5 § th 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okkmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen.— 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ ſ. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von beträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .———————,—z— auf 1 Monat: 3. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen B der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ —2——= c a ——————— — 6 — — der St. James-Palaſt, oder Hof der Königin Anna. Ein Roman von W. Harriſon Ainsworth. Aus dem Engliſchen von Dr. Adolph Bruder. Ex ſter Theil. „0S Stuttgart. Verluag von Rarl Göpel. 1844. —— 8 — Erſtes Buch. Erſtes Kapitel. Ein Blick auf den Hof und das Kabinet der Königin Anna im Jahre 1707. Der Anfang des Jahres Siebenzehnhundertundſieben ſah die Königin Anna allem äußern Anſchein nach in der beneidenswertheſten Lage unter den Selbſtherrſchern Europa's. Der Liebe ihrer Unterthanen gewiß, denen ſie ſich durch die Weisheit und Milde ihrer fünfjährigen Regierung theuer gemacht hatte, und die ihr die liebevolle Benennung der „guten Königin“ beizulegen begannen; gefürchtet von ihren Feinden, die an allen Orten die Stärke ihrer Waffen gefühlt und anerkannt hatten; erfreut durch beſtändigen Siegesruf; umringt von geſchickten und ergebenen Räthen; bedient von einem der größten Feldherrn, die England damals gekannt hatte; umgeben von einem glänzenden Hofe, der ſich gleich ſehr durch ſeine Anmuth, ſeine Feinheit und ſeinen Geiſt auszeichnete; ſo glücklich, in einem Zeitalter zu leben, in welchem jeder Zweig der Litteratur und Wiſſenſchaft mit dem ausgezeichnetſten Erfolge gepflegt ward— als die Philoſophie von einem Locke vorgetragen, die Naturgeſchichte von einem Ainsworth, St. Jamess. 1. 1 — — 2 Ein Blick auf den Hof und das Kabinet Ray befördert, die Wiſſenſchaft von einem Newton erweitert, der Styl von Addiſon und Steele vervollkommnet, die Poeſie von Pope bis zu ihrer erhabenſten Exiſtenz verfeinert und vergeiſtigt, und das Luſtſpiel von Congreve und Farquhar bis auf den Gipfel der Vollkommenheit gebracht ward;— unter ſo glücklichen Umgebungen, alles auf allen Seiten Heil und Gedeihen verſprechend, die Vereinigung mit Schott⸗ land vor Kurzem bewerkſtelligt, der Stolz Frankreichs gede⸗ müthigt, das europäiſche Gleichgewicht wiederhergeſtellt und die proteſtantiſche Thronfolge feſt begründet, ſchien nichts mehr an Anna's Größe und Zufriedenheit zu mangeln. Und doch verbarg ſie unter dieſer Maske des Glanzes ein ſorgenſchweres Herz. Die Macht ſchien werthlos, welche ihr ſelten, wenn je, zur Ausführung einer Lieblingsmaßregel von Nutzen war. Die angeborne Trägheit ihres königlichen Gemahls, des Prinzen Georg von Dänemark, dem ſie zärtlich zugethan war, und ſeine Unfähigkeit zur Verwaltung der hohen Aemter, zu denen er ernannt worden war, welche ihm nicht ſelten beißenden Tadel von der Oppoſitionspartei zuzog, waren Quellen des Kummers für ſie. Der Verluſt ihrer ganzen Familie, und beſonders des Herzogs von Glouceſter im Alter von eilf Jahren, nagte an ihrem Gemüth und erſchien ihr in Augenblicken der Muthloſigkeit, von denen ſie zuweilen heimgeſucht ward, als eine Strafe des Himmels für ihren Abfall von ihrem Vater, dem entthronten und verbannten Jakob dem Zweiten. Die Lage ihres Bruders, des Chevalier de St. George, wie er ſich nannte, beunruhigte ſie nicht minder und erweckte dann und wann Bedenklichkeiten in ihrer Bruſt, ob ſie ſich nicht einen Thron angemaßt hätte, der von Rechtswegen ihm gebührte. Hierzu kam noch, daß ihr Kabinet im Innern veruneinigt war, und der Partheien⸗ krieg mit ſolcher Heftigkeit wüthete, daß ſie ſelbſt in ſeinen Angriffen und Gegenthätlichkeiten nur wenig geſchont ward. 8 — der Königin Anna im Jahre 1707. 3 Nicht die kleinſte Widerwärtigkeit war ihr der Zuſtand der Abhängigkeit, in welchem die Herzogin von Marlborough ſie hielt. Ihre Freundſchaft für dieſe erlauchte Dame war ſehr frühen Urſprungs und durch den Eifer und die Wärme befeſtigt, welche die letztere bei den Uneinigkeiten zwiſchen Anna, als ſie noch Prinzeſſin von Dänemark war, und ihrer Schweſter, der Königin Marie, an den Tag gelegt hatte. So ſtark ward die Anhänglichkeit der Prinzeſſin an ihren Liebling, und ſo gern legte ſie ihr gegenüber alle Form und Ceremonie ab, und ſetzte ſich mit ihr auf einen Fuß der Gleichheit, daß ſie ſich in ihrem Briefwechſel und Privat⸗ umgange den Namen Miſtreß Morley beilegte, während Lady Marlborough den einer Miſtreß Freeman annahm. Von herrſchſüchtigem und ehrgeizigem Charakter, ausge⸗ rüſtet mit hohen Geiſtesgaben und einer, wenn ſie nicht durch Leidenſchaft verunſtaltet oder unterdrückt war, geſunden und klaren Urtheilskraft, war die Herzogin von Marlborough, zu welcher Würde ſie unmittelbar nach Anna's Thronbeſteigung im Jahre 1702 erhoben ward, entſchloſſen, kein Mittel zur Erhöhung und Bereicherung ihres Gemahls und ihrer Familie unverſucht zu laſſen. In dieſen Abſichten ward ſie von ihrer königlichen Gebieterin unterſtützt, von welcher ſie außer großen Jahrgehalten auch noch die Hofſtellen einer Oberkammerdame, Garderobemeiſterin und Intendantin des Parks und der Pri⸗ vatchatulle erhielt, während ſie ihren Familieneinfluß durch die Verbindung ihrer älteſten Tochter, der Lady Henriette Churchill, mit Lord Ryalton, dem älteſten Sohne des Lord Oberſchatzmeiſters Grafen von Godolphin; ihrer zweiten Tochter Lady Anna mit dem Grafen von Sunderland, ihrer dritten, Lady Eliſabeth, mit dem Grafen von Bridgewaterz; und ihrer vierten und jüngſten, Lady Marie, mit dem Mark⸗ grafen von Monthermer, der ſpäter durch ihre Fürſprache zum Herzog von Montague ernannt ward, ausdehnte. Deßhalb Ein Blick auf den Hof und das Kabinet ward die Marlborough'ſche und Godolphin'ſche Partei von ihren Gegnern„die Familie“ genannt. Anna's große Freigebigkeit gegen die Herzogin und ihre beſtändige Beiſtimmung zu derer Meinungen veranlaßten die letztere zu dem Glauben, daß ſie nur zu bitten brauche, um zu erlangen; daß ſie nur mit Worten zu erdrücken brauche, um zu überzeugen oder wenigſtens ihren Willen zu erreichen. Und eine Zeit lang glückte ihr dieß. Die Gutmüthigkeit der Königin gab ihren Forderungen nach, während ihre Furcht⸗ ſamkeit vor ihren Drohungen zitterte. Dieſe Unterwürfigkeit erkaufte die Herzogin ſich auf Koſten der Achtung ihrer könig⸗ lichen Gebieterin, und als mehr als ein Streit zwiſchen ihnen vorgefallen war, ward es allen, außer der Begünſtigten ſelbſt, klar, daß ihre Gewalt im Schwinden war. Voll blinden Vertrauens auf die Herrſchaft, die ſie über die Königin erlangt hatte, wähnte ſie jedoch ihre Stellung eben ſo feſt⸗ als die der Souverainin ſelbſt, und bot den Ränken ihrer Feinde Trotz. Vor zwei Jahren hatte ſich eine Koalition zwiſchen Marlborough und Godolphin einerſeits und den Whigs andrer⸗ ſeits gebildet und das Miniſterium war faſt einzig und allein von dieſer Partie geſtützt, der die Königin ſich, trotz ihrer frühern Uneinigkeit mit ihr, beim Zuſammentritt des zweiten Parlaments im Jahre 1705 in die Arme geworfen hatte, in Folge einer von den Tories erlittenen Beleidigung, als der Antrag geſtellt ward, ob die Prinzeſſin Sophie nach England eingeladen werden ſollte. Bei dieſer Gelegenheit ſchrieb ſie an die Herzogin von Marlborvugh:„Ich glaube, wir werden uns beſſer als früher vertragen, denn ich erkenne die Dienſte jener Leute an, von denen Sie eine gute Meinung hegen(die Whigs), und will ſie unterſtützen, und ich bin ganz von der Bosheit und Unverſchämtheit der andern über⸗ zngt, gegen dir Sie immer geſprochen haben(der Tories).“ der Königin Anna im Jahre 1707. 5 Die Häupter des Whig⸗Kabinets, welches unter der Benen⸗ nung„die Junta“ bekannt war, waren die Lords Somers, Halifar, Wharton, Orford und Sunderland, alle fünf Staatsmänner von großer und mannigſaltiger Geſchicklichkeit und erprobter Ergebenheit für die proteſtantiſche Thronfolge, während Halifar's eifrige Beſchützung und Beförderung der Litteratur und Gelehrten, wie er ſie gegen Addiſon, Prior, Locke, Steele, Congreve und Newton bewies, zu gut bekannt iſt, um hier einer beſondern Erwähnung zu bedürfen. Gegen die meiſten Mitglieder der Junta fühlte die Königin jedoch einen entſchiedenen Widerwillen, und ungeachtet der wieder⸗ holten Bitten der Herzogin von Marlborough um die Unter⸗ ſtaatsſekretärſtelle für ihren Schwiegerſohn, den Grafen von Sunderland, bedurfte es erſt der perſönlichen Verwendung des Herzogs ſelbſt nach ſeiner Rückkehr von ſeinem letzten ruhmvollen Feldzuge, um die Entlaſſung des Sir Charles Hedges zu Gunſten des Grafen zu bewirken. An der Spitze der Tory⸗Oppoſition ſtanden die Lords Rocheſter, Jerſey, Nottingham, Haversham, Sir Edward Seymour, Sir Nathan Wright und der erwähnte Sir Charles Hedges. Lord Godolphin, deſſen Intereſſen ſowohl aus Familien⸗ verbindung, als aus Uebereinſtimmung der Geſinnung mit denen des Herzogs von Marlborough zuſammentrafen, war ein Mann, wenn nicht von glänzenden Talenten, doch von ſolcher Thätigkeit und Geſchäftsfähigkeit, daß dieſe einen etwaigen Mangel an Genialität mehr als aufwogen und ihn für ſein Amt als Oberſchatzmeiſter überaus tauglich machten. Methodiſch in der Verwaltung und genau im Zahlen, hatte er den Kredit des Landes weit höher gehoben, als er je zuvor geſtanden hatte, und konnte daher in jedem Augenblicke die nöthigen Mittel herbeiſchaffen. Ein Mann von der ſtrengſten Rechtſchaffenheit, kam er ſeinen Verpflichtungen . —————— 6 Ein Blick auf den Hof und das Kabinet auf das genaueſte nach, und obwohl von abſtoßendem Weſen und ſchwer zugänglich, war er doch allgemein geachtet. Das Kabinet hatte noch zwei andere Mitglieder, welche in enger Freundſchaft verbunden waren, und von denen man die höchſten Erwartungen hegte; dieß waren Herr Saint⸗ John und Herr Harley. Beide waren Tories und gehörten zur hochkirchlichen Partei, und gelangten im Jahre 1704 in's Amt, zu welcher Zeit Harley ſich bewegen ließ, den Grafen von Nottingham, als Staatsſekretär, zu' erſetzen, unter der Bedingung, daß ſein Freund Saint⸗John zum Kriegsſekretär ernannt würde. Dieß ward gerne zugeſtanden, denn Saint⸗John's Geiſt und Beredſamkeit in Verbindung mit ſeinem angenehmen Benehmen und ſeinen glänzenden Fähigkeiten hatten ihn ſchon zur Berückſichtigung empfohlen und hätten ihm längſt Beförderung erwirkt, wenn ihm ſeine ungezügelten Leidenſchaften nicht im Wege geſtanden hätten. Seit ſeiner Anſtellung hatte er ſich jedoch mit eben ſo großem Eifer auf die Geſchäfte geworfen, als er ſich bis dahin dem Vergnügen hingegeben hatte, und ſo bewundrungswürdige Talente entwickelte er, ſo durchdringend und umfaſſend war ſein Scharffinn, ſo unerſchöpflich ſeine Hülfsquellen, daß ihm die höchſte Stelle in der Verwaltung nicht zu entgehen ſchien. Unter den Schöngeiſtern und Litteraten herrſchte er als König, und er war höchſter Richter in Sachen des Geſchmacks und der Mode, ſo wie auch ein politiſcher Heerführer. Ein ganz anderer Mann war Robert Harley. Er hatte nichts von dem meteoriſchen Glanz, der glühenden Bered⸗ ſamkeit, der klaſſiſchen Gelehrſamkeit, dem forſchenden Geiſte Saint⸗John's, aber er beſaß einen ſchnellen und ſcharfen Verſtand, große Feinheit und einen innern regen, obwohl tief liegenden Ehrgeiz. Er genoß bei allen Parteien eines bedeutenden Rufs als geſchickter Finanzmann, als heller, obgleich nicht gründlicher Kopf und als fähiger Geſchäftsmann; 7 der Königin Anna im Jahre 1707.„ aber man hielt ihn für etwas unzuverläßig, und er war in der That auch ein Wetterhahn. Seinen unermüdlichen An⸗ ſtrengungen verdankte man hauptſächlich die Zuſtundehringung der Union mit Schottland, deren wichtige vonh ſpäter ſo deutlich hervortraten. Harley trug eine große Mäßigung in der Geſinnung zur Schau, wodurch es ihm gelang, ſeine Unſtätigkeit zu bemänteln, und es war einer von ſeinen Lieblingsausſprüchen, daß„der Ausdruck Partei ganz abge⸗ ſchafft werden müßte.“ Jedoch unter dem Schein von Unab⸗ hängigkeit und Freifinnigkeit hielt er ſich blos in der Abſicht obenauf, ſich einen feſten Einfluß bei beiden Parteien zu ſichern. Seine angenehmen und geglätteten Manieren, ſeine erprobte Brauchbarkeit und Erfahrung waren die Veran⸗ laſſung, daß er während der letzten beiden Parlamente Wilhelm's des Dritten zum Sprecher des Unterhauſes gewählt ward, und in dieſem Amte blieb er bei Anna's Thronbe⸗ ſteigung bis zu ſeiner Ernennung zum Staat im Jahre 1704. Aus vielen Urſachen hatte Harley ſich bei Godolphin verhaßt gemacht; unter anderm flüſterte man ſich zu, daß er den Oberſchatzmeiſter aus der Gunſt einer gewiſſen Miſtreß Oglethorpe verdrängt hatte, durch welche wichtige Geheim⸗ niſſe in Betreff der verborgenen Ränke des Hofes von Saint⸗ Germain erlangt worden waren. Die Herzogin von Marl⸗ borough behandelte ihn immer mit Verachtung und betrug ſich mit ſolcher Zurückhaltung und Hochmuth gegen ihn, daß man glaubte, er müſſe ihr unehrbare Vorſchläge gemacht haben; und da man wußte, daß er ſich wenig Bedenklich⸗ keiten machen würde, ſobald es ſich um ſeine Erhöhung handelte, deren Pfad ihm offen geſtanden hätte, wenn er die Gunſt der allmächtigen Herzogin hätte erlangen können, ſo ward dieſer Muthmaßung ziemlich allgemein geglaubt. Welches aber auch die Gründe ſein mochten, ſei es getäuſchte 8 Ein Blick auf den Hof und das Kabinet Hoffnung oder verletzte Eitelkeit, genug er hegte eine heftige Abneigung gegen die Herzogin und beſchloß, ihren Einfluß bei der Königin zu untergraben und zugleich ihren Gemahl und Godolphin zu ſtürzen, und an die Stelle des Whig⸗ Kabinets ein Tory⸗Miniſterium zu ſetzen, deſſen Haupt er ſelbſt wäre. Bei dieſen kühnen Entſchlüſſen und während er darüber nachdachte, auf welchem geheimen Wege er das königliche Ohr erreichen könnte, was zur Ausführung ſeiner Plane unumgänglich nothwendig war, aber Dank der Wachſamkeit und Vorſicht der Herzogin faſt unmöglich ſchien, bot ſich ihm ein unvermuthetes Werkzeug dar. Als er eines Tages bei der Königin im St. James⸗Palaſte in Amtsgeſchäften Audienz hatte, bemerkte er ſeine Coufine, Abigail Hill unter ihrer Umgebung. Dieſe junge Dame, die Tochter eines bankerotten Levantekaufmanns, welche mit der Herzogin von Marlborough in eben ſo naher Verwandtſchaft, als mit ihm ſelbſt ſtand, war ganz kürzlich durch den Einfluß Ihrer Durchlaucht auf ihren jetzigen Poſten erhoben worden; und obgleich Harley ſie in Folge des Unglücks ihrer Familie bisher ganz ver⸗ nachläßigt hatte, ſo ſah er doch ſogleich, von wie großem Nutzen ſie ihm ſein könnte, und beglückwünſchte ſie über ihre Anſtellung, indem er ihr ſein großes Verlangen bezeugte⸗ ihr ferner zu dienen. Des Hofes ungewohnt und ohne Ahnung ſeiner Abſichten, glaubte Abigail ihm und verzieh ſeine frühere Kälte. Der liſtige Sekretär benutzte jede Gele⸗ genheit, ſich bei ihr einzuſchmeicheln, und bemühte ſich den Samen der Zwietracht zwiſchen ihr und der Herzogin aus⸗ zuſtreuen. Zugleich deutete er ihr den Weg an, auf welchem ſie die Gunſt der Königin gewinnen könnte, und da ſie ſeinen Rath, der mit großem Scharffinn auf einer genauen Kennt⸗ niß von Anna's Schwächen gegründet war, ſorgfältig befolgte, ſo blieben die gewünſchten Folgen nicht lange aus. Abigail — — der Königin Anna im Jahre 1707.— 9 Hill ward bald der Liebling und die Vertraute ihrer könig⸗ lichen Gebieterin. Viele zufällige Umſtände trugen dazu bei, Fort⸗ ſchritte in deren Gunſt zu beſchleunigen. Voll Erbitterung gegen die Herzogin, welche ſie nach einem geringfügigen Miß⸗ verſtändniß zwiſchen ihnen mit bitteren Vorwürfen verlaſſen hatte, brach die Königin in Abigails Gegenwart in Thränen aus, und dieſe bemühte ſich mit ſo viel Eifer und Erfolg, ſie zu tröſten, daß man ihren Beſitz der königlichen Huld von dieſem Augenblick herleiten darf. Wohlbekannt mit der Eiferſucht und dem Trotz ihres ehemaligen Lieblings, ſuchte Anna ihre wachſende Vorliebe für den neuen ſorgfältig zu verbergen, und ſo blieb der Herzogin das angeſtiftete Unheil ſo lange verborgen, bis es zu ſpät war, es wieder gut zu machen, während Abigail ihrerſeits, obgleich ſie ſchon das Behältniß der geheimſten Gedanken der Königin geworden war und vollkommen die Wichtigkeit ihrer neuen Stellung einſah, doch ſo verſtändig war, alles Prahlen mit ihrem Einfluß zu indem ſie wohl wußte, daß die ge⸗ ringſte Unvorſichtigkeit ihrem aufgehenden Sterne unheil⸗ bringend ſein könnte. Durch dieſen Kanal wagte Harley jetzt der Königin ſeine Bereitwilligkeit, ſie aus den Banden der Herzogin zu befreien, zu erkennen zu geben, falls ſie geneigt wäre, ihm dieſen Auftrag anzuvertrauen. Aber Anna ſchwankte. Sie fürchtete den Stoß, den die Trennung nothwendig zur Folge haben würde. Und die ruhmreiche Schlacht, welche um dieſe Zeit bei Ramilies gewonnen ward, bewirkte eine wichtige Aen⸗ derung zu Gunſten der Herzogin. Die ausgezeichnetſte Zierde von Anna's Hofe oder jedes andern Hofes in Europa, ſei es als Feldherr oder als Staats⸗ mann, obwohl natürlich vorzugsweiſe in jener Eigenſchaft, war ohne Widerrede der Herzog von Marlborough. Sein 10 Ein Blick auf den Hof und das Kabinet großes militäriſches Talent, in vier glorreichen Feldzügen bewährt und durch die Siege am Schellenberge, bei Blen⸗ heim und Ramilies ausgezeichnet, hatte ihn auf einen von keinem der lebenden Generale je erreichten Gipfel des Ruhms erhoben und hatte ihm, außer den weſentlicheren Ehrenbe⸗ zeugungen in der Heimath, die Glückwünſche der meiſten Potentaten Europa's eingetragen. Der Kaiſer Joſeph hatte ihn zur Würde eines Reichsfürſten erhoben und beide Häuſer des Parlaments hatten ihm zu wiederholten Malen für ſeine Dienſte Dank geſagt. Es wurden ihm Penſionen bewilligt, welche, obwohl bedeutend, die Dankbarkeit der Nation, deren Abgott er war, nur ſchwach ausdrückten. Kein Feldherr hatte jemals dem kriegeriſchen Ruhm Englands eine ſolche Anerkennung verſchafft, als Marlborough, und ſeine Beliebt⸗ heit war ohne Gränzen. Seine Thaten waren das Geſpräch jeder Zunge, ſein Lob ſchwebte auf jeder Lippe und auf wie viel Widerſtand er auch insgeheim treffen mochte, öffentlich ward er allgemein geprieſen. Und wohl verdiente er auch das höchſte Lob, welches ihm gezollt ward, wohl verdiente er die höchſte Belohnung, welche ihm geboten ward. In ihm vereinigten ſich alle die edelſten Eigenſchaften eines Befehlshabers, und ſein Muth und ſeine Geſchicklichkeit waren nicht größer als ſeine Hochherzigkeit und Milde. Ein voll⸗ kommener Meiſter der Kriegskunſt, war er in Rath und That ohne Gleichen. In der Hitze des Gefechts war er beſonnen und ruhig wie im Zelt, und der Gewinn eines geringen Vortheils ward ſchnell von ihm zum Siege benutzt, während er den Sieg ſelbſt auf das vollſtändigſte erſchöpfte; nicht durch unnöthiges Schlachten, denn Niemand zeigte größere Rückſichten und Barmherzigkeit, als dieſer berühmte General, ſondern durch völlige Zerſtreuung des Feindes. England durfte wohl auf Marlborough ſtolz ſein, denn er ſtand unter den größten ſeiner Söhne. 5 8 der Königin Anna im Jahre 1707. Auch beſchränkten Marlborough's Talente ſich nicht allein auf das Feld. Er glänzte faſt eben ſo ſtrahlend als Diplo⸗ mat, und ſeine ſcharfe Auffaſſung der Charaktere, ſeine Klug⸗ heit und umfaſſenden politiſchen Kenntniſſe in Verbindung mit ſeinem gewinnenden Aeußern und Manieren befähigten ihn auf das Bewunderungswertheſte zu Unterhandlungen mit fremden Höfen. Seine perſönliche Anmuth ſtand ſeinen geiſtigen Vorzügen nicht nach. Man ſah ihm den Helden an, der er wirklich war. Schönere Züge oder eine edlere Geſtalt, als die ſeinigen, hat man ſelten geſehen, ſo wenig wie ein anmuthigeres und würdevolleres Benehmen. Seine Abweſenheit mit der Armee in Flandern verhinderte ihn, einen thätigeren Antheil, als durch Briefwechſel, an den in⸗ neren Reichsangelegenheiten zu nehmen, aber an ſeiner Ge⸗ mahlin und an Godolphin hatte er geſchickte Stellvertreter. Marlborvugh kehrte gegen Ende November 1706 nach Beendigung ſeines vierten Feldzugs in den Niederlanden nach London zurück, welcher ſich durch den erwähnten Sieg bei Ramilies auszeichnete, und die Uebergabe der Hauptſtädte Flanderns und Brabants, ſo wie die Anerkennung Karls des Dritten als König zur Folge hatte. Unmittelbar nach ſeiner Ankunft begab der Herzog ſich in einem Seſſel nach St. James's, aber trotz ſeiner Bemühung, unbemerkt zu bleiben, ward er entdeckt und in unglaublich kurzer Zeit von be⸗ gierigen Tauſenden umringt, welche die Luft mit ihrem Jauchzen zerriſſen. Auch war ſein Empfang bei der Königin und bei ſeiner erlauchten Gemahlin nicht weniger ſchmeichel⸗ haft. Der Prinz Georg umarmte ihn und die Königin dankte ihm mit vieler Rührung und ſagte, ſie würde ſich nicht eher ruhig fühlen, als bis ſie ihm ihre Erkenntlichkeit für ſeine beiſpielloſen Dienſte bewieſen hätte. Dann wurden ihm prachtvolle Gaſtmahle von dem Lord Mayor und den Häuptern der Stadt gegeben, und ſo wie die zu Blenheim * J —————————— —. E——= 12 Der franzöſiſche Abenteurer eroberten Fahnen und Standarten in der Weſtminſterhalle. angebracht waren, ſo wurden jetzt die bei Ramilies erbeuteten Siegeszeichen von einem großen Zuge von Reiterei und Fuß⸗ volk unter dem Donner der Kanonen und dem Freudenge⸗ ſchrei von Myriaden von Zuſchauern nach Guildhall gebracht und dort aufgehängt. Die Popularität des Herzogs war in ihrem Zenith. Sich ihm zu widerſetzen wäre eben ſo ge⸗ fährlich geweſen, als die Entthronung der Königin ſelbſt zu verſuchen. Die Stimme der Parteien erſtarb unter dem Donner des allgemeinen Beifalls und für den Augenblick waren die Beſtrebungen ſeiner Feinde gelähmt. e 1707;— ſolches war Anna's Lage. Auuferlich n alles lächelnd und heilbringend, und die Königin die ücklichſte, ſo wie ſie die beſte war, wo nicht die größte Souerainin von Europa. Daß ſie geheimen Kummer litt, ſo wie auch, daß ihr der Zuſtand der Abhängigkeit, in welchem ſie erhalten wurde, Verdruß verurſachte, iſt ſchon erwähnt worden und wir haben auch gezeigt, daß ſie mit den Kabalen und Zwiſtigkeiten ihres Kabinets nicht unbekannt war. Nur. einem Buſen vertraute ſie ihre geheimen Sorgen an,— nur in ein Ohr flüſterte ſie ihre Wünſche oder Pläne. Und die Begünſtigte, wir brauchen es nicht zu wiederholen, war Abigail Hill. Zweites Kapitel. Der ie Abenteurer und die Günſtlingin der Königin. Der kznigllce Geburtstag ward unter Anna's Regie⸗ rung gewöhnlich mit außerordentlichem Glanz gefeiert, aber und die Günſtlingin der Königin. 13 Anſtalten zu einer allgemeinen Illumination getroffen und die Richtung der öffentlichen Gefühle offenbarte ſich durch die Thatſache, daß wo der königliche Name auch nur genannt ward, man ſicher ſein konnte, den des Helden von Blenheim und Ramilies in ſeinem Gefolge anzutreffen, während an den hervorſtechendſten Orten Transparente mit den Haupt⸗ begebenheiten des letzten Feldzugs aufgeſtellt wurden. Freu⸗ denfeuer wurden zu früher Stunde angezündet, und der König von Frankreich, der Pabſt, der Prätendent und der Teufel wurden im Bildniß mit Pomp durch die Straßen ge⸗ tragen und dann verbrannt. Das Wetter war mit der allge⸗ meinen Feſtlichkeit im Einklange, indem es für die Jahrszeit ungewöhnlich ſchön war. Der Himmel war glänzend und ſonnig und die Luft hatte ganz den köſtlichen Duft und die Friſche des Frühlings. In den Höfen des Palaſtes erſchallte kriegeriſche Muſik und man hörte das Getrampel der Leib⸗ wache, verbunden mit dem Geklirr ihrer Rüſtungen, als ſie in der St. Jamesſtraße aufzog, wo ſich ſchon ein großer Zuſchauerhaufen verſammelt hatte. Ungefähr eine Stunde vor Mittag durfte die Ungeduld derer, welche ihre Stellungen bei Zeiten eingenommen hatten, auf Belohnung hoffen, und die Geſellſchaft begann ſich an⸗ fänglich etwas ſparſam, aber bald darauf in großen Schaaren einzufinden. Die Wiſſenſchaft der Peitſche war in jenen Tagen noch nicht ſo ausgebildet, wie in unſern Zeiten, oder vielleicht waren die damals gebräuchlichen, prächtigen und be⸗ quemen, wiewohl etwas unbeholfenen Wagen n ſam; aber welches auch die Urſache ſein mo k gewiß, daß viel Gezänk unter den Kutſchern entſtand und viele laute Flüche und Drohungen ausgeſtoßen wurden. Der Seitenweg für Fußgänger ward von den Seſſelträgern in Anſpruch genommen, welche ſich mit Gewalt durch den Haufen drängten und nicht die geringſte Rückſicht auf die Rippen 14„ Der franzöſiſche Abenteurer und Zehen derer, die ihnen nicht ſchleunigſt Platz machten, zu nehmen ſchienen. Dieß hatte nothwendig einige Verwir⸗ rung zur Folge, aber obgleich die verſammelte Menge es ſehr unbeguem hatte, und hier geſtoßen, dort getreten ward, ſo herrſchte doch die höchſte Fröhlichkeit und gute Laune. Richt lange, ſo wuchs die Fluth der Beſuche bedeutend an und Kutſchen, Sänften und Tragſeſſel ſtrömten in vier ununterbrochenen Reihen dem Palaſte zu. Da die Vorhänge der Seſſel größtentheils zugezogen waren, ſo richtete ſich die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer hauptſächlich auf die Kutſchen, in welchen glänzende Schönheiten ſaßen, mit Juwelen und Spitzen geſchmückt, Stutzer in ihren koſtbarſten und pracht⸗ vollſten Kleidern, ernſte Richter und ehrwürdige Geiſtliche in ihren Amtstrachten, Land⸗ und Seebefehlshaber in vollen Uniformen, fremde Geſandte und alle jene verſchiedenartigen Geſtalten, die ein Hof nur aufweiſen kann. Die Equipagen, ſo wie auch die Livreen der hintenaufſtehenden Bedienten, waren meiſtentheils neu und überaus koſtbar. Die Kleidungen der Inhaber der Kutſchen waren ſo bunt an Farbe, wie reich an Stoffen und erhöhten die Leb⸗ haftigkeit und den Schimmer des ganzen Auftritts. Man konnte Sammt und Seide von allen Abſtufungen des Regen⸗ bogens erblicken und man traf alle Arten von Perrücken von der eben aufgekommenen hofmodiſchen„Ramilies“ bis zu der etwas veralteten, aber anmuthigen und wallenden„franzöſi⸗ ſchen Feldzugs⸗Perrücke.“ Auch warkein Mangel an Federhüten, Spitzenhglstüchern und Handkrauſen, diamantenbeſetzten Ta⸗ ee geäderten ſpaniſchen Rohren und allem jenem Etcetera von Stutzerſchmuck. Dicht an der Ecke von Pall⸗Mall ſtand eine kleine Gruppe, beſtehend aus einem hochgewachſenen, ſchmächtigen, einfach gekleideten Mann, der dem Anſchein nach zur mitt⸗ leren Klaſſe gehörte, und einem roſenwangigen, kurzhalſigen ———— 2 3 1 — und die Günſtlingin der Königin. 15 Individuum, deſſen Rock und Halskragen ſeinen ehrwürdigen »Beruf verrieth und der ein ſtattliches Frauenzimmer von etwa vierzig Jahren an einem Arm und ein hübſches, ſchüchternes Mädchen, kaum halb ſo alt, am andern führte. „Hier kommt Sir Nathan Wright, ehemaliger Lord Großſiegelbewahrer,“ ſagte der lange, ſchmächtige Mann, in⸗ dem er ſeinen ehrwürdigen Begleiter anredete, dem er als Cicerone zu dienen ſchien. „Iſt dieß Sir Nathan, Herr Greg?“ fragte der Geiſt⸗ liche, indem er einen Mann mit ſcharfgeſchnittenen Zügen und wohlbeſtellter Perruͤcke in der Kutſche betrachtete. „Eben der, Herr Hyde,“ erwiederte Jener;„und ſo wahr ich lebe, hinter ihm kommt ſein Nachfolger Lord Cow⸗ per, der, wie ich Ihnen nicht zu ſagen brauche, einer der geſchickteſten Juriſten iſt, der je einen Amtsrock trug. Seine Herrlichkeit wird beſtimmt über Kurzem ſeinen Sitz auf dem Wollſack einnehmen.“ „O Himmel! wer iſt das in der vergoldeten Kutſche?“ fragte das erwähnte junge Mädchen.„Was für ein wun⸗ derhübſcher Herr es iſt und was für ſaubere, ſchöne Kleider er anhat!“ „Das iſt der Graf von Sunderland, Miß Angelika,“ antwortete Greg,„der Staatsſekretär und Schwiegerſohn Seiner Durchlaucht von Marlborvugh. Neben ihm fſitzt die Gräfin. Jener finſter ausſehende Edelmann, der den Kop aus dem Fenſter ſteckt und ſeinen Kutſcher ſchilt, daßer ſ langſam fährt, iſt Lord Oxford, auch ein Miniſter ut einer der tüchtigſten, aber kein großer Liebling hter Y wegen des Verweiſes, den er dem Prinzen don Dinemark wegen ſeiner ſchlechten Führung der Flotte ertheilte. Hinter ihm kommt der Herzog von Devonſhire und nach dem Herzog Seine Durchlaucht von Neweaſtle. Dann folgt mein Vor⸗ geſetzter, Herr Harley, dem nicht nach Verdienſt geſchieht, Der franzöſiſche Abenteurer wenn er nicht einſt Lord Schatzmeiſter wird. Bitte, geben Sie auf ihn Acht, Miß Angelika, denn er iſt es wohl werth.“ „O ja, ich ſehe ihn ſchon,“ erwiederte Angelika;„aber ich kann nicht viel Merkwürdiges an ihm ſehen.“ „Manch eine Dame hat eine ganz entgegengeſetzte Mei⸗ nung von ihm,“ entgegnete Greg lächelnd.„Aber wie ge⸗ fällt Ihnen der junge Mann neben ihm?“ „Prächtig,“ antwortete Angelika,„prächtig. Er iſt eine ganz andere Art von Menſch.“ „Wer mag dieſer junge Mann ſein, Freund Greg?“ fragte Paſtor Hyde. „Sein Name iſt Maſham,“ erwiederte Greg;„er iſt einer von des Prinzen von Dänemark Stallmeiſtern und wird für einen der hübſcheſten Männer am Hofe gehalten.“ „Ganz beſtimmt, er iſt einer der ſauberſten, hübſcheſten Männer, die ich je geſehen habe,“ rief Angelika mit funkeln⸗ den Augen.„O je, da ſteigt er aus. Ich hoffe, er wird nicht herkommen und mit mir ſprechen. Mutter, leihen Sie mir Ihren Fächer, daß ich ihn mir vor's Geſicht halten kann.“ „Still, du einfältiges Ding!“ rief ihre Mutter mit ta⸗ delndem Blick. Während dieſer Worte hielt der Wagen an und der junge Maſham ſtieg aus. Greg's Lobrede war nicht un⸗ verdient. Seine Geſtalt war vom vollkommenſten Ebenmaße und ſeine Züge waren von bemerkenswerther Zartheit und öuheit. Seine Augen waren ſchmachtend blau und be⸗ wie es ſcheinen wollte, eine große Macht über weib⸗ liche Herzen, denn, als er ſie auf Angelika richtete, während das Gedränge ihn auf einige Augenblicke an ihre Nähe feſſelte, fühlte ſe das ihrige in ihrem Buſen unruhig werden. Seine Kleidung zeichnete ſich nicht durch ihre Koſtbarkeit aus, aber ſie war geſchmackvoll und beſtand aus einem grün⸗ ſammetnen, goldbeſetzten Rock und einer weiß ſatinenen, ſo S ———,——— und die Günſtingi der Königin. 17 langen Weſte, daß ſie, wie damäls Mode war, bis mitten auf die Schenkel herunterging. Wſtatt einer Perrücke trug er ſein natürliches, dunkelbraunes Haar von vorn nach hinten herübergekämmt und mit einer Schleife zuſammengebunden. Der junge Stallmeiſter war aus einer guten Eſſexiſchen Familie; ſein Vater war Sir Francis Masham von High⸗ Laver, Baronet, und ſeine Mutter eine Tochter von Sir William Scot von Rouen in der Normandie, welcher in Frankreich den Titel eines Marquis de la Mezanſene führte; aber da er ein achter Sohn war, ſo hatte er wenig Aus⸗ ſichten auf Vermögen oder Titel. Er war nicht älter als drei⸗ oder höchſtens vierundzwanzig, aber war ſchon ſeit einiger Zeit bei Hofe, erſt als Page der Königin, da ſie noch Prinzeſſin von Dänemark war, und jetzt als Stallmeiſter und Kammerjunker des Prinzen Georg. „Mit Ihrer Erlanbniß, mein hübſches Mädchen,“ ſagte er zu Angelika mit einer Stimme, die ſie in Entzücken ver⸗ ſetzte,„ich möchte hier durch.“ „Hierher, Herr Masham, hierher,“ ſagte Greg zurück⸗ tretend und Platz machend. „Ah! Greg,“ ver ſetzte Masham,„was machen Sie hier?“ „Ich wollte bloß mit einem Paar Verwandten vom Lande die vornehme Welt zu Hofe fahren ſehen, Sir,“ ant⸗ wortete Greg. „Meiner Treu, Sie werden keine glänzenderen Augen noch blühendere Wangen finden, als die, welche Sie bei ſich haben,“ ſagte Masham, indem er Angelika unter das Kinn faßte.„Dieſe Lippen ſind wahre Kirſchen, aber ich darf mich nicht von ihnen verführen laſſen, hier länger zu ver⸗ weilen. Ich habe ein Wort mit dem Grafen von Briangon zu ſprechen, ehe ich in dem Palaſt gehe.“ So ſprechend und mit einem freundlichen Blick auf Angelika drängte er ſich durch den Haufen und trat in das Eckhaus an 2„Mall. Ainsworth, St. James's. I. — Der franzöſiſche Abenteurer „Der Graf von Briancon, in deſſen Hotel er eben ge⸗ gangen iſt, iſt der außerordentliche Geſandte des Herzogs von Savoyen,“ bemerkte Greg, der ſich nicht wenig darauf einbildete, nebſt ſeiner niedlichen Couſine vom Lande von dem hübſchen Stallmeiſter beachtet worden zu ſein.„Ich bin ſehr gut mit ſeinem vertrauten Secretär, Monſieur Claude Baude, bekannt, der eben das bei ſeinem Herrn iſt, was ich bei Herrn Harley bin. Ein ſehr einnehmender Mann, dieſer Herr Masham,— nicht wahr, Miß Angelika?“ „Außerordentlich einnehmend,“ ſchmunzelte das Mädchen. „So denken die Damen alle,“ fuhr Greg fort;„ſie ſind alle in ihn verliebt.“ „Es ſollte mich wundern, wenn ſie's nicht wären,“ ſeufzte Angelika. „Aber ſehen Sie nur,“ fuhr Greg fort,„hier kommt noch ein hübſcher Mann, der Kriegsſekretär Herr Saint⸗John. Ein gräulicher Wüſtling!“ „Ein Wüſtling, wirklich?“ rief Angelika.„O Jemine! dann will ich nicht hinſehen, denn Mutter ſagt, ein Wüſt⸗ ling iſt ſchlimmer, als ein brüllender Löwe, und iſt im Stande, Einen aufzufreſſen. Sagen Sie mir, wenn er fort iſt, Herr Greg, denn ich möchte icht ohne Noth etwas von dem Anblicke verlieren.“ „Der brüllende Löwe iſt vorüber,“ erwiederte Greg lachend;„und jetzt iſt der Herzog und die ſchöne Herzogin von Beaufort da. Iſt Ihre Durchlaucht nicht eine vornehme Dame? Die ſtolze, hochmüthige Frau, die nachher kommt, iſt Lady de Cecil. Die drei Damen, die in dieſer Kutſche ſo laut lachen, ſind Lady Carlisle, Lady Effingham und Miſtreß Croß. Dann kommt Lord Roß, dem Lady Sunder⸗ land, wie die Leute ſagen, gewogener iſt, als ſie eigentlich dürfte,— aber es wird wohl ein bloßes Gerede ſein. Wer iſt denn biest Meiner Freu, Lady Fitzharding, in deren“ , — und die Günſtlingin der Königin. 19 Hauſe mehr alberne Verſchwender bei Lhombre und Baſſet ruinirt werden, als im„Oberthürſteher“.“ „O blindes und verderbtes Geſchlecht!“ rief Hyde, gen Himmel blickend. „Sie haben wohl Recht, Wehe über ſie zu ſchreien, ehrwürdiger Sir,“ erwiederte Greg,„und hier kommt noch mehr Stoff für eine Predigt in der Geſtalt Seiner Durch⸗ laucht von Grafton. Sehen Sie nur, mit welcher Miene er ſich in ſeiner Kutſche zurücklehnt. Sein gutes Aeußere hat verzweifelte Niederlagen unter den Damen angerichtet und nur Miſtreß Onslow hat ihm widerſtanden. Zunächſt kommt die dicke Miſtreß Knight, von der ich Ihnen eine luſtige Geſchichte erzählen könnte, wenn ich wollte. Auf ſie folgt Lord Nottingham, der ſo ernſt ausſieht, als hätte er ſich noch nicht von ſeiner Entlaſſung erholt, obgleich er ſich bei der Signora Margaretha zu tröſten geſucht hat. In der nächſten Kutſche ſitzt die ſtolzeſte Dame bei Hofe,— Ihre Durchlaucht von Marlborough, deren Tochter ſie iſt, nicht ausgenommen,— es iſt die Herzogin von Montague. Iſt es nicht ein glänzendes Geſchöpf? Die diamantenbedeckte Dame, die dann vorüberſchlüpft, iſt Miſtreß Long, Schweſter von Sir William Raby. Jene ſchöne Equipage gehört Sir Richard Temple,— jetzt können Sie ihn ſehen, ein recht ſchmucker Mann. Er iſt mit Miſtreß Centlivre im Gerede, aber ich ſage nichts. Ah! Hier kommen ein Paar Schön⸗ geiſter. Der auf dieſer Seite iſt der berühmte Herr Con⸗ greve und der andere der nicht weniger berühmte Herr Steele. Ich möchte wiſſen, wem von beiden die Kutſche gehört,— wahrſcheinlich dem einen ſo wenig, wie dem andern. Die ſchöne Dame hinter ihnen iſt Miſtreß Hammond, deren Mann eben ſo ein brüllender Löwe, wie Herr Saint⸗John iſt, wo⸗ gegen ſie ſich für ſeine Vernachläſſigung mit den Aufmerk⸗ ſamkeiten von Lord Dursley, Viceadmiral von der Blauen, . Der franzöſiſche Abenteurer tröſten ſoll, den Sie aus dem nächſten Kutſchenfenſter her⸗ auslehnen ſehen können, wie er ihr eine Kußhand zuwirft.“ Während er ſo fortplauderte, fühlte Greg ſich von An⸗ gelika am Arm zupfen, die ihn mit halber Stimme fragte, ob er wüßte, wer der ſonderbare Herr wäre, der ſich eben neben ihnen hingeſtellt hätte. „Freilich weiß ich es,“ erwiederte Greg, indem er nach der angedeuteten Richtung hinſah und den Hut abnahm, als er dem Blick der in Rede ſtehenden Perſon begegnete;„es iſt der Marquis de Guiscard.“ „Gott! wie er glotzt!“ flüſterte Angelika;„wahrhaftig, er macht Einen ganz verlegen.“ Der Marquis war groß und wohlgebaut, ob zwar etwas mager, mit dunkeln, durchdringenden Augen, ſchwarzen, bu⸗ ſchigen Brauen und einem blaſſen, olivenbraunen Geſicht, das an den Stellen, wo der Bart abgenommen war, voll⸗ kommen blau ausſah. Seine Züge waren ſtark ausgeprägt und wären einnehmend geweſen, hätten ſie nicht einen ge⸗ wiſſen unheimlichen Ausdruck gehabt, deſſen unangenehme Wirkung noch durch ſeine unverſchämte Wüſtlingsmiene er⸗ höht ward. Seine Kleidung beſtand aus der Hofuniform eines Offiziers von hohem Range,— nämlich ein reich ge⸗ ſtickter Scharlachrock mit breiten Aufſchlägen, eine weißſatinene, ebenfalls mit Gold geſtickte Weſte, ein Spitzenhalstuch und Hemdkrauſen, und ein diamantenbeſetzter Degen. Eine volle, wallende franzöſiſche Perrücke, ein Federhut und ein geädertes Rohr vollendeten ſeine Ausrüſtung. Antoine de Guiscard, Abbé de la Bourlie, oder wie er ſich nennen ließ, Marquis de Guiscard, ein Sprößling einer alten und edlen franzöſiſchen Familie, war im Jahr 1658 geboren und folglich zu der in Rede ſtehenden Zeit nicht mehr weit von fünfzig. Für die Kirche beſtimmt und mit bedeutender Gelehrſamkeit ausgerüſtet, hätte er es mit ſeinen * und die Günſtlingin der Königin. 21 Kenntniſſen und Verbindungen zu den höchſten Würden in derſelben bringen müſſen, wenn er ſeine Leidenſchaften hätte zähmen können. Aber unter den Verderbten eines ausſchwei⸗ fenden Hofes war er der Verderbteſte, und da er ein prieſter⸗ liches Leben zu zahm für ſich fand, ſo begleitete er ſeinen Bruder, den Chevalier de Guiscard, auf den Kriegsſchauplatz in Flandern. Nach ſeiner Rückkunft aus dem Feldzuge fing er ſein wildes Leben wieder an und half dem Chevalier eine verheirathete Frau entführen, in die dieſer ſich verliebt hatte. Dieſe Geſchichte war kaum vertuſcht, als er ſich in neue Un⸗ gelegenheiten brachte, indem er einen nahen Verwandten der Madame de Maintenon verwundete und zwei von ſeinen Be⸗ dienten auf der Jagd todtſchoß; und er ſetzte ſeinen Unbe⸗ ſonnenheiten und Gewaltthätigkeiten dadurch die Krone auf, daß er einen Sergeanten ſeines Regiments, den er im Ver⸗ dacht des Diebſtahls hatte, auf die Soldatenfolter brachte, — eine Art von Tortur, die darin beſteht, daß dem Delin⸗ quenten brennende Schwefelfaden zwiſchen die Finger ge⸗ bunden werden. Da ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlaſſen ward, ſo ſuchte er ſein Heil in der Flucht und entkam nach der Schweiz, wo er auf den Einfall gerieth, ſich an die Spitze der Unzufriedenen in Frankreich zu ſtellen, und dieſer Abſicht auch mit den Befehlshabern der Allirten Maß⸗ regeln zur Erregung eines allgemeinen Aufſtandes, ſowohl der Proteſtanten wie der Katholiken, unter den Kamiſarden, die damals in großer Aufregung waren, verabredete. Die wohlgeſetzten Vorſtellungen des Marquis verſchafften ihm das Patent eines Generallieutenants von dem Kaiſer und hier⸗ mit bewaffnet, begab er ſich nach Turin, wo er ſich mit Hülfe des Herzogs von Savoyen vier kleine Kriegsſchiffe ver⸗ ſchaffte, welche in Nizza ausgerüſtet und bemannt wurden und mit denen er eine Landung an der Küſte von Languedoe auszuführen beabſichtigte. Aber das ſtürmiſche Wetter und K 4 ——— 22 Der franzöſiſche Abenteurer vielleicht auch andere Urſachen vereitelten dieſe Expedition und der Marquis kehrte mit dem Verluſt eines Schiffes und nach Beſtehung großer Gefahren an den Hof von Savoyen zurück. Als ſeine Durchſtechereien hier den Verdacht des Herzogs erregten, begab er ſich gegen das Ende des Jahres 1704 nach dem Haag, und hatte verſchiedene Unterredungen mit dem Groß⸗ penſionär Heinſius und dem Herzog von Marlborough, denen er ſeine Vorſtellungen ſo annehmbar zu machen wußte, daß die Generalſtaaten ſich willig fanden, ihm ein monatliches Gehalt von hundert Laubthalern auszuzahlen. Als ſich bald darauf das Gerücht von des Grafen von Peterborough Ex⸗ pedition nach Katalonien verbreitete, beeilte ſich der Marquis in Barcelona, zu ihm zu ſtoßen und mit demſelben Erfolge, der bisher ſeine Pläne begünſtigt hatte, gelang es ihm, ein Empfehlungsſchreiben des Königs von Spanien an die Köni⸗ gin von England zu erhalten, mit welchem er ſich nach dieſem Lande einſchiffte. Während der Reiſe, die außerordentlich ſtürmiſch war, gerieth das Schiff, mit welchem er ſegelte, an einen franzöſiſchen Kaper, und der Marquis fand eine gute Helegenheit, ſeine Tapferkeit und Geſchicklichkeit zu beweiſen, n hauptſächlich ſeiner Entſchloſſenheit war es zu verdanken, . * daß ſie nicht genommen wurden. Bei ſeiner Ankunft in London ward er von der Königin ſehr gnädig aufgenommen, und die königliche Gunſt verſchaffte ihm Zutritt zu den Häuſern der Herzoge von Devonſhire und Ormond. Er wußte ſich auch bald die gute Meinung einiger der Miniſter, beſonders des Herrn Saint⸗John, zu gewinnen. Als daher eine Landung in Frankreich, unter dem Oberbefehl des Grafen von Rivers, beſchloſſen und Truppen zu dieſem Zweck aus⸗ gehoben wurden, erhielt Guiscard das Patent eines Oberſt⸗ lieutenants, nebſt tauſend Pfund zu ſeiner Ausrüſtung. Aber das Glück, welches ihm bisher gelächelt hatte, begann ihm jetzt abhold zu werden. Während die verbündete Flotte vor und die Günſtlingin der Königin. 23 Torbay lag und auf günſtigen Wind wartete, erhob ſich ein Streit zwiſchen ihm und den engliſchen Befehlshabern, welche ihm das von ihm in Anſpruch genommene Kommando ver⸗ weigerten, und als Lord Rivers ſeine Unwiſſenheit in mili⸗ täriſchen Dingen, ſo wie ſeine mangelhafte Bekanntſchaft mit dem Zuſtande Frankreichs bemerkte, ward er zurückberufen und kehrte nach London zurück, wo er einige Zeit als Privat⸗ mann lebte. Obgleich ſein Gehalt als Generallieutenant nicht länger gezahlt ward, ſo hatte er doch noch ſein Regi⸗ ment, ſo wie ſeine Penſion von den Generalſtaaten; daher nahm er ſich ein gutes Haus in Pall⸗Mall, ſchaffte ſich eine glänzende Equipage an, hielt ein Heer von Bedienten und begann ein Leben voller Ausſchweifungen, zu dem er ſich die Mittel durch Spiel und andere Kunſtgriffe zu verſchaffen ſuchte, wobei er nicht unterließ, ſich beſtändig bei Hofe und bei den Levers der Miniſter zu zeigen und um Beſchäftigung und Beförderung anzuhalten. Seine Vertrautheit mit Saint⸗ John lief noch fort und bis noch vor Kurzem hatte er auch mit Harley auf gutem Fuße geſtanden, aber ſie hatten ſich, wie man ſagte, um eine Geliebte entzweit. Gleich den meiſten Abenteurern darauf bedacht, ſeine ſchwankenden Glücksumſtände durch eine vortheilhafte Heirath zu ſtützen, hatte Guiscard mehreren Erbinnen und reichen Wittwen, aber bisher ohne Erfolg, den Hof gemacht. Man vermuthete auch, daß er über noch andern, tieferliegenden Plänen brüte und, nachdem er ſeinen Frieden mit Frankreich gemacht, eine geheime Korreſpondenz mit dem Hofe von Saint⸗Germain einzuleiten ſuche. Obgleich ein glücklicher Spieler, gab der Marquis ſich doch andern Ausſchweifungen hin, welche alle ſeine Gewinnſte verſchlangen. Im Allge⸗ meinen verwegen und unverſchämt, konnte er doch, wenn ſeine Abſichten es verlangten, kriechend und geſchmeidig genug ſein. Von einigen ſeiner Kreaturen, die er im Palaſte 24 Der franzöſiſche Abenteurer unterhielt, hatte er erfahren, wie gut Abigail Hill mit der Königin ſtehe und ihre künftige Macht mit einem Blicke überſehend, legte er es einzig darauf an, ihre Gunſt zu ge⸗ winnen. Aber ſeine Bemühungen waren vergeblich. Sei es, daß ſie ſeine Abſichten errieth und daß Harley ſie vor ihm gewarnt hatte, genug, ſie wies ſeine Bewerbungen ab und begegnete ihm bei den ſeltenen Gelegenheiten ihres Zuſammen⸗ treffens kaum mit Höflichkeit. Guiscard war jedoch nicht der Mann dazu, ſich leicht entfernen zu laſſen. Obgleich ſeine Eitelkeit durch dieſe Zurückſetzung gekränkt ward, ſo beſchloß er doch, eine günſtige Gelegenheit zur Förderung ſeiner Pläne mit Beharrlichkeit abzuwarten. Bald nachdem der Marquis ſeine oben erwähnte Stelle eingenommen hatte, ereignete ſich noch eine kleine Störung im Rücken Greg's und ſeiner Geſellſchaft. Sie ward durch die Ankunft mehrerer reichbetreßter Lackeien verurſacht, welche aus dem vorhin bezeichneten Eckhauſe von Pall⸗Mall kamen und die Menge mit ihren goldbeknopften Stöcken theilten, um einer prachtvoll vergoldeten Sänfte mit dem Savoyiſchen Wappen Platz zu verſchaffen. Als dieſe Sänfte bei dem Marquis de Guiscard vorüberkam, ward das Fenſter her⸗ untergelaſſen und ein hübſcher, aber wüſt ausſehender Mann, ver eine ſtattliche franzöſiſche Perrücke trug und eine Atmo⸗ ſphäre von Wohlgerüchen um ſich verbreitete, F den Kopf heraus und redete ihn an. „Es iſt der Graf von Briangon ſelbſt,“ ſagte Greg zu ſeiner Geſellſchaft. „Ach, wie überaus ſüß er riecht,“ bemerkte Angelika. „Wahrhaftig, er iſt ganz wie eine große Riechflaſche.“ „Nun, mein theurer Marquis, wie ſteht es? Iſt das Abenteuer beſtanden?“ fragte der Graf lachend und zwei Reihen glänzender Zähne zeigend. „Sie iſt noch nicht vorbeigekommen,“ erwiederte Guis⸗ — und die Günſtlingin der Königin. card.„Was haben Sie mit Masham gemacht? Ich dachte, er wäre bei Ihnen in der Sänfte.“ „Er iſt zurückgeblieben, um einen Brief zu leſen,“ ſagte der Graf.„Sie haben ſich des Kutſchers verſichert, ſagen Sie?“ „Fünf Guineen haben die Sache ins Reine gebracht,“ antwortete Guiscard.„Aber bei Sanect Michel! hier kommt ſie. Fort, Herr Graf!“ „Adieu dann und viel Glück!“ rief Briancon und gab den Sänfteträgern ein Zeichen, ihn nach dem Palaſte zu bringen. Die obige kurze Unterredung entging, obwohl in fran⸗ zöſiſcher Sprache gehalten, Greg nicht, da er ihrer wohl kundig war; und da er überdies den Charakter des Marquis ſehr gut kannte, ſo errieth er ſogleich deſſen Vorhaben. Er richtete daher den Blick mit einiger Neugierde auf die heran⸗ kommenden Kutſchen, um diejenige zu entdecken, welche die Heldin des bevorſtehenden Abenteuers enthielte, was ihm auch bald gelang. Indem er ſie eine nach der andern muſterte, bemerkte er, wie ein derber, rothbäckiger Kerl in einer vollen, wohlgepuderten Perrücke und himmelblauer Livree mit gelben Aufſchlägen, der auf dem Bock einer prachtvollen Kutſche ſaß, ſeine Peitſche kaum merklich erhob und dem Marquis ein Zeichen des Einverſtändniſſes gab. „Das iſt ſie, ich will drauf ſchwören!“ rief er, ſich vor⸗ drängend, um die Kutſche beſſer zu ſehen.„So wahr ich lebe! es iſt Lady Rivers. Er kann ihr doch an dieſem öffentlichen Orte keinen Liebesbrief zuſtecken wollen. Aber wen hat ſie da bei ſich?— Miß Abigail Hill. O! jetzt ſehe ich ſeinen Zweck. Meiner Seel'! ſie ſieht ungewöhnlich hübſch aus.“ Abigail Hill konnte nicht entſchieden ſchön genannt werden und doch waren ihre Züge ſo angenehm, daß ſie dies Lob eben ſo ſehr verdiente, als manche andere, deren Geſicht eine klaſſiſchere Form hatte. Schöne hellblaue Augen, eine ſtrah⸗ 26 Der franzöſiſche Abenteurer lend weiße Haut, goldgelbe Locken, volle blühende Wangen und perlenweiße Zähne waren ihre Hauptreize. Wenn man ſie genau betrachtete, ſo ſah man, daß ſehr viel Feſtigkeit um die Stirn und den Mund lag und daß das Auge einen Aus⸗ vruck der Stetigkeit beſaß, welcher auf Entſchloſſenheit deutete, deren gutgeartete Richtung ihre übrigen Geſichtszüge zu ver⸗ bürgen ſchienen. Ihre raſchen Geberden, ihr lebhafter Blick ließen eine ſchnelle Auffaſſungs gabe vermuthen, und dieſe zußeren Anzeichen täuſchten nicht. Ihre Geſtalt war äußerſt ſchlank, hoch und anmuthsvoll. Ihr Anzug beſtand aus einem tiefausgeſchnittenen Hofkleide von weißem Satin, mit Spitzen beſetzt und mit kurzen weiten Aermeln. Ihr Alter mochte gegen vierundzwanzig ſein. Die Kutſche, in welcher ſie ſaß, hatte ſich nun dem Marquis de Guiscard bis auf ein Geringes genähert, als der Kutſcher die Gelegenheit wahrnahm und gegen den vor ihm befindlichen Wagen anzufahren ſuchte. Er ward ſogleich wegen ſeiner Unachtſamkeit von dem benachbarten Jehu mit den heftigſten Schimpfworten angefallen und antwortete Jenem mit entſprechenden Ausdrücken, indem er ihm die Schuld dieſes Zuſammenſtoßes zur Laſt legte. Dies erregte, wie vorauszuſehen war, die Galle des Gegners dermaßen, daß er ihn vom Bock herunter zu werfen drohte, worauf der angreifende Theil mit einem herausfordernden Fluch nebſt einem Hieb mit ſeiner Peitſche replicirte. Der beleidigte Kutſcher erhob ſich ſogleich auf ſeinem Bock und klatſchte wüthend auf ſeinen Widerſacher los und dieſer hatte, wäh⸗ rend er ſich vertheidigte, viel Noth, ſeine Pferde im Zaume zu halten, die ſich gefährlich zu bäumen anfingen. Die Zuſchauer, welche dies Scharmützel höchlich belu⸗ ſtigte, hallohten munter darein, wogegen die Damen in der Kutſche ſich über den Lärm zu beruhigen begannen und Abi⸗ gail Hill den Kopf aus dem Fenſter ſteckte, um ſich nach der ——————— und die Günſtlingin der Königin. 22 Unterbrechung umzuſehen. In dieſem Augenblicke ſtürzte der Marquis de Guiscard hinzu und öffnete den Schlag, um ihr herauszuhelfen, aber ſobald ſie ihn erblickte, zog ſie ſich unwillkührlich zurück. Guiscard wandte ſich dann an Lady Rivers, aber ohne beſſeren Erfolg. „Sehr verbunden für Ihren gefälligen Beiſtand, Herr Marquis,“ antwortete Ihre Herrlichkeit,„aber wir wollen lieber darin bleiben. Bitte, befehlen Sie dem Kutſcher, weiter zu fahren, oder ich werde ihn fortjagen.“ „Pardon, Mylady,“ rief Guiscard.„Der Kerl will nicht auf mich hören. Sein inſulaniſches Blut iſt in Wallung. Kommen Sie, Miß Hill, ich muß darauf beſtehen, daß Sie ausſteigen. Ich fürchte, daß es noch ein Unglück gibt.“ „Sie find ſehr gütig, Herr Marquis,“ ſagte Abigail; „aber Lady Rivers's Bedienten ſind bei der Hand und werden uns beſchützen. Ditchley,“ rief ſie einem Lackeien zu, der jetzt an den Schlag trat,—„ſeinen Arm!“ Der Menſch wollte herzuſpringen, aber der Marquis winkte ihn ärgerlich fort. Unterdeſſen wüthete der Kampf zwiſchen beiden Kutſchern mit vermehrter Heftigkeit fort. „Ditchley!“ kreiſchte Lady Rivers, die ſich ernſtlich zu beunruhigen begann. „Gleich, Euer Herrlichkeit,“ entgegnete der Lackei, indem er ſich an dem Marquis vorbeizudrängen ſuchte. „Zurück, Kerl!“ ſchrie Guiscard.„Laß dich warnen und komme mir nicht in den Weg.“ Aber da er den Menſchen entſchloſſen ſah und ſich über die Vereitelung ſeines Planes erboste, ſo erhob er ſein Rohr und ſtreckte den unglücklichen Ditchley mit einem wohlgezielten Schlag auf den Schädel zu Boden. Die beiden Damen, welche nicht vorausſehen konnten, wie weit die Gewaltthätigkeiten des Marquis gehen würden, 28 Der franzöſiſche Abenteurer kreiſchten jetzt laut auf. Auf dies Zeichen flogen die drei andern Lackeien, die ſich hinten an den Wagen klammerten, ihnen zu Hülfe, aber ein anderer Beſchützer kam ihnen zuvor. Gerade als Ditchley zu Boden fiel, drängte Masham, der einige Augenblicke vorher aus dem Hotel des Grafen von Briancon gekommen war, als er ſah, was es gäbe, ſich mit Gewalt durch den Haufen und packte, nach dem Wagen hin⸗ ſtürzend, den Marquis beim Kragen und ſtieß ihn kräftig bei Seite. „Ha, was in des Teufels Namen führt Sie her, Sir!“ rief Guiscard mit einer Stimme, die vor Zorn bebte. „Ich komme, dieſe Damen vor Beleidigungen zu be⸗ wahren,“ rief Masham zürnend und die Hand an den Degen legend. „Alle Wetter, Sir,— woher wiſſen Sie, daß ſie be⸗ leidigt worden ſind?— Und wer hat Sie zu ihrem Beſchützer gemacht?“ fragte Guiscard wüthend. „Ich werde Ihnen ſpäter volle Rechenſchaft über meine Dazwiſchenkunft geben, Herr Marquis,“ erwiederte Masham. „Aber wenn Sie die mindeſten Anſprüche auf den Namen eines Gentleman machen, ſo werden Sie dieſen Streit nicht weiter in Gegenwart der Damen fortſetzen.“ „So ſei es!“ brummte Guiscard zwiſchen den Zähnen. „Aber ſeien Sie verſichert, daß Sie die verdiente Züchtigung erhalten werden.“ „Bitte, verwickeln Sie ſich meinetwegen in keine Streitig⸗ keiten, Herr Masham,“ ſagte Abigail, die unterdeſſen mit Hülfe eines der Bedienten ausgeſtiegen war. Ich würde mich überaus glücklich fühlen, wenn ich Ihnen im geringſten nützlich geweſen bin, Miß Hill,“ er⸗ wiederte Masham mit einer Verbeugung,„und was den Streit betrifft, ſo bitte ich, machen Sie ſich deshalb keine Sorgen.“ und die Günſtlingin der Königin. 29 „Ich habe alles geſehen, wie es ſich zugetragen hat,“ ſagte ein Soldat, der mit dem Gewehr über der Schulter herbeikam,„und wenn es Ihnen, Sir, oder den Damen be⸗ liebt, ſo will ich dieſe beiden zänkiſchen Kutſcher auf die Wache bringen.“ „Das wird die Sache ſchwerlich ungeſchehen machen, mein guter Freund,“ entgegnete Masham,„aber die Störung iſt beſeitigt.“ „Das iſt ſie ohne Zweifel, ſo weit ich dabei betheiligt bin,“ ſagte der Marquis, als er ſah, in welche unvortheil⸗ hafte Stellung er ſich verſetzt hatte, und plötzlich einen ent⸗ ſchuldigenden Ton annehmend,„ich habe großes Unrecht gehabt. Meine Abſicht war nur, Ihnen meine Hülfe anzu⸗ bieten, Miß Hill, und ich muß um Verzeihung bitten, daß ich mich durch meine Aufregung zu ſo verdrießlichen Weit⸗ läuftigkeiten habe verleiten laſſen. Die Grobheit jenes Kerls hat meinen Zorn erregt. Es thut mir jedoch Leid um ihn und ich hoffe, eine Guinee wird ſeinen zerbrochenen Schädel wieder heilen. Herr Masham, Sie haben Urſache, mir für den Dienſt zu danken, den ich Ihnen geleiſtet habe,— aller⸗ dings ohne es zu wollen,— aber der darum doch nicht minder wichtig iſt. Meine Damen, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Und mit einer Verbeugung voll hoch⸗ müthiger Höflichkeit entfernte er ſich unter dem Gemurmel der Umſtehenden nach dem Palaſte zu. Als der Kutſcher ſah, wie ſich die Dinge geſtalteten und welche Niederlage der Anſtifter dieſes Unfalls erlitten hatte, ſo hielt er es jetzt für zweckmäßig, Vernunſt anzu⸗ nehmen und wegen ſeines Antheils daran um Verzeihung zu bitten, während ſein Gegner davonfuhr. Hierauf faßte Abigail Muth und nahm ihren Sitz in der Kutſche wieder ein, indem ſie dem jungen Stallmeiſter, der ſie hineinhob, ihren wärmſten Dank für ſeine Höflichkeit ſagte. Der franzöſiſche Abenteurer „Nur eins müſſen Sie mir verſprechen, Herr Masham,“ ſagte ſie,—„daß Sie die Herausforderung des Marquis nicht annehmen wollen, wenn er Ihnen eine ſchickt. Ich würde es mir nie vergeben, wenn Ihnen etwas widerfährt.“ „Befürchten Sie nichts,“ erwiederte er ſcherzend.„Es wird nicht gefährlich ſein.“ „Aber verſprechen Sie mir, ſich nicht zu ſchlagen,“ rief Abigail.„Nein, wenn Sie anſtehen, ſo muß ich mir in der Königin eine Vermittlerin ſuchen. Ihr werden Sie nicht ungehorſam zu ſein wagen.* „Gewiß nicht,“ erwiederte Masham;„aber es iſt kaum der Mühe werth, Ihre Majeſtät mit einer ſo geringfügigen Angelegenheit zu behelligen.“ „Die Angelegenheit iſt für mich ſo geringfügig nicht,“ entgegnete Abigail. Und dann unterbrach ſie ſich und lehnte ſich erröthend in den Wagen zurück und rollte nach dem Palaſtthore hin. „Sie haben große Theilnahme für Herrn Masham blicken laſſen, meine Theure,“ bemerkte Lady Rivers.„Wenn er ein bischen eitel iſt(und welcher hübſche junge Menſch wäre das nicht), ſo wird er ſich einbilden, daß er eine Er⸗ oberung gemacht hat.“ „Nun, ich dächte, ich hätte für ihn nur eine ſehr natür⸗ liche Theilnahme gezeigt,“ erwiederte Abigail.„Es ſollte mich ſehr verdrießen, wenn er ſich mit dieſem unangenehmen Marquis de Guiscard ſchlüge.“ „Und noch mehr verdrießen, wenn er von dieſem unan⸗ genehmen Marquis, der, wie man ſagt, der gewandteſte Fechter in der Stadt iſt, zufüllig durch den Leib gerannt würde,“ verſetzte Lady Rivers. „Wie können Sie auch nur etwas ſo Gräßliches ver⸗ muthen,“ rief Abigail erblaſſend.„Ich werde gewiß mit und die Günſtlingin der Königin. 31 der Königin darüber ſprechen. Das iſt der ſicherſte Weg, um ein Unglück zu verhüten.“ „Aber nehmen Sie ſich in Acht, meine Theure, daß Sie Ihrer Majeſtät nicht auch zugleich den Zuſtand Ihres Herzens verrathen,“ ſagte Lady Rivers etwas boshaft. Abigail erröthete wieder, aber verſuchte nicht zu ant⸗ worten; und in dieſem Augenblick hielt der Wagen an und ſetzte ſie vor dem Palaſte ab. Drittes Kapitel. Eine vertrauliche Unterredung in Marlborvugh⸗Haus. Noch nie war eine ſo zahlreiche oder glänzende Cour in St. James verſammelt geweſen, als bei der gegenwärtigen Gelegenheit. Man bemerkte jedoch, daß die Königin etwas abgemattet und übellaunig ausſah, während eine leichte Röthung der Augen den Schein ihrer Unpäßlichkeit noch erhöhte. Der Herzog von Marlborough, der dieſe Anzeichen mit Theilnahme gewahrte, ſpielte gegen den Prinzen von Dänemark darauf an und dieſer erwiederte nach ſeiner Ge⸗ wohnheit haſtig und unüberlegt:„Die Königin hat ſelbſt an ihrem Unbefinden Schuld. Wenn ſie des Nachts nicht ſo ſpät aufbliebe, ſo würden ihre Augen nicht ſo roth und ihre Laune nicht ſo geſtört ſein.“ „Wirklich!“ rief der Herzog;„ich Ihre Majeſtät begäbe ſich früh zur Ruhe.“ „Das thut ſie im Allgemeinen auch,“ erwiederte der Prinz, etwas verlegen über die Unbeſonnenheit, die er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen,„aber zuweilen bleibt ſie wohl ein Paar Stunden auf und plaudert,— mit mir, Eure Durchlaucht,— blos mit mir,— fragt nach meiner Meinung über Kabinetsſachen,— viel beſſer zu Bett zu gehen,— E G— —— 32 Eine vertrauliche Unterredung lange aufbleiben bekommt uns beiden nicht,— ha! ha!“ Und hiermit reichte er dem Herzog ſeine Doſe, um dem Ge⸗ ſpräch ein Ende zu machen. Marlborough dankte mit einer Verbeugung für dieſe Herablaſſung, aber murmelte bei ſich:—„Sie bleibt des Nachts auf, ha! So muß ſie noch eine Vertraute außer der Herzogin haben. Das muß ausgemittelt werden.“ Einige Stunden ſpäter nach Beendigung der Cour be⸗ fand er ſich mit ſeiner erlauchten Gemahlin allein in Marl⸗ borough⸗Haus. Die Herzogin war glänzend. Ihre ſchönen Augen funkelten vor Vergnügen und ein Erröthen des Triumphs färbte ihre Wangen. Ihr Schritt, indem ſie nach einem Sopha im Hintergrunde des Zimmers ging, war ſtattlicher als gewöhnlich, ihre Miene ſtolzer. Ein herrliches Geſchöpf war Sarah von Marlborough noch und von Verblühen war wenig an ihr zu ſehen. In Blick und Haltung hatte ſie etwas Königliches. Ihre Geſtalt war hoch und gebietend und ihre Züge waren von jenem vornehmen Schnitt, der nur den Großen vorbehalten zu ſein ſcheint. Alle Gemüths⸗ bewegungen konnten ſich auf dieſen Zügen abſpiegeln, aber der Ausdruck, den ſie gewöhnlich annahmen, war der des Stolzes. Und doch waren ſie ſanft und weiblich, und nicht ohne eine gewiſſe Art von Ueppigkeit, die ſich hauptſächlich in der reichen Fülle ihrer Lippen und dem ſchmachtenden Schmelz ihrer Augen zeigte, welche, wenn ſie nicht Feuer ſprühten, unausſprechlich zärtlich waren. Ihre Stirne war überaus ſchön und ihr Haar, das ſich gleich einer Tiare um ihr Vorderhaupt ſammelte und hinten in Locken herabfiel, hatte nichts von ſeiner urſprünglichen Glätte, Weichheit und Fülle verloren. Ihre Glieder waren voll und der gerundete Nacken, Arm und Schulter waren von marmorner Weiße. Ihr Anzug entſprach dem Glanz ihrer Perſönlichkeit und 8 in Marlborough⸗Haus. 33 ſchimmerte von Diamanten und Eoelſteinen. Unter anderem Schmuck trug ſie auch einen ſehr werthvollen Ring, den Karl der Dritte von Spanien ihr vor vier Jahren bei ſeinem Be⸗ ſuch in England zum Geſchenk gemacht hatte. Die Herzogin von Marlborough war die Frau danach, eine heftige Leiden⸗ ſchaft einzuflößen und zu erhalten. Weder Entfernung, noch Aufreizungen konnten die unbegränzte Ergebenheit des Herzogs für ſie erſchüttern und jetzt nach ihrer langen Ehe war er eben ſo ſehr ihr Liebhaber,(und vielleicht noch mehr) als damals, da er um ſie, als Sarah Jennings, warb. Und würdig ſtand ihr edler Gemahl ihr zur Seite. Der Herzog von Marlborough zeichnete ſich kaum mehr durch ſeine geiſtigen Fähigkeiten, als durch ſeine perſönliche Anmuth und Vorzüge aus. Er war im beſten Sinne des Worts ein vollendeter Höfling, das heißt ein vollkommener Gentleman, während ſich zu dem Höfling noch der Soldat geſellte und ſo einen unübertreffbaren Verein bildete. Man kann ſich nichts Geglätteteres, Anmuthigeres, Gefälligeres denken, als das Benehmen des Herzogs von Marlborough, welches zu gleicher Zeit würdevoll und achtunggebietend war. Seine Geſtalt war hoch und von edlen Verhältniſſen, und war es ſein Ruhm, ſein vornehmes Weſen oder ſein ſchönes Aeußere, man konnte ihn unmöglich ohne Bewunderung anblicken. Freilich war der Herzog nicht mehr jung, freilich hatte er Beſchwerden aller Art, ſowohl geiſtige, als körperliche, gelitten, und ſeit Jahren nur wenige und kurze Augenblicke der Ruhe gekannt; aber ungeachtet alles dieſen hatte er ſich bewunde⸗ rungswürdig erhalten, und obgleich er nicht mehr der artige Jüngling war, der zu Karls des Zweiten Zeit die Herzogin von Cleveland erobert hatte, ſo war er doch noch ein Muſter männlicher Schönheit. Er war mit ſeiner Generalsuniform bekleidet und reich mit Orden geſchmückt und trug unter andern den Georg in einem mit Diamanten von unermeß⸗ Ainsworth, St. James's. I. 3 Eine vertrauliche Unterredung lichem Werth beſetzten Sardonht. Er war bei Weitem nicht ſo guter Laune, wie die Herzogin. Im Gegentheil, er ſchien gedankenvoll zu ſein und folgte ihr langſam und finnend nach deni Sopha. „Was fehlt Eurer Durchlaucht?“ fragte die Herzogin, ſich niederlaſſend.„Mir däucht, wenn irgend etwas Sie hätte erheitern können, ſo hätte es der Beifall ſein müſſen, mit dem das Volk Sie begrüßte, als Sie den Palaſt verließen. Sein betäubender Ruf: Gott erhalte die Königin und den Herzog von Marlborough!“ kann faſt von hier aus gehört werden und muß, wie ich glaube, ſelbſt Anna's Ohren er⸗ reicht haben. Für mich iſt das beifällige Jauchzen des Volkes die ſüßeſte Muſik und ihre ſtrahlenden Geſichter und ge⸗ ſchwenkten Hüte der fröhlichſte und belebendſte Anblick. Aber beides ſcheint heute ſeinen Reiz für Sie verloren zu haben. Die Gewohnheit hat es alltäglich gemacht, wie ſie mich all⸗ täglich gemacht hat.“ „Der Beifall der Menge könnte allerdings ſeine Wir⸗ kung verlieren,“ antwortete der Herzog zärtlich,—„und hat es vielleicht ſchon; aber noch iſt der Tag fern, meine Theure, an dem ich gegen Ihre Liebe unempfindlich ſein werde. Das Getümmel hat mich etwas angegriffen und ich wollte, ich hätte den Palaſt heimlich verlaſſen.“ „Beſſer ſo, wie es iſt,“ ſagte die Herzogin;„Sie können ſich nicht zu oft zeigen. Hat ſich bei der Cour irgend etwas Unangenehmes zugetragen? Ich dachte, Sie hätten dort ein wenig ernſt ausgeſehen.“ „Nun ja, ich muß geſtehen, daß mich ein Paar Worte, die der Prinz über die Königin fallen ließ, beunruhigt haben. Ich ſagte zu ihm, daß ich bedauerte, ſie ſo unpäßlich zu ſehen, und er antwortete mir, daß es ihre Schuld wäre, indem ſie des Nachts ſpät aufzubleiben pflegte.“ „Hat er Ihnen geſagt, mit wem?“ fragte die Herzogin⸗ in Marlborough⸗Haus. 35 „Nein,“ antwortete der Herzog.„Wie ein ſchlechter Schachſpieler ſuchte er ſeine Unüberlegtheit wieder gut zu machen, und gab ſich dadurch nur noch mehr Blößen. Aber wer der Königin außer ihm Geſellſchaft leiſtete, konnte ich nicht herausbringen.“ „So will ich es Ihnen ſagen,“ entgegnete die Herzv⸗ gin;„es iſt unſere Coufine, Abigail Hill.“ „Wie, das Toiletten⸗ und Kammerfräulein?“ rief der Herzog;„wenn das alles iſt, ſo hat es nichts zu ſagen.“ „Es hat mehr zu ſagen, als Eure Durchlaucht ſich vorſtellt,“ erwiederte die Herzogin,„und wenn ich Abigail damals, als ich ſie in die Nähe der Königin brachte, ſo gekannt hätte, wie jetzt, ſo würde ich ihr niemals die Macht gegeben haben, mir zu ſchaden. Wer hätte es denken ſollen, daß ein dem Anſchein nach ſo kunſtloſes Geſchöpf ihre Karten ſo gut ſpielen würde. Aber die ſchlaue Hexe hat die ſchwachen Seiten der Königin ausgefunden, und als ſie ſah, wie fehr ſie die Selavin derer iſt, die ſie zu lieben vorgeben und um ſie ſchwänzeln und ihr wegen ihres Scharfſinnes und Ver⸗ ſtandes ſchmeicheln,— ihr Scharffinn und Verſtand, wahrlich! — ſo hat ſie ſich aller dieſer Mittel bedient, um ihr Ver⸗ trauen zu gewinnen.“ „Wenn ſie es gewonnen hat, ſo können Sie es ihr nicht verdenken,“ erwiederte der Herzog;„und ich kann nicht anders glauben, als daß es beſſer ſein würde, wenn Sie ſelbſt, Madame, die Gemüthsart und die Eigenthümlichkeiten der Königin mehr berückſichtigen wollten.“ „Ich wundere mich, dieß von Eurer Durchlaucht zu hören,“ verſetzte die Herzogin empfindſich.„Wollen Sie, daß ich ihr meine Meinungen opfere, ihr, der ich vorzu⸗ ſchreiben gewohnt bin? Wollen Sie, daß ich Maßregeln billige, wenn ich ſie mißbilligen muß? Wollen Sie, daß ich krieche, betheure und lüge oder die Manieren dieſes ſela⸗ Eine vertrauliche Unterredung viſchen Geſchöpfs nachahme? Wollen Sie, daß ich auf jede kindiſche Klage, jeden Einfall, jede Grille achte,— oder Mitgefühl heuchele, wo ich keins empfinde? Wollen Sie, daß ich bitte, wo ich befehlen kann,— kniee, wo ich ſitzen kann,— gehorche, wo ich mir Gehorſam verſchaffen kann?“ „Nein,— aber, Madame,“ ſagte der Herzog,„die Pflichten gegen Ihre Königin laſſen das als gebührende Huldigung und Ehrfurcht erſcheinen, was gegen eine andre Kriecherei und Schmeichelei ſein würde.“ „Ich werde es nie an Treue und Ergebenheit gegen die Königin fehlen laſſen,“ entgegnete die Herzogin,„und wie mein Rath auch ausfallen mag, ſo wird er immer mit ihrer Ehre beſtehen können. Ich kann mir nicht den Vor⸗ wurf machen, jemals etwas ihre Stellung oder das Wohl des Landes Schmälerndes in Vorſchlag gebracht zu haben, und in dieſer Ueberzeugung werde ich ſo zu handeln fort⸗ fahren, wie ich angefangen habe. Ich kann ihre Zuneigung verlieren, aber ich will nie in meiner eigenen Achtung verlieren.“ „Ich weiß, daß Sie eine hochſinnige Frau find, Ma⸗ dame,“ erwiederte der Herzog,„und daß alle Ihre Hand⸗ lungen von den beſten und edelſten Grundſätzen ausgehen, aber doch kommt es mir vor, daß Sie die Zuneigung der Königin viel ſtärker feſſeln könnten, ohne Ihrer innern Würde oder Selbſtachtung etwas zu vergeben.“ „Eure Durchlaucht irrt ſich in der Königin ganz und gar,“ verſetzte die Herzogin ungeduldig,„und wollte ich ihren Launen nachgeben oder ihren Meinungen beipflichten, ſo würden die Sachen noch weit ſchlimmer ſtehen, als jetzt. Anna iſt eine von den Perſonen, die unausbleiblich irren, wenn man ſie ihren eigenen Weg gehn oder nach ihren eigenen Eingebungen handeln läßt. Ohne Thatkraft und Entſchloſſenheit iſt ſie ſo kurzſichtig, daß ſie nur die in ihrer unmittelbaren Nähe befindlichen Dinge unterſcheiden kann, * in Marlborvugh⸗Haus. 37 und ſelbſt dann täuſcht ſie ſich meiſtentheils. Um ihr gut zu dienen, muß man ſie leiten,— um ihre Regierung glücklich und ruhmreich zu machen, muß man ſie regieren. „Meine eigene Erfahrung hat mich zu denſelben Folge⸗ rungen geführt, Madame,“ ſagte der Herzog,„aber dieſer Grundſatz darf nicht zu weit ausgedehnt werden. Schwache Naturen, wie Anna, dürfen nicht zu hart behandelt werden, wenn ſie ſich nicht gegen die Hand, welche ſie lenkt, empören ſollen. Ich habe ſeit Kurzem einige Anzeichen dieſer Art an der Königin wahrgenommen, Sie ſcheint mit ihnen unzufrieden zu ſein.“ „Und was thut's, wenn ſie mit mir unzufrieden iſt,“ erwiederte die Herzogin verächtlich;„ſie mag auf einen Au⸗ genblick gegen mich aufgebracht ſein, aber ich bin ihr zu unentbehrlich, und in der That zu ſehr ihre Gebieterin, als daß ein Bruch zwiſchen uns von langer Dauer ſein könnte.“ „Seien Sie nicht zu zuverſichtlich, Madame,“ entgegnete der Herzog. Sorgloſigkeit iſt öfters tödtlich. Sorgloſigkeit ließ Tallard die Schlacht von Blenheim verlieren und Ville⸗ roy's Sorgloſigkeit verdanke ich den Sieg bei Ramilies. Sich zu ſicher zu fühlen iſt ſo gut, als dem Feinde einen Vortheil einzuräumen, und wo die Gefahr am geringſten ſcheint, kann leicht eine Niederlage erfolgen. Es iſt wahr, die Königin hat ſich bisher in allen Dingen Ihrer Leitung gefügt, aber ihre Rathgeber könnten Ihre eigene Macht gegen Sie ſelbſt wenden. In einem Sinne bin ich Jeſuit genug, als daß ich mir, wenn ich nur die Ueberzeugung von der Preiswürdigkeit meiner Abſichten hätte, große Bedenk⸗ lichkeiten wegen der Mittel zur Erreichung des großen Zieles machen ſollte. Es muß der Königin in etwas nachgegeben werden,— Sie müſſen Ihr Benehmen gegen Sie ändern, oder ich fürchte, Sie werden ihre Gunſt verlieren.“ „Muß ich ſie verlieren, ſo muß ich,“ antwortete die 38 Eine vertrauliche Unterredung Herzogin.„Aber nimmer will ich ſie mir durch Nachahmung dieſer kriechenden Sclaven zu bewahren ſuchen,— dieſer Schmeichelkatzen, die ſich für ein Lächeln auf dem Boden winden möchten. Es ſoll nie von Sarah von Marlborough geſagt werden, daß ſie die unwürdige Politik einer Abigail Hill befolgt hat,— und ſie verwundert ſich nur, daß ihr Gemahl ihr einen ſolchen Rath geben konnte.“ „Ich rathe zu keiner unwürdigen Politik,“ erwiederte der Herzog, etwas empfindlich über ihren Ton.„Aber Fe⸗ ſtigkeit iſt eins, Herrſchſucht ein andres. Es liegt nicht in der menſchlichen Natur, noch weniger in der Natur einer Frau von ſo hohem Range, ſich unter ein ſolches Joch zu ſchmiegen, wie Sie Anna aufbürden.“ „Begnügen Sie ſich damit, im Felde zu befehlen, My⸗ lord,“ ſagte die Herzogin,„und laſſen Sie die Königin mir. Bisher iſt mir alles geglückt.“ „Aber ſie ſtehen am Vorabend einer Niederlage,“ rief der Herzog.„Ich warne Sie davor, Madame.“ „Eure Durchlaucht iſt ſo ungeduldig, wie Ihre Maje⸗ ſtät,“ ſagte die Herzogin ſtechend. „Und mit eben ſo viel Recht,“ rief der Herzog, auf⸗ ſtehend und im Gemach auf und abſchreitend. „Ich bin Ihnen ein treues und liebendes Weib geweſen, Mylord, und der Königin eine treue und liebende Freundin und Dienerin,“ verſetzte die Herzogin,„und ich kann Ihnen oder Ihr zu Gefallen mein Betragen nicht verändern.“ „Sie regieren uns beide mit eiſerner Ruthe,“ ri Marlborough,„und mein eigenes Gefühl der Aufreizung erklärt mir vollkommen das der Königin.“ „Da ich nicht Willens bin, mich mit Eurer Durchlaucht zu zanken, ſo will ich Sie verlaſſen, bis Sie ruhiger ſind,“ ſagte die Herzogin, ſich erhebend und nach der Thüre gehend. „Nein, Sie dürfen nicht gehn,“ rief der Herzog, ihre in Marlborvugh⸗Haus. 39 Hand ergreifend.„Ich war zu vorſchnell,— ich hatte Un⸗ recht. Beim Himmel! ich wundere mich nicht, daß Sie Anna ſo unumſchränkt beherrſchen, denn ich habe keinen Willen, als den Ihrigen.“ „Und ich kein Geſetz, als das Ihrige, Mhlord,“ ant⸗ wortete die Herzogin lächelnd.„Sie wiſſen das, und deßhalb geben Sie mir nach— zuweilen. Und ebenſo macht es Ihre Majeſtät.“ „Wenn ſie Sie ſo aufrichtig liebt, wie ich, Sarah,“ ver⸗ ſetzte Marlborough zärtlich,„ſo haben Sie nichts zu befürchten. Meine Leidenſchaft gränzt an Abgötterei, und Sie könnten mich zu allem machen, wenn Ihre Liebe der Lohn wäre. Die Briefe, die ich Ihnen geſchrieben habe, mitten unter der Eile und Erſchöpfung langer Märſche,— unter Verdrießlich⸗ keiten entgegengeſetzter Intereſſen,— an dem aufregenden Vorabend einer Schlacht oder im Rauſch eines Siegs, alle mußten Ihnen beweiſen, daß Sie immer die erſte Stelle in meinen Gedanken einnehmen, aber ſie konnten nicht die ganze Ausdehnung meiner Gefühle ausſprechen. O Sarah! ſo glücklich mein Lebenslauf bis jetzt auch geweſen iſt, und ſo viel mir noch in Dienſten meiner Königin und meines Vater⸗ landes zu thun bleibt, ſo möchte ich mich doch weit lieber mit Ihnen in eine ruhige Verborgenheit zurückziehn, wo wir unſere Tage ungeſtört von den Parteien und den Sorgen des öffentlichen Lebens beſchließen könnten.“ „Eure Durchlaucht würde ſich in einer ſolchen Lage nicht glücklich fühlen,— und ich auch nicht,“ erwiederte die Herzogin.„Wir ſind zur Größe geſchaffen. Die ruhige Verborgenheit, von der Sie ſprechen, würde ein Gefängniß werden, wo Sie von tauſend aufregenden Träumen, von noch unvollendeten Siegen, von noch ungepflückten Lorbeeren ge⸗ peinigt werden würden, während ich meinen verlornen Ein⸗ fluß, meine weggeworfene Macht betrauern würde. Nein, 40 Eine vertrauliche Mgn nein, Mylord,— es iſt mhe zu thun,— vieles zu erringen, ehe wir uns zurückziehek⸗ Es wird noch Zeit genug ſein, unſere Stellen aufzugeben, wenn unſer Gewinn erſt größer iſt. Wenn ich Sie zum reichſten Edelmann in Europa ge⸗ macht habe, ſo wie Sie ſchon der erſte ſind, dann werde ich zufrieden ſein, aber nicht eher.“ „Sie ſind eine Frau unter Tauſenden,“ rief der Herzog voll Bewunderung. „Ich bin würdig, das Weib des Herzogs von Marl⸗ borough zu ſein,“ antwortete ſie ſtolz;„und mein Gemahl kann mir ſeine Ehre und ſein Glück ſicher anvertrauen. Ich werde gut für Beides ſorgen.“ „Ich zweifle nicht daran, Madame,“ rief der Herzog mit bewegter Stimme, indem er ihre Hand an ſeine Lippen vrückte,—„ich zweifle nicht daran. Aber ich wollte, Sie hätten Abigail nimmer in die Nähe der Königin gebracht.“ „Meine Beweggründe dazu waren dieſe,“ erwiederte die Herzogin.„Ich war es von Herzen müde, ewig um Ihre Majeſtät zu ſein, und um die Wahrheit zu ſagen, nach Eurer Durchlaucht Erhebung in den Reichsfürſtenſtand hielt ich dieß Amt für herabwürdigend. Ich brachte deßhalb Abigail, als die paſſendſte und ſicherſte Perſon, in meine Stelle. Ich finde jetzt, daß ich keine ſchlimmere Wahl hätte treffen können. Das Frauenzimmer fängt an, ſich gegen mich mit einem Hoch⸗ muth zu betragen, der deutlich beweist, wie ſehr ſie ſich auf den Schutz der Königin verläßt. Hiezu kommt noch, daß ich ein Einverſtändniß zwiſchen ihr und Harley entdeckt habe, der, wie Sie wiſſen, ihr Verwandter iſt.“ „Mit Harley!“ rief der Herzog.„Godolphin und ich haben ſeit einiger Zeit Argwohn gegen Harley geſchöpft und ihn aus dem Miniſterium zu entfernen geſucht. Aber die Königin hat ſich mit einer Hartnäckigkeit an ihn geklammert, Sh. in Marlborvugh⸗Haus. 41 die bis jetzt unerklärlich war. Ich will darauf ſchwören, er hat ein Mittel gefunden, durch Abigail bis zu ihr zu gelangen.“ „Ganz recht,“ ſagte die Herzogin.„Eure Durchlaucht hegte einſt eine hohe Meinung von dieſem Sekretär, aber ich habe Sie immer vor ihm, als einem glattzüngigen Heuchler gewarnt, der nur ſeine eigene Beförderung im Auge hat. Ich hoffe, Sie ſind jetzt überzeugt.“ „Auf die unangenehmſte Weiſe,“ verſetzte der Herzog. „Aber in welcher Art von Verbindung glauben Sie, daß Harley mit Abigail ſteht?“ „Ich habe dieſen Morgen bei der Cour ein Billet von ihr an ihn aufgefangen,“ ſagte die Herzogin;„der Ueber⸗ bringer überlieferte es mir, ehe es an ihn gelangte.“ „Ein Liebesbrief?“ fragte Marlborough. „Nein, ein Paar Worte, haſtig mit Bleiſtift geſchrieben, worin er gebeten wird, ſich morgen Abend um eilf Uhr am Gartenthor des Palaſtes einzufinden,“ ſagte die Herzogin. „Dieß klingt wie ein Stelldichein!“ rief der Herzog. „Freilich, aber nicht mit ihr ſelbſt,“ ſagte die Herzogin. „Er ſoll dorthin kommen, um die Königin zu ſprechen. Da⸗ von bin ich zur Genüge überzeugt. Aber ich will ſie über⸗ raſchen. Da ich den Schlüſſel zur Hintertreppe beſitze, ſo kann ich leicht bei dieſer Unterredung gegenwärtig ſein.“ „Ueberlegen Sie dieß lieber erſt noch,“ ſagte Marl⸗ borough.„Die Königin könnte über dieſe Unterbrechung ungehalten werden.“ „Ich habe Euer Durchlaucht ſchon geſagt, daß Sie ſie nicht kennen. Sie fürchtet ſich viel mehr vor mir, als ich vor ihr, und mit Recht. Wenn ſie ſich Harley's nicht ſchämte, ſo würde ſie ihn nicht ſo heimlich empfangen. Es wird genügen, dieſen Verkehr zu entdecken, um ihm ein Ende zu machen.“ „Ich will es hoffen,“ erwiederte der Herzog.„Aber 42 Eine vertrauliche Unterredung ſo lange Abigail ihre Gunſt genießt, wird immer Gefahr vorhanden ſein. Können wir ſie nicht an den Mann bringen?“ „Wohl an Harley,“ lachte die Herzogin.„Wahrhaftig, ein ſehr zu berückſichtigender Plan!“ In dieſem Augenblick trat ein Bedienter ein und meldete den Grafen von Sunderland. „Freut mich, Sie zu ſehen, Herr Schwiegerſohn,“ ſagte der Herzog, ihm die Hand reichend.„Wir ſprachen davon, unſere Couſine Abigail Hill zu verheirathen.“ „Wie! mit dem Marquis de Guiscard, der ſie dieſen Morgen im Angeſicht aller Welt zu entführen ſuchte,“ rief Sunderland,„und nur durch die Dazwiſchenkunft des jungen Masham, Stallmeiſter des Prinzen, daran verhindert ward.“ „Ah! wie war das?“ fragte die Herzogin. Und der Graf berichtete ihr alle Umſtände des im vori⸗ gen Kapitel erzählten Ereigniſſes. „Guiscard iſt ein gefährlicher Menſch,“ ſagte der Herzog, „und wenn er ſich eines Nebenbuhlers nicht auf ehrlichen Wegen entledigen kann, ſo ſcheut er ſich auch vor krummen nicht. Im Haag ſteht er nicht ſonderlich in Ruf, aber er iſt tapfer und zu gewiſſen Zwecken ſehr brauchbar. Ich wette, nur Abigails vermeinter Einfluß bei der Königin veranlaßt ihn, ihr den Hof zu machen. Außerdem kann ſie für einen Abenteurer, wie ihn, keine Reize haben.“ „Lord Roß, der dieſen Umſtand gegen Lady Sunder⸗ land erwähnte und es von Lady Rivers hatte,“ ſagte der Graf,„behauptete, daß Abigail in Masham ganz verliebt iſt.“ „Ah, wirklich!“ ſagte die Herzogin.„Dieſen Wink kann man benutzen. Kennen Sie Herrn Masham, Mylord?“ „Gut genug zu irgend einem Zwecke, den Eure Durch⸗ laucht haben kann,“ erwiederte Sunderland. „So ſei es Ihr Geſchäft, ihn aufzuſuchen und zum Mittageſſen herzubringen,“ verſetzte die Herzogin. in Marlborough⸗Haus. 43 „Sie vergeſſen den Ball heut Abend im Palaſte,“ warf der Herzog ein. „Durchaus nicht,“ entgegnete die Herzogin.„Und Eure Durchlaucht würde mich verbinden, wenn Sie ohne Aufſchub eine Einladung an den Marquis de Guiscard ſchickten. Ich will Ihnen meine Gründe ſogleich auseinander ſetzen. Ich verlaſſe mich auf Sie, Sunderland.“ „Ihre Befehle ſollen vollzogen werden, Madame, wenn es möglich iſt,“ antwortete der Graf, der wie die ganze Familie der Herzogin an blindem Gehorſam gegen ſie gewöhnt war.„Ich glaube gehört zu haben, daß Masham mit Harley und einigen andern nach der Kokuspalme gegangen iſt. Ich will ihn dort gleich aufſuchen.“ Viertes Kapitel. Der Hofball und was ſich daſelbſt zutrug. Der Hofball am Abend war eben ſo glänzend, als die Cour geweſen war, obwohl natürlich nicht ſo zahlreich be⸗ ſucht. In einem kleinen Gemach, das an den Ballſaal ſtieß und mit grüner golddurchwirkter Seide ausgeſchlagen war, weßhalb es den Namen„der grüne Saal“ führte, ſah man beim gedämpften Schein umſchirmter Kerzen eine Dame von ſchönen, aber etwas vollen Formen in einer purpurſammtnen Robe von jener beſondern Färbung, welche dem Königthum vorbehalten iſt, auf einem Lehnſtuhl ſitzen. Um ihren glän⸗ zenden Hals, der kaum unter dem Gegenſatz litt, wand ſich eine Schnur der größten und ſchönſten Perlen, während quer über ihren ſchönen gerundeten Schultern das Band des Hoſen⸗ bandordens ſchimmerte. Ihr Kleid war nach der damaligen Mode vorn tief ausgeſchnitten, und dieſe Tracht eignete ſich vollkommen für die Trägerin, die ſich durch die Schönheit 44 Der Hofball ihrer Bruſt auszeichnete. Ihr Mieder war oben mit ge⸗ ſteiften Kanten beſetzt, ſo wie die kurzen weiten Aermel ihres Kleides. Auch hier war ihr die Mode günſtig, da ihre Arme von Junoniſcher Fülle und Weiße waren. Ihr dunkelbraunes weiches Haar war in der Mitte getheilt und erhob ſich in hohen weiten Locken über ihrem Kopf, während es hinten mit einer eben ſo koſtbaren Perlenſchnur, wie die, welche ihren Hals umſchloß, vurchflochten war, und in dicken wallen⸗ den Ringen über ihrem Nacken herabfloß. Ihre Geſichts⸗ farbe war blühend und roſig, und verdankte ihre Friſche nur der Geſundheit und der Natur; ihre Züge waren regelmäßig und ſie hatte einen kleinen zierlichen Mund und ein anmuthig geformtes Kinn. Ihre⸗Augen waren untadelhaft und nur durch ein leichtes Zucken der Augenlider entſtellt, während eine Schwere um ihre Augenbraunen ihrem Geſicht einen etwas umwölkten Ausdruck gab. Die Herzogin von Marl⸗ borough ſagt in der Beſchreibung, die ſie uns von Anna hinterlaſſen hat, deren Aeußeres wir im Obigen auszumalen verſucht haben:„Es lag etwas Majeſtätiſches in ihrem Blick, aber er war von einem beſtändigen mürriſchen Stirn⸗ runzeln getrübt, welches deutlich eine innere düſtere Stim⸗ mung verrieth.“ Aber dieß war zu einer Zeit geſchrieben, als die Malerin dieſes Bildniſſes durch ihre eigne Unklug⸗ heit ſchon jenes„beſtändige Stirnrunzeln“ in ihren Mienen hervorgerufen hatte. Anna's Benehmen war würdevoll, anmuthig und ge⸗ fällig, und ihre Körperfülle erhöhte das Majeſtätiſche ihrer äußeren Erſcheinung eher, als daß ſie ihr Abbruch gethan hätte. An Geſtalt war ſie von mittlerer Größe. In einem viel weniger erhabenen Lebenskreiſe würde man Anna wegen ihrer Talente und perſönlichen Reize, die keineswegs unbe⸗ trächtlich waren, bewundert haben. In früheren Tagen hatte ſie ausgezeichnet ſchön getanzt und ſich zum Geſang auf der 3 und was ſich daſelbſt zutrug. 45 Guitarre begleitet,— ein Inſtrument, welches damals ſehr gebräuchlich war und das ſie mit vollendeter Geſchicklichkeit ſpielte. Ihre Stimme war hell und melodiſch, und gleich ihrer erlauchten Nachfolgerin in unſern Zeiten, zeichnete ſie ſich durch den bewunderungswürdigen Vortrag ihrer Reden im Parlament aus. Anna's Privattugenden haben wir ſchon berührt. Sie war ein Muſter von ehelicher Zärtlichkeit, liebenswürdig, fromm, barmherzig und haushälteriſch, ſo daß ihre Schatz⸗ kammer immer gefüllt war. Eine Liebhaberin der ſchönen Literatur und eine wahre Freundin der Kirche, muß ihre Freigebigkeit in Anweiſung von Zehnten und Annaten zur Verbeſſerung armer Pfarrſtellen ihren Namen auf immer bei der Geiſtlichkeit in dankbarer Erinnerung bewahren. Zur Zeit unſerer Geſchichte ſtand ſie in ihrem dreiundvierzigſten Jahre. Nicht weit von der Königin an einem kleinen Spieltiſch ſaß ihr Gemahl, der Prinz Georg von Dänemark, und ſpielte mit Herrn Harley Picket. Eine oberflächliche Beſchreibung des Prinzen mag genügen. Er war von derber Geſtalt mit ſtarken, angenehmen, gutmüthigen Zügen, und ſchien das Spiel und die Freuden der Tafel mehr als die Sorgen und Schwierigkeiten der Souverainität zu lieben. Seine ange⸗ borene Trägheit und Apathie abgerechnet, hatte der Prinz viele gute Eigenſchaften. Er war menſchenfreundlich, gerecht, wohlwollend und das Wohl des Landes lag ihm aufrichtig am Herzen. Nur ſelten gab er der Königin ſeinen Rath, oder drängte ſich zwiſchen ſie und ihre Miniſter, aber wenn er es that, ſo war ſeine Meinung immer wohl erwogen. Sein Charakter war eher dazu geeignet, Achtung, als Ehr⸗ furcht einzuflößen, und Anna liebte ihn mehr wegen der Eigenſchaften ſeines Herzens, als derer ſeines Kopfes. Sein Anzug war von ſchwarzem Sammet mit einem Stern auf der Bruſt und er trug das blaue Band und den Hoſenbandorden. 36 Der Hofball Die Herzogin von Ormond, Lady Portmore und Lady Rivers umgaben die Königin und etwas näher als dieſe, ſtand Abigail Hill, mit der ſie ſich unterhielt. Ein Conzert der italieniſchen Opernſänger, an welchem Anna großes Ge⸗ fallen gefunden hatte, war eben beendigt und ſie ſprach noch von dem Vergnügen, das es ihr gemacht hatte, als die Her⸗ zogin von Marlborough eintrat. „Ah! kommen Sie endlich,“ ſagte Anna.„Ich fürchtete, ich würde Eure Durchlaucht heute Abend nicht ſehen.“ „Eure Majeſtät weiß, daß ich an Muſik keinen großen Geſchmack finde,“ erwiederte die Herzogin,„und ich verſchob meine Ankunft deßhalb bis nach dem Conzert, das, wie ich wußte, um zehn Uhr ſtattfinden würde.“ „Beſſer ſpät als niemals, ohne Zweifel,“ verſetzte Anna; „aber ich habe Sie vermißt.“ „Eure Majeſtät iſt unendlich gnädig,“ ſagte die Her⸗ zogin beißend—„und opfert Ihre Aufrichtigkeit, fürchte ich, auf dem Altar der Artigkeit, denn ich darf kaum glauben, daß ich vermißt worden bin, wenn ich Sie in einer Ihrem Geſchmack ſo viel zuſagenderen Geſellſchaft finde, als die meinige geworden iſt.“ „Wenn Sie Abigail meinen,“ erwiederte die Königin mit flüchtigem Erröthen,„ſo muß ich allerdings geſtehen, daß ſie mir eine angenehme Geſellſchafterin iſt, denn ſie liebt die Muſik eben ſo ſehr, als ich, und wir haben uns eben über den reizenden Geſang unterhalten, den wir gehört haben.“ „Ich glaube, Madame, Sie haben von Abigail's Aben⸗ teuer von heute Morgen auf dem Wege zur Cour gehört,“ ſagte die Herzogin. „Gewiß,“ antwortete die Königin,„und ich habe dafür geſorgt, daß der Streit zwiſchen dem Marquis de Guiscard und Herrn Masham keine weitere Folgen hat.“ „Eure Majeſtät iſt ſehr gütig,“ ſagte die Herzogin, und was ſich daſelbſt zutrug. 47 „aber mir däucht, es wäre ebenſo gut geweſen, wenn die junge Dame mich, ihre Verwandte, von der Sache in Kennt⸗ niß geſetzt hätte.“ „Indem ich die Sache Ihrer Majeſtät mittheilte, glaubte ich alles Nöthige gethan zu haben,“ verſetzte Abigail;„und ich würde mich gar nicht darein gemiſcht haben, wenn ich nicht befürchtet hätte, daß daraus Gefahr—“ „Für Herrn Masham entſtehen könnte,“ ergänzte die Herzogin boshaft.„Man muß geſtehen, daß Sie ſehr viel Rückſichten nahmen. Aber Sie hätten ſich deßhalb nicht zu beunruhigen brauchen. Der Marquis de Guiscard iſt bei mir geweſen, um mir ſein Bedauern über den Vorfall aus⸗ zudrücken und ich muß bekennen, daß ſeine Erklärung des Vorgangs mir genügend erſcheint. Er ſagt, daß Sie ſich durch ein Mißverſtändniß ſeiner Abſichten verleiten ließen, ihn auf eine Weiſe zu behandeln, welche die Gewaltthätig⸗ keit veranlaßte, die er bereuet und wegen der er um Ver⸗ zeihung bittet.“ „Ich verkenne ſeine Abſichten nicht im mindeſten,“ ſagte Abigail. „Wenn Sie damit andeuten wollen, daß er Sie liebt,“ verſetzte die Herzogin,„ſo muß ich zugeben, daß Sie Recht haben, denn er hat es mir geſtanden und bat mich, für ihn ein gutes Wort einzulegen. Ich für mein Theil halte den Vorſchlag für annehmbar und ſähe es als Ihre Verwandte gern, wenn dieſe Verbindung ſtattfände. Wenn Sie ſelbſt dazu geneigt ſind, Couſine, ſo bin ich überzeugt, daß Ihre Majeſtät Ihre Einwilligung nicht vorenthalten wird.“ „Ich würde meine Einwilligung gewiß nicht vorent⸗ halten, wenn ich denken könnte, daß Abigails künftiges Glück hierbei überall im Spiel wäre,“ erwiederte die Königin; „aber dieß ſcheint bei dieſer Gelegenheit eben nicht der Fall 48 Der Hofball, zu ſein. Ja, ich glaube ſogar, daß ich ihr einen Gefallen damit thäte, wenn ich ſie verweigerte.“ „Eure Majeſtät hat ganz Recht,“ erwiederte Abigail, „und ſelbſt wenn Sie mir den Befehl auferlegen wollten, den Marquis de Guiscard zu heirathen, ſo glaube ich nicht, daß ich Ihnen gehorchen könnte.“ „Ihr Gehorſam ſoll nicht auf eine ſo harte Probe ge⸗ ſtellt werden,“ ſagte die Königin lächelnd. „Doch ſollte der Marquis nicht zu voreilig abgewieſen werden,“ ſagte die Herzogin.„Sie haben ihn dieſen Morgen etwas zu rauh behandelt, Abigail,— ſeine Galanterie ver⸗ dient eine beſſere Erwiederung.“ „Für den Anſtifter eines Plans iſt es nicht ſchwer, ihn zu Ende zu ſpielen,“ ſagte Abigail.„Wie, wenn ich Eurer Durchlaucht erzähle, daß der Kutſcher von Lady Rivers nach⸗ her geſtanden hat, daß er von dem Marquis dazu beſtochen worden iſt.“ „Der Menſch muß gelogen haben!“ rief die Herzogin ärgerlich.„Aber die Wahrheit ſoll gleich ermittelt werden, denn der Marquis iſt draußen. Habe ich Eurer Majeſtät Erlaubniß, daß er vor Ihnen erſcheint?“ „Nun,— ja,“ erwiederte die Königin zögernd,„wenn Eure Durchlaucht es wünſcht.“ „Ich wünſche es allerdings,“ entgegnete die Hihezin und ging in den Ballſaal, aus dem ſie alsbald mit dem Marquis de Guiscard zurückkam. Trotz ſeiner Frechheit ſchien der Marquis ſich in der königlichen Gegenwart be⸗ fangen zu fühlen; er warf einen unruhigen Blick auf die Königin, und von dieſer auf Abigail, unter deren feſtem, verächtlichen Blick er zitterte. „Meine Couſine Abigail ſagt, daß Sie Lady Rivers's Kutſcher zur Veranſtaltung dieſer Störung beſtochen haben, Herr Marquis,“ ſagte die Herzogin.„Iſt dem ſo?“ und was ſich daſelbſt zutrug. 49 „Ich will offen geſtehen, daß es ſo iſt,“ antwortete Guiscard mit einer Miene von Aufrichtigkeit,„und der Be⸗ weggrund, der mich dazu trieb, ich will es eben ſo offen bekennen, war meine Leidenſchaft für die liebenswürdige Abigail. Ich hoffte auf dieſe Art einen günſtigen Eindruck auf ſie zu machen. Aber ich bin durch mein Mißlingen hin⸗ länglich für meine Verwegenheit beſtraft worden.“ Es entſtand eine kurze Pauſe, während welcher ein Blick zwiſchen der Königin und der Herzogin von Marlborough gewechſelt ward. „Sie haben Unrecht gethan, Herr Marquis,“ ſagte die erſtere endlich,„aber das Bekenntniß des Beweggrundes iſt wenigſtens etwas.“ „Ich kann nichts zur Beſchönigung meines Vergehens anführen, Madame, als das Uebermaß meiner Leidenſchaft, verſetzte der Marquis reuig.„Ich erſuche Miß Hill, mir zu verzeihen.