—— S 3 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur z von S 1 Gduard Otlmann in 6ießen,„ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingnngen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ b pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rucgube eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e n. 8, e —— Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe lche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Monat: 1W— F. 1 W 5 f 2 W Pf. ¹ 3 Auswärtige Abonnenten haben für Fin und Zurückſendung ver Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und def Biücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der reis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ e oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt zum Erſatz des Ganzen ic usleihezeit. Dieſelbe iſt auf 4 Tage feſtgeſetzt und wird rs darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen de er nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Amalia Fillner. Roman von Almqvi ſt. S* Aus dem Schwediſchen⸗ Fünf Bändchen⸗ Stuttgart.* Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Erſter Brief. Von Amalia Hillner an Frau Hillner. Gräſeholm, den.. Beſte Mama! Freue Dich jetzt, Mamachen, und mache am 15. Juli ein Kreuz in den Kalender, denn Deine Amalie hat ihren Beſtimmungsort erreicht, und iſt, Gott ſei Dank, geſund hier angekommen, obſchon die Wege ab⸗ ſcheulich waren. So bin ich nun endlich Gouvernante! Gott helfe mir nur, daß ich meinen Dienſt recht ver⸗ ſehen kann. Was die franzöſiſche Ausſprache betrifft, ſo iſt es mir ein wenig Angſt, da ich gehört habe, daß die Frau vom Hauſe eine Ausländerin ſein ſoll, aber wegen des Deutſchen habe ich keine Furcht. Wenn ich nur richtig Bruchrechnen könnte! Ich zittere vor dem Gedanken, daß einer von den Herrn auf den Einfall gerathen könnte, mir eine kleine Aufgabe in dieſer un⸗ angenehmen und meiner Anſicht nach ganz unnöthigen Rechnungsweiſe zu geben, wo man eine kleine Ziffer oben, einen kleinen Strich dazwiſchen, und dann noch eine Zahl darunter, hat! Ich werde an Dich ſchreiben, Mama, wenn es ſich in meinem Lehrberufe trifft, daß ich ſtecken bleibe, und Du mußt mir dann um Gottes⸗ willen mit umgehender Poſt antworten, damit ich mei⸗ ner Elevin— nein elève muß es heißen— Auskunft geben kann, denn ein paar Tage kann ich meine kleine Konſtanze ſchon warten laſſen, wenn wir auf eine kitz⸗ liche Frage ſtoßen, aber zu lange wäre eine Schande⸗ 6 Ach, geliebte Mama, wenn ich mich nicht an Dich wen⸗ den könnte, zu wem ſollte ich dann mit meinen Schmer⸗ zen gehen? Werde Deiner armen Amalie daher nicht. müde, und Du ſollſt ſehen, daß es ſchon gehen wird. Ich habe mich heute eine Stunde lang eingeſchloſſen und ein ganzes Dutzend Federn geſchnitten, um mich im Federſchneiden zu üben, denn dieß iſt die ſchwerſte Kunſt, die ich kenne. Und darauf muß ich mich in al⸗ lem Ernſt legen, da ich nicht alle Federn meiner Schü⸗ lerin mit der Poſt an Dich ſchicken kann, um ſie auf dieſe Weiſe geſchnitten zu bekommen. Wie ſehne ich mich, Dich zu umarmen, mein artiges Mamachen! Doch da ich nun einmal auf Erden Mußt' Gouvernante werden, ſo muß ich auch verſuchen, Dir einen ordentlichen Brief in richtiger Sprache, mit Vorderſätzen, Nachſätzen und Beiſätzen, Subjekt, Kopula und Prädikat zu ſchreiben, auch werde ich Nominative und Accuſative gebrauchen, doch vor den Vokativen muß ich mich hüten, denn ſie ſind die ſchwachen Seiten eines Frauenzimmers. Sage mir jetzt aufrichtig, glaubſt Du, daß ich zur Gouver⸗ nante tauge? Es iſt hier ſo ängſtlich und düſter um mich, das kommt wohl davon her, weil ich noch keinen Menſchen kenne; überall ſuche ich Dich mit meinen Augen und was finde ich? nur den Tiſch und die Stühle im Zimmer der„Mamſell.“ Ach, daheim bei Dir war ich glücklich, und hatte kein eigenes Zimmer, ſondern durfte beſtändig bei meiner Mama ſein. Hier habe ich mein eigenes Zimmer! So geht es, wenn man in der Welt draußen iſt! Ich bin einſam, recht einſam. Aber courage, Amélie! Je suis la gouvernante d'une jeune et charmante demoiselle. Constance Schülerin! Gott, gib mir Standhaf⸗ Jetzt— jetzt ſollte ich eigentlich den ordentlichen und wohlgeſchriebenen Brief ohne Vokative und Aus⸗ 4 rufungszeichen beginnen, aber ich habe heute kein rech⸗ tes Gemüth dazu. Dießmal mußt Du mir noch meine Nachläſſigkeit verzeihen. So heiter und glücklich Du mich auch glauben magſt, weil ich eine Reiſe machen durfte, ſo verſichere ich Dich doch, mein liebes Mama⸗ chen, daß ich den Thränen nahe bin, und vielleicht ſiehſt Du die Spuren davon auf meinem Papiere. Ich ſchicke daher dieſen Brief jetzt gerade ſo ab, wie er iſt, denn gewiß biſt Du neugierig und ängſtlich zu hören, daß ich lebendig an Ort und Stelle gekommen bin. Nie werde ich Deine Ermahnungen vergeſſen und mich ſtets genau nach ihnen allen richten, Dein ſtrenges Gebot ausgenommen, daß ich gut an Dich ſchreiben ſolle. Wenn ich Dich nicht liebte, ſo würde ich ganz präch⸗ tig grammatikaliſch und ſchön an Dich ſchreiben, allein es iſt meine Anſicht, und Du magſt ſie mir verzeihen, daß zwiſchen Perſonen, die einander ſehr, ſehr lieben, gut ſchreiben eigentlich ſchlecht ſchreiben heißt. Habe jedoch keine Furcht, daß Du nicht eine genaue Nach⸗ richt über Alles und Alle im Hauſe erhalten werdeſt, wie Du mir anbefohlen haſt. Ich werde Dir die Frau, die jungen Herrn, Konſtanze, den Garten, das Luſthaus und die ganze Orangerie beſchreiben. Ich ſah auch ſchon einen Springbrunnen, ſo etwas habe ich meiner Lebetage nie geſehen. Aber— verzeih mir, daß ich Dir jetzt nicht mehr davon ſchreibe— ich bin ſo weich. Wenn es mir bis zum nächſten Poſttage gelingt, zu vergeſſen, daß ich ſo weit von Dir entfernt bin, ſo ſollſt Du einen beſſern Beſcheid über Amaliens Aufent⸗ haltsort bekommen. Du ſollſt von einem kleinen, un⸗ beſchreiblich ſchönen Plätzchen, einer Laube oder einem natürlichen Luſthäuschen von lebendigen Hecken hören, wohin ich mich am Tage nach meiner Ankunft gleich nach Tiſche ungeſtört und ungeſehen begab, und ganz allein herumgehen konnte, ungeachtet Alle noch ſo ar⸗ tig gegen mich ſind, daß ſie mich keinen Augenblick mir ſelbſt überlaſſen wollen; doch dießmal blieb ich allein, va ich die Gelegenheit abgewartet hatie. Dort ſah ich etwas, was ich nicht ſo in der Eile beſchreiben kann, das mich aber eben ſo ſehr in Schrecken als Verwun⸗ derung verſetzte. Lebe wohl, meine liebe, liebe Mamaol Denke an Deine Amal ie. Schicke mir etwas Sigellack und ein Dutzend kleine engliſche Oblaten, damit ich keinen Lack von dem Buch⸗ halter hier entlehnen muß, der ein häßlicher, alter Sauertopf und der blaunaſfigſte Menſch von der Welt iſt. Lebe wohl, leb wohl, meine Mama, ach, wie ich Dich liebe! Zweiter Brief. Von derſelben. Gräſeholm, den. Liebe Mutter! Noch habe ich ein Paar Tage lang nichts zu thun, denn erſt am Montag ſollen meine Lektionen beginnen, und ich meinen Beruf als Gouvernante antreten. Beſ⸗ ſer kann ich dieſe freie Zeit wohl nicht anwenden, als wenn ich Dir eine ordentliche Beſchreibung von mei⸗ nem hieſigen Leben gebe, denn Deinen Sft Dir Alles genau zu berichten, werde ich gewiſſenhaft erfül⸗ len, und Du darfſt dafür nicht unterlaſſen, mir all die guten Rathſchläge zu geben, die eine achtzehnjährige Tochter ſo wohl brauchen kann. Ich geſtehe Dir, daß ich meinen künftigen Beruf mit ernſteren Augenkzu be⸗ trachten anfange. Ich ſoll alſo jetzt ein Amt antreten, oder einen Dienſt, einen kleinen Dienſt. Ich ſoll einen Menſchen erziehen. Kann ich denn das, gro⸗ ßer Gott? — S7 „ — 5 Am erſten Tag nach meiner Ankunft in Gräſeholm ging ich in den Garten und ſann darüber nach. Ich ſpazierte einſam und von neuen, merkwürdigen Ge⸗ danken erfaßt, auf und nieder. Da fand ich, daß ich keine beſſere Richtſchnur für mein Verhalten hätte, als wenn ich Jahr um Jahr, ſo weit ich konnte, zurück⸗ dachte, wie Du ſelbſt, liebe Mutter, mich behandelt haſt. So dachte ich mich in Deine Lage und Konſtanze in die meinige. Ich ſah ein, daß ich Mutter ſei— und doch iſt Konſtanze nicht mein Kind! Werde ich ſie genug lieben können, um ſie ſo zu führen, wie eine Mutter ſoll? Endlich erinnerte ich mich, daß ſie auch ihre eigene Mutter hat. Werden wir Beide wohl in dem Erziehungsplane übereinſtimmen. Ich weiß das nicht zum Voraus, aber ſie muß doch ihr Kind lieben? Dann wird ſie auch leicht meine Sorgen begreifen, und ich hoffe, wir gerathen in keine ſchwierige Strei⸗ tigkeiten mit einander. Aber warum erzieht ſie ihre Tochter nicht ſelbſt, wie Du es mit mir gethan haſt? Sie hat wohl keine Zeit— ſie will nicht— vielleicht kann ſie nicht. Was weiß ich? Konſtanze, die ſo reich iſt, daß ſie zwei Mütter hat— ihre eigene und mich — wie arm kommt ſie mir doch dabei vor! Denn ihre rechte Mutter verläßt ſie, will ſie nicht erziehen oder kann es nicht. Wie viel reicher war da ich, die nie mehr als Dich, meine einzige, gute, geliebte Mut⸗ ter hatte, die niemals eine Gouvernante ſah, nie ihre Gebete von einem andern Munde lernte, nie ihre Stu⸗ dien unter andern Augen machte, als denen, die ich ſo lieb hatte. Wie wird Konſtanze mich ſo lieben können, wie ich Dich liebte? Das iſt ja ganz un⸗ möglich. Seit ich hier bin, hat mir meine Herrſchaft ein ausgeſuchtes, höchſt zuvorkommendes Wohlwollen be⸗ wieſen. Noch habe ich nichts bemerkt, das mich daran erinnerte, daß ich das bin, was ich eigentlich doch bin — nämlich ein Domeſtik. Den erſten Tag ließ man Amalia Hillner. 2 — 10 mich nicht einen Augenblick allein. Der Baron ſelbſt oder der„gnädige Herr“ iſt verreist, ſo daß ich von ihm nichts weiß. Er wird erſt in vier oder ſechs Wo⸗ chen zurückkommen. Aber die Baronin vereinigt mit ihrem vornehmen Weſen eine Artigkeit, die nie in den Ton der Herablaſſung fällt und alſo nicht verletzt, ſon⸗ dern Vertrauen, Freude, ja beinahe Liebe erweckt. Ich glaube allerdings auch Manches entdeckt zu haben; aber die Sonne hat ja auch ihre Flecken, Mamachen, oder nicht? Ich habe ſie zwar noch nicht recht geſe⸗ hen, denn es thut den Augen ſo weh, wenn man in die Sonne ſieht, aber Flecken gibt es dort doch, das habe ich mit Beſtimmtheit gehört! Mit der Baronin habe ich daher Nachſicht, und die jungen Herrn, ihre Söhne!— wie geſagt, am erſten Tag war ich Gaſt, und wurde ganz als ein ſehr willkommener behandelt: man zeigte mir Alles, Zimmer, Stockwerke, Ausſichten Spaziergänge. Am zweiten Tag war ich ſchon weni⸗ ger Neuling, und erhielt in demſelben Maße etwas weniger Aufmerkſamkeit, was mich freute, da ich da⸗ durch meine eigene Perſon ungeſtörter genießen durfte. Gegen Mittag kam ein Wagen mit Nobleſſe aus der Umgegend. Als dieſe wirklichen Gäſte in den Saal tra⸗ ten, mußte Deine Amalie im Schatten ſtehen. Niemand trat zu dem Fenſter, wohin ich mich ſcheu zurückgezogen hatte, Niemand bemühte ſich, mich in den Kreis der Konverſation hereinzuziehen. Die Baronin ſtellte mich nur ganz ſchnell, und im Vorübergehen als Madewoi- selle Lenoir vor——(ich begreife nicht, warum ſie mir dieſen Namen zu geben beliebte; ich weiß, daß man in der guten, alten Zeit die Gouvernantinnen, ma bonne und Mademoiselle bonne nannte, aber Lenoir? Es fällt mir um ſo mehr auf, als ſie dieß mit einer in meinen Augen ſehr ernſten, wenigſtens durchaus nicht ſcherzhaften Miene äußerte). Ich heftete méine Auf⸗ merkſamkeit nicht lange darauf, und werde wohl ein⸗ 8 mal die Urſache erfahren. Da ſie ſelbſt eine Auslän⸗ „ — 11 derin iſt, ſo hat ſie wahrſcheinlich den Namen Hillner nicht recht behalten. Etwas ſo Gewöhnliches vergißt man ja teich. Aber warum griff ſie in der Eile zu Lenoir? Das begreife ich durchaus nicht, wenn es nicht etwa wegen meiner langen ſchwarzen Haare geſchab, worüber ſie mir einige Artigkeiten geſagt und zu verſtehen gegeben hatte, d daß ſie ſchön ſeien. Es würde mich verletzt haben, mich ihr geſchmeich elt zu hören, wäre nicht ihre Aeußerung mit einem rührenden Aus⸗ druck begleitet den ich nicht begriff, von dem ich aber gerührt wurd Das Räthſel mag nun einen Knoten haben, welchen es will, ſo war ich jetzt einmal als eine Lenoir vorgeſtellt, und wurde den Mittag über ſo genant t, wenn eine von den fremden Perſonen mich anredete. Bei den Hausleuten aber, dem jungen Herrn und Konſtanzen hieß ich Mamſell Amalie, wie am Tage vorher und dieß frente mich in der Seele. Nachmittags ging ich für mich ſelbſt aus, und Niemand folgte mir. Bei dieſer Gelegenheit war es, daß ich in den Garten kam, und dort bis zu einem ſchönen, düſtern Plätzchen vordrang, wo mich Niemand ſtörte. Es war das nämliche, von dem ich Dir in meinem erſten Briefe ſprach. Die Sonne ſtand am Wittaghi mmel, und ſank ſchon wieder etwas Du weißt, daß ich die Sonne ſo am meiſten liebe. Der Himmel ſelbſt war nicht ganz wolkenfrei. Einige zerſtreute, weißgraue Fleckchen ſahen ſo ganz wie hübſche und gut kardätſchte Baumwolle aus, daß ich ſie lange Zeit betrac tet Oft meine ich, die Wolken nehmen gewiſſe Geſtalten an, welche Gegen⸗ ſtänden auf der Erde gleich ſehen. Ich habe ſogar ſchon ordentliche Menſchenuaſen mit Kinn und Stirne geſehen, doch ich bin eine Närrin. Bald verſchwinden die Wol⸗ kengeſichter, die zum Theil recht zornig ausgeſehen haben, und dann kommnt wieder ein Berg zum Vorſchein, oder ein Pferd, oder ein Heuhaufen. Aber dießmal, Mamn, ſah ich die grauweißen, ſchönen Wolkenbilde länger, als gewöhnlich an, denn— ich kann Dir das nicht recht 12 beſchreiben— ſie ſahen genau ſo aus, wie die großen, baumwollenen Stücke, welche, wie Du Dich erinnern wirſt, aus dem Loche unſerer alten, grünen, ſeidenen Decke herausſahen, die nämlichen, welche ich einmal aus Rarrheit aus dem Seidenzeug zog, und Dich dabei naſe⸗ weis fragte, ob wir nicht den Ueberzeug zuſammennähen ſollten, aber Du wendeteſt Dich damals ab, Thränen brachen aus Deinen Augen, und Du ſagteſt, er ſolle nicht mehr ausgebeſſert werden, ſo lange Du lebteſt. Ich wagte Dich nicht weiter zu fragen, da ich Dich ſo bewegt ſah, ſondern ſtopfte etwas erſchrocken den Watt wieder hinein, aber warum mußte ich jetzt hier am Himmel ganz dieſelben Baumwollenphantome ſehen? Ich habe ihre weiche Geſtalt niemals vergeſſen können. So kam ich immer weiter im Garten, indem ich ſtets das Gemälde der Wolken beſah. Auch ſtand es nicht lange an, bis fie ihr Ausſehen veränderten, und die Form von ein Paar Geſichtern annahmen, die aber ſo ſchön waren, daß ich niemals prächtigere Wolken ſah; in einem Nu waren auch ſie verändert und wieder fort. Die ganze lichte und zarte Maſſe zerſtreute ſich im Luftraum, und verſchwand in den geheimnißvollen, aber liebenswürdigen Wüſteneien des Firmaments. Ich ſah auf die Erde herab, und erblickte Gegenſtände genug, die meine Bewunderung verdienten. Ich fand, daß ich an eine unausſprechlich ſchöne Stelle, ganz im Innern des Gartens, gekommen war. Nach meinem gewöhn⸗ iichen Geſchmack vertiefte ich mich unter den Bäumen. Soll ich Alles geſtehen? Es ergötzte mich, einige Fuß⸗ pfade aufzuſuchen und zu betreten, die gewiß ſeit lan⸗ ger, langer Zeit nicht mehr begangen worden waren, denn Zweige und Schlingpflanzen hinderten mich bei jedem Schritte. Aber das liebte ich gerade an dieſem Nachmittage; ich ging ja wie auf Entdeckungen aus. Nach einer Weile verirrte ich mich unter den lieblichſten Birken. Die Wachholder⸗ und Tannenſträucher, durch die ich mich eben mit Mühe hindurch gedrängt hatte, Si 13 waren jetzt aus. In einem Kreiſe von Haſelſtauden, Zitterpappeln und Birken ſtand ein großer, hoher, ge⸗ rader und majeſtätiſcher Ahornbaum. Ich befand mich auf einem Platze, der jetzt ſehr verwildert ausſah, der aber einmal geordnet und geebnet geweſen zu ſein ſchien. Es mochte damals wohl eine Laube hier geweſen ſein, wohin die Leute oftmals gingen, und ihren Geſang mit dem Säuſeln der Blätter und dem Gezwitſcher der Vögel vermiſchten. Noch jetzt hörte man ein eben ſo heiteres Gezwitſcher wie jemals, und ein leichtes Windchen bewegte leiſe das Laubwerk. Aber Spuren von Men⸗ ſchen? ein Echo ihrer Geſänge? Nein. Der Platz ſah ſich der Stille und der Natur wiedergegeben, und das Herz, oder die Herzen, die hier geklopft, ſchlagen viel⸗ leicht jetzt nicht mehr, oder ſchlagen nicht mehr ſo, wie ehedem— ſchlagen in andern Laubgängen. O, meine Mutter, warum fühlte ich mich in dieſer Stunde ſo wunderbar betrübt, da ich doch niemals auf der Welt etwas zu beklagen halte? Ich verſtehe jenes Leiden nicht, von dem ich nur in ſchönen Büchern geleſen habe. Beſitze ich denn in meiner eigenen Bruſt ein Buch, das im Be⸗ griffe ſteht, ſeine wundervollſten Seiten vor mir zu öffnen und mich etwas leſen zu laſſen, wovon ich bis⸗ her keine Idee hatte? Ich bin nicht für Ahnungen em⸗ pfänglich, und werde wohl bald wieder fröhlich ſein, wenn ich mit meiner kleinen Konſtanze zu arbeiten be⸗ ginne. Jetzt aber war ich einſam im Parke, und die ſchlanken Birken ſahen vielleicht etwas in meinen Agen glimmen, das eine Thräne werden wollte, denn ſie bogen ihre weichen Kronen bald zur Rechten, bald zur Linken, als ob ſie über mich den Kopf ſchüttelten. Der Wind war ſo unbeſchreiblich behaglich und hörte plötzlich auf. Ich ſah nach dem hohen Ahornbaume empor, der zwar gerade und hoch daſtand, aber ſich doch ganz oben am Wipfel etwas neigte, als ob er ſich über mich herab⸗ beugte. War dieſe Vorſtellung wohl nur ein Werk meiner Phantaſie? Es war mir, als ſchaue er auf mich herab, wie ein Vater. Ein Gefühl durchbebte mir jede Nerve, jede Ader. Ich hatte ja niemals meinen Vater geſehen. Warum mußte er vor meiner Geburt oder ſobald darauf ſterben, daß ich ihn niemals ſchauen durfte? Nicht ein Schimmer von ſeinem Geſichte, nicht ein halber Schat⸗ tenriß ward mir. Meine Mutter, Du mußt ihn mir voch beſchreiben, Du darfſt über dieſe Sache nicht ſo ſtille ſein. Jetzt, da ich in die Welt hinaus gekommen bin, wäre es ſogar himmliſch ſchön, wenn ich wie andere von Vater und Mutter ſprechen— wenigſtens an ſie venken könnte— obſchon ich wohl weiß, daß es noch mehr gibt, die wie ich ihren Vater in der Kindheit verloren haben und ihn nur im Traume ſchauen. Ach ſch näherte mich dem großen Ahornbaum, ich wollte den Stamm umarmen. Verzeihſt Du mir das Mutter? Es war ſehr kindiſch, aber ich habe nie etwas Beſſeres ge⸗ than, und es war ein ſo ſchöner, ſtattlicher Baum. Aber höre, warum ich ihn nicht umſchlang. Als ich eben mit ausgebreiteten Armen vor dem Stamme ſtand, und meine Augen ſcharf darauf heftete, meinte ich etwas in vie Rinde eingegraben zu ſechen. Friſche Namen ſieht man deutlich; ſie ſchimmern weiß oder höchſtens braun. Sind ſie aber ſchon lange her eingeſchnitten, ſo iſt die Rinde um ſie her wieder aufgequollen, die Spur iſt un⸗ veutlich, phantaſtiſch, die Zeichen ſtetzen empor, ſtatt eingegraben zu ſein. Es wandelte mich eine Luſt an, die Buchſtaben zu entziffern; ich trat heran, kratzte etwas am Mooſe, und zog einen darüber gewachſenen Strei⸗ ſen hinweg, o meine Mutter, meine Mutter, täuſchte ich mich? ich ſah B. S. H. Bei dieſer Entveckung ſchrack ich zurück. Aber ſchnell trat ich noch einmal heran, ſtarrte die Zeichen genan an und ſah— und ſah— nein, ich habe mich nicht getäuſcht! O Gott, Mutter, es find die Anfangsbuch⸗ ſtaben des Namens, welche in dieſen Baum eingeritzt 15⁵ ſind— und Du wohnſt doch ſo weit von hier, in Upſala. S Stait den Stamm zu umarmen, wie ich unver⸗ ſtändigerweiſe gewollt, fiel ich auf die Kniee, und fal⸗ tete meine Hände; ich verrichtete ein Gebet, das ich Dir nicht wiederholen will. Aber Gott hörte mich und vielleicht noch ein Geiſt, dem ich ſo viel zu danken habe, veſſen Hand ich aber niemals ſollte küſſen dürfen. Als ich endlich meine Stirn gegen die Wurzeln des Ahorns herabbeugte, und meine Thränen ſüß, aber in reich⸗ licher Fülle auf den ſtillen Raſen herabrollten, fühlte ich eine namenloſe Luſt. Eine Laſt ſiel mir vom Her⸗ zen, und ich ſah Dein Bild ſo deutlich vor mir, daß ich Dich beinahe in der Luft hätte umarmen können. Ich rief den Höchſten an, und er hörte mich gewiß in dieſer Stunde, Du wirſt noch glücklich werden, meine Mutter. Gott hat Deine Amalie nicht vergebens hier⸗ her geführt. Rein, das hat er nicht gethan! Schreibe mir, ob Du nicht dieſen Nachmittag ein unſagbares Gefühl, ein gewiſſes Flüſtern in Deiner Seele geſpürt haſt? Ich habe nie ſo Etwas empfunden, und obſchon wir jetzt ſo viele, viele Meilen weit von einander leben, ſo ſind doch unſere Herzen feſt an einander gekettet, vas glaube ich, und es iſt meine höchſte Wonne, dieß zu glauben. Schreibe mir, ob nicht Gott ſelbſt, oder ein Geiſt, den Du liebſt, Dir eine Antwort auf etwas zugeflüſtert hat, was Du gerne, ſo gerne, als Du lebſt, wiſſen möchteſt? Ich erhob mich vom Boden und wollte, es war vielleicht vermeſſen, meinen eigenen Namen friſch, jung und neu unter den Deinen eingraben, der ſo verwachſen war. Aber ich ließ es bleiben. Soll ich es wagen, die⸗ ſem Baume eine neue Wunde beizubringen? Nein, ich trat zurück. Schreibe mir doch um Gottes Willen bald, ob Du nie in Gräſeholm warſt, Mutter? Du ſagteſt mir, als ich von Upſala abging, daß Du Skane nie geſehen P 4 * habeſt, und auch nie auf dem Gut geweſen ſeiſt, nach welchem ich abreiſte. So iſt doch es wenigſtens einer, der uns liebte, hier umher gegangen. Ach alle Pfade nach dieſen Birken und Zitterpappeln ſind jetzt über⸗ wachſen! Es iſt wohl lange her, daß die Liebe zu Dir die Hand führte, welche Deinen Namen in den Ahorn einſchnitt— Der Ahorn war damals gewiß noch jung und ſchlank. Aber ich werde oft hingehen. Doch ich varf mich nach dieſer linken Seite des Parkes nur hin⸗ ſchleichen, denn wenn die jetzt Lebenden das ſchöne Plätzchen entdeckten, ſo würden ſie wohl eine neue Laube varaus machen und den Fußpfad aushauen. Das möchte ich um Alles in der Welt nicht. Alles muß vor meinen Augen ſtehen bleiben, wie es damals war. Das Gras hier zu einer modernen Promenade weg⸗ zuſchaufeln, hieße eine Bahn gerade durch meine Bruſt hauen. Nächſt der Kirche ſoll dieſer Platz mein größ⸗ tes Heiligthum ſein, hier will ich an den Werktagen Troſt und Freude ſuchen, denn wohl bittre Stunden werden meiner warten. Jeden Sonntag werde ich, wie Du mir befohlen, nach der Kirche gehen, mit dem neuen ſchönen Pſalmbuch, das Du mir ſchenkteſt, Mut⸗ ter,— es war das letzte Buch, das Du mir gabſt,— und zwar will ich mit Konſtanze hingehen, wenn die Baronin ſelbſt keine fleißige Kirchgängerin iſt, und. dann werde ich Konſtanze nachher über die Predigt fragen, wie Du mit mir thateſt, wenn wir aus der Domkirche kamen; und ich vergeſſe das nie. Aber hier im Parke will ich meine eigene kleine Werktagskapelle haben, wo ich allein hingehe, mit dem ſchönen Stamm⸗ buche, das Du mir gabſt und worin noch kein Blatt beſchrieben iſt, und will mich an den Fuß des Baumes ſetzen, wo gewiß ein Anderer vor mir ſaß, und die Gedanken, die mir dabei einfallen, will ich in dem Buche aufzeichnen. Ich werde dann glauben, daß ſie mir ein⸗ ſegeben werden, und will ſie abſchreiben und Dir chicken, und Du ſollſt dann darunter verſtehen, vaß ſie 17 durch mich von einem Andern kommen, den Du noch mehr geliebt haſt als mich— Liebes Mamachen, be⸗ trübe Dich nicht über das, was ich Dir von den An⸗ fangsbuchſtaben erzählt habe! Es ſind gewiß nur Phantaſieen, obſchon der Name ganz ſo iſt, wie ich Dir geſagt habe. Aber ach! was weiß denn ich davon Vielleicht weinſt Du über All' Das, und ich möchte nicht, daß Du weinteſt. Denke nicht daran.— Jetzt ſollſt Du wiſſen, vaß es ein heiteres Ausſehen bekam, als ich vom Parke durch den Garten heimging und wieder nach Hauſe kam. Da ſtand eine der ſchönſten Marmor⸗ fontainen mitten in einem Blumenbeete, aus dem Rachen einer Boaſchlange ſprang das Waſſer mehrere Fäden hoch gerade in die Höhe, und Du weißt, ich hatte noch nie einen Springbrunnen geſehen! Es ſieht aus wie lebendige Perlen und hüpfende Edel⸗ ſteine. Aber wie es zugehen kann, daß das Waſſer ſo hoch in die Luft hinaufſteigt, das laß ich dahin⸗ geſtellt. Gott verhüte, daß ich Konſtanzen im Unter⸗ richt nichts der Art erklären muß! denn dann ſtecke ich. Es könnte aber doch vorkommen, Mama, und ich bitte Dich daher, daß Du es auf alle Fälle und recht bald auf vernünſtige Weiſe aus Profeſſor Rudberg, der die Phoſik gibt, herauszubringen ſuchſt. Er iſt ſo gütig, wenn man ihn höflich um etwas fragt, und Du erhältſt gewiß eine Erklärung von ihm darüber, was es wohl ſür eine Kraft iſt, welche das Waſſer gegen ſeine ge⸗ wöhnliche Neigung in die Höhe treibt. Es kam mir vor wie ein Sieg über die Natur, wie ein Kampf des Waſſers gegen ſeine irdiſche Eigenſchaft, und ich be⸗ wunderte das, obſchon ich jetzt klar einſehe, daß ich ganz unrecht hatte, als ich es für einen Kampf gegen die Natur ſelbſt hielt, indem es offenbar ebenfalls eine Kraft dieſer ſein muß, welche das Waſſer ſo gegen die Wolken treibt. Ich ſtand lange da, und freute mich an dem lieblichen Schauſpiele. Die Sonne ſpielte mit den aufſpringenden, feinen und kryſtallhellen Strahlen; grün, 18 violet, roth, blau, alle Farben entſtanden in einem Nu und verſchwanden wie ein Traum. Das Waſſer ging in die Höhe, wie die Gedanken der Seele, wenn ſie Gott ſuchen, es flog nach oben, beugte ſich und fiel wieder zur Erde herab, wie die Gevanken der Seele ſich vor der Majeſtät des Ewigen beugen und wieder herabfallen, um ſich in der Gluth wieder zu ſammeln, vie ihre Heimath iſt. Das aber bitte ich mir aus, daß unſere Gedanken in ihrem Auf⸗ und Niedergang vor Gottes Augen eben ſo ſchöne Farben tragen, als dieſe Waſſerſtrablen vor dem Auge der Abendſonne hatten⸗ Eben als ich in den Anblick der fliegenden Waſſer⸗ diamanten verſunken ſtand, kam der älteſte der jungen Barone. Ich ſchaute mich um und merkte, daß ich lange draußen geweſen ſein mußte, es war beinahe Abend. Baron Oscar kam mir auf das Artigſte ent⸗ gegen, fragte, wo ich ſo lange geweſen, und ſagte, daß alle Fremden jetzt abgereiſt wären. Ich ging mit ihm in den Saal, wo die Baronin war. Konſtanze ſaß ihr zur Seite auf einem kleinen Lieblingsſcheiel, der ihr gehört und von Ebenholz mit eingelegter Perl⸗ mutter iſt. Ich muß Dir hier die Schwachheit geſteben, Mutter, daß ich mich ſehr darüber freue, daß man mich allem Anſchein nach, wohl nicht ſo bald als Domeſtikin behandeln wird. Aber der Tag dürfte denn doch wohl kommen, und ich muß mich darauf ſtärken. Ich habe mein ſchwarzſeidenes Bändchen in das Pſalmbuch bei ver Seite eingelegt, wo der Pſalm für Dienſtboten ſteht, und ich danke Gott, daß er uns in ſeiner Vor⸗ ſehung für Alles ſo ſchöne Worte gegeben hat. Ich habe mir auch ſchon meine Lieblingsecke im Saale aus⸗ erleſen, und zwar am hinterſten Fenſter mit der Aus⸗ ſicht auf den Garten. Nach dieſer Ecke ziehe ich mich ganz ungenirt und gleichmüthig zurück, ſo oft es ge⸗ ſchieht, was gewiß nicht ſelten der Fall ſein wird, daß Perſonen hieher kommen, welche mit ſich bringen, daß man nicht mehr mit Mademoiſelle Lenvir ſprechen oder 19 dieſes Weſen weiter bemerken darf. Wenn ich aber recht darüber nachdenke, ſo geht es doch nicht recht, wenn ich nur eine einzige Lieblingsecke zu dieſem End⸗ zweck habe; denn wenn ich immer und ewig nach der⸗ ſelben Ecke gehe, ſo muß man glauben, ich ſei übler Laune, betrübt oder beleidigt, mich ſo vernachläſſigt zu ſchen. Und ich möchte um keinen Preis, daß man das denken könnte. Nein, ich wähle lieber alle vier Ecken des Saales zu Lieblingsplätzchen, und gehe nach der, welche mir im Augenblick am nächſten liegt. Und immer werde ich heiter dabei ausſehen, das verſpreche ich Dir, mein liebes Mamachen. Die Baronin ſaß auf dem Sopha, wie ich bereits ſagte, und hatte Konſtanzen vor ſich. Sie winkte mir, als ich eintrat, ſie ſah ſehr ernſt aus. Ich näherte mich mit furchtſamen leichten Schritten.„Da kommt gewiß etwas,“ dachte ich. Sie gab mir durch einen Wink zu verſtehen, daß ich mich auf dem Sopha neben ſie ſetzen ſollte, und ich that es, ließ jedoch ſechs Vierecke von gelbroſigtem Damaſt zwiſchen uns. Eine ſolche Ent⸗ fernüng hielt ich zum mindeſten für nothwendig, und heftete nun meine Augen auf den ſchönen Sophazeug, um mich ſo auf das zu ſtärken, was ich hören ſollte, „Mademoiſelle Amélie, ſetzen Sie ſich näher,“ ſagte meine Gebieterin. 2 Ich ſtand raſch auf und trat zu ihr hin, aber ich tonnte es nicht über mich vermögen, mich wieder zu ſetzen und am allerwenigſten hart neben ſie, ſo boch ſah ſie drein. Ich näherte mich jedoch etwas. Das rose de Smirne traf mich mit dem lieblichſten und doch vornehmſten Duft von der Welt, von der Mantille meiner Gebieterin her. Ich blieb auf einen Schritt Entfernung vor ihr ſtehen. „Stehe von Deinem Schemel auf, Konſtanze,“ ſagte ſie jetzt,„ſetze Dich hier auf dem Sopha, ſo wird mir wohl Mademoiſelle Lenoir das Vergnügen nicht verſagen, ihren Platz auf der andern Seite von dem Gegenſtand unſerer gemeinſchaftlichen Fürſorge einzu⸗ nehmen.“ Ich that es. In dieſem Augenblicke wagte ich es, meine Blicke zu erheben, um das Antlitz einer Mutter zu ſehen, die ſo gut ſprach. Ihre Züge kamen mir ſanfter vor, als ich erwartet hatte.. „Amalie,“ fuhr ſie fort,„wir dürfen einander nicht ſo fremd ſein. Kindheit, Jugend und Atter ſitzen hier auf demſelben Sopha zur Berathung bei einander, und wir müſſen über die beſte Erziehungsweiſe über⸗ einkommen, die gewiß gut ausfallen wird, wenn ſie mit Verſtand begonnen und mit ſorgſamem Fleiße fortgeſetzt wird. Unſere Konſtanze hat das neunte Jahr zurückgelegt, Amalie iſt——“ „Achtzehn,“ flüſterten, glaube ich, meine Lippen. „Und ich,“ fuhr die Baronin fort,„bin nicht ganz ſo alt, als die Sorgen mein Aeußeres vielleicht gemacht haben. Doch dieſe gehören mir an,“ unterbrach ſie ſich mit geſenkter Stirne,„und ich will Niemand damit beläſtigen, ſie anhören zu müſſen. Konſtanze hat eine Zukunft, ihre Mutter keine. Ich habe gewünſcht, daß ſie von einer jüngern— und weicheren— Hand, als 5 die meinige iſt, geführt werden möchte. Mademoiſelle Ameélie hat die Güte gehabt zu uns zu kommen.“ Es entſtand eine kurze Pauſe, während welcher Konſtanze die Hand der Baronin ergriff und ſie lieb⸗ koſen und küſſen zu wollen ſchien, wie kleine artige Mädchen gewöhnlich thun. Aber die Baronin zog ſie ſachte hinweg. Sie nahm dafür ſelbſt eine von den hellbraunen Locken ihres Mädchens, und ich hörte ſie einige Worte mit einer Stimme ausſprechen, die ſo tief war, daß ſie ferne und beinahe etwas ſchauerlich tönte, aber einen ſo ſchönen Klang wie eine Acolsharfe hatte. Die Worte, die ſie ſo ſprach, und welche kaum verſtändlich waren, ſchienen mir folgende zu ſein: „Meine arme Konſtanze, ich hoffe, daß auch Deine Locken einmal ſchwarz werden.“ Ich beſaß den Schlüſ⸗ ſel zu dieſem Räthſel nicht und verſtand ſie daher auch nicht, aber— eine Bruſt, welche ſeufzt, hat ein Herz. „Meine gnädige Baronin,“ ſagte ich(und niemals habe ich ſo ſehr wie in dieſem Augenblick und gerade durch die gütigen Ausdrücke der Baronin ſelbſt gefühlt, daß ich ganz und gar eine Dienerin vor ihr bin)„die Güte der Herrſchaft hat mich hieher ins Schloß berufen und ſo ſchwer es auch iſt, mein Amt recht auszufüllen, ſo wird doch der Rath der gnädigen Baronin mich leiten und mir zum Gelingen verhelfen,“ Sie ſah mich forſchend an, ſagte jedoch nichts. Ich ſchlug meine Augen nieder. „Gelingen,“ ſagte ſie jetzt mit derſelben gedämpften und darum nicht weniger ſchönen Stimme, die mir eben wie der bittende fragende Ton, eines entfernten Windes vorgekommen war, wenn man ihn an einem klaren Herbſtabend von der andern Seite des See's herüber ſäuſeln hört. „Ich hoffe, es ſoll mir gelingen, meine Baronin. Erzeigen Sie mir nur die Gunſt, mich darüber aufzu⸗ klären, was für eine Erziehung die kleine Konſtanze erhalten ſoll, und ſteht es in meiner Macht, ſie zu be⸗ werkſtelligen, ſo wird es Niemand mit einem beſſern Willen thun, das wage ich zu verſprechen. Der Erfolg ſteht dann bei Gott. Konſtanze und ich werden zuſam⸗ men darum beten.“ „Gelingen,“ wiederholte ſie noch einmal.„Ama⸗ lie, wir wollen uns nicht mit zu Vielem ſchmeicheln; es wird Amalien nicht gelingen. Ich verlange das auch nicht. Aber es ſoll Mademoiſelle Amelie nicht zu ſehr mißlingen.“ ch ſah empor—— Konſtanze,“ fuhr ſie fort,„ſoll mit Leſen, Schrei⸗ ben, Rechnen, Zeichnen, Nähen beſchäftigt werden. Dieſe Geſchäfte gehören für ihr gegenwärtiges Alter. Wenn ſie älter wird, kommt etwas Anderes. Es fragt ſich nun, wie wir, ſo lange es möglich iſt das verhindern, was denn doch einmal kommen muß.“ Ich ſah zu Boden. „Hat Mademviſelle Lenoir ſchon früher ein Mäd⸗ chen erzogen?“ „Nein, noch niemals.“ „Das iſt mir lieb. So tönnen wir mit weniger Schwierigkeiten über die Art und Weiſe berathen, wie ein Weg befahren werden muß, auf dem ſich keine Rä⸗ derſpuren finden, die uns abſeits führen könnten. Hat Mademviſelle noch jüngere Geſchwiſter?“ „Nein, und auch keine ältere.“ „Ah— Amalie iſt alſo das einzige Kind ihrer Aeltern! Auch Konſtanze iſt ebenfalls mein einziges— — mit welchen Blicken muß da nicht die Mutter mei⸗ ner guten Amalie ihre abreiſende Tochter, die Tren⸗ nung von ihrem einzigen Kind, betrachtet haben? Ich kann dieſes Gefühl begreifen.“ „Meine Mutter ſah mich nicht mit Kummer ab⸗ reiſen,“ antwortete ich(war es nicht wirklich ſo, mein Mamachen 2).„Sie vergoß zwar Thränen, aber ſie waren nicht bitter. Sie dachte an die edlen Menſchen, zu denen ich ging.“ „Sie kennt uns nicht,“ unterbrach mich die Ba⸗ ronin, mit einem Blick, der von Neuem wieder nach einer fernen Härte ſchmeckte.„Nur durch eine dritte und vierte Perſon und ſchriftlich iſt dieſes Arxrangement getroffen worden. Fräulein Schenſon in Upſala haben wir beſonders für die Wahl zu danken, welche uns Mademviſelle Lenvir's Bekanntſchaft geſchenkt hat. Doch —— Freunde werden wir gewiß.“ „Mit Gottes Hilfe.“ „Konſtanze,“ fuhr ſie fort,„iſt in der Geſchichte und Geographie noch gar nicht bewandert, aber das Franzöſiſche liest und ſpricht ſie bei mir(Gott ſei Dank, dann brauche ich ſie nicht in Etwas zu unterrichten⸗ was ich ſelbſt nicht kann! dachte ich). Das Engliſche 23 dürfte mit der Zeit wichtig für ſie werden(bis dahin hofſe ich mit Gottes Gnade fertig zu ſein, Du erlaubſt es doch Mamachen ²). Was das Deutſche betrifft, ſo wünſche ich, daß Mademviſelle Amélie dieß je eber, deſto lieber mit ihr beginnt(wie glücklich bin ich nicht, deutſch kann ich zur Noth). Auch habe ich den ſonder⸗ baren Wunſch, daß ein Kind einige Kenntniſſe im Rech⸗ nen und der Geometrie erlange(ich zitterte am ganzen Leibe), obſchon ich weiß, daß beſonders das Letztere nach der allgemeinen Anſicht nicht in dem Wiſſenskreis eines Mädchens liegen ſoll. Man behauptet ſogar, daß ein Weib durch Geometrie an Liebenswürdigkeit verliere; ſie ſoll mehr durch Ueberreden, als durch Beweiſen ſie⸗ gen, ſagt man, und die Demonſtrirmethode ſoll die Anmuth verſcheuchen. Es würde mir nicht ſo gar un⸗ lieb ſein, wenn dadurch etwas von meiner armen Kon⸗ ſtanze verſcheucht würde, daß ſie doch auf alle Fälle nur — doch gleichviel, wir wollen uns nicht in eine Philo⸗ ſophie vertiefen, welche die Jugend nicht begreift. Auch ſoll es ſich Amalie wegen der Geometrie, von der ich vorhin ſprach, nicht Angſt werden laſſen: von der Gou⸗ vernante meiner Tochter verlange ich keinen Unterricht hierin. Wenn Konſtanze etwas davon lernen ſoll, ſo wird es Einer der Barone, Oscar oder Malcolm, be⸗ ſorgen.“ „Der Barone? der Söhne der Frau Baronin?“ „Es ſind meine Stiefſöhne, Mademoiſelle. Sie ſind jedoch nicht die Söhne meines jetzigen Mannes, ſondern die meines erſten, des Baron Ekenſparre, mit dem ich mich, als er ſelbſt Wittwer war, zum erſten Male vermählte, und ſo Oscar und Malcolm als ge⸗ borene Barone Ekenſparre antrat. Als ihr Vater ſtarb, brachte ich meinem gegenwärtigen Manne, dem Baron Migneul, dieſe Stiefſöhne zu, welche alſo auf keinen Fall Konſtanzens Brüder find. Aber ich liebe ſie, wie wenn ſie meine eigenen wären und——“ Und ich will unſere Unterhaltung nicht länger in einen Brief an Dich, meine Mama, übertragen. Du fichſt jedoch ſchon daraus, daß, ſo vornehm, ich möchte beinahe ſagen, ſo ſtarr meine Baronin iſt, ja als eine ſo geometriſche Dame ſie ſich hie und da gibt, ſie doch im Innern gut ſein muß, wie ein Smaragd, und daß es ſie keine Mühe koſtet, ſich zum Vertrauen eines ſo unbedeutenden Weſens, wie eine Gouvernante iſt, her⸗ abzulaſſen. Auch muß ſie manches Unglück gehabt haben, deſſen Erinnerung ihre Stimme bisweilen ſo melodiſch macht, und ihrem ſchönen Geſichte den Schimmer einer ariſtokratiſchen Märtyrerin verleiht. Doch mir, die ihre Lektionen zu beſorgen hat, kommt es nicht zu, darüber nachzuforſchen. Glückliche Amalie, daß du die Geome⸗ trie ſo leicht los wurdeſt! Künftig werde ich den Eu⸗ clides hochachten, denn ich entgehe ihm, das iſt ſchön. Aber die Rechenkunſt dürfte wohl Deine Tochter tref⸗ fen, beſte Mutter. Denke daher auf einige gute, kurze, arithmetiſche Regeln für mich. Nun, ich hoffe, Kon⸗ ſtanze hat noch eine gute Zeit, bis ſie an das Bruch⸗ rechnen kommt, und im ſchlimmſten Falle kann ich ſo viel, ſo oft und ſo emſig deutſch mit ihr ſtudiren, daß wir genug in die Brüche kommen, ohne Bruchrechnung. Höre jetzt weiter, was für eine Frau meine Ba⸗ ronin iſt! Abends nahm ſie mich unter den Arm und ging, ohne daß Jemand etwas davon wußte, auf mein Zimmer. Mama ſelbſt könnte nicht gutmüthiger aus⸗ ſehen, als ſie ſich dort auf einen Stuhl niederließ, und nun etwas begann, was ich gleich beſchreiben werde. Alle Geometrie war aus ihrem Weſen verſchwunden. „Ich möchte gerne ſehen, ob die Leute Alles ſo in Ord⸗ nung gebracht haben, wie ich es für unſere Freundin Amalie wünſchte,“ ſagte ſie und beſah die Möbel, das kleine, hübſche Bett(Konſtanze liegt noch unten bei ihrer Mutter), den Tiſch, den Bücherſchrank, die ſaubern Stühle und den— dafür daß wir auf dem Lande find — wahrhaft eleganten Schreibtiſch. Ich antwortete, daß Alles ſehr ſchön ſei, aber ſie war nicht eher zu⸗ 25 frieden, als bis ich die Thüre zu meiner Garderobe aufſchloß, und da hingen nun die Kleider Deiner Ama⸗ lie, Mama! Sie beſah ſie flüchtig. Dann ſagte ſie, daß etwas beim Einbringen der Schubladen entzwei gegangen wäre, und ſie ſei nicht überzeugt, daß der Schlingel von Gutsſchreiner es wieder feſt geleimt habe. Ich mußte nun eine Schublade nach der andern heraus⸗ ziechen. Danke jetzt Gott, geliebte Mutter, daß Du Deine Tochter ihre Sachen ordentlich hinlegen lehrteſt, denn in dieſer ſchauerlichen Minute würde ich vor Scham geſtorben ſein, wenn mein Weißzeug, meine Baum⸗ wollenſtrümpfe, meine Halstücher, Kragen und Alles— Alles— nicht in der beſten Ordnung gelegen wäre. Ich ſah, wie ſich die Blicke der ſtrengen Frau beim An⸗ blick der Symmetrie aufklärten, worin ſich meine ganze Bagage befand. Ach— meine Bruſt klopfte ſchwer und langſam! Sie that, als ſähe ſie nur auf die Schubla⸗ denkanten und ſprach Verſchiedenes vom Einlegen des Holzes, aber ſie täuſchte mich nicht, und ich kann ge⸗ troſt behaupten, daß, als dieß ſchauerliche Examen be⸗ ſtanden, und jede Schublade wieder geſchloſſen war, ich meinen Athem ſo leicht gehen fühlte, als ob ich Kö⸗ nigin von Großbritannien geworden wäre. Auch bekam ich meinen Lohn dafür, denn am Schluſſe umarmte mich die Baronin und küßte mich auf die Stirne. Ich will darauf ſterben, daß ſie es nicht gethan haben würde, wenn ein einziger von meinen friſchen Baumwollen⸗ ſtrümpfen unter den RNachthauben geſteckt, oder mein kleiner, blau geſtreifter, ſeidener Shwal auch nur den geringſten Zipfel unter das Weißzeug geſteckt hätte, wohin die Seide nach der Regel nicht gehört. Ich fühle mich noch immer etwas ſchwach in den Knieen, wenn ich daſitze und darüber nachdenke, und ich muß beſtimmt jeden Tag die Schubladen in Ordnung halten, das iſt gewiß, denn da ich durchaus nichts von einem Schrei⸗ ver höre, ſo kann das Eingelegte recht wohl noch ein⸗ mal unterſucht werden. Uebrigens iſt es närriſch von Amglia Hilner. 3 26 einem Eingelegten tief in die Schublade zu ſprechen, aber ich bin überzeugt, dieſe weiſe Frau erfindet bis das nächſte Mal ſchon wieder einen andern Vorwand, um nachzuſehen, ob Mademoiſelle Lenoir fortfährt ſo zu ſein, wie ſie ſein ſoll. Aber ſage mir, kann ich ſie wohl anders, als für dieſe Aufficht über mich hochſchätzen? Ihre rühmliche Abſicht gründet ſich zwar aller Wahrſcheinlichkeit nach auf den Gedanken, daß ich eigentlich eine ſo ordentliche Perſon ſein müßte, um meinerſeits die kleine Kon⸗ ſtanze Ordnung lehren zu können; aber was iſt denn da Böſes daran? Sie iſt ſo innig gut. Denke nur, Mama, ſie hat mir ſchon einen Pelerin geſchenkt,— wie konnte ſie ausſtudiren, daß gerade noch ein ſolcher in meiner klei⸗ nen hübſchen Garderobe fehlt? Ich fange nachgeradt an, zu denken, daß ſie nicht darum einen Blick in meint Schubladen werfen wollte, um nachzuſehen, ob ich ge⸗ ordnet ſei, ſondern nur um zu ſehen, was etwa noch zu vervollſtändigen wäre—— Aber ſieh', wenn das ihre Abſicht i„ſo laß ich ſie niemals mehr einen Blick in meine Sachen werfen, ich brauche nichts! Du, 2 iebe, liebe Mama! haſt mich ja ſo genügend aus⸗ gerüſtet, und überdies habe ich meinen Lohn, wenn das halbe Jahr zu Ende iſt, wofür ich mir etwas kaufen kann. Lohn? hui, das iſt doch ein curioſes Wort, ein rrecht häßliches Wort: Lohn? Ach, Amalie iſt in der Welt draußen. Daheim bekomme ich keinen Lohn, denn da bin ich kein— Dienſtbote? Weg— weg— das thut nichts. Welche ſtolzen, ungerechten Gevanken! Lebe wohl, beſte Mama, aber ſchreibe mir bald, un gieb mir eine ſtrenge Lektion, deren ich recht wohl 4 darf. Sage mir, daß ich mich nicht länger als eine † 3 1 „ Tochter, ſondern als eine Dienerin zu betrachten habt, daß ich mit Freude und Vergnügen den Lohn anneh⸗ men, und für denſelben, ja eben für den Lohn, Nutzen ſchaffen ſoll. Gibt es denn keinen ſchöneren Namen M dafür, z. B. appointement? Ich fühle, daß es mir ganz unmöglich ſein wird, das Quartal oder den halb⸗ jährigen Lohn einzunehmen, wenigſtens iſt das gewiß, daß ich es nicht über mich bringen könnte, ihn zu be⸗ gehren, falls man mir die Freude zu machen beliebte, nie ein Wort davon zu erwähnen oder ihn mir ſelbſt zu übergeben. Nun, es iſt ja noch weit bis dahin. Ich werde noch demüthiger werden, wenn Du mir ſchreibſt und meinen Stahl biegſt. Liebe Mama! ver⸗ giß die engliſchen Oblaten nicht, von denen ich Dir das letzte Mal ſchrieb. Ich mag nicht in unſer Comp⸗ toir hinein, weder um Siegellack, noch um den Lohn zu holen. Verzeih' mir, und denke oft an Deine ver⸗ loren gegangene Amalie. P. S. Wenn es Dir möglich iſt, zu errathen, warum die Herrſchaft hier mich Lenoir nennt, ſo ſchreibe mir darüber und vergiß auch nicht, nach dem Grunde zu forſchen, warum das Waſſer in den Waſ⸗ ſerkünſten ſteigt. Konſtanze fragt mich gewiß in der nächſten Woche darüber, wenn wir in den Frühſtunden im Garten ſpazieren gehen, und deßhalb habe ich Angſt. Dritter Brief. Pon Ostar Ekenſparre an den Votar C. Elbers. Gräſeholm, d.. Lieber Karl! Wenn Du dieſen Brief aufbrichſt, wirſt Du wohl begierig ſein, wer der Correſpondent ſein möchte. Wenn Du aber die Unterſchrift liest, ſo wirſt Du Dich, wie ich hoffe, Deines treuen Univerſitätsfreundes Oskar erinnern und entſchuldigen, daß ich Dich mit 28 einigen Zeilen beläſtige. Die Sache iſt von Wichtig⸗ keit, und Du wirſt Dich nicht weigern, mir einen gu⸗ ten Rath zu geben. Ehe ich jedoch von meiner eige⸗ nen Angelegenheit anfange, muß ich Dir zu dem Be⸗ ginn Deiner Laufbahn im Hofgericht Glück wünſchen. Wie glücklich Du biſt, Karl! da Du von Anfang Dei⸗ ner Studien an niemals zwiſchen verſchiedenen Ziel⸗ punkten für Deine Zukunft ſchwankteſt. Ich geſtehe, daß ich jetzt noch wie damals, als wir in vertrauli⸗ chen Studentenſtunden unter den blätterreichen Bäu⸗ men von Lundagard umherwandelten, die Rechtswiſſen⸗ ſchaft als Studium nicht recht leiden mag; wenn man aber ſo glücklich iſt, Geſchmack dafür zu haben, ſo muß ich geſtehen, daß man eine vortreffliche Bahn gewählt hat. Ich bin überzeugt, der Präſident Ehrenberg wird Deinen hellen Kopf bemerken, und Du wirſt Dein Ta⸗ lent nicht lange auf untergeordneten Stufen in Chri⸗ ſtianſtad abnützen müſſen. Doch jetzt komme ich auf mich ſelbſt, beſter Elters! und Du biſt gerade der rechte Mann, der durch einen vortrefflichen juridiſchen Ausſpruch die Sache für mich in's Reine bringen kann. Ich wohne hier den Sommer über auf dem Lande bei meinen Stiefeltern. Ich konnte mich über meine Zu⸗ kunft noch nicht beſtimmt aus ſprechen, und das Wohl hängt auch ſehr viel von dem Ausgang der Sache ab, die ich Dir hier mittheilen will. Da ich eben das einundzwanzigſte Jahr vollendet habe, ſo geht die Zeit meiner Minderjährigkeit zu Ende; dieſes Jahr muß alſo meine Richtung entſcheiden. Wenn ich übrigens hier in eine nähere Auseinan⸗ derſetzung meiner Familienverhältniſſe eingehe, ſo muß ich Dich bitten, Alles ganz unter uns zu laſſen. Ich muß Dir Dinge entdecken, die Du wiſſen mußt, um eine gehörige Antwort geben zu können, aber ich möchte um Alles in der Welt nicht Perſonen komprom⸗ mittiren, gegen die ich in großer Verbindlichkeit ſtehe, . 29 ſofern es nicht unumgänglich nothwendig wird, mit ih⸗ nen zu brechen. Ich und mein jüngerer Bruder Malcolm haben weded Vater, noch Mutter. Unſer rechter Vater, der Baron Ekenſparre, verlor ſeine Gemahlin(unſere Mutter) ſo frühzeitig, daß ich von ihr die geringſte Frinnerung beſitze. Bald darauf vermählte er ſich mit Eugenie Guemarez, unſerer noch lebenden Stiefmut⸗ ter, die uns von unſerer zarteſten Kindheit an mit ei⸗ ner ſtrengen, aber wahrhaft mütterlichen Sorgfalt ge⸗ pflegt hat. Du hörſt am Namen, daß ſie eine Fran⸗ zöſin iſt. Von ihren Eltern weiß ich nichts, aber ſie muß ſchon als ſehr jung nach Schweden gekommen ſein, da ſie— ein kleines Radebrechen abgerechnet⸗ welches aber ihren Accent ſtets reizend macht,— ſehr gut ſchwediſch ſpricht. Aber, ſo viel mein Bruder und ich dieſer ausgezeichneten Dame auch zu danken haben mögen, ſo fürchte ich doch, daß nicht Alles ſo glücklich für uns war, wie es den Anſchein hatte. Die Papiere fehlen mir, welche verſchiedene Begebenheiten aus den Zeiten meines Vaters aufhellen könnten. So viel weiß und erinnere ich mich jedoch ſehr wohl, daß Rei⸗ ſen in's Ausland uns frühzeitig in Anſpruch nahmen. Daß ſie zu meiner Erziehung nützlich waren, läugne ich nicht. Aber ich glaube, daß ſie von unſerem Vater hauptſächlich darum unternommen wurden, um die Wünſche ſeiner neuen Gemahlin zu befriedigen. Sie wollte ihr Vaterland wieder ſehen, und obſchon ich da⸗ mals noch ſehr klein war, ſo erinnere ich mich doch noch lebhaft mancher Stävte in Frankrech und mancher merkwürdigen Seenen an unſern verſchiedenen Wohn⸗ orten. Unſere Stiefmutter beſaß eine ſo große Gewalt über unſern Vater, daß er ihr nicht das Geringſte ab⸗ ſchlagen konnte. Er verwandelte ſeine liegenden Gü⸗ ter in Schweden in Geld, mehrere bedeutende Beſitz⸗ thümer hier in Skane giengen ſo aus unſern Händen. Es ſindet ſich eine Lücke in dieſen Begebenheiten, die 30 ich nicht ausfüllen kann, und der Kummer läßt mich nicht nach Allem forſchen, was dahin gehört. Ich kann Dir nur in Kürze ſagen, daß wir zu der Zeit, wo ich das eilfte und mein Bruder ſomit das fünfte Jahr erreicht hatte, uns im nördlichen Italien in Nizza befanden. Unſer Vater war kränklich geworden, und Nizzas Luft wurde ihm empfohlen; aber kaum hatten wir die Stadt erreicht, als er einen ſo ernſtlichen Anfall bekam, daß er kurze Zeit darauf ſtarb. Vor ſeinem Tode hatte er ſeine Wittwe, Eugenie Ekenſparre, geb. Guemarez, zur Univerſalerbin ſeines ganzen Vermögens eingeſetzt. Das darauf bezügliche Dokument habe ich nie zu Ge⸗ ſichte bekommen, und zur Zeit ſeines Todesfalls ver⸗ ſtand ich auch nichts von Geſchäften. Aber daß das von unſerem Vater nachgelaſſene Vermögen groß ge⸗ weſen ſein muß, geht aus den ſpäteren Ereigniſſen hervor, die Du erfahren ſollſt, und nicht weniger ge⸗ wiß iſt es, daß unſere Stiefmutter über Alles verfügte, ohne ſich nach einem geſetzlichen Vormünder für uns umzuſehen. Damals und ſchon ein halbes Jahr vor dem Tode unſeres Vaters war ein anderer in Itälien reiſender Schwede, Baron Migneul, in unſere Geſell⸗ ſchaft gekommen. Bis zu welchem Grad von Freund⸗ ſchaft er bei unſerem Vater ſtieg, iſt mir unbekannt; aber ſo viel weiß ich, daß er nach dem Hingang un⸗ ſeres Vaters der homme d'affaires unſerer Stiefmut⸗ ter in allen Geldgeſchäften und endlich ihr zweiter Mann wurde. Auf dieſe Weiſe wurde Baron Mig⸗ neul unſer Stiefvater, und iſt es noch. Du haſt ihn geſehen. Ich läugne ſeinen Werth nicht. Indeſſen bin ich und mein Bruder ohne Vater und Mutter, und— ohne das Vermögen, welches doch unſer ſein muß, da es ein vererbtes und nicht erwerbend im Lande unſeres Vaters war, und zu deſſen Wiedergewinnung wir alſo alles Recht haben. Das Ende unſerer ausländiſchen Ereigniſſe, das Du ebenfalls wiſſen mußt, um den Rerv der Angele⸗ 31 genheit zu verſtehen, beſteht in Folgendem: Unſere edle Stiefmuiter reiste mit unſerem intereſſanten Stiefva⸗ ter noch ein Jahr lang in Frankreich, England und Schottland, welches Letztere mehr als andere Theile der Erde den Beifall des Barons Migneul gewann. Endlich nahmen ſie jedoch ihren Weg nach dem Nor⸗ den. Sie ſließen ſich hier in Skane nieder. Unſer Stiefvater begann mehrere anſehnliche Güter einzuhan⸗ deln, aber Du begreifſt wohl, um welches Geld dies geſchah. Ihren eigentlichen Stammſitz haben ſie in Gräſeholm gewählt, ſeitdem hier unſere Stiefmutter ihrem neuen Manne eine Tochter, die kleine, liebens⸗ würdige Konſtanze, ſchenkte, welche Du, Elbers, in Lund geſehen und mit der Du an jenem Abend bei Gyllenkrvok's getanzt haſt.* Mit Gräſeholm iſt es eine ſonderbare Geſchichte; denn obſchon ich beſtimmt weiß, daß unſer Stiefvater, der Baron Migneul, dieſen Hof, ſo wie die übrigen, die er jetzt beſitzt, nach ſeiner Rückkehr in das Vater⸗ land und alſo ganz gewiß für unſeres Vaters(das heißt für unſer) Geld kaufte, das er durch Eugenie Gue⸗ narez bekam— ſo habe ich doch Urſache, zu glauben, daß er dieſen Hof vor ſeiner Reiſe oder überhaupt ur⸗ ſprünglich beſeſſen und ſogar einige Zeit lang hier ge⸗ wohnt, aber denſelben damals Schulden halber abge⸗ geben hat; ſo wie ich auch aus allerhand Dingen, hin⸗ ter die ich nach und nach komme, immer deutlicher er⸗ ſehe, daß unſer lieber Stiefvater trotz all' ſeiner aimabi- lité ein ziemlich lockerer Herr geweſen ſein muß, was auch ſehr wohl mit der Sage übereinſtimmt, daß er erſt im Auslande den Namen Migneul angenommen, aber früher in Schweden einen andern, vermuthlich ſchwediſchen gehabt habe. Aus einem ſehr leicht begreiflichen Intereſſe läßt ſowohl Eugenie Guemarez als ihr Mann mich und meinen Bruder in der größten Unwiſſenheit über Alles, was uns betrifft. Nur auf geheimen Wegen war ich 32 im Stande, das, was ich weiß und ahne, fragmenta⸗ riſch herauszubringen. Es iſt hier in Gräſeholm ein alter Kontoriſt, mit Namen Rutfors, der von Kind⸗ heit an am Gute war und mit den Rechnungen auf⸗ wuchs(ſowohl den jetzigen als den ältern, den zer⸗ ſtörten— was ſagſt Du zu dieſem Ausdruck? Herr Rutfors bedient ſich ſelbſt dieſes Kunſtwörtchens, d. h. er ſagt die beim Brande zerſtörten, aber da Niemand etwas von einer Feuersbrunſt auf Gräſeholm weiß, ſo kommt mir dieſer Rechm ngsbrand etwas un⸗ wahrſcheinlich vor). Rutfors, dieſes Original, iſt in⸗ deſſen, wenn man ihn näher kennen lernt, und wie ich zu argwöhnen beginne, ein nur zu ehrlicher Kerl, einer, der ſeinem Herrn zu liebe nicht alles ſagen will, was er weiß, und ſich deßhalb mürriſch und ſauertöpfiſch ſtellt, um in keine Unterhaltung verwickelt zu werden. Du haſt dieſes Original von einem Buchhalter mit der grob zugehauenen, blauen, erfrornen Naſe gewiß ſchon geſehen. Erinnerſt Du Dich nicht mehr an jenen Markt⸗ abend in Lund, wo wir nebſt mehreren andern Stu⸗ denten von der jüngſten Altersklaſſe unter den Pöbel von Orie und Huſie griethen, und vielleicht die Objekte recht poſitiver Prügel geworden wären, wenn nicht ein gewiſſes großes, breitſchultriges und grobgliedriges Subjekt, ein ächter, ſtaniſcher Lümmel an Fleiſch und Bein, dazwiſchen getreten wäre, uns gerettet und aus dem Gedränge gefuhrt hätte. Dieſer unſer Retter war Niemand anders, als Herr Rutfors, der in einer Gutsangelegenheit nach Lund gekommen war. Du weißt alſo, wen ich meine, und daß er Vertrauen ver⸗ dient. Er iſt meine Erkenntnißquelle an Ort und Stelle, ohne auf eine liſtige Art Etwas aus ihm herauszulocken, was ich meiner für unwürdig halten würde, ſprechen wir doch oft mit einander, und da entfällt ihm denn Manches. Beſonders während der letzten Wochen habe ich, da unſer lieber Stiefvater, der Baron Migneul, nach WMalmð gereist iſt, häufig Gelegenheit gehabt, für mein * 33 Herbarium zu ſammeln. Und Rutfors kennt nicht nur die Gräſeholmer Angelegenheiten ſeit langer Zeit, ſon⸗ dern er iſt auch mit den Verwaltungen und den Han⸗ dels⸗, Kauf⸗, Concurs⸗ und Streitigkeitsgeſchichten faſt aller Familien und Güter in ganz Skane bekannt. Er konnte mich alſo auch zu meiner Freude über ver⸗ ſchiedene Ekenſperriana aufklären, die mir ohne ihn vielleicht für immer unbekannt geblieben wären. Was ich bis jetzt weiß, beſchränkt ſich hauptſächlich auf fol⸗ gende Data. Die Güter, welche unſer Vater vor ſei⸗ ner Abreiſe nach Frankreich im nördlichen Skane ver⸗ kaufte, gingen für einen Kaufſchilling von 255,000 R. Banko fort. Dieſe Güter waren in ſeinen Händen nicht erworben oder erkauft worden, ſondern bildeten ein der Familie zugehöriges Erbe. Als er ſie damals in Geld verwandelte, vermuthlich weil er niemals wie⸗ der nach Schweden zurückkehren wollte, ſondern ſich mit Eugenie im ſüdlichen Frankreich niederzulaſſen gedachte, ſo verlor dieſes Geld dadurch ſeine Eigenſchaft als Erbgut nicht. Es konnte als bewegliche Habe während ſeinen Lebzeiten verſchenkt werden, ohne daß ſich Je⸗ mand darüber aufgehalten hätte, oder konnte es auch verſchwendet werden, und wir hätten dann kein Mittel gehabt, es wieder zu erlangen. Wenn aber ein Do⸗ kument vorhanden iſt, welches beweist, daß bei unſers Vaters Tode eine wirkliche Summe als Hinterlaſſen⸗ ſchaft blieb, ſo ergibt ſich daraus ein Ueberreſt von dem angeerbten, obſchon in Geld umgeſetzten Gute, das er durch kein Teſtament fortgeben konnte. Iſt es nicht ſo, Elbers? Du weißt, meine Rechtskenntniß iſt nicht ſehr weit her, aber ich meine gehört zu haben, daß nach ſchwediſchem Geſetz ſogar die bewegliche Habe, die erweislich den Kaufſchilling eines feſten Erbguts bildet, im Teſtamente nicht weggegeben werden darf, ſondern von den rechtmäßigen Erben reklamirt werden kann. Ueber das Alles mußt Du mich aufklären. Allein ich muß ſagen, ich glaube, daß ich Recht habe. 34 Wenn ſich das Dokument zu Tage fördern ließe, worin unſer Vater Eugenie Guemarez zur Erbin ſeines bei ſeinem Ableben vorhandenen Geldes einſetzte, ſo würde fich daraus möglicherweiſe die Größe der Geldſumme ſelbſt nachweiſen laſſen, die er hinterließ und welche meinen und meines Bruders Familienerbtheil bildete. Daſſelbe Dokument würde auch erklären, ob unſer Va⸗ ter unſerer Stiefmutter nur die Nutznießung während ihrer Lebzeit oder das Eigenthumsrecht für immer ſchenkte; das letztere kommt mir unglaublich vor, da er ſich doch wohl erinnert haben mußte, daß auch wir auf der Welt waren. Wie es ſich aber auch damit verhält, das iſt gewiß: unſer jetziger Vater kaufte für kein anderes Geld als dieſes Gräſeholm und die an⸗ dern Höfe und zwar zu einem Geſammtbetrag von 180,000 Reichsthalern(auf alle Fälle ſind alſo über 70,000 Reichsthaler verbraucht, und das mag hinge⸗ hen). Aber dieſe Höfe muß ich für mich und meinen Bruder dls Surrogat der Erbgüter zurückfordern, die unſerer Familie gehörten, und die unſer Vater in Geld umſetzte, als er abging. Habe ich hierin nicht das Ge⸗ ſetz für mich? Allein ich brauche einen thätigen und klügen Advokaten als Sachwalter. Willſt Du das ſelbſt ſein, Karl Elbers, oder willſt Du mir einen vom Chriſtian⸗ ſtader Hofgericht ausleſen, auf den ich mich verlaſſen kann? Frage den Aſſeſſor Schmid in der Sache; er ſei der rechtlichſte und gewandteſte Juriſt im Lande, ſagen Alle. Doch hier iſt noch Etwas zu bemerken, beſter El⸗ vers, nämlich, daß ich meine Stiefeltern aufs delika⸗ teſte behandeln will und muß. Ich möchte um Alles in der Welt ſie und ihre kleine Konſtanze nicht unglücklich machen. Konſtanze iſt mein und noch mehr Bruder Malcolms Liebling; ſie iſt ſchön wie der Tag. Du mußt mich daher ein zugleich juridiſches und menſchli⸗ ches Arrangement auffinden lehren, damit ich und mein Bruder unſer Recht wieder erhalten, aber Baron Mig⸗ 35 neul und die Baronin Eugenie nicht auf die Landſtraße geſetzt werden. Wenn Du kannſt, ſo komme einige Wochen zu uns, damit wir darüber ſprechen, denn Al⸗ les läßt ſich nicht in Briefen abmachen. Aufrichtig ge⸗ ſagt, ſpreche ich auch weit lieber als ich ſchreibe, aber zögere nicht zu lange. Das Hofgericht wird Dir wohl einige Ferien während der Haupt⸗Beerenzeit gewähren können, und der Präſident will gewiß nicht, daß ein neu Angeſtellter Erdbeeren und Milch über Federn und Tinte verſäume. In allem Ernſt, Elbers, komme nur. Unſere Sache kann keine der unbedeutendſten werden, ſie muß dem Sachwalter Tauſende von Reichsthalern tragen, wie viel tauſend, das werden wir beſtimmen, wenn Du kommſt. Ich bin kein Knicker, obſchon ich noch nichts zu geben habe; aber ich kann Etwas bekom⸗ men, ſofern Du mir und meinem Bruder hilfſt. In Gräſeholm iſt gegenwärtig noch eine andere Anziehungs⸗ traft, deren Reiz Karl Elbers empfinden ſoll. Unſere Mutter hat nämlich von Stockholm oder Upſala eine Gouvernante für die kleine Konſtanze kommen laſſen. Es iſt keine alte Hexe, wie ich mir die Mabonnen im⸗ mer gedacht habe, ſondern— nun Du ſollſt ſelbſt zwei Augen und einen Mund ſehen, die im Stande find, zwei Herren und einen Narren mit Dir zu ſpielen. &s wäre mir lieb, wenn Du dieſer Tage hieher kämſt, während Migneul noch abweſend iſt. Es iſt höchſt noth⸗ wendig, daß er für den Anfang nichts merkt; wenn er aber zu Hauſe wäre, ſo würden wir es ſchwer haben, unſere Berathungen zu verbergen, und noch ſchwerer bekämen wir dann Hr. Rutfors zu ſprechen. Auch ge⸗ gen dieſen bedarf es großer Vorſicht. Ich erwarte Dich; aber ſchreibe vorher, damit ich den Tag Deiner Ankunft weiß, und nicht gerade auf einer Luſtparthie fort bin. Bis in den Tod Dein — 36 Vierter Brief. Von Frau Billner un Amalia. Upſala den... Mein beſtes Kind! Indem ich dem Höchſten meinen warmen Dank für Deine glückliche Ankunft an Deinem neuen Beſtimmungs⸗ orte darbringe, danke ich Dir ſelbſt für Deinen letzten Brief, Amalie. Nichts kann mir in der Einſamkeit, in der ich hier ſitze, willkommener ſein, als Nachrichten von meinem einzigen und beſten Kinde. Möchteſt Du mir immer ſo viel Frende wie bisher machen! Meine liebſte Fenſterſcheibe iſt jetzt diejenige, durch welche ich Dich das letzte Mal ſah, als Du im Wagen vor mei⸗ 6 ue verſchwandſt und durch die Schloßſtraße ortfuhrſt. Bemühe Dich vor Allem, Deinen Dienſt ſehr gut zu thun, damit Du das Vertrauen Deiner Herrſchaft gewinnſt, und den Dir anvertrauten Sprößling zu einem wackern Baume, zu einer ſchönen Pflanze erziehſt. Du haſt einen ſehr ernſten Beruf, Amalie. Wenn er auch oft hier auf der Welt für gering und unbedeutend ge⸗ halten wird, ſo iſt doch ſeine Wichtigkeit eine ſehr große. Das bedenke, mein Kind. Beſtrebe Dich, Deine allzugroße Empfindſamkeit zu unterdrücken; erinnere Dich, daß Du jetzt kein Mäd⸗ chen mehr bei Deiner Mutter daheim biſt, ſondern eine Gouvernante, deren Pflicht es iſt, die Pflichten Anderer zu beſtimmen. Befleißige Dich daher vor Allem einer ſtren⸗ gen Ordnung, bedenke wohl, daß Vieles, was Du zu Hauſe bei Deiner Mama thun, ſagen und ſchreiben durfteſt, an dem Ort, wo Du Dich jetzt befindeſt, nicht in der Ordnung iſt. Ich billige es daher höchlich, daß Du in Deinem Style darauf hinarbeiteſt, gute und 37 korrekte Sätze zu bilden, was uns Frauenzimmern nicht immer ſo leicht wird, wie ich aus mehreren Stellen Deiner Briefe erſehe, Amalie. Aber es wird ſchon ge⸗ hen, wenn Du nur recht aufmerkſam auf Dich ſelbſt biſt, und Dich nicht von Deinem Gefühle fortreißen läßt. Du kannſt Dir zwar wohl denken, wie ſehr es mein Herz erfreut, wenn ich Deine Liebe für mich daraus „hervorſchimmern ſehe, und dieſe Deinen Vorſatz, in den Briefen ordentlich zu ſein, gewiſſermaßen aufhebt; es iſt mir nun aber doch weit lieber, wenn Du Deine Zärtlichkeit für mich unterdrückſt und verbirgſt, und Dich nicht mehr damit befaſſeſt, ſondern ſo richtig ſchreibſt, wie man es von Jemand verlangt, der die Grammatik los hat, denn ſonſt wirſt Du niemals als Gouvernante Dein Glück machen, mein gutes, armes Amalchen! Meine Augen ſtehen voll Thränen, wenn ich bedenke, daß Du jetzt draußen in der Welt biſt und für Dich ſelbſt zu ſorgen haſt, ach Du lieber Gott! Upſala iſt wie immer den Sommer über ſehr hübſch und angenehm. Es iſt jetzt ſo ſtille auf den Straßen, da die meiſten jungen Leute während des Zwiſchenter⸗ mins abgereiſt ſind, und ich gehe in meiner Einſamkeit ſpazieren und gedenke an die Zeit, wo Du an meiner Seite gingſt. Ich gehe jetzt wie immer am liebſten in der ſchönen Gartenſtraße gegen den Platz hin, wo die hübſchen Canäle angelegt ſind. Es iſt eine allerliebſte Promenade. Oft gehe ich auch den Schloßberg hinauf und an der Rediviva vorbei, dort hinaus, wo ehedem das Viertelsthor lag, und dann weiter fort nach mei⸗ nem Lieblingsplatz, zu dem Kirchhof. Dort habe ich meine angenehmſten Spazierwege. Du fragſt mich über mancherlei, Amalie, was ich nicht beantworten kann. Ueber den ſeltſamen Einfall, Dich Lenvir zu nennen— und die in den Baum ein⸗ geſchnittenen Buchſtaben. Es können ja aber viele Leute B. S. H. geheißen haben, nicht nur ich. Gehe nicht zu pft in den Park, wenn es Dich zu ſehr aufregt. Gott— 38 kannſt Du mir denn wirklich beſtimmt ſagen, daß B. S. H. in dem Baume ſtand? Meine liebe Tochter, erfülle genau alle Deine Schuldigkeiten; ſei aufmerkſam gegen die Baronin und ſchreibe mir, ſo oft Du Zeit haſt, wenigſtens einmal in der Woche, oder zum allerwenigſten ein paar Mal im Monat. Glaube mir, es iſt ein wahres Feſt für mich, wenn ich einen Brief von Dir zu Geſicht bekomme! Ich wage ihn allemal lange nicht zu öffnen, weil ich fürchte, etwas Schlimmes leſen zu müſſen, das Dir begegnet wäre. Ich lege den Brief unerbrochen auf unſer hübſches Tiſchchen zwiſchen der Kaffekanne und der Zuckerdoſe, und meine Augen ruhen auf dem Sie⸗ gel, während ich den Kaffe trinke. Das ſchmeckt! Frü⸗ her ſaßen wir immer zu zwei am Tiſche; jetzt muß mir Dein Brief Deine Perſon vorſtellen und ich bin die an⸗ dere. Schreibe daher, ſo oft Du kannſt. Noch habe ich keine paſſende Gelegenheit gefunden, um den Profeſſor Rudberg über die Gründe der Waſ⸗ ſerkunſt zu fragen, wie Du mich gebeten! ich werde es jedoch nicht vergeſſen, obſchon es mir ziemlich Angſt iſt, mit ſo Etwas bei ihm ſelbſt anzukommen. Auch glaube ich nicht, daß Du es ſo genau zu wiſſen brauchſt. Nie⸗ mand kann ſo viel Phyſik von einer Gouvernante ver⸗ langen. Konſtanze ſtellt gewiß nie eine ſo tieffinnige Frage an Dich, ſie begnügt ſich ſicherlich damit, daß das Waſſer in die Luft ſpringt, ohne nach dem Grund zu fragen. Die Baronin dagegen haſt Du mir als eine ſo verſtändige und gebildete Dame beſchrieben, daß ſie wohl nicht nach derlei Dingen fragen wird. Ich er⸗ laube Dir, mir ein Porträt von ihr zu entwerfen. Schildere mir ihr Aeußeres ganz genau! Ich will es, hörſt Du. Der Baron ſelbſt iſt alſo noch nicht heim⸗ gekommen? Beſchreibe mir auch ihn— wie er aus⸗ ſicht— Vergiß nicht, Dich im Singen zu üben. Wenn Du auch Konſtanzen darin noch nicht unterrichten mußt, ſo ſinge doch vft und ſchön. Vergiß beſonders nicht die 1 39 franzöſiſche Arie„le Revenant“ zu fingen, Du weißt, daß ſie mir ſo ſehr gefällt. Gehe dann in einen der ſtillſten und ſchönſten Gänge Deines Schloßparks und ſinge dort. Deine arme Mama iſt jetzt alt geworden, das ſehe ich am beſten, wenn ich in den Spiegel blicke. Sieben und dreißig Jahre wollen bei einem Frauen⸗ zimmer viel heißen, Amalie; aber Du wirſt mir gewiß den Vorwurf machen, daß ich von mir ſelbſt ſchreibe, und ich wollte und ſollte mich nur mit Dir beſchäftigen, um Dir die nöthigen Inſtruktionen zu geben. Höre, bringe es mir doch heraus, wenn Du es auf eine feine Weiſe thun kannſt, wie alt ungefähr die Baronin iſt, und ſchreibe es mir. Mein liebes, gutes Mädchen— der beſte Rath, den ich Dir geben kann, und den ich Dir wirklich an's Herz lege, beſteht darin, daß Du jede Empfindſamkeit vermeideſt. Du kannſt nicht glauben, wie unglücklich man dadurch wird. Folge meinem Rath, und werde ganz anders, als Deine Mutter. Beſchäftige Dich nur mit Deinem Lehramt, das Dir hinreichend Stoff zum Nachdenken geben wird; verhärte Deinen Charakter, werde ruhig, geſetzt, kalt und gleichgültig gegen Alles— was nur Unglück bringt, wenn man ſich hienieden darum kümmert. Du mußt nicht glauben, daß das mühſam ſei, weil es Dir widerwärtig iſt. Wenn man eine wahre und wirkliche Pflicht zu erfüllen hat, ſo verwandelt ſich das Verdrießliche bald in Vergnügen. Nur mit der Erfüllung falſcher Pflichten iſt eine ewige Beſchwerde, Schwächung und Zerſtörung verbunden, aber es iſt auch keine Schuldigkeit, dieſe zu erfüllen, da ſie uns nur vom Unverſtand und einem oberflächlichen Begriff von. der Beſtimmung des Menſchen auferlegt worden ſind. Es iſt daher auch keine Pflichtvergeſſenheit, wenn man ſie nicht beachtet. Doch dieß iſt ein gefährliches Kapitel, Amalie— denn es iſt nicht ſo leicht, falſche und wahre Pflichten von einander zu unterſcheiden— auch brauche — 40 ich davon nicht mit Dir zu ſprechen, da Dein Amt ganz ſicher der wahren Gattung angehört. Ich will mich daher zu dem Punkte wenden, worüber Du mich fragteſt, nämlich zur Arithmetik. Mein Rath, beſte Amalie, iſt, daß Du mit Konſtanzen die vier Species in einfachen ganzen Zahlen mehrmals durchnimmſt, und Dich durchaus nicht mit ihr auf die Brüche einläßt. Es iſt ganz ſicher, daß ein Mädchen in ihrem Alter noch nicht multipliziren, weit weniger dividiren kann; ſollte ſie aber auch ſchon damit fertig ſein, was ich übrigens nicht glauben kann, ſo laſſe ſie dies noch ein paar Mal durchrechnen. Das ſchadet niemals, und gib ihr noch mehr Beiſpiele darüber. Vermeide die Bruchrechnung ſo lange, als möglich. Ich kann Dir die beſte Methode für dieſe Rechnung nicht ſelbſt ſagen. Unter uns, ich halte ſie für eine Pedan⸗ terie, denn wozu hilſt es, wenn man ſagt ½ Reichs⸗ thaler. Kann mann nicht eben ſo gut ſagen 16 Schil⸗ ling; dann braucht man weder Nenner noch Zähler zu ſetzen. Einen halben Reichsthaler zu 3% Reichsthaler zu addiren, was ſo künſtlich klingt, heißt recht und ſchlecht nichts anders, als 24 Schilling und 36 Schil⸗ ling zuſammenzählen; das macht: 5e b0 alſo 60 Schl., die man zu einem Rthlr., indem man mit 48 dividirt, und die dann 1 Rthlr. 12 Schl. geben. Es braucht daher keine Bruchrechnung im häuslichen Leben, ſondern nur ganze Zahlen. Sage aber um Gottes Willen nichts davon vor den Herren in Gräſe⸗ holm! die würden Dich nur auslachen, denn die Män⸗ ner legen immer viel Gewicht auf Wiſſenſchaften, welche die Frauenzimmer in Verlegenheit bringen. Ich will auch nicht läugnen, daß die Bruchrechnung in der Aſtronomie, der Artilleriewiſſenſchaft und andern ſehr ſchön und angenehm ſein kann, aber für uns paßt ſie nicht. Konſtanze kann ohne das leben und heirathen. 41 Auf gleiche Benennung bringen! ha ha ha! und maxi⸗ mus dimuhnis covisor! Doch ich vergeſſe mich ganz!— Dieſen kleinen, einfachen und ſchlechten Spaß machte ich mir als Mäd⸗ chen, wenn mein Magiſter der Rechenkunſt, der Kan⸗ tor mit der Stutzperücke in der Bauernkirche, den ich für meinen Tod nicht leiden konnte, ſeine Lektionen mit mir beginnen wollte. Ich hätte klüger daran ge⸗ than, wenn ich ihn willig und aufmerkſam angehört hätte; würde ich damals die Bruchrechnung ernſtlich gelernt haben, ſo wäre ich vielleicht nicht ſo ſehr durch Brüche und Bekümmerniſſe im wirklichen Leben geſtraft worden, als ich es geworden bin, und dann könnte ich auch meine liebe Amalie Etwas lehren, was ich jetzt ſelbſt nicht recht begreife. Verzeihe Deiner Mutter, wenn ſie ſich hie und da ihrer Jugend erinnert, aber Du kannſt nicht glau⸗ ben, Amalie, wie wohl dies thut, wenn man etwas zu Jahren gekommen iſt. Hier in Upſala gibt es doch gar viele gute Menſchen, und ich ſoll Dich innig von Frau—— ich kann Dir Niemand nennen, obſchon ich Niemand vergeſſen habe— mit einem Wort von allen Deinen Freundinnen grüßen. Indeſſen iſt es ſehr wichtig, Amalie, daß Du in Deiner Gouvernantenſtellung all' die Würde behaup⸗ teſt, die einer Lehrerin gebührt. Es iſt nicht ſo leicht, kleine Mädchen zu unterrichten, und ich kann mir wohl denken, daß Du manchmal Kopfweh darüber bekom⸗ men wirſt. Nimm dann etwas kölniſches Waffer, reibe aber beide Schläfe zugleich, denn ſonſt geſchieht es oft, daß das Kopfweh von der einen Seite zu der andern hinüber kommt. Streiche auch etwas mitten über den⸗ Scheitel, denn die Migraine iſt leider unſer Geſchlechts⸗ fehler. Ich fühle ſie jetzt weniger, und ich glaube, Gott ſei Dank, dieß kommt von meinen fleißigen Spa⸗ ziergängen durch das Schloßthor bis zum Parke und bisweilen bis halbwegs Flötſund her. Wie gut bin Amalia Hillner. 4 42 ich dem Landeshauptmann, der die ganze Straße zwi⸗ ſchen dem Schloß und dem Park mit Bäumen be⸗ pflanzt hat; es wird hier mit der Zeit die ſchönſte Allee geben. Aber darum bitte ich Dich, als eine Freundin, Amalie: wenn Du Dich des kölniſchen Waſſers be⸗ dienſt, ſo gieße nicht zu viel auf, denn zu viel Eſſenz erzeugt einen affectirten Geruch. Ein feiner und mä⸗ ßiger Parfum iſt angenehm, und Du mußt ſowohl dadurch, als durch eine einfache, aber geſchmackvolle An⸗ ordnung Deiner Kleider Dich im Zimmer der Herr⸗ ſchaft willkommen machen, wenn Du während der Lehr⸗ ſtunden dahin abgehſt. Die Stelle einer Gouvernante in einem Hauſe iſt ſehr ſchwierig. Ihre Rolle neigt ſich oft, wie Du in Deinem Briefe bemerkt haſt, nach der Seite der Dienſtboten; dieß geſchieht jedoch nie ohne ihr eigenes Verſchulden, wenn nicht die Herrſchaft ſelbſt ganz ohne Verſtand iſt. Sie muß es verſtehen, ihre Perſon auf eine kluge und geſchickte Weiſe in Sicherheit zu bringen, um nicht darein zu verfallen. Sie darf dieß iedoch nicht durch ein ſtörriſches Weſen, Fälte gegen die Dienſtboten oder Halsſtarrigkeit gegen die Herrſchaft thun; nimm Dich davor in Acht, mein Amalchen, ich könnte Dir manches Mädchen aufzählen, das viel Talent hatte, ſich aber, um nicht mit den Dienſtboten vermiſcht zu werden, ſteif in ihrer Gou⸗ vernantenſtellung bewegte, und dadurch nur bei den eigentlichen Domeſtiken verhaßt, gegenüber von den Fremden lächerlich und bei ihrer Herrſchaft unangenehm machte. Das führt zu nichts, meine liebe Tochter. Ich weiß auch andere, wie diejenige, welche in der letzten Zeit von S. her empfohlen wurde, die ſich durch ein ganz entgegengeſetztes Benehmen unglücklich machten. Sie betrugen ſich ſo außerordentlich demüthig und unter⸗ thänig, ſahen ſo verzagt und niedergeſchlagen drein, als ob ſie alle Tage etwas Böſes gethan hätten, und jede Stunde um Entſchuldigung bäten. Das geht auch 43 nicht, ſo verliert man allen Reſpekt; ſelbſt die Mägde lachen über die arme Närrin, die Zöglinge gehorchen ihr nicht, und Papa und Mama verabſchieden ſie bald, weil ſie ſehen, daß ſie den Kindern keinen Nutzen bringt. Es iſt ſehr ſchwer für eine Gouvernante, den Mittelweg zu halten. Sie lebt oft, wie ein mißlun⸗ genes qui-pro-quo zwiſchen den Menſchen dieſer beiden Claſſen, wird von beiden gedrängt und gequält, und von beiden verlaͤcht— doch ich darf Dir nicht auf dieſe Weiſe ſchreiben, meine beſte Tochter; ich könnte Dich muthlos machen. Es hat auch keine Gefahr, es iſt durchaus nicht ſchwer, ſich auf dem Platz einer Gou⸗ vernante zu behaupten, wenn man ſich nur ſo beträgt, wie man ſoll. Nicht zu viel und nicht zu wenig in Allem, das iſt die ganze Regel, und geh' um Gottes Willen nicht in die Saalecke, Amalie! Es gibt nichts Entſetzlicheres als das, und nichts iſt ärger, als wenn man eine Mamſell in einer artigen Ecke mit franzö⸗ ſiſchen Tapeten um ſich her da ſtehen und ſchwer Athem holen ſieht! Nein, nein, um Gottes Willen nur das nicht. Ich ſage jedoch nicht, daß man ſich bis zum Tiſche vordrängen oder gar nach einem Platze auf dem Sopha ſtreben ſoll. Man ſoll ſich auch nicht ſo genau an Rang und Ordnung halten, wenn Thee oder Man⸗ delmilch geboten wird. Es iſt zwar gewiß ärgerlich, wenn, wie ich dieß ſchon in vornehmen Häuſern ge⸗ ſehen habe, der Bediente mit dem Teller zuerſt zum Zögling und nachher erſt zur Gvuvernante geht, und dieß geſchieht gewiß nie, wenn ſich eine geſcheidte Mut⸗ ter an Ort und Stelle befindet! aber noch ſchlimmer iſt es, wenn die Gouvernante üble Laune zeigt, ſich Szn drängt und nimmt, ehe man ihr anbietet. Wenn Apfeln, Trauben oder Melonen herum gehen, iſt es derſelbe Fall; ſie darf ſich nicht bemühen, die größten und beſten heraus zu bekommen, die ſie in der Schüſſel fieht, ſie mag nun wirklich großen Appetit haben oder ſich nur in Reſpekt ſetzen und zeigen wollen, daß ſie 44 ihre Rechte kennt. Andererſeits darf ſie aber auch nicht ſo demüthig und erſchrocken ſein, daß ſie das Schlech⸗ teſte für ſich ausliest, und ſich noch dazu vor dei Be⸗ dienten verneigt, der herum geht, wie wenn er ihr eine Gnade erwieſen hätte. Fi done! Geſchieht es, daß man ſie ärgert und demüthigt, was leider oft genug vorkommen kann, ſo ſoll ſie nie thun, als od ſie dadurch verletzt wäre, noch bis an die Stirne hinauf roth werden und wie auf Nadeln ſitzen oder auf ihr Zimmer gehen und weinen. Sie darf aber auch nicht, um ihren Schmerz zu verbergen, eine heitere Miene annehmen, Witze machen, die hier doch ſtets mißlingen, oder doppelt dienſtfertig gegen diejenigen ſein, die ſie beleidigt haben. Auch dadurch enthüllt ſie ihre ſchwache Seite und ihren Schmerz. Sie gibt ſich bloß, wenn ſie zu viel und wenn ſie zu wenig thut; keines von beiden darf geſchehen. Sie ſoll ſich mit einer freien Grazie bewegen, welche Kälte genug in ſich ſchließt, um jede Raſeweisheit in gehö⸗ riger Entfernung zu halten, aber auch Wärme genug, um ſie ſtets in einem liebenswürdigen Lichte zu zeigen, und Würde genug, um niemals Jemand ahnen zu laſ⸗ ſen, wie unglücklich ſie ſich bisweilen fühlt. Dieß iſt die wahrẽ Mittelſtraße der Gouvernante— aber ach! mein geliebtes Amalchen, glaubſt Du, daß ich ſelbſt immer das beobachten könnte, was ich Dir vorgeſchrie⸗ ben habe? Vielleicht ſelten genug. Aber das thut nichts. Was ich ſage, iſt darum nicht weniger wahr, und Du wirſt es Dir einprägen, ohne Deine arme Mama zum Muſter zu nehmen, wozu ſie nicht taugt. Du mußt beſſer werden als Deine Mutter, Amalie! Bitte Gott, daß Du es werdeſt. Er allein wird Dir helfen und Dich lehren, mit Weisheit und auf eine unerklärliche Weiſe den rechten Weg zu finden, den die wahre Gouvernante einſchlagen ſoll. Denn wahr⸗ haftig, das ſind nur Poſſen. 45 Am ſchwierigſten wird ſie es in einem Hauſe ha⸗ ben, wo ſich zugleich ein Hauslehrer befindet. Dieß erzeugt oft ein ganz peinliches Verhältniß, denn dieſer arme Menſch fühlt ebenfalls, daß er ein Amphibium zwiſchen der Herrſchaft und den Dienſtboten iſt; deß⸗ halb muß er ſich wenden und kehren um weder zu tief hinab zu ſinken noch ſich zu weit oben zu bewegen. Wenn er dann noch zugleich einer Gouvernante die Stirn bieten muß, deren Stellung gegenüber von der ſeinigen ſtets unbeſtimmt iſt und bleibt, dann muß er ſehr viel Verſtand haben, wenn er nicht ihr wahrer Quälgeiſt werden ſoll. Wenn aber beides ein paar ordentliche Menſchen ſind, ſo wird es am allerſchlimm⸗ ſten; denn dann geräth er nicht ſelten auf den unſeli⸗ gen Einfall, ihr ein wenig, wenn auch noch ſo wenig, den Hof zu machen. Benimmt ſie ſich dabei unvor⸗ ſichtig und läßt ſich in die äußerlich ſchönen Seiden⸗ fäden der Intrigue ein, ſo ſinkt er wie ſie in der Meinung der Herrſchaft, da natürlich die Kinder dar⸗ über verſäumt werden. Iſt ſie aber keine ſolche Närrin, ſo verfolgt ſie den Hauslehrer deſto mehr den einen Nachmittag mit Stichelworten und einem ſauren Ge⸗ ſicht, den andern mit ſanft weinerlichen Mienen, den dritten mit Billeten. Entſteht eine ordentliche Span⸗ nung zwiſchen ihnen, ſo wird nicht ſelten die ganze Familie in Aufruhr gebracht. Beide ſuchen die Vor⸗ hand im Hauſe zu bekommen, da ſie nicht länger als Freunde in gleicher Linie ſtehen können. Dann begin⸗ nen Verläumdungen und Verdrießlichkeiten; die Kinder werden veranlaßt, an der Verwirrung Theil zu nehmen, der Herr ruft die eine Parthei herein und gibt ihr ſeine Ermahnungen am Schreibtiſch, die Frau ruft die andere Parthei herein, und bittet ſie, ſich ein wenig in ihrem Kabinete nieder zu ſetzen. Ich danke meinem Schöpfer, Amalie, daß er Dich nicht in ein Haus ge⸗ bracht hat, in dem ſich ein Magiſter befindet. Ich ſage zwar nicht, daß dergleichen Aergerlichkeiten ſich immer 456 ereignen, aber ich behaupte, daß dieſes geſchieht, wenn jenes der Fall iſt. Gleichwohl gibt es auch da, wo Du jetzt biſt, meine beſte Tochter, Gefahren für Dich, wenn ſchon kein Hauslehrer da iſt. In Gräſeholm befinden ſich, wie ich höre, ältere Söhne. Wenn Du nun klug biſt, ſo benimmſt Du Dich um Gottes Willen vernünftig, und nimmſt Dich in Acht. Glaube ja nicht, daß man Dich liebt, wenn Du gefällſt, wenigſtens nicht ſogleich. Glaube es gar nie, Amalie, und es wird vielleicht am beſten ſein, wenn Du meinen Worten folgſt. Wenn Du Deinen Blick zum hohen blauen Himmel aufſchlägſt, und die Sonne darunter ſtrahlen und die Sterne ſchim⸗ mern ſiehſt, ſo lügt ihr Glanz nicht, Du kannſt Dich getroſt in das ſüße Anſchauen verſenken und Dich Deinem Entzücken hingeben. Wendeſt Du aber Deinen Blick gegen ein Menſchenauge, das von Feuer zu flam⸗ men und von Liebe für Dich zu ſtrahlen ſcheint, ſo— nimm Dich in Acht. Haine und Wieſen ſprechen in ihren Reizen nur Wahrheit; kein Blatt fäuſelt mit einer andern Bewegung, als wie es eben muß, und keine Blume duftet einen falſchen Wohlgeruch. Wenn aher ein ſchöner Menſchenmund zu Dir ſpricht, ſo— Sſei jedoch nicht menſchenfeindlich oder mißtrauiſch, meine Amalie; verſtehe mich nicht falſch. Du ſollſt Dich nur nicht hingeben. Glaube den Menſchen, denn ſie find gewiß nicht ſo ſchlecht, wie eine düſtre Phan⸗ taſie ſie malt, wenn das Unglück einmal ſeinen Tuſch in die Schaale gerieben hat; aber glaube an ihnen nur, was wahr und wirklich iſt. Sei gefällig, gut und ſogar zärtlich; erfreue Dich mit andern im Austauſch ſchöner Gedanken, laß ſie ſagen, was ihnen beliebt, ſei nicht zurückſtoßend. Aber gib Deine innerſte wirkliche Neigung nicht leichtſinnig hin. Du kannſt vieles ver⸗ ſchwenden, aber nur nicht den Himmel Deines Weſens; davor hüte Dich. Was kann man nicht verlieren, ohne daß es Schmerzen macht; aber ein gebrochenes Herz— 47 nimm Dich in Acht! Du viſt jetzt nicht mehr ſo jung, daß Deine Mutter nicht über dieſen kitzlichen, geheimnißvollen Gegenſtand mit Dir ſprechen könnte. Präge Dir daher einige kurze Regeln ein, meine geliebte Tochter. Manche glaubt, den Gefahren entgehen zu können, wenn ſie vor der Geſellſchaft junger Männer flieht, derfalls ſich ihre Neigung bereits für einen gewiſſen auszuſprechen begonnen hat, wenn ſie dieſem ausweicht. Aber auf dieſe Weiſe geht es nicht immer gut. Derartige Ge⸗ fahren vermehren ſich nur durch Einſamkeit und Ent⸗ fernung. Suche Niemand, aber fliehe auch vor Nie⸗ mand, das iſt mein Rath. Sprich ungezwungen und edel mit dem— ja gerade mit dem, vor welchem Dein Weſen ſich beugt, wenn dieſer Fall eintritt. Wenn es eine flüchtige Neigung iſt, ſo wird ſie leichter ver⸗ dunſten und verfliegen. Suchſt Du aber Stille und Einſamkeit zu ſehr, ſo geht das Gefühl viel eher nach der Tiefe Deiner Seele und bleibt dort, mein Kind, und Deine eigene Phantaſie wird Dir den Geliebten weit einnehmender ſchildern, als er es verdient, und weit ſchöner, als er ſich ſelbſt darſtellen würde, wenn er es dürfte. Laß ihn daher in eigener Perſon ſprechen, höre ihn, antworte, ſei heiter, und laß einen friſchen Wind auf kühlen Schwingen forttragen, ſo wird es am beſten ſein. Verbirg nur Dein innerſtes Herz bei Dir ſelbſt, ſo wird Dir immer ein Schatz bleiben. „Wie viel und einfältig Mama doch ſchreibt!“ wirſt Du ausrufen, wenn Du dieſen Brief zuſammen⸗ legſt und in Deinem Pult verwahrſt, um ihn vielleicht nie wieder zu öffnen. Mein beſtes Mädchen, ich bin 19 Jahre älter als Du. Aber ich bitte Dich nicht, mir um dieſer 19 Jahre willen zu gehorchen. Ich bitte Dich nur, achtſam zu ſein, denn Du biſt jetzt draußen in der Welt. Du biſt nicht mehr in Upſala. Höre auf meine Wünſche, mein Kind. Wenn ich nun meinen Brief, ehe ich fiegle, ſelbſt 48 wieder durchleſe, wie ſchlecht gefällt er mir, wie un⸗ gleich der Styl, wie unregelmäßig die Gedanken, bei mir, die ich Dir doch anbefohlen habe, bei Deinem Lehramte beſonders dieſe Fehler zu vermeiden! Aber ich kann dießmal meine arme Epiſtel nicht umſchreiben. Ach wo ſoll ein Kind, das nur von ſeiner Mutter Rath und Erziehung bekommen kann, ein richtiges Benehmen lernen? Du haſt jetzt keinen Vater mehr, Amalie, nimm daher mit dem Vorlieb, was ich Dir geben kann. Du haſt mich hierüber befragt und mich in Deinem letzten Brief ſogar beſchworen, Dir mehr und öfter von Deinem Vater zu ſprechen. Mein Mann iſt todt; er ging von uns, mein Kind, als Du noch ſehr zart warſt, aber Du ſollſt mich nicht bitten, daß ich meine tiefſte Wunde wieder aufreißen und Dich ſehen laſſe, was meine herabgelaſſene Gardine birgt. Es wundert mich ſelbſt, daß ich Dir ſo heiter ſchreiben konnte, wie ich da und dort gethan habe. Dieß kommt wohl davon her, weil jeder neue Frühling Vergeſſenheit der vergangenen Winternächte mit ſich bringt, und Du biſt der neue Frühling meines Lebens, Amalie. Ich bin vielleicht ſo egviſtiſch, daß, wenn ich Dich bitte, achtſam auf Dich zu ſein, und den weißen Sammet Deiner Seele zu bewahren, ich es am meiſten um meiner ſelbſt willen bin, um nicht den Athemzug meiner Bruſt, Dich, zu verlieren.—— Laß Dich immerhin da unter in Skane Lenoir nennen. Ich gehe ſogar ſo weit und ſage, ich habe nichts dagegen, obſchon ich Dir jetzt nicht alle meine Gründe ſagen kann oder will. Aber der Gleichheit halber mußt Du dann auch Deine Briefe an mich mit Lenvir überſchrei⸗ ben. Thue es, es iſt am beſten ſo; mit der Adreſſe „Upſala“ darunter kommen ſie auf alle Fälle hierher, und ich werde auf der Poſt ſagen, daß man die Briefe an„Madame Madame B. S. Lenoir“ mir ſchicken ſoll.— Hillner.. Dieß iſt ja ein höchſt unbedeuten⸗ ¹9 der Name, ein in den Wochen vergangener Name, den wollen wir nicht nennen, meine Amalie.. Sei nicht zu empfindſam oder beſſer geſagt, ſei nicht zu ſtolz, wenn es ſich um die Annahme Deines redlich erworbenen Lohnes handelt. Erinnere Dich, daß Deine Mutter hier in Upſala, die doch Lektüre, Zeichnen und Muſik ſo ſehr liebt, dennoch oft ſehr fleißig Weißzeug näht, Pfarrerskragen ſtärkt, Hauben herrichtet und Chemiſette für die Profeſſorinnen ſtickt— Alles für Bezahlung, Amalchen— denn es iſt durchaus nicht gemein, für Geld zu arbeiten, wenn man deſſen bedarf. Bekomme ich jetzt nur mit jedem Poſttage einen Brief von Dir, und iſt meine kleine Kaffeekanne warm, ſo meine ich, umgeben von meinen Nähereien, wie in ei⸗ nem Paradieſe zu ſitzen, und ich rechne dann mit Freu⸗ den die Schillinge aus, die ich dafür bekomme. Das iſt durchaus keine Schande, obſchon ich geſtehen muß, daß es nur eine geringe Freude gewährt. Dann aber kommt Thekla zu mir— die liebe, artige Thekla, wie ſie Dich liebt!— und ſie liest oder ſingt mir dann etwas recht Hübſches oder ſpricht mit mir von Dir. Und wenn der Sonntag kommt, dann gehe ich in die Domkirche und höre Aurivillius. Ach wie der Mann predigt! Da werde ich himmliſch froh, Amalie, und hoffe, daß uns Gott bald in ſeiner Gnade hilft. So weichen meine alten Schmerzen, ich denke nicht mehr an den Ort, wo ich mit Dir wohnte, ehe ich hieher nach Upſala zog, und es iſt mir hier recht behaglich auf meine Weiſe. Wenn ich nur Dich immer ſo rein, ſo fromm, ſo hell vor den Augen meiner Seele behal⸗ ten darf. Glaube nicht, daß ich Dich rühme, nein! Du haſt Deine bedeutenden Fehler, meine Tochter, und Du mußt Dich ſehr in Acht nehmen. Wäreſt Du aber Mutter, ſo würdeſt Du begreifen, mit welchen Augen man die⸗ jenigen betrachtet, welche man liebt. Das iſt aber das Allerſchlimmſte, daß ich es nicht über mich bringen 50 kann, meinen Brief an Dich zu ſchließen. Ich habe mehrmals die Feder hinweggelegt, und mußte ſie doch immer wieder nehmen. Nein, lebe wohl, jetzt ſoll es ſchnell geſchehen. Schlaf' wohl, Amalie„träume daß Du ſeiſt bei Deiner Mama, Beate Sophie Hillner. Fünfter Brief. Vom Votar Carl Elbers an den Baron Oskar Ekenſparre. Chriſtianſtad den. Nun, das war einmal eine Freude, und ein außer⸗ ordentliches Vergnügen! Einen Brief von einem Uni⸗ verſitätsfreund zu bekommen, der auf dem Wege iſt, Millionär zu werden, und doch ſeine ehemaligen Ka⸗ meraden aus der Lundagardszeit nicht vergißt! Oskar Ekenſparre, jetzt verzeihe ich Dir, daß Du Baron biſt, und Du wirſt nie einen treueren Rechtsfreund für Deine juridiſchen Angelegenheiten finden können, als mich. Deine Sache iſt ſchwierig und merkwürdig. Sie er⸗ ſcheint mir als ein höchſt intereſſantes Phänomen in der Rechtsgelehrſamkeit, vor Allem deßhalb, weil es ausſieht, als ob ſie kaum durch die ſchwediſchen Geſetze allein entſchieden werden könnte, denn die Frage iſt amphiliſch, da das Erbgut in Schweden verkauft, das Teſtament Deines Vaters aber in Italien aufgeſetzt wurde, wo der Erblaſſer ſtarb, und die Erben, näm⸗ lich Du und Dein Bruder, welche gegen dieſe Hand⸗ lung hätten Einſpruch thun ſollen, eine geraume Zeit⸗ lang in der Unwiſſenheit der Minderjährigkeit ohne 51 Vormünder und juridiſchen Beiſtand zubrachten. Die Frage iſt nämlich die, ob man das ſchwediſche Geſetz auf das anwenden kann, was ſich in Nizza zugetragen hat. Da ihr euch aber andrerſeits beide jetzt in Schwe⸗ den befindet, ſowie auch Eure Stiefmutter(welche bei⸗ läufig dazu genöthigt werden kann, den Zuſtand der Verlaſſenſchaft beim Ableben ihres erſten Mannes, Eu⸗ res Vaters, anzugeben und ihre Ausſage eidlich zu erhärten), ſo kann die Sache jetzt auch den Verord⸗ nungen unſeres Landes unterworfen werden. Von der höchſten Wichtigkeit iſt es übrigens, das Dokument ſelbſt zu ſehen, wodurch Dein Vater ſeine Hinterlaſſenſchaft Deiner Stiefmutter, Eugenie Guemarez vermachte, denn es kommt ſehr viel auf den Wortlaut darin an, und der Prozeß muß von Anfang an auf dieſen Aus⸗ gangspunkt fußen können. Biete daher allem auf, Os⸗ kar, eine geſetzlich vidimirte Abſchrift davon zu erhalten. Eine ſolche können wir mit gutem Gewiſſen auf jede Weiſe zu bekommen ſuchen; denn da ſie euch euer Recht vorenthalten, noch wie es ſich gebührt hätte, das Dokument euch oder einem für euch angeordneten Vor⸗ münder mitgetheilt haben, ſo könnt ihr wohl auch eurer⸗ ſeits etwas unternehmen, um die Wahrheit an den Tag zu bringen. Ich ſehe klar, daß uns hier eine cause célébre bevorſteht, die einen Platz ſelbſt in Pitavals berühmter Sammlung einnehmen dürfte. Nun will es das Unglück, daß Du nicht einmal das Teſta⸗ ment geſehen haſt noch genau weißt, ob ſich überhaupt ein ſolches vorfindet, und die Intereſſenten dürften die Sache wohl bei ſich behalten. Wie ſchwer iſt es, wenn man Vater und Mutter zur Gegenpartei hat! Doch geht es noch an, da Beide Stiefeltern ſind. Auf alle Fälle müſſen wir höchſt delikat zu Werke gehen, doch darfſt Du und Dein Bruder euer Recht nicht aufgeben. Eure Kinder würden euch mit ewigen und gegründeten Vorwürfen deshalb überhäufen, denn ich ſetze mit Be⸗ ſtimmtheit voraus, daß ihr Kinder bekommt. 