wie viel Geld willſt Du denn, damit Du ſchweigſt? Imanuel. Ich nehme kein ſolches Bettelgeld. Ich habe einen Fuß in Liljenſparres Zimmer, wann es mir gefällt. Ja ich bin ein Mann, der vier Leben in ber Hand hat und der ſie auf den Galgenberg werfen kann, wann er will. Benjamin. Du blaſeſt da aus einem hohen Tone. Nun ſollſt Du auch keinen Stüber erhalten(er ſtellt ſich vor die Thüre und ſchlägt die Piſtole auf ſeinen Gegner an). Jetzt ſieh zu, Menſch, ob Du noch eine andere Thüre findeſt, durch die Du hinaus kommen kannſt. Ja mache nur recht glühende Augen. Imanuel. Keinen Ausweg? Nun ſehe ich alſo mit Gewißheit, daß Sie auf einen Königsmord gedacht haben. Aber ich ſchlage mich immerhin durch. Herr Iſaak, und daß weiß ich: vor ſechs Uhr heute Morgen ſoll man Sie und alle ihre Herrn Bjelkhörninger kennen, und Sie ſollen 138 Alle morgen einen Beſuch bekommen, daß es ihnen vor der Stirne funkeln ſoll. Benjamin. Fall' auf die Knie und ſchwöre, daß Du ſchweigen willſt oder ich erſchieße Dich. Imanuel. Du wirſt nicht ſchießen, Hund. Doch da Du ſo durch und durch gemein biſt, ſo habe ich, ehe wir an einander gerathen, Luſt nachzuſehen, ob Du mir das rechte Geld gegeben haſt. 5, 10, 15 Platten 20, 30 — wie? 40 nur— und 50 und nicht eine einzige Platte mehr— Sind das 100 Platten, Du weiße, verfluchte ſchöne Beſtie von einem Juden? Mit dieſen Worten ſchleuderte der junge Militär dem politiſchen Juwelier das Paket mitten ins Geſicht, ſo daß die Banknoten ihm um Augen und Ohren flogen. Da⸗ durch und vielleicht auch von dem Gedanken an ſeine ſau⸗ bere Verrechnung verwirrt, verſäumte er es, ſeine Waffe abzuſchießen. Der Jüngling ſchlenderte ihn gewaltſam von der Thüre weg, riß in einem Augenblick den Riegel zurück, eilte an dem verblüfften Efraim vorbei in den Oehrn hin⸗ aus durch das Thor auf den Markt und immer weiter durch die Nacht hin geraden Weges auf Liljenſparres Woh⸗ nung zu. s6r örte kaum noch, daß wirklich ein Schuß im Zim⸗ mer des Juden fiel. Achtes Buch. Keiner von den Grafen wollte nachher mit mir ſprechen. Die Nacht entfloh und trug in ihrem reichen lachen⸗ den Schooße das ganze Gewirre ſchwarzer Thaten, Ge⸗ heimniſſe und unentwickelter Begebenheiten fort. Die Sonne ſtieg am 17. März in unvermindertem Glanz über Stock⸗ holm aufz aber es war den Einwohnern, als ob ſelbſt der 139 Sonnenſchein über das, was er gewahrte, beſtürzt wäre und immer ſchärfere Strahlen in den beſchattetſten Winkel werfe, um den Urſprung der ſchrecklichen That zu entdecken. Kein Auge ſah aus, als ob es die Nacht über geſchlafen habe. Die Thore der Stadt waren verſchloſſen. Niemand durfte hinaus. Herr Hugo und ihr übrigen vom Jagdſchloſſe, wenn es Euch Vergnügen macht zu hören, wie es weiter ging — ich meine nicht mit meinen Hauptperſonen, den Fräu⸗ leins Amanda und Adolphine, denn es ſcheint mit ihnen ergangen zu ſein, wie es oft mit den Hauptperſonen geht, daß ſie im Lauf der Begebenheiten zur Figurantenrolle hin⸗ abſteigen müſſen, wenn größere Charaktere, wie z. B. hier ein Guſtav III., auf der Scene erſchienen ſind— ſondern im Allgemeinen mit meiner ganzen Hiſtorie, ſo werde ich fortfahren, mein lichtblaues Garn abzuwickeln und die Fäden ſo weit zu ſpinnen als ſie reichen. Ja ich werde Euch ſogar bis zum königlich ſchwediſchen Hofgericht führen, ſo wenig heimiſch ich auch dieſem hochlöblichen Orte bin. Aber die Lage des ſchwediſchen Hofgerichtes gefällt mir ſehr. Julian, Heinrich, Aurora und alle jüngern Mitglieder unſeres frohen Kreiſes werden zwar noch nie in Stockholm geweſen ſein, aber ſie wiſſen doch, daß eine ſeiner berühm⸗ teſten obſchon kleinſten Inſeln der Riddarholm heißt. Auf dieſer liegt die frühere Franziskaner nunmehrige Riddar⸗ holm's⸗Kirche und ein wenig nordweſtlich davon, das Hof⸗ gerichtshaus mit ſeiner großen palaſtmäßigen Treppe. An der Kirche ſelbſt ſtehen die ſchönſten Königsgräber unſeres Reiches und vor den Augen der hingeſchiedenen Karle und Guſtave wollte das ſchwediſche Gewiſſen ſeinen Richterſtuhl aufgeſtellt ſehen. Das Hofgericht liegt ſo nahe an der Kirche, daß man aus mehreren Fenſtern die Lagerſtätte der Könige ſieht. In dieſem Vormittag zeigte ſich eine große Volks⸗ menge auf dem Plan zwiſchen der Riddarholm's⸗Kirche und dem Hofgericht, da man wußte, daß das Attentat dort zur Unterſuchung kommen ſollte, ſobald die geringſte Nachricht 140 über den Verbrecher ſelbſt einlaufe. Einen ſo abſcheulichen Abend wie der 16. März 1792 hatte das ſchwediſche Volk noch nicht in ſeinen Annalen gehabt; aber jetzt hatte es ſeinen Ravaillac erhalten, und es ſchauderte aber brannte auch vor Neugierde zu erfahren, wie der franzöſiſche Name in der ſchwediſchen Ueberſetzung lauten würde. Erſte Scene. Stockholm. Der Plan vor dem Hofgericht. Herr Adamſon. Achtzigtauſend Zungen haben nur eine einzige Frage: wer hat die That gethan? Herr Bredberg. Und keiner hat noch eine Antwort erhalten. Herr Adamſon. Was iſt das für ein ſchöner Staats⸗ ſht⸗ der dort ſo vergoldet an der Hofgerichtstreppe an⸗ ährt Herr Bredberg. Ach ich erkenne die Wappen. Es iſt 23 Ercellenz der Hofgerichtspräſident Graf Wacht⸗ meiſter. Herr Adamſon. So, in dieſem Wagen fährt die Antwort. Zweite Scene. Der Heumarkt; ein verſchloſſenes Kabinet bei der Baronin M. Die Baronin. Wie, mein Bruder? Neuigkeiten vom Hofgericht? Ich zittre vor den Worten, die ich zu hören bekommen werde. Der Onkel. Jakob Johann Ankarſtröm. Die Baronin. Jakob Jahn! guter Gott! Der Onkel. Ich ahnte es. Die Baronin. Die arme Guſtava Löwen! Es iſt nicht angenehm für ein Weib, in dem Gatten einen Königs⸗ mörder ſehen zu müſſen. Armer Alf Gyllenkreutz! Der Onkel. Jedesmal, wenn ich dieſen unmuſika⸗ liſchen, ſchweigſamen, denkenden Ankarſtröm ſah, ergriff 141 mich ein ſtarkes Gefühl fortzugehen, ein unerklärlicher Drang nicht in demſelben Zimmer zu bleiben. O Schweſter! er war dämoniſch, nicht von der Art die anzieht, ſondern von der, die abſtößt und nur abſtößt. Die Baronin. Er kann nicht über 30 Jahre alt ſein. So endigen? Wenn man zwei erwachſene Knaben und vier Mädchen hat. Der arme kleine John. Der Onkel. Ich erinnere mich ſeiner ſchon als Kind auf Lindö bei ſeinem Vater, dem Oberſtlieutenant Ankar⸗ ſtröm. Seine Mutter war eine Drufva und er hatte zum Informator Bzjörkegren. Offenheit des Charakters kann ihm nicht abgeſprochen werden, ſo wie eine gewiſſe Abge⸗ meſſenheit in Allem, was er that und ſagte, die mir un⸗ leidlich iſt. Er ging ſtets in geraden Schritten über die Straße und bewegte die Arme wie Ellen. Dieſe Leb⸗ loſigkeit iſt ungereimt: wo in der Natur und Wirklichkeit gibt es eine ſolche Geradheit? das nur Gerade iſt in der Mathematik vorzüglich, taugt aber nichts in der Muſik, und im menſchlichen Leben führt es zum Tode. Ich verſichere Dich, daß er dieſe ſchreckliche That nur aus irgend einem eingebildeten Rechtsgrundſatz gethan hat. Die Baronin. Sein Aufenthalt in Gottland machte ſeinen Charakter nur ſchlimmer und der Pacht der Mellöſer Wohnſtelle verbeſſerte ihn ebenſo wenig, als ſeine Nieder⸗ laſſung in Thorſoker, obſchon Thorſoker mit ſeiner Aus⸗ ſicht über die Wellen des reizenden Fyſinga gewiß ſehr ſchön iſt. Aber eine ſchöne Natur hat keinen Einfluß auf ſolche Charaktere. Der Onkel. Er hat ohne Umſchweif bekannt. Die Baronin. Gab er ſich ſelbſt an? Der Onkel. Nein; der Piſtolenſchmied Kaufmann erkannte die zwei Piſtolen, welche der Adjutant Pollet auf dem Boden des Saales, gleich nach der ſchrecklichen That gefunden hatte. Kaufmann gab heute früh vor der Po⸗ lizei an, daß der Capitän Ankarſtröm ſie bei ihm habe machen laſſen. Ankarſtröm wurde heute morgen ergriffen und geſtand ſogleich. 142 Die Baronin. Zwei Piſtolen? Der Onkel. Man glaubt, daß er ſich mit der andern ſelbſt habe erſchießen wollen. Die Baronin. Er wollte ſterben, Bruder, und zugleich etwas damit ausrichten, ſo ſieht es aus! Schreck⸗ liche, dunkle Nacht in einer Menſchenſeele! Ich hoffte, die Reiſe, welche er letzten Sommer mit Richter Stenhoff nach den ſüdlichen Landſchaften machte, würde ihn zer⸗ ſtreuen, aber ſie bewirkte nichts; und ſeine Ueberfahrt nach Gottland im letzten Herbſt, in Geſellſchaft Runebergs, glaubte ich gleich, würde mehr Schlimmes als Gutes herbeiführen Der Onkel. Er leugnet, Mitſchuldige zu haben. Die Baronin. Gott laſſe ihn dabei bleiben. Gott mache meine Furcht grundlos, aber viele von unſern Be⸗ kannten ſtehen grau vor meiner Einbildung. Der Onkel. Wie befinden ſich meine Niécen. Die Baronin. Noch iſt Adolphine nicht wieder gefunden. Der Onkel. Noch nicht wieder gefunden? Aber das iſt doch ſehr ſonderbar, meine Schweſter. Die Baronin. Der brave Oberſtlieutenant W., deſſen Familie ſie auf die Maskerade begleitete, thut alles Mögliche. Er ſuchte ſie geſtern Abend vergebens überall; glücklicherweiſe iſt ſein alter Fritz mit allen Quartieren in Stockholm, allen möglichen Straßen, allen Häuſern, allen Ecken und Winkeln ſo gut bekannt, daß ich noch hoffe. Der Onkel. Das iſt in der That ſonderbar. Ja, ja; man muß ſich mit Adolphine vorſehenz ſie iſt beinahe zu liebenswürdig. Meine gute, vortreffliche Amanda, Du biſt mein Herz. Das iſt ein reiner, ein herrlicher Cha⸗ rakter. Wie ſteht es jetzt mit Amanda? Die Baronin. Sie ſpricht beinahe nichts Klares. Der Onkel. Du haſt doch den Chirurgen Nather abgewieſen? Er kommt mir vor— ich will nicht ſagen verdächtig, aber— er braucht ſich nicht bei uns zu zeigen⸗ 143 Die Baronin. Nather, mein Bruder, führte nur Frau Gyllenkreutz und Amanda von der Maskerade heim. Der Onkel. Welchen Arzt haſt Du gerufen? Die Baronin. Obdhelius. Der Onkel. Den mit der Naſe? Nein, meine Schweſter, ich ſpreche mit Schultzenheim. Der Aſſeſor Schultzenheim iſt der beſte Arzt, den wir gegenwärtig haben Wie ſind denn Amandens Parorismen beſchaffen? Die Baronin. Ich verſtehe ſie nicht. Sie wech⸗ ſeln zwiſchen Liebe und Haß; aber dieſe entgegengeſetzten Leidenſchaften drehen ſich mit einer ſo fürchterlichen Hef⸗ tigkeit in ihr um, daß ich fürchte, ihr Geiſt geht darüber zu Grunde. Der Onkel. Ich verſtehe. Doktor Acharius wird am Ende noch der Beſte ſein. Allein Liebe und Haß, damit befaßt ſich kein vernünſtiger Arzt. Hat denn die Krankheit nichts Mediciniſches, nichts Reelles? Die Baronin. Sie phantaſiert beſtändig; ſie hat die fire Idee, daß Ferdinand getödtet worden ſei. Fire Ideen, mein Bruder, ſagt man ja, ſeien die Einleitungen zu— ich ſchaudre vor dem, was ich zu ſagen gedachte. Der Onkel. Armes Mädchen! Ja, ich gehe zu Schultzenheim. Ich habe am meiſten Vertrauen zu ihm. Ich ſchätze ihn ſehr. Er hieß früher nur David Schultzen⸗ heim, aber er iſt geadelt worden. Er iſt ein ausgezeich⸗ neter Arzt; ich habe ſchlechte Neuigkeiten von Thures. Ich traf geſtern Lundgrist auf der Straße. Die Baronin. Thure Bjelkes Bedienten? wie? Der Onkel. Lundgrist war ſehr beſtürzt und er⸗ zählte, daß der Herr Polizeimeiſter Liljenſparre dem Baron Bjelke einen Beſuch gemacht habe. Die Baronin. Bruder, Bruder! das bedeutet nichts Gutes. Erinnerſt Du Dich meiner Ahnungen von Ekhof. Ein Beſuch des Herrn Polizeimeiſters bringt Ehre, nicht aber Freude. Der Onkel. Heinrich Liljenſparre iſt ein Sat— ein bewundernswürdiger Mann. Ich fürchte, wenn auch 144 der ungluckliche Ankarſtröm nicht dazu gebracht werden kann, auch nur ein Wort über die Theilhaber am Ver⸗ brechen zu geſtehen, ſo findet dieſer allwiſſende Polizeimann doch die Mittel einen Mitſchuldigen zu entdecken, wenn auch nur einen Zehntels⸗Schuldigen. Weißt Du, was Lilje⸗ horn geſchehen iſt? Die Baronin. Dem Karl Pontus? Der Onkel. Liljenſparre traf Liljehorn auf dem Blaſiusholm, wie man erzählt, und bat ihn höflich einzu⸗ ſteigen und mitzufahren. Der Oberſtlieutenant Liljehorn thut es ohne Zaudern; als ſie aber an Ort und Stelle ankommen, erklärt ihm Liljenſparre, daß er verhaftet ſei. Die Baronin. Mein Gott, aber warum? Der Onkel. Es geht ein Gerücht, daß Seine Ma⸗ jeſtät geſtern vor der Maskerade ein anonymes Billet mit der Warnung erhalten habe, den Ball zu vermeiden. Der König verachtete die Warnung, und man erzählt dabei noch etwas Merkwürdigeres. Man ſagt, der König würde das Billet nicht ſo ganz unbeachtet gelaſſen haben, wenn er nicht durch einen gewiſſen Umſtand in dem Opernhauſe zurückgehalten worden wäre— ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll— ein Nebel ſchwebt über allen Fäden dieſes ſchrecklichen Ereigniſſes. Mit einem Wort, man ſoll bemerkt haben, daß Seine Majeſtät ſehr aufgeregt, von einer gewiſſen Neugierde getrieben, von— doch geräth man nicht immer nachher auf merkwürdige Fabeln, um das Schreck⸗ liche zu erklären, deſſen Zeuge man war?— von einem Weſen bezaubert, ja verlockt worden ſei, das Seine Ma⸗ jeſtät irgendwo in den Gängen des Opernhauſes ſah und das er durchaus noch einmal ſehen wollte, aber nicht mehr ſo glücklich war zu ſehen. Mit einem Wort, er blieb, bis er ein Mann des Todes wurde. Die Baronin. Was geht denn das den Oberſt⸗ lieutenant Liljehorn an? Der Onkel. Nichts; aber ſo viel iſt gewiß, daß Liljehorn ſich dazu bekannte, das anonyme Billet an den Kö⸗ nig geſchrieben zu haben und das in der beſten Abſicht. 14⁵ Die Baronin. Das hoff ich, und ſofern der Zweck des Briefes der war, Seine Majeſtät von der Maskerade abzuhalten, ſo kann es doch wohl auf keine Weiſe im Zu⸗ ſammenhang mit dem ſtehen, was Du über die Verlockung zum Dableiben ſagteſt? Der Onkel. Man behauptet das auch nicht. Aber man vermuthet nur. Man kennt König Guſtav's Sinn; man weiß, daß er ein Vergnügen daran findet, jeder Ge⸗ fahr zu trotzen, die ſich freiwillig darbietet. Man legt daher die Abſicht mit dem Billet ſo aus, daß, obſchon die Worte abriethen, der Inhalt darauf berechnet geweſen ſei, den König zur Anweſenheit bei dieſem unglücklichen Feſte u reizen. Wenn dies der Fall iſt, ſo waren die Uebelge⸗ ſr nur zu wohl mit einem der ſtolzeſten und ritter⸗ lichſten Züge Seiner Majeſtät bekannt, und es gelang ihnen abſcheulich gut. Die Baronin. Das iſt, dünkt mir, eine grauſame Auslegung. Aber wie hat Liljenſparre etwas davon er⸗ fahren? Wäre es nicht am beſten, wenn alle Leute die Stadt verließen2 Der Onkel. Ein Laufjunge bei dem Herrn, der uns immer Gänge macht. Wie heißt er doch?— Die Baronin. Wie Sundberg? Er darf mir nie mehr mit ſeinem Backwerk her kommen. Der Onkel. Der Junge heißt Bark, ſo viel ich mich erinnere. Die Baronin. Der kleine Peter Bark? O das iſt ſchrecklich! Die Onkel. Bark ſoll bei der Polizei angegeben haben, daß ihm ein Herr in blauem Ueberrock und mit einem ſchönen rundlichen Geſichte auf dem Norderzmarkte ein Billet gegeben und verſprochen habe, wenn er mit dieſem Billet zu dem Kammerdiener des Königs, Remy, hinauf⸗ ſpringe, ſo ſolle er zwei Thaler bekommen, ſobald er wieder herunterkomme. Als er herab kam, war der Herr fort; aber der Knabe meinte in dem ſchönen Herru Liljehorn erkannt zu haben. Der Königin Juwelenſchmuck. 10 146 Die Baronin. Liljehorn? Aber ſoll man denn ſolchen Schlingeln glauben? Der Onkel. Indeſſen wurde Liljehorn feſt genom⸗ men und hat wirklich geſtanden, daß er der Verfaſſer des Billets ſei. Die Baronin. Aber eine nützliche Warnung an Seine Majeſtät kann doch nie gefährlich für ihren Ver⸗ faſſer werden? Liljehorn wird ſich doch anſtändiger Aus⸗ drücke bedient haben? Hält man die Sache für gefährlich? Der Onkel. Ich weiß es nicht. Die Polizei denkt, daß Niemand warnen kann, ohne Etwas zu wiſſen, und bei einer Verſchwörung iſt es ſchon ſchlecht genug, wenn man etwas weiß. Aber mag nun Alles, was den Lauf⸗ jungen Bark betrifft, ſeine Richtigkeit haben, ſo glaube ich doch, daß Liljenſparre auch noch auf einem andern Wege ſeine Nachrichten erhalten hat. Er hätte ſonſt nicht ſo ſchnell und kühn zu Werke gehen können. Wie z. B. iſt er auf Thure Ljelke gekommen? Wie es ſich übrigens auch mit dem Sinne von Liljehorns Billet verhalten mag, ſo theile ich vollkommen die Neugierde derer, welche gerne wiſſen möchten, ob es mit dem verführeriſchen Weſen, ohne welches der König vielleicht nie dageblieben und erſchoſſen worden wäre, ſeine Richtigkeit hat. Wenn dieſe Perſon vorhanden iſt, ſo möchte ich viel darum geben, ſie ſehen zu dürſen. Und ich fürchte nicht, daß ich vergebens hoffe. Denn mein lieber Polizeimann wird ſeine Liljen nicht ſparen, um jene an den Tag zu bringen wie tauſend andere. Man raunt ſich hier manches zu. Die Baronin. Stille, es klopft an der Thüre! Der Onkel.(öffnet die Thüre). Ein Brief? Da, meine Schweſter! Die Baronin(erbricht ihn). Zwei Miniaturportraits in Medaillons: Clas Heinrich und Ferdinand! Sehr gut emalt, man erkennt ſie gleich wieder. Ohne Zweifel Breda's Pinſel Was ſchreiben ſie? „An die Fräuleins A. und A.— In den Tagen einer beſſeren Hoffnung ließen wir dieſe Züge für Sie malen. 147 Die Orginalien ſind ſchon fort. Fragen Sie nicht wohin, denn die Antwort lautet: ſie kommen nie wieder? Ver⸗ geſſen Sie die, die Ihrer unwürdig geworden ſind, ſeit ein unglücklicher Erfolg ſie zu Verbrechern geſtempelt hat.“— Kein Name darunter. Der Onkel. Es iſt nicht übel, daß ſie abgereist ſind, denn was bedeutet das anders, als ihre Theilnahme an der größten Begebenheit des Tags. Was wären das für Parthien für meine Niécen? Die Baronin. Die Portraits werde ich Amanden geben, nicht aber den Brief. Es iſt am beſten für ihre Ruhe, wenn ſie Ferdinand für todt anſieht. Dritte Scene. Das kleine Haus in Bellevue⸗Hage. Klara. Mein Kind, mein Kind! biſt Du in der Kaſerne der weißen Garde geweſen? O Tintomara, haſt Du Neuigkeiten zu unſerm Troſte? Das Mädchen. Imanuel iſt nirgends zu finden. Klara. Wir ſind verloren. Ich fühle mich kaum mehr krank. Ich habe geſucht und wieder geſucht. Wie viel Ecken kann dieſe jämmerliche Hütte haben? Unter allen loſen Brettern des Bodens habe ich nachgeſehen, in allen Sprüngen der Wand, allen Spalten des Herdes. Biſt Du gewiß, daß Du mit dem Juwelenſchmuck auf Deiner Stirne einſchliefſt, Tintomara? Das Mädchen. Ganz gewiß. Klara. Dann gibt es keine andere Möglichkeit, als daß Manuel— Als Du erwachteſt, auſſtandeſt und auszukehren anfingſt, war er ſchon fort, ſagſt Du?“ Das Mädchen. Ja. Klara. Der Abſcheuliche! Aber er hat auch einen ganz andern Vater gehabt, als Du; und doch war Ma⸗ nuel ein ſo flinker und hübſcher Junge. Ich habe ihn ſo lieb gehabt. Aber jetzt ſtehlen! ſo etwas ſtehlen! Mutter und Schweſter wegnehmen! pfui, pfui! 148 Das Mädchen. Ich war auch auf dem Schloſſe, 3 durfte aber nicht die Treppen hinauf. Klara. Auf dem Schloſſe, Tintomara? Das Mädchen. Aber Alles war verſchloſſen und verriegelt. Im Opernkabinet bei dem Herrn Balletmeiſter habe ich meine Anzüge und Schlüſſel. Aber dort war es verſchloſſen, ich konnte nicht hinein. Und auf das Schloß darf jetzt Niemand Unbekanntes. Auf meiner kleinen Treppe zu dem Kronprinzen ſtand eine Wache. Klara. Seit dem Unglück mit den Juwelen bin 1 ich wahrhaftig nicht der Meinung, daß Du ſehr wünſchen ſollteſt, dort geſehen zu werden. Das Mädchen. Ich wollte nur ſagen, daß ich es war, die den Diamantſchmuck nahm. Klara. Was? Das Mädchen. Als ich ihn nahm, ſah Niemand darauf. Wenn ſie jetzt den Schmuck vermiſſen, ſo können ſie nicht wiſſen, wohin er gekommen iſt, wenn ich es nicht ſage. Klara. Niemand, Niemand ſah es? O Gott! vielleicht findet ſich da noch eine Rettung für uns? Aber ach! Herr Liljenſparre hat Augen, Ohren, Hände und Alles! Geh nicht aus, Mädchen, zeige Dich nicht außer⸗ halb der Thüre. Vielleicht verbirgt uns die Armuth. Man glaubt nicht, daß arme Leute Sachen geſtohlen haben, die in die Millionen gehen. Das Mädchen. Ich gehe zu Hofe, ſo bald man öffnet. Aber ich möchte dann einen meiner ſchönen An⸗ züge von der Oper haben. Es wird wohl bald geöffnet werden. Klara. Biſt Du bei Sinnen, Tintomara? Willſt Du mich und Dich in's Gefängniß, an den Galgen bringen? Das Mädchen. Ich weiß auch noch etwas An⸗ deres. Ich glaube, Manuel ſitzt. Klara. Auch Das noch! Das Mädchen. Es fuhr mir in den Sinn, auf die Polizei zu gehen, wo ich die Gänge kenne. Ich hörte 149 dort von einem jungen Mann flüſtern, der an demſelben Morgen eingeſetzt worden ſei, wo Manuel von hier ver⸗ ſchwand. Die Beſchreibung paßte auf ihn. Klara. Gute Nacht, meine Kinder! Lebe wohl, grüne Erde! Adieu, Bellevue! Jetzt kommt bald die Polizei und öffnet die Klinke unſrer kleinen Thüre— Sie finden den Weg, Tintomara. Du weißt das noch vom letzten Mal her; ſie finden ihn, wenn ſie nur eine Spur haben, wohin ſie gehen müſſen, und die haben ſie gewiß ſchon, wenn Dein Bruder ſitzt.— Ach, mein großer und gnädiger Gott! Gefängniß⸗Löcher für uns Alle, Staupenſchlag für ihn, Ruthen für Dich, vielleicht Strick und Beil, und das Alles ſchamlos vor den offenen Augen, vor Jedermann, vor Aller Augen, ohne Scham, ohne Gnade! Großer und barmherziger Gott, laß mich nur ohne Spektakel in meinem Bette ſterben— in meinem armen, lumpigen Bette, wo mich Niemand ſieht! Tinto⸗ mara, Tintomara! gib mir das Pulver in dem Buche. Dort iſt mein letztes Heilmittel, meine letzte Zuflucht, meine letzte Rettung! Das Mädchen. Das Pulver hier? Cremor tartari? Klara. Nein, ein anderes. Es liegt nicht hinter, ſondern in dem Buch. Es iſt in dem großen, dicken Holzrücken des Buches verborgen. Schlag auf, ſo wirſt Du ſehen. Das Mädchen.„Biblia, das iſt die heilige Schriſt.“ Klara. Nein, lies das Titelblatt nicht. Sieh nach der Decke ſelbſt, ſag' ich, nach einer kleinen Aushöhlung im Holz der Decke. Ach! zur Zeit Deiner Großmutter hatte man ſo große und ſtarke Bücher. Ich habe außer dieſem kaum noch Etwas von ihr. Wenn Du nur hätteſt ſehen können, wie viele prächtige und reiche Möbel ſie hatte— doch es iſt ein Unſinn, jetzt an ſo Etwas zu denken. Das Mädchen. Iſt es das hier? Es iſt eben ſo weiß, wie Cremor tartari. 150 Klara. Gib her. Ja, ich werde das Pulver bei mir im Bette verwahren, wenn ein ſchneller Nothfall ein⸗ tritt und es der Hülfe bedarf. Setze die kleine Weinflaſche hier neben bei. Vierte Scene. Straße. Polizeidiener Tize. Wenn wir nicht unſern Königs⸗ mord hätten, ſo würde ich offen geſtehen, es gäbe hier keine glänzendere Geſchichte, als die, welche Sie beſchreiben, Herr Engholm. Sie werden ein Mann des Glücks, Herr Engholm. Polizeidiener Engholm. Den diamantnen Haar⸗ ſchmuck der Königin aus der rothen Saffianſchatulle Sei⸗ ner Königlichen Hoheit genommen! Ja, ich bin dankbar gegen meinen Gott und Schöpfer. Das iſt eine Geſchichte für einen Mann mit Weib und Kindern, wie ich bin, Herr Tize. Tize. Haben Sie ſchon eine Spur gefunden, Herr Engholm, Sie werden den Teufel für dieſe Entdeckung bekommen. Eine Priſe Norrköping— es iſt nicht übel, zu gegenwärtigen Zeiten zu leben. Engholm. Ich ſchnupfe von Dimanders. Haben Sie einen Geruch, Herr Tize? Tize. Ich wittere einen Grafen von Hufvuſta, der mit dem Horne ſtoßen wird, und einen andern Grafen, der an die Rippen geſchlagen wird. Verſtehen Sie, Herr Engholm? Engholm. Sie ſprechen immer witzig, Herr Tize. Ich verſtehe kein Wort. Tize. Die Grafen ſind mit Reitſtiefeln an einem Ort herumgegangen, wo ſie nicht einmal mit den Füßen hätten gehen ſollen; verſtehen Sie das, Herr Engholm? Engholm. Laſſen Sie uns Brüder werden, Herr Tize(ſie ſtoßen mit den Tabaksdoſen an und küſſen ſich). Bruder, ſprich jetzt ſo, daß ich's begreife. 151 S Tize. Es wäre eine ſehr trockene Geſchichte, Bru⸗ der Engholm, wenn wir auf dieſe Weiſe Brüder würden. Wir müſſen ein Glas bei Ulla oder in der Polizeiſtraße trinken. Und dann, Bruder, werde ich Dir erzählen, daß die Stiefel, welche der Schuhmacher ohne Zehenſpitze ver⸗ fertigte, vor'n abgeſchnitten ſind und Querſtiefel genannt werden. Engholm. Ich muß Dir ſagen, Tize, ich habe keine große Freude an dem Königsmord gehabt und danke meinem Schöpfer, daß der Richter mir nicht befohlen hat, der Sache nachzuſpüren, was ſehr langweilig, mühſam und ſpitzfindig iſt. Nein, Diamanten! Fünfzehn Diamanten, Tize! worunter zwei Saphire und zwei Smaragden und ein großer Rubin, das taugt etwas⸗ Tize. Was war das für ein hübſcher Lumpenkerl, den der Richter heute Morgen einſetzte? Engholm. Ein Pfeifer. Er hat nichts mehr und nichts weniger gethan, als dem Richter eine kleine Revo⸗ lution entdeckt. Tize. Hat er ihn dafür in die Aepfelkammer geſetzt? Engholm. Das weiß unſer Schöpfer. Sieh, Bruder Tize, es iſt gar zu hübſch, ſchlimme Dinge zu entdecken; man darf dann bei dem Richter ſitzen und Aepfel eſſen, bis es ſich zeigt, was an der Sache iſt. So ging es mit dem Pfeifer, und ich glaube, daß es ſich nicht der Mühe verlohnte, ſo klug zu ſein. Tize. Wenn Du nicht ſo eigenſinnig wärſt, Eng⸗ holm, ſo würde ich Dir etwas rathen, was ein Paar Hundert Reichsthaler werth wäre. Engholm. Eigenfinnig? Dieſes Wort wollen wir bei Ulla in unſerer Straße vertrinken. Tize. So thue, wie ich Dir ſage. Zwicke den Pfeifer ein wenig, ſo wird er ein Wort von Deinen Diamanten herausheulen. Engholm. Wie? mein Gott und Schöpfer, Tize, was ſagſt Du? Was hat der Pfeifer damit zu ſchaffen? Tize. Nun, ich ſage nur. Aber ich weiß eine 152 halbe Neuigkeit über ſein hübſches Geſicht. Ich muß den Klarinettiſten ſchon geſehen haben. Engholm, wenn man, wie ich, im Wetter alt geworden iſt, ſo kennt man den Wind von Weitem. Der Pfeifer hat einen guten Freund, der, als Mädchen verkleidet, die ſchmalſten Treppen des Schloſſes hinauf zu gehen pflegt. Engholm. Ich erſtarre! Tize. Ja, erkundige Dich nur. Wenn ich recht bei Sinnen bin, ſo bläst ein guter friſcher Wind von der Bellevue⸗Ecke her. Engholm. Ich werde daran denken. Tize. Aber es dürfte nicht ſchaden, dem Pfeifer die Aepfel ein wenig heiß zu braten, um ihn in dieſer Sache eben ſo mundfertig zu machen, wie in der Revo⸗ lutionsangelegenheit. Engholm. Herr Tize, ich danke allerunterthänigſt — Bruder Tize, wollte ich ſagen, Du haſt mir einen ausgezeichneten Freundſchaftsdienſt geleiſtet. Wenn man Weib und Kinder hat, wie ich, ſo empfindet man den Dampf eines kleinen Verdienſtes ungemein gut. Und das zaſt S mir entdecken können, Tize? Du biſt ein guter en— Tize. Wer kommt da? ah, es iſt Fibbert. Fibbert. Guten Tag, Engholm! guten Tag, Tize! Engholm. Guten Tag, Fibbert! Tize. Was gibt es Neues, Fibbert? haſt Du einige Spuren für den Polizeikommiſſär entdeckt? Fibbert. Neuigkeiten genug. Der weiße Jude hat ſich erſchoſſen. Engholm. Benjamin Iſaak Cohen auf dem großen Markte? das hälte ich nicht gedacht. Hat er auch eine kleine Revolution gemacht? Fibbert. Das kann ich nicht ſagen. Er hat ſich erſchoſſen und iſt ſchon begraben. Engholm. Schon begraben? Dann ſehe ich nicht ein, wie die Sache uns von der Polizei berühren kann, wenn er ſchon unter der Erde iſt. Was ſagt Tize dazu? 153 Tize. Wenn er ein Chriſt geweſen wäre, ſo könnte er auf den Galgenberg kommen, und das würde den Ma⸗ giſtrat angehen. Allein die jüdiſche Gemeinde hat keinen ſolchen Platz. Fibbert. Hätte er die Abſicht gehabt, ein Chriſt zu werden und zu beten angefangen, ſo würde das die Geiſtlichkeit angehen. Ich meine, wenn er bei einem weichherzigen Pfarrer gebetet hätte. ngholm. Wenn er einen Andern erſchoſſen und ſich dann verſteckt und verborgen hätte, dann wäre es ein Mann, den wir zu ſuchen hätten. Fibbert. Wenn er ſich ſelbſt erſchoſſen und dann ſich verſteckt und verborgen hätte— Tize. Wahrhaftig, Fibbert, dann wäre ſeines Glei⸗ chen nicht zu finden. Fibbert. Wenn er ſein Weib todtgeſchoſſen hätte— Tize. Ja, dann wäre wahrhaftig ſeines Gleichen nicht zu finden. Fibbert. Aber ich ſage noch einmal in allem Ernſt, wenn Benjamin Cohen ſich kodtgeſchoſſen und dann ver⸗ ſteckt und verborgen hätte— Engholm. Fibbert, das kann kein Menſch, nicht einmal ein Jude. Seht, was da kommt! Fibbert. Eine Portchaiſe. Die Portchaiſe kommt ſehr vorſichtig daher gezogen. Dize. Halt, Träger, ſeht ihr unſere Borten! Erſter Träger. Ja, ihr Herren Diener! Tize. Halt! Erſter Träger. Laſſen Sie uns gehen⸗ Wir tragen eine Kranke, die nicht ſprechen kann. Tize. Ihr Name? Erſter Träger. Ich weiß nicht; aber es iſt ein feines zierliches Frauenzimmer, das draußen war und ſich hat. Sie iſt die ganze Zeit über im Fieber ge⸗ egen. Tize. Wohin hat das Frauenzimmer ausgemacht, daß Ihr ſie bringen ſollt? 154 Erſter Träger. Sie hat phantaſirt und nichts mit uns ausgemacht. Aber die Portchaiſe iſt von einem andern Herrn Diener gemiethet. Tize. Einem Polizeidiener. Erſter Träger. Von einem ehrlichen Mann. Er ging ein wenig bei Seite, um einen Doktor oder etwas dergleichen zu ſuchen, ſo viel ich weiß. Seht, da kommt er. Fritz(kommt). Warum haltet Ihr mit der Port⸗ chaiſe. Fort nach dem Heumarkt, ihr Leute. Tize. Haltet mit der Portchaiſe, ſag' ich. Wie heißt das Frauenzimmer und warum iſt ſie erkrankt2 halt ſtille, ſag' ich, ſiehſt Du unſere Borten? Fritz. Nun, mein lieber Herr— ei! das iſt ja ize. Tize. Ah ſieh da, Bruder Fritz. Fritz. Laß uns gehen, Tize, ich habe ein Fräulein hier, die ich aufgefunden habe. Sie iſt ſchrecklich krank. Engholm. Eine Adlige? Das iſt verdächtig. Sie hat gewiß eine Revolution im Sinne gehabt. Fritz. Darum handelt es ſich jetzt nicht. Sie war in einem dünnen ſeidenen Kleid die ganze Nacht draußen und hat ihre Geſundheit ganz ruinirt Das iſt mehr als betrübt. Tize. In der vergangenen Nacht draußen? das iſt verdächtig. Fritz. Tize, Du warſt immer ein gutherziger Menſch, laß mich paſſiren. Tize. Wie heißt ſie denn? hat ſie nichts geſpro⸗ chen? Fritz muß ſchweigen, denn er iſt parteiiſch. Auch der erſte Träger wird ſchweigen, denn er hat ſchon aus⸗ geſprochen, daß er weiter gehen wolle; er iſt alſo eben⸗ falls parteiſch. Aber Du da hinten, Portchaiſenträger Nro. 2, was ſagſt Du dazu. Hat ſich die Dame auf keine Weiſe geäußert? Der zweite Träger. Sie ſprach ein wenig mit ſich ſelbſt; ſie betheuerte, ſie habe Niemand gemordet und wolle Niemand morden. Sie ſprach vom ſeligen König. 155 Tize. Schämſt Du Dich nicht, Träger, willſt Du hängen? Selig— weißt Du nicht, daß Seine Majeſtät noch lebt— biſt Du vielleicht auch einer von denen, die es gar gerne ſähen, wenn Seine Majeſtät ſchon todt und ſelig wäre? Zweiter Träger. Nein, Gott bewahre mich! Aber ich ſagte, ich meinte, das Frauenzimmer habe von Kopfabhauen und anderem Todtſchlag geſprochen. Tize. Was? dann iſt ſie verdächtig, wie irgend Eine. Rechtsumkehrt Euch, marſch! Die Portchaiſe geht nach der Polizei hinauf. Fritz. Aber mein beſter Tize. Tize. Keine Einwendungen! Man darf nicht von Seiner Majeſtät, dem König, phantaſiren. Fritz. Um Gottes Willen, laßt uns das Fräulein u ihrer Mutter am Heumarkt bringen; die Baronin wird Bürgſchaft leiſten, Du ſollſt zufrieden ſein, Tize. Tize. Die Baronin mag auf die Polizei kommen und dort nach ihrem Fräulein ſehen. Ich werde den Adel lehren, ſich mukſen. Fritz. Aber mein liebſter Bruder Tize, hier iſt kein Verbrechen begangen worden. Hat eine Dame denn nicht das Recht unwohl zu ſein? TDize. Nein, ſag' ich. Marſch mit der Portchaiſe. Engholm. Ich fürchte doch, daß Du etwas zu weit gehſt, Bruder. Wir können ja alle drei mit nach dem Heumarkte gehen. Tize. Schweige, Engholm, Du verſtehſt nichts. Fritz. Aber um's Himmels willen, ich frage Sie alle drei, meine lieben Herren, darf man denn nach ſchwe⸗ diſchem Geſetz nicht krank ſein? Tize. Das gehört zur Medizinalgeſetzgebung. Das verſteht keiner von Euch, auch Fritz nicht. Marſch. Fritz. Aber mein Fräulein hat ja nichts Böſes ge⸗ than, als daß ſie auf eigene Fauſt hier außen wahnſinnig geworden iſt. Tize. Marſch! —˙————— Fritz. Aber ſei doch nur auch mit Maß zornig, Tize— ich habe doch auch was geleſen. Der Teufel ſoll mich holen, wenn es eine Geſetzſtelle gibt, die das Phan⸗ taſiren verbietet. Tize. Marſch! das weißt Du nicht. Fritz. Nun, dann muß es in irgend einer kleinen Amtsbekanntmachung des Landeshauptmanns oder des Con⸗ ſiſtoriums ſtehen— aber im Geſetz ſelbſt— nein, mein Bruder, ich darf phantaſiren, ſag' ich. Tize. Nein, ſag' ich, von Königsmord phantaſirt Wohlgeſinnter. Auf dieſe Weiſe darf man nicht krank ein. Fritz. Komm ein wenig abſeits mit mir, Tize, ich habe Dir ein Wort hinter der Portchaiſe zu ſagen. Dize(kommt wieder hervor). Schäme Dich, Fritz. Es iſt nicht um die Zeit. Da muß es beſſer kommen, wenn dies was helfen ſoll. Fünfte Seene. Bei dem Generalmajor Pechlin. v. F. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir ein Verhör auf den Hals bekommen werden. Pechlin. Beruhigen Sie ſich, Canzleirath. v. F. Verdammter Menſch! ſo zu ſchießen! Man hätte ſich nie einer Perſon bedienen ſollen, deren Geſchick⸗ lichkeit man nicht vollkommen kannte. Pechlin. Das beſte iſt, daß er uns nicht kennt. v. F. Wir ſtecken doch genug, Herr General. Pelin⸗ Welches ſind die Mitglieder der Regie⸗ rung? v. F. Es ſind ihrer fünf. Erſtens Seine königliche Hoheit der Herzog Karl; zweitens Seine Ercellenz der Reichsdroſte, Hoſrichtspräſdent„ Kanzler der Akademie, Ritter und Commandeur, Herr Graf Arel Wachtmeiſter. Pechlin. Ihr Kanzleileute ſeid zum Verzweifeln 157 mit Euren langen Titulaturen. Neunen Sie die Männer kurz und gut. v. F. Drittens der Reichsmarſchall Graf Oren⸗ ſtjerna, viertens der Kammerjunker Baron Taube und fünftens der Oberſtkammerjunker Baron Armfelt. Dieſe ſitzen während der Krankheit des Königs am Steuer. Pechlin. Und ſtirbt der König, ſo wird es noch toller; denn während dieſer Zeit können ſie die Zügel ganz in ihre Klauen bekommen und dann wird es erſt recht hergehen. v. F. Und dieſes ganze ſublime Elend trifft uns nur wegen— ich nenne es einen blinden Zufall. Der König ſtirbt, das iſt gewiß. Wäre es da nicht eben ſo gut ge⸗ weſen, wenn er gleich geſtorben wäre? dann wären wir nicht verloren geweſen. Pechlin. Hüpfen Sie nicht ſo um Stühle und Tiſche herum, Herr Kanzleirath. v. F. Ein Verhör, ein Verhör vor der Polizei! Ein Mann von Ehren und bei Jahren. Pechlin. Der Teufel ſoll Sie holen, wenn Sie ſich nicht ruhig verhalten können. Antworten Sie mir; Sie ſind ja ein Schreiber: erfordert es nicht ein eigenes Bekenntniß oder zwei unverwerfliche und gleichzeitige Zeu⸗ gen, um ein Urtheil zu fällen 2 v. F. Nun ja. Pechlin. Haben Sie mit mehr als je Einem ge⸗ ſprochen? v. F. Nein, ſo viel ich hoffe. Pechlin. Habe ich es gethan? v F. Gewiß nicht. Pechlin. Wir wiſſen alſo, wie wir zu manövriren haben. Nur immer geläugnet! Nicht zwar ſo, daß es zu ungereimt klingt. Kleinigkeiten werden zugegeben, aber Nichts das graviren kann. Wir ſprechen dies und jenes. Es iſt die Sache des Gerichts, die Fäden des Prozeſſes zu entwirren und aufzuknüpfen. Es muß alſo die Sache der Parteien ſein, ſie zuerſt unter einander zu bringen. 158 v. F. Es iſt ein Vergnügen, dem Herrn General zuzuhören. Pechlin. Beſonders muß es die Sache der Ange⸗ klagten ſein, Alles recht zu verwirren. v. F. Aber wenn man mich, der wegen ſeines Kopfes und ſeiner Kenntniſſe bekannt iſt, der Verwirrung be⸗ ſchuldigt? Pechlin. Der Verwirrung? Um ſo beſſer; dann antworten Sie:„Meine Herren von der Polizei oder vom Hofgericht, wie kann etwas Anderes, als Verwirrung in meinen Angaben ſein, da das, um deſſentwillen ich an⸗ geklagt bin, nie eine klare Sache war, ein Plan, ſondern ſtets nur ein unzuſammenhängender Diskurs über aller⸗ hand verſchiedene Perſonen. So etwas muß doch wohl verworren ſein und auch ſo lauten. Begreifen Sie dieſes Manöver? v. F. Mein General— Je vous rends milles graces; vous verrez. Sechste Scene. Der Heumarkt. Bei der Baronin M. Der Onkel. Meine liebe Schweſter, nimm Deine Kraft zuſammen und befiehl, daß Niemand herein komme. Ich habe das Papier bei mir. Die Baronin. Die Thüre iſt verriegelt; ſetzen wir uns. Der Onkel. Ich habe mir die drei Papiere vom Hofgericht und der Polizei verſchafft. Mit welchem wün⸗ ſcheſt Du, daß ich anfange. Die Baronin. Fange mit Bjelke an. Gott im Himmel, daß Thure Bjelke Gift nehmen und ſo umkom⸗ men mußte! Was werden ſie wohl mit ſeinem Leichname anfangen? Doch was frage ich? Er iſt ja Selbſtmör⸗ der! Baron Bjelke oder ein Anderer, das iſt gleich. Der Onkel. Ich muß Dir ſagen, daß, als der Hofprediger Lehnberg am 24. März ſich zum erſten Mal 159 beim Hofgericht einſtellte, um über ſeinen Krankenbeſuch bei Baron Bjelke verhört zu werden, und er in ſeiner Erzählung bis zu einem gewiſſen Punkte gekommen war, der alſo kautete:„Der Baron fragte mich, ob es nicht die unfehlbare Schuldigkeit eines Geiſtlichen ſei, das ihm Anvertraute zu verſchweigen, worauf ich mit Ja antwor⸗ tete“— daß, ſage ich, Lehnberg ſich unterbrach und dem Hofgericht anheim ſtellte, ob es wünſche, daß er ungeach⸗ tet der ihm durch die Kirchengeſetze auferlegten Verpflich⸗ tung des Schweigens, dennoch das, was Baron Bjelke ihm im Geheimen anvertraut, erzählen und entdecken ſolle oder nicht. Die Baronin. Nein, natürlicherweiſe nicht. Der Onkel. Das königl. Hofgericht war verſchie⸗ dener Anſicht und man ſchritt zur Abſtimmung. Die Baronin. Abſtimmen, ob ein rieſter ſei⸗ nem Gewiſſen gehorchen ſoll! Nun, das hat eben nichts zu bedeuten. Wer Magnus Lehnberg in Königsholm predigen gehört hat, der weiß, was man hier zu erwar⸗ ten hat. Hatte er nicht bereits auf Bjelkes Frage über die Verpflichtung eines Geiſtlichen in einem ſo kitzlichen Falle mit einem Ja geantwortet? Und nur auf dieſe Ant⸗ wort hin hat ſich Thure meiner Anſicht nach ausgeſpro⸗ chen. Hätte je dieſe Frage nachher eine ungewiſſe werden können, ſo würde Lehnberg vorher nicht mit Ja geantwor⸗ tet haben. Doch verzeihe, daß ich Dich abhalte, Bruder. Mit einer Art geiſtigen Wolluſt denke ich an einen ſo großen Mann wie Lehnberg, und erwarte von ſeinem Be⸗ nehmen zu hören. Der Onkel. Aſſeſſor Levin gab ſeine Stimme zu⸗ erſt ab, und war der Anſicht, man könne dem Hofprediger Lehnberg nicht befehlen, das Geſtändniß des Barons Bjelke anzugeben, und ſo fort. Die Baronin. Vortrefflich Levin! muß einmal Präſident werden, und er wird es auch, das ſagt mir mein Gefühl. Der Onkel. Die Mehrheit des Hofgerichts war 160 anderer Anſicht, Schweſter, und es wurde beſchloſſen, daß Lehnberg die Sache angeben ſoll. Er trat ab und kam am 26. März wieder. Diesmal brachte er ſeine Angaben für das Hofgericht ſchriftlich mit. Ich habe mir eine Ab⸗ ſchrift davon verſchafft. Hier iſt ſie. Die Baronin. Ach lies laut. Es iſt eine Wonne Lehnbergs reinen ſchönen Styl zu hören, der ſo wohl klingt ohne prunkvoll zu ſein, und ſo klar iſt ohne des⸗ halb gewöhnlich zu ſein. Der Onkel. Die Angabe iſt nicht ohne Inhalt; ja ſie hat ſogar einen pikanten Inhalt.— Thure Bjelke war ſchon am 22. März in Polizeiſachen auf das Ober⸗ ſtatthalteramt zum Verhör gerufen worden, da der Poli⸗ zeimeiſter vorher, ich weiß nicht auf welche Weiſe, Ver⸗ dacht gegen ihn geſchöpft und ihn ſogar ſelbſt beſucht hatte. Aber onſtatt auf die Polizei zu kommen, hatte Bjelke noch an demſelben Tage Gift genommen und nach einem Arzte geſchickt, um vor ſeinem Tode noch einmal das Nachtmahl zu erhalten. Der Pfarrer von Königsholm, Magnus Lehnberg, war der von dem Baron beſchickte Geiſtliche und ſeine Angabe über dieſen Beſuch ſpricht ſich in folgenden Worten aus:„Am 22. März zwiſchen 9 und 10 wurde ich durch einen Mann, der ſeiner Ausſage nach am Stadtgericht angeſtellter Diener war, aufgefordert, den Baron Bjelke zu beſuchen, um ihm das heilige Nacht⸗ mahl des Herrn mitzutheilen. Der Ausgeſchickte erzählte, daß der Baron ſchwer krank ſei und wünſchte, ich möchte bald kommen. Ich verſprach es zu thun, da ich aus der Einladung erfahren hatte, wo der Baron wohnte. Zwi⸗ ſchen 11 und 12 an dem nämlichen Vormittag ſtellte ich mich bei Baron Bjelke ein, den ich auf dem Bette lie⸗ gend, krank und allem Anſchein nach mit unerträglichen Qualen behaftet ſah. Auf die gewöhnlichen Fragen, die ich im Anfang ſtellte, worin die Krankheit beſtehe, wie lange ſie währe, und welchen Arzt er gebrauche, antwor⸗ tete der Baron, es ſei eine Entzündung. Er ſei ſchon 2 bis 3 Tage lang krank gelegen; er habe ſein eigener 161 Arzt ſein wollen und Cremor tartari mit Waſſer ein⸗ genommen. Da ich bei dieſer letzten Mittheilung bemerkte, daß mir das eine ziemlich oberflächliche Behandlung einer Entzündung ſcheine, und daß der Baron hätte verſuchen ſollen, was ein geſchickter Arzt dagegen thun könnte, wandte er ein, daß jeder derartige Verſuch nunmehr zu ſpät kommen würde, und fragte hierauf, ob die Geiſtlichen nicht verpflichtet ſeien, Dinge zu verſchweigen, die ihnen anvertraut würden, was ich bejahte“ Die Baronin. Ja, eben daran ſind wir jetzt. Der Onkel.„Baron Bjelke erzählte nun, daß er mit einer Menge Anderer einen Plan angelegt habe, um (wie ſeine Worte lauteten) das Land von dem Manne zu befreien, der ſo ſonderbar regierte(oder ein ähnlicher Ausdruck). Der Plan, fuhr er fort, ſei mißlungen; er habe deßhalb etwas eingenommen.“ Die Baronin. Aber verzeih' mir, Bruder, mir ſcheint, als klinge das, wie wenn Lehnberg wirklich Etwas angebe; oder iſt es nicht ſo? Wie kann er dem Hofgericht Etwas geſtehen, da er doch die Frage des Barons, ob er ſic auf ſeine Verſchwiegenheit verlaſſen könne, bejaht hatte. Der Onkel. Je nun, Magnus Lehnberg ſagt das deßhalb, weil dies eben einmal ſeine Angabe iſt— und ich bitte Dich, ſie jetzt ununterbrochen bis zum Schluß leſen zu dürfen—„mißlungen, er habe deßhalb aus Ver⸗ zweiflung Gift eingenommen, ſagte er; nicht ſeinetwegen, ſondern wegen der Sache und aus Furcht, daß wenn er verhaſtet würde, was wahrſcheinlich geſchehen könnte, er durch die Tortur zu Entdeckungen gezwungen werden möchte, die Niemand nützten, mehrere erſond aber un⸗ glücklich machen würden. Bei genauerem Nachfinnen er⸗ innere ich mich auch einer Aeuſſerung des Barons, als habe die Furcht, daß ſeine Hinterbliebenen ihr Gut ver⸗ lieren könnten“— Die Baronin. Den Ekhof? Der Onkel.„Bei ſeinem Entſchluſſe ſich ſeine Der Königin Juwelenſchmuck. 11 162 Tage abzukürzen, mitgewirkt. Als ich mein Erſtaunen und Entſetzen ausſprach, wie er nur ſo Etwas habe den⸗ ken und noch mehr, wie er eine ſo verzweifelte Todesart habe wählen können, äuſſerte der Baron: ſeine Abſicht ſei nicht ſchlimm geweſen, die Liebe zur Freiheit habe ihn zum Erſten geführt und aus Nothwendigkeit habe er dann das Letztere gewählt. Ich fragte nun, in welcher Abſicht mich der Herr Baron habe rufen laſſen, und was er glaubte, daß ich von Seiten meines Amtes in einer ſo ſchrecklichen Lage ausrichten könnte, worauf er erwiderte, er habe ſein Gewiſſen erleichtern wollen, und er wünſchte, daß ich ihm das Nachtmahl des Herrn mittheilte, wenn ich das thun zu können glaubte Ich hielt ihm dabei vor, daß das Gewiſſen ſich vergebens durch ein halbes Bekenut⸗ niß erleichterte, daß Gott allein die Sünde vergeben und der Prieſter eine Vergebung nur auf deutliche Zeichen von einem bußfertigen Herzen verſichern könne, daß man die Wahrheit ſprechen müſſe, wenn man vor Gott treten und um ſeine Barmherzigkeit nachſuchen wolle Ich ermahnte ihn daher, ſeine gräßliche Miſſethat nicht nur herzlich zu erkennen und zu bereuen, ſondern auch zum Beweis ſei⸗ ner aufrichtigen Beſſerung den Zuſammenhang zu ent⸗ decken, um ſo mehr als man befürchtete, daß noch manche verborgene ſchädliche Wirkungen des Attentats übrig ge⸗ blieben wären. Der Freiherr Bjelke antwortete: wenn er durch ſeine Theilnahme an dem Attentat gefehlt habe, ſo bitte er Gott, ihm dies wie ſeine anderen Fehler zu ver⸗ zeihen. Tieſ betrübt, ſo wenig Abſcheu über ein ſo ſchwe⸗ res Verbrechen bei ihm zu entdecken, ſuchte ich ihn durch weitere Vorſtellungen zu einer lebhaſteren Erkenntniß zu bringen Ich zeigte ihm hierauf, daß nach unſerer chriſt⸗ lichen Lehre, die er auf Defragen ohne Ruckhalt aner⸗ kannte, nächſt Gott kein Ding heiliger für eine menſch⸗ liche Geſellſchaft ſei, als die Obrigkeit, und dem zu Folge ſei auch kein Verbrechen gröber, als wenn man auf irgend eine Weiſe an einer ſo theuren Perſon Gewalt übe. Der Baron bemerkte hierbei, daß er es nicht geweſen, der die — 163 That gethan, und daß übrigens die Religion Freiheit ge⸗ biete. Dies gab mir wieder Veranlaſſung, mich darüber auszuſprechen, welche Art Freiheit das Chriſtenthum be⸗ zwecke. Der Baron wiederholte ſeine frühere Aeuſſerung. Wenn es ein Irrthum geweſen, ſo bereue er ihn wie je⸗ den andern Fehler. Ich ſtellte ihm vor, daß er der Ge⸗ ſellſchaſt, die er ſo empfindlich verletzt, noch eine Wohl⸗ that erzeigen und ſich der Gnade theilhaftig machen könne, die einer wirklichen Bußfertigkeit wird, wenn er, ſo weit es bei ihm ſtünde, darüber Eröffnungen mache, ob mög⸗ licherweiſe noch von den Folgen des Attentats etwas zu befürchten wäre und wie dem begegnet werden könne.“ Die Baronin. Er fängt alſo an, ihn anslocken zu wollen. Der Onkel.„Hierauf antwortete der Baron, er ſehe keine weiteren Folgen für den Staat von Seiten des angefangenen Planes. Die bei der Sache Betheiligten ſeien entwaffnet, da ſie im rechten Augenblick mißlungen ſei, und er glaube dies auf ſein Gewiſſen verſichern zu können. Ich erinnerte den Baron daran, daß er, der hier elend und ohne weiteres Wirkungsvermögen daliege, nicht wiſſen könne, ob nicht ein Mitſchulviger, der noch Muth und Stärke beſitze, Etwas unternehmen und den Plan verfolgen könnte, daß er daher mit ſeinem unglück⸗ lichen Vaterlande Mitleiden haben und zum Beweis der Veränderung ſeines Herzens durch Entdeckung der ganzen Wahrheit vor dem bevorſtehenden Unheil, zu dem ſein Verbrechen die Veranlaſſung gegeben haben könnte, war⸗ nen ſollte Der Baron wiederholte den Inhalt ſeiner vo⸗ rigen Antwort mit dem Zuſatze, ich möchte nicht von ihm verlangen, daß er gemein ſein ſolle.“— Die Baronin. Wie ſonderbar! Was verlangt da ein Lehnberg, und was verweigert ein Bjelke! Der Onkel.(Liest.)—„gemein ſein ſolle. Als ich flehte, daß Gott ſich ſeiner Seele erbarmen möge, ſtimmte der Baron in dieſen Wunſch ein.“ 1 . 