Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 8 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 2„ S—„ 5„. 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S ee —— — ——— —— Ss geht an. Ein Gemälde aus dem Leben von C.. J. Almgqniſt. Aus dem Schwediſchen. — 6—— Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Vorwort. Unter allen neueren Erzeugniſſen der ſchwe⸗ diſchen Literatur hat vielleicht keines ein ſo großes Aufſehen erregt, als der hier in deutſcher Ueber⸗ ſetzung mitgetheilte, im Herbſt 1839 erſchienene kleine Roman. Die ſämmtlichen Beurtheilungen desſelben ſtimmen darin überein, daß derſelbe, als Erzählung betrachtet, ganz ausgezeichnet iſt; die meiſten aber mißbilligen die darin ausgeſprochenen Anſichten über die Ehe. Eine ziemlich bändereiche ſogenannte„Es⸗geht⸗an⸗Literatur“ iſt die Folge davon geweſen und beſonders iſt in den Zeitun⸗ gen viel darüber polemiſirt worden. Von den zahlreichen Fortſetzungen des Buches, die zugleich als Widerlegung deſſelben dienen, liefern wir hier die vorzüglichſte, als deren Verfaſſer der damalige Docent der Philoſophie an der Univerſität zu Hel⸗ ſingfors, jetzt Rector zu Kuopico in Finnland, Joh. Wilh. Snellmann, mit Gewißheit betrach⸗ V tet werden kann. Dieſer Verfaſſer iſt in Deutſch⸗ land ſchon bekannt durch den Roman„Liebe und Liebe, Geſchichte zweier Ehen, Gemälde in Ter⸗ ½ burgs Manier. Berlin 1844(Ueberſetzung) und ſeinem philoſophiſchen„Verſuch einer ſpekulativen Entwickelung der Idee der Perſönlichkeit.“ Tübin⸗ gen 1841(deutſches Original). Da der Titel des Buches„Det gor an““ in Schweden eine ſolche Verühmtheit erlangt hat, ſo hat der Ueberſetzer denſelben wörtlich überſetzen wollen mit„Es geht an.“ Er bemerkt jedoch, daß dieſes nicht in dem Sinne ves beginnt, es füngt an“ zu nehmen iſt, ſondern ſo viel heißt als„es iſt thunlich, läßt ſich machen.“ Im Mai 1845. Der Ueberſetzer. E Man ſagt, ein dünner Flor deckt Europas Zukunft und hindert uns, deutlich zu unterſcheiden, welche Geſtal⸗ ten uns hinter demſelben winken. Ich glaube es. Der Flor iſt nicht ganz durchſichtig: an mehreren Stellen hängt die ſchöne Draperie in etwas dichteren Fäden herab, als an anderen, und iſt dort um ſo weniger zu durchſchauen. Es wäre niederträchtig, wenn wir in ſo hohen Gegenſtän⸗ den Neugierde hegten; vermeſſen, wenn wir mit Beſtimmt⸗ heit ausſprechen zu können behaupteten, was hinter dem Schleier in einer noch ungeborenen Zeit lebt, welche Gott nicht ohne Urſache zur Hälfte bedeckt hat. Dennoch aber iſt es nothwendig und des Menſchen würdig, von dem Wege, den wir ſelbſt und unſere Kinder wandern ſollen, ſo viel zu ahnen, als nothwendig iſt, um die richtige Bahn zu betreten. Das Beſondere, was in der Zukunft uns be⸗ gegnen wird, kann und darf kein Menſch wiſſen; doch das Allgemeine— der Weg ſelbſt— wird uns deutlich ange⸗ wieſen. Denn der geheimnißvolle Flor iſt nur zur Hälfte ein neidiſches und undurchdringliches Gewebe: er läßt uns den Weg erkennen, verhüllt jedoch die Partien an der 5 8 6 zittitektii 8 Seite des Weges. Dieſe treten aber immer deutlicher aus der Dunkelheit hervor, je weiter wir kommen. Dereinſt muß ſich aber doch der Menſch nothwendig ſelbſt kennen lernen. Je aufrichtiger dies geſchieht, um ſo beſſer iſt es: wenigſtens kann ich nicht anders glanben. Welches iſt alſo der Nutzen der tauſendjährigen Unwahr⸗ heiten geweſen?— Daß die bürgerlichen Einrichtungen in ihren Grundfeſten wanken. Welche Frucht haben die Einzelnen geerntet von der unaufhörlichen Heuchelei, wozu ſie gezwungen worden ſind? Gezwungen— ſage ich. Ja: die Furcht iſt wirkliche Unſittlichkeit geworden unter dem Namen der Sittlichkeit, und noch eine andere Frucht iſt ihr gefolgt: wirkliches Unglück unter dem Namen des Glückes. Es iſt klar, daß dasjenige, wovon wir hier reden, die ſo allgemein zur Sprache gekommene Probleme der Zeit betreffen muß, oder wenigſtens Eines derſelben. Dieſe Gegenſtände gerade ſind es, welche zwar verſchoben, aber nicht vermieden werden können. Sie gehören derjeni⸗ gen Klaſſe von Dingen an, über welche alle Menſchen nachdenken, von denen jedoch Niemand zu reden wagt. Dieſe Klaſſe aber iſt es auch, welche, wenn ſie je zur Sprache kommt, ſehr übel angeſchrieben, übel gedeutet, verketzert und verdammt wird; denn in ihr liegt eines der Samenkörner, welches die Menſchen in ſittlicher Beziehung retten kann, und die Geſchichte kann nur ſehr wenige Bei⸗ ſpiele aufweiſen, daß nicht die Lehrer der Menſchheit— in Maſſe genommen— ſtets alles vermieden haben, was Hülfe bringt, daß ſie die Rettungsmittel verabſcheuet, die —— 9 Rettung ſelbſt Untergang genannt und als Beiſtand gegen dieſelbe alles Uebel, das ihnen zu Gebote ſtand, zu Hülfe gerufen und durch den Namen des Guten geheiligt haben. Wenn die Arbeit einer Zeit unaufhörlich den Zweck hat, die Seele zu retten, zu heilen und zu beſſern, ſo ſchreien ſie ebenſo unaufhoͤrlich: die Zeit iſt irdiſch geſinnt! Sie ſehen nicht ein, daß ihre eigenen zur Beförderung der Sittlichkeit getroffenen Anſtalten zu wirklichen Laſtern füh⸗ ren oder dieſelben wenigſtens nicht hindern. Es iſt nicht unſere Schuld, daß dieſes eine Thatſache iſt: die Abſich⸗ ten mögen ſein, welche ſie wollen. Wir ſchmähen Keinen, wir rufen den Segen herab auf Alle. Was aber die Gegenſtände betrifft, die das Zeitalter hervorbringen wird, ſo mag man darüber weinen, wenn man will; es jedoch hindern— das kann man nicht. Die allmälige Rettung der Menſchheit und der Sitten läßt ſich nicht vermeiden. Zwar kann man ſagen, daß die Menſchen jetzt über die„materiellen Intereſſen“ herfallen und immer körper⸗ licher werden; dies kann man ſagen, ſo lange man nicht einſieht, daß unſer Zeitalter gerade für die Seelen am meiſten arbeitet. Es iſt dies nämlich die Rettung des Schonen und Unſchuldigen in der Tiefe unſeres Geiſtes, es iſt die Wiederbelebuug des Wahrhaft Guten, des Idea⸗ liſch⸗Hoffnungsvollen, welches Gott erlaubte, weil er es ſchuf: es iſt die Frage von der endlichen Vertheidigung des⸗ jenigen, welches einzig und allein auf Erden für den Menſchen Werth hat oder haben ſoll, nämlich ein Jahrtauſende lang verkannter Himmel. Man nennt das Intereſſe dafür 3 —————— ——— — M cetee 10 irdiſch: hat wohl dieſer Ausdruck einen Sinn? Es iſt ja doch das Intereſſe dafür vorhanden, auch hier auf Erden wenigſtens einen Schatten des Himmels zu haben, einen Schatten, welchen herbeizuwünſchen Gott uns wohl ge⸗ ſtatten wird, da er ihn ſelbſt geſchaffen hat. Doch dieſen Schatten vom Himmel haben die Menſchen verjagt und verjagen ihn noch jetzt, ſo viel in ihren Kräften ſteht, denn ſie halten es für das Nothwendigſte, ſich im Gro⸗ ßen unglücklich zu machen. Nicht unglücklich im Kleinen: im Gegentheile, alle Inſtitutionen gehen darauf hinaus, uns im Kleinen zu helfen, uns im Beſitze des Unbedeu⸗ tenden ſicher zu ſtellen und in Kleinigkeiten glücklich zu machen, damit ſie nur ihr Ziel erreichen und das Glück im Großen und Wirklichen zu einer reinen Unmöglichkeit zu machen. Dieſes ſonderbare Beſtreben hat in ſeiner er⸗ ſten Urſache etwas Achtungswürdiges, droht jedoch in ſeinen Folgen die Menſchheit aufzureiben und nebſt dem Glücke auch jede Moral zu verjagen. Was für ein in ſeinen Abſichten Achtungswürdiges kann es denn ſein, das in ſeinen Folgen ſo fürchterlich wird?— Ja, durch das Verkennen desjenigen, was Sitte und was Glück an und für ſich ſelbſt, das heißt, was ſie der menſchlichen Natur gemäß ſind, hat man eine gründliche Religioſität in unaufhörlicher Verbindung mit der Zerſtörung der Per⸗ ſönlichkeit, das iſt, in einem Menſchen, deſſen ſämmtliche Formen als Individuum betrachtet, vernichtet und auf⸗ gehoben ſind, hervorbringen zu können geglaubt. Man hat gemeint, das Sittliche läge in dem bloß Allgemei⸗ nen, welches man daher das Reine genannt hat. Man 11 hat nicht eingeſehen, daß von aller Inbividualität der Perſonlichkeit nur dasjenige verwerflich iſt, was der wahren Abſicht der Schöpfung bei dieſer Perſon zu⸗ wider iſt, daß jedoch alles Beſondere in ihr, weit ent⸗ fernt unterdrückt werden zu müſſen, ſelbſt eine der Bedin⸗ gungen für die Perſon iſt, das zu ſein, was ſie ſein darf. So bleibt man mit allen ſeinen achtungswürdigen und gu⸗ ten Abſichten dennoch bei dem Reſultate ſtehen, daß unge⸗ achtet der Vernichtung und der Verletzung des Individuel⸗ len keine guten Sitten auf Erden gedeihen. Ja nicht ein⸗ mal durch Abgründe voller Qual erzielt man eine wahre Moralität. Iſt denn die Erreichung reiner Sitten ein für den Menſchen unerreichbarer Schatz? Unſerer Vermuthung zufolge müſſen das Räthſel der Sittlichkeit und das Räth⸗ ſel des Glückes zu gleicher Zeit gelöst werden. Es iſt das höchſte Problem des Menſchen, die Harmonie zwiſchen wahrer, reiner Sitte und wahrem, reinem Glücke im Gro⸗ ßen zu finden. Laſſen ſich zu einer Zeit oder in einem beſondern Falle beide nicht vereinigen, muß Eines von Beiden für das Erſte bei Seite geſetzt werden: dann mag man das Glück fahren laſſen, dann ſteht die Sitte höher: für dieſen Gedanken ſterben wir den Märtyrertod. Aber die Erreichung der Harmonie zwiſchen Beiden zu er⸗ ſtreben, muß das einzige große Ziel der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaft ſein; alles Uebrige iſt falſch oder kleinlich, das für die wahre Gerechtigkeit nicht Nothwendige zu er⸗ leiden, iſt ein unwahres Märtyrerthum, feige vor Men⸗ ſchen und verwerflich vor Gott. Die Chyriſtenheit darf nicht länger an den heidniſchen Ideen von Rache und äu⸗ —— ¹ 3 3 3 3 55 3 3 3 ₰ 2 — . e.2 21 ßern Opfern haften, die im Grunde zu nichts dienen und denen Chriſtus ein Ende gemacht hat, wenn wir ihm nur folgten. Das bisher Geſagte ſollte eigentlich weiter ausgeführt und entwickelt werden. Doch das können wir jetzt noch nicht, ja, wir wünſchen nicht einmal Abhandlungen über dieſe Gegenſtände zu ſehen. Man betrügt ſich, wenn man glaubt, es könnten über Alles gleich von vorne herein wiſſenſchaſtliche Syſteme, die etwas taugen, geſchrieben werden. Erſt muß man die Menſchen ſelbſt kennen lernen, ſie in ihren verborgenſten Ecken und Winkeln betrachten, ihre geheimſten Seufzer belauſchen und es auch nicht ver⸗ ſchmähen, ihre Freudenthränen zu verſtehen. Kurz: was wir bedürfen, das ſind treue Erzählungen, Gemälde aus dem Leben, Beiſpiele, Sammlungen, Erfahrungen. Ue⸗ ber die Erfahrungen mögen wir nach Gefallen Betrach⸗ tungen anſtellen: wir mögen ſie verdammen, oder wir mögen ſie für gefährlich erachten. Sind aber die Erfah⸗ rungen dennoch Thatſachen, ſo bilden ſie gleichwohl unge⸗ achtet aller Eigenthümlichkeiten gerade die nöthigen Ur⸗ gründe, die unerläßlichen Bedingungen zu einer wahren Kenntniß des Gegenſtandes. Denn erſt dann hat man etwas abzuhandeln, erſt dann kann man ſagen, was wirklich gemißbilligt und was dagegen gebilligt werden muß. Nach ſolchen auf innere Erfahrungen über den Menſchen gelegten Fundamente mag dann die Philoſophie kommen und das Syſtem nach allen Seiten hin bilden, entwickeln, lehren und rathen. Vielleicht könnte man ein⸗ wenden, daß die Philoſophen und Geſetzgeber dieſe Ord⸗ 13 nung in allen Zeiten beobachtet haben; aber dies iſt hiſto⸗ riſch unwahr. Einige und zwar ſehr wenige(dieſe noch dazu größtentheils in den älteſten Zeiten) haben ihre Men⸗ ſchenkenntniß aus der Quelle des Lebens ſelbſt geſchöpft. Darauf ſind aber Legionen von Philoſophen durch Stuben⸗ ſtudien und bloßes Leſen desjenigen, was Andere aufge⸗ zeichnet hatten, auf Schlüſſe gekommen und haben Sy⸗ ſteme gebildet, die ſehr merkwürdig ſind, um die eigene Biographie der Philoſophen und ihre eremitiſchen Gedan⸗ kenreihen zu begreifen, die jedoch für die Menſchheit wahre Zuchtruthen und ein geiſtiges Verderben geworden ſind, wo es ihnen gelungen iſt, ſich in der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft geltend zu machen. Wir wollen die Philoſophie in⸗ nigſt verehren, wir wollen uns vor ihr niederwerfen in den Staub, wenn es dereinſt wirklich eine Philoſophie geben wird. Das Manuſkript, welches ich hier mittheile, enthält nur die Erzählung eines einzigen Ereigniſſes. Bei dieſem Ereigniſſe hat ſich natürlicher Weiſe nicht alles ereignet, was möglicher Weiſe zur Sache gehoͤren könnte, es kann alſo nicht durchaus zur Grundlage einer Abhandlung die⸗ nen, welche immer der Anſpruch einer vollſtändigen Auf⸗ faſſung des vorgeſetzten Zieles erfüllen ſoll. Doch würde es mich freuen, wenn der Leſer dieſes Ereigniß nicht für allzu geringfügig und die Perſonen, welche in demſelben auftreten, für gar zu unbedeutend halten wollte. Was ſie einander ſagen und was ſie thun, bedeutet wirklich, wenigſtens in der erſten Hand, nichts anderes, als daß ſie einander gerade dieſes ſagen und ſo handeln; eben da⸗ 14 durch iſt das Ereigniß eine Erfahrung, eine That⸗ ſache, ein Gemälde aus dem Leben. Dieſe That⸗ ſache zu verwerfen oder zu billigen, iſt Sache der Ab⸗ handlung. In wie fern alſo was ſie ſagen und thun auch für einen Andern anwendbar iſt— das beruht auf etwas Anderem als auf dieſer Erzählung. Hier treffen wir auf das Noli⸗tangere unſeres Zeitalters. Die Blume des Jahrhunderts iſt eine zarte Mimoſa, deren empfindliche Nerven ſchaudern und ſich ſchnell um ihren Blumenkelch zuſammenziehen, ſobald eine dreiſte, kalte und unbefugte Hand nur mit den Fingerſpitzen ihre Blätter berühren will. Sie liebt es verſtanden, nicht aber berührt zu werden. Es geht an. —————— Erſtes Kapitel. Ein reizendes und merkwürdiges Mit⸗ telding! Nicht Landmädchen, Bauern⸗ mädchen noch viel weniger; aber auch nicht ganz aus einer höhern Klaſſe. An einem ſchönen Donnerſtagsmorgen im Monate Juli ſtrömte eine große Menſchenmaſſe an der Ritterholms⸗ kirche in Stockhoim vorbei, die Anhöhe zwiſchen dem Kammergerichte und dem Staatscomptoire hinab, um zu rechter Zeit das Mälarufer zu erreichen, wo die Dampf⸗ ſchiffe liegen. Alle eilten auf Yngwe Frey zu, liefen mit großer Haſt über die Bohle in das Schiff, denn ſchon war die Stunde der Abreiſe da und der Capitän komman⸗ dirte: Fremde von Bord!“ Die Fremden ſagten daher ihren abreiſenden Freun⸗ den ein kurzes Lebewohl und kehrten an das Ufer zurück. Die Bohle wurde eingezogen und das Dampfſchiff in Gang geſetzt. Nach einigen Minuten hatte es ſich ſchon weit entfernt. „Umſonſt! es iſt zu ſpät, liebe Frau!“ murmelte hie und da ein Reiſender ſchalkhaft zwiſchen den Zähnen, als ein ältliches Frauenzimmer dem Ufer des Ritterhol⸗ mes zueilte und durch Fächeln mit dem Schnupftuche und heftige Geberden zu verſtehen gab, daß ſie ebenfalls zu den Paſſagieren gehoͤrte und mitreiſen wollte. Am Uufer Es geht an. 5. 18 war kein Boot bei der Hand, das Dampſfſchiff war ſchon Owen's mechaniſcher Werkſtätte gegenüber, und bald flog es ſchnell wie ein Pfeil an dem Garniſonshoſpitale vor⸗ bei.“ Doch entſtand unter den Paſſagieren eine gewiſſe, obgleich ſchnell vorübergehende Bewegung, als eine junge Reiſende auf dem Vorderdecke halblaut ausrief:„Tante! Tante!“ Sie wollte, wie es ſchien, aus Verſchämtheit nicht lauter rufen, man verſtand jedoch, daß ſie auf eine unangenehme Weiſe von einer Verwandten getrennt wor⸗ den war, die wahrſcheinlich eine für ſie wichtige Reiſege⸗ fährtin hatte ſein ſollen. Man iſt oft ſo egviſtiſch, daß man ſeines Neben⸗ menſchen vergißt, und Leute, die Billets zu dem Salon und zum Hinterdecke gekauft haben, fragen nicht viel nach demjenigen, was mit dem Pöbel auf dem Vorderdeck und der Schanze vorgeht. Die„vornehmeren“ Reiſenden be⸗ ſtanden diesmal aus älteren Herren, faſt alle mit lang⸗ weiligen Geſichtern. Sie hatten ihre Frauen und Kinder bei ſich; letztere aber gehörten nicht mehr zu den aller⸗ jüngſten, ſondern waren ſchon in jenes ſchwankende Alter getreten, in welchem die Naivetät verſchwunden iſt und Gefühl und Verſtand ihr noch nicht gefolgt ſind. Alle ſolche Menſchen ſind höchſt egviſtiſch und zwar aus leicht begreiflichen Urſachen. Dieſe gut erzogenen Kinder ſind . gewöhnlich ſo unbeholfen, daß ſie jeden Augenblick um Hülfe rufen: bald iſt ein Schuhband aufgegangen, bald ein Handſchuh in's Waſſer gefallen, bald ſind ſie hungrig, bald durſtig und die ganze Welt iſt ihnen nicht recht. Ihre Mütter haben alſo außer der großen Mühe, ihre *) Owen's Werkſtatt und das palaſtartige Gebäude des Garniſonshoſpitales liegen auf Kungsholm(Kö⸗ nigsinſel), einem Stadttheile von S d. Ueb. 19 eigenen Leiber die engen Treppen des Dampfſchiffes hinauf und hinunter zu ſchaffen, außerordentlich viel zu thun, und was die Familienväter betrifft, ſo ſuchen dieſelben ſich zwar durch Tabackſchnupfen und Zeitungsleſen munter zu halten, aber auch dieſes ſcheint kaum verſchlagen zu wollen. Sie können Andern keine große Aufmerkſamkeit widmen, weil ſie ſchon genug mit ihrer eigenen Aufrecht⸗ haltung, mit ihren Frauen und Kindern zu thun haben; und vor allen Dingen müſſen ſie mit gutem Bedachte überlegen, was ſie an Bord zu genießen wagen dürfen, um nicht ganz„kaput“ zu werden— alles aus der ganz natürlichen Urſache, daß wenn die reine Seelenfreude, die doch das beſte Verwahrungsmittel gegen Unpäßlichkeiten und Schwachheiten des Körpers iſt, fehlt, man immer gegen Alles empfindlich iſt, und ſich leicht übel befindet ſowohl von demjenigen, was man ißt, als auch von dem, was man nicht ißt. Mehre von den hier befindlichen Herren hatten noch die Nachwehen der Cholera in ihrem Gedächtniſſe. Kein Wunder alſo, daß Jeder nur an ſich ſelbſt dachte, und mit einem Ernſte in ſeinen Geberden, der einem römiſchen Senator ängeſtanden haben würde, überlegte, bedachte, berathſchlagte, was er eſſen wollte, und was ſonſt noch auf der Reiſe zu beobachten wichtig ſein könnte, und endlich, ſo gut ſich thun ließ, hierin zu einem Reſultate zu kommen ſuchte. Wenn unter den Salonpaſſagieren ein Mann von der jüngeren und unverheiratheten Art geweſen wäre, ſo hätte ein ſolcher wahrſcheinlich Zeit gehabt, zu meinen, es ſei doch wohl Schade um das arme Frauenzimmer auf dem Vorderdecke, welches von ihrer Tante getrennt worden war, wenigſtens hätte er zu erforſchen geſucht, wie ſie ausſähe, ja ſich auch wohl nach ihrem Namen erkundigt. Diesmal aber befand ſich unter den vornehmeren Paſſagieren des Tngwe Frey kein ſolcher junger Mann. Doch unter den Paſſagieren des Vorderveckes war ein großer und hübſcher Unteroffizier— ja ohne Vorbehalt 20 geſprochen, ein Sergeant— welcher, ſei es aus Geld⸗ mangel oder aus andern Gründen, nicht darnach gefragt hatte, auf dieſer Reiſe beſſer zu ſein, als„verdeckpaſſabel.“ Als ein hübſcher und angenehmer junger Mann unterhielt er ſich jedoch mit einigen Mitgliedern der Salonfamilien. Er wurde von denſelben nicht zurückgewieſen, denn ſein Schnurrbart war dunkel, aufgeſtrichen und faſt ſchön, ſein Czako nett genug, um den Frauen nicht zu mißfal⸗ len, und eine gewiſſe Männlichkeit in ſeinem Betragen machte, daß die ſonſt vornehmen und ſteifen Herren Vä⸗ ter ſich zu einem Geſpräche mit einer Perſon herabließen, die ein verſtohlenes Gelübde in ſich zu tragen ſchien, daß er nicht immer Unteroffizier bleiben würde, ſondern mit der Zeit, wo nicht die Bahn eines Capitäns oder Majors, ſo doch wenigſtens die eines Lieutenants zu betreten ge⸗ dächte. Der junge hübſche Sergeant hatte das von ihrer Tante getrennte Mädchen auf dem Vorderdecke bemerkt, und es war ihm aufgefallen, däß ſie bei der Abreiſe ei⸗ nen kleinen niedlichen Damenhut von weißem Cambrick aufgehabt, gleich darauf aber denſelben vom Kopfe hatte verſchwinden laſſen, und ſich jetzt mit einem ſeidenen Tuche über dem Scheitel zeigte, wie hier in Schweden die Dienſt⸗ mädchen oder„Jungfern“ es allgemein zu tragen pflegen. Jetzt war alſo die Frage: Iſt dieſe Paſſagierin Made⸗ moiſelle oder Jungfer? und mochte ſie nun ſein, welches von beiden ſie wollte, aus welchem Grunde wech⸗ ſelte ſie das Kopfzeug? Der Sergeant, den ſchon ihr erſtes Unglück für ſie eingenommen hatte, fing jetzt an, ſich immer mehr und mehr auf dem Vorderdecke aufzuhalten, wohin er auch eigentlich gehörte, und er ließ immer mehr und mehr das Geſpräch mit der Salonsnobleſſe fahren. Mir kommt es faſt ſo vor, ſagte er zu ſich ſelbſt, als wäre dieſes hübſche Mädchen eine Mamſell— wahrſcheinlich aus einer Provinz⸗ ſtadt— und als wäre ſie jetzt auf dem Rückwege in ihre — 21 Heimath in der Begleitung und unter dem Schutze einer älteren Verwandten, die aber von ihrer Caffeetaſſe abge⸗ halten wurde, ſich zu rechter Zeit auf dem Dampfboote einzufinden. Wegen dieſes Unfalles legt das Mädchen auch ſogleich mit dem Hute das Aeußere einer Mamſell ab, um das Unſchickliche zu vermeiden, daß ſie ohne Be⸗ gleitung reist, und ſtatt deſſen verwandelt ſie ſich durch das Anlegen des Tuches in eine Jungfer gleich den übri⸗ gen vier oder fünf Dienſtmädchen, die wir hier auf dem Vorderdeck haben, und nun kann ſie ohne Tadel, wenn auch ohne Tante, wenigſtens den ganzen Mälarſee entlang reiſen. Mochte er nun richtig denken oder nicht, ſo feſſelte doch den Sergeanten dieſer geringe Vorfall. Es kam ihm noch immer unentſchieden vor, ob das Mävchen an ſich ſelbſt zu den vornehmeren oder geringeren Leuten gehoͤrte; inzwiſchen war ſie in ihrer dunkelblauen Capote ſehr nett und ſauber. Das große ſeidene Tuch von feinem, roſa⸗ rothem, faſt weißem Seidenzeuge mit einigen ſchmalen, grünen Streifen, das ſie unter dem Kinn zugebunden und über den Kamm geſchmackvoll in Form eines Schleiers im Nacken arrangirt hatte, geſiel dem Sergeanten, und machte, daß er ſich nicht nach dem Hute zurückſehnte. Er ging hinab zu dem Capitän, um ſich über ihren Na⸗ men Auskunft zu verſchaffen. Nachdem er die Paſſagier⸗ liſte ſchnell durchlaufen hatte, fand er, daß ſie Sara Wi⸗ debeck hieß und die Tochter eines Glaſers in Lidköping“) ſei. Eine ungewöhnlich umſtändliche Nachricht in einer Dampfſchiffspaſſagierliſte! Dies kam aber daher, daß ſie einen Reiſepaß hatte, den man ſonſt vergeblich bei den ——————— *) Eine kleine Stadt in Weſtergötland und Weners⸗ borgs oder Elfsborgs⸗Län am öſtlichen Ufer des We⸗ nerſees. A. d. Ueb. 22 Paſſagieren eines Dampfſchiffes ſucht, und daß ſie Ord⸗ nungsſinn genug gehabt hatte, dem Capitän ihren Paß zu uͤbergeben, um während der Reiſe für ihre Perſon jede mögliche Sicherheit zu gewinnen. Der Sergeant ſaß ſehr gedankenvoll unten im Speiſe⸗ ſaale— wohl zu bemerken im Speiſeſaale!— in dieſen dürfen die Verdeckspaſſagiere an den Eßſtunden eindringen, wenigſtens diejenigen unter ihnen, welche dazu hinläng⸗ lichen Muth und ein gutes Aeußeres haben. Es war jetzt ungefähr die Frühſtückszeit oder konnte leicht dazu gemacht werden, wenn man eine Portion requirirte. Der Ser⸗ geant dachte folgendermaßen:„Eine Glaſerstochter aus Lidköping— das iſt eine kleine Stadt, weit, weit ent⸗ fernt von Stockholm. Eine Mamſell? auf gewiſſe Weiſe, ja. Eine Bürgerstochter, aber doch aus der unterſten Bürgerklaſſe. Ein reizendes und merkwürdiges Mittel⸗ ding! Nicht Landmädchen, Bauernmädchen noch viel weniger; aber auch nicht ganz aus einer höheren Klaſſe. Wofur ſoll eine ſolche Perſon eigentlich gelten? wie ſoll man ſie nennen? Es liegt etwas Unergründliches in dieſer Mittelſorte. Laß mich denken— Eine Portion Beef⸗ ſteakes1“ Das Frühſtück machte eine paſſende Pauſe in den irrenden und verwickelten Ideengängen des Sergeanten. Als die Beefſteakes verzehrt waren, fuhr er zu ſich ſelbſt zu reden fort:„Meiner Seel, zum Henker! es iſt mit ihr gerade wie mit mir ſelbſt. Was zum Beiſpiel bin ich für Einer? Nicht Gemeiner. Nicht Offizier. Nicht von geringem, aber auch keineswegs von höherem Stande. Laß mich denken— zum Teufel!— eine halbe Bouteille Porter!“ Nachdem der Porter getrunken war, ſtand der Ser⸗ geant auf, ſtrich ſeinen Schnurrbart, räuſperte ſich, ſpuckte in die linke Ecke des Salons und bezahlte ſein Frühſtück. „Hm!“ dachte er,„Sara Wid— Wid— hat heute Morgen nichts gegeſſen. Ich habe Luſt hinaufzugehen in te 23 und zu hoͤren, ob man mit ihr reden oder ihr etwas an⸗ bieten darf? ob ſie zum Beiſpiel trinken kann?“ Die Gedankenreihe des Sergeanten(jetzt wie vorhin ein wenig umherſchweifend) ward auch diesmal nicht abgeſchloſſen, ſondern löste ſich in eine Pauſe auf. Er beſah ſeine Stiefel und fand ſie glänzend, den Czako rein gebürſtet und prächtig. Mit zwei elaſtiſchen Sprüngen war der junge ſchlanke Krieger bald wieder auf dem Verdeck, ſah ſich um und nahm den Vorderſteven des Fahrzeuges in Augenſchein. Das Erſte, worauf ſeine Augen fielen, war eine Sammlung von Dalmädchen*), die vor den oben erwähnten vier öder fünf Jungfern ſtanden; zu dieſen hatte ſich auch ein Roſakopf geſellt, und ferner ein Paar betheerte Machiniſten. Der Sergeant trat herzu. Er hörte, wie die Dalmäd⸗ chen ſchwarze, weiße, grüne, rothe mit künſtlich eingefloch⸗ tenen Namen und Denkſprüchen verſehene Haarringe aus⸗ boten. Sie wollten, daß die Jungfern kaufen ſollten, aber ²) Die kräftigen Bewohner der Provinz Dalarna(d. h. die Thäler, auf deutſch gewöhnlich ſehr ſchlecht Dalekarlien genannt) pflegen ſich aus ihrem ar⸗ men, gebirgigen und kalten Vaterlande in die geſeg⸗ netern Theile von Schweden, beſonders nach Stock⸗ holm zu begeben, um ſich durch allerlei Arbeiten etwas zu verdienen und mit dem Erworbenen dann wieder in die geliebte Heimat zurückzukehren. Ueberall ſind ſie ihrer Arbeitſamkeit und Redlichkeit wegen ge⸗ ſchätzt. Ein Mann aus Dalarna heißt ein Dalkarl (Thalkerl), und eine Frau und ein Mädchen Dalkulla. Eine ſolche iſt hier gemeint. Dieſe pflegen in den Freiſtunden von Pferdehaaren recht künſtliche Ringe zu flechten, die ſie für ſehr geringen Preis ausbieten; auch in andern feinern Haararbeiten zeigen ſie große Geſchicklichkeit. A. d. Ueberſ. 24 die Jungfern rümpften die Naſe, waren barſch und fan⸗ den den Preis zu hoch. Das Mädchen mit dem Roſa⸗ tuche handelte zwar nicht, aber der Sergeant ſah doch, daß ſie mit vieler Sorgfalt unter den Haarringen wählte und zuletzt bei einem ganz einfachen, ſchwarzen und weißen Ringe ohne Inſchrift ſtehen blieb. Das Dalmädchen ſagte den Preis: ſechs Schillinge. Der Roſakopf nickte Beifall, und nun kam eine kleine Börſe— ein aus grü⸗ ner Seide gewirkter Beutel— aus der Capote herbor, eine Silbermünze zeigte ſich in der Hand und lag ganz nett auf dem Handſchuh, Couleur de Lilas. Die Silber⸗ münze war von der kleinſten Sorte in Schweden, zwolf Schillinge*).„Kannſt du mir hierauf ſechs Schillinge wieder herausgeben?“ ſagte eine liebliche Stimme in Weſtergötiſchem Dialekte von der beſſern Art und mit ei⸗ nem gelinden Schnarren auf dem r.„Sechs Schillinge Kupfergeld?“ antwortete das Dalmädchen;„ach, liebes Jungferchen, die habe ich nicht. Kaufen Sie aber lieber zwei Ringe, ſo macht es gerade zwölf Schillinge. Kau⸗ fen Sie, kaufen Sie!“ „Nein, nein!“ ließ es ſich von dem niedlichen Kopfe vernehmen Der Sergeant, welcher hinter ihr ſtand und nur ihren Nacken ſah, konnte bloß aus einer kleinen Bewe⸗ gung des Kopfes abnehmen, daß die Antwort von ihr kam. Jetzt trat der Sergeant munter vor und ſagte:„Er⸗ lauben Sie, Mamſell Wid—(er hielt plötzlich inne)— erlauben Sie, daß ich dieſem armen Dalmädchen dieſe beiden Ringe abkaufe.“ Er legte dem Dalmädchen zwölf Schillinge in die Hand und nahm ohne weitere Umſtände die beiden einfachen ſchwarz und weißen Ringe, welche das Dalmädchen in der Hoffnung auf einen Handel vor den Jungfern in die Höhe hielt. Das Roſaköpfchen blickte 4) Nach preußiſchem Gelde etwas über 2 ½ Silber⸗ groſchen. A. d. Ueb. etr abe ein ihr M bel beh ſeh nal NMe den die bin M un M Ve der au ſpo na er ka en fer 25 etwas verwundert an dem jungen Krieger empor. Dieſer aber nahm ohne die geringſte Verlegenheit zu zeigen, den einen der Ringe, den ſie vorher gewählt hatte, und reichte ihr denſelben mit den Worten:„War es nicht dieſer, den Mamſell Sar— hm— war es nicht dieſer, den Sie beliebten? Haben Sie die Güte, ihn zu nehmen und zu behalten. Ich ſelbſt behalte den andern.“ Das Mädchen ſah ihn mit— wie es ihm vorkam— ſehr ſchoͤnen Augen an. Den Ring, welchen er ihr reichte, nahm ſte zwar in der erſten Beſtürzung; doch in ſeiner Vermuthung, fie würde ihn an den Finger ſtecken, wozu ſie ihn ja ſelbſt hatte kaufen wollen, hatte er ſich geirrt, denn er bemerkte, daß ſie ſtatt deſſen ohne ein Wort zu ſagen, ſich ſtill an den Rand des Schiffes zurückzog, und den Ring in's Waſſer fallen ließ. „Proſit, Sergeant!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er dieſe Bewegung gewahrte.„Das heißt ſo viel, als ich bin richtig abgeführt. Bravo Junker! wozu ſie auch Mamſell nennen, da ſie doch ein Tuch umgenommen und unbekannt ſein will? Eine ſolche Perſon nennt man, wenn es gilt, lieber Du: und wozu einem unbekannten Mädchen einen Ring anbieten, und noch dazu auf dem Verdeck? Pfui Teufel, Albert!“ Er ging an den entgegengeſetzten Bord und warf den andern Haarring, den er ſchon an ſeinen eigenen Fin⸗ ger geſteckt hatte, ebenfalls in's Waſſer. Dabei ſpie er auf die Salutkanone, die dicht neben ihm lag. Dann ſpazierte er nach dem Hinterdecke hin, und als er wieder nach dem Vorderdecke zurückkehrte, ſo traf es ſich, daß er zufällig der ſchönen Unbekannten gegenüber zu ſtehen kam, welche der Bewegung der Maſchinerie zuſah. „Siehſt Du?“ ſagte er, und ſtreckte ihr ſeine Hände entgegen,„auch ich habe meinen Ring in's Waſſer gewor⸗ fen; wir konnten Beide nichts Beſſeres thun.“ Erſt ein ſcharfes Beſchauen von Kopf bis auf die Füße, gleich darauf gleichwohl ein kaum merkbares, aber 26 recht gutmüthiges Lächeln, eine feine, lebhafte Miene, die gleich wieder verſchwand, war ihre Antwort.„Iſt der Ring im Waſſer? O doch!“ fügte ſie hinzu. „Ich hoffe, ihn hat ſchon ein Hecht verſchlungen,“ ſagte der Sergeant. „Meinen nahm ein großer Bars.“ „Wenn nun,“ verſetzte der Sergeant und bückte ſich zu ihr herab,„der Hecht den Bars verſchlingt, was, wie ich hoffe, bald geſchieht, ſo werden dennoch die beiden Ringe unter— einem— Herzen liegen!“ Das Letzte flüſterte er mit einer zärtlichen Dehnung der Worte, die ihm je⸗ doch ganz verunglückte. Das Mädchen drehte ſich plötz⸗ lich um, ohne zu antworten, und miſchte ſich unter die übrigen Jungfern. „Proſit, Junker!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Noch einmal abgeführt! Warum aber auch von dem Herzen reden, und das noch obendrein auf dem Verdeck? Eins aber freut mich doch: ſie nahm es nicht übel, daß ich ein Du wagte. Deßhalb und darum nie und nimmermehr wieder Mamſell!“ Er ging hinunter in den Speiſaal und kaufte ſich eine Cigarre, zündete dieſelbe ſogleich an, kam wieder her⸗ auf, ſetzte ſich mit feierlicher und freier Geberde auf ſei⸗ nen Koffer, zog große Wolkenwirbel aus der Cigarre und ſah ſuperb aus. Er bemerkte, daß die reizende Glaſertochter mehrmals gleichgültig an ihm vorüberging, und bisweilen an dem ſeidenen Roſenknoten unter dem Kinne oder an den feinen von dem Halstuche auf die Bruſt herabfallenden Spitzen deſſelben fingerte. Sie unterhielt ſich lebhaft mit den übrigen Jungfern und ſah höchſt ungenirt aus. Die Cigarre, ſo wie vieles Andere in der Welt, nahm ein Ende. Der Sergeant warf das Endchen, an welchem noch Feuer war, weg, in der Abſicht, es in's Waſſer zu werfen. Das Endchen aber war ſo leicht, daß es nicht ſo weit flog, ſondern eine Strecke von ihm entfernt auf * das Verdeck fiel, dort liegen blieb und rauchte. Flugs kam ein Fuß mit dem allerniedlichſten blanken Schnür⸗ ſtiefel und trat darauf, ſo daß das Feuer ſogleich erloſch. Der Sergeant ließ ſeine Augen von dem Fuße bis hin⸗ auf zu der Perſon ſich erheben, und ſah die Unbekannte. Ihre Blicke begegneten den ſeinigen. Der Sergeant ſprang von ſeinem Koffer auf, trat mit einer artigen Verbeugung zu ihr und ſagte: Ich danke, liebes Jung⸗ ferchen! meine Cigarre verdiente wohl nicht, von einem ſo ſchönen Fuße berührt zu werden— doch“ Eine kalte und abweiſende Miene war ihre ganze Antwort; ſie wendete ihm den Rücken und ging. „So hole ſie der—!“ Mit dieſem Gedanken hüpfte der Sergeant erröthend und verſtimmt die Treppe hinab und trat in den Speiſeſaal. Hier kroch er in den dunkel⸗ ſten Winkel, der zum Schlafen oder Nachdenken paſſend ſein konnte.„Potz Tauſend, Albert!“ dachte er und ſtrich ſich die Haare aus dem Geſicht.„Ich nannte ſie Jung⸗ fer; das konnte ſie eben ſo wenig leiden, als da ich ſie vorhin Mamſell nannte. Verdammtes Zeug!“ Er war nicht allein in dem Salon; daher redete er weder laut noch halblaut. Um jedoch ſich ſelbſt und den Uebrigen ſchnell ſeinen Muth zu zeigen, rief er der Schenk⸗ mamſell drohend und barſch zu:„Ein Butterbrod mit Pockelfleiſch— aber ſchnell!“ Die Aufwärterin brachte das Verlangte auf einem Präſentirteller.„Geh Sie zum Henker mit Ihren Butter⸗ broden! habe ich nicht Weißrod verlangt?“ Gehorſam und höflich nahm ſie den Präſentirteller zurück und legte ihre auf hartes Brod*) geſchmierten Butterbrode auf den Schenktiſch. *) Faſt in ganz Schweden, die ſüdlichſten Provinzen etwa ausgenommen, ißt der gemeine Mann bloß dün⸗ nes, hartes Brod(Knäckebröd heißt die dünnere und 28 Ein Glas Hautbrion, Mamſell und laſſen Sie mich nicht ſo lange warten!“ Sie ſchenkte ein und ſetzte das Glas neben ein neues auf ein ganzes franzöſiſches Brod geſchmiertes Butterbrod auf den Präſentirteller. „Glauben Sie, ich bin dazu geſchaffen, über ein gan⸗ zes Butterbrod zu beißen? In Stockholm hat man ſo viel Verſtand, daß man ein franzöſiſches Brod theilt und jede Seite mit Butter beſchmiert.“ Die Aufwärterin ging noch einmal zurück, nahm ein Meſſer und begann das Butterbrod zu theilen. „Bitte!— Teufel!— Habe Sie die verdammte Güte, ein neues franzöſiſches Brod zu nehmen! theile Sie es und beſchmiere Sie jede innere Seite mit Butter! da ſitzt ja ſchon Butter auf der Außenſeite! Nehme Sie ein neues Brod! Potz Tauſend, wie lange muß man hier warten!— Werfe Sie nur Alles weg— ich bin nicht hungrig!“ Die Mamſell hinter dem Schenktiſche murmelte et⸗ was Scharfes von vornehmen Reiſenden. Das gefiel dem Sergeanten nicht ſo übel; er ging zu ihr und bezahlte die Butterbroͤde.„Ich habe ſie beſtellt,“ ſagte er,„hier iſt das Geld!“ „Man iſt etwas unruhig im Mageu— ja, ja!“ ſagte ein ſchwarz gekleideter Poſſagier. Der Sergeant drehte ſich um, ſah Läppchen und er⸗ kannte das blaſſe, aber glänzende Geſicht und die beiden hellblauen runden Vogelaugen des Paſtors zu Ulricehamn.*) feinere, und Spisbröd die dickere, gröbere und ge⸗ wöhnlichere Sorte). Dieſes Brod darf aber auch bei den Vornehmen nicht fehlen, weil es ſich durch ſeinen kräftigen und guten Geſchmack empfiehlt. A. d. Ueb. *) Eine kleine Stadt in Weſtergötland und Elfsborgs⸗ län, ehemals Bogeſund genannt.— Die Geiſtlichen 29 „Ah! gehorſamer Diener! das iſt ja der Herr Paſtor Su—! ohne Zweifel auf der Rückreiſe?“ „Ja wohl.“ „Ich reiſe ebenfalls nach Weſtergötland; für mich heißt das jedoch nicht nach, ſondern von Hauſe,“ ſagte der Sergeant und griff mechaniſch nach ſeinem großen ge⸗ tadelten, aber dennoch bezahlten franzöſiſchen Butterbrode, und biß daſſelbe hurtig an. „So geht's,“ ſagte der Paſtor;„der Eine reist hin⸗ auf und der Andere hinab. Ich will nach Ulricehamn.“ „Ja, und—“(der Sergeant trank ſeinen Haut⸗ brivn, der bis dahin auf dem Präſentirteller geſtanden und gewartet hatte.) „So lange man noch die Geſundheit hat, iſt es geſund, auf dieſe Art hin und her zu reiſen,“ bemerkte der Paſtor. „O ja, da geht es,“—(der Sergeant ſchluckte das Letzte von dem Beſtellten hinunter). „Verlaſſen Sie, Herr Sergeant, Stockholm auf eine längere Zeit?“ „Ich habe Urlaub auf drei Monate. Herr Paſtor!“ darf ich Ihnen ein Glas anbieten? Was befehlen Sie? Porter? oder Portwein?“ „Ach ja, wohl ja, auf dem Mälar wird der Magen unruhig. Wenn es fo ſein ſollte— poſito Portwein! oder Porter!“ 5 Der Sergeant beſtellte Beides, und der Paſtor, wel⸗ cher nicht im Stande war zu entſcheiden, welchem von Beiden der Vorzug gebührte, trank Beides, und zuletzt lud er den jungen Krieger zu ſich nach Ulricehamn und Timmelhed*) ein, um ſeine Scharte wieder auszuwetzen. tragen ihre Läppchen beſtändig; ihr Rock(Kaftan) iſt der altdeutſchen Tracht ähnlich. A. d. Ueb. *) Timmelhed, Brunn und Wiſt ſind Filiale von Ulri⸗ cehamn einer königlichen Pfarre zweiter Klaſſe. A. d. Ueb. 30 Der Sergeant verbeugte ſich, bezahlte das Verlangte und eilte mit ermunterten Sinnen wieder auf das Verdeck. Als er ſich nach den Küſten umſah, welchen das Dampfſchiff vorbeieilte, ſo bemerkte er, daß es nun nahe bei Strengnäs*) wäre. Der große Dom zeigt ſich den Segelnden ſchon in weiter Ferne und ſein majeſtätiſcher Thurm beherrſcht weit umher die Gegenden von Söder⸗ manland. Erſt, wenn man näher kommt, entdeckt man einen Haufen kleiner, roth angeſtrichener, hölzerner, unſym⸗ metriſch um die Kirche gehäufter Häuſer und nur das rothgewürfelte Gymnaſien⸗ und Schulhaus unterſcheidet ſich durch ſeine Höhe von den übrigen ſchuppenartigen Hütten. Wenn man endlich bei der alten baufälligen Lan⸗ dungsſtelle anlegt, ſo ſagt man zu ſich ſelbſt:„Dies iſt Strengnäs!“**) *) Eine kleine Stadt in Södermanland und Nyköpings⸗ län mit etwas über 1000 E., Biſchofsſitz, mit einer Domkirche und einem Gymnaſium. A. d. Ueb. **) Aus dieſer Stelle, ſo wie auch aus einigen andern weiter unten, erſieht man, daß das Ereigniß ſich ſchon vor einigen Jahren zugetragen hat. Denn jetzt landet man in Strengnäs einer reellen Straße gegenüber, die gerades Weges auf den Markt führt und an einer prächtigen Landungsſtelle. Es iſt jedoch ſicher, daß man vor einigen Jahren etwas ſeitwärts an jener baufälligen, hier beſchriebenen Brücke an⸗ legte, oberhalb welcher dem Angekommenen ſogleich die Berge und das ſogenannte Strengnäſer Labyrinth begegnen. Anm. des Verf. 7 31 Zweites Kapitel. Hier ſieht man nicht das Geringſte von Vor⸗ nehmheit, weder von der Sorte des hochadli⸗ gen Ritterhauſes, noch von der geldadligen, einer reichen und ſtolzen Bürgerſchaft, noch von der Urvornehmheit, die man bei dem ſelbſtändigen Theile des Bauernſtandes an⸗ trifft. Wenn die Paſſagiere vor dem Landungsplatze ſich um⸗ ſehen, ſo haben ſie keinen Hafen, keinen Platz, keine reelle Straße vor ſich, ſondern nur eine Anhöhe, und die mei⸗ ſten Häuſer ſind unartig genug, ihnen die Giebel zuzuwen⸗ den. Nichts deſtoweniger, und weil das Dampfboot dort vielleicht eine halbe Stunde verweilt, geht man ans Land. Man wird hier zwar nicht wie in Södertelje*) von Bre⸗ zeln empfangen; doch, wenn man behutſam den Fuß auf die Landungsbrücke ſetzt, ſich in Acht nimmt und die Lö⸗ cher in den morſchen Bohlen vermeidet, ſo kann man mit dem Leben in die Stadt kommen. So ging es auch jetzt mit dem Sergeanten und mit *) Eine kleine Stadt an dem Kanale, welcher den Mälar mit der Oſtſee verbindet und die Schifffahrt zwiſchen Stockholm und den ſüdlich bei der Küſte und am Göta⸗Kanale belegenen Städten bedeutend abkürzt, 3 ½ ſchw. Meilen von Stockholm mit etwa 1000 E., iſt berühmt wegen ihrer Brezeln, die man in Stockholm täglich kaufen kann. So wie ein Dampfſchiff in die dortige Schleuſe einläuft, ſo ſtei⸗ gen augenblicklich Verkäuferinnen an Bord und prä⸗ ſentiren den Liebhabern ihre wihlchle d. Ueb. 32 noch einer Perſon. Als er nämlich auf dem Verdeck ſtand und ſah, daß die Landungsbohle ausgelegt war, ſo bemerkte er, wie nicht weit von ihm das Roſaköpfchen mit ſehn⸗ ſüchtigen Blicken nach der Stadt hinaufſah. Plötzlich er⸗ goß ſich Freimüthigkeit in ſeine Seele: er beſchloß, alle dieſe gefährlichen Worter, Jungfer, Mamſell und überhaupt jeden Titel zu vermeiden. „Ein Wort,“ ſagte er, ſich unbefangen an ſie wen⸗ dend,„ein Wort! wir gehen ans Land, komm! Hier auf auf dem Dampfſchiff zu bleiben iſt höchſt unangenehm; ſie laden jetzt Holz ein und nehmen allerlei anderes dum⸗ mes Zeug vor. Unten im Speiſeſaal iſt's ebenfalls unbe⸗ haglich, und dort zu eſſen iſt— hm— ich weiß hier oben in Strengnäs eine ſehr nette und gute Stelle. Ein Frühſtück, meine ich, könnte jetzt nach ſo langem Faſten vortrefflich ſchmecken.“ Sie ließ ihn ohne weitere Umſtände ihren Arm neh⸗ men, ging über die Bohle, ſchmiegte ſich auf der gefähr⸗ lichen Landungsbrücke dicht an ihn, und— jetzt waren ſie in Strengnäs. „Dieſe kleine Stadt gefällt mir ganz außerordentlich,“ ſagte ſie unbefangen und warf freudige Blicke um ſich her. „Das iſt etwas ganz anderes, als Stockholm!“ „Wenn man erſt weiter hinein kommt, ſo iſt die Stadt wirklich nicht ſo übel,“ verſetzte der Sergeant. „Sieh— ſieh,“ fuhr ſie fort.„Ach, wie freut mich das!— aber— ja— o ja— aber Lidköping iſt dennoch ſchöner.“ Der junge Krieger war entzuckt, ſo plotzlich und faſt wider Vermuthen zu hören, daß ſeine neue Bekannte ge⸗ ſprächig war, und begann ſelbſt Strengnäs recht angenehm zu finden. Und ſo iſt es auch in der That. Alles iſt anſpruchslos. Man kommt herauf von dem Mälar und betritt lau⸗ ter krumme und ſchmale Straßen und Gaſſen, die ſie über Anhöhen hinwegſchlängeln. Die ſtolze Geradheit 33 erblickt man nirgends in dieſer bürgerlichen Geſellſchaft. Die kleinen Häuſer ſind alt und fr undlich; bald entdeckt man, daß ſie nicht allein Giebel⸗ ſondern auch Vorder⸗ ſeiten mit hübſchen Fenſtern und ſogar Thüren haben, in die man einzutreten ſich geneigt fühlt. Hier ſieht man nicht das Geringſte von Vornehmheit, weder von der Sorte des hochadeligen Ritterhauſes, noch von der geldadeligen einer reichen und ſtolzen Bürgerſchaft, noch von der Ur⸗ vornehmheit, die man bei dem ſelbſtändigen Theile des Bauerſtandes antrifft, und die ſich in dem Betragen deſſel⸗ ben zeigt; nein, hier erſcheint nur das Bürgerliche von der anſpruchsloſeſten Art. Man glaubt, alle Häuſer gehören Schiffern, Glaſern, Bürſtenbindern, Fiſchern. Es iſt klar, daß hier nur der Theil von Strengnäs gemeint iſt, der dem zu Waſſer auf dem Mälar dahin kommenden Paſſagiere begegnet und ihn umgibt, ehe er den hohen, mit Bäumen umgebenen Domberg erreicht, wo das Haus des Biſchofs und einige andere eine höhere Welt zu erkennen geben. Doch der Sergeant, mit ſeinem Glaſermädchen unter dem Arme, hatte noch nicht die Hö⸗ hen, ja nicht einmal den Markt erreicht. Zufolge ihres Ausrufes über ein kleines Haus mit weißen Fenſterladen, waren ſie in dem merkwürdigen, aus lauter kleinen und krummen Gaſſen beſtehenden Strengnäſer Labyrinthe ge⸗ blieben, das zwiſchen dem Mälar und dem Markte liegt. Hier führte er ſeine Gefährtin an eine hohe Treppe, die von der Straße gerades weges auf einen Hof hinabführte. Auf der andern Seite des Hofes, kamen ſie an die Haus⸗ thür.„Hier,“ flüſterte der Sergeant,„wohnt ein reicher Färber, der zugleich eine gute und ſaubere Reſtauration hält. Wir werden gleich ſehen, wie reinlich und nett hier alles iſt.“ Das Mädchen befand ſich wie in ihrer Hei⸗ math, obgleich ſie bemerkte, daß Lidköping doch noch ſchöner wäre. Sie traten in das Haus, ſtiegen wieder eine Treppe in die Höhe und kamen in ein großes Zimmer im zweiten Es geht an. 3 34 Stockwerke, worin ein Schenktiſch ſtand. Sara Widebeck erſah daraus, daß es eine Art Wirthshaus war. Der Sergeant näherte ſich einer reinlich gekleideten und freund⸗ lichen Perſon, die hinter dem Schenktiſche Teller abtrock⸗ nete.„Können wir nicht eins von den kleinen Zimmern bekommen?— Dieſes hier rechts?— oder dieſes linfs2 — gleichviel— und Frühſtück? Was iſt zu haben?“ „Himbeeren mit Sahne.“ 5 „Etwas Feſteres!“ „Gebratene Schnepfen— friſcher Lachs—“ „Gut! aber es muß raſch gehen. Und,“ flüſterte der Sergeant, indem er ſeine Bekannte in das kleine Zimmer zur Linken führte, in der Thür aber fortfuhr, mit der Perſon mit den Tellern zu reden,„ein Paar Gläſer Kirſchwein!“ Als Beide in das kleine Zimmer getreten waren und der Behaglichkeit wegen— falls Andere in den Wirths⸗ hausſaal kommen möchten— die Thür hinter ſich zuge⸗ macht hatten, nahm Sara Widebeck das ſeidene Tuch ab und zeigte einen mit hellbraunem, glänzendem, hübſch ge⸗ ſcheiteltem Haare gezierten Kopf ohne falſche Locken an den Schläfen,(der Sergeant entſann ſich, daß dieſelben mit dem cambrickenen Hute verſchwunden waren); aber ein Paar ganz niedliche Locken von ihrem eigenen Haare zeigten ſich hinter beiden Ohren. Auch die Handſchuhe — Couleur de Lilas— zog ſie aus und entblößte zwei kleine, weiße, fleiſchige Hände, die ſich nie mit grober Ar⸗ beit beſchäftigt zu haben ſchienen, aber die Anmerkung er⸗ tragen konnten, etwas breit und mit Fingern verſehen zu ſein, die, obgleich ſehr hübſch und mit kleinen Grübchen an der Oberhand geziert, dennoch etwas zu dick waren. Daß dieſe Finger nie die Laute geſpielt, nie das Forte⸗ piano berührt, nie den Pinſel gehalten, nie Blätter feiner Bücher umgewendet hatten,(wozu dünne, geſchmeidige Fingerſpitzen nothwendig ſind), das hielt der Sergeant für abgemacht; noch ſicherer war es, daß ſie nie den Spaten 35 geführt, nie Viehſtälle gereinigt, nie Schollen geklopft oder ähnliche Arbeiten verrichtet hatten; dagegen ließ er es unentſchieden, ob ſie nicht vielleicht bisweilen Kitt geknetet hätten, denn der Kitt macht die Haut weiß und fein. So viel von den Händen. Uebrigens war Sara weder zu groß noch zu klein; eher jedoch groß und ſchlank, als klein und rund. Das Mädchen ſaß jetzt allein und ohne Verlegenheit neben ihrem Sergeanten. Sie brach von einem Gewächſe, das in einem Blumentopfe im Fenſter ſtand, einen Laven⸗ delzweig ab, rieb ihn zwiſchen den Händen und zog darguf mit Wohlbehagen den Duft von ihren Fingern ein. Der Sergeant, um nicht ohne Beſchäftigung zu ſein, brach ein Geraniumblatt und verfuhr damit auf dieſelbe Weiſe. „Ein hübſches und wirklich nettes Zimmer!“ begaun ſie.„Ja, und ſieh! welche prächtige Commode! Ob ſie wohl von Wallnuß oder Eichenholz iſt? neinz gewiß iſt ſie von polirtem Birnbaum— oder vielleicht Apfel⸗ baum.“ Der Sergeant, welcher noch nie in Tiſchlerwerkſtätten zu Hauſe geweſen war, konnte keine Auskunft darüber ge⸗ ben. Statt deſſen wendete er ſich einem andern Gegen⸗ ſtande zu und rief aus:„Wahrhaftig! ein Spiegel mit breiten, vergoldeten Rahmen! das iſt aber jetzt nicht ge⸗ bräuchlich, und ſollte von Mahagony ſein.“ „Mahagony? O doch! ich weiß was Beſſeres: man muß auch den Rahmen von Glas machen, aus ſchmalem, klarem Kronenglas, Stücken, die übrig bleiben, wenn man die Fenſterſcheiben zugeſchnitten hat. Dies ſetzt man zu ganzen Rahmen zuſammen und legt gefärbtes Papier dar⸗ unter: das gibt ſchoͤne Rahmen. Sieh, da ſpiegelt man ſich in dem Spiegel, den Rahmen aber betrachtet man nur zu ſeinem Vergnügen, und man kann jede beliebige Pa⸗ pierſorte unterlegen; das kann recht hübſch werden. Haben Sie das noch nicht geſehen, Herr— Herr— 2“ Sie ſchien ein wenig verlegen zu ſein, wie ſie ihn 36 nennen ſollte. Aber jetzt kam eben das beſtellte Frühſtück: eine glänzend weiße, wenn auch eben nicht feine Serviette, wurde über den Tiſch gebreitet und blank abgetrocknete Teller darauf geſetzt. „Wenn ſie uns nur nicht mit dem Dampfſchiffe davon reiſen!“ „O nein,“ entgegnete der Sergeant,„ehe ſie fahren, ſchießen ſie erſt einen Schuß, und dann haben wir immer noch Zeit genug, auf's Schiff zu kommen.“*²) Das Mädchen, welches die Mahlzeit gebracht hatte, war jetzt wieder gegangen und hatte die Thüre zugemacht. Der Sergeant nahm ſein Glas Kirſchwein in die Hand, und ſagte;„Trinken wir auf eine glückliche Reiſe!“ Sara Widebeck nahm ohne alle Umſtände das andere Glas, ſtieß mit ihrem Wirthe an, nickte ihm freundlich zu und ſagte:„Danke!“ „Ehe wir trinken, ein Wort zu ſeiner Zeit!“ ſiel der Sergeant ein.„Es iſt umſtändlich und ärgerlich, nicht zu wiſſen, wie man ſagen ſoll— und dann, ſo— ich will keinen Menſchen beleidigen oder ärgern— und— zum Beiſpiel könnten wir uns nicht— zum Beiſpiel Du nennen— wenigſtens ſo lange wir eſſen— oder— 2“ „Du— ja, es ſei!“ Mit dieſen Worten ſtieß ſie noch einmal an. Sie waren einig und der Kirſchwein wurde getrunken. Der Sergeant wurde gleichſam ein neuer Menſch, als ihm dieſer Stein vom Herzen gefallen war; er ging in dem Zimmer umher und wurde noch einmal ſo unbe⸗ fangen, froh und höflich als vorher. Die ſchöne Glaſertochter dagegen blieb ſich vollkommen gleich. Sie ſaß am Tiſche, legte ſich vor und aß, freilich auf eine recht anſtändige Weiſe, aber eine höhere Grazie lag beim Eſſen nicht eben in *) Dies iſt jetzt bei der Abreiſe nicht mehr gebräuchlich, ſondern nur bei der Ankunft. Anm. d. Verf. . — 37 ihren Geberden. Sie nannte ihren neuen Bekannten in jedem achten Worte Du, ohne ſich durch Blödigkeit oder Stolz im Mindeſten hindern zu laſſen. Sie ſchien wie zu Hauſe zu ſein. Der Sergeant, welcher ſich wenigſtens hinſichtlich der Manieren überlegen fühlte, war durch dieſes Gefühl um ſo glücklicher und ſagte:„Beſte Sara! noch ein Paar Himbeeren? dieſe Sahne iſt ja recht gut?“ „Prächtig! danke! ich entſinne mich, daß im vorigen Sommer beim Lunder Geſundbrunnen—“*) Er ging hinaus und beſtellte mehr Himbeeren. In dieſem Augenblick knallte der Signalſchuß. „Da haben wir's,“ ſagte ſie, ſtand auf und zog die Handſchuhe an.„Beſtelle die Himbeeren wieder ab!“ „Liebe Sara! bleibe Du ruhig ſitzen. Die Himbeeren ſind ſogleich hier— wir kommen doch noch früh genug an das Ufer.“ „Nein, nein! Pünktlichkeit iſt immer das Beſte! Frage, was wir ſchuldig ſind!“ fuhr ſie fort, band ſich das kleine ſeidene Tuch wieder um den Kopf, und zog ein Schnupftuch aus der Taſche, aus welchem das Ende einer Börſe hervorſah.“ „Wie?“ fiel der Sergeant ein;„ich bin es, der—“ „Geſchwind, geſchwind!“ Sie eilte ihm vorbei, trat an den Schenktiſch und fragte, wie viel ſie ſchuldig wären. „Einen Reichsthaler und vierundzwanzig Schillinge. ³) *) Dieſes Lund liegt in Weſtergötland, eine Meile von Skara, iſt keine Stadt, ſondern nur ein guter Sauer⸗ brunnen. Es darf alſo nicht verwechſelt werden mit der Univerſitätsſtadt dieſes Namens, welche in Schonen liegt. Anm. d. Ueberſ. **) Ungefähr 17 Silbergroſchen Preußiſch. Anm. d. Ueberſ. 38 „Hier, liebe Mamſell! ſechsunddreißig Schillinge für meine Rechnung(ſie zog ſie aus ihrer grünen ſeidenen Börſe): das iſt die Hälfte. Adieu, Jungfer!“ nickte ſie darauf der Aufwärterin zu, die das Eſſen gebracht hatte. Beide Bewegungen ihres Kopfes, ſowohl die, welche der Mamſell, als auch die, welche der Jungfer galt, wa⸗ ren zwar freundlich, gehörten aber doch der überlegenen Art an, und ſchienen zu verrathen, daß ſie nach keiner der beiden Perſonen viel fragte. Der Sergeant aber wurde blaß und wollte etwas hervorſtottern, daß er ſie ja eingeladen hätte, und wollte nothwendig bezahlen. Doch' Sara war ſchon in der Thüre, die Zeit drängte, er bezahlte die andere Hälfte der Schuld biß ſich vor Aerger in die Lippen und folgte ihr. Als ſie vor die Hausthüre gekommen, über den Hof gegangen waren und nun die Treppe hinauf ſteigen woll⸗ ten, machte ſie eine kleine Bewegung, woraus der Ser⸗ geant ſchloß, daß er ihr den Arm bieten ſollte. Das that er denn auch. „Ich danke Dir, daß Du mich an dieſen netten Ort brachteſt!“ ſagte ſie halblaut mit der ſchönſten Stimme, und berührte dabei ſtreichelnd ſeine Hand mit der ihrigen.„Wohnt hier ein reicher Färber, Du? der Tauſend!“ „Du haſt keine Urſache zu danken,“ antwortete er. „Du haſt ja ſelbſt bezahlt,“ fügte er mit innerem „ Aerger hinzu. „Ja, ich bedanke mich gar ſehr bei Dir; denn ich war ſehr hungrig. Gute und hübſche Leute gibt es hier, wohin man ſieht, und dieſe Stadt heißt Strengnäs?“ „Ja, ich hätte Dich ſo gerne zur Domkirche geführt, um Dir die größeren Theile der Stadt zu zeigen; dort ſind ſo ſchöne, ſchattige Bäume, unter denen man ſpazieren gehen kann.“ „O Kleinigkeit! Nein, wir müſſen jetzt auf das Dampfſchiff. Sie warten ſchon.“ 39 Indem ſie nun mit hurtigen Schritten durch die ſich kreuzenden Gaſſen gingen, winkte Sara mit Wohlge⸗ fallen den Ecken zu, an denen ſie vorbeiging; aber plötzlich fragte ſie: „Wie weißt Du, daß ich Sara heiße? Ich möchte wohl auch gerne wiſſen, was für einen Vornamen Du haſt.“ „Albert,“ antwortete der Sergeant. „Alber— laß mich denken— ja, richtig: ſo habe ich's im Kalender geleſen, nicht wahr? Ja, ſo wurde auch der Sohn des Tiſchleraltermanns Ahlgrén genannt, bei dem ich im vorigen Sommer Gevatter ſtand. Das iſt ein prächtiger Junge, ſollſt Du ſehen, Albe, Augen hat er, klar wie Email.“ „Du biſt ja in Lidköping zu Hauſe, und reiſeſt jetzt wahrſcheinlich dahin?“ erlaubte ſich der Sergeant zu fragen. „Vorſichtig! geh' vorſichtig!“ ſagte ſie, denn ſie be⸗ traten eben den gebrechlichen Landungsplatz. Doch ſchrit⸗ ten ſie ohne Gefahr hinüber, ſo wie auch über die Planke und befanden ſich von Neuem in der Welt des Dampf⸗ ſchiffes. Man ſtieß ab, die Schaufeln begännen ſich zu bewegen, Wolken von Rauch und ein dumpfes Geräuſch waren der Abſchied des ſchwimmenden Drachen von Strengnäs. Drittes Kapitel. Mein Herr wer Glas ſchneiden will, der muß einen Diamanten haben. Der Sergeant hatte ſich's beſtimmt in den Kopf ge⸗ ſetzt, ſeiner Bekannten irgend eine Artigkeit zu erweiſen. Er ging daher in den Speiſeſaal und begehrte ein Pfund Confect.„War noch nie auf einem Dampfſchiffe zu ha⸗ ben,“ war die Antwort.„Das war ſchlimm! Gibts hier denn Apfelſinen? mich dünkt, dort liegen welche im Korbe.“ —„Ja.“—„Gut! geben Sie mir vier.“ Als er mit ſeinen Früchten in der Hand wieder her⸗ auf kam, fand er das Verdeck folgendermaßen beſetzt und geordnet: die Meiſten der vornehmen Paſſagiere— die Herren, die Frauen und die Kinder— waren in den Sa⸗ lon gegangen; einige wenige ſaßen zwar auf dem Hinter⸗ decke, doch nicht in lebhafter Unterhaltung, und wenn ſie auch nicht eigentlich ſchliefen, ſo waren ſie wenigſtens ganz unaufmerkſam auf alles, was ſie ſelbſt umgab. Die Dal⸗ i die ringförmig vorne am Porder⸗ ſteven hingelegten Taue niedergekauert und ſchlummerten. Die vier oder fünf oben erwähnten Jungfern hatten ſich um ein halb aufgerolltes Segel geſammelt, und lehnten ſich mit den Rücken an daſſelbe. Der Capitän war ver⸗ muthlich in ſeiner Kajüte, denn man ſah ihn nicht auf dem Verdecke. Die Machiniſten arbeiteten im Ergaſtulum. „Wo iſt denn mein Fleines ſchlankes Roſamädchen?“ fragte ſich der Sergeant. Er ſah ſie endlich auf einer grün angeſtrichenen Bank in der Vertiefung hinter dem Deckel des einen Schaufel⸗ rades ſitzen. Der Sergeant fand einen ſo abgeſonderten Platz recht angenehm, ging mit ſeinen Apfelſinen zu ihr, ſetzte ſich neben ſie und reichte ſeine Früchte hin. 41 Sie nickte dankend und zog ihre Geldbörſe. „Hundert ſiebzehn Millionen Bomben und Granaten!“ dachte der Sergeant, indem ihm das Blut ins Geſicht ſtieg;„ſie wird mir wohl nicht ſogleich die Apfelſinen baar bezahlen wollen? Dieſe untere Klaſſe der Bürger⸗ ſchaft hole der—!1“ Doch vollends ſo arg wurde es nicht: ſie nahm aus ihrem gewirkten Geldbeutel ein Meſſer mit plattirtem Griffe und ſchälte damit eine Apfelſine ab, die ſie artig dem Sergeanten überreichte. Darauf ſchälte ſie auch für ſich eine, zerſchnitt ſie in ſechs Theile und ließ ſich's gut ſchmecken.* „Danke, liebe Sara!“ ſagte Albert und nahm ſeine Apfelſine. Darauf bat er ſie um ihr Meſſer, um ſeine Frucht zu zertheilen. Er erhielt daſſelbe und betrachtete es mit einer gewiſſen Verwunderung: es war vorne an der Spitze ganz abgerundet, ohne übrigens einem Tiſch⸗ meſſer ähnlich zu ſein. Sonſt war es neu und an der einen Seite ziemlich ſcharf. Er kehrte ſich nicht weiter daran, ſondern ſagte gleich darauf:„Jetzt, Sara, müſſen wir nähere Bekannte werden, und Du mußt mir ſagen, wie nahe Du mit Deiner Tante verwandt biſt, nämlich mit derjenigen, die—“ „Heute Morgen nicht mitkam? Es iſt, meine ich, nicht ſchwer zu ſagen, wie nahe ich mit der Schweſter meiner Mutter verwandt bin.“ „Freilich, aber—“ „Ja, es thut mir wirklich recht leid, daß die arme Tante Ulla*) nicht mitkam. Nun muß ſie mit Skjuts oder mit der Göteborger Diligence reiſen, und Gott weiß, wo wir uns auf dem Wege treſſen können, wenn es über⸗ haupt geſchieht. Vielleicht bleibt ſie jetzt in Stockholm, *) Schwediſche Abkürzung für Ulrika. A. d. Ueb 42 da es ihr mit dem Dampfſchiffe ſo unglücklich ging. Du ſollſt wiſſen, ich habe noch eine Mutterſchweſter, eine un⸗ verheirathete; ſie heißt Guſtava, wohnt in Lidköping und ſieht nach meiner kranken Mutter während meiner Abwe⸗ ſenheit. Aber Tante Ulla hat ſchon lange in Stockholm gewohnt und wollte jetzt mit mir nach der Heimath rei⸗ ſen, um ſich ein wenig durchrütteln zu laſſen, und es war dumm, daß ſie die Zeit verſäumte; doch das thut ſie oft, die arme Tante Ulla. Es that mir auch meinet⸗ halben leid, denn es iſt immer gut, auf der Reiſe eine Tante oder dergleichen bei ſich zu haben. Aber ich war überzeugt, daß ich unterwegs doch wenigſtens einen Rei⸗ ſenden treffen würde, der— iß ſelbſt, Albe! ich eſſe doch allein nicht alles.“ „Ich danke,“ ſagte er froh, daß er auch einmal zu Worte kommen konnte.„Reiſeſt Du oft nach Stockholm? Es iſt meiner Treu weit von Lidköping nach Stockholm.“ „Ich bin noch nie zuvor in Stockholm geweſen. Jetzt mußte ich hin, um einen Vorrath von Oel und Dia⸗ manten einzukaufen und die neueſte Mode zu beſehen.“ Der Sergeant ſah das Mädchen verwundert an und ſchwieg.„Oel?“ dachte er.„Ich muß mich ganz in ihr geirrt haben. Hm! Die neueſie Mode?“ Er maß ſie von Kopf bis auf die Füße: ſie war wirklich in ihrer Art recht fein und elegant. Endlich ſagte er halblaut:„Dia⸗ manten?“ „Ja, Diamanten, mein Herr! Ha— ha— Du denkſt vielleicht, daß Feuerſteine dazu taugen? Nein doch! Ein Feuerſtein kann zum Feuerſchlagen und an einem Flintenſchloſſe taugen; aber mein Herr! wer Glas ſchnei⸗ den will, der muß einen Diamanten haben!“ Ihre Augen erweiterten ſich bei dieſen Worten und glänzten wie von einem angeborenen hohen Selbſtgefühl. Sie ſchien faſt ſtolz zu ſein, obgleich ſich Stolz ſonſt nie in ihrem Blicke zeigte, außer wenn ſie vielleicht Jeman⸗ den den Rücken zeigte. Auch ſenkte ſie ſich ſogleich wie⸗ *. 43 der zur Vertraulichkeit herab, da ſie bemerkte, daß Albert nahe daran war, vor Schrecken die Apfelſine fallen zu laſſen. Sie fuhr fort:„Wir haben ſonſt immer die Kreide aus Göteborg genommen und könnten es wohl mit dem Oel auch ſo gemacht haben; aber meine Mutter erhielt einen Brief mit der Nachricht, daß in Stockholm die Kanne um zwölf Schillinge wohlfeiler zu haben wäre, und ſo machte es mir Vergnügen hinzureiſen, da ich doch ſchon eine Tante dort hatte, bei der ich wohnen konnte. Doch die neue Mode, von der ſie in Lidköping ſo viel Weſens machten und die ſie in Stockholm erfunden haben ſollten, zu Kirchenfenſtern Glas zu färben, iſt wohl nicht weit her, und darum kehre ich mich nicht daran. Ich habe in Stockholm nichts davon geſehen; ich habe abſichtlich alle Kirchen in der ganzen Stadt beſucht, und das war keine leichte Arbeit, denn es iſt ihrer eine un⸗ ausſtehliche Menge; aber in keiner einzigen fand ich ge⸗ färbtes Glas. Ich weiß nicht, wer dieſe Lüge aufge⸗ bracht hat, wenn ſie nicht aus Upſala kommt, wo ein Aſſeſſor beſchäftigt ſein ſoll, die Fenſter in einem Altar⸗ chore zu malen. Ich möchte es ſonſt wohl lernen, denn wir haben viele Beſtellungen zu Kirchenfenſtern bis in die Gegend von Skara. In Skaras) verſteht kein Menſch das Glas zu handthieren, und ich bin überzeugt, es würde et⸗ was Tüchtiges und Artiges einbringen, wenn wir in der Werkſtatt Glas färben könnten. Wir wären dann die Einzigen in der ganzen Gegend, welche die neue Mode in unſerer Gewalt hätten, und ſie würden zu uns kom⸗ men, ſobald in der Kirche etwas zerbräche. Doch gleich⸗ viel; ich hoͤre, daß die Mode nirgends in Gebrauch iſt, *) Eine kleine Stadt in Weſtergötland, Marieſtadé⸗ oder Skaraborgs Län, Biſchofoſitz, Gymnaſium, Dom⸗ kirche, 1500 E. A. d. Ueb. 44 und da iſt ſie auch nichts werth. Herrliche Diamanten habe ich bekommen und bin alſo mit meiner Reiſe ganz zufrieden, und dann Oel—“ „Wozu aber, um Gottes willen, gebrauchſt Du ſo viel Oel—“ „Wozu denn anders, als zu Kitt? Wozu ſollte man ſonſt hier auf Erden Oel gebrauchen?“ „Warum reist denn aber Dein Vater nicht ſelbſt in ſo wichtigen Geſchäften, die weite Reiſen erfordern?“ „Ach, mein Gott! er iſt ja ſchon über ſechs Jahre todt.“ „Das iſt etwas Anderes.“ „Und meine arme Mutter hat ſeitdem, verſtehſt Du, mit den Gerechtſamen einer Wittwe die Werkſtatt gehabt, nun aber hat ſie zwei Jahre lang zu Bette gelegen, und ich kann alſo wohl ſagen, ich habe ganz allein die Auf⸗ ſicht gehabt.“ „Sage mir aber, ſchöne Sara, wie alt zum Bei⸗ ſpiel biſt Du denn, wenn ich fragen darf?“ „Vier und zwanzig Jahre und ein wenig darüber.“ „Wie? iſt's möglich? ich glaubte, Du wäreſt erſt achtzehn. Solche Wangen— dieſe feine Hautfarbe—“ „Ja, dieſe Wangen hatte ich auch, da ich achtzehn Jahre alt war. Man ſagt, Fiskalstöchter, Mamſellen und Fräulein geben ſich für jünger aus als ſie ſind; ſo ſollen ſie's beim Lunder Geſundbrunnen gewöhnlich thunz ich meine jedoch, es liegt wenig Ehre darin, bei jungen Jahren alt auszuſehen. Da halte ich das Gegentheil für weit beſſer. Wie alt biſt Du denn— wenn ich fragen darf?“ „Ich? Wir find beinahe von gleichem Alter: ich bin fünf und zwanzig Jahre.“ „Und ich hielt Dich für einen jungen Menſchen von neunzehn Jahren, für einen, der, um Offizier zu werden, die Grade paſſirt. So frank und frei führſt Du dich!“ „ „Die Militärgrade? ja, meine Liebe! um aufrichtig 45⁵ zu ſein, ſo habe ich ſie noch nicht paſſirt, und komme vielleicht nie ſo weit.“ „Wie 2— was biſt Du denn für Einer, wenn ich fragen darf?“ „Nur Unteroffizier.“ „Solche habe ich ſchon früher bei den Skaraborgern*) geſehen, und das waren redliche Leute. Ich entſinne mich: beim Lunder Geſundbrunnen trieben ſich Tagediebinnen von Mamſellen umher und ſtellten ſich, als tränken ſie Brun⸗ nen für Dieſes und Jenes, und ſo war dort auch ein Schwarm von Lieutenanten, Capitänen, Majoren und andern Leuten, die ſie Offiziere nennen: die ſtellten ſich auch ſo an, als wenn ſie krank wären und ſchwatzten mit den Mamſellen. Sah ich aber beim Brunnen Unteroffi⸗ ziere, ſo waren es immer reelle Leute, die wirklich krank waren und nicht blos zu ihrem Vergnügen tranken.“ „Was haſt Du denn beim Lunder Brunnen zu thun gehabt, liebe Sara? Du biſt wohl als eine geſunde Per⸗ ſon nur dort geweſen, um die ſchöne Natur zu ge⸗ nießen?“ „Ich war nur einen einzigen Tag dort und hatte dabei meinen Profit von Glasſchachteln. Ich mußte hin, um nach einigen von unſern Lehrjungen zu ſehen, die ge⸗ holt waren, um im Brunnen⸗Salon eine Menge Scheiben wieder einzuſetzen, die bei einem ſonderbaren Ballſchlagen von den Brunnengäſten am 4ten Juli zerbrochen worden waren. Man kann ſich nie auf die Jungen verlaſſen; ſie zerbrechen die Waare, verſtehen auch nicht zu ſchneiden und den Diamanten zu führen. Da es nun eine bedeu⸗ tendere Arbeit war, ſo reiste ich ſelbſt und bereute es nicht. Was meinſt Du wohl, Albe? ich ſetzte 56 kleine Scheiben ein, 22 von ordinärem grünem Glaſe uud *) Ein ſchwediſches Regiment in Weſtergötland, ſo ge⸗ nannt nach dem Läne dieſes Namens. A. d. Ueb. 46 höre!— 34 von ſchönem Spiegelglas. Außerdem ver⸗ kaufte ich zehn Glasſchachteln von der Art, wie wir allein ſie in unſerer Werkſtatt machen, mit Streifen von Gold⸗ papier als Kanten darunter; ferner ſechs große Laternen, die ſie brauchen wollen, wenn ſie in die Keller gehen, um Selſewaſſer und Spa und Kreutzerwrimmel und der⸗ gleichen zu holen. Wie ich ſage: ich ſah dort nur zwei Unteroffiziere, beide ernſthafte Leute mit Gicht, beide aus Weſtergoötland. Wie kannſt Du aber in ſo jungen Jahren ſchon Unteroffizier ſein?