“ „Ich würde es gern thun,“ antwortete dieſe,„wenn ich mich vor einer Wiederholung eines ſolchen Betragens ſicher fühlte.“ „Abigail, ich möchte gern die Vermittlerin ſpielen,“ warf die Herzogin dazwiſchen. „Eure Durchlaucht wird ſich vergebens bemühen,“ ver⸗ ſetzte Abigail.„Ich bin ganz erſtaunt, daß eine Perſon von dem Geiſt des Herrn Marquis noch beharren ſollte, wo er keine Hoffnung auf Erfolg ſieht. Ein gut geleiteter Rückzug iſt, wie der Herzog von Marlborough ihm ſagen würde, ſo gut, wie ein Sieg. Er mag ſich zurückziehn, ſo lange er es noch mit gutem Anſtande thun kann.“ „Sie haben Ihre Antwort erhalten, Herr Marquis,“ ſagte die Königin lächelnd. „So iſt es, Madame,“ erwiederte Guiscard mit einer Verbeugung, um ſeinen Verdruß zu verbergen.„Aber ein WMonarch meines Vaterlandes, der im Ruf einer vollkom⸗ Ainsworth, St. James's. I. 4 1 50 Der Hofball menen Kenntniß Ihres Geſchlechts ſtand, hat es bezeugt, daß die Weiber veränderlich find, und daß der ein Narr iſt, der ſich auf ihr Wort verläßt; und da meine eigene Erfahrung mir die Wahrheit dieſer Behauptung bewieſen hat, ſo will ich, vbwohl gegenwärtig abgewieſen, mich doch nicht entmuthigen laſſen.“ „Ich muß Ihnen wenigſtens verbieten, ferner auf Ihrer Bewerbung zu beſtehn,“ ſagte die Königin. „Zugeſtanden, Madame,“ entgegnete Guiscard!„aber wie, wenn ich der ſchönen Abigail Einwilligung habe?“ „In dem Falle nehme ich mein Verbot zurück,“ ant⸗ wortete die Königin. „Sie ſoll doch noch die Ihrige werden,“ ſagte die Her⸗ zogin flüſternd zum Marquis. „Ich weiß, worauf ich mich verlaſſen kann,“ erwiederte der Marquis in demſelbem Tone.„Ich will lieber das Wort Eurer Durchlaucht, als dasVerſprechen dieſer jungen Dame ſelbſthaben.“ „Und Sie werden die beſte Wahl treffen,“ ſagte die Herzogin lächelnd. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als der Graf von Sunderland und Masham eintraten. Der Letztere ſah etwas roth und aufgeregt aus. „Ah! Herr Masham, Sie kommen ganz gelegen,“ rief die Königin.„Ich wünſche Sie mit dem Marquis de Guis⸗ card zu verſöhnen.“ „Eure Majeſtät iſt ſehr gnädig und herablaſſend,“ erwie⸗ derte Masham,„aber ich habe mich ſchon mit dem Herrn Marquis vertragen.“ „Das freut mich,“ verſetzte Anna,„aber ich wußte nicht, daß Sie ſich ſchon getroffen hätten.“ „Ach Gott, ja, Madame,“ erwiederte Masham,„wir haben beide in Marlbyrough⸗Haus zu Mittag geſpeist und ſind die beſten Freunde, die man ſich denken kann. Anſtatt zu ſtreiten, haben wir herzlich über das Abenteuer von heute morgen gelacht. — und was ſich daſelbſt zutrug. 51 Hätte ich die Beweggründe des Herrn Marquis gekannt, ſo würde ich mich nicht in's Mittel gelegt haben.“ „Wirklich,“ rief Abigail mit ſchlecht verhehltem Verdruß. „Sie halten ſein Betragen doch gewiß nicht für gerecht⸗ fertigt, Herr Masham,“ ſagte die Königin. „In der Liebe und im Kriege iſt jede Liſt erlaubt, wie ich Eurer Majeſtät nicht in Erinnerung zu bringen brauche,“ erwiederte Masham ſich verbeugend. „Sie ſind ein ſehr unerkärlicher Menſch, Herr Masham,“ ſagte Abigail mit gereiztem Tone. „Ich bin nicht der einzige unerklärliche Menſch in der Welt, Miß Hill,“ entgegnete er bedeutſam. „Hier ſcheint ein Mißverſtändniß ſtattzufinden,“ warf Harley dazwiſchen, der eben ſein Spiel beendigt hatte und ſich von dem Tiſche erhob—„kann ich es beſeitigen helfen?“ „Was andern mißlingt, kann ohne Zweifel Herrn Harley glücken,“ bemerkte die Herzogin beißend. „Jedenfalls will ich es verſuchen,“ erwiederte der Se⸗ kretär.„Sie ſcheinen übler Laune zu ſein, meine Theure,“ ſagte er zu Abigail. „Oh, nicht im mindeſten, Couſin,“ verſetzte ſie ſchnell. „Und Sie,“ fuhr er fort, zu Masham gewandt. „O, nicht im mindeſten,“ war die Antwort;„es müßte denn deßhalb ſein,“ fügte er hinzu,„daß ich mich zum Narren gemacht und Jemand den Spaß verdorben habe.“ „Aber Sie ſcheinen wirklich einige Erklärung zu wün⸗ ſchen,“ ſagte Harley,„und Miß Hill wird ſie gewiß geben.“ „Sie geben ſich viel Mühe umſonſt, Sir,“ ſagte Mas⸗ ham kühl,„ich habe alle Erklärungen erhalten, die ich nur wünſchen kann.“ „Und ich habe alle gegeben, die ich zu geben beabſich⸗ tigte,“ ſagte Abigail mit erheuchelter Gleichgültigkeit. „Sehr geſchickt eingeleitet, Herr Sekretär!“ lachte die 52 Der Hofball Herzogin.„Man muß es geſtehn, Sie haben die Sachen ſehr ſchnell wieder ausgeglichen.“ „Vielleicht wird es mir beſſer gelingen,“ vermittelte Anna gutmüthig. „Ach nein, Eure Majeſtät!“ ſagte Abigail.„Ich fange an zu glauben, daß ich dem Herrn Marquis de Guiscard am Ende doch Unrecht gethan habe.“ „Sie gibt nach,“ flüſterte die Herzogin dem Marquis zu. „Ich denke nicht,“ erwiederte er in demſelben Tone; „ſie ſagte es nur, um Masham zu ärgern.“ „Gleichviel, warum ſie es geſagt hat, wenn es nur unſern Zweck befördert,“ erwiederte die Herzogin.„Gehen Sie gleich zu ihr. Wenn es Ihnen gelingt, Masham auf's unverſöhnlichſte zu reizen, ſo iſt alles gewonnen.“ „Hier iſt meine Hand, Herr Marquis, zum Pfande der Verzeihung,“ ſagte Abigail zu Guiscard. „Sie thun Unrecht, Couſine,“ flüſterte Harley,„und werden es ſpäter bereuen.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte ſie leiſe. Fernere Flüſterreden wurden durch die Annäherung des Marquis unterbrochen, welcher Abigails Hand ergriff und ſie ehrerbietig an die Lippen drückte. „Sie hatten Recht; ſie iſt eine bloße Kokette,“ ſagte Masham zu Sunderland, faſt laut genug, um von den Andern gehört zu werden. „Nun,— ja. Ich dächte, das wäre leicht zu ſehn,“ erwiederte der Graf. „Darf ich es wagen, um Ihre Hand, da ich ſie gerade halte, für den nächſten Tanz zu bitten, Miß Hill,“ ſagte der Marquis. „Wenn ihre Majeſtät mir erlaubt, ja“— zauderte Abigail. „Sie ſehn, Madame, daß ich die Einwilligung der und was ſich daſelbſt zutrug. 53 jungen Dame habe,“ ſagte Guiscard zur Königin.„Ich hoffe daher, daß Sie Ihr Verbot zurückzunehmen geruhen.“ „Abigail kann nach ihrem Gefallen handeln,“ erwiederte Anna.„Ich glaube, Sie thun Unrecht mit ihm zu tanzen.“ fügte ſie leiſen Tones gegen ſie hinzu. „Ich habe Gründe dafür, Madame,“ erwiederte Abigail mit derſelben Stimme.„Es iſt mir gelungen, ihn zu är⸗ gern,“ ſagte ſie im Vorbeigehn bei Seite zu Harley. „Sie haben ihn verloren,“ verſetzte dieſer verdrießlich. „Nun immerhin, ich werde mir das Herz um ihn nicht zerbrechen,“ entgegnete ſie und nach einer tiefen Verbeugung gegen die Königin trippelte ſie mit dem Marquis in den Tanzſaal. „Bei meiner Seele, ich fange ſelbſt an, ſie für eine Kokette zu halten,“ murmelte Harley.„Sie wird meinen ganzen Plan verderben. Ich muß mit Masham ſprechen.“ „Ich will ſelbſt in den Ballſaal gehen,“ ſagte die Königin, ſich erhebend und den Arm ihres königlichen Gemahls nehmend.„Eure Durchlaucht wird mich begleiten?“ Die Herzogin verbeugte ſich und reichte Masham ihre Hand, mit den Worten:—„Kommen Sie, Sit Sie müſſen mit mir gehen.“ Und mit frohlockendem Blick auf den überwundenen Sekretär folgte ſie der Königin in den Ballſagl. Fünftes Kapitel. In welchem der Marquis ſeine Talente als Ränkeſchmied an den Tag legt. Harley machte noch einen Verſuch, eine Verſöhnung zwiſchen Abigail und Masham zu Stande zu bringen, aber mit eben ſo ſchlechtem Erfolg als das erſtemal. Der junge Stallmeiſter war ſo gereizt, daß er ſich ausſchließlich der 54 Der Marquis legt ſeine Talente ſchönen Gräfin von Sunderland widmete, welche ſich zufolge eines von ihrer Mutter erhaltenen Winks wohl hütete, ſeine Aufmerkſamkeiten abzuweiſen und ihn endlich mit ſich und dem Grafen im Triumph zum Abendeſſen davonführte. Auf dieſer Seite geſchlagen, wandte Harley ſich zu Abigail; aber ſie war eben ſo ſtark mit dem Marquis beſchäftigt, lachte laut über ſeine Bemerkungen und ſchien ſich in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft ſo gut zu beluſtigen, daß der Sekretär ganz irre ward und zu überlegen begann, welchen Weg er einſchlagen ſollte. „Wenn ſie Guiscard wirklich leiden mag,“ dachte er, „ſo muß ich ihn mir bei Zeiten zum Freunde machen. Aber ich kann es nicht glauben. Sie hat mir geſtanden, daß Masham ihr gefiele,— und ihre Blicke ſagten mehr als ihre Worte. Und doch benimmt ſie ſich auf dieſe unerklär⸗ liche Art. Aber ein Frauenzimmer weiß niemals, was es will, und warum ſollte ich von ihr mehr erwarten, als von allen andern ihres Geſchlechts? Ich habe noch keinen Plan vereiteln ſehen, wo nicht ein Frauenzimmer im Spiel geweſen wäre. Ich habe keine beſondere Neigung zu Masham, aber er würde doch beſſer ſein, als dieſer rankeſüchtige Franzoſe, der ſich und Abigail bald ins Verderben rennen wird. Und dieß weiß die Herzogin recht gut, und deßhalb unterſtützt ſie ihn. Ich muß dieſem albernen Auftritt ohne Weiteres ein Ende machen.“ Aber er fand es nicht ſo leicht. Abigail wollte weder auf ſeine Blicke achten, noch auf ſeine geflüſterten Vorſtel⸗ lungen hören, und er mufßte ſich in einiger Verlegenheit zurückziehen, denn er fühlte, daß die Augen der Herzogin auf ihn gerichtet waren. Indem er ſeinem Verdruß in halb⸗ lauten Verwünſchungen gegen das ganze Geſchlecht Luft machte, kehrte er nach dem grünen Gemach, welches jetzt ganz verlaſſen war, zurück und brütete über die letzten Vorfälle, ſo wie über das beſte Mittel, ſich an ſeinen Feinden zu rächen. * als Ränkeſchmied an den Tag. 55 Während er in dieſen Betrachtungen vertieft war, wurde er durch den Eintritt Guiscard's und des Grafen von Briangon überraſcht. Der letztere warf ſich auf einen Stuhl am Picket⸗ tiſch und gab ſich die Miene, die Karten zu beſehen, wäh⸗ rend der Marquis ſchnell zu Harley herantrat. „Wie! haben Sie Ihre ſchöne Tänzerin ſchon verlaſſen, Herr Marquis?“ rief der Sekretär.„Ich dachte, es wäre eine Aufforderung für den ganzen Abend geweſen.“ „Miß Hill hat ſich wieder zur Königin begeben,“ ant⸗ wortete Guiscard,„und da ich Sie in dies Zimmer treten ſah, ſo hielt ich es für eine gute Gelegenheit, ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, Herr Harley.“ Der Sekretär machte eine ziemlich ſteife Verbeugung. „Ich habe Urſache, zu glauben, daß meine Aufmerkſam⸗ keiten Miß Hill nicht unangenehm ſind,“ fuhr der Marquis fort;„Sie ſind ihr Couſin, Herr Harley.“ „Miß Hill wird ihre Hand vergeben, ohne mich zu Rathe zu ziehen, Herr Marquis,“ erwiederte der Sekretär trocken;„und Sie ſollten ſich lieber an ihre andre Coufine, die Herzogin von Marlborough, wenden.“ „Ich bin der Einwilligung der Herzogin gewiß,“ ver⸗ ſetzte Guiscard;„aber da ich für Sie eine beſondere Hoch⸗ achtung hege, Herr Harley, und um Alles in der Welt nichts thun möchte, was Ihnen unangenehm wäre, ſo wünſchte ich Ihre Meinung in Betreff dieſer Verbindung zu erfahren.“ „Die Verſchwägerung iſt zu vortheilhaft und zu vor⸗ nehm, als daß ſie mir nicht angenehm ſeyn müßte, Herr Marquis,“ ſagte Harley ſarkaſtiſch. „Abgeſehen von meiner Zuneigung für Miß Hill,“ fuhr Guiscard fort,„wird mein größtes Vergnügen bei dieſer Verbindung, ſollte ich das Glück haben, ihre Hand zu er⸗ halten, darin beſtehen, daß ich in den Stand geſetzt werde, 56 Der Marquis legt ſeine Talente Ihnen, Herr Harley, ſo wirkſame Si zu leiſten, als ich es wünſchte.“ „In der That, Herr Marquis, ich bin Ihnen mehr ver⸗ pflichtet, als ich es ausdrücken kann,“ verſetzte Harley im Tone ungläubiger Geringſchätzung;„aber ich befürchte, daß Ihr Einverſtändniß mit einer gewiſſen großen Dame, mit der ich das Unglück habe, in einigen Punkten verſchiedener Meinung zu ſein, Ihrem zuvorkommenden Wunſch, mir zu dienen, einigermaßen im Wege ſtehen wird.“ „Es beſteht kein Einverſtändniß zwiſchen der Herzogin und mir, ich verſichere es Ihnen, Herr Harley,“ erwiederte Guiscard,„oder wenn es der Fall iſt,“ fügte er mit geſenkter Stimme hinzu, indem er einen vertraulichen Ton annahm, „ſo achte ich mich dadurch nicht für gebunden. Die Herzogin bedient ſich meiner nur zu ihren eigenen Zwecken, und ich habe deshalb keine Verpflichtungen gegen ſie. Aber dem, der mir aus beſſern Gründen dienlich wäre, würde ich mich dankbar beweiſen.“ „Sie würden eine hellere Laterne, als die des Diogenes, nöthig haben, um einen uneigennützigen Freund bei Hofe zu finden, Herr Marquis,“ erwiederte Harley ſpöttiſch.„Wenn ich Sie unterſtützen ſollte, ſo wäre es unter denſelben Be⸗ dingungen, wie die Herzogin.“ „Wollen Sie mich unter ihren Bedingungen unter⸗ ſtützen?“ fragte Guiscard begierig. „Hm!“ brummte Harley.„Welche Bürgſchaft habe ich für Ihre Betheurungen?“ „Dieſer Ort iſt nicht zu geiringtn geeignet, Sir,“ erwiederte Guiscard eilig und ernſtlich,„aber obgleich mein Betragen Ihnen wie das eines Ränkeſchmieds vorkommen mag, ſo kann ich Ihnen doch leicht meine Aufrichtigkeit be⸗ weiſen. Ich weiß, daß unſere Geſinnungen in vielen Stücken als Ränkeſchmied an den Tag. 57 übereinſtimmen. Wir hegen beide geheime Rückſichten für eine verbannte Familie—“ „Still!“ rief Harley, den Finger auf die Lippen legend und einen unruhigen Blick auf den Grafen von Briangon werfend, der ihnen den Rücken zuwandte und noch mit den Karten beſchäftigt zu ſein ſchien. „Er hört uns nicht,“ ſagte Guiscard,„und hörte er uns auch, ſo hätten wir doch nichts von ihm zu befürchten. Er beſitzt mein Vertrauen. Sobald es Ihnen gefällig iſt, ſollen Sie genügende Bürgſchaften für meine Aufrichtigkeit erhalten und mittlerweile erſuche ich Sie, mir Glauben zu ſchenken. Politiſche Motive, die Ihnen deutlich ſein werden, haben mich veranlaßt, mich zum Schein an die Herzogin an⸗ zuſchließen. Jetzt biete ich mich Ihnen an, in der Ueberzeu⸗ gung, daß ich Miß Hill's Hand ohne Sie niemals er⸗ halten werde.“ „Es würde nicht offen von mir ſein, wenn ich Ihnen hierin widerſprechen wollte, Herr Marquis,“ erwiederte der Sekretär.„Ohne meine Hülfe werden Sie ſie wohl nicht erhalten.“ „So hören Sie mich an, Herr Harley,“ ſagte Guiscard; „wenn es mir gelingt, durch Sie zu meinen Zwecken zu ge⸗ langen, ſo will ich mich ganz Ihren Dienſten weihen. Wenn Sie den Lord Godolphin nicht vertreiben und ſeinen Poſten einnehmen, ſo wird es nicht meine Schuld ſein.“ „Während Sie und Madame la Maréchale den Herzog und die Herzogin von Marlborough erſetzen, nicht, Herr Marquis? Ja, ja, St. James wird ſich dann ſeines Coneini und ſeiner Galigai rühmen können, und unſere allergnädigſte Königin wird als zweite Marie von Medici glänzen.“ „Sir!“ rief Guiscard aufgebracht.“ „Nun, ich ſcherze nur,“ entgegnete Harley ernſthaft. „Ich muß Zeit haben, um die Sache zu überlegen. Sie Der Marquis legt ſeine Talente haben mich überrumpelt. Kommen Sie morgen zu mir und Sie ſollen eine Antwort erhalten.“ „Um welche Stunde?“ fragte der Marquis. „Gegen Mittag,“ antwortete Harley. „Ich werde nicht ermangeln,“ ſagte Guiscard,„und erinnern Sie ſich, daß es bei Ihnen ſteht, mich zu einem zuverläſſigen Freund oder zu einem entſchiedenen Feinde zu machen.“ „Ich verſtehe Sie vollkommen, Herr Marquis,“ verſetzte Harley,„und nun wollen wir uns trennen, damit wir nicht beobachtet werden. Ah! die Herzogin!“* „Was! in vertraulicher Unterredung mit Herrn Harley, Herr Marquis?“ rief die Herzogin eintretend.„Sie ſchmieden Hochverrath, ganz gewiß.“ „Keinenfalls gegen Eure Durchlaucht,“ erwiederte Guis⸗ card mit unerſchütterlicher Dreiſtigkeit,„und eigentlich gegen Niemand. Herr Harley hat die Zuvorkommenheit gehabt, mich ſeines Beifalls für meine Bewerbung um Miß Hill zu verſichern.“ „Und Sie glauben ihm?“ ſagte die Herzogin.„Wenn er die Wahrheit ſagt, ſo muß er ſich plötzlich anders be⸗ ſonnen haben.“ „Plötzliche Sinnesänderungen kommen zuweilen vor, Eure Durchlaucht,“ verſetzte der Sekretär. „Sie haben Recht,“ erwiederte die Herzogin bedeutungs⸗ voll.„Und es iſt gut, wenn man gleich anfangs weiß, mit wem man zu thun hat,“ fügte ſie mit einem Blick auf Guis⸗ card hinzu.„Man kann ſich dann nicht täuſchen.“ „Sehr wahr,“ bemerkte der Marquis.„Sie hat mich in Verdacht,“ fügte er bei ſich ſelbſt hinzu. In dieſem Augenblick traten die Königin und ihre Damen nebſt dem Prinzen und ſeinem Gefolge in das Kabinet und während Anna ſich auf den Lehnſtuhl ſetzte, näherte die Her⸗ als Ränkeſchmied an den Tag. 59 zogin ſich dem Grafen von Sunderland und ſagte mit ge⸗ dämpfter Stimme: „Ich habe Guiscard eben einen hinterliſtigen Vorſchlag an Harley machen hören. Ob er angenommen worden iſt, oder nicht, konnte ich nicht ermitteln. Aber ſo viel iſt klar, daß dem Menſchen nicht zu trauen iſt.“ „Das hätte ich Eurer Durchlaucht vorherſagen können,“ erwiederte der Graf,„aber er genügt Ihren gegenwärtigen Zwecken eben ſo gut, als ein Beſſerer, und läßt ſich nachher leichter abſchütteln. Es wird mich entzücken, wenn er Harley zu einem Bündniß mit ſich überredet. Dann ſteht die Partie nicht mehr zu bezweifeln und Abigail's augenblickliche Ent⸗ laſſung iſt eben ſo gewiß. um dieß zu befördern, laſſen Sie mich Sie erſuchen, weder Guiscard noch Harley merken zu laſſen, daß Sie ſie eines Einverſtändniſſes in Verdacht haben. Beide haben ein ſcharfes Auge auf Sie.“ Die Herzogin nickte, und indem ſie ihren Schwiegerſohn verließ, winkte ſie den Marquis zu ſich heran und beſchwich⸗ tigte ſeine Befürchtungen bald durch ihr unbefangenes Be⸗ nehmen und die freundſchaftlichen Bemerkungen, die ſie über den günſtigen Fortgang ſeiner Bewerbung um Abigail machte. Ganz anders Harley. Seine beſtändige Uebung in der Ver⸗ ſtellung machte ihn gegen Andere mißtrauiſch und er dachte bei ſich:— „Ich bin nicht ſo leicht zu übertölpeln. Ich ſah an den Blicken der Herzogin bei ihrem Eintreten, daß ſie einen Theil unſeres Geſprächs belauſcht hat oder argwöhnt, und Guis⸗ card als einen Verräther angeſtrichen hat. Sie hat, wahr⸗ ſcheinlich auf Sunderland's Rath, ihren Plan nachher ge⸗ ändert. Aber es gelingt ihr nicht,— wenigſtens bei mir nicht. Wie, wenn ich ſie irre führe und mir den Schein gebe, mich mit dieſem ränkeſüchtigen Franzoſen zu verbinden? So ſei es. Wenn es ſich ausführen läßt, ſo ſollte man es ———.——— 60 Ein Blick in das Untergeſchoß nie unterlaſſen, die Karte des Gegners gegen ihn ſelbſt aus⸗ zuſpielen.“ Bald darauf zog die Königin ſich zurück, die Geſellſchaft zerſtreute ſich und die Herzogin kehrte, wohl zufrieden mit dem Ergebniß ihrer Umtriebe, nach Marlborough⸗Haus zurück. Sechstes Kapitel. Ein Blick in das Untergeſchoß von Marlborvugh⸗Haus. Am Morgen nach dem Hofball, gerade als die Uhr der alten St. Martinskirche(denn der heutige Tempel war da⸗ mals noch nicht erbaut) acht ſchlug, kam Herr Thomas Proddy, der Kutſcher der Königin, aus dem Königlichen Marſtall zu Chaving Croß und richtete ſeine Schritte nach Marlborough⸗Haus. Ein kleiner Mann war Herr Proddy, — ein ſehr kleiner Mann,— aber groß, überaus groß in ſeiner eigenen Meinung; in der That, man kann bezweifeln, ob der Lord Schatzmeiſter eine höhere Meinung von ſich oder ſeinem Poſten hatte, als Herr Proddy. Die Natur hatte ihn außerordentlich günſtig bedacht und wenn ſie ihn nicht geradezu für ſeine hohe Stellung beſtimmte, ſo hatte ſie ihm doch eine Geſtalt gegeben, die ſeine Erhebung zu derſelben unausbleiblich machte. Sie färbte ſeinen Kader mit jenen purpurnen Tönen, die ſie gemeiniglich dem Truthahn zu ver⸗ leihen pflegt, ſie formte ihn nach Art des Bacchus auf einem Rumfaß und beſchränkte ſein Wachsthum gütigſt auf vier Fuß, keinen Zoll. Gegen dieſe angeborenen Vorzüge war Herr Proddy, wie ſchon geſagt worden, keineswegs gleich⸗ gültig. Niemand bildete ſich mehr als er auf ſeine Waden ein, Niemand ſetzte einen größeren Werth auf ſeinen Bauch, oder gab ſich mehr Mühe, die kräftige Farbe ſeiner Wangen zu unterhalten. Er hielt es für ſeine Obliegenheit, einen von Marlborvugh⸗Haus. 61 ſtolzirenden Gang anzunehmen, wenn er einmal zu Fuß gehen mußte, ein wenig, ganz wenig zu nicken, wenn er einem Freunde begegnete, alle andern Perſonen, die ſeinen Weg kreuzten, von oben herab anzuſehen, ſeine Naſe in die Höhe zu werfen, was ihr als einer kleinen Stutznaſe ganz wohl anſtand, und ſeine Unterlippe und Doppelkinn auf eine Art vorzudrängen, die keinem Zweifel über ſeine Wichtigkeit Raum ließ. Groß war der kleine Herr Proddy auf ſeinen Füßen, aber weit größer noch war er auf dem Bock. Ihn auf dem Kutſchbock der königlichen Staatskarroſſe ſitzen zu ſehen, in der ganzen Glorie ſeiner reichen Livree, ſeinem betreßten drei⸗ eckigen Hut, ſeinem Bouquet und ſeiner Flachsperrücke, die einen ſo glücklichen Gegenſatz mit ſeinem röthlichen Geſicht bildete, ſeine kleinen fetten Beine gegen das Fußbrett ange⸗ ſtemmt, und ſeine acht milchweißen Schimmel in der Hand, — das war ein ſehenswürdiger Anblick. Die geſammte Würde ſämmtlicher Kutſcher des ganzen Königreichs ſchien dann in Herrn Proddy vereinigt zu ſein. Er war taub gegen die Freudenrufe der bewundernden Menge; aber man konnte ein Lächeln voll unaus ſprechlicher Selbſtgefälligkeit über Wangen und Kinn ſtrahlen und in ſeinen runden Glotz⸗ augen blinzen ſehen, wenn er an die Reitknechte zu Häupten der verſchiedenen Pferde dann und wann im Tone eines Ge⸗ nerals, der ſeinen Adjutanten Befehle ertheilt, eine kurze Anweiſung ergehen ließ. Ein Mal, und nur ein einziges Mal, vergaß er ſich, und dies war bei Gelegenheit des letzten Beſuchs der Königin in der Paulskirche, zur Dankſagung für den Sieg bei Ramilies, als der Name Proddy in der Nähe von Templebar von weiblicher Stimme ausgerufen wurde, worauf er in die Höhe blickte und ein befreundetes Geſicht erkennend, mit einem Nicken antwortete. Aber dieſe Entwürdigung dauerte nur einen Augenblick, und wir er⸗ wähnen ihrer nur, um zu zeigen, daß die Großen nicht ganz 7 62 Ein Blick in das Untergeſchoß frei von den Schwächen ſind, denen andere weniger erhabene Sterbliche unterliegen. Wir müſſen jetzt Herrn Proddy durch Pall⸗Mall folgen, den er langſam entlang ging oder, genauer geſprochen, watſchelte, eine Hand bis an den Daumen in die Weſtentaſche geſteckt und mit der andern den Stiel einer ellenlangen Thonpfeife haltend, aus der er ungeheure Rauch⸗ wolken zog und den Vorübergehenden gelegentlich ins Geſicht paffte. Da es noch früh am Tage war, ſo befand er ſich in ſeinem Morgenanzuge und trug nur eine weißzitzene Jacke, karmoiſinrothe Plüſchbeinkleider und über die Knie gezogene Strümpfe. Sein Hemd war nicht zugeknöpft, und da ſeine Perrücke nur die äußerſte Spitze ſeines Kopfes bedeckte, ſo gab ſie die Rückſeite eines Nackens Preis, der an Farbe und Umfang vollkommen dem gleichnamigen Theile eines gebrühten Schweines glich. Außerdem hatte er eine mit Gold einge⸗ faßte Sammtkappe mit einem ungeheuren Schirm auf dem Kopfe. Als Herr Proddy an der Ecke der erſten, nach dem St. James⸗Platz führenden Straße anlangte, machte er Halt und entſandte einen jugendlichen Stiefelputzer, der ſich dort mit ſeinen Geräthſchaften aufgepflanzt hatte, nach einer Kanne Bier; mit dieſer bewaffnet, ſchritt er quer über die Straße und betrat das Thor von Marlborough⸗Haus. Herr Proddy ging durch den Flur und ſtand einen Augenblick vor der offenen Thür eines Zimmers neben der Küche ſtill, wo ſich ein unendliches Meſſer⸗ und Gabel⸗Ge⸗ klapper an einem Seitentiſch erhob, an welchem eine Anzahl Bedienten Platz genommen hatten, unter dem Vorſitz eines vierſchrötigen, rothbackigen Individuums in weißer Nachtmütze, weißer Jacke und weißer Schürze, das in dieſem Augenblick damit beſchäftigt war, ein köſtliches Rinderrückenſtückchen zu zerlegen. „Ah, tapfer bei der Arbeit, wie ich ſehe, Herr Fiſhwick,“ von Marlborvugh⸗Haus. 63 ſagte Proddy mit einem gnädigen Nicken zu dem Koch; „fangen den Tag gut an.“ „So, ſo, Herr Proddy,— ſo, ſo,“ entgegnete Fiſhwick und erwiederte ſeinen Gruß, indem er ſeine Nachtmütze ab⸗ nahm und ſie wieder auf ſeinen Kahlkopf ſetzte.„Wollen Sie ſich nicht zu uns ſetzen, Sir, und einen Mundvoll mit⸗ eſſen? Das Rindfleiſch iſt köſtlich, und ſo fett und ſaftig, wie ein Rehziemer.“ „Ich habe nicht viel Appetit, Herr Fiſhwick,“ verſetzte Proddy kleinlaut;—„nicht viel, Sir.“ „Bedaure ſehr,“ ſagte Fiſhwick kopfſchüttelnd.„Würde fürchten, ich wäre auf ſchlimmen Wegen, wenn ich ein ſchlechtes Frühſtück hielte. Setzen Sie ſich und verſuchen Sie's. Hier iſt eine kalte Schweinefleiſchpaſtete,— oder ein Paar gebratene Würſte, oder vielleicht nehmen Sie lieber ein Stück Schinken oder geräucherte Zunge.“ „Trinken Sie eine Taſſe Chokolade mit mir, Herr Proddy,“ ſagte ein glaues Frauenzimmer von mittleren Jahren, die möglicherweiſe die Unterhaushälterin ſein konnte, am untern Ende des Tiſches,„das wird Sie ſtärken.“ „Beſſer, Sie trinken eine Taſſe Thee mit mir, Herr Proddy,“ unterbrach ſie eine viel jüngere Perſon, die in Kleidung und Manieren viel von einer Kammerjungfer an ſich hatte;„es iſt gut für die Nerven, wie Sie wiſſen.“ „Sehr verbunden, Miſtreß Tipping, und Ihnen auch, Miſtreß Plumpton,“ erwiederte Proddy,„aber ich leide nicht an den Nerven und brauche keine Stärkung. Danke Ihnen und nehme es für genoſſen an. Aber ich will Ihnen ſagen, was ich haben möchte, Herr Fiſhwick, wenn Sie's erlauben, und das iſt eine geröſtete Brodſchnitte für mein Bier.“ „Sie ſollen ſie in einem Nu haben,“ erwiederte der Koch und erließ die nöthigen Befehle an einen ſeiner Unter⸗ gebenen. Und als er dies gethan hatte, überließ er Meſſer 64 Ein Blick in das Untergeſchoß und Gabel einem neben ihm ſitzenden Lackaien und trat zu Proddy. „Die Wahrheit iſt, ich habe geſtern Abend ein bischen zu viel Punſch getrunken, Herr Fiſhwick,“ ſagte der Letztere mit geſenkter Stimme,„indem ich der Königin— Gott ſegne ſie!— noch viele ſolche Tage wünſchte; und ich fühle mich heute Morgen ein bischen übel danach. Sergeant Scales und ich, wir haben zuſammen zu Abend gegeſſen, und herzens⸗ luſtig waren wir, das kann ich Ihnen ſagen. Zuletzt tranken wir auf gute Brüderſchaft und ich bin hergekommen, um Alles noch einmal mit ihm durchzuplaudern. Alle Velten, das iſt ein Mann von Bildung, der Sergeant!“ „Ja, bei der Meſſe, das iſt er!“ entgegnete Fiſhwick, —„ein Mann von Talent, ſo zu ſagen. Er guckt gern ein bischen ins Glas, aber das iſt ſein einziger Fehler.“ „Ich kann ihm das nicht für einen Fehler anrechnen, Fiſhwick,“ verſetzte Proddy.„Sergeant Scales liebt eine luſtige Geſellſchaft, ganz wie ich. Weiter iſt es nichts,— weiter nichts.“ „O, ich bin weit entfernt, ihn deshalb zu tadeln,“ ſagte der Koch lachend.„Er iſt immer ein angenehmer Mann; aber niemals ſo angenehm, als beim Glaſe, denn dann ſicht er ſeine Schlachten gern noch einmal durch; und ihn erzählen zu hören, was er alles gethan und geſehen hat, iſt ſo gut, als eine Zeitung zu leſen. Gott beſchütze uns, er iſt mit dem Herzog bei allen ſeinen Kampagnen in den Niederlanden und anderswo geweſen, und hat nicht weniger als ſiebenzehn Wunden an verſchiedenen Stellen erhalten! Ich habe ſie ſelbſt geſehen und kann alſo davon mitſprechen. Er hat in jedem von ſeinen Beinen eine Kugel und eine andere in der Schulter, und Sie müſſen ſelbſt die große Schramme quer über ſeiner Naſe bemerkt haben. Ich glaube, ſeine Naſe ward ihm ſchier abgeſchnipſt und nachher wieder ans Geſicht von Marlborvugh⸗Haus. 65 geſtückt; aber wie das auch ſein mag, ſo hatte er die Freude den bayeriſchen Dragoner zu tödten, der ihn verwundet hatte, Was die Mosjehs betrifft, ſo hat er ihrer wenigſtens ein zwanzig zum Teufel geſchickt. Er haßt die Franzoſen eben ſo herzlich, als er den Branntwein liebt.“ „Ich achte ihn dafür, Herr Fishwick,“ ſagte Proddy. „Ich ſelber haſſe dieſe Mosjehs aus dem Grund meines Herzens.“ „Der Sergeant iſt allein ſchon eine ganze Zeitung,“ fuhr Fishwick fort,„und er kann alles erzählen, was der Herzog an dieſem Ort geſagt hat und an jenem gethan hat, wie er hier marſchirte und ſich dort verſchanzte, wie viel Mann er in jedem Treffen hatte, wie er den Plan zu ſeinen Schlachten machte und welche künſtliche Manövers er ausgeführt hat, wie wenn die Uebermacht die Schlacht hätte gewinnen können, die Franzoſen ihn hätten ſchlagen müſſen, aber im Gegen⸗ theil immer ſelbſt geſchlagen wurden. Kurzum, er zeigt es Ihnen ſo klar wie eine Kloßbrühe, wodurch der Herzog von Marlborough der große General geworden iſt, der er iſt.“ „Das kann ich Ihnen auch ſagen, Fishwick,“ verſetzte Proddy;—„Alles durch ſeine Geſchicklichkeit. Ganz daſſelbe, als wodurch ich ein beſſerer Kutſcher bin, als alle andern. Der Herzog iſt zum Anführer einer Armee gemacht, grade wie ich für den Kutſchenbock der Königin gemacht bin.“ „Ganz recht!“ erwiederte Fishwick, der kaum ein Lächeln unterdrücken konnte.„Aber ich bin noch nicht mit dem Ser⸗ geanten zu Ende. Er hat ein ſo gutes Gedächtniß, daß er Ihnen ſagen kann, wie viel Todte der Feind in jeder Schlacht hatte,— wie viel Fahnen genommen wurden, wie viele Kanonen, wie viele Musketen, wie viele Degen, wie viele Picken, Halsbergen und Bajonette,— und es ſollte mich nicht wundern, wenn er nicht auch einen Ueberſchlag machen könnte, wie viel Kugeln verſchoſſen wurden.“ Ainsworth, St. Jamess. I. 5 66 Ein Blick in das Untergeſchoß „Der Sergeant iſt ein wunderbarer Mann, Herr Fish⸗ wick,“ bemerkte Proddy ſtaunend. „Das dürfen Sie mit Recht ſagen, Herr Proddy,“ ent⸗ gegnete der Koch—„er iſt allerdings ein wunderbarer Mann. Ich kenne ſeines Gleichen nicht. Sie ſollen gleich ſein Zimmer ſehn und Sie werden finden, daß es ein wahres Muſeum iſt.“ „Er ſagte mir, er hätte mir was zu zeigen,“ bemerkte Proddy. „Da hat er Ihnen die Wahrheit geſagt,“ verſetzte Fishwick. „Der Herzog iſt ungemein für den Sergeanten eingenommen und hat ihn gern immer um ſich, und da er ihm volles Ver⸗ trauen ſchenkt, ſo verwendet er ihn zu allen Geſchäften, wo Heimlichkeit nöthig iſt. Der Sergeant für ſein Theil äußert ſeine Ergebenheit für ſeinen Herrn auf eine ſonderbare Art. Er läßt Niemand anders ſeine Stiefel putzen.“ „Grade wie ich!“ rief Proddy.„Ich würde Niemand den königlichen Wagen waſchen laſſen, als mich ſelbſt. Der Sergeant iſt ganz ein Mann nach meinem Herzen.“ „Der Sergeant hat das Trommeln zu gern, um mir zu gefallen,“ bemerkte Miſtreß Tipping, die als Jungfer einer vornehmen Dame ſelbſt etwas von einer vornehmen Dame war.„Tramteram— tamtam— tamtam,— tranteram — tamtam— tamtam! So geht's vom Morgen bis in die Nacht, daß man noch froh ſein muß, wenn einem das Trommelfell nicht von dem Lärm ſpringt. Ich wundere mich nur, wie meine gnädige Frau es aushält. Ich könnte es gewiß nicht, wenn ich eine Herzogin wäre.“ „Die Herzogin iſt eine Soldatenfrau, Miſtreß Tipping,“ ſagte der Koch im Tone leiſen Tadels,„und unſer edler Herr iſt gegen ſeinen getreuen Anhänger nachſichtig und er⸗ trägt ſeine Grillen. Sie müſſen wiſſen, Herr Proddy, daß der Sergeant zuerſt als Tambour gedient hat, und obgleich 6 . von Marlbvrough⸗Haus. 67 er in die Höhe geſtiegen iſt, wie Sie ſehn, ſo liebt er ſeine alte Beſchäftigung doch noch.“ „Ganz natürlich, Herr Fishwick,“ erwiederte Proddy; „ein alter Kutſcher findet immer am Peitſchengeklatſch Gefallen.“ „Nun, meine Liebe, wenn Sie etwas gegen den Ser⸗ geanten ſein Getrommel haben,“ bemerkte Miſtreß Plumpton zu Miſtreß Tipping,„ſo können Sie doch gewiß nichts an ſeinem Geſang ausſetzen. Er hat'ne Stimme, wie'ne Nachtigall.“ „Er krächzt, wie n Rabe, nach meiner Meinung,“ ent⸗ gegnete die niedliche Miſtreß Tipping;„aber wir können es uns leicht erklären, warum Sie ſeinen Geſang ſo ſüß finden, Miſtreß Plumpton.“ „Und warum, wenn ich bitten darf, Miſtreß Naſeweis?“ rief die Haushälterin aufgebracht. „Pfui, meine Damen, pfui!“ vermittelte Fishwick,„wer wird ſich ſo früh am Tage ſchon zu zanken anfangen. Herr Proddy muß ſich einen ſchönen Begriff von Ihnen machen.“ „Ich würde mich ſchämen, mich mit einem Geſchöpf, wie Tipping, zu zanken,“ rief Miſtreß Plumpton;„aber wenn es doch geſagt ſein muß, ſo gab es eine Zeit, wo ſie das Getrommel und den Geſang des Sergeanten recht gut leiden mochte.“ „Ich will mich nicht herabwürdigen, daß ich einem ſo boshaften alten Ding, wie Plumpton, antworte, erwiederte Miſtreß Tipping;„aber ich gebe ihr ihre niederträchtigen Verleumdungen voll zurück. Sein Getrommel und ſeinen Geſang leiden mögen? na, ich ſage! Es fehlt nur noch, daß ſie Ihnen einredet, ich möchte den Sergeanten ſelber leiden!“ „Das thun Sie auch!“ verſetzte Miſtreß Plumpton, „das thun Sie auch! Und Sie find auf ſeine Zuvorkommen⸗ heit gegen mich eiferſüchtig, obgleich ich ihn, weiß Gvott, nicht dazu ermuthige. Und das iſt der Grund, warum Sie ſo auf ihn ſchimpfen.“ 68 Wie des Herzogs von Marlborough „Meine Damen, meine Damen, ich muß Sie noch ein⸗ mal zur Ordnung rufen,“ rief Fishwick.„ Es iſt doch Schade, daß ein einträchtiges Geſpräch, wie das unſrige, zur Zwie⸗ tracht führen mußte— ha! ha! Aber hier iſt die geröſtete Schnitte, Herr Proddy. Wenn Sie den Sergeanten zu be⸗ ſuchen wünſchen, ſo will ich Ihnen den Weg nach ſeinem Zimmer zeigen.“ Nachdem Herr Proddy die Schnitte in ſein Bier gelegt und einen oder zwei ungeheure Schlücke gethan hatte, ließ er den Reſt einweichen, und ſeine Pfeife zur Hand nehmend, die er während der obigen Unterhaltung wieder geſtopft hatte, folgte er ſeinem Führer durch einen Gang, der augenſcheinlich nach der entgegengeſetzten Seite des Hauſes führte. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ihre Ohren von dem lauten Rattatan einer Trommel begrüßt wurden. „Das iſt der Sergeant,“ rief Fishwick lachend;„es wird Ihnen jetzt nicht ſchwer fallen, ihn aufzufinden.“ Hierauf kehrte er um, während Jener dem Getöſe folgte, das jeden Augenblick lauter und lauter wurde, bis er ein kleines Zimmer, aus welchem es hervordrang, erreichte, und faſt das Gehör zu verlieren glaubte. Tranteram— tantrrrra— ram— Tranteram— tan— trrrra— ram. Siebentes Kapitel. Wie des Herzogs von Marlborough Stiefel gewichſt wurden. „Was für ein teufelsmäßiger Spektakel,“ dachte Proddy. „Ich glaube, Miſtreß Tipping hatte am Ende recht. Der Sergeant hat das Trommeln ein bischen zu gern. Ich bin in einem unglücklichen Augenblick gekommen. Aber es kann doch nicht ewig dauern.“ Bei allem dein dauerte es länger, als er ſich dachte, Stiefel gewichſt wurden. 69 und ward gegen das Ende ſo unerträglich laut, daß er ſich wunderte, ob er je wieder ſo gut wie vorher hören können würde. Die halb offen ſtehende Thür geſtattete die Ausſicht auf einen magern, aber athletiſch ausſehenden Mann, der aufrecht ſtehend ſeine guten ſechs Fuß gehalten haben mußte, aber jetzt mit einer großen Trommel zwiſchen den Knien, auf die er, wie geſagt, wüthend losſchlug, auf einem Holzſtuhl ſaß. Wenig Fleiſch, dagegen eine bedeutende Menge Muskeln, hatte Sergeant Scales; ſeine Hände waren groß und knochig, desgleichen ſeine Füße, desgleichen ſein Geſicht; und ſein ganzer Körper war feſt und gedrungen, als wäre er aus⸗ drücklich zum Widerſtand aller Arten von Angriffe, ſei es von innen oder von außen, geſchaffen. Daß er viel Unge⸗ mach überſtanden haben mußte, war augenſcheinlich; aber die friſche Farbe ſeines Geſichts, das ſo rothbäckig wie ein Apfel war, bezeugte, daß weder die Strapazen eines Sol⸗ datenlebens, noch der Hang zu ſtarken Getränken, den man ihm zur Laſt legte, ſeine Geſundheit untergraben hatte. Seine Naſe war von ungewöhnlicher Länge und wahrſcheinlich ver⸗ dankte er dieſem Umſtande jenen verdrießlichen Hieb, der ihn dieſes wichtigen Beſtandtheils ſeines Geſichts faſt beraubt hätte. In der That, nur die Geſchicklichkeit des Regiments⸗ chirurgen bewahrte ihn vor völliger Entſtellung, denn ſeine Naſe war ihm rein abgeſchnitten und erſt einige Zeit nach der Trennung wieder aufgefunden und angeſetzt worden. Die Anheilung war jedoch vollſtändig gelungen, und obgleich die Vereinigungsſtelle mit dem Mutterſtamme allerdings ſichtbar war, ſo ſaß die Naſe doch ſo feſt und entſprach ihren ver⸗ ſchiedenen Zwecken ſo gut, als je. Der Sergeant hatte ein Paar gutmüthige graue Augen, die von greiſen Augen⸗ braunen beſchattet wurden; ſeine Stirn war kahl und an mehreren Stelle vernarbt, während ein ſchwarzes Pflaſter dicht über der linken Schläfe den Ort anzeigte, wo er ſeine 70 Wie des Herzogs von Marlborvugh letzte Wunde erhalten hatte. Es war eine Art von militä⸗ riſcher Reinlichkeit um ihn. Sein Geſicht war mit außer⸗ ordentlicher Sauberkeit rafirt, die ſpärlichen Locken, welche die beiden Seiten ſeines Kopfes zierten, waren ſorgfältig gepudert, und ein ziemlich dicker Zopf hing an ſeinem Rücken herab. Eine enganſchließende Militärweſte von blauem Tuch mit weiß beſetzten Taſchen und Knopflöchern, enge weiße Kamaſchen, die bis über das Knie gingen und unterhalb des⸗ ſelben mit einem ſchwarzen Riemen befeſtigt waren, Schuhe mit eckigen Spitzen, eine lederne Cravatte und eine kleine Kappe von demſelben Stoffe bildeten ſeinen Anzug. Im Hintergrunde des Zimmers hingen zwei Stiche; der eine ſtellte den Sieg bei Ramilies vor, auf welchem die Tapferkeit der britiſchen Truppen auf eine ſehr lebhafte Art dargeſtellt war, und der andere war ein Plan der Schlacht bei Blenheim. Darunter hing eine Karte der Niederlande und ein Plan des Lagers und der Verſchanzungen auf dem Schellenberge. Zwiſchen dieſen Plänen hing die Uniform des Sergeanten, ſauber gebürſtet und mit ſilberblank polirten Knöpfen, nebſt ſeinem dreieckigen Hute, an einem Nagel an der Wand. Zur linken ſtand ein großer ſchwarzer Militär⸗ kaſten, der den Namen ſeines Eigenthümers trug. Oberhalb deſſelben befand ſich eine Abbildung des neulich ſtattgehabten königlichen Beſuchs zur Dankfeier in der Paulskirche. Gegen⸗ über hing ein Portrait des Herzogs von Marlborough zu Pferde, wie er von Rauchwolken umhüllt ſeine Truppen zum Angriff führt. Neben dem Herzog war ein zerbrochener Degen, an dem ſich ohne Zweifel eine Geſchichte knüpfte, und unter dem Degen hingen ein Paar büffellederne, und, wie es ſchien, blutbefleckte Handſchuhe und eine Meerſchaum⸗ pfeife. Auch befanden ſich dort zwei Karrikaturen, welche angeblich die Marſchälle Villars und Tallard darſtellten und ihre Stelle ohne Zweifel abſichtlich unterhalb ihres großen Stiefel gewichſt wurden. 71 Beſiegers erhalten hatten. Mitten von der Decke hing an einem ſtarken Strick eine zwanzigpfündige Kanonenkugel herab. Auf einem kleinen Tiſch von Tannenholz zur Rechten ſtanden ein Paar Kanonenſtiefel(Weſſen, konnte Herr Proddy leicht errathen), ein Wichstopf, einige Schuhbürſten, ein Paar Sporen, ein Meſſer und einige andere Kleinigkeiten. Auf dem Fußboden lag ein neucomponirtes Lied mit dem Titel:„Eine neue Geſundheit auf den Herzog von Marl⸗ borough in drei Gläſern,“ eine Karte von Flandern und ein Packet Volksballaden. Als der Sergeant ſeine Reveille, augenſcheinlich zu ſeiner eigenen großen Zufriedenheit, beendigt hatte, ſtand er auf, ſetzte die Trommel bei Seite und band ſich eine Schürze vor. Hierauf nahm er einen der Stiefel zur Hand und begann ihn zu putzen, indem er ſich zugleich die Kehle räuſperte, um das„Marlbruk zieht in den Krieg“ dazu zu ſingen. Als dieſer Geſang zu Ende war, trat Herr Proddy in das Zimmer. „Sergeant Seales, Ihr ganz ergebenſter,“ ſagte er; „Mann von Wort, wie Sie ſehen.“ „Das merke ich,“ verſetzte der Sergeant;„erfreut, Sie zu ſehen. Wie geht's, Kamerad? Sie entſchuldigen. Kann Ihnen nicht die Hand geben. Geſchäfte.“ „Machen Sie keine Umſtände,“ erwiederte Proddy; ich laſſe mich niemals ſtören. Fahren Sie fort.“ „So gefällt's mir,“ verſetzte der Sergeant.„Nehmen Sie Platz. Auf dieſem Stuhl.“ „Nein, ich danke,“ antwortete Proddy.„Ich ſitze lieber hier.“ Hiermit ſetzte er die Kanne auf den Kaſten und klet⸗ terte mit einiger Schwierigkeit neben derſelben hinauf. Als er es ſich bequem gemacht hatte, bemerkte der Sergeant: „Sie wiſſen, was ich in der Hand halte, Kamerad?“ Der Kutſcher nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe. Wie des Herzogs von Marlborvugh „Ja, es iſt Sein Stiefel, Kamerad,— Sein Stiefel!“ rief der Sergeant mit Ausdruck.„Ich möchte doch ſehen, daß Jemand anders dieſen Stiefel putzte, als ich.“ „So ſage ich auch immer, wenn ich den königlichen Wagen abwaſche,“ bemerkte Herr Proddy.„Ich möchte doch ſehen, daß Jemand anders dieſen Wagen putzte, als ich. So denke ich.“ „Aber der Herzog iſt der Herzog,“ rief der Sergeant, dem dieſe Bemerkung nicht ganz gefiel. „Und die Königin iſt die Königin,“ verſetzte Proddy. „Aber wer iſt der Größte von Beiden?“ fragte Scales ziemlich barſch.„Wer iſt der Größte, frage ich?“ „Na, die Königin, natürlich,“ erwiederte Proddy. „Gott bewahre,“ entgegnete der Sergeant.„Der Herzog iſt der Größte. Wo wäre die Königin ohne ihn? Gewinnt er nicht alle Schlachten für ſie?— erhält er ſie nicht auf ihrem Throne?— regiert er nicht alles? Donnerwetter, Kamerad, regiert er nicht das ganze Königreich?“ „Das ich nicht wüßte,“ erwiederte Proddy, ſeine runden Augen ſo weit wie möglich aufſperrend;„aber man ſagt, die Herzogin thut es.“ „Proddy, Sie ſind ein Tory,“ ſagte der Sergeant ver⸗ ächtlich. „Klopfen Sie mir die Perrücke aus, wenn ich es bin,“ erwiederte Proddy;„aber wenn ich den Herzog auch recht gut leiden mag, ſo muß ich es doch mit der Königin, meiner Gebieterin, halten.“ „Na, Sie haben Recht,“ ſagte der Sergeant nach einer kleinen Pauſe;„und ich mag Sie deshalb nur um ſo lieber leiden. Gebt uns Eure Hand, alter Junge. Und jetzt ſehen Sie dieſen Stiefel an, Proddy. Sehen Sie ihn genau an. Bemerken Sie etwas Beſonderes an ihm?“ „Beim Hacken oder bei der Spitze?“ fragte der Kutſcher. Stiefel gewichſt wurden. 73 „Sie müſſen keine Seele haben, Proddy, daß Sie ſo eine Antwort geben können,“ ſagte der Sergeant.„Dies iſt ein merkwürdiger Stiefel,— ein ſehr merkwürdiger Stiefel,— ich darf wohl ſagen, ein hiſtoriſcher Stiefel. Der Herzog von Marlborough hat ihn in der Schlacht von Ramilies getragen.“ „Alle tauſend! was Sie ſagen!“ rief der Kutſcher. „Ja, ja, ſo iſt es,“ antwortete Seales;„und ich könnte noch vielmehr davon erzählen, wenn ich wollte. Aber dieſe eine Thatſache iſt genug.“ „Den andern Stiefel trug er wohl in der Schlacht von Blenheim?“ bemerkte der Kutſcher ganz unbefangen. „Dummes Zeug!“ rief der Sergeant ärgerlich. Und um ſeinen Verdruß zu verbergen, bürſtete er friſch auf dem Stiefel umher und erhob die Stimme noch einmal zum Geſang: Künig Froſch und Rönigin Storch. Der König Froſch ſchwur laut und kühn, Kräkeldum di!— kräkeldum du! Gegen Königin Storch in den Krieg zu ziehn, Brauſerum bu!— zauſerum zu! Somit er die grimmigſten Fröſche entbot nd rief:„Euch kriegt die ſchockſchwere Noth, Kanaillen, dreſcht ihr mir die Störche nicht todt; Schreit, Ventre-saint-gris!— Parpleu!“ Und ſie zogen zu Feld; doch ach! wie bald Kräkeldum di!— kräkeldum du! Der Mosjeh Fröſche Geprahle verhallt, Von Brauſerum bu!— zauſerum zu! Denn'nen tapfern General die Königin ſchickt, Der den Fröſcheln garſtig zu Leibe rückt, Und ſie alle am Ende hat aufgeſpickt, Mit ihrem„Ventre-saint-gris!— Parpleu!e« „Bravo, Sergeant,“ rief Proddy.„Sie fingen eben ſo ſchön, als Sie trommeln. Die Trommel iſt ein kriege⸗ riſches Inſtrument, Sergeant.“ 74 Wie des Herzogs von Marlborough „Das will ich meinen,“ erwiederte Seales plötzlich mit Feuer,„das kriegeriſchſte Inſtrument, das es giebt, außer der Pfeife. Aber ich habe die Trommel lieber. Sie ſollten nur hören, wie ich alle die verſchiedenen Appelle ſchlage, Kamerad.“ „Wie viel Appelle mag es im Ganzen geben, Sergeant?“ fragte Proddy. „Ich habe ſie nie gezählt,“ antwortete Scales;„aber laſſen Sie ſehen,— da haben wir den Morgenappell oder die Reveille,— eins; der Sammelappell, daß die Truppen ſich ſammeln,— zwei; den Fußmarſch,— drei; und dann pflegten wir noch einen ſogenannten langen Marſch zu haben, daß die Leute ihre Musketen zuſammenſtellen,— das mag Nummer vier ſein; dann iſt da der Grenadiersmarſch— fünf; der Rückzug.—“ „Den trommeln Sie wohl nie, Sergeant,“ unterbrach Proddy. „Oft,“ erwiederte Scales;„aber nicht in der Art, wie Sie es ſich denken. Der Rückzug wird bei Sonnenuntergang geſchlagen, wenn die Piquets formirt werden, das macht ſechs; der Tattuh, ſieben; der Waffenruf,— der Kirchen⸗ 3 appell,— der Pionirappell,— der Sergeantenappell,— der Tambvursappell,— der Vorbereitungsappell, mit dem den Leuten das Signal gegeben wird ſich zum Feuern bereit zu machen— die Schamade, was ſoviel bedeutet, als daß eine Unterredung verlangt wird,— und der Hallunkenmarſch, den man ſchlägt, wenn ein Soldat aus dem Regiment ge⸗ trommelt wird. Zuſammen fünfzehn.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ ſagte Proddy.„Ich hätte mir eben ſo gut träumen laſſen, daß es fünfzehn ver⸗ ſchiedene Arten gibt, mit einer Peitſche zu klatſchen.“ „Das giebt's wohl auch, ohne Zweifel; es kommt nur darauf an, ſie heraus zu finden,“ bemerkte Scales etwas höhniſch, und als er den Stiefel zu ſeiner vollen Zufrieden⸗ 7„ * Stiefel gewichſt wurden. 75 heit blank geputzt hatte, ſetzte er in behutſam auf die Erde und nahm den andern auf. „Hören Sie, Sergeant,“ rief Proddy,„wiſſen Sie auch, was Sie thun? Sie werden die Karte da verderben.“ „Laſſen Sie nur, Kamerad,“ erwiederte Scales lächelnd. „Es iſt kein Zufall, daß dieſe Karte von Flandern da liegt. Und es iſt kein Zufall, daß ich den Stiefel des Herzogs von Marlborough darauf geſetzt habe.“ „Ich verſtehe,“ rief Proddy.„Sie wollen damit an⸗ deuten, daß der Herzog ſeinen Fuß auf Flandern geſetzt und es zermalmt hat.“ „Ganz recht,“ erwiederte der Sergeant.„Sie haben den Nagel ſo genau auf den Kopf getroffen, als ich den baheriſchen Reiter in der Schlacht am Schellenberge, als er eine Piſtole auf den Herzog anlegte. Dieſer Stiefel bedeckt genau Brügge, Gent, Antwerpen, Oudenarde, Mecheln und Brüſſel; welche Städte alle Seine Durchlaucht kürzlich er⸗ obert hat. Ich thue nie etwas ohne Bedeutung, Kamerad. Sehen Sie dieſe Sporen an,“ ſagte er, indem er mit ſeiner Beſchäftigung einhielt und mit der Bürſte nach ihnen hin⸗ wies.„Sie könnten es für Zufall halten, daß ſie gegen die Bilder von dieſen beiden franzöſiſchen Generalen gelehnt ſind. Aber nein. Rathen Sie, warum ich ſie dahin ge⸗ ſtellt habe.“ „Wahrſcheinlich um zu zeigen, wie arg der Herzog ihnen zugeſetzt habe?“ erwiederte Proddy. „Freilich,“ verſetzte der Sergeant;„Sie haben mich gefaßt, Kamerad. Es iſt ein Vergnügen, mit einem Mann von Ihrem Scharffinn zu ſprechen. Dieſe beiden wunder⸗ lichen Käuze haben uns unendlich viel Noth gemacht. Beide find tapfere Männer,— denn man muß auch dem Feinde das Seinige zukommen laſſen,— aber der tapferſte von beiden und der beſte General iſt der alte Tallard. Eine 76 Wie des Herzogs von Marlborough brav gefochtene Schlacht war das bei Blenheim,— und recht gut erinnere ich mich noch des Tages! Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß es der glorreiche 13. Auguſt 1704 war. Manchen und manchen tapfern und luſtigen Kame⸗ raden habe ich auf dieſem blutigen Felde gelaſſen. Der Herzog ſelbſt iſt nur mit genauer Noth davon gekommen, wie Sie hören ſollen. Gegen zwei Uhr des Morgens ward unſer Lager zwiſchen Erlingshofen und Keſſel⸗Oſtheim auf⸗ gebrochen und die Truppen ſetzten ſich in Bewegung; den rechten Flügel befehligte Prinz Eugen und den linken der Herzog von Marlborongy. Wir marſchirten ganz ſtill vor⸗ wärts und da es ein nebliger Morgen war, ſo hatte der Feind keine Ahnung von unſerer Annäherung. Als wir herankamen, ritten die beiden Generale mit einer ſtarken Es⸗ korde zum rekognosciren voran. Und von dieſer Anhöhe bei Wolperſtetten,“— hier wies er auf den Plan—„über⸗ ſahen ſie das ganze feindliche Lager. Der Herzog machte dann nach einiger Ueberlegung ſeinen Schlachtplan. Als ſich das Wetter jetzt aufklärte, ward unſere Nähe bemerkt und Lärm geſchlagen, und Tallard und der Kurfürſt von Bayern trafen ihre Vorbereitungen zu dem bevorſtehenden Kampfe. Ich will mich nicht bei allen unſern Vorbereitungen oder den feindlichen Dispoſitionen aufhalten, weil Ihnen nichts daran gelegen ſein möchte und Sie auch nichts davon verſtehen würden, ſondern ich will gleich das fragliche Ereigniß er⸗ zählen. Als die beiden Generale übereingekommen waren, daß die Schlacht auf beiden Flügeln zugleich anfangen ſollte, ritt Prinz Eugen fort und der Herzog ließ an der Spitze jeden Regiments Gottesdienſt halten, während er deſſen Signal erwartete. Hierauf wies er die Poſten für die Verwundeten an und gab den Chirurgen beſondere Befehle, und dann ſtieg er zu Pferd und ritt durch die Linien, und ſchien ſich darüber zu freuen, uns alle bei ſo gutem Muthe und voll Stiefel gewichſt wurden. Ungeduld nach dem Anfang zu finden.„Ihr ſollt nicht lange mehr warten, Kinder,“ ſagte er. Kaum waren die Worte geſprochen, als eine Kugel von einer der Batterien dicht neben ihm in die Erde ſchlug und ihn über und über voll ſtäubte. Wir dachten alle, ſie hätte ihn getroffen, und es erhob ſich ein Geſchrei, aber er ſchüttelte ſich den Staub ab, hob den Hut auf und ritt fort, als wenn nichts ge⸗ ſchehen wäre.“ „Ganz, wie ich es unter ähnlichen Umſtänden auch gemacht haben würde,“ bemerkte Proddy.„Bitte, ſagen Sie mir, Sergeant, wem mag dieſer Degen gehört haben?“ fügte er hinzu, indem er auf die zerbrochene Waffe an der Wand blickte. „Dieſer Degen hat einem tapfern Manne gehört, Ka⸗ merad,— einem ſehr tapfern Manne,“ erwiederte Scales; „keinem geringern, als dem General Rowe, der an dieſem denkwürdigen Tage blieb. Ich ſtand neben ihm, als er fiel. Die Brigade unter ſeinem Kommando ſollte die Nebel paſſiren, den kleinen Fluß, den Sie hier ſehn,“ wobei er wieder auf den Plan zeigte,„bei einem ſo fürchterlichen Traubenfeuer, daß das klare Waſſer ſich in Blut verwandelte. Aber nicht ein einziger Schuß durfte dagegen gethan werden. Auf dem andern Ufer angekommen, zog General Rowe ſeinen Degen, und vor dem Rachen der feindlichen Kanonen, während ihm die Kugeln wie Hagel um die Ohren ſauſten, ſchritt er auf die Palliſaden zu und hieb mit der Klinge darauf ein, in⸗ dem er Feuer kommandirte. In demſelben Augenblick ging ihm eine Kugel durch's Herz; aber obgleich tödtlich ver⸗ wundet, ſchwenkte er ſeinen zerbrochenen Degen über den Kopf, denn er hatte ihn an dem Holz zerſplittert und rief ſeine Leute zum Angriff heran. Den Degen, der ihm aus der Hand fiel, habe ich aufgenommen und bewahrt. Armer Kerl! wenn er etwas ſpäter am Tage gefallen wäre, würde ich mich nicht ſo ſehr um ihn gegrämt haben. Aber in 78 Wie des Herzogs von Marlborvugh ſeinen letzten Augenblicken hatte er doch noch eine Freude, die Gewißheit des Sieges.“ „Ein großer Troſt,“ bemerkte Proddy.„Ich möchte ſelber in der Uniform ſterben. Aber ich ſehe da ein Paar Handſchuhe. Sie haben wohl auch eine Geſchichte?“ „Ganz gewiß,“ antwortete Scales. Die dunkeln Flecken, die Sie auf ihnen ſehen, find Blut,— mein Blut,— Kamerad. Dieſe Handſchuhe waren einſt das Eigenthum eines bayeriſchen Offiziers, den ich in der Schlacht am Schellenberge gefangen nahm. Er war nach der Donau zu geflohen, aber ich holte ihn in einem Gehölz ein, nahm ihn nach einem kleinen Widerſtand gefangen und wollte eben mit meinem Gefangen umkehren, als zwei von ſeinen Leuten darüberzu kamen. So ſcheu ſie auch waren, ſahen ſie doch, wie die Sachen ſtanden, und machten Halt. Der Offizier lief gleich davon, obgleich er ſich auf Gnade oder Ungnade ergeben hatte, und alle drei machten Miene, mich anzugreifen. Aber ehe ſie heran kommen konnten, ſchoß ich einen von ihnen nieder und da ich mein Bajonett aufgeſteckt hatte, ſo war ich im Stande, mir die beiden andern vom Leibe zu halten; und nicht blos vom Leibe zu halten, ſondern ihnen auch noch einige verdrüßliche Püffe in den Kauf zu geben. Endlich fiel der zweite Mann, und der Offizier blieb allein übrig. Er war ſchwer verwundet, aber er that einen ver⸗ zweifelten Hieb gegen mich, der mir durch die Mütze ging und das Blut wie einen Regen über mein Geſicht herab⸗ brachte; und dann geriethen wir an einander und er packte mich mit beiden Fäuſten an der Gurgel an. Mir tanzten eine Million Funken vor den Augen und ich fühlte, wie mir die Zunge aus dem Munde hing. Aber gerade als ich dachte, daß es mit mir aus wäre, ward ſein Griff loſer, ich ſchüttelte ihn von mir und er ſiel zu Boden— mauſetodt! Stiefel gewichſt wurden. 79 Zum Andenken an dieſen Augenblick habe ich ſeine Hand⸗ ſchuhe bewahrt, ſo mit Blut befleckt, wie Sie ſehen.“ „Da ſind Sie mit knapper Noth davon gekommen, Sergeant,“ bemerkte Proddy;„das iſt ein Tod, den ich mir nicht wünſchte. Er hat zu viel Aehnlichkeit mit dem Ge⸗ hängtwerden.“ „Vielleicht möchten Sie lieber wie der arme Oberſt Bingfield ſterben, dem dieſe Kanonenkugel in der Schlacht von Ramilies den Kopf abnahm,“ verſetzte Scales. „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte Proddy, halberſtaunt und halb erſchrocken nach der gewaltigen Kanonenkugel hin⸗ aufſehend, die über ſeinem Kopfe hing.„Hat dieſe Kanonen⸗ kugel wirklich Jemand den Kopf abgenommen?“ „So ſchier, wie es nur ein Beil kann,“ erwiederte Scales. „Herre!“ rief Proddy, unwillkürlich ſeine Hand an den Hals legend, und wunderte ſich, wie einem wohl ohne Kopf zu Muthe wäre.„Wenn es Sie nicht ermüdet, Sergeant, ſo möchte ich dieſe Geſchichte auch hören.“* „So müſſen Sie wiſſen,“ antwortete Scales,„daß der Herzog von Marlborough, als er in der Hitze des Gefechts einige Schwadronen Kavallerie in Unordnung gerathen ſah, mitten unter ſie ſprengte, um ſie durch ſeine Gegenwart an⸗ zufeuern; aber da die franzöſiſchen Dragoner, mit denen fie handgemein waren, ihn erkannten, ſo ward er umringt und gerieth in die größte Gefahr. Die Vorſehung hatte jedoch beſchloſſen, daß er nicht auf dieſe Art in Gefangenſchaft kommen ſollte; er machte ſich los und ſetzte über einen breiten Graben, aber dabei ſtürzte ſein Pferd und er ſank zu Boden. In einem Nu ward ihm von ſeinem Adjutanten, Kapitän Molesworth ein anderes Pferd angeboten, während ſein Stall⸗ meiſter Oberſt Bingfield den Steigbügel hielt. Als der Her⸗ zog in den Sattel ſprang, ſtieß er einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus. Der Oberſt ſiel rücklings hin, ohne Kopf! . 80 Wie des Herzogs von n — während er ſelbſt mit Blut und Gehirn beſpritzt ward. Dieſe Kanonenkugel die ich nachher ausgegraben und mitge⸗ 5 bracht habe, hat die Stelle des Henkers bei dem armen Oberſten vertreten.“ „Haben Sie auch den Kopf des armen Oberſten ge⸗ funden?“ fragte Proddy, der während dieſer Erzählung ſehr blaß geworden war. „Nein,“ antwortete Scales,„er ward, wie wir ſche zu Muß gequetſcht.“ „Gott helf uns, wie gräßlich!“ rief Proddy und ſtärkte ſich mit einem langen Zug aus der Kanne. „Um auf etwas Anderes zu kommen, will ich Ihnen ein Lied vorfingen, das ich ſelbſt auf dieſe Stiefeln gemacht habe,“ ſagte der Sergeant. Und ohne Weiteres begann er den folgenden Geſang, indem er deſſen Refrain mit einer ſchnellen und entſprechenden Bewegung der Bürſte begleitete: Die Stiefeln von Marlbro'. Den König von Frankreich verſprachen zu decken Boufflers, Villars, Villeroy und Tallard, die kecken; Und vermaßen ſich theuer mit großem Halloh, Zu ſtehlen die Stiefeln des tapfern Marlbro'. Bürſte— bürſte zu! Erſt zogen ins Feld Herr Boufflers und Villars, Doch ſie kriegten die Spreu, wir blieben die Müller; Bonn und Limburg wir nahmen;— gelt!'sging wohl nicht ſo, Die Stiefeln zu ſtehlen dem Helden Marlbro'. Bürſte— bürſte zu! Dann verſuchte es Tallard mit Bayerns Elektor, Der war aber recht ein elender Protektor; Vor Blenheim zitterten beide nur ſo Beim Anblick der Stiefeln des tapfern Marlbro'. Bürſte— bürſte zu! Stiefel gewichſt wurden. 81 Villroy'en traf dann bei Ramillies das Loos, Der dünkt ſich ein Hektor, wer weiß wie groß; Doch der Schelm hatt' ſich arg verrechnet und floh, Beim Anblick der Stiefeln des Helden Marlbro'. Bürſte— bürſte zu! So haben die Stiefeln uns immer geführt Zum Siege, drum preiſet ſie, wie ſich's gebührt; Es müßte ja braten bei hölliſcher Loh', Wer nicht ehrte die Stiefeln des tapfern Malbro'. Bürſte— bürſte zu! Wie ſie Galliens Schreck und ein Weltwunder waren, Wird man ſich noch erzählen nach Jahren und Jahren; Und Kind und Kindeskind ſollen einſt froh Anſtaunen die Stiefel des Helden Marlbro'. Bürſte— bürſte zu! „Bürſte— bürſte zu!“ fiel Proddy ein, indem er ſeine Pfeife in ſeinem Enthuſiasmus zerbrach. „Hol's der Teufel!“ rief der Sergeant,„ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn ich an die Güte des Herzogs denke, ſo tritt mir immer das Waſſer in die Augen. Ich wollte, Sie könnten es ſehen, wie er die Verwundeten be⸗ ſucht, wie ich es ſo oft geſehen habe. Er nimmt auf die Feinde eben ſo viel Rückſichten, als auf ſeine eignen Leute. Oder wenn Sie ihm des Nachts auf der Runde durch das Lager begegnen könnten. Er iſt ſo freundlich und zuthulich, und ſo—“ In dieſem Augenblicke zeigte ſich eine hohe Geſtalt an der Thüre. Proddy ſah ſich verlegen um und glitt ſchnell von dem Kaſten herunter. „Es iſt der Sieger von Ramilies ſelbſt,“ flüſterte Scales. „Geniren Sie ſich nicht, Kamerad.“ „Ich genire mich ſo wenig, als ich kann,“ erwiederte Proddy. „Laßt euch nicht ſtören,“ ſagte der Herzog gutmüthig. „Ich habe einen kleinen Auftrag für dich, Sergeant.“ Ainsworth, St. James's. 1. 6 82 Wie des Herzogs von Marlborough „Immer bereit zu gehorchen, Herr General,“ erwiederte Scales, ſich kerzengerade aufrichtend und ſalutirend. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Marlborough, indem er den Proddy anblickte, der dem Sergeanten, ſo gut er konnte, nachahmte.„Mir däucht, ich kenne ihn.“ „Herr Proddy, der Kutſcher der Friaic Eure Durch⸗ laucht,“ antwortete Scales. „Ich wußte wohl, daß ich ſein Geſicht ſchon einmal geſehen hatte. Ihre Majeſtät hat einen guten Diener in Ihnen, ohne Zweifel, Herr Proddy?“ bemerkte der Herzog. „Keinen beſſeren, Eure Durchlaucht, obgleich ich mich nicht ſelbſt rühmen ſollte,“ verſetzte Proddy. „Du kennſt doch den Marquis de Guiscard, Sergeant?“ ſagte der Herzog, ſich zu dieſem wendend. „Sehr gut, Herr General.“ „Und weißt ſeine Wohnung?“ fuhr Marlborough fort. „Nummer 29, Pall Mall.“ „Gut,“ erwiederte der Herzog.„Beobachte ihn und laß mich wiſſen, wo er heute hingeht.“ „Noch mehr Befehle, Herr General?“ Der Herzog verneinte es.. „Eure Durchlaucht weiß wohl ſchon, daß der Marquis geſtern Miß Hill in der St. Jamesſtraße entführen wollte,“ bemerkte Proddy. „Ich habe davon ſprechen hören, allerdings,“ erwiederte der Herzog nachläßig,„aber ich glaube, es iſt ein Irrthum.“ „Es iſt kein Irrthum, mit Verlaub Eurer Durchlaucht,“ entgegnete Proddy.„Ich habe alles von Augenzeugen. Ein Landpfarrer, Namens Hyde, mit ſeiner Frau und Tochter wohnen bei Herrn Greg, einem Gentleman von meiner Be⸗ kanntſchaft, im Hauſe, und von dieſem habe ich das Ganze.“ „Dieſer Greg iſt Schreiber beim Herrn Sekretär Harley, — nicht wahr?“ rief der Herzog ſchnell. Stiefel gewichſt wurden. 83 „Ja wohl, Eure Durchlaucht,“ antwortete Proddy. „Sehen Sie ihn öfters?“ fragte Marlborough. „Zuweilen, Eure Durchlaucht. Er beſucht mich mit⸗ unter und fragt, was im Palaſte vorgeht. Und auf die Art iſt auch unſre Bekanntſchaft entſtunden. Er iſt immer ſehr neugierig, ob Ihre Majeſtät von dem Prätendanten ſpricht.“ „Nun, und was können Sie ihm darüber ſagen?“ fragte der Herzog mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit. „Wenig oder nichts, Eure Durchlaucht,“ erwiederte Proddy.„Dann und wann gelangt auch ein Wörtchen an mich,— aber das iſt nicht viel.“ „Sie ſagten geſtern Abend, daß Sie Herrn Greg ver⸗ ſprochen hätten, einen Brief von ihm an Ihre Majeſtät zu beſtellen,“ bemerkte Scales. „An Ihre Majeſtät!“ rief der Herzog, die Stirn ruu⸗ zelnd.„Unterſteht er ſich—“ „Er hat mich oft um den Gefallen gebeten,“ ſtammelte Proddy,„und zuletzt habe ich es ihm zuſagen müſſen.“ „Haben Sie den Brief bei ſich?“ fragte der Herzog. „J— a— a,“ antwortete der Kutſcher. „Geben Sie her,“ rief Malborough. „Soll ich ihn durchſuchen?“ fragte Scales. „Nein, es iſt nicht nöthig, Sergeant,“ erwiederte Proddy, indem er einen Brief aus ſeiner Mütze hervorholte und dem Hrrzog überreichte. „Sie wiſſen vielleicht nicht, in welche Gefahr Sie ſich geſtürzt haben,“ ſagte der Herzog ſtrenge.„Dieſer Greg ſteht in Verdacht, ein Agent des Prätendenten zu ſein, und ſoll mit dem franzöſiſchen Staatsſekretär Herrn Chamillard in Verbindung ſtehen, um die Geheimniſſe unſeres Kabinets zu verrathen. Wenn dieſer Brief abgegeben worden wäre, ſo würden Sie wahrſcheinlich gehängt worden ſein.“ „Gnade, Eure Durchlaucht, Gnade!“ xief Proddy, von 84 Wie des Herzogs von Marlborough oben bis unten zitternd.„Es iſt blos aus Unwiſſenheit geſchehen,— blos aus Unwiſſenheit. Der Sergeant weiß, daß ich den Prätendenten und die Päpſtelei, wie den Satan und alle ſeine Werke verabſcheue, und gern bis zum letzten Athemzuge für die proteſtantiſche Seceſſion fechten will.“ „Succeſſion, meinen Sie, Proddy,“ flüſterte Scales. „Es ſoll Ihnen nichts geſchehen, wenn Sie ſchweigen,“ ſagte Marlborvugh. „Stumm wie ein Fiſch,“ erwiederte Proddy. „Hüten Sie ſich, gegen Greg etwas merken zu laſſen,“ fuhr der Herzog fort,„denn ich vermuthe, er iſt nicht der einzige, der in dieſe hochverrätheriſchen Umtriebe verflochten iſt, und wir müſſen aller ſchuldigen Theile habhaft zu wer⸗ den ſuchen. Sie können ihm mit gutem Gewiſſen ſagen, daß ſein Brief der Königin übergeben werden wird, denn ich will ihn ſelbſt in ihre Hände legen.“ „Ich will alles thun, was Eure Durchlaucht befiehlt,“ ſagte der Kutſcher, ſich ein wenig von ſeinem Schrecken erholend. „Genug,“ erwiederte der Herzog.„Ich will auf Ihre Treue rechnen. Aber ich muß ſie daran erinnern, daß die geringſte Unvorſichtigkeit ſchlimme Folgen haben kann. Neh⸗ men Sie Ihre Zunge wohl in Acht. Sie ſagen, daß Greg Freunde bei ſich wohnen hat,— einen Landpfarrer und ſeine Frau. Sie müſſen beobachtet werden.“ „Nein, Eure Gnaden, ich könnte darauf ſchwören, daß es keine Verräther ſind,“ erwiederte Proddy. „Sie laſſen ſich leicht etwas aufbinden, fürchte ich, mein guter Freund,“ ſagte der Herzog,„aber wir wollen ſehen. Sergeant, komm um zwei Uhr zu mir und b was du über den Marquis erfährſt.“ „Der Tauſend! jetzt da ich dran denke, fällt es mir w daß der Marquis mit Greg bekannt iſt,“ rief Proddy.„Ich — Stiefel gewichſt wurden. 85 habe ſie zuſammen mit einem Monſieur Claude Baude, dem Sekretär des Grafen von Briangon, geſehen.“ „Wirklich,“ rief der Herzog,„das Complott wird immer größer! Sergeant, gegen Abend geh mit dem Kutſcher und ſieh zu, was aus Greg herauszubringen iſt. Du weißt, was du in der andern Geſchichte zu thun haſt. Meiſter Proddy, ich muß Ihnen noch einmal die unverbrüchlichſte Verſchwiegenheit ans Herz legen.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. „Gott ſei mir gnädig!“ rief Proddy auf den Stuhl hinfinkend.„Wie hab ich mich erſchrocken. Eine hochver⸗ rätheriſche Korreſpondenz mit dem Prätendenten! Eine Ge⸗ ſchichte zum Hängen. Und ich, unſchuldiges Kind, muß ohne mein Wiſſen mit hinein gezogen worden ſein. O je! O je!“ „Still!“ rief der Sergeant.„Denken Sie an die War⸗ nung Seiner Durchlaucht. Kein Wort von allem dem an eine lebende Seele. Nicht einmal zu ſich ſelbſt dürfen Sie's ſagen, denn es iſt Ihnen nicht zu trauen. Aber jetzt muß ich Herrn Timperley, den Kammerdiener Seiner Durchlaucht, rufen und die Stiefeln hinaufſchicken.“ Achtes Kapitel. Von der tödtlichen Herausforderung des Monſieur Hippolyte Bimbelot an Sergeant Scales. Als die Stiefeln abgeholt waren, zog der Sergeant einen Rock an, ſetzte ſich den Hut auf, und ſchlenderte mit Proddy nach Pall Mall, wo die beiden Gefährten ſich trennten, nachdem ſie verabredet hatten, den erhaltenen Befehlen ge⸗ mäß, am Abend einen Beſuch bei Greg zu machen,— der eine begab ſich nach dem Palaſte und der andere richtete ſeine Schritte nach Nummer 29. Scales war bald am Orte ſeiner Beſtimmuug und da er den Kammerdiener des Marquis, . 86 Tödtliche Herausforderung des Monſieur Hippolyte Bimbelot Monſieur Hippolyte Bimbelot, zum guten Glück vor der Thür fand, ſo knüpfte er ein Geſpräch mit ihm an und machte ſich ſo angenehm, daß er eine Einladung erhielt, hereinzutreten. Monſieur Bimbelot hatte noch nicht gefrüh⸗ ſtückt, und obgleich der Sergeant etwa vor zwei Stunden ein Paar Pfund Rindfleiſchſchnitte verzehrt hatte, ſo ließ er ſich doch leicht bewegen, mit am Tiſch Platz zu nehmen, und that es ſeinem Wirth in der Anwendung ſeiner Kauwerk⸗ zeuge bedeutend zuvor. Das Trommeln, Singen und Stie⸗ felputzen hatte ihm Appetit gemacht. Was Monſieur Bim⸗ belot betrifft, ſo war er ein viel zu feiner Herr, um viel zu eſſen. Ein Hühnerflügel, die Krume einer franzöſiſchen Sem⸗ mel und ein Schoppen Bordeaur genügte ihm, wogegen der Sergeant in den Schinken einhieb, eine Scheibe Brod nach der andern abſchnitt, die köſtlichen Geheimniſſe einer Straß⸗ burger Paſtete erforſchte, einem Paar Eier à la coq den Boden einſchlug,— aber ſeinen Kopf über den Franz⸗ wein ſchüttelte. Umſonſt verſicherte Monſieur Bimbelot ihm, daß es ein ausgezeichneter Jahrgang wäre und daß ſein Herr ihn ſelbſt eingeführt hätte;— der Sergeant antwortete ihm ziemlich mürriſch, daß er nie ſo ein ſaures franzöſiſches Zeug tränke, obwohl er zugab, daß ſeine antigalliſchen Vorurtheile ſich nicht bis zu einem eben ſo großen Widerwillen gegen ihren Branntwein erſtreckten. Zum Schluß fanden ſeine Anſichten ein vollſtändiges Entgegenkommen in einer Flaſche Kana⸗ rienwein, welchen er als eine herrliche Magenſtärkung bis in den Himmel erhob. Monſieur Bimbelot modelte ſich, wie die meiſten faſſiv⸗ nabeln Kammerdiener jener Zeit, nach ſeinem Herrn. Gleich ſeinem Herrn, war er daher ein Wüſtling, ein Spieler und ein Beau; und in geringerem Maßſtabe, ein politiſcher Ränke⸗ ſchmied. Er machte Liebesgedichte, freilich abſcheulich genug, an Sergeant Scales. 87 mit hinkenden Füßen, unrichtigen grammatiſchen Konſtruk⸗ tionen und, wie ſeine Rede, wunderlich aus Franzöſiſch und Engliſch zuſammengemiſcht; er hielt ſich für einen Schön⸗ geiſt, machte Witze auf ſeine Kameraden und gab alle ſkan⸗ dalöſen Geſchichten von St. James zum Beſten. Er putzte ſich gewaltig heraus, das heißt, er trug ſeines Herrn abge⸗ legte Kleider, war ſehr wähleriſch in ſeinen Parfümerien, ſchnupfte Spaniol, bedeckte ſein Geſicht mit Schönpfläſterchen, ſpielte Lhombre und Piquet und war in den Theatern der Held der Gallerie. Monſieur Bimbelot war ein kleiner Mann, hatte aber eine recht hübſche Geſtalt, auf die er ſich mächtig viel einbildete, ſein Kopf glich einem Ballon mit einem un⸗ geheuren Munde, furchtbaren vorſtehenden Zähnen, einer Kar⸗ toffelnaſe und einer Farbe wie Ziegelſtaub. So pflegte er auch, wenn er vor dem Spiegel ſtand, um ſein Halstuch umzulegen oder auch nur ſeine Geſtalt zu betrachten, über ſich ſelbſt die Bemerkung zu machen,„pas beau, mais diablement gentil!“ Der Sergeant war viel zu ſehr mit den vor ihm ſtehenden Leckerbiſſen beſchäftigt, um zu ſprechen; dagegen war er ein vortrefflicher Zuhörer, und Monſieur Bimbelot plauderte unaufhörlich über Theater, Kaffeehäuſer, Wirthshäuſer und Spieltiſche, und ſprach mit eben ſo großer Vertraulichkeit von Schauſpielerinnen und Orangenverkäuferinnen, als von Damen vom höchſten Range. Beſonders über das Theater wußte er viel zu ſagen, und er kritiſirte die Leiſtungen von Miſtreß Bracegirdle und Miſtreß Oldfield, dieſen Gegen⸗ königinnen, indem er der erſten die Palme zuerkannte, ob⸗ gleich er geſtand, daß es ein bischen bergab mit ihr gehe, — von Miſtreß Barry, Betterton, Booth, Wilks, Cibber, Verbrugger und andern Sternen des damaligen Theaterhimmels. „Sie aben Madame Bracegirdle auf die Eumarkt ge⸗ ſehn, saus doute, Sergeant,“ ſagte er.„Sie ſchütteln die 88 Tödtliche Herausforderung des Monſieur Hippolyte Bimbelot Kopf. Dann empfehle ich Ihnen, es bald zu thun. Ma foi! qu'elle est charmante, délicieuse, ravissante. Sie ſpielt eut Abend Eſtifania in Regier ein Weib und Hab ein Weib“, und Miſtreß Barry die Margarita. Gehn Sie ja hin. Je vous donne ma parole que vous serez en- chanté. Apropos, Sergeant, Ihr Herzog ſollte ſehn dieſe comédie, denn man ſagt, in Marlbroug'Aus'eißt es himmer „Regier ein Weib“.“ „Keine Witze auf den Herzog, Musjeh Bambelloth,“ ſagte Scales barſch;„ich erlaube es nicht.“ „Pardon, mon cher Sergeant,“ rief Bimbelot,„ich aben die höchſte Reſpekt für Lady Marlbrug. G'est une dame magnifique, superbe comme une reine, et adorable comme un ange. Wenn ich je ſo thörig bin, mich zu ver⸗ heirathen, ſo wünſchte ich von meiner Frau regiert zu werden. Die Männer find immer glücklich unter den Pantoffelregiment, wie Sie ſag. Est-ce que vous savez la raison de cela, mon brave? Ce n'est pas clair, mais c'est indubitable.“ „Musjeh Bambelloth,“ ſagte Scales,„wenn Sie wollen, daß mir mein Frühſtück gut bekommt, ſo müſſen Sie nicht ſo viel franzöſiſch mit mir ſprechen. Sie können gut genug engliſch, wenn Sie nur wollen.“ „Ser kütig, Sergeant,“ antwortete der Kammerdiener; „haber ik ſprechen 46 viel mit mein Errn, daß ik ganz ver⸗ keſſe mein engliſch. „Hören Sie, Bambelloth, wie gefällt Ihnen der Marquis als Herr?“ fragte Scales. „O, ſer kut!“ erwiederte der Kammerdiener,„ſteht mir ſer kut an, ſonſt bätte ik ihm längſt laufen laſſen. Sacre- bleu! C'est un excellent maitre, pas trop riche, mais follement prodigue, et excessivement généreux quand il gagne, ce qui fait la fortune d'un valet. Nein, Ser⸗ — an Sergeant Scales. 89 geant, ik'aben kein Urſach mit dem Marquis unſufrieden zu ſein. Soll ik Ihn ſagen ein Ge'eimniß. Il va se marier.“ „Zum Teufel mit dem Kauderwelſch!“ ſchrie der Ser⸗ geant.„Können Sie denn kein Engliſch? Wen will er denn heirathen?“ „Juren-moi que vous tiendrez le secret, Sergeant, si je vous dis,“ ſagte Bimbelot geheimnißvoll. „Musketen und Bayonnette! Ich verliere noch die Ge⸗ duld,“ rief Scales.„Iſt die Dame reich?“ „Mais non,“ antwortete Bimbelot. „Jung?“ „Pas trop— un peu avancée.“ ühſch2“ „Hübſch? „Mais non— selon mon gout.“ „Nicht jung, noch reich, noch hübſch,“ rief Scales. „Wozu den Teufel heirathet er ſie denn?“ „Ah, da ſteckt der Aaſe, Sergeant,“ entgegnete Bim⸗ belot.„Il a un motif— un trés- bon motif. Je vous conjure d'étre secret. C'est la favorite de la reine— la nouvelle favorite, Sergeant. Qu'en pensez- vous?“ „Davon denken?“ rief Scales—„ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll! Ihr Kauderwelſch mit ſammt der Neuigkeit macht mich ganz konfus.“ „Sie werden bald Veränderungen ſehn, die Sie noch mehr in Erſtaunen ſetzen ſollen, Sergeant,“ verſetzte Bim⸗ belot.„Als mein Err geſtern Abend von die Ball nach Auſe kam, ſagen er zu mir, daß Mademoiſelle Hill ihn»at angenommen, und'at mir befohlen, ich ſoll ihn dieſen Morgen wecken um elf Uhr— und nicht um zwölf, wie gewöhnlich — weil er'aben eine Beſuch zu machen bei Monſieur Harley, den Coufin von die Dame, pour arranger les fiancailles.“ „Arrangiren den Teufel!“ rief der Sergeant ärgerlich; „ich glaube kein Wort davon.“ 90 Tödtliche Herausforderung des Monſieur Hippolyte Bimbelot „Comment donc— est- ce- que vous me doutez, Sergeant?“ rief der Kammerdiener aufgebracht.„Soll das eißen, daß ſie meine Wahrhaftigkeit in Zweifel ziehn, Sär?“ „Ich mißtraue Ihnen nicht, Bambi,“ antwortete Scales, „aber wohl Ihrem Herrn. Miß Hill wird nimmermehr einen verdammten Franzmann heirathen.“ „Ah! sacré nom! c'est trop fort,“ ſchrie der Kammer⸗ diener aufſpringend mit wüthenden Geberden.„k ſein ein Fransmann, Säre, ſo kut wie mein'Err; und die Hehre von meinem Erre iſt mir theuer, wie meine eigne. U faut que le sang coule— Sie müſſen mir keben Satisfaction vor dieſe Inſulte, Sergeant.“ „Sobald Sie wollen, Bambi,“ erwiederte Scales ruhig. „Pas Bambi— Bimbelot, Säre— Monsieur Bim- belot,“ verſetzte der Kammerdiener, ſich mit Würde auf die Bruſt ſchlagend.„Nous nous battrons donc demain matin au point du jour, dans Hyde Park, avec des épées?“ „Gut, Bambi,“ erwiederte der unerſchütterliche Sergeant. „Nous aurons des témoins,“ fuhr Bimbelot fort.„Ik werden bringen ein Sekundant mit mir. Am beſten, Sie rechnen mit der Welt ab, Sergeant, denn ick werden Ihnen ab⸗ ſchneiden Ihren Hals kewiß, wann Sie ſich nicht entſchuldigen.“ „Ich muß es drauf ankommen laſſen, Bambi,“ entgeg⸗ nete Seales,„aber ich bin nicht gewohnt, meine eignen Worte zu eſſen, wie Ihre Landsleute es auch damit halten mögen. Aber mit Ihrer Erlaubniß, da wir unſer Zuſam⸗ mentreffen verabredet haben, ſo wollen wir erſt die Flaſche austrinken.“ „Ah, oui, je vous prie,“ antwortete Bimbelot, der gleich wieder ſeinen höflichen Ton annahm.„Vous trouvez ce vin bon, Sergeant?“ „Vortrefflich!“ erwiederte Scales.„Ihre Geſundheit, Bambi!“ an Sergeant Seales. 91 „Mille remerciments!“ rief der Kammerdiener.„Mögen Sie leben tauſend Jahr,— das'eißt, wenn ik Sie nicht todtſtechen morgen.“ Der Sergeant dankte für das Kompliment und leerte die Flaſche in ein Trinkglas, das er auf einen Zug austrank. Dann erhob er ſich, um fortzugehn. „Je vous prierais de rester et de prendre une autre bouteille,“ ſagte Bimbelot,„mais j'ai entendu sonner la sonnette de mon maftre. Laissez-moi vous conduire à la porte. Adieu, mon sergeant. A demain!“ „Rechnen Sie auf mich, Bambi,“ antwortete Scales, und mit einigen ceremoniöſen Verbeugungen nahmen ſie von einander Abſchied. Ehe der Sergeant aber nach Hauſe ging, wünſchte er ſich davon zu überzeugen, daß es mit der zufällig erhaltenen Nachricht ſeine Richtigkeit habe, und ſchlenderte daher, mit den Augen auf Nummer 29, faſt eine Stunde lang in Pall Mall umher, bis der Marquis kurz vor zwölf Uhr heraus⸗ kam und ſich nach dem St. Jamesplatz begab. Scales folgte ihm vorſichtig in einiger Entfernung, ſah ihn in ein Haus an der Nordſeite des Platzes treten, welches er als Harley's Wohnung kannte, und als er ſich auf dieſe Weiſe überzeugt hatte, daß ihm die Wahrheit geſagt worden war, kehrte er nach Marlborough Haus zurück. ————— Neuntes Kapitel. Das Lever des Sekretärs. Der Marquis de Guiscard ward, obgleich er unmittel⸗ bar vorgelaſſen zu werden hoffte, in ein Vorzimmer geführt, wo mehrere Perſonen gleich ihm eine Audienz bei dem Sekretär erwarteten. Unter dieſen befanden ſich drei Indi⸗ Das Lever viduen, deren Geſichter er ſchon kannte, indem er ſie am Morgen der Hofkour kurz vor ſeinem verunglückten Verſuch, eine Unterredung mit Abigail Hill zu erlangen, unter dem Zuſchauerhaufen in der St. Jamesſtraße bemerkt hatte. Es waren Paſtor Hyde, ſeine Frau und Tochter. Angelika's Jugend und Schönheit hatte Guiscard's Aufmerkſamkeit bei ihrem erſten Zuſammentreffen auf ſich gezogen, aber er war viel zu ſehr mit ſeinen eigenen Plänen beſchäftigt geweſen, um ihr mehr als einen flüchtigen Gedanken zu ſchenken; aber jetzt, da er ſie unter ganz andern Umſtänden erblickte, wun⸗ derte er ſich, daß ſie ihm nicht mehr aufgefallen war. Ange⸗ lika war einfach und ſchlicht und doch nicht unzierlich be⸗ kleidet mit einem niedrigen Barett mit breiten Rändern, das auf der höchſten Stelle ihres Kopfes ſaß und, indem es ihr Geſicht beſchattete, ihr üppiges goldgelbes Haar frei ließ, welches hinten zu einer reizenden Fluth von Locken zuſam⸗ mengebunden war. Ein ſcharlachſeidener Rock, der unter einem an der Seite aufgeſchürzten weißzitzenen Kleide her⸗ vorſah, ein Leibchen von derſelben Farbe wie der Rock, eine Schürze von weißem Muslin, lange weißſeidene Handſchuhe, die faſt bis an den Ellbogen gingen und Schuhe mit hohen Abſätzen, die ſich ihren kleinen Füßen auf's Vollkommenſte anſchmiegten, vollendeten ihre Bekleidung. Ihre Mutter, die, wie ſchon erwähnt worden, noch immer ein ſehr artiges Frauenzimmer war, trug einen ſchwarzſeidenen, ein wenig verſchoſſenen Rock, ein verbrämtes Mäntelchen und Hand⸗ krauſen, eine gefleckte Kappe und geſtickte Schuhe. Paſtor Hyde unterhielt ſich mit einem Amtsbruder von höherem Range, wie aus ſeiner Kleidung, ſo wie aus dem Hute zu erſehen war, den der Doktor auf ſeinen Knieen hielt. Die Geſichtszüge des Letzteren waren hübſch und ein⸗ nehmend, ſeine Farbe blühend und ſeine Geſtalt ſtattlich und imponirend. Er ſah Guiscard bei ſeinem Eintritt feſt an des Sekretärs. 93 und erwiederte deſſen hochmüthigen Blick mit unwilliger Miene, worauf er ſein Geſpräch mit Hyde fortſetzte, von dem er als Doktor Sacheverell angeredet ward. Bald darauf, während der Marquis die hübſche Ange⸗ lika beäugelte, welche, als ſie ſeine Blicke bemerkte, unruhig hin⸗ und herrückte und erröthete, bald hier bald dorthin ſah, mit ihrer Mutter flüſterte und in ihrer Aufregung ihre Schürze zwiſchen den Fingern zerknitterte, öffnete ſich die in⸗ nere Thür und zwei Perſonen traten unter ſchallendem Ge⸗ lächter ein. Zugleich trat ein Thürſteher zu Guiscart heran und ſagte ihm, daß Herr Harley ihn erwartete, worauf der Marquis mit einer Kußhand gegen Angelika und einem höf⸗ lichen Gruß an die eben Eingetretenen in das anſtoßende Zimmer ging. Die erſte der beiden Perſonen, welche den Sekretär ſo eben verlaſſen hatten, war ein Mann von ſehr vornehmen Aeußeren und bedeutend jünger als ſein Begleiter. Seine Geſtalt von mehr als mittlerer Größe war von bewunde⸗ rungswürdigem Ebenmaaß und faſt bis zur Unmännlichkeit zierlich. Seine Züge entſprachen ſeiner Geſtalt und waren ausnehmend ſchön und zart, ſeine Stirn ſo weiß und glänzend wie Pariſcher Marmor, ſeine Naſe ein wenig vorſtehend, aber ſchöngeformt, und ſein Mund von klaſſiſchem Schnitt. Seine Augen waren groß und dunkel und ſo feurig und ſanft wie die einer Frau. Eine unbeſchreibliche Anmuth durchdrang ſeine kleinſten Bewegungen, ſein Benehmen war edel, obwohl etwas übermüthig, und abgeſehen von einer leiſen höhniſchen Miene und einem gewiſſen lockeren Aus⸗ druck, wäre ſein Geſicht äußerſt einnehmend geweſen. Da⸗ gegen müſſen wir ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß dieſer Ausdruck nicht eingewurzelt war, ſondern bei Ge⸗ legenheiten, die eben nicht ſelten waren, ſich ſchnell in den empfindungsvollſten Ernſt und in den erhabenſten und edelſten ————— — 5— Das Lever Blick verwandeln konnte. Er war noch nicht dreißig Jahre alt, aber ſo jugendlich war ſein ganzes Aeußere, daß er für drei oder vierundzwanzig gehalten werden konnte. Er war auf das Modernſte gekleidet und trug einen hell⸗ blauen Sammetrock mit ungeheuren Aufſchlägen, reich mit Silber geſtickt, ambrafarbene Strümpfe, karmvifinrothe Schuhe mit Diamantſchnallen und einen diamantenbeſetzten Degen, von deſſen Griff ein langer ſeidener Quaſt herabhing. Sein Halstuch war von Spitzen und ſeine Hände waren faſt unter den gewaltigen Krauſen von demſelben Stoffe verſteckt. Sein Hut war mit Silberborten beſetzt und an den Rändern be⸗ federt, und er trug ſein eigenes braunes Haar in Locken von etwa achtzehn oder zwanzig Zoll Länge und hinten mit einem flatternden rothen Bande zuſammengebunden,— eine Mode, die er ſelbſt eingeführt hatte. Sein Schnupftuch, das er in der Hand trug und gelegentlich beim Sprechen an die Lippen führte, war ſtark parfümirt, und er verbreitete einen Wohl⸗ geruch um ſich, als käme er eben aus einem Blumenbade. Dies war der Staatsmann, der Redner, der Dichter, der Philoſoph, der Schöngeiſt, der Beau, der Sybarit, der all⸗ vollendete Heinrich Saint⸗John, Ihrer Majeſtät Kriegsſekretär. Sein Begleiter, den er vertraulich Mat nannte und der Niemand anders als der berühmte Dichter Matthias Prior war, war ein magerer, ziemlich hohlwangiger Mann, deſſen dunkle Geſichtsfarbe noch durch die außerordentliche Schwärze ſeines Bartes erhöht war. Seine Züge waren ſcharf und hervorſtechend und ſeine Augen dunkel und von einem Anfall der Gelbſucht etwas gelb gefärbt, aber ſehr glänzend und klug, und funkelten vor Schalkhaftigkeit und guter Laune. Sein Mund hatte einen ziemlich beißenden Zug, aber in ſeinem Weſen lag große Heiterkeit und Ausgelaſſenheit und der Ton ſeiner klaren lachenden Stimme machte auf das OEhr einen angenehmen Eindruck. Er war zweiundvierzig 5. des Sekretärs. 95 alt, ſah aber wie fünfzig aus. Er hatte ſeine Stelle als Unterſtaatsſekretär verloren, aber war noch Mitglied des Handels⸗Bureaus und ſaß im Parlament als Abgeordneter für Oſt⸗Grinſtead. Er trug einen einfachen ſchwarzen Reit⸗ anzug mit zugehörigen Stiefeln, Perrücke und Hut, und hatte eine Reitpeitſche in der Hand. Nachdem ſie einige Minuten lang zuſammen geplaudert hatten, wollte das Paar das Zimmer verlaſſen, als Saint⸗ John den Doktor Sacheverell bemerkte und ſogleich ſtehen blieb. „Ah, Herr Doktor,“ rief er,„ich freue mich, Sie zu ſehen. Ich muß Ihnen und zugleich der Kirche zu Ihrer neulichen Beförderung zur Pfründe von St. Salvator Glück wünſchen. Zu meiner Schande ſei es geſagt, daß ich Sie noch nicht gehört habe.— Worüber lachſt du, Mat, du Schelm?— Aber ich habe gehört, daß die Predigten, die Sie neulich gehalten haben, von außerordentlicher Wirkung waren.“ „So wirkſam wie Mohnſaft,— herrliche Schlafmittel,“ flüſterte Prior. „Ah, Herr Saint⸗John, Sie thun mir zu viel Ehre an,“ ſagte Sacheverell und verbeugte ſich;„dieſes Lob von Ihnen iſt mir ſo angenehm wie unerwartet.“ „Es iſt jedenfalls wohlverdient, mein lieber Doktor,“ erwiederte Saint⸗John.„Die Wirkung Ihrer Predigten hat ſich ſchon in den Kreiſen gezeigt, wo Sie es am meiſten wünſchen müſſen.“ „Ja weil er ſie ſtark mit Politik gewürzt hat,“ flüſterte Prior.„Ihr Hauptverdienſt beſteht in Perſönlichkeiten.“ Suint⸗John ſtieß ſeinen Freund in die Seite, daß er ſtillſchweigen ſollte, während ſich der Doktor bis zur Erde verbeugte. „Die hochkirchliche Partei verdankt Ihnen viel,“ fuhr 96 Das Lever Saint⸗John fort,„und ich glaube, behaupten zu können, daß ſie ſich nicht undankbar zeigen wird.“ „Laß die Whigs ihn mit einem Bisthum beſtechen, und er wird Nonconformität oder jede andere Formität predigen,“ flüſterte Prior. „Sie legen meinen geringen Dienſten mehr Wichtigkeit bei, als ſie verdienen, Herr Saint⸗John,“ ſagte Sacheverell; „aber, da ich glaube, daß ich einiges Gute bewirken kann, ſo will ich die eingeſchlagene Richtung verfolgen. Was mir an Geſchicklichkeit abgeht, werde ich durch Eifer erſetzen, und ich werde vor keinen Drohungen zurückbeben, ſo wie ich mich zu keiner beſtechlichen Belohnung herabwürdigen würde, ob⸗ wohl mir, ich ſtehe nicht an, es auszuſprechen, beides von der gewalthabenden Partei angeboten worden iſt.“ „Was! verſtehſt du den Wink nicht, Heinrich! flüſterte Prior.„Biete ihm doch ohne Weiteres Lincoln oder Cheſter an.“ „Ich werde, wie geſagt, unerſchrocken meinen Weg gehn, Sir,“ fuhr Sacheverell fort,„und werde, ich zweifle nicht daran, zu ſeiner Zeit die Lauen unter den Arbeitern im Weinberge des Herrn zu größeren Anſtrengungen anfeuern. Es bedarf deſſen, denn wenn die Kirche von England je in Gefahr geweſen iſt, ſo iſt ſie es jetzt. Sie lächeln, Herr Prior, aber der Gegenſtand iſt zu ernſt, um mit Leichtfinn behandelt zu werden. Ich wiederhole es, die Kirche iſt in Gefahr. Und dieſen Ruf will ich erheben, bis er von jedem Winkel des Landes wiederhallt,— bis er das jetzige Mini⸗ ſterium von ſeiner Höhe herabſtürzt.“ „Der Tauſend! wenn er das kann, ſo verdient er reich⸗ lich eine Biſchofsmütze,“ flüſterte Prior.„Der Kerl kann uns am Ende doch nützlich ſein. Es fehlt ihm nicht an Energie.“ „Vortrefflich, Herr Doktor,— vortrefflich!“ rief Saint⸗ John, indem er die Bemerkungen ſeines Freundes durch ſein des Sekretärs. 97 lautes Lob zu überſchreien ſuchte.„Die Kirche beſitzt einen tapfern Kämpen in Ihnen.“ „Ihren Feinden iſt zu viel Schonung bewieſen und ihre Freunde ſind nicht kräftig genug unterſtützt worden,“ rief Sacheverell, ſich durch ſeine eigenen Worte aufregend. „Ich will den Nonconformiſten Krieg ankündigen,— einen Krieg auf Tod und Leben, Herr Saint⸗John.“ „Und das Feuer in Smithfield wieder anzünden,“ flüſterte Prior. „Alle Unterſtützung, die wir Ihnen leiſten können, Herr Doktor, ſoll Ihnen werden, ich verſichere es Ihnen,“ ſagte Saint⸗John mit erheucheltem Eifer.„Sie ſollten Herrn Harley Ihre Pläne deutlich auseinanderſetzen.“ „Ich bin zu dieſem Ende hergekommen, Sir,“ erwie⸗ derte Sacheverell,„und die Botſchaft, welche ich von dem Sekretär erhalten habe, läßt keinen Zweifel in mir übrig, daß er mir behülflich ſein will. Herr Harley iſt ein auf⸗ richtiger Freund der Kirche.“ „Er iſt ein aufrichtiger Freund ſeiner ſelbſt,“ ſagte Prior halb bei Seite;„und ſeine Religion iſt ſein Vortheil, aber wenn er zu irgend einer Sekte gehört, ſo find es die Diſſen⸗ ters. Jedoch gegenwärtig paßt es zu ſeinem Spiel, die hohe Kirche aufrecht zu erhalten, und dies iſt der günſtigſte Augen⸗ blick, ihn deßhalb anzugehen.“ „Was ſagen Sie da, Herr Prior?“ fragte Sacheverell. „Ich meinte bloß, Herr Doktor, daß Herr Harley ſich über einen ſolchen Verbündeten wie Sie freuen, und Ihnen durch Dick und Dünn helfen wird,“ antwortete Prior. „Ich meine es ernſt mit dieſer Sache, Herr Prior,“ ſagte Sacheverell,„und bin darauf gefaßt, das Märtyrerthum für meine Meinungen zu beſtehen, wenn es Noth thut.“ „Wir wollen hoffen, daß Sie nur eine Verſetzung zu Ainsworth, St. James's. I. 7 Das Lever beſtehen haben,— in eine beſſere Pfründe, Herr Doktor,“ erwiederte Prior mit beißendem Tone. Saint⸗John beeilte ſich, den Vermittler zu ſpielen, aber in dieſem Augenblick öffnete ſich die innere Thüre wieder und Guiscard trat mit ſtrahlenden Mienen ein. Zugleich benachrichtigte der Thürſteher Sacheverell, daß er eine Audienz bei dem Sekretär haben könnte. Der Doktor empfahl ſich den Herren Saint⸗John und Prior höflichſt und ſo bald ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen hatte, brach das Paar ganz ohne alle Rückſicht auf die Anweſenden in ein lautes Gelächter aus. „Prächtig!“ rief Saint⸗John.„Wenn Sacheverell die Kirche rettet, ſo verdient er mindeſtens, heilig geſprochen zu werden.“ „Stürzt er das Miniſterium, ſo ſoll er Erzbiſchof von Canterbury werden, wenn meine Stimme etwas gilt,“ ver⸗ ſetzte Prior. „Sie lachen über Doktor Sacheverell, meine Herren,“ ſagte Guiscard hinzutretend,„aber laſſen Sie ſich von mir ſagen, daß er ihren Spott nicht verdient. Sie werden ſehen, daß er nicht über die Achſel angeſehen werden darf. Das Feuer iſt noch klein, aber er wird es zu Flammen anfachen.“ „Wie ein Blaſebalg,“ ſagte Prior,„ein ganz gewöhn⸗ liches, aber unentbehrliches Werkzeug.“ „Ich glaube, Guiscard hat Recht,“ ſagte Saint⸗John ernſt.„Bei Gelegenheit, Herr Marquis, ich muß Ihnen Glück wünſchen. Sie werden die neue Favorite der Königin heirathen, wie es ſcheint. Nächſtens werden wir bei Ihnen um Stellen anhalten müſſen, he?“ „Und nicht umſonſt, Herr Saint⸗John, wenn ich welche zu vergeben habe,“ antwortete Guiscard gefällig.„Niemand würde einer Verwaltung beſſer vorſtehen können, als Sie.“ „O, Herr Marquis!“ des Sekretärs. 99 „Ganz gewiß, bei meiner Ehre!“ „Wenn ich einen Anſpruch erheben dürfte, ſagte PVrior, „zwar nur den eines geringen Dichters—“ „Der einzige, den Herr Prior zu erheben nöthig hat, um meiner größten Anſtrengungen zu ſeinen Gunſten gewiß zu ſein,“ erwiederte der Marquis.„Aber er hat noch andere, wiewohl nicht ſtärkere Anſprüche, denen er vielleicht nicht Wichtigkeit genug beilegt, die aber nichts deſto weniger in Betracht zu ziehen find; ich meine ſeine Talente als Staats⸗ mann. Für einen Mann von Herrn Prior's Geſchicklich⸗ keiten würde eine Unterſtaatsſekretärsſtelle unpaſſend ſein. Er muß Staatsſekretär werden.“ „O, Herr Marquis!“ rief der Dichter aus, aber bei ſich ſelbſt dachte er:„bei meiner Seele, er iſt ein Mann von Verſtand und verdient ſein Glück.“ Paſtor Hyde, welcher die dem Marquis gezollte Schein⸗ ehrfurcht bemerkte, hielt es für ſeine Pflicht, aufzuſtehen und ihm eine tiefe Verbeugung zu machen. „Ich hatte geſtern die Ehre, Sie in der St. James⸗ ſtraße zu ſehen, als Sie Miß Hill aufhielten, Herr Marquis,“ ſagte er.„Ich hatte keine Ahnung, daß dies der Erfolg ſein würde. Im Gegentheil mir kam es vor, als wären Ihre Aufmerkſamkeiten der Dame ſehr ungelegen.“ „Etwas mehr Bekanntſchaft mit der Welt würde Ihnen gelehrt haben, mein ehrwürdiger Herr, daß die Neigungen einer Dame ebenſo veränderlich ſind, als ihre Kleidung,“ antwortete Guiseard. „Ich weiß es recht gut, Herr Marquis,“ erwiederte Hyde mit einem Seitenblick auf ſeine Frau,„und ich freue mich, daß ſich der Wind zu Ihren Gunſten gedreht hat. Da Sie wahrſcheinlich bald ſo viel zu vergeben haben werden, ſo laſſen Sie mich um eine kleine Beförderung für mich Das Lever anhalten. Ich habe eine Pfarre in Eſſex, aber ſie trägt mir nur vierzig Pfund des Jahrs ein. „Sie können ſich auf meine Theilnahme verlaſſen, mein ehrwürdiger Freund, wäre es auch nur um ihrer hübſchen Tochter willen,“ entgegnete Guiscard mit einem zärtlichen Blick auf Angelika.