164 Die Baronin. Sie waren alſo doch in etwas einig. Der Onkel. Nein, meine Schweſter, Du haſt mit Deinen Unterbrechungen Unrecht; und Du thuſt unſerem Lehnberg unrecht. Laß mich ungehindert weiter leſen. „Uebrigens ſchien es, als ob meine Gebete und die Vor⸗ ſtellungen des Beweglichſten und Erhabenſten, was unſere Religion beſitzt, die Geſinnungen des Barons nicht än⸗ dern könnten. Der Baron drang nicht auf den Genuß des heiligen Abendmahls, außer das einzige Mal zu An⸗ fang unſerer Unterhaltung. Gott ſieht die innerſten Re⸗ gungen der Menſchenſeele, und ich erdreiſte mich nicht zu beſtimmen, was ſeine ewige Barmherzigkeit im Geheimen zur Erlöſung eines Sünders wirken kann. Aber er ſieht auch, daß nach den uns zur Beurtheilung gegebenen Grün⸗ den mein menſchliches Auge an dieſem Mitchriſten das vermißte, was mir den Muth geben konnte, ihn auch mit dem veſten Wunſch der Theilhaftigkeit einer Gnade zu ver⸗ ſichern, wovon das Salkrament ein Pfand und Inſie⸗ gel iſt.— Die Baronin. Jetzt meine ich, meinen Lehnberg wieder zu erkennen. Welch' ein Styl, welch' eine Muſik in den Worten! welcher Rythmus! Der Onkel— wovon das Sakrament ein Pfand und Inſiegel iſt. In dem gewaltigſten Kampf zwiſchen der Neigung meines Herzens einen ſterbenden Menſchen zu erfreuen, und dem Gefühl des Gebets, das ich bei meiner Verrichtung beſolgen mußte, ſeufzte ich unſchlüſſig und zitternd, zu meinem und aller Menſchen Seligmacher um die Kraft, das zu thun, was recht wäre. Mein Ge⸗ wiſſen erlaubte mir nicht, ehe ich beſſere Bewegungen an der fraglichen Perſon bemerkte“— Die Baronin. An der fraglichen Perſon? O ich dächte, er konnte ihn wohl Baron Bjelke nennen. Der Onkel. Ihr das Sakrament mitzutheilen. Ich glaubte nicht eine nach Gnade hungernde Seele vor mir zu ſehen, ſondern einen Menſchen, der ſich mit natür⸗ 165 licher Gemüthsſtärke ſeinem Schickſal überläßt, ohne ein ſicheres Gefühl von der Frevelhaſtigkeit ſeiner That zu haben. In der Hoffnung, daß ſein Leben verlängert wer⸗ den könnte, zu welchem Glauben mir die Natur durch ihre freiwilligen Wirkungen Veranlaſſung gab.“— Die Baronin. Pfui! Der Onkel.—„Veranlaſſung gab, erbot ich mich, einen Arzt herbeiſchaffen zu laſſen, wozu der Baron nach einigen Weigerungen ſeine Einwilligung gab. Dann ent⸗ fernte ich mich. Mein Benehmen in dieſer unangenehmen Sache iſt hier der königl. Regierung in Unterthänigkeit dargelegt.“— Die Baronin. So. Der Onkel.—„Dargelegt.— Vor dem Herrn Polizeirichter Liljenſparre hörte ich ihn das nicht geſtehen, was er mir beſonders entdeckt hatte.“ Die Baronin. Denn Liljenſparre hatte ihm vor⸗ her kein Verſprechen gegeben, das Geſtandene zu verſchweigen. Der Onkel—„ſowie er auch nicht in Gegenwart Anderer dazu vermocht werden konnte, ſeine Theilnahme an dem Verbrechen zu geſtehen Nach Allem, was ich beurtheilen konnte, beſaß der Baron ſtets ſeine volle Be⸗ ſinnung. Magnus Lehnberg.“ Die Baronin. Iſt es zu Ende? Der Onkel. Ja. Die Baronin. Nun, das iſt merkwürdig. Alſo keine Mitſchuldigen von Bjelke entdeckt? So erfuhr alſo das Hofgericht nur, was es ſchon wußte, die vorher un⸗ bekannte Gewißheit ausgenommen, daß Lehnberg ein Mann iſt, der auf Befehl entdecken kann, was er— Der Onkel. Meine Schweſter! Du thuſt dem Pfarrer Lehnberg ſehr unrecht. Wenn die Unterthanen ſich zuſammenrotten, ihre Gewiſſen aber nachher durch die Beichte vor einem Prieſter erleichtern dürften, der das Recht hätte, alle Entdeckungen im Geheimen für ſich zu behalten, was würde aus der Regierung werden? Wie müßte ſich eine Regierung benehmen oder wie könnte ſie 166 überhaupt beſtehen? So traurig auch Thure Bjelkes An⸗ denken vor meiner Seele ſchwebt, ſo muß ich doch geſtehen, daß Lehnberg meiner Anſicht nach recht gehandelt hat. Die Baronin. Mein Gefühl ſagt mir, daß ich nicht mehr nach Königsholm gehen werde, um ſeine Pre⸗ digten zu hören. Der Onkel. Aber mein Gefühl ſagt mir, daß er einmal Biſchof werden wird. Die Baronin. Wir wollen über das, was in Gottes Hand und im Spiegel der Zukunft ſteht, nicht ſtreiten, Bruder. Es dürfte Manches geſchehen, was man noch nicht ahnt. Lege den Bogen bei Seite. Was haſt Du auf Deinem andern Papier. Der Onkel. Ankarſtröm. Sein eigen aufgeſetztes Bekenntniß. Die Baronin. Bruder, hat man Ankarſtröm dazu bringen können, Mitſchuldige zu entdecken? Der Onkel. Er war eigenſinnig und ſchwieg über Alle, außer über ſich. Aber als er bei dem Verhör er⸗ fuhr, daß Liljenſparre bereits auf einem andern Weg die Grafen Horn und Ribbing ausgeſpäht hatte, ſo läugnete er nicht länger, was ſie betraf. In folgenden Worten hat er ſeine Geſchichte ſelbſt aufgezeichnet. Die Baronin. Ich ſehe in dieſem Augenblick ſeine finſtern Züge vor mir. Der Hnkel. Ich hab es mir angelegen ſein laſſen, eine äußerſt genaue Abſchrift bis auf die Buchſtaben und Interpunktionen hinaus zu bekommen. Nicht nur die Schreibart und der Styl, ſondern auch dieſe Kleinigkeiten ſind bei der Beurtheilung des Charakters eines Menſchen von Bedeutung Die Baronin. Wenn die Schriſt nachläſſig und unachtſam abgefaßt iſt, ſo mußt Du deßhalb nicht zu hart über ihn urtheilen Er hat die Muſik geliebt wie Du; beſitzt keine ſonderliche Hand wie Du.— Der Onkel. Du täuſcheſt Dich Ich meine da⸗ mit nichts Anderes als daß ich den wunderbaren Gang — 167 der Natur in ihren Zeichnungen bemerke. Es iſt merk⸗ würdig, wenn man ſieht, wie treu ſie ihre Charaktere bis auf das Kleinſte hinaus malt. Die Baronin. Nun! Gott weiß, ich habe Ankar⸗ ſtröm nie geliebt. Der Onkel. Rohe, nachläſſige Sätze, ſchlecht buchſtabirte Worte. So waren auch ſeine Gedanken und Handlungen Die Baronin Armes Weib! Der Onkel Ankarſtröms Bekenntniß ſoll nachher im Hofgericht vorgebracht werden, bis jetzt war im Poli⸗ zeiverhör der 19., 20. und 21. März vor. Es iſt mir gelungen, den Anfang ausgenommen, eine Abſchrift davon zu bekommen Ankarſtröm ſoll im Eingang angegeben haben, daß die Haupturſache zu ſeiner That die Anſicht ſei, die er vom Charakter des Königs hegte, den er mit ſo ſchwarzen Farben zeichnet, daß ſeine Worte nicht ein⸗ mal bekannt gemacht werden dürfen. Dann ſagte er:— „Vergangenen Herbſt, gegen Weihnachten, wurde ich mit dem Grafen Horn auf Hufvuſta bekannt, zum großen Unglück dieſes Herrn und zum ewig nagenden Gewiſſens⸗ biß meines Herzens; denn ich war die Urſache des Un⸗ glücks und der Vernichtung einer ſo verehrungswürdigen Familie. Der allmächtige Gott bewahre ſie und erwecke das Mitleid der Regierung, damit ſie bald wieder frei und glücklich werden. Ich ſagte, daß ich im Herbſt mit dem Grafen Horn bekannt wurde. Als ich einige Mal auf die Regierung zu ſprechen kam, ſagte ich:„Es iſt traurig, daß man den König nicht los werden kann“ Da ant⸗ wortete er mir:„Man darf nicht daran denken, denn noch geht es nicht“—„Das wäre merkwürdig— ich würde es thun, wenn ſich nur eine Gelegenheit dazu darböte“— Er verwunderte ſich über mich, konnte ſich jedoch der Aeußerung nachher nicht mehr erinnern.— Es wurde nicht viel darüber geſprochen, denn ich hatte Eile. Das Meiſte, was ich mit dem Grafen ſprach, betraf meine Gottlandsſache und die Landwirthſchaft, denn ich dachte — —— 168 damals noch nichts bei jener Aeußerung. Erſt nach Weih⸗ nachten faßte ich dieſen unglücklichen Gedanken feſt.— Nach dem Neujahr bat mich der Graf in Hufvuſta zu Rittag. Es war ein Sonntag Ich kam und traf dort den Grafen Ribbing, mit dem ich damals zum erſten Mal bekannt wurde. Sie kamen da auf die unglücklichen Zeiten und auf den nächſten Reichstag zu ſprechen. Da ſiel ich ihnen in die Rede und ſagte:„Wenn wir Guſtav III. nicht los wer⸗ den, ſo hilft Alles nichts!“ Da zuckte Graf Ribbing die Achſeln und ſagte:„Gott weiß, wenn das geſchieht.“—„Wenn ſich eine Gelegenheit darböte, würde ich es thun,“ ſagte ich Da ſagte Graf Horn;„das kannſt Du ihm glauben; das iſt ein wahrer Teufel;“ und deutete dabei auf mich Graf Ribbing lachte mit einer verächtlichen Miene, ſagte aber nichts— Ich fragte:„Wo ſoll man nur eine Gelegen⸗ heit bekommen, um das ausführen zu können? Im Park iſt eine Wache und es werden dort Viele zugegen ſeinz da iſt es ſchwer. Vielleicht kann man in der Oper eine Loge zunächſt der königlichen bekommen 2 „Nein,“ antwortete einer von den Grafen,„die Mi⸗ niſter haben dort die ihrigen“—„Bietet ſich keine Ge⸗ legenheit dar,“ ſagte Einer von uns,„wenn der König von ſeiner großen Loge in die kleine geht?“— So ſag⸗ ten wir; aber ich erinnere mich nicht mehr, wer es ſagte oder ob mehr geſprochen wurde Wenn ich mich aber recht erinnere, ſo kam die Gräfin heraus; da hörte die Unterhaltung auf; nur famen wir noch ſchnell darüber überein, daß wir uns einige Tage ſpäter zu einer beſtimm⸗ ten Zeit bei mir treffen wollten. Wir kamen zur feſtge⸗ ſetzten Stunde bei mir zuſammen.„Ich habe keine guten Piſtolen, wenn ich nur beſſere zu kaufen bekäme.“— „Ich habe gute Piſtolen“—„Geben Sie ſie mir.“— Ich weiß nicht mehr, was der Graf antwortete.— Spä⸗ ter ſagte ich:„Wenn wir eine Loge auf der zweiten Gallerie bekommen könnten, ſo würden wir dorthin gehen, und ich würde dem Könige aufpaſſen, wenn er aus ſeiner Loge in die andere ginge, und ihn im Gange erſchießen.“ . 169 Aber ich bemerkte, daß ſie keine rechte Luſt hatten, ſondern immer ja ſagten— Den Grafen Horn, der noch in die Stadt mußte, bat ich, ſich nach einer Loge zu erkundigen, und mir Nachmittags bei ſeinen Schwägerinnen Antwort zu geben und unter Wegs den Grafen Ribbing zu benach⸗ richtigen. Das war der Tag, nachdem wir uns in Huf⸗ vuſta getroffen hatten, denn die Oper war an dem Tag, wo ſie bei mir waren.— Gleich Nachmittags traf ich den Grafen Horn bei ſeinen Schwägerinnen. Er benach⸗ richtigte mich, daß er ein Billet für ſich und eines von dem Baron Hjertda habe; denn er hatte eine Rangloge genommen— Der Graf Ribbing ſollte auf das Parterre gehen, hatten die Grafen mit einander ausgemacht; denn der war ſchon wieder fort.— Ich lud meine Piſtole als es 6 Uhr ſchlug und ging zu dem Grafen Horn, der bei ſeinen Stwägerinnen war; dann ging ich gleich weiter, richtete jedych nichts aus, denn der König war den ganzen Abend in der großen Loge.— Ich ging recht müd heim, denn es hatte mich angegriffen.— Wo der Graf hinkam, weiß ich nicht— Er ſchien mir recht froh zu ſein, daß nichts daraus geworden war— Ich erinnere mich nicht, wo und wann wir zunächſt zuſammen trafen; aber ich ſagte:„Das iſt nichts Ich will auf das dramatiſche Parterre gehen,“ ſagte ich zu Graf Ribbing,„und ver⸗ ſuchen, ob es dort möglich iſt“ Ich war allein, aber es war wieder nichts, was ich auch den andern Tag auf der Straße Graf Ribbing ſagte„Die Maskerade wird das Beſte ſein,“ ſagte ich. Gegen alles Vermuthen wurde die Maskerade am Donnerſtag vor Beginn des Reichstags angekündigt; da ſuchte ich den Grafen Ribbing ſchnell auf und ſagte ihm:„Es gibt eine Maskerade; das an⸗ dere ſoll heute Abend geſchehen“—„Wir wollen ſehen, ob es geſchieht,“ ſagte der Graf,„bringen Sie Alles in Ordnung Aber ich will nichts gewußt haben, ſo daß, falls ich feſtgenommen werde, ich von nichts weiß“— „Sie gehen doch hin, Graf?“—„Das thue ich.“— „Ich ging allein, traf aber den Grafen nicht. Auch fand 170 ich keine Gelegenheit, denn es waren nicht viel Leute da. Ich ging mißvergnügt fort, theils deshalb, weil mir Nie⸗ mand helfen wollte, theils weil die unglückliche That nicht geſchah, während ich doch beſtimmt verſprochen hatte, daß ſie geſchehen ſollte In den Tagen vor dieſer Maskerade bat ich den Grafen Horn nach Gefle zu kommen; aber es war unmöglich, ihn dazu zu vermögen. Er antwortete: „Es taugt nichts, denn noch lann nichts geſchehen“ Aber am Tage der Maskerade war er nicht in der Stadt, und nachher trafen wir uns erſt wieder nach dem Reichstag. Ich fuhr nach Gefle, in keiner andern Abſicht, als da zu ſein und zu ſehen, wie es zugehen würde, denn es wur⸗ den ſo gewaltthätige Schritte gethan, ſo daß ich dachte, wenn man uns Gewalt anthut, ſo werde ich thun, was ich kann, um uns zu vertheidigen. Dort traf ich den Grafen Ribbing, dachte aber anfangs an nichts. Später fand ich eine Gelegenheit aufzupaſſen, als es Mittags draußen war, und ging ebenfalls. Das erzählte ich dem Grafen Ribbing.— Er antwortete:„Es iſt ſchon recht; aber ſeien Sie nur vorſichtig;“ oder etwas der Art, ich kann mich nicht mehr genau erinnern Aber der König war gegen das Ende hin nicht mehr viel draußen und ritt immer, wo dann nichts geſchehen konnte.— Während dieſer ganzen Zeit dachte ich mehrmals:„Wenn es recht iſt, ſo iſt es keine Sünde“— Nein, es iſt Deine Pflicht und Schuldigkeit Deinen Nächſten zu lieben wie Dich ſelbſt. Wenn ich verfolgt wäre, würde ich wünſchen, daß Andere mir hülfen; alſo muß auch ich ihnen helfen Ja, wenn ich es aus Eigennutz oder Bosheit thäte, dann würde ich übel thun Das iſt auch mein einziger Troſt in meiner höchſt unglücklichen Lage, die mit der gnädigen Hülfe des großen Gottes bald in eine höchſt gluckliche verwandelt werden wird. Samſtag kam ich von Gefle heim, und traf die Grafen mehrere Tage lang nicht. Als ich mit Graf Horn wieder zuſammen kam, dankte er für meine Briefe und ich ſagte:„Sie hatten Recht, Graf. Noch iſt nichts zu machen.—„Das ſag' ich immer,“ antwortete der . 17¹ Graf; darauf ging ich fort, denn dieſe Unterhaltung war auf der Straße— Der erſte Freitag nach dem Reichs⸗ tag wurde zur Maskerade beſtimmt. Ich ging zu Graf Ribbing und ſagte:„Ich gehe heute Abend auf die Maskerade, um den König zu erſchießen.“ Er antwortete: „Ich werde auch hingehen, aber es wird nichts daraus werden“—„Ja, es wird, wenn nur der König hin⸗ fommt“— Sobald ich vom Reichstag kam, holte ich die Piſtolen wieder, die bei einem Schmied waren, um aus⸗ gebeſſert zu werden, während ich mich in Gefle befand. Ich hatte den Schaft an der einen zerbrochen, ehe ich auf den Reichstag abfuhr. Ich bekam ſie eine Woche ehe ich nach Gefle fuhr, von dem Grafen Horn. Der Graf brachte ſie eines Tages vom Lande mit.„Verſuchen Sie ſie; ich glaube, daß ſie gut ſein werden,“ ſagte er, wenn ich mich recht erinnere. Ich lud ſie mit Kugeln und Schrot; dann ging ich allein auf die Maskerade, denn Niemand wußte darum, außer dem Grafen Ribbing Ich nahm beide mit mir Ribbing traf ich nicht, ſah auch feine Möglichkeit etwas zu thun, ſondern ging ärgerlich wieder heim Den Grafen traf ich lange nicht.— Am Tag vor dem Freitag, als die Maskerade der Kälte we⸗ gen nicht war, wenn ich mich recht erinnere, kam Graf Ribbing zu mir und ſagte:„Morgen iſt wieder eine Maskerade“—„Hol' mich der Henker!“ antwortete ich, „dann ſoll es gewiß geſchehen, mögen nun viel oder we⸗ nig Leute da ſein.“„Wir treffen uns dort,“ ſagte Rib⸗ bing Es wurde aber nichts daraus, ſondern ich zog den Schuß aus den Piſtolen Dann traf ich den Grafen Ribbing ſpäter einmal auf der Straße. Er ſagte:„Nun, es gab keinen Maskenball?“„Nein,“ ſagte ich,„s wird wohl keinen mehr geben, weil wir der Faſtenzeit ſo nahe ſind, obwohl ſich der König nichts um die Faſten⸗ zeit bekümmert.“— Am Donnerſtag vor der unglücklichen Maskerade ging ich nach Hufvuſta, traf aber den Grafen Ribbing Morgens auf der Straße und ſagte:„Ich fahre bis Mittag nach der Hauptſtadt.“„Viele Grüße, ich 172 komme um 4 Uhr hin.“—„Das iſt ſchön,“ ſagte ich, „ſo können wir über die morgige Maskerade ſprechen.“ „Ja,“ antwortete er. Wir trennten uns und ich fuhr hinaus und ſagte Graf Horn:„Morgen iſt eine Mas⸗ kerade und um 4 Uhr kommt Ribbing.“„Das iſt gut,“ war die Antwort. Wir ſprachen nichts weiter, denn der Graf hatte Eile. Gleich nachher kam Graf Dona von Drittingholm. Wir hatten hier keine Gelegenheit uns zu beſprechen, ſondern verabredeten, am Tag darauf um 4 Uhr bei Graf Ribbing zuſammen zu kommen und ſämmtlich auf die Maskerade zu gehen. Doch machte ich mit Graf Horn aus, daß ich Dominv und Maske für ihn bringen wollte.— Der Bund kam zur beſtimmten Zeit bei Rib⸗ bing zuſammen. Ribbing ſagte, wie er auf der Maske⸗ rade gekleidet ſein würde, um kenntlich zu ſein. Da hörte ich von Graf Ribbing, daß Liljehorn bereit ſei und daß man ſich auf die Artillerie und das Regiment Königin Wittwe verlaſſen könne. Hierauf hörte ich weiter, daß Armfelt, Taube und Sinclair verhaftet und der Kronprinz auf den Thron geſetzt werden ſolle. Ich ging aus dem Zimmer, um nichts weiter zu hören, denn ich wollte nichts der Art hören. Dann ging ich fort. Auf der Treppe ſagte Graf Horn, um welche Zeit er zu mir kommen wollte. Um 6 Uhr wetzte ich die Klinge eines großen Schlächtermeſſers und ſchwärzte den Schaft. Um 10 Uhr kam Graf Horn mit einem Säbel zu mir, legte ihn hin und ging wieder fort. Dann ging ich auf das Bureau und lud die Piſtolen und leimte ſchwarzen Taft auf das zubereitete Meſſer, das ich zu dem Ende zehn bis zwölf Tage vorher in einer Meſſerbude auf dem Ritterhausmarkte gekauft hatte.— Graf Horn kam wieder zurück und wir kleideten uns an. Um halb 12 Uhr gingen wir in den Ballſaal. Als wir ankamen, ſah ich ſogleich den unglück⸗ lichen König mit Eſſen in ſeiner kleinen Loge. Gleich darauf kam Ribbing. Ich erkannte ihn, und Graf Horn ſprach ſogleich mit ihm. Gleich darauf kam der König maskirt in einer weißen Maske ohne Bart und dem ſchwarzen 173 Dominv. Er ging einmal ſchnell durch den Saal und dann in das Foyer hinauf. Ich und Horn gingen nach;z wir warteten an der Cuuliſſe, hinter denen, welche tanzten. Als der König heraus kam, ging er links von mir; ich machte mich hinter ihn, während er den Saal hinab ging und ſchoß den verwünſchten Schuß ab. Die Piſtole ließ ich gleich fallen und wunderte mich, daß er nicht ſtürzte. Dann wolite ich mit dem Meſſer ſtechen, ließ es aber be⸗ ſtürzt gleichfalls fallen, ging dann zu dem König hin und rief:„Es brenntl es brennt!“ Dann wollte ich hinaus; es gelang mir aber nicht; und da ich eine Unterſuchung fürchtete, ſo ließ ich die andere Piſtole oben an der Treppe fallen.— Keiner von den Grafen wollte nachher mit mir ſprechen. J. J. Ankarſtröm.“ Die Baronin. Keiner von den Grafen wollte nachher mit ihm ſprechen.— Nein, nein, Ankarſtröm. Der Onkel. Horns und Ribbings Bekenntniſſe habe ich ebenfalls gehört. Sie geſtehen Alles, bezeugen ihre große Betrübniß über das Unternehmen, und begrei⸗ fen ſelbſt nicht, wie ſie mit ihren ſchönen religiöſen Grund⸗ ſätzen ſo weit kommen konnten. Liljehorn ſtellt ſich als ein Beiſpiel von den Widerſprüchen des Lebens zwiſchen Grundſatz und Ausübung dar, und als einen Beweis von der Inconſequenz, welcher der hauptſächlichſte Fehler un⸗ ſeres Zeitalters iſt. Die Baronin. So wohlgeſinnte, liebenswürdige junge Leute! Horn kann nicht über 29, Ribbing nicht über 27 Jahre ſein. Soll Ribbings ſchöner Kopf fallen? Beſtätigt es ſich, daß Liljehorn eine liſtige und falſche Abſicht mit ſeinem Billete hatte? Der Onkel. Das geſteht er nicht zu. Er ſchreibt es einem Schreck, einem Wanken zu, das ihn bei Heran⸗ nahen der Kataſtrophe veranlaßte, den König zu warnen. Was die geheimnißvolle lockende Perſon betrifft, ſo weiß man nicht, ob es eine Fabel iſt oder nicht. Die Baronin. Lege das Ankarſtrömiſche Doku⸗ 174 ment dahin. Ich werde dies traurige Papier verwahren. Was haſt Du auf Deinem dritten Bogen? Der Onkel. Die Liſte, welche Du wünſchteſt, und welche alle diejenigen enthält, von denen man bis jetzt weiß, daß ſie mehr oder weniger in die Sache verwickelt ſind. Sie lautet folgendermaßen: Jakob Johann Ankarſtröm, verabſchiedeter Capitän. Karl Pontus Liljehorn, Oberſtlieutenant und Ritter bei der königlichen Leibgarde. Graf Elas Frederikſon Horn, Kammerjunker, Major. Graf Adolph Ludwig Ribbing, Capitän. Freiherr Thure Stensſon Bjelke. Johann Alegren, Rath. Gerd F. Enhörning, Canzeliſt und Notar. Jakob von Engeſtröm. Johann von Engeſtröm, Sekretär in der Kanzlei. Freiherr Karl Fr. Pechlin, Generalmajor und Rit⸗ ter.(Von dieſem und ſeinen Freunden war man bisher nicht im Stande, etwas Anderes als unbedeutende und indirekte Antworten zu erhalten.) Baron C F Chrenſvärd, Lieutenant. Baron Thure Fumk, Lieutenant. Andreas Nordell, Bezirksrichter. Ingemund Liljeſträle, Copiſt in der Kanzlei.— Ein Glas Waſſer— erhole Dich, Schweſter! Die Baronin. O es iſt ſchrecklich, auf dieſer Liſte Namen hören zu müſſen, die— Hör' auf, Bruder, lege das Papier zu den andern. Ich glaube, Du haſt noch mehr? Der Onkel Zum Schluß wenigſtens ein frohes Dokument: die Erlaubniß, die unglückliche Avolphine bei uns behalten zu dürſen. Die Baronin Großer Gott! bedurfte es das? Der Onkel. Dieſe Erlaubniß war nicht leicht aus⸗ zuwirken. Sie begnügten ſich nicht mit der Thatſache, daß ſie phantaſirt, denn dies behaupteten ſie, könnte ein unfreiwilliges Betenntniß deſſen ſein, was man im wachen⸗ — 175 den Zuſtand wiſſe. Ich nußte ein ärztliches Zeugniß über ihren verwirrten Gemüthszuſtand beibringen. Die Baronin. Gott! vor dieſem durch eine halbe Lüge oder eine Nothlüge bewirkten Zeugniß habe ich im⸗ mer gebebt. Bruder! bedenke, wenn ſich dieſe Unwahrheit eines Tags in Wirklichkeit verwandelte, um uns zu be⸗ ſtrafen! Siebente Scene. Das Stockholmer Schloß. Des Königs Schlafzimmer. Herzog Karl. Ueber 60 Perſonen. Der König. Unglücklicher Eifer, den die Prozeß⸗ formen erfordern! Mehr als meine eigenen Leiden ſchmerzt mich der Gedanke an die Strafe, die der Verbrecher war⸗ tet. Komm näher an mein Bett und vernimm meinen Wunſch: Es möge keiner leiden um meinetwillen, keiner! Herzog Karl. Euer Majeſtät, das Geſetz fordert Blut um Blut Der König. Ich will keine Feinde zu Reiſegefähr⸗ ten auf einem ſo langen und abenteuerlichen Wege haben. Ich bin Menſch, mein Bruder, und muß als eigentlicher Kläger das verzeihen dürfen, was man gegen mich ver⸗ übt hat. Herzog Karl. Das Volk ruft laut Der König. So wiſſe denn, Karl Södermanland: bis zu meinem letzten Augenblick bin ich König.— Als König habe ich das Recht Gnade zu gewähren; dies Recht kann mir Niemand in Schweden nehmen.— Ich be⸗ gnadige Herzog Karl. Hoher königlicher Sinn! Der König. Und wenn das Geſetz nothwendig Blut um Blut verlangt, ſo mag Er, der Unglückliche allein ſterben— aber keiner mehr Bei Deiner fürſtlichen Ehre, Karl! dies iſt mein letztes Wort, gib mir Deine Hand darauf! 176 Achte Scene. Auf einer Promenade. Die Baronin. So iſt er alſo— todt? Der Onkel. Und begraben. Die Baronin. Nie habe ich einer Leichenfeierlich⸗ keit mit ſo wunderbaren Gefühlen beigewohnt Das ſchwe⸗ diſche Volk beweint ſeinen theuren und geliebten König. Ich weinte zugleich über ihn und über die, die ich an ſeinem Tode— und des Todes ſchuldig wußte. Guſtav III. — man ſagte, daß er eine ausländiſche Sprache geläufi⸗ ger redete, als ſeine eigene und ſeine Mutterſprache nicht ohne eine kleine affektirte Steife ſprach— der Flecken in der Sonne!— Guſtav III. lebte in der Seele des Vol⸗ kes, und er gehört zu denen„ die nicht vergeſſen werden, obſchon er aus den Augen verſchwunden iſt, wie die Schrift ſagt. Der Onkel. Göttlicher Krauß! ich habe eine Grabmuſik gehört, die nur einen Fehler hatte. Sie war ſo ſchön, daß ich um ihretwillen und ſo lange ſie tönte, nicht an das Begräbniß ſelbſt und nicht an ihn dachte, der begraben wurde. Verzeihe mir, mein königlicher Schat⸗ ten, Du ſelbſt haſt uns Krauß geſchaffen— jetzt ſiehſt Du die Folge. Die Baronin. Mein Bruder, ich bleibe nicht mehr in Stockholm. Ich habe ſchon nach Stafſiö um Pferde geſchrieben. Der Onkel. Göttliche Kunſt— eine Fuge kann ſich der ganzen Kraft meines Weſens bemächtigen, und bereitet mir einen reinen und unſchuldigen Genuß. Eine ſolche Fuge, wie Krauß uns hören ließ, iſt der Flug der Seele nach unbekannten Ländern, und doch fühlt man ſich dabei vernünftig. Es find nicht nur die ſchwachen Rüh⸗ rungen des Gefühls, es iſt ein ſtrenges und klares, ja ge⸗ bundenes Wiſſen darin. Die Baronin. Ich brauche Deine Hilfe bei einem — 177 kleinen Geſchäft, mein Bruder. Verſchaffe mir einen Be⸗ dienten für die Reiſe. Der Onkel. Wenn Du glaubſt, daß die Mädchen jetzt das Fahren vertragen können, ſo bin ich ſehr dafür, daß Du Stockholm je bälder deſto lieber verläßt. Die Baronin. Der gute Oberſtlieutenant W. hat Beſchwerlichkeiten genug um unſertwillen gehabt. Meine armen Mädchen werden nicht beſſer. Warum ſoll ich noch warten? Aber begleite mich nach Stafſjö, Bruder. Ich brauche einen Rath, eine Hülfe, einen Tröſter. MNeunte Scene. Das kleine Haus in Bellevue⸗Hage. Klara. Sie waren einmal hier, aber ſie gingen wieder fort, da Du nicht im Zimmer warſt. Ach ich habe die ſchlimmſten häßlichſten Diener der Polizei geſehen. Sie kommen bald wieder Tintomara. Sei doch nicht ſo krank— vielleicht wenn Du ein wenig trinkſt.— Klara. Ich habe getrunken! O mein Kind! Tintomara. Ich will Deine Hand küſſen. Klara. Wenn Du wüßteſt, was ich gethan habe! Werde ich es wagen, o Gott! mein ſchreckliches Verbre⸗ chen zu entdecken, ehe der ſichere Tod zu mir kommt? Du weißt nicht— mein Kind— Tintomara. Darf ich Dir etwas ſingen oder ſpie⸗ len, es wird Dir dann beſſer werden Klara O mein Kind! Du biſt keine Chriſtin! Tintomara. Ach ſei doch fröhlich Klara. Großer himmliſcher Gott! ich habe es ver⸗ ſäumt— Du haſt keinen Namen auf Erden— keinen Namen bei ihm im Himmel. Du biſt kein Menſch— Du biſt ein unvernünftiges, ein unvernünftiges— ich kann es nicht ausſprechen! O mein Kind, o mein ſchönes, ſüßes, unſchuldiges Kind! Tintomara. Weine nicht ſv. Der Königin Juwelenſchmuck. 12 Klara. Du biſt— nicht getauſt. Tintomara. Sei nicht um mich bekümmert. Ich bin geſund und großz ich bin 17 Jahre alt. Klara. Der Taufe heilige, heilige— wie heißt es doch?— Scene? nein! Akt? ſo iſt es. Ich Arme, ich beſinne mich auf nichts mehr.— Es war damals ſo luſtig, ich dachte nicht an dieſe Stunde. Großer Gott, Du leicht⸗ ſinniges Gemüth! Und meine Freunde und Bekannte waren Lachen und Scherzen und Vergnügungen. Herr des Him⸗ mels ſo ging es den ganzen Tag, Woche für Woche, und Du biſt verloren! Tintomara. Fürchte nichts für mich. Klara. Gibt es denn keine Hilfe? Strafe mich, mich! ſieh auf dieſe Blüthe, mein Herr— ich will nicht ſtolz ſein und ſagen, ſie iſt eine große ſchöne Roſe. Sie iſt nur eine kleine Pflanze, ein kleines Blatt am Strand ohne Namen. Herr mein Gott! ſie kann nichts dafür, daß ſie nicht in der Gemeinſchaft der Chriſten iſt. Tintomara. Warum ſprichſt Du ſo? Klara. Es war ſo luſtig damals. Ich ſchämte mich nicht, daß Du da warſt. Um Deine Wiege lachten ich und alle meine Bekannte und auch Dein Vater. Sie lachten und ſagten: was braucht es eine Taufe für ein Kind, das einen Mönch zum Vater hat? Ich gewöhnte mich ſo an dieſen grauſamen Scherz. Jetzt erſt empfand ich das Schreckliche, Schauerliche des Scherzes! Aber das Wichtige wurde von Monat zu Monat aufgeſchoben, und das Nothwendige vergeſſen und nicht beſorgt. Als Du heran wuchſeſt, warſt Du meine Freude und Ehre. Deine Erziehung beſtand darin, daß Du in allen Gängen, Trep⸗ pen und Zimmern des neugebauten Theaters herumſprangſt. Ein anmuthigeres, ſüßeres Bild gab es nicht auf der Welt als Du warſt. Lachend gaben wir Dir nach jevem neuen Stück, jedem neuen Ballet, jedem neuen Roman einen neuen Namen. Du haſt einen neuen Namen um den andern ge⸗ tragen und ihrer wohl zwanzig gehabt, aber nie, nie den einen, einzigen, nothwendigen, nie einen chriſtlichen Namen! 179 Tintomara. Ich weine, wenn Du ſo tief aus der Bruſt weinſt. Klara. Soll ich nicht weinen? O Qual unter dem Herzen! Du biſt verloren— ſie kommen, ſie kommen! Tintomara. Man hört noch nichts. Klara Fliehe, mein Kind! Ich ſterbe, ſterbe ſicher und bald. Frage nicht mehr nach mir, ſondern fliehe, fliehe ſchnell und weit! Verkleide Dich und eile, ehe ſie kommen. Nimm Manuels abgelegte Kleider da drinnen, die er von der Aſſiſtanie bekam, nimm ſeinen kurzen Rock, ſeine Weſte — knüpfe die Weſte gut über die Bruſt zu. Schneide Deine Locken kürzer, nimm ſeinen Hut.— Tintomara. Die Klarinette nehme ich auch. Klara. Ich vergehe! Lindere meine Qualen, meine grauſamen Qualen! Doch es iſt gut— ich darf doch da⸗ heim in meinem Bette ſterben, ohne Spektakel— ohne Spektakel, großer Gott! habe Dank dafür. Tintomara. Krümme Dich nicht ſo, Deine Bruſt geht ja entzwei. Klara. Ach was fiel da in mein Geſicht? Tintomara. Verzeih', eine Thräne. Klara. Gnädiger Vater! Tintomara weint. Ich weiß nicht mehr, wann ich dies das letztemal ſah— Mein Mädchen weint! Gott, ich danke Dir. Jetzt bin ich froh, denn ich weiß, daß ein Thier nicht weinen kann. Tintomara Wirſt Du nie mehr hienieden lachen? Klara. Höre mich, mein ſüßes Kind. Ach ich ſehe, Du biſt ein Menſch, und wirſt verſtehen, was ich Dir jetzt ſage. Und was ich Dir ſage, ſollſt Du Dir einprä⸗ gen, denn es werden meine letzten Worte ſein. Tintomara. Ich werde mir einprägen, was Du mir ſagſt. Klara. Nur die weiße Farbe taugt im Himmel und auf Erden. Nur das Weiße hilft und rettet; das Weiße gibt einem Jeden, was recht iſt. Es ſchafft das, was einem Jeden in ſeiner Art zukommt. Tintomare. Das Weiße? 12* 180 Klara. Tintomara. Zwei Dinge ſind weiß— Unſchuld— Arſenik. Tintomara. Ach mache die Augen nicht zu, ich will ſie ſehen. Klara. Du mein Kind habe die Unſchuld— ich habe Arſenik. Zehnte Scene. Heumarkt. Bei der Baronin M. Die Baronin ſitzt an einem Tiſch und legt Paſſianee. Tintomara ſteht in Mannskleidern unter der Thüre. Der Onkel. Hier, meine Schweſter. Die Boronin. Eine junge und hübſche Bedienten⸗ figur, ſehr hübſch. Aber ich weiß nicht, ich will ihn nicht haben. Der Onkel. Warum nicht? Er iſt ohne Vater und ohne Mutter. Ich habe ihn im Hopfengarten gefunden. Er hat ein feines Gehör für Muſik. Die Baronin. Muſik hilft dem Bedienten zu nichts. Ein gewiſſes Etwas, ich weiß nicht, eine*ntipathie— 2 nein, das eben nicht, aber ein unerklärliches Gefühl.— Der Onkel. Ohne Grund. Die Baronin. Verzeih', das iſt ſo unſere Weiber⸗ art. Laß den Jüngling wieder fortgehen; er ſoll einen Lohn haben. Der Onkel. Alles iſt zur Reiſe bereit, ich kann keinen andern Bedienten anſchaffen. Die Baronin. Du biſt böſe, Bruder? Der Onkel. Da fällt mir Etwas ein. Es herrſchte hier lange genug Traurigkeit. Ich habe einen heitern Vor⸗ ſchlag, der dieſe Kleinigkeit entſcheiden kann. Wir ziehen rouge et nvir; bekomme ich das ſchwarze, ſo wird er an⸗ genommen. ſ Die Baronin. Es mag ſo ſein, um Dir ein Ver⸗ nügen zu machen, hier ſind meine Paſſiancekarten, zieh'. . gnügen 3 d meine zieh 5 Der Onkel. Treff Fünfer, ich habe gewonnen. 181 Die Baronin. Nein, ich ergebe mich noch nicht. Wir wollen gerade oder ungerade ziehen. Wenn es unge⸗ rade wird, ſo mag er bleiben. Der Onkel. Gut, ziehe jetzt ſelbſt. Die Baronin. Wieder Trefffünfer. Ich muß mich für beſiegt erkennen, denn meine Paſſiancekarten waren lange mein einziges Vergnügen, mein Orakel. Der Onkel. Komm von der Thüre weg und ver⸗ beuge Dich, Jüngling Du biſt angenommen. Lege Dein Bündel ab und die Klarinette auf den Tiſch; wir müſſen einpacken. Neuntes Buch. Ulmen, Vogelbeer und Haſelſtauden. Ahorn, Weide und Linde. Blühen im Winde, Biegen ſich im Winde. Von der Oſtſee aus fährt ein langer und ſchmaler Meerbuſen weſtlich von Norrköping 6 Meilen weit in's Land herein. Südlich davon erſchließt der kirchthurmreiche Vikbolard ſeine freien und hinteren Ausſichten. An der, nördlichen Küſte dagegen ſtürzen marmorhaltige Kalkberge mit weißen Abhängen ſenkrecht in das Meerwaſſer hinab. Hier mußte es außerordentlich tief ſein; der ganze lange Meerbuſen heißt auch der tiefe See. Ueber das Gebirge, welches die nördliche Küſte der tiefen See bildet, erſtreckt ſich der Kolmord zwiſchen Oſten und Weſten hin. In früheren Zeiten war dieſer berühmte Wald jedoch größer, dichter und finſterer, als jetzt. Da fuhren Könige hier irre und Leute, die vorſichtig waren, beichteten zuerſt an einer einſamen Kapelle und befahlen ihre Seelen in die Hände der Heiligen. Jetzt findet man in dem Walde manchen angebauten — Fleck. Die hohen Fichten haben ſich gelichtet; es iſt hier nicht mehr ſo kohlſchwarz wie der heidniſche Name an⸗ deutet; aber es gibt doch noch Schatten genug und manche ſchöne unbekannte Gegend darin. Die große Heerſtraße, welche das Schweden⸗ und Gothenreich verbindet, geht über den Kolmord an Krokek vorbei. Aber zwei andere Punkte nehmen unſere Aufmerk⸗ ſamkeit doch noch mehr in Anſpruch. Der eine iſt eine Stelle an der See ſelbſt, wo der Kolmordmarmor gebrochen wird. Jetzt zeigt ſich hier ein wohlgebautes Werk, das zur Ehre des Vaterlandes ſchwediſchen Marmor von feſtem Korn und angenehmen Farben verarbeitet und denſelben außer Lands, ja ſogar bis nach Amerika verſendet. In den Tagen unſerer Erzählung jedoch ſtand es hier noch nicht ſo gut wie jetzt; aber auch damals ſchon wurde der Ort der Marmorbruch genannt. Von dieſem Punkt an der ſüvlichen Seite des Waldes mag es etwa eine Meile weit nördlich über der Haide hin bis zu dem zweiten Punkte ſein, denn ich meine bis Stafſiö. Die Kanonengießerei Stafſjö liegt in dem an Söder⸗ manland gränzenden Theil Kolmords. Dieſe ſchöne an⸗ ſehnliche Gebäulichkeit, der Garten, der Park und beſon⸗ ders die Gießerei erregen die Aufmerkſamkeit eines jeden Reiſenden. Die große Landſtraße von Nyköping nach Norr⸗ köping geht an dieſen Häuſern vorbei. Jeder, der mit Verſtand reist, läßt hier ſeine Pferde verſchnaufen, ſteigt aus und betrachtet eine Weile die furchtbaren Blöcke von Roheiſen, die außerhalb der Schmieden liegen und nachher hineingebracht und zu Kanonen verarbeitet werden. Im Jahre 1792 ſah jedoch Stafſjö nicht ganz ſo aus wie jetzt. Erſte Scene. Der Garten von Stafſjö. Eine Laube. Die Baronin. Ich bin in der That verlegen. Der Onkel. Ich nehme ihn zu meinem Pbitégé, zu meinem eigenen Kinde an. — 183 Die Baronin. Mißverſtehe mich nicht. Weit ent⸗ fernt, einen Streit mit Dir anfangen zu wollen, verſichere ich Dich, mein Bruder, daß ſein ovales Geſicht, ja ſeine ganze ſittliche Erſcheinung mich zu ſeinem Vortheil einge⸗ nommen hat. Auch war es nicht Mißbehagen, was mich von Anfang gegen ſeine Aufnahme in mein Haus ſtimmte, ſondern ein unerklärliches Gefühl, das mich erſchreckte, das ich aber jetzt vergeſſen habe und doch— Der Onkel. Ich bin unverheirathet, ich nehme dieſen Jüngling zu meinem Kinde an. Da er ohne Eltern iſt, ſo braucht er einen Beſchützer und ich einen muntern Be⸗ gleiter, wenn ich jage. Die Baronin Des ſah ich im erſten Augenblick, daß von einem Bedienten bei ihm keine Rede ſein kann. Er handhabte zwar Teller und Schüſſeln mit großer Gewandtheit während unſerer Herreiſe— erinnerſt Du Dich des Abends in Svärdsbo?— ein ſonderbarer ob⸗ ſchon ſehr heiterer Abend.— Er brachte zwar Alles, was man begehrte flink und aufmerkſam herbei, aber die Be⸗ wegungen waren ſo eigen und das ganze Benehmen gar zu fein und graziös für einen Bedienten. Gott weiß, daß ich plumpe Diener nicht gern in meinem Zimmer ſehe, aber man kann keinen Tafeldecker haben, der die Aufmerk⸗ ſamkeit der Gäſte von den Speiſen weg auf ſich zieht. Ein Bedienter, denke ich, ſoll nicht zu viel und nicht zu wenig hübſch ſein. Der Onkel. Du haſt wohl daran gethan, daß Du ihm kein eigentliches Bedientenamt in Stafſjö übergeben und ihm das kleine Nebenzimmer eingeräumt haſt. Er ge⸗ fällt, mir, ich erziehe dieſe Waiſe. Er wohnt hier als ein Freund ves Hauſes als mein Pflegeſohn. Ich bin froh, daß er noch nicht durch Bevientendienſte einen Makel be⸗ kommen hat— denn die kleinen Dienſifertigkeiten wäh⸗ rend der Reiſe konnte ein artiger Junge von jedem Stand ſeinen Reiſegefährtinnen immerhin erweiſen. Genug davon, meine Schweſter, ich bin froh. So lange ich in Stafſiö 184 verweile, bleibt auch er als ein Bekannter, als ein Ange⸗ höriger da. Die Baronin. Wenn er uns nur bekannt wäre, aber, mein Bruder, wer z. B. iſt er? wie heißt er? Der Onkel. Er hat einen Geſchmack für die Mu⸗ ſik, wie ich es nie an einem Menſchen gefunden habe. Jetzt habe ich doch Gott ſei Dank! Jemand, dem ich mittheilen kann. Die Baronin. Ich habe auch nichts gegen die Mu⸗ ſik. Ich erinnere mich im Gegentheil noch mit Freude unſerer Quartette. Meine unglücklichen Mädchen waren damals noch geſund.— Amandas Sopran, Adolphinens Alt, wenn dazu noch Clas Heinrichs Tenor und Ferdinands Baß kamen, wie lautete das ſo ſchön! Das iſt jetzt vorbei. Der Onkel. Laß doch dieſe ſchmerzlichen Erinne⸗ rungen bei Seite, Schweſter. Die Baronin. Ich hoffe Hilfe von der Zeit. Der Onkel. Wir müſſen einen Entſchluß faſſen. Die Baronin. Aber ich muß doch etwas Näheres von ihm wiſſen. Hören Sie dort an dem Spargelbeete, Mamſell Julie! Haben Sie die Güte, Mamſellchen, und bitten Sie den Herrn im Dachſtübchen, der uns von Stock⸗ holm hieher begleitete, herabzukommen. Mamſell Julie. Wie? Den, der dort allein herum geht, und nach den Stachelbeerbüſchen ſieht? Er ſticht ſich nun in den Finger und begreift nicht, daß der Buſch ſtiht. Die Baronin. Iſt er im Garten? Ja, ich ſehe ihn; ja, er iſt's.(Julie geht und Tintomara tritt etwas ſpäter in die Laube.) Der Onkel. Wir rufen Dich zu einer vertrauten Unterredung, junger Freund;z antworte uns auf einige Fragen. Die Baronin. Setze Dich. Der Onkel. Deine Eltern leben nicht mehr? Tintomara. Meine Mutter iſt todt. Der Onkel. Aber Dein Vater? Tintomara. Ich weiß nicht. 185 Die Baronin. Aha! Der Onkel. Weißt Du nicht das Geringſte von ihm? Tintomara. Ich habe von ihm ſprechen hören. Meine Mutter ſagte, daß er ſeit vielen Jahren nicht mehr zu ihr gegangen ſei. Die Baronin. Iſt Stockholm Dein Geburtsort? Tintomara. Meine Mutter ſagte ſo. Meine läng⸗ ſten Erinnerungen ſind Bäume, Grotten und Landſchaften, unter denen ich als klein herum ſprang. Der Onkel. Du behaupteteſt aber doch unterwegs, daß Du früher noch nie auf dem Lande geweſen ſeiſt. Warum ſchlugſt Du da die Hände zuſammen? Tintomara. Die Bäume meiner Kindheit waren Couliſſen. Die Baronin. Aha! Der Onkel. Voilà tout, ma soeur. C'est un enfant du theater, enfant perdu d'une Actrice. Tintomara. D'une Actrice perdue. Baronin. Gott! er verſteht Franzöſiſch! Onkel. Sprichſt Du Franzöſiſch? Tintomara. Ich verſtehe ein wenig, wenn Andere ſprechen. ie Sag uns jetzt, wie Dein Name eigent⸗ ich iſt. Tintomara. Am Ende nannten ſie mich Azuras Lazuli Tintomara. Baronin. Aber was iſt das für ein Name? Onkel. Ein ſehr muſikaliſcher. Baronin. Am Ende? Aber ich will Deinen rech⸗ ten Namen wiſſen, mein Freund. Deinen Taufnamen. Wenn Du hier wohnen ſollſt, ſo müſſen wir dem Pfarrer in Kila ein kirchliches Zeugniß übergeben oder könnten wir ihn auch in Krokök einſchreiben laſſen. Tintomara. Krokök— ein häßlicher Name. Baronin. Es iſt ein Kirchſpiel, mein Freund. Er⸗ vt deßhalb. Du haſt Deinen Taufſchein wohl ei Dir? —— 186 Tintomara. Ich habe gar keine Scheine. Ach wir waren am Ende ſo arm! Baronin Cela passe la raillerie. Onkel. Begreifſt Du nicht, wie es ausſieht, Schwe⸗ ſter? Enfant d'amour— naissance obscure— tout caché.— Man geht nicht gern zu einem Pfarrer und bittet um ein Zeugniß ſeines Unrechts. Baronin. Das mag ſein, aber ich denke doch— Onkel. Es iſt unnöthig, den Pfarrern hier einen Taufſchein zu zeigen. Tintomara iſt ein 17ähriger Rei⸗ ſender, der um meinetwillen in Stafſjö verweilt. Ich bin Oberjägermeiſter. Du wirſt mit mir in den Wald hinaus gehen und ſchießen lernen, junger Mann Tintom ara. Das gefällt mir. Die Baronin. Aber Tintomara lautet wie ein Frauenzimmername? Der Onkel. Weil er ſich auf A endigt, nicht wahr? O meine liebe Schweſter— und Sforza, Co⸗ lonna, Garcia, Traſtamara?— Das ſind ja lauter Männernamen auf A. Die Baronin. Wenn aber Dein Pflegeſohn dieſen Sommer hier bleiben ſoll, ſo wünſche ich, daß er einen ſchwediſchen Namen bekomme. Der Onkel. Hans, Michel, Peter, Johann?— Der tauſend! Dann reiſe ich mit ihm fort. Die Baronin. Ich möchte aus ſeinen Namen wenigſtens denjenigen wählen, der mir am meiſten gefällt, und das iſt Lazuli. Der Onkel. Du meinſt wahrſcheinlich, es paſſe ſich beſſer für einen Mann, auf J zu endigen, als auf A? O ihr Weibsleute! Meinetwegen.— Biſt Du daran gewöhnt? Tintomara. Ja, ſie nannten mich lange nur Lazuli. Der Onkel. Nun ſo heiße denn künftig in Stafſjö ſo. Du mußt Dich am meiſten an mich halten, Lazuli, und ich werde, wenn Du gelehrig biſt— biſt Du gelehrig? 187 Lazuli. Ja. Der Onkel. Ich werde Dich Muſik lehren, unter der Bedingung, daß Du Dir die Klarinette abgewöhnſt. Du ſitzeſt gewöhnlich für Dich ſelbſt und ſpielſt, und in dem Wenigen, das Du kannſt, zeigſt Du einen reinen Anſatz, der Deinem Gehör viel Ehre machen würde, wenn Du nicht gewiſſe Töne in der Skala falſch nähmeſt. Du haſt auch eine melancholiſche Tonfärbung, wie man es heißt, oder einen Farbenton, worüber ich mich nicht wundere, in Betracht Deiner Schickſale, die ich noch nicht kenne. Was ich Dir aber ſagen wollte, war, daß alle Blasinſtrumente nichts taugen; ſie geben keinen ordentlichen Muſikus. Du mußt die Klarinette weglegen und Violine lernen. Haſt Du eine Idee von der Violine? Lazuli. O ja; ich ſtand vft als klein bei einem Contre⸗Baß und wenn der Herr ſelbſt nicht ſtrich, ſo griff ich auf der dickſten Saite ſowohl über, als unter den Steg. Ein häßlicher Laut! Der Onkel. Der Contra⸗Baß! Doch ich meine die kleinere Violin, die man unter das Kinn ſetzt. Wer auf einem ſolchen Inſtrument einen guten Vortrag hat, mein junger Freund, der beſiegt alle Blasinſtrumente der Welt, man mag ſie mit Klappen ſpielen oder mit etwas Anderem. Es iſt etwas Göttliches darum, die Violine gut zu ſpielen.. Lazuli. Ich weiß, daß es viererlei Violinen gibt: die Violine, die Viola, das Violoncell und den Contrabaß. Der Onkel. Mein wackerer Lazuli, was weißt Du noch mehr? Lazuli. Es gibt vier Saiten auf jeder Violine: die Quint⸗, die Alt⸗, die Tenor⸗ und die Baßſaite; über⸗ dies den Geigenbogen. Der Onkel. Ganz recht; es iſt vergleichsweiſe ganz, wie die vier Abtheilungen der menſchlichen Stimme: der Sopran, der der Quinte entſpricht, iſt die höchſte Stimme, dann die Altſtimme, dann die Tenorſtimme und endlich die Baßſtimme. Hievon ſollteſt Du einen genaueren 188 Begriff bekommen, wenn nicht unglücklicherweiſe unſere Sangquartette unterbrochen wären. Meine Niecen hatten: Amanda einen herrlichen Sopran, Adolphine einen herr⸗ lichen Alt— und zwei andere, ich will nicht ſagen, vor⸗ treffliche Herrn, ich kann das leider Gottes nicht mehr ſagen, aber Männer waren's doch— hatten: der eine einen Tenor, der andere einen Baß. Denn die Natur will es ſo, mein Freund, daß die Männer die gröbſte Stimme haben, und Ferdinand ſang wirklich einen ſtattlichen, außerordentlichen Baß, wie auch Clas Heinrich einen guten Tenor hatte. Doch ich komme wieder auf meine Violinen zurück, deren Saiten dieſelben Namen tragen, nur mit 6 einem geringeren Umfang; ja warte, ich komme auf meine Violinen zurück— verſtehſt Du Dich auf das Kaefacium? Die Baronin. Das ſieht einer Lektion ähnlich, 1 aber ich bitte, ſie noch aufzuſchieben, denn ich habe Sachen von Wichtigkeit mit Dir zu beſprechen, mein Bruder. Geh' eine Weile bei Seite, mein junger Lazuli, ich will mit dem Oberjägermeiſter allein ſein.(Lazuli geht.) 6 Der Onkel. Ich habe eine wahre Freude an dem artigen Jüngling. Er kann wahrſcheinlich noch nichts ſpielen, aber er wird es lernen. Die Baronin. Wir müſſen auf die Reiſe nach unſern Gütern in Oſtgothland denken. Mein Bruder, Du begleiteſt mich doch wie gewöhnlich nach Ribbingsholm? Der Onkel. Sehr gern. Wird die Sommerreiſe lang dauern? Die Baronin. Das hängt davon ab, ob riel Aufſicht dabei nöthig iſt; wir kommen in einem Monat wieder, denk ich. Der Onkel. Aber wer ſoll in Stafſjö die gegen⸗ wärtige Ordnung erhalten? Die Baronin. Manſell Julie iſt daran gewöhnt, meiner Haushaltung hier vorzuſtehen; damit hat es keine Gefahr. Der Onkel. Aber die Aufſicht bei der Krankheit der Mädchen? 189 Die Baronin. Ich glaube nicht, daß dieſe in der kurzen Zeit ſchwer ſein wird. Amanda's Gemüthsunruhe iſt größtentheils vorbei; ſie iſt auf und fängt ſchon an, allein aus dem Zimmer zu gehen. Der Onkel. Aber mit Adolphine iſt es bedenklicher. Die Baronin. Sie liegt zwar noch, aber oben. Der Onkel. So wollen wir denn in Gottes Na⸗ men reiſen— wann wird es fortgehen? Die Baronin. In einer Woche oder dergleichen, denk' ich. Zweite Scene. Die Brovik. Cin kleines Haus unter dem Marmorbruch am Strand. Ferdinand. Man muß ſich an Alles gewöhnen. Das Trinkwaſſer geht an. Clas Heinrich. Könnten wir nur eine Beſchäf⸗ tigung finden, ſo würde uns unſere ſelbſtgewählte Ver⸗ bannung nicht unerträglich werden. Ferdinand. Fahre hinaus und fiſche noch mehr, Major; ich gehe in den Wald und ſchieße; dadurch wird auch unſer Tiſch reicher, als Peter Mattſon es uns bieten kann. Clas Heinrich. Fiſchen? In das Fahrwaſſer hinausgehen und entdeckt werden? Nein. Hier in der Nähe des Strandes verſuche ich es mit Angeln;— es iſt ein Elend. Ferdinand. Die Stelle hier gehört zu den roman⸗ tiſchſten von der Welt; läugne das nicht, Major. Dort oben auf dem Marmorberg habe ich einen Punkt gefunden, von wo man eine unermeßliche Ausſicht über die Brovik bis Königsſund, Tagsberg, Stenby, Hufby und alle Vik⸗ bolander Kirchen hat. Drei Meilen öſtlich ſehe ich die Meeresfläche, und drei Meilen gegen Weſten liegt das liebliche Norrköping— dort oben auf dem Punkt habe 190 ich mir eine Schießbahn ausgeſteckt. Suche Du Dir auch einen Platz zum Fiſchenz kein Royaliſt wird es erfahren. Clas Heinrich. Ich danke gehorſamſt. Ferdinand. Wir wollen unſern Aufenthaltsort italieniſch benennen, da man hier vor Alters Marmor ſprengte. Wir wollen uns einbilden, wir wohnen in Carrara. Major, Du mußt der Gegend dort oben am Marmorbruch Gerechtigkeit widerfahren laſſen: da ſieht man grüne, weiße und ſchwarzadrige Felſen mit langen Reihen Laubholz umwachſen, dazwiſchen Nadelholz. Es ſieht aus, wie der zierlichſte, geſtreifte Zeug von Seide und Baumwolle unter einander, wie Atlas oder Madras. Clas Heinrich. Ich bin der Verbannung müde. Ferdinand. Jetzt ſchlagen wir uns nicht mehr. Clas Heinrich. Wie närriſch! Ferdinand. Das Unglück hat uns zutraulich ge⸗ macht und uns die Augen über die verrückten Mißver⸗ ſtändniſſe geöffnet; das war nicht närriſch. Clas Heinrich. Das Unglück hat uns zu Her⸗ zenskameraden gemacht. Iſt der faule Oſtgotherknecht noch nicht von Norrköping zurück gekommen? Ferdinand. Er iſt. Clas Heinrich. Weiß er Etwas? Mein Gett! Ferdinand. Er hat in Norrköping das Urtheil gehört. Das Hofgericht und der oberſte Gerichtshof haben einen Kameraden von uns köpfen und auf's Rad flechten laſſen. Clas Heinrich. O— dann muß ich geſtehen, daß wir uns hier gut befinden, denn wir werden wenig⸗ ſtens nicht geköpft. Ferdinand. Man hat große Gnade geſpendet. Man ſagt beſtimmt, der Herzog Karl begnadige. Clas Heinrich. Ich verſtehe. Der König hat Gründe, um gnädig gegen die zu ſein, die das gethan haben, was ihn jetzt zum Regenten macht. Ferdinand. Du verkleinerſt! Die Gnade erfolgte auf den ausdrücklichen Befehl des getödteten Königs. 