52* Mit allen Fingern lange ich nach Deiner Einladung, einige ſchöne Sommertage in Gräſeholm zuzubringen, und wir wollen dann zuſammen berathen. Laß Deinen Stiefvater nichts Schlimmes ahnen, denn et ſoll ein mächtiger und gefährlicher Mann ſein, und überdies iſt es immer unangenehm, mit ſeinem Widerpart, wo anders als vor dem Richterſtuhle zu ſtreiten, da man hier wenigſtens das Angenehme hat, daß das Geſagte zu Protokoll genommen wird, und alſo der Gegner nachher nicht ſagen kann, man habe etwas geäußert, an das man nie gedacht hat, welches oft bei ungerichtlichen Zänkereien, ungeregelten Grobheiten und unordentlichen Unhöflichkeiten der Fall iſt, wobei man ſich ohne die gehörige Haltung und ohne Citation der Geſetzesſtellen Luſt macht. Das Hübſcheſte, was ich kenne, iſt, wenn zwei Haupt⸗ feinde in heftigem Prozeß gegen einander liegen, außer⸗ halb der Gerichtsſtube aber auf das Höflichſte mit ein⸗ ander umgehen, zuſammen Kartenſpielen, tanzen, rauchen, eſſen, trinken und Luſtparthien machen. So weit muß es die Humanität einmal bringen. Können denn die Menſchen nicht einmal lernen, als Freunde mit ein⸗ ander zu leben, obſchon ſie vor dem Gericht einander Ehre, Vermögen und zeitliche Exiſtenz zu rauben ſu⸗ chen? Das kommt davon her, weil man Alles ver⸗ wechſelt und die Gegenſtände auf Bauernmanier unter⸗ einander bringt. Die Bauern, welche vor Gericht ſtreiten, ſind auch außer demſelben ſo erbittert, ſo un⸗ menſchlich, unartig und feindſelig gegen einander, wie vor dem Richter, und dies kommt von ihrem Mangel an Bildung oder dem Vorurtheile her, daß man in dem Prozeß beſtimmt Recht zu haben glaubt, woraus auch noch folgt, daß man in der Heimath und außer⸗ halb der Gerichtsſtube den Wiverpart eben ſo ſehr haſ⸗ ſen und verachten muß, der dort im Stande ſein konnte, die reine abſolute Wahrheit zu läugnen. Solche Vor⸗ urtheile von der eigenen Unfehlbarkeit ſind jedoch ſehr traurig. Faßt man unſer Jus, wie wir es jetzt in der 53 Welt unläugbar haben, richtig auf, ſo wird man ein⸗ ſehen, daß ziemlich wenig davon an und für ſich ſelbſt Recht iſt, ſondern das meiſte beſteht in konventionellen Formen vder Verordnungen, deren Gültigkeit nicht aus der innern Nothwendigkeit derſelben, ſondern aus der Macht der Korporation, die ſie geſtiftet hat, hervor⸗ geht. Dies zu unterſcheiden, erfordert den Blick des Advokaten im weiteren Sinne genommen. Wie vft ge⸗ ſchieht es nicht, daß man ſeinen hochgeſchätzten Neben⸗ menſchen gewiſfer Uebertretungen beſchuldigt, je nach⸗ dem die Sache ſich geſtaltet oder man Paragraphen findet, die man gegen ihn anwenden kann? Gewinnt man, ſo kann es geſchehen, daß der Gegner die juri⸗ diſche Ehre verliert, ſofern die Sache unter eine ehren⸗ rührige Rubrik gehört, oder ein Paar Güter verliert. Er appellirt nun und kann bei einem höheren Gericht ſeine Ehre oder ſein Gut wieder bekommen. Jetzt geht man mit ihm zu einer noch höheren Inſtanz, wo es einem vielleicht von Neuem gelingt, ſeinen Gegner zu beſiegen. Hätten wir in Ewigkeit fort Inſtanzen, ſo könnte kein Streit geſchlichtet werden, was ſehr unan⸗ genehm wäre. Die Kette muß alſo irgendwo auf⸗ hören. Dies geſchieht nun bei einem höchſten Gerichts⸗ hof, wo das ultimum jus ausgeſprochen wird, und die Schachparthie hat ein Ende. Alles hängt daher davon ab, welche von den beiden Parthien ihren Geg⸗ ner dort ſo ins Schach bekommen kann, daß er matt wird. Wenn nun dies die wahre Anſicht von der Sache iſt— in juridiſchem Sinne nämlich— ſo frage ich, wie kann es mir dann jemals einfallen, im Ernſte gegen meinen Widerſacher zornig zu werden, ihn zu verachten oder ihm etwas anderes Böſes zu wünſchen, als der Prozeß mit ſich bringen muß. Der rechte Ad⸗ vokat iſt im Grund Niemandes Feind, ſondern Aller Freund. Nun kann es aber geſchehen, daß, wenn ich in einer Sache ſiege, mein geſchlagener Gegner ſehr deutende Verluſte erleidet, an den Bettelſtab gebracht 54 wird oder ſeine Stellung in der Welt verliert. Dieſes Uebel muß ich daher als guter und redlicher Menſch ſtets ſo weit zu mildern ſuchen, als es die Formen er⸗ lauben, und dies heißt man die Sache arrangiren. Ich möchte um Alles in der Welt nicht mein Gewiſſen damit belaſten, daß ich zum wirklichen Unglück und Ver⸗ derben eines Menſchen mitwirkte. Ich ſage Dir daher offenherzig, Oskar— und ich ſehe ſchon zum voraus aus Deinem Brief, daß Du hierin wenigſtens ebenſo denkſt wie ich— daß, wenn wir gegen Deine Stief⸗ eltern gewinnen und ſie zum Verluſt von Gräſeholm, Lanutofta, Hermarp und aller andern Güter verurtheilt werden, Du und Dein Bruder ſie deßhalb nicht ganz vernichten darfſt, ſondern wir müſſen ihnen etwas Ar⸗ tiges ausſetzen. Unter andern Bedingungen wird Karl Elbers nicht Dein Advokat. Gewiß wendeſt Du ein, daß nach menſchlicher und verſtändiger Sprechweiſe im Grunde doch Etwas Recht und Etwas Anderes Unrecht ſein müſſe. Mein beſter Bruder, da kommen wir wieder auf alle jene hitzigen Verhandlungen und Diſpute, die uns während der Studentenjahre ſo oft beſchäftigten und worüber wir nie einig werden konnten. Niemand auf der Welt kann wärmer für die Menſchenrechte ſprechen und handeln als ich. Auf dieſem Gebiete gibt es gewiß Etwas, was abſolut Recht und Etwas, was abſolut Unrecht iſt. Und wäre die juridiſche Wiſſenſchaft nebſt Geſetzen und Verfaſſungen aus dem wirklichen Naturrechte abgelei⸗ der dem Menſchen von Gott gegebenen Natur überein⸗ ſtimmt, ſo gäbe es wohl kaum etwas Achtungswürdi⸗ geres auf Erden, als die Rechtsgelehrſamkeit; ſie han⸗ delte dann von einer abſoluten Wahrheit. Allein man müßte einen ſehr ſchwachen Kopf haben, um nicht ein⸗ zuſehen, daß die Geſetze— wie ſie ſich jetzt größten⸗ theils vorfinden— wenig mit den wahren Menſchen⸗ tet, und beruhte ſie auf nichts Anderem, als was mit rechten zu ſchaffen haben. Die Rechtsgeſchichte zeigt, —— — ———— N— N—* N W—— NM N N— 55 daß ſehr viele Verordnungen von den Perſonen oder Korporationen aufgeſtellt wurden, welche eben damals die Gewalt beſaßen, und daß ſie im Grunde aus nichts Anderem beſtehen, als aus Verſchanzungen, welche die Geſetzgeber zu ihrem eigenen und der Ihrigen Vortheil und zur Niederhaltung und nicht ſelten zum Schaden der unteren Klaſſen der Geſellſchaft bildeten. Die eigent⸗ liche menſchliche Gerechtigkeit hat ſo wenig mit einer derartigen Geſetzes⸗échakaudage gemein, daß ſie im Gegentheil in manchen wichtigen Punkten im geraden Widerſpruch damit ſteht, und in den übrigen nur gleich⸗ gültig dafür ſein kann. Die vorhandenen Geſetze ſollen jedoch nichts deſto weniger während der Zeit und ſo lange ſie gelten, genau befolgt werden; wenigſtens muß ihnen ſo lange gehorcht werden, als ſie das menſchliche Leben nicht ganz aufreiben. Wenn oder wann dies aber geſchieht, müſſen die Theile der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft der Sache unter ſich arrangiren, und jeder edle Advokat kann nur unter dieſer Bedingung der Be⸗ vollmächtigte derſelben ſein. Nur auf eine ſolche Weiſe behaupte ich, kann man mit Vergnügen oder ich will nur ſagen mit Ruhe vor einem Richterſtuhle pariren, advociren, agiren, ſtimmen und dagegen ſtimmen. Einen gänzlich unglücklich machen und an Scele oder Leib verderben, ſei es nun nach welchem Geſetz als es wolle, halte ich für das Wahnſinnigſte auf der Welt, und es beweiſt, daß man keine Kenntniß von dem Grund der juridiſchen Stellung und ſeiner hiſtoriſchen Quelle in der Geſellſchaft hat. Einen Menſchen total zu vernichten, ſei es nun ohne oder durch ſein Ver⸗ ſchulden(wie es gewöhnlich heißt: als ob die Reichen nicht tauſendmal Dinge begingen, wodurch ſie ihren Ruin ebenſoſehr verſchulden würden, wenn ſie nicht durch etwas Anderes beſchirmt wären?), dies halte ich für einen der größten Affronts gegen das reine Gefühl und die Vernunft; und die Geſchichte beweiſt am beſten die Oberflächlichkeit dieſer juridiſchen Inſtitutionen, die — 56 man ſo tiefſinnig zu nennen beliebt. Sie haben ihren Urſprung in der Gewalt und nicht im Recht, obſchon ſie unaufhörlich von dem letztern ſchwatzen. Doch es hat nichts zu ſagen, Oskar Ekenſparre, wenn wir in dieſen Theorien nicht ganz gleich denken, denn ſie haben keinen Einfluß auf die Sache, von der Du ſchreibſt, und die wir mit Gottes Hilfe zu einem glücklichen Ende bringen werden. Es iſt gewöhnlich der Fall, daß, wenn man eben erſt in die amtliche Laufbahn eingetreten iſt, noch Lieblingsſtoffe im Gehirn ſitzen und man mit jedem disputirt, an den man ge⸗ räth, ob es nun nöthig iſt oder nicht. Dennoch glaube ich für meine Perſon, daß, wenn ich auch ein noch ſo alter Juriſt werde, ich darum niemals die Sache der Menſchlichkeit, die in der Jugend ſo heilig vor meiner warmen Seele leuchtete, außer Augen laſſen werde, denn ſie ſteht gewiß ſo ſehr erhaben über die meiſten unſerer Edikte, daß ich mir den Kopf dafür abhauen Aaſſen wollte, wenn es von Nöthen wäre. Ich denke jedoch ſtrenge genug gegen die Leute zu werden, und gelingt es mir, ein Richteramt zu bekommen, ſo ſoll Karl Elbers als ein wilder Bezirksrichter bekannt wer⸗ den. Denn manche fehlen aus reiner Spitzbüberei, Manche dagegen werden aus bloßer Faulheit ſchlecht; vieſe müſſen ſtrenge angehalten werden, ſo ſehr das Geſetz es vermag, damit ihr Katzenpelz Feuer gibt. Wenn ich aber erſt einen de jure geknackt habe, ſo werde ich ihm de kacto wieder auf die Beine helfen, ſo lautet mein Text. Meine Philoſophie über die geheimen und heiligen Wege der Vorſehung in unſerer Rechtswiſſenſchaft werde ich Dir jetzt mit einigen Worten auseinanderſetzen, da ich einmal unnöthiger Weiſe auf dieſen Gegenſtand ekommen bin. Was eben bewirkt, iſt, daß die Rechtsgelehrſcinkeit die Menſchheit im Grunde nicht verderben und feſtketten kann, das beklagt man ſonſt als das größte ſociale Unglück, nämlich das vft unbe⸗ — 57 ſtimmte und bisweilen gerade Wiverſprechende in un⸗ ſern verſchiedenen Geſetzen, wodurch Richter und Sach⸗ walter in ähnlichen Fragen zu ganz verſchiedenen Re⸗ ſultaten gelangen können. So etwas iſt vom juridi⸗ ſchen Standpunkte aus betrachtet, ein entſetzliches Un⸗ glück, eine wahre Calamität. Um nur von unſerem lieben Vaterlande Schweden zu ſprechen, ſo haben wir noch gültige Geſetze, die ſich aus vier verſchiedenen, und was die Principe betrifft, einander gerade entge⸗ gengeſetzten Regierungsperioden herſchreiben. Einige wenige Punkte, zumeiſt in Eheſachen, Erbſchaften und Verbrechen, ſtehen unverrückt; aber welch' eine ungleiche Sprache führen nicht eine ganze Maſſe von unzähligen, hauptſächlich finanziellen Verordnungen, und wie ganz anders iſt der Geiſt, den ſie athmeten, wenn ſie unter Karl XI. und XII. während der Zeit der Freiheit, in der Periode Guſtav 1ll. und IV., die ein Gemiſch von Freiheit und Beſchränkung war, oder während der Epoche nach 1809, von der ich gar nicht ſagen will, was es für eine Zeit war, geſtiftet wurden. Die Nutzan⸗ wendung hiervon iſt, daß die Geſetzgebung beſonders die finanzielle ein ſo verworrenes Chaos bildet, daß der Aus⸗ gang und die Entſcheidung der Sachen nicht ſelten da⸗ von abhängt, ob die Partheien mehr oder weniger Kenntniß von den Verordnungen haben, um ſie bei je⸗ der Gelegenheit citiren zu können, und damit wenig⸗ ſtens die Sache hinauszuziehen, oder auf die Unwiſſen⸗ heit des Richters in Betreff gewiſſer Gebote, ſo daß er auf keine Weiſe ein Urtheil zu fällen im Stande iſt. Da die Bürger ſo in einer großen Ungewißheit über ihre Rechte leben und nur ſelten den Ausgang eines Prozeſſes genau berechnen können, ſo liegt hierin un⸗ läugbar ein großes Uebel. Wären nun die juridiſchen Inſtitutionen von der Idee der wahren Menſchenrechte ausgegangen und fußten ſie nicht auf privilegirten In⸗ tereſſen, ſo wäre dieſer chaotiſche Zuſtand unläugbar ein wahres und beklagenswehrtes Unglück für uns. Amalia Hillner. 5 Aber dieſes Chaos wäre auch in einem ſolchen Falle kaum denkbar, wenigſtens würde man ihm bald abhel⸗ fen müſſen. Dieſer ſchwankende Zuſtand der juridi⸗ ſchen, wie ſo vieler andern Seiten der Staatseimich⸗ tungen hat ſich nun möglich und beinahe unumgänglich nothwendig gemacht, eben weil man bei der Ausſtel⸗ lung der vielen Paragraphen größtentheils von äuſ⸗ ſerlichen Intereſſen, die dem Menſchen in ſeinem innern Weſen fremd waren, ausgegangen iſt. Man iſt von dem Begriff einer Macht ausgegangen, welche Einige— ohne Recht und ohne Nutzen— über Andere zu haben vermeinten. Die Rechtsgelehrſamkeit mußte alſo von einem Zeitraum zum andern immer mehr verwirrt und endlich zu dieſem unentwirrbaren Knäuel werden. Dies gibt nun allerdings dem ſchlechten Advokaten einen großen Spielraum, und man muß zugeſtehen, daß dies ein großes Uebel iſt. Aber ſo lange die Rechtswiſſen⸗ ſchaft noch nicht ſelbſt eine menſchliche Einrichtung iſt, was ſie, wie aus hiſtoriſchen und vernünftigen Grün⸗ den zugleich bewieſen werden kann, zu einem großen Theile nicht iſt, ſo iſt dieſer lare und vage Zuſtand dennoch ein Glück, weil der Reichthum an Paragra⸗ phen in allen Richtungen des Compaſſes, der ſich bei jeder anhängigen Sache zeigt, es dem edlen Sachwal⸗ ter, ſo wie dem im wahren Sinne menſchlichen Rich⸗ ter möglich macht, das Leben zu retten und zu friſten, oder doch Abſcheulichkeiten und Dummheiten zu einem erträglichen Schluſſe zu bringen, was ganz unmöglich wäre, wenn Frau Juſtizia alle Falten ihres Gewandes in ſo unveränderliche und broncene harte Züge gelegt hätte, daß ſie eine abſolut todte Geſtalt bildete, d. h., eine beſtimmte, auf ihrem eigenen Grund conſequent ruhende Wiſſenſchaft(ein Höhepunkt, den ſie Beſchrei⸗ bungen zu Folge ungefähr in China erreicht hat). Lei⸗ der müſſen wir geſtehen, daß es vielleicht nicht zu viele Richter und noch weniger Advokaten gibt, welche ihren Beruf von dem Geſichtspunkte des reinen Menſchen⸗ —— wohles aus betrachten, und beim Urtheilen oder Advo⸗ eiren varnach die Paragraphen anwenden. Aber die höhere Bildung ſoll allmählig immer mehr über dieſe Linie hinausgehen, und die Vorſehung leitet uns un⸗ verkennbar in dieſer Richtung, je mehr wir die Ober⸗ flächlichkeit der juridiſchen Prätenſionen, wie ſie jetzt find, einſehen(denn eine, nach den wahren Anforde⸗ rungen der Humanität berüchtigte Rechtsgelehrſamkeit kann ſich gewiß einmal bilden und dieſe wird alsdann meine ungetheilte Bewunderung haben). Und jetzt Punktum, Oskar Ekenſparre, Du ſollſt nie wieder ein Wort mehr von dieſen unnöthigen Hirngeſpinnſten ver⸗ nehmen, die ja nur eine der wichtigſten Angelegenhei⸗ ten der Menſchheit berühren, folglich in einer Lapalie beſtehen, über die nur Kinder oder Jünglinge nachden⸗ ken ſollen. Ich werde ſchon weniger brummen, wenn mir der Präfident einen guten und feſten Poſten ver⸗ ſchafft hat, wo ich entweder ſo viel zu thun kriege, daß ich vor Allen nichts ſehe, oder ſo ſuperbe Einkünfte und geringe Beſchwerlichkeiten habe, daß ich es über mich bringen kann, gut zu leben und Lebensart anzu⸗ nehmen. Einſtweilen wollen wir uns an Deine Sache ma⸗ chen. Wir ſtehen hier an einem einzelnen Faktum, und werden alſo jede Beſprechung allgemeiner Intereſſen bei Seite laſſen. Du haſt mir nicht geſchrieben, ob Dein Vater, der alte Baron Ekenſparre, bei dem Tod ſeiner erſten Frau— Eurer Mutter— eine ordentliche Inventirung vornehmen ließ, und ob einige Güter aus ihrer Familie herſtammten. Wenn dies der Fall iſt, ſo müßte ſich in den Protokollen des Bezirks ein Doku⸗ ment vorfinden und dies wäre dann die Baſis, worauf wir die Reklamation ſtützen können. Sollte er jedoch dies außer Acht gelaſſen und ohne Euch abzufinden, die Güter verkauft haben, ſo hätte ein juridiſcher Formfeh⸗ ler, ein rechtswidriges Verfahren Statt gefunden, wel⸗ ches jedoch durchaus nicht an dem Beweiſe hinderte, 60 daß die Güter erbliche Grundſtücke geweſen, woraus auch hervorginge, daß das Surrogat derſelben dem⸗ oder denjenigen übergeben worden ſein müßte, welche die Hinterlaſſenſchaft Eures Vaters bei ſeinem Tode empfingen. So weit ich Deine Familienſache bis jetzt kenne, muß alſo Dein Prozeß folgende Momente haben: 1) Da der alte Ekenſparre das Erbgut verkauft hat, ſo muß auch der Erſatz dafür nach ſeinem Tode in Geld oder einem andern Beſitzthume gegeben wer⸗ den, nach dem Geſetz von den Erbſchaften Cap. 17 § 2. Folglich hat das Teſtament keine Geltung. 2) Die Summe, durch welche das verkaufte Erb⸗ gut erſetzt werden ſoll, wird nach dem Kaufſchilling des Grundſtückes beſtimmt, nach der königl. Erklärung vom 23. März 1807, Punkt 5. 3) Der, welcher das Teſtament erhalten hat, muß es innerhalb 6 Monaten vor dem Gerichtshof in der Stadt — — (ſiehe Cap. 18§ 1 Erbgeſetz) und vor der Gerichtsſitzung, welche in den nächſten 6 Monaten auf dem Lande gehal⸗ ten wird, eingeben oder anmelden(ſiehe königl. Verordnung vom 12. März 1830). Auf die Gefahr hin, daß das Teſtament ſonſt ungültig iſt(iehe dieſelbe Stelle). 4) Will der Erbe das Teſtament angreifen, ſo hat er es innerhalb eines Jahres nach Mittheiluug deſ⸗ ſelben zu thun(Cap. 18§ 3 des Erbgeſetzes). Und Euch iſt ja das Teſtament gar nie bekannt gemacht worden. 5) Als der alte Ekenſparre ſtarb, lag es der Wittwe, Eugenie Guemarez, ob, die Inventirung an Ort und Stelle vornehmen zu laſſen, und iſt dieß nicht geſchehen, ſo iſt ſie auf alle Fälle verbunden, jetzt an⸗ zugeben, wie groß das Vermögen damals war, und dieß mit einem Eid zu bekräftigen. Dieß iſt ganz un⸗ läugbar nach Cap. 9§ 1 des Erbgeſetzes, d. h. des ſchwediſchen. Da ſich aber der Todesfall in Italien ereignet hat, ſo kann die Frage entſtehen, ob dieſes Geſetz auch in Nizza Anwendung findet. — NM V— e— W— — — S——— v 6) Wenn die Ueberlebenden Ekenſparre's(Du und Dein Bruder) das Teſtament des Vaters zum Vorſchein bringen, ſo wird der Anſatz ungefähr folgender ſein: Da unſer Vater bei ſeinen Lebzeiten von N. das Gut N. N. erbte, welches er nachher für 255,000 Reichsthaler Banko verkaufte(eine Summe, die ſich leicht aus dem Aufgebot beweiſen läßt, wenn Du Dich des Jahrs erinnern oder es ſonſt erfahren kannſt, da der Kauf damals gerichtlich beſtätigt wurde) und er bei ſeinem Todesfall wenigſtens die N. N. Summe beſaß(welche ſich aus dem Teſtament ergibt, wenn ſie dort eingerückt wurde. Das Teſtament, Os⸗ kar, iſt ein Hauptdokument, wir müſſen Allem aufbie⸗ ten, um es zu bekommen), welche Summe er ſeiner Wittwe vermachte, ſo gehört, da nach Cap. 17 8 2 des Erbgeſetzes das Teſtament nicht in Wirkung treten darf, bis das Anererbte erſetzt worden iſt, der Betrag des Teſtamentes uns ſo lange zu, bis wir auf eine andere Art den Kaufſchilling für das veräußerte Erb⸗ gut wieder bekommen. 7) Kommt dagegen das Teſtament nicht zum Vor⸗ ſchein, ſo wird der Satz alſo lauten: Unſer Vaten, der bei Lebzeiten ein anererbtes Grundbeſitzthum von 255,000 Reichsthalern verkaufte, ſoll, wie wir erfahren haben, ein nicht unbedeutendes Vermögen hinterlaſſen haben, obſchon unſeres Wiſſens weder ein Inventar darüber ausgefertigt wurde, noch eine Diſpoſition über das Vermögen ſtatt fand(dieß iſt ein Verſuch, um der Gegenpartei das Teſtament abzu⸗ locken). Der hinterlaſſenen Wittwe, welche das Ver⸗ mögen zu Hand nahm, liegt es ob, darüber Rechen⸗ ſchaft zu geben, und kann dieß auf keine andere Weiſe geſchehen, ſo verlangen wir, daß ſie gemäß Cap. 9 F1 des Erbgeſetzes den Belauf des Vermögens beim Tode unſeres Vaters angebe und ihre Ausſage eidlich be⸗ kräftige, unter dem ſteten Vorbehalt jedoch, daß wir die Angabe mit dem wirklichen Verhältniß vergleichen 62 oder einen eiwaigen Meineid beweiſen dürſen. Unſer Vater mag nun wenig oder viel hinterlaſſen haben, ſo muß das Hinterlaſſene nach ofterwähntem Cap. 17 des Erbgeſetzes nur uns angehören, und zwar anſtatt des veräußerten Erbgutes. In dieſer Richtung ungefähr müſſen wir die ge⸗ richtliche Ladung führen, zuerſt aber nach dem Teſta⸗ ment forſchen. Ich habe nicht mit Aſſeſſor Schmidt ge⸗ ſprochen, da ich mich proprio motu ſelbſt unterzeichne, als Dein getreuer Sachwalter, Karl Elbers. Sechster Brief. Pon Amalia Hillner an ihre Mutter. Gräſeholm, den... Mama, Mama! jetzt habe ich Etwas zu erzählen — der Herr iſt ſelbſt heimgekommen— ich habe den Baron Migneul geſehen! Ich kann— kann es nicht beſchreiben— doch ehe ich in dieſe wichtige Epoche trete, muß ich meine Sa⸗ chen in Ordnung vorbringen, denn es iſt recht und bil⸗ lig, daß Du Deinen Antheil an meinem Vergnügen erhältſt. Ich kann es nicht anders als Vergnügen nen⸗ nen, denn mit meiner kleinen Konſtanze läßt es ſich gar zu angenehm arbeiten, und außer den Lektionen ſind Alle ſo artig gegen mich, daß ich in einem Eldo⸗ rado lebte, wenn ich nicht ſo weit von Dir entfernt wäre. Wir haben hier kleine Luſtparthieen mit und ohne die Baronin. Ich will nur ſehen, ob unſer ge⸗ meinſchaftliches Eldorado mit Seiner Gnaden Heimkehr nicht ein Ende nimmt. Ich ahne nicht viel Gutes. Bagron Oskar ſieht ſeit einiger Zeit ſo finſter und et⸗ 63 was wunderlich aus. Doch— fort mit der Zukunft — ich habe viel zu erzählen, ehe dieſer ewig denkwür⸗ dige Tag anbrach. So wiſſe denn, meine kleine Frau Hillner, daß wir beinahe drei bis vier Wochen der ſchönſten Som⸗ mertage hier zubrachten. Gleich im Anfang entwarf eich eine Tabelle mit vertikalen und horizontalen Stri⸗ chen, die nach dem Lineal gezogen und zu Vierecken ge⸗ bildet waren— zu Quadraten und Rechtecken, meine kleine Frau Hillner— und darein trug ich nun ſehr ge⸗ nau, ſchön und wohlgeſchrieben die Stunden, welche Konſtanze die Woche über mit mir arbeiten ſollte, und bemerkte dabei die verſchiedenen Lehrgegenſtände für jede Stunde. Als ich dieſen Entwurf der Baronin vorlegte, ſo heiterte ſich ihre Stirne auf. Gewiß dachte ſie: „das ſchmeckt etwas nach Geometrie!“ als ſie ſah, mit welcher Genauigkeit meine Vierecke gezogen waren, und daß keiner von meinen rechten Winkeln ſtumpf oder ſpitzig ausgefallen war. Der Stundenplan war auch wirklich ſehr vernünftig entworfen. Von dieſer Stunde an wurde ich ihr erklärter Liebling. Sie änderte zwar einen und den andern Lehrgegenſtand: So ſetzte ſie z. B. Regners Begriffe auf Mittwoch Vormittag um eilf Uhr anſtatt der bibliſchen Geſchichte, meiner Lieb⸗ lingslektüre, für die ich dieſe Stunde beſtimmt hatte. Aber nach einigem Handeln— denn ich gab nicht nach — erhielt ich als Surrogat(ein luſtiges Wort, wel⸗ ches Erſatz oder eine ähnliche Narrheit bedeutet, und bei den lebhaften Unterhaltungen von mir aufgeſchnappt wurde, die ich bisweilen im Garten zwiſchen Baron Oscar und einem andern jungen Herrn führen höre, welcher letztere auf einige Tage von Chriſtianſtad hie⸗ her gekommen iſt, um Erdbeeren zu eſſen) mit einem Wort, da ich mit der Baronin handelte, bekam ich auf Donnerſtag Vormittag doppelt ſo viel bibliſche Geſchichte als Sur⸗ rogat für das, was ich Mittwochs an den langweili⸗ gen Herrn Regner abgeben mußte. Die Baronin iſt 64 von Natur Franzöſin, ſie ſchätzt die ſtelettförmigen trockenen Lehrbücher. Sie hat allerdings Recht, indem dadurch der ganze Unterricht ordentlicher wird. Allein ich habe auch meine Ideen, ich will Leben in meiner kleinen Konſtanze haben, denn ſie iſt einmal die Mei⸗ nige geworden. Und ich merke, daß ich mich ſehr wohl auf meine Baronin zu verſtehen beginne; ich kann ſie bereits ſo ziemlich leiten. Sie iſt eine außerordent⸗ lich kluge Dame;z ich kann ungemein viel von ihr ler⸗ nen, ſie hat viel Unglück gehabt— zwei Barone, ei⸗ nen nach dem andern, wovon der eine vielleicht noch finſterer drein ſah, als der Andere, und das will et⸗ was heißen, Mama! Die arme Baronin. Ich fürchte mich jetzt nicht mehr ſo ſehr vor ihrer vornehmen Hal⸗ tung, wie in den erſten Tagen. Sie beſitzt eine tiefe und unendliche Güte unter einer etwas harten Außen⸗ ſeite. Wenn ich ihr nur in verſchiedenen, ſehr vernünf⸗ tigen Dingen, die ſie mit Recht begehrt, zu Willen bin, ſo kann ich im Uebrigen die kleine Konſtanze nach meinem eigenen Kopfe lenken. Wie glaubſt Du wohl, Mama, daß es mit Frankreich und Schweden ging? Die Baronin erklärte mir Anfangs beſtimmt, daß Kon⸗ ſtanze ihre ganze Geographie mit Frankreich beginnen ſollte. Ich begriff Anfangs den Grund einer ſo ſelt⸗ ſamen Anordnung nicht, da ich ja mein Studium der Geographie auf die Kenntniß der Welttheile und Meere gegründet hatte, von da aus auf die großen Bergrücken und Hauptflüſſe in jedem Welttheil und dann erſt auf die einzelnen Länder übergegangen war, unter dieſen aber mit Schweden begonnen hatte, wie es recht und billig iſt. Nach dieſer Methode lernte ich bei dem ge⸗ ſchickten Magiſter Ekendal in Upſala, und nie ging ich von derſelben ab. Indeſſen ſetzte ich mich hin und ſagte aus Höflichkeit nichts, während mir die Baronin de⸗ monſtrirte, daß Konſtanze ſogleich Frankreich vorneh⸗ men ſollte, obſchon ſie noch rein gar nichts von der Geographie verſtand(man hatte mir geſagt, ſie kenne die Pole und den Lauf des Aequators— ja ſauber kannte ſie es!). Aber als ich die Augen der Baronin fixirte und ſah, wie ſie beinahe thränenvoll über dem Punkt auf der Karte von Europa ſchimmerten, wo Frankreich in ſeiner ſchönen grünen Farbe da lag— da dachte ich: Aha! unter all Deinen Demonſtratio⸗ nen ſpricht Dein Herz!„Meine gnädige Baronin“— wagte ich jetzt zu ſagen, und nahm die Karte vom Di⸗ van auf, wo wir ſaßen,„Frankreich iſt das ſchöne Va⸗ terland der Frau Baronin, nicht wahr?“ Sie ſah mich an.—„Eben darum,“ fuhr ich nach einer kleinen Pauſe fort, und ſuchte in die Neigung meines Kopfes gegen die Karte etwas Gründliches und Beweiſendes zu le⸗ gen, da ich hoffte, meinen Worten einen ziemlich ma⸗ thematiſchen Anſtrich geben zu können—„eben darum muß Konſtanze mit Schweden beginnen, welches ſie zur Welt kommen ſah, denn es muß ja ihr Frankreich ſein, nicht wahr?“ „Amalie hat Recht,“ erwiederte die Baronin lang⸗ ſam und mit einem nicht ſehr heitern Lächeln. Sie wandte ſich halb zur Seite und ſenkte die Augen gegen den Boden.„Ich und mein einziges Kind wir haben nicht daſſelbe Vaterland, nicht daſſelbe Volk,“ meinte ich ſie flüſtern zu hören.„Amalie hat Recht, Kon⸗ ſtanze muß mit Schweden beginnen.“ Sage mir jetzt, meine geliebte Mama, habe ich hier nicht einen hübſchen, kleinen Sieg erfochten? Ich fühlte mich ſtolz, denn ich hatte entdeckt, daß ich mit Verſtand und Geſchicklichkeit Alles zum Beſten lenken könnte. Ich will Dir ſagen, wie es mit der Baronin iſt, ihr Abord oder ihre Außenſeite hat ganz den Anſchein eines Verſtandes, der Einem ſo genau und beinahe ſcharf vorkömmt, daß er ſogar peinigt. Iſt man aber auf das Räthſel gekommen, wie man dieſem unter dem Thore ſchon begegnen, oder eine Breſche in die Denkungsart der ſtrengen Frau machen muß, ſo findet man das weichſte Weſen. Sie iſt unter der Schaale 66 nur Gefühl; beinahe einzig nur Gefühl. Dieſes ihr ganzes Weſen läßt ſie nicht recht weiblich erſcheinen, ſondern ſie gleicht eher einem Manne(raiſonnire ich richtig, meine kleine Frau Hillner). Ich meine, die Männer zeigen ſich auch gerne immer mit einer Außen⸗ fläche oder einer Hülle von Verſtand, aber im Grunde liegt eine ganze Maſſe von zügelloſen Leidenſchaften (das habe ich aus einem Buche von Richardſon), ſie ſind äußerlich voll Klugheit aber innen ganz anders. Wie ganz verſchieden von der Baronin iſt doch Dein Amalchen, meine Mutter? Ich traue mir gerade keinen großen Verſtand zu, und um aufrichtig zu ſein, ſo habe ich ſelbſt keine große Meinung von mir gehabt, bis zu dem Tage, wo ich den großen Sieg für Schwedens Ruhm gewann. Jetzt aber bin ich gewahr geworden, daß ich recht verſtändig ſein kann, obſchon meine Eigen⸗ ſchaften noch etwas im Dunkeln liegen. Und ich habe nichts dagegen, daß man nichts Ueberflüſſiges in dieſer Beziehung in mir ahnt, ſondern mich— nach meinem Aeußern— für eitel Gefühl, für das purſte Sentiment hält! Allein ich habe meinen Verſtand im Hintergrunde. Ich habe das rechte Mittel gefunden, um nicht nur Kon⸗ ſtanzen, ſondern auch ihre vornehme Mutter, die Baronin von Gräſeholm, zu leiten. Jetzt ſitzt Frau Hillner in Upſala da und ruft bei dieſer Stelle in meinem Briefe höchſt klar und deutlich und beſtimmt aus:„Was für eine Närrin meine Amalie doch geworden iſt, ſie glaubt, ſie ſei ſo geſcheit!“ Du haſt Recht, meine geliebte Mutter, ich bin wirklich närriſch. Indeſſen ich bin ja Deine Tochter— verzeihſt Du mir? Doch ich muß Dir das Hauptprinzip meines Be⸗ nehmens mittheilen(dieß iſt einer der Lieblingsausdrücke des enthuſiaſtiſchen Chriſtianſtader Herrn, wenn er ſich mit Baron Oskar im Garten unterhält), ja, mein Haupt⸗ grundſatz bei dem Erziehungsplane, den ich bei dem kleinen Mädchen verfolge, beſteht darin— daß ich durch 67 Bilder lehre. Wenn ich z. B. mit ihr Geographie ſtudire, was zu meiner großen Freude Konſtanze unter allen Fächern am liebſten thut, gerade wie es bei mir in meiner Kindheit war, ſo beginne ich nicht damit, daß ich ihr Gedächtniß mit einem großen Kram von Pro⸗ vinzen⸗ und Städtenamen, von Einwohnerzahlen, Qua⸗ dratmeilen und Produkten fülle, von denen ſie nicht weiß, ob es Mineralien, Vögel oder Fiſche ſind. Nein! ich laſſe ſie zuerſt ein Land nach der Karte zeichnen und die Umriſſe der Küſte ſehr ſchön mit blau und grün be⸗ malen. Wir haben hier, Gott ſei Dank! Papier, Zeichenſachen, Farben und Zeit genug— denn ich ge⸗ ſtehe, daß meine Methode anfangs etwas langſam geht, und Konſtanze kopirt ihr Vaterland einmal um das andere ganz toll, aber am Ende gelingt es ihr doch. Darüber haben wir Beide dann eine große Freude, und ſie hat das Land ordentlich gern, das ſie gemacht hat. Auf dieſe Weiſe haben wir jetzt ein Skandinavien fertig, welches Schweden und Norwegen umfaßt. Es würde Dir gewiß recht gefallen, Mama. Norwegen iſt ſehr ſchwer zu zeichnen, weil es eine ſo zerriſſene Küſte hat, wir haben hier den; Buckefiord, Hardan⸗ gerfiord und Sognefjord: unzählige Buchten von der großen Bucht bis nach Kap Lindenäs hinaus, und dann wieder auf der andern Seite hinauf die ganze Strecke an der Statlandsſpitze, Trondhjem, Tromhö, Hammer⸗ feſt vorbei bis zum Nordkyn; das iſt eine Arbeit! Schwe⸗ den iſt nicht ſo zackig, beſonders zeigt ſich das ſtaniſche ufer ſchlicht und einfach ohne Inſel und Scheeren. Der Farbenſtreif geht ſo ſchön von Falſterboref an Aſtad vorbei; hierauf um die Ecke herum an Cimbriſthann vorüber und dann hinauf bis zur Hanöbucht bei Liſter. Das iſt eine wahre Luſt! Ich liebe es auch ſehr, die Inſeln zu malen, wie z. B. Oeland, das ſchlank und gerade wie ein Kavalier vor dem Tanze daſteht, und Gottland, das ziemlich rund ausſieht, wie eine alte, geſchickte Hausfrau, die daſitzt und an Hammelfleiſch 68 mit Rüben denkt und dabei mit der Haube nickt(die Haube iſt Farö oben im Norden). Nun halten wir es ſo, daß, während Konſtanze zeichnet und malt, ich. dabei ſitze und mein Vergnügen daran habe. Wenn ſie ihre Küſte rein und ſchön fertig hat, fange ich davon an zu erzählen, wie das Land hinter derſelben heiße, was der Sund für einen Namen habe, was für ein Volks⸗ ſtamm dort wohne nebſt den Abenteuern und Begeben⸗ heiten, die dort vorſielen. Dabei kommt es mir gut zu ſtatten, daß ich meinen Fryrell kann. Du wirſt dieſe Lektion vielleicht ein zu großes Spiel nennen, liebe Mutter; allein ich betrachte dieß Alles nur als ein Vor⸗ ſtudium der Geſchichte und Geographie, ſo daß ich dabei nicht ſo ſtreng in den Angaben zu ſein brauche, ſon⸗ dern größtentheils Alles auf meine Erzählung hinaus⸗ laufen laſſe. Dadurch aber gelingt es mir, Konſtanzen für das Land einzunehmen, welches ſie abmalt, daß ihre Augen dabei blitzen. Hätte ſie nicht von Ratur eine Freude an dieſen Sachen, ſo würde meine Me⸗ thode vielleicht nicht die beſte ſein, ſo aber ſchlägt ſie an. Wenn die Küſten fertig ſind, zeichnen wir die Berge, Flüſſe und Seen hinein; wir ſetzen die Städte an ihren rechten Fleck, und bezeichnen die Landesgränzen und Bezirke. Skandinavien vollendeten wir an einem Diens⸗ tag um halb 1 Uhr. Das war ein Feſt! Konſtanze meinte ein Wunderwerk verrichtet zu haben, als ſie ihrer Mutter das ſchöne Land zeigte. Die Baronin lobte uns. Ich ſagte:„Frankreich ſoll Konſtanzen noch beſſer gelingen, denn ſie hat eine geübtere Hand, bis ſie daran kommt. Und Frankreich verdient es, von allen Ländern auf Erden am ſchönſten gezeichnet zu werden.“ Die Baronin ſah mich an, ſchwieg jedoch. Etwas ſpäter ſagte ſie ſanſt:„Das braucht es nicht, Made⸗ moiſelle.“ Ich fühlte, wie ich für mich ſelbſt erröthete.“ Aber damit Du, meine liebe Mama, ſiehſt, daß ich meinen Unterricht nicht zu einer Poſſe machen will, ſo werde ich Dir jetzt erzählen, daß, nachdem Konſtanze — 69 den Norden fertig gezeichnet hatte, ich mit ihr die Ein⸗ theilung der Provinzen, Städte, Flächeninhalt, Volks⸗ anzahl und Alles nach dem Buche durchnahm. Es ging herrlich, aber ich war dabei ſehr ſtreng und ſchenkte ihr Nichts. Ich bin überzeugt, daß es ihr, wenn ſie damit begonnen hätte, ſehr ſchwer gefallen ſein würde; we⸗ nigſtens hätte ſie acht Mal zwiſchen Iſtad und Hapa⸗ randa gegähnt, und ich hätte mich vielleicht gerade dann geärgert, wenn wir an Upſala gekommen wären— das doch der liebſte Ort auf der Welt iſt, den ich kennel Nein, meine Methode iſt gut. Noch habe ich, obſchon Gouvernante, erſt zwei unbedeutende Male böſe zu wer⸗ den gebraucht(ich werde die Urſachen nachher erzählen— es iſt kaum der Mühe werth, und Baron Malcolm war Schuld daran). Aber, daß es uns ſo gut geräth, das kommt davon her, weil Konſtanze eine ſo große Freude am Lernen hat, daß ſie nichts Lieberes kennt, als ihre Unterrichtsſtunden. Und ich glaube, daß es nichts auf ſich hat, wenn ſie Vergnügen daran findet, indem ich auf mein Gewiſſen weiß, daß ich die Arbeit, die wir gerade unter der Hand haben, bis auf das Kleinſte hin⸗ aus ſo oft wiederhole und durcharbeite, bis ſie es voll⸗ ſtändig inne hat. Wir gewinnen alſo auf dieſe Weiſe ganz denſelben Nutzen, den man von der Mühe und Langenweilen erwarten kann. Die Geſchichte will ich je⸗ doch von Anfang an ernſt behandeln, aber vorher muß die ganze Geographie einmal durchgenommen werden. Es iſt freilich wahr, daß, wenn Konſtanze die übrigen Länder zeichnet, ich ihr nicht mehr ſo viel von den Völ⸗ kern und Begebenheiten erzählen kann, wie bei dem Abmalen von Schweden; allein das iſt dann auch nicht mehr nöthig, denn ſie hat jetzt bereits ſelbſt Geſchmack an der geographiſchen Konſtruktion gewonnen, und wird die übrigen Länder ohne die beſondere Lockſpeiſe lernen, welche beim erſten nöthig war. An Sprachen hat ſie von Natur weniger Freude. Im Deutſchen, das ſie bei mir lernt, geht es noch ziemlich langſam mit ihr; nicht 70 viel beſſer ſteht es mit dem Franzöſiſchen, welches ſie bei ihrer Mutter ſtudirt. Es iſt merkwürdig, daß ſie ſich dem Engliſchen mehr zuzuneigen ſcheint. Doch dieß kommt wohl von nichts Anderem her, als weil Baron Malcom, ihr jüngerer Halbbruder und zugleich ihr er⸗ wählter Spielkamerad in den Freiſtunden, Engliſch kann, welches ſein eigentliches Element iſt; und wenn er Kon⸗ ſtanzen ſagt, wie dieſe oder jene Sache heißt, ſo be⸗ hält ſie das engliſche Wort immer, aber einem franzö⸗ ſiſchen oder deutſchen ſchenkt ſie kaum die geringſte Auf⸗ merkſamkeit. Ich werde dieſer Unart ſo gut als möglich abzuhelfen ſuchen, es iſt Jedoch nicht ſo leicht. Wenn ich ihr tauſendmal ſage, daß häst auf Deutſch„Pferd“ heißt, ſo ſagt ſie doch immer„Horse““. Doch dazu trägt auch vielleicht der Umſtand bei, weil die Ska⸗ ninger ſelbſt die Pferde gemeinhin Horſe nennen. Kon⸗ ſtanze hat mir erklärt, daß ſie das P vor dem f nicht ausſprechen könne, und wenn ſie Pferd ausſprechen ſoll, ſo lautet es immer, wie wenn ſie ein Licht ausblaſen wollte. Sie iſt ein ziemlich eigenſinniges Fräulein, aber wir wollen ſie ſchon heilen. Sie kann ſogar hie und da recht unartig ſein. Einen ganzen Mittwoch Vormit⸗ tag konnte ich weder mit Verſprechungen noch Drohun⸗ gen ſie dazu bringen, England zu ſagen(dieſes Land war an dem Tage unſere Lektion in dem ewigen Ré⸗ ner), ſondern ſie ſagte allemal Old⸗England, wie man ch gewöhnlich in Großbritannien ausdrückt. Ein Kind von Konſtanzens Alter kann ſo Etwas nicht aus patrio⸗ tiſchen Sympathien thun, ſondern es war blos Eigen⸗ ſinn, indem ſie ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, mir an dieſem Tag nicht zu gehorchen. Auch wurde ich ſo ärgerlich, daß ich beinahe verging. Die Sache en⸗ digte damit, daß Konſtanze weinte, und nachher einen ſcharfen Verweis von der Baronin bekam, als dieſe nach der Urſache der rothgeweinten Augen fragte. Kon⸗ ſtanze war den Tag darauf wieder das liebſte Kind und gehorchte mir in Allem und Jedem. Die Grundurſache 2 1⸗ e, n⸗ n ſe n⸗ nd he 71 dieſes ärgerlichen Ereigniſſes war gewiß nichts Anderes als Regner, der ein ſo trockenes und abgeſchmacktes Buch iſt, daß ein lebhafter Schüler ſich wohl oder übel an irgend ein Nebending machen muß; und den Einfall hatte ſie natürlich von Malcolm bekommen. Ich habe bemerkt, daß, ſobald wir uns mit einem Gegenſtande beſchäftigen, der Konſtanzen zu intereſſiren vermag, ſie die fleißigſte, gehorſamſte und artigſte Schülerin iſt. Ich bin überzeugt, es wird nach und nach Alles vortrefflich gehen. Weißt Du, beſte Mama, daß die Arithmetik weit beſſer geht, als ich zu wagen hoffte! Baron Oskar Ekenſparre, der ältere Halbbruder, der nach dem Be⸗ fehl der Baronin Konſtanzen die Geometrie beibringen ſoll— ich glaube, ich habe Dir das ſchon einmal ge⸗ ſchrieben— hat dazu ein paar Stunden in der Woche, am Montag und Freitag bezeichnet. Er kommt dann zu uns herein, und die Geometrie iſt durchaus nicht ge⸗ fährlich. Ich nähe dabei an meinem Rahm, er ſitzt am Unterrichtstiſche bei Konſtanze, und zeigt ihr eine Tafel voll Figuren, die er dann mündlich erklärt. Baron Os⸗ kar macht ſeine Sache ſehr gut. Er lehrt Konſtanzen, was ein Dreieck iſt, er zeigt ihr, welche Neigung eine Linie zu der andern haben muß, um ein ſpitziger Win⸗ kel zu ſein, und wie dann ein rechter Winkel ausſieht. Wenn ich den Nutzen davon für uns Frauenzimmer noch nicht einſehen kann, ſo hat es mir doch auch nicht ge⸗ ſchadet, im Gegentheil Konſtanze zeichnet immer an dem Tag, wo ſie Geometrie ſtudirt und Baron Oskars Ta⸗ feln geſehen hat, mit weit größerer Genauigkeit, und ich ſelbſt— wer hätte das glauben ſollen!— habe be⸗ reits angefangen, an Parallellinien, Rechtecken und Qua⸗ draten Gefallen zu finden. Ich ſtehe mehrmals von meinem Rahmen auf, und ſetze mich als Mitſchülerin neben Konſtanzen. Baron Oskar beweist immer beſſer, lebhafter und— ich geſtehe, die Geometrie iſt nicht ſo arg. Eines Tags gab ich ihm zu verſtehen, daß auch ich die Rechenkunſt hochachten würde, wenn alle Pedan⸗ mich nicht täuſche, ſo 72 terie daraus verbannt wäre, daß ich aber meine großen Zweifel gegen das Bruchrechnen habe, indem dieß we⸗ nigſtens die Frauenzimmer zum Hochmuth verleite, wenn ſie nämlich einige Fähigkeit in die ſer Kunſt erlangt hätten als ihnen zum Nutzen gereiche. Er war an⸗ derer Anſicht und wir disputirten ein wenig. Wenn ich kam er am Ende auf den Glau⸗ ben, daß ich die ganze Sache nicht recht verſtehe, er war jedoch zu artig, um mir Das zu ſagen. Das nächſte Mal brachte er einen Bogen mit, welcher auf dem fein⸗ ſten Papier und mit der ſchönſten Handſchrift vollge⸗ ſchrieben war, und— nun was meint wohl Frau Hill⸗ ner2— die klarſten, deutlichſten und beſten Regeln von der Welt enthielt, wornach man das Bruchrechnen ler⸗ nen konnte, wie nichts. Ich nahm das Geſchenk mit zitternder Hand, indem ich empfand, daß es für eine Gouvernante ziemlich demüthigend ſein müßte, Regeln anzunehmen. Aber weder er noch ich ließ ſich die Sache merken. Bis zum nächſten Mal kannte ich den ganzen Bogen. Oskar hatte die Güte, während ſeiner Geo⸗ metrie mit der kleinen Konſtanze, einige Beiſpiele zu ſehen, die ich verſuchsweiſe ausgerechnet hatte. Er lächelte hie und da; an einer Stelle war es mir völlig unmöglich geweſen, die Brüche auf gleiche Benennung zu bringen, denn das iſt das Betrübteſte an der ganzen Rechnerei. Er fuhr mit leichter Hand über meine Zahlen hin, konnte es aber nicht über's Herz bringen, ſie auszuſtreichen, zeigte mir jedoch auf einem beſonderen Papiere, wie man den kleinſten Hauptnenner findet, und wie man mit deſſen Hilſe alsbald die gleichen Renner hat. Jetzt ging mir ein Licht auf; ich kann Dir nicht beſchreiben, wie glücklich ich mich fühlte, es gibt nicht viele Frauen⸗ zimmer in Schweden, welche können, was ich kann. Jetzt habe ich eine wahre Leidenſchaft für's Rechnen dekommen, und es ſoll nicht lange anſtehen, bis Kon⸗ ſtanze die Folgen davon genießen wird. Ich werde ſie lehren, was Zähler und Nenner zu bedeuten haben, 5 3 5 und es wird ein wahres Feſt für uns ſein, die Zahlen umzukehren, was die erſte Regel beim Bruchdividiren iſt, denn dann, Mama, geht die ganze Diviſion wie die Multiplikation! Hätteſt Du das geglaubt? Oskar hat mir ſogar einen Wink darüber gegeben, daß es nicht ſo uneben wäre, wenn man mit Decimalen rech⸗ nete! Was ſagſt Du dazu? ich wette, Du weißt ſel ſt nicht, was Das iſt. Decimalen nennt man eine Gat⸗ tung Brüche, die gerade wie ganze Zahlen ausſehen, und ich kann ſie wohl leiden, denn man braucht dann nicht ſo kleine Zahlen mit Strichen dazwiſchen zu ſchrei⸗ ben. Bei ihnen gibt es keinen Nenner, was ſehr ſchön iſt, denn dann kann auch nie die Rede davon ſein, etwas gleichnamig zu machen. Den ganzen gemein⸗ ſchaftlichen Hauptnenner, dieſe ärgerliche Maſchinerie, kann man bei Seite laſſen. Wenn ich zu befehlen hätte, ſo führte ich das Dezimalſyſtem überall ein. Baron Os⸗ kar hat mir den großen Nutzen deſſelben nicht nur für die Arithmetik, ſondern auch für Maas und Gewicht deutlich auseinandergeſetzt. Doch dieß hängt von den Reichsſtänden ab, und da wir Frauenzimmer keine Stimme ünter ihnen haben, ſo wird wohl auch das Dezimalſoſtem nie in's Vaterland herein kommen. Die Baronin iſt eine große Eifererin für dieſes Syſtem. In Frankreich gilt es bereits und ſie hat mir den Nutzen der Centimen, Kilogramme und Milliarden beſchrieben. Armes Schweden! hier zu Lande werden wir mit Dutzen⸗ den, Stiegen*), Schocken**), Wallen***), Stunden und all' dieſen Rechnungsarten herumgezogen, von denen einige 10, andere 12 als Baſis haben. Welche Ungleich⸗ heit, die nur unnöthige Brüche verurſacht! Daß ich doch niemals von ſelbſt auf dieſe Unannehmlichkeit zu *) Zwanzig. *) Sechsz'g⸗ **) Achtzig. Amalia Hillner⸗ 3 6 74 venken kam! Aber Baron Oskar hat Recht, es iſt recht dumm. Jetzt, Mamachen, wollen wir das Lehrzimmer auf eine Weile verlaſſen, und ich will Dir ſagen, daß wir einen großen Theil von Konſtanzens Zeit zu weiblichen Geſchäften verwenden, die mir immer am angenehm⸗ ſten ſind. Alle Nachmittage nähen wir. Da Konſtanze nicht die geringſte Neigung zur Muſik zeigt, ſo iſt die⸗ ſer Gegenſtand bis auf Weiteres aus dem Stunden⸗ plane ausgeſchloſſen. Dafür nähen wir deſto mehr. Ich weiß nicht, ob die Baronin die feinen und künſtli⸗ chen Nähereien, welche gegenwärtig Mode ſind, ſelbſt recht verſteht, allein ſie ſieht es gerne, daß Konſtanze ſie lernt, und als wir dieſer Tage eine Kunſtnäherei auf ſchwarzem Seidezeug für die Staatskiſſen in einem Eckdivan der Baronin vollendet hatten, ernteten wir vafür ungetheilten Beifall, und die Baronin Eugenie that hier zum zweiten Mal etwas, was ſie erſt einmal zuvor zu thun die Gnade gehabt hatte: ſie küßte mich nämlich auf die Stirne, und am Tag darauf ſchenkte ſie mir ein kleines allerliebſtes Kryſtallfläſchchen mit einem Goldpfropf und ächtem vrientaliſchem Roſenöl. Sieh, das nützt Etwas, Frau Hillner! Konſtanzens Neigungen beziehen ſich hauptſächlich auf den Geſichtsſinn, wenn ich ſo ſagen darf; fie faßt Alles mit dem Auge der Seele auf. Gehör hat ſie keines, auch keine Liebe zum Aeolsſäuſeln des Windes. Hierin unterſcheidet ſie ſich von ihrer Mutter, der ſie ſonſt in Vielem gleicht. Wenn Jemand, z. B. Baron Oskar, das ſchönſte Lied ſingt, ſo iſt es ihr gerade, als ob er ſchwiege. Dagegen begreift ſie Alles, was als ein Gemälde dargeſtellt werden kann. Sie hat eine vortreffliche Einbildungskraft, ich habe ſchon oben von der Freude geſprochen, womit ſie die Geographie um⸗ faßt; ſie behält das Bild der Länder und einzelne An⸗ * . 3 ſichten, ſie kann die örtlichen Geſtaltungen mit der größten Genauigkeit aufzählen, und täuſcht ſich nie über ð ** — 75 die dazwiſchen liegenden Städte. Ich halte es für meine Pflicht als Lehrerin, Konſtanzens Eigenheiten zu erforſchen und ſie zu dem Talente zu führen, worin ſie das gröſte Glück machen kann, damit wir nicht die Zeit mit Etwas tödten, das am Ende doch zu nichts führen würde. Dieſes kleine Menſchenſtudium fängt an, mir große Freude zu machen. Ich laſſe Konſtan⸗ zen oft daſitzen und eine ganze Menge Poſſen ſprechen, ohne ſie ſogleich zu berichtigen; dadurch erfahre ich, wohin ihre Phantaſie ſchweift. Ich glaube, ſie fängt an, mir herzlich gut zu ſein, was mich ſehr freut. Manchmal habe ich mir ſelbſt erlaubt, Unrichtigkeiten zu ſagen, um ſie zu prüfen. Ich ließ an einem ſchö⸗ nen Dienstag Visby auf Oeland und Uddevalla in Skane liegen. Konſtanze ſah ſogleich mit ein Paar der geſcheidteſten und klarſten Augen zu mir empor, und— ſo klein ſie auch iſt— entdeckte ich darin eine Färbung, welche der Miene der Baronin ſelbſt ähnlich war, wenn ſie gerade recht ſcharf drein ſieht. Ich küßte Konſtan⸗ zen, ließ Visby wieder zu Gottſand kommen und ſchenkte dem Bohuslän ſein Uddevalla wieder.„Ma pelle bonne will mich zum Beſten haben,“ ſagte ſie mit einer höflichen tournure, die ich nie vergeſſen werde, denn für ein Kind von ihrem Alter war ſie merkwürdig. Sie dachte wohl in ihrem Innerſten, daß es dießmal wohl nicht ganz richtig mit ma ponne's eigenem Gedächtniß in Betreff der Lage von Visby und Uddevalla geweſen ſei, denn Schüler bekommen bisweilen Ahnungen von den Kenntniſſen eines Leh⸗ rers; das weiß ich von mir ſelbſt— aber weit ent⸗ fernt, etwas Derartiges merken zu laſſen, gab ſie der Sache eine Deutung, als ſei ich ihr überlegen und habe ſie blos auf die Probe ſtellen wollen. Kinder gehen oft in der Feinheit weiter, als ein Erwachſener begreift. Da ich ſie aber verſtand und mir daran lag, mich in ihrer guten Meinung wieder herzuſtellen, ſagte ich;„Höre, Konſtanze, dieſes Uddevalla hat eine ſo 76 vortreffliche Lage am Weſterſee, und iſt zugleich ſo nahe am Wener(es iſt nur 3 Meilen bis dorthin), daß der Götakanal, den Du vorgeſtern einzeichneteſt, und der, wie Du Dich erinnern wirſt, bis GEötaborg hinabgeht, bedeutend verkürzt werden könnte, wenn man vom Wenerſee nach Uddevalla graben würde, und dieſe Veränderung wird der König gewiß einmal machen.“ Konſtanze ſah mich etwas verblüfft an; von meiner Phraſe verſtand ſie zwar nichts, aber ſie wußte jetzt wenigſtens ſo viel, daß ich mein Uddevalla kannte. Das war auch für den Augenblick genügend. Aber ſie ſetzte nach einer Weile ſchlau hinzu:„Dann müßte ich ja meinen Götakanal auf der Karte anders malen; dieſe Mühe wird mir der König gewiß nicht machen wollen, und die Mademoiſelle wird ſehen, daß der Ka⸗ nal bleibt, wo er iſt.“ Man kann daraus abnehmen, daß meine Schülerin die Anſicht der Götaborger Kauf⸗ leute theilt, was in einem Alter von 9 Jahren nicht wenig heißen will.* Konſtanzens Geſchmack für Alles, was auf die eine oder andere Weiſe zum Bilde werden oder ſich in ſchöne Formen entwickeln kann, machte auch unſere Nähübungen zu einer Hauptſache. Point-de-poste oder Galoppſtich konnte ſie ſchon, ehe ich hierher kam, dies iſt auch eine Kleinigkeit, ob⸗ ſchon es ſich ziemlich hübſch auf Fadentüll oder feiner Leinwand ausnimmt. Da ich aber ausgezeichnet ſchöne Straminmuſter mitgebracht hatte, ſo zögerte ich nicht damit anzufangen, und ich wendete ihre Aufmerkſamkeit auf die Vierecke im Stramin. Sie begriff ohne Schwie⸗ rigkeit, wie man in dieſe das korrekt übertragen kann, was man im Muſter ſieht. Die Baronin hörte meinen erſten Unterricht mit an, und die Vierecke der Muſter waren auch, Gott ſei Dank! ganz richtige kleine Qua⸗ drate. Ich finde, daß die Geometrie zu etwas nützt. Die Baronin befaßt ſich nicht perſönlich mit feinen Arbeiten, allein ich bemerkte, daß ſie Alles das ganz . 3 gut verſtand. Ich durfte von Malmö verſchreiben, was ich brauchte; denn auf Geld ſieht man hier nicht. Wir kamen bald vortrefflich in Gang, und ich ſpannte für mich ſelbſt ein Stück für die feinſte Perlenſtickerei auf, womit ich die Baronin überraſchen wollte. Dies iſt freilich weit theurer, als mit Zephyrwolle, aber es ſieht auch etwas gleich. Es ſoll ein langes Uhrband mit Anemonen und Hyazinthen darauf werden. Die Ba⸗ ronin trägt nämlich beſtändig an der linken Seite eine kleine ſeltene Uhr mit einem doppelten emaillirten De⸗ ckel, denn ſie hält in ihrer ganzen Haushaltung ſtreng auf die Zeit. Ich habe das Maß, wie lang das Band ſein muß, mit den Augen genommen; es muß ihr zuerſt ſo ſchön, wie irgend eine Goldkette, um den Hals gehen und dann über die Bruſt bis zu dem Punkte ſich erſtrecken, wo ſie ihre Uhr zu haben liebt. Dieſe meine Perlarbeit ſoll ein Meiſterſtück werden und Deine Amalie, liebe Mutter, in ihrem ganzen Lichte zeigen. Ich habe berechnet, daß ich für nicht weniger als ſechsundzwanzig Blumen dreizehn Hyazin⸗ then und dreizehn Anemonen in einer Reihe nach ein⸗ ander auf dem Bande Platz habe; vielleicht ſetze ich noch eine Aſter hinzu, wenn etwas übrig bleibt. Ra⸗ nunkeln dagegen kann ich nicht leiden, es ſind zu lang⸗ weilige Blumen, ich kann einmal die Ranunkeln nicht leiden. Ach, wenn ich nur Dich einen Tag lang hier in Skane hätte, damit Du meine Arbeit ſehen und mir rathen könnteſt! Die kleine Konſtanze aber werde ich ein Lorgnetteband für Malcolm nähen laſſen; es ſoll ebenfalls Perlſtickerei werden, aber ganz ſchmal und mit durchbrochenen Gelenken von Gold⸗ und Stahlperlen. Das Lorgnetteband paßt für ihn, denn er geht immer umher und blinzelt mit den Augen und thut, als ſei er ſo kurzſichtig, wie ein engliſcher Lord. Den Stich kann er wohl hinnehmen. Dann laſſe ich ſie gegen den Herbſt hin zur Abwechſelung in Tüll mit Plattfaden durchziehen; wenn ich nämlich einen Platt⸗ 1 ———— faden bekommen kann, der recht glänzt. Es iſt unan⸗ genehm, ſo weit von Stockholm wegzuwohnen, auch ſoll ſie mit Ganſen*) nähen lernen(ſage mir: ſoll man Guancen oder Ganſen ſchreiben, das iſt ein künſt⸗ liches Wort). Ich will ſie es mit Baumwollen⸗ und Wollenganſen lernen, es kann ſich recht hübſch auf Bombaſſin, Mänteln und Krägen ausnehmen, obſchon ich geſtehe, daß ich Wollganſen den andern ſtets weit vorziehe; ſie ſind haariger, voller und man kann ſie von Weitem ſogar für Chenillen halten. Es iſt ſonderbar, daß Mama hierin nicht meiner Meinung iſt.— Aber ich habe auch noch eine andere, eine herrliche Arbeit vor mir, welche von dem großen Vertrauen der Baronin zu mir zeugt. Sie kam eines Tages zu uns herein. Es war ein mathematiſcher Vormittag, und Baron Oskar ſaß am Unterrichtstiſche, wo er Conſtanzen Fünfecke zeichnen lebrte; ich dagegen wichste Faden in der Fenſterniſche. Die Baronin kam von der Bibliothek herab, wo ſie nicht ſelten ganze Stunden mit Memvoirenſchreiben oder Leſen zubringt. — Ich weiß nicht, ob es wahr iſt— aber ich habe ſagen hören, ſie beſitze in wohl verſchloſſenen Schrän⸗ ken mertwürdige Papiere ußd ſeltene Dinge. Sie ſchien ſehr gut gelaunt, als ſie eintrat; ſie hielt noch ihren eleganten Schlüſſelhaken in der Hand, den ſie ſonſt immer am Gürtel unter der Uhr hängen hat. Sie warf einen⸗flüchtigen, aber zufriedenen Blick auf Os kar's Pläne, trat dann zu mir und beſah meinen Stick⸗ rahmen, der etwas entfernt ſtand. Nach einigen arti⸗ gen Worten fragte ſie mich, ob ich, die ich ſo geſchick in den Arbeiten ſei, nicht auch im Gold zu ſticken ver⸗ ſtünde? Als ich dieß bejahte, fuhr ſie fort:„Könnte Mademoiſelle wohl meinem Manne bis Weihnachten eine Mütze ſticken?“—„Mit dem größten Vergui gen.“—„Ich habe ein Stück rothen Sam *) Ganse— runde Schnur, Lize. 79 Lon,“ fuhr ſie fort;„aber was für eine Stickerei wählen wir? etwa eine Reihe Olivenblätter rund um⸗ her?“—„Wie die Baronin befiehlt.“—„Ich habe ein franzöſiſches Muſter, wornach ich in meiner Kind⸗ heit eine ähnliche Mütze für meinen Vater in Perpig⸗ nan ſtickte, das fällt mir eben ein. wie wenn die Mademoiſelle nach dieſem arbeitete? ich würde dann etwas Altes und Liebes wieper erneuert ſehen.“— „Es ſoll mir das größte Vergnügen machen,“ erwie⸗ derte ich. Die Baronin ſchien von der Idee, die in ihr erwacht war, ſehr aufgeregt.„Ich werde ſogleich dieſes Muſter holen,“ ſagte ſie;„Mademoiſelle ſoll ſehen, wie ſchön es iſt.“ Sie erhob ſich mit einer ſchnellen Bewegung, was an ihr ſonſt nicht gewöhnlich iſt; aber die theure Erinnerung hatte ſie dazu aufge⸗ regt. Sie eilte hinaus. In dieſem Augenblick kam Baron Oskar zu mir nach der Fenſterniſche, nickte mir wegen Conſtanzen Stillſchweigen zu, und nahm ſchnell den Schlüſſelhaken, den ſeine Mutter vergeſſen hatte — eine an ihr ſehr ſeltene Zerſtreuung. Er ſuchte ſchnell unter den Schlüſſeln einen heraus, der einen ſehr feinen und ſonderbaren Bart hatte(er gehörte ge⸗ wiß zu einem Schloß, das mit keinem Dietrich geöff⸗ net worden kann), nahm dann mein Wachs, machte ein Stück davon weich und nahm einen vollſtändigen Abdruck von dem Schlüſſel.„Hören Sie,“ flüſterte er mir zu und hob dabei den Zeigfinger bedeutungsvoll; „wir werden der Baronin eine Ueberraſchung machen, aber ſagen Sie um Gottes Willen Conſtanzen nichts davon, nicht das geringſte! Ich nehme jetzt dieſen Wachsabdruck mit mir. Aber ich werde—(er blinkte dabei mit den Augen und ſah etwas aufgeregt aus, als ob ſein ganzer Körper zitterte)— ja, ich weiß noch nicht recht— nun ja, Amalie— mit einem Wort, ich werde eine Zeichnung machen, eine kleine, hübſche Zeichnung mit einem Schlüſſel darin. Daraus kann dann ebenfalls ein Muſter zu einer Goldſtickerei wer⸗ 8⁰ den, ja gewiß!“— Er brach ab, ſah nach der Thüre, denn er hörte Schritte, ſteckte das Wachs zu ſich und eilte an ſeinen Platz neben Conſtanzen. Sein ganzes Benehmen war geheimnißvoll, aber ich verſtand ihn ſehr gut. Er wollte damit ſagen, daß er mir ein Muſter von einer neuen Erfindung verfertigen werde, wornach ich im Stillen der Baronin einen Schlüſſel⸗ beutel ſticken ſollte, wie dem Baron eine Mütze. Wird das nicht recht ſchön! Ich denke ſehr viel darüber nach. Die Baronin kam jetzt herein, ging mit ihrer franzö⸗ ſiſchen Zeich ung zu mir hin und beſchrieb ausführlich, wie ſie Alles haben wollte. Mechaniſch griff ſie dann wieder nach ihrem Schlüſſelhaken, den ſie ganz auf dem nämlichen Flecke liegen fand. Ach, ſie ahnte nicht — daß ich eben im beſten Nachdenken über ein Weih⸗ nachtsgeſchenk für ſie ſelbſt begriffen war, während ich ihre Wünſche in Betreff der Mütze anhörte, die wir für den Baron herrichten wollten. Bin ich jetzt nicht recht in Geſhäfte? Ich arbeite im Geheimen für das ganze Haus und beſitze Aller Vertrauen. Wie froh ich bin! Baron Oskar hat jedoch bis jetzt vergeſſen, mir die Zeichnung zu geben, die er machen wollte. Doch ich werde ihn erinnern. Es hat auch keine Eile, denn wirklich bin ich wahrhaft übereilt. Aber wegen ctwas Anderem, Mama, das die Ba⸗ ronin ebenfalls gemacht haben wollte, bin ich ſehr in Verlegenheit gekommen, da ich nicht weiß, wie man es angreift. Sie hat mehrere kleine Toilettentiſche mit Platten von weißem feinem Holze und auf dieſe möchte ſie Bilder abgedruckt haben. Sie hat mir einen Tiſch mit einem ſolchen Gemälde aus Napoleon's Feldzügen gezeigt. Es ſieht ungemein hübſch aus. Dann wies ſie mir mehrere Bilder, die auf die andern Tiſche ab⸗ gedruckt werden ſollten. Sie handeln von Montenotte, Milleſimo, Lodi und Arcole. Bonaparte iſt ihr Held, und ich möchte ſo gerne ihren Toilettetiſch in Ord⸗ nung bringen. Sie fordert zwar keine Wunderwerke * 3 —— — 8¹ von ihrer Gouvernante, ſondern hat nur im Vorüber⸗ gehen von der Sache geſprochen; aber, liebe Mama, könnteſt Du mir nicht ein Rezept ſchicken, wie man auf Holz abdruckt. Es geſchieht gewiß mit einem Firniß oder vielmehr mit einer Säure, wodurch ſich der Kupfer⸗ ſtich von dem Papier los macht und auf dem Tiſche befeſtiat. Muß aber mit der Holzplatte nicht ebenfalls eine Vorbereitung gemacht werden? Ach, wenn Du mir darüber eine Belehrung verſchaffen könnteſt? Du brauchſt jetzt nicht mehr weiter über das nachzudenken, was ich Dich über die Waſſerkunſt gefragt habe; von ſolchen Kindereien iſt hier keine Rede. Ich merke jetzt beſſer, wie Alles hier im Hauſe zugeht. Könnte ich dagegen den Napoleon abdrucken—— ſieh', das würde meiner Baronin nicht übel gefallen. Dann iſt hier auch Etwas von Kopenhagen nach Skane herüber gekommen, das man orientaliſche Ma⸗ lerei nennt und von dem ich vorher noch nichts ge⸗ wußt habe. Es ſieht allerliebſt aus, und muß mit Far⸗ benpulver gemalt ſein, das man ausſtreut und ſich feſt ſetzen läßt wie Staub auf Gummi. Es ſieht ganz feenhaft aus. Es ſoll jedoch nicht ſo künſtlich ſein, als es ausſieht, ſagt Baron Oskar; es geſchieht ebenfalls auf Holz. Er hat mir eine Schachtel mit einem ſol⸗ chen Gemälde auf dem Deckel verehrt, das eine gar zu hübſche Blume vorſtellt, welche nur in der Nähe von Nizza in Italien wächst, hörſt Du? Aber, meine liebe kleine Frau Hillner, glaube ja nicht, daß wir immer und ewig da ſitzen. Wir ſtudi⸗ ren nicht auf die Magiſter hinein; wir gehen nicht auf die Candidaten los. Im Gegentheil, wir machen Spa⸗ ziergänge nach allen Richtungen um Gräſcholm herum und beſonders nach einem kleinen Binnenſee, der eine Seltenheit in Skane iſt. Baron Oskar macht uns gern ein Vergnügen— aber Nota bene das Alles geſchah, ehe Seine Gnaden ſelbſt ankamen.— Und ich muß Dir etwas erzählen, das ſehr närriſch war, und in 82 den Tagen vorfiel, wo der Chriſtianſtader Herr, ein Monſieur Elbers, hier war und unſere Melonen mit ſeiner Gnade beehrte. Er aß beiläufig geſagt, wie wenn er zu äußerſt von der Kungſängsſtraße herkäme! Aber er iſt ſonſt ein luſtiger, ſehr ordentlicher Menſch und einer von Oskars vertrauteſten Freunden, das merkte ich mehrere Male. Er iſt Hofgerichtsnotar und wird von der Baronin Bezirksrichter genannt. Sie zeigte ſich etwas kalt gegen ihn, wie ſie dieß gewöhn⸗ lich gegen die Leute thut. Sie nannte ihn bisweilen Herr Greffier und dann wieder Herr Syndic. Ich weiß nicht, ob er viel franzöſiſch verſteht; er ſchien wenigſtens nicht beleidigt, ſondern erwiederte der Ba⸗ ronin mit einer naiven Miene:„eh bien! je serai le Sängdick, parce que vous le voulez.“ Er ſprach ſein Syndic mit einem ſo außerordentlichen Nachdruck und einer ſkaniſchen Breite aus, wie ich kaum jemals etwas Aehnliches hörte. Die Baronin mußte lächeln und ich habe, um Dir eine Idee von der Scene zu geben, meine Zuflucht dazu genommen, daß ich Dir hier das Wort im reinſten Schwediſch ſchrieb.— Nach⸗ mittags langten noch zwei Chriſtianſtader Herren an, welche Herr Elbers gewiß herbei gerufen hatte, um Zeugen zu ſein, ich meine nämlich von ſeinem guten Appetit. Denn er ging mit ihnen hinab in das Pflau⸗ menwäldchen, wo er, wenn man nach einem der Nach⸗ welt hinterlaſſenen ſchauerlichen Haufen von Pflaumen⸗ ſteinen ſchließen durfte, eine große Nieverlage anrichtete. Oskar war ebenfalls bei ihnen, denn er ſah ſich dieſe ganze Zeit über als den Wirth auf Gräſeholm an, und er iſt auch der artigſte Wirth von der Welt. Dieſe ungeladenen Gäſte gingen jedoch bald wieder; ich denke mir, ſie wollten die Baronin nicht beunruhigen oder geniren, die, unter uns geſagt, keine ſehr große Freun⸗ din von unbekannten Geſichtern iſt. Sie entfernten ſich, ohne Abſchied zu nehmen, wie wenn ſie nur im Vorübergehen gekommen wären, um Elbers hier zu 83 treſfen. Sie waren nicht einmal hinein gegangen und hatten der Baronin ihre Aufwartung gemacht; der när⸗ riſche Elbers begleitete ſie. Wie weit oder wohin ſie fuhren, weiß ich nicht. Die Reiſe muß jedoch unbe⸗ deutend geweſen ſein, denn am Abend bekamen wir ſie wieder zu ſehen. Oskar trat etwas ſpät am Nach⸗ mittag in den Saal, als die Sonne ſich bereits hinab neigte und gar lieblich ſcheinte. Er ſchlug uns vor, eine Luſtparthie auf den See zu machen.„Die Frau Baronin haben ſeit langer Zeit nicht mehr die friſche Luft genoſſen,“ ſagte ich, indem ich mich gegen ſie wandte, denn ich wollte nicht mit Conſtanzen und Oskar allein hinaus fahren. Die Baronin hatte noch ihre gute Laune vom Mittag her und lächelte hie und da über ihren ſtaniſchen Franzoſen.„Wird Monſieur le Syndic mitfähren?“—„Nein,“ erwiederte Oskar,„er iſt bereits mit einigen Freunden abgereist, welche ſeine Anweſenheit an irgend einem Orte verlangten; er bat mich, ihn zu empfehlen und zu ſagen, daß er bald möglichſt wirder zurück kommen werde, um ſich wegen ſeiner heutigen Unhöflichkeit zu entſchuldigen.“—„Das bedarf es nicht, Oskar,“ verſetzte ſie;„doch wir wollen hinausrudern, der Tag iſt ſo ſchön. Wir machten alſo die kleine fröhliche Fahrt, welche die gute Laune der Baronin dießmal ſehr angenehm werden ließ. Oskar war übrigens die ganze Zeit über nicht wenig trüb⸗ finnig und zerſtrent; er antwortete mehrmals ganz verkehrt. Frau Hillner kann mir wohl nicht ſagen, woher das kam? Doch Conſtanze iſt ein kleiner Wilv⸗ fang im Boot; ſie und ich lachten und ſchwatzten, es war mir, als ob ich gar keine Gouvernante mehr wäre. Die Baronin, die ein großes Gefühl für die Schönheit erhabener Naturſcenen hat, ſah ſich mit einer begeiſter⸗ ten Miene um. Bald ruhte ihr Blick auf den liebli⸗ chen Geſtaden des See's, bald ließ ſie ihre Augen mit einem Ausdruck friedvollen Wohlgefallens über uns Mädchen hinſtreifen; wenn ſie jedoch ſprach, wendete 8⁴ ſie ſich größtentheils an Baron Oskar. Oskar ſchien jedoch lieber mit uns zu ſprechen, und ſcheute ſich etwas vor den Blicken der Baronin, das ſah ich. Gleichwohl mußte er ihr antworten. Die Baronin wurde mehr⸗ mals durch die Qui-pro-quo's beluſtigt, die unſerem Ritter entfuhren. Oft wurde es aber ſehr ſchön, denn Oskar ſpricht ungemein gut, wenn er will. Die Ba⸗ ronin, welche da ſaß und über die Wogen des See's hinſah, fragte ihn:„Iſt nicht da drüben auf der an⸗ dern Seite ein Wald, eine vortreffliche Jagd? Du haſt aber dieſen Sommer nicht viel gejagt, Oskar?“— „Nein, nur im höchſten Nothfall jage ich.“—„Mais pourquoi donc?“—„Ich verwunde,“ ſagte er und ſah ſeine Mutter dabei an;„ich verwunde diejenigen ſo ungérn, gegen die ich ſonſt nichts— nicht das min⸗ deſte habe, die ich mit der größten, höchſten Innigkeit liebe; bei Gott! ich verwunde nur im äußerſten Noth⸗ fall, wenn ich das Recht gegen das Unrecht wahren muß... wenn Leben und Zukunft es unumgänglich fordern.“—„Wir ſprechen von Rehen und Hirſchen im Walde; ſei nicht zerſtreut, Oskar! Du biſt wahr⸗ haftig gar zu zärtlich. Und man könnte auf den Ge⸗ danken kommen, Du wiſſeſt in dieſem Augenblick nicht, was Du ſprecheſt,“ ſchloß ſie lächelnd.„Du biſt gut⸗ müthig, Oskar,“ fuhr ſie jetzt in einem andern Tone fort,„vielleicht biſt Du es zu ſehr, doch danke auch dafür!“— Baron Oskar wandte bei dieſen Worten ſeine Augen ſchnell auf die Wellen hinab und in ſeinem Geſichte ſah ich ein Gefühl, das ihn den Thränen nahe brachte— wie ſchön war er in dieſem Augenblick.— Er ergriff die Hand ſeiner Mutter und küßte ſie hef⸗ ig; ihr, die doch nur ſeine Stiefmutter iſt! Die Ba⸗ ronin ſagte:„Du mußt indeſſen nicht zu weichherzig ſein, Oskar. Die Welt iſt nicht ſo; nimm Du Deine Büchſe und jage, ſchieße, das ſchadet nichts. Das Wild fällt friſch und ſchnell zu Boden, ſein Schmerz dauert nicht lange. Die Vorſchung hat die Welt ein⸗ — 85 mal ſo geſchaffen.“ Oskar würde ſeiner Mutter wohl noch einmal geantwortet haben, und ich läugne nicht, daß ich in dem, was ſie geſagt, eine gewiſſe kleine Härte zu entvecken glaubte, die wohl verdient hätte, daß— doch die Sachen im Boote nahmen jetzt eine andere Wendung, denn unſer unverbeſſerlicher Freund Malcolm, der als Engländer ſtets unſer Admiral und Matroſe iſt, ſteuerte ſo ſchlecht mit den Schlagrudern, daß das Boot zu ſchaukeln begann und das hab' ich nie leiden können. Nun hat man an den Kähnen keine Steuerruder, ſondern man muß ſie mit Schlagrudern regieren, wenn man es nämlich kann. Doch Maſcolm hatte eine gute Anlage, Mylord zu werden. Oskar ſprang auf, nahm ihm die Ruder ab, brachte das Boot wieder in den rechten Gang und bald befanden wir uns am andern Ufer, das unſer Ziel war. Wir tra⸗ ten an's Land und gingen eine Weile in dem Schatten ſpazieren. Die Baronin ſprach dabei ſo ſchön, daß ich nur bedaure, nicht jedes Wort behalten zu haben. Sie ging zwiſchen mir und Conſtanzen, und wir vernahmen keinen Laut von Geometrie. Ihre Stimme wurde im⸗ mer weicher, ſie berührte den Tod und Frankreich, ach! und ich hatte im Anfang meines Hieherkommens ge⸗ glaubt, ſie ſei nicht recht religiös! Wie froh bin ich, daß ich mich getäuſcht ſehe! Sie iſt indeſſen ſchwach auf der Bruſt, und ich fürchte, eine zehrende Krankheit hat keinen geringen Antheil daran. Sie liebt ihren WMann, den Baron Migneul, ſo innig, und er liebt ſie wieder, wie ich aus mehreren Wendungen abnehmen kann, die ich von Zeit zu Zeit aufgefangen. Was mag es alſo ſein, was an ihr zehrt? Die jungen Ba⸗ rone gingen während dem Spaziergang hinter uns drein; ſie ſprachen kein Wort, ſie hörten und horchten wie artige Cavaliere auf Alles, was ich und die Ba⸗ ronin mit einander ſprachen. Wir brachten wohl zwei Stunden an dieſem angenehmen Orte zu. Die Baro⸗ nin öffnete mir ihr Herz ſo ſehr, ſie gab mir die beſten 86 Lehren, aber nicht mehr in jener ſo ſtrengen Form. Manchmal äußerte ſie ſich dort unter den Bäumen ſo weich und beinahe kindlich, daß ich mich wundern mußte. Nur daheim in ihren vornehmen Gemächern iſt ſie die Baronin Migneul, und wir gehen dort oft auf ſo parallelen Linien mit einander, daß wir nicht zuſammen treffen können. Aber hier außen war ſie Eugenie Guemarez. Ich ſpreche vermeſſen. Was weiß denn ich von Eugenie Guemarez? Doch verzeih mir, meine Mutter, es kam mir ſo vor, und ich liebte ſie darum.„Ungemein wird es mich freuen, ihren Mann zu ſehen,“ ſo dachte ich, als ich ſo mit ihr ging. Zetzt aber ſollſt Du hören, was geſchah, als wir zurückkehrten. Das Heimrudern ging gut, wir ſtiegen an's Land und gingen nach dem Schloſſe hinauf. Wir kamen die Treppe hinauf und in den Oehrn. Wir ſtiegen nach dem zweiten Stocke. Hat man je ſo Etwas geſehen? dort begegneten wir Monsieur le Syndie mit ſeinen zwei Zeugen, die von nichts weniger als der Bibliothek herab zu kommen ſchienen. Offenbar waren ſie, als ſie uns nicht Daheim fanden, von Zimmer zu Zimmer gewandert, um uns zu ſuchen. Etwas zu⸗ dringlich ſah es aber immerhin aus. Ich meinte auch einige Verlegenheit auf beiden Seiten zu entdecken. Aber Herr Elbers benahm ſich als ein ſehr geſchickter Mann. Seine Freunde und Hofgerichtskameraden hät⸗ ten ihn ſchon vor Nachmittag wegen einer gewiſſen Angelegenheit aufgeſucht, was daran Schuld geweſen, daß er ſich damals mit ihnen entfernt habe. Er habe jedoch nicht ſo unhöflich ſein und aus der Gegend abreiſen wollen, ohne ſie vorzuſtellen. Er nehme ſich jetzt die Ehre:„Herr Vingſtedt!“—„Gehorſamer Diener, Frau Baronin!“—„Herr Ortolan!“— „Gehorſamſter Diener, gnädige Frau!“— Die Baro⸗ nin bat die Herrn um Entſchuldigung, daß ſie ausge⸗ gangen ſei. Sie bat ſie in den Salon zu treten. Ich erwartete, daß ſie kalt und etwas unfreundlich ſein aeAKeey ke. — —— NM MN— 87 würde, wie dieß gegenüber von jungen Unbekannten und männlichen Gäſten bisweilen geſchieht. Aber die Herrn Elbers, Vingſtedt und Ortolan kamen ihr ohne Zweifel als etwas tölpiſche Menſchen vor, was auch wirklich der Fall war; und wie ich bemerkt habe, amü⸗ ſirt es ſie, gegen ſolche artig zu ſein, da ſie zugleich im Geheimen ihren Witz an ihnen üben kann. Als die Bedienten uns mit Deſſerttellern verſehen hatten und die Trauben darauf zu verſchwinden began⸗ nen, wurde die Unterhaltung lebhafter.„ch hoffe, Sie haben ihr Geſchäft glücklich vollendet!“ ſagte die Baronin gegen Elbers gewandt;„vermuthlich waren die Herrn auf Beſuch bei dem angenehmen Landpfarrer in unſerer Nachbarſchaft. Er prozeſſirt ſo oft, daß er wohl Freunde vom Hofgericht bedarf.“—„Es iſt wahr,“ erwiederte Elbers;„wir waren nicht weit von hier, aber unſer juridiſches Geſchäft war höchſt einfach.“ „Das bedaure ich, Herr Greffier.“— Elbers nahm jetzt ſehr lebhaft eine Priſe, was er, wie ich bemerkt habe, ſtets thut, ehe er etwas Witziges ſagen will. „Als Greffier oder Syndicus muß ich oft Copien von Orginaldokumenten machen, dieß geſchah auch heute, dieſe beiden Herrn haben als Zeugen die Gleich⸗ heit der Abſchrift mit dem Original verbürgt und ſie mußten perſönlich herkommen, um das Urdokument zu ſehen, da man dieß nur an Ort und Stelle betrachten und nicht fortbringen konnte. Auch wurde es ſogleich wieder ſorgfältig in den Schrank gelegt, indem es ſich befunden hatte.“—„Eine ſehr ausführliche Beſchreibung von einer ſehr gleichgültigen Sache, Monsieur le Syn- dic. Doch ſeien Sie jetzt ſo gut und nehmen Sie eine Traube. Ich verſichere Sie, es ſind Originalien vom Treibhauſe.“ Mama hört, daß dieſe Antwort ziemlich fteif aus⸗ fiel, was die ſchwache Seite meiner Baronin iſt, wenn es ſich um Erwiederungen handelt. Aber die drei Herrn Elbers, Vingſtedt und Ortolan benahmen ſich wahr⸗ haſtig nicht als Copienten, ich habe meiner Lebtage kaum ähnlichere Originalien geſchen. Waohrſcheinlich ſind ſie erſt vor kurzem eingeſchrieben worden, und es klebt ihnen daher noch etwas von den Studien an. Ich verzeihe Baron Oskar, daß Elbers ſein Freund iſt; dieſer iſt jeden falls ein lebhafter Mann, wenn er auch noch wenig Tournüre hat; aber ſollten denn die zwei Andern auch Oskars— nein! ſie ſind nur Elbers Freunde. Doch ſie wurden uns nicht zur Laſt, denn ſie nah⸗ men bald Abſchied. Dieſer ganze Beſuch kam mir un⸗ beſchreiblich närriſch vor, denn man ſchien nur ange⸗ fommen zu ſein, um ſich wieder fort zu begeben. So war man die ganze Zeit über genirt und kam erſt wieder zu ſich, als jene nach den Hüten griffen. Die Baronin entwickelte auch keine ausgezeichnete Ueber⸗ redungskunſt, um die Originalien bis zum Abend zu⸗ rückzubehalten. Sie reisten ab— meine Mutter! und eben als ſie in einem kleinen Leiterwagen zum Gatterthore hinausrollten, begegnete ihnen ein großes Coupé, das am Hofe hielt. Dort ſtieg ein Anderer aus— es war der gnädige Herr! 45. Meine Bruſt klopfte, ſie ſchlug— vor Neugierde — ich möchte beinahe ſagen, vor Furcht— als ich bedachte, daß ich jetzt ihm vorgeſtellt werden ſollte, der mein—— wie ſoll ich ihn nennen, mein Herr, der Herr vom Hauſe iſt. Ich hatte auf dem Schloſſe ſo angenehme Wochen verlebt, mehr als ein Monat war dahingangen, ohne daß iv durch irgend Etwas daran erinnert worden wäre, daß ich hier fremd war. Da ſtand ich jetzt in einer Ecke des Saals. Die Baronin und Conſtanze gingen auf die Treppe hinaus ihm ent⸗ egen. 4 Ich ermannte mich, als ich die Saalthüre öffnen hörte. Ein hochgewachſener Mann trat ein; ſein Gang war anmuthig; allein ich ſah ihn nur erſt von der 89 Seite. Nach einigen zärtlichen Worten zwiſchen ihm und Conſtanze nahm die Baronin mich bei der Hand, führre mich hin und ſtellte mich als Mademoiſelle Lenoir vor. „Aha die längſt erwartete, kleine Gouvernante!“ Mit dieſen Worten trat er mir entgegen. Aber plötz⸗ lich blieb er in der Mitte des Weges ſtehen, und be⸗ gann mich mit durchdringenden, obſchon ſchönen Augen zu firiren. Ich meinte eine leichte Bläſſe über ſeine Wangen fliegen zu ſehen, aber das bildete ich mir ge⸗ wiß nur ein und es kam wohl davon her, daß ich ſelbſt Etwas durch meine Rerven beben fühlte. Es war ein ſchnell vorübergehender Moment, der Baron trat mir jetzt näher, hieß mich herzlich im Hauſe willkommen, und ſetzte ſich in unſerem Kreiſe nieder. Er blieb nicht lange; auswärtige Briefe erforder⸗ ten ſeine Abweſenheit im Comptoir, eine gewiſſe Un⸗ ruhe ſpiegelte ſich in allen ſeinen Bewegungen. Bin ich doch recht närriſch, daß ich nicht einſehe, wie große Herrn, die eben erſt heimgekommen ſind, noch Manches zu beſorgen haben. Ich hätte mich ſo gerne ſtill in eine Ecke geſetzt und mich in das An⸗ ſchauen einer Perſon vertieft, von welcher ich in ſo manchen Beziehungen abhänge. Er iſt gewiß am Ende unglücklich, liebe Mutter! Ich habe angefangen, etwas Menſchenkennerin zu werden, doch wenn ich ſo viel Zärtlichkeit zwiſchen ihm und der Baronin und Allen hier ſehe, wie ſoll ich mir dann die Spuren von Schmerz erklären, die ich entdecke? Lebe wohl, mein liebes Mamachen! Du bekommſt heute keinen Brief von mir, ſondern ein Buch. Ver⸗ zeihe mir, aber Du haſt mir ja befohlen, meinen— Ihn— zu ſchildern. Es wird mir ſo ſchwer, das Wort „Herr“ zu ſchreiben, denn ich habe mich hier ganz entwöhnt, mich für das anzuſehen, was ich denn doch i n. Obſchon ich jetzt ſchließen ſollte, und wie ich ſehe Amalig Hillner. 7 90 bereits„lebe wohl“ geſchrieben habe, ſo muß ich mir doch noch einige Worte über ein kleines Abenteuer erlauben, das mir an jenem ſchönen Abend zuſtieß. Die Luft iſt hier ſo lau, und ich gehe gern, wenn wir gegeſſen haben, noch eine Weile allein in den Garten hinaus. Dieß that ich auch an jenem Tage, und wäh⸗ rend ich in einigen Laubgängen, welche die ſanfteſten Schatten warfen, ſpazieren ging, begann ich den Re⸗ venant, Dein Lieblingsliedchen, meine Mutter, zu ſingen, an das Du mich neulich in Deinem Briefe ge⸗ mahnt haſt. Ich ſang es ſo ganz aus der innerſten Seele heraus, daß ich glaube, ich ſang es nicht übel. Ich fühlte mich ſelbſt bezaubert, gefeſſelt, verwundert von dieſen Tönen, die mir noch nie ſo ſchön vorge⸗ kommen waren, als an dieſem Abend unter den Bäu⸗ men draußen. Ich begann den Geſang mehrmals von Neuem, und als ich mich umwandte, um durch den Hain zurückzugehen, ſah ich den gnädigen Herrn ganz ſtill an einem Baume ſtehen.„Er geht alſo wohl auch gerne an den Abenden ſpazieren, er hat mich gewiß gehört, gewiß liebt er die Muſik, welche Freude, wenn er es thut!“ Er ſtand ſtill, aufmerkſam, mit geſenktem Kopfe da. Als er mich herannahen ſah, kam er mir einige Schritte entgegen. Er ſah ſo aufgeregt aus, daß ich beinahe erſchrak. Er wollte mir wohl eine kleine Artigkeit über meine Stimme oder über dieſes Lied insbeſondere ſagen; ich weiß nicht recht, was von dieſen beiden der Fall war; allein er konnte nichts herausbringen, und ich verſtand nicht, was er ſagte. Es klang zum Theil, als wenn er mir erklären wollite, daß er in ſeinem Leben kein ſchöneres Lied gehört habe als den Revenant; aber aus ſeinen weitern Wor⸗ ten hätte ich den Schlußſatz ziehen können, daß er mich um Gottes Willen bäte, es nie mehr vor ihm zu ſin⸗ gen. Aus allem zuſammen nehme ich mit Beſtimmtheit ab, daß ich in meinem Herrn einen gefühlvollen Mann beſitze, und das freut mich ſehr. Er faßte ſich bald, 91 ergriff meine Hand, küßte ſie ſehr ſchnell mit einer galanten Bewegung, bot mir den Arm, um mich hin⸗ ein zu führen und ſagte:„Mademois— Lenoir, gibt mir die größte Hoffnung, die ſüßeſte Gewißheit, daß meine kleine Conſtanze die zärtlichſte, die beſte Pflegerin erhalten hat.“ 8 „Der Herr Baron ſind allzu gütig.“ „Verſprechen Sie mir“— unterbrach er mich leb⸗ haft—„verſprechen Sie mir, meiner Konſtanze nicht jenes unbedeutende Weſen zu ſein, das man Lehrerin nennt, nicht jenes kalte, welches man Gouvernante be⸗ titelt. Verſprechen Sie mir, ihre wahre, ihre warme und beſte Freundin zu ſein und zu bleiben.“ „Sie ſoll mir wie eine Schweſter ſein!“— rief ich von meinem Gefühl überwältigt und vor Freude über das Vertrauen, das ein ſo großer und vornehmer Herr zu mir hegte, gleichſam über mich ſelbſt gehoben, aus. Doch trieb ich die Freiheit, die ich mir genom⸗ men, nicht weiter.„Ich werde ihr eine Schweſter ſein — wenn ich darf“— ſetzte ich hinzu. Er führte mich aus dem Garten heim, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. Ach, meine Mutter, wie glücklich fühle ich mich, daß auch er ſo zart und edel gegen mich ſich zeigt! Ich werde doppelt fleißig, dop⸗ pelt beſcheiden ſein; ich fühle, daß es mich jetzt nicht das Mindeſte koſten wird, mich für die Geringſte im Hauſe zu halten, mich als eine Dienerin zu betragen und mich wirklich an den Platz zu ſtellen, der mir zu⸗ gehört, da ich ſehe, daß ich ja keine Demüthigung zu befürchten habe. Ich bin gewiß recht ſchlimm, Mama, und Du mußt mir das nächſte Mal eine Lection dar⸗ über ſchreiben, da ich faſt in mir fühle, daß, wenn man mir nur mit einem Blick zu verſtehen gäbe, ich ſei Dienerin, ſich ſogleich der Hochmuth in mir feſtſetzen und ich augenblicklich eine vornehme Miene annehmen würde; ſo lange man mich dagegen als Herrſchaft be⸗ handelt, bin ich demüthig und henehme mich gerne als 92 Dienerin. Du ſiehſt, daß Deine arme Amalie voller Widerſprüche iſt, und ich fürchte, es wird mir mit der Zeit vor mir ſelbſt Angſt werden. Der gnädige Herr oder Monsieur le Baron iſt ein ſchöner großer Mann, nicht mehr jung, aber auch nicht alt. Die Baronin ſieht älter aus, ich glaube aber nicht, daß dies in Virklichkeit der Fall iſt. Zch habe„ mich in dieſen Tagen berecits, wie es mein Beruf als Lehrerin und Gouvernantin mit ſich bringt, darin ge⸗ übt, allerlei Kleinigkeiten zu beobachten und die Cha⸗ raktere zu ſtudiren. Es hat mir auch unbeſchreiblich viel Unterhaltung gemacht, den Baron und die Baro⸗ nin zu beobachten, wenn ſie bei einander ſitzen und ſprechen. Dabei aber halte ich mich am Fenſter. Ich habe ſie erſt einen Abend lang ſo geſehen, als er eden heimgekommen war. Was ich aber da zu bemerken meinte, will ich Dir jetzt ſagen. Daß das Verhältniß zwiſchen ihnen ein warmes iſt, halte ich für ausge⸗„ macht. In meinen Augen aber benimmt ſich der Baron“ gegen ſie mit mehr Artigkeit, mehr ausgeſuchter Höf⸗ lichkeit, einer mehr auf älle Kleinigkeiten ſich erſtrecken⸗ den Galanterie, als ich von einer tiefen Liebe erwar⸗ ten möchte. Doch was weiß ich, wie ſich die Liebe äußert? Ich bilde mir nur ein, Mama, daß man die Perſon, welche man liebt, zärtlich, aber nicht eben fein behandeln muß. Es iſt mir, als ob etwas Beleidigen⸗ des in einer Galanterie liege, welche ſich auf das Aller⸗ geringſte erſtreckt. Es ſieht beinahe aus, als ob man ſich in Geſellſchaft mit einem halben Feinde befände, den man durch Artigkeiten beſänftigen, verſöhnen oder„ etwas vergeſſen laſſen müßte. Es paßt ſich nicht für mich, durch Fragen in die 1 Geheimniſſe der Familie einzudringen; allein ich habe manches gehört und einige Worte aufgefangen, die Baron Oskar ſchon früher entfallen waren. Denn wenn er mit Konſtanzen in unſerem Unterrichtszimmer Geo⸗ metrie treibt, ſo ſpricht er nicht immerwährend vdn „— geraden Linien. Mit wenig Worten: Baron Migneul ſelbſt ſcheint nicht ſo ganz Franzoſe zu ſein wie ſeine Gemahlin. Es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß er Eng⸗ länder, Deutſcher oder vielleicht am Ende Schwede iſt. Mit ſeinem Schweden muß es jedoch dann etwas wun⸗ derlich ausſehen. Schon vor neun oder zehn Jahren, nämlich zur Zeit der Geburt der kleinen Konſtanze, ließ er ſich in Skane nieder, wohin er mit ſeiner Baronin vom Auslande kam. Er kaufte hier große Güter, war jedoch während der ganzen Zeit ſeither ſehr wenig da⸗ heim und meiſtens wieder im Ausland. Glaubt Mama nicht, daß er ſich etwas vor ſeinem Vaterlande ſcheut? Aber das wäre ein böſes Zeichen. Er iſt dies Jahr heimgekommen, allein man ſagt, er wolle aufs Neue wieder reiſen. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß ſeine Frau ſo betrübt iſt. Gleichwohl ſoll er jetzt über den und Winter in Skane bleiben, wie man ſich erzählt. Doch es iſt uns verboten, ſchlimm von unſerem Nebenmenſchen zu denken, ſchließe daher nichts Gehäſ⸗ ſiges gegen Baron Migneul, beſte Mama. Ich habe mich für ihn intereſſirt, ſeit er im Parke draußen ſo aufmerkſam auf meinen Geſang horchte. Nun, das ge⸗ ſchah nur aus gewöhnlicher Artigkeit; aber, Mama, er iſt ein wunderlicher Mann. Denn höre nur, Mama! Als wir Abends hereingekommen waren, und eine Viertel⸗ oder eine Halbeſtunde im Saale zugebracht hatten— denn man unterhält ſich immer hier noch eine Zeitlang nach dem Eſſen— ſo wurde gute Nacht ge⸗ nommen. Die jungen Barone Oskar und Malcolm hatten ſich bereits entfernt, ich war aber noch da. End⸗ lich ſtand die Baronin Eugenie auf, ſagte mir mit einem angenehmen Nicken ihr bon soir, wie ſie gewöhnlich thut, und nahm Konſtanze bei der Hand. Der Baron bot ſeiner Gemahlin den Arm, ich verneigte mich vor den Herrſchaften und er führte ſie nebſt Konſtanzen aus dem Saale und nach dem Schlafzimmer. Noch blieb ich, 94 Gott mag wiſſen warum? eine Zeitlang im Saal, ging einige Male auf und ab, und dachte eben an nichts Beſonderes. Nach einer Weile kam Baron Migneul von dem Schlafzimmer ſeiner Frau zurück, um nach ſeinen eigenen Zimmern zu gehen. Als er mich noch im Saale ſah, füutzte er ein wenig. Er hielt die Wachs⸗ kerze in der Hand; denn da wir bereits tief im Auguſt waren, und es der Nacht zu ging, hatten wir Lichter angezündet. Er trat gerade auf mich zu. Ich kann den Ausdruck ſeiner Geberden nicht beſchreiben. Die ausgezeichnete Höflichkeit war weg, an ihrer Stelle aber lag eine hohe Innigkeit, ein Vertrauen, das ſich in ſei⸗ nen Blicken malte. Er nahm mich bei der Hand, be⸗ leuchtete mich und ſagte: „Verzeihen Sie, Mamſell Lenoir iſt mir ganz un⸗ bekannt, ich kenne Niemand dieſes Namens. Das Enga⸗ gement iſt durch die Briefe der Baronin beſorgt wor⸗ den; an Dieſem, wie an vielem Anderem habe ich kei⸗ nen Antheil. Entſchuldigen Sie einen Unbekannten, aber erlauben Sie, daß ich einen Augenblick, ehe wir uns trennen, dieſes— dieſes Geſicht betrachte.“ Er ſtellte das Licht auf den Tiſch, ergriff meine beiden Hände, betrachtete mein Haar, meine Stirne— ich ſchlug meine Augen nieder, aber ich ſchlug ſie auch wieder auf. Ich glaube nicht, daß ich zitterte. Er ſagte nichts, aber niemals habe ich ſo blaſſe Wangen geſehen. Was meinte er damit? Rach einer kleinen Pauſe drückte er mir die eine Hand und ging. Er kam noch einmal ſchnell zurück, faßte eine meiner Locken, küßte ſie heftig und ging zum zweiten Mal in heftiger, mühſam ver⸗ hehlter Rührung fort. Als er in ſeinen Zimmern auf der andern Seite des Saales angekommen war, ver⸗ ſchloß er die Thüre. Beſtürzt blieb ich noch eine Se⸗ kunde ſtehen; ich hörte innen tief ſeufzen. Gewiß, Mama, muß ich einer Italienerin oder Engländerin ähnlich ſein, die der Baron vor der Ba⸗ — . 5⁵ ronin auf ſeinen Reiſen geſehen hat; denn er iſt viel⸗ gereist. Ich wußte nicht, was ich denken ſollte. Ich bedauerte ihn, ich ging auf meiz Kämmerlein und wollte mich niederlegen; allein ich fühlte, daß es mir unmög⸗ lich ſein würde, zu ſchlafen, ſo aufgeregt war ich. Ich dachte an Dich und wie gerne Du Alles leſen würdeſt, was mir begegnete. Ich nahm daher mein Bricfpapier heraus, und ſetzte mich nieder, um an meine geliebte Mama zu ſchreiben. Herr Gott, wenn Du nicht wärſt, an wen könnte ich mich dann halten? Meine Seele umarmt Dich in Gedanken. Ich wollte tauſend— ja Reichsthaler habe ich keine zu geben— tauſend Dia⸗ manten wollte ich geben, wenn Du den Baron in je⸗ nem Augenblick ungeſehen hätteſt betrachten können. Es würde Dich intereſſirt haden, Dich, die ſo viel Reli⸗ gion hat. Sein Auge drückte zugleich die höchſte Wärme und die tiefſte Verzweiflung aus. Ach, meine Mutter, er hat gewiß keine rechte Religion!— Was doch wir in unſerer Armuth, wie man es nennt, glücklicher ſind als er! Mein Herz ſchlägt unbeſchreiblich, wenn ich an ihn denke! Dennoch bitte ich Gott, daß nicht viele ſo merkwürdige Auftritte ſtattfinden möchten, denn ich habe mich meiner kleinen Konſtanze aufzuopfern und darf mich nicht ſo ſeltſamen Dingen ausſetzen. Ich hoffe auch, daß Alles gut geht, denn Oskar hat mir ſchon vorher erzählt, daß Baron Migneul hie und da Anfälle hat, daß es aber bald vorübergeht. Auch iſt er ſo hei⸗ ter, daß ihm nur ſelten ſolche Sonderbarkeiten zu⸗ oßen. Grüße alle unſere Mädchen in Upſala, die bei Frau Schenkſon und Mamſell Flintenberg. Ach, wenn ich nur auf eine Minute dort wäre, um mit ihnen ſprechen zu können! Hier ſchicke ich Dir auch ein Krokis von Gräſeholm. Mama muß es auf die Zuckerdoſe legen, wenn ſie ihren Kaffee trinkt, damit ſie ſieht, wo Amalie ſich aufhält. Ich habe eine ganz ſaubere Naſe auf den Rand gezeichnet, um Dir das dritte Fenſter im zwei⸗ ten Stockwerk zu bezeichnen, das Amaliens Kammer⸗ fenſter iſt. Dort drinnen ſitze ich jetzt und ſchreibe an meine Mama. Ich will nicht gerade behaupten, daß die Naſe ſonderlich gut gemacht iſt, das Gegentheil— aber ſie taugt immerhin zum Fenſterzeichen. Gute Nacht, tauſendmal gute Nacht. Amalie. * Erſtes Kapitel. Oekar Ekenſparre's Reiſe. Wir haben im Vorhergehenden die Perſonen der Geſchichte ſelbſt in ihren Briefen ſprechen laſſen. Wir hätten anſtatt deſſen allerdings, wie dies bei allen Ge⸗ ſchichten und Dokumenten der Fall iſt, einen Auszug aus dieſen Briefen machen und dem geneigten Leſer nur die Hauptſachen mittheilen können. Allein wir wollten ein Gewebe von Gedanken, das aus einem rei⸗ nen Gemüthe gefloſſen war, nicht mit unſerem Meſſer zerſchneiden, um nur noch einige Fäden davon übrig zu behalten oder einen nackten Auszug an's Licht zu fördern. Wir zogen es daher vor, die Briefe in ihrer ganzen Ausdehnung hereinzuſetzen, in der Vorausſe⸗ tzung: daß jeder zartfühlende und edle Leſer die Ver⸗ faſſerinnen weder komprommittiren, noch über die auf⸗ richtigen Ergüſſe ihres Geiſtes lachen oder vor Freun⸗ den und Bekannten alles das ausſchwatzen werde, was er in ihren Ausvrücken und der Zuſammenſtellung ih⸗ rer Sätze Bemerkenswerthes findet. Vertraulichen Briefen, die man nicht ſchreibt, um ſie drucken zu laſ⸗ ſen, muß man verzeihen, wenn ſie ausſehen, wie Briefe eben auszuſehen pflegen. Es ſind zwar allerdings noch einige Papiere in unſerem Beſitz, welche dieſelben Ereigniſſe betreffen, und vielleicht werden wir ſie auch bei Gelegenheit mit⸗ theilen. Für gegenwärtig aber müſſen wir unſere Zu⸗ flucht zur Erzählung nehmen, indem das zunächſt Fol⸗ gende, ſo viel wir wiſſen, nicht aufgezeichnet worden ſondern nur durch mündliche Tradition zu uns gekom⸗, men iſt. Wir müſſen daher das erzählen, was jetzt — 4 3. 