“ „Meiner Treu, ein außerordentlich hübſches Mädchen,“ ſagte Prior, deſſen Aufmerkſamkeit hierdurch auf die Tochter des Pfarrers gerichtet ward.„Sieh ſie einmal an, Heinrich. Sie iſt beinahe ſo ſchön wie meine Chloé.“ „Wahrlich das iſt ſie,“ erwiederte Saint⸗John.„Sie wollen alſo Herrn Harley um Beförderuug angehen, wie, Herr Pfarrer?“ „Allerdings, Sir,“ erwiederte Hyde.„Da ich von meinem Freunde Herrn Greg hörte, daß ſein Kaplan eben abgegangen iſt, ſo will ich ihn um die Stelle bitten.“ „Herr Harley hat einen Kaplan für jeden Tag in der Woche,“ ſagte Prior,„und beſpricht ſich mit jedem nach der Reihe. So hält er ſich z. B. des Sonntags zur Engliſchen Hochkirche, des Montags zur presbyterianiſchen, des Dienſtags zur römiſchen, des Mittwochs zu den Quäckern, und ſo weiter bis ans Ende der Woche.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Sir,“ rief Hyde. „Ich verſichere Ihnen, es iſt wahr,“ erwiedert der Prior. „Wenn es Ihnen bei Harley nicht gelingt, ſo kommen Sie zu mir,“ ſagte Bolingbroke.„Ich habe jetzt keinen Kaplan.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen den Hochachtbaren Herrn Heinrich Saint⸗John, Ihrer Majeſtät Kriegsſekretär, vor⸗ zuſtellen,“ ſagte Prior zu dem Pfarrer. „Sie machen mich auf ewig zu Ihrem Schuldner, Sir,“ verſetzte Hyde mit einer Verbeugung gegen Saint⸗John. des Sekretärs. 101 „Durchaus nicht, mein werther Herr,“ erwiederte dieſer, „die Verbindlichkeit wird auf meiner Seite ſein. Dies ſind Ihre beiden Töchter, nicht wahr?“ ſagte er, indem er ſich ihnen näherte. „Gott ſegne Sie,“„nein, Sir!“ rief die ältere der bei⸗ den Damen.„Ich bin Miſtreß Hyde und dies iſt meine Tochter Angelika.“ „Ich hielt Sie wahrhaftig für Ihre Schweſter, Madame,“ erwiederte Saint⸗John.„Nun Sie fürchten ſich doch nicht vor mir, meine hübſche Angelika, daß Sie den Kopf ſo ab⸗ wenden? Ich werde Sie nicht aufeſſen.“ „Das iſt doch noch nicht ſo gewiß, Sir,“ antwortete ſie.„Herr Greg ſagte, daß Sie ein ſchrecklicher Wüſtling wären, und Mutter ſagt, daß Wüſtlinge ſo ſchlimm wie brül⸗ lende Löwen find.“ „O, Herr Greg hat mich einen Wüſtling genannt, wirklich?“ rief Saint⸗John mit erzwungenem Lachen— „ha! ha! Herr Greg iſt ein Witzbold und hat ſich auf meine Koſten amüſiren wollen— ha! ha! Mein Freund hier, Herr Prior, der erſte Dichter des Zeitalters, ſo wie auch der größte Moraliſt, wird Ihnen eine ganz andere Geſchichte er⸗ zählen. Was meinſt du, Mat, verdiene ich ein Wüſtling genannt zu werden, wie?“ „Keineswegs, Heinrich, ſo wenig als der große Alci⸗ biades dieſen Namen verdient,“ erwiederte Prior.„Wer das ſagt, hat dich ſchändlich verläumdet.“ „Ich glaube es auch,“ ſagte Angelika leiſe zu ihrer Mutter.„Er iſt ein wunderhübſcher Gentleman und fieht gar nicht ſo aus, als könnte er einem etwas zu Leid thun.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte ihre Mutter.„Herr Greg muß ſich ganz verſehen haben. Es iſt ganz klar, daß der Gentleman kein Wüſtling iſt, denn er kann eine alte Frau nicht von einem Mädchen unterſcheiden.“ Das Lever „Das gibt den Ausſchlag,“ ſagte Angelika. „Ich ſehe, Sie haben Ihre Meinung von mir geändert, Angelika,“ bemerkte Saint⸗John.„Wenn Sie mich erſt beſſer kennen, ſo werden Sie finden, daß ich der ſchüchternſte Menſch unter der Sonne bin. Wenn ich ja einen Fehler habe, ſo iſt es dieſer.“ „Ich könnte mich ihm ohne Furcht tichat ob⸗ gleich er mich für ſo jung hält,“ ſagte Miſtreß Hyde. „Das könnten Sie auch ohne die mindeſte Gefahr,“ bemerkte Prior ſeitwärts. „Nun, meine hübſche Angelika, ich muß Ihnen jetzt einen guten Morgen wünſchen,“ ſagte Saint⸗John,„denn ich habe Geſchäfte, die mich von hinnen rufen. Aber ſein Sie verſichert,“ fügte er mit geſenkter Stimme hinzu,„daß ich Sie nicht aus den Augen verlieren werde. Ihre Reize haben einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.“ Angelika erröthete bis an die Schläfe und ſchlug ihre Augen zu Boden. „Guten Morgen, Madame,“ fuhr Saint⸗ John fort, in⸗ dem er ſich an Miſtreß Hyde wandte.„Selbſt nach der Verſicherung, die Sie mir gegeben haben, kann ich kaum glauben, daß Sie Angelikas Mutter ſind. Sie müſſen un⸗ gewöhnlich früh geheirathet haben. Herr Hyde, Ihr erge⸗ bener Diener. Sie werden mein Verſprechen nicht vergeſſen, im Falle es Ihnen bei Herrn Harley nicht glückt.“ „Ich werde Sie daran erinnern, Sir,“ erwiederte der Pfarrer mit einer Verbeugung. Und indem er Angelika noch einen Handkuß zuwarf, verließ Saint⸗John das Zimmer mit Prior und dem Marquis. „Was ſagte er beim Abſchiede zu Dir, mein Liebe?“ fragte Miſtreß Hyde ihre Tochter. „Weiter nichts, als wie ſehr ihm Ihr jugendliches Aus⸗ ſehen aufgefallen iſt, Mutter,“ erwiederte Angelika. des Sekretärs. 103 „Na, es iſt doch ſonderbar,“ ſchmunzelte Miſtreß Hyde. „Ich habe noch Niemand ſagen hören, daß ich ſo jung aus⸗ ſehe,— auch nicht einmal deinen Vater. Aber hier kommt Doktor Sacheverell. Jetzt werden wir eine Audienz bei Herrn Harley erhalten. Ich hoffe beinahe, daß die Kaplan⸗ ſtelle ſchon vergeben iſt, denn dann werden wir zu Herrn Saint⸗John gehen.“ Angelika machte eine Miene, als ob ſie mit ihrer Mutter ganz einerlei Meinung wäre und der Thürſteher führte ſie in das Zimmer ſeines Herrn. Zehntes Kapitel. Harley's geheime Unterredung mit der Königin. Man kann ſich wohl denken, daß Harley ſich pünktlich bei ſeinem Stelldichein mit Abigail einfand. Seit dem Ball⸗ abend hatte keine Mittheilung weiter zwiſchen ihnen ſtattge⸗ funden; aber um eilf Uhr Abends verfolgte er in einem Roquelor gehüllt die Gartenmauer des Palaſtes gegen den St. James Park, bis er eine in derſelben befindliche Thür erreichte. Kaum war er hier angekommen, ſo ward fie, wie es ſchien, von Abigail ſelbſt geöffnet,— aber die Nacht war zu dunkel, als daß er ſie hätte erkennen können,— und er ward in den Garten hereingelaſſen. Kein Wort ward gewechſelt, ſondern ſeine Führerin eilte nach dem Palaſte hin und er folgte ihr eben ſo ſchnellen Schritts. Sie trat durch eine Thür und als er hineingegangen war, verſchloß ſie ſie geräuſchlos, eilte einen Gang entlang, ſtieg eine Treppe hinauf, und öffnete ein Zimmer, in welchem ein Licht brannte. „Ich entſetze mich faſt ſelbſt über das, was ich gethan habe,“ ſagte Abigail auf einen Stuhl hinfinkend,„denn ob⸗ gleich ich weiß, daß ich nur der Königin diene, ſo iſt doch 4 Harley's geheime Unterredung 5 eine heimliche Unterredung, beſonders zu einer ſolchen Stunde, gar nicht nach meinem Geſchmack.“ „Es iſt kein Grund zur Furcht vorhanden,“ erwiederte Harley, ſeinen Roquelor ablegend und ſich in einer vollen Gallakleidung von koſtbarem braunen Sammet zeigend.„Wenn irgend Jemand ſich zu fürchten hat,“ fügte er hinzu, wäh⸗ rend er vor dem Spiegel an ſeinem Spitzenhalstuch zupfte und ſeine Perrücke, die unterwegs etwas in Unordnung ge⸗ rathen war, wieder zurecht ſetzte,„ſo bin ich es ſelbſt.“ „Sie laſſen eben nicht viel Unruhe blicken,“ bemerkte Abigail lachend. „Um die Wahrheit zu ſagen, ſo fühle ich auch keine,“ erwiederte Harley;„mein einziges Gefühl iſt das der Dank⸗ barkeit gegen Sie.“ „Ein Miniſter erinnert ſich nie einer Gefälligkeit, ſagt man,“ verſetzte Abigail. „Das mag bei andern gelten, aber nicht bei mir,— wenigſtens nicht in Ihrem Fall,“ entgegnete Harley.„Aber darf ich fragen, liebe Couſine, ob Sie noch derſelben Mei⸗ nung in Betreff des jungen Masham ſind?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Abigail nachläſſig.„Haben Sie ihn heute geſehen?“ „Nein,“ antwortete Harley;„aber den Marquis habe ich geſehen.“ „Der unangenehme Menſch!“ rief Abigail. „So lieben Sie ihn alſo nicht!“ ſagte Harley mit ver⸗ ſtelltem Erſtaunen. „Ich kann ihn nicht ausſtehen,“ rief Abigail. „Sie haben ihm das Gegentheil eingeredet,“ ſagte Harley. „Sie kennen meine Gründe,“ entgegnete Abigail.„Ich war auf Masham ungehalten und wollte ihn ärgern.“ „Und das iſt Ihnen ſo gut gelungen, daß ich fürchte, Sie haben ihn ganz und gar verloren.“ mit der Königin. 105 „Durchaus nicht, Herr Vetter,“ verſetzte Abigail.„Mor⸗ gen werde ich ihn wieder zu meinen Füßen ſehn.“ „Sie ſprechen ſehr zuverſichtlich,“ ſagte Harley;„ſo zuverſichtlich, daß ich glaube, Sie haben etwas von ihm gehört?“ „Kein Wort— keine Zeile,“ antwortete ſie.„Hören Sie, Vetter, wir müſſen uns verſtändigen. Bis jetzt habe ich noch keinen Pakt mit Ihnen geſchloſſen. Durch meine Vermittelung ſollen Sie die Königin ſprechen, aber wenn Sie den Beſuch zu wiederholen wünſchen, ſo müſſen Sie mir in meinen Abſichten auf Masham beiſtehn. Ich habe geſagt, daß ich ihn morgen zu meinen Füßen zu ſehn er⸗ warte. Es ſei Ihre Sache, ihn dahin zu führen.“ „Aber, liebe Coufine—“ „Kein„Aber'!“ unterbrach Abigail ihn mit Entſchloſſen⸗ heit.„Mein Wille muß ausgeführt werden, oder es giebt keine geheimen Unterredungen mit Ihrer Majeſtät mehr für Sie. Ich ſage nicht, daß ich Herrn Masham verzeihen will, ich ſage nicht, daß ich ihn am Ende zu erhören denke,— aber es verlangt mich darnach ihn zu demüthigen,— ihn zu peinigen,— ihn zu— kurzum, hier muß er ſein, mor⸗ gen zu dieſen Füßen, voll Reue und Liebe.“ „Ich will mein Beſtes thun, Coufine, aber—“ „Ihr Beſtes genügt mir nicht,“ rief Abigail.„Es muß ſein, ſage ich Ihnen, oder Sie ſollen die Königin jetzt nicht ſehn. Ich bin hartnäckig, wie Sie finden werden.“ „Nun gut, ich gebe Ihnen mein Wort, daß es ſein ſoll,“ erwiederte Harley.„Sind Sie damit zufrieden?“ „Vollkommen,“ antwortete Abigail,„und nun folgen Sie mir. Die Königin erwartet uns.“ Bei dieſen Worten führte ſie ihn durch einen ſchmalen Corridor und trat in ein Vorzimmer, wo ſie leiſe an eine im Hintergrunde befindlichen Thüre klopfte, worauf eine Harley's geheime Unterredung melodiſche Stimme Herein rief. Im nächſten Augenblick befand ſie ſich mit ihrem Begleiter in Gegenwart der Königin. Anna ſaß auf einem Lehnſtuhl mit einem ſammtnen Fußſchemel vor ſich und trug ein weiß ſatinenes, mit dem koſtbarſten Spitzen beſetztes Kleid. Sie hatte ein blaues Band quer über die Schulter und einen Stern auf der Bruſt. Das Zimmer, in welchem ſie ſaß, war ein kleines Gemach, das zu einer ſolchen Unterredung wohl geeignet und ziemlich ſpärlich ausgeſtattet war, indem es keinen andern Stuhl enthielt als den, welchen Ihre Majeſtät ſelbſt einnahm. An den Wänden hingen einige Gemälde, unter denen ein Bruſtbild des Prinzen Georg von Dänemark das hervorſtechendſte war. „Ich habe dieſe Unterredung auf das ſehnlichſte herbei⸗ gewünſcht, Madame,“ ſagte Harleh, indem er ſich der Königin näherte und ihr eine tiefe Verbeugung machte,„weil, obgleich meine Treue und Ergebenheit mich ſeit einiger Zeit getrieben haben, mit Eurer Majeſtät einen Gegenſtand zu beſprechen, der meinem Herzen am nächſten liegt, es doch bis jetzt immer an einer Gelegenheit zu einer genügenden Erklärung gefehlt hat. Jetzt kann ich mich ausſprechen, wenn ich Eurer Ma⸗ jeſtät allergnädigſte Erlaubniß dazu habe.“ „Ich bin von Ihrer Treue und Ergebenheit hinlänglich überzeugt, Herr Harley, und will gern alles anhören, was Sie mir zu ſagen haben,“ erwiederte Anna. „Mit einem Wort alſo, Madame,“ ſagte Harley,„ich bemerke mit unausſprechlicher Betrübniß Ihre gegenwärtige Lage. Verzeihen Sie mir meine Kühnheit, aber es würde wenig nutzen, wenn ich nicht die Wahrheit ſprechen wollte, und ich will es auch auf jede Gefahr hin thun. Ihre an⸗ geborne Güte iſt von einer gewaltthätigen und ehrſüchtigen Dame, der Sie Ihre Neigung zugewandt haben, bis zu einem ſolchen Grad gemißbraucht worden, daß Sie nicht länger alleinige Herrin Ihres Königreichs ſind.“ mit der Königin. 107 „Das iſt in der That eine kühne Sprache, Sir,“ ſagte Anna, indem ſie auf ihren Fächer ſchlug,— eine ihr eigen⸗ thümlich Geberde, wenn ſie unmuthig war. „Ich ſehe, daß ich hiermit anſtoße, Madame,“ fuhr Harley fort'“,„aber ich erſuche Sie, mit mir Geduld zu haben, Meine Sprache kann kaum ſtark genug ſein, während die Herzogin von Marlborough aller Orten verkündet, daß Sie nichts mehr ohne ſie thun können.“ „Ah! wirklich? ſagte ſie ſo?“ rief Anna, noch unge⸗ duldiger als vorher auf ihren Fächer ſchlagend.„Es iſt Zeit, ſie zum Schweigen zu bringen.“ „Wahrlich das iſt es, Madame,“ ſagte Harley,„ſowohl um Ihrer ſelbſt willen, als wegen der Wohlfahrt des Landes, welches kläglich unter dem Druck dieſer habſüchtigen Dame leidet, die ſich trotz der zahlloſen Gunſtbezeugungen, die ſie von Ihnen erhalten hat, noch immer beklagt, nicht hin⸗ länglich belohnt worden zu ſein.“ „Ich wußte, daß ſie undankbar iſt, aber ich glaubte nicht, daß fie es bis zu ſolchem Maße wäre,“ rief die Köni⸗ gin zornig. „Aber worüber ich und alle treuen Unterthanen Eurer Majeſtät ſich hauptſächlich beklagen,“ fuhr Harley fort, i daß die herrſchſüchtige Herzogin Sie durch ihre Drohungen zu Handlungen verleitet, die Sie ſelbſt mißbilligen und die dem Intereſſe des Landes überaus ſchädlich ſind. Aus dieſem Grunde allein würde ich ſchon auf ihre Entlaſſung dringen.“ „Ich will es bedenken, Sir,“ antwortete Anna unent⸗ ſchloſſen.„Jedenfalls kann es nicht gleich geſchehen.“ „Geſchieht es nicht gleich, Madame, ſo wird es nie⸗ mals geſchehen,“ ſagte Harley ernſt.„Ich bitte, verzeihen Sie mir und ſetzen Sie meine Zudringlichkeit auf Rechnung 108 Harley's geheime Unterredung meines Eifers. Sie ſteht zwiſchen Ihnen und Ihrem Adel, zwiſchen Ihnen und Ihren Parlamenten, zwiſchen Ihnen und Ihrem Volk. Fern ſei es von mir, daſſelbe Verfahren zu befolgen, welches ich ſo ſehr bei dieſer hochfahrenden Dame mißbillige. Fern ſei es von mir, Drohungen zu äußern. Aber meine Pflicht gegen Eure Majeſtät zwingt mich, Ihnen ohne Umſchweife zu ſagen, daß Sie es zu bereuen haben werden, wenn Sie ſich der Herzogin nicht entledigen. Sie fühlen die durch ihre herrſchſüchtige Gemüthsart veranlaßte Unbehaglichkeit, aber Sie können nicht ermeſſen, wie großen Schaden ſie Ihnen zufügt.“ „Sie irren ſich, Sir. Ich kann es ermeſſen und ich beklage es,“ erwiederte Anna.„O, wenn ich ſie ohne Schwierigkeit entfernen könnte! Aber der Auftritt wird ſchreck⸗ lich ſein.“ „Gewiß nicht, wenn Sie meinem Rathe zu folgen ge⸗ ruhen, Madame,“ ſagte Harley.„Ich habe Ihnen ſchon durch Abigail meine Bereitwilligkeit ausdrücken laſſen, die Hand zu Ihrer Befreiung zu bieten, und ich habe einen Plan abgefaßt, den ich Ihnen jetzt anheimſtelle. Wenn er genau befolgt wird,“ fügte er hinzu, indem er ein Papier entfaltete,„ſo wird die Herzogin Eurer Majeſtät das Un⸗ angenehme einer Entlaſſung erſparen, denn ſie wird ſich frei⸗ willig zurückziehen.“ „Laſſen Sie hören,“ ſagte die Königin.„Ah!“ rief ſie erſchrocken, als ſich das Geräuſch eines Schlüſſels in einem Schloſſe hören ließ,„die geheime Thür! ſie iſt es!“ „Ha! Verderben!“ rief Harley, indem er das Papier in ſeiner Hand zuſammendrückte. Kaum hatte er dieſen Ausruf ausgeſtoßen, ſo öffnete ſich eine kleine Seitenthüre und die Herzogin drang in das Zimmer. „So,“ rief ſie aus,„Sie find alſo wirklich hier, mit der Königin. 109 Herr Harley. Ich konnte es nicht glauben, aber ich finde doch, daß es wahr iſt. Ein Schelm wagt alles. Eure Majeſtät thut wohl daran, dieſem doppelzüngigen Betrüger eine geheime Audienz zu ertheilen.“ Eilftes Kapitel. Worin es ſich zeigt, daß die Herzogin von Marlborough noch nicht ganz ihren Einfluß auf die Königin verloren hat. Als die Herzogin von Marlborough ſich einige Sekun⸗ den lang an der durch ihre plötzliche und unerwartete Er⸗ ſcheinung hervorgerufenen Verwirrung geweidet und Harley mit einem verächtlichen und unwilligen Blick durchbohrt hatte, näherte ſie ſich der Königin und ſagte im Tone des tiefſten Vorwurfs:„Iſt es dazu gekommen, Madame? Sollen meine langen, treuen Dienſte ſo belohnt werden?“ „Was meinen Sie, Frau Herzogin?“ fragte Anna, in⸗ dem ſie ſich vergeblich bemühte, ihre Verlegenheit zu verbergen. „Stellen Sie ſich nicht unwiſſend, Madame,“ erwiederte die Herzogin verächtlich.„Es hilft Ihnen nichts. Ich weiß, auf welche Weiſe und von wem Herr Harley hierher geführt worden iſt, und warum. Der Plan war ſeiner und ſeiner heuchleriſchen Bundesgenoſſin würdig, aber Ihrer ſelbſt un⸗ würdig, höchſt unwürdig. Was muß der Zweck einer Un⸗ terredung ſein, welche des Geheimniſſes nöthig hat? Was muß es ſein, wenn die Königin von England erröthet,— ja, erröthet,— ſich dabei betreffen zu laſſen?“ „Nichts mehr davon, Frau Herzogin!“ rief Anna zornig. „Nein, ich will mich ausſprechen, Madame,“ erwie⸗ derte jene,„und ſollten es auch die letzten Worte ſein, die ich je an Sie richte. Ich will Ihnen zeigen, wie ſehr Sie von dieſem doppelzüngigen, hinterliſtigen Menſchen getäuſcht 110 Es zeigt ſich, daß die Herzogin von Marlborough worden ſind, der in meiner Gegenwart beſchämt daſteht, obgleich er eben noch ſeinen Kopf hoch genug in der Ihrigen zu tragen gewagt hat. Dieſer elende Achſelträger, ſage ich, der jetzt zu Ihnen kommt, würde ſich mit Freuden zu jedem Vergleich mit mir verſtanden haben. Aber ich habe ſeine Vorſchläge mit Verachtung zurückgewieſen. Ich mochte ihn nicht einmal als Werkzeug gebrauchen. Dafür rächt er ſich mit den jämmerlichſten Ränken, und nachdem er Eure Majeſtät auf Wegen erreicht hat, deren nur er oder ein eben ſo ſchlechter Menſch ſich bedienen konnte, flößt er Gift in Ihr Ohr, das ſich aber zum Glück eben ſo unſchädlich erweiſt, als es unheilvoll und Verderben bringend gemeint war. Laſſen Sie ihn dies läugnen, wenn er kann.“ „Ich läugne es,“ erwiederte Harley, der jetzt ſeine ganze Faſſung wiedergewonnen hatte,„ich läugne es unbedingt. Eure Majeſtät hat die Herzogin bis zu Ende gehört, und ich hätte mir keine beſſere Fürſprecherin für meine Sache wünſchen können, als ſie es eben geweſen iſt. Ganz abge⸗ ſehen von ihren falſchen und kleinlichen Beſchuldigungen gegen mich, die ich mit Verachtung von mir weiſe, frage ich Eure Majeſtät, ob meine Klage nicht aufs kräftigſte von ihrem jetzigen Benehmen unterſtützt wird? Iſt dies die Sprache einer Unterthanin? Iſt dies der Ton einer Unter⸗ thanin? Iſt dies das Betragen einer Unterthanin? Wodurch iſt ſie zu dieſer Einmiſchung berechtigt? Es ziemt ſich nicht für die Herzogin von Marlborough, Eurer Majeſtät vor⸗ zuſchreiben, wen und zu welcher Stunde Sie ihn empfangen ſollen. Eben ſo wenig ziemt es ſich für die Herzogin, ſich unaufgefordert in Ihre geheime Conferenzen zu drängen. Wenn ſie wußte, daß ich hier war, und zwar mit Ihrer gnädigſten Erlaubniß, ſo hätte ſie ſich gerade deßhalb ent⸗ fernt halten ſollen. Aber ich freue mich, daß ſie ge⸗ kommen iſt. Ich freue mich, ihr Angeſicht zu Angeſicht ihren Einfluß auf die Königin noch nicht ganz verloren hat. 111 vor Eurer Majeſtät gegenüber treten zu können, ihr ſagen zu können, daß ſie es an Dankbarkeit und Ehrfurcht gegen Sie mangeln läßt, und ihren Behauptungen noch einmal widerſprechen zu können. Ich fordere ſie auf, es zu beweiſen, daß ich ihr Vorſchläge gemacht habe.“ „Sie lügen,“ rief die Herzogin ganz außer ſich, und ihn mit ihrem Fächer ſchlagend. „Frau Herzogin, Sie vergeſſen ſich,“ ſagte die Königin ſchnell, aber mit Würde. „Ich muß Eure Majeſtät um Erlaubniß bitten, mich zurückziehen zu dürfen,“ ſagte Harley, faſt ganz bleich vor unterdrückter Wuth.„Die Zunge der Herzogin iſt ſcharf genug, wie Sie gehört haben; aber wenn ſie Waffen ge⸗ braucht, die ich nicht anwenden kann, ſo iſt der Kampf zu ungleich, um weiter fortgeſetzt werden zu können.“ „Bitte, bleiben Sie, Sir,“ ſagte Anna flehend,„und wenn der Herzogin irgend etwas an meinem Wohlgefallen gelegen iſt, ſo wird ſie Sie wegen ihrer Heftigkeit um Ver⸗ zeihung bitten.“ „Ich bedaure, Ihnen nicht gehorchen zu können, Ma⸗ dame,“ erwiederte die Herzogin,„aber ſo lange Herr Harley nicht die Unwahrheiten zurücknimmt, welche er ausgeſprochen hat, kann ich mich nicht dazu verſtehen. Ihn um Verzeihung bitten, meiner Seele, nein! Mag er den Schlag ertragen, ſo gut er kann. Er hat dergleichen ſchon eher ertragen, dafür ſtehe ich, und zwar ohne Murren. Aber ich habe noch ein Wörtchen mit ihm zu ſprechen. Seine Gegenwart bei dieſer geheimen Zuſammenkunft und die Ränke, deren er ſich gegen Eure Majeſtät bedient hat, bilden geradezu einen Treubruch gegen das Kabinet, zu welchem er gehört, und es bleibt ihm jetzt in Ehren keine andere Wahl, als ſich zurückzuztehen.“ „Ich werde mir die Freiheit nehmen, meine Stelle trotz 112 Es zeigt ſich, daß die Herzogin von Marlborough Eurer Durchlaucht ſo lange zu behalten, als ich Ihrer Ma⸗ jeſtät von Nutzen ſein kann,“ erwiederte Harley. „Das ſieht Ihnen ganz ähnlich, Sir,“ ſagte die Her⸗ zogin,„aber nichts deſtoweniger wird Ihre Entlaſſung nicht lange auf ſich warten laſſen.“ „Diejenige Eurer Durchlaucht könnte ihr möglicherweiſe vorangehen;“ entgegnete Harley. „Dieſer Streit muß ein Ende nehmen,“ ſagte Anna mit Feſtigkeit. „Ich bitte Eure Majeſtät wegen des Antheils um Ver⸗ zeihung, den ich daran zu nehmen gezwungen war,“ erwie⸗ derte Harley,„und wenn ich ihn noch um einige Augen⸗ blicke zu verlängern wage, ſo iſt es nur, weil ich nach den verläumderiſchen Bemerkungen der Herzogin einige Erklärun⸗ gen für unumgänglich nöthig halte. Ob ich hinterliſtige Mittel gebraucht habe, um zu Eurer Majeſtät zu gelangen, wiſſen Sie ſelbſt am beſten; aber wenn ich keinen geraderen Weg eingeſchlagen habe, ſo geſchah es deshalb, weil Sie ſo von den Geſchöpfen der Herzogin umringt ſind, daß derſelbe erfolglos geweſen ſein würde. Von der Art und Weiſe, wie die Herzogin dieſes Spionirſyſtem betreibt, kann Eure Majeſtät ſich durch den Umſtand eine Vorſtellung machen, daß die Zuſammenkunft, welche Sie mir geſtern Abend zu bewilligen geruhten, zu ihrer Kenntniß gelangt iſt. Und jetzt, Madame, will ich mit Ihrer gnädigſten Erlaubniß mit dem fortfahren, was ich zu ſagen im Begriff ſtand, als dieſe Unterbrechung ſtattfand. Sie haben ſelbſt eingeſtanden, wie gern Sie das Joch abſchütteln möchten, das Ihr allzugroßes Vertrauen Ihnen auferlegt hat.“ „Dies kann unmöglich wahr ſein, Madame,“ rief die Herzogin.„Strafen Sie ihn Lügen,— ſtrafen Sie ihn Lügen.“ „Ihrer Majeſtät Stillſchweigen iſt eine genügende —,——— —————— —,———— ihren Einfluß auf die Königin noch nicht ganz verloren hat. 113 Antwort,“ erwiederte Harley. Eure Durchlaucht wird bemerken können, daß Sie durch Ihren übermäßigen Hochmuth, durch Ihre Heftigkeit und Habſucht die Zuneigung einer zu nach⸗ ſichtigen Gebieterin verſcherzt haben. Nur der Gutmüthig⸗ keit, welche Sie mißbrauchen, haben Sie es zu verdanken, daß Sie Ihre Stelle noch nicht verloren haben. Aber ich ſage Ihnen in Gegenwart der Königin und in ihrem Namen, daß es ihr Wunſch— ihr Befehl iſt, daß Sie ſich der⸗ ſelben begeben.“ „Ha!“ rief die Herzogin mit der Stimme einer Löwin. S Harley, Sie gehen zu weit,“ ſugte die Königin aufs äußerſte beunruhigt. „Nein, Eure Majeſtät,“ erwiederte Gin„ich will alles auf mich nehmen. Ich will dieſer herrſchſüchtigen Frau ſagen, daß ihre Regierung ein Ende hat, daß Sie entſchloſſen find, ſich aus ihrer Sklaverei zu befreien und die große Kö⸗ nigin zu ſein, die Sie ſein ſollten und find. Ein raſcher Entſchluß genügt. Der Schritt iſt gethan. Der Auftritt, den Sie ſo ſehr fürchteten, iſt da. Befehlen Sie ihr, das Zimmer zu verlaſſen und ihre Stellen aufzugeben und dann werden Sie die wirkliche Gebieterin Ihres Königreichs ſein. Heißen Sie ſie gehen.“ „Dies Wort wird die Königin nimmer ausſprechen, Sir,“ ſagte die Herzogin unerſchrocken. „Die Freiheit Eurer Majeſtät hängt an einem Athem⸗ zuge,“ flüſterte Abigail.„Bedenken Sie, wie viel Sie ge⸗ litten haben.“ „Frau Herzogin,“ ſagte die Königin mit ſtark bewegter Stimme,„ich muß—“ „Ehe Sie fortfahren, Madame,“ unterbrach ſie die Her⸗ zogin,„laſſen Sie mich ein Wort ſprechen. Ich will mich nicht durch einen Vergleich mit den Perſonen, welche ich in Ihrer Umgebung gefunden habe, Ich achte Ainsworth, St. James's. I. 114 Es zeigt ſich, daß die Herzogin von Marlborough * ſie für nichts, außer in ſoweit, als Eure Majeſtät ihnen Wichtigkeit zu verleihen beabſichtigen. Ich' will Sie nicht daran erinnern, wie unabläſſig meine Kräfte in Ihrem Dienſte angeſtrengt worden ſind,— wie ich ſeit Ihrer Thronbe⸗ ſteigung nur Gedanken gehabt habe, die Erhöhung Ihres Ruhms—. „Mit n Nebenberückſchtigung Ihrer eigenen Erhebung,“ bemerkte Harley beißend. „Ich will Sie nicht an die wichtigen Dienſte meines Gemahls im Felde und im Kabinet erinnern,“ fuhr die Her⸗ zogin fort, ohne auf dieſe Bemerkung zu achten,„ſondern ich will mich damit begnügen, der Freundſchaft zu gedenken, mit der Sie mich viele, viele Jahre lang beehrt haben und die ſich nicht auf öffentliche, ſondern auf Privatangelegen⸗ heiten bezieht. Wir haben unſere geheimſten Gefühle aus⸗ getauſcht,— unſere Freuden und Leiden getheilt. Wir haben beide getrauert,— gemeinſchaftlich getrauert um den Ver⸗ luſt eines Sohns. Die Liebe hat uns gleich geſtellt. Miſtreß Freeman und Miſtreß Morley waren einander einſt theuer,— ſehr, ſehr theuer.“ „Das waren ſie,— das waren ſie,“ ſagte Anna ſtark bewegt. „Und ſoll dies alles vergeſſen werden?“ fragte die Herzogin. „Es iſt Miſtreß Freemann's eigene Schuld,“ erwiederte die Königin.„Sie hat ihre Freundin dazu gezwungen.“ „Sie wird jede Genugthuung dafür geben, die ihre Freundin verlangt,“ ſagte die Herzogin reuevoll;„ja, noch mehr, ſie verſpricht, ſich nie wieder zu vergehen.“ „Iſt es möglich!“ rief Anna;„wenn das wirklich der Fall wäre—“ „Es iſt wirklich der Fall,“ erwiederte die Herzogin, ſich der Königin zu Füßen werfend, die ſie ſogleich erhob und zärtlich umarmte. ihren Einfluß auf die Königin noch nicht ganz verloren hat. 145 „Liebe Miſtreß Freeman,“ rief Anna. „Liebſte Miſtreß Morley,“ rief die Herzogin. „Dieſer Zug von affektirter Zärtlichkeit hat alles ver⸗ dorben,“ murmelte Harley mit einem bedeutſamen Blick auf Abigail.„Madame,“ ſagte er zur Königin,„ich darf mich jetzt wohl zurückziehen. Meine Gegenwart kann jetzt weder nothwendig noch wünſchenswerth mehr ſein.“ „Ehe Sie gehen, Sir, muß ich auf eine Verſöhnung zwiſchen Ihnen und der Herzogin beſtehen,“ ſagte die Königin. „Nein, Frau Herzogin, Sie hatten Unrecht und es iſt an Ihnen, den erſten Schritt zu thun. Wie, zaudern Sie? Wird Miſtreß Freeman Miſtreß Morley eine Bitte abſchlagen?“ „Dieſe Aufforderung iſt unwiderſtehlich!“ erwiederte die Herzogin.„Herr Harley, ich war zu voreilig.“ Und hier⸗ mit reichte ſie ihm die Hand. „Ich nehme Eurer Durchlaucht Hand, ſo wie ſie ge⸗ geben iſt,“ erwiederte Harley, ſich der Herzogin nähernd. „Dieſer Schlag iſt härter als der erſte,“ fügte er mit leiſerem Tone hinzu. Die Herzogin lächelte triumphirend. „Von jetzt an müſſen alle Feindſeligkeiten zwiſchen Ihnen eingeſtellt werden,“ ſagte die Königin. „Sehr gern, unter der Bedingung, daß dies die letzte geheime Unterredung zwiſchen Eurer Majeſtät und Herrn Harley iſt,“ verſetzte die Herzogin. „Sehr gern, unter der Bedingung, daß Ihre Durch⸗ laucht ihr jetziges freundliches Benehmen nicht ändert,“ fügte Harley hinzu.„Miſtreß Freeman iſt der Herzogin von Marl⸗ borough bei weitem vorzuziehen.“ „Da der Friede wieder hergeſtellt iſt, ſo will ich mich entfernen,“ ſagte die Königin lächelnd. „Wie, ohne ein beſonderes Wörtchen mit Ihrer armen getreuen Miſtreß Freeman?“ flüſterte die Herzogin ſchmeichelnd. 116 Es zeigt ſich, daß die Herzogin v. Marlborough ihren Einfluß ꝛc. „Morgen,“ erwiederte die Königin.„Ich bin jetzt zu ermüdet. Dieſe Unterredung hat mich ganz erſchöpft. Gute Nacht, Herr Harley. Abigail wird Sie hinausbegleiten.“ Nach dieſen Worten und nachdem ſie die tiefe Ver⸗ beugung des Sekretärs erwiedert hatte, entfernte ſie ſich mit ihrer Begleiterin. Die Herzogin und Harley ſahen ſich einander einige Augenblicke lang feſt an. „Entweder Sie, oder ich, müſſen ſich aus dieſem Kampfe zurückziehen, Herr Harley,“ ſagte die erſtere endlich. „ Es ziemt ſich nicht für mich, Eurer Durchlaucht zu ſagen, wer es von uns Beiden ſein ſoll,“ erwiederte er. „Aber ich beabſichtige es keineswegs.“ „Dann weiß ich, was ich zu thun habe,“ ſagte die Herzogin. „Eine Koalition iſt wohl nicht zu hoffen?“ ſagte er mit ſeinen ſanfteſten Tönen. „Mit Ihnen— nimmer!“ erwiederte die Herzogin ver⸗ ächtlich. In dieſem Augenblicke kam Abigail wieder. „Ich wünſche Eurer Durchlaucht eine gute Nacht,“ ſagte der Sekretär mit einer ceremoniöſen Verbeugung. „Gute Nacht, Sir,“ erwiederte die Herzogin.„Ich werde dafür ſorgen, daß man Sie hier zum letzten Male ge⸗ ſehen hat.“ „Kümmern Sie ſich nicht um ſie,“ ſagte Abigail, in⸗ dem ſie das Zimmer verließen;„die Königin will Ihnen ſo wohl, wie jemals. Vollziehen Sie meine Befehle in Betreff Masham's getreulich, und Sie ſollen eine zweite Un⸗ terredung haben, ſobald es Ihnen gefällt.“ Der Marquis de Guiscard fordert Masham heraus. 117 Zwölftes Kapitel. Von der dem Marquis de Guiscard im St. James Kaffehauſe von Masham zugefügten Beleidigung und von der darauf erfolgenden Herausforderung. Abigail hatte einen tieferen Eindruck auf Masham ge⸗ macht, als er ſich geſtehen wollte. Nachdem er ſich über⸗ redet hatte, daß er nicht mehr an ſie denken würde, fand er zu ſeinem Verdruß, daß ihr Bild ſich ſeinem Gedächtniß unaufhörlich aufdrängte, und um die durch ihre Reize her⸗ vorgebrachte Wirkung zu zerſtören, malte er ſich ihre Koketterie und jeden andern verdrießlichen Umſtand, der ſich auf dem Balle zugetragen hatte, mit grelleren Farben aus, aber es wollte alles nichts helfen. Er konnte ſich nicht bis zur Gleichgültigkeit gegen ſie zwingen und ſelbſt ihre Launen⸗ haftigkeit ſchien ſie noch anziehender zu machen. Da ein Ritt im Park ihn nicht zu zerſtreuen vermocht hatte, ſo begab er ſich nach dem St. James Kaffehauſe, wo er den Grafen von Sunderland im eifrigen Geſpräch mit einem Herrn von ſehr angenehmer Geſtalt und überaus geiſtreichen Zügen fand, der ihm als Herr Arthur Mahnwaring ſehr gut bekannt war. Abſtammend von einem Zweige einer ſehr alten Che⸗ ſhireſchen Familie, welcher ſich zu Ightfield in Shropſhire niedergelaſſen hatte, und von mütterlicher Seite mit den alten und einflußreichen Familien der Egertons und Cholmondeleys verwandt, zeichnete Herr Mahnwaring ſich eben ſo ſehr durch ſeine Erziehung und ſein gefälliges Benehmen, als durch ſeinen Geiſt, ſeine Gelehrſamkeit und ſeine Talente aus. Er war ein trefflicher politiſcher Schriftſteller, ein ſcharfer Sa⸗ tyriker und Kritiker und ſein Urtheil ward in allen Sachen des Geſchmacks und des Wiſſens für maßgebend erachtet. Maynwaring war ein Mitglied des Kit⸗Cat Klubbs und Der Marquis de Guiscard galt für eine ſeiner bedeutendſten Zierden. Sein Einkommen war nur gering, da ſeine Güter ſtark verſchuldet waren; aber er hatte vor Kurzem von Lord Godolphin die einträg⸗ liche Stelle eines Controlleurs der Finanzen erhalten. Er war Parlamentsmitglied für Preſton in Lancaſhire und da er das volle Vertrauen der Herzogin von Marlborough beſaß, ſo benutzte dieſe ihn häufig als ihren Privatſekretär. Er war neununddreißig Jahre alt. Der Graf und ſein Gefährte ſahen ſich bei Masham's Eintritt um und aus ihrem Weſen glaubte dieſer abnehmen zu können, daß er ſelbſt der Gegenſtand ihres Geſprächs ge⸗ weſen war. Hierin irrte er ſich auch nicht, denn als er ſich in einen der anſtoßenden Säle begeben wollte, rief Sunder⸗ land ihn heran und ſagte:„Wir ſprachen eben von Ihnen, Masham, und ich beluſtigte Maynwaring mit einer Er⸗ zählung deſſen, was ſich geſtern Abend im Palaſte zuge⸗ tragen hat.“ „Auf dieſe Art behandelt Abigail Jedermann,“ lachte Masham.„Und trotz allen Aufmunterungen, die ſie Guis⸗ card gegeben hat, der jetzt das Recht hat, ſich für den aus⸗ erkorenen Freier zu halten, zweifle ich keineswegs daran, daß ſie ihn heute kaum anſehen wird. Wer möchte der Sklave eines ſo launenhaften Geſchöpfes ſein?“ „Ja freilich, wer möchte das?“ erwiederte Sunderland lachend. Masham konnte nicht umhin, einen Seufzer auszuſtoßen. „Ich hoffe für den Ruf unſeres Geſchlechts, daß Sie es ihr nicht merken laſſen, daß Ihnen etwas an ihr gelegen iſt,“ ſagte Maynwaring, als er ſeine Bewegung bemerkte. „Wenn Masham ſich unſicher fühlt, ſo kann er fich auf ein Paar Tage vom Hofe entfernen,“ bemerkte Sunderland. „Nein, das würde nicht angehen,“ verſetzte Maynwaring. 6 „Tauſend Späſſe würden auf ſeine Koſten in Umlauf — fordert Masham heraus. 149 kommen und er würde ſich nie wieder von dem Geſpött er⸗ holen. Nein er muß bleiben und dem Feind kühn ins Geſicht ſehen. Das wahre Mittel, ſie zu kränken, beſteht darin, daß er die vollkommenſte Gleichgültigkeit blicken läßt, und was ſie auch für Netze ſtellen mag, welche Minen ſie auch ſpringen laſſen mag, er muß es gar nicht zu bemerken ſcheinen.“ „Es würde mir beſſer gefallen, ihr Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und einer Andern den Hof zu machen,“ ent⸗ gegnete Masham. „Dazu ſind Sie Ihrer ſelbſt nicht Herr genug,“ ſagte Maynwaring.„Nein, Gleichgültigkeit, ſei ſie wirklich oder erheuchelt, das iſt Ihre Sache. Er iſt in ſie verliebt,“ be⸗ merkte er leiſe gegen Sunderland, als Masham auf einen Augenblick bei Seite trat. „Offenbar,“ erwiederte Jener in demſelben Tone.„Wenn ſie ſich treffen, ſo findet unfehlbar eine Verſöhnung ſtatt. Wir müſſen es zu verhindern ſuchen, bis ſie ſich unwieder⸗ bringlich gegen Guiscard gebunden hat. Wenn wir ihn nur auf eine Woche fortſchaffen könnten.“ „Freilich! aber er wird nicht gehen wollen,“ erwiederte Maynwaring lachend. „Wieder auf meine Koſten luſtig, meine Herrn,“ be⸗ merkte Masham zurückkommend. „Ich bemerkte blos gegen Sunderland, daß ich Abigails Einfluß auf die Königin für ſehr überſchätzt halte,“ ſagte Maynwaring. „Ganz gewiß,“ antwortete der Graf;„Guiscard wird ſeinen Irrthum einſehen, wenn er ſeine Beförderung durch eine Verbindung mit ihr ſicher zu ſtellen meint. Wenn fie ſich verheirathet, ſo wird ſie nothwendig ihre Stelle verlieren.“ „Nicht ſo ganz nothwendig, glaube ich,“ bemerkte Masham. „O doch,“ verſetzte Maynwaring.„Aber was ſchadet es? Dem franzöſiſchen Abenteurer wird ganz recht geſchehen.“ 120 Der Marquis de Guiseard „Mich würde der Verluſt ihrer Stelle nicht kümmern, wenn ſie ein Herz hätte,“ ſeufzte Masham,„aber ach! fie hat keins.“ „Eben ſo wenig wie Guiscard ſelbſt,“ entgegnete Mahn⸗ waring;„ſo werden ſie alſo gut zu einander paſſen. Alle Tauſend! hier kommt der Marquis.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo trat Guiscard mit Saint⸗John und Prior in den Saal. Indem die Neu⸗ angekommenen näher traten, ſagte Saint⸗John lachend,„Guten Tag, meine Herrn; ich habe eine Neuigkeit, die Sie alle entzücken wird, beſonders Masham. Wir werden eine Hoch⸗ zeit bei Hofe haben.“ „Eine Hochzeit!“ rief Maynwaring.„Zwiſchen wem?“ „Zwiſchen Monſieur le Marquis de Guiscard und der hübſchen Abigail Hill,“ erwiederte Saint⸗John.„Hier ſteht er, um Ihre Beglückwünſchungen zu empfangen.“ „So iſt es alſo abgemacht?“ fragte Masham haſtig. „Herr Saint⸗John geht vielleicht ein Bischen zu weit, wenn er ſagt, daß alles abgemacht iſt,“ antwortete Guis⸗ card;„aber ich hoffe, daß die Hochzeit nicht lange mehr auf⸗ geſchoben werden wird.“ „Empfangen Sie unſere beſten Wünſche für die baldige Erfüllung Ihres Glücks, Herr Marquis,“ ſagten Sunder⸗ derland und Maynwaring zuſammen. „Den tauſend! Masham,“ ſagte Prior,„warum bieten Sie nicht auch Ihre Glückwünſche an? Der Marquis wird bald ein großer Mann ſein, und es iſt klug und weiſe, die aufgehende Sonne zu verehren.“ „Mag ſie verehren, wer Luſt hat. Ich verlange nichts von ihm,“ entgegnete der junge Stallmeiſter, unmuthig fort⸗ gehend.. „Ein getäuſchter Nebenbuhler!“ ſagte Sunderland zu Guiscard.„Ah! Marquis, Sie ſind ein glücklicher Burſche!“ fordert Masham heraus. 121 „Verteufelt glücklich!“ rief Maynwaring.„Sie haben fich wohl noch nicht für Whig oder Tory entſchieden?“ „Verzeihen Sie,“ rief Prior.„Guiscard iſt auf unſerer Seite. Und wenn Sunderland über einen Monat Jemand anders in ſeiner Stelle findet, ſo weiß er, wer ihn dorthin geſtellt hat.“ Ein lautes Gelächter folgte auf dieſen Ausfall. „Meine Herren,“ ſagte Masham, ſchnell wiederkommend und ſich zornig umſehend,„ich möchte gern die Urſache Ihrer Fröhlichkeit wiſſen.“ „Ha! ha! ha!“ war die allgemeine Antwort. „Dieſer junge Masham denkt heute, daß alle Welt über ihn lacht,“ ſagte Sundexland.„Im Gegentheil, mein guter Junge, wir bedauern Sie von Herzen— ha! ha!“ „Ihre Fröhlichkeit hat eben keine erhebliche Veranlaſſung, Mylord,“ erwiederte Masham ernſt.„Sie ſind geneigt, Guiscard's gute Aufnahme bei Miß Hill auf ſein Wort zu glauben. Ich für mein Theil bezweifle es.“ „Wie, Sir?“ rief der Marquis. „Ich bezweifle es nicht nur,“ fuhr Masham laut und nachdrücklich fort,—„noch mehr, ich halte es für ganz unwahr.“ Das Gelächter verſtummte augenblicklich und einige andere Perſonen, die zufällig in dem Saal anweſend waren, traten heran. „Pah, mein theurer Masham,“ ſagte Mahnwaring,„Sie laſſen ſich von Ihrem Verdruß über das gute Glück unſres Freundes zu ſehr hinreißen. Sie werden ſeine jetzige Ge⸗ müthsſtimmung berückſichtigen, Herr Marquis.“* „Ganz gewiß,“ erwiederte Guiscard,„ich will die Be⸗ leidigung als nicht geſchehen anſehen. Masham weiß nicht, was er ſagt.“ „Sie ſollen ſo nicht davon kommen, Herr Margquis,“ 122 Der Marquis de Guiscard verſetzte Masham mit ſteigendem Zorn.„Ich wiederhole mit voller Ueberlegung, daß Sie dieſer Geſellſchaft etwas aufgebunden haben.“ „Herr Masham hofft mich todtzuſtechen, um ein Hin⸗ derniß zwiſchen ſich und Miß Hill aus dem Wege zu räumen,“ bemerkte Guiscard mit unterdrückter Wuth,„aber ich denke, er ſoll ſich darin täuſchen⸗“ „Sie haben vollkommen Unrecht, Masham,“ ſagte Sunderland, den jungen Stallmeiſter auf die Seite nehmend, —„bei meiner Ehre, Sie haben Unrecht. Zugegeben auch, daß dieſer prahleriſche Franzoſe mehr behauptet hat, als er verantworten kann, ſo werden Sie Abigail nur neue Urſache zum Triumphiren geben, wenn Sie ſo den Don Quixote um ihretwillen ſpielen. Erlauben Sie mir, die Sache wieder ins Gleiche zu bringen. Ich kann es thun, ohne Sie im mindeſten bloszuſtellen.“ „Ich nehme das Geſagte nur dann zurück, wenn ich von Miß Hill's eigenen Lippen eine Beſtätigung von des Marquis Behauptung höre,“ erwiederte Masham trotzig. „Pah, Sie wiſſen, daß dies unmöglich iſt,“ ſagte der Graf.„Nehmen Sie doch Vernunft an.“ Der junge Stallmeiſter ſchüttelte den Kopf. „Da es nicht anders ſein kann, meine Herren, und da Herr Masham gegen meine Vorſtellungen taub iſt, ſo werden Sie ſich wohl ſchlagen müſſen,“ ſagte Sunderland ſich umdrehend. „Gewiß, Mylord,“ erwiederte der Marquis,—„gewiß müſſen wir uns ſchlagen. Und ich hoffe, Niemand der An⸗ weſenden wird es zu vereiteln ſuchen. Wir find alle Männer von Ehre.“ Es erhob ſich ein leiſes beifälliges Gemurmel unter den Umſtehenden und die Fremden entfernten ſich ſogleich. „Herr Mahnwaring, kann ich auf Sie als Sekundanten rechnen?“ ſagte Masham. fordert Masham heraus. 123 „Ohne Zweifel,“ lautete die Antwort,„obwohl ich ge⸗ ſtehe, daß ich die Sache lieber auf jedem andern Wege bei⸗ zulegen helfen möchte. Aber da es nicht ſein ſoll, ſo wird es mir ein Vergnügen ſein, Sie zu begleiten.“ „Und kann ich mich auf Sie verlaſſen, Herr Saint⸗ John?“ ſagte der Marquis. Saint⸗John verbeugte ſich. „Wo und in welcher Stunde ſoll die Zuſammenkunft ſtattfinden, meine Herrn?“ fragte er. „So früh, als es dem Herrn Marquis angenehm iſt,“ erwiederte Masham,„und in Hyde Park, wenn er nichts dagegen hat.“ „Hyde Park iſt mir ſo lieb, wie jeder andere Ort,“ antwortete der Marquis,„und je eher, deſto beſſer; denn da ich bis zur verabredeten Stunde aufbleiben will, ſo werde ich deſto eher zu Bett kommen.“ „Das iſt noch nicht ſo gewiß,“ verſetzte Masham. „Auf jeden Fall werden Sie aber zur Ruhe kommen.“ „Nachdem dieſe Förmlichkeiten abgethan find„meine Herren,“ ſagte Saint⸗John,„glaube ich, daß Sie ſich ohne weitere Reibung an einem Ort zuſammen befinden können. Und deshalb bitte ich um die Ehre Ihres Beſuchs zum Abendeſſen, ſo wie auch um die unſter ſämmtlichen anwe⸗ ſenden Freunde. Einige auserleſene Geiſter haben mir zu⸗ geſagt; und wenn ich ihnen erzähle, daß ich Miſtreß Bra⸗ cegirdle und Miſtreß Oldfield erwarte, ſo brauche ich Ihnen hoffentlich keine anderen Lockungen hinzuhalten.“ Die Einladung ward von allen, außer Masham, mit Freuden angenommen; dieſer hätte ſie gerne ablehnen mögen, aber als Maynwaring ihm zuflüſterte, daß ſeine Weigerung gemißdeutet werden könnte, willigte er mit Widverſtreben ein und nach einigem ferneren Geſpräch, trennte ſich die Geſellſchaft.„ 124 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, Dreizehntes Kapitel. Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, die Masham bei Saint⸗John trifft; und von ſeinem Vorſchlag zur Beilegung eines Streits zwiſchen Miſtreß Bracegirdle und Miſtreß Oldfield. Als Masham allein zu Mittag geſpeiſt und alle nöthigen Vorbereitungen für die morgende Zuſammenkunft getroffen hatte, begab er ſich um zehn Uhr Abends nach Saint⸗John's Wohnung auf dem St. Johannesplatz. Die Geſellſchaft, welche zahlreicher war, als er erwartete, hatte ſich ſchon zu Tiſche geſetzt, aber es war für ihn ein Platz zwiſchen Mayn⸗ waring und Prior aufbewahrt worden, auf den er ſo unbe⸗ merkt als möglich zu ſchlüpfen ſuchte. Die Mehrzahl der Gäſte waren Masham perfönlich bekannt, und alle dem Rufe nach; und indem er die Verſammlung überſah, welche viele der hervorragendſten Schöngeiſter des Tages in ſich ſchloß, konnte er ſich des Gefühls nicht erwehren, daß er wenig Anſprüche auf einen Platz unter ihnen hatte. Oben am Tiſch ſaß natürlich Saint⸗John, der in der beſten Laune zu ſein ſchien, und zu ſeiner Rechten ſaß eine Dame mit den einnehmendſten Zügen, ſchönen ſchwarzen Augen von außerordentlichem Glanze und Haaren und Au⸗ genbraunen von derſelben Farbe. Obgleich eine Brünette, beſaß ſie doch die blühendſte Geſichtsfarbe und obgleich in reifen Jahren, hatten ihre Reize doch nichts von ihrer An⸗ muth eingebüßt. Ihr Lächeln war die Zauberei ſelbſt, wie tauſende, die es augenblicklich bis in's Herz dringen gefühlt hatten, bezeugen konnten. Dies war die bewunderte Schau⸗ ſpielerin, Miſtreß Anna Bracegirdle, die liebenswürdigſte und vollendetſte Erſcheinung, die je auf den Brettern geſehen worden iſt. Zu ihrer Rechten ſaß ein Herr von höfiſchem Ausſehen, mit ſehr angenehmen, gefälligen Zügen, der ihr die ausge⸗ die Masham bei Saint⸗John trifft. 125 ſuchteſten Artigkeiten bewies und den ſie als Herrn Con⸗ greve anredete. Neben Congreve ſaß ein anderer Schöngeiſt, der nicht ganz ſo geglättete Manieren und regelmäßige Züge hatte, obwohl er ihm an komiſchen Genius gleichkam. Sir John Vanbrugh,— denn er war es,— unterhielt ſich mit einem ältlichen Mann, der trotz ſeiner etwas gebückten Ge⸗ ſtalt, ſeiner gänzlichen Zahnloſigkeit und ſeinen tiefen Run⸗ zeln um die Augen, welche der Macht aller Schminke trotz boten, die Miene eines jugendlichen Stutzers annahm und nach der neueſten Mode mit einem Spitzenhalstuch, Spitzen⸗ manſchetten und einer wellenden Perrücke angethan war, wäh⸗ rend die koſtbarſten Ringe an ſeinen Fingern blitzten. In dieſer verwitterten Geſtalt, deren zitternde Glieder und trie⸗ fenden Augen in geringem Einklange mit einem Gelage zu ſtehen ſchienen, hätte man kaum den ehemals hübſchen und noch witzigen Freund von Sedley, Rocheſter, Etherege und Buckingham erkennen können, den muntern Gefährten des „Luſtigen Monarchen“ ſelbſt, deſſen gutes Aeußere und glän⸗ zender Ruf ihm die Hand der jungen, vermögenden und ſchönen Gräfin von Drogheda gewonnen hatten, und deſſen Luſtſpiele kaum, wann je, denen eines Congreve und Van⸗ brugh nachſtehen,— nämlich William Wycherley. An Woycherley's andrer Seite ſaß ein junger Mann von förmlichen Weſen und einfacher Kleidung, deſſen Blicke jedoch Verſchlagenheit und Verſtand verriethen, und deſſen Name Tickell war. Er zollte dem Geſpräch ſeines Nachbars ge⸗ ſpannte Aufmerkſamkeit, eines hübſchen Mannes mit blühen⸗ den Wangen und etwas derber Geſtalt, die ſich nicht übel in einem pfirſichfarbenen Sammtkeide ausnahm, und der Niemand Geringeres als der berühmte Joſeph Addiſon war. Der große Eſſayiſt, der jedoch damals der Welt noch nicht den vollen Beweis ſeiner unvergleichlichen Talente gegeben hatte, ſondern hauptſächlich durch ſeine Reiſen, ſein Gedicht 126 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, „der Feldzug,“ und eine kleine Oper unter dem Titel Ro⸗ ſamunde bekannt war, bekleidete die Stelle eines Unterſekre⸗ tärs bei dem Grafen von Sunderland, der ihn beim Aus⸗ ſcheiden von Sir John Hedges, von dem Addiſon ſeine Stelle urſprünglich erhalten hatte, im Amte belaſſen hatte. Addi⸗ ſon's Nachbar zur Rechten, war der fröhliche, der geſellige, der freundliche, der leichtfinnige Richard Steele, auf deſſen reizbares Temperament die Freuden der Tafel und die darauf folgenden tiefen Libätionen(denn es waren damals ſtark trinkende Zeiten) ſchon eine viel verderblichere Wirkung be⸗ wieſen hatten, als auf ſeinen Freund, den Unterſekretär. Kapitän Steele, denn er hatte ſich kürzlich durch den Ein⸗ fluß ſeines Freundes, des tapfern Lord Cutts ein Patent in Lord Lucas Regiment verſchafft, war zu jener Zeit haupt⸗ ſächlich mit der Redaction der„Gazette“ beſchäftigt, in welcher es, ſeinem eigenen Geſtändniß zufolge, ſein Haupt⸗ zweck war,„ſo unſchuldig und ſchal wie möglich zu ſein;“ und man muß geſtehen, daß der Erfolg vollſtändig ſeinen Abſichten entſprach. Steele war ſeit einiger Zeit Wittwer geweſen und machte jetzt der Miß Scurlock den Hof, mit der er ſich ſpäter auch verband. Das regelloſe Leben, welches er geführt hatte, hatte ſeine Spuren auf ſeinen Zügen hin⸗ terlaſſen, welche, obwohl aufgedunſen und leichenhaft, doch ausdruckvoll waren. Er hatte ſchwarze, buſchige Augen⸗ braunen, tiefliegende Augen und ein breites, ziemlich gemeines Geſicht. Seine Geſtalt war gedrungen und vierſchrötig, und ſeine Kleidung entſprach ſeinem militäriſchen Range. Kapitän Steele's Aufmerkamkeit war auf ſeine Nach⸗ barin gerichtet, ein junges und ausgezeichnet ſchönes Frauen⸗ zimmer mit einer ſchmächtigen aber anmuthigen Geſtalt und einer Schalkhaftigkeit in Blick und Geberde, die unwider⸗ ſtehlich war. Dies war Miſtreß Bracegirdle's Nebenbuh⸗ lerin, Miſtreß Oldfield, die ſeit kurzem berühmt zu werden die Masham bei Saint⸗John trifft. anfing und die Stadt mit ihr in zwei Parteien ſpaltete. Alle Galanterien Steele's waren jedoch verſchwendet. Miſtreß Oldfield hatte nur Ohren und Augen für die ſanften Töne und zärtlichen Blicke Herrn Maynwarings, der ihr zur Rechten ſaß und mit dem ſie, wie im Vorbeigehen bemerkt werden mag, ſpäter ein langes und dauerndes Verhältniß anknüpfte, das erſt durch ſeinen Tod aufgelöſt ward. Indem wir bei Maynwaring, Masham, Prior und Sunderland vorübergehen, kommen wir zu dem Tragödien⸗ dichter Nicholas Rowe, dem Verfaſſer der„Schönen Büßen⸗ den,“ deſſen ziemlich grämliches Geſicht ſich vor Lachen über die Späſſe ſeines Nachbars, des witzigen Tom d'Urfey, ver⸗ zog, welcher gleich Wycherley einer der Schöngeiſter des ver⸗ floſſenen Jahrhunderts war und auf deſſen Schulter Karl der Zweite ſelbſt ſich öfters geſtützt hatte, um ein Liedchen zu ſummen. Niemand konnte in der That in früheren Tagen einen Rundgeſang munterer anſtimmen, als der alte Tom, und Niemand konnte ein entzückenderes Liev von der damals gang und gäbe erotiſchen und ſympoſiſchen Gattung dichten, als er noch in ſeiner Blüthe ſtand. Wie Wycherley, ſo war auch Tom d'Urfey ſehr gealtert. Bei dem wüſten, regelloſen Leben, das er geführt hatte, hätte man ſich auch wundern müſſen, wenn es anders geweſen wäre; aber trotz Rheuma⸗ tismus, fliegender Gicht und anderm Schmerz und Weh, hätte man ſchwerlich einen luſtigeren alten Geſellen finden können, der ſich der Annehmlichkeiten des Lebens mehr er⸗ freut oder ſie beſſer verdient hätte. Seine Kleidung war freilich etwas abgeſchabt, denn Tom war keiner von jenen Schöngeiſtern, die ihr Glück machen. Aber was that's? Sein Rock mochte fadenſcheinig ſein, aber ſeine Späße waren neu und glänzend und weit gemüthlicher als die des ver⸗ feinernden, froſtigen Congreve; und was ſein Lachen betrifft, ſo war es die Fröhlichkeit ſelbſt. Tom dUrfey hatte eine 128 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, wahrhaft lyriſche Ader und war ganz frei von jener Ge⸗ ziertheit, welche die Erbſünde unſerer heutigen Balladendichter iſt; aber er war außerdem ein unermüdlicher Arbeiter für die Bühne und ſchrieb zu ſeiner Zeit über dreißig Luſtſpiele, die alle oder zum größten Theil in Vergeſſenheit gerathen ſind. Ach! Armer Tom! in dieſen entarteten Zeiten gibt es nur noch ein ſchwaches und fernes Echo von dir und deinen Scherzreden. Guiscard war d'lUrfey's Nachbar und neben dem Marquis ſaß Miſtreß Centlivre, die witzige Ver⸗ faſſerin mehrerer vortrefflichen, aber ſchlüpfrigen Luſtſpiele,— wiewohl nicht ſchlüpfriger, als es dem Zeitgeſchmack ange⸗ meſſen war,— von denen drei:„der Geſchäftige,“„O Wunder, eine Frau bewahrt ein Geheimniß,“ und„Ein kühner Streich für eine Frau,“ ſich noch immer auf der Bühne erhalten. Miſtreß Centlivre hatte einige perſönliche Reize und war dreimal verheirathet geweſen, das letztemal an Herrn Joſeph Centlivre,„Yeoman des Mundes,“ oder mit andern Worten, Koch bei dem verſtorbenen König Wil⸗ helm dem Dritten. Ihr letztes Luſtſpiel,„die platoniſche Dame,“ war eben mit einigem Erfolge auf dem Heumarkt gegeben worden. Miſtreß Centlivre's Nachbar zur Rechten war Sir Samuel Garth, der berühmte Dichter und Arzt, ein Mann, der ſich eben ſo ſehr durch ſeine Liebenswürdig⸗ keit und Geſelligkeit, als durch ſeine praktiſche Geſchicklichkeit und ſein Dichtertalent auszeichnete. Garth war ein beleibter, angenehm ausſehender Mann mit ſtarken Zügen von jener Beſchaffenheit, die der Zeit, in welcher er lebte, eigenthüm⸗ lich zu ſein ſcheint, und war in ſchwarzem Sammt gekleidet. An ſeiner andern Seite ſaß noch eine Dame, die vierte und letzte, welche ſich in der Geſellſchaft befand und ebenfalls einige dramatiſche Stücke verfaßt hatte, die ihr einigen Ruf verſchafften, obwohl ſie ſpäter durch die„Neue Atalantis“ viel bekannter geworden iſt. Obgleich in ihren blühendſten die Masham bei Saint⸗John trifft. 129 Jahren, empfahl ſich Miſtreß Manley faſt nur durch ihren Witz; aber ſie war der Rede ſehr mächtig und hatte einen Hang zur Satyre, welcher in Verbindung mit ihrer genauen Kenntniß(gleichviel, wie ſie dazu kam) von allem, was in der politiſchen Welt und der Welt im Allgemeinen vorging, ihrem Geplauder viel Reiz verlieh. In unſern Tagen würde ſie ohne Frage eine faſhionable Novellenſchreiberin vom erſten Range geworden ſein. Neben Miſtreß Centlivre ſaß Herr Gottfried Kneller, der große Maler(er erhielt die Baro⸗ netswürde von Georg dem Erſten),— ein Mann von feinem Weſen, hübſchem Aeußeren und gefälligen, jedoch ſchon etwas verblühenden Zügen; und neben Kneller ſaß Herr Hughes, ein Gelehrter und Dichter, der damals hauptſächlich durch ſeine eleganten Ueberſetzungen des Horaz und Lucan bekannt war, und ſich ſpäter durch ſeine Tragödie„die Be⸗ lagerung von Damascus“ und ſeine Beiträge zum Tatler, Spectator und Guardian auszeichnete. Und mit ihm haben wir unſeren Umgang um die Tafel beendigt. Das Mahl war prächtig und eben ſo reichlich als koſt⸗ bar. Ein Heer von Bedienten in Saint⸗John's glänzender Livree wartete den Gäſten auf. Die Tafel ächzte unter den ſchönſten Schüſſeln von getriebenem Silber und funkelte von Kryſtallgläſern; und ſo wie ein köſtliches Gericht nach dem andern verſchwand, wurden immer lockendere Leckerbiſſen auf⸗ getragen. Die Weine floßen in Strömen und die auser⸗ leſenſten Erzeugniſſe der franzöſiſchen, ſpaniſchen, deutſchen und ſelbſt ungariſchen Leſen wurden humpenweiſe niederge⸗ ſtürzt. Niemandes Glas durfte auch nur einen Augenblick leerſtehen und das Knallen der Champagnerpfropfen nahm kein Ende. Saint⸗John war ein unübertrefflicher Wirth. Er hatte nichts von jenem ſtutzermäßigen Weſen an ſich, das die Gäſte für ſich ſelbſt ſorgen läßt, ſondern machte die Honneurs ſeiner Tafel mit Gaſtlichkeit und Durch Ainsworth, St. James's. I. 9 130 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, ſeine lebhaften Ausfälle unterhielt er ein ununterbrochenes Gelächter und der einzige, auf deſſen Stirne eine leiſe Wolke ſichtbar war und der keine Freude an den koſtbaren Speiſen und duftigen Weinen zu haben ſchien, war Masham. „Herr Masham ſieht wie der abgewieſene Liebhaber im Luſtſpiel aus,“ bemerkte Miſtreß Bracegirdle mit ihrer wohl⸗ lautenden Stimme, welche den alltäglichſten Worten unge⸗ wöhnliche Bedeutung gab. „Nein, bei meiner Treu,“ rief Saint⸗John,„er ſpielt ihn nicht blos. Masham iſt thöricht genug, ein Mädchen zu lieben, das ihre Hand einem Andern zugeſagt hat; und was noch meht iſt, nur das Leben ſeines glücklichen Neben⸗ buhlers kann ihn zufrieden ſtellen.“ „Sie nehmen den jungen Gentleman zu hart mit, Herr Saint⸗John,“ ſagte Miſtreß Oldfield, deren Stimme eben ſo melodiſch war, als die ihrer Gegnerin;„wenn er wirklich verliebt iſt, ſo iſt er ſehr zu bemitleiden. Ich ſchwöre darauf, daß er hier der einzige iſt, der etwas von dieſer Leidenſchaft kennt, außer vielleicht Herrn Tickell. Wenn Ihre Herzliebſte Sie genarrt hat, Sir, ſo vergeſſen Sie ſie, oder erſetzen Sie ihre Stelle durch eine andere.“ „Das würde mir nicht ſchwer werden, Miſtreß Oldfield,“ erwiederte Masham galant. „Ich hoffe, Sie werden nicht ſo närriſch ſein, Ihr Leben um ſie aufs Spiel zu ſetzen?“ fuhr die Dame fort. „Erlauben Sie mir, mit Ihnen auf Ihre Geſundheit zu trinken,“ verſetzte Masham ausweichend. „Mit großem Vergnügen,“ erwiederte ſie,„aber ich muß eine Antwort auf meine Frage haben. Einige Frauen mögen gern Veranlaſſung eines Duells ſein; aber ich würde den⸗ jenigen haſſen, der ſich um meinetwillen ſchlüge; oder viel⸗ mehr ich würde mich ſelbſt haſſen, was auf eins hinausläuft. Meine Damen, laſſen Sie uns Herrn Masham unter unſern die Masham bei Saint⸗John trifft. 131 beſondern Schutz nehmen. Es wäre jammerſchade, wenn ſo ein hübſcher junger Menſch in der Blüthe ſeiner Jahre da⸗ hingerafft werden ſollte, und alles nur wegen einer gefühl⸗ loſen Kokette. Ich werde Ihre Stimmen gewiß für mich haben. Schlagen darf er ſich nicht.“ „Unter keinen Umſtänden,“ riefen die drei andern Damen zugleich. „Sie hören es, Sir,“ ſagte Miſtreß Olſrhd„Wir ſind vier gegen eins. Sie können ſich gegen ſo viele ſchöne Bittenden nicht unhöflich zeigen. Und jetzt laſſen Sie uns wiſſen, wer Ihr Nebenbuhler iſt.“ „Sie werden mich zu ſeinem Nebenbuhler machen, wenn Sie auf dieſe Art fortfahren,“ bemerkte Maynwaring ſcherzend. „Miſtreß Oldfield iſt auf eine Eroberung erpicht, wie es ſcheint,“ bemerkte Miſtreß Bracegirdle leiſe zu Saint⸗John. „Ein Blick von Ihnen wird ihn ihr rauben,“ erwiederte dieſer;„Sie haben öfters ſchon ein volles Schauſpielhaus auf dieſe Weiſe erobert.“ „Ich will es verſuchen,“ ſagte Miſtreß Bracegirdle, „wäre es auch nur, um dies eitle Geſchöpf zu ärgern. Herr Masham,“ fuhr ſie mit lauter Stimme fort, indem ſie einen ihrer unwiderſtehlichen Blicke nach ihm ſandte,„ich bin ſehr neugierig, was für eine Art von Perſon Ihnen eine ſo hef⸗ tige Leidenſchaft eingeflößt hat.“ „Ach, ſagen Sie es uns, Herr Masham?“ ſagte Miſtreß Centlivre. „Sie iſt natürlich jung und hübſch?“ rief Miſtreß Manley. „Und auch 4 hoffentlich?“ fügte Miſtreß Cent⸗ livre hinzu. „Bitte, beſchreiben Sie ſie uns,“ rief Miſtreß Oldfield. „Hat ſie mit einer von uns Aehnlichkeit,— zum Beiſpiel, mit Miſtreß Bracegirdle?“ 132 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, „Oder mit Miſtreß Oldfield?“ verſetzte die andere Schau⸗ ſpielerin. Hier erhob ſich ein allgemeines Gelächter. „Masham wird bald noch ein Duell zu beſtehen haben, wie es mir vorkommt,“ ſagte Congreve, auf Miſtreß Brace⸗ girdle blickend. „Er wird noch ein drittes haben und ſich nach einem andern Sekundanten umſehen müſſen,“ verſetzte Maynwaring, „denn ich werde als Hauptperſon dabei betheiligt ſein.“ „Wahrhaftig, meine Herren, ich weiß nicht, womit ich Sie beleidige,“ ſagte Masham. „Ich werde Ihnen Herrn Congreve abnehmen,“ ſagte Miſtreß Bracegirdle.„Wenn er ſich ſchlägt, ſo muß es mit mir ſein.“ „Und da Herr Mahnwaring ſein Amt aufgegeben hat, ſo werde ich mir das Vergnügen machen, Ihnen als Sekun⸗ dant zu dienen,“ ſagte Miſtreß Oldfield.„Ich kann eine Angelegenheit von dieſer Art eben ſo gut anordnen als er. Ich habe eine Menge Degen zu Ihrem Dienſt, und Piſtolen obendrein, wenn es nöthig ſein ſollte. Sie ſollen ſich Ihres Sekundanten nicht zu ſchämen haben, denn ich werde in meinem Stutzeranzuge erſcheinen. Sie erinnern ſich doch der Betty Goodfield in dem weiblichen Raufbold.. Donner⸗ wetter, Sir,“ fuhr ſie fort, indem ſie den Blick und Ton dieſer Rolle annahm,„find Sie blos hergekommen, um mich auszufragen? Dies iſt nicht zum Ertragen. Sie haben meine ganze Geduld erſchöpft und ſollen ſehen, daß ich ein grim⸗ miger Löwe bin. Heran, Sir; ziehen Sie von Leder!“ Dieſe Stelle, mit der größten Lebhaftigkeit vorgetragen, die man ſich denken kann, entlockte der Geſellſchaft einen donnernden Beifall. „Herr Masham wird unter ſolcher Begleitung unbe⸗ zwingbar ſein,“ ſagte Wycherley.„Ach! ich hielt die heutige die Masham bei Saint⸗John trifft. 133 Bühne für entartet; aber ich ſehe, daß der Geiſt von Nell Gwyn und Miſtreß Kneppe in Wi Oldfield wieder le⸗ bendig geworden iſt.“ „Mit etwas mehr Anſtand, hoffe ich, Herr Wycherley,“ erwiederte die hübſche Schauſpielerin. „Ah! Herr Wycherley,“ rief Tom d'Urfey,„wie hat ſich alles verändert, ſeitdem die Welt mit jenen unvergleich⸗ lichen Luſtſpielen„die Frau vom Lande“ und zder Bieder⸗ mann, beſchenkt ward. Es fſind volle dreißig Jahre her, daß das letzte erſchienen iſt; und wenn Sie nur irgend fleißig oder gezwungen geweſen wären, ſo hätten Sie in jedem dar⸗ auffolgenden Jahre eine Komödie geben müſſen, und wie reich wäre unſer Drama dann geweſen! Da ich grade von dem Biedermann ſpreche, wie genau erinnere ich mich Hart als „Manly, Kynaſton als Freeman, Miſtreß Bory als Wittwe Blackacre,— wundervolle„Wittwe Blackaere— und Kneppe, die hüͤbſche Miſtreß Kneppe, als„Eliſa!“ Sie ſollten uns noch eine Komödie geben, Sir, ehe Sie ganz die Bühne verlaſſen.“ „Ich werde heirathen und Ihnen eine Poſſe geben,“ entgegnete Wycherley etwas herbe.„Warum wenden Sie ſich nicht an Herrn Congreve? Niemand hat ſolche Luſtſpiele geſchrieben, wie er, und doch hat er der Bühne abgeſchworen.“ „Erinnern Sie mich nicht an meine jugendlichen Thor⸗ heiten, Herr Wycherley,“ erwiederte Congreve.„Ich habe meine Fehler eingeſehen und will ſie in Zukunft vermeiden.“ „Congreve hat ſich von Collier bekehren laſſen, obgleich er damals ſeinem Angriffe ſo ſcharf antwortete, und hält das Theater für unſittlich und profan,“ ſagte Vanbrugh lachend. „Seine Sittlichkeit wird wenigſtens ſo lange zweifelhaft bleiben, als Sie Bühnenſtücke ſchreiben, Van,“ verſetzte Congreve. 134 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, „Alle Tauſend!“ rief Vanbrugh.„Soll ich die Menſchen und Sitten ſchildern, wie ſie ſind, oder wie ſie nicht ſind?“ „Sie ſchildern ſie mit ſo wahren Farben, daß Ihre Porträts ewig dauern werden, Sir John,“ ſagte Kneller. „Wann das Publikum überekel wird, ſo iſt es ein ſchlechtes Zeichen für die Sittlichkeit.“ „Soviel iſt gewiß,“ bemerkte Addiſon,„daß die engliſche Bühne ihr Wiederaufblühen dem Genie der beiden anweſen⸗ den großen Luſtſpieldichter verdankt, und wenn ſie ſie nicht durch ihre unvergleichlichen Talente geſtützt hätten, ſo ſteht es ſehr dahin, ob wir nicht eines höchſt erſprießlichen und geiſtigen Vergnügens ganz beraubt worden wären. Nein, Herr Congreve, die Bühne verdankt Ihnen zu viel, als daß ſie Ihnen erlauben könnte, Ihre Verbindung mit ihr zu verläugnen.“ „Ich bedaure, daß ich es in Gegenwart ſo vieler dra⸗ matiſchen Dichter ſagen muß,“ rief Congreve,„aber ich kann, bei meiner Seele, nicht glauben, daß es eine Beſchäftigung für einen Gentleman iſt, für die Bühne zu ſchreiben.“ „O, pfui, Herr Congreve,“ verſetzte Rowe, dies iſt eine ſchimpfliche Ketzerei von Ihnen, und noch ſchlimmer, als eine Frau zu mißhandeln, die Ihnen Gunſtbezeugungen er⸗ wieſen hat. Ein ſchönes Stück iſt das edelſte Werk des menſchlichen Geiſtes.“ „Der Verfaſſer des Tamerlan und der ſchönen Büßen⸗ den hat ein Recht, ſo zu ſprechen,“ bemerkte Garth.„Ich begreife recht gut, daß Herr Congreve, nachdem er ſo großen Ruhm geärndtet hat, ihn nicht gern auf das Spiel ſetzen mag, aber daß er das Drama, für das er ſo viel gethan hat, geringſchätzen ſollte, geht über meine Begriffe.“ „Ich ſchätze das Drama nicht gering, Sir Samuel,“ erwiederte Congreve,„auch wende ich mich nicht aus Furcht vor Mißlingen von der Bühne ab, ſondern aus Widerwillen. die Masham bei Saint⸗John trifft. 135 Ich liebe die Allbekanntheit nicht, und wenn ich es zwanzig⸗ mal beſſer machen könnte, als ich es gemacht habe, ſo würde ich doch nicht wieder ſchreiben! ja, ich bedaure, daß ich je eine Zeile geſchrieben habe.“ „Glauben Sie, daß er es aufrichtig meint?“ ſagte Guiscard zu Prior. „Eben ſo aufrichtig,“ antwortete der Dichter,„als Sie, wenn Sie nach einem Gewinn von zehntauſend Pfund ſagten, Sie wollten nie wieder ſpielen und bedauerten, daß Sie je geſpielt hätten. Er iſt vorſichtig und mag nicht wieder verlieren, was er einmal gewonnen hat. Außerdem thut er ſich aus einer ſonderbaren Art von Eitelkeit mehr darauf zu gut, für einen feinen Gentleman als für einen Schrift⸗ ſteller zu gelten.“ „Zum Glück für uns, mein theurer Congreve, kommt Ihr Wunſch, nichts geſchrieben zu haben, etwas zu ſpät, um erfüllt werden zu können,“ ſagte Saint⸗John.„Vielleicht wäre es gut, wenn einige unter uns ihre jugendlichen Er⸗ gießungen widerrufen könnten, aber Sie gehören nicht zu dieſer Zahl. Aber wir vernachläſſigen unſern Wein. Ka⸗ pitän Steele, ich trinke Ihnen zu.“ „Auf Ihre Geſunheit, Sir,“ antwortete Steele, ſein Glas leerend.„In einer Beziehung hat Herr Congreve Recht,“ fuhr er fort.„Das große Geheimniß beſteht darin, zur rechten Zeit aufzuhören. Ein Auftreten iſt leichter ge⸗ macht, als ein Exit. Aber obgleich ich dies für eine treff⸗ liche Regel halte, ſo gedenke ich doch nicht ſelbſt danach zu handeln, ſondern will ſo lange fortfahren, als ich Leſer finde, die nach mir verlangen, und Buchhändler, die meine Waaren kaufen. Beide werden mir bald genug zu wiſſen thun, wenn ſie genug haben.“ „Ja, es war immer deine Regel, Dick, vor dem Pub⸗ 136 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, likum wie ein Philoſoph zu deklamiren, und privatim wie ein Liederjahn zu handeln,“ verſetzte Addiſon. „Darin thue ich es dir blos nach, Addiſon,“ antwortete Steele.„Du ſchreibſt ein Lobgedicht auf die Mäßigkeit in einem Styl ſo fließend und rein, wie das Waſſer ſelbſt, bei einer Flaſche Wein.“ „Das ſoll mich nicht abhalten, jetzt ein Glas Wein mit dir zu trinken, du Läſterzunge,“ erwiederte Addiſon. Welche Sorte ſoll es ſein,— Burgunder?“ „Ja, Burgunder,“ entgegnete Steele;„es iſt ein feu⸗ riger Wein und rollt einem wie heißes Jugendblut in den Adern.“ Bald darauf ward das Tiſchtuch abgenommen, und Bowlen voll Punſch, gewürzten Burgunder und Franzwein aufgetragen. Tom d'Urfey gab ein Lied zum Beſten, und obgleich ſeine Stimme ſchon etwas ſchrillte, ſo trug er doch eine ſeiner alten anakreontiſchen Melodien ganz artig vor. Dann ward Miſtreß Bracegirdle zu ſingen gebeten und ſie verſetzte ihre Zuhörer in ein Entzücken, das ſich keineswegs verminderte, als ihre ſchöne Nebenbuhlerin Miſtreß Old⸗ field ihre klare, melodiſche Stimme ertönen ließ. Beide Damen werden der Reihe nach auf's Lärmendſte beklatſcht, indem ihre beiderſeitigen Anbeter einander in dem Ausdruck ihrer Bewunderung zu überbieten ſuchten. Saint⸗John, deſſen gute Laune unerſchöpflich zu ſein ſchien, und der die Seele eines Gelages war, ſo wie aller andern Dinge, mit denen er ſich befaßte, ſorgte dafür, daß das Vergnügen der Geſell⸗ ſchaft keine Unterbrechung litt, und ſo gut verſtand er die Flamme des Frohſinns anzufachen, daß ſie in jedem Augen⸗ blick lebhafter aufloderte und ſich ſo ſchnell und ungeſtört verbreitete, das ſogar Masham ſich anſtecken ließ, ſeine Sorgen vergaß und ſo laut und herzlich, wie die übrigen, lachte. Jetzt hatten die verſchiedenen feurigen Getränke ihre . „ die Masham bei Saint⸗John trifft. 137 Wirkung auf die Geſellſchaft zu zeigen begonnen; die Unter⸗ haltung ward etwas lärmender und das Gelächter ziemlich ausgelaſſen. Jedoch ward der Anſtand vollkommen beobachtet; aber es gab mehr Sprecher als Hörer und Tom d'Urfeh konnte trotz des Beiſtandes ſeines Wirths nicht Aufmerſam⸗ keit für ſein zweites Lied erlangen. Um ſeinen Verdruß zu verbergen, forderte er während einer augenblicklichen Pauſe des Geplauders Miſtreß Oldfield auf, aber die Anhänger von Miſtreß Bracegirdle thaten ſogleich Einſpruch, indem ſie behaupteten, daß ſie ihnen ein Lied ſchuldig wäre und ihre Rechte nicht beeinträchtigt werden dürften. Umſonſt legte ſich Saint⸗John in's Mittel, der Streit ſtieg augen⸗ blicklich bis zu einer heftigen Hitze und manche ſcharfe Re⸗ den wurden ausgetauſcht, als dem Wirth ein glücklicher Ge⸗ danke beifiel. „Mir fällt ein Mittel ein, dieſe Sache zu entſcheiden, meine Damen,“ ſagte er.„Wollen Sie die Entſcheidung, wer von Ihnen zuerſt fingen ſoll, Herrn Masham überlaſſen?“ Beide gaben ſogleich ihre Einwilligung zu erkennen und wandten ſich nach dem jungen Stallmeiſter, der nicht min⸗ der verlegen zu ſein ſchien, als der Hirt Paris, da er den goldnen Apfel der ſchönſten Göttin ertheilen ſollte. Ohne ſich jedoch lange zu befinnen, nannte er Miſtreß Bracegirdle, die vor Triumph ſtrahlend, ſo ſchön wie eine Syrene zu ſingen begann. Aber ſie ſollte nicht weit damit kommen, denn Miſtreß Oldfield, die ſich tief gekränkt fühlte, fing ſo laut mit Maynwaring an zu ſchwatzen und zu lachen, daß die ſchöne Sängerin plötzlich inne hielt und trotz allem Bitten Saint⸗John's nicht fortfahren wollte, indem ihr Zorn noch durch die beleidigenden Blicke ihrer Nebenbuhlerin geſtachelt ward. „Wir haben eben von Duellen geſprochen,“ rief ſie; „ich wollte ſie wären unter Frauenzimmern erlaubt. Ich hätte Luſt, dies Geſchöpf für ihre Unart zu beſtrafen.“ 138 Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, „Geniren Sie ſich nicht, meine Liebe,“ verſetzte Miſtreß Oldfield mit ſarkaſtiſchem Lächeln.„Ich will mich Ihnen ſtellen, wann und wo Sie wollen; und da wir es beide ge⸗ wohnt ſind, ſo können wir männliche Kleidung anlegen und uns ſo lange einbilden, daß wir Männer find.“ „Ich wollte, Sie hätten den Muth, Ihre Worte wahr zu machen, Madame,“ erwiederte Miſtreß Bracegirdle. „Wenn Sie daran zweifeln und Eile haben, meine Theure,“ entgegnete Miſtreß Oldfield„ſo brauchen Sie nur in das anſtoßende Zimmer zu treten, und wir können die Sache gleich abmachen.“ „Das wird eine ſchöne Geſchichte geben,“ rief Prior; ein Duell zwiſchen unſern beiden ſchönſten Schauſpielerinnen. Mag leben bleiben, wer da will, wir verlieren jedenfalls dabei.“ „Den Tauſend! dies geht über allen Spaß,“ rief Saint⸗John. „Wir wollen uns auf Piſtolen ſchlagen,“ rief Miſtreß Old⸗ field, ohne auf Maynwaring's Vorſtellungen zu achten.„Ich habe mich an der Scheibe eingeübt und treffe meinen Mann.“ „Zufrieden,“ erwiederte Miſtreß Bracegirdle,„ich ſchieße eben ſo gut, wie Sie.“ „Was ſagen Sie dazu, meine Damen, die Sache auf folgende Art beizulegen?“ vermittelte Masham.„Sie glauben beide, gute Schützen zu ſein. Ich will ein Licht halten und Sie ſtellen ſich an das andere Ende des Zimmers, und wer von Ihnen es putzt, ſoll für die Siegerin gelten.“ „Es mag drum ſein,“ ſagte Miſtreß Oldfield. „Aber Sie werden große Gefahr laufen, Herr Mas⸗ ham,“ rief Miſtreß Bracegirdle. „O, ich will mein Glück verſuchen,“ erwiederte er lachend. „Beſſer daß ich eine kleine Wunde erhalte, als daß die Bühne einer ihrer glänzendſten Zierden beraubt wird.“ Die Galanterie des jungen Stallmeiſters ward ſehr be⸗ die Masham bei Saint⸗John trifft. 139 lobt und als Miſtreß Bracegirdle ſich mit einigem Wider⸗ ſtreben in dies Auskunftsmittel gefügt hatte, ward ein Paar Piſtolen herbeigeſchafft, und nach Beſeitigung aller Hinder⸗ niſſe nahm Masham ein Licht zur Hand und ging nach der andern Seite des Zimmers, wo er ſich hinſtellte und den Arm ausſtreckte. Als alles bereit war, bat Miſtreß Brace⸗ girdle ihre Nebenbuhlerin, den erſten Schuß zu thun. Miſtreß Oldfield erhob ſogleich ihre Piſtole, zielte und feuerte. Der Schuß war ſo richtig, daß die Flamme flackerte und ein rauſchender Beifall erfolgte. Als derſelbe ſchwieg, nahm Miſtreß Bracegirdle den Platz ihrer Nebenbuhlerin ein. Aber kaum hatte ſie die Piſtole angelegt, ſo fing ſie an zu zittern und ließ den Arm ſinken. „Ich kann es nicht,“ rief ſie.„Ich würde es mir nie vergeben, wenn ich dieſen jungen Mann träfe, und will mich lieber als beſiegt anerkennen, als ihn in Gefahr ſetzen.“ Hier ward der Beifall noch lauter und lebhafter als vorher, und als er ſich gelegt hatte, ſagte Miſtreß Brace⸗ girdle:„Um zu zeigen, daß ich auch einige Geſchicklichkeit beſitze, will ich eine Probe geben, wobei Niemand Gefahr läuft. Auf dem oberen Felde jener Thür iſt ein kleiner weißer Fleck nicht größer als ein Schilling. Sei dieſer mein Ziel.“ Und indem ſie ſprach, erhob ſie raſch die Piſtole und drückte ab. Das Holz ward genau an der von ihr ange⸗ deuteten Stelle durchbohrt, aber ein allgemeines Gefühl des Erſtaunens und der Beſtürzung verbreitete ſich, als ich die Thüre öffnete und Harley hereintrat. 140 Die Geſellſchaft wird durch Miſtreß Hyde Vierzehntes Kapitel. Die Geſellſchaft wird durch die unerwartete Ankunft von Miſtreß Hyde und ihrer Tochter vermehrt.— Sie erklärt die Veranlaſſung ihres Beſuchs. „Einen Zoll tiefer,“ rief der Sekretär, indem er ſeinen Hut abnahm, der von vorn bis hinten mit einem kleinen runden Loch durchbohrt war,„und dieſe Kugel wäre mir durch den Kopf gegangen. Ein ander Mal muß ſich die hübſche Miſtreß Bracegirdle einen ſicherern Platz zum Piſtolen⸗ ſchießen ausſuchen, wenn ſie nicht ein Unglück anrichten will. 6 Die ſchöne Schauſpielerin beeilte ſich, Harley um Ver⸗ zeihung zu bitten/ während die andern ihm zu ſeiner glück⸗ lichen Rettung glückwünſchten; und als ihm die Veranlaſſung des Schuſſes erläutert worden war, lachte er herzlich mit. „Der Sieg muß Ihnen zugeſprochen werden, Miſtreß Bracegirdle,“ ſagte er;„denn obgleich Miſtreß Oldfield eben ſo große Geſchicklichkeit bewieſen hat, ſo haben Sie doch größere Bedachtſamkeit gezeigt.“ „Dieß iſt jedenfalls ſehr großmüthig von Ihnen, Herr Harley,“ bemerkte Miſtreß Oldfield empfindlich. „So geſchickt Sie auch find, meine Damen,“ ſagte Saint⸗John,„ſo hoffe ich, daß Sie künftig auf Piſtolen verzichten und ſich jener kaum minder gefährlichen Waffen, Ihrer Augen, bedienen.“ „Für Ihr Geſchlecht mögen Blicke gut genug ſein, aber für unſer eigenes ſind Pulver und Kugeln nöthig,“ verſetzte Miſtreß Bracegirdle. „Nun, der Streit iſt in allen Ehren ausgemacht,“ ſagte Saint⸗John.„Alſo umarmen Sie ſich und ſein Sie gute Freunde.“ Dieſer Aufforderung durften die Damen nicht widerſtehen. Aber an dem Kopfwerfen der einen und dem Achſelzucken der und ihre Tochter vermehrt. 141 andern konnte man leicht ſehen, daß es mit dem Waffenſtill⸗ ſtand nicht ſehr aufrichtig gemeint war. Die Geſellſchaft nahm jetzt ihre Plätze am Tiſch wieder ein und Harley ſetzte ſich neben den Wirth, der eine geflüſterte Unterredung mit ihm zu führen ſuchte, während er das Glas ſo ſchnell wie vorher umkreiſen ließ und die Unterhaltung ſo viel als nöthig belebte. Harley's Stirn verzog ſich wegen einiger Nachrichten, die er vernahm, und ſein auf Masham gerichteter Blick bewies, daß das Gehörte auf ihn Bezug habe. Bald darauf erhoben ſich Sunderland und Kneller, in⸗ dem fſie erklärten, daß ſie genug getrunken hätten; Guiscard dagegen rief nach Karten, worauf Saint⸗John die Bedienung herbei klingelte und die Doppelthüren öffnen ließ, welche nach einem prächtigen Saal führten, der blendend hell er⸗ leuchtet war und mehrere Spieltiſche enthielt. In dieſen Saal begab ſich der größte Theil der Ge⸗ ſellſchaft, aber Steele, Addiſon, d'Urfey Prior und Rowe, die wenig nach Kartenſpielen frugen, blieben zurück, um eine große Bowle Punſch zu leeren, die eben erſchienen war und die ſie für unvergleichlich viel beſſer, als irgend eine der früheren, erklärten. Dann wurden Kaffee und Liqueure umhergereicht, worauf ſich der größte Theil der Gäſte zum Lhombre und Baſſet hinſetzten, und Harley in der Meinung, Guiscard ſei mit Spielen beſchäftigt, Masham bei Seite nahm und zu ihm ſagte:„Ich habe eben von Saint⸗John von dem albernen Duell gehört, das Sie mit dem Marquis haben werden. Es darf nicht ſtattfinden.“ „Verzeihen Sie, Herr Harley,“ erwiederte Masham, „aber ich ſehe kein Hinderniß.“ „Ich will es verhindern,“ entgegnete Harley,„und zwar ohne den geringſten Nachtheil für Sie. Im Gegen⸗ theil, Sie ſollen mit fliegenden Fahnen davon ziehen. Aber Sie müſſen ſich ganz meiner Leitung überlaſſen.“ 142 Die Geſellſchaft wird durch Miſtriß Hyde „Ich bedaure, Ihnen ſagen zu müſſen, daß ich Ihrem Verlangen nicht willfahren kann, Herr Harley,“ erwiederte Masham. „Pah, ich ſage Ihnen, Sir, daß Sie einwilligen müſſen,“ rief der Sekretär entſchieden,„wenn Sie Ihr Glück nicht für immer verſcherzen wollen. Sie müſſen morgen mit mir zu Abigail gehen.“ „Müſſen, Herr Harley!“ „Allerdings, müſſen, Sir, müſſen,“ rief Harley; Sie müſſen nicht blos hingehen, ſondern ſich ihr zu Füßen werfen und ſie um Verzeihung bitten.“ „Und weßhalb, bei allem Wunderbaren?“ fragte Mas⸗ ham höchſt erſtaunt. „Ich will es Ihnen ſagen,“ erwiederte jener lächelnd; „weil— Alle Teufel!“ rief er plötzlich innehaltend, als Guiscard vor ihm ſtand. „Verzeihen Sie, Herr Harley, wenn ich Sie unter⸗ breche,“ ſagte der Marquis, welcher errieth, was hier vor⸗ ging, und entſchloſſen war, die Pläne des Secretärs zu kreuzen,„aber da Herr Masham mein Wort in Zweifel gezogen hat, wofür er mir morgen Rede ſtehen wird, ſo wünſche ich, daß er von Ihrer Einwilligung in meine Ver⸗ bindung mit Ihrer ſchönen Couſine, Miß Hill, in Kenntniß geſetzt wird.“ „Hol ihn der Teufel!“ murmelte Harley. „Sie werden nicht anſtehen, ihm zu verſichern, daß Sie ihr allen Vorſchub leiſten wollen,“ fuhr jener fort,„und daß Sie ſich verpflichtet haben, Ihren Einfluß bei der Kö⸗ nigin wegen der baldigen Vollziehung der Hochzeitsfeier zu verwenden.“ „Verpflichtet gerade nicht, Herr Marquis,“ ſagte Har⸗ ley, indem er Masham anblickte. und ihre Tochter vermehrt. 143 „Ich kann Sie unmöglich mißverſtanden haben?“ ver⸗ ſetzte Guiscard ernſt. „Nein, nein; Sie haben mich nicht mißverſtanden, Herr Marquis,“ erwiederte Harley;„aber“— „Aber was, Sir?“ unterbrach ihn Guiscard ungeduldig. „Wenn es Ihrem Gedächtniß entſchlüpft iſt, ſo habe ich glück⸗ licherweiſe eine Note gemacht, um Sie daran zu erinnern.“ „O, nein; ich erinnere mich vollkommen,“ ſagte der Sekretär.„Es iſt genau ſo, wie Sie ſagten,— genau wie Sie ſagten.“ Dies ſprach er mit einem ſo vielſagenden Blick auf Masham, daß er hoffte dieſer würde ihn verſtehen. Aber der junge Stallmeiſter gab auf ſeine Winke und Blicke nicht Achtung, ſondern ging mit einer ſteifen Verbeugung fort, und Harley, den die unzeitige Unterbrechung des Marquis ärgerte, ließ dieſen plötzlich ſtehn und trat an einen der Spieltiſche. In dieſem Augenblick kam ein Bedienter herein und benachrichtigte Saint⸗John mit leiſer Stimme, daß zwei Damen ihn zu ſprechen wünſchten. „Zwei Damen zu dieſer Stunde!“ rief Saint⸗John. „Was Teufel wollen ſie denn?“ „Ich weiß es nicht, Sir,“ erwiederte der Bediente,„aber ſie ſcheinen in großer Verlegenheit zu ſein, und die eine von ihnen iſt jung und hübſch.“ „Ah!“ rief Saint⸗John,„das verſpricht etwas. Ich will ſie gleich annehmen. Führe ſie in das Studirzimmer und ſchicke Miſtreß Turnbull zu ihnen.“ „Ich glaube, die junge Dame heißt Angelika, Sir,“ ſagte der Bediente,„und die Mutter iſt die Frau eines Landpfarrers.“ „Was! meine hübſche Angelika,“ rief Saint⸗John ent⸗ zückt.„Dies iſt ja ein ſeltener Glücksfall. Führe Sie gleich herauf.“ 144 Die Geſellſchaft wird durch Miſtreß Hyde Als der Bediente hinaus war, ſtand Saint⸗John auf und theilte Harley und Guiscard die eben erhaltene Neuig⸗ keit mit, und alle drei lachten und äußerten Muthmaßungen über die Veranlaſſung ihres Beſuchs, als die Thür ſich öffnete und Miſtreß Hyde mit ihrer Tochter hereingeführt ward. Beide hielten ihre Taſchentücher vor die Augen und Angelika ſah aus, als wollte ſie in die Erde finken, als ſie ſich in einer ſo glänzenden Geſellſchaft befand. „Wem verdanke ich die Ehre Ihres unerwarteten Be⸗ ſuchs, meine Damen?“ fragte Saint⸗John. „Ach! Sir, welch ein Unglück geſchehen iſt!“ erwiederte Miſtreß Hyde.„Mein armer, armer Mann!“ „Was iſt mit ihm?“ rief Saint⸗John mit verſtellter Theilnahme. „Er iſt— oh! oh!“ ſchluchzte Miſtreß Hyde.„Sag' es, Angelika, denn ich bin es nicht im Stande.“ „Ich kann es kaum über die Lippen bringen, Sir,“ ſagte das junge Mädchen.„Er iſt ver— ver— haftet worden!“ „Verhaftet!“ wiederholte Saint⸗John erſtaunt— weshalb?“ „Weil er nichts gethan hat,— gar nichts,“ erwiederte Miſtreß Hyde.„Das iſt ſein Verbrechen.“ „Allerdings ein ſchreckliches Verbrechen,“ ſagte Saint⸗ John lächelnd.„Aber es muß ihm doch irgend etwas zur Laſt gelegt worden ſein?“ „Sie ſagen, es iſt ein Komplott,“ antwortete Angelika, „eine hochverrätheriſche Korreſpondenz mit den franzöſiſchen. Miniſtern. O Gott! O Gott!“ „Hochverrätheriſche Korreſpondenz mit franzöſiſchen Mi⸗ niſtern!“ wiederholte Saint⸗John.„Iſt er ein Jakobit?“ „Gott bewahre, nein, Sir,— ſo wenig wie Sie,“ er⸗ wiederte Miſtreß Hyde;„aber Greg iſt an allem Schuld. . und ihre Tochter vermehrt. 145 Herr Harley weiß, wen ich meine, denn es iſt einer von ſeinen Schreibern.“ „Greg! was iſt mit ihm?“ fragte Harley unruhig. „Nun, er iſt von einem Boten der Königin verhaftet worden,“ erwiederte Angelika,„und er ſoll ſo lange in ſichern Verwahrſam gebracht werden, bis er morgen vom Geheimen⸗ Rath verhört wird. Alle ſeine Papiere ſind in Beſchlag genommen worden.“ Harley und Saint⸗John wechſelten Blicke voll übel verhehlter Beſorgniß; und Guiscard trat beſtürzt hinzu und ſagte,„was höre ich da?— Greg verhaftet?“ „Ja, Sir,“ ſagte Angelika;„und ich hörte den Boten ſagen, daß die in Beſchlag genommenen Papiere einige große Perſonen verwickeln würden. Ihr Name iſt auch genannt worden.“ „Der meinige!“ rief der Marquis,„der meinige! Un⸗ möglich! Ich weiß nichts von dem Burſchen— das heißt, ſehr wenig.“ „Dies iſt ein verdrießlicher Vorfall, Harley,“ ſagte Saint⸗John leiſe. „Sehr verdrießlich,“ erwiederte dieſer,„denn obgleich ich nichts zu fürchten habe, ſo wird es doch eine gute Hand⸗ hebe für unſere Feinde ſein, die ſie nicht zu gebrauchen ver⸗ ſäumen werden, da der Schurke mein Schreiber geweſen iſt.“ „Es trifft ſich verdammt unglücklich,“ rief Saint⸗John. „Nun, meine hübſche Angelika,“ fügte er hinzu,„Sie können ſich wegen Ihres Vaters ganz beruhigen,— es wird ihm nichts zu Leide geſchehen. Dafür will ich einſtehen. Aber wie iſt dies alles zugegangen?“ „Nun, ſehen Sie, Sir,“ antwortete ſie,„ein Sergeant, der ein großer, langer Mann mit einem Pflaſter auf der Naſe und ſo häßlich wie die Sünde iſt, kam dieſen Abend mit Herrn Proddy, dem Kutſcher der Königin, zu Herrn Greg zum Beſuch und dieſer lud ſie zum Abendeſſen ein, Ainsworth, St. James's. I. 10 146 Die Geſellſchaft wird durch Myſtreß Hyde was ſie auch annahmen. Nun gut, im Laufe des Abends that Herr Greg eine Menge Fragen über den Herzog von Marlborvugh an den Sergeanten und über die Königin an Herrn Proddy, und er ſetzte ihnen mit Branntwein zu, der ihnen bald in den Kopf ſtieg und ſie viel dummes Zeug über die Revolution und dergleichen ſchwatzen machte. Mein Vater hörte gar nicht auf ihr Geſpräch hin, ſondern rauchte ſeine Pfeife ganz ruhig am Kamin und nickte bald ein. Allmälig⸗ fingen ſie an zu flüſtern und ich konnte ſie natür⸗ lich nicht mehr verſtehen, aber ich hörte die Worte: Wilhelm der Dritte, Hof von Saint⸗Germain— und Monſieur Cha⸗ millard,— woraus ich Verdacht ſchöpfte, daß ſie von Hoch⸗ verrath ſprachen.“ „Darin hatten Sie ganz Recht,“ bemerkte Saint⸗John. „Welch ein Narr muß Greg ſein, ſo unbedachtſam zu handeln,“ murmelte Guiscard. „Aus dem, was nachher geſchah, vermuthe ich, daß der Sergeant und der Kutſcher Spione waren,“ fuhr Angelika fort;„denn nachdem ſie ſo eine Weile fortgeplaudert hatten, — ſtanden ſie auf und taumelten fort; aber obgleich der Ser⸗ geant ſich ſehr betrunken ſtellte, ſo bemerkte ich doch, daß er ſich verſtohlen rund umſah. Ungefähr eine halbe Stunde ⸗ ſpäter, als wir gerade zu Bette gehen wollten, ward an die Thür geklopft, und Herr Greg, der ſehr blaß wurde, beſann ſich, ob er öffnen ſollte; aber als daß Klopfen ſich wieder⸗ holte, that er es und ein Bote der Königin, wie er ſich nannte, kam mit einigen Beamten herein und nahm ihn feſt und bemächtigte ſich ſeiner Papiere, wie ich Ihnen ſchon er⸗ zählt habe.“ 1 „Sagte der Bote, wer ihn geſchickt habe?“ fragte Harley. „Ja, der Herzog von Marlborough,“ antwortete fie, „und er erklärte, daß der Herzog bündige Beweiſe von Herrn Greg's Schuld beſitze.“ und ihre Tochter vermehrt. 447 Harley und Saint⸗John wechſelten noch einmal viel⸗ ſagende Blicke und Guiscard's Miene ward finſterer und un⸗ ruhiger als je. „Aber unter welchem Vorwand iſt Ihr Vater verhaftet worden?“ ſragte Saint⸗John. „In der That, Sir, ich weiß es nicht,“ antwortete Angelika,„aber die Beamten nahmen ihn gefangen. Er ſprach uns Muth ein, da er nichts zu fürchten und die Kö⸗ nigin keinen treueren Unterthan als ihn habe und ſeine Unſchuld bald zum Vorſchein kommen würde.“ „Das wird es auch,“ rief Miſtreß Hyde.„Er iſt ſo unſchuldig, wie ein neugebornes Kind. Dafür ſtehe ich.“ „Es ſcheint ein ganz unverantwortliches Verfahren zu ſein,“ ſagte Saint⸗John,„und ſoll genau unterſucht werden. Aber was hat Sie hergeführt, liebes Kind?“ „Ich fürchte, wir haben ſehr Unrecht gethan,“ ſagte Angelika erröthend und verwirrt,„aber wir wußten nicht mehr, was wir anfangen ſollten, und da wir keine Freunde in London haben, und Sie für einen guten, freundlichen Gentleman hielten, ſo ſind wir in der Hoffnung zu Ihnen gegangen, daß ſie uns befreunden würden.“ „Darin ſollen Sie ſich auch nicht getäuſcht haben,“ ſagte Saint⸗John.„Und nun genießen Sie einige Exfriſchungen, während ich ein Zimmer für Sie in Stand ſetzen laſſe. Morgen früh werde ich mich für die Befreiung Ihres Vaters verwenden.“ Hiermit führte er ſie in ein anderes Zimmer, wo Miſtreß Turnbull zu ihrer Aufwartung erſchien, und nach ſeiner Rück⸗ kunft ließ er ſich in ein geheimes Geſpräch mit Harley ein. Guiseard ſetzte ſich an den Baſſettiſch, aber ſpielte mit ſolcher Zerſtreuung, daß er bedeutend verlor und endlich aufſtand und fortging. Ungefähr um dieſelbe Zeit kamen die Sänften der Damen an und Miſtreß Bracegirdle ward von Congreve 148 Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; und Miſtreß Oldfield von Maynwaring begleitet. Steele und Wycherley ſpazierten hinter Miſtreß Manley's Sänfte einher und fielen, von den genoſſenen Getränken aufgeregt, die Wache an, wofür ſie die Nacht in dem St. James Wacht⸗ hauſe zubringen mußten. Miſtreß Centlivre ward von Prior begleitet, der ſie einmal über das andere ſeine Chlos nannte und ſchwor, daß er zu ihrem nächſten Stück einen Prolog ſchreiben wollte. Als Harley ſeine Konferenz mit Saint⸗ John beendigt hatte, ſah er ſich nach Masham um, den er jedoch nicht finden konnte, und auf ſeine Nachfrage erfuhr er, daß er ſchon längſt fortgegangen war. Addiſon, Garth und die andern blieben noch ſpät ſitzen und tranken noch eine Bowle Punſch und dann noch eine, und es war beinahe vier Uhr, als Saint⸗John ſich allein fand. Fünfzehntes Kapitel. Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; und von drei Duellen. An dem Morgen, an welchem das Duell mit Monſieur Bimbelot vor ſich gehen ſollte, ſtand Sergeant Scales eine Stunde vor Tagesanbruch auf, und da er am vorhergehenden Abend, wie man aus der ſchönen Angelika Erzählung ab⸗ nehmen kann, eine große Menge Branntwein zu ſich genommen hatte, ſo war es ſein erſtes Geſchäft, ſeinen Durſt mit einem großen Kruge Waſſer zu ſtillen; worauf er ſich, ſeiner Ge⸗ wohnheit nach, jedoch, um das Haus nicht zu ſtören, in etwas leiſerem Tone als gewöhnlich pfeifend und fingend anzukleiden begann. Gewohnt, ſich im Dunkeln zu raſiren, vollendete er dieſe Operation ohne einen Unfall, ſprang in ein Paar alte Kanonenſtiefeln, die ihm der Herzog von Marl⸗ borough geſchenkt hatte, warf ein Wehrgehenk über ſeine Schultern, verſuchte die Schärfe ſeines Degens an dem Fuß⸗ und von drei Duellen. 149 boden, ſtieß ihn in die Scheide und nachdem er ſich Hut und Uniform angethan hatte, marſchirte er mit Schritten, gleich denen des Geiſtes des Komthurs im Don Juan, nach der Küche in der Abſicht, ſich vor dem Ausgehen eine Taſſe Kaffee zu kochen. Das Feuer flackerte luſtig auf, als er eintrat, und zu ſeiner Verwunderung ſah er Miſtreß Plumpton, die ſchmucke Unterhaushälterin, vor demſelben ſtehen. „Herr Je, Sergeant!“ rief Miſtreß Plumpton in ver⸗ ſtellter Verwirrung,„wer hätte daran gedacht, Sie ſchon munter zu ſehen? Sie find wahrhaftig bei Zeiten auf.“ „Sie ſind mir zuvorgekommen, Miſtreß Plumpton,“ erwiederte Scales.„Ich muß in Dienſtſachen ausgehen. Aber Sie ſind gewöhnlich nicht ſo früh auf?“ „Gewöhnlich nicht, Sergeant,“ antwortete ſie;„aber mir war ein Bischen unwohl, und ich dachte, eine Taſſe Chokolade würde mir gut bekommen. Darum ſtand ich auf, und wollte eben welche machen, als Sie herein kamen. Aber, Gott im Himmel! können Sie ſich denken, daß ich noch meine Nachtmütze aufhabe?“ „Laſſen Sie es nur gut ſein mit der Nachtmütze, Miſtreß Plumpton,“ verſetzte der Sergeant;„ich bin ein alter Sol⸗ dat, wie Sie wiſſen. Wenn Sie es nicht geſagt hätten, ſo würde ich es nie bemerkt haben. Aber jetzt, da ich ſie ſehe, muß ich ſagen, daß es die hübſcheſte Nachtmütze iſt, die ich Sie je tragen geſehen habe.“ „Ach, Sergeant!— aber Sie Militärs ſind immer ſo höflich! Wollen Sie nicht eine Taſſe Chokolade mit mir trinken, ehe Sie ausgehen?“ „Das will ich und mit großem Dank, Miſtreß Plump⸗ ton,“ erwiederte Scales.„Ich wollte eben Kaffee trinken, aber ich würde Chokolade bei weitem vorziehen.“ Die Chokolade ward gequirlt und ans Feuer geſetzt und die ſchmucke Haushälterin wollte ſie noch zu guter Letzt 150 WVon des Sergeanten zeitigem Frühſtück; einmal au ſchäumen laſſen, als, ſie wußte nicht, wie es geſchah, ihr Leib von dem Arm des galanten Sergeant um⸗ ſchlungen ward, und er, ehe ſie auch nur das leiſeſte Geſchrei ausſtoßen konnte, ein halbes Dutzend derber Küſſe auf ihre Lippen gedrückt hatte. Ein ſchrecklicher Menſch war unſer Sergeant, und eben ſo furchtbar in der Liebe als im Kriege. Während dies vor ſich ging, kochte die Chokolade über und ein fürchterliches Geziſche, Geſprudel und Gedampfe er⸗ folgte, während ſich in demſelben Augenblick in der Gegend der Thür ein ſcharfes, höhniſches Gekicher hören ließ und das verlegene Paar im Umſehen Miſtreß Tipping erblickte. „So, alſo deßhalb ſtehen Sie ſo früh auf, Plumpton, he?“ rief die Kammerjungfer.„Das iſt ganz nett, wahr⸗ haftig! Kein Wunder, daß Ihnen dem Sergeanten ſein Ge⸗ trommel ſo gefällt! Aber Mylady ſoll es erfahren, das ſoll ſie!“ „Wollen Sie ihr nicht lieber gleich dabei ſagen, wie voft der Sergeant Sie geküßt hat, Tipping,“ entgegnete Miſtreß Plumpton, indem ſie den Chokoladentopf vom Feuer nahm.„Wir haben uns nur ganz zufällig getroffen.“ „O freilich, ganz zufällig!“ verſetzte Miſtreß Tipping. „Als ob Herr Timperley Ihnen nicht geſtern Abend geſagt ätte, daß der Sergeant früh ausgehen und Kaffee nöthig haben würde. Sie ſind abſichtlich aufgeſtunden, um ſich mit ihm zu treffen.“ „Nun gut, und weßhalb ſind Sie ſo früh aufgeſtanden?“ fragte Miſtreß Plumpton ſcharf. „Um Sie zu überraſchen,“ erwiederte Miſtreß Tipping, „und ich habe Sie auch ganz nett überraſcht. O, Sergeant,“ fuhr ſie auf einen Stuhl finkend fort,„dies habe ich nicht von Ihnen erwartet. Mit ſo einem alten Scheuſal, wie Plumpton, ſchön zu thun!“ „Wohl nicht ſo alt und kein ſo ein Scheuſal, was das anbetrifft,“ verſetzte die Unterhaushälterin empfindlich.„Und und von drei Duellen. 