191. Clas Heinrich. Auf den Befehl König Guſtavs! Ferdinand. Gegen den wir conſpirirten. Clas Heinrich. Großer Gott!— Warum con⸗ ſpirirten wir? Ferdinand. Um an dem Brovik zu ſitzen und Freunde zu werden. Clas Heinrich. Gnade für Alle? Ferdinand. Das Leben für Alle; den ausgenom⸗ men, der ſo ſchlecht ſchoß. Clas Heinrich. Was war denn Ankarſtröms Urtheil? Ferdinand. Er ſollte zuerſt auf verſchiedenen Märkten drei Tage hintereinander zwei Stunden im Hals⸗ eiſen am Schandpfahl ſtehen, mit einer Tafel über dem Kopf und der Inſchrift: Der Königsmörder J. J. Ankar⸗ ſtrém. Nach Ablauf dieſer Zeit ſollte er täglich mit fünf Paar Ruthen, mit jedem Paar drei Mal, geſtrichen und endlich auf den Galgenplatz geführt werden, die rechte Hand verlieren und enthauptet und auf's Rad geflochten werden. Auf dem Pranger am Packermarkt ſollte eine Tafel mit der Bekanntmachung aufgehängt werden, was für eine Straſe er erhalten habe. So erzählt der Knecht. Clas Heinrich. Und das iſt geſchehen? Ferdinand. Es iſt ſchon am 27. April geſchehen. Clas Heinrich. Schauerliche That! Ich ſehe Dich— Ankarſtröm, ich drücke Dir nie mehr die Hand! Und die Uebrigen? Ferdinand. Horn, Ribbing, Liljehorn und Eh⸗ rensvärd ſind auf ewig des Landes verwieſen. Sie waren ebenfalls zum Tode verurtheilt, aber dieſes Urtheil ward in ein ehrloſes Leben verwandelt. Clas Heinrich. Und Pechlin? Ferdinand. Pechlin kommt auf die Feſtung War⸗ berg auf unbeſtimmte Zeit, ich glaube, um zu bekennen. Der Canzleirath Engeſtröm verliert den Dienſt und be⸗ kommt drei Jahre Gefängniß in Warholm. Er wird 192 wahrſcheinlich auch nicht gehörig wahr bekannt haben. Die übrigen geringeren Leute fand das Gericht nicht heraus. Clas Heinrich. Bjelke darf nicht zu den geringen Leuten gerechnet werden. Ferdinand. Thure Bjelke nahm Gift, ſtarb und wurde in dem ſchönen Kies des Galgenbergs begraben,. 3 doch nicht als ein Bjelke, ſondern nur als ein Thure 6 Stenſſon. Clas Heinrich. Ich verſtehe. Niemand wird als Edelmann beſtraft; hierin iſt Nobleſſe. Der Adel wird . immer vor der Strafe abgethan. 3 Ferdin and. Eines weißt Du noch nicht. Bjelke und alle Landesflüchtigen wurden ihres Adels verluſtig 1 erklärt, ſo daß die Letztern jetzt in fremden Ländern, Horn als ein Clas Fredrik Fredritſon, Ribbing als ein Adolph Ludwig Fredrikſon, Liljehorn als ein Karl Pontus Sa⸗ muelſon und Ehrensvärd als ein Karl Fredrik Karlſon, . herum gehen; nur einer behielt ſeinen Adel. Clas Heinrich. Irgend ein Unbedeutender, den 6 man verachtete? Ferdinand. Ankarſtröͤm! 1 Clas Heinrich. Ankarſtröm behielt ſeinen Adel.— Ferdinand. Bis zu ſeinem Tode.— So war das ausdrückliche und eigene Urtheil der Regierung. Er wurde als Jakob Johann Ankarſtröm enthauptet. Clas Heinrich Ferdinand, das geht auf die Privilegien; in ihm wurde der Adel enthauptet. Aber ſeine Hinterlaſſenen? wie geht es mit ihrem Adel? ſeine Brüder, ſeine Kinder? Ferdinand. Sie behalten einen Adel, deſſen Jakob„ 1 Johann nicht für verluſtig erklärt wurde; allein, Major — Niemand wird mehr Ankarſtröm heißen. Clas Heinrich. Niemand mehr? Ferdinand. Der Ankar iſt aus der Familie weggenommen worden, ſeine Hinterlaſſenen ſind zum zit⸗ ternden Laube verurtheilt. Clas Heinrich. Das nimmt mich nicht Wunder. 193 Ferdinand. Die Familie ſoll Laubſtröm heißen die Brüder wie die Kinder. Clas Heinrich. Vielleicht nach ſeiner Frau, nach Guſtava Laube? Ferdinand. Vielleicht; was bleibt uns jetzt übrig? Clas Heinrich. Daß wir uns des Adels freiwillig begeben und uns nur Ferdinand, nur Clas Heinrich nennen, wie wir uns auch freiwillig nach dieſer Einöde ver⸗ bannt haben. Doch iſt es hier beſſer, als nach dem düſtern Deutſchland oder dem flachen Dänemark zu ſegeln; ich liebe die Berge.— Hörte man unſere Namen bei der Verurtheilung oder Begnadigung? Ferdinand. Nein; denn wir kamen nicht bei der Unterſuchung vor; wir waren nicht zu fangen, wir waren verreist, wir waren entflohen, wir waren vergeſſen, wir waren— Clas Heinrich. Feiglinge— man wird uns doch nicht dafür gehalten haben? Ferdinand. Wir, die wir wiſſen, daß wir einan⸗ der gegenüber geſtanden ſind, um einander für Nichts zu morden, wir wiſſen, daß wir nicht feig ſind. Clas Heinrich. Für Nichts, ja, wahrhaftig! O wie dumm ohne Gleichen! Jetzt weiß ich, daß es Amanda war, mit der Du im Fröſunderwalde ſpielteſt; ich weiß die ganze Grundloſigkeit und Du weißt— Doch was hilft es uns, was wir auf dieſem Marmorbruche wiſſen. Ferdinand. Was hilft es uns, unſerer früheren Geliebten und unſere eigene Mackelloſigkeit zu wiſſen2 Alles mußte ja abgebrochen werden. Clas Heinrich. Alles abgebrochen! Denn mit unſern gebrandmarkten Händen und Stirnen könnten wir ihnen nichts bieten und nichts empfangen. Ich möchte wiſſen, wie ſie die Mevaillons aufgenommen haben. Ferdinand. Ohne Zweifel wie von Verworfenen, wie von Verlorenen. Clas Heinrich. Unſer politiſches Unglück hat das 13 Der Königin Juwelenſchmuck. * 194 zu Stande gebracht, Ferdinand. Aber auch ohne das muß ich geſtehen, daß das Verhältniß zu dem Mädchen ſonderbar geworden war.„Der Congreß zwiſchen den Vieren,“ wie man es nannte, am Morgen des unglücklichen Tages ſelbſt fiel recht ſonderbar aus, und Du, Ferdinand, warſt 3 etwas ſeltſam; entſchuldige, daß ich das ſage. Ferdinand Es mag ſein Ich kann ein Mädchen 3 nicht recht leiden, das hitzig und eiferſüchtig iſt. In ſol⸗ chen Bemühungen liegt etwas Befehlendes, Läſtiges, Pei⸗ nigendes ß Clas Heinrich. Die Wahrheit zu ſagen, ſo hat ſich auch Adolphine eines warmen Andenkens nicht ſehr würdig gezeigt.— Es wird mir ſchwer, ſie nicht in einem 4 unaugenehmen Lichte zu ſehen. Ferdinand. Gleichviel, in welchem Lichte wir beide 3 ſie jetzt ſehen. Wir wohnen an der Browik, am Kolmord! Damit iſt genug geſagt. . Clas Heinrich. Wir ſind Königsmörder, ſind ohne —— Namen. Ferdinand. Schicke nach Noorköping und laß Saiten für Peter Mattſons Violine holen. Spiele Du, Major— ich bin Dein Capitan und werde tanzen.— O hier wird es munter werden. 1 Dritte Seene. Stafſjö. Das Zimmer des Oberjägermeiſters. 1 Der Onkel. Sieh, hier dieſe kleine Büchſe ſoll Dein ſein, Lazuli. Lazuli. Das wird in der freien Luft ſchöner hallen. Der Onkel. Du kennſt jetzt die Waldgegenden., 1 Uebe Dich im Schießen, während ich mit der Baronin fort bin, aber übe Dich auch in der Muſik, damit ich 1 Frende an Dir habe, wenn ich wieder komme. War ich nicht artig gegen Dich, daß ich Dir ſo hübſche Sommer⸗ kleider machen ließ? Der kurze Rock keidet Dich noch beſſer, als der, den ich Dir in Stockholm machen ließ, ehe wir hieher kamen. Bleibe vergnügt, Lazuli, wenn ich gleich fortreiſe. 195 Lazuli. Wie heißt das Land, wohin Sie gehen? Der Onkel. Oſtgothland, Ribbingsholm, Sktärf⸗ blacka. Lazuli. Skärfblacka— ein häßlicher Laut! Der Onkel Lebe wohl, Lazuli. Aber laufe vor⸗ ſichtiger zwiſchen den Bäumen und Büſchen umher, als Du es das letzte Mal auf dem Kolmord thateſt. Vierte Scene. Stafſiö. Das Zimmer der Fräulein Amanda. Amanda Sagen Sie's mir, Mamſell Julie! Julie. Mein liebes Fräulein, ſein Sie ruhig, es wird ja immer beſſer Amanda Nein— ſagen Sie's mir ohne unnö⸗ thige Höflichteit— wann hörte ich auf närriſch zu ſein— wann ſprach ich das letzte Mal verwirrt? Julie. Vor fünf Tagen, nachdem die Baronin nach Oſtgothland abgereist war. Amanda. Habe ich nachher nichts Wahnſinniges mehr geſprochen? Julie Nicht daß ich hörte Aber mein liebes, gutes Fräulein, denken Sie nicht mehr daran Nehmen Sie ſich eine Beſchäftigung; leſen Sie. Amanda Die Buchſtaben ſegeln um einander herum wie Bäume— verzeihen Sie, das war wieder ein wahn⸗ witziger Ausdruck— die Bäume ſegeln ja nicht. Aber ich wollte damit ſagen, daß ich keinen Sinn in dem Buche ſehe Julie Zeichnen Sie. Amanda. Die Bilder ſtehen vor mir auf dem Kopfe und alle Bilder ſind ohne Kopf! Ach! wie können ſie denn dann auf dem Kopfe ſtehen— wieder ein thö⸗ richter Gedanke! Julie Singen Sie.— Amanda. Singen will ich, doch allein? ach nein! 13 Julie. Der junge Herr Lazuli ſoll ſich in der Muſik üben; laſſen Sie ihn mit Ihnen ſingen. Fünfte Scene. Stafſjö. Fräulein Adolphinens Zimmer. Amanda. Gott ſei Dank, daß Du jetzt auf dem Bette liegen und vernünftig ſprechen kannſt, meine geliebte Schweſter. Adolphine. Liebe, gute, geliebte Amandg, wenn Du mir verzeihen kannſt, ſo laß mich Deine Hand küſſen. Dieſe Krankheit hat in mir gearbeitet. Adolphine iſt nicht mehr das Mädchen, das ſie war. Meine Amanda, verzeih mir all die Grauſamkeiten, die ich an Dir verübt. Amanda. Denke nicht mehr daran; mache nur daß Du vernünftig ſprichſt. Adolphine. Sie ſind jetzt Beide für immer fort; die Medaillons hängen dort an der Wand, Amanda. So möge denn auch unſer ſchweſterlicher Streit geendet ſein. An Clas Heinrich denke ich nicht mehr, und an Ferdinand— Amanda Ja, es iſt auch nicht der Mühe werth. Beide ſind ja fort. Adolphine. Höre mein Bekenntniß, engelgleiche Amanda! Ich habe mehr an ihn gedacht, als ich ſollte; verzeih mir, Amanda! Ich arbeite dieſes Gefühl hinweg— mit Mühe— mit Mühe mit Mühe. Amanda. Vernünftiger! Adolphine Ich bin auf ein Mittel gekommen. Ich habe angefangen, mit aller Macht ein anderes Weſen, ein Bild das nichts ſchaden kann, ein Bild der edelſten Gattung in meine Seele hinein zu arbeiten. Amanda Wen? Adolphine Lazuli liest bei mir immer und übt ſich darin, wie mein Onkel wünſcht Mein Gemüth wird geheilt und beruhigt, wenn ich eine ſo reine Stimme neben meinem Bette höre. Meinſt Du nicht, daß meine Ver⸗ N 197 wirrung ſehr nachgelaſſen hat? Mit jeder Stunde, daß Lazuli bei mir liest, werde ich beſſer. Amanda. Davon möchte ich eben ſprechen, meine Schweſter Das geht nicht an. Adolphine. Warum nicht? Amanda Ein Fremder— Adolphine. Ach, er iſt mir bekannt. Amanda. Ein Mann. Adolphine. Du weißt nicht, Amanda, was ich weiß, und was mich ſo glücklich macht Willſt Du ver⸗ ſprechen, das größte Geheimniß nicht zu enthüllen, vor Niemand— vor Julie nicht— vor unſerer guten Mutter nicht— vor dem Onlel nicht.— Amanda. Gott! Daß Deine Vernunft doch ſo langſam zurückkommt! Beſte Adolphine, ein fremder Jüng⸗ ling, ſo nahe und ſo oft bei Dir, bedenke doch! Adolphine. Er iſt ein Mädchen, das ahnſt Du nicht! Amanda. Ach, da kommt es wieder! Deine grau⸗ ſame Verwirrung! Nimm Dich in Acht, Schweſter, ich weiß, was das heißen will— ich bin ſelbſt erſt ſeit fünf Tagen wieder klug. Adolphine Lazuli iſt ein Mädchen Ich habe ihn früher in Stockholm geſehen, und weiß es ganz genau. Er trägt dieſe Kleidung, um einer ſchrecklichen Gefahr auszuweichen Gefängniß und Tod drohen Lazuli's Kopf — um Gottes willen entdeck' es nicht! Aber jetzt wirſt Du begreifen, Amanda, wie wenig gefährlich es iſt, wenn Lazuli und ich zuſammen leſen Amanda Ein Mädchen? ein Mädchen 2 Dann iſt es ja auch nicht übel, wenn Lazuli und ich oft, oſt zu⸗ ſammen ſingen. Sechste Scene. Der Kolmord. Ein Weſen, deſſen Charakter im Grunde dunkel und unerkannt iſt, das ſelten in Gedanken und Worte ausbricht, — 198 und deſſen Wahrnehmungen ſich meiſt in Bewegungen und Blicken kund thun, gleich einem großen Walde, wo alle Plätze durch tauſenderlei Schatten und Lichter farbenreich und lieblich ſich darſtellen, wo ſich aber ſelten eine Stelle zeigt, die ſo von der Sonne beleuchtet iſt, daß ſie hell und offen genannt werden kann In einem ſolchen Walde iſt es oft ſehr ſtille, den Vogelgeſang und die langen Echos des Kuhhorns ausgenommen Die Scene iſt hier nicht dramatiſch; nichts ſpricht. Aber ein heiteres Spiel iſt hier zu ſehen. Tintomara fühlte ſich auf den Pfaden, die der Jägermeiſter ihr ge⸗ zeigt hatte, ſo in ihrem Element, daß ſie kaum ordentlich gehen konnte Jeder, der lange nicht auf dem Lande war, ſich dann aber ſchnell aus dem Innern der Stadt in eine weite, ſchöne Gegend verſetzt ſieht, wo die heitern Unter⸗ nehmungen ſeiner Seele und ſeines Gemüths keine Zeugen haben, weiß von ſich ſelbſt, was er da oft gethan hat und wird der Freude eines jungen Blutes verzeihen, wenn nicht alle Schritte vernünftig gemacht und nicht alle Pfade ordentlich verfolgt werden. Tintomara hatte zwar ihre Büchſe und die Jagdtaſche über die Schulter hängen, aber das Wildſchießen war ihr nicht die Hauptſache Brannte ſie die Büchſe ab, ſo ge⸗ ſchah es nur, um den Schall des Schuſſes zu hören, wie er von den fernen Klippen und Büſchen wiederholt wurde, und zuletzt in der Ferne ſtarb, und ſie ſtand träumeriſch ſtille ſo lange man das Geringſte davon hörte Wenn es aber aus war, dann begann ſie zu laufen, und das geſchah nicht auf eine chriſtliche Weiſe, wie man zu ſagen pflegt. Sie ſah die Couliſſen ihrer Kindheit in rieſen⸗ großen, wahren Bäumen verwirklicht, und wenn ſie über Waldhügel ſprang und in dreiſten Sätzen den Klippen trotzte, ſo war es ihr, als hüpfte ſie noch in den Theater⸗ treppen, nur höher, größer und angenehmer. Sie befand ſich wie im Grund ihrer Seele, wie im innerſten Tempel ihrer Freude Ihre Augen blitzten eben ſo ſehr, als ihr Mund ſchwieg. Schon auf den Theaterböden war ſie eine flinke Springerin geweſen, aber dieſe Fertigkeit erreichte im Kolmord ihren Gipfel, was die Männertracht, die ſie trug, ohne Zweifel ſehr beförderte Ihre elaſtiſchen Füße gaben ihren Sprüngen eine Schnelligkeit, die mit den ſchalkhaften Stößen des Windes zwiſchen den Gebüſchen wetteiferte. Abhänge hemmten ſie nie, denn dann nahm ſie die Hände die bei ſo munteren Gelegenheiten nichts anderes als Füße zu ſein ſchienen; kein Reh erreichte den Gipfel eines Ber⸗ ges ſchneller als ſie Die Büchſe blieb dann einſtweilen auf dem Boden liegen. Aber ſobald ſie die Höhe erſtie⸗ gen und die Ausſicht einige Augenblicke lang beſchaut hatte, war Tintomara in einem Nu wieder bei ihrem Gewehr, und flog nach einer andern Richtung hin. Wenn ſie flink und gewandt aufwärts kletterte, ſah es aus, wie wenn ſie vier Hände hätte, nicht aber Füße; wenn ſie aber dann wieder vorwärts gebeugt durch die Waldthäler dahin rannte, ſo ſchien ſie nur Füße zu haben, keine Hände. Manche Vormittage hatte ſie ſo zugebracht, denn in Staſſjö fing ſie mit ihrer Zeit ganz an, was ſie wollte. Mit jedem Beſuch in Kolmord erweiterte ſie ihre Ent⸗ deckungsreiſen. Haſen hatte ſie von Buſch zu Buſch ver⸗ folgt. Heute ſah ſie ein Eichhorn auf einen Baum klettern — und ſiehe, das hatte Tintomara noch nicht verſucht! Als das Eichhorn zuerſt an ihr vorbei ſprang, hüpfte ſie vor der kleinen braunen Figur mit dem langen, langen Schwanz bei Seite. Aber als das Eichhorn auf den Vo⸗ gelbeerbaum hinauf ſprang, da ſah ihm Tintomara nach. Ein Gelächter entbrach ihren Lippen und ſie ſchaute eifrig hin, wie es die kleine feine Geſtalt mit ihren vier Tatzen anging, um hinauf zu kommen. Sie nahm dieſelbe Stellung mit ihren Füßen ein, und verſuchte ebenfalls mit Händen und Füßen an den Stamm hinauf zu kommen. O es lernte ſich wie ein Tanz! Als Tintomara das erſte Mal auf einem Baunme ſaß, meinte ſie in einer neuen Welt zu ſein. Welch' eine Wolluſt, die grünen und blätterreichen Kronen über und unter ſich ſchwanken und ſchaukeln zu ſehen! Sie war heute in —ÜÜÜ Y — 200 eine Gegend des äußeren Waldes gekommen, wo das Laub⸗ holz zahlreicher war, als die geraden Rieſen des Nadel⸗ holzes. Tintomara ging in Hainen von Ulmen, Haſel⸗ ſtauden, Ahornbäumen und Vogelbeerbäumen— und all ihre tauſend weißen und grünen Knoſpen und halb auf⸗ geſprungenen Blumen machte ſie zu ihren Bekannten. Unter dieſen Zweigen, mitten im Reichthum der wohlrie⸗ chenden Blüthe zu ſitzen, ſo daß ſie ſelbſt kaum geſehen wurde, das war eine Luſt! Nach einer Weile war ſie wieder auf dem Boden. Schnell blieb ſie wie nachſinnend ſtehen und ihre Blicke fielen zur Erde. Sie begann wieder leis mit ordentlichen Schritten zu gehen und nahm ihr aus einander geſchraub⸗ tes Klarinett aus der Taſche, das dort nach dem Wunſche ihres Pflegevaters ſo lange unbenützt gelegen war. Jetzt ſtellte ſie die Büchſe gegen den Stamm einer Linde, die ſie weiter im Walde drinnen fand, an einer ausgezeichnet ſchönen Stelle, umgeben von einem Raſen mit einem Kranze dichten Nadelholzes. Sie ſah, daß mehrere Wege auf dem Platz unter der Linde ſich kreuz⸗ ten. Aber ſie bekümmerte ſich nichts darum. RNie war fie Menſchen gewahr geworden, ſondern nur Vögel, Füchſe, Haſen— und einmal hatte ſie ein fernes Brummen ge⸗ hört, das vielleicht von einem Bären herrührte, einem großen und gefährlichen Thiere, wie ſie aus Beſchreibungen der Leute in Stafſiö vernommen hatte. Sie ſetzte ſich jetzt auf einen hohen Stein am Stamm der Linde ſelbſt und begann ihr Klarinett zuſammen zu ſchrauben. Sie küßte es mit einem Blick, der um Verzeihung bat, ſie brachte es an den Mund und begann zu blaſen. Aber es tönte nicht. Tintomara ſlarrte erſchrocken auf ihr tonloſes In⸗ ſtrument und eine ſchnelle Veränderung in ihrer Miene verrieth— Grtt weiß was— vielleicht eine rinnerung an Manuel, der ſo lange vergeſſen geweſen war oder an Klara oder— Daß das Inſtrument keinen Ton gab, kam vermuth⸗ 201 lich nur daher, daß ſie es nicht recht zuſammen zu ſetzen verſtand. Aber die heitere Laune kam bald wieder zurück und ſpiegelte ſich in der Fluth des Auges, obſchon ſein Glanz jetzt dunkler und wärmer war. Schweigend machte ſie das Klarinett wieder auseinander und legte die Stücke in die Schießtaſche. Aber ihre innere Stimmung ſchien ſich in einem Tone Luft zu machen, der anfangs kaum zwiſchen ihren Lippen hörbar wurde. Aber bald wurde die Stimme ſtärker, ſie ſchwebte über den Plan um die Linde und bildete ſich zu einer Melodie. Nachdem ſie ſie mehrmals wiederholt hatte, begannen auch Gedanken in ihrem Geiſte zu wachſen und einige Worte begleiteten den Geſang: Mich findet Niemand, Niemand ich finde. Ulmen, Vogelbeer und Haſel blühen im Winde— Ich lächle nach Allen, Alle lächeln nach mir ulmen, Vogelbeer und Haſel, Ahorn, Weide und Linde Blühen im Winde Biegen ſich im Winde— Ich weiß etwas Beſſ'res als klettern und ſpringen, Das iſt hier unter der Linde zu ſingen. Wie, Tintomara, Haſt du gehöret? Ulmen, Vogelbeer und Haſel blühen im Winde— Kukuk, Elſter und Haſen, Still— was mag das ſein? Ulmen, Vogelbeer und Haſel, Ahorn, Weide und Linde Blühen im Winde, Biegen ſich im Winde— Eins weiß ich Schlimmres als Elſtern und Haſen, Das iſt, wenn Bären zur Linde raſen. Es kommt ein Brummbär, Ich ſchmeichle dem Bären, 1 202 Ulmen, Vogelbeer und Haſel blühen im Winde— Aber Tintomara, 2 Wenn ich nicht ſchmeichle? Ulmen, Vogelbeer und Haſel, Ahorn, Weide und Linde Blühen im Winde, Biegen ſich im Winde— Dann werd' ich zum Vogel! zum Adler geſchwind, Und flieg' von dem Bären fort wie der Wind. So ſang ſie, und ihr ſcharfes Gehör hatte aus wei⸗ ter Ferne wirklich ſehr richtige Wahrnehmungen gemacht; denn etwas Unbekanntes kam zwiſchen den Bäumen daher. Aber in einem Nu war Tintomara von dem Steine, auf dem ſie unter der Linde ſaß, empor und flog dahin wie der Wind. Siebente Scene. Am Marmorbruch. Ein Zimmer. Ferdinand. Major, bekommſt Du viele Fiſche? Clas Heinrich. Der Teufel hole das Angeln! es iſt ein Elend! Ferdinand. Haſt Du Deine Geigenſaiten von Nordköping erhalten? Clas Heinrich Jn Und erhielt ich Callvander und Leonil Was meinſt Du? O an der B man ſtirbt nicht am Vergnügen Ferdinand. Hier wird es ſchon beſſer werden. Clas Heinrich. Haſt Du Wild auf heute Mittag? Ferdinand. Ich habe Wild aus dem Walde bei von ihrer Leihbibliothek da, ein herrlicher Schatz! rovik iſt es geſund— mir. Clas Heinrich. Nun, das läßt ſich hören. Iſi's ein Vogel oder was für ein Thier iſt es? Ich fiſche nicht mehr; das iſt eine leichte Speiſe. Ferdinand. Glaubſt Du an Waldgeiſter, Major? Clas Heinrich. Was? 203 Ferdinand. Nein, es iſt wahr, Du biſt Waſſer⸗ mann und ich bin der Schütze in unſerem Kalender. Du mußt alſo auf Seegeiſter treffen, ich aber auf Wald⸗ eiſter. Clas Heinrich Was ſoll das bedeuten? Ferdinand. Wie hieß doch der fließende Vers in unſerer Globenlehre, der unſerem Gedächtniß die zwölf Zeichen des Thierkreiſes einprägen ſollte? Sunt Aries, Taurus, Gemini, Cancer, Leo, Virgo, Libraque, Scorpius, Arcitenens, Caper, Amphora, Pisces. Wenn ich die acht erſten übergehe und die vier letz⸗ ten betrachte, ſo ſind ſie auf Schwediſch: der Schütz und der Steinbock, der Waſſermann und die Fiſche Du Major biſt der Waſſermann mit den Fiſchen Clas Heinrich Ich wünſche alle Fiſche zum Teufel, hab' ich geſagt Biſt Du toll? Ferdinand. Ich dagegen bin der Schütz mit dem Steinbock oder dem Reh, wie ich Caper frei überſetzen will, denn das lautet ſchön Clas Heinrich. Du biſt Lunaticus, was ich auf Schwediſch mit verrückt überſetzen will Oder haſt Du vielleicht ein Reh geſchoſſen? Das könnte man aber kür⸗ zer und deutlicher ſagen Ferdinand. Ja, mit einem Wort und ohne Hera⸗ meter und Thierkreis, ich habe im Walde ein Reh ge⸗ troffen Clas Heinrich Nun, das läßt ſich hören, das läßt ſich eſſen! Ferdinand Doch ich muß Dir meine Geſchichte erzählen; denn ſie iſt hörenswerth. Ich war mit meiner Büchſe ziemlich weit in den Kolmord hinein gerathen, als ich ein Geraſſel und ein Gehüpfe vor mir hörte, dem ich freudig nacheilte Aber das Wild war mir zu ſchnell, doch kam ich ihm gegen den Lindenplatz hin wieder auf die Spur. Du weißt, ſo nennen die Leute den ſchönen wilden Punkt im Kolmord, ungefähr in der Mitte zwiſchen Staſſis und der Brovik, eine halbe Meile von jedem entfernt. Dort pflegen die Hirten ſich zu verſammeln, es iſt ein gar romantiſcher Platz, Major Clas Heinrich. Ich war einmal dort Es iſt düſter und ſtille; die Wege kreuzen ſich dort unter einer Linde, deßhalb nennt man es wohl den Lindenplatz. Ferdinand Ich blieb ſchnell ſtehen, da ein Ge⸗ ſang mein aufmerkſames Ohr traf Es war ein ländli⸗ ches Lied ohne Inhalt, wie mir ſchien, aber die Töne rührten mich auf eine eigene Weiſe Ich hörte auch einen Refrain, ſo daß ich daraus ſchloß, es ſei ein Volkslied. Jetzt wollte ich mich nähern, aber wie ein Frühlingswind verſchwand der Singende. Clas Heinrich Du haſt doch ſonſt ſchnelle Füße, Capitän Ferdinand. Ich war nicht ſehr darüber betrübt, und da ich eben einen Vogel auf einer Fichte ſah, ſo gab ich meinen Schuß dahin ab Dieſer Ton mußte etwas Lockendes für meinen unbekannten Muſikanten haben. Ich bemerkte eine Bewegung zwiſchen den Bäumen, die näher kam Ich lud und ſchoß noch einmal, nemlich auf eine Elſter, die mich mit ihrem Lachen geärgert hatte Die Elſter war mir zu klug und flog ihrer Wege, dafür aber trat mein Unbekannter hervor. Clas Heinrich. Was war es für ein Menſch? Ferdinand. Eine kleine artige Büchſe und ein Bandolier mit Jagdtaſche ſagten mir, daß ich einen Schützen, einen Kameraden vom Walde, gefunden habe. Aber der geſchmeidige Menſch wollte mir nicht recht nahe kommen, ſondern ſcheute zur Seite, als ich mich näherte. „Mein junger Schütze, zu was ſoll das dienen? Wir ha⸗ ben ja daſſelbe Handwerf; laß uns mit einander plau⸗ dern“—„Schieße noch einmal, damit ich das Gewehr höre,“ antwortete er.— Um ihm ein Vergnügen zu ma⸗ chen, lud ich, zielte auf ein Eichhorn auf dem Wipfel einer Tanne, allein ich muß geſtehen, daß ich fehlte. Ein Lächeln, das mir ſonderbar vorkam, ſpielte um die Lippen 205 des Fremden; er ſchien mehr die Partei des Eichhorns, als die meinige zu nehmen. Doch kam er näher und ſagte:„Eine ſchöne Büchſe, ſie hat einen guten Ton.“ Clas Heinrich. Er iſt ein Narr. Wie alt konnte er ſein? Ferdinaud. Obſchon ſeine Stimme ſonor und wegen ihrer Reinheit ſehr hörbar war, ſo verkündete ſie doch eine Perſon, die das Alter der Mutation noch nicht erreicht hat. Clas Heinrich. War es ein Herr oder ein Bauernjunge? Ferdinand. Ein Herr. Aber es traf ſich von Anfang an recht kurios, und ich nannte ihn ohne Weite⸗ res Du, wie einen Jagdkameraden, was er auch wurde. Du ſollſt gleich hören.—„Was ſchießeſt Du füͤr Wild?“ ſagte ich.—„Ich verſchieße mein Pulver, ſo lange es dauert“—„Auf was zielſt Du denn?“—„Meiſtens richte ich die Büchſe nach oben, bisweilen aber auch ge⸗ rade vorwärts,“ verſetzte er, indem er zugleich ſein kleines Gewehr in eine horizontale Richtung brachte und einen Augenblick lang glaubte ich ſelbſt ſeine Zielſcheibe zu wer⸗ den. Doch ſchwenkte er die Mündung nach dieſer ſcherz⸗ haften Drohung um ein Haar breit zur Seite und feuerte den Schuß ab, der nur eine halbe Elle weit an meinem Kopfe vorbei ging. Dieſer muthwillige Streich ſchien mir eine Aehnlichkeit mit dem zu haben, was in unſern Sagen von den Kämpen erzählt wird, die, um den Muth eines Unbekannten zu prüfen, gerade nach ſeinem Kopfe zu hauen pflegten, wobei der Bedrohte, wenn er ein ganzer Mann war, nicht mit den Augen zucken durfte— ich will jedoch nicht ſagen, daß ich hier nicht zuckte— doch wurde es mir heiß und etwas ärgerlich zu Muthe. Ich ſah dem Fremden an, daß er ſich anſchickte, einen muntern Sprung von mir weg zu thun, um den Folgen ſeines kühnen Scherzes zu entgehen. Diesmal aber war ich ihm zu ſchnell, ich eilte hinzu, faßte meinen Kameraden um den Leib und ſchloß ihn heftig in die Arme, doch nicht eben —— um mit ihm zu ringen, denn ich war ihm zu ſehr über⸗ legen; aber ein wenig kneipen und herum zauſen, dachte ich, würde nichts ſchaden Seine ganze Geſtalt hatte jedoch etwas ſo Ueberraſchendes, daß ich geſtehe, ich konnte es nicht über's Herz bringen, meine Arme zu hart um ſeinen Leib zu ſchlingen; auch fuhr er im Augenblick mit einer federähnlichen Bewegung in meinen Armen zuſammen, entſchlüpfte mir mit einer Fineſſe, die ich nicht begreife und ſiellte ſich in einiger Entfernung mir gegenüber. Clas Heinrich. Lief er nicht davon? Ferdinand. Nein, er lehnte ſeine Büchſe gegen einen Baumſtumpf und ſeinen Kopf gegen die Büchſe. Ich geſtehe, daß auch ich ganz ſtille ſtand, denn der Fremde begegnete mir mit einem Blick, nicht der Verachtung, des Zorns oder Aergers, aber doch mit einem ſehr eigenen Schimmer aus ſeinem dunkeln Feuerauge. Seine Flam⸗ men hatten etwas ſonderbar Anziehendes— doch ich ver⸗ geſſe mich, Major Das Abenteuer ſchloß damit, daß dieſer lebhafte Jüngling und ich zuſammen zu jagen be⸗ ſchloſſen. Ich habe verſprochen, ihn ſchießen zu lehren, denn er hat einen Grund, warum er ſich darin üben will. Clas Heinrich. Jetzt begreife ich die zahlreichen Schüſſe, die ich von Deiner Schießſtatt her vernahm und die mich ſo gewaltig ärgerten, weil ich gerade an der Bay ſaß und angelte. Kein Fiſch von der Welt packt bei einem ſolchen Lärm an. Du übteſt Deinen Zögling wahr⸗ haftig tapfer dort oben in den Marmorbergen Ferdinand. Vergiß den Aerger und höre, was ich Dir zu ſagen habe und was von großer Wichtigkeit iſt. Meine neue Bekanntſchaft wohnt in Stafſiö Clas Heinrich. In Stafſiö bei der Baronin? Ferdinand. Amanda und Adolphine ſind auch dort. Clas Heinrich. Wie? was? Genießen ſie ihren Sommer nicht in Ribbingsholm? Ferdinand. Die verwittwete Baronin iſt mit dem Onkel allein hingereist und wird noch einige Zeit dort 207 bleiben. Wollen wir einen Beſuch in Stafſjö machen? Es iſt nur eine Meile jenſeits des Waldes. Clas Heinrich. Um Gottes willen! das geht nicht an. Ferdinand. Warum nicht? Clas Heinrich. Haben wir nicht mit den Me⸗ daillons geſchrieben, daß die Originalien ſich nie mehr zeigen würden? Ferdinand. Ja, das iſt wahr Clas Heinrich. Wir ſind Verbrecher; uns ziemt es nicht, wieder an Parthien zu denken. Es muß jetzt unſere Ehre ſein, uns von ihrem Anblick ferne zu halten. Ferdinand. Vielleicht. Clas Heinrich. Da wir uns ſcheuen, auf den Gütern unſerer eigenen Verwandten zu weilen, ſo würden wir in Stafſiö eben ſo viel Gefahr laufen, entdeckt zu werden. Ferdinand. Darnach frag' ich am wenigſten. Clas Heinrich. In jedem Fall keine Uebereilung. In welcher Eigenſchaft wohnt Dein Zögling in Staſſiö? Ferdinand. Er iſt Reiſender; will ſich aber im Schießen und Zielen üben, um dem Onkel eine Freude zu machen, der Bruder der Baronin iſt des Jünglings Wohl⸗ thäter, Pflegvater oder dergleichen. Clas Heinrich. Er iſt wohl wieder heimge⸗ gangen? Ferdinand. Nein, er iſt noch am Marmorbruch. Aber ehe ich ihn bat, her zu kommen und Deine Bekannt⸗ ſchaft zu machen, wollte ich zuerſt mit Dir darüber be⸗ rathen, ob wir durch ihn einen Briefwechſel oder ſo etwas mit den Mädchen einleiten ſollen. Clas Heinrich. Das halte ich nicht für räthlich, wenigſtens noch nicht; aber eine neue Bekanntſchaft würde in unſerem Elend hier höchſt wünſchenswerth ſein. Bitte ihn her zu kommen. Doch müſſen ihm unſere Perſonen unbekannt bleiben, damit weder er noch die in Stafſjö uns gegen unſern Willen entdecken. 208 Ferdinand. Ich gedenke ihn in Ernſt zu meinem Jägerburſchen zu machen; ſo kann ich ihn oft herüber bekommen und Neuigkeiten von Stafſiö erhalten. Clas Heinrich. Vortrefflich; ha, ha, ha! hole ihn. (Ferdinand geht hinaus und kommt nach einer Weile mit dem Fremden herein.) Clas Heinrich Willkommen— ich weiß nicht, wie ich ſagen ſoll? Ferdinand. Mein munterer Freund hat mir ſei⸗ nen Namen noch nicht geſagt, obgleich die Schießlektion ſehr luſtig war, eine gute Weile dauerte und lobenswerth vor ſich ging;— wie heißt Du, mein Zögling? Tintomara. Wie ich heiße? Ich ſage nicht gerne meinen Namen, denn die Leute wundern ſich ge⸗ wöhnlich darüber. Clas Heinrich. Ein Inkognito! ich verſtehe; das mag in unſern Zeiten ſeinen Grund haben; aber einen Namen müſſen wir doch einander geben— gleichviel wel⸗ chen— aber irgend einen, um einander wieder zu er⸗ kennen. Tintomara. Ich heiße Tintomara. Clas Heinrich. Tintomara— ich verſtehe! Ferdinand(zu Clas Heinrich). Das wird recht hübſch; wir wollen ebenfalls unſer Inkognito bewahren, indem wir ſo einen ausländiſchen Namen annehmen.(Laut.) Wir haben auch unſere beſonderen Namen, mein ſchöner Schütze. Der Herr, den Du hier ſiehſt, findet ſein größ⸗ tes Vergnügen am Fiſchangeln, und er nennt ſich wie Du italieniſch— Piscatore. Tintomara. Piscatore— ein häßlicher Laut. Clas Heinrich. Ich habe einen ſchöneren Vor⸗ namen: Georginv. Tintomara. Georginv, das geht an. So will ich ſagen. Ferdinand. Ich ſelbſt heiße— warte— Clas Heinrich. Der Herr, den Sie hier ſehen, mein ſchöner Schütze, findet ſein größtes Vergnügen daran 209 mit Reflebüchſe auf Bäume nach Elſtern und Eichhörn⸗ chen zu ſchießen. Er nennt ſich Don Raffelbuſo Ferdinand. Wart Du, Piscator! ich habe einen beſſeren Zunamen— Sermio— Vittroino— Bianchi.— Tintomara. Don Raffelbuſp Sermir Vittorino Bianchi? Das iſt viel auf einmal. Wenn wir zuſammen ſchießen, nenne ich Dich nur Viktor. Ferdinand. Richtig, Viktor; ſo heiße ich zuſam⸗ mengezogen. Clas Heinrich. Wir können den Gäſten hier in unſerer Einſamkeit keine Erfriſchungen bieten, aber ſetzen Sie ſich. Gaftfreundſchaft fehlt nicht bei uns; nur die Sachen. Ferdinand. Ich glaube gewiß, daß eine andere Zeit auf den Marmorbruch kommen wird, wo der gute Wille zur Gaftfreundſchaft noch eben ſo groß ſein wird, wie er jetzt iſt, wo ſich aber die Möglichkeit ſie zu beweiſen verfünfzigfacht haben wird. Setze Dich nieder. Tintomara. Ei was ſehe ich da an der Wand? Georgino ſpielt die Violine? Clas Heinrich Allerdings. O ja, früher ziemlich gut. Viotti iſt mein Mann. Spielt auch Herr Tinto⸗ mara— verzeihen Sie, ich erinnere mich nicht mehr recht.— Ferdinand Nenne meinen Zögling Duz ich ſtehe dafür, daß ſich das mit dem Meeresſtrande hier verträgt. Clas Heinrich Iſt es erlaubt? Tintomara. Hm! Ferdinand. Mein Zögling lächelt, und das iſt kein ſchlimmes Zeichen, auch Du, Tintomara, nenne ihn ohne Bedenken Du. Georginv hat manche gute Eigenſchaften außer ſeiner Fiſcherei. Clas Heinrich. Spielſt Du auch die Vivline? Tintomara Noch nicht; ich übe mich jedoch ein wenig darauf, bis zur Rückkehr des Oberjägermeiſters; er hat mich darum gebeten, aber es geht ſehr langſam mit mir. Der Königin Juwelenſchmuck. 14 21⁰ Clas Heinrich. Vielleicht würde es zu zwei beſſer gehen. Tintomara. Das glaub' ich. Ferdinand. Ein Vorſchlag! Man kann nicht immer ſchießen, man muß auch bisweilen ſpielen. Georgino nimmt Dich als Zögling auf der Violine! Du kannſt ja über den Kolmord hieher kommen, wenn es Dir recht iſt. Tintomara Das thue ich, wenn es mir gefällt Clas Heinrich. Vortrefflich! Beſchäftigung iſt es, was ich wünſche. Probiere meine Violine, Tintomara. Tintomara Sie ſtimmt ſeltſam.— Clas Heinrich Sie ſtimmt gut, verzeih'— So; ja, ja, eine gute Anlage zum Strich. Gut, ſehr gut; warte, dieſer Griff iſt unrein, man thut beſſer daran, wenn die ganze Hand die Applikatur hinunter geht. Tintomara. Darf ich kommen und mich bei Geor⸗ gino üben? Clas Heinrich Das wird mir eine große Freude machen, das Zuſammenſpielen iſt das Beſte, es macht takt⸗ feſt und entfernt alles Falſche im Ton, wenn auch nur ſehr wenig da ſein ſollte— wie mir eben bei einer Septime ſchien Aber leider habe ich nur eine Violine. Tintomara. Ich bringe meine kleine Violine von Stafſiö herüberz darf ich? Achte Seene. Srafijö. Der große Saal. Amanda. Manſell Julie, ich bin glücklich. Wenn ich nachrechne, ſo habe ich zwölf Tage lang nur richtig und zuſammenhängend gedacht und geſprochen. Julie. Gott ſei Dank! das Fräulein muß fröhlich ſein, und nicht daran denken. Wie wird die Frau Baro⸗ nin überraſcht ſein, wenn ſie heimkommt. Amanda. Julie, meine Mutter wird noch froher ſein, wenn es gelingt, Adolphinen wieder herzuſtellen, denn ſie war weit verwirrter als ich. Nicht wahr, Julie? Julie. Denken Sie nicht mehr an dieſe gefährlichen Dinge, mein Fräulein, fahren Sie in gleichmäßiger Be⸗ ſchäftigung fort, das iſt geſund. Amanda Wiſſen Sie, Mamſell Julie, wie ich wieder ſo hergeſtellt ſo glücklich, ſo vernünftig geworden bin? Julie. Gott iſt gut, und arbeitet in der Menſchen⸗ ſeele. Amanda Nun, darum weil ich ſo fleißig in meinem Geſange war; das iſt mir geſund Meine Bruſt öffnet ſich dabei, mein Blick erweitert ſich, meine Gedanken wer⸗ den leicht und klar. Julie. So fahren Sie um Gottes willen fort zu ſingen. Amanda. Lazulis Geſellſchaft macht mich geſund, das iſt eine höchſt muſikaliſche Stimme. Iſt Lazuli noch nicht vom Walde daheim? Ich möchte meinen Geſang beginnen. Julie. Ich glaube, ich höre ſeine Tritte. Amanda. Die Geſangsſtunde iſt da. Beſte Julie, werden ſie nicht böſe, aber verlaſſen Sie uns. (Lazuli tritt ein. Julie geht in das nächſte Zimmer, bleibt jedoch ungeſehen an der Thüre ſtehen.) Amanda. Du haſt Dich gut im Walde unterhalten, Lazuli? Lazuli. Da iſt ein Duft! das Fräulein ſollte ſich hinwagen, da würden wir zuſammen ſingen. Amanda. Ich darf noch nicht ausgehen. Aber weißt Du, was ich gethan habe Lazuli? Als Du das letzte Mal von Kolmord heimkehrteſt, öffnete ſich Dein betrübtes Gemüth und machte ſich in Tönen Luft, die Du leiſe für Dich hinſangſt. Es rührte mich; ich habe ſie in Noten aufgezeichnet. Lazuli. Fräulein Amanda! Amanda. Ich wundere mich nicht über Deine Trauer, Lazuli, obſchon ich Deine Geſchichte nicht kenne. Ich weiß ſelbſt, was Trauer heißen will; ich habe Gefühle, ich habe Sympathie dafür Lazuli, ich ſehe vft Deinen geſenkten 14 —— 212 Blick, wenn Du allein biſt; ich verſtehe, was eine unend⸗ liche Sehnſucht bei Dir bedeutet. Lazuli. Bei mir? Amanda. Und doch biſt Du vft ſo fröhlich, ja wer kich erforſcht hat, der möchte ſagen, Du ſeieſt immer röhlich. Lazuli. Draußen unter den Bäumen iſt es ſo friſch. ſ Amanda. Ich erſchrecke, wenn ich Deinen Kopf ehe— Lazuli. Meinen Kopf, Amanda? Amanda. Eine ſchreckliche Gefahr hängt über Dir; ich habe das von memer Schweſter gehört. Du haſt Schwe⸗ dens größten Mann in's Verderben geſtürzt. Lazuli. Hm! Amanda. Doch laß uns unſern Geſang beginnen. Lazuli. Schwedens größter Mann iſt der König. Er iſt jetzt bald 40 Jahre alt. Er wurde gewiß nicht in's Verderben geſtürzt, ſondern zum Throne geführt. Amanda. Ach— laß gehen! laß gehen! laß gehen! Es iſt eine Sünde. Lazuli. Sünde— 2 Amanda. Was thateſt Du, Lazuli? was mußteſt Du das arme Ding auf dem Fortepiano zerdrücken? Was hat es Dir Böſes gethan? Lazuli. Die Fliege? Ich bemerkte ſie nicht. Amanda. Du wollteſt die Taſten frei und rein machen, aber das war eine Sünde! Es war keine Fliege, ſondern ein Schmetterling mit ſchönen vivletten und gold⸗ nen Flügeln. Doch die Zeit vergeht, wir müſſen ſingen. Verſprich mir, Lazuli, wenn Du im Walde biſt und jagſt — ich weiß, mein Onkel will Dich auf die Art einüben — aber verſprich mir kein Thier zu ſchießen, es iſt eine Sünde. Iſt der Mord nicht eine Sünde, Lazuli 2 Lazuli. Mord? Hm— Amanda. Es wäre mir ein ſchrecklicher Gedanke auch nur im Geringſten Schuld an dem Tod eines Weſens 213 zu ſein. Weißt Du, wie es ausſieht, wenn ein Menſch ſtirbt, Lazuli? Lazuli. Meine Mutter ſtarb und ich ſah zu Amanda. Ich Unglückliche! warum ſpreche ich ſo, daß Deine Augen einen immer dunkleren Schein annehmen. Lazuli. Ach freie Luft— ach frohes Land— ach leichtes Thier auf Baum und Zweig— das iſt ſo ſchön — da wird es Luft; der Athem geht ſo leicht. Amanda. O Jeſus mein Gott! was iſt das? Lazuli. Wie lautete die Weiſe, die das Fräulein nach mir aufzeichnete? Amanda Die iſt ſo ſüß; es iſt etwas ganz anderes. Lazuli. Wie lautete ſie? Amanda. Jetzt bin ich zufrieden und glücklich. Du ſiehſt wieder ſo gut aus, wie ich wünſche. Deine Melodie wirſt Du ſchon noch hören, aber ich muß Dir zuerſt ſagen, daß ich noch eine Sekundſtimme dazu ſetzte, um ſelbſt mit Dir ſingen zu können. ſe Lazuli. Ach wie wird das lauten, das wird ſchön ein! Amanda. Aber die Worte muß ich auch von Dir haben. Ich hörte kaum mehr von Dir als Beeren und Blumen, Erdbeeren und Himbeeren— Lazuli. Jetzt erinnere ich michz ich glaube, ich nannte es das Lied von den Schlüſſelblumen oder vielleicht das Erdbeeren⸗Lied. Amanda. Ach wie ſiehſt Du jetzt wieder ſo gut und fröhlich aus mein Lazuli— ſo mußt Du immer ausſehen, dann werde ich ſo glücklich ſein und das Licht um mich wird ſo klar werden. Jetzt flimmert es nicht mehr vor meinen Augen Lazuli. Das Lied machte auch mich froh. Ich dachte an Fräulein Amandas Beſchreibung von dem Feſte der Baronin, das mit Blumen, Beeren und Milch hier gefeiert zu werden pflege. Amanda. Alſo bin doch ich die Urſache des Erd⸗ beer⸗Liedes? 214 Lazuli. Ich glaub' es. Amanda. Wie ſüß. Laß mich Dir das Haar aus der Stirne ſtreichen, Lazuli, mein guter Lazuli? Lazuli. Amanda hat auch ein ſchönes, dunkelbrau⸗ nes Haar; laß mich Deine Locken ſo auf dem Nacken zurecht legen, wie ich es liebe, mein ſüßes Mädchen! Amanda. Lazuli, mein ſchöner Lazuli! Julie(tritt ein). Mein Fräulein, ein Wort! Wollte uns Herr Lazuli nicht auf einen Augenblick ver⸗ laſſen? (Lazuli geht.) Julie. Ach ſehen Sie! Haben Sie geſehen, Fräulein Amanda, was Herr Lazuli mit ſich nahm? Amanda. Mit ſich nahm? Julie. Er hat wahrhaftig eine leichte Hand. Er nahm die Agraffe des Fräuleins und ging weg. Amanda. Meine Agraffe? Ich ſeh' es— merk⸗ würdig! Ach, Luzuli will das von mir haben, das warme Herz! Julie. Darüber eben möchte ich ein Wörtchen mit Ihnen ſprechen, mein liebes Fräulein. Ich habe hier geſehen, was ich vielleicht nicht ſehen ſollte.— Die Baronin vertraute mir ihr Haus an, als ſie abreiste— Amanda. Ihre Haushaltung, meint Mamſell Julie. Julie. Ihr Haus, mein Fräulein. Amanda. Ich gehöre doch nicht zu der Haushal⸗ tung, vermuthe ich? Julie. Mein liebes Fräulein Amanda, laſſen Sie die Vernunſt herrſchen Amanda. Sie hat ja, wie ich Dir bereits ſagte, nächſtens vierzehn Tage ununterbrochen geherrſcht, liebe Julie. Ach, ich fühle mich ſo wohl. Julie. Das meine ich nicht, mein Fräulein. Miß⸗ verſtehen Sie mich nicht. Ich wollte ſagen, daß Herr Lazuli— Amanda. Mein Freund, mein innigſter, wärmſter Freund iſt? „ 215 Ju lie. Iſt er eine Parthie für das Fräulein? Amanda. Eine Parthie? Julie. Entſchuldigen Sie; ach, mein liebes Fräu⸗ lein, wenn die Frau Baronin heimkommt und findet, daß die ſchwere Krankheit des Fräuleins nur vom Kopf nach dem Herzen gezogen iſt— Aman da. So wird ſie ſich freuen; ſo klar war ich nie. Julie. Iſt Herr Lazuli eine Parthie für Fräulein Amanda? Amanda. Eine Parthie? eine Parthie? Julie Entſchuldigen Sie; ich will Sie nicht be⸗ leidigen, ich will nur fragen, nur rathen. So zärtliche, wiederholte Umarmungen müſſen mit— Amanda Neuen, eben ſo zärtlichen Umarmungen endigen. O, mein Lazuli, das weiß ich. Julie. Aber ich begreife nicht.— Amanda. Aber ich begreife. Bedenken Sie, daß meine Urtheilskraft wieder da iſt und ſo wächst, daß ich mich über mich ſelbſt freuen muß. Ich begreiſe, was Mamſell Julie meint und ich muß über meinen guten Namen wachen. Mamſell Julie, ſagen Sie mir im Ver⸗ trauen, können Sie ſchweigen? Julie. Schweigen? Ich habe nur aus Wohlwollen geſprochen. Amand a. So ſchweigen Sie fünftig aus Wohl⸗ wollen Julie. Die Frau Baronin ſoll gewiß nichts erfahren. Amanda. Noch weniger ſonſt Jemand? Julie. O Gott bewahre! Amanda. Aber es iſt wahr, ich ſehe es ein. Es iſt nothwendig, es ſo einzurichten, daß auch Julie ſelbſt nicht erniedrigend von uns denkt; können Sie ſich recht fürchten, vor einer großen Gefahr recht grauſam fürchten? Julie. Ob ich mich recht fürchten kann? Warum nicht?— Aman da. So fürchten Sie ſich denn, fürchten 216 Sie ſich recht ſehr, das geringſte Wort von dem zu ent⸗ decken, was die ſchrecklichſte Gefahr herbeiführen müßte, wenn es enthüllt würde. Mein Lazuli iſt— Julie. Was werde ich hören! Ein Verräther, ein Zerſtörer, ein— großer Gott! Herr Lazuli iſt— Amanda. Ein Madchen! Neunte Scene. Stöfſjö. Adolphinens Schlafzimmer. Adolphine(allein). Es gelingt mir mehr und mehr. Meine Verwandten, die ich betrübt, meine Schwe⸗ ſter, der ich ein grauſames Unrecht angethan, mein Ge⸗ wiſſen, das ich verletzt habe, Alles wird wieder hergeſtellt, wieder gut gemacht werden. Ferdinand herrſcht hier nicht mehr. Glückliches Ereigniß! Wenn ich an die Scenen jener wunderbaren Nacht in der Oper und an meinen erſten Anblick Lazulis denke, ſo fühlt ſich mein Herz da⸗ heim in ſeiner ganzen Wärme, in feinem Leben, in ſeiner unſchuldigſten Freude. Ein Mädchen darf ich lieben! Welch ein Glück, daß das Bild dieſes Mädchens die Be⸗ dürfniſſe meines Herzens ausfüllen kann, obſchon ich ſelbſt ein Mädchen bin! Ein Wunder und doch eine Wirk⸗ lichkeit! Ich empfinde einen Himmel in dieſer Freund⸗ ſchaſt. Welche Nobleſſe, als ſie in den Pantomimen der Zärtlichkeit des verliebten Kaziken auswich? Sie kann mir eine Freundin ſein, ſie, die Niemand liebt, die von Niemand getheilt wird. Von ihrer Geſtalt geht eine Sympathie mit meinem Weſen aus. Ich betrachte uns Beide, wie zwei Levkoyen(wenn ich ſelbſt friſcher wäre, ſo würde ich ſagen, wie zwei Roſen), die auf demſelben Stengel ſind und ihre Blüthenhäupter zufammen neigen; das iſt ſo ſchön, ſo unſchuldig. Erſt jetzt habe ich em⸗ pfunden, welchen Werth eine Freude hat, die rein un⸗ ſchuldig iſt. Ein dunkler Punkt bleibt mir Lazulis Benehmen in jener Nacht, ſo fern es den unglücklichen König und ihren eigenen Ausruf über ſich und ihren 22 Anzug betrifft. Ein Lockvo gel? Sollte ſie— möge ſich Amanda in Acht nehmen, das zu entdecken, was ich ihr über Lazuli anvertraut habe, ihre Verkleidung zu ent⸗ decken, und daß ſie eigentlich ein Mädchen iſt. Ohne Zweifel ſpürt man in Stockholm, ja vielleicht in ganz Schweden, über Alles nach, was dieſe ſchreckliche Sache, den Königsmord, betrifft. Aber iſt es denkbar, daß mein Lazuli daran Antheil haben kann? Nein, unmöglich! nein! Von dieſem Umſtand, den ich nicht begreife, will ich lieber Gutes oder Nichts, als etwas Böſes glauben. Das iſt für mein Gefühl am ſüßeſten— und das Gefühl ſoll künftig allein mein Begleiter durch das gefährliche Labyrinth des Lebens ſein Ich habe mich am Planmachen gebrannt— nein, nur dem Gefühl, dem reinen, freien und guten Gefühl werde ich jetzt huldigen. Die Leſeſtunde iſt da; ſie ſchlägt; höre ich nicht Tritte?— Lazuli(tritt ein). Will Fräulein Adolphine heute vorleſen hören? Adolphine. Ob ich will? Meine liebſte Zeit iſt die während unſerer Lektüre. Wo blieben wir in unſerer Reiſebeſchreibung ſtehen? Am Nigerfluß in Afrika— an Tombuktu oder Houſſa— lies, Lazuli. Lazuli.„Da ging der europäiſche Reiſende ſo arm und verlaſſen an den Nigerfluß, und die ſchwarzen Weiber ſangen mitleidig um ihn: Seht da den weißen Mann! Seht, er hat kein Weib, die ſeine Saat beſorgen wird! Ach, er hat keine Mutter, er wandert hier ſo allein, er hat keinen Bruder!“ Adolphine. Die wilden Schwarzen haben ſo oft ein tiefes Gefühl, Lazuli. Ich habe mit Fleiß lieber eine Reiſebeſchreibung für unſere Leltüre gewählt, als einen Roman. Lazuli. Es iſt ſo unterhaltend, von dem Volke hier, von den Bäumen und Fluthen zu hören Darf ich weiter leſen? Adolphine. Ja, es iſt beſſer, als meine Romane, die ich früher ſo ſehr liebte. Du kennſt meine Geſchichte, 218 Lazuli, ich war verwirrt, verſtört, ſchrecklich krank. Die Liebe iſt ſehr viel Schuld daran. Ich vermeide Romane, wo die Liebe hauptſächlich vorkommt, und ich ſehe mich jetzt ſo innig für mein Meiden belohnt. Die leidvenſchafts⸗ loſe Geſchichte einer Reiſebeſchreibung unterhält meine Gedanken, bringt mein Weſen wieder zur Beſinnung und in Zuſammenhang. Lies! Lazuli.„Der unglückliche Major Broughton war im Königreich Ludamar am Anfang der Wüſte, wahr⸗ ſcheinlich von Mohren getödtet, verſchwunden. Unſer Reiſender wollte jetzt Alles wagen, um die letzte Lagerſtätte ſeines Freundes zu entdecken.