“ „In Stockholm haben ſie bisweilen noch jüngere Un⸗ teroffiziere— beſonders als— ja, ſiehſt Du, ich bin ei⸗ gentlich nicht weit von einem Offiziere— ich bin Ser⸗ geant.“ „Scherſant! nun, gut wie es iſt. Frage nie darnach, Offizier, Lieutenant oder ſolches elendes Zeug zu werden. Was thun die Tagediebe anders, als am Tage mit den Mamſellen und des Abends mit den Jungfern Dummhei⸗ ten zu ſchwatzen? Plunder! Gold am Kragen— leere Magen.“ Pauſe. Der junge Krieger war ein wenig betreten über die Beredtſamkeit und die dreiſten Aeußerungen ſeiner offen⸗ herzigen Freundin. Er wußte, daß er herzlich gerne Lieutenant werden wollte und dieſe Beförderung durch ſeine geheime Verwandtſchaft mit einer gewiſſen großen Familie in der Hauptſtadt zu erhalten hoffte; er wußte auch, daß für den Augenblick ſeine Kaſſe hinlänglich verſehen war zu der Art von Inſpectionsreiſe über einige Landgüter, auf welche er während ſeines Sommerurlaubes ausgeſendet worden war. Er wollte deßhalb den ſchwermüthigen Reim:„Gold am Kragen— leere Magen“ nicht auf ſich beziehen. Doch konnte er nicht läugnen, daß jenes getadelte Geſchwätz mit Mamſellen und Jungfern ihm mitunter ganz gut gefallen hatte. Daher blickte er be⸗ ſtürzt auf eine Sara, die ſich ſo beſtimmt ausſprach. Er 47 betrachtete ihr Geſicht: die frohen, freundlichen Augen ſchienen in ſcharfem Widerſpruche zu ſtehen mit ihrer letz⸗ ten ſtrengen Rede; ja, als er die rothen, vollen, faſt ſchön geformten Lippen mit den ebenen, weißſchimmernden Zähnen und einer bisweilen hinter denſelben erſcheinenden kleinen, hochrothen Zungenſpitze betrachtete, ſo war wohl einem Manne wie ihm die ſtille Frage zu verzeihen: „Hat, wohl noch Niemand in der Welt dieſen Mund ge⸗ küßt?“ Sara betrachtete ihn ebenfalls und fragte zuletzt mit klarer und ſanfter Stimme:„warum betrachteſt Du mich ſo aufmerkſam?“ Ganz ungenirt und dreiſt antwortete er:„Ich ſitze hier und denke nach, ob wohl noch nie ein Menſch dieſen kleinen, ſchoͤnen Mund geküßt?“ Ein ſchnell vorübergehendes Lächeln war ihre ganze Antwort, und ſie blickte hinweg über die Gewäſſer des Mälar. In ihrem Blicke lag hiebei nicht die mindeſte Gefallſucht oder irgend ein Schein von Luſt; auf der andern Seite jedoch auch eigentlich nichts Romantiſches, Schwärmeriſches, Himmliſches. Es war ein unerklärbares Mittelding, nicht im Geringſten häßlich, aber auch nicht ſchön im höchſten Sinne des Wortes. Es war ähnlich der Gattung, von welcher man mit froher Miene zu ſa⸗ gen pflegt:„O! es geht wohl an!“ Ermuthigt, daß ſie ihn wenigſtens nicht abwies, ſich umdrehte und ihres Weges ging, fuhr der Sergeant fort: „Liebe Sara! Ich könnte Dir ſehr Vieles ſagen von der Art, was man, wie Du ſelbſt erzählt haſt, Mamſellen zu ſagen pflegt: ich bekenne ſogar, daß ich ſolcher Reden nicht ganz ungewohnt bin. Doch Du haſt mir erklärt, wie ſehr Dir dies zuwider iſt; ich ſoll alſo nicht einmal etwas von dem Herzen ſagen, denn ich entſinne mich, daß Du heute ſchon einmal— und überdies glaube ich, aufrichtig geſprochen, daß Dein Herz von Glas iſt, und ich, ich beſitze ja nicht den Diamanten, die einzige Waffe, mit 48 welcher man Zeichen in ein ſolches zu ſchneiden im Stande iſt.“ „Albert, denkſt Du in Arboga, wohin das Dampf⸗ boot heute Abend kommt, zu bleiben?“ So fragte ſie mit einem durchdringenden, doch gutherzigen Blicke. „Ich? nein gewiß nicht. Ich will hinunter nach dem Härade Wadsbo“) und dort einige Güter inſpieiren, dann reiſe ich vielleicht noch weiter in Weſtergötland hinein.“ „Da fahren wir zuſammen(wieder ein durchdringen⸗ der Blick)— wir können zwei Pferde und einen Wagen nehmen— und wir theilen die Koſten— und— denn ich ſehe, Du haſt kein eigenes Fuhrwerk bei Dir— die Bauerkarren ſind ſchlechte Reiſegeräthſchaften, und die Lümmel von Skjutsjungen neben ſich— das ſind nicht meine Leute, ſie ſind ſelten rein.“ Der Sergeant ſprang auf und hätte ſie gewiß um⸗ armt, wenn ſie nicht auf dem Verdecke geweſen wäre. „Sie hat ein Herz, ein wahrhaftiges Herz!“ dachte er. „Setze Dich, Albert! wir wollen uns die Zeit damit vertreiben, das Skjutsgeld auszurechnen. Hilf mir, wenn ich falſch rechne; es iſt mein größtes Vergnügen, im Kopfe *) Schweden beſteht aus 24 Provinzen(10 in Götarike, 6 in Swearike und 8 in Norrland) und nach einer andern Eintheilung aus 24 Länen(12 in Götarike, 7 in Swearike und 5 in Norrland), die man etwa mit Regierungsbezirken vergleichen kann. Dieſe Pro⸗ vinzen oder Läne ſind wiederum in Härade(Diſtrikte, Kreiſe) getheilt. Das Härad Wadsbo liegt in der Mitte von Weſtergötland, in Maxieſtads⸗ oder Ska⸗ raborgs⸗Län am Wenerſee. In demſelben liegt die Stadt Marieſtad mit etwa 1700 Einwohner. Das ganze Härad iſt 25 ½ ſchwed. O⸗M. groß und hat 46,200 Einwohner 49 zu addiren. Laß mich jetzt anfangen! Die erſte Station, von Arboga gerechnet, iſt ja Fellingsbro?“ Der Sergeant nahm eben ſo munter und aufgeräumt, als hätte er ſein Patent als Lieutenant erhalten, an ihrer Seite Platz. Sie erſchien ihm auch in dieſem Augenblicke ſo ſtrahlend oder richtiger ſo hold ſchön, als ein Mädchen nach ſeinem Geſchmack es je werden konnte. Alles war ſo vernünftig und klug, und dennoch ſo gut, ſo reizend. „Gibſt Du mir keine Antwort?“ ſagte ſie und gab ſeiner Hand einen leichten Schlag mit ihrem einen Couleur⸗ de⸗Lilas⸗Handſchuh, den ſie aus Vorſicht ſchon ausgezogen hatte, als ſie Apfelſinen ſchälte. „Nach Fellingsbro geht der Weg— das iſt richtig, und von dort nach Glanshammar.“ „Dann nach Wretetorp.“ „O nein, Du! Erſt müſſen wir durch Oerebro und Kumla. „Dann aber kommt Wretstorp, das iſt gewiß, und daun Hofwa, und ſo ſind wir zu Hauſe.“ „Wie? biſt Du in Hofwa zu Hauſe?“ „Ich bin in Weſtergötland zu Hauſe, und ſobald ich bei Hofwa den Fuß auf die Erde geſetzt habe, bin ich zu Hauſe.“ Dabei ſtreckte Sara ihren einen kleinen Fuß aus und ſetzte ihn auf eine ganz beſtimmte und weſtgötiſche Art nieder. Albert erhielt ſo eine neue Gelegenheit, den ſchoͤn gear⸗ beiteten, hübſchen Schnürſtiefel zu bewundern.„Iſt das Livköpinger Arbeit?“ fragte er. „Was denn?“ „Ich meine, ob es in Lidköping ſo gute Schuhmacher gibt, daß—“ „Livköping iſt ein ſtattlicher, ja ein prächtiger Ort! Biſt Du denn noch nie da geweſen?— Schuhmacher?— Ja doch! Wir haben Schneider, Kleinſchmiede, Grob⸗ ſchmiede, Schatullmacher, Tiſchler— wir haben Alles⸗ Es geht an. 4 50 Auch Kaufleute und einen reichen Kellermeiſter an der Straße links vom Markte haben wir; doch das gefällt mir nicht, denn ſolche leben andern Leuten zum Verderben und von ihren unnöthigen Ausgaben; der Handwerker aber macht, was da taugt und in der Welt bleibt. Wo bleiben dagegen die Waaren des Gaſtwirthes? Er iſt der Com⸗ mi ſionär der Göteborger Diligence und hat einen großen, großen Ballſaal, in welchem Offiziere mit Mamſellen und Fräulein Aſſemblee halten. Dort wird getanzt, kannſt Du glauben! Ich billige aber doch die Gaſtwirthſchaft nicht; wären die Leute wirkliche Leute, ſo müßten ſolche Leute bald aus Livkoͤping ab und davon ziehen. Nun gehts aber ſo, daß Viele trinken, ſpielen und tanzen wollen, und — Albert, da iſt ein ungeheuer großer Tanzſaal! wenn ich mich recht entſinne, hat er acht Fenſter in der Länge, und vierundzwanzig Scheiben in jedem Fenſter.“ „Findeſt Du, liebe Sara, denn gar kein Vergnügen am Tanzen?“ „Wenn ich der Werkſtatt vorgeſtanden und alles fertig habe, und dann in meinem Zimmer allein bin, ſo geſchieht es wohl bisweilen, daß ich tanze, aber immer ohne Violine.“ „Das iſt mir eine ächte, wahre Weſigötin!“ dachte der Sergeant. Sie ſah jedoch in dieſem Augenblicke ſo außerordentlich ſanft, ja faſt rührend aus, daß er ſchwieg. Gleich darauf fuhr er fort:„daß Deine Mutter ſo krank iſt! Denke Dir einmal, Sara, wenn ſie bei unſrer— bei Deiner Ankunft todt wäre!“ „Ja wollte Gott! Die Arme hat in ihrem Leben keine wahre Freude gehabt! Immer Angſt und Kummer, und jeßt endlich nur Krankheit. Das iſt nicht viel Gutes. Albert!“ „Du ſprichſt auch allzu traurig! Wenn ſie ſich nun Pe und ſtirbt, wie geht es denn mit Deiner Werk⸗ „Ja, dann iſt's zu Ende mit den Gerechtſamen, und v 8— — S S——— — —— te k ei , s. k⸗ 5¹ ich kann von dem Magiſtrate für mich keine erhalten, das weiß 3 aber dennoch habe ich mir's ausgedacht.“ „So 2“ „H ja, ich kann es wohl erzählen,“ fuhr ſie fort, ſchmiegte ſich auf der Bank noch ein wenig näher an Albert, und ſah ſich um, als fürchtete ſie, irgend ein Unbefugter könnte ihre Geheimniſſe hören. Da jedoch, wie oben bemerkt, das Verdeck an dieſer Seite ganz leer war, ſo wendete ſie ſich zu ihm, ſah höchſt vertraulich und klug aus, fächelte mit ihrem kleinen Handſchuh und ſchlug ihn mitunter mit demſelben ſanft auf den Arm. „Ich habe ausgedacht,“ ſagte ſie,„wie ein Mädchen, wie ich, ohne Eltern und Geſchwiſter leben— und gut leben kann. Ich habe Wäſche und Kleidungsſtücke für vele Jahre hinreichend und vollauf und weiß dieſelben auch zu ſchonen, denn ich nehme mich immer in Acht. Wenn nun meine Mutter ſtirbt, ſo darf ich nicht länger in großen Häuſern oder neuen Gebäuden Scheiben zu⸗ ſchneiden und kitten; das ſoll der zünftige Meiſter haben. Weißt Du aber, es gibt eine eigene Kunſt, die in Lidköping kein Menſch kennt, als nur ich, denn ich habe ſie ganz allein erfunden, nämlich wie man Kreide und Oel miſchen ſoll, in ſo richtigen Dimenſio— nein, Proportionen—(Di⸗ menſionen ſagt man von der Größe des Glaſes in Länge und Breite, Proportion aber von der richtigen Miſchung und der Maſſe der Kreide und des Oels: dieſe beiden Wörter werden nur in unſerem Metier gebraucht und Du verſtehſt ſie nicht)— nun, was ich ſagen wollte, ich habe in dieſer Miſchung eine Proportion erfunden, die außer mir kein Menſch kennt, und daraus entſteht ein Kitt, ſo ſtark, daß ſelbſt der ſchärfſte Herbſtregen ihn nicht auflöſen kann. Solchen Kitt will ich machen und an alle zünftigen Meiſter verkaufen; denn ſie müſſen von mir nehmen, ſowohl in Lidköping, als auch in Wenersborg und in Marieſtad, wenn ſie ihn nur etſt kennen lernen. Und ſie wiſſen ſchon davon, denn ich habe ihn durch meine Jungen auf ihren 52 Reiſen auspoſaunen laſſen. Ich verkaufe zu Hanſe in meinem Zimmer.“ „Aber als eine unverheirathete Perſon biſt Du ja ohne Schutz, und—“ „Das wollen wir ſehen! Mit einem ſaufenden und boͤſen Manne, wie meine Mutter ihn hatte, wäre ich im Gegentheile elend und ohne Schutz. Nein, wahrhaftig! ich will mir ſchon ganz allein helfen. Das Hählchen an der Lida*) gehört uns. Es iſt ein ganz kleines höl⸗ zernes Haus, wie eins dort oben in Strengby— Streng — wie hieß es doch?“ „Strengnäs. „Und wenn Mutter ſtirbt, ſo fällt das Haus wir zu. Arme Mutter! Doch ſie wird wohl noch ein Paar Jahre leben. Wenn ſie aber ſtirbt, ſo hat mir der Bür⸗ germeiſter geſagt, ich brauche mit Haus und Hof keinen andern Schutz, wenn ich auch unverheirathet bleibe. Das Haus bringt nicht viel einz ein Paar Zimmer oben kann ich aber doch vermiethen, und unten im Erdgeſchoß wohne ich ſelbſt. Da ich aber gewohnt bin, vergnügt und unter Leuten zu leben, ſo will ich nicht immer allein ſitzen, ſon⸗ dern denke einen Laden anzulegen— einen kleinen Laden— mit ſolchem Handel, den Frauensleute treiben dürfen, und der noch nicht zunftmäßig iſt. Ich verkaufe dann in meinem Laden feine, hübſche, gläſerne Schachteln mit un⸗ tergelegtem, gefärbtem Papier, wie ich ſie ſchon Jahre lang gemacht habe und die allen Landleuten in der ganzen Umgegend ſo ſehr gefallen; ferner verkaufe ich Laternen, ja ich habe auch gelernt, Glas mit Folien zu belegen, und will daraus kleine Spiegel für die Lanvleute machen. *) Lida, Lidan oder Lida⸗o, ein kleiner, 7 ſchwed. Meilen langer Fluß, fällt bei Lidköping in den We⸗ nerſee. Anm., des Ueberſ. * 3 33 Vielleicht nehme ich auch in meinen Laden allerlei Klei⸗ nigkeiten in Commiſſion, wie Gewebe, Leinwand, Schnupf⸗ tücher, Halstücher, nur muß ich mich vor Seidenwaaren in Acht nehmen, denn die gehören zur Zunft. Das ſoll kein ſo kleiner Handel werden, wenn Einer in ſeinem Laden die Leute nur hoflich behandelt; und ich ſitze in meinem Laden von 10 Uhr Vormittags bis um fünf des Nachmittags— länger verlohnt ſich's der Mühe nicht. Vor zehn Uhr des Morgens, ehe ich die Ladenthür öffne, verfertige ich meine Schachteln und Glasarbeiten. Des Abenvs mache ich den Kitt für alle Meiſter. Das gibt einen guten Handel und ein luſtiges Leben!“ Bei dieſen Worten glänzten Sara's Augen, Mund und Wangen. Doch der Sergeant fragte:„Willſt Du denn das ganze Jahr zu Hauſe ſitzen, und Dich draußen nie umſehen oder die herrliche Landluft einathmen?“ „Früh Morgens beim Sonnenaufgange gehe ich hinaus nach Truſwe. Das thue ich im Sommer jeden Morgen, wenn es ſchönes Wetter iſt.“ „Tru— was iſt das?“ „Das iſt Trufwe— weißt Du das nicht? Richert's ſchönes Gut an der Landſtraße nach Marieſtad. Wenn nur der Weg dahin nicht ſo fürchterlich ſandig wäre! Doch daran kehre ich mich nicht, denn ich gehe ihn nicht ſo oft. An vielen Morgen ſitze ich am allerliebſten zu Hauſe. Ich habe Salvei und andre Blumen im Fenſter, und Lavendeltöpfe will ich mir auch noch anſchaffen. Noch dazu ſehe ich die Lida dicht unter meinem Fenſter, und einen ſchöneren Fluß gibt es auf Erden nicht. Will ich noch mehr Waſſer ſehen, ſo habe ich den großen Wetter⸗ ſee, wenn ich aus den Fenſtern hinaus nach Kollandsö ⁴²) ²) Eine ziemlich große fruchtbare Inſel im Wetterſee, Lidköping gegenüber. Anm. des Ueberſ. 54 ſehe; dieſe ganze Inſel habe ich vor meinen Augen, wenn ich nur nach der Stadtbrücke hinſehe.“ „Und wenn Du alt wirſt, ſchöne Sara?“ „Wenn ich lebe bis ich fünfzig Jahre alt werde, ſo denke ich mit meinen Waaren die Jahrmärkte zu beſuchen. Denn ſo lange ich noch jung bin, iſt es beſſer, in meinem kleinen Laden zu Hauſe zu ſitzen.“ „Man geht ſo gerne in einen Laden, in welchem eine ſo hübſche Verkäuferin ſitzt,“ unterbrach er ſie. „Aber in dieſem Alter iſt es häßlich, Jahrmärkte zu beſuchen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich ein wenig auf die Seite wendete, man kann leicht— ja. Komme ich aber erſt in die Fünfzige, ſo wird das wohl vorbei ſein, denke ich; dann wird vielleicht der Handel zu Hauſe im Laden ſchlechter und dann will ich's auf den Jahrmärkten ver⸗ ſuchen, wenn ich nicht bis dahin eine Summe geſpart habe, daß ich ohne Sorgen leben kann und das hoffe ich. Denn man kann ſehr knapp leben und ſich dabei dennoch recht gut befinden, wenn man nur—(hier ſank ihr Ge⸗ ſicht und ihr Blick verfinſterte ſich). „Nun? mein Gott! was meinſt Du?“ „O ja, ich meine, wenn man ſich nur vor einem Plagegeiſt hütet, der unnöthiger und nachläſſiger Weiſe alles aufißt und durchbringt, was man mit Mühe und Fleiß ſammelt. Wozu nützt es, daß man ordentlich iſt, wenn der Plagegeiſt um ſo unordentlicher iſt und von der Arbeit des Fleißigen ſchwelgt? Und wie kann man mit Luſt und Freude arbeiten, wenn man keine Herzensluſt hat, ſondern vor Angſt erſticken möchte?“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ „So? Hm!“ „Ums Himmelswillen erzähle mir, was Du meinſt!“ „Ja, davon könnte vielleicht etwas zu erzählen ſein. Ich war an einem Michaelisabende ausgegangen: es war Herbſt und der Wind wehte; da begegnete ich meiner Mutter; ihre Haare flogen um die Mütze. — 55 In der Verzweiflung lief ſie auf die große Stadt⸗ brücke, die in unſerer Stadt über die Lida führt. Ich war damals fünfzehn Jahre alt und lief ihr nach. Ich dachte, ſie würde in ihrer ſchrecklichen Angſt ins Waſſer ſpringen. Als ich aber zu ihr kam, beſann ſie ſich und umarmte mich, ſtützte ſich gegen die Brückenlehne und ſah ſich um. Es war kein Menſch in der Nähe.„Um Deinetwillen will ich es nicht thun,“ flüſterte ſie,„ich will leben und mich plagen laſſen, bis Du noch ein wenig größer wirſt. Doch verflucht und verdammt ſei dieſer! Ven ihm we⸗ nigſtens will ich mich befreien! Dabei war es mir, als wenn meiner Mutter vor Wuth der Schaum über die Lip⸗ pen kam, ſie riß ihren goldenen Ring vom Finger und warf ihn weit von ſich in die Lida.“ Der Sergeant erblaßte; er entſann ſich, heute Mor⸗ gen auf dem Dampfſchiffe etwas Aehnliches geſehen zu haben. „Deine Mutter iſt gewiß in ihrer Ehe auch ein we⸗ nig ungeduldig geweſen,“ entfiel ihm. „Pfui— pfui— Herr! rief Sara mit blitzenden Augen aus und vergaß das Du. Doch gleich darauf fuhr ſie mit ſanfterer Stimme fort:„Albert! ein Pferd, das zwanzigmal geſchlagen worden und das zum einundzwan⸗ zigſtenmale ausſchlägt, kann nicht ungeduldig genannt wer⸗ den. Doch vas iſt gewiß und bei Gott wahr,“ ſagte ſie zuletzt mit kaum hörbarer, aber doch inniger und klang⸗ reicher Stimme—„Einer war da, der ſtets erinnerte und verkündigte, meine Mutter würde durch dieſe Peinigung immer beſſer werden— oder edler, glaube ich, nennt man es; doch das war eine Unwahrheit, denn ich weiß ganz gewiß, ſie wurde von Jahr zu Jahr ſchlechter. Zu⸗ erſt war ſie die Ordnung und die Reinlichkeit ſelbſt und zuletzt wurde ſie ſo unreinlich, garſtig und nachläſſig, daß ich darüber weinte.(Sara weinte in dieſem Augenblicke wirklich). Zuerſt war ſie fromm und gottesfürchtig und zuletzt mochte ſie das Geſangbuch nicht mehr ſehen— und endlich— ach!—“ 56 „Erhole Dich!“ „Noch heutiges Tages liegt meine Mutter zu Bette und weißt Du weßhalb? Gott ſei uns gnädig! An den Folgen des vielen Branntweintrinkens. Albert! das taugt nicht für eine Frau!“ Der Sergeant ſtand auf, fühlte einen kalten Schweiß unter ſeinem Czako, nahm denſelben ab und fächelte ſich mit dem Schnupftuche. Vielleicht kreuzten ſich in dieſem Au⸗ genblicke einige ſeiner beſten Pläne in ſeinem Kopfe. Doch er war jung und hatte kein verſtocktes Herz. Er fühlte Mitleiden mit den Menſchen;z auch war er nicht genug halbgelehrt, um mit der gewöhnlichen falſchen Phraſe hervorzurücken, daß „ſchlecht gut wäre.“ Von Beſtürzung und Verwunderung er⸗ griffen, kam er jedoch auf einen Punkt, dem ein Soldat ſich ſelten nähert. Er ſetzte ſich vertraulich neben ſeine plötzlich ſo offenherzige Freundin und fragte: Sara! ſage mir aufrich⸗ tig und gerade heraus: biſt Du eine ſogenannte Leſerin?“*²) Leſer?— wie? Nein, das bin ich nicht. Leſer gibt's in Weſtgötland auch ohne mich ſchon genug.“ „Du lieſeſt aber doch bisweilen in der Schrift?“ „In der Bibel? Ja.“ „Da kennſt Du auch das erſte, große, allgemeine Gebot Gottes— verzeihe— es klingt ein wenig ſonder⸗ bar in meinem Munde— ſeid fruchtbar und mehret Euch und erfüllet die Erde! Soll denn dieſes Gebot nicht er⸗ füllet werden?“ Nach einigem. Bedenken erwiederte ſie ohne Verlegen⸗ heit: Dieſes göttliche Gebot enthält ja—“ „Daß Mann und Weib zuſammen ſein ſollen.“ *) Bezeichnung einer religiöſen Sekte in Schweden, der Name kommt her von dem Leſen der Bibel. Bei den Leſern iſt die Predigtkrankheit oder der Bußkrampf ſehr häufig. In der neueſten Zeit haben ſie ſogar reli⸗ giöſe Bücher, z. B. den Landeskatechismus, ja ſelbſt Schriften von Luther verbrannt. Anm. d. U. - 57 „Nicht aber enthält, wie ich glaube, dieſes Gebot den Befehl, daß ein Mann mit jedem Weibe, das ihm in den Weg kommt, zuſammen ſein ſoll und daß ein Weib mit jedem Manne zuſammen ſein ſoll, der ihr durch Zu⸗ fall oder ſonſt beſchieden wird. Wenn ich mich recht ent⸗ ſinne, ſo heißt es dort, daß dies dem Menſchen zu einer Hülfe gereichen ſoll, alſo ſoll es wohl nicht ſowohl ſeiner Seele als auch ſeinem Körper, am allerwenigſten aber ſei⸗ ner Seele, zum Falle gereichen? Sondern, wie man eine große Gefahr, ein Unglück und eine Noth vermeiden und ihnen aus dem Wege gehen und vor allen Dingen mit keiner ſchlechten und gefährlichen Geſellſchaft umgehen muß, ebenſo gut hat man wohl auch die Erlaubniß zu flie⸗ hen vor—“ In dieſem Augenblicke hörte man am Vorderſteven des Dampfbootes ein ſtarkes Krachen und der Capitain kam mit einem Maſchiniſten gelaufen. Es war jedoch wei⸗ ter nichts, als daß ein Tau geriſſen war, wodurch das kleine, aufgeſpannte Segel einen Augenblick vor dem Winde flatterte. Man war jetzt auf eines der größeren Gewäſſer des Mälarſees, Granfjärden gekommen, wo bei dem Ein⸗ laufe in den Blacken immer ein friſcher Wind weht. Durch das ſtärkere Schaukeln kamen ſämmtliche Paſſagiere in Bewegung: das Verdeck füllte ſich mit einer Menge Ge⸗ ſichter, die man den ganzen Tag noch nicht geſehen hatte, die aber jetzt, gleich den Troglodyten, aus ihrer Unter⸗ welt, dem Salon, hervorkrochen. Nach einigen Minuten wurde man Herr des flatternden Segels und gab ihm der Forderung des Windes gemäß eine neue Richtung. Alles wurde wieder gut und ruhig, obgleich der Wind nicht ſo unbedeutend wehte. Aber dieſe Fahrzeuge, die ſich ver⸗ mittelſt eines innern Feuers bewegen, fragen nicht viel nach Wind und Wellen, ſondern laufen ihre Bahn, der Wind mag ihnen günſtig oder ungünſtig ſein oder, wie jetzt, von der Seite kommen. Im Granfjärden gibt es mehre gefährliche Stellen, verborgene Klippen und Riffe, 58 die hier ſchon ſo manchen Schiffbruch verurſacht haben, als man noch ohne Dampf ſegeln und oft laviren mußte. Damals ſah ſich der geſchickteſte Schiffer trotz aller ſeiner Kenntniß der Merkzeichen und der Klippen oft außer Stands, ſie immer zu vermeiden, weil er außer dem Steuerruder weiter nichts zu ſeiner Dispoſition hatte, als dieſe großen, unbehülflichen, ſchweren, vom Winde hin und hergewor⸗ fenen Segel, welche, wie er ſie auch richtete und wie er auch kavirte, dennoch nicht ſelten mit ihm dahin eilten, wohin er nicht wolkte, denn ein armer Steuermann auf einer Schute iſt doch auf keinen Fall mehr, denn ein Menſch. Jetzt, da man ſeine Seefahrt mit Dampf treibt, geht man gerade auf das Ziel los ohne zu laviren und ge⸗ braucht die Segel nicht öfter, als wenn der Wind gün⸗ ſtig iſt und die Fahrt beſchleunigen hilft. Zwar verſteht es ſich, daß auch noch jetzt der Steuermann mit den Merk⸗ zeichen und den Riffen bekannt ſein muß, iſt er aber das, ſo kann er ſie auch leicht vermeiden, ſofern es nämlich über⸗ haupt kein Dummkopf iſt. Die einzige große Gefahr bei der Dampfſchifffahrt iſt die, daß man verbrennen kann, doch auch dagegen kann man durch die Conſtruction des Dampfkeſſels ſolche Vorſichtsmaßregeln treffen, daß dieſe Gefahr ſelten oder nie vorkommt. Es ging recht hurtig und raſch vorwärts, obgleich die natürliche Folge der Bewegung auf dem Verdecke war, daß der Sergeant und Sara in ihrem Geſpräche über das hoͤchſte Problem der Menſchheit unterhrochen wurden. Der Sergeant, angetrieben von ſeiner beſonnenen und raſchen Natur, war hingeeilt und hatte, zu großem Nutzen und Vergnügen des Capitains das Segel ergriffen. Die Folge davon war, daß beide unter dem Verdecke in der Cajüte des Capitains Brüderſchaft tranken. Die Erzählung ver⸗ ſchweigt ganz, wie es bei der Mittagsmahlzeit auf dem Fahrzeuge zuging, denn davon hat ein Verdeckspaſſagier wenig Begriff. Er bemerkt nur an dem Sinken der Sonne gegen den Horizont und an dem eilfertigen Geſpringe der 59 Schenkjungfern mit eingeſchenkten Kaffeetaſſen, daß der Mittag„paſſirt“ iſt. Die Bewohner des Salons haben dieſes Geſchäft unter ſich abgemacht und wenn einige Tro⸗ glodytenfiguren etwas froher, oder wenigſtens nicht völlig ſo häßlich unter den Augen, als gewöhnlich, um dieſe Zeit aus ihrem Verſteck hervorkommen, ſo kann der gemeine Mann(das heißt: der Verdeckspaſſagier) hieraus abnehmen, vaß die Herrſchaften ſich gepflegt haben. Doch iſt es wahr, wie auch dieſe Erzählung oben ſchon angemerkt hat, daß der eine oder der andere Verdecksmann von dreiſterer Natur, wenigſtens in den Speiſeſaal gehen darf, um dort „haſtig und luſtig“ einen Biſſen zu bekommen und dann wieder hinauf zu gehen. Aber vas Schickſal der zu dieſer Klaſſe gehörenden weiblichen Perſonen iſt wirklich hart. Wie dieſe auf dem Vordervecke das Leben friſten können, hat den Verfaſſer oftmals Wunder genommen⸗ Man hält es nicht für recht anſtändig, Eſſen bei ſich zu haben oder für ſich ſelbſt zu ſorgen und von der Speiſe, welche die Dampfſchiffküche zubereitet, erhalten ſie nicht leicht etwas, da ſie keinen beſſern Platz haben, als auf dem Verdecke. Vielleicht ereignet es ſich, daß es auch unter dieſen weib⸗ lichen Paſſagieren eine gibt, die dreiſt genug iſt, in das Adyton des Troglodytismus ſich hinunter zu wagen, um ſich einen Leckerbiſſen zu holen, womit ſie nachher in der friſchen Luft auftritt. Aber dies gilt wiederum für einen Verſtoß gegen die Modeſtie. Etwas ſehr Wohlthätiges iſt dann der Caffee, der zwar eigentlich kein Eſſen iſt, aber dennoch gegen vier oder fünf Uhr recht gut ſchmeckt. Er fommt von ſelbſt aus dem Adyton herauf und wird von Jungfern, welche, ſofern ſie nicht gar zu ſtolz ſind, mit ſich reden laſſen, auf dem Verdecke umhergereicht, ſo daß ein armer Verdecksmenſch ebenfalls eine Taſſe bekommen fann. Sara paßte auf und bekam wirklich eine; ſie ſah auch ſo gut und ſauber aus, daß mit Ausnahme des Kopf⸗ tuches die Caffeeträgerinnen ſie gerne mit zu den Herr⸗ ſchaften hätten zählen koͤnnen. Wirklich war es auch un⸗ 60 begreiflich, daß ſie, deren Börſe mit Silbergeld hervorge⸗ kommen war, ſich kein Salonbillet gekauft und gleich Andern zu einer Troglodytin gemacht hatte. Dieſer Um⸗ ſtand kann aber ſeine Urſache gehabt haben von ihrer Liebe zu der freien Luft oder von ihrem Widerwillen gegen übeln Geruch oder überhaupt gegen Adyten. Während ſie ihren Caffee trank und noch eine Taſſe zu verlangen beſchloß, dachte ſie mit inniger Freude und Dankbarkeit an den Vorſchlag des Sergeanten Albert, ſie in die kleine nette, rothangeſtrichene Stadt(ihren Namen hatte ſie ſchon wieder vergeſſen) mit den kleinen Häuſern zu führen, wo ſie Gelegenheit gehabt hatte, eine reinliche, gute Mahlzeit zu erhalten, die mit dem Namen eines Frühſtückes ihr doch als Mittagseſſen gegolten und die Folge gehabt hatte, daß ſie ſich jetzt nach eingenommenem Caffee ſatt, glücklich und frei fühlte. Der Sergeant hatte gefräßigere Anlagen, und ſo wie die Erzählung ſchon an⸗ gemerkt hat, daß er am Vormittage bei den Schwierig⸗ keiten, die er damals litt, die Schenke ſchon einige Male um Hülfe angeſprochen hatte, ſo war er auch jetzt wieder unten. Da er mit dem Capitain ſo vertraut geworden war, ging er ohne Furcht nach Belieben, ſo oft es ihm einftel und nothwendig erſchien, hinauf und hinunter, und man muß eine beſondere Kenntniß ſeines Billets haben, um zu wiſſen, daß er in der That nicht zu den Herrſchaf⸗ ten, ſondern zu dem Volke gehörte. Was, wie, wo und wann er aß, wird nicht erzählt; man vermuthet nur, daß er ein Mittagseſſen zu ſich nahm. Er war jung, mit ge⸗ ſundem Apetit, keinesweges aber ein Gourmand, ein Trin⸗ ker, gefräßig, garſtig oder überhaupt ein Troglodyt. Auch ſchien er nicht gern in den Adyten zu verweilen, denn ſobald er konnte, eilte er wieder hinauf, und er war ge⸗ wiß ein beſonders guter Freund der Luft, die am Vorder⸗ ſteven wehte, denn dort hielt er ſich am meiſten auf und hatte von Neuem ſeine Cigarre angezündet. 61 Viertes Kapitel. Da warf er ſich betrübt auf den Stuhl und legte den Kopf an die Lehne.„Du haſt kei⸗ nen Diamanten, Albert! ſchtafe Du ud ſtimme Heine Anſprüche herab!“ Sara Widebeck ſah ſich um nach ihren Sachen, die ſie auf dem Vorderverdecke in Mantelſäcken verwahrt hatte. Wegen des einen muß ſie beſonders beſorgt gewe⸗ ſen ſein; denn in einem Augenblicke, da keine andere Per⸗ ſon ganz vorne ſtand, klopfte ſie dem Cigarrenraucher vertraulich auf den Arm und ſagte: Albert! Du ſiehſt es ja gerne, wenn ich Dich um einen kleinen Dienſt bitte2 Ich habe hier einen Mantelſack, dieſen mit den meſſinge⸗ nen Buchſtaben S. We; ſieh nach, daß ſich niemand auf ihn ſetzt! Er hat den ganzen Tag unter dem Segel gele⸗ gen, bei der letzten Verwirrung haben ſie das Eine und das Andere hervorgezogen, das Segel iſt aufgehißt, und mein Mantelſack liegt bloß da.“ Albert nahm die Cigarre aus dem Munde, ſah ſie an und ſagte:„Iſt der Mautelſack ſo empfindlich, daß nicht einmal ein ſo leichter Körper, wie der Deinige, dar⸗ auf ſitzen darf? auf dieſe Weiſe ließe er ſich wenigſtens am leichteſten bewahren.“ „Nein, nein, nicht ſo! weder ich noch Du, und am aller⸗ wenigſten eine andere Perſon darf darauf ſitzen!“ „Iſt er ganz voller Diamanten?“ „Wie kannſt Du ſo fragen?“ „Was haſt Du denn darin? doch, verzeihe mir, das geht mich nichts an; ſei getroſt und froh und geh' wohin Du willſt. Ich wache über Deinen Mantelſack. Sara dankte ihm mit einem Blicke, als wäre der 62 Mantelſack ihr eigenes Herz geweſen. Sie ging, um einige andere Käſtchen unter ihre Obhut zu nehmen, die ſie auf dem Verdecke bei Seite geſetzt hatte. Was kann das Mädchen in dem Mantelſacke haben?“ dachte Albert auf ſeinem Poſten, blickte auf die blanken gelben Buchſtaben S. W. und that einen langen Zug aus der Cigarre. Sie iſt doch wahrhaftig noch ein reiches Püppchen. Doch das iſt mir gleich; Geld bekomme ich ſchon von(ermurmelte einen geheimnißvollen Familiennamen) und von den Gütern im Härade Wadsbo erhalte ich meine beſtimmten Indendantenprocente. Die Buchſtaben ſind recht gut gemacht; ſie haben in Livköping recht tüchtige Gelb⸗ gießer. Soll ich ſie bis dorthin begleiten? ich müßte wohl eigentlich bei Marienſtad von der großen Landſtraße ab⸗ weichen und ins Land hinein— nun, wir werden ja ſehen! es hat damit noch Zeit. Höre Sie, Jungfer, mit dem Präſentirteller! gebe Sie mir eine neue Cigarre— ich will nicht gerne von hier weggehen. Zum Teufel! ſie hörte mich nicht, wie ſoll das ablaufen? So will ich denn noch ein wenig an dem Endchen rauchen; aber es ſchmeckt heiß, und der Rauch zieht in die Naſe; pfui Don⸗ nerwetter! der Mantelſack iſt eben nicht groß, ziemlich lang, aber nicht breit; ſie hat wahrſcheinlich gläſerne Käſt⸗ chen darin, da ſich niemand darauf ſetzen darf. Aber wer zum Henker würde auch ſo unverſchämt ſein, ſich darauf u ſetzen? Ich' habe bemerkt, daß das übrige Verdeckge⸗ jinret ſich hier nie auf etwas anderes ſetzt, als auf das Tanwerk, die Pumpe und die Kanonen; ſie ſind ganz ar⸗ tige und gute Leute; ſie ſind ſo wenig dreiſt gegen die Sachen, die andern Leuten gehören, daß zum Beiſpiel die Dalmädchen ſich nur auf ſich ſelbſt ſetzten, hic est: ſie leg⸗ ten die Beine unter ſich. Von welchem unverſchämten Flegel konnte denn wohl Sara fürchten, daß er ſich unter⸗ ſtehen ſollte— aha— Albert! Du ſollſt ſehen, ſie meinte mit der ſchönen Bitte, nach dem Mantelſack zu ſehen, Dich ſelbſt und keinen Andern.— Pfui, Millionen Granaten! S*— 52— —S 3 N**„» 63 wie ſchmeckt das!“ ſagte er und warf das lette Endchen ins Waſſer:„Das geht über die Geduld!“ In dieſer ſchweren Kriſis kam zu allem Glücke Sara an, und ſollte man es wohl denken? ſteckte ihm eine reue Cigarre in die Hand.„Feuer, habe ich nicht,“ ſagte ſie, „wollte auch die Jungfer, bei der ich die Cigarre beſtellte, nicht bitten, ſie Dir unten anzuzünden, denn— und noch dazu kann ſie nicht rauchen. Wie willſt Du aber Feuer bekommen?“ „Ja, ſieh da kommt der Capitain mit ſeiner herrli⸗ chen Trabucos im Schnabel herſpaziert,“ ſagte er.„Um Verzeihung, lieber Bruder Capitain!..„ſei ſo gut, und komm ein Paar Schritte näher, damit ich anzünden kann! Dieſes hübſche Mädchen hat mich auf einen Poſten geſtellt, den ich als braver Solvat nicht verlaſſen kann.“ „Gleich, gleich!“ antwortete der Capitain. Sara ſtand dabei und ſah zu; ſie konnte ſich nicht enthalten, laut aufzulachen, da die beiden Männer die Cigarrenenden gegeneinander hielten, mit geſpannten, ernſten Augen die Spitzen betrachteten, und eifrig arbeiteten, daß es Feuer fangen möchte. Das gelang, und der biedere, freundliche Capitain entfernte ſich. Mit einem eigenthümlichen Aus⸗ vrucke von Glück zog der Sergeant die beiden Backen voll von friſchem neuem Rauch— denn man weiß, daß der erſte Rauch am beſten ſchmeckt— und blies ihn ganz langſam aus: blies ihn aber in ſeiner Zerſtreuung Saren gerade in das Geſicht. „Pfui doch!“ rief ſie und eilte hinweg auf die andere Seite des Vorderverdeckes, wo ſie mit ihren obenerwähn⸗ ten Käſtchen zu thun hatte. Albert ſtand alſo wieder allein bei ſeinem— das heißt ihrem— Mantelſack, und betrachtete die ſinkende, ſchöne, reizende Abendſonne. Man war jetzt in den See Galten, die letzte größere Erweiterung des Malär auf dem Wege nach Arboga, gekommen. Albert ſtand, wie geſagt, und betrachtete die Sonne, er ſah aber auch mitunter auf 64 den Mantelſack. Er rauchte jetzt langſamer, denn er dachte: wenn ich dieſe ſo ſchnell aufrauche, ſo möchte ich vielleicht nicht ſo gut wieder eine neue bekommen. Ja, ganz gewiß hat ſie Glas in dem Mantelſack, und das ge⸗ fällt mir beſſer, als wenn ſie, wie ich ſchon einmal glaubte, Glas in der Bruſt hätte, oder wenn ihr ganzes Herz von Glas wäre. Das war ein vummer Gedanke von mir— puh!— doch ich will nicht mit einem Zuge ſo viel Rauch ausblaſen— puh!— Meinetwegen mag ihre Seele ein wenig aus Glas beſtehen: kann ich nicht eben ſo gut wie ein Andrer einen Diamanten haben, und ſchneiden? doch tief will ich⸗nicht ſchneiden— der Teufel ſelbſt würde nicht das Herz dazu haben, denn der Kriſtall iſt zu ſchön — puh!— ich will nur ein A in das Email ihres Ge⸗ dächtniſſes zeichnen; das wird mir ja doch erlaubt ſein? iſt wohl nicht zu viel?— puh!— Hübſch iſt ſie, wenn ſie ernſt iſt, noch hübſcher aber, wenn ſie lächelt, am ſchön⸗ ſten aber war ſie, als ſie über ihre Mutter weinte: es iſt ſonderbar, daß mir das gefallen konnte. Man pflegt ſonſt häßlich zu werden, wenn man weint— puh!— ihre Augenwinkel aber wurden nicht roth, ſondern ſtanden klar wie— nun, das Weinen war auch bald über.“ in2 „Leewärts! leewärts!“ rief der Capitain ſeinem Steuermanne zu.„Zum Teufel! ſiehſt denn Du das Merkzeichen nicht? Ja, ja! es fängt an dunkel zu wer⸗ den,“ fuhr der Capitain gutmüthig fort;„es iſt am be⸗ ſten, wenn ich ihn ablöſe und ſelbſt an's Steuer gehe, Die Einfahrt in den Arbogafluß iſt keine Kleinigkeit, wie andere Einfahrten. Leewärts! leewärts! ſtopp Maſchine! Tauſend Teufel! hinunter von da! ich ſtelle mich ſelbſt hin. Laß den Kläver einziehen!“ „Stopp Maſchine! ſtopp!“ hörte man als Antwort. Das Schiff ging langſamer, und der geſchickte Capitain, der nun ſelbſt am Steuer ſtand, bekam Zeit, das Fahrzeng wieder in den rechten Cours zu bringen, und das Merk⸗ zeichen wurde glücklich umfahren⸗ 65 Das innerſte Gewäſſer des Mälarſees oder ſein weſt⸗ licher Anfang bei den Kirchſpielen Kungsbarkarb und Björkſkog iſt voller kleinen Untiefen, verborgenen Riffen und ländlichen Gefahren, die zu Waſſer immer Unglück ſind. Dieſe kleinen Landſpitzen, dicht vor dem Arbogafluſſe ſind eine Fortſetzung der niedrigen Wieſen von Kungsör, dic, gleich einem grünen Teppich im äußerſten Weſten, die Abſicht zu haben ſcheinen, ſich mit dem Waſſer zu ver⸗ miſchen, und man iſt, beſonders des Abends, nicht im Stande, die Gränze zwiſchen der grünen Matte und der WMälarwoge beſtimmt zu unterſcheiden. Da richtet denn der Segler ſein Augenmerk auf das Dach des Kungsörer Schloſſes, das unweit der Flußmündung liegt. Auch dies⸗ mal, wie immer, entging Yngwe Frey allen Gefahren. Kaum war das Schiff in den Fluß eingelaufen, ſo hörte man, wie eine tiefe, trockene Stimme oben auf dem Hinterverdecke zum einem Nachbar ſagte:„Wie weit iſt's noch bis zur Stadt?“—„Ungefähr anderthalb Meilen,“ antwortete eine andere Stimme mit dem Ausdrucke des höchſten Grades von Gefälligkeit, Dienſtfertigkeit und Eifer; ſie klang wie ein Sopran, ähnlich der Stimme eines alten Weibes, ohne dieſes gleichwohl zu ſein, denn ſie gehörte einem Manne zu.„Gut!“ verſetzte der Baß und ſah auf die Uhr,„jetzt iſt's ſieben; um acht, ſpätſtens um neun Uhr ſind wir da und können auf einen ordent⸗ lichen Tiſch und gute Betten rechnen.“— Dieſe Worte wurden zwiſchen zwei Familienvätern gewechſelt.„Wenn der Herr Baron befehlen,“ ſagte der Sopran(ebenfalls ein Baron),„ſo läßt ſich das leicht thun, ſehr leicht, ſehr leicht, wenn wir hier bei Kungsör aufpaſſen und eine Sta⸗ fette, einen Courier zu Lande in die Stadt ſchicken, der uns Zimmer beſtellt; denn um dieſe Zeit ſtoßen viele Rei⸗ ſende zuſammen.“ „Läßt ſich das thun, Herr Capitain?“ fragte der Baß vornehm, aber gleichgültig.—„Es geht poſitiv an, Es geht an. 5 66 ja gewiß, gewiß!“ ſiel der Sopran eifrig ein, ehe noch der Capitain am Steuerruder zur Antwort Zeit gehabt hatte. „Es kann zwar geſchehen,“ ſagte dieſer,„doch nicht ohne eine kleine Mühe.“ „Auf welche Art?“ fragte der Baß, von dem vielen Sprechen ermüdet. „Ja, ohne Schwierigkeit, ſehr bequem, ganz leicht!“ kam der Sopran mit der fließendſten Rede von der Welt hinterdrein gehüpft. Der biedere Capitain am Steuer ſah ſich bedenklich um.„Ja,“ ſagte er,„noch kann ein Boot ans Land ſetzen und dort oben beim Gaſtwirthe einen Kerl miethen, der nach der Stadt reitet, wenn es nothwendig ſo ſein ſoll. Ich hoffe aber, wir ſind eben ſo ſchnell dort wie er.“ „O ja, o ja, v ja!“ ſagte der Sopran,„mit Huͤlfe unſers flinken Capitains kommen wir zwar eben ſo ſchnell beim Bollwerke an; ehe wir aber dann an das Land kom⸗ men, wird viele Zeit vertrödelt, verſchwendet und verloren, ſo daß es immer gut iſt— wollen der Herr Baron das nicht?— wir ſchicken eine Staffette, die alle vorhandenen Zimmer für uns beſtellt, bedingt und in Beſchlag nimmt?“ „Meinethalben!“ ſagte der ſchläfrige Baß und ſteckte ſein Kinn unter den Rock. Der Sopran hüpfte wie ein froher Windhund auf, kam jedoch nicht weiter als bis zum Capitain an dem ganz nahen Steuerruder.„Be⸗ ſtellen Sie, beſter Herr Capitain, beſtellen Sie, beſtellen Sie!“ So gutmüthig der Capitain fonſt auch war, ſo ſchien ihn doch dieſe Geſchäftigkeit zu beläſtigen; nichtsdeſtowe⸗ niger wellte er den beiden Baronen gerne zu Willen ſein, und rief einem von ſeinen Leuten zu:„Mach das Boot klar und fahre ans Land und— er ſagte dem Manne, was er zu thun hätte. Du kannſt uns dann nach⸗ kommen.“ 67 Ja, der Baron bezahlt die Mühe, verſteht ſich, ver⸗ ſteht ſich, verſteht ſich!“ plapperte der Sopran an den Capitain gewendet und halb auf den in ſeinen Rock nieder⸗ gehockten Baß deutend. „Etwas iſt es werth,“ antwortete der Capitain be⸗ ſtimmt, fuhr mit der Hand über das Knie und blickte auf die beiden Ufer, zwiſchen denen er hinſteuerte. Die Aus⸗ ſicht zur Rechten war weit und reizend. Die Wieſen im Norden und Nordweſten waren in unermeßlichem Umfange von Millionen Heuſchobern bedeckt gleich den kleinen unab⸗ geſchnittenen Knoten auf der verkehrten Seite einer großen grünen Stickerei. „Und das Alles hat Hörſtadius an ſich gebracht! das iſt mir ein Paſtor!“ ſagte der Capitain in ſeinem Selbſtgeſpräche mit dem Kopfe nickend.„Der Kerl wird vor ſeinem Tode ſteinreich oder bettelarm. Das iſt ein Paſtor, der mit Heu predigt. Er kann ſagen, wie es in der Schrift ſteht: alles Hen iſt Fleiſch; denn von dieſen Wieſen für eine ſo niedrige Pacht verdient er ein ſchweres Geld. Das Kammer- oder das Kriegscollegium— ich weiß nicht welches von Beiden— iſt gefällig gegen ihn geweſen. Mich wundert aber, daß er in allen Provinzen Güter an ſich bringt, nicht allein hier bei Kungsör, ſon⸗ dern auch in Södermanland, ja im ganzen Reiche. Er hat ja Pachtungen weithin in Stock⸗Upland, in Sollen⸗ tuna. Das iſt ein ökonomiſcher Kerl, der Herſtadius. Er plagt ſeinen armen Körper auf einem Bauerkarren und reist und fährt ſein ganzes Lebelang von dem einen ſeiner Pachthöfe zu dem andern, um nachzuſehen und wie⸗ der nachzuſehen. Das muß ein verdammtes nachſehen ſein, wenn man in allen Provinzen Güter zu verwalten hat. Und wenn er ſo umherfliegt, iſt er dennoch gegen ſeinen eigenen Körper ſo hart, daß er nur Waſſer genießt. Herſtadius iſt ein Weſtgöte— da ſitzt der Knoten! das ſind doch ganz ſonderbare Leute! Was ich aber an ihm lobe, iſt, daß er gegen ſeine Tauſende von Statthaltern, 68 Knechte und Spektoren ſo rechtſchaffen und gut iſt, ſo daß er beim Lichte beſehen, keinen andern als nur ſich ſelbſt plagt.— Segel eingezögen! Flagge gehißt! Nein, bei weitem weniger Märtyrer iſt man als der Führer eines Dampfſchiffes. Komm her! komm und ſteuere! ich gehe hinunter. Jetzt iſt der Fluß bis Arboga klar und leicht zu befahren.“ Der Steuermann kam auf den Befehl, der Capitain übergab ihm das Steuerruder, ſchritt ſelbſt über das Ver⸗ deck und kam ſo die Treppe hinab in die untern Regionen, wo ſeiner dampfender Grogg und Punſch warteten. Es war Abend. Die Fee der Sonne war ſchon im Weſten in die Arme der Wieſen von Kungsör hinabge⸗ ſunken, doch hing noch ein dunkelrother Purpurſchiminer an der Wolke; es war das letzte Kleid, welches die Schöne abgeworfen hatte, ehe ſie ſich zu Bette gelegt und die Decke über ſich gezogen hatte. Tauſend lange rothbläuliche Streifen gingen aus von dieſem Schimmer; viele derſelben ränderten das Waſſer und einige derſelben umgaben das Dampfboot. Eine weiche Hand berührte Alberts Schulter. Er ſtarrte auf von den rothen Strahlen, die er lange betrach⸗ tet hatte, wie ſie auf der gewäſſerten Fläche ſchaukelten und ſlohen: Es war Sara, und ſie flüſterte ihm zu:„Geh jetzt, ich will nun nicht allein meine, ſondern auch Deine Sachen hüten, bis wir damit ans Land kommen. Geh hinunter, und trinke ein Glas Punſch, wenn wir aber zur Stadt kommen, ſo eile ſo ſchnell wie möglich ans Land und ſchaffe uns Träger, ehe die andern Paſſagiere ſie uns alle wegſchnappen.“. Sie ſtanden zufällig ganz allein am Vorderſteven, ſo vaß Sara alſo wohl nicht nöthig gehabt hätte zu flüſtern. Doch Albert meinte, es wäre ſo vertraulich und ſchön, und ihr ſchönes Geſicht war ihm dabei ſo nahe, daß er ohne es ſelbſt zu wiſſen ſie küßte, darauf ging er und that wie ſie geſagt hatte. * Sara Widebeck— als wenn nichts geſchehen wäre — begann am Vorderſteven eine Maſſe größerer und klei⸗ nerer Dinge zu ordnen. Sie legte ihre eigenen Mäntel⸗ ſäcke, Käſichen und Oberkleider auf einen Haufen, und legte auch den nicht eben großen und ſchweren Ränzel, Koffer und Reiſemantel des Sergeanten dazu. Man könnte fragen: wie kannte ſie dieſelben? doch die Beobachtungen, welche ſie während dieſes Tages gemacht hatte, waren ihr hinreichend geweſen, zu bemerken, auf welche Sachen der Sergeant bei ſeinen Wanderungen über das Verdeck ſeine Augen mit Vorliebe geworfen, welche er bisweilen ange⸗ faßt, zurecht gelegt hatte u. ſ. w., was ein braver Kerl ſich nie mit fremden Sachen zu thun erlaubt. Albert ging auch wirklich hinab und nahm ein Glas Punſch.„Mamſell,“ ſagte er darauf,„geben Sie mir gefälligſt noch zwei Gläſer, und ſetzen Sie dieſelben auf dieſen kleinen Präſentirteller; ich will ſie ſelbſt hinauf⸗ tragen, ſo wird niemand damit bemüht.“ Die Schenk⸗ mamſell, froh über eine ſo ſanfte Tonart von einem vorher ſo ſtrengen Reiſenden, gab ihm ſchnell das Verlangte. Albert nahm ſeinen Präſentirteller, trug ihn anſtändig wie ein Kellner die Treppe hinauf und ging zu ſeiner Reiſe⸗ gefährtin am Vorderſteven. „Iſt es Carolina?“ fragte ſie.„Punſch trinke ich nicht.“ „Trinke heute Abend mir zu Gefallen ein Glas Punſch. Es wird kühl; er iſt fein und gut.“ „Schön!“ ſagte ſie, nachdem ſie das Glas geleert hatte.„Albert! das iſt beſſer als Carolina.“ „So habe ich immer geſagt,“ antwortete der Ser⸗ geant und leerte das andere Glas. Jetzt donnerte die Kanone, um die Stadt Arboga zu ſalutiren, und das Dampfſchiff landete, wie gebräuchlich, am rechten Ufer unterhalb des Lundborg'ſchen Hauſes. Der Sergeant, hurtig, gewandt und von der vortreff⸗ lichſten Laune, war der Erſte, der ans Land ſprang. * 70 Nach kurzem umherſchauen in der nächſten Straße fand er zwei unbeſchäftigte Arbogamenſchen, und wurde mit ihnen bald einig. Sie begleiteten ihn auf das Dampf⸗ ſchiff mit einer Trage, die ſie ſich in der Nähe verſchaff⸗ ten. Als Albert an Bord kam, hätte er die Geſuchte beinahe gar nicht wiedergefunden. Ein wenig betroffen ſah er ſich in der Dämmerung nach dem Roſaköpfchen um— es war nicht da. Endlich aber entdeckte er doch auf dem Vorderyerdecke— Sara Widebeck unter einem Hute. Obgleich die beiden Männer mit der Trage auf weitere Befehle warteten, ſo konnte er es dennoch nicht laſſen, einige Augenblicke ſtehen zu bleiben und ſeine verwandelte Freundin zu betrachten. Zwar hatte er heute Morgen den Anblick derſelben Perſon ſchon einige Minuten gehabt doch damals hatte er ſie ohne weiteres Intereſſe angeſehen. Jetzt— iſt ſie es? dachte er. Für eine Mamſell wollte er, einmal gewarnt, ſie auf keinen Fall halten. Doch der kleine, nette, weiße Hut ſaß ſehr ſchön auf dem hübſchen, feinen Köpfchen, und einige geſchmackvoll dunkele Locken hingen auch zu beiden Seiten an den Schläfen herab, ganz ſo wie es recht und billig war. Albert gab den Männern einen Wink, wohin ſie gehen ſollten. Sara ſagte mit Nachdruck auf das vierte Wort:„dies hier ſind unſere Sachen; nehmt Euch damit in Acht, daß ſie auf der Trage nicht zu Schaden kommen.“ „Hat keine Gefahr, beſte Frau!“ ſagte der eine Träger. „Sagen Sie ſelbſt, liebe Frau,“ bemerkte der andere, „was am leichteſten beſchädigt werden kann, ſo legen wir“ es oben auf.“ Albert lächelte bei ſich ſelbſt, ſah aber eine recht ſaure und finſtere Miene in Sara's Geſicht. Sie kamen ans Land.„Wohin befehlen die Herrſchaften 2“ fragte der erſte Träger.* „In den Gaſthof.“ 6 „Ach ſo? die Herrſchaften ſind nicht zu Hauſe hier 71 in der Stadt? Da will ich Ihnen ſagen,“ fuhr der Mann fort,„daß es für Sie höchſt angelegen iſt, ſo ſchnell wie möglich voraus zu eilen, um in dem Gaſthofe Nacht⸗ quartier zu bekommen; denn hier ſind viele Reiſende.“ „Ich komme mit den Sachen nach,“ fiel Sara ein, „eile Du voraus, Albert! wir finden ſchon den Weg zum Gaſthofe.“ Der Sergeant that es. Er durcheilte die langen Straßen von Arboga und war bald im Gaſthofe. „Sind alle beſetzt! keins mehr ledig!“ war die Ant⸗ wort des Gaſtwirthes, als Albert Zimmer verlangte. „Ich komme aber von dem Dampfſchiffe, und muß nothwendig Zimmer haben!“ „Und wenn Sie von der Sonne, ja wenn Sie vom Blocksberge kämen, ſo würden hier dennoch keine Zimmer mehr ſein. Hier kommen der Baron* und der Baron** und der Baron*; ſie haben für ſich und ihre Familie alle Zimmer beſtellt. Und ob ſonſt noch in Arboga, ja— erkundigen Sie ſich, mein beſter Herr— ich zweifle fehr, denn der Markt in— hm hm— hat einen furchtbaren Zuſammenlauf verurſacht.“ „Nun, ich bin mit einem einzigen Zimmer zufrieden (ich ſelbſt kann irgendwo auf dem Heuboden ſchlafen, dachte er); aber ſauber und nett muß es ſein. Haben Sie die Güte! Gleichviel, was es koſtet!“ „Annette! hot die Frau wohl noch ein Zimmer übrig?“ fragte der Wirth in ein Seitenzimmer blickend. „Uns haben einige verdammt weitläuftige Freiherrn ganz und gar okapirt, wir haben ſonſt Lokale genug; ſie gehö⸗ aber zur Nobleſſe dieſer Gegend, deßhalb ſehen ie „Nein,“ antwortete Annette,„ſind keine da.“ „Aber ich muß, hol mich der Henker! ein Zimmer haben,“ ſagte der Sergeant entſchloſſen und ging ſelbſt in jenes Zimmer.„Nur ein Bett iſt nöthig. Es wäre doch wohl die Möglichkeit, wenn das in einem ſo großen, ge⸗ 72 räumigen und ſchönen Hotel nicht zu haben ſein ſollte! Ich bin früher in Arboga geweſen und weiß, daß längs dem Hof ein langer Gang zu Tauſenden von Zimmern führt.“ „Nun, nun, beſter Herr!“ ſagte eine kleine, kugel⸗ runde Frau, in einer Haube, die Wirthin des Hauſes. „Geh', Annette, und ſieh nach, ob mein eigenes Zimmer ganz hinten im Gange ſich ein wenig aufräumen läßt. In der Stunde der Noth muß ich wohl meine eigene Ruhe im Stiche laſſen.“ Annette und der Sergeant gingen. Er fand ein recht hübſches und geräumiges Zimmer, gab ſeinen Beifall und kehrte zurück. Kaum war er bis an die Hausthüre ge⸗ kommen, ſo traf er Sara und die Träger. Er zeigte ihnen den Weg, die Treppe hinauf, welche zu dem langen Gange führte, der mit Brettern belegt ſich wie eine Arkade längs der ganzen Wohnung hinzog. Sara war durch den Weg wieder munter geworden und hatte die ſchönſte Farbe erhalten, die jedoch wiederum von einer Wolke voller Aerger überzogen wurde, als ſie die höfliche Aufforderung des Trägers vernahm. „Gehen Sie voran, liebe Madame!“ Bald nahm ſie jedoch ihre rechte Miene wieder an, und von Albert und Annette begleitet, trat ſie in das ihnen angewieſene Zimmer, welches ſie vortrefflich fand. Flink und froh ordnete ſie die Sachen an der einen Wand. Die Träger wurden bezahlt und abgefertigt. Nach einer, von Annette gegebenen Anweiſung auf ein unten leer ge⸗ wordenes kleines Speiſezimmer, gingen ſie beide dahin und genoſſen ein mäßiges Abendbrod, deſſen beſonders Sara Widebeck wohl bedurfte. Eine halbe Stunde verfloß. Sie gingen von dem Speiſezimmer zurück in ihr Nachtlogis; Annette ging voran und öffnete die Thüre. „Gott laſſe die Herrſchaften zufrieden ſein!“ ſagte Annette.„Wir haben es wegen den pielen Reiſenden nicht 73 beſſer; ich werde ſogleich mit Licht kommen.“ Darauf verneigte ſie ſich, ging hinaus und ließ ſie allein. Das breite ſchoͤn aufgemachte Bett zeigte an, wofür die gute Annette ſie hielt. Albert, um gleich von vorne herein aller Verlegenheit zuvor zu kommen, ſagte:„Liebe Sara! ich ſetze mich unten in einen Wagen, oder übernachte auf einem Heuboden; der dumme Einfall der Leute mit Deiner Benennung verdrießt mich eben ſo ſehr wie Dich, man kann aber nicht dafür, wenn Barone mit ihren brei⸗ ten Flügeln alle Zimmer ſo beſetzt haben, daß ich nur ein einziges bekommen konnte, und auch das nur auf vieles Bitten. Doch hoffe ich, Du wirſt Dich hier gut befinden, nicht geſtört werden und gut ſchlafen.“ Sara hatte inzwiſchen ihren Hut abgenommen, ihn auf einen Stuhl gelegt, kam mit freundlicher Geberde zu ihrem Reiſegefährten und antwortete:„Albert! thue wie Du willſt und ſitze draußen wo es Dir beliebt. Ich kann mir wohl denken, Du willſt über dieſes eine, nette und hübſche Zimmer Lärm machen, und Du meinſt wohl, es ſei dumm, weil es nur Eines iſt? Wäreſt Du wie ich, in nur einem Zimmer geboren und erzogen, und hätteſt Du hernach Dein ganzes Leben in dieſem Zimmer zuge⸗ bracht, das des Tages Arbeitswerkſtatt und des Nachts Schlafzimmer für uns alle war(denn die übrigen Zim⸗ mer des Hauſes mußten wir aus Noth vermiethen), ſo würdeſt Du über dieſe Kleinigkeit nicht viele Worte ver⸗ lieren. Aber obgleich Du nicht ganz ſo biſt, wie viele Andere, ſo kann ich dennoch verſtehen, daß Du mit vie⸗ len närriſchen Gedanken erzogen worden biſt. Darum, guter Albert!— ja, thue wie es Dir beliebt; doch ver⸗ ſichere ich Dich, wenn Du hier bleibſt, anſtatt die ganze Nacht draußen in der Kälte zu ſitzen, ſo werde ich das als gar nichts anſehen und wünſchte, Du thäteſt das auch, denn gerade dann bedeutet es am wenigſten.“ „Wenn Du hier bleibſt, ſo werde ich das als gar nichts anſehen!“ waren Worte, die dem Sergeanten wie 74 ein Echo durch die Seele gingen, und etwas für ſein Selbſtgefühl ſo Zermalmendes, etwas ſo Grauſames und Niederſchlagendes machte ihn ſtumm. „Albert!“— fuhr ſie fort, indem ſie ſich näherte und ſeine Hand ergriff—„verkenne mich nicht und wun⸗ dere Dich nicht. Wenn ich zu Hauſe die Nächte aus⸗ nehme, da Vater noch lebte— das iſt ſchon lange her— da er meiſtens gar nicht, bisweilen aber doch kam, und mit vielem Lärm, ja leider mit Schlägereien und Flüchen bis gegen vier Uhr des Morgens wirthſchaftete, ſo kann ich Dich verſichern, daß es übrigens in unſerer Werkſtatt, wo wir ſchliefen, ſo ſtill war, daß nicht das kleinſte Glas zerbrochen wurde. Das bin ich gewohnt. Gehe Du aber lieber hinaus, beſter Albert, denn Du findeſt vielleicht in dieſer Kleinigkeit Vieles, und ich kann Dich nicht än⸗ dern.“ Jetzt konnte er nicht umhin zu lächeln.„Gleich gut,“ entgegnete er,„jetzt gehe ich wenigſtens für's Erſte hin⸗ aus, um uns auf morgen Pferde zu beſtellen.“ „Verſteht ſich, daß Du jetzt gehen mußt, ja!“ fiel Sara eilfertig ein,„morgen iſt es zu ſpät, Alles in Ord⸗ nung zu bringen; wir müſſen früh fertig ſein. Und Du bleibſt dieſe Nacht wo Du willſt; nimm' aber den Stu⸗ benſchlüſſel mit, wenn Du hinaus gehſt, damit nicht etwa aus Verſehen ein Anderer hereinkommt, und ſage der Jungfer, daß ſie kein Licht zu bringen braucht, zum Aus⸗ kleiden iſt es für mich heil genug.“ Albert ging. In der Thür wendete er ſich noch ein⸗ mal um. Da ſtand ſie mitten im Zimmer und verneigte ſich:„Gute Nacht, Albert! wir ſehen uns morgen.“ Er verbeugte ſich, ſchloß die Thüre zu und zog den Schlüſſel aus.„Unbegreifliche!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen.„Gute Nacht! wir ſehen uns erſt morgen! Iſt das eine Einladung, heute Abend wieder zu kommen 2 Und dennoch ſchien der Anfang ihrer Rede darauf hinzu⸗ deuten. Ich gehe im Hofe ein wenig auf und ab!“ —— —— v — — NM 1 * — M 75 Er beſtellte Pferde und ſagte Annetten, es ſei kein Licht nöthig, daß ſie aber morgen früh präciſe um ſechs Uhr mit dem Kaffee kommen ſollte. Darauf ſpazierte er im Hofe umher, ſich einen Wagen zur Schlafſtelle zu ſuchen. Doch da waren keine Wagen zu ſehen. Aus ei⸗ nigen aufgerichteten Deichſeln, die er in den Scheuern durch die Spalten ſehen konnte, ſchloß er zwar, daß ein Vorrath von verſchiedenen herrſchaftlichen Wagen da war, aber ſie waren eingeſchloſſen. Er ging den etwas ab⸗ ſchüſſigen Hof hinab. Die Nacht ſchien regnicht werden zu wollen. Er kam an den Stall und klopfte an die Thür. Da brüllte ihm aber aus demſelben ein beſoffener Stallknecht ein„geh' zum Teufel!“ entgegen. „Dieſer Gaſtwirth iſt mir hundsföttiſch ordentlich, daß er ſerne Schuppen, Thüren und Böden ſo früh ver⸗ ſchließt! Proſit, Sergeant! hier haſt Du viel Vergnügen, hier biſt Du von der ganzen Menſchheit abgeſchnitten. Ich gehe auf eine Minute wieder hinauf und ſehe, was meine Sara macht und wie ſie mich aufnimmt, und dann gehe ich wieder hieher, um mir bei dieſem verdammten Sakra⸗ menter von Teufelsſtallknecht Gehör zu verſchaffen.“ Zu dieſem Entſchluſſe trieb ihn die Neugierde. Gleichwohl ging er erſt mehrmals auf dem unebenen und nichtswürdig ſchlecht gepflaſterten Hofe auf und ab, ſtieß ſich dabei oft die Füße und hielt ſich ſelbſt folgende Stand⸗ rede:„Gute Nacht! ſagte ſie, das iſt wahr; ihre Stimme aber zitterte ein wenig dabei, das merkte ich; ſie kam aus dem innerſten Herzen, ſo lieblich war ſie. Man kann das erklären, wie man will; es braucht keine vö lige Gleichgültigkeit oder ein beſtimmtes Gutenacht als Ab⸗ ſchied zu bedeuten. Es kann ja das Gegentheil ſein. Ich habe Luſt, ſie auf die Probe zu ſetzen, ſie zu plagen und nicht hinauf zu gehen.„Wir ſehen uns morgen 1“ alſo nicht heute Abend? Zuerſt blieb aber doch meiner eigenen Wahl die Beſtimmung überlaſſen, welches von beiden ich 76 auf eine halbe Minute hinauf!“ Er ſtieg leiſe die Treppe hinauf, ſchritt über den langen Gang hin, ſteckte den Schlüſſel behutſam in die Thüre, ſchloß auf und trat ein. Hier war es ſtill. Er b näherte ſich im Halbdunkel. Sara's Kleider lagen nett . wollte. Ja, ich prüfe ſie: ich gehe auf eine Minute, und ordentlich auf einem Stuhle. Sie ſelbſt? Er beugte ſich vor, um nachzuſehen. Sie ſchlief ſchon mit dem Ge⸗ ſichte nach der Wand gekehrt. Alberts erſtes Gefühl war ein kühles Entzücken, denn ohne Dichter und noch weniger ſchwärmeriſch reli⸗ giös zu ſein, und obgleich er nur ſchlecht und recht ein Unteroffizier war, ſo ſchlug dennoch eine ſo einfache und große Freiheit, eine ſo reine und ungeheuchelte Tugend unwiderſtehlich auf ihn an. Sie— ohne zu wiſſen, ob er nicht trotz ſeiner Verſicherung dennoch zurückkommen würde, was er jetzt ja auch wirklich that— hatte ſich getroſt und geſund gelegt und war ohne innere Unruhe, ohne Furcht, ohne Phraſen, ohne Umſtände angenblicklich eingeſchlafen. Alberts nächſter Gedanke war jedoch weniger ange⸗ nehm. Er ſah ein, daß es ganz gewiß ihr kalter und vollkommener Ernſt geweſen war, da ſie ſagte, daß es für ſie nicht das Geringſte zu bedeuten hätte, ob er im Zimmer bliebe oder nicht. Was hatte er alſo in ihren Augen für eine Bedeutung?— etwa ſo viel wie ein Stuhl— ein Tiſch— ein Thürpfoſten— ein Gleich⸗ viel. Zermalmender, vernichtender Gedanke! Ohne die ge⸗ ringſte Schwierigkeit geſtattet es ja das ſchönſte Mädchen einem Stuhle, bei ihrer Toilette zugegen zu ſein. Allzu ſchmeichelhaft, gleicher Gunſt zu genießen! Albert zog die Stiefel aus, ging ſtill und in ſich gekehrt im Zimmer umher, zog den Rock aus, und da er eben über Stühle phantaſirt hatte, ſo ſuchte er einen ſolchen auf und fand einen mit Seitenlehnen und einer —— — ——— —-— —— p N S M — 77 ungeheuren Rückenſtütze; einen von dieſen hiſtoriſchen Stühlen, welche noch ſeit dem ſiebenzehnten Jahrhunderte in alten Schlöſſern oder kleinen Städten zu finden ſind, in welche letzteren die weltverbreitende Macht der Verſtei⸗ gerungen dieſelben verſetzt hat. Er trug ſeinen großen Lehnſtuhl leiſe an das Fenſter, ſetzte ſich, blickte durch die Scheiben, betrachtete das Himmelsgewolbe und hätte gerne geſchlafen. Doch konnte er kaum gähnen. Der Stuhl war weich, aber in ſeiner Bruſt fühlte er Stiche und das ganze Zimmer umgab ihn mit ſeiner düſtern, widrigen Kälte. Er warf ſeine Augen auf das Bett. Zufolge der reinen, neu gerollten Kopfkiſſenüberzüge der Wirthin ſchimmerte es in glänzen⸗ er Weiße. Uebrigens jedoch erſchien es ihm todt und edeutungslos. So ſaß er und ſchloß die Augen, um wenigſtens etwas zu thun. Nichts deſto weniger aber ſah er. Was ſah er? Eine lange Arabeske rollte ſich vor ſeinem in⸗ nern Auge auf. Darin kamen alle kleinen beſondern Er⸗ eigniſſe des letztverfloſſenen Tages vor, und Sara's Bild erneuerte ſich immer wieder, aber immer ſo ſanft, ſo froh, ſo ſchön. Es war zuerſt der Augenblick in Streng⸗ näs, wo ſie ſich zum erſten Male Du nannten, dann als ſie mit der Cigarre kam u. ſ. w., u. ſ. w., u. ſ. w. Kann es wohl nach ſolchen Dingen noch möglich ſein, daß ſie Dich haßt?“ fragte er ſich. „Dummer Sergeant!“ rief er halblaut und ſtarrte die Decke des Zimmers an:„mich haßt? das thut ſie gewiß nicht. Haßt man einen Stuhl? haßt man einen Eiſch? haßt man ein Hausgeräth? ein Gleichgültiges— ein Nichts— einen Mich?“ Er lauſchte, ob ſie wohl nicht wenigſtens unruhig ſchliefe. Aber es war nichts dergleichen zu merken.„Sara Widebeck gehoͤrt nicht zu denjenigen, die da träumen,“ ſeufzte er und ſchloß von Neuem ſeine Augen. Am Ende hat ſie wohl doch ein hartes und kaltes, zwar glänzendes 78 aber dennoch ſtarres gläſernes Herz. Sie frägt wahrhaf⸗ tig weder nach Haß noch nach Liebe. Was iſt ſie denn aber ſelbſt? Sie iſt ſelbſt gefühllos wie ein Stuhl, ſo wie ſie mich für einen Stuhl gehalten und mir das offen⸗ herzig geſagt hat. Tugendhaft? Kann ich einen Stuhl* tugendhaft nennen 2 Sie iſt gar nichts von dem, was ich meine, weder gut noch böſe. Wie kann ich ein Nichts Tugend oder gar Laſter nennen? doch um Vergebung, Sergeant!“ fuhr er nach einer Weile fort,„Du haſt Unrecht; ſie iſt nicht, wie Du ſagſt, ein Nichts in dieſer Hinſicht; entſinnſt Du Dich zum Beiſpiel der lebhaften Blicke, des warmen Mundes?— bisweilen— nein, ge⸗ wiß hat ſie ein Gemüth, ſei davon überzeugtz ob ich aber der Rechte bin, ſieh, das iſt eine andere Frage Was iſt ſie denn? Liederlich? pfui Teufel! das kann mir nicht einfallen. Doch ein Mittelding iſt ſie, das ich nicht begreife, wenn ich mir darüber auch den Kopf zerbreche. Ich möchte ein Dichter werden: ich bin ja erſt fünfund⸗ zwanzig Jahre!“ „Ach!“ fuhr er fort,„wenn ich ſchlafen könnte! Morgen wird alles gut!“ Ungeachtet dieſes Wunſches blickte er jetzt wieder durch das Fenſter auf das Himmels⸗ gewölbe, welches nun klarer zu werden und Sterne zu zeigen begann. Er rieb mit ſeiner Hand die Fenſterſchei⸗ ben, um ſie von aller Feuchtigkeit zu reinigen.„Was iſt denn ſo eigentlich dieſe Scheibe?“ begann er zu mo⸗. nologiſiren.„Was iſt in dieſer Welt eine Glasſcheibe? Auch ſie iſt ein Mittelding, ein Mittelding zwiſchen der äußern und innern Welt— wunderbar genug!— man ſieht die Scheibe ſelbſt nicht und unterſcheidet nichts deſto weniger ſo genau die kleine Menſchenwelt drinnen und das Unermeßliche draußen. In der Scheibe ſelbſt kann ich nichts ſehen, durch dieſelbe aber ſehe ich gleichwohl jetzt die Sterne des Himmels. Die Scheibe iſt unbedeu⸗ tend, ja verächtlich, und dennoch, wie es mir vorkommt, kein ganz niedriges Ding, aber auch von keinem hohen S 79 Werthe; ja gerade ſo wie zum Beiſpiel ich ſelbſt! Ach, ich ritzte ſo gerne meinen Namen in die Scheibe, doch habe ich hier in der Weſtentaſche nur einen Feuerſtein; ich habe Luſt zu verſuchen, ob ſie wahr ſagte, da ſie be⸗ hauptete, daß man damit kein Glas ſchneiden könnte!“ Er nahm den Feuerſtein und verſuchte. Aber ent⸗ weder war der Feuerſtein zu ſtumpf oder er wagte nicht durch größere Anſtrengung Lärm zu machen, genug, er konnte kein Zeichen einſchneiden. Da warf er ſich betrübt auf den Stuhl und legte den Kopf an die Lehne.„Du haſt keinen Sſt Albert! ſchlafe Du und ſtimme Deine Anſprüche herab!“ Immer neblichter ward es vor ſeinem innern Ange, immer ſtumpfer und grauer die Ge⸗ ſtalten um ihn her. Die Pulſe ſchlugen ohne Hitze; ganz langſam und dumpf ſchlug das Herz. Dus ganze Uni⸗ Lerſum war langweilig. Er entſchlummerte. Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben. Fortſetzung der vorſtehenden Erzählung von 8 . W. Snellman. Aus dem Schwediſchen. Es geht an. Fünftes Kapitel. Vieles, ſollte ich meinen, ſehr Vieles bleibt dennoch übrig, wofür wir uns gegenſeitig herzlich danken müſſen, und was kein Geld bezahlen kann. Am folgenden Morgen klopfte es leiſe an die Thür. Albert ſprang von ſeinem Stuhle auf, und dort an der Bettdecke war ebenfalls eine kleine Bewegung bemerklich. Der Schlüſſel in der Thür, den er geſtern Abends ver⸗ geſſen hatte, wurde ganz gemach umgedreht, die Thüre ging auf und herein trat Annette mit Caffee. „Verzeihen Sie, meine Herrſchaften, daß ich ſo ſpät mit dem Kaffee komme,“ ſagte ſie geſprächig und geſchäf⸗ tig, wie Aufwärterinnen in kleinen Städten es zuweilen find.„Ich ſehe, der Herr iſt ſchon auf; verzeihen Sie! ich weiß, Reiſende trinken ſonſt am liebſten im Bette; aber Gott weiß, wie es heute kam, die Uhr iſt ſchon halb ſieben; die vielen Barone hielten uns geſtern Abend lange in Bewegung, bis ihnen alles zu Dank aufgeräumt war. Gott laſſe Ihnen jetzt den Caffee ſchmecken und gebe, daß er klar ſei.“ Sara richtete ſich auf und ſtützte ſich auf das Kopf⸗ kiſſen. Annette trat an das Bett, knirte, bot ihr Caffee . 84 und wendete die Seite des Brodkorbes, wo der beſte Zwie⸗ back lag,„der lieben Frau“ zu. Inzwiſchen hatte Albert die Stiefel angezogen. Sara bot ihm mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken einen guten Morgen. Dieſer kleine Schimmer bon ihrem neu erwachten frohen Antlitze war ihm eine erfriſchende Mor⸗ genröthe. Er glaubte zu bemerken, daß ſie ihm winkte; er ſetzte ſich auf die breite Bettkante, und vruͤckte ſo den während der Nacht unbenutzten Theil des Lagers nieder. Anette bot ihm jetzt ſeinen Caffee. Er nahm und ließ es ſich gut ſchmecken. „Befehlen Sie mehr?“ fragte ſie geſchäftig in der Thür.„Warum nicht?