151 der Sergeant verſteht ſich viel zu gut darauf, als daß er ſich aus bloßer Jugend, ohne weiter etwas dabei, ſo viel machen ſollte.“ „Meine Damen,“ ſagte Seales,„da ich für Sie beide große Achtung empfinde, ſo wünſchte ich den Frieden wieder⸗ hergeſtellt zu ſehen; und da ich überdieß ein dringendes Geſchäft abzumachen habe, ſo werden Sie entſchuldigen, wenn ich zu frühſtücken anfange.“ Bei dieſen Worten nahm er Platz und Miſtreß Plump⸗ ton ſchenkte ihm eine große Taſſe Chocolade ein; während Miſtreß Tipping trotz ihrer übeln Laune Butterbrode zu ſchneiden anfing, die er ebenſo ſchnell verſchwinden ließ, als ſie ſie zu bereiten im Stande war. Als der Sergeant drei Taſſen getrunken und ein halbes Brod verzehrt hatte, ſtand er auf, wiſchte ſich die Lippen und küßte zuerſt Miſtreß Plumpton und darauf Miſtreß Tipping, welche ſich dieſe Anordnung mit beſſerem Anſtande gefallen ließ, als man hätte erwarten ſollen. Dann ging er aus der Hausthür durch den Garten nach dem Green Park. Es ward gerade Tag und in geringer Entfernung ſah er eine dicke kleine Figur in einem weißen Rock, geſtreifter Weſte und Sammetmütze mit einem ungeheuren Schirm auf einer Bank unter den Bäumen ſitzen, die er ohne Mühe als Proddy erkannte. Der Sergeant pfiff ein Signal und der JFutſcher ſtand ſogleich auf und kam auf ihn zu. Er hatte eine Pfeife im Munde und einen Degen unter dem Arm und ſchritt mit ungewöhnlicher Würde einher. Als ſie ſich gegenſeitig begrüßt hatten, ſchlug das Paar die Richtung nach dem Hyde⸗Park ein. Es war ein ſchöner, aber ſehr kalter Morgen, und der Sergeant würde viel ſtärker ausge⸗ holt haben, hätte er nicht ſeinen Begleiter zu überlaufen gefürchtet. 152 Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; „Ich denke, ich habe Ihnen ſchon geſagt, wer Bambi's Sekundant iſt, nicht wahr, Proddy?“ bemerkte er endlich. „Ein gewiſſer John Savage, ein franzöſiſcher Korporal, der mit Marſchall Tallard als Gefangener herübergekommen iſt,“ antwortete der Kutſcher. „Sauvageon, nicht John Savage,“ verſezte Scales. „Ein tapferer Burſche. Ich würde es für eine größere Ehre halten, den Degen mit ihm zu kreuzen, als mit dem armen kleinen Bambi.“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Sergeant,“ ſagte Proddy, „ich habe mir die Sache überlegt. Ich habe keine Luſt, müßig zu gehen, und wenn er nichts dagegen hat, ſo will ich ſelbſt mit Savagejohn einen Gang machen.“ „Aber, alle Wetter, Proddy,“ rief Scales,„er wird Sie in weniger als gar keiner Zeit durchbohrt haben! Er iſt dem Degen vollkommen gewachſen und lebt vom Fecht⸗ unterricht.“ „Schadet nichts, Sergeant,“ ſagte Proddy.„Ein Eng⸗ länder nimmt es immer mit einem Franzoſen auf.“ „Nun, freilich,“ erwiederte Scales,„vorausgeſetzt,— aber ich rathe Ihnen wirklich, die Ehre Ihres Vaterlandes mir zu überlaſſen.“ „Nein, ich habe mich einmal dazu entſchloſſen,“ ſagte Proddy.„Ich habe mir zu dem Ende einen Degen mitgebracht.“ „Na, wenn Sie nicht anders wollen, ſo will ich Sie nicht daran hindern,“ ſagte Seales;„aber nehmen Sie ſich in Acht, ſage ich Ihnen. Ich will Ihnen beiſtehen, wenn ich kann.“ Hierauf begann er den Lillebullero zu fingen, und ſchmetterte mit kräftigen Lungen die folgende Strophe heraus: „Singt, o ſingt dem braven Helden, Dem Sieger von Blenheim Preis und Dank! Marlbro', den glorreichen, unüberwindlichen, Feiert, ihr Britten, mit freudigem Sang!“ f und von drei Duellen. 153 „Wir beide ſind auch Helden, Sergeant,“ ſagte Proddy ſtolz.„Wir wollen die Musjehs ſchon zuſammenhauen und mir iſt ſo zu Muthe, wie es Ihnen vor der Schlacht von Blenheim geweſen ſein mag.“ „Sie ſind ein tapferer kleiner Kerl, Proddy,“ anwortete Scales, indem er ihn auf die Schulter klopfte,„und Ihr Muth macht Ihnen Ehre; aber wie einem Soldaten vor der Schlacht zu Muthe iſt, beſonders wenn es gegen die Franzoſen geht, davon verſtehen Sie nichts. An dem Mor⸗ gen dieſer Schlacht war mir wie einem Schlachtroß, dem die Zügel angezogen werden und das ſein Gebiß ſchüttelt.“ Und hier fing er wieder an zu ſingen: „Im Jahre ſiebzehnhundert vier, am dreizehnten Auguſt, Ward an der Donau Felſenrand gekämpft mit heißer Luſt; Noch nie, ſeit Galliens Heer erlag des Schwarzen Eduards Macht, Ward es ſo tief erniedrigt, als in Blenheim's Siegesſchlacht.“ „Wenn Sie ſo fortfahren, Sergeant, ſo werde ich es mit beiden dieſen Musjehs aufnehmen wollen,“ ſagte Proddy. „Ich glaube der Krieg iſt mein eigentlicher Beruf. Ich würde jetzt den Musketenbock dem Kutſchbock vorziehen.“ „Nicht übel!“ rief Scales lachend.„Meiner Seel! Proddy, wie gut wir geſtern Abend unſere Rollen geſpielt und den Verräther von Greg ganz übertölpelt haben. Was der Kerl für ein Hallunke ſein muß, ſein Vaterland an die Feinde zu verrathen. Er verdient in eine Kanone geladen und quer über den Kanal nach Calais geſchoſſen zu werden. Aber, Dank dem Himmel! es wird ihm nach Verdienſt ge⸗ ſchehen! Ich hoffe, ſie werden ſeinem Herrn auch beikommen können.“ „Ich miſche mich nie in Staatsangelegenheiten, wenn ich es nicht nöthig habe, Sergeant,“ erwiederte Proddy, deſſen geſtriger Schrecken bei dieſer Bemerkung wieder er⸗ 154 Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; wachte.„Ich werde froh ſein, wenn ſie uns dieſen Greg erſt aus dem Wege gehängt haben.“ Der Sergeant ſtimmte dieſem Wunſch bei und ſie ſchritten wieder ſtillſchweigend einher. Bald darauf erreichten ſie den Hyde Park, deſſen Thore eben geöffnet waren, und gingen längs den Hügeln auf die Kenſington Gärten zu, bis ſie an die Grenze einer breiten Lichtung gelangten, die von einer natürlichen Allee von ſchönen Bäumen, beſonders Ulmen, eingefaßt war und ſich bis an den Rand einer breiten prächtigen Waſſerfläche hinzog, welche ſpäterhin den Namen des Serpentinfluſſes erhalten hat,— und zwar aus dem ſehr vortrefflichen Grunde, daß er ſo ſchnurgrade wie ein Kanal iſt. In anmuthige kleine Thäler abgetheilt und von Baumpartien beſchattet, beſaß dieſer Ort ganz die für ihren Zweck erforderliche Abgelegen⸗ heit. Ungefähr auf halben Wege in der Allee befanden ſich zwei mit hölzernen Brettern eingefaßte Quellen, die ihrer Heilkräfte wegen berühmt waren und deren ſich ſelbſt zu jenen Zeiten, als die Waſſerheilkunde noch nicht aufgekommen war, viele zum Trinken und zum Waſchen bedienten. Zu einer ſpäteren Zeit pflegte das Waſſer der Sanct Agnes Quelle,— denn ſo ward die Hauptquelle genannt,— von einer alten Dame, die mit einem kleinen Tiſch und Gläſern daneben ſaß, ausgeſchenkt zu werden, während augenkranke Perſonen in der Schweſterquelle Erleichterung fanden. Jetzt iſt eine Pumpe an dieſer Stelle angebracht, aber das Waſſer hat nichts von ſeinem Rufe eingebüßt. Iſt es nicht ſeltſam, daß die Quellen von Hampſteed, Kilburn und Bagnigge in dieſen waſſertrinkenden Tagen nicht wieder in die Mode kommen?— oder ſind ihre Schleuſen verſiegt? Die Sonne war eben aufgegangen und ihre Strahlen drangen durch die Zweige der hohen, laubigen Bäume, fun⸗ kelten auf der Oberfläche des fernen Gewäſſers, das wie - und von drei Durllen. 155 Silber glänzte und ſchimmerten mit diamantenen Feuer auf dem thauigen Raſen. Wohl dürfen wir auf den Hyde Park ſtolz ſein, denn keine Hauptſtadt, als die unſrige, kann ſich ſeines Gleichen rühmen. Die waldige Einſamkeit der Gegend war vollkommen ungeſtört und wer es nicht wußte, hätte ſich nicht träumen laſſen, daß die Metropolis keine Meile entfernt war. Von den Bäumen verdeckt, war die mächtige Stadt dem Auge vollſtändig entrückt, und an der Straße nach Kenfington, die durch das Gebüſch nach Südweſten hin ſichtbar war, war nicht ein einziges Haus zu ſehen. Um den Eindruck der Abgelegenheit zu erhöhen, hatte ſich eine Heerde edles Hochwild unter einer Eiche auf dem Gipfel eines ſanften Abhanges gelagert und eine Partie Krähen krächzte laut in den Wipfeln der hohen Bäume in der Nähe der Kenſington Gärten.. „Nun, wir find die erſten auf dem Platze, Proddy,“ ſagte Scales haltmachend.„Dies iſt der Ort des Ren⸗ dezvous.“ „Das freut mich,“ erwiederte der Kutſcher, indem er ſich Mütze und Perrücke abnahm und den Schweiß trocknete, der über ſeine bauſchigen Backen herabfloß;„Sie ſind mir etwas zu ſchnell gegangen.“ „Warum haben Sie es nicht geſagt?“ verſetzte der Sergeant.„Aber wir ſind nicht all zu früh, denn dort kommen ſie.“ Proddy ſetzte ſich die Perrücke und Mütze ſchnell wieder auf und ſah ſich nach den Ankommenden um. Der kleine Monſfieur Bimbelot ſchien ſich ungewöhnlich ſorgfältig ge⸗ kleidet zu haben und trug einen Sammtrock, eine Brokat⸗ weſte und eine volle, wallende Perrücke. Er ward von einem Mann in mittleren Jahren begleitet, faſt eben ſo groß als der Sergeant, mit groben Geſichtszügen, einer furchtbar langen Habichtsnaſe, einem ſpitzen Kinn und einem Bart, ſo blau 83 6. 5 — 156 Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; wie der des großen Weibertödters in dem Feenmährchen, der ſammt ſeiner Naſe einen ſogenannten Nußknacker bildete. Ferner hatte er einen langen dürren Hals mit ſtark aus⸗ gebildetem Adamsapfel, ſchwarze borſtige Augenbraunen und große ſtierende ſchwarze Augen, aus denen fürchterliche Blicke ſprühten. Er war mit einer weiten weißen Uniform be⸗ kleidet, unter welcher die Spitze eines Degens und ein Paar braunlederne Kamaſchen hervorſahen. Seinen Hut hatte er grimmig aufgeſtutzt und ſeine Perrücke lief in einen uner⸗ meßlichen Zopf aus. Im Ganzen genommen, ſchien das Aeußere des Korporals die von Stales ausgeſprochene Meinung über ſeine Mannhaftigkeit zu rechtfertigen. Der Sergeant richtete ſich zu ſeiner ganzen Länge duf und erwartete das Nahen ſeines Gegners, während Proddy ſeinem Beiſpiel folgte und um ſeiner natürlichen Länge etwas zuzuſetzen, auf einen Maulwurfshügel ſprang und ſo lange er es aushalten konnte, auf den Zehen ſtand. „Messieurs,“ ſagte Bimbelot, behende herbei trippelnd und ſeinen Hut abnehmend,„J'ai Thonneur de vous pré- senter mon ami, Achille De LEpée Souvageon, feu Coporal à sa majesté Louis le Grand, mais à present Prisonier de guerre en Angleterre.“ „Was heißt das alles?“ fragte Proddy. „Still!“ ſagte Scales barſch.„Herr Korporal, Ihr Diener,“ fügte er hinzu, indem er Souvageon grüßte. „L.e votre, monsieur le Sergeant,“ antwortete dieſer, den Gruß erwiedernd. „Und nun ans Werk, mein Herr,“ rief Scales.„Ich bin im Umſehen bereit, Bambi,“ ſagte er, den Rock ausziehend. „Ich werde Sie nicht lange warten laſſen, Sergeant,“ erwiederte Bimbelot, ſich ebenfalls ſeines Oberkleides ent⸗ ledigend. Der Korporal näherte ſich jetzt ſeinem Duellanten und E und von drei Duellen. 157 übergab ihm ſeinen Degen, indem er einige leiſe Worte hin⸗ zufügte, während deſſen Proddy mit Scales ſprach. „Hören Sie, Sergeant, wenn Sie es Savagejohn nicht ſagen wollen, daß ich mit ihm fechten will, ſo thue ich es ſelbſt,“ ſagte er. „Sie ſollten es lieber bleiben laſſen,“ erwiederte Scales. „Auf keinen Fall aber, ehe ich fertig bin.“ „Aber ich mag nicht warten,“ verſetzte der tapfere Kutſcher. Hören Sie, Korporal Achilles Savagejohn,“ fuhr er laut fort,“ da unſre Freunde losgehen, ſo könnten wir beide eben ſo gut einen Gang machen, als müſſig zuſehen.“ „Avec beaucoup de plaisir, mon gros tonneau,“ erwiederte der Korporal grinſend. „Was ſagte er?“ fragte Proddy. „Macht ſich luſtig, weiter nichts,“ antwortete Scales. „Macht ſich luſtig?“ rief Proddy aufgebracht.„Schock⸗ donnerwetter! er ſoll mir auf der verkehrten Seite von ſeinem häßlichen Munde lachen. Macht ſich luſtig!— Ha! Hören Sie, Sie knickerbeiniger, ſchwarz ſchnäuziger Koloß— Sie ausgemerkelter Hering, der Sie ausſehn, als hätten Sie Ihre Lebtage nichts anders als Fröſche und Käſerinden zu eſſen gekriegt— ziehen Sie und vertheidigen Sie ſich, ſage ich, oder ich ſchlitze Ihnen Ihren langen Storchhals auf. Ver⸗ ſtehen Sie das.“ „Parfaitement, monsieur,“ antwortete der Korporal, dem die Zähne vor Wuth klapperten.„Sie'aben zu viel getrunk, mon petit brave. Wenn ich Ihn nicht abzapfe etwas von Ihren rothen Saft, ich will nie wieder einen Degen nehmen in die And.“ „Da Sie ſich durchaus einmal ſchlagen müſſen, Proddy,“ ſagte der Sergeant leiſe zu ihm,„ſo geben Sie Acht, was ich Ihnen ſage. Da Ihr Gegner viel größer iſt, als Sie, 158 Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; ſo kommen Sie ihm ſo bald als möglich auf halben Degen entgegen.“ „Halben Degen!“ rief Proddy.„Was ſoll das? Ich habe einen ganzen Degen und einen recht langen noch dazu. Sehn Sie'mal.“ „Aber, Tod und Teufel!“ ſchrie Scales.„Wollen Sie ſich denn ſchlagen, ohne etwas vom Fechten zu verſtehen?“ „Nu, freilich,“ entgegnete Proddy. „Sie werden eine Leiche ſein, ehe Sie ſich's verſehen. Aber, da denn einmal nicht zu helfen iſt, ſo gehen Sie dem Korporal ſo dicht zu Leibe als Sie können, und wenn er nach Ihnen ſticht, ſo legen Sie ſich nicht auf's Pariren— das verſtehn Sie doch?— ſondern ſtoßen Sie wieder, und zehn gegen eins, Sie werden ihm eins verſetzen. Es wird contre-tente ſein, wie wir ſagen würden, aber gleichviel, wenn Sie nur gut davon kommen. Sie haben weiter keine Wahl.“ „Ich will es thun,“ ſagte Proddy entſchloſſen. Der Sergeant trat dann auf die Seite, um einen freien Platz auszuſuchen, und Bimbelot folgte ihm. Sie wollten ſich eben auslegen, als der höfliche Kammerdiener Scales Fußwerk bemerkte und ſagte, mais ces bottes, Sergeant. Wollen Sie nicht abnehmen? Sie werden Ihn ſein ſehr incommode.“ „Nicht im mindeſten, Bambi, ſehr verbunden,“ erwie⸗ derte Scales.„Dieſe Stiefeln haben einſt dem Herzog von Marlborough gehört,“ fügte er ſtolz hinzu;„ich trage ſie immer bei feierlichen Gelegenheiten, wie die jetzige.“ „Ah— ja— ich verſteh',“ erwiederte Bimbelot, von dem Kompliment geſchmeichelt.„Wie Ihn gefällig iſt. Commengons!“ Die Degen wurden nun gezogen, der Appell getreten, der Gruß ausgetauſcht und beide legten ſich aus; aber ehe der Kampf begann, konnte der Sergeant nicht umhin, ſich nach und von drei Duellen. 159 Proddy umzuſehen, wegen deſſen Sicherheit er ſich ſehr be⸗ unruhigte. Er ſah den armen Kutſcher ſeinem grimmen Gegner, der jetzt doppelt furchtbar ausſah, gegenüberſtehen und ſich in der Terz auslegen, wie er es die andern machen ſah, während er ſeine Mütze anmuthig mit der linken Hand abzunehmen bemüht war. Alles dies bemerkte Scales mit einem Blick und wandte dann ſeine Aufmerkſamkeit auf ſeinen eigenen Gegner, der einen Stoß in der Quarte nach ihm führte, welchen er augenblicklich parirte und mit einer Se⸗ kunde erwiederte. Obgleich er dem Kampf um Proddy's Willen gern ſo bald als möglich ein Ende gemacht hätte, ſo fand Scales dies doch nicht ſo leicht, denn Bimbelot war ein geſchickter Fechter und es erfolgte Stoß auf Stoß ohne einen entſchiedenen Vortheil auf beiden Seiten. Endlich, als der Kammerdiener einen Stoß in der Quarte machte, parirte Scales raſch in der Prime und faßte ſogleich mit Behendig⸗ keit das Forte der Klinge ſeines Gegners mit dem rechten Arm, und entwaffnete ihn, indem er ihm zu gleicher Zeit ſeine eigene Spitze vorhielt. Ohne ſich um ſeinen beſiegten Gegner, den er in der poſſirlichſten Verzweiflung ſtehen ließ, weiter zu bekümmern, ſtürmte der Sergeant, in jeder Hand einen Degen, ſeinem Freunde zu Hülfe. Er kam gerade zur rechten Zeit. Umſonſt hatte der tapfere Kutſcher einen Stoß nach ſeinem gewandten Gegner zu führen verſucht und er hatte deſſen verzweifelte Ausfälle nur dadurch vermieden, daß er jedesmal ein Ende zurückſprang. Umſonſt hatte ihn auch der Korporal bei jedem Vordringen mit lautem Fluchen aufgefordert, ſich zu ergeben. Proddy wollte nicht nachgeben, und obgleich er ſich nicht lange mehr zu vertheidigen hoffen durfte, ſo dauerte er doch aus. Einen Stoß nach dem andern führte der Korporal nach ihm, und einen Satz nach dem andern machte er zurück; und die Klinge ſeines Gegners war eben nur noch einen 160 Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; Zoll weit von ſeiner Bruſt entfernt und er glaubte ihre fürchterliche Spitze ſchon in ſeinem Fleiſch zu fühlen, als er des Sergeanten aufmunternden Zuruf hörte. Dann machte er einen krampfhaften Sprung nach hinten und fiel dabei zu Boden, während ihm ſein Degen ein Paar Schritt weit aus der Hand fiel. Als Scales dies ſah, eilte er ſo ſchnell als es ſeine ſchweren Kanonenſtiefeln erlaubten, herbei und ehe der Kor⸗ poral ſeinen Vortheil benutzen konnte, ſtürzte er ſich zwiſchen ihn und ſeinen dahingeſtreckten Widerſacher. Sauvageon ſtieß mit einem lauten Fluch auf ihn zu; aber der Sergeant pa⸗ rirte in der Prime, faßte das Faible der gegneriſchen Klinge mit dem Forte ſeiner eigenen und ſchleuderte ſeinen Degen ſauſend in die Luft. „Ah! sacrebleu! daß ich auf dieſe Art geſchlagen wer⸗ den mußte,“ rief Sauvageon vor Wuth außer ſich. „Nehmen Sie Ihren Degen wieder auf, wenn Sie nicht damit zufrieden find, Korporal,“ ſagte Scales großmüthig; „wir wollen noch einen Gang machen.“ „Ah, non, vous étes le diable, sergeant,“ antwortete der Korporal,„aber Sie müſſen zugeben, daß ich den kleinen Kutſcher ehrlich beſiegt habe.“ „Es iſt nicht wahr, Savagejohn,“ rief Proddy, der ſich jetzt wieder aufgerafft und in den Beſitz ſeines Degens geſetzt hatte.„Ich habe mich nicht ergeben, und wollte es auch nie. Und ich ſpieße Sie auf, wenn Sie es nicht zurück⸗ nehmen.“ Bei dieſen Worten ſtürmte er auf den unbewaffneten Franzoſen los, der nichts Beſſeres zu thun hatte, als ſich auf die Beine zu machen, da er ihn, Verderben in den Mienen, auf dieſe mörderiſche Art herankommen ſah. Scales, der vor Lachen kaum ſprechen konnte, rief ihn umſonſt zurück. Unbekümmert um ſein Geſchrei verfolgte Proddy den fliehenden und von drei Duellen. 161 Korporal mit einer Geſchwindigkeit, welche nur aus dem Durſt nach Rache entſpringen konnte, und bei einer Geſtalt von ſeinem Umfange zum Erſtaunen war; und es gelang ihm, ihn zwei oder dreimal mit der Degenſpitze von hinten zu prickeln, als er ſich mit dem Fuß in eine Baumwurzel verwickelte und noch einmal der Länge nach hinſtürzte. Aber obgleich er hingefallen war, hielt der Korporal nicht an, ſondern rannte in der Meinung, ſein blutdürſtiger Feind ſäße ihm noch auf den Ferſen, blindlings weiter, bis er mit der hölzernen Einfaſſung der St. Agnes Quelle, die er in der Eile nicht bemerkt hatte, in Berührung kam und kopfüber ins Waſſer ſchoß. Unterdeſſen ſteckte der fiegreiche Sergeant ſeinen Degen in die Scheide, winkte Bimbelot zu ſich und bekomplimentirte ihn wegen ſeines ehrenhaften Benehmens, worauf ſie ſich herzlich die Hände ſchüttelten. Einige Minuten ſpäter trat Proddy zu ihnen, konnte aber einige Zeit lang nicht ſprechen, weil ihm ſein letzter Fall vollſtändig den Athem verſetzt hatte; und nicht lange, ſo kam auch der Korporal herbei, die Perrücke ins Geſicht geklebt, die Kleider ganz durchnäßt und im Ganzen einer erſäuften Ratze ähnlich. Er war aufs äußerſte gegen Proddy aufgebracht, dem er ſein feigherziges und unehrenhaftes Benehmen vorwarf, und zeigte ſich ſehr begierig, den Kampf zu erneuern. Der Kutſcher war durch⸗ aus nicht abgeneigt, ſo daß es aller Anſtrengungen des Ser⸗ geanten und Bimbelots bedurfte, um den Frieden herzuſtellen. Als dies endlich gelungen war, ſchüttelten ſich die beiden Kämpen die Hand und wurden einander ſo geneigt, daß ſie ſich binnen weniger als fünf Minuten umarmten und emte Freundſchaft ſchwuren. Bimbelot, der im Grunde ein gutmüthiger kleiner Kerl war, bat die ganze Geſellſchaft zum Frühſtück und wollte ſich eben mit ihnen fortbegeben, als er wie von einem plötz⸗ Ainsworth, St. James's. I. 11 162 Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück; lichen Gedanken betroffen ſtehen blieb und laut ausrief: „Ah! jetzt erinnere ich mich. Dummkopf, der ich war, zu vergeſſen. Mein Err haben eine Ehrenſach' dieſen Morgen, hier in dieſer Gegend. Wir wollen ihn ſuchen. Vielleicht unſere bülfe iſt nöthig.“ „Mit wem ſchlägt ſich Ihr Herr denn, Bambi?“ fragte der Sergeant. „Le jeune Masham,“ antwortete Bimbelot;„der junge Stallmeiſter, der prätendirt die'and von Mademoiſelle Hill.“ Scales ſchien über dieſe Neuigkeit nachzuſinnen und die Geſellſchaft begann ihre Nachforſchungen, indem ſie ſich in einer nordweſtlichen Richtung hinbewegte. Sie waren nicht weit gekommen, als ſie dem Waffengeräuſch folgend, in einer Vertiefung zwiſchen den Bäumen ſünf Perſonen bemerkten, von denen zwei bis aufs Hemd entkleidet und im beſten Fechten waren, während ihre Sekundanten nicht weit davon entfernt ſtanden. „Ah! voilà mon mattre!“ rief Bimbelot, mit den andern unter dem Schutz eines Baumes am Rande der Vertiefung Halt machend, von wo ſie den Kampfplatz unbemerkt über⸗ ſehen konnten. Die beiden Duellanten waren, wie ſie richtig gemuth⸗ maßt hatten, Guiscard und Masham, und Saint⸗John und Mahnwaring ſekundirten. Der fünfte war ein Wundarzt mit einem Beſteck unter dem Arm. Die Kämpfenden waren einander wohl gewachſen, und die Schnelligkeit und Geſchick⸗ lichkeit, mit der die verſchiedenen Stöße gemacht und parirt wurden, entlockte dem Sergeanten lebhaften Beifall. „Wie ſchön Herr Masham dieſe Quinte parirt hat, Bambi,“ rief er.„Haben Sie wohl geſehen, wie er die Fauſt in der hohen Quarte mit geſenkter Spitze hielt und die Spitze des Gegners ablenkte, indem er ihr das Forte der auswendigen Schärfe entgegenhielt?“ und von drei Duellen. 163 „Vraiment, c'est bon,“ erwiederte Bimbelot—„mais voyez avec quelle adresse mon maitre forme la parade d'octave.“ „Sehen Sie nur,“ rief der Sergeant,„Herr Masham macht das cavé und parirt den Stoß, indem er ſeine Schärfe von innen nach außen dreht. Und ſehen Sie!— ſehen Sie— der Marquis ſtößt einen Quarte über den Arm— Herr Mas⸗ ham parirt und ſtößt ſchnell eine Secunde nach. Ha! dieſer Stoß ſitzt— ſeine Spitze durchbort die Bruſt des Gegners.“ Kaum war dieſer letzte Stoß geführt worden, als die ganze Geſellſchaft den Abhang herunter lief, aber ehe ſie unten ankamen, war der Margnis zu Boden gefallen. Bim⸗ belot ging ſogleich zu ihm und ſchlug das Hemd auseinander, worauf der Chirurg die Wunde unterſuchte und für nicht gefährlich erkärte, indem der Degen an den Rippen unter dem Arm abgeglitten war. Der Schmerz der Wunde und die dadurch veranlaßte Blutung hatten eine Ohnmacht ver⸗ urſacht, aber es wurden ihm einige Stärkungsmittel einge⸗ flößt, und er ward mit Bimbelots und des Sergeanten Hülfe nach einer Sänfte getragen, die in geringer Entfernung unter den Bäumen aufgeſtellt war. „Sie haben ſich wie ein Mann von Ehre benommen, Masham,“ ſagte Saint⸗John, als der Kampf beendigt war. „Sie und Mahnwaring müſſen bei mir frühſtücken, und dann will ich mit Ihnen zu Harley gehen. Wegen Abigail hatten Sie vollkommen Recht, obgleich ich es Ihnen nicht früher ſagen durfte. Sie verabſcheut Guiscard und iſt Ihnen, wie ich glaube, zärtlich gewogen. „Wenn das der Fall iſt, ſo habe ich mich nicht um⸗ ſonſt geſchlagen,“ erwiederte Masham, den Degen in die Scheide ſteckend. 164 Harley entdeckt, Sechszehntes Kapitel. Harley entdeckt, daß Greg gewiſſe wichtige Papiere entwandt hat.— Eine Botſchaft von dem Marquis de Guiscard vermehrt ſeine Unruhe. Da es nach ihrer Rückkehr von dem Duell noch ziem⸗ lich früh war, ſo machte Saint⸗John den übrigen den Vor⸗ ſchlag, ſich vor dem Frühſtück erſt auf eine kurze Zeit aus⸗ zuruhen, was von beiden ſehr gern angenommen ward. Masham ward in ein Zimmer geführt, wo er ſich auf ein Ruhebett warf und vor großer Ermüdung, denn er hatte in der verfloſſenen Nacht kein Auge zugethan, faſt augenblicklich einſchlief. Er ward von einem Bedienten geweckt, der das Frühſtück anmeldete und ihm bei ſeiner Toilette behülflich war, worauf er nach dem Frühſtückszimmer hinunter ging und je näher er kam, deſto lauter von dem Klange munterer, lachender Stimmen begrüßt ward. Er fand Miſtreß Hyde und Angelika mit dem Wirth und Mahnwaring bei Tiſch und das Mahl ſchien ſchon ſeit einiger Zeit im Gange zu ſein. Ein blühendes Geſicht iſt des Morgens immer ein angenehmer Gegenſtand der Betrachtung, und trotz ihrer Verlegenheit ſah Angelika höchſt reizend aus,— ihre Ge⸗ ſichtsfarbe war ſo friſch, ihre Augen ſo glänzend, ihre Zähne ſo weiß. Sie ſtaunte alles mit ſchlecht verhehlter Bewun⸗ derung an,— die ſilbernen Schüſſeldeckel, welche die ſaftige Omelette, die pikante Kotelette und die wohlgepfefferte Gril⸗ lade verhüllten, die Eier, welche in der ſchneeigen Serviette ruhten, den künſtlich gearbeiteten filbernen Theekeſſel mit ſeiner Spirituslampe und die noch künſtlichere Chokoladen⸗ kanne, die kleinen wundervollen blauen Theetaſſen vom koſt⸗ barſten Porzellain und die filbernen Becher für diejenigen, welche den Rothwein den einfacheren Getränken vorzogen; und als ſie alles dies betrachtet hatte, wanderten ihre Augen nach dem Seitentiſch mit ſeinem wohlgeordneten Vorrath 11 daß Greg gewiſſe wichtige Papiere entwandt hat. 165 von kalten Hühnern, Schinken, Zunge, Paſteten und einge⸗ machtem Fleiſch, und daneben erblickte ſie einen ſtattlichen Haushofmeiſter, der alle dieſe Speiſen auf einen Wink zu zerlegen oder den Inhalt gewiſſer, langhälſiger Flaſchen aus⸗ zuſchenken bereit war, welche in einem in der Nähe befind⸗ lichen Kühlfaß ſtanden. Wie alle Landmädchen, die ſich einer guten Geſundheit erfreuen, ſo hatte auch Angelika einen ziemlich ſtarken Appetit. Sie nahm daher alles, was ihr angeboten ward, mit Dank an; jedoch waren ihre Leiſtungen im Eßfach wahres Kinderſpiel gegen die ihrer Mütter, die vor Entzücken über das Mahl außer ſich war und alles verſchlang, was ſie in ihrem Bereich vorfand. „Meine Gute!“ ſagte Miſtreß Hyde,„dies iſt ja noch ein prächtigeres Frühſtück, als das bei Squire Clavering, als ſeine Tochter Sukey Hochzeit hielt. Probire doch den Schinken, Gelly! Ich verſtehe mich ſelbſt recht gut auf das Schinkeneinſalzen, aber hiergegen komme ich nicht auf. Und auch die Zunge iſt ſo ſaftig gekocht,— es iſt eine große Kunſt, Zungen zu kochen, wie Ihre Köchin gewiß wiſſen wird, Herr Saint⸗John,— noch ein Stückchen, wenn Sie ſo gut ſein wollen, Sir. Na, wenn Sie mich ſo nöthigen, ſo nehme ich auch eine Niere. Gelly, mein Herzchen, du ißt ja nicht! Armes Ding! fie hat ſich ſo um ihren Vater gegrämt, daß ſie ganz den Appetit verloren hat. Probire nur ein bischen von dieſer Aprikoſenmarmelade, liebes Kind. Es wird dir gut thun. Herr Saint⸗John ſagt, daß er den guten Papa bald befreien will, alſo kannſt du dich ganz be⸗ ruhigen. Du ſiehſt, daß ich mich ganz behaglich fühle. Ich muß geſtehen, ich habe ſchon eine ganze Menge gegeſſen, aber eine Kotelette kann ich nicht ausſchlagen; ſie ſieht ſo appetitlich aus. Ein Paar Champignons dazu, natürlich. Noch eine Taſſe Thee, wenn ich bitten darf, Sir,“ an den Bedienten.„Sie find ſehr gütig. Ich nähme auch wohl 166 Harley entdeckt, einen Tropfen Branntwein darin,— aber hören ſie wohl, nur einen Tropfen. Sie haben etwas mit mir vor, Herr Saint⸗John, ſonſt würden Sie mir nicht von der Omelette anbieten. Die erſte und die letzte Omelette, die ich je ge⸗ geſſen habe, war bei dem Squire, und ſie kam mir damals ſo köſtlich vor, daß ich ſie jetzt nicht ausſchlagen kann. Gelly, mein Herzchen, du thuſt ja nichts. Iß doch, mein Kind, und bedenke, daß du nicht alle Tage ſo ein Frühſtück kriegſt, wie dies. Sie haben ganz recht, Herr Saint⸗John, ein Ei kann Niemand ſchaden. Ach! darin haben wir Landleute den Vortheil vor Ihnen. Sie ſollten unſere Eier probieren, Sir;— friſch gelegt, ſo weiß wie Schnee,— das iſt mir ein Biſſen. Gelly holt ſie alle Morgen aus dem Neſt. Sie haben ſo was Unwiderſtehliches an ſich, Herr Saint⸗ John, daß ich nicht nein ſagen kann. Ich muß dieſe Tau⸗ benpaſtete probiren, obgleich ich ganz beſtimmt ſo viel ge⸗ geſſen habe, daß mir ganz unangenehm wird. Sieh mich nicht an, Gelly, ſondern ſorge für dich ſelbſt. Etwas Käs, Sir,“ zu dem Haushofmeiſter,„da Sie gerade dabei find.— In dieſem Augenblicke trat Masham ein. „Ich fürchte, Herr Masham wird nicht viel mehr übrig finden,“ rief Miſtreß Hyde.“ Wir haben einen Vorſprung von einer halben Stunde gehabt.“ „Genieren Sie ſich um meinetwillen nicht, Madame,“ antwortete er.„Es ſteht noch die Fülle auf dem Tiſch und ich werde die verlorene Zeit bald wieder einholen.“ „Angelika ſagt, es würde ihr das Herz gebrochen haben, wenn Guiscard Sie getödtet hätte, Masham,“ bemerkte Saint⸗John. „Nein, ich ſagte, einer andern Dame würde das Herz brechen,“ entgegnete ſie.„Aber ich muß geſtehen, ich wäre ſelbſt ungeheuer traurig geweſen.“ 1 daß Greg gewiſſe wichtige Papiere entwandt hat. 167 „Bei meiner Seele, ich weiß nicht, wie ich Ihnen meinen Dank ausdrücken ſoll,“ rief Masham. „Sie erwecken bei allen Damen die zärtlichſte Theil⸗ nahme, Masham,“ bemerkte Maynwaring. „Das iſt kein Wunder,“ ſagte Angelika,„da—“ Und hier erröthete und ſtockte ſie. „Bitte, ſprechen Sie weiter,“ rief Maynwaring.„Da was?“ „Ich weiß nicht mehr, was ich ſagen wollte,“ verſetzte ſie mit ſteigender Verwirrung. „Störe doch Herrn Masham bei ſeinem Frühſtück nicht, Gelly,“ ſagte Miſtreß Hyde.„Verſuchen Sie eine von dieſen Koteletten, Sir; Sie werden ſehen, daß ſie ausgezeichnet ſind, — oder dieſe Nieren, ſie ſind ganz wundervoll gekocht. Alſo Sie haben den Marquis todtgeſtochen? Mein lieber Mann behauptet, daß ein Duellant ein Mörder iſt und gehängt werden ſollte. Aber darin iſt er wohl ein bischen zu ſtrenge; und wie ich ihm ſage, daß dann viele von den vornehmſten Leuten gehängt werden müßten, was denken Sie, daß er ant⸗ wortet?—„Das wäre gar nicht uneben. Ach! nehmen Sie etwas von dieſen eingemachten Pfirſchen, ſie ſind prächtig.“ „In wie weit Masham gehängt zu werden verdient, weiß ich nicht,“ ſagte Saint⸗John lachend;„aber Sie irren ſich, Madame, wenn Sie glauben, daß er den Marquis ge⸗ tödtet hat. Er hat ihn nur leicht verwundet.“ „Deſto ſchlimmer, glaube ich,“ rief Miſtreß Hyde. „Denn wenn der Beamte geſtern Abend die Wahrheit geſagt hat, ſo hat er einen Tod nur vermieden, um einem noch ſchimpflicheren entgegenzugehen.“ „Kann ſein,“ erwiederte Saint⸗John düſter. Aber faſt augenblicklich nahm er ſeine frühere Fröhlichkeit wieder an und lenkte das Geſpräch auf die verſchiedenen Reize und Vergnügungen des Stadtlebens,— das Theater, 168 Harley entdeckt, die Oper, die Conzerte, die öffentlichen Gärten, die Bälle, die Maskeraden, die Spazierfahrten im Park, die Promenaden am Mall, und entwarf ein ſo reizendes Gemälde des faſhio⸗ nablen Daſeins, daß es Angelika's Phantaſie ganz über⸗ wältigte. „Ach ja!“ ſeufzte ſie,„wie ungeheuer glücklich müſſen dieſe vornehmen Damen ſein, die ſo lange im Bett liegen bleiben können, als ſie mögen; und wenn ſie aufſtehen, nichts zu thun haben als ſich zu amüſiren. Wenn ich doch auch in einem ſolchen Stande geboren wäre! Beſonders möchte ich einen kleinen ſchwarzen Pagen haben mit einem weißen Turban und Federn auf dem Kopf,— und ein nettes Zimmer mit großen japaniſchen Schirmen und Schränken voll von niedlichen chineſiſchen Ungeheuern— und einen franzöſiſchen Perruquier zum Haarmachen— und die koſt⸗ barſte Seide und Satin für meine Kleider und Unterröcke, und die ſchönſten Kanten für meine Hauben und Mützen; aber am meiſten möchte ich einen prächtigen vergoldeten Wagen haben, mit drei Bedienten hintenauf und einem dicken Kutſcher auf dem Bock. O, es würde ungeheuer hübſch ſein!“ „Gott beſchütz' uns, wie ſündhaft das Frauenzimmer ſpricht!“ rief Miſtreß Hyde.„Es iſt nur gut, daß dein Vater es nicht hört; der würde dich tüchtig für deine Eitel⸗ keit ausſchelten.“ „Alles dies ſoll Ihnen gehören, Angelika,“ ſagte Saint⸗ John leiſe zu ihr.„Sie dürfen nur ja ſagen.“ „Ich glaube, es iſt am beſten, ich gebe den vergoldeten Wagen auf und den dicken Kutſcher,“ ſeufzte Angelika, die Augen niederſchlagend. „Du wirſt viel glücklicher und geſünder ſein, wenn du des Morgens um fünf Uhr aufſtehſt und Dolly die Kühe melken hilfſt, Gelly,“ ſagte Miſtreß Hyde,„als wenn du bis elf oder zwölf im Bett liegen wollteſt und dann mit daß Greg gewiſſe wichtige Papiere entwandt hat. 169 Vapeurs und Kopfweh aufſtündeſt; und Tom, der Bauer⸗ junge, kann dir eben ſo gut aufwarten als der kleine ſchwarze Neger; und was den chineſiſchen Kram und die Ungeheuer betrifft, ſo iſt meine Irdenwaare gewiß noch einmal ſo hübſch und meine Zinnſchüſſeln ſind glänzender als alles Silber; und wenn du fahren mußt, ſo weißt du, daß du immer den Karren und die alte Mähre kriegen kannſt, oder wenn du nach Thaxted willſt, ſo wird ſich Phil Tredget nur zu ſehr ein Vergnügen daraus machen, dir hinter ſich einen Platz auf dem Sattel zu geben. Du ſcheinſt den armen Phil ganz vergeſſen zu haben.“ „Ach nein,“ antwortete Angelika, die ſich vergebens be⸗ müht hatte, dem Redefluß ihrer Mutter Einhalt zu thun, mit halb ärgerlichem, halb beſchämten Blick;„ich denke ſo oft an ihn, als er verdient. Aber hier kennt ihn ja Niemand.“ „Er iſt ein ſo ehrlicher Burſche, wie einer in Eſſer,“ ſagte Miſtreß Hyde,„und ein ſo hübſcher obendrein, obgleich ich es zu Ihnen ſage, Herr Masham, der Sie ſelbſt ein Eſſeriſcher Gentleman ſind. Er iſt ungefähr von Ihrer Größe, Sir; aber ein gutes Stück breiter in den Schultern, und hat ſchöne blonde Lockenhaare mit einem Anflug von Roth.“ „Sie find ſo roth, wie Mohrrüben,“ rief Angelika. „O, ich zweifle keinen Augenblick, daß ich weit gegen ihn zurückſtehe,“ erwiederte Masham herzlich lachend. „Alſo Sie haben Ihr Herz an Phil Tredget geſchenkt, he, Angelika?“ fragte Saint⸗John. „Nicht ganz,“ antwortete ſie erröthend. „Dann muß Phil ſich ſchnurrig verſehen haben, Gelly,“ verſetzte ihre Mutter. „Ich wußte damals ſelber nicht, was ich wollte,“ ſagte Angelika mit einem verſtohlenen Blick auf Saint⸗John. „Ganz gewiß nicht,“ erwiederte er mit einem vielſagen⸗ 5 170 Harley entdeckt, den Blick.„Nun, Masham, da Sie mit Ihrem Frühſtück fertig find, ſo wollen wir an unſer Geſchäft gehen. Bitte, amüſiren Sie ſich hier ſo gut Sie können, meine Damen, bis ich Ihnen Herrn Hyde ſchicke.“ Und, nach dieſen Worten verließ er mit ſeinen beiden Freunden das Zimmer. „Was denken Sie mit dem Mädchen anzufangen?“ fragte Mahnwaring, als ſie auf die Straße traten. „Meiner Seel', ich weiß nit“antwortete Saint⸗ Johnz „aber ſie iſt verteufelt hübſch. Mahynwaring trat dieſem Ausſpruch bei und verließ ſie an der Ecke der Kingſtraße, während die beiden andern ſich nach Herrn Harley's Wohnung auf dem Saint⸗James Platz begaben und ohne weitere Umſtände zu ihm geführt wurden. Sie fanden Harley allein und mit Schreiben beſchäftigt. Seine Blicke waren unruhig und nachdem er Masham zu dem Erfolg ſeines Duells Glück gewünſcht hatte, nahm er Saint⸗John in das anſtoßende Zimmer und ſagte zu ihm— „dieſe Verhaftung des Greg macht mir viel Unruhe. Ich habe den ganzen Morgen die Sache überlegt und weiß noch nicht, was ich thun ſoll.“ „Haben Sie ihm irgend etwas anvertraut?“ fragte Saint⸗John. „Nein,“ antwortete Harley,„aber man kann unmöglich wiſſen, was der Schurke gethan hat. Er kann einen von meinen Kaſten— meine Briefe geöffnet haben; und die lebensgefährlichſten Geheimniſſe können zu ſeiner Kenntniß gekommen ſein.“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Saint⸗John.„Man wird ſeinen Ausſagen keinen Glauben ſchenken, wenn er ſie nicht beweiſt.“ „Aber ich fürchte, er hat Beweiſe,“ erwiederte Harley. „Ich habe den Schreibtiſch unterſucht, in dem ich meine ge⸗ heimen Papiere verſchließe, und es fehlt ein Packet, das mich —— daß Greg gewiſſe wichtige Papiere entwandt hat. 171¹ zu Grunde richten würde, wenn es in Godolphin's und Marlborvugh's Hände fiele.“ „Allerdings verdammt unglücklich!“ rief Saint⸗John. „Ich ncte faſt zu einer Flucht nach Frankreich rathen.“ „Nein, ich will bleiben und der Gefahr trotzen, wie groß ſe auch ſein mag,“ antwortete Harley.„Ich wollte ich wüßte das Schlimmſte. Aber ich darf in keine Unter⸗ handlungen mit Greg treten.“ Das Schweigen, in welches beide jetzt verfielen, ward durch den Eintritt des Thürſtehers unterbrochen, welcher ſeinen Herrn benachrichtigte, daß der Pfarrer Hyde im Vorzimmer ſei und um eine baldige Unterredung mit ihm bäte, da ſein Geſchäft von der äußerſten Wichtigkeit ſei. „Führe ihn gleich herein,“ rief der Sekretär.„Da dieſer Mann zugleich mit Greg verhaftet worden iſt, ſo werden wir vielleicht etwas erfahren,“ ſagte er zu Saint⸗John, als der Thürſteher das Zimmer verlaſſen hatte. Es dauerte nicht lange, ſo trat Hyde herein. „Sie werden wohl von meiner Verhaftung gehört haben, meine Herrn,“ ſagte er, ſich ehrerbietig verbeugend. „Ja wohl, Sir,“ antwortete Harley,„und wir freuen uns, Sir wieder in Freiheit zu ſehen.“ „Meine Gefangennehmung war die Folge eines Miß⸗ verſtnniſſes, wie es ſich gezeigt hat,“ erwiederte der Geiſt⸗ liche;„aber das Bewußtſein der Unſchuld hat mich aufrecht erhalten, und meine nächtliche Haft im Weſtminſtergefängniß iſt das einzige Ungemach, das ich erlitten habe.“ „Aber wie iſt es mit Ihrem Mitgefangenen Greg? Iſt er ebenfalls in Freiheit geſetzt worden?“ fragte Harley begierig. „Nein, Sir,“ entgegnete Hyde,„auch wird es wahr⸗ ſcheinlich nicht geſchehen, ſo weit meine Kenntniß reicht. Um ſeinetwillen bin ich zu Ihnen gekommen.“ 172 Harley entdeckt, „Gut, Sir, fahren Sie fort. Was haben Sie in Be⸗ treff ſeiner zu ſagen?“ fragte Harley. „Ich weiß meine Handlungen kaum zu rechtfertigen,“ erwiederte Hyde,„aber ich konnte einem Freund in der Noth meine Hülfe nicht verſagen. Wie geſagt, ich ward mit meinem armen Freund in einem Zimmer des Gefängniſſes eingeſperrt und ſo bald ſich die Thür hinter uns geſchloſſen hatte, entriß er mir durch dringende Bitten das Verſprechen, ihm am nächſten Morgen, ſo bald ich in Freiheit geſetzt würde, was er mit Sicherheit vorausſah, vor allen andern Dingen einen Dienſt zu leiſten. Ich ſollte nämlich zu dem Marquis de Guiscard gehen, deſſen Adreſſe in Pall Mall er mir gab, und ihn von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzen.“ „Iſt das Alles?“ rief Harley ungeduldig. „Nein, Sir,“ erwiederte Hyde.„Ich ſollte dem Marquis ſagen, er möchte ein kleines Käſtchen öffnen, welches er ihm vor einigen Tagen anvertraut hätte, und Ihnen mit deſſen Inhalt ſeine Sicherheit abkaufen.“ „Ich will drauf ſchwören, daß dies Käſtchen das fehlende Packet enthält,“ flüſterte Harley zu Saint⸗John.„Nun gut, Sir,“ fuhr er zu dem Geiſtlichen fort,„Sie ſind wahrſcheinlich zu dem Marquis gegangen,— aber Sie haben ihn nicht geſprochen. Er iſt dieſen Morgen in einem Duell verwundet worden.“ „Verzeihen Sie mir, Herr Harley,“ erwiederte Hyde, „ich habe ihn geſprochen. Als der Marquis hörte, daß ich ihn zu ſehen wünſchte, ließ er mich an ſein Bett kommen, und entließ ſeine Bedienung. Dann richtete ich des armen Greg Beſtellung aus, worauf er ſogleich ſeinen franzöfiſchen Kammerdiener herbeiklingelte und ihm befahl, aus einem Schrank, auf den er zeigte, ein kleines Käſtchen herauszu⸗ nehmen und aufzubrechen. Dies geſchah und es fand ſich ein Packet Briefe darin. Als der Marquis ſie beſehen hatte, daß Greg gewiſſe wichtige Papiere entwandt hat. 173 klärte ſich ſein Geſicht auf und er rief:„Tauſend Dank, ehr⸗ würdiger Herr! Sie haben mir einen unendlich größeren Dienſt geleiſtet, als der Chirurg, welcher mich eben verlaſſen hat. Dieſe Briefe werden unſern armen Freund retten, was mich herzlich freut. Aber thun Sie mir noch einen Gefallen. Gehen Sie zu Herrn Harley und bitten Sie ihn, ſo lieb ihm ſein Leben iſt, gleich zu mir zu kommen. Ich würde zu ihm gehen, aber ich kann mein Zimmer nicht verlaſſen und es darf kein Augenblick verloren werden. Beobachten Sie die größte Vorſicht. Und mit dieſen Worten entließ er mich. Dies iſt alles, was ich zu erzählen habe.“ „Und wahrhaftig genug,“ murmelte Saint⸗John. „Ich fürchte, dies iſt irgend eine Betrügerei von Seiten Greg's, um den Marquis anzuführen,“ ſagte Harley, umſonſt ſeine Unruhe zu verbergen bemüht.„Nichts deſto weniger will ich ſeine Bitte erfüllen.“ „Sie werden wohl daran thun,“ bemerkte Saint⸗John, „denn obgleich ich nicht ſehe, in wie fern dieſe Briefe Greg von Nutzen ſein können, ſo mag es doch zweckmäßig ſein, ſie zu beſehen. Sie werden Ihre Frau und Tochter in meinem Hauſe am St. James Platz finden, Herr Hyde; und da ſie ſehr durch Ihre Verhaftung beunruhigt worden ſind, ſo wäre es billig, daß Sie ſie ſo bald als möglich beruhigten. Sie können mein Haus fürs erſte als das Ihrige anſehen.“ „Ich ſage Ihnen meinen ergebenſten Dank, Sir,“ er⸗ wiederte Hyde mit einer ehrerbietigen Verbeugung, worauf er das Zimmer verließ. „Ich will gleich zu dieſem Schurken von Marquis gehen,“ ſagte Harley.„Ich werde dieſe Briefe theuer bezahlen müſſen, — aber kaufen will ich ſie. Ich habe einen Plan, der hoffentlich gelingen wird. Bleiben Sie mit Masham hier, mein theurer Freund, bis ich wieder komme. Ich werde nicht lange aus⸗ bleiben.“ 174 Der Preis der Briefe. Siebenzehntes Kapitel. Der Preis der Briefe. Von einem Boten der Königin begleitet, den er ſchleu⸗ nigſt hatte rufen laſſen, und dem er gewiſſe Inſtruktionen gab, verfügte Harley ſich nach Pall Mall. Als er vor der Wohnung des Marquis ankam, ſtellte er den Boten neben der Thür auf und ward auf ſein Anklopfen von dem grin⸗ ſenden und ergebenen Bimbelot hereingelaſſen, der ihm auf ſeine Anfragen antwortete, daß ſein Herr ſich etwas wohler befinde, aber da er die Ehre eines Beſuchs von Herrn Harley erwarte, um Entſchuldigung bitte, wenn er ihn in ſein Schlaf⸗ zimmer führen laſſe, da er es noch nicht verlaſſen könnte. Unter dieſen und noch vielen andern Entſchuldigungen führte der Kammerdiener ihn mit vielen Ceremonien in ein präch⸗ tiges Zimmer, in welchem ein großes Himmelbett mit Brokat⸗ vorhängen, ein koſtbar eingerichteter Toilettentiſch, ein mit Muslin verhangener Stehſpiegel, zwei prachtvolle Kleider⸗ ſchränke in einer Ecke und eine Reihe von Perrückenſtöcken ſtanden. Ueber dem Kamin hing ein ſchönes Gemälde, welches das Urtheil des Paris darſtellte, und mehrere dem ähnliche Stücke waren an andern Stellen in dem Zimmer angebracht. Auf einem Ruhebette lag der Marquis, halb mit einem weiten, ſeidenen Schlafrock bedeckt. Der dunkle Ton ſeiner Geſichts⸗ farbe war einer tödtlichen Bläſſe gewichen und trotz Bim⸗ belot's Verſicherungen, daß er frei von Schmerzen wäre, ſchien er heftig zu leiden. Er machte jedoch bei Harley's Eintritt einen Verſuch, ſich ein wenig zu erheben, bat ihn, Platz zu nehmen und gab ſeinem Kammerdiener einen Wink hinauszugehen. „Ich freue mich, Sie bei mir zu ſehen, Herr Harley,“ ſagte er mit einem Lächeln, welches ſeinen geſpenſtiſchen Zügen Der Preis der Briefe. 175 einen unheimlichen Ausdruck gab;„ich war überzeugt, daß Sie kommen würden. Der ehrwürdige Geiſtliche, den ich zu Ihnen ſchickte, hat Ihnen doch alles mitgetheilt?“ „Ich habe von ihm erfahren, daß gewiſſe Briefe, die dieſer Schurke von Greg, wie ich Urſache zu glauben habe, aus meinem Schreibtiſch entwandt hat, in Ihren Beſitz ge⸗ kommen ſind,“ entgegnete der Sekretär.„Iſt es nicht ſo?“ „Allerdings,“ verſetzte Guiscard.„Dieſe Briefe, welche von der äußerſten Wichtigkeit ſind, indem ſie das Beſtehen einer Korreſpondenz zwiſchen einem Miniſter der Königin Anna und einer verbannten königlichen Familie beweiſen, find mir von dem armen Teufel, den Sie eben genannt haben, anver⸗ traut worden, und er wünſcht jetzt, daß ich mit deren Hülfe einen Vergleich in Betreff ſeiner Strafloſigkeit zu Stande bringe; aber ich brauche Ihnen kaum zu ſagen, daß ich ihrer ſelbſt bedarf.“ „Ich weiß, daß Sie gewiſſenslos genug dazu find, Herr Marquis,“ ſagte Harley bitter. „Würden Sie unter ähnlichen Umſtänden anders han⸗ deln, Herr Sekretär?“ verſetzte Guiscard mit höhniſchem Ton. „Aber zur Sache. Gleichviel wie, genug dieſe Dokumente ſind in meinem Beſitz. Greg's Verhaftung kann mich mög⸗ licherweiſe blosſtellen, obwohl ich mich gegen alle Wechſel⸗ fälle vorgeſehen zu haben glaube. Aber mit dieſen Briefen kann ich mir von Godolphin und Marlborough volle Sicher⸗ heit erkaufen, ſo daß ich vollkommen ruhig bin. Ehe ich dies aber thue, biete ich ſie Ihnen an, da ſie für Sie mehr Werth haben, als für jeden Andern.“ „Laſſen Sie mich hören, welchen Preis Sie darauf ſetzen,“ ſagte Harley kalt. „Erſtens, Schutz für mich ſelbſt, falls Greg's Verhör mich im mindeſten verwickeln ſollte,“ erwiederte Guiscard. „Zugeſtanden,“ verſetzte der Sekretär,„was weiter?“ 176 Der Preis „Zweitens, Abigail Hill's Hand,“ ſagte der Marquis. „Unmöglich,“ antwortete Harley mit entſchloſſenem Ton. „So werde ich mich genöthigt ſehen, mit Ihren Feinden zu unterhandeln,“ ſagte Guiscard. „Hören Sie mich an, Herr Margquis,“ verſetzte Harley— „dieſe Briefe müſſen mir gehören, und zwar auf meine eige⸗ nen Bedingungen. Da ich weiß, mit wem ich zu thun habe, ſo habe ich meine Maßregeln danach getroffen. Ein Bote der Königin erwartet meine Befehle vor Ihrer Thür und ich brauche nur ein Wort zu ſprechen, um auf der Stelle Ihre Verhaftung zu bewirken. Dies wird ein unüberſteig⸗ liches Hinderniß für eine Unterhandlung mit Godolphin und Marlborvugh ſein; und ſelbſt wenn die Briefe dem Ge⸗ heimenrathe vorgelegt würden, habe ich nichts wegen den Folgen zu befürchten, ſo gut habe ich mich gegen jede Schwie⸗ rigkeit vorgeſehen. Sie werden daher klug genug ſein, die Wahrſcheinlichkeiten gegen einander abzuwägen und ſich auf die Seite neigen, auf welcher Sie den überwiegenden Vor⸗ theil ſehen. Was ich Ihnen anbiete, iſt folgendes— Be⸗ freiung aus Ihrer gegenwärtigen Gefahr und zweitauſend Pfund.“ Und bei dieſen Worten zog er ein Taſchenbuch hervor, das er öffnete, und nahm ein Packet Banknoten heraus. Guiscard lehnte ſich zurück und ſchien zu überlegen. „Ich wollte eben ſo gern ſterben, als Abigail dieſem verfluchten Masham überlaſſen,“ rief er endlich mit einem ſchrecklichen Ausdruck voll Haß und körperlicher Pein. „Sie wird doch auf jeden Fall die Seinige,“ erwiederte Harley;„und die klügſte, ja die einzige Wahl, die Sie treffen können, iſt die, alle Gedanken an ſie aufzugeben und augen⸗ blicklich auf meinen Vorſchlag einzugehen.“ „Sagen Sie dreitauſend,“ verſetzte Guiscard;„Ihr Poſten iſt wohl ſo viel werth, und Sie werden ihn gewiß Der Preis der Briefe. 127 verlieren, wo nicht gar den Kopf, wenn dieſe Briefe ausge⸗ liefert werden. Sagen Sie dreitauſend und ich ſchlage zu.“ „Ich bin ſo weit gegangen, als ich beabſichtigte, und weiter, als ich nöthig hatte,“ erwiederte Harley, das Taſchen⸗ buch zumachend.„Entſchließen Sie ſich raſch. Ich bin es ſchon.“ Und hiermit erhob er ſich, als wollte er das Zimmer verlaſſen. „Habe ich Ihr feierliches Verſprechen für meine Sicher⸗ heit?“ ſagte Guiscard. „So weit ich Sie verbürgen kann, ja,“ erwiederte der Sekretär. „Hier ſind die Briefe,“ ſagte der Marquis, ihm das Packet übergebend. „Und hier find die Banknoten,“ entgegnete Jener, ihm das Taſchenbuch dafür darreichend. Und während der eine die Briefe durchſah, um ſich von ihrer Vollſtändigkeit zu überzeugen, überzählte der andere ſeine Noten. Beide waren augenſcheinlich mit ihrer Unter⸗ ſuchung zufrieden. „Sie haben von Greg's Aufſchlüſſen nichts zu befürch⸗ ten, Herr Harley,“ ſagte Guiscard.„Ihre Feinde werden ihn zwar zu kirren ſuchen, aber ich werde ihm durch den Pfarrer Hyde, deſſen Einfalt ihn zu einem herrlichen Mit⸗ telmann macht, zu verſtehen geben, daß ſeine ganze Hoffnung auf Strafloſigkeit von ſeinem Schweigen abhängt. Der Gal⸗ gen wird alles ins Gleiche bringen. Ueberlaſſen Sie ihn mir.“ „Adieu, Herr Marquis,“ erwiederte Harley.„Sie haben ſelten— ſelbſt beim Hazardſpiel— einen glücklicheren Wurf gethan, als dieſen, und er wird Sie für Ihre Beſiegung durch Masham und für Abigail's Verluſt entſchädigen.“ Ainsworth, St. James's. 1. 12 178 Eine Liebesſcene in dem Vorzimmer der Königin. Achtzehntes Kapitel. Eine Liebesſcene in dem Vorzimmer der Königin.— Masham wird auf drei Monate vom Hofe verbannt. Harley's triumphirender Blick bei ſeiner Rückkunft kün⸗ digte Saint⸗John ſeinen Erfolg an, und nach einigem ver⸗ traulichen Geſpräch trennten ſie ſich, beide von einem großen Theil der Sorge befreit, die ſie vorher gedrückt hatte,— der eine um nach Hauſe zurückzukehren und der andere um ſich mit Masham nach dem Saint⸗James Palaſte zu begeben. Als ſie dort ankamen, wurden ſie in das Vorzimmer zu den beſondern Gemächern der Königin geführt, wo ſie Abigail und Lady Rivers fanden. Das Benehmen der er⸗ ſteren gegen Masham war etwas kälter und gezwungener, als er erwartete und ſetzte Harley etwas in Verlegenheit. „Ich habe ſo eben Ihre Majeſtät verlaſſen, Herr Mas⸗ ham,“ ſagte ſie.„Sie hat von Ihrem Duell mit dem Mar⸗ quis de Guiscard gehört und iſt ſehr darüber aufgebracht. Sie hat ſich darüber ſo ſtreng gegen mich ausgedrückt, daß ich fühle, ich ſetze ihre Gunſt auf's Spiel, indem ich jetzt eine Unterredung mit Ihnen geſtatte.“ „Hätte ich dies gewußt, ſo würde ich Sie keiner ſo großen Gefahr ausgeſetzt haben,“ erwiederte Masham ſehr gereizt,„und ich will Sie ſogleich von jeder ferneren Ver⸗ antwortung befreien.“ „Das iſt gar nicht, was Abigail beabſichtigt, Herr Masham,“ rief Lady Rivers, in ein Gelächter ausbrechend; „und wären Sie nicht ein ſehr junger Mann, ſo brauchte Ihnen dies nicht erſt geſagt zu werden. Sie wollte Ihnen damit nur zu verſtehen geben, daß Sie lieber der Königin mißfallen, als Sie nicht ſehen will.“ „Ich habe nichts dergleichen gemeint, Lady Rivers,“ ſagte Abigail empfindlich. * Masham wird auf drei Monate vom Hofe verbannt. 179 „Was meinen Sie denn, meine Theure?“ verſetzte Lady Rivers,„denn ich bin ſicher, Sie wollten eben noch vor Verlangen nach einer Unterredung mit Herrn Mas ham ſterben, und jetzt, da Ihr Wunſch erfüllt iſt, heißen Sie ihn bei⸗ nahe gehen.“ „Bei meiner Seele, Sie könnten einen Mann zum Wahnfinn treiben, Cyuſine,“ fügte Harley hinzu,„und ich danke meinem Himmel, daß ich nicht in Sie verliebt bin, Sie ſcheinen Masham wegen ſeines Duells Vorwürfe zu machen, da Sie doch wiſſen oder wiſſen ſollten, daß Sie die Veranlaſſung dazu waren.“ „Grade daſſelbe, was Ihre Majeſtät ſagt,“ erwiederte Abigail.„Sie ſchilt mich aus, als hätte ich es verhindern können, während Niemand beſſer, als Herr Masham, weiß, daß er mich nicht um Erlaubniß gefragt hat, als er hinging, um ſich zu ſchlagen.“ „Nein, aber er bedachte Ihren Ruf, Coufine,“ ſagte Harley. „Dafür laſſen Sie mich ſelbſt ſorgen,“ erwiederte Abi⸗ gail;„es iſt noch Zeit genug für Herrn Masham, ſich um meinetwillen zu ſchlagen, wenn ich ihn zu meinem Kämpfer erwähle. Was wird der ganze Hof dazu ſagen? Es wird umher geplaudert werden, daß dieſe beiden Nebenbuhler, wie die alten Ritter, um mich gekämpft haben, und daß ich mich dem Sieger zu übergehen beabſichtige. Aber ſie ſollen ſich irren. Ich will nichts davon wiſſen. Herr Masham, möchte ich wetten, dachte mehr an den Eindruck, den dies Duell auf mich machen würde, als daran, den Marquis für ſeine un⸗ verſchämte Prahlerei zu beſtrafen. Solche ritterliche Beweg⸗ gründe find nicht mehr an der Zeit.“ „Es mag ſein,“ erwiederte Masham;„aber wenn ich mich nicht ganz und gar in mir ſelbſt irre, ſo ward ich von einem beſſern Beweggrunde angetrieben, als Sie mir zu⸗ trauen. Es war aus Liebe zu Ihnen, Abigail, daß ich mich . Eine Liebesſcene in dem Vorzimmer der Königin. 3 veranlaßt ſah, die Art und Weiſe, wie Ihr Name gemiß⸗ braucht ward, zu züchtigen. Ich glaubte, der Marquis ſpräche die Unwahrheit, und ich ſagte es ihm.“ Der Ernſt, mit dem dies geſprochen ward, verſcheuchte alle Koketterie aus Abigail's Benehmen, wie ein plötzlicher Windſtoß die vor dem Monde hängenden Wolken zerſtreut. Sie zitterte und ſenkte die Augen. Lady Rivers und Harley, die ihre Bewegung bemerkten, zogen ſich an ein Fenſter zu⸗ rück und ſahen in den Palaſtgarten. „Ich denke, Sie werden jetzt zu einem Einverſtändniß kommen,“ bemerkte der Sekretär leiſe. „Wahrſcheinlich,“ erwiederte die Dame lächelnd. „Ich kann dieſe Verſtellung nicht fortſetzen, Herr Mas⸗ ham,“ ſagte Abigail endlich.„Ich habe zu lange mit Ihnen geſpielt. Die Königin iſt zwar aufgebracht, aber das geht mich nichts an. Da ich glaubte, Sie würden hier voll Uebermuth über ihren Erfolg herkommen und mich eben ſo leicht zu beſtegen hoffen, ſo beſchloß ich Sie geringſchätzig zu behandeln, wie ich auch gethan habe. Aber da ich ſehe, daß Sie keine Eitelkeit beſitzen, ſo wäre es grauſam, damit fortzufahren. Ich erkenne Ihre Ergebenheit in ihrem ganzen Umfange an und erwiedere ſie. Es ſollen ſich jetzt keine Mißverſtändniſſe mehr zwiſchen uns erheben, verlaſſen Sie ſich darauf. Auch will ich nie wieder die Kokette ſpielen,— wenigſtens nicht gegen Sie.“ „Und auch gegen Niemand anders, wenn ich es ver⸗ hindern kann,“ erwiederte Masham, vor ihr hinknieend und ihre Hand ergreifend, die er entzückt an ſeine Lippen drückte. „Sie find ein herrliches Geſchöpf.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich eine Thür und die Königin trat am Arm des Prinzen Georg von Dänemark herein. Masham ſprang augenblicklich auf, aber das könig⸗ liche Paar hatte ihn ſchon bemerkt. Masham wird auf drei Monate vom Hofe verbannt. 181 Ein leiſes Lächeln flog über das Antlitz des Prinzen und er blickte die Königin an, aber Ihre Majeſtät, deren ſtrenge Begriffe von Etiquette auf's äußerſte beleidigt waren, erwiederte es nicht. Masham verbeugte ſich tief, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, Abigail erröthete und fächelte ſich, Prinz Georg nahm eine ungeheure Priſe, um nicht laut aufzulachen, während Lady Rivers und Harley das Fenſter verließen. „Es überraſcht mich etwas, Sie hier zu ſehen, Herr Masham,“ ſagte die Königin ernſt,„nachdem Sie meine Wünſche ſo wenig berückſichtiget haben.“ „Ich weiß nicht, worin mein Ungehorſam gegen Eure Majeſtät beſteht,“ erwiederte der junge Stallmeiſter. „Dann haben Sie meinen Worten wenig Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt, Sir,“ verſetzte die Königin, deren Stirn ſich in immer finſterere Falten legte.„Nachdem ich Ihnen mein Wohlwollen hinlänglich durch den Wunſch bewieſen habe, daß Sie nicht mit dem Marquis de Guiscard zuſam⸗ mentreffen ſollten, erwartete ich kaum, daß Sie ſo bald nach⸗ her einen neuen Streit mit ihm anbinden würden, der heute morgen ein Duell zur Folge gehabt hat, in welchem er, wie ich höre, verwundet worden iſt.“ „Die Nachricht iſt aus Marlborough⸗Haus gekommen, will ich wetten,“ ſagte Harley bei Seite.„Der Teufel kann nicht boshafter ſein, als dieſes Weib.“ „Iſt dem ſo?“ fragte die Königin kurz. „Ich kann es nicht läugnen, Madame,“ antwortete Mas⸗ ham.„Ich habe Guiscard gereizt und mich mit ihm ge⸗ ſchlagen.“ „Der Marquis hat meinen Namen auf's Unverantwort⸗ lichſte gemißbraucht,“ ſagte Abigail.„Er hat ſeine Strafe verdient.“ „Um's Himmelswillen, ziehen Sie ſich den Unwillen ——————————— 182 Eine Liebesſcene in dem Vorzimmer der Königin. der Königin nicht zu,“ flüſterte Harley.„Sie ſetzen Ihre eigene Stelle auf das Spiel.“ „Ich will mich lieber allem ausſetzen, als ihn eine Un⸗ gerechtigkeit leiden laſſen,“ erwiederte ſie in demſelben Ton. „Meiner Treu, Eure Majeſtät behandelt den jungen Mann zu hart,“ flüſterte der gutmüthige Prinz Georg der Königin zu,—„viel zu hart. Seine Rückſichtsloſigkeit gegen Ihre Wünſche entſprang gewiß aus Unbedacht— ſchierem Unbedacht.“ „So ſoll ihm künftig größere Aufmerkſamkeit gelehrt werden,“ erwiederte die Königin.„Ich bin entſchloſſen, mein Mißfallen an dieſem Duellweſen an den Tag zu legen und dieſer junge Mann ſoll das erſte Beiſpiel abgeben.“ „Aber, Madame,“ bat der Prinz. „Dabei bleibt es,“ verſetzte die Königin mit einem Tone, der allen Erörterungen ein Ende machte.„Herr Mas⸗ ham,“ fügte ſie hinzu,„Seine Hoheit wird Ihnen Ihre Dienſte für die drei nächſten Monate erlaſſen und Sie wer⸗— den ſich dieſer Gelegenheit bedienen, um Ihre Familie in Eſſer zu beſuchen oder ſo lange auf Reiſen zu gehen.“ „Ich verſtehe, Eure Majeſtät,“ erwiederte Masham, ſich verbeugend.„Ich werde ſo lange vom Hofe verbannt.“ Anna nickte zur Bejahung mit dem Kopfe und Prinz Georg tröſtete ſich mit einer verlängerten Priſe. „Dies iſt das erſte Mal, daß ich Eure Majeſtät unge⸗ recht handeln ſehe,“ ſagte Abigail. 1„Coufine, laſſen Sie ſich rathen,“ flüſterte Harley. „Vielleicht werden Sie mich auch ungerecht ſchelten, Abigail,“ ſagte die Königin,„wenn ich Ihnen ſage, daß, 5 1 wenn eine meiner Damen ihre Hand ohne meine Einwilligung † 11 vergibt, ſie dadurch ihre Stelle verlieren und meine Gunſt auf immer verſcherzen wird.“ Abigail wollte antworten, aber ein leiſer Druck an —— — ———— SS—— 2— * g * Masham wird auf drei Monate vom Hofe verbannt. 183 ihrem Arm unterbrach ſie. Im nächſten Augenblick trat der gewandte Sekretär zu Masham und flüſterte—„nach dem, was eben vorgefallen iſt, iſt es ſchicklich, daß Sie ſich zurückziehn.“ Der junge Stallmeiſter näherte ſich ſogleich dem Prinzen 5 Georg, küßte die ihm gnädig dargebotene Hand und wollte 5 ſich nach einer tiefen Verbeugung gegen die Königin eben entfernen, als Abigail ihn aufhielt. „Ich erſuche Eure Majeſtät, Herrn Masham noch einen Augenblick länger hier zu laſſen,“ ſagte ſie.„Ich habe mir eine Gnade in ſeiner Gegenwart auszubitten.“ „Wenn Sie jetzt um ihre Zuſtimmung bitten,“ flüſterte Harley,„ſo ſchlagen Sie fehl. Ein andermal— ein an⸗ dermal.“ „Herr Masham, Sie können gehen,“ ſagte Abigail er⸗ röthend und verwirrt. „Nein, da ſie ihn zurückgerufen haben, meine Beſte, ſo iſt es nun billig, daß er erfährt, was Sie zu ſagen haben,“ bemerkte Prinz Georg, deſſen Gutmüthigkeit häufig mit ſeiner Klugheit davon lief. „Eure Majeſtät haben eben geſagt, daß, wenn eine Ihrer Damen ihre Hand ohne Ihre Einwilligung vergibt, ſie Ihre Gnade auf immer verſcherzen wird,“ ſagte Abigail zaudernd. „Das waren meine Worte,“ erwiederte Anna.„Aber was haben Sie mit Herrn Masham zu thun? Ich hoffe,“ fuhr ſie mit ſtrengem Tone fort,„Sie haben dieſen Schritt 4 nicht ſchon ohne meine Erlaubniß gethan.“ „Gewiß nicht, Madame,“entgegnete Abigail, ihre Faſſung wieder erlangend und ohne auf Harley's Winke zu achten, „und obgleich ich einen ungünſtigen Augenblick für meine Bitte gewählt haben mag, ſo will ich es doch wagen, um Ihre gnädigſte Erlaubniß anzuhalten, falls Herr Masham 184 Eine Liebesſcene in dem Vorinner Königin. eine gewiſſe Frage an mich thun ſollte, mit Ja antw orten zu dürfen.“ „Ich will es überlegen,“ antorz die Kznigin kalt. „Meiner Seele, ich bedaure, den jungen Mann zurück⸗ gerufen zu haben,“ rief der Prinz.„Guten Morgen, Mas⸗ ham,— guten Morgen,“ fuhr er fort, indem er den Stall⸗ meiſter bis zur Thür begleitete.„Ich hoffe, Ihre Majeſtät wird beſſer gelaunt ſein, wenn wir uns wiederſehen. Drei Monate ſind's, he? Ich will zuſehen, ob ich den Termin nicht abkürzen kann. Aber thut nichts— find bald vor⸗ über— bald vorüber. Und bei Abigail will ich ihr Freund ſein. Alſo nur guten Muths,— guten Muths. Guten Morgen! Und hiermit ſchob er ihn ſanft zur Thür hinaus. Sobald der Prinz wiederkam, nahm die Königin ſeinen Arm und wollte ſich wieder in ihre Gemächer begeben, als Abigail ſich ihr näherte. „Befiehlt Eure Majeſtät, daß ich Ihnen folge?“ fragte ſie. „Jetzt nicht,“ erwiederte Anna mit einem mißfälligeren Blick, als ſie ihr je zuvor gezeigt hatte und entfernte ſich mit ihrem erlauchten Gemahl. „So iſt es, wenn man einer Königin dient,“ rief Abi⸗ gail in Thränen ausbrechend und Lady Rivers um den Hals fallend. „Sie haben das meiſte von dem allen ſich ſelbſt zuzu⸗ ſchreiben,“ ſagte Harley.„Aber die Herzogin ſteckt hinter dem Ganzen.“ „So iſt es,“ erwiederte Abigail aufblickend.„Aber ihre Bosheit ſoll ihr nichts nutzen. Jetzt iſt die Reihe an ihr; das nächſte mal wird ſie an mir ſein.“ „Da ſtimme ich mit Ihnen überein, Couſine,“ rief Harley, ihre Hand mit Wärme ergreifend.„Es wird Ihre eigene Schuld ſein, wenn Sie Masham nicht ſo hoch erheben, als den ſtolzeſten Edelmann, der nach Saint⸗James eilt. Er⸗ —————————— * Masham wird auf drei Monate vom Hofe verbannt. 185 innern Sie ſich, daß John Churchill ſein Glück durch Sarah Jennings gemacht hat.“ „Unterdeſſen bin ich in Ungnade und Masham iſt ver⸗ bannt,“ ſeufzte Abigail. „Beides Dinge eines Augenblicks,“ erwiederte Harley. „Der Wind, der uns heute entgegenweht, wird ſich morgen drehen. Wir wollen, gleich dem römiſchen Feldherrn, die Niederlage in einen Sieg verwandeln.“ Neunzehntes Kapitel. Die„Trommel“ des Sergeanten. „Ich will Ihnen was ſagen, Proddy,“ ſagte der Ser⸗ geant, als ſie in dem Porträt von Marlborough in der Riderſtraße,— einem von Scales ſowohl wegen ſeines Aus⸗ hängeſchildes, als wegen der vorzüglichen Güte ſeiner Ge⸗ tränke in Schutz genommenen Wirthshauſe,— einander bei einer Bowle Punſch gegenüberſaßen,—„ich will Ihnen was ſagen. Das Benehmen der beiden Mosjehs dieſen Morgen hat mir gefallen.“ „Mir auch,“ erwiederte Proddy.„Mir gefällt beſon⸗ ders der Savagejohn. Zuerſt haßte ich ihn,— aber mit dem Haſſen fängt man immer an. Es gab eine Zeit, wo ich Sie auf den Tod nicht ausſtehen konnte, Sergeant.“ „Ich habe mir die Sache überlegt,“ ſagte Scales, der viel zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt war, um auf die Komplimente des Kutſchers zu achten,„und ich will ſie zum Ball einladen. Ich weiß, daß es ein Ver⸗ gnügen für unſere Frauenzimmer ſein wird und die Mosjehs werden gewiß auch Geſchmack daran finden. Die Franzoſen find eine luſtige Nation, das muß man ihnen laſſen.“ „Ich tanze auch ſehr gern, Sergeant, und bin ein ganz — Die„Trommel“ guter Tänzer, ſo wenig Sie es auch denken ſollten,“ be⸗ merkte Proddy, indem er ſeine Pfeife hinlegte und ein Paar Pas machte.„Ehe ich ſo ſtark war, tanzte ich meinen Gig ſo gut wie einer. Da,“ rief er, indem er einen Hops machte und ſich auf ein Bein niederließ—„was ſagen Sie dazu?“ „Prächtig!“ rief Scales.„Das giebt den Ausſchlag. Heute über eine Woche wollen wir unſer Tänzchen machen. Die vornehmen Leute nennen eine Geſellſchaft von dieſer Art eine Trommel, obgleich ich nicht weiß, warum; denn ich habe in ihren Soireen nie ſo was wie eine Trommel gehört. Aber wenn ich zu einer Trommel einlade, wie ich zu thun gedenke, ſo ſoll es von Rechtswegen ſo heißen, denn die einzige Muſik, die meine Gäſte kriegen werden, ſoll die ſein, die ich ſelbſt mit einem Paar Trommelſtöcken und einem Stück Pergament hervorbringen kann.“ „Und eine famoſe Muſik wird es ſein, Sergeant, die einem durch Mark und Bein geht,“ verſetzte Proddy.„Tam⸗ teram⸗teram⸗teterra! Wenn das nicht mit Recht eine Trommel heißt, ſo weiß ich nicht was.“ „Vielleicht bringe ich auch Tom Jiggins, den Pfeifer von unſerm Regiment, dazu, daß er mich begleitet,“ ſagte der Sergeant nach einigem Befinnen;„und in dem Fall wollen wir Ihnen muntere Beine machen, denn Tom iſt ein Haupt⸗ flötenbläſer. Es wird nicht das erſtemal ſein, daß die Mos⸗ jehs nach Trommel und Pfeife tanzen, wie, Proddy?“ „Nein, das haben ſie ſchon oft genug,“ erwiederte der Kutſcher kichernd,„und noch dazu bei ziemlich ſchnellem Takt, wenn unſere Zeitungen die Wahrheit geſagt haben. Aber wir haben jetzt einen Waffenſtillſtand geſchloſſen, Sergeant; alſo kein Geſpötte mehr. Heute über acht Tage, ſagen Sie?“ „Heute über acht Tage,“ antwortete Scales.„Sie kommen doch?“ „Wenn ich noch unter den Lebenden bin, auf jeden Fall,“ F½ ——— ————— des Sergeanten. 187 entgegnete Proddy,„wir ſind jetzt ein Paar Unzertrennliche. Um wie viel Uhr befehlen Sie?“ „O, das werden Sie auf der Karte ſehen,“ ſagte Scales; „Sie werden eine Einladung erhalten,— alles nach der Ordnung. Aber ich denke um acht oder ſo ungefähr. Und wenn Sie zu vornehm ſind, unpünktlich zu kommen, ſo laſſen Sie es nicht ſpäter als Neun werden.“ „Ich bin immer pünktlich, Sergeant,“ erwiederte Proddy. „Jeder Beamte iſt pünktlich.“ „Sehr richtig,“ ſagte Scales.„Kommen Sie, hier iſt noch für jeden ein Glas in der Bowle. Auf daß wir immer ſo viel Glück haben, wie heute! Es iſt Zeit, daß wir gehen. Ich höre den Wächter zehn Uhr ſchreien. Ich bezahle.“ „Nein, das geſchieht nicht,“ rief Proddy. „Ich ſage Ihnen, es geſchieht,“ verſetzte Scales mit Anſehen.„Hier, Kellner,“ fügte er hinzu, indem er eine Krone hinwarf,—„hier iſt Ihre Bezahlung. Nun, Kamerad, den rechten Fuß voran.“ Und hiermit marſchirten ſie Arm in Arm davon; Proddy, indem er ſich wie gewöhnlich ſpreizte und die Naſe in die Höhe warf, und der Sergeant, indem er den Marlbrug pfiff. 8 Am nächſten Morgen, als Scales mit der übrigen Haus⸗ genoſſenſchaft in der Bedientenſtube in Marlborough Haus beim Frühſtück ſaß, machte er ſeine Abſicht bekannt, im Laufe der folgenden Woche eine Trommel zu geben, und dieſe An⸗ kündigung ward von ſämmtlichen Anweſenden und insbe⸗ ſondere von Mesdames Plumpton und Tipping mit unge⸗ theiltem Beifall aufgenommen. „Na, das muß ich ſagen, Sergeant,“ rief die erſtge⸗ nannte der beiden Damen,—„welch eine himmliſche Idee, eine Trommel! Das Herz klopft mir vor Freude, wenn ich daran denke.“ „Und ſo gentil!“ fügte Miſtreß Tipping „So 188 Die„Trommel“ verſchieden von einem ordinären Hopſer, wie ſie ſo was in der City nennen. Die Damen von Stande geben heutzutage nichts als Trommeln.“ „Freut mich, daß Ihnen die Idee gefällt, meine Damen,“ verſetzte der Sergeant.„Ich will mein Beſtes thun, um Sie zu amüſiren.“ „Sie brauchen nur zu trommeln, um mich zu amüſiren, Sergeant,“ ſagte Miſtreß Plumpton. „Plumpton nimmt einen immer die Worte aus dem Munde,“ rief Miſtreß Tipping ſcharf. „Das Kompliment iſt mir eben ſo angenehm, als ob es ausgeſprochen wäre, Miſtreß Tipping,“ bemerkte der Ser⸗ geant verbindlich.„Seine Durchlaucht wird wohl nichts dawider haben, was meinen Sie, Herr Fiſhwick?“ fügte er hinzu, indem er ſich an den Koch wandte. „Ich ſtehe für Seine Durchlaucht,“ antwortete Fiſhwick, „und ich ſtehe auch für ſeine gnädige Erlaubniß, für ein gutes Abendeſſen ſorgen zu dürfen.“ „Wie Sie für die Solida ſtehen, ſo ſtehe ich für die Fluida, Herr Fiſhwick,“ ſagte der ſtattliche Herr Peter Parker, der Kellermeiſter, mit liſtigem Augenblinzen.„Sie ſollen ein Paar Flaſchen Wein aus meinem eignen Schrank erhalten, und ſo eine Bowle Punſch, wie Sie noch nie ge⸗ trunken haben. Miſtreß Plumpton wird vielleicht ſo gut ſein, mir die große blaue Porzellanbowle zu leihen, die in dem Zimmer der Haushälterin ſteht, um ihn darin zu brauen, damit wir reichlich und genug haben.“* „Das will ich,“ erwiederte Miſtreß Plumpton,“ und da Sie alle etwas zu dem Feſte beitragen, ſo will ich auch eine Flaſche Uskebah dazu geben, die ich von— von— ich weiß nicht mehr von wem erhalten habe.“ „Von Ihrem verſtorbenen Mann wahrſcheinlich,“ muth⸗ ——%Y— — des Sergeanten. 189 maßte Miſtreß Tipping ſchnippiſch.„Na, ich denke, ich werde weiter nichts dazu beitragen, als meine Gegenwart.“ „Es bedarf auch weiter nichts,“ erwiederte Scales galant. „Sie werden doch natürlich auch Herrn Proddy ein⸗ laden, Sergeant?“ ſagte Miſtreß Plumpton.„Es iſt ein ſo lieber kleiner Mann.“ „Verſteht ſich,“ erwiederte Scales,„und Miſtreß Tip⸗ ping zu gefallen, will ich auch Mosjeh Bammelloth, den Gentleman des Marquis de Guiscard, und ſeinen Freund den Korporal Achilles Souvageon bitten,— beides herr⸗ liche Tänzer.“ „Um meinetwillen iſt es nicht nöthig, Sergeant,“ er⸗ wiederte Miſtreß Tipping.„Aber da es Ihre Freunde ſind, ſo ſoll es mich freuen, ſie zu ſehen.“ Bald darauf zog der Sergeant ſich zurück und ſchrieb mit einiger Mühe eine Anzahl von Einladungskarten zurecht, die ein zuverläſſiger Bote austragen mußte und der zu ſeiner Zeit zuſagende Antworten von den meiſten der Eingeladenen zurückbrachte. Im Verlauf des Tages brachte ihm Fiſhwick auch die Nachricht, daß der Herzog nicht nur ſeine Erlaubniß unbe⸗ dingt zu dieſer Beluſtigung gegeben, ſondern auch die Hoffnung ausgeſprochen hätte, daß es alles angenehm ablaufen würde. „Sagte der General ſo?“ rief Scales im Uebermaß des Entzückens.„Na, es ſieht ihm ähnlich. Gott ſegne ihn für ſeine Güte! Kein Wunder, daß die Soldaten ihn ſo lieb haben, Fiſhwick, und ſo gut für ihn kämpfen. Es iſt ein wahres Vergnügen für ſolch einen General zu ſterben.“ Dann fanden noch einige Beſprechungen für die Vor⸗ bereitungen zu dieſem Abend zwiſchen beiden ſtatt, und ſie trennten ſich mit der Ueberzeugung, daß die Trommel außer⸗ ordentlich glänzend ausfallen würde. 3 Die ſechs dazwiſchen liegenden Tage verfigſen und der 190 Die„Trommel“ ſiebente nahm ſeinen Anfang. Während des Morgens ging das Geſicht des Sergeanten mit ungewöhnlichem Ernſte ſchwanger. Er hatte ein Unternehmen begonnen, von deſſen Größe er offenbar durchdrungen war. Er ging beſtändig nach der Küche hin und zurück und gab den Küchenjungen in leiſem Tone Verhaltungsbefehle. Dann zog er ſich zu⸗ rück, um ſeine Uniformſtücke zu putzen, etwas auf der Trom⸗ mel zu üben und leiſe ein Lied zu ſummen. Gegen Mittag kam Tom Jiggins, der Pfeifer, und begab ſich gradeswegs nach dem Zimmer des Sergeanten, wo ſie ſich bis Eſſens⸗ zeit einſchloſſen und nach den Tönen, die ſie hervorbrachten, zu ſchließen, eine Probe der Tänze für den Abend abhielten. Tom Jiggins war ein hagerer kleiner Kerl mit ſtarken Zügen, nicht unähnlich dem Sergeanten in verjüngtem Maß⸗ ſtabe. Er hatte eine lange Naſe und eine ſehr lange Ober⸗ lippe, die ſich einem langen Kinn anſchloß; und aus ſeiner Größe machte er ſo viel als er konnte, indem er ſich ſo hoch aufrichtete, als ſeine fünf Fuß es zuließen. Seine Augen hatten jenen Starrblick, der den Spielern von Blaßeinſtrum⸗ menten und den Stockſiſchen eigenthümlich iſt. Jiggins war mit ſeiner Uniform bekleidet,— blau mit weißen Aufſchlägen und Kragen, und trug einen breiten weißen Lederriemen quer über die Schulter, an welchem das Futteral mit ſeiner Pfeife hing. Die andere Hälfte war mit ſeinem Degen ge⸗ ſchmückt. Eine Mütze und eine gepuderte Perrücke mit einem langen Zopf vollendete ſeine Ausrüſtung. Als das Mittags⸗ eſſen vorüber war, hielten der Pfeifer und der Sergeant noch eine Probe, nach welcher ſie ihre Sachen gut genug zu können glaubten, und vertrieben ſich den Nachmittag bei einer Pfeife und einer Kanne Bier. Der Abend zog endlich herauf und als die Geſchäfte des Tages beendigt waren, wurden eifrige Vorbereitungen für die Trommel getroffen. Die Küche ward ausgeräumt und des Sergeanten. 191 mit Lichtern erleuchtet, die auf dem Kaminmantel, den Küchen⸗ tiſch und die Tellerbretter geſtellt wurden; und um ein Viertel vor Ucht, als der Sergeant und Jiggins eintraten, war alles fertig. Genau als die Uhr die feſtgeſetzte Stunde ſchlug, erhob ſich ein kampfartiges Geräuſch auf dem Flur und im nächſten Augenblick ſtürzten Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping zugleich in's Zimmer, beide ſehr erhitzt und zornig. „Sie find gewaltig grob, Plumpton, daß Sie ſo drängen,“ rief Miſtreß Tipping.„Sie haben mir wahrhaftig mein Kleid ganz verdorben.“ „Es geſchieht Ihnen ganz Recht,“ erwiederte Miſtreß Plumpton hitzig.„Sie hätten ſich nicht beikommen laſſen ſollen, den Vortritt vor mir zu nehmen. Sie haben mir beinahe die Haube abgeriſſen.“ „Ich wollte, es wäre geſchehen,“ verſetzte Miſtreß Tip⸗ ping—„und Ihre Perrücke obendrein.“ „Meine Damen,“ ſagte der Sergeant,„wenn ich Sie darum erſuchen darf, ſo laſſen Sie uns heute Abend wenig⸗ ſtens kein Gezänke haben. Sie ſind beide wunderſchön an⸗ gezogen und würden ganz unwiderſtehlich ſein, wenn Sie nicht ſo mürriſch ausſähen.“ Dies machte den gewünſchten Eindruck. Augenblicklich war der Friede wiederhergeſtellt. Miſtreß Tipping hatte die Gefälligkeit, Miſtreß Plumpton's Kopfputz in Ordnung zu bringen, und Miſtreß Plumpton ſteckte Miſtreß Tipping's Kleid auf. Beide waren ſehr hübſch angezogen,— die eine entfaltete ihre ſchmucke Perſon in karmoiſfinrother Seide und die andere ihre ſchlanke kleine Geſtalt in orangenfarbigem Satin. Vald darauf fanden ſich Fiſhwick, Parker, Timperley und die übrige männliche und weibliche Dienerſchaft, zuſam⸗ men mehr als zwölf Perſonen, in der Küche ein und wurden 192 Die„Trommel“ von dem Sergeanten bewillkommnet, der einen herzlichen Gruß für jeden in Bereitſchaft hatte. Er hatte kaum die Runde gemacht, als Timperley, der ſich an die Thür ge⸗ ſtellt hatte, um die Gäſte in Empfang zu nehmen,„Herrn Proddy und Freund“ anmeldete. Bekleidet mit ſeinem goldgeſtickten Gallarock von kar⸗ moifinrothem gelbgeſtreiftem Sammetplüſch, nebſt eben ſolcher Weſte und einem großen, loſe um den Hals gebundenen Muslinhalstuch, machte der Kutſcher eine ſehr anſehnliche Erſcheinung. Er trat auf Seales zu und ſagte:„Sergeant, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Mezanſene vorzuſtellen,— einen jungen Gentleman, der ſeit Kurzem in dem Haushalt Ihrer Majeſtät angeſtellt zu werden die Ehre gehabt hat und den Wunſch hegt, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich habe mir die Freiheit genommen, ihn mitzubringen.“ „Durchaus keine Freiheit, Proddy,“ erwiederte der Ser⸗ geant,„Sie haben ganz recht gethan. Sehr erfreut, Sie zu ſehen, Sir.“ Und er ſchüttelte Mezanſene herzlich die Hand, der ein großer, ſchlanker und hübſchgeſtalteter junger Mann war und eine ſehr gute Miene beſaß, außer daß er wie der Sergeant ein breites ſchwarzes Pflaſter quer über der Naſe und ein etwas kleineres auf der linken Backe hatte. Er war mit der königlichen Livree bekleidet und trug eine wallende, wohlgepuderte Perrücke. „Sie haben den Krieg mitgemacht, wie ich, Herr Me⸗ zanſene,“ bemerkte der Sergeant mit Bezug auf deſſen Pflaſter. „Dieſe Wunden habe ich neulich des Nachts einmal auf der Straße von einem Haufen jener wilden Taugenichtſe er⸗ halten, die ſich Mohocks nennen, Sergeant,“ antwortete Menſazene. „Ich kenne die Mohocks auch, nette Burſchen ſind es,“ bemerkte der Sergeant.„Ich wollte, ich könnte einige von ihnen für ihre tollen Streiche Spießruthen laufen laſſen. des Sergeanten. 193 Das Geſicht des jungen Menſchen iſt mir bekannt,“ fuhr er gegen Proddy gewandt hinzu, während Mezanſene ſich zu Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping begab, die neben dem Feuer ſtanden;„mir däucht, ich habe ihn im Palaſte geſehen.“ „Nein, Sie können ihn da ſchwerlich geſehen haben, Sergeant,“ erwiederte Proddy,„denn er iſt erſt ſeit einigen Tagen in dem königlichen Haushalt. Er iſt in die Stelle von Herrn Chillingworth gekommen, eines der Bedienten, der plötzlich krank wurde und die Erlaubniß erhalten hat, einen Stellvertreter zu ſchaffen. Ich begegnete ihm heute in dem Wachſaal und ſein Weſen gefiel mir ſo, daß ich ihm vorſchlug, ihn mit herzubringen.“ Che der Sergeant antworten konnte, meldete Timperleh Herrn Needler Webb, dem Gentleman des Grafen von Sun⸗ derland, und Miſtreß Lovedah, die Kammerjungfer der Gräfin von Bridgewater. Ein Rock von grünem geblümten Sammt, der noch vor Kurzem das Eigenthum ſeines edlen Herrn ge⸗ weſen war, eine geſtickte Satinweſte, fleiſchfarbene Seiden⸗ ſtrümpfe und Schuhe mit hellrothen Hacken bildeten Herrn Needler Webb's Anzug. Er gab ſich eine Wüſtlingsmine, trug eine Unzahl von Schönfleckchen und war ſtark parfümirt. Miſtreß Loveday war eben ſo bunt angezogen und erwiederte die Verbeugung des Sergeanten mit einem tiefen Knicks, worauf ſie ſich zu den übrigen Damen begab. Dann kam Herr Prankard, erſter Kammerdiener Lord Ryaltons, auch ein zierlicher Burſche, und nach ihm ein noch zierlicherer Burſche, Herr Lascelles, der Gentleman des Lord Roß. Dann kam Lady Rivers Kammerjungfer, Miſtreß Semple, und Lady Di Cecil's Jungfer, Miſtreß Clerges. Es kamen noch gegen ein halbes Dutzend andere Leute und das Gemach war ſchon ziemlich vollgepfropft, als Bimbelot und Sauvageon angemeldet wurden. Mit zierlichem Schritt näherte ſich der Ainsworth, St. James's. 1. 18 Die„Trommel“ eitle kleine franzöſiſche Kammerdiener dem Sergeanten und verbeugte ſich dann gegen die Damen. Man konnte leicht ſehen, daß er ſich für den wohlerzogenſten, wohlgekleidetſten und wohlgebildetſten Mann in der ganzen Geſellſchaft hielt. Da ſein Herr noch durch die Folgen ſeines Duells an ſein Lager gefeſſelt war, ſo hatte Bimbelot dies für eine gute Gelegenheit erachtet, ſich ſeines Gallakleides zu bedienen und erſchien daher in einem goldbeſetzten ſcharlachrothen Rocke, einer prachtvollen Weſte, einer Feldzugsperrücke, einem Spitzen⸗ halstuch und Manſchetten. Der Glanz ſeines Anzugs ge⸗ wann ihm die Bewunderung der ſchönen Hälfte der Geſell⸗ ſchaft, was er bald genug bemerkte, indem er ſie alle nach der Reihe vertraulich beäugelte, Handküſſe warf, lächelte, ſich verbeugte und ſchwatzte. Was Sauvageon betrifft, ſo begnügte er ſich damit, Proddy in ein Geſpräch zu ziehen. Dann wurde Glühwein und Biscuit herumgereicht und bald darauf bemächtigte der Sergeant ſich eines Schemels am oberen Ende des Gemaches und ſchlug einen Appell, während Jiggins ſich hinter ihm auf einen Stuhl pflanzte. Dies galt für ein Zeichen zum Anfangen, und der Ball ward mit einer Menuette eröffnet, welche Bimbelot mit Miſtreß Loveday, und Needler Webb mit Miſtreß Elerges ausführten; und trotz der gellenden Muſik, welche eben nicht ſonderlich zu den ernſten Bewegungen des Tanzes paßte, entledigten die beiden Paare ſich deſſelben nicht nur zu ihrer eigenen Zufriedenheit, ſondern auch zu der aller übrigen. Mezanſene und Miſtreß Semple traten darauf zu einem Rigadon an und tanzten ihn mit ſoviel Anmuth, daß er noch einmal ver⸗ langt ward. „Qui est ce jeune hoimme-lä, sergeant?“ fragte Bim⸗ belot.„U resemble diablement à quelqu'un de mes amis, mais à qui, je ne peus pPas me rappeler.“ „Ich weiß es eben ſo wenig wie Sie, Bambi,“ erwie⸗ des Sergeanten. 195 derte Scales.„Ich kann es für mein Leben nicht heraus⸗ bringen, wem er ähnlich iſt. Sobald ſich eine Gelegenheit zeigt, will ich ihn fragen.“ Sie zeigte ſich bald darauf. Als der junge Mann ſeine Tänzerin verlaſſen hatte, kam er zu ihnen heran. „Herr Mezanſene,“ ſagte Scales,„Bambi und ich, wir haben eine große Aehnlichkeit entdeckt zwiſchen Ihnen und—“ „Und wem?“ fragte Jener ſtutzend. „Nein, erſchrecken Sie ſich nicht. Zwiſchen Ihnen und einem unſerer Freunde, auf deſſen Namen wir uns in dieſem Augenblick nicht beſinnen können. Sind Sie nie mit Jemand anders verwechſelt worden?“ „Daß ich nicht wüßte,“ erwiederte Mezanſene nachläſſig. „Aber es iſt wohl möglich.“ „Mezansene— c'est un nom frangais, monsieur,“ rief Bimbelot.„Vous étes mon compatriote.“ „Pas tout-à-fait, monsieur,“ antwortete Mezanſene, „mais ma mére était ſrangaise.“ „Ah! c'est asscz— c'est assez,“ rief Bimbelot, ihn umarmend.„Jétais sür que vous étiez Frangais,— vous étes si beau,— vous dansez si légérement,— je suis fier de vous, mon ami.“ Und hiermit führte er ihn zu Sauvageon, den er ihm vorſtellte und der eben ſo ſehr über ihn entzückt zu ſein ſchien. Unterdeſſen war ein Kotillon verlangt worden, darauf folgke ein Gig, in welchem ſich Proddy und Miſtreß Plump⸗ ton auszeichneten und ungeheures Gelächter durch ihre außer⸗ ordentliche und unerwartete Behendigkeit erregten; dann kam der ſchöne alte„Ringeltanz,“ und nach einer Erholungs⸗ pauſe, während welcher Erfriſchungen herumgereicht wurden, ward der hübſche und belebende Kiſſentanz ausgeführt,— zu allen welchen Tänzen der Sergeant mit unermüdlichem Eifer die Trommel rührte und Jiggins nur dann und wann 196 Die„Trommel“ einen Halt machte, um ſeine Flöte anzuhauchen. Nach dem Kiſſentanz ſetzten ſich alle hin; und was für ein Wehen der Taſchentücher, was für ein Puſten und Blaſen, was für ein Abwiſchen der erhitzten Geſichter jetzt erfolgte! Es war un⸗ geheuer amüſant, es mit anzuſehen; wenigſtens dachte der Sergeant ſo. Während allen dem marſchirte Herr Parker mit einer ungeheuren Bowle(Miſtreß Plumpton's Darlehen) von kaltem Punſch in die Küche, welche er auf dem Küchen⸗ tiſch abſetzte. Der Augenblick dazu hätte nicht beſſer gewählt werden können, und als große Becher mit dieſem kühlen und duftenden Getränk herumgereicht wurden, ſtimmten alle darin ein, daß es köſtlicher als Nektar wäre. Und nun das Ge⸗ lächter und die Witze, die jetzt folgten. Geht mir mit Eurem Champagner!— Der beſte Champagner, der je gewachſen iſt, hätte ſeine Pflicht nicht halb ſo gut oder halb ſo ſchnell gethan, als dieſe Bowle Punſch. Ein Glas davon auf deine Geſundheit, Sergeant. Noch einmal läßt die Trommel des Sergeanten ihr luſtiges Trantam erſchallen, noch einmal ergeht ſich die Pfeife in ihren gellenden Tönen. Jetzt ſind alle in ſo munterer Laune, daß nur noch ein Contretanz ſie zufriedenſtellt; die Tänzerinnen werden ſchnell aufgefordert und Proddy wählt Miſtreß Plumpton, Bimbelot Miſtreß Tipping, Needler Webb Miſtreß Semple, Mezanſene Miſtreß Loveday und die übrigen paaren ſich ſo gut ſie können. In einem Nu ſtehen alle auf ihren Plätzen und bilden zwei Reihen von einem Ende der Küche bis zum andern; der Pfeifer ſpielt die luſtig⸗ ſten Weiſen, die man ſich denken kann und Scales fällt hier und da an den geeigneten Stellen mit einem erſchütternden Dumderum ein. Proddy und Miſtreß Plumpton tanzten vor und wenn ſie ſich ſchon in dem Gig ausgezeichnet haben, ſo übertreffen ſie ſich jetzt ſelbſt. Wunderbar anzuſehen iſt es, wie behende Proddy herumhüpft, wie er bis in die Mitte des Sergeanten. 197 herunterfliegt, ſeine Tänzerin ſchwenkt und ſich ohne Schwin⸗ del oder ſichtliche Ermüdung durch die Irrgänge und Laby⸗ rinthe dieſes verwickelten Tanzes windet. Sogar Scales kann ſeinen Beifall nicht zurückhalten und jauchzt ihm zu, während er an ihm vorüberprallt. Und herrlich wird er von Miſtreß Plumpton unterſtützt. Sie tanzt mit erſtaunens⸗ werther Beweglichkeit und Kraft, und ermattet auch nicht einen Augenblick, bis ſie das Ende erreicht haben, wo ein Paar Gläſer Punſch ſie erfriſchen und zu neuen Anſtrengun⸗ gen beleben. Bimbelot und Miſtreß Tipping ſtehen ihnen bald zur Seite und in wunderbar kurzer Zeit befinden ſie ſich wieder an der Spitze. „Na, Sie wollen doch nicht noch einmal hinunter tanzen, Proddy?“ rief der Sergeant. „Ja freilich,“ antwortete der Kutſcher, indem er ſeinen Rock öffnete, und die volle Breite ſeiner Bruſt und umfang⸗ reiche Pracht ſeiner geſtreiften Weſte enthüllte.„Ich will nicht der Erſte ſein, der klein beigibt; darauf können Sie ſich verlaſſen. Immer zugeblaſen, Pfeifer. Fortgetrommelt, Sergeant. Und du, Mädchen,“ wandte er ſich an eine Küchemagd, die auf einem Stuhl am Kamine ſtand und fröhlich auf die Gruppe herabſah, putze die Lichter und be⸗ leuchte unſern Gegenſtand etwas heller. Vorwärts, Bambi, mein Junge; rühren Sie die Beine!“ Und indem er noch ſprach, fing er wieder mit größerem Eifer als je an, ſich umher zu drehen und alle Arten wun⸗ derlicher Kapriolen zu ſchneiden, während Bimbelot, der auf dem höchſten Gipfel ausgelaſſener Fröhlichkeit ſtand, ſeinem Beiſpiele folgte. Aber es war dem Kutſcher nicht beſchieden, ſeine zweite Tour eben ſo glücklich zu Ende zu bringen, als die erſte. Als er mitten im beſten Gange war, ward ein Fuß vorgeſtreckt, ob zufällig oder abſichtlich, ließ ſich nicht. ermitteln; genug er purzelte hin, zog ſeine Tänzerin mit 198 Die„Trommel“ herab und warf Souvageon und Needler Webb über den Haufen. Aber dies war noch nicht alles. Bimbelot und Miſtreß Tipping, die ihnen im Sturmſchritt auf den Ferſen folgten, bemühten ſich vergebens anzuhalten und fielen auf ihn, während Herr Lascelles und Miſtreß Clerges wieder auf dieſe beiden fielen und den armen Kutſcher vollends be⸗ gruben. Zum Glück ward er aus ſeiner gefahrvollen Lage befreit, ehe er ganz erſtickt war, aber mit dem Tanze hatte es einſtweilen ein Ende und Herr Parker ſchlug vor, daß man ſich zum Abendeſſen ſetzen ſollte, das ihrer in der Be⸗ dientenſtube wartete,— ein Vorſchlag, der einſtimmig an⸗ genommen ward. Herr Fiſhwick hatte ſein Verſprechen, für ein gutes Abendeſſen zu ſorgen, auf das Beſte gelöſt, und der Ueber⸗ fluß, ſo wie die Kräftigkeit des aufgetragenen Mahles be⸗ wieſen, daß er die Fähigkeiten derer, die es verzehren ſollten, nach Gebühr gewürdigt hatte. Die Mitte der Tafel nahm eine gewaltige Paſtete von der Geſtalt einer Trommel ein, auf der ein kleines gebackenes Modell des Sergeanten ſelbſt oben auf ſtand, welches nach Miſtreß Plumpton's und Mi⸗ ſtreß Tipping's Behauptung dem Orginal ſo ſprechend ähnlich war, daß man ſelbſt das Pflaſter auf ſeiner Naſe erblickte. Oben am Tiſch, wo natürlich der Sergeant ſaß, ſtand ein prächtiges kaltes Rinderrückenſtück, und am andern Ende ein rieſenmäßiges Faß oder eigentlich eine Tonne voll Auſtern. Ein appetitlicher Schinken, Zungen, kalte Hühner, Hummern und minder feſte Speiſen in der Geſtalt von Zu kerwerk und Gelees bildeten den übrigen Theil der Mahlzeit. Und wenn der Koch bei ſeiner Anrichtung der Speiſen freigebig geweſen war, ſo blieb der Kellermeiſter mit einem entſprechenden Vorrath von Getränken nicht weit hinter ihm zurück. In kurzen Zwiſchenräumen waren Krüge mit Punſch aufgeſtellt, zwiſchen je zweien eine Flaſche Wein, und eine mächtige ———— des Sergeanten. 499 Kanne gewürzten Warmbiers mit darin ſchwimmender gerö⸗ ſteter Brodſchnitte ſtand dem Rinderſtück zur Seite. Im Ganzen bot die Tafel ein ſo einladendes Ausſehn dar, als Gäſte, die ſich durch geſunde und angenehme Bewegung einen prächtigen Appetit gemacht hatten, nur verlangen konnten, und ſie ſchaarten ſich hungrig um dieſelbe herum. Scales hatte Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tivving zu Nach⸗ barinnen und hieb in das Rückenſtück ein, als mähte er die feindlichen Reihen nieder, während Fiſhwick, der ihm gegen⸗ über ſaß, ſich der Auſtern annahm und ſie mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit öffnete, der nur die Schnelligkeit ihres Ver⸗ ſchwindens gleichkam. Dann trat ein kurzes Stillſchweigen ein, das nur von dem Geklapper der Meſſer und Gabeln unterbrochen ward; aber kaum hatte man einige Gläſer Punſch genoſſen, als Gelächter und Scherz von neuem und mit erhöhter Kraft anfingen, um nicht wieder zu verſiegen, ſogar nicht bei den Schüſſeln mit geröſtetem Käſe, die nach dem Rindfleiſch und den Auſtern kamen. Dann ging die mächtige Bierkanne rund und veranlaßte bei ihrem Umgange dadurch viel Beluſtigung, daß Bimbelot und andere Galants genau an denſelben Stellen zu trinken bemüht waren, welche die ſchönen Lippen ihrer Nachbarinnen vorher berührt hatten. Zum Schluß kam Miſtreß Plumpton's Uskebah zum Vor⸗ ſchein und war beſonders denen angenehm, welche der Mei⸗ nung waren, daß die Auſtern ziemlich ſchwer im Magen lägen. Nun erhob ſich der Sergeant, bat alle Gläſer zu füllen und brachte mit großer Würde„die Königin und den Herzog von Marlborough“ aus. Dieſer Toaſt ward mit ungeheurem Enthuſiasmus getrunken; worauf roddy auf einen Stuhl ſtieg, wieder die Gläſer zu füllen bat und „den Geber der Trommel“ leben ließ, und unter den darauf folgenden Hurrahs den Inhalt ſeines Glaſes wider Willen Bimbelot in's Geſicht goß. 200 Die„Trommel“ Der Sergeant dankte mit einem Liede und als er ſah, daß die Fröhlichkeit ſeiner Gäſte einen Höhenpunkt erreicht hatte, über den ſie ſich nicht ohne Gefahr mehr erheben konnten, ſo ſchlug er eine Rückkehr nach dem Ballſaal vor, wohin man ſich demgemäß auch verfügte. Der Pfeifer blies einen Contretanz und Proddy hätte gern wieder Miſtreß Plumpton dazu aufgefordert, allein Bimbelot war ihm zu⸗ vorgekommen, was den Kutſcher in Verbindung mit des Kammerdieners triumphirendem Grinſen ſo erbitterte, daß er dem Franzoſen einen Schubs zu verſetzen ſuchte und ihn dabei ziemlich heftig gegen Mezanſene ſtieß, welcher den Angriff für abſichtlich hielt und mit einem ſo geſchickt an⸗ gebrachten Fußtritt erwiederte, daß er den kleinen Kammer⸗ diener kapriolend nach dem andern Ende des Zimmers ſchleu⸗ derte. Die Tänzer ſtanden ſogleich ſtill und der Sergeant verließ ſeine Trommel, um Frieden zu ſtiften. Es wollte aber alles nichts helfen. Bimbelot war wüthend und for⸗ derte augenblickliche Genugthuung; worauf Scales erklärte, daß wenn er ſich ja ſchlagen wollte, ſo müßte er es mit ihm, denn er wäre entſchloſſen Mezanſene's Streit auf ſich zu nehmen, da dieſer ein Fremder ſei. Der kleine Franzoſe richtete ſeine Wuth jetzt auf den Vermittler, behauptete, daß dieſer die ungerechteſte Partheilichkeit zeigte und ſagte, daß er, lieber als ſich nach einer ſo ſchimpflichen Beleidigung gar nicht zu ſchlagen, ſich mit ihm ſchlagen wollte,— ein Entſchluß, in dem er von Sauvageon beſtätigt ward. Als die erzürnten Partheien nach vielem Gezänk zu keiner Verſtän⸗ digung kommen konnten, ſo zogen ſie ſich, von dem männ⸗ lichen Theile der Geſellſchaft begleitet, in ein Hinterzimmer zurück, als der Sergeant, der auf einen Augenlick nach ſeinem Zimmer gegangen war, mit einem Paar ungeheuren Reiter⸗ piſtolen wiederkam, bei deren Anblick man Bimbelot überaus blaß werden ſah. —— des Sergeanten. 