“— Adolphine. Herrliche, ſtarke Freundſchaft! Lazuli.„Sogar das Leben wollte er wagen.“ Adolphine. Sage mir, ſchöner Lazuli, weißt Du etwas Vortrefflicheres, Eoleres, Glücklicheres, als die Freundſchaft? An der Liebe verbrennt man ſich— aber in der Freundſchaſt lebt eine Flamme ohne— Lazuli. Ich glaube, Fraulein Adolphine befindet ſich jetzt weit beſſer, immer beſſer und beſſer; das iſt gut. Adolphine. Sage mir Deine Gedanken, Lazuli; weißt Du etwas Beſſeres, als die Freunoſchaft, mein Freund?. Lazuli. Als die Freundſchaft? Adolphine. Ja, ſchütte nur Dein Herz aus; fühlſt Du nicht Freundſchaft für mich? Lazuli. Ich will dem Fräulein von Herzen wohl. Adolphine. Du willſt, daß ich wröhlich und glücklich werde, wie Du biſt? Lazuli. Ja, das will ich. Adolphine. Und daß ich geſund werde? Lazuli. Daß Sie geſund werden, mein liebes, ſchö nes Fräulein! Adolphine. Du willſt, daß ich geſund werde, mein freundliches, geliebtes Mädchen— denn ich nenne Dich unter uns ſo, wie es Dir zukommt, mein Lazuli; und wiſſe nur, daß ich immer geſunder in Deiner Ge⸗ ſellſchaſt werde. 219 Lazuli. Das freut mich. Avolphine. Aber noch geſunder würde ich werden, wenn Du wollteſt— Lazu li. Ich will Alles thun, damit das Fräulein geſund werde. Adolphine. Nenne mich zärtlich und ſchweſterlich Du, und nicht Fräulein. Lazuli. Ja. Adolphine. Und gib mir einen Kuß darauf, Lazuli, einen ſchönen, ſchweſterlichen Kuß. Lazul i. So— noch einen? Du ſiehſt ſo gut aus. Adolphine. Wie froh bin ich! Eine Luſt geht durch mein ganzes Weſen. Erinnerſt Du Dich des Abends, da wir einander das erſte Mal im Opernhauſe ſahen? Lazuli. Ja, in dem kleinen Zimmer mit dem Damaſtſopha? Adolphine Wir entſprangen dem Ballet, wie zwei ſchweſterliche Vögel aus einem Käfig. Lazuli. Ja, das war gut gethan Das war an dem Abend, als ich als Mädchen verkleidet war. Adolphine. Verkleidet? Verkleidet als— Lazuli. Ich ſollte das peruaniſche Mäochen in dem neuen Ballet machen und ſie hatten mir einen ſchwarzen Rock gegeben. Die amerikaniſche Verkleidung war hübſch. Adolphine. Verkleidung? Was will das— 2 Als Mädchen verkleidet?— Du wirſt doch eigentlich von jeher— und noch— Du wirſt doch nicht— Lazuli. Habe ich Dir wehe gethan, Adolphine? Sei mir nicht böſe. Fahre nur ſo fort und werde immer geſunder,— es würde uns Alle ſo froh machen, wenn wir Dich auf und vollkommen geſund ſahen. Adolphine. Nein, das iſt unmöglich. Dieſer Kuß ſchmeckte wie von einem Engel; Lazuli, höre mich, geh' für diesmal fort, ich muß über etwas nachdenlen, ich muß allein über etwas grübeln. Lazuli. Hüte Dich vor dem Grübeln, pflegt Mamſell Julie zu ſagen. ————— Zehntes Buch. Wäre ich ein Tiger, wie ſie mich nen⸗ nen, wäre ich es wirklich, wie einfach, wie leicht! Erſte Scene. Stafſjö. Das Zimmer des Oberjigermeiſters. Lazuli. Jetzt führe ich den Bogen auf allen vier Saiten, daß es klingt. Der Onkel. Du haſt Fortſchritte gemacht, wäh⸗ rend wir fort waren, Lazuliz ich erlebe in meinem fünf⸗ zigſten Jahre noch eine Freude an Dir, Lazuli. Gott ſei Dank, daß wir jetzt wieder in Stafſjö ſind. Geſtehe, daß die Violine doch ein herrliches Inſtrument iſt; fahre nur ſo fort. Nun, und das Schießen? Lazuli. Komm einmal in den Wald, ſetze mir ein Ziel, und ich werde treffen. Der Onkel. Noch habe ich keine Zeit, in den Kolmard hinaus zu gehen, ich muß meiner Schweſter beim Durchſehen der diesjährigen Bergwerfsrechnungen helfen. Es iſt ein kleiner Untereinander in den Skärfblacker⸗ Angelegenheiten. Mache Du einſtweilen für Dich in Deinen Uebungen fort. Zweite Scene. Der Marmorbruch Ferdinauds Schießbahn. Tintomara. Stecke Dein Ziel weiter hinaus, Viktor. Ferdinand. So, jetzt iſt es zehn Ellen weiter. Triffſt Du's jetzt auch? Bravo! Du biſt mir ein wackerer Kamerad. Das kommt von einem ſichern Aug und einem fröhlichen Herzen. Tintomara. Laß mich es noch drei Ellen weiter weg verſuchen, Viktor. 221 Ferdinand. Alle Zeichen der Zielſcheibe ſind zerſchoſſen. Tintovmara. Lade die Büchſe einſtweilen; ich werde nach einem Papier ſehen, um es als Zeichen aufzuſtecken. Ferdinand. Aber erkälte Dich nicht, Kamerad, Du biſt ſo eifrig, Du ſchwitzeſt. Tintomara. Ich knöpfe die Weſte auf, ſo kühle ich mich ab. Ferdinand(für ſich). Ha, was war das? hm! (ſaut.) Ich begreife nicht— ich ſollte Etwas haben— ein Papier— Tintomara. Nun iſt es geladen; das Zündkraut drauf. Der Kolben an der Wange, der Daumen auf dem Hahn, nun? Ferdinand. Ich finde nichts, ſchieße noch nicht. Tintomara. Viktor, ſtecke nur einen kleinen, kleinen Wiſch auf. Ich will, daß Du mit Deinem Zög⸗ ling Ehre einlegeſt und eine Freude an ihm habeſt, Viktor. Du ſollſt ſehen, daß es gelingt. Dort haſt Du ja eine Karte in der Bruſitaſche. Ich glaube gar, ein ganzes Spiel? Das iſt mir ein ſauberer Herr. Darf ich die Karte aus der Taſche nehmen, da Du ſelbſt ſo viel zu denken haſt. Ferdinand(für ſich) Unvorſichtiger, Du kommſt mir ſo nahe, ich ſehe es deutlich!(laut.) Geh, Tintomara, ſtell Dich auf den Platz; ich befeſtige das Herzaß auf der Scheibe. So, ſchieße jetzt, wenn Vu kannſt. Tintomara. Feuer! Ferdinand. Du biſt göttlich, Tintomara Auf den Fleck hin getroffen! Die Karte mit ihrem Aß iſt nicht mehr da. Tintomara. Jetzt höre ich für heute auf mit dem Schießen, Viktor, ich gehe zu Georg hinein und ſpiele. Aber ſieh hier, ich habe Wort gehalten. Sieh hier Deinen Lohn, Viktor. Ferdinand. Eine Agraffe? . 1 . 222 Tintomara. Amandens Agraſſe. Betrachte ſie, küſſe ſie und gib ſie mir dann zurück. Ferdinand. Und ſie hat ſie mir geſchickt? Tintomara. Nein ich nahm ſie ihr, um ſie Dir zu Deiner Erquickung zu zeigen, wie Du mich hateſt. Ferdinand. Es iſt wohl wahr, daß ich Dich bat, mir etwas zu verſchaffen, was beweiſen könnte, daß Du wirklich in Stafſjö zu Hauſe ſeieſt, Tintomara, und zwar Etwas von Amanda, damit ich mich auf Dich verlaſſen könnte, wenn ich einen Gruß abſenden wollte, vder— ja ich erinnere mich noch gut, was ich wollte.— O wie konnt' ich an Dir zweifeln? Ich zweifelte auch nicht! Das iſt merkwürdig— bis zum Wahnſinn merkwürdig— ich weiß nicht, was ich wollte, ich frage nichts nach der Agraffe Tintomara. Schöner Viktor, ich danke Dir jetzt für all Deinen Unterricht. Jetzt habe ich doch gut ge⸗ ſchoſſen? Aber küſſe die Agraffe ſchnell, denn ich will ſie heute Abend wieder nach Stafſjö zurücknehmen. Ferdin and. Da nimm ſie, Tintomara. Tintomara. Küſſe ſie zuerſt. Ferdinand. Ich vergeſſe Alles. Da nimm ſie jetzt. Aber werden wir uns nie mehr zuſammen üben, Tintomara? Tintomara. Auf dieſer Schießbahn hier, nicht mehr, aber an den Vögeln im Wald, wenn Du willſt, Viktor, und da darf ich Dich begleiten? Ferdinand. Ob Du mich begleiten darfſt? Ach! Tintomara. Zum Beiſpiel nächſten Mittwoch? Ferdinand. Aber ehe Du gehſt, knöpfe die Weſte wieder beſſer zu, Du bekommſt ſonſt Bruſtweh. Beſſer, noch beſſer! Dritte Seene. Der Marmorbruch. Clas Heinrichs Zimmer. Tintomara. Ich komme mit den Saiten nicht ſo zurecht, wie ich möchte. Mit der Quinte bin ich zufrieden 223 und mit dem Baß bin ich ſehr zufrieden. Der Alt geht an, aber der Tenor iſt ganz ſchlecht, Georg. Clas Heinrich. Winde ihm von der Schraube und ſchneide ihn am Steeg ab; ſtimme ihn dann, ſo wird er wieder ganz neu. Tintomara. Die Saite iſt zu klein und ſchmal, ſie hat keinen Ton in ſich, Georg. Schneide ſie ganz ab. Clas Heinrich. Dazu hab' ich nicht das Herz. Tintomara. Wie ſo? Clas Heinrich. Dann hab ich keinen Tenor mehr, wenn ich den hier wegwerfe. Tintomara. Das thut nichts, es iſt kein Schade um ihn. Clas Heinrich. O doch, ich liebe den Tenor. Ohne ihn gibt es keine vier Saiten und ohne dieſe keine Muſik. Tintomara. Mein Pflegvater hat mir eine neue Art Saiten gegeben, die er von Stockholm mitgebracht hat.(Er zieht welche aus der Weſte.) Da, ſieh, Georg, ſieh dieſen Tenor. Clas Heinrich(für ſich). Mein Gott, was? was? Tintomara. Jetzt wird es eine andere Muſfik geben. Ratſch! Verzeihe, daß ich Dich abſchnitt, arme Saite. Hilf mir den neuen Tenor hier auſſetzen, Georg; wie macht man's? Clas Heinrich. Was ſoll ich denken, was— (laut) Zuerſt ſchraubt man die Schraube ein und befeſtigt die neue Saite daran. Dann befeſtigt man das andere Saitenende hinter dem Steeg, dann ſchraubt man ſo lange, bis es ſtimmt. Tintomara. Warte, laß mich ſelbſt ſchrauben; ich will es lernen.(Er ſchraubt und probirt die Saite.) Ach, wie grob er brummt!— Ach— hör'— ei, ei— hör', hör' meinen Tenor— ein Jammerlaut! Ich kann Dir nicht helfen, mein Freund; noch höher! So, jetzt ſtimmt es ziemlich. Clas Heinrich. Du ſtimmſt ſchnell und ohne Barmherzigkeit, Tintomara. Auf dieſe Art ſpringt Deine arme Saite leicht ab. Tintomara. Ach was! jetzt hab' ich einen guten, ſtarken Tenor. Der ſoll halten und ſchön klingen Clas Heinrich. Möchteſt Du mit ihm zufrieden ſein, das wünſche ich von Herzen. Tintomara. Jetzt die Noten her. Wir wollen das Duett wieder ſpielen, das wir letzthin vor hatten. Mein beſter Georg, vielleicht ermüde ich Dich? Clas Heinrich. Du, Tintomara? Ach nein.— Tintomara. Aber ich möchte dem Oberjägermei⸗ ſter eine Freude damit machen, wenn ich das Duett recht gut ſpielte, das Du gewählt haſt. Du haſt etwas ſo gar hübſches gewählt. Clas Heinrich. Meinſt Du? Tintomara. Ich nehme dann heute Abend die Violine unter den Arm mit heim, um ihm in Stafſjö Etwas aufzuſpielen. Clas Heinrich. Aber Du kommſt doch wohl wieder hieher? Wir haben noch viele Stücke, die wir mit ein⸗ ander ſpielen müſſen. Du haſt doch in Stafſiö kein Wort von uns erwähnt? Tintomara. Kein Wort, wie ich verſprochen habe, Niemand ſoll Eure Ruhe ſtören. Nur ich will hie und da kommen und Euch beläſtigen, darf ich das? Ich danke Dir ſo herzlich, mein lieber Georg. Ich habe hier ſo Vieles und ſo Schönes gelernt; jetzt glaube ich ſelbſt, eghtic den Bogen führen kann. Adien, bis Mittwoch. eht.) Glas Heinrich. Kann ich das faſſen? Ich bebe vor dieſem Geheimniß zurück! Wer kommt dort aus dem Gebirge? Ah, Ferdinand, der Arme! Er kommt von ſeiner Schießbahn. Er weiß nicht, was ich weiß, und das iſt gut für ihn. Ein Mädchen! ein verkleidetes Mäd⸗ chen! Welch ein himmliſcher Zauber in dem kleinen kurzen: Adieu bis Mittwoch! 225 Vierte Scene. Der Marmorbruch. Weg am Seeufer. Ferdinand,(allein). Welch ein Wunder! Doch ich darf nicht zweifeln. Ein Mädchen in dieſem Walde! Am Mittwoch Vögel ſchießen!— Doch wo iſt mein Clas Heinrich? Er ſitzt, glaub' ich, allein am Kahnſtock, der Arme! Will er wohl wieder Fiſche angeln? Es iſt bei⸗ nahe eine Sünde, ihn in ſeinen tiefen Betrachtungen zu ſtören. Wenn er wüßte, was ich weiß, ſo könnte er etwas zum darüber nachdenken haben. Ein Mädchen! O Gett — Aber es iſt beſſer ſo, wie es iſt; es iſt beſſer daß er nichts weiß. Clas Heinrich(kommt). Mein Capitän geht solo pensivo? Ferdinand. Wie mein Major. Clas Heinrich, Ja, es iſt heute ein unangeneh⸗ mer Tag; es iſt erſt Montag. Ferdinand. Der wackere Jüngling Tintomara macht mir wirklich mit ſeiner Sicherheit in der Hand ein großes Vergnügen. Wenn er übermorgen kommt, ſo ſoll er ſeinen erſten Verſuch im Schießen auf lebende Weſen, im Walde draußen machen. Es iſt ein tüchtiger Burſche. Clas Heinrich. Er hat viel Haltung; ein ge⸗ wandter, gut gewachſener Junge. Er würde einem Regi⸗ ment Ehre machen. Ich möchte ihn bei meinem Muſik⸗ Korps haben, wenn er nicht zu gut dazu wäre. Ferdinand. Du vergißt, daß Du kein Korps haſt. Clas Heinrich. Verdammt! Ferdin and. Die Brovik iſt ein Neſt. Clas Heinrich. Was ſollen wir heute Abend thun und morgen? Ferdinand. Ja, es iſt unerträglich. Clas Heinrich. Wir wollen hinein gehen und eine Parthie ſpielen. Ferdinand. Montage und Dienſtage ſollte man gar nicht in der Woche haben; die Mittwoche ſind gut. Der Königin Juwelenſchmuck. 15 226 Clas Heinrich. Ja, ich glaube er wollte am Mittwoch wieder kommen; war es nicht ſo? Du mufßt das beſſer wiſſen. So unbedeutend die Geſellſchaft eines Knaben auch iſt, ſo iſt ſie doch eine Abwechslung in dieſer Einöde und intereſſirt immerhin. Ferdinand. Das iſt natürlich. Warum ſollte ein hoffnungsvoller Jüngling keinen angenehmen Umgang ge⸗ wahren? Ich geſtehe es ganz aufrichtig— einen guten, lebhaften Geſellſchafter habe ich immer ſehr geſchätzt. Clas Heinrich. Jetzt, ſind wir denn in unſerem ſogenannten Saal, das heißt in der Stube Wir haben nicht einmal einen ordentlichen Spieltiſch— er iſt zer⸗ kratzt und zerſchnitten.— Der Teufel hole das! Ferdinand. Dahin hat uns das** gebracht. Was ſpielen wir? OQuadrille? Clas Heinrich Dann müßten wir zwei Mal zwei ſein, aber wir ſind nur ein Mal zwei.— Lhombre? Ferdinand. Dann müßten wir zu drei ſein— das werden wir erſt am Mittwoch. Piquet? Clas Heinrich. Piquet geht. Wo haſt Du das Kartenſpiel? Ferdinand. Da— wenn wir Piquet ſpielen, müſſen wir alle niedern Karten bis zum Sechſer hin⸗ wegthun. Clas Heinrich. Hier iſt kein Herzaß; wie kommt das? Ferdin and. So? Ja, es iſt wahr. Es iſt dro⸗ ben auf der Scheibe zerſchoſſen worden. Clas Heinrich. Was ſind das für Dummheiten, Capitän, unſer einziges Kartenſpiel verderben? Ferdinand. Dem iſt leicht abzuhelfen. Clas Heinrich. Das glaub' ich kaum. Ohne Aß läßt ſich kein Spiel machen. Ferdinand. Ich habe den Herzfünſer hier und radire die Viere und die Ecken heraus, ſo daß nur das Mittelſte ſtehen bleibt. Dadurch wird der Fünfer in ein 5 227 Aß verwandelt und zur vornehmſten Karte gemacht. Geht das nicht? Clas Heinrich. O ja, das geht freilich, das iſt ſehr ſraßhaft! Aber die Viere in den Ecken dauern mich doch. Und dann iſt das ganze Spiel verdorben. Ferdinand. Da kann ich nicht helfen, wir wollen anfangen. Gib ein Meſſer her. Verzeih', mein lieber Herzfünfer!— So, jetzt iſt es gethan. Wir wollen anfangen. Clas Heinrich. Wie lang ſoll dieſe ſelbſtgewählte Verbannung dauern, Ferdinand? Glaubſt Du nicht, wir könnten uns, wenn ſich die Gahrung in den Gemüthern gelegt hat, bis zum Herbſt wieder in die Welt wagen.— Für den Anfang verkleidet? Ferdinand. Wenn es nicht anders wird— ſo nehme ich einen falſchen Namen an, und trete lieber als einfacher Freiwilliger bei irgend einer Truppe ein, als daß ich hier verſaure. Aber einſtweilen mag es noch hingehen. Clas Heinrich. Ja, einſtweilen. Ferdinand. Miſche, dann will ich abnehmen. Fünfte Scene. Stafſiö. Adolphine. Meine Gedanken reichen nicht zu. Je mehr ich darüber nachſinne, deſto mehr finde ich, daß ich wirklich für meine Vermuthung keinen andern Grund habe, als daß Lazuli das erſte Mal, als ich ihn ſah, in Mäd⸗ chenkleidern erſchien. Und was iſt es dann? was iſt es dann? Wozu dient dieſes Grübeln? Soll meine Mutter wieder den Schmerz haben, mich verrückt zu ſehen? Neh⸗ men wir von Lazuli das Andere an! Mag er ein Jüng⸗ ling ſein, was thut das? Eine ſüße reine Freundſchaſft iſt in dieſem Falle ja doch wohl erlaubt. 15 4 ——————— 228 Sechste Scene. Stafſjö. Das Zimmer der Baronin. Mamſell Julie. Wie ich ſage. Aber, meine gnädige Frau Baronin, ich betheure auf Ehre und Selig⸗ keit, daß nichts als das Alleranſtändigſte— Die Baronin. Gehen Sie, Mamſell Julie, und ſagen Sie Amanda, daß ich ſie in meinem rothen Schreib⸗ zimmer erwarte. Siebente Scene. Stafſjö. Das rothe Zimmer. Die Baronin. Ich ſehe mit großer Befriedigung, daß meine Mädchen wieder geneſen ſind. Setze Dich, meine liebe Amanda, Du biſt noch blaß. Amanda. Die Beſchäftigung hat mich geſund ge⸗ macht, und ich werde gewiß wieder ganz hergeſtellt wer⸗ den, wenn ich fortfahre wie bisher. Die Baronin. Mein Haus hat dieſem Fremdling ſehr viel zu danken, wenn die Vernunft wirklich wieder durch ihn zurückgekehrt iſt.— Amanda. Lazuli hat die edelſten Sitten und eine kurze, aber ſcharfſinnige Darſtellungsgabe, welche die Men⸗ ſchen, mit welchen er ſpricht, ja Alle, die ihn hören, immer zuſammenhängender und klüger macht. Du ſollteſt ihn ſingen hören, Mutter. Die Baronin. Ihn? Warum ſagſt Du nicht ſie? Amanda. Ach! Die Baronin. Lazuli iſt ja ein Mädchen? Warum verbirgt mir Amanda das? Nichts, meine Mädchen, konnte Euer Verhältniß zu Lazuli vor mir in ein unſchuldi⸗ geres und ſchöneres Licht ſtellen, und was müßt ihr mehr wünſchen, als die Achtung Eurer Mutter zu bewahren? Amanda. Gott! wie hat meine Mutter das er⸗ fahren? Große, große, große Gefahren.— 229 Die Baronin. Aber ſage mir, Amanda, biſt Du Lazulis vollkommen gewiß? Amanda. Meine Schweſter hat es mir geſagt. Die Baronin. Adolphine? Ich muß Gewißheit haben. Rufe Adolphinen her.... Adolphine(kommt). Meine Mutter hat gerufen. Die Baronin. Ja, Adolphine. Antworte Deiner Mutter ganz offenherzig, Adolphine. Iſt Lazuli ein Mädchen? Adolphine. Himmel! was hör' ich!— Die Baronin. Eine Frage, die eine Antwort erheiſcht. Iſt Lazuli ein Mädchen? Adolphine. Ich kann es nicht anders glauben.— Nein!— wenigſtens— Amand a. Was? Du warſt ja ſicher.— Großer Gott! Die Baronin. Was für Gründe haſt Du, Adolphine? Adolphine. Das erſte Mal, als ich Lazuli ſah, war es in einer Mädchenkleidung. Die Baronin. Das erſte Mal?— War denn das nicht in meinem Haus? Adolphine. Nein, meine liebe Mutter. Die Baronin Und wo denn, wenn ich fragen darf? Adolphine. In der Oper. Die Baronin. Und wann? Adolphine. In der unglücklichen Nacht vom 16. März. Die Baronin. In der Nacht, da Du mein Kind — da Du verſchwandſt— und ohne Verſtand, ohne rechte Beſinnung wieder kamſt. Adolphine. Ja meine Mutter; aber das hatte ſeinen Grund in etwas Anderem, meine verehrte, meine beſte Mutter. Lazuli, der gute Lazuli konnte nichts für das, was mir in jener ſchrecklichen Racht geſchah. Lazuli mehr zur Rückkehr meiner Vernunft bei, als Alles ndere. 230 Die Baronin. Das mag ſein. Adolphine. Ich betheure Dir, daß ich Lazuli vor ſeiner Hieherkunft nicht anders denn als Mädchen geſehen habe. Ich nehme alſo für entſchieden an, daß er es auch iſt. Die Baronin. Aus denſelben Gründen nehme ich für entſchieden an, daß Lazuli kein Mädchen iſt, denn ich habe ihn nie anders denn als Mann roſtümirt geſehen. Dieſes Raäthſel muß gelöst werden. Amanda. Gott! wenn Du mich getäuſcht haſt, Adolphine! wie ſehr haſt Du mich dann getäuſcht! Adolphine. Meine Mutter, meine Mutter, dringe nicht in dieſes Geheimniß. Lazuli hat große Gründe ver⸗ kleidet zu ſein— eine ſchreckliche Gefahr! Die Baronin. Verkleidet? ja, wenn er es wäre. Aber ich glaube, er iſt nicht verkleidet, ſondern ſo wie er jetzt iſt, iſt er in ſeiner wahren Geſtalt, und das iſt eine noch größere Gefahr. Amanda. Gott— was hab' ich hören müſſen. Achte Scene. Der Kolmord. Ein ſchöner Platz von dichten Hecken um⸗ geben. Tintomara. Wie liebe ich Deine Büchſe, Viktor. Eine herrliche Waffe! ſie trifft ſo weit und ſo ſicher.— Nennt man das einen großen Vogel? Ferdinand. Ja, Du haſt einen Auerhahn geſchoſſen. Armer Vogel. Tintvmara. Armer Vogel! Viktor, es iſt doch recht hübſch, aus ſo weiter Entſernung zu ſchießen und ein lebendes Weſen im Fluge zu treffen— aber— aber— armer Auerhahn! Warum biſt Du nicht munter, Viktor. Ferdinand. Ich bin nicht recht froh. Tintomara. Was haſt Du in dem Bündel? Ferdinand. Es iſt Proviant, wenn man weit in 231 den Wald hinein geht— Nein, ich log— Es ſind Jagd⸗ kleider? Nein, ich log— Es ſind— Tintomara. Sage nichts mehr, Du lügſt vielleicht wieder. Ferdinand. Auch Du ſcheinſt heute nicht ſo mun⸗ ter zu ſein, ſchöner Tintomara? Tintomara. Das kommt davon her, weil ich nicht mehr ſo viel ſpringen und klettern darf, als ich will, ſeit⸗ dem ich aufgehört habe in die Luſt zu ſchießen und vafür nach einem gewiſſen Punkt ziele. Ferdinand. So ſpringe lieber wieder, Tintomara, und laß das Schießen bleiben. Tintomara. Habe ich Dich betrübt mein lieber Viktor? Das wollte ich nicht, ich habe Dir viel, viel zu danken— Ferdinand. Für was? Tintomara. Du haſt mich auf Todtes und Leben⸗ des ſchießen gelehrt. Ich habe Dir viel Beſchwerden ge⸗ macht, zuerſt Mittwochs, und dann geſtern, und jetzt heute. Wie werde ich Dir genug dafür danken können? Ferdinand. Ja, es waren ſchöne Tage Tintomara. Ich danke Dir dafür, Viktor. Und doch biſt Du nicht recht froh. Ferdinand. Willſt Du mich auf eine leichte und geringe Weiſe belehnen, Tintomara? Tintomara. Warum nur auf eine geringe Weiſe? Ferdinand. Ich begehre nur Weniges. Tintomara. Was wünſcheſt Du? Ferdinand. Ich habe eine Grille— einen när⸗ riſchen, aber unſchuldigen Einfall. Tintomara. Kann ich Dir dabei etwas helfen? Ferdinand. Du haſt ein ſehr ſchönes Haar, Tin⸗ tomara, und ein Geſicht das— noch mehr— Tintomara. Welch' ein Einfall! Ferdinand. Ach meine Grille beſteht darin, daß ich ſehen möchte, wie ſich etwas Gewiſſes ausnehmen würde. Ich möchte, Da ſollteſt Dich anders kleiden. 232 Tintomara. Das geht ſchon. Das hab' ich oft gethan. Das iſt etwas Unbedeutendes. Ferdinand. Es würde mir eine Freude machen, wenn ich einmal ſähe, wie ſich Dein Geſicht ausnehmen würde, wenn Du als Mädchen gekleidet wäreſt. Verzeih mir! Dieſe Narrheit hat mich bisher beſchäftigt; ich habe meine Hausfrau im Marmorbruch gebeten, mir eine hübſche Bäurintracht in dieſen Bündel hier zu legen. Ich weiß zwar ſelbſt nicht, was für eine Farbe ſie hat und wie ſie ausſieht, aber ich glaube gewiß, daß ſie hübſch und ſauber iſt. Du ſiehſt, der Wald hier herum iſt dicht verwachſen. Ich geh' auf eine Weile weg, um nach meinen Hun⸗ den zu ſehen. An der Jagdpfeife ſollſt Du hören, wie fern ich bin. Kleide Dich um, und wenn Du fertig biſt, ſo gib mit Deiner Jagdpfeife ein Signal. Tintomara. Ein wunderlicher Einfall— Laß es ſein, Viktor— Ferdinand. Nimmſt Du Dein Wort ſobald zurück? Ich ſollte ja eine Belohnung erhalten? Tintomara. So war es. Es mag geſchehen. Ferdinand. Ich gehe. Neunte Seene. Der Kolmord. Eine etwas entferntere Stelle. Ferdinand. Kein Signal antwortet mir, was ſoll ich denken? Tintomara muß jetzt doch wohl mit dem Um⸗ kleiden fertig ſein, doch er iſt ſehr ſchelmiſch. Ein ſelt⸗ ſamer Einfall! Es kann jedoch möglich ſein, daß ich mich in meiner Vermuthung gänzlich getäuſcht habe.— Was iſt das? wer geht dort auf der entgegengeſetzten Stelle zwi⸗ ſchen den Stämmen hin. Iſt es ein Hirtenmädchen! Sie trägt einen ſaubern geſtreiften Ryck— einen ganz weißen Spenzer— ſie iſt ſchlonk und hat einen ſtillen, würdevollen Gang, der Kopf iſt ſchön geſenkt— wer mag es ſein? Sie hält ſich hübſch ferne von mir— ſie fürchtet ſich. Tintomara(umgekleidet und in der Entſernung). ————— 233 Ferdinand. Ein merkwürdiges Abenteuer! Hier erwarte ich jeden Augenblick weſtlich gehen zu dürfen, um einen muntern Jagdgefährten als Mädchen verkleidet zu ſehen, und in demſelben Augenblick kommt von Oſten her ein anderes wirkliches Mädchen Zu welchem ſoll ich mich wenden? Ich muß doch der ſtillen melancholiſchen Spa⸗ ziergängerin näher treten. Dieſes Kopfzeug ziert das Land⸗ mädchen ſehr; nur ſchade, daß dadurch ſo viel von dem Geſichte bedeckt wird; aber das Wenige, das man ſieht, iſt deſto reizender. Ein graziöſer Gang.— Guten Tag, Mädchen! fürchte Dich nicht vor mir, komm näher. Du ſcheinſt hier Etwas verloren zu haben? Du gehſt ſo lang⸗ ſam und ſiehſt zur Erde. Tintomara. Verloren? Ferdinand. Eine ſchöne Stimme— was für hübſche Füße— bleibe nicht ſo ferne. Tintomara. Soll ich näher kommen? Ferdinand. Dieſe Stimme! Und das Wenige von dem Geſicht, was ich unter dem Kopfzeug bemerke! Soll⸗ ten zwei Weſen ſolche Geſichter haben können, zwei Erem⸗ plare aus entgegengeſetzten Himmelsſtrichen— warum bleibſt Du ſtehen, Mädchen? So muß alſo ich dafür zu Dir hin⸗ z So. Fürchte Dich nicht vor einem Jäger. Gu⸗ ten Tag. Tintomara. Guten Abend. Ferdinand. Ein naiver Blick.— Laß mich Deine Hand faſſen!— Wast vas?— Guten Abend ſagſt Du? Jä, der Schatten im Walde verbreitet wirklich ein Dämmerlicht; wohin willſt Du? Tintomara. Wohin ich will? Ferdinand. Du haſt Augen wie nur eine Perſon auf der Welt. Du biſt ein gutes Mädchen, und ich möchte Dir gerne helfen, wenn Du hier nach etwas ſuchſt. Schiebe das Kopfzeug ein wenig über die Stirne zurück, und ziehe es an den Wangen auf die Seite— gönne mir dies kleine Vergnügen— fürchte Dich nicht vor mir— es iſt nicht gefährlich— durchaus nicht. 234 S Thue mit meiner Kleidung, wie Du willſt. Ferdinand. Wie ich will? So nimm das Kopf⸗ zeug ganz weg, hier im Walde iſt es warm. Tintomara. Gerne, das Ganze iſt ja ein Einfall von Dir. Ferdinand. Himmel und Erde! was ſeh ich? Tintomara. Du wrliteſt es ja ſo. Ferdinand. Tintomara! Tintomara Was willſt Du noch mehr, Viktor? Iſt die Verkleidung nach Deinem Geſchmack, oder ſoll etwas daran anders ſein? Ferdinand. Verkleidet? Nein, jetzt biſt Du nicht verkleidet. So biſt Du in Deinem einzig wahren Coſtüm. Alles ſagt mir das— Dein Gang, Deine Hände, Dein Himmel— Tintomara. Es ſind nicht meine Kleider, aber ſie paſſen. Ferdinand. Du biſt jetzt in Allem und Jedem anders — Du überirdiſches Mädchen— Du mußt mich aufklären — Nicht nur die Kleider, ſondern Dein ganzes ſo ſtilles, feines und leiſes Benehmen, Dein Gang— Dein Blick, ſo von dem Glanze des Kummers getrübt— Tintomara. Ich bin nicht fröhlich, Viktor. Ferdinand. Tintomara, welch' einen Einfall hab' ich gehabt! Und welche Grille trieb Dich von einer an⸗ dern Seite herzukommen, als ich erwartete. Tintomara. Wohin willſt Du jetzt, daß wir gehen. Ferdinand. Dort hinauf zu unſern Büchſen und zu dem Auerhahn.. Tintomara. Viktor, halte meine Hand. Ferdinand. Du zitterſt. Tintomara. Laß uns geſchwind dort hinauf eilen. Ferdinand. Iſt es wahr, was ich ſehe? Ein ſo — ein ſo unendlicher Glanz floß noch nie aus Deinen Augen. Nein, es iſt wahrhaftig eine Thräne, die in dieſem Himmel glänzt. 235 Tintomara.„Laß es ſein. Ferdinand. Dei Gott, Unbekannte, Wunderbare entdecke, was es iſt? Ich kenne Dich noch nicht lange, Dein Inkognito in dieſer Gegend, Dein angenommener ausländiſcher Name— Alles tritt mehr und mehr vor meine Gedanken. Verzeihen Sie die Kühnheit eines Un⸗ bekannten, edles Mädchen, wie ſoll ich Sie nennen? Ein Geheimniß will ich nicht entweihen, aber ein Unglück würde in mir eine Stütze, eine ſichere Hilfe finden. Ich erſchrecke vor dem, was ich gethan habe— Wer Sie auch ſein mögen, verzeihen Sie meinen vielleicht unhöflichen Scherz. Tintomara. Verzeihe mir, wenn ich Dir wehe ge⸗ than habe, mein Viktor. Ferdinand. Ich bin ſo erſchrocken, ſo verwirrt— Tintomara. Laß mich dieſen Namen noch gebrauchen, der mir zur Muſik meiner Seele geworden iſt! Tintomara will mich noch Du nennen oder hörte ich nicht recht? Wir leben in den Zeiten ſo furchtbarer Begebenheiten, daß ich nicht weiß, welch' ein großes Geheimniß ich hier ahnen ſoll. Vielleicht beuge ich hier die Kniee vor einer— vor einer Dame von unbekannter Geburt— von hoher— von der höchſten— Tintomara. Steh auf, Viktor. Ferdinand. Wem auch die theure Hand gehören mag, der mein Mund jetzt zu nahen wagt, ſo wiſſe, ich bin kein ganz Unwürdiger. Mache mich, Du hohes Mäd⸗ chen, mit einem ſo großen Theil Deines Unglücks bekannt, als nöthig iſt um zu retten und zu helfen. Tintomara. Ich bin tief betrübt. Ferdinand. Denke von uns an der Meeresküſte nichts Schlechtes. Ein furchtbares Ereigniß, das nicht über meine Lippen kommen darf, hindert mich zu erklären, wer ich und mein Freund am Marmorbruche ſind Aber glaube mir, ich bin ein Edelmann— ich will Alles für Dich thun Alles! und ich vermag vielleicht Etwas. Warum biſt Du betrübt? Tintomara. Viktor. 236 Ferdinand. O verbirg Deinen Schmerz nicht. Er ſpricht ſo unbeſchreiblich aus Deinem ganzen Weſen. Ich erkenne alle Züge des muntern feenähnlichen Geſchöpfes wieder, das die Wälder umher durch die leichteſten Sprünge, durch die ſcherzhafteſten Unternehmungen, ach, durch Bewe⸗ gungen von unerklärlichem Reiz verherrlichte— und doch iſt jetzt Alles, Alles verändert! Ein Schleier der feinſten Dunkelheit zittert über Dein ganzes Geſicht. Dein himm⸗ liſcher Blick ſieht mit einer Milde auf mich herab, die mich beſeligt— und doch auch erſchreckt! Großer Gott! was iſt denn der Gegenſtand Deines Schmerzes. Tintomara. Steh auf, Viktor, ich bin tief, tief betrübt. Ferdinand. Worüber? Tintomara. Du liebſt mich. Ferdinand. Ein Blitzſtreich in einem einzigen Wort! Tintomara. Steh auf— und laß mich Dich be⸗ fragen, mein Viktor, laß mich Dir Etwas erzählen. Ferdinand. Tintomara, was iſt hier noch zu fra⸗ gen? was zu erzählen? Tintomara. Kannteſt Du den ſchönen Mannerhjelm? Ferdinand. Herrmann Adolph Mannerhjelm, den Unglücklichen, der ſich um einer Here willen ſelbſt den Tod gab? Ich kannte ihn. Er ſtahl endlich in der Verzweiflung eine Perle aus ihrem Haar, als ſie ihm lieblos den Rücken wandte; er zerſtieß die Perle, verſchlang ſie in einem Glas Wein und ſtarb. War er mit Dir verwandt? forderſt Du Rache? Tintomara. Warſt Du mit Hedenſköld bekannt? Ferdinand. Mit dem jungen Freiherrn Heden⸗ ſtöld? Mit dem, der auf ſeinem Engländer in vollem Lauf gegen das Hagathor rannte und ſich die Stirne daran zer⸗ ſchmetterte? Es ſoll wegen einer verführeriſchen Zauberin geſchehen ſein— ſolche gibt es in der Hauptſtadt.— War der Beklagenswerthe aus Deiner Familie? Was willſt Du, daß ich thun ſoll? Tintomara. Hörteſt Du von Severin Nichols? —— 237 Ferdinand. Dem Neffen von Zacharias Nichols? Gewiß, auch er vermehrte ja die Zahl der Verlorenen. Sein Körper wurde am Morgen nach der Nacht, wo er die Gunſt eines ſchönen Geſpenſtes innerhalb der Mauern der Oper vergebens angerufen hatte, bei Strömsborg wieder gefunden? Tintomara. Dieſe Here, dieſe Zauberin, dieſes Ge⸗ ſpenſt war eine und dieſelbe Perſon. Ferdinand. Abſcheuliches Weſen! Tintomara. Hörteſt Du nie, wer ſie war? Ferdinand. Nein, ich habe den giftigen Abſchaum dieſer Hauptſtadt bis auf den Namen geflohen. Tintomara. Aber warum gingen ſie Alle um ih⸗ retwillen zu Grunde? Ferdinand. Weil ſie wie von einem Henker in reizender Schattengeſtalt auf der Folterbank der Eiferſucht nach dem ſelbſtgezimmerten Richtblock gezogen wurden.— Weil— Tintomara. Weil? Ferdinand. Sie ſie nicht wieder liebte. Tintomara. Viktor— ich bin dieſe! Ferdinand. Tintomara! Tintomara. Dieſe Hexe, dieſe Zauberin, dieſes Geſpenſt— ſieh hier in mir! Ferdinand. Ewiger! Tintomara. Lebe wohl, Viktor, lebe wohl. Ach ich liebe Dich nicht. Zehnte Scene. Stafſjö. Die Baronin. Aber, mein Bruder, Du wirſt doch einſehen, daß ich als Frauenzimmer unmöglich Un⸗ terſuchungen anſtellen kann? Der Onkel. Und ich eben ſo wenig. Angenom⸗ men, Lazuli wäre wirklich ein Mädchen, ein zartes ſchönes 238 Mädchen, wie ſeine ganze Perſon kund gibt, welche Fra⸗ gen ſollte ich da machen? Es iſt eine Unmöglichkeit. Die Baronin. Aber wenn ſich ein großes Ge⸗ heimniß von gefährlicher Beſchaffenheit darunter verbirgt? Der Onkel. Um ſo nothwendiger iſt's für Lazuli ſein Inkognito für ſich zu behalten, und wir müſſen ſo delikat ſein, wie er Die Baronin. Aber meine Töchter— Der Onkel. Sind nach Allem, was ich bemerke, durch dieſen Umgang mehr als durch irgend etwas Anderes wieder hergeſtellt worden. Die Baronin. Aber, mein Bruder, Lazuli muß von hier fort. Der Onkel. Lazuli iſt nunmehr ganz mein Pflege⸗ kind und bleibt, wo ich wohne. Aber ich ſelbſt kann ab⸗ reiſen, das kann geſchehen. Die Baronin. Nicht ſo, mein beſter Bruder. Aber in Kürze— ich will nicht— Mamſell Julie(kommt herein). Fremde, Fremde! ein Wagen mit vergoldeten Wappen rollt an den Hof. Die Baronin. Dummes Hinderniß. Der Onkel. Glücklicher Aufſchub! Den Teufel muß man etwas tiefer unterſuchen, als bis zum Kinn; überdies iſt man kein Betrüger, wenn man ſo Violine ſpielt, wie der junge Lazuli. Eilfte Scene. Stafſjö. Bibliothek. Amanda. Es gibt nur zwei Fälle— entweder fiel Ferdinand in jener Nacht, und dann iſt er nicht mehr für mich vorhanden. Oder war es Seine Majeſtät ſelbſt, die fiel.— Aber Ferdinand, zum Königsmörder geſtempelt, iſt doch für mich verloren. Sie ſagen ja auch, daß er ſelbſt mit ſeinem Porträt geſchrieben habe, er werde nie mehr zurück kommen, obſchon man mir dieſen Brief vorenthal⸗ ten hat, um meine Vernunft zu ſchonen. Ewig geliebtes * r ie ſt r 239 Bild! Du kannſt nicht entweiht werden, wenn ich mir er⸗ laube, Freundſchaft für einen Andern zu empfinden. Ja, mag Lazuli auch ein Jüngling ſein, das thut doch nichts — ich werde nicht mehr darüber nachgrübeln. Zwölfte Scene. Stafſjö. Die Orangerie. Adolphine(allein). Liebliche Pflanzen! Und doch werdet ihr nur von der Kunſt getrieben, nicht von dem eigenen wärmenden Athemhauch der Natur. Wieder eine verwelkte Anemone— Verhaßter Fremdling! der Herr mag noch ſo vornehm ſein; dieſes Weſen mit Speiſen, Kleidung, Ausrüſtung und tauſend Anordnungen mißfällt mir. Mama iſt ſehr ſchwach für Fremde, das geſtehe ich, ich würde mich nichts um ſolche Leute bekümmern.— Ha! es kommt Jemand, wie ich höre. Lazuli. Mein Fräulein! Adolphine(wendet ſich um). Sieh da, Lazuli! Lazuli. Ah— ich glaubte, es ſei Amanda. Adolphine. Amanda? Du haſt mir nichts zu ſagen? Lazuli. Adolphine— O doch, wer iſt der vor⸗ nehme Fremde? Adolphine. Ich kenne den ärgerlichen Menſchen nicht. Lazuli. Die Baronin ſieht mich nicht freundlich an, ich verlaſſe Stafſiö Adolphine. Was hör' ich? Nein, Lazuli, das thuſt Du nicht, das darfſt Du nicht thun. Lazuli. Ich liebe krumme Geſichter nicht. Adolphine. Ach Lazuli, ſei nicht ſo reizbar— meine Mutter findet in Deinem Namen ein merkwürdiges Geheimniß. Lazuli. Das iſt mir nicht neu. Adolphine. Aber kann Dich nichts für die Blicke meiner Mutter entſchädigen? 240 Lazuli. Adolphine! Adolphine. Ich möchte Dich etwas aus dem in⸗ nerſten Herzen heraus fragen, aber Lazuli— ich kann nicht, kann unmöglich fragen. Und ich brauche Dich auch nicht zu fragen. Du haſt mir geſagt, daß Du mein Freund ſeiſt. Lazuli. Und ich bin's. Adolphine. Siehſt Du die Blumen in dieſer Orangerie? Lazuli. Wieder eine verwelkte Anemone; ich liebe die Orangerie⸗Luft nicht. Komm in den Wald hinaus, Du ſanftes, ſchweſterliches, liebenswürdiges Weſen, komm mit mir hinaus, Adolphine, dort wirſt Du eine Luft, einen Duft fühlen! Dort wirſt Du wieder ein Mädchen werden, friſch wie der Wind auf der Woge, willſt Du? Adolphine. Ach wenn ich dürfte! Dyeizehnt See. Stöfſiö. Amanda's Zimmer. Lazuli(unter der Thüre). Darf ich herein kommen? Amanda. Ach Lazuli! aber ſchließe die Thüre hin⸗ ter Dir. Lazuli. Ich habe Dir dieſe Agraffe wieder zurück zu geben. Amanda. Meine Agraffe? Lazuli. Ich nahm ſie einmal; ich wollte ſie haben, ich bin nachher verhindert worden— Amanda. Warum nahmſt Du meine Agraffe, Lazuli? Lazuli. Ich wollte ſie haben. Amanda. Du fragteſt mich nicht um Erlaubniß. Lazuli. Julie hatte damals ſo nothwendig mit Dir zu ſprechen, Amanda. Es bedurfte es ja auch nicht, daß ich Dich um Verzeihung bat— oder? Amanda. Lazuli! 241 Lazuli. Wenn es ſo iſt, ſo verzeih' mir. Da iſt Deine Agraffe; darf ich ſie hinthun, wo ich ſie wegnahm? Amanda. Du willſt die Agraffe nicht behalten? Lazuli. Behalten? Amanda. Du haſt eine ſehr weiße und elaſtiſche Hand. Du nimmſt ſo leicht, gibſt Du eben ſo leicht2 Lazuli. Die Agraffe iſt Dein, Amanda, nimm! Amanda. Eben deßhalb. Wenn Du willſt, ſo be⸗ halte ſie als ein Andenken von mir. Lazuli. Als ein Andenken von Dir? Ich vergeſſe Dich nie.- Amanda. Nie? Du vergißt mich nie? Es liegt viel in dieſen Worten.— Iſt es gewiß, mein Freund? Lazuli. Ich begreife nicht, warum ich Dich je vergeſſen ſollte. Ich möchte gerne mit Dir ſprechen, etwas ganz Geheimes, etwas Wichtiges. Ich habe Dich in der Orangerie geſucht. Amanda. Was, Lazuli? Lazuli Ich verlaſſe Staſſiö, ich kann unmöglich hier in dieſer Gegend bleiben. Aber noch weiß ich nicht recht, wie es bewerkſtelligt werden ſoll und wann. Amanda. Um Alles in der Welt, Lazuli, Du willſt uns verlaſſen? Lazuli. Ich mag die Baronin nicht. Amanda. Sch! was ſagſt Du? wir ſind nicht ſicher hier, was haſt Du mir zu ſagen? Biſt Du ſo geſund, daß Du auszugehen wagſt* Amanda. Ich bin weit beſſer. Einem hab' ich das zu danken. Lazuli. Gutes, ſchönes Herz! ich weiß, wen Du meinſt. Aber traue mir nicht zu viel Gutes zu. Wie ſüß, wie ſchön es iſt, Schweſtern zu haben, an die man ſich anſchließen kann, das habe ich früher nie empfunden; hier aber hab' ich es— doch muß ich Staſſiö verliſſen! Die Menſchen ſind gegen mich ſo hart, ſo ſeltſam.— Aber ſprich, wo werden wir ungeſtört und vertraulich mit Der Königin Juwelenſchmuck. 16 . einander ſprechen können? Ich habe Dinge von Wichtig⸗ keit mit Dir zu berathen. Amanda. Jetzt, oder wann? Lazuli. Möchteſt Du nicht geſunder werden, als Du biſt? Amanda. Geſunder, Lazuli? Wer würde es mehr wünſchen als ich. Lazuli. Du wirſt draußen geſunder werden als hier innen. Amanda. Im Salon? Aber dort können wir nicht ſicher mit einander ſprechen. Lazuli. Im Salon iſt keine friſche Luft. Amanda. Alſo im Garten? Aber dort geht bald der Eine, bald der Andere ſpazieren. Meine Mutter— Lazuli. Im Garten iſt keine friſche Luft. Amanda. Dann weiß ich keinen Ausweg. Lazuli. Doch— im Walde. Amanda. Im Wald? Ach wenn ich dürfte! Vierzehnte Scene. Der Marmorbruch. Das Muſikzimmer. Clas Heinrich(allein). Die Geigenſtunden wer⸗ den immer häufiger. Am Mittwoch, am Freitag, am Sonntag und jetzt am Dienſtag— ja dieſes Zimmer ſoll das Muſikzimmer heißen, zur Erinnerung an Tintomara. Es ſieht aus, als ob ſie ſich im Marmorbruch wohler zu fühlen anfange als in Stafſjö. Sie, ſage ich? Ich bin etwas offenherzig gegen meine Wände. Was ſoll ich von meinem Ferdinand glauben? Iſt er von einem Berggeiſt verführt— ich finde ihn wenigſtens immer ſeltener daheim. Wenn mich nicht die dem Menſchen angeborne Furcht vor der Entdeckung oder bloßen Berührung großer oder merk⸗ würdiger Geheimniſſe abhielte, ſo würde ich ihn mit mei⸗ ner großen Entdectung erfreuen— denn jedenfalls iſt mir der Aufenthalt im Marmorbruch intereſſanter geworden, ſeitdem ich weiß, daß dieſes intereſſante Inkognito ein Mäd⸗ . 243 chen iſt— doch was weiß ich denn eigentlich? Sollte ich mich nicht getäuſcht haben? Möglich, aber nicht wahr⸗ ſcheinlich. Sind die Violinen in Ordnung? Gut. Mein Zögling muß bald hier ſein. Ach! ah! wer kommt denn da über den Hof her, um mich zu ſtören? Eine Bötin, ein Mädchen von Peter Mattſon. Welche Dummheiten! Nun, ſo tritt ein, was gibt es denn? Tintomara(in der Tracht eines Bauernmädchens). Guten Tag, Georg. Clas Heinrich. Was? Tintomara. Kennſt Du mich nicht, Georg? Clas Heinrich. Was bedeutet das?— Mein Zögling, in Wahrheit!, Verzeihen Sie mein Erſtaunen — ich habe Sie früher nicht ſo gekleidet geſehen. Tintomara. Du ſiehſt mich verkleidet, aber Du biſt ein Mann von Ehre und Güte, Du wirſt Dich nicht wundern. Clas Heinrich Nichts kann mich daran hindern. Tintomara, mein ganzes Weſen iſt nur Verwunderung über dieſen Anblick. Das haben meine Augen in ihren kühnſten Stunden nicht einmal geahnt. Tintomara. Beurtheile mich noch nicht ſchlimm, Georg. Ich habe mir dieſe Kleider verſchafſt und mich hier umgekleidet. Sie paſſen zu meiner Stellung. Durch dieſe Verkleidung will ich die Auftritte in Stafſiö ver⸗ meiden, die mich beläſtigen. Clas Heinrich. Auftritte? Verkleidung? iſt es denn ganz gewiß, daß Tintomara jetzt verkleidet iſt? das ſieht in meinen Augen tauſendmal beſſer und richtiger aus. Tintomara. Georg, Georg! darf ich Dich um einen großen Gefallen bitten? Clas Heinrich. Tintomara— Tintomara. Wenn Du eine Dämmerung über meinem Weſen ſiehſt, die heute gleichſam wie ein Netz auf meiner Fröhlichkeit liegt, ſo verzeih' mir. Ich wil heute nicht ſpielen. Clas Heinrich. Nicht ſpielen? Tintomara. Ich will Dich bitten, mit mir Rath zu ſchlagen. Ich habe ein großes Zutrauen zu Deinen reinen, freien, ehrlichen Augen. Biſt Du nicht gut? Clas Heinrich. Aber ſage mir— Tintomara. Wenn ich durch das Fenſter hier hinausſehe, wie heißt das Waſſer? Clas Heinrich. Die Brovik. Tintomara. Und das offene Land an dem jenſei⸗ tigen Ufer? Clas Heinrich. Das iſt der Vikbolander Bezirk. Tintomara. Geht er bis Stockholm? Clas Heinrich. Naive Frage! Was meinſt Du damit? Du ſiehſt nach dem Vikbolande mit Blicken hin⸗ über, wie wenn Du nach dem Himmelreiche ſäheſt. Tin⸗ tomara weiß wohl, daß Stockholm nicht— Tintomara. Liegt Stockholm nicht in der Nähe? Clas Heinrich. Dieſe Verhüllung Deiner Kennt⸗ niſſe paßt nicht übel zu Deinem übrigen Inkognito. Doch zu was ſoll das zwiſchen uns dienen? Du haſt ja Ver⸗ trauen zu mir, ſo ſagteſt Du eben. Tintomara. Du haſt ein Boot, Du ſiſcheſt; hilf mir nach dem fröhlichen offenen Lande hinüber. Dort Bi mich wohl ein Menſch nach Stockholm führen önnen. Clas Heinrich. Nach Stockholm? Sprichſt Du im Ernſt, reizende Maske? Du gedenkſt doc, nicht uns zu verlaſſen? Tintomara. Warum nicht? Clas Heinrich. Aber hier müſſen neue wunder⸗ bare Ereigniſſe eingetreten ſein. Was für Gründe haſt Du? Iſt etwas Neues in Stafſjö geſchehen? Tintomara. Willſt Du aus freiem und reinem Gemüth der Mann ſein, dem ich mich anvertrauen kann? Ich hoffe auf Dich. Clas Heinrich. Ich erſtaune. Tintomara. Mich verfolgt Haß— aber am meiſten Liebe. 245 Clas Heinrich. Liebe? Tintomara. Mich verfolgt die Liebe, Georginv. Wenn ich kein Herz hätte, ſo würte mir das gleichgültig ein. 5 Clas Heinrich. Wenn Du keines hätteſt? Ich denfe, Du ſollteſt das Gegentheil ſagen. Tintomara. O wenn ich doch ohne Herz wäre! Clas Heinrich. Ich darf nicht länger glauben, daß Du ſcherzeſt, obſchon es mir ſchwer wird, mir nicht unaufhörlich irgend eine neue Wendung eines äußerſt ſeinen Inkognitos darunter zu denken. Sprich aufrichtiger mit mir, wunderbar, ſchöner, und was noch beſſer iſt, edler Tintomara. Ich wage es zu ſagen, ich bin ein red⸗ licher Mann, Du kannſt Dich mir anvertrauen. Tintomara. Wenn ich kein Herz hätte, wenn ich ein Tiger wäre, wie ſie Alle mich nennen, wenn ich es wirklich wäre, o wie einfach! wie leicht! Clas Heinrich. Du, ein Tiger? Tintomara. Nun, ich bin leider kein Tiger, und darum eben ſchmerzt es mich, das zu ſehen, was ich ſehe. Clas Heinrich Was ſiehſt Du Unerklärliches? Tintomara. Verſprichſt Du mir mit Hand und Mund nur ein einziges Ding, Georg, nur ein einziges, ſo will ich Dir mein Geheimniß ſagen. Clas Heinrich. Süßes Mäochen, laß mich Dich ſo nennen— ob wahr oder nicht, aber Dein Anzug gibt mir die Erlaubniß dazu. Hier iſt meine Hand! Sie müſſen in Stafſjö hart gegen Dich geweſen ſein! Tintomara. Verſprich mir, Georg, daß Du mich nicht liebſt! Clas Heinrich. Ein düſterer lächelndes Licht hat nie um das innere Weſen meiner Seele geſchwebt; ich faſſe nicht— Tintomara. Und daß Du mich nie lieben wirſt. Clas Heinrich Ich faſſe nicht, welch ein Zau⸗ ber in Worten liegt, die ſo zurückſtoßend lauten. Tintomara. Und daß Du mich nie lieben wirſt! Clas Heinrrch. Tintomara, Mädchen! welch' ein Begehren! Tintomara. Nenne mich, wie Du Wiltſt, Mäd⸗ chen, Zögling, Jüngling, gleichviel, aber laß mich einmal eine Freude haben— eine Freude von Dir. Clas Heinrich. Von mir? Tintomara. Ja, von Dir. Alle Andern lieben mich, verwelken, ſterben, vergehen— was hab' ich nicht erſt vor Kurzem dort oben im Walde mit anſehen müſſen? — Ihr lügt ihr lügt, ich bin kein Tiger. Clas Heinrich. Welch' eine Miene unter dieſen halbgeſenkten Wimpern! Ich verſtehe Dich nicht. Tintomara. Iſt es gewiß, daß Du mich nicht liebſt? Clas Heinrich. Iſt hier kein Abgrund, der aus zauberhafter Ferne mich tief zu ſich hinunter zieht— unter dem dunkel lachenden Rhein, als wolie er zurückſtoßen? Tintomara. Sprich nicht für Dich ſelbſt, ſondern ſieh mich an. Clas Heinrich. Kann der Himmel, kann die Unſchuld einen ſo reizenden Anblick gewähren? Tintomara. Können wir nicht zuſammen über die Brovik fahren, Georgino? Iſt es unmöglich? Du fährſt mit Deiner Hand ſo unruhig und heftig über die Stirne. Können wir, o mein Georg, können wir nicht nach dem andern glücklichen Strande hinüber rudern? Clas Heinrich. Wenn ich mit der Hand über die Stirne fahre, ſo bedeutet dies, daß ich die erſtaunlich⸗ ſten, gefährlichſten Gedanken von mir jage. Tintomara. Denke nicht ſo viel; das taugt nichts Ach! können wir nicht fortfahren? Es ſieht da hinüber ſo ſchmal aus. Clas Heinrich. Tintomara, hier wird es Ernſt! Das muß jetzt ein Ende nehmen. Willſt Du ein Duett ſpielen, ſo bin ich bereit. Wo nicht— Tintomara. Georg! Clas Heinrich. Ich bin nicht unhöflich, es wird mir ſchwer, Dich zu bitten— o mein Gott!— Aber 247 varunter liegt etwas verborgen Wohnſt Du wirklich in Stafſjö, wie Du geſagt haſt, ſo begib Dich dahin, wenn wir geſpielt haben.— Begib Dich dahin, mit oder ohne dieſe Kleider, die Du gekauft haſt, wie Du geſagt.— Ach! was ſag' ich! ich weiß ſelbſt nicht, was ich ſage— Tintomara. Ob ich wirklich in Stafſis wohne? Kann Georg glauben, daß ich lüge? Clas Heinrich. Lügen? Ein unverzeihliches Wort! Das hab' ich nicht geſagt. Tintomara. Ich will von Stafſjö fort, Georg. Ich befand mich früher ſchlimm dort, jetzt aber ſchrecklich. Ich will ſogleich aus dieſem Lande fort. Clas Heinrich. Aber das kann jetzt nicht ge⸗ ſchehen, mein ſchönes Mädchen. Tintomara. Leb' wohl!— Ich muß alſo noch einmal nach Staſſiö heimgehen, wie ich ſehe. Ich muß einen andern Ausweg ſuchen. Georg, ich glaubte, Du wollteſt mir helfen. Clas Heinrich. Helfen— Aber— Eine Ueber⸗ legung bis zum nächſten Mal, bis wir uns treffen, kann nichts ſchaden. Mein Boot bedarf der Ausbeſſerung. Tintomara Leb' wohl! Clas Heinrich. Wann kommſt Du das nächſte Mal nach dem Marmorbruch? Deine Violine kann ja liegen bleiben. Tintomara. Nicht mehr— das Spiel iſt aus. Clas Heinrich Aber um Gottes willen! werde ich Dich nicht noch einmal ſehen? Um Gottes Barmher⸗ zigkeit willen, Geliebte, nimm die Violine nicht unter den Arm! Tintv mara. Dein Boot iſt entzwei, o Georg. Clas Heinrich. Tintomara, um's Himmels willen, wenn ich Dich beleidigt, wenn ich Dich verletzt habe— nur ein Wort— geh nicht— ein verzeihendes Wort— nur ein ſchönes Wort— geh' nicht um aller Engel willen, ein Wort— Tintomara. Adieu. 