“ ſagte Albert. Sie ging hinaus. Nach einem kurzen verlegenen Schweigen bemerkte er:„Liebe Sara, ich ſehe ein, daß Du dich mit Recht über die falſchen Titel ärgerſt, welche die Leute Dir und mir geben; doch würden wir uns auf der Reiſe viele ver⸗ vrießliche Erklärungen und Albernheiten erſparen, wenn wir dies fortfahren ließen, wie es nun einmal angefangen hat— oder—“ „Das habe ich ebenfalls eingeſehen,“ erwiederte ſie, „und ärgere mich nicht länger darüber. Ich hätte um keinen Preis eine Lüge verbreiten wollen; da ſie ſich aber ſelbſt gemacht hat, ſo— und— Albert, ich bin recht froh, daß Du mich nicht mißverſtandeſt oder es übelnahmſt, als ich Dir zuwinkte, herzukommen und Dich auf dieſe Seite des Bettes zu ſetzen, um ſie herabzudrücken;— vas iſt ein ſchrecklich breites und prächtiges Bett, ich habe wie eine Königin geſchlafen— ich wollte aber nicht, daß vas Mädchen es merken ſollte, daß der eine Theil deſſel⸗ ben nicht benutzt iſt: ſie hätte eine ſonderbare Meinung von uns bekommen. Albert zog ſeinen Rock an, ging an die Thüre und ſagte:„ich will hinuntergehen und vorſpannen laſſen.“ Er that es. Die beſtellten Pferde waren angekom⸗ men; dazu ſtand auch ein unten mit Heu und Stroh an⸗ ———————— 85 gefüllter Wagen mit zwei gewöhnlichen harten Sitzen be⸗ reit.„Dieſe bäuriſchen Dinge gefallen ihr nicht, das habe ich gehoͤrt: der Gaſtwirth muß mir einen Sitz mit einem Kiſſen leihen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt. Er ging; nach kurzem Parlamentiren bekam er einen ſolchen Sitz und band ihn mit neuen Halfterriemen über den Vorderwagen feſt.„Aber,“ dachte Albert,„hier ſo gerade über der Achſe rüttelt es ganz verdammt. Beſſer iſt es, der Bauer ſitze ſelbſt dort und faͤhrt und wir nehmen in der Mitte zwiſchen den Achſen auf dem hintern Sitze Platz. Sonſt ſitze ich zwar vorn am liebſten und fahre gern ſelbſt; aber Gott weiß, obſie daran Vergnügen findet und die Pferde⸗ ſchweife gerne ſo dicht vor den Füßen hat. Beſonders, wenn es bergab geht, und die Pferde zurückhalten müſſen, ſo hat man ſie beinahe auf dem Schooße. Das ſehe ich zwar recht gern, aber ich glaube gewiß, ſie liebt ſolche ländliche Aufzüge nicht. Ich will hinaufgehen und ſie fragen, wo ſie ſitzen will.“ Die artige Sorgfalt des Sergeanten gränzte hier vielleicht nahe an Kinderei. Inzwiſchen hüpfte er elaſtiſch und froh die Treppe hinauf, erreichte die Thür, machte auf und trat ein. Sara war ſchon angezogen und von Kopf bis zu Füßen fertig. Nur der Hut war noch nicht aufgeſetzt und die anderthalb Ellen lange Haarflechte noch nicht aufgerollt, um mit der Nadel über dem Nacken be⸗ feſtigt zu werden. „Jetzt einen förmlichen guten Morgen!“ ſagte ſie. „Wir haben einander noch nicht gegrüßt; durch das Fen⸗ ſter habe ich geſehen, daß der Wagen ſchon auf dem Hofe hält. Aber,“ fuhr ſie mit ganz leiſer und etwas zitternder Stimme fort—„Du haſt meinethalben heute Nacht wohl recht viel ausgeſtanden?“ In ihrer Geſtalt lag in dieſem Augenblicke, ſo wie ſie vor ihm im Zimmer ſtand, der Ausdruck einer großen Dankbarkeit, verbunden mit dem Vergnügen eines unbe⸗ gränzten Vertrauens zu ihm; überdieß aber lag in dieſem 86 Ausdrucke auch eine nicht ſo geringe Miſchung von weib⸗ licher Scherzhaftigkeit. Albert gab keine Amwort; in dieſem Augenblicke war es ihm unmöglich, zu unterlaſſen was er that: er nahm ſie in ſeinen Arm und küßte ſie ſchnell. Sara Widebeck verließ ihn gleich darauf, ging zu ihrem beiderſeitigen Gepäcke, um zu überſehen und zu überlegen, wie Alles in den Wagen geſchafft werden könnte, ohne beſchädigt zu werden. Als Albert in der Thür ſtand, um den Bauer zu holen, der die Sachen hinunter tragen ſollte, winkte ſie ihm zurück und ſagte: „Ich habe etwas überlegt. Es iſt am beſten, daß Du auf der Reiſe allein in das Tagebuch*) ſchreibeſt und den Skjuts bezahlſt; denn die Skjutsjungen können ſelten addiren, und wenn ich mit ihnen rechne, ſo muß ich mich nur ärgern. Aber ſieh, hier iſt mein Antheil an den Stjuts von hier bis Marieſtad, das eine Pferd für mich, 24 Schillinge die Meile, macht für 15% Meilem? R. 36 Sch. Wagengeld 46 ½ Sch. erhöhte Stijutsgebühren von den Städten Arboga und Orebro(durch mehr Städte kom⸗ men wir nicht), und Nachtquartier, Alles zuſammen 11 R. 6 Sch. Sieh da! ich glaube nicht, daß ich mich ver⸗ zählt habe, denn ich habe oft Geld gezählt und kann das. Zähle aber doch ſelbſt nach.“ Gedemüthigt und geſenkten Hauptes antwortete der Sergeant nichts, erhob aber auch die Hand nicht, um das aus der Börſe rollende Silbergeld anzunehmen. *) Auf den Stationen wird jedem Reiſenden, der Skjuts begehrt, ein Tagebuch vorgelegt, in welches er ſeinen Namen, den Ort, woher er kommt, und den, wohin er fährt, die Anzahl Pferde, die er nimmt, und den Ort, wo ſein Paß ausgeſtellt iſt, einſchreiben muß, und auch andere Bemerkungen machen kann⸗ Dieſes Buch wird jeden Monat an die obrigkeitliche Behoͤrde eingeſendet, und von dieſer revidirt. A. d. Ueb. „Lieber Albert!“ fiel ſie betrübt ein,„vielleicht habe ich mich geirrt, und Du reiſeſt nicht ganz bis Marieſtad mit. Mir war es aber geſtern Abends bisweilen ſo, als ſagteſt Du, Du wollteſt nach dem Härade Wadsbo und ſo weit hinunter, wie bis Marieſtad. Ich berechnete un⸗ ſern gemeinſchaftlichen Skjuts bis dahin. That ich Un⸗ recht, ſo ſage mir—“ „Daran habe ich gar nicht gedacht,“ erwiederte er. „Aber ich kann nicht läugnen, es würde mir Vergnügen gemacht haben, wenn ich für das Erſte den verwünſchten Skjuts hätte ganz bezahlen dürfen; denn für den Schuld⸗ thurm bin ich denn doch noch nicht ganz fertig; und wenn ich dann endlich nicht länger in Deiner Geſellſchaft hätte fahren können, ſo wäre es noch immer früh genug ge⸗ weſen, mit einander abzurechnen— und—“ Sara ſah ihn mit großen Augen an.„So,“ ſagte ſie zuletzt mit einem Seitenblicke.„Nein, Albert, ſchwatze nicht ſo. Alle Bezahlungen, die nachher kommen, werden ſolchen Leuten ſchwer, die ſich leiden mögen. Du würdeſt auch dann noch eben ſo verlegen ſein, meinen Antheil an⸗ zunehmen, wie jetzt; und ich würde noch verlegener ſein, ja gleichſam auf Nadeln ſigen, weil ich glauben müßte, ich dürfte ihn zuletzt vielleicht gar nicht geben. Eine ſolche Verbindlichkeit zu haben, iſt unerträglich.“ „Mein Gott, Sara! ſind denn gegenſeitige Gefällig⸗ keiten— iſt— ja— Dankbarkeit, gegenſeitige Dankbar⸗ keit zweier Menſchenherzen, ein ſo unerträgliches Gefühl?“ „Dankbarkeit— Albert!(Ihre Augen erhoben ſich hiebei wunderbar) es gibt Dinge, die man nie vergelten kann, und bei Jemanden in ewiger Schuld zu ſtehen, iſt dann ſüß. Aber Skjutsgeld, und Geld für Eſſen und für Miethe und Kleinigkeiten, dafür mag, wer da will, in Verbindlichkeit ſtehen, aber nicht ich. Nun ja, es ver⸗ ſteht ſich, wenn ich kein Geld hätte, ſo müßte ich wohl zu Gute halten und es annehmen, mich ſchämen, erröthen und danken; weinen und danken. Um das jedoch nicht 88 nöthig zu haben, denke ich niemals zu faulenzen, und ſo lange wie möglich Geld zu verdienen. Sage kein Wort mehr, nimm das Geld, Albert! und ſei ein Mann.— Ach! Vieles, ſollte ich meinen, ſehr Vieles bleibt dennoch übrig, wofür wir uns gegenſeitig herzlich danken müſſen, und was kein Geld bezahlen kann.“ Die Thräne, die bei dieſen Worten am äußerſten Nande ihrer langen, dunkeln Wimpern glänzte, fiel gleich⸗ wohl nicht herab, ſondern zog ſich allmählig wieder in das Auge zurück. Alſo nur der Glanz des Blickes wurde erhöht, und dieſer glomm überirdiſch; aus dem Weinen wurde jedoch nichts. Albert fing jetzt an einzuſehen, daß er keineswegs niedrig handelte, wenn er das Geld nähme. Er nahm es, ja er ging ſogar ſo weit, daß er es ganz genau nachzählte, als wenn er es aus der Hand eines Krämers erhielt. Er fand die Summe richtig, und bemühte ſich, ganz kalt und kräftig zu ſagen:„Sara, du haſt ganz richtig gezählt.“ Sie ſah ein, welchen Sieg er über ſich gewannz und belohnte ihn durch ein ihr eigenthümliches Kopfnicken. „Das wußte ich,“ ſagte ſie,„aber es ſchadet nicht, daß zwei addiren; es iſt immer weit beſſer.“ Mit dieſen Worten legte ſie ihre lange Flechte nett in einen Kreis unter den Kamm im Nacken, ſetzte den Hut auf und ſchritt auf die Thüre zu. Der Sergeant vergaß es, ſie über die Sitze zu be⸗ fragen. Sie kamen auf den Hof und befahlen dem Skjuts⸗ bauer, ihre Sachen zu holen. Er ging und brachte das Eine nach dem Andern. Sara ordnete Alles in dem lan⸗ gen Wagen, während Albert zu dem Wirthe hineinging, bezahlte und in das Tagebuch ſchrieb. „Den Paß ſollte ich wohl eigentlich auch ſehen,“ ſagte der Wirth;„bei ſolchen Herrſchaften kann es aber überflüſſig ſein.“ „Ja, ſehr gerne; hier iſt er, wenn Sie ihn ſehen „ — 89 wollen.“ Albert entfaltete den Paß vor den Augen des Wirths. Er las:„Ser— Serg— ja ganz wohl. Die Frau ſteht zwar nicht hier, aber das thut ja nichts. Ganz wohl!“ „Ja, Herr Wirth,“ verſetzte Albert,„um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, als ich mir den Paß ausſtellen ließ, da dachte ich allein zu reiſen. Allein Sie wiſſen, man kann oft ſeine Meinung ändern, und ſo nahm ich ſie nach⸗ her mit, wollte jedoch die Polizei nicht weiter bemühen, mir einen neuen Paß zu ſchreiben.“ „Nun ja, das kann ich wohl verſtehen; was thuts auch? Ordentliche Leute, die anſtändig reiſen und be⸗ *zahlen, fragt man nie nach dem Paß. Glückliche Reiſe, Herr Sergeant! Ich hoffe, Sie werden mit den Pferden zufrieden ſein. Es ſind meine eigenen.“ „So, Herr Wirth. Nun, dann kann ich vielleicht gleich den Skjut bis Fellingsbro bezahlen, dann iſt das gethan.“ „O nein, das iſt nicht nöthig, kann aber auch an⸗ gehen; der Knecht ſäuft.“ „Hier!— fünf Viertelmeilen— und hier ein we⸗ nig darüber für— wo blieb Annette? Haben Sie die Güte, dies für das Mädchen anzunehmen.“ „Danke ergebenſt! Herr Sergeant, ein Glas für mich, wenn ich bitten darf! So des Morgens ſchadet es nicht. Sagen Sie, würde es nicht angehen, der Frau draußen auch ein Glas anzubieten? Ich habe feinen Malaga.“ „Ich fürchte, Sara will ſo früh nicht trinken.“ „Daran müſſen Sie Ihre Frau gewöhnen, Herr Ser⸗ geant. Topp! ich wette, die Frau iſt aus Weſtergötland! Sie haben gut ausgeſucht, Herr Sergant! Jetzt will ich nur wünſchen, daß Ihnen der Bauerwagen zu Dank iſt und nicht allzuſehr rüttelt; wenn man jedoch keinen eige⸗ nen Wagen hat, ſo muß man fürlieb nehmen. Meine Frau iſt ſelbſt aus Weſtergötland, dort ſind die beſten Leute. 90 Ich bin ſo zu ſagen mit Jemand verwandt, der ſogar mit Hörſtadius verwandt iſt. Ich muß den Herrn Sergeanten ſchon früher geſehen haben: ein großer, hübſcher, ſtattli⸗ cher Mann! hoffe auch, ich werde noch einmal bei der Rückreiſe— gehorſamſter Diener— gehorſamſter Die—“ Der Sergeant konnte das angebotene Glas nicht aus⸗ 8 ſchlagen; aber die faſt väterliche Huld und Vertraulichkeit des Gaſtwirthes verdroß ihn ein wenig, und erinnerte ihn deutlich daran, daß er uur Unteroffizier wäre. Als er auf dem Hof war, ſaß Sara ſchon auf dem Wagenſtuhle. Der Wirth kam ihm mit dem Glaſe auf dem Präſentirteller nach:„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ ſchmunzelte er. „ Sara aber wendete ſich hinweg und ſagte verdrießlich, halblaut:„Mit dergleichen halte ich mich nicht auf, und am allerwenigſten des Morgens.“ Albert fühlte einen Stich, ſagte nichts, ergriff jedoch die Zügel und die Peitſche und ſetzte ſich auf den Wagen. Er fuhr zu dem Thorwege des Gaſthofes hinaus, und wäre in ſeiner Zerſtreutheit beinahe angefahren. „Ei! ei! ſieh Dich vor! ſieh Dich vor.— Das geht nicht an!“ rief ſie. Der Sergeant ärgerte ſich, denn er rühmte ſich, ſehr gut fahren zu können. Er riß die Pferde mit den Zügeln zurück, verſetzte ihnen einen Hieb mit der Peitſche, und es⸗ ging zum Thorwege hinaus und die Straßen von Arboga entlang nach dem Weſterthore hin, daß es um das Pfla⸗ ſter rauchte und dampfte. Daß der Wagen hiebei rüttelte und hüpfte, kann man ſich wohl denken.„Sachte, ſachte, Herri“ erinnerte der Knecht auf dem hinteren Sitze, und erhob ſich zur Hälfte.„Halt's Maul, Flegel! und ſitz' ſtill!“ herrſchte der Sergeant. Man war jetzt auf die ebene und vortreffliche Land⸗ ſtraße gekommen, die eine ſehr ſchnelle Fahrt geſtattete, ohne daß ſich Jemand daran ſtoßen konnte. Der Knecht ſchwieg auch ſtill, beſonders da es nicht ſeine eigenen Pferde ——— W „— ₰— 1 — 91 waren, und ſchlief ein. Sara hatte von dem Thorwege an etwas betroffen im Wagen geſeſſen, und ein mitunter zur Rechten geworfener Blick ſchien zu fragen, ob Albert wohl wirklich boͤſe wäre. Wenn der Sergeant ſelbſt fuhr, ſo nahm dieſes Ver⸗ gnügen gewöhnlich ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch, daß er weder ſah noch hörte, was um ihn her vorging. Eine halbe Stunde lang wurde kein ſchwediſches Wort geredet. Einmal ſagte Sara:„es ſtäubt!“ Dieſe Wahrheit war nicht zu widerlegen, alſo auch nicht weiter zu be⸗ ſprechen. Nach einer Weile ſagte Sara zum zweiten Male: „Es ſtäubt ſchrecklich! ich glaube, ich nehme den Hut ab.“ Der Sergeant war indeſſen ſo ziemlich wieder in ſeine gute Laune gekommen, ſo daß er zwar ihre Bemerkung nicht beantwortete, aber doch fragte:„Willſt Du lieber auf dem hinteren Stuhle ſitzen? Ich ſehe, der Falbe ſchlägt beſtändig mit ſeinem langen, unbeſchnittenen Schwanze um Deine Füße.“ „Dagegen habe ich nichts, er ſtäubt ſie ab.“ „Nun, das iſt gut. Dann frägſt Du vielleicht auch nichts darnach, hinten zu ſitzen?2“ „Neben dem Knechte? Haſt Du denn hier vorne jetzt nicht Platz genug.“ „O ſa; aber der Knecht könnte hier ſitzen und fahren, und wir ſetzten uns hinten; dann würde es nicht ſo ſehr ſtoßen.“ „O, ich kann gerade nicht ſagen, daß es ſtößt. Aer⸗ ger ſtieß es in Arboga.“ „Aber wenn Du des Staubes wegen den Hut ab⸗ nimmſt, wie Du ſagſt, wozu dient das? Staubt es da⸗ rum weniger?“ „Nein, aber ein weißer cambrickener Hut, der beſtäubt wird, muß gleich gewaſchen werden, und das iſt beſchwer⸗ lich, denn es muß am See mit der Bürſte geſchehen. Von N 92 einem ſeidenen Tuche dagegen geht der Staub gleich ab, wenn man ihn nur über die Hand ſchlägt.“ „Ja, wenn Du das Kopfzeug wechſeln willſt, ſo halte ich gleich ſtill, und wir ſteigen aus.“ „Oder wenn ich den Regenſchirm aufſpannte und gegen den Staub hielte 2“ „Staub iſt kein Regen“— unterbrach ſie der Ser⸗ geant—„und fällt nicht blos von oben auf einen Regen⸗ ſchirm, ſondern ſteigt unter demſelben in die Höhe und fährt einem um ſo ärger in's Geſicht; ich mag keinen Regen⸗ ſchirm leiden, wenn das Wetter ſchön iſt.“ Sara ſchwieg. Man fuhr wieder eine Viertelmeile, ohne zu ſprechen. Jetzt aber erwachte der Knecht und arbeitete ſo ſtark, daß es einer Revolutivn im Hinterwagen ähnlich war. „Was denkt er mit unſern Sachen vorzunehmen?“ rief Sara und ſah ſich um. Albert ließ die Pferde lang⸗ ſamer gehen und ſah ſich ebenfalls um. Es war jedoch nichts Gefährlicheres, als daß der Knecht ſich umgedreht und auf die linke Seite gelegt hatte, um ſo noch ein Schläf⸗ chen zu verſuchen. Dadurch kam aber Albert aus ſeiner Verſtimmtheit, lachte über die groteske Lage, die der Arboger Schläfer unter ſeinem eingebogenen Hute angenommen hatte, und ſagte:„Sara Widebeck! da wir nun einmal langſam fahren, willſt Du, ſo halte ich hier ein wenig ſtill und laſſe die Pferde verſchnaufen, wir ſind raſch gefahren, und Du kannſt des Staubes wegen umtauſchen, was Du willſt.“ Er ſprang ab, ging nach der andern Seite des Wa⸗ gens und reichte ſeiner Reiſegefährtin die Hand, um ihr herab zu helfen. Sie richtete ſich auf, ſuchte aber lange nach einem feſten Tritte für ihre blanke Schuhſpitze. Die Nabe des Rades kam ihr zu theerig vor. Der Sergeant meinte, ſie ſuchte zu lange, ließ alſo ihre Hand los, nahm ſie ſtatt deſſen ganz in ſeine Arme, ſtellte ſie auf die Erde 93 und ſagte:„Nun wirſt Du ſehen, daß Du nach vem Fahren nicht mehr ſtehen kannſt!“ „O, ich befinde mich recht gut und will ſchon ſtehen, meine ich. Aber freilich fährſt Du darauf los, beſonders auf— Weißt Du, Albert! der Magiſtrat in Lidköping hat den Reiſenden verboten, in vollem Trabe über die Straße zu fahren.“ „Das iſt ein dummer Magiſtrat, Sara. Ich muß mich alſo wohl in Acht nehmen, nach Livköping zu kom⸗ men. Aber ſage mir aufrichtig: biſt Du in dieſem hunds⸗ föttiſchen Staube auch durſtig geworden? Ich weiß eine kleine Quelle hier oben auf dem Berge. Findeſt Du nicht dieſe Gegend recht ſchoͤn?“ „Heißt dies hier eine Gegend? Haben wir noch weit bis Fellingsbro 2“ „Aber liebſt Du denn keine ſchönen Landſchaften?“ „Landſchaften?“ fragte ſie und ſah ſich gleichgültig um.„Sie ſind ſo ſelten natürlich gemalt, Albert. Mut⸗ ter hatte von Vaters Zeiten her ein Paar Landſchaften zu Hauſe an der Wand in der Werkſtätte hangen; ich aber habe ſie auf den Boden bringen lafſen.“ „So. Findeſt Du aber nicht, daß hier eine ſchöne Ausſicht iſt? Sieh dort— dort ganz hinten im Weſten liegt das ſchöne Frötuna, früher Dalſon's, jetzt Graf Her⸗ manſon's Gut.“ „Ausſichten haben wir überall, wohin ich mich wende, dünkt mich. Aber ſage mir, iſt dies denn kein Kirchſpiel? In Weſtergötland haben wir immer Kirchſpiele, ſobald wir aus der Stadt kommen. Und jedes Kirchſpiel hält ſeinen Schuſter⸗ und Schneidermeiſter, der Lehrburſchen, aber keine Geſellen halten darf. Aber es freut mich, daß die Kirch⸗ ſpiele noch nicht ſo weit gekommen ſind, daß ſie ihren eigenen Glaſer halten, wenigſtens ſo viel mir bekannt, nicht die Kirchſpiele um Lidköping, denn ich weiß, ich habe oft nach Roda, Oſaka, Göslunda, Säſvared, Linderſva, Hofby, Traß⸗ 94 berg, ja bis nach Skalmeja hinaus geſchickt und einſetzen laſſen.“ Der Sergeant hatte ſich indeſſen Lor die Pferde ge⸗ ſtellt, und plauderte mit denſelben, da es ihm unmöglich ſchien, mit dem ſchönen Mädchen in ein vernünftiges Ge⸗ ſpräch über die Reize der ländlichen Gegend zu kommen. Gleichwohl könnte man zu ihrer Entſchuldigung anführen, daß die Gegend von Arboga bis Fellingsbro nicht ſo über⸗ trieben ſchön iſt. „Welchen Weg reis'teſt Du nach Stockholm hinauf, Sara?“ fragte er ſie bald darauf, nachdem ſie ihren Hut gehörig in eine Schachtel gepackt und ſtatt deſſen ein hell⸗ graues, großes, glänzendes und hübſches ſeidenes Tuch über den Kopf gebunden hatte. „Hinauf?“ wiederholte ſie. „Ja, Sara, fuhrſt Du nicht dieſen Weg nach Stock⸗ holm hinauf? Mich dünkt, Du bekümmerſt Dich wenig um den Weg und um die Gegend?“ „Ich kaufte mir ein Billet auf dem Dampfſchiffe Thunberg,“ antwortete ſie,„ging vor Kollandss an Bord, als es von Wenersborg kam, und darauf ſegelte und fuhr es mit mir hin und her, bis es bei dem Stockholmer Rid⸗ darholm landete.“ „Aber es kam mir vor, als wenn Du in Arboga alle Stationen und Städte ganz genau kannteſt, an denen wir auf dieſer Reiſe vorbei kommen, und durch welche wir fahren.“ „Verſteht ſich, ich mußte davon Beſcheid wiſſen, denn ich dachte auf meiner Rückreiſe dieſen Weg zu fahren, und das that ich, weil ich in Oerebro und Hofwa etwas aus⸗ zurichten habe.(Ich will dort ein wenig Spiegelgut an Selin verkaufen, das kann die Reiſe bezahlen.) Und es iſt keine Kunſt, mit den Stationen Beſcheid zu wiſſen: ſieh hier, Albert, habe ich mir eine Liſte über alle Ortſchaften nebſt der Anzahl der Meilen gemacht; ich ſchrieb dies in Warodell's Laden zu Stockhoim auf, nach einer Angabe, —,— —— 95 die ich dort erhielt. Dieſe Liſte lernte ich geſtern Abend auswendig, ehe ich einſchlief.“ Albert blickte auf ihre Liſte und fand eine recht leſer⸗ liche Frauenzimmerhand.„Und dieſes prägte ſie geſtern Abend im Bette, ehe ſie einſchlief, ihrem Gedächtniſſe ein, gerade da ich—!“ Germalmender Gedanke, der Albert durchſchauerte).„Du beſchäftigteſt Dich wahrhaftig mit keinen intereſſanten Gedanken, ehe Du einſchlieſſt,“ ſagte er laut und mit einem ſäuerlichen Blicke. „Ich lernte alles mit einander auswendig, Viertel⸗ meilen und Namen; das war gar nicht langweilig. Und dann rechnete ich auch im Kopfe meinen Antheil an Skjuts aus, um zu wiſſen, wie viel ich Dir heute Morgen vor der Abreiſe geben müßte: das war recht angenehm: ich dachte dabei an Dich— und ſchlief bald und ruhig ein. „Ja, ja, das Letzte war gerade etwas, worüber man gleich einſchlafen konnte,“ bemerkte Albert. Jetzt hatten die Pferde hinlänglich ausgeruht, und der Sergeant näherte ſich dem Knechte in ziemlich übler Laune, wenigſtens war er ärgerlich über die Schlafſucht einiger Menſchen, und weckte ihn mit einem tüchtigen Puffe.„Hans, Michel, Flegel, oder wie heißt Du? Iſt es Sitte zu ſchlafen, wenn man Reiſende fahren ſoll? Auf und herunter von der Bank!“ Der ſchlaftrunkene und von der groben, ſtrengen Stimme betroffene Knecht ſprang gehorſam und ſklaviſch, wie es Dienſtboten in der Stadt oft find, aus dem Wagen. „Was befehlen Sie?“ ſagte er.⸗ „Löſe die Halfterriemen auf und ändere die Stühle. Binde Deinen Bauerſtuhl vorn, ſetze Dich ſelbſt darauf und fahre. Jetzt iſt der Weg bis Fellingsbro ſo eben und gut, daß das dümmſte Rindvieh ihn fahren kann. Ich fahre nur dann gerne, wenn es ſchwer und bedenklich iſt. So! mach zu, Schlafmütze, ſage ich! Binde dieſen Kiſſen⸗ ſtuhl hinten, mitten auf den Wagen, ſo ſetzen wir uns darauf.“ 96 Der Knecht wurde nach und nach vortrefflich, und Lerrichtete die Befehle des Herrn Oftziers prompt. Sara Widebeck ſagte während dieſes ganzen Geſpräches kein Wort, lächelte aber dann und wann über gewiſſe Stichelworte, die ſie verſtand. Man ſetzte ſich auf den veränderten Sitz; der Knecht fuhr jetzt und wurde durch dieſe Beſchäftigung bald ganz wach. Er wollte ſeine Hurtigkeit zeigen, klatſche und fuhr „wie der Teufel,“ nach dem Ausdrucke des Dichters. Bald war man bei Fellingsbro.„Sieh, was für große, hübſche, rothbraune Häuſer!“ waren Sara's erſte Worte nach dem langen Stillſchweigen. Sie meinte wahr⸗ ſcheinlich die beiden Fellingsbroer Gebäude, welche der Landſtraße die Giebelſeite zuwenden, mit ihrem geräumigen, viereckigen, reinlichen Hofe zwiſchen ſich und dem Garten im Hintergrunde ſo ſymmetriſch daſtehen, und längs des Weges durch ihr Stacket gegen Bauern und Fuhrwerke geſchützt werden. Albert antwortete nichts auf ihren Ausruf über die Häuſer, ſtieg ab, beſorgte in aller Eile das Noöthige, und erhielt Pferde nach Glanshammar nebſt einem eben ſo guten Wagen mit Stühlen. Der neue Skzjutſer, ein braunrunzliger, doch lebhafter Alter, mußte ſelbſt fahren, und davon hatte man keinen Schaden, denn er ließ es auf dem guten Wege recht raſch vorwärts gehen. Bald wen⸗ dete ſich der Weg links gegen Süden und man kam in vie Wälder. Der Alte ſprach unaufhörlich mit ſeinen Pferden eine grobe und“ murmelnde Sprache, die ohne Schwediſch zu ſein, von denſelben dennoch verſtanden wurde, hier aber nicht wiedergegeben werden kann. In ſeiner Freude, daß er ſie allein handhaben durfte, hörte und ſah der Alte weiter nichts, als den Weg und ſeine Pferde. 97 Sechstes Kapitel. Wie iſt ſie im Stande, einen Schauder zu empfinden? dachte Albert; nun Gott ſei Lob und Dank! dann iſt ſie doch wenigſtens—— Wovor ſchaudert Dich, Sara? fragte er laut. „Ach, wie gefällt mir dieſer Wald, Albert!“ ſagte die Reiſegefährtin auf dem Wege jenſeit Fellingsbro, als ſie in den Wald Käglan kamen. Die Worte klangen faſt ſchmeichelnd; ſie meinte vermuthlich, es ſei langweilig, ſo lange zu ſchweigen. Der Sergeant wendete ſich zu ihr und dachte:„Sie hat doch wenigſtens Sinn für das ſchöne Land!“ Zur Hälfte verſöhnt, ſagte er alſo— nein, er ſagte nichts, hatte aber wohl etwas im Sinne. Mit wärmerer und noch ſchmeichelhafterer Stimme fuhr ſie nach einigen Minuten fort:„denn hier hat man doch Schatten gegen die Sonne, und dann ſtäubt es auch nicht.“ „So— wreiter nichts?“ dachte der Sergeant und ſchwieg. Sara Widebeck zog ihre Handſchuhe aus, denn ihre Finger wurden feucht von Schweiß. Sie legte dieſelben zuſammen und ſteckte ſie in die Kapote. Darauf begann ſie mit ihren beiden weißen, fleiſchigen, durch Grübchen ſchelmiſchen Hände in der Luft auf und ab zu fächeln, um ſie abzukühlen. Nach einer Weile ſagte Albert mit ſanfter, aber wun⸗ derlichen Stimme:„Sage mir, beſte, gute Sara! begegnet es Dir nie des Nachts, daß Du träumſt?“ „O ja, das geſchieht wohl bisweilen.“ „Doch das iſt wohl ſehr lange her? Du haſt viel⸗ leicht ſeit Deiner frühen Kindheit nie geträumt?“ „Ich? ich träumte heute Nacht in Arboga.“ „O!— nun, darf ich das nicht wiſſen?“ Es geht an. 7 98 „Sara hielt auf mit den Händen zu fächeln; ſie ließ dieſelben in den Schooß ſinken, und dort lagen ſie wie ge⸗ faltet.„Meinen Traum kann ich Dir nicht erzählen,“ ſagte ſie mit geſenkter Stimme;„aber es war ein ſehr ſchöner Traum.“ Albert fiel ein:„Ich meines Theils träumte heute Nacht nicht nachdem ich eingeſchlafen war, wohl aber vorher.“ „O— das glaube ich nimmermehr! Doch,“ unter⸗ brach ſie ſich ſelbſt,„Jeder träumt auf ſeine eigene Art, und das iſt wohl auch das beſte.“ Der Sergeant ergriff eine ihrer Hände.„Als Du heute Nacht träumteſt, da hatteſt Du wohl Deine Hände auch ſo gefaltet?“ „Ich entſinne mich nicht, wo ich die Hände hatte; — aber ich weiß es doch,“ fügte ſie leiſe und faſt innig hinzu. „Wenigſtens träumteſt Du nicht davon, daß Du in einem Walde wäreſt, darauf will ich wetten, und auch nicht auf dem Lande—“ „Und auch nicht, daß ich auf dem Waſſer wäre, Al⸗ bert! Nein, mir träumte, ich wäre in einem kleinen, kleinen Stübchen mit roſigen Tapeten und rieb Kreide—“ „Pah—“ — gleichviel, Albert!— ich kann's wohl er⸗ zählen,“ fuhr ſie in demſelben Tone fort, ohne ſein Na⸗ ße zu bemerken;„ich träumte dabei auch viel von ſ.5 „Und ich rieb wohl auch Kreide?“ Sie ſah ihn mit einem großen, warmen Blicke an, ſchlug ihn aber nieder, gleichſam von einem Nebel getrof⸗ fen. Sie unterdrückte unmerklich eine hervorbrechende Thräne, erholte ſich jedoch wieder und ſagte;„Das ver⸗ ſtehe ich ſelbſt ſehr gut, Albert, denn Du biſt Offizier: aber ich hoffte doch, Du wäreſt mehr ein Unteroffizier, als Du wirklich biſt.“ —, — 99 Dieſe Rede war dem Sergeanten ein reines Arabiſch, und der verwunderte Blick, den er auf das Mädchen warf, ſagte ihr hinlänglich, daß ſie unbegreifliche Dinge geſchwatzt hatte. Sie zog ihre Hand aus der ſeinigen. „So kann man träumen,“ ſagte ſie, wie es ſchien, meiſtens zu ſich ſelbſt,„und wenn man erwacht, ſo iſt Alles anders. Darum iſt es am beſten, Jeder lebt frei für ſich auf ſeine eigene Weiſe, und verdirbt dem Andern nichts. Man kann doch gute Freunde ſein, und ſo iſt's am beſten. Das Angenehmſte iſt, wenn es gut iſt, und man ſeinem Nächſten keinen Verdruß macht.“ Albert ſchüttelte den Kopf. Sie redet aus ihrem Traume, dachte er. Sie aber fuhr fort: „Und Gott weiß wohl am beſten, wie er die Men⸗ ſchen haben will, nicht aber begreife ich's. Am beſten iſt's doch immer, daß man lebt, wie Gott einen geſchaf⸗ fen hat.“ Dieſe breiten Worte klangen in den Ohren des Ser⸗ geanten ſo lächerlich, daß er beinahe laut aufgelacht hätte. Doch aus Ehrfurcht vor dem Ausdrucke in dem Geſichte des Mädchens, der ſehr gedankenvoll war, hielt er ſich und ſuchte in ihren eigenen Gedankengang zu kommen. „Eine Erklärung muß Sara Widebeck mir geben,“ fiel er ein.„Deine Mutter hat mit Deinem Pater ein unglückliches Leben geführt, das hörte ich aus Deinen geſtrigen Erzählungen; glaube aber darum nicht, daß alles Unglück von den Männern kommt—“ „Das weiß ich recht gut,“ entgegnete ſie;„ich kenne ja den Drechsler Altermann Stenberg! Seine eine ſo böſe Sieben, daß der Mann ihretwegen das gchze Leben verlieren kann. Und bei Sederbom iſt es nicht beſ⸗ ſer; denn die Frau iſt wahnſinnig und der Mann vor Be⸗ trübniß verrückt. Und dann bei Spolander und Zakriſſon! Ueberall iſt's gleich, wenn Einer ihnen nur ſo nahe kommt, daß Einer ihnen in's Neſt guckt. Und ſie hören nicht eher 100 auf', als bis ſie ſich gegenſeitig recht in's Elend gebracht haben; das kann ich nimmermehr billigen.“ „Dein Vater, Sara, war er von Anfang an ſo gar⸗ ſtig gegen Deine Mutter?“ „Gott weiß. Damals war ich noch nicht geboren, und fah ſie nicht gleich. Aber meine arme Mutter, kann ich mir denken, betrug ſich wohl immer auf ihre Weiſe, obgleich ſie mit ſich arbeitete; ſie war wohl im Anfange ordentlich, glaube ich beſtimmt; zugleich aber verſchwende⸗ riſch und ſchlimm; und ihre Art und Weiſe, ſo ſcheint es mir, war wohl nie die beſte oder die angenehmſte, und Vater, der wiederum nach ſeiner Weiſe war, wurde all⸗ ſo, ſo— und zuletzt böſe und ganz raſend— „Liebe Sara! das wird zu ängſtlich; laß Lidköping ſein wo es will; wir ſind noch nicht da. Weißt Du, wie dieſer Wald heißt?“ „Ja, ich denke, Gott verzeihe mir, daß ich bin, wie er mich gemacht hat, nämlich auf meine beſte Art und Weiſe, das verſteht ſich. Daß ich aber einen Andern bis in das Innerſte der Hölle hinab peinigen, oder daß ein Anderer mich hinein treiben ſollte, das iſt unnöthig. Wie der Wald heißt, Albert, das geht mich nichts an. Aber ich weiß, Gott hat die Sterne und das ganze himmliſche Heer gemacht; und Alles was auf Echen Schönes und Gutes iſt, das hat Gott gemacht, und Chriſtus iſt zu un⸗ ſerer Erlöſung gekommen. Obgleich ich keine Leſerin bin, ſo kann ich doch verſtehen, daß Chriſtus nichts dagegen hat, wenn die Menſchen einander zuf eine ſchöne Art lie⸗ ben und das erſte göttliche Gebot erfüllen; daß aber dieſes ſo zugehen ſoll, daß ſie einander zu Teufeln oder Narren machen, muß er ſelbſt nicht billigen. Aber die Leute ha⸗ ben vieles dumme Zeug zu ihrem eigenen Elende erfunden, und das Allerſchlimmſte iſt, daß, wenn ſie es ſich einmal in den Kopf geſetzt haben, es ihnen dann zum Nutzen ge⸗ reichen ſoll. Was Dich anbetrifft, Albert, ſo biſt Du als ¹ 101 Mann jünger, denn ich als Weib, obgleich Du, als Menſch betrachtet, ein oder ein Paar Jahre älter ſein kannſt, als ich. Darum biſt auch Du unklüger als ich, und ich weiß mehr, obgleich Du Anderes kennſt, das ſchöner und luſtiger iſt. Du darfſt aber doch nicht glauben, daß ich langwei⸗ liger Natur bin; ich bin leicht und freimüthig wie ein Vogel, und darauf kannſt Du Dich verlaſſen, ich denke immer meine Flügel zu behalten. Kannſt Du auch flie⸗ gen, ſo iſt es gut; biſt Du aber nur ein Schwätzer, ſo ſage es lieber gleich gerade heraus.“ Große und feierliche Pauſe. „Daß Du böſe und beleidigt werden kannſt,“ fuhr die Glaſertochter fort,„das habe ich geſehen, und das mag gerne ſo ſein. Wenn Du nur nicht über reelle Dinge raſend werden wollteſt. Doch,“ fuhr ſie mit geſenkter Stimme fort,„das im Voraus zu berechnen oder vorzu⸗ ſchreiben, iſt unmöglich: das habe ich hinlänglich bemerkt und erfahren; was dem Einen nur den Nagel rizt, das dringt dem Andern in die Herzkammer und verbrennt ihn wie Gift. Gott weiß wohl am beſten, wie er die Men⸗ ſchen haben will, aber ich begreife es nicht.“ Der Sergeant meinte plötzlich zwanzig Jahre älter geworden zu ſein, als vor einem Augenblicke, und er äußerte:„Sara ſoll erfahren, wie es mit mir beſchaffen iſt. Ich bin kein Amtsmeiſter, und darauf, ſcheinſt Du in Anſehung häuslicher Verhältniſſe keinen großen Werth zu legen, wenn ich nach Deinen Ausſagen, ſowohl über Deinen Vater, als auch über andere Alterleute in Lidkö⸗ ping urtheilen darf. Offizier bin ich aber ebenfalls nicht, was nach Deinem Sprachgebrauche ſo viel heißt, als ich bin, weder ein Tagdieb, noch ein Schwätzer, wenigſtens nicht in auffallend großem Maße. Ich bin alſo ſchlecht und recht ein Unteroffizier. Wie es kam, daß Du mir geſtern ſo ſehr gefielſt, das weiß ich jetzt nicht mehr; und ich fürchte, eine Erzählung davon würde Dir allzuwenig reell klingen. Du— was Deine freimüthige Art zu 102 reden, und Dein vieles Unterweiſen anbelangt— ſo biſt Du ſo gewiß in Weſtergötland zu Hauſe, als nur ein Mäd⸗ chen es ſein kann; ich ſelbſt aber bin ſo ſonderbar, daß ich Dich darum nicht weniger lieb habe. Ohne Zweifel müßteſt Du mich alſo fragen, was für Einer ich bin, und wo ich geboren bin? Du haſt darnach nicht gefragt, und ich ge⸗ ſtehe, dieſe Gleichgültigkeit hat mich nicht wenig beleidigt. Von kleinen Wunden zu reden, iſt aber zwiſchen uns längſt vorbei. Darum will ich Dir ſchlecht und recht ſagen: große Flügel zu meinem Fluge habe ich nicht, Flaumfe⸗ dern fehlen mir aber auch nicht ganz. Mein Dienſt für Rech⸗ nung des Staates iſt unbedeutend; inzwiſchen gibt er mir das Recht zu der Uniform, und durch das Erercitium habe ich meinen Körper tragen gelernt. Das braucht jetzt aber ein Mann am meiſten,— wenn er nicht ein ganz dum⸗ mer, unbehülflicher Hund iſt— ſo kommt er damit ſo weit er will in der Welt. Denn ſich Kenntniſſe zu er⸗ werben, iſt eine leichte Sache für den, der nur will. Aber Anſtand und Geſchick iſt ſchwerer, und ich will mich nicht weiter um Beiſpiele bemühen, als zu Dir ſelbſt gehen; Du ſcheinſt mir nichts Bedeutendes in der Welt gelernt zu haben, wenn ich ausnehme, daß Du in der Werkſtatt in die Lehre gegangen biſt; aber nichtsdeſtoweniger iſt es kein Geſchwätz von mir, wenn ich ſage, beſſern Anſtand, als Du, hat kein Mädchen. Ich habe Viele geſehen, und bin an manchen Orten geweſen, alſo kannſt Du Dich auf mein Urtheil verlaſſen. Aber ich komme auf meine eigenen Ausſichten zurück: ich reiſe jetzt in das Härad Wadsbo, und will darauf nach Gräfsnäs, Sollebrunn und Koberg. Ich mache alljährlich eine Art von Handelsreiſe— Auf⸗ kauf und Inſpection zugleich— ja, ich kann es nicht näher erklären— nach gewiſſen Gütern und Höfen, welche der Familie S** gehören, mit der ich entfernt— ſehr eutfernt, Sara— verwandt bin. Ich ziehe hieraus gewiſſe Procente als Einkünfte, und habe noch obenein das Ver⸗ gnügen, mich umſehen zu können. Ich habe nie einem 103 Menſchen Unrecht gethan, und habe auch den Vorſatz, dies ſtets bleiben zu laſſen. Weiter erſtreckt ſich der Flug meiner Flügel nicht. Doch kann es ſein, wenn ich nach einigen Jahren eine Summe zurückgelegt habe, daß ich mir in Timmerhed, jenſeits Ullricehamn, wo ich Bekannte habe, ein eigenes Gütchen kaufe. Doch dorthin will ich Dich nicht kocken, Dich, die Du vielleicht das Land ſcheuſt, eben ſo wie ich, ausgenommen als Reiſender, kleine Städte nicht beſonders liebe, und gerne ſo ſchnell wie möglich hin⸗ durch fahre. Du— Deines Theils— biſt froh und wohlwollend wo Du kannſt: das iſt alſo wenigſtens ein Punkt, worin wir zuſammentreffen: es möchte mehre geben, wenn wir ſie nur erſt finden. Magſt Du nun auf dem Kopfe ein ſeidenes Tuch oder einen Hut tragen, ſo gefällſt Du mir in beiden Fällen. Du ſchreibſt, wie ich geſehen habe, eine gnte, leſerliche Handſchrift. Endlich aber macht es mir großes Vergnügen, im Frühlinge und Sommer Blumen zu pflanzen—“ „In Töpfen?“ „Nein, zum Teufel, auf offener Erde vder höchſtens in Treibbänken, wenn die Blumen von der Art ſind, daß ſie die kalte Erde nicht vertragen können. Doch warum nicht auch in Töpfen, um ſie im Fenſter zu haben—“ „Weiße Levkojen?“ „Ganz recht; die paſſen gut, und verbreiten einen an⸗ genehmen Hauch im Zimmer. Aber dann müſſen gleich⸗ wohl—“ „Ja, dann muß man Fenſterſcheiben von reinem, vollkommen weißem Glaſe haben, Albert! denn grünes, grobes Glas, womit einige arme Bürger ſich begnügen müſſen, ſticht ſo gegen ſchöne Blumen ab, daß es in die⸗ ſem Falle beſſer iſt, man hat gar keine in ſeinem Fenſter. Sonſt liebe ich auch Lavendel recht ſehr, denn dieſer hat eine grünlich blaue Farbe und paßt beſſer für Zimmer, wo Einer mit geringerem Vermötzen wohnt. Ach, Albert, Du ſollteſt mein kleines Stübchen ſehen— ich habe 104 Lebkojen! Doch, es iſt wahr, Du reiſeſt nur bis Marieſtad mit, und ich muß dann die kahle, ſandige Uferſtrecke ³) zwiſchen Marieſtad und Lidköping allein fahren— ach, das iſt der allernackteſte, häßlichſte Weg! Ich werde ängſt⸗ lich, wenn ich an dieſe Reiſe denke.“ „Warum ſollte ich Dich in Marieſtadt verlaſſen? das iſt noch nicht ſo beſtimmt. Auch beginnt noch nicht, wie Du ſagſt, der häßliche Weg gleich jenſeits Marieſtad; man hat außer vielem Andern den herrlichen Kinnekulle*), an dem man zwiſchen Marieſtad und Lidköping vorbei fährt.“ „Nun, es kann wohl ſein, daß man den Kinnekulle irgendwo hat, aber flach iſt es dort in den Kirchſpielen, ſo viel weiß ich; denn nach Marieſtad bin ich einmal von Lidköping aus gefahren. Und eine Kleinigkeit wäre es wohl auch, ob es flach wäre oder nicht, aber ein Schauder überläuft mich bei dem Gedanken, daß—“ „Wie? iſt ſie im Stande einen Schauder zu empfin⸗ den?“ dachte Albert;„nun, Gott ſei Lob und Dank! dann iſt ſie doch wenigſtens—— Wovor ſchaudert Dich, Sara?“ fragte er laut. „Ja, das kann ich wohl ſagen, ſo kindiſch es auch klingt. Ich finde es langweilig, auf einem Bauerkarren zu fahren, und einen Schlingel an meiner Seite zu haben. Darum bin ich auch ſelten ſelbſt in die umliegenden Hä⸗ rade auf Beſtellung hinausgefahren, ſondern habe immer den Werkgeſellen oder einen der zuverläſſigſten Burſchen geſchickt; dabei habe ich zwar große Verluſte erlitten, aber Einer kann nicht mit Allem fertig werden.“ „Was, in Gottes Namen! haſt Du große Verluſte erlitten?“ 8 — *) Nämlich längs des Wetterſees. **) Ein Berg und einer der ſchönſten Punkte Schwedens. Anm. des Ueberſ. 105 „Ja, ja. Es gibt wohl keinen Menſchen in Lidkö⸗ ping, dem unachtſame Jungen auf dem Wege ſo viel zer⸗ brochen haben, ehe es eingeſetzt werden konnte. Aber den Verdruß kann ich überwinden, der geht nicht zu Herzen. Jetzt werde ich ſehen, was meine arme Mutter macht, wenn ich hinkomme.“ „Sie ſtirbt vielleicht bald, und das iſt wohl, wie Du ſagteſt, für ſie das Beſte. Dann biſt Du allein im Hauſe. Aber um wieder auf unſere Reiſe zu kommen, was gibſt Du mir, wenn ich nicht nur bis Marieſtad, ſondern ganz bis Lidköping mitreiſe?“ Ah! Dieſer kleine freudige Ausruf war unwillkürlich; doch faßte Sara ſich ſogleich, ſah ihren Reiſegefährten an und ſagte:„Erſtlich ſollſt Du meinen Antheil an den Skjuts bekommen—“ „Das verſteht ſich.“ „Und wenn Du es nicht übel nimmſt, einen Levkojenzweig in einem neuen Käſtchen, zu dem ich ſelbſt das Glas geſchnitten, das Goldpapier untergelegt, und. veſſen Seiten ich zuſammen geleimt habe.“ „Damit bin ich doch noch nicht ganz zufrieden. Nun, nun, wir denken wohl unterwegs noch etwas aus, wir haben noch viele Meilen bis dahin,“ ſagte er. „Und vielleicht,“ unterbrach ſie ihn mit einem eigen⸗ thümlichen, ganz feinen Accente,„biſt Du mir ſchon ernſt⸗ lich böſe, ehe wir bis nach Marieſtad kommen„ und dann trennen wir uns— ſchon dort.“ Der nette, ſchön gebogene, dunkle Schnurrbart auf der Oberlippe des Sergeanten hob ſich, und hieraus iſt als höchſt wahrſcheinlich abzunehmen, daß er die Abſicht hatte, die Lippen ſelbſt zu erheben, den Mund zu öffnen und zu reden, vielleicht etwas näheres über ſeinen Erſatz für die Mühe zu erwähnen, daß er mit ihr nach Lidköping reiste. Aber Sara hatte kaum ausgeredet, als die Pferde plötzlich, Gott weiß vor welcher Staude am Wege, zuſam⸗ 106 menfuhren; der braunrunzlige alte Skjutsbauer„der auf ſeine Art eben ſo fleißig mit den Roſſen geredet hatte, wie die beiden Reiſenden mit einander, hatte die Zügel allzuſchlaff hangen laſſen, ſo daß er in der Eile ſie nicht halten konnte, ſondern die Pferde ſetzten ſich in Galopp und fingen an durchzugehen. Die Pferde in Nerike ²) gehören zu einer vortrefflichen Rage, und werden gut ge⸗ halten; Feuer, Muth, Eifer zu laufen zeichnen ſie aus. Albert mußte alſo nur ſchnell ſelbſt aufſtehen; er riß dem Alten die Zügel aus der Hand und zog ſie ſo barſch an, daß die beiden Rothſchimmel ihre Hälſe in hohe Bogen krümmen, ſchnauben und die Mäuler vor die Bruſt ſetzen mußten. Aus dem Durchgehen wurde alſo nichts; aber es ging, daß die Büchſen der Räder hätten in Brand ge⸗ rathen können, wenn ſie Luſt gehabt hätten. Die Locken des Sergeanten flogen um die Kante ſeines Czakd. Er meinte jetzt wieder zwanzig Jahre jün⸗ ger zu ſein. Er blickte ſeitwärts hinab: Sara ſah während dieſer eiligen Fahrt gar nicht ängſtlich aus, und dies freute Albert mehr, als der Geſchichtſchreiber zu beſchreiben im Stande iſt. Albert dachte:„hier iſt doch jetzt wieder ein Punkt, worin ſie und ich zuſammen treffen. Vielleicht treffe ich bisweilen noch auf einen ſolchen.“ — Aber— es iſt in der That einem Geſchichtsſchreiber unmöglich, allen Begebenheiten zu folgen, und er kann nicht Alles, Kleines und Großes, was geſagt und nicht geſagt wurde, was geſchah und nicht geſchah, wie oft der Hut mit dem Tuche und das Tuch mit dem Hute ver⸗ wechſelt wurde, erzählen. Kurz, ſie kamen nach Glans⸗ hammar, kamen nach Oerebro, kamen nach Kumla und kamen noch weiter. Aber obgleich das Fuhrwerk auf dem Wege nach *) Eine Provinz in Schweden, öſtlich vom Mälar und Hjelmarſee, mit der Hauptſtadt Oerebrv. 107 Glanshammar beinahe durchgegangen war, ſo ging doch die Reiſe nachher im Ganzen nicht ſo ſchnell wie ſie zuerſt berechnet hatten. Denn gewiß iſt es doch wohl ſehr viel, zwiſchen Arboga und Marieſtad vier Nachtquartiere zu haben? Daß dem jedoch ſo war, muß man daraus ſchließen, daß ſie erſt am Dienſtage in Marieſtad eintra⸗ fen; ſie hatten aber Stockholm am Donnerſtage verlaſſen, wie im Anfange dieſes Buches erzählt worden; ſie hatten alſo im Ganzen ſechs Tage, von denen der eine auf dem Mälar, und die übrigen fünf auf dem Lande gebraucht. Zum Theil entſtand wohl die Verzsgerung daraus, daß, als ſie in Bodarne, wo ſie eine Nacht ruhten, am folgenden Morgen aufſtanden, Sara ſich nicht ganz wohl befand. Sie hatte nie vorher ſo viele Bewegung gehabt, und ihre Augen, obgleich ſie jetzt faſt klarer als ſonſt waren, und von der höchſten Innigkeit glommen, wenn ſie auf Albert blickten, trugen gleichwohl deutliche Spuren davon, daß Sara kaum die halbe Nacht geſchlafen hatte. Das Mädchen, welches um halb ſieben Uhr mit dem Kaffee kam, war alſo höchſt willkommen. Vortreffliches Getränk zu ſolchen Zeiten, wie des Morgens! Aber hie⸗ von zu reden geht wohl wieder zu ſehr in das Einzelne. Alſo iſt es am beſten, ſich gleich nach Marieſtad zu begeben. Daß die Reiſe bis dahin ſechs Tage gedauert hat, läßt ſich nicht ändern. 3 Marieſtad genießt des verdienten Rufes, eine der am ſchoͤnſten gelegenen kleinen Städte Schwedens zu ſein. Wer erinnert ſich nicht der offenen, weiten Ausſicht über den Wener, beſonders von dem Kirchhofe aus? der großen, hoch gelegenen Kirche ſelbſt, welche, ſchon ehe man die Stadt erreicht hat, ſich der Aufmerkſamkeit des Auges bemächtigt und daſſelbe von der ſchattigen Allee, in welcher man(auf der Stockholmer Seite nämlich) fährt, nach der rechten Seite hinabzieht? endlich wenn man die Stadt erreicht und bis über den Markt gekommen iſt, wer ent⸗ finnt ſich nicht der langen, idylliſch auf dem breiten, klaren Gewäſſer des Fluſſes Tida ſchwimmenden Floßbrücke? und dann jenſeits der Brücke das hübſche Marieholm, die Re⸗ ſidenz des Landhauptmannes, die zwar nicht durch ſeine bedeutende Höhe prunkt, aber deſto mehr durch die um⸗ gebende üppige Vegetation entzückt— landesväterliche Erinnerungen an vortreffliche Oberhäupter über dieſes Län ſind gleichſam in die weichen, im Abendwinde ſchwankenden Zweige der Ahorne, Birken und Haſeln mit ihrem zittern⸗ den Laube verflochten. Wer entſinnt ſich nicht alles deſſen? Doch beruht die Erinnerung auf dem Umſtande, daß man in Marieſtad geweſen ſein muß, denn nur davon erzählen hören, hat ganz geringe Bedeutung; man muß mit eigenen Augen die ſtille, einladende Mündung der Tida ſehen. Albert und ſeine Begleiterin kamen dahin an einem himmliſch ſchonen Juliabende. Einige Ausführlichkeit muß man der Geſchichte an einzelnen Stellen geſtatten. Ent⸗ ſchuldigen wird und muß man daher die Erzählung des Folgenden. Nachdem ſie den Markt erreicht hatten, fuhren ſie nicht über die Brücke nach Marieholm, ſondern bogen in eine kleine Straße, die nicht eher als am Wener endigt. Ungefähr in der Mitte dieſer Straße lag das Haus, wel⸗ ches müde Reiſende aufnahm. Hier ſtiegen ſie ab, ließen ihre Sachen hineintragen und Alles ging gut. Nachher aber ſchlug Albert, da der Abend noch ſo hell und ſchön war, eine Luſtwanderung durch die Stadt vor. Sara war während der letzten Zeit, ſeit ihrem Nacht⸗ lager in Bodarne ſtiller, nicht gerade feierlicher— das Wort paßt nicht— aber doch höher geſtimmt geweſen, und redete nicht ſo oft über zünftige Dinge. Außer dieſer Veränderung war keine andere an ihr zu bemerken, als daß die gewoͤhnliche Schalkhaftigkeit in ihrem Blicke einer gewiſſen himmliſchen Freundlichkeit und Zugänglichkeit für faſt Alles, was Albert wollte, gewichen war. 109 Ohne ein Wort einzuwenden, gab ſie ihm ihren Arm und ging mit ihm dahin, wohin er ſie zu führen beabſich⸗ tigte. Er hatte keinen Plan mit ſeiner Promenade. Alſo war es das Natürlichſte, und folgte aus ſich ſelbſt, daß ſie über den Markt auf die Floßbrücke hinabgingen, mitten auf derſelben ſtehen blieben und die Tida beſahen. Hier hatten ſie gegen Norden eine unbegrenzte Aus⸗ ſicht über den abendklaren, gewäſſerten Spiegel des We⸗ nerſees. Sie konnten nicht ſehen, wo und wie der See mit dem Firmamente zuſammenfloß: alles ſah aus wie Eines.„Und dies heißt hier die Tida?“ bemerkte ſie mit einem kleinen Kopfnicken;„gerade ſo fließt auch die Lida durch unſere Stadt und von ihrer Brücke hat man eine ebenſo große— große— große Ausſicht gegen Norden über den Wenerſee, und hinauf bis an die Wolken, wenn es Abend iſt, wie jetzt! Ach, Albert, Albert! ich ent⸗ ſinne mich gerade hier des Angenblickes, da ich und meine Mutter auf der Lidabrücke ſtanden— und ſie den Ring— weit— weit— weit wegwarf—“ Albert fuhr zuſammen, ergriff ihren Arm und ver⸗ ließ, beinahe gegen ihren Willen, die Tidabrücke. Als ſie wieder in die Stadt hinaufgekommen waren, ſo wendeten ſie ſich nach der Gegend hin, wo die Kirche ſteht. Der mit einer niedrigen ſteinernen Mauer umgebene und in mehreren Gruppen mit Bäumen bepflanzte Kirchhof liegt dem Wenerſee ſo nahe, daß man denſelben unter ſich zu haben meint. Und die graue, hohe, Ehrfurcht gebietende Kirche ſelbſt hat man neben ſich. Sara ſetzte ſich auf einen Grabſtein; Albert nahm an ihrer Seite Platz.„Du biſt ſo ſtill, geliebte, gute Sara! biſt Du müde?“ Sie antwortete nicht einmal auf dieſe ſeine Worte;z er aber folgte ihrem Blicke, und bemerkte, daß ſie lange und faſt ſchwärmeriſch(dergleichen hatte er noch nie zuvor an ihr geſehen) ein Paar ſchöne kleine Kinder betrachtete, welche nicht weit von ihnen im 110 Graſe ſpielten, ſich hurtig umhertummelten und ſich gegen⸗ ſeitig mit Levkojen in's Geſicht ſchlugen. Die Kinder ſahen weder arm noch reich aus, waren jedoch ungewöhnlich ſchön. Albert winkte ſie zu ſich her, um ſeiner Sara eine Freude zu machen. Die kamen bar⸗ haupt mit ihren langen Locken. Sara hielt kaum eine in ihren Augen glänzende Thräne zurück, ſchwieg und ſtreichelte die Kleinen an Kopf und Hals. Albert ſagte: „Denke aber, Sara, wenn dieſe ſchönen Kinder keine Eltern hätten.“ „Ohne Vater und Mutter können ſie nicht geweſen ſein, da ſie in der Welt ſind.“ „Wenn aber ihr Vater und ihre Mutter—“ „Geſtorben ſind? ja dann haben ſie doch noch einen Schutz in Gott und in guten Menſchen, die es immer gibt. Ich kenne Jemanden in Lidköping, der keine Kinder hatte, deſſen Freude aber darin beſtand, daß er mit ſeinem Vermögen mehrere kleine Kinder unterſtützte und kleidete, deren Eltern— „Todt waren?“ „Nein, wohl noch etwas Schlimmeres! ſie ſchlugen und verdarben ſich an Seele und Leib, und ließen die Kinder gehen.“ „So ein Kind, Sara, biſt Du auch geweſen?“ „Und einer barmherzigen Mutterſchweſter, Tante Gu⸗ ſtava, die ſich in das Haus meiner Eltern zu ſchleichen pflegte, habe ich es zu danken, daß ich wenigſtens das bin, was ich bin. Als mein Vater ſtarb, da wurde es zu Hauſe zwar etwas ruhiger und beſſer, obgleich Mutter ſchon damals ſo zerſtört und abgeſtumpft war, daß ſie zu nichts mehr taugte, und ſich nicht mehr aufrichten konnte, obgleich es ſonſt damals für ſie eine Möglichkeit gegeben hätte, wiederum Menſch zu werden. Dann bin ich auf⸗ gewachſen, und habe zu Hanſe die Zügel genommen. Aber ich bin ſo— das Zeugniß kann ich mir wohl ſelbſt geben — daß ich keinem Menſchen Verdruß machen und keinen 11¹ verderben will, am allerwenigſten Dich, Albert! Schrecklich iſt und bleibt es immer, daß ein Menſch ein Recht be⸗ kommen ſoll, wodurch er im Stande iſt, einen Andern bis in den Tod zu verderben. Dadurch macht Gottes ſchöne Liebe gewiß keine Fortſchritte auf Erden. Nie will ich dieſe Macht über einen Andern haben, und Keinem denke ich dieſelbe über mich zu geſtatten.“ Albert ſchwieg; er ſtreichelte die Kinder. „Ach, Du liebſt kleine Kinder!“ rief ſie aus. Ohne ihr zu antworten, ſagte er gleichwohl;„Sara, wenn nun die Eltern dieſer Kinder nicht verheira—„ „Die Kinder ſehen gut und ſchön aus; es ſcheint, als könnten Gott und Menſchen ſie lieben.“ „Sind aber die Eltern nicht verheirath— bekümmern ſie ſich nicht um die Kinder—— Sara! wir könnten uns ſtatt dieſer Kinder verhungerte, zerlumpte, verlaſſene Kinder denken.“ „Sind die Eltern gute und vernünftige Menſchen“— fiel ſie ihm ſanft in die Rede—„ſo bekümmern ſie ſich ſchon um ihre Kinder, ſo lange ſie leben, das weiß ich ſo beſtimmt, als daß kein Menſch ſich ſelbſt das Herz aus der Bruſt reißt.“ „Wenn aber die Eltern ſchlecht und unvernünftig ſind?“ „Ja, in dem Falle ſind ſie, ſie mögen nun verhei⸗ rathet ſein oder nicht, ſchlecht und unvernünftig, und ſie handeln darnach ſowohl gegen die Kinder, als auch gegen ſich ſelbſt und gegen andere arme geſchaffene Werke Albert! das habe ich hinlänglich geſehen und ge⸗ aut. „Aber es iſt denn doch ein Unterſchied“— „Ja ein großer Unterſchied. Ich habe geſehen, daß der Unterſchied darin beſteht, daß die Menſchen, wenn ſie im Anfange gut und klug ſind, wohl darin fortfahren und ſogar darin wachſen fönnen, wenn ſie in ihrem Leben fort⸗ leben dürfen, ſo wie Gott ſie geſchaffen hat, oder wenn gute Menſchen ihnen rathen können, da ſie fehlen, was oft 112 geſchieht. Sind ſie aber gezwungen, Nacht und Tag in böſer Geſellſchaft zu ſein, ſo werden ſie an Seele und Leib angeſteckt; und wenn ſie dieſe Geſellſchaft verabſcheuen, aber dennoch genöthigt ſind, in derſelben zu ſein, ſo ge⸗ ſchieht es ſehr oft, daß ſie erbittert, gereizt und faſt in Teufel verwandelt werden.“ Albert ſtutzte wie es nicht ſelbſt in einem immer vor dieſem Worte, falls er Fluche anwendete. Er flüſterte bei ſich ſelbſt etwas von Leſern. „Denke, was Du willſt, Albert, aber gewiß bin ich keine Leſerin, darnach kannſt Du dieſe Leute ſelbſt fragen; denn ich laſſe Dir Deine völlige Freiheit. Wenn ich hier auf dem Grabſteine vor Teufeln rede, ſo meine ich ver⸗ dorbene, abſcheuliche Menſchen, die man, wie ich glaube, wohl in den Städten kann.“ prüft.“ und auch auf dem Lande ſehen „Sara, auf dieſe Weiſe werden die Menſchen ge⸗ „Geprüft?“ Ich meine, Niemand, der den Menſchen recht wohl will, ſtellt eine ſolche Prüfung an, in welcher der großte Theil derſelben gänzlich zu Grunde geht. Und wem iſt es wohl erlaubt, und wem kommt es zu, mit den Menſchen eine ſo hölliſche Prüfung anzuſtellen, daß ſie mit der Hölle ſelbſt endigt? Ich nenne dies keine Prüfung, ſon⸗ vern eine Tollheit.“ Albert ſtutzte wieder und ſprang bei dieſen ſchrecklichen Worten auf. Holle, Tollheit und Teufel waren nie in die Unterredungen mit ein gefloſſen, die er zu führen gepflegt hatte, außer, wie geſagt, wenn er fluchte. Und in Sara's Geſellſchaft hatte er kein einziges Wal geflucht, wenigſtens keinen guten oder böſen Fluch gegen ſie ſelbſt gerichtet. Um ſich zu ermuntern, nahm er vas eine Kind nach dem andern in ſeine Arme, küßte dieſelben mit Wärme und blickte etwas ſchen hinab auf ſie, die auf dem Grab⸗ ſteine ſaß. Er fand, daß ſie in dieſem Augenblicke auf ihn ſelbſt und auf die Kinder ſah, und es ſchien, als „ 113 wollte ſie ihnen die Arme zur Hälfte entgegenſtrecken. Dieſes Gemälde feſſelte ihn wunderbarlich. Er war weder ein Ma⸗ ler, noch ein Muſikus oder ein Dichter; er konnte alſo weder zeichnen noch fingen oder ſagen, was ihn an dem ſitzenden, in die Höhe ſchauenden Weibe ſo einnahm. Und auch ſie war keinesweges pvetiſch. Das Bild„des Reinen und Himmliſch⸗Ungekünſtelten iſt gleichwohl etwas. „Jetzt— jetzt, Sara, laß uns nach Hauſe gehen! der Abend ſenkt ſich immer mehr und Du kannſt Dich er⸗ kälten. Das möchte ich um tauſend Welten nicht. Er küßte die Kinder noch zu öfteren Malen und gab ihnen kleine ſilberne Münzen; ſie hüpften ſingend davon, und er reichte Sara Widebeck den Arm. „Mich erkälten? Das wird hoffentlich nicht geſchehen. Mir iſt recht warm, Albert, obgleich es ſein kann, daß Du mich nie erhitzt oder meine Wangen glühen ſiehſt.“ Ehe ſie den Kirchhof verließen, wendete ſie ſich noch einmal um, blickte auf den mäijeſtätiſchen, hohen, grauen Kirchthurm hinter ſich, nickte unmerklich, als wollte ſie von ihm Abſchied nehmen oder vielleicht um für das Vergnügen zu danken, welches ſie auf dem Kirchhofe mit den Kleinen genoſſen hatte. Alberts Herz wurde wieder leicht, als er auf die Straße kam. Sie ging auch ſo leicht, ſo freimüthig und faſt elaſtiſch an ſeiner Seite. Sie fingen an, ſich über die Reiſe und allerhand Bedürfniſſe zu unterhalten. Ehe ſie daran dachten, waren ſie vor dem Gaſthauſe, wo ſich ihre Sachen ſchon in einem geräumigen, ſchönen, freund⸗ lichen Zimmer befanden. Bald wurde es jedoch ſo dunkel, daß das Mädchen mit Licht kam, die Vorhänge an den Fenſtern herabließ und fragte, was die Herrſchaften zum Abendeſſen beföh⸗ len, und ob ſie unten im allgemeinen Gaſtzimmer ſpeiſen wollten oder oben für ſich allein.— „Vor allen Dingen, liebe Jungfer, hole erſt den Speiſezettel, dann werden wir das Andere beſtimmen.“ Es geht an. 8 114 Das Mädchen ging.„Macht es Dir Vergnügen, unter den Leuten zu ſein?“ fragte Albert. „Nein— und heute Abend am allerwenigſten!“ ſagte ſie.„Wir ſind jetzt in Marieſtad und haben mit einan⸗ der etwas zu reden und zu rechnen, falls wir uns hier trennen und Du gegen Süden fährſt, ich aber gegen Weſten. Laß uns hier oben eſſen.“ Das Mädchen kam mit dem Speiſezettel. Albert beſtimmte, was er eſſen wollte und dies ſtimmte mit Sara's Geſchmacke überein, außer daß ſie Salat zu dem Fleiſche nahm und er ſein Leibgericht, Gurken.„Und decke hier für uns,“ ſagte er. Das Mädchen ging und kam zurück; alles ging ordentlich zu. Nach der kleinen, freundlichen und vertraulichen Mahlzeit wurde wieder ab⸗ gedeckt, und man ließ ſie allein. Siebentes Kapitel. Aber das ſage ich, wenn Du dann etwas um⸗ her fährſt, dagegen habe ich nichts. Und ich will mich zu Hauſe ganz allein einrichten.— Vergeſſen? Wenn Du jetzt aufſprängſt und hinaus eilteſt und in dieſer Nacht nach Sol⸗ lebrunn reisteſt, würdeſt Du mich deßhalb ſchon vergeſſen? Als ſie allein waren, wie zu Ende des vorigen Ka⸗ pitels gemeldet worden, ging Sara zu ihren Mantelſäcken und begann die Sachen abzuſondern, die Albert gehoͤrten. „Reiſeſt Du gleich heute Abend, oder erſt morgen früh 2 ſagte ſie, gleichwohl nur mit halber Stimme. — . 115 „Wohin, meinſt Du?“ „Ich weiß nicht, wohin Du reiſen willſt, Albert. Aber Du ſagteſt ja, Du wollteſt von Marieſtad ſüdwärts auf die großen Güter reiſen.“ „Das Härad Wadsbo, wo ich verſchiedene Geſchäfte habe, liegt nun ſchon großentheils hinter uns. Dieſe Ge⸗ ſchäfte muß ich auf der Rückreiſe beſorgen. Nun muß ich zwar nach Odensoker, Sköfde, ja nach Marka und Grolanda, und der nächſte Weg wäre wohl, wenn ich hier außerhalb der Stadt bei Lexberg nach Kekeſtad und nicht den weſtlichen Weg über Björſäter nach Lidköping reiste; aber ich habe auch Geſchäfte auf Gräfsnäs in der Gegend von Sollebrunn, und dahin führt der bequeme und gerade Weg über Lidköping. Warum könnte ich denn nicht lieber jetzt gleich dieſe Tour nehmen?“ „Warum ſagſt Du? Haſt Du denn nicht Deine Freiheit zu thun, was Du willſt?“ „Ja, Sara, meiner Geſchäfte wegen habe ich gewiß die Freiheit dazu—“ „Gibt es denn noch ein anderes Hinderniß? Was willſt Du ſelbſt?“ „Du frägſt mich, Sara? und Du weißt doch eben ſo gut wie ich, daß ich Dich bis Lidkoͤping begleiten will. Darf ich nicht Dein kleines Haus, Deine kleinen Zimmer eine Treppe hoch beſehen, die zum Beiſpiel an Reiſende vermiethet werden können? und dann auch das größere Zimmer im Erdgeſchoß, wo Du künftig einen Laden an⸗ zulegen denkſt, und das vielleicht bald genug, falls Deine Mutter—“. „Dieſes Alles willſt Du wirklich ſehen?“ „Gute, geliebte Sara— Du lächelſt? es iſt mein voller Ernſt. Ich habe hier in Weſtergötland den Som⸗ mer und vielleicht das ganze Jahr hindurch viele Reiſen hin und her zu machen, falls mein Plan glückt, zu dem Weſtgötadaler Regiment verſetzt zu werden, und das be⸗ ruht auf Dorchimont. Irgendwo muß ich während aller * 116 dieſer Fahrten zu Hauſe ſein— ſchon meiner Sachen wegen— könnte ich nicht von Dir jene kleinen Zimmer eine Treppe hoch miethen?“ „In Lidköping? Aber Du haſt ja die Zimmer noch nicht geſehen. Warte ſo lange. Riemals kaufen, nie⸗ mals miethen, was man nicht geſehen hat!“ Dieſe goldene metriſche Regel war die erſte in dieſer Art, die der Sergeant aus Sara's Munde hörte. Aber die Worte floßen ſo ſchön und waren von einer ſo ſanften, faſt ſchmeichelnden Modulation der Stimme begleitet. Sie ſtanden beide an einem Fenſter des Zimmers, hatten den Vorhang wieder aufgezogen und die Lichter ausge⸗ löſcht, um noch eine Weile den ſchönen Anblick des Abend⸗ himmels zu genießen, ehe ſie ſich legten. „In Deinen Lidköpinger kleinen Zimmern, Sara, ſind gewiß Roſa⸗Tapeten? Ich kann mich nicht irren; und darin haſt Du gewiß ehemals gelegentlich Kreide ge⸗ rieben?“— Er hielt ſie in ſeinen Armen; ſie ſah ihm fragend in das Geſicht, um zu forſchen, ob er über ihren Traum— welchen ſie erzählt hatte— über jenen Traum in Arboga— ſpottete. Aber ſie fand jetzt keine Satyre, keine Ironie auf ſeinen Lippen. „Ehemals?“ fiel ſie ein.„Das kann wohl noch oft⸗ mals geſchehen. Ich denke nicht von meinem Geſchäfte abzuſtehen.“ „Aber wenn ich die Zimmer miethe?“ „Dann verrichte ich meine Arbeiten unten im Erdge⸗ ſchoß bei mir ſelbſt.“ „Du willſt alſo nie etwas oben bei mir thun?“ „Bleibſt Du dort eine Zeitlang wohnen, Albert, ſo haſt Du gewiß auch Vieles für Dich ſelbſt zu thun, und mußt Dich einrichten, wie es Dir bequem iſt. Ein gutes Speiſehaus iſt in der Nachbarſchaft und billige Aufwar⸗ tung iſt leicht zu bekommen, auch Wäſche und Plätte, Albert, bei guten Menſchen, die damit ein Scherflein zu ihrem Unterhalte verdienen. Sie könnten weit mehr ver⸗ 117 dienen, weun nicht die Zünfte wären. Aber das ſage ich, oft wünſche ich Dich dennoch auf ein kleines, einfaches Mahl zu bitten, wenn es ſich ſo trifft; vielleicht nöthigſt Du mich ebenfalls bisweilen zu Dir hinauf. Aber nie, nie will ich nehmen von dem Deinigen oder mich in Dein Hausweſen legen— nur Dir antworten, wenn Du mich um Rath fragſt, und dann magſt Du dem folgen oder nicht, wie Du willſt— und am allerwenigſten will ich Dich je in Deiner Arbeit ſtören. Ich verſtehe mich nicht auf Deine Beſchäftigungen: das wird wohl eine Menge von Schreibereien und Rechnungen ſein, da Du ſo viel zu thun haſt mit Inſpect— ja, gleich gut— Hörſta⸗ dius und Selander und Silſver— vielleicht auf Koberg — aber nie will ich Dich dabei ſtören.“ „Dank, Sara! das war verdammt ſchön. Aber gibt es denn nichts, das ſolche Menſchen gemeinſchaftlich ha⸗ ben können, welche— 2“ „Albert, es iſt außer ſolchen Dingen doch noch viel, ja recht viel übrig, was ſie gemeinſchaftlich haben können. Soll ich Dir rein heraus ſagen, was ich meine? Denn ich habe während dieſer Tage viel darüber nachgedacht—“ „Auch ich habe viel daran gedacht, viel, das kannſt eu glauben; das muß ja unſere höchſte Angelegenheit ein.“ „Aber wir müſſen uns in Acht nehmen, daß es uns nicht durch allzu großen Eifer aus einander geht. Albert, ich will Dir ſchlecht und recht ſagen: die Hälfte iſt ſchon gewonnen, wenn man die Dinge leicht und klug angreift. Und gerade ſo kann man ſie angreifen, wenn man richtig etwas von einander hält.“ Der Sergeant verſtand ſie nicht ganz, ſtreichelte aber ſanft ihren Scheitel.„Fahre fort, Sara! Du ſollſt zu⸗ erſt reden.“ Sie erhob ihr Haupt von ſeiner Bruſt, an welcher es einen Augenblick geruht hatte, bedachte ſich ein wenig und ſagte:„Da es nun ſo iſt, daß Du mich leiden 118 magſt und ich Dich, ſo haben wir ja das gemeinſchaft⸗ lich. Das iſt ſchon viel, Albert. Und das iſt mehr, als Viele haben. Aber wollen wir uns dann auch noch un⸗ nöthiger Weiſe eine Menge andere gemeinſchaftliche Dinge auf den Hals laden, ſo will ich Dir erzählen, was dar⸗ aus entſteht. Nähmeſt Du mein kleines Haus, meine Nahrung, mein Hausgeräth, mein Geld— unbedeutend, aber doch ſo viel, als ich haben oder bekommen kann— ja, ich will es Dir nicht verhehlen, es könnte ſein, daß ich verdrießlich würde. Denn vielleicht verſtehſt Du dich nicht darauf, dergleichen zu verwalten? Ich rathe, Du weißt es ſelbſt doch nicht, denn Du haſt Dich noch nicht mit einem Hauſe und Handwerke verſucht, wenigſtens weiß ich das nicht. Und es iſt ſehr möglich, daß meine Un⸗ ruhe ungerecht wäre und daß Du Alles ſehr gut verwal⸗ teteſt; aber Albert, dieſe Unruhe würde doch— ja, ich will Dir ſagen, ſo bald Du das an mir merkteſt, ſo würdeſt Du böſe werden. Dann ginge ich allein und nagte an meinen geheimen Gedanken; in dem einen Au⸗ genblick würde ich glauben, ich thäte Dir Unrecht; in dem andern Augenblicke würde ich finden, ich koͤnnte doch wohl Recht haben, wenigſtens in dem Einen und in dem Andern. Mit dieſen Kämpfen und Plagen in Gemüth und Seele würde die Zeit hingehen, welche zum Nutzen und zum Gewerbe angewendet werden könnte. Und daß die Zeit verſchwendet würde, das wäre doch noch das we⸗ nigſte. Aber, Albert, ich würde biſſig werden. Du wür⸗ deſt mich ärgerlich finden, erſt bisweilen, dann oft. Da⸗ durch würdeſt Du ſelbſt biſſig werden. Oder wenn wir beide die Unannehmlichkeiten unterdrückten, allein gingen und„verſchluckten“, wie ſie es nennen, ſo würde der Ver⸗ druß ſtatt deſſen in Mark und Bein kriechen, die Geſund⸗ heit verzehren und wir würden an Seele und Leib abneh⸗ men. Dann müßten wir wohl anfangen, Lunder Brun⸗ nen zu trinken oder vielleicht Geld zu verſchwenden für Schlammbäder, wie ich gehört habe, daß es bei Porla N— N — — 119 oder Loka geſchieht: für Dinge, die wenig wirken, wenn man es ſchlecht beſtellt hat. Dann noch eins, Albert, was ich auch wohl wollte, daß Du bemerkteſt. Von den Plagen würde meine Farbe bald abnehmen, die Augen bleich und ich häßlicher werden, als ich bin. Mir das zu ſagen, würdeſt Du nie das Herz haben, aber Du würdeſt es oft denken. Ich würde auch wohl ſo klug ſein, es ſelbſt zu ſehen und in meinen düſtern Grübrleien darüber, was Du von mir hielteſt, bei Seite gehen; und was Du mir nie ſagteſt, das würde ich doch ſelbſt erkennen und errathen. Dadurch würde mein Schlaf ſchlecht und dann würde ich von Tag zu Tage noch immer mehr zuſammen⸗ ſchrumpfen; Albert, in der Häßlichkeit gibt es gar keine Gränze, wenn man auf dieſe Art anfängt, das habe ich an Leuten geſehen. Und wie ginge es mit Dir? Du würdeſt, wenn Du ſo gut wäreſt, wie der beſte Mann auf Erden, mich mit milden Worten zu tröſten ſuchen; aber was Du auch damit meinteſt, ſo würde es doch ein wenig leer in meinen Ohren klingen, weil ich merken könnte, daß Du etwas hinzu lögeſt, um mich zufrieden zu ſtellen. Das würde die Sache verſchlimmern, aber nicht verbeſſern. Und Dir würde es auch bald genug überdrüſſig werden, Albert, denn auf jeden Fall biſt Du ein Menſch eben ſo gut, wie ich. Du möchteſt aber viel⸗ leicht meiner weniger überdrüſſig werden wegen meines verſchlechterten körperlichen Ausſehens, als wegen der in⸗ neren Reizbarkeit, Langweiligkeit und Abſcheulichkeit mei⸗ ner Seele; vielleicht würde ich auch zuletzt durch das Lei⸗ den unvernünftig und ſtumpf, und ſo würde ich Dir im⸗ mer unausſtehlicher. Und was man von Gelübden und Eiden zu ſagen pflegt, das find eitel leere Worte, da doch kein Menſch hält, was kein Menſch halten kann; ich rede von der Liebe des inneren Herzens gegen eine Perſon, und dieſe Liebe iſt das einzige Schätzbare hiebei, aber ſie geht ohne Hülfe ihres Weges, wenn Einem dieſe Perſon ihrem Geiſte nach unausſtehlich wird. Ich habe jetzt geſagt, 120 wie ich Dir unerträglich werden könnte; aber es könnte auch wohl ſein, daß Du mir unleidlich würdeſt. Was liegt dann noch für ein Troſt in den gegebenen Worten? Man ſitzt unglücklich allein und hat einen Namen. Der iſt wie ein Titel ohne Amt; der iſt wie ein Schild vor einem Laden und wenn man hineingeht und fragt nach der Waare, von welcher der Schild redet, ſo iſt dieſe Waare nicht da. Wie macht man's dann? Ja, man gehet ärgerlich hinaus und ſpeiet aus gegen den Schild. Iſt vas nicht recht luſtig? Das habe ich oft mit Aerger bei Andern mit anſehen müſſen, und ich billige es nicht. Ich wünſche nicht, daß Du oder ich es ſo haben. Liebſt Du mich— dann bin ich froh und habe genug, was das betrifft, und will übrigens ganz mein eigener Herr und luſtig und zufrieden und fleißig ſein, des Nachts gut ſchlafen und des Tages ſchön ſein; das weiß ich und das ſollſt Du ſehen. Liebſt Du mich aber nicht— was hilft dann alles Uebrige, und was ſoll ich mit dem Uebrigen? Das Dienlichſte und das Beſte für uns iſt nur, daß die Liebe dauert. Und dieſe kann doch wohl vielleicht ein Ende nehmen; aber wenigſtens muß man vermeiden, wo⸗ von man voraus ſehen kann, daß es Verdruß macht oder Verdruß machen und der Liebe ſchaden, ihr aber nicht helfen kann.