1 98 das Nothwendigſte iſt, nämlich: daß der junge Herr Oskar Ekenſparre ſich zu einer Reiſe nach Chriſtianſtad anſchickte. Baron Oskar hatte kein entſchiedenes Wort mit ſeinem Freunde Karl Elbers wechſeln können, als die⸗ ſer in Geſellſchaft ſeiner Vertrauten, der Herren Ving⸗ ſtedt und Ortolan, den geheimnißvollen Beſuch in» 1 Gräſeholm machte. Von dem Augenblick an, wo Os⸗ kar mit ſeiner Stiefmutter, der Baronin Eugenie Mig⸗ neul, vom See zurückkam und auf der Schloßtreppe den drei herabkommenden Juriſten begegnete, waren dieſe durch die mehr als gewöhnliche Güte der Wirthin in dem Salon derſelben ſo ſehr in Anſpruch genommen worden, daß Oskar Elbers nicht bei Seite winken konnte, ohne Aufſehen zu erregen; nur in einer Fen⸗ ſtervertiefung hatte ihm Elbers im Vorübergehen ganz ſchnell ſolgende Worte zugeflüſtert:„Das Teſtament iſt gefunden; wir haben eine vidimirte Abſchrift davon, und noch mehr.“ Dieſe Nachrict war allerdings troſt⸗ reich genug, allein es blieb noch viel zu thun übrig, denn man mußte z. B. auch wiſſen, was in dem Te⸗ ſtamente ſtand. Und wenn man einmal das wußte, ſo mußte man ferner darüber berathen, wie man den Prozeß anzugreifen habe. Oskar ſah ſeine drei Freunde im Leiterwagen abreiſen; was ſollte er thun? Hoff⸗ nungen, Befürchtungen und tauſend Gedanken kreuzten ſich in ſeiner Seele. Daß Elbers bald wieder nach Gräſeholm zurückkehren würde, wenn ſeine Freunde be⸗ ſeitigt wären, das konnte er ſich zwar wohl vorſtellen, und man würde dann wieder in Ruhe berathen, ohne„ daß es der Baronin möglich war, irgend etwas zu argwohnen. Jetzt war aber Etwas geſchehen, was wir bereits wiſſen; es war nämlich keine geringere Perſon, als der Baron ſelbſt wieder in dem Augenblicke nach Gräſeholm gekommen, da vie andern drei abreisten, weßhalb Oskar natürlich ſeinen Elbers nicht wieder hier — 99 zu ſehen wünſchte. Er beſchloß daher, zu ihm nach Chriſtianſtad zu reiſen. In der Nacht konnte er nicht ſo viel ſchlafen, als ihm wohl gut geweſen wäre. Er meinte vor ſeinem eigenen Gewiſſen in einem häßlichen, beinahe abſcheu⸗ lichen Lichte wegen der begangenen That zu ſtehen. Auf dieſe Weiſe, wie es nun einmal geſchehen war, ſich in das tiefſte und ſo ſorgfältig bewahrte Geheim⸗ niß ſeiner Mutter einſtehlen! Einen Wachsabdruck von ihrem wichtigſten Schlüſſel nehmen! Sie zu einer Luſtparthie verlocken und gerade, während er mit ihr auf dem unſchuldigen Teppich der ſchönen Wogen da⸗ hin ruderte und gerade, während er mit ihr in dem ſchönſten ſchuldloſeſten Haine ſpazieren ging, ſeinen Freund in ihre Bibliothek einſchleichen und unter ihren koſtbarſten Papieren gerade das Unſchätzbarſte heraus⸗ ſuchen und abſchreiben laſſen! Doch dieſe Selbſtankla⸗ gen beantwortete er mit all' dem, was wir bereits wiſſen. Wenn man ſich in ſeinem Rechte benachthei⸗ ligt findet, ſo muß man ſich vertheidigen dürfen, und enn Einem Dokumente vorenthalten werden, an de⸗ nen uns unſtreitig ein Antheil gebührt, ſo erlaubt die Nothwendigkeit, daß man ſich derſelben bemächtige. nebrigens hatte er nicht, wie ſeine Stiefeltern, ſeinen Nebenmenſchen einer Sache beraubt, er hatte nur eine Abſchrift von einem Originale machen, dieſe Abſchrift von Perſonen, denen die Gelegenheit zur eigenen An⸗ ſicht des Originals verhalf, vidimiren und ſodann die Dokumente wieder an ihren Ort niederlegen laſſen. Was war in dieſem Plan, den Elbers glücklich für ihn ausgeführt hatte, Böſes? Höchſtens eine zwar ſelbſtgenommene Hülfe, aber immerhin eine gerechte. Oskar Ekenſparre kehrte ſich daher im Bett auf die linke Seite, und verzieh ſich, was er gethan hatte. Statt der Anklagen ſeines Gewiſſens begannen jetzt hellere Bilder vor der lebendigen Einbildungskraft des ſchlafloſen Jünglings aufzuſteigen. Er ſah ſich im Beſitz eines bedeutenden Vermögens. Seine Bruſt hob ſich im Gedanken daran, daß er nebſt ſeinem Bruder Beſitzer ſämmtlicher Ekenſparriſcher Familiengüter, die in ein paſſendes Surrogat umgewandelt waren, mit freigebiger Hand dem Baron Migneul und ſeiner Ge⸗ mahlin ein artiges, hübſches Gut anweiſen, aber als Ge⸗ ſchenk anweiſen wolle, um ihre übrigen Lebenstage darauf zuzubringen. Seine Phantaſie ging ſo weit, daß er ſogar eine kleine hübſche— nein, eine ſchöne, himmliſch reizende Baronin an ſeine Seite zauberte. Daß er noch um Nie⸗ mand gefreit hatte, wußte er ſehr wohl, ob er einmal ſpäter ein Jawort bekommen würde, wußte er dagegen nicht. Doch nach All' dem fragten ſeine freien Phan⸗ taſien nicht. Je tiefer es in die Nacht hineinging, deſto weniger konnte er ſchlafen. Er wandte ſich endlich ſchnell wieder auf die rechte Seite und nahm ſich vor, an Bruder Malcolm zu denken. Das that er am Ende auch wirklich, obſchon es langſam ging, und die Folge davon war, daß er gegen 4 Uhr endlich einſchlummerte. Als der Morgen graute, zog Baron Oskar ſeine Chri⸗ ſtianſtader Reiſe näher in Betracht. Er hielt es für's Beſte, ſie erſt in acht Tagen auszuführen, damit es nicht den Anſchein hätte, als ſtehe ſie mit dem neulich abgereisten jungen Fremden in Verbindung. Dennoch konnte er ſie auch dann nicht ohne einen gewiſſen Vorwand unternehmen. Der Stiefvater war daheim. Er mußte ihm nothwendig ſagen, wohin und warum er reiste. Zwiſchen den jungen Baronen Ekenſparre und ihren Stiefeltern hatte immer ein gutes, wenn auch nicht immer ſehr warmes Verhältniß ſtattgefun⸗ den. Auch hätte man bei einer ſtrengen und genauen Beobachtung der Stellung der Söhne die Bemerkung machen können, daß der Ton in der Behandlung mehr darauf ausging, daß ſie geduldet, als daß ſie geliebt wurden. Sie genoßen eine ſorgfältige Erziehung und wurden anſtändig gehalten. Allein man ſohziz ihnen zwei Jünglinge, die kein reiches Erbe zu erwa n hat⸗ 101 ten, ſondern ſich mit der Zeit ſelbſt forthelfen mußten, obſchon es ihnen bei ihren guten Stiefeltern bis auf Weiteres an nichts fehlte. Vielleicht war es das Ge⸗ fühl dieſer Stellung, was Baron Oskar zu verletzen begann und eine gewiſſe Spannung zwiſchen ihm und Baron Migneul hervorrief, welche damit endigte, daß ſie jenen zu Nachforſchungen über ſeine Familie und dem Ertſchluſſe trieb, ſich und ſeinem Bruder Recht zu verſchaffen, wobei er zu einer genaueren Kenntniß von dem früheren Reichthum ſeines Vaters gelangte. Daß er klug genug geweſen war, um nichts davon merken zu laſſen, wiſſen wir aus ſeinem Briefe an Elbers; allein dieſelbe Klugheit nöthigte ihn auch, ſo wenig es ſonſt in ſeinem Charakter lag, ſeine Zuflucht zur Ver⸗ ſtellung zu nehmen, und am Tage, den er zu ſeiner Abreiſe beſtimmt hatte, nach dem Morgengruße ſeinem Vater zu ſagen: daß er jetzt nach reiflicher Ueberlegung den feſten Entſchluß gefaßt habe, Offizier zu werden und bei Wende's Artillerieregiment einzutreten. Er müſſe daher eine Reiſe nach Chriſtianſtad machen, um dort mit Major Tauſon eine ſo wichtige Angelegenheit näher zu beſprechen. Baron Migneul wünſchte ſeinem Stieſſohn zu dem gefaßten Entſchluſſe ſowohl, als zur Abreiſe Glück. Er unterhielt ſich, wie gewöhnlich, mit Oskar und Malcolm in dem heitern und ſeinen, aber zugleich kal⸗ ten Tone, der bewies, daß, obſchon er ſie liebte, er dies doch nicht mit Enthuſiasmus that, und daß, wenn er auch viel an ſie dachte, er ſich doch wahrſcheinlich noch mehr mit andern Dingen beſchäftigte. Selten ging er in der Vertraulichkeit ſo weit, daß er ſie mit Du an⸗ redete, allein er hielt ſie auch nicht in einer ſolchen Entfernung, um ſie Baron zu tituliren. Er bediente ſich eines Mittelwegs, er nannte ſie gerne beim Vor⸗ namen. So ſagte er auch dießmal:„Will Oskar ſchon Chriſtianſtad reiſen?“ Als dies bejaht te er hinzu;„Oskar kann das nöthige Geld auf dem Comptvir holen; der Jagdwagen, ſo wie meine Mohrenſchimmel, ſtehen bis zur nächſten Station zu Dienſt. Peter kann mitgehen und die letzteren heim⸗ reiten. Baron Oskar verbeugte ſich vor ſeinem Vater auf eine Weiſe, die als Dankſagung gelten konnte. Aber man hörte nichts davon, daß Baron Migneul ge⸗ neigt geweſen wäre, einen Empfehlungsbrief an Major Tauſon oder irgend einen andern Offizier in Wende's Regient zu ſchreiben. Oskar bat auch um keinen ſolchen, theils weil er überhaupt weder Major Tauſon, noch irgend einen Artillerie⸗Offizier in ganz Chriſtian⸗ ſtad beſuchen wollte, theils weil Baron Migneul, wie Oskar wußte, ſehr ungern Briefe ſchrieb, an wen es auch ſein mochte, und vielleicht auch weder einen Offi⸗ zier kannte, noch ſich überhaupt in der Lage befand, daß ſeine Empfehlung ſonderlich viel genützt hätte. Oskar trat daher ſehr zufriedenen Sinnes ab. Er nahm Abſchied und reiste ſort. Sein Weg führte na⸗ türlich nach den nördlichen Theilen von Skane. Nur mit Mühe widerſtehen wir der Verſuchung, ſeine Reiſe näher zu beſchreiben, denn wenn man auf der großen Landſtraße glücklich bis Hörby und Wram gekommen iſt, überſteigt man den Bergrücken und ſieht ſich endlich von ſehr ſchönen Gegenden umgeben, wo die herrlich⸗ ſten Buchenwälder, welche zu dem ſchönen Delagardi⸗ ſchen Maltesholm gehören, ſich den Blicken des Rei⸗ ſenden darbieten. Wrams Gaſthof kam Oskar nicht behaglich vor. Neben dem, daß die Veſtra, Wrams⸗ kirche und der Pfarrhof ſehr nahe liegt, deſſen Pfar⸗ rer, Liljeborg, wegen der Gaftfreundſchaft, womit er Freunde und Fremde wenigſtens vierundzwanzig Stun⸗ den lang beherbergt, einen ausgebreiteten Ruf genießt, beſitzt Wram in der braven Wittwe Oehrlander, der angenehmſten Alten, welche die Natur hervorgebracht hat, eine vorzügliche Wirthin. Sie war eben im Be⸗ griffe, die Wirthſchaft dem jungen Bauernſohn, Olof Akeſon, zu übergeben, der zwar ſelbſt etwas krüppel⸗ 103 haft war, aber mit dem Beiſtand der flinken Mamſell Lyſen von Chriſtianſtad, wo dieſelbe im Hauſe des Aſ⸗ ſeſſors Qviding gedient hatte, Wram zu einem ſehr wackeren Aufenthaltsorte zu machen verſprach. Frau Oehrländer ſelbſt verheimlichte all' dieſe nützlichen Nach⸗ richten vor teinem Reiſenden, alſo auch nicht vor Os⸗ kar Ekenſparre. Außerdem ſprach ſie von den De la Gardies auf Maltesholm, und erwähnte endlich mit großem, gerechten und natürlichen ig ihres Sohnes, der ſich in Stockholm durch ſeine Lehrbücher der franzöſiſchen und deutſchen Sprache ſo wohl be⸗ kannt mache. Oskar übernahm es, den Sohn der gu⸗ ten Frau von ſeiner Mutter zu grüßen, wenn er ein⸗ mal nach Stockholm käme; aber die Geſchichte weiß nicht, ob er je Gelegenheit fand, ſein Verſprechen zu erfüllen. Indeſſen waren die Rühreier fertig, und der Reiſende verließ Wram, ungeachtet die gute Frau noch lange hätte fortſprechen mögen. Er langte in Nöbbe⸗ löf an und fuhr von da nach Wä. Als er durch Wä fuhr, bemerkte er eine Eigenheit dieſes Orts, nämlich die gepflaſterte Straße, was ſo ſelten bei einem Fle⸗ cken der Fall iſt, Oskar machte dabei die Betrachtung, die alle verſtändigen Reiſenden gleichfalls machen ſoll⸗ ten, daß nämlich Wä ehedem nichts Geringeres war, als eine Stadt gewiß Wäköping, und die Mutter von Chriſtianſtadt ſelbſt, der zwei Viertelmeilen davon ge⸗ legenen Tochter, die jedoch nunmehr— was ihre Ver⸗ theidigungs⸗Anſtalten betrifft— etwas betagt ſcheint. Der Reiſende, welcher bei Tag in Cyriſtianſtad an⸗ langt, bemerkt zwar allerdings, daß die Stadt befe⸗ ſtigt, ſtark befeſtigt iſt. Wenn er auf der langen langen Brücke über die Helgea fährt und gleich darau auf die Straße nach dem Südthore von Chriſtianſtad kommt, bemerkt er Artilleriſten und Steinmauern, und hört, wie es in den Thorgewölben der Feſtung hallt, wenn er hindurch fährt. Sobald aber dieſe militäri⸗ ſchen Außenſeiten glücklich durchfahren ſind, befindet er ſich auf einem grünen grasbewachſenen Platze inner⸗ halb der Stadt, in der Nähe der Kaſernen und des Lazarethes. Er bleibt jedoch dabei nicht ſtehen, ſondern fährt die Spitalſtraße hinaus nach dem kleinen Markt, den er jedoch ebenfalls hinter ſich läßt und auf der öſtlichen Hauptſtraße nach dem großen Markte kommt, deſſen nördliche Fagade das Hofgericht über Skane und Blekinge bildet. Als Baron Oskar dort ankam, glaubte er am Ziel ſeiner Reiſe zu ſein, aber ein kleiner Schauer lief ihm über den Rücken, da er bedachte, daß er an einem ſchönen Morgen in das Haus da drinnen als Kläger gegen ſeine Eltern ſtehen werde. Mit un⸗ beſchreiblicher Freude erinnerte er ſich jetzt daran, daß er einen Sachwalter, einen Advokaten für ſeine Sache angenommen hatte, ſo daß er durch ihn ſeinem Vater und ſeiner Mutter die vernichtendſten Dinge ſagen laſ⸗ ſen konnte, ohne ein Wort mit ihnen zu ſprechen.„Aber wo wohnt Karl Elbers hier zu Land in Chriſtianſtad, das iſt die Frage?“ flüſterte er ſich zu. Er beſchloß— was für jeden Reiſenden das Sicherſte iſt und bleibt— in einem Gaſthof oder Keller der Stadt einzuſtellen, zu welchem Endzweck er vom großen Markte, am Hoſ⸗ gerichtshauſe vorüber, nach der großen Nordſtraße fuhr. Hier fand er glücklicherweiſe bald den Stadtkeller und ſtellte bei Kapitän Wahlgren, dem angeſehenen Wirth des Orts, ein. Hier nahm er ſogleich eine Stiege hoch ein Paar von den hübſch und paſſend meublirten Zimmern, welche in dem Stadtkeller zu haben ſind, und die ihm dießmal von der Blekinger Lotte aufge⸗ ſchloſſen wurden. Baron Oskar beſah das Logis mit einem beifälligen Nicken, und fragte dann:„Sag mir 6 einmal, mein ſchönes Kind, pflegen nicht einige Notare Herrn Wahlgren's Haus zu frequentiren?“ Lotte ſtand da und buchſtabirte:„freg— frequ“— das in ihren Ohren nicht rein blekingiſch, nicht einmal ſtaniſch klang. Der Reiſende wiederholte ſeine Frage, ob ſie denn gar nichts von den jüngeren Hofgerichtsperren wiſſe. Sie ½ — erwiederte lächelnd:„Nein, wahrhaftig nichts.“ Oskar Ekenſparre begriff jetzt, daß er dumm wie ein Aus⸗ länder geſprochen hatte. Er brach daher das ganze Geſpräch artig ab, und fragte ſie nur kurz und gut, ob der Notar Elbers in der Stadt ſei? Dies war nicht mehr eine allgemeine Sprache, ſondern betraf einen concreten Gegenſtand; auch mußte der Name dem Gehör des artigen Mädchens weit or⸗ dentlicher und paſſender geklungen haben, denn ſie ant⸗ wortete ſogleich:„Herr Elbers? ja wohl wohnt er hier.“ „Kommt er hie und da hieher?“ „Ja gewiß.“ Baron Oskar hatte jetzt den Faden des Gewebs in den Händen. Er erfuhr nun erſtens daß der Notar Elbers mit andern Notaren in lder weſtlichen kleinen Straße wohne, die Hausnummer habe ſie vergeſſen. zweitens daß der Notar Elbers in Geſellſchaft von vier andern Notaren gewöhnlich Nachmittags, wenn es das Wetter erlaube, bei Herrn Wahlgren einſpreche und drittens daß der Notar Elbers mit acht andern Notaren auf dieſen Nachmittag Punkt fünf Uhr ein Fuhrwerk beſtellt habe, um eine kleine Luſtreiſe nach Bäckaskog, Trolle, Ljungby, Arap, Guatöf zu machen oder wohin es eben gehe und die mitgenommenen Eßwaaren es er⸗ laubten. Bei dieſen Erklärungen fühlte Baron Oskar eine ſüße Erinnerung an das angenehme Studentenleben in ſich aufſteigen und ahnte mit Beſtimmtheit unter den vielen erwähnten Notaren mehrere Lundagardsfreunde zu finden. Welch' einen unſchuldigen und natürlichen Uebergang von der Hochſchule nach der dienſtlichen Laufbahn bildet dieſes Notarleben! und wie unge⸗ recht iſt man nicht, indem man dieſes Leben falſch be⸗ urtheilt oder nicht in ſeinem wahren Lichte betrachtet? die Aelteren, Ernſteren und im Hofgericht höher Ge⸗ ſtiegenen ſollen den Frohſinn ihrer jungen Collegen nicht mit ſchelen Augen anſehen und ihnen dieſelbe um ſo mehr verzeihen, wenn ſie, wie dies wirklich mit Amalia Hillner. 8 106 Karl Elbers und dem ganzen Kreis feiner Bekannten der Fall war, in einen Mäßigkeitsverein eingetreten find und ſchon ſeit einiger Zeit als Mitglieder deſſelben figuriren. Mancher Uneingeweihte dürfte ſich dabei wundern: erſtens wie Karl Elbers und ſeine Freunde fröhliche Menſchen ſeyn konnten, nachdem ſie in einen ſo trockenen Verein eingetreten waren, zweitens wie ſie Herrn Vahlgren beſuchen konnten, deſſen Haus man mit Grund als den Antipoden von Veſterſtad anſehen konnte. Beide Räthſel werden ſich löſen, wenn wir die nähere Bekanntſchaft dieſer edlen und wohlgeord⸗ neten Jünglinge machen. Für gegenwärtig mag es nn genügen, daß Baron Oskar ſich ſehr zufrieden ihlte. Er zog ſeine Uhr heraus und fand, daß er gerade recht gekommen war und nur noch eine kleine Zeit bis um Beginn der erwarteten juridiſchen Luſtparthie übrig lieb. Er befahl nun, ſeine Sachen hinauf zu tragen und begann ein wenig Toilette zu machen, was nach ſeiner ſtaubigen Tagreiſe ſehr am Platze war. Er war noch nicht weit damit gekommen, als er zahlreiche Schritte auf der Treppe hörte; Schritte, die ſo leicht und ſorglos waren, daß ſie nach dem Geräuſch zu ur⸗ theilen reine Sprünge genannt werden konnten. Die Thüre flog auf, und kein kleinerer Mann als Karl Elbers flog ſeinem halbgewaſchenen Freunde in die Arme, ohne darauf Rückſicht zu nehmen, daß dieſer in der einen Hand die Seife und Herrn Wahlgrens Hand⸗ tuch in der andern hielt. Sie hätten alſo das Ertra judizielle Vergnügen, den Monſieur— Baron le Millio⸗ naire im alten Chriſtianſtad zu ſehen, rief Einer der wackerſten Springinsfelde, die der Herr in ſeiner Weis⸗ heit erſchaffen hat. Oskar ſah ſich um, etwas ſtutzig beim Anblick der acht Begleiter, deren fröhliche aber an⸗ ſtändige Geſtalten hinter Elbers geſehen wurden, und die in einer Reihe den Oehrn entlang ſtanden. Sie begrüßten Baron Ekenſparre mit großer Artigkeit; offen⸗ 107 bar. waren ſie, obſchon Elbers vertraute Freunde, doch nicht ſo muthwillig, wie dieſer. Baron Oskar erwie⸗ derte ihren Gruß, legte die Seiſe weg und ergriff da⸗ für eine Haarbürſte, da er es für paſſender hielt, wäh⸗ rend der Begrüßungsſcene nach dieſer zu langen, denn ganz ohne etwas in den Händen wollte er nicht da⸗ ſtehen, um nicht aus ſeiner unternehmenden Rolle zu fallen. Nachdem Oskar fertig war, nahm ihn Elbers bei Seite in das innere Zimmer und ſagte:„da das Glück Dich nach Chriſtianſtad gebracht und mit allen meinen Freunden bekannt gemacht hat, ſo gehſt Du heute Abend mit uns. Du ſollſt die Beſchäftigungen unſeres juri⸗ diſchen Ordens kennen lernen und unſere Erfahrungen durch deine Perſon vermehren.“ „Aber,“ fiel Oskar in's Wort,„Du wirſt doch einſehen, daß ich nur deßwegen hieher gereist bin, um etwas von dem Teſtamente zu erfahren. Ich glaube nicht, daß wir in einer ſo großen Geſellſchaſt unter vier Augen mit einander berathen können.“ „Ei, fürchte nichts! gerade bei uns ſollſt Du all die Erläuterungen bekommen, die Du bedarſſt, und noch mehr dazu. In der Woche, die verſtrichen iſt, ſeitdem wir einander zum letzten Mal am Gatterthor von Gräſeholm ſahen, waren ich und die Unſerigen ſehr thätig für Dich. Wir haben uns Angaben aus dem Hofgerichtsarchiv verſchafft, da alle Gerichtsbücher da⸗ hin eingeſchickt werden; und ſo erfuhren wir das Nö⸗ thige über die Ekenſparriſche Güterverkaufsgeſchichte an der Quelle ſelbſt. Auch was in Nizza verhandelt wurde, haben wir ſchwarz auf weiß. Meine Freunde betrachten Deine Sache als eine der eigenſten von der Welt; zu⸗ gleich aber kannſt Du dich vollkommen auf ihre Ver⸗ ſchwiegenheit verlaſſen, ſo daß nichts darüber verlauten wird. Das Merkwürdigſte iſt, daß ungeachtet Alles in der Ordnung ſich befindet, wie wir in unſerem Brief⸗ N 108 wechſel wünſchten, Du doch mit aller Beſtimmtheit ver⸗ lieren mußt—“ „Wie?“ „Die Sache iſt ſo hübſch verwickelt, daß ſie in Wahrheit ein höchſt intereſſantes Phänomen bildet, das verſichere ich Dich.“ „Wenn ich nicht gewinne, ſo ſehe ich eben nichts Intereſſantes daran. Doch ich begreife nicht—“ „Ah ich verſtehe das ſehr wohl. Du biſt nicht ſelbſt Juriſt und ſiehſt daher die Sache nicht rein, nicht vorurtheilsfrei. Du biſt partheiiſch; Du willſt gewin⸗ nen und ich kenne mehrere Partheien, die daſſelbe ge⸗ wollt haben.“ „Aber um Alles in der Welt—“ „Sei nur ruhig. Wäre ich Dein Gegenpart oder der Advokat Deines Gegenparts, ſo ſollten ſie mit aller Beſtimmtheit verlieren, ſo gewiß als Du hier ſtehſt, denn Extra... Nun iſt es aber nicht ſo, ſondern das Gegentheil, ich bin Dein Sachwalter und ich ver⸗ muthe nach Allem, daß Du gewinnſt.“ „Das iſt eine intereſſante Wendung der Dinge.“ „Doch laß uns jetzt gehen. Du ſollſt Alles mit anſehen. Wir haben in unſerer Geſellſchaft die Uebung eingeführt, daß wir zu Gericht ſitzen und die Prozeſſe in etügie ausmachen. Eine nützlichere Uebung für Männer, welche in einigen Jahren zum Gerichte zu reiſen hoffen, um in corpore zu urtheilen, gibt es nicht.“ „Aber man ſagt mir ja, daß die Herren dem Mäßigkeitsverein angehören; kann ich denn dann von der Geſellſchaft ſeyn?“ „Freilich, Ekenſparre! ich verſichere Dich. Du biſt ja mäßig, geh' nur mit. Gerade weil wir Alle ſelbſt ſehr geiſtreiche Perſonen ſind, brauchen wir nichts Gei⸗ ſtiges zu unſerer Erfriſchung. Und eben ſo iſt es mit Dir, Oskar. Wir haben eine Verbindung geſchloſſen, und in einer feierlichen Erklärung dieſer dummen, 109 närriſchen und unnöthigen Gewohnheit entſagt. Von der Stunde an ſind wir doppelt fröhlich, thätig und munter geworden, und nur ein Einziger von uns greift hie und da im Geſetzbuch fehl, doch bei Dem kommt das von etwas ganz Anderem her. Entſchließe Dich, ein ähnlicher Menſch zu werden, Oskar; was kann Dich hindern mit Deinem eigenen guten Beiſpiel einer an ſich vortrefflichen Sache beizuſtehen? Unter andern Bedingungen kann ich auch ſchwerlich Dein Sachwalter ſeyn, denn ich halte es für abgeſchmackt, für unpaſſend, wenn in einem Prozeß der Advokat nüchterner iſt als die Hauptperſon. Es würde gegen alle gute Ordnung, gegen Geſetze und Gebräuche verſtoßen.“ „Karl Elbers, ich ſehe nicht ein, warum ich mich weigern ſollte, auf Deinen Wunſch einzugehen, da ich ja, wie Du behaupteſt, von Natur ſchon ſo mäßig binz und Du haſt Recht, wenn ich darüber nachdenke. Aber erlaube mir die Frage, wie eine Geſellſchaft von Dei⸗ ner Qualität den weißen Bären frequentiren kann?“ „Wie Du nur fragen kannſt. Um hier Dünnbier zu trinken, während wir auf die Pferde warten„wenn wir zu unſerer Beluſtigung ausfahren.“ „Zu eurer Beluſtigung?“ „Ja, wir halten gewöhnlich und am liebſten unſere effigienſiſchen Gerichtsſitzungen unter freiem Himmel, wie unſere Väter thaten, wenn ſie zu Recht ſaßen. Wir lieben die Natur und verlaſſen Chriſtianſtad, ſo oft ſich eine Gelegenheit darbietet. Pferde aber können wir nur hier bei Wahlgren bekommen. Raiſonnire alſo nicht länger, mein beſter Bruder, ſondern komme.“ Baron Oskar ging mit ſeinem Freund. Es be⸗ trübte ihn allerdings, wenn er bedachte, daß er mit aller Beſtimmtheit ſeinen Prozeß verlieren würde; an⸗ derer Seits freute es ihn aber doch auch, daß er ihn Allem nach gewinnen ſollte. —— Zweites Kapitel⸗ Der Prozeß. Die acht Hofgerichtsnotare, an welche ſich Karl El⸗ bers als die neunte Perſon anſchkoß und unter die Oskar Ekenſparre durch Akklamation als der zehnte Mann auf⸗ genommen wurde, ſetzten ſich in zwei Chaiſen, um durch das Chriſtianſtader Nordthor auf der großen Straße an der Roſabykirche vorbei nach Fjelkinge zu fahren. Die ganze Fahrt beſchränkte ſich auf einen kaum eine Stunde weit entfernten Ort. Das Wetter war ſchön und ausgezeichnet hell. Dieſe Gegend iſt mit Ausnahme einiger merkwürdigen Erhebungen im Ganzen ſo flach, daß man wie auf einem unermeßlichen Zimmerboden fährt, geht und lebt. Beſonders ſüdwärts gegen Nymö, Rinkaby und Ahus kann man im Sonnenſchein die Kirchthürme gar nicht zählen, wenn man nicht eben ſehr kurzſichtig iſt; und ſo ſich ſelbſt täuſchend, bald Alles geſehen zu haben glaubt, was zu ſehen ſei. Bei Fjelkinge hielt man und ſtieg aus, man wollte nicht weiter fahren. Man ließ den Wagen in den großen viereckigen, mit Häuſern umbauten Hof einfahren, trat dann ein und begrüßte eilig die Beſitzer des Hofs, den Vater Jöns Jonſſon von Siſſebäck und Mutter Kerſti. So barſch und jähzornig Mutter Kerſti auch ſein konnte— zumal wenn ſie im Hauſe zur linken Hand mit ihrem Verkauf von Kaffe, Zucker u. ſ. w. beſchäftigt war(denn ſie hielt im Vertrauen geſagt eine kleine Verkaufsbude für das Publikum)— ſo zeigten ſich doch ſie und ihr Mann äußerſt freundlich⸗ als ſie die viele Gerechtigkeit erblickten, welche auf Beſuch zu ihnen von Chriſtianſtad herausgefahren war⸗ Es iſt unglaublich, was neun Hofgerichtsauskultanten und ein Baron zuſammen für ein Aufſehen machen. Die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit der Wirthsleute 1¹¹ gegen die jungen, artigen Herrn konnte nicht auf Eigennutz gebaut ſein; man wußte ja, zu welchem Vereine ſie gehörten, und obſchon man den Zehnten heute zum erſten Mal ſah, ſo ſah man aus natürlichen Gründen auch ihn für ein erklärtes Mitglied an. Allein das Volk hat oft die Eigenheit, gute Beiſpiele hoch zu achten, auch wenn es ſelbſt ſie nicht befolgt. Die Fjelkinger Leute waren nicht ſo unbekannt mit den Einrichtungen des Vaterlandes, als daß ſie nicht ein⸗ geſehen hätten, von welcher großen Wichtigkeit ein Hofgericht ſein kann. Das Volk ſieht gerne mit tiefer Ehrerbietung zu Männern empor, die mit der Zeit ſeine Richter werden und die Ehrerbietung geht in Liebe über, wenn juridiſche Jünglinge in Gaſthöfen ſo viel Höflichkeit und Anſtand zeigen, wie die Elberſche Geſellſchaft hier ſtets an den Tag legte. Man war in ßjelkinge gewöhnt, dieſe Herrn zu ſehen, da der Orden dieſe Gegend oſt für ſeine offigienſiſche Ausflüge wählte. Die zahlreiche Geſellſchaft wurde daher mit offenen Armen empfangen, obſchon man wußte, daß ſie nichts verlangen würden, und man ihnen nichts anbieten dürfte. Man bewies ihnen jedoch ſein Wohlwollen da⸗ durch, daß man den Pferden ein reichliches und gutes Futter gab und die Kutſcher traktirte. Anderer Seits blieb auch das Trinkgeld hiefür nie aus. Nachdem Alles in Ordnung war, ſchickte man ſich an in die Natur hinaus zu zieben. Der Bediente trug einen Korb mit mehreren Flaſchen auserleſenen Zuckerbiers und auch einigen feinen Wein, in dem ſich nichts Brantweinartiges befand. Karl Elbers ſagte: „Ich mache den Vorſchlag, daß wir, da wir bei den fruheren Ausflügen der Geſellſchaft hauptſächlich nie⸗ dere Gegenden beſuchten und unſere Gerichte theils an Seegeſtaden, theils in Wäldern, ja ſogar an ſchönen Mühlbächen gehalten haben, wie dieß das letzte Mal der Fall war, wo wir uns zwiſchen den unter dem ſchönen Arup fließenden Waſſerfällen Käſemölla und — 11² Skräbomölla lagerten— heute dafür den großen Berg beſteigen, den wir hier vor uns nordweſtlich von Fjel⸗ kinge ſehen, und von wo aus wir, da er nebſt dem Bals⸗biär die einzige bedentende Höhe in der gan⸗ zen Umgegend bildet, gewiß eine ungemein weite Aus⸗ ſicht haben würden. Es fragt ſich jedoch vorher, ob alle Mitglieder ihre Cigarren angezündet haben?“ Da dieß bejaht und der Vorſchlag, den Fjelkinger⸗ Rücken oder großen Berg, wie er auch genannt wurde, zu beſteigen, einſtimmig angenommen wurde, ſchritt man ſogleich zum Werk. Die Promenade den Bergrücken hinauf ging nicht ſo ſchnell, denn der Weg zum Gipfel war länger und die Hügel ſelbſt weit höher, als es von Fjelkinge aus geſchienen hatte. Auch wurde man durch die unzählige Menge Steinmauern aufgehalten, die zu überklettern waren. Um ſo herrlicher war der Lohn, als man die Spitze erreicht hatte. Man wußte anfangs nicht, wohin man die Augen zuerſt wenden ſollte, in einem ſo großartigen Gemälde rollte ſich hier kit Fhr zu Füßen der Jünglinge nach allen Seiten in auf. Am ſchönſten war die Ausſicht auf die obere Land⸗ ſchaft hin. Lieblich und lächelnd breitete ſich der Iföſee mit dem Iſvetofta weit im Oſten hinaus. Die Ifö, ſelbſt ein kleines eigenes Kirchſpiel auf einer Inſel, lag mitten im Sec;z nunmehr wie es ſchien ruhig und ſtille, nachdem ihre Verſuche, feſtes Land zu werden, wie das übrige Skane, nicht geglückt war. Weſtlich vom Iföſee hat man den Bäckawald, deſſen düſtres und umfangreiches ehemaliges Kloſter, jetzt ein Militär⸗ gebäude, von dem Flelkingerrücken aus ſo hübſch und zierlich ausſah, als ob es auf eine Theeplatte aufgeſetzt wäre. Das ganze Bäckawaldland bildet eine ſo ſchmale Landzunge, daß es mit der Straße, welche von Kiaby bis Barum darüber hinſtreicht, einer Brücke gleichſieht. Wie der Iföſce zur Rechten von dieſer natürlichen Brücke liegt, ſo breitet zur Linken davon der Oppman⸗ 113 naſee ſein ſpiegelhelles Becken aus. Der Oppmanna⸗ ſee— das Volk nennt ihn den Ommäfa— zeigt in ſeinem ganzen Weſen etwas unbeſchreiblich Weiches. Sein ſanftes Geſtade geht im Halbkreis an dem klei⸗ nen harmloſen Kiaby vorbei, und erſtreckt ſich dann eben ſo glatt als anmuthig bis gegen Karlsholm hin⸗ auf. Gleich weſtlich vom Ommäja begegnet das Auge wieder einem andern Waſſer, dem Rabbelöſſee, der, wenn man auf dem Berge ſteht und gegen Nordweſt ſchaut, wie eine große Kohlraupe unter unſern Füßen ruht, ſo nahe ſieht er aus, obſchon der Balsberg theil⸗ weiſe dazwiſchen liegt. Man bemerkte mit Entzücken, daß die Ausſicht nach allen Richtungen hin keine andere Gränze hatte als die Sehkraft des Augs. Schärfte man den Blick, ſo konnte man gegen Norden hin ſogar die Wangagaue ſchauen mit dem maleriſchen Imme⸗ lenſee und ſeinen zahlreichen Buchten. Ganz oben er⸗ blickte man einen blaugrauen breiten Rand, der wie ein Wolkenbette ausſah, aber nichts mehr und nichts weniger war, als die Bergreihe, welche die Gränze zwiſchen Skane und Nordblekinge bildet. Man wollte ſogar etwas von dem Gemshög weiter gegen Nordoſt hin entdecken. Wenn man nach ſo vielen nördlichen Genüſſen ſeine Augen gegen Süden wandte, ſo meinte man den Ausfluß des Helgeans und ganz Ahus beinahe hart vor ſich zu ſehen. Das Meer legte ſeinen unermeß⸗ lichen Teppich auf den Tiſch des Beſchauers, und das ganze Skane, das man erblicken konnte, ſo weit das Auge reichte, ſah eben ſo glatt wie das Meer ſelbſt aus. Es konnte ſelbſt ein Meer, ein trockenes Meer genannt werden. Karl Elbers notirte dieß als einen guten Ausdruck in ſeine Brieftaſche. Dann nahm Or⸗ tolan das Wort und äußerte ſich alſo:„Wenn man,“ ſagte er,„mit einem vorurtheilsfreien Blick dieſe un⸗ ermeßliche Chriſtianſtader Ebene betrachtet und an die Zeit zurückdenkt, wo das Waſſer nur wenige Ellen höher als ietzt über der Erde ſtand, ſo läßt ſich nicht leicht verkennen, daß dieſelbe einmal einen Meeresgrund bildete, und daß ſie, als ſie endlich aus den Wellen emportauchte, jedenfalls lange vorzugsweiſe den Namen einer Niederung, eines Sumpfes tragen mußte. Dieß iſt alſo gewiß, das urſprüngliche erſte Niederland, das Down mark oder Pan-mark, welches ſich als ein Ufer⸗ land und Anhang an das höhere Land, das jetzige Smaland anſchloß, welches daher von allen rechten und nationellen Skanländern, Hochland genannt wird wie auch ſeine Bewohner Hochländer heißen. Die Chriſtian⸗ ſtader Ebene oder das erſte Dänemark, war alſo das Niederland des Goth enreichs, auf die gleiche Weiſe wie Nerke(Nederriket) das Niederland des Schwe⸗ denreiches gegen den Wettern⸗ und Hjelmarnſee bildet. Das ſüdliche und ſüdweſtliche von Aſe gelegene Skane war vielleicht eine jüngere Najade, eine Nymphe, die ſpäter als die Chriſtianſtader Ebene aus dem Meeres⸗ bade ſtieg, folglich eine Vermehrung des Nieverlandes, das heißt Dänemarks, und zwar die erſte Vermehrung bildete: ein Landesgewinn, der ſich bis an den Sund erſtreckt. Was Seeland betrifft, ſo kann es nicht das urſprüngliche und eigentliche Dänemark geweſen ſein, da es in den Sagen Dänemarks Zuwachs genannt wird. Es iſt ſogar nicht einmal der erſte Zuwachs deſſelben, wie ich eben bewieſen, ſondern der zweite. Ob dieſe Vermehrung wirklich durch die Erde geſchah, welche der wackere Geſion vom Mälarſee mitbrachte, das kön⸗ nen wir jetzt nicht ſagen, obſchon wir die Sache nicht geradezu läugnen können, da wir die damaligen Be⸗ gebniſſe nicht mit anſahen. Wie aber auch Seeland entſtanden ſein mag, ſo beweist doch der Zuname deſ⸗ ſelben Zuwachs von Dänemark, daß es früher ein älteres Dänemark gegeben haben muß. Hledre und Roeskilde machten Seland zum Hauptland des Dänen⸗ reichs.„Aber,“ fuhr der Notar Ortolan fort,„man darf wohl ſo wahrheitsliebend ſein und geſtehen, daß 1¹⁵ Stane das urſprüngliche Dänemark iſt. Hier lebte, ſo viel ich weiß, der König Dan Mikilati—„der Groß⸗ ſprecher“ überſetzen die Geſchichtsſchreiber dieſen Namen aufrichtig— und vielleicht war es gerade in Folge ſeines Talentes der Großſprecherei, daß man annahm, der Name Dänemarks komme von ihm her, während ich es für weit richtiger halte, dieſen Namen als den Ausdruck für ein natürliches Verhältniß, nämlich ein Nieverland zu betrachten. Daran kann Niemand zwei⸗ feln, der die Gegend ſelbſt in Augenſchein nimmt, zu⸗ mal bei einem Ueberblick wie wir ihn von dem Flelkinger⸗ berge aus haben. Wenn man nur in Zimmern und Büchern Kudirt, ſo läßt man ſich leicht zu Irrthümern in der Geſchichte, ſowie zu Mißverſtändniſſen über die Menſchen und die menſchliche Geſellſchaft verleiten. Dagegen gibt es nichts Vortrefflicheres als Bücher, wenn das Buch des Lebens vorne auf der Schranke ſteht, und die Uebrigen nur eben als die Uebrigen an⸗ geſehen werden. So lege ich auch immer großen Werth auf Zimmer⸗Wohnungen und Häuſer im Allge⸗ meinen, wenn ich nur das für mein höchſtes Zimmer haben darf, welches die Erde zum Boden, den Himmel ſelbſt zur Decke und die vier Himmelſtriche cardines mundi zu Wänden hat; mit wenigerem kann ich mich nicht begnügen. Hier auf dem Berge iſt es mir wohl, hier erweitert ſich meine Bruſt! Gebt mir ein Glas Zuckerbier, ich möchte in der That den Fjelkinger Berg⸗ rücken zum Richtplatz— zum Richtplatz aller dummen und beſchränkten Ideen vorſchlagen. Welch ein weiter Geſichtskreis. Es iſt wahr, das körperliche Auge ge⸗ nießt hier von Allem, aber vergebens wollte man läug⸗ nen, daß auch der Geſichtskreis der Seele ſich erweitert, der Geiſt ſich erhebt, das Herz höher klopft und der Menſch ſich magnetiſch angezogen fühlt von einer himmliſchen Freiheit, wenn er auf einem Berge ſteht wie dieſer. Unſere geliebten Freunde, die Dänen, unſere urſprünglichen Landsleute, können das nicht übel deu⸗ N 116 ten, was ich von Skane's urſpünglichem Zwecke ſprach, und daß das erſte Dänemark ſich wahrſcheinlich zwiſchen der Smalandiſch Blekingſchen Gränze und Aſe be⸗ funden und etwa den Chriſtianſtader Bezirk gebildet habe. Denn die Wahrheit bleibt doch unter allen Ge⸗ ſtalten Wahrheit. Ich bin im Gegentheil überzeugt, daß das edle Volk des jetzigen Dänemarks uns mit einer Seelenfreundſchaft lieben muß, die mit einem noch wärmeren Bunde ſchließen wird, je mehr ſich das Gemälde durch die Betrachtung der frühern Einheit der Völker erhellt.“ Ortolan nahm ſich jetzt aus dem für Alle offenen Saffianbeutel des gemeinſchaftlichen Bedienten der Geſell⸗ ſchaft eine Handvoll friſchen vortrefflichen Tabaks. In⸗ deſſen wurden ſeine Lippen dadurch in die Nothwen⸗ digkeit verſetzt, die begonnene Abhandlung zu unter⸗ brechen, und der Faden des Geſprächs wurde von dem Notar Thome aufgenommen.„Nachdem uns Bruder Ortolan,“ ſagte Thome,„darüber belehrt hat, was für ein Land das urſprüngliche Dänemark war, ſo halte auch ich es für meine Pflicht, den Urſprung von Ska⸗ ne's Namen kund zu thun. Daß es früher Skaney, Skaneinſel, Scania u. ſ. w. geheißen hat, das wiſſen wir Alle wohl. Aber woher dieſer Name? Darüber man ſich in Vermuthungen verloren. Die Sache ſt indeſſen die, daß ſchon zur Zeit des trojaniſchen Krieges, ja ſchon weit früher, die kühnen Seefahrer des mittelländiſchen Meeres die nordiſchen Gewäſſer gerne beſuchten. So wiſſen wir, daß der Phönizier Pptheas die nordiſchen Küſten beſchiffte und an den Ufern Bals und Balti's Verehrung einführte, ſo wie er auch dem ganzen Meere den Namen der ſpriſchen Götter beilegte(baltiſches Meer), was auch mit den großen Sunden geſchah, die noch jetzt die Belte heiſ⸗ ſen. Die Benennungen, welche Waſſer und Land in der Urzeit erhielten, haben ſich erhalten, während ſpä⸗ tere Zeiten nie ſo tief wurzelten, um eine bleibende „ 117 Erinnerung zu hinterlaſſen. Allein Pytheas war nicht der einzige Südländer, welcher in unſern Gegenden reiste. Wir wiſſen, daß die Trojaner nach Troja's Brande entflohen, und daß Aeneas Italien beſuchte, um dort zu bleiben. Sein Sohn Ascanius folgte ihm, es iſt wahr; aber nicht weniger gewiß iſt es, daß, wäh⸗ rend der Vater ſein Reich an der Tiber begründete, der Sohn ſich ſeiner Reiſeluſt hingab, eines Sommers in Geſellſchaft phöniziſcher Kaufleute einen kleinen Ausflug nach Norden machte und am Fuße des hier in der Nähe bei Fjelkinge gelegenen, Balsberges(der damals auf dem in neuerer Zeit aus dem Waſſer geſtiegenen Lande am Meere lag) an's Land ſtieg, um mit ſeiner Geſell⸗ ſchaft dem Gott der Sonne, des Lebens und der Poeſie — Bal— zu opfern.— Ehe Ascanius abſegelte, nannte er das ganze Land nach ſich Ascania, und dieſer Name hat ſich bis auf uns erhalten, obſchon ſich der Anfangs⸗ buchſtabe A im Laufe ſo vieler Jahrhunderte verlor. Aus Skania wurde nachher Skan ö oder Skaney, da viele Schiffer dieſes Land für eine Inſel(O) hiekten, und ganze Kirchſpiele zu ihrem Gedächtniſſe nach ſich benannten, z. B. Skepparlöf, deſſen Kirche wir gleich dort hinter Chriſtianſtad ſehen. Sollte Einer die Ge⸗ ſcichte von Ascans Reiſe nach dem Norden bezweifeln, ſo iſt es gleichwohl um ſo unwiderlegbarer, daß der⸗ ſelbe Held auch Julus hieß, und als er von Skane an Skagern vorbei heim ſegelte, nannte er auch dieſes Land nach ſich Julland oder Jylland, wie es noch heißt. Denn die Anſicht, daß Iylland eigentlich Jütland ſei und etwas mit einem Volk zu thun habe, das Jüten geheißen und mit den Gothen oder vielleicht Joten ver⸗ wandt ſei, iſt nur eine oberflächliche und einfältige. Ein anderer vernünftiger Grund als das Latein oder was ſonſt mit den Römern zuſammenhängt, kann eben⸗ ſowenig der Geſchichte als dem Chriſtenthum und der Sprachwiſſenſchaft unterlegt werden. Deßhalb iſt As⸗ canius, der Urvater Skane's, denn wenn er auch ſelbſt 118 noch kein Lateiner war, ſo wurde er doch einer der Gründer des römiſchen Volks; er bekriegte den König Latinus und wohnte überhaupt in Latium. Nicht we⸗ niger wahr iſt es, daß er vor ſeinem Tode die Stadt Albalonga baute, daß er aber ſchon damals, als er unſer Land beſuchte, ſo etwas im Sinne hatte, geht daraus hervor, daß der Bezirk Albo hier nordwärts gleich über Göinge liegt, und was kann dieſer Land⸗ ſtrich anders ſein als Alba(das heißt terra Alba oder territorium Albanum)? ſo wie das bekannte Ljungby hier gegen Süden offenbar nichts Anderes ſeyn kann, als der Flecken(By) Ljung, Lyng, das heißt Lunga. Ascanius legte auch auf Seeland ein bekanntes Lyngby und auf Jylland Alborg an, ein Name, der eine Mo⸗ derniſirung von Alba ſein muß. So hieß früher auch die Elbe Albis und bekam ihren Namen, als Ascanius bei ſeiner Rückreiſe an der Mündung derſelben vorüber⸗ ſegelte und an ſein künftiges Alba dachte.“ „Gut,“ ſagte Elbers.„Jetzt haben wir die um⸗ liegenden Gegenden beſchaut, die Geſellſchaft hat ihre Augen mit den ſchönen Anſichten geſättigt, es iſt Zeit, daß wir uns niederſetzen und die ernſten Berathungen fortſetzen, die uns zukommen. Iſt hier Einer da, der ſein Zuckerbier noch nicht getrunken hat?“ Da dieß allgemein mit Nein! beantwortet wurde, begann Elbers:„Ich nehme es alſo ſür mehr als halb entſchieden an, daß wir neun Notare und ein Ba⸗ ron gehörig guter Laune ſind, um einen kleinen intereſ⸗ ſanten Prozeß in efügie und ein Urtheil in contuma- ciam an unſern Blicken vorbei paſſiren zu laſſen. Setzen wir uns! Ihr kennt Alle den Fall Oskar Ekenſparre's?“ Hskar erſchrak bei dieſem Aufruf etwas. Wäh⸗ rend er bedachte, wie wichtig es ſei, bis auf Weiteres und ſo lange er den Plan des Prozeſſes nicht klar vor Augen hatte, denſelben unter dem Mantel des Geheim⸗ niſſes zu behalten, um nicht ſelbſt zur Unzeit der Ge⸗ genſtand des möglichen Haſſes und der Verfolgungen 1¹9 ſeiner Stiefältern zu werden, ſo ſah er jetzt ſeine Sache auf dem beſten Weg, der Gegenſtand einer öffentlichen Berathung zwiſchen neun jungen Leuten zu werden, von deren verſchwiegenem Charakter er noch nicht den ge⸗ ringſten ſprechenden Beweis hatte. Was ſollte er je⸗ doch thun? Die ganze Sache ſchien, nach Elbers Worten zu urtheilen, bereits Allen bekannt zu ſein, er ſah ſich alſo in ihren Händen. Aber in jedem Geſichte las er nur die Spuren von Edelmuth, Treuherzigkeit und jener Zuverläßigkeit, welche eine gleichjährige Ju⸗ gend ſelten gegenüber von Kameraden und Freunden verweigert. Einige von ihnen kamen ihm freilich als ein wenig excentriſch in Betreff ihrer Geſchichte und ihrer Antiquitäten vor, allein er wußte, daß Scherze dieſer Art zu den akademiſchen Begriffen von Vergnü⸗ gen gehörten, und er erinnerte ſich, bei einer weit ge⸗ ringern Gattung Witz, der wie gewiſſe allgemein be⸗ kannte Plattheiten nur in Wortſpielen Figur macht, mehr als einmal den Mund verzogen zu haben. Er dachte daher:„Wenn dieſe Herren Freunde auch nicht ge⸗ rade zu den witigſten gehörten, welche die Erde her⸗ vorgebracht hat, ſo find es doch gewiß ehrliche Leute, und ich kann mich ihnen anvertrauen.“ Er nahte ſich Elbers und ſagte:„Ich bitte dieſe Geſellſchaft wirk⸗ lich um die beſondere Gunſt, mich mit der Lage meiner Sache vollkommen bekannt zu machen.“ „Diet ſollſt Du bekommen, mein Klient. Der Fjel⸗ kingeberg bietet ſo viele Steine dar, daß wir nicht nur genug für den Richterſitz, ſondern auch für die Par⸗ theien haben. Sei ſo gut, Oskar! ſetze Dich nieder. Vingſtedt, laßt uns von jetzt an einen vollkommenen Ernſt beibehalten. Ich bin der Anſicht, daß Herr Ba⸗ ron Oskar Arvid Ekenſparre verlieren muß; allein ehe wir gegenſeitig Advokaten wählen, unter dieſen einen Präſidenten bezeichnen und alle übrigen zu Richtern machen, will ich ganz einfach und unpartheiſch ein species facti guf den Grund der jetzt eingeholten voll⸗ 12⁰ ſtändigen Kenntniß von der materia litis(Streitſache) abgeben.“ Die ganze Geſellſchaft, die im Kreiſe um Elbers herum ſaß, wandte jetzt ſo klare und aufmerkſame Au⸗ en auf ihn, daß dieſe ſelbſt zu horchen ſchienen. Os⸗ ar aber nahm einen Klapperſtein in die rechte Hand, um während einer Darſtellung, welche ernſt und furchtbar genug ſein mußte, da ſie den Beweis ſeines Verlierens bringen ſollte, die Faſſung beizubehalten. Er war von Natur keineswegs habſüchtig, noch weniger furchtſam; aber kein Menſch ſieht die Hoffnungen ſeiner Zukunſt mit Gleichgültigkeit niedergeriſſen, und es gehört bis⸗ weilen mehr Stärke zu dem bürgerlichen Muthe, wel⸗ cher juridiſche Beweisführungen mit Ruhe anhört, als zu dem militäriſchen, der den feindlichen Kugeln eine tapfere und trotzige Bruſt entgegenſetzt. „Vor Allem,“ begann Elbers,„geht aus den Do⸗ . kumenten über den Ekenſparriſchen Güterverkauf deut⸗ lich hervor, daß Alles dabei geſetzmäßig zugegangen iſt. Als der alte Oberhoſſtallmeiſter, der Baron Adolph Fabian Ekenſparre, ſeine erſte Frau, Oskars und Mal⸗ cylms Mutter, verlor, ließ er, wie ich gefunden habe, ein Inventar aufſetzen und dem Gericht übergeben. Allein in dieſem war nichts über die Güter eingerückt, da dieſelben ſämmtlich ein Erbtheil ſeiner Familie bil⸗ deten, und nicht in ihrer, folglich auch nicht zu ihrer Verlaſſenſchaft gehören konnten. Sie kamen alſo auch bei der darauf erfolgten Erbvertheilung nicht in Be⸗ tracht, und als Baron Adolph Fabian ſeine zweite Ehe mit Eugenie Guemarez ſchloß, theilte er an ſeine Söhne aus der erſten Ehe nur die beweglichen Güter aus. Dieſes Theilungsdokument wurde an das Gericht eingeſchickt, ich habe es geſehen, hierin kommt nichts von den Gütern vor und brauchte auch nichts vorzu⸗ kommen, da ſie kein Erbſtück der verſtorbenen Baronin bilden konnten. Als ferner der Baron und Oberhof⸗ ſtallmeiſter damit umging, ſeine Grundſtücke zu ver⸗ A 121¹ kaufen, das geſetzliche Aufgebot für den Kauf geſchehen war und er bei dem Gerichte um Beſtätigung deſſelben einkam, ſo konnte dieſes als Vormundskammer ihm nicht das geringſte Hinderniß in den Weg legen, das heißt, weder die Beſtätigung verweigern noch ſelbſt das Gutachten des gehörigen Vormünders verlangen, da den unmündigen Baronen noch nichts von den Gütern als Erbe zukam oder zu ihrem Vermögen von mütter⸗ licher Seite gehörte. Der Verkauf ging alſo ganz in geſetzlicher Form vor ſich. Allein die Kaufſchillinge be⸗ weiſen, daß die Totalſumme, um welche die Ekenſpar⸗ riſchen Güter verkauft wurden, ſich wirklich auf 255, 00 Reichsthaler Banko belief. Vor ſeinem in Nizza ein⸗ getretenen Tode ließ er, vermuthlich weil er ſeinen Tod herannahen fühlte und ſeine nachgelaſſene Wittwe von allem Kummer befreien wollte, eine Art Teſtament aufſetzen, deſſen Inhalt, ſo wie den mehrerer anderer, in derſelben italieniſchen Stadt aufgeſetzter, dieſen Gegenſtand berührender, wichtiger Dokumente ich mir verſchafft habe und in vidimirten Abſchriften beſitze. Das Teſtament enthält dieſe Ausdrücke:—„Für den Fall, daß Jemand meiner Wittwe Eugenie Ekenſparre, geborne Guemarez, das Verfügungs⸗ und Eigenthums⸗ recht über all das Vermögen, welches ſich bei meinem Tode vorfinden wird, beſtreiten ſollte, erkläre ich hie⸗ mit meinen letzten Willen dahin, daß ſie, Eugenie Guemarez, einzig und ausſchließlich bis zu ihrem Tode in ungeſtörtem Beſitze deſſelben bleiben und auch das volle Recht haben ſoll, das Vermögen zu verſchenken oder über daſſelbe nach ihrem Tode, wie und für wen es ihr gut dünkt, zu verfügen.“ Der Wortlaut dieſes Teſtamentes gibt Veranlaſſung zu mancherlei Betrach⸗ tungen. Man ſieht vor Allem, daß es nicht in der gewöhnlichen Form abgefaßt iſt, ob aber dies in Folge geringer Bekanntſchaft mit der juridiſchen Form und Mangel eines Beiſtandes bei Aufſetzung des Teſtamen⸗ tes oder aus einer andern Urſache geſchehen iſt, dies Amglig Hillner. 9 122 muß einſtweilen dahin geſtellt bleiben. Indeſſen wurde das Teſtament, wie der Anblick zeigt, von Zeugen und Aerzten in Nizza unterſchrieben, welche von Amts we⸗ gen bezeugen, daß ſich der Erblaſſer damals bei vollem Verſtand befunden habe.“— Baron Oskar, der lange geſchwiegen hatte, erhob„ jetzt ſein bleiches Geſicht, welches die traurige Frage zu enthalten ſchien:„Dachte denn unſer Vater nicht mehr an uns?“ „Warte, mein Bruder,“ unterbrach Elbers, der ihn ſehr leicht verſtand, ſeine Gedanken,„hier iſt noch ſehr viel zu hören. Nach dem Tode des Erblaſſers ließ die Wittwe ſogleich ein Inventar von der Ver⸗ laſſenſchaft aufſetzen; auch von dieſem Dokument habe ich eine beglaubigte Abſchrift. Man ſieht daraus, daß das ganze Vermögen an Wechſeln, Dukaten, Kleinoden, Pretioſen u. ſ. w. getreu aufgenommen und zu einem Geſammtwerth von etwa 190,000 Reichsthaler veran⸗ ſchlagt wurde. Dies Alles iſt von den hiezu beigezo⸗ enen Autoritäten der Stadt mit der größten Genauig⸗ eit taxirt und beglaubigt. Damit nicht genug. Als ob man Alles vorausgeſehen und jedem Hinderniß zu⸗ vorzukommen geſucht hätte, wurde dem Vormünder der jungen Barone in Nizza der Inhalt des Teſtamentes ſogleich mitgetheilt. Er hat nicht nur die Urkunde die⸗ ſer Mittheilung unterſchrieben, ſondern auch im Na⸗ men ſeiner Mündel erklärt, daß er mit dem Teſtamente zufrieden ſei, und daß kein Tadel dagegen von dieſer Seite entſtehen könne.“ „Was ſoll das heißen?“ rief Oskar,„unſer Vor⸗ münder? Von einem ſolchen habe ich nie etwas ge⸗ hört! Wer um's Himmels Willen iſt er denn?“ „Sein Name,“ fuhr Elbers fort,„iſt ſehr deutlich geſchrieben. Er hieß Auguſt Emanuel Hillner.“ „Hillner? ein Schwede? unſer Vormünder? und er hat unſer Recht verſchenkt? all Das ſetzt mich in die größte Verwunderung. Wer ums Himmels Willen ————— 123 iſt denn Herr Hillner? Hat man je von einem ſolchen Menſchen ſprechen hören? Weiß man, wo er ſich finden mag? Das Recht der Gegenklage wird ſich doch gegen ihn anwenden laſſen?“ „Stille noch einſtweilen mit dem Prozeß, wir müſ⸗ ſen erſt die Sache und den Fall vernehmen. Ueber dieſe Verordnung Hillners zum Vormünder der jungen Barone findet ſich ein ſehr förmliches Protokoll vor. Es ſcheint, daß die verwittwete Baronin gleich nach dem Tod ihres Mannes darauf bedacht war, jeden möglichen Schatten, der in Betreff ihrer Stiefſöhne auf ſie fallen könnte, von ſich abzuwälzen. Sie ging ſogleich zu den Civilbehörden in Nizza, und bat dieſe, einen Tutor— einen Vormünder— für die hinter⸗ laſſenen Kinder zu beſtellen und wo möglich einen Schweden dazu aufzuſuchen. Nun kann ich nicht ſagen, wie und auf welche Weiſe dieſer Hillner ſich auftreiben ließ, aber aus den Papieren geht mit Gewißheit her⸗ vor, daß dies ſtatt fand, und daß er von den Behör⸗ den von Nizza zum Tutor ernannt wurde(denn das Dokument wurde zu größerer Sicherheit ſowohl italie⸗ niſch als ſchwediſch abgefaßt und unterſchrieben), daß er das Vertrauen annahm und auf dieſe Weiſe hand⸗ habte, wie ich oben erzählte. Was das ſchwediſche Geſetz im Erbgeſetz Cap. 18§. 1, 3 und 4 über die Angabe des Teſtamentes bei Gericht, die Mittheilung deſſelben, Einſpruch u. ſ. w. vorſchreibt, iſt wirklich ge⸗ ſchehen. Es könnte freilich das Recht der Gegenklage gegen Herrn Hillner angewandt werden, da er das Recht ſeiner Mündel verſäumt oder im ſchlimmſten Fall es mit Fleiß verſchenkt hat? Dazu iſt aber nöthig, daß man ihn vorfordert und um dies thun zu können muß man wiſſen, wo ſich der Mann befindet. Auch iſt es nicht unwichtig, zu erfahren, ob er, falls er noch lebt, etwas beſitzt, um den Schaden erſetzen zu können; da man ſonſt vergebens nach dem Gerichte gehen, die Pro⸗ zeßkoſten für nichts bezahlen, und eben ſo wenig Ge⸗ 124 winn davon ziehen würde, als z. B. der Hund, der nach dem Mond bellt.“ Ein Paar von den jüngeren Notaren ſprangen auf und riefen mit der ganzen Lebhaſtigkeit der ugend: „Welche Infamie— doch mag auch ein ſolcher Quidam durch ſeine auf das Teſtament verzeichnete Entſagung das Recht ſeiner Mündel verſchenken— die deutliche Vorſchriſt des Geſetzes Cap. 17§. 2 muß dennoch mit der Kraft gelten, daß kein Geſetz dagegen als bindend angeſehen werden kann, möge es nun einem Vormünder angefochten worden ſein oder nicht.“ „Setzt Euch doch wieder, ihr Herrn Grip und Engeltofft! Ueber das, was ihr eben ausgeſprochen habt, läßt ſich ſehr viel bemerken; unter Anderem, daß das Teſtament in Nizza gemacht wurde, und wir müß⸗ ten eine Stelle aus dem Code Napoleon citiren, der vielleicht damals in Rizza als Geſetz galt, und eine andere aus dem römiſchen Geſetz, ja aus den Pan⸗ dekten Juſtinians über den Rechtsgang bei Fremdlingen, was eben der Fall bei der fraglichen Herrſchaft iſt, da dieſe als Reiſende in Nizza war.“ „Wahrhaſtig!“ rief Oskar, der auf Elbers letzte Worie nicht ſehr gehört hatte,„ich würde viel darum geben, wenn ich den Aufenthaltsort eines ſo verwünſch⸗ ten Kerls wie der Herr Hillner iſt, ausfindig machen könnte. Vermag er mir den Schadenerſatz nicht in Geld zu geben, ſo ſoll er es mit ſeiner Haut thun— ich ſchreibe ihn in der Staatszeitung aus, ich ver⸗ ſpreche jedem 500 Reichsthaler Belohnung, der mir den Menſchen verſchafft. Dieſes Geld muß mir mein Stiefvater, der Baron Migneul, vorſtrecken, denn es betrifft die Ehre der ganzen Familie. Dies Verfahren ſoll uns ja von einem ſchamloſen Schurken befreien, der uns Alle comprommittirt hat.“ „Höre Oskar,“ ſagte Elbers halblaut und mit ei⸗ eee 12⁵ nem ſchlauen Seitenblick auf den Sprecher,„es ſcheint mir, als ob Dein Stiefvater, der Baron Migneul, gerade der rechte Mann wäre, um dieſe 500 Reichs⸗ thaler Banko ſelbſt zu verdienen, denn es wäre zu ver⸗ wundern, wenn er, der damals zu Nizza ſich befand, der Geſchäftsfreund Deiner Stiefmutter war und auch ſonſt nicht unbekannt in Schweden zu ſein ſcheint, von dem Herrn Auguſt Emanuel Hillner nicht etwas wüßte oder ihn nicht näher kennte. Gewiß weiß er, wo er fich befindet. Eine tödtliche Bläſſe überzog das Geſicht des jun⸗ gen Ekenſparre, aber bald darauf folgte derſelben eine flammende, beinahe fieberähnliche Röthe, offenbar ein Kind ſeines Zornes, ſeiner Wuth. Er ſenkte die Stirne und ſchien einen Augenblick wie verzweifelt. „Stille davon!“ flüſterte Elbers;„Du würdeſt Dich durch eine Uebereilung in den Abgrund ſtürzen, wenn Du einen ſo geſährlichen Mann wie ihn reizteſt. Du fiehſt ein, daß Der zu Allem fähig iſt. Nimm Dich in Acht, um ſo mehr als Du wirklich die Formen gegen Dich haſt. Ziele nie bälder, als bis Du ſchießen kannſt, hebe den Stock nicht eher, bis es Dir möglich iſt, zu Boden zu ſchlagen. Vergiß niemals dieſe, ich will nicht ſagen gerichtliche, aber doch ſehr gute Regeln für die Partheien.“ Loofors, einer von den Notaren, der am weitſten weggeſeſſen war und bisher geſchwiegen, aber ſehr nach⸗ denklich ausgeſehen hatte, trat jetzt näher und ſagte: „Ohne den mindeſten Anſpruch darauf zu machen, daß ich die 500 Rthlr. verdienen könnte, oder nur wollte, welche Herr Baron Oskar Ekenſparre für die Entdeckung eines gewiſſen Hillner auszuſetzen geneigt ſcheint, kann ich doch eine Erklärung geben, welche, wenn fie auch nicht viel hilft, wenigſtens als eine zur Sache gehörige Geſchichte betrachtet werden kann. Die Herren wiſſen, daß ich in Lund ſtudirte, und dort blieb, bis ich mein Ergmen zum Eintritt in das Hofgericht machte. Aber 126 eigentlich bin ich, wie ſo viele andere, aus dem obern Schweden. Ich wohnte in Upſala und arbeitete an der Feile der Gerechtigkeit, bis ich ſie aufgab. Ich begann es für unbillig zu halten, auf den Candidaten zu ſtu⸗ diren, da ein Menſch ſich mit dem einfachen Hofgerichts⸗ examen begnügen kann. Und ſelten gingen aüs den Candidaten und Lizentiaten praktiſche Juriſten hervor, da ſie zwar den ſeidnen Hut mit der goldnen Schnalle von dem Tage an, wo ſie zum Doktor ereirt werden, ſehr gut tragen können, allein gleichwohl nur ungern taugliche Protokolle verfaſſen, und nach dem Beiſpiel großer Männer es unter ihrer Würde halten, Urtheile und Reſolutionen mit einem juridiſchen Verſtande darin zu ſchreiben. Da ich alſo, um ein geſchickter Geſchäfts⸗ mann zu werden, den Gradus aufzugeben beſchloß, in Upſala aber bereits als eine Perſon bekannt war, die nach demſelben ſtrebte, hielt ich es für's Beſte, einen Wechſel in der Akademie zu treffen und nach Lund zu reiſen. Wie ich dort mein Hofgerichtsexamen machte, wiſſen die Herren alle. Man verbreitete zwar im An⸗ fang das Gerücht, daß ich aus derſelben ratio legis, welche den Sohn des Biſchofs X. dazu vermocht hatte, nach Lund gegangen ſei. Allein wie ich hoffe, hat ſich das Gegentheil gezeigt. Ich erinnere mich überdieß nicht, jemals einen Biſchof zum Vater gehabt zu haben, und konnte daher auch kein ſo merkwürdiger Kadaver werden, wie der angeführte. Daß ich dazegen ſeit mei⸗ nem Eintritt in das Hofgericht einigen Fleiß und Ge⸗ ſchicklichkeit an den Tag gelegt habe, wie meine Freunde behaupten wollen, das mag wahr ſein, obſchon ich hierin kein Zeuge ſein kann. Ich gehe ſchön, oder wenigſtens gut gekleidet, und gegen meinen Frack läßt ſich keine gegründete Bemerkung machen, auch eſſe ich gehörig, aber ich trinke nicht. Oder richtiger geſagt, ich habe ein wenig getrunken; doch das iſt jetzt vorbei. Wenn mich nun alles Das zu einer glaubwürdigen Perſon ßempelt, ſo dürfte es wohl an der Zeit ſein, daß ich 6 127 meine Geſchichte von einem gewiſſen Hillner erzähle. Während ich mich in Upſala befand, hörte ich eine eigne, aber nicht ganz ungewöhnliche Geſchichte von einer da⸗ ſelbſt wohnenden Frau Hillner, oder vielmehr von ihrem Mann. Sie ſollte ſchon vor 17, 18 oder 19 Jahren ihren Gatten verloren haben, ob der aber Auguſt Ema⸗ nuel hieß, das erinnere ich mich nicht mehr ſo genau. Hillner wohnte mit ſeiner jungen, liebenswürdigen Gat⸗ tin in einer der ſüdlichen Provinzen Schweden's, in Halland oder dort herum. Ihre Liebe war warm und rein. Ob Hillner anfangs reich geweſen, das wußte Niemand zu ſagen, aber als guter Haushälter zeigte er ſich nie. Seine Angelegenheiten wurden bald ſehr verwickelt und endlich ganz jämmerlich. Eben weil er ſeinem innig geliebten Weibe Alles zu verhehlen ſuchte, wurde ſeine Lage immer wirrer und wirrer. Er fiel in die Hände der Juden, oder in die Hagermanns, das kann ich nicht genau ſagen. Endlich ſah er ſich rettungs⸗ los verloren, aber ſeine Gattin wußte von nichts. Die Geſchichte behauptet, daß Hillner mit dem ſchönſten Aeu⸗ ßern und der wärmſten Liebe zu ſeiner Frau eine ſchäd⸗ liche Furcht, ein falſches Ehrgefühl verband, welches bewirkte, daß er es um keinen Preis über ſich vermochte, ſie durch die Entdeckung ſeiner Lage zu verletzen und aus ihrem Himmel fallen zu laſſen. Weit lieber wäre er geſtorben, und er ſoll ſich auch den Tod gewünſcht haben. Befero relata.(Ich erzähle nur, wie man es mir erzählte.) Da er aber hierüber mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, ſo ſoll er endlich auf den Gedanken ge⸗ kommen ſein, daß ungefähr daſſelbe gewonnen würde, wenn er ſich für todt ausgäbe, als wenn er wirklich ſtürbe. So vermied er durch den Tod oder ſeinen Vi⸗ kar, den Scheintodt, die Schande eines ſchmählichen Konkurſes,(denn irgend Etwas in ſeinen Angelegen⸗ heiten muß ſich nach einer weniger ſchönen Seite ge⸗ neigt haben). Sein hinterlaſſenes Weib ſollte trauern und ſich der Erbſchaft begeben. Sie würde dadurch zwar 128 auf eine ſchmale Koſt geſetzt, aber die Oekonomie des Hauſes war nun einmal von der Art, daß es keine an⸗ dere Hilfe gab. Sie würde wenigſtens durch ſeinen zei⸗ tigen Tod von der grauſamen Pein befreit werden, ihren Mann mit negativen Lorbeeren bedeckt zu ſehen. Hill⸗ ner führte dieſen Plan aus. Er erkrankte eines Abends und doktorte eine Woche lang. Daß er zu Ausführung ſeines Planes einen Vertrauten brauchte, verſteht ſich von ſelbſt, und er hatte einen ſolchen. Die Geſchichte ſagt nicht, ob dieſer Mann ein Diener oder Waldhüter oder Bergbuchhalter war, vielleicht etwas von allen Dreien; gewiß aber war er ein redlicher Mann. Hill⸗ ner ſtarb. Da er immer bleich geweſen war und dünne, intereſſante Lippen hatte, ſo konnte er leichter als irgend Jemand einen Todten vorſtellen. Frau Hillner hatte bereits aus Schmerz das Bett hüten müſſen, ſie war alſo beim Todesfall ihres Mannes nicht gegenwärtig. Sie hörte ihn erzählen, erkrankte noch gefährlicher und lag während ſeines Begräbniſſes im hitzigen Fieber. Ihr Kummer war ſehr begreiflich und hat ſich oft bei Frauen ereignet, deren Liebe rein und lebendig iſt. Hill⸗ ner wurde dadurch manches Leiden erſpart, denn viel⸗ leicht wäre es ihm unmöglich geweſen, regungslos da zu liegen, wenn ſeine Gattin weinend an ſeiner Bahre geſtanden wäre. Was jetzt weiter folgte, kann man ſich leicht denken. Wie beſſere Leute überhaupt, wurde er nicht ſogleich begraben, ſondern erſt beigeſetzt. Aber während der Zeit, welche zwiſchen der Beiſetzung und dem Begräbniſſe verſtrich, floh er aus dem Lande, kam an die Küſte, und da ſeine Verkleidung und ein Paß unter anderem Namen in vollkommener Ordnung waren, fuhr er ab; nach welcher Gegend der Welt? weiß die Geſchichte nicht. Frau Hillner kam mit einem Kinde nieder, das vielleicht zeitiger zur Welt berufen wurde, als geſchehen wäre, wenn Freude in dem Hauſe ge⸗ herrſcht hätte. Sie war von dem Tode ihres Mannes überzeugt, gehorchte dem Rath erfahrener Juriſten, be⸗ 129 gab ſich der ganzen Erbſchaft und bekam— da ſie eine ſo hohe Uneigennützigkeit und Delikateſſe bewies, daß ſie nichts(ich glaube die Geſchichte ſagt die Wahrheit) aus ihrem Hauſe zu behalten begehrte, als die Decke, worunter ihr geliebter Mann geſtorben war, und deren Zeug ihr durch die deutlichen Zeichen noch koſtbarer ge⸗ worden war, welche die vom Todeskampfe krampfhaft zuſammengezogenen Finger eingeriſſen zu haben ſchei⸗ nen— ſie bekam, ſage ich, durch den einſtimmigen Beſchluß aller Gläubiger eine beſondere Vergünſtigung, welche dem Vortheil einer ungetheilten Habe gleichkam, und ſogar über den zwanzigſten Theil des Geldes be⸗ trug; ſo wie noch mehrere ſchöne Pretioſen und die ſei⸗ dene Decke mit der Watt. Aber Frau Hillner beſchloß, nach der Gegend zu ziehen, wo ihre Verwandten leb⸗ ten, und ſie ließ ſich endlich in Upſala nieder, da hier Alles wohlfeil zu haben iſt, und ſich auch eine ange⸗ nehme Geſellſchaft findet, wenn man nicht ſtudirt. Wei⸗ ter ging dieſe Geſchichte nicht, man ſetzte jedoch hinzu, Hillner habe ſich mehrere Jahre nachher im Ausland gezeigt, woraus ich ſchließe, daß dieſer Mann in der Stadt Nizza ſein konnte, als die Ekenſparriſche Sache dort vor ſich ging. Ich ſah Frau Hillner in Upſala niemals. Sie lebt ſehr eingezogen und die Studenten kommen ohnedies ſelten in Häuſer. Ich für meine Perſon beehrte damals nur juridiſche und mediziniſche Freundez ich ſah und ſprach Niemand anders; auch dieſe Erzäh⸗ lung hörte ich nur im Vorbeigehen und erinnerte mich derſelben nur, als ich den Namen Hillner wieder hörte. Man ſetzte die Vermuthung hinzu, Frau Hillner werde wohl ſelbſt im Geheimen wiſſen, daß ihr entwichener Mann ſich am Leben befinde, aber es iſt ja gewöhnlich ſo, daß man glaubt, die Frauen ſeien im Complott mit ihren Männern. Ich ſpreche ſie frei von dieſem Be⸗ trug, da die Geſchichte ſie ſonſt als einen vollkommen fleckenloſen Charakter darſtellt. Es kann möglich ſein, daß man ihr ſpäter einen Wink darüber gab, er lebe 130 noch im Ausland; daß ſie aber die Sache beim Todes⸗ fall ſelbſt gekannt habe— nun ja, Gott allein kennt die heimlichen Gedanken des Monſchenherzens— aber ich glaube es nicht. Die arme Frau Hillner! hätte ſie erfahren, daß ihr Mann noch lebte, ſo müßte es ihr gewiß viel gekoſtet haben. Doch verſichert meine Ge⸗ ſchichte, daß Herr Hillner, was ſeinen Charakter betrifft, durchaus kein Don Juan war, daß ſeine Fehler und Mängel nur ökonomiſche waren, was zwar allerdings genug iſt, aber daß er nie dafür bekannt war, der Macht jeder Dame ſogleich anheim gefallen zu ſein. Um endlich auf das Reſultat oder die Nützlichkeit der von mir gemachten Angaben für Baron Oskar zu kom⸗ men, ſo dürfte ſich dieß auf Null belaufen. So viel aber ſieht doch wenigſtens der Baron hieraus, daß es einmal einen Hillner gegeben hat, und zwar einen Schwe⸗ den, der auswanderte. Natürlich mußte es ihm ange⸗ legen ſein, ſein Leben geheim zu halten, wo er ſich auch aufhalten mochte, und ich würde mir an ſeiner Stelle einen andern Namen gegeben haben, wie alle Ausreißer thun. Es ſcheint mir daher merkwürdig, daß er— wenn es nämlich wirklich wahr— in Nizza unter ſeinem eigenen Namen auftrat. Aber beſondere Gründe und die Erreichung irgend eines Zweckes könnten ihn dazu veranlaßt haben. Er konnte ja nur dieſes einzige Mal,— als nach einem Schweden gefragt wurde, um das Amt des Vormundes zu verſehen,— ſchriftlich als ſolcher auftreten und dann verſchwinden, um nie wieder Hill⸗ ner zu heißen. So hätte wenigſtens ich gethan, wenn ich niederträchtig genug hät'e ſein wollen, um mich zu ſo Etwas herzugeben, was mir nie geſchehen iſt und nie geſchehen wird. Aber als Advokat begreife ich, was ein ſolcher Schurke unternehmen kann. Jetzt wäre es indeſſen für den Herrn Baron das Wichtigſte, dieſes Hillner wieder habhaft zu werden, und ihn wo möglich im Vaterlande aufzufinden, um ihn zur Rechenſchaft zu ziehen. Hierüber aber kann ich keine Erläuterung ge⸗ 131 ben. Von einem Hillner hat man in Schweden nie wie⸗ der Etwas gehört. Da aber ſeitdem eine gewiſſe Zeit verſtrichen iſt, ſo hätte er wohl ohne Gefahr wieder kommen können. Denn ſeine anſtändigen Gläubiger ließen die Sache theils aus Zartgefühl für Frau Hillner und theils, weil er ſelbſt als todt nichts mehr geben konnte, liegen. Sie wurde daher nicht als eine Gant betrie⸗ ben, obſchon ein Erbſchaftsverzicht immer etwas der Art iſt; wenigſtens wurde das gewöhnliche ſchwere Ur⸗ theil nicht darüber geſprochen, daß nach der Gante Hill⸗ ner mit dem, was er je erben oder erwerben könnte, für das Mangelnde einſtehen ſollte— denn es wäre abgeſchmackt geweſen, einen todten Mann dazu zu ver⸗ urtheilen. Meiner Anſicht nach konnte er daher unge⸗ ſtraft wiederkommen, da in den nächſten zehen Jahren ge⸗ wiß keine Forderung gegen ihn erneuert worden wäre. Doch vielleicht iſt er jetzt wirklich geſtorben, oder er lebt, will aber nicht nach Schweden zurückkommen, um kein Aergerniß zu geben, was gewiß geſchehen würde, wenn man wieder einen Mann träfe, gegen den der Revers einmal ſeine Kraft verloren hat.“ „Ich ſehe jetzt deutlich ein!“ rief Oskar und ſprang auf.„Der Bube! der Abſcheuliche! er lebt, er lebt in Schweden!— ich weiß ſehr wohl, wer er iſt— ha!“— „Stille, ich befehl' es Dir, ſtille!“ ſprach Elbers, ſtand auf und legte ſeinem Freund die Hand vor den Mund.„Keine Uebereilung, ſie könnte Dir theuer zu ſtehen kommen. Jetzt, meine Herren Brüder,“ fuhr Elbers fort und wandte ſich an die Geſellſchaft;„jetzt haben wir die Begebenheiten des species facti gehört: laßt uns das Urtheil fällen.“ —.———— 132 Drittes Kapitel. Paria vota. Oskar Ekenſparre erhält die Erlaubniß, ſelbſt die entſchei⸗ dende Stimme abzugeben. „Ortolan!“ rief Elbers,„ſei Du Baron Ekenſpar⸗ res Advokat, lade ſeine Stiefeltern vor und führe ſeine Sache. Ich werde der Sachwalter der Eltern und Dein Gegenpart ſein. Oskar, Du wunderſt Dich gewiß dar⸗ über, daß ich es bin, der gegen Dich auſtritt. Aber Du ſollſt die Urſache davon wiſſen. Der durch unſere Geſellſchaft bezweckte Nutzen beſteht darin, daß wir, um uns in dem Sachwalterberuf zu üben und uns zu geſchickten Advokaten in den Geſchäften zu machen, welche uns in der Wirklichkeit anvertraut werden, jeden Pro⸗ 1 zeß, den Einer für ſeine Kunden zu führen hat, zuerſt unter uns ausmachen. Damit wir aber deſto beſſer ge⸗ gen die Einwürfe unſerer Gegner vor dem wirklichen Richterſtuhl auſtreten können, führen wir hier in un⸗ ſerer Geſellſchaft bei dem Prozeß in efügie die Sprache des Gegners und ſuchen Alles aufzufinden, was mög⸗ licherweiſe auf ſeiner Seite und zu ſeinem Vortheil ge⸗ ſagt werden kann. Gerade dadurch lernen wir alle er⸗ denkliche Wege, die jener etwa einſchlagen kann, vor⸗ her begreifen und ſeine Gründe auffinden. Durch dieſe Einſicht bereiten wir uns am Beſten auf Angriff oder Vertheidigung vor, indem wir, ehe wir vor das wirk⸗ liche Forum kommen, auf alle möglichen Fälle vorbe⸗ reitet ſind. Du wirſt daher einſehen Oskar, daß ich nur deßhalb hier als Dein bitterer, unbengſamer und möglichſt vollkommener Feind auftrete, um Dein deſto ſicherer Freund zu werden, wenn es im Ernſte gilt.“ . Baron Ekenſparre dankte, obſchon ſein Lächeln halb traurig war, er ſah auf Ortvlan, ſeinen Freund in M — 133 erügie, und dachte, was er wohl von ſeiner Weisheit Gutes zu gewarten haben werde. Man brachte das Gericht in Ordnung. Zum Prä⸗ fidenten wurde der Notar Engeltofft ernannt, weil er von Allen der Vernünftigſte und am meiſten geeignet war, auf beide Parteien zu hören. Da Ortolan als Sach⸗ walter der klagenden Partei und Elbers für die, welche ſich zu vertheidigen hatte, von den übrigen acht abge⸗ rechnet wurden, ſo blieben noch ſechs übrig, welche be⸗ queme Steine für ſich auswählten und ſich dann auf dieſe niederſetzten, um Richter zu ſein. Oskar Eken⸗ ſparre und der Fjelkinger Bergrücken bildeten das Pub⸗ likum. Ortolan begann mit der Vorladung. Ex rich⸗ tete dieſe mündlich und kurz an die Baronin Migneul und ihren Mann, den Baron, als Geſchäftsführer ſei⸗ nes Weibes, und forderte ſie vor das Bezirksgericht in Skanei, zu welchem Gräſeholm gehört, obſchon natür⸗ lich in der Wirklichkeit die Klage zuerſt beim Gerichte hätte angebracht werden müſſen, und von dieſem aus erſt an die geladenen Perſonen gelangt wäre. Elbers:„Ich ſtreite dem Richterſtuhl dasRecht ab, dieſe Sache anzunehmen. Denn das allgemeine Geſetz(Prozeßgeſetz, Cap. 10,§. 2), will, daß Strei⸗ tigkeiten über Erbſchaften, Teſtamente oder Schulden eines Todten vor den Richterſtuhl gebracht werden müſ⸗ ſen, unter deſſen Gerichtsbarkeit der Verſtorbene zur Stunde ſeines Todes wohnte oder ſeines Amtes wegen gehörte. Aber der Oberhofſtallmeiſter, der Baron Eken⸗ ſparre, ſtarb in Nizza in Italien. Dieſes ſkaniſche Bezirksgericht kann ſich daher nicht mit der Sache be⸗ faſſen.“ Ortolan.„Ein Richterſtuhl in Nizza kann nicht das rechte Forum für dieſe Sache ſein. Denn obſchon es wahr iſt, daß der Baron in Nizza ſtarb, ſo kann man doch nicht ſagen, daß er dort wohnte, indem er nur als Reiſender hinkam, und dort nicht ſteuerpflichtig war. Er gehörte auch nicht unter die Gerichtsbarkeit 134 von Nizza wegen irgend eines Amtes, da er kein Amt begleitete. Er trug bei Lebzeiten einen ſchwediſchen Titel, jedoch ohne daß ein Amt damit verbunden gewe⸗ ſen wäre; weßhalb auch die Benennung Oberhofſtall⸗ meiſter dem Todten keinen genügenden Grund gewäh⸗ ren kann, um ihn von dieſem ſkaniſchen Forum zu befreien; zumal da, wenn der Todte auch einen wirk⸗ lichen Dienſt inne gehabt hätte, der Stall doch keinen beſondern Gerichtshof für ſich hat, der Jenen und ſei⸗ nen letzten Willen dem allgemeinen Gerichtshofe ent⸗ ziehen könnte.“ E.„Ich finde Herrn Ortolans Einwendungen höchſt unbeſriedigend. Zugegeben, daß der Verſtorbene als Reiſender nicht in Nizza wohnte, ſo folgt daraus nur, daß die Rechtsſache nicht in der italieniſchen Stadt ab⸗ gehandelt werden konnte. Als Oberhofſtallmeiſter ge⸗ hörte Baron Ekenſparre unleugbar unter das königliche Schloßgericht in Stockholm, welches das Forum für alle Hofämter bildet. Ich gebe jedoch zu, daß er nie dabei Dienſte that(was das Prozeßgeſetz, Cap. 10, §. 2 deutlich vorausſetzt), ſondern nur den Titel trug, die Frage wegen des Schloßgerichtes alſo fallen muß. Da⸗ gegen hat er auf keine Weiſe unter dem ſkaniſchen Be⸗ zirksgerichte gewohnt, bei welchem die Sache eingeklagt wurde. Er war ſeit vielen Jahren nirgends in Schwe⸗ den ſteuerpflichtig. Da alſo die Baronin bei ſeinem Sterben nirgends anſäßig war, noch auch wegen eines Amtes unter ein Gericht gehörte, ſo gibt es kein Forum auf Erden, vor dem dieſe Sache geführt werden könnte. Daher muß man ſie gänzlich fallen laſſen.“ O.„Dieß könnte wahr ſein, wenn das Prozeßge⸗ ſetz, Cap. 10,§. 2 hier anwendbar wäre, Allein ich will nict in Teſtamentsſachen klagen, da ich durchaus nicht zugeſtehe, daß der Verſtorbene ein gültiges Teſta⸗ ment über ſeine Verlaſſenſchaft machen konnte, welche erweislich aus den Erbgütern entſtand, ſondern ich klage gegen die Baronin Eugenie Mignenl auf den — 135 Grund einer Schuloforderung, und da iſt nach demſel⸗ ben Geſetz, demſelben Capitel,§. 1, derjenige Richter⸗ ſtuhl das Forum, unter dem der Schuldner wohnt, alſo das hieſige Bezirksgericht, in deſſen Umkreis Grä⸗ ſeholm liegt.“ E.„Gut. Allein ich geſtehe durchaus nicht zu, daß die Baronin oder ihr Mann den jungen Baronen Ekenſparre das Mindeſte ſchuldig iſt. Auch finde ich nirgends, daß hierüber der geringſte Beweis verſucht wurde, und da ich zu meinem oder vielmehr meiner Patrone Schmerz höre, daß undankbare Angehörige, ich meine die Stiefſöhne, mit ſo höchſt beleidigenden Anſprüchen, wie dieſe eingebildete Schuldforderung iſt, daher kommen, ſo bin ich genöthigt, im Namen mei⸗ nes Patrons bei demſelben Gerichtshofe eine Gegen⸗ vorladung an die genannten jungen Barone Oskar und Malcolm einzureichen, und um Schadenerſatz für den Unterhalt zu bitten, den dieſelben ſeit dem Tode ih⸗ res Vaters bis auf den heutigen Tag daheim genoſſen haben. Da ſie von ihrem Vater nicht einen Schilling hatten, ſondern meine Patrone aus Güte die beſagten Herren nährten, kleideten und erzogen, ſo würden viel⸗ leicht meine Patrone aus fortgeſetztem Wohlwollen von den jungen Baronen, als völlig Mittelloſen, nichts ver⸗ langen, da ſie aber hören, daß dieſelben mit ſo unbe⸗ fugten Anſprüchen daher kommen, ſo muß ich um die Erlaubniß bitten, zuerſt eine Rechnung über alle die Ausgaben einzureichen, welche ſie bisher machten und dieſe Gegenladung muß, nach dem zuletzt citirten Ge⸗ ſetze von demſelben Gerichtshofe angenommen und die Sache im Zuſammenhang mit jener erſten Klage abge⸗ urtheilt werden. Meine Forderung iſt unfehlbar, die des Gegenparts aber höchſt problematiſch.“ Bei dieſer fatalen Wendung der Dinge warf Os⸗ kar einen durchbohrenden Blick auf Elbers und ſetzte ſich um einen Stein weiter weg. D.„Ich kann es zwar dem Gegenpart nicht ver⸗ 136 wehren, die Rechnung einzureichen, zu der er ſich be⸗ fugt glauben mag. Aber die Wirkung derſelben wird eine geringe oder gar keine ſein. Die Schuldforderung, wegen der ich die Baronin Migneul anklage, iſt voll⸗ kommen begründet. Als Wittwe ſetzte ſie ſich nach dem Tode des Vaters meiner Klienten in Beſitz eiues Ver⸗ mögens, deſſen Wer'h ſich nach dem Inventar, welches ſie ſelbſt auſſetzen ließ und beſchwor, auf 190,000 Reichs⸗ thaler ſchwediſch Banko belief. Wegen dieſer Summe klage ich ſie an.“ E.„Daß ein Vermögen von dem beſagten Werth ſich in der Verlaffenſchaft des alten Baron Ekenſparre befand, iſt allerdings wahr und durch die Inventirung bewieſen, was aber unterſtützt die Forderung an dieſes Vermögen?“ O.„Meine Klienten ſind als die leiblichen Söhne des Verſtorbenen die unbeſtrittenen Erben von Allem, was ſich bei ſeinem Tode in der Verlaſſenſchaft vor⸗, fand. Sie haben es daher von der Hand derer zu fordern, welche es an ſich riſſen, d. h. aus der Hand der Baronin Migneul und ihres Geſchäftsführers.“ E.„Auf dieſe ganze Verlaſſenſchaft hatte die Wittwe ein Recht durch das Teſtament, welches dem Pormund der Stiefſöhne mitgetheilt und von dieſem unangefochten gelaſſen wurde. Die Stiefſöhne haben daher nichts zu fordern.“ O.„Ich läugne die Kraft des Teſtaments, da es nicht gegen die Vorſchrift des Geſetzes(Eg. Cap. 17, §. 2) gelten kann, welches den Erben einen Erſatz für die verkauften Erbgüter zuſichert.“ E.„Dieß könnte anwendbar ſein, wenn das Te⸗ ſtament zur rechten Zeit von den Erben oder ihrem Vormund angegriffen wäre. Dieß iſt aber nicht ge⸗ ſchehen.“ O.„Eine Handlung, die an ſich ungeſetzlich iſt, tann keine Haltung haben, auch wenn ſie nicht ange⸗ fochten wurde.“ ſt, 137 E.„Merkwürdiger Herr Gegner, können wir denn nicht tauſend Urtheile der niederen Gerichtsbarkeit an⸗ führen, die von der höheren Inſtanz kaſſirt wurden, und alſo für ungerecht oder ungeſetzlich angeſehen wor⸗ den ſein mußten? Da ſie aber nicht zur gehörigen Zeit angefochten wurden, ſo erhielten ſie geſetzliche Kraft und mußten in Wirkung treten, mochten ſie nun gegen das Geſetz ſtreiten oder nicht. Sollte ſich nicht daſſelbe auf ein unangefochtenes Teſtament anwenden laſſen?“ D.„Wenn auch die geſetzliche Friſt vorüber iſt, ſo kann man doch bei dem König um eine Wiederauf⸗ nahme nachſuchen und dieſe wird wahrſcheinlich bewil⸗ ligt werden, wenn der widerrechtliche Spruch nachge⸗ wieſen wird. Worauf dann ein durch das Geſetz zu Kraft gekommenes Urtheil auf's Neue einer Prüfung unterworfen werden muß und je nachdem ſich Gründe vorfinden, verworſen werden kann. Sollte dieß nicht auch bei dieſem Teſtamente der Fall ſein?“ „Der Herr Advokat muß ſich nicht ſehr feſt fühlen, da er keine Behauptungen mehr aufſtellt, ſon⸗ dern ſich zu Fragen bequemt. Ich muß daher als au⸗ genblicklicher Freund erwiedern, daß ich nie von einer Wiederaufnahme wegen eines Teſtamentes gehört habe. Doch, mag dieß auch möglich ſein, bei wem ſollte man denn um eine Wiederaufnahme nachſuchen? Bei dem Fjig von Schweden? Er kann nur diejenigen Urtheile oder Ausſprüche für ungültig erklären, welche in ſeinem Reiche geſchehen find, da ſeine Entſcheidung in dieſen Sachen eine Autorität vorausſetzt, welche ſich nicht über die Grenzen ſeiner Macht erſtreckt. Es ſtreitet aber gegen alle Rechtsgrundſätze, bei dem König unſeres Landes die Wiederaufnahmsfrage über eine Sache an⸗ hängig zu machen, welche ſich in einem italieniſchen Staate zugetragen hat.“ Q.„Nun gut, ich laſſe die Wiederaufnahme fah⸗ ren. Aber ich behaupte, daß das Teſtament nicht gel⸗ Amalia Hillner. 10 138 ten kann, da es nicht, wie das Geſetz vorſchreibt(Ebg. Cap. 18,§. 1), den Erben mitgetheilt wurde.“ „O ja, es wurde. Das Dokument zeigt die eigenhändige Unterſchrift des Vormünders der jungen Barone A. E. Hillner.“ D.„Ich beſtreite die Eigenſchaft dieſes unbekann⸗ ten Mannes als Vormünder meiner Clienten. Seine Unterſchrift iſt alſo nichtig.“ E.„Der Klagende muß dieß beweiſen. Aus wel⸗ Seünden ſoll Hillner nicht ihr Vormund geweſen ſein?“ O.„Er wurde nicht auf die Weiſe, wie das Ebg. Cap. 20 oder andere Beſtimmungen vorſchreiben, dazu erwählt und ernannt. Die Autorität von Nizza konnte nicht die Vormünderkammer für die ſchwediſchen Barone Ekenſparre ſein, und ein Mann, den dieſe als Vormund aufſtellten, kann folglich auch nicht ihr Vormund ſein.“ E.„Es iſt jedoch klar, daß die Behörde von Nizza in dieſer Sache mit der äußerſten Behutſamkeit zu Werke gegangen iſt, und die Rechte der Unmündigen mit der möglichſten Vorſorge zu wahren ſuchte. Denn man ſuchte dazu einen Schweden auf, einen Mann aus ihrem eigenen Volke. Weiter konnte man nicht gehen. Wenn man Nizza das Recht beſtreitet, einen Vormund für dieſe Unmündigen auszuwählen, ſo würde kein Ge⸗ richtshof auf der Welt es thun können, da die jungen Barone als mehrjährige Reiſende keine eigentliche „ Heimath hatten, noch in Schweden irgendwo eingeſchrie⸗ ben waren. Daraus folgt, daß kein ſchwediſches Recht, weder auf dem Lande noch in der Stadt, hierüber ver⸗ fügen konnte, nachdem einmal oihr Vater ſowohl als ihre Mutter geſtorben waren. Ihre Stiefmutter hätte mit einigem Grund(Ebg. Cap. 20,§. 2) Vormünde⸗ rin ſein können, aber als Partei in Betreff des Teſta⸗ ments konnte ſie nicht das Recht jener gegen ſich ſelbſt wahren. Wendet man daher etwas gegen Hillners Be⸗ fugniß ein, ſo folgt daraus nur, daß die Barone nir⸗ 139 gends auf der Welt einen Vormund bekommen, alſo auch auf keine Weiſe das Teſtament anfechten konnten, weßhalb dieſes unläugbar als unantaſtbar gelten muß.“ O.„Dieſe Folgerung beſtreite ich. Denn gerade, weil ſich kein Vormund für ſie finden ließ, ſie ſelbſt als damals noch unmündig zu jeder Rechtshandlung unbefugt waren, ſo war rein unmöglich, die Vorſchrif⸗ ten des Ebg. Cap. 18,§. 1, in Betreff der Mitthei⸗ lung des Teſtamentes an den Erben zu vollziehen. Da dieß aber eine Bedingung für die Gültigkeit jedes Te⸗ ſtamentes iſt, ſo muß, da dieſe Bedingung hier nicht erfüllt werden konnte, dieſes Teſtament auch in die Ka⸗ tegorie derer gerechnet werden, welche gar nicht gültig ſein können, alſo muß es ungültig ſein.“ E.„Angenommen, das Teſtament iſt nichtig, welche Annahme ich jedoch nur unter Vorbehalt einer gericht⸗ lichen Vertheidigung des Gegentheils aufſtelle. Allein nehmen wir dieß einen Augenblick an, was folgt dar⸗ aus? Nichts zum Nachtheil der Wittwe Eugenie Gue⸗ marez; denn womit beweist der Rechtsfreund der jun⸗ gen Barone, daß die Summe, über welche die Wittwe inventiren ließ und welche nach der geſetzlichen Schätzung ſich auf 190,000 Reichsthaler belief, ein Eigenthum des Verſtorbenen und alſo von der Natur war, daß von derſelben als Erbſchaft für ſeine Söhne die Rede ſein könnte?“ O.„Das Dokument, welches der Baron vor ſei⸗ nem Tode aufſetzen ließ, und deſſen Gültigkeit als Te⸗ ſtament ich beſtritten habe, beweist jedoch deutlich, daß der Verſtorbene das Gut, über welches nachher von der Wittwe inventirt wurde, als das ſeinige anſah, da er ſonſt nicht auf den Gedanken hätte kommen können, es in einem Teſtamente wegzugeben.“ E.„Ich bitte um Entſchuldigung. Dieſes Doku⸗ ment beweist eigentlich nichts. Im Gegentheil, der alte Ekenſparre ſagt in ſeinem Teſtamente nicht, daß er von ſeinem Eigenthume ſpreche, ſondern er beginnt 140 mit dem ſehr merkwürdigen Satz:„für den Fall, daß Jemand das Verfügungs⸗ und Eigenthumsrecht meiner Wittwe beſtreiten wollte u. ſ. f.“ Iſt es nicht ſehr leicht denkbar, daß Eugenie Guemarez ſelbſt von ihren El⸗ tern ein Vermögen erbte, vielleicht ein ſehr bedeutendes Vermögen? Es kann ja damals dieſes oder ein ähn⸗ liches Vermögen geweſen ſeyn, über welches ſie nach dem Tode ihres Mannes inventiren ließ, das aber folglich auf keine Weiſe den Baronen Oskar und Mal⸗ colm zukam. Um ſie nun gegen jede Art ungerechter Anforderung von Seiten dieſer zu ſchützen, ſetzte der alte Herr ſeine Schrift auf, wodurch er ſie für den Fall, der eben jetzt eingetreten iſt, von jeder Anſchul⸗ digung befreien wollte.“ O.„In der That jetzt hat ſich mein Gegner in ſeiner eigenen Schlinge gefangen. Vorhin wollte er beweiſen, daß der verſtorbene Ekenſparre ein Teſtament gemacht habe, welches zum Nachtheil ſeiner Söhne gelten ſollte. Jetzt beweist er oder will wenigſtens wahrſcheinlich machen, daß derſelbe Verſtorbene gar kein Vermögen gehabt habe. Es fragt ſich nun, weß⸗ halb er dann ein Teſtament gemacht habe?“ E.„Die Bemerkung, daß er zur Stunde ſeines Todes wahrſcheinlich kein Vermögen gehabt habe, ſoll auch nicht gelten, ſofern das Teſtament anerkannt wird. Wird aber das Teſtament verworfen, dann will ich beweiſen, daß der Mann nichts hatte, ſondern Alles der Frau gehörte. Ich glaube das ſelbſt immer mehr, je tiefer ich über die Sache nachdenke.“ Oskar.„Nein, Elbers, das glaubſt Du nicht, das darfſt Du nicht glauben!“ Der Präſident.„Das Publikum hat hier nichts darein zu ſprechen.“ E.„— Denn ſonſt begreife ich wahrhaftig nicht, wie er ſich des ungewöhnlichen Ausdrckes„für den Fall“ bedienen konnte, und durchaus nicht ſo ſprach, wie dies in einem Teſtamente gewöhnlich der Fall iſt, 14¹ nämlich als wenn Alles ſein gutes, wohlerworbenes und ſchönes Eigenthum wäre. Nein, Alles gehörte ge⸗ wiß Frau Eugenien; es war etwas, das ſie von ihrem reichen Vater geerbt hatte. Denn ich nehme an, daß ihr Vater ein reicher Mann war. Er war Franzoſe, machte viel Reiſen, war in ſeiner Jugend lange im Auslande geweſen, unter anderem auch in Schweden.“ O.„Der Sachwalter muß ſeine Behauptung be⸗ weiſen, daß nämlich das Vermögen, über welches die Wittwe inventiren ließ, nicht die Verlaſſenſchaft ihres verſtorbenen Mannes, ſondern ihr Erbtheil von den eigenen Eltern war.“ E.„Durchaus nicht. Das Beweiſen kommt der anklagenden Parthei zu.“ H.„Nun, was ſoll ich denn beweiſen?“ E.„Daß die Schuldforderung, wegen welcher Frau Eugenie Guemarez vorgeladen wurde, eine wirk⸗ liche Schuldforderung iſt. Zu dem Endzweck muß zu⸗ erſt bewieſen werden, daß das im Inventar verzeich⸗ nete Vermögen das Eigenthum des Verſtorbenen war, und alſo die Hinterlaſſenſchaft an ſeine Söhne bildete.“ O.„Alle Wahrſcheinlichkeit ſpricht dafür, daß das im Inventar verzeichnete Vermögen ein Ekenſparriſches Eigenthum war. Denn wohin ſollte dann all das Geld gekommen ſeyn, welches der alte Baron aus ſei⸗ nen ſchwediſchen Gütern bekam?“ E.„Was frage ich nach Wahrſcheinlichkeit, ich fordere Beweiſe. Sein Geld konnte auf den Reiſen verſchwendet oder zu Bezahlung von Schulden ver⸗ braucht worden ſeyn.“ D.„Da aber ſeine Söhne ein geſetzliches Recht haben, aus der ganzen Verlaſſenſchaft ihres Vaters zuerſt den Erſatz für das der Familie entfremdete Grund⸗ beſitzthum zu bekommen, ſo muß zuerſt Alles genommen werden, was zur Erfüllung dieſer Forderung nöthig iſt, nachher erſt kann die Wittwe Eugenie darauf An⸗ ſpruch machen, das aus der Verlaſſenſchaft zu bekom⸗ 142 men, was ſie möglicher Weiſe als Erbgut von ihren Eltern dazu brachte.“ E.„Dieſes juridiſche Raiſonnement wäre nicht zu beſtreiten, wenn zuerſt nachgewieſen wäre, daß der Baron überhaupt Etwas hinterließ.“ O.„Da Baron Ekenſparre und Eugenie Guemarez vermählt waren, ſo hatten ſie das Vermögen bei Leb⸗ zeiten gemeinſchaftlich, weßhalb, wenn Eines von ihnen ſtarb, die Verlaſſenſchaft als bewegliche Habe auch als ein Vermögen des Todten betrachtet werden mußte.“ E.„Wie aber, wenn ein Vertrag zwiſchen ihnen beſtanden hätte?“ E.„Das iſt etwas Anderes; ſo weiſe dieſen Ver⸗ trag vor.“ E.„Mir als Vertheidiger kommt es nicht zu, zu beweiſen. Ich brauche nicht zu zeigen, daß ein Vertrag da war, ſondern Herr Ortolan ſoll beweiſen, daß kei⸗ ner da war.“ O.„Unmöglich! ein derartiger Beweis über ein negatives Vorhandenſein iſt und bleibt unſtatthaſt.“ Et„Alſo— O.„Bitte um Entſchuldigung. Die Beweisſchul⸗ digkeit des Klägers erſtreckt ſich nicht weiter, als daß er die Pflicht der Wittwe darthue, von der Verlaſſen⸗ ſchaft, die ſie von ihrem verſtorbenen Manne übernahm, Rechenſchaft abzulegen. Es iſt jetzt ihre Sache, ihr Privatvermögen, wenn ſie ein ſolches hatte, durch einen Vertrag zu verwahren, ſofern ein ſolcher vorhanden iſt. Zeige ihn alſo vor.“ E.„Nun gut; aber bedenke, wenn Baron Eken⸗ ſparre und Eugenie Guemarez niemals verheirathet ge⸗ weſen wären? Dann war auch wohl ihr Vermögen nicht gemeinſchaftlich, und ſie brauchte das von ihren eigenen Eltern vererbte Gut nicht durch einen Vertrag davor zu ſchützen, daß es ihr ausgepfändet werde, um die Erſatzanſprüche der jungen Barone zu befriedigen?“ D.„Ob die Herrſchaft verheirathet war? Wer be⸗ zweifelt das? Wenn der eigene Sachwalter der Baro⸗ nin es thut, ſo heftet er einen Mackel an ſeinen eigenen Clienten, was gegen die Prozeßordnung iſt.“ E.„Durchaus nicht. Keinen Flecken, keinen Mackel; ich nehme an, die Herrſchaft reiste zuſammen durch Europa, allein ſie hatten keine Kinder zuſammen, alſo kann auch hier von keinem Mackel die Rede ſeyn.“ Oskar erhob ſich feierlich, aber bleich.„Ich bin überzeugt,“ ſprach er,„daß meine Stiefmutter geſetzlich mit meinem Vater vermählt war. Sie wird dieß ge⸗ wiß ſelbſt zugeſtehen.“ E.„Davon mag das Publikum überzeugt ſeyn. Wenn aber ihr Sachwalter ihr zuflüſtert, daß es zur Rettung ihres Vermögens nothwendig ſey, zu geſtehen, daß ſie unverheirathet mit ihm gelebt habe, ſo dürfte ſie ſich vielleicht nach dem Sinne ihres Sachwalters aus ſprechen; ich ſage nur vielleicht. Ich habe ſchon vorher bemerkt, daß ſie in dieſem Falle durch nichts entehrt wicd. Daß die Dokumente ſie Wittwe nennen, hat nichts zu bedeuten.