248 Fünfzehnte Scene. Stafſiö. Cin ſchwach erleuchtetes Zimmer. Amanda. Abſcheuliche! Adolphine. Was haſt Du mir vorzuwerfen? Amanda. Abſcheuliche! Abſcheuliche! Adolphine. Amanda! Amanda! Amanda. Abſcheuliche! Abſcheuliche! Abſcheulicke! Adolphine. Du weißt, daß ich närriſch war, und ich kann es wieder, wieder, wieder werden. Amanda. Du weißt, daß ich wahnſinnig war, und ſei nicht zu ſicher, ich kann es noch einmal, noch einmal werden. Adolphine. Wie— ich muß mich ſetzen. Amanda. Aber ich will ſtehen, wie der Schatten Deines Gewiſſens vor Dir ſtehen. Adolphine. Mein Gewiſſen iſt rein und weiß, rein und weiß, rein und weiß. Amanda. Ja, ich bin rein und weiß gekleidet. Adolphine. Weißer Schatten, es geht vor meinen Augen herum, es geht herum, es geht herum. O ſetze Dich und ſteh' nicht. Amanda. Es geht herum, ich habe keine Kräſte mehr zum Stehen, ich ſetze mich(mit dieſen Worten nahm Amanda einen Stuhl, ſetzte ſich aber gerade über von Adol⸗ phine und ſo nahe, daß ihre Knie zuſammen ſtießen. Sie ſetzten das Geſpräch ununterbrochen fort und ihr beſtändiges Geberdenſpiel dabei beſtand darin, daß die, welche ſprach, ſich mit dem Kopf tief über die Andere herab beugte und gleich darauf ſich wieder erhob, worauf die Andere ihrer⸗ ſeits ſich herab beugte; und die beiden Unglücklichen glichen zuſammen— man verzeihe einen Ausdruck, der hart und kalt lautet, aber einen ganz anderen Sinn enthält— ſie glichen einer mechaniſchen Einrichtung, einem Pumpwerk, das beſtändig auf der einen Seite hinauf geht, während es auf der andern hinab ſinkt). Adolphine. Ich will erzählen. 249 Amanda. Ich will auch erzählen. Adolphine. Lazuli ging in den Wald. Amanda. Ich ging auch hin. Adolphine. Lazuli und ich hatten Etwas im Ge⸗ heimen mit einander zu ſprechen. Amanda. Lazuli und ich hatten unter vier Augen Etwas auszumachen. Adolphine. Lazuli ging mit ſtolzen Schritten in den Wald. Amanda. Ein hoher Zorn ſaß auf Lazulis ſtolzen Augbrauen. Avolphine. Denn Lazuli war ergrimmt auf die böſen Blicke der Barynin. Amanda. Das Zornige und Stolze ſtand ihm ſo gut. Adolphine. Er war ſo prächtig mit ſeinem Donner⸗ wetter unter den Locken. Amanda. Was hatteſt Du dabei zu thun? Adolphine. Was hatteſt Du dabei zu thun? Amanda. Er wollte Abſchied von mir nehmen und unter vier Augen berathen— Adolphine. Er wollte vertraulich mit mir ſprechen und ſich Raths erholen— Amanda. So ſagte er ſelbſt, er hatte mich nach dem Kolmord beſtellt Adolphine. Mich hatte er nach dem Walde beſtellt und wollte mit mir ſprechen, ſo ſagte er ſelbſt. Amanda. Du Neidiſche, konnteſt Du eine ſo ſchöne Freundſchaft nicht dulden? Adolphine. Du Ungerechte, Du Eiferſüchtige, eine ſo unſchuldige Freundſchaft hätteſt Du dulden ſollen. Amanda. Wie haſt Du gelogen, als Du ſagteſt: Lazuli ſei ein Mädchen! N Adolphine. Wie haſt Du gelogen, da Du ſagſt, Deine Freundſchaft ſei nur Freundſchaft. Amanda. Du haſt ſelbſt gelogen, Du haſt ſelbſt gelogen! Adolphine. Du, Du haſt ſelbſt gelogen! 250 Amanda. O Adolphine, meine Schweſter! was ſind das für Worte zwiſchen uns? Adolphine. Was ſind das für Worte zwiſchen uns, o Amanda, meine Schweſter? Amanda. O wenn ich daran denke, wie Du zur Rechten von ihm ſtandſt und ich zur Linken auf jenem Fels. Adolphine. Er ſah rechts nach mir, um einige Linderung zu bekommen, als Du zur Linken alle Deine vielen Erklärungen machteſt. O Schmach! Amanda. Er wandte ſich gleich wieder links zu mir, um Deine Ausrufe zur Rechten nicht hören zu müſſen. Dieſe Schande! Adolphine. Seine Augen blitzten vor Zorn, wenn er zur Linken ſah. Wie ſtand ihm das ſo gut! Amanda. Mit Aerger und Zorn ſah er zur Rechten herab Dieſer edle Zorn kleidete ihn ſo gut. Adolphine. Was glänzte nicht unter ſeinen Wim⸗ pern, als er Zeuge von dem ſein mußte, was er von Dir hörte und ſah? Im Walde knien, Du, Du! Amanda. Als er Zeuge ſein mußte, wie Du auf die Knie fielſt und ihn beſchworſt, nicht fortzureiſen. Was ging das Dich an? Gott! und im Walde, Du, Du! Adolphine. Er fuhr mit der Hand über die Augen vor Zorn über Dein Benehmen zur Linken Amanda Nein, er trocknete eine Thräne, denn er ſchien Mitleiden mit Deinem Benehmen zur Rechten zu haben. Adolphine. Und in einem Nu flog er zwiſchen uns weg durch die Bäume. Er flog fort, vielleicht doch, doch, doch nach der ſchrecklichen Brovik. Amanda. Und da lagen wir allein— Ado lphine. Auf den Knien einander gegenüber— Amanda. Nachdem er fort war, der dazwiſchen geſtanden.— Adollphine. O Schande! o Schmach!— Amanda. O Gram! o Verzweiflung!— 251 Adolphine. Das würde nicht geſchehen ſein, wenn— Amanda. Wenn Du nicht auch gekommen wärſt und Alles verhindert, verderbt, zerſtört hätteſt. O Himmel! Adolphine. Wenn Du nicht geſungen hätteſt! O daß Du meinen letzten Funken, meine letzte Freude ſo zerſtören mußteſt! Ihr ewigen Engel, ach! warum glaubte ich Deiner erſten Ausſage, daß er ein Mädchen ſei! Nie werde ich Dir mehr trauen. Adolphine. Ich glaube Dir nie mehr, denn Du willſt mein einziges, mein letztes Feuer zerſtören und aus⸗ löſchen! Aber ſieh, jetzt folge ich Dir, ich ſpüre Dir nach. Amanda. Wohin Du gehſt, folge ich Dir, denn ich glaube Dir nicht mehr. Adolphine. Ich gehe, wo Du hingehſt, ich ſchleiche hin, wo Du hinſchleichſt. Amanda. Ich ſtelle mich neben Dich, wo Du auch ſtehen magſt. Sechszehnte Scene. Der Marmorbruch. Clas Heinrich. Du ſiehſt ja aus, wie ein Bär, Capitän. Wie lange willſt Du ſo unraſirt herum gehen? Ferdinand. Ich gehe unraſirt, vor wem ich will, und zeige mich raſirt bei dem, wo es mir gefällt. Clas Heinrich Du gleichſt Einem entſetzlich, von dem ich jede Nacht träume. Ferdinand. Von wem träumſt Du jede Nacht? Clas Heinrich. Von Ankarſtröm Ferdinand. Von nichts Schlimmerem? Ich träume jede Nacht von Einem, der mehr Böſes gethan hat, als Ankarſtröm. Clas Heinrich. So unraſirt, ungebürſtet und zerriſſen ging auch Ankarſtröm gerne aus, nur daß Du um einen Kopf größer biſt; denn er war ein kleiner Mann und auch Dein Bart iſt um einen Zoll länger. Deine Augen ſind blutrünſtig, ſo groß und weit Du ſie auch aufſperrſt. Du galtſt immer für einen ſchönen Mann, mein Capitän, jetzt aber biſt Du auf ein Mal— verzeihe, daß ich es ausſpreche— abſcheulich ſchön ge⸗ worden. Ferdin and. Und Du, Major, biſt ſchauerlich ſchön geworden. Clas Heinrich. Für wen ſollte ich mich auch putzen, wenn ich fragen darf. 1 Ferdinand. Vor fünf bis ſechs Tagen hatteſt Du kürzere Nägel und keine ſo ſpitzigen Blicke. Clas Heinrich. Vor funf bis ſechs Tagen meinte auch ich keinen ſo rauhen Bärenpelz an Dir zu ſehen, wie Dein Backenbart jetzt zeigt. Ferdinand. Gomment? Mein Backenbart! Clas Heinrich. Monsieur! Ferdinand. Au diable sans— culotte que vous étes! Clas Heinrich. Miserable! coquin! Ferdinand. Ah!— Sieh da die Violine an der Wand! Gehört ſie Dir oder ihr? Clas Heinrich. Ihr? Welcher ihr? So— Du weißt? Ferdinand. Ja, mache nur große Angen. Leugne, daß Du nicht gewußt habeſt, daß Dein Zögling ein Mäd⸗ chen ſei Hier in der Kammer gab es wahrhaſftig ſelige Stunden, während ich allein draußen ſtand und nach den Mücken auf meiner einfältigen Schießbahn gaffte. Clas Heinrich. Du wußteſt es, Du, vielleicht ſchon lange. Ha, wahrſcheinlich wird es dort oben im Walde an tauſend Stellen wonnige Momente gegeben haben, o mein Gott! während ich hier ſaß und am Tenor griff, den ſie hieher gebracht hatte, während ich hoffte und glaubte. Ferdinand. Meinſt Du, ich habe im Walde Freuden genoſſen? Wenn es ſo geweſen wäre, ſo wäre es 253 nur gerecht geweſen, denn ich brachte Tintomara hieher, aber Du, Waſſermann— Elas Heinrich. Prahle nicht zu viel! Mich forderte ſie ſelbſt auf, mit ihr über die See, über die Brovik zu fahren— ja, ſieh mich nur wüthend an, ſie wollte, daß ich ſie entführen ſollte— Ferdin and. Mit Dir reiſen? Tod und Peſt! Alſo deßhalb war es! Jetzt weiß ich die Urſache ihrer letzten Worte— dafür will ich bezahlt werden! Clas Heinrich. So viel Wohlwollen hatte ſie für mich, daß ſie zu mir zuletzt kam.(Bei ſich.) Ach, das iſt ſchon lange her.(Laut.) Ohne Verkleidung, ſie kam in ihrer Mädchentracht, um mich zu überraſchen und mich um einen ausgezeichneten Gefallen zu bitten. Ferdinand. So? Clas Heinrich. Sie hatte dieſe hübſche, durch ihre Einfachheit anziehende Mädchentracht von den Leuten hier im Marmorbruch gekauft.— Ferdinand. Gekauft? Sie hat ſie genommen— wenigſtens hat Elſas Tochter noch kein Geld bekommen. (Bei ſich.) Gott! Tintomara hat dieſe Kleider mitgenom⸗ men.— Ach, nach was ſragt ſie? Sie hat Hände, die nehmen! Großer Gott! wenn ich das Bild einer Here in meine Seele einprägen konnte!— Kann Einer zählen, wie Viele ſie getödtet hat? Einer Here, die immer nimmt, und nie gibt.— Sie hat mich ſelbſt aufgefordert, dies von ihr zu glauben.— Ach, mit welchen Augen forderte ſie mich dazu auf! In welcher Stellung bat ſie mich, mich vor ihr zu fürchten! Ich rechne alle möglichen Gründe zuſammen, die mir Haß und Abſcheu gegen ſie einflößen könnten; ich addire alle Fehler, lege alle erdenk⸗ lichen Mängel und Schlechtigkeiten dazu; ich rechne Tag und Nacht— und doch iſt die Summe meiner ganzen Advition— Liebe. Clas Heinrich. Ha! Du deniſt recht lange bei Dir ſelbſt über meine Worte nach! Ja, jal Ferdinand(laut). Prahle nicht zu viel und wiſſe 254 daß ich es war, der ihr dieſe Kleider verſchaffte Ich wollte ſie in ihrer wahren Geſtalt ſehen; ich bat ſie, ſich umzukleiden, ſich in die Tracht zu kleiden, die ich mit⸗ brachte, und ſie that es im Walde. Clas Heinrich. Im Walde? Du lügſt— Donner und Feuer! Ferdinand. Ich lügen?— Wer ſagt das einem Offizier? Clas Heinrich. Laſſe den Kragen los, laß los, Wahnfinniger! Was jetzt! Ferdinand. So, ſtehe da und behalte Deine Ohrfeige Ich bin nicht von denen, die lügen. Clas Heinrich. So unſinnig Du auch biſt, ſo glaube ich doch, daß Du ſo viel von einem ehrlichen Kerl in Dir haſt, um mir zu ſagen, ob die Büchſe, die Du unter dem Arm haſt, geladen iſt? Ferdi nand. Sei ohne Furcht. Ich ſchieße nicht im Zimmer. Und Du, Clas Heinrich, daß Du mir das verſchweigen konnteſt, daß Du ſo liſtig herum gehen und verſchweigen konnteſt, was ſie war,— mich zum Beſten haben konnteſt, daß ich Dich unwiſſend glaubte,— Du ſchlechter Kamerad! Clas Heinrich. Was hab' ich Dir Böſes gethan? Ferdinand. Mehr Böſes, als der ſelige König. Und nach deſſen Leben trachtete ich. Clas Heinrich. Was— was willſt Du mit dem Büchſenkolben thun?— Ha, welch ein Knall!— Willſt Du die Violine mit dem Gewehr zerſchlagen?— Ferdinand. Die Duette ſollen aufhören. Clas Heinrich. Wer meine Violine berührt, be⸗ rührt mich, ſagt Viotti. Ferdinand. Er hätte beſſer daran gethan, wenn er geſagt hätte: Wer meine Violine zerſchlägt, der mordet mich. Clas Heinrich. Soll ich das auf mich beziehen? Ferdinand. Schluck es hinunter. Clas Heinrich. Wir treffen uns. —,. 255 Pau ſe. Clas Heinrich. Ferdinand! Ferdinand. Clas Heinrich! Clas Heinrich. Ich erinnere mich Deiner noch vor der Fronte, Deiner ſchönen Compagnie. Ausgeſucht ſchöne Leute, Alle, und Du der Stattlichſte von Allen! Jetzt läßt Du den Kopf hängen, über die Mündung herab, nach dem Doden herab. Ferdinand. Major! ich erinnere mich der Zeit, da ich Dich verehrte, da ich Dich hochachtete, da ich in Dir einen Vorgeſetzten ſah, der mir zum Muſter dienen ſollte! Ich, ich liebte— Clas Heinrich. Du liebteſt mich und jetzt ſollen wir Feinde ſein? Ferdinand. Todfeinde! Clas Heinrich. Dahin hat uns der Königsmord gebracht. Und nicht einmal in ritterlicher Glorie ſtehen wir einander jetzt als Feinde gegenüber, wie wir einſt im Hopfengarten ſtanden. Ferdinand. Nein, wir ſtehen zerlumpt und haarig da. Clas Heinrich. Dahin hat uns das Reh gebracht. Ferdinand. Schweige mit dem Reh, Waſſermann. Clas Heinrich. Schweige ſelbſt, lumpiger Schütze, mit den verfehlten Schüſſen. Ferdinand. Schweige, ſag ich, Du Waſſerkranker, Du zärtlicher Geigenſpieler! Du hätteſt nie ſehen ſollen— darin lag das Unglück. Clas Heinrich. Verflucht! Du hätteſt nie einſehen ſollen— darin lag es. Ferdinand. Leb wohl, Waſſermann. Du ſollſt mich kennen lernen und erfahren, daß das Reh dem Schützen gehört und daß der Waſſermann ſich mit dem Fiſchen begnügen muß. Diable a quatre. 256 Siebzehnte Scene. Der Wald. Clas Heinrich. Wohin, nach welcher Stelle, in welche Gebüſche ſoll ich gehen? Welch ein Paradies! v Gott, und ich war nie dabei! Er hat ſich heute raſirt, und das bedeutet Etwas; er ſucht eine Zuſammenkunft. Ich habe ihn oft von dem Linvenplatze ſprechen hören, dort haben ſie ſich gut amüſirt. Tod und Pulver! Dahin, dahin, dahin! Achtzehnte Scene. Der Wald. Ferdinand. Ich oder Keiner. Kein Anderer— das iſt wenigſtens eben ſo viel. Neunzehnte Scene. Vor dem Hofe Stafſjö. Amanda. Sie hat das Haus verlaſſen und geht auf einem der zwei Wege von Stafſiö nach dem Linden⸗ platze, das iſt gewiß. Ich geh auf dem andern. Zwanzigſte Scene. Im Park vor Stafſjö. Ado lphine. Sie bemerkte nicht, daß ich ſie durch die Thüre nach dem einen Wege hin fortſchleichen ſah. Aber ſei fröhlich, mein Herz. Ich gehe den andern. Ein undzwanzigſte Scene. Der Kolmord. Mondſchein, helles Wetter. Die Linde mit dem kleinen, ſchönen Raſenplan davor. Aller Gegenſtände hatte ſich der weiße Glanz des Mondes 257 auf eine reizende Weiſe bemächtigt; alle Schatten ſchienen wunderbar zur Hälfte beleuchtet; die hohe Krone der Linde zitterte mit tauſend Blättern in Grün und Silber. Tintomara ſaß auf dem Stein unter der Linde, allein und ſchweigend, vermuthlich um von ihrem geliebten Walde Abſchied zu nehmen. Tintomara ſah ſich rund um. Der Abend war ſo angenehm warm. Nichts war ihr hier unbekannt, jeder Stein, jedes Gebüſch, die vier Wege, von denen zwei von Süden von der Brovik und zwei von Norden von Stafſjö nach dem kleinen Raſenplatz liefen, wo ſie ſich alle durch⸗ ſchnitten, ſo daß ſie ſelbſt unter der Linde mitten in dem Kreuze ſaß, das die Wege bildeten— jeder Baum, jeder grauhaarige Stumpf, jeder abgeriſſene Knorren war ihr bekannt— und doch bildete der maleriſche Schimmer von oben aus allen Dingen an dieſem Abend ein neues Pano⸗ rama für ſie. Viele entſernte Büſche ſchienen im Däm⸗ merlichte zu Rieſen verlängert, viele Baume zu Zwergen verkürzt. Aber die vier Wege, von denen jeder eine lange Perſpektive tief in den Wald hinein eröffnete, waren kohl⸗ ſchwarz— wie große, ſchwarze Linien nach vier Seiten hin— denn eine dichte Umgebung von Gewächſen aller Art verhinderte den Mondſchein, auf ſie herein zu kommen. Tintomara hatte kein Inſtrument, kein Gewehr bei ſich. Sie war in die hübſche Bauernmädchentracht gekleidet, die ſie ſchon mehrmals benützt hatte, der Kopf war gegen die Bruſt geſenkt. Endlich unterbrach ſie ihr Schweigen und begann die Weiſe zu ſingen, die ſie ſchon früher einmal an der Linde in ihrem Innern gehört und den umſtehen⸗ den Bäumen vorgeſungen hatte. Die Worte lauteten diesmal ein wenig anders: Mich findet Niemand, Niemand finde ich, Fichte, Tanne und Haſelſtaude nicken im Winde— Alle ſehen nach mir, Ich ſehe nach Allen. Der Königin Juwelenſchmuck. 17 Fichte, Tanne und Haſelſtaude, Wachholder, Buche und Linde, Neigen ſich im Winde, Beugen ſich im Winde, Eines weiß ich, das beſſer, als ſpielen und ſingen: Dank und Lebewohl Dir, meine hohe, ſchöne Linde! Dank und Lebewohl, Mein Wald, meine Wolken, Fichte, Tanne und Haſel nicken im Winde— Vögel, lebt wohl! Lebt wohl, ihr Luchſe! Fichte, Tanne und Haſel, Wachholder, Buche und Linde, Neigen ſich im Winde, Beugen ſich im Winde—— Eins weiß ich, das ſchlimmer——— Tintomara hielt plötzlich inne und ihr Kopf wandte ſich zur Seite, denn ihr ſcharfes Geſicht meinte zu be⸗ merken, daß ſich wirklich etwas nahte; und es war ihr, als ob Alle die, von denen ſie in ihrer ſingenden Phan⸗ taſie Abſchied nahm, herbei kämen, um auch von ihr Ab⸗ ſchied zu nehmen. Sie ſah, wie es ſich auf den vier Wegen regte, ſie ſah, wie es ſich auf einmal in allen vier Wegen aus der ſchwarzen Ferne her, auf ſie los bewegte. Es näherte ſich abgemeſſen und ſtille, aber gleichmäßig in all den ſchwarzen, langen Oeffnungen; es näherte ſich in jeder von ihnen ſo vorſichtig, als ob Jeder von den An⸗ dern unbemerkt ſein wollte. Als es näher kam, erhob ſich Tintomara zur Hälfte erſchrocken vom Stein und ſtand gegen die Linde geſtützt, um Alles genau beobachten zu können Sie fand jetzt eine Verſchiedenheit, indem auf den beiden Wegen von Süden zwei dunkle, auf den beiden Wegen von Norden dagegen zwei weiße verſchleierte Geſtalten herankamen. Als dieſe vier Weſen ſo nahe gekommen waren, daß ſie nur noch einige Ellen von der Linde entfernt waren, 259 ſtieß Tintomara einen lauten, durchdringenden Schrei aus und ſtreckte die Arme vorwärts. In dieſer Bewegung lag vielleicht mehr Furcht als Drohung; aber als alle vier jetzt ſo nahe gekommen waren, daß ſie einander ſelbſt ge⸗ wahr werden mußten, da die Wege hier zuſammenſtießen, ſtieß Tintomara einen neuen noch durchdringenderen Schrei aus, und ein unwillkürlicher Unwille oder die Furcht trieb ſie, nicht nur mit den Händen zu drohen, ſondern ſie bewegte auch die Füße wie tretend gegen die Gegen⸗ ſtände dieſer ſchauerlichen Scene. „Verfluchte, fort.“ Dieſe Worte hörte man ſchnell, kurz und ſehr hart, aber doch ſo ſtark, daß ſie nicht wohl von Tintomara kommen konnten. Entweder war es die Wirkung jenes Schreis oder der Schreck über Tintomaras drohende Be⸗ wegung mit den Händen und Füßen oder vielleicht am meiſten ein Entſetzen aller vier darüber, daß ſie ſich nicht allein, ſondern mit noch drei Andern am Lindenplatze ſahen.— Genug, in einem Nu ſanken die zwei weißen Geſtalten auf den nördlichen Stafſjö⸗Wegen wie Staub zuſammen, und die zwei dunkeln flohen auf den ſüdlichen Wegen fort, wie von einem unwidverſtehlichen Schrecken gejagt.— Doch nicht weit— denn ein Schuß ging los und auch ſie ſtürzten nieder(Beide, wenigſtens ſo viel die unter der Linde Stehende in der Finſterniß entdecken konnte) Der Schall des Schuſſes wiederholte ſich in erneuerten Echos vor Tintomaras lauſchendem Ohr; ſie ſchlug die Hände zuſammen, wie man ein Kind thun ſieht, wenn es ſich ſehr freut. War es Freude darüber, ſich von dem . ſchrecklichen Anblick befreit zu ſehen, oder war es der Ausdruck des Vergnügens an dem erfriſchenden Klang des Schuſſes, der durch den zitternden Silberſchimmer des Mondes hinlief?— Lange dauerten dieſe friſchen Echos und der Mond ſelbſt ſchimmerte immer höher, immer freier, immer zaubervoller. 17* Eilftes Buch.. Der Mannequin oder die Mannequine. Erſte Scene. Stafſiö. Am Vormittag nach dem zuletzt geſchilderten Abend waren die verwittwete Baronin M. und ihr Bruder, der Oberjägermeiſter, der Onkel des Hauſes, in einer Bera⸗ thung unter vier Augen begriffen, deren Wichtigkeit man aus der Heftigkeit abnehmen konnte, die ſich in ihren Ge⸗ berden kund gab. Hie und da ſahen ſie durch die Fenſter auf einen eben vorgefahrenen Wagen vom reichſten Aeuſ⸗ ſern, umgeben von einer prunkenden Bedienung. „Meine Schweſter,“ fuhr der Onkel fort,„Du haſt doch wohl nicht verſäumt, all Deine Höflichkeit und Auf⸗ merkſamkeit aufzubieten? Selbſt gegen die Bedienung dieſes Mannes muß man artig ſein. Der Fremde, der vor eini⸗ ger Zeit hier war, war ein Nichts gegen ihn; ja, er war nur als ein Vorläufer zu betrachten.“ Artig? Ich konnte nicht mehr thun, als ich gethan habe, und wenn Seine Majeſtät ſelbſt Stafſjö mit einem Beſuch beehrt hätte. Seine Excellenz— ſoll ich ihn ſo nennen? „Ja, thue es. Er iſt zwar eigentlich nur Präſident, Kammergerichtspräſident, aber er wird gewiß bald Er⸗ cellenz, und es ſchadet nichts, wenn wir ihm mit einem angenommenen Titel ein wenig ſchmeicheln.“ Alſo Ercellenz. Die Erecellenz fährt gewiß dieſen Vormittag fort. Haſt Du Etwas heraus bringen können? Was hältſt Du denn eigentlich von einer ſo großen Ehre? „Stafſiö's Bewohner verdienen dieſe Ehre recht wohl.“ Ohne Zweifel, mein Bruder. Aber mit der Familie 161 Seiner Exeellenz ſind wir nie in gutem Einvernehmen geſtanden. „Offen geſprochen, meine Schweſter. Es iſt nicht ohne, daß dieſer Beſuch eine kleine Ausſpürung bezweckt. Das kommt von den unglücklicherweiſe beabſichtigten aber zum Glück wieder abgebrochenen Parthien mit Deinen Töchtern. Ich begreife nicht Aber man ſcheint zu ver⸗ muthen, daß dieſe geächteten Königsmörder als Verlobte unſeres Hauſes noch Schutz bei uns genießen.“ Aber das iſt ja unmöglich! Ich habe der Ercellenz meinen wahren Haß gegen ſie und gegen alle Uebelden⸗ kenden dargelegt. „Unbegreiflich! Man ſcheint zu glauben, daß ſie im Geheimen von uns verborgen werden oder ſich wenigſtens in der Gegend befinden.“ O das iſt abſcheulich! kann man denn nie einen ſol⸗ chen Fleck los werden? „Befiehl' Deinen Leuten, Deinem ganzen Haus die größte Aufmerkſamkeit, die größte Unterthänigkeit an, wo ſe nur die Excellenz oder einen ſeiner geringſten Diener ehen.“ Aber, mein Bruder, er reist in des Königs eigenem Wagen— es ſteht G. A. R. in dem Wappen. Das bedeutet doch Gustavus Adolphus Rex. „Wie, meine Schweſter? Weißt Du das nicht? Nein! Es bedeutet Guſtav Adolph Reuterholm.“ Aha! „Aber das kommt auf Eins heraus. Er iſt der ei⸗ gentliche König oder wird es bald ſein“ Der dritte Mann im ganzen Königreich! Das iſt ein hoher Platz, mein Bruder, ein unausſprechlicher, ein unendlicher Platz! Seine Majeſtät ſelbſt iſt natürlich der Erſte; aber er iſt minderjährig. Seine königliche Hoheit der Regent iſt der Andere und die Excellenz Reuterholm, welcher wie man ſagt den Willen Seiner königlichen Ho⸗ heit am beſten ausführt, iſt der dritte Mann. Der dritte Mann unter drei Millionen Menſchen! Hat man in dieſer Vermuthung Recht, Bruder? „Nein, man hat Unrecht, liebe Schweſter. Der dritte iſt Nro. 1. Du kannſt immerhin glauben dieſes R. das Du auf dem Wappen ſiehſt, bedeute Rex.“ Reuterholm Nro. 1 in Schweden? „Ja, ich bin Freimaurer und ich darf Dir ſagen, daß Reuterholm Primas iſt.“ Primas? „Gleichviel! Grüble nicht darüber nach; er iſt Nro. 1 oder wird es bald ſein. Der Herzog iſt Nro. 2, wie Du eben ſelbſt ſagteſt, und der Minderjährige iſt Nrv. Z.“ Aber ich glaube nicht, daß Du daraus Gefahr für uns prophezeien darfſt, weil Seine Ercellenz oder Schwe⸗ dens erſter Mann, wenn ich Dir glauben ſoll, während ſeiner Reiſe nach der Hauptſtadt eine Nacht in Stafſiö verweilt? „Nun, ſo freue Dich einſtweilen über die Ehre. Iſt die Poſt gekommen?“ Mein Bruder, es iſt gut, daß Du mich daran er⸗ innerſt. Ach, wir Unglücklichen! Meine Ahnungen treffen ein und Du haſt Unrecht gehabt. „Wie ſo?“ Ich habe Briefe über eine Sache bekommen, die ge⸗ genwärtig die Aufmerkſamkeit der ganzen Hauptſtadt, ja wahrſcheinlich des ganzen Reiches auf ſich zieht. Es iſt ein Ereigniß, das nicht neu iſt; aber während des erſten Eindruckes des Königsmordes hatte Niemand Sinn dafür. Jetzt iſt es erſt aufgekommen.— „Was iſt es denn?“ Der reichſte Juwelenſchmuck des Hofes iſt geſtohlen worden! „Was Du ſagſt!“ Es geſchah ſchon im letzten Frühjahr. Die Polizei und alle Bezirksämter haben keine Spur davon gefunden. Der Werth des Verluſtes ſoll unermeßlich ſein. „Und das in unſerm armen Schweden?“ 263 Dieſe ſchreckliche Diebsgeſchichte ſteht im Zuſammen⸗ hang mit einem Morde der ſchauerlichſten Art. „Mit einem Mord? das iſt ja abſcheulich.“ Man war dem Dieb auf der Spur, ſchreibt meine Correſpondenz aus Stockholm, und die Polizei ging in das Haus wo man gewiß war, den Faden des Gewebes zu finden. Das kleine Haus hatte nur zwei Bewohner: eine Mutter und eine Tochter. Als man hinein kommt, liegt die Mutter todt und vergiftet da, und die Tochter iſt verſchwunden ſowie auch der Schmuck, den man ſeither nicht wiedergefunden hat. „Hat man die ſchändliche Tochter erwiſcht?“ Der Brief ſagt: Nein, ſie ſei ſo ganz verſchwunden, daß man auch nicht das Geringſte von ihr habe entdecken fönnen. Man weiß nicht einmal ihren rechten Namen. Man hat in allen Paßbüchern des Landes und in allen Häfen nachgeſehen, aber fruchtlos! Man hat in allen Kirchenbüchern, in allen Taufregiſtern nachgeſehen; es findet ſich nichts. „Ja, wenn ſie ſich nicht in einem Taufbuch findet, dann iſt ſie überhaupt nicht auf der Welt, denn ſie muß doch nothwendig geboren ſein. Das Alles iſt eine Chi⸗ märe, ein Geſchwätz von den Liljenſparres, um merkwür⸗ dig zu erſcheinen, und ſich unentbehrlich zu machen, die häßlichen Kerls!“ Nein, mein Bruder. Sie iſt vorhanden, und was das Schlimmſte iſt, ich weiß wo ſie iſt. „Um ſo beſſer! was iſt es denn dann für eine Noth?“ Das Verſchwinden von der gemordeten Mutter weg, geſchah an einem Tag, deſſen Datum hier im Briefe ſteht; und wenn ich darüber nachdenke, ſo war der folgende Tag gerade der, wo wir von Stockholm abfuhren und den jungen Herrn bei uns hatten, der etwas ganz Ande⸗ res wurde, als wozu ich ihn beſtimmt hatte. Ja, mein Bruder, Lazuli iſt es, dem man in ganz Schweden nachſpürt. „Du biſt kindiſch.“ — — Ich bin nicht kindiſch. Als meine unglücklichen Töch⸗ ter mir das Geheimniß mittheilten, daß Lazuli ein Mäd⸗ chen ſei, ſo geſchah es mit Angſt und mit der Verſicherung, daß die größte Gefahr mit Entdeckung dieſer Sache ver⸗ bunden wäre. „Aber dieſe Fabel iſt ja ſchon längſt im Reinen. Sie haben ja keine Gründe für ihre närriſche Vermuthung gehabt, und es ärgert mich, die Behauptung dieſer Mäd⸗ chenſchaft wieder aufgerührt zu hören, eine Behauptung, die meinen jungen artigen Protégé betrifft, den ich wie einen Sohn liebe.“ Lazuli iſt ein artiger junger Mann, ich gebe es zu. Aber ich ſperre ihn ein, er wird auf dieſe Weiſe weit artiger und weniger gefährlich werden. „Du biſt myſtiſch.“ Ohne Freimaurerei begreife ich wohl, wie es ausſieht; und meine unglücklichen Kinder ſind verloren, ſie beka⸗ men ihren Verſtand nur wiever, um ihn ganz zu verlieren. Dieſer Lazuli iſt ein ſchrecklicher junger Mann. „Aber, meine Schweſter, wenn ich das auch annehme, auf was Du hinzudeuten ſcheinſt, ſo ſehe ich kein Unglück darin. Als mein Fflegeſohn iſt er keine ſo üble Perſo⸗ nage, daß er nicht jeder meiner Niecen anſtehen könnte, und Vermögen werde ich ihm ſchaffen.“ Was, mein Bruder? „Wie ich Dir ſage. Welche würde wohl am beſten für ihn paſſen? Amanda iſt, denke ich, am muſikaliſchſten.“ O mein Bruder, ſie ſind beide närriſch! Gott ver⸗ zeih Dir, wie Du da ſprichſt! Du ſprichſt von Parthien, und Du weißt nicht in welchem Zuſtand Mamſell Julie ſie geſtern Abend gefunden hat, und wie ſie nach meinen Kammerjungfern gehen mußte, welche ſie heimgetragen haben. „Heimgetragen?“ Ja, es iſt vorbei. Ich habe kein Geheimniß mehr vor Dir; ſo wiſſe denn: das iſt aus Liebe geſchehen. Sie ſind verloren, ſie liegen auf ihren Zimmern im Bette. 265 „Wenn ich nur wüßte, welcher er ſeine Liebe geſchenkt hat, ſo würde die Sache bald im Reinen ſein.“ O dieſer verhaßte Verderber, Zerſtörer, Verführer, Sänger, Leſer! Was die gräßliche Königsnacht am Ver⸗ ſtand meiner armen Kinder nicht that, das that er in dieſer Nacht. „Ich ſchaudre— In dieſer verwichenen Nacht? Aber ei ebe Schweſter, Du biſt voller Hirngeſpinnſte.“ ewiß! „Er iſt ja ein Mädchen, ſo ſagteſt Du eben ſelbſt— das Juwelen geſtohlen und ſeine Mutter vergiſtet hat— dem man über das ganze Reich hin nachſpürt.“ Ja, ja, ſo war es Aber ſage, was Du willſt, mein Bruder, ich haſſe ihn Ich ſehe in dieſem Taugenichts das größte Unglück meiner Familie. Ich will ihn nicht mehr an meinem Tiſche ſehen, er ſoll ſich nicht unter⸗ ſtehen, vor mich zu treten, ich weiſe ihm die Thüre, ich laſſe ihn hinauswerfen! „Ich ſchütze ihn.“ Es iſt ein Glück, daß er durchgegangen iſt. „Wie? Lazuli?“ Ich höre mit Vergnügen, daß er von meinen Blicken gepeinigt, ſchon lange darauf bedacht war, uns zu verlaſſen. Wo er heute Nacht war, weiß Niemand, ich hoffe, daß er für immer fort iſt. „Gott! mein Lazuli fort?“ Onkel, Du benimmſt Dich ganz wie meine Kinder. Die armen Weſen! Ich mußte bei jeder einen Domeſtiken am Bette ſitzen laſſen, um ſie zurück zu halten Denn ſie rufen auch wie Du:„Lazuli fort! Lazuli geht fort!“ und ſie wollen aus ihren Betten empor, um Abſchied zu neh⸗ men. O mein Haus!— Bei dieſem Ausruf öffnete ſich die Thüre und Mam⸗ ſell Julie trat ein mit der Meldung, daß das Pejeuner dinotoire bereit ſei, um im großen Speisſaal ſervirt zu werden und daß Seine Excellenz ſich bereits dort befänden. Mit einer Miene der Befürchtung, daß bei einer Sache, die ſie mit der ausgeſuchteſten Vorſorge ausgeführt wiſſen wollte, Etwas fehlen möchte, ging ſie von dem Oberjäger⸗ meiſter begleitet hinab. Der Saal von Stafſjö bot den glänzendſten Anblick dar. Wir wollen die Hauptſache des Dejeunes, den Tiſch, gar nicht erwähnen, der ſich unter den Chryſtallvaſen, den ſilbernen Schaalen und einem geſchmackvollen Blumenkorbe bog, welch letzterer mit ſeinem lebendigen Duft mitten über dem Ganzen ſtand. Wir wollen nicht einmal auf das Couvert ſehen, das einzig in ſeiner Art auf dieſem Tiſche für Seine Excellenz ſelbſt beſtimmt war, und aus den fein⸗ ſten Damaſtſervietten beſtand, umgeben von Meſſer, Gabel und Löffel, alle drei ſtark vergoldet oder vielleicht aus purem Gold. Die größte Aufmerkſamkeit zog der Präſident Reuter⸗ holm ſelbſt auf ſich der ſich jetzt dem Tiſche näherte und an demſelben Platz nahm. Die Baronin ſetzte ſich nicht, obſchon eine einladende Miene des vornehmen Gaſtes ſie dazu aufzufordern ſchien, ſondern ſie war beſtändig zu Fuß um den Tiſch herum, aufmerkſam und eifrig beſchäftigt. Der Onkel hielt ſich dadurch aufrecht, daß er ſich an die entfernteſte Kante des Salon⸗Kamins lehnte; und weiter unten gegen den Hintergrund des Saales an der Thüre zum Vorzimmer ſtand eine erſchrockene ſchweigende Reihe von Menſchen in ihren beſten Kleidern, die mit Augen und Mäuler gaffend, jedoch fröhlich gaffend, dieſer öffentlichen Speiſung anwohnten. Das Dejeuner hatte nicht lange gedauert, als ein dumpfes Gemurmel an der Thüre auf ein Ereigniß im Vorzimmer deutete, obſchon Niemand die erhabene Stille zu unterbrechen wagte, welche im ganzen Speiſeſaal herrſchte. Schnell machte die zahlreiche Schaar an der Thüre Jemand Platz, der mit leichten Schritten und zu Aller Verwunderung ohne Furcht in den Saal trat, der Onkel am Kamine erkannte das Geſicht ſeines Lazuli, verſtummte aber bei dem Anblick einer ſaubern geſtreiften Bauernmäd⸗ 267 chentracht, welche ſich unterhalb dieſes wohlbekannten Ge⸗ ſichtes um den ganzen feinen Körper ſchmiegte. Die Eintretende hatte kaum die Mitte des Saals er⸗ reicht, als Reuterholm der zur Hälfte den Rücken gegen die Leute an der Thüre gewendet hatte, ſich beim Laut dieſer Schritte, die ihm recht naſeweis vorkamen, zur Seite wandte. Plötzlich ſprang er von ſeinem Stuhl auf, ging die eine Hand wie zum Gruß ausgeſtreckt auf die Eintre⸗ tende zu und ſagte:„Was ſeh ich? Azouras hier?“ Aber ohne ſeine Hand zu nehmen, antwortete ſie nur: „Ich will mit nach Stockholm fahren.“ „Sie wählen eine unpaſſende Zeit, ſchöne Azouras.“ „Eben jetzt iſt es paſſend für mich, von Stafſiö fortzu⸗ kommen.“ „Ich meine unpaſſend,“ fuhr die Ercellenz mit einer kleinen Verwirrung fort, wie wenn er das Wort zu berich⸗ tigen ſuchte, ich will damit ſagen, man hat gewiſſe Ent⸗ deckungen gemacht, gewiſſe Dinge enthüllt, die ein Inkognito, ja einen entfernten Aufenthaltsort nicht unnütz machen würden.“ „Hm!“ „Remy hat in den Gängen in jener entſcheidenden Nacht etwas geſehen, was er hätte nicht ſehen ſollen. Man ſpricht von einer verlockenden Perſon— man ſpricht nicht nur davon, man ſpürt ſogar nach.“ Bei dem ſonderbaren Nachdruck, den hier Reuterholm auf gewiſſe Dinge ſeiner Worte legte, flog eine ſchnelle Flamme, die einem hohen Zorn nicht unähnlich war über Azouras Geſicht. Eine lockende Perſon! rief ſie, ich muß ſagen— ja in Wahrheit, ich muß ſagen— mein Herr Guſtav Adolph Reu— „Verwegen! willſt Du vor meinen Augen das Trumpfaß ausſpielen?“ Mit dieſen Worten unterbrach er ſie, trat einen Schritt zurück und ſein Geſicht blitzte. Bei einem in Wahrheit ſo furchtbaren Anblick fuhr Azouras zwar mit dem Nacken ein wenig zur Seite, wich aber nicht um einen Schritt zurück. Sie trat im Gegen⸗ 268 theil um einen halben Schritt näher. Ihre Augen öffneten ſich zu großen Kugeln, deren Pupillen beinahe wie von fühlbarem Feuer in Mitten der bläulichen Emaille flamm⸗ ten. Sie ſagte: „Ja wohl, tritt nur Du zurück. Ich weiß, wer mich zum Locken verlockte! Und ich kann ein Lied davon ſingen.“ Jetzt trat der vornehme Gaſt noch um einen Schritt zurück. Eine unwillkührliche tiefe Bläſſe verbreitete ſich über ſein ganzes wohlgebildetes Geſicht, ohne Zweifel durch den grundloſen und ungerechten Argwohn veranlaßt, den er gegen ſich ausgeſprochen hörte und von dem er befürchtete, daß irgend ein Unwiſſender ihn glauben könnte, beſonders in einer Zeit, die ſo von ſchwarzen Intriguen erfüllt war, daß eine Sache und eine Perſon leicht verwechſelt werden konnte. Er beſchloß ſchnell, ſie mit ſich fortzunehmen und ſprach mit halber Stimme:„Du haſt Recht. Wir werden nach Stockholm fahren.“ Azouras fuhr ebenfalls in halbem Ton wie für ſich ſelbſt ſprechend, jedoch, ohne daß ihr glänzender Blick ſeine erblaſſende Beute losließ, fort: Ich liebte die Dreizehn⸗ jährige; ich habe ihn geliebt wie meinen eigenen Bo— ja ich liebe ihn ſtets, obſchon meine Mutter mir geſagt hat, daß das nicht Liebe ſei. Allein darnach frage ich nicht. Für den Knaben konnte ich wohl einige Schritte in den Gängen thun, da man mir ſagte, es würde zum Glück und Wohl des Knaben beitragen, obgleich ich nicht wußte, was für ein Glück man damit meinte oder daß das daraus entſtehen könnte, was daraus entſtand. Jetzt iſt es ge⸗ ſchehen; und Du Herr Guſtav Adolph, der den Namen des dreizehnjährigen trägt und ſeine Macht hat, während jener heran wächst, Du der da ſitzt und regiert, Du ſollſt jetzt nicht herkommen und mir ſagen, man ſpüre nach.— Spürt man aber wirklich nach, ſo werde ich freiwillig hin⸗ zutreten und ſagen, wer es war, der zum Voraus die Folge ſeiner That wußte, welche der arme Eleve nicht wußte, die ach! bei allen Pantomimen nur daran gewöhnt war, den 269 Plan auszuführen, den irgend ein Tanzmeiſter ihr ge⸗ geben hatte „Ha, ha, ha!“ rief Reuterholm mit einem gellenden Gelächter, das die Stimme des Mädchens übertönte Viel⸗ leicht ſchmeichelt es ihm aber, auch zu hören, daß man 3 ihn für den eigentlichen Regenten des Landes halte, eine Meinung, die ganz falſch war, da der Herzog wirklich ſelbſt regierte(und dies im Grunde mehr that, als Reuterholm ahnte, wie aus der letztern bekannten Verabſchiedung her⸗ vorgeht), welche Meinung jedoch damals wie auch viele 1 andere unwahre Gerüchte öfters gehört wurde.„Ein Tanz⸗ 1 meiſter!“ rief er,„ja eben über einen ſolchen heitern Mann nochte ich mit Ihnen ſprechen— und— doch ſetzen Sie ſich zu Tiſche, ſchöne Azouras.“ 1 Da Azouras ſich nicht näherte, ſondern wieder ihre Lippen öffnete, ſo ſtand er auf und nahm ſie bei der Hand. „Wir haben wenig Zeit und eine lange Reiſe. Wir wer⸗ den im Wagen mehr mit einander ſprechen, doch eſſen Sie jetzt und trinken ein wenig. Der Wein iſt nicht ſchlecht.“ Da er ſich mit einem Adlerblick, den er ſchräg über die Achſel warf, nach einem Teller für einen neueingela⸗ denen Gaſt umſah, ſo ſprang die Baronin mit elaſtiſcher Leichtigkeit ſelbſt nach dem Schenktiſch, und kam mit einem ihrer feinſten, ächten, goldgeränderten Teller zurück, welchen ſie der Perſon vorſetzte, die ſie früher Lazuli zu nennen gewohnt geweſen war. Dann entfernte ſie ſich ſogleich wieder nach dem Tiſchende, wo ſie ſich aufſtellte. Die Ercellenz ſchnitt heftig und nachläſſig einige von den beſten Geflügelſtücken auf den Teller, wie wenn er den ſchönen Mund ſeiner Begleiterin nicht ſchnell genug ſtopfen könnte. Er ergriff eine Flaſche, um Wein einzuſchenken, wobei er aufs Neue mit einer unfreundlichen Miene über die Achſel zu der Baronin ſagte:„Iſt hier kein anderer Wein, kein ſüßer Wein, kein Damenwein?“ Die Baronin verneigte ſich mit einem höchſt betrübten Geſicht und ſeufzte: Euer Erecellenz! „Entſchuldigen Sie, Madame,“ antwortete Reuterholm 270 mit einer leichten Verneigung des Kopfes, die hoöflich ſein ſollte,„ich hätte einſehen ſollen, daß ſie auf dem Lande ſind.“ Das Mädchen aß nicht unbedeutend von dem, was die Ercellenz ihr vorlegte. Der Geſchichtsſchreiber muß bemerken, daß ſie am Abend vorher nichts gegeſſen hatte noch auch am Morgen, und daß ſie einer weiten Reiſe ent⸗ gegen ſah; ſie konnte alſo Grund zum Eſſen haben. Er ſelbſt ſetzte ſich zwar hie und da zu ihr, meiſtens aber ſtand er und war ſo flink und artig mit dem Anbieten der Teller, Schaalen und allerhand guter Dinge, daß er einem ſehr vornehmen Hofmeiſter glich, wobei die Baronin eine Sou⸗ brettenrolle ſpielte, ein ſo niederes Amt, daß es in unſerer Mutterſprache nicht einmal einen Namen hat. Jedermann weiß aus der Geſchichte, wie wenig dieſe Artigkeit mit dem Charakter des ſtolzeſten Mannes im damaligen Schweden übereinſtimmte. Die Baronin und der Onkel kannten dieſen Reuterholmſchen Hochmuth ſo gut wie irgend Jemand; eben deßhalb zitterten ſie, als ſie einſahen, daß nur die allerhöchſten Gründe und nur die allerwichtigſte Befürch⸗ tung ihn zu dem vermögen konnte, was er jetzt that. Die Perſon im Mädchencoſtüm ſtach recht und auffallend gegen die ſteife Etikette der übrigen Geſellſchaft ab, indem ſie Teller, Gläſer und Chokoladetaſſen mit nachläſſiger Ge⸗ wandheit behandelte.— Dann ſagte ſie zur Execellenz gewandt: „Ehe ich abreiſe, geben ſie hier 20 Reichsthaler ab.“ „Zwanzig Reichsthaler,“ wiederholte er und knüpfte ſeinen Rock auf. „Ich brauche dieſes Geld,“ fuhr ſie fort,„ich muß es gewiſſen braven Leuten ſchicken, die hier in der Um⸗ gegend an einer Bai wohnen und von denen ich dieſe Kleider bekommen habe. Geben Sie mir doch lieber 28 Reichsthaler; 8 Reichsthaler will ich dem Bedienten hier geben; ſie haben mich den ganzen Sommer über in Stafſiö gehabt.“ Reuterholm langte in ſeine Taſche, und nahm 20 Reichs⸗ thaler in die eine und 8 in die andere Hand. 271 Welcher der anweſenden Perſonen ſoll ich die 20 Reichs⸗ thaler geben? fragte er. „Geben Sie ſie dem guten Herrn dort am Kamin, ſagte das Mädchen mit einem freundlichen Blick gegen den Onkel.„Der Herr hat mein Pflegevater ſein wollen und ich bin ihm die größte Dankbarkeit für alles das ſchuldig, was er an einem 17jährigen Fremdling gethan hat. Gehen Sie zu der großen Bai, mein Herr Onkel— doch wie heißt denn ihre Bai da unten am Waſſer?“ unterbrach ſie ſich ſelbſt, indem ſie ſich mit einem Kopfnicken gegen die Baronin wandte. Wie befehlen Sie? Wir haben keine Bai— außer der Brovik— falls dieſe— „Ja, der Brovik— an der Brovik wohnen Leute, deren Tochter dieſe Kleider gehört haben, geben Sie ihr dies Geld.“ Der Onkel nahm dieſe 20 Reichsthaler mit einem genirten und unmuſikaliſchen Geſicht. Mein Herr, ſagte Reuterholm, nehmen Sie auch dieſe 8 Reichsthaler. Sie wiſſen beſſer als ich, wem ſie mit Recht zugehören.— Der Onkel mußte auch ſie nehmen und ſah nach der Thüre, wo unter den übrigen Perſonen Mamſell Julie ſtand, die bei dieſer Gelegenheit den längſten Hals machte. Reuterholm huſtete; ſein vornehmſter Lakai trat aus dem Haufen hervor.„Geh hinunter, Crispin, und öffne den Koffer; ſuche ein paſſendes leichtes Oberkleid und eine Kopfbedeckung.“ Crispin ging und kam nach einer Weile mit einem blauen feinen Mantel, der roth gefüttert war, und einem runden Männerhut von grauem Kaſtor im Futteral zurück. Die Ercellenz nahm den Hut aus dem Futteral, näherte ſich der Perſon am Tiſche und ſagte:„Deine Verkleidung als Bauermädchen iſt für die Reiſe mit mir nicht recht paſſend; hilf dieſem Umſtand wenigſtens dadurch ab, daß Du einen Mantel umlegſt und dieſen leichten Hut nimmſt.“ Sie lächelte ihm Beifall zu. Azouras trat nun mit ihrem kleinen grauen Kaſtor⸗ — 272 Hute in der Hand zu der Baronin hin und ſagte:„Ein Wort zum Abſchied. Ich danke Ihnen für alles Gute und Böſe in Stafſjö, Frau Baronin. Grüßen Sie Ihre Töch⸗ ter, und bitten Sie ſie, ſich ſelbſt mit aller Macht zu lieben, ſo wird es Ihnen nie an einem Gegenſtand für ein gutes und wohlthuendes Gefühl fehlen. Ich habe geſehen, daß ſie gewiſſe Medaillons verwahren. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, ſo gebrauchen Sie hier die Kur, daß Sie die Medaillons Ihren Töchtern anhängen und ſie bitten die Geſichter darauf zu betrachten. Je mehr ſie ihren Geiſt daran heften können, deſto weniger werden ihre Ge⸗ danken nach andern Richtungen hin ſchweifen.“ Die Baronin verneigte ſich ohne ein Wort zu erwi⸗ dern. Azouras ging nach der Thüre, wo Alle ſchweigend Platz machten, ſie ſtieg die Treppen hinab und Reuterholm folgte nach. Die Wagenthüre wurde von Crispin geöffnet — da hörte man einen Schrei von den obern Fenſtern des Hauſes. „Geben Sie auf Ihre Fenſter Acht, Frau Baronin,“ ſagte Azouras; drückte dann ihren Hut ſo tief über die Augen herab, daß eine Thräne darin nicht bemerkt wurde, und ſtieg in den Wagen, der mit der Excellenz und ſeinem Raub fortrollte. Es war ein tragiſches Schauſpiel für die Mutter, als ſie nach den bezeichneten Fenſtern hinauf ſah. Zwei weiße Geſtalten hingen an den Pfoſten in der offenbaren Abſicht ſich heraus zu ſtürzen, aber hinter ihnen zeigten ſich die dunkleren Arme der Dienerinnen, nicht unähnlich groben Ketten, welche die unglücklichen Thiere in einer Menagerie zurückhalten. Zweite Scene. Stockholm. Spät am Abend führte Reuterholm ſeine Gefangene nach einem kleinen Zimmer. Sie waren in der Haupt⸗ ſtadt angekommen und hatten zuſammen geſpeist. 273 „Hier iſt Dein Aufenthaltsort,“ ſagte er mit einer harten und ſtrengen Stimme.„Eben erſt aus Italien zu⸗ rückgekehrt, hatte ich Dich vor Deinem Verſchwinden aus Stockholm kaum mehr als einmal geſehen, aber durch meinen Intendanten habe ich doch Deine ganze Beſchaffen⸗ heit, Deinen ganzen Stolz, Deine ganze Schlauheit erfah⸗ ren. Glaube jedoch nicht, daß Du mir entfliehen könneſt. Du wirſt die Strafe für Deine grenzenloſe Kühnheit und die Kränkung meiner Perſon früher erfahren als Du ahnſt. Ruhe jedoch dieſe Nacht ohne Furcht.“ Er ſah genau nach allen Schlöſſern der Zimmerthü⸗ ren und hatte beſonders viel mit einer kleinen Thüre in einer Ecke zu thun. Ohne gute Nacht zu nehmen ging er ſeiner Wege. Tintomara ſah ſich um; ſie fand das Schlafzimmer höchſt elegant möblirt. Faltenreiche Umhänge von rothem Tafft hingen um das Bett, und ſie lächelte über den Lurus, der ſogar im Bette längs der ganzen einen Seite an der Wand Spiegelglas angebracht hatte. Zwei Wachelichter brannten auf dem Tiſch, und ehe ſie ſich niederlegte, ſetzte ſie ſich in einen Lehnſtuhl an dem Mahagonitiſch, indem ſie bald die Vergoldung ihres Stuhles betrachtete, bald über ihre Abenteuer und die Reden der Excellenz während der Reiſe nachdachte. In Gedanken, die ſie nicht mit Worten ausdrückte, verſunken, fühlte ſie die Einladung des Schlafes zur ſüßen Vergeſſenheit des Lebens noch nicht. Ein Foliant in brau⸗ nem franzöſiſchem Einband und mit G. A. R. auf dem Rücken, lag auf dem Tiſch. Sie ſchlug ihn auf, blätterte und ſah, daß er Kupferſtiche enthielt. Sie verſtand anfangs nicht, was ſie vorſtellten. Sie ſah eine große Menge Menſchen mit Körpern, die mehr oder weniger unverhüllt, aber höchſt widrig anzuſchauen und deren Geſichter ſehr traurig waren. Eine Menge Maſchinen, Seile, Stricke und Geräthſchaften von ſonder⸗ barer Geſtaltung lagen um ſie herum. Sie ſchlug die eine Platte nach der andern auf und ein unheimliches Der Königin Juwelenſchmuck. 18 düſteres Gefühl bemächtigte ſich ihres Gemüthes immer mehr. Endlich begriff ſie den Sinn. Dieſe Menſchen waren offenbar verſammelt, um andere Menſchen auf die künſtlichſte Weiſe zu quälen und zu verdrehen. Mit Ab⸗ ſcheu ſtarrte ſie auf das, was ſie entdeckte, und doch wurde es ihr ſchwer, nicht weiter zu ſehen. Ein Weſen lag auf einer Bank, die Füße mit Stricken umwunden, die dann um ein Rad gingen; auch die Hände waren mit andern Stricken in entgegengeſetzter Richtung gebunden. Was mußte mit dem Weſen geſchehen, wenn das Rad herum gedreht und die Seile angeſpannt wurden?— Sie ſchau⸗ derte. Sie ſah noch mehr und ſchauderte. Sie ſah Windewerke, Sägen, furchtbar große Zangen, Kammrader, Pendelwerke— und überall lagen Menſchen dazwiſchen, zuſammen oder auseinander gezogen, zur Hälfte gebrochen, nach allen Theilen hin zerſtückelt, außer an Kopf und Herz, um noch lebend fühlen, leiden zu können. Mit höchſt aufgeregtem Gemüthe warf Tintomara das Buch hinweg, und Seufzer um Seuſzer erleichterte ihre Bruſt. Sie ging zu Bette, entkleidete ſich und legte ſich nieder. Sie war von einer Wehmuth ergriffen, die früher nie in ihrer Seele geherrſcht hatte. Sie fühlte ſich ſo verlaſſen, ſie dachte zwar nicht an die Zukunft, aber das Bild ihrer Mutter ſtand lebendig thränenvoll vor ihr. Früher ſo frei und froh in der Natur und in einer Umgebung von Gegenſtänden aller Art, war es ihr nie eingefallen, von allen äußeren Dingen abgezogen ſich im Geiſt zu einem einzigen großen über der Welt woh⸗ nenden, tröſtenden, höheren Weſen zu erheben. Hie und da hatte ſie zwar von Gott ſprechen hören, aber kein eigentliches Wiſſen, kein findlicher Bund, keine heilige Verrichtung, kein Sakrament, kaum ein Kirchengang hatte ihre Gevanken nach einer ſo hohen Richtung geleitet. So lag ſie da und der Schlaf ſchien der einzige Gott zu ſein, den ſie kannte und der mit ſeinen milden himmliſchen Händen ihre Gefühle und ihre lebenden Gedanken all⸗ ————————————— ——— 275 mälig zuſammenlegte. Einer Sache jedoch gedachte ſie noch, ehe ſie einſchlief.