“ „Aber, Sara, wenn wir gute und vernünftige Men⸗ chen ſind— und mich dünkt, wir ſind es beide— ſo ſollten wir wohl gleich von Anfang können— und dann fortfahren— und ich meine, wir ſollten uns nicht den unglücklichen Beiſpielen zuzählen, die Du angeführt haſt.“ „Wenn wir gute und vernünftige Menſchen ſind, was wir, wie ich hoffe, vielleicht mit Gottes Hülfe ſind— Albert, dann iſt ja weiter nichts nöthig. Wir brauchen ja dann weiter nichts, als das auszuführen, was aus der Güte und der Vernunft gegen uns und gegen alle Andern folgt, ſo weit wir uns ſtrecken. Wer kann das hindern? Bedenke— wenn wir nun gut und vernünftig ſind, iſt * v 12¹ es dann nicht das Allerangelegentlichſte, daß wir damit fortfahren und uns lieben? Und das muß das Wichtigſte ſein. Dann muß man inſonderheit alles zu vermeiden ſuchen, was einen verderben, böſe, dumm und unvernünf⸗ tig machen kann. Es liegt immer in Gottes Hand wie ein Menſch fortfährt zu ſein und Mancher kann fallen. Wenigſtens aber müſſen wir mit einander nichts anrichten, worin eine ziemliche Wahrſcheinlichkeit liegt, daß es das Herz mit Eiter und das Gehirn mit einer nebligen Wolke er⸗ fullen kann. Dies mag ein Anderer eine Prüfung nennen, ich aber nenne es ein böſes und unkluges Unternehmen, das die Leute einander mit Recht nicht thun ſollten. Denn wenn Gott ſelbſt über einen Menſchen eine Plage ver⸗ hängt, der er nicht entgehen kann, ſo mag er dieſelbe ge⸗ duldig tragen, denn ſie iſt eine Prüfung. Aber die Men⸗ ſchen können dumme Dinge bleiben laſſen, ſolche kann und muß man vermeiden und darf ſie nicht Prüfungen nennen, beſonders da ſie oft in die Hölle führen, wohin wohl keine freundliche Einrichtung ihre Untergebenen zu ziehen die Ab⸗ ſicht haben ſollte. Denkſt Du aber nicht ſo wie ich, Al⸗ bert, ſo haſt Du Deine völlige Freiheit in Dir ſelbſt und—“ „Auf jeden Fall,“ unterbrach ſie der Sergeant,„haſt Du darin Unrecht, daß es in allen Häuſern Unglück und Verderben gibt.“ 5 „In allen?“ fragte ſie.„Nein, ich habe ein Haus oder ein paar Häuſer geſehen, in denen ſie gut, recht gut leben. Aber das kommt gewiß nicht daher, weil ſie zu⸗ ſammengebetet ſind, denn das hilft ja an andern Orten nichts; ſondern es kommt daher, daß ſie mit Seele und Leib einen Strang ziehen, wenigſtens ſo viel, als noth⸗ wendig iſt und das hilft immer, wo es ſich findet.“ „Zuſammengebetet? Was meinſt Du damit?“ „Daß man über ſie gebetet hat, meine ich. Lieber Albert! Beſchwörungen dienen zu nichts. Man muß der⸗ einſt ſo weit kommen, daß man, wie in allen andern, ſo 122 auch in dieſer Sache, ſucht, was wirklich zu etwas dient und nicht auf das Untaugliche baut. Daraus entſteht nicht nur Unglück, ſondern, was ſchlimmer iſt, daraus entſtehen wirkliche Laſter. Denn, ſobald man ſich nicht liebt, ſo iſt es ein recht häßliches Laſter, wenn—“ „Beſchwoͤrungen? Aber ich liebe ein ſchönes Gebet von Herzen— zum Beiſpiel ein ſolches, welches man be⸗ tet, wenn zwei—“ Sara ſah auf mit einem wunderbaren Blicke.„Gott iſt mein Zeuge,“ lispelte ſie kaum hörbar, aber doch mit der reinſten Stimme,„Gott weiß, daß ich Gebete liebe. Und ich bete Albert, und ich denke auch künftig zu beten. Aber ach, nicht wende ich Gebete an in Dingen, die zu nichts taugen, denn das ſind Beſchwörungen und leere Worte, wenn es nicht noch etwas ſchlimmeres iſt, nämlich Läſte⸗ rung.— Gebete? O, mein großer Gott! Auch das ſchönſte Gebet verwandelt nicht Weiß in Schwarz oder Schwarz in Weiß. Wenn zwei neben einander ſtehen und ſchon jetzt einander ein Gefühl vorlügen, welches ſie nicht haben, nicht macht dann das Gebet dabei die Lüge zu einer Wahrheit. Oder wenn ſie bei dieſer Gelegenheit auch nicht lügen, aber gleichwohl etwas geloben, was vielleicht ſpäterhin zu halten nicht in ihrer Macht ſteht, nicht wird das durch ein über ſie geſprochenes Gebet abgewendet. Und was ſehr häufig eintrifft, nämlich daß ſie nachher nicht halten, was ihnen unmöglich war, aber gleichwohl zu vermehrter Plage und Lüge ſcheinbar thun— was richtete wohl dann das arme vorher geſprochene Gebet aus? Nicht hinderte dieſes, daß es ſo geht. Und wenn ſie noch ferner mit einander auf dieſe Weiſe fortfahren, ſo werden ſie an Seele und Leib immer groͤber, ja ſogar liederlich— das muß man geſtehen und endlich ſo, daß ſie nichts Schönes und Reines in der Welt mehr zu faſſen oder etwas im Grunde Kluges über den Menſchen zu verſtehen im Stande ſind, obgleich man über ſie gebetet hat. Das ſieht man ja überall und das nenne ich ſchlechte Sitten. Es taugt 123 nicht, Albert, gut, edel und glücklich zu heißen, wenn man es nicht iſt. Und meines Bedünkens taugt es nie, zu der Erreichung einer Sache etwas anderes anzuwenden, als das, womit man ſie erreicht. Wenn ich zu dem Kitte kein Oel habe, ſo ſtelle ich mich nicht hin und bete über die Kreide, ſondern ich gehe aus und ſchaffe mir Oel, miſche dies unter die Kreide und das hilft. Ich wende nie Beſchwörungen an, Albert, obgleich es in Lidkoͤping Leute gibt, welche Salz in den Ofen werfen, wenn ſie Zahnſchmerzen haben und über Kranke Blei gießen und Pflöcke in Bäume ſchlagen, und bisweilen ſagen ſie, ſie werden geſund und das kann wohl ſein, obgleich es, wie mich dünkt, nicht von den Pflöcken kommt. Ebenſo, Al⸗ bert, trifft man auch zuſammengebetete Leute, welche recht geſittet ſind und gut mit einander leben, aber das rührt nicht eigentlich von dem Gebete her.“ „Nun gut, aber dann ſchadet es wenigſtens nicht.“ „O ja, das thut es dennoch. Denn wenn man ein⸗ mal über zwei ſolche gebetet hat, die für einander gar nichts weiter taugen, als zu Verderben und Elend, ſo will und behauptet man dennoch, daß ſie noch ferner zuſammen ſein und einander zu Tode plagen ſollen und dies einzig und allein des Gebetes wegen, welches einmal unnöthiger Weiſe geſprochen wurde. Das iſt meiner Meinung nach ſehr ſchädlich. Auf dieſe Weiſe thut man wohl übel, wenn man Gebete anwendet, wo ſie zu nichts dienen, in den meiſten Fällen jedoch fürchterlichen Schaden anrichten. Ach, mein Gott!— wie heilig und beruhigend iſt nicht ein Gebet an ſeiner rechten Stelle! Das weiß ich am beſten.“ „Liebenswürdiges Mädchen! wann beteteſt Du zuletzt?“ „In Arboga— Albert.“ Sie lispelte dies ſo leiſe und es klang faſt ſo, als wenn ein„Mein“ dem Namen Albert voranging; aber der ganze Ausdruck war zu magiſch, als daß er feſtgehalten werden konnte, obgleich die Sekunde zu tief ergreifend war, als daß man ſie in Ewigkeit hätte 124 vergeſſen können. Sie ſchwieg. Gleich darauf aber fuhr ſie lauter fort:„Ich ſage es noch einmal, Albert, denkſt Du nicht ſo wie ich, ſo haſt Du mit Dir und mit dem Deinigen Deine vollkommene Freiheit. Sag' es dann rein heraus; denn in dieſem Falle wollte ich, Du reiſ'teſt heute Abend oder morgen von mir und kämeſt nicht mit nach Lidköping, obgleich Gott es weiß, wie gerne ich Dich auf dem ſandigen, garſtigen Wege bei mir hätte.“ „Nur auf dem Wege?“ Ihre warmen Blicke begegneten ſich, aber ſie ſahen einander nicht lange an, ſondern gleich darauf zum Fen⸗ ſter hinaus auf den Himmel, der ihnen nicht dunkler ge⸗ worden zu ſein ſchien, obgleich ſie eine ziemlich lange Zeit in der Dämmerung geſeſſen hatten. Albert ſetzte ſich auf einen Stuhl am Fenſter, nahm Sara auf ſeinen Schooß und dachte jetzt zurück jenſeits Bodarne an den dämmern⸗ den Abend in Arboga, als er ebenfalls an einem Fenſter ſaß und ſich vergeblich bemühte, ſeinen Namen in die Scheibe zu ritzen. Wie Bieles hatte ſich nicht ſeit der Zeit verändert? Welch ein neuer Zeitraum? Mit welchen andern Augen blickte er nicht auf ſie? Und ſie ſelbſt ſchien in eine andere Welt getreten zu ſein. Alles vorher nicht ſelten vorkommende Barſche, Witzige, Flegelhafte war hinweg, ſie trug jetzt das Aeußere einer Mitbürgerin an ſich: dieſelbe Vernunft in allen Dingen wie früher, aber eine in den Duft der innigſten Hingebung, der reinſten Lieblichkeit geſenkte Vernunft. Das Wunderbarſte von allem war, daß die vollkommene Freiheit, in welcher ſie ihn ungeachtet alles Vorgefallenen ließ, ſie zu verlaſſen, wenn und wann er wollte, weit entfernt, ihn von ihr zu ziehen, ſie vielmehr in ſeinen Augen tauſendmal liebens⸗ würdiger und angenehmer machte.„Und Liebenswürdig⸗ keit iſt das Einzige— das Einzige— das zu ächter Liebe hinzieht. Dieſe kann dennoch bisweilen ausbleiben, ſoll jedoch etwas wirken, ſo iſt es einzig und allein Liebens⸗ würdigkeit,“ dachte er. —.— — 2—— „Was ſiehſt Du dort oben an dem Himmelsgewolbe, Sara?“ „Ich denke nur, ob es weit bis dahin ſein kann.“ Er drückte ſie an ſeine Bruſt und antwortete:„wir auf dem Wege.“ „Nur auf dem Wege?“ „Nein ſchon dort— wenn—“ „Albert!“ „Erzähle mir, Sara, unverſtellt— Du ſprachſt ſo eben davon, wie der Menſch vor innerem Kummer und vor Seelenplagen häßlich werden kann und darin hatteſt Du gewiß Recht. Wir wollen dieſes bleiben laſſen. Aber, Sara, ſag'— Du kannſt wohl nie häßlich werden? Das ſcheint mir unmöglich—“ „Der Seele nach brauchen wir beide, Albert! Du und ich, nicht häßlich zu werden und das iſt meiner Mei⸗ nung nach genug. Was aber den Leib betrifft, ſo weißt Du wohl, wenn man alt wird, dann— auch wenn keine Schmerzen und Plagen zehren—“ „Was bedeuten gealterte Züge, wenn ein guter und wahrer Geiſt ſich rein in den Augen und in dem Aus⸗ drucke aller Lineamente abſpiegelt? Nur dieſer Himmel zieht mich an und entzückt mich.“ „So denke ich auch. Gott ſei Dank, Albert, Du biſt kein Narr.“ Und auch die Züge des Körpers verfallen ſpät, erſt ſehr ſpät, wenn in ihnen eine gute, lebendige und thätige Seele wohnt. Das iſt mein Glaube, Sara.“ „Das habe ich an meiner Tante Guſtava geſehen,“ el ſie ein. „Machen wir es alſo auf die Weiſe, Sara, daß Je⸗ der das Seine hat. Ich will Dir kein Recht über das Meinige geben, und Du ſollſt mir keine Macht über das Deine zugeſtehen. Wir wollen nur unſere Liebe gemein⸗ ſchaftlich haben. Aber bedenke, wenn Eines von uns in 2 — — — — 126 Noth käme, ſo daß das Eigene zu ſeinen Bedürfniſſen un⸗ zureichend wäre!“ „Sollte dann die Liebe nicht beiſtehen wollen?“ fragte ſie und fuhr auf.„Kämeſt Du in Noth, Albert, ſollte ich nicht dann Dir von meinem Vermogen ſchenken, ſo lange ich hätte und ich fände, daß Du kein Durch⸗ bringer, kein elender Menſch wäreſt? Und wenn ich ſehr arm würde, ſo kann es ja wohl auch ſein, daß Du— daß Du mir etwas ſchenken wollteſt?“ „Gott! wie kannſt Du ſo fragen, Sara? Aber wenn es ſo zwiſchen uns ſteht, haben wir nicht ſchon dann unſer Vermoͤgen gemeinſam?“ „Nein, da iſt noch ein himmelweiter Unterſchied. Wenn ich Dir mit Geld oder etwas Anderm ein Geſchenk mache, ſo verfährſt Du dann damit nach eigenem Gut⸗ dünken. Das kann kein Aergerniß geben. Es wird das Deine eben ſo gut, wie Das, was Du ſchon zuvor hatteſt; und fragſt Du mich um Rath, wie Du damit umgehen ſollſt, ſo antworte ich Dir, und Du machſt dann mit dem Rathe ebenfalls, was Dir das Beſte dünkt. Auf dieſe Weiſe biſt Du ungeachtet des Geſchenkes eben ſo frei, un⸗ abhängig und ungeſtört, wie vorher. Auf dieſelbe Art, wenn Du mir etwas verehren willſt, ſo mußt Du es mir unter eben dieſen Bedingungen geben, als ein reines und liebens⸗ würdiges Geſchenk zur Freude und zum Nutzen, das ich anwenden und benutzen kann, wie mir beliebt und mir nothwendig erſcheint. Solche Geſchenke find dann dem Menſchen eine Hülfe, aber kein gegenſeitiges Verderben wie die tägliche Verwickelung, in welcher die Leute ſonſt wohl gegen einander zu ſtehen pflegen.“ „Koͤnnen denn die Menſchen nie mit einander haus⸗ halten?“ „Sie können es ja verſuchen. Geht die Haushaltung gut, ſo kann man damit fortfahren, wie man mit andern Dingen fortfährt, die gut gehen. Geht ſie jedoch ſchlecht, dann geſchieht es ja mit gutem Bedacht, wenn man da⸗ — P* — —— 127 mit aufhört, wie mit allem Schlechten. Aber die Liebe zwiſchen zwei Perſonen, die muß zuerſt und vor allen Dingen vor dergleichen geſchützt und in Ruhe ſein; ſie darf nie von dem Zuſammenwohnen und von der Haushaltung, und wie dieſe gehen kann, abhängig gemacht werden. Ich meine, es iſt am beſten, ſie ziehen nie zuſammen, das muß ich ſagen; denn Leute, die ſich gegenſeitig lieben, die reizen, ärgern und verderben ſich zuletzt weit leichter, als Andere, die auf einander keine Rechnung machen, und ſich darum mit Gleichgültigkeit ſehen. Wollen Sie aber dennoch das unnöthige Vergnügen verſuchen, wie zwei Köpfe irdiſche Dinge regieren können, welche am allerbeſten und ordent⸗ lichſten gehandhabt werden, wenn man ſie nicht vermiſcht, ſondern wenn jede Perſon das Ihrige fur ſich hat und es nach ſeinem Kopfe regiert.— ſo mögen ſie wenigſtens ſo klug ſein und damit aufhören, ehe ihre Liebe vergeht, und dies kann ſehr leicht geſchehen, denn kein Glas iſt ſchöner als dieſe Neigung des Herzens, aber auch kein Email zerbrechlicher als dieſes. Das iſt meine Meinung.“ „Auf dieſe Art wäre es am allerbeſten, wenn wir es nicht allein unterließen, zuſammen zu wohnen, ſondern auch einander nicht oft ſähen.“ „Du gedenkſt ja auch, viele Reiſen zu machen, Al⸗ bert?“ äußerte ſie mit einem Blicke, der nichts weniger, als Schmerz ausſprach. „Ich muß wohl. Ich kann es nicht ändern.“ „Mit welcher Freude will ich nicht während Deiner Abweſenheit an Dich denken! Und, Albert, es würde Dir ſchwer ſein, wenn Du zu Hauſe bliebeſt, ſo ſchön zu ſein, als ich Dich dann in meiner Seele habe. Aber Du ei ja zurückkommen, und jedesmal doppelt willkommen ein!“ „Aber, Herr, mein Gott—!“ „Auf dieſe Art wird die Liebe dauerhaft ſein. Du wirſt nicht nöthig haben, mich in allen dummen, traurigen, garſtigen— ja in Augenblicken zu ſehen, wo es ganz un⸗ 128 nöthig iſt, einander zu ſehen. Und wenn auch Du ſolche Augenblicke haſt, Albert, denn auch Du biſt ja ein Menſch, ſo brauche ich Dich dann ebenfalls nicht zu ſehen.“ „Aber, mein Gott!— Sara, ich verſtehe nicht— wohinaus führt dies? Man kann einander ja vergeſſen!“ „Diejenigen, welche ſich unerträglich, ſtündlich an einander abnutzen, ſie vergeſſen ſich am erſten, oder wenn ſie gegenſeitig an ſich denken, ſo geſchieht es mit peinlicher Erinnerung, ſo wie man an einen Ausſchlag denkt.“ „Abſcheulich!“ „Es ſind nahe Körper mit entfernten Seelen, ſo wie in der Schrift ſteht:„Sie ehren mich mit ihren Lippen, aber ihr Herz iſt ferne von mir.“ „Du biſt alſo doch eine Leſerin?“ „Nahe Seelen mit entfernten Körpern, wenn es ſein ſoll, gefallen mir dann doch beſſer.“ „Aber können nicht Beide nahe ſein?“ „Bisweilen, Albert. Jetzt iſt es ſo mit uns. Aber.. Und nach Lidköping ſollſt Du mit mir kommen. Aber das ſage ich, wenn Du dann etwas umherfährſt, dagegen habe ich nichts. Und ich will mich zu Hauſe ganz allein einrich⸗ ten.— Vergeſſen? Wenn Du jetzt aufſprängeſt und hin⸗ aus eilteſt, und noch in dieſer Nacht nach Sollebrunn reisteſt, würdeſt Du mich deßhalb ſchon vergeſſen?“ „Sara, Du ſollteſt eigentlich immer vor mir ſtehen!“ „Und ich ſollte Dich durch alle meine Fenſter ſehen. Verſuch'! Reiſe zum Spaß!“ „Erlaube mir, noch ein wenig zu verziehen.“ „Vergeſſen? Wenn die Gleichgültigkeit zwiſchen zwei Menſchen kommt, dann ſchleicht ſich das Vergeſſen zu⸗ gleich mit ihr ein. Aber Reiſen und Entfernung— was bedeutet das? Die Landſtraßen bilden nicht die Entfer⸗ nung zwiſchen zwei Seelen. Nun, ich möchte nicht gerne, daß Du über ein halbes Jahr weg wäreſt, das geſtehe ich.“ „Du athmeſt ſo lieblich!“ „Vergeſſen?“ wiederhoite ſie nach einem kurzen Still⸗ 129 ſchweigen.„Vielleicht kann das Vergeſſen auch kommen, wenn die Liebe zwiſchen den Leuten aufhoͤrt; aber ſicher und gewiß wenigſtens iſt, und das weiß ich: die frohe Erinnerung des Herzens wird nicht verlängert von der⸗ gleichen, das die Liebe ſelbſt vertilgt. Darum“ „Ja, ich will Dich nicht allzu oft ſehen und beſuchen, Sara. Aber wenn ich Deine kleinen Zimmer miethen und dort allein bei meiner eigenen Arbeit ſitzen darf, ſo ſoll nichts in der Welt, ja Du ſelbſt nicht einmal, mich ab⸗ halten koͤnnen, mir Dein Bild zu malen, nämlich nicht mit einem Pinſel, das kann ich nicht— ach! wenn ich's könnte!— Und würdeſt Du krank, dann wollte ich zu Dir hinabgehen, und vor Deinem Bette ſitzen.“ „Beſter Albert! das kommt darauf an, welche Krank⸗ heit ich habe. Am liebſten habe ich Maja bei mir, ſie verſteht es beſſer.“ „Aber— Gott— wenn— ich denke nur— wenn zum Beiſpiel ich ſelbſt krank würde?“ „Das iſt etwas ganz Anderes. Dann gehe ich hin⸗ auf in Deine Zimmer und ſitze Nacht und Tag bei Dir vor Deinem Bette, wenn es nöthig iſt. Ich ſchließe den La⸗ den zu und ſchreibe draußen:„Verreiſet.“ Du mußtwiſſen, es iſt ein Unterſchied, wenn ein Mann krank iſt— näm⸗ lich wirklich, ſo daß es kein Gewäſch iſt, ſondern daß er im Ernſte zu Bette liegt.— Dabei zugegen zu ſein, iſt nichts Boſes, Uebles oder Langweiliges, das kann ich auch. Aber ein zu Bette liegendes, krankes Frauenzimmer mit Schwindſucht oder dergleichen, iſt am beſten allein, Al⸗ bert. Doch wenn mir etwas zuſtoßen ſollte, ſo habe ich nichts dagegen, wenn Du in der Stadt— im Hauſe— im obern Stockwerke bleibeſt. Sollte———“ „Mein Gott! was bedeutet Dein wundervoller Blick?“ „Sollte ich dabei dem Tode nahe kommen, dann wollte ich, Albert! daß Du in mein Zimmer— kurz vor meinem Tode— zu mir kämeſt!— und—— dann Es geht an. 9 130 vor Allem in der Welt wollte ich dieſe Hand zuletzt küſſen.“**—*********„*** „„„.„„„„ ⸗ *******..***„**.*„ Achtes Kapitel. Blicke um Dich und ſieh vergnügt aus. Ich möchte gerne die geheeme Freude haben, daß, wenn Du die Straße entlang fährſt, jedes zweite Mädchen ſtehen bleibt und denkt: „Sieh, was für ein hübſcher Offizier dort fährt. Die Geſchichte und die Geographie, die ſich ſtets die Hand reichen, müſſen auch hier einander aushelfen, ſo daß, wenn jene ſich zuletzt plötzlich zurückzieht und Raum gibt, dieſe zu reden beginnt, und folgender Maßen ſpricht: der Weg zwiſchen Marieſtad und Lidköping reicht von Marie⸗ ſtad bis nach Lidköping. Dieſen Weg zu befahren began⸗ nen die Reiſenden ſchon am folgenden Morgen, nachdem ſie ihre Zwiebacke in ein Paar ſchöne ächte Taſſen einge⸗ taucht hatten. Die Geographie von Weſtergötland mag über das ſüdliche Ufer des Wenerſees ſagen was ſie will und was ihr beliebt, ſo bleibt dennoch ſo viel gewiß: wenn man nicht auf den Weg ſieht, der hier vorbei ſtreicht, ſo er⸗ ſcheint es dem Auge nicht im Geringſten unangenehm. Als die beiden Reiſenden bis Breſäter gekommen waren, ſo ſagte Albert:„Jetzt kommt es darauf an, ob wir bei Forshem den göttlichen Weg über den Kinnekulle wählen, welcher durch den nördlichen Theil von Oeſterplana, dann 131 vurch Weſterplana und Källby führt;*) auf dieſem Wege kommen wir vorbei an Hoͤnkäter, Hellekis und Robäck—“ „Robäck? Ich habe von Robäck reden hören, ich bin noch nicht dort geweſen,“ fuhr Sara fort,„aber was ſoll ich jetzt dort, da ſie nicht mehr dort wohnt?“ „Welche ſie?“ „Dort hat ein Engel gewohnt, iſt aber jetzt an den Wetterſee gezogen.“ „Frau— ich entſinne mich— der Name fällt mir nicht gleich bei.“ „Auch ich habe ſie nicht geſehen,“ fuhr Sara fort; aber wenn ſie noch auf Robäck wohnte, ſo möchte ich wohl dieſen Weg reiſen. Gute, vortreffliche Bücher hat ſie meiner Tante Guſtava in Lidköping geliehen, und dieſe haben wir in freien Augenblicken mit einander geleſen.“ „Die will ich auch leſen!“ rief der Sergeant aus. „Recht gerne— aber—“ „Ja, der andere Weg, den wir wählen können,“ fuhr er fort,„geht über Enekebacken öſtlich und ſüdlich um den Berg, durch Skälfwum, an Husby vorbei und ſo weiter. Welchen von beiden wollen wir reiſen?“ „Wie kann ich das ſagen? darauf verſtehe ich mich nicht.“ „Aber Du mußt wiſſen, Sara, Hellekis gehört zu den ausgezeichnetſten Stellen in Weſtergotland; es verdiente wohl, daß wir den Weg reisten.“ „Wenn Du willſt, recht gerne. Und ſind dort große Häuſer und Gebäude, ſo wäre es wohl der Mühe werth, ſich mit dem Orte bekannt zu machen; es könnte einmal was eintragen.“ *) Kirchſpiele am Abhange des Kinnekulle; die folgen⸗ den Oerter dagegen, ſind ſchöne Landgüter. Die weiter unten namhaft gemachten Ortſchaften an dem Wege ſind Kirchſpiele. 132 Ein wenig verſtimmt reffte der Sergeant das poetiſche Segel ſeines Geſpräches ein; er hatte nun einige Tage lang von keinen Handwerksangelegenheiten etwas gehört, merkte aber gleich, daß ſie im Anzuge wären. Und wie konnte er wohl darum ungehalten auf ſie ſein? Dennoch aber wollte er nicht, daß ſo göttliche Oerter, wie Hön⸗ ſäter, Hellekis und Robäck bloßen Glaſerwünſchen zur Ziel⸗ ſcheibe dienen ſollten: er beſchloß alſo, die proſaiſche Straße über Enekebacken zu wählen, und ließ den Berg rechts liegen. „Sie iſt aber doch höher geſtimmt geweſen,“ fuhr der Sergeant bei ſich ſelbſt fort;„ja, ein Paar Tage lang! und der Gegenſtand ihres Geſpräches, obgleich er hinſichtlich desjenigen, was die Klugheit betrifft, ſich ſtets gleich blieb, hat doch nicht immer nach einem Geſellen in Frauenklei⸗ dern geſchmeckt. Armes, gutes, unſchuldiges Mädchen!“ rief er mit einer kaum zurückgehaltenen Thräne aus,„Gute, Geliebte! wie ungerecht beurtheile ich Dich! iſt es nicht recht gut, daß Du vernünftig biſt? Du wirſt Dich ehrlich und vortrefflich ernähren koͤnnen, Dich und die Dei—“ Er riß die Zügel an ſich, als wäre er plötzlich durch etwas erſchreckt worden, und als fürchtete er, die Pferde würden durchgehen; aber er erholte ſich und fuhr bei ſich ſelbſt fort:„Alles was ich ſparen und zurücklegen kann, will ich ihnen geben, und das als ein vollkommenes, ein rrines Geſchenk, ſo wie man es haben will, ohne alle Ein⸗ miſchung von meiner Seite,(wo nicht mittelſt freier Rath⸗ ſchläge), wie ſie damit haushalten ſoll. Aber, mein Gott! die Meinigen muß ich ſie nennen: das will, das muß, das werde ich ganz beſtimmt.“ „Das ſollſt Du, und es iſt meine himmliſche Freude, Dich ſo reden zu hören.“ Albert fuhr erſchreckt zurück bei dieſen Worten, die Sara leiſe ausſprach. Hatte er ſich in ſeiner ſchwärmeriſchen Ausſicht ſo weit vergeſſen, daß er laut geſprochen und ſeine innerſten Gedanken verrathen hatte? 133 „Fürchte Dich nicht, Albert! Dein Lispeln, Dein ge⸗ he imſtes Lispeln zu Dir ſelbſt, höre ich, denn ich bin ſo, daß ich höre.“ „Großer Gott! wer biſt Du denn? kannſt Du mehr als Andere?“ „Du fährſt ſo gut und vortrefflich, Albert; ich liebe Dich.“ „Du liebſt mich, antworteſt mir aber nicht?“ „Was ſoll ich Dir antworten?“ „Wie konnteſt Du vor einem Augenblicke hören, was nur meine Seele zitternd dachte?“ „Ich liebe Deine Seele, darum höre ich die Worte Deiner Seele.“ „Wie?“ „Das heißt, ich verſtehe Dich. Ich begreife Deine Gedanken, ja, ſogar das, worauf Du ſo eben grü⸗ belteſt—“ „Wie über das Handwerk?“ „Ja, ja— Albert— ein Fenſterglas, Albert, iſt kein ſo verächtliches Ding, wie Du glaubſt. Es ſchützt Dich im Winter gegen die Kälte, die draußen iſt, und gibt Dir dabei auch noch Licht. Das meiſte im Leben iſt ſonſt ſo, daß, wenn es wärmt, dies nicht ohne Finſterniß geſchieht, und wenn es leuchtet, dies ſelten ohne Kälte geſchieht. Nur ein Fenſter— merke wohl auf, mein Albert— gibt Licht, ohne Kälte einſtrömen zu laſſen; und es hält die Wärme zurück und doch zugleich auch das Licht. So iſt ein Fen⸗ ſter beſchaffen, und das bedeutet mehr, als Mancher faſ⸗ ſen kann. Darum mußt Du nicht die Fenſter verachten, und nicht Sara's Handwerk verachten, mit welchem ſie ſich ſelbſt und alle in Lidköping, denen ſie beiſtehen mußte, ernährt hat— und das wird ſie auch noch künftig thun — und auch Dich, Albert, wenn Du in Noth kommſt.“ „Nein, Sara! das wirſt Du nie nöthig haben. Fleiß! ein reger Fleiß in meinem Handwerke— denn auch ich habe ein Handwerk!— Geliebtes, gutes Mäd⸗ 134 chen! nun fühle ich, gleich dem Himmel, was das heißt, fleißig zu ſein— ich werde und ich will verdienen— dieſes Wort, welches früher in meinen Ohren ſo verächt⸗ lich klang! Verdienen will ich! arbeiten und damit nicht nur mir allein helfen, ſondern auch— alle in Lidköping, denen ich beiſtehen muß. Handwerk und Fleiß— Du, Sara, haſt mir die rechten Wörter gelehrt Er ergriff ihre Hand. Die Geographie iſt ein elendes Ding, daß ſie ſich im⸗ mer von der Geſchichte überrumpeln läßt. Wo bekam letztere nun wieder ihre neue Obergewalt? Ja, auf dem Wege nach Enebacken. So greife dort nun wieder ein, Geographie, und halte Dich tapfer! Enebacken— und darauf kommen die Kirchen von Holmeſtad, Götened, Skälfwum, und in einer kleinen Ent⸗ fernung zur Linken Wettlöſa— um Verzeihung Wättlöſa*) wollte ich ſagen. Darauf erblickt man rechts an dem Berge die Kirchen von Husby und ſogar Klefwa. Darauf weilt das Auge bald auf der Kirche von Broby, von Källby, von Skeby— unbegreiflich viele Kirchen! S Nun aber iſt es zu Ende. Ein großes offenes Ge⸗ wäſſer begegnet uns rechts und ſchlägt den Blick des Rei⸗ ſenden mit einem entzückenden Entſetzen: er fürchtet, den ganzen Wenerſee über ſich, wenigſtens bis an die Achſe ſeiner Räder zu bekommen, und zweifelt nicht, daß das niedrige gelbe Sandufer, auf dem er fährt, einſt unler der Woge gelegen habe. Der Wener iſt eine Fee, die ſich ein *) Die Kirchen in Schweden liegen gewoͤhnlich iſolirt, nur von einigen wenigen Häuſern umgeben. Wett⸗ löſa heißt übrigens Verſtandeslos. Das ſchwediſche Wortſpiel mit dem Namen verſchwindet natürlicher Weiſe im Deutſchen. A. d. Ueb. 135 wenig zurückgezogen hat: wer weiß, ob ſie nicht ſchnell und unvermuthet über uns kommt und ihre alten Gerecht⸗ ſame wieder nimmt? Beſonders bei einem Nordſturme iſt dies ſehr zu fürchten. Heute ſchwieg der Wind und die Woge lächelte. Sara ſaß da und ahnte in jedem Augenblicke, ſie würde ihr Lidköping erblicken. Sie fühlte die angenehmſten Er⸗ innerungen der Seele. Einen Umſtand zu entwickeln muß jedoch der Ge⸗ ſchichte geſtattet werden, nämlich das ſonderbare Glück, welches unſere Reiſenden auf dem ganzen Wege gehabt hatten, Zweiſpänner zu bekommen. Denn ſonſt pflegen Karren drohend auf die meiſten Reiſenden zu warten, die nicht auf eigenen Rädern ankommen oder auf eigenem Grund und Boden im Wagen ſtehen. Karren ſind bis⸗ weilen ſchlechte Fuhrwerke. Es war alſo ein gütiges Ge⸗ ſchick, welches hier gewaltet hatte; und vielleicht liegt die nächſte Erklärung in demjenigen, was die Aerzte ſelbſt— welche ſich doch ſonſt nie mit dem Schickſale abgeben— von der Natur behaupten, nämlich, daß dieſe das Weib auf eine ganz beſondere und ausgezeichnete Weiſe beſchützt, daß ſie ſich beinahe ſcheut, ihr zu ſchaden, ehrfurchtsvoll, ausweichend, achtſam iſt. Dies iſt ein myſtiſcher, aber doch heiliger Gedanke. Möge alſo auch der Menſch eben ſo ehrfurchtsvoll weichen: mögen wir unſere Kniee beugen vor einem Himmel, der unbekannt— verkannt— uns zwar ſo nahe, ſo gütig, ſo geheimnißvoll, ſo vergeſſen und den⸗ noch ſo beſtändig umgibt! Das Glück, Zweiſpänner zu erhalten, wurde dieſen Reiſenden oft aus dem Umſtande, daß Albert, wenn er ſah, daß die Pferde gut waren, ſich nicht daran kehrte, einen Fuhrmann zu begehren, ſondern ſelbſt fuhr, worauf die Bauern, wenn ſie ſehen, daß ſie es mit ordentlichen Leuten zu thun haben, gerne eingehen und ſogar dafür danken. So waren denn jetzt der Sergeant und ſie die ganze Zeit allein gefahren. 136 Lidköping kam. Sie fuhren ſchon auf der erſten Straße der Stadt, ſie war breit, groß, gut, aber ein wenig un⸗ eben gepflaſtert.„Beſter Albert! Laß mich hier abſteigen, dies iſt die Heimath meiner Kindheit, hier möchte ich zu Fuße gehen. Du kannſt fahren, ich gehe allein.“ „Nein, auch ich ſteige aus, gehe nebenher und fahre.“ „Nein! das ſieht nicht gut aus. Und dann, Albert, noch eins. Fahre Du allein nach dem Wirthshauſe hinter dem Markte. Ich gehe nach Hauſe: ich will zuerſt allein da⸗ hin kommen. Ich will ſehen, wie es mit meiner armen Mutter ſteht.“ „Auch ich will ſie ſehen.“ „Nein, Albert! Wenn ſie noch lebt, ſo würde bei Deinem Anblicke ein unwillkührlicher Schauder durch ſie fahren. Das will ich nicht.“ „Großer Gott! Was ſagſt Du?“ „Denn Du könnteſt unmöglich anders als Dich ver⸗ rathen. Du würdeſt Dich ſo gegen mich aufführen, daß ſie in Dir einen Freier ahnete: Sie würde bei der Vor⸗ ſtellung zittern, daß ſie in Dir den künftigen Mann ihrer Tochter ſähe. Es würde mir ſchwer werden, ſie zu über⸗ zeugen, daß Du dies nimmermehr werd—“ „Ha!“ 2 „Fürchte aber dennoch nichts, guter Albert. Bald ſollſt Du zu uns kommen und dann ſollſt Du die Zimmer beſehen, die Du miethen willſt. Warte aber, bis ich Dich rufen laſſe. Fahre jetzt gerade aus, es iſt nicht ſchwer, ſich hier in Lidköping zurecht zu finden. Ohne abzuweichen kommſt Du an jene Brücke, von der wir geſprochen ha⸗ ben, über die Lida— die Brücke, da!“ „Ha“ „Da fährſt Du hinüber; aber betrachte die Ausſich⸗ ten rechts und links; denn ein ſchönerer Fluß als die Lida fließt durch keine Stadt. Etwas weiter gerade aus kommſt Du auf den Markt. Einen größeren Marktplatz gibt es auf Erden nicht, fahre gerade hinüber in die Straße zur 137 Linken. Dieſe Straße führt zu einem andern Thore, durch das der Weg nach Goͤteborg geht. Wenn Du nun auf dieſer Straße nur bis an die erſte Quergaſſe vom Markte an gerechnet kommſt, ſo iſt das Wirthshaus dort an der Ecke. Kehre dort ein, laß alle unſere Sachen hinauf⸗ tragen, nimm Dir ein Zimmer für die Nacht oder bis ich Dich rufen laſſe. Ich werde meine Sachen durch einen Lehrburſchen abholen laſſen, Du weißt wohl, was Dein und was mein iſt?“- „Es ſteht wohl nicht S. W. auf allen, aber ich will verſuchen.“ „Du biſt zerſtreut, guter Albert. Wenn Du dahin kommſt, ſo iß ein wenig, ſtäkke Dich und denke nicht zu viel an mich. Du kennſt wohl wenigſtens Deine eigenen Sachen? Alles, was nicht Dein iſt, das iſt mein— und gib dies dem Burſchen.“ „Was nicht Dein iſt, das iſt mein.“ „Aber— ſei nicht ſo verſtimmt, ſo blaß! Du biſt in einer netten Stadt, mußt Du wiſſen. Sieh die Menſchen an, wenn Du durch die Straßen fährſt, Du wirſt bemer⸗ ken, daß faſt jedes Mädchen nett iſt— darin iſt Lidkö⸗ ping ausgezeichnet— ich gehöre zu den allerunbedeutend⸗ ſten. Blicke um Dich und ſieh vergnügt aus. Ich möchte gerne die geheime Freude haben, daß wenn Du die Straße entlang fährſt, jedes zweite Mädchen ſtehen bleibt und denkt:„Sieh was für ein hübſcher Offizier dort fährt!“ Der Sergeant nickte dem Mädchen, das ſchon abge⸗ ſtiegen war, einen ziemlich muntern Abſchied zu. Er fuhr weiter, aber doch nur langſam und ſah ſich oft um nach ſeiner zu Fuß gehenden Reiſegefährtin. „Du fährſt zu langſam,“ ſagte ſie winkend.„Das ſchickt ſich nicht ſür einen Mann!“ Da klatſchte er friſch durch die Luft, die Pferde kamen in Trab. Sara Wide⸗ beck ging allein. Sie bog ab in eine Straße, die mit dem Fluſſe pa⸗ rallel ging, in die Straße, welche zu ihrem Hauſe führte. 138 Es war noch nicht ſpät, aber doch ſchon Abend, mehre Wolken in lang geſtreckten, zerriſſenen und unerklärbaren Geſtalten zogen hie und da über das Himmelsgewölbe, nach Regen ſah es jedoch nicht aus. Die Sonne ſcherzte dort unten aus dem Weſten mit den ernſten, bedenklichen, hell⸗ grauen, dünnen Wolkengeſtalten. Die Fußgängerin blieb bei einer Quergaſſe ſtehen, denn es kamen Leute gegangen und ſie ſuchte Bekannte in ihnen zu erkennen. In kleinen Städten kennen faſt alle Menſchen einander. Sara bemerkte auch ganz wohl, wer dieſe wären; aber da ſie tief in ein Geſpräch verwickelt waren und ſich noch in ziemlicher Ferne befanden, ſo wur⸗ den ſie ihrer nicht gewahr. Sie machte ihre Anmerkungen über die Geberden und Bewegungen dieſer Leute. Da ſie aber vorbei gegangen waren, ſchritt auch ſie weiter vor⸗ wärts und kam an die nächſte Ecke. Hier blieb ſie wie⸗ derum plötzlich ſtehen, denn es kam ihr eine Leichenproceſ⸗ ſion entgegen. Die Ehrfurcht vor einer ſolchen hatte ſie ſtets zurückgehalten— wie viel mehr jetzt, da ſie mit Erſchrecken und Beſtürzung in dieſer Proceſſion ihre eige⸗ nen Werkgeſellen in ſchwarzen Kleidern erkannte, einige von den ältern Lehrburſchen nebſt andern Bekannten trugen einen Sarg. Es war ihre Mutter! daran konnte ſie nicht zweifeln. Die fürchterliche Bewegung der Bruſt, den Aufruhr des Athems ſuchte ſie zu dämpfen, denn einen unpaſſenden Auftritt auf der Straße mußte ſie vermeiden! In Reiſe⸗ kleidern und ohne alles Schwarze in ihrem Anzuge wollte ſie ſich nicht zeigen.„Meine Mutter! meine Mutter! ſoll ich Dein Angeſicht nie mehr ſehen?“ rief ſie aus, rang ihre Hände und zog ſich noch näher an die Ecke, wo ſie ſtand, um den Trauerzug vorbei kommen zu laſſen. Sie glaubte zu hören, wie der Küſter ſeinem Nachbar in der Proreſſion leiſe zuflüſterte:„In der verwichenen Sonn⸗ tagsnacht.“ Die ernſten Wanderer bemerkten ſie nicht. Als aber N—— v 17 139 der Sarg an der ſtill weinenden, verſteckten Tochter vor⸗ bei gekommen war, ſo wurde es ihr unmöglich ihre eigene Wanderung nach Hauſe fortzuſetzen. Sie ſah, daß die Proceſſion nach der Kirche hinzog. Ob es das Begräb⸗ niß oder die Beiſetzung*) war, das konnte ſie nicht wiſſen, aber ein unbekanntes Etwas zog ſie, von ferne zu folgen. Alles war ihr noch wirr, unheimlich, allzu überraſchend: ihre Mutter zu ſehen, ihren Sarg wenigſtens mit ihrem Munde zu berühren, ehe ſie hinabgeſenkt wurde, das war eine Nothwendigkeit. „In der verwichenen Sonntagsnacht?“ buchſtabirte ſie in ihren Gedanken zuſammen.„Wo war ich damals? Am Donnerſtage reiste ich aus Stockholm. Wäre die Reiſe nicht verzögert worden— wäre nicht— wenn— ſo hätten wir— ſo hätte ich ſchon am Sonntagabend zu Hauſe ſein können. Jetzt iſt es Mittwoch! Wo waren wir die Sonntagsnacht? Wo? In Bodarne,“ beantwor⸗ tete ſie ſelbſt ihre Frage. Sie ſah mit Rührung, daß dem am wenigſten ange⸗ ſehenen Geiſtlichen in der Stadt die Verrichtung der reli⸗ giöſen Ceremonie anvertrauet war. Der Sarg war um⸗ geben von den Leuten, welche die Arbeiter in der Werkſtätte der Glaſerwittwe geweſen waren, und welche, da ſie ſel⸗ ten in ſchwarzen Kleivern zu gehen gewohnt waren, jetzt in großentheils geliehenen Kleidern oder wenigſtens in ſol⸗ chen, aus denen ſie gewachſen waren, ſehr ärmlich ange⸗ zogen erſchienen. Aber die Geſichter Aller hatten in dem Augenblicke, da Sara ſie vorbei gehen ſah, Spuren von *) In Schweden werden die Leichen ſehr häufig erſt in der Kapelle oder dem Grabchore beigeſetzt, das feier⸗ liche Begräbniß mit den dazu gehörigen religiöſen Ce⸗ remonien geſchieht oft erſt einige Wochen ſpäter, wenn man die Ankunft entfernter Angehörigen ab⸗ warten will.„d. U. 140 Bläſſe und Eingefallenheit getragen:„Sind ſie während der drei Wochen meiner Abweſenheit ſo übel gefahren? Nein! Das muß Trauer oder Andacht bedeuten,“ ſo hoffte ſie. Der Sarg war ſchon tief im Hintergrunde des Kirch⸗ hofes, als die Tochter mit ſchwankenden Schrittten ſich ebenfalls hineinwagte. Dort blickte ſie rund um ſich. Kein Menſchenhaufen war verſammelt, in den ſie ſich miſchen konnte, um es auf dieſe Weiſe zu wagen, dem aufgeworfenen Erdhügel näher zu kommen, auf welchen ihre Augen ſtarr gerichtet waren. Sie zog ſich alſo ſeitwärts zurück hinter einen hohen Grabſtein, und von dieſem geſchützt, konnte ſie doch die letzte— einzige— Ehre ihrer Mutter mit anſehen. Ein mattes Geläute mit der kleinſten Glocke der Kirche begann, der Geiſtliche ſchlug die Agende auf, der Küſter zog ſeinen Liedervers hervor. Bei dieſen Tönen ſank Sara auf ihre Kniee in den Raſen bei dem entfernten Grabſteine, die Thränen ſtröm⸗ ten an ihren Wangen herab, ihr Haupt ſank zitternd auf den Raſen und ihre Hände fingen die fallende Stirn auf. „Meine Mutter! meine Mutter!“ rief ſie laut aus, denn ſie wußte, daß kein ſterbliches Ohr ſie hier hören konnte. Aber dennoch ſtrömte hiebei eine ſelige Frinnerung in ihr Herz;„ich habe Deinen Wunſch erfüllt, meine Mutter! Deiner unabläſſigen Ermahnung an mich habe ich ge⸗ horcht! O! wo Du nun auch biſt, gib mir Deinen Segen!“ Wenn der Geiſt der Abgeſchiedenen in dieſem Augen⸗ blicke auf das geblickt hätte, was hier vorging, ſo hätte er dort bei der Gruft ſelbſt die Schwarzgekleideten haben ſchauen können, welche mit Sorgfalt und Achtung(doch nicht eben mit vielen Worten, denn der Lebenslauf der Glaſerwittwe war ja nicht zu loben2) ſich mit dem tod⸗ ten Staube beſchäftigten: aber hier unter dem Baume, zu größerer Freude für den Himmel und für das Leben, kniete in einem ſchoͤnen Bilde Zukunft und Nachwelt: auf dieſes Bild konnte der Geiſt mit größerer, mit unendlicher — 141 Seligkeit herabſchauen. Himmliſche Tugend, reine Sitt⸗ lichkeit, wahre Pflicht ſind oft etwas Unbekanntes, Ver⸗ kanntes, nicht Geſehenes. Verborgen ſtand die Tochter da, ſchweigend in ihrem Gebete: Menſchen ſahen ſie nicht. Ein kühlender Wind ſtrich über die Blumen hin. Der Liedervers war kurz, das Geläute bald vorbei und die Worte des Geiſtlichen nicht mehr als die der Agende. Alles ging alſo wie es ſollte: nichts fehlte, aber auch nichts war überflüſſig. Unter den eingefallenen Augen des Werkgeſellen war etwas Blaues. Die Lehrburſchen mit friſcher Geſichtsfarbe ergriffen die in Bereitſchaft ſtehen⸗ den Schaufeln, und fingen an, die Erde hinabzuwerfen. Albert hatte den Ort ſeiner Beſtimmung an der Straßenecke erreicht, in dem Stadtwirthshauſe eine Treppe hoch ein Zimmer genommen, und wanderte in demſelben bald unruhig, neugierig und auf den Lehrburſchen wartend, bald verſtimmt, geſtimmt und herabgeſtimmt auf und ab. Er zog die Uhr: ſie war ſieben. Auf morgen gleich Pferde zu beſtellen und ſogleich nach Sollebrunn zu reiſen, erſchien ihm jetzt unmöglich; aber um acht Uhr war es dazu ſeiner Meinung nach gerade die rechte Zeit. Erſt mußte er doch Abſchied nehmen von— und wann konnte er wohl wahr⸗ ſcheinlich zurückkommen? Alles dieſes konnte zwar keine Ueberlegung von der verwickeltſten Art ſein, aber er hatte ſich ſchon daran gewöhnt, mit Einer ſo Vieles zu über⸗ legen; ſo wollte er auch jetzt, und— fand ſich allein. Seine Unruhe häufte ſich zuletzt in einem einzigen Brennpunkte an: er ſaß dort ſtille, unbeweglich und ſtarr in ſeinem Eckſopha und wunderte ſich, daß ſie nicht ſchickte. Er hoͤrte, daß eine Aufwärterin draußen einige Thüren auf⸗ und zumachte. Er rief ſie mit donnernder Stimme. Sie kam angeflogen.„Gib mir eine Taſſe Thee!“ ſagte er mit wildem Blicke. Sie war gewohnt, ungewöhnliche Reiſende zu ſehen 142 und ging alſo beſcheidentlich, ſchweigend und ohne Ver⸗ wunderung. Da rief er ſie zurück, und ſie kam.„Hör⸗ teſt Du was ich begehrte?“ herrſchte er.—„Ja, Herr.“ —„So ſpute Dich, ich ſitze hier und warte!“—„Nicht hat der Herr auf mich gewartet, das weiß ich,“ ſagte ſie beleidigt und ging hinaus. „Ach, wie ſehr warte ich auf Dich!“ rief er bei ſich ſeufzend aus, ohne auf das hinausgehende Mädchen gehört zu haben. Der TDhee kam; er war heiß und ſtark. Sie ſelbſt, die ihn trug, ſah zornig aus; denn jedem Menſchen kann die Geduld ausgehen, und als der Sergeant die Taſſe an die Lippe ſetzte, verbrannte er ſich ſo„verteufelt,“ daß er ausrief:„Das war der Teufel!“ „Hätteſt Du nicht ein wenig damit warten können?“ rief er aus; gebrüht zu werden dazu bin ich nicht ge⸗ ſchaffen.“ „Ich auch nicht,“ antwortete das Lidköpinger Mäd⸗ chen ſchnell. „Biſt Du raſend?“ „Nein, es iſt nur ein ſolcher nöthig.“ „Ich will mehr Zucker und Sahne hineinthun, ſo wird es kälter,“ bemerkte der Sergeant, der jetzt wieder zu Weisheit und beſſerer Laune zurückkam.„Was iſt die Uhr?“ „Das bekümmert mich nicht.“ „Du biſt aber doch ganz des Teufels.“ „Soll es noch eine Taſſe ſein?“ „Ich ſehe, die Uhr iſt bald neun, und noch Niemand hier! mache mir ſchnell das Bett auf, ich will mich legen, ſo habe ich doch etwas zu thun. Ja, gib mir noch eine Taſſe.“ „Wollen Sie die im Bette trinken?“ „Schenke ein und laß ſie dort ſtehen, ſo werde ich ſehen. Ich gehe ein wenig hinab auf die Straße und — 143 ſehe mich um; wenn aber Jemand kommt, ſo rufe mich herauf. Und mache inzwiſchen das Bett.“ „Ein ſonderbarer Offizier!“ ſagte das Mädchen, als er weg war;„aber er erwartet Jemand, und ich kehre mich nicht an ihn.“ Sie machte hurtig das Bett; ſie war boͤſe: Kiſſen und Laken fuhren unter ihren Händen wie Canaillen hin und her. Im Augenblicke— wie er begehrt hatte— war das Bett fertig. Wirklich melancholiſch, den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt und bleich kam der Sergeant zurück.„Iſt Niemand hier geweſen?“ fragte er mit der allerſanfteſten Stimme die Aufwärterin, welche die Treppe herabgehüpft kam. „Nein, aber dort oben iſt Alles in Ordnung.“ Sie en in den unteren Regionen. Er ſtieg die Treppe hinauf. Als er in ſein Zimmer kam, ſagte er nichts. Er warf noch einen Blick durch das Fenſter auf die Straße hinab, um zu erfahren, ob nicht— aber er ſah keinen Menſchen. Er ſaß lange vor der Fenſterſcheibe; aber es ereignete ſich nichts, als daß es immer grauer um ihn her wurde. „Ich gehe zu Bette!“ ſagte er endlich laut, aber langſam und faſt in einer Lethargie. Gegen dieſe ſeine Behauptung hörte er keine Einwendung. Niemand war da, der ihm das allergeringſte beſtreiten konnte. Lethargiſch entkleidete er ſich, legte ſich und entſchlief, gehüllt in die Laken und die grau geſprenkelte ſeidene Decke des Kellermeiſters, die zwar an ſich ſelbſt koſtbar war, für den Sergeanten aber nicht den geringſten Werth hatte. Am folgenden Morgen— es war wieder ein Don⸗ nerſtag, wenn man nach dem vorhergehenden Abende ur⸗ theilen durfte, der ein Mittwoch geweſen war— am fol⸗ genden Morgen ereignete es ſich, daß der Sergeant erwachte. Niemand wünſchte ihm einen guten Morgen, Niemand ſtand an ſeiner Seite auf, Niemand nickte; ja es kam nicht einmal Jemand, denn ein Frühſtück hatte er 144 geſtern Abend in der Betrübniß gar nicht beſtellt. Doch war er wenigſtens ſo viel ſein eigener Herr, daß er auf⸗ ſtand und ſich auf den Fußboden ſtellte. „Unbegreiflich!“ dachte er. Er wuſch den Kopf mit kaltem Waſſer, kleidete ſich ſo elegant, wie es der Schnitt der Uniform erlaubte, und trat zuletzt vor einen großen Wandſpiegel, um das Uebrige zu ordnen. Die durch ihre Bläſſe feinen Wangen, die großen, dunkeln und jetzt ſchmachtenden Augen, das ſchön gelockte Haar: das ganze Bild im Spiegel ſah aus, als wenn er in der That zu einem Fähnrich avaneirt wäre. Ein Aerger erwachte hiebei in ihm, weil er ſeit einiger Zeit eine entſchiedene und unerforſchliche Luſt bekommen hatte, in dem Grade eines Unteroffiziers zu bleiben. „Schäme Dich, Weichling!“ murmelte er: düſtere Blitze bildeten ſich in den Augenwinkeln, und er ſchleuderte auf ſeinen Gegner in dem Glaſe zornige, wilde Blicke, welche ihm jener im Spiegel aus begreiflichen Urſachen ſogleich zurückgab. So ermunterten dieſe beiden Herren ſich gegen⸗ ſeitig, und nach einigen Augenblicken ſah der Sergeant aus wie ein Schwediſcher Achilles. Es kam jemand getrippelt; die Thüre ging auf und die Aufwärterin trat ein mit der Meldung,„daß die Sa⸗ chen geſtern Abend abgeholt wären, und daß die Zimmer, welche zu Miethe—“ „Abgeholt? und ich erfahre erſt jetzt etwas davon?“ Gewitterwolken drohten in dieſen Worten. Das Mädchen zog ſich ſchnell an die Thüre zurück, erholte ſich aber bald von ihrem Schrecken und erklärte, daß die Sachen ſo ſpät abgeholt worden wären, daß der Herr Major damals ſchon längſt geſchlafen hätten, und daß ſie nicht gewagt hätte—“ „Wer ließ die Sachen holen?“ „Die Wiedebeckſche.“ „Die Widebe——(wieder ein blitzender Blick; dennoch aber konnte er nicht läugnen, daß vielleicht gerade ſo der rechte Ausdruck für jenes Mittelding lauten könnte, — — 145 über welches er ſo viel gegrübelt hatte. Den Namen aber ſelbſt auszuſprechen, dazu hatte er aber doch nicht Muth genug. „Ja, oder richtiger geſagt, Jemand dort aus dem Hauſe, fuhr das Mädchen fort; denn die Widebeckſche ſelbſt, ſie iſt endlich weg. Aber die Lehrburſchen kannten die Sachen richtig und trugen ſie in das Haus ihrer ver⸗ ſtorben Meiſterin.“ „Verſtorbenen? was ſagſt Du? Himmel und Höllel todt? nein— und ich erfuhr geſtern nichts 2“ Das Mädchen antwortete erſchrocken:„Der Lehrbur⸗ ſche ſagte, die Zimmer, welche zu miethen wären, ſtänden jetzt zu Dienſt, und heute Morgen um acht Uhr wären ſie zu beſehen. Darum glaubte ich, es verlohnte ſich nicht der Mühe, den Herrn Major eher zu ſtoren, als jetzt um ſieben.“ „Wären zu beſehen um acht Uhr, ſagte der Burſche, ſieh hier, die Uhr iſt in einer Viertelſtunde acht. Aber— ewiger Gott! Todt? Das iſt unmöglich! unmöglichl, unmöglich!“ Er ſtirzte hinaus und fragte in der Thüre nach dem Wege, der zu dem Widebeck'ſchen Hauſe führte: Die Auf⸗ wärterin deutete denſelben an und beſchrieb ihn ſo gut, wie ſeine Ungeduld und ihre Beſtürzung es erlaubten. Er eilte dahin. Dieſer Morgen war ungewöhnlich ſchön. Der Ser⸗ geant kam hinab auf eine Straße an der Lida: die friſche, neue Sonne des Tages, nebſt dem Blauen, dem Grünen, dem Weißen in der Luft, an den Bäumen, an— ach, wohl hätte der Sergeant Sinn gehabt, ſo Vieles zu be⸗ trachten und ſich zu freuen; wohl hätte er aus den Er⸗ zählungen, die er während der vorhergehenden Tage ver⸗ nommen, jetzt begreifen können, daß die Widebeckſche, die Mutter, und nicht die Widebeckſche, die Tochter, geſtorben wäre. Aber er war ſo gedankenvoll, daß er ohne alles Nachdenken dahin wanderte. Es geht an. 10 146 Endlich ſah er ein kleines, rothes, hoöͤlzernes, den Strengnäſer Häuſern ähnliches, doch recht gut unterhalte⸗ nes Haus. Ein langer Streifen von auf die Straße ge⸗ ſtreuten, feingehackten Fichtenſpitzen begegnete ſeinem Blicke, es fiel ihm centnerſchwer auf die Bruſt: er konnte jetzt der Todesſpur folgen.*) Durch einen Thorweg in einem Gebäude kam er auf einen geräumigen, rein gefegten Hofplatz. Er ſtieg eine niedrige, aber breite Treppe in die Höhe, und gelangte ſo an die ziemlich große Hausthüre. Dieſe war mit Ahorn⸗ und Birkenreiſern geziert. Kerbel und Johanniswedel dufteten auf dem Hausflure. Dieſer ſchöne Wohlgeruch kam ihm alſo entgegen, aber ſeine Kniee zitterten, denn ihm ahnte daß derſelbe, wie gebräuchlich, den Zweck hätte, den Ge⸗ ruch des Schrecklichen zu verhehlen. Ein ältliches Frauenzimmer in reinlicher, aber äußerſt ärmlicher Kleidung, mit einer Miſchung von Kummer und Güte im Antlitze, kam ihm entgegen. Wieder fuhr es ihm durch das Herz.„Das iſt gewiß die alte Maja!“ dachte er. Was ſollte er ſagen? Womit ſollte er den Anfang machen? Endlich ſtammelte er: „Ich habe gehört, daß hier Zimmer—“ „Zu miethen ſind? Ja, eine Treppe hoch, wenn ich ſie Ihnen zeigen darf.“ Er näherte ſich der Treppe; aber ihn ſchanderte, denn wenn ſie wirklich todt war, was in des Himmels Namen ſollte er dann mit den Zimmern anfangen? Sein Fuß wäre beinahe auf der erſten Stufe geſtrauchelt; er wendete ſich um zu der alten Dienerin, er wollte eiwas fragen, aber die Zunge weigerte ihm den Gehorſam. um *) Man pflegt in Schweden überall die nächſte Umge⸗ bung des Hauſes, aus dem eine Leiche zu Grabe ge⸗ tragen werden ſoll, mit ſolchen Fichtenſpitzen zu be⸗ ſtreuen. Anm. d. Ueberſ. N 147 doch etwas zu thun, ſagte er:„Ehe ich hinauf ſteige, moͤchte ich gerne die Miethe wiſſen.“ „Zwanzig Reichsthaler Reichsſchuldenzettel für ein ganzes, aber zwölf für ein halbes Jahr, mein Herr. Ha⸗ ben Sie die Guͤte—“ Kalte, düſtere, herzſchneidende Worte!„aber ich ſchäme mich, nicht hinaufzugehen, da ich einmal hier bin,“ ſo dachte er. Er flog die Treppe hinauf. Die Dienerin führte ihn in zwei kleine Zimmer mit roſenfarbenen Tapeten.„Haben Sie die Güte, ſetzen Sie ſich und beſehen Sie die Zimmer,“ ſagte ſie, ging hin⸗ aus und machte die Thür zu. „Mich ſetzen! Nein, wahrhaſtig nicht. Großer Gott! was habe ich hier zu ſchaffen? Aber doch, welche ſchönen Zimmer! wie wohnlich, himmliſch wohnlich! Hier iſt ge⸗ ſcheuert, geuhlt, hier ſind ganz funkel nagelneue Gardi⸗ nen aufgeſetzt. Hier hat man einen Gaſt erwartet, das ſieht man. Und Levkojen in den Fenſtern! Sieh, welche Spiegel mit Rahmen! Die Rahmen ebenfalls von Glas mit unterlegtem Goldpapier. Ganz ſo. Und jenes innere Zimmer! Auch dort roſige Tapeten! aber von anderer Art. Ach, wer hier wohnen dürfte, und— wenn, das heißt, wenn— guter Gott!— Von dieſen kleinen Zim⸗ mern träumte ſie ganz gewiß in Arboga jene Nacht, da—“ Die Thür ging auf. Sie trat ein. Der Sergeant ſtutzte ein wenig bei dem Anblicke eines ſchwarz gekleideten Mädchens, eines Mädchens in Ratine mit Saras Geſicht, welches mild lächelte, da ſie ſein Erſtaunen bemerkte— mit einem breiten, weißen, fein geſtärkten Lenon⸗Kragen über die Bruſt. „Ich habe Trauer, wie Du ſiehſt,“ ſagte ſie. „Wie froh bin ich! Du lebſt! Du lächelſt!“ rief er aus. Die Trauer, von der ſie ſprach, ruhte gleich einer feinen Dämmerung auf ihren Augen. Aber der Email 148 des Weißen im Auge leuchtete bläulich weiß, wie immer und die Pupillen glänzten.„Albert!“ ſagte ſie. Er antwortete nicht; er ſah nur. „Wie gefallen Dir dieſe Zimmer? willſt Du ſie mie⸗ then? Aber Du kannſt ſie noch nicht viel kennen. Darf ich Dich jetzt nicht zu mir hinunter nöthigen, ſo ſollſt Du ſehen, wie ich es habe. Das Frühſtück erwartet uns. Und wenn Du nicht Deine Reiſen gleich heute beginnſt, ſo bitte ich Dich auch zu Mittag. Geht Alles dieſes an, Albert?“ Er ſagte doch noch nichts. Aber in dem ganzen Ausprucke ſeines Geſichtes lag die Antwort;„Es geht an!“ Erſtes Kapitel. Du haſt ja geſagt, daß ſie die meinigen ſein ſollen. Wochen verfloſſen.—— Jahre verfloſſen. Viele Jahre. Und Alles war ſich ſelbſt ſo ähnlich. Aber auch Vieles ſo neu und verändert, Vieles ſo alt und erblichen. Bleicher waren Alberts Wangen, bleicher die Roſen an den roſigen Tapeten der kleinen Zimmer. Erblichen war Sara Widebeck's roſarothes, ſeidenes Tuch und ein ganz ſchwarzes war an ſeine Stelle gekommen. Doch unter dieſer ſeidenen Wolke blickte ihr wohlbekanntes Auge um⸗ ſich her auf Gegenſtände, die ihrem Herzen theuer waren. Das Email an ihren Zähnen war unverändert, aber das an dem Weiß ihres Auges hatte eine ganz kleine Nei⸗ gung zu dem Perlenmutterblau angenommen und die Ro⸗ ſen der Wange ſchimmerten durch das durchſichtigſte Weiß. Die alte Werkſtätte hatte neue, hellviolette Tapeten er⸗ halten und Sara hatte ſie ſelbſt angekleiſtert; aber am Tiſche, unter dem Fenſter an der Straße und an den beiden Thüren des Zimmers verrieth hie und da ein dunk⸗ lerer Uebergang, daß ihre Neuheit nicht mehr die aller⸗ neueſte war. Wer das Haus kannte zu der Zeit, da 150 Sara von ihrer erſten, jetzt von ſüßen Erinnerungen wider⸗ ſtrahlenden ſtockholmer Reiſe zurückkam, ſindet in der eh⸗ maligen Werkſtatt zwei Thüren ſtatt der einen, die auf die Hausflur hinausführt. Die zweite bringt uns in ein kleines Nebengebäude, welches Sara gleich nach ihrer Rückkehr zu ihrem Laden hatte aufführen laſſen. Doch er⸗ füllte daſſelbe ſeine Beſtimmung nicht lange— ich glaube, es dauerte nicht viel über zehn Monate. Da wurde der Laden geſchloſſen, um nie wieder geöffnet zu werden. Spä⸗ terhin wurde ſein kleines Fenſter zugemacht und die Thür aus einem Durchgange für Kunden und Einkünfte in ei⸗ nen Durchgang für die Strahlen der Sonne verwandelt. Das war eine Gewinn gebende Veränderung, denn was iſt köſtlicher, als das Licht und die Wärme der Sonne? Und nichts deſto weniger wird für das Gedeihen der Men⸗ ſchen gefordert, daß auch die Einkünfte eine Oeffnung haben, durch welche ſie in ſeine Wohnung einziehen kön⸗ nen. Doch— der Leſer kann wohl verſtehen, daß der Laden auf dieſe Weiſe eine Art von Zimmer geworden war. Das ſtattliche und vortreffliche Lidköping war noch immer das alte, lag noch immer an dem Ufer der Lida, welche ihren Waſſervorrath dem Wener opferte. Manche ſchöne Veränderung war aber doch mit ſeinen Bewohnern vorgegangen. Ehrſame Bürger waren hingewandert, oder richtiger geſagt, waren hinbegleitet worden auf den von ſchattigen Bäumen verdunkelten Kirchhof an dem einen Ende der Stadt. Andere hatten ſelbſt eine Gattin oder ein Kind dahin begleitet. Aber wer zählt die Bürger in Lidköping, ſo leicht ſie auch zu zählen ſind? Sollte der⸗ einſt irgend ein Beſitzer eines blauen Bandes in Livköping der Welt ſein Lebewohl zu ſagen belieben, ſo würde die gute Stadt ſich doch einmal der Theilnahme der Welt an ihren Verluſten und dabei auch— eines ſtattlichen Be⸗ gräbniſſes erfreuen können. Jetzt aber beſitzt Lidköping nur wenige Sterne, die an einem Endchen Band hangen, — * , e n r in r⸗ 9 ie e⸗ n, 15¹ vagegen aber eine nicht unbedeutende Anzahl von denje⸗ nigen, die überall aus der Nacht hervorblitzen, und die in Lidksping ganz auf vieſelbe Weiſe leuchten, wie in größeren Städten. Dem ſei jedoch, wie ihm wolle. Wie geſagt, das Waſſer der Lida floß ſanft dahin, und wenn es auch ein wenig trübe und braungefärbt war, ſo war es dies doch nicht in ſo hohem Grade, daß nicht ein Schwarm Enten ſein Federkleid in demſelben rein und glänzend beibehielt. Sie ſchienen ſich ſogar in dem trü⸗ pen Gewäſſer der Lida beſſer zu befinden, als in der de⸗ ſtillirten Flüſſigkeit, die von den Wolken herabſtrömt. Dieſes konnte man daraus erſchließen, daß ſie oft untertauchten. Ein Bäcker und Rathsherr der Stadt, der dieſes aus ſeinem Fenſter anſah, ſchloß daraus, daß das Regenwaſſer näſſer ſein müßte, als das Waſſer im Fluſſe. Er hatte vielleicht nicht ſo ganz Unrecht, wenn dieſer Schluß nur für die Enten gelten ſoll, denn die fallenden Tropfen zerſtören die ſchöne Ordnung in ihren Federn und durchdringen dieſelben. Man ſah dies drei Gänſen an, welche, ich weiß nicht aus welcher Urſache, rauhgefiedert auf einem großen Stein dicht am Ufer ſtanden, das eine Bein in die Höhe hoben und den Kopf unter dem Flügel verbargen. Das geſchah pielleicht, um wenigſtens den Kopf zu ſchützen. Ein Mann, noch in den Jahren der Kraft, wie man an ſeinem Gange und an ſeinen Formen abnehmen konnte, denn die letzteren wurden von einem langen, eng um den Körper ſchließenden Ueberrock nicht verborgen, trat aus der Thür des Stadtkellers und wendete ſeine Schritte dem Markte zu. Er ſuchte, wenn auch nicht mit gleichem Glücke, dem Beiſpiele der Gänſe zu folgen, indem er den breiten Kragen ſeines Ueberrockes in die Höhe zog. Er ging um die weſtliche Seite des auf der Mitte des Marktes gelegenen Rathhauſes, bog rechts ab und ging in dieſer Richtung weiter, ſo daß er über die Livabrücke fam. Hier fühlte er den nordöſtlichen Sturm in ſeiner 152 vollen Kraft, da derſelbe ganz ungehindert über den We⸗ nerſer brauste und die Gewäſſer veſſelben mit Getöſe ge⸗ gen das Ufer trieb. Die Stangen oder ſogenannten Merk⸗ zeichen, welche das tiefſte Fahrwaſſer bezeichneten, ſchwank⸗ ten wie Binſenhalme und die Schuten am Ufer waren in unaufhörlicher Bewegung. Der Regen peitſchte unſern Wanderer in das Geſicht und der rothe Paſſepoil an ſeiner Mütze war kaum von ſeinem dunkelblauen Grunde zu un⸗ terſcheiden. Jetzt bog er rechts ab und dann links in einen Hof— er gehörte der Sara Widebek.— Der Leſer hat vielleicht ſchon errathen, daß der Mann Albert war, und meint, es ſei abgemacht, daß er hinaufging in die roſigen Zimmer—— nein, er ſtampfte tüchtig auf die Matte im Hausflure, knöpfte den Oberrock auf und bog den Kragen nieder, ſchüttelte denſelben ein wenig und ſchwenkte das Waſſer aus der Mütze, ſo daß an der weiß ange⸗ ſtrichenen Wand deutliche Spuren davon zu ſehen waren. Darauf öffnete er raſch die Thür des Saales, der ehma⸗ ligen Werkſtatt und trat ein. Hier hoͤrte er, da er die Galoſchen auszog, wie eine klare Stimme(ſie gehörte der Sara Widebeck) ihn anredete, darauf aber, wie eine an⸗ dere weit feinere Stimme ausrief:„Ach— ſieh Vater!“ „Armer Albe— wie naß Du biſt! Wir müſſen daran denken, wie wir's auf eine andere Art mit Deinem Eſſen einrichten, ſo lange die Herbſtnäſſe dauert.“ „Das bedeutet ja nichts,“ ſagte er, indem er ſich mit ſeinem ſeidenen Schnupftuche trocknete, und mit einer eigen⸗ thümlichen Volte der drei erſten Finger den Schnurbart aufſtrich. Sein kleines ſechsjähriges Mädchen in einem Kleide von geſtreiftem weſtgötiſchen Baumwollenzeuge kam ihin entgegen geſprungen und fragte:„Vater, lieber Vater! friert Dich?“— Sara ſetzte die kleine zweijährige, bleiche und magere Schweſter von ihrem Schoße auf die Erde, ging Albert entgegen und ſtreckte die Hand aus nach ſei⸗ nem Oberrocke. Doch er zog ſeinen Arm zurück und mit 153 demſelben auch den Rock. Ein kleiner freundſchaftlicher Streit entſtand. Derſelbige endigte jedoch bald bei dem Weinen des kleinen blaſſen Mädchens. Sara nahm ſie wieder auf den Arm. Albert reichte die Mütze und den Rock einem Knaben, der ungefähr zwei oder drei Jahre älter ſein konnte, als das ältere Mädchen Eva, aber etwas von der Bläſſe des jüngeren an ſich trug, und der bisher ernſt mit einer Gabel in der einen und Regnér's Erſtem Begriff*) in der andern Hand geſtanden hatte. „Adam, da haſt Du meinen Rock. Hänge ihn dort hübſch über die Stuhllehne.“ Der Knabe nahm den Rock; Albert nahm die kleine Eva, ſetzte ſie auf den Stuhl neben dem Tiſch und ſich ſelbſt in einen altmodiſchen Sopha mit Kiſſen und großblu⸗ michtem kattunenem Ueberzuge. Einen Augenblick war es ſtill, ſo daß nur ein leiſes Geraſſel mit Meſſern und Ga⸗ beln im Zimmer zu hoͤren war und in dem kleinen Neben⸗ zimmer ertönte bei dem gleichmäßigen Takte der Wiege eine klare, einfache Stimme, welche ſang: Wi-— wi— wi wi wi! Mutter mahlt das Malz, Vater ſtampft das Salz.— In der eigentlichen Bedeutung des Wortes ſtampfte zwar der Vater der Kleinen, welche bei dem unpoetiſchen Geſange ſanft ſchlummerte, kein Salz, aber er fühlte eine bittere Salſe in ſeinem Herzen. Ein Kunſtrichter wird es vielleicht uneigentlich finden, daß man von einem ſalzigen Herzen redet. Wir kennen jedoch kein beſſeres Bild für die bewußtloſe Ruhe, in welche das Herz verſinkt bei dem Gefühle einer Unbehaglichkeit, von welcher es ſich weder *) Ein ſehr gutes und in Schwediſchen Schulen viel gebrauchtes Elementarbuch. Anm. d. Ueberſ. 154 Rechenſchaft ablegen will noch kann. Dieſelbe iſt farblos, denn man wagt nicht hinabzublicken in das Herz; ſie iſt tonlos, denn ſie kann nicht ausgeſprochen werden. Nur einen Geſchmack hat ſie— ein bitteres Salz, ſowie es der von der Mühe niedergedrückte Arbeiter liebt, obgleich es nicht angenehm iſt. Es löst ſich leicht in Thränen auf — in Thränen bitterer Sälze. Albert hoͤrte den Geſang, ohne ihn mit etwas anderem, als dem bloßen Ohre zu hören. Er blickte auf den Tiſch. Auf dem Tuche von feinem Wadſtena⸗Drillich ſtand eine Schüſſel mit gebrühten Kartoffeln, eine kleinere mit Hä⸗ ringen und ein bauchiger porzellanener Krug, der faſt aus⸗ ſah, wie Sahnſchnecke. Er rieth, daß derſelbe Schwach⸗ bier enthielt, und es entfuhr ihm:„Iſt dies—— Der Gaſtwirth, aus deſſen Speiſeſaal er kam, hatte zwar keine Küche, die man mit der des Herrn Barius in Stock⸗ holm vergleichen konnte; aber ſie war doch berühmt wegen ihrer guten Beeſſtakes und gewöhnlich verſehen mit ächtem gutem Schinken, geſpicktem Rindfleiſch, Birkhuhnsbraten oder dergleichen. Es ereignete ſich wohl nicht ſo ſelten, daß wenn drei oder vier Offiziere von dem Weſtgötha⸗ Dahls⸗Regimente— deſſen Uniform Albert jetzt trug— dort zuſammenkamen, außer der gewöhnlichen halben Bou⸗ teille Porter aus der ehemaligen Lorentziſchen Brauerei in Göteborg, eine oder zwei Flaſchen Madeira aus dem Keller geholt wurden. Man ſah es einem gewiſſen Zucken der Oberlippe und des zierlichen Schnurrbartes Alberts an, daß ſich ein zweifelhafter Rückblick auf ſein eben beendigtes Dejeuner Dinatoire mit dem dürftigen Tiſche der Sara Widebeck und ihrer Kinder zuſammenpaarte. Sein Herz fügte unwillig hinzu:„Iſt dies Alles?“ Er fuhr mit der Hand über die ſchönen Locken an der Stirn, trocknete ſeine Hand mit dem Schnupftuche, weil der Regen die äußerſten Ringe des Haares durchnäßt hatte, öffnete den Mund zur Hälfte, um zu reden, hatte jedoch nichts zu ſagen. Er rieb nur mit einer Ecke des „ ſt ir er uf k⸗ U⸗ in er er n, es ra r an Ne, ßt tte es 15⁵ Schnupftuches ſeine Zähne, weil er ſich nun einmal die vorhin eigenſinnig geſchloſſenen Lippen geöffnet hatte. Doch das half nichts. Ein Stück von einer Gewürznelke hatte ſich bei der. Mahlzeit in ſeine Zähne feſtgeſetzt. Es löste ſich jetzt ab und hielt ſeine Gedanken in der Richtung feſt, in welcher ſie nun einmal zu gehen bezonnen hatten. Der Wind pfiff leiſe durch die alten Fenſterrahmen. Während einer ganzen Woche war kein Tag ſo hell geweſen, daß Sara die Doppelfenſter hatte einſetzen und die Ritzen mit dem Kitt füllen können, welcher, ohne daß Jemand dar⸗ über betete, ſo unvergleichlich war, daß er der vereinten Kraft der Sonne und des Regens widerſtehen konnte. Es war nicht das erſte Mal, daß etwas, welches einer ſolchen Vergleichung ähnlich ſah, wie diejenige, die ihn jetzt plagte, in Albert ein Verſtummen und Lippenzucken hervorgerufen hatte. Schon ſeit langer Zeit hatte ſich eine Unruhe hierüber und über vieles hiemit Verwandtes in ſeinem Gemüthe feſtgeſetzt. Zwar hatte er während der „ſchoͤneren Jahreszeit ſeine Sara und diejenigen ſeiner Fa⸗ milie, die ſchon auf ihren eigenen Füßen ſtehen konnten, oft hinausgeführt auf das Land nach Villa Giacomina und Truſweholm, ja ſogar zur See nach dem Kinnekulle. Im Winter hatte er Diners und Soupers im Wirthshauſe angeſtellt, bei denen der Kellermeiſter die Freude gehabt hatte; ſeine eigenen vortrefflichen Eigenſchaften und die ſeines Weinkellers zu zeigen. Aber Sara ſchätzte das Land nur um des Heues und des Ackers willen. Sie benutzte die. Ausfahrten, um für die Winterfütterung ihrer Kuh zu furagiren, und bisweilen entfiel ihr eine Klage darüber, daß es im Wirthshauſe ſo unnatürlich theuer, und daß es unvernünftig wäre, an einen„ſo ächten Raben,“ wie der Kellermeiſter, Geld zu verſchwenden. War nicht ſein fran⸗ zöſiſches Brod um die Hälſte theurer, als das des Bäckers? und koſtete nicht der achte Theil eines Auer⸗ oder Birk⸗ hahns, den er gebraten, eben ſo viel, als ein ehrlicher 6 156 Norrländer*) für den ganzen ungebratenen Vogel nahm. Noch dazu hatte ſie immer ſo viel zu thun. Sie hatte ja beſtändig Requiſitivnen an Kitt und Glasſchachteln. Und wenn dieſe nicht ſämmtlich ſchnell erpedirt wurden, ſo konnte ſie ja„ihre alten, guten Kunden gänzlich verlieren.