201 „Hier ſind geladene Piſtolen,“ ſagte Scales;„und da Sie ſich einmal ſchlagen wollen, ſo machen Sie es nur gleich aus.“ „Je suis content,“ ſagte Mezanſene.„Nous tirerons à travers un mouchoir, si vous voulez, Monsieur Bimbelot.“ „Nein,“ erwiederte Scales.„Wir wollen die Lichter fortbringen, und dann ſollen Sie im Dunkeln auf einander ſchießen. Das wird das Beſte ſein.“ Dieſer Vorſchlag war Bimbelot nicht ganz genehm, aber auf ein Wort von Seales willigte er ein. Als beide Kämpen eine Piſtol genommen hatten, wurden die Lichter heraus getra⸗ gen und ſie befanden ſich im Dunkeln. Auf keiner Seite ward ein Wort geſprochen, und keine hörbare Bewegung erfolgte. Mezanſene, der über den ganzen Vorfall gelacht hatte, wollte das Feuer ſeines Gegners abwarten; aber da dieſer ſich ſo langſam zeigte, ſo ward er ungeduldig und faßte den Ent⸗ ſchluß, ſeine Piſtole abzufeuern. Es war nun die Frage, wie es geſchehen könnte, ohne ein Unheil anzurichten.„Ich mag dem armen Schelm nichts zu Leide thun,“ dachte er; „und nach welcher Seite hin ich auch feuern mag, könnte ich ihn doch treffen. Ah, mir fällt etwas ein!“ Kaum war der Plan gefaßt, ſo führte er ihn auch aus. Er ſchritt geräuſchlos weiter, bis er die Wand mit der Hand berührte, und tappte dann bis zum Kamin entlang. Er hielt die Piſtole in den Schlot und feuerte, und unmittelbar nach dem Schuß polterte ein ſchwerer Körper herunter. Eine ſon⸗ derbare Vermuthung durchkreuzte Mezanſene's Gedanken und beſtätigte ſich im nächſten Augenblick, als die Lichter wieder kamen. Der arme Bimbelot hatte ſich in den Kamin geflüchtet und ſein Gegner war bei ſeinem Bemühen, ihn zu vermeiden, zufällig grade auf ſein Verſteck getroffen. Zum Glück hatte er weiter keinen Schaden genommen, als daß er von dem Fall einige kleine Schrammen davontrug, und der Sergeant 202 Noch eine Liebesſcene flüſterte Mezanſene heimlich zu:„wenn Bambi je verwundet wäre, ſo müßte es mit dem Werg geſchehen ſein, denn er hätte keine Kugeln geladen.“ Mezanſene behielt dieſe Nach⸗ richt bei ſich, obgleich er von Herzen darüber lachte, und plauderte auch nichts von Bimbelot's Verſteck aus, ſo daß die ganze Sache bald wieder ausgeglichen ward. Man ſchüt⸗ telte ſich die Hände, dann ward noch mehr Punſch aufge⸗ tragen, es kamen noch mehr Tänze, mehr Witze und ſehr viel mehr Gelächter, und die Trommel des Sergeanten endete eben ſo fröhlich als ſie angefangen hatte. 8 Zwanzigſtes Kapitel. Noch eine Liebesſcene im Vorzimmer. Ungefähr eine Woche nach dieſer luſtigen Geſellſchaft öffnete ſich eines Morgens die Thür zu den beſonderen Ge⸗ mächern der Königin im Saint⸗James Palaſt und Abigail trat mit Lady Rivers in das Vorzimmer. Es war Niemand darin als Mezanſene, der neue Bediente, der ſich bei ihrem Eintritt ehrerbietig auf die Seite zog. „Ich bin mit Ihnen herausgekommen, meine liebe Lady Rivers,“ ſagte Abigail,„um zu erfahren, ob Sie Nach⸗ richten von Masham haben.“ „Ich dachte mir es wohl,“ erwiederte dieſe,„aber ich bedaure Ihnen nichts weiter von ihm ſagen zu können, als daß man ihn auf Reiſen glaubt. Er iſt ganz gewiß nicht in High Laver bei ſeinem Vater, Sir Franzis Masham, denn Lord Rivers hat geſtern einen Brief von dem alten Baronet erhalten, worin dieſer ſich nach ſeinem Sohn erkundigt.“ „Wie ſonderbar!“ rief Abigail.„So viel ich ermit⸗ teln konnte, hat er an Niemand geſchrieben. Es ſtellt ſich Sieteni— im Vorzimmer. 203 heraus, daß er unmittelbar nach ſeiner Entfernung aus dem Palaſte nach Hauſe gegangen iſt und nach einigen Befehlen an ſeinen vertrauten Diener, wobei er ihm ſagte, daß er wohl in zwei bis drei Monaten nicht wieder kormen würde und daß man nicht nach ihm zu fragen brauche, ohne Be⸗ dienung fortgegangen iſt und nichts weiter von ſich hören gelaſſen hat. Alle Erkundigungen Herrn Harley's waren um⸗ ſonſt. Ich geſtehe, daß ich mich etwas zu beunruhigen an⸗ fange, und obgleich ich meine Befürchtungen wegzuvernünfteln ſuche, ſo will es mir doch nicht gelingen.“ „O, Sie brauchen ſich um ſeinetwillen nicht zu beun⸗ ruhigen,“ entgegnete Lady Rivers.“ Es iſt mehr als wahr⸗ ſcheinlich, daß er nach Paris gegangen 3 um ſich an dieſem muntern Hofe zu beluſtigen.“ „Vielleicht,“ ſagte Abigail.„Dann könnte er aber ſchreiben.“ „Aber bedenken Sie doch die Zerſtreuungen der Haupt⸗ ſtadt von Frankreich, meine Theure,“ verſetzte Lady Rivers boshaft.„Außerdem kann er ſich ja auch wieder verliebt haben.“ „Ich halte es nicht für wahrſcheinlich,“ rief Abigail. „Denken Sie ſich denn wirklich ganz ernſthaft, daß er Ihnen während dieſer Verbannung treu bleiben wird, meine Theure?“ fragte Lady Rivers. „Ich würde keinen Augenblick länger an ihn denken, wenn ich das Gegentheil glaubte,“ erwiederte Abigail. „Und wie iſt es mit Ihnen? fuhr ihre Herrlichkeit fort. „Können Sie auch beſtändig bleiben?“ „Ich kann für mich ſelbſt beſſer einſtehn, als für ihn,“ verſetzte Abigail.„Das kann ich.“ „Nun drei Monate ſind eine lange Zeit,“ ſagte Lady Rivers. „Für mich würde es eine haute Probe ſein,— beſonders wenn ich wie Sie den Aufmerkſamkeiten ſo vieler angenehmer 204 Noch eine Liebesſcene jungen Leute ausgeſetzt wäre. Drei Monate— armer Masham! er hat keine großen Ausſichten— ha! ha!“ „Eure Herrlichkeit mag ſo viel lachen, als Ihnen ge⸗ fällt,“ erwiederte Abigail etwas gereizt,„aber wenn ich mich 1 recht kenne, ſo werden meine Gefinnungen unverändert bleiben.“ „Das glauben Sie jetzt, meine Theure,“ entgegnete Lady 3 Rivers,„aber es ſind erſt vierzehn Tage ſeit ſeiner Abreiſe um. Kommen Sie, ich wette, Sie vergeſſen ihn, ehe der 3 Monat vorüber iſt.„Still!“ rief ſie aus, indem ſie mit 3 ihrem Fächer auf Mezanſene zeigte,„dieſer junge Mann be⸗ —— lauſcht uns. Wir wollen ein ander Mal weiter davon ſprechen. Guten Tag,„ „Wenn Sie etwas von Masham erfahren, ſo vergeſſen Sie nicht, es mir mitzutheilen ſagte Abigail. „Verlaſſen Sie ſich darauf,“ antwortete Lady Rivers. „Ich hoffe, ich werde nichts Unangenehmes mitzutheilen haben, —. B. daß er eine neue Herzliebſte hat! ha! ha!“ „Um Gotteswillen, ſchonen Sie mich!“ rief Abigail. „O, wenn er Sie jetzt ſehen könnte!“ rief Lady Rivers in ein helles Gelächter ausbrechend. Aber plötzlich bezwang ſie ſich und murmelte—„wieder dieſer junge Menſch.“ „Eure Herrlichkeit iſt ſehr grauſam,“ ſagte Abigail. „Wenn man Sie ſo lachen hört, ſo ſollte man denken, Sie „Das mag auch vielleicht ſo ſein,“ erwiederte Ladh 1 Rivers,„aber auf keinen Fall glaube ich an eine romantiſche Treue. Und nun Adieu, denn ich muß wirklich fort.“ Hier⸗ mit verließ fie das Zimmer, deſſen Thür Mezanſene ihr öffnete. „O, welche Qual, von dem Gegenſtand ſeiner Neigung getrennt zu ſein!“ rief Abigail halblaut.„Alle Beſchäfti⸗ wären nie verliebt geweſen.“ gungen verlieren ihr Intereſſe— alle Vergnügungen ihren Reiz; und obgleich die Oberfläche ſo glänzend und friſch wie 1 immer ausſehen mag, ſo leidet das Herz mittlerweile doch im Vorzimmer. 205 bitterlich, und Thränen— bittere Thränen fließen. Ach, ach! die Königin darf nicht ſehen, daß ich geweint habe,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich die Augen mit dem Schnupf⸗ tuch trocknete. Als ſie ſich der inneren Thür näherte, folgte ihr Me⸗ zanſene. Er war ſehr verlegen; aber Abigail war zu ver⸗ wirrt, um es zu bemerken. „Ich habe einen Brief für Sie, Miß Hill,“ ſagte er mit einer vor Aufregung erſtickten Stimme. „Für mich!“ rief Abigail erſtaunt, indem 1 ihn an⸗ nahm.„Er muß von ihm ſein!“ Und unfähig, dem Reize zu widerſtehen, bruch ſie dus Siegel und verſchlang gierig deſſen Inhalt.„Er hat London nicht verlaſſen, ſchreibt ſie mit unverhehlbarem Entzücken—„er will mich bäld zu ſprechen ſuchen— hier — im Palaſte. Aber wie und wann ſagt er nicht. Von wem haben Sie dieſen Brief?“ fragte ſie Mezanſene, ohne zu wagen die Augen zu erheben. „Ich darf es nicht ſagen,“ erwiederte er immer noch mit unſicherer Stimme,„aber ſo viel darf ich Ihnen mit⸗ theilen,— der Schreiber dieſer Zeilen iſt jetzt im Palaſte.“ „Hier— der Unbeſonnene!“ rief Abigail, die Hand aufs Herz legend. „Sie ſehen unwohl aus, Madame,“ rief Mezanſene; „ſoll ich Ihnen einen Stuhl bringen?“ „Nein, es iſt vorüber,“ erwiederte Abigail,„aber bin ich bei Sinnen? Habe ich mich getäuſcht, wenn ich Stimme zu hören glaubte? Sind Sie es?“ fuhr ſie for indem ſie die Augen aufſchlug und Mezanſene feſt anb 3 „ſind Sie es, Masham?“ „Ich bin es, Abigail,“ erwiederte der junge Mann, vor ihr auf die Knie fallend und ihre Hand entzückt an ſeine Lippen druͤckend. Noch eine Liebesſcene „Und Sie haben ſich um meinetwillen dieſer Gefahr ausgeſetzt?“ fragte ſie mit einem Blick voll dankbarer Zärt⸗ lichkeit. „Ich würde ſelbſt dem Tode trotzen, um in Ihrer Nähe ſein zu können, Abigail,“ erwiederte er leidenſchaftlich.„Ich konnte dem grauſamen Befehl der Königin nicht gehorchen. Ich konnte mich nicht von Ihnen trennen. Aber da ich mich nicht in meiner eigenen Geſtalt zeigen darf, ſo nahm ich dieſe Verkleidung an. Ich habe Chillingworth, einen der könig⸗ lichen Bedienten, den ich als einen zuverläßigen Menſchen kenne, durch eine Beſtechung dazu vermocht, ſich krank zu ſtellen und mich als ſeinen Stellvertreter anzunehmen. Ich trage jetzt den Familiennamen meiner Mutter, Mezanſene. Obgleich ich faſt ſchon ſeit ℳ Tagen im Palaſte bin, ſo fand ich doch erſt in dieſem Augenblick eine paſſende Ge⸗ legenheit, ohne unnöthige Gefahr mit Ihnen zu ſprechen. Aber ich habe Sie oft geſehen, Abigail,— oft, wenn Sie mich nicht bemerkt haben. Ich habe Ihre gedankenvolle Miene geſehen und habe mir eingebildet, Ihre Traurigkeit rühre von meiner vermeinten Abweſenheit her. O, wie habe ich mich danach geſehnt, mich Ihnen nähern zu dürfen,— Ihnen ein eichen zu geben,— ein leiſes Wort zuzuflüſtern, aber ich habe mich bezwungen. Ich begnügte mich damit, Sie zu ſehen,— Ihnen nahe zu ſein, denn ich wußte, daß einſt die günſtige Stunde ſchlagen würde.“ „ Es iſt gut, daß es Ihnen nicht gelungen iſt, mir Ihre eſenheit bemerklich zu machen,“ ſagte Abigail,„denn wenn ie zu plötzlich bemerkt hätte, ſo hätte ich mich unfehlbar „ rathen. Wenn Sie entdeckt werden, ſo find unſere Hoff⸗ 1 ungen auf immer zerſtört. Die Königin wird es mir nie vergeben äußerſte Vorſicht von Nöthen iſt.“ „Ich habe bisher allen Verdacht vermieden,“ erwiederte nd die Herzogin hat ſo viele Spione, daß die im Vorzimmer. 207 Masham,„und jetzt, da ich Ihnen meine Nähe entdeckt habe, werde ich ruhiger ſein und mich daher leichter vor Unvor⸗ ſichtigkeiten hüten. Aber ſagen Sie mir, haben Sie die Gunſt der Königin ganz wiedererlangt?“ „Ganz,“ antwortete ſie.„Einige Tage lang erfreute die Herzogin ſich wieder ihres alten Einfluſſes und machte während dieſer Zeit alle möglichen Anſtrengungen, meine Entlaſſung zu bewirken. Und hätte ſie ihr despotiſches Weſen bezwingen können, ſo würde es ihr vielleicht gelungen ſein; aber zum Glück für mich erbitterte ſie die Ungeneigtheit der Königin, ihr nachzugeben, und ſie ließ ihrer Aufregung in ihrer ge⸗ wohnten Heftigkeit und Drohungen freien Lauf. Auf dieſen Ausbruch folgte eine Entzweiung und obgleich ſie jetzt eini⸗ germaßen wieder ausgeſöhnt ſind, ſo beſteht doch noch eine Art von Kälte zwiſchen ihnen. Nach meinem Dafürhalten und nach Herrn Harleh's wird ſich die Königin nicht wieder,. auch nicht dem Aeußern nach, beſänftigen laſſen, aber die% Herzogin denkt anders, und hat nichts von ihrer Zuverſicht 8 verloren. Sie beträgt ſich mit unerhörtem Hochmuth und Trotz gegen Ihre Majeſtät und dieſe vermeidet jedes Zuſammen⸗ treffen mit ihr.“. „Die arme Königin!“ rief Masham. „Ja freilich die arme Königin!“ wiederholte Abigail ſeufzend.„Sie verdient Ihr Mitleiden. Noch nie ward ſo viel Liebe und Güte ſo unwürdig vergolten, als die ihrige; nie ward ſo viele Gutmüthigkeit ſo mißbraucht, nie ward ſo viel Nachſicht mit ſo viel Trotz erwiedert. Aber ſelbſt ihre Langmuth kann erſchöpft werden, und das wird die Herzogin bald genug entdecken.“ „Warum macht ſich die Königin nicht ohne Weiteres frei?“ rief Masham.„Iſt ſie nicht unumſchränkte Gebie⸗ terin hier?“ „Dem Scheine nach wohl, aber nicht in der Wirklich⸗ — ———— Noch eine Liebesſcene keit,“ erwiederte Abigail;„es gibt in dieſem Palaſte keine abhängigere Perſon als ſeine unumſchränkte Herrin. Ihr Gemüth iſt ſo zart, daß die Liebe für ſie ein Bedürfniß iſt, und ſeitdem ſie alle ihre Kinder verloren hat, iſt in ihrem Herzen eine Leere entſtanden, die ſie durch die Freundſchaft auszufüllen geſucht hat. Wie ſie getäuſcht worden iſt, ſehen Sie. Aber die Pein, alte Bande und alte Gefühle auf immer zu zerreißen, iſt ſo groß, daß ſie davor zurückbebt. Das ſchöne Gemüth der Königin iſt es, was ſie unentſchloſſen macht. Dies weiß und benutzt die Herzogin. Wenn die Dinge ein verzweifeltes Ausſehen annehmen, ſo macht ſie mit Gewandtheit einige Zugeſtändniſſe, beſänftigt das ver⸗ letzte Gefühl der Königin und alles iſt wieder in Ordnung. Aber wenn ich es hindern kann, ſo ſoll der jetzige Zwiſt nicht wieder geheilt werden.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Masham.„Ihre Pflicht gegen die Königin erfordert es. Es iſt unerträglich, ſo viel Größe ſo mißhandelt zu ſehen. Aber wie ſteht Harley mit Ihrer Majeſtät?“ „Seine Gunſt iſt im Steigen,“ antwortete Abigail. „Er wird häufig zu geheimen Unterredungen mit ihr zuge⸗ laſſen und dringt hartnäckig auf Maßregeln, die ſich, wie er behauptet, als wohlthätig erweiſen werden.“ „Unglücklicherweiſe hat Harley nur das Gelingen ſeiner eigenen Pläne im Auge,“ bemerkte Masham. „Das argwöhnt die Königin auch,“ verſetzte Abigail, „und deßhalb ſchenkt ſie ihm nicht volles Vertrauen. Arme Frau! ſie iſt in der ſchlimmſten Lage. Sie fürchtet die Herzogin,— beargwöhnt Harley— und mißtraut ſich ſelbſt. Ah!“ rief ſie, als ſie die innere Thür langam aufmachen hörte.„Sie kommt.“ Msham hatte kaum Zeit, ſich einige Schritte zu im Vorzimmer. 3 209 entfernen, als die Königin in Begleitung des Prinzen Georg von Dänemark eintrat. „Ah! Abigail, es freut mich, daß ich Sie finde,“ ſagte Anna.„Mir däuchte, Sie blieben lange fort. Aber was gibt es? Sie ſcheinen aufgeregt zu ſein.“ „Ich habe eben einen Brief empfangen, Madame,“ ant⸗ wortete Abigail verwirrt. „Von Herrn Masham,— wie?“ ſagte die Königin. „Nun, ich ſehe es an Ihrem Erröthen. Sie brauchen ſich nicht zu beunruhigen. Ich habe ihm das Schreiben nicht verboten. Nun, wo befindet er ſich denn?“ „Verzeihen Sie mir, Madame, ich darf es Ihnen nicht ſagen,“ erwiederte Abigail. „Nun gut, ich will mich meines Vorrechts nicht bedienen und eine Antwort erzwingen,“ verſetzte die Königin.„Vor⸗ ausgeſetzt, daß er meinen Befehlen gehorcht und ſich vom Hofe entfernt, bin ich zufrieden.“ „Heda, wer iſt denn dies?“ rief Prinz Georg;—„ein fremdes Geſicht. Kommen Sie her, junger Menſch. Was rührſt du dich nicht, Schelm, wenn du gerufen wirſt? Sapper⸗ ment! iſt der Kerl taub?“ „Sie erſchrecken ihn,“ ſagte die Königin gutmüthig lächelnd. „Was gibt es denn, Schelm?“ rief der Prinz auf Masham zugehend.—„Tauſend! welche Aehnlichkeit!— Es iſt Nie⸗ mand als—“ „Niemand als wer?“ fragte die Königin, ſich halb um⸗ drehend.„Wem iſt er ähnlich?“ „Einem der Bedienten in Hampton⸗Court,“ erwiederte der Prinz, indem er ſich gewandt zwiſchen ſie und Masham ſtellte.„Eure Majeſtät erinnert ſich des Tom Ottley noch. Dieſer junge Mann iſt ſein wahres Ebenbild. O, Sie Schelm! Ainsworth, St. James's. 1. 14 240. Noch eine Liebesſcene ich habe Sie ausgewittert!“ fügte er leiſe hinzu und drohte dem verwirrten Stallmeiſter mit dem Finger. „Sie ſind wieder ſehr blaß geworden, Abigail,“ ſagte die Königin zu ihr.„Sie ſind gewiß unwohl.“ „Ich werde gleich S beſſer ſein,“ erwiederte Abigail mit matter Stimme. „Ihre Bläſſe nimmt zu!“ rief die Königin einigermaßen beunruhigt.„Einen Stuhl!“ Masham eilte auf der Stelle mit einem herbei, aber der Prinz nahm ihm denſelben ab und trug ihn zu Abigail, die darauf hinſank. „Das Riechſalz!“ rief die Könisi or auf dem Tiſche ſteht eine Flaſche.“ Masham ſtürzte darauf zu und ſueß in der Eile ein Paar Porzellanſtücke herunter, die auf dem Fußboden zer⸗ trümmerten. Ueber ſeine Ungeſchicklichkeit beſtürzt, ſtand er unentſchloſſen da, während der Prinz mit einem zornigen Blick hinzueilte und ihm die Flaſche mit dem Riechſalz aus der Hand riß und der Königin reichte. „Das iſt ein ſehr ungeſchickter Menſch,“ ſagte Anna, indem ſie Abigail an der Flaſche riechen ließ.„Wie heißt er?“ „Masham,“ antwortete Abigail matt. „Masham!— Unfinn!“ rief der Prinz.„Sie hat nichts als ihren Liebhaber im Kopf. Die Königin will Ihren Namen wiſſen, Taugenichts,“ fügte er hinzu, indem er ſich an Masham wandte und ihm zuwinkte.„Wie heißen Sie— Tomkins oder Wilkins, he?“ „Keins von beiden, Eure Hoheit,“ lautete die Antwort. „Ich heiße Mezanſene.“ „Mezanſene, ſo!“ verſetzte der Prinz.„Nun gut, Herr Mezanſene, ich hoffe, Sie werden ſich künftig beſſer in Acht nehmen. Ich mochte Sie wohl leiden und beabſichtigte 53 im Vorzimmer. 241 beſonders bei meiner Verſon zu beſchäftigen. Aber wenn Sie ſo verwünſcht unvorſichtig find, ſo wird es nicht gehn.“ „Ich flehe um Eurer Hoheit Verzeihung,“ ſagte Masham. „Gut,— gut, ich will den erſten Fehler überſehen,“ verſetzte der Prinz.„Kommen Sie dieſen Abend in meine Gemächer. In meine Gemächer, verſtehen Sie,“ fügte er mit einem Wink hinzu, worauf Masham mit einer tiefen Verbeugung antwortete. „Sie ſehen jetzt wohler aus, liebes Kind,“ ſagte die Königin, die zärtlich um Abigail beſchäftigt geweſen war. „Ich hoffe, dieſe Anfälle werden nicht wiederkommen.“ „Ganz gewiß nicht, gnädigſte Frau,“ erwiederte Abigail, „wenn Sie Ihr Urtheil gegen Herrn Masham zurücknehmen wollen.“ „Dringen Sie deshalb nicht in mich, Abigail,“ erwiederte die Königin.„Ich kann es nicht thun. Sie ſollten ſich lieber auf Ihr Zimmer zurückziehen. Ich will in den Bibliothekſaal zu Herrn Harley gehen, der eine ſchleunige Audienz von mir verlangt. Kommen Sie, Prinz, wir haben ihn lange genug warten laſſen. Nehmen Sie ſich in Acht, liebes Kind, und denken Sie nicht mehr an Herrn Masham, wenn es geht.“ Abigail begab ſich in ein anderes Zimmer ohne einen Blick auf ihren Liebhaber zu wagen, der der Königin die Thür öffnete. Prinz Georg blieb einen Augenblick zurück und flüſterte ſeinem Stallmeiſter ins Ohr:„Verwünſchte Klemme, in die Sie gerathen wären, hätte ich nicht geholfen. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht erkannt werden, oder ich werde einen Theil des Tadels auf mich nehmen müſſen. Komme ſchon, Eure Majeſtät.“ Und dann fügte er laut hinzu:„Bedenken Sie, was ich Ihnen geſagt habe, Mas⸗ ham— Mezanſene, wollte ich ſagen. Hol's der Teufel, ich hoffe, ſie hat es nicht gehört.“ Und damit eilte er aus dem Zimmer. . Marlborough und Godolphin Einundzwanzigſtes Kapitel. Marlborvugh und Godolphin verlangen Harley's Cntlaſſung von der Königin. Bald darauf trat die Königin mit dem Prinzen in den Bibliothekſaal, ein großes, geräumiges, wohl proportionirtes Gemach, das von Karl dem Zweiten aufgeführt war und unter Wilhelm dem Dritten einige Veränderungen erlitten hatte. Es hatte eine halbgewölbte Decke mit einem tiefen, reichverzierten Karnieß und die Fenſter, welche eckig und mit ſchwerer Schnitzarbeit überladen waren und unter Rundbögen ſtanden, welche von Pfeilern im ſchlechteſten italieniſchen Geſchmack getragen wurden, gingen auf den Palaſtgarten. Zwiſchen den Vorſprüngen jedes Bogens ſtand eine Büſte auf einem Geſtell und es waren deren noch mehrere in ver⸗ ſchiedenen Theilen des Zimmers angebracht. Wohlgefüllte Bücherſchränke ſtanden zwiſchen den Fenſtern und bildeten anmuthige Leſewinkel, und die Wände an der gegenüber⸗ liegenden Seite waren mit ſtattlichen Bänden und Landkarten pedeckt. Im ganzen Palaſte gab es keine angenehmere Ab⸗ geſchiedenheit, als den Bibliothekſaal. rrley erwartete die Königin mit vieler Ungeduld und ließ ſie ſogar merken, als ſie eintrat. Nachdem Anna ſeinen Gruß erwiedert hatte, ſetzte ſie ſich an einen kleinen runden Tiſch, auf welchem ein Schreibzeug ſtand und hinter welchem ein großer japaniſcher Schirm angebracht war, während der Prinz neben ihr ſtehen blieb und ſich mit einem Arm an den Rücken ihres Stuhls lehnte. „Die Zeit iſt endlich gekommen, Madame,“ſagte Harley, haſtig und nachdrücklich ſprechend,„wo man eine Entſcheidung treſſen muß und wo entweder ich und Saint⸗John oder Godolphin und Marlborough ſich zurückziehen müſſen. Es N verlangen Harley's Entlaſſung. 213 läßt ſich nicht länger vermeiden. Es iſt mir di zuverläſſige Nachricht zugegangen, daß dieſe beiden Lords in dem Kabi⸗ netsrath, der, wie Eure Majeſtät weiß, auf dieſen Morgen zuſammenberufen iſt, ihre Abſicht abzudanken ankündigen wollen, falls ich nicht entlaſſen werde. Es wird daher eine Kraftprobe werden, aber wenn Eure Majeſtät mich unter⸗ ſtützen, ſo habe ich nichts zu befürchten.“ „Ich hoffe, ſie werden ihre Drohung nicht ausführen, Sir,“ ſagte Anna, von dem Gehörten aufs höchſte beun⸗ ruhigt.„Dies iſt ein äußerſt ungünſtiger Augenblick für einen Miniſterwechſel.“ „Er muß wo möglich vermieden werden,“ ſagte Prinz Georg und nahm eine große Priſe. „Dazu giebt es kein Mittel,“ erwiederte Harley.„Man muß der Schwierigkeit entgegen gehen; und ich geſtehe, ich theile die Befürchtungen nicht, die Eure Majeſtät dem An⸗ ſchein nach hegt. Anfänglich wird ohne Zweifel ein Geſchrei erhoben werden, aber es wird ſich bald wieder legen. Marl⸗ borough's Popularität hat ihren Gipfel erreicht,— ja, ſie iſt ſchon im Abnehmen. Der Krieg in den Niederlanden iſt zu ſehr in die Länge gezogen und die öffentlichen Kaſſen ſind durch die unermeßlichen Ausgaben zu ſtark erſchöpft worden, als daß die Augen aller Denkenden nicht für dieſe Beſchwerde geöffnet ſein ſollten; und jetzt, wo der Rauſch des Sieges vorüber iſt, haben ſie einzuſehen angefangen daß dieſer foſtbare Zeitvertreib nur fortgeſetzt wird, um den Oberbefehlshaber ſelbſt zu bereichern. Der Graf von Rocheſter, welcher die neue Verwaltung zu unterſtützen verſpricht, droht mit der Anfrage, warum der Angriff auf Frankreich immer von den Niederlanden aus gemacht wird, anſtatt von Spanien aus, welches doch der Hauptzweck des Krieges iſt und wo unſer Erfolg doppelt ſo groß ausfallen würde, wenn wir dort eine größere Armee unterhielten, als die, welche von 214 Marlborvugh und Godolphin rn, wenn auch verwegenen Grafen von Peterborvugh befehligt wird. Ueberdieß iſt die öffentliche Stimmung gegen die Fortſetzung des Krieges. Wir haben unſern Ruhm zu theuer erkauft, und wenn der lärmende Pöbel auch ſeinen Götzen Marlborough verliert, ſo kann ihm eine neue Puppe gekauft werden, und zwar zu einem weniger verderblichen Preiſe. Was Lord Godolphin's Entlaſſung betrifft, ſo wird man ſie, mit Genehmhaltung Eurer Majeſtät, kaum be⸗ merken, denn er kann leicht erſetzt werden.“ „Durch Herrn Harley?“ ſagte der Prinz ſarkaſtiſch. „Nein, durch einen viel beſſern Mann, Eure Hoheit,“ erwiederte Harley—„durch Lord Poulet. Ich will mich gern mit meinem jetzigen Amt begnügen, oder mit irgend einem andern, in welchem ich Ihrer Majeſtät mit Nutzen. dienen kann; aber ſie hat den Wunſch ausgedrückt, daß ich im Falle eines Wechſels das Kanzleramt der Schatzkammer übernehme.“ „Nebſt der wirklichen Gewalt,“ murmelte der Prinz. 8 „Ein Tory⸗Miniſterium kann leicht gebildet werden, deſſen Mitglieder die Lords Rocheſter, Nottingham, Haver⸗ ſham und Dartmouth wären,“ fuhr Harley fort.„Alle Eurer Majeſtät Lieblingsmaßregeln können dann durchgeführt werden. Sie werden nie wieder, wie bisher, ſo oft und auf e ſo kränkende Weiſe von dieſen trotzigen, herrſchſüchtigen bhigs behindert werden.“ „Sie verſprechen gute Ausſichten, Sir,“ bemerkte Anna. „Ich verſpreche nur, was ich halten kann, Madame,“ erwiederte Harley.„Und ich verſpreche Eurer Hoheit auch,“ wandte er ſich an den Prinzen,„daß Sie nicht wieder von jenem höhniſchen Tadel beläſtigt werden ſollen, mit dem Ihre Verwaltung der Admiralität heimgeſucht worden iſt. Eure Hoheit iſt den Tories einige Rückſichten für einen beſondern — verlangen Harley's Entlaſſung. 215 Dienſt ſchuldig, den ſie Ihnen geleiſtet haben und deſſen ich nicht zu erwähnen brauche.“ „Ich bin der anſtändigen Verſorgung, die ſie für mich im Fall des Ablebens Ihrer lieben Majeſtät vor dem mei⸗ nigen bewilligt haben, durchaus nicht uneingedenk, wie ich bewieſen zu haben glaube, Sir,“ entgegnete der Prinz mit einer tiefen und ziemlich ſarkaſtiſchen Verbeugung;„aber ich ſehe nicht, wie ich der Königin rathen kann, ſie jetzt zu unterſtützen. Es iſt ein ſehr kritiſcher Augenblick und der geringſte Fehlgriff wird die gefährlichſten Folgen nach ſich ziehn.“ „Auf jeden Fall wird Ihre Majeſtät darüber entſchei⸗ den,“ erwiederte Harley.„Ich habe alle Gründe angeführt, die ich vor ihr verantworten zu können glaube.“ „Meine Neigung ſtimmt für Sie, ohne Zweifel,“ er⸗ wiederte die Königin. „Wenn das wirklich der Fall iſt, gnädigſte Frau,“ er⸗ wiederte Harley, das Knie vor ihr beugend,„ſo zaudern Sie nicht. Berückſichtigen Sie Ihr eignes Glück— Ihre eigne Größe. Und vergeſſen Sie nicht, daß wenn Marlbo⸗ rough und Godolphin gehn, die Herzogin ebenfalls geht.“ „Genug, Sir,“ antwortete die Königin.„Stehn Sie auf. Ich bin entſchloſſen. Ich will Sie unterſtützen.“ „Nehmen Sie ſich Zeit zur Ueberlegung— nehmen Sie ſich Zeit!“ rief der Prinz. „Ich habe überlegt,“ erwiederte Anna.„Was auch die Folgen davon ſein mögen, Herr Harley kann auf meinen Schutz rechnen.“ „Eure Majeſtät wird Ihren Entſchluß niemals bereuen,“ verſetzte Harley, kaum im Stande ſeine Freude zu verbergen In dieſem Augenblick trat ein Thürſteher in den Saal und meldete der Königin, daß der Herzog von Marlborough und Lord Godolphin draußen wären und Ihre Majeſtät Marlborvugh und Godolphin ſchleunigſt um Audienz bäten. Anna warf Harley einen be⸗ deutſamen Blick zu. „Ich will mich entfernen,“ ſagte der Sekretär.„Am beſten, ſie erfahren von dieſer Unterredung nichts.“ „Sie können ſich nicht entfernen, ohne durch das Zim⸗ mer zu gehn, wo ſie warten,“ erwiederte die Königin. „Was iſt hier zu thun?“ rief der Prinz.„Halt, ich habe es. Vielleicht hat Herr Harley nichts dawider, hinter dieſen Schirm zu treten.“ Harley fand ſich ſogleich dazu bereit und verſteckte ſich, als der Thürſteher hinaus war, wie der Prinz angegeben hatte. Im nächſten Augenblick kam der Thürſteher wieder und meldete den Herzog von Marlborvugh und Lord Go⸗ dolphin. Der Oberbefehlshaber ſah ſehr ernſt aus, und der dem Lord Schatzmeiſter gewöhnliche düſtere Geſichtsausdruck hatte ſich jetzt faſt zur Härte geſteigert. Godolphin's Benehmen war, obwohl frei von allem Hochmuth, doch in der Regel kalt und äbſtoßend, und der Schmeichelei und ſogar dem Scheine derſelben war er ſo abhold, daß er faſt die gewöhn⸗ liche Höflichkeit haßte, wogegen er der Ungezwungenheit, die bei ihm für Aufrichtigkeit galt, mehr Zutrauen ſchenkte, als ſie verdiente. Seine Geſichtsfarbe war dunkel und ſeine buſchigen überhängenden Augenbrauen erhöhten das Finſtere ſeiner Mienen. Er war etwas unter mittlerer Größe und von gedrungener Geſtalt, und obwohl ſchon über ſechzig, ſchien er doch geiſtig wie körperlich in voller Kraft zu ſtehn. Er ſah wie ein Mann aus, der zur Ausdauer geſchaffen iſt. Seine Bekleidung war von einfachem ſchnupftabacksfarbenem Stoff und er trug eine ſchwarze Feldzugsperrücke, die mit ſeiner Geſichtsfarbe in Einklang ſtand. Godolphin war einer der beſten, wo nicht einer der größten Premierminiſter, die unſer Vaterland je beſeſſen hat. Den hohen Poſten, den —— verlangen Harley's Entlaſſung. 217 er ſo bewundernswürdig ausfüllte, hatte er beſcheiden ab⸗ gelehnt, als er ihm angeboten ward und hatte ſich ihn nur durch Marlborough's Erklärung aufdringen laſſen, daß er den Oberbefehl der Armee nur dann überneh⸗ men würde, wenn Godolphin die Verſtärkungen beſorgte Dieſer große Finanzmann hatte die Einkünfte ſo verbeſſert, daß trotz der Nationalſchuld fünf Prozent Zinſen für die in den öffentlichen Fonds angelegten Gelder bezahlt wurden; und ſo unbeſtechlich ehrlich war er in der Verwaltung des ihm anvertrauten Schatzes, ſo ganz frei von Käuflichkeit in Vergebung der Stellen, daß er trotz der äußerſten Sparſam⸗ keit in ſeiner eignen Haushaltung wenig reicher aus dem Amte ſchied, als er eingetreten war. Auch bat er nicht um die ihm für den Fall ſeines Austritts verſprochene Penſion. Als die gewöhnlichen Begrüßungen, obwohl mit mehr Kälte und Förmlichkeit als ſonſt, auf beiden Seiten ſtatt⸗ gefunden hatten, nahm Marlborough das Wort. „Der Lord⸗Schatzmeiſter und ich, wir nahen uns mit unendlichem Bedauern Eurer Majeſtät, um ein Verwaltungs⸗ verfahren anzuempfehlen, welches, wie wir Urſache haben zu glauben, mit Ihren eigenen Neigungen im Mißklang ſtehn dürfte. Nichtsdeſtoweniger iſt es unſre Pflicht, Ihnen unſern Rath zu ertheilen, und wir ſcheuen uns vor derſelben nicht, ſo peinlich ſie uns auch ſein mag. Wir haben kürzlich zu unſerer großen Betrübniß in Erfahrung gebracht, daß Eure Majeſtät Ihren langerprobten und verantwortlichſten Rath⸗ gebern Ihr Vertrauen entzogen und einer Perſon geſchenkt hat, die einer ſolchen Auszeichnuug in keiner Beziehung würdig iſt, und daß ferner die fragliche Perſon durch häufige Be⸗ ſprechungen begnadigt worden iſt, denen wir gänzlich fremd geblieben ſind. Wenn wir übel benachrichtigt worden ſind, ſo wird Eure Majeſtät es uns zu ſagen geruhen.“ „Wenn Eure Durchlaucht auf Herrn Harleh anſpielt, 218 Marlborvugh und Godolphin ſo habe ich ihm allerdings ziemlich oft erlaubt, mich des Abends zu beſuchen,“ erwiederte die Königin, ſich ungeduldig fächelnd. „So iſt unſre Nachricht richtig geweſen,“ nahm Marl⸗ borvugh wieder das Wort,„und da Eure Majeſtät dies ge⸗ ſtanden, ſo fordern wir Herrn Harley's Entlaſſung.“ „Fordern?“ wiederholte Anna.„Doch es ſei. Aus welchen Gründen fordern Sie ſeine Entlaſſung?“ „Aus dieſen, Madame,“ erwiederte Godolphin näher⸗ tretend.„Dadurch, daß Sie einem ſo weltkundigen Ränke⸗ ſchmied Ihr Anſehn leihen, entwürdigen Sie Ihr eigenes Kabinet und lähmen Sie deſſen Kraft, während Sie die Zuverſicht ſeiner Widerſacher erhöhen.“ „Sie ſprechen nicht mit Ihrer gewohnten Ruhe, Mylord,“ bemerkte die Königin mit Ernſt.„Könnte es Eiferſucht ſein, was Sie dazu bewegt?“ „Ich hatte gehofft, meine langjährigen Dienſte würden mir eine ſo unwürdige Beſchuldigung erſpart haben,“ erwie⸗ derte Godolphin.„Aber wenn Eure Majeſtät meine Ver⸗ dienſte vergeſſen hat, ſo habe ich nicht die Treue und Er⸗ gebenheit vergeſſen, welche ich Ihnen ſchuldig bin, und beide veranlaſſen mich, Sie zu beſchwören, die Ehre und Sicher⸗ heit Ihres Königreichs nicht in die Hände dieſes Verräthers zu legen. Er wird Sie eben ſo hintergehn, wie er uns hintergangen hat.“ „Obgleich es uns bisher mißlungen iſt, Harley mittelſt dieſes elenden Geſchöpfes Greg zu überführen,“ ſagte Marl⸗ borvugh,„ſo unterliegt es doch keinem Zweifel, daß er die Geheimniſſe unſeres Kabinets an Frankreich verrathen hat; und dies wird noch mehr durch dieſe Briefe beſtätigt,“ hier überreichte er der Königin einige Papiere,„welche ſich bei zwei Schmugglern, Namens Valliere und Bera vorgefunden haben, die ſo eben verhaftet und ihrem eigenen Geſtändniß ¹ verlangen Harley's Entlaſſung. 219 nach von ihm benutzt worden find, um auf der franzöſiſchen Küſte zu kundſchaften, wogegen der eigentliche Zweck ihrer Dienſte hierdurch außer allen Zweifel geſtellt iſt. Die Korreſpon⸗ denz iſt allerdings ſo künſtlich angelegt, daß Harley dadurch vielleicht nicht verwickelt werden kann, aber ihre Strafbarkeit iſt unbeſtreitbar. Aus dieſen Gründen, Madame, ſo wie auch wegen ſeines Verraths an uns, ſeinen Kollegen, fordern wir Herrn Harley's Entlaſſung aus Ihren Dienſten.“ „Und wenn ich Ihrem Verlangen nicht willfahren ſollte, — was dann?“ ſagte die Königin, ihren Fächer immer hef⸗ tiger bewegend, während Harley mit dem Finger auf der Lippe hinter dem Schirm hervorlugte, um den Eindruck ihrer Worte auf den Herzog zu beobachten. „Wenn Eure Majeſtät nach dem Geſagten noch den Ihnen von dieſer Perſon zugefügten Nachtheil in Abrede ſtellt, ſo können wir nur Ihre abſichtliche Blindheit beklagen,“ erwiederte Marlborough mit Feſtigkeit;„aber wir können nicht vergeſſen, was wir unſerer eigenen Ehre und unſerm Ruf ſchuldig ſind, und zeigen Ihnen hiermit ehrerbietigſt an, daß keine Rückſicht uns bewegen kann, länger mit einer Perſon zu dienen, die wir der Gemeinſchaft mit Ehrenmännern für unwürdig halten.“ „Der Herzog von Marlborvugh hat auch meine Ge⸗ finnungen ausgeſprochen, Madame,“ ſagte Lord Godolphin. „Sie mögen die Entſchließung befolgen, die Sie ſo ehrerbietig angekündigt haben, Mylords, wenn Sie es für angemeſſen halten,“ erwiederte Anna, ſich mit Würde erhebend,„aber ich will Herrn Harley nicht entlaſſen.“ „Will Eure Majeſtät mir Gehör bewilligen?“ vermit⸗ telte der Prinz. „Wenn Eure Hoheit ihre Argumente unterſtützen will, nein,“ antwortete Anna entſchieden. 220 WVie das Blatt „Bravo!“ rief Harley hinter dem Schirm bei ſich.„Es iſt Alles gewonnen.“ „Eure Majeſtät wird uns dann als aus Ihrem Dienſt verdrängt betrachten,“ ſagte Marlborough mit feſtem, aber bedauerndem Ton und zog ſich nach einer tiefen Verbeugung mit Godolphin zurück. „Wie ſoll ich Eurer Majeſtät danken?“ rief Harley, hinter dem Schirm hervortretend. „Ich weiß nicht, wie ich es habe überſtehen können,“ ſagte Anna, auf einen Stuhl finkend.„Mir ahnt Böſes.“ „Mir auch,“ rief der Prinz.„Sie wollten nicht auf mich hören, da es noch Zeit war.“ „Sie haben edel— Sie haben muthig gehandelt, Ma⸗ dame,“ ſagte Harley.„Aber der Schlag muß vollſtändig ausgeführt werden, um des Sieges gewiß zu ſein.“ „Sehr wahr,“ erwiederte Anna aufſtehend;„und des⸗ halb laſſen Sie uns in den Geheimen⸗Rath gehn.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Wie das Blatt ſich gegen den Sekretär wendet. Noch einmal trafen ſich Masham und Abigail an dem⸗ ſelben Tage und an demſelben Orte. Als die ſchöne Hofdame ſich überzeugt hatte, daß die Königin im Geheimen⸗Rath beſchäftigt war, benutzte ſie die ſich darbietende Gelegenheit, um nach dem Vorzimmer zurückzukehren, wo ſie ihren Lieb⸗ haber zu finden hoffte und auch wirklich fand. Die jetzt folgende Unterredung war entzückend, ſie ward aber unglück⸗ licherweiſe, und noch dazu an ihrer zärtlichſten Stelle, durch den Eintritt der Königin und ihres Gemahls unterbrochen. Anna war in zu heftiger Aufregung, um auf Masham zu achten, welcher beim Aufgehen der Thür zurückſprang und —— ſich gegen den Sekretär wendet. 221 ſich die Miene gab, als wäre er an einem der Tiſche be⸗ ſchäftigt; aber der Prinz ſchüttelte den Kopf und ſah ihn mit einem Blick an, als wollte er ſagen:„Sie wollen wohl durchaus entdeckt werden, Unvorſichtiger!“ „Was iſt geſchehen, gnädigſte Frau?“ rief Abigail zu der Königin eilend.„Ich dachte, Sie wären im Geheimen⸗ Rath beſchäftigt?“ „Der Rath iſt aus einander gegangen,“ antwortete die Königin haſtig.„Sie verſammelten ſich, nicht um zu be⸗ rathſchlagen, ſondern um ſich zu zanken, und deshalb machte ich der Sitzung plötzlich ein Ende.“ „Ich kann die Veranlaſſung des Streits errathen,“ ſagte Abigail.„Der Schatzmeiſter und der Herzog haben den ge⸗ drohten Angriff auf Herrn Harley gemacht.“ „Weder der Herzog noch der Schatzmeiſter waren gegen⸗ wärtig,“ erwiederte die Königin;„aber Sie ſollen hören, was ſich zugetragen hat. Ich nahm meinen Platz wie ge⸗ wöhnlich ein,— der ganze Rath war verſammelt, mit Aus⸗ nahme ſeiner beiden wichtigſten Mitglieder, auf deren Ab⸗ wreſenheit ich jedoch vorbereitet war und die mich daher nicht überraſchte. Nach einer kurzen Pauſe, während der ich die Räthe einander bedeutſame Blicke. zuwerfen ſah, winkte ich Herrn Harley, die Geſchäfte des Tages einzuleiten. Er ge⸗ horchte, aber kaum hatte er begonnen, als der Herzog von Somerſet ihn unterbrach und ſich mit den heftigen Worten erhob:„Es iſt ein Poſſenſpiel, weiterzugehen. Wir können nicht berathſchlagen, wenn die beiden Führer des Kabinets, Perſonen, von deren Urtheil wir uns leiten laſſen müſſen, abweſend ſind. Der Herzog hatte ſich kaum wieder geſetzt, als der Graf von Sunderland aufſtand und mit ſtrengem Ton zu Harley ſagte:„Ich verlange von dem Herrn Sekretär zu wiſſen, warum wir der Gegenwart des Oberbefehlshabers und des Lord Schatzmeiſters entbehren? Als ich Beide vor 222 Wie das Blatt einer Stunde verließ, beabſichtigten ſie, wie ich weiß, unter gewiſſen Umſtänden zu erſcheinen.—„Sie haben kein Recht, mir dieſe Frage zu ſtellen, Mylord,“ erwiederte Herr Harley, und ich lehne jede Antwort ab. Aber da Sie erwähnen, daß der Herzog und der Schatzmeiſter nur unter Fgewiſſen Umſtänden“ gegenwärtig zu ſein beabſichtigten, ſo werden Sie dieſe Umſtände vielleicht näher bezeichnen?!—„Dieſe Umſtände ſind die folgenden, Sir,“ verſetzte der Graf; ſſie waren im Begriff der Königin anzuzeigen, daß ſie nicht länger mit Ihnen dienen wollten, deſſen Treubruch ſie erkannt haben. Und aus ihrer Abweſenheit erſehe ich, daß Ihre Majeſtät ihre Entlaſſung angenommen hat. Da ihre Herrlichkeiten nicht mit Ihnen dienen wollen, ſo will ich es auch nicht und ſo will es keiner dieſer Räthe.„Da irren Sie ſich, Mylord, rief Herr Saint⸗John, Henn ich will es. Ich will Ihrer Majeſtät Entſchließung furchtlos und nachdrücklich gegen allen Widerſtand vertheidigen. Sir Thomas Manſell und Sir Simon Starcourt ließen ſich dann in demſelben Sinn ver⸗ nehmen, aber alle übrigen traten auf Sunderland's Seite, und es begann eine ſo heftige Erörterung zwiſchen den ſtrei⸗ tenden Parteien, und eine ſo ſchimpfliche Sprache ward gegen Herrn Harley geführt und ſo wenig Ehrerbietung gegen mich ſelbſt bewieſen, daß ich die Sitzung aufbrach und mich ent⸗ fernte“ „Eure Majeſtät hat ſich alſo völlig Herrn Harley's Leitung anvertraut?“ rief Abigail freudig. „Völlig,“ erwiederte die Königin. „O, wie freue ich mich darüber,“ rief Abigail, einen Seitenblick auf Masham wagend, der dem Geſpräch auf⸗ merkſam zuhörte.„Eure Majeſtät wird jetzt einige Ruhe genießen.“ „Im Gegentheil, ich fürchte, daß alle Hoffnung auf ſich gegen den Sekretär wendet. 223 Ruhe ein Ende hat,“ rief der Prinz, einen tiefen Seufzer ausſtoßend. „Ich erwarte einen Beſuch von Herrn Harley, um zu erfahren, welcher Weg jetzt der rathſamſte iſt,“ ſagte die Königin.„Ha! hier iſt er,“ fügte ſie hinzu, als ſich die Thür öffnete.„Nein;“ und ihr Muth ſank.„Es iſt die Herzogin von Marlborough!“ „Die Herzogin!“ riefen der Prinz und Abigail gleich⸗ zeitig. „Ich bin unwillkommen und unerwartet, wie ich ſehe,“ ſagte die Herzogin ohne ihr gebieteriſches Weſen abzulegen, indem ſie ſich der Königin näherte.„Immerhin. Ich habe etwas zu ſagen, was geſagt werden muß und das bald. Ehe Eure Majeſtät ſich ſchließlich und unwiderruflich an dieſen Schritt bindet, werden Sie gut daran thun, eine Pauſe zu machen. Jedenfalls will ich Ihnen zeigen, in einer wie gefährlichen Lage Sie ſich befinden. Das Gerücht eines Miniſterwechſels hat ſich mit Blitzesſchnelligkeit verbreitet. Die Kaffeehäuſer find gedrängt voll von Mitgliedern aus beiden Häuſern, die ihre Unzufriedenheit in ungemeſſenen Ausdrücken zu erkennen geben; und die Sprache, welche ſie jetzt führen, werden ſie heute Abend auf ihren Sitzen wieder⸗ holen. Die Gemeinen erklären, daß die Geldbewilligungs⸗ bill, die heute an der Tagesordnung war, ungeleſen auf der Tafel liegen bleiben ſoll. Schon hat die Nachricht von der Abdankung des Schatzmeiſters die Cith erreicht und die Stocks find tiefer gefallen, als ſie unter Eurer Majeſtät Regierung je geſtanden haben, während eine Verſammlung der wohl⸗ habendſten Kaufleute zuſammenberufen worden iſt, um über das, was in einer ſo beunruhigenden Krifis zu thun iſt, zu berathſchlagen. Was das Volk anbetrifft, ſo iſt es in Gäh⸗ rung. Der Palaſt iſt von Haufen umringt, die ihrem Un⸗ willen durch Schreien und Ziſchen Luft machen.“ —— 224 Wie das Blatt „Es iſt wahr, Eure Majeſtät,“ rief Masham, aus dem Fenſter ſehend,„der Park iſt von einer unüberſehbaren Pöbelmenge angefüllt, die in einem ſehr aufgeregten Zuſtande zu ſein ſcheint. Da! man kann ihr Geſchrei hören.“ Und während dieſer Worte waren entfernte Laute hörbar. Die Herzogin beobachtete den Wechſel im Antlitz der Königin mit Frohlocken. Sie las in ihm die Wirkung, welche ſie hervorgebracht hatte. „Es wird ſich ein Volkstumult erheben,“ fuhr ſie fort „und einmal angefangen, kann Niemand wiſſen, wo er endigt.“ „Es iſt ein Komplott!“ rief die Königin erzürnt und beunruhigt.„Ich will mich nicht einſchüchtern laſſen.“ „Eure Majeſtät ſollte lieber Vernunftgründen Gehör geben,“ bemerkte der Prinz.„Vielleicht findet Herr Harley dieſe Schwierigkeiten unüberſteiglich.“ „Herr Harley kann die Regierung nicht fortführen, wie Ihre Majeſtät finden wird,“ ſagte die Herzogin.„Den Whigs verhaßt, den Tories verdächtig, wird er weder das Vertrauen der einen Partei, noch die Unterſtützung der an⸗ dern erlangen, während bei dem dringenden Verdacht eines Einverſtändniſſes mit Frankreich, in welchem er ſteht, die Stimme der ganzen Nation ſeine augenblickliche Entlaſſung verlangen wird. Unter dieſen Umſtänden kann er ſich nicht einen Tag halten, und Ihre Majeſtät wird alle die furcht⸗ baren Folgen des Verſuchs nebſt der Schmach einer Nieder⸗ lage zu ertragen haben.“ „Eure Majeſtät ſollte Ihre Entſcheidung lieber noch einmal in Erwägung ziehen,“ drängte der Prinz. „Dazu iſt keine Zeit mehr,“ ſagte die Herzogin.„Es muß ein augenblicklicher Entſchluß gefaßt werden. Es giebt nur ein Mittel, dieſe Haufen zu zerſtreuen und den Volks⸗ unwillen zu beſänftigen.“ ſich gegen den Sekretär wendet. 225 „Und die Mittel werde ich nicht anwenden,“ erwiederte Anna mit Feſtigkeit.„Ich habe Herrn Harley meine Unter⸗ ſtützung verſprochen, und ſo lange er ſtandhaft bleiben will, werde ich ihn aufrecht erhalten.“ „Ein würdiger Entſchluß, Madame,“ rief Abigail. „Schweige ſie, Menſch, und antworte ſie, wenn ſie ge⸗ fragt wird,“ rief die Herzogin grob.„Ich beurlaube mich bei Eurer Majeſtät. Morgen wird die Reihe an Ihnen ſein, zu mir zu kommen.“ Dann ſchritt ſie nach der Thür, aber Harley's plötzliches Eintreten hinderte ſie am Hinausgehen. Seine Blicke ver⸗ riethen Aufregung und Unruhe. „Sie hier!“ murmelte er.„Ich hoffte ihr zuvorzu⸗ kommen. Aber es ſei. Bleiben Sie, Frau Herzogin,“ ſitzte er laut hinzu,„vielleicht hören Sie gern, was ich Ihrer Majeſtät zu ſagen habe. Madame,“ fuhr er fort, indem er ſich der Königin zu Füßen warf,„ich danke Ihnen ehrfurchts⸗ voll für das Vertrauen, das Sie mir gnädigſt angedeihen zu laſſen geruht haben; aber ungeachtet meines glühenden Wunſches, Ihnen zu dienen und Ihre Abſichten ins Werk zu ſetzen, fühle ich mich jetzt dazu unfähig.“ „Er geſteht ſein Unvermögen!“ rief die Herzogin trium⸗ phirend.„Ich wußte, daß er ſich dazu genöthigt ſehn würde.“ „Die Freunde, auf die ich mich verlaſſen habe, ſind von mir abgefallen—“ fuhr Harley fort. „Sie brauchen nicht fortzufahren, Sir,“ unterbrach ihn die Herzogin.„Ich habe Ihrer Majeſtät ſchon die gänzliche Unfähigkeit der Perſonen gezeigt, denen ſie die Angelegen⸗ heiten ihres Königreichs anzuvertrauen für gut befunden hat.“ „Ich hoſſe, Sie haben Ihrer Majeſtät auch gezeigt, daß unſte Unfähigkeit ihren Grund hauptſächlich, wenn nicht einzig, in Ihren Umtrieben hat, Frau Herzogin,“ erwiederte Ainsworth, St. James's.. 15 226 Wie das Blatt Harley.„Ich ſehe mich mit unausſprechlichem Bedauern ge⸗ nöthigt, Eurer Majeſtät meine Abdankung anzubieten.“ „Abdanken, ehe er das Amt gehabt hat!“ rief die Her⸗ zogin ſpöttiſch.„Ein herrlicher Spaß— ha, ha! So endet dieſe Poſſe.“ „Meine Freunde Saint John, Manſell und Harcvurt ziehen ſich mit mir zurück,“ fuhr Harley fort. „Cholmondeley, Walpole und Montaguſ ollen ihre Stellen erhalten,“ murmelte die Herzogin. „Ich nehme Ihre Abdankung mit eben ſo großem Be⸗ dauern an, als Sie ſie anbieten, Herr Harley,“ ſagte die Königin,„aber wenn ich auch Ihre Dienſte verliere, ſo ſollen Sie doch nicht meine Gnade verlieren. Frau Herzogin, da Sie dieſen Tumult erregt haben, ſo werden Sie jetzt wohl die nöthigen Maßregeln ergreifen, um ihn zu beſchwichtigen.“ „Eurer Majeſtät glückliche Entſcheidung braucht nur öffentlich bekannt gemacht zu werden, um dieſe Ausdrücke der Unzufriedenheit in Freudenbezeugungen zu verwandeln,“ er⸗ wiederte die Herzogin.„Ich will gleich an's Werk gehen. Armer Erſekretär! Er ſieht wie ſein wankelmüthiger Na⸗ mensvetter Harley⸗quin aus, wenn Pierrot ihm ſeine Prit⸗ ſche genommen hat.“ „Ein elender Scherz!“ rief Abigail—„und ſo unedel wie elend.“ „Wenn Eure Majeſtät die Freunde, welche Sie ver⸗ laſſen hatten und wieder zurückrufen mußten, günſtig zu ſtim⸗ men wünſcht, ſo werden Sie Ihre vorlaute Hofdame ent⸗ laſſen,“ rief die Herzogin.* „Was auch geſchehen mag, Frau Herzogin, Abigail bleibt bei mir,“ erwiederte die Königin. „Eure Majeſtät hat eben geſehn, wie wenig Beſtand Ihre Entſchließungen haben,“ ſagte die Herzogin ſarkaſtiſch. „Ich beurlaube mich noch einmgl.“ ſich gegen den Sekretär wendet. 227 „An die Thür, Masham!“ rief der Prinz. „Masham!“ rief die Herzogin, ſich erſtaunt umſehend. „Ich dachte er wäre verbannt.“ „Mezanſene, wollte ich ſagen,“ erwiederte der Prinz mit einiger Verlegenheit.„Hol' der Teufel meine unglück⸗ liche Zunge!“ „Dahinter muß etwas ſtecken,“ murmelte die Herzogin. „Dieſer junge Mann iſt Masham ſehr ähnlich. Ich muß ihn im Auge behalten. Ich gehe, um Eurer Majeſtät Be⸗ fehle zu vollziehn.“ Und ſie zog ſich mit einer tiefen Ver⸗ beugung zurück. „Ich bin jetzt nur noch Eurer Majeſtät getreuer Unter⸗ than,“ bemerkte Harley. „Sie ſind nicht mehr mein Miniſter,“ entgegnete die Königin;„aber Sie find mein Freund,— mein Rathgeber, — ſo ſehr als je.“ Ende des erſten Buchs. Zweites Buch. Erſtes Kapitel. Masham ſucht die Herzogin zu täuſchen und es gelingt ihm. 4 Harley's Sturz und die Abdankung ſeiner Freunde mußte den Whigs nothwendig ein großes Uebergewicht ver⸗ leihen und die Stellung der Herzogin von Marlborough, welche jetzt mit Recht als die oberſte Gewalthaberin ange⸗ ſehn ward, ſtärker als je zuvor befeſtigen. Der bei dieſer Gelegenheit ſtattfindende Kampf, der nicht ſo ſehr ein Treffen zwiſchen zwei feindlichen Parteien, als eine Kraftprobe zwi⸗ ſchen der Königin und ihrer Favorite geweſen war und mit dem Siege der letzteren geendigt hatte, ſchien den entſchie⸗ denſten Beweis ihrer Uebermacht geliefert zu haben, und es hieß, daß„Königin Sarah“, wie ſie von Freund und Feind genannt zu werden pflegte, Königin Anna abgeſetzt habe. Aber wie viel Selbſtvertrauen die Herzogin auch be⸗ ſitzen mochte, ſo ließ ſie ſich doch nicht in vermeinte Sicher⸗ heit einwiegen. Im Gegentheil, ſie verdoppelte ihre Wach⸗ ſamkeit, befeſtigte ihre Stellung ſo gut als möglich, und obwohl ſie wenig in ihrer Anmaßung und Herrſchſucht nach⸗ ließ, ſo machte ſie doch alle Anſtrengungen, deren ihr hoch⸗ müthiger Charakter fähig war, um die Königin zu verſöh⸗ — Es gelingt Masham die Herzogin zu täuſchen. 229 nen und ihr Wohlwollen wieder zu erobern. Allein Anna war nicht mehr wiederzugewinnen. Der Verdruß über die erlittene Niederlage flößte ihr einen unüberſteiglichen Wider⸗ willen gegen ihre Beſiegerin ein und obgleich ſie ihre Ge⸗ fühle im Umgange mit ihr ſorgfältig verhüllte, ſo bedurfte es doch kaum der Scharfſichtigkeit der Herzogin, um zu ent⸗ decken, mit welchen Augen ſie jetzt angeſehn würde. Die Hauptquelle der Beſorgniß lag jedoch für die Her⸗ zogin in Abigail's ſteigendem Einfluß und in ihrer eignen Ohnmacht, deren Entlaſſung zu erwirken. In dieſem Punkte blieb die Königin unbeugſam. Nicht Bitten noch Vorſtellun⸗ gen waren vermögend, ihre Treue gegen ihre Favorite zu erſchüttern, und ſelbſt als man ihr ſagte, daß das Haus der Gemeinen ihr eine Adreſſe überreichen und Abigail's Ent⸗ fernung fordern würde, nahm ſie dieſe Drohung mit Gering⸗ ſchätzung auf. Eben ſo wenig zeigte ſie ſich auch geneigt, ihren Unterredungen mit Harley ein Ende zu machen, denn dieſem wurden eben ſo häufige Audienzen, als zuvor, bewilligt und die Beſchaffenheit ſeiner Rathſchläge ward in ihrem Be⸗ nehmen ſichtbar. So lange dieſer große Meiſter in der In⸗ trigue ſo ungehinderten Zutritt zu dem Ohr der Königin beſaß und ſo lange eine Andre ſich des Vertrauens derſelben erfreute, fühlte die Herzogin ſich mitten in ihren Triumphen unbehaglich und in Gefahr eines bevorſtehenden Sturzes. Es koſte daher, was es wolle, dieſe Hinderniſſe mußten beſeitigt werden, und während ſie noch über die Art und Weiſe der Erreichung ihrer Abſichten nachdachte, ſchien der Zufall ihr ein Mittel zu ihrer Ausführung in den Weg zu werfen. Man wird ſich erinnern, daß die Herzogin Masham's Verkleidung bei Gelegenheit einer Unterredung mit der Kö⸗ nigin, Dank der Unvorſichtigkeit des Prinzen Georg, faſt durchſchaut hätte: und obgleich ſie ihn ſeit jener Zeit zu wie⸗ derholten Malen unter der Dienerſchaft zu entdecken bemüht — —— 230 Es gelingt Masham geweſen war, ſo war es ihm doch mittelſt der äußerſten Vorſicht gelungen, ihrer Aufmerkſamkeit zu entgehn, bis ſie ihm endlich eines Tages Angeſicht gegen Angeſicht in der großen Gallerie begegnete. Da hier von keiner Flucht mehr die Rede ſein konnte, ſo ſah Masham ſich trotz aller Be⸗ ſtürzung genöthigt, ſich ihrer Prüfung zu unterwerfen, und nachdem ſie ihn einige Augenblicke lang feſt in's Auge ge⸗ faßt hatte, machte ſie eine tiefe Verbeugung gegen ihn und ſagte mit bitterem Spotte:„Empfangen Sie meine Glück⸗ wünſche zu Ihrer Beförderung, Herr Masham. Ich wußte nicht, daß Sie ſich im Haushalte Ihrer Majeſtät hatten an⸗ ſtellen laſſen.“ „Eure Durchlaucht iſt im Irrthum,“ antwortete er ſtot⸗ ternd.„Ich heiße Mezanſene.“ „Mezanſene!— ha, ha!“ lachte die Herzogin.„Seit wann führen Sie dieſen Namen, Sir?— vermuthlich ſeit Ihrer Verbannung vom Hofe. Wir wollen doch ſehn, ob Ihre Majeſtät weiß, wen ſie unter ihren Dienern hat. Sollte ſie deſſen unkundig ſein, ſo will ich darauf ſchwören, daß Abigail es wenigſtens nicht iſt. Adieu, Herr Mezanſene, — wenn es Ihnen einmal beliebt, ſo zu heißen,— ha, ha!“ Und hiermit machte ſie ihm eine ſpöttiſche, ceremoniöſe Ver⸗ beugung und begab ſich in die königlichen Gemächer. Masham blieb beſtürzt einige Augenblicke lang in Un⸗ ſchlüſſigkeit ſtehn. Wohl wiſſend, daß wenn die Herzogin ihre Drohung ausführte und ihn, wozu alle Ausſicht vor⸗ handen war, der Königin verriethe, keine Hoffnung auf eine Verbindung mit Abigail Hill mehr zu hegen wäre und ihr künftiges Glück auf immer geſtört ſein würde, erwog er alle Mittel, durch die er der drohenden Gefahr ausweichen könnte. Nachdem er verſchiedene Hülfsquellen als unpaſſend beſeitigt hatte, fielen ſeine Gedanken auf einen Leibgardiſten, Namens Snell, mit dem er ſeit Kurzem eine Art von ver⸗ 3 die Herzogin zu täuſchen. 231 trautem Verhältniß angeknüpft hatte, als er ſich bis zu einem gewiſſen Grade mit dem königlichen Haushalt zu ver⸗ kehren genöthigt ſah. Snell war ein junger Burſche von gutem Ausſehn, ungefähr eben ſo groß, als er, und ihm im Geſicht nicht ganz unähnlich; und dieſen glaubte er ohne große Schwierigkeit für ſich ſelbſt ausgeben zu können. Er eilte daher nach dem Wachtſaal, um ihn dort aufzuſuchen, als er ihn glücklicherweiſe auf ſeinem Wege nach dem Vorzimmer die Haupttreppe heraufkommen ſah. Ohne einen Augenblick mit der Erläuterung ſeiner Ab⸗ ſichten zu verlieren, außer daß er ihm ſeinen Wunſch, ihn insgeheim zu ſprechen, zu erkennen gab, packte Masham ſeinen guten Freund am Arme und zog ihn durch ein Paar Gänge eine niedrige Treppe herauf, um ihn in ein kleines Zimmer zu führen, deſſen Thür er hinter ſich abſchloß. „Was in aller Welt ſoll dies bedeuten?“ fragte Snell faſt athemlos. „Es bedeutet, daß wir Kleider tauſchen müſſen,— ſchnell,“ erwiederte Masham. „Kleider tauſchen!— ſind Sie toll?“ fragte Snell. „Eben nicht ſo toll, daß ich Ihnen nicht einen vernünf⸗ tigen und gewichtigen Grund zur Nachgiebigkeit beibringen könnte,“ verſetzte Masham.„Dieſe Börſe,“ hier warf er ihm eine mit Goldſtücken wohlgefüllte hin,„dieſe Börſe wird für meinen geſunden Verſtand ſprechen.“ „Sie ſpricht vielleicht mehr für Ihren geſunden Ver⸗ ſtand, als für Ihre Ehrlichkeit, Mosjeh Mezanſene,“ erwie⸗ derte Snell, die Börſe wiegend.„Wie ſind ſie dazu ge⸗ kommen?“ „Auf ehrlichen Wegen, das genüge Ihnen,“ entgegnete Masham.„Aber jetzt geſchwind! jeder Augenblick iſt koſt⸗ bar.“ Und er begann, ſich ſeiner Kleider zu entledigen. 232 Es gelingt Masham „Ich fürchte, ich werde in irgend eine verwünſchte Klemme gerathen, wenn ich es thue,“ zauderte Snell. „Pah!“ rief Masham.„Sie brauchen blos einige Mi⸗ nuten lang meine Perſon vorzuſtellen. Sie ſehn, das iſt grade nicht ſchwer.“ „Es iſt alſo gewiß, daß kein Hochverrath dabei iſt,— kein Papismus?“ verſetzte Snell, ſeinen ſcharlachrothen Rock ausziehend. „Hochverrath!— Firlefanz!“ antwortete Masham, ihm die Kleidungsſtücke entreißend. „Und es läßt ſich auch keine Geſchichte zum Hängen draus machen?“ fuhr Snell fort, indem er ſich ſeiner rothen Strümpfe und ſchwarzſammtnen Unausſprechlichen entkleidete. „Unmöglich!“ rief Masham, und legte die genannten Kleidungsſtücke an.„Bedenken Sie, daß Sie jetzt ich ſind; und wer Sie auch fragen mag, und wäre es die Königin ſelbſt, ſo vergeſſen Sie nicht, daß Sie Mezanſene heißen. Dabei bleiben Sie und dann wird Alles gut gehn.“ „Die Königin!“ wiederholte Snell.„Wenn Sie glau⸗ ben, daß Ihre Majeſtät mich anreden könnte, ſo will ich es lieber nicht wagen.“ „Jetzt iſt es zu ſpät,“ erwiederte Masham, der nun vollſtändig mit den Kleidern ſeines Freundes angethan war. „Ueberdies iſt auch nichts zu befürchten,“ fuhr er fort, indem er ſich das runde kleine Sammtbarett des Gardiſten aufſetzte und ſeine Hellebarde in Beſitz nahm;„nicht das mindeſte.“ Dann half er ſeinem Gefährten, ſeine Metamorphoſe zu vollenden, in Folge deren Snell dem vormaligen Mezanſene ſo ähnlich ſah, daß dieſer nicht umhin konnte, über die Täuſchung zu lachen. Er that ſeiner Fröhlichkeit jedoch baldigſt Einhalt und eilte mit dem neugebackenen Lakaien ſchnell die Treppe hinunter nach dem Vorzimmer, wo er Snell ſeinen Poſten die Herzogin zu täuſchen. 233 anwies und ſich vor einer auf die Gallerie gehenden offenen Thüre aufſtellte. Snell war in großer Aufregung und wartete ängſtlich der kommenden Dinge, als der Prinz Georg von Dänemark plötzlich aus den königlichen Gemächern trat und ſich ihm mit ſchnellem Schritt und geheimnißvoller Miene näherte. Der arme Schelm wandte das Geſicht ab und that, als ſuchte er etwas auf dem Fußboden. „Ich wußte, was daraus entſtehen würde!“ rief der Prinz.„Die Herzogin hat Sie entdeckt und hat es der Königin erzählt.“ „Hat der Königin was erzählt, Eure Hoheit?“ ſtotterte Snell, ohne zu wagen, die Augen zu erheben. „Nun, wer Sie find, natürlich,“ verſetzte der Prinz. „Was ſollte ſie ſonſt zu ſagen haben, he? Ich habe mich weggeſchlichen, um Sie zu warnen. Nun was denken Sie jetzt zu thun?“ „Ich weiß es wirklich nicht, Eure Hoheit,“ antwortete Snell heftig zitternd. „Dummkopf!“ rief der Prinz zornig.„Sie ſind in eine gräuliche Klemme gerathen und müſſen ſich, ſo gut Sie können, herauszuziehn ſuchen.“ Snell ſtöhnte laut auf. „Eine von den Folgen Ihrer Unbeſonnenheit, fürchte ich, wird Abigail's Verluſt ihrer Stelle ſein,“ fuhr der Prinz fort. „Mag ſie doch verlieren, was ſie will, wenn ich nur davon komme,“ rief Snell. „Wie, was? Ich kann unmöglich recht gehört haben,“ rief der Prinz.„Gleichviel, was Abigail verliert? Vielleicht iſt es Ihnen auch gleich, was aus ihr wird?“ „Ja, gewiß,“ erwiederte Snell. „Alle Teufel, wozu haben Sie ſich denn hierher ge⸗ Höre Schelm,“ wandte er ſich an Snell,„du biſt in einer 234 Es gelingt Masham wagt?“ rief der Prinz in überwallendem Zorn.„Wozu haben Sie dies Kleid angelegt?“ „Es thut mir leid, daß ich es gethan habe,“ verſetzte Snell.„Ich muß närriſch geweſen ſein.“ „Ich glaube, mehr eine Memme, als ein Narr,“ ſagte der Prinz, deſſen Zorn ſich in Widerwillen verwandelte. „Sie armſeliger Schelm, Sie verdienen die Zuneigung einer Dame nicht. Sie ſind nicht der Mann, für den ich Sie hielt.“ „Das bin ich freilich nicht, Eure Hoheit,“ entgegnete Snell. „Sie haben mit den Bedientenkleidern auch eine Be⸗ dientenſeele angenommen,“ fuhr der Prinz heftig fort.„Ich kam, um Ihnen zu helfen, aber Sie haben mir ſo viel Wider⸗ willen eingeflößt, daß ich Sie für immer verſtoße. Ich wollte, Ihre Majeſtät ließe Sie aufknüpfen, und wenn Sie meinen Rath annimmt, ſo wird es auch geſchehn.“ „Um Gotteswillen nicht, Eure Hoheit,“ ſchrie Snell, auf die Knie fallend.„Verzeihen Sie mir dies eine Mal, ich will es nie wieder thun.“ „Was zum Henker iſt denn dies?“ rief der Prinz.„Dies iſt nicht Masham. Alſo ein neuer Kniff,— he? Wo iſt Ihr Verbündeter, Taugenichts?“ „Hier, Eure Hoheit,“ erwiederte der junge Stallmeiſter, ſich an der Thür zeigend. „Wie, in einer neuen Verkleidung?“ rief der Prinz. „Ich habe mit dieſem jungen Manne die Kleider ge⸗ tauſcht, um die Herzogin hinter das Licht zu führen,“ erwie⸗ derte Masham. „Meiner Treu, eine gute Idee, wenn ſie nur gelingt,“ erwiederte der Prinz lachend.„Aber ich fürchte, dieſer Burſche wird Alles mit ſeiner Dummheit verderben. Ich will ver⸗ ſuchen, ob die Furcht ihn nicht umſichtiger machen wird. die Herzogin zu täuſchen. 235 kitzlichen Lage,— in einer ſehr kitzlichen Lage. Du haſt keine andre Ausſicht, mit heiler Haut davon zu kommen, als durch Klugheit.“ „Ich will Alles thun, was Eure Hoheit befiehlt,“ ant⸗ wortete Snell. „So ſteh auf, Taugenichts, und nimm eine kecke Miene an,“ verſetzte der Prinz,„und ſo lieb dir dein Leben iſt, verlaſſe dieſen Fleck nicht. Ich muß jetzt gehn,“ ſetzte er leiſen Tones zu Masham hinzu,„denn wenn ich hier ge⸗ funden werde, könnte es Verdacht erregen.“ Bei dieſen Worten ging er in die Gallerie und Masham kehrte an ſeinen Poſten zurück. Snell hatte wenig Zeit zur Ueberlegung übrig, denn kaum hatte der Prinz ſich entfernt, als ſich die Thür noch einmal öffnete und Abigail hereintrat. „O, Sie ſind hier!“ rief ſie ſchnell.„Ihre Verkleidung iſt durchſchaut worden. Fliehen Sie, ſo ſchnell Sie können.“ „Ich möchte es wohl,“ erwiederte Snell, das Geſicht abwendend,„aber ich darf nicht.“ „Dürfen nicht!“ rief Abigail.„Sie müſſen. Die Königin und die Herzogin werden gleich hier ſein und dann ſind wir Beide verloren.“ „Der Prinz iſt eben hier geweſen und hat mir befohlen, mich nicht von der Stelle zu rühren,“ entgegnete Snell. „Beſſer, Sie handeln ſeinem Befehl zuwider, als daß Sie ſich das Mißfallen der Königin zuziehn, welches die Bosheit der Herzogin noch geſchärft hat,“ ſagte Abigail. „Trifft man Sie hier, ſo find alle Ausſichten& unſre Ver⸗ bindung dahin.“ „Unſre Verbindung!“ dachte Snell bei ſich.„Nun wird es klar. Der Taugenichts hat der Favorite der Königin die Cvur gemacht! Es wird zum Mindeſten als Hochverrath angerechnet werden. Ich werde den Kopf verlieren, und 236 Es gelingt Masham Niemand wird das Verſehen eher bemerken, als bis es zu ſpät iſt. O Gott! o Gott!“ „Sprechen Sie nicht ſo mit ſich ſelbſt, ſondern gehn Sie,“ rief Abigail.„Sie ſcheinen die Befinnung verloren zu haben.“ „Ich glaube es ſelbſt,“ rief Snell, ſich mit verzweifelten Gebärden vor die Stirn ſchlagend und auf den Fußboden ſtampfend.„Es geht mir wie ein Kreiſel im Kopf herum. Wollte der Himmel, ich wäre nie in dieſen Palaſt gekommen!“ „Dies Bedauern iſt eben nicht ſchmeichelhaft für mich,“ erwiederte Abigail.„Aber ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie kommen. Fliehen Sie! Fliehen Sie!“ „Ich darf nicht, ſage ich Ihnen,“ verſetzte Snell.„Der Prinz hat geſagt, es würde mir den Kopf koſten, wenn ich dieſen Ort verließe.“ „Ihr Betragen iſt ganz unbegreiflich,“ ſagte Abigail mit einer Stimme voll Angſt und Verdruß.„Sie ſcheinen uns Beide verderben zu wollen und zeigen ſich ſo unverant⸗ wortlich widerfinnig und ſelbſtſüchtig, daß ich es faſt bereue, meine Neigung an Ihnen verſchwendet zu haben.“ „Ich wollte, Sie hätten ſie nie verſchwendet,“ ſagte Snell. „Wie!“ rief Abigail auf dem Gipfel des Staunens und Unwillens. „Das heißt, nicht an mir, ſondern an ihm,“ verſetzte er. „Ihm!“ rief ſie.„Auf wen ſpielen Sie an, Sir?“ „Auf— auf— auf— ich weiß ſeinen Namen eigentlich nicht,“ erwiederte er. „Dies iſt unverzeihlich,“ rief ſie,„und noch dazu in einem ſolchen Augenblick. Aber es verſöhnt mich mit der Entdeckung. Leben Sie auf ewig wohl, Sir. Ich überlaſſe es Ihnen, ſich bei der Königin zu entſchuldigen. Wenn ſie Ihnen vergiebt, ſo thue ich es doch nicht.“ „Was habe ich gethan, Madame,“ rief Snell, vor ihr *——— die Herzogin zu täuſchen. 237 auf die Kniee fallend und ihr Kleid ergreifend—„welch' neues Unrecht habe ich begangen?“ „Welche unnütze Fragen,“ erwiederte Abigail und ſuchte ſich von ihm zu befreien.„Stehn Sie auf— laſſen Sie mich los!— ich höre ſie kommen!“ Aber ehe ſie ſich ihm entwinden konnte, öffnete ſich die Thür und die Königin trat mit der Herzogin von Marlbo⸗ rough in das Vorzimmer. „Da!“ rief die Herzogin, indem ſie triumphirend auf Snell zeigte, der ihnen den Rücken zuwandte und noch immer kniete—„Sie ſehen die Beſtätigung meiner Behauptung. Auf dieſe Weiſe gehorcht man den Befehlen Eurer Majeſtät. Auf dieſe Weiſe werden Sie von denen verrathen, denen Sie unbedingtes Zutrauen ſchenken. Nach dieſem Beweiſe von Ungehorſam und Untreue können Sie nicht länger an⸗ ſtehn, Abigail auf immer aus Ihrer Nähe zu verbannen.“ „Sie ſind zu voreilig, Frau Herzogin,“ erwiederte Anna kalt.„Dieſer Auftritt läßt ſich vielleicht erklären.“ „Erklären!“ wiederholte die Herzogin mit verächtlichem Lächeln.„Es läßt ſich nur auf eine Art erklären. Eure Majeſtät wird doch dem Zeugniß ihrer eignen Sinne nicht mißtrauen wollen.“ „Sollte dies Herr Masham ſein?“ ſagte die Königin. „Ich bin noch keineswegs davon überzeugt.“ „Ihre Durchlaucht unterliegt einer überaus ſeltſamen Täuſchung,“ erwiederte Prinz Georg, der mit ſeinem ver⸗ kleideten Stallmeiſter neben der Thür ſtand und heimlich den ganzen Vorfall belachte.„Dieſer Menſch iſt Mezanſene, einer von den Bedienten, den ich, wie Eure Majeſtät weiß, kürzlich in meine Dienſte genommen habe. Wenn ſie ihn genauer anſieht, wird ſie ihren Irrthum ſogleich gewahren.“ „Bei meiner Treu, es iſt nicht Masham!“ rief Abigail bei ſich, indem ſie voll Verwirrung vor ihrem vermeinten 238 Es gelingt Masham Liebhaber zurückbebte.„Habe ich mich dieſe ganze Zeit lang getäuſcht?“ „Eure Hoheit, und nicht ich, unterliegt einer Täuſchung,“ ſagte die Herzogin.„Ich wiederhole, es iſt Herr Masham.“ „Nein, Eure Durchlaucht, ich bin nicht Herr Masham, gewiß, ich bin's nicht,“ ſchrie Snell. „Es iſt allerdings nicht ſeine Stimme,“ rief die Her⸗ zogin ſtutzend und ihn beſtürzt anſtarrend.„Dies iſt nicht derſelbe, dem ich in der Gallerie begegnet bin.“ „Doch, Eure Durchlaucht; er iſt es, denn eben hat er mir noch den ganzen Vorfall erzählt,“ warf der Prinz da⸗ zwiſchen.„Der Irrthum war ganz erklärlich, denn er ſieht Masham ungemein ähnlich,— ſo ähnlich, daß ich ihn häufig bei dieſem Namen rufe. Nicht wahr, Schelm?“ „Sehr häufig, Eure Hoheit,“ erwiederte Snell. „Verwünſcht!“ rief die Herzogin. Aber ſie beſann ſich ſchnell und ſagte, zu Abigail gewandt:„Da dies nicht Herr Masham iſt, wie kommt es denn, daß er vor Ihnen auf den Knieen liegt? Es iſt nicht gebräuchlich, daß Lakaien eine ſolche Stellung vor Damen annehmen.“ „Er wollte ſie gewiß um eine Gnade bitten,“ ſagte der Prinz. „Ja, ich wollte ſie um eine Gnade bitten,“ verſetzte Snell. „Ei, wirklich; und worin beſtand ſie denn?“ fragte die Herzogin. „Nein, das heißt dem armen Kerl zu hart zu Leibe gehn, Frau Herzogin,“ verſetzte der Prinz.„Wir brauchen ihn nichts mehr zu fragen.“ „Verzeihen Sie mir, Eure Hoheit,“ erwiederte die Her⸗ zogin,„die ganze Sache iſt ſo geheimnißvoll und dunkel, daß ich nicht eher ruhen will, als bis ich ſie ganz durch⸗ forſcht habe. Hören Sie, Freund; wenn Sie zugeben, daß — die Herzogin zu täuſchen. 239 Sie mir eben in der Gallerie begegnet find, ſo können Sie natürlich auch ſagen, was bei dieſer Gelegenheit vorgefallen iſt. Ich ſehe, daß Sie im Begriff find, eine Unwahrheit vorzubringen. Geſtehen Sie Ihren Betrug lieber gleich ein, ſonſt werden Sie tüchtig ausgepeitſcht.“ „Hüten Sie ſich, es geht um den Kopf,“ flüſterte der Prinz mit Bedeutung. „Sprich, Burſche!“ donnerte die Herzogin. „Wahrhaftig, Eure Durchlaucht bringt mich ganz außer ſ Faſſung,“ erwiederte Snell. „Kein Wunder,“ bemerkte der Prinz,„Ihre Durch⸗ laucht bringt alle Leute außer Faſſung.“ „Sind Sie ſonſt mit Jemand vom Haushalt bekannt, Schurke?“ fragte die Herzogin. „Ja, mit ſehr vielen,“ antwortete Snell;„daß heißt, ich war es—“ unterbrach er ſich voll Verwirrung. „Ich zweifle daran,“ verſetzte die Herzogin.„Mit Eurer Majeſtät Erlaubniß wünſchte ich, daß Jemand hereingeführt würde, um ſeine Perſon feſtzuſtellen.“ Die Königin gab ihre Einwilligung und der Prinz er⸗ theilte Masham mit einem geheimen Wink den Befehl, ein Mitglied des Haushalts heraufzubringen. „Jetzt iſt es mit mir aus,“ murmelte Snell und ſtöhnte 6 innerlich. In dieſem Augenblicke näherte die Herzogin ſich der Königin, und der Prinz, welcher ihre Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch genommen ſah, benutzte die Gelegenheit, um Abigail einige Worte in's Ohr zu flüſtern, die ſie ganz zu beruhigen ſchienen, denn ihr Geſicht ſtrahlte vor Lächeln. Nicht lange, ſo kam Masham mit Proddy wieder. Der Kutſcher trug ſeine Staatslivree und machte eine ſeiner ſchön⸗ ſten und tiefſten Verbeugungen gegen die Königin,— eine zweite gegen den Prinzen und eine dritte gegen die Herzogin⸗ —— 240 Es gelingt Masham „Treten Sie näher, Herr Proddy,“ ſagte dieſe.„Ken⸗ nen Sie dieſe Perſon?“ fragte ſie, auf Snell zeigend. „Sehr gut, Eure Durchlaucht,“ erwiederte Proddy. „Sehr gut.“ „Freilich, freilich,“ rief Snell, vor Freuden in die Höhe ſpringend.„Ich wußte es wohl, daß Herr Proddy mich wiederkennen würde, ſeinen alten Freund—“ „Frank Mezanſene,“ unterbrach ihn der Kutſcher, als er ſah, daß er ſich eben verſprechen wollte.„Ja— ja— Frank, ich erinnere mich Ihrer gut genug. Ich kannte ihn lange, ehe er in den Palaſt kam, Eure Durchlaucht.“ „Ja wohl; Herr Proddy kannte mich lange, ehe ich es mir träumen ließ, ein— ein— ein— ja wohl.“ „Ein Mitglied von Ihrer Majeſtät Haushalt zu werden,“ ergänzte Proddy.„Sie verdanken mir Ihre Anſtellung; denn hätte ich Sie nicht empfohlen, ſo würde Herr Chillingworth Sie nicht zu ſeinem Stellvertreter gewählt haben.“ „Herr Chillingworth! Herr Masham, meinen Sie,“ ſagte Snell. „Ei bewahre!“ erwiederte Proddy bedeutungsvon.„Sie find ja ſo konfus, daß Sie nicht wiſſen, was Sie ſagen.“ „Ich bin überzeugt, daß dies ein Complott iſt,“ rief die Herzogin.„Kommen Sie; Sie ſollen ſehen, daß es der Mühe werth iſt, die Wahrheit zu ſprechen. Sie ſollen von der Königin volle Verzeihung und von mir eine Be⸗ lohnung erhalten, wenn Sie geſtehen wollen, daß Herr Masham Sie zu dieſem Streich angeſtiftet hat.“ „Nein, Eure Durchlaucht bietet dem armen Schelm ja eine Beſtechung, um die er ſeine Seligkeit verſchwören würde,“ ſagte der Prinz.„Sprechen Sie auf Gefahr Lebens,“ fügte er leiſe zu Snell hinzu. „Ich bin ſtumm,“ erwiederte dieſer. Es entſtand eine Pauſe, aber da Snell nichts geſtand, —— — die Herzogin zu täuſchen. 241 ſo wandte die Herzogin ſich an die Königin und ſagte: „Ich erſuche Eure Majeſtät, ihn in engem Gewahrſam halten zu laſſen, bis ich die Sache weiter unterſucht habe.“ „Wie es Eurer Durchlaucht gefällt,“ erwiederte die Kö⸗ nigin,„aber es ſcheint unnöthig zu ſein.“ „Führen Sie ihn fort!“ rief die Herzogin Masham zu. Der vermeinte Leibgardiſt verbeugte ſich und legte Hand an Snell. Dieſer zitterte und wollte ſprechen, aber ein Blick des Prinzen vermochte ihn zu ſchweigen. Dann ward er von Masham und Proddy aus dem Zimmer geführt. „So endigt Eurer Durchlaucht— Entdeckung,“ ſagte die Königin ironiſch. „Verzeihen Sie mir, Eure Majeſtät,“ erwiederte die Herzogin,„ſie iſt noch nicht beendigt. Verſprechen Sie mir nur, daß wenn ich dieſes Komplott aufdecke, die Anſtifter nach Verdienſt beſtraft werden ſollen.“ „Das Komplott beſteht nur in der Einbildung Ihrer Durchlaucht,“ bemerkte der Prinz lachend.„Aber bei Gele⸗ genheit,— ich wünſchte, wir hätten Masham wieder hier.“ „Ich wette, Eure Hoheit könnte ihn in zwei Augen⸗ blicken herbeiſchaffen,“ erwiederte die Herzogin. „Ich wollte, ich könnte es,“ entgegnete der Prinz. „Genug davon,“ unterbrach die Königin.„Herr Mas⸗ ham muß ſeine Zeit abwarten. Wenn er ſich vor Ablauf derſelben ſehn läßt, wird er ſich mein Mißfallen von neuem zuziehn.“ „Daran thut Eure Majeſtät ſehr recht,“ erwiederte die Herzogin.„Aber ich wünſchte mich mit Ihnen wegen einiger anderen Dinge zu beſprechen, und mit Ihrer Erlaubniß wollen wir wieder in das Cabinet gehn.“ Die Königin willigte ein und ſie begaben ſich in das anſtoßende Zimmer. „Wie kann ich Eurer Hoheit genug danken?“ rief Abigail, Ainsworth, St. James's. I. 16. 242 Die Herzogin wird noch einmal während ſie mit dem Prinzen zurückblieb.„Ohne Ihre Hülfe wäre Alles entdeckt worden.“ Freilich man muß geſtehn, daß Sie nur mit genauer Noth durchgekommen ſind,“ rief der Prinz lachend.„Aber ich habe mir eine neue Ueberraſchung für die Herzogin aus⸗ geſonnen. Ich kann mich nicht dabei aufhalten, es Ihnen auseinander zu ſetzen, denn es darf keine Zeit verloren werden. Folgen Sie ihnen in das Kabinet, ſonſt könnten ſie Verdacht ſchöpfen. Ich will gleich zu Ihnen kommen und vielleicht werden Sie Masham wiederſehn— ha! ha! nun fort mit Ihnen.“ Und während Abigail hinter der einen Thür verſchwand, eilte er aus der andern. Zweites Kapitel. In welchem die Herzogin noch einmal hinter das Licht geführt wird. Der Verhaftete ward mittlerweile von Proddy und Masham in ein Gemach in der Nähe der Gallerie geführt, wo Erſterer ihm einige Verhaltungsmaßregeln und Ermuthi⸗ gungen gab, die ſein Vertrauen wieder einigermaßen weckten, und ihn dann einſchloß. Hierauf entfernte Proddy ſich und der junge Stallmeiſter wollte ſich in der entgegengeſetzten Rich⸗ tung fortbegeben, als er den Prinzen auf ſich zukommen ſah. Sie wechſelten einige Worte, der Prinz händigte ihm einen Brief ein und dann trennten ſie ſich, indem Seine Hoheit denſelben Weg zurückging und Masham auf ſein Zimmer eilte. Bald darauf kehrte Masham, in einen weiten Rock gehüllt, nach dem Gemache zurück und ging zu Snell hinein, den er entkleidet fand. Masham zog ein Bündel unter ſeinem weiten Rock hervor und warf es ihm mit den ———————————————— ————————— hinter das Licht geführt. 243 Worten zu:„Hier ſind Ihre Kleider. Sobald Sie ange⸗ kleidet ſind, kommen Sie wieder heraus und nehmen Sie Ihren Poſten an der Thür ein. Schließen Sie ſie ab und thun Sie, wie ich Ihnen geſagt habe, und ich werde die Belohnung verdoppeln, welche Sie erhalten haben.“ Snell verſprach zu gehorchen und Masham entfernte ſich mit ſeinen eigenen Kleidungsſtücken, die jener ihm zuſammen⸗ gebunden hatte. Eine halbe Stunde darauf, als die Herzogin ſich eben bei der Königin beurlauben wollte, trat ein Thürſteher in das Kabinet und meldete, daß der Herzog von Marlborough Ihre Majeſtät um eine kurze Audienz bäte. Anna gewährte ſie und Abigail, die nebſt dem Prinzen gegenwärtig war, wollte ſich zurückziehn, aber ein Wink ihrer Gebieterin befahl ihr zu bleiben. Gleich darauf trat der Herzog ein. Die Herzogin ſah ihn verwundert an und gab durch ihre Blicke * deutlich zu verſtehen, daß ihr dieſer Beſuch ganz uner⸗ wartet ſei. „Ich komme, um Eurer Majeſtät Befehle über einen Punkt einzuholen, in Betreff deſſen ich einigermaßen im Zweifel bin,“ ſagte der Herzog;„indeſſen kann ich nur er⸗ warten, daß Sie den Weg einſchlagen werden, der mir am meiſten mit Ihrer angebornen Huld überein zu ſtimmen ſcheint.“ „Dies iſt ein ſeltſamer Eingang, Mylord,“ erwiederte Anna,„wo ſoll es hinaus?“ „Allerdings, wo ſoll es hinaus?“ wiederholte die Her⸗ zogin, ungeduldig.„Zur Sache, Eure Durchlaucht.“ „Kurz denn,“ erwiederte der Herzog,„ich komme um ſi Herrn Masham's Willen, der eben von Paris angelangt iſt.“ .„Wieder Masham!“ unterbrach ihn die Herzogin,„er läßt uns nicht in Ruhe. Wir wiſſen nicht, von wo er an⸗ gelangt iſt, aber er hat ſich vor kaum einer Stunde hier im Palaſte ſehen laſſen.“ 244 Die Herzogin wird noch einmal „Unmöglich!“ erwiederte der Herzog,„es iſt noch keine halbe Stunde, daß er in London angekommen iſt. Er kam geradewegs nach Marlborough⸗Haus und ich ſprach ihn keine fünf Minuten, nachdem er den Sattel verlaſſen hatte. Seine Kleidung trug ſbn⸗ Spuren der Eile, mit der er ge⸗ reist war.“ „Hören Sie es wohl, Frau Herzogin,“ ſagte der Prinz, den der ganze Vorgang höchlich zu beluſtigen ſchien. „Er überbringt einen wichtigen Brief, den er nur in Eurer Majeſtät eigene Hände legen ſoll,“ fuhr der Herzog fort,„und er kam zu mir, um mich um Rath zu fragen, was er thun ſolle, da er noch immer vom Hofe verbannt iſt. Wie geſagt, ich wußte kaum, was ich ihm antworten ſollte, aber verſprach ihm, herzugehen und Eurer Befehle einzuholen.“ „Sie haben Unrecht gethan,“ rief die Herzogin rauh. „Ich bin anderer Meinung,“ verſetzte die Königin, „unter dieſen Umſtänden will ich ihn ſprechen.“ „Er iſt draußen,“ erwiederte der Herzog;„ich hielt es für das Zweckmäßigſte, ihn gleich mitzubringen.“ Er entfernte ſich mit einer Verbeugung gegen die Königin und kehrte gleich darauf wieder mit Masham zurück. Der beſtaubte Reitanzug des Letzteren, ſeine ſchmutzbefleckten Stie⸗ feln, ſein beſudeltes Halstuch und ermattetes Ausſehen be⸗ ſtätigten vollkommen die Meinung, daß er eben von einer langen und ermüdenden Reiſe zurückgekommen ſein müſſe. Abigail war vor Erſtaunen außer ſich und wollte kaum ihren Augen trauen, die Herzogin war verwirrt, und Prinz Georg erſtickte faſt unter zurückgehaltenem Lachen und großen Priſen Schnupftaback. „Dies iſt kein geeigneter Anzug, um mich Eurer Majeſtät vorzuſtellen,“ ſagte Masham nach einer tiefen Verbeugung — — —— hinter das Licht geführt. 245 gegen die Königin;„aber ich habe keine Zeit gehabt, meine Toilette zu ordnen; überdies—“ „Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Sir,“ unterbrach die Königin ihn gutmüthig.„Sie fürchteten ſich, mir zu nahen. Aber beſorgen Sie nichts. Die Nothwendigkeit dieſes Falls entſchuldigt den Mangel an Etikette, ſo wie die Ueber⸗ tretung meiner Befehle. Seine Durchlaucht von Marlborough ſagt mir, daß Sie eine Depeſche für mich haben, die nur in meine Hände niedergelegt werden darf.“ „Hier iſt ſie, Madame,“ ſagte Masham, ihr einen Brief überreichend. „Aus Frankreich, Sir?“ fragte ſie. „Aus Frankreich, Eure Majeſtät,“ erwiederte Masham. Ehe die Königin das Siegel brach, warf ſie einen Blick auf daſſelbe und ein faſt unmerkliches Lächeln verweilte auf ihren Lippen; es verſchwand aber bald und machte einem ganz verſchiedenen Ausdruck Platz, als ſie den Brief öffnete und ſeinen Inhalt durchflog. „Ich fürchte, Sie haben üble Nachrichten erhalten, Ma⸗ dame?“ ſagte die Herzogin nach einer Pauſe. „Freilich keine ſehr guten,“ erwiederte die Königin. „Mein unbeſonnener Bruder hat den König von Frankreich endlich vermocht, ihm zu einem Einfall in England Hülfe zu leihen, und er fordert mich zur Vermeidung von Blut⸗ vergießen auf, ihm meine Krone abzutreten.“ „Ihm die Krone abzutreten!“ rief die Herzogin.„Er muß vor Eitelkeit den Verſtand verloren haben. Aber kommt der Brief vom Prätendenten ſelbſt?“ „Er kommt von meinem Bruder,“ erwiederte die Königin. „Der Prätendent iſt kein Bruder Eurer Majeſtät, ob⸗ gleich er dafür gilt,“ verſetzte die Herzogin;„jedoch wir, die wir die ganze ſaubere Geſchichte kennen, wiſſen es beſſer. Aber wenn der Brief von ihm iſt, wie kommt es, daß er 246 Die Herzogin wird noch einmal Herrn Masham anvertraut wurde? Steht er auf der Jako⸗ bitiſchen Seite?“ „Keineswegs,“ erwiederte Masham.„Ich bin bereit, mein Leben im Dienſt Ihrer Majeſtät zu opfern; und im Fall einer Rebellion wird man mich unter den Erſten ſehen, die ſich um ihren Thron ſchaaren. Aber ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung, daß ich hier ohne Erlaubniß länger ver⸗ weile; da ich meine Sendung erfüllt habe, ſo beurlaube ich mich.“ Und er entfernte ſich mit einer tiefen Verbeugung. „Der Brief, welchen Eure Majeſtät empfangen hat, enthält keine leeren Drohungen,“ ſagte Marlborough.„Ich habe eben aus einer zuverläſſigen Quelle erfahren, daß in Dünkirchen eine Expedition ausgerüſtet wird, deren Befehl der Chevalier de Forbin, ein Seeoffizier von großer Erfah⸗ rung und Tapferkeit, übernehmen und welche der Chevalier de Saint George begleiten wird.“ „Dies ſieht wirklich wie eine Kriegsrüſtung aus,“ ſagte die Königin. „Es ſollen ſchleunigſt wirkſame Maßregeln zur Gegen⸗ wehr ergriffen werden,“ erwiederte der Herzog.„Ich will den General Cadogan anweiſen, ſich Hülfe von der hollän⸗ diſchen Regierung zu verſchaffen, und mit wie viel Mann die franzöſiſche Flotte auch Fegeln mag, ſo ſoll eine ent⸗ ſprechende Anzahl von Bataillonen dorthin geſchafft werden. Das Hauptziel der Invaſion wird ohne Zweifel Schottland ſein und deshalb ſollen mehrere Regimenter Infanterie an Lord Leven, den dortigen Oberbefehlshaber, zur Verſtärkung geſchickt werden, und er ſoll Anweiſungen erhalten, das Edin⸗ burger Kaſtell zu beſetzen. Die Truppen an der nord⸗ öſtlichen Küſte von Irland ſollen ſich zur augenblicklichen Einſchiffung bereit halten, und was die Vertheidigungsmaß⸗ regeln zur See betrifft, ſo würde ich rathen, wenn es mir erlaubt iſt. dies dem Prinzen zu empfehlen, daß ein ſtarkes —.———— hinter das Licht geführt. 247 Geſchwader unter dem Befehl des Admirals Sir Georg Byng nach der Rhede von Dünkirchen abgeſandt würde, um die Bewegung der franzöſiſchen Flotte zu beobachten.“ „Es ſoll geſchehen,“ erwiederte der Prinz.„Die Liſſa⸗ bonner Flotte bedurfte eines großen Konvois, worauf der Feind ohne Zweifel gerechnet hat und unſere Ufer nun ent⸗ blößt wähnt; aber wir wollen ihm die Rechnung verderben. Das Geſchwader ſoll nach Eurer Durchlaucht Rath abgeſandt werden.“ „Bei ſolchen Vorſichtsmaßregeln iſt nichts mehr zu be⸗ fürchten,“ ſagte der Herzog.„Der verſuchte Einfall wird Eurer Majeſtät nur zum Ruhme gereichen, indem er den Eifer und die Treue Ihrer Unterthanen beweiſen wird. Auch wird er, wie der hinterliſtige Ludwig hofft und beabſichtigt, der Fortſetzung des Krieges mit Frankreich nicht hinder⸗ lich ſein.“ „Amen!“ rief die Königin.„Ich muß dieſe Audienz jetzt beendigen, denn ich bin etwas ermüdet und wünſche, dieſe unangenehmen Zeitungen bei mir ſelbſt zu überlegen.“ „Ehe Sie ſie beendigen, wünſchte ich, daß Eure Majeſtät ſich den Gefangenen noch einmal vorführen ließe,“ ſagte die Herzogin. „Welchen Gefangenen?“ fragte der Herzog. „Sie werden ſehen,“ erwiederte die Herzogin.„Ich will Ihnen ſpäter alles erklären.“ „Es iſt kaum nöthig,“ entgegnete die Königin zögernd; „aber wenn Eure Durchlaucht es wünſcht—“ „Ich wünſche es allerdings,“ erwiederte die Herzogin. „Nun, ſo laſſen Sie ihn gleich herbringen,“ ſagte die Königin;„aber ich ſage Eurer Durchlaucht im Voraus, mag geſchehen, was da will, meine Geſinnung in Betreff ſeiner wird dadurch nicht geändert werden!“ 248 Die Herzogin wird noch einmal „In dieſem Fall laſſen Sie uns die Sache gleich ins Reine bringen,“ ſagte der Prinz. Demzufolge ward ein Thürſteher nach dem Gefangenen geſchickt und bald darauf kam er mit Snell und Masham zurück,— jener in ſeiner eigenen Uniform eines Leibgardiſten, dieſer in ſeiner Verkleidung als Lakai. „Tretet näher,“ rief der Prinz; und das Paar ſtand vor der Königin. „Dieſer junge Menſch iſt Herrn Masham außerordent⸗ lich ähnlich,“ ſagte der Herzog.„Wenn ich nicht wüßte, daß er uns eben verlaſſen hat, ſo würde ich glauben, er wäre es ſelbſt.“ „Die Aehnlichkeit iſt in der That wunderbar,“ ſagte der Prinz. „So wunderbar, daß ich überzeugt bin, er iſt es!“ ſagte die Herzogin. „Herr Masham hat eben den Palaſt verlaſſen, Eure Durchlaucht,“ entgegnete Snell. „Ja wohl, ich ſah ihn über den Vorhof gehen,“ ſagte der Thürſteher. „Dann bleibt nichts mehr zu ſagen übrig,“ bemerkte die Herzogin,„und Eure Majeſtät wird den Gefangenen entlaſſen. Irgend eine Betrügerei muß ſtattgefunden h aber für jetzt kann ich nicht ermitteln, welche.“ Auf einen Wink der Königin zog Snell ſich mit Mas⸗ ham zurück. Die andern entfernten ſich bald darauf und ließen die Königin mit dem Prinzen allein. Anna ſah ihren Gemahl feſt an, klappte ihren Fächer in die linke Hand und ſchüttelte den Kopf bedeutungsvoll, während Prinz Georg, der nicht wußte, was alle dieſe ausdrucksvollen Geberden zu ſagen hatten, ſeine Verlegenheit hinter einer übermäßigen Priſe zu verbergen ſuchte. „Sie glauben mich zum Beſten gehabt zu haben,“ ſagte ——— hinter das Licht geführt. 249 die Königin endlich in gutmüthigem Ton—„aber Sie irren ſich— ich durchſchaue das Ganze, und zwar viel deutlicher, als die Herzogin.“ „Eure Majeſtät—“ „Nein, wenn Sie darauf beſtehn wollen, ſo werde ich wirklich böſe,“ unterbrach ihn Anna.„Dieſer Brief iſt ohne Zweifel aus Frankreich gekommen,— aber er war unter Ihrer Adreſſe, und beim Wiederzumachen haben Sie Ihr eignes Siegel gebraucht. Ja, ſehn Sie nur. Ach, Prinz! Sie ſind nur ein armſeliger Betrüger!“ Ihr Gemahl nahm noch eine Priſe. „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr die Königin fort.„In den Falten des Briefes hatte ſich— ohne Zweifel durch Zu⸗ fall— ein Billet von Abigail an Masham verſteckt, aus welchem ich ſehe, daß er dieſe ganze Zeit lang verkleidet im Palaſt geweſen iſt. Sehn Sie es an.“ Und fie hielt ihm einen kleinen Zettel hin. Der Prinz wandte ſich wieder an ſeine Tabacksdoſe. „Wenn Eure Majeſtät ſie beſtraft, ſo müſſen Sie mich mitbeſtrafen, denn ich trage gleiche Schuld,“ ſagte er.„Aber Sie werden gnädig gegen ſie ſein“ „Ich verſpreche nichts,“ erwiederte ſie.„Aber ich muß alle Erwägungen in Betreff dieſes thörichten Paars auf eine andre Gelegenheit verſchieben. Sie müſſen mir jetzt über dieſe beabſichtigte Invaſion und die zu thuenden Schritte be⸗ rathen helfen. O mein Bruder!“ rief ſie.„Gäbe es doch ein Mittel dir zu helfen, mit Ausnahme der Abtretung mei⸗ ner Krone!“ Der Sergeant erhält Drittes Kapitel. Der Sergeant erhält von dem Herzog einen wichtigen Auftrag. Nach ſeiner Rückkunft vom Palaſte begab der Herzog von Marlborough ſich in ſein Kabinet und ließ den Ser⸗ geanten holen. Dieſer ließ nicht lange auf ſich warten, aber trat ſo geräuſchlos ein, daß der Herzog, der emſig mit Schreiben beſchäftigt war, ihn nicht bemerkte, und er blieb einige Zeit lang unbeweglich und kerzengerade ſtehn, bis der Herzog zufällig die Augen aufſchlug und ſeine Anweſenheit bemerkte. „O, biſt du da, Sergeant,“ ſagte er.„Ich habe dich kommen laſſen, um dir anzukündigen, daß du dieſe Nacht, oder vielmehr morgen in aller Frühe nach Holland ſegeln mußt; denn die Yacht, in der du überfahren ſollſt und die in Woolwich vor Anker liegt, wird um drei Uhr mit der Ebbe abgehn. Du mußt gegen Mitternacht an Bord ſein.“ „Gut, Herr General,“ erwiederte Scales ſalutirend. „Der Zweck deiner plötzlichen Abreiſe iſt folgender,“ fuhr der Herzog fort.„Ich werde dir Depeſchen anver⸗ trauen, die du mit eignen Händen an General Cadogan im Haag abzugeben haſt, mit eignen Händen, hörſt du wohl, Sergeant. Der General kann vielleicht in Hellvoetsluys oder ſonſt wo ſein; denn obgleich er mir eben von Oſtende ge⸗ ſchrieben hat und meldet, daß er unverzüglich nach der Haupt⸗ ſtadt von Holland abreiſen will, ſo können die Umſtände doch ſeine Route abändern. Aber wenn du in Briel an⸗ kommſt, wirſt du erfahren, wo er ſich befindet.“ „Sehr gut, Herr General,“ erwiederte der Sergeant. „Es ſoll geſchehn.“ Hierauf nickte der Herzog mit dem Kopfe und fing wie⸗ der an zu ſchreiben, aber als er nach einer Weile wieder aufblickte, fand er Stales noch an derſelben Stelle. einen wichtigen Auftrag. 254 „Wie, noch nicht fort, Sergeant?“ fragte er. „Ich wußte nicht, daß ich ſchon abgefertigt wäre,“ er⸗ wiederte Scales ſalutirend und ſich nach der Thür bewegend. „Warte,“ verſetzte der Herzog, als er in dem Beneh⸗ men ſeines Anhängers ein gewiſſes Zaudern bemerkte.„Kann ich etwas für dich thun, ehe du fortgehſt? Bitte nur dreiſt darum.“ „Ich verlange nichts, Eure Durchlaucht,“ erwiederte Scales,„als was ich nicht haben kann.“ „Wie kannſt du das wiſſen, wenn du es nicht verſuchſt?“ entgegnete der Herzog gütig. „Weil die Reiſe, auf die ich gehe, es unmöglich macht,“ antwortete der Sergeant.„Was ich wünſche, iſt Eurer Durchlaucht Begleitung. Ich mag Sie nicht allein zurück⸗ laſſen.“ „Ich wollte, ich könnte mit dir gehn, mein guter Burſche!“ rief der Herzog.„Ich wollte weit lieber alle Sorgen und Beſchwerden des ſchwierigſten Feldzugs durch⸗ machen, als, wie jetzt, gezwungen ſein, an den kleinlichen Kabalen und Ränken eines Hofes Theil zu nehmen. Aber ich bin nicht mein eigner Herr, was freilich Niemand iſt, der ſich an ſein Vaterland verkauft hat. Gieb dich zufrie⸗ den, Sergeant, ich werde dir bald nachfolgen.“ „Und wer ſoll Eurer Durchlaucht Stiefel putzen, wenn ich fort bin?“ fragte Scales in kläglichem Ton und mit einer Grimaſſe, die ganz geeignet war, das Lachen des Herzogs zu erregen. „Wahrhaftig, Sergeant, dieſe wichtige Angelegenheit habe ich noch nicht in Erwägung gezogen,“ ſagte Marlbo⸗ rough lächelnd. Aber da er die Gefühle des treuen Dieners zu verwunden fürchtete, ſetzte er mit gütigem Ton hinzu: „Ich werde gewiß deine geſchickte Bürſte vermiſſen.“ „Eure Durchlaucht wird ohne mich ſich ſelbſt nicht mehr Der Sergeant erhält ähnlich ſehn,“ ſagte der Sergeant, der ſich als bevorrechteter Liebling beträchtliche Freiheiten herausnehmen durfte.„Die Stiefel wollen nur von meiner Hand den gehörigen Glanz annehmen. Eure Durchlaucht mag lachen, aber es iſt wahr. Sie haben es ſchon oft zugeſtanden, und werden es wieder zugeſtehn müſſen.“ „Wahrſcheinlich wohl, Sergeant,“ erwiederte der Her⸗ zog.„Außer deinem Talent zum Stiefelputzen haſt du noch viele andre vortreffliche Eigenſchaften und es wird mir Leid thun, dich auch nur auf eine kurze Zeit zu verlieren. Ich würde dich auch nicht bei dieſer Gelegenheit gebrauchen, wenn ich einen andern eben ſo zuverläſſigen Mann wüßte.“ „Eure Durchlaucht wird Ihr Vertrauen niemals zu be⸗ reuen haben,“ erwiederte Scales ſtolz. „Ich glaube dir, mein guter Burſche,“ verſetzte der Herzog.„Ich glaube dir.“ „O, Herr General!“ rief Scales,„wie glücklich wer⸗ den wir in unſerer Einſamkeit zu Blenheim ſein, wenn wir nach noch einigen ruhmreichen Feldzügen unſere Schwerter in Sicheln verwandelt haben werden.“ „Das iſt es, wonach ich mich ſehne, Sergeant,“ er⸗ wiederte der Herzog,„aber es wird nie ſo weit kommen. Ich habe eine Ahnung, daß mir die Früchte meiner Arbeiten in dem Augenblick ihrer Reife werden entriſſen werden. Lud⸗ wig wird durch die Macht des Goldes vollenden, was er nicht durch die Waffen erreichen kann. Hier iſt eine Partei wirkſam, welche allen meinen Anſtrengungen entgegenarbeitet und ſie vielleicht bald vernichten wird. Was ich im Felde gewinne, verliere ich am Hofe, denn hier hat der König von Frankreich ſonderbar genug eine größere Partei, als ich. Wiederholte Niederlagen haben ihm bewieſen, daß wir be⸗ ſtimmt find, ſeine Beſieger zu ſein, und er ſucht ſeine Ver⸗ luſte daher durch andre Mittel wieder gut zu machen. Wenn einen wichtigen Auftrag. 253 es ihm gelingt, ſeine eigenen Friedensbedingungen durchzu⸗ ſetzen, ſo wäre es beſſer geweſen, der Krieg wäre nie unter⸗ nommen worden,— beſſer, ſo viel Geld wäre nicht um⸗ ſonſt ausgegeben und ſo viele Leben vergeudet,— beſſer, weit beſſer, die Schlachten von Blenheim und Ramilies wären nimmer gewonnen worden.“ „Es ſchmerzt mich, Eure Durchlaucht ſo ſprechen zu hören,“ verſetzte Scales,„aber ein ſo ſchimpflicher Friede wird niemals geſchloſſen werden.“ „Gebe der Himmel, daß ich es nicht erlebe!“ rief der Herzog,„aber ich befürchte es. Die Saaten des Hochver⸗ raths ſind ſo weit an dieſem Hofe verbreitet, daß ſie, wenn ſie nicht entdeckt und zerſtört werden, die furchtbarſten Folgen haben werden. Aber wenn ich mich auch dieſem Gefühle hingebe, ſo laſſe ich mich dadurch doch nicht entmuthigen, ſondern will meinen Weg ſo kraftvoll, wie immer, verfolgen; und ſo lange die Armeen Englands meinem Befehl anver⸗ traut werden, ſollen ihre Lorbeeren nie befleckt werden.