— Sie that das ſo oft und ſo gerne— ſie gedachte der Zeit, da ſie noch von ihrer Mut⸗ ter gewiegt wurde, ſie gedachte ihrer Mutter, als ſie noch ſo ſchön, noch nicht von Elend verzehrt war, und wie ſie über ihr Kind in der Wiege mit dem Zeigefinger ein Zei⸗ chen machte, das die Mütter vielleicht aus den Zeiten der Wunder hergeerbt haben, das aber durch den innigen ein⸗ fältigen Sinn, womit es geſchieht, ſo unſchuldig wird. Vielleicht— ein Umſtand, den Tintomara nicht verſtehen konnte— vielleicht hatte ihre Mutter noch öfter als an⸗ dere Mütter dieſes heilige Zeichen über ihrem ſchlafenden Kinde wiederholt, gleichſam als ein Haus⸗ oder Noth⸗ ſakrament in Ermangelung des großen, das ſie an ihrem Mädchen verſäumt hatte. Tintomara ſtreckte jetzt ihre rechte Hand aus der Decke hervor und machte ſelbſt mit dem Zeigefinger über ihrem Kopf das Zeichen, das einem kleinen in die Luſt geritzten Kreuze glich. Möge dieſe Selbſtſegnung ihr verziehen werden, da ſie ja nie eine andere erhalten hatte! Eine friedvolle Zuverſicht ging dabei durch ihr ganzes Weſen, ihr Kopf ſank gegen den Rand der ſeidenen Decke und bebte nicht mehr vor dem verrätheriſchen Staat, von dem ſie umgeben war. Ehe ſie mit ihrer ausgeſtreckten Hand das Licht löſchte, hatte ſie ſich ſchon gegen die Wand gewendet und ihre Augen ſchloſ⸗ ſen ſich mit einem Blick in den Spiegel, wo ſie ſich liegen ſah. Mit einem Nicken ſagte ſie ſich ſelbſt gute Nacht, da ſonſt Niemand da war, der es hätte thun können. Sie ſchlief anfangs ruhig und ohne Träume. Eine Weile tiefer in der finſtern Nacht— ſie wußte ſelbſt nicht, ob es Traum oder Wachen war— meinte ſie ihre Augen durch die Beleuchtung des Zimmers geöffnet zu ſehen. Sie wandte ſich nicht um, ſie bewegte ſich nicht im geringſten im Bette, aber in dem Wandſpiegel des Bettes, den ſie vor ihren Augen hatte, konnte ſie die meiſten Gegenſtände im Zimmer bemerken. Sie ſah, wie ſich eine männliche Figur mit ſehr unſicheren Schritten und mit einem Lichte 18* ———— —— in der Hand auf den Zehen nach einer Thüre ſchlich. Sie erkannte keinen Reuterholm in dieſer Geſtalt. Die Geſtalt war eher kurz als lang; das Geſicht ſanft, und obſchon eben nicht ſchön, doch von angenehmen Zügen; die Stirne war etwas breit; die Augen blau und groß; das Haar unbedeutend. In dem Halbſchlummer oder Traum, in dem ſich Tintomara befand, gab ſie ſich nicht genau Rechenſchaft davon, wo ſie dieſes Geſicht früher ſchon geſehen habe; aber ganz unbekannt war es ihr nicht. Indeſſen empfand ſie ein leichtes Entſetzen, als dieſe Figur ſich dem Bette näherte. Der Mann ſchien Alles mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu betrachten, und maß die Decke von den Füßen der Liegenden bis zu ihrem Nacken mit Blicken, welche eine Miſchung von Zurückhaltung und Begierde, Unent⸗ ſchloſſenheit und Kühnheit ausſprachen. Er ſtreckte hie und da die Hände aus und trat einen Schritt näher wie zu einem raſchen Unternehmen, dann aber blieb er auf dem halben Wege ſtehen und änderte ſeinen Entſchluß. Das Mädchen, das Alles im Spiegel bemerkte, unterhielt ſich dabei beſonders mit dem Anblick des Lichtes, das un⸗ aufhörlich in neuen Richtungen herum flackerte wie die Irrwiſche auf einer Wieſe. Einmal kam die Figur ſo nahe, daß ſie die Hand ſchwach auf dem Seidenzeug der Decke raſcheln hörte; aber ſogleich fuhr die Hand wieder weg.— Es war, als ob ein magiſcher Schirm ſie mit einer unſichtbaren Schranke umgebe, die in die Luft gezeichnet, aber hinreichend ſtark ſei, um den ſich Nähernden abzuhalten. Sie ſah ihn merklich den Kopf ſchütteln; warum? das konnte ſie nicht wiſſen, aber es kam ihr ſo ſpaßhaft vor, daß ſich ein leichtes Lächeln— vielleicht allzu kindiſch in dieſer gefährlichen Stunde— in ihren Augen ausbrei⸗ tete, ohne daß ſie jedoch etwas hören ließ. Aber als ſie ſich ſelbſt im Spiegel betrachtete, fand ſie, daß ſie ſehr pffene Augen hatte, und begegnete in ihnen wieder jenem Lächeln. 277 Die Mannsgeſtalt, welche unter häufigen Körperwin⸗ dungen Alles ärgerlich muſterte und einem Militär gleich ſah, der die Feſtung, welche er zu ſtürmen gedenkt, von allen Seiten betrachtet und unterſucht, wo der Wall am leichteſten zu überſteigen ſei— dieſe Figur warf endlich auch die Augen in den großen Spiegel, der in der Wand⸗ ſeite des Bettes angebracht war. Ein neues Entzücken verbreitete ſich über ſeine Züge, da er hier den Umriß der Decke von den Füßen an muſtern konnte, und ſein Blick verfolgte den Seidezeug Schritt für Schritt aufwärts. Als er aber an ihr Geſicht kam, ſah er, wie ihre Augen im Spiegel ſich öffneten und ihn ſelbſt unſchuldig, doch ſchalk— haft belächelten.— Ein unwillkürlicher Schreck faßte ihn, da er ſo unvermuthet ſah, daß er einen Zeugen ſeiner ganzen, feigen Durchſuchung gehabt hatte— oder vielleicht hatte er noch einen andern, tieferen Grund zum Zittern beim Anblick dieſer, gerade auf ihn gerichteten Augen— aber fort ſtürzte er! Mit ſeinem Licht in der Hand ſprang er nach der kleinen Thüre, ſchlich ſich durch ſie hinaus und verſchwand; und als zuletzt ein ſchwacher Laut die Vereinigung des Schloſſes mit dem Thürpfoſten anzeigte, war es wieder ſchwarz in Tintomara's Spiegel; und die finſtern Schlafzimmer umſchloß in ſeinem Kreiſe eein engelhaftes Myſterium. Dritte Scene. Stockholm. Baron Reuterholms Arbeitszimmer. Reuterholm. Was ſchreibt mein Reſident aus Hamburg? Uebergehen Sie die Titel und beginnen Sie bei Primv. Der Sekretär„Die Renten von dem Holſteini⸗ ſchen Gute betragen zuſammen—“ Reuterholm. Ich weiß; übergehen Sie das, gehen Sie auf Sekundo über. Der Sekretär.„Den Juden habe ich auf Ew. 1 Preellenz Reklamation vom Bürgermeiſter in Hamburg heraus bekommen, und er iſt jetzt perſönlich in meinen Händen, einſtweilen als Gaſt bis auf Ew. Execellenz weitere Beſehle. Der Thätigkeit der Loge habe ich ſehr viel bei ſeiner Entdeckung zu danken. Ew Ercellenz Erlaubniß in Betreff deſſen, was im Fall eines halsſtarrigen Leug⸗ nens angewendet werden könnte, habe ich zum Theil benutzen müſſen, und der Patient hat jetzt ſechs große Juwelen überliefert, er behauptet jedoch, die neun übrigen ſeien ſchon verſchleudert Endlich bat er, an Ew. Erxcellenz ſelbſt ſchreiben und ein verſiegeltes Bekenntniß abſchicken zu dürfen, das nach ſeinem Vorgeben von großer Wich⸗ tigkeit ſein ſollte. Ich gab ihm daher Schreibzeug und ſein Dokument folgt anbei.“ Reuterholm. Liegt Cohens Papier in der Mel⸗ dung des Reſidenten? Der Sekretär. Ja, und mit einem ſchiefen Andreaskreuz verfiegelt. Reuterholm. Der weiße Hund! Nehmen Sie den Lack ſauber hinweg, damit das Siegel nicht beſchädigt wird, deſſen heiliges Zeichen er durch ſeine Benützung zu entweihen wagte. Oeffnen und leſen Sie das Dokument des Juden. Der Sekretär.„Ew. Ercellenz und hohe Gna⸗ den! Verzeihen Sie meiner elenden Schreiberei, aber meine Finger find beinahe ganz zerſtört, wie der Herr Reſident wohl weiß. Aber hören Sie doch meine wahrhaſtige Angabe, obſchon Sie glauben werden, daß ſie von einem verfluchten Juden komme. Ich kann, wenn es erlaubt wird, Ew. Ercellenz große Dienſte leiſten und bin jetzt ſo frei, dieſelben unterthänigſt anzubieten. Es war von Kindheit auf meine Abſicht, die ich mir als Lebensziel vorſetzte, ein reicher und mächtiger Mann zu werden; und Ew. Ercellenz weiß wohl, daß ein ſolcher Verſuch wohl der Mühe werth iſt Und da meinte ich, als Jude gelange man am ſicherſten zu guten Finanzen. Denn ich bin nicht als Jude geboren, ſondern von chriſtlichen Eltern in Schleswig. Aber als ich nach Schweden kam, nahm ich 279 den Namen von den Brandenburgiſchen Juden aus dem Geſchlecht Cohen an, das ſich weit verzweigt; und da die Stckholmer, Ew. Ercellenz ausgenommen, ſehr leicht zum Beſen zu haben ſind, ſo galt ich denn auch wirklich für einen ächten Benjamin Iſaak Cohen, obſchon die wahren Juden mich mit ſcheelen Augen anſahen, da ich weißer war und es auch nicht über mich bringen konnte, alle ihre ſakermeatiſchen Gebräuche mit zu machen. Da erreichte ich meinen Hauptzweck: ich ſammelte Geld und nahm an Macht zu. Jetzt zeigte ſich das weit verbreitete Mißver⸗ gnügen, das Ew. Ercellenz wohl kennt, und die große Verſchwörung entſtand unter einem Theil des Adels gegen Seine Höchſſelige erſchoſſene Majeſtät, woran jedoch Ew. Ercellenz keinen Antheil hat. Aber verzeihen Sie mir, daß ich daran Antheil nahm, da der Adel zu der bevor⸗ ſtehenden Regimentsveränderung Geld brauchte und mir verſprach, daß die Summe, die ich zum Erfolg der Sache zuſammen bringen würde, als Staats⸗Anlehen betrachtet und mit guten Procenten bezahlt werden würde. Wer ihrer Anſicht nach zum König genommen werden ſollte, ob der Kleine ſelbſt, der es jetzt iſt, oder der es wenigſtens dem Namen nach iſt(da Ew. Ercellenz der wahre ſind), oder ein Anderer, das weiß ich nicht zu ſagen. Ich aber ſollte, wenn ich mich recht erinnere, Stockholms, das heißt des ganzen Schwedens Finanzminiſter werden. Aber die Verſchwörung mißlang, da Seine Majeſtät nicht gleich nach dem Schuſſe fiel, ſondern in Gnaden lebte, und wir mußten Alle das Land verlaſſen. Was nun aber den Schmuck der Königin betrifft, ſo verzeihen Ew. Ercellenz, daß ich ihn mir geſchickter Weiſe verſchaffte als eine Geldgrube für den Dienſt des Staates bei der großen, bevorſtehenden, adeligen Regimentsveränderung. Aber eben, als ich die Juwelen in die Hände bekam, witterte ich das Unglück und beſchloß, dem ſichern Tode dadurch zu ent⸗ gehen, daß ich mich für todt ausgab. Um dieſen Zweck zu erreichen, ſchoß ich mich vor die Stirne, ſo daß mein Schuß über den ganzen großen Markt von Stockholm gehört werden mußte. Doch verzeihen Ew. Ercellenz, deß ich nur meinen weißen Hund erſchoß, deſſen Blut auf den Boden liegen blieb und für mein eigenes gelten mußte. Dann verſchaffte mir mein Bruder in Juda, Einer Na⸗ mens Ephraim, alsbald einen Sarg und ich zeigte mich darin in meiner Glorie vor all' Denen meiner Glarbens⸗ genoſſen, die mich ſehen wollten; und deren warer nicht viel. Alles geſchah ſehr ſchnell. Die Juwelen wurden unterdeſſen untergebracht, dann ſtieg ich eilig aus dem Sarg. Der weiße Hund wurde dafuͤr hinein gelegt und der Deckel zugeſchlagen. Als die Polizei kam, um nach dem Deckel zu ſehen, ſagten Einige von meinen jüdiſchen Bekannten, daß ſie mich im Sarge haben liegen ſehen, ſo ward ich denn glücklich begraben. Indeſſen führ ich aus dem Lande ab, und Ew. Excellenz verzeihen, daß ich die Juwelen mitnahm, die jetzt mir zu Gute kommen mußten, da ſie dem Staate nicht hatten nützen können. Und es war hohe Zeit; denn ich hörte, die Polizei habe ſchon am Tag, nachdem ich abgegangen war, erfahren, daß ich noch lebte. Aber ich reiste nach Deutſchland hinüber, und da Ew. Ereellenz mich jetzt in Hamburg gefaßt haben, ſo erbiete ich mich Ew. Ercellenz zu dienen, wenn ich ſicher nach Ihrer Reſidenz Stockholm kommen kann. Ich will dann den Judenhund entfernen und mich als ein Chriſten⸗ menſch zeigen, was ich immer war und Ew. Ercellenz viel Geld verſchaffen. Denn das ſind nur eitle Geſchichten, was Apelqviſt Seiner Höchſtſeligen Majeſtät vorſchwatzte, wie er in ſeinem kleinen, ſonderbaren Haus am Drott⸗ ningsholm Wunderwerke thun wollte; aber er brachte kein Gold heraus Wenn jedoch Ew. Ercellenz mir Apelcviſts Laboratorium auf der Laubinſel überlaſſen wollten, ſo ver⸗ ſpreche ich, unter Ew. Ercellenz Augen den Stein der Weiſen zu finden und aus jedem Metall, das mir Ew. Ercellenz zu chemiſchen Verwandlungen geben will, reines Gold heraus zu ſchaffen.“ Reuterholm. Der Unverſchämte! Ich glaube, er 281 bietet mir an, mich zu betrügen? Laß hören, wie er ſeine Kenntniß darthut! Der Sekretär.„Ew. Excellenz möge ja nicht glauben, daß ich ein alchymiſtiſcher Spitzbube ſei, obſchon ich einen Judennamen getragen habe. Ich lernte die Chemie, als ich Chriſt war, und übte ſie dann als Jude aus; das wird Ew⸗ Excellenz wohl einſehen, denn wie hätte ich ſonſt ſo reich werden können? Das wäre ich noch, wenn Ew. Ercellenz höhere Weisheit mich nicht er— griffen und die große Geſchicklichkeit Ihres Reſidenten mich in einen Gefangenen verwandelt hätte. Wenn mich aber Ew. Erxcellenz auch nicht Gold machen laſſen will, ſo nehmen Sie mich doch zu Gnaden an und geben Sie mir einen chriſtlichen Dienſt im Staate, am liebſten beim Finanzminiſterium, das ich kenne. Und beurtheilen Sie meine Schreiberei nicht nach dieſem Dokument hier; denn Jedermann weiß, daß ich, obſchon kein Eingeborner, gut Schwediſch ſprach, als ich in Stockholm war, und es auch leidlich ſchrieb. Aber in dieſem halben Jahr bin ich auf deutſchem Boden und zumeiſt in Dänemark gereist. Es kann daher wohl ſein, daß mein Schwediſches etwas mit Ausländiſchem vermiſcht iſt, und da ich die große Natur⸗ gabe habe, mir Alles, was ich um mich höre und ſehe, ſchnell anzueignen, ſo mag es geſchehen ſein, daß ich jetzt etwas weniger Schwediſch bin, als im vorigen Jahr, weil ich im Dänenlande herum fuhr. Aber dem iſt bald ab⸗ geholfen, wenn mich Ew. Erxcellenz nach Stockholm ein⸗ ladet, wo ich in einem Monat fertig zu werden verſpreche; denn es iſt vielleicht kein größerer Unterſchied zwiſchen der ſchwediſchen und däniſchen Schrift, als daß man im Schwediſchen ä ſetzt, wo man im Däniſchen aa gebraucht und das iſt bald gelernt. Sollte ich jedoch keinen Platz im Miniſterium bekommen, ſo erbitte ich mir die große Gnade, mich aus den Händen von Ew. Ercellenz Reſidenten in Hamburg zu befreien; darum bitte ich unterthänig. Und wenn es keinen andern Ausweg gäbe, ſo würde ich 282 es für weit beſſer halten, die Treppen in der Hamburger Freimaurerloge zu ſäubern—“ Reuterholm Nimmt denn ſein Kauderwelſch kein Ende? Seine Finger ſind wahrhaſtig ſehr geſund. Der Sekretär. Nur noch einige Zeilen—„als der Gefangene eines Menſchen zu ſein, der keine Treppen bauen kann. Ach, wäre ich Ew. Ercellenz eigener Ge⸗ fangener, der Sie der größte Freimaurer auf der Erde ſind, nächſt dem, der die Erde ſelbſt mauerte, und nächſt Adam, der zuerſt auf Erden mauerte!— Aber dieſen Herrn Reſidenten kann ich nicht leiden. Retten Sie mich Armen aus der Hand deſſen, der keine Kenntniſſe hat, aber lange, lange, unerträgliche Nagelzangen anwendet!— Befreien Sie mich!— Ew. Ercellenz unterthänigſter Dienſtmann Benediktus Jvar Crantzius. Ehedem Benjamin Iſaak Cohen.“ Reuterholm. Schreiben Sie zur Antwort: Wenn Cohen die noch fehlenden neun Juwelen von dem Schmuck der Königin an's Licht bringe, ſo möge er ſich bei mir anmelden, und wir wollen dann ſehen, ob ſich im Reich eine paſſende Stelle für ihn finde. Bis dahin ſoll er ſich nicht für einen Chriſten ausgeben, noch getaufte Namen oder heilige Zeichen im Siegel gebrauchen, ſondern ein Jude bleiben. Der Hofmeiſter(hereinſtürzend) Ew. Ereccellenz! Reuterholm. Was ſchreien Sie ſo, bleicher Narr! Was gibt es? Der Hofmeiſter. Der Gefangene iſt entwiſcht. Reuterholm. Der ſitzt in Hamburg in guter Verwahrniß. Der Hofmeiſter. Ich meine unterthänigſt den Gefangenen, der mit Ew. Ercellenz ſelbſt vom Lande herein kam. Reuterholm. Ah— Abraras! 283 Vierte Scene. Das Stockholmer Schloß. Eines von den kleinen Zimmern in dem Theil des königl. Schloſſes, der gegen den Logard geht. Karminrothe Wände mit Seidenzeug drappirt und mit ſtark vergoldeten Leiſten eingefaßt. Auf einem ſchwarzen, ausgezeichnet ſchön gebohnten Ebenholz⸗ tiſche liegen verſchiedene Bücher aufgeſchlagen, deren Blätter vielfach eingebogen und deren Einbände etwas abgerieben ſind. Die Vorhänge ſind aus weißem Atlas mit grünen Silberfranſen. Mitten im Zimmer ſteht eine junge Perſon von geradem und etwas ſteifem Wuchs; länger als man für ihr Alter erwarten ſollte, aber zu ſchmal, beſonders an den Schultern, um den Ausdruck einer ſchönen Körperbildung rechtfertigen zu können. Er hat auffallende Geſichtszüge, große Augen und einen nicht übel ge⸗ bildeten Mund mit etwas dicken Lippen. Vor ihm ſteht eine andere junge Perſon in einfachem geſchmackvollem Frauenkleide. Der König. Sprich aus, Azouras. Ich habe Dir ſtets mit großem Vergnügen zugehört, und heute iſt das noch mehr der Fall, da Du Dinge von ſo unerwar⸗ teter Wichtigkeit vorbringſt Azouras. Guſtav Adolph! Der König. Ich hab' es mir zum höchſten Grund⸗ ſatz gemacht, meine großen Vorfahren zum Muſter zu neh⸗ men; ich leſe viel in der Geſchichte. Azvuras. Mein König! Der König. Ich ſtudire die Rechtslehre und die Religion. Ich ſtudire die Abhandlung meines Lehrers über die Aufklärung Azouras, ich habe mir vorgenommen, mit der Zeit der Vater meines Landes zu werden und ſchon rechne ich alle ſeine Bewohner zu meinen Ange⸗ hörigen. Azouras. Mein Verwandter! Der König. Was willſt Du noch mehr? Azouras. Sei Guſtav Adolph! Der König. Ich bin es. Azouras. Sei König! Der König. Ich habe in meinem Reich eine Vor⸗ 284 mundſchaftsregierung, denn ich befinde mich in den Jahren, wo man Vormünder haben muß. Azouras. Sei nicht ſtumm!— Der König. Ich bin minderjährig, und es geht nur nach dem Recht, daß das Reich an meiner Statt unter einer vormundſchaftlichen Regierung ſteht. Ich kenne die Regierungsform. Azouras. Laß Dich nicht beſchränken— nicht von ſo unnöthigen Banden beſchränken. Eine ſchlechte Perſon, eine höchſt ſchlechte— ich habe ihn jetzt kennen gelernt — regiert und herrſcht, wie wenn er Regent wäre. Der König. Meinſt Du Seine Königliche Hoheit, meinen Onkel? Azouras. Nein— den hab ich nur wenig geſehen. Ich meine den, der regiert. Der König. Wer kann das ſein? Azouras. Einer, der Alles thut, was er will; ein ſchlechter, ſehr ſchlechter Menſch— ein gewiſſer Reuterholm. Der König. Vereifere Dich nicht ſo; das ziemt ſich nicht in dieſen Zimmern. Azouras. Gebrauche Gewalt, Guſtav Adolph! Vertreibe ihn. Der König. Ich werde mit Seiner Königlichen Hoheit, meinem Onkel, darüber ſprechen. Azo uras. Ich habe Dinge bei ihm geſehen und geleſen, und ich habe Sachen gehört! Es iſt ein grau⸗ ſamer, ein ſchrecklicher Mann, ein— O ſieh mich an, mein König! ich habe kein Haus und keine Heimath, ich habe keine Mutter mehr, hilf mir! Der junge König wollte ihm ohne Zweifel antworten, aber in demſelben Augenblick öffnete ſich eine Thüre, ohne daß eine Meldung voraus ging, was eine unmögliche Un⸗ ſchicklichkeit geweſen wäre, wenn der Eintretende ſich nicht als Herzog Karl dargeſtellt hätte. Herzog Karl. Was ſehe ich? Euer Majeſtät iſt nicht allein? Der König. Geh' in die Zimmer da, la Tourne- 285 rose. Euer Königl. Hoheit hat ohne Zweifel Sachen von großer Wichtigkeit vorzubringen? Herzog Karl. Mein königl. Neffe hat, wie ich hoffe, einen Augenblick für ſeinen Onkel? Der König. Womit kann ich zu Gefallen ſein? Iſt in der Regierung Etwas geſchehen? Herzog Karl. Ich habe eine frohe Reuigkeit. Der Schmuck der Königin, nach dem man ſo lange gefahndet hat, iſt wieder gefunden und der Dieb verhaftet. Es iſt ein däniſcher Jude. Der König Hat der Jude den Schmuck geſtohlen? Herzog Karl. Ja. Azouras(kommt zurück). Das iſt nicht wahr! Herzog Karl. Schöne Aktrice, bleibe ein wenig dort, wohin Dich die ausgezeichnete Gnade Seiner Ma⸗ jeſtät für einen Augenblick verwieſen hat. Wir ſprechen hier von Dingen, die Dich nichts angehen. Azouras. Das iſt nicht wahr! Der König. Die Regierung wird vermuthlich ein großes Warnungserempel an einem ſo großen Uebelthäter ſtatuiren. Was meint Eure Königl. Hoheit dazu? Schon als Diebſtahl von ſo anſehnlichem Belauf iſt die Sache von Wichtigkeit. Daß er in der Königsburg begangen wurde, macht das Verbrechen noch ſchwerer. Wird es wohl eine Lebensfrage? In welchem von unſern Gefängniſſen ſitzt der Dieb? Herzog Karl. Der Jude iſt in Hamburg entdeckt worden. Er iſt verhaftet und wird hieher gebracht werden. Er ſtahl den Schmuck im letzten Frühjahr in Stockholm. Azouras Das iſt nicht wahr! Der König. Du erlaubſt Dir eine Sprache, die für dieſe Zimmer nicht ziemt. Herzog Karl Was haſt Du für Gründe, ſchönes Mädchen, Dich ſo eifrig in einer Sache zu äußern, die Du nicht kennſt? Azouras. Ich— ich ſelbſt habe den Diamanten⸗ ſchmuck aus der rothen Saffianſchatulle da drinnen im kleinen Zimmer genommen. Der König. Du? Herzog Karl. Das iſt eine artige Aktrice, daß ſie einem Juden ſo wohl will, um ſein Verbrechen auf ſich zu nehmen. Der König Sprich! iſt es wahr, daß Du eine ſo ſchreckliche Miſſethat verübt haſt. Azouras. Ich hab' es gethan, aber nicht als Miſſethat. Der König. Aber es iſt eine Miſſethat, eine grobe, eine die ſich auf eine halbe Million beläuft. Azouras Ich habe keine Miſſethat gethan, Guſtav Adolph Ich bin nicht grob, mein König. Herzog Karl. Kürzen wir dieſe ſcherzhafte Scene ab. Da die Juwelen und der Dieb ſich in Hamburg ge⸗ funden haben, ſo kann dieſer pikante Einfall eines luſtigen Mädchens nicht zu einem Gegenſtand des Ernſtes gemacht werden. Geh' hinaus, ſylphidenähnliche Grazie, Du fin⸗ deſt einen von Seiner Majeſtät Kammerdienern im äußern Zimmer, und Du wirſt einen Wagen bekommen, der Dich in Deine Wohnung zurück führt. Zu Reuterholm viel⸗ leicht? Iſt es nicht ſo— Verſtehſt Du mich nicht— geh' fort, geh'! geh'! Der König. Du bleibſt. Azouras. Ich habe nie daran gedacht, wieder zu Reuterholm zu gehen. Ich bin hieher gekommen, um von meinem König und meinem— ein Zimmer zu bekommen. Ich habe keine Mutter mehr, keine Wohnung, keinen Frie⸗ den! Gebt, mir das. Herzog Karl Sie iſt unwiderſtehlich! Woher hat Eure Majeſtät dieſe Bekanntſchaft? Ich habe ſie nie ge⸗ ſehen— Welch' eine eigene Kühnheit?— Die Regierung wird Dir Alles geben, was Du bedarfſt, reizende Unter⸗ thanin. Zimmer, ſchöne Kleider, Alles— Aber geh' jetzt, geh'. Der König. Bleibe. Niemand kann ſie lieber 287 haben als ich. Wir haben zuſammen angenehme Beſchäf⸗ tigungen gehabt, wie ſie dieſen Gemächern ziemen, und wenn dieſe Beſchäftigungen auch dem Hofe nicht bekannt geworden ſind, ja nicht einmal Seiner Majeſtät, meinem ſeligen Vater— denn ich glaube kaum, daß er dieſe Dame einmal geſehen hat— ſo weiß doch ich, wie edel unſere Geſpräche waren. Allein jetzt— Eure Königl. Hoheit— man muß hier unterſuchen. Herzog Karl Ich ſehe nicht ein, warum? Der König. Auf Dein Gewiſſen, Azouras Tinto⸗ mara laà Tourne-rose, biſt Du ein Dieb? Azouras. Pfui! Guſtav Adolph. Der König. Es ziemt mir nicht, mich von Dir verhöhnen zu laſſen Du ſagſt, Du habeſt den Schmuck aus der Saffianſchatulle in meinen Zimmern genommen. Das iſt furtum— Diebſtahl. Azouras Es war einmal eine Kranke, deren ganze Krankheit darin beſtand, daß ſie keine Freude mehr hatte. Sie hieß Clara und war meine Mutter. Ich wollte ſie geſund machen Herzog Karl Ein ſchöner Zug. Azouras. Sie konnte durch eine große Freude ge⸗ ſund werden Ich kann das nicht ausfuͤhrlich erzählen; aber ich nahm den Schmuck eines Abends fort, um ihn meiner Mutter zu zeigen. Ich hatte im Sinne, ihn am nächſten Tage wieder herzutragen. Der König Nehmen, um wieder zu bringen— das iſt ein Diebſtahl, der in eine eigene Klaſſe gehört. Warte— furtum-furtum— Wie heißt es doch Regent? Herzog Karl. Was weiß ich von Latein. Der König Nehmen und wieder bringen wird An⸗ leihen genannt, womit jedoch die Bedingung verbunden iſt, daß das Nehmen mit Erlaubniß des Beſitzers geſchieht; aber hier wird die Erlaubniß vermißt. Wie ſollen wir es nennen? Wir meinen, es ſei ein Zwangsanleihen geweſen? Herzog Karl. Beſchließe Dein Mährchen, Aktrice. ſo Königl. Hoheit? Nein, es gehört zum ſurtum, es iſt 288 Haſt Du den Schmuck am Tage nachher nicht wieder hergebracht? Azouras. Laß mich darüber ſchweigen. Herzog Karl. Daraus geht hervor, wie ſchwach Deine Dichtungsgabe iſt. Dein Stückchen taugt nichts. Wir halten uns an den wahren Dieb. Du magſt Dich auch noch ſo ſehr für ihn verwenden.(Leiſe.) Verlaß uns — geh— verſtehſt Du Deinen eigenen Vortheil nicht? Deine eigene Rettung? Geh'— geh'— geh'! Der König. Das iſt wahr. Das Zurückbringen fand nicht Statt. Da kann man es auch nicht ein Zwangs⸗ anlehen nennen, denn in beiden Fällen, mag das Anlehen! gezwungen oder freiwillig ſein, ſo muß die Sache doch am ausgemachten Tag zurück gebracht werden. Iſt es nicht Diebſtahl. Aber vor welchen Richterſtuhl wird die Sache kommen? Nun, zum Burggericht? Erinnert ſich Eure Königl. Hoheit aus unſerem und des Reiches Hof⸗ und Staatskalender, wer gegenwärtig in unſerem obern Burg⸗ gericht reſidirt? Herzog Karl.(Für ſich. Mauvaise comedie d'un Roi-garcon! Wie werde ich dieſes arme Mädchen von ihm und ſeinen Grundſätzen losbekommen, an denen ſie ganz gewiß ſtrandet, ſo ſehr er ihr auch ſelbſt wohl will!(Laut.) Ich hab' es wirklich vergeſſen. Aber, mein Reffe, es wird eine ſchlimme Tragödie für dieſes Mädchen werden, wenn ſie an das Burg⸗ oder Schloßgericht ge⸗ wieſen wird. Der König. Recht muß geſchehen. Es thut mir leid. Herzog Karl. Recht ohne Zweifel; hier aber han⸗ delt es ſich eben darum, was Recht iſt? Den geraden Weg zum Burggericht halte ich für höchſt ungerecht Der König. Das Burggericht muß aber ja das Verbrechen behandeln, die in der Burg geſchehen? So hab' ich geleſen. Herzog Karl. Aber hier laſſen ſich andere Aus⸗ ———— 289 wege finden, mein Neffe. Wir wollen nicht ſo gerade zu auf eine Sache losgehen, die einen Menſchen, eine in⸗ tereſſante Perſon, eine von Eurer königl. Majeſtät ſelbſt mit Wohlwollen beſchenkte, Perſon unglücklich machen würde. Recht und Menſchlichkeit dürfen nicht mit einander ſtreiten, wenn es aber einmal geſchieht, ſo iſt es eine Pflicht einen Ausweg zu ſuchen. Der König. Recht kommt von rectus, wie auch richtig, Gericht. Alles hat dieſelbe Wurzel. Rectus iſt lateiniſch, und das iſt die Wurzel von Recht; das kann nicht ſchief gehen. Hier gibt es nur Wege, aber keine Auswege. Herzog Karl. Du haſt Deine Grammatik ſchlecht geleſen: es kommt nicht von rectus. Wer das glaubt und darnach handelt, der ſtößt ſich und alle andern Menſchen vor den Kopf. Nein, Recht kommt von rätio. Der König katio bedeutet Vernunft. Herzog Karl. Ja, und darin liegt das Recht. Alles was unvernünftig iſt, iſt Unrecht. Der König Ich halte es für meine königl. Pflicht, mich während meiner Minderjährigkeit auf meinen Beruf als künftigen Herrſcher vorzubereiten. Das Recht ſoll zu jeder Zeit mein Hauptaugenmerk ſein. Herzog Karl. Junger Monarch! bedenke dann, daß das Recht ſeine einzige Wurzel in rätio hat; c'est la raison, qui vaut tout. Wenn Eure Majeſtät das be⸗ denken, ſo kommt eine glückliche, eine ſelige Zeit über Schweden. Der König. Ich habe das Recht ſtets als eine gerade Linie, als ein Lineal betrachtet. Herzog Karl. Dieſes Bild aus der Schule iſt allerdings nicht unpaſſend, aber ein Lineal hat zwei Seiten. Der König. Beide ſind gerade, Eure königl. Ho⸗ heit. Ich bediene mich in meinem Schreibhefte beider; ohne Unterſchied und vermeide nur die, wo die Dinte noch naß iſt. Herzog Karl. Hier halte das Bild feſt. Das Der Königin Juwelenſchmuck. 19 290 Regierungslineal hat auch zwei Seiten, die eine iſt gerade, aber die andere nach einer Kurde gekrümmt, deren Be⸗ nützung zum Wohle der Menſchheit die Vernunft hie und da für nothwendig erachtet. Der König. Ich habe die Theorie der Kurven nicht ſtudirt. Ich bin an der ebenen Trigonometrie ſtehen geblieben. Eure königl. Hoheit, ich halte mich an das Lineal. Der Herzog Karl, der ſeinen Scherz fortgeſetzt und abſichtlich dieſe Wortſpiele hereingezogen hatte, um Guſtav Adolphs Aufmerkſamkeit von dem Mädchen abzuziehen, Alles in der menſchlichen und wohlmeinenden Ab icht, ihr Gelegenheit zu einer unbemerkten Flucht aus dem Zimmer zu geben, ſah, daß all ſeine Bemühungen an der Hart⸗ näckigkeit ſcheiterten, womit ſie da blieb und ihn jetzt ſelbſt unterbrach. Azouras. Vernimm ein wichtiges Wort, mein König. Der König. Du magſt ſprechen. Azouras. Berathe Pich jetzt mit dieſem Herrn über den Gegenſtand, den wir überlegten, als er hereinkam. Der König. Von Zimmern und Platz für Dich? Azouras. Das bekomme ich ſchon. Das iſt eine Nebenſache. Aber da dieſer der Regent und Seine königl. Hoheit ſelbſt iſt, ſo ziehe ihn über die beſte Art und Weiſe zu Rath, wie man Reuterholm vertreiben kann. Herzog Karl. Was bedeutet das? Sprich, Aktrice, wer hat es gewagt, Dich zu einer ſo unerhörten Kühnheit zu bereden? Haſt Du mit Seiner Majeſtät über Reuter⸗ holm geſprochen? Azouras. Eure königl. Hoheit, nehmen Sie ſich ſelbſt vor Reuterholm in Acht. Niemand hat mich darum gebeten, aber ich habe bei ihm gewohnt, ich habe mich von ihm fortgeſtohlen, ich weiß von mir ſelbſt, was ich über ihn ſage. Er iſt ſchlecht, ſehr ſchlecht.— Ach, mein Herr! 291 Herzog Karl. Weißt Du, von wem Du ſprichſt, Unglückliche? Azouras. Von einem Mann— einem abſcheuli⸗ chen, einem— Herzog Karl. Sage mir gleich, ob Du mit einem anderen Menſchen, als mit Seiner Majeſtät über dieſen Gegenſtand und auf dieſe Weiſe geſprochen haſt? Azouras. Nein. Herzog Karl. Du kannſt alſo gerettet werden, und Du wirſt es, wenn—(er ſchellt.) Remy kommt herein. Remy, nimm einen von den Hofwagen und fahre dies Frauenzimmer ſogleich zu Baron Reuterholm, zu deſſen Haus ſie wahrſcheinlich gehört. S'il se trouve qu'elle vous parle, vous aurez soin de n'y penser, Remy, de n'y reflectir. Elle a la téte tournee, vous comprenez. Allons. Azouras(Unter der Thüre.) Guſtav Adolph! Guſtav Adolph! man führt mich zu dem verhaßten, wilden, ſchrecklichen Menſchen zurück! Hilf mir, o hilf! hilf! ich will nicht.— Fünfte Scene. Stockholm. Ein Zimmer. Abſcheulicher! O Euch ruf'ich an, ihr Genien des Guten und Schönen, rettet, rettet mich! werdet ihr mich erhören? rettet mich! Erſter Herr. Ich verſpreche es und werd es halten. Zweiter Herr. Aber ich glaube nicht, daß ſie darauf eingeht. Entſchleiert? Erſter Herr. Ich verſpreche es. Zweiter Herr. Wirklich? Erſter Herr. Ich verſpreche es. Zweiter Herr. Aber da iſt 3 Etwas, was 1 292 mich abhält, die Sache zu glauben. Sie iſt zwar in Allem ein unbedeutendes Ding, eine Aktrice, ein Nichts, wenn Du ſo willſt; aber an einem Punkte iſt ſie Re⸗ gentin, Königin. Erſter Herr. An welchem Punkte, wenn ich fra⸗ gen darf? Zweiter Herr. Im Auge. Erſter Herr Thut nichts. Zweiter Herr. Ich habe mich von dieſem Auge in einer ſchwachen Stunde in die Flucht jagen laſſen; und was meinſt Du? nicht etwa durch einen blitzenden Blick, nicht durch einen Blick ſtolzen Zorns— nein, durch ein Lächeln, ein ſchalkhaftes Lächeln Erſter Herr. Das lautet nicht übel. Zweiter Herr. Schalkhaft, aber doch eine Hoheit darin, eine ſo niederſchmetternde, verſcheuchende, vernich⸗ tende Hoheit— o es iſt närriſch! Und überdies nicht einmal aus dem wirklichen Auge, ſondern aus einem Spie⸗ gel, in den dies Auge ſah und lachte. O es iſt zu toll! Erſter Herr Das denk' ich auch. Laß uns jetzt über die Ausführung ſprechen. Ich verſpreche, daß es in jeder beliebigen Stellung geſchehen ſollz wähle die inte⸗ reſſanteſte. Zweiter Herr. Ah. Erſter Herr. Zaubre das reizendſte Gemälde aus Deiner Einbildungskraft hervor; ſage nur, wie es ge⸗ ſchehen ſoll. Oder um die Sache zu einer ſchnelleren Entſcheidung zu bringen, will ich eine Figur herauf holen laſſen, die ein Jahr lang geruht hat, für dieſen Endzweck aber ſehr tauglich iſt.(Er ſchellt; ein Bedienter kommt.) Bringe das Infentarſtück Nro. 13 aus dem unterirdiſchen Vorrath herauf. Bediente geht. Bediente kommen mit Nro. 13 zurück. Erſter Herr. Sieh' hier einen Mannequin von der ausgezeichnetſten Gattung. Iſt er nicht gut gemacht? Sämiſches Leder vom Kopf bis zu Fuß. Zweiter Herr. Ganz wie ein Menſch! Ein ſehr gut gemachtes Bild. Feines ſämiſches Leder, aber ſehr kalt, ſehr kalt, mein Freund. Erſter Herr. Er iſt mit Roßhaar geſtopft, und da er den Winter über drunten im Gewölbe ſtand, ſo hat das Roßhaar noch ſeine Kälte beibehalten. Ja, er iſt beinahe eiskalt. Es war ein tüchtiges Roßhaar. Thut nichts. Sergell benützte dieſen Mannequin zuletzt, und machte mehrere unſterbliche Werke nach ihm als Muſter. Man darf nur an den Gliedern des Bildes drehen, ſo nehmen Arme, Hände und Alles die Stellung an, die man wünſcht und bleiben darin. Dieſer Mannequin iſt ungewöhnlich ſtark, ſtärker als alle andern, die ich geſehen; denn in allen Gliedern ſind Stahlfedern und hier im Rücken iſt ein Druck von einer ſolchen mechaniſchen Voll⸗ kommenheit und Kraft, daß, wenn man darauf ſtößt, beide Arme augenblicklich vorwärts ſpringen. Wir haben dieſe gut gemachte Maſchine früher benützt; es war bei ver⸗ ſchiedenen phantasmagoriſchen Vorſtellungen. Jetzt kann er zum Muſter dienen, um uns zu zeigen, in welcher Stellung— Zweiter Herr. Mannequin iſt ein lächerlicher Name. Erſter Herr. Das franzöſiſche Wort bedeutet eigentlich Jemand, der von einem Andern in Bewegung geſetzt wird, und alle Stellungen nach dem Willen dieſes annimmt. Zweiter Herr. Ganzrichtig. Aber dieſe Maſchine darf nicht le Mannequin, genannt werden, ſondern la Mannequine, da ſie jetzt eine weibliche Perſon vorſtellen ſoll. Ha, ha, hal Erſter Herr Bringe die Figur in die Stellung, welche Du als Muſter wüͤnſcheſt. Ich verſpreche, daß ſie ſich genau in derſelben Stellung zeigen und ſo ſtehen bleiben ſoll. Genau ſo. Zweiter Herr. Laß ſehen— ja! So, ſo— die Arme offen und ein wenig ausgeſtreckt wie in Erwartung. — ——— 3 3 294 So— den Kopf ein wenig geneigt, wie in ſchwärme⸗ riſcher Sehnſucht. Erſter Herr. Gut! Zweiter Herr. Juste ciel! quelle image, eblouissante! Jouissance jusqu' a phrénesie! Erſter Herr. Nichts angezogen? Zweiter Herr RNein, außer etwa einen Flor oder ein feinmaſchiges ſeidenes Netz, das über den Kopf und bis ganz herabhängt. So wird es noch reizender. Erſter Herr. Bon. Sechste Scene. Stockholm. Ein düſter beleuchtetes Zimmer. Reuterholm(allein). So iſt es Wenn Etwas ordentliches daraus werden ſoll, ſo muß er fortwährend von einem Andern in Bewegung geſetzt werden und ſeine ganze Stellung nach dem Willen dieſes annehmen, und dieſer Andere, der ihn leitet, muß ich ſein. Ah dieſer Kammerherr! ja, ich will ihn wirklich le Mannequin nennen. Das iſt mir lieb, mein Kammerherr!„Kavalier am Hof der Herzogin?“ Nein, nur Kavalier der Hoffräu⸗ lein ſollte er heißen! Aber ich ſehe ein, weder die Dank⸗ barkeit für das was ich an ihm gethan, noch meine in⸗ terreſſanten Geheimniſſe feſſeln ihn genugſam. Es muß noch eine dritte Triebfeder dazu kommen, die mächtig und groß iſt und ganz in ſeinem Charakter liegt. Das iſt ſeine Neigung zu dem Pikanten, zu den Weibern. Daß er ein wenig bei Jahren iſt, macht nichts So werden alle Lücken in ſeiner Zeit ausgefüllt, und er wird ſich von dem leiten laſſen, der ihn leiten muß, weil er es kann. (Es ſchellt; ein Bevienter tritt ein). Hole den herauf, der in Nro 5 ſitzt.(Der Bediente geht). Sonderbare Hartnäckigkeit! aber ich will ſie beſiegen. Der Bediente tritt nach einer Weile mit Azouras herein. 295 Reuterholm. Nun wohlan! mein vornehmer Gaſt, was ſagſt Du zu dem neuen Schlafzimmer? Was ſagſt Du zu Frühſtück, Mittag und Abendeſſen? Azouras. Ich bin eine Gefangene. Reuterholm. Haſt Du alſo endlich Deine wahre Stellung erkannt, haſt Du eingeſehen, daß Ausflüchte ver⸗ gebens ſind? Sieh' mir in's Geſicht. Azouras. Nein. Reuterholm. So ſollſt Du meinen Zorn hören, wenn Du ihn nicht ſehen willſt. Du, deren Naſeweisheit ſo außerordentlich iſt, daß ich keinen Namen für Dich in der Sprache finde, Du, die mich in Gegenwart der Leute erniedrigt und genöthigt hat, Dir aufzuwarten, nicht viel beſſer als ein Hofmeiſter.— Azouras. Ich bat Dich nicht darum. Reuterholm. Du haſt Dich unterſtanden und un⸗ terſtehſt Dich noch immer, mich Du zu nennen. Azouras. Du nennſt mich auch Du. Reuterholm. Du haſt das Unerhörteſte gewagt— Du verläumdeſt mich bei dem kleinen König. Ja, ich glaube beinahe, Du würdeſt mich vertreiben wollen. Azouras. Ach ja! Reuterholm. O Gipfel der Schande und des Zorns! eine Mücke ſo kühn ſingen zu hören. Azouras! Du kennſt mich doch, und glaubſt Du, daß ich Dich ver⸗ nichten kann? Azouras. Gnade, Ew. Ercellenz! ich habe über 36 Stunden nicht den geringſten Streifen von Licht ge⸗ ſehen.— Ach hier innen iſt ein ſo heiterer Tag!— Ich will nicht länger in der Kammer da unten bleiben; es iſt dort ſo finſter. Reuterholm. Aber ich will es ſo. Sage mir, Du ſtolze Aufrührerin, haſt Du Deine Wohnung genau betrachtet. Du haſt geſchmeidige Finger um Ausgänge zu öffnen, Du haſt hübſche Füße, um Dich darauf fortzu⸗ ſtehlen. Haſt Du Alles unterſucht? Haſt Du Fenſter, Lucken und Thüren entveckt, durch die Du hinaus kommen S 296 könnteſt. Kannſt Du wohl jetzt Beſuche machen, die ich nicht erlaube? Azouras. Es iſt keine Thüre, kein Fenſter da, Ew. Ercellenz, nur eine Lücke, vor der der häßliche Kerl Tag und Nacht ſitzt. Ich kann nicht hinaus. Reuterholm. Glaubſt Du jetzt, daß Du gehor⸗ chen mußt? Haſt Du genug von mir geſehen, um zu wiſſen, was ich mit dem thun kann, den ich nicht liebe?2 Haſt Du einige von meinen Gewohnheiten vernommen? Azouras. Ich habe die Bilder geſehen. Reuterholm Nun wohlan! Azouras Ew. Ercellenz kann mich zerſtückeln, erwürgen, mit Stricken oder mit Zangen auseinander ziehen aſſen— meine Mutter! meine Mutter! meine Mutter! Reuterholm. Was weiter? Azouras. Ew. Ercellenz kann mich erſticken, hän⸗ gen, langſam verbrennen laſſen— in ſo entfernten, ver⸗ borgenen, tief unten liegenden Zimmern, daß kein Lebendiger davon weiß, daß Niemand helfen kann.— Ach Ew. Ex⸗ cellenz— Reuterholm. Du ſchauderſt zurück; das iſt ver⸗ nünftig. Alles das kann ich und ſoll ich unfehlbar. Es fragt ſich nur, ob Du glaubſt, daß ich es auch will. Azouras. Was? was? was?— Gnade, Ew. Ercellenz! Reuterholm. So iſt es— Azouras Tinto— Ich will nicht— ich will Dich nicht zerſtückeln, ich will Dich nicht erwürgen laſſen— zouras. Gnade! Reuterholm. Ich will Dich nicht mit Stricken oder rothen Zangen auseinander ziehen laſſen, ich will Dich nicht hängen laſſen. zouras. Gnade, Gnade! die Wendungen in Ew. Ercellenz Reden entſetzen mich. Reuterholm. Was meinſt Du denn, Azouras? verſtehſt Du ſo ſchlecht, was ich ſage? Ich will nicht, 297 ſage ich ju. Dieſe Wendung meiner Rede muß Dich erfreuen, wie ich vermuthe. Azonras. Gnade— O ihr düſtern Schatten— Ich bitte und flehe— Reuterholm. Aber iſt denn Dein Kopf oder Dein Gehör verwirrt? Ich will nicht, ſage ich, ich will Dich nicht erſticken, nicht verbrennen, weder bei ſchnellem, noch bei langſamem Feuer! Azouras. Ich bitte und flehe— Reuterholm. Um was? Azouras. Daß Ew. Ercellenz mich nicht lieben möge. Reuterholm. Nichts Schlimmeres? Du ſchmei⸗ chelſt in der That auf eine ganz eigene Weiſe, ſonderbare Närrin. Iſt meine Liebe Dir noch ſürchterlicher, als mein Haß? Immerhin! ſchadet nichts. Du wirſt dann wenigſtens einſehen, daß Du keinen Ausweg haſt, denn einem von den beiden mußt Du Dich nothwendig aus⸗ ſetzen. Azouras. Schenke mir Deinen Haß. Reuterholm. Den ſollſt Du habenz aber vorher ſage mir noch— denn eine Tugend haſt Du, Du biſt ſehr offenherzig, was iſt denn in meinem Aeuſſern ſo Ab⸗ ſchreckendes, ſo Häßliches für ein Mädchen, daß Du mei⸗ nen Haß der Liebe ſelbſt vorziehſt? Azvuras. Laſſen Sie mich ſchweigen, Ew. Ex⸗ cellenz. Reuterholm. Nein, ſag' es offenherzig. Denn Männer und Weiber, und mein Portrait wie mein Spie⸗ gel, ſie führen alle eine ganz andere Sprache als Du. Azouras. Sie haben Recht in dem, was ſie agen. Reuterholm. Nun wohl; ich bin im Ganzen genommen vielleicht nicht ſo ausgezeichnet unangenehm, oder wie? Sei aufrichtig! Bin ich ſo widrig von Aus⸗ ſehen, meine ſchöne Azouras? Azouras. Ew. Excellenz iſt ſchön. 298 Reuterholm. So— aber— Azouras. Ach— Ew. Ercellenz iſt häßlich, ab⸗ ſcheulich, gemein und recht ſchlecht.— O meine Mutter! meine Mutter! meine Mutter! Reuterholm. So? Nun, wir wollen einen Ge⸗ genſtand fahren laſſen, der nicht hieher gehört. Ich muß Dir mit wenig Worten ſagen, daß Du hier in der Kam⸗ mer Etwas auszuführen haſt, und zwar in einer Viertel⸗ ſtunde. Es iſt nicht ſchwer, wenn Du gehorſam biſt; aber Haß und Strafe, die Du bei mir ſuchſt, ſollen Dein Loos ſein, wenn Du meinen Befehl nicht pünktlich voll⸗ ziehſt. Du verſtehſt mich. Gehorche, oder Du ſollſt— Du erinnerſt Dich doch deſſen, was Du geſehen haſt? Azouras. O Ew. Ercellenz befehlen Sie, was ſoll ich thun? Reuterholm. Du ſiehſt hier mitten im Zimmer eine Figur, ein ſtehendes Bild⸗ Azouras. Das dort mit der Haut von weißem Leder? Reuterholm. Ja, eine Mannequine. Du ſiehſt, welche Stellung das Bild hat. Der Kopf iſt ein wenig geſenkt, die Arme ſind etwas vorwärts geſtreckt, gleichſam um zur Umarmung einzuladen. Alles, was ich von Dir fordere, iſt, daß Du ſelbſt die nämliche Stellung einnimmſt, NB. ganz dieſelbe. Azouras. Gerne, Ew. Ercellenz. Reuterholm. Dort ſiehſt Du einen Alkoven, vor dem die großen Gardinen hängen. Dahinter kannſt Du Dich entkleiden. Dann ſchiebſt Du dieſes Lederbild hinter die Gardinen und ſtellſt Dich ſelbſt hier im Zimmer an ſeinen Platz, NB. ganz auf denſelben Platz, verſtehſt Du? Und dieſe Stellung wirſt Du ununterbrochen beibehalten und ſtille ſtehen. Azouras. Aber— Reuterholm. Da iſt ein großes, ſeidenes Netz mit ſo feinen Maſchen, daß es wie Flor ausſieht; das wirſt Du vom Kopfe bis zu Fuß über Dich hernnter 3 299 hängen. Du wirſt es auf dieſelbe Weiſe über Dich hän⸗ gen, wie ich es jetzt über die Mannequine werfe.(Er hängt das Netz über das Bild.) Auch befehle ich Dir, heiter zu ſein. Dein melancholiſches Geſicht paßt nicht für dieſe Gelegenheit. Sei nicht mehr über das erſchrocken, womit ich Dir gedroht habe. Davon geſchieht Dir nicht mehr als den Andern, wenn nur einige Vernunft, einiger Gehorſam da iſt. Azouras, Du haſt Grund, Dich erha⸗ ben, ſtolz und freudig zu fühlen; denn das, was ich Dir befehle, iſt Dein eigener, höchſter Triumph Du, Azouras — ich ſchmeichle nicht.— Du haſt die ſchönſten Formen in Stockholm, in Schweden, in Europa. Ich bin gereist und ich weiß, was ich ſage. Azouras. Verachten Sie meine Bitte nicht! Reuterholm. Was? Azouras zu meinen Füßen? Auf den Knien? Ach ſteh' auf, liebliche feenähnliche Grazie! 2 Azouras. Ach wunderbare Schatten in meiner Heimath, gebt mir Worte, um recht zu ſprechen, um meine Worte richtig anzubringen. Reuterholm. Was iſt das? Azouras. Ich fürchte mich vor dem Schrecklich⸗ ſten, was mir geſchehen kann. Reuterholm. Die Stellung dieſes Bildes anzu⸗ nehmen? Azouras. Es ahnt mir— Reuterholm. Steh' auf! ſteh' auf! Azouras. Ich ſtehe nicht auf, bis Ew. Exeellenz ihr gnädiges Verſprechen erneuert. Reuterholm. Welches Verſprechen? Azouras. Was Ew. Ereellenz mir gnädig gab; daß Sie mich nicht umfaſſen wollten mit ihrer— Reuterholm. Mit meiner Liebe? Nein, das ver⸗ ſpreche ich und werde es halten. Azouras. Daß ich, wenn ich die Stellung dieſes Bildes angenommen habe, nicht genöthigt werde näher zu— 300 Reuterholm. Zu mir zu treten? Nein, das ver⸗ ſpreche ich. Azouras. Dann athme ich frei. Dann werde ich gehorchen und Alles gerne thun. Kann ich vollkommen gewiß ſein, daß dies Alles nicht auf eine Neigung von Ew. Ercellenz deutet? Reuterholm. Nein, ich betheure es.— Steh' jetzt auf, Sonderbare, Liebloſe. Azouras Dann bin ich frei und glücklich. Ew. Erxcellenz ſoll mit mir zufrieden ſein. Reuterholm. Aber Du darfſt nicht lange zögern. Sobald Du dies Bild hineingeſchoben und Dich in ſeine Stellung auf dieſem Platz hier im Zimmer geſtellt haſt, ſo ſchelle hier mit dieſer kleinen ſilbernen Glocke zum Zeichen daß es geſchehen iſt. Azouras. Ich werde ſchellen. Reuterholm. Ich gehe. Azouras, fürchte Dich nicht und gehorche. Reuterholm ging und Azvuras beſah ſich das Zimmer. Sie fand ſich ganz allein und ging zu dem Bilde mit dem ſeidenen Netze hin. Als ſie die Mannequine anfühlte, zog ſie die Finger ſchnell vor der ungewöhnlich ſtarken Kälte in der Figur zurück und trat hinter die großen Gardinen des Alkoven. Hinter dieſen ſitzend zog ſie Schuhe und Strümpfe aus; blieb aber dabei ſtehen und vergnügte ſich mit dem, was ſie bei ſolchen Gelegenheiten oft that, nem⸗ lich daß ſie die Hände neben die Füße legte und ſo alle Viere mit einander verglich. Sie zögerte mit ihrem wei⸗ teren Entkleiden. Die ängſtliche Stimmung wollte ſie nicht verlaſſen. Es kam ihr höchſt ſonderbar vor, daß Reuterholm ſeinen Befehl mit ſo großen Drohungen be⸗ gleitet hatte. Es war der armen Aktrice ihr ganzes Leben lang etwas ſo Gewöhnliches geweſen, ein anderes Coſtüm anzuziehen, daß es ihr beinahe wie ein Werktagsgeſchäft vorkam. Warum alſo ſo große Drohungen wegen einer ſolchen Kleinigkeit?„Kann ich mich auf die Execellenz verlaſſen?“ fragte ſie ſich ſelbſt.„Das erfahre ich leicht, 301 wenn ich ſchelle. Wenn ich ſchelle, ſo werde ich ſehen, was erfolgt.“— Ohne weiteres Bedenken zog ſie die Glocke und ein reiner Silberklang tönte durch das Zimmer. Augenblicklich öffnete ſich eine andere Thüre, als die, durch welche Reuterholm hinaus gegangen war, und ein Mann ſtürzte herein. Er ſprang mit großer Lebhaftigkeit herzu, entweder um durch die Schnelligkeit ſich ſelbſt an einem feigen Stehenbleiben und bei Seite wanken, oder um Jemand anders am Entfliehen zu hindern— genug, er fuhr mit offenen Armen gerade gegen die ſtehende Figur mit dem ſeidenen Netze und umarmte ſie äußerſt heftig. Er kam dabei mit den Händen an die Feder im Rücken der Maſchine. In einem Nu ſchlang das Bild ſeine Arme um ihn, und auch die Beine deſſelben flogen vorwärts und umfaßten ihn wie ſcharfe Krebsſcheeren. „Hu— eiskalt.“ Mit dieſem Ausruf fiel der Hereingetretene zu Boden, und die Mannequine, aus deren doppelter Stahlfedern⸗ Umarmung er ſich nicht loszumachen vermochte, ſtürzte zugleich mit ihm um. Azouras, erſchrocken über dieſen Auftritt, eilte aus dem Alkoven hervor und durch die Thüre hinaus, durch welche der heſtige Menſch eben herein gekommen war. Sie ſprang fort, um Hilfe zu ſuchen. Sie kam in ein großes, prachtvolles Zimmer mit hohen Bücherkäſten von Maha⸗ goni. Es war vermuthlich eine Bibliothek; aber ſie hatte keine Zeit, um die Augen auf die Bücher oder die zahl⸗ reichen Reihen der großen, reich beſchlagenen Meerſchaum⸗ pfeifen zu werfen, welche Wände und Ecken zierten. Sie eilte von hier hinaus und kam ſo in ein anderes Zimmer, und ſo von Zimmer zu Zimmer und endlich in einen Saal. Auch hier war kein Menſch; aber von einem nahe gele⸗ genen Zimmer aus hörte ſie eine laute Munterkeit und mehrmals wiederholtes Gelächter. Sie näherte ſich der Thüre und hörte, daß innen eine Geſellſchaft war, die nach den Stimmen zu urtheilen, dem größten Theil nach aus Frauenzimmern beſtand.