“ Zu⸗ erſt hatte ſie mit ihrer gewöhnlichen Beſtimmtheit die Hälfte deſſen erlegt, was dieſe Beluſtigungen koſteten. Späterhin unterließ ſie dieſes auf Alberts Bitten— vielleicht aus dem Grunde, weil es etwas theuer war. Es gibt einen Zeitpunkt in dem Leben des Mannes, da die Liebe aufhört, die unbeſtimmte magnetiſche Hinzie⸗ hung zu dem andern Geſchlechte zu ſein, in deſſen Kreiſe der Jüngling ſich feſtgezaubert fühlt. Das kommt wohl aus —— aus Erfahrung. Doch gibt es für dieſe Veränderung auch noch einen andern Grund, welcher, wie alles in der Welt, ſeine Sommerſeite mit einer entſprechenden Schat⸗ tenſeite hat. Wir ſehen gewoͤhnlich nur die letztgenannte — und zwar wegen unſerer Liebe zu dem Lichte. Das iſt klar; wer unaufhörlich vRiärt⸗ ſtrebt nach der Quelle des Lichtes hin, der ſieht von den Gegenſtänden, die vor ihm liegen, nur die Schattenſeite. Ihre Sonnenſeite ſieht er nur, wenn er dem Lichte den Rücken zuwendet. Was ſoll man nun ſagen? Soll er der Sonne ſelbſt eine Son⸗ nenſeite vorziehen?— Mancher antwortet nein! und ſieht ſich blind an der Sonne. Laßt uns alſo ja ſagen, weil wir wiſſen, daß die Strahlen der Sonne Wärme geben, wenn ſie einen Gegenſtand treffen, Leſſen Sonnen⸗ *) Bewohner des nördlichen Theiles von Schweden (Norrland), welche mit Vögeln(Auerhähnen, Birk⸗ hähnen, Haſelhühnern, Schneehühnern u. ſ. w.) ganz Schweden durchziehen, und beſonders eine große An⸗ zahl derſelben nach Stockholm bringen, wo man ſie oft für ſehr billigen Preis kauft. Anm. d. Ueb. X„ 8* — v— v— M—— v— M 6— dern für eine edle Nachwelt?—— 157 ſeite die Wärme von dem Lichte frei macht, ſo daß wir beides genießen können. Dies iſt, was man in täglicher Rede nennt:„ſieh zurück, frage die Erfahrung um Rath!“ Der genannte doppelſeitige Grund iſt der alte para⸗ diſiſche: Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei. Der Jüngling begreift dies auf ſeine eigene Weiſe, das heißt: er begreift es gar nicht— er fühlt es, denkt aber nicht darüber nach. Der reifere Mann— er hat eine ſolche Reife in einem Alter von dreißig Jahren, viel⸗ leicht ein wenig darüber— denkt: es wäre ſchön, wenn ich eine Perſon hätte, die mich von den tauſend kleinen, langweiligen Bekümmerniſſen über Kleider, Speiſe u. ſ. w. u. ſ. w. befreiete, welche noch übrig ſind, ehe man das ideale Geld in dieſe Nealien verwandeln kann. Wie angenehm, an ſeinem eigenen Tiſche zu eſſen, ohne eigene Sorge reine Wäſche in der Commode zu haben, nicht nöthig zu haben, alle dieſe Waſch⸗ und Haushaltungsliſten zu ſehen, Geld zu Licht, zu Schwachbier, zu Zwieback, zu Sahne und zu Gott weiß was alles! zu zählen.— Wie ſchön, wenn man in ſein eigenes Schlafgemach kommt, in ſeinem eige⸗ nen Bette einen ſchöͤnen runden Arm, mit der Hand unter einem Köpſchen und einer ſchimmernden weißen Haube zu erblicken! Wie beruhigend, noch in alten Tagen beim Ofenfeuer eine Geſellſchafterin, die zärtlichſte Wärterin vor dem Todesbette zu haben——! Alles dieſes, ſo ange⸗ nehm, ſo ſchöl, ſo beruhigend es auch ſein mag, iſt doch nur die Schattenſeite. Denn das Thema aller dieſer Va⸗ riationen iſt: Ich, die Eigenliebe. Doch auf der Sonnen⸗ ſeite ſteht geſchrieben: Für wen arbeite ich, für wen ſammle ich? Für die Nachwelt? Nun gut! Aber was verliert die Nachwelt daran, daß ich ein armes Mädchen glücklich mache, weil ich mich ſchützend zwiſchen ſie und die Nord⸗ winde des Lebens ſielle und mit ihr die Früchte meiner Bemühungen theile, daß ich mit ihr edle Kinder erziehe und nicht allein für eine Nachwelt ſorge, ſon⸗ . 158 Sonnen⸗ und Schattenſeite hatte Albert oft betrach⸗ tet. Etwas von beiden dämmerte auch jetzt vor ſeinem inneren Blicke. Er ſeufzte. Es klang wie:„Wäre ſie nur keine Glaſerstochter! Er war alſo hoffärtig und vor⸗ urtheilsvoll? Nein, aber er hatte ausgedacht, daß ſie nicht gelernt hätte, Kitt, Spiegel und Glaskäſtchen zu ver⸗ fertigen, wenn ſie nicht eine Glaſertochter geweſen wäre. Sie wäre vielleicht ſehr geſchickt geweſen im Kochen, Backen, Brauen, Nähen, Waſchen, Plätten; und daß es von die⸗ ſen Arbeiten hinlänglich in ſeinem Hauſe gegeben hätte, das lag ihm deutlich vor Angen. Jetzt beſorgte er ſeine Oekonomie ſelbſt. Nicht eben darum, weil Sara ihn ſo ungern unterſtützt haben würde. Aber ſie vermied ſo ſorg⸗ fältig alle Einmiſchungen von ſeiner Seite in ihre Haus⸗ haltungsangelegenheiten, daß er nur als Geburtstags⸗ und Weihnachtsgeſchenke den Kindern einiges Zeug zu Fein⸗ kleidern und ihr ſelbſt einige Goldſachen hatte geben dür⸗ fen. Bei einem ſolchen Verhältniſſe wird jedes gefühlvolle Gemüth ermahnt, ſich en garde zu halten. Albert war auch unendlich beſorgt, ſie ſeinetwegen zu bemühen. Es ſah auch beinahe ſo aus, als wenn er deßwegen— und nur deßwegen bei ſeinem Eintritte geweigert hatte, ihrer Sorgfalt den vom Regen durchnäßten Oberrock zu über⸗ eben. ² Aber es gab noch einen Umſtand, der hei dem An⸗ blicke der Kinder in der letzten Zeit Alberts Seele beun⸗ ruhigt hatte, obgleich ſein Verſtand ihm mit dem Mann⸗ haſten in ſeiner Conſequenz ſchmeichelte. Ein Gedanke, eine Idee iſt gleich einem Samenkorn. Es ſchießt empor in dem Erdreiche der Menſchenſeele und erzeugt tauſende von neuen Gedanken. Das erſte Samenkorn, das auf dieſe Weiſe in die Seele des Kindes gepflanzt wird, iſt Liebe und Pflege, denn dieſes müſſen die einfachen Wörter Mutter, Vater dem Kinde bedeuten. Daß die Liebe die Wurzel von Allem iſt, beweist ſich auch hierin, denn von dieſen einfachen Wörtern geht das Netz von Vorſtel⸗ m ie r⸗ ie r⸗ n, e, ne ſo g⸗ d n⸗ L⸗ ar 8 d er . n⸗ n⸗ — e, or de be er be n 159 lungen aus, dieſe geſpenſterartige Welt von in einander wohnenden Gedanken und Ideen, deren weitere Entwick⸗ lung uns der Glaube und die Hoffnung unter dem Scheine der Ewigkeit weiter ausmalen. In jedem Augenblicke un⸗ ſeres Lebens lebt und bewegt ſich in uns dieſe Entwick⸗ lung des Gedankens, eine ununterbrochene Schöpfung. Iſt das Gewächs wild, geſchieht es im Freien, ſo wird manche Pflanze erſtickt, ohne Rückſicht, ob ſie gut oder böſe iſt. Geſchieht jedoch die Entwickelung unter des Gärtners Zucht, ſo bleiben nur die ſchönen und geraden Stämme mit belaubten Zweigen, die eine gute Frucht bringen. Die Worte, welche Sara Widebeck auf der Reiſe über Arboga, Orebro und Bodarna geredet, waren ein in Alberts Seele geworfenes Samenkorn. Dort fanden ſie ein fruchtbares, wenn auch wildes Erdreich, ſie wuch⸗ fen, blühten und trugen Frucht. Als der erſte Sohn ge⸗ boren ward— oder richtiger ſchon vorher— ſagte Al⸗ bert zu Sara— er ſagte, was er dachte, denn der Mann iſt conſequenter als das Weib, oft ſich ſelbſt und Andern zum Verderben— Albert ſagte: „Weißt Du, was mir Kummer macht? Wenn ich an den denke, der da kommen ſoll— ich hoffe, Du ſchenkſt mir einen Sohn— er küßte ſie— ſo betrübt es mich, daß wir ihn für ſein ganzes Leben, vielleicht wider ſeinen Willen binden ſollen.“ „Woran denkſt Du, Albert? er ſoll keine Windel haben.— Du weißt wohl, die Windel iſt ein breites, wollenes Band, mit welchem man die armen Kinder wie mit einem Schnürleibe zuſammenſchnürt.“ „Nein, das meine ich nicht.“ „Nun was denn ſonſt?— Du wirſt ihn wohl nicht erziehen wollen zu—— zu einem Ehemann?“ „Nur zu einem Chriſten as iſt ja gebräuchlich. Er ſoll ja getauft werden, ohn von einen Begriff, ja ohne davon nur den geringſten Begriff zu haben.— t beten und gegen alle Menſchen recht handeln lernt?“ —— 160⁰ Kann er nicht ohne das Alles ein Chriſt ſein? Wozu dient das Beten über ihn? Nur dazu, um ihm ein Band aufzulegen, welches ihm ſpäterhin zu brechen, als eine Gewiſſensſache erſcheint, und das aus dem einzigen Grunde, weil es ihm einmal auferlegt iſt. Das heißt ja Mundchriſten bilden, Leute, die da ja ſagen und nicht nein zu ſagen den Muth haben, weil der Prieſter ſchriftlich eine Lüge bezeugt und ſagt, daß ſie Gelübde abgelegt und Verbindungen geſchloſſen haben, ehe ſie denken oder reden konnten. Da liegt mehr Vernunft in der Ceremonie, durch welche man zu einem Juden oder zu einem Maho⸗ medaner gemacht wird— beſonders für die warmen Länder. Doch wie unvernünftig wäre es nicht, an dem Kinde dieſe zu vollziehen, um es an die Moſchee oder an die Synagoge zu binden?“ „Ja gewiß— ja wohl!“ ſagte Sara, erſchreckt durch die fremden Wörter„Mahomedaner“,„Moſchee“,„Sy⸗ nagoge.“ „Das wollen wir nicht zulaſſen. Er ſoll ſeinen chriſtlichen Katechismus lernen, wie alles Andere, und Du ſollſt ihn beten lehren. Mag er nachher in die Gemein⸗ ſchaſt derjenigen Gemeine treten, die ihm die beſte ſcheint. Denn auch der chriſtlich Denkende kann in einer Gemeine gewiße Lehren wahr, in einer andern falſch finden. Es⸗ wäre alſo das Beſte, gar keiner Gemeine anzugehören, am allerwenigſten ſich durch feierliche Gelübde an eine zu binden und ſich zu verpflichten, etwas zu glauben, was man nicht glauben kann——; Doch das kannſt Du nicht.“ „Ich kenne es nicht und verſtehe Dich nicht recht. Du haſt ja doch nichts dagegen, daß er die Bibel liest, „Gott behüte mich, ihn davon abhalten zu wollen! Mag er ein wahrer Chriſt werden. Aber die Taufe iſt unnütz; denn das Gebet und das Waſſer thun das nicht.“ Dieſes ereignete ſich vor vielen Jahren. Nach einer en en du in⸗ nt. ine Es en, ine t.“ ht. st, eln iſt t.“ ner 161 ungefähren Berechnung mußten über neun Jahre ſeit der Zeit verfloſſen ſein, denn Adam war nun neun Jahre alt. Mancher könnte meinen, daß zu einem Namen die Taufe erforderlich iſt, doch dem war hier nicht ſo.*) Der Knabe hatte den Namen Adam erhalten, und das älteſte Mädchen hieß Eva zum Andenken daran, daß unſere er⸗ ſten Eltern zu ihrer Trauung keinen Geiſtlichen hatten, und daß dieſelbe daher eben ſo unvollſtändig und ohne Umſtände vor ſich gegangen war, wie die Alberts und der Sara. Die beiden jüngern Mädchen hatten noch gar keinen Namen, wenn man nicht als ſolche die Benennung der einen Dirne, und der andern, Kleine, ſo anſehen will— ſo hießen ſie nämlich in der Famllie. Das Schweigen dauerte nicht ſo lange, als der Leſer Zeit gebraucht hat, oben erwähnte Umſtände zu leſen und der Erzähler dieſelben niederzuſchreiben.— Der Leſer hat gewiß die Erfahrung gemacht, daß oft eine unendlich kleine Zeit erforderlich iſt, eine lange Serie von Gevanken zu durcheilen— ungefähr ſo, wie das Auge von dem Gürtel in dem Rocke der Freia bis an den Nordſtern(ich meine den am Himmel) viele Hunderttauſende von Meilen in weniger als einer halben Secunde durchläuft. Sara brach das Schweigen. „Mein Albe!“ ſagte ſte, und gab der Kleinen ein Stück Zwieback. „Was denn?“ „Haſt Du Briefe erhalten?“ *) Es hat zwar den Aufzeichner der Schickſale Alberis und Saras wundergenommen, daß dergleichen ge⸗ ſchehen konnte; da er jedoch eine ſichere Bürgſchaft hat für die Wahrheit dieſes Umſtandes, ſo iſt er ge⸗ nöthigt, die Sache durch ein altes Sprüchwort zu erklären, nämlich:„Es geſchehen unter der Sonne viele wunderliche Dinge!“ A. d. Verf. Es geht an⸗ 1¹ 162 „Nein, meine Liebe, heute nicht.— Du weißt ja, daß ich keine Briefe erwarte. Wen habe ich, der mir Briefe ſchreiben ſollte?“— Er ſtand auf, ſtellte ſich hinter Saras Stuhl, ſtrich mit der Hand das Haar der Kleinen und drückte einen Kuß auf das ſchwarze Halstuch der Mutter. „O, Du ſagteſt ja, daß in Stockholm Jemand krank wäre.“ „Mein Vater“—— „Ja, Dein Vater. Du biſt glücklich, Albe. Haſt einen Vater, der Deine Liebe verdient, nicht einen— 1“ „Siehſt Du, Sara, ich bin ſo ſonderbar. Es iſt mir, als hätten wir es nicht ſo gut hier, wie ich gerne wünſchte. Jetzt—“ Er ſetzte ſich auf einen Stuhl neben ſie und legte ſein Haupt auf ihre Schulter. „Was denn jetzt?“ „Sara! dort ſchläft Einer, der—— mein iſt, Du haſt ja geſagt, daß ſie die meinigen ſein ſollen. Jetzt, geſtehe,—— wie befindeſt Du Dich?“ Seine Augen glänzten, die ihrigen wurden von einem Nebel verdüſtert. „Mein Albe!—— es wird vielleicht ein Knabe;“ und ſie neigte ihr Haupt an das ſeinige. „In Gottes Namen! Jetzt, Sara, kein Nein. Von dem Augenblicke an, da Du nicht mehr wie immer zu arbeiten im Stande biſt, muß ich Eure Zuflucht ſein, Sara, ich muß es. Höre, Sara! ich bin Vater. Meine Kinder werden mich nicht lieben——“ „Wunderlich, Albe! daß Du glauben ſollſt, Liebe hange von Dergleichen ab. Liebe ich Dich darum weniger? Ein Hund folgt dem, der ihm Futter gibt, und die Katze bleibt in dem Hauſe, wo ſie Milch naſchen und Mäuſe fangen gelernt hat. Aber Liebe? Iſt Liebe Dankbarkeit und Gewohnheit? War es Dankbarkeit oder Gewohnheit, was Dich mir gleich theuer shtt 2— Du haſt es ja nicht vergeſſen, Albe, —+———„„ 1—— —— ——— —+————————— ————————— , 163 und auch nicht' bereut?“— Yngwe Frey— Streng⸗ nãs— mein Strengnäs— Arboga— Bod——“ Sie ſchlug ſchwach erröthend ihren einen Arm um einen Hals und küßte ſanft ſeine Stirn. Doch dieſe klärte ſich nur wenig auf, ungefähr wie der Himmel, der noch immer von zerriſſenem Gewölk überzogen war, ob⸗ gleich es vor einer Weile aufgehört hatte, zu regnen. Dankbarkeit und Gewohnheit! wiederhallte es in ſeinem Innern. Es war ihm, als hörte er erſt jetzt dieſe Wör⸗ ter zuſammen. Sie hatten zuſammengeſtellt einen ganz andern Klang, als jedes für ſich. Er hatte gleichwohl von längſtverfloſſenen Zeiten eine dunkle Erinnerung daran, daß ſie eine Verbindung haben könnten. Die menſchliche Seele iſt eine ſonderbare Welt, und in ihr bewegen ſich mancherlei Geſtalten. Wie oft befinden wir uns nicht in Umſtänden, die für uns ganz neu ſind? Dieſe Perſonen, dieſe Gegenſtände, dieſe Worte— wir ſind überzeugt, daß wir ſie noch nie geſehen, noch nie gehört haben— und dennoch ſagt uns ein dunkles Bewußtſein, daß ſie ſchon vorher auf dem nebligen Gemälde unſerer Seele vorhan⸗ den find. Iſt das die Erinnerung an ein Leiden? Nein, wir haben eben das erlebt, was wir jetzt empfinden; nur das Wann und Wo iſt uns ein Räthſel. Aber iſt nicht das ganze Wann und Wo unſers Geiſtes auf beiden Seiten der Gränze dieſes Lebens ein Räthſel?. „Es iſt mir hart, wenn ſie nicht auch Dankbarkeit gegen mich hegen ſollen. Sara, das Leben iſt ein kleines Geſchenk. Glaube aber doch nicht, daß ich klage. Warum ſollte ich wohl klagen? Du ſagſt ja nicht nein? Ich will mich nicht in Eure Haushaltung miſchen, wenn Du nur nicht allzuſehr ſparſt, ſo lange ich noch etwas habe. Viel⸗ leicht kommt der Tag, da ich von Euch hinweggegangen bin. Was willſt Du dann mit allen dieſen thun? Du brauchſt dann gewiß alles, was Dein Fleiß und Deine Sparſamkeit Dir gegeben haben.“ Zwei große Thränen perlten herab von Sara's Wan⸗ 164 gen. Der Gedanke an Alberts möglichen Tod hatten die Quelle derſelben geöffnet.„Hinweggegangen!“ wie⸗ derhallte in ihrem Innerſten ein kaum hörbares, aber doch ſchneidendes Echo. Als hätte er ihr ein Löſegeld er⸗ boten, ihr, die ihn gar nicht binden wollte, ſo fühlte ſie, daß es ein Band an ſeiner Freiheit ſein würde, wenn ſie es nicht annähme. Daher antwortete ſie leiſe, indem ſie ihre Thränen abwiſchte: „Thue wie Du wrillſt, Albert. In dieſem Falle iſt Dein Wille Geſetz, und ich muß zufrieden damit ſein, wie es geht.“ „Dank, Liebe! ich darf alſo?“— ſagte er fragend, weil er ſie nicht recht verſtand. „Ja, ja, Du mußt es! Aber was machſt Du da, Sa Du haſt ja ein großes Loch in das Tiſchtuch ge⸗ riſſen!“ Und ſo war es wirklich. Der ſtille Knabe hatte mit offenem Munde die Eltern betrachtet; Trauer erfüllte ſein Gemüth, als er ſah, daß ſie nicht froh waren, und er fuhr gedankenlos mit der Gabel auf dem Tiſche hin und her. Da aber ſeine Blicke unverwandt auf einem andern Punkt ruheten, ſo konnte er nicht wiſſen, wie es mit dem Tuche ing. Mit Sara war in Dingen, wie dieſes, nicht zu paſſen. Das wußte Albert; daher nahm er ſeinen Ober⸗ rock auf den Arm und die Mütze in die Hand, und ging hinauf in ſein Zimmer. Das Unbehagliche in ſeiner Stel⸗ lung begann ihm immer klarer ju werden, aber dennoch erkannte er ſeine Pflicht auszuhalten. Er wagte nicht ſich ſelbſt zu geſtehen, daß die Liebe in den letzten Zügen lag, aber er fühlte, daß er jetzt etwas mehr forderte, als früher, nämlich ein Recht, das der Pflicht entſprach, deren Erfüllung ihm(das ſah er ein) Kampf und An⸗ ſtrengung koſten würde. ——— ———— r . e, ie ie le 165 Zweites Kapitel. Wird wohl ein Kind an meinem Sarge weinen? Geſpräche, die dem im vorigen Capitel angeführten ähnlich waren, wurden in den erſten Jahren ihres Zu⸗ ſammenlebens oft von Albert und Sara geſührt. In den ſpäteren Zeiten dachte jeder für ſich ſelbſt über dieſe Ge⸗ genſtände, das heißt: Albert grübelte, und Sara dachte gar nicht daran, ſondern nahm den Tag ſo wie er kam. Albert war unter den ſieben letzten Kreisläufen, die unſere kleine Erde um die Sonne vollendet hatte, gleich uns allen mit ihr und mit ſeiner Zeit fortgeſchritten, hatte aber noch außerdem ſein Offizierseramen gemacht, und von dieſem Augenblicke an eine ihm bisher fremde Luſt zur Lektüre— beſonders der neueſten franzöſiſchen und engliſchen, gefaßt. Der Grund war der, daß es mit ſeinem Examen ſehr ſchlecht abgelaufen war, nicht deßhalb, weil er hin⸗ ſichtlich der Menge ſeiner Kenntniſſe unter Andern ſtand, ſondern er beſaß— wenigſtens anerkannt— nicht den Vorzug, hoch oder hochwohlgeboren zu ſein. Dieſes weckte ſeinen Verdruß und ſeinen Ehrgeiz. So kam es, daß er eine Menge von Kenntniſſen ſammelte,— und er wendete jede neue Idee auf die Fragen an, in welche er durch die Macht der Ereigniſſe ſein Leben verwickelt fand. Es zeugt von einem mehr als militäriſchen Scharfſinne, daß er zu⸗ letzt zu der Frage kam: Iſt nicht alle Erziehung ein der innerſten Freiheit angelegtes Band? Er fuhr fort: Iſt nicht das ganze Leben eine Erziehung, und iſt nicht alle bürgerliche Einrichtung eine unauflösliche Ehe, die ver⸗ derben und zerſtören muß, wo keine Liebe 166 und keine Sittlichkeit vorhanden iſt? Dieſe Fragen waren leicht mit Ja beantwortet. Doch die Wahr⸗ heitsliebe fragte weiter: Was dann? Albert war hinaufgegangen auf ſeine Zimmer, hatte den Uniformüberrock mit einem warmen, wattirten Schlaf⸗ rock vertauſcht, ſeine Pfeife angezündet und ſich auf's Sopha geworfen, nicht um zu ſchlafen, ſondern um die Gedanken ſchnell dahin laufen zu laſſen, die durch den unten bei Sara vorgefallenen Auſtritt in ihm wieder auf⸗ geweckt worden waren. Ein Denker ſollte immer rauchen, wenigſtens doch ſchnupfen, denn wer denkt, der thut ja eigentlich nichts— und Geſchäftsloſigkeit iſt Gevanken⸗ loſigkeit. Das Strümpfeſtricken iſt für das ſchöne Ge⸗ ſchlecht ein Surrogat dafür, denn dieſes geht von ſelbſt und ſtört nicht den Lauf der Gedanken. Aber ein männ⸗ licher Denker kann ſich nicht füglich mit etwas ſo Weib⸗ lichem beſchäftigen; er muß die Pfeife im Munde oder die Tabacksdoſe und das Schnupftuch in der Hand haben. Ich weiß nicht, wie die Philoſophen der Vorzeit fertig wurden, da keiner von ihnen Amerika und Nicotiana Fabacum kannte. Doch es iſt wahr: ſie ſpazierten oder ſaßen im Grünen oder bei einer Aſpaſia— lauter Beſchäftigungen, welche die Aufmerkſamkeit eines Philoſophen nicht ablenken — nicht einmal die zuletzt genannte.. Albert hatte die Pfeife ausgeraucht und war in ſeinen Gedanken eben auf die erwähnte verwickelte Frage: was dann? gekommen. Er ſtand auf, um ſich eine neue Pfeife zu ſtopfen, war aber noch beſchäftigt, den„Länsman“ ²*) auszublaſen, als er ſchwere Tritte auf der Treppe ver⸗ nahm. Die Thür ging auf, und herein trat der Brief⸗ träger der Stadt. Man hat nämlich hie und da in den *) Ein in Schweden allgemein üblicher techniſcher Aus⸗ druck, der ſich hier ſelbſt erklärt. 1 Anm. des Ueberſ. M v 167 kleinen Städten eben ſo gut wie in der Hauptſtadt Beamte, deren Obliegenheit es iſt, unrecommandirte Briefe zu den Cignern verſelben zu tragen und dieſen anzuzeigen, wenn recommandirte angekommen find— in welchem Falle es ſich der Mühe verlohnt, ſelbſt in das Poſtcomptvir zu gehen. „Iſt dieſer Brief an Sie?“ fragte er außer Athem und triefend vor Regen, indem er einen Brief hervorzog. Albert betrachtete ſchweigend die Adreſſe, trat an den Tiſch, nahm ein Stück Kupfergeld und gab es eben ſo ſchweigend dem Manne an der Thür, der mit einem„Danke ergebenſt, gnädiger Herr!“ mit vielen Kratzfüßen Abſchied nahm. Seine ungewöhnliche Artigkeit kam daher, daß er zwei Schillinge Banco ſtatt eines erhalten hatte, der ihm der Tare und dem Herkommen gemäß gebührte. Aber ein Junggeſelle— und Albert war ja faſt ganz ein ſolcher— zählt ſelten Kupfergeld. Der Brief enthielt: „Beſter Bruder! „Wie geht's Dir jetzt? dauert Deine philoſophiſche Gleichgültigkeit gegen die Welt noch immerwährend fort? Es wird Dir auch in der That leicht, ein Philoſoph zu ſein, ſo lange Dir Deine S. treu bleibt, wie Gold. „Ich ſchreibe, um Dich um einen Freundſchaftsdienſt zu erſuchen, überzeugt, daß Du für einen guten Freund einige Schritte und Worte nicht zählſt. Von B., der neulich heraufkam, habe ich erfahren, daß Vater Aecht*) geſchotten und gedroht hat, er wollte meine ihm ausge⸗ ſtellte Schuldverſchreibung zur gerichtlichen Behandlung *) Wir haben die Aufklärung erhalten, daß die Offiziere des Weſtgötha⸗Dahls Regimentes den Kellermeiſter in Lidköping ſo nannten, weil er von allen ſeinen Waaren verſicherte, ſie wären„ächt,“„veritabel ächt.“ Anm. des Verf. 168 hieher ſchicen— hule es der T—, daß ich eine ſolche in die fleiſchigen Finger des verd— alten Knickers legte! Setze ihm mit guten oder harten Worten die Ungebühr⸗ lichkeit eines ſolchen ſakramentiſchen Vorhabens auseinander. Sage ihm, daß ich noch vor Weihnachten hinabkomme. Verſprich Trinkgelder, Gold und grüne Wälder. Ich ver⸗ laſſe mich darauf, daß die Sache in Ordnung kommt, da Du ſie beſorgſt. Was ſoll ich Dir für Neuigkeiten von hier erzählen2 Alles geht wie ſonſt. Schlechte Geſchäfte, aber hübſche Mädchen. Beim Baron P. iſt jetzt eine dame du salon, ein Fraulein Celeſtine von M., ein Engel, der bei uns Allen die Eigenliebe in Bewegung geſetzt hat. Doch, Dich geht ſo etwas nichts an. Ich bedaure den Tod des Generals S., beſonders wenn er, wie man ſagt, keine Diſpoſition über ſein Ver⸗ mögen gemacht hat. Das wäre für Dich eine ärgerliche Affaire.— Es iſt auch höchſt unvernünftig von ſo alten Leuten, nicht bei Zeiten an ihren Tod zu denken. Ich hoffe, mein lieber Onkel wird nicht eben ſo unbekümmert ſein und mir Kummer verurſachen. Hol's der T—! i muß unſerm luſtigen Comminiſter ſchreiben und ihn bitten, bei Gelegenheit an die Gewiſſenspforten des Alten zu donnern. Grüße———— Lebe wohl! Stockholm den 4. Oktober 183—. C. v. P. Albert warf mit einer Geberde wilden Zornes den Brief in einen Winkel. Sein Geſicht brannte von einer dunklen Röthe, die faſt ins Blaue ſchillerte. Es war die violette Farbe des Zornes, zuſammengegoſſen aus der rothen der Freude und der blauen der Hoffnung— ein ſonderbares Spiel der Natur.— Seine Hände waren feſt ſenehrrt und er wanderte mit heftigen Schritten m Zimmer auf und ab. „Vater!“ rief er aus, nachdem die Heftigkeit des 169 erſten Eindruckes nachgelaſſen hatte,„Vater— warum ſoll ich Dich Vater nennen? Darum, weil Du mir das Leben gegeben haſt? Das iſt ein leichter Dienſt, wenn es ja einer iſt.— Du hätteſt es vielleicht lieber geſehen, wenn ich nie das Tageslicht erſchauet hätte.— Du wollteſt nur Deine Lüſte ſtillen— Du, nein das Leben— der Satan hat mich einſehen gelehrt, daß Dein Wunſch nicht unvernünftig war. Vater? ſoll ich Dich darum Vater nennen, weil Du mir nothdürſtig von Deinem Ueberfluſſe etwas abgegeben haſt? Der Narr, welcher mir Deinen Tod verkuͤndigte, hat einen ähnlichen Renteninhaber— er nennt ihn nur Onkel— und verſteht darunter einen alten Narren.“——— Die Erzählung vermeldet, daß Albert bei dieſen Worten die Pfeife dem Briefe in die Ecke nachſchickte, die Arme hart über die Bruſt kreuzte und fortfuhr: „Die Bande der Natur? was iſt die Natur? Sie lehrt Vater, Mutter und Kinder ſich ſchlagen um ein Stück Knochen. Sie paart Vater und Tochter; Sohn und Mutter zuſammen und trennt ſie eben ſo zufällig wieder. Dankbarkeit? Ich bin dankbar für das Empfangene; aber der elendeſte Bettler, mit welchem ich nur den Menſchen⸗ namen gemein habe, verdiente meine Dankbarkeit mehr, wenn er mich mit ſeinem erbettelten Brode geſättigt hätte.“ „Doch warum zürne ich? Bei Gott! nicht darum, weil Deine Wohlthaten aufgehört haben. Ich würfe gerne auch die von mir, welche ich bisher empfangen habe— Wohlthaten, die mein Gemüth nur niederdrücken. Ich weinte gerne auf dem Grabe meines Vaters— aber ich kann es nicht. Ich kann einen Hund lieben, aber nicht den, der mir das Leben gab. Gräßlich!——— Wird wohl ein Kind an meinem Sarge weinen? Schickſal! Rächer! ich fürchte, Du ſtrafſt bis in das dritte und vierte Glied——“ 170 An demſelben Abend um ein Viertel auf ſieben Uhr trat Albert in den Saal des Kellermeiſters. Draußen hatte der Regen aufgehört, aber der Sturm wehte fortwährend aus Nordoſt. Ein ſolcher Wind pflegt die Wangen zu er⸗ friſchen, welche eine eben überſtandene Gemüthsbewegung gebleicht hat. Albert hatte ihnen hiezu hinlänglich Zeit gegeben, weil er jetzt nicht directe von Hauſe kam. Er war wohl eine Stunde Wegs außerhalb des Oerslöſa Tho⸗ res gewandert, ohne gleichwohl die Annehmlichkeiten des Landes zu genießen. Dies hatte auch überdies ſeine Schwie⸗ rigkeiten an einem ſtürmiſchen und regnichten Octobertage. Im Kellerſaale war es ziemlich dunkel. Doch brannte ſchon ein Licht auf dem Schenktiſche. Drei ältliche Männer ſaßen an einem Tiſche mit ihren halbgeleerten großen*) Schnäppſen vor ſich, woraus man abnehmen konnte, daß der halbe noch nicht getrunken war**). Aus dem einen Zimmer hörte man Würfel raſſeln. Albert blickte hinein und ſah zwei junge Männer in Uniformen, die der ſeinigen glichen, beim Brettſpiele ſitzen. Zu glei⸗ cher Zeit ſtreckten ſich ihm zwei Hände entgegen und zwei Stimmen riefen: „Guten Abend, Albert!“—„Frohe Seele!“ ſetzte der Eine von den Beiden hinzu.„Kellner! drei Gläſer *) Jedermann weiß, daß man in einem Wirthshauſe einen Unterſchied macht zwiſchen einem großen und einem kleinen Schnapps(en stor und en liten sup). A. d. Verf. **) Bekanntlich iſt es ſchwediſcher Gebrauch, einem gan⸗ zen Schnapps noch einen halben nachzuſchicken und wenn man des Guten viel thun will, auch noch wohl eine Terz, Quart u. ſ. w.; doch das iſt etwas Un⸗ gewöhnliches, denn der Gebrauch fordert eigentlich nur einen und einen halben. A. d. Ueb. lachen. 171 Punſch!“ rief mit dem Commandotone eines Helden der Andere. Der Punſch kam. Das Spiel ruhte. Man trank unter allerlei Scherzen. „Apropos!“ ſagte Albert,„ich habe hier für unſern Aechten etwas veritabel Aechtes, ſein eigenes ſchimmern⸗ des Conterfei.“ „O der Tauſend! Laß uns ſehen!— Aehnlich wie eine Birne! vortrefflich! Kellner, bitte den Kellermeiſter herzukommen!“ Man weiß, daß den jungen Soldaten das Lachen keine Schwierigkeit macht. Eine herzliche Lachſalve begann unter den Schnurrbärten zu ſchmettern. Dieſelbe wurde durch die Ankunft des Kellermeiſters unterbrochen. „— ſter Diener, meine Herren! Befehlen Sie was veritabel Aechtes?“ „Davon hernach,“ entgegnete der Jüngſte von den Dreien, der Baron L.,„hier iſt etwas veritabel Aechtes, das Ihnen der Lieutenant A. mitgebracht hat.“ Mit die⸗ ſen Worten hielt er dem Kellermeiſter das Portrait hin. Das Geſicht des Mannes wurde nach und nach lichter, gleich der Kugel eines Kirchthums bei den erſten Strah⸗ len der Morgenſonne. Der Mund verlängerte ſich immer weiter nach dem Ohre hin, bis derſelbe zuletzt einen lä⸗ chelnden Halbkreis bildete und ihn dem Portraite vollkom⸗ men ähnlich machte. Endlich brach der vergnügte Mann in ein ſchallendes Gelächter aus, in welches die Uebrigen einzuſtimmen nicht zögerten. Er mußte ſich ſetzen und den Magen halten, um die Aeußerungen ſeines Entzückens zu hemmen. Nachdem ihm dieſes gelungen, rief er mit einem neuen zufriedenen Blicke auf das Portrait aus: „In meinem Leben habe ich ſo was noch nicht ge⸗ ſehen!“ „Haben Sie ſich denn noch nie im Spiegel betrach⸗ tet?“ entgegnete der junge Baron, der noch fortfuhr zu 172 „Ja, gerade wie ein Spiegel— veritabel ächt! Donk, Herr Lieutenant! Belieben nicht die Herren ein Glas Madera zu trinken, ächten Madera, veritabel ächten?2“ Keiner hatte dagegen etwas einzuwenden. Der Alte ging hinaus in den Kellerſaal, um den Madera zu requi⸗ riren und das Portrait den drei Freunden zu zeigen, die dort Platz genommen hatten. Sein Auftreten erweckte dort eine gleiche Freude. „Kennen Sie Jemanden, der ſich portraitiren laſſen will, ſo recommandiren Sie mich, ich wünſche einen Ver⸗ ſuch zu machen,“ ſagte Albert mit einem ungewöhnlich ernſten Nachdruck. Seine beiden Kameraden ſahen ver⸗ wundert zu ihm auf und er fühlte eine gewiſſe Hitze auf ſeinen Wangen. „Was? Willſt Du die Künſtlerehre verdienen?“ fragte der frohe L. nach einer Pauſe. „Nein, Geld,“ antwortete er ſo kurz und mit einer ſo Stimme, daß L. auf ſeinem Stuhle zuckte. Es iſt ein von der Zunfteinrichtung unabhängiger Zunftgeiſt, der da macht, daß die meiſten Menſchen ſich jeder Beſchäftigung außer ihrem eigentlichen Metier ſchä⸗ men, wenn es nicht allein„zu eigenem Vergnügen“ ge⸗ ſchieht. Auch wenn das beſtimmte Amt oder die Stellung eines Menſchen ihm ſehr viel Zeit übrig läßt, ſo darf er dieſe nicht anwenden, um ſich Unabhängigkeit und Wohl⸗ ſtand zu verſchaffen. Man hält es da für ehrenhafter, ſich zu beluſtigen, wenn auch das mit der Stellung vereinte Einkommen die mit dieſen Vergnügungen vereinten Aus⸗ gaben nicht geſtattet. In dieſem Falle ſucht man aber doch wenigſtens in ſeinem Aeußern die Unabhängigkeit zu zeigen, die man in der That nicht beſitzt und man nennt es einen edlen Stolz, eine edle Verachtung des lumpigen Geldes, wenn man es leiht, nur muß man ſich dem Gläubiger oder dem Bürgen nicht für verpflichtet halten und das Geld tapfer tanzen laſſen, wenn man es erſt hat. — W W M 8— 178 Albert hatte einen männlichen Entſchluß gefaßt, ſich über dieſes erbärmliche Vorurtheil hinwegzuſetzen, konnte ſich aber dennoch nicht des Gefühles der Scham erwehren, welches wider ſeinen Willen über ihn kam, da er vor ſei⸗ nen Kameraden dieſen ſeinen Entſchluß eingeſtand. Der Kellner kam mit Wein und Gläſern. Der Wirth trank ſeinen Gäſten zu und dankte Albert noch einmal. „Eine Bedingung, Herr Kellermeiſter, Sie verſehen das Portrait mit Glas und Rahmen, hängen es draußen im Saale auf und ſagen denjenigen von Ihren Gäſten, die ſich ein ähnliches wünſchen, daß ich ein Portrait in Oelfarbe für zehn und ein lavirtes für drei Reichsthaler Banco mache.“ Albert ſagte dieſes mit ſichtbarer Anſtrengung und warf dabei einen Blick auf die Geſellſchaft. Er bemerkte, daß ſogar der Kellermeiſter verwundert ausſah, da er et⸗ was langſam antwortete: „Recht gern, Herr Lieutenant, obgleich ich ſonſt die Abſicht hatte, es in meinem Schlafzimmer über das Bett zu hängen— wenn nämlich meine Frau nichts dagegen gehabt hätte, denn ſie iſt meine ächte, veritabel ächte“)— Der Kellermeiſter ſchwieg wohlweislich und die ab⸗ gebrochene Rede gab L. Anlaß, in einen froheren Ton zu fallen. Inzwiſchen hatten ſich die Gäſte im Saale ver⸗ mehrt. Der alte Aecht war gezwungen, die Geſellſchaft zu verlaſſen, welche ſtatt ſeiner durch den Bürgermeiſter der Stadt vermehrt wurde. Ein ehrfurchtsvolles Kratzen mit den Füßen kündigte ſeine Ankunft im Saale an und der Kellermeiſter wartete dem hochgeehrten Herrn Bürger⸗ meiſter ſelbſt mit einer Pfeife auf. Albert blieb nicht lange. Doch ehe er ging, hatte er ſich beim Bürgermei⸗ * Der Doppelſinn des Originales(äkta: 1) ächt, unverfälſcht und 2) ehelich) ließ ſich hier nicht wisdergeben. Anm. d Ueb. 174 ſter ein Protocollbuch zum Reinſchreiben für zwölf Schil⸗ linge den Bogen bedungen. Er fand ein Vergnügen in dieſer Art von Trotz gegen die anweſenden Offiziere, welche bei ſeinem Vorſchlage und Accorde ihre Verlegenheit unter einem halben Lächeln zu verbergen ſuchten, damit der Bür⸗ germeiſter glauben ſollte, es ſei dies von Albert nur ein Einfall. Doch der Bürgermeiſter war ein Geſchäftsmann und behandelte die Sache kalt, requirirte jedoch dabei einen warmen Toddy. Im Vorbeigehen legte Albert noch ein gutes Wort für v. P. ein und der alte Aecht bewilligte gerne noch einen Aufſchub von zwei Monaten. Albert ging. Seine Schritte lenkten ihn ſeiner Woh⸗ nuhg zu; da er aber an die Hausthüre kam, ſah er hin⸗ auf, ſah, wie ſich in ſeinem innern Zimmer ein Licht hin und her bewegte, fuhr mechaniſch mit der Hand in die Bruſttaſche, wo ſeine Fingerſpitzen einen Brief auf glattem Poſtpapier entdeckten und— kehrte zurück an das Ufer des Wetterſees. Der Himmel war im Norden klar geworden und ein ſchwacher Mondſchein beleuchtete die Gegend, gleichwohl nicht ſo ſtark, daß es andern als nur den näch⸗ ſten und kleinſten Sternen das Licht nehmen konnte, denn der Mond ſchwankte noch gleich einem chineſiſchen Boote am Himmelsgewölbe. Eine Schute, die den Tag über ſich hinter das Land in Schutz gelegt hatte, lavirte nun der Stadt zu. Der Sturm hatte ſich gelegt und nur bis⸗ weilen erinnerte noch ein Stoß an ihn, der den ganzen Tag gewüthet hatte. Dann gab das leichtbeladene Fahr⸗ zeug dem Winde nach und der Mond ſchien beſſer in die Segel. Nur eine ſchwache Brandung plätſcherte gegen das Ufer, aber draußen auf dem Wetter hörte man ein dumpfes, ſauſendes Getoſe. M M — Drittes Kapitel. Sie glänzten ohne zu leuchten. Keine Blitze ſchoſſen aus ihnen hervor; aber ſie beſaßen eine Klarheit und Durchſichtigkeit mit einem Feuer in der Tiefe, welches wie das blanue Licht des Himmelsgewölbes auf dem Grunde eines klaren Gewäſſers anlockte. Lidköping iſt eine vorzügliche Stadt, nichts deſto we⸗ niger iſt es noch immer ein Unterſchied zwiſchen den vor⸗ züglichen und den vorzüglichſten Städten. Zu dieſen könnte manz. B. London und Arboga rechnen, jenes wegen ſeiner Taſchendiebe und dieſes wegen ſeiner Brezeln. Hieraus folgt auch ganz klar, daß Livköping für die Portraitmalerei nicht ebenſo günſtig ſein kann, als viele von den vorzüg⸗ licheren und vorzüglichſten Städten. So z. B. liebt man in Lidköping Croquiſen und leichte Portraite gar nicht, weil kein Menſch auf denſelben eine erröthende Schönheit von einer bleichen unterſcheiden kann. In großen Städten, wo auch der Mangel an Röthe groß iſt, hat man oft einen andern Geſchmack. Eben ſo iſt die Kritik in einer Stadt wie Livköping in vieler Hinſicht ſtrenger. Ehe man ſichs verſieht macht ein Schneider die Bemerkung, daß der Rockkragen nicht nach dem neueſten Stockholmer Schnitte iſt und die Frau eines Rathsherrn ſieht deutlich, daß an der Haube die Schleife nicht befeſtigt iſt, wie die gnädige Frau Majorin ſie beim letzten Neujahrsballe an ihrer Haube hatte. Noch dazu hält man es in Lidköping und in vielen andern Städten für ominös, ſein eigenes Ich vor Augen zu haben, nicht als ob es Tod und Vergänglichkeit, ſondern als ob es Hoffart und Eitelkeit bedeutete. Und endlich ſind nicht ſo viele Leute im Stande, Geld für „ſolchen Plunder“ wie das eigene Portrait, auszugeben. Deſſen ungeachtet hatte Albert über ſechs Wochen 176 lang Beſtellungen in Maſſe gehabt. Noch ſtanden in ſei⸗ nem Zimmer zehn oder zwölf würdige Väter und ſtattliche Matronen— die jungen Damen in Lidköping konnten na⸗ türlicher Weiſe nicht bei dem Maler ſitzen— und war⸗ teten auf den Weihnachtsabend, da ſie mit ihrem Eintritte die gegenſeitigen Originale überraſchen ſollten. Damit aber waren auch ſo ziemlich alle Ausſichten zu fernerem Verdienſte durch Portraitiren zu Ende. Das Abſchreiben brachte zwar etwas ein; aber es war der an⸗ geſtrengteſte Fleiß erforderlich, um an einem Tage mit fünf Bogen(die Seite zu vierzig Zeilen und die Zeile zu zwölf Silben berechnet) fertig zu werden und alſo einen Verdienſt von einem Reichsthaler und zwölf Schillingen*) zu haben.— Noch dazu weiß wohl Jeder, der einen Ver⸗ ſuch mit Abſchreiben gemacht hat, daß es kaum eine Be⸗ ſchäftigung gibt, die mehr tödtet— wenn man nämlich unter Leben etwas Anderes verſteht, als bloße Vegetation. Es war ein ſchöner Vormittag. Ein Vorwinter war ein⸗ getreten, obgleich mit ſehr wenigem Schnee. Die Bäume waren mit dünnem Reif bekleidet, welcher, ſo oft ein Sperling oder ein ſanfter Wind über die Zweige fuhr, in den Strahlen der Sonne glänzend herabſtäubte. Der Rauch wirbelte in ſchönen runden Kreiſen aus den Schorn⸗ ſteinen der Stadt empor und die ſonſt häßlichen, hervor⸗ ſtehenden, Ecken der Häuſer glichen jetzt weißen Säulen, die nebſt einem weiß glänzenden Fries längs des Daches angenehm gegen die braunrothe Grundfarbe des ganzen Hauſes abſtachen**). Eine leichte Wolke oder ein Nebel *) Richt ganz ein halber Thaler preußiſch. Anm. d. Ueb. *) In den kleinen ſchwediſchen Städten, ſo wie auch auf dem Lande, ſind faſt ſämmtliche Häuſer von aufein⸗ andergelegten und an den Ecken zuſammengefügten, darauf aus⸗ und inwendig mit Brettern bekleiveten ⸗ e 1. . te f 177 fuhr in das Zimmer durch die geöffnete Thür, da Albert eintrat. „Guten Morgen, Albe! Du beſindeſt Dich wohl gut heute?“ Sara ſetzte ein Käſtchen weg, woran ſie gerade, umgeben von einer Theetaſſe mit Kleiſter und Papier von allen Farben, arbeitete. Sie ſtand auf, nahm einen Teller weg, der auf dem Tiſche vor der Kleinen ſtand, wiſchte ſowohl den Tiſch als auch den Mund des Kindes ab und ordnete ihre Papiere. Kaum hoͤrte ſie Alberts Ant⸗ wort: „Sehr gut. Ihr ſeid Alle geſund?“ Er küßte Eva, die ſich an ſeinen Arm hängte, ging an den Tiſch und umarmte das kleine blaſſe Mädchen. Sie ſchlug froh ihre Arme um ſeinen Hais, und Sara wendete ſich zu der Gruppe mit einem Blicke, der Stolz und herzliche Freude ausdrückte. Ihre Kinder ſchienen ihr ſchöner zu ſein, wenn ſie von dem wohlgebildeten ſtarken Manne umſchloſſen wurden, und ihr Herz wurde tief ge⸗ rührt bei dem Anblicke ſeiner Zärtlichkeitsbezeugungen ge⸗ gen dieſelben. Es regte ſich auch unter dem Herzen; ſie ſank mit einem unfreiwilligen Ausrufe auf den Stuhl, und eine augenblicklich vorübergehende Bläſſe fuhr über ihr Antlitz, ſo wie wenn an einem halbheitern Sommertage der Schatten einer Wolke über eine blühende Wieſe ährt. 6„Wie iſt's mit Dir? Du wirſt blaß——“ Er ſtellte die Kleine auf die Erde, eilte zu ihr und unterſtützte ihr Haupt mit ſeinem Arm. Sie ſchmiegte ſich ſanft an ihn. Balken ausgeführt. Die Ecken und ſolche Stellen, wo eine Querwand die äußere Wand trifft, ſtehen wegen des Verbandes ein wenig vor und ſind gewöhn⸗ lich weiß, die Wände dagegen braunroth angeſtrichen. Anm. d. Ueb. Es geht an. 12 . 178 „Es bedeutet nichts, mein Albe! nur ein kleiner Stich „Biſt Du über etwas unruhig? Habe ich——?“ „Nein, Albe, nein! Gott ſei mir gnädig!—— es muß ja ſo ſein——“ „Arme Sara!“— Er holte ein Glas Waſſer und zwang ſie ein Paar Tropfen zu trinken, obgleich ſie ſich ſchon wieder vollkommen wohl befand und ihre Arbeit von Neuem vorgenommen hatte. Albert ſtand einen Augen⸗ blick an, ob er ihr jetzt ſagen ſollte, was ihm auf dem Herzen und auf der Zunge lag. Aber die Zeit war kurz: das Dampfſchiff Vngwe Frey ſollte am Freitage von Ar⸗ boga abgehen— jett war es Mittwoch. Nach einigem Schweigen begann er: „Sara, würde es Dich betrüben, wenn ich jetzt auf einige Zeit nach Stockholm reiste?“ „Mich betrüben? das verſtehſt Du wohl 4—— und ſie ſah zu ihm empor mit einem innigen Blicke. „Es ſchmerzt mich, daß ich Euch verlaſſen ſoll. Aber ich muß reiſen— Geſchäfte——“ „Ach, ja, Du mußt reiſen. Die Reiſe kann bald abgemacht ſein, es kann ſich aber auch damit in die Länge ziehen. Vergib, Albe, daß ich weine; ich glaubte nicht, daß Deine Abreiſe mir je Thränen abpreſſen ſollte. Aber man wird ja ſo leicht ein verzogenes Kind. Es iſt mir, als wäre mir bange, allein hier im Hauſe zu wohnen— — ich weiß aber doch, daß mich jetzt kein Menſch mehr beunruhigen wird. Ehemals wußte ich nicht, was Fürcht war.“ „In Lidköping iſt ja alles ſo ſtill. Wer koͤnnte Dich hier beunruhigen? Du kannſt ja jemanden in meinen Zim⸗ mern wohnen laſſen. Ich werde dafür Sorge tragen.“ „Nein Albe. Laß ſie leer ſtehen. Es iſt ſo beſſer. Ich kann da bisweilen hinaufgehen! Ueberdies— dort oben eine fremde Mannsperſon wohnen zu laſſen, iſt nicht gut. Ich habe Dir nie etwas davon geſagt. Du weißt 179 — wohl noch, als Du das erſte Mal nach Stockholm reisteſt? Dieſer freundliche Capitain kam hier wie gewöhnlich an⸗ geſahren und wohnte in Deinen Zimmern. Er ſtellte ſich s zwar erſt artig, dann aber wurde er garſtig, wie die Of⸗ ſiziere gewöhnlich ſind. Er ſagte ſogar: da es nun einmal d ſo wäre, wie es wäre—— und in einer Nacht, da er aus dem Wirthshauſe kam, rettete ich mich nur mit Mühe n in den Laden——“ ⸗„Der Schurke! Warum haſt Du mir das nicht ge⸗ n ſagt? Ich hätte——“ „Beſter Albe! Er iſt ja nun todt. Ich wußte auch ⸗ recht gut, daß er nicht wieder kommen würde. Es iſt n doch recht hart—— die Frauen ſind gegen dergleichen geſichert, wenn ſie es nur wollen. Ich weiß recht gut, f daß ich Deinetwegen ſo vorſichtig geweſen bin, und den⸗ noch—— er iſt nicht der Einzige, der es gewagt d hot mir dergleichen zu ſagen—— das iſt unerträg⸗ lich!——“ er„Sara! Wenn Jemand in meiner Abweſenheit es wagt, Dir ſo etwas zu ſagen, ſo darfſt Du es mir nicht d verhehlen. Ich will das mit einem Male abſchneiden. ge Sei nun ruhig—— ich reiſe heute Rachmittag und bin t, bald wieder hier.“ er Er drückte leiſe ihre linke Wimper zu, küßte dieſelbe und ging. Sara Widebeck warf ihm einen halben Blick nach und einen halben in den Spiegel über dem Sopha. h Der Spiegel antwortete bleiche Wangen— von ihm kehrte ht ihr Blick mit bleichen Erinnerungen zurück.— Albert ging; aber ärgerlich murmelte er:„Ihr, die ich mein ch nenne, ihr wagt man entehrende Anträge zu machen? Je⸗ der Schurke glaubt ein Recht zu haben, ſie mir zu ent⸗ reißen— jeder wagt wenigſtens den Verſuch? Geſchieht r. dies nur aus dem Grunde, weil wir nicht angezeigt haben, t daß unſere Verbindung für immer geſchloſſen iſt? Doch ht iſt ſie das? Kein Verſprechen bindet ſie— keines mich. ßt Wer kann alſo ein Hinderniß ſehen, zu—— das iſt ein „ 180 Labyrinth, aus welchem kein menſchlicher Verſtand ſich her⸗ ausfinden kann. Aber treu iſt ſie wie Gold.“ Eine Reiſe kann zwar körperlich ermüdend ſein, für die Seele iſt ſie dennoch eine Ruhe. Umtauſch der Be⸗ ſchäftigungen unterhält die Federkraft der Seele. Dage⸗ gen findet ſich der Menſch leicht niedergebeugt von dem Einerlei ſeiner Umgebungen. Ein Ausflug von denſelben gibt dem Ganzen ein anderes Ausſehen. Das Anmuthige erhält einen vermehrten Glanz— das Unangenehme ver⸗ liert ſich, wenn man es in der Entfernung ſieht, und ſeine ſcharfen Linien fallen zuſammen. Beſonders für den Mann ſind Reiſen ſtärkende Mittel. Ein Weib darf keine länge⸗ ren vornehmen, als daß ſie zur Nacht wieder zu⸗ Hauſe ſein kann; denn die Hausgötter lieben es, jede Nacht ihr Lämpchen brennen zu ſehen, und das Weib iſt die Wärte⸗ rin deſſelben. Albert wählte nicht den Weg über Marieſtad nach Arboga. Ein gewiſſes Etwas hielt ihn davon ab. Er dachte nicht viel darüber nach— er hielt es für abge⸗ macht, daß es aus Betrübniß kam, dieſen Weg jetzt allein reiſen zu müſſen. Und demnach— der Irrgänge des menſchlichen Herzens ſind viele— der Weg, den er jetzt reiste, würde kaum verſchönert worden ſein, durch die Reiſegefährtin, die den Weg über Marieſtad ſo angenehm machte. Sobald er an Trufwe vorbei gekommen war, bog er links ab längs des Ufers der Kinnebucht. Da er an dem Abhang des Kinnekulle, der dem Abhange einer von ver⸗ gangenen, kräftigeren Geſchlechtern errichteten Dache einer gothiſchen Kirche gleicht, hinaufgekommen war, warf er einen Blick hinter ſich. Lidköpings Kirchthum, ſein rothes und vergilbtes Dach erſchien im Hintergrunde der Bucht. Albert ließ den Skjutsbauer ſtill halten und verſuchte, 181 wiewohl vergeblich, unter den zuſammengedrängten Hütten diejenige zu unterſcheiden, welche ſie und die Kinder um⸗ ſchloß. Etwas, das wie ein Seußzer klang, ſtieg aus dem faſt üͤber die Bruſt zugeknöpften Rock empor. Er fuhr mit der Hand über die Augen, als wollte er einen Flor aufheben oder einen Nebel verjagen, der über der Ausſicht ſchwebte. Aber er merkte, daß dieſer Nebel nicht aus ſeinem Innern aufſtieg, ſondern daß die herbſtliche Natur ſelbſt denſelben hervorgebracht hatte. Faſt fühlte er ſich freimüthiger, da er fand, daß das Dunkel, welches ihn be⸗ unruhigte, außer ihm lag. Eine ganze Maſſe unangeneh⸗ mer Erinnerungen verſchwanden in dieſem Gefühle— er nickte der Heimath zu und ließ den Skjutsbauer nach We⸗ ſterplana fahren. Als der hübſche Offizier, denn Alberts männlich ſchö⸗ nes Aeußere zog überall, wohin er kann, die Auſmerkſam⸗ keit der Leute auf ſich, den Berg umfahren hatte, an dem lieblichen Robeck, dem ſchönen Hellekis und dem reichen Hönſäter vorbei, begann er die Reiſe immer angenehmer zu finden. Er plauderte mit einem ziemlich hübſchen Bauermädchen, das ihn von Weſterplana nach Forshem ſtjutste. Die junge Weſtgötin mit ihrem Flachshaar, ihren klugen Augen und weißen Zähnen war munter und lebhaft. Wenn ſie den trägen Gaul anpeitſchte, die Zügel anzog und mit der Zunge ſchnalzte, ſo drückte ihre ganze Figur eine ſo naive Miſchung von hurtiger Arbeitskraft und unſchuldiger Fröhlichkeit aus, daß Albert eine beſon⸗ dere Freude daran fand, die Bewegungen der wohlgewach⸗ ſenen Figur zu betrachten. Ihre Art die Arme zu bewe⸗ gen, hatte viele Aehnlichkeit mit Sara Widebeck, wenn dieſe ihren Kitt knetete. Sein Blick ruhte einmal auf dem ſchonen Halſe des Mädchens, der von dem Kinn, wo er von der Sonne ſtark geſchwärzt war, mit immer heller werdender Anmuth(das muß man aus der natürlichen arithmetiſchen Progreſſion ſogleich einſehen) in das reinſte Weiß überging, welches unter den Falten eines groben, 182 dunkelgrünen, geſtrickten, feſt um Bruſt und Leib zugebun⸗ denen, wollenen Halstuches verſchwand. Als das Mäd⸗ chen, da es einmal bergab ging, ſich auf dem Sitze zurück⸗ bog, um ſich mit den Füßen gegen den Vorderwagen zu ſtemmen, ſprang der Knoten an ihrem Halstuche auf. So⸗ bald die Reiſenden unten ankamen, hielt das Mädchen ſtill und band ihr Halstuch ganz unſchuldig wieder zu. Albert wurde dabei etwas gedankenvoll. Bei Björſäter, wo der Weg, den Albert jetzt gefah⸗ ren war, mit dem andern zuſammentraf, den er mit Sara Widebeck gereist war, gab er dem Mädchen einen ganzen Vierundzwanzigſchillingszettel als Trinkgeld. Als er dann auf dem Wege nach Marieſtad weiter reiste, fühlte er einen ganz eigenthümlichen Unmuth bei allen Erinnerungen, die in ihm erwachten. Er war noch nicht weit gefahren, als er dem Skjutsbauer die Weiſung gab, bei der Kirche Leksberg rechts abzufahren. Er wählte den Umweg durch Undenäs und Askerſund. Dieſen Weg kannte er noch nicht, und obgleich die Jahreszeit eine ſehr ſpäte war, ſo erboten denoch die ihm neuen Ausſichten über die ſchönen Landſeen von Weſter⸗ götland, Imſen, Wicken und Unden und zuletzt über das majeſtätiſche Wetter Stoff zur Zerſtreuung und zu ermun⸗ ternden Betrachtungen dar. Der Anblick des ſchönen Aspa, des prachtvollen Stjernſund und der kleinen wohnlichen Stadt Askerſund erfriſchten Alberts Gemüth und verſcheuchten allmählig die Nebel, welche ſich noch von Lidköping her an ſeinen innern Menſchen heften wollten. Er. fühlte ſich ſo belebt, daß er von Askerſund direct über Oerebro nach Arboga zu reiſen beſchloß. Der Umweg über Askerſund hatte ihm inzwiſchen wenigſtens acht Stunden mehr gekoſtet, als wenn er durch Marieſtad gefahren wäre. Er mußte alſo, wenn er ſein Ziel zu rechter Zeit erreichen wollte, Nacht und Tag reiſen. Es war ihm nicht unlieb, mit aller der Eile, zu der eine ſtattliche Figur mit einem Schnurrbarte einen 183 Sktijutsbauer antreiben kann, an allen den Orten vorbei⸗ fliegen zu können, an welchem er ehedem mit ſeiner damals neuen Bekanntſchaft, Sara, vorbeigefahren war.—— Noch dazu kam er diesmal nicht nach Bodarna.— Spät Abends kam er in Arboga an. Das Gedränge von Reiſenden war nicht groß und in dem Gaſthofe, der jetzt einen neuen Beſitzer hatte, ſtieß er auf lauter neue Geſichter, neue Anordnungen, und neue Zimmer. Es that ihm wohl, den unruhigen Erinnerungen zu entgehen. Aber ſein Schlaf war nicht ruhig— mochten nun die Erſchüt⸗ terungen der Reiſe oder andere Umſtände die Schuld tra⸗ gen. Nur halb ausgeruht ſtand er am Morgen aufz aber es war keine Zeit, zu verweilen und auszuſchlafen. Er eilte zu Schiffe. Munter und von einem guten Frühſtück von neuem belebt, marſchirte Albert wiederum auf dem Verdecke des Dampfſchiffes mit ſeiner Cigarre im Munde umher. Doch diesmal hatte er keinen Grund auf dem Vordertheile des Fahrzeuges zu verweilen. Er ging ſtolz umher auf dem engen Hinterdecke und konnte ſo oft er wollte in den Hinterſalon hinabſteigen. Man konnte auch leicht den Ein⸗ fall bekommen, die freie Luft zu verlaſſen, weil dieſelbe nicht ganz frei von Schnee, und dieſer von der weniger angenehmen Art war, welche ſich auf ſeiner Reiſe durch die untere Luft halb in Waſſer aufgeloſt hat. Ich ſehe in einem ſolchen Schneefalle das Bild der Bildung unſe⸗ rer Zeit— und warum nicht ſogar der Bildung jeder Zeit, welche die Individualität, die Kriſtalliſation aufzu⸗ löſen und in einer zuſammenhaltenden, homogenen Maſſe in die erfriſchenden und befruchtenden Flüſſe der Freiheit und Gleichheit, aufzulöſen ſtrebt. Nur Kälte, Abweſenheit der Liebeswärme vermag die gegenſeitige Affinität aufzu⸗ heben. Läßt man jedoch die Strahlen der Liebesſonne frei ſpielen, ſo fällt die ganze Menſchheit zuſammen in eine einzige große Familie, welche nicht allein den individuellen Egoismus, ſondern auch den Egoismus zerſtört, welcher 184 jetzt unter dem Namen des Familienbandes, anſtatt zu vereinen, trennt, weil er aus Zufall und Laune kaum das Unvereinbare zuſammenkettet. Laßt uns denn hoffen, daß die Erde der⸗ einſt glücklichere, in freier Wahlumarmung“*) erzogenen Geſchlechter tragen wird, deren Glück von keinem äußeren Bande abhängig, ſondern auf reine Zärtlichkeit, Natur und Tugend gegründet iſt. Dieſe Gedanken kamen und verſchwanden in dem Kopfe des ſtattlichen Kriegers vor ſeinem innern Auge, während die Schneeflocken vor dem Spiegel des äußeren Auges vorüberflogen. Daß der ehe⸗ mals leichtdenkende Jüngling jetzt ein tiefdenkender Mann geworden war, liegt in der Ordnung der Natur, und er würde es ſein, wenn er auch nicht bei der philoſophiſchen Glaſertochter in die Schule gegangen wäre. Und dieſer Vorzug war ja noch dazu auf Alberts Loos gefallen. Er weilte daher jetzt auf dem Verdecke, obgleich es unge⸗ wiß iſt, ob er es mehr that, um ſich den Wirbeln ſeiner Gedanken hingeben oder um den wirbelnden Rauch der Cigarre genießen zu können. Wie man weiß, iſt das Tabackrauchen in dem Salon eines Dampfſchiffes nicht geſtattet. *) Das Wort iſt von Heine entlehnt; doch eine Anleihe gehoͤrt ja nicht zu den verbotenen Dingen, d. h. eine Anleihe iſt kein Diebſtahl. Dieſes Wort iſt auch in das kritiſche ſchwediſche Wörterbuch aufgenommen, welches die Akademie des Herrn Hugo †) herauszu⸗ geben geſonnen iſt. Anm. d. Verf. ) Eine Anſpielung auf C. J. L. Almquiſt's Roſenbuch (ternrosens bok), von welchem bis jetzt 13 Theile in kl. S. und ein Theil in imperial 8. erſchienen ſind. Die darin enthaltenen Erzählungen werden von einem Richard Furumo auf dem Jagdſchloſſe des Herrn Hugo Löwenſtjerna vorgetragen, welcher letztere auch eine Roſenacademie geſtiftet hat. A. d. Ueberſ. ———— 185 In dieſem Augenblicke hatte dieſer plätſchernde Schwim⸗ mer den Arbogafluß verlaſſen; man ſah noch die Krüm⸗ mungen deſſelben an der Rauchlinie, welche auf dem Tief⸗ lande ruhte. Die baumloſen Wieſen machten hohen hie und da bewaldeten Ufern Platz. Einige Seevögel lagen unerſchrocken neben dem ergilbten Schilf am weſtlichen Ufer und ſchienen ſich froh auf den rollenden Wogen zu ſchaukeln, welche in einem ſpitzen Winkel von dem Hinter⸗ theile des Fahrzeuges ausgingen und ſein Kielwaſſer bil⸗ deten. Alberts Blick hatte eine Zeitlang unverwandt auf ihnen geruht; als ſie aber in dem ſchwankenden Rohre verſchwunden waren, ſo wendete er ſich um und ſah vor ſich hin auf den Mälar. Der Wind, welcher von Südweſten wehte, hatte hier kleine rollende Rücken aufgerichtet, welche einander jagten, ohne die Furche füllen zu können, welche ſie ſchied, und bisweilen ziſchte in derſelben ein glänzender Schaum Das Fahrzeug ſchoß ſchnell dahin. Es dauerte nicht lange, ſo befand es ſich draußen auf dem größeren Waſſerbaſſin und ließ hinter ſich die zertheilten und unruhig plätſchernden Wogen, die es in ihrer ſonſt ſo regelmäßigen Rüſtung geſtört hatte. Ein leichtes Steigen und Senken machte die Schritte auf dem Verdeck unſicher. Der Wind wurde durchdringender. Albert ſtieg von dem Hinterdeck herab und begab ſich nach vorne. Hier war es leer an Paſſagieren. Eine weibliche Figur in einem Mantel und wattirtem ſchwarzem Hute ſchlich ſich in die Koje des Steuermanns unter dem einen Räderdeckel. Der Machiniſt ſtand, noch geroͤthet von der Hitze, unter dem Verdecke in ſeiner rußgelben Tracht neben der Treppe des Vorderſalons in frohem Zwiegeſpräch mit der Aufwärterin, die ebenfalls ihr Stumpfnäschen in das Thauwetter heraufgeſteckt hatte. Man hatte nun ſchon die weſtlichſte Erweitung des Mälars, Galten und Quickſund paſſirt. Als er ſeine Augen aufhub, ſah er ein kleines Boot hinter der nächſten Landſpitze hervorkommen. Er konnte deutlich zwei Ruderer unterſcheiden. Eine Figur in der 186 Mitte des Bootes unter einem aufgeſpannten Regenſchirm und eine Art von weißer Flagge im Vordertheile deutete einen neuen Paſſagier an. Albert ſah ſich nach dem Capitain um, da dieſer jedoch auf dem Verdecke nicht zu ſehen war, ging er hinab in den Speiſeſaal, und hier traf er den Befehlshaber des Fahrzeuges bei einem Glaſe Grogg an. „Herr Capitain! wir erhalten noch einen Paſſagier. Es kommt ein Boot von dem Thorshälla⸗Ufer.“ „Gut für die Rhederei! Wir haben bei den letzten Touren nichts verdient.“ „Glauben Sie, daß das Boot bei dieſem ſtarken Winde bei uns an Bord legen kann?“ „O! der Mälar iſt nicht das Kattegat. Wellen wie Schmutzhaufen kann jeder Trog überſpringen.“ Der Capitain ſchien nicht Luſt zu haben, ſein Glas zu verlaſſen. Albert ſtand wie auf Nadeln, vielleicht weil er mit Reiſen nicht ganz vertraut war und noch nicht zu der Gleichgültigkeit gegen alles, was nicht die eigene Bequemlichkeit betraf, gekommen war, die einen ächten Voyageur charakteriſirt. Endlich leerte der Capitain ſein Glas, verſah ſeinen Mund mit der gewöhnlichen Pikanell⸗ ladung und begab ſich hinauf. Albert folgte ihm. Das Boot war ſchon ſo nahe, daß jedermann am Bord ein Frauenzimmer unter dem Regenſchirme unterſcheiden konnte, das mit der Linken ihren weißen Schleier hielt. „Geh Steuerbord um ſie!“ kommandirte der Capi⸗ tain. Da aber der Steuermann dem Befehle nachkam, und das Fahrzeug eine kleine Schwenkung machte, began⸗ nen die Ruderer im Boote, welche einen Augenblick geruht hatten, aus allen Kräften an das Land zurückzurudern. „Legt an der Backbordsſeite an!“ rief ihnen der Ca⸗ pitain zu, indem er die Hand über den Mund legte— und fuhr fort:„Verdammte Bauerhähne! glaubt Ihr nicht, daß man hier Angen im Kopfe hat. Nun ſo hol —— ——————— 3—— n 187 Cuch der—— Stopp Maſchine!“ unterbrach er ſein Selbſtgeſpräch. Als die Räder ſtanden und die Fahrt des Dampf⸗ ſchiffes nachließ, ſo wendeten die vorſichtigen Ruderer das Boot wieder gegen das Dampſfſchiff und näherten ſich der Seite deſſelben, aber am Steuerbord über dem Winde. Die Fallricksluke wurde geoͤffnet, ehe aber noch die Treppe herabgelaſſen werden konnte, lag das Boot ſchon an der Seite und der Ruderer im Vordertheil hielt mit Macht die Wurfleine feſt. Der andere reichte mit Mühe einen kleinen Koffer, einen netten Korb und eine Hutſchachtel hinauf, alles unter den freundſchaftlichen Begrüßungen des Capitains:„Ihr Lümmell habt Ihr nicht ſo viel Ver⸗ ſtand, daß Ihr wißt, man muß an der Leeſeite anlegen? Wie wollt Ihr nun die Dame heraufbringen? Solche Krabben! Glaubt Ihr, daß Ihr ſie wie einen Mantelſack herauflangen könnt.“ Die Dame, welche inzwiſchen den Regenſchirm nieder⸗ geſpannt, ihren Arbeitsbeutel und ein kleines Paquet er⸗ griffen hatte, ſah nun mit einem dunklen Augenpaare und einem Blicke auf, der deutlich mit Furcht die geringe Höhe von dem Boote zu dem Fahrzeuge maß. Jetzt war die Fallrißtreppe ausgelegt. Sie ſtand auf, aber das heftige Schwanken des Bootes zwang ſie, ſich ſogleich wieder zu ſetzen. Albert ſprang hurtig hinab in das Boot, nahm Regenſchirm, Arbeitsbeutel und Paquet, legte alles in das Boot und reichte ihr die Hand. Sie ergriff dieſelbe ohne aufzuſehen. Er mußte ſeinen Arm um ihren Leib ſchla⸗ gen, führte ſie ſo an die Treppe und begleitete ſie auf Seemannsweiſe, das heißt: er ging dicht hinter ihr und hielt auf beiden Seiten das Fallreif feſt. Als ſie auf dem Verdecke war, dankte ſie ihm mit einem Blicke und einem verbindlichen Knir, der decrescendo erneuert wurde, als er ihr den Schirm, Arbeitsbeutel u. ſ. w. reichte, welche Sachen er nach einander von dem Bootsführer annahm. Sie ſchloß mit einem„Dank für ſo viele Mühe!“ ausge⸗ . 188 ſprochen mit einer äußerſt weichen und ſchönen Stimme. Albert hatte hiebei nur Zeit gehabt, ihr Geſicht jung, wenn auch etwas blaß zu finden; doch meinte er, daß dieſe Bläſſe ihrem fein gebildeten Profile ſehr gut ſtand. „Dienerin, Herr Bruckspatron!““) fuhr die weiche Stimme fort, deren Eignerin ſich an eine breite Figur in einem Friesoberrock wendete, die in dieſem Augenblicke aus dem Hinterſalon herauftrat. „Diener, Diener, mein Fräulein! willkommen!“ gab der Friesrock halb gähnend zur Antwort,„ein abſcheuliches Wetter— glaubte nicht, das Fräulein würde ſich heraus wagen— meine Frau iſt krank und erwartet Sie unbe⸗ ſchreiblich.“ Er machte hiebei eine Bewegung, die eine Einladung für ſie bedeuten ſollte, hinabzuſteigen. Aber in dieſem Augenblicke wurde das Fahrzeug in Bewegung ge⸗ ſetzt. Sie ging, oder vielmehr ſprang an die Gallerie und öffnete den Arbeitsbeutel. Das Boot war ſchon eine Strecke entfernt. Ein leiſes„Ach, die Armen!“ entfiel ihr und mit einem leichten Erröthen machte ſie ſich fertig, der Einladung des Hammerherrn zu folgen. „Iſt etwas im Boote vergeſſen?“ fragte Albert eifrig.? ie erröthete noch ſtärker, aber ein halbes Lächeln zog ſich über den feinen Mund zuſammen. „Nein— das nicht; aber ich vergaß, den armen Leuten ein Trinkgeld zu geben.“ *) D. h. Beſitzer eines Hüttenwerkes. Dieſer Titel iſt in Schweden, wo es ſo viele Eiſenhämmer und Hüt⸗ ten gibt, ſehr gewöhnlich, wird jedoch ſogar auf jeden Beſitzer einer Fabrik übertragen; denn die Titelſucht iſt hier wo moͤglich noch größer als in Deutſchland, weil man zur Anrede kein Pronomen für das deutſche „Sie“ hat, ſondern ſtets den Titel mit der dritten Perſon Sing. gebraucht.— Anm. d. Ueberſ. —— ————— 189 „Bedeutet gar nichts!“ fiel der Bruckspatron ein; „die Faulpelze haben heute ein leichtes Tagewerk auf dem Hofe. Aber ſteigen Sie hinab, mein Fräulein, haben Sie die Güte!“ Sie ging. Albert ärgerte ſich über ſeinen Fifer, beſonders da er bedachte, daß er doch nichts hätte aus⸗ richten können, wenn auch wirklich im Boote etwas ver⸗ geſſen geweſen wäre. Er wollte jetzt nicht in den Hinter⸗ ſalon gehen, obgleich er das Recht dazu hatte, ſondern ging in den Speiſeſaal und requirirte eine halbe Bouteille Porter. Ein Paſſagier in einem blauen Mantel ſaß mit ſeiner halben Bouteille an denſelben Tiſch, und Albert be⸗ gann mit ihm ein gleichgültiges Geſpräch über das Unan⸗ genehme, in einer ſo ſpäten Jahreszeit zu reiſen. Erſt beim Mittagstiſch ſah er die Neuangekommene wieder, begleitet von einem ältlichen Frauenzimmer mit Wangen, die unter den Runzeln errötheten— alſo durch Kunſt, nicht von Natur— mit dunklen Locken und einer Haube a la Folcker*). Ihnen folgte eine wohlgenährte Dame mit natürlichen Roſen und Locken von der Farbe gut eingebrachten Flachſes, alſo gelblich mit einem kleinen Uebergang in Grün. Jene war in dem Hauſe des ge⸗ nannten Friesrockes Herrſcherin in Anſehung des Namens, dieſe in Anſehung des Nutzens mit dem bloßen Titel einer Hausmamſell. Das Geſpräch bei Tiſche war einſylbig. Der Herr ſah zufrieden aus. Seine theure Hälfte koſtete die Speiſen nur und ſchob dann den Teller mit einer Miene der Mißbilligung von ſich. Die Mamſell machte vergeblich einen Verſuch, den Bouillon zu loben; die gnädige Frau fand ihn zu ſalzig und konnte nicht begrei⸗ fen, wie man ſo wenig Geſchmack haben konnte, ihn mit Eiern abzumachen. Während alles deſſen hatte Albert *) Ein jetzt verſtorbener Stockholmer Modehändler. A. d, Ueberſ. 190 gute Gelegenheit, an dem Fräulein die dunkelblauen Au⸗ gen, das gerade, feingebildete Profil mit den runden Wo⸗ gen des Mundes und des kleinen Kinnes zu bewundern. In ihrer Haube von der einfachen, dicht anſchließenden Art mit einer glatten Spitze an der Kante glich ſie eher einer jungen Frau, als einem Mädchen. Ihr Wuchs hatte eine einnehmende Geſchmeidigkeit, die noch mehr durch einen kurzen mit ſchmalem Hermelin verbrämten Ueberrock. von blauer Seide erhöht wurde. Albert ärgerte ſich ſelbſt über die Theilnahme, welche er für dieſe ſchmachtende Sirene hegte, konnte ſich jedoch einer Art Gleichgültigkeit gegen die äußere Form, einer Hingebung an die Phan⸗ taſie, die in einer ſolchen Nachbarſchaft ſelbſt die Seele des ſtärkſten Mannes gleichſam lähmt, nicht erwehren. Die Mamſell, die ſeine Tiſchnachbarin war, mußte ihn zwei⸗ mal mit einem:„Haben Sie die Güte!“ erinnern, daß er die Schüſſel nehmen moͤchte, und als der Braten kam, ſo behielt er die zu demſelben gehörige Gabel auf ſeinem Teller. Der Blaumantel, der neben dem Fräulein ſeinen Platz erhalten hatte, ſchien ein alter Bekannter zu ſein, obgleich Albert zu bemerken glaubte, daß ſeine Unterhal⸗ tung ſie nicht beſonders intereſſirte. Das Mittageſſen ward endlich eingenommen. Albert begleitete die Geſellſchaft in den Hinterſalon. Hier wurde während des Kaffeetrinkens über die Winterbeluſtigungen in Stockholm, über ſchöne Literatur u. ſ. w. raiſonnirt. Albert kannte die neueſte franzöſiſche Literatur beſſer, als die ſchwediſche, und konnte daher die Geſellſchaft mit ei⸗ nigen intereſſanten Notizen über Heine, Balzac, Paul de Kock und Madame Dudevant unterhalten. Aber er ſchwieg, als das Geſpräch auf das Roſenbuch und die neue Schule in Schweden ſiel, welcher daſſelbe einen Weg zu bahnen ſchien. Das Fräulein brach mit ſchwärmeriſcher Wärme in das Lob deſſelben aus. Sie ſagte: „Jedes Weib, das ſich für etwas anderes, als für die Küchenſklaverei geſchaffen fühlt“— hier gab ihr die ——— —— — * 194 Hausmamſell einen ärgerlichen Blick—„muß das Roſen⸗ buch lieben. Der Verfaſſer deſſelben iſt der erſte in Schweden, welcher dem Weibe eine geiſtige Freiheit zu⸗ geſteht. Er malt keine Helden, ſondern weibliche Perſo⸗ nen. Aber wie ſchoͤn ſind nicht dieſe? Eine Tintomara, eine Signora Luna. Welche naive Tugend bei jener und welche Hoheit bei dieſer? Dabei aber auch Schwäche. Doch iſt es eine Schwäche, die nicht ſchwach iſt, weil ſie rein menſchlich iſt. Auch Columbine, die arme Co⸗ lumbine— wie vielen Seelenadel beſitzt ſie nicht? Weit erhaben über ſolchen, den ein geerbter Adel verleihen kann. Ich wünſchte eher———“ Mein Fräulein,“ fiel die gnädige Frau ein,„Sie ſind allzu eifrig— man koͤnnte leicht glauben———“ „Ja, man könnte leicht glauben,“ gähnte der Herr, „daß das Fräulein eine Romanheldin iſt, wie?