“ O. So beweiſen Sie denn, Herr Sachwalter, daß zwiſchen ihr und Baron Ekenſparre keine ehliche Verbindung ſtatt fand.“ E.„Ein derartiger Beweis über ein negatives Vorhandenſein iſt und bleibt unſtatthaft.“ D. Alſo E.„Ich bitte um Entſchuldigung. Die Beweis⸗ ſchuldigkeit oder das onus probandi des Vertheidigers kann ſich wenigſtens nicht weiter erſtrecken als das des Klägers, da es eigentlich nur dem letztern zukommt. Vorhin wälzte die Kägerſeite den Beweis von dem Nichtvorhandenſein eines Vertraas von ſich ab und ſagte, daß wir das Daſein deſſelben darthun ſollten. Jetzt müſſen wir, die Vertheidiger, gewiß daſſelbe Recht haben, daß wir nemlich den Beweis von dem Nicht⸗ vorhandenſein der Ehe von uns abwälzen, und es iſt zum allerwenigſten Herr Ortolans Pflicht, ein vollkom⸗ 144 menes Zeugniß von dem poſitiven Theil der Frage, daß Baron Ekenſparre und Eugenie Guemarez ehlich verbunden waren, beizubringen, und dies dürfte ihm ziemlich ſchwer werden, da die Herrſchaft ſich nicht in Schweden verheirathet hat.“ H.„So. JZetzt geſteht alſo doch der Sachwalter, daß ſie ſich ſonſt irgendwo verheirathet haben.“ E.„Meine und jedes andern, z. B. des Publikums Anſicht über die Sache gehört durchaus nicht hieher. Genug, Herr Ortolan muß die Wirklichkeit dieſer Ehe beweiſen, da er ſonſt nichts hat, worauf er ſeine Schuld⸗ forderung ſtützen kann.“ H.„Ich kann das nicht beweiſen; aber anderer⸗ ſeits fordere ich Frau Migneul auf, mit einem Eid zu bekräftigen, daß ſie nicht mit Ekenſparre vermählt war, wenn ſie es vermag.“. E.„Ich gebe nicht zu, daß ein ſolcher Eid hier geiſet werden darf, obſchon es meiner Clientin zum ortheil gereichen würde, wenn ſie es thun dürfte. Allein es ſtreitet gegen die Grundſätze des Geſetzes in dieſem Falle einen Eid zu geſtatten. Auch höre ich Weiber nicht gerne ſchwören.“ O.„Ich appellire an die Entſcheidung des Ge⸗ und bitte um das urtheil in der ganzen Sa E.“ Der Gerichtshof begann ſeine ſechs Häupter zu ſchütteln. Aeltere und gewandtere Juriſten werden aus dem Vorhergehenden leicht ſehen, daß unſere Notare in dem Prozeßgange, ſowie in der Kunſt, das entſchei⸗ dende Recht in einer ſchwierigen Sache herauszufinden, allerdings erſt die Flaumfedern beſaßen. Sie konnten größtentheils nur allgemeine Geſetze citiren, wußten aber wenig von beſonderen Verordnungen, königlichen Ausſchreiben und älteren Urtheilen, die zu Präjudizien dienen konnten. So konnte man auch nicht leugnen, daß ſie ſich hauptſächlich auf den geſunden Menſchen⸗ verſtand ſtützten und fich mehr mit Spitzfindigkeiten helfen wollten, als es gründlichen Männern ziemt. Allein dieſe Art und Weiſe iſt ein Charakterzug an Männern, die eben erſt in dieſe Laufbahn eingetreten ſind. Die Folge davon war indeſſen, daß die ſechs Richter durch die Gründe für und gegen außer Stand gerathen waren, zuſammen eine entſcheidende Antwort zu geben. Sie mußten abſtimmen. Drei verurtheilten die Herrſchaft Migneul und drei ſprachen ſie los. Dem Präſidenten Herrn Engeltofft kam die entſcheidende Stimme zu, aber er entſchuldigte ſich und ſagte:„da ich gefunden habe, daß man in einer wichtigen Sache nur dann den Ausſchlag geben kann, wenn man blos die Gründe auf der einen Seite anhört, ſofern nämlich die andere Seite dieſen Ausſchlag durch ihre Schwäche möglich macht, ich aber als Präſident beide gründlich aufgefaßt habe, ſo ſehe ich mich außer Stands zu ent⸗ ſcheiden. Dagegen mache ich den Vorſchlag, daß Herr Oskar beigezogen werden ſoll, um den Ausſchlag zu geben, denn er hat wahrſcheinlich mehr auf den einen Sprecher gehört als auf den andern, und kann alſo mit ſeiner Stimme eine der beiden Wagſchalen hinab⸗ drücken.“ Die Geſellſchaft lächelte zwar über den unerhörten Vorſchlag, die eine Parthei ſelbſt als Richter einzu⸗ ſetzen, allein Oskar wurde für einen ſo ehrlichen Jungen gehalten, daß man ihn bat, beizutreten und ſeine Mei⸗ nung in dieſem Prozeſſe zu ſagen. Oskar Ekenſparre trat heran.„Meine Herren!“ ſagte er nach einigem Nachſinnen,„ich ſoll alſo die entſcheidende Stimme in meiner eigenen Sache abge⸗ ben. Ich danke dafür, ich danke, daß Sie mich für ſo redlich halten. Ich werde Ihre Wahl durch die Er⸗ klärung rechtfertigen, daß ich— wie alle Menſchen aus Willen und Verſtand beſtehe. Mein Wille gibt den Baronen Oskar und Malcolm Recht, denn ich läugne nicht, daß ich einige Gewogenheit für die armen Jüng⸗ linge habe. Aber mein Verſtand geſteht zu, daß jene 146 Summe wohl ein Vermögen ſeyn konnte, welches meine Stiefmutter von ihren Eltern erbte. Die Herrn ſehen alſo ein, daß ich ſelbſt getheilt bin, meine ganze Ent⸗ ſcheidungsſtimme zerfällt in zwei Hälften, wovon ich leider auf jede Waaſchale Eine legen muß.“ Jetzt ſprang die ganze Geſellſchaft voll Entzücken über eine ſo großartige Gerechtigkeitsliebe empor. El⸗ bers umarmte Oskar und rief aus:„Bruder, Du biſt unpartheiiſch, und das iſt das größte Lob, welches man einer Parthei geben kann.“ Oskar ſeufzte:„Laudatur et alget! ich werde gelobt und muß hungern.“ „Ach Poſſen, mein Junge, komme mit uns nach Chriſtianſtad. Du ſollſt ſehen, ich weiß ſchon noch ei⸗ nen Rath, der den ganzen Schaden heilen ſoll. Du haſt an mir gehört, wie weit man gegen Dich in ekügie gehen kann. Aber in der Wrrklichkeit und wenn ich Dein Sachwalter bin, werden wir die Sache nicht betreiben, wie der ſcharfſinnige Ortolan der Erznarr.“ Wir werden das Teſtament nicht leugnen, die Verzicht⸗ leiſtung des Vormunds nicht leugnen, uns nicht an die Frau Baronin halten, ſondern“— er blinzelte Os⸗ kar bei Seite zu—„wir werden bei Herr Hillner Schadenerſatz ſuchen.“ Oskar flüſterte zurück:„Aber Du ſagteſt mir ja eben vorhin, ich ſollte mich hüten, nur ſo etwas zu erwähnen?“ „Gut, Du ſollſt noch nichts davon erwähnen, noch nichts davon ausbreiten, verſtehſt Du? Du ſollſt nur in Gräſeholm in Gegenwart Deines Stiefvaters und auf eine glimpfliche Weiſe zu verſtehen geben, daß Du die Abſicht habeſt, in allen Zeitungen, nicht nur in den ſchwediſchen, ſondern auch in den ausländiſchen— dem Hamburger Correſpondenten, mein Alterchen!— einen gewiſſen verſchwundenen Herrn Hillner aufzufor⸗ dern, dem Du die Vormundsgebühr ſchuldig ſeiſt, und Du bitteſt dann Deinen Stiefpater um Geld zur Ein⸗ rückung dieſer Aufforderung. Dieß wird ein wirkſames *„ 147 Mittel ſein, ja das kräftigſte, davon ſei überzeugt. Ein milderer Ausweg, den man etwa zuerſt verſuchen dürfte, iſt der, daß man die Frau Baronin zu einer Erklärung zu veranlaſſen ſucht und ihr zu verſtehen gibt, daß man nicht prozeſſiren wolle, daß man aber alle nöthigen Dokumente habe. Wenn keines dieſer Mittel, weder das erſtere masculinum, noch das letz⸗ tere kemininum hilft, ſo wollen wir den öffentlichen Prozeß beginnen, und dabei ſei gewiß, daß wir gewiß keinen ſo ſpitzigen Advokaten gegen uns bekommen, wie Carl Elbers heute war. Indeſſen, wie geſagt, rede zuerſt mit der Baronin. Ich kenne die Weiber.“ „Es wird mir ſo ſchwer, mit meiner Stiefmutter zu raiſonniren.“ „O, das mußt Du lernen.“ „Hm— da fällt mir ein Ausweg ein: ich werde das durch Jemand beſorgen laſſen, den ich kenne. Sie wird mit der Baronin, meiner Mutter, ſprechen.“ Viertes Kapitel. Vas Schlaßzimmer der Baronin Rligneul. Daheim in Gräſeholm hatte man während der Ab⸗ weſenheit des Barons Oskar nicht ſo jugendlich froh gelebt. Es war nicht etwas Schwüles oder Aengſtlich⸗ trockenes, was in dem dortigen Kreiſe herrſchte, aber etwas Gedrücktes, zuweilen Melancholiſches. Es ging gegen den Herbſt. Die Abende begannen dunkel zu werden. Die Unpäßlichkeit der Baronin hielt ſie nicht ſei⸗ ten an das Bett gefeſſelt. Manchmal war auch der Baron im gewöhnlichen Familienkreiſe beim Mittag⸗ und Abendeſſen abweſend; ſeine Geſchäfte mußten ihn ſehr in Anſpruch nehmen. Die Theeſtunde verſäumte — 148 er am wenigſten, und Amalie verrichtete dabei den Dienſt einer Wirthin, da die Baronin ſelbſt nicht konnte oder nicht wollte. Eine Gouvernante kann nur auf eine untergeord⸗ nete Weiſe zur Heiterkeit in einem Hauſe beitragen. Sie iſt des Nutzens halber dort. Es wird ihr höchſtens erlaubt, an der Fröhlichkeit zuweilen Antheil zu neh⸗ men, wenn dieſe ſchon von einer andern Seite her er⸗ weckt worden iſt. Aber ſelbſt den Anſchlag dazu geben — darf ſie das? Es gibt Gouvernantinnen, die einen ſo feſten und entſchiedenen Charakter haben, daß ſie den Grundton in einem Hauſe angeben; durch tauſend witzige und pikante Dinge, durch Erfindungen im Felde der Litera⸗ tur, durch Geburtstagsverſe, Transparenten, Verklei⸗ dungen und andere romantiſche Dinge einen gewiſſen Frohfinn herbei führen, und bisweilen auch zu Aerger⸗ niſſen Veranlaſſung geben, von denen Alle, die Vor⸗ nehmſten wie die Niederſten im Hauſe, Kenntniß be⸗ kommen. Aber Amalie Lenoir gehörte nicht zu dieſer Gattung entſchiedener Frguenzimmer. Sie fühlte ſich ſchüchtern und trat bei Seite, wenn ſie die Perſonen ihrer Umgebung ein wenig wunderlich werden ſah. Sie zeigte immer ein fröhliches Geſicht, wie ſie ihrer Mutter verſprochen hatte, aber ſie hatte nicht den Muth, das große Familiengewölke in Sonnenſchein umzuſchaffen. Eigentliche Wolken ſtiegen zwar in dieſem Hauſe nie auf. Es war auch gerade nie eiwas Unbehagli⸗ ches vorhanden, was man gewöhnlich darunter ver⸗ ſteht; vielmehr ſchwebte ein Geiſt einnehmender Güte, ein Geiſt des Wohlwollens um die Hauptperſonen, und dieſer theilte ſich auf ſeine Weiſe Allen mit. Aber die⸗ ſer Güte hing Etwas an. Dieſe Liebe roch, wenn wir ein Gleichniß gebrauchen dürfen, nach Biſam„anſtatt friſch heranzuwehen wie die reine freie Luft. Amalie ſelbſt begann, beinahe ohne daran zu denken, allmäh⸗ — 149 lig mehr Eſſenz zu gebrauchen, als ſie ſich jemals bei ihrer Mutter vorgeſtellt hätte. Manchmal ſaß Baron Migneul ganze Stunden lang beim Thee, ohne ein Wort zu ſprechen. Aber ſeine Augen ſprachen, ſein ganzes Weſen glich dem des feinſten Dichters. Dennoch ſah man ihn nie ein Gedicht leſen oder hörte ihn einen Vers anführen, der ihm gefallen hätte. Sein größtes Vergnügen ſchien darin zu beſtehen, daß er am Theetiſche ſitzend die kleine Conſtanze neben ſich nahm. Amalie bemerkte mit unbeſchreiblicher Wonne, wie er ſeine kleine Tochter unbemerkt liebkoste.„Dieſer Mann muß nicht ganz ſo ſein, wie ich fürchte, daß Hskar ihn gerne ſehen möchte,“ dachte ſie zärtlich, als ſie die Theeſeihe über Baron Migneuls Taſſe hielt, mit der freundlichen Anmuth einer jungen Sylphe ein⸗ ſchenkte und ihm über den Kopf der kleinen Conſtanze hin den Trank reichte, den er vor Allem liebte. Bei dergleichen Gelegenheiten ſagte der Baron Amalien oft Artigkeiten über ihre kleinen, weichen und weißen Hände, obſchon dieß nur in wenigen Worten geſchah, auf welche bald wieder eine lange Pauſe folgte. Einmal ging er ſo weit, daß er ſagte:„Ich wollte, meine kleine Conſtanze bekäme mit der Zeit ein Haar, wie Mamſell Lenoir. Jeder Menſch hat ſeine Schwach⸗ heit, ſeine Eigenheit, ſeine Unbegreiflichkeit; ich liebe ſchwarze Haare. Ich kann Jemand nicht recht lieben, der keine ſchwarze Haare hat. Die Vorſehung hat mich für meine Eigenheiten geſtraft. Ach— thun Sie jetzt keinen Zucker mehr hinein— nein, nein— um Got⸗ tes Willen— nicht mehrere Stücke!—“ „Ich habe ſie aus Zerſtreutheit hinein gethan— verzeihen Sie.“ „Mademoiſelle Amelie meint es zu gut mit mir, aber das iſt nicht recht. Ich liebe den Thee und ſtar⸗ ken Thee, aber nicht zu viel Zucker.“ „Wenn der Baron befiehlt, ſo ſchicke ich dieſe 150 Taſſe der Frau Baronin; ſie iſt dem Zucker nicht ſo„ gram. „Meine gute Eugenie! wie befindet ſie ſich heute Nachmittag? war die Mamſell vorhin bei ihr?“ „Nach Beendigung unſerer Lektion ſaß ich bei der Baronin drinnen; ſie ſieht vielleicht beſſer aus, „Was aber?“ „Ich möchte der Frau Baronin ſo gerne vorleſen, wenn ich nur wüßte, welches Buch nach ihrem Ge⸗ ſchmack wäre. Das würde ſie zerſtreuen. Gewiß würde ſie gerne franzöſiſch hören, aber meine Ausſprache dürfte vielleicht nicht ganz richtig ſein— ich wage es kaum, dieß zu verſuchen— beſonders jetzt, da ſie krank iſt.“ „Mamſell Amalie berührt einen Gegenſtand, den ich ein wenig näher aufklären muß. Verſuchen Sie es nicht, meiner Frau vorzuleſen.“ „Ich weiß, daß ich nicht gut leſe.“— „Verzeihen Sie, Sie verſtehen mich falſch. Mam⸗ ſell Lenvir's Stimme iſt— glauben Sie mir, daß ich nicht ſchmeichle, ſie iſt ſchön. Sie hat einen Klang, ein helles Metall, das mich an etwas erinnert— doch das iſt es nicht, wovon ich ſpreche. Mein Weib liebt die Natur, Wälder, Felder und See, aber wenn die reizendſte Dryade des Waldes ihr vorleſen wollte, ſo würde es meiner armen, meiner geliebten, unendlich geliebten Eugenie nur wehe thun.“ „Wehe? das verſtehe ich nicht.“ „Eugenie hat denſelben Geſchmack wie ich. Es iſt mir unmöglich, einen Roman leſen zu hören oder ihn ſelbſt zu leſen. Eugenie kann die ſchöne Literatur nicht ertragen. Niemand kann die Urſache errathen, aber ich weiß und billige ſie. Mit mir iſt es ganz daſſelbe, ich ſchätze die Poeſie ungemein, aber ſie hören, das taugt für andere.“ ——** S————— 151 „Ich weiß, die Frau Baronin liebt das Wiſſen⸗ ſchaftliche, das Strenge, das Vernünftige—“ „O fürchten Sie nicht deßhalb—“ 2 „Sollte ich ihr denn nicht etwas aus Buffon, aus Pascal, aus Malesherbe vorleſen können? Oder aus Boſſuet, Maſſillon, Bourdaloue?“. „Nein! Mamſell Lenoir ſoll die Baronin nicht miß⸗ verſtehen, ſo wenig als mich, denn unſer Geſchmack iſt derſelbe. Eugenie Migneul iſt nicht ſo wiſſenſchaftlich, wie ſie vielleicht ſcheint. Seien Sie unbeſorgt, ſie iſt wie ich, ſelbſt ein Roman. Verſtehen Sie mich, man liebt nicht ſich ſelbſt zu leſen.“ Amalie ſah mit einem großen Blick empor, in welchem ſich Unſchuld und Erſtaunen naiv abſpiegelte. Sie wollte etwas dagegen ſagen.„Soll man denn nicht das, was mit uns ſelbſt übereinſtimmt, am lieb⸗ ſten leſen, ſehen und betrachten?“ wollte ſie bemerken, allein ſie wagte nicht ſo unhöflich zu ſein und dieß auszuſprechen. Migneul küßte Conſtanzen noch einmal auf die Stirn und ſtand auf.„Amalie,“ ſagte er und reichte der Gouvernante die Hand,„es gewährt mir eine un⸗ beſchreibliche Freude, Conſtanzen in der Geſellſchaft zu ſehen, welche ſie jeden Tag und den ganzen Tag ge⸗ nießen darf. Mamſell Lenoir— wir ſind jetzt doch ſo bekannt mit einander, daß Sie es nicht übel deuten werden, wenn ich als ein Aelterer und Erfahrener hier ſpreche. Sagen Sie mir, kann es etwas Höheres, Anziehenderes geben, als den ſchönen Himmel der lieb⸗ lichen Erde, welche der Dichter ſchildert? Leſen Sie ſeine Gemälde, leſen Sie ſie mit Conſtanzen. Sie beide ſind noch nicht fertig. Leſen Sie deßhalb darüber. Meine Seele wird zu ſehr erſchüttert, ich leſe keinen Roman. Und das nämliche iſt mit der Baronin der Fall. Sie iſt, glauben Sie mir, Mademoiſelle, ſie iſt das himmliſchſte, reinſte, zärtlichſte, beſte Weſen von der Welt. Sie kann daher nichts in dieſem Genre 152 leſen oder leſen hören. Da ſie ſelbſt Feuer iſt, muß ſie durch etwas Anderes als Feuer erfriſcht werden.“ Amalie ſagte nichts, aber bei den Worten des Barons ging ein gewiſſer Schreck durch ihre Nerven. Es war ihr, als liege Jronie darin und dennoch be⸗ merkte ſie, als ſie aufſah und beinahe mit dem Vor⸗ ſatz aufſah, es mit Abſcheu zu thun, nichts Spaßhaf⸗ tes in ſeinem Geſicht. Die weißen Zähne, die er ſonſt bei jedem Lächeln ſo gerne ein wenig zeigte, ließen ſich nicht ſehen.„Sollte es möglich ſein?“ dachte ſie. „Kann man vor dem fliehen, was man am innigſten liebt? Ein wahres Gemüth thut nicht ſo, nur ein ver⸗ lorenes Herz ſcheut ſich vor ſeinen eigenen Sympathieen. Nein, darauf kann ich nicht eingehen!“— Als der Ba⸗ ron ſich der Thüre näherte, um nach ſeinem Arbeits⸗ zimmer zu gehen, nickte er den Mädchen freundlich zu. „Wißt ihr, wohin ich gehe?“ ſagte er munter,„ich gehe an meine ausländiſche Correſpondenz, die nächſt dem Gutsrechnungsweſen das ärgſte iſt, was ich kenne. Auch thue ich kaum etwas Anderes als das.“ Amalie ſagte mit heller, aber inniger Stimme: „Gehen Sie ein wenig zur Baronin hinein, es wird ſie ſo froh machen. Laſſen Sie heute Abend das ewige Briefſchreiben,“ ſchloß ſie mit einer Miene, wobei ſie ich ſogar ein kleines Lächeln erlaubte. Der Baron ſah dieſe Miene und konnte einem ſo engelgleichen Ausdrucke nicht widerſtehen.„Ich werde meine dummen Briefe liegen laſſen, die mir nur eine Qual ſind. Ich werde dieſen Abend bei der Baronin zubringen, aber geh' mit mir hinein, Conſtanze, gehen Sie mit uns, Amalie! Ach— erlauben Sie, Made⸗ moiſelle Lenoir, darf ich in ſo einſamen und vertrau⸗ lichen Stunden nur„Amalie“ ſagen? recht und ſchlecht?“ Amalie verneigte ſich mit einer Thräne im Auge. „Ich will Ihnen ſagen, warum ich es wünſche, daß Sie mit mir hingehen— oder— Conſtanze ver⸗ ſteht es noch nicht, aber Amalie wird es verſtehen. 153 Obſchon es eigentlich nicht paſſend, nicht recht iſt, es auszuſprechen. Ich wage nicht, rein heraus zu ſagen, was ich denke“— fuhr er beinahe flüſternd fort— „die Baronin“— Amalie legte ſeine Meinung ſo aus— und ſie ſchauderſe bei dieſer Auslegung— als fürchte er eine zu große Zärtlichkeit.„Fürchtet er denn ſich geliebt zu ſehen? Vor was zittert er?“ Sie ging mit Konſtanzen in das Schlafzimmer der Baronin. In dieſem ſchönen Zimmer bedurfte es der Anwe⸗ ſenheit eines Imperialbetts, um an ein Schlafzimmer erinnert zu werden. Eugenie Guemarez lag darauf. Ihr matter und blaſſer Kopf ſtützte ſich gegen ein Kiſ⸗ ſen, und ihre feinen, weißen, magern Hände arbeiteten eifrig, aber anmuthig an einem Netze. Bei Baron Migneuls Eintritt wandte ſie den Kopf etwas zur Seite. In ihrem Auge malte ſich Befriedi⸗ gung und Freude. Die Wange bekam Farbe. Er näherte ſich, ergriff ihre Hand und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben das Bett. Amalie wollte ihr das Vergnügen einer traulichen, einer möglichſt vertraulichen Unter⸗ haltung ſchenken, ſie winkte Konſtanzen und beide ſetz⸗ ten ſich an das entfernteſte Fenſter, wo Bertuchs Bil⸗ derbuch lag. Konſtanze begann darin zu blättern, und Amalie erklärte ihr leiſe die Bilder von den Flamin⸗ gos und den andern wunderboren Vögeln der Süpſee. Sie ſaßen ſo, daß ſie weder den Baron noch die Ba⸗ ronin ſehen noch auch von ihnen geſehen werden konnten. „Dank, Manuel, Dank für Deine Briefe,“ hörte man die Kranke ſagen. „Danke, danke, daß Du ſie nicht erwiederteſt,“ er küßte ihr die Hand. Sie brauchte nicht zu antworten. „Aber warum Briefe ſchreiben, wenn man unter demſelben Dache, in demſelben Hauſe wohnt? willſt Du wirklich es vermeiden, mich zu ſehen?“ „Eugenie!“ Amalia Hillner. 11 154 „Ich möchte mit Dir über ein Land ſprechen, das mir theurer iſt, als dieſes Land, obſchon ich um Deinet⸗ willen mit Dir hier wohne, Manuel.“ „Ueber Frankreich?“. „Gib mir Deine Hand; ich möchte mit Dir über ein Land ſprechen, das mir theurer iſt als Frank⸗ reich.“ „Und das iſt?“ „Ich ſterbe bald; meine Krankheit nimmt nicht ab. Was für ein Gedächtniß werde ich hinter mir laſſen, wenn ich nach einem andern Lande gehe? Wird ſich Je⸗ mand meiner erinnern?“ Bei dieſen Worten verließ Migneul die Stärke, die er mit Mühe beizubehalten geſucht hatte, er fuhr von ſeinem Stuhl auf— aber er ſtürzte am Bette auf die Kniee, er umfaßte die Hand ſeiner Gattin und eine Fluth der heißeſten Thränen ſagte, was die Schul⸗ dige nicht auszuſprechen vermochte. „Ich habe nachgedacht— ich habe nachgedacht— ich habe viel nachgedacht,“ fuhr ſie fort,„und meine Ueberzeugung iſt gewiß, gewiß wie der reinſte Satz in der Logik. Ich bin jetzt ſo ſicher. Es gibt ein Le⸗ ben nach dem Tode, Manuel!“ „Werde ich Dich dort ſehen?“ Er drückte ſeine heiße Stirne gegen ihre von ſei⸗ nen Thränen benetzte Hand. Nach einem tiefen Seuf⸗ zer antwortete er kaum hörbar:„Das wirſt Du, Eu⸗ genie, wenn ich darf.“ Sie erhob ſich zur Hälfte vom Kiſſen und um⸗ ſchloß ſeinen Kopf mit ihren Armen, ſie ſah ſich ſtille um. Die Mädchen am Fenſter waren ſtille geworden, ſie bemerkte ſie nicht, hörte ſie nicht.„Wir ſind allein,“ fuhr„ jetzt fort,„ſie find hinaus gegangen, ſteh' auf, anuel.“ 5 „Eugenie, meine ewig geliebte, meine Gattin, laß mich knieen. W enn ich meinen Kopf über Deine Hand — 15⁵ hinabbeuge, wenn ich die Augen ſchließe, aber meine Stirne gegen Deine Hand preſſen darf— dann höre ich Töne aus einem fremden, fernen Land.“ „Glaube an dieſes Land.“ „Ich glaube— wenn Du mich verſtändeſt— ich habe nie daran gezweifelt. Ich glaube daran, wie ich an Dich glaube, an Dich, deren Mund nie ein fal⸗ ſches Wort ausſprach. O wenn ich der wäre, der ich nicht bin— und dennoch bin ich! Auch das. Eu⸗ enie—“ Als er dies ausrief, erhob ſie ſich noch höher vom Bette und näherte ſich ihm. Ihre Augen ſchimmerten von dem hellſten Glanze.„Was meinſt Du damit? warum riefſt Du ſo?“ ſagte ſie und legte ihre Hand auf ſeinen Scheitel. „Eugenie,“ ſprach er noch einmal, ſtand auf und ſ ſie an,„Eugenie, ſage mir, wie iſt es mög⸗ i— „Daß Du mich lieben kannſt?“ Sie ſah zu Boden.„Alles andere hat ſeinen Grund, Manuel,“ erwiederte ſie und blickte ihn mit einem Lächeln voll unbeſchreiblicher Zärtlichkeit an. „Ich liebe Dich, denn ich liebe Dich. Ich weiß nicht, ob die Neigung einen tieferen Grund haben kann. Vielleicht für andere, aber nicht für mich.“ „Und in einer andern Welt—“ „Wen werde ich dort treffen, Manuel?“ „Und wen ich?“ „Mich,“ flüſterte ſie. Voll der feurigſten, aufrichtigſten Begeiſterung be⸗ deckte er ihre Hände mit tauſend Küſſen. In demſel⸗ ben Augenblick drehte er den Kopf etwas zur Seite und ſein Blick fiel in den großen Spiegel, der an der Wand dem Fenſter gegenüber hing. Amalie, die dort ſaß, hatte ihr Geſicht eben ſo gewendet, daß Migneul es im Spiegel gewahrte.„Ha!“ rief er aus,„merk⸗ 1⁵⁵ würdiges Phantom, ſüße unbegreifliche Aehnlichkeit!“ Außer ſich fuhr er empor und ffürzte aus dem Zimmer. Das Haupt der Baronin fiel bleich und matt wie eine abgeknickte Narziſſe auf das Kiſſen herab.„Wer wird mir das Räthſel meines Lebens löſen?“ flüſterte ſie bei ſich ſelbſt.„Werde ich ihn nie dazu bringen, das auszuſprechen, was er im Sinne hat? Aber er liebt mich! Ich ſterbe zufrieden. Er glaubt an ein ewiges Leben nach dieſem. Ich werde freudig dazu er⸗ wachen.“ Amalie hatte nicht lauſchen wollen. Auch hatte ſie nicht Alles gehört, aber einige von den Worten, die ſie gewechſelt hatten, mußte ſie hören. Sie näherte ſich dem Bette der Baronin, um da zu ſein, wenn etwa Hülfe nöthig wäre. Die Kranke lag mit ge⸗ ſchloſſenen Augen da, athmete jedoch leicht und frei. Ihre Hände waren aber nicht gefaltet. Amalie entfernte ſich ſtill und leiſe. Ihre Augen forſchten überall im Zimmer umher, aber ſie fand nicht, was ſie ſuchte. Und was ſuchte ſie? Daheim bei ihrer Mutter war ſie ſtets daran gewöhnt geweſen, irgend ein Erbauungsbuch, ein Spruchbuch, einen Kempis oder ein neues Teſtament da liegen zu ſehen, für den Fall, daß das arme Herz aus dem Brunnen des Lebens ſchöpfen wollte, oder das Auge ein helleres Licht als Sonne und Tag zu ſehen begehrte. Beſon⸗ ders wenn ihre Mutter krank lag, gehörte es zur füßen Gewohnheit Amaliens, eines der ſchönen heiligen Bücher zur Hand zu nehmen, ſich neben ihre Mutter an das Bett zu ſetzen und ihr vorzuleſen. Sie wollte daſſelbe pei der Baronin thun. Ihrer Anſicht nach war nichts natürlicher als bei dem Herrn des Lebens nach Troſt zu ſuchen. Als ſie nicht fand, was ſie ſuchte, nahm ſie in Ermanglung eines Erbauungsbuchs Konſtanzen bei der Hand und führte ſie an das Bett der Baronin. Eugenie Guemarez ſah empor, ſie ließ den unausſprechlichen 157 Himmel ihres Auges auf ihrem Kinde ruhen. Dann wandte ſie ſich zur Gouvernante und ſagte:„Amalie, ein Wort—“ Amalie beugte ihren Kopf zu ihr herab. „Ich ſterbe noch nicht ſo bald. Aber ich ſterbe. Sagen Sie mir— weiß Konſtanze, was der Tod iſt? Ich frage nur— ich weiß wohl, daß dies kein Gegen⸗ ſtand des Unterrichts iſt— doch— nein— ſagen Sie ihr lieber nichts davon.“ „Konſtanze und ich leſen in der heiligen Schrift.“ „Ich ſpreche von dem phyſiſchen Tode.“ „Der ewige Tod iſt mehr zu betrachten. Ach Frau Baronin wäre doch meine Mutter hier, mit ihr ſollte die Frau Baronin ſprechen, das wäre ſo ſchön. Ich kann nicht ſo ſprechen, wie ich gerne möchte. Meine Mutter könnte es—“ „Amalie iſt gewiß ihrer Mutter ſehr ähnlich und ſpricht wohl auch ſo ſchön wie fie. Nun gleichviel. Ich fühle mich jetzt geſund und glücklich. Sehen Sie ein⸗ mal, Amalie, nehmen Sie meine Hand und fühlen Sie den Puls. Nein! ich glaube, ich bedarf jetzt nichts mehr. Wird unſer Weihnachtsgeſchenk wohl fertig werden?“ „Der rothe Sammt iſt in die Rahmen geſpannt.“ „Fangen Sie die Stickerei an dem Olivenkranz ſelbſt noch nicht an, bis ich hinauf komme. Ich möchte ſelbſt dabei Hand anlegen. Er wird dann eine größere Freude daran haben. Aber— noch ein Wort. Kon⸗ ftanze ſollte auch etwas für ihren Vater nähen. Was für eine Arbeit wollen wir für ſie nehmen?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Amalie mit einem Tone, der von Verſtimmung zeugte und aus einem Herzen kam, das ſich zuſammen zog. Sie hatte auf eine ſo ſchöne Unterhaltung gehofft, ſie hatte ſich auf ein Gemälde des Ewigen, des Himmliſchen gefreut, welches ſie vor der Baronin würde entwerfen dürfen, 158 i e mußte gehorchen und auf Weihnachtsgeſchenke enken 8. „Sie wiſſen nicht?“ wiederholte Frau von Mig⸗ neul.„Aber Konſtanze muß ihrem Vater doch etwas arbeiten; wir werden zuſammen über eine paſſende Arbeit für ſie berathen, etwas, wovon er überzeugt ſein kann, daß ſie es mit eigener Hand gemacht hat. Es iſt nicht ungewöhnlich, daß man Kinder Weihnachts⸗ geſchenke für ihre Eltern arbeiten läßt, an denen die Gouvernante das Meiſte macht, während es doch heißt, es ſei vom Schüler. Ich billige dieſe Weiſe nicht. Auch das Unbedeutendſte, wenn es nur gewiß von der Hand meines Kindes iſt, ſchätze ich weit höher als die ſchönſte Arbeit von der Kunftfertigkeit einer Fremden. Verſprechen Sie mir, daß Konſtanze allein und ohne Beihülfe das Weihnachtsgeſchenk für ihren Vater voll⸗ endet, wenn Mademoiſelle Hand dabei anlegt, ſo wird es gewiß weit beſſer, aber— es kommt dann nicht von ſeiner Tochter und darin liegt denn doch der ganze Werth des Geſchenks. Amalie verſteht mich? Amalie braucht ſich nur an etwas zu erinnern, um zu begreifen, was ich meine. Amalie hat gewiß ihrem eigenen Vater ebenfalls Weihnachtsgeſchenke genäht?“ „Nein— niemals.“ „Nicht?— Wenn ich, wie es den Anſchein hat, eine zarte, mir unbekannte Saite in Ihrem Herzen berührt habe, ſo verzeihen Sie es mir, meine Beſte. Aber Amalie verſteht mich gewiß. Es iſt einem Kinde ſüß und nützlich, für ſeinen Vater zu arbeiten. Es richtet dabei ſeine Gedanken auf ihn und das Bild deſ⸗ ſelben prägt ſich immer treuer und tiefer in ſeine Seele. Gewöhnen Sie Konſtanzen frühzeitig daran, Mademviſelle. Sprechen Sie ihr oft von ihrem Vater, ſie ſoll ihn mehr lieben als mich. Laſſen Sie uns dar⸗ über nachdenken. Was für eine Arbeit glaubt Made⸗ moiſelle Lenoir taugt einer Tochter am Beſten als Weihnachtsgeſchenk für ihren Vater?“ 5 „Ich weiß es nicht— ich weiß es nicht.“ „Setzen Sie ſich neben mich, ſeien Sie nicht ſo —— obſchon ich krank bin, könnte ich vielleicht doch — verbergen Sie Ihre Thränen nicht vor mir— laſ⸗ ſen Sie mich die Stelle einer Mutter vertreten— auch ich beſitze vielleicht ein Wort des Rathes— oder des Troſtes, wenn es etwa— was iſt es?“ „Nichts, meine Frau Baronin.“ „Ich verſtehe. Wir Weiber ſind ſo. Nun, ich will alſo nicht fragen. Aber ich werde Ihnen eine kleine Anekdote von Baron Migneul erzählen, die uns am Beſten darüber belehren kann, was ihm gefällt und was für ein Weihnachtsgeſchenk ſeine Tochter ihm machen muß. Ich ſagte eine Anekdote. Aber verſtehen Sie mich recht, es iſt nicht eine Anekdote, eine Ge⸗ ſchichte, ſondern nur ein Zug, der Manuel charakteriſirt. — Sie begreifen, Amalie, ich ſpreche hier ſo einfach und vertraulich über ihn, weil wir unter uns fſind. Ich ſehe Amalie für ein Mitglied der Familie an.“ Amalie ließ den Kopf immer tiefer gegen die Bruſt herab ſinken. „Aber— attendez— Manuel hört uns doch nicht, ſehen Sie nach der Thüre.“ Amalie ſtand auf, ging nach der Thüre des Schlafzimmers und kam wie⸗ der zurück.„Sie iſt verſchloſſen.“ Sie ſetzte ſich neben die Baronin. Ihre Aufmerkſamkeit war aufs Höchſte geſpannt.„Werde ich irgend ein ſchwarzes Geheimniß hören?“ dachte ſie. Eugenie Guemarez fuhr fort:„Manuel iſt der edelſte Charakter; ich möchte ſagen religiös. Aber ver⸗ ſtehen Sie mich recht, er iſt nicht religiös in dem ge⸗ meinen Sinne des Aberglaubens.“ „Des Aberglaubens, Frau Baronin?“ „Manuel iſt Enthuſiaſt für ſein Vaterland und für menſchliche Liebe. Ich meine Liebe zu den Menſchen, entendez vous? Verzeihen Sie, ich ſpreche undeutlich, mein Schwediſches wird immer ſchlechter, immer ecki⸗ 160 ger, ſchwerer und ſteifer, je mehr ich mich—— meine eigene Mutterſprache kommt mir immer näher, wird mir immer theurer und lebendiger, je mehr ich mich— ich meine— je mehr ich mich dem Leben nähere— entendez vous bien? pardonnez— verzeihen Sie — nicht von mir wollte ich ſprechen, ſondern von Ma⸗ nuel. Manuels Liebe zu ſeinem Vaterlande iſt ſo groß, daß er ſeine Freiheit, ſein Alles, ſein Leben, wenn es nöthig wäre— daran wagte, um wieder dort zu ſein, dort ſterben zu können. Eben ſo groß iſt ſeine Liebe zu den Menſchen, zu den Menſchen, mit welchen er ſich verbunden hat. Dos iſt ſeine Religion, ſein Him⸗ mel, ſein Gott. Das Vaterland hat ihn angezogen, ich weiß nicht, ob das Vaterland für ihn gefährlich iſt, aber ich weiß, daß wenn es ein Abgrund wäre, er ſich hinein ſtürzen würde. Iſt das auch Aberglauben, Amelie?“ „Aberglauben? die Liebe zum Vaterland? nein, Frau Baronin.“ „Nein; aber es iſt eine reine Religion, die der Natur, die der Wahrheit.“ „O meine Frau Baronin— ſprechen Sie nicht ſo—“ „Attendez! Manuel war lange Zeit von ſeinem Vaterland entfernt, gerade wie ich jetzt um ſeinetwillen von dem meinigen entfernt bin. Ach— es handelt ſich nicht von mir, nur von ihm. Wo er iſt, bin ich. Eines Tag's auf unſern Reiſen ſaß Manuel— es war an einem ſchönen Abend— er ſaß in einem Park, es war in Schottland. Er erzählte von ſeinem Vaterland. „Dieſer Park“ ſprach er,„leicht einem Haine, den ich in meinem Lande weiß, es war der letzte— merke wohl, Eugenie,“ fuhr er mit Nachdruck fort—„der letzte, wo ich die Luft des Lebens und der Natur in meinem eigenen Lande genoß, ehe ich von der Küſte deſſelben abſegelte. Ich nenne ihn daher den Hain der Erinnerung. Er ſteht noch in meinen Gedanken wie ein Tempel. Unaufhörlich ſchaue ich ihn in meiner 161 Seele, wie er war, als ich ihn verließ. Ich würde es für einen Raub, für eine Gewaltthat anſehen, wenn eine Menſchenhand ſein Ausſehen verwandelte, erneuerte oder umſchafſte. Dort weinte ich meine letzten Thränen und fuhr dann ab. Dorthin muß ich einmal zurück, ich muß, ich will, ich muß, geſchehe mir, was da wolle. Ich muß in dem Land ſterben, wo jener Hain liegt. Will Eugenie mir folgen?“—„Ich will,“ antwortete ich. Er ſah die Flamme in meinem Auge und küßte mich. Aber er erzählte noch weiter.„Ehe ich damals aus meinem Vaterlande fortreiste, kniete ich in jenem Haine in dem Tempel meiner Thränen nieder. Ich heiße dieſen meinen Abſchied ein Gebet in der Freiſtätte der Natur und der Gefühle. Eugenie! ich hatte in ei⸗ nem der ſchönſten Bäume, vor dem ich ſtand, einige Buchſtaben eingeſchnitten. Nach ihnen zielten die Flam⸗ men meiner Augen, während ich kniete. Dorthin will ich noch einmal ziehen, ich muß dieſen Hain, dieſe Stelle, dieſe Buchſtaben wieder ſehen.“ „Gott, Frau Baronin! Sagen Sie mir, was für ein Landsmann iſt Baron Migneul? wo ſtehen dieſe Buchſtaben?— ſagen Sie mir, welches waren die Buchſtaben?“ „B. S. H.“ Amalie fuhr zurück. „Auch ich erſtaunte und warf bei dieſer Erzählung vielleicht einen argwöhniſchen Blick auf ihn, denn es iſt der Brauch in manchen Ländern, Mademoiſelle, daß man in Bäume Buchſtaben von Namen ritzt, nicht nur Namen von lieben Menſchen, ſondern von geliebten, einzig geliebten, von Menſchen, die auch, wenn ſie geſtorben, die einzig geliebten bleiben. Ich weiß nicht, ob ich verſtändlich ſpreche— ich ſpreche dieſe Sprache ſo ſchlecht— uniquement— comprenez-vous? ſagt man einzig geliebte oder allein oder nur geliebte?“ „Fragen Sie mich nicht.“ „Manuel verſtand gewiß meinen Blick, denn er 162 erklärte ſich ſogleich. Er ſah bei Seite und ſagte— er ſah bei Seite, denn es that ihm wehe, daß er auch nur mit dem geringſten Gedanken mich beleidigt oder ein Gefühl des Schmerzes in mir erweckt haben ſollte — er ſagte, B. S. H. bedeutet: Beati Sunt Homi- nes— Qui in patria moruntur, verſteht man darun⸗ ter. Doch ich ritzte in meinen Baum nur die Anfangs⸗ buchſtaben der drei erſten ein.— Verſteht Amelie dieſe Worte? Entſchuldigen Sie mich, ich meine nichts Be⸗ leidigendes damit. Kann Mademoiſelle lateiniſch, es iſt durchaus nicht von Wichtigkeit, aber antworten Sie mir—“ „So war es alſo ein Traum, und was für ein Traum? es war alſo nichts anderes?“ flüſterte Amalie bei ſich ſelbſt. Und ſie fuhr ſtille fort:„Es iſt klar, es konnte auch nichts anderes ſein, da es ja von ihm war! Was ſollte er mit ihrem Namen zu ſchaffen haben? Doch war es ein ſo ſüßer Gedanke für mich, daß eine theure Hand, eine, die ich nicht kannte, aber ahnte, daran gearbeitet habe! O ein Engel des Au⸗ genblicks, der verſchwand!“ „Die Worte bedeuten, grübeln Sie nicht länger über dieſe ausländiſche Sprache nach, die nicht zu un⸗ ſern Studien gehört, meine Beſte— die Worte be⸗ deuten:„Glücklich ſind die Menſchen...“ Ein tiefer Seufzer bahnte ſich den Weg aus Ama⸗ liens Bruſt.„Es iſt vorbei,“ flüſterte ſie ihrer Seele zu,„jetzt darf ich nicht an mich und meine Hoffnung denken, ſondern an diejenigen, welchen ich zu dienen . Glücklich ſind die Menſchen, ſagt die Frau Ba⸗ ronin?“ darunter verſtehen, denn er hatte nur B. S. H. aus⸗ geſchrieben. Manuel hat Recht, das muß man darun⸗ ter verſtehen.“ Ein matter Seufzer drängte ſich dabei aus der Bruſt der Kranken, aber ſie ermannte ſich bald und fuhr fort:„laſſen Sie uns jetzt uns ſelbſt und „— welche in ihrem Vaterlande ſterben, muß man 163 alle andern Menſchen vergeſſen, Amelie! Wir wollen nur an ihn denken, ſeien Sie überzeugt, er iſt werth, daß man an ihn denkt. Jetzt will ich— ich will, ich wollte auf das Weihnachtsgeſchenk von der kleinen Kon⸗ ſtanze kommen. Manuel liebt ſein Kind, ſein Mäd⸗ chen; er liebt ſeine Tochter unbeſchreiblich, unausſprech⸗ lich. Konſtanze muß ihn wieder lieben lernen und es ihm beweiſen. Würde es nicht gut ſein— oder ſchön, meine ich— wenn ſie zeichnete— malte— nein, ma⸗ len kann ſie wohl noch nicht, aber einen Hain kann fie doch zeichnen? kann ſie das? Einen ſchönen Hain mit einem ſtattlichen Baum darin, einen Tempel der Wahr⸗ heit und Liebe— entendezvous?“ Die Gouvernante nickte, was ſo viel hieß, daß ſie Konſtanzen dieſe Fertigkeit wohl zutraute. „So laſſen Sie Manuels Tochter einen Hain der Erinnerung für ihren Vater zeichnen. Sie ſoll ihn in Tuſch ausführen.“ „Aus der Phantaſie oder aus der Wirklichkeit? Vielleicht hat die Frau Baronin eine Skizze— laſſen Sie mich ſie ſehen— die Frau Baronin hat ſo viele ſchöne Dinge unter ihren Papieren, in ihren Fächern — wie ſah der Hain aus?“ „Von Manuels Hain habe ich keine Zeichnung. Er beſchrieb ihn mir, zeichnete ihn jedoch nicht vor meinen Augen hin.“ „Darf ich—“ „Nehmen Sie den ſchönen Park der Erinnerung aus der Phantaſie, Amalie! Das iſt am Beſten und wird am Schönſten. Ich will nicht, daß ſeine Tochter ihrem Vater ein häßliches Bild gebe.“ „Wenn ich darf, Frau Baronin, ſo nehme ich ihn aus der Wirklichkeit. Aber hat denn Baron Migneul der Frau Baronin niemals dieſe ſeine Naturkapelle ge⸗ zeigt oder geſagt, wo auf Erden ſie ſich befindet?“ „Nein. Ich weiß ſogar nicht einmal, ob ſeine ganze Schilderung etwas Anderes war, als eine ſchöne 16⁴ Phantafie, um mich zu rühren und zu erfreuen und mich zur Reiſe in ſein Vaterland zu bewegen. Um ſeinetwillen that ich ſo gerne Alles. Es brauchte nicht einmal des Motives, das er mir gab. Ich folgte ihm, und würde ihm auch ohne Motiv geſolgt ſein. Daher habe ich auch dieſe ganze Sache vergeſſen, bis ich heute darüber nachdachte, was wohl auch zu einem Weihnachts⸗ geſchenke paſſen könnte. Sein Gemälde war ſchön. Es betraf ja ſein Vaterland und vielleicht auch Freunde, von denen er wußte, daß ſie dort geſtorben waren. Aber ſein Vaterland— ſollte es mich ſo ſehr feſſeln können, daß ich gerade an ſeine Schilderung dachte? Sein Vaterland iſt nicht das meine. Ach— es iſt oder es ſollte doch das meine ſein! Doch, das hat nichts zu ſagen, ich ſterbe ja. Und in einem andern Lande — won Pieu— da gibt es kein getheiltes Vaterland, keines, das zwei liebende Herzen trennt! Wie ſchlecht ſpreche ich, ich kann nicht ſchwediſch— kann nicht Ma⸗ nuels Sprache! In dem neuen Lande, in dem Lande der Ewigkeit werden wir auch eine neue Sprache re⸗ den, die wir beide gleich gut verſtehen— glauben Sie nicht, Mademviſelle? Mit welchen Zungen werden wir da nicht mit einander ſprechen! Manuels Vaterland iſt dort auch das meine, und meine Syprache iſt die ſeine— nicht wahr, Mad——— doch warum ſtammle ich hier in meinem Krankenbett— darf ich es denn wagen, das Unausſprechliche auszuſprechen? Rein. Revenons. Ich wollte von Manuels Hain ſprechen. Ich dachte damals nicht darüber nach, ob er ſich in der Wirklichkeit vorfinde oder nicht, denn ich hatte ihn und mit ihm Alles; einen Hain brauchte ich nicht. B. S. H. waren keine Buchſtaben für mich. Beati— heureux les hommes— aber nicht auf Erden— nein. Neh⸗ men Sie alſo einen Hain zum Original, was Sie für einen wollen, aber ſchön muß er ſein, ſo ſchön, daß Manuel eine Freude hat, wenn er dieſe Zeich⸗ „ 165 nung als Weihnachtsgeſchenk von ſeinem Kinde bekommt, und daß er dabei an die Mutter deſſelben denkt.“ „Dann zeichne ich, wenn die Frau Baronin es er⸗ laubt, das heißt, ich laſſe Konſtanzen einen Hain nach der Wirklichkeit zeichnen, nach einer Skizze aus der Wirklichkeit, die ich ihr geben werde. Denn mein Zei⸗ chenmeiſter hat mir geſagt, daß kein Bild aus der Phan⸗ tafie ſo ſchön gemacht werden könne, wie eines, das man aus der lebendigen Natur nimmt.“ „Thun Sie es, thun Sie es immerhin. Nur muß es ſchön werden. Manuel darf kein häßliches Weihnachtsgeſchenk bekommen.“ „Soll ich B. S. H. auf einen der Bäume ſetzen? Er könnte ſonſt vielleicht den Hain der Erinnerung nicht wieder erkennen, von dem er ſprach und den die Frau Baronin gerne haben möchte?“ „Natürlich müſſen dieſe Buchſtaben dabei ſein. Beati sunt homines— glücklich find die Menſchen— c'est une phrase! Non. Es iſt ein Satz, der auf allen unſern Gemälden ſtehen ſollte, ach— ich werde matt, vielleicht habe ich zu viel geſprochen! wenn ich nur ſchlafen könnte, ich ſchlafe nicht mehr recht. Ich glaube ich. Geht, meine Kinder— ver⸗ zet— Die Gouvernante verneigte ſich vor dem Bette der Kranken. Sie konnte nicht umhin, das zu thun, was ſie jetzt that. Sie nahm nämlich die Hand der Baro⸗ nin und küßte ſie, obſchon dieß ein Kompliment war, das eben nicht für eine Gouvernante paßte. Aber ſo zärtlich, ſo mütterlich und freundlich tönten die Worte: „meine Kinder,“ daß Amalie ſich in dieſen Pluralis mit eingeſchloſſen fühlte. Konſtanze ging hin und küßte ebenfalls die Hand ihrer Mutter. Aber da Amalie ſelbſt ſo bewegt war, ſo glaubte ſie, Konſtanze habe ſich zu kalt verabſchiedet oder vielmehr etwas nachläßig, etwas leichthin und ungezogen, wie dieß bei einem Kinde von neun Jahren der Fall iſt. 166 „Konſtanze,“ ſagte ſie,„küſſe Deiner Mutter noch einmal die Hand; ſie liebt Dich ſo ſehr.“ Das kleine Mädchen that es gehorſam und auch warm. Aber die Baronin erhob ihren Kopf von ihrem Kiſſen und das Nicken des Kopfes, welches jetzt ihren letzten Nachtgruß begleitete und eigentlich an Konſtan⸗ zen hätte gerichtet ſein ſollen, da ſie es war, die in dieſem Augenblick Abſchied nahm— dieſes Nicken und den thränenſchweren, dankbaren und ſüßen Blick der Augen ſchickte ſie dießmal Amalien zu. Die Kinder gingen. Fünftes Kapitel. Oskar Ekenſparre bittet um eine Unterredung an der Gaisblatthecke. In den Tagen, die zunächſt darauf folgten, war Amalie viel allein. Der Baron ſelbſt blieb auf ſeinen Zimmern, und mehrere Mittage und Abende vergingen, ohne daß er ſich zeigte. Gar Vieles von dem, was Amalie an jenem merkwürdigen Tage von der Baronin und ihrem Manne gehört, hatte ſie betroffen gemacht und verwundert. Amalien wurde es ſchwer, den Leu⸗ ten in das Geſicht hinein zu widerſprechen oder ihre Gedanken mit der Beſtimmtheit und Kraft auszudrücken, die nothwendig iſt, um dieſelben ſogleich geltend zu machen. Wenn ſie aber für ſich war, trat Alles, was ſie gehört hatte, in neuer Geſtalt vor ſie, und ſie be⸗ kämpfte dann ſehr ernſt die Sätze, welche ihr falſch und fehlerhaft vorkamen. Sie erlaubte ſich zwar nicht, die Unterrichtszeit auf dieſe Gegenſtände zu verwenden. Sie beſorgte ihrs Religion zuwenden, wenn ſie einige Hoffnung von die⸗ 167 kleine Konſtanze ſehr gewiſſenhaft. Aber oftmals ging fie ſtille, gedankenvoll und einſam in den großen Gar⸗ ten hinab. Dort war es, wo ſie für ſich lebte, wo ſie ihre Gedanken ordnete, ihr Herz reinigte und ihr Ge⸗ müth von dem befreite, was ſie beunruhigt und verletzt atte. Konſtanze durfte vicht immer mit ihr ſpazieren ge⸗ hen, und brauchte es auch nicht. Denn da die Kleine während der Unterrichtszeit mit geiſtanſtrengenden Ar⸗ beiten beſchäftigt war, ſo war es nicht mehr als billig, daß ſie ſich hie und da durch ein friſches, freies Spiel erholen durfte, und warum ſollte ſie das nicht mit Malcolm thun? Wenn Amalie ihre Schritte mäßigte, um an ihre Mutter zu denken, oder die ſtreitenden Elemente zurecht zu legen, die ſich in ihr erhoben hatten, ſo fühlte ſie ihre Bruſt oft ſo ſehr gepreßt, daß ſie dieſelbe durch Seufzer erleichtern mußte. So viel hatte ſie bei der Baronin Migneul in ſich eingenommen. Wie ſchmerz⸗ lich mußte es ihr nicht ſein, einen Punkt zu entdecken, vor dem ſie unwillkürlich zurückbeben mußte, wenn nicht aus Furcht und Schrecken, ſo doch aus Argwohn vor einem heimlichen Gift in einer ſchönen Blume. „Aberglaube?“ wiederholte Amalie leiſe bei ſich ſelbſt, und ſah ſich in den dichten Haſelbüſchen um, ob ſie wohl allein und ſicher ſei.„O meine Mutter, meine geliebte Mutter, ſo drückſt Du Dich nicht aus.“ „Vielleicht thue ich der Baronin Unrecht, denn ich habe noch niemals ein einziges Wort von ihr über ei⸗ gentliche Religion gehört. Es könnte ja möglich ſein, daß ſie keine falſchen Vorſtellungen davon hat, aber— ſchon das, daß ſie nichts ſpricht, hat viel zu bedeuten. Habe ich Unrecht?“ „Heiliger Troſt, himmliſche Lehre! Würde nicht ein ſo krankes, gebrochenes und verlorenes Weib, wie die Baronin, ihr Angeſicht der wärmenden Sonne der 168 ſer Seite her fühlte? Und würde ihr Herz nicht vor Allem ihren Erlöſer ſuchen, wenn ihr Glaube ſie zu 1 der einzigen Quelle der Gnade und Hülfe zurückführte? Aber vielleicht— denn ich habe kein Recht, ſie zu verur⸗ theilen— vielleicht verbietet ihr ein feines Gefühl, ein 1 Wort über das zu ſprechen, was ihr am Meiſten im Sinne liegt. Migneul ſagte, die Menſchen müßten ſo„ 1 ſein, aber ich verſtehe es nicht. Der Mund läuft ja 11 von dem über, weſſen das Herz voll iſt. Dieſe Worte 11 klingen mir wahrer.“ 8„Nein, ich fürchte, ich habe Recht, je mehr ich das 1 zuſammenlege, was ich höre. Aberglauben? Wie weit 4 dehnt wohl die Baronin die Gränzen dieſes Begriffes aus? Vielleicht ſchließt ſie die heiligſten Wahrheiten 1 darin ein. Die Felſen unſeres ewigen Heils, unſere einzige letzte Stütze!— Ich ſollte ſie darüber fragen, mit ihr darüber ſprechen, denn ſo gering ich bin, könnte ich ihr doch Manches ſagen, was meine Mutter mir geſagt hat und ich nie vergeſſen werde. Ein ſchreckli⸗* cher Gedanke erhebt ſich immer furchtbarer gegen mich, ich liebe die Baronin doch ſo innig, aber es iſt, als ob ſich ein Geſpenſt unſichtbar, doch ſchauerlich neben ihr Bild ſtellte, wenn ſie daliegt und ich ſie ſehe, mit ihr ſpreche und ſie lieben will. Ich fürchte, ſie betet die Natur an, und hat keinen andern Gott.“ „Ihr lieblichen Haine um mich her! wie liebe ich, wie liebe nicht auch ich die Natur! Wie freut ſich mein Blick an dem klaren Spiegel einer Quelle, und wenn ich ſehe, wie der kleine See ſeinen blauen Mantel in ſanfte Falten legt, ſo ſchlägt meine Bruſt froher, als je. Und doch bete ich nichts von All' dem an. Eben weil ich dieſe ganze und prachtvolle Natur unter mir, „ 1 unter dem Geiſt und dem Regimente des Ewigen ſehe eben darum kommt ſie mir liebenswürdig vor. In . demſelben Augenblick— vas fühle ich veutlich in mei⸗ ner Seele— in demſelben Moment, wo die Erde den erſien und höchſten Platz in mir einnähme, würden alle ihre Reize erbleichen, Tod und Schrecken würden mich umfangen und jedes Blatt, das jetzt ſo unſchul⸗ dig in den Kronen der Bäume ſäuſelt, würde mir wie die Zunge eines Geiſtes vorkommen, der von Jammer und Vernichtung ſpräche, denn Alles das iſt doch nur Vergänglichkeit und Staub. O wenn meine Baronin mich verſtehen könnte! doch ſollte ich nicht wenigſtens verſuchen, mit ihr zu ſprechen?— Wer hat ſie denn erzogen, wenn ſie nicht Alles das kennt? Sie kommt mir ſo gut, ſo vernünſtig, ſo äußerſt rechtſchaffen vor, und doch wagt ſie es, ihre Angen empor zu heben und ein Wort wie Aberglauben auszuſprechen?“ „Wir müſſen uns allerdings vor Irrglauben in Acht nehmen, das begreiſe ich wohl. Man darf nicht Alles glanben, was zu allen Zeiten behauptet worden iſt; in dieſem Falle geriethen wir leicht in einen Zu⸗ ſtand, der wirklich den Namen Aberglauben verdiente. Aber zwiſchen„Richtsglauben“ und„Allesglauben“ liegt das Wahre, nämlich der Glaube an Etwas, an etwas Gewiſſes, und was iſt das? Nun, Gottes Wort, zu dem wir Chriſten uns bekennen.“ „Aber ich fürchte, Gottes heilige Worte ſind für die Baronin nicht recht vorhanden! Sie dauert mich, ſie iſt die Mutter meines kleinen lieben Konſtanze, und überdieß ein Menſch. Ich liebe ſie ſo ſehr. O mein Gott— ich ſollte mit ihr ſprechen! Aber ich weiß nicht recht, wie ich es angreifen ſoll. Sie iſt gewiß ſehr krank, noch kränker am Geiſte, als am Körper. Sie ſtirbt! Habe ich denn kein Wort für ſie, ehe ſie ſtirbt? Ach, wenn meine Mutter hier wäre, ſie würde. die Baronin Migneul tröſten; ſie würde eine ſchöne, aber verirrte Seele wieder empor richten. Meine Mutter beſitzt das Geheimniß der Betrübniß und des Leidens; mit dieſem weiß ſie den Flor von dem Antlitz der Natur zu ziehen; dann ſieht man, was darunter iſt. Wie lieblich iſt die Erde, wenn ſie in allen unſern Gedanken als diejenige auftritt, welche gehorcht, ſchweigt Amalia Hillner. 12 170 und unten liegt; aber wie verhaßt, wie falſch und ab⸗ ſcheulich, wenn ſie herrſcht, die erſte Stimme in unſe⸗ rem Gemüthe hat und das Dach unſeres Lebens bildet! Das könnte meine Mutter der Baronin ſo gut ſagen, und ſie würde einer Betrübten glauben. Mir, ſürchte ich, glaubt ſie nickt; ſie wird mir meine Jugend und Unwiſſenheit vorwerfen. Ich möchte aber doch ſo gerne verſuchen, was ein Chriſt verſuchen ſoll. Ich bin ſchwach, ſchwächer, als verzeihlich iſt. „Der Baron ſelbſt!— Amalie zog ſich bei den Gedanken, die jetzt in ihr erwachten, noch tiefer in den Wald hinein und fühlte ſich beinahe erſchrocken, wenn ſie über ihn nachſann:„Welch' ein räthſelhaftes We⸗ ſen! etwas Unerklärliches zieht mich zu ihm hin, und wenn er ſpricht, legt ſich doch eine feine Kälte um mich. Ich weiß nicht, wie viel ich geben wollte, wenn ich nicht unvortheilhaſt von ihm denken dürfte. Aber wenn ich ſehe, wie unendlich, wie gränzenlos die Ba⸗ ronin ihn liebt, ſo muß ich fürchten, ſeine Geſinnung leite die ihrige, wenigſtens beſäße er mehr als Jemand die Macht, ſie zu verwandeln, wenn er es ſelbſt wollte oder könnte. Großer Gott, was ſoll ich von ihm den⸗ ken? Daß er nicht recht glücklich iſt— oder vielmehr gerade heraus, daß er unglücklich iſt— das glaube ich deutlich zu ſehen. Aber ich ſchlage das am wenigſten an. Was will es heißen, auf Erden unglücklich ſein? es iſt ſchlimm, aber es iſt nur wenig. Schlimm iſt es— ach, mein Mund kann nicht ausſprechen, was ich denke. In dieſem Manne ſind zwei Perſonen. Ich fürchte, auch er betet nur die Natur anz; ich fürchte noch mehr, er betet nicht einmal dieſe an. „Aber, mein Gott, was gibt mir da Recht, ſo von ihm zu denken? Ich habe nichts, auf das ich mich ſtü⸗ tzen könnte, keine Handlungen, kaum ein Paar Worte, und doch denke ich ſo von ihm. Gott! wenn ich Un⸗ recht thäte, wie froh würde ich ſein! Ich begreife nicht, warum ich ihn ſo bedaure, warum er mich ſo 171 an ſich zieht, doch er iſt der Vater meiner kleinen Kon⸗ ſtanze, er muß mich intereſſiren. Auch um der Reli⸗ gion willen. Aber mit ihm über dieſe Sache zu ſpre⸗ chen, das iſt mir unmöglich, er iſt ſo hoch, ſo vornehm. Bei dem geringſten Gedanken, ihm meine innerſte Hoffnung, meinen Glauben darzulegen, ſchrecke ich zu⸗ rück, wie vor einem— er kommt mir vor, wie eine polirte, eiskalte Wand von dem feinſten, kälteſten, ele⸗ ganteſten Stahle.“ Amalie wanderte mit geſenktem Kopfe weiter, eine bittere Thräne fiel aus ihrem Auge auf das Gras und ſie ging lange tief in ſich ſelbſt verſunken. Endlich ſetzte fie ſich auf eine Raſenbank, nahm den letzten Brief ihrer Mutter heraus und begann hn zum dritten⸗ oder vielleicht viertenmal wieder zu eſen. Hier aber müſſen wir eine kleine Abſchweifung machen. Dieſer letzte Brief war nicht der, den wir oben mitgetheilt haben, ſondern ein anderer, von dem wir noch nicht ſprachen, und der die Antwort auf Amaliens letzten enthielt, welchen wir ſchon früher mitgetheilt haben. Mancherlei Urſachen und vor Allem die Freude, die wir daran haben, könnten uns jetzt veranlaſſen, dieſen Brief von Frau Hillner unverkürzt einzurücken, denn die Wärme, welche ſich in den Ergießungen einer wahrhaft religiö⸗ ſen Seele ausſpricht, hat ſogar in den geringſten Klei⸗ nigkeiten etwas Belebendes, Belehrendes, Anziehendes und Erhebendes. Doch beſchränken wir uns nur auf einige Auszüge, da der Gang der Begebenheiten nicht gehemmt oder verzögert werden darf. Nachdem ſie ihrer Tochter für den Brief gedankt, und dies in den herzlichſten, man möchte ſagen: kind⸗ lichſten Worten gethan hat, die jedoch, wenn man ge⸗ recht ſein will, nur einen„abandon“ beweiſen, worein die beim Gedanken an ihre Tochter glückliche Mutter verfiel— geht ſie zu Schilderungen über, die durch den höchſt ungleichen Styl und die verſchiedene Schreib⸗ ———* weiſe, in der ſie ſich auf dem Papiere darſtellen, auf einen großen, inneren Kampf bei der Schreiberin ſchließen laſſen, einen Kampf, den ſie, wie es ſchien, vor ihrer Tochter verbergen wollte, was ihr aber nicht recht geglückt war. Oft und viel dankt ſie Amalien dafür, daß ſie nach Frau Hillners Wunſch die Lage der Dinge in dem Hauſe, in welchem ſie lebt, ſchilderte* und beſonders ein Gemälde von den Hauptperſonen, der Baronin und dem Barone gab. Sie ſagt, ſie höre mit großem Vergnügen, daß ein ſo gutes Einverneh⸗ men zwiſchen dem Gatten herrſche, da nichts einen beſſeren Einfluß auf die Kinder habe. Sie wünſcht der Baronin Glück zu der Liebe, welche der Baron ihr nach Amaliens Bexichte ſchenkt; aber Frau Hillner äuſ⸗ ſert ſich dabei auf eine ſo wunderbare Weiſe, als ob ſie nur mit dem höchſten Schmerz, mit dem tiefſten Gram und Abſcheu von dieſem Glücke ſprechen hörte, welches ſie jedoch in jedem Worte rühmt. Ihr Brief mußte durch dieſen Doppelſinn Amalien ſehr ſonderbar„ 1 erſcheinen, aber wir, die wir von all' dieſen Dingen etwas mehr ahnen, wiſſen oder wenigſtens zu wiſſen glauben, als Amalie, wir können uns über Frau Hill⸗ ners Brief nicht ſo ſehr wundern. Amalie ſann viel darüber nach, und beſonders las ſie folgende Stelle wohl hundertmal durch: „Meine beſte Amalie, ich habe mir Etwas gegen Dich vorzuwerfen. Ich habe Dir, als Du abreisteſt, um Dein Amt anzutreten, etwas verhehlt. Du wirſt Dich erinnern, daß Du Dich ſchon in Deinem erſten Brief von Gräſeholm, darüber wunderſt, daß die Ba⸗ ronin Dich Mademviſelle Lenoir nannte. Ich ſelbſt bin es, o mein Kind, welche wünſchte, daß Dein wahrer Name in dem Hauſe verborgen bliebe, wohin Du kä⸗ meſt, und wohin ich— um noch aufrichtiger zu ſein— wünſchte, daß Du kämeſt. Dein Engagement wurde 1 an einem, für die Baronin Migneul ſo fernen Orte und durch eine Perſon in's Reine gebracht, welche meine intime Freundin iſt und mir in einer Kleinigkeit dienen wollte, die aber, v Amalie, für mich von großer Wichtigkeit iſt— ſo daß mein Wunſch gelang, oone daß etwas Schlimmes daraus erfolgte. Kannſt Du Deiner Mutter verzeihen? Ich hatte nicht das Herz oder den Muth, Dir, als Du abreisteſt, das mitzuthei⸗ len, was ich wollte, obſchon die Klugheit es mir viel⸗ leicht befahl. Auch als Du ſchriebſt und mich darüber befragteſt, hatte ich nicht das Herz, Dir offen zu ſa⸗ gen, was ich gethan, und noch weniger die Urſache zu einem Schritte zu erklären, der Dich verwundern mußte. Noch in dieſer Stunde kann und will ich Dir dieſe Urſache nicht ſagen. Aber ich bitte Dich, entdecke Deiner Mutter zuliebe Deinen Namen in Gräſeholm nicht; um Gottes Willen thu es nicht! In demſelben Augenblick, wo dies geſchähe, müßteſt Du es verlaſſen. Doch das iſt es nicht, warum ich es wünſche, denn ein Mädchen, wie Du, würde wohl ohne Schwierigkeiten einen neuen Platz als Gouvernante erhalten können; aber, mein Kind— achl frage mich nicht, warum?— ich will, daß Du an dieſem Orte bleibeſt, unerkannt Alles beobachteſt, und hie und da Deiner Mutter mit ein Paar Worten darüber berichteſt. Um Alles in der Welt, Amalie, denke darum nicht ſchlecht von Deiner armen Mutter, es iſt nicht Neugierde, nicht eine nie⸗ drige Begierde, die mich dazu treibt. O meine Ama⸗ lie, wenn Du wüßteſt! Aber Du kannſt mich nicht verſtehen, und ich darf Dir nicht ſagen, was Dich darüber aufklären könnte. Aber gehorche mir dennoch, ſei ein guter Geiſt in Gräſeholm— es dürfte noth⸗ wendig ſein. So viel kann ich Dir ſagen, daß die Perſonen, zu denen Du reisteſt, mir nicht ganz unbe⸗ kannt waren. Allein ich darf jetzt nicht enthüllen, wo⸗ her ich das wußte. Sei ihnen ein Engel—— doch was verlange ich hier von meinem Kinde, Du kannſt kein Engel des Lebens, kein himmliſcher Engel ſeinz aber verſuche ſo gut als möglich das zu ſein, was dort, 174 wo Du Dich befindeſt, nothwendig ſein dürfte. Wie ſehr Deine Briefe mich intereſſirt haben, magſt Du daraus abnehmen, daß ſie mich krank machten⸗ Amalie, und dennoch ſehne ich mich, noch mehr von Dir zu hö⸗ ren. Lange dauerte meine Krankheit nicht. Ich bin ſchon wieder geſund. Du weißt, woher Troſt un? Hülfe kommt. Sollte der Kummer Dein Loos ſein, wie er das Deiner Mutter war, ſo erinnere Dich ihres Beiſpiels: ſie war nicht ſo viele Tage krank. Der Arzt hat ihr geholfen und er wird auch Dir helfen, wenn Du ihn nicht vergiſſeſt!— Jetzt, Amalie, ein Wort! ein Wort, Amatie! Wenn Du ſiehſt, daß das Verhältniß zwiſchen Deiner Herrſchaft auch noch ſo glücklich iſt— ich meine, gut iſt— nein, ich meine nicht gut, denn das iſt— ewiger Gott!— verzeih' mir, mein Kind, und ſtreiche ſelbſt dieſe unbegreiflichen Zeilen aus. Ach, Amalie, ein Wort! Was Du auch don Deinem— Herrn hörſt— was Du auch ſiehſt, was man auch von ihm ſprechen mag, ſo liebe— diene ihm! Glaube nichts Schlechtes von ihm. Haſt Du wirklich bemerkt, daß er trübe Stunden hat? Er hat ſie, Amalie—— wie alle Menſchen— Gib Dir Mühe, Dich ihm dann zu nähern, auch eine Gouver⸗ nante darf ein ſchönes Wort ſagen. Sie hat kein Recht dazu? Nun ja doch, in dieſem Fall, Amalie, darfſt Du Deine Gränze überſchreiten. Siehſt Du ihn einſam, oder bemerkſt Du, daß er Knmmer hat— vielleicht hat er ein wenig— ich hoffe es— i ver⸗ muthe es, denn Niemand iſt ganz ohne welchen— dann tröſte ihn. Mir ſagt Etwas, daß es Dir beſſer gelingen wird, als ſelbſt der Baronin. Auch ſie, Ama⸗ lie, iſt ſie recht glücklich, ſo laß ſie es ſein. Iſt ſie es aber nicht, ſo— möge Gott jede ſündige Freude in meiner Bruſt erſticken— Amalie, wenn Du kannſt, ſo ſei auch ihr Engel. Ich würde es thun wollen. iſt nicht unmöglich, daß ſie deſſen bedarf. Nacht brei⸗ tet ihre Schwingen gleich über uns Alle aus, und 1 N 175⁵ während wir im Finſtern gehen, ſo laßt uns einander lieben und helfen. Erleuchten können wir einander nicht ſehr, bis er aufſteht, der unſer Aller Sonne iſt, und die Racht vor ſeinem Scheine verſchwinden macht. Amalie ſchreibe mir bald—“ Jetzt folgt et as Anderes, und mit der eigenthüm⸗ lichen Leichtigeit, womit die Frauen unglei Lartige Stoffe zu verbinden und von einem zum andern überzugehen verſt hen, ſchloß auch dießmal Frau Hillner ihren Brief nicht, ohne ihrer gelſebten Tochter Ermahnungen und Rathſchläge in allen Dingen zu geben, die von dem Obigen ſo ſehr verſchieden wa en, daß man kaum hätte glauben können, ſie ſci im Stinde, zu gleicher Zeit daran zu denken over darüber zu ſcreiben. Sie ſetzte ſie von einer ganz neuen Art Stickerei in Kenntniß, die Stickrei auf Plüſch, auf dem ſich namemlich Nvos⸗ roſen ſehr gut aus ähmen, da das Geſtickte ſehr weit hervor ſtunde, und die Blume, weſche man wiederge⸗ ben wollte, ſhr lebendig darſtellte. Frau Hillner ſchickte eine Probe mit. Tuch unterließ ſie richt, ihrer Tochter Erinnerungen über die Rechtſchreibekunſt zu geben. Dieſer Brief war es jetzt, den Amalie zum dritten oder vierten Mal durchging, als ſie in ihrer ein am⸗ keit in der ſtillen Schönhet des Waldes ſaß. Wie ſie auch las und las die Räthſel blieben ſtets Räthſel für ſie. Aber das ſah ſie gleichwohl deutlich ein, daß ihre Mutter ſie zur Lebe gegen die ermahnte, weſche ſie bereits liebte, nemlich zur Liebe gegen den Baro! und die Baronin. Auch die War ung von Baro Migneul: nur Gutes zu denken, war ſehr klar— und eden dieß kam ihr jetzt ſo ſchwer vor, und hatte ſie deßhald ver⸗ anlaßt, den Brief aufs Neue heraus zu nehmen und zu leſen.„Das will ich ja ſelbſt,“ wiederholte ſie bei ſich,„aber, liebe Mutter, wen! Du hier wärſt, würde ich Dich fragen, wie ich das immer köunte? Ich habe eine Antipathie gegen ihn, die ich aus Manchem er⸗ 176 klären zu können glaube, aber zugleich fühle ich auch eine wunderbare unerklärlich che Sompathie, wofür ich keinen Grund finden kann, die aber doch ſo tief in mich 3 eingewurzelt iſt, daß der Gedanke, jener Widerwille möhte ſie überwältigen, mein ganzes Weſen erbeben macht.“* Unter dieſen innern Kämpfen zwiſchen Wille und Verſtand— zwiſchen einer geheimnißvollen Neigung ſür, die ſie zur Liebe mahnte und ohne Grund ja ſagte, und einem Urtheil dagegen, welches nein ſprach und die Gründe dafür darlegte— ſchwankte das arme wengnſ Mädchen hin und her. Doch bald faßte ſie ihren Entſchluß.„Ich werde der Er⸗ mahnung meiner Mutter folgen. Mag ich immerhin keinen Grund dafür haben, ich werde den Vater mei⸗ ner Conſtanze lieben ünd für ihn arbeiten. Ach wenn mir doch Gott eine Gelegenheit geben wollte, in ein näheres wärmeres Verhättniß mit ihm zu treten— ſo daß es ſich für mich paßte, mit einem Manne, wie er . iſt, von dem einzigen wahren Troſt in unſerer Racht zu ſechth. Von hier aus gingen ihre Grdanten, mag man es auch kleinlich nennen, doch ganz natürlich auf die Weih⸗ nachtsgeſchenke von Baron Migneul über, welche ſie. für Mutter und Tochter beſorgen ſollte. Eifrig dachte ſie über den Olivenzweig nach. Amalie war bloßen Kopfes in den Burterſang en, wie dieß oft geſchah und als ſie jetzt im S 3 e ihren Kopf nachſinnend vor⸗ wärts beugte, fielen einige Sonnenſtrahlen zwiſchen„ der Laube durch auf ihr glänzendes ſchwarzes Haar. Und je ehr, je inniger ſie darüber nachdachte, wie ſchön und zierlich ſie das Weihnachtsgeſchenk füt die nin machen wollte, damit der Baron durch dieſe leine Erinnerung ſeine Gattin noch wärmer lieben öchte, deſto ſchöner und lieblicher ſchienen ſich die Sonnenſtrahlen mit dem Haar der kleinen Gouver⸗ nante zu 05 n Sie bildeten zwar keine Glorie, †. —— 177 wie um den Kopf eines Engels, denn Amalie war das nicht. Aber— doch wir wollen nichts mehr davon ſprechen— ſie ſtand auf, da ſie jetzt mit ſich einig ge⸗ worden war, wie ſie ibre Stickerei von Olivenblättern auf den prächtigen Lyoner Purpurſammt anbringen wollte. Da ſie einmal in die Weihnachtsgeſchenke hineingekommen war, ſo beſchloß ſie jetzt gleich in den Theil des Gartens zu gehen, der am wenigſten gebahnt und beſucht war, und wovon ſie ihrer Mutter in dem erſten Briefe geſchrieben hatte, als ſie die Anfangs⸗ buchſtaben derſelben in einem hohen majeſtätiſchen Ahornbaum zu erblicken glaubte. Amalie zweifelte nicht, daß dieſe Stelle ſelbſt der Hain die Erinnerung ſei, wovon die Baronin mit ihr als von einer bloßen Phantaſie des Barons geſprochen hatte. Mehr wollte es ſie wundern, daß die Baronin dieſen Ort ſelbſt nie geſeben haben ſollte, aber ſie ging auch ſelten allein im Garten ſpazieren, beſuchte nur die nächſten Fuß⸗ pfade, und machte keine weitern Ausflüge außer in Geſellſchaft einiger Mitglieder der Familie, die wahr⸗ ſcheinlich dieſen ſo verwilderten Ort nicht kannten oder — Amalie, dachte dabei an den Baron— denſelben vermieden. Amalie nahm ihr Papier und ihr Bleiſtift heraus, um jetzt nach der Natur eine Skizze von der Zeichnung zu entwerſen, welche Conſtanze nachher unter der Lei⸗ tung ihrer Gonvernante ausführen und als Weihnachts⸗ geſchenk für ihren Vater vollenden ſollte. „Mit was für ganz anderen Gedanken betrachtete ich nicht dieſen Park, dieſen Baum und die Buchſtaben jenes erſte Mal.“ ſagte ſie leiſe wie zu ihrem Blei⸗ ſtifte hin.„Dieſes B. S. H. geht alſo nicht meine Mutter an? Es bedeutet nur ein kaltes und gleichgül⸗ tiges: Glücklich ſind die Menſchen. Möchte ſich doch das auf den Baron und ſeine Gemahlin anwenden laſſen. Conſtanze ſoll dieſes Bild ſo ſchön als möglich machen. Aber ſie kann nicht Fraktur ſchreiben die 178 Buchſtaben B. S. H. muß ich ſelbſt auf den Baum⸗ ſtamm ſetzen. Möchten ſie zu Baron Migneul ſprechen und ihm die Ruhe geben, deren er bedarf! Mein Gott, ſollte ich nicht unten auf das Papier meine eigenen Anfangsbuckſtaben ſetzen? Ich heiße Amalie, Cäctlie Hillner. Das würde ein A. C. H.! geben, könnte mein Gefühl, meine Hoffnungen, die verſchwun⸗ den, und meine Wünſche tür ihn, die noch leben, aus⸗ drücken. Doch— ich muß das wohl ſein laſſen. Die⸗ ſes Weihnachtsgeſchenk, dieſe ganze Vrbeit ſoll nur vo ſeinem Kinde ſein, er ſoll nur Conſtanzens Züge da⸗ rin finden, er ſoll nur das Werk ſeiner Tochter ſchen, und um ihretwillen an ihre Mutter denken und ſie lieben. So woüte es die Baronin und es ſoll geſche⸗ hen.“ Sie begann jetzt zu zeichnen und machtk ihre Stize mit raſcher, obſchon bisweilen zitternder Hand. „Dieſer Hain der Erinnerung kann keine beſtimmte Erinnerung an die Baronin in ihm hervorrufen,“ fuhr ſie nach einigen Minuten fort mit ihrem Papiere zu ſprechen,“ denn wenn dies der Ort iſt, wie ich aus der eignen Erzählung der Baronin vermuthe, wo der Baron vor ſeincr Reiſe aus dem Vaterland zunt letzten Mal war, ſo hatte er ſie damals noch nicht gekannt. Aber er ſprach doch in einer warmen Stunde mit ihr von dieſem Haine, und ſo kan es ihn auch an ſie noch erinnern. Und noch mhr, da das Geſchenk von Konſtanze kommt, er aber leicht begreifen wird, daß ſie dieſen Gegenſtand nict aus eigenem Antricb zu einem Bilde wählen konnte, ſo wird er auch dadurch an die Baronin erinnert. Ja, es ſoll ein Gedächtniß⸗ zeichen an ſeine Gartin ſein!“ Amalie konnte ihre Arbeit nicht vollenden, ohne daß ſich ein tiefer unwillkubrlicher Scufzer aus ihrer Bruſt ſtahl. Sie ſollt ja einen Ot verſaſſen, wo ihr erſtes Begegnen den ſüßeſten Traum, deſſen ihr Herz ſich erinnerte, hervorgerufen hatte. Sie ſtand ſtille mit geſenkter Stirne da, und ihre Augen fielen auf die 179 Wurzeln des Ahorns, wo ſie ſelbſt einmal ſo innig gekniet, den Fuß des Baumes mit Entzücken umarmt und in ihren Gedanken ſich mit ausſchweifender Freude die Seligkeit gemalt hatte, auch einen Vater zu be⸗ ſitzen.„Nein:“ rief ſie,„das ſoll mir keine Macht auf Erden verbieten, das wird man mir verzeihen! Ich zeichne hier auf das Bild ein knieendes Mädchen, ich zeichne mich in meiner freheſten Stunde. Meine Hoff⸗ nung ſchwand, doch war ſie unſchuldig. Er mag den⸗ ken, Conſtanze knice hier und bete in dieſer Stellung nit dem Geſicht gegen den Boden und die Hände ge⸗ faltet. So, da iſt es. Niemand weiß, daß ich es bin, aber ich weiß es, und das iſt ja Niemand. Es wird dann mit Tuſch lavirt, und ſo bekommt die Knirende ein ſchwarzes Haar wie ich. Wenn aber der Baron ſein Weihnachtsgeſchenk betrachtet und ſeine Conſtanze zu ſehen glaubt, ſo wird ihn die dunkle Farbe des Haares nicht verwundern, denn er wird denken es iſt Conſtanzens Kopf, nur tuſchirt.“ Sie nickte dem Park der Erinnerung zu und wandte ſich heimwärts nach dem Schloſſe. Als ſie durch die Baumallee gekommen war und bereits die eine Seite des Hauptgebäudes erblickte, ſah ſie eine Perſon mit lebhaften Bewegungen durch die Gartenthüre eintreten, ſtehen bleiben und ſich umſehen. „Oskar iſt zurückgekommen,“ rief Amalie, faltete die Stizze zuſammen und wickelte das Papier in ihr Sacktuch. Ihre Augen erhielten einen höheren Glanz. Es mag zu verzeihen ſein, wenn man eine Perſon gerne zurückkehren ſieht, welche dem ganzen Famtlien⸗ kreis eine gewiſſe Jugendlichkeit veleiht. Baron Ekenſparre ſuchte offenbar Jemand, als er in den Garten trat. Wie er Mademoiſelle Lenvir bei den Narzißrabatten bemerkte, wandte er ſeinen Schritt dorthin. Wir, die wir uns ſeiner letzten Beſprechung mit Elbers erinnern, wo er von dieſem den wohlbe⸗ dachten Rath erhielt, eine ſchlaue Beſprechung mit ſei⸗ 180 ner Stiefmutter über Familien⸗ und Erbſchaftsverhält⸗ niſſe einzufädeln, wir, die wir wiſſen, daß Herr Oskar anſtatt in eigner Perſon ſeiner Mutter Fragen vorzu⸗ legen oder Erläuterungen zu begehren, die ſie, wie er vermuthete, nicht gerne würde geben wollen, beſchloſſen hatte, den Verſuch zu machen und die Gouvernante auf ſie los zu laſſen,— wir können einigermaßen ahnen, in welcher Abſicht er Mamſell Lenvir aufſuchte. Viel⸗ leicht wußte er ſelbſt noch nicht, was er durch ſie ſei⸗ ner Mutter ſagen laſſen wollte oder wie ſie im Stande ſein würde, eine ſo kitzliche Geſandtſchaft auszuführen. Aber er war mehrmals Zeuge von dem Takte dieſes Mädchens geweſen, er kannte das tiefe und innige Vertrauen, welches die Gouvernante bei der Baronin Migneul genoß, und es ſchwebte ihm vor, als könne ſie leichter und beſſer als irgend Jemand in einer auf⸗ richtigen Stunde, die wohl hie und da bei Frauenzim⸗ mern eintritt, Erklärungen über ökonomiſche und ältere finanzielle Begebenheiten erhalten, die mit andern Ge⸗ ſchichten im Zuſammenhange ſtünden. Man muß Ba⸗ ron Oskar die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß er durchaus nicht im Sinne hatte, Mamſell Lenoir zu einem ſchlauen oder gar böswilligen Spioniren zu ge⸗ brauchen. Er hatte ſelbſt einen zu veinen Sinn, um an ſo etwas nur zu denken, aber er wuhte auch, und⸗ das durch eine lange und betrübende Erfahrung, daß er mit ſeiner Stiefmutter auf keinen recht vertraulichen Fuß kommen konnte. Begann ſie ein Geſpräch, das eine intimere Richtung annahm, ſo erhob ſich in ihm ſtets etwas, was die Aufrichtigkeit vernichtete, und machte er ſelbſt eine ſolche Avance gegen ſie, ſo war es mehr als einmal geſchehen, daß ſie kalt abgebrochen hatte. Da dieß einmal ſo war, ſo wollte er ſich keiner Unannehmlichkeit ausſetzen. Vom erſten Augenblicke an hatte Herr Oskar ſich eine eigene Vorſtellung von Mademoiſelle gemacht, eine Vorſtellung, die nicht übergangen zu werden verdient. Er bemerkte, daß fie “ * 3— Scee„— „ — * 181 ohne das Geringſte zu thun, um Einfluß zu gewinnen, doch einen merkwürdigen Aſcendant über Alle im Hauſe ausübte; er ſah, mit welcher Freiheit, mit welcher wahren Vertraulichkeit ſie mit der Baronin ſprach— dieſer ſpitzigen, oft ſo ſtolzen Frau, welche alle andern im Hauſe erzittern machte. Er bewunderte auch ihre Geſchicklichkeit als Lehrerin. Oskar hatte von Jugend auf eine große Veneration für die Frauenzimmer ein⸗ geſogen; es fiel ihm daher nie ein, daß eine Gouver⸗ nante eine unbedeutende Perſon ſein könnte. Schon. ihre Eigenſchaft als gebildetes und edles Weib war ihm genug, um in ihr einen Gegenſtand der größten Achtung zu ſehen. So hatte ihn ſeine Erziehung unter der Hand der ſtrengen Stiefmutter gemacht, und über⸗ dieß hatte ein Erbſtück von dem Vater her eine demüthige, beinahe ehrerbietige Stimmung in ſeinem Weſen her⸗ vorgebracht, ſo oft er eine Dame vor ſeinen Augen ſah, denn man erzählte ſich, im Vertrauen bemerkt, daß der alte Baron Ekenſparre, der Oberhoſſtallmeiſter, zu ſeiner Zeit ein wenig unter dem Pantoffel geſtanden und endlich aus reiner Complaiſance für die Wünſche ſeiner Frau geſtorben ſei. Ein ſolches Gerücht ging gewiß von Verläumdung aus und war überhaupt wohl zu gewagt. Aber einige Wahrheit lag ohne Zweifel in der Behauptung, daß der alte Ekenſparre das ge⸗ weſen ſei, was man einen vir uxorius nennt, das heißt, das Weib ſeines Weibes; und es iſt ſehr glaublich, daß etwas Aehnliches bei Aufſetzung ſeines berüchtigten Teſtamentes einwirken konnte. Da Oskar nicht ver⸗ heirathet war, konnte er kein vir uxorius ſein, aber dieſer Jüngling, der in Männergeſellſchaft ſo gewandt, kühn und freimüthig war, ſtand gegenüber von den Frauenzimmern auf einem romantiſchen Grund und Boden. Während ſeiner Heimreiſe nach Gräſeholm war er lange in den ſanfteſten Gedanken dahin gefah⸗ ren, er hatte ſich ſelbſt arm und mittellos, nicht nur für gegenwärtig, ſondern für ſeine ganze Lebzeit ge⸗ dacht.„Was ſoll ich anfangen?“ hatte er ſich mehr⸗ mals gefragt. Die Beſtimmung, für das Wohl der Menſchen zu arbeiten, ſie zu beſſern, zu erleuchten, zu erziehen, war ihm oft als die ſchönſte von Allen er⸗ ſchienen. Bei dieſen Gelegenheiten war es Amaoliens Bild, das ihm, pensive und jolie zur Seite ſtand. Wenn ſie mit Conſtanzen ſtudirte, hatte er ſich oft in der Nähe befunden. Es war alſo wohl dieſe asso-„ ciation der Ideen, welche— doch es ziemt uns nicht, ſo lange Vorleſungen zu halten. Als Oskar auf dem ſchön geſandeten Gartenwege heran kam, machte er mit Kopf und Hand eine fröhliche, freie und vertrauliche Bewegung, einen Gruß, den Amalie mit einem freundlichen, aber kurzen Nicken und einem kleinen, kaum merklichen Erröthen erwiederte. Er ging hinzu und nahm ihre Hand.„Mamſell Lenvir, ich habe Ihnen Etwas unter vier Augen zu ſagen. Beſte Amalie,“ fuhr er ſort,„kommen Sie mit mir dorthin. Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung an der Gais⸗ blatthecke.“ Sie gingen. Was ſie ausmachten, ſoll man un⸗ verzüglich hören; doch muß man noch um eines wich⸗ tigeren Geſpräches willen warten. Sechstes Kapitel. Hetr Rutfors bittet Jaron Migneul um eine Unterredung im Raſſengewölbe. Auf dem Contor in Gräſeholm lebte ein Mann, den man ſelten von ſeinem grün angeſtrichenen Pulte weggehen ſah. Er ging nicht oft in Geſellſchaft. Wenn die Frauen ihn wegen ſeiner blauen und gar zu großen„ * 183 Naſe mieden, ſo fanden ihn auch die Männer ſauer⸗ töpfiſcher, als nöthig war. Aber die Unterthanen des Guts klagten nie, daß er ihnen einen einzigen Schil⸗ ling vorenthalten habe, der ihnen gehörte. Herr Rutfors rechnete und ſchrieb viel, aber hie und da ſah es doch aus, als ob er dächte. Es geſchah ihm oft, daß er lange Zeit mit aufgehobener Feder da ſaß. Da ſtarrte er in die leere Luft hinaus mit ein Paar Augen, die gar arg ausſahen. Doch that er dann nichts Schlimmeres, als daß er eben Nichts ſagte, tief nachgrübelte und nicht das Geringſte von all' Dem hörte, was man in dieſem Augenblicke in dem Contore ſprach. Wegen ſeiner langen Dienſte in dem Contor hätte er eigentlich Herr Verwalter heißen ſollen, aber er wollte nie von der Buchhalterſtelle wegbefördert werden, welche er ſeit vielen Jahren inne gehabt, und er begnügte ſich mit der Ehre, von Allen in Gräſeholm für den geſcheidte⸗ ſten Mann des Gutes gehalten zu werden. Dieſer Ruf der Klugheit war gewiß wohl verdient. Er wurde noch durch den Zufatz vermehrt, daß er der geizigſte Mann von der Welt ſei. Man hörte jedoch nie, daß er bei großen Summen knickeriſch geweſen ſei; aber wenn es ſich darum handelte, einen Stüber aus⸗ zugeben oder Sachen zu zerſtören, die einen Heller werth waren, ſo war ſein Herz die widerſtrebendſte Arzenei. Eben ſo galt er auch für den empfindlichſten Menſchen, und ſo etwas klebt oft Perſonen von einem in gewiſſer Beziehung ausgezeichneten Aeußern an. Am Schlimm⸗ ſten war er, wenn er halb ſcherzte. An dem nämlichen Tage, wo ſich das zutrug, was wir im vorigen Kapitel beſprochen, war ein Byief mit dem Poſtzeichen Chriſtianſtad auf dem Contore ange⸗ kommen. Da derſelbe an Herrn Rutfors addreſſirt war, ſo erbrach ihn dieſer. Wie groß er war, oder was er enthielt, das konnte Niemand auf dem Contor errathen, denn Herr Rutfors ſprach nie leichtfertig von Geſchäf⸗ ten. Aber man bemerkte eine ungewöhnliche Verän⸗ 184 derung der Farbe in dem Geſicht des mürriſchen Man⸗ nes. Er erblaßte, was nicht heißen ſoll, daß er weiß wurde, ſondern daß ſeine blaue Farbe in eine lichtgraue überging, und ſeine große Raſe wie mit Aſche über⸗ ſchneit ſchien. Er ſagte aber kein Wort, er ſtand nicht von ſeinem dreibeinigen Stuhle auf, er that den Brief wie gewöhnlich in feinen Ueberſchlag. Dann nahm er die Feder, um zu ſchreiben, aber dießmal hielt er ſie ſo lange in der Luft, daß die Tinte darin endlich alle Hoff⸗ nung verlor, jemals eine Zahl oder einen Buchſtaben bilden zu dürfen, weßhalb ſie aus Ingrimm erſtarrte, und eben ſo ſtarr ſchaute Herr Rutfors auf den Kalen⸗ der im Contore.„Der September kann noch nicht durch⸗ ſtrichen werden,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und ich wollte doch, wir wären im Oktober, und der Herr ſchiffte auf dem Meere. Aber er ſoll fort, das ſagt Rutfors.“ Aus dem innern Contorzimmer, wo der Baron ſelbſt an ſeinem ebenholzenen Schreibtiſch ſaß, ließ ſich hie und da ein leichtes und nicht ungraziöſes Huſten und ein hübſches Räuspern nach franzöſiſcher Weiſe verneh⸗ men. Die Thüre zu dieſem Zimmer war jedoch ge⸗ ſchloſſen, und konnte nur von ihm ſelbſt geöffnet wer⸗ den, wenn man ihn nicht zornig machen wollte. Aber nachdem Rutfors alle Perſonen expedirt hatte und das Contor leer geworden war, ſtand er auf, ſetzte ſeine ſchwarze Ledermütze auf den Kopf, ging an Baron Mig⸗ neuls Thüre, öffnete ſie langſam, aber dreiſt, und ſagte: „Herr, ich bitte um eine Unterredung im Kaſſengewölbe.“ „Wie?“ rief Migneul,„was haſt Du mir denn zu ſagen, mein lieber Rutfors, das nicht hier oben ab⸗ gehandelt werden könnte?“ „Hier ſind wir nicht ſicher vor den Leuten. Kom⸗ men Sie mit mir in das Gewölbe hinab.“ Migneul begann den Mann zu fixiren und bemerkte etwas ſo Entſchiedenes in ſeiner Miene, daß er auf⸗ ſtand.„Was meinſt Du denn, mein Freund?“ „Daß wir in das Gewölbe hinabgehen ſollen.“ . „ 185 „Aber?“ „Ich habe ſchon den Schlüſſel und es duldet keinen Aufſchub.“ Der Baron ſtand auf, trat zu ihm und ſah in ſei⸗ ner rechten Hand den halbellenlangen Schlüſſel mit ſeinem rieſenähnlichen Bart.„Fürchteſt Du Dich vor Dieben, Rutfors?“ „Ich ſage nichts, als kommen Sie, kommen Sie, bis wir unten ſind.“ Migneul ſchwieg und war beinahe erſchrocken. Er beſchloß einem Manne zu folgen, deſſen unerſchütter⸗ liche Treue er in ſo manchen gefährlichen Stunden er⸗ probt hatte, und von deſſen Verſtand er die ſicherſten Beweiſe beſaß.„Es kann nicht wegen einer Kleinig⸗ keit ſein,“ dachte er, nahm ſeinen Hut und das ſpa⸗ niſche Rohr mit dem Knopfe. Rutfors zündete ſeine kleine Handlaterne an und ging voraus. Als ſie in das Zimmer gekommen waren, das nach der grotesken, unterirdiſchen Treppe führte, fühlte Mi⸗ gneul etwas Schwindelähnliches um ſein Haupt ſchwe⸗ ben.„Hier unten,“ dachte er,„war ich ſeit vielen Jahren nicht mehr. Wie fürchtete man doch in den alten Zeiten für ſein Geld.“ Rutfors putzte das Licht in der Laterne, um mehr Helle zu erhalten, ſtieg dann zur eiſernen Thüre des Gewölbes hinab, ſteckte ſeinen gigantiſchen Schlüſſel hinein und bekam bald von der Thüre die knarrende, ſchaurige Antwort, daß das Schloß ſeiner Anfforderung gehorchte. Die Thüre ging auf und ſie traten ein. Rut⸗ fors hatte ſeine rechte Geſichtsfarbe wieder bekommen, aber die Bläſſe des Barons Migneul war vom Weißen in's Gelbe übergegangen. „„Es find keine Stühle hier, auf die wir uns ſetzen könnten, auch wird die Unterredung nicht zu lange dauern,“ begann der Buchhalter.„Aber, Herr, ſetzen Sie ſich immerhin auf die alte Kaſſenkiſte utt, ſie iſt 1„ Amalia Hillner. 186 zwar leer und der eiſerne Deckel roſtig, aber ſie wird den Herrn doch tragen können.“ „Ich ſetze mich nicht, Rutfors.“ „Thun Sie es, Sie werden es nöthig haben.“ „Was für eine ſchreckliche, große und ſchwarze Ruß⸗ ſäule iſt dort auf der nördlichen Wand des Gewölbes?“ „Laſſen Sie Das, Herr Hillner, ich habe dieſes Zeichen vom Brande her nicht von der Mauer vertil⸗ gen laſſen. Sollte Jemand bezweifeln, daß die Rech⸗ nungen wirklich in Flammen aufgegangen ſind, ſo mag dieſer Zeuge von Rauch gut ſein.“ „Wird dieß der Gegenſtand Deiner jetzigen Unter⸗ redung ſein, Rutfors?“ „Nein, Herr.— Mein lieber Herr, folgen Sie meinem Rath und ſetzen Sie ſich, ich habe über wich⸗ tige Dinge mit Ihnen zu ſprechen. Ich muß— ich muß weit zurück greifen. Beruhigen Sie ſich, es iſt nicht gefährlich, wenn Sie nur meinem Rathe folgen und gleich wieder aus Schweden abreiſen.“ „Menſch, was verlangſt Du von mir? weißt Du nicht, daß ich wenigſtens darauf rechnete, dieſen Herbſt und den Winter in der Heimath genießen zu dürfen?“ „Wie 2 Sollte die Reiſe nicht wenigſtens im Ok⸗ tober geſchehen? Doch ich möchte, daß ſie ſchon im Sep⸗ tember vor ſich ginge. Und ſie muß es.“ „Habe ich Dir geſagt im Oktober. Das war nie meine Abſicht, Rutfors. Vielleicht habe ich Dir ſo ge⸗ ſagt, um Dich zufrieden zu ſtellen. Doch ich bleibe den ganzen Herbſt und Winter über hier, es hat ja keine Gefahr.“. „Es hat, Herr. Das Strafgeſetz Kap. 9§. 1 nach vem Brief aus den 79ger Jahren beſtimmt die höchſte körperliche Strafe und dann die Feſtung.“ „Wie— Menſch— Rut— biſt Du von Sinnen?“ „Setzen Sie ſich daher auf die Kaſſenküſte nieder, denn meine Geſchichte muß etwas zurückgreifen.“ Wie weit? wie weit?“ — . 187 „Bis zu der Zeit, wo Herr Hillner ſtarb.“ „Und was haſt Du darüber zu erzählen, das ich nicht wüßte?“ „Hören Sie mich mit Geduld, und ſtellen Sie den Stock weg. Herr Hillner erinnert ſich noch ſeines Le⸗ bens auf Sparrakra im ſüdlichen Halland, wo ſeine ſchöne Frau ihm das Glück des Reichthums ver üßte. Ich erinnere mich noch all' dieſer Worte, die ich bei⸗ nahe nur zu vft hörte.“ „Reiße dieſe Wunden nicht wieder auf, Rutfors— alle andern, nur dieſe nicht. Meine geliebte Sophie, meine ewig geliebte Beate Sophie, ich vergeſſe Dich nie. Du biſt todt— aber ich lebe. Ich lebe und Dein Gedächtniß lebt bei mir.“ „Still, mein Herr, und laſſen Sie mich ſprechen, denn jetzt iſt die Reihe an mir. Als der große und ſchöne patriotiſche Plan ſo kläglich mißlang, daß Herrn Hillners Geld— üm nicht von dem Ekenſparriſchen zu ſprechen— verloren ging, beſchloß mein Herr auf mein Anrathen zu ſterben, und dieß gelang auf's Beſte. Ob⸗ ſchon ich eigentlich als Schreiber an den Ekenſparriſchen Gütern und Vorwerken in Skane und hauptſächlich an dieſem Gräſeholm angeſtellt war, ſo hatte ich mich doch aus Gründen, die ich jetzt nicht zu wiederholen brauche, einige Zeit lang in Halland auf Sparrakra aufgehalten, um Herrn Hillner noch weiter zu dienen, da ich fand, daß er ein reellerer und beſſerer Mann als Ekenſparre war. Ich war alſo in Sparrakra. Als aber endlich die Nothwendigkeit erforderte, daß Herr, Hillner mit Tod abging, ſo verfiel Frau Hillner in eine ſchwere Krankheit, in welcher ſie dieſe ganze betrübte Zeit über lag. Sie ſah und hörte nichts von Allem, was vorging. Es war natürlich, daß ich mich nach Herrn Hillner's Tod wieder nach Skane begab, aber Niemand wußte, daß ich in der Finſterniß der Nacht, welche ich für meine Abreiſe auserleſen hatte, einen Bedienten mit mir nahm. Aber ein Menſch, der ſelbſt nur Contorſchreiber iſt, kann 188 auf eigene Rechnung wohl keinen beſſern Mann als Diener halten, denn einen Todten. Ich nahm daher den beigeſetzten Herrn Hillner, der während der Nacht von mir aus ſeiner Bahre genommen, verkleidet und ausgeſtattet worden war, als Bedienten auf meine Reiſe nach Skane, nach eben dieſem Gräſeholm mit.“— „Aber warum Alles das wiederholen, das ich be⸗ reits nur zu wohl weiß.“ „Um auf etwas zu kommen, das der Herr noch nicht weiß. „Die halländiſche Küſte lag zwar in Betreff einer Einſchiffung Herrn Hillner näher, da ſich aber dort ge⸗ rade keine paſſende Gelegenheit fand, und der Abge⸗ ſchiedene unverzüglich fort mußte, ſo führte ich ihn nach Skane, und barg ihn in Gräſeholm, gerade hier in die⸗ ſem Gewölbe, bis Alles bereit war, und er von Iſtad aus unter einem fremden Namen mit einem Paſſe ver⸗ ſehen und in einem guten, obſchon veränderten Anzuge nach den andern Königreichen und Fürſtenthümern Eu⸗ ropas abreiste. Hie und da bekam ich allein Briefe von dem Entwichenen, hie und da ſchrieb auch ich allein an ihn, und ich glaube, daß ihn einer meiner wichtig⸗ ſten Briefe in Amſterdam erreichte, ein Brief, worin ich Herrn Hillner davon benachrichtigte, daß ſeine Frau an jener ſchweren Krankheit in Sparrakra geſtorben ſei. War's nicht ſo?“ „Rutfors! ich erinnere mich deſſen, als ob es heute geweſen wäre. Deine Nachricht ſchmetterte mich nieder.“ „Herr, ich laſſe Sie nicht aus dieſem Gewölbe, ich ſchließe Sie ein, ich verberge Sie, ich halte Sie hier zurück, wenn Sie nicht unverzüglich auf's Neue wieder abreiſen.“ „Warum?“ „Denn Frau Hillner lebt.“ „Wahnſinniger, was ſagſt Du?“ 3 „Herr, ich bitte Sie, hören Sie mich dießmal mit aller Ruhe an, und laſſen Sie ſich nicht durch Zorn 189 oder Schmerz zu einer unſeligen Handlung verleiten. Ich, mein Herr, wußte ſehr wohl, daß Frau Hillner nie geſtorben war.“ „Unmenſch, und Du konnteſt mir's doch ſchreiben?“ „Vielleicht war es ſchlimm gehandelt, aer gewiß war es vernünftig. Herr Hillner war für ſeine Frau todt und konnte als ein Mann, der ein für allemal verſchieden war, nicht mehr mit Ehre nach Schweden zurückkommen, we⸗ nigſtens nicht als ein Hillner. War es da nicht ganz entſprechend, daß auch Frau Hillner für ihn todt wurde? Außer Land's und von ihr getrennt, mußte er ſich ge⸗ wiß ruhiger fühlen, wenn er ſie heimgegangen und im Hafen der Glückſeligen wußte, als wenn er ſie noch auf dieſer unſichern und gefährlichen Erde glaubte?“ „Grauſamer.“ „Uebrigens war mein Plan, der mir auch gelun⸗ gen iſt, folgender: Da Herr Hillner durch den Tod ſeiner Frau Wittwer geworden war, ſo konnte er im Ausland bei ſeinem vortheilhaften Aeußern und ſeinem ge⸗ ſchickten Benehmen ſeine Angelegenheiten leicht wieder durch eine neue und gute Parthie herſtellen. War das unvernünftig?“ „Ich Unglücklicher, ich Verlorner, ich Verbrecher! Schrecklicher Dämon, ja, es iſt Dir gelungen, aber die Folgen ſahſt Du nicht voraus. Es iſt wahr, ich dachte wie die Andern. Sich wieder verheirathen iſt eben ſo gewöhnlich, als verzeihlich. Ich ſuchte eine reiche Parthie, ich wünſchte eine ſo vollkommen kalte und nur finanzielle Parthie, daß mein Herz unaufhörlich für die Geliebte, die ich nie vergeſſen, leben, nie unter der neuen Verbindung leiden und auch Niemand Leiden be⸗ reiten würde. Ich glaubte, daß eine Wittwe in der⸗ ſelben Lage ſein könnte, wie ich, daß ſich ſich nur aus ökonomiſchen Gründen mit mir vereinigen, daß auch ſie wie ich nur für ihren erſten Gatten empfinden könnte. Ich täuſchte mich, das Unglück verfolgte mich, meine zweite Frau umfing mich mit der heißeſten Liebe.“ „Das kam von Ihrem Aeußern, Herr Hillner.“ „Du kalter, abſcheulicher Menſch! Nein, verzeih— nein, verzeih mir, Rutfors, Du warſt mein treueſter Dien— mein redlichſter Freund. Aber Du verſtandſt Dich nicht auf die Menſchen. Ich ſehe ein, daß Deine grauſame Lüge aus dem reinſten Wunſche herfloß, mir zu dienen. Ach, Du ſahſt die Folgen nicht voraus.“ „Reiſen Sie nur wieder fort, ſo hat es nichts zu bedeuten.“ „Ha— wie bald begannen nicht meine Qualen! Unmittelbar nach der Vermählung entdeckte ich, daß Eugenie mich liebte, mit der ganzen Begeiſterung der erſten Liebe liebte, und daß ihre erſte Parthie eine ſo kalte geweſen war, wie meinem Plane gemäß die zweite hätte ſein ſollen. Ich erſchrack, ich wollte ſie nicht be⸗ trüben und doch mußte ich es, ich war mehrmals nahe daran, ihr meine erſte Liebe zu entdecken; aber bei der geringſten Hindeutung darauf ſah ich, wie ihr ganzes Weſen ſo heftig erſchüttert wurde, daß ich ſo gut als möglich wieder einlenken mußte. Und glaubſt Du, daß ich Unmenſch genug ſein könnte, um dieſe edle, dieſe gute, vortreffliche Eugenie ohne Rührung zu ſehen? Wenn ich ſie betrog, ſo mußte wenigſtens mein Beneh⸗ men gegen ſie dieß ſo viel als möglich wieder gut ma⸗ chen. Ich kann ſagen, daß ich ſie warm zu verehren begann, daß ich anfing, eine ſo reine, klare Natur zu lieben. Jetzt fühlte ich mich doppelt ſchuldig, denn ich merkte, daß ich ſelbſt von ihr hingeriſſen wurde, und daß ich doch ewig auch meine geliebte Beate Sophie in meinem Gedächtniß tragen würde. Mein Innerſtes gab mir jedoch beſtändig das Zeugniß, daß ich keinen Augenblick aufhörte, ſie, meine Erſte zu lieben. Aber, mein Gott, wie kann ich daſtehen und nur ein Wort ſprechen— ſie lebt, ſie lebt! ich eile zu ihr— wo iſt ſie, Rutfors? Wo finde ich meine Sophie?“ „Halt, mein Herr, das Strafgeſetz, Cap. 9,§. 1, ſpricht von—“ 191 „Gott?“ „Von Bigamie. Einer Sträfe, ähnlich der Todes⸗ ſtrafe und dann der Feſtung. Reiſen Sie, aber reiſen Sie nicht zu Frau Hillner.“ Ein Fieberſ auer durchfuhr Baron Migneul. Er war ſo heftig erſchüttert, daß er auf den Boden zu ſtürzen drohte. Rutfors nahm ihn in ſeine Arme, aber Migneul ſtieß ihn wild und mit krampfhaft ausgeſtreck⸗ ter Hand von ſich. Er lehnte ſeine Stirne gegen die rußige Wand des Gewölbes und würde wohl zu Boden geſtürzt ſein, wenn er nicht den Fuß auf eine kleine Bank oder irgend etwas, das er im Finſtern nicht ſe⸗ hen konnte, geſtützt hätte. Envlich erholte er ſich und ſagte mit ſchwacher, gebrochener Stimme: „Wenn Du kein Herz für mich hatteſt, und mich durch eine falſche Angabe in den Abgrund des Verbre⸗ chens ſtürzen ließeſt, ſo hätteſt Du wenigſtens an meine unſchuldige, gute, engelgleiche Gattin denken ſollen! O meine Gattin, wo haſt Du ſo viele Jahre lang in Noth und Mangel gelebt? Ich bin doch in meinem Un⸗ glück reich geworden, aber Dir habe ich nie das Ge⸗ ringſte geſandt, nicht ſo viel, daß Du die Noth eines einzigen Tages damit hätteſt lindern können!