“ „Das iſt nicht zu befürchten, Eure Durchlaucht,“ ſagte Scales mit Nachdruck. „Die Franzoſen haben mir noch nie eine Schlacht ab⸗ gewonnen, und ſollen mir auch nie eine abgewinnen,“ rief der Herzog. „So viel ſteht feſt!“ rief Seales, ſeinen Hut mit Enthu⸗ ſiasmus ſchwenkend. „Ruhig, Sergeant,“ ſagte der Herzog lächelnd.„Aber da ich mich ſelbſt vergeſſe, ſo iſt es kein Wunder, daß es dir begegnet. Ich habe ohne Rückhalt mit dir geſprochen, weil ich mich bei dir ſicher weiß, und weil ich mich einiger Ge⸗ danken entledigen möchte, die mich drücken. Deine Treue und deine geleiſteten Dienſte berechtigen dich, wie ein Freund behandelt zu werden.“ „Da Sie ſich herablaſſen, mich als ſolchen zu behandeln,“ Wie der Sergeant erwiederte der Sergeant,„ſo nehme ich mir die Freiheit, Eurer Durchlaucht einen guten Rath zu geben. Kehren Sie ſich an die böſen Ahnungen nicht. Sie werden dieſen Krieg ſo glorreich beendigen, wie Sie ihn begonnen haben, und werden Ihre Feinde unter den Füßen treten, ſo wahr Sie hier lebendig vor mir ſtehen. Ich will nimmer glauben, daß Engländer die Lorbeeren von der Stirne ihres größten Feld⸗ herrn, des Herzogs von Marlborough, herabreißen laſſen werden. Wenn ich das dächte, ſo würde ich mein Vater⸗ land verläugnen.“ „Gut, genug davon, Seales,“ ſagte der Herzog, indem er ſeine Hand dem Sergeanten reichte, der ſie inbrünſtig an ſein Herz drückte.„Ich will dich dieſen Abend ſprechen und dann ſollſt du auch deine Depeſchen haben. Unterdeſſen triff deine Vorbereitungen zur Abreiſe.“ Der Sergeant verbeugte ſich und verließ das Kabinet, indem er eine Thräne wegwiſchte. Viertes Kapitel. Wie der Sergeant von ſeinen Freunden Abſchied nahm. „Ein Soldat muß auf den erſten Wink marſchfertig ſein,“ dachte der Sergeant, als er ſein Zimmer betrat,„und deshalb kann ich mich nicht beklagen. Nichts deſtoweniger hätte ich gern eine etwas längere Friſt gehabt. Aber denken wir nicht mehr daran. So iſt das Kriegsglück. Meine Vor⸗ bereitungen werden bald abgethan ſein und dann will ich meinen Freunden Lebewohl ſagen.“ Hiermit machte er ſich ans Werk und in weniger als einer Stunde war ſeine dürftige Garderobe, die aus einem halben Dutzend Hemden, einem Hausrock und Weſte, und einigen andern Kleinigkeiten beſtand, in ſeinem Kaſten mit von ſeinen Freunden Abſchied nahm. 255 militäriſcher Genauigkeit und Sorgfalt eingepackt. Dann zog er ſeine volle Uniform an und begab ſich in das Zimmer der Haushälterin, wo er Miſtreß Plumpton fand. Er ſetzte ſich ohne ein Wort zu ſprechen hin, ſah ſie feſt an und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Na, Gott ſegne uns! Sergeant, was iſt denn los?“ rief Miſtreß Plumpton beſorgt.„Sie find doch nicht un⸗ wohl? Ein Glas Ratafia nehmen?“ Hiermit öffnete ſie einen Schrank und nahm eine Flaſche und ein Glas heraus. „Nun, meinetwegen, Miſtreß Plumpton,“ erwiederte Scales.„Auf unſer nächſtes fröhliches Wiederſehen!“ fügte er mit einem Ton hinzu, der mit der Munterkeit des einigermaßen in Widerſpruch ſtand. „Ich hoffe, das wird nicht lange mehr hin ſein, Ser⸗ geant,“ ſagte die Dame. „Vielleicht länger, als Sie ſich denken,“ erwiederte Scales geheimnißvoll. „Was meinen Sie eigentlich, Sergeant?“ rief Miſtreß Plumpton beunruhigt.„Sie wollen uns doch nicht bald verlaſſen?“ „Leider, ja!“ antwortete Scales.„Ich werde von hinnen gerufen, wenn ich es am wenigſten vermuthete, wie es man⸗ chem braven Kerl vor mir geſchehen iſt.“ „Gott behüte, Sergeant! dabei läuft es mir kalt und heiß über,“ entgegnete Miſtreß Plumpton.„Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie in den Krieg ziehen.“ „Die Trommel heißt ins Feld ihn gehen; dem Ruf kann er nicht widerſtehen,“ deklamirte Scales.„Zurück läßt er die Liebſte ſein,— von ihr ſich trennen, welche Pein! Fort muß er, ahnt auch Böſes ihn, ins Schlachtgetümmel muß er ziehen.“ Miſtreß Plumpton ſeufzte kläglich. „Wenn Erd' und Himmel beben,“ erwiederte Scales, 256 Wie der Sergeant mit dem Rhythmus wechſelnd,„bei der Verwundeten Geſtöhn, gedenk ich dein, mein Leben, und hoffe auf ein Wiederſehn.“ „O je! o je!“ ſchrie Miſtreß Plumpton.„Sie wollen alſo wirklich fort?“ „Das Schiff liegt ſchon im Port, trägt deinen Scales weit fort,“ erwiederte der Sergeant.„Findet er auch Freunde anderwärts, bei ſeinen Lieben bleibt ſein Herz.“ „Bitte, reden Sie nicht ſo mit mir, Sergeant,“ rief Miſtreß Plumpton;„ich ertrage es nicht. Es iſt grauſam von Ihnen, ſo mit meinen Gefühlen zu ſpielen.“ „Es iſt gar meine Abſicht nicht, mit Ihren Gefühlen zu ſpielen,“ ſagte Scales.„Gehorchen muß ich, wenn die Ehre ruft, weht mir entgegen auch ſchauriger Leichenduft— ha, hier kommt Miſtreß Tipping.“ „O, Tipping, er will uns verlaſſen!“ rief Miſtreß Plumpton, als die Kammerzofe eintrat. „Was! der Sergeant!“ rief dieſe. „Ja, der Sergeant,“ entgegnete Scales.„Ein lufliges Leben führt der Soldat; er geht, wenn das Horn erklingt; und gefällt es ihm eben auch nicht ſehr,— er nimmt, was das Schickſal ihm bringt.“ „Sehr klug von ihm, daß er es thut,“ entgegnete Miſtreß Tipping.„Na, ich möchte um alles in der Welt keine Soldatenfrau ſein.“ „Sie möchten es nicht?“ rief Scales. „Nein, gewiß nicht,“ bekräftigte ſie.„Geſetzt, ich wäre Ihre Frau, zum Beiſpiel, was würde aus mir werden, wenn Sie fort find?“ „Nun, Sie müſſen ſich behelfen, wie die Herzogin, wenn Seine Durchlaucht abweſend iſt,“ entgegnete Scales. „Die Herzogin iſt kein Muſter für mich,“ verſetzte Miſtreß Tipping.„Ich hätte gar keine Luſt dazu. Geſetzt, von ſeinen Freunden Abſchied nahm. 257 Sie kämen ohne Arm, oder ohne Bein, oder ohne Auge zurück?“ „Nun, geſetzt auch, was dann? erwiederte Scales. „Ich glaube, ich könnte mich nicht daran gewöhnen,“ verſetzte Miſtreß Tipping.„Ich liebe ſolche Mangelhaftig⸗ keiten nicht.“ „Hm!“ rief Scales.„Was ſagt Miſtreß Plumpton dazu?“ „Ich würde Sie noch immer ſo gern leiden mögen, wenn Sie auch beide Beine, oder einen Arm und ein Bein verlören,“ antwortete ſie. „Na, meine Damen, dies iſt kein Ding zum Spaßen, — wenigſtens nicht für mich,“ entgegnete Scales;„ich reiſe dieſe Nacht wirklich nach Holland ab. Es kommt mir ſelbſt ganz unerwartet, ſonſt würde ich Sie darauf vorbereitet ha⸗ ben. Aber Sie werden zu mir kommen und zum Lebewohl eine Taſſe Thee in meinem Zimmer trinken. Ich will mei⸗ nen Freund Proddy dazu bitten. Ich erwarte Sie beide um fünf Uhr.“ Bald darauf begab der Sergeant ſich nach dem Palaſt und fand Proddy in der Küche,— einem hohen, geräumi⸗ gen Gemach mit gewölbter Decke und zahlloſen Feuerheerden. Der Kutiſcher war emfig mit einem kalten Stück Rindfleiſch und einem Kruge Bier beſchäftigt, aber als er die Neuig⸗ keiten des Sergeanten erfuhr, erklärte er, daß er ganz den Appetit verloren habe, und legte Meſſer und Gabel hin. Sie verabredeten jetzt eine Zuſammenkunft um fünf Uhr und als der Sergeant ſich entfernt hatte, zog Proddy ſich in ein kleines Zimmer neben der Küche zurück, um ungeſtört ſeine Pfeife zu rauchen und über das Gehörte nachzudenken. Wäh⸗ rend er damit beſchäftigt war, öffnete ſich die Thür und her⸗ ein traten Bimbelot und Sauvageon. Ainsworth, St. James's. I. 17 — 258 Wie der Sergeant „Guten Tag, meine Herren,“ ſagte Proddy, ihnen die Hände ſchüttelnd;„wie geht es Ihnen?“ „Passablement, mon cher cocher,“ antwortete Bim⸗ belot,„passablement. Mais vous étes un peu triste— Sie ſehn herab in die Bart— wie'eißt es?“ „Und wohl mit Recht, Bambi,“ erwiederte Proddy, „da ich meinen beßten Freund verlieren ſoll.“ „Wie, der Sergeant?“ fragte Sauvageon. „Ja, er verläßt mich, und noch dazu ganz plötzlich,“ antwortete Proddy. „Ventrebleu!“ rief Bimbelot;„mais C'est soudain. Marlbrug, ziehn er wieder in die Krieg?“ „Wenn Sie unter Marlbrug den Herzog von Marlbo⸗ rough verſtehn, Bambi,“ entgegnete Proddy mit Würde,„ſo glaube ich es nicht,— wenigſtens jetzt nicht. Der Sergeant ſoll nur gewiſſe Depeſchen an den General Cadogan über⸗ bringen, die nur einer zuverläſſigen Perſon anvertraut wer⸗ den dürfen. Verſtehn Sie?“ „Oui, je comprends parfaitement bien,“ antwortete Bimbelot mit einem bedeutungsvollen Blick auf Sauvageon. „Und der Sergeant, wann reiſen er ab?“ „Er ſegelt dieſe Nacht nach Holland,“ antwortete Proddy. „Vous entendez cela,“ ſagte Bimbelot zu Sauvagevn. „II part ce soir pour la Hollande avec des dépéches. Il faut l'arréter.“ „Bon,“ antwortete der Corporal. „Was ſagen Sie da, Bambi?“ fragte Proddy. „Ick drücken blos aus mon regret über die große Ver⸗ luſt, die wir werden fühlen in die Abweſenheit von den Sergeant,“ antwortete Bimbelot,„c'est tout, mon brave cocher.“ „Ich für mein Theil werde ihn ſehr vermiſſen,“ ſeufszte Proddy. von ſeinen Freunden Abſchied nahm. 259 „Und ich auch,“ rief Bimbelot. „Und ich auch,“ fügte Sauvageon hinzu. „Si nous pouvons mettre nos mains sur ces lettres, ce sera une bonne chance,“ bemerkte Bimbelot gegen ſeinen Freund. „Prenez garde,“ erwiederte dieſer,„ce dröle a des soupcons.“ „Ha, was?“ rief Proddy,„was iſt drollig? doch nicht die Abreiſe des Sergeanten, Savagejohn?“ „Durchaus nicht,“ erwiederte der Corporal.„C'est un bien brave homme, le sergeant. Ick bedauren ſehr, ihn zu verlieren.“ „Wir müſſen ihn beſuchen, um Abſchied zu nehmen,“ ſagte Bimbelot.„Um wie viel Uhr verläßt er Marlborough⸗ Haus?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Proddy;„aber ich gehe um fünf Uhr zu ihm.“ „Eh bien, nous passerons chez lui à scpt heures— ou un peu plus tard,“ ſagte Bimbelot mit einem Blick auf ſeinen Freund.„Wir wollen uns geben die Ehre, vor⸗ zuſprechen im Lauf des Abends pour prendre congé. Aben Sie die Güte, ihm zu ſagen dieſes.“ „Das will ich,“ entgegnete Proddy,„und er wird ſich gewiß freuen, Sie zu ſehen.“ „Oh, àpropos, Monsieur le cocher,“ rief Bimbelot, „ick wollte Sie was fragen, aber ick hatten es ganz ver⸗ geſſen, bei das, was Sie mir'aben geſagt von den Sergeant. Dieſer Mezanſene, mit den ick'aben gefochten das Duell in das Dunkel, iſt er noch in die Palaſt?“ „Warum, he?“ fragte Proddy barſch.„ „Oh, es iſt nichts Beſonderes,“ erwiederte Bimbelot. „Ick wollten nur ihn gern ſehn.“ „Grade heraus, Bambi,— das geht nicht,“ verſetzte 260 Wie der Sergeant der Kutſcher.„Er iſt beſtändig um den Prinzen und Nie⸗ mand kann ihn ſprechen.“ „Ah, Proddy, vous étes un vieux rusé,“ ſagte Bim⸗ belot.„Sie ſein ein alter liſtiger Fuchs. Mais vous ne pouvez pas me tromper. Sie wiſſen recht gut, daß es iſt Herr Masham en masquerade.“ „Ich weiß nichts dergleichen,“ erwiederte Proddy immer mürriſcher. „Bravo!— très-bien!“ rief Bimbelot lachend.„Aber ick will Ihnen nicht zu hart zuſetzen. Fürchten Sie ſich nicht. Ick will ihn nicht verrathen. Ick weiß, warum er ſich hat verkleidet— une jolie dame— mademoiselle Abigail Hill— ha!— ha! Adieu, mon cher Proddy. Wir uns werden wiederſehn in den Abend, wenn wir kommen zu be⸗ ſuchen den Sergeant.“ Und mit ceremoniöſen Verbeugungen gingen die beiden Franzoſen ihrer Wege. Proddy rauchte noch eine Pfeife, trank noch einen Krug Bier und hielt es dann für Zeit, ſich nach Marlborough⸗ Haus zu verfügen, wo er gleich nach ſeiner Ankunft un⸗ mittelbar nach dem Zimmer des Sergeanten ging und ihn zwiſchen Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping, beide in Thränen, beim Thee ſitzen fand. „Dies iſt gewiß ein rührender Anblick,“ ſagte der Kutſcher, an der Thür ſtillſtehend, als wollte er ihn betrachten,— „ein rührender Anblick.“ „Ja wohl, er iſt ſchmerzlich,“ erwiederte der Sergeant, „aber da ich ſchon ſo viel traurige Abſchiede erlebt habe, ſo gewöhne ich mich allmälig daran, wie die Aale. Aber ſetzen Sie ſich, Kameräd,— ſetzen Sie ſich. Wollen Sie nicht mittrinken?“ „Nein, Herr Proddy trinkt keinen Thee,“ ſagte Wiſ Plumpton,„ich will ihm etwas Bier holen.“ Hiermit ging ſie hinaus und kam in wenigen Augen⸗ von ſeinen Freunden Abſchied nahm. 261 blicken mit einem mächtigen Zinnkruge wieder, der gegen drei Maaß hielt. „Auf Ihre baldige Wiederkunft, Sergeant,“ ſagte Proddy, indem er den Krug an die Lippen ſetzte und die Augen an⸗ dächtig auf die Zimmerdecke heftete, während er einen langen Zug daraus that.„Kein beſſerer Troſt als Bier,“ fuhr er fort.„Es iſt Balſam für den verwundeten Geiſt. Wie wird es uns gehn, ohne ihn, meine Damen?“ „Ach ja! wie?“ riefen Beide einſtimmig. „Die beſten Freunde müſſen zuweilen ſcheiden, meine Theuren,“ erwiederte Scales,„und wir werden nur um ſo glücklicher ſein, wenn wir uns wiederſehen. Ein bischen Abweſenheit belehrt uns über unſern wahren Werth.“ „Es iſt gar nicht nöthig, daß die Abweſenheit uns erſt Ihren Werth lehrt, Sergeant,“ ſagte Miſtreß Plumpton. „Da haben wir Plumpton wieder,“ rief Miſtreß Tip⸗ ping gereizt.„Immer nimmt ſie einem die Worte aus dem Munde.“ „Dann ſollten Sie zumachen und ſie zuerſt ſprechen,“ entgegnete Miſtreß Plumpton. „O Sergeant!“ rief Proddy,„ich wollte, ich könnte mit Ihnen gehen. Seit ich Sie kenne, habe ich ein ſonder⸗ bares Verlangen geſpürt, Dienſte zu nehmen, und jetzt kommt es ſtärker als je über mich.“ „Sie würden bald genug davon haben,“ antwortete Scales;„nicht daß es mir ſo gegangen wäre; aber dann muß man auch von jung auf anfangen und ſich an die Strapazen gewöhnen. Sie können ſich nicht immer nach einem heißen Tage bei einer Pfeife Taback und einem Kruge Bier erholen,— und können ſich nur ſelten auf ein Bett legen. Ich glaube nicht, daß Ihnen ein Soldatenleben an⸗ ſtehen würde, Proddy, Sie ſind in Ihren Umſtänden beſſer daran.“ 262 Wie der Sergeant „Das Marſchiren würde mir vielleicht nicht anſtehn,“ entgegnete der Kutſcher,„weil ich dick und kurzathmig bin, aber ein bequemes Quartier in einer von jenen alten flamän⸗ diſchen Städten würde mir ungeheuer behagen; und was das Fechten anbetrifft, ſo könnte ich davon auch ſobald nicht genug kriegen. Ein Grund, warum ich ein Soldat ſein möchte, iſt, daß ich dann ein Liebling der Frauenzimmer ſein würde. Bei Gelegenheit, Sergeant, ſind die holländiſchen Damen hübſch?“ „Sehr,“ erwiederte der Sergeant;„aber,“ fügte er mit einem zärtlichen Blick auf ſeine Nachbarinnen hinzu, „nicht mit unſern Landsmänninnen zu vergleichen.“ „Natürlich nicht,“ ſagte Proddy;„aber in deren Er⸗ mangelung mögen ſie immer noch gut genug ſein.“ „Nun, j— a,“ erwiederte Scales etwas verlegen,„die Vrowen haben auch ihre Verdienſte.“ „Ich hoffe, Sie werden ſich in keine von Ihnen ver⸗ lieben, Sergeant, wenn Sie fort find,“ ſagte Miſtreß Plumpton. „Wenn Sie mit einer holländiſchen Frau wiederkommen, ſo iſt es ſchlimmer, als wenn Sie ein Bein verloren ſagte Miſtreß Tipping. Hier brach die Unterhaltung ab. Der Sergeant machte etliche Verſuche, ſie wieder zu beleben, aber die Damen waren zu niedergeſchlagen, um ſich dadurch ermuntern zu laſſen, und was Proddy betrifft, ſo erklärte er, daß er keine Worte umſonſt zu vergeuden hätte, und holte ſich aus ſeinem Kruge Troſt, deſſen Inhalt einen bemerkbaren Eindruck auf ſeinen Kopf zu machen anfing. Der Thee war kaum aus⸗ getrunken und das Geſchirr weggenommen, als Timperley eintrat und meldete, daß Seine Durchlaucht den Sergeanten zu ſprechen wünſchte. Dieſem Befehl ward natürlich ſogleich gehorcht, und Scales blieb faſt eine halbe Stunde abweſend, während welcher Zeit Proddy kein einziges Wort zu ſeinen von ſeinen Freunden Abſchied nahm. 263 Gefährtinnen ſprach, außer daß er Miſtreß Plumpton bat, ſeinen Krug wieder zu füllen, was ſie auch, obwohl mit einigem Widerſtreben, that. Bei ſeiner Rückkehr machte der Sergeant ein ernſtes und wichtiges Geſicht, wie es gewöhnlich der Fall war, wenn er von einer Unterredung mit ſeinem Befehlshaber kam. Aber jetzt trat zu dem Ernſt noch eine geheimnißvolle Miene, als wäre er von dem Gefühl der Wichtigkeit ſeiner Sendung durchdrungen. Er ſetzte ſich ohne ein Wort zu ſprechen nieder und für einige Augenblicke herrſchte Stillſchweigen, das endlich von Proddy gebrochen ward. „Nun, Sergeant, Sie haben wohl die Depeſchen erhal⸗ ten?“ fragte er. „Ja, ſie befinden ſich ſicher genug hier,“ erwiederte Scales, indem er ſich auf die Bruſt ſchlug. Während dieſer Worte öffnete ſich die Thür, und Bim⸗ belot und Sauvageon traten in das Zimmer. „Ich vergaß zu erwähnen, daß ich dieſen beiden Herren von Ihrer Abreiſe erzählt habe,“ ſagte Proddy, als er be⸗ merkte, daß der Sergeant verwundert und nicht ganz zufrieden ausſah. „Oui, mon cher sergeant,“ ſagte Bimbelot,„nous sommes venus ici pour vous dire adieu, et vous sou- haiter le bon voyage.“ „Sehr verbunden, Bambi, und Ihnen auch, Korporal,“ erwiederte Scales,„aber es war gar nicht nöthig.“ „Vous étes chargé des dépéches du duc au général Cadogan, eh, sergeant?“ ſagte Bimbelot. „Nun, Sie haben Ihnen doch das nicht auch geſagt?“ ſagte Scales in leiſem, vorwurfsvollem Tone zu Proddy. „Ich habe Ihnen alles geſagt,“ erwiederte der Kutſcher, deſſen Klugheit vollkommen von dem guten Getränk unter⸗ drückt war, das er verſchluckt hatte.„Denken Sie, ich hätte Wie der Sergeant ſie nicht merken laſſen, wie viel der Herzog auf Sie hält. Nein, gewiß nicht. Der Sergeant kommt eben von Seiner Durchlaucht,“ fügte er hinzu,„und u die Depeſchen von ihm erhalten.“ „Vraiment!“ rief Bimbelot mit einem verſtohlenen Blick auf Sauvageon. „Stille, Narr!“ rief Scales zornig. „Der Sergeant verdient die Gunſt, in der er ſteht,“ ſagte Sauvageon.„Ein ſolches Vertrauen iſt ein ſicherer Beweis des Verdienſtes.“ „So iſt es,“ ſagte Bimbelot,„aber wenn jedem ſein Theil würde, ſo müßte der Sergeant einen hohen Poſten in der Armee einnehmen.“ „Er müßte eigentlich Kapitän ſein,“ ſagte Proddy, „Kapitän Scales, auf Ihre Geſundheit, und daß Sie bald General werden mögen.“ „Das iſt der allgemeine Wunſch,“ ſagte Miſtreß Tipping. „Diesmal haben Sie mir das Wort aus dem Munde genommen, Tipping,“ ſagte Miſtreß Plumpton. „Ich wünſche gar nicht zu avanziren,“ erwiederte Scales ziemlich verdrießlich.„Ich bin mit meiner jetzigen Stellung zufrieden.“ „Nun, wir wollen nicht länger ſtören, Sergeant,“ ſagte Bimbelot.„Sie wollen wahrſcheinlich gleich abreiſen?“ „Das eben nicht,“ entgegnete Scales.„Ich werde mich kurz vor Neun aufmachen und mich um dieſe Stunde an der Whitehall⸗Treppe in einem Boot einſchiffen, das mich nach Woolwich bringen wird, von wo ich abſegele.“ „C'est bien arrangé,“ erwiederte Bimbelot.„Können wir Ihnen helfen, Ihren Koffer zu tragen?“ „Nein, ich danke Ihnen,“ antwortete der Sergeant. „Ich werde ihn vorausſchicken. Proddy und ich, wir wer⸗ den zuſammen durch den Park gehn.“ — von ſeinen Freunden Abſchied nahm. 265 Bimbelot und Sauvageon wechſelten Blicke. „Einige Minuten vor Neun werden wir uns denken, daß Sie durch den Park gehn, und um Neun, daß Sie ſich einſchiffen,“ ſagte der Erſtere. „Dann werden Sie nicht weit von der Wahrheit ſein,“ erwiederte Scales. „Adieu denn, Sergeant,“ ſagten die beiden Franzoſen, ſich verbeugend. „Adieu, meine Herren,“ antwortete Scales, und nach einigen Höflichkeitsbezeugungen und ewigen Freundſchafts⸗ verſicherungen, verbeugten Bimbelot und Sauvageon ſich zur Thür hinaus. Nach ihrer Entfernung verſtummte die Unterhaltung wieder. Scales räuſperte ſich dann und wann und verſuchte zu ſprechen, aber umſonſt, während Proddy ſein Bier ſtill⸗ ſchweigend austrank. Dieſer Zuſtand der Dinge dauerte faſt eine Viertelſtunde, worauf der Sergeant, als ob er ſich zu einer großen That anſtrenge, aufſtand und den Hut aufſetzte, wobei er mit einer Stimme, die trotz ſeiner Bemühungen beträchtliche Rührung verrieth, die Worte ſprach:„Wir müſſen ſcheiden.“ „O, jetzt noch nicht, Sergeant!“ riefen beide Damen, ſich ebenfalls erhebend.„Sie gehn doch noch nicht?“ „Es iſt nutzlos, länger zu zögern,“ erwiederte Seales; „am beſten, man überſteht die Trennung ſo ſchnell wie mög⸗ lich. Sie werden während meiner Abweſenheit für mein Zimmer ſorgen und es dann und wann rein machen.“ „Das wollen wir,“ riefen Beide,„wir wollen es einmal die Woche rein machen, oder öfter, wenn Sie es wünſchen.“ „Rühren Sie die Gemälde nicht an,“ fuhr der Ser⸗ geant fort;„denn obgleich ſie nicht viel werth find, ſo ſchätze ich ſie doch. Und ich möchte auch nicht, daß dieſe Stück⸗ . kugel heruntergenommen würde,— oder dieſer zerbrocheng 266 Wie der Sergeant Degen,— oder dieſe Handſchuhe,— oder die Sporen,— oder die Meerſchaumpfeife—“ „Wir wollen nichts anrühren,“ riefen beide Damen. „Sie werden bei Ihrer Rückkehr Alles wieder finden, wie Sie es verlaſſen haben.“ „Wenn ich wiederkehre,“ ſagte der Sergeant ernſt; „wo ein Soldat im Spiele iſt, giebt es immer ein Wenn.“ „Sprechen Sie doch von ſo was nicht!“ rief Miſtreß Plumpton, in Thränen ausbrechend. „Ihnen, Proddy, übergebe ich die Sorge für meine Trommel; Sie werden ſie gewiß in Acht nehmen,“ fuhr Scales fort. „Ich werde ſie wie einen Schatz bewahren!“ erwiederte der Kutſcher.„Wenn ich ſie anſehe, werde ich mir immer einbilden, ich höre Ihr Ratatam!“ „Und nun Lebewohl, meine Theuren,“ rief Scales mit bedeckter Stimme.„Gott ſegne Sie!“ „O je!— o— o je! Ich werde es gewiß nicht über⸗ leben!“ greinte Miſtreß Plumpton und führte die Schürze an die Augen. „Sein Sie ſtandhaft, mein Herz,“ rief Scales, indem er den Arm um ihren Nacken legte, während ſie ihr Geſicht an ſeiner Bruſt vergrub,„und Sie auch, meine Liebe,“ fuhr er fort, indem er Miſtreß Tippings Hand zärtlich drückte, die mit eben ſo großer Heftigkeit ſchluchzte und ſich an ſei⸗ nen Arm lehnte,—„wenn Sie nicht aufhören, ſo werden Sie mich ganz weich machen.“ Es entſtand eine Pauſe von einigen Minuten, während welcher der Sergeant traurig und zärtlich von einer Dame auf die andre ſah, und bald Miſtreß Plumpton mit der linken Hand ein bischen näher zu ſich heranzog, bald Miſtreß Tipping etwas liebevoller mit der Rechten drückte,— wobei 6* Seufzer die einzigen hörbaren Laute bildeten. Endlich von ſeinen Freunden Abſchied nahm. 267 erhob ſich Proddy, der dieſem Auftritt ſchweigend zugeſehn hatte und ſehr davon gerührt war, und wankte auf Miſtreß Tipping zu, auf deren Arm er ſeine Hand legte und ihr den Bierkrug anbot:„Hier, meine Liebe, nehmen Sie einen Schluck, es wird Ihnen gut thun. Kein beſſerer Troſt im Unglück, als Bier!“ Aber Miſtreß Tipping wollte ſich nicht tröſten laſſen und hörte nicht auf Proddy; deshalb wandte er ſich an den Sergeanten und bot ihm den Krug an. „Nein, danke vielmals, Proddy,“ ſagte Scales.„Neh⸗ men Sie dieſe lieben Seelen unter Ihren Schutz, wenn ich fort bin. Ich überlaſſe ſie Ihrer Sorgfalt.“ „Sie können ſie in keinen beſſern Händen laſſen,“ ant⸗ wortete Proddy,„ich will ſie bevatern. Sie ſollten ſich in dieſer Stellung malen laſſen, Sergeant. Ich will nicht ſelig werden, wenn Sie nicht wie Alexander der Große zwiſchen Roßhelene und Stathiere ausſehn.“ Hier ward eine unerwartete Unterbrechung durch den Eintritt zweier kräftiger Laſtträger verurſacht, welche den Koffer des Sergeanten abholen wollten, und beſchämt dar⸗ über, in einer ſolchen Lage betroffen zu werden, machten beide Damen ſich eiligſt auf den Rückzug. Fünftes Kapitel. Wie dem Sergeanten im Park aufgelauert ward. Als die Träger ſich mit ihrer Laſt davongemacht hatten, verließ der Sergeant das Zimmer und ſagte zu Proddy, er würde bald wieder kommen. Wie lange er ausblieb, konnte der Kutſcher nicht ſagen, denn von Kummer und von den Wirkungen des Bieres überwältigt, ſchlief er feſt ein und erwachte erſt bei einem derben Schlag auf ſeine Schulter. Wie dem Sergeanten Es war jetzt ganz dunkel geworden und der Sergeant ſtand mit einem Licht in der Hand vor ihm. „Kommen Sie, Proddy, es iſt Zeit zum Gehen, mein Junge,“ rief er,—„es iſt grade halb neun vorbei und um neun muß ich mich einſchiffen, wie Sie wiſſen.“ „Ich bin längſt bereit, Sergeant,“ erwiederte der Kut⸗ ſcher mit einem ungeheuern Gähnen, indem er ſich die Augen rieb.„Mir träumte eben, ich wäre mit Ihnen in der Schlacht, und als Sie mir dieſen Schlag auf die Schulter gaben, dachte ich, eine Kanonenkugel hätte mich getroffen.“ „Es iſt nur gut, daß es blos ein Traum war,“ er⸗ wiederte Scales lachend.„Sie haben ein ziemlich langes Schläfchen gehalten. Haben die Bierdünſte verſchlafen, he?“ „Ganz und gar,“ entgegnete Proddy.„Sie haben den Frauenzimmern wahrſcheinlich noch einmal Adieu geſagt. Haben ſie diesmal einzeln vorgenommen, he?“ Scales läugnete die ſanfte Beſchuldigung nicht, ſondern hummte nur ein wenig. „Sie werden doch nicht vergeſſen, was ich Ihnen über ſie geſagt habe?“ bemerkte er. „O, daß ich für ſie ſorgen ſoll?“ erwiederte der Kut⸗ ſcher.„Sie können deshalb ganz ruhig ſein. Noch mehr Aufträge?“ „Nein,“ antwortete Scales; und nachdem er noch einen letzten zögernden Blick im Zimmer umhergeworfen hatte, blies er das Licht aus.„Nun alſo fort,“ rief er. Proddy folgte ſeinem Führer im Dunkeln, aber ſie waren noch nicht weit gekommen, als der Sergeant offenbar einem Hinderniſſe auf ſeinem Pfade begegnete, denn er machte ₰ plöslich Halt. Ehe der Kutſcher nach der Urſache fragen konnte, ließ ſich ein Geräuſch von Küſſen vernehmen, mit dem ſich die von weiblichen Lippen geſprochenen Worte:„Leben wohl— Gott ſegne Sie!“ vermiſchten, an denen man, cMee.—Mnt.— 2ic.— im Park aufgelauert ward. 269 ſo leiſe ſie auch geſprochen wurden, Miſtreß Plumpton's Stimme erkennen konnte. Einen Augenblick nachher rauſchte eine weibliche Geſtalt an Proddy vorbei und der Kurs des Sergeanten ward wieder klar,— wenigſtens eine kurze Strecke weit, denn ehe er das Ende des Flurs erreichte, ſtieß er wieder auf eine Schwierigkeit. Noch einmal erſchallten Küſſe. Noch einmal faſt dieſelben Worte ausgeſprochen, und in demſelben gedämpften Ton; aber dießmal war es Miſtreß Tipping's Stimme, die hörbar ſchluchzte, indem ſie an dem Kutſcher vorrüberrauſchte. „Nun, wir werden hoffentlich zu ſeiner Zeit heraus⸗ kommen,“ bemerkte Proddy. „Alles richtig,“ rief der Sergeant, indem er die Haus⸗ thür öffnete, durch welche ſie in den Garten gingen und dann weiter in den Park. Dort angekommen, bogen ſie zur Linken in der Richtung nach der Hahnengrube ein. Die Nacht war dunkel, und die Finſterniß war durch den Schatten der Bäume, unter denen ſie gingen, ſo ſehr erhöht, daß ſie ſich kaum einander ſehen konnten; aber der Sergeant, der mit der Oertlichkeit genau bekannt war, ſchritt munter vor⸗ wärts,— ſo munter in der That, daß Proddy ihm kaum folgen konnte. Plötzlich ſtand er ſtill und ſagte:„Uns läuft Jemand nach. Hollah! wer geht da?“ Kaum waren die Worte aus ſeinem Munde, als zwei Perſonen hervorſtürzten und ihn anpackten, indem ſie ihn mit offener Gewalt zurückzuſchleppen ſuchten, aber er machte ſich mit einem kräftigen Ruck von ihnen los, zog. ſeinen Säbel mit einem lauten Fluch und rief Proddy zu, nach der neben dem Palaſte ſtehenden Schildwache zurückzulaufen. Der Kutſcher ſuchte dieſer Weiſung nachzukommen, aber war noch nicht weit gelaufen, als er mit ſeinem Fuß gegen irgend ein Hinderniß ſtieß und mit dem Geſicht zu Wie dem Sergeanten baren Handgemenges zu ihm, in das ſich Säbelgeklirr und wilde Ausrufungen des Sergeanten miſchten. Er raffte ſich, ſo ſchnell er konnte, wieder auf und eilte weiter, indem er wacker um Hülfe brüllte. Zu ſeiner großen Zufriedenheit antwortete ihm bald die Schildwache, deren Fufßtritte er ſchleunigſt näher kommen hörte, während ein Laternenſchimmer ſich zu gleicher Zeit in einer andern Richtung zwiſchen den Bäumen heranbewegte. Noch einen Augenblick, und die Schildwache kam herbei und eilte mit Proddy dem Sergeanten zu Hülfe. Beide lauſchten begierig, ob der Kampf noch fort⸗ dauerte; aber als jetzt alles ruhig war, wollte dem Kutſcher der Muth finken. Als er, ſeiner Meinung nach, nicht mehr weit von ſeinem Freund entfernt ſein konnte, rief er aus, „Wo find Sie, Sergeant?“ und eine ſcharfe Stitme iut⸗ wortete,„Hier!“ Bei dem Schein der Laterne, mit welcher ſote ein Wichter anlangte, ſah man den Sergeanten auf ſeinem Säbel geſtützt ſich an einen Baum lehnen. Das Blut träufelte von ſeinem Arm, ſo wie aus einer Wunde an der Stirn. „Ich fürchte, Sie ſind verwundet, Sergeant?“ ſagte Proddy, im Tone des aufrichtigſten Mitleidens. „Nicht ſehr, antwortete Scales.„Ich habe einen Stoß durch, den Arm und einen Hieb 1 über die Schläfen er⸗ halten md der Blutverluſt macht mich etwas matt. Ein f Brantwein würde alles wieder gut machen.“ „Wenn Sie weiter keine Arzenei verlangen, Sergeant,“ ſigte der Wächter,„ſo kann ich aushelfen.“ Hiermit nahm er eine kleine Flaſche von Steingut aus einer geräumigen Taſche, zog den Pfropfen mit den Zähnen und hielt ſie Scales an die Lippen, und dieſer ſchlürfte begierig etwas von ihrem Inhalt ein. iſt aus den Angreifenden geworden„Sergeant?“ Schildwache. im Park aufgelauert ward. „Geflohen!“ rief Scales—„und ich denke, ich habe ihnen einen gehörigen Denkzettel gegeben.“ „Haben ſie Sie berauben wollen?“ fragte Proddy. „Ja wohl, meine Depeſchen,“ antwortete Scales.„Aber ich habe ſie abgewieſen. Hier ſind ſie ſicher genug,“ fuhr er fort, die Hand auf die Bruſt legend.„Binden Sie mir ein Schnupftuch um den Kopf, Proddy, und Ihr Halstuch um den Arm. So,— das iſt gut. Jetzt, da die Blutung geſtillt iſt, werde ich weiter gehn können.“ „Wie, Sie wollen ſich doch nicht in dieſem Zuſtande einſchiffen?“ rief der Kutſcher verwundert. Allerdings,“ erwiederte Scales.„Ich habe ein Gefecht kel ſchwereren Wunden, als dieſe, durchgemacht. Geben Sie mir den Arm, Kamerad.“ „Sie ſind ein tapferer Mann, das muß ich ſagen, Ser⸗ geant,“ rief die Schildwache.„Kann ich Ihnen noch einen Gefallen thun?“ „Nein, ich danke, Freund,“ antwortete Scales. „Ich fürchte, es iſt vergebens, dieſen Schuften nachzu⸗ ſetzen,“ ſagte der Wächter. „Ganz vergebens und ganz unnöthig,“ entgegnete Scales. „Ihr Verſuch iſt mißlungen und das iſt genug. Uebepdieß habe ich ihnen, wie geſagt, jedem einen Denkzettel gegeben Gute Nacht, Schildwache.“ nd hiermit ging er ſicheren Schritts, voh auf Proddy's Schulter gelehnt davon Abſchied nahm. Die beiden Freunde ſchritten dann nach der Whitehall⸗Treppe hinüber, und in ſo kurzer Zeit hatte dies ganze Abenteuer ſtattgefunden, daß die Abteiglocke gerade erſt neun Uhr ſchlug, als ſie das er des Stroms erreichten. „Grade zur rechten Zeit,“ bemerkte 6 inde mer 3 ter begleitete ihn mit ſeiner Laterne bis ans Thor, wo er 272 Wie Masham die Uneigennützigkeit das Boot erblickte, welches am Fuß der Treppe lag;„ich liebe die Pünktlichkeit. Kein Wort von dem, was vorge⸗ fallen iſt, Proddy. Ich will nicht, daß es dem Herzog zu Ohren kommt. Es könnte ihn beunruhigen.“ „Haben Sie Jemand im Verdacht!“ fragte der Kutſcher. „Das wohl,“ antwortete Scales,„aber laſſen Sie es nur gut ſein. Leben Sie wohl, Kamerad. Vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen wegen der Frauenzimmer geſagt habe. Nehmen Sie ſich ihrer an, und gehaben Sie ſich wohl.“ Dann ſchüttelte er ſeinem Freunde herzlich die Hand, ſtieg die Treppe hinunter und ſprang in das Boot, welches augenblicklich vom Strand ſtieß und in der Finſterniß ger⸗ ſchwand. „Die Schildwache hat die Wahrheit geſagt,“ ſagte Proddy, indem er ſich mit gerührtem Herzen umwandte. „Der Sergeant iſt ein tapferer Kerl,— ein ſehr tapfe⸗ rer Kerl.“ Sechstes Kapitel. Wie Masham die Uneigennützigkeit ſeiner Neigung zu Abigail bewies. * Als die Königin und der Prinz am Morgen nach Mas⸗ Myſtifikation der Herzogin bei einander für meine Geſellſchaftsdame, bin ich doch überzeugt, daß er ihr nicht eben ſo ſehr a aus wahrer Zuneigung den Hof macht.“ „Eure Majeſtät thut ihm durch dieſen Glauben großes Unrecht,“ antwortete der Prinz. „Wen* auf ſein Crippʒtinen bedacht iſt, ſo ahmt h nicht ganz Eigennutz, als — ſeiner Neigung zu Abigail bewies. 273 er nur das Beiſpiel der meiſten von denen nach, die ſich an meinen Hof drängen,“ erwiederte Anna.„Ich tadle ihn deshalb nicht. Aber wenn es der Fall iſt, ſo ſoll er ſie nicht erhalten. Sie ſoll nicht an einen Glücksjäger weg⸗ geworfen werden.“ „Ich wollte, die Auftichtigkeit ſeiner Zuneigung könnte auf die Probe geſtellt werden,“ ſagte der Prinz. „Ich habe nichts gegen einen Verſuch,“ erwiederte die Königin,„laſſen Sie ihn gleich kommen.“ „Er kann Eurer Majeſtät ſogleich aufwarten,“ ſagte der Prinz,„denn er iſt in meinen Gemächern.“ Ein Thürſteher ward dann abgeſchickt, um ihn und Abi⸗ gail zu holen, und kaum war er hinaus, als die Thüre ſich aufthat und Harley hereintrat. Er ward von dem könig⸗ lichen Paar ſehr gut aufgenommen und Anna ſagte zu ihm; —„Ich hoffe, Herr Harley, Sie wollen mich an mein Ver⸗ ſprechen erinnern, Sie, ſo viel ich kann, für Ihre neuliche Niederlage zu entſchädigen.“ „Ich habe Ihr Verſprechen nicht vergeſſen, gnädigſte Königin,“ erwiederte Harley,„und will Sie zu einer paſſen⸗ den Zeit daran erinnern. Aber ich habe eben gehört, daß Masham wieder da iſt.“ „So iſt es,“ entgegnete die Königin.„In wenig Augen⸗ blicken werden Sie ihn ſehen. Ich habe ihn und auch Ihre Coufine Abigail, die ſehr in Ungnade iſt, holen laſſen.“ „In Ungnade!“ wiederholte Harley.„Ich höre es mit Betrübniß. Aber Eure Majeſtät beliebt zu ſcherzen,“ fügte er, durch die Miene der Königin ermuthigt, hinzu. Jetzt öffnete ſich die Thüre noch einmal und die Her⸗ zogin von Marlborough trat ein. „Die Herzogin!“ murmelte die Königin ſtirnrunzelnd. „Immer, wenn ſie am wenigſten gewünſcht wird.“ Ainsworth, St. James's. 1. 18 274 Wie Masham die Uneigennützigkeit „Ihre Durchlaucht beſitzt ein Talent, zur unrechten Zeit zu kommen,“ ſagte Harley flüſternd. „Ich komme, um Eurer Majeſtät zu ſagen, daß wir uns geſtern Beide getäuſcht haben,“ ſagte die Herzogin eil⸗ fertig und faſt die übliche Verbeugung vergeſſend.„Die Perſon, welche wir geſtern ſahen, war doch Herr Masham; und er befindet ſich ſeit einiger Zeit verkleidet im Palaſte. Ich habe dies alles entdeckt mittelſt—“ „Eurer Durchlaucht Spione,“ ergänzte Harley. „Gleichviel wie,“ verſetzte die Herzogin.„Es iſt ſo und ich kann es Eurer Majeſtät beweiſen.“ „Es iſt nicht nöthig,“ entgegnete die Königin kalt,„ich weiß es ſchon.“ „Dann hoffe ich, daß Eure Majeſtät ſeine Frechheit nach Verdienſt beſtrafen wird,„erwiederte die Herzogin.„Ah, er iſt hier!“ rief ſie, als der Thürſteher Herrn Masham anmeldete. „So, Herr Masham,“ fuhr ſie fort;„Sie haben uns geſtern einen kecken und unfeinen Streich geſpielt. Alles andere bei Seite geſetzt, ziemt es ſich für einen Gentleman, Seine Durchlaucht von Marlborough auf eine ſolche Art anzuführen und ihn unwiſſend zu einem Werkzeuge Ihrer Pläne zu machen?“ „Ich habe Seiner Durchlaucht die Sache befriedigend auseinandergeſetzt,“ erwiederte Masham,„und er hat mir die Freiheit, die ich mir mit ihm genommen hatte, verziehn. Der Herzog lachte herzlich über meine Erklärung, ſchüttelte ntir die Hand und ſagte, er hoffe, die Königin werde eben ſo wenig auf mich erzürnt ſein, als er ſelbſt.“ „Ich will mich für die Wahrheit verbürgen,“ ſagte der Prinz,„denn die Exklärung fand dieſen Morgen in meinen Gemächern Statt.“ ſeiner Neigung zu Abigail bewies. 275 „Es thut mir leid!“ rief die Herzogin.„Aber die Gut⸗ müthigkeit des Herzogs gränzt an Schwäche.“ „Eure Durchlaucht erhält die Wage im Gleichgewicht und ergänzt ſeinen Mangel an Böswilligkeit,“ bemerkte Harley. „Eine witzige Antwort, Herr Erſekretär,“ verſetzte die Herzogin;„es freut mich, daß Sie ſich aufs Epigramm⸗ machen gelegt haben. Es wird eine angenehme und Beſchäftigung für Sie ſein.“ In dieſem Augenblicke trat Abigail ein und ſah ſich unruhig um. „Wenn Eure Majeſtät Herrn Masham ungeſtraft hin⸗ gehen läßt, ſo wird Ihr Hof dadurch in Verruf kommen!“ flüſterte die Herzogin der Königin zu. „Eure Durchlaucht wird mit der Strafe, die ich über ihn verhängen will, zufrieden ſein,“ erwiederte Anna.„Abi⸗ gail,“ fuhr ſie mit ſtrengem Tone fort,„ich habe Sie holen laſſen, um Ihnen anzukündigen, daß es mir nach der von Ihnen und Herrn Masham an mir verübten Täuſchung un⸗ möglich iſt, Sie länger in meinen Dienſten zu behalten. Sie ſind daher entlaſſen.“ „Eure Majeſtät!“ rief Harley. „Kein Wort, Sir!“ rief die Königin mit Entſchiedenheit —„kein Wort! Sie ſind entlaſſen, Abigail, ſage ich, und haben alle meine Gunſt verſcherzt. Ich habe Herrn Masham bei Ihrer Verabſchiedung gegenwärtig ſein laſſen, damit er als Hauptveranlaſſung derſelben die Folgen ſeiner Thorheit und ſeines Ungehorſams gewahr wird.“ „Hier hinter muß etwas ſtecken,“ dachte Harley.„J will ſehen, wie das Spiel weiter geht und zur rechten Zeit einfallen.“ „Ich gebe der Entſcheidung Eurer Majeſtät Beifall,“ rief die Herzogin, unfähig, ihre Zufriedenheit zu verbergen. „Es iſt ein gerechtes Urtheil. Wir wollen ſehen, ob die 276 Wie Masham die Uneigennützigkeit entlaſſene Geſellſchaftsdame noch eben ſo viele Reize in Herrn Masham's Augen beſitzt, als die Favorite der Königin!“ „Ihre Durchlaucht hat genau dieſelbe Frage gethan, die ich hätte thun mögen,“ ſagte die Königin leiſe zum Prinzen. Die Herzogin bemerkte den Blick und ergriff, ihren Irr⸗ thum ſogleich einſehend, Masham's Arm, als er eben zu ſprechen anfangen wollte, und ſagte mit leiſer, eiliger Stimme: „Thun Sie, wie ich Ihnen ſage, oder Sie rennen ſich auf immer ins Verderben. Wie Ihre Gefühle auch beſchaffen ſein mögen, laſſen Sie jetzt keine Theilnahme für Abigail blicken.“ „Was ſagt Herr Masham dazu?“ rief die Königin. „Begnügt er ſich mit der verabſchiedeten Favorite?“ „Madame, ich—“ zauderte Masham. „Tauſend! können Sie nicht herausſprechen?“ rief der Prinz⸗ „Laſſen Sie ſich von der Herzogin nicht irreleiten, oder Sie verderben ſich und Abigail unwiederbringlich,“ flüſterte Harley ihm zu.„Sprechen Sie dreiſt heraus.“ So gemahnt, warf Masham ſich der Königin zu Füßen. „Beſtrafen Sie Abigail nicht für mein Vergehen, ich flehe Sie darum an, Madame,“ rief er.„Laſſen Sie Ihr Mißfallen über mich kommen, ſo ſchwer es Ihnen beliebt, aber nicht über ſie! Sie iſt nicht ſtrafbar,— wahrhaftig, ſie iſt es nicht! Ich will mich lieber auf ewig in die Ver⸗ bannung begeben, ſie nie wieder ſehen, was für mich ſchreck⸗ licher als der Tod ſein wird, wenn Sie ihr nur Ihre Ver⸗ zeihung angedeihen laſſen wollen!“ „Liebeſiecher Narr!“ rief die Herzögin. „Bravo!“ rief der Prinz, freudig in die Hände klat⸗ ſchend.„Habe ich es nicht geſugt?— habe ich Eurer Maje⸗ ſtät nicht geſagt, daß es uneigennützige Zuneigung von ſeiner Seite wäre? Sind Sie jetzt überzeugt?“ ſeiner Neigung zu Abigail bewies. 27 „Vollkommen,“ antwortete die Königin.„Stehen Sie auf, Sir, Sie haben Ihren Zweck erreicht. Abigail hat meine Verzeihung.“ „O, Eure Majeſtät,“ rief Abigail niederknieend und die Hand ihrer königlichen Gebieterin küſſend. „Ich will Ihnen jetzt geſtehen, daß Ihre Entlaſſung bloßer Schein war,“ ſagte die Königin.„Sie haben mich getäuſcht und deshalb glaubte ich mich berechtigt, Sie wieder zu täuſchen. Liſt gegen Liſt iſt nur ehrliches Spiel.“ „Es iſt mir recht geſchehen, gnädigſte Frau,“ erwiederte Abigail,„und ich danke Ihnen für Ihre Milde.“ „Jetzt iſt die Reihe an mir,“ ſagte Harley.„Ich er⸗ greife dieſe Gelegenheit, um Eure Majeſtät an Ihr Ver⸗ ſprechen zu erinnern, und ich nehme es zu Herrn Masham's Gunſten in Anſpruch. Die Gnade, um welche ich bitte, iſt die Aufhebung ſeines Urtheils und Wiederherſtellung in Ihrer Gunſt.“ „Sie iſt gewährt,“ erwiederte die Königin. „Damit dieſem albernen Auftritt ein Ende gemacht wird, kündige ich Eurer Majeſtät an, daß ich gegen eine Verbin⸗ dung zwiſchen Herrn Masham und Abigail Einſpruch thue,“ ſagte die Herzogin,„und Sie werden daher wohl thun, erſt zu überlegen, ehe Sie desfalls ein Verſprechen geben.“ „Ich hatte nicht die Abſicht, ein ſolches Verſprechen zu geben,“ erwiederte die Königin.„Aber aus welchen Gründen thun Sie Einſpruch?“ „Eure Majeſtät ſoll es gleich erfahren,“ entgegnete die Herzogin.„Meine Erklärung muß Ihrem Ohr allein vor⸗ behalten bleiben.“ „Coufin,“ flüſterte Abigail Harley zu.„Wenn ich Mas⸗ ham's Braut werde, und zwar mit Bewilligung der Königin, ſo ſollen Sie Ihre verlorene Macht wieder erlangen,— ja, „ . ————————— Wie der Marquis de Guiscard noch mehr, Sie ſollen vor Ablauf des Jahrs Schatzmeiſter ſein. Dafür verbürge ich mich.“ „Es bedarf keiner Beſtechungen, um Ihnen behülflich zu ſein, ſchöne Coufine,“ erwiederte Harley.„Es ſoll ge⸗ ſchehen, wann Offenheit und Einfluß es zu bewerkſtelligen vermögen.“ „Sie denken, dieſe Heirath zu Stande zu bringen,“ ſagte die wetztin leiſe zu Harley, als ſie an ihm „aber ſie wird nie ſtattfinden.“ „Sie wird ſtattfinden, ſo gewiß wie Eurer Durhhlaucht Stur⸗ deſſen Vorläufer ſie ſein wird,“ entgrgnte i er in dem⸗ ſelben Tone. Siebentes Kapitel. Wie der Marquis de Guiscard Saint⸗John von einer Laſt befreit. Bald nach dem in einem der vorigen Kapitel erzählten Angriff auf den Sergeanten und während dieſer mit Proddy eiligſt nach der Whitehall⸗Treppe wanderte, wankten zwei Männer durch die Steinmetzengaſſe, einen engen Durchgang von der nordöſtlichen Ecke des St. James⸗Park nach Pall⸗ Mall, wobei ſie ſich an den Mauern ſtützten und dann und wann ein Aechzen oder einen Fluch hören ließen. Aus der Schwierigkeit und Unſicherheit, mit der dieſe beiden Perſonen ihren Weg fortſetzten, hätte man vermuthen können, daß ſie betrunken wären; aber als ſie in den Umkreis einer am Ende der Gaſſe brennenden Laterne kamen, bezeugten ihre blaſſen Mienen und der Zuſtand ihrer Kleidungsſtücke, daß ſie Beide ſchwer verwundet waren. Als ſie den Laternenpfoſten er⸗ reichten, umfaßte der eine von Beiden denſelben, um nicht hinzufinken, und erklärte fluchend, daß er nicht weiter könne. Das Geſpräch, welches ſich jetzt zwiſchen ihm und ſeinem Vegleiter erhob, ward in franzöſiſcher Sprache gefühet 1* 4* ⸗ .. ⸗„ 3 * K. * * Saint⸗John von einer Laſt befreit. 279 „Möge er in die Hölle fahren!“ rief er mit einer Stimme, die der Schmerz heiſer gemacht hatte.„Ich glaube, er hat mir den Gnadenſtoß gegeben. Wer hätte es gedacht, daß es ſo unglücklich ablaufen würde. Zwei gegen einen, hätten wir es eigentlich mit ihm aufnehmen müſſen. Aber ſich mit dieſem Mann zu ſchaffen machen, iſt ſo gut, als ſich mit dem Teufel ſchlagen. Man kann darauf rechnen, daß man den Kürzern zieht. Er hat einen Arm von Eiſen.“ „Ich würde mich nicht auf dies Unternehmen eingelaſſen haben, hätte ich nicht gedacht, daß wir ihn unverſehens über⸗ fallen könnten,“ ſtöhnte der Andere.„Er prahlt damit, daß man ihn nicht überrumpeln kann, und nach dem heutigen Vorgange muß man es wohl glauben.“ „Wäre ſein Schädel nicht ſo hart und dick, wie ein Marmorklotz, ſo müßte ich ihn heruntergehauen haben,“ ver⸗ ſetzte der Erſte.. „Und wäre er von Fleiſch und Blut, ſo müßte er nach dem Stoß, den ich ihm beigebracht habe, hingeſtürzt ſein,“ erwiederte Jener.„Mein Säbel iſt ihm mitten durch den Leib gegangen.“ „Pah! Ihr Säbel muß von ſeinen Rippen abgeprallt oder durch ſeinen Arm gegangen ſein, Bimbelot,“ bemerkte der Erſtere.„Behalten Sie die Beſchreibung Ihrer Groß⸗ thaten für den Marquis. Ich weiß, was geſchehen iſt. Ich weiß, daß ich genug gekriegt habe und vielleicht mehr, als ich überſtehen werde. Gehen Sie weiter und laſſen Sie mich hier. Ich kann eben ſo gut hier, als anderswo, ſterben.“ „Wer wird gleich ans Sterben denken, Korporal,“ er⸗ wiederte Bimbelot.„Das hieße die Sache ſchlimmer machen, als ſie iſt. Sie werden wohl eine böſe Wunde haben, aber ich hoffe, keine tödtliche. Wenn wir nur das Einhorn an der andern Straßenſeite erreichen können, wo der Marquis auf uns wartet, ſo werden unſere Wunden verbunden werden * 5 8 280 Wie der Marquis de Guiscard 6 und dann iſt die Gefahr vorüber. Kommen Sie, nehmen 1 Sie ſich zuſammen. Wenn Sie hier bleiben, werden Sie ſich verbluten. Ich möchte Ihnen gern helfen, aber mein 31 Arm iſt kraftlos.“ „Es iſt ganz mit mir aus, Kamerad,“ ächzte Sauvagevn. „Dieſer koſtbare Plan kam ganz allein aus Ihrem Kopf* und Sie ſehn, welchen Erfolg er gehabt hat.“ „Wir haben Beide die gleiche Gefahr gelaufen,“ ent⸗ gegnete Bimbelot,„und die Belohnung ſollte in gleiche Theile gehn.“ 3„Belohnung!“ wiederholte Sauvageon mit bitterm Spott. 3„Was wird der Marquis ſagen, wenn wir mit leeren Händen wiederkommen? Flüche werden wir kriegen, aber kein Geld.“ „O, bewahre,“ erwiederte Bimbelot,„bezahlen muß er, ſonſt plaudern wir.“ 3„Mich ſchmerzt die Schande der Niederlage mehr, als 3 meine Wunden,“ rief Sauvageon, ſich vor Qual krümmend. 1„Könnte ich dem Hund nur noch einen einzigen Streich verſetzen!“ „Hauen Sie nicht nach mir, Korporal,“ rief Bimbelot zuũctweichend„Ich bin nicht der Sergeant. Noch ein⸗ 3 mal, nehmen Sie ſich zuſammen, ſonſt fallen Sie der Wache 1 in die Hände. Ich höre ſie hier entlang kommen.“ 1 Mit dieſen Worten kroch er weiter und Sauvageon, den das Geräuſch nahender Fußtritte beunruhigte, taumelte ihm quer über die Straße nach. Einige Schritte brachten fie nach dem Einhorn, einem kleinen Wirthshauſe an der Ecke von Haymarket. Guiscard ſtand unter der Thür und führte ſie, ohne ein Wort zu ſagen, in ein Zimmer zur Rechten 3 auf dem Hausflur, wo ihn der Anblick ihrer blutbefleckten Kleidung ſtutzen machte. „Was Teufel ſoll dies bedeuten?“ rief er.„Das Unter⸗ nehmen iſt doch nicht mißglückt? Dazu war es zu gut an⸗ 6 — S ⸗ Saint⸗John von einer Laſt befreit. 281 gelegt, zu leicht ausführbar. Gebt ſchnell die Depeſchen her und Ihr ſollt einen Balſam haben, der Eure Wunden heilen wird, und wenn ſie noch ſo tief und ſchwer find.“ „Sie ſollten uns lieber ohne viel Fragen einen Wund⸗ arzt ſchicken, Monſeigneur, wenn Sie uns nicht vor ihren 3 Füßen ſterben ſehen wollen,“ entgegnete Bimbelot mürriſch. „Du ſollſt ſterben, Schurke, wenn du mich getäuſcht haſt,“ rief der Marquis mit furchtbarem Tone.„Gib mir die Depeſchen oder—.“ Und er zog ſeinen Degen. „Nein, wenn Sie uns ſo kommen, ſo iſt es Zeit, daß wir uns in Sicherheit bringen,“ entgegnete Bimbelot, in⸗ dem er nach der Thür ging. Aber der Marquis vertrat ihm den Weg. Bimbelot wollte ſchreien, jedoch Sauvageon verhinderte ihn daran. „Es iſt unbillig, Monſeigneur, zwei Leute, die ihr Leben für Sie aufs Spiel geſetzt haben, ſo zu behandeln,“ ſagte der letztere.„Wenn wir Unglück gehabt haben, ſo iſt es nicht unſre Schuld geweſen. Daß wir unſer Beſtes gethan haben, beweist Ihnen der Zuſtand, in welchem Sie uns ſehen.“ „Ich hatte Unrecht, dir Schuld zu geben, mein armer Schelm,“ erwiederte der Marquis, ſeinen Degen einſteckend; ₰„aber es iſt verwünſcht widerwärtig, ſich eine Beute ent⸗ gehn zu ſehn, grade wenn man ihrer am ſicherſten zu ſein glaubt. Das Geſchick dieſes Königreichs hing von dieſen Depeſchen ab. Mit ihnen wäre der Erfolg der franzöſiſchen Expedition entſchieden geweſen. Ich hatte meine Vorberei⸗ tungen getroffen, um ſie ſchleunigſt nach Frankreich hinüber 1 zu ſchicken. Ein reitender Kurier erwartet meine Befehle in der nächſten Straße, um ſo ſchnell als Poſtpferde ihn tragen können nach Deal zu gehn, wo ein von mir gemiethetes kleines Schiff die Briefſchaften ſchnell und ſicher nach Dün⸗ 282 Wie der Marquis de Guiscard kirchen befördert haben würde. Wäre dies geſchehn, ſo hätte ich euer beiderſeitiges Glück gemacht.“ „Wir haben alles gethan, was wir konnien, Monſeig⸗ neur,“ erwiederte Bimbelot.„Aber dieſer Sergeant iſt der Teufel ſelbſt.“ „Freilich, das Glück iſt uns ungünſtig geweſen,“ fügte Sauvageon hinzu;„aber wenn wir es überſtehn, werden wir ein andermal hoffentlich glücklicher ſein.“ „Ihr werdet keine ſolche Gelegenheit wieder haben,“ rief der Marquis ſcharf.„So etwas kommt nicht zweimal. Hätte ich es doch ſelbſt unternommen!“ „Hätten Sie es gethan, Monſeigneur, ſo glaube ich nicht, daß Sie glücklicher geweſen ſein würden,“ erwiederte Sauvageon.„Ich habe noch Keinen getroffen, der dem Sergeanten gleichkommt. Wir haben ihm ziemlich ſcharf zu⸗ geſetzt, aber es gelang ihm, mit Proddy, dem Kutſcher der Königin, davonzukommen, und er hat ſich ohne Zweifel mit den Depeſchen eingeſchifft.“ „Daß er zur Hölle führe!“ rief Guiscard wild. „Ich hoffe, wir werden unſte Belohnung nicht ver⸗ lieren, Monſeigneur,“ ſagte Bimbelot.„Bedenken Sie, was wir gewagt haben.“ „Es war ein Hazardſpiel, wie alle andern, und da ihr es verloren habt, ſo müßtet ihr die Folgen tragen,“ erwie⸗ derte Guiscard.„Jedoch, da ihr ſo ſtark beſchädigt ſeid, ſo ſollt ihr die verſprochenen hundert Pfund haben.“ „Sie ſollen Ihre Großmuth nicht bereuen, Monſeigneur,“ ſagte Sauvageon. Dann verließ der Marquis das Zimmer, aber kam bald mit einem Wundarzt und ſeinem Gehülfen wieder, denen er den Unglücksfall der beiden Männer dadurch erklärte, daß er vorgab, ſie wären von den Mohocks angegriffen und ver⸗ wundet worden; ein Umſtand, der in jenen Zeiten nächt⸗ Saint⸗John von einer Laſt befreit. 283 licher Ruheſtörung viel zu häufig vorkam, als daß er Ver⸗ wunderung erregte oder Verdacht weckte. Als er ihre Wunden hatte verbinden laſſen und von dem Chirurgen verſichert worden war, daß keine Gefahr zu fürchten ſei, ließ er ſeine beiden Anhänger zu Bett bringen und verließ das Haus. Um ſeine Gedanken, die allerdings nicht angenehmer Art waren, zu zerſtreuen, eilte er in das Kaffeehaus zum Kleinen Mann und verlor bald eine beträchtliche Summe am Pharaotiſch. Er wollte eben ſeinen Einſatz verdoppeln, als er eine freundliche Hand auf ſeiner Schulter fühlte und im Umblicken Saint⸗John gewahrte. „Kommen Sie fort,“ ſagte dieſer,„ich muß ein Wort mit Ihnen ſprechen. Sie haben heute kein Glück, und wenn Sie nicht aufhören, ſo werden Sie es bereuen.“ Guiscard hatte Luſt, ſich ihm zu widerſetzen, aber ſein Freund zog ihn endlich hinweg. „Kommen Sie und eſſen Sie bei mir zu Abend,“ ſagte Saint⸗John, indem ſie das Kaffeehaus verließen.„Ich beabſichtige morgen aufs Land zu reiſen.“ „Aufs Land zu reiſen!— und das in dieſem Augen⸗ blick, wo wir am Vorabend ſo großer Ereigniſſe ſtehen!“ rief Guiscard.„Grade jetzt hätten Sie mehr, als je, Ur⸗ ſache, auf dem Kampſfplatze gegenwärtig zu ſein.“ „Ich habe die Politik und den Hof verabſchiedet und will die Annehmlichkeiten der Zurückgezogenheit genießen,“ erwiederte Saint⸗John. „Iſt der Ehrgeiz in Ihrer Bruſt ausgeſtorben?“ rief Guiscard.„Ich kann es nicht glauben. Wenn die ange⸗ drohte Invaſion einen Thronwechſel in dieſem Königreich herbeiführen ſollte, ſo würden Sie es ſpäter bereuen, daß ſie die Gelegenheit, Ihr Glück zu machen, verabſäumt haben.“ „Ich würde es noch mehr bereuen, wenn ich an dem 284 Wie der Marquis de Guiscard Kampfe Theil nähme,“ rief Saint⸗John.„Aber genug von der Politik.“ „Um von etwas anderm zu ſprechen, alſo,“ erwiederte Guiscard,„ich habe kürzlich ein ſehr hübſches Frauenzimmer in Ihrer Kutſche geſehn, und aus dem kurzen Blick, den ich auf ihr Geſicht werfen konnte, ſchien es mir nicht fremd zu ſein. Wer war es?“ „Eine alte Bekannte von Ihnen,“ antwortete Saint⸗ John lachend.„Erinnern Sie ſich noch Angelika Hyde's?“ „Wie? die Tochter des Landpredigers?“ rief Guiscard. „Das muß ich ſagen. Jetzt da Sie mich darauf bringen, erinnere ich mich allerdings ihres Geſichts. So hat ſie alſo ihre Wohnung bei Ihnen aufgeſchlagen, ha?“ „Es hat ſich ſo gemacht,“ erwiederte Saint⸗John.„Sie zog das Stadtleben ſo ſehr dem langweiligen Aufenthalte auf dem Lande vor, daß ſie ſich nicht dazu bringen ließ, wieder mit den Alten nach Eſſex zurückzukehren. Und da ſie ſich mir in die Arme warf, was konnte ich anderes thun, als ſie bei mir aufnehmen?“- „Und das war eben keine große Laſt, ſollte ich denken,“ entgegnete Guiscard lachend.„Sie iſt verteufelt hübſch.“ „Und verteufelt koſtbar,“ erwiederte Saint⸗John„Sie hat mich faſt mit Putz und Schmuck zu Grunde gerichtet. Was ihr gefällt, das kauft ſie, gleichviel was es koſtet.“ „Und ſoll ſie die Genoſſin Ihrer Einſamkeit ſein?“ fragte der Marquis. „Wer weiß,“ antwortete Saint⸗John;„ich habe ſie noch nicht von meiner Abſicht in Kenntniß geſetzt.“ Jedenfalls ſcheint es Ihnen ziemlich gleichgültig zu ſein,“ ſagte der Marquis lachend. „Nun, um die Wahrheit zu geſtehn, ſo habe ich be⸗ merkt, daß ſie ſich ſehr wenig aus mir macht,“ ſagte Saint⸗ John;„und obgleich ich ſchon einmal die Thorheit begangen Saint⸗John vou einer Laſt befreit. 285 habe, ein Frauenzimmer unter ſolchen Umſtänden zu lieben, ſo will ich es doch diesmal nicht wieder thun.“ „Ein weiſer Entſchluß,“ erwiederte Guiscard.„Sie wird wohl mit uns zu Abend eſſen?“ „O freilich!“ antwortete Saint⸗John. Und auf dieſe Art plauderten ſie fort, bis ſie den Ort ihrer Beſtimmung erreichten. Als ſie das Empfangzimmer betraten, fanden ſie nur zwei Perſonen darin, nämlich Prior und Angelika. Sie ſpielten Picket, aber unterbrachen ihre Partie beim Eintritt jener Beiden. Obwohl auf einige Veränderung in Angelika's Aeußerem gefaßt, erſtaunte Guiscard nichts deſtoweniger über die große Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war. Im Laufe weniger Wochen war aus dem Landmädchen die vollendetſte Stadtdame geworden. Ihr Putz wollte kein Ende nehmen. Ihr Anzug beſtand aus einem blau und goldnen Atlasrock nebſt einem goldgeſäumten Unterlleide, aus ſilber⸗ geſtickten Schuhen, einer Spitzenhaube und Spitzenſchürze, während koſtbare Ringe an ihren Fingern blitzten und Perlen und andre Edelſteine ihren Hals ſchmückten. Ihre Wangen waren mit Schönfleckchen bedeckt und ihre ſchönen Locken mit Puder beſtäubt. Sie ſah hübſcher als früher aus, aber kecker und freier in ihrem Benehmen; ſie ſprach laut und lachte geräuſchvoll und ohne Unterbrechung, wahrſcheinlich um ihre Perlenzähne ſehen zu laſſen. Als Guiscard ihr von Saint-John vorgeſtellt ward, reichte ſie ihm die Hand und rief mit ungezwungenem, ver⸗ traulichen Ton:„Sehr erfreut, Sie zu ſehen, Marquis. Wie geht's Ihnen? Wollen mit uns zu Abend eſſen, ja? Auf dem Ridotto geweſen, oder in der Maskerade? Saint⸗ John wollte mich zu keinem von beiden mitnehmen, und eine Maskerade geht mir doch über alles. Es iſt ſo bezaubernd, — man ſieht und hört ſo viele hübſche Sachen und kann 286 Wie der Marquis de Guiscard thun, was Einem gefällt. Kommen Sie und ſetzen Sie ſich zu mir. Finden mich ein Bischen verändert, ſeit wir uns zum erſten Mal im Vorzimmer des Staatsſekretärs trafen, wie?“ „Damals glaubte ich, Sie könnten ſich nicht mehr auf⸗ nehmen,“ erwiederte Guiscard mit einer Verbeugung;„aber jetzt ſehe ich meinen Irrthum ein.“ „Gut gegeben, wahrhaftig,“ rief ſie lachend.„Ich mag ſo gern ein Kompliment erzwingen. Aber ich habe mich aufgenommen,— wenigſtens, wenn ich meinen Spiegel trauen darf. Hoffe, mein Kleid gefällt Ihnen. Es iſt das Ebenbild von der Herzogin von Marlborough ihrem und iſt von Madame Alamode, Ihrer Durchlaucht eigner Putzmacherin, für mich gemacht worden, es muß alſo wohl ſo recht ſein, wie Sie ſehen.“ „Es iſt unübertrefflich,“ antwortete Guiscard.„Der Herzogin ſtand nie ein Kleid halb ſo gut,— aber freilich, ihre Geſtalt—“ „Kommt der meinigen bei weitem nicht gleich,“ unter⸗ brach Angelika ihn mit lärmendem Gelächter.„Ich weiß es wohl, Marquis.“ „O, es iſt gar kein Vergleich,“ ſagte Guiscard.„Wir haben nicht eine ſolche Schönheit, wie Sie, bei Hofe.“ „Ausgenommen natürlich Abigail Hill!“ verſetzte An⸗ gelika boshaft. „Auch ſie nicht ausgenommen!“ ſagte Guiscard. „Glauben Sie fragte Angelika ſehr ge⸗ ſchmeichelt. „Auf mein Wort,“ beſtätigte der Parguts⸗ die Hand auf die Bruſt legend. „Hören Sie doch, was der Marquis mir für hübſche Dinge ſagt, Saint⸗John,“ rief ſie.„Sind Sie nicht eiferſüchtig.“ „Ich würde es ſein, wenn ich Ihrer Neigung nicht Saint⸗John von einer Laſt befreit. 287 ſicher wäre,“ antwortete er trocken.„Aber ſehn Sie, das Abendeſſen iſt aufgetragen. Herr Marquis, ſein Sie ſo gut und geben Sie Angelika Ihren Arm.“ Guiscard gehorchte gern; die Doppelthüren öffneten ſich und ſie begaben ſich in das benachbarte Zimmer, in welchem ein auserleſenes Mahl ihrer wartete, dem ſie ſämmt⸗ lich volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Der Champagner ging fleißig rund und mit jedem Glaſe, das er trank, ent⸗ deckte der Marquis neue Reize an Angelika, die ihrerſeits gegen ſeine Bewunderung nicht gefühllos zu bleiben ſchien. Eine Bowle gewürzten Burgunders beſchloß das Feſt und als dieſe geleert war, kehrte die Geſellſchaft in das Em⸗ pfangszimmer zurück, wo Guiscard ſich mit Angelika zum Picket hinſetzte, während Saint⸗John ein Geſpräch mit Prior anknüpfte. „Wie ungeheuer langweilig werden Sie⸗ das Land nach dem luſtigen Leben finden, das Sie bis jetzt geführt haben,“ bemerkte Guiscard leiſe gegen ſeine Mitſpielerin. „Das Land langweilig finden!“ wiederholte Angelika unaufmerkſam.„Was meinen Sie, Marquis?“ „O, ich dachte nicht dran!“ ſagte Guiscard.„Saint⸗ John hat Ihnen noch nicht von ſeiner Abſicht geſagt—“ „Von welcher Abſicht?“ unterbrach Angelika ihn, plötz⸗ lich aufmerkend.„Er denkt doch nicht daran, aufs Land zu gehn?“ „Meiner Treu, ich weiß nicht,“ verſetzte Guiscard. „Wie albern von mir, davon anzufangen. Sie ſind am Ausſpielen, Madame.“ „Ich beſtehe auf einer deutlichen Antwort, Marquis,“ ſagte Angelika. „Ehe ich antworte,“ erwiederte er,„müſſen Sie mir Eines ſagen. Wenn Saint⸗John fortgeht, werden Sie ihn begleiten?“ ———— —————— Wie der Marquis de Guiscard „Frage gegen Frage,“ verſetzte ſie, ihn feſt anblickend. „Warum fragen Sie danach, Marquis?“ „Aus dieſem Grunde,“ antwortete er mit einem leiden⸗ ſchaftlichen Blick.„Wenn Sie lieber in der Stadt bleiben wollen, ſo ſteht nen Haus zu Ihren Dienſten.“ „Und Sie wollen mich glauben machen, daß Sie in mich verliebt ſind?“ ſagte ſie lächelnd. „Ich bete Sie an,“ antwortete er. „Mein Herz ſchlägt ſo unruhig, daß ich nicht weiter ſpielen kann,“ rief ſie, die Karten hinwerfend und aufſtehend. „Herr Saint⸗John, darf ich fragen, ob Sie im geringſten die Abſicht haben, morgen die Stadt zu verlaſſen?“ „Die Stadt zu verlaſſen?“ erwiederte er mit einem Blick auf den Marquis.„Ich denke, ja.“ „Wollen Sie lange auf dem Lande bleiben?“ i oder drei Jahre,“ antwortete er nachläſſig; 5 ich gerade gelaunt ſein werde.“ „Zwei oder drei Jahre!“ kreiſchte Angelika faſt.„Und alles dies haben Sie beſchloſſen, ohne mich zu Rath zu ziehn?“ „Ich wollte es Ihnen beim Frühſtück ſagen, meine Theure,“ ſagte Saint⸗John mit einem komiſchen Geſichts⸗ ausdruck,„und dann hätten Sie immer noch Zeit genug für Ihre Vorbereitungen gehabt.“ „Ich würde nicht Zeit genug dazu gehabt haben, Sir,“ verſetzte ſie;„und grade aus geſagt, ich will nicht mit.“ „Ganz wie Sie wollen, meine Theure,“ erwiederte Siint⸗„John kühl;„Ihr Hierſein wird keine Veränderung in meinen Plänen bewirken.“ „Keine Veränderung!“ rief ſie—„was ſoll ich dieſe drei Jahre allein anfangen? Sie ſagten mir ja, Sie könnten keinen Tag ohne mich leben. O, Sie elender Betrüger!“ „Kommen Sie mit, oder bleiben Sie, ganz nach Ihrer Saint⸗John von einer Laſt befreit. 289 Wahl, meine Theure,“ erwiederte Saint⸗John.„Sie können es damit ganz nach Ihrem Belieben halten.“ Angelika ſchien zwiſchen einem Ausbruch des Zornes und einem Anfall von Krämpfen zu ſchwanken. Endlich warf ſie ſich heftig auf ein Sopha. Guiscard wollte ihr ſeinen Beiſtand anbieten, aber ſie ſtieß ihn von fich. Nach einigen Augenblicken ſtand ſie auf und ſagte in einem Tone erzwungener Ruhe:„Wollen Sie mir den Ge⸗ fallen thun, meinen Tragſeſſel zu beſtellen, Herr Saint⸗John?“ „Gewiß, meine Theure,— unbedenklich,“ antwortete er und zog die Glocke. Dem eintretenden Bedienten gab er dann die nöthigen Befehle. „Sie hatten eben die Güte, Ihr Haus zu meiner Ver⸗ fügung zu ſtellen, Marquis,“ ſagte Angelika.„Ich nehme das Anerbieten an.“ „Entzückt!“ erwiederte Guiscard nicht ohne einige Ver⸗ legenheit.„Ich hoffe, Saint⸗John—“ „O, keine Entſchuldigungen, Marquis,“ erwiederte dieſer.„Sie haben mir einen großen Gefallen gethan.“ „Adieu, Herr Saint⸗John,“ ſagte Angelika ſpöttiſch. „Ich hoffe, Sie werden ſich auf dem Lande die Zeit gut vertreiben.“ „Adieu, ma petite,“ erwiederte er;„ich hoffe, Sie bei meiner Rückkehr hübſcher als je zu finden. Ich geſtatte Ihnen für jeden Monat meiner Abweſenheit einen neuen Liebhaber.“ In dieſem Augenblick ward der Tragſeſſel angemeldet, und Guiscard führte Angelika aus dem Zimmer. „Ich wünſche Ihnen Glück, Saint⸗John, daß Sie einer läſtigen Bürde ledig geworden ſind,“ rief Prior lachend. „Der Marquis hat ſich eine nette Laſt aufgeladen,“ ent⸗ Ainsworth, St. James's. 1. 19 290 Neue Beweiſe gegnete dieſer. Sein Verderben war ſchon ohne ihre Hülfe gewiß, aber ſie wird es beſchleunigen.“ „Ich muß jetzt auch gehn,“ ſagte Prior.„Ich kann mir Sie nicht gut in der Einſamkeit vorſtellen. Aber wir werden Sie wieder hier haben, ſobald Harley die Macht hat.“ „Pah!“ rief Saint⸗John.—„Wäre Harley nicht, ſo könnte ich immer bleiben. Er iſt mir im Wege. Wann ich je wieder komme,— aber gleichviel. Leben Sie wohl.“ Als Prior das Zimmer verließ, nachdem er ſeinem Freunde herzlich die Hand geſchüttelt hatte, dachte er bei ſich:„Ich werde noch einen furchtbaren Kampf zwiſchen Harley und Saint⸗John erleben.“ Achtes Kapitel. Neue Beweiſe von Harley's Talent zur Intrigue. Ungefähr um dieſe Zeit ward wieder eine Morgen⸗Cour bei Hofe gehalten und auf ſie folgte, wie das erſtemal, am Abend ein großer Ball. Weit entfernt, die Anzahl derer, welche bei ſolchen Gelegenheiten zu erſcheinen pflegen, zu vermindern, trug die angedrohte Invaſion, die eine Dar⸗ legung der Unterthanentreue und Ergebenheit zu fordern ſchien, nur dazu bei, ſie weſentlich zu vermehren. Die Cour war gedrängt voll und der Ball, zu welchem auf den Rath der Herzogin zahlreiche Einladungen erlaſſen waren, war eben ſo ſtark beſucht. Die Königin und die Herzogin theilten ſich in die Ehren des Abends und es war ſchwer zu ſagen, welche von Beiden ſich größerer Aufmerkſamkeiten zu erfreuen hatte. Wie un⸗ angenehm Anna ſich hierdurch auch berührt fühlen mochte, ſo verbarg ſie es doch ſorgfältig und ſchien beſſerer Laune als gewöhnlich zu ſein, aber die Herzogin that ſich keinen von Harley's Talent zur Intrigue. 291 Zwang an und ließ es deutlich merken, wie ſehr die ihr dargebrachten Huldigungen ihren Gefühlen ſchmeichelten. Ihr Benehmen hatte mehr als ſeinen gewohnten Hochmuth und Stolz, ihre Stirn war mit mehr als gewohnter Majeſtät bekleidet, und wie ſie ſich auf den Arm ihres erlauchten Ge⸗ mahls ſtützte und ſich mit den Edelſten und Vornehmſten des Königreichs, die ſich um ſie drängten, ſo wie mit den ausgezeichneteren Stellvertretern der auswärtigen Mächte unterhielt, hätte man ſie allerdings wohl für die höchſte Gebieterin der Geſellſchaft halten können. Ein großer Theil dieſer Huldigungen ward, obwohl von der Herzogin in Anſpruch genommen, doch dem Herzoge gezollt. Von allen, außer den zur feindlichen Partei ge⸗ hörigen, ward er mit Bewunderung, Liebe und Dankbarkeit betrachtet; denn man fühlte allgemein, daß man es nur ſeiver Klugheit und Vorſicht zu verdanken habe, wenn das Land vor dem Ausbruch einer Rebellion bewahrt würde. Unter andern Gegnern der Herzogin, die gegenwärtig waren, befand ſich auch Harley, und wenn ihn die unläugbaren Beweiſe ihrer unbegränzten Beliebtheit und ihres Einfluſſes bitter kränkten, ſo ſorgte er auch dafür, daß ihre Anmaßung eines faſt königlichen Ranges nicht unbemerkt vor den Augen der Herrſcherin vorübergingen. „Es ſcheint kaum einer Invaſton zu bedürfen, um Eurer Majeſtät die Krone zu rauben,“ bemerkte er mit boshaftem Ton,„denn die Herzogin ſcheint ſich ſchon die Herrſcherwürde angemaßt zu haben. Sehn Sie nur, wie ſie die Geſandten um ſich verſammelt und mit ihnen ſpricht, als ob ſie die Angelegenheiten ihrer eigenen Regierung verhandelte.“ „Ich ſehe Alles, Herr Harley,“ antwortete Anna ruhig, „und es verurſacht mir keine Unruhe. Sie iſt von Eitelkeit berauſcht und bemerkt nicht die Gefahr, welcher ſie Trotz bietet. Dieſes Abends wird ſie ſich einſt als desjenigen erinnern, 292 Neue Beweiſe an welchem ihre eingebildete Macht ihren Gipfel erreicht hat. Von nun an wird ſie im Abnehmen ſein.“ „Wenn Eure Majeſtät mir dieſe Verſicherung gibt, kann ich froh ſein,“ erwiederte Harley,„aber ich möchte ſie ohne Aufſchub von dem Höhenpunkt ihres Stolzes herabgeſchleu⸗ dert ſehn.“ „Alles zu ſeiner Zeit,“ ſagte die Königin mit bedeut⸗ ſutien Lächeln. „Eure Majeſtät wird mir verzeihen,“ verſetzte Harley, „wenn ich Sie daran erinnere, daß Sie ſie in dieſem Augen⸗ blick dadurch am empfindlichſten verwunden könnten, wenn Sie ihr Ihre Einwilligung in Masham's Verbindung mit Abigail ankündigten.“ „Ah, dabei fällt mir ein,“ rief Anna,„Sie hörten ſie doch ſagen, daß ſie dagegen Einſpruch erheben wollte. 4 „Eine leere Drohung!“ rief Harley höhniſch.„Eure Majeſtät wird einer n Aufſchneiderei keine Wichtigkeit beilegen.“ „Ich bin überzengt, es muß etwas dahinter ſein,“ er⸗ wiederte Anna.„Ich will aber doch verſuchen, welchen Ein⸗ druck dieſe Ankündigung auf ſie machen wird.“ „Sie werden ihr einen härteren Schlag geben, als Sie vermuthen,“ ſagte Harley freudig.„Alle ihre prahleriſchen Hirngeſpinnſte werden plötzlich die Flucht ergreifen. Aber mit Eurer Majeſtät Erlaubniß werde ich einige Fragen an richten.“ Und indem er ſich unter dem Gedränge verlor, befahl vie Königin einem Thürſteher, die Herzogin von Marlborough zu ihr zu entbieten. Während dies vorging, waren Abigail und Masham mit Tanzen beſchäftigt und nahmen die Hauptaufmerkſamkeit der Zuſchauer in Anſpruch, denn ſeitdem das Gerücht von den Verkleidungen des jungen Stallmeiſters ſich verbreitet „ von Harley's Talent zur Intrigue. 293 hatte, war er in den Augen der ſchöneren Hälfte der Ver⸗ ſammlung ein ganzer Held geworden. Als Harley ſich der um die Tänzer ſtehenden Gruppe näherte, ſah er den Marquis de Guiscard die anmuthigen Bewegungen ſeines Nebenbuhlers mit einem eiferſüchtigen und racheathmenden Blick beobachten, und da er ſich nicht mit ihm zu befaſſen wünſchte, ſo entfernte er ſich in einer anderen Richtung und wartete die Beendigung des Tanzes von weitem ab. Dann trat er zu Abigail und führte ſie in ein Vorzimmer. „Couſine,“ ſagte er,„ich habe gute Neuigkeiten für Sie. Die Königin hat ſich auf meine Bitte mit Ihrer ſo⸗ fortigen Verbindung mit Masham einverſtanden erklärt.“ Abigail ſtieß einen Schrei des Entzückens aus. „So viel ich ſehe, ſteht uns nur ein Hinderniß im Wege,“ fuhr er fort—„und es kann von unſrer gemein⸗ ſchaftlichen Feindin, der Herzogin, herrühren. Sie erinnern ſich, daß ſie gegen dieſe Verbindung Einſpruch zu thun drohte. Welchen Vorwand kann ſie dafür vorbringen?“ „Ach!“ rief Abigail, erhlaſſend und auf einen Stuhl ſinkend—„ich hätte es Ihnen eher ſagen ſollen.“ „Mir was ſagen ſollen?“ rief Harley.„Sie beunruhi⸗ gen mich. Das Unglück wird doch nicht unverbeſſerlich ſein?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete ſie mit niedergeſchlagenen Ton;„aber Sie ſollen es hören. Als die Herzogin mich in den Haushalt der Königin einführte, verlangte ſie eine ſchriftliche Verpflichtung von mir, ſie als meine Mutter an⸗ zuſehn,— meine eigne Mutter war todt, wie Sie wiſſen— und ihr die freie Verfügung über meine Hand zu übertragen.“ „Und Sie haben ein ſolches Papier unterzeichnet?“ rief Harley verzagend. „Ich that es,“ antwortete ſie. „Unvorſichtige!“ rief er, ſich vor die Stirn ſchlagend „ 294 Neue Beweiſe „Dann iſt die Herzogin allerdings die Herrin Ihres Geſchicks, 1 unſer letzter und ſchönſter Plan iſt in der Knospe vernichtet.“ „O, ſprechen Sie nicht ſo!“ rief ſie;„ich wußte nicht, was ich that. Die Herzogin wird nicht auf die Erfüllung meines Verſprechens beſtehn,— und thut fie es, ſo brauche ich nicht zu gehorchen.“ „Täuſchen Sie ſich nicht,“ entgegnete Harley,„die Herzogin wird darauf beſtehen; und obgleich Sie allerdings nicht gebunden find, ſo kenne ich die Königin zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſie Ihr Verſprechen achten wird. Hätten Sie mir dies früher geſagt, ſo hätten unſre Maßregeln da⸗ nach getroffen werden können.“ „Ich fühle, daß ich nicht recht gehandelt habe,“ ſegte Abigail, verzweifelnd.„Aber es iſt wohl noch nicht zu ſpät, um den Fehler wieder gut zu machen?“ „Ich befürchte es,“ verſetzte Harley,„aber es muß we⸗ nigſtens ein Verſuch gemacht werden. Die Herzogin ver⸗ ſpart ſich dieſen Schlag offenbar bis zuletzt, und wenn er abgewandt werden kann, ſo ſteht nichts mehr zu befürchten.“ „Bewirken Sie dies,“ rief Abigail dringend,„und ich ſchwöre Ihnen, daß ich es meinerſeits nicht an Anſtrengungen fehlen laſſen will, um Sie auf den höchſten Gipfel Ihres Ehrgeizes zu heben.“ „Ich will mein Beſtes thun,“ erwiederte Harley,„aber wenn das Dokument nicht entwandt werden kann,— oder — ha!— mir fällt ein andrer Plan bei—“ „Welcher?“ fragte ſie. „Nein, es muß geheim bleiben,“ entgegnete er.„Kein Wort über das Vorgefallene an die Königin oder an Mas⸗ ham. Trauen Sie mir, wir werden der Gefahr entgegen⸗ treten können, wenn ſie naht. Mit dieſen Worten führte er ſie wieder in den Ballſaal und übergab ſie ihrem Liebhaber. von Harley's Talent zur Intrigue. 295 Als ſich Harley einen Augenblick darauf der Königin näherte, ſah er die Herzogin von derſelben mit Blicken fort⸗ gehen, aus denen trotz aller Verſtellung deutlich genug der Empfang einer unangenehmen Nachricht zu leſen war. Ueber⸗ zeugt, daß die Königin Wort gehalten habe, beſchloß Harley, die Bewegungen der Herzogin zu beobachten, und als er fand, daß ſie, anſtatt zu dem Herzog und dem ihn umringenden, glänzenden Kreis zurückzukehren, ſich nach dem grünen Kabinet begab, als ſuchte ſie eine kurze Erholung, ſo folgte er ihr, jedoch in einer ſolchen Entfernung, daß er ihre Aufmerkſam⸗ keit nicht erregte, und ſtellte ſich neben die Thüre hin, um der kommenden Dinge gewärtig zu ſein. Er brauchte nicht lange zu warten. Ein Thürſteher ging an ihm vorüber und kam bald mit dem Marquis de Guiscard wieder. Als Harley dies ſah, entfernte er ſich, bis der Marquis das Kabinet betreten hatte. Dann näherte er ſich und lehnte ſich an die offenſtehende Thüre in einer ſolchen Stellung, daß er Alles hören konnte, während es den Zuſchauern ſcheinen mußte, als wäre er nur mit dem bunten Anblick des Ballſaales beſchäftigt. Die erſten Worte, welche ſein Ohr erreichten, wurden raſch geſprochen und rührten von der Herzogin her. „Ich weiß, daß Sie das Glück gern auf dem kürzeſten Weg erhaſchen möchten, Herr Marquis,“ ſagte ſie,„und ich will Ihnen einen ſolchen zeigen. Trotz dem Widerſtande aus verſchiedenen Gegenden,— trotz der Weigerung des Mäd⸗ chens ſelbſt,— trotz der Einwilligung zu Masham's Ver⸗ bindung mit ihr, die die Königin in dieſem Augenblicke ge⸗ geben hat, ſollen Sie Abigail Hill dennoch heirathen.“ „Ich würde Alles aufs Spiel ſtellen, wie Eure Durch⸗ laucht weiß, um meine Zwecke zu erreichen,“ erwiederte der Marquis;„aber ich habe ſie ſeit einiger Zeit als hoffnungs⸗ los aufgegeben, und ich ſehe nicht, daß meine Ausſichten durch Neue Beweiſe das, was Eure Durchlaucht mir jetzt ſagt, irgendwie ge⸗ beſſert ſind.“ „Hören Sie mich an, Herr Marquis,“ verſetzte die Her⸗ zogin.„Als Abigail in die Dienſte der Königin trat, über⸗ trug ſie mir die freie Verfügung über ihre Hand und unter⸗ ſchrieb zu dem Ende ein Dokument, welches ich jetzt befitze. Sie iſt daher in der Stellung meiner Mündel und ich kann ſie, wem ich will, zur Ehe geben. Ich biete ſie Ihnen an.“ „Und ich brauche nicht zu ſagen, daß ich das Anerbieten begierig annehme,“ erwiederte Guiscard.„Aber wann beab⸗ ſichtigt Eure Durchlaucht Ihr Anſehen zu behaupten?“ „Nicht eher, als am Tage ihrer Verbindung mit Mas⸗ ham,“ antwortete fie. „Aber es kann eine geheime Trauung ſtattfinden, die Eurer Durchlaucht verborgen bleibt,“ ſagte der Marquis. „Das befürchte ich nicht,“ entgegnete die Herzogin, be⸗ deutungsvoll lächelnd.„Wollen Sie ſich meiner Leitung überlaſſen?“ „Gänzlich,“ antwortete der Marquis. „Genug,“ verſetzte ſie.„Ich will jetzt wieder in den Ballſaal gehen. Nein, begleiten Sie mich nicht, denn ich möchte nicht, daß wir zuſammen geſehen würden. Man könnte unſere Plane errathen.“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Kabinet und grade, als Guiscard ihr folgen wollte, trat Harley ihm plötzlich in den Weg. „Ein Wort mit Ihnen, Hert Marquis,“ ſagte dieſer. „So viel Ihnen gefällig ſind, Herr Harley,“ erwiederte Guiscard mit einer Verbeugung. „Um gleich zur Sache zu kommen,“ verſetzte Harley; „ich habe Alles gehört, was eben zwiſchen Ihnen und der Herzogin vorgefallen iſt.“ „Dann werden Sie wiſſen, daß ich mir noch mit der von Harley's Talent zur Intrigue. 297 Hoffnung ſchmeicheln darf, Ihnen durch Verſchwägerung ver⸗ wandt zu werden,“ ſagte Guiscard mit Frechheit. „Ein wenig ruhiger Ueberlegung muß Sie von der Unmöglichkeit dieſer Plane überzeugen,“ ſagte Harley.„Abi⸗ gail wird ſich. nimmer den Befehlen der Herzogin fügen.“ „Wenn es auch weiter keinen Zweck hat, ſo wird es mir doch meine Rache an Masham kühlen helfen,“ ſagte Guiscard. „Es wird viel vortheilhafter für Sie ſein, wenn Sie in Uebereinſtimmung mit uns handeln,“ entgegnete Harley. „Die Herzogin hat Ihnen keine Belohnung geboten—“ „Verzeihen Sie mir, Herr Harley,“ unterbrach ihn Guis⸗ card,„ſie hat mir die höchſte Belohnung angeboten, indem ſie mir Abigail verſprach. Ich fordere Sie heraus, dies Ge⸗ bot zu überbieten. Aber ich bin billig und laſſe mich gern überzeugen. Was bieten Sie mir?“ „Strafloſigkeit,“ erwiederte Harley.„Wenn ich dies Zimmer verlaſſe, brauche ich nur zum Herzog von Marlbo⸗ rough zu gehen und ihn zu benachrichtigen, daß Sie einen Sergeanten, dem er wichtige Depeſchen anvertraut hatte, von zwei von Ihren Bedienten haben überfallen laſſen,— ich brauche ihm dies, wie geſagt, nur zu eröffnen und zu be⸗ weiſen, wozu ich die Mittel in Händen habe,— und Sie werden einſehen, daß Ihre Gegenwart uns nicht bei der Trau⸗ ung ſtören wird.“ „Die Beſchuldigung iſt falſch!“ rief Guiseard erbleichend. „Nein, Herr Marquis,“ erwiederte Harley,„mir gegen⸗ über nutzt Ihnen keine Verſtellung. Ich kann die beiden Leute aufweiſen. Aber ich möchte die Sache lieber vertuſchen, als offenbaren.“ „Was verlangen Sie von mir, Sir?“ fragte Guiscard. „O, jetzt laſſen Sie in der That mit ſich ſprechen,“ 298 Neue Beweiſe von Harley's Talent zur Intrigue. ſagte Harley.„Ich wünſche, daß Sie ſich auf einem guten Fuß mit der Herzogin erhalten, ganz in ihre Plane eingehen und ſchließlich, wenn Alles in Ordnung gebracht iſt, nach meinen Anweiſungen handeln. Thun Sie dies, und Sie werden mich nicht undankbar finden.“ „Es wird mir zur großen Zufriedenheit gereichen, Ihnen dienen zu können, Herr Harley, wenn es möglich iſt,“ ſagte Guiscard. „Wir verſtehen uns, Herr Marquis,“ erwiederte dieſer trocken.„Als ich Ihnen die geſtohlenen Briefe abkaufte, gaben Sie mir eine Lektion, die ich nicht ſobald vergeſſen werde.“ „Freilich, und dem armen Greg iſt der Mund mit dem Strange geſtopft, ſonſt könnte ich Ihnen noch eine geben,“ murmelte Guiscard.„Sie müſſen ſich verpflichten, mich vor dem Zorne der Herzogin zu ſchützen, Herr Harley,“ fuhr er laut fort. „So weit es in meiner Macht liegt,— allerdings,“ erwiederte er.„Aber ich kann Sie von Abigail's Dankbar⸗ keit verſichern, und Sie werden finden, daß dieſe die Feind⸗ ſchaft Ihrer Durchlaucht mehr als aufwiegt. Jetzt keine Doppelzüngigkeit mehr, Herr Marquis.“ „Nein, Herr Harley, dieſen Vorwurf verdiene ich nicht,“ ſagte Guiscard.„Eben haben Sie mich ſelbſt zum Verräther gemacht.“ „Das iſt freilich wahr,“ entgegnete Harley.„Und da es offenbar in Ihrem Intereſſe liegt, mir treu zu ſein, ſo denke ich, ich kann mich auf Sie verlaſſen.“ Und mit dieſen Worten verließ er das Kabinet. Mrs. Plumpton's und Tipping's Benehmen.„299 Neuntes Kapitel. Wie Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping ſich während der Abwe⸗ ſenheit des Sergeanten benahmen. Als Proddy Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping zum erſten Mal nach der Abreiſe des Sergeanten wiederſah, fand er ſie ſehr niedergeſchlagen und da es ihm nicht gelang, ſte zu tröſten, ſo begab er ſich in die Höhle ſeines abweſen⸗ den Freundes, um dort eine Pfeife zu rauchen und einen Krug Bier zu trinken; und indem er ſo auf dem dreibeinigen Stuhle daſaß und die Trophäen um ihn betrachtete und dann und wann ein melancholiſches Ratatam auf der Trommel ſchlug, überwältigten ihn ſeine Gefühle und er zerfloß in Thränen. Als er herausging, fand er Miſtreß Plumpton mit der Schürze vor den Augen vor der Thüre. „Arme Seele!“ dachte Proddy, indem er an ihr vorüber⸗ ging, denn er ſchämte ſich ein bischen, ſich ſo weich gezeigt zu haben, und fürchtete, ſie hätte ihn ſchluchzen hören.„Was würde ſie thun, wenn ſie ihn ſo geſehen hätte, wie ich ihn ſah, kurz ehe er abreiſte. Sie weinte ſich die Augen aus. Na, ich hoffe, er iſt geſund und munter.“ Ein Paar Tage ſpäter kam ein Brief von dem Ser⸗ geanten mit der Nachricht, daß er wohlbehalten angekommen ſei und ſich einer guten Geſundheit erfreue. Er enthielt viele zarte Grüße an die beiden Damen, und dieſe Gunſtbezeu⸗ gungen waren ſo geſchickt abgewogen, daß man unmöglich ſagen konnte, welche von Beiden ſeinem Herzen näher ſtand. Ungefähr eine Woche ſpäter fiel es Proddy eines Tages ein, Bimbelot zu beſuchen und zu ſeinem Erſtaunen ward ihm die Thür von einem ihm ganz unbekannten Kammer⸗ diener geöffnet, der ihn benachrichtigte, daß ſein Freund zu Hauſe wäre, aber ſeinen Dienſt nicht verſehen könne, weil 300 Mrs. Plumpton's und Tipping's Benehmen er ſich ſehr unwohl befinde. Proddy, der hierüber ſehr viel Beſorgniß und ein heftiges Verlangen, ihn zu ſprechen, blicken ließ, ward in ein kleines Zimmer neben der Küche geführt, wo er Bimbelot, allerdings ſehr blaß ausſehend, mit einem Arm in der Schlinge fand, während Sauvageon, deſſen Kopf verbunden war, als wäre er an demſelben verwundet, neben ihm ſaß. Beide ſchienen bei ſeinem Anblick ſehr überraſcht und beunruhigt zu ſein. „Alle Tauſend!“ rief Proddy, ſie anſtarrend,—„was gibt's denn? Wieder eine Ehrenſache ausgemacht, he?“ „Non, non, mon cher cocher,“ antwortete Bimbelot, „wir ſind verwundet geworden von die Ach! fürch⸗ terliche Kerle, dieſe Mohocks!“ „Das habe ich gehört,“ entgegnete Proddy;„aber ich habe immer noch das Glück gehabt, ihnen aus dem Wege zu gehen. Thut mir leid, Sie in ſolchem Zuſtande zu ſehen. Wann iſt es geweſen?“ „Wann!“ rief Bimbelot etwas verlegen.„O, vor zwei oder drei Nächten.“ „Na, es iſt doch ſonderbar, daß ich nichts davon gehört habe,“ entgegnete Proddy,„aber ſie ſcheinen Ihnen derb zu⸗ geſetzt zu haben. Ich hoffe, Sie haben ſie nicht leer aus⸗ gehen laſſen. Wie viele waren es?“ „Wie viele!“ wiederholte Bimbelot.„Laſſen Sie mich ſehen,— ich weiß es nicht genau. Wie viele glauben Sie wohl, Korporal?“ „Ventrebleu! Ick'aben ſie nicht gezählt,“ antwortete Sauvageon.„Vielleicht zwei Dutzend.“ „Zwei Dutzend!“ rief Proddy,„das war eine furcht⸗ bare Uebermacht. Kein Wunder, daß Sie ſo ſchlimm davon gekommen ſind. Wahrhaftig, der Sergeant hatte Noth, es—“. Aber er gedachte ſeines Verſprechens und hielt plötzlich inne. in Abweſenheit des Sergeanten. 301 „Que dites vous, monsieur?“ rief Bimbelot.„Was wollten Sie ſagen?“ „Ich wollte ſagen, daß ich eben einen Brief von dem Sergeanten aus dem Haag erhalten habe,“ antwortete Proddy. „Ah, mon dicu!“ rief Bimbelot.„Iſt es möglich, daß er da iſt angekommen geſund, mit ſeine Wunden?“ „Wunden!“ wiederholte Proddy,„wer ſagt Ihnen, daß er verwundet war?“ „Nun, Sie ſelbſt doch,“ verſetzte Bimbelot, um ſein Verſehen wieder gut zu machen.„Sie ſagten eben, er wäre verwundet geworden ſehr ſchwer,— nicht wahr, Korporal?“ Sauvageon brummte eine Bejahung. „Na, wenn ich es gethan habe, ſo iſt es ohne meinen Willen geſchehen,“ erwiederte Proddy.„Er iſt freilich von einigen feigen Meuchelmördern auf dem Wege nach der Fähre beſchädigt worden. Aber er denkt weiter nicht daran, wie es ſcheint, denn er erwähnt deſſen nicht. Aber die Kerle werden ihn ſo leicht nicht vergeſſen. Er ſagt, er hat ihnen einen gehörigen Denkzettel gegeben,— ha! ha!“ „Wahrhaftig!“ rief Bimbelot zähneknirſchend und nach Sauvageon blickend.„Sarpedien! quand je suis rétabli, je creverai la téte de ce coquin.“ „Was ſprechen Sie da, Bamby?“ fragte der Kutſcher, als er ſeinen zornigen Blick bemerkte.„Es iſt nicht höflich, wenn man in Gegenwart eines Gentleman, der es nicht ver⸗ ſteht, franzöſiſch ſpricht.“ „Pardon, mon cher cocher, pardon,“ rief Bimbelot. „Je veux dire,— ich meine, daß ſie den Sergeanten nicht ſo bald vergeſſen werden, die ihn haben angegriffen,— ha! ha!“ „Nein, dafür ſtehe ich, das ſollen ſie nicht,“ erwiederte Proddy lachend. „Und ihm vergeben, auch nicht,“ murmelte Sauvageon. „Sie werden ihm eines Tages die alten Schulden bezahlen.“ * 302 Mrs. Plumpton's und Tipping's Benehmen „He! Savagejohn, was ſoll das heißen?“ rief Proddy. „O! nichts, nichts,“ erwiederte der Korporal,„aber Sie poſaunen immer nur den Sergeanten aus.“ „Das verdient er auch,“ entgegnete Proddy ſtolz. „Hören Sie, Proddy,“ bemerkte Bimbelot,„hat der Sergeant auf Jemand Verdacht, wie?“ „Mehr als Verdacht,“ antwortete Proddy bedeutungs⸗ voll.„Gewißheit. Er kannte ſie ſehr gut.“ „Ah, diable!“ rief Bimbelot.„Und hat er Ihnen geſagt ihre Namen,— he?“ „Nein,“ antwortete Proddy,„die hat er bei ſich be⸗ halten, weil er, wie er ſagte, das Vergnügen haben wollte, ihnen bei ſeiner Rückkunft den Hals abzuſchneiden!“ Bimbelot und Sauvageon wechſelten beſorgte Blicke, während Proddy bei ſich murmelte: „Hol' der Teufel dieſe Schufte! Ich glaube, ſie find es geweſen, und es kann nicht ſchaden, wenn ich ihnen ein bischen Angſt mache.“ „Et comment se trouvent les dames,— wie geht es Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping ſeit der Abreiſe des Sergeanten?“ fragte Bimbelot nach einer Pauſe. „O, ſo ziemlich,— ſo gut ſich erwarten ließ, arme Seelen!“ erwiederte Proddy.„Es iſt ein harter Verluſt.“ „Ein harter Verluſt,— arme Seelen,“ wiederholte Bimbelot grinſend.„Bitte, empfehlen Sie uns ihnen und ſagen Sie, der Korporal und ich, wir wollen uns die Ehre geben, ſie zu beſuchen und ſie zu troſten.“ „Ich will Ihre Beſtellung ausrichten, das iſt gewiß, aber ich glaube, es wird nicht viel helfen,“ entgegnete Proddy. „Am beſten, Sie kommen einmal des Mittwochs Abends, denn dann werde ich auch da ſein.“ „Das wird uns noch angenehmer ſein,“ ſagte Bimbelot; in Abweſenheit des Sergeanten. 303 „wir wollen am nächſten Mittwoch kommen, wenn wir keine Abhaltung haben. Aber Sie gehn doch noch nicht?“ „Ich muß,“ antwortete Proddy aufſtehend.„Guten Tag, meine Herrn.“ Und nach mehreren Verbeugungen auf beiden Seiten entfernte er ſich. „Ich will Ihnen etwas ſagen, Korporal,“ ſagte Bim⸗ belot, ſobald der Kutſcher fort war,„es wäre nicht mehr wie billig, wenn wir uns an Seales dadurch rächten, daß wir ihm ſeine Geliebten in ſeiner Abweſenheit raubten. Was meinen Sie? Sollen wir es verſuchen?“ „Von ganzem Herzen,“ antwortete Sauvageon.„Viel⸗ leicht gelingt uns das beſſer.“ „O, ich fürchte mich nicht vor einem Fehlſchlag,“ erwie⸗ derte Bimbelot;„ich ſchmeichle mir, eben ſo viele Reize, als ein alter ausgedienter Soldat, in den Augen einer Dame zu haben. Ich werde Miſtreß Tipping belagern,— und Sie Miſtreß Plumpton.“ „Topp!“ entgegnete Sauvageon. Ihrem Verſprechen getreu begaben die beiden Franzoſen ſich am verabredeten Mittwoch nach Marlborough⸗Haus. Bimbelot hatte ſich mit einem Sammtrock, Atlasweſte und ſeidenen Strümpfen angethan, trug einen Degen an der Seite, breite Spitzenmanſchetten am Handgelenk und eine volle wohlgepuderte Perrücke auf dem Kopf. Seines Herrn Toi⸗ lettentiſch hatte er nach Parfümerien durchſucht und ſein linker Arm hing in einer ſeidenen Binde. So herausgeputzt, ſah er in ſeinen Augen hübſch und intereſſant,— ja, un⸗ widerſtehlich aus. Der Korporal hatte ſich auch ein bischen blank gemacht, ſeine Perrücke gepudert und eine neue Schleife an ſeinen ungeheuren Zopf gebunden, aber ſeine äußere Erſcheinung, die nie ſehr anziehend war, gewann eben nicht durch den um die Stirn gewundenen dicken Verband. An ihrem Beſtimmungsort angelangt, begaben ſie ſich 304 Mrs. Plumpton's und Tipping's Benehmen gleich zur Küche, wo ſie den größten Theil der Hausgenoſſen⸗ ſchaft beiſammen fanden, Herrn Brumby, den Kutſcher des Herzogs, den ſie früher noch nie getroffen hatten, nicht aus⸗ genommen. Herr Fiſhwick, der ſich an einem Kruge Bier labte, da er ziemlich ſtark mit den Vorbereitungen zu einem am folgenden Tage zu gebenden Feſte beſchäftigt geweſen war, bot ihnen ein herzliches Willkommen und die Damen waren entzückt, ſie zu ſehen. Dieſe Begrüßungen waren kaum be⸗ endigt, als Proddy erſchien. Seinem Plane getreu, beſchäftigte Bimbelot ſich mit Miſtreß Tipping, machte ihr die übertriebenſten Komplimente und that, als wäre er ſterblich in ſie verliebt, wogegen ſie, die eine ziemliche Kokette war, wie man geſtehen muß, ihn hinlänglich dazu ermuthigte. Der“ Korporal machte mit Miſtreß Plumpton keine eben ſo großen Fortſchritte. Ob er nicht mit einer ſo großen Gabe zu gefallen, wie ſein Freund, verſehen war, oder ob Miſtreß Plumpton dem Sergeanten treuer war, mag für jetzt dahingeſtellt bleiben; genug, ſeine Komplimente waren verſchwendet und ſeine ſchönen Redens⸗ arten trafen auf unaufmerkſame Ohren. Ein ruhiger Beob⸗ achter des Vorfallenden, that Proddy, als wäre er in ein Geſpräch mit ſeinem Amtsgenoſſen, Herrn Brumby, vertieft, aber ſeine Augen und Ohren blieben für das Treiben der Andern offen. Als er ſah, wie ſehr Bimbelot von Miſtreß Tipping ermuthigt ward, hielt er es endlich für Zeit, ſich ins Mittel zu legen. „Na, Miſtreß Tipping, ich muß ſagen,“ begann er,„die Aufmerkſamkeiten von Mosjeh Bimbelot ſcheinen Ihnen ge⸗ waltig zu gefallen. Ich möchte wiſſen, was der Sergeant ſagen würde, wenn er hier wäre. Es iſt vielleicht eben ſo gut, daß er es nicht iſt.“ E. „Ich wüßte nicht, worüber ſich der Sergeant beklagen könnte, Herr Proddy,“ erwiederte Miſtreß Tipping ſchnippiſch. ———— in Abweſenheit des Sergeanten. 305 „Es iſt mir nicht bekannt, daß ich mit Niemand anders in ſeiner Abweſenheit ſprechen darf.“ „Und wenn es auch ſo wäre, ma mignonne, ſo hat es nichts zu ſagen,“ entgegnete Bimbelot.„Ein Soldat rechnet nie auf Treue,— ha! ha! Aber ich weiß nicht, was der Sergeant mit zwei Frauen anfangen ſoll. Iſt es ſchon aus⸗ gemacht, wer von ihnen beiden Miſtreß Scales werden ſoll?“ „Hat er Ihnen einen Antrag gemacht, Plumpton?“ fragte Miſtreß Tipping. „Ich werde dieſe Frage nicht beantworten,“ erwiederte dieſe.„Hat er Ihnen einen Antrag gemacht, Tipping?“ „Dieſe Frage werde ich auch nicht beantworten,“ ver⸗ ſetzte ſie. „Es iſt augenſcheinlich, daß er Beide nur zum Beſten hat,“ ſagte Bimbelot. „Das iſt nicht wahr,“ rief Proddy.„Der Sergeant iſt deſſen unfähig. Er meint es immer ernſt. Er heirathet gewiß—“ „Welche von beiden, Proddy?“ unterbrach ihn Brumby lachend,„denn ich will mich auspeitſchen laſſen, wenn ich es weiß. Und was noch mehr iſt, ich glaube, die beiden Fruuer⸗ zimmer wiſſen es eben ſo wenig.“ „Es iſt zu ſchlecht von dem Sergeanten,“ rief Timperley, in das Gelächter einfallend.„Er läßt andern Leuten nichts übrig.“ „Nicht das mindeſte,“ rief der ſtattliche Herr Parker,. der Kellermeiſter.„Ich denke, wie Sie, Timperley, es iſt zu ſchlecht.“„ „G'est affreux,— intolerable!“ rief Bimbelot, mit einem leidenſchaftlichen Blick auf Miſtreß Tipping.„Ich hoffe, er bleibt im Kriege,“ ſetzte er leiſe hinzu. „Kein vun Bambi,“ rief Proddy, auf ihn zuſchrei⸗ tend.„Kein Händedrücken. Ich erlaube es nicht.“ — Ainsworth, St. James's. I. 20 3 306 Mrs. Plumpton's und Tipping's Benehmen „Bitte, Herr Proddy, wer hat Ihnen das Recht gegeben, ſich darein zu miſchen?“ fragte Bimbelot ärgerlich. „Der Sergeant,“ erwiederte der Kutſcher muthig.„Er hat die Damen meiner Obhut anvertraut und ich werde fie bewachen, ſo lang ich kann.“ „Sehr verbunden, Herr Proddy,“ verſetzte Miſtreß Tipping,„aber ich bilde mir ein, wir können uns ſelbſt bewachen.“ „Bloße Einbildung, wenn man nach dem äußern Schein urtheilen darf,“ bemerkte der Kutſcher. „Na, ich wünſche von ganzem Herzen, der Sergeant wäre wieder da,“ rief Fiſhwick,„es that Einem wohl, ſeine Abenteuer erzählen zu hören.“ „Ja, ich ward es nie müde, zu hören, wie er die Mos⸗ jehs zuſammengehauen hat,“ ſagte Proddy mit einem Seiten⸗ blick auf die beiden Franzoſen.„Haben Sie ihn je erzählen hören, wie er die Lunette von Ypern in der Belagerung von Menin ſtürmte?“ „Niemals,“ erwiederte Fiſhwick,„und wenn Sie es noch wiſſen, ſo geben Sie es zum Beſten.