“ „Es gibt nichts eigentlich Nobles in dieſen Romanen,“ fuhr die Frau fort.„Die Verfaſſerin der Geſchwiſter⸗ kinder“) wählt andere Kreiſe. Man ſieht es gleich, daß ſie mit geweſen iſt. Ihre Frauenzimmer gehören den ge⸗ bildeten Kreiſen an— und— und—“ Das Fräulein nahm das Wort, nicht mehr mit Ar⸗ tigkeit, ſondern mit warmem Eifer: „Ja wohl! den gebildeten Kreiſen mit ihrem ewig gleichförmigen Kreislauf von Salonphraſen und erheuchel⸗ ten Gefühlen, mit ihren conventionellen Banden, in wel⸗ chen kein freier Gedanke, keine von den edlen Rührungen des Herzens ausgehende Handlung dem Weibe geſtatiet wird, ohne daß ſie die Mode um Rath fragt, wo der Kleinſinn Geſetze ſtiftet und wo die Uebertretung derſelben *) Freiherrin von Knorring. In deutſchen Ueberſetzun⸗ gen führt das hier angeführte Buch nicht ganz gut den Titel;„die Couſinen.“ Anm. d. Ueberſ. 192 ein Verbrechen heißt, wo aber das einfache Naturgeſetz unter die Füße getreten wird——“ „Tauſend! wie pretiſch und frei ſpricht das Fräu⸗ lein!“ ſagte die Frau mit verächtlichem Kopfſchütteln. „Gerade ſo wie das Abensblatt“). Wirklich ein kleiner, ſchöner Carbonarius,“ ſtimmte der Herr ein. Das Fräulein erröthete bis über die Augen, als wäre die Flamme, welche das Geſpräch auf den ſonſt bleichen Wangen gezündet hatte, jetzt zu einer Feuers⸗ brunſt angewachſen. Sie antwortete jedoch nicht. Nur einen Blick warf ſie auf Albert, der mit wachſendem In⸗ tereſſe ihren Worten zugehört hatte, und da ſie in ſeinem Geſichte Beifall, vielleicht ſogar Bewunderung las, ſo glitt der Blick leicht über das adlige Paar hin. Der Blaumantel ſuchte die erboste Brukspatronin zu beſänf⸗ tigen. „Das Fräulein läugnet gewiß nicht, daß es in den gebildeten Kreiſen Damen von natürlichem Feingefühl gibt, in welchen die Mode den freien Sinn für das Edle und Reine nicht erſtickt hat. Wir brauchen die Beiſpiele ja nicht weit zu ſuchen,“ ſagte er zweideutig, indem er ſich an die Brukspatronin wandte. Das Fräulein ſchien jedoch ſeinen Bemühungen keine Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken. Sie warf ihren Mantel von gewürfeltem ſchottiſchem Zeuge um ſich(wobei der Blaumantel ihr artig be⸗ hülflich war), hüllte das phantaſiereiche Köpfchen in ein wollenes Tuch und begab ſich auf das Verdeck. *) Dieſe geleſenſte und größte Zeitung in Schweden iſt eine Oppoſitionszeitung, war es jedoch mehr unter der vorigen Regierung, denn unter der gegenwärti⸗ gen ſind die ehemaligen miniſteriellen Zeitungen, ja ſelbſt das officielle Blatt eher Oppoſitionszeitungen geworden. Anm. d. Ueberſ. 193 „Fräulein Celeſtine hat in ihrer Kindheit allzu große Freiheit gehabt. Wer wollte ſich auch wohl um eine arme vater⸗ und mutterloſe Waiſe bekümmern? Man ſieht es ihr aber doch nicht an, daß ſie immer von andern Leuten abhängig geweſen iſt. Aber leider! Armuth und Hoffart!“—— rief die Frau aus, als Celeſtine ſich entfernt und die Thur ſich hinter ihr geſchloſſen hatte. Zwar kochte es in Alberts männlichem Gemüthe, als er hörte, wie man das junge Mädchen ſchmähte, das ſo ganz aus ſeinem eigenen Herzen geredet hatte; aber ein Gefühl von Neugierde gebot ihm, ſeinen Aerger zum Schweigen zu bringen. Er fragte:„das arme Fräulein hat alſo weder Vater noch Mutter am Leben?“ „Was ihren Vater betrifft, ſo glaube ich, kein Menſch, ja nicht einmal ſie ſelbſt, weiß den rechten Zu⸗ ſammenhang damit. Ihre Mutter, ein Fräulein(ihren Namen habe ich nicht gehört) lebte in dem Leyonſköld'⸗ ſchen Hauſe auf Wäsby. Dort gab es einen Skandal. Celeſtine wurde geboren. Einige Jahre ſpäter wurde die Mutter mit einem gewiſſen von Müller verheirathet, der die Artigkeit hatte, die Tochter zu adoptiren. Die Frau ſtarb bald darauf und der Vater ſoll mit dem lebenden Heirathsgute ſehr wenig zufrieden geweſen ſein. Die Ober⸗ ſtin Leyonſköld war darauf ſo gütig, das arme Kind zu behalten und mit ihrer eigenen Tochter erziehen zu laſſen. Das war gewiß eine barmherzige Handlung, aber die Oberſtin iſt allzu ſchwach gegen ſie geweſen. Jetzt kommt⸗ ſie von Wäsby, wo ſie ſich eine Zeit lang aufgehalten hat, um Fräulein Leyonſtöld in einem gefährlichen Ner⸗ venfieber zu pflegen. Es herrſcht, kann man ſich denken, eine Art Jugendfreundſchaft zwiſchen den beiden. Sonſt hält ſie ſich als Geſellſchaft in dem Hauſe des Barons P. zu Stockholm auf. Ich habe aus Freundſchaft gegen die Freiherrin es übernommen, auf der Rückreiſe ihre Beſchützerin zu ſein. Sie nennt ſich Fräulein, obgleich es, wie Sie einſehen, damit nicht ſo ſicher ſein kann. Es geht an. 13 194 Gott laſſe ſie nicht dem Beiſpiele der Mutter folgen. Man ſagt, ſie hat in Stockholm eine Menge Bewunderer an ſich gelockt. Das iſt wohl kein Wunder mit ſo freien Anſichten, die einem jungen Mädchen ſo übcl anſtehen.—“ Die Frau hielt hier ein wenig inne. Albert griff ohne Umſtände nach ſeiner Mütze und ging. Auf der Treppe hörte er, wie die Frau ihre Stimme von Neuem erhob, wahrſcheinlich um ſowohl ihn, als auch ſie der Hausmamſell zu ſchildern, denn der Herr ſchnarchte ſchon in der Sophaecke links vom Spiegel und der Blaumantel hatte ein Buch zur Hand genommen, in welchem er eifrig zu leſen ſchien. Er las gewiß etwas ſehr Aufregendes, denn ſein Geſicht brannte von einer ſtarken Röthe. Der Himmel hatte ſich im Weſten aufgeklärt, und man ſpürte ſchon, daß es zur Nacht kalt werden würde; die Uhr war nemlich ſchon ein Viertel auf fünf und die Dämmerung drohte einer Dunkelheit Platz zu machen, die nur ſchwach von den wenigen Sternen erhellt war, welche ihre Strahlen durch die am Himmel zerſtreuten Wolken herabſchickten. Schon konnte man die aus den Schorn⸗ ſteinen fliegenden Funken ſehen. Einige wenige derſelben erhielten ſich glühend, bis ſie die Waſſerfläche erreichten; doch die meiſten beſchrieben nur einen kurzen Bogen und erloſchen. Das Ganze war ein Bild von den Beſtrebungen dieſes Lebens. Ein zufälliger, günſtiger Luftzug erhielt das Feuer in einem feſteren Kohlenſtücke länger am Le⸗ ben, während mehrere mit größerer Schnelligkeit in's Waſſer hinabſanken; aber die meiſten waren leicht und ausgebrannt, ſlogen aus dem Schornſtein gerade in die Höhe und glänzten nur einen Augenblick. Albert hatte eine Weile dieſem ſymboliſchen Spiele der Funken zugeſehen und gab erſt dann ſeiner Sehnſucht nach, die reizende Celeſtine näher kennen zu lernen. Er ſah ſie auf einer der Bänke ſitzen, trat raſch zu ihr, blieb jedoch ſtehen, ohne ein Wort zu ſagen. Schon vorher hatte er einen eigenthümlichen Glanz in den großen Augen == — 1— — 8— ie en n⸗ en d en lt e⸗ *6 d ie ht Fr eb er en ——————— 195 bemerkt— ſie glänzten ohne zu leuchten. Keine Blitze ſchoßen aus ihnen hervor, aber ſie beſaßen eine Klarheit und Durchſichtigkeit mit einem Feuer in der Tieſe, wel⸗ ches wie das blaue Licht des Himmelsgewölbes auf dem Grunde eines klaren Gewäſſers anlockte. Jetzt hatten ſich die Pupillen derſelben in der Dunkelheit erweitert, und da Albert näher kam, ſah er, daß ſie auf die ſchimmern⸗ den Bilder gerichtet waren, die noch ſo eben ſeinen Blick gefeſſelt hatten. Der Widerſchein der wimmelnden Fun⸗ ten ſpiegelte ſich deutlich in ihnen ab und erleuchtete ihre Tiefe. Es iſt etwas Eigenthümliches in ſolchen tiefen Augen. Das fühlte Albert jetzt. „Ich ſehe, mein Fräulein, daß Sie ſich mit dem luftigen Tanze der Funken unterhalten. Was vergleichen Sie damit?“ „Das Gaukelſpiel des Lebens. Sie haben ja am Tage gleiche Wärme und gleiches Feuer und doch ſieht ſie kein Menſch.“ Sie ſchlug den Mantel feſter um ſich. „Verſtehe ich Sie recht? Der Tag des Lebens ver⸗ birgt ihren Glanz, er ſtrahlt aber in der Nacht des Todes.“ „Ja wohl. Iſt dies nicht das Schickſal aller Ihrer großen Männer? Von dem Weibe ſchweige ich; denn wer ſieht ihr Licht im Leben oder im Tode? Sicht iſt Freiheit und ſie wird von tauſend Banden gefeſſelt.“ „Dennoch gibt es ſolche, deren freier Geiſt das Band bricht. Ich hörte nur vor einem Augenblicke eine Stimme, die von der Hoffnung der Befreiung belebt war.“ Er ſetzte ſich. Sie zog ſich ein wenig znrück nach dem Ende der Bank, obgleich wenigſtens acht Perſonen auf derſelben Platz finden konnten. „Wer verſteht eine ſolche Stimme?“ ſagte ſie nach kurzem Schweigen.—„Es bleibt daher bei den bloßen Hoffnungen. Sie hörten gewiß auch was die Welt davon urtheilt. Unglücklich iſt, wer Ketten abzuſchütteln ſucht, 196 in denen die Menge ſich ſicher fühlt, oder richtiger: ſie gibt ſich luſtig den Schein, als fände ſie ihre Freude da⸗ rin, dieſelben zu tragen, ohne den Muth zu haben, die⸗ ſelben drückend oder entwürdigend zu nennen.“ „Warum von der Menge abhangen? Die Mehr⸗ zahl iſt ja immer auf der Seite dieſer Thoren. Doch eine edle Seele braucht nie mit Fackeln Diejenigen zu ſuchen, die ihren höhern Flug verſtehen.“ Sie blickte zu ihm hinauf und lehnte ſich nicht mehr zurück in die Ecke der Bank. Er ergriff ihre linke Hand, welche ſie aus dem Verſteck des Mantels hervorgereicht hatte, um an dem Tuche eine Kleinigkeit zu ordnen, und fuhr fort: „Von mir, Fräulein Celeſtine, brauchen Sie nicht zu fürchten, mißverſtanden zu werden.“ Es freute Albert, wunderte ihn aber auch, daß ſie nicht im Geringſten zu bemerken ſchien, daß er ſie ſo un⸗ bedachtſam bei ihrem Namen genannt hatte. Sie zog nur die kleine Hand leiſe aus der ſeinigen, indem ſie ſagte: „Ihr Männer ſeid vorurtheilsſrei, das iſt wahr, aber nur für eigene Rechnung. Eure Herrſchgier duldet bei dem ſchwächern Geſchlechte keine Unabhängigkeit, und wo Ihr dazu Eure Aufmunterung gebt, da geſchieht es nur, um—— um über die Schwache zu lächeln. Nein, die Zeit iſt noch nicht gekommen, doch einſt wird wohl der Tag der Befreiung dämmern und dieſe Hälfte des Men⸗ ſchengeſchlechtes wird nicht ewig unter dem Joche ſeufzen!“ „Sind Sie denn, ſchone Celeſtine, ſo ſchr um Ihre Freiheit beſorgt, daß ſie alle Bande fürchten,—— ſogar die Bande des Herzens?“ Der Muth und der Takt, richtiger die Taktik wachſen mit den Jahren. Das ſieht man an Albert.—— Sie ant⸗ wortete— kein Wort. Aber die kleine, linke Hand— ſie war ohne Handſchuh— kroch wieder hervor aus dem Armloche des Mantels. Er erfaßte dieſelbe leicht mit ℳ 197 der Rechten, welche ſeit dem vorigen Male erwartungs⸗ voll auf der Lehne geruht hatte. Zwei Minuten verfloſſen in Stillſchweigen. Die Räder plätſcherten nur leiſe, denn man wendete in der Dunkelheit nur die halbe Kraft an. Von Zeit zu Zeit erſcholl aus dem Vordertheile das Commando des Ca⸗ pitains an den Steuermann:„Steuerbord!— Ladbord!— recht ſo!“ alles unter dem abgemeſſenen Schlage der Maſchine. Es wäre überflüſſig zu verſichern, daß zwei Herzen an Bord eben ſo taktmäßig ſchlugen. Celeſtine, in deren Bruſt das eine derſelben pickte, ſchrack plotzlich zuſammen. Eine Figur, in den Mantel gehüllt, mit dem Hute auf dem Kopfe, erhob ſich über den Rand des Halbdeckes. Es war der Blaumantel. Er hatte, wie man ſah, auf einem Stuhle neben der Salontreppe geſeſſen. „Verzeihen Sie, meine Herrſchaften,“ ſagte er mit ſeiner fremden Ausſprache,„daß ich das Ende Ihres Ge⸗ ſpräches mitangehoͤrt habe.“— Er ſchwieg einige Au⸗ genblicke. „Wer iſt wohl frei?“ fuhr er fort.„Wie viele Bande gibt es nicht auch für den Mann 2 Er gehört noch außer der Familie dem Staate an, und den Ban⸗ den, welche ihm dieſer von der Geburt an auferlegt, kann er nicht entfliehen. Auch die Scholle, auf der er das Licht des Tages zuerſt erblickte, kettet ihn unauflöslich an ſich; wenigſtens kann er ſie nicht ohne Verluſt des innern Friedens— und oft des äußern— verlaſſen. Das Weib gehört nur der Familie an. Die einzigen Bande, welche ſie kennt, ſind die der Liebe—— oder ſollten es wenigſtens ſein.“ „O ja!“ fiel Celeſtine ein,„das rechte Wort: ſollten ſein; aber ſind? Ja, ſind Bande der Eitelkeit, des Vorurtheils—— Wer wollte nicht gerne gebunden ſein von den Banden der Hingebung?— Es iſt ſchön, dem X 198 zu dienen, den man liebt.“ Es ſah aus, als blickte ſie bei dieſen Worten auf Albert. „Es iſt wahr,“ ſagte dieſer.„Das Familienband, ſo wie es jetzt iſt, iſt Zwang, weil es keine andere Be⸗ freiung zuläßt als nur den Tod, wenn auch keine Liebe vorhanden iſt. Die Wirklichkeit dieſer beruht jedoch auf Prüfung. Eine harte Probe, daß die Prüfung auch dann noch fortfahren muß, wenn es ſich ſchon gezeigt hat, daß ſie die Probe nicht hält!“ „Erlauben Sie mir nur noch hinzuzuſetzen, fuhr der Blaumantel fort, daß obgleich die Freiheit der Grund aller Sittlichkeit und Tugend iſt, der Menſch dennoch zu ſeiner Heranbildung zur Freiheit abhängig ſein muß. Die Familie hat eben ſo gut, wie der Staat Bande, die nicht gebrochen werden können. Der Menſch iß alſo nicht frei dadurch, daß er ſie bricht, ſondern dadurch, daß er ſie nicht bindend macht. Dieſes geſchieht, wenn er das Ver⸗ nünftige in aller göttlichen und menſchlichen Ordnung einzuſehen ſich bemüht und ſich dieſelbe zur Richtſchnur ſetzt, nicht weil ſie ein Band iſt, ſondern weil ſie ver⸗ nünftig und der Menſch ſelbſt ein vernünftiges Weſen iſt. Dahin ſtrebt alle menſchliche Bildung, und die Ruthe in der Schule iſt nicht das letzte Erziehungsmittel, das durch Zwang zur Freiheit führt. Doch, noch einmal, verzeihen Sie, meine Herrſchaften, meine vielleicht unbehörige Ein⸗ miſchung. Aber wo eine edle Seele Wahrheit ſucht, dort kann eine ſchwache Stimme einen ganzen Band voll Tief⸗ ſinn aufwiegen.“ Beide ſchwiegen. Der Fremde entfernte ſich. Al⸗ bert ſagte leiſe, doch mit einigem Harme: „Ein Philoſoph aus der Schule.“ Er ſpie über die Schanze in den Mälar. „Eine Freiheit, die Noth und Zwang iſt;— die Freiheit des Sklaven an der Kette!“ fügte Celeſtine noch leiſer hinzu. Sie ſchwiegen. Celeſtine blickte zurüͤck nach der Ge⸗ 199 gend, woher ſie kamen. Alberts Augen ruhten auf den Bewegungen des Köpſchens. Wir wiſſen nicht, wie es war, da aber das„Stopp Maſchine!“ des Schiffers er⸗ ſcholl, und beide aufblickten, ſo ſchimmerten die Lichter in Strengnäs ganz in ihrer Nähe und der Fremdling ſtand wieder an der Salontreppe. An einer Bewegung, die Alberts Arm machte, da Celeſtine aufſtand, ſah er, daß ſie auf dieſer Stütze geruht hatte. Ein leiſe geliſpeltes „Gute Nacht!“ erreichte ſein Ohr. ————— Viertes Kapitel. Dieſes war vielleicht die Urſache, warum ihre Lippen ſich ſo nahe kamen, daß weniger denn ein Haarbreit ſie ſchied. Um drei Viertel auf acht Uhr am folgenden Morgen vonnerte ein Kanonenſchuß, daß alle kleinen Dachfenſter, in Strengnäs zitterten. Albert fuhr aus ſeinem Bette im Wirthshauſe der Stadt auf, ſtrich Feuer und beſorgte das Nothwendigſte an ſeiner Parüre. Dann offnete er die Thür ein wenig und rief das gewoͤhnliche:„Jungfer!“ Er erhielt die eben ſo gewöhnliche Antwort:„So⸗ gleich!“ Nichts deſto weniger dauerte es faſt zehn Minu⸗ ten, ehe die Jungfrau ſichtbar wurde. Da war Albert beinahe angekleidet, und alldieweil die Jungfrau mit leeren Händen und ohne Präſentirteller mit Kaßee kam, war er gezwungen, ihr die Bezahlung für Abendeſſen und Nacht⸗ quartier, ſo wie auch— es verdroß ihn wirklich— ein kleines Trinkgeld in die Hand zu ſteckeu. Er ſuchte den Verdruß mit einem Glaſe Waſſer hinunterzuſpülen, aber 200 man konnte deutlich ſehen, daß ihm vies nicht gelingen wollte. Wunderlich genug, war er auch auf ſich ſelbſt erbittert, theils wegen geſtern, theils auch deswegen, daß Celeſtine jetzt ebenfalls ſein erſter Gedanke war, und weil das erwartete Zuſammentreffen mit ihr ihm eine geheime Freude ma hte. Er kam auf das Dampfſchiff. Sie war nicht ſichtbar auf dem Verdecke; vielleicht war ſie unten im Salon. Er beſchloß, nicht hinunterzuſteigen. Ob dies geſchah, weil er ſie vermeiden wollte, oder nur das erſte Wiederſehen in Gegenwart von läſtigen Zeugen, iſt nicht zu entſcheiden. Was er zu fühlen glaubte, war Aerger darüber, daß ſie nicht an ihn gedacht und ſeine Ankunft erwartet hatte. In dem Vorderſalon trank er ſeinen Caffee, und ſetzte ſich dabei nicht an die Seite des Zimmers, an welcher der Fremdling in dem blauen Man⸗ tel ſaß, deſſen Gruß er nur leicht erwiederte. Es iſt eine angenehme Sache, eine Seereiſe zu ma⸗ chen, beſonders auf einem Dampſſchiffe. Ohne daß man ſich um das Allergeringſte zu bekümmern hat, geht die Maſchinerie ihren gleichmäßigen Gang, und man kommt ſeinem Ziele näher, mag man bei guter oder ſchlechter Laune ſein, und ſich vertiefen, in welche Träume man will, und wären es auch die des Schlafes. Zu Lande iſt dies nur das Loos des Reichen, der alle Sorge ſeinem Hofmeiſter, ſeinen Kutſchern und Lakaien überlaſſen und ſich ſorgenlos in die Kiſſen ſeines Wagens vergraben kann. Aber zu Waſſer wird viel weniger von den Gütern dieſer Welt erfordert, um gleich dem reichſteu Grafen zu reiſen, und von dieſer Seite betrachtet, haben die Dampfſchiffe nicht wenig beigetragen, die Gleichheit unter den Menſchen zu befördern. Albert konnte jetzt den Kragen ſeines Oberrockes her⸗ ablaſſen(er war mit Pelzwerk gefüttert) und ſich gemäch⸗ lich in der Ecke des Sophas dehnen. Man ſpürte nur ein geringes Zittern, aber keine knochenzerbrechenden Stöße eines Bauernkarrens, kein zänkiſcher Skjutsbauer, keine 201 trägen Pferde und kein Umtauſch mit ſeiner Umpackung ſtörte ſeinen äußern und innern Menſchen. Der letztge⸗ nannte war gleichwohl der Abwechslung geneigt, obgleich Albert die Unannehmlichkeiten davon kannte, ohne ſich aus denſelben retten zu können. Der Menſch huldigt leicht Theorien, denen er ſich in der Anwendung nicht gewachſen fühlt. Er billigt zufolge dieſer Theorie, was er ſich ſelbſt nicht ohne innere Unruhe erlaubt. Albert fand es ſo un⸗ natürlich, daß„zwei Leute, die für einander nicht taugen, noch länger zuſammen ſein und ſich zu Tode quälen ſollen,“ aber dennoch gab es ein unbeſtimmtes Etwas, das ihn beunruhigte, wenn er an eine eintreffende Tren⸗ nung mit Sara dachte. Er ſah jetzt klarer als zuvor ein, daß ſeine und ihre Bildung nicht übereinſtimmten. Nicht wenig trug es zu ſeiner Unzufriedenheit bei, daß er ſich ſo allein fühlte, ſo ohne häusliche Behaglichkeit, und daß Sara nicht zu bewegen war, mit ihm Gutes und Böſes, ſowohl in der Sorge für ihre Kinder, als auch zu gegen⸗ ſeitiger Pflege zu theilen. Jetzt kam es ihm ſo vor, als hätten ſie gar nichts gemeinſchaftlich. Er hatte ſich ſchon lange mit dem Plane getragen, daß er ſich wenigſtens auf einige Zeit zurückziehen wollte, und zugleich beſchloſſen, durch unverdroſſene Arbeit etwas für Sara und für die Kinder zu erwerben; denn er hatte recht gut eingeſehen, wie wenig ihre Arbeit in ſpäteren Jahren eingebracht hatte. Welche Partie er für eigenes Wohlbefinden er⸗ greifen ſollte, daran hatte er noch nicht näher gedacht. Jetzt lernte er die Bedeutung der Schwäche des Herzens ein wenig kennen. Zwar waren die vielen Jahre ſeines Aufenthaltes in Lidköping nicht vergangen ohne alle zu⸗ fällige Wärme für die eine oder die andere hübſche Weſt⸗ götin, aber dergleichen war nie von langer Dauer ge⸗ weſen. Dergleichen hatte er eben ſo wenig vermeiden können, als den Umgang in den vornehmeren Häuſern der Stadt, mit denen Sara keine Gemeinſchaft pflog. Jetzt wollte er zu ſeinem und ihrem Glücke ihre gegenſeitige 202 Verbindung auflöſen. Sie, ſo dachte er, wäre ſelbſt da⸗ mit zufrieden; ſeine Abreiſe hatte ihr Gemüth ja gar nicht bewegt. Jetzt aber ſendete ihm auch das Schickſal ein weibliches Weſen in den Weg, das etwas von Saras kühnem Geiſte hatte, dieſen jedoch vereint mit einem tiefen Gefühle und einer rein weiblichen Hingebung.— Sie, das ſah er ein, würde ſich ſanft in die uͤberlegene Seelen⸗ kraft des Mannes fügen. Sie würde ſich pflegend und ſchmeichelnd an den Geliebten ſchmiegen. Aber es plagte ihn, daß ein keimendes Gefühl für ſie ſich gerade jetzt in ſeine Pläne miſchen ſollte. Dieſe hatte er bis jetzt angeſehen als eine reine Sorge für nicht minder Sara's, als ſeine eigene Zukunft. Daß Sara ſich einen Erſatz ſuchen würde, daran konnte er kaum glauben; und ſchon die Vorſtellung einer ſolchen Möglichkeit brachte ihn in Wuth.— Sie? die Mutter ſeiner Kinder 2 Sie ſollte——2 Er fuhr auf und in demſelben Augenblicke zeigte ſich Celeſtinens ſchlanke Geſtalt in der Thür. „Verzeihen Sie, Herr Lieutenant— Guten Morgen! — ich glaube, ich ſtörte Sie in Ihrem Schlafe?“— Sie wen⸗ dete ſich an die Schenkmamſell.—„Haben Sie die Güte und leihen Sie mir ein Endchen ſchwarze Seide und eine Nahnadel!“ Albert machte nur eine ſtumme Verbeugung, während die Schenkmamſell mit einem„Recht gerne!“ das Ver⸗ langte aus ihrem Ridicüle holte. Albert ſah ein, daß ſein Stillſchweigen ein ebenſo großes Ridicüle war, als der Ridicüle der Mamſell. Ein: „Wie befindet ſich Fräulein Celeſtine nach der geſtrigen Reiſe?“ befreite ihn aus ſeiner gezwungenen Lage. „Eine Reiſe verurſacht ſtets Umuhe. Auch dieſe—“ Er ſah eine ſlackernde Flamme auf ihrer Wange und der tiefe Glanz in dem Auge erhob ſich gewiſſermaßen zu der Oberfläche. Die Mamſell war mit Nadel und Faden fertig. Celeſtine erhielt beides mit Dankſagung — ——— u— 203 und einer halben Verneigung und verſchwand durch die blanke Salonthür. Er folgte ihr nach einigen Minuten. Da er aber auf das Verdeck kam, erblickte er ſie dort nicht. Der Herr im Friesrocke, die Hausmamſell und der Blauman⸗ tel ſaßen auf dem Hinterverdeck. Er begab ſich dorthin, grüßte die beiden erſtgenannten, wie es ſich geziemte und knüpfte mit dem letztgenannten ein gleichgültiges Geſpräch an. Die Geſellſchaft war in Strengnäs mit einem, wie es ſchien, bürgerlichen Ehepaare und mit zwei Offizieren vermehrt worden. Das Geſpräch wurde bald allgemein. Das Wetter war ſchön und man hoffte, bei guter Zeit nach Stockholm zu kommen. Sonderbar genug! Albert hätte jetzt höchſt ungern ſeinen Platz auf dem Vorderver⸗ deck gehabt, ja ſelbſt dann nicht, wenn er den Mantelſack einer Prinzeſſin hätte bewachen ſollen. Die Aufwärterin kam mit der Nachricht, daß das Frühſtück fertig wäre. Albert ſtieg mit der übrigen Ge⸗ ſellſchaft in den Speiſeſalon hinab. Sein ehemaliger gu⸗ ter Appetit ſchien, wenigſtens für heute, verſchwunden zu ſein. Das Frühſtück war bald expedirt und er eilte wieder hinauf. Celeſtine ſaß neben der Treppe des Hinterſalons an derſelben Stelle, die der Blaumantel geſtern Abend inne gehabt hatte. Albert nahm in ihrer Nähe auf der Kante des Halbdeckes Platz. „Fräulein Celeſtine iſt heute ſo unſichtbar geweſen!“ „Die da ſchlafen, ſehen nichts Anderes als Traum⸗ bilder.“— Ein kleines ſchalkhaftes Lächeln flog zu ihm auf. „Dieſe gleichen aber doch bisweilen denjenigen, die man wachend ſieht.—— Celeſtine! ich darf Sie ja in Stockholm beſuchen?“ „Das Haus des Barons P. ſteht vielen Fremden of⸗ fen— beſonders gerne ſieht man dort Leute mit Bildung und Gefühl.“ „Wer will in der Welt das Gefühl reden laſſen oder auf ſeine Rede hören?— die Bande der Geſellſchaft ſind 204 die verhaßteſten, weil ſie nur lumpige Fäden ſind und dennoch binden. Ich werde wohl nie wieder Gelegenheit haben, mit Celeſtine zu reden wie hier?“ „Wo wohnt Lieutenant Albert in Stockholm?“ „Ich habe noch kein Logis. Wo wohnt——?“ „Baron P. wohnt an der Schiffsbrücke in der Nähe der Bank.“ Dieſe Fragen waren, wie es ſcheint, höchſt unbedeu⸗ tend und dennoch ſchwiegen Beide. Beide hatten nichts weiter hinzu zu fügen. Celeſtine ſah zu Boden und über ihre Züge ging gleichſam ein leichter Schauder. Da ſie aber wieder aufblickte, ſo lag der blaue Glanz tief in ih⸗ rem Auge verſenkt und über der Wange ſchwebte einem Nordlichte ähnliche Röthe. Der Blaumantel erſchien auf dem Vorderverdecke. „Wer iſt er?“ fragte Albert. Er ſah gar nicht hin, ſon⸗ dern blickte die Aufwärterin an, die der gnädigen Frau Caffee, Butter und Brod hintrug; aber ſie antwortete dennoch:„Er iſt—— er iſt ein Bekannter des Barons P.“ Doch ſeinen Namen ſagte ſie nicht, vielleicht weil er ſchon zu nahe war und vielleicht ihre Antwort gehört haben koͤnnte. Jedermann weiß, wie Stockholm von der Seite des Mälar ausſieht. Zuerſt zur Linken Marieberg und zur Rechten der ſchon belegene, aber ſchlecht bevölkerte Long⸗ holm, in deſſen Nachbarſchaft jedoch Liljehoum*) eine an⸗ genehmere Geſellſchaft darbietet. Dann die hochgelegene *) Marieberg iſt eine 1815 von dem General Cardell geſtiftete höhere Lehranſtalt für Artillerieoffiziere, Longholm eine Inſel, worauf eine Straf⸗ und Beſ⸗ ſerungsanſtalt, Liljeholm ein Wirthshaus— dieſe Stellen liegen dicht bei Stockholm, die folgenden Namen bezeichnen Theile der Stadt ſelbſt. d it 1. t5 er ie m n⸗ au te 6 eil rt es ur g ne en 205 Kungsholmskirche und die noch höheren pittoresken Berge ver ſüdlichen Vorſtadt. Im Hintergrunde der Riddarholm mit dem alten und über demſelben das majeſtätiſche neue Schloß. Zuletzt die Nordbrücke und die Schleuſe, wim⸗ melnd von kleinen Figuren, Ercellenzen und Bettlern, Pferden und Hunden— es iſt verzeihlich, daß man ſie in dieſer Entfernung nicht unterſcheiden kann— ein Ge⸗ räuſch gleich dem des Meeres, unterbrochen von den Ka⸗ nonenſchüſſen des Dampfbootes— das alles macht einen Eindruck, der das Spiel der Phantaſie um Vieles erleich⸗ tert und hat der Reiſende Geld genug, um ſich wenig⸗ ſtens einen Monat hier aufhalten zu können, ſo mag er leicht glauben, daß er der Herr aller dieſer Herrlichkeiten iſt, wenigſtens kann gar leicht ſeine Miene etwas derglei⸗ chen andeuten, wenn er an das Land ſteigt. „Mein Herr! Befehlen Sie gute Zimmer?“ „Wo 2 „In dem Keller Frieden neben der Bank— befehlen Sie Träger?“ „Ja, Zimmer und Träger.“ Dieſe Unterhandlung konnte Albert abſchließen, in⸗ dem er Celeſtinen über die Planke an's Land führte. Sie dankte ihm mit einem Händedrucke und folgte dem wer⸗ then Patronate, dem Friesrocke und ſeiner feingebildeten Frau Gemahlin. Albert hatte ſeine Effecten bald auf einer Bahre und folgte derſelben und ſeinem Wegweiſer, einem ältlichen Manne in einem faſt jüdiſchen Rocke über die Ritterholms⸗ brücke und den Ritterhausmarkt. Dort ſah er mit patrio⸗ tiſcher Freude die Bildſäule des großen Guſtav I. Waſa, wendete jedoch ſeine Augen ſchnell ab von derſelben und von dem Ritterhauſe, weil der Anblick des letztgenannten in ihm ein unangenehmes Gefühl hervorrief, da er ſich der Umſtände erinnerte, die ihn ausgeſchloſſen, ein Mitglied desſelben zu ſein. Doch er dachte: Ich oder meine Kinder— beſſer, daß ſchon' ich ausgeſchloſſen bin. Sie gingen weiter die Storkyrkobrine 206 hinauf nach dem großen Markte zu. Er ſah im Vorbei⸗ gehen, daß die zweite Garde im Schloſſe auf der Wache war und der Anblick der Uniform, die er getragen, belebte ſeinen militäriſchen Geiſt und manche Erinnerung aus ſei⸗ ner ehemaligen Unteroffizierszeit tauchte in ihm auf. In der Swartmangata ſah es ſtill aus. Nur ein Leierkaſten ließ ſich angenehm genug von einer Gaſſe in der Nähe der deutſchen Kirche hören. Ohne weiter etwas Bemerkens⸗ werthes zu ſehen und zu hören, als die ſonderbaren Trep⸗ pen in dem Keller Frieden, in denen man immer nach ei⸗ nigen Stufen eine Thür findet*), trat er in ein Zimmer, deſſen Fenſter nach dem Hofe hinausſchauete und drei ganze Treppen hoch lag, bezahlte ſeine Träger und war jetzt völ⸗ lig anſäßig in Stockholm. ———— Albert hatte die Reiſe nach Stockholm nicht allein deßhalb gemacht, weil es ungefähr 30 Meilen von Lid⸗ köping entfernt liegt, ſondern auch in der Hoffnung, an jenem Orte mehre Gegenſtände zu Portraiten zu finden, als an dieſem.— Kein Menſch kann behaupten, daß ſeine Berechnung nicht ihren guten Grund hatte. Doch ging es anfangs ziemlich langſam. Er wollte ſich nicht gerne durch Anzeigen im Tage⸗ oder Abendblatte melden und auf dieſe Weiſe öffentlich auftreten. Dazu hatte er einen doppelten Grund: erſtens ſeine Vollmacht als Lientenant und zweitens eine billige Beſcheidenheit, welche ihm ſagte, *) Dieſe Sonderbarkeit kommt daher, daß die Zimmer in dem Flügel an der Nebengaſſe in der halben Höhe der Zimmer des Hauptgebäudes an der Oeſterlongata“ liegen, und daß die Treppe dort angebracht iſt, wo das Hauptgebände und der Flügel zuſammenſtoßen. Anm. d. Verf. ei⸗ he bte ei⸗ In e er 16⸗ p⸗ ei⸗ er, ze l⸗ ein d⸗ an en, ine ng ne nd en nt te, ler he ta wo 207 daß ſein Talent nicht ausgebildet genug wäre, um es dem Urtheile der Oeffentlichkeit zu unterwerfen. Darum aber malte er bis Weihnachten auch nur zwei Portraite. Die Einnahmen waren daher gering, aber die Ausgabe ver⸗ hältnißmäßig groß, theils weil Stockholm ein theurer Ort iſt und theils weil er, wie man ſagt, mitleben mußte. Denn durch ſeinen Umgang in dem Hauſe des Barons P. wurde er auch in andere Bekanntſchaften verwickelt und es koſtete immer etwas, wie ſich's gebührte, Schauſpiele zu beſuchen, in Tanzgeſellſchaften einzutreten und dabei ge⸗ hörig gekleidet zu ſein. Ein neuer Hut, ein Paar mo⸗ derne Weſten und Halstücher und einige Paar Glacehand⸗ ſchuhe ſind ſchon fühlbare Poſten in der Kaſſe eines Sub⸗ alternoffiziers. Doch er tröſtete ſich damit, daß dies nothwerdig wäre, um bekannt zu werden. Es gelang ihm auch noch vor Ende des Januars einen neuernannten Com⸗ mandeur⸗Capitain mit ſeiner Gattin portraitiren und einem ältern Portraite eines Staatsrathes einen Crachan mit einem blanen Bande hinzufügen zu können. Die Frau des Commandeur⸗Capitaines hatte mit weiblicher Liſt die Ernennung ihres Mannes und die neue Uniform benutzt, um ihn zu dieſer Ausgabe zu überreden, obgleich er den Groſchen gern dreimal umdrehte, ehe er ihn ausgab, jetzt aber nicht umhin konnte, ſeine liebe Ehehälfte ebenfalls zu überreden, ſich malen zu laſſen. Dieſe Portraite brachten Albert außer dem ſüßem Lächeln der Fran jedes dreißig Reichsthaler Banco ein. Freunde und Bekannte hatten über dieſes Lächeln viel zu ſagen. Doch Albert hatte ſchon drei Wochen lang täglich für ſeinen Pinſel einen theureren Gegenſtand gehabt, nämlich Celeſtinen. Als endlich ihr Portrait fertig war, ſo fan⸗ den Alle es frappant ähnlich, jedoch etwas verſchönert durch eine feine Röthe auf den Wangen, welche, wie be⸗ kannt, dieſelben ſonſt nur flüchtig zu beſuchen pflegte. Aber— Wunder! der Maler ſchien auch die liebliche Wange des Originales mit einem in Carmin getauchten 208 Pinſel berührt zu haben; denn die ſonſt nur flüchtige Röthe war jetzt firirt, obgleich etwas matter, als die des Por⸗ traites, außer wenn ſie von irgend einem artigen Herrn an die Embellirung des Portraites erinnert wurde. Da fand ſich ein ſo dunkler Purpur ein, daß das Portrait ver⸗ gleichsweiſe blaß dagegen ausſah. Es lag etwas Schönes, aber auch Unheimliches darin, dieſen Wetteifer zwiſchen dem lebendigen und dem todten Bilde zu ſehen. Der Blau⸗ mantel, welcher in dem Hauſe des Barons ganz wie zu Hauſe zu ſein ſchien, ſich dort jedoch keines blauen Man⸗ tels, ſondern gewohnlich eines blauen Frackes bediente— fand wenigſtens in dieſem Wetteifer etwas Dämoniſches und man ſah, daß er bei ſolchen Gelegenheiten mit der Freiherrin leiſe Worte wechſelte. Albert fand ſich an einem Vormittage ein, nachdem das Portrait ſchon einige Wochen in ſeinem vergoldeten Rahmen in einem Zimmer gehangen hatte, das man ge⸗ wöhnlich das Kabinet nannte und in welchem daſſelbe nach und nach entſtanden war. Das Zimmer hatte Tapeten von weißgelber Grundfarbe mit großen Roſen in den ſchön⸗ ſten Farben, ſo wie man ſie noch heutiges Tages in der Conditorei der deutſchen Kirche gegenüber ſehen kann. Ein Paar dunkelrothe Gardinen vor dem Fenſter und ähnliche vor einem kleinen Alkov, der eine Art Schlafgemach vor⸗ ſtellte, waren übrigens die bemerkenswertheſten Zierden deſſelben. Albert erfuhr von einer kleinen niedlichen Kam⸗ merjungfer, daß die Herrſchaft nicht zu Hauſe wäre— „nur Fräulein Celeſtine iſt zu Hauſe,“ ſagte ſie mit einem gewiſſen bedeutungsvollen Lächeln. Zwar gefiel ihm das Lächeln nicht beſonders, dennoch aber klopfte er ſie unter das Kinn und ſagte:„Sie iſt ein ſo ſüßer Schelm, daß man verſucht ſein könnte, hier zu bleiben, ſtatt hineinzugehen—“ ſie ſtanden im Vorzimmer. Die Jungfer glaubte, es ſei auf einen Kuß abgeſehen und bog ſich zurück; aber Albert nahm das verſtellte Widerſtreben für baare Münze, ſteckte n 1⸗ 1= r 209 die befreiete Hand in die Taſche und zog ein kleines Pa⸗ quet hervor, welches er ihr unter das Kinn hielt. „Sieh! dieſes hatte ich Dir ſchon längſt beſtimmt, ſchönſte der Kammerjungfern!“ Mit dieſen Worten über⸗ gab er ihr das Paquet. Sie öffnete knirend und mit dem bedeutungsvollen Lächeln die Saalthür. Er trat ein, ging leiſe durch ein Zimmer zur Linken— ein Toilettezimmer der Benennung nach— und offnete die Thüre des Kabi⸗ nettes. Hier ſah er Niemanden, als er jedoch ein Paar Schritte weiter gegangen war, ſchob eine kleine Hand den Vorhang vor dem Alkov hinweg, und Alberts Arm fuhr pfeilgeſchwind unter denſelben— um den weichen und warmen Leib Celeſtinens. Der Alkov lag ein wenig höher, als das Kabinet. Celeſtinens Geſicht war daher faſt in gleicher Höhe mit Alberts. Dieſes war vielleicht die Ur⸗ ſache, warum ihre Lippen ſich ſo nahe kamen, daß weniger denn ein Haar breit ſie ſchied. „Albert! Es iſt jemand draußen! Ich höre— „Nein, meine Liebe!— Keiner!“ „Geliebter! Seele meiner Seele! In Deinen Armen iſt mein Grab, aber dort iſt auch das ſchönſte Leben meines Lebens. Drücke mich nicht ſo hart an Dein Herz — das meinige hat nicht Raum zu den ſchwellenden Schlägen———“ 6 Sie ſank willenlos mit geſchloſſenen Augen und bleichen Lippen in ſeine Arme; aber Glut flammte auf ihren Wan⸗ gen. Er trug ſie auf ein kleines Sopha, ſchob den mit einigen Büchern und einem Nähkorbe beſetzten Tiſch, der vor demſelben ſtand, hinweg, ſetzte ſich mit Cele⸗ ſtinen in ſeinen Armen und ließ ſie ihr Haupt an ſeine Schulter lehnen. Er drückte ſeine Wange an die ihrige: ſie brannte. „Albert!“ lispelte ſie und drückte ſeine Hand feſt über die noch geſchloſſenen Augen. „Meine, meine gute, arme Celeſtine!“ Es geht an. 14 2¹0 Sie blickte auf, blickte ihn an, blickte in ſeine Augen; aber ſein Blick konnte nicht die Tiefe des ihrigen meſſen. Er küßte das linke Auge, dann das rechte, dann den Mund. Die Thüre des Vorzimmers ging auf und die Stimme der Freiherrin rief die Kammerjungfer. Albert ſetzte Ce⸗ leſtinen auf das Sopha, ſprang auf und nahm von dem Tiſche ein Buch in die Hand. Beide lauſchten: Aber die Freiherrin, ſtieg noch eine Treppe höher hinauf, wo die Familie ihre gewoͤhnlichen Wohnzimmer hatte. Albert nahm wieder Platz, aber nur auf der äußerſten Kante des Sopha's und zog Celeſtine un ſich. „Liebe, gute Celeſtine!— heute Abend?—— Sage, Du biſt krank und kannſt nicht mitgehen.“ „Ach, Albert! bitte mich nicht!——“ „Geliebte! warum ſo hart gegen Deinen Albert?— Nicht eine ungeſtörte Minute?—— Willſt Du mich denn für immer von Dir vertreiben?“ Er drückte ſie noch feſter an ſeine Bruſt. Wenn ich nur wagte! Du weißt, Albert, daß ich für Dich alles aufopfere. Die Welt und ihr Urtheil iſt mir nichts, ſo lange ich Deine Liebe habe— aber——“ Schöne, ſchöne Celeſtine! Du betrübſt mich nicht? — Du kommſt?— Oder vielleicht, weil der Blau⸗ mantel?—— Still, Albert! um Gottes willen, ſtill! ich komm A Die letzte Silbe fingen ſeine Lippen auf. Eine kurze Stille folgte. Darauf wurde die Thüre zum Vorzimmer leiſe geöffnet— denn von dem Kabinette war auch ein di⸗ rekter Ausgang, obgleich derſelbe der Kälte wegen ge⸗ wöhnlich verſchloſſen war und Albert ſchlich ſich leiſe durch denſelben und eben ſo leiſe zum Haueflur hinaus. Am Abende dieſes Tages ſah die Jungfer Charlotte im Frie⸗ den, wie eine kleine Perſon in einem gewürfelten Mantel an Alberts Seite die ſonderbaren Treppen hinauffſtieg. —.— S—„— — —*—— v N— Fünftes Kapitel. „Geh zur Hölle!“ ———„Nimm den Schlüſſel mit.“ „Denkt Celeſtine auch ſo?6 „Ja, ſie denkt ſv.“ Wir können nicht ſo genau beſtimmen, wie weit das Jahr ſchon vorwärts geſchritten war; aber der Leſer wird geſtehen, daß die Zeit einen viel ſchnelleren Lauf hat, a's wir derſelben in unſerer Erzählung beigelegt haben. So viel iſt gewiß, daß es ganz frühlingsmäßig ausſah, da Ce⸗ leſtine eben ſo bleich wie vormals an einem Morgen zum Fenſter des Kabinettes hinausſah. Die Sonne beſchien klar die Wände der umgebenden Häuſer. Die Dächer waren faſt ganz von Schnee befreit, und die Sperlinge ſaßen in langen Reihen auf den Dachrinnen und freueten ſich ter wärmenden Sonnenſtrahlen, während die von dieſen Rinnen herabhängenden langen Kryſtallſpieße von Eis ſich in blin⸗ kende Waſſertropfen auflösten, von denen der eine nach dem andern zur Erde hinabtanzte. Celeſtine wendete ſich plötzlich um, denn es war Jemand an dem Schloſſe der Kabinetsthür, und da ſie die Freiherrin eintreten ſah, eilte ſie zum Sopha, ergriff ihr Halstuch und warf daſſelbe gewandt über ihre leichte Morgentracht. Die Freiherrin war an der Thür ſtehen geblieben und hatte Celeſtinens Bewegungen betrachtet. Als ſie aber näher trat, lag in ihrer Miene Aerger und Betruͤbniß, ſo daß Celeſtine nur mit unſicherer Stimme das einfache:„Guten Morgen, gnä⸗ dige Freiherrin! ausſprechen konnte. „Es iſt alſo wahr?“— rief die Freiherrin aus— „ach ja! ich ſehe es, nur allzu wahr! Celeſtine! in Gottes Ramen! woran haſt Du gedacht?“ 212 Celeſtine konnte kein ſterbendes Wort hervorbringen. Sie ſah empor zur Freiherrin, aber ihr Blick vermochte ſich nicht zu ihrem Antlitze zu erheben. Sie verſuchte näher zu kommen, aber ſie wankte und ſank ohne einen Laut neben dem Sopha auf den Boden. Die Freiherrin trat herzu, hob ſie mit Mühe auf, ſetzte ſie auf den Sopha und ſich neben ſie. Celeſtine fühlte, wie eine Thräne auf ihren Hals fiel, und jetzt erſt wagte ſie, der Freiherrin in die thränenvollen Augen zu blicken. „Weinen Sie nicht, Frau Freiherrin,“ ſagte ſie; „ich bin nicht ſo unglücklich— ich will Ihnen jetzt nichts mehr verhehlen. Albert liebt mich———“ „Leichtſinnige!“— unterbrach ſie die Freiherrin, in⸗ dem ſie ärgerlich ihre Thränen abwiſchte—„kannſt Du Deinen Fehler noch vertheidigen? Haſt Du nicht Deine Pflichten gebrochen und einen edlen Mann unglücklich ge⸗ macht? Haſt Du nicht über Deine Wohlthäter Schande gehäuft und Dich auf eine höchſt unwürdige Weiſe einem Menſchen überlaſſen, den Du nicht näher kennſt, als nur dem Namen nach? Wenn er Dich auch aus Barmherzig⸗ keit heirathet, wovon wollt Ihr leben, und auf welches häusliche Glück kannſt Du nach dem, was geſchehen iſt, noch hoffen?“ Dieſe ſtrenge Rede gab Celeſtinen wieder Muth. Sie erhob ſich und ſtand vor der Freiherrin. „Er ſoll mich nicht heirathen. Ich verlange es nicht — ich will es nicht. Er ſoll nichts aus Barmherzigkeit thun. Frei ſoll er und frei will ich ſein, nur die Liebe ſoll uns an einander feſſeln— und— ich weiß, ſeine Liebe und die meinige dauern ewig.“ Die Freiherrin ſah ſie beſtürzt an.—„Wie? Mäd⸗ chen? biſt Du bei Sinnen?“ „Was wahr und klug iſt, das iſt in vorurtheilsvollen Ohren immer eine Thorheit. Macht vielleicht die Ehe den Menſchen klüger und beſſer? Wenn zwei Perſonen 2¹⁸ neben einander ſtehen und einander Liebe lügen— ver⸗ wandelt dann wohl die Trauung ihre Liebe in Wahrheit? Und wenn keine Liebe da iſt, ſondern die Beiden ſich kör⸗ perlich und geiſtig vernichten, iſt es da nicht eine Sünde, wenn ſie noch länger bei einander bleiben ſollen, und das einzig und allein der Trauung wegen, die einmal un⸗ nöthiger Weiſe geſchah? Nein, ich liebe das Glück meines Alberts mehr als mein eigenes und ihn unglücklich zu ſehen, würde mir einen größeren Schmerz verurſachen, als ſelbſt der Verluſt ſeiner Liebe———“ „Hat er Dir dieſe ſchönen Geſinnungen eingeflößt? Ich hielt ihn zwar für ſo leichtſinnig, wie Andere ſeines Gleichen, doch eines ſo planmäßigen Schurkenſtreiches hätte ich ihn nimmermehr fähig gehalten.“ „Sie ſind meine Wohlthäterin, und ich bin dankbar — ja ich habe Sie geliebt wie eine Mutter“— ihre Thränen floßen in Strömen, ſie ergriff die Hand der Frei⸗ herrin und küßte dieſelbe—„ſagen Sie mir daher Alles, was Ihr Zorn Ihnen eingibt, äber ſchmähen Sie nicht meinen Albert. Ein edleres Herz als vas ſeinige ſchlug in keines Mannes Bruſt— er——“ Iſt es edel, Dich erſt zu dieſen wahnſinnigen An⸗ ſichten zu bringen und dann?“—— „Ach! Er hat das nicht gethan. Es ſind meine ei⸗ genen, aber ich glaube, er theilt dieſelben. Unſre Seelen ſind ſo gleichgeſtimmt!“— Habe ich nicht viel geleſen,*) *) Man erſieht aus dem Vorhergehenden, daß Celeſtine vor Allem das Roſenbuch liebte. Aus einigen Aus⸗ drücken in dieſer Unterredung ſollte man faſt geneigt ſein zu glauben, daß ſie auch Es geht an ſchon geleſen hat. Da würde ſie jedoch das genannte vor⸗ treffliche Werk im Manuſcripte geſehen haben. Sollte ſie vielleicht perſonlich mit dem Verfaſſer bekannt ge⸗ weſen ſein? Anm. des Verf. 2¹4 und bin ich nicht alt genug, um einzuſehen, daß viele Eheleute gerne das Band auflöſen möchten, welches ſie ſo unbedacht für ihr ganzes Leben geknüpft haben? Sie ſelbſt, ſollten Sie wohl nicht ſelbſt?“—— „Unverſchämte!“ fiel ihr die Freiherrin in die Rede, ſtand auf und ging zur Thür. Dort wendete ſie ſich um und ſagte:„der Elende wird Sie wohl nicht auf der Straße laſſen wollen? hier können Sie nicht bleiben.“ Celeſtine hatte in ihrem Eifer eine wunde Stelle be⸗ rührt, das häusliche Glück der Freiherrin war nämlich nicht beſonders groß; denn der Freiherr hatte eigentlich keine andere Familie, als ſeine Pferde und Hunde. Sie hatte ſich einmal vor Celeſtinen eine Klage entfallen laſſen; aber Celeſtine bedachte nicht, daß Leute, die ſich wegen der Fehler der Ihrigen, ja ſelbſt über ihre eigenen bekla⸗ gen, dieſelben gleichwohl nicht von Andern tadeln laſſen wollen. Sie hörte, daß im Saale zwei Perſonen mit ge⸗ dämpfter Stimme redeten. Bald wurde die Thür zum Vorzimmer geöffnet, und Celeſtine hörte eine Stimme— es war die des Blaumantels— welche ſagte:„die Un⸗ glückliche! aber mit ihm will ich reden.⸗— Sie ſaß im Sopha mit dem ſchönen Koͤpfchen in ihren Händen auf den Tiſch gelehnt. Nur da die Saalthür geöffnet wurde, erhob ſie ihr Haupt einen Augenblick. Lange hatte ſie keinen Gedanken. Endlich ſtand ſie auf, öffnete eine Lade des Secretairs, und nahm einige Briefe von Albert aus derſelben. Es ſah aus, als wollte ſie neue Beweiſe ſeiner Liebe und darin eine Stütze für dasjenige finden, was ſie geopfert hatte und was ſie zu opfern bereit war. Aber — ein nicht ungewöhnlicher Widerſpruch in den Gefühlen und Forderungen des Herzens— ſie fand den Inhalt der Briefe nicht ſo warm, nicht ſo liebevoll, wie ehemals. „Er liebt mich, ich weiß es“— dachte ſie in ihrem In⸗ nernzlegte die übrigen Briefe weg, ſteckte jedoch ein Bil⸗ 215 let auf Roſenpapier dahin, wo es dem Herzen ganz, ganz nahe lag.„Und ſollte er auch aufhören mich zu lieben,“ dachte ſie weiter,„ſo habe ich ja nicht anders handeln können. Genug: ich liebe ihn und muß ihm jedes mög⸗ liche Unglück ſparen. Meine Aufopferung muß mich ihm doppelt theuer machen.“ Doch aller dieſer Beruhigungs⸗ gründe ungeachtet wurde ſie fortwährend von einer dunklen Unruhe beherrſcht, wie man dieſelbe ſtets in einem Herzen findet, das genöthigt iſt, ältere Bande zu brechen, um neue zu knüpfen. Eine ſolche Unruhe gränzt nahe an Gewiſ⸗ ſensbiſſe. Vielleicht iſt jedes gebrochene Band eine Miſſe⸗ that? das Wort der Freiherrin:„wovon wollt Ihr leben?“ kam noch hinzu, denn der Gedanke daran war Celeſtinen ganz neu. Albert's Vermögensumſtände kannte ſie nicht. Doch ſie dachte weiter:„Ich will nur für ihn leben— kein Putz— keine Bälle— keine Schauſpiele!“—— Albert wanderte in ſeinem Zimmer im Keller Frie⸗ den ſchweigend auf und ab. Ein Portrait, an welchem er arbeitete, ſtand am Fenſter auf der Staffelei und auf dem Tiſche daneben ein Haubenſtock mit einer Damenhaube. Er warf bald einen Blick auf das Gemälde, bald in den Spiegel auf dem Tiſche, bei welcher Gelegenheit er immer den Schnurrbart auſſtrich, und dann ſchürte er wieder das Feuer im Ofen. Jetzt nahm er die Palette in die Hand und ſetzte ſich zu ſeiner Arbeit. Aber er hatte noch nicht zwei Spitzen an der halbfertigen Haube gemalt, welche dem Portraite gehoͤrte, und deren Muſter die erwähnte war, als er von einem Pochen an der Thür unterbrochen wurde. Ein wenig ärgerlich— denn er hatte die Erfah⸗ rung gemacht, daß dergleichen frühe Morgenbeſuche lang⸗ weilig ſind, und ſeine Gedanken ſielen jetzt auf einen ge⸗ wiſſen Schneider— beſchloß er ſtill zu ſchweigen, beſann ſich jedoch darauf, daß der Schlüſſel in der Thür ſteckte, 216 und rief daher nicht eben freundlich„Herei trat Ulla, die Tante der Sara Widebeck. Albert's Blick glitt leicht herab über die Alte, von dem alten ſchwarzen Hute über den eben ſo alten Mantel mit ſeinem Capuchon und dem etwas ſchmutzig grauen Unterfutter deſſelben bis hinab zu den nicht eben feinen „ Schnürſtiefeln. Er würde ſie gewiß nicht erkannt haben, wenn er ſie ſeit der Zeit, da ſie ſo unglücklich bei der Abreiſe von Stockholm auf dem Ritterholme ſtehen blieb, nicht wieder geſehen hätte. Nun aber hatte er jedesmal, da er nach Stockholm kam, Grüße und kleine Geſchenke an ſie mitgebracht. Auch nach ſeiner letzten Ankunft hatte er ſie beſucht. Guten Morgen, gnädiger Herr Lieutenant!“ ſagte die Alte mit einem tiefen Knir, aber mit etwas niederge⸗ ſchlagener Stimme:„Gott gebe Ihnen die Geſundheit; die iſt immer das Beſte.“ „Guten Tag, liebe Frau! Wie ſteht's? Treten Sie näher und nehmen Sie Platz! Er führte ſie zu einem Stuhle in der Nähe des Fen⸗ ſters, obgleich die Alte ſanft widerſtrebte und ſich nach einem Platze neben der Thür umſah. „Setzen Sie ſich, Tante Ulla, und ruhen Sie aus.“ Sieh welch eine ſtattliche Frau!“ rief die Alte aus, da ſie das Portrait erblickte,„das iſt gewiß die Königin, Gott ſegne ſie!“ ein, Tante Ulla, das iſt eine andere Frau. Doch was führt Sie zu mir? Gewiß haben Sie mir etwas mit⸗ zutheilen— vielleicht von—— 2 „Ja, ſehn Sie, gnädiger Herr Lieutenant! ich habe ier einen Brief von Sara, der Armen, den mir ein Weſt⸗ gothe mitgebracht hat. Er ſagte, ich ſollte den Brief gut in Acht nehmen: es iſt wohl Geld darin, kann ich mir denken, oder was anderes. Die Leute können ſagen, was ſie wollen, aber wahr iſt es do ch, ſie iſt ein gutes und tüchtiges Mädchen, die Sara.“ 2 Mit dieſen Worten n!“ und herein —„———— —— — ——-— 5————— —— — 217 hatte die Alte ihr blaugewürfeltes Schnupftuch aufgewickelt, worin der Brief verwahrt lag, und reichte ihn Albert dar, nachdem ſie ein wenig Schnupftabak weggeblaſen hatte, der darauf gekommen war. Albert nahm den Brief mit einem gewiſſen unange⸗ nehmen Gefühle, vielleicht der Briefträgerin wegen. Er brach ihn ſchnell, verbarg in ſeiner Hand einen blauen Zettel, der darin lag und ſtarrte den Brief an ohne gleich⸗ wohl ein Wort zu leſen. Ulla ſaß und ſchwieg. Als ſie jedoch nach einer Weile ſah, daß er das Blatt nicht um⸗ wendete, fragte ſie: „Was Neues von Lidköping, wenn ich fragen darf? doch nichts Böſes, will ich vermuthen? der Weſtgothe ſagte, Sara hätte ihm den Brief ſelbſt gegeben.“ „Sara iſt gut zu Wege, und übrigens ſchreibt ſie nichts Neues. Hier“— ſagte er, indem er aus der Taſche ſeines auf dem Stuhle liegenden Rockes das Taſchenbuch und aus demſelben einen Bankzettel von zehn Thalern nahm(es war der einzige Zettel, der dort vorhanden war) —„hier! Sara bittet mich, der Tante Ulla dieſes zu eben. Ulla ſtand auf und ſah etwas fragend aus. Albert errieth ihre Meinung, zeigte ihr den Zettel, der in Sara's Briefe gelegen und ſagte: „Sara hat hier einen großeren Zettel geſchickt, wo⸗ von ein Theil zu kleinen Aufkäufen angewendet werden ſoll.“ Er ſah hiebei nicht im Geringſten fteundlich aus. Aber die Alte blickte bloß auf den Zettel, den er ihr reichte. Nun, wenn das iſt, ſo bitte ich um meinen Dank, wenn Sie ſchreiben. Sie hat immer an mich gedacht, die arme Sara. Aber ſie hätte ihre Kumſchonen wohl mir geben können. Ich habe ja ſchon ſonſt Kleinigkeiten für ſie beſorgt. Aber vielleicht iſt's etwas, das ich nicht ver⸗ ſtehe. Nun, Gott ſegne ſie! und gebe——“ 218 Tante Ulla's Wunſch hätte lang genug werden kön⸗ neu, wurde jedoch durch ein neues Klopfen an die Thür unterbrochen, und da Albert öffnete, zeigte ſich— der Blaumantel. Alle ſchwiegen und es entſtand dort eine Gruppe, die einem Betrachter wohl eine intereſſante Seite hätte dar⸗ bieten können. Die ernſten Züge des Blaumantels nah⸗ men faſt einen lächelnden Ausdruck an, da er die Alte erblickte, die ausſah, als wäre ſie wie zu Hauſe, obgleich ſie im Hochſitze ſaß. Sie hielt den Zettel noch in der einen Hand und in der andern das blaugewürfelte Schnupf⸗ tuch, womit ſie die Thränen abwiſchte, welche ſich bei dem Gedanken an Sara und ihr Wohlwollen einen Weg an ihren runzlichen Wangen hinab geſucht hatten. Denn be⸗ ſonders unter den Perſonen des weiblichen Geſchlechtes gibt es viele, die bei dem geringſten Lobe einer andern in Thränen zerfließen— ohne diejenigen zu zählen, die bei jeder möglichen Gelegenheit weinen. Albert dagegen war ſchon ohnedies in Verlegenheit; dieſe nahm bei dem Ein⸗ tritte des Blaumantels in nicht geringem Grade zu, und mit derſelben ein ſtiller Zorn, gleich dem des Löwen im Käfig. „Ergebenſter Diener, Herr Lieutenant! entſchuldigen Sie, daß ich ſtöre!“ begann endlich der Blaumantel, und löste ſo den Zauber; da jedoch Albert ihm nur ſtumm ein Zeichen machte, er möchte ſich ſetzen, fuhr er fort: „Wenn ich genire, ſo habe ich die Ehre, mich ſpäter wie⸗ der einzuſinden.“ „Nein, mein Herr! haben Sie die Güte näher zu treten.— Mit dieſer Phraſe ſchob ihm Albert einen Stuhl hin, wendete ſich darauf zu der Alten und flüſterte ihr einige Worte zu. Sie knirte mehrmals. „Danke, Herr Lieutenant! aber ich habe Ihnen eigent⸗ lich weiter nichts zu ſagen, als zu bitten, die Güte zu ha⸗ ben, Sara zu grüßen, wenn Sie ſchreiben. Gerne reiste ich zu der Zeit hinab, denn da braucht ſie gewiß Hülfe, „— 219 aber erſtens iſt ja leider die Schlittenbahn zu Ende, und dann mein kleiner Handel—— aber Adieu, Herr Lieu⸗ tenant! grüßen Sie die Arme vielmals“—— Es ſah ſo aus, als wenn die Alte ihren Gruß noch öfter wieder⸗ holen wollte, aber Albert, dem das Blut ſchon bis in die Stirn geſtiegen war, hatte ſchon die Thür geöffnet, und ſie zog ſich rücklings hinaus. Eine Art von gegenſeitigem Mißtrauen hatte von dem erſten Augenblicke an zwiſchen Albert und dem Blauman⸗ tel geherrſcht, obgleich wenigſtens der Erſtgenannte ſich die Urſache deſſelben nicht anzugeben vermochte. Noch nie hatten ſie ſich beſucht. Nicht einmal eine Einladung dazu war von irgend einer Seite jemals erfolgt. Albert war vaher von dem Beſuche überraſcht und die ſchwatzhafte Tante Ulla hatte die Sache keinesweges verbeſſert. Als er ſich jetzt mit einer fragenden Miene an den Blauman⸗“ tel wendete, ſah es faſt ſo aus wie eine Herausforderung und der Blaumantel dachte ein wenig nach über den kriti⸗ ſchen Auftrag, den er erhalten hatte. Albert fragte kurz: „Was verſchafft mir die Ehre Ihres gütigen Beſu⸗ ches 2“ ſtellte mit dieſen Worten die Staffelei an die Wand und wendete das Portrait um. Der Anblick des Gemäldes weckte gewiſſe Erinnerungen bei dem Blau⸗ mantel; darum antwortete er mit einem eben ſo kurzen Tone, indem er aufſtand: „Eben kein angenehmes Geſchäft, Herr Lieutenant, falls Sie nicht etwas Angenehmes darin finden. Es ſind gewiſſe Explicationen vorgefallen zwiſchen der Freiherrin und Cel— Fränlein Celeſtinen. Vielleicht errathen Sie den Inhalt derſelben, wenn ich Ihnen noch ſage, daß die Kammerjungfer der Freiherrin nicht verſchwiegen genug geweſen iſt, ſondern Verſchiedenes ausgeplaudert hat. Das Fräulein hat ihrer Ausſage nicht wiverſprochen. Ich weiß nicht, ob Sie, Herr Lieutenant, zugeben wollen, daß dieſe Dinge Sie betreffen?——“ 220 „Ob ich zugeben will? Wem? Sie, mein Herr, dür⸗ fen wenigſtens überzeugt ſein, daß ich Ihnen keine Ein⸗ miſchung hierin zugebe.“ Er machte eine heftige Bewe⸗ gung, und ſein Blick fiel auf die Piſtolen an der Wand. Die Augen des Blaumantels blitzten. „Ich bin hier als der Abgeſandte der Freiherrin. Kurz— ſind Sie geſonnen, die Unglückliche auf der Straße zu laſſen?——“ Seine Stimme zitterte merklich. „Sie hätte einen beſſern Abgeſandten finden können. —— Ich kenne meine Pflichten ohne ihre und eines An⸗ dern Erinnerung.— Doch vielleicht haben Sie Genug⸗ thuung zu fordern?“ Albert ſchrie dieſe letzten Worte in voller Wuth und trat ein Paar Schritte vor. „Ich könnte ein Recht dazu haben“— erwiederte der Blaumantel mit wilder Geberde; doch er ſenkte die Stimme, als er fortfuhr:„Verhältniſſe, die jetzt nicht mehr vorhanden find, könnten mich berechtigen, Genug⸗ thuung zu fordern—— doch ich will die Undankbare nicht der einzigen Stütze berauben, die ihr noch übrig iſt. Mögen Sie einem höheren Richter verantwortlich ſein— Celeſtinens Zukunft iſt in Ihren Händen— möchte dieſe kurz ſein, da wäre ſie vor dem Schlimmſten gerettet. Dann kann es für uns noch Zeit ſein. Ich habe Ihnen nur noch zu ſagen, daß die Veränderung in ihrer Lage, welche jetzt nothwendig iſt, ſo ſchnell wie möglich geſche⸗ hen muß.“ Er näherte ſich der Thüre. „Halt, Herr! rief Albert und ergriff ihn beim Arme, doch mit einer gewaltſamen Bewegung machte er ſich frei. Albert taumelte über einen Stuhl. Der Blaumantel warf ihm einen wüthenden Blick zu. Nein! um ihretwillen, nein!“ rief er aus und ging. Er warf die Thüre ſo heftig zu, daß Jungfer Char⸗ ———— c——— — e — 221 lotte mit der Kehrichtſchaufel und dem Staubbeſen aus dem angrenzenden Zimmer gelaufen kam, und aus einem dritten Zimmer blickte ein deutſcher Handelsexpedit mit der Cigarre im Munde und der Guitarre in der Hand. Nur ihre wundernden Blicke begegneten Albert, als er mit einer Piſtole in der linken Hand, mit der rechten die Thüre auf⸗ ſtieß. Er ſah nach der Treppe, doch dort war niemand, er ging alſo wieder in ſein Zimmer— und als Jungfer Charlotte, indem ſie ſeine Thüre leiſe öffnete, fragte:„Was in aller Welt gibt es denn?“ antwortete er mit einer zurückweiſenden Geberde ein donnerndes: „Geh zur Hölle!“ und etwas leiſer:„nimm den Schlüſſel mit!“ Alberts Gemüthsverfaſſung nach dieſen Auſtritten war ein brauſendes Meer, wo kein Sonnenſtrahl in die Tiefe hinabblicken konnte, ſondern nur den Glanz der ſchäumen⸗ den Wuth vermehrte. Für ſolche Augenblicke der Ver⸗ dammniß gibt es keine anderen Worte als Verwünſchungen. Sie ſind die Thore zu den Wohnungen der Reue, aus denen unſelige Geiſter ſchreien: „Die Hölle ſiegt, jetzt biſt Du unſer!“ Er erhob die linke Hand mit der Piſtole zweimal nach der rechten— doch dieſe ſtreckte ſich nicht aus, um die dargebotene Gabe anzunehmen. In der Verzweiflung warf er die Piſtole auf das Sopha. Sie ging ab, obgleich der Hahn nur halb geſpannt war— nur das Pulver auf der Pfanne brannte. Er athmete mit einer Art von Befriedi⸗ gung den wirbelnden Rauch ein, indem er in ſeinem In⸗ nern Verwünſchungen ausſtieß gegen ſich ſelbſt, Sara, Celeſtinen— gegen ſeinen Vater— gegen die ganze Welt. Faſt eine halbe Stunde lang maß er mit ſchnellen Schritten den kurzen Abſtand zwiſchen der Thür und dem Sopha in dem kleinen Zimmer. Albert hatte gleich nach ſeiner Ankunft in Stockholm einen Brief an Sara geſchrieben. Er brauchte nicht lange guf Antwort zu warten. Er aber zögerte mit ſeinem 222 nichſten Briefe von dem einem Tage zum andern. Einem Betrüger wird ein Brief zu jeder Zeit und unter allen Umſtänden leicht. Denn Briefe, welche nur die Gefühle und Gedanken des Schreibenden malen, ſind gewöhnlich ein Betrug, wenn auch gewöhnlich ein Selbſtbetrug. Wenn ſich nämlich Jemand hinſetzt, um einen ſolchen Brief zu ſchreiben, ſo muß er ſich aus ſeinem alltäglichen Ideen⸗ gang reißen, und der Inhalt des Briefes wird nur ein Abdruck der Gemüthsſtimmung, in welche er ſich augen⸗ blicklich verſetzt hat. Darum iſt es, wie geſagt, einem Betrüger leicht, einen Brief zu ſchreiben, um ſo mehr, als er nicht den Anblick und die Gegenwart der betrogenen Perſon zu ertragen hat. Aber Albert betrog nicht und wollte nicht betrügen. Eine unbeſtimmte Unruhe, in welche ſeine Seele eine Zeitlang verſetzt geweſen war, hielt ihn vom Schreiben ab. Er beruhigte ſich damit, daß dieſes auch das Beſte war, was er thun konnte. Denn nicht wollte er ſie— Sara— mit einer offenen Erzählung von ſeiner jetzigen Stellung verletzen. Auch meinte er, es wäre ſchonender, wenn ſie ſich ganz allmälig auf die Trennung vorbereitete, als wenn er ihr ganz kühn ins Geſicht ſagte, daß es mit ihren Verhältniſſen zu Ende wäre. Er hatte ſich daher nicht einmal auf der Poſt er⸗ kundigt, ob ein Brief aus Livköping angekommen war. Erſt vor zwei oder drei Wochen hatte er einen recomman⸗ dirten Brief mit 50 Reichsthaler Banco und einigen ziem⸗ lich herzlichen Zeilen abgeſchickt. Sara, welche ſchon in mancher bittern Stunde die Wahrheit geahnt hatte, wurde in ihren Vermuthungen dadurch geſtärkt, daß Albert nichts von ſeiner Rückkehr erwähnte. Aber ihr Gemüth, das im Grunde keinen geringen Stolz beſaß, konnte den Gevanken nicht tragen, daß das einzige Band zwiſchen ihr und Al⸗ bert das Geld und der Eigennutz ſein ſollte. Daher ſchrieb ſie: „Da Du gewiß in Stockholm Mehr gelt brauchſt „als ich hier in Livköping, ſo ſchicke ich Dich dieſen Zed⸗ 223 „del zurück. Die Kinder ſind geſund. Ich hoffe von „Dir das auch zu Hören, wenn Du auch ſo lange nicht „geſchriben haſt. ſorge Du nur nicht für Uns Wir leben „mit Gott einen tach nach dem andern. Gott laſſe es „Dich wohl gehen lebe wohl wünſcht Deine Freundin Sara Widebeck.“ „N. S. der Zettel iſt ein 50 reichsthalerbanco und „hans Perſon von Trufwe nimmt den Brief mit an Tante „ulla grüße ſie. Bitte ſie mir den kleinen korb zurück⸗ „zuſchicken.“ Albert durchlas dieſe Zeilen mit einem Verdruß, der ſeinem Herzen große Erleichterung verſchaffte. Er fand darin die größte Kälte und Gleichgültigkeit, obgleich dieſes gewiſſermaßen ſein eigenes Gefühl erleichterte, ſo ärgerte er ſich dennoch darüber. Der Brief flog in den Ofen, und er machte ſich ein Vergnügen daraus, mit der Feuer⸗ gabel die ſchon erlöſchenden Kohlen wieder anzufachen, um ſeine Vernichtung zu beſchleunigen. Vielleicht trug zu dieſem unangenehmen Gefühle auch das Aeußere und die fehlerhafte Schreibart des Briefes das Seinige mit bei. Es ſah aus, als fürchtete er, daß Jemand ihn ſehen könnte. Er machte noch einmal die ganze Pein durch, welche er bei dem Zuſammentreffen des Blaumantels und der Tante Ulla empfunden hatte. Man glaubt, daß der⸗ gleichen nur Kleinigkeiten ſein ſollten; doch durch ſolche wird der Menſch zu einem bewundernswürdigen Grade gebunden. Schlechter Druck und ſchlechtes Papier können das geiſtreichſte Buch unangenehm machen, während da⸗ gegen ganz mittelmäßige Sachen in einem hübſchen Taſchen⸗ buche einen gewiſſen Werth erhalten. Der Philoſoph mag previgen ſo viel er will, der Menſch iſt und bleibt dennoch an das Aeußere und Sinnliche gebunden, und ſchließt von dieſem auf das Innere. Die Sterne bevölkert er mit Engeln, und unter der Koͤnigskrone ſucht er Weisheit, Gerechtigkeit und Güte; aber er verſetzt den Abgrund in 224 das Innere der Erde, in Finſterniß und Nacht und ahnt am leichteſten das Verderben unter den Lumpen des Bettlers. Mancher ſtolzdenkende Leſer vermuthet vielleicht, daß Albert, der bei Gelegenheit ebenfalls ſtolz ſein konnte, die Banknote mit dem Briefe verbrannte?— Doch ſieh— denke, das that er nicht. Er zog ihn eben jetzt aus der Taſche, wohin er ihn beim Eintritte des Blaumantels ge⸗ ſteckt hatte, und legte ihn hübſch in ſein Taſchenbuch, welches ganz leer war. Bei einer andern Gelegenheit, das heißt, wenn er Ueberfluß an Geld gehabt hätte, ſo würde er vielleicht ſo etwas gethan oder das Geld den Armen gegeben haben. Jetzt beſchloß er nur, jährlich die doppelte Summe für Saras Kinder in eine Sparbank zu ſetzen; für's Erſte war er aber gezwungen, ſie zu leihen. Er mußte ja noch heute für Celeſtinen ſorgen. Und dann beſchloß er auch in dieſem Augenblicke ſelbſt das Wirths⸗ haus zu verlaſſen. Dieſer Entſchluß beabſichtigte klar und deutlich Erſparung. Denn ein Haushalt iſt immer wohl⸗ feiler als zwei, beſonders wenn der eine von beiden ein Junggeſellen⸗Haushalt iſt. Und dann ſo—— Es war keine Zeit zu verlieren. Er machte ſeine Toilette ſchneller als gewöhnlich und ging darauf hinab in den Kellerſaal, um im Tageblatte nachzuſehen, wo Zim⸗ mer zu vermiethen waren. Am liebſten wünſchte er auf Ladugordsland*) zu wohnen. Zu allem Glücke ſtanden in dem Hauſe Nr. 16 an der Ecke der Grafen⸗ und Ritter⸗ ſtraße zwei Zimmer, jedes mit ſeinem eigenen Eingange ledig. Erhatte einen Augenblick auf die Zeitung warten müſſen, denn auf ſeine Frage danach hatte der Kellner das ärger⸗ liche:„Wird geleſen,“ geantwortet. Inzwiſchen forderte er einen Schnapps und ein Butterbrod. Der Schnapps *) Der nordöſtliche Stadttheil, in welchem die Caſe nen liegen. Anm. d. Ueberſ. —— S— ————c——— 225 und ein Glas Bier, bemerkte er ſelbſt, gingen ganz leicht hinunter, aber das Brod hatte gute Luſt, im Halſe ſtecken zu bleiben. Man könnte hierin eine natürliche Urſache zu der Reigung für Getränke finden, welche ſo oft und beſonders Männer bei einem plötzlichen Unglücke überfällt. Es iſt nämlich eine unwiderſprechliche Erfahrung daß die Sorge den Schlund zuſammenſchnürt, und dann iſt nichts natürlicher, als daß der Menſch lieber trinkt als ißt, denn mit etwas muß man doch wohl das elende Leben erhalten. Ueberdies haben alle Halsbeſchwerden einen ſteten Durſt zur Folge. Doch es iſt unnöthig, dieſen Gegenſtand wei⸗ ter zu entwickeln, denn die Leute verabſcheuen es, ſich an die einfachſten und natürlichſten Erklärungsgründe zu hal⸗ ten, ſondern ſuchen dieſe lieber in der Weite, einzig und allein deßhalb, weil dieſes Suchen Gelehrſamkeit heißt. Nur die im Herzen Einfältigen begnügen ſich mit dem, was einfach und natürlich iſt. Albert begab ſich auf den Weg nach Ladugordsland. Er wanderte die Oeſterlonggata mit ihren vielen einladen⸗ den Wirthshausſchildern und Beefſteaksgerüchen hinab, ohne gleichwohl jetzt darauf Acht zu geben, daß Mercurius zwiſchen Riga und dem Schwediſchen Wappen hängt und fertig zu ſein ſcheint, von jenen zu dieſem Bandelier und Tzako hinüberzubringen und Geld und ſüße Worte zurück⸗ zugeben. Als er jedoch aus der engen und düſteren Straße auf den Schloßberg kam, ſo merkte er, daß es ein ſchöner Frühlingsmorgen war. Die Sonne beleuchtete die ganze Fagade des ſtattlichen Schloſſes und ihre Strahlen ſchim⸗ merten in den Scheiben der hohen Fenſter. Die Straße war ganz vom Eis befreit, und er vertauſchte gerne das ebnere Eis, auf welchem er in der Oeſterlonggata gewan⸗ dert hatte, gegen das abgenutzte Straßenpflaſter. Er ließ das Schloß im Weſten liegen, um das ſchoͤne Licht und die Wärme der Sonne genießen zu konnen. Die Statue Guſtav's III. blickte froh und glänzend herab von ihrem Piedeſtal. Selbſt der Gardiſt an der Logords⸗ Es geht an. 15 226 treppe*) blinzelte hinauf zu der Sonne, indem er ſich an das eiſerne Stacket lehnte. Alle Menſchen ſahen froher aus und wanderten mit leichteren Schritten einher. Al⸗ bert konnte kaum ein neidiſches Gefühl unterdrücken, als er ſah, mit welcher Ruhe und Zufriedenheit ein wohlge⸗ nährter Bauerknecht auf ſeinem mit Bouteillenkörben bela⸗ denen Karren einherſtolzirte. Auf der Norder⸗Brücke war der Volksſtrom ſchon auf beiden Seiten in voller Fahrt, gleich dem Strome in der Straße von Gibraltar.