— Es iſt ſchrecklich, nur daran zu denken— Du haſt vielleicht gehungert und gefroren, und ich habe im größten Ueber⸗ fluſſe gelebt.“ „Glauben Sie mir, Herr Auguſt, die Frau hat keinen Mangel gelitten, obſchon ſie nicht im Ueberfluß ſchwelgte; und das braucht es auch nicht in dieſer Welt.“ „Wo iſt ſie? wo iſt ſie? antworteſchnell, vielleicht iſt ſie hier ganz nahe?“ „Nein, ſie iſt weit fort, aber ich weiß nicht, wo.“ „Du lügſt, Du weißt, wo ſie iſt.“ „Herr Baron, ich habe nur ein einziges Mal in meinem Leben gelogen. Glauben Sie mir alſo jetzt, ich weiß nicht, wo Frau Hillner lebt. So viel habe ich gehört, daß die Gläubiger ſie nicht ganz auszogen, und daß ſie ſelbſt Sparrakra und ganz Halland ver⸗ ließ. Eben ſo unverbrüchlich, wie ich bis jetzt meinem Herrn verſchwieg, daß die Frau lebte, eben ſo heimlich habe ich vor Jedermann gehalten, daß der Herr noch athmete. Ich hielt es ſo für die Ruhe Aller am Be⸗ ſten, ich glaube das noch jetzt, wenn nur der Herr ab⸗ reist.“. „Rutſors, ich reiſe nicht, ich ſuche ſie au, ich werde ſie ſehen, ich will, ich muß zu ihr— ich laſſe mich bin⸗ den, zu Tode peitſchen, mich auf die Feſtung ſetzen, aber meine Gattin will ich ſehen, ehe ich ſterbe.“ „Seien Sie nicht närriſch! Für Frau Hillner iſt geſorgt. Wenn mein Herr ſeinen Fuß von der Kiſte aufhebt, auf welche er ihn jetzt ſtützt, ſo wird mein Herr aus der Ueberſchrift derſelben erkennen, wem der Inhalt dereinſt übergeben werden ſoll. Sie werden finden, daß, wenn der alte Rutfors Ihnen dadurch, daß er Sie in den Wittwerſtand verſetzte, eine günſtige Zu⸗ kunſt verſchaffen wollte, er auch eben ſo die Frau vor allem zeitlichen Mangel zu ſchützen ſuchte. Zwar ein⸗ fach und dürftig, aber mehr bedarf es nicht.“ „Was ſehe ich? Geld in der Kiſte?“ „Es iſt nicht geſtohlen, Herr, es beſteht aus Rut⸗ fors'ens mehrjährigem Lohne, denn es war nicht mehr als billig, daß, da er Frau Hillner der Möglichkeit be⸗ raubt hatte, von ihrem Manne etwas zu bekommen, er dagegen, was er hatte, für ſie zurücklegen mußte, für den Fall, daß ſie in wirkliche Noth geriethe.“ „Was ſoll ich von Dir denken?“ „Vielleicht war es nicht gut gethan, aber gewiß war es vernünftig. Ich geſtehe, daß ich bei meinen Plänen keine große Rückſicht auf das Beſte, die Liebe, nahm. Ich miſche mich nicht in Dinge, die ich nicht verſtche. Aber ich bin ein alter Contordiener, und glaube, den finanziellen Wohlſtand des Hauſes beför⸗ dert zu haben, ſeit er durch den großen, aber unglück⸗ 193 lihen patriotiſchen Verſuch gänzlich verfiel, der ja Alles verſchlang, was Herr Hillner hatte, und Eken⸗ ſparre mit vernichtet haben würde, wenn er ſich nicht gerettet hätte.“ „Auch näherte ich mich,“ ſagte Baron Migneul, „gerade deßhalb dieſer Herrſchaft auf meinen Reiſen im ſüdlichen Europa, weil ich hörte, daß Ekenſparre in Italien ſei. Ich glaubte, es wäre nicht unbillig, wenn ich einen Erſatz für die durch ihn verurſachten großen Verluſte ſuchte, ich meine nämlich für mein verlornes Geld.“ „Das Geſetz dürfte hierüber anders denken, aber es wäre gewiß billig. Und das Glück machte es t indem Frau Eugenie dem Herrn ihre Hand g0 „Reiße dieſe Wunden nicht wieder auf.“ „Nun gut, ſo ſagen Sie mir zur Abwechslung, wie Herr Hillner Baron wurde.“ „In öſterreichiſch⸗lombardiſchen Dienſten. Das haſt Du ſchon hundert Mal gehört. Warum dieſe Poſſen wiederholen? Zur Abwechslung? Rutfors, ich verab⸗ ſcheue Dich und ich muß Dich doch auch hochachten, ja beinahe bewundern. Guter Rutfors, ich beſchwöre Dich, ich flehe Dich en, ſage mir, wo iſt meine Sophie? Da Du das Geld für ſie zurückgelegt haſt, ſo mußt Du es wiſſen.“ „Ich weiß es nicht, da ich es nicht wiſſen wollte, und nicht zu wiſſen brauchte. Aber ich habe einen Ca⸗ nal. Einer von Herrn Hillners Gläubigern, der beſte und honettſte von Allen, er wohnt zu— nein, halt— die⸗ ſer Mann hörte ich, habe ſich am wohlwollendſten gegen Frau Hillner gezeigt. Gewiß korreſpondiren ſie mit einander, wenigſtens weiß er wohl, wo ſie iſt. Ich gab auch ihm einmal zu verſtehen, daß er mich benachrich⸗ tigen möge, wenn Frau Hillner in große Verlegenheit kommen ſollte, oder wenn ſie ſtürbe. Ich habe bisher . 194 noch keinen Brief erhalten, es iſt daher gewiß, daß Frau Hillner bisher weder ſtarb, noch in große Noth gerieth. Weiter weiß ich nichts von ihr.“ „Wie heißt dieſer Korreſpondent?“ „Das ſage ich nicht. In der Stimmung, in wel⸗ cher Herr Hillner ſich befindet, würde er im Stande ſein, ihm zu ſchreiben, nach dem Aufenthaltsort ſeiner Frau zu fragen, ſich ſelbſt zu entdecken und ſich und Alle in das unrettbarſte Unglück ſtürzen, das muß man vor Allem jetzt vermeiden, wo große Gefahren drohen.“ „Du ſprichſt unaufhörlich in Räthſeln, was könnte uns jetzt mehr drohen als vorher?“ „Glauben Sie denn, Herr Baron, glauben Sie denn, ich habe für Richts und wieder Nichts heute um dieſe Unterredung gebeten? Oder glauben Sie, es ſei um Nichts, daß ich den Herrn eifriger als jemals be⸗ ſchwöre, das Land zu verlaſſen? Ich habe heute Briefe von Chriſtianſtad erhalten.“ „Von Cyhriſtianſtad, wo Oskar hinreiste?“ rief Migneul und ſprang auf. „So iſt es, Herr. Von Baron Oskar droht ein großes Unheil, wenn Herr Hillner ſich nicht ſehr in Acht nimmt.“ „Der Undankbare! Habe ich doch Oskar und ſei⸗ nem Bruder ſo viel Gutes gethan, habe Beide erzogen, Daokar ſtudieren laſſen und will im Herbſt auch Mal⸗ colm nach Lund ſchicken.“ „Gewiß. Aber Oskar Ekenſparre iſt aufgewacht und glaubt wahrſcheinlich, er habe das Geſetz auf ſei⸗ ner Seite, und könne eine Erbſchaft von ſeinem Vater her bekommen. Er hat mich ſogar mehr als einmal auf die Vermuthung gebracht, daß er im Sinne hat, mich auszuforſchen und Verſchiedenes zu erfahren.“ „Ha „Fürchten Sie nichts von meinem Munde; einmal 195 log ich, und das geſchah zu Herrn Hillners Beſtem. Das thue ich jetzt nicht mehr, aber ſchweigen kann ich.“ „Was kann Oskar denn thun?“ „Ich kenne ſeine Pläne nicht, aber irgend einen Angriff hat er im Sinn. Ich möchte beinahe glauben, der Herr Baron dürfte, was Geld und Gut betrifft, gegen alle juridiſchen Angriffe unzugänglich ſein. Bekom⸗ men ſie aber einen Wink von der Bigamie, d. h. kom⸗ men ſie darauf, wer der Herr Baron iſt und— was das Schlimmſte von Allem wäre, daß Frau Hillner lebt— denn ohne ſie wäre keine Bigamie vorhanden — ſo wird ſich der Herr Baron dadurch auf einem ſo zarten Punkte bloßgeſtellt ſehen, daß ſie den Herrn Ba⸗ ron zu jeder Nachgiebigkeit zwingen könnten, um nur dem grauſamen Schickſal zu entgehen, welches das Gr⸗ ſetz für einen Mann beſtimmt, der zwei lebendige Weiber hat. Reiſen Sie deßhalb, reiſen Sie ſo⸗ gleich.“ „Oskar wird nicht ſo gemein denken.“ „Von dem jungen Baron habe ich auch keinen ſchlech⸗ ten Gedanken, aber da iſt etwas Anderes dazwiſchen gekommen, was ihn entflammt, was ihn lenkt und bald das ganze Haus regieren wird.“ „Was iſt das für ein Ding?“ „Es iſt ein junges Weibsbild hier angekommen, Herr, eiue Betrügerin, eine Gouvernante, ein Ding, das ich nicht ausſtehen kann. Aber ich habe ſie auch vom erſten Augenblick an auf eine ſolche Weiſe von dem Contor heimgeſchickt, daß ſie, mag ſie ihren Fuß auch hinſetzen, wo ſie will, gewiß nie wieder zu mir kommt, das hoff' ich.“ „Mamſell Lenvir? Du biſt nicht bei Troſte, Rut⸗ fors! Ich hoffe, Du haſt Dir gegen dieſes ſanfte, un⸗ ſchuldige, gute Mädchen keine Deiner gewöhnlichen Un⸗ ſe gegen Frauenzimmer zu Schulden kommen aſſen?“- „Sanft, unſchuldig, gut? So glauben Sie es — 196 meinetwegen. Herr, ſie iſt es, die auf Baron Sskar einwirkt, und einem ſo edlen Jünglinge, wie er iſt, würde es nie eingefallen ſein, an ſeine Rechte zu den⸗ ken, wenn ſie nicht wäre. Er iſt 21 Jahre alt und möchte wohl ein kleines Gut für ſich ſelbſt haben. Aber ein einzelner Menſch braucht nicht nach etwas Großem zu ſtreben und Oskar war niemals habſüchtig. Aber es gab noch nie eine Gouvernante, die ſich nicht gerne in eine Frau verwandelt hätte, und Mamſell Lenoir möchte Baronin Ekenſparre heißen, ſo wahr ich Rut—“ „Du biſt nicht bei Sinnen. Wie kannſt Du auf einen ſolchen Argwohn gerathen. Mamſell Lenvir ar⸗ beitet ſehr fleißig und geſchickt mit Konſtanzen, ſie legt ſich in nichts, das ſie nicht angeht. Gewiß iſt das wieder eine Deiner Eigenheiten, welche Dich ein Vor⸗ urtheil gegen dieſe liebenswürdige Perſon faſſen ließ.“ „Lebenswürdig? Sie wird alſo wohl am Ende auch noch den Herrn Baron beherrſchen. Vorurtheil? ich muß ſagen, daß ich ſie nicht einmal recht geſehen habe. Am Tage nach ihrer Ankunft beſuchte ſie das Con⸗ tor. Ich ſaß bei meinen Rechnungen, und wandte der Eintretenden den Rücken zu; ich antwortete auch nicht gleich, als ſie mich anſprach, was ich niemals thue. Dann hörte ich, wie ſie in einem beleidigten Tone um Etwas bat, um einen Brief damit zu ſiegeln.„Die Mamſell hat wahrſcheinlich ſehr wichtige Briefe,“ ant⸗ wortete ich und ſagte ihr, ſie ſolle an eine Schublade gehen, wo das Siegellack lag. Denken Sie Sich, es war ihr zu grob! Sie wollte nichts von unſerem gu⸗ ten ſchwediſchen Siegellack, ſondern wünſchte kleine, feine, engliſche Stangen. Ich kehrte Ihr die Naſe zu und bat ſie—— was ſie auch ſogleich that. Herr, ſie iſt eine Verſchwenderin, und zugleich eine naſeweiſe Verſchwenderin. Ich kann die Weiber nicht leiden. Alte Weiber, beſonders unglückliche, ertrage ich noch, denn die ſind keine Weiber mehr, ſondern wirkliche Menſchen; ſie bekümmern ſich auch nichts mehr um das » 197 Aeußere eines Mannes. Da ich auf dem Comptor eſſe und mich größtentheils dort aufhalte, ſo bin ich nachher nie mehr mit Baron Oskars Amethiſt zufam⸗ mengetroffen, aber durch die Dienerſchaft im Hauſe habe ich zur Genüge vernommen, wie es ausſieht. Sie unterrichtet Fräulein Konſtanze, ja. Aber weiß der Herr auch, daß Baron Ookar ebenfalls mit Fräulein Konftanze ſtudirt? und die Gouvernante trifft eer dort nicht vergebens. Uebrigens iſt ihre Bekanntſchaft nicht ganz neu.“ „Woher kommt denn dieſes Mädchen?“ „Vom nördlichen Schweden. Doch weiß ich den Ort nicht genau, wenn man nach der Adreſſe ihrer Briefe ſchließen darf, iſt ſie von Upſala.“ „An wen ſchreibt ſie?“ „Die Ueberſchrift ihres erſten Briefes lautete an einen Profeſſor, des Namens erinnere ich mich nicht mehr. Die folgenden gingen an Frau Lenvir, ſo viel ich weiß, ihre Mutter. Die Baronin ſelbſt hat ſie durch eine Zwiſchenhändlerin hicher gebracht. Die Mamſell kam auf der Diligence nach Helſingborg herab und zwar allein, und ſo etwas paßt ſich nicht für ein Frauen⸗ zimmer, das in einen Dienſt treten will. Um ſie aber von Helſingborg hierher zu bringen— da Alles ge⸗ ſchah während der Abreiſe des Herrn Barons— hatte die Baronin die gelbe Chaiſe abgeſchickt und dieſe Auf⸗ merkſamkeit mochte hingehen, obſchon ſie unnöthig war. Aber ein Lakai wäre meiner Anſicht nach genug gewe⸗ ſen, um die Mamſell von Helſingborg hieher zu gelei⸗ ten. Die Baronin hielt es vielleicht für undelikat, und ließ Baron Oskar ſelbſt in der Chaiſe ihr entgegen fahren, während dieſer Reiſe werden die Beiden wohl nicht geſchwiegen haben. Ein intrigantes junges Weib, das ihr Glück machen will, kann in einem Tage viel ausrichten, Herr Baron!“ „Verläumde ſie nicht. O wenn Du wüßteſt! ſie gleicht, ſie gleicht—“ 198 „Der Tugend ſelbſt, das verſteht ſich. Und eben darum iſt ſie deſto gefährlicher. Glauben Sie mir, Herr Hillner— erinnern Sie Sich, ich habe nur ein⸗ mal in meinem Leben gelogen— glauben Sie mir, Baron Oskar reiste nicht für nichts nach Chriſtianſtad.“, „Er will in Wende's Artillerie eintreten; er hat Major Tauſon aufgeſucht. Er iſt heute wieder gekom⸗ men, hat mir aber geſagt, daß er den Major nicht ge⸗ troffen habe und noch nichts entſchieden worden ſei.“ „Er hat auch keinen Major aufgeſucht.“ „Wie?“ „Herr, ſeien ſie nicht blind.— Herr Auguſt Im⸗ manuel, glauben Sie einem alten, geprüften und red⸗ lichen Manne. Sie ſtehen an einem Abgrund, Herr— Hillner, und wollen ſelbſt nicht ſehen, was Ihnen droht.“ „Du ſetzeſt mich in das größte Erſtaunen! Sollte Oskar Etwas vorhaben?“ „Er hat in Chriſtianſtad nur Leute vom Hofgericht aufgeſucht, das weiß ich von meinem Correſpondenten; er hat Vet nach dem geringſten Offizier gefragt.“ Der— „Sagen Sie weder der Schurke, noch ſonſt etwas über Oskar. Die Gouvernante iſt an Allem Schuld. Oskar Ekenſparre will Geld und Gut zu nichts Ande⸗ rem, als um heirathen und ſich häuslich niederlaſſen zu können. Und um jenes zu gewinnen, will er mit ſei⸗ nem Vater proceſſiren, ſo weit kann ein intrigantes Weib einen Mann bringen.“ „Sie ſollen aus dem Hauſe— und zwar beide.“ „Nur unter der Bedingung könnte vielleicht der Herr Baron ſelbſt im Lande Pleiben, denn eines von Beiden muß nothwendig von hier fort.“ „Welch' eine Weiber⸗Intrigue! Daß ſie bei der Baronin viel zu ſagen hat, das hab'ich wohl bemerkt; auch auf mich ſelbſt hat ſie durch einen ſonderbaren Zufall, ein Spiel der Natur, eingewirkt, welches ihr einen gewiſſen Ausdruck in der Geſichtsbildung verlieh. 199 Solche Aehnlichkeiten kann man aber oft treffen, ohne daß ſie das Geringſte zu bedeuten haben.“ „Sie iſt ſchön, ſo viel ich weiß und das hat ge⸗ wiß nicht das Geringſte zu bedeuten, ſondern es be⸗ deutet im Gegentheil ſehr Vieles und Schlimmes. Alle ehrlichen und zuverläſſigen Leute ſind häßlich, Herr.“ „Rutfors, Du biſt ein Narr, und urtheilſt nach Dir ſelbſt. Aber mit Deinen curioſen Einfällen verei⸗ nigſt Du doch viel Klugheit. Ich kann die Warnungen nicht verachten, die Du mir gegeben haſt; ich werde die Augen offen halten und finde ich die Sachen ſo, wie Du ſagſt, ſo müſſen ſie beide beſtimmt aus dem Hauſe.“ „Am Allerſicherſten wäre es doch, wenn der Herr Baron in eigener Perſon abreisten.“ „Nein, ich bleibe. Geſchehe, was da will, ich bleibe. Man mag mich anklagen, beſtrafen, vernichten, ich bleibe. O mein Vaterland, Deine Erde ſoll, muß mich aufnehmen. Nicht umſonſt opferte ich mein Ver⸗ mögen, um etwas Gutes und Nützliches für Dich zu thun; nicht umſonſt habe ich mich großen Gefahren ausgeſetzt, um Dich wieder zu ſehen. Ich bleibe und begegne meinem Feinde. Ich bleibe und falle, wenn mein Schickſal es ſo will.“ 2 Drittes Buſch. Erſtes Kapitel. Smaliens Antwort. Oskar Ekenſparre wandelte in Gräſeholm's Gar⸗ ten an Amalien's Seite, aber er hatte beſchloſſen, ihr ſein eigentliches Anliegen nicht eher zu enthüllen, als bis ſie an die Gaisblatthecke gekommen wären, wo er durch die abgelegene Lage des Orts und den Schatten der dicht hier herumſtehenden Ulmen gedeckt, hoffen konnte, daß Niemand ſie bemerken oder die gefährlichen Dinge hören würde, wegen welcher er ſie um Rath und Beiſtand bitten wollte. Mit inniger Vertraulich⸗ keit ging er anfangs an ihrem Arme, aber er fühlte ſich verlegener, je näher er dem Orte kam, den er ſelbſt ausgewählt hatte. Wie leicht hatte er nicht in Chriſtianſtad und während der Heimreiſe geglaubt, daß es ihm werden würde, ihr Alles anzuvertrauen, ſie zu bitten, daß ſie bei ſeiner Stiefmutter ſprechen und für ihn diejenigen Aufklärungen erhalten möge, die er wünſchte, und doch klopfte jetzt ſeine Bruſt voll Unruhe, wenn er daran dachte. Es war ihm ſo ſchwer, ſo ſeltſam zu Muthe, er meinte ſich und ſeine ganze Familie zu beleidigen, wenn er eine Fremde— wenn auch die Schönſte und Beſte— in Familienſtreitigkeiten einweihte, und ſie zu einer Art Schiedsrichter zwiſchen Eltern und Kindern aufſtellte. Ungeachtet all' der Höf⸗ lichkeit, die ſie bisher mit einander gewechſelt, hatte er doch nie eigentlich vertraulich mit ihr geſprochen. Dieß zu beginnen, war ihm in der Ferne ſo leicht vor⸗ gekommen, jetzt ſchien es ihm unmöglich. Er ſann darüber nach, welchen andern Gegenſtand er zuerſt an⸗ ſchlagen ſollte, um eine Einleitung zu bekommen oder. w———— 8 v — — 201 doch wenigſtens etwas zu haben, an das er die Unter⸗ redung knüpfen konnte; er überlegte eine Zeitlang, ob er nicht mit der Geſchichte von dem neu geſtifteten Mäßigkeitsverein beginnen ſollte. Dieſe patriotiſche Handlung, welche im Anfang Baron Oskar, wie ſo manchen andern ziemlich luſtig und eher als ein Gegenſtand des Scherzes, als ein paſſendes Ding beim Mittag⸗ und Abendeſſen erſchienen war, hatte ſich ihm doch bald wie jedem edlern Menſchen in ſeiner wahren, großen, achtunaswerthen Geſtalt gezeigt. Er wollte Amalien ſeine Bewunderung einer Unternehmung mit⸗ theilen, die den bedeutendſten Theil des ſchwediſchen Volkes retten ſollte, aber eben, als er damit beginnen wollte, erſchien ihm auch dieſer Gegenſtand nicht recht paſſend für den Augenblick. Er beſann ſich auf etwas Anderes. Das lange Schweigen, das durch Oskars Verlegenheit entſtand, wurde von Amalie gebrochen. „Hat ſich der Herr Baron auf ſeiner Reiſe gut un⸗ terhalten?“ fragte ſie,„iſt Chriſtianſtad eine ſchöne Stadt?“ „Ich weiß nicht, was ich hierüber ſagen ſoll,“ er⸗ wiederte er,„meine Reiſe war nicht ſo ganz ange⸗ nehm, Amalie— beſte Amalie—“ fuhr er fort, und machte einen Schritt vorwärts. Sie trat zurück. Aber da er kein Wort weiter ſprach, wandte ſie ſich an die Blumenranken der Hecke und ſprach wie bei ſich ſelbſt:„Hier gibt es ſchon kein Gaisblatt mehr, wie bald kommt doch der Herbſt für die armen Blumen auf Erden.“ Oskar ſagte nicht das Mindeſte. Wir Leſer, welche ſehr wohl wiſſen, daß er nicht in der Eigenſchaft eines Liebhabers hieher gekommen war, wir verſtehen viel⸗ leicht ſein Schweigen, aber Amalie hatte ihn noch nie ſo geſehen. Sie konnte ſich die Sache um ſo weniger erklären, als ſie mit der Wahrheit gänzlich unbekannt war, daß gerade die innige, reine und hohe Liebe eines Jünglings, der zum erſtenmal liebt, ſich ſo ſtill, zurückgezogen und ſcheu kund gibt, während es dagegen Amalia Hillner. 14 202 einem kalten Menſchen, einem Betrüger niemals an Worten für die Unwahrheiten fehlt, von denen ſeine Lippen überfließen wollen. Als Oskar fort fuhr, die Stirn zu ſenken und die ſprechenden, ſeelenvollen Au⸗ gen nicht zu ihr wandte, ſondern an den Boden hef⸗ tete, da begann ſie zu ahnen, daß nicht Alles ſo ſtünde, wie es ſtehen ſollte. Mit naioer Selbſtvergeſſenheit ging ſie zu ihm hin:„Um Gottes Willen, Baron Os⸗ — kar, es iſt Etwas vorgefallen, ſeien Sie auftichtig, ſagen Sie es mir.“ Oskar nahm ihre Hand und führte ſie an ſeinen Mund;„Nichts iſt vorgefallen,“ antwortete er,„ich habe nichts zu ſagen.“ Dennoch behielt er ihre Hand in der Seinigen.„Die Baronin iſt ſehr krank, fuhr Amalie fort,„iſt vielleicht Etwas geſchehen, während ich im Garten war? War der Herr Baron nach ſeiner Rückkehr von der Reiſe bei ihr?“ „Nein.— Aber da wir gerade von der Baronin ſprechen, ſo ſagen Sie mir, licbe, beſte Amalie.: nicht wahr, die Baronin ſpricht oft ſehr offen und aufrichtig mit Ihnen. Ich bin hieher gekommen, um Ihnen ein Geſtändniß über meine eigene Perſon zu machen und um ein Wort des Rathes zu bitten.“ Amalie zog ihre Hand aus Oskars.„Nur um Eins bitte ich Sie, Amalie, werden Sie nicht böſe auf mich, ich möchte Niemand auf der Welt beleivigen, und am wenigſten die, zu der ich jetzt ſpreche.“— Ohne es ſelbſt zu wiſſen, warf ihm Amalie einen Blick zu, der zwar durchdringend und forſchend war, mit deſſen Ausdruck ſich jedoch auch einige Milde, einige verzeihende Zärtlichkeit miſchte, da Sskar ohne di ß ihn nicht ausgehalten haden würde.„Ich werde in dieſem Hauſe Sohn genannt,“ ſagte er,„und dennoch kennt Niemand weniger als ich die wahre, innere Stellung in dieſem Hauſe. Diejenigen, welche meine Eltern heißen, ſind mir Räthſel. Ich verehre, liebe ſie und möchte ſie hochachten; aber auf gewiſſe Fragen 1 203 fehlt mir die Antwort, um ſie in Allem auch recht hochachten zu können. Mamſell Lenvir iſt erſt vor Kurzem zu uns gekommen, es ſcheint daher ſonderbar, daß ich mich an eine Perſon wende, welche nach Namen und Zeit zu urtheilen hier für fremd gelten könnte. Aber in der Wirklichkeit iſt von allen Menſchen in Gräſeholm Niemand hier weniger fremd. Mamſell Amalie iſt zu keinem einzigen in ein geſpanntes Ver⸗ hältniß gerathen; Amalie genießt das volle Vertrauen der Baronin.“— Durch dieſe Wendung, welche jetzt mehr und mehr nur auf die Migneuls zu zielen ſchien, ward eine gewiſſe Kühle um die beiden Sprechenden gegoſſen, und eine Angſt, für welche Amalie ſelbſt kei⸗ nen Namen wußte, verließ ihre Bruſt. Oskar war einmal zum Sprechen gekommen, Beide ſahen ſich nicht mehr in Verlegenheit. Sie ſetzten ſich auf die im tief⸗ ſten Schatten gelegene Raſenbank nieder, um ungeſtört Alles mit einander abzuhandeln, was ſie über die Herr⸗ ſchaft Migneul wußten und ſahen. Amalie Lenvir begann die Berathung:„Die Ba⸗ ronin,“ ſagte ſie,„iſt der reinſte, tadelloſeſte Charakter. Daß ſie ſehr glücklich iſt, ſage ich nicht. Sie war während der Zeit, daß Baron Oskar fort war, ſehr krank, ſehr ſchwach und dabei—“ „Hie und da,“ unterbrach ſie Oskar mit einer Rührung, welche beinahe zärtlich genannt werden konnte—„habe ich das Glück gehabt, aus Amaliens Mund keine Worte wie„Herr“ und„Baron“ hören zu müſſen—“ Das Mädchen ſah ſchnell empor— „Die Zunamen,“ fuhr er in demſelben Ton fort, „find ſchon längſt beinahe ganz zwiſchen uns verſchwun⸗ den. Während jener kleinen Tagereiſe, die wir zuſam⸗ men machten, hatte ich ſogar die Kühnheit, diejenige nur beim Vornamen zu nennen, mit welcher ich ſprach. Ja, gleich anfangs in Helſingborg nahm ich mir die Freiheit, bei meiner Ankunft nicht nach einer Lenvir zu fragen, ſondern ich wandte mich nur mit der Frage 204 nach einer gewiſſen Mademoiſelle Amalie an die Paſſa⸗ giere der Diligence, da ich dieſen Vornamen bereits kannte und er mir ſo ſchön lautete; und ein Inſtinkt der Vernunft ließ mich dieſe Frage ſogleich an diejenige ſtellen, deren Blick—“ Die Gouvernante ſah nach der Gaisblatthecke. „Ich wage vielleicht nicht um die Gunſt zu bitten, mit dem Zunamen auch Herr und Baron ganz aus unſerer Unterhaltung geſchieden zu ſeben, aber da die Gelegenheit uns hier begünſtigt, daß wir ungeſtört manche wichtige Familienangelegenheiten mit einander beſprechen können, ſo würden wir... doch wenigſtens an Kürze gewinnen, wenn wir dieſe unnöthigen Litel ablegten. Im entgegengeſetzten Falle müßte ich es ſonſt für einen unverzeihlichen Fehler halten, wenn ich nicht jedesmal das Wort„Mademoiſelle“ wiederholte, ein Titel, der zwar an ſich ſelbſt ſehr ſchön iſt, das läugne ich nicht, der aber doch fünf Solben hat.⸗ Amalie brach einige dürre Zweige von der Gais⸗ blatthecke ab,— etwas was die Gärtner thun, weil es ihr Geſchäft iſt,— andere Menſchen aber biswei⸗ len zu ihrem Vergnügen vornehmen, und es ſieht manchmal aus, als ob ſie dabei nicht ſehr an den Nu⸗ tzen dächten, den ſü den Gartengewächſen dadurch ſchaffen. „Die Frau Baronin,“ ſagte Amalie, wie wenn über etwas Anderes geſprochen worden wäre,„hat ſich während dieſer Zeit beinahe umgänglicher und ver⸗ traulicher gezeigt, als da ſie auf und geſund war. Ihre Krankheit muß aber ganz eigener Art ſein. Bei der größten körperlichen Abnahme leuchtet ihre Seele immer höher, ſchöner und unverſchleierter hervor.“ „Spricht ſie von ihrer Jugend? Ich möchte ſo gern etwas Näheres über ſie wiſſen, ehe ſie mit Mig⸗ neul und meinem Vater bekannt wurde.“ „Wie2“ rief Amalie erſtaunt,„weiß Oskar noch nichts von dem erſten Schickſale der Baronin Eugenie, von ihrer Jugend oder ihren Eltern?“ 205 „Nein, ich bin im Schooße von Geheimniſſen auf⸗ gewachſen, und kenne noch nichts davon. Die Baro⸗ nin und ihr Mann haben mich und meinen Bruder gewiſſenhaft, manchmal ſogar mit Zärtlichkeit gepflegt, aber niemals haben ſie uns eine Aufklärung über ſich gegeben. Aus manchen, Gründen jedoch, nicht aus Neugierde allein, möchte ich mir die Bekanntſchaft mit dem erſten Aufenthaltsort von Eugenie Guemarez wün⸗ ſchen, um den Schlüſſel zu den Vermögensverhältniſſen zu bekommen, in welchen ihr Vater lebte.“ „Apropos, Oskar, wie ſteht es mit dem Muſter, das ich zum Sticken bekommen ſollte mit einem Schlüſ⸗ ſel darin?“ fiel ſie ihm lebhaft und vertraulich in's Wort.„Das hat Oskar vergeſſen oder vermuthlich nicht mehr daran gedacht! Nun, der Gedanke an die Reiſe ging Allem vor, und wenn man Offizier werden will, ſo— denkt man gewiß an kein Stickmuſter.“ Der junge Baron erröthete. Um aber die Spitze ihres Scherzes abzuwehren, ſagte er:„Ich habe den Schlüſſel nicht vergeſſen, aber den Gedanken, ihn zum Weihnachtsgeſchenk für die Baronin zu benützen, habe ich aufgegeben. Amalie,“ fuhr er in verändertem Tone fort, wobei er mit der Hand über die Stirn ſtrich und Reue und eine gewiſſe Scham malten ſich in ſei⸗ nen ſchönen Augen.„Beſte Amalie, mit dieſem Schlüſ⸗ ſel hat es eine Bewandtniß, die mich innig ſchmerzt; die Scham hindert mich, davon zu ſprechen. Ich weiß kaum, wie ich Verzeihung gewinnen werde, denn ich kann Niemand ſagen, was ich gethan habe, und—“ „Ach, Poſſen, denken Sie nicht ſo. Ich habe Weihnachtsgeſchenke genug zu beſorgen ohne dieſes.“ Ich habe eine langg, lange Perlſtickerei zu einem Uhr⸗ band, das Konſtanze ihrer Mutter machen ſoll, doch ich werde es größtentheils ſein, die es ausführen wird; vielleicht laſſe ich auch dieſes Weihnachtsgeſchenk ganz von mir kommen. Dann ſoll auch ein Bild gezeichnet, eine Hausmütze geſtickt werden. Ungeachtet Alles deſ⸗ 206 ſen würde es mich doch auch ſehr gefreut haben, wenn ich etwas hätte nähen dürfen, das von— doch küm⸗ mern Sie ſich nicht mehr um den Schlüſſel, verzeihen Sie, daß ich nur davon ſprach.“ Da Oskar dieſer freundlichen Anrede ungeachtet fortfuhr, traurig zu Boden zu ſehen, wie wenn er das nicht ausſprechen wollte, an was er ſich eigentlich ſchämte, legte Amalie ihre Hand leicht und harmlos auf ſeinen Arm.„Denken Sie nicht mehr an eine Kleinigkeit,“ ſagte ſie.„Laſſen Sie uns wieder von der Baronin und ihrer Kindheit ſprechen. Denken Sie nur, Oskar, ſie hat mir in dieſen Tagen nicht wenig von ihrem Verhältniſſe zu Migneul erzählt. Ich glaube, wenn ich wollte, ſo könnte ich ſo viel hören, als mir beliebte. Ich brauche ihr nur ein halbes Wort von dem ſchönen Purpurſammt von Lyon zu ſagen, den ſie mir gegeben hat, um ihrem Manne darauf zu ſticken, und da nur etwas Näheres über die Form der Mütze zu fragen, welche ihr Vater in Perpignan trug, ſo bin ich gewiß, daß ihr ganzes Weſen ſich in freudige Er⸗ innerung erhebt, und aus Wonne darüber ſprechen zu können, wird ſie mir all' das ſagen, was ich wünſche, und auf was ich ſie führe.“ „Welche Grauſamkeit!“ dachte Ekenſparre. Er ſagte jedoch nichts davon; aber ſchnell, beinahe heftig faßte er Amalien's Hand, drückte ſie mit einer Wonne an ſeine Bruſt, welche an hohe Begeiſterung grenzie und rief aus:„Um Gottes und aller Engel Willen, Amalie! thun Sie das nicht! Geliebte Amalie, handeln Sie nicht ſo gegen meine Mutter! Gott, und doch war es das, gerade das, um was ich hieher gekommen war, Amalie zu bitten. Welch' ein Widerſpruch in mir ſelbſt? Wir müſſen unſere Unterredung ſchließen und doch möchte ich um Alles in der Welt gern fortfahren. Sagen Sie mir, gibt es etwas Schrecklicheres, etwas Niederträchtigeres, Abſcheulicheres, als einer ſüßen, engelgleichen Blume ſich zu nahen— nein, ich will „. 207 mich nicht mit Gleichniſſen bemänteln, einem ſchönen, edlen, freifühlenden Weibe zu nahen und um ihr ein großes und wicht'ges Geheimniß abzulocken, dem zärt⸗ lichen, leidenden Weſen, anfangs mit Fleiß eine längſt entbehrte Freude darzubieten, und dann, wenn ſie ohne Ahnung einer Gefahr oder eines Uebels ihren reinen Kelch öffnet, und ihren himmliſchen Wohlgeruch gegen eine Fremde ausduftet, der ſie vertraut— dann die arglos ausgeſprochenen Worte aufzuſchnappen und ſie zum Verderben der Betrogenen anzuwenden „Wie?“ rief das Mädchen und ſprang auf;„han⸗ delt es ſich hier um eine vorſätzliche Frage? Ich glaubte, es ſei nur ein verzeihlicher Wunſch, unſchuldige Nach⸗ richten zu erhalten!“ Ekenſparre ſtand ebenfalls auf. Mit dem ſtarken Muth, den ihm ſeine jetzt in der Tiefe erwachte innerſte Secle gab, ſchloß er das beinahe mit Schrecken von ihm abgewandte Mädchen in ſeine Arme. Er preßte ſie ſo dicht und feſt an ſich, daß ſie ſich nicht losmachen konnte.„Jetzt, jetzt nicht, bei Gott jetzt nicht! nicht in dieſem Augenblick darfſt Du gehen, Amalie; ich habe zu viel geſagt, um nicht Alles zu ſagen! Wenn Du Dich jetzt entfernteſt, ſo würdeſt Du mit dem Gedan⸗ ken gehen, daß ich ein Elender ſei, und ich bin es nicht.“ Amalie wandte ihren Kopf zur Seite, ſo weit ſie vermochte. Sie ſah mit einer halb zärtlichen Furcht empor und flüſterte:„Was ſoll ich denn glauben, Oskar 2“ „Du biſt frei,“ ſagte er, öffnete ſeine Arme und ließ ſie los.„Glaube— glaube an mich, Amalie, und geſtatte, daß wir uns noch einmal in Ruhe und freu⸗ diger Berathung niederſetzen. Ich habe Dir etwas Wichtiges zu ſagen.“ Sie ſetzte ſich wieder auf die Raſenbank unter den ulmen, blickte aber ſcheu umher nach den zarten Sten⸗ geln der Hecke. Was iſt auf dieſer Welt nicht zer⸗ brechlich? Doch blieb ihr Blick endlich auf Oskars Haa⸗ ren, ruhen, ſank dann tiefer hinab und ſchmolz endlich 208 zu einem ſüßen Vertrauen, als ſie der offenen, friſchen, friedvollen Miene begegnete, welche ſein Geſicht trug. „Früher einmal hat mich Amalie nicht gefürchtet, obſchon ich ihr damals ganz unbekannt war,“ ſagte er.„Es war an dem Tag, als wir in den Wagen ſtiegen und zuſammen von Helſingborg herreisten.“ „Wir hatten einander vorher noch nicht geſehen.“ „Ich verſtehe, was Du ſagen willſt! Man fürchtet ſich nicht vor einem Unbekannten, aber vor einem Be⸗ kannten, der plötzlich in ein Licht zu ſtehen kommt, wo er unerklärlich, unheimlich und verdächtig wird, vor einem ſolchen fürchtet man ſich. Amalie, höre mein Schickſal. Ich bin der Sohn eines reichen Vaters, deſſen Gut eigentlich nicht aus der Familie entäußert werden konnte, und dennoch iſt es von uns genommen. Wenn ich und mein Bruder jetzt unſer Recht hätten, ſo würden wir beide vermöglich ſein und— wir eſſen das Gnadenbrod. Migneul und ſeine Baronin ſitzen auf dem Gute, das uns gehören ſollte. Das wieder gewinnen, was uns gehört, darf ich nicht nur, ich muß es ſogar. Allein es fehlen mir die Angaben, um genau zu wiſſen, wie weit mein und meines Bruders Recht ſich erſtreckt und wo es aufhört. Ich möchte der Baronin um kein Haar breit zu nahe treten, nicht einmal dem Baron, obſchon man mich entſchuldigen muß, daß ich ihn weniger liebe. Wo ſoll ich dieſe An⸗ gaben her bekommen? Iſt es eine Sünde, wenn ich mir den Schlüſſel zu Geheimniſſen zu verſchaſſen ſuche, die mich allerdings in den Stand ſetzen, die Gegner zu entwaffnen, von denen ich ſie mir verſchafft habe — es iſt wahr, hierin würde etwas Hinterliſtiges lie⸗ gen— aber mit welchen ich doch, wie ich auf mein Gewiſſen behaupten kann, Niemand ſchaden will und werde, der mir nicht ein Unrecht gethan hat. Fehle ich hierin?“ Amalie ſchwieg. „Mein Vater verkaufte ſeine Erbgüter um eine große Summe Geldes. Es iſt möglich, daß er all' 209 dieß Geld verſchleudert hat, aber nach ſeinem Tode fand ſich doch eine bedeutende Summe vor, ein Reſt, der dem Geſetze gemäß uns gehören ſollte und mußte. Die⸗ ſen Reſt von jenem Vermögen beſitzen jetzt Migneul und ſeine Frau. Dürfen wir ihn nicht zurücknehmen?“ „Das Verhältniß würde dann nur umgekehrt. Wigneul und die Baronin würden das Gnadenbrod bei Oskar und Malcolm eſſen. Wäre das angenehm?“ ſagte ſie. „Hier fragt es ſich vor Allem, was recht iſt, das Angenehme muß ſich darnach richten.“ Amalie ſah zu Boden.„Soll das auf einen Pro⸗ zeß hinausgehen?“ fragte ſie. „Ich komme nun auf meine Bitte. Wenn auch Eugenie Guemarez dieſes Vermögen von ihren Eltern in das Haus gebracht hätte, und dieß daſſelbe wäre, welches ſie und ihr Mann jetzt befitzen, mit andern Worten: wenn mein Vater Adolph Fabian Ekenſparre all' das Seinige verſchwendet hätte— auch dann können ich und mein Bruder nach dem Schwediſchen Geſetz An⸗ ſpruch auf Gräſeholm und alle andern Güter machen, da wir das juridiſche Recht haben, für unſer von unſerm Vater erkauftes Familien⸗Erbgut ein Surrogat zu fordern.“ „Ha!“ rief Amalie, und ſprang zum zweitenmale empor,„jetzt höre ich dieſes Wort wieder; ein Blitz fliegt durch meine Gedanken! nicht um Erdbeeren zu eſſen kam Elbers nach Gräſeholm und ſprach ſo viel von— ich lachte damals— Gott, ſagen Sie mir, was war es? Er ging gewiß nicht umſonſt die Treppe zur Bibliothek hinauf. Oskar! Oskar! war das Alles wirk⸗ lich nothwendig? Jetzt erinnere ich mich— ich ſehe Alles klar— ich erinnere mich Deiner Worte— jener merkwürdigen Worte, als wir über den See ruderten, jener Worte an die Baronin, die ich nicht begriff, die ich aber für ſo ſchön hielt— um Gotteswillen, Oskar?“ „Wenn Du meinſt, meine Worte an die Baronin, als wir über den See ruderten, ſeien ſchön geweſen, 3 210 dann begreifſt Du jetzt meine Leiden, den Sinn derſel⸗ ben und meine Abſicht. Laß mich Deine Hand küſſen.“ Amalie reichte ihm ihre linke Hand und mit der rechten berührte ſie ſanft ſeine Locke, die auf ſeine Stirn herabgefallen war, und wiſchte einige Thränen ab, die an der äußerſten Spitze der Haare hängen geblieben waren.„Mein Begehren,“ ſprach er,„beſteht jetzt darin, auf irgend eine Weiſe zu erfahren, ob meine Stiefmut⸗ ter wirklich von ihren Eltern her Vermögen in das Haus gebracht hat, denn dann— auch in dieſem Falle kann das Geſetz zu meinen und meines Bruders Gun⸗ ſten ſprechen, weil— doch hier im Garten wollen wir keine Geſetzesſtellen citiren— aber dann will ich ſie deſſen nicht berauben. Amalie, hilf mir dabei; ſuche von der Baronin zu erfahren, ob ihr Vater ihr Etwas hinterlaſſen hat. Iſt es eine Sünde, ihr dieſe Nach⸗ richt zu entlocken, da ſie doch offenbar gewinnt, wenn ich es erfahre. Denn iſt es ſo, dann entſage ich mei⸗ nem juridiſchen Rechte und laſſe ſie ungehindert.“ „Wenn ich aber durch die Worte, die ich ihr ent⸗ locke, die Kenntniß davon erhalte, daß ſie nichts von ihren Eltern bekommen hat, was thut Oskar dann?“ Oskar ſah zu Boden. „Ich kann alſo die Urſache ſein, daß die Baronin grauſam unter dem Geſtändniß litte, wozu ich ſie ver⸗ leite? Denn wenn ſie z. B. unſchuldig und rein ihre Armuth von den eigenen Eltern her geſteht, ſo kommſt Du und Dein Bruder her und ihr nehmet ihr Alles, was da iſt. Gedenkt Oskar und Malcolm ſo zu thun?“ Er ſchwieg. „Sage mir Oskar, beſter Oskar, wozu dient dieß Alles? Du biſt zu etwas Anderem da, als zum Prozeſſiren.“ „Ach, Amalie, wie glücklich biſt Du, daß Du keine Familie, keine Verwandten, keine Anſprüche haſt. Du haſt keinen Stiefvater, keine Stiefmutter, und ich glaube, Du haſt kaum Eltern, denn ich habe Dich höchſtens nur von einer Mutter ſprechen hören. Verzeih mir, ich 211 ſchwatze wie ein— aber es iſt gewiß, daß, ſo ſüß es auch ſein mag, nichts zu haben, arm zu ſein, oder ſein ganzes Vermögen wegzuſchenken, es doch auch Augen⸗ blicke im Leben gibt, wo man gerne ſein Recht wahren will und muß. Ich bin mündig und auch ich möchte ein eigenes Haus, eine Heimath haben. Iſt das ſo übel gedacht, Amalie?“ „Ich habe es nie verſucht, wie ein ſolcher Wunſch ſchmeckt,“ erwiederte ſie.„Ein Haus und eine Heimath haben, ſo weit darf ich und meine Mutter nie denken.“ „Bei Gott, Du ſollſt eine haben.“ „Oskar, laß uns nicht von Anderem ſprechen, als eben von der Baronin Eugenie. Oskar, ſie war der Gegenſtand, um deßwillen wir uns hier trafen. Ich verſpreche Dir, daß ich— aber unter einer Bedingung — ja— ich werde mit der Baronin ſprechen, wenn— welche Erklärung ſie auch geben mag— ihr kein Scha⸗ den geſchieht. Ich muß auch an meine kleine Konſtanze denken. Welch ein Schickſal würde ſie treffen? Ich ſtudire und arbeite mit ihr, ſie wird ein geſchicktes und artiges Mädchen. Aber zu was müßte ſie in einigen Jahren greifen, wenn ſie des Vermögens beraubt würde? Sie müßte am Ende vielleicht nichts Anderes werden, als eben auch eine Gouvernantin. Nein, Oskar! Uebri⸗ gens iſt hier noch ein Fall möglich, den Du nicht be⸗ dacht haſt. Du ſagſt, Du wolleſt die Migneuls ihres Gutes nicht berauben, falls Du erführeſt, daß die Ba⸗ ronin von ihrer Familie Geld zugebracht habe. Aber denke Dir den Fall, wenn das Gut auf irgend eine Weiſe dem Baron Migneul ſelbſt gehörte?“ „Wenn der Schurke nicht—“ „Oskar, ich bitte Dich.“ „Ich wundere mich nicht, daß Du für ihn ſprichſt, aber Du kennſt den Prozeß nicht, Du weißt nicht, auf welche niedrige Weiſe man ſich in den Beſitz Alles deſ⸗ ſen zu ſetzen wußte, was rechtlich unſerm Vater ge⸗ hörte und alſo jetzt uns gehören müßte. Man hat ein 212 Leſtament fabrizirt, man hat eine Schrift aufgeſetzt, eine der niederträchtigſten Einwilligungen, er— o wenn Du ihn kennteſt, Amalie!“ „Ich eſehe⸗ daß auch ich Vieles gegen dieſen Mann zu bemerken hätte, obſchon ich keine Kenntniß von dem beſitze, was Du hier nennen kannſt; aber ich bitte Dich— ich bitte Dich.“ „Ich beſchwöre Dich, meine liebe Amalie, keine Fürbitte—“ „Für einen Menſchen?“ „Ha— Du haſt mich nie ſo geſchen und ich hoffe, Du wirſt mich nie mehr ſo ſehen, wie jetzt. O, Ama⸗ lie, Geliebte, es gibt einen RNamen auf Erden, deſſen Beſitzer an mir das ſchwärzeſte, vollkommenſte Buben⸗ ſtück verübt hat: eine Unterſchrift, ein abſcheulicher Ver⸗ ſuch, mir Alles zu nehmen und— verzeih', ich ſpreche hier warm und unbedacht, aber ich darf doch?— auch Dir damit Alles zu nehmen. Sein Name iſt Dir un⸗ bekannt, aber hilf mir, in dieſer Stunde den verfluchen, der durch mich auch Dir das größte Uebel angethan hnt⸗ das es auf der Welt gibt.“ „Oskar, ich verfluche keinen Unbekannten!“ „Verlaß Dich auf mich, Du kannſt getroſt einen Hillner verfluchen.“ „Ewiger Vater!— was nannteſt Du für einen Namen?“ „Den unſeres Erbfeindes, Auguſt Emanuel Hillner.“ „Gott und alle Himmel!“— Mit dieſem lauten Schrei ſtürzte Amalie bleich und zerſtört von Oskar hinweg, hörte keine ſeiner Fragen mehr und gab keine Antwort mehr auf alle ſeine Rufe. Zweites Kapitel. Eine kleine Lampe auf einem großen ſchwarzen Eiſch, Es iſt eine alte Wahrheit, daß die Menſchen ver⸗ ſöhnlich, gut und aufmerkſam gegen einander werden, 213 je mehr ſie ihre eigenen Mängel erkennen und einſehen, daß ſie der Nachſicht bedürfen. Die Nacht, welche auf den Tag folgte, den wir zuletzt beſchrieben— der Tag, an welchem die zwei Beſprechungen, die eine im Kaſſen⸗ Gewölbe, die andere an einem ſchattenreichen Platze im Garten ſtatt fanden— dieſe Nacht wurde für Mehrere unſerer Bekannten eine ſehr unruhige. Sie konnten wenig ſchlafen, ſie waren durch die Worte der Unter⸗ haltung gar mächtig zur Betrachtung mancher Punkte ihrer eigenen Perſönlichkeiten hingeführt worden, woraus dann Vorwürfe gegen ſich ſelbſt entſprangen, ſo wie der lebhaſte Wunſch, das Verbrochene ſo bald und ſo gut als möglich wieder herzuſtellen oder zu verbeſſern. Oskar und Amalie, deren Unterredung einen ſo unerwarteten Ausgang und plötzlichen Schluß erhielt, warfen ſich Beide vor, Eines gegen das Andere nicht ganz richtig zu Werke gegangen zu ſein. Oskar lag in dem Zimmer der jungen Barone in dem größeren und ſchöneren Bette, und in demſelben Gemach ſchlummerte ſein Bruder Malcolm auf dem Sopha der Wand gegenüber. Er konnte ſich allerdings auf Mylords feſten und nicht zu brechenden Schlaf ver⸗ laſſen, aber deſſen ungeachtet fürchtete er, durch das geringſte unbedachtſame Wort, das er etwa laut aus⸗ ſpräche, das neue Verhältniß zu verrathen, in das er ſich ſo ſchnell verſetzt fand. Hatte er nicht eine Unter⸗ redung mit Amalie nur in der Abſicht begehrt, um in Geſchäften mit ihr zu berathen? Aber hingeriſſen von dem Himmel, der in ihm erwacht war, hatte er ihr eine Erklärung gemacht, und je mehr er über dieſe nachdachte, deſto mehr fand er, daß ſie wirklich und ernſtlich aus der Tiefe ſeines Herzens gekommen war. Er war daher ſehr froh über dieſe Worte, deren Aus⸗ ſprechen, wie man behauptet, Manchen ſo ſehr ſchwer fallen, die aber hier auf die einfachſte und unſchuldigſte Art aus einem Zufall entſprungen waren⸗ Ein ſo ed⸗ ler und warmer Jüngling wie Oskar fühlte ſich zu ei⸗ 2¹4 ner neuen und ſchöneren Welt erhoben, da er jetzt wußte, daß er eine geliebte Freundin hatte, der er un⸗ beſchränkt und mit der reinſten Hochachtung alle ſeine Gedanken ſchenken, auf die er ſeine ſüßeſten Hoffnun⸗ gen gründen und mit der er ſich eine herrliche Zukunſt malen konnte. Sie hatte ihm zwar keine Antwort ge⸗ geben, die ihm das Recht verliehen hätte, eine vollſtän⸗ dige Erklärung darin zu ſehen; ſie hatte ihm nur, wie im Vorübergehen, ein Ja gegeben, welches ein Ja auf ſeine Bitte, daß ſie mit der Baronin ſprechen möge, ſein konnte, und vielleicht auch nur war; aber ein In⸗ ſtinkt ſagte ihm doch, daß ſie ihn nicht mißfällig ange⸗ hört habe. Eben darum ſchmerzte und peinigte es ihn, daß er gegen das Ende des Geſprächs unglücklicher Weiſe einen Namen genannt hatte, der ſie in die Flucht ſcheuchte.„Warum mußte ich, hingeriſſen von meinem Zorn, ein ſo ſchönes und ſanftes Weſen, wie Amalie Lenoir, auffordern, einen ihr Unbekannten zu verwün⸗ ſchen? Die Folge davon war, daß ſie ſich von mir losriß und gewiß kann ſie nicht die beſte Meinung von mir haben. Ich muß ſuchen, mich wieder bei ihr her⸗ zuſtellen, und ich muß mir ihre Verzeihung auswirken. Gewiß wird ſie die Schärfe der heiligen Religion gegen mich wenden, mir Unverſöhnlichkeit vorwerfen und mich zwingen, dem Haſſe gegen ihn zu entſagen, den ich— Gott ſei mein Zeuge!— nie gehaßt hahe, noch haſſen werde, wenn er nur ſo gut ſein und mir und meinem Bruder Recht widerfahren laſſen will. Aber ſo lange er uns nicht gibt, was uns gehört, kann ich dann das verzeihlichſte Gefühl gegen ihn abſchwören? Was werde ich ihr antworten, wenn ſie mir mit dieſem ſchweren Anſinnen daher kommt? Ich werde ihr aufrichtig meine ganze Geſchichte darlegen, ich werde ſie wiſſen laſſen, welche Perſon dieſer Hillner eigentlich iſt, bei deſſen bloßer Nennung ſie vor Schrecken entfloh. Ich werde ihr ſagen, daß er kein anderer iſt, als unſer— aber bin ich denn deſſen ſo gewiß?— ja nun, nach Allem, — 215 was ich über die Sache gehört und in den Dokumenten geleſen habe, kann dieß nicht länger bezweifelt werden. Laßt ſehen! ſollte ich mir nicht auch hierin eine voll⸗ kommene Gewißheit verſchaffen? Aber Migneul eine Frage in dieſer Beziehung machen, oder Rutfors nur ein halbes Wort darüber ſagen, das hieße den Löwen gegen mich hetzen. So geht es nicht. Ich folge lieber Elbers Rath und ſpreche nur in Gegenwart meines Stiefvaters von einer Nachforſchung oder dergleichen nach dem braven Vormünder, dem ich und mein Bru⸗ der ſeine Mühe zu vergelten hätten. Ich werde dann ſehen, was ſür ein Geſicht er macht. Wenn ich nur ſelbſt meine Faſſung beibehalte! Sonderbar, auch mt ihm, mit dieſem Baron Migneul, habe ich Amalien ſo frei ſprechen ſehen. Er behandelt ſie ſo ſchonend, ſo— Aber pfui! bin ich nicht ein Feigling, daß ich ſie auch zu Unterhandlungen mit meinem Stiefvater gebrauchen will? Soll ſie denn Alles thun und ich nichts? Nein, aber zu läugnen iſt nicht, ich ſage, zu läugnen iſt nicht, daß dieſer verſchloſſene, und wo nicht haxte, ſo doch kalte Mann ſich gegen die Gouvernantin ſeiner Tochter auf eine Weiſe benimmt, die mit ſeinem gewöhnlichen Weſen durchaus nichts gemein hat; er—— ja, er⸗ hat allerdings eine elegante Tournure gegen Jedermann, wenn er will. Merkwürdig iſt es übrigens, daß er ge⸗ rade hier will. Amalie iſt mir immer mehr und mehr ein Räthſel; ich bin beinahe gewiß, daß es ihr nur den geringſten Wink koſten würde, von Migneul jedes Wort, jedes Geheimniß, jede Erklärung herauszulocken, die ſie nur wünſchte. Aber— nein, ich für meine Perſon, ich will nicht, ich will ſie nicht dazu benützen. Ich geſtehe aufrichtig, daß ich wünſche, dieſe Nacht wäre vorüber; ich ſehne mich nach einer neuen Unterredung mit ihr. Ich muß wiſſen, warum und aus welchen Gründen ſie mir entwich; warum ſie ſo ſchnell und ohne auf das geringſte Wort weiter zu hören, mich und den ganzen Garten bei Nennung dieſes Namens verließ, 2¹6 wie wenn ſie ſchon wüßte, daß Hillner nud Migneul dieſelbe Perſon iſt. Sie nahm ſehr beſtimmt ſeine Par⸗ tei gegen mich. Merkwürdig genug. Es iſt doch ſon⸗ derbar, ſollte ſie—?— Daß ſie gegen Jedermann zu⸗ vorkommend iſt, daran kann ich nichts Tadelnswerthes finden. Daß ihre liebenswürdige Perſönlichkeit nun einmal der Art iſt, daß ſie ſich vor Jedermann mit ei⸗ ner ſanften Anmuth, mit einer feinen Grazie zeigen muß, da kann ich nichts dagegen machen. Sollte ſie wirklich— wie ich von Vielen habe behaupten hören, daß es die Gouvernantinnen immer ſcien— eine Ko⸗ kette ſein, welche nur dafür lebt, ihre ganze Umgebung zu erobern, und deren eitles, oberflächliches Gemüth es liebt, Jeden zu feſſeln, der ſie ſieht? Himmel— nur das nicht— Bei Gott, Amalie gehört nicht zu den gewöhnlichen Menſchen. Wer das behauptet, den for⸗ dere ich auf Tod und Leben heraus. Nein, ſage ich, bei Gott nein. Ich brenne vor Sehnſucht, eine neue Beſprechung mit ihr zu bekommen. Ich werde beobach⸗ ten, wie— ach, ich werde nichts thun, was nicht durchaus nothwendig iſt. Aber was in Wahrheit erfor⸗ derlich iſt, das werde ich thun und dieß beſteht darin, daß ich ſuche, ihre Verzeihung wegen der heftigen Art zu erhalten, womit ich in ihrer Gegenwart gegen ei⸗ nen— gegen meinen Feind herausfuhr, aber gegen ei⸗ nen, deſſen Partei ſie genommen hatte.“— Man hört aus dieſem höchſt unregelmäßigen Dialog, daß der warmherzige Jüngling ſich immer mehr in die Sache verwickelte, je mehr er ſie in's Reine zu bringen ſuchte. Der Gott des Schlummers, der den Kampf des Het⸗ zens mit dem Kopf nicht liebt, entfernte ſich immer wei⸗ ter von ſeinem Lager, und Oskars ſonſt ſo erprobtes Mittel, das ihn ſiets den Schlaf gewinnen half, der Gedanke nämlich an ſeinen Bruder Malcolm, wollte er in dieſer Nacht nicht ergreifen, denn er war zu guf⸗ geregt. — N—— N—„— uv— ——— 8 * * 217 Mit unſerem Privilegium, Alles zu hören, zu ſehen und zu erfahren, und auf Alles zu horchen, was nicht nur in den einſamſten, dunkelſten Zimmern, ſondern auch in den Seelen unſerer Perſonen vorgeht, aber dieß gleichwohl nicht länger oder öfter zu thun, als wir uns bei derſelben befinden, verlaſſen wir jetzt Oskar Ekenſparre mit dem Wunſch, daß er doch wenigſtens ein paar Stunden vor Sonnenaufgang einen ſchönen Schlaf genießen möchte, und wagen uns nach Amalien's Kämmerlein hinüber. Sie lag ebenfalls eine geraume Zeit wach, aber ſie kämpfte nicht ſehr mit ſich ſelbſtz ſie hatte nicht viel Geheimniſſe, und kannte keine großen Wünſche. Ihre Bruſt ſchlug nur noch aus Erſtaunen darüber, den Namen ihres eigenen Vaters mitten in einem Gewebe unter ſo vielem Anderen gehört zu haben, das ſie nicht damit verknüpfen konnte. Bald neigten fich jedoch ihre Gedanken zuſammen, die Ruhe nahm dieſelben, und der Friede verfiegelte ſie in ſeinem Buche mit den großen, weißen Deckeln. Amalie that jetzt wie immer, ſie faltete ihre Hände zuſammen, um ihren Tag abzuſchließen; und da ſie nicht umhin konnte, auszu⸗ rufen:„Oh, mein Vater, biſt Du ein Gegenſtand des Haſſes geweſen?“ ſo blickte ſie dabei mit dem innigſten, obſchon nicht in hörbaren Worten ausgeſprochenen Ge⸗ bete nach Oben, mit dem Gebete, daß dieſer Haß un⸗ gerecht geweſen ſein möge, oder— ſetzte ihr Herz zit⸗ ternd hinzu— wenn er gerecht wäre, daß doch derſelbe gehoben werden könnte!„Gnade, Gnade!“ waren die Worte, welche ihre Lippen für den Unbekannten flüſter⸗ ten, von dem ſie ſeit ihrer früheſten Jugend an gern etwas gewußt hätte, deſſen Namen ſie aber jetzt ſo un⸗ erwartet und furchtbar mit Zorn und Verwünſchungen verbunden hört. Die Gnade, um welche ſie bat, floß unſichtbar, aber gewiß auf ihre Schläfe herab, und ſie wurde in das Land des Schlafes und der Träume ge⸗ wiegt, von der heiligen Hoffnung, die nie von den Gu⸗ ten weicht, und welche ſie auch dießmal für denjenigen Amalia Hillner. 15 — 2¹8 fühlte, den ſie tiebte, ohne ihn geſehen zu haben, und den ſie entſchuldigen wollte, ohne den Grund davon zu iiſc Eben auf der Schwelle des Schlummerreiches, als ihr Geiſt ſchon von den Genien des Schlafes mit dem weißen, kühlenden Feſtgewande bekleidet zu werden begann, zögerte noch eine ihrer Erinnerungen, die, welche am ungewißſten über die Schwelle gehen wollte, ſie zögerte bei dem Gedanken an Oskar. Sie konnte nicht läugnen, daß ſie ein großes Vergnügen an dem empfand, was er ihr geſagt hatte, aber ſie machte ſich Vorwürfe⸗ daß ſie am Schluſſe, ſo ohne alle Höflſchkeit und ohne die geringſte Erklärung von ihm fortgeſtürzt ſei. Sie beſchloß, bei der nächſten Erklärung es wieder gut zu machen. Wenn dabei Jemand in dem finſtern Käm⸗ merlein ihr Geſicht hätte ſehen können, ſo würde er gewiß ein kleines Lächeln entdeckt haden, das ſich ihr ſcherzend um den Mund lagerte. Sie gedachte jedoch Oskars harter Worte über ihren Vater, und ein Schim⸗ mer von düſterer Melancholie legte ſich jetzt im Augen⸗ blick wie ein Flor von Schnee über die ſchönſten und duftendſten Roſen ihtei Seele. Aber gleich darauf rief ſie bei ſich ſelbſt:„Gott ſei Dank, es iſt doch Niemand ſchlimmer als Oskar, er verflucht ja; er wird wohl—“ und dabei bequemte ſich dieſe ſchläfrige Erinnerung eben⸗ falls nach der Region des Schlafes hinüber zu geben, wo ſich ſchon die ganze übrige Welt Amalien's ſo ſanft und fröhlich verſammelt hatte. Wir erlauben uns endlich einen Beſuch in dem ent⸗ eihnſen Theile des Schloſſes, wo Baron Migneul's nhi ßimmer lag. Durch die Nachricht, die er von, Rut ors erhalten, auf's Höchſte aufgeregt, hatte er ſich Ahendeſſen. Der Bediente, der ihn ent⸗ ſ end nach ſeinem Zimmer begeben, Niemand Hiene die nach der Aufſchrift ittel. enthielt.„Schließe die ite 5 6 imig nicht erin, 6 auch niemand 121 zi Befehl, nebſt den übrigen Arzueien 2¹9 Anders hierher, bis ich ſchelle. Halte aber die Lampe im äußern Zimmer angezündet.“ Der Bediente ent⸗ fernte ſich und.ſchloß die Thüre des Barons traurig und beſorgt. Als Migneul ſich niederlegte, war es in ſei⸗ nem Schlafzin'mer noch nicht völlig Nacht, obſchon die Rollgardinen herabhingen, und hinter ihnen auch die Jalonſien herunter gelaſſen waren. Aber die Jahres⸗ zeit brachte noch eine graue Dämmerung um dieſe Stunde mit ſich. Der Unglückliche ſchloß die Augen, um eine noch größere Finſterniß zu bekommen, aber Unruhe und tauſend Erinnerungen ſtritten mit einander, die Bühne eines innern Theaters zu erleuchten. Er ſah mehr, als er wollte, je feſter er die Angen ſchloß. Er öffnet da⸗ her ſeine matten Augenlieder wieder, und heftete den Blick auf die Wand neben ſeinem Bette. Er hoffte, daß die Nacht mit einem größern Dunkel, und mit dem Dunkel Schlaf eintreten würde; ſeine Pulſe ſchlugen krank und ungleich. Das große Verbrechen, welches Baron Migncul begangen, ſtand in den Stunden der Ruhe unaufhörlich vor ihm, und malte die ſchrecklichſten Bilder vor ſeine Seele. Sogar die äußere Gefahr vor dem Geſetz, in die er ſich verſetzt ſah, peinigte ihn we⸗ niger, als die Vorwürfe, die er ſich machte, und man kann ſagen, daß er in dieſer Hinſicht weiter ging, als die Meiſten, indem es ſich nur Wenige zum Fehler an⸗ rechnen, wenn ſie als Wittwer zum zweiten Mal in eine eheliche Verbindung getreten ſind. Allein wir wiſ⸗ ſen, daß Migneul auch ohne Bigamie ſchon ſeine Nei⸗ gung zu Eugenien für einen Verrath an ſeiner erſten Liebe anſah, obſchon er ſeine erſte Gattin für todt ge⸗ halten hatte; und andrerſeits legte er es ſich eben ſo tief und ſchwer zur Laſt, daß er ſein zweites Weib um die wichtigſte und zärtlichſte Hofſnung ihres ganzen Le⸗ bens betrog, indem er es nicht über ſich vermochte, ihr den Glauben zu nehmen, daß er ſie liebe, während er doch keinen Augenblick aufgehört hatte, in aufrichtiger und reiner Erinnerung für Sophie Hillner zu athmen. Er überlegte bei ſich ſelbſt, während er ſo da lag, wie es ihm möglich ſein würde, das Gräßliche, das er be⸗ gangen, aufzuheben oder zu mildern. Sein feſter Ent⸗ ſchluß war, Beate Sophie wieder zu ſehen, wenn es ihm auch ſeine ganze irdiſche Wohlfahrt koſten würde. Aber welch' ein Donnerſchlag mußte es nicht für ſie ſein, wenn ſie aus ſeinem Munde hörte, daß er ſich mit einer Andern verbunden habe, und, o Gott, daß er auch dieſe liebte! Vielleicht wäre der einzige Aus⸗ weg, wenn er ihr den Zuſtand ſeines Innern verſchwieg, aber ſo betrog er ja auch Sophie und ihre höchſte und zärtlichſte Hoffnung! Schlaflos warf er ſich in einer Nervenſpannung umher, die an ein ſtarkes Fieber gränzte. Bisweilen empfand er eine Art Linderung, wenn er an das ſchwediſche Geſetz dachte, und die Strafbe⸗ ſtimmungen deſſelben halfen ihm ein durch Seelenkämpfe mit ſich ſelbſt uneins gewordenes Gemüth zerſtreuen. Da er nicht die geringſte Veranlaſſung gehabt hatte, an der Nachricht von Sophie Hillner's Tode zu zweifeln, die ihm von ſeinem ſtets ſo zuverläßigen und treuen Rutforszmitgetheilt worden war, und da er ſo nach menſchlicher Berechnung allen Grund gehabt hatte, ſich für Wittwer zu halten, ſo konnte er zwar nicht ſagen, daß er durch eine leichtſinnige Vergeſſenheit der Geſetze, oder durch ein eigentliches Abweichen von denſelben in ſeine ſchreckliche Lage gerathen ſei, da der Wiederver⸗ heirathung eines Wittwers kein geſetzliches Hinderniß im Wege ſteht. Freilich hätte er an Rutfors ſchreiben und ein gehöriges Zeugniß, ein gerichtliches Atteſtat von dem Tode und Begräbniß ſeines Weibes verlangen ſollen; denn in eigener Perſon mit der ſchwediſchen Behörde dar⸗ über Briefe zu wechſeln, war ihm, der in ſeinem Vaterlande für todt galt, nicht wohl möglich. Wäre er ein regel⸗ maßigerer und geordneterer Charakter geweſen, ſo würde er ſich ohne Zweifel in einer ſo wichtigen Sache nicht mit Rutfors Angabe allein begnügt haben; allein es iſt nur zu leicht möglich, daß, wenn er auch Geiſtes⸗ n 221 gegenwart und Kälte genug beſeſſen hätte, um an ſeinen Buchhalter wegen der Ausfolgung des Atteſtates über den Gegenſtand ſeiner tiefen Trauer zu ſchreiben, dieſer Buchhalter gewiß auch ein ſolches anzuſchaffen gewußt hätte, wie wir ihn in Beziehung auf den Brand und ähnliche Dinge nicht ſehr gewiſſenhaft geſehen haben, ſo ferne es nur irgend einen großen und nützlichen Plan galt, und Rutfors hatte ſich immer äls ein Mann ge⸗ zeigt, der wenn er A geſagt, nie ein Bedenken trug, auch das abenteuerlichſte B zu ſagen. Die Vorſichts⸗ maßregel, einer Beweisforderung von ihm hätte alſo wahrſcheinlich zu Nichts geführt, und durch einen An⸗ dern konnte der für todt Ausgegebene ſie nicht zu er⸗ halten ſuchen. Wie viel Böſes zieht nicht eine urſprüng⸗ liche Lüge nach ſich, und bald weiß man ſich nicht mehr zu helfen und zu rathen. Wie jetzt die Sache einmal war, ſo wußte Baron Migneul, obſchon kein eigentlicher Ju⸗ riſt, recht wohl, daß das Geſetz der vierunddreißiger Jahre den Tod durch das Schwert für Jeden beſtimmt, der in Bigamie lebt, und daß in dem Geſetz keine Ab⸗ änderung für den Fall vorgeſehen war, wenn das Ver⸗ brechen dadurch erfolgte, daß man nicht wußte, daß die Gattin noch am Leben war. Unſtreitig war von dem Baron eine große Verſäumniß begangen worden, und dieß mußte ohne Zweifel beſtraft werden. Da aber das Geſetz bei andern Dingen verſchiedene Strafarten und Grade, je nach dem größeren oder geringeren Ver⸗ brechen beſtimmt, ſo wäre es nicht gegen den Grund⸗ ſatz, wenn man auch hier auf einen ſolchen Unterſchied bedacht geweſen wäre, obſchon das Strafgeſetz Cap. 9 §. 1 davon ſchwieg. Eine Milderung konnte jedoch hier durch den Richter eintreten, da dieſer aber im Geſetz nicht die geringſte Andeutung darüber fand, was man bei dem Verbrechen der Unwiſſenheit zuſchreiben ſollte, und was nicht, ſo hing es alſo nur von der perſön⸗ lichen Anſicht des jeweiligen Richters ab, wie hoch oder wie gering er die begangene Nachläßigkeit, daß Mi⸗ gneul ſich nur auf einen Rutfors verlaſſen hatte, taxiren wollte. Von ältern Zeiten her, oder nach dem Land⸗ recht des ſchwediſchen Reiches, das bis zu dem Coder von 1734 galt, erinnerte ſich Migneul in dem ſogenan⸗ ten Halsgerichtsbuch Cap. 5 die Beſtimmung über Bi⸗ gamie geleſen zu haben, daß der Mann geköpft, das Weib aber lebendig begraben werden ſolle. Die Phan⸗ taſie des Kranken begann dabei die ſchrecklichſten Bilder in dem immer dunkler werdenden Schlafzimmer um ihn her zu malen, und die Kette der häßlichen Gemälde, die entſtanden und wieder verſchwanden, wurde hie und da vurch mehr oder minder klare Erinnerungen aus Ge⸗ ſetzen und Verordnungen unterbrochen, die ſich biswei⸗ len mit deutlichen Worten in ganzen Tiraden vor ſeine Einbildungskraft ſtellten: ein ſo merkwürdiges Gedächt⸗ niß auch für die fremdartigſten Gegenſtände kann ein Ficberkranker beſitzen, obſchon er ſich oft eben ſo plötzli h wieder mit unzuſammenhängenden, falſchen Begriffen vermiſcht. Was die große Frage betraf, ob Unwiſſen⸗ heit bei Bigamie zur Milderung beitrage, ſo las Mi⸗ gneul ganze Reihen aus dem Königlichen Briefe an das Göthaer Hofgericht vom 7. Dec. 1722, die ſich ihm ſchnell mit aller Deutlichkeit mit folgenden Worten vor Augen ſtellten: „Verheirathet ſich Einer außer Land's, ehe er ſich „mit Beſtimmtheit über den Zuſtand ſeines daheim „gebliebenen Weibes unterrichtet hat, und findet „ſie am Leben, wenn er zurückkehrt, ſo hat er ein „Kapitalverbrechen begangen, d. h. den Kopf ver⸗ „wirkt. Sollte es ſich aber herausſtellen, daß er „Grund hatte, ſie für todt zu halten, nachdem er „an ſie geſchrieben, und auf ſein Schreiben keine „Antwort erhalten hat, ſo wird ihm das Leben „geſchenkt, und er mit körperlicher Züchtigung und „Körperbuße beſtraft.“ Nun erkannte zwar Migneul, daß er Veranlaſſung ge⸗ habt hatte, ſeine Frau für todt zu halten, indem er 223 ſtets alle Urſache gehabt, ſich auf Rutfors zu verlaſſen; aber er hatte ihr doch nicht geſchrieben, und auf ſein Schreiben keine Antwort erhalten, wie der Königliche Brief es verlangte. Seine Sace zeigte ſich alſo auf alle Fälle als ein Kapitalverbrechen, da die Ordnung nicht beobachtet worden war, unter deren Kathegorie die Unwiſſenheit allein etwas gelten, und zwar nicht zur Befreiung, denn davon war gar keine Rede, aber doch zur Milderung der Strafe beitragen konnte. Nun⸗ mehr war zwar ſowohl das ältere Landrecht, als das Geſetz vom Jahre 1734 für derartige Gegenſtände auf⸗ gehoben, und die Königliche Verordnung vom 20. Jan. 1779 wollte nicht, daß Einer, der in Bigamie gelebt hatte, durch Aufhören des Lebens mit einem Male aus ſeiner falſchen Stellung gebracht und von den Schwie⸗ rigkeiten deſſelben vollſtändig befreit würde, ſondern es beſtimmt nur 40 Ruthenſtreiche und einige Jahre Feſtung mit oder ohne Arbeit, je nach den Umſtänden. Dieſe Milderung, obſchon ſie ihrerſeits davon zeugte, wie die Strenge der allgemeinen Geſinnung unter König Gu⸗ ſtav IIl. zu erſchlaffen beaann, enthielt immerhin noch Vieles, was der Verbrecher wohl zu bedenken hatte, zumal da die Sache eine peintiche war, und ſich alſo nicht durch eine Summe Geldes bei dem G ſetz abkau⸗ fen ließ. Uebrigens äußerte ſich die Königliche Ver⸗ ordnung eben ſo wenig, wie das allgemeine Geſetz dar⸗ über, ob eine Aenderung für den Fall eintreten ſollte, wenn der Schuldige über das Leben ſeiner erſten Frau in Unkenntniß geweſen war und das Verbrechen alſo nicht mit Ueberlegung verübt hatte. Migneul's krank⸗ haft ausſchweifenven Vorſtellungen gingen ſogar ſo weit, daß er das herbei zu rufen begann, was er in dem neuen Strafgeſetzentwurf geſehen hatte, der zwar noch nicht als Geſetz in Schweden eingeführt worden war, aber es wohl einmal werden dürfte. Seine aufgeregte Phantaſie malte ihm ſchnell die Zahlen 19 und 4 vor den Augen, welche wahrſcheinlich das 19te Cap. unter 224 dem 4ten Paragraphen des Strafgeſetzentwurfes be⸗ zeichnete, woraus der Kranke ungefähr folgender Worte ſich erinnern wollte:„Ein verheiratheter Mann, oder eine Frau, welche, ehe ihre Ehe aufhört, eine neue ein⸗ geht, wird zur Zuchthausarbeit vierten Grades verur⸗ theilt.“ Hier fragte es ſich nun, worin beſteht dieſer? und alsbald gab ihm das 2te Cap.§. 5 deſſelben Ge⸗ ſetzes die Antwort:„daß dieſer vierte Grad in einer 3 bis 6jährigen Feſtungsarbeit beſtehe, die jedoch auch in eine Einſperrung ohne Arbeit verwandelt werden könne, ſofern das Zellenſyſtem angenommen würde.“ Varon Migneul hielt ſich jedoch nicht lange an einem Strafentwurf auf, der noch nicht galt, und deſſen An⸗ nahme wohl ſo lange als möglich aufgeſchoben werden dürfte, da er darauf ausgeht, die von ſo vielen Ju⸗ riſten ſo hoch geſchätzte Ruthenſtrafe abzuſchaffen. Mig⸗ neul's erſchütterte Phantaſie kehrte ſchnell wieder zu ihren früheren Schreckensbildern zurück, und er meinte ſich in das Mittelalter nach Spanien verſetzt, mitten unter die Torturwerkzeuge der Inguiſition, unter die Folterbänke und Räder, die in Glaubensſachen, in See⸗ lenfragen und in ähnlichen Fehlern angewandt wurden, und in Betreff derer man längſt eingeſehen hat, daß eine körperliche Züchtigung dafür ein Unſinn, eine Bar⸗ barei iſt, da dieſe Gegenſtände am Beſten durch eine höhere und edlere Erziehung, durch eine verbeſſerte Ue⸗ berzeugung, durch Aufklärung und Willensbeſſerung in die richtige Ordnung gebracht werden. Der glückliche Zuſtand, den alſo das religiöſe Leben des Menſchen in vielen Ländern erreicht hat, und welches darin beſteht, daß Eiſenſtrafen, Tauende und Scheiterhaufen abgeſchafft ſind, und dagegen, wenn ſich ein religiöſer Fehler zeigt, dieſer durch eine auf die Seele ſelbſt— ſofern dieſe Religion beſitzt— gerichtete Arbeit geheilt wird: Dieſer glückliche Zuſtand hat noch nicht in das Gebiet der Liebe oder des Familienlebens eingehen wollen. Der Kranke wendete ſeine Gedanken allmälig von ſeiner eigenen Per⸗ . 225 ſon ab und ſie fielen auf Eugenie. Hier fuhren ſie mit einem noch größeren Entſetzen zurück, und er war nahe daran, laut auszurufen:„Rutfors Rath muß befolgt werden! ich muß fort! denn was ſagt das Geſetz von der, welche ſich mit dem Bigamiſten verheirathet hat? Sie ſoll mit dreißig Ruthenſtreichen oder einem Monat Gefängniß bei Waſſer und Brod beſtraft werden, wenn die frühere Ehe des Gatten ihr bekannt war; und wie kann Eugenie beweiſen, daß meine erſte Ehe ihr nicht bekannt war?“ Ein kalter Schweiß begann über die Stirn des Unglücklichen zu rieſeln. Entweder aus Man⸗ gel an juridiſchen Vorkenntniſſen, oder aus Vergeßlich⸗ keit und in Folge des ſchwachen Zuſtandes, worin er ſich befand, machte Migneul hier einen Mißgriff, denn die Gefahr für die Baronin war in ſo weit keine, als es nie ihre Schuldigkeit geweſen wäre, zu beweiſen, daß ſie von der erſten Ehe des Barons nichts gewußt, ſondern die des Anklägers, den Beweis dahin zu füh⸗ ren, daß ſie ſie gewußt habe, was dieſem gewiß un⸗ möglich war. Aber ein von Angſt aufgeſcheuchtes Ge⸗ müth ſieht in der ſchauerlichen Stunde der Nacht gerne nicht nur wirkliche, ſondern auch eingebildete Gefahren. Er ſeufzte tief, ſtrich mit der Hand über Stirn und Wange, und all ſeine Gefühle empörten ſich mit einem Abſcheu, der an Raſerei gränzte, wenn er daran dachte, wie ein ſo feiner und ſchöner Charakter, wie der von Eugenie Guemarez, in Beziehung zu den Strafbeſtim⸗ mungen ſtehen müßte, die ſich ſeinem Gedächtniſſe auf⸗ gedrängt hatten.„Oh, mein Gott im Himmel,“ tönte es dumpf aus ſeiner gequälten Bruſt,„gibt es denn hier nicht hinlänglich Qualen für das Herz? Iſt es denn nicht genug, daß die Seele zerriſſen wird? Oh, Du mein Henker komm', komm', wenn auch der Körper zerfleiſcht werden muß, ſo gib mir mein Maß doppelt, aber ſchone— ſchone— ſchone— ha!“ ſchrie er faſt wahnſinnig,„wage Dich nicht an ihr Bette! weiche Verfluchter, nähere Dich nicht einer Decke, einem Kiſſen, gegen deſſen weißen 226 von tauſend Gedanken, die nicht gewachſen ſind, um von Deinem Beile geerndtet zu werden! Nein! komm' zu mir, mein Freund,“ ſetzte er endlich leiſe, beinahe ſanft, aber ſchauerlich hinzu,„hier triffſt Du Deinen Mann, den, welchen Du ſuchen mußt, denn ich bin der Verbrecher, ich allein, denn— denn— ha— denn ich liebe Eugenie noch! oh, hat wohl Sophie meine auf⸗ richtigen Worte gehört? Nein— ſie hörte mich nicht, ſie iſt vielleicht tauſend Meilen weit von hier— ein flammender Schlund liegt zwiſchen uns— ewiger Him⸗ mel! iſt auch ihr Herz wohl tauſend, tauſend Meilen weit von mir entfernt? Sie hält mich für todt, und ich lebe in einer tieferen Nacht, als der des Todes!“ In einer noch tieferen Kette erſtachelnder Gedan⸗ ken würde ſich Migneul befunden haben, wenn er ge⸗ wußt hätte, daß ſeine Sophie, ungeachtet ſie von ſeiner zweiten Heirath wußte, dennoch Allem aufbot, um ſo wenig als möglich ſchlecht von ihm zu denken, daß ſie ſogar gut von ihm zu denken verſuchte, nicht deßhalb, weil ſie ihn entſchuldigen konnte, ſondern weil gute und liebende Menſchen auch ohne beſondern Grund für ein geliebtes Weſen Liebe empfinden, gut von ihm ſprechen und es gut mit ihm meinen. Sie hatte ja ſelbſt — beinahe zerriſſen von Schmerzen, beim Gedanken an ihre glücklichere Nebenbuhlerin, die Baronin, aber wieder geheilt durch die unſterbliche Hoffnung und ihren Glauben an die Liebe— ſie hatte ja ſogar ihrer Toch⸗ ter in demſelben Geiſte geſchrieben und ſie ermahnt, für ihn zu arbeiten, deſſen eigentliches Verhältniß zu ihr ſie derſelben nicht mittheilen wollte. Welche Qua⸗ len würde nicht Migneul empfunden haben, wenn er gewußt hätte, daß dieſe beiden edeln Weiber, ſür die er ſelbſt nichts gethan hatte, Alles für ihn thun wollten. Man kann den Verbrecher mit einem Rinde vergleichen, welches auf einer Wieſe weidet, auf der kein Gras wächst aber Diſteln und herbe, bittere Kräuter in Saum ein Haupt ruht, das Du nicht verſtehſt, ein Haupt 227 Menge. Es gehet von einem zum andern, keins ge⸗ währt ihm Rahrung, aber es fühlt doch eine augen⸗ blickliche Anderung durch den Wechſel. Von der Er⸗ innerung an Beate Sophie wandte Migneul ſeine Ge⸗ vanken aufs Neue zu Eugenie, der Verlornen, die er ſterben ſah, und ſterben, in der gewiſſen Vermuthung, in einer andern Welt ihn als liebenden Gatten zu treffen. Er ſah dieſen ſchönen Geiſt, das Opfer des lieblichſten, bethörendſten Traums. Er kam ſich in die⸗ ſem Augenblick ſo ſchrecklich vor, er ſah ein ſolches Ungeheuer des Abgrunds in ſich, daß er ſchnell aus dem Bette ſprang, mit dem Vorſatz, ſogleich zum Zim⸗ mer der Baronin und an das Bett der Kranken zu eilen und Alles zu geſtehen. Er wollte ihr ſagen, daß ſie für ihn nur eine Epiſode im Leben gebildet, daß er ſie nie geliebt habe; er wollte ſie bitten, von ihren höſten und theuerſten Gedanken nichts zu erwarten, aber er blicb an der Thür zurück. Es war ſo ſpät und in der Nacht— konnte er ſie nicht durch dieſe Scene tödten? Und endlich—„Großer Gott!“ rief er, und vrückte die Hand an ſeine heiße Stirne,„wie werde ich die große und vollkommene Lüge glaubwürdig machen können, die Lüge, daß ich Eugenie nicht liebe?“ Er ſchritt im Zimmer auf und ab.„Und doch, und doch muß ich es ihr ſagen,“ fuhr er fort und rang ſeine Hände,„denn ſonſt ſtirbt ſie mit dem gerechten Glauben, mich dereinſt erwarten zu dürfen. Ich muß ihr Herz jetzt brechen laſſen, damit es für die künftige Ewigkeit ge⸗ heilt iſt. O hätte ich doch einen Helfer, hätte ich ein Gebet! O wäreſt Du hier, Sophie, du himmliſch gute, Du reiner Geiſt, Du, die ein Herz für Alles hatte! Du würdeſt Eugenie und mich ſehen und uns helfen — ha, was ſage ich— ja, aber ich fühle es doch— Du, Du allein könnteſt helfen,— ich bin verloren. Dich— Dich, Dich, Sophie, liebe ich vollkommen, unendlich. O daß Du hier wäreſt! Dich, Sophie, liebe ich, wie man das höchſte im Himmel und das Beſte 228 auf Erden liebt. Ich habe Dich ſeit neunzehn Jahren nicht mehr geſehen——.“ Bei dieſem Anfang eines neuen Monologs blieb er plötzlich mitten im Zimmer ſtehen, und eine ganz unerwartete Furie begann ihre flammende Fackel vor ſeinen Augen zu ſchwingen. „Ha!“ rief er ſchnell mit kurzen Athemzügen und ge⸗ brochenen Worten,„was fällt mir da ein?— Sophie hat mich für todt gehalten— ſie hat vielleicht auch— Gott dieſes Schreckliche, Aehnliche— dieſe ſüße, un⸗ ausſprechlich anziehende Aehnlichkeit, die ich eine Zeit⸗ lang hier im Hauſe mit Schrecken und Entzücken ſchaute— O gebt mir Luft— ein wenig Luft— dieſer Name— Lenoi— Len— ha— ſo hat wohl auch Sophie— auf dieſe Weiſe— das Schrecklichſte auf Erden! jenes Verbrechen, wegen deſſen ein Weib vor kaum zwei Jahrhunderten lebendig begraben wurde! Auch ſie konnte jetzt doppelt verheirathet ſein— Rut⸗ fors, mein Freund, ich ſühle, daß ich von der Erde fliehen muß, Rutfors, der größte aller Verfluchten, Du— Du— ſo viel ſollte eine einzige Lüge bewir⸗ ken können!„Nach einem kurzen Nachſinnen fuhr er weeder fort.„Wenn ich mich zu erkennen gebe, zu Sophien reiſe und wir bei einander geſehen werden, ſo iſt ſie der Todesſtrafe verfallen, oder einer andern, die eben ſo groß, ja in meinen Augen noch ſchrecklicher— iſt. Doch, ſollte ich mich vielleicht irren! Es iſt doch nicht wohl möglich, daß dieß ſein kann. Obſchon das Geſetz kein Wort von Strafloſigkeit im Falle der Un⸗ wiſſenheit ſagt, ſo muß doch Sophie freigeſprochen werden, da ſie nicht nur, wie ich, ihren Gatten todt ge⸗ glaubt hat, ſondern der Pfarrer in der Gemeinde einen Sarg begrub, über den er, der doch als Beamter ein vollgültiges Zeugniß ablegen kann, zu atteſtiren im Stande iſt, daß er einen todten Mann darin vermeinte und ihn in ſeinem Kirchenbuch als einen ſolchen ver⸗ zeichnete. Ich hoffe zu Gott, daß—“ bei dieſen Wor⸗ ten zitterten ſeine Kniee—„daß vor dem Gericht das Zeugniß des Pfarrers meinen Tod beſſer beweiſen kann, als der Anblick meiner Perſon mein Daſein bezeugt. So muß Sophie gerettet werden. Gott ſei Dank, ich hoffe, ich glaube— glaube es. Aber ich, ich, mit mir iſt es aus.— Ach, iſt es denn möglich, daß ihre Ge⸗ danken auf einen Anderen fielen, dann habe ich ſie ver⸗ loren.“ Bei dieſen Worten wurde ſein Nervenſgſtem ſo ſehr erſchüttert, daß er neben dem Bett auf die Kniee fiel, ſeine Hände faltete und eine Fluth von Thränen es ihm unmöglich machte, ein Wort weiter mit ſich ſelbſt zu ſprechen.— Er fuhr heftig empor, als er aus einer der dunklen Ecken des Zimmers einen Seufzer zu hören glaubte; etwas ſpäter meinte er aufs Neue ein Seufzer zu hören, obwohl noch ſtiller und ferner als der erſte war. Sei es nun, daß leiſe Töne wirklich vorhanden, oder nur Erzeugniſſe ſeiner aufge⸗ ſchreckten Gedanken waren, gewiß iſt, daß er eine eiſige Kälte durch ſeinen ganzen Körper rinnen fühlte. Er fuhr vom Boden empor, legte ſich zitternd in ſein Bett und zog die Decke über den Kopf. Ein Fieber be⸗ mächtigte ſich ſeines Weſens. Ohne ſo zu ſchlafen, wie ein Geſunder ſchläft, waren ſeine Gedanken doch müde, länger zu wachen. Er fiel in einen Schlummer, der ein Gewebe von wahren Erinnerungen aus ver⸗ gangenen Jahren und einen Zuſatz von Träumen über Dinge bildete, die niemals geſchehen waren, er athmete hart und ſchwer und der kalte Schweiß, der noch ſeine Stirne badete, zeugte von dem Kampfe ſeines ſeufzenden Geiſtes. Einige abgebrochene Worte, die ihm hie und da entfielen, bildeten eine Rede im Schlaf, und zeig⸗ ten den Weg, den ſeine Phantaſie nahm. Je kränker das Gemüth iſt, deſto öfter wechſelt es die Gegenſtände, und es darf uns nicht verwundern, wenn wir jetzt Worte hören, die nicht mehr zitternde Fragen über Sophie und Eugenie enthielten, ſondern anzudeuten ſchienen, daß Herr Hillner über Ekenſparre nachdachte, über die Ekenſparre's, über ſelbſt genommene Gerechtig⸗ 230 keit, wie man keine Möglickkeit ſieht, ſie auf eine an⸗ dere Weiſe zu erhalten, über Nizza und vieles Andere. Gegen Ende der Nacht beſuchte ihn die Ruhe und ſchenkte ihm einige Stunden geſunden Schlafes. Das Fieber nahm ab, die Träume vergingen, und die Fragen der Seele ſchwiegen ein wenig. Die Unruhe wollte ihn jedoch nicht ganz loslaſſen. Sie kam vor Tages Anbruch wieder und erweckte ihr Opfer aufs Neue. Baron Migneul lag alſo noch eine lange Weile ſchlaflos, und was ihn dabei am meiſten beſchäftigte, waren juridiſch finanzielle Gedanken. Es war als ob die lebendige Sonne des Tages einigen Troſt in ſein Weſen gießen wollte. „Ich halt' es kaum für möglich,“ flüſterte er bei ſich ſelbſt,„daß Oskar an einen Hillner denken kann. Ich begreife wahrhaftig nicht, woher ihm dieſer Ge⸗ danke kommen konnte, am allerwenigſten könnte er dieſe Perſon in mir ahnen. Es iſt jetzt bald neunzehn Jahre, daß ich unter dieſem Namen aus Schweden verſchwand, und Oskar ſelbſt war dazumal erſt einige Jahre alt. Ob⸗ ſchon ich daher meiner frühern Geſchäfte halber manch⸗ mal bei dem alten Ekenſparre war, und oft meine Zeit in ſeinem Hauſe als ein Hillner zubrachte, ſo kann Oskar doch jetzt nicht mehr, als vorher auf unſern Reiſen, eine Perſon in mir ahnen, die er in einem Alter von dritthalb Jahren ſah, und deren Namen ſich damals wohl nicht in ſeinem Gehöre befeſtigen konnte. Malcolm wurde erſt weit ſpäter geboren, Eugenie Gue⸗ marez trat erſt in Sehone auf und wurde mit Eken⸗ ſparre bekannt, als ich längſt in Schweden fertig war. Als ich ſieben Jahre nach meiner Auswanderung dieſe Fomilie in Italien traf, war ich eine neue Perſon für Alle, außer für Ekenſparre ſelbſt, der bei dem plötzli⸗ chen Anblick ſeines für todt gehaltenen frühern Lands⸗ 3 mannes, gegen den er ſich überdies ziemlich ſchlecht be⸗ nommen hatte, in ein ſo großes Erſtaunen gerieth, daß ſeine von Natur ſchwache Geſundheit vollends 231 ganz zuſammenbrach, und manche in einen Brennpunkt verſammelten Urſachen ſeinen nicht unerwarteten Tod herbeiführten. Während des Umgangs mit den Söh⸗ nen und ſeiner Frau in Italien merkte ich jedoch, daß Ekenſparre Ehre genug gehabt hatte, um niemals vor ihnen von einem Hillner zu ſprechen, oder auch irgend Jemand zu sntdecken. Da der zur Verbeſſerung des Ackerbaues in Halland und Skane gemachte, ſehr gut gemeinte, aber, wie ich nachher mit Kummer ſah, höchſt oberflächlich angefangene Operationsplan, welcher mein und meiner Gläubiger Geld verſchlang, ganz in Eken⸗ ſparre's Hirn entſtanden und er es geweſen war, der mich zu dieſer gefährlichen Unternehmung veranlaßt hatte, ſo hielt ich es in Italien nicht für unrecht, wenn ich von ihm einen Schadenerſatz zu bekommen ſuchte, um ſo mehr, als er mich nicht nur indirekt durch den Acker⸗ bauplan, in den er mich verwickelte, ruinirt, ſondern das auch direkt dadurch gethan hatte, daß er einen großen Theil von meinem in die gemeinſchaftliche Kaſſe eingelegten Gelde auf eigene Rechnung verwendete, mir aber, als ich mir nicht mehr vor meinen Gläubigern zu helfen wußte, nichts davon zurückgab, noch mich rettete, ſondern im Gegentheil ich ſelbſt zu dem ver⸗ zweifelten Ausweg greifen mußte, der mir noch allein 3 übrig blieb. Ekenſparre konnte ſich nachher ſelbſt nicht 4½ helfen, ſondern mußte einige Jahre nach meinem Ver⸗ ſchwinden ſeine Erbgüter verkaufen und mit ſeinem ſo flüſſig gemachten Vermögen ebenfalls auswandern, ohne vorher eine Hufe abzugeben. Ich glaube in der That, er benahn ſich gegen ſeine eigenen Gläubiger ebenſo wenig ehrenhaft, als er es gegen mich gethan hatte Ließ er nicht die Rechnungen, welche geſährliche Auf⸗ klärungen geben konnten, bis auf die geringſte Spur verbergen, und gab an, daß ſie durch ein unglückliches Ereigniß verbrannt ſeien? Wie riel Antheil Rutfors daran hat, weiß ich nicht, aber ſchön gethan war es nicht. Selbſt dieſes Gräſeholm, das urſprünglich mein 232 geweſen war, deſſen ich mich aber entäußerte und es Ekenſparre überließ, um Geld zu bekommen, damit ich mich in Holland niederlaſſen konnte, weil ich es für nützlicher hielt, mein ganzes Vermögen an einem Punkte zu haben,— wurde mir dieſes Gräſeholm je bezahlt? Nie! Er war wahrlich ein Projektenmacher von ganz verführeriſcher Art, und ſehr gefährlich durch ſeine auſſerordentliche Rednergabe; aber ich muß auch hinzuſetzen: er war ſehr verſchwenderiſch und nicht ſehr ehrlich. Als ich nun dieſen Mann in Italien traf, war es denn da ſchlecht, daß ich ihn ein wenig durch Vorwürfe züchtigte? Sei es nun, daß er bei Entwer⸗ fung ſeines Teſtaments zum Vortheil ſeiner nachgelaſ⸗ ſenen Wittwe auch an mich und an die Möglichkeit, mir das Meinige zurückzugeben, dachte oder nicht, für den Fall nämlich, daß ſich zwiſchen mir und ſeiner Frau ein Verhältniß geſtalten würde, wie es denn wirklich geſchah; ſo viel iſt doch jedenfalls gewiß, daß ich mit gutem Gewiſſen das hinterlaſſene Geld nehmen zu kön⸗ nen glaubte, mag nun das Geſetz darüber ſagen, was es will.— Ach, wie erſchöpft ich werde! Kann ich denn nicht auch ein wenig in'den Morgen hinein ſchla⸗ fen— aber um eines Umſtandes willen verzeihe ich auch Ekenſparre von Herzen; deßhalb nämlich, weil er auf ſeinem Krankenbette in dem Augenblicke, da wir beide allein waren, mir den Auftrag gab, der Vor⸗ münder ſeiner Söhne zu ſein. Das bewies Vertrauen und Liebe zu einem Landsmann. Ich habe ſeinen Wil⸗ len redlich zu erfüllen geſucht, indem ich bei Oskars und Malcolms Erziehung nichts ſparte, und ich will dafür von ihnen nichts fordern. Nun alſo, da man zur füllung aller Formalitäten in Nizza einen Vormün⸗ für die zwei vaterloſen Barone ſuchte, die Wittwe— oſt aus natürlichen Gründen— um eine etwaige Rachrechnung zu vermeiden, die Behörde um einen bat, der wo möglich ein Schwede wäre, damit Alles auf eine ordentliche Weiſe zuginge, war es denn da e8 ich ür m V h ch hr f, r⸗ ſ⸗ it, ür u it n⸗ l⸗ 233 ſchlecht gethan, daß ich, ich ſelbſt, den der ſterbende Vater eigenhändig⸗ſchriftlich gebeten hatte, es zu wer⸗ den, die Sache wirklich ſo betrieb, daß ich es wurde?. Es iſt wahr, ich konnte und wollte ernannt werden dazu, nicht als ein Baron Migneul, theils, weil man vernünftig und billiger Weiſe einen Schweden zu ha⸗ ben wünſchte, für den ein Migneul nicht gelten konnte, theils und beſonders auch deßhalb, weil ich im Sinne hatte, der Gatte der ſchönen, reichen Wittwe zu wer⸗ den, ſo wie das ihr vermachte Geld zu übernehmen, weßhalb man mich für partheiiſch hätte halten können, wenn ich in derſelben Perſon als Vormünder der jun⸗ gen Ekenſparre keinen Einſpruch gegen ein Teſtament that, deſſen Frucht, da es unangefochten blieb, ich ſelbſt genießen würde. Dadurch nun, daß ich mich in der Eigenſchaft als Vormünder nicht Migneul nannte, ver⸗ mied ich allerdings die Unannehmlichkeit, Partei gegen mich ſelbſt ſein zu müſſen. Auch ließ ich mich, um meinen Endzweck zu erreichen, unter dem Namen Hill⸗ ner zum Vormünder der beiden Waiſen beſtimmen, als welcher ich mich gehörig verkleidet und mehr ſchwediſch, als italieniſch ſprechend, bei dem Civilgericht in Nizza einfand, das um ſo weniger bezweifeln konnte, daß ich ein Hillner ſei, der einen Baron Migneul in mir ah⸗ nen konnte, als ſich mir vorher ein Migneul gezeigt hatte, um Anſpruch auf dieſes Recht zu machen. Alles das iſt nicht zu beſtreiten, aber, was iſt denn Böſes daran? Durch alle meine Machinationen beförderte ich mir die wirkliche Gerechtigkeit, welche darin beſtand, daß ich das wieder bekam, was ich verloren hatte. Eugenie ſelbſt ſah nie den dazu benützten Herrn Hill⸗ ner, ſondern war mit der ganzen Geſchichte zufrieden, als ich— als Migneul— ſie davon benachrichtigte, daß ich in Nizza einen Schweden, eben dieſen Hillner, gefunden und ihn dazu vermocht habe, das bald oge⸗ machte Geſchäft zu übernehmen, und de“ dies nun wirklich geſchehen ſei. Sie war damit zu en, dem Amglig Hillner. 234 Unbekannten durch mich eine kleine Vergütung zukom⸗ men zu laſſen, deren Belauf ich ſelbſt herabſetzte. Ha, ha, ha— indem ich ſie überzeugte, daß ein armer ſchwediſcher Reiſender in ſo ſchlechten Umſtänden, wie ich unſern Mann beſchrieb, ſehr wohl mit der Hälfte zufrieden wäre. Dieſe Hälfte mußte ich indeſſen be⸗ halten, obſchon ich nicht läugnen kann, daß ich mich ein wenig deßhalb ſchämte. Aber ich verwendete dieſe Summe zum Ankauf des ausgezeichnet ſchönen Rings,— denn ſo viel betrug immerhin noch die herabgeſetzte Vergütung des brillantirten Trat ingsrings, den ich meiner Eugenie an unſerem Hochzeittage überreichte. Ach, ſie bekam dieſen Ring ſo in voppeltem inne von einem Hilluer, denn er war für ſein Geld gekauft wor⸗ den, und ſie empfing ihn aus einer Hand, die wirklich die ſeinige war, und ſie ſelbſt wußte nichts von All' dem! Wunderbares Schickſal! mein Geld habe'ich wie⸗ der bekommen, aber wie viel Lügen hat es mich nicht gekoſtet, und was habe ich mit All' dem gewonnen, daß ich jetzt ſo daliege?“ Mit einem tiefen Seufzer ſchlug er die Augen auf, drehte den Kopf auf dem Kiſſen nach dem Fenſter und ſah, daß die Finſterniß zu verſchwinden begann und der Tag wiederkehrte.„Ich habe alſo keine Hoff⸗ nung mehr, ich darf nicht ſchlafen;“ er ſchellte nach ſeinem Bedienten. Nachdem er aufgeſtanden war, und ſich mit Hülfe ſeines Bedienten zur Hälfte angckleidet ſah, fühlte er ſich jedoch ſo matt, daß er die Toilette damit endigte, daß er nur den mit Seide gefütterten, eleganten Schlaf⸗ rock anzog. Er ſetzte ſich dann in den mit rothem Saffian überzogenen Lehnſtuhl, ſtützte den Kopf gegen die Hand, waf düſtere Blicke im Zimmer umher, ſah endlich zu dem Bedienten empor, und ſagte:„Ich kann, ich will nicht in den Salon hinausgehen. Sage: daß man mir den Kaffee hereintrage. Aber ſie ſollen mir ihn warm, hell und nicht ſchwach bringen, vas könnte mich etwas beleben; o, es wird mir bald gut ſein. Sage: daß die Kaffeekocherin ſelbſt hereinkommen ſoll und daß ſie ihn auf meinem Tiſch machen ſoll, damit ich mich überzeuge, daß er ſtark und heiß wird.“ Der Bediente ging. Es iſt ſchwer, Alles zu ſagen, was ſich in der Küche zutrug, als der Bediente dort mit dem Befehl des Barons anlangte. Ohne Zweifel erzählte er, in welchem Zuſtande er ſeinen Herrn getroffen habe und ließ gewiß Worte über ein Ausſehen fallen, das ihm eher krank, als geſund vorgekommen ſei, und natürlich blieben dieſe Worte nicht bei der Haushälterin oder den Küchejungfern, ihrer nächſten Umgebung, ſtehen. Das iſt jedenfalls gewiß, daß— als nach einer kleinen Weile Baron Migneul, der noch immer in ſei⸗ nem Lehnſtuhl ſaß, das Schloß gehen hörte und ſeine Thüre ſachte geöffnet ſah— keine gewöhnliche und be⸗ kannte Dienerin, mit der Kaffeemaſchine auf dem Arm, hereinkam, ſondern Mamſell Amalie, die Gouvernante des Hauſes, ſelbſt. Ihr Anzug war ſo einfach und ſo für den Morgen paſſend, daß ſie ſich dadurch wenig von den Andern unterſchied. Ohne Verlegenheit zu zeigen, machte ſie an der Thüre ſelbſt und ehe ſie hertrat, eine kleine Verbeugung, eine Geberde, welche Gruß genannt und von Manchen ziemlich häßlich ausgeführt wird, die aber auch mit einer ſo unerklärlichen Grazie geſchehen, und ein ſo inniges Gefühl der Perſon, welche ſie vor Kummer und Sorge wegen des Zuſtandes eines Kran⸗ ken bewegt, in einer gewiſſen ehrerbietigen Entfernung ausführt, darlegen kann: daß Baron Migneul ſogleich daran erkannte, wer es war, ehe er noch einen Blick auf ihr Geſicht geworfen hatte, und mit einem unwill⸗ kührlichen:„Ach!“ erhob er ſich vom Lehnſtuhl. „Der Herr Baron befindet ſich nicht wohl,“ ſagte ſie leiſe und trat ſachte etwas näher.„Der Herr Ba⸗ ron hat befohlen, daß der Kaffee hier innen ſervirt werden ſoll.“ „Will ſich denn Amalie ſelbſt dieſe Mühe nehmen? Es iſt wahr, ich habe eine ſchlafloſe Nacht gehabt, und ich wollte nicht in den Saal hinaus. Aber,“ fuhr er fort,„man hat ein Sprüchwort, daß Schönheit und Krankheit nicht gerne unter demſelben Dache wohnen.“ Ohne der Galanterie, die in dieſer Phraſe lag, eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſtellte ſie die Kaffee⸗“ maſchine vor ſich hin und begann ſich im Zimmer des Barons nach Feuerzeug umzuſehen, un den Spiritus anzünden und das Kochen beginnen zu können. Sie fand nicht, was ſie ſuchte; Migneul ſah, was ſie wollte. und ſagte:„Da es denn ſo ſein muß, ſo danke ich recht ſehr für das Vergnügen, das mir dadurch berei⸗ tet wird, daß ich meinen Kaffee von einer ſo ſchönen Hand zubereitet bekomne. Im äußern Zimmer ſteht meine Nachtlampe, die, wie ich glaube, noch brennen wird.“ Amalie ging mit ihrer kleinen, ſchönen Kochein⸗ richtung hinaus. Auf dem ſchwarzen Schreibtiſch im äußern Zimmer fand ſie die Lampe, die noch ein Reſt⸗ chen Docht in ihrem aromatiſchen Oel hatte, und nahm nun Feuer davon, um anzünden zu können. Sie be⸗ gann ihr Geſchäft. Der Spiritus brannte unter der Maſchine; ſie ſtand vor dem Tiſch und ſprach nichts, während ſie ſo beſchäftigt war. Migneul, der ſich wie⸗ der in ſeinen Lehnſtuhl geſetzt hatte, betrachtete durch die halb zugelehnte Thüre die ganze anmuthige Scene im äußern Zimmer. Schnell ſtieg Etwas in ſeinen Augen auf, ſeine Wangen wechſelten die Farbe und er rief aber ſo ſchwach und gleichſam in ſich hinein, daß es, außen nicht gehört werden konnte—„Gott, was ſehe ich— welch' eine Erinnerung! gerade ſo, ganz ſo— in dieſer Stellung— großer Gott!— Kann ſich denn auf dieſelbe Weiſe ganz die nämliche Gruppe, die näm⸗ liche Attitude, die nämliche Zuſammenſtellung von Din⸗ gen wiederholen? O— und es war das letzte— lette Mal, daß ich ſie ſah! Sie kochte mir damals ——————„ „——, 17 hr nd 8, 6 e8 18 ie e. i⸗ —⁸ — N e *—— 237 auch meinen Kaffee, wie viel Jahre iſt dies jetzt? Es war der letzte, den ich von ihrer Hand genoß. Mein Gott, dieſe Aehnlichkeit kann unmöglich trügen—— in derſelben Jugendgeſtalt, ich glaube ſogar, in dem⸗ ſelben Anzug ſtand ſie da— es war in Sparrakra. Ich erinnere mich auch noch wohl, es war am Morgen deſſelben Tags, da meine— o— meine fingirte Krankheit begann. Ich habe ſie nie mehr geſehen! ſie erkrankte wirklich— und jetzt— jetzt ſehe ich daſſelbe Gemälde wieder— aber jetzt bin ich es, der wirklich krank iſt!“ Migneul vermochte nichts weiter zu ſagen, aber ſeine Augen waren ſtarr auf die Scene draußen gerichtet, welche durch die kleine Lampe auf dem großen ſchwarzen Tiſch myſtiſch beleuchtet wurde. Er zitterte, aber er wagte nicht, ſich zu zeigen. Die vielen ſchwe⸗ ren und widerſtreitenden Gedanken, die ihn in dem dunkelſten Theile der vergangenen Nacht beſchäftigt hatten, erwachten auf's Neue. Er begann zu zittern. „Sie kann ihre Tochter ſein,“ dachte er,„ſie muß es ſein; dieſe Aehnlichkeit iſt zu groß, zu verführeriſch; ach, dieſes Mädchen iſt wohl nicht über ſechszehn, höch⸗ ſtens ſiebenzehn Jahre alt. Nie habe ich einen ſo ju⸗ gendlichen, beinahe kindlichen Ausdruck im Blick geſe⸗ hen. Ungeachtet ihrer Klugheit doch ſo kindlich, doch ſo liebenswürdig kindlich in allen ihren Bewegungen— o mein Gott!