„Das iſt unglaublich, ungeheuer, unbeſchreiblich! ha, ha, ha! Doch das findet ſich nur in Büchern! Hat Roſen keine Geſchichte der Art mehr?“— Wenn Ihre Königliche Hoheit, die Frau Herzogin, beſehlen, antwortete eine Stimme, ſo—„Ja, ich befehle es! Ha, ha, ha!— aber die Mariage des Mort— vivants, meine Hoffräuleins! So etwas hab' ich noch nie gehört, und ohne Zweifel findet ſich das auch nur in Büchern; denn ſähe man es in der Wirklichkeit, ſo müßte man ſterben vor Lachen; ſo aber darf man wenigſtens doch leben; ha, ha, ha!“ Azouras, die bei dem Gedanken an ihren armen umgefallenen nicht länger zu zögern wagte, öffnete leiſe die Thüre, trat über die Schwelle und ſagte: „Hilfe, ſchnelle Hilfe für einen höchſt unglücklichen Mann, der hier in dieſen Zimmern auf dem Boden liegt.“ Bei dieſen Worten ſtand der ganze Hofzirkel der Regentin auf. Sie ſelbſt— Jeder, der die damalige Herzogin, Hedwig Eliſabeth Charlotte, kannte, weiß, daß ſie mit der größten Lebhaſtigkeit und beinahe Geſchwätzig⸗ keit in ziemlich freien Gegenſtänden die liebenswürdigſte Theilnahme an den Menſchen, auch an den geringſten in ihrer Umgebung vereinigte, und wenig nach der Etikette fragte, wenn es ſich darum handelte, einem Leidenden oder Unglücklichen ſchnell beizuſpringen— ſie ſelbſt war daher von allen Anweſenden diejenige, welche ihren Entſchluß zuerſt faßte, einen ſilbernen Leuchter mit brennendem Wachoslicht vom Tiſche nahm und nach der Thüre ſprang. „Wo, wo iſt der unglückliche Menſch?“ fragte ſie mit muntern Geberden;„ich habe die Mariage des Mort— vivants noch ſo im Kopfe, daß ich ein wenig konfus bin. — Wohin? wohin— zeigen Sie— wohin ſollen wir gehen?“ Nach einem Zimmer am Ende des Stockwerks, ant⸗ wortete Azouras. Die Herzogin Regentin eilte fort und die vom Hofe, welche ihren Schritten folgen konnten, kamen mit ihren Lichtern in den Händen nach, ſo daß der Zug durch —— M——— 303 die Zimmer einer beweglichen Reihe von flammenden Sternen glich, die von der Heimath des Hohen zum Beiſtand des Gefallenen forteilten. Azouras blieb. Sie wolite nicht mehr hinein und freute ſich, dem eleganten Zuge entſchlüpfen zu können, ohne bemerkt zu werden. Sie war um ſo mehr erfreut, als, nachdem alle Uebrigen im Zug der Herzogin verſchwunden waren, ein einziges Hoffräulein noch im Zimmer zurück blieb, zu Azouras hin ging, ſie freundlich bei der Hand nahm und deutlich zeigte, daß ſie ſie nicht verachtete, obſchon die arme Azouras nichts an ihren weißen Füßen hatte. Zwölftes Buch. Sie wird ſich getödtet wäbnen, aber ſich erſtaunt in einem lebendigen Zuſtande fühlen und nach Höfen und Zimmern geführt werden, die ſie dereinſt ihr Him⸗ melreich nennen wird, wenn ſie aufge⸗ klärter ſein wird und Einſicht von ſolchen Dingen bekommt. Erſte Scene. Stockholm. Bei Baron Reuterholm. Reuterholm. Kann ſeine Verkältung bedenkliche Folgen haben, Herr Aſſeſſor? Hagſtröm. Die Erkältung war ſehr ſtark; doch iſt ſie für gegenwärtig als Krankheit betrachtet, gänzlich gehoben. Er iſt wieder friſch und geſund, ja er lacht ſogar ſelbſt über das ganze Abenteuer. Sehr wahrſcheinlich iſt es indeſſen, daß die Sache einen Rheumatismus, einen verderbten Magen und vielleicht Gichtleiden für das ganze Leben zur Folge haben wird. Zweite Scene. Stockholm. Bei dem Hoffräulein Gräfin von Rudenſköld. Azo uras. Was ſchreibſt Du, mein Fräulein? Fräulein v. Rudenſköld. Ich habe die Ge⸗ wohnheit, alle Begebenheiten, alles, was ich ſehe und höre, aufzuzeichnen. Das kann einmal von Nutzen ſein. Azouras. Wie glücklich fühle ich mich in dieſen Zimmern, und hier darf ich alſo wohnen? Darf bei Dir, auf Deinem Sopha ſitzen, in dieſen kleinen, gemüthlichen Zimmern? und ich darf in dieſer einfachen, ſchönen Frauen⸗ zimmerkleidung gehen? Ich gefalle mir mehr darin, als in meinen früheren, prächtigen Opernkoſtümen. Friede und Ruhe umgeben mich. Aber Du ſchreibſt ſo fleißig, mein Fräulein? Fräulein v. Rudenſköld. Eben jetzt zeichne ich all' das Schreckliche und Abſcheuliche auf, das Du mir von dem entſetzlichen Menſchen erzählt haſt Azouras. Ja, Du wirſt Dich dann nicht über meine Unhöflichkeit wundern, daß ich der Herzogin nicht ſelbſt den Weg durch die Zimmer zeigte. Ich ſah, daß ſie mit ihrem Hof und ihren Wachslichtern auch ohne mich den rechten Weg ging. Fräulein v. Rudenſköld. Ich werde das nie eine Unhöflichkeit nennen Azouras Außer Reuterholm ſelbſt verabſcheue ich auch einen Herrn, der immer in Verbindung mit ihm ſteht; aber ach!— gleich viel— jetzt fühle ich mich frei, wie ein Vogel. Wie gut warſt Du nicht, mein Fräulein, daß Du der Herzogin nicht folgteſt, ſondern da bliebſt und Dich zu mir wendeteſt, ja mich ſchnell von dort weg und hieher in Deine Heimath führteſt. Ich kann dieſes Glück kaum faſſen. Fräulein v. Rudenſköld. Wir wollen nicht die Fremden vor einander ſpielen. Ein gemeinſchaftlicher, ⸗ 305 hoher Freund führte uns zuſammen. Seine Majeſtät hat mir einen Wink gegeben. Azouras. Guſtav Adolph? Fräulein v. Rudenſköld Einen Wink, Dir bis auf Weiteres eine Freiſtätte bei mir zu geben, ſo bald es Dir gelingen ſollte, aus Deiner Einkerkerung bei Reu⸗ terholm loszukommen. Aber nimm Dich in Acht, daß er Dich nicht wieder— Azouras. Mein Fräulein! zeichne dann noch mehr auf. Ich habe noch viel zu erzählen, denn ich kenne ihn. Und verſprich mir heilig, ein Werk auszuführen. Fräulein v. Rudenſköld. Was für ein Werk? Azo uras WMit Guſtav Adolph zu ſprechen, ihn ermahnen, König zu ſein, und den Menſchen zu vertreiben. Ich habe meinen Guſtav Adolph bereits dazu aufgefordert. Fräulein v. Rudenſköld. Was haſt Du gewagt? Azouras. Ich hab' es angefangen. Aber ich darf den jungen König vielleicht nie mehr allein ſehen. Er iſt ſo umgeben, und mich würden ſie ſogleich fangen, denn ſie kennen meine Meinung. Aber Du haſt das Ohr des Königs, und Du haſt auch Freunde. Vollende mein Werk. Fräulein v. Rudenſköld. Das iſt höchſt ge⸗ fährlich, und daran darf man jetzt nicht denken. Azouras. Aber vergiß es nicht. Dritte Scene. Stockholm. Bei Baron Reuterholm. Reuterholm(allein). Das Weſen entflieht mir mit einer Kunſt und einem Gluͤck, die beide ſo groß ſind, daß ich nicht weiß, was das größte iſt. Wo mag ſie wohl ſein? Ich muß ſie furchtbar erſchreckt haben. Das iſt närriſch! aber es freut mich ungemein, dieſe Wirkung meiner Erfindung zu ſehen. Ich bin kein Narr; ich hänge, foltere oder verbrenne die Leute nicht; und es iſt merk⸗ würdig, daß man überhaupt glaubt, ſo Etwas könne in unſerm kalten Schweden und in unſerer Zeit noch angehen. Der Königin Juwelenſchmuck. 20 Indeſſen aber bewirke ich durch imaginäre Foltern und durch den Schrecken, den ich den Leuten einjage, eben ſo viel, als die Inquiſition durch ihre wirklichen Folterwerk⸗ zeuge zu Stande brachte. Nur durch Kupferſtiche und Gemälde, nur durch Phantasmagorien, durch finſtere Zimmer und unterirdiſche Stimmen bringe ich die Leute zu Allem, was ich wünſche, ohne daß ich ihnen eine Sehne zu ver⸗ ziehen brauche. Ich bin mir nicht bewußt, jemals einem Menſchen etwas Böſes gethan zu haben. Aber durch meine Erfindung, durch dieſes Einwirken auf die Einbil⸗ dungskraft erziele ich eben ſo große Reſultate; wie einſt Kardinal Fimenes oder Philipp Il.; und ich frage, ob nicht meine Methode beſſer, für das Zeitalter paſſender und hübſcher iſt, als die ihrige?— Es wird gehen. Wenn ich nur die ſonderbare Närrin erwiſchen könnte; ſie iſt mir eine höchſt nothwendige Triebfeder an beiden Orten, ja auch bei dem Garcon, denn ihre Reden und Ermah⸗ nungen, daß er mich vertreiben ſolle, ſind gerade durch ihre Offenheit und Planloſigkeit ſo ohne alle Gefahr für mich, daß ſie mir eher gefallen. Sie machen ihren Um⸗ gang für den jungen König pikant und entfernen jeden Gedanken, daß ich eigentlich ſie und ihn ohne ſein Wiſſen leite. Aber gefangen und ein wenig ernſthaft gedruckt muß ſie werden. Sonderbar! daß ein ausländiſcher Agent hier während meines Aufenthalts in Rom auf den Ge⸗ danken kam, dieſem anziehenden Weſen heimlichen Zutritt zum Schloſſe zu verſchaffen, ſo daß ſie frühzeitig eine unterhaltende Spielkamerädin für den kleinen Guſtav Adolph wurde, ohne daß der ſelige König Guſtav etwas davon wußte, noch ſie kannte. So ſpinnt Einer das Garn und ein ganz Anderer webt den Zeug. Das Dumme daran iſt nur, daß ein ſo unangenehmer und ungerechter Ver⸗ dacht, als ob ich an der Mordthat bei der Maskerade Antheil genommen oder wenigſtens davon gewußt habe, ihr nur einfallen konnte. Es mußte Jemand meinen Namen mißbraucht haben. Wer mag dieſer Fremde geweſen ſein? Wie ſoll ich einen ſo ſchwarzen Punkt 307 aufklären? Gibt es noch eine Tiefe unter meiner Tiefe? Der Agent veranlaßte ſie in jener entſcheidenden Nacht, in den Gängen des Theaters.— Es iſt übrigens ärgerlich, daß ſie mir ſolche Dummheiten ſagen konnte, wie in Stafſjö. Doch ſie ſoll gebändigt werden! Daß ſie mich gehörig fürchtet, das ſeh ich; allein wenn ſie ſich vor meiner Liebe noch mehr fürchtet, als vor meinem Haß, ſo könnte mich die Luſt anwandeln, ſie meine Liebe empfinden zu laſſen Ja wahrhaftig! die Sitte, um Haß zu flehen, wenn die Bitte von gewiſſen Geſichtern ausgeht, mahnt an etwas ganz Anderes, als an Haß. Es iſt eine ganz neue, reizende, ſeltſame Manier. Doch gleichviel! ſie darf nicht entdecken, wie ſehr es mir daran liegt, ſie da zu behalten; ſie könnte mich noch einmal zu einer Stafſſö⸗ Komödie nöthigen. Die Capricioſa! mich flieht ſie be⸗ ſtändig, aber ſie ſoll anderer Meinung werden. Sie iſt gewiß im Umkreis von Stockholm? Ha, da fällt mir Etwas ein! Sie bat ja den König um Haus und Hei⸗ math und vielleicht auch um Geld; aber da der roi-garcon noch ſehr wenig geben kann, ſo endigte ihr Anſuchen diesmal mit einer Schickung nach mir, und ich will nicht glauben, daß ſie einen ſo gefährlichen Verſuch bald er⸗ neuert. Aber— ſie verbirgt ſich ſicher in einem der Hofeirkel? Welcher iſt der verrückteſte? Die Armfeld'⸗ ſche Kotterie! Da haben wir's! Ganz gewiß verbirgt ſie ſich bei Madeleine Rudenſköld. Gut— meitz römiſcher Kammerdiener, Crispino, gilt ſo viel, wie kin Sbirre. (Er ſchellt; der Beviente tritt ein.) Crispin, Du erinnerſt Dich doch noch des Geſichtes der Perſon, die mit mir von Stafſjö hergefahren kam? rispin. Ja, Ew. Ercellenz. Reuterholm. Du ſollſt einen Auſtrag erhalten, der Deinem Taſchenbuch Borten eintragen wird. Vierte Scene. Stockholm. Bei Fräulein von Rudenſköld. Die Kammerjungfer. Ein Bote vom Schloſſe, der der Gräfin Geſchenke von Seiner Majeſtät bringt. 20* †i 4 1 Fräulein v. Rudenſköld. Ah, der Gute! Sieh da, Shawls, Hüte, Kopfſchmuck; aber warum ſo viel? Die Kammerjungfer. Der Hoflakai ſagt, wenn das gnädige Fräulein eine Bekannte haben ſollte,— ja, falls das Fräulein Jemand bei ſich habe, der ſolche Dinge wollte oder bedürfte— ſo ſollten die Geſchenke mit dieſer getheilt werden. Fräulein v. Rudenſköld. Ich wrill ſelbſt mit dem Hoflakai ſprechen. Probire Du einſtweilen die Hüte, Azouras.(Geht hinaus.) Azouras(für ſich.) Nein— davon paßt nichts. Fräulein v. Rudenſköld(kommt zurück.) Seiner Majeſtät Gnade iſt ſo groß, daß er uns grüßen und aus⸗ drücklich erklären läßt, wenn das Mitgeſchickte nicht paſſe, ſo dürfe es bei Hartins und Frau Gerenius am Münz⸗ markte ausgetauſcht werden; und Seine Majeſtät würde es am liebſten ſehen, wenn man in dieſem Fall ſelbſt nach der Bude führe um etwas ganz Neues und ganz Paſſen⸗ des auszuwählen. Azouras. Mir paßt keine einzige dieſer Kopfbedeckungen. Fräulein v. Rudenſköld So beeile Dich, Sei⸗ ner Majeſtät Gnade zu benützen, Du bedarfſt dieſer Dinge. Drunten ſteht ein Hoſwagen, fahre darin zur Bude Laß es Dir doch angelegen ſein, Dich ſo wenig als möglich zu zeigen.(Azouras geht hinaus.) Der gute Guſtav Adolph! Doch, iſt denn ſein Taſchengeld jetzt größer geworden?— Wie? was ſeh ich? ſie kommt wieder zurück! Azouras. Ich fahre nicht. Fräulein v. Rudenſköld. Warum? Azouras. Ich erkannte das Geſicht eines der Män⸗ ner, die hinten auf dem Wagen ſtanden. Er heißt Cris⸗ pin und iſt ein Reuterholmer. Fünfte Scene. Stockholm. Bei Baron Reuterholm. Reuterholm Verſtehſt Du die Sache jetzt beſſer? Crispin. Ja. 309 Sechste Scene. Stockholm. Bei Fräulein von Rudenſköld. Azouras. Ein Paar Mal. Aber ich verſtehe bei⸗ nahe nichts von den Predigten. Dagegen thut es mir wohl, die Orgel zu hören. Fräulein v. Rudenſköld. So thue alſo, wie ich ſage, und laß uns heute zuſammen nach der Kirche fahren. Du wirſt ſehen, daß es Dir eine große Freude machen wird. Wir fahren z. B. nach Clara. Azouras. So hieß auch meine Mutter. Laß uns hinfahren. Siebente Scene. Stockholm. Die Clarakirche. Fräulein Rudenſköld und ihr Gaſt ſaßen auf einem der Bänke in der hellen und ſchönen Kirche von Norr⸗ malm, die ein Ueberreſt des früher berühmten Sct. Clara⸗ kloſters iſt und noch dieſen Namen trägt. Die Predigt war zu Ende, und die mächtigen, vollen Töne der Orgel, welche die geſchickten Hände eines ausgezeichneten Orga⸗ niſten dem Werke entlockten, ſchwebten in unſichtbaren Engelchören um die hohen Wölbungen der Kirche, ſenkten ſich dann zu den Zuhöhrern hinab und drangen warm in ihre Herzen. Azouras ſprach kein Wort. Sie ſang auch nicht, denn ſie wußte keinen Pſalm, und Fräulein von Ruden⸗ ſtöld ſang nicht, weil ſie das in der Kirche nicht zu thun pflegte. Während des Orgelſpiels erlaubte ſich jedoch das Fräulein mancherlei über Doktor Asplunds Predigt, die ſo ſchön, und über die Bekanntmachungen nachher, die ſo widerwärtig geweſen ſeien, zu äußern. Da aber ihre Nach⸗ barin, ohne eine Antwort zu geben, fortfuhr, ihre Angen beinahe unbeweglich und mit großen Blicken vorwärts zu richten, wie wenn man hinaus ſchaut, ohne etwas Be⸗ ſtimmtes zu betrachten, ſo änderte das Fräulein den Ge⸗ genſtand der Unterhaltung. Sie ſprach innige und freund⸗ liche Worte über das ſchöne Weſtgötland und ihre Ver⸗ wandten daſelbſt, zu denen ſie ihre von ſo vielen großen Gefahren in der Hauptſtadt bedrohte Freundin bei Gele⸗ genheit zu ſchicken gedachte. Schnell bei einem Tonfall in der Muſik, der eine Cadenz ſchloß, fuhr Azouras mit einem Kopfniken zuſam⸗ men, blinkte ſchneil mit den Augenwimpern und ein leichter Seufzer gab zu erkennen, daß ſie von einem innern, be⸗ trachtenden, unerklärlichen Zuſtande wieder zu ihrer Freun⸗ din und zu ſich zurück kam. Etwas Unbeſchreibliches von höchſt trauriger Färbung, und beinahe ſchwarzem Teint, ſchimmerte in ihrem Auge und mit einem kindlichen Blick auf Fräulein von Rudenſtöld ſprach ſie:„Sage mir, was ſtellt das große Gemälde dort hinten vor?“ Das Altargemälde? Weißt Du das nicht? das Altar⸗ gemälde in Clara iſt eines der ſchönſten, das wir haben. „Was geſchieht dort?“ fragte Azouras. Das Fräulein ſah zur Seite; ſie wußte nicht, daß ihre Nachbarin auf der Bank ein Mädchen ohne Taufe, ohne Chriſtenthum, ohne die geringſte Kenntniß von der heiligen Religion, daß ſie eine Heidin war— ja weit weniger als eine Heidin, denn eine ſolche hat doch ihre Lehre, wenn auch keine chriſtliche. Fräulein von Ruden⸗ ſtöld glaubte, die Frage des Mädchens rühre nur von einer zufälligen Vergeßlichkeit her und antwortete: Nun, Du ſiehſt, daß es einer der gewöhnlichen Stoffe iſt; aber ungewöhnlich gut gemalt Hoch oben, zwiſchen den übrigen Perſonen auf dem Gemälde bemerkſt Du eine zur Hälfte liegende Figur, die todt iſt— ſieh', welchen Ausdruck der Maler in jeden Zug gelegt hat— das iſt der Erlöſer. „Der Erlöſer?“ Ja, Gottes Sohn, wie Du weißt; oder Gott ſelbſt. „Und er iſt todt?“ erwiderte Azouras mit einem ver⸗ wunderten Geſicht bei ſich ſelbſt.„Ja, ich glaub' es; es iſt ſo; es iſt göttlich, todt zu ſein.“ 31¹ Fräulein v. Rudenſtöld ſah ihre Nachbarin mit großen Augen an. Du mußt dieſen Gegenſtand nicht mißver⸗ ſtehen. Es iſt etwas Menſchliches leben und leben zu wollen. Das kannſt Du auch aus dem Altargemälde ab⸗ nehmen, denn alle andern Perſonen, die Menſchen ſind wie wir, leben. „Laß uns von hier hinaus gehen! Eine Angſt be⸗ drückt mir die Bruſt.“ Was meinſt Du? „Laß uns gehen, laß uns gehen!“ Das Mädchen ſtand auf und obſchon der Gottesdienſt noch nicht ganz zu Ende war, mußte Fräulein von Rudenſköld ihr folgen. Aber als ſie an die Kirchthüre gekommen waren, blieb Azouras plötzlich ſtehen und ſagte:„Es ſpricht Etwas zu mir, ich weiß nicht, was es iſt; aber es iſt eine große Gefahr. Geh', mein Fräulein, geh' zu Deinem Wagen und fahre allein heim. Ich fühle, daß ich Dir nicht fol⸗ gen kann.“ Sonderbare Grille! „Die Abgeſandten des Schrecklichen haben ja ſchon entdeckt, daß ich bei Dir wohne. Er, der Macht genug hatte, um mich von meinem König, meinem— meinem großen Beſchützer wegzureißen, er wird mich auch bei Dir oder in Deiner Geſellſchaft ergreifen laſſen können. Ge⸗ rathe ich einmal in ſeine Hände, ſo vergehe ich. Ich folge Dir nicht.“ Aber was gedenkſt Du zu thun? „Ich weiß es nicht. Aber ich bleibe noch hier, bis meine Angſt vorüber iſt. Geh, meine Süße— Du ſollſt von mir hören.“ Fräulein Rudenſtöld entfernte ſich von ihr, ging zur Kirche hinaus und über den Kirchhof nach dem öſtlichen Thore, das in die Ovenſtraße führt. Eben als ſie im Begriff war, in den Wagen zu ſteigen, näherte ſich ein Mann und ſtellte ſich mit artigen Geberden vor den Fuß⸗ tritt. Er wollte wiſſen, ob ſie allein ſei?—„Ich weiß nicht, wer das Recht hat, eine ſolche Frage an mich zu ſtellen? Sie ſehen ja, daß ich allein bin!“ antwortete ſie und ſuchte den Naſeweiſen durch einen vornehmen Blick zu entfernen.— Man muß eine einfache Frage nicht für frevelhaft anſehen! entgegnete er; aber wenn meine gnä⸗ dige Gräfin jetzt allein iſt, ſo haben Sie die Gnade, mir zu ſagen, ob Sie auch allein hergekommen find?— „Crispin,“ ſagte Fräulein von Rudenſköld und fixirte den Verkleideten ſcharf,„ſagen Sie Ihrem Herrn, daß er meine Antwort am Hofe erhalten ſoll.“— Dieſe Worte ver⸗ blüfften den Entdeckten; er wich verlegen zur Seite. Das Fräulein ſprang in den Hofwagen und fuhr heim. Den⸗ noch war Crispin überzeugt, daß der Gegenſtand ſeiner Nachforſchungen in der Nähe ſei, und er ließ daher die Umgebungen der Kirche nicht aus den Augen. Er ſchickte ſeine zahlreichen Handlanger nach den verſchiedenen Straßen um die Kirche herum und ſie umzingelten dieſelbe faſt ganz. Das Mädchen blieb indeſſen fortwährend innen. Sie trat in einen Winkel bei der Orgel und ſah die Leute all⸗ mälig hinaus wandern, ohne bemerkt zu werden. Endlich hörte ſie den Meßner und den Kirchendiener ihrer Wege gehen. Als die letzte Kirchenthüre zugeſchlagen wurde, trat Azouras aus ihrem Verſteck hervor. Von der ganzen Welt abgeſchloſſen, von allen Menſchen getrennt, fand ſie ſich als die alleinige Bewohnerin eines großen und hellen Ge⸗ „ in dem die Mittagsſonne alle Gegenſtände ver⸗ goldete. So vollkommen unbekannt ſie auch mit unſern heili⸗ gen Kirchengebräuchen und der Bedeutung der Dinge war, die ſie um ſich ſah, ſo hatte ſie doch früher einige Male, als ihre Mutter noch geſund war, dem Gottesdienſt zum Zeitvertreib beigewohnt und dabei ihre Aufmerkſamkeit auf Manches gerichtet. Die Perſonen, mit welchen ſie in den ängen und Sälen der Oper lebte, gingen beinahe nie in das Gotteshaus; und im Allgemeinen war das Kir⸗ chengehen in dieſem ganzen Zeitraum nicht ſehr in der Uebung. Es iſt daher nicht zu verwundern, wenn ein Kind, das kein Mitglied der Gemeinde war, und niemals 313 von einem Prieſter eine Belehrung erhalten hatte, das verſäumte, was ſelbſt die Eingeweihten nicht fleißig beo⸗ bachteten. Sie ging in dem Kirchengange vorwärts, und nie⸗ mals hatte das düſter, ſchreckliche Gefühl der Verlaſſen⸗ heit ſie mit einer ſolchen Macht erfaßt, wie jetzt; denn es war mit den Ahnungen einer großen drohenden Gefahr vereinigt. Ihre Bruſt klopfte heftig; ſie ſehnte ſich— ſehnte ſich unausſprechlich— aber wohin? Nach ihrem wilden, freien Wald, wo ſie flink wie ein Reh umherge⸗ ſprungen war? Oder wohin? Sie trat gegen das Chor vorwärts und näherte ſich dem Altarkreis.„Hier erinnere ich mich, daß ich einmal — aber es iſt lange her und es ſteht nur wie ein Schatten vor meinem Gedächtniß— daß ich einmal viele Leute hier knien ſah; das muß ihnen zu Etwas gedient haben. Wie, wenn ich auch ſo thäte?“ Doch dachte ſie, es würde unanſtändig für ſie ſein, auf dem zierlichen Knieſchemel des Altarringes ſelbſt ſich niederzulaſſen. Sie faltete daher ihre Hände und kniete außerhalb des Chors auf den Steinboden. Aber was ſollte ſie jetzt weiter thun oder ſagen? Wozu ſollte das Alles dienen? Wohin ſollte ſie ſich wenden? Sie wußte es nicht. Sie ſah in ihre Gedanken hinab wie in eine unermeßlich ſchweigende Wohnung. Kummer und Furcht gingen in leiſen Wallungen, in ſchimmernden, gebrochenen Wellen durch ihr Gefühl. Ach, eine Stütze! eine Hülfe!— wo? wo? wo? Sie blickte ſtille umher, ſie ſah Niemand. Sie war gewiß, der ſchrecklichſten Gefahr zu begegnen, ſo bald die Thüre geöffnet wurde, wenn nicht Hülfe von innen kam. Sie wandte die Augen zurück nach der Orgel und flehte in ihren Gedanken die langen, blinkenden, ſymetriſch daſtehenden Pfeifen um Hilfe an; aber alle ihre Munde ſchwiegen jetzt. Sie ſah nach der Kanzel hinauf; dort ſtand Niemand. — ——— —— ——— — —— — 314 Auf den Bänken ſaß Niemand. Sie ſelbſt hatte ihre letzte Freundin von hier und von ſich entfernt. Sie wendete den Kopf wieder nach dem Chore em⸗ por. Sie erinnerte ſich, daß damals, als ſie ſo viele Leute hier herum verſammelt geſehen, auch zwei Geiſtliche in ihren Gewändern innerhalb der Schranken herum ge⸗ Langen waren und den Knienden Etwas dargeboten hatten. Ohne Zweifel war es Etwas zur Hülfe geweſen! Aber jetzt, jetzt war Niemand da drinnen. Wohl lag ſie mit gefalteten Händen und verlangenden Augen auf den Knien, aber Niemand, Niemand, Niemand bot ihr das Geringſte. ie weinte. Sie ſah durch die großen Kirchenfenſter hinaus nach dem klaren Mittagshimmel. Ihre Blicke irrten über den weiten, feinen Azurglanz, der ſich unermeßlich nach allen Richtungen hin erſtreckte; aber an nichts konnte ihr Auge haften. Kein Stern ſchien jetzt und das Bild der Sonne ſelbſt wurde von den Fenſterpfoſten verdeckt, obſchon ſeine milde, goldene Flut über die Welt hinrann. ie mußte alſo ihren Blick wieder herein wenden und er ſenkte ſich zu Boden. Ihre Knie ruhten auf einem rabſtein und ſie ſah mehrere ähnliche umher. Sie las die eingehauenen Namen auf den Steinen, ſie waren alle ſchwediſch, und richtige, gebräuchliche Namen.„Ach!“ ſagte ſie ſeufzend zu ſich ſelbſt,„ich heiße nicht wie die Andern! Meiner Namen waren viele, ich entlehnte ſie von — Ach und mußte ſie oft wechſeln. Einen eigenen be⸗ am ich nicht. wenn ich doch einen einzigen hätte, wie andere Menſchen! Mich hat Niemand in ſeinem Buche aufgeſchrieben, wie ich von Andern hörte, daß ſie aufge⸗ zeichnet ſein ſollen. Nach mir fragt Niemand. Ich habe mit Niemand Etwas zu ſchaffen.“ „Arme Azouras!“ flüſterte ſie leiſe über ſich ſelbſt. Sie weinte ſehr. Es war nicht jemand Anders, der da ſagte:„Arme Azouras Tintomara!“ Aber es war doch ein inneres, hö⸗ heres, unſichtbares Weſen, dem es um das äußere, niedere 315⁵ ſichtbare Weſen in einer und derſelben Perſon leid zu thun ſchien. Sie weinte bitterlich über ſich ſelbſt.„Gott iſt todt,“ dachte ſie und ſah wieder zu dem großen Gemälde hinauf„Aber ich bin ein Menſch, ich muß leben!“ Und ſie weinte immer bitterer. Die Mittagszeit verging und die Stunde des Abend⸗ geſanges ſchlug. Die Glocken im Thurme begannen, ihre dumpfe Stimme hören zu laſſen und Schlüſſel raſſelten im Schloß. Da fuhr das heidniſche Mädchen empor, und beinahe wie ein feiner Nebel flog ſie hinweg und verſchwand am Altare. Sie verbarg ſich wieder in ihrer Ecke. Es war ihr, als ob ſie ſich Freiheiten im Chor der Kirche herausgenommen hätte, wozu ſie kein Recht hatte; und als ob ſie in der jetzt eintretenden Gemeinde Leute ſähe, die ein Recht zu Allem hätten. Aber als die Harmonien der Orgel ſich mit der ſüßen Sommerluft in der Kirche zu verſchmelzen begannen, da ſtand Azouras lauſchend da und fühlte ſchnell, wie die Qual aus ihrer Bruſt ſchwand. War es auf die Thränen die ſie vergoſſen hatte, oder milderte ein Unbekannter in dieſem Augenblick die Angſt ihres Herzens. Sie meinte jetzt nicht mehr, daß es gefährlich ſein würde die Kirche zu verlaſſen. Sie ſchlich ſich hinaus, ehe der Abendgeſang zu Ende war, kam auf den Kirchhof und ging dem nördlichen Thore zu Unbegreifliche kindiſche Vergeſſenheit! Warum dachte ſie jetzt nicht an den Ab⸗ geſandten ihres grauſamen Verfolgers. Sie ging auf dem nördlichen Damme hinaus, und ſetzte ihren Weg auf der Claraſtraße fort. Wurde ſie be⸗ unruhigt? Nein. Kam Crispin? Nein. Waren er und ſeine Begleiter mit Blindheit geſchla⸗ gen oder waren ſie vielleicht heimgegangen, als die Thurm⸗ uhr zeigte, daß die Mittagsſtunde für die Leute des Prä⸗ ſidenten längſt da ſei? Wir kennen die höhere Urſache der Schickungen nicht; noch wiſſen wir, welche geheime Macht dieſe Menſchen veranlaſſen konnte, ſo nachläſſig zu ſein. — S — —— — 316 Achte Scene. Stockholm. Bei Baron Reuterholm. Reuterholm. Was iſt es Crispin? Crispin. Ich betheure Ew. Er. Aber ich werde künftig meine Sache beſſer machenz ich werde Wunder⸗ werke thun. Neunte Scene. Stockholm. Straßen. Wohin ging das flichende Mädchen von der Kirche aus? Sie ſetzte ihren Weg auf der Claraſtraße fort, durch⸗ ſchnitt die Meiſter⸗Samuelsgaſſe, die Brauergaſſe, die alte Königsholmsgaſſe, und ging ſo lange fort als die nördliche Kirchenſtraße währte. Es iſt allgemein bekannt, daß dieſe Straße kein eigentliches Ende hat; aber ganz im Norden an einer Einfriedigung beginnt ein Graben oder eine rieſen⸗ hafte Gaſſe, auf deren einem Ufer ein ſchmaler Pfad zur Rechten und winkelrecht gegen die Kirchenſtraße geht: hier herum wachſen Weiden. Verfolgt man den Pfad zur Rechten, ſo kommt man endlich an die berühmte Brauſebank. Ich nehme es für ausgemacht an, daß Herr Hugo ſelbſt die Brauſebank kennt. Meinen jungen Zuhörern vom Jagdſchloß muß ich aber ſagen, daß dies keine eigentliche Bank, ſondern eine hölzerne Brücke iſt, die quer über die Königinſtraße geht, und unter welcher von der Holländer⸗ ſtraße her zu gewiſſen Jahreszeiten viel Waſſer fließt oder brauſt. Jetzt war es dort trocken. Als das Mädchen ſich näherte, meinte ſie einen Ell⸗ bogen unter der Brauſebankbräcke zu bemerken, und ein Paar Mal ſtarrten ein Paar Augen hervor. Sie ging jedoch bis zur Königinſtraße; denn umkehren wollte ſie nicht. Als ſie an dieſer Straße angekommen war, welche die Zierde der nördlichen Vorſtadt iſt, hörte ſie Regiments⸗ 317 muſik und ſah eine Truppenabtheilung von der weißen Garde hinaus marſchiren. Da ſie jedoch keine Luſt hatte in Gemeinſchaft mit Menſchen zu kommen, ging ſie dafür nördlicher, und fand die Straße ziemlich leer. Sie betrachtete das große Kinderhaus, ohne ſich auf⸗ zuhalten; ſtieg den Königsberg hinauf, ging an dem nach⸗ mals ſo berühmten hontbijou vorbei; und als ſie an das Kniggiſche Haus vorüber kam mit ſeinen hohen grünen Eiſengittern, ſeiner Thüre von demſelben Metall und dem palaſtartigen Hofe, da warf ſie einen ſehnſüchtigen Blick nach den Fenſtern hinauf, wie wenn ſie ſagen wollte: hier fönnte man heiter und ſicher wohnen; ich habe kein Haus und keine Heimath! Jetzt kam ſie an die große Sternwarte auf dem grü⸗ nen majeſtätiſchen Hügel; aber ſie ließ ihn zur Rechten und ging der Nordthorſtraße zu. Indem ſie nach allen Seiten ſchaute, freute ſie ſich die Plätze ſo leer zu finden. Zwar kam eben ein zerlumpter Kerl um die Ecke der Köni⸗ ginſtraße und ging auch über den Platz des Obſervato⸗ riums; aber das beunruhigte ſie nicht. Sie ſetzte ihren Weg auf der langen Nordthorſtraße fort, kam an die Einmuͤndungen der Karlbergsallee zur Linken und die Sauerbrunnenſtraße zur Rechten vorbei und ließ den Bremeriſchen Garten hinter ſich. Die Nordthor⸗ ſtraße hatte damals noch keine Baumreihen auf beiden Seiten wie jetzt. Ihr ganzer Werth beſtand nur darin, daß ſie gerade war, und daß man auf ihr zur Stadt hin⸗ aus kommen konnte. Ich kann nicht ſagen, ob das Straßen⸗ pflaſter ganz auf demſelben Punkte aufhörte wie jetzt. Ich glaube wirklich, daß ein gutes Stück vor 1790 keine Steine dort waren, und daß es erſt während des erſten Dritttheils des jetzigen Jahrhunderts der Straßenpflaſterung vorbehalten war, die großen Fortſchritte zu machen, die wir jetzt bemerken. Wo ſich aber auch damals der Schluß⸗ punkt befunden haben mag, ſo iſt es doch gewiß, daß ein Ach! Gefühl durch die Füße der Wandlerin fuhr, als ſie ſie auf den ungepflaſterten Grund ſetzte, nicht weil es ihr 318 wehe that, ſondern weil ſie ſich erinnerte, wie das Land ſchmeckte. In der Freude darüber wandte ſie ſich um und ſah noch keinen Menſchen außer den zerlumpten Burſchen am Anfang der Nordthorſtraße. Sie kam an das Nordthor. Noch war hier kein großer planirter Thorhof mit behauenen Granitſäulen und herrlichen Gardiſten. Doch hatte das Nordthor damals eine Zierde, die ſeither weggekommen iſt, nämlich eine hohe Baumpforte in Geſtalt eines Triumphbogens. Die Fuß⸗ gäugerin trat durch daſſelbe und die dortigen Herrn ſprachen kein Wort; ſahen einander jedoch freundlich an wie Dienſt⸗ kameraden thun, die ein Amt verſehen, das ihnen für den Augenblick keine Beſchäſtigung gibt. Als ſie außer dem Thore und an den Weg zum Stallmeiſterhof vorbei gekvmmen war, wandte ſie ſich um und nickte der Stadt ein Lebewohl zu. In demſelben Augenblick trat der Lumpenkerl durch das Thor und ſeine Miene ſagte ihr gleichſam: Guten Tag. Sie ſah ihn ſcharf an, konnte jedoch keinen Crispin oder andere Reuterholmer in ihm entdecken. Doch war ſie zu weit entfernt, um die Geſichtszüge genau unterſcheiden zu können und die Gefahr konnte in einex tieferen Ver⸗ kleidung wahrlich nur um ſo größer ſein. Sie beſchleu⸗ nigte ihre Schritte, um in den Hagapark zu gelangen, deſſen Sommerpracht ſie, geſichert, wie ſie hoffte, vor den Bewohnern der Stadt und der Landſtraße, genießen wollte. Als ſie auf den weichen grünen Grund des Parks ge⸗ kommen war, fühlte ſie eine ſtarke Luſt zwiſchen den Bäu⸗ men herum zu ſpringen, wovon ſie nicht einmal der Ge⸗ danke an ihre Kleidung abhielt, welche in Fräulein v. Rudenſtöld Geſellſchaft einen höheren Ton angenommen hatte, als ſich mit luſtigen Sprüngen vereinen ließ. Doch ſprang ſie nicht fort; denn nur einige Schritte hinter ihr ſah ſie in den zerlumpten Kleidern— ihren Bruder. „Imanuel!“ Er machte einen Satz vorwärts mit dem Zeichen der 319 größten Freude; doch hielt er mitten im Sprung inne. Er wagte es nicht ſie zu umarmen; er wollte niederknien. „Verzeih'! verzeih' mir alles Böſe, was ich gethan habe!“ rief er. Zehnte Scene. Haga. Unter den Bäumen hinter der Orangerie. Azouras. Komm, hier ſieht uns Niemand. Ich will Dir weiter ſagen, wie ich denke, Manuel! Aber thue auf den Punkt hin, was ich will. Biſt Du ganz vom Regiment frei? Imanuel. O nein! der Muſikdirektor hob mir meinen Platz während meiner Haſt auf. Ein wackerer Mann! Aber ich bin erſt neulich herausgekommen, wie Du ſiehſt. Ich bin ein wenig zerlumpt und ich halte mich verborgen— Azouras. Armer Junge! aber ich will Dir helfen, wenn Du mir hilfſt. Imanuel. Ich Dir helfen, Dir, die ſo fein und ſtattlich iſt. Jetzt haſt Du Belanntſchaften, die Etwas werth ſind, wie ich ſehe. Azouras. Ich kenne zwar den König, aber das hilft nichts. Und den andern Herrn, der bei Reuterholm oder in ſeinem Gefolge zu mir kommt, den verabſcheue ich! Ach ich bedarf Deiner Hilfe, Manuel. Imanuel. Was werde ich thun können? Azouras. Sieh, da nimm dies Halstuch, und geh' zu Fräulein v. Rudenſköld. Imanuel. Deren Hausnummer und Quartier Du mir vorhin ſagteſt? Iſt ſie es, die— Azouras. Und grüße ſie von mir und ſag' ihr, daß ich nie mehr kommen werde, denn es würde nur zu ihrem und meinem Verderben ſein. Aber ſage ihr nicht, wo ich bin noch was ich ſinne, denn da würde ſie meinen, ich wäre es nicht im Stande. Bitte ſie nur mir Geld zu ſchicken, wenn welches vom Könige angekommen iſt. — — S— S — — —— Imanuel. Aber ſie wird einem Lumpenkerl nicht glauben. Azvuras. Sie wird das Halstuch erkennen und Dir glauben. Imanuel. Ja, daß ich das Halstuch geſtohlen habe, wird ſie glauben. Du weißt, Leute wie uns erkennt man nicht für— Azouras. Manuel! reiße ein Blatt von dem Mehl⸗ beerbaum und gib's mir. Imanuel. Da iſt ein großes friſches Blatt. Azouras. Mit der Stecknadel kann man ſchon ſchreiben: Azouras Lazuli Tintomara la Tourne-rose. So, Manuel! mit dieſem Blatt in der Hand wird man Dir glauben. Imanuel. Ach das iſt das erſte Mal, daß ich Dei⸗ i Namen geſchrieben ſehe Verzeihe, daß ich das Blatt üſſe. Azvuras. Er iſt auch ſonſt nirgends auf der ganzen Welt verzeichnet.— Aber gehe und ſag' das dem Fräulein v. Rudenſtöld. Wenn Du mit Geld zurück kommſt, wollen wir theilen Du mußt kaufen: erſtens ein Klarinett(an⸗ ſtatt des Deinigen, das ich in meinem armen Bündel bei Reuterholm liegen habe— das werden wir nie mehr zu Geſicht bekommen, Manuel), dann einen hübſchen einfachen Civilanzug, und dann— iſt Deine Uniform noch da? 4 Imanuel. Als Klarinettiſt? Ja, wenn ich ſie nur wieder finde. Azouras. Die muß ſo weit abgeändert werden, daß ich ſie brauchen kann. Du mußt zum Herrn Muſikdirektor gehen, Manuel, und da er Dich ſchätzt, ſo wird er auch thun, um was Du ihn bitteſt. Du mußt ſagen, Du habeſt einen Bruder, der in der Regimentsmuſik das Clarinett blaſen könne und der einmal Deinen Platz zu bekommen wünſche, weshalb Du den Herrn Direktor bäteſt, daß er jetzt gleich Deinen Bruder an Deiner Statt anfangen laſſe, 32¹ um ſich in den Dienſt einzuſchießen, während Du Dich ſelbſt ein wenig von Deiner Haft erholeſt und— Imanuel Und mich nun ein wenig herauseſſe?2 Das habe ich nöthig. Aber ich habe keinen Bruder. Azouras. Der bin ich. Imanuel. Aha— ich verſtehe. Das wird gehen. Ja wahrhaftig! als Pfeifer bei der weißen Garde wird Dich kein Teufel, nicht einmal ein Reuterholmer finden. Azouras. Wo wohnſt Du? el. In der Kaſerne— wo wohnſt Du? Azouas. Bei Dir, wenn ich darf. Eilfte Scene. Stockholm. Bei Baron Reuterholm. Crispin. Sie iſt in der ganzen Stadt nicht zu nden. Reuterholm. Vorhin habe ich Dir Borten an Dein Taſchenbuch verſprochen; aber jetzt bekommſt Du den Strick um den Leib, und dann ſchicke ich Dich die Bank hinauf, Du weißt ſchon welche, wenn es Dir nicht gelingt. Sie muß ſich finden, ſage ich— Abraras! Zwölfte Scene. Der Burghof im Stockbolmer Schloß. König Guſtav Adolph und Herzog Karl in Uniform. Die Garde-Regimenter defiliren. Der König. Eins, zwei! eins, zwei! Unſere gelbe Garde hat die geradeſten Leute. Eins, zwei! Das Regi⸗ ment der Königin Wittwe hat den beſten Schritt Eins, zwei! eins— die weiße Garde hat eine gute Muſik. Der Herzog. Das iſt das Verdienſt des Muſik⸗ direktors. Der König. Aber auch das derer, die blaſen, mein Herzog. Der Herzog. Die Linien formiren ſichz die Muſik⸗ Der Königin Juwelenſchmuck. 21 ——— chors ſtellen ſich im Burghofe auf. Von welchem Punkt aus will Eure Majeſtät zuſehen? Der König. Ich nehme meinen Platz mitten im Hof ein, von dort aus ſehe ich ſie Alle. Der Herzog. Sie zeigen heute eine gute Haltung. Der König. Ich habe manche Fehler an der Uni⸗ formirung entdeckt und ſchon längſt aufgezeichnet. Wenn meine Minderjährigkeit zu Ende iſt und ich die Regierung angetreten habe, ſo werde ich Reformen eintreten laſſen. Meine Garden haben einen leeren Nacken. Der Herzog Sie haben dort ihr Haar. Der König. Aber ihre Rücken geben keinen ſchat⸗ tirten Anblick. Ich habe im Sinn lange Zöpfe einzu⸗ führen, ein ſchwarzer Streif auf jedem Rücken wird ſich gut ausnehmen. Der Herzog. Aber nicht alle Leute haben ſo lan⸗ ges Haar Der König. Ich habe geleſen, daß es möglich ſei, Zöpfe aus ſpiralförmig gewickeltem hartem Leder zu machen, wo nur am Ende ein kleiner Büſchel Haar ſteckt. Dieſe Zöpfe werden im Nacken an der Kleidung befeſtigt und bilden eine große Gleichheit im ganzen Regiment Ueber⸗ dies haben ſie den Vortheil, daß ſie abgelegt werden kön⸗ nen, wenn der Mann ſich in der Kaſerne aufhält oder ſich zum Schlaf niederlegt. Der Herzog. Man kann es probiren, aber es iſt eine Nebenſache. Der König. Ich führe es beſtimmt ein.— Unſere weiße Garde gefällt mir heute am Beſten. Da der Di⸗ rektor ihrer Muſik ſeinen Dienſt ſo gut verſieht, ſo bitte ich Eure königl. Hoheit als Regent dem Mann ein Paar freundliche Worte auf der Parade zu ſagen. Der Herzog Da bedarf es keiner Worte. Wenn es aber Eurer Majeſtät gefällig iſt, ſo wollen wir ihm und ſeinen Burſchen näher treten Der Direktor wird hierin eine Auszeichnung ſehen. Der König. Wir wollen es thun. 323 Der Herzog. Es geht wirklich heute gut. Machen die Leute mir nicht Ehre? Der König. Ja, Herr Herzog. Die Leute machen Ihnen Ehre— und ich benütze dieſe Gelegenheit gegen⸗ ſeitiger Befriedigung, um Eure königl. Hoheit, meinen Onkel, um Etwas zu bitten, worüber ich jetzt ein Paar Worte ſprechen will. Ein Fräulein am Hofe der Herzogin — ich unterlaſſe es ihren Namen zu nennen— hat zu mir geſchickt und um eine Summe Geldes nicht für ſich ſondern für eine Perſon gebeten, der auch ich wohl will. Sie hat der Perſon bereits geſchickt, was ſie ſelbſt geben konnte und was nicht unbedeutend war. Allein ſie wünſcht noch ſo viel dazu, damit das Geld zu einer gewiſſen Reiſe ausreiche Mir ſcheint dieſe Reiſe ebenfalls nützlich für dieſe Perſon zu ſein— aber(leiſe) ich habe nicht ſo viel Taſchengeld, als ich möchte. Geben Sie mir nur Taſchen⸗ geld zum voraus, mein Onkel.(Laut) Es iſt ja eine Kleinigkeit. Der Herzog. Wer iſt denn die Perſon, die ab⸗ reiſen ſoll? Der König. Ich nenne den Namen nicht gerne auf offener Parade Leſen Sie aber auf dieſem grünen Blatt, das mir das Fräulein geſchickt hat. Der Herzog. Aha— und dieſe Perſon möchte reiſen? Wo iſt die Perſon? Der König. Das iſt noch ein Geheimniß; aber auch ohne die Reiſe bedarf ſie des Geldes ſehr. Der Herzog. Sie bedarf es? Ein liebenswürdiger, ſchöner, obſchon wunderbar gebildeter Name! Entſchuldigen Eure Majeſtät, daß ich das Blatt in der Geſchwindigkeit an meinen Mund führe. Du biſt bedürſtig? das follſt Du nicht ſein.. Der König. Wann bekomme ich Geld? Der Herzog. Ich will es heute ſchicken. Aber Eure Majeſtät ſelbſt braucht nichts vorzuſtrecken. Eure Majeſtät braucht Ihr Geld ſelbſt, ich will das Geld von dem meinigen hergeben— ich— 3 21 * Ein⸗ Stimme aus dem Muſikchor der weißen Garde: ein!!! Der Herzog. Was iſt das? Der König. Die Muſik ſpricht! Das iſt gegen die Ordre. Der Herzog. Sonderbar! Der König. Die Muſik ſoll wenigſtens nie ſpre⸗ chen und Nein ſagen— Der Herzog. Sonderbar— Iſt es möglich? Der König. Wenigſtens nie Nein ſagen, wenn der Herzog Regent ſpricht. e Der Herzog. Unmöglich! Aber ſollte es doch ein— Der König Ich bitte Eure königliche Hoheit, meinen Onkel, dem Muſikdirektor einige verweiſende Worte auf der Parade zu ſagen, damit dergleichen nicht mehr auf unſerer Parade vorkommt. Der Herzog. Da bedarf es keiner Worte. Wenn es aber Euer Majeſtät geſällig iſt, ſo wollen wir uns ſchnell von ihm und ſeinem Corps entfernen. Er wird darin eine Ungnade ſehen und ſich in Acht nehmen. Der König. Wir thun es. Der Herz g. Hören Sie, Herr Adjutant, ſchicken Sie mir einen Boten, der ſogleich zum Präſidenten Reu⸗ terholm abgehen kann. Dreizehnte Seene. Kaſerne der weißen Garde. Vor einem Fenſter. Sergeant. Verlaßt Euch auf mich; aber wer iſt es? Crispin. Es muß ein ganz Neuangenommener ein. Sergeant. Ein Neuer? Ich weiß. Da iſt Einer, der ſich Philipp nennt. Erispin Zeigt mir ihn durch das Fenſter; aber verdeckt mein Geſicht. 325 Sergeant. Schaut hier zu der Scheibe herein, und dann in die Ecke des Saals. Aber die verwünſchten Kerls gehen hin und her und machen einen Lärmen, daß man weder ſehen noch hören kann. Sie werden aber gleich hinaus gehen und ſich in Linie aufſtellen, um ab⸗ zumarſchiren. Schon weht die Fahne. Crispin. Dort in der Ecke ſehe ich eine Matratze auf dem Boden. Sergeant. Sitzt Niemand auf der Matratze, der ein Klarinett in der Hand hat und ſich übt? Nein, er iſt aufgeſtanden, oder iſt er, glaub' ich, in den Sack ge⸗ gangen. Crispin. In den Sack? Sergeant. Ja, die Matratze iſt eigentlich keine Matratze, ſondern ein großer Sack mit Häckerling darin, glaub ich. Philipp iſt ſo ſchlau, daß er in die Matratze geht und Nachts darin ſchläft. Seht, jetzt hat er ſich eſetzt. Crispin. Recht! der iſt es, denn ich meine, ich erkenne ſein Geſicht. Thut jetzt, wie ich geſagt habe. Hier für den Anfang. Sergeant. Ich danke; tretet ein wenig bei Seite, während ich hinein gehe. Vierzehnte Scene. Kaſerne der weißen Garde. Innen. Sergeant. Aber das iſt heute doch ein verfluchter Lärm bei der Muſik. Der erſte Hautbviſt. Das Regiment wird eine ſo ausgezeichnete Beſchimpfung nicht vergeſſen, und da hilft keine Schmauſerei, ſage ich! Das iſt ein Fleck, der ſich nicht mit Waſſer und nicht mit Rum abwaſchen läßt, noch mit ſpaniſchem Wein und Liqueur. Vom Brannt⸗ wein will ich gar nicht ſprechen. Waldhorniſt. Abbitte! Abbitte! Sackerlott! Sergeant. Der Schimpf iſt ein verflucht großer ———— —=— Schimpf; aber ich muß Euch ſagen, das Regiment be⸗ kümmert ſich nichts darum. Die Muſik muß ihre Laſt allein tragen. Zweiter Hautboiſt. Unſere Laſt wäre leicht ge⸗ tragen, wenn— Erſter Hautbviſt. Ja, der Teufel ſoll es holen, daß der Direktor uns Ueberzählige auf den Hals ladet, die keine Ordre verſtehen. Sergeant. Was hat Euer neuer Ueberzähliger gethan? Ja ſo, er hat in B⸗Moll geblaſen! nun, das ſoll der Teufel holen. Erſter Hautbviſt. Uns geſchieht die größte Ehre und dieſer kleine Teufel muß ſie in Schande verwandeln. Sergeant. Der König war Euch ganz nahe, das ſah ich. Er glaubte bei wackeren Leuten zu ſein. Erſter Hautbviſt. Pah der König— der Re⸗ gent war es, der zu uns herkam, und ſeine Augen waren von der Muſik entzückt, das ſah man klar. Sergeant. Aber er ging ſo ſchnell wieder fort. Er bekümmert ſich den Teufel um die Burſche, dachte ich. Das Regiment hat keine Ehre an ſeinen Hautbviſten, dachten wir Alle in dem ganzen Zug. Erſter Hautboiſt. Herr Gott Sakrment! die Hautbviſten ſchwiegen wie gute Kinder; aber es war ein Klarinettiſt, der im Glied ſchwatzte.— Bringt den kleinen Jungen dort von der Matratze her— bringt ihn her— bring ihn her, Du!— Iſt hier keine Subordination? Sergeant. Klarinettiſten und Hautbviſten, das iſt ganz daſſelbe, derſelbe Plunder.— Alle ſind Seiner kö⸗ niglichen Majeſtät Taugenichtſe, und damit gut. Erſter Hautboiſt. Nein! das iſt ein verdammt großer Unterſchied! Alle Muſik beſteht aus zwei Gattun⸗ gen: aus Hautbviſten und Waldhorniſten, und die erſtern haben die rechte Hand im Regiment, das ſag' ich. Sergeant. Was ſagſt Du, Feldwebel, ſoll er ab⸗ bitten? Feldwebel. Ich ſage der Klarinettiſt ſoll abbitten 327 zwar vor der ganzen Mannſchaft, die in dem Saale iegt. Sergeant. Nun, ſo ſtellt den Milchbart in die Mitte des Zimmers.— Gehorſamer Diener, mein Herr Ertra⸗Klarinettiſt, hier ſoll ja eine Abbitte geſchehen, wie ich höre? Azouras. Hm! Feldwebel. So, jetzt horcht die weiße Gardkaſerne! Fang' jetzt an, mein hübſcher Kamerad, und glaube nicht, daß wir ſo bös ſind, wie es ausſieht. Amüſire uns mit einer kleinen Abbitte. Ha, ha, ha! Die Waldhorniſten. Ha, ha, ha! Der Feldwebel. Fall auf die Knie, Philipp! Mache der Mannſchaft das Vergnügen, ehe wir hinaus gehen und uns aufſtellen Beeile Dich, die Fahne flattert. Sergeant. Wahrhaftig! es ſieht aus, als ob er Euch zu Willen ſein wollte. Azouras. Was will man denn? Erſter Hautbviſt. Nun, Du ſollſt bekennen, daß Du die ganze Muſik mit Deinem Schwatzen verderbt haſt. Azouras. Was hab' ich denn geſagt? Erſter Hautboiſt. Du haſt Nein geſagt. Azouras. Gegen wen? Erſter Hautbviſt. Gegen— ja genug, Du rieſſt Nein auf der Parade im Schloßhof, und das konnte das ganze königliche Schloß auf ſich beziehen und wüthend daruͤber werden. Geſtehe laut vor der ganzen Mannſchaft mit einem deutlichen Ja, daß Du ein Spitzbube, ein ſehr ſchlechter Kerl biſt. Azouras. Wer im königlichen Schloſſe Nein ge⸗ ſagt hat, der ſagt in der Kaſerne nicht ja. Sergeant. Gut geantwortet, ſehr gut! Erſter Hautboiſt Du biſt mir ein halsſtarriger Teufel, eine Stahlfeder, glaub ich! Kennſt Du die Kriegs⸗ artikel? Sergeant. Du biſt ein ſtolzer Junge, Philipp, ſei ſtandhaft. 3 328 Feldwebel. Keinen Zank! was iſt das für ein Höllenſpektakel! Erſter Hautbviſt. Ich bin Dein Vorgeſetzter während der Abweſenheit des Direktors, weißt Du das, Schlingel? Schämſt Du Dich nicht, ihn zu vertheidigen— Sergeant Ich würde das nicht dulden, Philipp, ſei ſtandhaft. Erſter Hautboiſt. Drängt ihn in die Ecke— ſo Kameraden! Jeder der auf die Ehre der königlichen Muſik hält, ſoll dem Jungen ein Denkzeichen geben. Sergeant. Vertheidige Dich. Azouras. Ich habe gegen Keinen etwas— aber berührt mich nicht— reißt meine Kleider nicht auf— O Manuel! Manuel!