“ Proddy ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, ſondern ging zum Feuerheerd und nahm den Spieß herunter, an deſſen Spitze er ſein Taſchentuch mit zwei Zipfeln band, ſo daß er eine Art von Fahne zu Stande brachte. Hierauf ergriff er einen Kochlöffel und pflanzte ſich zur unendlichen Beluſti⸗ gung der beiden Franzoſen, ja der ganzen Geſellſchaft, vor den Koch hin und begann ſeine Erzählung. „Na, Sie müſſen wiſſen, daß Menin eine der ſtärkſten Feſtungen in Flandern iſt und für das Meiſterſtück des be⸗ rühmten Marſchall Vauban gehalten wird.“ „Marſchall Vauban iſt der erſte Ingenieur in die Welt,“ rief Sauvagevn. „Das mag ſein, wie es will, genh er hat keine ſo in Abweſenheit des Sergeanten. 307 ſtarke Feſtung gebaut, die ſich gegen den Herzog von Marl⸗ borough gehalten hätte,“ fuhr Proddy fort.„Aber das hat hier nichts zu thun. Um weiter zu kommen: außer daß es ſtark befeſtigt und gut beſetzt war, war das Fort Menin wegen der Ueberſchwemmungen der Lys ſchwer zugänglich. Nun gut, der Herzog nimmt eine Stellung davor ein und als der Ort faſt einen Monat lang belagert worden war und die Werke hinlänglich vorgerückt waren, um einen An⸗ griff zu wagen, ward das Signal durch die Sprengung von zwei Minen gegeben, die an den Ecken einer Baſtion, mit Namen die Lunette von Ypern, gelegt worden waren. Unter der Stille, die auf dieſes furchtbare Getöſe folgte, ſtürmt das erſte Detaſchement der Belagerer, in dem ſich auch unſer Ser⸗ geant befand, auf die Palliſaden ein, die einen bedeckten Gang nach der Feſtung ſchützten, wirft eine Menge Granaten hinein und nimmt ſie während der allgemeinen Beſtürzung über ihre Exploſionen. Sie können ſich vorſtellen, was es jetzt für ein Geſchieße und Gemetzel gab, denn jeder Zoll wird hart⸗ näckig vertheidigt. Unterdeſſen dringt unſer Sergeant durch ein Feuer, ſo dicht wie Hagel, während ſeine Kameraden bei jedem Schritt um ihn hinſtürzen, über Courtine und Conter⸗ ſtarpe, bis er dicht vor der Lunette ſelbſt ſteht. Eine Sturm⸗ leiter wird aufgerichtet, aber das Feuer iſt ſo heftig, daß Niemand hinaufſteigen will, bis der Sergeant vortritt, die Leiter hinaufſtürmt und zwei von den Vertheidigern nieder⸗ haut. Dann packt er eine Fahne, die auf der Baſtion wehte, ſchwenkt ſie über ſeinem Kopf und ſchreit, ſo laut er kann: Kommt herauf, Jungens!““ Indem Proddy dies ſprach, ſprang er auf einen kleinen Schemel und ſetzte ſeinen rechten Fuß auf einen daneben ſtehenden Stuhl, wobei er die nachgemachte Fahne über ſeinen Kopf erhob und mit dem Kochlöffel nach der eingebildeten Lunette in ſeiner Erzählung hinwies, und brüllte mit ſtento⸗ 308 Mrs. Plumpton's und Tipping's Benehmen riſcher Stimme:„Heran, Jungens, ſage ich! Wir wollen dieſen Mosjehs noch eine Tracht geben. Heran! Marlborough und Sieg!“ Zu gleicher Zeit ſtarrte er Bimbelot wüthend an und dieſer wandte das Geſicht ab, als ob er ſich ſehr fürchte, obgleich er vor Lachen berſten wollte, während Sauvageon ſein Geſicht hinter ſeinen Hut ſteckte, um ſeine Fröhlichkeit zu verbergen. Fiſhwick nahm ſeine Mütze ab und ſchwenkte ſie in der Luft, und die ganze Geſellſchaft ſtimmte in Proddy's Geſchrei ein. Dieſer war ſo von der hervorgebrachten Wir⸗ kung entzückt, daß er beinahe fünf Minuten lang in derſelben Stellung blieb und beſtändig lärmte:„Heran, Jungens! — heran!“ „Akkurat, wie der liebe Sergeant!“ rief Miſtreß Plump⸗ ton, vor Bewunderung hingeriſſen. „Ich weiß nicht, ob ich mich mehr ängſtigen oder freuen ſoll,“ ſagte Miſtreß Tipping.„Der liebe Sergeant ſollte ſein koſtbares Leben nicht ſo aufs Spiel ſetzen.“ „Nun, was geſchah dann, Bruder Proddy?“ fragte Brumby, der ſich hinter dem Kutſcher in einem Stuhl wiegte und dem die beſtändige Wiederholung deſſelben Rufs etwas langweilig vorzukommen anfing. „Ach, jetzt kommt das größte Unglück von der ganzen Geſchichte,“ erwiederte Proddy;„kaum waren die Worte aus ſeinem Munde, ſo kommt eine Kugel und trifft ihn klatſch an die Schulter und wirft ihn rein von der Lunette herunter.“ Bei der Beſchreibung dieſes verhängnißvollen Umſtandes verlor der Kutſcher unglücklicherweiſe ſein eigenes Gleichge⸗ wicht und hielt ſich, rücklings zu Boden fallend, an Brumby und Miſtreß Tipping feſt, die er Beide mit ſich herabzog. Die Uebrigen flogen ihnen zu Hülfe und als man ihnen auf die Beine geholfen hatte, fand es ſich, daß Niemand Schaden gelitten hatte. Durch dieſen Zufall keineswegs ent⸗ — — in Abweſenheit des Sergeanten. 309 muthigt, erzählte Proddy noch einige von den Heldenthaten des Sergeanten und ſchien ein beſonderes Vergnügen daran zu finden, bei ſeinen häufigen Züchtigungen der Franzoſen zu verweilen. „Wahrſcheinlich wird er uns viel zu erzählen haben, wenn er wieder kommt,“ ſagte Fiſhwick.„Mir ahnt ein ruhmreicher Feldzug für den Herzog.“ „Es iſt faſt unmöglich, daß er ſeine früheren Erfolge noch übertreffen kann,“ ſagte Proddy. „Das Glück kann ſich drehen,“ bemerkte Sauvageon, „und der Herzog ſelbſt kann noch einen Wechſel erfahren.“ „Ich halte es nicht für wahrſcheinlich,“ meinte Brumby; „es iſt oft prophezeit worden, aber es iſt noch nie eingetroffen.“ „Und wird auch nie eintreffen,“ ſagte Parker. Bald nachher ward das Abendeſſen für die Bedienung aufgetragen, und es bedurfte keiner großen Nöthigung, um die beiden Franzoſen zu bewegen, daran theilzunehmen. Bim⸗ belot bemühte ſich, einen Platz neben Miſtreß Tipping zu erhalten und Proddy bemerkte, daß er offenbar große Fort⸗ ſchritte in ihrer Gunſt machte. Der Verdruß darüber benahm ihm den Appetit und trotz Fiſhwick's und Brumby's Scherzen mochte er weder eſſen noch trinken. Endlich ſchlug die Stunde der Trennung. Der Kutſcher ſagte ſeinen beiden Freundinnen ein mürriſches Lebewohl; aber als er bemerkte, daß Bimbelot nicht mit Sauvageon herauskam, ging er wieder zurück, um nach ihnen zu ſehen, und indem er den nach der Küche führenden Gang durch⸗ ſchritt, ſah er ihn in einen Schrank kriechen. Ohne ein Wort zu ſagen, ging er raſch darauf zu, verſchloß die Thüre, zog den Schlüſſel ab, ſteckte ihn in die Taſche und verließ das Haus mit geheimer Freude über den Streich, den er ihm geſpielt hatte. 310 Die Königin beſtimmt Zehntes Kapitel. Die Königin beſtimmt den Hochzeitstag. Die Königin befand ſich mit ihrem Gemahl allein in der Bibliothek des St. James⸗Palaſtes, als ein Thürſteher meldete, daß der Herzog von Marlborough und der Lord Schatzmeiſter um eine Audienz nachſuchen. „Laß ſie ein,“ ſagte Anna.„Wahrſcheinlich eine neue Forderung,“ bemerkte ſie gegen den Prinzen. „Das wüßte ich nicht,“ erwiederte er.„Vielleicht wollen ſie uns erzählen, daß der Chevalier de Saint⸗George in Schottland gelandet iſt. Oder vielleicht iſt er gefangen.“ „Der Himmel verhüte es!“ rief die Königin haſtig. Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, ſo traten Marl⸗ borough und Godolphin ein. „Wir bringen Eurer Majeſtät gute Botſchaft,“ ſagte der Herzog;„die Invaſion iſt beendigt.“ „So iſt er alſo gefangen?“ rief Anna. „Der Prätendent?— Nein,“ antwortete Marlborough. „Er iſt doch nicht getödtet?“ fragte die Königin. „Nein, er lebt, Eurer Majeſtät zu fernerer Beunruhi⸗ gung,“ verſetzte der Herzog. „Dem Himmel ſei gedankt!“ rief ſie. „Aber was iſt denn geſchehen, Eure Durchlaucht,— was iſt geſchehen?“ fragte Prinz Georg ungeduldig. „Eure Hoheit wird wiſſen,“ antwortete Marlborough, „daß nachdem die franzöſiſche Flotte dem Admiral Byng in der Meerenge von Forth begegnet war, ihr Befehlshaber ſeinen Plan änderte und nach Inverneß ſegelte, in der Er⸗ wartung, daß eine Inſurrektion zu Gunſten des Prätendenten ſtattfinden würde.“ „Ich weiß es,“ ſagte der Prinz,„und ich weiß auch, — „— den Hochzeitstag. 311 daß die Unterdrückung der Inſurrektion hauptſächlich, wenn nicht gänzlich, den trefflichen Vorſichtsmaßregeln Eurer Durch⸗ laucht zu verdanken iſt.“ „Eure Hoheit erzeigt mir ſehr viel Ehre,“ verſetzte Marlborough, ſich verbeugend.„Aber zur Sache. Die Elemente ſelbſt ſcheinen zu unſern Gunſten gekämpft zu haben. Ein heftiger Sturm verhinderte die Landung und trieb die Flotte in die offene See zurück, und es iſt ihnen erſt nach vielen Unglücksfällen und ſchweren Verluſten gelungen, nach Dünkirchen zurückzukommen.“ „Dann ſfind wir dem Wetter eben ſo ſehr, als unſern Anſtrengungen wegen unſrer Befreiung verſchuldet,“ ſagte die Königin. „Ohne Zweifel iſt Blutvergießen verhindert worden,“ erwiederte der Herzog.„Dennoch iſt es zu bezweifeln, ob der Prätendent nicht eine härtere Lehre erhalten hätte, wenn er ſeine Truppen gelandet hätte. Vielleicht hätte er keinen zweiten Verſuch mehr anſtellen können. Indeſſen die gegen⸗ wärtige Gefahr iſt vorüber, und der Lord Schatzmeiſter iſt mit mir gekommen, um Eurer Majeſtät unſre Beglückwün⸗ ſchungen wegen des glücklichen Ausgangs einer Angelegenheit zu bringen, die mit ſo viel Gefahren und Schwierigkeiten verbunden zu ſein ſchien.“ „Ich danke Ihnen herzlich, Mylords,“ erwiederte Anna. „Beide Parlamentshäuſer werden Eurer Majeſtät bei dieſer Gelegenheit ehrfurchtsvolle Adreſſen überreichen,“ ſagte Godolphin,„in denen unſer Benehmen hoffentlich belobt werden wird(wenn es bei näherer Erwägung Lob verdient) und das unſrer Feinde, und der Feinde des Landes, den ge⸗ rechten Tadel finden wird.“ „Ohne Zweifel, Mylerd,“ erwiederte Prinz Georg— „ohne Zweifel. Ihre beſonderen Verdienſte in Betreff der lobenswerthen Verwaltung des königlichen Schatzes, ſo wie 312 Die Königin beſtimmt die des Herzogs, der Ihrer Majeſtät Armeen mit ſo ausge⸗ zeichnetem Ruhm angeführt hat, werden das gebührende Lob 1 erhalten.“ 3„Ich hoffe, Eure Majeſtät wird in Ihrer Antwort dies 4 Eine erklären,“ ſagte Marlborough,„daß Sie Ihr Vertrauen künftig nur denen ſchenken werden, welche ſolche wiederholte— 1 Beweiſe ihres Eifers für die Sicherheit ihres Thrones und für die proteſtantiſche Nachfolge gegeben haben. 3„Ich werde Ihre Worte bedenken, Mylord,“ erwiederte Anna kalt.— 11„Eure Majeſtät wird auch bedenken,“ ſagte Godolphin, „und wir dürfen es wohl wiederholen, daß Alles, was Ihrem Volke theuer iſt und durch Ihre Regierung erworben worden iſt, unwiederbringlich verloren gehen würde, wenn die Pläne des Päpſtiſchen Prätendenten jemals verwirklicht werden ſollten.“ „Genug, Mylord,“ rief Anna verdrießlich—„meine Lektion iſt ſchon lang genug geworden.“ „Da jetzt alle Gefahr der Invaſion vorüber iſt,“ ſagte Marlborough,„ſo muß ich Eure Majeſtät um Erlaubniß bitten, zu Ihren Truppen in Flandern ſtoßen zu dürfen. Prinz Eugen erwartet mich voll Ungeduld im Haag, um die Vorbereitungen zu dem kommenden Feldzug zur Reife zu bringen.“ „Sie haben ſie,“ antwortete die Königin.„Und wann gedenken Sie abzureiſen?“ „Morgen,“ erwiederte der Herzog,„wenn Eure Majeſtät meiner nicht weiter bedarf.“ „Ich bedaure, Eure Durchlaucht verlieren zu müſſen,“ 1 ſagte Anne.„Aber ich weiß, daß Sie für mich neue Ehren 3 und für ſich ſelbſt neue Lorbeern ärnten werden.“ 3„Ich reiſe mit weniger frohen Gefühlen, als ſonſt, ab, gnädigſte Frau,“ entgegnete der Herzog,„weil ich weiß, daß ————————— 5 —— den Hochzeitstag. 313 ich einen hinterliſtigen Feind zurücklaſſe, der alle meine An⸗ ſtrengungen für Ihre Wohlfahrt zu vernichten ſtrebt. Ich flehe Sie an, ſo wahr Sie die Sicherheit Ihrer Regierung und das Gedeihen Ihres Königreichs wünſchen, Abigail Hill aus Ihren Dienſten zu entlaſſen. Sie iſt ein bloßes Werk⸗ zeug in Harley's Hand und ſo lange fie ſich in Ihrer Nähe befindet und das Gift jener Schlange in Ihr Ohr flößen kann, werden wir vergebens auf Ihr Vertrauen rechnen können. Alle unſte beſten Anſtrengungen werden gelähmt werden. Bei dem Eifer und der Ergebenheit, die ich Eurer Majeſtät bewieſen habe und bis zum letzten Athmenzuge zu beweiſen bereit bin, beſchwöre ich Sie, auf mich zu hören.“ „Behelligen Sie ſich nicht mit meinen häuslichen An⸗ ordnungen, Mylord,“ erwiederte die Königin;„Abigail iſt nur meine Dienerim“ „Dem Schein nach iſt ſie es,“ entgegnete der Herzog, „aber Sie ſelbſt, gnädigſte Frau, merken kaum den Einfluß, welchen ſie auf Sie ausübt. Es füällt dem ganzen Hofe auf,— ja, ſelbſt auswärtigen Höfen,— und thut Ihnen und Ihren Miniſtern unberechenbaren Schaden.“ „Es iſt nur eine Variation über das alte Gerede, Eure Durchlaucht,“ ſagte Anna.„Es iſt noch nicht lange her, als es hieß, ich würde von der Herzogin von Marlborough regiert.“ „Ich hoffe, Eure Majeſtät wird die Herzogin nicht durch einen Vergleich mit Abigail Hill herabwürdigen,“ ent⸗ gegnete der Herzog ſtolz. „Ein Vergleich iſt nicht wohl möglich, Mhlord,“ ſagte Anna. „Einer Herrſcherin iſt eine treue Rathgeberin nöthig,“ fügte Godolphin hinzu,„und män hat immer geſagt, daß Eure Majeſtät glücklich genug wären, eine ſolche in der Her⸗ zogin zu beſitzen.“ „Wenn Treue und Ergebenheit Anſprüche auf ein ſol⸗ 314 Die Königin beſtimmt ches Amt geben, ſo beſitzt Ihre Durchlaucht die erforder⸗ lichen Eigenſchaften in dem höchſten Grade,“ ſagte der Herzog. „Sie befitzt mehr als dieſe,“ fuhr Godolphin mit Feſtig⸗ keit fort;„ſie beſitzt eine Urtheilskraft, wie keine andre Frau im ganzen Königreich.“ „Und Anmaßung dazu,“ verſetzte die Königin bitter. „Ich habe ſchon lange gefühlt, daß Ihre Durchlaucht ſich das Mißfallen Eurer Majeſtät zugezogen hat,“ ſagte der Herzog,„und ich fürchtete die Veranlaſſung deſſelben. Hoch⸗ müthig und gebieteriſch iſt ſie, ich gebe es zu. Aber ihr ganzes Herz gehört Ihnen.“ „Ich widerſpreche dem nicht, Mhlord,“ erwiederte Anna beſänftigt.„Trotz ihres heftigen Benehmens glaube ich, daß die Herzogin mich liebt.“ „Sie iſt Ihnen treu ergeben,“ entgegnete der Herzog; „o, Madame, laſſen Sie mich Sie bitten, ihr zu vertrauen. Entlaſſen Sie Ihre unwürdige Favorite.“ „Wenn Sie wünſchen, daß die Herzogin ihre Stellung in meiner Nähe beibehält, ſo werden Sie dieſe Bitten unter⸗ laſſen, Mylord,“ ſagte Anna. „Ich bin fertig;“ erwiederte Marlborvugh;„ich nehme meinen Abſchied von Eurer Majeſtät.“ Er beugte ſein Knie vor ihr und drückte ihre Hand an ſeine Lippen. „Leben Sie wohl, Mylord,“ ſagte Anna.„Alle guten Wünſche begleiten Sie.“ Und mit einer Verbeugung gegen den Prinzen zogen der Herzog und der Schatzmeiſter ſich zurück. „Eure Majeſtät läßt ſich in Ihrer Anhänglichkeit an Abigail nicht irre machen, wie ich ſehe,“ ſagte der Prinz, eine Prieſe nehmend. „Sie wenden grade alle Mittel an, mich nur um ſo feſter an ſie zu ketten,“ antwortete die Königin. den Hochzeitstag. 315 „Das freut mich,“ bemerkte der Prinz.„Masham iſt dieſen Morgen bei mir geweſen und hat mich um meine Fürſprache zur Beſchleunigung ſeines Glücks gebeten.“ „Dieſe ewigen Bitten ermüden mich bis zu Tode,“ ſagte Anna gutmüthig,„ich muß ihnen auf irgend eine Art ein Ende machen. Laſſen Sie Abigail kommen.“ „Sogleich!“ erwiederte der Prinz, zu dem Thürſteher eilend.„Wir müſſen den günſtigen Augenblick benutzen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt. Wenige Minuten darauf trat die Favorite ein. „Der Herzog von Marlborough und der Lord Schatz⸗ meiſter ſind eben hier geweſen, Abigail, und haben Ihre Entlaſſung gefordert,“ ſagte die Königin. „In der That, Madame!“ entgegnete dieſe zitternd. „Soll ich alſo—“ „Sie ſollen morgen mit Herrn Masham verbunden werden,“ erwiederte Anna. „O, Madame,“ rief Abigail, ſich der Königin zu Füßen werfend.„Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen nicht ge⸗ bührend danken kann. Mein Herz würde ſprechen, wenn es könnte.“ „Nein, es bedarf keines Danks,“ entgegnete Anna.„Ich finde mein Glück darin, Sie glücklich zu machen, und mein Benehmen wird Ihren Feinden beweiſen, daß meine Liebe und mein Schutz Ihnen nicht durch Drohungen oder Bitten abwendig gemacht werden kann. Jedoch, da ich jeden Auf⸗ tritt bei dieſer Gelegenheit vermeiden möchte, ſo ſoll die Trauung morgen Abend insgeheim in den Zimmern meines Leibarztes, Dr. Arbuthnot, ſtattfinden.“ „Ein weiſer Entſchluß!“ rief der Prinz. „O, ich hoffe, die Herzogin wird nichts davon erfahren,“ rief Abigail. „Es iſt nicht wahrſcheinlich,“ entgegnete die Königin. 316 Wie der Herzog von Marlborough „Und jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten. Es gibt Zeiten, wann man gern allein iſt,— um ſich unge⸗ hindert ſeinen Gefühlen zu überlaſſen. Nehmen Sie dies Taſchenbuch. Es enthält zweitauſend Pfund. Es iſt Ihre Mitgift.“ „Eure Majeſtät überhäuft mich mit Güte!“ rief Abigail mit inniger Rührung. „Ich werde Masham von dem guten Glück benachrich⸗ tigen, das ihn erwartet,“ ſagte der Prinz,„und ich ſage Eurer Majeſtät in ſeinem Namen für Ihre Güte Dank. Sie haben uns Alle ſehr glücklich gemacht,“ fügte er hinzu, in⸗ dem er eine Thräne wegwiſchte,„ſehr,— ſehr glücklich.“ Abigail verſuchte zu ſprechen, aber ſie konnte keine Worte finden, und mit einem Blick der tiefſten Dankbarkeit und Ergebenheit auf die Königin entfernte ſie ſich. Elftes Kapitel. Wie der Herzog von Marlborough nach Flandern abreiſte. Der Herzog von Marlborvugh blieb bei ſeinem Plane, am folgenden Tage abzureiſen. Eine Barke hatte Befehl, ihn an der Whitehall⸗Treppe zu erwarten, um ihn an Bord des Schiffes zu bringen, in welchem er abſegeln ſollte und das bei Queenhithe vor Anker lag. Der Herzog wünſchte ſich insgeheim einzuſchiffen, aber die Herzogin befiegte ſeinen Wunſch und gab Befehl, daß der Staatswagen um Mittag in Bereitſchaft wäre. Da das Gerücht von der Abreiſe des Herzogs ſich in der Stadt verbreitet hatte, ſo verſammelte ſich lange vor der feſtgeſetzten Zeit eine ungeheure Menſchenmenge vor Marl⸗ borough⸗Haus. Dies war es, worauf die Herzogin ge⸗ rechnet hatte, und ſie wünſchte ſich über den Erfolg ihres nach Flandern abreiſte. 317 Planes Glück, als ſie von den Fenſtern ihrer prachtvollen Wohnung aus das von Augenblick zu Augenblick wachſende Gedränge bemerkte. Kurz vor zwölf Uhr ließ der Herzog ſeine Gemahlin zu ſich in ſein Kabinet bitten. Es war, um Abſchied von ihr zu nehmen. Er ſchien tief ergriffen zu ſein und hielt ihre Hand einige Zeit lang ſprachlos in der ſeinigen. Die Herzogin war weniger bewegt, aber es bedurfte ihrer ganzen Feſtigkeit, um nicht in Thränen auszubrechen. „Ich reiſe mit ſchwerem Herzen,“ ſagte der Herzog end⸗ lich,„denn obwohl alles in dieſem Augenblick hell und glän⸗ zend erſcheint, ſo ſehe ich doch den nahenden Sturm.“ „Mich drückt nur der Gedanke an Ihren Verluſt,“ er⸗ wiederte die Herzogin zärtlich.„Sonſt ahnt mir nur Gutes.“ „Mein geliebtes Weib!“ rief der Herzog, ſie an ſeine Bruſt drückend.„Der Himmel weiß, was ich bei dieſen Trennungen leide!“ „Ich leide ſo viel wie Eure Durchlaucht,“ erwiederte die Herzogin.„Aber Sie ſind dem Ruhme, ſo gut wie mir angetraut, und wenn meine Nebenbuhlerin Sie von hinnen ruft, will ich gern zurückſtehn.“ „Sie find eine heldenmüthige Frau!“ rief der Herzog und blickte mit der aufrichtigſten Bewunderung auf ſie herab. „O Sarah! ohne Gleichen an Schönheit, wie an Verſtand, der Himmel hat ſich wahrlich gütig gegen mich bewieſen, indem er mir einen ſolchen Schatz angedeihen ließ. Aber wenn ich Sie länger anſehe, werde ich mich nie von Ihnen hinwegreißen können. Noch ein Wort, ehe mir uns trennen. Benehmen Sie ſich vorſichtig gegen die Königin. Reizen Sie ſie nicht mehr. Sie iſt unbeugſam in ihrer Anhäng⸗ lichkeit an Abigail.“ „Ehe Eure Durchlaucht wiederkehrt, wird der Liebling entlaſſen ſein,“ verſetzte die Herzogin. 318 Wie der Herzog von Marlborvugh „Ich bezweifle es,“ ſagte der Herzog kopfſchüttelnd. „Sie kennen nicht die Größe meiner Macht,“ erwiederte die Herzogin ſelbſtgefällig.„Soll ich Eurer Durchlaucht ein Geheimniß erzählen? Ich habe eben durch einen vertrauten Agenten im Pallaſt erfahren, daß die Königin ihre Favorite dieſen Abend mit dem jungen Masham verheirathen will.“ „Dieſen Abend!“ rief der Herzog. „Man will die Trauung in Doktor Arbuthnot's Zim⸗ mer insgeheim ſtattfinden laſſen,“ fuhr die Herzogin fort. „Nun, was ſagt Eure Durchlaucht dazu?“ „Was ſollte ich dazu ſagen?“ rief der Herzog.„Es wird ſich nicht verhindern laſſen.“ „Meinen Sie,“ entgegnete die Herzogin.„Der erſte Brief, den Sie von mir erhalten, wird Ihnen ſagen, daß dieſe, von der Königin angeordnete Heirath zurückgegangen iſt.“ „Ich rathe Ihnen, ſich nicht darein zu miſchen,“ ſagte Marlborough.„Die Sache iſt zu geringfügig.“ „Kleine Anfänge haben große Folgen,“ ſagte die Her⸗ zogin.„Ich will das Unkraut bei Zeiten ausjäten.“ Fernere Vorſtellungen von Seiten des Herzogs wurden durch Timperley's Eintritt unterbrochen, der den Wagen meldete. Marlborough umarmte die Herzogin noch einmal zärtlich, nahm ihre Hand und führte ſie die große Treppe herunter. Als das erlauchte Paar auf ſeinem Wege nach dem Wagen durch den Hausflur kam, fand es ihn mit den verſchiedenen Gliedern der Haushaltung angefüllt, die ſich dort in Reihen aufgeſtellt hatten, um ihrem geliebten Herrn Lebewohl zu ſagen. Unter ihnen befand ſich auch Proddy, der vor Entzücken über ein wiedererkennendes Kopfnicken des Berzogs faſt außer ſich gerieth. So wie man Marlborough aus der Hausthüre treten ſah, zerriß ein furchtbarer Freudenruf die Luft, und trotz allen Anſtrengungen der Pförtner an den Thoren füllte ſich nach Flandern abreiſte. 319 der Hof augenblicklich mit einer Menge von Perſonen, die ihm Adieu zu ſagen wünſchten. Der Herzog erwiederte ihre Grüße mit wiederholten Verbeugungen und ſtieg der Her⸗ zogin in den Wagen nach. Es bedurfte aller Kunſtfertigkeit des Herrn Brumby und des Poſtillons, der auf einem der Vorderpferde ſaß, um den Wagen, ohne Jemand zu beſchä⸗ digen, zu den Thoren hinaus zu manövriren; und als dies glücklich bewerkſtelligt war, erhoben ſich beim Anblick des gefeierten Helden, wie auf ein verabredetes Zeichen, neue Freudenrufe unter der draußen ſtehenden Volksmenge, die durchgängig mit unbedeckten Häuptern daſtand. Von dem Hurrah aufgeſcheucht, erhob ſich eine Flucht von Raben, die ſich in den Gärten von Marlborough⸗Haus angeniſtet hatten, krächzend in die Lüfte. Ihnen antwortete augenblicklich eine andere Flucht aus den königlichen Gärten, welche ſie mitten in der Luft angriffen und wieder nach ihren Neſtern zurücktrieben,— ein Umſtand, der den aufmerk⸗ ſameren Beobachtern nicht entging. Unterdeſſen zeigten ſich hunderte von Geſichtern nach einander an den Fenſtern der Kutſche und auf das Haupt des Herzogs ſtrömten Segnungen herab. Man ſchwenkte die Hüte, trug ſie auf den Stöcken oder warf ſie in die Luft. Damit den Bewohnern des Pallaſtes auch nicht der kleinſte Theil dieſes Triumphzuges verloren ginge, hatte die Herzogin Bramby geheime Befehle gegeben, durch die St. Jamesſtraße zu fahren,— eine Anordnung, der ſich der Herzog widerſetzt haben würde, wenn er darum gewußt hätte; aber jetzt war es zu ſpät. Somit bewegte ſich die Kutſche in jener Richtung im Schritt vorwärts, denn ein ſchnelleres Fortkommen war außer aller Frage. Als ſie vor dem Pallaſte ankamen, war das Gedränge ſo dicht, daß man nicht mehr aus der Stelle konnte. Auf den Zuruf Brumby's und des Poſtillons,„Platz zu machen,“ — 320 Wie der Herzog von Marlborough nach Flandern abreiſte. antwortete das Volk nur mit Hurrah und Freudengeſchrei und drängte ſich näher und näher an die Kutſche. Endlich bemerkten die Zunächſtſtehenden die Schwierigkeit, in der ſich der Herzog befand, und riefen:„Spannt die Pferde ab und wir wollen den Wagen ziehen!“ Dieſer Ruf ward von Tauſenden von Stimmen mit Beifall aufgenommen.—„Spannt die Pferde ab! wir wollen den Wagen ziehn!“ ertönte es von allen Seiten. Der Herzog konnte in ſeiner gegenwärtigen Lage ſeine Zuſtimmung nicht verweigern und in einem Nu waren die Stangenpferde von Timperley und einem andern Bedienten losgemacht und die Vorderpferde von dem Poſtillon hinweg⸗ geritten. Dann packten etwa ein Dutzend begieriger Hände die Deichſel an, während eine andre Bande einen ſtarken Strick an der Stange befeſtigte und ſich ſelbſt anſpannte. Brumby blieb auf dem Kutſchbock ſitzen und ſchwenkte die Peitſche, obwohl ihm die Zügel genommen waren, und er⸗ klärte,„noch nie in ſeinem Leben ein ſolches Geſpann ge⸗ fahren zu haben.“ Nun ſetzte der Wagen ſich unter wiederholtem Gejauchze und Beifallsgeſchrei der Zuſchauer in Bewegung, von denen Hunderte ſich begierig als Erſatzmänner anboten, ſobald die andern ermüdet ſein würden. Der Triumph der Herzogin war vollſtändig, denn als ſie nach dem Pallaſt hinaufblickte, glaubte ſie die Königin an einem der oberen Fenſter zu erblicken, die vermuthlich durch das ungeheure Geſchrei der Menge dorthin gelockt war. Auf dieſe Weiſe ward die Kutſche durch die Saint⸗ Jamesgaſſe und Piccadilly gezogen, bis ſie endlich an der Whitehalltreppe anlangte, wo der Herzog, nachdem er ſeiner Gemahlin das letzte Lebewohl geſagt hatte, unter Freuden⸗ bezeugungen, die der Donner der Kanonen nicht übertäuben konnte, ſeine Barke beſtieg. Wie die Herzogin die Trauung unterſagte. 321 Zwölftes Kapitel. Wie die Herzogin die Trauung unterſagte und was auf dieſe Unter⸗ brechung erfolgte. Um ſieben Uhr am Abend deſſelben Tages hatte ſich eine kleine, aber erlauchte Verſammlung in den Gemächern des Doktor Arbuthnot im Palaſte eingefunden. Sie beſtand aus der Königin und deren Gemahl, Masham, Abigail, Harley und Doktor Franz Atterbury, dem Dechanten von Carlisle. Von dieſem berühmten Manne, der ſpäter Biſchof von Rocheſter ward, ſo wie von ſeinem Freunde, dem ge⸗ lehrten und witzigen Doktor Arbuthnot, werden wir weiter unten weitläufiger zu ſprechen Gelegenheit finden. Der Zweck dieſer Zuſammenkunft war, wie wohl nicht beſonders geſagt zu werden braucht, die Erfüllung von Masham's Wünſchen in Betreff ſeiner Verbindung mit Abigail, und Doktor Atter⸗ bury war eben im Begriff, die Feierlichkeit zu beginnen, als fich zum Erſtaunen und zur Beſtürzung aller Anweſenden, vielleicht mit Ausnahme Harley's, die Thür öffnete und die Herzogin von Marlborough in Guiscards Begleitung eintrat. „Ich komme zur rechten Zeit,“ rief ſie, mit triumphi⸗ rendem Lächeln umherblickend.„Sie meinten mir zuvorzu⸗ kommen, aber Sie ſehen, daß Ihre Schritte mir nicht unbe⸗ kannt waren.“ „Wer kann uns ihr verrathen haben?“ murmelte die Königin. „Weshalb bin ich nicht zu dieſer Hochzeit eingeladen worden?“ rief die Herzogin.„Als Abigail's nächſte Ver⸗ wandte hätte ich doch gewiß gebeten werden müſſen.“ „Es war freilich ein Verſehen, Frau Herzogin,“ ſagte Ainsworth, St. James's. I. 21 322 Wie die Herzogin die Trau ung unterſagte. der Prinz;„aber Ihre Majeſtät glaubte, Sie würden gänz⸗ lich mit der Abreiſe des Herzogs nach Flandern beſchäf⸗ tigt ſein.“ „Welche Ausflüchte!“ rief die Herzogin zornig.„Ihre Majeſtät hat meine Anweſenheit nicht gewünſcht.“ „Nun wohl, Frau Herzogin, da Sie es einmal ſo haben wollen,“ erwiederte die Königin kalt,„ich habe Ihre Anweſenheit nicht gewünſcht.“ „Ich wußte es und bin trotz dem gekommen,“ verſetzte Jene. „Sie haben ſich darin zu ſehr auf meine Gutmüthigkeit verlaſſen,“ erwiederte Anna.„Sie mögen indeſſen nach Ihrem Gefallen bleiben oder nicht. Aber die Feierlichkeit ſoll nicht länger aufgeſchoben werden. Fahren Sie fort, Sir,“ wandte ſie ſich an Atterbury. „Halt!“ rief die Herzogin.„Dieſe Hochzeit darf nicht ſtattfinden. Ich habe Eure Majeſtät gewarnt, Ihre Zuſtim⸗ mung nicht zu geben. Ich thue Einſpruch.“ „Eure Durchlaucht iſt weder Miß Hill's Mutter, noch ihr Vormund,“ ſagte Atterbury. „Ich vertrete die Stelle Beider,“ erwiederte die Her⸗ zogin.„Jetzt hören Sie, aus welchen Gründen ich die Trauung unterſage. Als Abigail Hill in die Dienſte Ihrer Majeſtät trat, übertrug ſie mir die unbeſchränkte Verfügung über ihre Hand. Sie mag antworten, ob es ſich ſo verhält oder nicht.“ Abigail ſchwieg. „Da ſie keine Antwort gibt, ſo wird dies Dokument anſtatt ihrer reden,“ ſagte die Herzogin, indem ſie der Kö⸗ nigin ein Papier überreichte.„Sie werden daraus erſehen, daß ich keine Unwahrheit behauptet habe.“ „Warum haben Sie mir hiervon nichts geſagt, Abigail?“ fragte die Königin mit einiger Strenge.“ „Sie hat es nicht gewagt,“ erwiederte die Herzogin. und was auf dieſe Unterbrechung erfolgte. 323 „Ich glaubte nicht, daß die Herzogin darauf beſtehen würde,“ ſagte Abigail. „Sie haben die Sache viel zu leicht genommen,“ rief die Königin.„Sie haben ihr unbeſchränkte Gewalt über ſich eingeräumt und müſſen die Folgen davon auf ſich nehmen.“ „Eure Majeſtät!“ rief Abigail. „Sie müſſen ihre Einwilligung zu der Heirath nach⸗ ſuchen,— ja, und ſie erlangen, ehe ſie ſtattfinden kann,“ fuhr die Königin fort. „Ich wußte, daß Eure Majeſtät gerecht entſcheiden würden,“ ſagte die Herzogin. „Dann iſt freilich alles aus,“ rief Abigail,„denn Eure Majeſtät weiß ſehr gut, daß es vergebens ſein würde, ſie zu erbitten.“ „Ich kann Ihnen weiter nicht helfen,“ ſagte die Köni⸗ gin,„und hätte ich um das Dokument gewußt, ſo hätte ich die Sachen nicht ſo weit kommen laſſen.“ „Ganz, wie von Ihnen zu erwarten ſtand, Madame,“ rief die Herzogin.„Niemand hat ein feineres Gefühl für Gerechtigkeit, als Eure Majeſtät.“ „Wie kommt es, daß Ihre Durchlaucht früher nie dieſes Dokuments erwähnte?“ fragte Prinz Georg. „Ich hielt es für hinlänglich, die Heirath zu verbieten,“ erwiederte die Herzogin.„Abigail hätte um meine Einwil⸗ ligung anhalten müſſen.“ „Dies iſt bloßer Hohn!“ rief Abigail. „Wenn Eure Majeſtät das Recht der Herzogin aner⸗ kannt hat, auf Grund dieſes Dokuments über Abigail's Hand zu verfügen,“ ſagte Harley vortretend,„ſo werden Sie mir gewiß auch Recht geben, daß wenn ſie etwas gegen Herrn Masham einzuwenden hat, ſie einen Gemahl für die junge Dame in Vorſchlag zu bringen verpflichtet iſt.“ —— 324 Wie die Herzogin die Trauung unterſagte „Sie haben Recht, Sir,“ ſagte die Königin.„Sie muß Jemand nennen, ſonſt ſoll dieſe Verbindung dennoch ſtattfinden.“ „Ich werde mich gern in Eurer Majeſtät Entſcheidung fügen,“ ſagte die Herzogin,„und halte ſie für eben ſo in den Grundſätzen der höchſten Gerechtigkeit begründet, wie alle Ihre früheren Urtheile. Ich habe es ſchon als meine Meinung zu erkennen gegeben, daß Abigail nichts beſſeres thun kann, als ihre Hand dem Marquis de Guiscard zu reichen. Und da ich jetzt aufgefordert werde, ſie zu verleihen, ſo ſchlage ich ihn dazu vor.“ „Unmöglich,“rief Masham unwillig.„Der Marquis—“ „Stille!“ unterbrach ihn Harley.„Eure Durchlaucht hat Ihre Wahl getroffen. Wird ſie angenommen, gut. Wo nicht, ſo kann Abigail nach Velieben wählen.“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte die Herzogin. „Hören Sie mich an!“ rief Masham. „Stille, Sir!“ rief Harley.„Was ſagt der Marquis de Guiscard dazu? Iſt er willens, den Vorſchlag der Her⸗ zogin anzunehmen? Iſt er zu einer Verbindung mit Miß Hill geneigt?“ „Ich muß es mir überlegen,“ antwortete der Marquis. „Ueberlegen!“ rief die Herzogin. „Möge er es ſich wohl überlegen,“ fiel Masham ein. „Die Antwort muß ſogleich erfolgen,“ ſagte die Königin. „In dem Fall muß ich die mir zugedachte Ehre ab⸗ lehnen, Madame,“ entgegnete Guiscard. „Wie, Herr Marquis!“ rief die Herzogin beſtürzt. „Nach dieſer Erklärung iſt Abigail frei,“ ſagte Harley. „Ganz unbedingt,“ erwiederte die Königin. „Ich proteſtire dagegen,“ rief die Herzogin. „Nein, Frau Herzogin, die Königin hat gegen Sie ent⸗ und was auf dieſe Unterbrechung erfolgte. 325 ſchieden,“ rief Harley mit bitterer Fronie,„und Niemand beſitzt ein feineres Gefühl für Gerechtigkeit, als Ihre Majeſtät.“ „Wenn man mich hätte ſprechen laſſen, ſo würde ich die Sache ohne weiteres ins Reine gebracht haben,“ ſagte Masham.„Der Marquis iſt ſchon verheirathet. Es iſt keine drei Tage her, daß er mit Angelika Hyde, der verabſchiedeten Geliebten Herrn Heinrich Saint-John's im Fleet getraut worden iſt.“ „So bin ich alſo betrogen worden,“ rief die Herzogin außer ſich.„Es iſt alles nur Herrn Harley's Büberei. Was Sie anbetrifft, Herr Marquis, ſo ſollen Sie Ihren Antheil daran bitter bereuen.“ „Ha! ha! ha!“ lachte Harley.„Eure Durchlaucht hat ſich ſelbſt betrogen und Sie ſuchen nun andere mit Ihrem Zorn und Verdruß heim. Ich erſuche Eure Majeſtät, die Trauung vor ſich gehen zu laſſen. Die Herzogin wird ſich ihr weiter nicht widerſetzen.“ „Sie wird ſich an Euch allen rächen,“ rief die Her⸗ zogin im Uebermaß der Leidenſchaft. „Hören Sie, Frau Herzogin,“ flüſterte Harley.„Ich ſagte Ihnen, dieſe Heirath würde Ihrem Sturz vorangehen, und ſo wird es kommen.“ „In dieſem Punkt haben Sie mich geſchlagen,“ verſetzte ſie in demſelben Ton,„aber es wird Ihnen nichts nützen. Ich werde nicht ruhen, bis ich Sie aus dem Palaſt ver⸗ trieben ſehe.“ Und hiermit ſtürmte ſie aus dem Zimmer, ohne ſich ſogar gegen die Königin zu verneigen. Die Trauungsfeierlichkeit nahm jetzt ihren Anfang. Prinz Georg gab die Braut fort und in wenigen Minuten waren Masham und Abigail vereinigt. 326 Wie die Herzogin Trauung unterſagte ꝛc. „Jetzt kann ich Sie an Ihr Verſprechen mahnen, Cou⸗ ſine,“ ſagte Harley leiſe, als er ſich der Braut zum Glück⸗ wunſch näherte. „Das dürfen Sie,“ lautete die Antwort.„Sehen Sie den Sturz der Herzogin als gewiß, und den Lord⸗ 3 ſchatzmeiſterſtab als ſchon in Ihren Händen an.“ Ende des zweiten Vuchs. Inhalt des erſten Theils. Erſtes Buch. Seite Kapitel 1. Ein Blick auf den Hof und das Kabinet der Königin Anna im Jah 0 Kapitel 2. Der franzöſiſche Abenteurer und die Günſtlingin der. Kapitel 3. Eine vertrauliche Unterredung in Marlborough⸗Haus.. Kapitel 4. Der Hofball und was ſich daſebſt zutrug.„ Kapitel 5. In welchem der Marquis ſeine Talente als Ränkeſchmied Kapitel 6. Ein Blick in das Untergeſchoß von Marlborough⸗Haus. Kapitel 7. Wie des Herzogs von Marlborough Stiefel gewichst wurden. Kapitel 8. Von der tödtlichen Herausforderung des Monſieur Hippolyte Bimbelpt an Sergeant Scäles. Napitel 9 Das Leder des Stkuetaits. Kapitel 10. Harley's geheime Unterredung mit der Königin.. Kapitel 11. Worin es ſich zeigt, daß die Herzogin von Marlborough noch nicht ganz ihren Einfluß auf die Königin verloren hat.. Kapitel 12. Von der dem Marquis de Euiscard im St. James⸗Kaffe⸗ hauſe von Masham zugefügten Beleidigung und von der darauf erfolgenden Herausforderung Kapitel 13. Von der Geſellſchaft von Schöngeiſtern, die Masham bei St. John trifft; und von ſeinem Vorſchlag zur Beilegung eines Streits zwiſchen Miſtreß Bracegirdle und Miſtreß Oldfield.. Kapitel 14. Die Geſellſchaft wird durch die unerwartete Ankunft von Miſtreß Hyde und ihrer Tochter vermehrt.— Sie erklärt die Versnlſſung ihees Beſichs 12 3¹ 43 117 328 Inhalt des erſten Theils. Seite Kapitel 15. Von des Sergeanten zeitigem Frühſtück und von drei Kapitel 16. Harley entdeckt, daß Grey gewiſſe wichtige Papiere ent⸗ wandt hat.— Eine Botſchaft von dem Marquis de Guisecard ſei 164 e P er Pre Kapitel 18. Eine Liebesſcene in dem Vorzimmer der t— Masham wird auf drei Monate vom Hofe verbannt.... 8 Kapitel 19. Die Trommel des Sergeanten. 1185 Kapitel 20. Noch eine Liebesſcene im Vorzimmer 202 Kapitel 21. Marlborvugh und Godolphin verlangen vareh Ent laſſung von der Königin.. Kapitel 22. Wie das Blatt ſich gegen den Steriie wendet. 220 Zweites Buch. Kapitel 1. Masham ſucht die Herzogin zu täuſchen und es gelingt ihm. 228 Kapitel 2. In welchem die Herzogin noch hinter das Licht ge⸗ führt wird. S ————. Kapitel 3. Der Sergeant erhält von dem Sn einen wichtigen 0 . Kapitel 4. Wie der Sergeant von ſeinen Freunden Abſcied nahm. 254 Kapitel 5. Wie dem Sergeanten im Park aufgelauert ward.„267 Kapitel 6. Wie Masham die Uneigennützigkeit ſeiner Neigung zu Abi⸗ Fil hewies. Kapitel 7. Wie der Marquis de Guiscard St. John von einer Laſt * Kapitel 8. Neue Beweiſe von Harley's Tulent zur 290 Kapitel 9. Wie Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping ſich während 3 der Abweſenheit des Sergeanten benahmen..„2299 Kapitel 10. Die Königin beſtimmt den Hochzeitstag. 300 Kapitel 14. Wie der Herzog von Marlborough nach Flandern abreiste. 316 1 Kapitel 12. Wie die Herzogin die Trauung unterſagte und was auf vieſe Unterbrechuig erfhlgte 3 St. James-Palaſt, oder der Hof der Königin Anng. Ein Roman von W. Harriſon Ainsworth. Aus dem Engliſchen von Dr. Adolph Bruder. —— 8 ie 0 O 6S— Stuttgart. Verlag von Rarl 6 ö pel. 1844. „* —————————————— „ Drittes Vuch. Erſtes Kapitel. Eine kurze Darſtellung von Harley's Fortſchritten. Zwei Jahre und darüber waren verfloſſen und Abigail's Verſprechen war noch nicht erfüllt. Die Whigs waren noch am Ruder und der Einfluß der Marlborough'ſchen Familie unberechenbar. Aber weder durch Verzögerung, noch durch Niederlage ließ Harley ſich entmuthigen. Wohl darauf be⸗ dacht, nichts durch Uebereilung zu verderben, arbeitete er ſorgfältig an der Befeſtigung ſeiner Stellung, um ſeinen Poſten, ſobald er ihn erlangte, auch dauernd behaupten zu können. Seine Maßregeln, die anfänglich unklar und an⸗ ſcheinend zwecklos waren, wurden allmälig bewußt und ver⸗ ſtändlich. Der Unterſtützung der Tories und der Jakobiten gewiß, gelang es ihm auch, Einige von der entgegengeſetzten Partei zu gewinnen; unter andern den Grafen Rivers, der ſein geheimer Agent ward und ihn mit den Plänen ſeiner Kollegen bekannt machte. Durch geſchickte Behandlung ſeiner Eitelkeit und Eiferſucht wußte er ihnen auch den Herzog von Somerſet untreu zu machen, und die Königin ließ ſich be⸗ wegen, dieſe Kriegsliſt dadurch zu unterſtützen, daß ſie den Herzog beſtändig zu ihren Privatkonferenzen einlud und ſeiner Ainsworth, St. James's. II. X ————— 2 Eine kurze Darſtellung übergroßen Eigenliebe ſchmeichelte. Der Herzog von Shrews⸗ bury wurde ebenfalls durch ähnliche Künſte gewonnen, ob⸗ gleich er ſich zu keinen Schritten verſtehen wollte, die ihn bei ſeiner Partei hätten in Mißtrauen bringen können. Während Harley ſich ſo mit Freunden umgab, ſuchte er auch die Feſte ſeiner Gegner zu unterminiren. Es war ihm ſchon längſt gelungen, die Herzogin von Marlborough bei der Königin verhaßt und bei dem Hofe unbeliebt zu machen, und jetzt wandte er ſeine Waffen hauptſächlich gegen den Herzog. Drei neue Feldzüge, zwar nicht durch ſo ruhmreiche Siege wie bei Blenheim und Ramilies ausgezeichnet, aber dennoch höchſt glänzend, hatten die Liſte von Marlborough's Heldenthaten vermehrt. Der erſte derſelben war ohne ein bedeutendes Treffen zu Ende gegangen; aber im Sommer 1708 war die wichtige Schlacht von Oudenarde gewonnen worden, und im Herbſte des folgenden Jahres, nämlich am 11. September 1709 war der blutige und denkwürdige Sieg bei Malplaquet davongetragen. In dieſer furchtbaren Schlacht, in welcher die Franzoſen, gegen Marlborough und Eugen zugleich, faſt Wunder von Tapferkeit vollbrachten, verloren fie beinahe vierzehntauſend Mann, obzwar der Triumph der verbündeten Armeen theuer erkauft ward. Harley, der dieſe Schlacht als ein leichtſinniges und unkluges Gemetzel brand⸗ markte, ſcheute ſich nicht zu verſtehen zu geben, daß der Herzog ſeine Offiziere dem gewiſſen Verderben preisgegeben habe, um durch den Verkauf ihre Patente zu gewinnen; und ſo ſcheußlich und unwahrſcheinlich dieſe Verläumdung auch ſein mochte, ſo fand ſie nichts deſtoweniger bei denen, welche Freunde und Verwandte auf dem Schlachtfelde verloren hatten, einigen Glauben. Man muß auch geſtehen, daß der Geiz des Herzogs, ſeine herrſchende Leidenſchaft, in Verbindung mit der Raubgier von Harley's Fortſchritten. 3 ſeiner Gemahlin, ſolche Behauptungen begünſtigte und all⸗ mälig zu dem Glauben führte, daß der Krieg mehr zu ſeinem Vortheil, als zum Ruhm der Nation in die Länge gezogen werde. Bei den Uebrigen, die zwar ſeine hohen Verdienſte und die Grundlofigkeit und Bosheit ſolcher Beſchuldigungen ſehr wohl kannten, überwog doch das Verlangen nach Frie⸗ den jede andre Rückſicht, und ſie ſtimmten mit in das Ge⸗ ſchrei ein, um ihre Wünſche erfüllt zu ſehen. Marlborough leiſtete den Zwecken ſeines Feindes un⸗ willkürlich Vorſchub. Von dem Verluſt der königlichen Gunſt überzeugt und, ſo lange es noch in ſeiner Macht ſtand, ſich gegen ferneren Widerſtand zu ſchützen wünſchend, wandte er ſich an den Kanzler mit der Anfrage, ob ihm wohl ein Patent als Generaliſſimus auf Lebenszeit bewilligt werden würde. Zu ſeinem Erſtaunen und Verdruß erhielt er die Antwort, daß ein ſolcher Antrag gegen allen Brauch und unkonſtitutionell ſein würde und daß ſeine Bitte nicht ge⸗ währt werden könnte; und obgleich er fernere Anfragen auf andern Wegen ergehen ließ, ſo lauteten die Antworten doch eben ſo ungünſtig. Der Herzog ließ ſich von dieſen Meinungen nicht ab⸗ ſchrecken, ſondern beſchloß, ſich unmittelbar an die Königin zu wenden, und war unklug genug, die Herzogin mit dieſer Sendung unmittelbar nach der Schlacht von Malplaquet, dem günſtigſten Zeitpunkt, wie er meinte, zu beauftragen. Von Harley auf dieſe Forderung vorbereitet und mit Freuden die Gelegenheit ergreifend, ihre frühere Favorite zu demüthigen, gab Anna eine entſchiedene abſchlägige Antwort. „Ich will Eurer Majeſtät keine Vorſtellungen wegen Ihres Entſchluſſes machen,“ ſagte die Herzogin;„aber da die Dienſte des Herzogs ſo mißachtet werden, ſo muß ich Ihnen ankündigen, daß es ſeine feſte Abſicht iſt, ſich nach Beendi⸗ gung des Krieges zurückzuziehen.“ 4 Eine kurze Darſtellung „Wenn Eure Durchlaucht geſagt hätte nach Beendigung des jetzigen Feldzugs, ſo würde ich Sie beſſer verſtanden haben,“ erwiederte die Königin mit bitterer Nebenbedeutung; „aber wenn der Herzog erſt beim Ende des Krieges den Ober⸗ befehl niederlegen will, ſo weiß ich nicht, wann ſeine Abſicht ausgeführt werden wird.“ „Eure Majeſtät wird doch nicht Herrn Harley's lügen⸗ haftes und ehrenrühriges Geſchrei wiederholen, daß der Herzog von Marlborough den Krieg abſichtlich in die Länge zieht?“ fragte die Herzogin, ihre Aufwallung mühſam unterdrückend. „Ich wiederhole nur das Friedensgeſchrei meines Volkes,“ erwiederte Anna.„Es beklagt ſich über die beſtändigen Geldforderungen und ich muß geſtehen, daß ich mit ihm ſym⸗ pathiſire.“ „Nun gut,“ rief die Herzogin,„Sie ſollen Frieden haben. Aber ich warne Sie vorher, er wird ſchlimmer als der Krieg ſein.“ Anna ließ ſich von den Drohungen der Herzogin, trotz allen vorher gefaßten Entſchlüſſen, einſchüchtern. Als ſie allein war, konnte ſie ſich der Thränen nicht enthalten und murmelte:„Ach! mein theurer, verlorener Gemahl, dies iſt wieder eine von den Gelegenheiten, wo ich die Annehm⸗ lichkeit deines Raths und deiner Hülfe gefühlt hätte.“ Anna war jetzt grade ſeit einem Jahre Wittwe. Ihr liebenswürdiger Gemahl, der Prinz Georg von Dänemark, ſtarb am 23ſten Oktober 1708. Annd war ihm während ſeiner Krankheit beſtändig zur Seite geweſen, aber als ſeine 3 Leiden geendet waren, trug ſie ihren Kummer nicht zur Schau und ein gleichgültiger oder abgeneigter Beobachter hätte glauben können, daß ſein Verluſt ſie eben nicht empfindlich 3 berühre. Aber dem war nicht ſo. Sie betrauerte ihn auf⸗ richtig, aber insgeheim; und Miſtreß Masham, die auch bei der jetzigen Gelegenheit eine Zeugin ihrer wehmüthigen von Harley's Fortſchritten. 5 Stimmung war, war faſt die einzige Perſon, die die Hef⸗ tigkeit ihres Schmerzes kannte. „In Thränen, gnädigſte Frau!“ rief die Vertraute, die ſich ihr unbemerkt genähert hatte.„Ich hoffe, die Herzogin hat Ihnen keine neue Unbilden angethan.“ „Sie hat etwas von mir im Namen des Herzogs ver⸗ langt, was ich ausgeſchlagen,— entſchieden ausgeſchlagen habe,“ erwiederte Anna.„Aber mein Kummer rührt nicht von ihr her, ſondern von dem Andenken an meinen theuren verlorenen Gemahl.“ „In dieſem Fall kann ich nur mit Ihnen ſympathiſiren, Madame,“ entgegnete Miſtreß Masham.„Ich will mir nicht den Schein geben, als betrauerte ich den Prinzen ſo tief wie Sie; aber mein Kummer ſteht nur dem Ihrigen nach.“ „Der Prinz war Ihnen ſehr gewogen,“ verſetzte die Königin—„ſehr gewogen. Seine letzte Empfehlung war: Behalten Sie Abigail und ihren Mann immer um ſich. Sie werden Ihnen treu dienen.“ „Und wir wollen die Worte Seiner Hoheit wahr machen,“ erwiederte Miſtreß Masham;„aber ach! laſſen Sie uns nicht mehr bei dieſem Gegenſtande verweilen. Er betrübt Sie.“ „Nein; er erleichtert mir das Herz,“ verſetzte Anna. „Eine der Laſten des Königthums iſt die, daß man ſeine Privatgefühle den öffentlichen Pflichten aufopfern muß. Ich kann mein Herz Niemand, als Ihnen, öffnen. Abigail,“ fuhr ſie mit gebrochener Stimme fort,„ich bin jetzt allein. Ich habe weder Gemahl, noch Kinder. Mein Bruder ſtehtunter den Waffen gegen mich,— mein Haus iſt verödet,— und trage ich auch eine Krone, ſo iſt ſie doch unfruchtbar. Ich darf nicht an die Thronfolge denken, denn andre ordnen ſie ſtatt meiner an.“ „Ach! Madame,“ rief Miſtreß Masham. „O, daß mein Bruder ſeines Erbtheils theilhaftig würde,“ rief die Königin. — 6 Eine kurze Darſtellung „Laſſen Sie Herrn Harley erſt an der Spitze der An⸗ gelegenheiten ſtehen, Madame,“ erwiederte Jene,„und ich bin gewiß, daß Ihr Wunſch erfüllt werden kann.“ „Es iſt jetzt die Zeit zu ſeiner Ernennung gekommen,“ 11 ſagte die Königin.„Ich habe der Herzogin eben eine Lektion gegeben, und will keine Gelegenheit vorüber gehen laſſen, ſie zu kränken. Wenn der Herzog zurück kommt, will ich ihm klar zu verſtehen geben, daß er nichts mehr von mir zu erwarten hat. Aber wo iſt Herr Harley? Ich habe ihn heute morgen noch nicht geſehn.“ „Er iſt im Vorzimmer und erwartet nur Ihre Befehle,“ erwiederte Miſtreß Masham. „Unnöthige Ceremonien!“ rief die Königin.„Laſſen Sie ihn eintreten.“ Und nach wenigen Augenblicken erſchien Harley. Anna ſetzte ihn von dem in Kenntniß, was zwiſchen ihr und der 8 Herzogin vorgefallen war. „Ich freue mich, daß Eure Majeſtät ſich mit ſo aus⸗ gezeichnetem Muth benommen hat,“ erwiederte Harley.„Den Herzog wird dieſe Weigerung bitter verdrießen, aber ich kann Ihnen noch eine Art andeuten, wie Sie ihn noch empfind⸗ licher kränken können. Durch den eben erfolgten Tod des Grafen von Eſſer find zwei wichtige militäriſche Poſten vakant geworden,— nämlich die Gouverneurſtelle des Tower und ein Regiment. Dieſe werden, wie ich Eurer Majeſtät nicht zu ſagen brauche, gewöhnlich von dem Oberbefehlshaber beſetzt.“ „Und ich ſoll über ſie verfügen?“ fragte die Königin. „Allerdings,“ erwiederte Harley,„und wenn ich eine paſſende Perſon für die Gouverneurſtelle vorſchlagen dürfte, 12 ſo wäre es der Lord Rivers.“ „Aber er iſt ja ein Whig!“ rief Anna. „Er iſt ein Freund von Eurer Majeſtät Freunden,“ entgegnete Harley lächelnd. von Harley's Fortſchritten. 7 „So ſoll er die Stelle haben,“ ſagte Anna. „Für mich ſelbſt habe ich nicht oft gebeten, Madame,“ ſagte Miſtreß Masham;„aber jetzt wage ich, um das erle⸗ digte Regiment für meinen Bruder, den Oberſt Hill, nach⸗ zuſuchen.“ „Es iſt das ſeinige,“ erwiederte die Königin herab⸗ laſſend;„und ich freue mich, Ihnen meine Gunſt bezeigen zu können.“ Miſtreß Masham ergoß ſich in Dankſagungen. „Dies wird eine bittere Kränkung für Marlborough ſein und ſeine Abdankung beſchleunigen,“ erwiederte Harley. „Seine Durchlaucht iſt nicht mehr, was er war, ſogar bei dem Volke nicht, und Eure Majeſtät wird ſehen, welch ein klägliches Willkommen er bei ſeiner Rückkehr von ihm empfan⸗ gen wird. Endlich habe ich ein lange gehegtes Projekt zur Aufregung der ganzen hochkirchlichen Partei zu unſern Gun⸗ ſten zur Reife gebracht. Der unbewußte Helfershelfer in meinem Plane iſt Doktor Heinrich Sacheverel, der Rektor von St. Salvator in Southwark, ein bigotter, aber energi⸗ ſcher Geiſtlicher, der am kommenden fünften November eine Predigt in der Paulskirche halten wird, welche die ganze Stadt in Aufruhr bringen wird. Sie wird den Text ,Ge⸗ fahren von Seiten falſcher Brüder“ behandeln. Ich habe die Rede geleſen und kann mich daher für ihre Wirkung verbürgen.“ „Ich hoffe, ſie wird keine nachtheiligen Folgen für unſre Abſichten haben,“ ſagte die Königin unruhig. „Befürchten Sie nichts, Madame,“ erwiederte Harley. „Aber Sie ſollen den Inhalt der Predigt hören und ſelbſt über ihre Tendenz urtheilen. Sie ſucht unter andern zu beweiſen, daß die Mittel, durch welche die Revolution zu Stande gebracht ward, gehäſſig und unverantwortlich waren, und daß die Lehre des Widerſtandes, als unverträglich mit 8 Eine kurze Darſtellung von Harley's Fortſchritten. den damals aufgeſtellten Grundſätzen und herabwürdigend für das Andenken Seiner hochſeligen Majeſtät, zu verdam⸗ men iſt. Ein andrer ihrer Punkte iſt, daß die vom Geſetz 1 den proteſtantiſchen Diſſentern zugeſtandenen Rechte unbillig find, und daß es die Pflicht aller Oberhirten iſt, ihr Ana⸗ thema gegen die zur Duldung berechtigten Sekten zu ſchleu⸗ dern. Ein dritter iſt, daß die Kirche von England ſich unter der jetzigen Verwaltung, ungeachtet des neuerdings durchge⸗ brachten, dawider ſprechenden Votums, in größter Gefahr befindet. Der vierte und Hauptpunkt iſt, daß Eurer Majeſtät Verwaltung, ſo wohl in kirchlichen, als ſtaatlichen Angele⸗ genheiten, zur Vernichtung der Konſtitution führt; daß es viele hohe Würdenträger, ſo wohl in Kirche als im Staat, giebt, die falſche Brüder find und es ſich angelegen ſein laſſen, die herrſchende Kirche zu untergraben, zu ſchwächen und zu verrathen. Der Lord Schatzmeiſter ſelbſt wird unter dem— Namen Volpane angegriffen und dem ſtrengſten Tadel unter⸗ worfen. Dies iſt der Inbegriff der Predigt, welche mit den eifrigſten Ermahnungen an die wahren Freunde der Kirche ſchließt, ſich zu ihrer Vertheidigung zu rüſten. Eure Majeſtät wird mit mir übereinſtimmen, daß ſie unter den jetzigen Umſtänden ihre Wirkung nicht verfehlen wird.“ „Es ſcheint mir eine gewagte Maßregel zu ſein,“ bemerkte die Königin;„aber ich bezweifle nicht, daß Sie ſie wohl überlegt haben und will deshalb nicht hindern. Vielleicht begünſtigt ſie meinen Lieblingswunſch, den ich nur gegen Sie und Abigail auszuſprechen wage,— die Wiederherſtellung der Thronfolge in dem Hauſe meines Vaters.“ „Ohne Zweifel, Madame,“ erwiederte Harley mit ſo großer Zuverſicht, als hätte er an ſeine Betheuerung wirk⸗ lich geglaubt. Wie Doktor Sacheverel ſeine Predigt in der Paulskirche hielt. 9 Zweites Kapitel. Wie Doktor Sacheverel ſeine Predigt in der Paulskirche hielt, und wie er in Folgen deſſen in Unterſuchung gezogen wird. Am fünften November 1709 hielt Doktor Sacheverel ſeine berüchtigte Predigt, auf Harley's Anſtiften, in der Pauls⸗ kirche, in Gegenwart des Lord Mayor's, Sir Samuel Gar⸗ rard und der Aldermen, und ihre Wirkung entſprach voll⸗ kommen den gehegten Erwartungen. Hingeriſſen von dem Eifer und dem Ernſte des Redners und nur undeutlich ihrer Tendenz bewußt, lobte der Lord Mayor ſie außerordentlich und gab den Wunſch zu erkennen, ſie gedruckt zu ſehen. Dies war grade, was Sacheverel wünſchte; er hielt den ehrlichen Bürger ſogleich beim Wort und ließ die Predigt nicht nur drucken, ſondern dedieirte ſie ihm ſogar. Mehr als vierzig⸗ tauſend Exemplare wurden in wenigen Tagen abgeſetzt und ſie ward das allgemeine Tagesgeſpräch in der ganzen Stadt. Ein Feuerbrand, der auf ein ausgedörrtes Flachsfeld geworfen wird, hätte keinen plötzlicheren und um ſich greifenderen Brand hervorbringen können, als dieſe aufregende Predigt. An allen Orten erhob ſich das Geſchrei, daß die Kirche in Ge⸗ fahr ſei und daß die Miniſter ihre ſchlimmſten Feinde wären. Es wurden mehrere Zuſammenkünfte gehalten, in denen Ver⸗ wünſchungen gegen ſie geſchleudert wurden und Sacheverell zum Kämpen der hohen Kirche ausgerufen ward. Dieſe Volksaufregung würde ſich eben ſo ſchnell wieder gelegt haben, als ſie entſtanden war, wenn ſie durch Har⸗ ley's und ſeiner Verbündeten Kunſtgriffe nicht angefacht und geſteigert worden wäre. Godolphin wäre gern mit ſchwei⸗ gender Verachtung über die ganze Sache weggegangen, aber dies lag nicht in Harley's Plane, und obgleich er die Sache öffentlich mißbilligte, ſo bemühte er ſich doch insgeheim, die v — 10 Wie Doktor Sacheverel ſeine Predigt in der Paulskirche hielt Anklage des Doktors zu fördern,— wohl wiſſend, daß der Verſuch, einen Geiſtlichen zu beſtrafen, das ſicherſte Mittel wäre, das Gerücht von der Gefahr, in welcher die Kirche ſchwebe, zu beſtätigen. Die Schmähpredigt machte endlich ſo viel Lärm, daß fie nicht länger ignorirt werden konnte; und auf Anſtiften des Miniſteriums beklagte ſich Herr John Dolben, der Sohn des verſtorbenen Erzbiſchofs von York, im Parlamente über dieſe Predigt, als aufrühreriſch und zur Rebellion reizend; und da ſich nach einigen andern Aeußerungen ähnlichen In⸗ halts Niemand zur Vertheidigung des Doktors vernehmen ließ, ſo faßte man den Beſchluß, daß die Predigt„ein bos⸗ haftes, verläumderiſches und aufrühreriſches Pasquill ſei, welches Ihre Majeſtät und deren Regierung, die letzte glück⸗ liche Revolution und die proteſtantiſche Thronfolge in hohem Grade beſchimpfe und dahin wirke, das Vertrauen von Ihrer Majeſtät guten Unterthanen zu entfremden und Zerwürfniſſe und Eiferſucht unter ihnen zu bewirken.“ Dann ward ein Befehl erlaſſen, daß Sacheverel und ſein Verleger, Heinrich Clements, am folgenden Tage vor der Schranke des Hauſes erſcheinen ſolle. Dem Befehl ward Folge geleiſtet, und umgeben von Doktor Lancaſter, dem Rektor von St. Martin, und hundert ſeiner Amtsgenoſſen, die ſeiner Sache beigetreten waren, erſchien Sacheverel zu ſeiner Vertheidigung gegen die Anklage und räumte ſie mit Keckheit ein, worauf man ſich dahin einigte, daß Herr Dolben ihn vor der Schranke des Hauſes des Lords verklagen ſollte. Zu gleicher Zeit nahm man Gelegenheit, einen Beſchluß zu Gunſten eines Geiſtlichen von den ſchnurgerade entgegen⸗ geſetzten Grundſätzen zu faſſen. Dies war der ehrwürdige Benjamin Hoadley. Dieſer hatte nämlich die Grundſätze der ſtattgehabten Revolution auf das eifrigſte gerechtfertigt, und ſich dadurch angeblich einen Anſpruch auf die Berückſichtigung und deßhalb in Unterſuchung gezogen wird. 11 und Empfehlung des Hauſes erworben; und man beſchloß daher, der Königin eine Adreſſe zu überreichen mit der Bitte, ihm eine Kirchenwürde zu verleihen. Die Adreſſe ward ſpäter von dem Herrn Sekretär Boyle übergeben; aber obgleich Ihre Majeſtät verſicherte,„daß ſie eine Gelegenheit ergreifen würde, um den Wunſche des Hauſes zu willfahren,“ ſo iſt es wahrſcheinlich ihrem Gedächtniß entſchlüpft, denn es ward weiter keine Notiz davon genommen. Gleich nach ſeiner Verklagung ward Sacheverel von dem Waffendiener des Hauſes in Haft genommen und dem Träger des ſchwarzen Stabes überliefert, aber ſpäter ward er gegen Bürgſchaft freigelaſſen, worauf ihm eine Abſchrift der Anklageartikel zugeſtellt ward, von denen er in einer Antwort den größten Theil abläugnete und die übrigen milderte oder beſchönigte. Dieſe Antwort ſchickten die Lords an die Gemeinen, von denen fie an ein Comité verwieſen ward. Nach vielen Debatten, bei welchen Harley's Einfluß im Stillen wirkte, ward der Königin eine Adreſſe vorgelegt, des Inhalts,„daß das Haus nicht geduldig zuſehen könne, wie die Rechtmäßigkeit der letzten heilbringenden Revolution angetaſtet, ſeine eignen Beſchlüſſe mit Verachtung behandelt, die Häupter der Kirche verunglimpft, die Duldung als gott⸗ los verſchrieen werde und der Aufruhr ſich frech der Kanzel bemächtige; und daß es ſich daher in der unumgänglichen Nothwendigkeit befinde, dem Verbrecher den Prozeß zu machen.“ Dieſer Adreſſe ward die Königin veranlaßt, ihre Zuſtimmung zu geben, und der Prozeß ward demzufolge auf den kom⸗ menden 27. Februar in der Weſtminſterhalle, zu deren In⸗ ſtandſetzung für das Haus der Gemeinen die nöthigen Befehle gegeben worden, anberaumt. Dies Verfahren erhöhte die Unbeliebtheit der Miniſter, wogegen Sacheverel allgemein als Märtyrer betrachtet ward. Der bevorſtehende Prozeß, von deſſen Ausgang das Schickſal 42 Von der Schmach, die der Herzog von Marlborough der Partheien abhing, bildete das Geſpräch aller Klubbs und Kaffeehäuſer. Aus dieſen Beſprechungen entflanden die heftigſten Streitigkeiten, häufige Duelle und nächtliche Tumulte; hochkirchlich geſinnte Pöbelhaufen durchzogen die Straßen, riefen des Doktors Namen aus und ſangen Loblieder auf ihn und Gaſſenhauer auf ſeine Feinde. Drittes Kapitel. Von der Schmach, die der Herzog von Marlborough von der Königin ertragen muß. In noch nicht einer Woche nach der Veröffentlichung von Sacheverel's aufrühreriſcher Predigt zeigte ſich der Herzog von Marlborvugh in St. James. Godolphin hatte ihm einen Bericht über den drohenden Stand der Dinge zugeſandt und die Verſicherung, daß nur ſeine Gegenwart ihn retten könnte, hatte ihn eiligſt von Flandern zurückzukehren veranlaßt. Die Rückkehr des Herzogs, die ſonſt von den lauteſten Freu⸗ denrufen und Glückwünſchungen des Volkes begrüßt zu werden pflegte, blieb diesmal faſt unbemerkt, und anſtatt daß ſein eigener Name und ſeine Thaten den Inhalt ihrer Ausrufungen bildete, ward er mit dem Geſchrei„Sacheverel und die Hoch⸗ kirche,“ empfangen. Der Pöbel hatte ſich in ſeiner Ab⸗ weſenheit ein neues Götzenbild errichtet. Sein Empfang bei der Königin war kalt und gezwun⸗ gen und obgleich ſie äußerte, daß ſie ſich freue, ihn zu ſehen, ſo erwähnte ſie doch des kurz vorher errungenen Sieges von Malplaquet mit keiner Sylbe. Die Unterhaltung ward über⸗ dies durch Miſtreß Masham's Gegenwart geſtört. Nach eini⸗ gen Worten über gleichgültige Gegenſtände kam Marlbo⸗ rough auf die Verweigerung ſeiner Geſuche und gab ſeinen Entſchluß zu erkennen, ſich, ſobald er es mit Ehren thun könnte ücn* . von der Königin ertragen muß. 13 „Ich bedaure, daß Eure Durchlaucht meine abſchläg⸗ lichen Antworten mißdeuten will,“ ſagte Anna;„ſolche Ver⸗ willigungen ſind noch nie vorgekommen und würden ſich durch nichts rechtfertigen laſſen. Was Ihre Amtsniederlegung be⸗ trifft, ſo fühle ich, daß meine Betrübniß über die Beraubung Ihrer Dienſte durch den Genuß des Friedens, der meiner Regierung lange Zeit ein Fremdling geweſen iſt, gemildert werden wird.“ „Ich verſtehe Eure Majeſtät,“ erwiederte Marlborough trocken.„Aber ſelbſt die Gewißheit, meinen Handlungen ſchlechte Beweggründe untergelegt zu ſehen, ſoll mich nicht dazu bewegen, ein Friedensbündniß mit dem König Ludwig zu ſchließen) wofern die Bedingungen nicht ehrenvoll für Fi und vortheilhaft für Ihre Unterthanen find.“ „Was Eurer Durchlaucht vortheilhaft erſcheint, mag es andern vielleicht nicht erſcheinen,“ bemerkte Miſtreß Masham. „Vielleicht Herrn Harley und den Freunden Frankreichs nicht,“ verſetzte der Herzog beißend.„Aber ich will die Rechte meines Vaterlandes vertheidigen und mich ſeinen Feinden widerſetzen, ſo lange ich die Macht dazu habe.“ „Sie ereifern ſich, Mn“ ſagte Anna,„Sie ereifern ſich ganz unnütz.“ „Nicht unnütz, gnädigſte Frau, wenn ich ſehe, daß Sie ſich von ſchädlichen Rathgebern leiten laſſen,“ erwiederte Marlborough.„O, daß ich den Einfluß ausüben könnte, den ich einſt über Sie beſaß! O, daß Sie auf den Rath Ihrer treuen Freundin, der Herzogin, hören wollten, der Ihre wahren Intereſſen am Herzen liegen.“ „Ihre Majeſtät hat ihre Ketten abgeſchüttelt,“ rief Miſtreß Masham. „Um ſich andere und noch ſchlimmere anzulegen,“ ver⸗ ſetzte der Herzog.„Sie kennt ihre eigene Stellung nicht, 14 Von der Schmach, die der Herzog von Marlborough ſie weiß nicht, wie ihre Ehre, ihr Ruhm, ihr Glück auf dem Altar einer unwürdigen Favorite geopfert werden.“ „Genug, Mylord, genug davon,“ rief Anna mit Nach⸗ druck.„Ich will nichts von dieſen Streitigkeiten hören.“ „Es iſt keine Streitigkeit, Madame,“ entgegnete der Herzog mit Stolz.„Als treuem und ergebenem Diener Eurer Majeſtät, der ſein Leben jederzeit zu Ihrer Vertheidigung einzuſetzen bereit iſt, iſt es meine Pflicht, Ihnen vorzuſtellen, in welcher Gefahr Sie ſich befinden. Aber ich kann keine Streitigkeiten mit Miſtreß Masham haben.“ „Miſtreß Masham nimmt auf meine Gefühle Rückſicht, Moylord,“ erwiederte die Königin zornig,„was gewiſſe Per⸗ ſonen, die ſo viel Ergebenheit gegen mich vorgeben, nicht thun. Aber es iſt Zeit, daß dieſe Mißverſtändniſſe aufhören. Sehen Sie denn nicht, daß die Herzogin ſich mir durch ihre beſtändige Einmiſchung und Bevormundung verhaßt gemacht und mich veranlaßt hat, mir eine Vertraute von ange⸗ nehmerem Weſen zu wählen? Sehen Sie denn nicht, daß ich weder ihre, noch Eurer Durchlaucht Aufſicht ertragen will,— daß ich mein Volk nach meinem Gutdünken re⸗ gieren will,— daß ich meine Gunſt nach meinem Wohl⸗ gefallen ertheilen will? Kein Parlament kann mir eine Freundin rauben, und wenn Eure Durchlaucht Miſtreß Mas⸗ ham mit Gewalt zu entfernen ſuchen ſollte, wie Sie einſt drohten, ſo werden Sie Ihre Anſtrengungen vergeblich finden.“ „Ich habe keineswegs den Wunſch, Eure Majeſtät einer Freundin zu berauben, eben ſo wenig wie Ihnen Vorſchriften zu machen,“ verſetzte der Herzog.„Aber wenn Ihnen be⸗ wieſen, öffentlich bewieſen worden iſt, daß Ihre Vertraute Verrath begangen hat, und in beſtändigem Verkehr mit dem erklärten Gegner von Eurer Majeſtät Miniſtern geſtanden hat,— um nicht einmal von auswärtigen Feinden zu ſprechen,— von der Königin ertragen muß. 15 wenn Ihr Parlament und Ihr Volk ihre Entlaſſung ver⸗ langen, dann werden ſie ſicherlich nicht länger anſtehen.“ „Es wird zeitig genug ſein, dieſe Frage zu beantwor⸗ ten, Mhlord, wenn ein ſolcher Entſchluß ausgeſprochen wor⸗ den iſt,“ ſagte die Königin.„Ich denke, unſre Unterredung hat hiermit ein Ende.“ „Nicht ganz, Eure Majeſtät,“ ſagte der Herzog.„Ich muß Ihre Geduld noch einige Augenblicke in Anſpruch neh⸗ men. Sie wiſſen, daß zwei militäriſche Poſten zu beſetzen ſind;— die Gouverneurſtelle des Tower und ein Regiment.“ „Ich weiß es,“ antwortete die Königin. „Lord Rivers hat mich gebeten, meinen Einfluß bei Eurer Majeſtät zu Gunſten ſeiner Ernennung zum Gouver⸗ neur zu verwenden,“ fuhr der Herzog fort,„aber auf meine Vorſtellung, daß mein Einfluß unendlich viel geringer iſt, als ſein eigner, bat er mich um Erlaubniß, Eure Majeſtät ſelbſt darum anzugehen.“ „Hat Eure Durchlaucht Etwas an ihm auszuſetzen?“ fragte die Königin. „Nicht das mindeſte,“ erwiederte der Herzog;„aber die Perſon, welche ich zu dieſer Stelle vorſchlagen möchte, iſt der Herzog von Northumberland. Wenn Eure Majeſtät ſie ihm geben, ſo werden Sie zugleich den Grafen von Hertford durch Verleihung des Orfordſchen Regiments verpflichten können, das Northumberland zu ſeinen Gunſten aufgeben will,— eine Anordnung, die dem Vater des Grafen, dem Herzog von Somerſet, gewiß höchſt angenehm ſein wird.“ „Ich bedaure, daß ich Eurer Durchlaucht Vorſchlag nicht berückſichtigen kann,“ antwortete die Königin,„denn ich habe die Gonverneurſtelle ſchon an Lord Rivers vergeben.“ „Wie, Madame!“ rief Marlborough.„Lord Rivers hatte mich ja erſt wenig Augenblicke verlaſſen, ehe ich aus⸗ ging und mich in aller Eile nach dem Palaſte begab.“ —— 16 Von der Schmach, die der Herzog von Marlborough „Er iſt nichts deſtoweniger hier geweſen und hat die Anſtellung erhalten,“ verſetzte die Königin.„Er ſagte, Eure Durchlaucht hätte nichts gegen ihn einzuwenden.“ „Dies iſt gegen alle Etiquette,“ rief der Herzog, der ſeinen Verdruß kaum beherrſchen konnte.„Mich bei einem ſolchen Anlaß nicht zu befragen! Eure Majeſtät wird wohl thun, Ihr Verſprechen zurückzunehmen.“ „Unmöglich, Mylord,“erwiederte Anna.„Aber da Eure Durchlaucht ſich über Verletzung der Etiquette beklagt, ſo nehme ich dieſe Gelegenheit, um Ihnen meinen Wunſch zu erkennen zu geben, daß das erledigte Regiment an Miſtreß Masham's Bruder, den Oberſten Hill, verliehen wird.“ „Eure Majeſtät!“ rief der Herzog. „Nein, nein; ich will es ſo haben!“ rief Anna mit Nachdruck. „Eure Majeſtät wird mir vergeben, wenn ich in einer Angelegenheit, wie dieſe, welche die Berückſichtigung ſo vieler zarten Punkte erfordert, nicht augenblicklich meine Einſtim⸗ mung gebe,“ erwiederte der Herzog.„Ich erſuche Sie, den übeln Eindruck zu bedenken, den die Ernennung eines ſo jungen Offiziers, wie Oberſt Hill, auf die Armee machen wird, während andere mit längerer Dienſtzeit und begrün⸗ deteren Anſprüchen nothwendig übergangen werden müßten. Ich ſelbſt werde der Parteilichkeit und Ungerechtigkeit ange⸗ klagt werden.“* „Ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie in dieſer Hinſicht gerechtfertigt werden, Mylord,“ entgegnete Anna. „Dies heißt ſo viel, als eine Fahne des Aufruhrs auf⸗ pflanzen, um welche ſich alle Unzufriedene ſchaaren werden,“ fuhr der Herzog fort. „Wir wollen etwas Beſſeres hoffen,“ ſagte die Königin. „Als letzter Ausweg, gnädigſte Königin,“ ſagte der Herzog, ihr zu Füßen finkend,„möchte von der Königin ertragen muß. 1 Mühſeligkeiten erinnern, die ich noch vor ſo kurzer Zeit ertragen habe,— an meine langen und thätigen Dienſtleiſtungen. Ich, bitte Sie, zwingen Sie mir dieſen verletzenden Befehl nicht auf. Obwohl ich ſelbſt die Kränkung ertragen möchte, ſo wird es Ihnen doch eben ſo viel Schaden als mir bringen, wenn es der ganzen Welt bekannt gemacht wird.“ „Stehen Sie auf, Mylord,“ ſagte Anna kalt.„Mein Entſchluß iſt gefaßt. Sie werden wohl thun, ſich mit Ihren Freunden zu berathen, und wenn das geſchehen iſt, ſehe ich Ihrer Antwort entgegen.“ „Sie ſollen ſie erhalten, Madame,“ erwiederte der Her⸗ zog und entfernte ſich mit einer gezwungenen Verbeugung. Viertes Kapitel. Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, und wie er eine 8 holländiſche Frau mitbrachte. Miſtreß Plumpton's und Miſtreß Tipping's Beſtändig⸗ keit hatte eine ſchwere Probe zu beſtehen. Der Feldzug des Jahres 1707 ging zu Ende, ohne daß der Sergeant wieder⸗ kam; ebenſo der des folgenden Jahres und es ſchien noch zweifelhaft zu ſein, ob der Winter von 1709 ihn wieder zu Hauſe ſehen würde. Dies war, wie man geſtehen muß, aller⸗ dings eine ſehr lange Abweſenheit, und hinreichend, um die Geduld der Allertreuſten zu erſchöpfen. Während des größ⸗ ten Theils dieſes Zeitraumes korreſpondirte Scales regel⸗ mäßig mit ſeinen Freunden und ſchickte ihnen lange, aus⸗ führliche Beſchreibungen der Belagerungen von Lille, Tournay und Mons, ſo wie der Schlachten von Oudenarde und Mal⸗ plaquet, bei denen allen er gegenwärtig geweſen war. Bimbelot und Sauvageon ließen in ihren Aufmerkſam⸗ keiten gegen die Damen nicht nach, und wenn man auch nicht ſagen konnte, daß die Bewerbungen des Korporals große Ainsworth, St. James's. II. 2 18 Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, Fortſchritte machten, ſo ſchmeichelte der Kammerdiener ſich dagegen, daß er einen günſtigen Eindruck auf das Herz der Kammerjungfer gemacht habe. Wie weit ſein Erfolg gegan⸗ gen ſein, und ob er ſich in den Beſitz der Hand der allzu gefühlvollen Miſtreß Tipping geſetzt haben würde, braucht nicht unterſucht zu werden. Es genüge die Nachricht, daß ſie von Proddy, der ſie wie ein Drache beobachtete, ſo wohl bewacht ward, daß ſie keine Gelegenheit hatte, ſich wegzu⸗ werfen. Man wird ſich erinnern, daß Bimbelot, als wir ihn zuletzt verließen, von dem Kutſcher in einen Küchenſchrank geſperrt ward, und es wird jetzt eine paſſende Zeit ſein, den Verlauf jenes Abenteuers zu erzählen. Es dauerte ziemlich lange, ehe der Kammerdiener bemerkte, daß er gefangen war, da er Proddy's Manöver nicht gehört hatte, aber als er die Luft rein wähnte, wollte er herausſteigen und fand zu ſei⸗ nem großen Schrecken, daß ihm die Mittel des Ausgangs genommen waren. Als er ſich eben in den höchſten Aengſten befand, gewährte ihm das Nahen von Fußtritten einigen Troſt und bald darauf erklang Miſtreß Tipping's ſüße Stimme und fragte mit leiſem Ton:„Sind Sie da?“ „Oui, ma chéère, und wenn Sie mich nicht laſſen aus, muß ich bleiben hier bis an die jüngſte Tag,“ antwortete er. „Ach, der Schlüſſel iſt fort,“ rief Miſtreß Tipping. „Ich kann nicht aufſchließen. Was iſt da zu thun?“ „Diable!“ tobte Bimbelot.„Je mourirai de faim,— je serai suffoqué. Oh, mon Dieu! Was muß ich thun?— ah!“ Und indem er ſich in ſeinem Gehäuſe umdrehte, ſtieß er einen großen Satz von Porzellantellern um, die mit einem furchtbaren Geklirr zu Boden ſielen. Miſtreß Tipping huſchte augenblicklich davon, und Fiſhwick, Brumby, Parker und Timperley, die ſich in ein kleines Zimmer neben der Küche begeben hatten, um vor ¹ und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 19 dem Zubettgehn eine Pfeife zu rauchen und ſich mit einer Kanne Bier zu erquicken, ſtürzten von dem Getöſe erſchreckt herbei. „Was der Teufel wird hier los ſein?“ rief Fiſhwick. „Es müſſen Einbrecher ſein.“ „Der Lärm kam hier aus dem Porzellanſchrank,“ ſagte Brumby.„Es muß ſich eine Katze drin gefangen haben.“ „Eher wohl eine Ratze,“ ſagte Parker;„aber was es auch ſein mag, wir wollen es ſchon herausſtöbern. Oje— der Schlüſſel iſt fort! Ich weiß doch gewiß, daß ich ihn dieſen Abend noch drin ſtecken geſehen habe.“ „Dies überzeugt mich, daß wir es mit einem Einbrecher zu thun haben,“ ſagte Timperley.„Er hat den Schlüſſel herausgezogen und ſich eingeſchloſſen.“ „Kann ſein,“ ſagte Brumby.„Aber wir wollen die Thür aufbrechen. Ich höre ganz gewiß ein Geräuſch drin.“ „Ich auch,“ verſetzte Parker. „In dieſem Augenblick erfolgte wieder der Einſturz einer Porzellanabtheilung, worauf ein Fluch in franzöſiſcher Sprache ertönte. „Laufen Sie nach der Küche, Timperley, und holen Sie das Gewehr,— und die Piſtolen,— und den Degen,“ rief Fiſhwick.„Wir wollen den Hallunken vertilgen, wenn wir ihn kriegen. Ich habe einen Schlüſſel, der paſſen wird. Schnell— ſchnell!“ „Oh, ce west pas un larron, mes amis, C'est moi, — cest Bimbelot,“ rief der Franzoſe.„Kennen Sie mich nicht?“ „Das klingt doch meiner Seele, wie Bamby ſeine Stimme,“ rief Fiſhwick. „Ja wohl, ja wohl,— es ſein Bimbelot,“ erwiederte der Gefangene. „Was Teufel machen Sie denn da drin?“ fragte der Koch. 20 Wir der Sergeant aus dem Felde zurückkam, „Ich bin zufällig eingeſchloſſen worden,“ erwiederte Bimbelot.„Ich bitte Sie, machen Sie auf die Thür.“ Bei dieſer Antwort entſtand ein ſchallendes Gelächter unter der davor ſtehenden Gruppe, welches ſich keineswegs legte, als Fiſhwick die Thür öffnete und der Kammerdiener herausſchlich. Ohne ſich damit aufzuhalten, ſeinen Befreiern Dank zu ſagen oder ihnen die Veranlaſſung ſeiner Gefan⸗ genſchaft zu erklären, machte Bimbelot ſich auf die Beine und eilte nach Hauſe. Ihre Vermuthungen, welche nicht weit von der Wahrheit entfernt blieben, wurden am folgen⸗ den Tage vollkommen von Proddy beſtätigt. Wir haben geſagt, daß der Sergeant häufig nach Hauſe ſchrieb, aber nach der Schlacht von Malplaquet, welche er mit großer Ausführlichkeit beſchrieb, ließ er weiter nichts von ſich hören, und da dieſe Depeſche offenbar von der Hand eines Kameraden aufgezeichnet war, ſo fürchtete man, obgleich er nichts davon erwähnte, daß er verwundet wäre. „Na, ich bleibe bei meinem Vorſatz,“ ſagte Miſtreß Tipping.„Wenn er ein Glied verloren hat, ſo will ich ihn nicht.“ „Mir iſt es einerlei, was er verliert,“ ſagte Miſtreß Plumpton,„er wird mir immer eben ſo angenehm ſein.“ „Ich hoffe, er wird geſund und wohl wiederkommen,“ ſagte Proddy,„und das bald. Er iſt wahrhaftig lange genug fortgeweſen.“ Der Feldzug von 1709 ging zu Ende und der Herzog von Marlborough kam zurück, aber kein Sergeant. Die Beſtürzung der beiden Damen war unbeſchreiblich. Miſtreß Tipping hatte einen Anfall von Krämpfen und Miſtreß Plumpton fiel ſchier in Ohnmacht, aber beide erholten ſich bald, als Fiſhwick ihnen aus der allerbeſten Quelle,— nämlich von dem Herzog ſelbſt,— die frohe Nachricht brachte, daß der Sergeant auf dem Heimwege wäre und ſtündlich „ und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 21 erwartet werden könnte. Nicht lange, ſo zeigte ſich Proddy mit einer geheimnißvollen Miene, welche ihre Neugierde wahrhaft auf die Folter ſpannte. Er hatte einen Brief von dem Sergeanten erhalten, und die Damen baten ihn, ihnen denſelben zu zeigen, allein er ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Sie werden alles zu ſeiner Zeit erfahren.“ „Was erfahren?“ fragte Miſtreß Tipping.„Was iſt geſchehen?“ „Etwas ſehr Schreckliches,“ erwiederte Proddy auswei⸗ chend;„alſo halten Sie ſich nur gefaßt.“ „O, gerechter Himmel, wie Sie einen erſchrecken!“ rief Miſtreß Tipping.„Es iſt ihm doch kein Bein abgeſchoſſen worden?“ „Viel ſchlimmer!“ erwiederte Proddy. „Noch ſchlimmer?“ wiederholte Miſtreß Tipping.„Un⸗ möglich! Es kann nichts Schlimmeres ſein. Sprechen Sie, ſprechen Sie! oder ich verliere den Verſtand.“ „Na, er hat den rechten Arm und das rechte Bein ver⸗ loren, und ich weiß nicht genau, ob ihm das rechte Auge nicht auch fehlt,“ erwiederte der Kutſcher. „Dann iſt er nicht mehr mein Mann,“ verſetzte Miſtreß Tipping. „Ich freue mich, daß ich eine ſolche Gelegenheit habe, meine Zuneigung zu ihm zu beweiſen,“ ſagte Miſtreß Plumpton, eine Thräne wegwiſchend.„Ich werde ihn eben ſo gut lei⸗ den mögen, wie ſonſt,— vielleicht noch beſſer.“ „Na, auf mein Wort, Plumpton, Sie ſind leicht zu⸗ frieden zu ſtellen, muß ich ſagen,“ bemerkte Miſtreß Tipping höhniſch.„Ich wünſche Ihnen Glück zum Kauf.“ „Ach! aber Miſtreß Plumpton weiß noch nicht alles,“ bemerkte Proddy;„das Schlimmſte kommt noch.“ „Was! iſt noch etwas Schlimmeres geſchehen?“ fragte die Haushälterin.„Was iſt es? was iſt es?“ Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, 8 „Der Sergeant hat mir verboten, es zu ſagen,— aber ich kann nicht anders,“ erwiederte Proddy.„Er hat fich verheirathet.“ „Verheirathet!“ kreiſchten die Damen beide. „Ja,— verheirathet,“ erwiederte Proddy,„und zwar mit einer Holländerin, die er mitbringt.“ „Na, ich hoffe, er wird ſie mir nicht vorſtellen, oder ich kratze ihr die Augen aus, das thue ich!“ rief Miſtreß Tipping.„Gott ſteh' uns bei! was iſt mit Ihnen, Plump⸗ ton? Seh' doch einer, ob die arme Seele nicht in Ohnmacht fällt.“ Und da ihre weiblichen Gefühle die Oberhand über ihre Eiferſucht gewannen, ſo flog ſie auf die Haushälterin zu, welche auf einen Stuhl geſunken war und verſuchte ſie durch reichliches Beſprengen mit Waſſer wieder zu ſich zu bringen. „Wenn dies keine wahre Liebe iſt, ſo verſtehe ich mich nicht darauf,“ ſagte Proddy, indem er mit großer Theil⸗ nahme auf Miſtreß Plumpton blickte.„Ich wollte, ich hätte ſie nicht ſo erſchreckt.“ Und ohne ihre Wiederbelebung ab⸗ zuwarten, verließ er das Haus. An demſelben Abend kam Bimbelot zum Beſuch zu den Damen und war von den Neuigkeiten, welche er von Miſtreß Tipping erfuhr, höchſt entzückt. „Ma ſoi!“ rief er,„ein ſchönes Ende, das den Ser⸗ geant ſeine Galanterie hat genommen. Alſo er hat verloren ein Bein, und ein Arm, und ein Auge, und hat geheirathet eine holländiſche Krähe,— ha! ha! Sie ſagen, daß man ihn erwartet alle Stunden? Ich will morgen Abend kommen und ſehen, ob er iſt wieder da!“ So kam er denn am folgenden Abend in Sauvageon's Begleitung und fand die beiden Damen nebſt Fiſhwick in der Küche; aber bis jetzt hatte ſich noch nichts von dem Sergeanten ſehen laſſen und auch Proddy war noch nicht und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 23 gekommen. Miſtreß Plumpton ſchien ganz untröſtlich zu ſein, ſeufzte zum Herzbrechen und hob die Schürze gelegent⸗ lich an die Augen; und obgleich Miſtreß Tipping ſich Mühe gab, gleichgültig und trotzig auszuſehen, ſo war es doch augenſcheinlich, daß ſie ſich nichts weniger als behaglich fühlte. „Ich hoffe, Sie werden ſich rächen an dieſe treuloſe Sergeant, ma chère,“ ſagte Bimbelot zu ihr;„laſſen Sie ihm ſehen, daß wenn er ſich hat genommen eine holländiſche Frau, Sie können ihm zeigen eine franzöſiſche Mann,— ha! ha!“ „Es geſchähe ihm ganz recht,“ erwiederte die Dame. „Ich werde es überlegen.“ Sauvageon richtete eine Vorſtellung gleichen Inhalts an Miſtreß Plumpton, aber die einzige Antwort, die ihm ward, beſtand in einem melancholiſchen Kopfſchütteln. Gerade in dieſem Augenblick ließ ſich ein ſeltſames Gepolter, wie von dem Stampfen eines hölzernen Beines, auf dem Flur hören und kam der Thür immer näher. „Sacre Dieu! was iſt das?“ rief Bimbelot. „Es iſt der Sergeant,“ rief Miſtreß Plumpton zuſam⸗ menfahrend.„Ganz gewiß, er iſt es.“ Bei dieſen Worten öffnete ſich die Thür, und— dort ſtand Scales; aber wie kläglich hatte er ſich gegen früher verändert! Sein rechter Arm hing in einer Schlinge, aus der eine Art von Stumpf, in Bandagen gewickelt, hervorſah. Ein hölzernes Bein ſtützte ihn an einer Seite, und eine lange Krücke an der andern. Sein Geſicht war abgefallen und gefurcht, und ſein Ausſehen rührte Miſtreß Plumpton ſo ſehr, daß ſie ihm entgegen geflogen und um den Hals gefallen wäre, hätte ſie nicht eine weibliche Geſtalt dicht hinter ihm bemerkt. Als Scales einen Augenblick unter der Thür ſtillge⸗ ſtanden war und ſeine Freunde begrüßt hatte, humpelte er 24 Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, näher. Seine Ehehälfte folgte und ein Schauer des Er⸗ ſtaunens durchrieſelte Miſtreß Plumpton, als ſie den Gegen⸗ ſtand ſeiner Wahl näher betrachtete. Ein ſolches Geſchöpf, das den herkömmlichen Begriffen von weiblichen Reizen in ſo hohem Grade widerſprach, war ſeit Anbeginn der Welt noch nicht geſehen worden. Miſtreß Scales war kaum halb ſo groß, als ihr Gemahl, aber was ihr an Größe abging, erſetzte ſie reichlich an Dicke und Rundung; und wenn ſie eine holländiſche Venus war, ſo mußten die Holländer einer gewiſſen Breite der Schönheit eine eben ſo große Bewunderung zollen, als die Hottentotten. Ihre um⸗ fangreichen Reize prangten in einem Rock von brennend rothem Scharlachtuch, über dem ſie ein kurzes Kleid von gelbem, goldgeſticktem Brokat und über dieſem eine Muslin⸗ ſchürze mit reichem Spitzenbeſatz trug. Ihr gewaltiges Mie⸗ der war von derſelben ſchreienden Art, wie ihr Rock; unge⸗ heure Spitzenkrauſen bedeckten ihre Ellbogen und ſchwarze Klapphandſchuhe ihre Handgelenke. Ihr Hals war ſo kurz, daß ihr Kinn ganz in ihrer ſchwellenden Bruſt vergraben war. Eine Taille exiſtirte bei ihr nicht. Ihre Geſtalt ähnelte in der That einem unermeßlichen holländiſchen Butterfaß oder eeeiner rießenmäßigen Branntweintonne. Eines Reifrocks be⸗ durfte ſie nicht; auch hätte ſie nicht im mindeſten jenes modiſchen Beſtandtheils der weiblichen Kleidung, des Cul de Paris, bedurft. Ihr übriger Putz beſtand aus maſſiven goldenen Ohrringen, einer Spitzenhaube mit Flügeln, auf der ein Biberhut mit niedrigem Boden und breiten Krämpen ſaß, aus ſchwarzen Schuhen von ſpaniſchem Leder mit rothen Hacken und Schnallen. In ihrer Hand trug ſie einen großen Fächer, welchen ſie vor ihrem Geſicht ausbreitete, wahr⸗ ſcheinlich um ihr Erröthen zu verbergen. Als ſie mit aus⸗ wärts geſetzten Zehenſpitzen und kurzem, trippelnden Schritt vorüberging, borſten die Franzoſen in ein lautes Gelächter und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 25 aus und machten ihr eine ſpöttiſch ehrerbietige Verbeugung, welche ſie mit einem kleinen Niederducken ihres Körpers, das für einen Knicks gelten ſollte, erwiederte. Dann zogen ſie ſich auf die Seite zurück, um ihrer Luſtigkeit freien Lauf zu laſſen. „Welch ein Geſchöpf!“ rief Miſtreß Tipping, indem ſie den Kopf in die Höhe warf und ihre Haubenbänder ordnete, „welch ein ekliges Geſchöpf! Nein, ich ſpreche nicht mit ihr.“ „Ich muß am Ende wohl,“ ſeufzte die gutmüthige Miſtreß Plumpton.„O, daß es hiezu kommen mußte, nach allen ſeinen Verſprechungen und ſüßen Worten!“ Jetzt hatte ſich der Sergeant der Gruppe genähert. Seine Miene ward von Augenblick zu Augenblick immer kläglicher und er mußte ſich die Kehle räuſpern, ehe er folgende Worte hervorbringen konnte:„Erlauben Sie mir, Ihnen Miſtreß Sca⸗ les vorzuſtellen. Katryn, meine Liebe,— Miſtreß Plumpton.“ Bei dieſer Vorſtellung machte die dicke kleine Dame wieder einen kurzen duckenden Knicks und ſenkte ihren Fächer ein wenig, ſo daß ein breites aufgedunſenes, mit Schön⸗ fleckchen bedecktes Geſicht, ein großes doppeltes Kinn, eine Stutznaſe und runde vorſtehende Glotzaugen ſichtbar wurden. Sie ſah ſo ſehr, ſehr gewöhnlich aus, daß Miſtreß Plumpton erſtarrte und mitten in ihrer Verbeugung, wie verſteinert, ſtecken blieb. „Ah! diable, comme elle est jolie!“ rief Bimbelot. „Nai une grande envie du bonheur de notre vaillant sergeant— ha, ha!“ „Et moi aussi,“ lachte Sauvageon.„Sa femme est séduisante comme un tonneau de graisse.“ „Meine Frau ſpricht ſehr gut Engliſch, Miſtreß Plunp⸗ ton,“ ſagte Scales.„Es wird ihr viel Freude machen, ſich mit Ihnen unterhalten zu können.“ 26 Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, „Jah, ick ſpräk ſer good Engelſch, Miſtreß Blumbdon,“ ſagte die Holländerin. „Was meinen Sie zu ihr?“ fragte Scales.„Sie gilt in ihrem Vaterlande für eine große Schönheit. Sie hieß „de Vatte Haring van den Haag,“ was dort für ein großes Kompliment gehalten wird.“ „Jah, in mijn Vaaderland bin ick eine groote Schön⸗ heit,“ ſchmunzelte Miſtreß Scales. „Was es doch für Geſchmäcke in der Welt gibt!“ mur⸗ melte Miſtreß Plumpton.„Aber wiſſen Sie was, Sergeant,“ fügte ſie laut hinzu,„mir däucht, Ihre Frau iſt Herrn Proddy ſehr ähnlich,— ſo ähnlich, daß ich ſie faſt für ſeine Schweſter halten möchte.“ „Wat ſagt ſie?“ fragte Miſtreß Scales, ihren Fächer bewegend. „Sie ſagt, daß du ſehr viel Aehnlichkeit mit einem achtbaren Freunde von mir haſt,— einem Herrn Proddy, dem Kutſcher der Königin,“ erwiederte Scales. „O, Mynheer Protty, ick hebb dy ſchon van em ſprä⸗ ken hört,“ entgegnete ſeine Frau.„He moet ein hübſchen Mann ſijn, wenn he my ähnlich is.“ „Allerdings, das iſt er,“ beſtätigte Scales.„Du wirſt ſeine Bekanntſchaft auch wohl bald machen.“ „O ja freilich, er wird gewiß nicht lange ausbleiben,“ ſagte Fiſhwick.„Ich wundere mich, daß er noch nicht da iſt. Alle tauſend! ſie ſieht Proddy ungeheuer ähnlich.“ „Wollen Sie mir nicht erlauben, Ihnen meine Frau vorzuſtellen, Miſtreß Tipping,“ fragte Scales. „O, ich danke recht ſehr, Sergeant,“ erwiederte dieſe liebenswürdige Dame, indem ſite ſpöttiſch über die Achſel ſah.„Scheußlicher Kerl!“ fügte ſie wie zu ſich ſelbſt hinzu. „Na, wenigſtens können Sie mir die Hand geben,“ ſagte Seales. und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 27 „Sie haben nur noch Eine Hand übrig, Sergeant, und es wäre Schade, wenn Sie ſie ohne Noth gebrauchen ſoll⸗ ten,“ verſetzte Miſtreß Tipping ſchnippiſch. „Wahrhaftig, einen ſolchen Empfang habe ich mir nicht vermuthet,“ ſagte Scales trübſelig.„Ich dachte, Sie wür⸗ den ſich über meine Rückkunft freuen.“ „Das hätten wir auch gethan, wenn Sie ſo wieder⸗ gekommen wären, wie Sie fortgegangen find,“ verſetzte Miſtreß Tipping;„aber Sie haben ſich ganz verändert. Ich habe Ihnen immer geſagt, wenn Sie ein Glied verlören, ſo ich nichts von Ihnen wiſſen.“ „Ihre Wunden würden bei mir keine Veränderung her⸗ vorgebracht haben, Sergeant, wenn Sie nicht eine Scheide⸗ wand zwiſchen uns gezogen hätten,“ ſagte Miſtreß Plumpton. „Ach! Sie haben grauſam mit mir geſpielt!“ „Sch! nicht ſo laut!“ rief der Sergeant, ſie beſchwich⸗ tigend und mit den Augen nach ſeiner Ehehälfte blinkend. „Wat ſagen Sie da, Madam?“ fragte Miſtreß Scales. „Ick meene doch nich, dat der Sergeant ü de Kur gemaakt hat?“ „Ja wohl hat er das,“ rief Miſtreß Tipping;„uns allen Beiden hat er die Kur gemacht; und er hat uns Beiden verſprochen, uns zu heirathen, und er hätte uns Beide ge⸗ heirathet, wenn Sie nicht wären,— Sie altes ausländiſches Ungeheuer!“ „Is dat an dem, Madam?“ rief Miſtreß Scales, deren Geſicht eine flammende Röthe übergoß, zur Haushälterin ge⸗ wandt.„Ick will ü glöben, aber nich dieſe Naſeweiß.“ „So barbariſch er auch gehandelt hat, ich will ihn nicht verrathen,“ murmelte Miſtreß Plumpton, ſich abwendend. „Wenn Sie mir nicht glauben wollen, Sie altes Meer⸗ ſchwein, ſo fragen Sie dieſe Herrn,“ ſagte Miſtreß Tipping. „Sie werden es Ihnen beſtätigen.“ 28 Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, „Oui, Madame,“ erwiederte Bimbelot vortretend,„je suis bien fäché,— ick muß bedauern, Ihn ſagen zu müſſen, daß der Sergeant hat gemacht la conr an dieſe beide Damen.“ „Stille, Bamby,“ rief Scales. „O, ich bin nicht ſtill, wenn Sie es befehlen,“ ver⸗ ſetzte der Kammerdiener.„Wir lachen jetzt über Ihre Dro⸗ hungen— ha! ha!“ Und er ſchlug dem Sergeanten ein Schnippchen vor der Naſe. „Ja, ja, wir lachen Sie jetzt aus,“ ſagte Sauvageon, die Geberde ſeines Kameraden nachahmend. „Memmen!“ rief Scales. „Wen nennen Sie eine Memme, Sere?“ fragte Bim⸗ belot, ihm mit wüthendem Grinſen zu Leibe rudernd. „Ja wohl, wen nennen Sie eine Memme, Sere?“ fragte Sauvageon, hinzutretend und auf der andern Seite grinſend. „Euch Beide; ich nenne euch Beide Memmen,— feige Memmen,“ antwortete Scales.„Ihr würdet Euch dies für euer Leben nicht herausgenommen haben, wenn ich nicht krumm geſchoſſen worden wäre.“ Die Franzoſen ſannen auf eine zornige Antwort, aber Miſtreß Seales drängte ſie fort und rief:„Laßt ihn mir. Ick hebbe ene Recknung mit em te maake. Gewet my mijne Guilders wieder, Sir. Ick laate my ſcheiden. Ick will wie⸗ der nach Holland. Blijvet bei eure ſchönen Miſſes hier.“ „Wir wollen nichts mit ihm zu thun haben,“ ſagte Miſtreß Tipping. „Antworten Sie für ſich allein, Tipping,“ verſetzte Miſtreß Plumpton.„Ich könnte ihm Alles vergeben.“ „Gott ſegne Sie! Gott ſegne Sie!“ rief der Sergeant mit tief bewegter Stimme und eine Thräne aus den Augen wiſchend. „Gewet my mijne Guilders wieder, ſag ick,“ rief Miſtreß und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 29 Scales, ihn mit dem Fächer ſchlagend.„Et is aus mit uns. Ick will fort.“ „Ja, geben Sie der Dame ihr Geld wieder,“ rief Bim⸗ belot, indem er hinter ihn trat und ihm ſein hölzernes Bein zu unterſchlagen ſuchte.„Ah! ah! mon brave, Sie ſind gekommen hübſch unter die Pantoffel— ha! ha!“ „Ja, ja, eine ſchlechte Mähre kann doch noch ein gutes Pferd werden,“ rief Sauvageon, indem er die Krücke unter ſeinem Arm wegzuſchleudern ſuchte. „Ha! ihr Schurken!— ha! ihr Memmen! Ich will euch lehren, mich ungeſchoren zu laſſen!“ ſchrie der Sergeant mit Donnerſtimme und ſchüttelte ſie ſich mit einer Kraft ab, die ſie in Verwunderung ſetzte. Aber wie groß war ihr Schrecken und Erſtaunen, als ſie ihn den rechten Arm aus der Schlinge ziehen, die Ban⸗ dagen abwickeln und eine eben ſo geſunde und unbeſchädigte Hand, wie die andre, zum Vorſchein bringen ſahen. Wie groß war ihre Ueberraſchung,— und die Ueberraſchung aller übrigen, außer Miſtreß Scales,— als ſie ihn hinten einen Riemen aufſchnallen, das hölzerne Bein von ſich ſtoßen und ſeinen rechten Fuß mit einem derben Tritt auf den Boden ſetzen ſahen. „Darf ich meinen Augen trauen?“ rief Miſtreß Plump⸗ ton;„der Sergeant iſt wieder er ſelbſt.“ „Mille tonnerres!“ rief Bimbelot erſchreckt,—„que signifie cela?“ „Es bedeutet, daß der Tag der Wiedervergeltung für euch gekommen iſt, Schurke,“ erwiederte Scales, ihm ſeine Krücke auf Rücken und Beine legend.„Dies ſoll euch leh⸗ ren, den Leuten im Park aufzulauern. Und Euch ebenfalls!“ rief er, indem er Sauvageon auf gleiche Weiſe bearbeitete— „wie gefällt Euch das, he, ihr Schufte?— he, ihr Tauge⸗ nichtſe?“ 30 Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, Und ſo jagte er ſie in dem Gemach umher, während Miſtreß Scales ihm hülfreiche Dienſte leiſtete, indem ſie den Fliehenden gelegentlich einige kräftige Fußtritte beibrachte und bei dieſer Gelegenheit ein ungeheures Wadenpaar blicken ließ. Sie hatte eben einen von Bimbelot's Rockſchößen erwiſcht und gab ihm mehrere derbe Rippenſtöße, als er ſich plötz⸗ lich von ihr losriß und ſie mit zu Boden zog. Bei dieſem Sturz fielen ihr Haube und Hut nebſt einer falſchen Haar⸗ perrücke ab. „Noch ein Wunder!“ rief Miſtreß Plumpton, ihr zu Hülfe eilend.„Na, Gott ſteh' mir bei, wenn es am Ende nicht Herr Proddy ſelbſt iſt.“ „Ja, freilich, freilich bin ich es,“ erwiederte der Kut⸗ ſcher aufſtehend—„ha! ha! O je, o je, dies Schnürleib iſt mir gar zu eng. Es drückt mich noch zu Tode,— oh! oh!“ In dieſem Augenblick kam der Sergeant, der die beiden Franzoſen zur Thür hinausgejagt hatte, zurück und ſchloß die widerſtandsunfähige Miſtreß Plumpton in ſeine Arme und drückte einen herzlichen Schmatz auf ihre Lippen. „Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihre Liebe auf dieſe Probe ſtellte, meine Theure,“ ſagte er. „Gern, ſehr gern,“ lispelte Miſtreß Plumpton. „Ich will Ihnen auch vergeben, Sergeant,“ ſagte Miſtreß Tipping, ihm am Ellbogen zupfend,„wenn Sie es auch nicht verdienen.“ Ohne ein Wort zu ſagen, wandte Scales ſich um und vrückte ſie an die Bruſt. Aber die Umarmung war ſicherlich nicht ſo herzlich, wie diejenige, in welche er eben die Haus⸗ hälterin geſchloſſen hatte. „Na, ich hoffe, Sie haben ſich meines Pinen wäh⸗ rend meiner Abweſenheit angenommen?“ ſagte Scales. „Kommen Sie und beſehen Sie es,“ rief Miſtreß und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 31 Plumpton,„Sie werden es noch ganz ſo finden, wie Sie es verlaſſen haben.