— und Sophie iſt alſo— wie ich— Gattin eines Andern geworden!“ „Ewige Mächte! welch' ein Himmel, ſie dennoch zu ſehen!“ fuhr er in einem immer ſtilleren und leiſe⸗ ren Selbſtgeſpräch fort;„könnte ich das Geſchehene ungeſchehen machen! Dieſe ſchreckliche Anfangslüge— mein Tod und meine Flucht!— welche Früchte hat ſie mir nicht gebracht? Wäre ich arm, elend, ein Raub meiner Gläubiger, in Arbeit, Mühe und Roth daheim geblieben— ich hätte dann doch noch Sophie, ich hätte Liebe, Friede und Freude, und dieſes Mädchen könnte 238 mein ſein, meine LTochter! Welche Wolluſt, dies zu denken!“— „Hier ſitze ich jetzt: reich, krank, verloren. Mit glühenden Blicken ſchaue ich nach einem Himmel, der mein ſein könnte, und es nun nicht iſt; denn ich wählte die Lüge. Welch' ein Entſetzen flößt mir der Gedanke ein, daß ſie Sophie und doch nicht mir gehören ſollte. Ich hab' dieſe Marter verdient.“——„O wenn ich nur ein Wort mit ihr geſprochen, eine Frage, die ge⸗ ringſte, die unbedeutendſte an ſie zu ſtellen wagte! Doch ich zittre, eine Antwort zu bekommen, die mich in eine hoffnungsloſe Tiefe ſtürzen würde. Ich will auf ſie ſehen und denken, daß ſie nicht Sophie gehörte.— Aber ſie iſt es doch! Wie ſie den Arm erhebt, wie ſie die weiche, weiße Hand ein wenig nach innen wendet, ganz ſo benahm ſich Sophie dabei. Sie nimmt den Deckel ab und beugt den Kopf vorwärts, um in die Maſchine hineinzuſehen. Welch' eine eigene feine Bie⸗ gung des Halſes— gerade ſo pflegte Sophie da zu ſte⸗ hen. Gott, wie unglücklich bin ich!—“ „Ich muß ſie fragen; aber wehe mir, wenn ich es thue. Sie gehört einem Andern! Und das konnte— geſchehen, es konnte? Ja, ich habe es verdient.“ „Ihr Vater, Tod und Verdammniß über ihn— doch ſtille, ſtille: hab' ich ein Recht, einen Unbekannten zu verwünſchen? Einen, der nichts Schlimmeres ge⸗ than hat, als ich? Dulde Deine Pein, verſchmachte in der Stille, Herz! leide leiſe, ohne Unterbrechung und ohne heftigen Ausruf, leide in Dich ſelbſt eingedammt, ſo Du jeden Schmerz tauſendfältig und ſo ſoll, es ſein.“— Mit geſchloſſenen Augen ſaß er da und ſtützte die Stirne ſo tief in die Hand, däß Amalie glaubte, er ſchlummre, als ſie mit ihrem fertigen Trank hereinkam. Sie näherte ſich auf den Zehen, aber er hörte ſie kom⸗ men. Seine Rerven würden in dieſem Augenblick das Unmerklichſte empfunden und geſpürt haben. Er fuhr ——— —— *—— —— NMv—— zuſammen, ſah ſie ſtarr, unheimlich und erſchrocken an, als ob er ſein Todesurtheil erwartete. Sie flüſterte: „Ha!“— doch, er erholte ſich mit jener Macht, welche ein Gebildeter ſelten ganz über ſich verliert. „Ich hoffe, er iſt gut, ſtark und klar, wie der Herr Baron ihn wünſcht. Heiß iſt er gewiß.“ „Ich habe eine ſchwere und ſchlaftoſe Nacht gehabt,“ ſagte er—„Mademoi— Amalie, ſtehen Sie nicht da? Thun Sie mir den Gefallen und ſitzen Sie!“ Sie that es. Sie ſchenkte ein und reichte ihm die Taſſe auf der gelb lackirten Platte.„Eine ſchlafloſe Nacht,“ bemerkte ſie mit einer gewiſſen Sicherheit und Entſchiedenheit im Tone.„Das thut nichts, Herr Ba⸗ ron, die nächſte Nacht wird gewiß ruhig und gut.“ Er ſah ſie an, ohne ein Wort zu ſprechen, aber er fühlte ſich etwas ergriffen oder verwundert über dieſe nicht erwartete Beſtimmtheit. Er begann, an Rutfor⸗ ſens Ermahnungen zu denken.„Die nätſte Nacht,“ ſagte er,„meine Nächte ſind ſich ziemlich gleich.“ „Eine Nacht iſt nie ganz wie die andere,“ erwie⸗ derte ſie.„Aber,— fuhr ſie fort und jetzt ſank ihre Stimme zu einer Sanftheit herab und wurde ſo ſchwe⸗ bend, ſo weich, daß der Baron ihr Alles verziehen ha⸗ ben würde, mochte er auch vorher noch ſo viel gehört haben—„die ſchönſte Nacht von allen iſt die, welche am Ende mit der Geſundheit kommt. So pflegte meine Mutter zu ſagen.“ Migneul fuhr etwas zuſammen. Amalie hob ſei⸗ nen Löffel auf, der auf den Boden gefallen war. Er wollte ihr danken, aber er konnte den Mund nicht zu einem einzigen Worte öffnen. Er ſah ſie nur an und zwar mit den bittendſten, flehendſten Augen. „Gott iſt gnädig,“ erwiederte ſie auf den Blick, deſſen Meinung ſie nicht verſtand. Dann fuhr ſie fort: „Es iſt wirklich gewiß, daß Gott Geſundheit und Frie⸗ den ſchenken kann.“ 240 Dieſer Ausdruck, der jedem andern Freidenker und zu jeder andern Stunde ziemlich kindiſch geklungen und vielleicht einen Scherz erregt haben würde, da man an dem Einwurf des Mädchens:„es iſt wirklich gewiß,“ hörte, daß ſie dadurch ihren Kummer und das Bedürf⸗ niß einer Verſtärkung durch ihre eigene einfache Be⸗ hauptung an den Tag legte. Dieſe Ausdrücke wurden jedoch jetzt von einem Freidenker gehört, der ſich in uſen innern Feſſeln gefangen fühlte. Er wollte nicht lächeln. „Geſundheit und Friede brauche ich, das iſt wahr⸗ lich gewiß,“ war Alles, was er antwortete. „Meine Mutter ſagt, daß beide oft leicht zu ge⸗ winnen ſind, wenn—“ „Meine Mutter“— echote es wieder in ſeiner Bruſt, aber er hatte doch nicht Muth genug, um ſie das zu fragen, was er eigentlich fragen wollte. Er ſah ſie nur an. „Geſundheit und Frieden kann man gewinnen, wenn man nur will,“ ſchloß ſie. Sie faßte ſeine Hand n küßte ſie ſo ſchnell, daß er ſie nicht daran hindern onnte. „Mein Gott,“ rief er laut,„wenn ich es wagte, wenn ich Sie um ein einziges Wort bitten dürfte. Aber darf ich denn das?“ „Sprechen Sie,“ bat ſie,„doch fragen Sie mich nicht, denn ich bin nicht die, welche antworten kann, aber es gibt Eine, welche es kann!“ „Amalie verſteht nicht, was ich meine.“ „Ich verſtehe es, ich verſtehe es ganz.“ „Großer Gott! es iſt nicht möglich— ach— ſa⸗ gen Sie mir den Namen des Vaters—“ „Ja, es iſt ein Vater da,“ ſagte ſie,„glauben Sie mir—“ Migneul, der von ſeinen eigenen glühenden Ge⸗ danken verleitet, Alles auf dieſe bezog und ſie mißver⸗ ſtand, fiel blaß gegen die Seſſellehne zurück. 241 Amalie ſchwieg vor Schrecken und ging zu ihm hin. Er ſchien einer Ohnmacht nahe. Sie kniete nic⸗ der, um ſeinen ſinkenden Kopf zu erheben, aber da er ſeine Augen ſchloß und ſie nicht ſah, faltete ſie die Hände und ſagte traurig zu ſich ſelbſt:„Himmliſcher Vater! Bin ich Schuld daran? Er kennt Dich nicht, Gott, aber hilf ihm dennoch, und gedenke ſeines verſchmach⸗ tenden Geiſtes.“ Sie hörte Schritte im äußern Zimmer, ſie fuhr auf, ſah ſich um und fand den Bedienten des Barons. Die⸗ ſem winkte ſie, er kam und hob den Baron Migneul auf den Sopha. Amalie nahm kölniſches Waſſer, das ſie, vermuthlich zum täglichen Gebrauche, am Fenſter ſtehen ſah. Sie beſtrich Stirne, Schläfe und Pulſe des Unglücklichen. Bald ſchlug Migneul ſeine Augen wie⸗ der auf. Es ſchien, als ob er innig und warm nach Amalie ſuchte, da aber der Bediente da war, ſo war jede weitere Unterhaltung in der Richtung, welche ſein Herz wünſchte, und von der noch ſeine Gedanken beb⸗ ten, unmöglich. Auch in Amaliens Blick war eine Thräne nicht ſchwer zu erkennen. Sie nahm die Kaffee⸗ maſchine auf den Arm, verneigte ſich an der Thüre und ging. „ Drittes Kapitel. Die Epiſode der Eugenie Guemarez. Woher kommt jenes innerliche Gleichgewicht des Herzens oder das Wohlſein und die Freude, die, wenn ſie dem Leben nicht erſt ſeinen Reiz gibt, ihn doch er⸗ höht? Woher kommt jene unbeſchreibliche Harmonie zwiſchen Körper und Seele, die nicht nur das Glück des Daſeins bei der Perſon ſelbſt verſüßt, ſondern auch in ihrer ganzen Umgebung Frohſinn und Gemüthlichkeit hervorbringt? Was iſt dieſes kleine Ding im Leben, 242 das, wenn es nicht vorhanden iſt, uns einen unermeß⸗ lich großen Verluſt fühlen läßt, das aber, wenn wir es beſitzen, beinahe als ein Nichts erkannt wird? Dieſes Wohlbehagen iſt eine Farbloſigkeit, die aber jede Farbe enthält; es iſt das Myſterium des guten Gt⸗ wiſſens. Ein Schurke kann möglicherweiſe geiſtreich ſein, er kann für den Augenblick entzückend erſcheinen, er kann uns ſogar auf eine Weiſe und in einem Grade für ſich einnehmen, daß wir ihn nie vergeſſen können, aber nie werden wir uns in ſeiner Gegenwart behaglich fühlen. Baron Migneul gehörte zu den Menſchen, die man nicht leicht vergißt, wenn man ſie einmal kennen ge⸗ lernt hat. Man konnte ihn bewundern und beklagen, aber Wohlbehagen war nicht das Gefühl, das er um ſich verbreitete. Als Amalie ihn verlaſſen hatte und ſich wieder in der freien Natur befand, machte ſich ihre Bruſt in einem Seufzer Luft, der aus dem Innerſten des Herzens zu kommen ſchien. So beklommen hatte ſich ihr Geiſt in der Geſellſchaft einer Perſon gefühlt, über deren Grundſätze ſie nichts wußte, für deren Re⸗ ligioſität ſie aber Alles befürchtete und zu der ſie doch durch eine unerklärliche Sympathie ſo ſehr hingezogen wurde, daß ſie fühlte, ſie würde einen großen Theil ihrer Ruhe und ihres Glücks aufopfern können, wenn Gott ihr die Gnade ſchenkte, daß ſie nach ihrem ge⸗ ringen und unbedeutenden Maßſtab zu ſeinen Gunſten zu wirken vermöchte. Gedankenvoll ging ſie wieder nach ihrem Arbeits⸗ zimmer, aber als die Unterrichtsſtunde ſchlug, und ſie die blondlockige Conſtanze munter herein kommen ſah, da verſchwanden alle Wolken von Amaliens Stirne. Bücher und Zeichenſachen wurden hervorgenommen, Arbeitsluſt und Wohlbehagen erwachte. Es war ein mathematiſcher Vormittag, mit andern Worten: Oskar ſollte ſich einfinden. Amalie ſtand zu⸗ fälligerweiſe am Fenſter, nicht um in den Hof nach Ba⸗ 243 ron Oskar ſehen zu können,— nur Conſtanze hatte ja ein Recht, ihn erwarten zu dürfen— ſondern weil Kenſter eben dazu gemacht ſind, daß man durch ſie ſieht. Oskar Ekenſparre ging in der That mit Schrit⸗ ten durch den Hof, die nicht zu den kürzeſten gehörten, und an ſeiner Seite ging Baron Migneuls Bedienter. Amalie ſah, daß der junge Baron hie und da den Kopf ſchüttelte. Es wurde ihr weh um's Herz.„Er hat gewiß von der Unpäßlichkeit ſeines Vaters gehört,“ dachte ſie.„Gebe Gott, daß das Verhältniß zwiſchen ihnen wärmer und beſſer wäre, vann könnte ihm Oskar zur Freude und Hülfe dienen. Aber— ich begreife es nicht— der ganzen Herrſchaſt in Gräſeholm müſſen gar ſonderbare und intereſſante Streitigkeiten zu Grunde liegen. Nun, es geht mich nichts an. Ich werde heute beſtimmt das aufführen, was ich mir ausgedacht habe. Ich werde Oskar durch mein ſchnelles Verſchwinden geſtern im Garten ſehr beleidigt haben, aber der Befehl meiner Mutter bindet mich, ich kann und darf ihm nicht den Schlüſſel zu meinem Benehmen geben. Es muß mir ja jedenfalls fürchterlich vorkommen, daß er in Folge irgend eines ſchaueriichen Räthſels Grund zu haben glaubt, einen Namen— o Gott!— zu verflu⸗ chen, der für mich der theuerſte iſt, und⸗ ich ſelbſt werde ihn nicht fragen dürfen, was er damit meinte. Wenn ich mich auf irgend eine Weiſe ſeines Geheimniſſes be⸗ mächtigen, mich ſeiner Verzeihung wegen geſtern ver⸗ dient machen könnte— ja, ich werde— ich werde thun, was er begehrt hat— er ſoll mit mir zufrieden ſcin. Ich werde mit der Baronin ſprechen und— ja ſo ſei es— eben heute, gleich jetzt dieſen Vormittag werde ich die Kupferſtiche auf die kleinen, hübſchen Toi⸗ lettentiſche abdrucken, das wird ihr gewiß ſehr gefallen, der armen Baronin, das weiß ich, und wie ich dann mit meiner fertigen Arbeit zu ihr hineinkomme,— Gott laſſe es gelingen— ſo ſoll ſie ihre Seele vor mir öff⸗ nen und wir werden von Frankreich, ihrer Jugend 244 und ihrem Vater ſprechen. So wird Oskar erfahren, was er zu wiſſen braucht, und ich—— bin überzeugt, daß er nicht mißbrauchen wird, was er hört.“ Am Schluſſe dieſer ſchönen Gedanken wandte Ama⸗ lie ſich um, denn ſie hörte, wie die Zimmerthüre ge⸗ öffnet wurde und ſah Oskar mit ſeinem gewöhnlichen lan⸗Portefeuille unter dem Arm here ntreten. Con⸗ anze, der Wildfang'in dieſem Trio, war auch nach altem Brauche diejenige, welche ihrem Halbbruder ſchnell und lächelnd mit offenen Armen an den Hals ſtürzte. Oskar erwiederte ihr fröhliches„Guten Morgen, lieber Oskar!“ zwar mit ſeinem gewöhnlichen„Guten Tag, Konſtanze!“ aber er ſah verſtimmt aus, er ſah aus, wie Einet, der Luſt hat, böſe zu ſein und zu ſchmollen, ſofern dieß in einer ſolchen Geſellſchaft mög⸗ lich ſein konnte. Mit einer halben und verlegenen Ver⸗ beugung erwies er Amalien ſeine Aufmerkſamkeit. Sie, die ſich, wie wir ſchon wiſſen, in einer guten und herz⸗ lichen Stimmung befand, verneigte ſich mit einem weit wärmeren Ausdruck, wurde aber ſogleich von der Ver⸗ legenheit oder was es war, angeſteckt, welche ſie an ihm bemerkte. Sie ſprachen kein Wort mit einander. Seine Lektion mit Konſtanze begann. Amalie, welche durch die Vorſorge ihrer Mutter und als Ant⸗ wort auf ihren Brief, worin ſie um eine Belehrung darüber gebeten hatte, wie man auf Holz abdrucken könne, einen kleinen vortrefflichen Duodezband erhalten hatte, betitelt: „Gründliche Anweiſung, Kupferſtiche u.ſ. w. auf Holz abzudrucken, und ſie dauerhaft zu firniſſen,“ wollte ſich ſtill und weit hinweg in eine Sopha⸗Ecke ſetzen, um in ihrem Buche zu ſtudiren. Sie ſtellte jedoch zuerſt die zwei Toilettentiſche mit ihren kleinen, hübſchen ovalen Tafeln vor ſich hin und legte eine An⸗ zahl vorzüglicher Kupferſtiche neben ſich auf den Sopha. Sie betrachtete einen um den andern. Nach Konflanze— oder Oskar ſah ſie nie. Da ſie aber wußte, dieſen Stunden für ihren Zögling überflüſſig ſei, ſo glaubte ſie nichts Beſſeres thun zu können, als wenn ſie Napoleons Schlachten abdruckte. Oskar wollte in dieſer Lektion Konſtanzens Auf⸗ merkſamkeit darauf hinlenken, daß in einem Dreieck zwei Seiten zuſammen immer größer ſind als die dritte, wie man ſie auch nehmen mag. Aber Oskar begann dafür einen langen Satz über zwei Winkel an der Grundfläche eines—„Ach, lieber Oskar, das weiß ich ſchon,“ unterbrach ihn Konſtanze,„das iſt etwas Altes.“ Er gab ihr mit einem ſauern Lächeln Antwort. „Du haſt Recht,“ ſagte er,„ich erinnere mich jetzt, wo wir ſtehen blieben. Laß ſehen, kannſt Du mir ſagen, wo wir ſtehen blieben, ich möchte Dein Gedächtniß auf die Probe ſtellen.“ Konſtanze ſah ihren Bruder an.„Wenn ich mich recht erinnere, ſo blieben wir nirgends ſtehen,“ ſagte ſie,„und damit wollen wir denn heute anfangen, das gibt einen Spaß—“ „Konſtanze ſoll ernſthaft ſein,“ bemerkte die Gou⸗ vernante von ihrer Sopha⸗Ecke aus.„Konſtanze ſoll Baron Ekenſparre aufmerkſam anhören, wenn er ſo gut iſt und ſie etwas lehren will.“ Oskar drang das Blut bis an die Stirne.(„Der Baron Ekenſparre find doch zu viel auf ein Mal), dachte er, aber das Blut hatte doch die Güte, wieder zurückzulaufen und er ſaß ziemlich blaß da. Er ſtand auf, nahm ein Glas Waſſer aus der Kanne, die jeden Morgen mit ihrem friſchen, prächti⸗ gen Inhalt aus der Gemmenguelle gefüllt wurde. Dieß brachte ihn ſchon in eine vernünftigere Stimmung. Um ſich in eine noch beſſere hinaufzuhelfen, ſagte er:„Mam⸗ ſell Lenoir iſt, glaube ich, mit etwas beſchäftigt, einer Arbeit— Ah, ſoll hier auf Holz abgedruckt werden?“ „Ich will's verſuchen. Ich habe es früher noch nie gethan.“ „Was für ſchöne Stücke! Ich ſehe, es ſind die ⸗ 246 größten Lieblinge meiner Mutter: die Schlacht bei den Pyramiden.“ „Und dieß iſt Bonaparte's Marſch über die Brücke von Lodi. Das iſt doch das ſchönſte von allen. Ich wähle es.“ „Sieh, ſieh,“ fuhr Oskar fort—„ja, Lodi iſt und bleibt mein Lieblingsſtück. Man muß es eine Kühnheit ohne Gleichen nennen. Die öſterreichiſchen Kanonen auf der andern Seite der Brücke ſchleudern aus vierzehn Schlünden Feuer und Tod. Wie ſchmal die Brücke iſt! Bonaparte mit der Fahne in der Hand ftürzt allein auf der engen Todesbahn voran und alle Franzoſen folgen ihm wie Löwen.“ „Was er doch für einen langen Frack hat,“ bemerkte Konſtanze, welche die Gelegenheit wahrnahm, ihre Drei⸗ ecke verließ und nach dem Sopha ſprang, um an der Unterhaltung Antheil zu nehmen. Sie hatte dieſe Ge⸗ mälde ſchon oft bei ihrer Mama geſehen und ſich im⸗ mer über die Frackſchöße des franzöſiſchen Generals auf⸗ gehalten, welche ſo geneigt ſchienen, ihrem Helden auf die Ferſen zu ſchlagen. „Es muß ſo ſein, Konſtanze, es iſt das Koſtüme jener Zeit,“ erwiederte die Gouvernante.„Glaubt der Baron nicht, daß der Baronin dieſes Gemälde am mei⸗ ſten gefallen würde,“ fuhr ſie, halb gegen Oskar ge⸗ wandt, fort:„es würde mich ſehr freuen, wenn der Abdruck gelänge. Ich würde dann mit meinem kleinen Tiſch heute Abend zu ihr hinabgehen. Ich würde an ihr Bett gehen; ich weiß zum Voraus, daß Napo⸗ leon Vonaparte einen großen Einfluß auf ſie hat. Glau⸗ ben Sie nicht— glauben Sie nicht— daß— ich meine— daß die Baronin und ich dadurch leicht in den Fall kommen könnten, von gewiſſen Dingen zu ſprechen—“ Erſtaunt und mit einem ſtrahlenden Blick ſah der Baron auf die Unterhändlerin.„Sie denken wirklich an meine Bitte!“ rief er,— nein, er rief es nicht. 247 Aber gewiß war es, daß alles Mißvergnügen oder alle Furcht von geſtèrn her, ſo wie jeder Aerger, den er am Worgen in Folge eines Geſchwätzes von Migneuls Be⸗ dienten eingenommen hatte, der ihn benachrichtigte, daß Amalie eben mit ſeinem Vater geſprochen und es ſo gut gemacht habe, daß Beide geweint hätten,— gewiß war es, daß all dieſer irdiſche Staub jetzt auf einmal aus dem Sinne des guten und zärtlichen Jünglings weggeblaſen war. „Ein höchſt vortrefflicher Vorſchlag,“ erwiederte Oskar—„Amalie,“ fuhr er fort, und nahm wieder ſeinen vertraulichen Ton an:„Hören Sie, wir wollen All' drei abdrucken, die ſtumpfen Winkel geben dadutch heute für Konſtanze, aber das macht ja nichts, hier verloren.“ „Ach nein, das macht nicht das Geringſte,“ rief Konſtanze, ohne die Antwort ihrer Gouvernante abzu⸗ warten;„das wird herrlich, ach wie ſchön das wird!“ Amalie antwortete mit einem Blick, der zur Hälfte wieder war, wie geſtern Abend. Sie antwortete ei⸗ gentlich nichts; aber Oskar ſah deſſenungeachtet, daß ſie in den Vorſchlag einwilligte. Jetzt ging es ganz aus einem andern Takte im Unterrichtszimmer. Konſtanze war die erſte, welche ihre Thätigkeit damit begann, daß ſie die mathemati⸗ ſchen Pläne von ihrem Tiſch abräumte, und dieſelben eilig in den Bücherſchrank legte. Amalie verließ die Sopha⸗Ecke, und Oskar befand ſich ſchon auf den Beinen. So begann das Abdrucken damit, daß alle drei in großer Munterkeit und Unordnung im Zimmer herumliefen. „Das muß wirklich eine ſehr ſchöne Kunſt ſein, ich will ſie ganz gründlich lernen,“ ſagte Amalie. „Es iſt doch ſchon alles Nöthige angeſchafft,“ fragte Oscar;„mein Gott, wo iſt denn der Bimsſtein und das Schabgras, mit dem man den Tiſch reiben muß. Iſt kein Sepia da? nun dieſe wäre überflüſſig, denn wenn man Schabgras hat, ſo braucht man kein Sepia.“ 248 „Nein Oskar, verzeihen Sie!“ erwiederte Amalie,„hier im Buche ſteht: daß man den Tiſch zuerſt mit Bimsſtein oder Schabgras fein und glatt reiben müſſe, zuletzt aber, um den Tiſch ganz eben zu bekommen, müſſe man Sepia oder ſogenaunten Meerſchaum nehmen, woraus Pfeifenköpfe gemacht werden. Sehen Sie hier F. 5.“ „Ja doch ganz zuletzt,“ ſagte Konſtanze,„muß man mit Tuch oder Flanell darüber fahren, um jede Spur vom Abſchleifen hinwegzunehmen. Seht hier, le⸗ ſet; gebt her, ach, wo haben wer jetzt wieder den Fla⸗ nell? Dort iſt ein Streifen, das iſt prächtig. Lieber Bruder Oskar, gehe mit dem Bimsſtein darüber und laß mich nachher mit dem Flanell reiben. Das mache ich ſo ſchön.“ „Meinetwegen,“ ſagte Oskar',„aber welchen Theil der Arbeit gedenkt Amalie für ſich ſelbſt zu nehmen?“ „Ich will den Kupferſtich zum Abdruck vorberei⸗ ten, das iſt gewiß auch etwas ſehr Wichtiges und wird Seite 7 beſchrieben. Dazu iſt Salzwaſſer erforderlich, und das habe ich hier in der Schüſſel. Darein werde ich den Kupferſtich legen und einweichen, während der Tiſch abgeſchliffen wird. Ich nehme die Bataille bei Lodi, und laſſe die Schlacht bei den Pyramiden einſt⸗ weilen liegen. Das Salzwaſſer ſoll die Beſtandtheile des Papiers auflöſen, ſo daß ſie ſich von den geſtochenen Fi⸗ 82 abtrennen, welche man auf den Tiſch befeſtigen wi. 2. Die muntere Arbeit begann. Man benahm ſich zwar ſehr vernünftig dabei; aber immerhin liefen einige Narrheiten mitunter. Dieſes Scherzo war leider nur dreiſtimmig, da nicht mehr Perſonen vorhanden waren; doch konnte der Napoleon, der in Salzwaſſer lag, ohne Mühe für den Grundbaß des ganzen Vergnügens oder die vierte Stimme angeſehen werden, und ſo hatte man denn ein Quartett, was das Wahre iſt. 8 249 Es leben Viele auf der Welt, Männer und Frauen, die nicht wiſſen, wie man abdruckt. Dieß gehört jedoch zu den Dingen, die man lernen kann. Amalie nahm nach einer gehörigen Zeit die von Waſſer getränkte Schlacht bei Lodi, und trocknete ſie ſehr ſorgfältig, in⸗ dem ſie ſie zwiſchen Löſchpapier legte. Der Tiſch war indeſſen vollkommen glatt und frei von Ritzen gewor⸗ den, was man Oskar und Konſtanze zu danken hatte. Amalie ermahnte daher ihre Freundin, mit dem Reiben aufzuhören, denn Alles hat ſeine Zeit.„Wir müſſen an den Firniß denken,“ ſagte ſie. Sie nahm aus dem Pult eine Flaſche mit dem tadelloſen Firniß Nro. 1, der aus 4 Loth Maſtix, ½ Loth Gummi⸗Sandrack, 1 Loth venetianiſchem Ter⸗ pentin und 5 Loth Alkohol beſtand.„Ach, wie das gut riecht,“ ſagte Konſtanze, die im Zimmer umher hüpfte und die Hände zuſammenſchlug. Jetzt ging man an die Hauptſache. Zuerſt wurde die Tiſchplatte mit Firniß beſtrichen, aber ganz dünn. „Nur dünn, dünn, Oskar,“ rief Amalie, und nicht die geringſte Stelle auf der Platte durfte unbedeckt gelaſſen werden, denn dieß konnte leicht zur Folge haben, daß der ganze Abdruck mißlang, wie Seite 9 verſichert. Dann wurde Lodi ſelbſt mit dem nemlichen Firniß beſtrichen, aber dieß durfte nicht gar zu dünn geſchehen. „Etwas dicker, etwas dicker, Oskar,“ rief Konftanze, die aus der Beſchreibung gehört hatte, wie das Papier be⸗ handelt werden mußte. Jetzt kam eine wichtige Epoche: das Riederlegen des Kupferſtichs auf die Tiſchplatte, dieß mußte ſo ge⸗ ſchehen, daß der Stich genau auf den Platz kam, wo man ihn zu haben wünſchte. Das wurde von Amalie ſelbſt bewerkſtelligt. Es gerieth glücklich. Nachdem der Kupferſtich niedergelegt war, ſtrich und drückte ſie das Papier mit der Hand ſo nahe und feſt auf das Holz, daß keine Luft dazwiſchen dringen konnte.— Jetzt kam die letzte Periode der Arbeit; die ſchwarzen Amalig Hillner. 250 Figuren der Schlacht hatten ſich durch den Firniß auf das Holz des Tiſches befeſtigt. Das war gut; aber das Papier ſelbſt mußte wieder weg. Dieß geſchah nun ſo: Zuerſt las Amalie in ihrem Buch Seite 10 und tauchte dann, wie dort anbefohlen war, ihre Fin⸗ gerſpitzen in das Salzwaſſer. So begann ſie behutſam das Papier abzureiben, das mit ſeiner Rückſeite nach oben lag, und noch naß war. Sie löste auf dieſe Weiſe allmälich die kleinſten feuchten Papierſtreifen in Form von Röllchen ab.„Vorſichtig, vorſichtig, Amalie,“ rief Oskar mehrmals dabei, denn es war wahrhaftig keine Kleinigkeit mit einem geſchickten und ſaubern Finger alles Papier ſo wegzureiben, daß die darunter befindlichen Franzoſen nicht beſchädigt wurden, ſondern endlich geſund und friſch auf der Tiſchplatte erſchienen, wo ſie jetzt daſtanden, wie wenn nichts mit ihnen geſchehen wäre. Immer bleibt jedoch noch ein kleines Papierſchnitzel übrig Um daher die Arbeit zu vollenden, nimmt man endlich eine naſſe Bürſte, eine Zahnbürſte, denn die iſt am beſten— und überfährt die Platte damit. Ein Pinſel mit feinen Borſten läßt ſich ebenfalls mit Vortheil anwenden. Oskar war die Perſon, welche bürſtete. Als das Abgedruckte getrocknet war, ſteckte Amalie einen reinen Pinſel in Mandelöl, überſtrich Alles zu⸗ ſammen damit, und rieb das angenehme Oel hinein. „Jetzt wollen wir lackiren,“ ſagte ſie hierauf. „Aber wie das ſchön wird! wie das ſchön wird!“ rief Konſtänze, als die anfangs dunkeln Figuren all⸗ mälig mehr und mehr ans Licht traten und deutlicher, klarer und heller auf der Tiſchplatte erſchienen.„Aber was ſehe ich, was, was?“ fuhr ſie fort,„Bona⸗ part hat ja noch immer ſeine langen Frackſchöße, wir haben ihn doch ſo tüchtig gerieben.“ Bruder Oskar wollte ſich an Schweſter Konſtanze wenden, um ſie zu vrerſichern, daß des Generals Coſtüm aus der franzöſi⸗ — 251 ſchen Revolution nicht mehr abzuhelfen ſei; ſtatt deſſen aber fiel es ihm ein, nichts zu ſagen, ſondern ſich an Amalie zu wenden, und das kleine zehnjährige Mädchen, lachen, ſich freuen und um den glücklich vollendeten Tiſch herum hüpfen zu laſſen, ſo viel ſie wollte. Oskar und Amalie befanden ſich alſo ein Stück weit davon in derſelben Fenſterniſche, wo ſie einmal Faden gewichst hatte; er aber ſchämte ſich über das, was er damals gethan. Jetzt ſprachen ſie mit einander, wir wollen nicht ſagen worüber? Worte, die man nie vergißt, brau⸗ chen nicht aufgezeichnet zu werden. Aber wir Leſer, die wir uns weit nicht ſo gut unterhalten, wie Oskar, Amalie und Konſtanze, wir halten es für das Räthlichſte, jetzt den ganzen Tag auf einmal ſchließen zu laſſen, doch nicht ganz, ſondern bis etwa gegen 7 oder 7 ½ Uhr Abends. Den Baron hatte Niemand außen geſehen; er hatte ſich weder beim Mittageſſen, noch beim Thee eingefunden. Dennoch hörte man durch den Bedienten, daß er ſich nicht nie⸗ dergelegt hatte, ſondern im Zimmer auf und ab ſpazierte, ſo oft er nicht ſchrieb oder las. Gegen Abend ging Amalie nach ihrer Gewohnheit in das Schlafzimmer der Baronin. Man hörte die leichten, aber ſehr kurzen Athemzüge der Kranken. Sie kam Amalie noch abge⸗ zehrter vor, als am Tage vorher. Aber als ſie ihre Augen gegen die Hereinkommende öffnete, glänzten ſie, nur an dem oft wiederkehrenden Huſten konnte man den Sttz der Krankheit entdecken. Arzneien erſchienen jetzt eben ſo wenig als jemals im Krankenzimmer der Baronin, und ihr Entſchluß, ſich nie der Pflege der Doctoren zu unterwerfen, gehörte zu jenen abſolut un⸗ veränderlichen Vorſätzen, die man mathematiſch nennen konnte. Es waren wirkliche Ariome. In Dieſem, wie in vielem Anderen war ſie unbeugſam.„Mein Vater haßte alle Mirturen,“ war ihre einzige Antwort, ihr einziger Grund. Deſto biegfamer und ſanſter zeigte 252 ſie ſich in manchem Andern, obwohl nicht in Allem. Ihre Stimme hatte den Ton einer ſchwachen Flöte be⸗ kommen, und wenn ſie ſprach, klang es manchmal, als ob man den Laüt eines ſchon zum Geiſt gewordenen Weſens hörte. Als die Gouvernante eintrat, gab die Baronin ihrer Kammerjungfer den gewöhnlichen Wink, daß ſie hinaus gehen ſollte, denn es war das höchſte Vergnügen für Eugenie Guemarez, wenn ſie über große Dinge, über Dinge von der feinſten Natur ſprechen konnte; und bei Amalie fand ſie dieſes Vergnügen. Aber es genirte die Baronin, wenn ſie in Gegenwart einer Kammerjungfer ihr Herz öffnen ſollte.„En- tendez- vous?“ ſetzte ſie allemal hinzu, wenn die Kammerjungfer ihrem Winke langſamer gehorchte, als ſie eigentlich ſollte, und ſich nicht ſo ſchnell entfernte, wie ein widerlegter Satz. Dieß mag zwar ziemlich vornehm und hart erſcheinen, allein es geſchah durch⸗ aus nicht um des Ranges willen; Eugenie war einmal ſo, daß ſie ſchwer faſſen konnte, wie eine Ungebildete ſie verſtehen oder überhaupt nur eine Idee davon ha⸗ ben ſollte, was ſie unter den großen Dingen be⸗ griffe. Eine um ſo höhere Auszeichnung war es daher für Amalie, daß die Baronin ihre Welt in ihrer Ge⸗ ſellſchaft sans reserve öffnete, und daß ſie ſich ſogar täglich mehr und mehr nach dem Umgang dieſes Mäd⸗ chens ſehnte, deren Converſation ihr in die feinſten Sphären einzugehen erlaubte. Eugenie Guen arez war nicht ariſtokratiſch in Beziehung auf die Geburt denn dann würde ſie die Kammerjungfer und Amglie gleich ſehr verſchmäht haben; aber ſie war es im geiſtigen Sinne und glaubte, daß die Bildung dem Menſchen ſeinen einzigen Werth gäbe, und jeder Uagebildete da⸗ her unter aller Kritik ſei. Nur Schade, daß dieſe ihre Ariſtokratie im geiſtigen Sinne blos halb war, indem ſie den Begriff Bildung auf esprit und raisounement beſchränkte, in Folge dieſer engherzigen Definition hatte die Kammerjungfer und jede Perſon aus der 2⁵3 Klaſſe des Volks durchaus keine Bedeutung in den Augen der Baronin, ſie waren roh, nicht umgangs⸗ fähig. Aber ſie fühlte ſich geneigt, Jedermann auch aus dieſer Klaſſe mit Wärme und ohne ein Hinderniß von Seiten der Geburt zu umfaſſen, ſobald ſie die Linie deſſen erreichte, was ſie Bildung nannte. Eugenie Guemarez war alſo in Wahrheit demokratiſch, aber ſie war eine ariſtokratiſche Demokratin, wie dieß noch heu⸗ tiges Tages die meiſten abgeſchliffenen Franzoſen ſind. Dieſer Unterſchied iſt wichtiger, als man glaubt, und daß die Bemerkung hier einer Dame gilt, findet ſeine Entſchuldigung darin, daß am Horizonte des franzöſiſchen Lebens in ſocialen Fragen und oft ſogar in der höhern Politik das Weib eine Bedeutung, einen Einfluß hat, wo⸗ von man ſich bei andern Nationen keinen Begriff macht. Das Weib iſt hier raisonné, wahre Auszeichnung be⸗ ſtcht in Esprit, hierin liegt ihr Werth und alſo auch ihr Unweth. Aber die Franzoſen ſind einmal ſo.— Das franzöſiſche Volk dürfte überhaupt, verſteht ſich, mit billigen Ausnahmen, ein mathematiſches genannt werden können. Die Mathematik iſt die demokratiſchſte von allen Wiſſenſchaften, denn ſie erfordert keine an⸗ dere Bedingung, als den menſchlichen Verſtand, eine allen angeborene Eigenſchaft, obſchon in größerem oder geringerem Maße. Dennoch muß man hinzuſetzen, daß die Mathematik auch ſehr ariſtokratiſch iſt, indem ſie wenig mehr für wahr anerkennt, außer ſich ſelbſt. Was haben Religion, Ideen, Phantaſie, künſtleriſche Undulation, ſo ſern die Wellen⸗Linien ſich hier nicht in beſtimmteren Theſen zeichnen, für einen Werth für die Mathematik? Sie ſind ſämmtlich Kammerjungfern. Wir betrachten die Mathematik wie die höhern Myſterien des Lebens, ſofern ſie Moyſterien für die Gedanken ſind? Als Einbildungen, als Pöbel in der Welt der Bildung. Haben wir alſo Unrecht, wenn wir dem mathematiſchen Sinn den Charakter der Demokratie, aber einer ariſtv⸗ fratiſchen Demokratie beilegen? Wenn ein Menſch von 254 — dieſer Gemüthslage vor uns ſteht, ſo weht uns von ihm ein Gefühl an, das ſo zum Gedanken sublimirt iſt, daß wir gar keinem Gefühl begegnen, obſchon Alles Gefühl iſt. Verſteht Ihr das? Es iſt ein Herz⸗ das in der Macht des Gehirns ſo aufgegangen, ſo von ihr verſchlungen iſt, daß die Bruſt ſelbſt zuſammenfiel und der Athem nur dünne und beinahe gar nicht gehört wird; aber die Stimme iſt klangvoll, obſchon zart, und jedes Wort tönt wie aus einem entlegenen geheim⸗ nißvollen Aether. Dieß Alles zuſammen dürfte Hektik in e Sinne ſein, oder iſt es etwas An⸗ deres? Schon der Anblick des kleinen Tiſches, den Amalie unter dem Arm trug und welchen die Baronin ſogleich beim Eintritt der Gouvernantin entdeckte, freute ſie ſo ſehr, daß ſie ihren Kopf erhob und ihn mit dem Arm gegen das Kiſſen ſtützte. Als die Kammerjungfer ſich entfernt hatte, nickte ſie Amalie zu, daß ſie einen Stuhl nehmen und ſich an das Bett ſetzen ſolle. „Wie fleißig,“ ſagte ſie und beugte den Kopf mit einer billigenden Miene gegen den Toiletten⸗Tiſch. „Ich weiß nicht, ob es uns recht gelungen iſt,“ erwiederte Amalie.„Ich wage auch mit der Platte nicht recht nahe zu kommen, denn die Lackirung hat noch nicht trocknen können. Haben wir den Geſchmack der Frau Baronin getroffen, als wir vas Gemälde von Lodi nahmen?“ „Welche wir?“ „Konftanze und ich haben zuſammen daran gear⸗ eitet. „Ich dachte— Migneul— er weiß alſo nichts davon?“ 2 „Baron Migneul hat ſich heute nicht gezeigt, er blieb auf ſeinen Zimmern.“ „C'est ca. Er vermeidet, er ſieht mich nicht gern in meiner Krankheit; meine Abzehrung ſchmerzt ihn. C'est ga. Doch das thut nichts. In einer andern n r⸗ t Welt wird es anders ſein, ich werde geſunder, unſere Gedanken werden ſich erneuen. Doch, wir wollen nicht davon ſprechen. Sehr gut gewählt— ſchön gewählt— ſchön abgedruckt— und Konſtanze kann das ſchon?“ „Sie war von Anfang bis an's Ende dabei.“ „Gewiß? Sehr gut.— Ich weiß nicht, Made⸗ moiſelle, ob ich noch ſo lange lebe, um Mademoiſelle für Alles dankbar ſein zu können. Wir verſtehen einan⸗ der, Amalie. Der eine Menſch kann dem andern nicht viel geben. Wir ſterben von dem hinweg, was wir zu geben haben; aber in dankbaren Herzen ſein—— non— dankbar in unſern Herzen ſein, das können wir. Die Dankbarkeit iſt die rechte Religion. Glauben Sie mir, Mademoiſelle, es iſt kein Aberglaube, wenn ein Menſch uns Etwas erwieſen, etwas Gutes erwie⸗ ſen hat. Es iſt eine Wirklichkeit und kein Gedicht. Wir müſſen daher dankbar gegen einander ſein oder wir haben keine Religion. Geben Sie mir Ihre Hand, Amalie, um der kleinen Konſtanze willen. Sagen Sie mir, womit kann ich Ihnen meine Dankbarkeit bewei⸗ ſen?— Ich bin Amalien viel, ſehr viel ſchuldig.“ „Nichts, meine Baronin. Ich habe Alles, was ich bedarf; mehr als ich bedarf.“ raiment? Der Stolz iſt doch eine nicht ſehr reine Religion. Warum Stolz? Es iſi eben ſo ſüß, zu empfangen, als zu geben, glauben Sie mir. Ich weiß kaum, was vor dem andern den Vorzug hat. Es iſt die Kette der Menſchlichkeit, an der wir Alle Ge⸗ lenke ſind. Das Eine gibt, das Andere nimmt, das Eine nimmt, das Andere gibt. Ich war glücklich, als ich gab, Amalie, aber ich war noch glücklicher, als ich empfing.“ Glauben Sie nicht, daß ich ſtolz bin, meine gnä⸗ dige Baronin.“ „In Wahrheit. Mein Vater war auch ein Mann von erts, ein Mann Napoleons und ein Kind der Re⸗ volution. Er erzog mich. Kein Mädchen war ſo fere, 256 ſo ſtolz wie ich; und ich glaubte damals, daß darin die beſte Sitte, der reinſte Cult beſtünde. Mein Herz hat mich nachher überwunden und das Gefühl hat mich ge⸗ lehrt, daß es menſchlicher, reiner und edler iſt, zu em⸗ pfangen, als nicht zu empfangen.“ „Der Vater der Frau Baronin?“ „War ein achtungswerther Charakter.“ „Unter Napoleon— 2 „War ein Artillerie⸗Offizier. Es iſt dieß dieſelbe militäriſche Laufbahn, die auch dem großen Kaiſer zuerſt den Weg öffnete.“ „Und er fiel in einer der berühmten Feldſchlachten des großen Napoleon?“ „In der berühmteſten, bei Waterloo.“ „Es muß cin ſchrecklicher Gedanke ſein, zu wiſſen, daß unſer Vater auft dem ſchrecklichen Wahlplatz des kriegeriſchen Tumults zu Grunde gegangen iſt— ein Vater, o Gott!“ „Für's Vaterland und für die Ehre und um den größten Mann ſeines Zeitalters zu retten? das iſt nicht ſchrecklich, glauben Sie mir, meine Beſte. Wir müſſen Alle ſterben, aber wie? wann? wo? Iſt etwa der Wahlplatz auf dieſem weichlichen Lager, in dieſem Bette beſſer? Ich glaube nicht. Ich denke an meinen Vater, wie ich an den Gott der Ehre denke, und wenn ich nach einem andern Lande hinübergehe, ſo wird ſeine Hand ſich mir entgegenſtrecken und die Tochter durch unbekannte geheimnißvolle Räume leiten. O, wenn Amalie wüßte, was für ein Gefühl es iſt, einen ſolchen Vater zu haben; einen Vater gehabt zu haben, der für den größten Gedanken des Jahrhunderts lebte, und der ſterben durfte, als dieſer Gedanke fiel. Waterloo war eine Niederlage, Mademoiſelle; aher für die, welche vort ſielen, war es der höchſte Glänz der Ehre. Bin ich nicht eine Enthuſiaſtin, gute Amalie? Verzeihen Sie mir, ich ſtehe an der Grenze des Todes. Ich bin 257 in einem ſchönen Lande geboren und in der ſchönſten Gegend dieſes Landes.“ „Im ſüdlichen Frankreich? Lagen die Güter der Frau Baronin in der Nähe von Perpignan?“ „Meine Güter? In der Familie meines Vaters waren einmal große Güter, aber die Revolution nahm, was das Vaterland und die Zeit erheiſchten, aus un⸗ ſerer wie aus Aller Hand. Wir trauerten nicht dar⸗ über, wir waren nicht von Erde, ſondern von Geiſt. Unſere Religion war nicht die des Eigennutzes. Wir waren aus der Klaſſe, die man vor der Revolution den Adel nannte. Güter und Namen vergingen in Blut und Feuer. Was blieb uns noch? Der Menſch. Das war genüg, das war Alles, Amalie. Das iſt der große Gedanke des Zeitalters, glauben Sie mir. Mein Va⸗ ter wurde frühzeitig ein Freund der Wahrheit. Er ar⸗ beitete, erwarb ſich Kenntniſſe, legte ſich auf das Hand⸗ werk des Krieges, da das Vaterland damals deſſen bedurfte. Die Artillerie liebte er am meiſten; die Ma⸗ thematik wurde ſein großes Studium. Ich war ſein einziges Kind. Schon in meinem zarten Alter begann er mir einzuprägen, was ich nie mehr vergeſſen habe. Napoleon ward der größte Mann vor meinen Augen; mein Vater der theuerſte, den ich kannte; Zeichnen und Geometrie meine Beſchäftigung, mein Vergnügen. So lebte ich in einem Lande, das einmal das freie Frank⸗ reich war. Vermögen beſaßen wir dort keines.“ „Nicht? So. Aber die Frau Baronin kam dann nach Schweden—2 „Hier bleiben wir ſtehen, Amalie. Ich habe davon ſchon früher geſprochen, und glauben Sie nicht, daß ich beleidigen will. Ein Jeder hat ſein Vaterland, und Konſtanze ſoll Schweden lieben anſtatt meiner. So wird mir verziehen, daß ich— ſie ſoll Schweden ſo lieben, wie ich Frankreich.“ „Aber ich meine, man habe mir geſagt, daß die 258 Frau Baronin ſchon in Schweden geweſen ſei, ehe Ba⸗ ron Migneul nach dieſem Lande reiste.“ „Das iſt nur zu wahr. Mein Schickſal wollte, daß ich nach dem Norden ſollte; doch warum ſpreche ich von einem Schickſal? Ich will ja gerne die Wahrheit der Sache erzählen. Ich wohnte in Paris, während mein Vater die großen Kaiſerkriege in Deutſchland, Rußland und endlich daheim in Frankreich mitmachte. Meine Mutter war ſchon lange todt, ich habe von ihr nur eine ſehr ſchwache Erinnerung. Mein Vater brachte mich daher in einem reichen Bankierhauſe in Paris un⸗ ter, das aus Schweden ſtammte und Hagermann hieß. Als nach der Schlacht bei Waterloo und Napoleons zweitem Falle die Verbündeten Frankreich überſchwemm⸗ ten, was ſollte ich da thun? Für ein Mädchen mei⸗ ner Art war Paris damals recht abſcheulich. Ganz Frankreich lag wie ein Grab vor mir. Ich wollte fort, fort, denn ich war damals jung, und ſehnte mich nicht ſelbſt nach dem Grabe, wie jetzt. Hagermann hatte einen Bruder, ebenfalls einen Schweden, der aber in Schweden, in Iſtad, wohnte. Els dieſer ein Mal den Bankier, ſeinen Bruder, in Paris beſuchte, hörte er mich in Klagen ausbrechen. Da ich Frankreich zu ver⸗ laſſen wünſchte, ſo ſchlug er mir vor, mit ſeiner Fa⸗ milie und der übrigen Geſellſchaft, bei der er ſich be⸗ fand, eine Reiſe nach dem RNorden zu machen. Ich nahm dieſen Vorſchlag an, ich hoffte, daß die Zeiten in Frankreich ſich verbeſſern würden und ich bis dahin in Schweden bleiben könnte. Geld hatte ich wenig oder keins, aber der Pariſer Bankier Hagermann iſt einer der edelſten Männer. Ich weiß nicht, in wie großer Schuld ich bei ihm ſtand. Sie iſt jedoch ſpäter bezahlt worden, das weiß ich. Indeſſen war ich in Schweden, Amalie. Iſtad in Skane(Fſtad liegt doch in Skane, oder täuſche ich mich? korrigiren Sie mich, ich bitte) — war mein erſter Wohnort in dem neuen Vaterlande. Immer waren meine Gedanken nach Frankreich gerich⸗ 1. —— S S ———— 259 tet, aber die Zeiten verbeſſerten ſich dort nicht. So ſah ich endlich einen Mann hier in Skane. Er wünſchte meine Hand und bot mir die ſeinige an. Es war Ba⸗ ron Ekenſparre. Er bot mir die kalte Hand eines Witt⸗ wers, Amalie, aber ich nahm, was mir geboten wurde. Ein soutien iſt gut für die Vater⸗ und Mutterloſe, für die, welche ihr Vaterland verloren hat, jeder Hoff⸗ nung entbehrt und in der Zukunft keine Zeit ſieht. Ich weiß nicht, ob er mich liebte, oder warum er mich, wenn es ſo war, mit ſchönen Namen nannte. Als Be⸗ dingung begehrte ich jedoch, daß er ſich nicht an Schwe⸗ den kettete, ich ſehnte mich nach dem Süden. Baron Ekenſparre ging Alles ein; er verkaufte ſeine Güter und unſer Leben wurde dann eine Reiſe zuſammen. Mein Vegleiter ſtarb in Nizza und ich war damals noch jung. Bald lernte ich kennen, was es heißt, die warme Hand eines Mannes zu gewinnen, der kein Wittwer iſt. Ich vermählte mich allerdings zum zweiten Mal, aber ich liebte zum erſten Mal. Begreift Amalie, was ich ſage? Wir ſind beide Frauenzimmer, Jahre trennen uns; vielleicht nicht ſo ſchrecklich viele Jahre: aber das Aus⸗ ſehen. Es iſt ſüß, mit Seele und Aether zu lieben, Amalie, es iſt nicht ſo ſüß, nicht eben ſo wieder geliebt zu werden.“ Amalie ſah empor. „Nous sommes la— doch verſtehen Sie mich, Amalie— So warm, ſo unausſprechlich, ſo hingebend hat Niemand geliebt, wie Migneul. Wir find zuſam⸗ men gereist, wir waren in Frankreich; aber dort ging die wahre Zeit noch nicht auf. Wir reisten weiter und kamen in alle Länder. Migneul blieb immer Manuel, und er iſt noch immer ſo. Im Grunde iſt er es noch, verſtehen Sie mich, im Grunde liebt er mich noch eben ſo ſehr wie immer. Nur in ſeinem äußern Weſen hat er bisweilen— uns dieß hat in der ſpätern Zeit im⸗ mer mehr zugenommen— er hat es vermieden, mir — 260 ſeine Zärtlichkeit zu zeigen, mich die wahre Neigung ſehen zu laſſen, die er für mich hegt.“ Welch' ein Herzensgeheimniß ſchenkt mir die Frau Baronin! Doch ich bekenne, daß ich dieſes Räthſel nicht verſtehe. Sollte ſich Baron Migneul ſelbſt die höchſte Wonne verſagen und einem geliebten Weſen ſeine Liebe nicht zeigen wollen?“ „Amalie, reichen Sie mir die Hand.“— Die Gou⸗ vernante gab der Baronin die Hand und dieſe drückte ſie mit einer Lebhaftigkeit, als ob es die einer Schwe⸗ ſter, mit einer Heftigkeit, als ob es ihre beſte Freun⸗ din wäre.„O,“ rief ſie,„wenn ich nur dieſes Räth⸗ ſel löſen könnte! Manuel flieht mich, er weicht mei⸗ nem Anblicke aus. Ich weiß, daß meine Liebe ſein Himmel iſt.— Warum mich ſelbſt alſo meiden?“ Amalie ſchwieg, denn ihre Beſtürzung wurde nur größer, und ſie erinnerte ſich mancher Worte, welche ſie von Baron Migneul gehört hatte. Aber die Baronin fuhr fort:„Amalie iſt eine feine Observatrice; ſie ſieht und hört Alles im Hauſe. Hö⸗ ren Sie auch auf ihn, während ich hier auf meinem armen Lager liege. Könnte— ich meine, wäre es möglich, doch, das iſt es wohl nicht— dann ſollte meine Dankbarkeit gegen Amalie unbegränzt ſein. Ach, mein Gott, wenn es mir beſcheert wäre, ein Mal vor meinem Tode Antwort auf dieſes unausſprechliche Warum? zu bekommen, doch ich bekomme keine?“ Während ſie dabei in ſtillem Schmerz ihren Kopf gegen das Kiſſen zurückfinken ließ, und reiche Thränen über ihre Wangen herabrollten, beugte ſich Amalie über die Kranke und ſie konnte den Ausbruch ihres eigenen Gefühls nicht zurückhalten. Die Thränen des jungen Mädchens waren eben ſo warm, eben ſo klar, aber ſie hatten ihren Urſprung nicht im Schmerz. Die Baronin ſah ſie weinen. Da erhob ſie ihre Arme und ſchloß das Mädchen an ſich, ſo warm, ſo unbeſchreiblich an ſich.„Ich habe eine Freundin auf Erden,“ flüſterte ſie, 261 und ihre Stimme tönte ſo leiſe, wie das Echo von der andern Seite des See's herüber. Milde Gnade, die Gott uns geſchenkt hat, daß in der Fluth der Augen der Koth des Schmerzes ausſtrö⸗ men darf! Sanfter Troſt, der auf die Thränen folgt! Eine irdiſche Luſt empfinden wir nicht, aber— wenn der Azur ſich kühlt und ſternenvoll in dunkeln Stun⸗ den über das Land der Nacht ausbreitet, da geht der große Geiſt durch den Sturm in unſere Seele; er ſpannt ein kühlendes Tuch über ſie als eine Wehr ge⸗ gen die Macht und die Furien der Erinnerung. Die Seele ſchmilzt in Hoffnung, ſie erwacht zum Licht und zur Beſſerung, und fühlt, daß ſie in die heilige Hei⸗ math eines höhern Himmels kommen darf. Eugenie Guemarez erhob ſich wieder, Ketzte ſich ge⸗ gen ihr Kiſſen und nahm ihr weißes, ſeidents Netz zur Hand. Amalie ſaß ihr zur Seite. „Es iſt gleich,“ ſagte die Baronin mit offener und füßer Reſignation.„Die Antwort auf meine Frage mag ausbleiben, was thut das auch? Ich ſterbe. Alle Schalen brechen und alle Schläge fallen. Dann iſt er mein und er braucht ſich nicht mehr zu fürchten, daß er mir zeige, wie er die liebt, welche er liebt.“ Ein langes Stillſchweigen erfolgte, und Amalie, wunderbar in Gedanken vertieft, welche die Vorſtellung des andern Lebens durch die Worte der Baronin in ihr erweckt hatten, unterbrach die feierliche Pauſe nicht. Nach einer Weile hielt die Baronin ſchnell und unerwar⸗ tet mit ihrer Arbeit inne, ſah Amalie an und ſagte: „Amelie, laſſen Sie uns denken, daß wir beide todt ſind. Dieſe Stunde kommt ja ein Mal; laſſen Sie uns denken, daß wir uns dann beide treffen, ſehen Sie mich an!“ Ein leichter Schauer überflog Amalien. Sie nahm Amaliens Hand und ſagte;„Verſpre⸗ chen Sie mir Eines heilig und unverbrüchlich.“ 262 Amalie drückte die feine weiße Hand, welche ſchon ausſah, wie die einer Abgeſchiedenen. Eugenie fuhr fort:„Verſprechen Sie, dort meine wahre Freundin ſein zu wollen.“ Amalie küßte die Hand, welche ſie hielt. „Verſprechen Sie mir unwandelbar Eines: wir beide werden Migneul dort ſehen— hören Sie mich, Amalie— doch ehe ich zu Dem komme, was ich meine, muß ich einen kleinen Eingang vorausſchicken— Ama⸗ lie, glauben Sie mir, ich bin Menſchenkennerin, Phy⸗ ſiognomiſtin, Phrenologin, gewiß ich bin es. Ich ſehe an dieſer ſchönen Stirne— eine Stunde wie dieſe iſt nicht zum Schmeicheln gemacht— Genug, glauben Sie mir, Amalie, Sie werden nach dem Tode das ſein, was man einen Genius, einen guten Geiſt, einen Se⸗ raph nennt“— Amalie zog ſchnell ihre Hand hinweg, denn die Miene der Sprechenden erſchreckte ſie. „Nun, laſſen Sie mich die Hand behalten. Ama⸗ lie wird das ſein, was ich ſage. Ein guter, ein himm⸗ liſcher, ein reiner Geiſt, nicht ſogleich, das ſage ich nicht, aber bald. Wenn wir uns dort treffen und Mig⸗ neul in unſere Geſellſchaft kommt— hören Sie— wenn dann dort geſchehen ſollte, was gewiß nicht ge⸗ ſchieht, aber ich ſage nur— wenn dann. Etwas vor⸗ handen ſein ſollte, was ihn und mich trennen würde, ein Räthſel, wie es jetzt hier der Fall iſt— Amalie, ſeien Sie dann unſere Freundin, nehmen Sie ſeine Hand und legen Sie ſie in die meinige, und blaſen Sie die Wolken zwiſchen ihm und mir fort. Ein gu⸗ ter Geiſt kann das. Verſprechen Sie, meine Bitte zu erfüllen, und ich nehme dieß Verſprechen mit in's Grab!“ Amalie fand etwas ſo unendlich Rührendes in die⸗ ſer Bitte, und ſie zugleich ſo billig zwiſchen zwei verei⸗ nigten Herzen, daß ſie—— aber wie? wenn ſie durch dieſes„Ja“ ſich zu etwas verbindlich machen würde, das ihrer eigenen Mutter furchtbar, ſchrecklich — — NM B N —— —— N NXN V 263 ſein könnte, obſchon ſie in dieſem Augenblick nicht wußte, was die Bitte enthielt? Amalie antwortete:„Ich bin das nicht, was die Frau Baronin ſagt. Aber das verſpreche ich, daß ich in einer andern Welt, wenn Gott mir die Macht dazu gibt und es erlaubt— ich verſpreche es nicht geradezu — mur wenn Gott ſeine Zuſtimmung gibt, will ich es thun.“ „Damit bin ich zufrieden. Ich bin mit dem zu⸗ frieden, was Gott zwiſchen Migneul und mir erlaubt,“ ſagte Eugenie ſanft und ergeben.„Du wirſt ſehen, ſchöner Geiſt—“ Hier wurde ſie von einem Geräuſche unterbrochen und ſchloß. Die Thüre zum Schlafzimmer wurde ge⸗ öffnet. Man meldete, daß das Abendeſſen ſervirt ſei, und fragte zugleich, ob dee Baronin Etwas befehle. Mamſell Lenoir, die an der Stelle der Baronin ſtets als Wirthin bei Tiſche ſein mußte, ſtand auf und ſagte gute Nacht. Die Baronin erwiederte, daß ſie nichts mehr wolle; ſie nickte ihr den Abſchiedsgruß zu, froh, freundlich und mit dem Leben verſöhnt. Nachdem Amalie hinausge⸗ gangen war, ſagte ſie:„Wir finden uns in einer beſ⸗ ſern Welt wieder. Heil und Frieden wird uns Allen zu Theil. Was wir hier erleben, iſt nur eine kleine Epiſode.“ Ihre Augen ſchloßen ſich; ſie ſchlummerte 6 angenehm und ſtille ein. — Viertes Kapitel. Der Prozeß trilt in Wirkung.— Vie höchſte Inſtanz für den Rechtsſtreit. Wir begreifen leicht, mit welcher Ungeduld zwei Parteien auf den Fortgang ihres Unternehmens ge⸗ 264 ſpannt ſind. Erſtens mußten ſich Elbers und ſeine Freunde dafür intereſfiren, wie Oskar's Verhandlungen in Gräſeholm ausſielen. Elbers ſelbſt hatte mit Orto⸗ lan den jungen Ekenſparre auf ſeiner Heimreiſe von Chriſtianſtad begleitet. Sie hatten jedoch nicht in Gräſe⸗ holm eingekehrt; theils um dort keinen Argwohn zu erregen; theils aber auch, weil ſie von Baron Mig⸗ neul, mit dem ſie nicht perſönlich bekannt waren, kei⸗ nen ſehr warmen Empfang zu gewarten hatten. Sie blieben alſo auf einem kleinen Hofe in der Nachbar⸗ ſchaft, wo Elbers bekannt war; demſelben Hofe, wohin ſie ſich früher einmal auf ein paar Stunden zurückge⸗ zogen hatten, als ſie an jenem merkwürdigen Nach⸗ mittag die Ausfahrt der Baronin mit ihren Kindern auf den See abwarteten, um ſich in Gräſeholm einzu⸗ finden und ihre wichtigen Geſchäfte in der Bibliothek zu beſorgen. Sie waren jetzt an demſelben Orte in Imſie abgeſtiegen, um Oskar näher zur Hand zu ſein. Er ſollte, der Verabredung gemäß, durch den dicken Buchenwald zu ihnen hinüber gehen, ſobald er Nach⸗ richten hätte. Oskar's feſter Entſchluß war, wie wir wiſſen, Kenntniß von dem eigenen Vermögen ſeiner Stiefmutter zu erhalten und erſt dann zu entſcheiden, ob er prozeſſiren wollte oder nicht. Beim Abendeſſen, als Amalie die Baronin verlaſſen hatte und in den Saal eintrat, um als Wirthin zu fungiren, wurden natürlich zwiſchen ihr und Oskar mehrere Worte ge⸗ wechſelt. Er erfuhr, was er wünſchte: Eugenie Gue⸗ marez hatte von ihrer Familie aus kein Vermögen bei⸗ gebracht. Als Amalie ihm die begehrte Notiz gab, that ſie es zwar unter Wiederholung der Bedingungen, welche ſie gleich anfangs an die Annahme dieſes Auf⸗ trags geknüpft hatte, daß nämlich die Baronin keinen Schaden darunter leiden ſollte; aber ſo lebhaft auch Oskar hier Amalie für den ausgezeichneten Dienſt dankte, den ſie ihm geleiſtet, und wie ſehr er fie auch verſicherte, daß von Schaden keine Rede ſein würde, — 2 v— ——= S— 265 ſo konnie er ſich doch nicht läugnen, daß ihm ein gro⸗ ßer Stein vom Herzen gefallen war; als er erfuhr, daß jetzt das erſte Hinderniß, die innere Bedenklichkeit, die ihn hätte abhalten können, ſein Recht auf dem ge⸗ ſetzlichen Wege zu ſuchen, gehoben war;z denn mit Migneul gedachte er durchaus keine Complimente zu machen; obwohl er feſt entſchloſſen war, demſelben in keinem Falle eine hübſche Apannage bis zum Tode zu verweigern, oder wenigſtens ein gutes Arrangement zu treffen, ohne welches ja Elbers, wie er bei ſeinem hochſinnigen Charakter ſchon im Anfang erklärt hatte, gar nicht ſein Sachwalter werden würde. Eine Apan⸗ nage durfte alſo nicht verweigert werden, und es ließ ſich ja ein mäßiges Arrangement treffen. Doch von all' dem ſagte Oskar kein Wort zu Amalien. Als er endlich am Abend ſich von ihr trennte und die herz⸗ lichſte gute Nacht nahm, ging er in gewaltigen Rter⸗ gutsgedanken zu ſeinem und ſeines Bruders Schlaf⸗ zimmer hinauf; entkleidete ſich, legte ſich nieder und entſchlummerte als ein Gutsbeſitzer. Des Morgens in aller Frühe ſtand er auf und begab ſich nach Imſie⸗ Dort wurde natürlich tüchtig Raths gepflogen. Andererſeits dagegen lag dem alten Rutfors nicht wenig daran, daß Baron Migneul einen entſcheidenden Schritt thun und entweder, wie Rutfors wünſchte, bald abreiſen, oder die zwei gefährlichen jungen Leute von Gräſeholm entfernen möchte. Dabei geſtand er ſich jedoch, daß das Letztere, obſchon es ihn perſönlich ſehr gefreut haben würde, doch nur von einem ganz unter⸗ geordneten Rutzen im Rechtswege ſein würde. Den ganzen darauf folgenden Tag nach der Beſprechung im Kaſſengewölbe war der Baron auf ſeinem Zimmer ge⸗ blieben.„Ohne Zweifel überlegt er ſich die Sache,“ meinte Rutfors, als der Bediente ihn davon benach⸗ richtigte—„und dagegen habe ich nichts, wenn nur das Bedenken nicht zu lange dauert. Der gefällige Bediente hatte natürlich auch ihm von Herrn Oskar Umalia Hilnv. 15 — 266 geſagt, daß Mamſell am Morgen bei Seiner Gnaden geweſen ſei und geweint habe; eine Angabe, weiche der auf ſeinem dreibeinigen Stuhle ſitzende und die Feder in die Luft haltende Rutfors zu ſeinen übrigen Kennt⸗ niſſen in dieſer Beziehung rechnete.„So hat wenig⸗ ſtens, Gott ſei Dank, die Gouvernante einmal eine Lektion erhalten, was als der erſte Warnungsgrad zu betrachten iſt. Doch das Alles ſind nur Poſſen und Palliativmittel,“ ſagte der umſichtige und kluge Mann. „Ich wollte, Hillner thäte bald einen entſchiedeneren Schritt, einen, der etwas hilft.“ Was Baron Migneul eigentlich in ſeinem Zimmer vedachte, war indeſſen ein Geheimniß für Rutfors. Immer tiefer gerieth der Baron in die Betrachtungen, welche von dem Augenblick an in ihm erwacht waren, als es ihm beinahe zur fixen Idee wurde, daß die in ſein Haus gekommene Gouvernante eine Tochter ſeiner geliebten, verlaſſenen Sophie ſein müſſe. Die Erinne⸗ rung an alle äußerlichen Gefahren erblaßte jetzt vor den Gemälden hohen Intereſſes welche er vor der er⸗ hitzten Einbildungskraft entrollen ſah. Er hielt es für gewiß, daß ihm ſelbſt und all' denen, die er am hei⸗ ßeſten liebte, etwas Schreckliches bevorſtehen könnte, und vaß eine ſchnelle Entfernung aus dem Lande deß⸗ halb das Räthlichſte ſein dürfte. Aber dieſe anzutreten, ehe er ſeine Sophie vorher geſehen, dieſer Gedanke erregte ſeine Seele ſo heftig, daß er die Ausführung für unmöglich hielt. Das Räthſel von Amalien's Per⸗ ſönlichkeit und wer ſie eigentlich war, ſtand ebenfalls in einer ſo anreizenden Geſtalt vor Migneul, daß er, ſich durchaus eine Aufklärung hierüber verſchaffen mußte. RNichts war zwar einfacher, als ſie ſelbſt zu befragen; aber jedesmal, wenn er zu dieſem Mittel greifen wollte, bebte ſein ganzes Weſen vor den Worten, die er hören zu müſſen fürchtete zurück, der Name, den ſie trug und den er nicht den geringſten Grund hatte, für pſeu⸗ donym zu halten, ſo wie ihr Aeußeres, welches der ———————————— 267 zarten und oſt ganz kindlichen Geſtalt höchſtens ein Alter von ſechszehn oder fiebenzehn Jahren gab, führte Migneul von der rechten Spur ab, und er hielt es für entſchieden, daß wenn dieß Mädchen Sophien's Kind wäre, auch Sophie eine neue Ehe eingegangen haben müſſe. Er ſeufzte dabei aus der Tiefe ſeiner Bruſt, ging unaufhörlich im Zimmer umher, und als endlich der Abend kam, beſchloß er, ſich zeitig niederzu⸗ legen, ohne vor der Hand etwas zu entſcheiden. Auch der, welcher etwas verbrochen hat, beſitzt noch einen Vater in jener Heimath, wohin die Blicke nicht reichen, und eine heilige Sprache ſagt, daß Er ſeine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böſe. Der Menſch macht ſeine Entwürfe, aber eine Vorſehung leitet ſie. Wer hätte glauben ſollen, daß die Gnade hier ſo groß war, um ſich in einem tiefen, aber nicht ſchweren, einem ſtil⸗ len und ſtärkenden Schlafe in der folgenden Nacht über Hillner's müdes Haupt auszugießen? Ohne Hoffnung auf Ruhe hatte er ſeinen Kopf an eine Stelle auf dem Kiſſen niedergelegt, wo das Kopfkiſſen noch am kühlſten war.„Es wird wohl auch da baſd warm werden, und dann muß ich wieder weg,“ hatte er in ſtiller aber reſignirter Verzweiflung zu ſich felbſt geſagt. Aber alle ſeine Gedanken und Kämpfe waren jetzt fortge⸗ wieſen, die Sinne verſanken ihm und eine unerwartete Ruhe fiellte ſich ein. Kein Traum kam.— Als der Morgen kam und es ſchon nicht mehr frühe war, erwachte er, und fühlte Muth und einige Hoffnung. Eine Stimme der Freude wollte ſich ihm in der Ferne zeigen. Er ſtand auf, ließ ſich ankleiden und beſchloß, die friſche Luft zu genießen. Wir wiſſen, daß dieß an dem nämlichen Morgen war, wo Oskar ſich in aller Frühe nach dem Imſiehof begeben hatte. Baron Migneul machte eine kleine Promenade im Garten und das Wetter kam ihm ungemein angenehm vor. Er fühlte ſich immer froher und friſcher. Nach einer kleinen Weile kehrte er nach dem Hofe zurück, 268 warf zufällig die Augen nach dem zweiten oder dritten Fenſter im obern Stockwerk und dachte:„Soll ich nicht mein Mädchen beſuchen? Ich bin ja Konſtanzens Vater und muß alſo wohl einmal ihre Arbeiten in Augen⸗ ſchein nehmen. Es wird eine Aufmunterung für ſie ſein, wenn ich einmal ihren Studien beiwohne.“ Der Gedanke, daß er Amalie oben treffen würde, erſchreckte ihn jetzt nicht, ſo geſtärkt fühlte er ſich. Er trat in das Haus, ſtieg die Treppe hinauf und kam vor die Thüre vom Zimmer der Mamſell. Der Schlüſſel ſteckte, er trat ein. Er ſah Niemand im Zim⸗ mer.„Sie ſind noch unten, ſie frühſtücken,“ dachte er. Einſtweilen ſetzte er ſich auf Amalien's kleinen Sopha und ſah ſich mit Vergnügen im Zimmer um, wo Alles ſo hübſch und geordnet war. Da noch Nie⸗ mand kam, ſtand er auf, ging nach dem Unterrichts⸗ tiſche und ſagte:„Ich will doch ſehen, mit was ſich die Mädchen heute beſchäftigen. Ah ha, ich merke, es iſt heute Zeichentag, das Portefeuille liegt aufge⸗ ſchlagen.“ Baron Migneul blätterte unter den Zeichnungen und ſah manche ſehr mißlungene, daß er über Konſtan⸗ zen's kecke Querſtriche lachte. Einige fand er jedoch recht geſchmackvoll. Seine Blicke blieben an einer haf⸗ ten.„Was ſoll daraus werden?“ dachte er. Je mehr er die Skizze betrachtete, deſto weniger wollte er ſie weglegen.„Ich verſtehe das nicht. Zu was ſoll, zu was ſoll es dienen?“ ſagte er halblaut. „Die Zeichnung iſt noch ſo wenig ausgoführt, daß das Ganze mehr einer ſchönen Ahnung als einer fertigen) Wirklichkeit gleich ſieht. Aber die Züge ſind ſicher, die Zeichnung iſt gut. Das kann nicht von Konſtanzen's Hand ſein. Die Mamſell muß es—— Aber, mein Gott! was für einen Gegenſtand hat ſie da gewählt? Dieſe Baumgruppe—— ich erkenne ſie wieder— ſehe ich hier nicht gerade den Hain, jenen Hain, mein eigenes, beſtes Geheimniß in Gräſeholm, wohin ich in 269 ſo mancher ſchlafloſen Nacht einſam wandelte und wo⸗ hin ich bei Tag Niemand führen will? Und ſie iſt darauf gekommen; ſie hat Alles das abgezeichnet? Himm⸗ liſche Eingebung!“ Er war im Begriff, die Zeichnung an ſeine Lip⸗ pen zu drücken, ſo ſchön kam ſie ihm vor, als er unten auf dem Papier eine mit Bleiſtift geſchriebene Zeile bemerkte, aber ſo ſchwach, daß Niemand die Worte entdeckte, der das Blatt nicht unz nahe an die Augen hielt. Er konnte endlich die Worte leſen:—„es iſt am Ende doch am beſten, wenn ich den Namen mei⸗ ner Mutter nicht auf den Baumſtamm zeichne, denn die Zeichnung würde dann nicht ganz ausſehen, als ob ſie von Conſt“— das Uebrige war entweder mit Gummi Elaſticum herausradirt, oder überhaupt nicht weiter zu entziffern. „Den Namen meiner Mutter hinein zeichnen!“ rief Migneul.„Ja, es kann nicht anders ſein. Sie hat dieſe hinein gewachſenen Buchſtaben geſehen, die ich einmal unter Thränen in den Stamm ſchnitt.— Gro⸗ ßer Gott, ſie müſſen es ſein, die ſie hier abzeichnen will, um das Gemälde vollſtändig zu machen! Täuſche ich mich mit einem ſüßen Wahn! Nein, es iſt kein Zweifel mehr— es iſt das Kind meiner Sophie, das hier lebt und athmet— ſo nahe bei mir. Ich fühle mich heute ſtark— ich werde es wagen, ich muß es wagen, ſie über Alles zu befragen. Dieſe Zeichnung werde ich zum Ausgangspunkt meiner Unterredung ma⸗ chen. Ich habe Muth, mein Urtheil zu hören.“ Er legte die Zeichnungen wieder zuſammen und trat an's da er hörte, wie ſich Schritte der Thüre nä⸗ erten. Sie ging auf— aber es war Conſtanze, die herein kam. Sie neigte ſich vor ihrem Papa und be⸗ grüßte ihn mit einem freunvlichen guten Morgen. „Das iſt ſchön, daß Papa wieder geſund iſt,“ ſagte ſie.„Geſtern ſahe man Papa ja gar nicht.“ 8— 270 „Wo haſt Du Mamſell Lenvir?“ fragte er. „Sie kommt ſogleich herguf. Sie hat noch ein wenig mit der Haushaltung zu thun; denn Papa muß wiſſen, daß ſie jetzt Mama's Stelle vertritt, ſo lange Mama ſo krank daliegt. Sie kommt gleich, es iſt gar zu hübſch, daß Papa heute unſern Unterricht mit anhören will.“ „Das werde ich— aber Konſtanzchen, während wir hier warten, laufe Du einſtweilen in den Garten hinab und ſuche Papa's Stock. Ich habe ihn in irgend einer Laube vergeſſen, ich weiß nicht mehr wo. Zeige, daß Du artig biſt, komm aber nicht bälder wieder, bis Du den Stock gefunden haſt.“ „Iſt es der mit dem goldenen Knopf?“ „Ja.“ Konſtanze übernahm dieſen Auftrag mit großem Vergnügen. Sie ſprang hinaus und ließ ihren Vater allein. Sie ahnte nicht, daß ſie jede Ecke des ganzen Gartens durchſuchen mußte, bis ſie endlich merken würde, daß es unmöglich ſei, einen Stock zu entdecken, wo nie einer geweſen. Bald hörte Migneul wieder Schritte. Man nä⸗ herte ſich der Thüre, Amalie trat ein. Etwas verwundert blieb ſie auf der Stelle ſtehen, als ſie Niemand Geringeres cls den Baron ſelbſt be⸗ merkte, der ihr noch nie in ihrem kleinen Zimmer die Ehre gegeben hatte. Sie ſah keine Spur von Kon⸗ ſtanzen. Aber Baron Migneul erſchien Amalien an dieſem Morgen ſehr verändert und zwar zu ſeinem Vortheil. Es war nicht das gelblich blaſſe verſtörte Geſicht, der beinahe wirre Blick, das unerklärlich Un⸗ heimliche ſeiner Geberden, deſſen ſie ſich von der geſt⸗ rigen Begegnung her erinnerte. Das Auge ſtrahlte ihr ſchön und belebt entgegen. Die Wangen waren zwar wie immer blaß, aber doch weiß und nicht gelb. Er erhob ſich, um zu grüßen und ſeine Geſtalt hatte — * geehört⸗ die angenehmſte zu ſein, wenn er nur wollte. „Amalie,“ ſagte er nach einer leichten Ceremonie, „erlauben Sie mir eine Kühnheit eigener Art. Die Zeit iſt kurz, wir müſſen eine Weile allein ſein.“ Sie trat etwas erſchrocken zurück. Aber er faßte ihre Hand und führte ſie nach dem Tiſche. Er ergriff ein Bleiſtift, ſchlug einige Blätter in der offenen Zei⸗ chentaſche um, nahm wie zufällig die Skizze von ihrer Hand, die er vorhin betrachtet hatte, heraus und ehe ſie bemerkte, was er that, ſetzte er auf den Baum⸗ ſtamm mitten„im Haine der Erinnerung“ die Buch⸗ ſtaben B 8S H Er ſagte:„Nur dieſe fehlten noch Jetzt iſt die Skizze fertig. Amalie, ſehen Sie her.“ Sie zitterte vor Erſtaunen.„Dieſe Anfangsbuch⸗ ſtaben!“ rief ſie. „Ja eben ſie.— Sagen Sie mir, aber ſagen Sie mir einmal aufrichtig— ſo aufrichtig, wie wenn Gott unſere Worte hörte, was bedeuten dieſe Buchſtaben?“ „Herr Baron ich habe die Erklärung derſelben von der Frau Baronin erhalten— ſie bedeu— ſie bedeu⸗ ten— Beati sunt homines— die Menſchen find glücklich, Herr Baron.“— „So haſt auch Du dieſe Lüge vernommen,“ dachte Migneul bei ſich ſelbſt.„Nein, Amalie, das iſt nicht wahr, und Amalie weiß ſelbſt, daß es nicht wahr iſt. Die Buchſtaben haben einen ganz andern Sinn.— Sa⸗ gen Sie, o ſagen Sie mir— ich bitte, ich flehe Sie darum!“ Er beugte ſich über ſie und drückte ihre Hand an ſeine Bruſt.„Sprechen Sie es aus, flüſtern Sie es mit dieſem Munde, mit dieſen Lippen, ſagen Sie mir, was bedeuten dieſe Buchſtaben?“ Sie ſah zu ihm empor, aber mit flammenden Au⸗ gen und mit dem kindlichſten Ausdruck. Sie faltete ihre Hände gegen ihn und ſagte innig, aber nur halb laut v ſcheu:„O mein Gott, ſie bedeuten— Beate Sophie illner.“ 272 „Du biſt ihre Tochter!“ rief er, und ſchloß ſie mit Heftigkeit in ſeine Arme.„Wie ähnlich Du ihr biſt!“ Schnell trat er jedoch wieder einen Schritt von Amalie hinweg. Er ſah ſie mit einem Blick an, der unmöglich beſchrieben werden kann. Er verſchlang ihre Geſtalt beinahe mit ſeinen Augen, und doch lag in ihnen nur Zärtlichkeit, Zurückhaltung und Entſagung.„Um Got⸗ tes willen! noch ein Wort, Amalie, ein einziges, lebt Dein Vater?“ „Ich weiß es nicht, ich glaube nicht,“ ſagte ſie. Aber in dieſem Augenblick ſchlug ihr Herz ſo wunder⸗ bar, eine ſo unwillkürliche Schwäche ergriff ihr Weſen, daß ſie zu Boden zu ſinken fürchtete. Sie ſtützte ſich gegen den Tiſch. Migneul fuhr fort:„Was iſt es mit dem Lenoir? Ich habe dieſen Namen nie gehört. Glaube nicht, daß eine bloße Neugierde mich leitet. Um Deiner Seligkeit willen, antworte mir, wer iſt Dein Vater?“ Er ſah ſie ſo warm und durchdringend an, daß ſie ſeinen Blick nicht auszuhalten vermochte.„Ach, meine Mutter, verzeih' mir, verzeih' mir,“ ſagte ſie,„aber ich kann nicht— kann in dieſer Stunde nicht— Herr Baron ich heiße nicht Lenvir.“ „Jeſus Chriſtus! Du heißt nicht—— Wie alt biſt Du?“ „Ach— ich bin das unglücklichſte Kind! Ich wurde ein halbes Jahr nach dem Tode meines Vaters geboren. Ich bin 18 Jahre alt.“ „Meine Tochter!“ mit dieſem Schrei ſtürzte er zum zweiten Male in ihre Arme.„Nein— iſt es möglich, daß dieſer Himmel mir beſcheert wurde?“ Amalie ſah empor. Ihre Lippen zogen ſich zuſam⸗ men, nicht eben krampfhaft, aber doch beinahe ſo. Man hörte, daß ſie wo möglich das Wort:„Hillner“ auszu⸗ ſprechen verſuchte. „Sprich es aus, Amalie! Ich heiße Hillner.“ Liebe und Entſetzen zugleich bemächtigten ſich der Bruſt des Mädchens. Im erſten Augenblick ſah ſie die 273 Baronin Migneul, ihre Mutter, Konſtanzen, ſich ſelbſt und Oskar mit ſeinen verfluchenden Worten vor ſich— Alles noch dunkel, aber doch hinlänglich klar, um ihr ſchrecklich zu ſein. „Mein Vater, mein Vater!“ „Amalie, wir haben keine Zeit zu Erklärungen, aber Du ſollſt ſie einmal bekommen, deſſen ſei gewiß. Jetzt noch ein Wort, wo lebt Deine Mutter?“ „Weit, weit von hier.“ „Wo? wo? treffe ich Sophie.“ Amalie hatte ſich jetzt ſo weit überwunden, daß ſie ſich mit Ruhe auf den Sopha niederſetzen, von dem 3 Aufenthaltsort ihrer Mutter, ihrer Lebensweiſe zuſam⸗ men und ihrer eigenen Kindheit erzählen konnte. Da Hillner während dieſer Erzählung oft in Thränen zer⸗ ſchmolz, ſo gewöhnte ſich Amalie bald daran, einen Vater in ihm zu ſehen. Die Hoheit des gnädigen Herrn verſank und verſchwand in dem ſanften und warmen Entzücken, das Amalie noch niemals empfunden hatte, in dem Entzücken nämlich:„Mein Vater!“ ſagen zu dürfen, und dabei einen lebendigen, wirklichen Men⸗ ſchen vor ſich zu ſehen. So hörte die Verlegenheit auf. Hillner verbarg ſeiner wiedergefundenen Tochter nichts. Seine Flucht damals, ſeine gefährliche Stellung jetzt, Oskars mögliche Pläne, Rutforſ'ens Vorſchlag, Alles theilte er ihr mit. Mit Freuden fand er in Amalien nicht das Kind— das er h ihr vermuthet— ſondern eine kluge, eben ſo verſtändige, als aufrichtige Perſon, mit der ſich berathſchlagen ließ. Er merkte mit Erſtaunen, daß er nicht nur Troſt, ſondern auch eine Stütze gewonnen hatte. Konſtanze kam nicht wieder.„Das iſt mir doch ein merkwürdiger Stock,“ ſagte ſie mehrmals, indem fie von dem einen Laubgang in den andern ging, und überall mit dem aufmerkſamſten Blicke umherforſchte; aber eigentlich hatte ſie nicht viel dagegen, den halben Vormittag im Garten zuzubringen. 274 Während Vater und Tochter in vertraulichen Be⸗ rathungen auf dem kleinen, behaglichen Sopha ver Gou⸗ vernante beieinander ſaßen, hörten ſie gerade mitten in ihrer Unterhaltung Tritte, welche Jemand verkündigten, der die Treppe heraufkam und ſich Amaliens Zimmer näherte. Die Tbüre öffnete ſich, Oskar Ekenſparre trat ein. Eine gewiſſe Feierlichkeit, Etwas wie Zorn— aber ein auf das Gefühl des Rechts gegründeter Zorn lag ſchon in ſeinem Blick.— Als er jetzt bei ſeiner An⸗ kunſt zwei Perſonen beiſammen ſah, die ſeiner Anſicht nach, unter allen Menſchen am wenigſten für einander paßten, ſo vermehrte ſich das Feuer ſeiner Augen noch durch eine weitere Flamme. Doch hielt er ſich zurück, ſprach nichts Hartes, Bitteres oder Uebereiltes, ſondern ſagte nur:„Mein Vater— ich habe den Herrn Ba⸗ ron wegen einer wichtigen Angelegenheit auf ſeinem Zimmer aufgeſucht, aber—“ „Und,“ erwiederte Migneul,„da Oskar nicht an⸗ ders vermuthen konnte, als daß ich mich jetzt hier auf⸗ halte, ſo—“ Amalie erhob ſich von der Seite ihres Vaters. Nach der Miene der beiden Männer erwartete ſie nichts Gutes. Das Blut zog ſich in ihrem Herzen zuſammen, und ihre Wangen wurden blaß. Sie trat an's Fenſter und beſchäftigte ſich mit ihren Blumen in den kleinen Töpfen. „Tritt näher, Baron Oskar,“ ſagte Migneul,„laß hören!“ „Es iſt wahr,“ begann der junge Ekenſparre,„mein Vater wird als Herr dieſes Hauſes, dieſes ganzen Hau⸗ ſes und jedes Zimmers deſſelben erkannt. Ich habe daher nichts über eine Sache zu bemerken, die ich viel⸗ leicht nicht erwartet haben dürfte. Auch war das nicht der Gegenſtand, wegen deſſen ich mir heute eine Un⸗ terredung ausbitten wollte.“ „Nun wohl, ſo ſei aufrichtig und gerade zu, Oskar!“ Dieſe Aufforderung, die von ei einer Miene begleitet war, welche ſich zwar ſehr ernſt zeigte, aber doch Ver⸗ trauen einflößte, und mehr als irgend etwas die Sprache —„ des Herzens herauf beſchwor, veränderte augenblicklich Hskar's Entſchluß, ſo daß er, anſtatt nach Elber's Plan einige Hindeutungen über den Vormünder vorzuſchieben, nach dem man ſich erkundigen müßte, um ihn gehörig für ſeine Mühe zu belohnen, und Migneul ſo von Wei⸗ tem eine Drohung empfinden zu laſſen, deren Donner herannahen konnte, wofern er ſich nicht fügte, jetzt Alles vergaß, zu ſeinem Stiefvater hinging und ſagte:„Eine offene Frage will eine offene Antwort! Ich bin ein und zwanzig Jahre alt und mündig. Wie ſteht es mit der Hinterlaſſenſchaft meines längſt verſtorbenen Vaters, des Baron Adolph Fabian Ekenſparre? Ich glaube, einige Veranlaſſung zu dem Gedanken zu haben, daß mir eine Erbſchaft zukomme.“* „Du haſt nichts zu gewarten, Oskar.“ „Ich und mein Bruder haben nichts?“ „Nein—“„ Varon Migneul ſprach dieſe Worte mit einem Nach⸗ druck aus, der ſich beinahe der Härte näherte, und nicht verfehlte, den Jüngling zu einer muthigen Verthei⸗ digung zu ſtählen. „Ich muß crklären,“ ſagte er in einem beſtimmten Tone,„daß ich mich mit dieſer Antwort nicht zufrieden gebe. Ich habe nicht die Abſicht, die Hilfe des Ge⸗ richtshofes anzuſprechen, wenn man mir mit Vernunft und Billigkeit begegnet; allein nehme nicht übel, daß ich hinzuſetze: ich habe auch nicht im Sinne Etwas zu ſchenken.“ „Noch habe ich im Sinne, um ein Geſchenk zu bit⸗ ten,“ erwiederte Baron Migneul hitzig. „Ich werde meine Anſprüche auf untrügliche Do⸗ eumente zu ſtützen wiſſen.“ „Ich ſehe, daß mein Vater vielleicht zu ſchnell in einen Zorn übergeht, deſſen Aufbrauſen in Gegenwart eines jungen Frauenzimmers, welches in keinem Ver⸗ hältniß zu unſern Familienſtreitigkeiten ſteht, nicht paſ⸗ ſend ſein dürfte. Zieht es nun mein Vater vor, daß 276 ich jetzt ſchweige, aber unverweilt gehe, um meine Sache dem Gericht zu übergeben, oder will mein Vater lieber, daß wir vorher einfach und ohne Complimente, aber auch ohne Unvernunft und Hitze die Sache beſprechen, um wo möglich das Wahre zu treffen?“ „Wie Oskar will. Was haſt Du anzuführen?“ „So höre. Man kann meine Anſprüche von dem ſtrengen, formellen Geſichtspunkte des Rechts, ſo wie auch von dem allgemeinen, menſchlichen der Billigkeit aus betrachten. Ich habe beide auf meiner Seite. Nach dem Recht und den Formen iſt es nicht zu beſtreiten, daß ich und mein Bruder Anſpruch darauf haben, das unſerem Geſchlechte zugehörige Erbgut wieder zu be⸗ kommen, oder, da es verkauft wurde, die Erſatzſumme aus der Hand deſſen, oder deren zu verlangen, die beim Ableben unſers Vaters ſeine Hinterlaſſenſchaft in Beſitz nahmen. Dieß iſt zugleich auch ganz billig. Sollte gegen die juridiſche Form ein gewiſſes, von unſerem Vater aufgeſetztes Teſtament angeführt werden— wir wollen zur Sache kommen und nicht länger fremd thun; ich habe alle dieſe Documente geleſen, und,“ ſetzte Os⸗ kar hinzu, als er ſah, wie Migneul die Farbe wech⸗ ſelte,„ich weiß auch, welche Perſon ich vor mir habe, ich weiß, daß Hillner Ihr wahrer Name iſt— ſo be⸗ merke ich erſtens, daß kein Teſtament gegen Erſatzan⸗ ſprüche geltend gemacht werden kann, und zweitens, daß das fragliche Teſtament niemals denjenigen juri⸗ diſchen Bedingungen unterworfen wurde, welche zur Bekräftigung deſſelben erforderlich ſind, da es weder uns noch einer Perſon mitgetheilt wurde, die geſetzlich für unſern Vormünder gelten konnte.“ Migneul ſtand auf und ſeine Augen blitzten.„Es freut mich, es freut mich ſehr, daß wir ſo ohne alles Weitere auf die rechte Fährte mit einander gekommen find. Höre mich, Oskar, gerade ich bin es, der die allgemein menſchliche Billigkeit, ſo wie die juridiſchen Formen auf ſeiner Seite hat, und folglich in dieſen — Ben Beziehungen, auf die Du Dich ſelbſt berufen, Recht hat. Beſprechen wir zuerſt die Billigkeit. Dein Vater war es, der mich durch ökonomiſche Plane, Wir⸗ ren und Geſchichten, die ſich nicht ſo ſchnell im Detail auseinanderſetzen laſſen, zu Grunde richtete, und ich mache mich verbindlich, Dir, wenn Du es wünſcheſt, die vollkommenſte Aufklärung darüber zu geben. Daß ich mich alſo durch ſein Vermögen bei ſeinem Tode ſchadlos hielt, das war eben das Billige an der Sache.— Was die juridiſchen Formen betrifft, ſo iſt es damit alſo: Was Du auch vor dem Gerichte über den Erſatz des Erbgutes ſagen magſt, das bleibt gewiß, daß das Teſtament Deines Vaters gilt, indem man es eine ge⸗ ſetzliche Kraft bekommen ließ. Bemerke wohl, mein Freund, daß ich in dieſer Beziehung jetzt nur von dem Juridiſchen ſpreche, denn die Billigkeitsfrage machte ich ſchon vorher ab. Das Teſtament wurde Deinem und Deines Bruders geſetzlichem Vormünder mitgetheilt, der keine Einſprache dagegen gethan hat, ſondern demſelben ſogar ſeinen Beifall gab.“ „Ich längne, daß ein Herr Hillner unſer geſetz⸗ licher Vormünder ſein konnte, da die Behörden von Nizza keine Vormünderkammer für uns bildeten und alſo auch nicht die Macht hatten, nach eigenem Gut⸗ dünken uns irgend einen zu beſtellen, der ihnen gut dünkte.“ „Das mag ſein; aber Du durfteſt aus dem ſchwe⸗ diſchen Geſetze wiſſen, daß wenn die Eltern geſtorben ſind, diejenige Perſon der geſetzliche und rechtmäßige Vormünder iſt, welchen der Vater vor ſeinem Tode ſchriftlich dazu beſtimmt hat. Du kannſt hierüber im Erbgeſetz Cap. 20.§. 3 nachſchlagen.“ „Das wäre etwas Anderes, allein ich habe kein Document geſehen, welches beweist, daß mein ſterben⸗ der Vater Herrn Hillner zu unſerem Vormünder be⸗ ſtellte. Ich habe nur die Verordnung des Nizzaer Ge⸗ richtshofes geleſen.“ „Das glaube ich wohl, denn den ſchriftlichen Auf⸗ 278 ſatz Deines Vaters, worin er mich zu Eurem Vormün⸗ der macht, verwahre ich in meinem Pulte. Allein ich kann Dich dieſes Papier leſen laſſen, wenn Du zu mir hereintreten willſt. Du wirſt daraus erkennen müſſen, daß ein nach den Schwediſchen Geſetzen vollkommen gültiger Vormünder das Teſtament unangetaſtet ließ.“ Oskar ſtand blaß, ſchweigend und mit einer wil⸗ den Wuth im Auge da.„Gut,“ rief er,„wenn auf dieſe Weiſe alle juridiſche Formen beobachtet worden find, ſo fragt ſich noch, ob Herr Hillner ſein Vormün⸗ deramt verſah, wie ein Mann von—— da er ſich dieſer Eigenſchaft bediente, um ein Teſtament zu legi⸗ timiren, das uns unſeres Rechtes beraubte. Antworten Sie mir darauf, oder bei Gott—“ Eine beinahe gleiche Wuth ſchien ſich auf Hillners Wangen zu malen.„Bemerken Sie, Baron Ekenſparre,“ rief er,„bemerken Sie wohl, was ich von Anfang an geſagt habe. Auf meiner Seite ſtand die vollkommene Billigkeit, oder das innere Recht, mein durch ihren Vater zu Grunde gerichtetes Vermögen wieder zu be⸗ kommen. Jetzt zu dem äußeren Recht. Was mein Be⸗ nehmen als Vormünder betrifft, ſo liegt hierin nichts, das nicht mit dem Geſetze übereinſtimmte. Der Baron wird mir nicht beweiſen können, daß ich etwas gegen §. 1. Cap. 22 des Erbgeſetzes that. Beſonders iſt es mir gelungen, den§. 2 gut zu erfüllen,“ ſetzte er mit einem höhniſchen Seitenblick hinzu,„daß ich die im Cap. 23 beſtimmten Vormünderrechnungen nicht aufſetzte, iſt aller⸗ dings wahr, aber da das Teſiament geſetzliche Kraft erlangt hatte, und die Barone alſo kein Vermögen be⸗ ſaßen, ſo war darüber auch keine Rechnung zu führen. Ich ſetze hinzu, und bedenken Sie das wohl: was Ba⸗ ron Oskar in meinem Benehmen mit dem Teſtamente für tadelnswerth hält, wäre allerdings ſo— ich ge⸗ ſtehe das nicht nur, ſondern ich behaupte es ſogar ſelbſt— wenn nicht die Billigkeit, die ich ſchon früher erwähnte, meinem Gewiſſen das Recht gegeben hätte, auf dieſe 279 Weiſe zu handeln. Ich habe alſo die innere Gerechtig⸗ keit ſowohl, als auchalle äußere Formen derſelben erfüllt.“ „Wir werden hören, was das Gericht darüber ſagt,“ rief Oskar, und ſein rechter Fuß ſchien im Be⸗ griff, auf den Boden zu ſtampfen. Er nickte drohend mit der Stirn und ſetzte halblaut hinzu:„Wir werden hören, ob nicht der Bigamiſt ſeine Sprache etwas herab⸗ ſtimmen wird. Ich kenne einen Juriſten, der beweiſen kann, daß das zweite Weib noch lebt.—“ In dieſem ſchrecklichen Augenblick ſprang Amalie ſchnell hinzu; ſie trat zwiſchen die zwei Streitenden. Sie heftete ihre Augen ſtreng, klar und durchdringend auf Oskar, erhob einen Finger und ſagte: Um Gottes willen, ich bitte Sie, ich flehe, ich befehle Dir, ſei ſtille und gib nach, ſchone— meinen Vater.“ Ekenſparre ſtürzte auf den Sopha nieder und ſeine Augen ſchienen aus dem Kopfe ſpringen zu wollen. „Wie,“ rief er,„Amalie iſt—“ „Iſt Amalie Hillner,“ erwiederte Baron Migneul mit einem Adlerblick.„Sehen Sie einmal her, Herr Baron Oskar! Sie iſt mein Kind. Nun wohl, gehen Sie vor Gericht, aber machen Sie ſchnell, reiſen Sie, reiſen Sie,“ ſetzte er mit einer ſchrecklichen Stimme hinzu,„gehen Sie vor das Hofgericht, denn dort wird wohl das rechte Forum ſein, um den Streit über die Erbſchaft eines Edelinanns zu beginnen. Da aber die Perſon im Auslande geſtorben iſt, ſo dürſte das Hof⸗ gericht ſich am Ende erſt nicht befugt dazu glauben. Klagen Sie, ſage ich, wir wollen ſehen, wo ſich der Gerichtsſtuhl findet, vor dem ich mich vertheidigen muß, und wenn er gefunden iſt, was ja vielleicht einmal geſchehen kann, ſo werden wir ſehen, was ich dort zu verantworten habe. Bis dahin gehen Sie, fliehen Sie, ohne Obdach, ohne einen Schilling. Reiſen Sie gleich heute, nach einer halben Stunde ſchon, ich will keinen Undankbaren vor meinen Augen ſehen. Nehmen Sie Malcolm mit, nähren Sie, ſchützen Sie ihn, denn ich will keine Natter bei mir unterhalten,“ 280 Amalie ſah, wie die Augen ihres Vaters beinahe von Wahnſinn flammten. Sie trat zu ihm hin und ſagte:„Nimm dieſe Worte zurück, Vater, oder— lebe wohl, lebe wohl, ſchon heute— denn mit Oskar gehe auch ich.“ „Mein Gott, ſo iſt denn dieſes Gerücht, dieſe Ahnung wirklich eine Wahrheit?“ rief Migneul.„Amalie und Oskar lieben einander?“ Oskar ſtand auf, nahm Amaliens Hand, drückte ſie ſchnell an ſeine Bruſt, ſah Baron Migneul an, ſprach aber nichts. Amalie erlaubte ſich hier eine halb ſcherzhaſte Wen⸗ dung. Sie hatte oft gefunden, welch eine gute Wir⸗ kung eine ſolche hervorbringt, um zornige Gemüther wieder in Ruhe und Gleichmuth zu bringen. Sie blickte zuerſt auf die eine Partie und dann auf die andere. „Mein Vater hat ganz gewiß Billigkeit und Recht auf ſeiner Seite, wie er bewieſen,“ ſagte ſie,„Oskar da⸗ gegen hat ohne Zweifel ebenfalls Billigkeit und Recht auf ſeiner Seite, alſo und folglich rechnen wir in dieſer Sache die zwei vollkommenen Billigkeiten und dann die zwei unbeſtreitbaren Rechte zuſammen, ſo gibt die Summe vier. Erlaubt jetzt einer dritten Perſon, die weder mit einer Billigkeit noch mit einem Rechte auf⸗ treten kann, ſondern nur mit Liebe, wenn ſie nemlich darf;z erlaubt mir einen Vorſchlag zu machen—“ Einander in die Arme zu fallen?“ rief Migneul, „das iſt wahrhaftig die höchſte Inſtanz für alle Pro⸗ zeſſe. Was ſagt Oskar dazu? Die Hälfte meines Ver⸗ mögens gebe ich Dir mit Amalien, die andere Hälfte muß ich für Conſtanzen behalten. Uebrigens kannſt Du auch ſür deine Perſon nur auf das halbe Erbtheil von deinem Vater Anſpruch machen. Du magſt aber ſagen, wenn Du lieber ſo willſt, Oskar, Du magſt ſagen: ich habe dies nicht mit Amalie bekommen, ſondern es war urſprünglich mein eigen. Sage ſo, wenn Du willſt. Namen ſollen uns picht trennen. Biſt Du zu⸗ frieden damit?“ 28t Doar ſchloß Amalie in ſeine Arme, Migneul legte ihre Hände zuſammen. Fünftes Kapitel. Ein Wort an den Staub. Plötzlich hörte man Rufe mit Schluchzen vermiſcht, die Thüre zu Amaliens Zimmer wurde geöffnet, und die Gruppe der Drei wurde durch den Anblick Kon⸗ ſtanzens überraſcht, welche Malcolm an der Hand führte. Malcolm weinte und führte ſein Sacktuch ſehr oft nach den Augen. Konſtanze ſah ſehr beſtürzt aus, ſprach aber kein Wort. Man eilte ſchnell hinaus, um zu ſehen, was es gebe. Die Kammerjungßfer der Baronin Migneul kam herzu und bat den gnädigen Herrn in abgebrochenen Worten, herunter zu kommen. „Was gibt es?“ fragte er mit banger Ahnung. „Ich fürchte—“ ſagte ſie.„Ich habe die ganze Nacht bei der Frau Baronin gewacht und ſeit geſtern Abend, da ſie einſchlummerte, hörte ich nicht mehr das Geringſte von ihr. Ich hoffte, ſie ſchlafe ſo gut. Aber auch heute Morgen ſah ich ſie nicht erwachen. Endlich bekam ich eine Angſt— ich ging zu ihrem Bette hin—“ Migneul ſtürzte die Treppe hinab, eilte durch die Gemächer und trat in das Schlafzimmer der Baronin. Beinahe ganz wie ſonſt lag die Todte da. Die Hektik hatte ihren Sieg davon getragen, eben aber ihren letz⸗ ten Schlag, ſo ſchonend und ſchön wie möglich gethan. Das feine, blaſſe Geſicht ließ fich an Farbe kaum von dem Kopfkiſſen unterſcheiden, dem letzten Freunde ihrer Wangen. Kein Lächeln ſchmückte die Züge der Hinge⸗ Enzhen wie man nicht ſelten ſieht, wenn eine ſchöne eele die letzte Spur beim Abſchied von dem Körper Amalia Hillner. 19 282 zurück läßt. Kein ſolches Lächeln der vollkommen Ver⸗ ſöhnten, der in Gott Entſchlafenen, aber eine gewiſſe Verklärung, eine Hingebung, eine bittende Hoffnung war darauf geſchrieben. Migneul kniete an ihrem Bette nieder und heiße Thränen fielen über eine Hand herab, die ſich ſchon kalt anfühlen ließ. Amalie ſtand ungeſehen, aber mit gefalteten Händen, ein Stück weit hinter ihrem Vater. „Eugenie,“ ſprach er,„Du biſt nach einem Lande gegangen, wo Du für Vieles Rechenſchaft verlangen wirſt, wenn ich nachkomme. O Eugenie, möchte Gott, möchte Sophie, möchte die ganze Welt meine Worte in dieſer Stunde vernehmen. Ich habe Dich geliebt, ich liebe Dich noch und werde Dich ewig lieben; aber — von welcher Art iſt dieſe Liebe? Ob es die allge⸗ meine iſt, welche wir gegen alle Menſchen fühlen ſollen — oder die beſondere, welche Freundſchaft genannt wird— oder— ich weiß es ſelbſt nicht—— Und jetzt, da Du hingegangen biſt, brauche ich mir dieſe Frage in dieſer Welt nicht mehr zu beantworten.„Was wirſt Du in der künftigen für mich empfinden?“ ſo wirſt Du mich dereinſt fragen, das weiß ich, denn dieſe Frage brannte ſchon heiß, während Deines Lebens auf Deinem Herzen. O nimm meine Antwort! Mit all' der Liebe, die ich zu Dir haben darf, mit der Art der Liebe, welche Gott mir geſtattet, werde ich— doch kenne ich ſelbſt den Namen dieſer Liebe? kennt ſie irgend Jemand?“ „Sie iſt mit derſelben zufrieden,“ tönte eine ſanfte Stimme, wie von der Geiſterwelt her. Migneul wandte ſich ſchnell um. „Amalie?“ rief er⸗ „Ja, ich kann bezeugen, daß ſie mit der Liebe zu⸗ frieden iſt, die Gott erlaubt. Ich habe das aus ihrem eigenen Munde gehört, kurz ehe ſie hinging.“ „Großer Gott! Du, Amalie, haſt alſo mit meiner Eugenie über dieſe Dinge geſprochen? Heilige Vor⸗ 283 ſehung, jetzt bin ich Dein; verzeih' mir, wenn es möglich iſt, verzeihe mir meine tauſendfältigen Ueber⸗ tretungen! O Gott, Deine Gnade iſt unſäglich; was ich kaum zu denken wagte, haſt Du zur Wirklichkeit gemacht. Die Tochter meiner unendlich geliebten, mei⸗ ner angebeteten Sophie hat mit Eugenie Guemarez geſprochen. So können alſo Freundſchaft und Verſöh⸗ nung zwiſchen Sophie und Eugenie in einer andern Welt, in der Welt des Lichts und des Friedens möglich; werden. O, Amalie, Du, die ich eben noch für einen Geiſt hielt, Du ſelbſt wirſt dereinſt werden, für was ich Dich eben hielt. So höre mich und verſprich mir meinen Wunſch zu erfüllen; es iſt der größte und wärmſte, den ich habe, verſprich es mir, Amalie, ich ſterbe vor Dir und nehme Dein Gelübde mit in's Grab—“ „Was begehrt mein Vater?“ „Wenn wir Alle,“ ſprach er mit ſchwacher, aber melodiſcher Stimme,„wenn wir Alle dort verſammelt find, wohin wir dereinſt gewiß kommen; Amalie, wenn Du dort nicht nur mich, ſondern auch die Mutter ſiehſt, und nicht nur ſie, ſondern auch dieſe hier—— meine Amalie! und Du dann eine Wolke zwiſchen ihnen bei⸗ den bemerkſt, dann verſcheuche ſie. Ein guter Geiſt wird das thun können! Ich werde es nicht können, Amalie, denn mir könnte eine Jede wegen der Andern mißtrauen. Aber um Dich ſchwebt wie eine Glorie die Liebe Aller, und Niemand mißtraut Der, die nichts verbrochen hat.“ Sie antwortete:„Sprich nicht ſo von mir, mein Vater; keiner von uns kann dem Andern helfen, nicht hier und auch nicht in der Welt des Lichts, Gottes Geiſt kann die Wolke fortblaſen, wenn er will. Aber das verſpreche ich Dir— das kann ich ja hier und in einer künftigen Zeit thun— in jedem Gebet werde ich Ihn anrufen, daß Er, o mein Vater, alle Deine Wol⸗ ken verſcheuche.“ Viertes Buch. Erſtes Kapitel. Baron Migneuls Reiſe. Begräbniß und Verlobung! Zwei dem Anſchein nach ſo ganz verſchiedene Dinge, und doch ſagten ſchon die Griechen, daß die Genien des Todes und der Liebe ſehr viel Aehnlichkeit mit einander hätten. Wir wollen nicht in das Gebiet des dunkelſten und wunderbarſten aller Dinge eindringen. Die Löſung der ſchwierigſten Probleme geſchieht an einem andern Ort. Aber fromm und liebenswürdig iſt die Betrachtung des überleben⸗ den Menſchen, wenn dieſer an dem Grab eines Hinge⸗ ſteht und nicht an dem Leben nach dem Tode zweifelt. Zwei Akte auf Erden geben die größte Veran⸗ laſſung zur Verſöhnlichkeit: ein Begräbniß und eine Verlobung. Wie ſehr auch ein Charakter im Leben eine Miſchung von zweideutigen und guten Eigen⸗ ſchaften geweſen ſein mag, ſo verſinken die erſteren in dem Augenblick der Trennung von der Erde. Sie wer⸗ den vergeſſen und fallen mit der Erde nieder, welche. bei der heiligen Ceremonie auf den Sarg hinab ge⸗ worfen ward, aber das Andenken an das Gute, wie gering es auch vielleicht war, erhebt ſich in höherem Glanze und bleibt. Auch wenn eine Perſon, ohne ge⸗ rade durch ihren Charakter verhaßt zu ſein, doch durch ihre Stellung im Leben zu einem Stein des Anſtoßes geworden war, ſo weht die weiße Taube der Verſöhn⸗ 285 lichkeit mit leichtem, aber ſicherem Flügel dieſen Staub, dieſe drückenden Verhältniſſe, dieſe Qualen in derſelben Stunde hinweg, wo die Begräbnißglocken ertönen und der Pſalm auf dem Kirchhofe das Gemüth der über⸗ lebenden Zuhörer zu einer höheren Empſindung erhebt, als der des Aergerniſſes. Dieſe beiden Bemerkungen galten für Eugenie Guemarez, und wirkten auf Alle, aber beſonders auf Amalien ein. Die Natur der Re⸗ ligiofität der Baronin war ihr aus manchen Gründen zweideutig erſchienen. Der Umſtand, daß die Baronin die zweite Frau ihres Vaters war, obſchon ganz ohne ihr Verſchulden, mußte ebenfalls ein Anſtoß für das junge Mädchen ſein, das aus guten Gründen nicht umhin konnte, mit einem gewiſſen Entſetzen an die Nebenbuhlerin ihrer Mutter zu denken. Aber die Nach⸗ richt hiervon hatte Amalie nicht ſo bald erreicht, als die Kataſtrophe des Todes ſchon mit mächtiger Hand ihre Gefühle einen andern Weg führte. Sie ſah jetzt in Eugenie Guemarez die Unglückliche, an deren Halb⸗ heit in der Religion vielleicht nur die Mängel ihrer Erziehung ſchuld geweſen waren, und die nur dem er⸗ dichteten Tode eines Landesflüchtigen, eines— zu allem Unglück liebenswürdigen— Banfrutirers das ſchreck⸗ iche Schickſal zu danken hatte, daß ſie die zweite Gat⸗ ₰ Mannes wurde, der bereits eine lebendige eſaß. Was blieb nun davon zurück? Amalie ſah jetzt vor ihren Augen nur noch die bleichen, feinen, magern, aber graziöſen Hände, welche ſo fleißig an einem ſei⸗ denen Netze zu arbeiten pflegten. Zu was hatte jetzt wohl dieſe Arbeit gedient? Es war eine Epiſode in ihrer Krankheit. Was iſt wohl unſer ganzes irdiſches Leben anders, als ein ſolches ſeidenes Netz?