— Laßt mich am Halſe los, laßt die Weſte gehen. Erſter Hautbviſt. Du glatthäutiges Kinn! ja rufe Du den kleinen Mann. Er iſt fortgegangen und verſetzt die Krauſennadel. Aber ich will einen ſolchen Jungen lehren. Seht, Herr Feldwebel, Ihr ſeid unſer Zeuge, er zieht den Säbel! Feldwebel. Still, ihr Beſtien! Sergeant. Ein Klarinettiſt gegen drei lange Hautbviſten, das heiß ich einen Jungen! Erſter Hautboiſt. Tod und Teufel! er hat mich in den Hals geſtochen Waldhorniſt. So ſchlachtet man große Schafe. Erſter Hautbviſt. Schämſt Du Dich nicht! ſo lange ich ſpreche, ſoll Niemand ſagen, daß ich geſchlach⸗ e bin. Ich muß mich ſetzen, das war ein Satans⸗ treich— Feldwebel. Wie? Blut? halt ein! Alle. Einen blutigen Säbel im Saal! unter der Fahne! gegen Kameraden! Erſter Hautbviſt Gegen Vorgeſetzte! Zweiter Hautbviſt. Er hat Blut vergoſſen. Das wird eine Arkebuſade abſetzen, denke ich Feldwebel. Achtung! ein Corporal mit zwei 329 Mann heraus— der Ertra⸗Klarinettiſt geht in den Arreſt. Fünfzehnte Scene. Stockholm, Bei Baron Reuterholm. Crispin. Es iſt gelungen! Keuterholm. Gut. Sechzehnte Scene. Das Stockholmer Schloß. Reuterholm. Sie iſt in meinen Händen und ich bin ihr eben ſo wenig böſe, als Eure königliche Hoheit der Herzog, unſer gnädigſter Regent, ſelbſt; aber ich halte es für ſehr heilſam, daß ſie einen ernſten Schreck kennen lerne. Der Herzog. Dieſes Camäleon, das unter allen Geſtalten und Trachten die ganze Welt verhöhnt hat, muß allerdings eine ſtarke Rüge bekommen, die ihrem Charak⸗ ter eine paſſende Haltung gibt und ſie nur noch reizender macht. Aber dennoch, warum haben Sie es ſo weit kom⸗ men laſſen? Reuterholm. Ich hatte zwar nicht die Abſicht, daß der veranſtaltete Streit zu gezogenen Säbeln, Sub⸗ ordinationsvergehen und endlich einem Todesurtheil führen ſollte; aber wer kann die künftige Richtung des Feuers berechnen, wenn man eine Flamme von dürrem Laub an⸗ zündet. Der Herzog. Nicht ohne ein tragiſches Gefühl bedenke ich, was das arme Mädchen bei Dir ausgeſtanden haben mochte, mein lieber Reuterholm, und was ihr Ab⸗ ſcheuliches begegnete, als ſie, um nur nicht zu Dir zurück⸗ zukommen ſogar die rohe Geſellſchaft einer Kaſerne vor⸗ zog. Azouras in einer Kaſerne! Ich ſehe im Geiſt, wie die feinen, graziöſen Bewegungen ihrer Glieder ſich zwi⸗ ſchen den grotesken Geſtalten der Soldaten ausnehmen! Ei, ei! mein lieber Reuterholm, was haſt Du gethan? — —— 330 Reuterholm. Dieſes Weſen war in vergangenen Jahren einer rohen Geſellſchaft nicht ganz ungewohnt; ſie wurde beinahe darin auferzogen, und ich bin überzeugt, daß ſie vorbereitet iſt. Der Herzog. Hat das Kriegsrecht ſein Urtheil gefällt? wie iſt der Ausſpruch? Reuterholm. Daß das Erſchießen klar ſei. Der Kriegsartikel Nro. 40 beſagt es ausdrücklich. Es iſt der Säbel gezogen worden und Blut gefloſſen. Der Herzog. Iſt das Todesurtheil ſchon an die Regierung zur Beſtätigung eingeſandt? Reuterholm. Es kommt im heutigen Conſeil vor. Der Herzog. Ha, ha, ha! das wird ein ernſthaf⸗ tes Spiel! Wozu dienen jetzt die herrlichen Zimmer, die wir für ſie einrichteten, und zwar ſo ſchön, als ob ſie— ich will nicht ſagen für eine Königin— aber für eine Delavallière, eine Jeanne Poison eine Cavaubernière, eine Dubarry— beſtimmt wären? Wer ſollte jetzt den Wohlgeruch dieſer koſtbaren ausländiſchen Blumen und der reich parfümirten Möbel einathmen? Wer ſollte ſeine außerordentliche Schönheit in einer Toilette ſpiegeln, deren Glas vom Boden bis zur Decke geht und mit magiſcher Kunſt ſo gedreht werden kann, daß ſie die erſtaunlichſten Scenerien hervor zaubert? Wirſt etwa Du, Reuterholm, und noch Einer ſich allein darin ſpiegeln? oder werdet ihr Euch vielleicht in einander ſpiegeln? ha, ha, ha? Reuterholm Sie befindet ſich jetzt auf dem ge⸗ raden Wege dahin. Dieſer Ausgang meines Planes iſt mir nicht unlieb. Dieſes Todesurtheil liefert ſie vollkom⸗ men in meine Hände. Der Herzog. Aber in einem Lande wie Schweden müſſen die Formen reſpektirt werden. Hier müſſen alle Paragraphen genau befolgt werden. Vom Arm des Ge⸗ ſetzes und der allgemeinen Haft iſt ſie nicht zu erretten, und ich ſehe nicht ein— Reuterholm Eben weil hier in Schweden die Formen ſo genau und vollſtändig beobachtet werden, eben 331 deßhalb iſt es ſo leicht, ſie zu umgehen und zu thun, was man will. Der Herzog. Nun, mein lieber Reuterholm, ich bin in der That neugierig, Deinen Plan zu hören. Reuterholm. Wenn mein Herzog es erlaubt, werde ich einen ſolchen Vorſchlag thun, daß dadurch drei Zwecke zugleich erreicht werden. Erſtens wird das Geſetz und das Gebot einer beſtimmten Strafe befriedigt, zwei⸗ tens erhält die Widerſpenſtige eine Strafe, die ſtark genug iſt, um ſie ganz demüthig zu machen und auf welche ihr die herrlich geordnete Wohnung ſehr gut zu Statten kom⸗ men wird; drittens ſoll die ganze Sache eine Wendung zum Vergnügen und Zeitvertreib erhalten, welche ſie für die Hofzirkel und die ganze Hauptſtadt zu einem Feſte, zu einem großen, glänzenden und anziehenden Schauſpiel machen wird. Der Herzog. Das wäre merkwürdig! Wenn Du ſo entgegengeſetzte Dinge vereinigen kannſt, ſo werde ich Dich einen Zauberer nennen; ſchwediſche Urtheile pflegen nicht luſtig zu ſein. Reuterholm. Um aber dieſe Endzwecke zu errei⸗ chen, muß die Sache und ihr eigentliches Ziel vor der Hand für den Hof und den jungen König, für das Publi⸗ kum und vor Allem für die Verbrecherin ſelbſt ein ſtrenges Geheimniß bleiben. Der Herzog Darf ich hören, wie Dein Vorſchlag lautet? Reuterholm. Erlauben Sie mir, ihn im Conſeil vorzutragen. Siebzehnte Scene. Stockholm. Straße. Imanuel. Dort liegt das Gefängniß. Ach nach mir fragt Niemand; aber wenn der Herr etwas ausrich⸗ ten kann, ſo thue er es um Gottes willen— thue er es um Alles in der Welt! Für ihn wollte ich ja— — 332 Der Volontär. Lebt wohl; ich thue es aus eige⸗ nem Antrieb. Achtzehnte Scene. Stockholm. Ein Gefängniß. Der Kerkermeiſter. Nein, nein, mein beſter Freund! hier kommt Niemand herein, am wenigſten Einer, der trotzig ſpricht und ein ſo finſteres Geſicht hat, ein ſo ſchwarzes, ſollt' ich ſagen. Der Volontär. Herr Kerkermeiſter! ich bitte, ich bitte nur um eine kurze Unterredung mit dem Gefangenen. Der Kerkermeiſter. Nein, nein, gewiß nicht! wer ſind Sie denn eigentlich? Der Volontär. Ich bin erſt kürzlich in die Stadt gekommen. Wer ich bin? Ich habe als Volontär bei der weißen Garde Dienſte genommen. Der Kerkermeiſter. Als Volontär? Ich ver⸗ ſtehe; der Herr iſt was Rechtes, der mit Fleiß ein ein⸗ facher Mann ſein will, das iſt hübſch. Aber ich habe leider ſtrengen Befehl, nicht den Geringſten herein zu laſ⸗ ſen, ohne die ausdrückliche Erlaubniß der Regierung. Der Volontär. Sehr vornehm für einen kleinen gefangenen Muſikanten, das muß ich ſagen. Das iſt un⸗ gerecht, mein Herr, ich ſtehe in einem gewiſſen Verhältniß zu— ich habe Sachen von Wichtigkeit mit ihr— mit ihm zu reden. Der Kerkermeiſter. Um ſo ſchlimmer für den Herrn Volontär. Allein das verführeriſche Geſicht des Herrn, ſeine grimmige Phyſiognomie, wollte ich ſagen— Der Volontär. Gehört nicht hieher. Der Kerkermeiſter. Nun, verſtehen Sie mich nur: ein ſolcher Herr, meine ich, ſieht nicht darnach aus, als ob es ſich für ihn ſchicke, als Gaſt zu einem Gefan⸗ genen geführt zu werden; weit eher um ſelbſt als Ge⸗ fangener herein geführt zu werden, wenn es das Glück ſo will— das Unglück wollt' ich ſagen. 333 Der Volontär. Iſt denn ein Grund zu ſo einer unnatürlichen Strenge vorhanden? Der Kerkermeiſter. Es ſtehen mehr Wunder mit dem Gefangenen in Verbindung als man ſieht. Der Volontär. Was meint der Herr— Der Kerkermeiſter. Es iſt mir nicht erlaubt das Allergeringſte zu meinen. Aber der Gefangene ſteht in nahem Verhältniß zum Hof, wo er ſehr gut bekannt und ſehr beliebt iſt. Der Volontär. Beliebt— Großer Gott! be⸗ liebt? wie iſt das möglich? Der Kerkermeiſter. Ja, beliebt, meine ich; denn es kommen oft Boten, ſehr wohlmeinende Boten. Der Volontär. Schon dieſe Bekanntſchaft mit dem Hof— ſchreckliche Neuigkeit! Aber wenn ſie— wenn ſ beim Hofe beliebt iſt, wie kann er dann gefangen ein? Der Kerkermeiſter. Ja, das mein ich eben, das iſt es, was ich nicht begreife. Der Volontär. Du lachſt— Adieu, Du Satan! Aber ich ſchwöre, ich werde hier einen Ausweg finden. Der Kerkermeiſter. Ja, gewiß! wenn der Herr durch dieſelbe Thüre hinaus geht, durch welche er herein kam— anders nicht. Adieu! Neunzehnte Scene. Stockholm. Nordbrücke. Herr Cronhjort. Wir haben außerordentlich ſchö⸗ nes Wetter, Frau Admiralin. Die Admiralin. Es iſt in dieſer Jahrszeit zu einförmig hier auf den Straßen. Es iſt ſo einſam, ſo öd, ſo ſtumm, wohin man das Geſicht wendet. Herr Cronhjort. Waren Sie neulich in Haga oder Solna? Freitags werden Sie wohl hinaus gehen? Seit Ihres Mannes Tod müſſen Sie ſich zerſtreuen, gnä⸗ dige Frau. Die Admiralin. Was ſoll denn am Freitag ge⸗ ſchehen? Herr Cronhjort. Ei, hat die Frau Admiralin noch nichts von der größten Neuigkeit des Tages gehört? Ein junger Menſch ſoll im Solnawalde erſchoſſen werden. Gleich hinter Norrbacka hat man einen außerordentlich ſen Platz unter den Bäumen zur Schießbahn aus⸗ ewählt. Die Admiralin. Aber mein Gott! wer iſt denn die Perſon? Herr Cronhjort. Ein Klarinettiſt von der weißen Garde. Es wird ein großes Feſt werden und man ſagt, der königliche Hof werde ſelbſt dazu kommen. Die Admiralin. Nun, das iſt denn doch unmög⸗ lich. Die Königlichen ſollen zuſehen, wie ein armer Mu⸗ ſikant zum Tode geht? err Cronhjort. Ja, es klingt übertrieben; aber ſeltſame Umſtände ſollen mit dem Ereigniß verknüpſt ſein. Die Admiralin. Geheimniſſe? Herr Cronhjort. Einige ſagen, er werde auf dem Richtplatze begnadigt werden; Andere, das ſei nur ein Geſchwätz. Ich für meine Perſon reite hinaus; es mag regnen wie es will. Aber ich glaube nicht, daß es reg⸗ nen wird, der Himmel ſieht göttlich aus. Die Admiralin. Und die Königlichen ſollten bei dem kläglichen Hingang eines ſo armen Teufels zugegen ſein? Nein, mein Herr Cronhjort! ich habe noch nie den Fehler gehabt, Alles zu glauben, was der Herr mir zu ſagen beliebte. Herr Cronhjort. Es wird allerhand darüber geſprochen, was nachzuſagen nicht räthlich iſt. Man flüſtert, der Muſikant ſei erſt eine kurze Zeit Muſikus; eigentlich ſei er aber von einer hohen Stelle entflohen und habe ſich nur unter dieſer Maske verborgen, um der Strafe für ein höchſt vornehmes Verbrechen zu entgehen. Die Admiralin. Aber um Chriſti willen, dann iſt er ja kein Muſikus! Ich werde in den Solnawald gehen! Waren Sie dort, Herr Cronhjort, und haben Si giſehen⸗ ob man für das Volk Gerüſte baut zum itzen? Herr Cronhjort. Ich ſah heute Morgen dort große Zurüſtungen. Man hatte einen prächtigen hohen Baum für den Delinquenten ausgewählt. Die Admiralin. Eine Tanne? ſagen Sie, Herr Cronhjort? ich liebe die Tannen, ſie ſehen aus wie die Maſten auf ſtattlichen Dreideckern. Herr Cronhjort. Nein, ich glaube nicht, daß es eine Tanne war, wenn ich mich recht erinnere, ſo war es ein Laubbaum, der mit ſeinen Zweigen vortheilhaft gegen das große Nadelholz daneben abſtach. Am Stamm war ein hohes Fußgerüſte, damit der Unglückliche recht ſichtbar würde. Die Admiralin. Soll er an den Stamm feſtge⸗ bunden werden? Herr Cronhjort. Ja, ich glaube, er wird an den Stamm geſtellt werden, ſo daß er dort ſicher ſteht. Aber ich erinnere mich nicht mehr, was man darüber ſagte Auf einer Erhöhung im Wald ſah ich mehrere prächtig ausgeſchmückte ſchneeweiße Zelte für den Hof. Beſonders ein königliches Zelt für Seine Majeſtät den König mit vergoldeten Franſen, goldenen Kronen und Löwen. Die Admiralin. Nur für den Hof? Sah Herr Cronhjort keine Gerüſte für Perſonen von Rang? Herr Cronhjort. Es lagen viel Baumaterialien auf dem Boden umher Gott weiß, was daraus wer⸗ den mag. Die Admiralin Nun, man wird Gerüſte bauen und dann den Platz abkehren. Es wäre doch ſonderbar. — O die Admiralität vergißt man nicht unter Seiner königlichen Hoheit dem Herzog Karl. Verſchaffen Sie mir einen Wagen auf Freitag. Seien Sie ſo gut und leiſten Sie mir Geſellſchaſt; geht das an, Herr Cronhjort? Herr Cronhjort. Gehorſamſter Diener! Ich habe ſo oft das Glück— Zwanzigſte Scene. Solnawald. Freitag Nachmittag. In dem großen k. Zelt. Im Hintergrunde ſitzt Ihre königl. Hoheit, die Herzogin, umgeben von ihrem Hofe; mitten im Zelte ſteben vier Perſonen, der König, Herzog Karl, Reurerholm und Fräulein von Rurenſköld, Alle in Hofkleidern, und zwiſchen ihnen die Gefangene Herzog Karl. Willſt Du nicht um Gnade bitten? Azouras. Ich bitte um die Gnade, Seiner Ma⸗ jeſtät, meinem Verwandten, die Hand küſſen zu dürfen, ehe ich ſterbe. Reuterholm. Verwegene! was ſind das für Worte? Der Herzog. Sie iſt von der Todesangſt ver⸗ wirrt und weiß nicht, was ſie ſagt. Der König. Da iſt meine Hand, Azvuras, ich verzeihe Deine Worte. Ich bin betrübt. Azouras. Ich knie und küſſe dieſe zarte Hand, die ich nie groß und ſo ſtark ſehen werde, wie ich wünſchte. Ich danke für die Gunſt, daß ich geſtern nur von einem Wächter in der Ferne begleitet, in Hagas grünem Hain herumgehen und von dem Abſchied nehmen durfte, was ich liebe. Die Haine duſteten ſo ſchön— ich danke Dir, mein König! Der Brunsvik lag ſo lieblich da— ich danke Dir, Guſtav Adolph! Und auf der andern Seite ſah ich Bellevue, wo meine Mutter geſtorben iſt. Reuterholm. Welch' eine gefährliche Freiheit gab man— Der König. Ich habe die Erlaubniß beim Re⸗ genten ausgewirkt. Der Herzog. Eine Kleinigkeit! Kommen Sie näher, Fräulein v. Rudenſköld! Geben Sie den Leinwand⸗ mantel und das Uebrige.— Azouras! Du biſt zum Tode verurtheilt, weil Du das Schwert gezogen und Blut ver⸗ Pfen haſt— das Urtheil wird vollzogen werden. Aber u biſt zugleich eine Frevlerin anderer und mannigfacher Art. Du biſt Schuld an Vielem, was das Publikum nicht kennt und worüber keine Unterſuchung gehalten worden 337 iſt. Wir verurtheilen Dich dafür nicht zu einer be⸗ ſonderen Strafe, weil ſie alle in die Todesſtrafe einbe⸗ griffen ſind, aber zu Erhöhung Deiner Züchtigung ſollſt Du in Deiner letzten Stunde die Zeichen Deiner tiefen, Deiner ſchweren Vergehen auf Dir tragen. Obſchon Weib, haſt Du männliche Tracht angenommen und darunter das Verbrechen begangen, für welches Du beſtraft wirſt Du wirſt daher im Tode in einer Kleidung ſtehen, die Dein Geſchlecht nicht auszeichnet, ſondern durch ihre Unbeſtimmt⸗ heit ein Spiegel Deiner eigenen Zweideutigkeit in dieſer Beziehung iſt. Es iſt ein dünner, weißer Mantel mit weiten Aermeln.— Treten Sie heran, Fräulein v. Ru⸗ denſköld und werfen Sie ihn der Delinquentin über.— Er geht bis zu den Füßen herab. So! ziehen Sie ihn jetzt um den Leib mit dem Gürtel zuſammen; ſo ſieht er wie ein Männerrock und wie ein Weiberrock aus. Reuterholm. Betrachte dieſe Zweideutigkeit Dei⸗ ner Kleidung als eine große und öffentliche Schande. Der König. Ein ſchlanker Leib! Es war meine Spielkamerädin. Das vergeſſe ich ihr nie. Der Herzog. Wie es beim Erſchießen üblich und nothwendig iſt, ſoll über dem Herzen ein auf weite Ent⸗ fernung ſichtbares Zeichen als Zielpunkt angeheſtet werden, damit die Gewehre darauf gerichtet werden können. Neh⸗ men Sie dieſen viereckigten rothen Fleck und befeſtigen Sie ihn auf dem Herz der Verbrecherin. Fräulein v. Rudenſköld. Ich bitte um die Gnade, das ſchreckliche Zeichen nicht auf meine geliebte Freundin heften zu dürfen. Reuterholm. Wenn Seine königl. Hoheit, der Regent, erlaubt, ſo werde ich dieſen kleinen Dienſt voll⸗ ziehen. Der Herzog. Tritt heran, Reuterholm, und hefte es! Dieſer rothe Lappen ſieht ganz wie eine große Raute aus— das paßt ja recht gut zum erſten Theil Deines Der Königin Juwelenſchmuck. 22 338 Namens, mein Freund! Ja wahrhaftig!„Das ſind andere Rauten,“ wie die Admiralitätsjungen zu ſagen pflegen Reuterholm. Eure königl. Hoheit, laſſen Sie uns nicht ſcherzen, ſondern ernſt bleiben.— Geben Sie mir das Zeichen, Fräulein Madeleine. Leihen Sie mir wenigſtens einige Stecknadeln, um es anheften zu kön⸗ nen. So! Azouras. Du wildes Thier! Du ſtehſt jetzt da und hefteſt das Todeszeichen auf meine Bruſt— Du biſt in meinen Augen ſchlimmer als ein wildes Thier— finſterer als das ärgſte Thier des Waldes! Aber ach, mit dieſem Zeichen gibſt Du mir die Macht, Dir zu ent⸗ fliehen. Reuterholm. Welch' eine magiſche Anziehungs⸗ kraft liegt in dieſem wilden, feurigen Blick! Ich danke dem Himmel, daß dieſe ganze Geſchichte ein Scherz iſt. Der Herzog. Azouras, Du haſt aus dem königl. Schloſſe einen Haarſchmuck von unberechenbarem Werthe fortgenommen. Was auch Deine Abſicht dabei geweſen ſein mag, ſo iſt doch der größte Theil dieſer Koſtbarkeit durch Dich für immer verloren. Zum Zeichen dieſes großen Verbrechens ſollſt Du im Tode einen Kranz auf dem Kopf tragen— geben Sie ihn her, Fräulein von Rudenſtöld— worin jede Blume ein Juwel bezeichnet, das Du geſtoh⸗ len haſt— Der König. Die Blumen ſehen ſehr klein und elend aus. Reuterholm. Sie ſind mit Fleiß klein. Der Kranz ſoll nicht zur Ehre, ſondern zur Schande ſein. Der Koönig. Eine ſo erbärmliche, einfache Nypon⸗ blume in der Mitte— Der Herzog. Dieſes bedeutet den großen Rubin, der flammend in dem Diadem der Königin faß. Der König. Fünf kleine, weiße Sternblumen auf beiden Seiten— — 339 Der Herzog. Die bezeichnen zuſammen die zehn großen Diamanten! Der König. Eine ganz kleine grüne Alchimilla hinter ihnen auf jeder Seite— Der Herzog. Die bedeuten die zwei großen Smaragden. Der König. Und endlich eine kaum ſichtbare, blaue Veronika an jedem Ende— Der Herzog. Die bezeichnen die zwei Saphire, eu der entwendete Juwelenſchmuck an jeder Seite chloß. Der König. Und der Kranz ſelbſt! Er iſt elend und traurig mit dünnen, rothbraunen Heidekrautſtengeln zuſammen geflochten. Man hätte beſſere Blumen nehmen können, denke ich. Azouras Ich bitte in meiner letzten Stunde um die Gnade, daß Eure königl. Majeſtät mir ſelbſt den Kranz auf den Kopf ſetze. Reuterholm. Wie? Der König. Es iſt bewilligt. Der Herzog Da iſt noch ein grünes Blatt, wo⸗ rauf die Freche ihren Namen geſchrieben und daſſelbe ohne weiteres als Bittſchrift an den Hof zu ſchicken gewagt hat. Das Blatt ſoll da oben im Kranz auf dem Kopf der Verbrecherin befeſtigt werden, um dem Publikum öffentlich zu zeigen, daß ihr Name Azouras Lazuli Tintomara la Tourne-rose war Azouras. O, macht mir kein Verbrechen aus meinem armen Namen! Ich ſelbſt habe ihn auf das Laub geſchrieben, kein anderer Menſch auf Erden hat ihn je ſchreiben wollen— der Name wird bald verwelken, meine Herrn, wie das Laub ſchon gethan hat! O, meine Herrn, kehren ſie das nicht in Schmach und Schande! Ich bitte, ich flehe darum, das Lanb nicht auf dem Kopfe tragen zu müſſen. 22* — 340 Der König. Bewillige es, Regent Der Herzog. Es ſoll geſchehen, da Eure königl. Majeſtät es wünſchen. Da, nimm Dein Blatt wieder. Azouras. Es war nur für Fräulein von Ruden⸗ ſtöld beſtimmt. Mein Fräulein, nimm(Azouras reißt unvermerkt eine Stecknadel heraus, womit Reuterholm das Zeichen auf ihre Bruſt geheftet hat und ritzt ſchnell die Worte:„Gedenke des Werkes!“ auf das Blatt über ihren Namen), nimm mein Fräulein und bewahre dies Mehl⸗ beerblatt zum Andenlen an mich. Fräulein v. Rudenſköld. Auf meinem Herzen! Azouras. Herr Reuterholm, iſt mir noch eine Schande aufbehalten? Der Herzog(für ſich.) Es wird mir ſchwer, dieſe Komödie zu Ende zu ſpielen. Möchte doch Niemand meine Rührung bemerken! Azouras. Man ſchweigt. Es iſt keine Schmach mehr übrig;— ſo will ich denn jetzt meinem König na⸗ hen und die mir bewilligte höchſte Ehre genießen. Ich beuge ein Knie— befeſtige den Kranz auf mein Haupt. Der König. Ich thue es hiemit— ich wünſchte Dir beſſere Blumen; ich kann nichts davor. Azouras. Ich danke, Guſtav Adolph. Keine Königin trägt einen reicheren Haarſchmuck, als ich in die⸗ ſer Stunde! möge der Hof mich jetzt betrachten! Der König hat mit eigener Hand mein Haar geſchmückt. Der Herzog. Das ſchmeckt nach ſtolzem Blut. Reuterholm. Und erfordert eine ſtarke Züchti⸗ gung. Der Herzog. Remy, führe die Delingentin zu der Wache hinaus; ſie ſoll dieſelbe unter den zu der Hin⸗ richtung beſtimmten Baum ſtellen und ſie daran binden. Der König. Es iſt doch ſchade, daß ich minder⸗ jährig bin. Ich ſehe an ihrer Bläſſe und an ihrem zu⸗ nehmenden Zittern, daß ihre Stärke und ihr Stolz zu Ende ſind, daß ſie nur mit Schreck und Schauder ſich * — 6 341 zur Zeltthüre führen läßt.— La Tourne rose wendeſt Du Dich für immer von uns? Lzonn s Rien Der König. Sie iſt fort! aber es iſt Schade um ſie, mein herzoglicher Onkel. Recht muß geſchehen und ſoll geſchehen. Aber konnte die Regierung nicht Gnade verleihen? Der Herzog. Gedulden ſich Eure Majeſtät. Remy(kommt zurück.) Die Delinquentin ſteht unter dem Baum und die Truppen haben ein Viereck um ſie gebildet, wie befohlen war Ein Pfarrer, der Doktor Petreijus von St. Jakob, bittet um Audienz. Der Herzog Der hat die Delinquentin zum Tode vorbereitet. Laß ihn vor. Der König. Hat dieſer Doktor nicht auch Ankar⸗ ſtröm vorbereitet? Iſt dieſe Gleichheit mit Fleiß und zur Schande angeordnet worden, Reuterholm? Der Herzog. Geben ſich Eure Majeſtät zu⸗ frieden. Laſſe den würdigen Pfarrer eintreten. Petreijus(tritt ein). Ich bitte in Unterthänigkeit um ein Wort, ehe die Hinrichtung beginnt. Der König Setzt den Hut auf, Doktor,— es iſt ein Doktorshut. Petreijus Der Hut liegt gut im Graſe, Eure Majeſtät. Es iſt das Gras des Herrn. Hier ſind Papiere.— Reuterholm(für ſich). Sottise d'un Roi— garcon d'un Roi minorenne! Parler comme, ca d'un chapeau! et dans un moment comme ca! Der Herzog. Was iſt der Wunſch des Herrn Doktors? Petreijus. Hören Sie mich, hören Sie mich! die Todesſtrafe kann nicht vollzogen werden. Ein großes Hinderniß iſt dazwiſchen getreten.* Der Herzog. Was will das heißen? 1 1 1 342 Petreijus. Ich habe während der Vorbereitung des Delinquenten die ſchrecklichſte Entdeckung gemacht! Eure Majeſtät! Der Verbrecher kann den Tod nicht er⸗ leiden Er hat keine Kenntniß von Gott, er hat keinen rechten Glauben, er weiß nichts von unſern heiligen Sa⸗ kramenten, er iſt nicht konfirmirt worden und hat das heilige Abendmahl nicht genoſſen— ja er iſt— ich ſchaudre, das Letzte und Schrecklichſte auszuſprechen— er iſt kein Chriſt, er iſt nicht getauft. Der König. Was? Petreijus. Nach dem Geſetz kann er den Tod nicht erleiden, denn Euer Majeſtät, dazu iſt zuerſt eine chriſt⸗ liche Vorbereitung nöthig und dazu iſt erforderlich, daß man ein Chriſt iſt. Der König Er iſt nicht getauft? er hat das Abendmahl nicht genoſſen? und iſt bald 17 Jahre? Petreijus. Es iſt erſtaunlich! Der König. Iſt die Kirchenordnung unter Seiner Majeſtät, meinem Vorgänger und Vater, ſo ſchlecht bev⸗ bachtet worden? Petreijus. Es iſt unbegreiflich! Pauſe. Der Herzog. Da tritt, glaub ich, ein Kavalier aus dem Kreis des Hofes hervor. Was will der Ober⸗ hofſtallmeiſter. 8 Eure königliche Majeſtät! Eure königliche oheit Der Herzog. Was will Baron Eſſen2 Eſſen. Mein Herzog, mein Regent! ich habe eine merkwürdige Botſchaft darzubringen. Sie kommt aus dem Lande der Abgeſchiedenen; aber hören Sie mich. Aus den Worten, die hier innen fielen, hab' ich erſehen, daß das Geſchlecht dieſer Verbrecherin Eurer königl. Hoheit und dem Hofe bekannt iſt, obſchon das Publikum und auch Doltor Petreijus nichts davon weiß, wie ſich aus ſeinen Aeußerungen ergibt. Ich ſtehe daher nicht an, hierinnen —— 343 als Weib von ihr zu ſprechen. Ich habe in Betreff dieſes Mädchens eine theure Pflicht zu erfüllen, welche die theuerſte Hand meiner Seele auferlegte. Der Herzog. Ich erſtaune— was kann der Herr mit dieſer Perſon gehabt haben? Das wird luſtig— Eſſen. Ich habe nichts mit ihr gehabt. Eure königl Hoheit weiß, daß ich in jener unglücklichen Nacht, welche einen Trauerflor über das ſchwediſche Reich ver⸗ breitete, der letzte Begleiter Seiner Majeſtät des ſeligen Königs Guſtav war und mit ihm auf die Maskerade ging. Reuterholm(für ſich.. Ha! was ſoll daraus werden? Eſſen. Seine Majeſtät ſah in jener Nacht das Geſicht dieſes Mädchens. Er folgte ihr, wurde wun er⸗ bar von ihr gefeſſelt und— doch Eure königl Hoheit, ich ſehe— es wird mir ſchwer zu ſprechen— ich bitte um eine Gunſt.— Der Herzog. Stehen Sie doch auf, Sie ſind nicht unter denen, Herr Baron, die gewöhnt ſind ein Knie zu beugen. Was begehren Sie, Baron Eſſen? Eſſen. Nur das, daß der Herr Herzog in dieſer Stunde, in dieſem Augenblick nicht lache— So habe ich den König Guſtav III nie geſehen, und was er mir über dieſes Mädchen ſagte, war wunderbar anzuhören, obſchon es nur wenige Worte waren. Er glaubte, ſie ſei für das Theater beſtimmt, er wollte ſie davon gerettet wiſſen, wie er ſagte Der Herzog. Gerettet? vom Theater gerettet? Eſſen. Er gab mir im Geheimen, aber ernſtlich den Auftrag, ſie davon zu retten. Die Oper wurde ge⸗ ſchloſſen; es konnte alſo nicht mehr von einer Anſtellung dabei die Rede ſein. Ich habe deßhalb nicht geglaubt, daß des Königs Worte eine weitere Pflicht für mich ent⸗ hielten. Und ich weiß noch nicht, ob ich es jetzt ſo an⸗ ſehen ſoll. Vielleicht ſind ihre Verbrechen ſo groß, daß 344 von Gnade nicht die Rede ſein kann; aber wenn es mög⸗ lich iſt, Ew. Königliche Hoheit, ſo vernehmen Sie durch meinen Mund ein Wort, das Seine Majeſtät, der König Guſtav IIl aus dem Reich der Schatten zu ſeinem Bruder, dem Regenten, ſpricht— Der Herzog Ein Wort um Gnade? Es iſt ſonderbar heute! Mein junger König kommt zu mir und bittet um Gnade, es kommt ein Bote der Religion und bittet um Gnade, zu mir ruft eine Stimme von den Todten— und der Bote, der ſpricht, iſt ein König und ein Bruder— Alles um Gnade! um Gnade! um Gnade! Soll ich allein grauſam ſein? ſoll ich allein da ſtehen, entblößt von der Güte der Hoheit? Soll ich der Letzte ſein, wenn es ſich um Gnade handelt? Nein, das war nie meine Art. Mein Herz macht es mir zum Geſetz, dabei der Erſte zu ſein. Höre mich, mein Hof, und ihr Alle! Lang vorher, ehe dieſe Bitten kamen, hatte ich ſchon auf Gnade gedacht und ſie ertheilt Ich habe in der Re⸗ gierung dieſe peinliche Frage vorgehabt, die in juridiſcher Beziehung eine höchſt eigene und intereſſante Beſchaffenheit zeigte und Ihr follt hier unter uns den richterlichen Aus⸗ ſpruch und die Beweggründe deſſelben vernehmen Das Publikum draußen wird Zeuge von dem Reſultat ſein. Komm näher, meine Herzogin, tretet näher, Hoffräuleins und Kavaliere! Lies vor, Reuterholm! Aber um Eines bitte ich ebenfalls heute— ſeid fröhlich. Es handelt ſich ja nur um ein Feſt, um ein Schauſpiel, um eine Freude. Wir haben jetzt genug Ernſt gehabt. Reuterholm. Die Begründung des Urtheils be⸗ ginnt ungefähr ſo: Da kein Regierungsaft unternommen und ausgeführt werden darf, der nicht den Geſetzen und der Reichsverfaſſung gemäß iſt, ſo folgt daraus, daß ſobald ein unvorhergeſehener Fall eintritt— ein Fall, der nicht in ſeinem ganzen Umfange bereits wortgetreu in das Geſetz aufgenommen und dadurch beſtimmt iſt— daß ſo bald ein ſolcher Fall zur Berathung und Entſcheidung vorkommt, 345 ein beſonderes Geſetz für dieſe Gelegenheit gemacht werden muß, lex in casu, worauf dann gerecht geurtheilt und das Urtheil vollzogen werden kann. Die Herzogin. Sehr juridiſch oder geſetzlich, wie man ſagt. Ganz der Ordnung gemäß. Reuterholm. Unter dieſer Vorausſetzung, als Grund und unabweichliche Richtſchnur bei Entſcheidung jeder unvorhergeſehenen Geſetzesfrage, muß gegenwärtiges in der Kaſerne der weißen Garde gegen Kark XI. annoch geltende Kriegsartikel begangenes Vergehen beurtheilt werden. In dieſen heißt es unter Titel 5 über Gewaltthätigkeit und Entblößung der Waffen, Artikel 40:„Geſchieht es im Zorneswuth, unter der Fahne, im Lager, in der Gar⸗ niſon, in der Feldſchlacht oder im Feld überhaupt, ſo ſoll der, der es thut, erſchoſſen werden.“ Die Strafe lautet alſo deutlich auf Erſchießen. Aber die Kriegsartikel ſetzen voraus, daß der Verbrecher nothwendig ein Militär ſein müſſe, welcher wieder ohne Frage ein Mann ſein muß. Nun iſt er aber ein Weib. Es zeigt ſich alſo hier gleich ein vom Geſetzgeber nicht vorhergeſehener Fall Wie ſoll daher das lex in casu gemacht werden? Unſtreitig der für den andern Fall gegebenen Vorſchrift ſo entſprechend, als möglich. Das Erſchießen muß alſo vor ſich gehen, aber— nur zur Hälfte. Bei einer andern Todesſtrafe wäre eine ſolche Abweſchung ſchwer, um nicht zu ſagen, unmöglich. Wir finden es z. B. nicht leicht, einen nur zur Hälfte zu köpfen, noch ſehen wir ein, wie das Hängen zur Hälfte geſchehen könnte; noch— Der Herzog. Genug der Einleitung. Jedermann ſieht ein, daß ſie der geſetzlichen Länge nicht entbehrt; und daß Alles in der Länge recht wird, daran darf Nie⸗ mand zweifeln Ich will in Kürze den Ausſpruch ver⸗ künden. Da ſich Hinderniſſe gegen die wirkliche Todes⸗ ſtrafe erhoben haben, weil der Schuldige ein verkleidetes Weib iſt, das rechtlicherweiſe die Strafe, mit Kugeln niedergeſtreckt zu werden, nicht ganz erleiden darf, die nur, ——— 346 nach dem deutlichen Geiſt des Geſetzes, für wirkliche Mi⸗ litär feſtgeſtellt worden iſt; da ſich aber auch keine voll⸗ ſtändigen Gründe vorfinden, um die Verbrecherin ganz von der Strafe zu befreien, entweder weil ſie kein Chriſt iſt, wie Doktor Petreijus wünſcht, oder auch, weil ſie ſich als Weib herausgenommen hat, eine dem männlichen Geſchlecht anerkanntermaßen zukommende Ungeſetzlichkeit zu begehen,— ſo finden wir es für dienlich, daß die Strafe hier vor ſich gehen muß, zu welchem Ende wir in Hinweiſung auf das Recht, zu begnadigen, die Todesſtrafe in ein ſcheinbares Ableben verwandeln, ſo zwar, daß das Erſchießen mit Pulver, aber ohne Blei, bewerkſtelligt werden ſoll. Die Herzogin. Es liegt alſo wohl im Sinne der Geſetzgeber, die Delinquentin tüchtig mit Pulver zu verbrennen? ½ Der Herzog. Nein, es wird ſorgfältig ein ſo großer Abſtand von dem Ziel genommen werden, daß nur Rauch, aber kein Feuer hinkommen kann. Die Herzogin. Das läßt ſich hören. Der Herzog. Die Todesangſt, die die Delinquen⸗ tin indeſſen ausgeſtanden hat, ſehen wir für keinen geringen Theil der Strafe an, woraus wir eine Verbeſſerung und Milderung ihres Charakters erwarten. Und es iſt unſer Wille, daß nach vollzogener Strafe die Delinquentin, an welcher dann der Forderung des Geſetzes Genüge gethan iſt, an den Ort abgeführt werde, den wir für ſie anordnen wollen, und wo die weitere Erziehung dieſer reizenden Heidin in gehöriger Ordnung vor ſich gehen ſoll. Reuterholm. Sie wird ſich getödtet glauben, aber ſich erſtaunt in einem lebendigen Zuſtand finden, und nach Zimmern und Räumen geführt werden, die ſie, wie ich ſicher hoffe, einſt ihr Himmelreich nennen wird, wenn ſie mehr darüber aufgeklärt ſein wird und Einſicht in ſolche Dinge bekommt. Der Herzog. Lafßt uns jetzt dieſem ganzen Scherze 347 ein frohes und angenehmes Ende verſchaffen. An's Werk! Hr. Adjutant— Adjutant. Eure königliche Hoheit? Der Herzog. Gehen Sie zum dienſthabenden Of⸗ fizier der Wache und befehlen Sie, daß man alle Kugeln aus den Patronen nehme, worauf man laden und ſich bereit halten wolle bis wir das Zeichen geben. Vor dem Zelte im Solnawald war eine weite Aus⸗ ſicht zwiſchen den hohen geradſtämmigen Tannen. Kriegs⸗ leute gingen ab und zu, um die letztgenannten Befehle auszuführen, und in der Entfernung weiter im Walde an einem dunkeln großen Stein, der zur Stütze für die Mus⸗ keten diente, ſprachen einige Leute mit einander, während ſie ihre Patronen öffneten. „Aber warum ſollen wir unſere Kugeln herausneh⸗ men?“ fragte ein Volontär. Der Gardiſt ſah ſich um, ehe er darauf Antwort gab, und als er bemerkte, daß ſie allein waren, flüſterte er:„Man hat große Entdeckungen gemacht, es iſt kein gewöhnlicher Gefangener, es iſt ein Weib.“—„So,“ ſagte der Volontär ohne große Ver⸗ wunderung.—„Ja,“ fuhr der Gardiſt fort,„ein ſolches kann man nicht todtſchießen, ſiehſt Du, und überdies— la, la! la, la!“—„Was meinſt Du damit?“— Sie hat gute Freunde auf dem Schloß, ſagte der Gardiſt kaum hörbar. Siehſt Du den Wagen dort am Wegz ſie wird mit Staat von hier fortfahren. Alles iſt ein Luſtſpiel; ja meiner Treu! ſie hat ſehr gute und vornehme Freunde auf dem Schloſſe; ſie wird, wie das Sprichwort ſagt, aus den Ar⸗ men des Todes in die der Liebe eilen.—„Ha!“ ſagte der Andere mit halber Stimme,„hier iſt nichts, nichts zu verlieren, kein Augenblick!“ Der Gardiſt ſah ſeinem Kameraden, dem Volontär, deſſen blitzende Augen in dieſem Augenblick hinter dem ſchwarzen Steine verſchwanden, verwundert nach.„Der ———— 1 4 1 50 348 Mann iſt nicht an den Dienſt gewohnt,“ murmelte der Gardiſt bei ſich ſelbſt. Weiter unten näher am Zelt zeigte ſich eine andere Gruppe von mehreren Perſonen, und unter dieſen verſchie⸗ dene beſſere Uniformen. Ein Lieutenant rief:„Eilt Euch, Ihr Leute! ſind die Kugeln noch nicht aus den Patronen? So, jetzt liegen ſie alle da.“— Der Adjutant trat hinzu. „Laßt mich ſehen,“ ſagte er,„man ſoll mir genau ſo viel Kugeln überliefern, als Schützen kommandirt ſind. Man muß die größte Genauigkeit beobachten. Es wurden 16 Mann zum Erſchießen kommandirt. Eins, zwei, drei, vier; ich muß 16 Kugeln haben, Herr Lieutenant; fünf, ſechs, ſieben, acht— und dort auch acht— ſo, jetzt iſt es recht. Laſſen Sie jetzt antreten und die Schützen mit Patronen laden, wie ſie ſie jetzt haben, ohne Kugeln. Stellen Sie ſie dann auf fünfzig Ellen Entfernung von der Delinquentin auf und geben Sie Acht, daß auf das Zeichen vom königlichen Zelte Alle bereit zum Feuern ſind und die Gewehre auf das viereckige rothe Zeichen gerichtet haben, das auf der Bruſt des Verbrechers ſichtbar iſt.“— Sehr wohl! Herr Hugo war doch im Solnawald? Es gibt außerhalb Stockholm kaum einen ſo romantiſchen Anblick, als man hier unter den Bäumen rund herum genießt. Ohne Zweifel iſt der Wald in der Einſamkeit am ſchön⸗ ſten, und die große Volksverſammlung, welche die Neu⸗ gierde an dieſem Nachmittag herbei gerufen hatte, und die nur eine ſtarke Wache von dem Gefangenen fern halten konnte, bildete von allen Seiten in der Wildniß ein Ge⸗ mälde, das weit mehr auffallend als angenehm war. Die ſtattlichen Zelte auf einer Höhe, die Hofwagen, die ſchnau⸗ benden Pferde und die glänzenden Uniformen waren eben⸗ falls Gegenſtände, die, obſchon ſie die Gegend mit ihren ſchimmernden Figuren belebten, von einem ſtillen betrach⸗ tenden Gemüthe doch lieber fortgewünſcht worden wären. Aber auch mitten unter ſo vielen Leuten kann man 4 „ S 349 ſich einſam, ſehr einſam fühlen. Der ſchöne hochgewach⸗ ſene Baum, unter dem auf einem hohen Fußgerüſte der Gefangene mit einem weißen Bande, das ihm um den Leib ging, und mit ſeinem Gürtel vereinigt war, angefeſſelt ſtand— dieſer Baum ſtand ungefähr in der Mitte der ganzen Verſammlung in einer bedeutenden Entſernung von einem Viereck umgeben, das von einer ernſten ſchwei⸗ genden Mannſchaft in ihren beſten Kleidern gebildet war. Auf dem ganzen großen Plan rund um den Baum und innerhalb des Vierecks war alſo kein Menſch und der Gefangene ſtand in ſeiner Verlaſſenheit da. Keine Hand ſtützte die ſeinige. Der Kopf neigte ſich zur Bruſt herab, er neigte ſich unter ſeiner hohen großen Krone, die Laub⸗ krone des Baumes Der Gefangene war auf der Seite aufgeſtellt, die gegen die Solnakirche geht. Die Ausſicht vom Baume in den Wald in dieſer Richtung war male⸗ riſch ſchön. Die Nachmittagsſonne war am Zenith auf der weſtlichen Seite ſo weit herab geſunken, daß um dieſe Stunde die Spitze des Solnakirchthurms gerade mit der Sonne zuſammen traf, und von einer lebendigen Einbil⸗ dungskraft konnte dieſe für eine goldene Kugel gehalten werden, die zur Zierde der Thurmſpitze ſelbſt diente. Die 16 Schützen, die in der Nähe des Vierecks mit dem Rücken gegen die Kirche gekehrt ſtanden, hatten be⸗ reits eine Zeit lang ihre Gewehre gegen die Bruſt des Gefangenen gehalten, und dieſer, ſelbſt ein nicht ungeübter Schütze, konnte an den in den Sonnenſtrahlen blinkenden Musketenläufen deutlich erkennen, wie gerade ihre Mün⸗ dungen auf ſein Herz zielten. Vielleicht erhob ſich der Blick oft von dieſen ſchimmernden Linien, die ſelbſt wie Sonnenſtrahlen im Walde ausſahen, nach dem Kirchthurme hin. Aber ach! auch auf der Spitze der Kirche ſaß— eine Kugel! Lange genug währte dieſe Stunde des entſetzlichſten Anblicks und der ſchrecklichſten angſtvollſten Erwartung, als man endlich eine Bewegung in der Oefſnung des 350 königl. Zeltes wahrnahm. Der Hof kam und entwickelte eine Gallalinie zwiſchen den wilden, grünen Pflanzen. Vor Allen erſchien der minderjährige König, an deſſen Seite das Fräulein von Rudenſköld ging, und der Herzog Regent, neben dem ſich Reuterholm hielt. Der Letztge⸗ nannte ſah ſich mit einem feurigen Herrſcherblick um, um zu entdecken, ob Alles bereit ſei, damit das Zeichen zum Feuern gegeben werden könnte. Das Zeichen wurde gegeben. Dieſe 16 Mann waren ſo gut ererzirt, daß ſie ihre Schüſſe zu gleicher Zeit abbrannten und der Schall klang durch die Luft, wie wenn es die ſechzehnfache Stimme aus der Mündung eines einzigen Laufes geweſen wäre.— Ein ſchwacher und kurzer Schrei antwortete vom Baume her. Der Rauch bildete eine helle, blaugraue Wolke, die von einem leichten Wind unter die Krone des Baumes ge⸗ trieben wurde, und die Gefangene ganz verhüllte. Aber bald verdünnte ſich die Wolke immer mehr in wellen⸗ ähnlichen geringelten Geſtalten und begann den ganzen übrigen Theil des Baumes mit Laub und Zweigen in einen zitternden Nebel einzuhüllen. Die Gefangene ſelbſt war jedoch noch durch den Duft ſichtbar. Aber als die Wolke ſich ſo ſehr verdünnt hatte, daß ſich der Kranz oder das Haardiadem der kleinen Blumen auf dem dunkeln Haar der Gefangenen erkennen ließ, da eilten der Herzog, Reuterholm, der König und Fräulein v. Rudenſtöld, alle vier zugleich hin, um eine Perſon im Triumph herab zu heben, die jede von ihnen auf ihre Weiſe als ihren Liebling betrachtete. Die ernſten Gar⸗ diſten ſtanden mit Bärten da, deren Haare ſich erwartungs⸗ voll ſträubten, und von der ganzen unzähligen Verſamm⸗ lung hörte man weder einen Laut noch eine ſonſtige Be⸗ wegung Aller Augen waren wie Gewehre auf den Baum geſpannt und ſchoſſen Blicke auf Blicke. Doch erhoben ſich bisweilen die Augen von einigen der älteſten Gardiſten gegen die weſtliche Seite des Himmelsgewölbes, wo ſie in —. —— ——,— 351 den Wolken einen weit ausgedehnten rothgeſprengelten Schimmer mit ſcharfen Ecken und Kanten von Purpur über die fernen Wälder hinter Solna hinfließen ſahen. Beim Anblick dieſer blitzähnlichen Carminflammen, die häufig durch dunkle zickzackige Streifen unterbrochen waren, hatte man bei einer andern Gelegenheit ausgerufen. So ſchön auch heute Abend das Wetter iſt, ſo wird es doch gewiß morgen oder ſpäterhin ſtürmiſch werden. Allein dieſe Bemerkung machte jetzt kein Gardiſt, kein Weſen, kein Menſch, keine einzige Perſon in der ganzen Verſammlung, denn Niemand ließ das geringſte Wort hören. Und mit dieſem allgemeinen großen Schweigen Hr. Hugo ſchweigt auch die Geſchichte. Ende. Ich forſchte lange unter den Papieren von Ribbings⸗ holm nach, Herr Hugo, um Aufſchluß über den Umzug der beiden Fräulein Amanda und Adolphine von Stafſjs nach dem ſchönen Schloß bei Glan in Oſtgötland zu er⸗ halten. Aber es findet ſich eine große Lücke in ihrer Ge⸗ ſchichte: von dem Augenblick an, wo wir ſie wahnſinnig an den Fenſterrahmen von Stafſiö hängen ſahen, bis zu dem Zeitpunkt, da ſie mehrere Jahre nachher in dem obern Stockwerk von Ribbingsholm erſchienen und Hand in Hand durch den langen Salon hinwanderten, abwechslungsweiſe bei Verſtand und einander ſchweſterlich pflegten, wie ich ſie ſelbſt auf meiner Oſtgötareiſe ſah und in der Einlei⸗ tung beſchrieb. Welche innere Kämpfe und Zuſtände ſie durchgemacht hatten, kann ich nicht angeben. Ich ver⸗ muthe jedoch, daß die verwittwete Baronin, ihre Mutter, den Rath der fortreiſenden Lazuli beherzigt habe, und ſo die zwei unglücklichen Schweſtern allmälig mehr und mehr dahin kamen, ſich ſelbſt zum Gegenſtand ihrer warmen Liebe zu machen. Ein inniges Hinſchauen auf die beiden Porträts hielt vielleicht ebenfalls ihre Angen ruhig, und trennte ſich von andern verwirrenden Bildern. Und be⸗ ruhigte Augen geben auch nach und nach dem Verſtand Ruhe, Herr Hugo. ———— — 353 Auch geſtehe ich, daß mir der Ausgang von Azouras Schickſal nicht ganz klar dünkte. Alle ſagten mit einem Munde, ſie ſei getödtet worden. Allein jeder, der einmal an der Quelle der Wiſſenſchaften ſaß, und beſonders der, welcher gewöhnt iſt, aus dem klaren Brunnen der Ge⸗ ſchichte zu trinken, wird nur durch eine vollkommen deut⸗ liche Erzählung befriedigt und will vor Allem über die Entwicklung und das Ende eines Ereigniſſes Licht haben. Ich empfand in dieſem Falle ein peinliches Gefühl. Ich durchſah mehrmals die zerſtreuten, mir gütigſt mitgetheilten Blätter, welche die Urkunden meiner Geſchichte bildeten. Ich ſuchte auch die zu entziffern, welche am ſchlechteſten geſchrieben waren. Ich nahm meine Zuflucht zu Biblio⸗ theken und forſchte in den gedruckten Büchern nach, welche die Geſchichte Schwedens zu jener Zeit behandeln. Ich las Alles, was ich über die Vormundſchaftsregierung von 1792 bis 96 bekommen konnte; allein nirgends war Etwas über eine Azouras Lazuli Tintomara oder ihren Tod zu finden, obſchon die gedruckten Protokolle über Fräulein v. Rudenſtöld, Armfelt und Andere in der Unterſuchungs⸗ ſache der„verrätheriſchen Umtriebe,“ die einige Zeit nach⸗ her Statt fand, eine Sache ans Licht zu bringen ſcheinen, welche mit Azouras in Verbindung ſtehen könnte. Jeder⸗ mann weiß, daß die geheime Geſchichte von nahe liegenden Zeiten immer im Dunkel ſteht, und daß oft Jahrhunderte nöthig ſind, bis Aufklärungen und Dokumente aus Privat⸗ und Staatsarchiven zum Vorſchein kommen, welche eine klare Kenntniß hierüber verbreiten. Dies ſcheint auch mit Tintomaras Geſchichte der Fall zu ſein. Vieles von dem, was in dieſer Erzählung vorkommt, habe ich durch Doku⸗ mente erwieſen geſehen. Nur hie und da fand ich einen kleinen Anachronismus. Beinahe Alles, was von König Guſtav III. Tod und der Verſchwörung handelt, habe ich zu meiner Freude in gedruckten Büchern beſtätigt gefunden, ſo weit es die Sachen betraf. Dagegen fand ich beinahe Nichts von dem, was dieſe Papiere über Reuterholm ſagen. Der Königin Juwelenſchmuck. 23 354 Schade, daß noch keine ausführliche Biographie über dieſen berühmten Günſtling des Regenten veröffentlicht wurde, welche ein Licht über ſeine geheimen Umtriebe und die große Ungnade, in die er endlich fiel, werfen könnte.— Da ſich alſo kein ſolches Buch vorfindet, ſo muß ich mit aller Achtung vor den Ribbingholmſchen Papieren erklären, daß ſie bis auf Weiteres keine höheren hiſtoriſchen Anſprüche machen dürfen, und ich wage, deßhalb die hier geſchilderten Scenen noch von keinem andern Standpunkte aus zu be⸗ trachten als von dem der Poeſie. Ein ſehr häßlich und ſchlecht geſchriebener Wiſch, auf dem ich ſogleich den„Jägermeiſtersſiyl“ des ſogenannten Stafſiö Onkels wieder erkannte, gab mir einige Winke, welche ich Herrn Hugo gerne mittheile, falls ſich etwas daraus machen läßt und eine ſo unklare und dunkle Er⸗ zählung nicht verſchmäht wird. Die Sache ſcheint in großer Eile und in heftiger Gemüthsbewegung zuſammen geſudelt zu ſein. Ich weiß nicht, ob der Onfel ſelbſt beim Er⸗ ſchießen im Solnawalde gegenwärtig war, aber aus meh⸗ reren angeführten Umſtänden ſcheint dies beinahe hervor zu gehen, und es erſcheint auch nicht unglaublich, wenn man ſich ſeiner Liebe für ſein Pflegekind Lazuli erinnert. Er konnte ja in eigenen oder ſeiner Schweſter Geſchäften um dieſe Zeit nach Stockholm gereist ſein. Wenn man annehmen darf, daß er unter der neugierigen Menge zu⸗ gegen war und mitten im Haufen ſtand, ſo könnte von dieſem Geſichtspunkte aus der Inhalt des kleinen Papiers theilweiſe ſich erklären laſſen, und es möchte wohl ein in der darauf folgenden Nacht in Eile geſchriebener Brief an ſeine Schweſter, die Baronin M., ſein.— Hie und da ſind die Worte leſerlich, aber dazwiſchen kommen lange Reihen, die ich außer Stands bin heraus zu bringen. Die am wenigſten undeutlichen Fragmente lauten alſo:„Was iſt das?—— das Viereck ſoll ſtrenge geſchloſſen bleiben! Rief———— meine Geliebte! erſchoſſen—— ach! ach!—— Verrätherei! Verrätherei! Verrätherei!—— — 355 — aber zur Linken ſtürmte ein wahnfinniger Laut und Klagelärm auf den Flatz herein, und der Herzog befahl Stille—— Kommando— halt! Niemand darf ſich rühren; Alle ſollen unterſucht werden; jeder Körper— —— ſo daß Reuterholm krank in das Zelt getragen wurde———— auf das Waſſer ſtand das Fräulein wieder auf—— ſeht! o mein Gott! das rothe Zeichen iſt von einer Kugel durchbohrt, der weiße Mantel iſt durch⸗ bohrt, die Bruſt durchbohrt, das Herz durchbohrt! Was iſt das für eine Kugel———— aber Niemand hörte, bis der Herzog rief: Herr Adjutant!— Ja, ich bin hier! —— Paßt dieſe in die Kugelformen des Regiments— — eckig, wie von einer Reffelbüchſe, abſcheulich! Nein! ſo ſehen unſere Kugeln nicht aus—— Verrätherei! nehmt ſie feſt! nehmt ſie feſt!—— Das braucht es nicht, ich ſtehe hier!— Es war eine tiefe, ſehr ſtarke Stimme, ein großer Soldat von finſterem Geſicht, und er ſtand unter den Schützen unten am Viereck. Ich konnte von der Ent⸗ fernung aus nicht genau bemerken, wie er ausſah.“ Der Schluß dieſes Briefes iſt am deutlichſten ge⸗ ſchrieben und lautet alſo:„Und in der Nacht, als die Sonne unter, aber der Mond aufgegangen war und hell über die Bäume hinſcheinte, da geſchah es, daß die Wirk⸗ lichkeit auf die Dichtung folgte und eine wahre Arkebuſade an der Stelle derer anbefohlen wurde, welche nur eine fingirte hätte ſein ſollen. Das Kriegs⸗ oder Standrecht ging ſchnell vorwärts. Der, welcher erſchoſſen wurde, ſoll ein großer ſchöner Volontär von magerem dunkelbraunem Geſichte geweſen ſein. Und bei jedem Verbrechen, deſſen man ihn anklagte, legte er immer ſelbſt ein neues hinzu, ſo daß es im Ganzen 4, 5 oder 6 wurden, ich erinnere mich nicht mehr recht; aber Alle waren todeswürdig.„Erſtens: ich habe gegen das Leben meines Königs komplottirt; zwei⸗ tens: ich habe meinen Major meuchlings im öden Walde erſchoſſen, wo er noch liegt; drittens; ich habe meine Ge⸗ liebte auf mein eigenes Herz zielſchießen gelehrt— oder — 356 auf das Herzaß in der Scheibe— aber ich zog die Kugel aus, und mit der ausgezogenen Kugel, die ich treu ver⸗ wahrt hatte, erſchoß ich viertens: heute Abend ſie ſelbſt. Meine Herrn im Standrecht! geben Sie mir den Tod— ———— Da begann der milde Herzog Karl und ſagte ———— aber der Volontär behauptete hartnäckig, daß er bei geſundem Verſtande ſei, und es geſchah nun auch mit ihm——— und ich ritt heim, denn obſchon ich Jägermeiſter bin, ſo hatte ich doch heute mehr Schüſſe gehört, als ich wünſchte. „ — * 7 —