— Albert kam ebenfalls in den Strom, und obgleich wahr⸗ ſcheinlich gemüthsſchwerer, als die meiſten übrigen Fuß⸗ wanderer, bekam er gleichwohl bald eine ſtärkere Fahrt als mancher andere. Wenigſtens holte er zwei Segler ein, welche mit ihm eine gleiche Flagge— das heißt einen Schnurrbart auf der Oberlippe— und faſt gleiche Takel⸗ lage— Surtout und Hut— führten. Es war voraus zu ſehen, daß er angerufen werden würde, und er war eben im Begriff hinüberzuſteuern auf das entgegengeſetzte Trottoir, als der Eine von den Beiden ſich umſah und ein Zuſammentreffen unvermeidlich war. Dieſes ging denn auch ganz friedfertig mit allen möglichen Honneurs vor ſich. Derjenige, welcher Albert zuerſt bemerkte, war eben jener von P., deſſen Commiſſion er in Lidköping ſo glück⸗ lich ausgerichtet hatte. Sie hatten ſich jetzt öfter in dem Hauſe des Barons P. getroffen und waren außerdem faſt täglich zuſammengekommen. Es ließ ſich daher nicht gut thun, von P's Einladung nach dem Keller von Kaſten⸗ —————— *) Ein ſchönes zwiſchen zwei Flügeln an der öſtlichen Seite des Schloſſes liegendes Gattenparterr führt den Namen Logorden(der Luchshof oder Garten), weil ehemals dort dergleichen Thiere(man ſagt jedoch: Leoparden) verwahrt wurden. Eine Treppe von Gra⸗ nit führt von dem Hafen zu dieſem Garten hinauf, und oben ſteht ein Poſten. Anm. d. Ueberſ⸗ — 227 hof auf ein Glas Porter auszuſchlagen. Noch dazu fuhr Alberts Halskrankheit mit dem ſie begleitenden Durſte noch immer fort. Als ſie in den gewölbten, mit Weinranken ausgezier⸗ ten, großen Saal traten, ſahen ſie dort viele Gäſte ver⸗ ſammelt; alle hatten ihren halben Hummer vor ſich.„Fri⸗ ſcher Hummer!“ was war natürlicher, als daß ſie es machten, wie die Uebrigen. Darauf trank man Porter und zuletzt ein Glas Madera. Albert war zwar ein wenig unruhig; doch geht es wohl ſelbſt tüchtigen Geſchäftsleu⸗ ten ſo, daß ſie nicht ungerne ſehen, wenn die Zeit ver⸗ geht, da ein unangenehmes Geſchäft ihrer wartet, und daſ⸗ ſelbe ſo lange aufſchieben, als es ſich aufſchieben läßt. Es iſt dies vielleicht eine Schwäche, aber eine höchſt natürliche und höchſt allgemeine Schwäche. Albert würde wahrſchein⸗ lich aus eigenem Antriebe ſich nicht aufgehalten haben; da er jetzt auf ein paar gute Freunde ſtieß und von ihnen überredet wurde, ſo ließ er es gehen. Zwar fand er wenig Unterhaltung in ſeiner jetzigen Geſellſchaft, aber die Zeit verging doch wenigſtens, und wenn auch ohne Annehmlich⸗ keit, ſo doch ohne Unannehmlichkeit. „Ein Teufelskerl, der Albert!“ ſagte von P.,„die Mädchen laufen ihm nach, wo er ſich nur zeigt. Seht nur die Celeſtine an, die ſüße Canaille! Hier hat ein Jeder ſich verſucht. Ich kann ohne Prahlerei ſagen, daß ich mit ihr ſchon auf gutem Wege war— aber ſo kommſt Du— und wipps iſt ſie verliebt bis über die Ohren. Es iſt wahrhaftig Schade, daß Du ſchon feſt biſt;— denn verdammt ſchöne Augen hat ſie.“— „Laſſen wir das. Du weißt, ich mag es nicht gerne.“ „Was zum T—! biſt Du jalour? Du wrillſt ſie wohl nicht alle haben, wenn ſie ſich Dir auch an den Hals werfen?“ „Wie kannſt Du wiſſen, ob ich feſt bin? Kann ich es nicht machen wie Mancher von Euch, und meine Luſt 228 an Veränderung finden?— Albert trommelte mit der Gabel an einem Glaſe, daß es in Stücke ging. „Aha! ſteht es ſo? Der Philoſoph iſt übergetreten und hat ſeinem Haſſe gegen die Ehe entſagt. Gratulire! obgleich Du für die Mitgift eben nicht viele Frachtwagen nöthig haben wirſt. Nun, Du kannſt wenigſtens die Thrã⸗ nen in ihren ſchoͤnen Augen ſehen, wenn Du mit zur Revue reiſeſt.“ „Ich reiſe nicht. Ich denke um Urlaub anzuhalten.“ „Ja, das iſt vorſichtig. Sie könnte ſonſt weggefiſcht ſein, da Du zurückkommſt. Mit allem Reſpekt vor der Dame— ich glaube, ſie iſt verteufelt leichtfüßig. Wenn Du nur Urlaub erhältſt. Es ſollen ſchon fo viele Geſuche um Urlaub angekommen ſein, daß, wenn ſie alle bewilligt würden, ich die Ehre haben könnte, bei der Revue der ein⸗ zige Befehlshaber zu ſein.“ „Erhalte ich nicht Urlaub, ſo nehme ich Abſchied. Zur Revue zu reiſen, dazu habe ich in dieſem Jahre kein Geld. Ich muß verdienen.“ „Du willſt Abſchied nehmen? Biſt Du raſend 2 In fünf Jahren biſt Du Capitän. Ehrenwerther Albert! laß Dir nicht durch ein Paar blaue Augen den Verſtand ver⸗ rücken!“ „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Ihr erfahrt es demnach früher oder ſpäter.— Ich vereinige mich mit Celeſtinen.“ „Wie? Du heiratheſt mit einem Male?“ „Ja, ich heirathe. Das kann wohl geſchehen ohne einen ſchwatzenden Prieſter, der für Geld die Hand aus⸗ ſtreckt. Eine Sache, die man für zwölf Schillinge haben kann, wird wohl nicht viel werth ſein.“ „Nun, ſo mag mich der T— holen, wenn ich Euch, Ihr ſcheinheiligen Vernünftler, je wieder glaube!“ ſagte von P. faſt gerührt.„Das alſo wat das Ende vom Liede? Albert! wir ſind immer Freunde geweſen, aber 6 ————— mit goldenen Arabesken gezierten Tapeten von Goldleder 229 meiner Treu, ich hätte nicht das Herz, ſo zu handeln, wie Du jetzt handeln willſt.“ Seine Augen glänzten von einer gewiſſen Feuch⸗ tigkeit. „Schreie doch nicht ſo! Was ich thue? Ach, ließe ſich der Sache helfen, ſo“——— „Arme Celeſtine! ſo rette doch wenigſtens ihre Ehre, heirathe ſie.“ Heirathen? Ja, lieber Freund! ich heirathe ſie ja. Nur die Traurede, das heißt gar nichts, wird dabei feh⸗ len. Ich will um unſerer Freundſchaft willen das For⸗ mular mit dazu gehörenden Ceremonien gerne zehnmal repetiren, wenn Du meinſt, daß dadurch das Band ſtär⸗ ker wird. „Denkt Celeſtine auch ſo?“ „Ja, ſie denkt ſo.“ Siebentes Kapitel. Sei nicht traurig, daß Du in einem Boden⸗ zimmer wohnſt. Am Abende dieſes Tages, als es ſchon dunkel war, ſaß Albert in einem kleinem Bodenzimmer des erwähnten Hauſes an der Ritterſtraße Nro. 16. Das Zimmer lag in einem Hintergebäude auf dem Hofe und das Aeußere deſſelben war ganz angenehm, obgleich es nur ein Boden⸗ zimmer war. Die Wände waren mit gut conſervirten und 230 bekleidet— es iſt ſchwer zu wiſſen, wie ſie ſich in vieſe anſpruchsloſe Kammer verirrt hatten. Nur ein Fenſter war vorhanden, aber dieſes hatte eine Ausſicht, die für den Sommer hoͤchſt angenehm zu werden verſprach, nämlich auf einen recht hübſchen Garten. Die wenigen Möbeln waren weiß mit alten Vergoldungen. Sopha und Stühle waren gewiß ehedem mit Damaſt oder roſigem Sammet überzogen geweſen, jetzt aber hatte ein anſpruchsloſer Kat⸗ tun mit blauen Fagons auf weißem Grunde ſeinen Platz eingenommen. Da hiezu ein Bett mit einer netten weißen Decke und eine kleine Commode von Mahagony mit dazu gehörendem Toilettſpiegel kam, ſo fehlte dem Zimmer wei⸗ ter nichts, als ein Paar ſchöne Gardinen, um ein recht nettes Ausſehen zu haben. Commode, Spiegel und Bet⸗ ten gehörten Celeſtinen. Albert vermuthete, daß ſie die⸗ ſelben von der Freiherrin erhalten hätte, und obgleich er eben nicht unzuſrieden war, daß ſie jetzt hier waren, ſo war er dennoch nicht recht zufrieden damit, daß Celeſtine ſie angenommen hatte. Doch war Celeſtine vielleicht allzu aufgeregt geweſen, als daß ſie an dergleichen gedacht hatte. Albert bangte eben vor dieſem Abende und vor dem erſten Wiederſehen. Denn er hatte Celeſtinen den ganzen Tag nicht geſehen. In das Haus des Freiherrn wollte er nicht gehen, aus Furcht vor„Auſtritten und unnöthigen Erklä⸗ rungen,“ wie er an Celeſtinen ſchrieb. Er hatte aber Trä⸗ ger für ihre Effekten beſorgt, und dieſe zu der neuen Woh⸗ nung begleitet. Zuletzt hatte er ihr ſelbſt einen Mieths⸗ wagen geſchickt, und dem Kutſcher ſtreng verboten, Jeman⸗ den zu ſagen, wohin er führe. Jetzt lauſchte er ängſtlich auf das von der Straße zu ihm hinauſſteigende Geräuſch eines jeden der wenigen Wagen; doch alle fuhren vorbei, keiner hielt vor der Thüre ſtill. Dieſe Einſamkeit an einem ſolchen Abende war ge⸗ eignet, allerlei Vorſtellungen in ſeiner Seele zu erwecken. Er konnte die unruhige Wallung nicht unterdrücken, in welche ſein Blut kam, da er an Sara und an ihre Kin⸗ 231 der dachte. Der Verſtand wendete zwar ein es iſt beſſer ſo, wie es jetzt iſt. Soll mich das Gewiſſen zu einer unauflöslichen Ehe verurtheilen, ſo iſt ja nichts damit ge⸗ wonnen, wenn man die Trauung vermeidet. Wäre es unrecht, ſich zu trennen, da man einſieht, daß man nicht länger für einander paßt, ſo iſt ja die Trauung, welche zwei arme Leute geſetzlich an einander bindet, kein ſtärkeres Band, als das Gewiſſen.„Nein, ich habe nichts Böſes gethan, ſagte er halblaut, es iſt unſer beiderſeitiges Glück. Aber ein ſo eigenſinniges Weib! Warum ſchickte ſie das Geld zurück? Aber wenn ſie es nicht geſchickt hätte? Das Schickſal ſcheint durch den einen ärgerlichen Zufall den andern abwenden zu wollen. Doch ſataniſch iſt es, daß ich das Geld gerade hiezu anwenden muß. Aber was habe ich für Freude davon.— Eine Thorheit! Gott weiß, wie es gehen und wie es endigen ſoll. Hätte ich Geld und könnte reiſen bis an das Ende der Welt!“ Er löſchte das Licht wieder aus, das er vor einem Augenblicke ange⸗ zündet und warf ſich auf den Sopha. Er kam endlich hinein in die Gemüthsſtimmung, da der Menſch ein allgemeines Unglück, ein Erdbeben, eine Ueber⸗ ſchwemmung, eine Revolution, einen jüngſten Tag wünſcht, um in dem Elende Aller ſein eigenes begraben zu können. Dieſes Gefühl iſt ein erſchütterndes, aber es iſt ein erhabenes. Es iſt gleichſam, als fühlte der Menſch, er trüge die Welt in ſeiner Bruſt, und wenn er auch nicht die Macht hat, einen allgemeinen Zerſtörungsact außer ſich hervor⸗ zurufen, ſo kann er doch in ſich dieſes elende Aeußere . vernichten. Verachtung gegen das Weltliche predigt ja noch dazu das Chriſtenthum. Dieſe Verachtung iſt zu⸗ gleich auch die tiefſte Liebe, denn ſie ehrt das Innere, wahrhaft Menſchliche in dem Menſchen, die Macht des Innern über das Aeußere. Menſchenhaſſer iſt daher ein ungerechter Name. Der Menſchenhaſſer verachtet den Menſchen nur ſo wie er ſich zeigt— nicht wie er iſt— haßt den Menſchen, liebt jedoch die Menſchheit. 232 Das Geraſſel eines Wagens weckte Albert. Er konnte deutlich hören, daß derſelbe vor dem Hauſe ſtill hielt, und er ging daher hinunter. Da er hinab kam, hatte der Kutſcher die Wagenthür ſchon geöffnet. Er hörte, wie Celeſtine ſagte:„Geh hinein und frage, ob hier nicht Lieutenant—“ „Ich bin hier,“ ſagte er und ließ den Fußtritt hin⸗ ab; da er ihr jedoch beim Ausſteigen helfen wollte, fiel ſie ihm um den Hals, und ihr Haupt ſenkte ſich hinab auf das ſeinige. Er war gezwungen ſie auf den Hof zu tragen. Kein Wort kam über ihre Lippen; nur ein halb unterdrücktes gewaltſames Schluchzen deuteie an, daß ſie noch ihre Beſinnung hatte. Er ſtellte ſie ſanft auf ihre Füße und unterſtützte ſie mit ſeinen Armen, da ſie einen wankenden Rückſchritt that. Theure Celeſtine, komm' zu Dir ſelbſt! Meine arme Celeſtine! wie viele Unruhe Du heute gehabt haben mußt!“ Ein Kuß ſchien ſie wieder etwas in's Leben zurück zu rufen. Sie ſagte wenigſtens zweimal leiſe:„Albert! Albert!“ und ließ ſich von ihm über den Hof zu dem Hintergebäude und die etwas ſteile Treppe hinauf führen. Albert konnte merken, daß ſie vor einem Schauder zit⸗ terte, als er ſie mit dem rechten Arme ſtützend, mit der linken Hand nach der Stubenthür ſuchte. Bald fand er dieſelbe, führte ſie hinein und ließ ſie auf dem Sopha Platz nehmen. Er wollte eben von ihr wegtreten und das Licht anzünden, doch ſie zog ihn zu ſich auf das Sopha und ſagte mit einer gewiſſen Heftigkeit: „Albert! ich habe ja Dich! Du liebſt mich ja!“ „Liebſte, beſte Celeſline! ſei ruhig! Du weißt ja, daß ich Dich über Alles in der Welt liebe!“ Er ſagte dieſes mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit, welche ſeiner Stimme vielleicht Innigkeit und überzeugende Kraft verliech. Wenigſtens nahm während des Schwei⸗ gens, das nun erfolgte, ihr Schluchzen ab und verſtummte 233 zuletzt ganz. Wohl eine halbe Stunde verfloß, ehe Albert das Licht anzündete, und bei dem Scheine deſſelben ſchien ſchon ein kleines Erröthen ihre Wangen zu färben. „Sieh, liebe Celeſtine! iſt nicht das Zimmer nett? Wahrhaft fürſtliche Tapeten! Zwar iſt es klein, doch Dein kleines Kabinett war ja auch nicht größer.“ Sie ſeufzte. Er öffnete ſchnell die Thür zu einer kleinen Gar⸗ derobe.„Siehſt Du hier, wie bequem. Sei nicht trau⸗ rig, daß Du in einem Bodenzimmer wohnſt. Siehſt Du, das Dach iſt mit Brettern verſchalt, und Du haſt einen geräumigen und hellen Flur.“ Er öffnete hiebei die Thür und leuchtete hinaus. Ich habe dort unten ein Zimmer. Es iſt ein wenig größer als dieſes, und würde der Treppe wegen gewiß bequemer für Dich geweſen ſein; aber es iſt heller und ich brauche ein helles Zimmer für meine Por⸗ traite. Du biſt wohl nicht unzufrieden mit meinen An⸗ ordnungen? Ich konnte es ſo in der Eile nicht beſſer be⸗ kommen. Du erhielteſt mein heutiges Billet ohnehin ſpät genug. Vergib mir, Celeſtinchen! aber ich konnte nicht anders.“ „Ach, alles iſt gut. Bekümmere Dich nicht um meine Bequemlichkeit. Du kannſt doch wohl Kummer genug haben, mein armer Albert!“ „Eins ſetzt mich aber jetzt in eine kleine Verlegen⸗ heit. Ich habe uns noch keine Aufwärterin verſchaffen können. Die Aufwartung der Wirthsleute taugt nicht. Wagſt Du es, einen Augenblick allein zu ſein, ſo will ich uns ein wenig Abendbrod beſorgen. „Nein geh' nicht weg, mein Albert! Ich bin gar nicht hungrig.“ „Liebe Celeſtine! etwas wenigſtens mußt Du eſſen. Ich bin gleich wieder hier. Zieh' den Schlüſſel ſo lange aus. Sei nur vernünftig; hier haſt Du ja nichts zu fürchten.“. „Aber halt Dich nicht lange auf, guter Albert!“ „Ich bin im Augenblicke wieder hier.“ 234 Er ging. Mit ſchnellen Schritten ging er die Rit⸗ terſtraße hinab nach der Nybrogata. In den Werkſtätten der Axtillerie ſchwieg ſchon das Gehämmer, aber in dem Stalle ertönte das gleichmäßige Getrampel der Pferde. Als er die Nybrogata erreichte, ging er in das Wirths⸗ haus„der Apfel, forderte eine halbe Bouteille St. Ju⸗ ien, und aß, während er darauf wartete, ein knappes Abendbrod, beſtehend aus Käſe, Brod und einem Glaſe Bier. Der Appetit, mit welchem er die einfache Koſt verzehrte, bezeugte, daß ſein eigener Hunger einigen An⸗ theil gehabt haben mußte an der eifrigen Sorgfalt, welche er für Celeſtinen bewies. Er erhielt den Wein, ſteckte die Flaſche in die Rocktaſche und ging mit den feſten Schrit⸗ ten eines Hausvaters in Melanders Schweizerei am Ende der neuen Bruͤcke. Hier verſah er ſich mit einer Menge Gebäckſeln von verſchiedener Art und kehrte ziemlich leich⸗ ten Sinnes und leichten Schrittes über den Artillerieplatz zurück in ſeine künftige Wohnung. Celeſtine offnete auf ſeinen flüſternden Ruf die Thür der kleinen Bodenkammer. Sie war jetzt gekleidet in dem netten, blauen Seidenrocke, in welchem er ſie an dem erſten Tage ihrer Bekanntſchaft geſehen. Dieſer ſaß jetzt vielleicht ein wenig enger, deſto hübſcher aber ſchimmerten die weißen Unterkleider aus der dunkleren Einfaſſung her⸗ vor. Albert ſetzte ſein mitgebrachtes Souper auf den Tiſch, ſtellte dieſen vor das Sopha und ordnete geſchäftig ſeine Torten und Gebäckſel auf den Teller, welchen die Wirthsleute aus Artigkeit unter die Waſſercaraffe geſetzt hatten. Die Weinbvuteille entkorkte er mit geübter Hand, ſah jedoch etwas verlegen aus, als er keine andern Glä⸗ ſer fand, als das eine Trinkglas, welches zu der Caraffe gehörte. Als er jetzt mit einiger Behutſamkeit dieſes zu der Bouteille ſchob, konnte Celeſtine ein kleines Lächeln nicht zurückhalten. Als aber Albert aufſah und dieſes bemerkte, da ſtreckte ſie ihm die runden zur Hälfte ent⸗ blößten Arme entgegen.„ 235 „Mein armer Albert! was Du als Wirthin für Ar⸗ beit haſt! Das ſoll auch nicht öfter als heute Abend ge⸗ ſchehen.“ Er widerſtrebte nicht, als ſie mit ihren feinen Ar⸗ men ſeinen Hals umfaßte, drückte einen Kuß auf den linken, führte ſie zu dem Sopha und hob ſie leicht wie ein kleines Kind auf ſeinen Schvoß. In dieſem Augen⸗ blicke fiel ſein Auge auf das gegenüberſtehende Bett. Es war jetzt aufgemacht und etwas ausgezogen, offenbar mehr als für eine Perſon nöthig war; doch die beiden ſchwel⸗ lenden mit Spitzen umgebenen Kopfkiſſen lagen nicht neben ſondern auf einander zu den Häupten. Celeſtinens Augen waren den ſeinigen gefolgt. Eine ſtarke Rothe bedeckte ihre Stirn und Wangen, als er lächelnd— denn jetzt war die Reihe an ihm— ſeine Blicke auf ſie heftete. Sie verbarg das glühende Antlitz an ſeiner Bruſt. Sie erhob es ſelbſt nicht, ſondern Albert war ge⸗ zwungen, ihr mit zwei Fingern unter dem kleinen runden Kinn zu Hülfe zu kommen. Er hatte viel zu thun, um ſie dahin zu vermögen, daß ſie ein wenig mehr Wein trank und die verſchiedenen Torten mit Apfelmuß, Kirſch⸗ füllung u. ſ. w. zu koſten. Sie fürchtete von dem Weine Kopfſchmerzen zu erhalten und verſicherte mehrmals, daß ſie nicht im Stande wäre, mehr zu eſſen. Gleichwohl hatte ſie nur einige Biſſen verzehrt und ein paar Tropfen Wein genippt. Albert war daher ſo unartig, den Kuchen zu dem kleinen Munde zu führen und das Glas an die runden Lippen zu halten— letzteres jedoch nicht ohne ihr mit ſeinem lobenswerthen Beiſpiele voranzugehen. Zur Strafe zwang ſie ihn Kuchen zu eſſen, und obgleich er kein beſonderer Freund von ſolchen Süßigkeiten war, ſo muß es zu ſeiner Ehre geſagt ſein, daß er keine einzige ſaure Miene dabei machte, als er ſo gefüttert wurde. So verfloß der Abend und es folgte auf ihn nach der Ordnung der Natur die ſtille Nacht. Die Zeit verfloß ſchnell genug, denn einem jungen 236 Paare ſind einige Wochen keine Ewigkeit. Frühlings⸗ winde wehten draußen und Frühlingswinde hauchten in dem kleinen Bodenzimmer. Die Naͤchte waren noch ziem⸗ lich kühl— nämlich draußen; doch in dem Zimmer iſt man vor einer ſolchen ſchnellen Abwechslung der Tempe⸗ ratur geſchützt. Die Erde war ſchon in Grün gekleidet, und Birken, Ebereſchen und Vogelkirſchen ahmten in ih⸗ rer Tracht der Farbe, die an ihren Wurzeln glänzte, immer mehr und mehr nach. Doch die Eichen waren noch grau und kahl; nur hie und da begann eine von ihnen in braun überzugehen. Albert und Celeſtine hatten Gelegenheit, dieſes Alles am erſten Mai zu ſehen, da ganz Stockholm in den Thiergarten hinaus ſtrömte.*) Bis jetzt hatten die beiden jungen Leute nur Abends, beim Beginn der Dämmerung oder im Mondenſcheine einen Spaziergang nach dem Ladugordslandsthore oder dem Thiergarten, oder bisweilen nach der Norderbrücke gemacht. Aber heute fühlte Celeſtine eine unwiderſtehliche Luſt, nach dem Thiergarten und in das Menſchengewim⸗ mel hinaus zu kommen. Albert hatte während der beiden letzten Wochen oft außer dem Hauſe Mittag gegeſſen, ja ſelbſt einige Abende mit Freunden und Bekannten verlebt. Celeſtine hatte nichts dazu geſagt. Sie hatte nur artig daruber geklagt, daß ihr in ſeiner Abweſenheit die Zeit ſo lang geworden wäre, und einmal, da Albert bis um zwölf in der Nacht ausblieb, hatte ſie gegen die Gewohn⸗ heit ſeine Rückkehr nicht erwartet, ſondern das Licht aus⸗ gelöſcht und ſich zu Bette gelegt. Albert war, da er *) Der erſte Mai iſt in Stockholm ein wahrer Feſt⸗ tag; an demſelben begibt ſich faſt die ganze Bevöl⸗ kerung hinaus in den ſchoͤnen Thiergarten, um den Frühling zu bewillkommnen und ſich Mark in die Knochen zu trinken.“ Anm. d. Ueberſ. — 237 ſah, daß es in ihrem Zimmer dunkel war, in ſein eige⸗ nes gegangen, weil, wie er am folgenden Morgen an⸗ führte,„er ſie in ihrem Schlafe nicht hatte ſtoren wol⸗ len.“ Dieſe Artigkeit aber ſchien Celeſtinen weniger zu gefallen, als man hätte vermuthen ſollen, denn ſie behielt den ganzen Vormittag eine etwas ſchmollende Miene. Alberts erwähnte Gänge machten, daß er ſich ſogleich zu der Promenade in den Thiergarten bereit zeigte, als Ce⸗ leſtine mit einem:„ach, wie ſchön das wäre!“ ihren Wunſch in dieſer Hinſicht angezeigt hatte. Er hatte auch vor einigen Tagen eind goldene Kette verkauft, die noch von alten beſſern Tagen an ſeiner Uhr hing; ſeine Kaſſe war daher gegenwärtig in gutem Stande und konnte ei⸗ nige außerordentliche Ausgaben ſehr gut ertragen. In den Schickſalen der Staaten hangen die äußeren Verhältniſſe von den innern, und in einem Grade, den man oft nicht ahnen kann, von den Geldverhältniſſen ab. Es klingt vielleicht gewagt, aber wir wollen dennoch unſere Ueberzeugung ausſprechen, daß dieſe letztgenannten oft die wichtigſten Fragen in der Weltgeſchichte entſchieden haben. So wird es zum Beiſpiel an Napoleon oft getadelt, daß er nicht nach der Schlacht bei Dresden Frieden machte und ſich mit dem linken Rheinufer begmigte. Doch dieſe Tad⸗ ler haben nicht bedacht, ob er in Geldſachen hinlänglich auf eigenen Füßen ſtand, um in dem eigenen Lande feine Heere, die glänzenden Dignitären und die unteren Dienſt⸗ leute ſeines Kaiſerthrones zu unterhalten. So ſonderbar es daher auch klingen mag, ſo könnte man daher dennoch ſagen: Napoleon war zu arm, um Frieden machen zu können. Mutatis mutandis ſtand Albert auf demſelben Punkte. Er war zu arm, um ſich aus ſeiner verwickelten Lage ziehen und ſeine Geldangelegenheiten in Ordnung bringen zu können. Er war daher gezwungen, ſich hübſch von dem einen Tage zu dem andern durchzuſchlagen. Was er in dieſer Hinſicht gethan hatte, wollen wir jetzt in der Kürze anführen, da der Natur der Sache gemäß 238 die Geſchichte des Aeußern in eine Geſchichte des Innern übergegangen iſt. Albert hatte ſchon vor einiger Zeit ſein Geſuch um Abſchied eingeſchickt. Daſſelbe war zwar nicht bewilligt worden, doch hatte er ſich durch fleißige Auſwartungen in dem weſtlichen Schloßflügel*) die Erlaubniß ausgewirkt, in der Erwartung des Abſchieds die diesjährige Revue verſäumen zu dürfen. Ohne weiteres Zaudern annoncirte er im Abendblatte mit„Portrait“ in Uncialbuchſtaben und im Tagblatte mit einem voluminöſen„Merk auf!“ ſein Logis und ſeine Preiſe. In der erſten Woche that dies keine Wirkung. Darauf aber ließ er dieſe Anzeige dreimal hinter einander einſetzen. Und nun ſtrömten zu dem Hauſe Nr. 16 an der Ritterſtraße— ein Unter⸗ offizier aus der Caſerne der Leibgarde zu Pferde und ein Gaſtwirth im Thiergarten. Das war doch wenigſtens etwas. Aber die Portraite konnten nicht ſo bald fertig werden, daß nicht ſeine durch Liquiden im Wirthshauſe Frieden durch den Umzug und ſeine häusliche Einrichtung mitgenommene Kaſſe ſchon zu Ende war, als dieſelben erſt begonnen werden ſollten. Ein Paar Meerſchaumpfeifen mit ſilbernen Beſchlägen wurden daher in Papier, nämlich Banknoten, verwandelt, und füllten einen kleinen Theil des leeren Raumes im Taſchenbuche. Jetzt war das Portrait des Unteroffiziers fertig, aber er konnte es leider erſt nach zwei Wochen abholen. Da mußte die goldene Kette über die Klinge ſpringen. Zu einigem Troſte ſtellte ſich um dieſe Zeit wieder ein Original zu einem neuen Portraite ein. Dieſes ſtärkte Albert in ſeinem Entſchluſſe, eine neue General⸗Bekanntmachung zu verſuchen. Wir *) Dort wohnte der jetzt verſtorbene Günſtling des vo⸗ rigen Königs Carl Johann, der Graf Magnus Brahe, Generaladjutant der Armee, Reichsmarſchall u. ſ. w. Anm, d. Ueb⸗ 239 hoffen mit ihm, daß dieſelbe gelingen wird. Er hatte außerdem ſeine eigenen Hoffnungen auf den Abſchied und den Verkauf einiger Uniformſachen gebaut. Alles, was der Leſer jetzt weiß, wußte Celeſtine nicht. Zwar hatte ſie das Verſchwinden der goldenen Kette ſo⸗ gleich bemerkt, denn Albert ſah mit derſelben ſo ſtattlich aus; aber ſie fand es durch ſeine Erklärung natürlich, daß eine Kette, die zerbrochen war, zum Goldſchmiede wandern mußte, um reparirt zu werden. Es wäre un⸗ gerecht, wenn man behaupten wollte, daß Celeſtine nicht höchſt haushälteriſch war. Aber ſie konnte keinen andern Caffee trinken, als der aus reinen Caffeebohnen gekocht war, und um Alberts willen mußte zu den magern Waſſer⸗ ſuppen, die ſie aus dem Speiſequartier erhielten, Wein vorhanden ſein. Eben ſo mußte die Aufwärterin, die ih⸗ nen auch den Caffee kochte, reinlich und nett gekleidet ſein. Aber ihr geringes Einkommen hielt ſie ab, Celeſti⸗ nens Wünſchen in dieſer Hinſicht nachzukommen. Daher war es nicht mehr denn billig und nothwendig, daß Ce⸗ leſtine ihr ein Paar Halstücher und Kattun zu einem Ca⸗ miſole ſchenkte. Der Haushaltungsgeſchäfte war Celeſtine nicht gewohnt. Statt deſſen aber arbeitete ſie fleißig mit der Nähnadel. Albert konnte lange nicht dahinterkommen, was ſie ſo beſchäftigte, denn ſie verſteckte immer ihre Ar⸗ beit', wenn er zu ihr kam. Sie hatte dann immer einen Kragen in der Hand, an welchem ſie ſchon lange geſtickt hatte, und den ſie dann gewöhnlich mit zu Albert hinunter nahm, wenn ihr die Zeit lang wurde,„ſo allein zu ſitzen ohne ihren Albert den ganzen Tag zu ſehen.“ Doch ein⸗ mal überraſchte er ſie bei der Arbeit. Er ſah, daß ſie dieſelbe in ein Körbchen legte, und als er nach verſchiedenem Parlamentiren dieſes unterſuchen durfte, ſo fand er die allernetteſten kleinen Lacken mit ausgeſtickten Säumen, kleine Kiſſen mit eingenähten Spitzen, durch welche rothe oder blaue ſeidene Bänder hervorſchimmerten, und viele anders nette Kleinigkeiten, die eine noch immer netter, als 240 die andere. Ob das Alles in Alberts Augen einen ſo großen Reiz hatte, iſt ungewiß. Aber für Celeſtinen war es alles neu. Nicht nur ſo lange ſie daran gearbeitet, hatte es ihr Freude gemacht, ſondern auch nachdem alles fertig war, freute ſie ſich täglich daran, jeden kleinen Ar⸗ tikel zu beſehen und noch einmal zu muſtern. Jetzt glänzte ihr Antlitz von einer erröthenden Selbſtzufriedenheit; aber man konnte deutlich ſehen, daß ſie in Alberts Augen ein freudiges Erſtaunen und einen liebevollen Enthuſiasmus zu leſen wünſchte. Aber von beiden war dort nicht be⸗ ſonders viel zu ſehen. Aber wenigſtens etwas mußte er doch ſagen und. thun. Er umarmte ſie daher und ſagte: „O, Du kleiner Schelm! und das Alles haſt Du mir verborgen?“* „Aber Albert! Du darfſt mich nicht auslachen.“ „Sieh mich an, Närrchen, und laß mich in deinen Augen leſen, für wen Du dies Alles beſtimmt haſt.“ „Garſtiger Albert! Du willſt mich nur zum Beſten haben, weil ich ſo früh daran gedacht habe; doch———“ „O ja! ich ſehe wohl, daß es nie zu früh ſein kann. Wer weiß, wie fleißig Du biſt. Vielleicht machſt Du der Sicherheit wegen noch eine neue Auflage?“——— Nein, ſieh nur nicht ſo traurig aus, mein Täubchen! Ich ſcherze ja nur. Aber dies ſieht ja beinahe ſo aus, wie ein Mantel———“ „Ach darauf verſtehſt Du Dich nicht. Gieb ihn nur wieder her! Du ſollſt zur Strafe für Deine Unart, den ganzen Korb nicht wieder ſehen.“ Unter ſeinen Liebkoſungen legte ſie alles wieder in gehöriger Ordnung in den Korb. Aber er erlaubte es ihr nicht, dieſen ſelbſt in die Garderobe zu tragen; dies wollte er ganz beſtimmt ſelbſt thun. Der Streit hierüber be⸗ wirkte, daß ſie noch, nachdem der Korb ordentlich logirt worden war, an ſeinem Arm hing. Als er darauf auf dem Sopha Platz nahm, da war Celeſtine nicht weit, und 241 es koſtete ihn weder viel Schlauheit noch Geſchicklichkeit, ſie auf den Schvoß zu bekommen— eine kleine, ſüße Bürde, um die ihn Mancher beneidet haben würde, falls dieſe Scene Zeugen gehabt hätte. Dieſes ereignete ſich am erſten Mai. Man kann es für abgemacht halten, daß kleine häusliche Scenen gleich dieſer kein unweſentliches Bildungsmittel ſind. Noch we⸗ niger Urſache zu zweifeln in dieſer Hinſicht hat man, wenn man bedenkt, daß der eigentliche verſteckte Anlaß der er⸗ wartete Erbe war. Was er erben ſollte, war zwar noch ungewiß.— Aber welcher Vater und welche Mutter hoffen nicht, daß ihre Kinder wenigſtens einen von ihnen ſelbſt entlehn⸗ ten äußern oder innern Zug beſitzen ſollen? Beſonders ſind dieſe innern Züge von tiefer Bedeutſamkeit. Es iſt keine bloße, leere Redensart, wenn man ſagt: Eltern leben wieder auf in ihren Kindern. Denn in der That hat der Menſch hierin einen handgreiflichen Beweis für die Unſterblichkeit der Seele. Doch das Geringſte von Allem, was die Kinder von ihren Eltern beſitzen, haben ſie durch die Geburt erhalten, denn für die fortgeſetzte, ununterbrochene Sorgfalt und Erziehung opfern die Eltern den beſten Theil ihrer geiſtigen und körperlichen Kräfte. Dieſe Sorgfalt iſt auch erſt Dasjenige, was die Kinder, ſo zu ſagen, zu den eigenen Kindern der Eltern, nicht allein zu einem Abbilde derſelben, ſondern zu einer leben⸗ digen fortdauernden Entwickelung deſſen macht, was bei ihnen Wahres, Schönes und Rechtes zu finden geweſen iſt, zu einer Entwicklung ihres vernünftigen und unſterb⸗ lichen Theiles. Jedem liegt dieſer Weg zur Unſterblich⸗ keit gleich nahe. Der Staatsmann, der Gelehrte und der Künſtler— jeder kann auf ſeinem Wege die Thätigkeit ſeiner Seele und die Früchte derſelben als Erbe den Mit⸗ menſchen hinterlaſſen, die zu ihm in gar keinem Familien⸗ verhältniſſe ſtehen. Aber derjenige, deſſen Wirkungskreis Es geht an. 16 242 ſich nur auf die ſtille Sorge für die täglichen Bedürfniſſe erſtreckt, und deſſen Produkte daher oft unbemerkt ſind, und mit dem Tage vergehen, er hat keinen andern Aus⸗ weg, bei den Menſchen eine Spur ſeines Daſeins zu hin⸗ terlaſſen, als daß er Kinder zeugt und ſie erzieht. Die Sorge für die geiſtige Bildung des Geſchlechts führt eben ſo gut wie die Sorge für die Cultur der Erde mit Recht zu edlern Beſchäftigungen; denn ſie verſetzt den Menſchen in ein dauerndes Verhältniß zu der Menſchheit ſelbſt au⸗ ßer den Familienverbindungen. Innige Familienverhält⸗ niſſe werden daher auch ganz beſonders bei derjenigen Klaſſe angetroffen, welcher unſere Zeit den Namen der NMittelklaſſe gegeben hat, während dagegen die übrigen bloß verzehrenden oder die durch die Veredlung der Erde un⸗ mittelbar nährenden Klaſſen der Geſellſchaft aus einem verfeinerten oder rohen Selbſtgefuhle in der Familie oft Leichtſinn oder Kälte zeigen. Aber wie geſagt, ſowohl für den Einen, wie für den Andern iſt die Ehe und die Kindererziehung das einzige ſichere und am nächſten lie⸗ gende Mittel, in den Jahrbüchern der Geſchichte die eigene Vergänglichkeit zu überleben. Es iſt alſo nicht ſchwer ein⸗ zuſehen, daß dieſe Sorge das geiſtigſte Band zwiſchen zwei Gatten iſt, deren Seelen bei dem gemeinſamen Ge⸗ genſtande ihrer Zärtlichkeit zu einer fortlebenden Erxiſtenz zuſammengegoſſen werden. Auch der Troſt, im Sterbe⸗ bette von den Seinen umgeben zu werden, hat daher ei⸗ nen tiefern Grund, als die bloße egviſtiſche Ueberzeugung, der Gegenſtand der Theilnahme Anderer zu ſein. Er be⸗ ſteht vielmehr in der Ueberzeugung, daß der vernünftige Geiſt in ihnen fortlebt und durch ſie fortfährt, der Menſch⸗ heit anzugehören. Hier hat die ewige Liebe ihre Wirk⸗ lichkeit, weiche wie eine dunkle und ſchwellende Ahnung in theuren Eiden über die blühenden Lippen des Jünglings und der Jungfrau ſich den Weg bahnen. Doch dieſe ernſten Betrachtungen führen uns ab von dem erſten Mai und ſeinem frohen Leben. Albert und 243 Celeſtine gingen hinaus in den Thiergarten. Sie ſah ſo vergnügt aus, als ſie leicht daher ſchritt, geſtützt von ſeinem ſtarken Arm und geleitet von ſeinem umſchauenden Blicke, während ihr eigener ſorgenlos über die verſchiedenen Gruppen der Gehenden, Reitenden und Fahrenden ſchwe⸗ ben konnte. Ich glaube, daß nur dieſe Befreiung von aller Sorge für ein glückliches Fortkommen durch das Menſchengewimmel ein junges Weib ſo hold und reizend macht, wenn ſie an dem Arme eines Mannes dahin⸗ ſchwebt, was auch der Neid dagegen einwenden mag. Ueberlegt dieſes reiflich, Ihr jungen Mädchen! aber nehmt bei euerer Ueberlegung den Arm an, der Euch dargeboten wird. Mit Celeſtine traf noch dazu der Fall ein, daß ſie ſeit mehreren Wochen außer Albert keinen Menſchen geſehen hatte, und was noch ſchlimmer war, von keinem andern geſehen worden war. Sie dachte zwar, was ſie oft verſichert hatte, daß ſie keinem Andern als nur ihm gefallen wollte. Wenn ſie daher jetzt Gefallen daran fand, daß ſie der Gegenſtand des bewundernden Blickes vieler Vorübergehenden war, ſo geſchah dieß nur um Alberts willen; denn welches Weib empfindet nicht ein edles Vergnügen darin, daß ſie der ganzen Welt gefällt, und daß ſte dem Geliebten zeigt, er, nur er iſt der Ge⸗ genſtand ihrer Liebe und der einzige Herrſcher über alle dieſe Reize. Der Tag war ſchön und warm, mehr als in gewöhn⸗ lichen Jahren gewöhnlich iſt. Gegen Abend wurde es je⸗ doch ziemlich kühl. Die vornehmſte Feier des Tages war ſchon vorbeigegangen oder richtiger gefahren— nämlich in den Wagen, welche die königliche Familie führten. Die jungen Herren, welche die Gelegenheit benutzt hatten, in neuen Röcken zu paradiren, nahmen jetzt ihre Zuflucht zu den Conditoreien, wo im Allgemeinen mehr glacirter Punſch als andere Glare, mehr Thee als Limonade genoſſen wurde. Auch unſer Paar trat bei Carlmark ein. Albert führte Celeſtinen zu einem unbeſetzten kleinen Tiſche und 244 ging ſelbſt zu der Schenke, um zwei Taſſen Thee zu requiriren. Er kam augenblicklich zurück mit zwei Torten auf einer kleinen gläſernen Aſſiette und ſah Celeſtine im Ge⸗ ſpräch mit einem Manne, der an dem zunächſt ſtehenden Tiſche Platz genommen hatte. Er war der Blaumantel — jetzt hatte er ſeinen Mantel wirklich wieder um— und Albert hörte, wie er folgende Worte ſagte: ——„Gott gebe, daß Sie glücklich wären, Ce⸗ leſtine!“ „Dank, Guſtaf! ich hin——— wenn nur Du mir verzeihen kannſt—— Mich darfſt Du nicht ſehen ——— vergiß und vergib!——— Geh, guter Gu⸗ ſtaf— er würde Dich nicht gerne ſehen.“ Sie blickte auf und ihr Blick traf Alberts Auge, welches von einem wilden Feuer glänzte und von dem Blaumantel ſich auf ſie wendete. Sein Blick erſchreckte ſie. So hatte ſie ihn noch nie geſehen. Ein leichter Schauder erſchütterte ſie und die dunkle Röthe auf ſeinen Wangen rief einen etwas helleren Widerſchein auf den ihrigen hervor. Der Blaumantel, deſſen Blick dem ihri⸗ hen gefolgt war, ſtand auf, wendete Albert zur Hälfte den Rücken und entfernte ſich. Erſt jetzt wagte Celeſtine ihm nachzuſehen. Ihr Blick ſah dankbar aus. Albert ſetzte ſich an den Tiſch, blickte hinüber zu Celeſtinen, und ſie konnte deutlich die leiſen Worte unterſcheiden: 7 „Guter—— Du—— er.“ „Mein theuerſter Albert,“ flüſterte ſie,„ich mußte ihm ja doch antworten „Guter— Du?“ „Ach! ich will Dir Alles ſagen. Aber hier kann ich ja nicht“ In dieſem Augenblicke kam das Mädchen mit dem Thee. Zwei neue Gäſte ließen ſich an dem Tiſche nieder, wo der Blaumantel geſeſſen hatte. Sie waren ſo nahe, daß ſie ſogar ein Geflüſter gehoͤrt haben würden. Noch —— 245 dazu ſchienen beide auf jedes Wort aus Celeſtinens Munde zu lauern, wenigſtens waren ihre Blicke unaufhorlich auf ſie gerichtet. Albert betrachtete ſie mit einer Miene, als hätte er große Luſt, ſie zu beißen. Der Eine von ihnen nahm keinen Anſtand, ſeine mürriſchen Blicke mit einem halben Lächeln zu beantworten. So etwas kann aber einem Menſchen das Herz zerſchneiden. St gingen ſie auf dem Ruckwege ſtill neben ein⸗ ander. Celeſtine mußte Alberts Arm ſelbſt ſuchen. Doch dieſer ſchenkte ihr jetzt nicht mehr die vorige Sicherheit. Sie war eher die Führende, als die Geführte, und ihr Blick flog jetzt nicht froh über die wimmelnde Menge, ſondern ſpähte ängſtlich umher bei dem Geraſſel eines Wa⸗ gens oder den Hufſchlägen eines Pferdes. Dies ſchien die Urſache zu ſein, weswegen ſie nur in abgebrochenen Sä⸗ tzen redete: „Mein theuerſter, beſter Albert! ſieh doch nicht ſo traurig aus——— Du weißt ja, daß er und ich In⸗ gendbekannte ſind—— Jetzt, ſeitdem er von der großen Reiſe zurückgekehrt iſt, habe ich ihn— nur bisweilen— unter Bekannten—— bald Guſtaf genannt und bald Du, das iſt ja nichts Böſes?— Ich habe Dir nichts davon geſagt—— Du wäreſt vielleicht unzufrieden da⸗ mit geweſen—“ „Ja, das iſt—— er——“ „Er ſollte Dir ja verzeihen. Was ſollte er verzei⸗ hen? Vielleicht, daß Du ihn guter Guſtaf nannteſt? „Geliebter“ hätte in ſeinen Ohren gewiß beſſer geklungen. Du willſt wohl, daß es auch in den meinigen ſchön klin⸗ gen ſoll?“ „Lieber Albert, hier kommt ein Wagen von jeder Seile— komm näher hieher.“— Ihre Stimme zitterte und das Auge glänzte. Sei nicht boſe, Albert, daß ich ſo furchtſam bin.— Er iſt—— glaube ich, mir ſehr gut geweſen— ehemals, verſtehſt Du.“ 246 „Ich ſehe und habe geſehen. Vielleicht habe ich auch gehoͤrt. Er hat ja ſelbſt einer Verbindung zwiſchen Euch „Ach! damals hatte ich ja Dich noch nicht geſehen. Er glaubte—— vielleicht glaubte er— daß er mir nicht gleichgültig wäre. Vielleicht war ich nicht vorſich⸗ tig genug—— Er— ich liebte ihn wie einen Bru⸗ der, weil er mich immer vertheidigte. Er hat ein edles Her— „Das habe ich oft genug gehort. Geh jetzt hinein. Ich habe noch etwas in der Stadt auszurichten.“. „Bleibe nicht lange. Lieber Albert! ſei nicht boͤſe. Vergib mir! Ich habe ja nur Dich.“ Sie waren jetzt vor ihrer Hausthür. Celeſtine ſtand dort und erwartete eine tröſtende Antwort. Doch Albert ging davon ohne weiter ein Wort zu ſagen. Eine Thräne kann bei jedem Schritte, den Celeſtine auf der Treppe that. Dieſe war ihr noch nie ſo beſchwer⸗ lich vorgekommen. Sie konnte nicht anders: ſie mußte ſich auf die oberſte Stufe ſetzen. Eine alte Frau, welche das Zimmer dem ihrigen gegenüber bewohnte, kam her⸗ aus. Sie mußte ſich von dieſer helfen laſſen und ihr ihre Thränen verbergen. Der Ohnmacht nahe ſaß ſie auf dem Sopha in ihrer kleinen Kammer. So einſam und ver⸗ laſſen hatte ſie ſich noch nie gefühlt.„Sollte auch Er wohl ſo gehandelt haben?“ dachte ſie.„Aber ich wage ja nicht Alles zu ſagen. Albert würde es nie vergeſſen, daß ich vor ihm einem Andern Liebe gelobt habe. Ver⸗ gebens würde ich betheuern, daß ich damals noch gar nicht wußte, was Liebe iſt. Iſt es denn ein Verbrechen, wenn man auch noch einen Andern hochachtet? Er ſagt ja ſelbſt, daß ich ſeine erſte, wirkliche Liebe bin. Auch er hat ja vorher ſchon geglaubt, er liebte. Ach, ich liebe ihn ja ſo innig. Habe ich ihm nicht Alles geopfert? Wie würde es mir ergehen, wenn er aufhörte, mich zu lieben? Herr Gott! wenn er nicht wieder käme!“ 247 Aber ſie hörte ihn ſpät in der Nacht kommen. Aengſt⸗ lich lauſchte ſie auf ſeine Schritte. Dieſe ließen ſich nicht auf der Treppe hören. Die Thür ſeines Zimmers wurde geöffnet und wieder zugeworfen. Sie ergriff das Licht und eilte hinunter. Unter ſtillem Schluchzen hörte man Celeſtinens flü⸗ ſternde Worte:„Albert, lieber Albert! öffne!“— doch Niemand öffnete. Da wurden ihre Augen ſchnell trocken, und ſie ſtieg eilfertig die Treppe wieder hinauf. ungefähr nach einer halben Stunde polterten wie⸗ verum Schritte auf derſelben; doch dieſe waren tappend ſ. unſicher. Albert klopfte an Celeſtinens Thür und agte: „Celeſtine! ich bin's—— Dein Albert!“ Aber er vernahm keine Antwort, und Niemand öffnete. Achtes Kapitel. Doch Albert— er hatte ſo etwas ſchon frü⸗ her geſehen. Eine Nacht iſt wohl nie ſo lang, daß nicht endlich der Morgen kommt. Dieſer kam nicht allein nach der erwähnten Nacht, ſondern auch nach einer ganzen Menge folgender Nächte, die lange immer ſchöner und ſchöner waren. In den Mo⸗ naten Mai und Juni iſt dergleichen kaum anmerkungs⸗ 248 werth. Mit den wechſelnden Tagen und Nächten ver⸗ ſchwand auch die Erinnerung an den erſten Mai bei un⸗ ſerm Paare, ſo wie wahrſcheinlich bei den Meiſten, die damals den Thiergarten beſuchten. Ja nach vier Wochen war Alles ſchon ſo vergeſſen, daß Albert und Celeſtine dort wiederum zuſammen einen Beſuch machten. Dies ge⸗ ſchah an einem Vormittage. Alles grünte ſchon in leb⸗ hafter, ſaftvoller Farbe. Blumen und Vögel vermehrten die Behaglichkeit mit Farbenpracht, Duft und Geſang. „Albert ging ohne Ueberrock, und Celeſtine hatte nur einen leichten Crispin von hellrother Seide. Auch dieſe leichte Kleidung trug dazu bei, ihre Gemüther leichter zu ſtim⸗ men. Dies hat gewiß Jeder erfahren, wenn er ſich nach dem Ende des Winters zum erſten Male ohne Pelz und Galoſchen in das Freie hinaus begeben konnte.— Sie gingen an der Brunnenbucht hin, an Sirishof vorbei nach dem ſchönen Roſendal*). Ueberall war es ſtill und men⸗ ſchenleer. Die große Vaſe wurde von Keinem beſchaut, als von einem Zeiſig, welcher auf dem Rande derſelben ſaß und ſeine Triller ſchlug. Die wohlriechenden Düfte, welche von den ſchon herausgebrachten Pomeranzenbäumen aufſtiegen, wurde nur von dem Soldaten genoſſen, welcher ſtolz unter den grün angeſtrichenen Kaſten auf⸗ und ab⸗ wanderte. Er ſchien davon überſättigt zu ſein, denn er zog in dieſem Augenblicke ſeine Schnupftabacksdoſe von Birkenrinde aus der Taſche und ſchüttete ſich vergnügt eine *) Beides ſind ſchöne Landwohnungen im Thiergarten an der Brunnenbucht, letzteres iſt ganz beſonders ſchön und gehört dem Koͤnige. Der letzverſtorbene König Carl XIV. Johann, deſſen Lieblingsplatz es war, hat es mit großen Koſten anlegen laſſen, und den Park, der daſſelbe umgibt, mit einer ſchönen Vaſe und Urne von Porphyr verſchönern laſſen. Anm. des Ueberſ. ——————„„——,——„— ——— —)—————„—— 249 Ladung in den Mund*). Die Brunnenbucht lag noch klar da wie ein Spiegel, als Celeſtine einen Abſchiedsblick auf denſelben warf, da ſie ſich quer über den Thiergarten nach der weſtlichen Seite begaben. Sie wurden einig, bis an das äußerſte eine halbe Meile entfernte Ende des Thier⸗ gartens, Blockhusudde, zu wandern und dort eine frugale Mittagsmahlzeit einzunehmen. Man ging daher an dem edlen Manhem vorbei und folgte dem Wege, der bald von laubreichen Bäumen beſchattet wurde und bald ſich im Sonnenſchein über kleine Anhöhen an kleinen anſpruchs⸗ loſen Häuſern vorbeiſchlängelte. Hier konnte ſie es ganz vergeſſen, daß eine Hauptſtadt mit ihrer Unruhe und ihren La⸗ ſtern ihnen ſo nahe lag. Alles athmete hier ländlichen Frieden und ländliches Gedeihen. Sie vergaßen auch alles Kum⸗ mers, und in Beider Bruſt lebte eine ſtille Zufriedenheit, obgleich dieſe ſich nicht in Worten, ſondern nur in ſtum⸗ mem Händedrücken Luft machte. Das Mittagseſſen war von der Art, wie es in wohl⸗ habenden Pfarrhöfen gebräuchlich iſt: friſche Bärſe, Erd⸗ beeren mit Sahne und Kuchen. Nach dem Eſſen hielt Albert ein kleines Mittagsſchläfchen, eingelullt von Cele⸗ ſtinen, die ihm auch die Cigarre leiſe aus den Lippen nahm. Die vielen Mienen, welche der Halbſchlafende hiebei machte, beluſtigten ſie herzlich und ſtimmten ihr Gemüth zur Freude. Das Zimmer, in welchem ſie ſich befanden, war ein klei⸗ nes helles Eckzimmer und man konnte von demſelben das Fahrwaſſer auf beiden Seiten überſchauen. Ein ſanfter Wind wehte von Oſten und der eine Segler nach dem an⸗ dern ſchritt gemächlich vorbei, während kleine Boote ſo⸗ *) Statt des Kautabackes nehmen Soldaten, Matroſen und dergl. in Schweden ganz gewöhnlich Schnupf⸗ taback, welcher zwiſchen der Unterlippe und den Vor⸗ zähnen ſeinen Platz erhält. Anm, des Ueberſ. 250 wohl mit dem Winde, als auch gegen denſelben gleich ſchnell dahin eilten. Eines von den großen finniſchen Dampfſchiffen brauste düſter einher, angefüllt mit eifrig vor ſich hinblickenden Paſſagieren. Man konnte kein leb⸗ hafteres Gemälde ſehen. Celeſtine betrachtete daſſelbe mit Entzücken.„Ach! wer doch hier wohnen konnte!“ dachte ſie. Zum erſten Mal fühlte ſie Alberts Mangel an Geld und Angehörigen drückend. Sie konnte ia nicht auf dem Lande wohnen, ja nicht einmal einen dort Wohnenden beſuchen. Der Tag verfloß ſchnell. Weil Celeſtine von der langen Promenade müde war, ſo nahm Albert für die Rückreiſe ein Boot, das ſie beim Waldemarsudde“) ans Land ſetzte. Von hier gingen ſie über die Ebene des Thier⸗ gartens. Dieſe war ſchon voller Spaziergänger. Der Leiermann drehte und trommelte. Ein Daljunge ging mit ſeiner kleinen Schweſter in einem Korbe auf dem Rücken umher, während ein jüngerer Bruder, der ihn begleitete, auf den Händen ging und ein Rad ſchlug, um die Auf⸗ merkſamkeit des Publikums auf ſich zu ziehen und eine Belohnung in Kupfer zu gewinnen. Der Kopf des kleinen Mädchens, der aus dem Korbe herausblickte, war ſo ſchön, ſie ſah ſo froh und unſchuldig aus, daß Celeſtine, außer dem Dreiſchillingsſtücke, welches Albert der Geſellſchaft gab, ſie mit Zuckerbrod aus ihrem Arbeitsbeutel traktirte. Es wurde ihr ſchwer, ſich von dem ſchonen Kinde zu trennen und ſie ſah ſich beim Weggehen noch vft nach demſelben um. Alle Tage waren nun nicht ſolche Semmeltage. Für Albert inſonderheit hatte jeder Tag ſeine eigene Plage. Mit der Palette in der einen und dem Pinſel in der an⸗ dern Hand zu ſitzen, plagte ihn nicht; wohl aber beun⸗ ruhigte ihn die geringe Zahl der eingegangenen Beſtellun⸗ *) Eine Landſpitze des Thiergartens(Vdde heißt näm⸗ lich Landſpitze oder Vorgebirge.) Anm. d. Ueb⸗ — N e N 1. 251 gen und eben ſo fühlte er ſich oft durch Celeſtinens Gegen⸗ wart beunruhigt. Sobald die Perſon, welche vor ſeinem Pinſel ſaß, von ihm gegangen war, konnte er ſich immer darauf verlaſſen, daß Celeſtine ſogleich eintrat. Sie wollte ihm entweder etwas vorleſen oder auch einen Augenblick verplaudern. Er konnte ihr keines von beiden abſchlagen, aber er konnte auch den Gedanken nicht entfernen, daß ſeine Arbeit hiedurch nicht immer ſo gelang, wie er wünſchte. Dies war beſonders der Fall mit einigen Genregemälden, in welchen er ſich mit Anleitung guter Kupferſtiche verſuchte. Einmal hatte er Tante Ulla aufgeſucht, um von Sara Nachricht zu erhalten. Daß er in dieſer Hinſicht einige Neugierde fühlte, iſt nicht wunderlich. Denn er wußte, daß ſie gegen Ende des April oder im Anfange des Mai einige ſchwere Tage haben würde. Tante Ulla wußte zu erzähler— ſie hatte von Schweſter Guſtava, die jetzt bei Sara in Lidköping war, einen Brief gehabt— daß alles ziemlich glücklich abgelaufen, daß aber die kleine Tochter nach einigen Tagen geſtorben und daß Sara noch immer ſehr elend war. Die Nachrichten waren jetzt ſchon alte Neuigkeiten; denn Albert hatte dieſen Beſuch von Woche zu Woche aufgeſchoben und Schweſter Guſtava's Brief war ſchon drei Monate alt. Das alles erfuhr Albert an einem Abende ziemlich ſpät. Als er noch ſpäter nach Hauſe kam, ſaß Celeſtine in ſeinem Zimmer und las Columbine im Roſenbuche. Die Lectüre hatte ihr eine mehr als gewohn⸗ üche Portion von romantiſchen Grillen in den ſchönen Kopf geſetzt. Albert wurde daher mit einer mehr als gewöhn⸗ lichen Ergießung von zärtlichen Verſicherungen, begleitet von warmen Zärtlichkeitsbezeugungen empfangen. Doch Celeſtine fand ihn mehr ats gewoͤhnlich kalt und zerſtreut. Kleine Anſpielungen an dasjenige, was ſie für ihn geopfert und Verſprechungen, daß ſie ſich auch ferner in jede Auf⸗ opferung finden würde, machten ſichtlich keinen angeneh⸗ men Eindruck auf Albert. Endlich, da ſie ſich über die Kälte beklagte, welche er ihr bewies und weinend ſagte: 252 „Ach, Albert! wie unglücklich, machſt Du mich!“— da rief er mit ſtürmiſcher Fahrt in ſeiner Rede aus: „Bin ich es denn weniger?—— Du redeſt ſo oft von Deinen Aufopferungen. Glaubſt Du denn nicht, daß ich auch Gefühl für dasjenige habe, was ich aufopferte? Liebe! zeige ich Dir nicht täglich meine Liebe durch meine unverdroſſene Arbeit— ſo viel Du mich nämlich arbeiten läßt? Der Menſch kann nicht ewig ſpielen wie ein Kind. Es kann vieles vorhanden ſein, was mir Anlaß genug zur Betrübniß gibt. Anſtatt mich aufzumuntern, haſt Du bloß ewige Klagelieder. Habe ich etwas geſagt von Dei⸗ nen Mienen gegen ihn, den ich haſſe, von Euren geheimen Zuſammenkünften?—— „Um Gotteswillen, bert! was ſgſ Du?“ „Was ich weiß. Glaubſt Du, ich merkte nicht Deine Seufzer bei Eurem Zuſammentreffen im Schauſpielhauſe — oder daß ich nicht ſah, wie die Herrſchaften mit ein⸗ ander aus dem Thiergarten kamen? Aber ich will Dir ja keine Vorwürfe machen. Wenn ich nur vor Deinen ewi⸗ gen Klagen in Ruhe ſein darf. Das Leben iſt etwas an⸗ deres als ein Liebesgeſchwätz. Es iſt ſchwer genug. Laß es uns nicht durch leere Worte noch ſchwerer machen.“ „Albert! wie ungerecht Du doch biſt! Ach, ich Un⸗ glückliche——“ „Gerecht oder ungerecht— glücklich oder unglück⸗ lich— wir beide können von dem einen und von dem an⸗ dern genug haben——“ „So laß Dir doch ſagen, Albert. Ich will Dir ja Alles ſagen. Ich——“ „Nein, ſpare Deine Erklärungen. Ich wünſche ſie nicht zu hören. Du haſt mir ja ſchon früher Alles ge⸗ ſagt. Laß mich jetzt nur in Ruhe.“ „Liebſter, beſter Albert!“ ſagte ſie ſchmeichelnd— „ſtoße mich nicht von Dir. Sei nicht ſo grauſam!“ „Ich bil nicht grauſam, aber Du biſt unvernünftig. Crleſtine! geh nun in Dein Zimmer.“ — „ ———— 253 „O, ich bin ja ſo einſam dort— und in der gan⸗ zen Welt!“ „Geh jetzt. Ich komme nach.“ Albert fuͤhlte gleichwohl eine Qual, wie er ſie noch nie gefühlt hatte, als er die ſchweren Schritte der Un⸗ glücklichen auf der Treppe hörte. Doch Celeſtine war eben ſo wenig ohne Vorwürfe. Sie hatte in ihrem Innern oft die Frage wiederholt: „Sollte auch Er wohl ſo gehandelt haben?“— ſie hatte ſich eben ſo oft dieſe Frage vorgelegt, als ſie an Albert Kälte zu ſpüren vermeinte und das vermeinte ſie nunmehr faſt täglich. Das Verlangen, geliebt zu werden, ja nur zu gefallen, iſt etwas ſo Edles an einem Menſchen, daß es keineswegs und zwar am wenigſten bei dem Weibe Ta⸗ del verdient, mit deren Natur es unvereinlich iſt, gefürch⸗ tet oder nur reſpectirt zu werden. Gewohnt, in Geſell⸗ ſchaften zu leben und bewundert zu werden, fand Celeſtine einen weiblichen Genuß darin, ſich wenigſtens auf einer Promenade zu zeigen. Ohne eitler als gewöhnlich zu ſein, wußte ſie ſehr gut, daß ihr ſchönes und ausdrucksvolles Geſicht überall, wo ſie ſich zeigte, Aufmerkſamkeit er⸗ weckte. Die Promenaden nach dem Thiergarten waren ihr daher beſonders theuer geweſen. Dieſe dauerten auch eine Zeitlang fort. Albert führte ſie ſogar zweimal in das Theater im Thiergarten. Aber ſchon beim zweiten Male ſaß der verdammte Blaumantel in der angränzenden Loge. Er grüßte Celeſtinen und ſie war wohl gezwungen, den Gruß zu erwiedern; doch redete keines von ihnen ein Wort mit dem andern. Albert wendete ſeinem Nachbar den Rücken zu. Aber Celeſtine konnte nicht umhin, bis⸗ weilen in den Zwiſchenakten an ihm vorbei einen Blick auf den Blaumantel zu werfen. Sie that dies nur in der Ab⸗ ſicht, um ſich zu überzeugen, ob ſie beobachtet würde. Daß Albert ſie und ihre Blicke ebenfalls beobachtete, das glaubte ſie nicht und noch viel weniger, daß der Seufzer, der ihr einmal entſiel, ihm zu Herzen dringen würde. Al⸗ 254 bert ſchwieg, doch von dieſem Augenblicke an hatte er nur ſelten Zeit, Celeſtine auf Spaziergängen zu begleiten. Die Promenaden nach dem Thiergarten hörten ganz auf. Von dieſer Zeit an, da ſie nicht mehr zuſammen ihre Wohnung verließen, um gemeinſchaftlich zu genießen, was die Umſtände ihnen geſtatteten, fand Celeſtine das kleine, enge Bodenzimmer immer düſterer und unbehag⸗ licher. Albert begann auch ſeit dieſer Zeit ſich immer mehr außerhalb des Hauſes aufzuhalten. Beſonders blieb er des Abends länger aus. Celeſtine hatte nun keine Ar⸗ beit mehr, die ihr Freude machte. Die Laute ſpielen und ſingen konnte ſie doch nicht immer. Die wenigen neuen Bekanntſchaften, die ſie ſich verſchafft hatte, waren ihr an Bildung ſo ungleich, daß die Geſellſchaft derſelben ſie wenig intereſſirte.— Alberts ökonomiſche Stellung hatte ihn abgehalten, ihr Umgang zu verſchaffen, der mit ihrem Geſchmacke und ihren Lebensgewohnheiten mehr überein⸗ ſtimmte. Die ſchöne Jahreszeit dauerte fort und ihre Lage machte ihr die Bewegung nützlich, ja nothwendig. Wer kann es ihr alſo wohl verdenken, daß ſie, wenn auch allein, ſich bisweilen in den Abendſtunden hinausſchlich in den Thiergarten? Aber ſie ſah bald, daß die Herren ſie dort mit ganz eigenthümlichen Blicken betrachteten—— ein Blick, den ſie kränkend und unerträglich fand. Sie ſchränkte daher ihre Promenaden ein auf die ſchönen und luftigen Straßen von Ladugordsland. Hier begegnete ihr einmal der Blaumantel. Und ſonderbar— dieſes eine Mal blieb nicht das einzige. Zwar hätte ſie die Hauptſtraße ver⸗ meiden ſollen, wo ſie ihn traf, aber— er war ja immer der Alte, immer ſo ernſt und freundſchaftlich. Nie berührte er ihre ehmaligen Verhältniſſe und nur leicht die jetzigen. Ihr Geſpräch betraf nur das allgemeine Verhältniß der beiden Geſchlechter— bisweilen auch ihre frohen Kinder⸗ jahre. Sie konnte ſichs nicht verbergen, daß die Augen⸗ blicke, welche ſie in ſeiner Geſellſchaft verlebte, ihr die genußreichſten des ganzen langen, langweiligen Tages wa⸗ 255 ren. Oft ſehnte ſie ſich den Abend herbei. Ja, es ge⸗ ſchah ſogar einige Male, daß Albert ihr zu lange zu Hauſe blieb. Aber er war ja auch nur unten in ſeinem eigenen Zimmer— und ſie hatte bemerkt, daß ſie dort nicht immer willkommen war. Gewiß war Albert bei irgend einer ſolchen Gelegen⸗ heit ein ungeſehener Augenzeuge geweſen. Zwar glaubte er ſelbſt nicht, daß er betrogen war. Aber er ſah ein, daß es in ſeiner Lage und bei ſeiner jetzigen Laune nicht ſchwer ſein würde, Celeſtinens Herz ihm zu entreißen. In ſeinem Innern mußte er geſtehen, daß dergleichen ihm taum unwillkommen ſein würde, wenn er daneben auch ganz frei würde von aller Verbindlichkeit und wenn der in Frage ſtehende Mann nicht eben— der Blaumantel ge⸗ weſen wäre. Er fühlte gleichwohl einen Stich in ſeinem Herzen.„Aber was habe ich ihr denn eigentlich vorzu⸗ werfen?“ dachte er.„Sie muß ihren freien Willen ha⸗ ben. Unſere Charaktere ſtimmen nicht mit einander über⸗ ein— Nun gut!“— Und dennoch— er fühlte es deut⸗ lich— kochte Aerger in ſeinem Innern.—„Wenn—“ dachte er wieder—„wenn ſie mich hätte für ſie alle arbeiten laſſen und wenn ſie ſich auch ein wenig darum ge⸗ kümmert hätte wie ich lebte! Wenn ſie ſich bekümmert hätte, um das, was mir gehörte! da wäre ich nie in dieſe ſataniſche Bedrängniß gerathen.“ Man kann nicht leugnen, daß Celeſtine für Albert's Glück auf ihre Weiſe beſorgt war. Dennoch war ſie nicht viejenige, welche Albert meinte; denn ihre Sorgfalt war ſo kleinlich und forderte eine Dankbarkeit, die Albert we⸗ der hegen noch zeigen konnte. Hier werden wir wiederum auf die Geſchichte des Innern geführt. Es war wohl an und für ſich keine Be⸗ drängniß, daß Albert nunmehr ſeinen Abſchied erhalten und daher ſeine ſämmtlichen Uniformſachen verkauft hatte. Wohl aber brachte es ihn in Bedrängniß, daß dieſe jetzt in Papier verwandelt waren. Denn ſo vergänglich eine 256 Uniform auch zufolge des engen Schnittes ſein mag, ſo iſt ein Stück Papier, ſelbſt wenn es eine Banknote iſt, dennoch ein weit verganglicheres Ding. Es kann ohne Verluſt in mehre Stuͤcke vertheilt werden und wird erſt dann— ganz im Gegenſatz zu einer Uniform— recht anwendbar. Leider iſt eben dieſe große Anwendbarkeit die Urſache, weßwegen die Stücke und mit ihnen das Ganze, ſo leicht anzuwenden ſind. Auf vieſe Weiſe konnte es ge⸗ ſchehen, daß Albert's Uniform, die noch ſo ausſah, als wenn ſie ein Jahr halten konnte, in einigen Wochen ganz abgenutzt und vertragen war. Mancher mag vielleicht ſchon eingeſehen haben, wie wenige ſolche Zettel der Pin⸗ ſel und beſonders ein noch ungeübter, hervorzubringen im Stande iſt. Wir meinen hier natürlicher Weiſe die indi⸗ recte Production; denn den Unbeſtand der directen Zettel⸗ production des Pinſels beweist das Beiſpiel des Darell*) mehr als deutlich. Auf dieſe Weiſe hatten Albert's Ein⸗ künfte immer mehr und mehr abgenommen und ſein Pin⸗ ſel ruhte, aus Mangel an Aufmunterung, währnd der letzten Wochen gänzlich. Die Anzeigen ſchienen jetzt nichts mehr auszurichten. Sie bezahlten nicht einmal die Koſten und das große„Portrait“ oder„Merk auf!“ dreimal ein⸗ geführt, koſteten über einen Reichsthaler Bancv. Dieſer Theil der Geſchichte des Innern bietet daher eben ſo ge⸗ ringe erfreuliche Ausſichten, wie nach ausgeſprochenen Be⸗ hauptungen die innere Geſchichte Schwedens ſeit dem Jahre 1810. Eine andere Seite bildet, wie wir wiſſen, Celeſtinens Unkunde von dieſen Allen und ihr Benehmen dabei. Sie *) Name eines jungen Stockholmer Malers, der 1839 Zehnthalerſcheine fabricirte, ſogleich entdeckt und ein⸗ gezogen wurde. Er entzog ſich jedoch der weitern Beſtrafung durch die Flucht und man weiß nicht, wo⸗ hin er gekommen iſt. Anm. d. Ueb. — 257 hatte einige Male an die goldene Kette erinnert. Albert ſchimpfte bei dieſer Gelegenheit auf die Nachläffigkeit des Goldſchmieds. Aber es ereignete ſich einmal, daß die Auf⸗ wärterin zum Mittage mit dem leeren Porteur zurückkehrte und nur einen Gruß von der Frau mitbrachte, von welcher das Eſſen geholt wurde. Dieſer Gruß enthielt kurz und gut, daß kein Eſſen zu haben wäre, bis der letzte halbe Monat bezahlt ſei. Celhine erröthete vor Scham bei dieſer Nachriht. Ihre Kaſſe reichte nicht hin zu den acht Reichsthalern, die hiezu erforderlich waren. Man mußte Alberts Rückkehr abwarten. Er kam erſt ſpät am Nach⸗ mittage. Alles war natürlicher Weiſe Vergeßlichkeit. Er ging ſogleich aus, um„die unverſchämte Frau“ zu be⸗ zahlen. Und als er nach Hauſe kam, hatte er in einem andern Speiſequartier Accord gemacht.„Dieſes war viel beſſer,“ verſicherte er,„als das vorige. Er war ſchon lange unzufrieden mit dem Eſſen geweſen, das ſie von dort erhalten hatten.“ Die Aufwärterin dagegen ſuchte ihrer Seits täglich zu beweiſen, daß das Eſſen der vorigen Frau bei weitem beſſer geweſen wäre.“ Celeſtine ließ die Entſcheidung auf ſich beruhen. Aber ſchon am folgenden Morgen vermißte ſie in Alberts Zimmer die blanken Pi⸗ ſtolen, vor denen ſie immer eine ſolche Furcht gehabt hatte. Sie fragte nicht mehr darnach. Statt deſſen legte ſie dieſes zuſammen mit— Kette und mit dem Umſtande, daß Albert bisweilen nur große Zettel gehabt und daher den Einkauf kleiner Haushaltungsartikel aufgeſchoben hatte. Das Reſultat ihrer Forſchungen und Combinationen war manche ungeſehene Thräne und eine ahnende Furcht vor der Zukunft. Wir laſſen dahin geſtellt ſein, welchen Ein⸗ fluß dieſes auf ihre Promenaden gehabt haben kann. Jetzt ſchien jedoch alle Furcht unnöthig zu ſein, denn am folgenden Morgen erhielt Albert die Beſtellung von zwei Portraiten. Dieſes glückliche Ereigniß freut gewiß den Leſer eben ſo ſehr, wie Albert und mich. Wir über⸗ gehen daher dieſen Theil der Geſchichte und fügen nur Es geht an. 17 258 hinzu, daß wenn auch die Ausgaben der kleinen Haushal⸗ tung mit dem Haushalt ſelbſt ſich vermehrten, ſo nahmen doch auch die Portraitbeſtellungen zu, je mehr man ſich Weihnachten näherte. Nichts deſto weniger ſah ſich Albert genöthigt, noch vor dem Ende des Jahres eine Discont⸗ anleihe von dreihundert Reichsthalern Banco zu machen. Zwei Umſtände beſtimmten ihn beſonders dazu. Erſtens wollte er ſein Wort halten mit dem Einſatz in die Spar⸗ bank für Sara's Kinder. Er ſetzte noch außerdem fünfzig Thaler für ein anderes kleines Kind ein. Zweitens be⸗ ſchloß er, beim Profeſſor Weſtin in ſeiner Kunſt Unterricht † zu nehmen. Hiezu war keine ſo kleine Summe erforderlich. Aber er war überzeugt, daß dieſe Ausgabe in der Zukunft reichen Erſatz geben würde. Daß Gemüth und Laune auf einer zufälligen Ebbe oder Fluth in der Kaſſe beruhen können, iſt eben nicht wunderlich. Wunderlicher iſt es, daß wirklich Charaktere zu finden ſind, die bei dieſen Abwechſelungen ihre Munter⸗ terkeit beibehalten, die ſogar ihre Freude daran finden, ihre eigene Armuth zu belächeln, etwa ſo wie ein muſika⸗ liſcher Ton in einem leeren Zimmer ſtärker klingt, als in einem mit Hausrath überfüllten. Man hat jedoch Anlaß zu vermuthen, daß dieſe Töne nur für einen entfernten Zu⸗ hörer Klang haben, ſich jedoch für den Muſikus ſelbſt in einen unmuſikaliſchen Wirrwar vermengen. Albert war keines von dieſen Gemüthern. Wenn daher das Taſchen⸗ buch der Reſonanzboden ſeiner Laune genannt werden konnte, ſo zeigte ſich dieſe um ſo klangvolier, je feſter es eben war. Zufolge dieſer Eigenthümlichkeit wurde eine Ver⸗ ſöhnung mit darauf folgendem ruhigem Verhältniſſe zwi⸗ ſchen ihm und Celeſtine einiger Erſatz für die zunehmenden Stürme und bewölkten Tage, welche jetzt auf den herr⸗ ſichen Frieden und die Klarheit des Sommers gefolgt waren. * Wir Bewohner des Nordens begreifen es am beſten, daß die Wärme und die Anmuth des Sommers nicht nur — u X S ⸗ e, . r⸗ i⸗ en — gt n, 259 leichten Sinn, ſondern auch Leichtſinn einflößt. Da ſchweben Alle hinaus in das Freie, befreit von den alltäglichen Um⸗ gebungen und Sorgen. Da nimmt ſich Jeder ohne Be⸗ denken Feiertage. Da hat man Vergnügen für billigen Preis. Das Herz wird erweitert von der Wärme der Natur und verlangt Liebe. Aber die Befriedigung dieſes Verlangens koſtet nicht viel. Es iſt der kurze Rauſch des wiederkehrenden Jugendſinnes. Erſt wenn der Winter vor der Thür iſt, ſo weiß Jeder einen eigenen Herd zu ſchätzen. Da wird man wieder hauswarm, und die Küſſe der holdeſten Geliebten haben nicht Feuer genug, dieſe Hauswärme des Alltagslebens zu erſetzen. Ihr Hausmütter, hütet Euch vor dem Sommer! Auch ſeine klaren Tage ſenden leicht Regenſchauer herab, die nicht blos Eurer zum Trocknen aufgehängten Wäſche gefährlich ſind. Da heiſcht manches andere reine Band als das an Eurer neugewaſchenen Schürze Eure Sorgfalt. Aber ſelbſt das Feuer in dem häuslichen Herde fordert ſeine Pflege. Leicht kann ein Brand hinunterfallen und zum Verdruſſe der Hausmutter die ſchöne, weiche Matte verderben. Ich ſehe ſtets in einem Hausvater, der mit der Feuergabel in der Hand vergnügt durch ſeine Zimmer von dem einen Ofen zum andern ſchreitet, einen guten Haus⸗ vater. Ein Junggeſeile findet dergleichen langweilig und verſäumt, ſofern er nicht geizig iſt, es immer, nach dem Feuer in ſeinem Ofen zu ſehen. Albert, halb Junggeſelle, obgleich der Mann Zweier, konnte dieſes Vergnügen nur in ſeinem eigenen Zimmer haben, denn— Celeſtine wohnte oben im Dachzimmer und— Livköping war über dreißig Meilen entfernt. An einem Vormittage legte er den Pinſel weg und ging aus. Wohin er ging, das können wir nicht wiſſen; aber nach ungefähr anderthalb Stunden kam er zurück. An der Hausthür murmelte er einen Fluch zwiſchen den Zähnen hervor, indem er ſtehen blieb und einen ſtarren Blick auf den Blaumantel warf, der eben jetzt aus der⸗ 260 ſelben trat. Dieſer machte ihm eine Art von halber Ver⸗ beugung. Albert ſtarrte ihm nach und blickte dann auf die Hausthür. Dort ſtand deutlich: Nr. 16 und die Straße war die Ritterſtraße. Er lief mehr als er ging über den Hof und die Treppe hinauf. Als er Celeſtinens Thür aufriß, ſah er, wie ſie mit thränenerfüllten Augen am Tiſche ſaß und den Kopf mit der Hand ſtützte. Alberts Ankunft traf ſo plötzlich ein, ſeine Bewegungen waren ſo heftig und ſeine Blicke ſo, daß ſie ſich unfreiwillig erhob, aber ſogleich wieder auf ihren Stuhl zurückſank. Seine Heftigkeit wurde durch ihre ſichtliche Schwäche von dem Gedanken an ihren Zuſtand gemildert. Nach kurzem Schwei⸗ gen fragte er langſam: „Du weinſt?— Haſt Du einen Beſuch gehabt, der Dich ſo bewegt hat?“—— „Albert! nicht dieſe Blicke— ich will nichts ver⸗ bergen. Sieh hier— lies!