— Den Tag nach der Beerdigung der Baronin ging Amalie nach der Ruheſtätte derſelben, und weinte reichliche und heiße Thränen darüber. Sie faltete ihre Hände, wie ſie ſehr oft zu thun pflegte, aber ſie ſagte nichts wei⸗ ter als die Worte:„Auch meine Mutter ſoll eines Tages hieher kommen und Thränen über dieſem Grabe weinen.“ Die Verlobungsfeier zwiſchen Oskar und Amalie war nicht vor zuſammengebetenen Gäſten in einer gro⸗ ßen Geſellſchaft oder nach ceremoniöſen Formen vor ſich gegangen. Sie geſchah nur in der Stunde, da Vater und Geliebter durch die Tochter und Geliebte mit einander verſöhnt wurden. Baron Migneul fühlte ſich auf eine wunderbare Weiſe in eine neue und unerwartete Lage verſetzt. Er glaubte die ganze Frage wegen Bigamie als in Rauch aufgegangen betrachten zu dürfen, wenigſtens erinnerte er ſich nicht, daß das ſchwediſche Geſetz eine Strafe für eine Perſon beſtimmte, welche ſich in der Zeit vor der Anklage in einer Doppelehe befunden hattè. Indeſſen konnte die Sache von dem Grade des Eifers des allge⸗ meinen Anklägers und reſpektiven Richters abhängen. Mit großer Befriedigung dachte Baron Migneul an Oskars und Amaliens Verbindung. Alle Gewitter, die er in einem Prozeß um die Güter befürchten konnte, mußten dadurch verſtummen. Und mit dieſer äußeren Freude war es nicht genug. Er hatte auch niemals Grund gehabt, Oskar Ekenſparren die Eigenſchaft eines in ſo hohem Grade edlen Mannes zu beſtreiten, er ſab ſeine geliebte Amalie von denjenigen Armen umſchloſſen, die er ihr am meiſten wünſchte.„Auch Conſtanzen wird die Vorſehung retten,“ flüſterte ihm eine geheime, aber ſüße Ahnung in's Herz. Welche Wendung in dem Charakter eines Menſchen? der Glaube an ein höheres Weſen nicht als ein abſtraktes und unfaßliches Ding, ſondern als ein lebendiges, perſönliches und zum wah⸗ ren Wohl des Menſchen thätiges Weſen hatte in ihMm zu erblühen begonnen. Hoffnung und Freude fanden ſich vor der Thür der Seele ein und klopften an. Aber einige beſondere Fragen blieben noch übrig. Er war feſt entſchloſſen, zu Sophien zu reiſen. Er hatte Schwedens nördlichere Gegenden niemals geſehen. Stockholm und die ganze Mälarwelt war ſeinem Auge noch eine verſiegelte Schönheit. Aber ſollte er ſich bei Sophie wieder als ein Hillner einfinden? konnte der Todte es wagen, ſich zu zeigen? Von den früheren Gläubigern fürchtete er nichts. Seit Baron Migneul durch ſeine zweite Heirath in den Beſitz eines bedeutenden Vermögens gelangt war, war er beſonders darauf bedacht geweſen, die Perſonen zu entſchädigen, die durch ſeinen Todesfall Verluſte er⸗ litten hatten, er ſah dieß ſtets als eine Gewiſſensſache an. Die Gläubiger hatten ſich zwar ihres Rechtes be⸗ geben, oder vielmehr ſie hatten die ganze Sache auf ſich beruhen laſſen. Da Hillner für ſie todt und begra⸗ ben war, ſo konnte ihn weiter keine juridiſche Ver⸗ fügung treffen. Um ſo mehr glaubte Migneul, daß es ihm zieme, Hillners Schulden zu bezahlen. Allein er konnte dieſes Geſchäft nicht offen ausführen. Während ſeines Aufenthalts im Ausland, ſowie da er ſich be⸗ reits in Gräſeholm niedergelaſſen hatte, aber noch ſehr oft in der Fremde weilte, ſetzte er ſich in Briefwechſel mit Perſonen, welche durch die zweite, dritte, oder vierte Hand mit den Hillneriſchen Gläubigern bekannt waren. Dieſe beſtanden größtentheils aus ſolchen, die in Halmſtad, Laholm, dem ſüdlichen Halland und dem nördlichen Skane zu Hauſe waren. Sie, ihre Kinder und Angehörigen, ſahen ſich ſehr oft auf eine ihnen unbegreifliche Weiſe unter⸗ ſtützt und das bei den merkwürdigſten Gelegenheiten. Nie fanden ſie ſich in einer Bedrängniß, ohne daß ihnen eine ſichere Hülfe nahte, die wie aus den Wolken herab kam. Sie wußten nicht, daß ſie ſich eigentlich aus dem Grabe herſchrieb oder vielmehr aus dem Him⸗ mel, denn gewiß muß es ein himmliſcher Geiſt ſein, der einen Schuldner dazu treibt, ſeinen Gläubigern Erſatz zu leiſten, wenn ihn kein äußeres Geſetz mehr dazu zwingt. Baron Migneul, der auf dieſe Weiſe wie ein un⸗ 28⁸ ſichtbarer, aber wohlthätiger Genius über alle Hillneri⸗ ſchen Unglücklichen wachte, mußte, wie man ſich leicht vorſtellen kann, eine ſehr weit ausgedehnte Correſpon⸗ denz unterhalten, um ſeine Pläne auszuführen. Er betrachtete dieſe ganze Arbeit, beſonders den Briefwech⸗ ſel, als eine Buße. Da er, um unerkannt zu bleiben, durch Agenten und Mittelperſonen im Ausland dieſes große Schuldtilgungsweſen betrieb, ſo ging auch ſeine Correſpondenz nach dem Auslande, und inländiſche Briefe ſchrieb Migneul um ſo ungerner, als er um ſein Inkognito beizubehalten und es durchaus unmög⸗ lich zu machen, daß der maskirte Hillner entdeckt würde, ſich beinahe in gar keine Verbindung mit Inländern eingelaſſen hatte. Um dieſe Zeit ungefähr waren alle Hillneriſchen Gläubiger für ihre ſämmtlichen Verluſte entſchädigt worden. Migneul fühlte ſich daher, was das Gewiſſen oder das innere Geſetz betraf, beruhigt und von dem äußern Geſetz, hatte er jetzt ſelbſt als ein Hillner durch ſeine Gläubiger nichts zu befürchten, da ſo manche Jahre verfloſſen waren, in denen die Forderung nicht erneuert worden war. Er konnte ſich auch keines Ge⸗ ſetzes erinnern, worin todten und begrabenen Leuten verboten geweſen wäre, ſich aufs Neue zu zeigen. Wenn aber auch keine geſetzliche Gefahr für Baron Migneul für den Fall vorhanden war, daß er ſich wie⸗ der Hillner nennen und als ein ſolcher in Schweden reiſen wollte, ſo konnte es doch für nicht ſehr paſſend gelten, wenn er auf dieſe Weife eine ſo wichtige Sache wie ein Begräbniß verhöhnte. Es ſchickt ſich nicht, be⸗ erdigt worden zu ſein, und nachher noch herum zu ge⸗ hen. Man ſieht hier aufs Neue einen der tauſend Fälle, wo es gegen alle Ordnung iſt, zu leben. An einem ſchönen Septemberabend ging Baron Migneul an Amaliens und Oskars Seite ſpazieren. Er berieth ſich mit ihnen. Kein Umſtand aus ſeinem ganzen verfloſſenen Leben war ihnen jetzt noch Ge⸗ 289 heimniß. Er genoß das Glück, nicht nur gegen ſeine wirklichen Kinder, ſondern auch gegen ſeine Stiefkinder aufrichtig ſein zu dürfen. Die Reiſe nach dem Norden wurde verabredet, und auf den zweiten Tag feſtgeſetzt. Auf Amaliens Anrathen hatte Migneul noch nicht an Frau Hillner geſchrieben.„Meine Mutter, weiß bereits durch Briefe von mir, daß die Baronin todt iſt; wir wollen ſie durch unſere perſönliche Ankunft in Upſala überraſchen. Mein Vater, welch ein Anblick wird das für ſie werden!“ Amaliens geheime Gründe, warum ſie ihn vom Schreiben abhielt, konnte ſie jedoch Baron Migneul nicht ſagen. Sie fürchtete für die Worte, die er möglicherweiſe in ſeinen Brief einlegen könnte.„Er kennt meine Mutter ſeit achtzehn Jahren nicht mehr,“ dachte das kluge Mädchen,„er kennt ihre Religion, ihre Geſinnung nicht. Er ſchriebe vielleicht etwas über die Baronin Eugenie, wodurch er, ohne es zu wollen, mei⸗ ner geliebten, armen Mutter den grauſamſten Schlag verſetzen würde. In ihrem Gram hat ſie allerdings geahnt, daß er Eugenie Guemarez vielleicht liebte, und durch meine früheren Briefe, ehe ſie noch alles das wußte, iſt ſie wahrſcheinlich in ihrer Furcht beſtärkt worden, aber in welchem Grade mein Vater Liebe zu ihr gehegt hat— oder noch hegt?— das weiß ſie nicht, und werde ich es jemals wagen, dieß meiner Mutter zu entdecken? Wenigſtens müßte ich ſie zuerſt vorbereiten. Meine Sache ſoll es ſein, hier dazwiſchen zu treten, ich fühle das mehr und mehr; es iſt mein Beruf, die furchtbaren feindlichen Elemente in dieſem merkwürdigen und ſchrecklichen inneren Kampfe zu ver⸗ ſöhnen zu ſuchen. Auf Oskars und Amaliens gemeinſchaftlichen Rath beſchloß Migneul nicht, wenigſtens noch nicht, als Hill⸗ ner aufzutreten. Baron Ekenſparre hatte ſeinen ein⸗ gewurzelten Abſcheu vor dieſem Namen nicht überwin⸗ den können. Er hatte ſeine Amalie mehrmals in ver⸗ traulichen Augenblicken verſichert, daß er ſie nie in ſeinem 290 Leben Amalie Hillner nennen werde.„Wie willſt Du mich denn nennen?“ hatte ſie ihn in einem dieſer ſtillen und einſamen Augenblicken mit⸗einem traurigen Blicke gefragt, und er erwiedert:„Ich gedenke Dich nie an⸗ ders zu nennen als Amalie Ekenſparre, ſo Gott will, das iſt zwar garſtig, aber⸗ und ein Kuß hatte ſie verſöhnt. Zetzt ſagte er ſeinem Stiefvater nur, daß er ihn ſo manche Jahre lang unter dem Namen Mig⸗ neul geliebt habe und daß er ungern die Freude enk⸗ behren würde, einen ſo ſchönen Namen auch ferner aus⸗ ſprechen zu dürfen. Amalie dagegen hatte wieder ihre eigenen Gründe. Da ſie nicht voraus ſehen konnte, wie ſein Zuſammentreffen mit ihrer Mutter in Upſala aus⸗ fallen würde, ſo hielt ſie es für's ſicherſte, daß er ſich dort nicht ſogleich als Hillner zeigte. Als die drei wieder von dem Spaziergang heim⸗ kehrten, ſtießen ſie an einem kleinen Nebenweg, der ſich durch den Buchenhain hinſchlängelte, auf Malcolm und Konſtanzen, die zuſammengingen, aber ganz athemlos waren und ſich eilig bemühten, heimzukommen, da ſie ohne beſondere Erlaubniß fortgegangen waren. Mal⸗ colm hatte noch verſchiedene Stengel und Grashalme auf den Schultern und in den Händen.„Wo ſeid ihr geweſen, Kinder?“ fragte der Baron etwas finſter; denn er konnte es nicht leiden, wenn man ſich ohne Erlaubniß zu weit entfernte. Mylord ſprach nach ſei⸗ ner Gewohnheit nichts, aber Konſtanze erwiederte:„In der Kirche, Papa; verzeih'— aber Malcolm meinte, wir ſollten einen Blumenkranz binden und auf das Grab der Mama legen.“ Migneul ſah auf Malcolm: Er klopfte ihn auf den Kopf. Mit der andern Hand ſtrich er ſeiner kleinen Konſtanze fein und leicht über die Stirn. ———— w VV—— ——————— N Zweites Kapitel. Die luſtigen Juriſten werden noch vergnügter. Niemand kann ſich einen Begriff von dem Aufwand machen, der in Imſiegard vor ſich ging, als Oskar Ekenſparre zu ſeinen getreuen Freunden Elbers und Srtolan kam und ihnen die Nachricht brachte, daß große Familienentdeckungen geſchehen, die Gonvernante Tochter des Hauſes und der Prozeß durch das in höch⸗ ſter Inſtanz gefällte Urtheil glücklich beendigt ſei. Jetzt, meine Herren! bleibt mir nur noch übrig, meinen Sach⸗ waltern die Prozeßgebühr zu bezahlen— doch nein, ich glaube kaum, daß dies der techniſche Ausdruck iſt, aber gleichviel: Sie verſtehen mich. Meine Meinung iſt kurz die, daß Sie nichts bekommen, da ich nicht in Beſitz eines Erbes gekommen bin. Iſt das aber nicht abſcheulich, Elbers? Gib mir übrigens die Hand und verſprich mir deſſenungeachtet, auf meiner Hochzeit zu tanzen. Ortvlan, betrachte Du Gräſeholm und Lanu⸗ tofla, ſo lang Du lebſt, als Deine Heimath. Du haſt ſie mir auf dem Helkinger Bergrücken redlich erkämpfen wollen. Amalie Migneul hat den Kampf ausgefochten, den Du begonnen, und ſie hat es ſo eingerichtet, daß ich mit der Zeit meinen gehörigen Antheil an den Gütern erhalte. Komm daher, Ortolan, komm als ein redlicher Freund, und iß alle Sommer bei Amalie und mir Deine Johannisbeeren; komm zu Weihnachten und iß Laugenfiſch; komm auch im Herbſt und Früh⸗ ling zu Krebſen und Aalen, ſo oft Dein Präſident es erlaubt.“ Als im Verlauf der Erzählung Elbers erfuhr, wie ſich Varon Migneul in aller Stille gegen ſeine frühe⸗ ren Gläubiger benommen, und wie der ältere ökono⸗ 292 miſche Zuſammenhang zwiſchen ihm und dem alten. Ekenſparre ihn veranlaßt habe, ſeine Eigenſchaft als Vormünder dazu zu benützen, um ſich ſelbſt Recht zu verſchaffen, öffnete er ſeine Doſe und nahm eine Priſe. „Für einen Spitzbuben,“ ſagte er,„hat Dein Baron ſehr große Anlagen zu einem rechtſchaffenen Mann; aber von dem Geſichtspunkt des Rechtſchaffenen aus betrach⸗ tet, iſt er ein Schurke. Es ſollte mich ſehr freuen, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen.“ „Unſere ganze Familie,“ erwiederte Oskar,„macht dieſer Tage eine Reiſe nach dem Norden, da Niemand von uns, Amalie ausgenommen, Stockholm geſehen hat. Ich will Euch nicht gerade jetzt, von Imſiegard aus, zu meinem künftigen Schwiegervater führen, da ihn dies auf die Idee bringen könnte, ich habe ein Paar Juriſten im Rückhalt gehabt oder Euch ſeinetwegen in der Nachbarſchaſt verborgen gehalten. Aber auf unſerer Reiſe kommen wir durch Chriſtianſtad. Kehrt daher„ jetzt dorthin zurück, ſo treffen wir Euch von ungefähr und ohne alle Verabredung in der wohlbefeſtigten, in⸗ tereſſanten Stadt der Gerechtigkeit. Natürlich wechſeln wir bei Wahlgren's die Pferde.“ „Topp!“ fagte Elbers, und ſprang auf, wie wenn ihm die lichteſte Idee eingefallen wäre.„Komm, Or⸗ tolan! wir haben keine Sekunde zu verlieren, wir wol⸗ len einen Vorſprung gewinnen. Doch ich ſage Dir nichts, bis wir Chriſtianſtad erreicht haben. Adieu, Oskar, leb' wohl, mein Bruder— ich bin böſe auf Dich!“ Als er auf der Vortreppe war, flüſterte er Ortolan zu:„Zſt es wirklich gewiß, daß Vingſtedt„ Verſe macht?“ Ortolan nickte zur Antwort:„Lvofors macht beſ⸗ ſere, wenigſtens haben ſie eine beſtimmtere Färbung.“ „Schön, Ortolan. Aber ſchweige, ſage ich Bir. Kein Wort über die Sache, bis Alles fertig iſt. Aber ſprich, Ortolan, nicht wahr, Du kannſt nicht ſchweigen?“ ——— 293 „Das ſollſt Du hören,“ erwiederte der Andere mit einem neuen Nicken. Jetzt nahm man Abſchied, und Elbers that dabei, als ſehe er ſehr ſauer aus.„Warum wollt ihr denn erade durch Chriſtianſtad fahren?“ ſagte er;„ich denke, bhr könntet den Weg über Halland und Götheborg nehmen. Es fahren gar Viele auf dieſer Route nach 6 JNorden.“ „Mein Vater möchte Halland nicht ſehen,“ erwie⸗ derte Oskar,„und würde dort auch vielleicht nicht gerne geſehen. Ueberdies ſoll die öſtliche Straße auch ſchöner ſein. Wir haben Alle das berühmte Blekinge noch nicht geſehen. Daher benützen wir die Gelegenheit und fahren durch Chriſtianſtad und über Liſter, Carlshame, Ronmeby, Carlscrona, Calmar weiter nach Norden.“ „Nun, ein Jeder hat ſeinen ſchlechten Geſchmack,“ ſagte Elbers.„Wenn Du noch nie in Blekinge und Carlshame warſt, ſo muß ich Dir ſagen: daß es dort ſehr häßlich iſt. Das kannſt Du auch Deiner Amalie ſagen, denn ich habe viele Freunde dort in der Umge⸗ gend, und weiß ſehr wohl, wie es vort immer aus⸗ fieht.“ Er blinzelte Ortolan zu. Dann ſprang er in den Leiterwagen, man hörte zwei klare und beſtimmte Klatſche; der dritte tönte ſchon etwas dumpf und ſo fuhren die Juriſten ab. Dieſe Jünglinge beſaßen eine ſolche Gutmüthigkeit, daß, ſo fröhlich ſie auch vorher bei dem Gedanken an den großen, im Anzug befindli⸗ chen Prozeß waren, ſie ſich doch jetzt noch vergnügter darüber fühlten, daß Friede geſtiftet worden war, ob⸗ ſchon derſelbe nur ihren Patron bereicherte. Oskar be⸗ gab ſich jetzt von Imſie aus heim. Im Buchenhain traf er Amalien. Als ſie an den Hof kamen, begeg⸗ nete ihnen Migneul, der mit Vergnügen bemerkte, daß ſie ſchon wieder aus geweſen und ſpazieren gegangen wären.„Die Tage ſind aber auch ſo ſchön,“ ſagte er. Im Gräſeholmrüſtete man ſich. Um deſto beque⸗ mer zu reiſen, befahl er, die beiden Chaiſen in guten 1 Zuſtand zu ſetzen, ſowohl die größere grüne, als die klein ere gelbe, obſchon die letztere auch kein kleiner Wa⸗ gen war. Der Baron ſollte in der Regel mit ſeinen beiden Töchtern in der erſten, die beiden Brüder in der letzten fahren. Zur Abwechſelung und als Ausnahme konnte vielleicht hie und da eine Station in einer an⸗ dern Ordnung zurückgelegt werden. Man weiß ja, daß Ausnahmen oft gerade das Angenehme in der Welt bilden, und die Regeln bisweilen die entgegengeſetzte Rolle erhalten. Drittes Kapitel. Rutſors zieht ſein großes Schnupftuch heraus und verbeugt ſich. Rutſors ſuchte und fand zwar ſeine Ehre darin, daß er eine große Gleichgültigkeit gegen Alles erheu⸗ chelte, was ſich außerhalb des Comptoirs in der Welt zutrug. So unbeweglich er auch immer auf ſeinem dreibeinigen Stuhle vor dem Pulte ſaß, ſo war doch in der Wirklichkeit Niemand erpichter darauf, die Nachrichten aufzuſchnappen, welche die niedern Perſo⸗ nagen unter einander austauſchten, und die er von Weitem hörte. Drei ſchnell nach einander einlaufende Gerüchte warfen jedoch endlich den Alten ganz aus ſei⸗ ner ruhigen Stellung. Das erſte beſtand darin, daß die Bedienten ihm die Nachricht brachten, der gnä⸗ dige Herr habe ſeit einigen Tagen auf ſeinen Spa⸗ ziergängen im Garten in Geſellſchaft der jungen Barone und der Damen angefangen, die Gouver⸗ nante ſeine Tochter zu nennen. Das zweite war: dieſelbe Gouvernante und Tochter heiße ganz öffentlich 295 und ungenirt den Baron Oskar„Du,“ und ſei gewiß mit ihm verlobt. Das dritte endlich erzählte, die ganze Familie reiſe unverzüglich und zuſammen ab, was da⸗ mit bewieſen wurde, daß die beiden Chaiſen aus der Remiſe gezogen würden. Durch ſo viel Dinge auf einmal fühlte ſich Rutfors ſo tief erſchüttert, daß ihm die Feder aus der Hand fiel, ungeachtet noch viel un⸗ verbrauchte Dinte in derſelben ſtack. Er ſtieg von ſei⸗ nem Stuhl herab, und trat an ein Comptvirfenſter, aus welchem man in ſchiefer Richtung weit in den Garten hinein ſehen konnte. Dort ſtellte er ſich auf und nahm die Spazierengehenden in Augenſchein; um Alles deutlicher betrachten zu können, zog er ſein großes Sacktuch heraus, hielt es vor das eine Auge und ſchärfte dadurch den Blick des andern. „Gerechter Himmel!“ ſprach er halblaut bei ſich ſelbſt, als er ſo an der Fenſterſcheibe ſtand:„an was hab' ich denn gedacht, daß ich fie vorher nicht mit der— gehörigen Aufmerkſamkeit betrachtete? Das iſt ja ganz Fräulein Beate Hillner, ſo lieblich wie ich ſie in den letzten ſtürmiſchen Zeiten in Sparrakra ſah. Fräulein Beate war damals ihre 17, 18 oder 19 Jahre alt, und dieſes Mädchen iſt wahrſcheinlich in demſelben Alter. Fräulein Beate wird jetzt wohl 36—37 ſein, aber dieſes Mädchen dort ſteht jetzt wohl in der ſchönen Blüthe des Lebens, wie ihre Mutter, als ſie ſo ſchwer krank war. O ich grober Rutfors! daß ich ſie nicht gleich wieder auf dem Comptvir erkannte— aber,“ fuhr er fort,„ich darf mich nicht von meinen Gefühlen hin⸗ reißen laſſen. Ich muß jetzt darüber nachdenken, was hier in Gräſeholm geſchehen wird—; die ganze Ur⸗ ſache, warum ich nicht ſogleich merkte, wer ſie war, iſt darin zu ſuchen, daß ich ſie nicht anſah, denn da ich ſtets das rechte Auge zumache, wenn ich ſchreibe, um mit dem linken deſto ſchärfer auf das Geſchriebene ſe⸗ hen zu können, ſie aber zur Rechten von mir zum Comptvir hereinkam, ſo iſt es klar, daß— allein, wie 296 geſagt, ich darf mich nicht von meinen Gefühlen hin⸗ reißen laſſen. Wir wollen jetzt ſehen, was wohl daraus werden kann. Migneul wird ſie öffentlich anerkennen, aber damit wird er ſich auch als Hillner zu erkennen geben. Das gibt Skandal. Laß ſehen, könnte man da nicht abhelfen? Könnte ich dieſen Skandal nicht auf irgend eine Weiſe auf mich nehmen? Ich war ja je⸗ denfalls der, welcher ihn aus dem Sarg nahm, und dafür den eben ſo ſchweren Sand hineinlegte. Da ich alſo die ganze Urſache bin, daß er auf's Neue unter Menſchen kam, ſo gehört der Skandal mir, und Rie⸗ mand anders trägt die Schuld. Es kann ihm wohl auch keine ſonderliche Schande oder Schaden bringen, wenn er ſich auf's Neue als Hillner zeigt, da er nach dem Hingang der Frau Baronin wieder in einer ein⸗ fachen Ehe lebt. Aber es iſt doch am Beſten, wenn er auch künftig als Baron lebt und ßſtirbt. Sollte er einmal wirklich ſterben, und dies als Auguſt Immannel Hillner thun, ſo kann er es wohl ſchwerlich vermeiden, als ein ſolcher im Todtenbuch ſeiner Gemeinde aufge⸗ zeichnet zu werden, wie dies ſchon einmal früher in Sparrakra geſchehen iſt. Daraus entſtünde der grobe Schnitzer, daß in einem und demſelben Königreich— ich meine in Schweden— zur Verwirrung aller Ge⸗ nealogie und Geſchichte zwei von ordentlichen Beamten ausgeſtellte Zeugniſſe vorlägen, die in jeder Beziehung als vollgültig erſcheinen dürften, aber einen ſo großen Zeitraum zwiſchen ſich haben, daß man nach den Ge⸗ ſetzen der Phyſik und Arithmetik die eine dieſer Anga⸗ ben als falſch beweiſen kann, während doch beide Zeug⸗ niſſe ohne Zweifel geſetzlich gelten müſſen. Ich werde daher Hillner rathen, diesmal als ein Migneul zu ſterben; es iſt am Beſten ſo. Es muß allerdings zu⸗ geſtanden werden, daß die Tabellen dadurch um eine Zahl betrogen werden, indem ſie zwei Verſtorbene und nur einen Gebornen enthalten, aber ein zweifach Ge⸗ ſtorbener— oder„Doppelgeſtorbener“ wird es wohl „ 297 der Grammatiker heißen, analog mit doppelt Verhei⸗ ratheter— ein doppelt Geſtorbener iſt im Geſetz nir⸗ gends verboten; woraus ich den Schlußſatz ziehe, daß man ſterben kann, ſo oft man will. Aber eine zweite und weit ärgere Schwierigkeit erhebt ſich andererſeits für Fräulein Beaten, wenn Migneul in jedem Sinne in der Geellſchaft fortfährt, Migneul zu ſein. Ohne Zweifel ſucht er ſie auf, und ſie werden künftig zuſam⸗ men leben. Dagegen hab' ich nichts; bleibt er aber dabei Baron Migneul, ſo iſt Frau Hillner wirklich nicht mit ihm verheirathet, denn ſie iſt Herrn Hillner ange⸗ traut. Lebt ſie nun bei ihm als ſeine Haushälterin, ſo iſt nichts Unſittliches daran; aber ganz gewiß wird ſie ihn ihren Mann nennen, denn ich kenne ſie, und ge⸗ genüber von einem Baron Migneul wäre das unmo⸗ raliſch. Aber wie in aller Welt kann man dem abhel⸗ fen? Laß ſehen. Ei— ſie können ſich ja wieder hei⸗ rathen! Denn Frau Hillner iſt als eine ſolche eine Wittwe, was durch ein Zeugniß von Sparrakra bewie⸗ ſen werden kann, und Baron Migneul kann ebenfalls nicht läugnen, daß er Wittwer von der Baronin Eu⸗ genie iſt. Das geht. Dagegen iſt nichts einzuwenden. Denn wenn auch künftig an den Tag kommen würde, daß Hillner in Sparrakra nicht ſtarb, ſondern noch lebt, und daß Frau Beate folglich ſich doppelt verhei⸗ rathete, indem ſie mit Migneul in eine eheliche Ver⸗ bindung trat, während ihr erſter Mann Hillner noch lebte, ſo hat ſie doch ihre Doppelehe mit einem und demſelben Manne geſchloſſen, welcher Caſus im Geſetz zwar nicht als eine erlaubte Ausnahme aufgeführt iſt, aber vielleicht doch nicht ſo ſtrenge beſtraft wird. Im ſchlimmſten Fall könnte man hier auf die Gnade des Königs rechnen. Dieſer Ausweg iſt wahrhaftig der vernünftigſte! Frau Hillner wird Baronin. Ich werde ihr dazu rathen. Mamſell Hillner nennt ſich dann Fräulein Migneul, ein paſſender Uebergang für ſie zur Baronin Ekenſparre.“ Amglia Hillner. 20 298 Wähbrend dieſes bedeutenden Monologs war die Herrſchaft im Garten immer näher gekommen. Rutfors faßte ſeinen Entſchluß.„Ich war einmal ſehr unhöflich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich will jetzt einmal ſehr höf⸗ lich ſein.“ Er verließ das Contor, trat durch die Gartenthüre in den Garten, ging der Herrſchaft entgegen und als er vor Amalien ſtand, verbeugte er ſich. Sie verneigte ſich, aber mit einem mehr verwun⸗ derten als warmen Ausdruck. Rutfors ſagte: „Mamſ— Mein Fräulein, ich ſage nichts von all Dem, was ich in dieſem Augenblick ſagen follte, aber mein Mund iſt mit Siegellack zupetſchirt. Ich ſchweige alſo, doch hoffe ich wohl verſtanden zu werden. Ich habe eine Bitte und ſchlagen Sie mir dieſe nicht ab. Kommen Sie einen Augenblick auf das Contor herein, aber allein.“ Amalie ſah ihre Geſellſchaft an. Ihr Vater lä⸗ chelte, Oskar ſchien erſtaunt. Keines konnte ſich den⸗ ken, was der Alte wollte oder meinte. Amalie folgte Rutfors oder vielmehr ſie ging nach dem Contor vor⸗ aus, denn der Alte, die ſchwarze Lederkappe unaufhör⸗ lich in der Hand haltend, lud ſie artig und mit einer nicht ungraziöſen Geberde ein, voraus zu gehen. Er begnügte ſich nicht damit, ſie in das gewöhnliche Con⸗ tor zu führen. Eröffnete die Thüre zu ſeinem eigenen Zimmerchen, welches dahinter lag. Mit einer noch ſchöneren Geberde als an der Treppe lud er ſie auf's Neue ein, voraus zu gehen. Sie that es, jedoch nicht ohne ſich im Ernſt ein wenig zu verwundern. Als ſie hineingekommen waren, ſchloß Rutfors die Thüre wieder zu und ſchob den Riegel vor. Dann richtete er ſeine Geſtalt empor, wodurch er beinahe das Ausſehen eines Rieſen bekam, denn er war ſo groß, als unſer Zeitalter es nur geſtattet und Skanes Volks⸗ ſtamm aufweiſen kann. Die Schultern breit, feſt, ge⸗ diegen, maſſiv; oben darauf ein Geſicht mit ſehr be⸗ deutenden Zügen, in dieſer Phyſiognomie ſchienen die Augen ſich jetzt ſo zuſammenzuziehen, daß ſie ſich bei⸗ nahe in kleine Ritzen verwandelten, die Naſe dagegen ſchien ſich aufzublaſen und in die Breite zu ziehen. Eine ſtarke Rührung ſtieg in ſein Geſicht und Alles verkün⸗ dete, daß die Thränen nicht mehr ferne ſein konnten, als Rutfors zum zweiten mal ſein Sacktuch herauszog, ein ſehr anſehnliches oſtindiſches, von feiner rother Seide mit weißen Blumen. Er ging an ſeinen Pult, ſchloß die Krämpe auf, zog eine kleine Schublade heraus und aus dieſer noch eine geheime. In ihr lag ein zuſam⸗ mengefaltetes Papier. Rutfors nahm es in ſeine Hand und wandte ſich an ſeinen Gaſt. „Amalie,“ ſagte er,„— oder ich weiß nicht, ſoll ich Mamſell, ſoll ich Fräulein ſagen, doch dies hat in dieſem Augenblick nichts zu bedeuten. Amalie ſieht in mir den Mann, der ihr das größte Uebel in der Welt angethan hat. Ich habe Sie achtzehn Jahre lang eines Vaters beraubt.“ „Ja, ſehen Sie mich nur entſetzt an,“ fuhr er nach einer Pauſe fort.„Ich verdiene es. Amalie, bemerken Sie wohl, was ich ſage; denn es iſt für Sie wichtig zu wiſſen, was Sie von Ihrem Vater denken ſollen, um ihn recht lieben zu können. Ich bin es, der Herrn Hillner überredete, ich bin es, der drei ganze Tage vom MWorgen bis Abend in ihn drang, bis er ſich endlich für todt auszugeben beſchloß. Viel Unheil iſt daraus entſtanden, wie Amalie wohl weiß, und Amaliens gute Mutter hat Böſes in der Welt ausge⸗ ſtanden. Aber erinnern Sie ſich wohl, daß an all dem Rutfors ſchuld iſt, und daß es Amaliens Vater nicht zur Laſt gelegt werden darf. Er wollte die Sache be⸗ ſtimmt nicht, ich zwang ihn ſo weit, als Einer einen Andern zwingen kann. Erinnern Sie ſich wohl, dies Ihrer Mutter zu ſagen, wenn Sie mit ihr zuſammen⸗ treffen. Denn es iſt höchſt wichtig, daß Frau Hillner nicht ungerecht von ihrem Manne denke. Amaliens 300 Mutter wußte nicht das Geringſte von den Vorgängen in Sparrakra, und daß ich meinen Antheil an den Ge⸗ ſchäften hatte, ahnte ſie nicht. Wie ſie ſpäter nach Jahren die Kunde erhielt, daß Herr Hillner lebte, weiß ich nicht. Aber ich vermuthe, daß ſie bei dieſer Ent⸗ deckung ihren Mann im Verdacht eines betrüglichen Benehmens hatte, indem er ſich gegen die Wahrheit in eine Bahre legte, und dann im Auslande that, was man nicht thun darf, nemlich ſich wieder verheirathete. Auch daran bin ich ſchuld, bemerken Sie das wohl, Amalie, denn ich ſchrieb Ihrem Vater, als er ſich in i befand, daß Amaliens Mutter geſtorben et „Ja ſehen Sie mich nur mit Entſetzen an,“ fuhr er nach einer Pauſe fort;„aber ſagen Sie es Frau Hillner, damit ſie einſieht, wie inhuen ihr Mann in das Unglück mit der Baronin kam. Bitten Sie ſie, ihm darum nicht böſe zu ſein; wer verheira⸗ thet ſich nicht, wenn er Wittwer iſt? Amalie ſoll mich nicht fragen, warum ich ihre Mutter für todt ausgab, und dadurch ihren Vater betrog und ſo zu ſagen zu ſeiner zweiten Heirath verleitete. Ich hatte Gründe genug, doch die zähle ich jetzt nicht her, und Amalie würde ſie nicht begreifen, ſie nicht ganz billigen. Ich verlange es auch nicht. Ich bin ein alter Mann, der bald geht. Ich habe ſchöne Worte nicht ſehr vonnöthen, Amalchen, wenn nach Jahren Alles gut, glücklich und reich hier ausſieht, wenn Amalie bei ihrem guten und hübſchen Oskar ſitzt und in Lanutofta oder irgend ſonſt wo ihren Hof aufgeſchlagen hat, wenn nirgends Mangel iſt, wenn Malcolm vielleicht am Ende ſich in Hermarp niederläßt, und an Konſtanzens Seite ein ſtattlicher Herr wird— denn wer weiß, ob das nicht Alles ge⸗ ſchieht, und Skane iſt ein gar fruchtbares Land, wenn man ſeine Güter ſchuldfrei hat,— wenn das geſchieht, ſo liegt der alte Rutfors unter der Erde und ſchweigt. Wenn die reiche und wohlhabende Familie mit Kindern 301 und Kindskindern an dem Grabe des Buchhalters vor⸗ bei geht, ſo werden ſie denken und vielleicht auch zu einander ſagen:„Da unten liegt der Lügner, deſſen große, ſchreckliche Betrügereien— über den Tod des Vaters und dann der Mutter— all dieſes Uebel her⸗ vorriefen.“ Amalie brach in Thränen aus:„Sie werden nie ſo ſagen.“ „Ja wohl werden ſie ſo ſagen und denken,“ ent⸗ gegnete Rutfors,„und ſie haben Recht, denn ich habe wirklich gelogen. Ich werde auch nichts dagegen ſagen, weder dann noch jetzt. Warum ſollte ich nicht bei der Wahrheit bleiben, ſie war ſtets meine Freundin, Ama⸗ lie. Deßhalb ſage ich aufrichtig und offenherzig: ich habe gelogen.“ Amalie ſah mit ſchönen, aber ſehr wunderſamen und ungewiſſen Blicken nach der rieſigen Geſtalt empor. „Um jetzt davon abzubrechen,“ ſuhr Rutfors fort, „ſo ſehen Sie hier Etwas auf dem Papier. Nehmen Sie es, ich habe es vor achtzehn Jahren darin ver⸗ borgen. Amaliens Mutter glaubt das verloren, was es enthält. Nehmen Sie das Paket, aber öffnen Sie es nicht ſelbſt, noch weniger zeigen Sie es Baron Migneul. Die Herrſchaft reist nach dem Norden, wie ich höre, und Amalie wird ihre Mutter treffen. Geben Sie es ihr, geben Sie ihr dann Dieſes; ſie kann es vielleicht brauchen, vielleicht nicht.“ Amalie nahm die Gabe. Als ſie aus dem kleinen Zimmer des alten Buchhalters trat, konnte ſie nicht umhin, noch einmal zurück zu ſehen. Rutfors ſtand noch da. Die herzlichſte Freude malte ſich in ſeinem ganzen Weſen und man hörte, wie leicht ſeine Bruſt athmete.„Er iſt an Allem ſchuldig,“ dachte Amalie, „ach! wie glücklich wird meine Mutter ſein, wenn fie erfährt, daß mein Vater ſelbſt nichts anderes wußte, als daß ſie todt ſei, und auf dieſe Weiſe wird ſie nicht mehr ſo böſe auf die Baronin ſein. Wie viel Dank 302 bin ich nicht dieſem Manne ſchuldig,“ dabei blickte ſie Rutfors an, und es war ihr, als ob er auf ſeinen breiten Schultern Alles tragen könnte. Hingeriſſen von ihrem Zartgefühl und von dem Verlangen, Jedermann ihre innige Erkenntlichkeit zu erzeigen, trat ſie näher, und es iſt ungewiß, ob ſie nicht ſogar die Hand des Alten ergriffen haben würde— und— allein Rutfors trat mit einem ſehr edlen Takte zurück, verbeugte ſich tief vor Amalien und ſie trennten ſich. Viertes Kapitel. Die Geſellſchaft wird durch zwei nothwendige Perſonen vermehrt. An einem der ſchönſten Septembertage rollten zwei Chaiſen auf der Landſtraße zwiſchen Hörby und Wram. Dieſer Weg war Oskar nicht ganz neu. Er erinnerte ſich der Reize des ſtaniſchen Bergrücken, den er unlängſt einmal überfahren hatte, und wie er dann in Wram angelangt war und ſich mit der gefälligen Frau Oehr⸗ länder unterhalten hatte. Aber vor Amalien eröffnete ſich überall eine neue Welt. Die Kirche von Linderäd, umgeben von einem tiefen Thal und ſchönen Wäldern, überraſchte ſie höchſt angenehm; ſie ſtand auf einem Berge, der ſonſt ziemlich nackt ausſah. In Wram wollte man etwas zu ſich nehmen. Malcolm war von Beginn der Reiſe an ein ganz anderer Menſch gewor⸗ den. Es war klar, daß er ſich jetzt in ſeinem eigent⸗ lichen Elemente befand, und vielleicht hatte dieſe Selt⸗ ſamkeit ihren einfachen Erklärungsgrund in dem Leben ſeiner Kindheit, das größtentheils nur aus Fahrten be⸗ ſtanden hatte. Er war jetzt nicht mehr Mylord, er war Jockey. Er konnte reden und war oft der geſprä⸗ ——— 1 ———— 303 chigſte in der ganzen Geſellſchaft. Konſtanze blieb eben⸗ falls nicht ſtumm. Die Natur mit ihren Anſichten ver⸗ führte ſie weniger, dagegen war das Fahren ſelbſt ein Genuß für ſie. Der Wagen, die Pferde, die Zügel, der Kutſcher und ſein glänzender Wachstuchhut mit der ſchwarzen Roſette von demſelben glänzenden Leder, der Kutſchbock und vor Allem die drei mit Frauenzimmer⸗ ſachen gefüllten Schachteln nahmen ſie ſehr lebhaft in Anſpruch. Die Räder mit ihren Speichen und Naben riefen ebenfalls Betrachtungen in ihr hervor.„Bruder Oskar, Oskar!“ rief ſie von der grünen Chaiſe, wo ſie mit ihrem Vater und Amalien fuhr, nach der gelben zurück, die mit den Gebrüdern Ekenſparre nachkom, „Oskar, kann man die Naben nicht Mittelpunkte dieſer rollenden Kreiſe nennen, die Räume zwiſchen den Spei⸗ chen bilden Kreisausſchnitte, und die Felgen, nun die find nichts anderes, als Stücke der Peripherie!“ „Ganz recht,“ rief Oskar zurück, ſchwieg dann aber plötzlich. Er hatte gehofft, daß von der Mathematik nicht mehr die Rede ſein würde, da ja ſeine gute Stief⸗ mutter geſtorben war.„Ich beginne zu fürchten,“ flü⸗ ſterte er bei ſich ſelbſt,„daß Konſtanze mit der Zeit auch ihre Sätze aufſtellen wird, deren Schlußſolgen gar viele zu ſchmecken bekommen werden. Aber künftig mag Bruder Malcolm ihre Probleme löſen.“ Für gute Freunde und Reiſende, die in verſchie⸗ denen Wagen fahren, haben die Wirthshäuſer den un⸗ ſchätzbaren Vortheil, daß die Geſellſchaft, welche aus⸗ ſteigt, ſich wieder vereinigen darf. Eine ſolche Station mag häßlich ſein, aber ſchöne Füße mit hübſchen Schnür⸗ ſießelchen können ſie betreten. Als man in Wram hielt, war es Oskar, der aus ſeiner kleinen Kutſche ſprang, nach dem grünen Wagen eilte und Amalien die Hand bot, um ſie heraus zu heben. Malcolm dachte nicht daran, Konſtanzen eine ähnliche Artigkeit zu erweiſen, auch bedurfte es deren nicht, denn Konſtanze ließ ihre üße ſchnell und gewandt die gebogene Peripherie des 304 einen Vorderrads tangiren und ſtand auf dem Boden, ehe man es ſich verſah. Das Endreſultat von dem Aufenthalt in Wram war, daß man wieder davon abfuhr. Doch darf eine und die andere Kleinigkeit nicht überſehen werden. Frau Oehrländer, die gegen alle Reiſende artig war, hielt es für ihre Schuldigkeit, ſich gegenüber von Grafen und Baronen ſo angenehm als möglich zu zeigen. Als ſie den Charakter Migneuls hörte und ſeine ſchönen Fräuleins ſah, wurde ſie die dienſtfertigſte und artigſte Wirthin. Da ſie gewohnt war, mit Skanes vornehmen Leuten zu ſprechen, ſo unterhielt ſie ſich auch mit Mig⸗ neul ungezwungen, artig und am Ende gar vertraulich. Sie gab ihm mit einer paſſenden Wendung zu verſtehen, daß eine Kammerjungfer für die jungen Fräulein auf der Reiſe unumgänglich nothwendig ſei. Migneul, der die artige Alte begriff, geſtand es zu. Er hatte bei der Abfahrt von Gräſeholm die Kammerjungfer vergeſſen. Der Nutzen und die Noth⸗ wendigkeit einer ſolchen für eine Herrſchaft, die aus Frauenzimmern beſteht und weit fährt, iſt nicht zu be⸗ ſtreiten. Auch ſieht es immer ſehr hübſch aus, wenn auf der Landſtraße große Familienwagen mit vier Pfer⸗ den beſpannt daher kommen, und zugleich an der Seite des Kutſchers auf dem Bocke ein hübſches, heiteres Mädchen ſitzt, an deren zierlicher und ſauberer, obſchon nicht zu reicher Toilette man erkennt, daß es ein Kam⸗ merjungferchen iſt. Migneul ſagte nichts, aber er dachte:„Die Sache ſoll in der erſten Stadt arrangirt werden.“ Die andere Kleinigkeit von wirklichem Gewichte, die ſich vor der Abreiſe von Wram zutrug, beſtand darin, daß Baron Migneul die Ordnung im Sitzen ein wenig änderte. Er ſagte zu der Geſellſchaft, indem er ſich eigentlich an Konſtanzen wandte:„Bruder Mal⸗ colm iſt wirklich ein luſtiger Geſell geworden, ſeit wir unſere Fahrt begannen. Ich habe Luſt, ihn in meinen 305 Wagen aufzunehmen, allein dies kann nicht geſchehen, wenn nicht Amalie ſich bequemen will, ihren Platz ihm zu überlaſſen und dafür den ſeinigen in der gelben Chaiſe einzunehmen.“ So geſchah es. Man fuhr nun von Wram ab und Frau Oehr⸗ länder ſtand unter der Thüre und verneigte ſich noch einmal, ehe ſie ſie ſchloß. Im grünen Wagen wurde es unter Wegs beſonders laut. Da Malkolm und Conſtanze ſich darin befanden, ſo war Alles, was die Geſellſchaft an Schwatzvorrath beſaß, an einer Stelle verſammelt. Migneul vergnügte ſich daran, auf ſeine Kinder zu hören und ſie zu betrachten. Indeſſen war Malcolm ſo wenig galant, daß er mehrmals den Wunſch ausdrückte, aus dem Wagen zu ſteigen und neben den Kutſcher ſitzen zu dürfen, denn nach Peitſche und Zügel ging ſein Verlangen. Er hatte Konſtanzen gewiß gerne, aber neben ihr im Wagen zu ſitzen, ſchien ihm nicht unumgänglich nothwendig zu ſein. In der gelben Chaiſe war man weit ßiller. Nöbbelöf und Wä find Orte von großer Wichtig⸗ keit. Hier umgehen wir ſie. Gegen Abend fand ſich die Geſellſchaft in Chriſtian⸗ ſtad ein und verfehlte Herrn Wahlgrens Hotel nicht. Eben als man am Gaſthofe abgeſtiegen war, ſeellte ſich ein großer artiger Mann ein, der ſich vor der Herr⸗ ſchaft Migneul verbeugte. Es war dies zwar nicht Capitän Wahlgren, aber doch der fröhliche dienfifertige Notar Elbers, der in der Stille die ſchönſten Zimmer für die Reiſenden beſtellt hatte, welche er von Gräſe⸗ holm her erwartete. Oskar ſtellte ihn ſeinem Stief⸗ vater als einen ſeiner beſten akademiſchen Freunde vor, und Elbers ſeinerſeits erklärte, daß es ihm die größte Ehre ſei, dem Herrn Baron ſeine Achtung bezeugen zu dürfen. Migneul blickte ihn zuerſt ein wenig ſcharf, dann aber mit einer gewiſſen vornehmen Freundlichkeit an, die endlich in einen Ausdruck der Gutmüthigkeit 306 und Wärme verſchmolz, wobei er die Hand des jungen Mannes drückte. Jetzt ging man hinauf. Herrn Wahlgren machten ſeine Zimmer wirklich Ehre, nichts ließ ſich jedoch mit der Artigkeit und Dienſt⸗ fertigkeit der Aufwärterin vergleichen, die ſich jetzt ein⸗ fand. Es war die Lotte, mit welcher Herr Oskar auf ſeiner Chriſtianſtader Reiſe ein paar Worte gewechſelt hatte, und die gewöhnlich die Blekinger Lotte genannt wurde. Sie wandte ſich zugleich zu den jungen Damen, half Amalien und Konſtanzen, trug ihnen, ohne beſon⸗ dern Befehl, ihre Schachteln hinauf, ordnete Alles, was in das Zimmer gehörte, in welchem ſie übernachten ſollten, in aller Eile und Nettigkeit an, und man konnte ſich nichts Komfortableres denken, als ein ſo artiges Weſen um ſich zu haben. Konſtanzen nahm Lottens Dienſte als etwas ganz Natürliches an, aber Amalie, die niemals große Bedienung genoſſen hatte, fand fich anfangs nicht recht darein. Bald entdeckte jedoch auch fie, daß die Bequemlichkeit ihre gute Seite nicht ent⸗ behrt, und es ſich recht gut„Fräulein“ ſein läßt. Baron Migneul blieb Abends zu Hauſe. Erſtens war er etwas müde von der Reiſe her, und zweitens liebte er vielleicht die Anſichten nicht, die ihm möglicher⸗ weiſe in der Stadt der Gerechtigkeit begegnen konnten. Aber er fand an der Unterhaltung mit Elbers ein im⸗ mer größeres Vergnügen. Die künftige Stellung der Familie bildete einen Stoff, den Oskar, Migneul ſelbſt und der geſchickte Juriſt mit aller Offenheit und Freund⸗ ſchaft beſprachen. Migneul entdeckte, daß Elbers nicht in Unkenntniß in Betreff ſeines wahren Namens ſei. Er ſah bald, woher ihm die Kenntniß darüber gekom⸗ men, aber die Zeiten des Zornes und Grolles waren jetzt vorüber. Die Liebe hatte als höchſter Gerichtshof das Urtheil geſprochen, und es ihm klar gemacht, daß Haß und Zwietracht die lächerlichſten Narrheiten des Lebens ſeien. Da alſo Elbers nun einmal alle Mi⸗ 307 gneul'ſche Geheimniſſe in ſeiner Hand hatte, ſo war es dieſem ſehr angenehm, die Bekanntſchaft eines artigen Juriſten zu machen. Er konnte einen ſolchen Mann brauchen. Er geſtand, daß das Ziel ſeiner Reiſe ſich nicht in Chriſtianſtad finde, ſondern daß er nach Stock⸗ holm und Upſala zu gehen die Abſicht habe. Er drückte ſogar ſeine Beſorgniß in Bezichung auf die Zuſammen⸗ kunft aus, die er nach ſo vielen Jahren mit ſeiner Frau haben würde, ſowie auch darüber, welchen Namen er ſich im Norden geben ſollte. Man berieth ſich hierüber. Um die ganze Wahrheit zu ſagen, ſo hatte ſich Migneul während der Reiſe in jener Zerſtreutheit oder Gleichgültigkeit befunden, in welcher ſich Verlobte ge⸗ genüber von allen Perſonen und Dingen außer ſich ſelbſt befinden. Amalie liebte ihren Vater gränzenlos. Hokar ſchätzte ſeinen künftigen Schwiegervater ungemein. Aber er ſchien keine ſo lebhafte Freude an einer Unter⸗ haltung mit ihm zu haben, als Migneul bei ſeinem Bevürfniß ſich mitzutheilen wünſchen konnte.„Der Gang der Welt iſt einmal ſo,“ bemerkte er bei ſich ſelbſt; dieß war nun zwar eine Wahrheit, aber kein Troſt. Er hatte ihnen ſelbſt abſichtlich das Vergnügen verſchafft, vaß ſie in dem gelben Wagen allein zuſammen fahren durften. Als aber die Reiſenden nach Chriſtianſtad kamen, zeigte ſich Oskar doch nicht ſehr dankbar dafür, und beſchäftigte ſich nur wenig mit ſeinem künftigen Schwiegervater; ſeine Gedanken flogen beſtändig auf andern Fährten. Elbers vermehrte die Geſellſchaftz er wurde ein dritter Mann, an deſſen Unterhaltung Mi⸗ gneul einen immer größern Gefallen fand. Er war ſtets aufmerkſam, antwortete klug auf alle Fragen, und ſchlug ſelbſt neue Gegenſtände an.„Wohnt der Herr Notar beſtändig in Chriſtianſtad?“ fragte Migneul. „Meines Dienſtes wegen verweile ich hier,“ er⸗ wiederte Elbers. „Iſt dieſer Dienſt ſo ſtrenge, daß man demſelben nicht vierzehn Tage rauben kann?“ 308 „Ich bin gegenwärtig nicht beim Protokoll im Hof⸗ gericht; auch ſind wir noch weit vom Herbſtgericht ent⸗ fernt, wo ich einige Sachen zu führen habe—“ „Alſo,“ fiel ihm Migneul in's Wort,„ließe es ſich wohl machen, daß Sie ſich auf dieſer Reiſe an uns anſchlöſſen? Verzeihen Sie meiner Offenherzigkeit, aber ich ſetze hinzu, daß ich alle Koſten auf mich nehmen würde. Der Herr Notar müßte ein trefflicher Reiſe⸗ gefährte für uns werden. Auſſer ſeiner intereſſanten Perſönlichkeit hätten wir einen herrlichen Wegweiſer, denn Niemand von uns war in Blekinge noch weiter nördlich— z. B. in Stockholm—“ „In Stockholm kenne ich alle Wege und Stege,“ rief Elbers fröhlich. „So wollen wir die Sache ohne alles Weitere als abgemacht betrachten. Wir finden gewiß mancherlei Un⸗ terhaltungsgegenſtände. Die Rechtswiſſenſchaft iſt zu Allem nützlich, ſagt das Sprichwort, und dient auch im Wagen zu Etwas. Der Herr Notar ſoll mit mir fah⸗ ren. Das grüne Coupe iſt ſehr geräumig.“ „Die ausgezeichnete Güte des Herrn Barons ſetzt mich wirklich in Verlegenheit.“ „Warten Sie ſo lange mit der Verlegenheit, bis die Rede auf das Erbe kommt. Geben Sie mir die Hand. Topp?“ Elbers gab ihm unter einer tiefen Verbeugung die and Als Oskar dieſes hörte, wußte er ſich vor Freude kaum zu laſſen. Auf Reiſen braucht man immer eine Perſon, welche die vortreffliche Doppeleigenſchaft beſitzt, an ſämmtliche Anliegenheiten der ganzen Geſellſchaft zu denken, und nie den Humor zu verlieren. Oskar er⸗ tappte ſich jetzt mehr als jemals auf Vergeßlichkeit bei mancherlei Gegenſtänden. Aber Elbers war ohne Zwei⸗ fel wie zum Paſſagier gemacht. Beſtändig hatte er ein gutes Gedächtniß, immer war er freundlich und dienſt⸗ fertig. Wir wollen ſogleich ein Beiſpiel anführen. 30⁵ Kaum hatte Baron Migneul merken laſſen, daß er für ſeine Töchter eine Kammerjungfer wünſchte, als Elbers ſich eutfernte, aber alsbald wieder zurückkam. „Ich kann dem Herrn Baron das herrlichſte und zu⸗ gleich tauglichſte Mädchen anempfehlen,“ ſagte er.„Doch muß der Herr Baron in dieſer Sache mit ſeinen Töch⸗ tern rathſchlagen.“ „Und wo iſt dieſe zu finden?“ „Hier im Hauſe. Ich habe die Sache mit Herrn Wahlgren abgemacht, der ſich bis künftigen Michaelis jedenfalls von ſeiner Lotte trennen würde. Das Mäd⸗ chen iſt beinahe zu gut für Chriſtianſtad. Für ihre Sitt⸗ lichkeit kann ich ſtehen. Ich kenne ſie. Sie iſt von Carlshame gebürtig, wo ſie von dem alten, braven Ekeſtrands herſtammt. Ich bürge aber dafür, daß ſie gerne mit Ihnen nach Stockholm gehen wird.“ „Gut. Benimmt ſie ſich ſo geſchickt, daß meine Töchter mit ihr zufrieden ſind, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ihr Dienſt nicht mit der Reiſe aufhört, ſon⸗ dern ſie kann darauf zählen, wenigſtens ein Jahr lang in unſerem Hauſe zu bleiben.“ Amalie wurde hereingerufen. Man benachrichtigte ſie, daß ſie künftig eine Kammerjungfer haben werde, und befragte ſie über das Mädchen, das ſie eben kennen gelernt. Sie gab freudig ihre Zuſtimmung. Endlich wurde auch die Blekinger Lotte auf die Scene geführt. Sie erſtaunte anfangs ein wenig. Es war keine Kleinigkeit, ſchon morgen zur Abreiſe bereit zu ſein.„Ach Poſſen!“ ſagte Karl Elbers;„wenn Dir niemand Anders hilft, Lotte, ſo werde ich ſelbſt Deine Sachen einpacken. Sage nur wie Du es willſt, ich werde es nicht übel nehmen; aber ſage nur nie nein.“ Das Mädchen verneigte ſich mit einem artigen, demüthigen Blick vor Seiner Gnaden, dem Baron. Die Sache war abgemacht, und Lotte ſprang mit dem rothe⸗ ſten Geſicht von der Welt zu Wahlgren's hinab. Sie erhielt die Erlaubniß, ſogleich abziehen zu dürfen. Als 310 Amalie Bedenklichkeiten zu haben begann und äußerte, ſie wüßte nicht, wie ſie eine ganze Kammerjungfer be⸗ ſchäftigen könnten, ſo rief Conſtanze:„Oh ich will ihr ſchon zu thun geben!“ So geſchah es nun wirklich, daß der grüne Wa⸗ gen, als er am folgenden Tage aus Chriſtianſtad hin⸗ aus rollte, ſeine vornehmſte Zierde erhielt. Die Ble⸗ kinger Lotte ſaß nämlich auf dem Bocke neben dem ſchon an und für ſich ſehr hübſchen Kutſcher Lindgren. Der Hofgerichtsnotar Herr Karl Elbers fuhr zur Linken vom gnädigen Herrn. Malcolm und Conſtanze ſaßen rück⸗ wärts, ihnen gegenüber. Die gelbe Chaiſe trug auf und ſchaukelnden Federn— SOskarn und malien. Fünftes Kapitel. Dus Feſt der Liebe und der Mäßigkeit. Sie waren kaum aus dem Nordthore von Chri⸗ ſtianſtad, als etwas geſchah, was kein Menſch geahnt hatte. Der Morgen war einer der ſchönſten, hellſten und ruhigſten. Der Weg bildet hier eine ſehr hübſche Promenade; blätterreiche Bäume ſtehen auf beiden Sei⸗ ten und die Allee geht in gerader Linie aus der Stadt bis Noſaby. Zur Linken, längs der eigentlichen Fahr⸗ ſtraße, ſieht man einen Seitenpfad, der etwas niedri⸗ ger liegt und zum Gebrauch für Fußgänger da ift. Nach Elbers Vorſchlag fuhr jetzt die gelbe Chaiſe mit Oskar und Amalien voraus. Migneul hatte dieß aus verſchiedenen Gründen ſehr vernünftig gefunden, unter Anderem auch deßhalb, weil er ſo, da er ſelbſt 31¹ 5 vorwärts fuhr, die ganze Geſellſchaft vor ſich hatte, und im Anblick aller ſeiner Kinder eine für ihn eben ſo erquickliche Ausſicht genoß, als im Hinblick auf die umliegende ſchöne Landſchaft. Kaum hatten Oskar und Amalien mit ihrem Wa⸗ gen die Baumallee zur Hälfte zurückgelegt, als eine Anzahl Männer von dem niederen Wege heraufſtiegen, den Wagen umringten und einen Geſang anſtimmten. Oskar erkannte ſeinen Ortolan, hielt die Pferde an und grüßte. Amalie erſchrak im Anfang ein wenig, da ſie zwar hie und da von Straßenräubern geleſen, aber nie gehört hatte, daß ſie die Reiſenden mit Hymnen anzu⸗ fallen pflegten, oder ſo elegant gekleidet kämen, wie die neun Herren hier. In der That geſchah auch ſonſt nichts Gefährliches, als daß Engeltofft allein und wie immer das Wort führend, vor den Pferden herging, von den übrigen acht ſich aber auf jede Seite des Wagens vier rangir⸗ ten. So ſchritt der Zug, Fahrende und Gehende, vorwärts. Der Geſang war ſchön; er kam den Jünglingen aus dem Herzen. Reine, kraftvolle und feurige Töne miſchten ſich in den Wellen der Luft mit den Sonnen⸗ ſtrahlen, die ſanft zwiſchen den Blätterkronen der Allee⸗ bäume hindurchſchimmerten, und dann ihr reiches, ob⸗ ſchon flüchtiges Gold auf Amaliens weißen Schleier, auf Oskars Glacehandſchuhe, auf das neue Kopfzeug der S und die blanke Meffingbeſchläge der Sättel warfen. Friede und Freude bildeten den Inhalt dieſer Hymne, und das Gedicht beſtand in einem hoffnungsvollen Wunſch, daß dieſer Inhalt ſich reichlich über Oskar und Amalien ausgießen möchte. Die Wünſche blieben nicht bei den Perſonen des Bräutigams und der Braut ſtehen, ſie erſtreckten ſich auch auf etwaige Eltern und Kinder. Schade, daß wir die Worte des Dichters nicht beſitzen, ſie machten Loofors Ehre. 312 Als man an dem Ende der Allee kam, zeigten ſich zwei weitere Wagen. Sie warteten dort auf die Sän⸗ ger, ehe dieſe aber in ihre Gefährte einſtiegen, ging der Präſes, der Notar Engeltofft, ehrerbietig zu Baron Migneul's Wagen hin und bat im Namen der ganzen Geſellſchaft, deren Sprecher er für den Augenblick zu ſein die Ehre habe, daß die Herrſchaft die Gnade haben möchte, ein einfaches Frühſtück in Fjelkinge einzunehmen. Migneul antwortete in den verbindlichſten Aus⸗ drücken, obſchon er etwas verlegen war. Elbers winkte. Die effigienfiſche Geſellſchaft kam heran, und er ſtellte ſie Einen nach dem Andern der Notabilität vor, an deren Seite zu fahren, er für den Augenblick die Ehre hatte. Da Migneul vor jedem Namen immer wieder den Titel„Hofgerichtsnotar“ hörte, ſagte er envlich: „Meine Herren! die künftige Gerechtigkeit des ganzen Landes liegt in Ihren Händen. Ich befehle mich in Ihre Gunſt.“ So fuhr man weiter. Die beiden juri⸗ diſchen Chaiſen fuhren zuvorderſt. Als man nach dem wohlbekannten Fjelkinge kam, ſtieg man aus und die Bekanntſchaft wurde jetzt durch reellere Verbeugung auf beiden Seiten und durch Händedrücke vollendet, zu de⸗ nen man im Wagen keine Gelegenheit gehabt hatte. Elbers wandte ſich an Amalie, Oskar und Mi⸗ gneul, that ſeinen Mund auf und ſprach:„An Sie drei beſonders richte ich meine Worte, obſchon ſie übrigens uns Allen gelten, und bitte Sie, daß Sie die Güte haben mögen, mir nach einem Platze zu folgen, wo ich Skane der Schönheit, der Liebe und Erfahrung, wel⸗ ches auch drei ſind, zu Füßen zu legen wünſche.“ Er brach hier kurz ab, da er ſelbſt merkte, daß ſeine Rede ſich etwas dem Holprigen näherte. Oskar war leider mehr eine luſtige Haut, als ein Redner, aber ein Jeder begriff ſeine gute Meinung. Er gin an Migneul's Seite voran, und die ganze Geſellſchaft wandelte den Fjelkinger Berg hinauf. Der Morgen war wo möglich noch ſchöner, als 31³ jenes erſte Mal, wo der Berg von der jungen Geſell⸗ ſchaft beſucht worden war. Das unermeßliche Panv⸗ rama des nordöſtlichen Skane rollte ſich nach allen Sei⸗ ten hin unter Amaliens Füßen auf. Sie ſtand ſtumm und freudig erſchrocken da. Oskar ergriff ihre Hand und ſagte:„Hier ſtehen wir, Amalie— nach allen Seiten hin haben wir das Leben vor uns.“ Amalie ſetzte hinzu:„Oh, meine Mutter! wenn Du hier wärſt; nur Du fehlſt!“ Migneul ſah ſich unter den zum Sitzen tauglichen Steinen um, die ihre Stellung noch vom letzten Mal her inne hatten.„Das ſieht aus wie ein Richterkreis; hat man ehemals hier Urtheile geſprochen? fragte er. „Ja, das hat man,“ antwortete Elbers mit einem ſtoiſchen Geſicht.„Ich möchte ſogar beinahe behaup⸗ ten, und die Wahrheit des Faktums beweiſen, daß vor nicht langer Zeit hier viel geſchwätzt worden iſt. Ich kann dies gewiſſermaßen bezeugen, da ich ſelbſt zugegen war und daran Antheil nahm, ſo gut ich vermochte.“ Migneul fand Elbers immer anſpruchloſer und blickte ihn mit den freundlichſten Augen an. „Haben Sie die Güte und ſitzen Sie ein wenig näher, Herr Baron. Hier haben wir Bänke, die zu dem Endzweck aufgeſtellt ſind. Die Steine ſind nur um der Gerechtigkeit willen da. Die grünen Bänke dage⸗ gen wegen des Frühſtücks, um das es ſich jetzt handelt.“ „Was will das heißen? ſitzt man denn immer hier zu Gericht?“ „Ja, Herr Baron, aber nur Verſuchs halber. Um Ihnen nichts, oder wenigſtens ſo wenig als möglich zu verheimlichen, muß ich Ionen ſagen, daß wir No⸗ tare, welche ſie hier ſehen, eine juridiſche Geſellſchaft bilden, die über alle Prozeſſe, die im Kreis unſerer vorkommen, weiſe zu Gericht ſitzt und ur⸗ theilt.“ „Wirklich?“ rief Migneul mit einer halben Ahnung Amalia Hillner 2¹ 314 und betrachtete den Berg und die ganze nach allen Sei⸗ ten hin tief unter ihm gelagerte Natur.„Ja hier iſt gewiß der höchſte Richterſtuhl der Welt; hier ſind ge⸗ wiß Sprüche publizirt worden, gegen die Niemand ap⸗ pelliren darf“— ſetzte er mit einem gewiſſen ſcherz⸗ haften Blick auf Elbers, Ortolan und die übrigen Effi⸗ gienſer hinzu. „Nein, Herr Baron, ſo hoch dieſer Gerichtsplatz auch liegt, ſo gibt es doch noch eine höhere Inſtanz,“ entgegnete Elbers.„Und dieſe hat neulich einen Spruch gefällt, welche ein hier verkündetes Urtheil kaſſirte. Haben Sie die Güte und ſitzen Sie ein wenig weiter 2 3 Herr Baron, dieſe Steine find jetzt nichts mehr nütze.“ „Wenn ich darf, ſo ſitze ich am liebſten auf einen von ihnen. Viele— ich ſage nicht von meinen Freun⸗ den, denn ich verdiene das nicht— aber von Sskars Freunden ſind wahrſcheinlich ſchon früher hier geſeſſen, und es würde mir ein Vergnügen machen, wenn ich mein Frühſtück in dieſem Richterkreis einnehmen dürfte.“ Die jungen Juriſten fanden ſämmtlich ein ſo gro⸗ ßes Gefallen an dieſer Anrede Migneuls, daß ſie ſich in ihrem Herzen erlaubten, ihm die Hälfte der Zwei⸗ deutigkeiten zu vergeben, die ſie von ihm gehört hatten. Wie man leicht begreift, hatte ſich die Geſellſchaft eigentlich nur verſammelt, um Oskar, den Alle lieb⸗ ten, eine Ehre anzuthun, und Amalien, die Alle neu⸗ gierig waren zu ſehen, ein fröhliches Opfer darzubrin⸗ gen. Aber Artigkeit und Anſpruchloſigkeit gewinnen bald die Macht über eine weniger erfahrne Jugend, ſo daß auch ein Mann wie Migneul die Freunde von Elbers in nicht geringem Maße für ſich einnahm. Das Frühſtück begann, und es machte demſelben gerade Ehre, daß man ſonſt nichts zu ſeiner Ehre ſagen konnte. Man muß die Güte haben und dieſen ſcheinbaren Widerſpruch nicht mißverſtehen. Sobald man die menſchlichen Dinge von geiſtiger Seite aus und von dieſem hohen Standpunkte aus betrachtet, ſo beſteht die höchſte Ehre einer Mahlzeit darin, daß ſie genügend, aber mäßig iſt. Ein Zuckerbier wurde herum geboten, wie man ſeines gleichen noch nie geſehen oder gekoſtet hatte. „Wie das ſchmeckt!“ rief Konſtanze,„ſo etwas ie wir in Gräſeholm brauen, Papa, und das ald.“ „Unſer Brau⸗ und Backhaus liegt ja in Hermarp, Konſtanze. Sei doch nicht ſo dumm,“ ſagte Malcolm halblaut, und puffte ſie dabei nicht ſehr höflich gegen den Arm. „O pfui, Mylord!“ war Alles, was ſie ihrem geliebten Freund und Spielkameraden antwortete. Miegneul trank ſein Glas bis auf die Neige aus und that dieß mit einem artigen Nicken gegen Herrn Engeltofft, den Wirth.„Wahrhaftig,“ ſagte er,„es iſt ausgezeichnet gut“ Nachdem man gegeſſen und getrunken, was keine ſehr lange Zeit wegnahm, trat Elbers zu Migneul hin und begann: „Herr Baron, gewiß wundern Sie ſich über uns und wenn Sie ſich nicht wundern, ſo ſollten Sie es wenigſtens thun. Iſt es wohl früher jemals geſchehen, daß man Gäſte— vornehm und zur Hälfte unbekannte Gäſte— zu einem ſo ätheriſchen Frühſtück eingeladen hat? Nein, dieß iſt etwas Neues auf Erden.“ Migneul ſah den Sprecher an und wußte nicht, was daraus werden ſollte. „Herr Baron! wir Jünglinge, die wir hier vor den Augen des Herrn Baron verſammelt ſtehen, bilden eine Geſellſchaft, die eine gewiſſe Ueberzeugung hat. Ich bin der Dolmetſcher dieſer Ueberzeugung. Wir ſind nämlich feſt überzeugt, daß Geiſt, Verſtand, Froh⸗ ſinn, Seelenthätigkeit, Energie und moraliſche wie intellektuelle Kraft, ſowie alle daraus entſpringende Wohlfahrt und alles Lebensglück ſämmtlich den geiſtigen 8¹6 der Menſchen angehört und nicht den körper⸗ ichen.“ „Daran iſt nicht zu zweifeln.“ „Da dieß ſo iſt, ſo haben wir ferner die Ueber⸗ eugung, daß die Aufregung des Körpers durch gewiſſe eizmittel, ſei es nun Berauſchung oder etwas Ande⸗ res, nicht zur Erhöhung des Geiſtes, des Verſtandes, des Frohſinns, der Seelenthätigkeit und Energie nebſt allem Andern beiträgt.“ „Das kann eben ſo wenig beſtritten werden.“ „Aus dieſem Grund haben wir dem Gebrauch gei⸗ ſtiger Getränke entſagt.“ „Vortrefflich.“ „Der Herr Baron billigt unſere Grundſätze? Welch' eine Freude für uns, meine Brüder! Die große Sache der Mäßigkeit iſt daſſelbe, wie der Triumph der Seele über den Körper, es iſt der Sieg der Freude und wahren Fröhlichkeit über eine aufgeregte Luſtigkeit. Ein Rauſch kann ebenfalls eine augenblickliche und ge⸗ meine Freude geben, aber nichts Eckelhafteres und Lang⸗ weiligeres als der Zuſtand nachher. Herr Baron, darf ich im Namen meiner Geſellſchaft eine Bitte vorzubrin⸗ gen wagen?“ „Ich erſuche Sie darum, meine Herren.“— Elbers ſah ſich um und fuhr fort:„Ohne die juri⸗ diſche Frage mit einem Worte zu berühren, oder mich darauf einzulaſſen, ob— hm— nein— mag nun Baron Oskar oder der Baron Migneul ſelbſt die gro⸗ ßen und anſehnlichen Güter Gräſeholm, Lanutofta, Hermarp und Zugehör verwalten, ſo iſt darum nicht weniger gewiß, daß eine zahlreiche Gemeinde auf den⸗ ſelben lebt. Herr Baron, führen Sie dieſe ganze Ge⸗ meine zur Mäßigkeit, aber vollführen Sie das Werk durch einen ordentlichen und förmlichen Verein, ſo daß es zur feſtgewurzelten n wird: es ſei ebenſo dumm und ſchändlich, als ſchädlich und unnütz für den Menſchen, wenn er etwas anderes als mäßig iſt.“ 7 317 Migneul trat mitten in den Kreis der begeiſterten Jünglinge, die er mit flammenden Blicken um ſich ſtehen ſah.„Meine Herrn,“ ſprach er— aber bis zu Thrä⸗ nen gerührt mußte er abbrechen.„Meine Herren,“ be⸗ gann er noch einmal.„Ich habe Sie in einer, für mich ſo wunderbaren und hinreißenden Bewegung gehört und geſehen, daß es mir für das, was ich ſagen möchte, an Worten fehlt. Meine Herrn— laſſen Sie mich ein Wort ausſprechen und zugleich wieder vergeſſen— er⸗ lauben Sie, daß ich in dieſem Augenblick jeden Schleier zwiſchen uns niederreiße. Ich weiß, daß ich wie ein Verdächtiger, wie ein an ſeinem Charakter verdächtiger Mann vor Ihnen ſtehe. So hören Sie mein Schickſal. Ich war in meiner Jugend derſelbe begeiſterte Enthu⸗ ſiaſt für mein Land und das Glück meines Volkes, wie Sie es jetzt find, und ich ſetze in freudiger Bewe⸗ gung hinzu— denn Sie werden mich nicht mißver⸗ ſtehen— ich bin noch derſelbe Enthufiaſt. Ich nehme daher nicht nur Ihren Vorſchlag an, ſondern verſpreche Ihnen, alle meine Kräfte zur Durchführung deſſelben anzuwenden. In meiner Jugend war es die Verbeſſe⸗ rung des Ackerbaus nach der Macleaniſchen Methode und das Farmſoſtem, welche die große Frage des Volks, beſonders des ſtaniſchen Volks bildete. Dieſes Spſtem iſt an ſich gegründet und wahr, aber manche verſtan⸗ den es doch nur oberflächlich, ich war unter dieſen letztern. Ich lebte mit Leib und Seele für meine Idee, und— es ſei hier ausgeſprochen— ich ruinirte mich; allein es reute mich nicht. Meine Umſtände haben ſich ſeither verbeſſert— wie? meine Herrn,(er führte die Hand zum Herzen) das wird ein höhres Forum der⸗ einſt unterſuchen— genug. Oskar Ekenſparre mit ſei⸗ ner, das heißt mit meiner Amalie, wird bald Herr eines Theils der Güter werden, von denen wir eben ſprachen; ein Anderer, der noch zu jung iſt, als daß ich ſeiner erwähnen könnte, dürfte ſich eines Tages als den Herrn des Reſtes ſehen. Ich ſelbſt werde vielleicht noch 318 viele Jahre leben. Behalte ich Frieden, ſo werden vieſe Jahre dem Vaterland geweiht ſein. Der Acker⸗ bau iſt jetzt nicht mehr die einzige Hauptfrage des Zeitalters. Er iſt ziemlich weit gediehen. Die Mäßig⸗ keit dagegen hat einen wichtigen, früher unbekannten Raum eingenommen. Meine Herrn, nehmen Sie mich, ich werde als ein Mann zu Ihnen ſtehen.“ Ein Lebehoch erſcholl von der Spitze des Berges und wurde dreimal wiederholt. Man umringte dieſen Migneul. Aufs Neue wurde geſungen: eine Hymne der herrlichſten Art. Liebenswürdige Jugend! nur Du biſt es, die wie Gott das Vermögen hat, den Menſchen zu verzeihen! Sechstes Kapitel. Carlshame, das iſt eine Stadt! und dann erſt Stockholm. Als man von dem Berg herab nach Fielkinge ge⸗ kommen war, ſetzte man ſich in die Wagen, und die liebenswürdigen Juriſten, die ſich ſo ſpät als möglich von der neuen Bekanntſchaft trennen wollten, beſchloſſen, bis an die Grenze von Skane mitzufahren. Man kut⸗ ſchirte alſo zuſammen, vier Wagen hoch, an Edenryd vorbei und kam nach Siſſebäck, wo Blekinge beginnt. Hier hielt man und nahm herzlich Abſchied. Der Notar Loofors, der die Verſe zum Geſang geſchrieben, bereitete ſich auch zu einer Rede an der Grenze vor. Allein bei dieſer Trennung machte ſich ein ſo wahres und natürliches Gefühl Luft, man war ſo menſchlich und rein gegen einander geſinnt, daß es ganz unmög⸗ lich war, mit einer Rede anzukommen, Loofors ſelbſt ging zu Amalien hin, Oskar ſtand neben ihr und ſagte: 319 „Dieſer mein Freund war, Dich ſelbſt mit eingerechnet Amalie, die erſte Perſon, der mir von Deiner Mutter ſprach, von der Frau in Upſala, Amalie, nach deren Anblick ich mich ſo innig ſehne.“ Loofors verbeugte ſich. Amalie betrachtete den Notar, konnte ſich jedoch ſeiner von Upſala her nicht erinnern. Sie fragte ihn offenherzig, ob er ſie früher geſehen.„Nein,“ erwiederte er,„ich habe nichts ge⸗ bis auf dieſen Tag; ich habe nur das Gerücht gehört.“ Als jetzt zwei Chaiſen umwandten und zwei vor⸗ wärts fuhren, nickte und rief man:„Lebewohl, Lebe⸗ wohl!“ Liſter heißt der erſte Landesſtrich, den man in Blekinge öſtlich von Siſſebäck trifft, und Liſter genoß einmal die Ehre, eine eigene Landſchaft zu ſein. Es hieß damals in den diplomatiſchen Akten: Blekinge und Liſter. Jetzt liegt dies kleine Land außerhalb der Reihe der Provinzen, iſt aber unter die Bezirke auf⸗ genommen. Mag auch der nördliche Theil dieſes Bezirks gegen Smaland hin noch ſo waldig, bergig und unfreundlich ſein, ſo iſt doch gewiß der ſüvliche Theil, wo die Land⸗ ſtraße von Siſſebäck an Sölfritſborg, Fſane und Norge vorbei nach Mörrum führt, im Sommer und Früh⸗ herbſt wahrhaftig arkadiſch, lachend und ſchön. Er brei⸗ tet ſich wie ein glatter, grüner Teppich aus, hie und da mit kleinen lieblichen Gehölzen geſchmückt, wo die Buche brüderlich neben der Eiche ſteht, und die Birke ſchweſterlich neben Palmweiden und Weiden rauſcht. Wer kennt nicht Stensnäs? Wir wiſſen, daß es uns obliegt, von der Reiſe zu ſprechen, allein wir können doch nicht jedes Nachtlager, jede Mahlzeit, nicht einmal jede Station anführen, ob⸗ ſchon nichts in der Welt aller Merkwürdigkeit baar iſt. Man fuhr auf einer Brücke über den Fluß Mör⸗ rum— das Volk ſelbſt ſagt Marum— aber man nahm ſich nicht Zeit, ſeine ſchönen Lachſe in Augenſchein 320 zu nehmen. Bald darauf befand man ſich im Lande Bräkne, das jetzt von Skane aus den zweiten Bezirk von Blekinge bildet, in früheren Zeiten aber als der erſte glänzte. Man kam nach Afarum— das Volt ſelbſt ſagt Aſrom— ach wie traurig iſt es, daß man die Namen nicht ſo ſchreiben darf, wie ſie eigentlich heißen, das heißt, wie die Menſchen, die an Ort und Stelle wohnen, ſie ausſprechen, dann würde man auch das dumme Wort Blekinge los werden, das man nicht in der Natur findet und man müßte ſagen und ſchrei⸗ ben: Bleken. Dieſes Wort hat einen tiefen und wah⸗ ren Sinn, der ſich auf das Verhältniß des Landes zu dem hier vorwärts liegenden Meere gründet und in dem Anblick, den dieſes letztere von der Küſte aus be⸗ zeichnet, wenn die Sonne ihren Glanz über die grän⸗ zenloſe blanke Oberfläche wirft. Auch im ſchwediſchen Hochlande beißt Bleke(Bleiche), eine große weiße Obe fläche, worauf die Sonne ſcheint. Nie geſchieht es, daß ein Blekinger Blekinge ſagt, wohl aber rückt er hie und da mit Bleiken an, da er gerne das por⸗ diſche e in ei ſowie das a in au verwandelt. Eibers ſetzte das Alles Baron Migneul im Wagen auseinander und der Baron nickte vergnügt bei dieſen Beſchreibungen. Nichts läßt ſich mit der Lebhaftigkeit vergleichen, welche die Lotte auf dem Kutſchbock kund gab, ſobald man an Aſarum füvblich herumbog, um in Carlshame einzufahren. Hier kannte Sie jeden Punkt am Weg und die kleine Konſtanze, von der wir bereits wiſſen, welchen Ortsſinn und welche Freude an der Geographie ſie hatte, folgte jeder Bedeutung der Kammerjungfer mit großem Intereſſe. Lotte wagte zwar nicht ganz laut zu ſprechen wegen dem gnädigen Herrn, der hin⸗ ten im Wagen ſaß, aber ſie drehte gar oft ihren klei⸗ nen hübſchen Kammerjungferkopf herum und beugte ihn von der Höhe herab, wo ſie ſaß, und je nachdem ſie ſich mehr oder weniger mäßigen konnte zu flüſtern oder halblaut zu ſprechen:„Sehen Sie, kleines Fräulein! dort zur Rechten liegt Janneberg, da wohnen Sante⸗ ſons. Sehen Sie jetzt hier links, das iſt Stangen, da nohnen Cervins. Ja, und hier gerade vorwärts, das iſt die Wohnung des Schmieds Roſenborg. Sehen Sie jetzt die ſchöne lange Allee dort zur Linken, das iſt ein großes ſchönes Gut, Fräulein Konſtanze, man heißt es das Schweizerhaus; da wohnen Mejers ach das iſt eine Herrſchaft! da geht es nicht arm zu, das kann ich Ihnen ſagen, Fräulein.“ Jetzt fuhr man eine kleine Strecke, ohne daß ein Ort kam. „Was iſt das für ein langer Weg, der hier links herkommt?“ rief Konſtanze.„Ach das iſt nur die Berg⸗ werkſtraße,“ erwiederte Lotte,„das iſt eine Kleinigkeit; aber ſehen Sie nur, Fräulein, dort liegt Guſtavsberg; es gehört Schröders. Und ſehen Sie jetzt etwas rechts, dort auf dem ſchönen Berge, ſehen Sie Belle vue. Es iſt ein Wirthshaus und gehört Harmens. Dort habe ich ein ganzes halbes Jahr gedient. Fräulein Konſtanze jetzt haben wir nur noch ein ganz kleines Stück bs zum Thor. Das hier zur Rechten iſt nur der Gerberhof und dann kommt gleich der Kormjöl⸗ narhof. Hoppſa! oh— ſehen Sie— das iſt das Thor. Ach Gott! wie iſt doch noch Alles gerade ſo, wie damals als ich das letzte Mal hier war! Die erſte Straße, in die wir kommen, heißt die Königinſtraße; dort ſtehen hübſche Häuſer auf beiden Seiten, ich kenne ſie und war in jedem. Ach! ach! Carlshame, das iſt eine Stadt! Man kam auch jetzt wirklich in die Stadt hinein und Konſtanzens natürliche Luſt an der Geographie war jetzt ſo erregt, daß ſie durchaus den Namen von jedem Haus zur Rechten und Linken wiſſen wollte. Man fuhr ſchnell durch die Königinſtraße, ſo daß Lotte un⸗ geachtet ihrer flinken Athemzüge unmöglich Alles berich⸗ ten konnte; aber hurtig war ſie. Anfangs ging es * 322 gut:„Das erſte Haus, das wir hier zur Linken gleich hinter dem Thore ſehen, gehört Mejers. Fräulein, das iſt derſelbe Herr, dem auch das ſchöne Schweizerhaus gehört und der einen Doctor zum Schwiegerſohn hat; den habe ich ſelbſt predigen hören, Fräulein, ſeines Gleichen gibt es nicht; er predigt ſo, daß, wenn Alle predigen wollten wie er, die Leute gewiß aufpaſſen würden. Aber ſehen Sie, Fräulein, hier zur Rechten iſt Cervins Haus, und der hat eine Frau, wenn Fräu⸗ lein Amalie ſie ſähe, ſo würde ſie ſich in ſie verlieben; es iſt das merkwürdigſte Weib. Wer all das Gute das ſie gethan und gedacht hat, aufzählen kann, der kann auch den Sand des Meeres zählen. Das Haus, das dann kommt, iſt Vinbergs und Mejers Comtor. Das hier in der Ecke gehört Ekſtrand, das kenne ich am beſten.“ Nun konnte Lotte nur die Häuſer auf der rechten Seite aufzählen, da ſie auf dieſer Seite des Kutſchbockes ſaß, und die linke Seite der Königinſtraße ging alſo für Konſtanze verloren. Auf der rechten aber erhielt ſie auch wahrhaftige Nachrichten über Möllraths Wohnung, das Bürgermeiſter Haus, das kleine Haus von Kronius, und über alle andern bis zu Hellerſtröms und endlich bis Carlshames Hotel, wo kein geringerer Mann als Herr Harms regiert. Man ſtieg aus. Man erholte ſich auf die Be⸗ ſchwerde des Fahrens und beſah den großen viereckigen Markt Carlshames, der die gute Eigenſchaft beſitzt, daß er rund umher mit ſchönen Bäumen bepflanzt iſt und die Kirche in ſeiner Nähe hat. Konſtanzen und Malcolms Blicke fielen ſogleich auf den hohen und vieleckigen Wartthurm auf der Höhe hinter der Kirche. Einen merkwürdigeren Thurm als den von Carls⸗ hame hat man wohl nie geſehen. Deſſenungeachtet wurde man bald hungrig, und die dienftfertige Lotte benachrichtigte die Geſellſchaft, daß unter Harmsens Gebäulichkeiten ſich ein kleines gar hübſches Luſthaus im Garten befinde, wo Reiſende ſich ganz ohne Schwierig⸗ keit und ungeſtört von andern Gäſten erfriſchen könnten. Dorthin begab man ſich. Elbers wollte der jungen Herrſchaft Migneul ganz Carlshame zeigen; die Zeit geſtattete es jedoch nicht. Man ging einige Male über den Markt gegen das Rathhaus und den Ekegreniſchen Palaſt hin. Auf der andern Seite ging man nach der Segeltuch⸗Fabrik hinab und von dort nach dem Schulhaus und zu Rektor He⸗ mes. Man fühlte ſich jedoch durch dieſe Gebäude nicht ſehr erfreut. Elbers führte ſie daher nach einem andern Theil der Stadt in eine Straße, die breit genug war, um den Titel Königsſtraße zu verdienen, und an deren Ende man das Armenhaus und die Kartenfabrik ſah. Dort angekommen, ſtand man an einer der Grenzen von Carkshame und an einem Ausgang, den man wohl kaum Thor nennen konnte, der aber doch wirklich einen Weg bildete, wo man zur Stadt hinaus kommen konnte. Elbers ſagte:„Dieſer kleine romantiſche Weg heißt die Kuhſtraße, und da bin ich viele tauſend Mal hin⸗ durchgewandert. Die drei merkwürdigen Felſen zur Rechten, wenn wir hinausgehen, heißen die drei Schwe⸗ ſtern. Doch ſind fie ſo nackt und häßlich, daß wir ſie aus Arttgkeit lieber die drei Brüder nennen wollen. Vielleicht haben wir aber jetzt keine Zeit mehr, um auf dieſem Weg eine kleine Promenade außerhalb der Stadt zu machen, denn der Baron daheim wird wohl abfah⸗ ren wollen; aber es iſt wirklich ſchade. Hinter der Kuhſtraße kommt man an die lieblichſten Gärten, wo Villa an Villa liegt; kleine grüne Wieſenſtücke und Aecker von den unregelmäßigſten Formen verbergen ſich hinter Anhöhen, die mit ſtolzen laubreichen Eichen ge⸗ krönt ſind; da und dort muß man über Zäune und Mauern klettern, und man muß den Weg kennen, wie ich, um nicht zu verirren. Iſt dieß aber der Fall, ſo kommt man endlich glücklich nach der Garn⸗ und Fa⸗ denfabrik von Strömma. Wie würde Oskar und Ama⸗ lie das ſchöne Strömma lieb bekommen! Ach, wenn wir nur einen oder zwei Tage hätten, ich würde Ama⸗ lie dort bekannt machen. Ich kenne die Leute. Ama⸗ lie, die den Namen Sophie ſo ſehr liebt, würde auch in Strömma eine Sophie zum lieben finden, gewiß.“ Die Unmöglichkeit ſetzt den beſten Gedanken und unſchuldigſten Wünſchen ein Ziel. Man durfte nicht. nach Strömma hinaus ſpaziren, denn Malcolm kam mit der langen Kutſcherspeitſche daher geſprungen und meldete, daß die Pferde angeſpannt ſeien und der Ba⸗ ron ſchon drinnen ſitze. Man fuhr alſo von Neuem wieder ab. Es ging zum Oſtthore von Carlshame hinaus, wo der Weg nach Ronneby und Carlskrona führt. Man wandte Präkne den Rücken und kam in den Medelſtader Be⸗ zirk. Dieſen könnte man vielleicht den königlichen Be⸗ ſr von Blekinge nennen, da Hofby— der Ort, wo ich der uralte Hof einſt aufhielt— hier liegt. Nun gleichviel.„Aber ſagen Sie mir, Herr Baron, iſt Blekinge nicht ein ſchönes Land?“ rief Elbers, nach⸗ dem ſie eine halbe Meile weit gefahren waren. Hillner⸗Migneul hatte in dieſen Tagen eine ſo mächtige Wirkung durch den Einfluß der Jugend, der offenen Natur und des Lebens empfunden, daß er ſich immer harmoniſcher, friedlicher und zufriedener fühlte, und Alles zugab.„Blekinge iſt zu lieblich,“ ſagte er. Uns, den Geſchichtſchreibern, iſt es leid, daß wir nicht Raum oder Erlaubniß haben, um Alles mitzutheilen, was wir aus den Annalen dieſer maleriſchen Reiſe mittheilen könnten oder wollten. Was für ein Gemälde war z. B. nur das kleine arme Ronneby für Amalie! Die Gelehr⸗ ten behaupten, daß dieſer Ort ein verfallener, ja nach dem Kunſtausdruck ein„verrotteter“ ſei(Rottenborough, Ruttnabp, Rottneby, wie es allgemein hieß, bis Ronneby daraus wurde), aber der Spaziergang nach dem Geſundbrunnen hinab wird von einem Liebhaber und einer Geliebten mit ganz andern Augen betrachtet, wie dieß auch mit dem Weg nach dem Djupafors ge⸗ 225 ſchah. Dorthin ſpazierten Oskar und Amalie, von El⸗ bers begleitet, an einem herrlichen Abend gleich nach ihrer Ankunft in Ronneby. Wir wollen den Djupafors nicht zu malen verſu⸗ chen, denn dazu erfordert es einen Pinſel und wir ha⸗ ben nur eine Feder. Oskar erinnerte ſich nicht, jemals eine ſo rieſenhafte Bergſpalte geſehen zu haben, ob⸗ ſchon er als Kind viele Länder durchreist hatte, und Amalie ſtand ſtumm da und horchte auf das Rauſchen des Waſſers ganz unten auf dem Boden der unendli⸗ chen Naturrinne. Das Waldland oben erhob ſich ſchön und lächelnd, aber ein ſchauriger Anblick war es, die eine große Felsmaſſe ſo nahe an der andern zu ſehen, daß nur einige Ellen dazwiſchen blieben und es doch einen wahren Heldenmuth erforderte, über den Schlund hinüber zu ſpringen. Welch' eine Allegorie auf zwei Menſchenherzen, die dem äußern Anſchein nach einan⸗ der ſo nahe liegen und doch ſo unüberſteiglich getrennt ſind! Oskar ſchauderte bei dieſem Anblick. Aber Ama⸗ lie fürchtete nichts. Am Rande des Djupafors ſchloß ſie Oskar in ihre Arme und flüſterte:„Gott ſei Dank! wir ſtehen beide auf derſelben Seite!“ Während die jungen Leute ſpazieren gingen, war der Baron in Ronneby geblieben und hatte alle Vor⸗ kehrungen zur Fortſetzung der Reiſe getroffen. Er be⸗ gann ſich immer mehr mit einem ſo unwiderſtehlichen Gefühle nach dem Norden, nach dem Wiederſehen der vor achtzehn Jahren Verlornen zu ſehnen, daß er jede Verlängerung der Route zu vermeiden beſchloß, ſo an⸗ enehm ihm auch mancher Umweg ſein konnte. Nach einer Karte fand er die Reiſe über Carlskrona, Bröms und Calmar, mit einem Wort die Reiſe der Küſte ent⸗ lang, ſo ſchön ſie auch ohne Zweifel ſein mochte, et⸗ was weiter als die gerade Vogelsſtraße. Als Elbers zurückkam, fragte er ihn, ob er keinen kürzeren Weg nach Stockholm kenne. „Es gibt allerdings eine Straße und auch keine ſchlechte Straße, die von Ronneby aus Blekinge ſchräg durchſchneidet,“ antwortete Elbers.„Sie wird zwar gewöhnlich nicht benützt, um nach Stockholm zu reiſen, aber ich kenne ſie.“ „Nun gut, ſo wollen wir dieſe einſchlagen,“ rief „ſo kommen wir alſo nicht über Carlscrona? u 4 Man reiste alſo nach Elbers Anweiſung von Ron⸗ neby nach Jemſunda. Im Vorbeifahren warf man zwei Blicke auf das angenehme Johannishaus, über welches ſo vieles Gute zu ſagen wäre, aber jetzt hat man keine Zeit mehr dazu. Man kam durch die berüchtigte Ge⸗ gend von Blekinge, welche das Tving heißt— das Volk ſelbſt ſagt Tſchuing— kurz man fuhr ganz um Almaryd herum und traf bei Fuhr auf eine der großen Smaländer Straßen. Der Tvingerpfad war zwar ziemlich unfahrbar und für große Gefährte gefährlich; aber man bekam Blekinge hier doch in ſeiner höheren und wilderen Natur zu ſehen, von der ſich Niemand einen Begriff machen kann, der nur ſeine ſanften hüb⸗ ſchen Landſchaften an der Küſte betrachtet, wo kleine mit Eichen und Ulmen bewachſene Hügel unaufhörlich mit Thälern ihre Kurzweil treiben, die ſelbſt nicht aus⸗ gedehnter find als dieſe Hügel. Jetzt war man bei Fuhr. Gleich darauf kam man über die Blekinger Gränze nach Smaland. Was könnte der Dichter nicht über Emmebota ſagen? Mit Trauer und Schweigen muß er an Erikſmala vorübereilen. Lä⸗ ſebo und Askan kann er nur einen Kuß zuwerfen. Welche romantiſche Abenteuer könnte er nicht über Lenhofda er⸗ zählen und über dieſes Hvetlanda, das einmal eine Stadt war! Aber er darf nicht. Er muß ſchon in Ekſjör ſein. Und damit nicht genug. Die herrlichſten Gegen⸗ den in Oſtgötland müſſen eine nach der andern Zeuge ſein, wie ſehr es ihn ſchmerzt, ſchweigen zu müſſen. Bei Norrköbing hielt man endlich an. Der Ba⸗ ron ſtieg bei dem Apotheker Engelbrekt ab. Bei dem ſchönen Norrköbing begab man ſich auf den„Kometen“, der den Ruf hat, das ſchnellſte Dampf⸗ boot zu ſein. Als Amalie und Konſtanze hier natürlich ihre ei⸗ gene Kajüte bekamen, ſo hatte die Dienſtfertigkeit, Ge⸗ ſchicklichkeit und Feinheit der Blekinger Lotte aufs neue Gelegenheit, ſich zu zeigen. Gefällige, gewandte Lotte! aber der Dichter muß über ſie ſchweigen. Darf er denn nicht wenigſtens einige Worte über den von Skane mit⸗ genommenen Kutſcher Lindgren ſagen? Dieſer bewachte auf dem Verdeck die beiden Wagen des Barons und machte Aufſehen durch ſeinen ſchönen Backenbart, der in üppiger Pracht nicht nur die ſonſt magern Wangen beſchattete, ſondern ſich buſchig unter dem Kinn bis an den Hals hinab erſtreckte, wo er ſich auf der kleinen Erhöhung der Luftröhre vielleicht zum ewigen Bunde ſchloß, wenn es das Raſirmeſſer erlaubt. Lindgren war ein artiger Mann. In ſeinem Geſpräch mit dem erſten Maſchiniſten gab er zu verſtehen, daß er im Sinne habe, nach Stockholm überzuſiedeln, falls es ihm ge⸗ linge, bei dem Miethkutſcher Arrenius auf der kleinen Neuſtraße ein Engagement zu bekommen, einem Manne, über den er von Kameraden und Landsleuten ſo viel Gutes gehört habe. Der Maſchiniſt glaubte, das würde ſchon gehen.. Während dieſer Epiſode wurde der Södertelge⸗Ka⸗ nal paſſirt. In Malcolm fuhr ein neues Leben, als das Dampfbvot unter der Bogenbrücke hindurch ging, die auf ihren Pfeilern zu tanzen ſchien.„Ach!“ ſagte er und holte in langſamem Genuſſe Athem,„hier ſieht es ganz engliſch aus, Papa!“ Baron Migneul antwortete ſeinem Stiefſohn mit einem Nicken. Er war während der ganzen letzten Pe⸗ riode der Reiſe ſehr ſchweigſam geweſen. Selbſt El⸗ bers vermochte ſeine Stille nicht zu überwinden. Nur Amaliens Anblick ſchien ihn tief zu feſſeln, und man er⸗ tappte ihn mehrmals, wie er am Geländer ſtand und 328 gedankenvoll ſchweigend das Auge wie von einer heim⸗ lichen Thräne glänzend über das Waſſer hinaus ſah. Auch blieb ihm Amalie dieſe ganze Zeit über am näch⸗ ſten; ſelbſt Oskar vermied ſie, um ſich in dieſen Stun⸗ den ungetheilt ihrem Vater widmen zu können. Sie begriff wohl, was in einer ſo unruhigen Bruſt, wie die ſeinige, arbeiten konnte; ſie begriff, daß er an bei⸗ nahe neunzehn vergangene Jahre dachte, und daß er nicht ohne Neugierde über die Art ſeiner Zuſammen⸗ kunft mit ihr, über den Erfolg ſeiner Hoffnung auf Vergebung und das künftige Leben mit ihr nachſann, die ſeine Gattin und die Mutter ſeiner Tochter war. Amalie hörte ihn den Namen Sophie flüſtern; den Na⸗ men Eugenie hörte ſie nicht. Bei einer Gelegenheit hörte ſie ihn zu ſich ſelbſt ſagen:„Was iſt ein Bund für das Leben? ein Bund für nur dieſes Leben? Es iſt zu wenig, ich will einen Bund für die Ewigkeit.“ Der Mälar öffnete ſeinen ſchönen Buſen vor den Reiſenden. Wie hüpft man nicht zwiſchen dieſen an⸗ genehmen Inſeln und Ufern dahin? Man wartet auf das Zuſammentreffen mit den in einen Punkt verſam⸗ melten Reizen des nordiſchen Lebens, man wartet auf Stockholm. Wenn man endlich von dem wellenreichen Teppich der Riddarfjärd gewiegt, die Häuſer links auf dem Kö⸗ nigsholm und die rechts auf der Frau des Königsholms, der Skinnarvik, erblickt, wenn man ſieht, wie dieſe wei Reihen in holder Pracht nicht nur die ſonſt kahlen fer verſchönern, ſondern ſich noch bis zur eigentlichen Stadt mit ihren majeſtätiſchen Thurmſpitzen erſtrecken, und dort vor dem Auge in eine Einheit zuſammenſchmelzen, wie um auf dem ſtattlichen Hügel des Riddarholms ei⸗ nen Bund zu ſchließen, da ruſt man entzückt aus: „Stockholm, ja, das iſt eine Stadt!“ Siebentes Kapitel. Tinnän iſt eine Plume, die Mancher nicht gleichſieht. Durch Elbers Fürſorge und Umſicht wurde man in dem Bergſtrahliſchen Hauſe untergebracht. Baron Migneul wollte durchaus nicht in die Stadt, er ſchien ſich immer mehr in ſich ſelbſt zu verſenken. Man pflegt das melancholiſch zu nennen, aber er war nicht mehr düſter und finſter, er war nur weich. Zum Glück hatte man bei Frau Küſel ſehr ſchöne Zimmer bekommen; in dieſen genoß er ſein Stockholm. Amalie verließ ihn nicht. Für Malcolm, Konſtan⸗ zen und ſelbſt für Herrn Oskar bildete dagegen Schwe⸗ dens Hauptſtadt eine Neuigkeit, der man nicht wider⸗ ſtehen konnte. Man beſtieg den Moſeberg; man ſchaute durch den Tubus auf das Obſervatorium. Der Thier⸗ garten war noch im September außerordentlich ſchön. Wer hätte es gedacht? bei Carlmarks kam es mit Mal⸗ colm Ekenſparre ſo weit, daß er Konſtanzen Migneul aus eigenem Antrieb und aus eigenen Mitteln mit ei⸗ nem Glas Mandelmilch traktirte. Er ſelbſt ließ ſich ein Glas rother Limonade geben und ſtieß mit ihr an. As das rothe und weiße Glas ſich einander näherten und einen feinen Kriſtallton von ſich gaben, da ſahen die beiden Kinder einander mit ſo liebevollen Augen an, daß man kaum länger glauben konnte, es ſei Spaß zwiſchen ihnen. Leider war damals der Bazar auf der Nordbrücke noch nicht vorhanden. Doch war der Plan dazu ſchon entworfen und von den Architekten gezeichnet. Einſt⸗ weilen lebte man nur unterirdiſch, das heißt bei Beh⸗ rens. Erſt De Lacroix brachte hier die Idee des Ue⸗ Amalin Hillner. 330 berirdiſchen auf. Aber Jedermann weiß, daß, ehe dieſe Idee ſich geltend machte und die Menſchen in zwei Par⸗ teien theilte— eine, die mit Vorliebe noch der untern Thätigkeit zugethan iſt, und die andere, die immer mehr die höhere über der Brücke vorzieht— Zedermann erin⸗ nert ſich, daß man vor dieſer Kataſtrophe allgemein und ungetheilt nach dem Flußparterre wanderte. El⸗ bers liebte dieſen angenehmen Ort ſehr. Er ging am erſten Tag zu Wohlthäter*) und ſagte Oskarn, er ſolle † ſeine Amalie mit hinab nehmen.„Sie wird krank, wenn ſie unaufhörlich bei ihrem Vater ſitzt,“ verſi⸗ cherte er. Amalie ließ ſich bewegen. Migneul ſelbſt redete ihr zu, die friſche Luft zu genießen. An Oskars Seite wanderte ſie die breiten Treppen hinab, und ſah ſich vergnügt auf dem ſchönen Joſephinenplan um, wie viele das Flußparterre nannten. Wie lieblich ſind nicht die grünen Blätter, wenn fie beim geringſten Windhauch ihre untere wie Silber ſchimmernde Seite zeigen! Man ging eine Zeitlang auf den Pfaden zwiſchen den Silberpappeln auf und nieder und beſah jedesmal, wenn man ſich zur Rechten wandte, das prächtige Schloß. Einen Augenblick lang ſtand das glückliche Paar auf der kleinen Bogenbrücke über dem Waſſerbeete, das von der Meeresſeite her ſo tief hereingeht und das Flußparterre in zwei Hälften theilt. Oskar verfiel in Betrachtungen und Amalie bemerkte, vaß dieſes künſt⸗ liche Baſſin dem Djupafors gleiche, doch mit dem Un⸗ terſchiede, daß die Waſſerrinne dort rieſenähnlich, wild, beinahe furchtbar geweſen, während die des Flußpar⸗ terre's vergleichsweiſe unbedeutend, ſanft und ſeicht war, durchaus keine Gefahr für die Menſchen darbot und auf beiden Seiten zierlich gehauene Quais hatte, die ſich vor der Glasthüre vereinigten, wo die Reſtau⸗ ration winkte. *) Ein Wirth. 331 Dort hinein ging man jetzt auf Elbers wieder⸗ holte Einladung. Man horchte nicht ſehr auf die arme Harfenſpielerin in Herrn Behrens äußerem Saale. Elbers legte jedoch im Vorbeigehen einen gelben Reichs⸗ thalerſchein auf ihren Teller, was nicht wenig war, al⸗ lein es ſchnitt ihm ins Herz, die Noth im Gewande der Muſik zu ſehen. Oskar und Amalie traten in das eigentliche Zimmer und nahmen auf einem Sopha in der Niſche zur Rechten Platz. Elbers blieb nicht lange dort, er ſchweifte überall herum, er unterhielt ſich mit den Zeitungen, die auf den zahlreichen Tiſchen im äuf⸗ ſern Zimmer lagen, und wenn er auch keinen Artikel zu Ende las, ſo rauchte er wenigſtens ſeine Cigarre ſo ſehr zu Ende, daß ſie ihm die Zunge verbrannte, und er fluchte mitien in der zärtlichſten Paſſage der armen Harfenſpielerin. So konnten Oskar und Amalie ganz ungeſtört in der Grotte ſitzen. Sie waren mit dem Thee, dem Ku⸗ chen und Eiſe fertig. Amalie begann jetzt ſehr leiſe zu ſprechen, ſie theilte Oskar einen Kummer mit, der vor der Hand die größte Sorge ihres Herzens war.„Wie wird es gehen, wenn meine Mutter und mein Vater ſich treffen? flüſterte ſie. Oskar ſah empor, daran hatte er noch nicht ge⸗ dacht. „Ich habe einen Plan, Oskar, und Du mußt mir helfen. Ich muß meine Mutter vorbereiten. Oskar, Du weißt nicht, was es heißt, nach ſo vielen Jahren den wieder zu ſehen, den man unausſprechlich liebt!“ Oskar ergriff Amalien's Hand:„Wir müſſen zu ihr reiſen, und ſie holen,“ ſagte er. „Ach ja, gerade das meine ich. Aber, Oskar, ich habe noch einen Kummer, und ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken ſoll. Du weißt— meine Mutter hat meinem Vater viel zu verzeihen. Doch ich fürchte weni⸗ ger wegen dieſer Verzeihung; wir werden dieſe bei ihr auswirken. Aber— o Gott—“ 332 „Was 2. 1 „Ich fürchte— ich fürchte— auch mein Vater hat ihr vielleicht etwas zu verzeihen. Ich meine nicht eben verzeihen, ich meine etwas Anderes— aber ich weiß nicht, wie ich ſagen ſoll.“ „Um Gottes Willen—“ „Es iſt nicht ſo gefährlich. Und doch kann es ge⸗ fährlich werden. Ich muß zu meiner Mutter, ehe mein Vater ſie wieder ſieht.“ „Was meinſt du damit?“ „Ich meine, Oskar, daß mein Vater ſie ſehr lange nicht mehr geſehen hat. Ach, wenn ich ihm doch hier Unrecht thäte, ich wollte ihm zu Füßen fallen und ſie küſſen! Hörſt Du die Harfenſpielerin draußen? Sie ſah mir aus, wie ein Weib von ſiebenunddreißig, viel⸗ leicht achtunddreißig Jahren. Oskar vor achtzehn Jah⸗ ren ſah ſie nicht ſo aus. Damals hörte man ihren Geſang nicht mit Gleichgültigkeit, man ſammelte ſich damals um eine Harfe, die doch noch denſelben Ton hat, vielleicht einen noch ſüßeren— und doch wird ſie jetzt verachtet.“ „Mein Gott, ich vergaß ſie!“ Oskar nahm ſeine Brieftaſche heraus und erhob ſich, um hinaus zu gehen. „Bleibe ſitzen, von ihr ſpreche ich jetzt nicht. Meine größte Sorge, mein größter Wunſch iſt, daß mein Va⸗ ter meine Mutter lieben möge, wenn er ſie ſieht. Er erinnert ſich ihrer Geſtalt zu wohl; verſtehſt Du mich? Ich habe ihm ſo oft zugehört, wenn er ſie mir aus ſeiner getreuen Erinnerung ſchilderte, und er ſieht fie unaufhörlich in mir, denn ich bin in dem Alter, in welchem ſie war, als er ſie zum letzten Male ſah. Verſtehſt Du mich?“ „Aber— ſage mir doch, glaubſt Du denn, Mig⸗ neul habe nicht den geringſten Funken von Religion? Er wird ſich doch nicht ſo viel um die etwas gealterte Geſtalt bekümmern?“ „Ach, wenn es ſo wäre! O mein Vater! O wenn 333 mir Gott die Gnade gäbe, daß ich mit meiner Mutter tauſchen dürfte, daß ſie plötzlich ich würde, daß ſie wieder achtzehn Jahre alt würde, ich dagegen ihre Ge⸗ ſtalt bekäme—“ „Das möcht' ich eben nicht,“ unterbrach ſie Oskar. „Es kann auch nicht ſein,“ fuhr ſie fort und ließ den Kopf reſignirt gegen die Bruſt ſinken.„Mein Va⸗ ter— glaube mir, Oskar— er beſitzt zwar inniges Gefühl, Achtung vor und hohe Liebe zu dem Evlen des Geiſtes, aber er hat auch Augen. Er hat ſich an der Seite der Baronin Eugenie an vieles gewöhnt— ich ſage nicht an Pracht— ich ſage auch nicht an in⸗ nere Elegance, denn eine ſolche hat meine Mutter— aber ich meine die äußere Elegance. Mein Vater würde zwar gewiß erklären, er verachte dieſe, wenn Du ihn darüber befragteſt, aber, aber— ach! wenn ich ihm doch Unrecht thäte!“ „Höre, Amalie, wir reiſen zuſammen nach Upſala, zu Deiner Mutter; ich habe Geld. Du wirſt Alles für ſie in's Reine bringen. Nichts ſoll an der äußern Elegance geſpart werden— und zwar einer Elegance von der wahren Art: fein— zierlich, aber gerade recht; Alles, wie Du willſt und ſo gut, wie Du es verſtehſt. Baron Migneul wird ſich an Deiner Anord⸗ nung nicht ſtoßen.“ Die umſichtige Tochter ſah mit den ſeelenvollſten und dankbarſten Augen auf ihren Bräutigam. Gleich⸗ wohl dachte vielleicht Gott in dieſem Augenblick, daß Amalie zu umſichtig ſei. Doch meinte ſie es ſo gut, und Gott lächelte. Elbers kam herein und leckte noch an den Lippen, die er ſich an den Cigarren verbrannt hatte. Man darf übrigens nicht glauben, daß er kein Mann von Gefühl und tiefem Verſtande geweſen wäre. Er ge⸗ hörte zu der Claſſe von Menſchen, die aller Charlata⸗ nerie entbehren; er war daher auch bei Feierlichkeiten ſröhlich. Sobald ſich Oskar und Amalie mit der frag⸗ 334 lichen Sache an ihn wandten, begriff er ſie ſogleich. „Ich werde die Sache mit Migneul in's Reine brin⸗ gen,“ ſagte er,„er bedarf der Ruhe auf die Reiſe. Ihr beide müßt nach Upſala fahren, und das allein. Ich kaufe Billete auf die Freja, ſie geht morgen ab.“ So geſchah es. Schon am folgenden Tag ſehen wir die ſchnellſegelnde Freja die Mälarfjärde durch⸗ ſchneiden und bei der Lofö ihren Kurs nach Norden richten. Jetzt ſchießt die flinke Dampfnajade an Skarfve, an Ekole vorbei, ſchwimmt in die Fyriſa und iſt ſchon Nachmittags in Upſala. Die beiden Verlobten ſteigen an's Land und ein Bedienter trägt ihnen mehrere, nicht kleine Damenſchachteln nach. Durch Briefe, von denen wir noch nicht geſpro⸗ chen, hatte Amalie ſchon von Skane aus ihre Mutter mit den vielen Veränderungen in Gräſeholm bekannt gemacht: mit dem Tode der Baronin und Amalien's Entdeckung durch ihren Vater und ihrer Bekanntſchaft mit Oskar. Man könnte eines der ſchönſten Bücher mit ihrer Correſpondenz über dieſe Gegenſtände anfül⸗ len. Um ihre Mutter auf die innere Stimmung vor⸗ zubereiten, die ſie zu gewarten hatte, und ihr lieber Alles, als nur ein wenig zu ſagen, hatte Amalie aus⸗ führlich von der letzten Unterredung der Baronin Eu⸗ genie mit ihr geſprochen, und auch die Worte ihres Vakeks an den Staub der Geliebten mitgetheilt. Aber vor Allem hatte Amalie nicht vergeſſen, das beizufü⸗ gen, was Rutfors geſagt, damit ihre Mutter ihren Vater in einem ſo unſchuldigen Lichte als möglich ſehen möchte. Von dem Tag ihrer Ankunft in Upſfala haite ſie ſie jedoch noch nicht unterrichten können. Zetzt waren Oskar und ſie da. Er dachte mit Wärme und einer kleinen Neugierde an Frau Hillner. Es iſt kein geringer Gewinn, wenn man nicht ganz vortheilhaft geſchildert worden iſt. Amalien's Beſorg⸗ niß, die ſie in der Grotte von Behrens ausgeſprochen, hatte bewirkt, daß Oskar ſich ein gewiſſes Bild von 335 dem Ausſehen ſeiner künftigen Schwiegermutter gemacht hatte. Er dachte ſie ſich als eine von Kummer und Armuth zuſammen gefallene Perſon, als eine Perſon, die er um Amalien's Willen lieben wollte, ohne daß ſie eben ſelbſt gar zu liebenswürdig zu ſein brauchte. Als daher ſeine Augen auf den Bedienten fielen, der mit ihnen ging und die Schachteln trug, war es verzeih⸗ lich, daß er dieſe Schachteln für nothwendig erachtete. Von Amalien her kannte Oskar Frau Beate Sophie bereits als einen zu Gott gewandten Cparakter, und das war für ihn wie für jeden guten Menſchen genug. „Sie hat Religion,“ dachte er,„und braucht dann wahrhaftig nicht elegant zu ſein.“ Oskar und Amalie ſchritten in Upſala auf dem zur Rechten um den Fluß gehenden Weg, der ſich vom Landungsplatz bis an die Brücken hinzieht. Dieſer Weg hat das Gute an ſich, daß er ſich allmählig in eine Straße verwandelt. Man ging um die Pfeiler zur Linken und endlich rechts an Romanſon's vorbei, bog dann in die erſte Quergaſſe und trat in die Königs⸗ wieſenſtraße. Man kam an eine kleine weiße Thüre. Während Amalie beinahe zitternd die Hand an die Glocke brachte — an die Thüre zu drücken begann und ſchon an dem knarrenden Zuge hörte, wie das Gewicht innen hinauf ing und dabei ein wenig an die Thüre ſchlug— da ah ſie Baron Oskar mit zärtlich bittenden Augen an. Sie wollte ihn damit bitten, in dieſem Augenblick die hohen Flügelthüren des Gräſeholmer Saales zu ver⸗ geſſen, und nicht an das Vorzimmer der Baronin Mig⸗ neul zu denken. Endlich war das Gewicht ganz oben, das heißt, die Thüre offen. Man trat nach einander herein. Ama⸗ lie ging voraus und hielt die ungefällige Thüre offen, da auch Oskar hinein wollte. Der Oehren ſah düſter und unbehaglich aus; er war auf der einen Seite mit . 336 Steinen belegt und daher auf der andern um ſo näſ⸗ ſer, da alle Feuchtigkeit ſich dorthin zog. Amalie trat muthig ein paar Treppen an der lin⸗ ken Wand hinauf und fühlte nach dem Schlüſſel an der Zim nerthüre darüber. Aber ſie fand den Schlüſſel nicht ſtecken. Sie klopfte an. Ein Huſten von Innen antwortete. Amalie er⸗ neuerte ihr Pochen; man hörte, wie ein paar Pantof⸗ fein angezogen wurden, worauf ſich Füße der Thüre näherten. Das Schloß wurde aufgedreht und die Thüre öffnet ſic lannſam. Doch ging ſie nicht weiter auf, als daß eben ein mageres und längliches Geſict Platz zum Herausſehen hatte. Man kann ſin denken, wie Oskar hinein ſchaute. Aber er fupr ſchnell wieder ein paar Ellen weit zurück. Eine ſehr wohlwollende, aber zugleich auch ſehr heiſere Stimme ſagte langſam:„Ach— Manſell Malchen!“ „Iſt Mama nicht zu Hauſe?“ rief Amalie deſto ſchneller. „Treten Sie nur ein, liebes, gutes Mamſellchen.“ „Noch nicht, noch nicht, Madlenez ſage mir nur um Gottes Willen, wo iſt Mama?“ Nun— ſie iſt— ausgegangen— und geht um dieſe Zeit, wie Mamſell Malchen ſelbſt weiß, ſpazieren.“ „Auf den Kirchhof? Oder im Orangeriegarten am Schloſſe? oder wo? Ach, ſie iſt gewiß im Aurivilli⸗ ſchen Garten!“ „Nein, nein. Sie geht— jetzt— meiſtens bei den Oſtgöthen drüben, es heißt der Linne'ſche Garten.“ Amalie nickte der alten Magd Adieu zu und nahm Sskar unter den Arm, um ihn wieder hinaus zu ge⸗ leiten. Wir laſſen den Bedienten da, und gehen, die Mutter im Linne'ſchen Garten zu überraſchen. WVillſt Du, Oskar 2“ Es verſteht ſich, daß er wollte. Da ſie ſich auf der Königswieſenſtraße befanden, — 337 ſo wäre es am natürlichſten geweſen, wenn ſie auf dieſer bis zum Markte, über dieſen dann in die Schwarz⸗ bachſtraße und von da bis Nordbloms, das heißt, bis zur muſikaliſchen Ecke des Wirthshofs zur Oſtgötana⸗ tion gegangen wären, indem ſich das große Thor zu jenem ausgedehnten Garten bald darauf an der Mauer zeigt. Aver Amalie hatte ihre Gründe, warum ſie den Narkt und die größeren Straßen nicht betreten wollte. Sie fürchtete allein mit Baron Oskar einigen ihrer ſpſalaer Freunde zu begegnen. Sie wollte ſich nicht öffentlich ohne Begleitung ihrer Mutter mit ihm zei⸗ gen. Sie zog es daher vor, von der Königswieſen⸗ ſtraße rechts nach der wenig beſuchten Schmiedsgaſſe zu gehen und hier ſo weit fortzuſchreiten, bis ſie die Ziehbrunnenſtraße zu Geſicht bekamen. Es gibt Viele, welche die Zichbrunnenſtraße mit grämlichen Bicken und langweiligen Schritten durch⸗ meſſen; aber Oskar ging an der Seite ſeiner Amalie. Dieſe Gegend zeigt zwar nicht die ſchönſten Theile von Upſala, aber Oskar ſah die Freude ſeiner Amalie mit jedem neuen Gebäude zunehmen, und er fand den auf der Straße gelegenen Ziehbrunnen mit ſeinen Quer⸗ balken höchſt merkwürdig. Dieſelbe Sache, dieſelbe Figur, dieſelbe Welt, die vor einem kranken Gemüthe in grauer oder braunrother Unbehaglichkeit daſteht, ge⸗ ſtaltet ſich ja vor poetiſchen Augen poetiſch. Für einen unſchönen Menſchen iſt keine Form ſchön, und kein Ge⸗ fühl oder Gevanke keuſch vor einer ſchmutzigen Seele. Oskar lebte jetzt in der Welt der Liebe und Schönheit, keerl lachte vor ſeinen Augen Alles, auch das Ge⸗ ringſte. Obgleich es gewiß merkwürdigere Ziehbrunnen auf der Welt gibt, als den unſerigen, ſo wollen wir Os⸗ kar doch verzeihen, daß er ſeine Aufmerkſamkeit auf den richtete, der gerade vor ihm ſtand. Inveſſen wen⸗ dete man ihm doch den Rücken und kam nach einigen Steinwürfen zu Linne's ſchönen Anlagen, die links von 338 jenem lag. Man trat ein und bewunderte die zierli⸗ chen Hecken und Beete. Der Garten ſchien leer zu ſein. Doch entdeckte Amalie in der Ferne eine feine Geſtalt, die zwiſchen den Bäumen hervorſchimmerte. Ihr Herz ſchlug laut, aber ſie ſagte nichts zu Oskar. Jetzt kam ihnen ein Gartenaufſeher oder Portier von der Seite her entgegen. Er ſchien die ungelade⸗ nen und unbefugten Gäſte nicht mit gnädigen Augen ſ zu ſehen.„Was wollen die Herrſchaften hier?“ agte er. „Verzeihen Sie, mein Freund,“ antwortete Ama⸗ lie,„wir ſehen uns nur nach einer Linnäa um. Er⸗ lauben Sie uns nur noch einen Augenblick, ſie zu ſu⸗ chen. Die Pflanze iſt klein. Die Linnäa iſt eine Blume, die Mancher nicht gleichſieht. Doch ich bemerke ſie dort, wir wollen nur noch bis dort oben gehen.“ Amalien's innere Bewegung hatte ſich durch eine Allegorie Luft gemacht. Der wackere Portier wurde freundlich und höchſt artig, als er etwas von der Bo⸗ tanik hörte. Amalie ging ihrer Mutter entgegen. Achtes Kapitel. Die erſte Auflage des Gedichts. In einem kleinen, ſehr ſchönen und behaglichen Zimmer, dem zwei hübſche Fenſter eine Ausſicht nach der Königswieſenſtraße verliehen, ſehen wir am Abend unſere drei Freunde beiſammen ſitzen. An dem ver⸗ traulichen Tone zwiſchen Frau Hillner und Baron Eken⸗ ſparre bemerken wir, daß ſie nicht nur Bekanntſchaſt gemacht hatten, ſondern auch ſchon mit gegenſeitiger Innigkeit einander umfingen. Oskar fand ſich immer —————„ —— 8 2—— 339 mehr und mehr überraſcht. Kummer hatte dieſe Ge⸗ ſtalt nicht verzehrt, ſondern nur das Auge mit dem Ausdruck einer himmliſchen Ergebenheit geadelt und mit jenem Spiegel eines inneren Friedens, der viel Heiterkeit, obſchon wenig Freude enthält. Sonſt war ſie ganz ihre Tochter, ſo daß Oskar ſeine Amalie nur in der erſten Auflage zu ſehen meinte. Freilich war die Letztere neuer und jünger und der Einband heller und weniger mitgenommen; aber es war hier nichts zu leſen, das ſich nicht auch in der erſteren fand. Wer hatte wohl die Correktur dieſes Gedichtes beſorgt, das in ſeinen beiden Ausgaben ſo fehlerfrei erſchien? Es gibt jedoch keinen Menſchen, der ganz ohne Schwachheit wäre, und es würde gewiß ein großer Fehler von Frau Hillner geweſen ſein, wenn ſich nicht der Geiſt ihres ganzen Weſens deutlich dahin ausge⸗ ſprochen hätte, daß ſie ſich aufrichtig voller Fehler und Sünden glaube. Dieſe Erkenntniß iſt es, die, wenn ſie wahr und kraftvoll im Grunde des Charakters lebt, Alles berichtigt und die Correktur über das Gedicht der Seele liest. Schon längſt hatte Oskar den erſten Eindruck bei ſeiner Ankunft in dieſer Wohnung vergeſſen, wo er ein wenig zurück gefahren war. Der Oehren gehörte dem Hauswirth, den konnte Frau Hillner nicht ver⸗ wandeln oder verbeſſern; aber innen in ihrem Zimmer, ſo wie in dem kleinen äußern, das Malchen's Welt bildete, war Alles ganz anders. Armuth und Sauberkeit iſt ein zu ſchwacher Aus⸗ druck, um hier eine Stelle zu finden, wir müſſen ſagen Armuth und Anmuth. Amalie nahm die Freude des Wiederſehens ihrer Mutter ſo ſehr in Anſpruch, daß ſie die Schachteln mit ihrem Inhalt vergaß. Oskar erinnerte ſich daran, als Malena die Thüre öffnete und ein paar Gläſer ſüßer Milch zum Willkomm den lieben Gäſten herein brachte. Da fielen ihm die Schachteln vom äußern Zimmer her, 340 wo ſie unter Malena's Küchentiſch aufgeſtellt waren, ſchnell in die Augen. Sie ſchienen ſich etwas über ih⸗ ren Platz zu ärgern und erwarteten wohl nichts Ge⸗ ringeres, als gleich in das Beſuchzimmer hinein getra⸗ gen, geöffnet und zum Mittelpunkt der größten Freude gemacht zu werden. Aber Oskar kam jetzt ein ganz anderer Gedanke in den Sinn. Es erſchien ihm krän⸗ kend und beleidigend, die, welche er hier gefunden hatte, mit derlei Dingen ſchmücken und ausrüſten zu wollen. Er gab Amalien gelegentlich einen Wink dar⸗ über, um Gottes Willen nichts von dieſer kindiſcher Beſorgtheit zu erwähnen. Nachdem jedes ſein Glas Milch getrunken und ei kleines, gar ſchönes Brödchen hinein getunkt hatte machte Frau Hillner den Vorſchlag, auszugeben, ehe es Nacht würde, und Oskar noch mit dem ſchönen Upſala bekannt zu machen. Als man durch Malena's Kammer hinaus ging— die zugleich zu gewiſſen Stunden des Tages die Küche bildete, während nachher wieder ein blau geſtreifter Vorhang vor dem Heerde hing, ſo, daß man nichts ſah; als die Geſellſchaft, wie geſagt, durch dieſe Kam⸗ mer hinaus ging, bemerkte Frau Hillner zwar die Papp⸗ ſchachteln, vermuthete aber, daß Amalien's Sachen darin wären und ſchenkte dem Putzbedürfniſſe eines jungen Mädchens keine weitere Aufmerkſamkeit. So ging man denn aus. Und jetzt war es gerade Amalien's Freude und Stolz, durch die größten Stra⸗ ßen zu wandern. Ihre Mutter ging zwiſchen Oskar und ihr, und ſtützte ſich auf Oskar's Arm; auch zö⸗ gerte man keinen Augenblick, ſich ſogleich dem Markte zu nähern. Man begegnete verſchiedenen Geſellſchaſ⸗ ten und verneigte ſich; auch Oskar nahm artig den Hut ab. Er dachte:„Gott und Amalie kennen ja alle dieſe Herrſchaften.“ Daraus aber, daß Baron Eken⸗ ſparre wirklich ſelbſt Aufſehen machte, ging hervor, daß er an ſich ſchon ziemlich ausgezeichnet ſein mußte, — 341 denn in Upſala gehören ſonſt Grafen und Barone zu den gewöhnlichen Dingen. Vom Markte aus wandte man ſich zur Linken und ging an Rhylanders vorbei, um nach der Brücke zu kommen, welche nach der Königinſtraße führt. Gleich auf der andern Seite der Brücke ſah man in der Ecke den Buchladen, und drei Perſonen kumen daher ge⸗ gangen, von denen die mittlere ein ziemlich angeneh⸗ mes Geſicht hatte, aber hinkte; die zur Rechten hatte einen etwas grauen, obſchon noch jungen Kopf; die zur Linken war ganz ohne Farbe. Man ging weiter auf der Königinſtraße, und obwohl für Oskar Alles unbekannt war, ſo intereſſirte es ihn doch um Ama⸗ lien's Willen, die ſo oftmals hier herum gewandelt war. Als man an die Ecke kam, wo die ſchöne Gar⸗ tenſtraße zur Linken ihre Perſpektive eröffnet, blieb man ein wenig ſtehen und ſah ſich um. Oskar wußte, daß dieſe zu Frau Hillner's liebſten Promenaden ge⸗ hört hatte. Dann ſetzte man ſeinen Spaziergang bis zum Gaſthofe fort; aber Oskar's Augen wurden jetzt immer mehr und mehr von der Rieſengeſtalt der herr⸗ lichen Domkirche ſo magnetiſch zur Rechten gezogen, daß er kaum auf ſonſt etwas in der Stadt zu ſehen vermochte. Es war Samſtag Abend. Er dachte mit Entzücken daran, daß er am Morgen darauf dem Got⸗ tesvienſt im Schooße eines Heiligthums beiwohnen dürfte, das trotz ſeines irdiſchen Styles ſo Ehrfurcht gebietend daſtand. Man kam den Hügel hinauf, auf der die Carolina zu liegt und erblickte zur Rechten den Odenshain. Oskar ſagte ſtille bei ſich ſelbſt:„Die Bäume meines Lundagar's ſind größer als dieſe; aber die Kirche hin⸗ ter den laubigen Kronen erhebt ſich hier ungleich herr⸗ licher als der Dom in Lund hinter der Lundagardsallee.“ Nach einer Weile fuhr er fort:„Dieß iſt alſo der gei⸗ ſtige Mittelpunkt des Nordens! welch' ein Gebäudel wie majeſtätiſch, wie ſtolz beinahe ſteigen nicht dieſe 342 Häuſer, welche die Kirche auf dieſelbe Weiſe umgeben, wie die zahlloſen Gedanken und Vorurtheile, die ent⸗ weder aus Gottes Wort, dem Menſchenherzen oder der Vernunft hergeholten Sätze, welche ſich um die will: ich liebe es, ich will es lieben um ſeiner Dom⸗ ewige Wahrheik gelagert haben. Wie viele Generativ⸗ nen ſolcher Häuſer hat dieß Gebände nicht ſchon zu ſeinen Füßen geſehen! wie viele wird es noch feheni“ Endlich ſetzte er halblaut hinzu:„So bin ich denn jetzt in Upſala, dieſem Upſala, über das ich ſo viel Tadel gehört habe; ja man mag davon ſagen, was man kirche willen. Manches zerfällt hier, aber dieſe Thürme werden die Zeiten überdauern.“ „Laßt uns nach dem Kirchhofe hinauf gehen,“ flü⸗ ſterte Frau Hillner ihrer Tochter zu.„Du erinnerſt Dich doch noch unſeres Lieblingsplätzchens dort?“„Os⸗ kar,“ ſagte Amalie dabei laut und weckte ihn aus ſei⸗ nen Phantaſien,„wir wollen nach dem Kirchhofe gehen. O wenn Du wüßteſt, wie ich ihn liebe. Auf den Grä⸗ bern verzeiht ſich Alles.“ Die Sonne war ſchon ſtark geſunken, doch ſtand ſie noch oben. Wenige Herrlichkeiten auf der Welt laſſen ſich mit einem ſchwediſchen Septemberabend ver⸗ gleichen, wenn er wirklich ſchön iſt. 2 Als die Geſellſchaft den Gipfel des Hügels erreicht hatte und in den kleinen Weg trat, der von der Oran⸗ gerie hieher führt, trafen ſie einen Mann, der dort ſpazieren ging und Frau Hillner begrüßte. Oskar kannte ihn nicht, wurde jedoch von dem glänzenden und freundlichen Blick ſeiner Augen, die übrigens etwas beſchwert ſchienen, für ihn eingenommen. „Der Herr Profeſſor hat ſeinen gewöhnlichen Abend⸗ ſpaziergang gemacht?“ ſagte Frau Hillner.. „Ja,“ erwiederte er;„ich dachte, weiter zu gehen, aber—“ ſetzte er mit einem gewiſſen traurigen Accente Thürme über die Maſſe der umliegenden kleineren — 1————+„—. 343 hinzu—„die Zeit verging gar ſchnell. Sonſt befinde ich mich heute ziemlich wohl und weit beſſer als geſtern.“ „Wie befindet ſich Ihr Söhnchen? Es iſt ein gar ſeltener Knabe, das ſchönſte Kind, das ich geſehen habe,“ ſagte Frau Hillner. Sie wußte, daß ſie durch keine Bemerkung den Profeſſor beſſer aus ſeinen Ge⸗ danken zu ſich ſelbſt bringen konnte. Auch dießmal gelang es. Die liebenswürdigſte Freude begann aus ſeinem Geſichte zu ſtrahlen. Er ſagte jedoch nichts beſonderes zum Lobe ſeines hübſchen Knaben.„Iſt die Herrſchaſt hier außen, um ſpazieren zu gehen?“ verſetzte er nur und ging von ſelbſt mit. Das Intereſſe der Unterhaltung wurde durch den Zuwachs einer Perſon bedeutend erhöht, in der Oskar bald einen der bedeutendſten Erzähler hörte. Er ließ allmählig das Geſpräch über ſein perſönliches Unwohl⸗ ſein, er ſprach über große und allgemeine Gegenſtände. Er redete ſo ſchön, daß Alle mit Entzücken lauſchten. Das frommſte Herz, das edelſte Gemüth gab ſich hierin kund. Man kam zur Stadt hinaus nach dem Kirchhof und trat unter ſeine Schatten. Das Laubwerk der Bäume breitete ſich hier über das Leiden der Erde aus. Es war hier kaum ein Hügel Erde, über dem nicht ein Herz gebrochen war, für ein anderes, das darunter lag. Aber jetzt herrſchte Schweigen hier, und tauſend Blätter verhüllten die Erinnerungen an Leben, die nicht mehr waren. Amalie zog ihre Mutter unbemerkt bei Seite, und ſie gingen einſam nach einem gewiſſen Punkte, während Oskar von dem Fremden auf das Angenehmſte in An⸗ ſpruch genommen wurde, der, während ſich beide zwi⸗ ſchen ein Paar Bäume geſtellt hatten, mehrere Anekdo⸗ ten von Frau Helwig, geb. Imhof, erzählte, einer Per⸗ fün die ſich Oskar herzlich intereſſirte, da ſie Ama⸗ e hieß. — 344 Frau Hillner ging mit ihrer Tochter nach dem dunkeiſten Theile des Kirchhofs. Amalie lenkte vorſich⸗ tig das Geſpräch auf den Gegenſtand, an den beide unaufyörlich gevacht hatten, keines aber zu beginnen gewagt hatte. Sie führte ihre Mutter unter dem Arm, und als ſie von ihrem Vater anfing, fühlte ſie, wie ſich ihr ein Zittern von der weichen und weißen Hand her mittheilte, die ſie ſelbſt ſo viele Jahre lang giitet hatte, und die jetzt ihrerſeits eine Stütze be⸗ gehrte. Sie ſetzten ſich weit hinweg auf eine kleine Bank: jenes Lieblingsplätzchen, nach dem Frau Hillner in ver⸗ gangenen Jahren ihre Tochter ſo oft geführt und dort mit ihr über die höchſten Dinge geſprochen hatte. Ihre eigentliche und wirkliche Erziehung hatte Amalie hier erhalten; ſie hatte ſie von einem Weibe erhalten, welche ihr die Blätter in dem Buche des Leidens aufſchlug, und ſie einen tiefen, aber nicht troſtloſen Kummer leſen ließ. Den eigentlichen Gegenſtand ihrer Trauer hatte Frau Hillner ihrer Tochter damals nicht mitgetheilt; ſie hatte mit ihr nicht von dem verſchwundenen Vater e⸗ ſprochen. Denn da ſie ihn nach ihrer Ankunft in Up⸗ ſala für todt gehalten, nachher aber durch Briefe von Halmſtad, jedoch unter dem Siegel des Stillſchweigens, erfahren hatte, daß er wirklich noch lebte, eine neue Ehe im Ausland eingegangen habe und endlich nach Skane zurückgekommen ſei, ſo bildete dies Alles ein Gemiſch von ſo geheimnißvollem und drückendem In⸗ halt, daß ſie ihre Tochter nicht damit bekannt machen wollte oder konnte. Es war alſo nur der allgemeine Geiſt tiefen, aber ergebenen Leidens, der ſeine Farben in die Erziehung gelegt hatte, welche Frau Hillner in vertraulichen Geſprächen ihrer Tochter ſchenkte, ohne Saß jener große Geiſt durch beſondere Klagen oder kleinliche Bitterkeiten herabgezogen worden wäre. Wenn ein Schmerz, der ſich der Gnade und einer unſterbli⸗ chen Hoffnung hingegeben hat, die erſte Schule, die— ++— ——„.— e——,———,—„— N * S v—* wenn wir das Wort benützen dürfen— erſte Auflage der Seele bildet, dann wird eine unwandelbare Freude die zweite. Amalie ſaß an der Seite ihrer Mutter. „Geh' mit uns nach Stockholm,“ ſagte ſie,„mein Vater wartet dört. Da er von der Reiſe nicht recht wohl iſt, liebe Mutter— ſo blieb er unſerem Wunſche gemäß in Stockholm zurück, während wir hieher reisten, um—“ „Amalie, glaube mir,“ unterbrach ſie Frau Hill⸗ ner,„der Vorbereitungen bedarf es nicht ſo fehr.“ „O meine Mutter!“ ſagte die Tochter und ergriff ihre Hand; aber ſie hatte nicht die Kraft, das auszu⸗ ſprechen, was ſie wollte, ſie drückte nur warm die Hand, welche ſie hielt. Frau Hillner ſah empor.„Sprich,“ bat ſie. „Sage mir— und ſage mir das ehe wir meinen Vater getroffen haben— haſt Du den Muth, meine Mutter, nach Skane zu reiſen— mit mir auf einen Kirchhof zu gehen, der nicht ſo ſchön iſt, wie dieſer, der aber doch in ſeinem Schooße die ſchönen irdiſchen Reſte — einer—“ Frau Hillner zog ihre Hand mit einem leichten Zucken zurück, das einem ſchnellen elektriſchen Schlage glich;—„einer ſchönen Seele verbirgt, meine Mut⸗ ter; haſt Du den Muth dazu?“ Frau Hillner ſchwieg. Bald erwiederte ſie jedoch mit leiſer, aber feſter Stimme:„Ich habe ihn.“ „Haſt Du den Muth, nicht nur auf den Kirchhof und zu dem Grabe zu gehen, ſondern dies in Geſell⸗ ſchaft meines Vaters zu thun— und ihn dort— auf dem Grabe weinen zu ſehen.“ Schnell und heftig fiel Frau Hillner ihrer Tochter um den Hals und reichliche Thränen floßen über die weißeſten Wangen. „Ich habe den Muth dazu,“ flüſterte ſie. Amalia Hillner. * ———— Neuntes Kapitel. Die Grotten bei Behrens. Elbers und Amalie hatten eine geheime Verabre⸗ vung getroffen, von der nicht einmal Oskar etwas wußte. Wie? wird man ausrufen. Ihre Uebereinkunft gründete ſich auf Menſchen⸗ kenntniß, aber auf etwas, das man vielleicht nicht gleich billigen wird. Wir haben früher einmal geſehen, wie Amalie zwiſchen ihren Vater und ihren künftigen Bräu⸗ tigam trat, und die heftigſte Diſſonnanz dadurch mil⸗ verte und auflöste, daß ſie ſcherzhafter Weiſe die Liebe als die höchſte Inſtanz im Leben bezeichnete, das hatte geholfen. Elbers beſaß wirklich mehr Weltkenntniß, als Oskar, obſchon er weit weniger liebenswürdig war. Amalie hatte ſich daher in der Frage, die jetzt verhan⸗ delt werden wird, an ihn gewendet und ſie verſtanden einander. Wenn zwei Menſchen einander begegnen ſollen, die ſich ſeit ſo vielen Jahren nicht getroffen haben, daß die Frage entſteht, ob ſie einanver im erſten Augenblick wohl wieder erkennen; wenn ſie überdies ſo außeror⸗ dentliche Dinge auf dem Herzen haben, daß es ſich fragt, ob dieſe Dinge beim erſten Zuſammentreffen er⸗ wähnt oder nur berührt werden dürfen, obwohl ſie die einzigen Gegenſtände find, über die ſie eigentlich zu ſprechen haben, dann braucht es ein Mittel, eine Hülfe, für dieſe Leute. Es liegt etwas Coloſſales, Schreckli⸗ ches, Uebermenſchliches darin, unter gewiſſen Verhält⸗ niſſen einander zum erſten Mal allein zu treffen. Das Eine muß das Andere wie ein Weſen aus einer unbe⸗ kannten Welt betrachten; es muß kaum weniger darauf hinſtarren, als auf ein Geſpenſt, und dieſes Geſpenſt iſt doch zugleich die geliebteſte Perſönlichkeit. Unaus⸗ ————— ſprechliche Worte wollen geſagt ſein, und wie ſoll man es können? Unſicherheit, Steifheit, Verſchloſſenheit und beinahe Schrecken nehmen den Platz ein, wo Zärtlich⸗ keit, Offenheit, Wärme und die Entwickelung von Ge⸗ danken aus unzähligen Stunden her beginnen wollen, aber keine Worte finden. Iſt es dann nicht am Beſten, wenn die erſte Be⸗ gegnung auf eine ſolche Weiſe geſchieht, daß es eigent⸗ lich keine beſtimmte Begegnung iſt. Alles kann ſich nachher ſanfter und leichter geben, wenn nur der erſte Schritt geſchehen iſt. Ein Blitzableiter iſt gut. Die Umgebung einer unbekannten Geſellſchaft kann den Ab⸗ leiter für zwei Herzen bilden, die ſich im erſten Augen⸗ blicke nicht äußern könnten, ſondern von einem blitzar⸗ tigen Gefühle gepeinigt und zerſchmettert würden. Amalie begriff das aus innerem Inſtinkt. Elbers be⸗ griff es aus äußerer Erfahrung. Im Lauf des erſten Tages, der auf Oskars und Amaliens Abreiſe nach Upſala folgte, hatte Elbers den Widerwillen des Baron Migneuls gegen das Ausgehen, um ſich in Stockholm nuſe überwunden. Er hatte ihn nach dem Platze Karl XiII. geführt, wo an Werk⸗ tagen nicht viele Leute ſpazieren gehen. Baron Mig⸗ neul bewunderte die Alleen dort nicht ſo ſehr, ſo ſchön ſie auch find. Von Allem, was die Kunſt ſchaffen kann, bieten ja andere Länder herrlichere Proben dar, als Schweden. Was Stockholm aus Gottes Hand befitzt, findet ſich wohl in wenig Städten beſſer, was aber das Gemachte, das der Natur Beigefügte betrifft, ſo iſt hier ſehr wenig Werthvolles; und nur das königliche Schloß und deſſen Umgebungen dürften eine Beſprechung ver⸗ dienen, wenn es ſich um Schöpfungen handelt, an de⸗ nen die Natur keinen Antheil hat. Doch gibt es ge⸗ wiß größere Paläſte in fremden Ländern, wenn auch nicht viel ſchönere. Am meiſten bewunderte Baron Migneul die Ausſicht vom Platz Karls XIII. aus über den Hafen hin und St. Katharinen zu. Die Thurmſpitzen der 348 letztern erhoben ſich dort vor ſeinen Augen bis in die Wolken. Er liebte es, ſeinen Blick auf den Himmels⸗ gewölben ruhen zu laſſen. Allmählig gewöhnte ihn jedoch Elbers daran, ohne Widerwillen auf die Promenaden zu gehen, wo ſich viele Leute ſehen ließen. Sie fuhren nach dem Thier⸗ garten hinüber. Baron Migneul fühlte ſich aufgeräumt und belebt; nie ſtellte er eine Frage an Elbers über Frau Hillner, aber er wollte den Tag von Oskars und Amaliens Wiederkehr wiſſen. Elbers ſagte, er kenne ihn nicht beſtimmt; denn obſchon Dampfbobt und Di⸗ ligence Gelegenheit dazu darböten, ſo wäre es doch ungewiß, wann ſie Alles in Ordnung hätten und es für paſſend hielten, zurückzukehren. Spät am Abend gingen ſie nach der Nordbrücke, und hörten einige Kanonenſchüſſe von Ritterholm her. Elbers führte Migneul nach dem Flußparterre hinab, wo er früher noch nicht geweſen war. Sie ſpazierten auf den äußern Gängen längs des Eiſenſtakets dahin, und ſahen nach Norrſtröm. Eine Weile ſtanden ſie auf der kleinen Bogenbrücke und blickten nach dem Blaſiusholm hinüber. Migneuls Augen ruhten mit kindlicher Freude auf den kleinen Wellen, die dahin ſloßen und wieder zurückkamen, aber immer in neuen Geſtalten. Elbers zog ſeine Uhr heraus und ſah nach der Zeit; ſie traten in die Gänge auf der andern Hälfte des Flußparterres und ſetzten ſich auf eine grüne Bank mit der Ausſicht auf das Waſſer. Elbers fragte, ob der Herr Baron nichts befehle, und da er den Wirth machte, ſo war es ſehr natürlich, daß er ſich hie und da nach dem Eingang von Wohl⸗ thäters Reſtauration umſah.„Ich weiß nicht recht,“ ſagte Migneul,„die Luft ſelbſt und dieſe Ausſicht auf Waſſer ſind mir am Liebſten. Ich will nichts aben. „O doch,“ ſagte Elbers und ſtand auf,„ich gehe hinein und ſehe nach. Ich werde ſchon etwas finden.“ —— kar muß zurück ſein,“ ſagte Migneul und legte ſeine 349 Er ging. Eine Geſellſchaft Upſalaer war angekom⸗ men. Nach einigen Augenblicken kehrte er zu dem Baron Migneul zurück, und ſagte:„Wir wollen hinein⸗ gehen, Herr Baron. Es iſt drinnen auf jeder Seite des Saals eine allerliebſte kleine Grotte. Wir ſetzen uns in eine der Grotten, nehmen unſern Thee ein und betrachten die Leute. So vielerlei Phyſiognomien geben einen poſſierlichen Anblick. Das war immer meine Liebhaberei.“ „Migneul lachte über den Vorſchlag, nahm Elbers unter dem Arm, machte die Bemerkung, daß Behrens Einrichtung von Außen ganz wie ein großer Glaska⸗ ſten ausſehe, und trat mit dem Notar hinein. Auch jetzt ſaß die ausländiſche Harfenſpielerin dort, aber ſie war ſtille. Migneul langte in ſeine Taſche und wandte ſich mit einigen Worten an die modern gekleidete Arme. Er hörte, daß ſie eine Franzöſin war. Heimlich ließ er die Brieftaſche wieder zurückſinken, welche er ſchon in der Hand hielt, dafür ergriff er eine Dukate und ſteckte ſie unter die Banknoten auf ihrem Teller. Im äußern, wie im innern Zimmer, zeigte ſich eine Maſſe von Leuten. Damen, von Herren begleitet, ſuchten ſich Plätze. Man unterhielt ſich, man genoß Herrn Behrens vortreffliche Erfriſchungen. Die Gany⸗ mede Heinrich und Albert hatten vollauf zu thun. Hebe— Emilie nicht weniger. Alles ging ganz kom⸗ fortable zu. Frau Behrens im Fond überſah die Ba⸗ taille und befahl friſche Mannſchaft vor, wenn ſie vom Schlachtfeld aus Rapport bekam, daß eine Lücke ausge⸗ füllt werden ſollte. Nie war ein Artilleriepark beſſer verſehen. Elbers und Migneul ſetzten ſich in der Grotte zur Linken. Der Thee kam. Die Beleuchtung im Sagle ſelbſt war, wie immer, groß und hell; in die Grotten verbreitete ſich ein Dämmerlicht, das zunahm, je län⸗ ger man darin verweilte.„Sehen Sie, Elbers, Os⸗ 350 Hand ein wenig erſchrocken auf den Arm des Notars. „Wo denn?“ entgegnete Elbers und ſah ſich ganz un⸗ wiſſend um. „Ich kann mich nicht täuſchen, er ſitzt in der Grotte da drüben und in großer Geſellſchaft.“ „Wahrhaftig! ich glaube auch, dort ſitzen wenig⸗ ſtens acht Perſonen, und davon die Hälfte Damen. Der Herr Millionär hat ſich an eine Geſellſvaft ange⸗ ſchloſſen. Daran that er nicht übel. Die Schüſſe, die wir vorhin hörten, kamen alſo wohl vom Dampfboote.“ „Elbers, es iſt hier innen zwar dunkel, aber ich meine doch Amalie ganz deutlich zu ſehen. Sie haben uns noch nicht bemerkt—“ „Baron,“ flüſterte Elbers,„dort drüben trinken ſie auch ihren Thee. Wollen wir uns in die Geſellſchaft miſchen und Oskar in Verlegenheit bringen? Daß der Narr nicht zuerſt heim ging, ſondern gleich vom Dampf⸗ bvote aus zu Behrens! Das nenn' ich Lebensart!“ Elbers Geſchwätz that, was es konnte, um Mig⸗ neul bei Faſſung zu erhalten. Aber ſo viel vermochte es doch nicht, daß es jenen verhinderte, mit flammen⸗ den, forſchenden Augen nach der Grotte gegenüber zu ſchauen. Er ſah mehrere Damen, junge oder etwas ältliche. Alle waren ihm unbekannt außer Amalien, die immer deutlicher aus dem Dämmerlicht hervortrat. Elbers ſtand mit einer Miene, in der ſich die größte Treuherzigkeit ausſprach, auf, ging zur andern Grotte hinüber und ſchlug Oskar auf die Schultern. Die Upſalaer Geſellſchaft erhob ſich und grüßte.„Ver⸗ zeihen Sie,“ ſagte Elbers,„ich kann nicht hier her⸗ ein, denn ich habe ein Engagement auf der andern Seite. Du biſt ein unvergleichlicher Baron,“ flüſterte er Oskar zu,„daß Du nicht gehſt und Deinen Vater begrüßt.“ Oskar— der nicht mit im Einverſtändniß war— ſtand mit einer ſchnellen Bewegung auf, und mit ihm 351 die ganze Geſellſchaft. Die Gruppe wanderte in den Saal hinaus, wo ſich noch viele andere kleine Geſell⸗ ſchaften bewegten.. Elbers ging wieder zu Migneul hinüber. Dieſer konnte alſo nicht umhin, ſich zu erheben, aus ſeiner Grotte herauszutreten und Elbers Bekannte zu be⸗ grüßen. In dieſem Augenblick herrſchte bei Behrens eine große Lebendigkeit, denn außer der Unterhaltung der überall hin zerſtreuten Gruppen, begann jetzt auch die Harfenſpielerin draußen. Sie ſang zu ihren Saiten, ſie ſang die ſchöne, alte franzöſiſche Arie:„Le Reve- nant,“ die jetzt ganz aus der Mode iſt. Vermuthlich hatte ſie zu ihrer Zeit bei irgend einem kleinen Künſt⸗ er gelernt. Amalie begrüßte ihren Vater und zog ihn in den Kreis der Geſellſchaft. Sie ſprach viel. Ihre Lebhaf⸗ tigkeit in dieſem Augenblick klang etwas forcirt; aber Migneul wurde von Allem und Jedem angezogen— am Meiſten ſah er auf eine Dame in einem ſchwarzen Tibetkleide— ſie firirte auch ihn. Schnell kam Elbers mit einem Teller Eis, das ein Ganymed an ſeiner Seite trug. Ein Mann wie Elbers kann thun, was er will, und auch den Unbekannteſten anbieten, was ihm beliebt. Er wandte ſich an die Upſalaer Geſell⸗ ſchaft im Allgemeinen, insbeſondere aber an die ſchwarz⸗ gekleidete Dame. Schnell ging er dann zu Migneul hin:„Wollen Sie Roſe oder Vanille?“ Auch die ſtärkſten Gefühle können zur Beſonnenheit geſchmolzen werden, und die drei Minuten, während welcher die verlornen Gatten einander ſtille, aber von dem wunderbaren Wirrwar umgeben, betrachtet hatten, waren hinreichend geweſen, um einen Uebergang zu einer Unterhaltung zwiſchen ihm und ihr möglich zu machen. Er näherte ſich ihr und ſagte ungezwungen, bei⸗ nahe obenhin:„Wie gefällt Ihnen das arme Weib da 352 draußen? ſie ſpielt und ſingt doch gut für eine, die in der Welt herumfährt—“ Frau Hillner antwortete mit halber und unſicherer Stimme:„Sie ſingt den Re—“ Das Wort erſtarb ihr auf den Lippen; ſie unter⸗ brach ſich ſelbſt; ſie ſah ihn an. Aber als ſie ſeinen Blick ſo warm fand, fuhr ſie ſüß, obſchon nur flüſternd fort:„Die Vorſehung hat es ihr eingegeben, in dieſer Stunde dieſes Lied zu ſingen.“— Auguſt Hillner ergriff Sophiens Hand und drückte ſie leicht. Er hätte ſie gerne feſter gedrückt; er hätte ſie gerne an ſein ſtürmiſches Herz gepreßt; ſich gerne in die Arme ſeines Weibes geworfen und ſie ſchwär⸗ meriſch, vulkaniſch an ſeine Bruſt gezogen, aber die Geſellſchaft war um ſie. Der kleine, leichte Handdruck war Alles, was er konnte und durfte. „Sophie,“ ſagte er weich und ganz kurz,„kommw, wir wollen der Thüre etwas näher treten, damit wir ſie beſſer hören. Wie ſehr liebe ich dieſes Lied; aber Niemand hat es ſo geſungen, wie Du. Ich erinnere mich Deines Geſanges, wie wenn es geſtern geweſen wäre.“ Sophie Hillner's Wange bekam bei bieſen Worten eine Farbe, wie vor achtzehn Jahren.„Sie ſingt mit einem ſchönen Accent,“ bemerkte ſie, als ſie neben ihm unter der Thüre ſtand und hinausblickte.„Ich konnte nicht franzöſiſch genug, um das Stück ſchön zu fingen.“— „Aber Du ſangſt es doppelt ſo muftkaliſch,“ unter⸗ brach er ſie.„Die arme Franzöſin hat nicht den rech⸗ ten Ton in ihrem Geſang; aber ihre Worte ſind ſchön. . Auch der Sinn derſelben iſt klar und deutlich! Sie iſt gewiß ſehr arm, Sophie; jede Cadenz ſcheint in eine verzweifelte Bruſt hinab zu ſinken und ſich in einer ſcheuen Bitte aufzulöſen.“ „Wenn ich ihr nur Etwas geben könnte„ flüſterte 353 Sophie Hillner,„aber in einer ſo großen Geſellſchaft würde es verletzend herauskommen.“ „Laß es! laß mich dafür ſorgen,“ erwiederte er. In dieſem Augenblick trat Amalie zu ihren Eltern. Schon von Weitem hatte ſie gehört, daß ſie gefiegt hatte, und daß ſie bereits ohne Schwierigkeiten und Gekahren mit einander ſprachen. Da ſie jedoch ihre letzten Worte vernommen und daraus erſehen hatte, daß das Geſpräch ſich auf die Franzöſin wandte, näherte ſie ſich. „Dieſer Gegenſtand kann einſtweilen ruhen,“ dachte ſie. Oskar kam gleich nach, und obſchon er jetzt zum erſten Mal ſeine Schwiegereltern beiſammen ſah, that er doch, als ob er nichts Merkwürdiges vor ſich ſehe. Man trat aufs Neue in eine der Grotten, um den Abend hier vollends hinzubringen. Elbers hütete ſich, „Baron“ oder„Migneul“ zu ſagen. Hillner war ein Name, den er auch nicht gerne ausſprach, aber als Juriſt wußte er ſeine Worte zu ſtellen. Es kann Alles ſehr gut ohne Namen gehen, wenn man nur will. Nach einer kleinen Stunde brachen die Perſonen, die nicht zur Familie gehörten, auf und verließen die Grotte. Man war nun ganz unter ſich und ging noch nicht gleich heim. Aufgeſordert von dem herzlichen und vertraulichen„Sophie,“ womit Hillner ſogleich ſeine Gattin angeredet hatte, bediente auch ſie ſich des Na⸗ mens, den ſie vor ſo vielen Jahren ſo oft ausgeſprochen, ſeither aber nur in der Welt ihrer Phantaſie gehört hatte; ſie nannte ihn Auguſt. Als Amalie dieß zum erſten Mal hörte, warf ſie cinen ſchnellen, aber lebhaf⸗ ten Blick auf ihren Vater. Es klang ihr ſo neu, ſo unerwartet; auch ihm lautete das Alte wieder ganz neu. Aber der freudige Glanz, der ſich beim Hören des Vor⸗ namens, womit ihn die erſte, warme, ewige Liebe be⸗ nannt hatte, um ſein Geſicht ergoß, bewies, wie glücklich er ſich dadurch fühlte; Oskar dachte:„Der Name Ma⸗ nuel liegt jetzt bei ſeiner Eugenie begraben.“ Elbers leerte ſeine Limonade in feierlichem Schweigen, hielt 354 mit der Zunge noch eine Nachernte von Wohlbehagen auf den Lppen und ſagte zu ſich ſelbſt:„Gott ſei Dank!. ich heiße nur Karl; ſo wird mir alſo hoffentlich das Schickſal nicht mehr als eine Frau ſchenken, wenn über⸗ haupt eine.“ Rührend war es, Konſtanzen zu beobachten. Ohne in die Begebenheiten und Geheimniſſe der Familie näher eingeweiht worden zu ſein, und ohne recht zu wiſſen, was eine Frau bedeute, erinnerte ſie ſich gleichwohl, daß ihr Vater ihre Mutter bisweilen ſo genannt habe, obſchon er gewöhnlich Frau Baronin ſagte. Jetzt be⸗ merkte ſie doch auch, daß er— denn ſie ſaßen tief in der Grotte und wurden nicht von den fremden Geſell⸗ ſchaften gehört, die von Zeit zu Zeit aus dem Saale hereinkamen und wieder hinaus gingen— ſie bemerkte, daß er auch zu dieſer friſch angelangten Dame, die ſie früher nicht geſehen hatte, hie und da„meine Frau“ ſagte. Die innige und wohlwollende Miene dieſer Dame hatte Konſtanzen ſogleich für ſie eingenommen; ſie be⸗ fand ſich zwar in ihrer Nähe, hatte ſie aber noch nicht angeredet. Frau Hillner, welche durch die Briefe ihrer Tochter ſchon längſt von dem licbenswürdigen Mädchen wußte, konnte beim erſten Anblick nicht im Zweifel ſein, bei wem ſie ſich befand. Malcolm und Konſtanze waren bereits bei Ankun't des Dampfboots am Strande ge⸗ ſtanden, um die von Upſala zurückkehrenden Geſchwiſter zu begrüßen, und hatten ſie von da zu Behrens be⸗ gleitet. Frau Hillner's erſter Blick konnte zwar un⸗ möglich anders, als mit einer gewiſſen Scheu, einer eigenen Unbehaglichkeit auf der Geſtalt eines Kindes ver veilen, das als der deutlichſte Zeuge deſſen vor ihr ſtand, was im Lauf der Jahre geſcheben war. Aber ſie hatte ſich bald ermannt, ſie hatte ſich in der Grotte geübt, ein Bild zu betrachten, welches, wie ſie ver⸗ muthete, der Baronin ſehr ähnlich ſein müßte Sie ſah das hellblonde Haar auf Konſtanzens Scheitel, und dachte dabei in einem geheimen Winkel ihres Herzens: 355 „Auguſt hat doch ſtets die ſchwarzen vorgezogen;“ und dann verglich ſie mit ſtummen Augen und ohne ein Wort zu ſprechen, Amaliens Locken mit denen der kleineren Schweſter. Man möge Frau Hillner verzeihen, wenn ſie dabei eine eigene Freude empfand! War es wohl Schadenfreude? Nein, aber dieſe Freude war doch die erſte Fürſprecherin zu Gunſten Konſtanzens bei ihr. Sie nahm das Mädchen in ihre Arme und küßte ſie mehr⸗ mals auf die Stirne, ja ſelbſt auf die Haare. Sie er⸗ innerte ſich aus Amaliens Briefen, wie mütterlich zärtlich die Baronin gegen dieſe geweſen war.„Dieſe Schuld habe ich jetzt abzutragen,“ dachte ſie, wenn am Hori⸗ zont ihres innern Himmels hie und da noch eine Spur von Unwillen gegen Konſtanzen aufſteigen wollte. Sie ergriff die Hände des Mädchens, führte ſie nach ihrem Sitze und liebkoste ſie unbemerkt. Hillner entdeckte je⸗ doch dieſe Bewegung und ein tiefer Seufzer entfuhr dabei ſeiner Bruſt. Er fühlte ſich leicht, wie wenn er die Hälſte ſeines Athems wieder bekommen hätte. In dieſem Augenblick hörte man einen Lauf auf der Harfe draußen— ein Arpeggio— der mit einem Tone ſchloß, welcher in der Harfenkunſtſprache sonharmonique ge⸗ nannt wird.„Was die Franzöſin ſchön ſpielt!“ ſagte Frau Hillner.„Dieſe Schlußtöne drücken ihre Dankbar⸗ keit für das aus, was ſie heute Abend bekommen hat,“ ſagte Hillner mit einem glänzenden Blick. „Das Publikum war ihr heute Abend nicht un⸗ günſtig,“ ſetzte Elbers hinzu.„Ich ſah ihren Teller reichlich beladen.“ „Wo hat denn die Arme ihre Heimath?“ fragte Sophie. „Sie reist ab.“ „Auf ewig? Ach ich möchte ſie doch gerne wieder hören!“ Zehntes Kapitel. Weihnachten in Lanutofta. Der Herbſt iſt vorüber, und wir ſchen uns wieder in Skane, aber nicht auf dem großen Gräſeholm, ſon⸗ dern auf Lanutofta, dem entfernteſten der Migneul'ſchen Güter. Wir haben ſchon ein paar Mal dieſen Namen gehört; wir müſſen jedoch in einigen Worten Rechen⸗ ſchaft davon geben, warum wir den Winter hier zu⸗ bringen wollen. Die ſeltſame Lage des Barons Migneul ſetzte ihn und— was er mit noch größerem Schmerze fürchten mußte— ſeine geliebte, unſchuldige Sophie mehreren Unannehmlichkeiten aus, die wie Skandal ausſahen, und die er nicht vermeiden/ ſondern nur durch Entfernung unmöglich machen konnte. Das, worüber ſchon Rut⸗ fors gegrübelt hatte, trat immer mehr an's Licht. Unter welchem Charakter ſollte Sophie Hillner in Skane auftreten? Als Gemahlin des Barons Migneul? Dann mußte ſie aber auch als Baronin Migneul an⸗ erkannt e und das war mit dem bloßen Namen nicht abgethan. Zu dem Endzweck mußte alſo Migneul zuerſt ein halbes Jahr um die Baronin Eugenie tranern, und ſich dann mit Sophie verbinden. Wenn auch das Letztere umgangen wurde, da es bereits einmal geſche⸗ hen, ſo waren wenigſtens die ſechs Trauermonate un⸗ umgänglich nothwendig, und während dieſer konnte Sophie nicht ohne Aufſehen zu erregen bei ihm ver⸗ weilen. Auch begriff er ihren Widerwillen gegen den Vorſchlag, daß ſie mit einem falſchen Namen ſeine Frau heißen ſollte. Er dachte daher nicht einmal daran. Oder ſollte ſie als eine Frau Hillner auftreten und in dieſer Eigenſchaft bei Baron Migneul wohnen? Innerhalb der Familie, die alle Verhältniſſe kannte, hatte dies nichts Anſtößiges, wohl aber vor dem Publikum. Oder ſollte ſie als eine Frau Hillner auftreten, die bei ihrem wirk⸗ lichen Manne wohnte, welcher dann die Maske Mig⸗ neul ablegen, ſeinen wahren Charakter wieder anneh⸗ men und auf's Neue als das in der Welt auftreten würde, was er war. Ohne Zweifel war das Letzte das Eyrlichſte. Baron Migneul wünſchte unbeſchreiblich, wieder Hillner werden zu können. Aber die Unannehmlichkeit einer ſolchen Auferſtehung von den Todten iſt nicht ge⸗ ring, wenn man aus einem unedlen Grunde geſtorben iſt. Wenigſtens konnte er ſich nicht ſo leicht zu dieſem Auswege entſchließen, auch würde ſeine Bigamie da⸗ durch offenkundig, und wenn auch dieſes Verhältniß nicht mehr juridiſch gefährlich für irgend Jemand war, ſo mußte es doch immerhin Aergerniß geben. Konſtanzens Zunamen würde dadurch mit Infamie geſtempelt. Um für den Anfang Zeit zu gewinnen, und die Sache überlegen zu können, wurde ein Ausiunftsmittel ergriffen. Der Hof Lanutofta lag in einer ſchönen Ge⸗ gend, aber in einer entlegenen Landſchaft, wo Migneul perſönlich nie geweſen war. Er hatte, wie große Her⸗ ren zu thun pflegen, den Hof ungeſehen gekauft. Aber Elbers kannte dieſen Ort und verſicherte den Beſitzer, daß er eine ſehr angenehme Lage habe. Die Zimmer, behauptete er, ſeien zwar nicht zahlreich, aber die Ein⸗ richtung gut. Auf der Hinreiſe von Stockholm hatte Elbers den Herrſchaften vorgeſchlagen, ſogleich Lanu⸗ tofta zuzufahren. Man gehorchte dem verſtändigen Juri⸗ ſten und ſchlug den Weg dorthin zu ein.„Hier,“ ſetzte er hinzu,„braucht ſich Baron Migneul nicht Hillner zu nennen— hm— und Herr Hillner braucht ſich nicht Migneul zu nennen, Niemand weiß, wer Sie ſind. Je⸗ des Glied der Familie kann ſich mit dem vertraulichen „Auguſt“ an Sie wenden; ich für meine Perſon, der darauf keinen Anſpruch hat, erbitte mir die Gnade, wenigſtens Herr Auguſti ſagen zu dürfen,“ ſo ſchloß 353 er, lüpfte dabei ſeinen breitkrämpigen Hut mit einem raſchen und zierlichen Kopfnicken. Der letztere Vorſchlag war natürlich nur Scherz. Frau Hillner, die nicht Juriſt war, verſtand von all' dieſen Bedenklichkeiten und Schwierigkeiten nur ſo viel, daß ihr Name der Stein des Anſtoßes war.„Könnte ich nicht als Deine Schweſter bei Dir wohnen? ſagte ſie eines Abends auf der Reiſe.„Der Name Hillner iſt in Schweden begraben, er iſt im Meere untergegangen. Heiße immerhin Migneul in der Welt; aber laß mich Dich ſo nennen, wie ich früher immer ſagte und noch ſagen will. Ich brauche Dich weder Migneul noch Hillner zu heißen. Auguſt iſt mein Wort, wie das Deinige Sophie.“ „Und ich ſollte Dich nicht als mein Weib aner⸗ kennen und benennen, Amalie nicht meine Tochter heißen dürfen? Nein! bei Gott, nein!“ „Amalie wird bald aufhören, Hillner zu heißen,“ erwiederte ſie.„So wird dieſer Name von ihr genom⸗ men. Baron Migneul kann die Baronin Ekenſparre wohl ſeine Tochter nennen. Dann bleib ich allein übrig— und ich— ich kann ſie ja Amalie, meine geliebte Amalie nennen, ich kann ja ihre Gouvernante gewe⸗ ſen ſein und wohne jetzt als Penſionairin bei meiner Schülerin.“ „Und Du ſollteſt ſie nicht anerkennen, nicht Deine Tochter heißen dürfen? Nein, bei Gott, ſo ſoll es nicht ſein!“ Frau Hillner ſchwieg, aber ihr Herz freute ſich doch über den Widerſtand, auf den ſie bei dieſer Frage traf.„Er liebt mich,“ ſagte ſie. Den ganzen Herbſt über kam Niemand nach Grä⸗ ſeholm, als Baron Oskar Ekenſparre.„Der alte Ba⸗ ron wird wohl den Winter in Stockholm genießen wol⸗ len, wie ſo viele andere Mitglieder des reichen ſta⸗ niſchen Adels,“ dachte man auf dem Gute. Rutfors grübelte. Aber aus Herrn Oskar konnte er nichts her⸗ ausbringen, nur ſo viel erfuhr er, daß die Hochzeit 35⁵9 nahe ſei, und daß Oskar künftig mit der Baronin Amalie in Gräſeholm wohnen würde.„Die Angelegenheiten mit dem gnädigen Herrn find alſo in Güte arrangirt?“— „Ja.“—„Nun, das iſt ſo weit ſchon gut, denn wäre die Sache wirklich vor Gericht gekommen, ſo würden die Herren Ekenſparre gewonnen haben,“ murmelte Rutfors bei ſich ſelbſt, lüftete ſeine Lederkappe und ver⸗ beugte ſich, wo er ſaß, vor Baron Oskar; aber von dem Contorſtuhle ſtand er deswegen doch nicht auf. Oskar rüſtete unterdeſſen Verſchiedenes in Gräſeholm, er ordnete Alles ſo, daß er ohne Nachtheil gegen Weih⸗ nachten auf einige Zeit abweſend ſein konnte. In Lanutofta lebte man den Herbſt über zwar weit eingeſchränkter, als es wahrſcheinlich der Fall geweſen wäre, wenn man ſeine Tage auf dem geräumigen und herrlichen Gräſeholm zugebracht hätte. Aber man ge⸗ wann an Gemüthlichkeit, was man an Großartigkeit verlor. Die Zimmer waren, wie Elbers ſehr richtig beſchrieben hatte, in geringer Anzahl vorhanden, aber ausgezeichnet gut eingerichtet. So wurde die Familie näher beiſammen gehalten. Bei Tage weilten beinahe Alle in einem Zimmer— dem Saale, denn einen Sa⸗ lon gab es in Lanutoſta nicht— höchſtens war Mal⸗ colm hie und da draußen im Wald oder auf dem See. Frau Sophie ſtickte an dem Brautkleid für Amalien; auch viele andere Dinge waren noch zu dieſem End⸗ zweck zu nähen, einzurichten und in Ordnung zu bringen. Amalie fuhr fort, Konſtanzens Studien zu beſorgen; doch gingen die wiſſenſchaftlichen Angelegenheiten jetzt weit ſchweſterlicher und freundſchaftlicher von Statten. Amalie hatte einige Arbeiten angefangen und brauchte oft ziemlich viel Zeit für ſich ſelbſt. Konſtanze ſaß einſt⸗ weilen bei Frau Sophie, lernte dort ſticken und verlor im Ganzen nichts dabei. Hillner ſelbſt brachte ebenfalls den größten Theil des Tages in dieſem Saale zu. Es fing an ihm unbe⸗ ſchreiblich wohl zu thun, daß er ſich mit den Seinigen 360. bekannt machte. Er las vor oder erzählte Geſchichten; er ſaß an der einen Ecke des Stickrahmens. Uebrigens hatte er Dinge vorgenommen, an denen er ſonſt nie einen Gefallen gehabt hatte. Er begann Malcolm Lek⸗ tionen zu geben, überhörte ihn und benahm ſich wie ein Hofmeiſter. Hätte man's glauben ſollen?„der gnädige Herr“ war vom Erdkreis verſchwunden! Man ſieht, daß die Erziehung nach allen Richtungen hin zur Hauptſache wurde, denn wenn eines Theils die Kinder auf die genannte Weiſe von den Aeltern in der Geſellſchaft Unterricht erhielten, ſo machte ſich auch eine Rückwirkung geltend. Die Alten— beſonders Herr Hillner ſelbſt— empfanden, wenn auch unbe⸗ wußt einen ſehr großen Einfluß von denen, mit welchen ſie ſich beſchäftigten. Man täuſcht ſich, wenn man glaubt, die Erzichung klebe nur an Kindheit und Ju⸗ gend. Sie iſt der Endzweck des ganzen Lebens. Nur die Gegenſtände ändern ſich; in der Jugend ſoll man lernen, ſo zu werden, wie die ältern Leute; aber wenn man in das reifere Alter gekommen iſt, ſoll man das große Geheimniß lernen, wieder jung zu ſein. Der ſpätere Curſus iſt oft ſchwieriger als der erſtere. Auch iſt er in unſerer Erziehung ſehr wenig vorgeſehen. Man legt ſich bei den Studien darauf, zu erſahren, und das iſt ſehr gut; aber man hat noch nicht recht eingeſehen, welch' eine große Bedeutung es für Herz und Vernunft hat, auf eine rechte Weiſe vergeſſen zu können. Man verwechſelt dies gewöhnlich mit dem gänzlichen Ver⸗ geſſen, mit dem Dumm⸗ und Einfältigwerden. Es iſt jedoch etwas Anderes. Es iſt der ganze Endzweck des ſpäteren Lebens, ſofern der Menſch liebenswürdig für die Erde und möglich für den Himmel werden ſoll. In der Moral iſt es daſſelbe, wie verzeihen(vergeſſen) und Verzeihung(Vergeſſenheit) erhalten. In der Re⸗ ligion iſt es die Lehre Chriſti:„Wenn ihr nicht werdet wie dieſe Kleinen——“ und in dieſen Worten eben liegt die große Lehre für alle Erwachſenen. Die Ider 361 der Vergeſſenheit in dieſem höheren Sinne begreiſt nichts Anderes in ſich, als den Zuſammenguß der ein⸗ zelnen kleinen Kenntniſſe durch einen Schmelzungsprozeß in der Seele, wodurch das ſpezielle Wiſſen zwar nicht nutzlos verloren geht, aber doch in dem Bilde des . Ganzen verſchwindet, was eben die Vollendung der Bildung iſt. Das Einzelne hebt dann nicht mehr ſeine Spitzen, ſeine Atome beſonders hervor, aber alle Ein⸗ zelheiten ſind da und können zurückgerufen werden, wenn eine oder die andere nothwendig wird. Mit der Art Vergeſſenheit, von der wir hier ſprechen, iſt alſo das Gerächtniß ſehr genau verknüpft. Wenn man dieſe großartige Vergeſſenheitslehre eine Neuerung nennen wollte, ſo bemerken wir nur, daß ſie zu den älteſten auf Erden gehört, zu denen, die jedoch trotz ihres Al⸗ ters in jedem Jahrhundert auf's Neue gepredigt werden müſſen. Sie iſt jenes antike Eſſen vom Baum des Lebens. Dieſer Genuß vom Baum der Erkenntniß im Guten und Böſen wird uns im erſten Stadium der Erziehung beigebracht, in dem Curſus, der von der Kindheit bis zu den reiferen Jahren zählt. Dieſe Lehre hat zum Zweck, uns verſtändig zu machen, die erſte einfache Kraft der Seele zu brechen und in Reflexion zu zerſplittern, zwiſchen Gutem und Böſem unterſchei⸗ den zu lernen(was zwar urſprünglich den unglücklichen Sündenfall bewirkte, aber doch nachher von denſelben Inſtitutionen, die den Fall aus ſo vielen Gründen be⸗ klagen, als das Wichtigſte gelehrt wird). Das zweite Stadium der Erziehung beſteht im Eſſen vom Baum des Lebens, ſofern das Leben für den Menſchen gut ſchließen ſoll. Jetzt muß die Reflexion, die Zerſplitte⸗ rung in der Seele auf's Neue zu einer einfachen Kraft, einer ungebrochenen Anſchauung werden. Die Unter⸗ ſcheidung zwiſchen Gutem und Böſem hört auf, doch nicht ſo, daß ſie in Nichts zerfällt, ſondern als ein Inſtinkt für das Rechte in der Seele zurückbleibt, nicht mehr aber als eine Spezialkenntniß, die bei jedem Amalia Hillner. 24 362 einzelnen Fall ihre Hörner hervorſtreckt(jene Erinne⸗ rungen, jene Zänkereien, wo man beſtändig ruft: ſieh! das iſt gut! das iſt böſe! das iſt ſchön, das iſt häßlich!) Wiſſenſchaft und Kunſt ſtehen in demſelben Verhältniß zu einander wie das, was wir hier das erſte und zweite Stadium der Erziehung genannt haben: Kenntniß und Vergeſſenheit: Reflexion und eine zum zweiten Mal wiederkehrende Anſchauung. Wenn jede Wiſſenſchaft in ihrem Fach auf die Unterſcheidung des Wahren oder Falſchen, des Rechten oder Unrechten, des Guten oder Böſen hinarbeitet, ſo iſt dagegen die Kunſt der Genuß vom Baum des Lebens. An ihrem Horizont handelt es ſich nicht mehr darum, die Dinge als gute oder böſe zu unterſcheiden, ſie find nur vorhanden. Ihr Unter⸗ ſchied iſt darum nicht fort, er iſt nur nicht mehr ſicht⸗ bar in der Heimath der Kunſt; die Spitzen ſind herab⸗ geſchmolzen, aber die Maſſe ihres ganzen Inhaltes iſt noch da, als ein höherer Blick, als Inſtinkt, und das Letztere zum zweiten Mal. Wäre dies nicht der Fall, dann wäre der Genuß vom Baum des Lebens Sünde, was doch nicht ſein kann. Ebenſo wenig iſt die Kunſt Sünde. Als dieſe Betrachtungen ſich in Hillners Weſen geltend machten, ſchloß er mit den Gedanken:„wie wir Alten die Jugend zur Erkenntniß des Guten und Böſen, dieſes jetzt ſo nothwendigen Unterſchiedes her⸗ anzuerziehen hatten; ſo muß es die Jugend ſein, die uns durch ihren Einfluß zu dem Vermögen erzieht, vom Baum des Lebens eſſen zu können. Das Buch der Schöpfung ſagt uns, daß dies urſprünglich das Erſte war, aber verloren ging. Das Evangelium lehrt uns, daß wir es wieder gewinnen müſſen; wir müſſen wer⸗ den wie die Kinder, nämlich zu Liebe und Glauben kommen, was die eigentliche Kunſt iſt. Das iſolirte Wiſſen, das Gut⸗ und Böſe⸗leben liegt dazwiſchen. Die Wiſſenſchaft hat die Kunſt vor ſich und hinter ſich.“ Keine Zeit verlockt ſo ſehr zu Betrachlungen wie der Herbſt. Man beginnt mehr und mehr daheim zu ſitzen. Wenn man dann eine Seele hat, ſo öffnet ſie ſich; ſie ſchlägt in Blüthen aus, wenn die Blüthen der Erde vollendet haben. Das Verhältniß zwiſchen Sophie Hillner und ihrem Gatten hatte eine wunderbare Wendung genommen. Die zahlreichen Jahre, welche zwiſchen ihrer erſten Be⸗ kanntſchaft und ihrer jetzigen lagen, traten immer be⸗ deutungsvoller hervor. Da Sophie mit jedem Tage mehr ſah, wie warm und innig ſie geliebt wurde, ſo gab ſie ſich ohne Rückhalt der Zärtlichkeit und Vertrau⸗ lichkeit hin, und Herrn Hillner war es nirgends wohl als in ihrer Geſellſchaft. Aber ohne es zu wollen, zu wiſſen oder zu begreifen, kamen ſie immer mehr in ein geſchwiſterliches Verhältniß zu einander. Die Farbe ihrer Unterhaltung wurde die einer Schweſter und eines Bruders. Die ſchönſte Freundſchaft entfaltete ihre Lilie. Achtzehn Jahre warfen einen Gasſchleier über ihre erſte Liebe. Der Gas war durchſichtig, aber unter ihm zeigte ſich die Geſtalt der Liebe als Ergebenheit: es war ein drapirter Amor. Ruhe und Gemüthlichkeit entſprangen daraus. Auch dies find Blumen, Herbſtblumen. Alles was Sophie Hillner in dunkeln Stunden ſo ſehr von der früheren Bekanntſchaft ihres Gatten gefürchtet hatte: eine abge⸗ kühlte Liebe für ſie ſelbſt, Entfremdung, Mangel an Offenheit und Vertrauen erſchien nicht, und Alles, wo⸗ vor auch Hillner ſeinerſeits gebebt hatte: Vorwürfe, Zorn, Eiferſucht, ein Nachtragen der vergangenen Jahre zeigte ſich ebenfalls nicht. Er hatte es ſich anfangs zur Regel gemacht, mit Sophie nie ein Wort von Eugenie Guemarez zu ſprechen. Vielleicht war es eben dieſes große Schweigen— nicht eine melancholiſche Verſchloſ⸗ ſenheit über einen Gegenſtand, der in der Wirklichkeit weit höher geſprochen hätte, als alle Worte, ſondern ein einfaches Schweigen— was bei Sophien die Sehn⸗ ſucht erweckte, doch Etwas von Der zu vernehmen, die dieſen Mann beſeſſen hatte. Durch die Brieſe ihrer Tochter war ſie vortheilhaft gegen eine Unbekannte ge⸗ ſtimmt worden, die ſie haſſen ſollte, aber nicht konnte. Sie eröffnete daher jetzt ſelbſt das Geſpräch über die Hingegangene, und ſie that es mit ſo viel Freundlich⸗ keit, daß Hillner erſtaunte. Dieſer Zug von Sophien vollendete ſeine unbegrenzte Liebe zu ihr. Sollte man es glauben? Auf Sophiens eigene Bitte zog er die tauſend Briefe hervor, die zwiſchen ihm und Eugenie gewechſelt worden waren. Es war eine der liebſten Beſchäftigungen der reizenden Fran⸗ zöſin geweſen, ihre Gedanken und Gefühle auf das Papier zu bringen.„Man wird gezwungen zu lernen, wenn man denkt; man wird aber gezwungen, doppelt zu lernen, wenn man ſeine Gedanken aufſchreibt,“ pflegte ſie zu ſagen, und wirklich hatten ſie und Migneul oft in demſelben Zimmer von zwei Toilettentiſchen aus, die vor dem nämlichen Sopha und ſo nahe ſtanden, daß ſie ſich die Billete mit der Hand hinreichten, mii einander korreſpondirt. Dieſer Briefſchatz zeugte von der feinſten Zärtlichkeit, der reinſten Liebe, der einzigen, welche das Verhältniß des Mannes und Weibes zu einander adelt und ohne welches Alles andere nichts oder eine Laſt iſt. Und die wahre Liebe dauert für das Leben, für die Ewigkeit. Sophie las dieſe Briefe eines Nachmittags in Lanutoftas vor Alter dicht verwachſenem Garten, ſie las ſie in Geſellſchaft ihres Gatten und mit Thränen des Entzückens. Als er ihre Rührung bei der mitgetheilten Brief⸗ ſammlung bemerkte, fühlte er ſich ſo tief ergriffen, daß er ſeine Gattin entzückt in ſeine Arme ſchloß und ſagte: „O Sophie! zwiſchen mir und Dir iſt kein ſolcher Briefwechſel auf Papier verzeichnet zu leſen, aber blicke auf Amalien! Iſt ſie nicht ſchöner als Konſtanze? O Sophie! Dein Herz war das Papier, auf das ich ſchrieb, und Deine Augen haben den meinigen Dinge geſchrieben, wie keine Hand ſie aufzeichnete und auf⸗ 365 zeichnen konnte. Unſere Briefe liegen in einer unſicht⸗ baren Heimath verborgen. Eugeniens und meine Cor⸗ reſpondenz wird auf Erden bewahrt.“ Sophie erwiederte leiſe und mit der Stimme eines Engels:„Ich kenne ihre letzten Augenblicke. Ich bitte und glaube, daß ihr eine ewige Heimath wird, wo die unſchuldigen und erlösten Weſen ſich verſammeln und wo auch ich ſie ſehen— und lieben— ja ſie lie⸗ hen vurfat Von Malcolm iſt zu melden, daß er in Lanutofta ein weit artigerer Knabe wurde, als er in Gräſeholm geweſen war. In dem Maße wie ſein Stiefvater mit ihm ſtudirte, mit ihm ſprach und ſich mit ihm beſchäf⸗ tigte, wurde er ſelbſt ein offenerer und heiterer Gent⸗ leman. Er ſah zwar allerdings nicht aus wie Oskar, er war nicht ſo geſchmeidig, zart und gefühlvoll; aber er ſchien mit der Zeit einen feſteren Körperbau zu be⸗ kommen und ſein Gemüth neigte ſich zum Humoriſti⸗ ſchen, wodurch er die Geſellſchaft vft ergötzte. Verglich man die Brüder mit ein paar Bäumen, ſo mußte man Malcolm eine Eiche, Oskar eine Birke nennen. Sophie Hillner übernahm immer mehr und mehr die Erziehung ihrer kleinen Konſtanze. Amalie ſtand auf dem Punkte, in einen andern Beruf überzugehen, ſie mußte ſich zu einer Thätigkeit und zu Pflichten vor⸗ bereiten, die anderer Natur waren, als die einer Gou⸗ vernante.„Laß mich dafür ihre Stelle einnehmen,“ ſagte Frau Hillner zu ihrem Mann.„Ich war die Leh⸗ rerin Deiner Amalie, ſo gut ich es konnte. Darf ich es nicht auch Deiner Konſtanze werden?“ So vergingen Tage und Wochen unter einer Be⸗ ſchäftigung, die ein Vergnügen war. Weihnachten nahte heran. Oskars und Amaliens Hochzeit war auf das Dreikönigsfeſt beſtimmt. Amalte ſagte einmal zu ihrer Mutter, als ſie allein ſaßen:„Ich muß Dir ſagen, was ich für den Vater beſtimmte, liebe Mutter. Ich habe noch zwei Aufträge ——— zu erfüllen, die mir die Baronin Eugenie gab. Sie iſt todt, ich darf daher jene nun um ſo weniger ver⸗ ſäumen.“ Amalie zog ihr Bild hervor.„So ſieht der Hain der Erinnerung aus, meine Mutter, von dem ich in meinem erſten Briefe ſchrieb. Auf dieſen Stamm hier hat mein Vater ſelbſt die Buchſtaben B. S. H. eingeſchnitten. Du wirſt dieſen Hain eines Tages in Gräſeholm ſehen. Er iſt ſchöner als meine Zeichnung, aber er iſt weit nicht ſo ſchön, als das Bild himmli⸗ ſcher Erinnerung, das mein Vater ewig von Dir in ſeiner Seele trägt. Die arme Baronin täuſchte ſich darin, daß ſie glaubte, dieſes Weihnachtsgeſchenk ſollte ihn an ſie erinnern. Es erinnert ihn an Dich und mich. Aber ſie wollte es. Deßhalb will ich darunter ſchreiben: „Eugenie Guemarez befahl dieſes Weihnachtsgeſchenk,“ ſo erhält mein Vater eine Erinnerung an die, der er vor Allen dafür zu danken hat, daß Du und ich hier ſind.“ „Recht, Amalie! ſchreibe dieſe Worte.“ „Aber hier, Mutter, iſt das zweite Weihnachtsgeſchenk. Sieh, welch ein Sammet! Er kommt aus dem Vaterlandder Baronin. Dieſer goldene Olivenzweig iſt nach einem Muſter genäht, das ſie aus ihres Vaters Zeiten her bewahrt hat. Ich ließ Konſtanzen die Stücke der ſchönen Mütze zuſammen nähen, ſo wird es, wenn Du es erlaubſt, im Geſchenk eine Erinnerung von Eugenie Guemarez und Konſt—“ „O Amalie! gib mir dieſe Arbeit,“ ſagte Sophie Hillner.„Siehſt Du nicht, daß hier unten an der Mütze eine Einfaſſung nöthig iſt? Gib ſie mir, Amalie, ich will eine ſchmale ſchwarzſeidene Schnur darunter nähen, weit unter der reichen goldenen Olivenranke. Glaubſt Du nicht, daß es ſo recht werden wird?“ So ſprachen Mutter und Tochter über ihre Her⸗ zensangelegenheiten mit einander, bis der Weihnachts⸗ abend herankam. Gewiß verſtand ſie der Vater. Eu⸗ genie hatte ihm das Weihnachtsgeſchenk vön Sophien und Amalien gegeben; aber Sophie hatte die letzte Hand an das Andenken von Eugenie und Konſtanze gelegt. 367 Kurze Zeit vor dem beſten und kindlichſten Feſte ves Jahres war auch Oskar angelangt. Er hatte ſich zwar ſchon vorher hie und da in Lanutofta gezeigt; aber jetzt wurde es Ernſt. Zahlreiche und koſtbare Weihnachtsgeſchenke erſchienen auf einem Tiſche, wo Wachslichter brannten und der Laugenfiſch den Süßig⸗ keiten die Hand reichte. Was für Schachteln ſah da nicht das Auge! Erſt jetzt traten auch die Geſchenke an's Licht, die Oskar und Amalie Frau Hillner nach Upſala gebracht hatten, als ſie glaubten, daß dies nöthig ſein dürfte. Sie hatten damals nicht kund zu geben gewagt, was ſie im Sinne hatten. Und mit Freuden hatten ſie dann gefunden, daß es durchaus nicht von Nöthen war. Der kindliche Gedanke, das gute Verhältniß der Eltern herzuſtel⸗ len, war aber deßhalb nicht weniger gut und ſchön geweſen. Aber es war auch die innige und reine Abſicht der Eltern geweſen, ein gutes Verhältniß zwiſchen ihren Kindern herzuſtellen. Das Neujahr erſchien. Der Drei⸗ fönigsfeſt⸗Morgen ſah Amaliens ſchwarzes Haar zur unter einer eleganten Haube mit azurblauen ändern. Eilftes Kapitel⸗ YDie Annonre. Unſere Maibäume ſollten eigentlich im Mai auſ⸗ geſtellt werden; wir haben aber nur unbedeutende Blu⸗ men in dem Blumenmonat unſeres Kalenders. Wir verſparen alſo unſern Mai bis Johanni und wir thun recht daran. Wir wiſſen ſchon von früher her, daß die Gräſe⸗ holmer Hexrſchaft nicht nur das kleine romantiſche La⸗ nutofta beſaß, ſondern auch ein anderes Schloß mit Hof, Adpertinentia Palatii würde es im Mittelalter geheißen haben; in neueren Zeiten aber hat man in Skane das Wort Palaſthof in Platthof zuſammengezo⸗ gen. Dieſes andere Werk, der Platthof, von dem wir jetzt ſprechen, war Hermarp. Die Herrſchaft Ekenſparre machte während des Frühlings häufige Reiſen nach Lanutofta hinüber, um ihre Eltern zu begrüßen. Frau Oskar hatte es als eine regelmäßige Sitte eingeführt, wenigſtens einmal in der Woche dahin zu fahren. Der Baron ſelbſt that es eben⸗ falls ſehr gerne, beſonders ſah er ſeine Schwiegermut⸗ ter mit einer Reigung, die mit jedem Male wuchs. Aber er war jetzt Herr in Gräſeholm und mußte nach ſeinen Angelegenheiten ſehen, konnte daher ſeine Frau nicht jedes Mal begleiten. Bei dieſen Gelegenheiten kleidete es die Baronin Amalie jedenfalls nicht übel, wenn ſie in dem ſchönen Wagen— Oskar Ekenſparre hatte ſich von Kopenhagen aus ein Coupe kommen laſ⸗ ſen— wenn ſie in der einen Ecke des ſchönen Wagens eine Reiſe unternahm, die für ſie eine Wallfahrt nach der Wiege der Liebe war. Und wie wurde ſie nicht empfangen! Nie ſtrahlen der Eltern Augen von einem höhern Glanze, als wenn ſie Kinder betrachten, die ſelbſt im Begriffe ſind, Eltern zu werden. Um Alles in's Reine zu bringen, hatte man die ſchriftliche Uebereinkunft getroffen, daß die alten Leute das volle Eigenthumsrecht auf Lanutofta nebſt den da⸗ mit verbundenen Gütern auf Lebzeiten haben ſollten. Das übrige Beſitzthum wurde in zwei Hälften getheilt, wovon die eine— nämlich Gräſeholm mit dem größ⸗ ten Theil ſeines Hofes— als Eigenthum des Barons Oskar Ekenſparre, ſeiner Frau und präſumtiven Nach⸗ kommen erklärt wurde; die andere dagegen— ganz Hermarp nebſt einem kleinen Theil der Gräſeholm'ſchen Güter, die nöthig waren, um die Looſe gleich zu machen — wurden, was das Eigenthumsrecht betraf, für die Zu⸗ kunft bei Seite geſetzt. Aber der ganze Ertrag deſſelben ſollte Baron Malcolm zu Gute kommen, und was nicht 7—— 86⁰ darauf ging, als Kapital für ihn zurückgelegt werden⸗ Es iſt klar, daß, wenn die Ahnungen in Betreff ſeiner und Fräulein Konſtanze keine Frucht trugen, künftig noch ein großer Streit darüber entſtehen mußte, wem endlich die Hermarp'ſchen Güter zufallen ſollten. Doch wir überlaſſen das einer weiteren Geſchichte. Das Auskunftsmittel, das man anfangs nur für einſtweilen ergriffen hatte, nämlich die Nieverlaſſung der alten Herrſchaft in Lanutofta ſchien alſo das eigentliche und feſtbeſtimmte zu werden. Die Gewalt der Zeit hat ſich oſt ſo wohlthuend für die Ausgleichung ſchwieriger Verhältniſſe erwieſen, und wenn ſich vor menſchlichen Augen kein Mittel zeigt, um ein klägliches Chaos zu entwirren, ſo geht es manchmal vorüber und wird gut, ohne daß man es überhaupt entwirrt; man braucht es nur gehen zu laſſen. Wir ſehen hier wieder die glück⸗ liche Macht der Vergeſſenheit. Der ſcharſſinnige Hofgerichtsnotar Elbers hatte aus dem unbedeutendſten Zufall einen Ausweg ermittelt, worüber er unverzüglich an Migneul ſchrieb. Ein Theil ſeines Briefes lautete wie folgt: „Sie wiſſen, Herr Baron, daß keine von den Al⸗ ternativen, worauf wir bisher bedacht waren, zum Zwecke führte. Wenn der Herr Baron fortfährt, Migneul zu heißen, ſo kann Frau Hillner als eine ſolche nicht als Gattin des Herrn Barons anerkannt werden. Wenn der Herr Baron erklärt, er ſei ſchon dadurch ihr Gatte, daß er ſich als der verſchwundene Hillner zu erkennen ibt, ſo wird dadurch zwar ſo viel gewonnen, daß der o wieder angenommene Name des Herrn Barons mit dem der Frau übereinſtimmt, aber die zu fürchtenden Unannehmlichkeiten und Skandalia laſſen dieſen Vor⸗ ſchlag verwerfen. Der dritte Ausweg, nämlich: Frau Hillner in eine Baronin Migneul zu verwandeln, hat das gegen ſich, daß es eine neue Trauung erforderte, was eine Art Verhöhnung des Heiligſten in ſich trüge, indem ſie mit einer Perſon geſchähe, mit der man be⸗ 370 reits ſchon einmal copulirt worden wäre. Zu dieſem wird ſich gewiß ein ſo reiner und religiöſer Cha⸗ rakter, wie der der Frau Hillner iſt, nicht hergeben wollen, und der Herr Baron will bei ſeinen achtund⸗ vierzig Jahren gewiß auch keinen Hohn treiben. Nun gibt es aber ein viertes. Nehmen Sie einen neuen Namen an! Dazu hat Jedermann das Recht, wenn nur die Sache gehörig in den offiziellen Zeitun⸗ gen bekannt gemacht wird. Aber bemerken Sie wohl: nehmen Sie„Hillner“ zu dieſem neuen Namen. Das heißt, nehmen Sie ihn nicht als einen alten wieder, fondern als einen neuen. Treten Sie nicht als der längſt Verſtorbene auf, was all' die Widerwärtigkeiten mit ſich führen würde, über die wir oft und viel ge⸗ ſprochen, ſondern zeigen Sie nur ungefähr Folgendes an: „„Der Endesunterzeichnete, der früher Baron Mig⸗ neul hieß, aber nicht von ſchwediſchem Adel noch unter den Baronen des ſchwediſchen Ritterhauſes eingeführt iſt, hat aus gewiſſen Gründen und um nicht in dieſem Lande einen ausländiſchen und uneigentlichen Titel zu führen, es für gut befunden, ſich künftig Hillner zu nenen, was zur Vermeidung von Colliſionen und zur Benachrichtigung der Behörden hiemit bekannt gemacht wird. Hillner, Eigenthümer von Lanutofta⸗Hof mit den Bjäras⸗Mühlen und dem Sägwerk Hymle.““ Wenn Sie auf dieſe Weiſe ganz wie Frau Hillner heißen, ſo braucht ſie nicht das Geringſte in ihrer Per⸗ ſönlichkeit zu ändern, und kann doch Ihre Frau ſein. Ebenſo werden Sie ſelbſt ein Hillner, ohne ein Art Verantwortlichkeit für den Verſchwundenen übernommen zu haben. Denn was dieß betrifft, daß Sie denſelben Namen haben, ſo gibt es ja überall dergleichen Na⸗ mensähnlichkeiten. Wie viele„Bergſtröm“ hat nicht unſer Schweden? wie viele„Strömberg“? Das hat nicht das Geringſte zu ſagen. Die Herrſchaften werden † 6 † 6 371 Herr und Frau, ohne daß es einer neuen Trauung bedarf, denn Alles, was durch eine ſolche gewonnen wird, nämlich ein Namen, iſt dann ſchon vorhanden. Frei⸗ lich wird ſich mancher wundern, aber das geht vorüber. „Sollte der Herr Baron mir das Vergnügen ma⸗ chen und dieſen Ausweg ergreifen, ſo ſetzen Sie mich nur in Kenntniß davon und ich rücke dann die Erklärung ſogleich in die Staatszeitung ein. Nur um Eines bitte ich Sie: rechnen Sie dieſe Erfindung nicht mir zur Ehre an. Ich las geſtern zufällig in der Zeitung eine ähnliche Erklärung von einem Apotheker, der unter ſei⸗ nem früheren Namen eine Ohrfeige bekommen hatte. Aber andere Perſonen können ganz andere und ſehr eh⸗ renhafte Gründe dafür haben. Der Erzbiſchof Lindblom ließ junge Geiſtliche ihren rechten Namen ablegen, die ſonderbarſten annehmen und ſie das ganze Leben lang tragen— ſo Mühlenderlein, Brydorf, Sandry— nur um die Alten zu beluſtigen. Ich zeichne mich ꝛe. 2c. Karl Elbers.“ So kleinlich und ängſtlich dieſe Formalitäten uns ohne Zweifel vorkommen, ſo gewiß iſt es doch, daß ſie für Perſonen in Herrn und Frau Hillners verwickelter Lage einen nothwendigen Gegenſtand der Berathung bilden mußten. Die Geſellſchaft legt ein Gewicht darauf. wie Dinge und Menſchen heißen. Sie begnügt ſich nicht mit dem, was ſie ſind, und mit der natürlichen Form, die ihr wahres Weſen nothwendig mit ſich führt. Die Folge davon iſt, daß die Geſellſchaft zu ihrem ei⸗ genen Schaden das Weſentliche aus dem Geſichtspunkt verliert, weil fie ihre Forderungen nicht nach dem Maß⸗ ſtabe richtet. Nigneul antwortete Elbers, daß er mit Vergnü⸗ gen auf ſeine Vorftellungen eingehe. Bald las man die Anzeige in der Staatszeitung und von dieſem Au⸗ genblick an verſank der Baron Migneul in die unter⸗ irdiſchen Stufen des Lethe. Zwölftes Kapitel. Beim Harmarper Maibuum. Herr Auguſt Hillner, der Eigenthümer von Lanu⸗ tofta⸗Hof mit den Bjärasmühlen und dem Sägewerk Hymle, trat eines Nachmittags zur Faffeezeit mit jener vortrefflichen Nummer der Staatszeitung in den Sagl. Er küßte ſeine Frau, die dort allein ſaß und ſagte: „Jetzt iſt es abgemacht!“ In dieſem Augenblick ſah er ganz jung aus. „Nun, meine beſte Sophie,“ fuhr er fort,„kannſt Du wieder unſern alten Trauring hervornehmen und ibn aufs neue tragen, wie in den ſchönen Tagen von Sparrakra. Ich habe ihn hier noch nicht an Deinem Finger geſehen, und ich habe Deine Delikateſſe, Deine Klugheit gebilligt, ſo lange die Sachen noch nicht ar⸗ rangirt waren, aber jetzt—“ Frau Hillner erwiederte nichts, aber eine Bläſſe zog ſich über ihre Wangen. Kein Donnerwetter, aber doch eine gewiſſe Ver⸗ wunderung ſchien ſich auf Hillners Stirne zu ſammeln. „Du wirſt Dich erinnern, welchen Werth wir damals auf dieſen Ring legten,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort.„Auch Du hatteſt den halben Antheil an dieſem Werth, Sophie. Du wirſt Dich erinnern“— ſetzte er in weichen und innigen Tönen hinzu.„Sollte dieſer Schatz von unſerer Jugendliebe verſchwunden ſein—“ Frau Hillner brach in Thränen aus. „Dieſer Trauring,“ fuhr er fort,„wurde für Geld gekauft, das an Deinen und meinen Fleiß als Kinder mahnen ſollte, erinnerſt Du Dich noch? Unſere Eltern hatten die kleine Summe von unſerem Arbeitsverdienſt oder die Belohnungen geſammelt und zurückgelegt, die ſie uns für kleine hübſche Arbeiten, die Du verfertig⸗ teſt, und für Uebungsſchriften, die ich vollendete, ga⸗ ben. Ein unbedeutender, aber doch ſo liebenswürdiger — Werth! Ein ſolcher Ring war nicht nur das Verbin⸗ dungsglied zwiſchen uns, ſondern auch zwiſchen uns und unſern Eltern.“ „Auguſt— um Gotteswillen— ſprich nicht davon.“ „Und wo iſt er hingekommen?“ „Ich— weiß es nicht.“ Hillner machte ein Geſicht, das ein wenig nach dem Baron Migneul ſchmeckte. „Höre mich,“ ſagte Sophie:„Es war in der Woche, da Du krank lagſt. Sie ſagten, Du ſeieſt krank— aber ich war es wirklich. Ich phantaſirte, ich wußte von nichts. Während meiner Krankheit ver⸗ ſchwandſt Du! Ih glaubte, Du liegeſt unter dem Erdhügel begraben.“ „Sophie— um Gottes Willen— ſprich nicht da⸗ von— verzeih' mir, daß ich nur von dieſem Gegen⸗ ſtand anfing.“ Aber ſie fuhr fort:„Eines Morgens während meiner Krankheit— Du warſt damals noch nicht beer⸗ digt— erwachte ich zur Beſinnung. Ich ſah auf mei⸗ nen Finger, der Ring war fort. Da verfiel ich aufs Neue in Phantaſien und das Fieber endigte erſt, als Malina mir ſagte, daß Du nicht mehr lebteſt.“ „Und der Ring war fort?“ „Ich hatte nur einen Traum über die Art, wie es dadei zugegangen ſein mußte. Wie es in Wirklich⸗ keit geſchah, weiß ich nicht. Einmal während meines Irrwahns meinte ich Dich, Auguſt, todt, eine Leiche, zu ſehen. O Gott— aber Du lagſt nicht in einer Bahre, ſondern auf dem Verdeck eines Schiffes, und ich ſah Dich über das Meer ſegeln. Ich hörte eine Stimme, die ſagte, daß nur der Trauring Dich von Deinen Ge⸗ fahren auf Erden retten könnte. Da eilte ich im Traume fort, ich ſprang auf und hinaus, ich flog über die Wel⸗ len, um Dir zu nahen und Dich zu retten⸗ Aber ich erreichte Dich nicht. Du betrateſt ein anderes Land. Dort ſah ich Dich vom Strande einen andern Ring von 374 falſchem Karate aufheben. Entſetzt rief ich: laß es! laß es ſein! Ich zog meinen eigenen Ring vom Fin⸗ ger und warf ihn Dir nach, ſo weit— ſo weit ich es vermochte. Ich ſah nichts mehr; aber als ich erwachte, war der Ring von meiner Hand weg. Ich glaube, daß ich während dieſes Geſichtes im Traume ging und den Ring wegwarf; aber wohin? Keines von den Dienſt⸗ leuten fand ihn, ungeachtet der genaueſten Nachforſchung in allen Zimmern. Kannſt Du mir verzeihen, Auguſt?“ Hillner ſaß in wunderbaren Betrachtungen über die vergangenen Jahre vertieft; er reichte ſeiner Gattin die Hand.„O Sophie, ich bin es, der Dich um Gottes Willen um Verzeihung zu bitten hat. Ach, wenn Du wüßteſt, wie wahr Du geträumt haſt! Kannſt Du mir verzeihen?“ „Doch möchte ich ſo gern einen Ring an Deinem Finger ſehen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort.„Mein Herz will dieſe Freude nicht entbehren, aber einen neuen machen laſſen— unmöglich! und wo iſt der alte? Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich ihn wieder ſe⸗ hen dürfte!“ Sophie trat zu ihrem Gatten hin und hob ihre linke Hand empor; ſo weiß und unſchuldig ſah nie eine Hand aus„Kannſt Du Dich auch ohne Ring mit ihr vertragen? Ich kann nichts davor— ich kann nichts davor,“ ſagte fie. Auguſt Hillner ſchloß ſie in ſeine Arme. Die Fa⸗ milie verſammelte ſich gegen Abend wie gewöhnlich. Leben und Luſt erwachte im Saale zu Lanutofta; aber Hillner vergaß Malcolm eine Lektion für den morgen⸗ den Tag aufzugeben. Er ſetzte ſich nieder und las aus einem von Sophie's Lieblingsbüchern vor. Die Tage vergingen. Aber oft ſeufzte Auguſt Hillner im Stillen, wenn er die Augen auf die Hand ſeiner Gattin warf. Gegen Ende des Frühjahrs nahm man ſich vor, Reiſen zu machen. Dieß iſt ungemein geſund. Es 375 vildet ein Vergnügen für den Geiſt, der ſeinen Geſichts⸗ kreis erweiterk, und für den Körper, der ſich bei dieſer Bewegung zuſammenzieht und eine feſtereHaltung bekommt. Man beſchloß in großer Geſellſchaft: nämlich Hill⸗ ners, Ekenſparres und der zwei jungen Leute fortzufah⸗ ren; auch Elbers und verſchiedene von den artigſten Effigienſern: Ortolan, Engeltofft, Loofors, lauter Leute, die auf Oskars Hochzeit getanzt hatten, und ſeitdem oft in den beiden Häuſern geſehen wurden, ſollten die Parthie mitmachen. Hillner liebte die vor⸗ trefflichen jungen Männer immer mehr, je bekannter er mit ihnen wurde. Er würdigte den doppelten End⸗ zweck ihrer Geſellſchaft, indem ſie ſich eben ſowohl in der Geſetzeskenntniß übten, als auch für die große Sache der Mäßigkeit zum Nutzen des ganzen Volkes wirkten. Herr Hillner hatte die Statuten eines Vereins ausge⸗ arbeitet, den er im Sommer, wo er alle ſeine Güter beſuchen wollte, ins Werk zu ſetzen beabſichtigte. Einſt⸗ weilen wollte man während des ſchönſten Theils des Frühlings beim Uebergang in den Sommer ſeine kleine Erholungsreiſe machen. Man ſchlug den Weg gegen den Sund ein, und gerieth auf den ſchönen Gedanken, Kopenhagen zu beſuchen. Eine leichter errungene Zer⸗ ſtreuung gibt es nicht für mehr oder minder verdrieß⸗ liche Staninger. Malmö hat ein Dampfboot, das nur drei bis vier Stunden zur Ueberfahrt nach der Haupt⸗ ſtadt des Bruderſtammes braucht. Für Frau Hillner und die Baronin Ekenſparre bildete der Oereſund mit ſeinen Kopenhager⸗Thürmen, die im fernen Weſten auf dem Waſſer ruhten, ein Ge⸗ mälde von früher nie geſehener Färbung. So ſah das ungleiche, an jedem Punkte wieder verſchiedene roman⸗ tiſche Stockholm nicht aus. Die Küſte von Seeland ent⸗ ſchleierte ſich vor dem auf dem Sunde ſchaukelnden und herannahenden Auge, wie eine Linie, wie der Rand eines Tellers, den man beim Näherkommen mit allen Ge⸗ nüſſen des Lebens beſetzt ſah. Was in Stockholm nur Blüthe iſt, iſt in Kopen⸗ hagen Frucht. Auf Södermalms hohem Berge in Stockholm athmet man friſche Luft und ſättigt dabei das Auge mit dem Anblick des Thiergartens jenſeits des Waſſers; in Seeland dagegen ißt man, und es verlohnt ſich nicht der Mühe, davon weg und nach etwas über dem Sunde drüben z. B. nach Landskrona zu ſchauen. Das Malmöer Boot legte an dem Zollhauſe an, wie dieß die Schuldigkeit aller ordentlichen Boote iſt, und man trat ans Land. Seelands Himmel war an dieſem Tage ſo klar und hell, daß die angelangten Schweden, als ſie nach einigen Schritten Kopenhagens große, reich und üppig bewachſene Esplanade zur Rechten erblickten, zwei verſchiedene Wünſche ausſpra⸗ chen: die eins Parthei wollte zur Citadelle gehen, die großen Wälle beſteigen und die Feſtungsgräben beſehen, die andere dagegen wünſchte lieber bis zum Zollhaus gerade auszufahren und dann links in das Innere von Kopenhagen einzudringen. Die letztere Parthei trug den Sieg davon. Sobald man an der Ecke der breiten Straße angelangt war, bog man zur Linken ab, und fuhr zwiſchen den in Amaliens Augen ungewöhnlich großen und eleganten Häuſern dahin. Nach mancherlei planloſen Fahrten kam man an einen offenen Platz, auf dem vier an Architektur und Größe einander ähnliche Paläſte ſtanden, und Oskar ſagte zu ſeiner Gemahlin:„Dieß iſt die Amalienburg, was ſagſt Du dazu?“ Man wanderte nach dem Königs⸗Neumarkt mit ſeiner Charlottenburg, und machte am Thor derſelben eine Verbeugung vor Thorwaldſen, der zufällig eben heraustrat, um ſich nach der Frauenkirche— nötre dame de Copenhague— zu begeben, wo er an der Vollendung ſeines herrlichen Apoſtel⸗Pantheons arbeitete. Das Schloß Roſenberg mit ſeinen antiken Gebäu⸗ lichkeiten und ſeinem ſchönen großen Garten gefiel 377 Frau Hillner beſonders. Man verweilie ein paar Tage in Kopenhagen, beſuchte das Theater, lachte äber Phiſter und genoß Frau Heiberg. Die Ausflüge wollen wir nicht beſchreiben— den einen nach der Weſtbrücke zum Cirkus von Tourniaire— den andern durch das Oſtthor nach Sorgenfri und Lüngbi— den Fritten nach Dyrhavn— den vierten nach Roeſtilde— den fünften nach— kurz Alles war unvergleichlich. Welch' eine eigene und anziehende Geſchichte bietet nicht ganz Seeland dar? Wenn auch die Effigienſche Hypotheſe, daß nämlich Skane ſelbſt und in dieſem beſonders der Chriſtianſtader Bezirk das erſte urſprüngliche Däne⸗ mark, das erſte und nächſte Niederland des Gothen⸗ reichs, gebildet habe, Wahrheit enthält, ſo muß man doch geſtehen, daß der Zuwachs jenes Dänemarks: dieſes Seeland, ein beſonders guter Fund war, ob es nun von Göa, Gefion oder der Natur ſelbſt ſchlecht und recht herkam. Die Reiſe der Herrſchaft wollen wir jedoch jetzt nicht weiter beſprechen, ſie ſchließt ſich nur als ein ſehr unbedeutender Anhang an die Hillneriſchen Begeben⸗ heiten, und Kopenhagen mit ſeinen Umgebungen ent⸗ hält doch zu große Dinge, als das wir ſie nicht einer andern Erzählung überlaſſen müßten. Auch wiſſen wir, daß dieſe Familienfahrt einen weit beſchränkteren Zweck hatte, als die Hillner⸗Eken⸗ ſparriſche Reiſe nach dem Norden, von der wir früher ausführlicher geſprochen haben. Dieſe hatte ein höhe⸗ res Ziel gehabt als nur ein Vergnügen. Nach Stock⸗ holm fuhren zwei Verlobte, welche die innigere Be⸗ kanntſchaft von einander machen ſollten, und zwei Ver⸗ heirathete ſollten ſich dort finden. Es war alſo eine Reiſe mit geiſtigen Abenteuern. Nach Kopenhagen dagegen ſegelten zwei Verlobte, die ſchon verheirathet waren, und zwei Verheirathete, die in gewiſſem Sinne aum erſt Verlobte genannt werden konnten, denen wenigſtens der Ring fehlte. Wir kehren alſo im Juni, gegen Johanni, aus Dänemark zurück. Amalia Hillner. 25 ————— 378 Hillner, der nahe zu Dreivierteljahr mit ſeiner Gaitin in Lanutofta gelebt hatte, glaubte, daß es jetzt Zeit ſei, ſie auch auf den übrigen Gütern ſehen und mit denſelben Bekanntſchaft machen zu laſſen. Sie ſollte vor Ler Hand einmal nach Gräſeholm gehen, um der Baronin Ekenſparre ihren Beſuch heimzugeben; dann ſollte ſie nach und nach öfter hinüber kommen. Als man ſich auf den Rückweg aufs Neue in Skane be⸗ fand, theilte Hillner der Geſellſchaft ſeine Abſicht mit, nicht ſogleich mit ſeiner Frau nach Lanutofta heim zu reiſen.„Wir fahren zu Dir hinüber, Oskar, und unterwegs ſprechen wir in Hermarp ein.“ Dieſer Vorſchlag gründete ſich wohl theilweiſe auf die Abſicht, Sophie Hillner nur nach und nach in dieſe Welt einzuführen und ſie nicht ſogleich nach dem großen Gräſeholm kommen zu laſſen. An dem Johanniabend ſelbſt fuhr man nach dem Hermarper Hof. Die Guts⸗ unterthanen von jedem Alter waren hier damit beſchäf⸗ tigt, mitten im Hofe Maibäume aufzupflanzen; und die Chaiſen der Herrſchaften fuhren durch das fröhliche Volk, als eben der mit Laubwerk, Blumen, Eiern und mit dem zierlichſten Papiere geſchmückte Baum mit dem Fuße in die Vertiefung geſtellt wurde, und rings umher Gabeln erhielt, um daran aufgerichtet zu wer⸗ den. Die Spitze entfaltete ihr ſtolzes Wimpel und ein lauer Johanniwind machte Bekanntſchaft mit einer frü⸗ her nie geſehenen Flagge. Der erſte Geigenſtrich ließ ſich von der Ferne aus dem Backhaus her vernehmen; es war aber nur erſt eine Stimme. Jetzt nahte ſich ein Zug: der ſtattlichſte Spielmann wurde von tanz⸗ luſtigen Schaaren gefolgt. „Laßt uns zu den frohen Menſchen hinausgehen,⸗ ſagte Hillner zu ſeiner Geſellſchaft.„Malcolm,“ fuhr er fort,„nimm Konſtanze unter den Arm. Ich glaube nicht, daß Dir eine Polka um den Maibaum zuwider iſt. Unſere Leute werden es nicht übel nehmen, wenn ſie ſehen, daß wir unſer Vergnügen mit dem ihrigen miſchen.“ —— 379 Malcolm zögerie nicht, die Erlaubniß zu benutzen, und der Hermarper Spielmann machte nur noch län⸗ gere und prächtigere Bogenſtriche. Herr Auguſt und Frau Sophie ſaßen auf einer Bank vor dem Hauſe, aber Amalie fand das unſchuldige Volksvergnügen ſo erheiternd, daß Oskar einen Wink von ihr bekam, den er leicht verſtand, und ſie ſchnell zum Tanz aufforderte. Nun bewegte ſich die Baronin Ekenſparre ſo leb⸗ haft am Arm ihres Gatten um den Baum, daß ſie nach einer kleinen Weile vor Wärme halten und ihrer Kam⸗ merjungfer um das Sacktuch winken nußte; ſie hatte es im Wagen vergeſſen. Lotte kam mit dem Beutel zurück. Es verlohnt ſich zwar kaum der Mühe, davon zu ſprechen, aber um nichts zu verſchweigen, müſſen wir erwähnen, daß dieß der ältere Beutel der Baronin Ekenſparre war; der, den ſie das letzte Mal auf ihrer Reiſe nach Stockholm und Upſala benützt, gleich darauf aber bei Seite gelegt hatte, als Oskars feiner Geſchmack ihre Effekten mit einem neuen von der ſchönſten Gattung bereicherte. Der ältere hatte dadurch den Titel eines Reiſebeutels erhalten, weßhalb er auch mit auf die Reiſe nach Kopenhagen genommen worden war. Lotte eilte mit dem Befohlenen herbei, und da Amalie ſogleich wieder am Tanze Antheil nehmen wollte, nahm ſie ihr Sack⸗ tuch mit ſo großer Haſt heraus, daß er dadurch ganz umgekehrt wurde und ein kleines Paquet aus dem Grunde deſſelben neben dem Maibaum niederfiel. Amalie ſtarrte auf das Papier.„Mein Gott!“ rief ſie in Gedanken,„daß ich das bis jetzt vergeſſen konnte! Wird Herr Rutfors mir verzeihen, wird meine Mutter mir verzeihen können? Woher kam meine un⸗ begreifliche Vergeßlichkeit? Ich glaubte alſo Alles nach der Wiedervereinigung meines Vaters und meiner Mut⸗ ter ſo ſchön und glücklich im Reinen, daß ich kein wei⸗ teres Bedürfniß fühlte! Doch jetzt keine Zögerung mehr.“ Mit Herrn Rutfors Gabe in der Hand ging Ama⸗ lie zu der Bank hin, wo ihr Vater und ihre Mutter neben einander ſaßen, und Herr Auguſt die Hand ſei⸗ ner Gattin hielt. Amalie erklärte mit einigen Worten ihren unverzeihlichen Fehler. Frau Hillner erſtaunte. Schnell öffnete ſie das Papier und ein Ring fiel daraus. „Großer Gott!“ rief Hillner. Er nahm das Pa⸗ pier und las im Umſchlag einige Worte, die, nach Tinte und Handſchrift zu ſchließen, ſchon vor mehreren Jahren von Rutfors Hand geſchrieben worden waren: Dieſen Ring fand ich in der Nacht, als ich Herrn Hill⸗ ner heraus nahm, in ſeine Umhüllung gewickelt oder geworfen. Frau Sophie lag im Irrwahn und da ich in aller Eile mit dem Todten abreiſen ſollte, ſo hatte ich keine Zeit, um auch nur mit dem Geringſten zu ihr hinein zu gehen. Ich ſteckte den Ring zu mir und fuhr ab. Da die Beiden jetzt für einander todt ſein ſollen, ſo iſt es wohl beſſer, der Ring liegt in meiner Schub⸗ lade, als daß er der Frau eine traurige Erinnerung ibt. Caſper Rutfors. Hillner blickte zärtlich auf ſeine Gattin.„Und,“ flüſterte er,„da wir jetzt wieder für einander leben ſollen, ſo“— er ſteckte den alten, ſchönen, geliebten Trauring an die Hand ſeiner Sophie.„Ach wenn Du es jetzt nicht übel nehmen würdeſt, ſo möchte ich Dich um Etwas bitten— Sophie laß mich Deinen Arm nehmen— wir wollen in den Kreis unſerer Kinder treten— wir wollen eine Runde um den Maibaum machen, auch wir!“ In dieſem Augenblick glänzten Amaliens Blicke von der höchſten, erhabendſten Freude. Als ſie und ihre Mutter ſich nachher auf der grünen Bank ſetzten, flüſterte ſie ihr zu: Morgen reiſen wir von hier nach Gräſeholm, Mutter! Ich werde Dich in den Hain der Erinnerung führen, und Du wirſt ſelbſt ſehen, wo Deine Namens⸗ buchſtaben ſtehen.“ ————— —— —