“ ſie reichte ihm einen offenen Brief. Er warf die Augen auf denſelben, ſah, daß es eine Damenhand war und las die Unterſchrift:„Roſa Leyonſtköld.“ „Und das mußte er bringen? Celeſtine! Du betrügſt mich— oder er iſt ein—— Schurke.“ „Schurke? Albert, ich bin die Schwache und Du kannſt in meinem Beiſein ſchmähen wen Du willſt. Aber meine Ueberzengung, daß er der edelſte Mann unter der Sonne iſt, ſollſt Du nicht“—— „Der Edelſte unter der Sonne?— Du ſchämſt Dich alſp nicht zu geſtehen, daß Du ihn liebſt, daß Deine Liebe gegen mich Heuchelei geweſen iſt? Deine Thränen fallen alſo aus Sehnſucht nach ihm? Nun wohlan denn? Such' ihn auf— ſchnell! Mache ihn unglücklich wie mich“——— „So lies doch den Brief! Oder lies ihn nicht! Du ſuchſt einen Anlaß mich zu verlaſſen— ich habe es ſchon luge geahnt. Geh'! Ich habe Dir Alles geopfert. Voll⸗ ende!“——— 261 Sie wollte den Brief wieder nehmen. Er aber ſchob ihre Hand ſanft zurück und las: „Meine geliebte gute Celeſtine! „Es iſt ſchon lange her, ſeitdem ich an Dich ge⸗ ſchhieben oder eine Zeile von Deiner theuren Hand geſehen habe. Sieh dies nicht ſo an, als hätte ich unſrer Freund⸗ ſchaft vergeſſen. O nein! Dieſe ſoll wenigſtens mir ſiets heilig ſein. Guſtav wird Dir alles näher erklären. Jetzt ſchmerzt es Dich gewiß nicht mehr zu hören, daß Guſtav mein iſt, mein für ewig. Ach! wie glücklich bin ich jetzt!!! Ss lag oft ſo fürchterlich kalt auf unſrer innigen Freund⸗ ſchaft, daß ich ſah, wie er Dich liebte.— Du haſt das Band gelöſt und Deiner ewig dankbaren Roſa die Selig⸗ keit geſchenkt. Ich genieße ihrer doppelt, weil ich weiß, daß auch Du durch Deine Liebe glücklich biſt. Celeſtinei glaube nicht, daß ich urtheile, wie die Welt urtheilt. Unſre Freundſchaft iſt ewig, und nichts, nicht einmal das Grab, ſlnins ſiben— „Das Inliegende bitte ich Dich um unſrer Freund⸗ ſchaft willen anzunehmen. Du weißt, ich habe ein großes Erbe zu erwarten und Guſtav iſt reich. Das ſoll blos zu Deiner eigenen Kaſſe ſein. Ich habe keine Ruhe, wenn ich hlauben muß, daß Du in Entbehrungen und Entſagungen leben mußt. Bei unſerer heiligen Freundſchaft beſchwöre ich Dich, daß Du jetzt und künftig alles zwiſchen uns für ge⸗ meinſam anſiehſt. Guſtab vereinigt ſeine Bitten mit den meinigen“——— Albert erhob ſeine Augen von dem Briefe und ſah Celeſtinen fragend an. Sie nahm aus ihrem Nähkorbe ein kleines zuſammengelegtes gelbes Papier. Sie entwickelte dieſes und zeigte ihm drei Stück Hundertreichsthaler⸗ Banknoten. „Und dieſe Gnadengaben haſt Du von ihm ange⸗ nommen? Du haſt Dich alſo beklagt?—— Du ent⸗ ehrſt mich kaltblütig und willſt, ich ſoll Dir danken? 262 Das iſt ein Beweis ſeiner—— das freut Dich alſo. Deine Thränen gelten Deiner Trennung Lon ihm.— Himmel und Hölle— habe ich nicht ſchon ſo genug?“ Er nahm die Banknoten, ging zum Ofen und öffnete denſelben. Da eilte Celeſtine herbei und ergriff ſeinen Arm. Aber er ſtieß ſie gewaltſam von ſich. „Ol auch das noch!“ rief ſie aus;„Albert! ſchicke das Geld zurück“— Sie fiel. Ihr Kopf ſtieß im Falle gegen die Ecke eines Stuhles, und Blut perlte über das geſchloſſene Auge und die bleiche Wange. Angſtvoll legte Albert ſie auf das Bett— er hatte kaum die Kräfte dazu. Unter ſeinen Be⸗ mühungen erwachte ſie bald. Ihre erſten Worte waren „Ich verzeihe Dir, Albert! Der Tod wird Dich bald frei machen.“ Sie ſchloß die Augen von neuem, als wollte ſie gerne ihre Prophezeiung wahr machen. Doch der Menſch hat ein außerordentlich zähes Leben, und es ſind zu einem wirklich gebrochenen Herzen große Sorgen erforderlich. Das Leben gleicht in dieſer Hinſicht dem erſtickenden Zu⸗ ſtande im Schlafe, von dem der gemeine Mann ſagt: Der Alp drückt. Man macht vergebliche Verſuche, dieſer Qual zu entgehen. Man hat ſogar das Bewußtſein, daß man nur erwachen zu können braucht, um wieder leicht und frei zu athmen; aber die drückende Bürde ſpricht jeglicher Bemühung Hohn. Nur eine gewaltſame Bewegung kann uns die Freiheit wieder ſchenken. Albert blieb, bis das Blut zu rinnen aufgehort hatte und Celeſtine ſchon aufrecht im Bette ſaß. Keiner von ihnen hatte ein Wort oder eine Thräne. Nur ein leiſes Wimmern hörte man von ihren Lippen. Albert konnte es nicht länger aushalten. Er ging mit den Worten: „Thue wie Du willſt. Ich weiß, meine Ehre kümmert Dich wenig.“—— „Eben ſo wenig, wie mein Gluͤck Dir am Herzen 263 liegt,“ fiel ſie ein.„Du haſt mich nie geliebt. Meine warme Liebe haſt Du nicht verſtanden. Du verachteſt ſie, weil ſie wahr und uneigennützig war, darum daß Doch Albert hörte ſie nicht mehr. Er war ſchon draußen, ging hinunter und ſchickte Celeſtinen die Aufwär⸗ terin. Da ſie einkam, lagen die Bankzettel noch im Zimmer umher, und Celeſtine hatte ein blutiges Schnupftuch in der Hand, mit welchem ſie die Spuren ihres Falles abgewiſcht hatte. Die Alte fing an zu weinen:„Sie ſähe recht gut wie es wäre. Das Fräulein brauchte ihr nichts zu ver⸗ hehlen. So wären die Männer alle.“ Aber ein Etwas in Celeſtinens Blick zeigte, daß ſie nicht von allen ſo dachte.„Er,“ dachte ſie, er iſt edel und vernünftig. Ach, warum?“— Das Uebrige dachte ſie ſo ſtill, daß nicht einmal ſie ſelbſt die Worte ihrer Ge⸗ danken vernehmen konnte. Die Gegenwart der Aufwär⸗ terin war ihr läſtig und kränkend. Nur hier bei dieſem fremden und ungebildeten Weibe fand ſie Theilnahme— nein nicht Theilnahme— Mitleiden. Doch ein ſolches Mitleiden iſt kränkend. Bei Albert würde ſelbſt das bloße Mitleiden ihr ein Troſt geweſen ſein. Die Aufwärterin mußte daher ſogleich gehen und ihren Mann holen. Ihm vertraute Celeſtine einen Vrief an den Blaumantel. Dem Aeußern deſſelben konnte man es an⸗ ſehen, daß er das unruheſtiftende Geld enthielt. Auch enthielt er weiter nichts— kein einziges Wort. Nur an dem Namen an dem Briefe hing ein Kuß— und eine Thräne. Von dieſem Augenblicke herrſchte Frieden im Hauſe, doch nicht in den Serzen ſeiner Bewohner. Hier kehrte derſelbe keinesweges dadurch zurück, daß Albert nach eini⸗ gen Tagen— er hatte jetzt ſeine Discontanleihe erhalten — Celeſtine hundert Reichsthaler Banco aufdrang.„Sie ſollte das Geld anwenden, wozu ſie wollte.“ Sie nahm es unwillig entgegen und verwendete es gar nicht, weil 264 Albert jetzt mit der ſorgfältigſten Genauigkeit für die klei⸗ nen Bedürfniſſe des Haushaltes ſorgte. Nur kurze Augen⸗ blicke des Tages ſahen ſie ſich. Die Tage waren jetzt ja auch ſo kurz. Celeſtine grübelte vergebens über die Urſache, warum Alberts Liebe ſo ſchnell vergangen wäre. Sie kannte den verfloſſenen Abſchnitt ſeines Lebens nicht und wußte nicht, daß er keine Antwort haben konnte auf ihr ſchwärmeri⸗ ſches und hingebendes Gefühl. Sie hatte geträumt von einem Leben voll ätheriſcher, inniger Dahingebung und von einer daher fließenden Glückſeligkeit, aber an gegenſeitige Pflichten und an eine von der Erfüllung derſelben abhan⸗ gende Glückſeligkeit hatte ſie nie gedacht. Ihr war die Tugend gleichbedeutend mit der brauſenden Jugendliebe und mit der Treue, welche dieſe gibt und fordert. In ihrer Verbindung mit dem Blaumantel hatte dieſes warme Ge⸗ fühl nicht ſtattgefunden. Er war ſo kalt. Doch Al⸗ bert——— Albert? war er warm?— Ja, er war es anfangs ſo geweſen, wie es jeder junge Mann iſt, da er ein jun⸗ ges, ſchönes Weib trifft, das kein Bedenken trägt, ihn leſen zu laſſen in der ſanft aufſtammenden Hingebung ihres Herzens. Es war ihm ſchon zuvor einmal ſo ge⸗ gangen. Zwar verſchwieg er Celeſtine dies. Aber es war ja jetzt vorbei— und es würde um ſo mehr als menſch⸗ liche Aufopferung erfordert haben, um ſelbſt eine ſo reine Liebe in bloße Hingebung zu verwandeln. Er ließ ſich da⸗ her von den Umſländen leiten und wendete ſeine Theorien darauf an. Alles ließ ſich daher leicht vertheidigen, und er ſtand in ſeinen eigenen Augen nicht da als leichtſinnig und charakterlos, ſondern als der ſtarke und vorurtheilsvolle Mann. Daß ſeine Flamme leicht erloſch, war natürlich. Sie war noch nie recht ſtark geweſen, denn das frohe Spiel der Jugendliebe läßt ſich nicht zweimal ſpielen. Und eben dieſes forderte Celeſtine. Ihre Forderungen erhielten daher in ſeinen Augen das Ausſeheu von kindiſchem Anhangen. ₰ S 265 Und dadurch entſteht am leichteſten der Ueberdruß. Dazu kam noch die Eiferſucht. Denn kein Mann iſt ängſtlicher, daß er nicht geliebt wird, als derjenige, welcher ſelbſt keine Liebe anzubieten hat. Und in einem Verhältniſſe, wo weder Geſetz noch Sitte binden, iſt es nicht leicht, den Glauben an Treue beizubehalten, welche mit ſchweigender Uebereinkunft nach Belieben gebrochen werden kann. Dazu waren für Albert noch außerdem der Gedanke an Lidköping und die Ausſichten auf die Zukunft vorhanden.— Jetzt kam für Celeſtine eine Zeit von neuen Beküm⸗ merniſſen und Schmerzen, aber auch von neuer Freude. Von den Bekümmerniſſen erhielt Albert ſeinen Antheil— aber von der Freude?——— Celeſtine hielt mit der ſchwärmeriſchen Zärtlichkeit einer jungen Mutter den kleinen Sohn in ihren Armen. Ihr Auge ſuchte forſchend Alberts Blick. Sie erwartete dort einen Widerſchein ihrer eigenen Gefühle zu ſehen, und die Hoffnung auf eine ganze Zukunft lag in dieſem Blicke. Doch Albert— er hatte ſo etwas ſchon früher geſehen. Ihre Augen ſanken mit einer Thräne hinab auf die füße Bürde ihrer Arme. Nenntes Kapitel. Ich reiſe, und es iſt unbeſtimmt, wenn ich zurückkommen kann. Weihnachten und Neujahr waren für Albert ohne andere Weihnachtsfreuden verfloſſen, als die der Preis eini⸗ ger Porträte gewähren konnte. Ein Paar kleine Weih⸗ 266 nachtsgeſchenke machten Celeſtinens Freude ebenfalls nicht groß. Daß auch die kleine Geſellſchaft, welche ſie neulich erhalten, nicht viel Freude hervorzaubern konnte, davon zeugten ihre oft rothen und verweinten Augen. Sie hatte noch eine Geſellſchaft an einem Kindermädchen, deſſen ſtete Anweſenheit, wenn auch nothwendig, ihr läſtig war und auch Albert einen neuen Grund gab, das Dachzimmer zu meiden. Zeitungen und politiſche Brochüren verkürzten ſeine langen Abende wenigſtens etwas. Jene las er gewöhnlich in dem Keller„Hamburger Börſe,“ um zugleich auf dem langen Hin⸗ und Herwege eine kleine Motion zu haben. Dort ſah man ihn um dieſe Zeit oft des Abends von ſechs bis acht Uhr ſitzen. Selten redete er ein Wort mit einem von den übrigen Gäſten. Seine Zeit war ausſchließlich der Pfeife, den Zeitungen und dem Toddyglaſe gewidmet. Daß er an jedem Abende ein Glas Toddy trank, möchte manchem Leſer niedrig, vielleicht ſogar liederlich vorkommen. Wir miſſen daher erklären, daß er immer zwei, bisweilen drei Gläſer trank. Die natürliche Urſache davon haben wir oben ſchon angeführt. Aus der vorliegenden Thatſache läßt ſich nur ſchließen, daß ſeine Halskrankheit jetzt per⸗ manent geworden, oder um in der Kunſiſprache zu reden, in ein chroniſches Leiden übergegangen wagr. Das Trinken machte ihn weder munter noch geſprächig, noch ſtimmte es ſein Gemüth weicher für Liebe und Freundſchaft. Er ging, wie er gekommen war, ſtill und in ſich geſchloſſen. Selten beſuchte er bei ſeiner Nachhauſekunft Celeſtinens Zimmer. Hätte ihn Jemand nach dieſen Beſuchen in ſeinem Zimmer geſehen, ſo würde man ihn ſtundenlang mit geſtütztem Haupte, bisweilen mit einer Thräne im Auge und immer mit einem dumpfen Weh im Herzen geſehen haben. Einſt wanderte er in einem gelinden Schneegeſtöber wie gewöhnlich nach Hauſe. Als er bei der Jakobikirche um die Ecke bog und ſich dem Opernhauſe näherte, hörte er, wie eine Kinderſtimme unter unaufhörlichem Schluch⸗ zen bitter weinte. Er blickte um ſich und ſah, daß ein — 267 kleiner Knabe langſam über den Guſtav⸗Adolphs⸗Markt gezogen kam. Er trat näher und ſah, daß der Knabe Schilfmatten auf dem Rücken trug, welche er mit der einen Hand feſthielt, während er mit dem Rockärmel der andern die Thränen abwiſchte. „Warum weinſt Du, mein Junge?“ „Ja, ein altes Weib nahm mir mein Brod weg. Den ganzen Tag habe ich nur eine einzige Matte verkauft. Ich wollte es Tante Ulla bringen; ſie iſt krank. Da kam ſie und nahm es mir weg— und ſo ſchlug ſie mich, als ich ihr nachlief.“ Bei den erſten in Weſtgothiſchem Accente geſproche⸗ nen Worten des Knaben fühlte Albert, wie ihm ein Schauer durch Mark und Bein fuhr. Dieſer kam nicht von der ihn umgebenden Kälte, und dennoch war er durch⸗ dringend kalt. Tante Ulla's Name vermehrte dieſe Kälte und als der Knabe weiter redete, kam ihm die Stimme immer bekannter vor. Seine Hand ließ die Kupfermünze fallen, die er mechaniſch aus der Taſche gezogen hatte und ergriff zitternd die Hand des Knaben, welche von Schnee und Thränen feucht war. Dieſer hätte lange fortfahren können zu reden, denn Albert konnte kein Wort hervor⸗ bringen; aber ihm wurde bange bei der ſtummen Geberde und er ſchwieg plötzlich ſtill. Eine Minute verfloß, ehe Albert fragen konnte: „Wie heißeſt Du?“ „Paulus“— antwortete er, von Neuem weinend. Dieſe Antwort erleichterte den Druck, welchen Albert in der Bruſt fühlte, doch eine unbeſtimmte Unruhe machte, daß er den Knaben an eine von den Laternen an dem Karl XIII. Platz führte, indem er ſagte: „Biſt Du immer hier in Stockholm geweſen?“ „Nein! bei der Mutter in Lidköping.“ In dieſem Augenblicke fiel der Schein von der Laterne auf das Geſicht des Knaben. Albert ſank gegen den Later⸗ 268 nenpfahl und zog den Knaben mit ſich. Seine Stimme war halb flüſternd, da er ſagte: „Adam— Du biſt ja Adam?“ „Vater!“ ſagte der Knabe, indem er verwundert em⸗ porblickte. Aber er fürchtete nichts mehr und ſeine Thrä⸗ nen floßen nicht mehr, da Albert ſich zu ihm herabbeugte und ihn an ſich drückte. Beide ſchwiegen von Neuem, denn Alberts ſtilles Flüſtern:„Sara, meine Sara!“ hörte nicht einmal der Knabe. Er brach das Schweigen: „Lieber Vater! mich friert ſo!“ „Bringe mich zur Tante Ulla. Gieb her deine Mat⸗ ten, armer, armer Junge! Gott im Himmel, laß ihn ſei⸗ nen unglücklichen Vater nicht verfluchen!“ Er ſchleuderte die Matten weit hinweg, wiſchte mit ſeinem Schnupftuche die Augen und das Geſicht des Kna⸗ ben ab und küßte ihn. „Wo wohnt Tante Ulla?“ „An der Norrlandsſtraße. Aber ſoll ich nicht die Matten mitnehmen? Tante Ulla ſchilt, wenn ich ſie nicht mitbringe.“ „Laß ſie liegen. Ich kaufe ſie.“ „Aber ſie ſtehlen ſie hier weg, und dann hat Vater doch noch keine Matten. Die Matten ſind gut— das Stück koſtet zwölf Schillinge.“ „Laß ſie. Ich bezahle ſie Tante Ulla; will ſie aber nicht haben.“ „Vater könnte ſie ja aber doch Tante Ulla ſchenken,“ meinte der eigenſinnige Knabe. Albert mußte alſo das Paquet Matten in die eine Hand nehmen, und mit der andern ſchlug er ſo gut wie möglich ſeinen Rockſchoß um den Knaben, der vor Kälte mit den Zähnen klapperte. So gingen ſie nach der Norr⸗ landsſtraße. Albert ſchwieg. Der Knabe hatte ebenfalls nicht eher etwas zu ſagen, als bis ſie an einem Brod⸗ magazin vorbeikamen, das er kannte. „Hier iſt das Brodmagazin!“ ſagte er. 1. i⸗ te e 269 „Hier, Adam! geh und kaufe Brod hiefür. Hier haſt Du Kupfergeld zu Brezeln für Dich.“ „Ich bin nicht Adam, Vater, ich bin Paulus. Bre⸗ zeln will ich nicht haben. Tante hat geſagt, man bekommt mehr hartes Brod fürs Geld als Brezeln, und davon wird der Magen ſatt.“ Er ging. Aus der Taſche des großen Frackes, den er über der Jacke hatte, nahm er eine Schnur und zog die Brodkuchen behende auf. Mit einem„Warte ein wenig!“ eilte er zurück an die nächſte Straßenecke und kam mit zwei in Papier gewickelten Häringen unter dem Arme und mit dem Brode in der Hand wieder. In der andern Hand hatte er ein Stück Brod, von welchen er mit gutem Appe⸗ tit aß. Sein Gang und ſeine Geberden waren jetzt hur⸗ tig und munter, eben ſo ſeine Worte: „Weißt Du, Vater! der eine Häring iſt ſo groß.“ Albert dankte in ſeinem Innern Gott, daß der Knabe ſeine Scham und ſeinen Schmerz nicht faſſen konnte. „Warum willſt Du nicht Adam heißen?“ „Nein. Tante hat geſagt, daß ich ſo nicht heißen darf, ſeitdem ich Paulus getauft bin. Das war luſtig, Vater! Es war ſo fein in der Kirche und ſo viele Leute.“ „Iſt's noch weit bis zur Tante Ulla?“ „Nein, ſie wohnt eben hier.“ Der Knabe bog ab und ging durch ein Haus und vann eine Art von Thorweg, der auf den Hinterhof führte. Hier klopfte er an eine Thür und rief: „Ich bin's, Tante Ulla! Vater iſt auch hier.“ Eine weibliche Perſon öffnete— es war nicht Tante Ulla— der Knabe ging hinein, und Albert folgte ihm. Das Zimmer war reinlich und alſo nicht unangenehm, ob⸗ gleich die wenigen Möbeln von der Armuth der Bewoh⸗ ner zeugten. Ein Bett und ein großer Schrank waren die vornehmſten Artikel. Hiezu kam ein alter Lehnſtuhl, in welchem Tante Ulla ſelbſt vor dem kleinen Ofen Platz genommen hatte. Noch war da ein gepolſterter Stuhl, 270 jedoch ohne Ueberzug. Dieſer wurde Albert als Sitz gereicht. Die Perſon, welche die Thüre geöffnet hatte, hielt ein Buch in der Hand und hatte, wie man deutlich ſah, als Vor⸗ leſungskatheder einen kleinen Schemel benutzt, der neben dem Lehnſtuhle der Tante Ulla ſtand.„Der Kaffeekeſſel im Ofen fehlte nicht. Eine rothgefleckte Katze, ein Mit⸗ telding zwiſchen Bewohner und Inventarium, ſaß auf dem Bette. „Guten Abend, Frau!“ ſagte Albert. „Gott bewahre mich! der Herr Lieutenant! Wo hat der Junge Sie getroffen? Zieh Dir den Rock aus, Pau⸗ lus. Hinter dem Ofen liegen trockene Strümpfe.“ „Wie iſt er hieher gekommen? Wo iſt Sara? Iſt ſie hier in Stockholm?“ „Nein, Gott gebe ihr Gnade! Sie wird wohl keine lange Reiſe mehr machen, die arme Sara? Sie iſt ſeit dem letzten Frühlinge immer elend und krank geweſen. Den Knaben ſchickte ſie mir vor acht Wochen mit einem weſt⸗ götiſchen Hauſirer. Guſtava iſt lange bei ihr in Lidköping geweſen. Jetzt wird ſie wohl nicht mehr dort ſein. Sie wollte die beiden älteſten Mädchen zu ſich nehmen. So iſt nur die jüngſte noch zu Hauſe bei der Mutter. Sie kann genug mit einem Kinde zu thun haben, ſo elend ſie eine lange Zeit geweſen iſt.—“ „Was iſt das denn für eine Krankheit?“ „Was anders als die Schwindſucht, glaube ich. Sie ſchreibt wohl, daß ſie dieſe nicht hat, aber der Knabe ſagt, daß ſie den ganzen Tag huſtet.“ „Ja, und das klare Blut“— fügte dieſer hinzu. „Warum hat mir denn Tante Ulla nichts davon ge⸗ ſagt? Sie wiſſen doch, wo ich wohne?“ „Ja wohl weiß ich das. Ich kenne die Frau recht gut, die bei Ihnen die Aufwartung hat. Aber Sara ſchrieb und verbot, ich ſollte um Alles in der Welt dem Herrn Lieutenant nichts ſagen. Und dann haben wir keine Noth gehabt, Ich habe, Gott ſei Lob und Dank, mein ſt 1e it 1⸗ 9 ie ie ie ie be e⸗ ht ra ne in 271 tägliches Brod gehabt, obgleich ich den Schnupftabacks⸗ laden nicht mehr habe. Jetzt iſt es zwar ungefähr drei Wochen lang ſchlechter geweſen, doch wenn mich nur die 2 garſtige Gicht wieder auf die Beine kommen läßt, ſo ſoll es ſchon gehen.“ Albert hatte ſchwer zu verſtehen, was die Alte unter „täglich Brod“ verſtand. Er ſah den Knaben an, welcher fich bleich und mager mit einem halben auf eine eiſerne Stange geſteckten Häring zum Ofen drängte. „Das hier taugt nicht für den Knaben, Tante Ulla. Er muß etwas lernen. Iſt hier kein Bäcker in der Nähe?“ Ich gehe ſogleich zu ihm.“ „Ja, es gibt hier dicht bei einen und er iſt eben ein recht guter Menſch. Aber jetzt iſt es ſo ſpät. Morgen—“ „Das kann nicht helfen. Morgen—— verreiſe ich —— auf einige Zeit. Wollen Sie nicht die Güte ha⸗ ben, mich zu dem Bäcker zu zeigen?“ fragte er die Per⸗ ſon mit dem Buche. „Gerne, wenn der gnädige Herr ſo will.“ „Adieu, Tante Ulla! Schaffen Sie ſich einen Haus⸗ ſchlüſſel, ſo daß ich ſpäter noch wieder einkommen kann.“ „Wenn Sie dreimal ſtark an die Hausthür klopfen. 0 —— on Aber Albert horte nichts mehr. Er ging zu dem Bäcker, der an der Jakobsbergsgaſſe wohnte. Mit ihm wurde er einig, daß Adam(der ſich Paulus nannte) als Lehrling angenommen und nach acht Jahren Geſell wer⸗ den ſollte. Wegen ſeiner jetzigen Jugend, da er nach der Ausſage des Bäckers wenig arbeiten, wohl aber wie ein ganzer Kerl eſſen konnte, verpflichtete ſich Albert, ein für allemal zweihundert Reichsthaler zu bezahlen, und zwar fünfzig jetzt gleich baar und den Reſt durch ein Contra⸗ buch mit der Sparbank, von deren Zinſen der Bäcker dem Knaben beſſere Kleider zu halten verſprach, als man ſonſt gewöhnlich gibt. Das Geſchäft war bald abgemacht und der Bäcker gab ſeine ſchriftliche Quittung über die Ein⸗ 272 bezahlung und ſeine von zwei rechtſchaffenen Geſellen be⸗ zeugte Verſchreibung. „Nehmen Sie den Knaben an wie von einem Ster⸗ benden,“ ſchloß Albert,„denn ich verreiſe morgen und weiß nicht, wann ich zurückkommen kann.“ Der Bäcker verſicherte, er wäre ein Menſch wie ein Anderer, und es ſei nicht ſeine Sitte, anderer Leute Kin⸗ der ſchlecht zu behandeln. Sie ſchieden mit einem Hand⸗ ſchlage. Jetzt wanderte Albert zurück nach dem Karl KIII. Platze. Bei der Wittwenhausgaſſe ſtieß er auf einen Fuhrmann, der mit leerem Schlitten auf dem Rückwege zu ſeiner Station auf dem Brunkebergsmarkte begriffen war. Er rief ihn an und ſetzte ſich ein.„Nach der Ritterſtraße!“ ſagte er mit ſo ſanfter Stimme, daß der Fuhrmann, welcher hinten nuf hing, mit Verwunderung ihn und ſeinen Schnurrbart betrachtete. Der Leſer mag ſelbſt verſuchen, in einem kleinen Schneegeſtöber auf einem Fuhrmannsſchlitten im gewoͤhn⸗ lichen Fuhrmannsſchritte zu fahren und dann ſagen, welche Gedanken, frohe oder betrübte, dabei ſein Gemüth bewe⸗ gen. Alberts Gedanken gehörten keiner von beiden Arten an. Er fuhr dahin wie in einem Traum und die Later⸗ nen, an denen ſie vorbei kamen, ſchienen ihm gleich den Schneeflocken auf einer Fahrt auf unſere elende Erde her⸗ ab begriffen zu ſein. Er ſchloß die Augen, um der Ge⸗ ſpenſterwelt zu entgehen, in welche er verſetzt zu ſein ver⸗ meinte. Aber da war es ihm immer, als wäre er in je⸗ dem Augenblicke auf dem Wege, in einen Abgrund hinab⸗ zu ſtürzen. Er erwartete, daß der Sturz jetzt mit un⸗ endlicher Schnelligkeit beginnen würde und konnte das Verlangen nicht unterdrücken, hinabzublicken in die Tiefe, welche ſich vor ihm öffnete; er öffnete die Augen und blickte um ſich, ſah jedoch von Neuem das vorige Spiel der Laternen und Schneeflocken. Unter dieſen wechſelnden Phantaſien erreichte er envlich ſeine Hausthür. Wie im 273 Traume ging er in ſein Zimmer, nahm das erwähnte Contrabuch und etwas Geld aus der Commode und kehrte ſogleich zurück, ohne Licht angezündet zu haben. „Setze Dich hier neben mich und fahre tüchtig zu, ſo erhältſt Du tüchtiges Trinkgeld; einen Reichsthaler über die Tare,“ ſagte er zum Fuhrmannsjungen. Dieſer kroch in den Schlitten und ſchlug aus allen Kräften darauf los; doch der Gaul ſchien ſich nicht viel an die Erinnerungen des jungen Knaben zu kehren. Da nahm Albert die Peitſche und vas Pferd bekam gleich eine ganz neue Fahrt. Dieſes half. Er fühlte ſich leich⸗ ter, indem er murmelte:„Warum haſt Du dich einmal dazu hergegeben, ein Pferd zu ſein?—— Glaubſt Du nicht, daß der, den Du ziehſt, eine weit ſchwerere Laſt zu ſchleppen hat, als Du?—— voder daß es nicht weit ſchärfere Peitſchen gibt, als dieſe 2“ Ein„Hoppſa!“ und einige Schnalze mit der Zunge wechſelten ab mit den Peitſchenhieben und den Fragen. Daß dieſe letzteren dem Knaben und dem Pferde zu tiefſinnig waren und alſo un⸗ beantwortet blieben, bedarf wohl keiner Erwähnung. In⸗ zwiſchen ging es raſch vorwärts. Bei der Thür des Bä⸗ kers ſtieg Albert ab, ging hinein und gab das Contra⸗ buch in Gegenwart der beiden erwähnten Zeugen ab. Darauf fuhr er zur Tante Ulla. Die Thür ſtand noch offen, doch durch die Ritzen der Fenſterladen leuchtete jetzt kein Feuerſchein mehr. Er klopfte leiſe an die Thür und ſein:„ich bin's, Tante Ulla!“ wurde augenblicklich durch „ſogleich!“ beantwortet. Als er hineingekommen war, ſo begann die Perſon, welche die Thür geöffnet hatte, ſogleich mit der Feuer⸗ lade zu klappern. Bald tanzten bei dem Takte der Rei⸗ bung des Feuerſtahles gegen den Stein muntere Funken umher und verbreiteten über das Geſicht der Tante Ulla eine Röthe, die daſſelbe ſeit vierzig Jahren beim Tages⸗ lichte nicht beſucht hatte. Sie ſaß noch in ihrem Lehn⸗ ſtuhle und hatte die Füße mit einer alten Matte um Es geht an. 18 274 wickelt. Albert war noch dabei, den Schnee von ſeinen Kleidern zu ſchütteln, als die Flamme des Schwefelfa⸗ dens die Gegenſtände im Zimmer blaubleich färbte und bald die Dunkelheit in Licht verwandelte, nachdem ein kleines Endchen Licht von der erwähnten Frauensperſon angezündet und in einen alten zinnernen Leuchter auf ei⸗ nen Lichthalter geſetzt war. Bei dem Scheine des Lichtes ſah Albert den Kna⸗ ben, deſſen Athemzüge er in der Dunkelheit gehört hatte, in einer Ecke des Zimmers ruhig ſchlummern. Woraus das Bett beſtand, konnte er nicht unterſcheiden, denn über daſſelbe war ein ziemlich reinliches, wenn auch grobes Lacken gebreitet. Aber er ſah deutlich, daß ein wollener Weiberrock die Stelle der Decke vertrat. Ohne Umſtände nahm er den kleinen Schemel und ſetzte ſich vor das Bett auf denſelben. Eine Zeitlang betrachtete er mit unver⸗ wandten Blicken den ruhig ſchlafenden Knaben. Tante Ulla hatte Takt genug, ihn mit keinem Worte zu ſtören. Als er jedoch die Hand des Knaben ergriff und ſie leiſe aufhob, da faltete ſie andächtig ihre Hände; Aus Ein⸗ genng oder vielleicht aus bloßer Gewohnheit begann ſie eiſe: „Der Herr ſegne uns und behüte uns; Der Herr laſſe ſein Angeſicht leuchten über uns und ſei uns gnädig; Der Herr hebe ſein Angeſicht auf uns und gebe uns einen ewigen Frieden!“ Albert ließ ſie ungeſtört fortfahren. Er bog den Kopf nur ein wenig hinab und prückte den Arm des Kna⸗ ben an ſeine trockenen und brennenden Augen. Gern hätte er lange ſo geſeſſen; aber das Ende des Gebetes machte auch ſeiner kurzen Erſtarrung ein Ende. Sanft legte er den kleinen Arm wieder auf das Bett und ſtand auf. „Sehen Sie hier, Tante Ulla! Dieſes Papier ſollen Sie verwahren. Es iſt der Contrakt mit dem Bäcker. Schicken Sie den Knaben morgen zu ihm. Hier iſt auch 1 — 6 n 1. te te n v. 275 etwas für Sie. Sehen Sie bisweilen nach den Kleidern des armen Jungen!“ Er gab ihr den Contrakt und etwas Geld. Die Thränen der Alten waren ſogleich bei der Hand, als ſie antwortete: „Ich habe immer geſagt, daß der Herr Lieutenant ein guter und vortrefflicher Herr iſt— Gott ſegne Sie, daß Sie für das arme Kind ſorgen und auch mein nicht vergeſſen. Ich ſollte eigentlich jetzt nicht fragen, aber bleiben Sie lange weg?“ „Ja, lange.“ „Reiſen Sie auch nach Lidköping?“ „Vielleicht treffe ich Sara recht bald.— Adiev, Tante Ulla!“ „Ach, wie wird ſie ſich freuen. Gott behüte Sie, Herr Lieutenant. Liſa, geh' und leuchte!“ Liſa nahm das Licht und näherte ſich der Thür; als ſie dieſelbe aber öffnete, da ſtrömte die kalte Luft ein, das Licht verlöſchte und verſetzte ſie in eben die Finſterniß, in welcher er ſie bei ſeiner Ankunft gefunden hatte. Er begab ſich wieder auf den Weg. Der Fuhrmann war willig, obgleich er auf das verteufelte Wetter ſchmälte. „Willſt Du ſtehen, Canaille!“ fuhr er fort.„Jetzt ſchlägt's zehn.“ Aber das Pferd war unwillig, obgleich es ſchwieg, wie die Wand. Bei der Wittwenhausgaſſe ging es nicht weiter und nach vielen vergeblichen Verſuchen, es dazu zu bewegen, mußte Albert ausſteigen, bezahlen und den Weg zu Fuß fortſetzen. Mancherlei Gedanken wanderten in ſeinem Kopf ih⸗ ren eigenen Weg. Mur ein einziger ſtand feſt: den Be⸗ kümmerniſſen zu entfliehen, die ſich über ihn häuften. Er dachte: ſie will und kann ich nicht wiederſehen. Es iſt wahr; ſie hat ſich ſelbſt vollkommene Freiheit gewünſcht und auch mir eine ſolche gelaſſen. Doch wie wäre jetzt ein Zuſammentreffen? Und wozu ſollte es dienen? Liebe kann ich ihr nicht geben. Mitleiden gegen ſie hege ich, 276 aber wie ſoll ich das zeigen?— Und dieſe? Aber war⸗ um hat ſie ſich mir in die Arme geworfen?— Ich habe ja kaum einen einzigen Schritt gethan. Auch Sara! Würde ich wohl anders, als bloß flüchtig an ſie gedacht haben, wenn nicht ſie—— 2 Unglück und Verdammniß, wohin ich mich wende. Ich bin frei, denn ich mache ſie beide nur unglücklich. Und habe ich nicht dieſe unglück⸗ ſeligen Verbindungen mit der Ruhe meines Lebens be⸗ zahlt? Verdammt, daß der Menſch ſo elendiglich von dem Vorurtheile gebunden werden ſoll. Ich bin ohne Schuld, denn ich habe ihr Glück nicht machen können. Daß unſere Neigungen nicht übereinſtimmten, das hat der Ausgang gezeigt. Aber was kann ich dafür? Derjenige, welcher in das Herz des Menſchen das Bepürfniß legte, zu lieben und geliebt zu werden, der hat dort auch die Forderung an einen Gegenſtand dieſer Liebe niedergelegt. Dieſen Gegenſtand habe ich nicht gefunden. Ich kann nicht da⸗ für. Das Schickſal, die Umſtände, ein Zufall haben mich in Verhältniſſe gebracht, die ich verabſcheue. Ja, ich haſſe dieſe Bande. Ich bin frei; ich muß ihnen ent⸗ fliehen. Fliehen? und wie? Es gibt nur eine Art. Ich bin ruinirt! ich habe keine Wahl.—— Schlimmer als jetzt in dieſer täglichen Pein kann es nicht werden.“ Er kam nach Hauſe und ſchlich ſo ſtill wie möglich in ſein Zimmer, denn er ſah, daß bei Celeſtine noch Licht brannte. Auch er zündete Licht an und warf ſogleich ſeine Blicke mit einem Seufzer auf die Stelle über ſeinem Bette, wo ehmals ſeine Piſtolen gehangen hatten. Ein leichter Schauder lief über ſeinen Rücken. Es war, als hätte er etwas Kaltes gefühlt im Gegenſatze zu vem war⸗ men Hauche einer Piſtole. Die Wahrheit fordert ihr Recht, und wir müſſen geſtehen, daß Alberts erſtes Ge⸗ ſchäft war, aus einem netten Flaſchenfutter, das auf der Commode ſtand, eine mit Guſtaf 1II. Namen in golde⸗ nen Buchſtaben verſehene geſchliffene Flaſche hervorzuneh⸗ men. Der Inhalt dieſer Flaſche war eben ſo durchſichtig, — 277 wie die Flaſche ſelbſt. Ob ein kleineres Glas bei der Hand war, iſt jetzt ſchwer zu entſcheiden; das Gewiſſe aber iſt: Albert goß ein Bierglas bis an den Rand voll und trank davon ungefähr den dritten Theil. Er muß das Manöuvre erneuert haben, denn am folgenden Mor⸗ gen ſtand das Glas noch auf der Commode, von dem Inhalte deſſelben war jedoch nur ein Sechstheil übrig. Jetzt zog er ſeine goldene Uhr aus der Weſtentaſche, einen koſtbaren Siegelring von dem Finger und eine mit Juwelen beſetzte Tuchnadel aus der Spiegelſchatulle, legte dies Alles in einen Umſchlag und ſteckte es in ein Glas⸗ käſtchen, auf deſſen Deckel ſein und Sara's Namen ver⸗ ſlochten ſtanden. Das Käſtchen verſiegelte er, ſetzte ſich und ſchrieb. Er ſchrieb nur einige wenige Zeilen, faltete das Papier zu einem kleinen Billete und ſchrieb die Auf⸗ ſchrift an C. v. P. Das Billet lautete folgender Maßen: „Freund Carl! Ich reiſe und es iſt ungewiß, wann ich zurückkommen kann. Ich laſſe mein kleines Eigen⸗ thum hier zurück. Verwendeſt Du es nicht, um die Burg⸗ ſchaft damit zu bedecken, in die Du für mich gegangen biſt, ſo ſchicke das verſiegelte Glaskäſtchen nach Lidköping —— Du weißt wohl— und laß dieſe hier das Uebrige behalten. Lebe wohl! Verfluche nicht mein Andenken. Gott verhelfe Dir zu einem glücklicheren Ende als Deinem A.“ Jetzt ſammelte er verſchiedene Briefe und andere Papiere aus den verſchiedenen kleinen Fächern der Kom⸗ mode, legte Alles in den Ofen und zündete es an. Als noch die Flamme ſtark flackerte, entfaltete er ein kleines roſenrothes Papier, betrachtete eine Haarlocke, die darin lag, küßte ſie ſanft und ließ ſie dann in das Feuer flie⸗ gen. Einige Minuten ſtand er nun gedankenvoll oder vielleicht gedankenlos vor dem ſchnell ausgebrannten Feuer, wärmte an der kleinen Gluth ſeine Hände und rieb ſie mit einem gewiſſen Vergnügen. Bald aber war kein Fünkchen mehr zu ſehen. Seine Hände fühlten keine 278 Wärme mehr. Da ſchüttelte ihn wiederum ein leichter Schauder und er ſagte mit ziemlich lauter Stimme: „Es iſt vorbei. Es iſt Zeit.“ Er nahm ſeinen Oberrock und hatte ihn eben angezo⸗ gen, als er leiſe Schritte in der Treppe hörte. Die Thür ging auf und Celeſtine trat zur Hälfte entkleidet ein mit einem großen wollenen Tuche über Kopf und Schultern. „Verzeihung, Albert! aber ich horte Dich reden. Ich glaubte, Du wäreſt krank. Aber wie, willſt Du noch ausgehen?“ „Ja,“ ſagte er einſilbig, indem er an den Tiſch trat und einige feinere und gröbere Bleiſtifte zuſammenlas, die dort lagen. „So ſpät, Albert?“ „Ja, ich muß gehen.“ „Albert! täuſche mich nicht! Du biſt ſchon bisweilen ganze Nächte weggeweſen. Warum willſt Du nicht zu Hauſe bleiben, Albert, bei Deiner Celeſtine? Aber Du biſt meiner überdrüſſig. Du magſt nicht mehr bei mir ſein.“ Die Thränen drängten ſich hervor aus den tiefen Augen.„Lieber Albert! gehe nicht— verlaß mich nicht!“ Sie ſitreckte die bloßen Arme nach ihm aus. Das Tuch war von ihrem Kopf und von den Schultern ge⸗ fallen. Dieſe ſchimmerten ſo weiß, weich und warm. Ihre Stimme war ſo herzlich bittend, und die Thräne glänzte ſo rührend an dem Rande der hochgewölbten und beweglichen Wimper. Albert ſah nur ein einziges Mal dahin und ließ die Arme ſinken. Doch plötzlich wandte er ſich hinweg, nahm ſein Portefeuille und legte einige Blät⸗ ter reines Papier hinein mit den Worten: „Ich muß gehen, liebſte Celeſtine. Ich habe Arbeit. Ich ſoll eine Leiche portraitiren. Er wird begraben—— „Hu, eine Leiche! Du allein mit der Leiche?“ „Sei Du nicht kindiſch, geh in Dein Zimmer. Ich will Dir leuchten, meine arme Celeſtine.“ ————— —— . 279 Er ſagte die letzten Worte mit einer etwas unſicheren Stimme. Sie ging zu ihm und ſchlug die feinen Arme um ſeinen Hals. „Lieber Albert! Du kommſt ja zu mir hinauf, wenn Du nach Hauſe kommſt? Ich weiß nicht warum, aber ich laſſe Dich heute Abend ſo ungerne gehen.“ Eine Weile ſtanden ſie ſoz ſie mit dem Kopfe an ſeine Schulter gelehnt und er mit geſchloſſenen Augen. Endlich ſagte er: „So, meine Celeſtine, geh nun.“ Jetzt drückte er einen Kuß auf ihre Lippen, ging zu der Commode und nahm das Licht. Sie blickte ihm nach, wiſchte die Lippen ab, als wäre etwas Unangenehmes an denſelben. Ihr Blick fiel auf die geſchliffene Flaſche und das Glas, und ihre Bruſt erhob ſich von einem ſchweren Seufzer. Es ſah ſo aus, als hätte ſie noch etwas im Sinne, das ſie ſagen wollte, aber als könnte ſie das rechte Wort nicht finden. Sie ſagte nur ein leiſes nicht beſon⸗ ders warmes: „Gute Nacht!“ Ehe Albert mit dem Lichte hinauskam, war ſie ſchon verſchwunden, und er hörte nur, wie ſie mit einiger Hef⸗ tigkeit ihre Thüre zuwarf. Langſam wendete Albert um. Er blieb bei ſeiner Thüre ſtehen, warf das Portefeuille ins Zimmer, ergriff ſeinen Hut und warf das Licht in die Waſchſchüſſel. Darauf ging er hinaus, verſchloß die Thür ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche und verließ das Haus Nr. 16. Der Kellner in der Hamburger Börſe ſtand draußen in der Hausthüre, und war eben im Begriff, dieſe zu ver⸗ ſchließen, als er einen Mann in Ueberrock und Hut, von der Regierungsſtraße kommen ſah. Da dieſer in den Schein der Laterne kam und an dem Kellner vorbeiging, ſo erkannte dieſer Albert und grüßte. Doch Albert ant⸗ wortete nur mit einem Kopfnicken und trat ein. Noch waren Gäſte in einem Zimmer zur Rechten und eine lär⸗ 280 mende Geſellſchaft im Rauchzimmer. Albert trat an den Schenktiſch, requirirte Toddy und begab ſich in das kleine Zimmer der Saalthür gegenüber, obgleich es dort jetzt dunkel war. Der Kellner kam ſogleich mit Licht; doch Albert ſagte in ärgerlichem Tone: „Weg mit dem Lichte. Das braucht nicht!“ Als das begehrte Glas gebracht war, dauerte es nicht lange, ſo hörte man ſeine Stimme: „Kellner!“ „Ja!“ „Noch ein Glas!“ Die Kellner ſahen ſich verwundert an, und einer von ihnen(der vorige) beeilte ſich, dem Befehle zu gehorchen. Er nahm ein neues Glas, denn er fürchtete ſich beinahe, in das dunkle Zimmer zu gehen und das gebrauchte zu holen. Nachdem er dieſes hineingebracht hatte, war er kaum wieder im Saal, als ſchon Albert nachkam. Er⸗ ſchrocken wich er zurück. Albert zog aus ſeiner Taſche ein ſchönes ſeidenes Schnupftuch mit rothem Grunde, reichte es dem Kellner und ſagte, obgleich mit ſchweben⸗ der Stimme: „Da, bezahle Du die Gläſer!“ Der Kellner wollte es nicht annehmen. Albert warf es hin und ging ſchnell hinaus. Die Kellner ſahen, wie er in der Thüre ſchwankte, aber keiner von ihnen hatte Luſt zu lachen, und derjenige, welcher mitging, um ihm die Hausthüre zu öffnen, warf dieſe ſo ſchnell er konnte wie⸗ der zu.* Finf Minuten ſpäter wanderte ein zerlumpter, ſchlecht gekleideter Kerl über die Norderbrücke und warf vorſichtig ſpähend die Angen um ſich. Er ſah, daß eine einſame Perſon von dem Guſtaf⸗Adolph's⸗Platze auf ihn zukam. Dieſe Perſon, in welcher er jetzt einen Mann mit einem Hute auf dem Kopfe erkannte, blieb ſtehen, als ſie die Brücke exreicht hatte, und ſtützte ſich an die Barriere. Nach einigen Augenblicken jedoch ſtieg er die nach der ——— N v— —* —— 281 Seite von Roſenbad befindliche Treppe hinab. Neugierig ſchaute der Zerlumpte über das Geländer. Er ſah, daß der Fremde auf dem oberſten Abſatze der Treppe ſtehen blieb. Da er nach einem Augenblicke ſeinen Weg fort⸗ ſetzen wollte, ſo fiel er um und rollte hinab. Er wälzte ſich unten in dem Gange noch einige Male hin und her. Da raſſelte die eiſerne Kette an dem Rande und er war verſchwunden. Der Zerlumpte eilte an die andere Seite der Brücke und blickte hinab in den brauſenden Strom, aber er ſah nichts. Da ſtieg er gemächlich und bedächtig die genannte Treppe hinab. Unten im Gange lag ein Hut. Er nahm ihn auf und ſtrich mit der Hand darüber hin. Der Hut war ſehr fein. Da nahm er ſeine eigene zerlumpte Mütze warf dieſe hurtig in den Strom und ſetzte den gefundenen Hut auf den Kopf. Ein leiſes wieherndes Gelächter entſchlüpfte ſeinen Lippen, und er murmelte vergnügt: „Das geht an!“ Geſchichte der Marie Appelb erg. —— * XV Erſtes und letztes Kapitel. „Nein, das geht nicht an, ſagte ich in mei⸗ nem Herzen.“ Der Aufzeichner von Alberts Schickſalen ſeit ſeiner letzten Reiſe von Livköping hat, wie leicht zu begreifen iſt, nicht ohne viele und mühſame Nachforſchungen der Wahr⸗ heit ſo nahe kommen können, wie geſchehen iſt. Einen Theil der Nachrichten hat er erhalten durch die in der Polizei gemachten Erzählungen, als ſpäter im Frühjahre der Leichnam einer ertrunkenen Mannsperſon beim Schiffs⸗ holm gefunden wurde. Das Meiſte hat er jedoch von dem Blaumantel erfahren, welcher, jedoch unter der Bedingung, daß ſein Name und die Namen der Uebrigen, außer Al⸗ berts verſchwiegen, verändert oder nur mit den Initialen bezeichnet werden ſollten, in ſchriftlichen Berichten mitge⸗ theilt hat, was er von dieſer Geſchichte wußte. Aber in 283 Betreff der ſpäteren Schickſale Celeſtinens beobachtete er ein eigenſinniges Schweigen, indem er vorgab, daß dieſel⸗ ben ihm theils unbekannt, und theils, inſofern er ſie kannte, von der Art wären, ldaß er ſie am liebſten verſchwiege, beſonders da es eine Perſon beträfe, die er ehedem herz⸗ lich geliebt hätte. Möge nun der Leſer oder die liebenswürdige Leſerin — vielleicht kann ich nicht auf mehrere hoffen, als auf die eine, bei welcher ich mich und mein Buch gerne fuß⸗ fällig zu empfehlen wünſchte— ſelbſt urtheilen, wie ſehr meine Neugierde in dieſer Hinſicht erregt ſein mußte. In jeder weiblichen Perſon mit einem bleichen, intereſſanten Geſichte und mit dunklen, tiefen Augen, die mir auf der Straße begegnete, ſuchte ich Celeſtinen.— An einem Abende hatte ich in einem Hauſe am Ladugordslandsmarkte Viſite gemacht. Beiläufig geſagt, glaube ich, ein Beſuch daſelbſt kann jeden Perrückenſtock geiſtreich machen*) We⸗ nigſtens traf dies gewiſſer Maßen mit mir ein. Denn da ich an dem Wirthshauſe„der Apfel,“ Melander und den Laternenpfählen am Carl XIII. Platze vorbei— lauter Gegenſtände, die mich an Vieles erinnerten— nach Hauſe wanderte, da ſtieg eine lichte Idee in meinem Kopfe auf. Ich entſann mich des Umſtandes, daß Tante Ulla mit Ce⸗ leſtinens Aufwärterin bekannt geweſen war. Zufällig kam ein Fuhrmann in dem Augenblicke gefahren, als ich in Verwunderung über die Combinationsfähigkeit meines Ko⸗ pfes die rechte Hand an die Stirne legte. Vielleicht konnte dies ja der Fuhrmann ſein, deſſen ſich Albert an ſeinem *) Vielleicht ſtattete der Verfaſſer Beſuch ab bei dem Dichter Carlén, der zu jener Zeit, da dies Buch erſchien, mit ſeiner auch in Deutſchland als vorzüg⸗ liche Romanſchriftſtellerin bekannten Gattin dort wohnte. A. d. Ueb. 284 letzten Abende bedient hatte? Gleichviel, dachte ich, ſtieg. ſchnell ein und rief ihm eben ſo hurtig:„Norrlandsſtraße!“ zu. Bald war ich bei der bekannten Bäckerei. Der Bä⸗ cker ſelbſt war nicht zu Hauſe. Auf meine Frage nach dem Lehrlinge Paulus, ſtellte ſich ein bleicher, blonder Jüngling ein und maß mich mit fragenden Blicken. Mit einer gewiſſen Rührung betrachtete ich ihn, indem ich ſein Aeußeres mit dem Bilde verglich, das ich mir von Albert gemacht hatte, und es dauerte einige Augenblicke, ehe ich mich beſann, was ich hier wollte, und mich nach Tante Ulla erkundigte. Sie wohnte jetzt weit weg in der ſüd⸗ lichen Vorſtadt bei Tanto. Aber nichts konnte meinen Eifer abkühlen. Eins, zwei, drei ſaß ich wieder im Schlit⸗ ten. Mein Fuhrmann ſchien die Stadt und die Häuſer eben ſo gut zu kennen, wie ich mein kleines Dachſtübchen. Es wurde mir daher nicht ſchwer, Tante Ulla's Logis zu finden. Ich verabſchiedete meinen Fuhrmann und trat ein. Die Alte war in voller Beſchäftigung Fleiſchklöße zu ha⸗ cken, die ſie am folgenden Tage verkaufen wollte. An⸗ fangs zeigte ſie ſich etwas fremd und verſchloſſen. Als ich ihr jedoch die Verſicherung gegeben hatte, ich wäre einer von Celeſtinens Verwandten, als ich eine Flaſche Bier holen ließ und ihr eine Priſe aus meiner großen Schnupf⸗ tabacksdoſe reichte, da öffnete ſie ihren Sprachkaſten. Bis ſpät in die Nacht hinein lauſchte ich auf die reichen Schätze derſelben. Mehrmals wiederholte ſie in ihrer Er⸗ zählung,„daß nunmehr kein Menſch wiſſen könnte, wo die erwähnte Aufwärterin Haus hielte; überdies wäre ſie eine einfältige Gans und wüßte nichts.“* Das Nachſtehende iſt daher als die Erzählung der Tante Ulla anzuſehen, obgleich ich durch Aufklärungen, die ich mir gehörigen Ortes zu verſchaffen gewußt, einige Lü⸗ cken in derſelben gefüllt habe, ohne daß es mir möglich geweſen iſt, weder an dieſen Stellen als ſonſt die ausge⸗ zeichnete epiſche Anmuth in der Darſtellung der Alten wie⸗ derzugeben. ⸗ ———————————— 285 Tante Ulla's Erzählung. „Ja, ſeh'n Sie, die Sache iſt ſo. Als ich jetzt im Winter vor einem Jahre, es war im Februar, ein⸗ mal nach Hauſe ging— ich wohnte damals wie jetzt hier in der ſüdlichen Vorſtadt, und einen geſegneten Tag hatte ich gehabt; ich hatte alle meine Fleiſchklöße an dem Tage verkauft— ja, als ich bei der Zimmermannsſtraße um vie Ecke ging, ſo ſaß dort an der Wand eine junge Weibs⸗ perſon. Sie hielt beide Hände vor das Geſicht und ſtützte die Ellenbogen auf die Kniee. Gerade ſo ſaß ſie— aber ſie weinte nicht, und ich hörte ſie auch nicht klagen und ſeufzen. Ich dachte bei mir ſelbſt: ſie muß gewiß krank ſein— und obgleich ich alt und arm bin, ſo habe ich doch ein gutes Herz für meinen Nächſten. Die heilige Schrift ſagt ja, alle Menſchen ſind unſere Nächſten. Ich fragte ſie: „Iſt Sie krank?“ Da ſah ſie mich mit einem Paar ſo ſchöner Augen an, ſo daß Sie ordentlich glänzten, obgleich es ſchon recht dunkel war. Aber ſie ſagte nichts, als daß ſie mich mit ihrer weichen Hand ſachte an dem Arm ergriff. Da fragte ich wieder: „Wo wohnt Sie?“ Da löste ſich das Band ihrer Zunge, wie es in der Schrift heißt, und ſie antwortete mir in einem ſchönen und beſcheidenen Tone: „Ich— ich wohne jetzt nirgends.“ „Wo will Sie denn die Nacht bleiben?“ ſagte ich. Denn ich dachte: ſie iſt vielleicht ein armes Dienſtmäd⸗ chen und iſt um eines kleinen Fehlers willen weggejagt worden. Denn ich weiß recht gut, was eine ſtrenge Frau zu bedeuten hat; beſonders wenn ſie ein junges und ſchönes Dienſtmädchen hat. Ich dachte: das arme Mädchen kann ja in meinem ärmlichen Stübchen liegen. Eſſen kann ſie 286 auch bekommen, da mir Gott heute ſo guten Verdienſt gegeben hat. Da ſie mir keine Antwort gab, ſondern an⸗ fing bitter zu weinen, ſo ſagte ich ihr meine Meinung rein heraus. Aber da hätte man ſehen ſollen! Sie ſprang auf, i mir um den Hals, küßte meine alte Backe und agte: „Dank, gute Mutter! Gott hat mich noch nicht gänz⸗ lich verſtoßen, da er mir einen ſo guten Menſchen zuge⸗ ſchickt hat.“ Und ſo gingen wir beide nach meiner Wohnung. Sie wollte mir helfen den Korb zu tragen; der aber war jetzt leer und beſchwerte mich eben nicht. Und noch dazu war ſie ſo ſchwach auf den Füßen, daß ich ſie führen mußte, ehe wir bis hieher gelangten. Als wir aber nach Hauſe kamen und ich Licht an⸗ zündete und ſie anſah— ſie ſaß dort in meinem Lehnſtuhl; ich brachte ſie gleich dahin als wir herein kamen— da ſah ich recht gut, daß ſie zu einem Dienſtmädchen zu fein war. Sie hatte ein braunes Kleid von Tibett an, oder wie es heißt, und ein hübſches, ſeidenes Tuch um den Hals, und ein großes ſchönes Tuch um den Kopf, und zwei goldene Ringe ſaßen auf dem Finger ihrer linken Hand, die ſie auf die Stuhllehne gelegt hatte. Da er⸗ ſchrack ich ordentlich. Aber ich ſagte nichts, ſondern dachte: Es iſt beſſer, daß ſie in Frieden ausweint— denn ſie fuhr noch immer fort zu weinen— vielleicht iſt ſie, dachte ich, eine Unglückliche, die ſich mit ihrem Manne oder mit ihren Eltern erzürnt hat— denn ich konnte es ihr nicht anſehen, ob ſie Frau oder Mamſell war; da wird aber morgen ſchon alles wieder gut werden. Als ich ein Paar Fleiſchklöſe aufgewärmt und uns eine halbe Kanne Schwachbier geholt hatte, lud ich ſie ein, etwas Warmes zu eſſen. Denn die Sorge nährt den Menſchen nicht. Sie ſagte wohl, ſie wäre nicht hungrig, aber ich zwang ſie doch endlich, an deu Tiſch zu kommen. Als ſie nun das große Tuch weglegte, das ſie um den 287 Kopf gehabt hatte, und ſich an den Tiſch ſetzte, wo die Lampe ſtand, da kam mir ihr junges Geſicht ſo bekannt vor, daß ich nicht unterlaſſen konnte zu ſagen: „Herr, Du mein Gott! ſo ähnlich!— Wie ſoll ich ſagen—— 2 Mamſell oder Fräulein——2“ Sie erſchrack, als ich ſo ſagte, und ſagte etwas heftig: „Nennen Sie mich Marie.— Ich heiße Marie Appelberg.“ Marie Appelberg? dachte ich. Das iſt ſonderbar. Ich wußte nicht recht, was ich denken ſollte. Fragen wollte ich an dem Abende auch nicht mehr, weil ſie ſo erſchrocken ausſah, als ich ihren Namen und Charakter wiſſen wollte. Am folgenden Tage redete ich ordentlich mit ihr und erfuhr, daß ſie an der Högbergsſtraße wohnte. Sie ſagte weinend, daß die Polizei ſie hätte holen wollen, ohne daß ſie wüßte weßhalb, und daß ſie bei der Nachricht, ſie wä⸗ ren ſchon im Hauſe, auf die Straße hinaus geflohen wäre, wo ſie den ganzen Tag umher gewandert hätte, um ent⸗ legene Gegenden aufzuſuchen. Jetzt wußte ſie nicht ein⸗ mal, in welchem Theile der Stadt ſie ſich befand. Ehe ich zum Verkaufen ausging, zog ſie aus ihrer kleinen Schürzentaſche einige Bankzettel und bot ſie mir an. Da nahm ich einen Reichsthaler, ging zu einer gu⸗ ten Frau in der Nachbarſchaft und kaufte ihr ein Stück Chokolade und ein wenig Milch. Dann holte ich ein Paar Späne herein, nahm meinen Kaffeekeſſel, der war ganz rein; denn ich hatte, ſo gewiß und wahrhaftig ich hier ſtehe(ſie ſaß im Lehnſtuhl), ſeit Weihnachten keine Kaffeethräne geſchmeckt. Ich verſprach ihr nachzuhören, wie es an der Högbergsſtraße ausſähe, ermahnte ſie, wie ein Chriſt ihre Sorge zu tragen und begab mich hinweg mit meinem Korbe. Auf meiner Wanderung nach der Schleuſe hatte ich vielerlei Gedanken. Gewiß, dachte ich, iſt ſie's. Ich hatte 288 ſie ja ſchon früher geſehen, und nach ſeinem Tode— Sie wiſſen wohl, wen ich meine; es iſt nicht gut von Solchen ſo ſpät Abends zu reden— was wollte ich ſagen? ja, da war ſie ſehr krank, und ich wachte zwei Nächte bei ihr. Da ging dort mehrmals des Tages ein junger Offi⸗ zier und fragte, wie ſie ſich befände. Die Aufwärterin ſagte mir, daß ſie dem Offizier einen Brief von dem Tod⸗ ten gebracht hätte— Gott gebe ihm Ruhe!— Ich hörte auch, daß er ihr andere Zimmer geſchafft hätte, als ſie wieder beſſer war, denn dort wollte ſie nicht mehr woh⸗ nen. Er hatte auch vas Kind in das Kinderhaus ge⸗ ſchafft, obgleich es ihr ſehr ſchwer geworden ſein ſoll, es von ſich zu laſſen. Nachher hatte ich ſie ſehr oſt geſehen, aber immer ſo fein und geputzt, wie eine Prinzeſſin. Und ſelten ſah ich ſie zu Fuß, ſondern meiſtens zu Wagen. Ich habe ſie immer ganz gut erlannt, denn ſie ſieht Einen anders an, als Andere ſehen. Nun, nun! dachte ich manchmal, die Arme fliegt wohl jetzt bis ſie ſich die Flügel verbrannt hat. Ich wünſche wohl keinem Menſchen etwas Böſes, aber ſo iſt's ſchon mit ſo Manchem gegangen. Als ich zu dem Hauſe an der Högbergsſtraße kam, wo ſie wohnte, ging ich in die Küche. Von dem Pienſt⸗ mädchen des Wirthes erfuhr ich, daß die Polizei ihr Zim⸗ mer viſitirt, und daß der Wirth jetzt den Schlüſſel in Händen hätte. Das Dienſtmädchen ſchien ihr nicht gut zu ſein, obgleich ich nicht glaube, daß ſie dem Mädchen etwas zu Leide gethan hatte. Sie ſagte, es wären ſo viele Mannsleute zu ihr gegangen, und des Nachts hätten ſie oft an die Thür und an die Fenſterladen geklopft. Die Polizeibedienten hätten geſagt, ſie hieße nicht Marie Ap⸗ pelberg.— Das wußte ich ſchon.— Sie hätten geſagt, die rechte Marie Appelberg hätte einem Herrn in der nörd⸗ lichen Vorſtadt viel Geld geſtohlen, wäre mit einem fal⸗ ſchen Paſſe nach Rußland gefahren, und hätte ſich dort Fräulein genannt. Jetzt wäre ſie von dort zurückgeſchickt 289 worden. Dann ſagte ſie auch, die Polizeibedienten hätten geſagt, ein großer Dieb wäre als Herr gekleidet oft im Fane geweſen. Darum wollten ſie ſie vor die Polizei holen. Als wir mit einander redeten, ſo kam ein junges Mädchen. Sie ſah ſehr traurig aus und fragte, ob die Mamſell noch nicht zu Hauſe wäre. Ich erfuhr, daß ſie bei der Mamſell Marie die Aufwartung hatte. Da ſagte ich:„Komme Sie mit mir, liebe Jungfer, ſo ſoll Sie. erfahren, wo Mamſell Marie iſt.“ Wir ſprachen auf der Diele lange mit einander. Sie wußte die ganze Geſchichte. Jener Oſſizier hatte an der Hornsſtraße Zimmer gemie⸗ thet, und ſie waren gute Freunde geweſen. Zuletzt war der Offizier⸗ weggereist und ein halbes Jahr weggeblieben. In dieſer Zeit war ſie bei der Mamſell Marie Aufwär⸗ terin geworden. Dieſe war damals oft traurig geweſen und hatte geweint. Damals hatte ſie kein Menſch weiter beſucht, als ein alter Herr, der in dem Hauſe wohnte. Aber eines Tages, da Mamſell nicht zu Hauſe war, ſo war ein junger Offizier gekommen und hatte nach dem Fräulein gefragt. Sie verſtehen wohl jetzt, wie die Sache zuſammenhängt. Aber das arme Mädchen konnte es nicht verſtehen. Sie hatte geantwortet, daß dort kein Fräulein wohnte, ſondern nur eine Mamſell. Sie wußte nicht ein⸗ mal ihren Namen. Da hätte der Offizier ſich genau er⸗ kundigt, wie ſie ausſähe, und geſagt, er glaubte ſie zu kennen. Am Abende, da die Mamſell zu Hauſe war und der alte Herr bei ihr ſaß, kam ein Knabe mit einem Briefe. Der alte Herr hatte den Brief genommen und die Aufſchrift geleſen. Da war er blaß geworden wie eine Leiche, und hatte die Mamſell gebeten, die Thür zu dem äußern Zimmer, in welchem das Mädchen ſaß, zuzu⸗ machen. Da hatte ſie gehört, wie die Mamſell weinend geſagt hatte, ihre Mutter wäre ein Fräulein. Nachher aber hatte ſie nichts weiter gehört, als daß die Mamſell „mein Vater!“ gerufen und nach Hülfe geſchrien hätte. Es geht an⸗ 19 290 Als ſie dann hineinkam, ſo lag der alte Herr wie todt auf dem Boden, Mund und Naſe bluteten. Da war ſie gelaufen und hatte Hülfe geholt. Den alten Herrn hatte man in ſein Zimmer getragen und er war in der Nacht geſtorben. Gleich am folgenden Tage war die Mamſell nach der Högbergsſtraße gezogen, und hatte dort ſchon über ein Jahr gewohnt. Aber ſeit der Zeit war die Mamſell, ſo oft ſie mit ihr allein war, immer traurig geweſen, war oft im Zimmer umhergegangen und hatte mit ſich ſelbſt geredet, ja ſie hatte bisweilen ausgeſehen, als wäre ſie verrückt. Gegen das Mädchen aber war ſie immer gut und hatte ihr Geld und Anderes geſchenkt. Das alles erzählte ſie. Sie ſagte, ſie verſtünde ſich⸗ nicht darauf. Ich aber wußte, was ich wußte. Ich bat ſie, zu dem Hauswirthe zu gehen und den Schlüſſel zu dem Zimmer der Mamſell zu begehren, um ihren Mantel zu holen. Aber er hatte geantwortet:„er gäbe den Schlüſſel keinem Menſchen, als nur der Mamſell ſelbſt.“ Als ich gegen Abend nach Hauſe kam, da ſaß ſie in jener Ecke und ſtützte ſich an den Ofen. Ich ſagte: „Guten Abend, Mamſell!“ denn Fräulein wollte ich nicht ſagen,„ich bin in Ihrem Quartier geweſen, aber der Wirth will den Schlüſſel keinem Menſchen, als nur Ihnen ſelbſt geben. Morgen früh wollen wir hingehen. Da ſah ſie mich mit ſolchen Augen an, daß mir ganz bange wurde. Sie antwortete auch nicht, ſondern wandte ſich hinweg und ſah hinter den Ofen. Da merkte ich, daß es mit ihr nicht ganz richtig war. Ich zog ſie daher aus und brachte ſie zu Bette.— Ich ſelbſt lag in der Nacht auf dem Fußboden.— Sie ließ mit ſich machen, was ich wollte. Eine Zeitlang lag ſie ſtill und ruhig. Dann aber begann ſie mit ſich ſelbſt zu plaudern von ihrem kleinen Sohne und von dem Strome und von ihrem Vater.— Gott behüte mich vor ſo etwas! Das klang ſo unheim⸗ lich, als ſie ſagte:„Friert Dich nicht, Du armes Rind —,———— 294 — Dein Vater, er liegt ſo warm im Strome.—— Aber wie konnte ich wiſſen, daß er mein Vater war?— —— O! O!— der Strom— das Waſſer— gib mir Waſſer!“ Ich eilte mit Waſſer zu ihr, und Gott weiß, daß große Thränen in die Schale fielen, als ich ſie ihr brachte. Eine Weile war ſie nun wieder ſtill, dann aber begann ſie wieder hin und her zu ſchwatzen. Ich wußte nicht, was ich mit ihr anfangen ſollte; da ich aber ein wenig Fliederthee und Hofmann's Tropfen im Hauſe hatte, ſo dachte ich: es kann doch wohl nicht ſchäden. Und ſo kochte ich ihr Thee und gab ihr von den Tropfen ein. Sie kam bald in Schweiß und ſchlief dann gegen Mor⸗ en ein. Den ganzen folgenden Tag war ſie ruhig, aber ſo matt, daß ich ſie nicht allein laſſen konnte. Ich nahm alſo von ihrem Gelde und kaufte dafür einige kleine Nothwendigkeiten. Am Nachmittage war ſie ſchon wieder ſo gut, daß ſie ein wenig Bouillon trank, den ich ihr ge⸗ kocht hatte; und wir ſprachen lange über ihre Angelegen⸗ heiten. Ich rieth ihr, nach Oerebro oder in die dortige Gegend zu reiſen und ſich Condition zu ſuchen. Dahin aber wollte ſie nicht. Sie ſagte ſelbſt, daß ſie nach Gefle reiſen wollte. Vorher aber müßte ſie noch eine Menge Sachen verkaufen. Wir wurden einig, daß ſie bis dahin zu mir ziehen ſollte. Ich kannte eine Frau, die einen Trödelkram hatte, ſehr gut, und verſprach ihr den Verkauf zu beſorgen. Am folgenden Tage gingen wir mit einander aus. Als ſie ein wenig in der friſchen Luft gegangen war, wurde ſie immer hurtiger, und obgleich ſie noch blaß war, ſo war ſie wirklich ſchoͤn, ſo daß alle Leute, die uns begegneten, ſie angafften. Mir war recht angſt, daß ihr dies ſchlecht gefallen und ſie wieder anfangen möchte traurig zu ſein. Doch ſie ſchien ſich nicht daran zu kehren, ſondern rückte nur das ſchöne große Tuch, das ſie um den Kopf hatte, 292 zurecht und betrachtete ihre Hände, als ſchämte ſie ſich, daß ſie keine Handſchuhe hätte. Ich zeigte ihr, wie ſie gehen ſollte, um am leichteſten nach Hauſe zu kommen. Dann ging ich nach dem Södermalmsmarkte, um Träger zu ſuchen, und ſo trennten wir uns. 4 Hier erhielt Tante Ulla einen Beſuch von einer Nach⸗ barin und wurde alſo in ihrer Erzählung unterbrochen. Ich muß geſtehen, daß mir die Unterbrechung in dieſem Augenblicke nicht im Geringſten geſiel, denn jeßt hoffte ich auf das Ende der Erzählung und erwartete mit Recht die Aufkflärungen, wie vieſe Erzählung mit Celeſtinens Schickſal zuſammenhing. Zwar hatte ich meine eigenen Vermuthungen; aber dieſe waren doch weit entfernt von Gewißheit und konnten ganz verglichen werden mit Fer⸗ nando Bruno's*) Begriffen, von der wunderbaren Quelle, in welche der Engel Michael ihn ſo gnädig und ſchlau ſchen ließ. Um wenigſtens einigermaßen meine große Neugierde zu dämpfen, ſetzte ich mich an den wankenden Tiſch, legte mein Taſchenbuch zwiſchen einen Teller voll gehacktes Fleiſch und einen Topf voll Schwachbier und begann auſzuzeichnen, was ich ſchon gehoͤrt hatte. Das Geſpräch der beiden alten Frauen von einem Fuder Holz, das ſie am folgenden Tage in Compagnie kaufen wollten, ſtörte mich wenig; mehr aber wurde ich verwirrt von dem Gange oder richtiger von den Ausffügen meiner Gedanken. Ich dachte: wenn ſie es wäre— wie wunderbar wäre vann nicht ihr Leben; aber wer kann ſagen, daß ſie unrecht gehandelt hat? Sie wäre dann untergegangen vor einer *) Siehe das Roſenbuch(Törnrosens bok) von C. J. L. Almquiſt, die Imperialoetavauflage. Anm. d. Verf. ——— 293 Idee— wahr oder falſch, das iſt einerlei; denn wer entſchei⸗ det hier in der Welt, was wahr oder unwahr iſt? Zwar fam es mir ſo vor, als wenn das Schickſal dieſer Idee einen Maßſtab ihrer Wahrheit abgeben müßte. Denn, mag man ſagen was man will, der Weltlauf iſt im Gan⸗ zen genommen ſehr vernünftig; wenigſtens iſt es ſchwer, etwas Vernünftigeres zu finden. Mindeſtens wäre es doch ſonderbar, daß unſer Herr und Gott, wenn es etwas Vernünſtigeres gäbe, nicht hätte dahinter kommen ſollen, daß er, wenn er eine vernünftigere Weltordnung eingeſehen, ſie nicht in der Wirklichkeit hätte ausführen ſollen. Zwar könnte man meinen, daß unſere Erde zu den ſchlechteſten Weltkörpern gehört, und daß es vielleicht auf einem andern Planeten weit klüger und gerechter hergeht. Da wäre es nur ein Unglück, daß mancher Weltverbeſſerer, deſſen Pläne, wie man zu ſagen pflegt, in Rauch aufgegangen ſind, nicht zum Beiſpiele im Monde geboren wurde. Wenn aber auch der Schöpfer der Planeten ſo für gut befunden hat, den einen Planeten zu einer Academie der himmliſchen Weisheit und den andern zu einem Narrenhauſe zu machen, ſo kann vernünftiger Weiſe kein Grund vorhanden ſein, warum wir Menſchen, die wir offenbar von der Natur qualifizirt ſind, eben ſo gut die Bewohner des einen Pla⸗ neten zu ſein, wie die des andern, zufälliger Weiſe aber unſern Platz in dem Narrenhauſe erhalten haben, und das noch dazu ohne um unſere Meinung befragt worden zu ſein. Von uns kann alſo mit Recht auch nicht viel ver⸗ langt werden. Wenn aber das alles auch wahr iſt, ſo iſt es dennoch das ſicherſte, die Sache kalt zu nehmen. Denn es iſt klar, daß unter den Reden der Thoren diejenige die thörichſte iſt, welche aus dem Munde deſſen kommt, der ſich allein für klug hält. Wenn daher Jemand ſagt:„hier habt Ihr ein Mittel, das Euch klug, tugendhaft und glück⸗ lich machen ſoll; aber ich weiß, daß es Euch nicht nützen wird, weil Ihr allzu werrückt ſeid, um den hohen Werth meines Mittels einzuſehen,“ ſo heißt dies nichts anderes, 294 als wenn er ſagte:„mein Mittel hat nur den einen Fehler, daß es nicht taugt.“ Es hilft nichts, wenn er ſagt:„Eure Kindeskindeskindeskinder werden klüger ſein und es anzuwenden wiſſen.“ Denn dies iſt gleich dem „Wunſche:„ach! wäre ich doch im Monde geboren!“ Es iſt ungewiß, zu welchen Reſultaten mein Ideen⸗ gang mich noch ferner hätte führen können. Als ich aber eben mit der Hand auf dem Herzen und gewiß mit einer jämmerlichen Miene ſeufzte: Soll ich denn alle meine ſchönen, wenn auch unausführbaren Pläne hier in dem Stübchen der Tante Ulla zurücklaſſen? Da ſtand Tante Ulla ſelbſt vor mir und ſagte bekräftigend: „Jetzt, mein Herr, ſollen Sie mehr hoͤren.“ Ich fuhr zuſammen. Sie fuhr fort: „Wo blieb ich? Ja, das iſt wahr! Ich wollte nach dem Södermalmsmarkte gehen und Träger holen. Aber dort erhielt ich keine. Ich mußte alſo nach der Deutſchen Kirche gehen, in deren Nähe, wie Sie wiſſen, immer Träger ſtehen. Es dauerte daher einige Zeit, ehe ich aus⸗ gerichtet hatte, was ich wollte. Zu meinem Unglücke machte ich noch einen Umweg, um auch gleich mit der Fräu zn reden, die den Trödelkram hatte. In meinen Jahren geht man auch nicht mehr ſo ſchnell, und die Frau hatte ſo viel zu ſagen und zu fragen. Als ich nun auf dem Rückwege an dem Stadthauſe vorbeigekommen und den Berg in der Göthſtraße anſtrebte, ſo kam mir eine Menge Menſchen entgegen, und als ich hinſah, ſo ſah ich, daß die Mamſell in dem Haufen war — ich erkannte das ſchöne Tuch ſo gut, das ſie um den Kopf hatte. Es iſt die reine Wahrheit, daß meine alten Kniee anfingen zu zittern, ſo daß ich keinen Schritt weiter konnte. Als ſie näher kamen, ſo ſah ich, daß ſie einen Mantel umgeworfen hatte, und— mit Reſpekt zu ſagen ——— 295 — zwei gemeine Stadtſoldaten hatten ſie unter dem Arme. Ihre Arme waren nämlich durch die Armlöcher des Man⸗ tels geſteckt. Auch jetzt hatte ſie keine Handſchuhe. Sie ſchleppten ſie faſt mit ſich fort, denn ſie konnte kaum die Füße bewegen und der Kopf hing auf die eine Schulter hinab. Als ſie dicht bei mir war, ſo ſah ſie mich an. Das war ein Blick! mir ging er durch Mark und Bein. Aber da erhielt ich meine Kräfte wieder und ging zurück mit den Uebrigen, und ſagte ihr:„Sein Sie nicht ängſt⸗ lich, Mamſell! Ihnen wird nichts zu Leide geſchehen, Sie ſind ja unſchuldig!“ Da ſah ſie mich wieder an, als wollte ſie mir danken, daß ich ſie tröſtete. Die Unglück⸗ liche konnte nicht reden. Und den Stadtſoldaten ſagte ich: „Sehen denn die Herren nicht, daß die Mamſell krank iſt? Gehen Sie doch nicht ſo ſchnell mit ihr!“ denn ich wußte, daß man höflich gegen ſie ſein muß. Sie gingen auch wirklich langſamer. Als wir aber auf die rothe Schleuſe kamen, ſo war dort ein ſolches Gedränge, daß ſie ſtehen bleiben mußten. Als ich nun dort ſtand und weinte, ſo kam ein Herr ge⸗ gangen und ſtellte ſich vor mich. Er hatte einen prächti⸗ gen blauen Pelz an und einen feinen Hut auf dem Kopfe. Ich habe ihn ſchon oft geſehen. Er hat ein ſchoͤnes Ge⸗ ſicht mit klugen Augen, gekräuſeltes Haar und dünne Lippen, und iſt Rector oder Lector, oder wie es heißt.*) Er fragte mich: *) Wer das Portrait des Verfaſſers des erſten Theiles dieſes Buches, C. J. L. Almquiſt, der damals, als dieſe Erzählung geſchrieben wurde, Rector an der neuen Elementarſchule in Stockholm war, geſehen hat, und bedenkt, daß dieſe Fortſetzung zugleich eine Wiverlegung des erſten Theiles iſt, der wird den hier beſchriebenen Mann gewiß erkennen. Anm. des Ueberſ. 296 „Wer iſt die Perſon, die man wegführt?“ „Ach, das iſt eine arme Mamſell, die nichts Böſes gethan hat“— antwortete ich. Da ſagte er: „Eine Mamſell?— Iſt das nicht ein Fräulein, Celeſt——?“ Aber ich hörte nichts mehr, denn ſie waren ſchon mit ihr fort. —————————— Auch ich hörte nichts mehr. Ich warf der Tante ulla einen Bankzettel zu und eilte hinweg, denn ich hatte genug gehört. Meine Illuſionen waren verſchwunden. Das fühlte ich deutlich, als ich betrübt und grübelud durch die düſtern und menſchenleeren Straßen nach Hauſe wanderte. Nein, das geht nicht an! ſagte ich in meinem Herzen. Aber ſagte ich weiter: Du biſt vielleicht zu ſchwach. Eine ſtärkere Seele fühlt und denkt vielleicht nicht ſo wie Du? Meine Gedanken fielen unwillkürlich auf den Mann, der mit Tante Ulla auf der rothen Schleuſe geredet hatte. Ich dachte: er ſagte nichts dazu; ſollte man aber wohl in ſeinem Geſichte haben leſen können;„Es geht an?“ Ende. — — ——