“ „Ja, kommen Sie und beſehen Sie es,“ fügte Miſtreß Tipping hinzu,„wir haben es regelmäßig rein gemacht.“ „Danke, vanke!“ entgegnete der Sergeant. „Ihre Trommel iſt ſo ſtramm angezogen, wie mein Schnürleib,“ ſagte Proddyo.„O je! ich wollte, Jemand ſchnürte mich auf.“ Als der Kutſcher in Freiheit geſetzt worden war, ver⸗ fügten ſie ſich ſämmtlich nach der Behauſung des Sergeanten, und auf dem Wege dahin bemerkte Scales gegen Miſtreß Plumpton, daß er es ihr nie vergeſſen würde, wie ſie ihn empfangen hätte,„es hätte einen unauslöſchlichen Eindruck auf ſein Herz gemacht.“ „Unauslöſchlicher Firlefanz!“ brummte Miſtreß Tipping, welche dieſe Bemerkung hörte.„Als ob ſie nicht die ganze Zeit über gewußt hätte, daß Sie nur Komödie ſpielten. Gott, wie kann man doch ſo einfältig ſein, Sergeant; denken Sie denn wirklich, daß Sie uns mit ſo einem albernen Kniff etwas aufbinden konnten? Bei Leibe nicht. Ich ſah von dem Augenblick an, wo Sie hereinkamen, durch die ganze Geſchichte.“ Der Sergeant machte eine ungläubige Miene und öffnete dann mit etwas zitternder Hand die Thür und trat ein. Alles war an ſeinem Platz,— die Pläne, die Bilder, die Handſchuhe, der Degen, die Kugel, der Meerſchaumkopf, nebſt der Trommel auf dem dreibeinigen Holzſtuhl. Der Sergeant überſah Alles mit einem Blick und eine Thräne glänzte in ſeinem Auge. Er ſagte kein Wort, ſondern drückte nur zärtlich Miſtreß Plumpton's Hand. 32 Der Prozeß Fünftes Kapitel. Der Prozeß des Doktor Sacheverell. Der Prozeß des Doktor Sacheverell war zwar urſprüng⸗ lich auf den achten Februar 1710 angeſetzt, aber er ward unter dem Vorwande, daß es nicht möglich ſei, die Weſt⸗ minſterhalle bis zu dieſem Tage zur Aufnahme des Gerichts⸗ hofes in Stand zu ſetzen, auf den 27ſten deſſelben Monats vertagt. Der lange Zeitraum, welcher zwiſchen der Anklage und der Gerichtsfitzung verfloß, war für Sacheverell von großem Nutzen, da es ihm die genügendſte Gelegenheit gab, ſeine Vertheidigung vorzubereiten, und überdies kein Mittel unverſucht blieb, das Publikum zu ſeinen Gunſten einzu⸗ nehmen und die ſchon erwachte feindliche Stimmung gegen ſeine Widerſacher zu erhöhen. Sein Bild war in allen Buchhandlungen ausgeſtellt, an allen Straäßenecken hörte man Lieder zu ſeinem Lobe fingen, und die Geiſtlichen von ſeiner Partei ſpielten in ihren Predigten unabläſſig auf ſeinen Rechtsfall an; ja, einige gingen ſo weit, daß ſie öffentliche Gebete„für die Befreiung eines von Feindeshand verfolgten Mitbruders“ abhielten; die drohende Gefahr, in welcher die Kirche ſchwebe, und die Vortrefflichkeit ihrer Konſtitution war ihr beſtändiges Thema; die eifrigſten Zeloten waren willkommene Gäſte an Harley's und ſeiner Freunde Tafel und erhielten dort Verhaltungs⸗ befehle; und der hauptſächlichſte Toaſt bei allen ſolchen Gelegenheiten war„auf Doktor Sacheverell's Geſundheit und glückliche Los ſprechung.“ Der Zuſtand der Dinge war ſo beunruhigend, daß die Anführer der Whigpartei lange vor der entſcheidenden Ge⸗ richtsfitzung die böſeſten Ahnungen wegen ihres Ergebniſſes hegten, und Godolphin bereute es bitter, daß er den Rath des Lord Somers nicht Gehör gegeben und eine einfache des Doktor Sacheverel. 33 Anklage vor dem gewöhnlichen Gerichte als das ſicherſte und klügſte Verfahren vorgezogen hatte. Aber jetzt war es zu ſpät zum Umlehren. Die Sache war einmal eingeleitet und mußte trotz allen Schwierigkeiten und Gefahren durchgeführt werden. Den Kampfplatz ohne Widerſtand zu verlaſſen, wäre ſchlimmer als eine Niederlage geweſen. Die Königin, welche der Kirche aufrichtig ergeben war und ſich von Harley und Abigail den Glauben an eine wirkliche Gefahr hatte einflößen laſſen, war von Anfang an für Sacheverel eingenommen, und in dieſer Stimmung ward ſie durch die unvorſichtige Einräumung der Rechtmäßigkeit ihres Bruders, des Prinzen von Wales, von Seiten der Whigs beſtärkt,— eine Einräumung, welche ſie, in Vereini⸗ gung mit ihrem Widerwillen gegen die vorgeſchlagene Hannö⸗ verſche Thronfolge, gegen dieſelben erbitterte und ihre Vor⸗ liebe für einen Mann erhöhte, der ihrer Meinung nach wegen Verbreitung von Anſichten, die ſo ſehr mit ihren eigenen übereinſtimmten, Noth und Verfolgung erlitt. Die Zuverſicht der Tories ward überdies durch den Abfall der Herzöge von Shrewsbury, Somerſet und Argyle von der entgegengeſetzten Partei geſtärkt, welche ſich ſämmtlich, ſei es offen oder insgeheim, bemühten, der Anklage Hinderniſſe in den Weg zu legen. Bei ſolchen Widerwärtigkeiten und bei einer ſolchen Richtung der öffentlichen Meinung ward es den Anſtiftern des Prozeſſes klar, daß ſeine Folgen, wie auch das Urtheil in Bezug auf Sacheverel ſonſt ausfallen möchte, ihnen ſelbſt nur im höchſten Grade nachtheilig ſein konnten. Die einzige, welche keine Beſorgniſſe zu hegen und einen günſtigen Aus⸗ gang zu erwarten ſchien, war die Herzogin von Marlborvugh. Der Vertheidigungsrath beſtand aus Sir Simon Har⸗ court, Sir Conſtantin Phipps und die andern der angeſe⸗ henſten Torhſtiſchen Rechtsgelehrten; und die Begutachtung Ainsworth, St. James's. II. 3 34 Der Prozeß aller theologiſchen Gegenſtände war den Doktoren Atterbury, Smallridge und Friend anvertraut. Die Anklage ward von dem Intendanten des königlichen Haushalts Sir John Holland, von dem Sekretär Boyle, dem Kanzler der Schatz⸗ kammer Herrn Smith, dem Generalanwalt Sir James Montague, dem königlichen Prokurator Herrn Robert Eyre, dem Schatzmeiſter der Flotte Herrn Robert Walpole und noch dreizehn andern geleitet. Mit dem herannahenden Gerichtstage ſtieg die öffentliche Neugierde auf den höchſten Gipfel und alle andern Geſchäfts⸗ oder Vergnügungsrückſichten gingen in der Spannung über das Ergebniß eines Kampfes unter, der obwohl dem Schein nach eine andre Sache betreffend, doch das Schickſal von Parteien entſcheiden mußte. Endlich brach der feſtgeſetzte Tag an. Ungefähr eine Stunde vor Mittag waren die Höfe und Vorplätze des Tempels, in welchem Sacheverel eine Wohnung genommen hatte, um in der Nähe ſeiner Advokaten zu ſein, gedrängt voll von einer unzählbaren Volksmenge mit Eichenlaub an den Hüten, dem unterſcheidenden Abzeichen der hochkirchlichen Partei. Ein erſchütterndes Beifallsgeſchrei orhob ſich, als der Doktor einen prächtigen, offenen Wagen beſtieg, den ein Freund ihm zu dieſer Gelegenheit geliehen hatte; und als dieſer ſich in Bewegung ſetzte, folgte ihm der ganze Haufe unter Geſang und Hurrahgeſchrei und gab auf dieſe Weiſe der ganzen Sache eher das Ausſehn eines Triumphzuges, als des Geleites eines Verbrechers nach einem Gerichtshofe. Die Fenſter von allen Häuſern am Strande und in der Parlamentsſtraße waren mit Zuſchauern beſetzt, von denen viele in den Ruf der Menge einſtimmten, während die ſchö⸗ nere und durchaus nicht am wenigſten zahlreiche Hälfte der Verſammlung ſich nicht minder enthufiaſtiſch in der Kund⸗ gebung ihrer guten Wünſche zeigte. Sacheverel war, wie des Doktor Sacheverel. 35 ſchon angedeutet worden iſt, ein ſchöner Mann von blühender Geſichtsfarbe, einer ſtattlichen Geſtalt und imponirendem Aeußeren, und bei dieſer Gelegenheit, wo er ſeine volle Amtstracht mit der äußerſten Sorgfalt angelegt hatte, nahm er ſich ausgezeichnet gut aus. Sein Geſicht ſtrahlte von Lächeln, als wäre er des Gelingens gewiß. Auf dieſe Art ward er nach der Weſtminſterhalle gebracht. Als die Leiter der Anklage und der Ausſchuß des Hauſes der Gemeinen ihre Plätze eingenommen hatten, ward Sache⸗ verel vor die Schranken geführt, worauf das Verfahren von dem Generalanwalt, welchem Herr Lechmere folgte, ein⸗ geleitet und die einzelnen Stellen der Predigt, auf denen ſich die Anklage gründete, vorgeleſen wurden. Hier ward das Verfahren jedoch für diesmal abgebro⸗ chen, und als der Hof ſich vertagt hatte, ward der Doktor wieder von derſelben Volksmenge nach dem Tempel zurück⸗ gebracht, die ihn nach der Weſtminſterhalle begleitet und ſein Herauskommen geduldig abgewartet hatte. Am folgenden Tage war das Gedränge noch dichter und die Zugänge zur Gerichtsſtelle waren ſo ſtark umlagert, daß es der äußerſten Anſtrengungen der Wache bedurfte, um nur den Schein von Ordnung aufrecht zu erhalten. Allen Widerſachern Sacheverel's ward reichliches Grunzen, Kreiſchen und Drohungen zu Theil, während ſeine Freunde im Gegen⸗ theil mit den lauteſten Freudenrufen empfangen wurden. Man erwartete, daß die Königin bei der Sitzung gegen⸗ wärtig ſein würde, und kurz vor zwölf Uhr ward guch für den königlichen Wagen ein Spalier gezogen. Aber totzdem konnte er nur langſam fahren, und als er beinahe Whitehall gegenüber angekommen war, mußte er halten. Dieſen Still⸗ ſtand benutzten einige Perſonen und drängten ſich mit den Worten:„Wir hoffen, daß Eure Majeſtät fürn Dokior Sacheverel iſt“ an das Kutſchfenſter. 36 Der Prozeß Anna war hierüber etwas betroffen und lehnte ſich zu⸗ rück, aber Miſtreß Masham, die ſich bei ihr befand, ant⸗ wortete ſchnell:„Ja wohl, ihr guten Leute, Ihre Majeſtät iſt eine Freundin von jedem wahren Freunde der Kirche und eine Feindin von ihren Verfolgern.“ „Wir wußten es, wir wußten es!“ riefen die Frage⸗ ſteller.„Gott ſegne Eure Majeſtät und befreie Sie von ſchlechten Rathgebern! Sacheverel und die Hochkirche— hurrah!“ „Hör'mal, Schwager!“ rief einer aus dem Volke, ein großer, wildausſehender Kerl, der die übrigen um einen halben Kopf überragte, mit einem zerlumpten grünen Rock und einem kohlſchwarzen wochenlangen Bart—„hör'mal, Schwager!“ rief er nach Proddy hinauf, der ſeinen gewohnten Sitz einnahm.„Ich hoffe, du biſt für die Hochkirche?“ „Hoch, wie'n Kirchthurm, alter Wetterhahn,“ erwie⸗ derte Proddy.„Du ſelbſt haſt nicht viel mit einer niedrigen Kirche zu ſchaffen, wie es ausſieht.“ „Nein,“ erwiederte der Mann brummend.„Aber da dies deine Geſinnung iſt, ſo gieb das Paßwort:„Sache⸗ verel für immer und nieder mit dem Herzog von Marlborough!“ „Ich habe nichts gegen Sacheverel,“ ſagte Proddy; „aber ich laſſe mich todtſchlagen, ehe ich ein Wort gegen den Herzog von Marlborough über die Lippen bringe oder ein anderer es in meinem Beiſein thut. Nur immer aus dem Wege, alte Bohnenſtange, wenn du nicht die Peitſche pro⸗ biren willſt. Platz gemacht, da! Ya hip— yo ho!“ Kaum war der königliche Wagen vorbei, als die Her⸗ zogin von Marlborough kam. Ihre Durchlaucht, die ſich allein in ihrem Wagen befand, ward augenblicklich von der Menge erkannt, und mit Grunzen und Heulen begrüßt. Nicht das leiſeſte Zucken verrieth in ihrem Geſicht das Be⸗ wußtſein von dieſer ſchmachvollen Behandlung, bis der des Doktor Sacheverel. 30 erwähnte lange Menſch ſich dem Wagen näherte und den Kopf keck durch das Fenſter ſteckte. „Guten Tag, Herzogin,“ ſagte er, ſeinen Hut berüh⸗ rend, mit unverſchämten Blicken—„Sie werden uns doch nicht ein Paar Kronen ausſchlagen um auf Doktor Sache⸗ verel's Geſundheit und den Sturz der Whigs zu trinken, he?“ „Zurück, Burſche,“ rief ſie;„fahre zu, Kutſcher.“ „Nicht ſo ſchnell, Herzogin,“ rief der Menſch mit rohem Gelächter, und wandte ſich an zwei zu ſeiner Seite ſtehende Männer, die faſt ebenſo ſpitzbubenmäßig ausſahen, als er ſelbſt:„Hier Dan Dammaree— und du, Frank Willis,— an die Pferde, ſchnell!“ Der Befehl ward ſo ſchleunig ausgeführt, daß die Pferde feſtgehalten waren, ehe Bramby die Peitſche in Bewegung ſetzen konnte. „Sie ſehen, wie es ſteht, Herzogin,“ fuhr der Kerl mit abſcheulichem Grinſen fort,„wir müſſen das Verlangte erhalten, oder wir werden uns gezwungen ſehen, Sie wieder nach Marlborough⸗Haus zurückzubegleiten.“ Dieſer Ausſpruch ward mit Jauchzen und Gelächter von den Umſtehenden aufgenommen und mehrere Perſonen riefen:„Ja,— ja, Georg Purchaſe hat Recht. Wir müſſen was auf die Geſundheit des Doktors haben, oder der Wagen ſoll umkehren.“ Purchaſe war eben im Begriff, ſeine Forderung in noch unverſchämteren Ausdrücken zu wiederholen, als er ſich kräftig am Kragen gepackt fühlte und mit Gewalt rücklings unter den Haufen geſchleudert ward. Als er ſich von dem Schrecken erholte, bemerkte er, daß er ſeinen Unfall einem großgewachſenen Mann in Sergean⸗ tenuniform zu danken hatte, der jetzt vor dem Kutſchfenſter ſtand und ihn und ſeine Freunde drohend anſah. Der Prozeß 38 „Herunter mit ihm!“ wüthete Purchaſe.„Er iſt ein Whig,— ein Diſſenter,— herunter mit ihm!“ „Ja wohl, herunter mit ihm!“ wiederholten tauſend Stimmen. Und dieſe Drohung wäre ohne Zweifel ausge⸗ führt worden, wenn nicht in dieſem Augenblicke eine Abthei⸗ lung Kavallerie herbeigeritten wäre, deren Kapitän bemerkt hatte, daß die Herzogin von Marlborough in ihrem Wagen beläſtigt würde. Die Leute ließen jetzt die Pferde los und als Bramby den Wagen in Bewegung geſetzt hatte, ſprang der Sergeant hinten zu den Bedienten hinauf und ließ ſich wegfahren. Wenige Minuten nach dieſem Tumult verkündeten an⸗ haltende und laute Freudenrufe, daß der Liebling des Volks ſich nähere. Sacheverel war, wie am vorigen Tage, von einem unabſehbaren Gefolge von Verehrern umgeben, die ihre mit Eichenlaub geſchmückten Hüte auf Stäben trugen und umher ſchwenkten. Als der Wagen herankam, zogen die Zuſchauer augen⸗ blicklich die Hüte vor dem Doktor, und denen, welche ihm dies Zeichen der Ehrerbietung verweigerten, wurden ſie vom Kopf geſchlagen. Sacheverel war von den Doktoren Atter⸗ bury und Smallridge begleitet, welche damit beſchäftigt waren, gewiſſe von mehreren Damen beim Vorüberfahren in den Wagen geworfene Packete zu öffnen, deren Inhalt in den meiſten Fällen von großem Werthe war. Als der Wagen vor Whitehall ankam, war das Geſchrei faſt betäubend und Hunderte drängten ſich um den Doktor mit Glückwünſchungen und Bitten um ſeinen Segen. Hierzu fand ſich Sacheverel gern bereit, indem er ſich in dem Wagen erhob, die Hände über die Menge ausſtreckte und mit ſchein⸗ bar großer Inbrunſt ausrief:„Der Himmel ſegne Euch, meine— WMitbrüder! und ſchütze Euch vor den Schlingen Eurer Feinde!“ „Und Sie auch, Doktor,“ rief Purchaſe's rauhe Stimme des Doktor Sacheverel. 39 in der Nähe.„Wir wollen Ihren Feinden heute Abend zeigen, was ſie von uns zu erwarten haben, wenn ſie es wagen, Sie ſchuldig zu finden.“ „Ja, das wollen wir,“ fielen die andern ein. „Zuerſt wollen wir die Andachtshäuſer herunterbrennen,“ ſchrie Daniel Dammaree.„Die Whigs ſollen ein Freuden⸗ feuer haben, um ſich ihre Teufelsklauen dran zu wärmen.“ „Sagen Sie nur ein Wort, Doktor, und wir wollen dem Biſchof von Salisbury das Haus herunterreißen,“ brüllte Frank Willis. „Oder dem Lordkanzler ſeines,“ rief Purchaſe. „Oder Jack Dolben ſeins, der auf Euer Ehrwürden Verhaftung antrug,“ ſchrie Daniel Dammaree. Bei Herrn Dolben's Namen erhob ſich ein lautes Ge⸗ grunze unter dem Volke. „Sollen wir an Herrn Hoadley's Kirche Feuer anlegen? he, Doktor?“ ſagte Purchaſe. „Auf keinen Fall, meine Freunde,— meine würdigen Freunde,“ erwiederte Sacheverel.„Enthaltet Euch aller gewaltthätigen Handlungen, ich bitte Euch. Ihr würdet der Sache nur ſchaden, der Ihr zu dienen wünſcht.“ „Aber, Doktor, wir können uns nicht umſonſt bemü⸗ hen,“ fiel Purchaſe ein. „Nein, nein, wir müſſen was davon haben,“ ſagte Willis. „Ich fordere Euch auf, Euch friedfertig zu betragen,“ verſetzte der Doktor und ſetzte ſich ſchnell auf ſeinen Sitz nieder. „Mag er ſagen, was er will, wir wollen heute Abend Doktor Burgess' Andachtshaus in Lincoln's⸗Inn⸗Fields her⸗ unterreißen,“ rief Dammaree, als der Wagen weiter gefah⸗ ren war. „Recht,“ rief ein kleiner Mann, der ſich den Hut tief über die Augen gezogen hatte,„es wird die Feinde der —— 40 Der Prozeß Hochkirche überzeugen, daß wir es ernſt meinen. Der Doktor mag ſagen, was er will, ich weiß doch, daß ein Tumult ihm angenehm und von Nutzen ſein wird.“ „Meint Ihr?“ rief Purchaſe,„dann wollen wir es thun⸗ Wir treffen uns um ſieben in Lincoln's⸗Inn⸗Fields, Kameraden.“ „Topp,“ riefen tauſend Stimmen. „Und vergeßt nicht Eure Stöcke mitzubringen, Kamera⸗ den,“ rief Frank Willis. „Nein, gewiß nicht,“ antworteten Jene. „Ich muß ſie warm halten,“ ſagte der kleine Mann mit dem über die Augen gezogenen Hut zu ſich ſelbſt.„Eine angenehme Nachricht für Herrn Harley.“ Das Verfahren in der Weſtminſterhalle ward von Sir Joſeph Jekyll eröffnet, der den erſten Artikel der Anklage beſprach. Dann folgten der Generalanwalt Sir John Holland, Herr Walpole und General Stanhope, von denen der letztere in einer lebhaften Rede erklärte, daß„wenn dieſes unbedeu⸗ tende Parteiwerkzeug, der Doktor Sacheverel, ſeine Predigt in einem Konventikel von mißvergnügten Perſonen und alten Betſchweſtern gehalten hätte, Niemand von einem ſo albernen Geſchwätz nur Notiz genommen haben würde; aber da er ſie an einem Orte gehalten hatte, wo ſie großes Unheil hätte anrichten können, ſo verdiene ſein Vergehen die härteſte Ahndung.“ Bei dieſen verächtlichen Reden war der Doktor, der bei den Reden ſeiner Vorgänger die unbekümmertſte Miene be⸗ wahrt hatte, ſehr blaß und konnte ſich nur mit Mühe davon enthalten, ſeiner zornigen Aufregung Luft zu machen. Bald darauf ſprach Herr Dolben und in dem Eifer ſeiner Rede brach er mit einem Blick auf Atterbury und Smallridge, die hinter Sacheverel an der Schranke ſtanden, in die Worte aus:„Wenn ich dieſe falſchen Brüder vor mir ſehe—“ des Doktor Sacheverel. 41 Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo erhob ſich Lord Haversham und unterbrach ihn. „Ich darf einen ſolchen Ausdruck nicht ohne Tadel vor⸗ über gehen laſſen, Sir,“ rief Seine Herrlichkeit.„Sie haben einen Seitenblick auf die ganze Geiſtlichkeit geworfen. Ich trage darauf an, Mylords, daß der ehrenwerthe Gentleman ſich darüber erkläre.“ „Ja, ja, erklären Sie ſich,“ riefen mehrere Stimmen von den Lordsbänken. „Was wollen Sie mit dem Ausdruck ſagen, deſſen Sie ſich bedient haben, Sir,“ fragte der Kanzler. „Nichts, Mylord,“ erwiederte Herr Dolben.„Es war eine bloße Uebereilung. Ich hätte„falſcher Bruder“ ſagen ſollen, denn ich meinte nur den Gefangenen vor den Schranken.“ „Die Erklärung iſt kaum genügend,“ erwiederte Lord Haversham,„und ich muß den ehrenwerthen Gentleman er⸗ mahnen, ſeine Worte künftig genauer abzuwägen. Solche Verſehen können leicht gemißdeutet werden.“ So unerheblich dieſer Vorfall auch war, ſo ward er doch von Sacheverel's Parteigängern ausgebeutet, indem ſie ihn als einen klaren Beweis darſtellten, daß ihre Gegner die ganze Kirche in ſeiner Perſon anzugreifen beabſichtigten. Als Herr Dolben ſeine Rede beendigt hatte, vertagte ſich der Gerichtshof und der Doktor ward in demſelben Triumphzuge wie zuvor nach ſeiner Wohnung zurückgeleitet. „ Sechstes Kapitel. Wie die Andachtshäuſer von dem Pöbel zerſtört wurden. Als der Abend heraufzog, wurden die friedlichen Be⸗ wohner von Lincoln's⸗Inn⸗Fields durch einen herannahenden Zug von mehreren hundert, mit Knitteln, Flinten und 42 Wie die Andachtshäuſer Säbeln bewaffneten Männern erſchreckt. Ihre Anführer waren drei große Geſtalten mit ſchwarzberußten Geſichtern, welche ihr wildes Gefolge etwa eine Viertelſtunde lang, während der ſich ihre Anzahl bedeutend vermehrte, um den Platz herum paradiren ließen, worauf ſie unter einem Later⸗ nenpfoſten Halt machten und der größte von ihnen an dem⸗ ſelben hinaufkletterte, um einige Worte an den Pöbel zu richten. Als er geendigt hatte, erhob ſich das Geſchrei: „Gut geſprochen, Georg Purchaſe. Nieder mit den An⸗ dachtshäuſern! Nieder mit den Andachtshäuſern!“ „Jawohl, nieder mit ihnen!“ verſetzte Purchaſe. „Laßt uns mit dem von Doktor Burgess anfangen; es iſt am nächſten bei der Hand. Kommt mit, Jungens. Wir wollen alle Andachtshäuſer vor Morgen herunter haben. Kommt fort, ſage ich. Die Hochkirche und Sacheverel für immer— hurrah!“ Hiermit ſprang er herunter und lief mit einem bloßen Säbel in der Hand nach der Ecke des Marktes, wo er eine kleine Gaſſe betrat, an deren einem Ende das auserwählte Andachtshaus ſtand. Mehrere von dem Pöbel, der ihm folgte, trugen Fackeln, ſo daß der Schauplatz von einem unheimlichen, unſteten Licht erhellt ward. Die Gaſſe war bald zum Erſticken voll und es ward ein Angriff auf die Thür gemacht, welche ſich jedoch ſtark genug auswies, um den vereinigten Anſtrengungen von und Dammaree zu widerſtehen. Während dieſe Elenden ſich gegen dieſelbe ſtemmten und nach Brechſtangen riefen, öffnete ſich ein Fenſter und ein ehrwürdiges Antlitz ließ ſich ſehen. „Was verlangt Ihr, meine Freunde?“ fragte dieſe Per⸗ ſon nit milder Stimme. „Es iſt Doktor Burgess ſelbſt,“ riefen mehrere Sitthu von dem Pöbel zerſtört werden. 43 Und es ward ein furchtbares Geheul erhoben, das von den fernſten Theilen des Platzes zu wiederhallen ſchien. „Wir wollen herein, alter Tertverdreher,“ erwiederte Purchaſe;„alſo ſchließe die Thür auf und das ſchnell, oder es ſoll dir übel bekommen!“ „Euer Verlangen iſt ungerecht,“ rief Doktor Burgess. „Ich bitte Euch, entfernt Euch und nehmt die Leute mit, welche Ihr hergebracht habt. Ich will Euern Gewaltthaten widerſtehn, ſo lange ich kann, und Ihr ſollt nur über meine Leiche in dieſen geheiligten Ort dringen.“ „So komme dein Blut über deinen eigenen Kopf,“ verſetzte Purchaſe wüthend.„Hol' Euch der Teufel!“ rief er den hinter ihm Stehenden zu.„Habt Ihr denn nichts, um die Thür aufzubrechen?“ „Hier iſt ein S miedehammer,“ rief ein ſchwarzaus⸗ ſehender Kerl mit bis über den Ellbogen aufgeſtreiften Hemds⸗ ärmeln und ein Schurzfell vor der Bruſt, indem er ſich zu ihm durchdrängte. Purchaſe entriß ihm den Hammer und ſchmetterte ihn gegen die Thür, die mit furchtbarem Gekrech aufflog. Aber der Eintritt ward den Stürmenden durch Doktor Burgess gewehrt, der ſich ihnen in den Weg ſtellte und mit drohend erhobenem Arm ausrief:„Entfernt Euch, Ihr Kirchenſchänder, oder erzittert vor dem Zorne des Himmels!“ „Wir ſind die Diener der Kirche und ſtehen deshalb unter dem beſonderen Schutze des Himmels,“ rief Purchaſe ſpöttiſch;„laß uns hinein, ſage ich, oder ich haue dich zu Boden.“ „Ihr ſollt nicht herein, ſo lange ich es hindern kann,“ verſetzte Doktor Burgess.„Ich habe nicht viel Kraft, aber ſo viel ich habe, will ich Euch entgegenſetzen, ungeſtümer Mann!“ „Wenn du dich nicht warnen laſſen willſt, alter Grau⸗ kopf, ſo ergieb dich in dein Schickſal,“ rief Purchaſe, indem 44 Wie die Andachtshäuſer er ihn bei der Kehle packte und mit ſolcher Gewalt rücklings hinſchleuderte, daß er mit dem Kopf gegen die Ecke eines Kirchenſtuhls fiel und beſinnungslos und blutend auf dem Fußboden lag. Als der Doktor fiel, ſtürzte ein junger Mann, den bis⸗ her Niemand bemerkt hatte, herbei und rief mit einer Stimme voll Verzweiflung und Angſt:„Elende, Ihr habt ihn um⸗ gebracht!“ „Vielleicht ja,“ verſetzte Dammaree mit einem fürchter⸗ lichen Fluch;„und wir werden dir auch den Garaus machen, wenn du uns ſolchen Unfinn vorgreinſt.“ „Ihr ſeid es, der es gethan hat,“ rief der junge Mann und verſuchte, ſich Purchaſe's zu bemächtigen.„Ihr ſeid mein Gefangener.“ „Laß los, Narr,“ entgegnete dieſer,„oder ich ſchicke dich in die Hölle zu deinem Prieſter.“ Aber der junge Mann drang auf ihn ein und von Ver⸗ zweiflung geſtählt, gelang es ihm trotz ſeines Gegners über⸗ legener Kraft, ihm den Säbel zu entreißen. „Halloh, Dan,“ rief Purchaſe,„ſei ſo gut und klopfe dieſem Tollkopf eins auf den Kürbiß.“ Dammaree antwortete mit einem Schlage mit der Axt, die er in der Hand hatte. Der junge Mann ſank augen⸗ blicklich hin und die Menge trampelte mit den Füßen über ihn hin. Es dauerte keine Minute, ſo war die Kapelle von den Aufrührern angefüllt und das Zerſtörungswerk begann. Die Kirchenſtühle wurden entzweigebrochen, die Bänke heraus⸗ gewühlt, die Vorhänge von den Fenſtern herabgeriſſen, die Lampen und Wandleuchter ausgezogen, die Fenſterflügel und das Tafelwerk zerſtört, die Kiſſen, Polſter und Fußteppiche fortgeſchleppt, und Bibel und Geſangbücher in Stücke zer⸗ fetzt und ihre Blätter umher geſtreut. von dem Pöbel zerſtört werden. 45 Jetzt hatte Doktor Burgess, der nur betäubt worden war, ſich wieder erholt und ſtürzte ſich unter das Volk mit dem Ruf:„Ihr Kirchenſchänder,— Räuber, Mörder, was habt Ihr mit meinem Neffen gethan? Wo iſt er?“ „Ruhig, Alter. Ihr habt uns ſchon genug zu ſchaffen gemacht,“ erwiederte Frank Willis rauh. „Laß ihn auf die Kanzel ſteigen und rufen, Sacheverel für immer!“ ſagte Dammaree. „Lieber will ich ſterben,“ rief Doktor Burgess. „Das wollen wir ſehen,“ ſagte Purchaſe.„Hier, Jungens, hebt ihn auf die Kanzel.“ Und unter Schlägen, Flüchen und der unwürdigſten Behandlung ward der unglückliche Geiſtliche gezwungen, die Stufen hinanzuſteigen. Als er auf der Kanzel ſtand, von der er eine ſo ganz andre, als die jetzt vor ihm anweſende Verſammlung anzureden gewohnt war, erregte ſein Ausſehen ſogar bei dieſen ruchloſen Geſellen einiges Erbarmen. Sein Antlitz war todtenbleich und das Blut ſtrömte heftig aus einer breiten Wunde an ſeiner linken Schläfe und hatte ſein Halstuch und ſeine Kleidung geröthet. Er zeigte keine Un⸗ ruhe, ſondern richtete die Augen gen Himmel und ſchien ein Gebet zu murmeln. „Nun, wird es bald, Doktor?“ brüllte Dümarte „Sacheverel und die Hochkirche für immer, oder der Herr ſei deiner Seele gnädig.“ „Der Herr ſei deiner Seele gnädig, t Mann,“ eirte Doktor Burgess.„Du wirſt deiner jetzigen Miſſe⸗ thaten gedenken, wenn du zum Galgen geführt wirſt.“ „Thut, was Euch geſagt wird, Doktor, ohne viel Um⸗ ſtände,“ f Dammaree und richtete eine Flinte auf ihn, „oder— „Ich werde nie gegen mein Gewiſſen ſprechen,“ ver⸗ ſetzte Doktor Burgess mit Feſtigkeit.„Und ich fordere Euch — 46 Wie die Andachtshäuſer auf, nicht noch mehr Verbrechen zu begehen und Eure Seele noch ſchwerer mit Blutſchuld zu beladen.“ Dammaree war im Begriff, den Drücker anzuziehen, als ihm die Flinte von Purchaſe aus der Hand geriſſen ward. „Nein, hol's der Teufel!“ rief der mildere Böſewicht, „wir wollen ihn nicht umbringen. Es iſt ſchon Strafe ge⸗ nug für ihn, ſeine Kapelle zerſtört zu ſehen.“ Da die Mehrzahl der Anweſenden mit dieſer Meinung übereinſtimmte, ſo fuhr Purchaſe fort:„Komm herunter, alter Textverdreher, und mach dich auf die Beine, wenn du dir nicht, wie ein gewiſſer Simſon von deiner Bekanntſchaft, das Haus um die Ohren geſchlagen ſehen willſt.“ „Gott vergebe Euch, wie ich es thue,“ ſagte Burgess ſanftmüthig, und ſtieg herunter, um ſich einen Weg durch den Haufen zur Kapelle hinaus zu bahnen. Ehe er jedoch fort war, war die Kanzel zerſchmettert und die Bruchſtücke auf einen Haufen geworfen und nach wenigen Minuten hatte der Pöbel die Kapelle ganz ausgeräumt. Mit der Beute beladen, kehrten die Sieger nach dem Mittelpunkt des Platzes zurück, wo ſie einen gewaltigen Haufen aus den zerbrochenen Theilen der Kirchenſtühle und der Kanzel aufrichteten und mit Stroh und andern brennbaren Stoffen an verſchiedenen Stellen in Brand ſteckten. Das ausge⸗ trocknete Holz fing bald Feuer und loderte in einer hellen, röthlichſtrahlenden Flamme auf, welche die Geſichter der phantaſtiſchen, ringsherum ſtehenden Gruppen beleuchtete, von denen ſich die nächſten die Hände reichten und mit Geheul und Gekreiſch, wie eine Bande losgelaſſener Tollhäusler, einen Ringeltanz um das Freudenfeuer ausführten. Während dieſer Vorgänge hatte Frank Willis einen aus der Kapelle mitgebpachten Vorhang an der Spitze einer langen Stange befeſtigt, die er dann über ſeinem Kopfe von dem Pöbel zerſtört werden. 47 ſchwenkte und die Standarte der Hochkirche nannte und ſeine Anhänger ſich um dieſelbe ſchaaren hieß. Dann hielten die Rädelsführer Kriegsrath und nach einigen Erörterungen ward beſchloſſen, nach Herrn Earle's Andachtshaus in Long⸗Aere zu ziehen und es zu zerſtören. Dieſer Plan ward der Verſammlung von Purchaſe mitge⸗ theilt und mit lärmendem Beifall aufgenommen. Nach Long⸗Acre ſtrömte die Menge ſomit, erbrach die Thüren des erwähnten Andachtshauſes, plünderte es, wie ſie es mit dem des Doktor Burgess gemacht hatten, und ſchleppten die Materialien zu einem zweiten Freudenfeuer fort. „Wohin jetzt, Kameraden?“ rief Purchaſe, der ſich auf ein Paar Stufen geſtellt hatte.„Wohin jetzt?“ „Nach Herrn Bradbury's Andachtshaus in der Neuen Straße,“ erwiederte eine Stimme unter dem Haufen. Als dies Gotteshaus durchſucht und zerſtört war, wandte ſich der Pöbel nach der Ledergaſſe, wo er Herrn Taylor's Kapelle herunter riß, und von dort nach Blackfriars, wo Herrn Wright's Andachtshaus dasſelbe Schickſal theilte. Bisher hatten ſie wenig oder gar keinen Widerſtand gefunden, und durch den Erfolg übermüthig gemacht, begannen ſie auf noch furchtbarere Unternehmungen zu ſinnen. Als ſie an der Fleetbrücke ankamen, kletterte Purchaſe auf das ſteinerne Geländer und verlangte einen Augenblick Gehör. „Was ſagt Ihr dazu, daß wir nach der City gehen und dort die Andachtshäuſer niederreißen?“ rief er. „Ich weiß was beſſers,“ entgegnete Frank Willis, ſeine Fahne ſchwenkend.„Ich ſtimme dafür, die Salzhändlerhalle einzureißen.“ „Ich bin für eine noch größre Beute,“ lärmte Dammaree- „Laßt uns die Bank von England aufbrechen und plündern. Das wird uns für unſer ganzes Leben reich machen.“ 48 Wie die Aufrührer „Ja, ju— die Bank von England— wir wollen fie plündern,“ rief ein ganzer Chor von Stimmen. „Ein ruhmreicher Einfall, Frank,“ erwiederte Purchaſe. „Kommt, Kinder. Sacheverel und die Bank von England — hurrah!“ Als ſie eben fortſtürzen wollten, kam ein kleines Männ⸗ chen mit tief über die Augen gedrücktem Hut faſt athemlos herbei und benachrichtigte ſie, daß die Wache hinter ihnen her wäre. „Sie ſind nach Lincoln's⸗Inn⸗Fields gegangen,“ rief der Mann,„denn ich habe ihrem Kapitän ſelbſt geſagt, daß Ihr da wärt. Aber ſie werden gleich hier ſein.“ „Wir wollen ihnen ein heißes Willkommen geben, wenn ſie ſich zeigen,“ ſagte Purchaſe mit Entſchloſſenheit.„Kommt, Jungens, werft alle den hölzernen Plunder an der Weſtſeite der Brücke hin. Macht einen ſo großen Haufen als Ihr könnt, daß er den Uebergang ganz abſperrt. Holt mir eine * Pechtonne aus dem Leichter in dem Graben da unten herauf, — ich will ihr den Boden einſchlagen und ſie in Brand ſetzen, wenn wir ſie kommen hören, und wir wollen einmal ſehen, ob ſie dann noch über die Brücke marſchiren mögen. Sacheverel und die Bank von England für immer— hurrah!“ Siebentes Kapitel. Wie die Aufrührer auseinander gejagt wurden. Unterdeſſen war die Kunde von dieſen Aufläufen nach Whitehall gekommen und der Graf von Sunderland begab ſich eiligſt nach dem St. James⸗Palaſt um die Königin davon zu benachrichtigen und ihr ſeine Beſorgniß Sen des Unſichgreifens des Tumults auszudrücken. „Es betrübt mich, von dieſem Aufruhr zu hören, aber auseinander gejagt wurden. 49 ich wundere mich nicht darüber, Mylord,“ erwiederte Anna. „Es find die natürlichen Folgen jener unklugen Maßregeln gegen den Doktor Sacheverell.“ „Aber was befiehlt Eure Majeſtät, daß hier geſchehen ſoll?“ fragte Sunderland.„Sie werden es doch nicht zu⸗ geben, daß das Leben und Eigenthum Ihrer Unterthanen von einem zügelloſen Pöbel hingeopfert wird?“ „Gewiß nicht, Mylord,“ erwiederte die Königin.„Laſſen Sie augenblicklich die Kavallerie und die Leibwache gegen ſie ausrücken.“ „Aber die geheiligte Perſon Eurer Majeſtät darf zu ſolcher Stunde nicht vertheidigungslos gelaſſen werden,“ ent⸗ gegnete der Graf. „Sein Sie meinetwegen unbeſorgt, Mylord,“ ſagte Anna.„Der Himmel wird mich beſchützen. Der Pöbel wird mir nichts anhaben und ich könnte mich ihm ohne Furchtzeigen. Jagen Sie ſie auseinander, wie ich geſagt habe, aber laſſen Sie es mit ſo wenig Gewaltthätigkeit, wie möglich, geſchehen.“ Sunderland kehrte dann nach der Hahnengrube zurück, wo er den Lordkanzler, den Herzog von Neweaſtle und einige andere Edelleute fand. Nach einiger Berathung ließen ſie den Kapitän Horsley holen und der Graf befahl ihm, augen⸗ blicklich auffitzen zu laſſen und den Aufruhr zu unterdrücken. „Ich trage einiges Bedenken, Eurer Herrlichkeit zu ge⸗ horchen,“ erwiederte Kapitän Horsley,„wofern ich nicht ab⸗ gelöst werde. Denn da ich zur königlichen Leibwache gehöre, ſo bin ich für alle Unfälle, die Ihrer Majeſtät zuſtoßen könnten, verantwortlich.“ „Es iſt der ausdrückliche Wunſch der Königin, daß es geſchehe, Sir,“ rief der Graf haſtig. „Das löst mich nicht ab, Mylord,“ erwiederte Horsley hartnäckig,„und ich rühre mich nicht von der Stelle, wenn Sie mir nicht einen ſchriftlichen Befehl geben.“ Ainsworth, St. James's. II. 4 50 Wie die Aufrührer „Hier haben Sie ihn,“ ſagte der Graf, indem er ſich hinſetzte und eiligſt einige Zeilen auf das Papier warf, welche er dem Kapitän einhändigte.„Sind Sie jetzt zufrieden?“ „Hm!“ rief Horsley, den Befehl durchleſend.„Er läßt ſich nicht darüber aus, ob ich dem Pöbel eine Predigt halten oder den Degen ziehen ſoll, Mylord. Wenn ich predigen ſoll, ſo möchte ich gern einen beſſern Redner mitgeſchickt haben, als ich bin. Aber wenn ich den Degen ziehen ſoll, nun, das iſt mein Beruf, und ich will mein Beſtes thun.“ „Alle Wetter, Sir,“ rief der Graf ungeduldig,„wenn Sie ebenſo langſam dabei find, den Pöbel zu zerſtreuen, als aufzuſitzen, ſo werden Sie ihm Zeit genug laſſen, die Hälfte von allen Londoner Kirchen zu zerſtören. Schnell an's Werk, Sir. Benehmen Sie ſich beſonnen und vorſichtig und ge⸗ brauchen Sie nur im Fall der höchſten Noth Gewalt.“ Mit dieſen Anweiſungen verließ der Kapitän das Zimmer, ließ ſeine Leute aufſitzen und ritt gegen die Aufrührer aus. Als ſie den Strand entlang galloppirten, erhielten ſie Nachricht von dem Freudenfeuer in Lincoln's⸗Inn⸗Fields und ſchlugen daher dieſe Richtung ein; aber als ſie dort ankamen, fanden ſie das Feuer faſt ausgegangen und ein Rudel Straßen⸗ jungen, welche die Aſche aufrührten. Beim Herannahen des Militärs nahm das Geſindel die Flucht, aber einige von ihnen wurden bald eingefangen, als man die Nachricht erhielt, daß der Pöbel nach Zerſtörung von drei oder vier Andachts⸗ häuſern nach Blackfriars gezogen ſei. Demzufolge gab der Kapitän Befehl, ohne Aufenthalt dorthin zu reiten und der ganze Trupp ſprengte ſpornſtreichs durch Temple⸗Bar die Fleetſtraße entlang. Als ſie ſich der kleinen, damals über den Fleetgraben führenden Brücke näher⸗ ten, ſchlug plötzlich eine helle Flamme auf, die jeden Augenblick an Glanz und Umfang zunahm und ihnen einen großen Haufen von brennenden Bänken, Kirchenſtühlen und anderem auseinander gejagt wurden. 51 Geräth enthüllte. Hinter dieſem Haufen war eine gewaltige Menſchenmenge aufgezogen, welche das gegenüberliegende Ufer des Grabens zur Rechten wie zur Linken bis auf eine be⸗ trächtliche Entfernung beſetzt hatte. Das röthliche Licht des Feuers ſchimmerte auf den Waffen der Aufrührer und gab ihre Zahl zu erkennen. Es ſpiegelte ſich auch an dem ſchwarzen, trägen Gewäſſer des Stroms in der Tiefe und ließ hier und da einen Lichter oder ſonſtiges Schiffgefäß er⸗ blicken, oder die maleriſchen Umriſſe irgend eines alten Ge⸗ bäudes aus dem Dunkel hervortreten. Mitten auf der Brücke ſtand Purchaſe und Dammaree, jeder einen gezogenen Fänger in der einen Hand und eine Piſtole in der andern, während Frank Willis auf das Ge⸗ länder geklettert war und ſeine Standarte triumphirend über ihren Köpfen wehen ließ. Unterdeſſen kam das Feuer ſo heftig in Brand, daß es den Soldaten augenſcheinlich alle Möglichkeit eines Ueber⸗ gangs abſchnitt, und der Pöbel erhob ein lautes Halloh, als Kapitän Horsley gegenüber Halt machte. Einige Minuten vergingen mit Recognoſciren und dann ward eine Trompete geblaſen. Unter der durch dieſe Auf⸗ forderung hervorgebrachten Stille erhob Kapitän Horsley ſich in ſeinem Sattel und rief mit lauter Stimme: „Im Namen der Königin befehle ich Euch, auseinander⸗ zugehen und friedlich nach Hauſe zu kehren. Es ſoll Euch allen verziehen werden, ausgenommen Euren Rädelsführern.“ Hierauf antwortete Purchaſe mit eben ſo lauter und höhniſcher Stimme:„Wir find auch gute Unterthanen. Wir wollen für die Königin kämpfen,— für die Hochkirche und Doktor Sacheverell. Keine Whigs!— keine Diſſenter!“ „Ja wohl, Sacheverell für immer und Verderben ſeinen Feinden,“ fiel der Pöbel ein. „Angegriffen, Leute,“ rief Horsley ſein Pferd auf das 52 Wie die Aufrührer Feuer zu ſpornend und es hinüberzuzwingen ſuchend. Aber das lebendige Thier bäumte ſich und warf ſich herum, und ſprengte trotz den Bemühungen ſeines Herrn in einer andern Richtung davon. Mit Ausnahme von Zweien oder Dreien hatten die übrigen kein beſſeres Glück. Ihre Pferde ſcheuten vor der Flamme, und ein Hagel von Ziegelſtücken, Steinen und andern Wurfgeſchoſſen vermehrte die allgemeine Unordnung. Was die drei Leute betrifft, denen es hinüberzukommen ge⸗ lang, ſo waren ihre Pferde ſo verſengt und ſtutzig gemacht, daß ſie ſich nicht mehr regieren laſſen wollten, und die armen Schelme wurden bald heruntergeriſſen und entwaffnet. Etwa ein Dutzend andere, die durch den Graben zu kommen ſuch⸗ ten, blieben im Schlamme ſtecken und wurden ſchwer von dem Pöbel gemißhandelt, ehe ſie ſich wieder losmachen konnten. Mittlerweile erhoben die Aufrührer ein lautes Triumph⸗ geſchrei und Purchaſe rief ihnen zu, mehr Holz auf das Feuer zu werfen, was auch mittelſt einiger Bänke und gebrochener Kirchenſtühle geſchah. Dann kamen ungefähr ein halbes Dutzend Kerle mit einer Kanzel auf den Schultern herbei, welche ſie mit vereinten Kräften genau mitten in das Feuer ſchleuderten, wo fie aufrecht ſtehen blieb. Bei dieſem Anblick brach das Volk in ein brüllendes Gelächter aus, in das einige von den Soldaten, trotz ihrem Verdruß über ihre Niederlage mit einſtimmten. Hierdurch ermuthigt, rief Purchaſe ihnen zu:„Kämpft nicht gegen uns, Kameraden. Wir ſind für die Königin und die Kirche.“ Kapitän Horsley befahl jetzt einigen ſeiner Leute über die Holborn⸗Brücke herumzureiten und die Aufrührer im Rücken anzugreifen, und ließ ihnen, in der Hoffnung, ſie einzuſchüchtern, eine Salve über ihre Köpfe weg geben. Dies geſchah, aber brachte keine andere Wirkung hervor, als Hohn⸗ * — auseinander gejagt wurden. 53 gelächter und einen neuen Hagel von Steinen, deren einer den Kapitän ſelbſt im Geſicht traf. Während die Soldaten ihre Karabiner luden, drängte ſich ein langgewachſener Mann in Sergeantenuniform, in Begleitung eines unterſetzten Kutſchers in königlicher Livree, zu Horsley heran. „Entſchuldigen Sie, Herr Kapitän,“ ſagte der Sergeant, „aber Ihre Abſicht iſt doch, dieſe Rädelsführer zu greifen, und nicht, fie zu tödten. Nicht wahr?“ „Freilich, Sergeant Scales, freilich,“ erwiederte Horsley. „Wenn das iſt, ſo will ich es mit Ihrer Erlaubniß auf mich nehmen,“ entgegnete Scales.„Vorwärts, Proddy.“ Hiermit zog er den Säbel und ſprang in die Flammen, und ſein Begleiter folgte ihm. Horsley ſah neugierig zu, was wohl aus dieſem Wage⸗ ſtück herauskommen würde, und war erſtaunt, die beiden Leute ohne erheblichen Schaden durch das Feuer kommen zu ſehen, obwohl der Kutſcher einen Augenblick ſtillſtand, um ſeine Perrücke abzunehmen, die beträchtlich verſengt war. „Ha! Du biſt der Hallunke, der mich dieſen Morgen von der Herzogin von Marlborough ihrer Kutſche fortriß,“ rief Purchaſe mit einem drohenden Blick auf Scales.„Schön, daß wir uns wieder treffen.“ „Wir werden uns nicht eher trennen, als bis ich dich feſtgenommen habe, Schurke,“ erwiederte der Sergeant. „Ergieb dich!“ „Wohl nicht ohne ein Paar Hiebe,“ verſetzte Purchaſe mit höhniſchem Lachen.„Diesmal haſt du kein Regiment Reitervolk im Rücken.“ „Er ſoll es mit mehr als einem zu thun kriegen,“ rief Dammaree, dem Sergeanten mit ſeinem Säbel vor dem Geſicht funkelnd. 4 Wie die Aufrührer „Deſto beſſer,“ erwiederte Scales. Und indem er den einen hinten am Nacken und den andern beim Kragen packte, ſchleppte er ſie beide mit gewaltiger Kraftanſtrengung durch das Feuer und lieferte ſie ſtark verbrannt der Wache aus. Unterdeſſen griff Proddy, der auf das Brückengeländer geklettert war, Frank Willis an und bemühte ſich, ihm die Fahne fortzunehmen. Ein wüthender Kampf erfolgte, bei deſſen Beginnen die Aufmerkſamkeit des Pöbels hauptſächlich von Scales in Anſpruch genommen worden war, aber jetzt ſtürzten mehrere Perſonen dem Standartenträger zu Hülfe. Proddy, der gegen ſo viele auf einmal nicht Stand halten konnte, mußte nachgeben und fiel in den Graben, aber nicht ohne ſeinen Gefangenen mit ſich hinunterzuziehn. Die öhe, von welcher der Kutſcher hinunterfiel, war nicht mehr als zwölf bis vierzehn Fuß, und der Moder, in den er ſank, war ſo weich wie ein Federbett, ſo daß er eher Gefahr lief, zu erſticken als ein Bein zu brechen. Er war in der That eben im Begriff zu verſchwinden, als ein Fährmann ihn noch zur rechten Zeit mit einem Bootshaken herausfiſchte, und ſein Gefangener, an den er ſich mit verzweifelter Hartnäckig⸗ keit feſtgeklammert hatte, an die Wache übergeben ward. Als die Aufrührer das Schickſal ihrer Anführer ſahen, begannen ſie einige Zeichen der Unſchlüſſigkeit von ſich zu geben, und da ſich die über die Holbornbrücke herumgeſchickte Reiter⸗Abtheilung bald darauf zu zeigen begann und ſie mit flachen Klingen angriff, ſo ward der ganze Haufen ohne weiteren Widerſtand auseinander gejagt. Faſt zur ſelben Zeit ward das Feuer mit Ofengabeln fortgeſchafft und die brennenden Bruchſtücke in den Graben geworfen, ſo daß die Verbindung jetzt für die übrige Mannſchaft hergeſtellt war. Als dies bewerkſtelligt war, fragte Kapitän Horsley nach dem Sergeanten und dankte ihm, unter großen Lobes⸗ erhebungen über ſeine Tapferkeit, für den der Königin ge⸗ — auseinander gejagt wurden. 55 leiſteten Dienſt. Er wollte auch Proddy eine ähnliche An⸗ erkennung angedeihen laſſen, aber der Kutſcher hatte fich in eine benachbarte Taverne begeben, um fich von ſeinen ſchlamm⸗ getränkten Gewändern zu befreien und allen ſchädlichen Fol⸗ gen ſeines unfreiwilligen Bades durch ein Glas Branntwein zuvorzukommen. Seales übernahm es jedoch, ſeinem Freunde das ihm zugedachte Lob zu überbringen. Die Gefangenen wurden dann in Newgate, als dem ſicherſten Orte, untergebracht und Kapitän Horsley kehrte mit ſeinem Trupp nach Whitehall zurück. Achtes Kapitel. Doktor Sacheverell's Verurtheilung und deren Folgen. Am folgenden Tage wurden die Wachen in St. James' und Whitehall verdoppelt, das Militär in Weſtminſter blieb unter den Waffen, an verſchiedenen Stellen wurden Poſten von regelmäßigen Truppen aufgeſtellt, und in Folge einer von dem Unterhauſe an die Königin gerichteten Adreſſe, worin es nachdrückliche Maßregeln zur Dämpfung des Tu⸗ mults beantragte, ward ſogleich eine Proklamation zu dieſem Zweck erlaſſen und eine Belohnung auf die Entdeckung der Urheber und Theilnehmer an den letzten Unruhen geſetzt. Auch mußte Sacheverell ſeine Triumphwagen aufgeben und fich mit einem Tragſeſſel begnügen, in welchem er täglich, freilich mit ſtark geſchorenem Gefolge, nach der Weſtminſter⸗ halle gebracht ward. Als der Prozeß ſchon über eine Woche gedauert und der Vertheidigungsrath auf die verſchiedenen Anklageartikel geantwortet hatte, hielt Sacheverell ſeine Anſprache, welche Atterbury, Smallridge und Friend unter Harcvurt's und Phipps's Beiſtand für ihn aufgeſetzt hatten. Dieſe meiſter⸗ ————————————— 56 Doktor Sacheverell's Verurtheilung hafte und beredte Rede, die er mit der größten Inbrunſt und mit dem Schein der innerlichſten Ueberzeugung vortrug, machte auf die meiſten Zuhörer einen gewaltigen Eindruck. Unter dieſen befand ſich auch die Königin, welche ſehr davon bewegt zu werden ſchien. Mochte ſie auch in gewiſſen Hin⸗ ſichten den Lehren jener Predigt geradezu widerſprechen, mochte ſie auch noch ſo voll von keck hingeſtellten Behaup⸗ tungen und paradoren Sätzen ſein, mochte ſie auch, mit einem Worte, kaum etwas anders als ein geſchickter Wider⸗ ruf der früheren Meinungen des Redners ſein; dies ſchadete nichts, im Gegentheil, ſie entſprach ihrem Zwecke vollkom⸗ men und entſchied den Ausgang des Prozeſſes. Die in ihr an den Tag gelegte Gründlichkeit und Gelehrſamkeit ſetzte die größten Krittler in Erſtaunen, während ihre außerordent⸗ liche Eindringlichkeit und Ueberſchwänglichkeit die Unauf⸗ merkſamen elektrifirte und feſſelte. Der ernſtere Theil der Verſammlung zollte ihr ſeinen Beifall, der ſanftere ſeine Thränen. Durch die Veröffentlichung dieſer Rede, unmittelbar nachdem ſie gehalten war, erreichte des Doktors Popularität ihren Gipfelpunkt, und man ſah ſeiner ehrenvollen Frei⸗ ſprechung oder wenigſtens einem ſo gelinden Urtheil, das einer Freiſprechung gleich kam, mit vollem Vertrauen ent⸗ gegen. So oder ſo, betrachtete die hochkirchliche Partei ſich als Siegerin, und ihr Frohlocken kannte keine Gränzen. In den angeſehenſten, von den Tories beſuchten Tavernen und Kaffeehäuſern wurden Feſtmahlzeiten gehalten und die Gäſte feierten bei vollen Bechern den nächſtbevorſtehenden Sturz der Whigs und beglückwünſchten ſich in ungemeſſenen Ausvrücken über den glänzenden Erfolg ihres Apoſtels. In dieſer Nacht kamen, durch das ungebundene Benehmen ſol⸗ cher Schwärmer veranlaßt, nicht wenige Unruhen vor, aber die Friedensſtörer gaben bei wiederkehrender Nüchternheit — und deren Folgen. 57 ihre Reue zu erkennen und wurden von den Richtern nur gelinde behandelt. Auch begann ſich in den Umgebungen des Tempels und der Weſtminſterhalle wieder eine Menſchen⸗ menge zu verſammeln, aber da ſie ſich ſehr ruhig benahm, ſo ließ man ſie nach ihrem Gutdünken gewähren. Während der ganzen Dauer dieſes vielbeſprochenen Pro⸗ zeſſes zeigte fich eine bemerkenswerthe Einhelligkeit unter den niederen Volksklaſſen. Sie traten, wie ein Mann, auf Sacheverell's Seite, brandmarkten ſeine Verfolgung als un⸗ gerecht und der Kirche feindſelig und erhoben ihre Stimmen nachdrücklich gegen deren Urheber. Als der Prozeß ſich ſeinem Ende nahte und der Ankläger mit giftigen Schmähun⸗ gen auf des Doktors Vertheidigung antwortete, ſtieg der Unwille des Pöbels auf einen ſolchen Grad, daß nur die getroffenen Maßregeln einen neuen und noch bösartigeren Aufruhr verhinderten. Aber nicht das Volk allein zeigte ſich tief bei dieſem Kampfe betheiligt, er beſchäftigte auch mit Ausſchluß jedes andern Unterhaltungsgegenſtandes die oberen Klaſſen der Geſellſchaft von der erſten bis zur letzten, und es herrſchte die fieberhafteſte Unruhe in der ganzen Hauptſtadt, ſo wie in den größeren Provinzialſtädten. Die öffentlichen Ge⸗ ſchäfte waren einſtweilen gänzlich unterbrochen und man wünſchte den Schluß des Prozeſſes, als das einzige Mittel, die allgemeine Gährung der Nation zu beſchwichtigen, ſehn⸗ lichſt herbei. Er fand aber erſt am 20. März ſtatt, an welchem Tage ſich beide Parlamentshäuſer verſammelten und die Sache den Lords zur Abſtimmung vorgelegt ward. Sache⸗ verell ward durch eine Majorität von ſiebenzehn Stimmen für ſchuldig erkannt. Es ward zu Gunſten des Doktors ein Antrag auf Ausſetzung des Spruches geflellt, der jedoch —————— 58 Doktor Sacheverell's Verurtheilung nicht durchging, und am folgenden Tage ward das Erkennt⸗ niß gefällt. Es lautete dahin, daß Sacheverell auf drei Jahre vom Predigtamte ſuspendirt werden und ſeine Rede vor der kö⸗ niglichen Börſe in Gegenwart des Lord Mayors und der Sheriffs vor dem öffentlichen Henker verbrannt werden ſollte. Dieſer milde Spruch, welcher die Schwäche des Mini⸗ ſteriums unzweifelhaft darthat, ward von ſeinen Widerſachern ſo wie von dem Pöbel überhaupt, mit allen Zeichen der Billigung aufgenommen. Die lauteſten Freudenbezeugungen wurden angeordnet, in gewiſſen Tavernen ward Branntwein auf das Freigebigſte unter dem Pöbel ausgetheilt, und hoch⸗ kirchliche Parteigänger zogen truppweiſe, mit Eichenlaub an den Hüten, unter Dankliedern auf die Losſprechung ihres Kämpen, durch die Straßen. An den Straßenecken brannten Freudenfeuer, um welche der Pöbel ſich verſammelte und aus großen Fäſſern Stark⸗ bier, ein Geſchenk von gewiſſen großmüthigen Tories, auf des Doktors Geſundheit und glückliche Befreiung tranken. Alle Vorübergehenden wurden gezwungen, ihnen Beſcheid zu thun. Des Abends wurden die meiſten Häuſer illuminirt und wer dem allgemeinen Beiſpiel nicht folgen wollte, dem warf der betrunkene, tobſüchtige Pöbel die Fenſter ein. An einigen Stellen verſuchte man es, die Haufen zu zerſtreuen und die Feuer auszulöſchen, aber ſei es, daß die Stavtſol⸗ daten eingeſchüchtert waren, oder daß ſie keine große Luſt hatten, ihren Auftrag auszuführen, genug, die Zügellofig⸗ keiten des Pöbels erfuhren keine Hemmung und die verſam⸗ melte Menge ging erſt zu ſpäter Stunde auseinander. Einige wenige Verirrte, die zu berauſcht waren, um Widerſtand leiſten zu können, wurden aufgegriffen und in die Wacht⸗ häuſer geſteckt, aber am folgenden Morgen mit ſ für ihre entlaſſen. und deren Folgen. 59 In Pall Mall brannte, dem Palaſt des Herzogs von Marlborough faſt gegenüber, ein großes Freudenfeuer, um welches ſich Hunderte von Menſchen verſammelt hatten. Sie waren reichlich mit Getränken verſehen, und als ſie eine Zeit lang Sacheverell und die Tories hatten leben laſſen, fingen ſie gegen die Miniſter an zu heulen und erhoben auf Anſtiften von einigen von Harley's Helfershelfern, die ſich unter ſie gemiſcht hatten, ein dreimaliges Grunzen für den Herzog von Marlborough und eines für die Herzogin. In dieſem Augenblick erſchienen plötzlich, wie verabredet, zwei Leute mit einem Tragſeſſel. Als ſie ihre Abſicht kund gethan hatten, machte der Pöbel ihnen ſogleich Platz und ſie ſchritten bis an den Rand des Feuers vor. Der Seſſel ward geöffnet und einer jener beiden Leute, dem Anſchein nach ein Kammerdiener in den Kleidern ſeines Herrn, zog eine Geſtalt heraus, die mit einer alten ſchwarzen Pferde⸗ haarperrücke, einem zerlumpten Scharlachrock und einer wi⸗ derwärtigen Maske herausſtaffirt war. Sie hatte einen Papierkragen um den Hals und einen weißen Shft in der Hand. „Jer ſein der Graf von Godolphin, der Lordſchatzmei⸗ ſter von England!“ ſchrie der Menſch mit ſtark franzöſiſchem Accent, den man für nachgemacht hielt. Es entſtand viel Gelächter und einige Stimmen riefen: „Ins Feuer mit ihm! ins Feuer mit ihm!“ „Noch nicht!“ erwiederte Jener,„wartet, daß Ihr ſeht auch den Andern.“ „Da iſt er!“ rief ſein Gefährte am Tragſeſſel, ein lan⸗ ger, dürrer Menſch in einer ſchlotterigen Uniform mit einem Kinn und Naſe, wie ein Nußknacker.„Da iſt er,“ wieder⸗ holte er, indem er eine andre Figur hinhielt, die eine wun⸗ derlich wildausſehende Maske, eine beſchmutzte Generals⸗ 60 Doktor Sacheverell's Verurtheilung uniform, einen betreßten Hut und ein Paar ungeheurer Kanonenſtiefeln trug. „Dies ſein der Kommandant en chef,— der große Marlbrook!“ fuhr der Dürre mit der Habichtsnaſe fort und zeigte die Puppe den Zuſchauern, welche mit lautem Ge⸗ lächter antworteten, in das ſich jedoch einige mißbilligende Aeußerungen miſchten.„Dies ſeien dieſelbe Stiefel, die er at getragen bei die—“ Hier unterbrach ihn ein großer Tumult unter der Menſchenmenge und eine laute Stimme rief:„Es iſt eine Lüge!— eine verdammte Lüge, die nur ein Franzmann ſagen kann.“ Und im nächſten Augenblick ſtürzte Scales in Proddy's Begleitung hinzu. Sie hatten das Vorgefallene von den Stufen von Marlborough⸗Haus aus beobachtet und beſchloſſen, einem ſo ſchandbaren Auftritte auf jede Ge⸗ fahr hin ein Ende zu machen. Sobald der Sergeant den Tragſeſſel erreicht hatte, ent⸗ riß er jenem Menſchen die Puppe und trat ſie mit Füßen. „Schande über Euch!“ rief er umherblickend.„So behandelt Ihr den Vertheidiger des Vaterlandes und den Befieger ſeiner Feinde? So ehrt Ihr den Sieger von Blenheim und Ramilies?“ „Wer ſeid Ihr, daß Ihr ſo zu uns ſprecht?“ fragte einer der Umſtehenden. „Wer ich bin?“ verſetzte der Sergeant.„Einer, der auch ein Wort mitſprechen darf, weil er dem Herzoge in allen ſeinen Feldzügen gefolgt iſt. Einer, der mit ihm ge⸗ blutet hat und gern für ihn bluten würde. Einer, der lieber als Leiche auf dem Schlachtfelde von Malplaquet ge⸗ blieben wäre, als ſeinen General von denen beleidigt ſähe, die ihm Ehre und Dank ſchuldig ſind.“ „Wenn Euch das nicht rührt, ſo müſſen Eure Herzen härter als Stein ſein,“ rief Proddy, mit der Hand über die und deren Folgen. 61 Augen fahrend.„Seid Ihr Engländer, daß Ihr ein Paar elende Mosjehs Euren großen General ſo beleidigen laßt— von ſeinem Freund, dem Lordſchatzmeiſier gar nichts zu ſa⸗ gen? Wenn Ihr Euch nicht ſchämt, ſo ſchäme ich mich für Euch.“ „Mosjehs!“ rief einer der Umſtehenden.„Was, find dieſe beiden Schufte ein Paar Mosjehs?“ „So wahr, als ich Ihrer Majeſtät Kutſcher bin!“ ſagte Proddy. „Es iſt Herr Proddy ſelbſt!“ riefen mehrere Stimmen. „Wir kennen ihn ſehr gut.“ „Ich wollte, Ihr kenntet ihn beſſer und nähmt Euch etwas von ihm an,“ erwiederte der Kutſcher,„denn dann hättet Ihr ſo nicht handeln können. Seht dieſe beiden feigen Memmen an! Sind das Leute, denen man erlauben darf, den Herzog von Marlborough zu inſultiren?“ „Nein— nein,“ riefen hundert Stimmen.„Wir wußten nicht, daß es Mosjehs waren. Wir bitten um Verzeihung Herr Proddy. Wir hatten Unrecht, ſehr Unrecht.“ „Bittet mich nicht um Verzeihung, ſondern den Herzog,“ verſetzte Provdy.„Zeigt es künftig durch Euer Betragen, daß Ihr es bereut.“ „Das wollen wir, das wollen wir,“ erwiederten die Nächſten.„Was ſollen wir thun, um es wieder gut zu machen?“ „Gebt dem Herzoge drei Hurrahs und dann leſ't dieſen Hallunken eine Lektion,“ entgegnete Proddy. Nun wurden drei helle Hurrahs angeſtimmt, während deſſen die beiden Franzoſen, die über der plötzlichen Sinnes⸗ änderung des Pöbels faſt den Kopf verloren, zu entfliehen ſuchten. „Haltet ſie!“ ſchrie der Sergeant—„haltet ſie!“ 62 Doktor Sacheverell's Verurtheilung „Ja! ja!— hier haben wir ſie, ganz feſt,“ riefen mehrere der Umſtehenden. Bimbelot und Sauvageon flehten ihre Gegner an, ſie gehen zu laſſen, aber vergebens. „Epargnez-moi, de gräce,“ ſchrie Bimbelot jämmer⸗ lich;„ick beten an den große Marlbrook.“ „Nun hört mal ſein Geſchnapper an,“ rief ein Fuhr⸗ mann.„Was wir für Schaafsköpfe geweſen ſein müſſen, daß wir es nicht eher gemerkt haben.“ „Ich bin ganz Eurer Meinung, Freund, entgegnete Proddy. „Was ſollen wir mit ihnen anfangen?“ rief ein Koh⸗ lenträger.„Sie ins Feuer werfen?“ „Oder lebendig braten?“ rief ein Fleiſcher. „Sie in Stücke hacken!“ meinte ein Bäcker. „Nein, wir wollen ſie hängen!“ kläffte ein Schneiderjunge. „Pitié! pour Pamour de Dieu! pitié!“ rief Sauvagevn. „Oh, mon cher sergent!— mein theurer Err Proddy! ſage Sie ein Wort für uns,“ flehte Bimbelot. Aber der Kutſcher wandte ſich unwillig von ihm ab. „Ich will Euch ſagen, was wir machen wollen,“ ſagte Scales zu den Umſtehenden.„Der Kammerdiener ſoll dieſe Lumpenkleider anziehen,“ auf die Puppe des Herzogs hin⸗ zeigend,„und der Korporal die andern.“ Dieſer Vorſchlag ward mit Beifallsgelächter aufgenom⸗ men und ſogleich in Ausführung gebracht. Die Strohwiſche wurden ihrer Bekleidung entledigt und die beiden Franzoſen, denen die Kleider vom Leibe geriſſen worden, mußten ſich dazu bequemen, den elenden Putz ihrer Popänze anzulegen. Dann band man ihnen die Masken vor das Geſicht, und auf dieſe Weiſe wurden ſie vollkommnere Vogelſcheuchen, als die Puppen ſelbſt. Beſonders Bimbelot erregte durch ſein Ausſehen unauslöſchliches Gelächter. Die alten Courierſtie⸗ feln, in die man ſeine kleinen Beine geſteckt hatte, gingen und deren Folgen. 4ℳ 63 ihm bis an die Hüften, der Rock umgab ihn, wie ein Sack, und der Hut, den man ihm über die Augen ſchlug, hätte ihn beinahe erſtickt. Sauvageon ſah nicht viel weniger lächerlich aus. In dieſer Verkleidung wurden ſie auf den Tragſeſſel hinaufgehoben und dem höhniſchen Geheul des Pöbels preisgegeben, der ſie mit verſchiedentlichen Wurfgeſchoſſen traf und dann ins Feuer zu wer⸗ fen drohte; und dies würde ohne Zweifel auch geſchehen ſein, hät⸗ ten der Sergeant und Proddy ſich nicht ins Mittel gelegt. Zuletzt wurden ihnen noch Schwärmer an die Rockſchöße befeſtigt und angezündet, worauf fie für vogelfrei erklärt wurden und unter einem Schauer von nachgeworfenen Raketen und Feuerbrän⸗ den aus Leibeskräften davon liefen. So endete Doktor Sach everell's Prozeß, welcher, wie ſeine Anſtifter vorausgeſehen hatten, den Weg zur Auflöſung des Miniſteriums bahnte. Die Whigs erholten ſich nie von dieſem Schlage, der ihre Popularität ſo erfolgreich unter⸗ graben hatte, und wenn ſie ſich auch noch einige Zeit mühſam hinſchleppten, ſo darf man doch ihren Sturz von dieſem Augenblick an als entſchieden anſehen. Sechs Wochen nach Beendigung des Prozeſſes machte Doktor Sacheverell eine Rundreiſe durch das Land und ward an allen Orten mit außerordentlichen Freudenbezeugungen aufgenommen. In Orford bewirtheten ihn die Vorſteher der Kollegien auf das Prächtigſte und nach einem zwei⸗ wöchentlichen Aufenthalte daſelbſt begab er ſich nach Bun⸗ bury und Warwick, wo ihm ein nicht minder glänzen der Empfang zu Theil ward. Die größte Ehre ward ihm jedoch in Bridgenorth erwieſen. Als er ſich dieſer Stadt näherte, kam ihm Herr Creswell, ein wohlhabender Gentleman aus der Umgegend und Anhänger der Jakobitiſchen Partei, an der Spitze eines unabſehbaren, auf viele Tauſende zu ſchätzen⸗ den Zuges zu Pferde und zu Fuß entgegen: die meiſten von ihnen trugen weiße, goldgeränderte Bruſtſchleifen und an den ————— 2 64 Wie das Miniſterium Hüten vergoldete Lorbeerblätter. Die Wege waren zu beiden Seiten mit Zuſchauern beſetzt und um den Eindruck der Prozeſſion zu erhöhen, waren die Hecken bis auf eine Ent⸗ fernung von zwei Meilen mit Blumen geſchmückt. Flaggen und Fahnen zierten die Kirchthürme und das Glockenge⸗ läute ſchallte feierlich darein. Dies war des Doktors letzte Triumphſeene. Neuntes Kapitel. Wie das Miniſterium aufgelöſt ward. Harley's Kabalen zu dem Umſturz des Whigminiſte⸗ riums wurden endlich mit Erfolg gekrönt. Die plötzliche und unerwartete Ernennung des Herzogs von Sommerſet zu dem Poſten eines Lord⸗Kammerherrn an des Grafen von Kent Stelle, welcher ſich durch das Anerbieten der Herzogs⸗ würde zur Abdankung bewegen ließ, erfüllte das Kabinet mit Beſtürzung; nicht minder das trotz den Anſtrengungen ſeiner Kollegen und der Herzogin von Marlborvugh durch⸗ geſetzte Ausſcheiden Sunderland's; den Todesſtreich verſetzte ihm aber die Ungnade Godolphin's, der ſich am Abend vorher noch auf ſcheinbar freundſchaftlichem Fuße von der Königin beurlaubt hatte und am folgenden Morgen durch einen Brief von ihr zermalmt ward, des Inhalts, daß er aus ihren Dienſten entlaſſen ſei und ſeinen Stab zerbrechen ſolle, anſtatt ihn in ihre Hände zu überliefern. Zugleich wurde ihm eine Penſion von viertauſend Pfund verſprochen, die ihm jedoch niemals ausgezahlt ward, woran der hochfinnige Finanz⸗ miniſter auch nie erinnerte, obwohl er es ſehr nöthig hatte. Die Schatzkammer ward ſogleich unter eine kommiſſariſche Verwaltung, mit Lord Poulet an der Spitze, geſtellt, während Harley mit der wirklichen Macht der Regierung bekleidet ward. Den noch im Amt gebliebenen Whigminiſtern machte aufgelöst ward. 05 man Coalitionsvorſchläge, die dieſe aber in der Voraus⸗ ſetzung, daß die Tories nicht im Stande ſein würden, die Verwaltung zu führen, weil ihnen das Vertrauen des Landes mangelte, mit Unwillen verwarfen. Der Königin blieb da⸗ her keine Wahl, als ſämmtliche Whigs zu entlaſſen; dies geſchah und das Parlament ward aufgelöst. Der Erfolg dieſes letztern Schrittes bewährte die Rich⸗ tigkeit von Harley's Berechnungen. Bisher hatte die Junta eines unbeſchränkten Einfluſſes über das Haus der Gemeinen genoſſen und ſie rechnete auf Unterſtützung, um die Maß⸗ regeln der neuen Miniſter zu erſchweren und ſich ſchließlich wieder in die verlorene Gewalt einzuſetzen. Aber die neuen Wahlen enttäuſchten ſie, denn ſie ergaben ein ungeheures Uebergewicht für die Tories in dem neuen Parlamente. Die Whigs hatten an allen Orten Kränkungen und Niederlagen erlitten. Der eben beendigte Prozeß ward ihnen unauf⸗ hörlich vorgeworfen; diejenigen, welche dafür geſtimmt hatten, wurden von dem Pöbel beſchimpft und bedroht, und Sache⸗ verell's Name diente ihren Gegnern als Paßwort. Das neue Parlament ſtellte daher ein Torhminiſterium vor aller Gefahr ſicher. Vor den Wahlen ward das Miniſterium vervollſtändigt. Herr Saint⸗John ward zum Staatsſekretär ernannt, der Herzog von Ormont zum Lordlieutenant von Irland, der Graf von Rocheſter zum Präſidenten des Kabinets, der Her⸗ zog von Buckingham zum Lord Haushofmeiſter und es fanden noch einige andere Beförderungen ſtatt, die hier nicht er⸗ wähnt zu werden brauchen. So war das neugebildete Ka⸗ binet beſchaffen, welches gleich ſeine Arbeiten begann und unter dem Schutze der Königin alle Ausſichten auf lange Dauer zu haben ſchien. Seine anfänglichen Schritte zeigten Thatkraft und Einigkeit, und die heftige, ſchonungsloſe Ainsworth, St. James's. II. 5 66 Wie das Miniſterium Oppoſition, welche es zu überwältigen hatte, trug nur zur Befeſtigung ſeiner Kräfte bei. Bald fingen ſich aber Mißhelligkeiten und Eiferſüchte⸗ leien in ihm zu erheben an, welche die verdrängte Partei mit neuer Hoffnung erfüllten, daß die Combination, welche ſich ihnen ſo verderblich gezeigt hatte, ſich bald auflöſen würde. Harley hatte noch nicht das Ziel ſeines Ehrgeizes er⸗ reicht; und jetzt als er eben die Hand nach dem Lohn ſeiner Mühen, dem Schatzmeiſterſtabe, ausſtrecken wollte, traten zwei Nebenbuhler auf, welche ihm denſelben zu entreißen drohten. Es waren der Graf von Rocheſter und Saint⸗ John. Zwiſchen Harley und Rocheſter beſtand eine alte Feindſchaft, welche, eine Zeit lang unterdrückt, ſeit Kurzem wieder mit aller Heftigkeit hervorbrach. Rocheſter, der ſich durch ſeine langjährigen Erfahrungen, ſeine erprobte An⸗ hänglichkeit an die Kirche, ſeine Verwandtſchaft mit dey Königin(er war ihr Oheim von mütterlicher Seite) zu der höchſten Stelle der Regierung berechtigt glaubte, machte ſeine Anſprüche geltend, und Anna war zu furchtſam und unent⸗ ſchloſſen, um ihm eine entſchiedene Weigerung zu geben. Saint⸗John auf der andern Seite, ſeiner höheren Talente bewußt, des Gängelbandes müde und Herr der Jakobitiſchen und der Fortſchritts⸗Fraction der Tory⸗Partei, war ent⸗ ſchloſſen, nicht länger eine untergeordnete Stelle im Kabinet einzunehmen, und gab Miſtreß Masham, welcher er ins⸗ geheim unverdroſſen den Hof machte, ſeine Abſichten zu er⸗ kennen. Bei ſolchen Hinderniſſen ſchien Harley in Gefahr zu ſein, den ſo lange erſehnten Lohn verlieren zu müſſen, als ſich ein Ereigniß zutrug, welches anfänglich zwar mit drohender Gefahr verknüpft zu ſein ſchien, am Ende aber die Veranlaſſung zur Erfüllung ſeiner Wünſche ward. Um dies zu erklären, müſſen wir in unſerer Geſchichte eine kleine Strecke zurückgehen. aufgelöst ward. 67 Ungefähr ſechs Monate nach Sacheverell's Prozeß ftürzte ein Mann eines Nachts plötzlich mit gezogenem Degen aus dem Kaffeehauſe zum kleinen Mann,— einem bekannten Sammelplatz von falſchen Spielern,— und rannte ſchleu⸗ nigſt nach Pall⸗Mall zu. Er ward von einem halben Dutzend ebenfalls bewaffneter Perſonen verfolgt, aber als ſie ihn bis zum Haymarket gejagt hatten, verloren ſie ihn aus den Augen und kehrten um. „Nun, laßt ihn laufen,“ ſagte Einer von ihnen;„wir wiſſen, wo er zu finden iſt, wenn die Wunden des Majors tödtlich ſind.“ „Der Major hat ihm über fünfhundert Pfund abge⸗ wonnen,“ bemerkte ein Anderer;„ſo kann er ſich wenigſtens Pflaſter für ſeine Wunden kaufen.“ „Es hieß wahrhaftig Spaten gegen Spaten, aber der Major iſt in mehr als einem Sinne der ſchärfere von beiden geweſen,“ rief ein Dritter lachend;„aber da der Marquis ſelbſt die Würfel geſchmiert und gekneipt hat, ſo konnte er es dem Major billigerweiſe nicht verdenken, wenn er aus⸗ gebleiete gebrauchte.“ „Ich wollte nichts ſagen, wenn der Marqnis bei kaltem Blut bleiben könnte,“ ſagte ein Vierter;„aber wenn er verliert, zieht er gleich von Leder, und der Major iſt nach einigen Dutzenden auch noch nicht der erſte, dem er ein Loch in die Haut geritzt hat.“ „Gott behüte mich vor dem Marquis!“ ſagte der Erſtez „aber ich glaube, wir find mit ihm fertig. Er iſt regulär ausgeplündert.“ „Und doch iſt er ein ſo pfiffiger Burſche, daß es mich gar nicht wundern ſollte, wenn er ſich wieder aufrappelt, ² ſagte der Dritte. „Er würde ſich dem Teufel verkaufen, wenn er es könnte, daran zweifle ich nicht,“ bemerkte der Erſte;„aber 68 Wie das Miniſterium kommt, wir wollen wieder zu dem Major gehen. Wir müſſen ihm Beiſtand verſchaffen.“ Als der Marquis de Guiscard, welcher ſich in eine kleine Straße neben dem Haymarket geflüchtet hatte, ſeine Verfolger fortgehen ſah, kam er aus ſeinem Verſteck hervor und ging langſam nach Hauſe. Sein Gang war unſicher, wie der eines Berauſchten; dies war aber bei ihm nicht der Fall, und dann und wann ſtieß er einen heftigen Fluch aus, wobei er ſich mit geballter Fauſt gegen die Stirn ſchlug. Als er ſeine Wohnung erreichte, ward ihm die Thür von Bimbelot geöffnet, den ſeine wilden, ſtarren Blicke ſtutzig machten. Guiscard riß ſeinem erſchreckten Kammer⸗ diener das Licht aus der Hand und ging in ſein Zimmer hinauf; bald trat er aber wieder an das Treppengeländer und rief Bimbelot mit lauter, zorniger Stimme zu: „Wo iſt die gnädige Frau, Schurke? Iſt ſie noch nicht nach Hauſe gekommen?“ „Nein, Monſeigneur,“ antwortete der Kammerdiener, „ſie iſt auf die Maskerade gegangen, und Sie wiſſen, daß ſie ſelten vor vier oder fünf Uhr Morgens aus iſt.“ Der Marquis kehrte mit einem verdrießlichen Gemurmel nach ſeinem Zimmer zurück und warf fich auf einen Stuhl, wo er das Geſicht in den Händen verbarg und ſich eine Zeit lang den bitterſten und peinlichſten Betrachtungen überließ. Dann ſtand er auf, ging auf und ab und rief:— Schande und Elend ſtarren mir ins Geſicht! Was ſoll ich thun?— wie mir helfen? Narr, Unfinniger, der ich war, Alles, was ich beſaß, gegen das falſche Spiel dieſer Gauner zu ſetzen. Sie haben mich ganz und gar ausgerupft und morgen wird dieſer erbarmungsloſe Jude Salomons, der mich wie ein Raubthier zu Tode hetzt, von meinem Hauſe und Allem, was darin iſt, Beſitz nehmen. Das Aufhören meiner Penſion von hundert Dukaten monatlich von den * aufgelöst ward. 69 holländiſchen Generalſtaaten,— die Entlaſſung aus meinem Regiment und der Verluſt meiner Gage,— die Ausſchwei⸗ fungen dieſes Frauenzimmers, das ich thöricht genug war, für eine Belohnung von tauſend Pfund von Harley zu hei⸗ rathen, eine Summe, die ſie dreifach wieder durchgebracht hat,— das Mißlingen meiner Plane,— der Tod meines beſten Freundes, des Grafen von Briangon,— alle dieſe Unglücksfälle haben mich ſo in die Enge getrieben, daß ich ſchwach genug,— toll genug war, mein ganzes Vermögen auf einen Wurf zu ſetzen. Und jetzt habe ich es verloren! — an einen Gauner verloren! Aber wenn er mich auch ausgeplündert hat, ſo ſoll er doch ſchwerlich ſeine Beute genießen.“ Und mit wildem, unheimlichem Gelächter ſetzte er ſich hin und verſank wieder in Stillſchweigen. Aber ſeine Ge⸗ danken waren zu aufregend, um ihm lange Ruhe zu laſſen. „Es muß etwas geſchehen!“ rief er, verſtört aufſtehend; „aber was?— was? Morgen werden mir die Ueberbleibſel meines Vermögens genommen und Salomons wird mich ins Gefängniß ſetzen laſſen. Aber ich kann fliechen,— die Nacht iſt noch mein. Uum zu fliehen, muß ich Mittel zur Flucht beſitzen,— und wie ſie mir verſchaffen? Iſt denn nichts hier, was ich mitnehmen kann,— meine Gemälde ſind fort,— mein Silberzeug— alle meine Koſtbarkeiten, — außer— ha! die Juwelen, die Angelika von Saint⸗ John mitgebracht hat! Sie find noch da,— ſie werden mich retten. Das Halsband allein koſtet dreihundert Pfund; aber geſetzt, es brächte mir nur ein Drittel der Summe ein, ſo kann ich davon leben, bis ſich eine Auskunft zeigt. Aus Frankreich kann Geld geſchafft werden. Ha!— ha! ich bin noch nicht ganz verloren. Ich werde mich eine Zeit lang zu⸗ rückziehen, nur um mit neuem Glanze wieder zu erſcheinen.“ Voll von dieſen Gedanken ging er zu einem kleinen — 70 Wie das Miniſterium Schranke neben dem Bett und nahm ein Käſichen heraus, das er öffnete. Es war leer. „Die Juwelen ſind fort!— ſie hat mich beſtohlen!“ rief er.„Mag ſie verdammt ſein! Meine letzte Hoffnung iſt vernichtet!“ Außer ſich vor Wuth und Verzweiflung, verlor er alle Herrſchaft über ſich ſelbſt. Er nahm eine Piſtole von der Wand, hielt ſie an die Schläfe und wollte eben losdrücken, als Bimbelot, der ſchon einige Minuten lang auf der Lauer geſtanden hatte, hineinſtürzte und ſeinen Herrn inne zu halten bat. „Ich weiß, daß Sie ruinirt ſind, Monſeigneur,“ rief der Kammerdiener,„aber damit, daß Sie ſich erſchießen, machen Sie die Sache nicht beſſer.“ „Narr!“ entgegnete der Marquis heftig,„deine alberne Zudringlichkeit verlängert nur meine Leiden. Wozu ſollte ich leben?“ „In der Erwartung beſſerer Tage,“ erwiederte Bimbelot. „Das Glück hört vielleicht auf, Ihnen ſcheel zu ſehen, und lächelt wieder wie früher.“ „Nein, nein, die Here hat mich auf ewig verlaſſen,“ rief der Marquis.„Ich will mich nicht länger quälen. Ich bin des Lebens ſatt. Laß mich.“ „Verſchieben Sie Ihren Entſchluß nur bis morgen, Monſeigneur, und dann werden Sie ſich gewiß beſinnen,“ drängte Bimbelot;„wo nicht, ſo bleibt Ihnen ja noch daſ⸗ ſelbe Mittel.“ „Gut,“ erwiederte Guiscard, die Piſtole hinlegend, „ich will bis morgen warten, wäre es auch nur, um mit meiner treuloſen Frau abzurechnen.“ „Am beſten, Sie laſſen ſie allein abrechnen,“ erwie⸗ derte Bimbelot.„Wenn Monſeigneur meinen Rath an⸗ nehmen wollte, ſo würde er dies Haus auf eine kurze Zeit — * g.* ———— —— 3 3 aufgelöst ward. 71 verlaſſen und zurückgezogen leben, bis ſich Mittel zur Be⸗ friedigung ſeiner Gläubiger finden.“ „Du weckſt neue Hoffnung in meiner Bruſt, mein treuer Burſche,“ erwiederte Guiscard;„ich will dieſen Morgen noch fortgehen, ehe Jemand wach iſt, und du ſollſt mich begleiten.“ „Ich will Sie nicht verlaſſen, Monſeigneur,“ antwor⸗ tete Bimbelot;„aber Sie brauchen nicht zu befürchten, daß Sie die Dienerſchaft ſtören, denn fie find alle fort.“ „Fort!“ rief Guiseard. „Ja, Monſeigneur,“ antwortete Bimbelot,„ich glaube, ſie haben das fallende Haus, wie die Ratzen, gerochen. Sie ſind alle dieſen Abend fortgegangen, und wahrſcheinlich nicht mit leeren Händen. Miſtreß Charlotte hat ſich, als ſie ihre Gebieterin zur Maskerade angeputzt hatte, angekleidet, ihre Sachen zuſammengepackt und iſt mit ihnen in einer Kutſche davongefahren.“ „Und ein Fluch hinter ihr her!“ rief der Marquis. „Ich bin allein zurückgeblieben, weil,“ heulte der heuch⸗ leriſche Kammerdiener,—„weil ich meinen theuren, edlen Herrn in ſeiner Noth nicht verlaſſen wollte.“ „Du ſollſt deine Anhänglichkeit nicht bereuen, wenn mir hellere Tage ſcheinen, Bimbelot,“ erwiederte Guiscard, von ſeiner Ergebenheit gerührt. „Es gibt ein Mittel, Ihre Umſtände wieder herzuſtellen, Monſeigneur,“ entgegnete Bimbelot.„Da Sie an Ort und Stelle ſind, ſo können Sie eine wachſame Auskundſchaftung am Engliſchen Hofe unterhalten. Unſer Monarch, der große Louis, wird wichtige Geheimniſſe gut bezahlen.“ „Die Geheimniſſe wären wohl habhaft zu werden,“ verſetzte Guiscard,„aber ſie hinüber zu ſchaffen, das iſt die Schwierigkeit. Alles ſteht einem für Geld zu Gebot, aber ohne dies—“ 72 Wie das Miniſterium „Monſeigneur pflegte ſonſt nicht vor Schwierigkeiten zurückzuweichen,“ ſagte Bimbelot. „Auch will ich es jetzt nicht,“ erwiederte der Marquis. „Ich will alle Mittel ergreifen, wie verzweifelt ſie auch ſein mögen, um mein Glück wieder herzuſtellen. Morgen will ich mich an Harley und Saint⸗John um Hülfe in meiner Noth wenden, und wenn ſie ſie mir verweigern, ſo will ich ſie durch Einſchüchterung zwingen.“ „Ihrer würdig geſprochen, Monſeigneur,“ erwiederte der Kammerdiener. „Ich will mich ein Paar Stunden ausruhen,“ entgeg⸗ nete der Marquis, ſich auf das Bett werfend,„und dann will ich mich mit dir nach einem Verſteck umſehen. Wecke mich gegen Tagesanbruch.“ „Zu Ihren Befehlen, Monſeigneur. Wenn Madame la maréchale zurückkommen ſollte, was ſoll mit ihr ge⸗ ſchehen?“ „Zeit genug, an ſie zu denken, wenn ſie da iſt,“ ſagte der Marquis.„Führe ſie in ihr Zimmer.“ „Monſeigneur wird keine Gewalt gegen ſie gebrauchen?“ flehte der Kammerdiener. „Sei unbeſorgt,“ antwortete Guiscard,„und jetzt ver⸗ laß mich. Wenn ich geſchlafen habe, werde ich ruhiger ſein.“ Bimbelot ging hinunter und begab ſich in ein Hinter⸗ zimmer, in welchem Sauvageon ſich bei einer Flaſche Roth⸗ wein gütlich that. „Ich kam gerade zur rechten Zeit,“ bemerkte der Kammer⸗ diener,„er hatte eine verzweifelte Eile aus der Welt zu kom⸗ men, und das hätte nicht in unſern Plan gepaßt.“ „Gewiß nicht,“ antwortete Sauvageon, ſein Glas leerend. „Was macht er jetzt?“ „Er ruht ſich ein wenig aus, ehe er das Haus ver⸗ läßt,“/ erwiederte Bimbelot.„Ich ließ ein Wort über Wieder⸗ aufgelöst ward. 73 anknüpfung ſeiner Correſpondenz mit dem franzöſiſchen Hofe fallen und er ſchnappte gierig nach dem Köder.“ „Ha! ſo!“ lachte Sauvageon.„Wir werden ihn wohl fangen.“ „Ganz gewiß,“ entgegnete Bimbelot.„Die von Harley verſprochene Belohnung für die Entdeckung ſeiner geheimen Umtriebe wird uns nicht entgehen. Wir werden bald Be⸗ weiſe genug haben.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo ward laut an der Hausthüre geklopft. „Sarpedieu!“ rief Bimbelot,„Madame la maréchale kommt zu zeitig. Das trifft ſich unglücklich.“ Bei dieſen Worten eilte er nach der Thüre und als er fand, daß es die Marquifin war, ſo leuchtete er ihr mit eben ſo viel Ehrfurcht die Treppe hinauf, als wenn ſich gar nichts zugetragen hätte, nachdem er jedoch erſt ſo vorſichtig geweſen war, die Träger warten zu laſſen. Als Angelika in ihr Zimmer trat, warf ſie ihre Maske hin, legte ihren blaßrothſeidenen Domino ab und zeigte ſich in einem prächti⸗ gen Kleide von weißem Brokat. Sie trug einen ſpaniſchen Phantafiehut, mit Diamanten beſetzt und mit Straußfedern geſchmückt. Sie war bedeutend fetter, als früher, ihre Züge waren viel gröber geworden, aber ſie ſah immer noch außer⸗ ordentlich hübſch aus. „Schicke Charlotte her,“ rief ſie, auf einen Stuhl nieder⸗ ſinkend. „Miſtreß Charlotte iſt noch nicht wieder da, Madame,“ entgegnete Bimbelot. „Nicht wieder da!“ rief Angelika.„Wie konnte ſie ſich herausnehmen, ohne meine Erlaubniß auszugehen. Ich werde ſie morgen wegjagen. So ſchicke Dawſon.“ „Miſtreß Dawſon iſt auch ausgegangen,“ antwortete Bimbelot.„Ueberhaupt find alle Frauen ausgegangen; aber 74 Wie das Miniſterium ich werde mir eine Ehre daraus machen, Madame zu helfen, wenn ich zu Dienſten ſein kann.“ „Mir helfen!“ rief Angelika auffahrend.„Was ſoll das heißen? Welche Unverſchämtheit! Ein Kammerdiener ſich als Jungfer anzubieten! Augenblick hinaus, Kerl. Ich werde den Marquis von deiner Frechheit in Kenntniß ſetzen.“ „Le voici, madame,“ erwiederte Bimbelot mit bos⸗ haftem Grinſen und machte ſeinem eben eintretenden Herrn Platz. „Was bedeutet dies, Marquis?“ rief Angelika.„Haben Sie die Diener verabſchiedet?“ „Sie haben ſich ſelbſt verabſchiedet,“ antwortete Guis⸗ card kalt.„Als fie entdeckten, daß ich ruinirt bin,— daß von mir nichts mehr zu holen iſt,— haben ſie ſich fortgepackt.“ „Ruinirt! Gott im Himmel!“ rief Angelika.„Geben Sie mir das Riechſalz oder ich falle in Ohnmacht.“ „Das wäre überflüſſig,“ antwortete er trocken.„Hören Sie mich an. Unſer Verderben läßt ſich einſtweilen, viel⸗ leicht für immer, durch den Verkauf der Juwelen abwenden, die Sie mitgebracht haben, als ich Sie von Saint⸗John herbrachte. Geben Sie ſie mir— geſchwind.“ „Ich kann ſie Ihnen nicht geben,“ ſchluchzte Angelika. „Warum nicht?“ fragte Guiscard heftig. „Weil— weil ich ſie an den Juden Salomons für hundert Pfund verpfändet habe,“ antworrete ſie. „Nicht der zehnte Theil von dem, was ſie werth ſind,“ rief Guiscard, mit den Zähnen knirſchend,„aber gleich viel, da ſie fort ſind. Haben Sie ſonſt noch Koſtbarkeiten übrig?“ „Nur dieſe Diamantſchnalle, und die gebe ich nicht fort,“ ſagte Angelika. „Geben ſie nicht fort?“ rief der Marquis. „Nein,“ antwortete ſie feſt. „Das wollen wir ſehen,“ entgegnete er, indem er ihr den Hut fortnahm und die Schnalle abriß. —. — 5 aufgelöst ward. 5 „Es freut mich, daß Sie es gethan haben, Marquis,“ ſagte Angelika.„Ihre Brutalität gibt mir das Recht, Sie zu verlaſſen.“ „Bitte, bemühen Sie ſich nicht nach einem Vorwand zum Fortgehen, Madame,“ ſagte der Marquis bitter.„Es iſt genug, daß ich ruinirt bin. Ich erwartete weder, noch wünſchte ich es, daß Sie bei mir blieben. Ich zweifle nicht, daß Sie Jemand zu Ihrer Aufnahme bereit finden werden.“ „Laſſen Sie das meine Sache ſein, Marquis,“ verſetzte ſie.„Vorausgeſetzt, daß ich Sie nicht beläſtige, kann es Ihnen auch gleichgültig ſein, wohin ich gehe.“ „Vollkommen,“ ſagte Guiscard mit einer Verbeugung. „Wir trennen uns alſo für immer. Und vergeſſen Sie nicht, falls Sie wieder zu einer Verbindung geneigt ſein ſollten, daß eine Trauung im Fleet eben ſo leicht gelöst, als ge⸗ ſchloſſen wird.“ „Ich werde daran denken,“ antwortete ſie;„aber fürs Erſte habe ich das Heirathen ſatt. Und nun, gute Nacht, Marquis. Ehe Sie morgen auf find, werde ich fort ſein. Ich würde gleich gehen, aber—“ „Madame la maréchale's Tragſeſſel wartet noch,“ ſagte Bimbelot eintretend. „Welches Glück!“ rief Angelika.„Wenn das iſt, ſo gehe ich gleich. Sage den Leuten, daß ſie mich nach Herrn Salomons in der Threadneedleſtraße bringen. Es iſt ein weites Ende, aber ſie ſollen gut bezahlt werden.“ „Meine Empfehlungen an Herrn Salomons, Madame,“ ſagte der Marquis höhniſch;„und ſagen ſie ihm, da er in den Befitz aller meiner Koſtbarkeiten gelangt wäre,— Sie ſelbſt die Koſtbarſte— ſo hoffte ich, er würde mir mehr Rückſichten erweiſen, als er bisher gethan hat.“ „Mit großem Vergnügen,“ antwortete Angelika.„Adieu, 76 Mordverſuch des Marquis de Guiscard Marquis.“ Und hiermit trippelte ſie, von Bimbelot be⸗ gleitet, die Treppe hinunter. Zehntes Kapitel. Mordverſuch des Marquis de Guiscard an Harley. Eine Stunde vor Tagesanbruch holte Bimbelot eine Kutſche, in die er alle Sachen packte, welche der Marquis mitzunehmen beabſichtigte. Dann fuhr er nach dem rothen Löwen in der Wardyurſtraße, einer kleinen Taverne, wo er unbeläſtigt zu bleiben hoffte. An demſelben Tage fand er fich auf die Gefahr einer Verhaftung bei Herrn Harley's Lever ein, ward aber nicht vorgelaſſen, und über dieſe Be⸗ leidigung erbittert, ging er nach ſeinem Gaſthof zurück und ſchrieb einen langen Brief an den Miniſter, in welchem er alles zwiſchen ihm und der Herzogin von Marlborough Vorge⸗ fallene zu enthüllen drohte, wenn er keine Unterſtützung erhielte. Am folgenden Morgen machte er Saint⸗John ſeine Auf⸗ wartung, und bei dieſem glückte es ihm beſſer. Er ward freundlich von dem Sekretär aufgenommen, welcher von der Darlegung ſeiner Umſtände ſehr gerührt zu ſein ſchien, Har⸗ leys Gleichgültigkeit tadelte und mit der Königin über ſeine Lage zu ſprechen verſprach. Saint⸗John hielt Wort und verwandte ſich ſo dringend für den Marquis, daß ihre Maje⸗ ſtät ihm gnädigſt eine Penſion von fünfhundert Pfund jähr⸗ lich bewilligte. Als der vesfallſige Befehl den Commiſſären der Schatzkammer zukam, ſtrich Harley einhundert Pfund unter dem Vorwande, daß die Gelder der Staatskaſſe er⸗ ſchöpft wären. Für dieſen üblen Dienſt, wie Guiscard es ſich vorſtellte, ſchwor dieſer Rache und hielt in der Abſicht, Eröffnungen zu machen, bei der Königin um eine Audienz an, konnte aber ſeinen Zweck nicht erreichen. an Harley. 77 Als ſein Kredit einigermaßen hergeſtellt war, wagte er ſich wieder zum Vorſchein, nahm eine Wohnung in der Rider⸗ ſtraße und begann die Kaffeehäuſer wie früher zu beſuchen. Er ſpielte immer noch, aber mit größerer Behutſamkeit, und gewann öfters kleine Summen. Hierdurch ermuthigt, ließ er die Zügel loſer ſchießen und eines Nachts machte ihn ein unglücklicher Augenblick noch einmal zum Bettler. In dieſer Noth wandte er ſich an Saint⸗John; dieſer ließ ſich von ſeinen Vorſtellungen bewegen und da er überdies eine Vor⸗ liebe für lockere Geſellen hatte, ſo gab er ihm aus ſeiner eigenen Taſche eine hinreichende Summe, um ſeinen dringend⸗ ſten Bedürfniſſen zu genügen, empfahl ihm aber, vorſichtig damit umzugehen. Jedoch weit davon entfernt, dieſen Rath zu befolgen, verlor der Marquis ſie, wie unwiderſtehlich in's Verderben getrieben, noch an demſelben Tage am Pharaotiſch. Jetzt hatte die Scham ihn gänzlich verlaſſen und er nahm wieder zu Saint⸗John Zuflucht, aber erhielt eine ſehr beſtimmte Weigerung, und von dieſem Augenblick an ließ der Sekretär ſich vor ihm verläugnen. In die äußerſte Noth gerathen, lebte er nun von kleinen Summen, die es ihm zu borgen gelang, denn er hatte die erſte Rate ſeiner Penſion im Voraus bezogen und war häufig buchſtäblich dem Mangel preisgegeben. Er wohnte auf dem Maggotshofe, einer ent⸗ legenen Gaſſe, die von der kleinen Schwalbenſtraße abgeht, wo er ein einzelnes, elend möblirtes Zimmer inne hatte. Er fuhr jedoch fort, ein anſtändiges Aeußeres zu bewahren, und trieb ſich täglich in den Umgebungen des Palaſtes herum, in der Hoffnung, einige Nachrichten aufzufiſchen. Bimbelot hatte längſt ſeinen Dienſt verlaſſen, aber be⸗ ſuchte ihn häufig unter dem Vorwande, ihm Hülfe zu leiſten, jedoch eigentlich, um zu erfahren, ob er einen Briefwechſel mit Frankreich unterhalte. Dies geſtand der Marquis ohne Bedenken ein, war aber zu vorſichtig, um Bimbelot in ſeine 78 Mordverſuch des Marquis de Guiscard Plane einzuweihen, bis der Letztere ihn eines Tages damit beſchäftigt fand, ein Packet zu verfiegeln, wobei er, gleich⸗ ſam der Zurückhaltung nicht mehr fähig, in die folgenden Worte ausbrach: „In wenigen Tagen, Bimbelot, wirſt du dieſe Haupt⸗ ſtadt,— ja, das ganze Land in Aufruhr ſehen. Es wird ein großer Schlag geführt werden, und zwar durch meine Hand!“ „Was meinen Sie, Monſeigneur?“ ſagte der Kammer⸗ diener, vor Neugierde zitternd. „Ich habe eben an den franzöſiſchen Hof geſchrieben,“ fuhr Guiscard mit ſteigender Aufregung fort,„daß ein Staats⸗ ſtreich zu erwarten ſteht, der eine erſtaunliche Veränderung in den Angelegenheiten dieſes Landes hervorbringen wird. Zugleich habe ich angedeutet, daß dies für den Prinzen, den fie hier unrechterweiſe den Prätendenten nennen, der paſſendſte Augenblick zu einer Landung in England iſt, wo er große Schaaren und unter Andern drei Viertheile der Geiſtlichkeit zu ſeiner Aufnahme geneigt finden wird.“ „Aber der Schlag, den ſie auszuführen beabſichtigen,— der Schlag, Monſeigneur?“ fragte der Kammerdiener. „Wird die höchſte Perſon des Königreichs treffen,“ ent⸗ gegnete Guiscard mit wildem Lächeln.„Der Prinz wird den Thron erledigt finden!“ „He!— wirklich,“ rief Bimbelot mit einem Blick voll unverhehlbaren Abſcheu's. „Schurke!“ rief Guiscard, ihn an der Kehle packend. „Ich habe dir zu viel getraut. Schwöre, daß du Keinem ein Wort verrathen willſt, oder es iſt um dich gethan.“ „Ich ſchwöre es!“ antwortete Bimbelot.„Es iſt durch⸗ aus nicht meine Abſicht, Sie zu verrathen.“ Durch des Kammerdieners Benehmen beruhigt, ließ Guiscard von ihm ab, und ſobald Bimbelot es mit Sicher⸗ an Harley. 79 heit thun konnte, verließ er das Haus. Er entfernte ſich jedoch nicht weit, ſondern trat in eine benachbarte Taverne, von wo er die Gänge des Marquis beobachten konnte. Bald darauf kam Guiscard aus dem Hauſe und Bimbelot folgte ihm von weitem, um nicht ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Der Marquis richtete ſeine Schritte nach Goldenſquare und trat in die Wohnung des Grafen von Portmore, wo er einem der Diener ein Packet übergab. Sobald die Luft rein war, kam Bimbelot herbei und erfuhr, daß das Packet an den Grafen von Portmore, damaligen Oberbefehlshaber in Portugal gerichtet war und nebſt ſeinen andern Brief⸗ ſchaften von ſeiner Gemahlin, der Gräfin von Dorcheſter, an ſeine Herrlichkeit befördert werden ſollte. Bimbelot, der aus dieſer Nachricht nicht klug werden konnte, beſchloß, Harley davon in Kenntniß zu ſetzen und begab ſich zu dieſem Zwecke nach dem Saint⸗James⸗Platze. Er ward bald zur Audienz vorgelaſſen und ſeine Kunde erſchien ſo wichtig, daß ein Bote der Rönigin unmittelbar nach dem Packet abgeſandt wurde und in kurzer Zeit damit zurückkam. Nach Entfernung des Umſchlags zeigte es ſich, daß es einen an einen Liſſaboner Kaufmann adreſſirten Brief ent⸗ hielt und daß ſich in dieſem eine zweite Adreſſe an Herrn Moreau, Bankier in Paris, befand. Als die letztere ent⸗ ſiegelt war, lag die Geſammtheit von Guiscards mörderiſchen Planen offen zu Tage. Kaum hatte Harley dieſe Dokumente geleſen, ſo ließ er Bimbelot feſtnehmen und begab ſich zu Herrn Saint⸗John, der einen Verhaftsbefehl gegen den Marquis erließ. Drei Boten der Königin wurden nach dem Angeklagten ausgeſchickt. Zum guten Glück fanden ſie ihn in Saint⸗ James⸗Park und entwaffneten ihn, ehe er Widerſtand leiſten konnte. Der Marquis flehte ſie an, ihn auf der Stelle zu tödten, aber taub gegen ſeine Bitten, ſchafften ſie ihn nach — 80 Mordverſuch des Marquis de Guiscard der Hahnengrube, wo er in einem Zimmer neben Herrn Saint⸗Johns Bureau untergebracht ward. Dann ward er ſorgfältig durchſucht und Alles, was er bei ſich hatte, fort⸗ genommen; aber kaum war dieſe Muſterung beendigt, als es ihm gelang, ſich unbemerkt eines nicht weit von ihm auf einem Schreibpulte liegenden Federmeſſers zu bemächtigen und es in ſeinen Aermel gleiten zu laſſen. Mit dieſer Waffe verſehen, erlangte er ſeine ganze Keckheit und Zuverſicht wieder und erwartete ſein bevorſtehendes Verhör mit ſchein⸗ barer Sorgloſigkeit. Unterdeſſen ward Harley von Guiscards Verhaftung benachrichtigt und bald darauf verſammelte ſich ein geheimer Rath, beſtehend aus ihm ſelbſt, Herrn Saint⸗John, Sir Simon Harcvurt, dem Grafen von Rocheſter, den Herzogen von Newcaſtle, Ormond und Queensbury und den Lords Dart⸗ mouth und Poulet in dem Zimmer des Staatsſekretärs in der Hahnengrube. Dieſes Gemach war einfach möblirt und „ enthielt nur einen großen grünen Tiſch, um welchen eine Anzahl Stühle ſtanden und einen kleinen Seitentiſch für die Unterſekretäre. Die einzige Zierde ſeiner Wände war ein Portrait der Königin in ganzer Figur von Kneller. Saint⸗John verrichtete das Amt eines Präſidenten. Nach kurzer Berathung ward der Gefangene vorgeführt. Er war 3 blaß wie der Tod, doch war ſein Benehmen ruhig und ge⸗ meſſen und er richtete einen hochmüthigen, drohenden Blick auf Saint⸗John und Harleh. .„Ich erſtaune und bedaure, Sie in ſolcher Lage zu ſehen, Marquis,“ bemerkte der Letztere. „Sie mögen es bedauern, aber werden ſchwerlich darüber erſtaunt ſein, Sir,“ verſetzte Guiscard. „Wie ſo?“ fragte Jener barſch.„Wollen Sie damit andeuten—“ — an Harley. 81¹ „Ich deute nichts an,“ unterbrach ihn Guiscard;„laſſen Sie das Verhör beginnen.“ „Gefangener, Sie ſind wegen Hochverraths und beleidigter Majeſtät erſten Grades vorgeführt,“ ſagte Saint John. „Von wem werde ich deſſen angeklagt?“ fragte Guis⸗ card ungeduldig. „Gleichviel, von wem,“ erwiederte Saint⸗John.„Sie ſollen einen geheimen und hochverrätheriſchen Briefwechſel mit dem franzöſiſchen Hofe unterhalten haben. Was haben Sie darauf zu antworten?“ „Ich läugne es,“ antwortete Guiscard keck. „Ferner werden Sie des ſchwärzeſten Verbrechens be⸗ ſchuldigt, Gefangener,“ fuhr der Staatsſekretär fort;„Sie ſollen gedroht haben, unſere Landesherrin, der Königin, der Sie als Fremder für die vielen empfangenen Wohlthaten durch die ſtärkſten Bande der Dankbarkeit verpflichtet ind⸗ das Leben zu nehmen.“ „Gott verhüte, daß ich im Stande wäre, einen ſolgen Gedanken gegen Ihre Majeſtät zu faſſen,“ rief der Marquis eifrig.„Ich müßte in der That ein Ungeheuer von Undank⸗ barkeit ſein.“ Auf dieſe Betheuerung erhob ſich ein ununterdrückbares Gemurmel des Unwillens unter der Verſammlung. „Ich kenne den Elenden, der dieſe falſchen Beſchuldigun⸗ gen gegen mich erhoben hat,“ fuhr Guiscard fort.„Es iſt ein Menſch, der mir als Kammerdiener gedient hat,— ein Mann von ſchändlicher Gewiſſenslofigkeit,— dieſer hat die Geſchichte erfunden, um eine Belohnung von Herrn Harley zu erhaſchen.“ „Laſſen wir dies gtilenh entgegnete Saint⸗John. „Ich möchte Sie fragen, ob Ihnen ein Bankier Namens Ainsworth, St. James's. M. 6 82 Mordverſuch des Marquis de Guiseard Moreau in Paris bekannt iſt und ob Sie kürzlich mit ihm in Briefwechſel geſtanden haben?“ Bei dieſem Namen erbebte Guiscard trotz ſeiner ſelbſt. „Ich habe eine ſolche Perſon wohl gekannt,“ erwiederte er,„aber ich ſtehe ſeit Jahren nicht mehr mit ihm in Ver⸗ bindung.“ „Das iſt nicht wahr!“ erwiederte Harley, das Packet hervorziehend.„Hier ſind Ihre Briefe an ihn, in denen Sie der franzöſiſchen Regierung die teufliſchſten Vorſchläge machen.“ Beim Anblick dieſes Packets ging eine furchtbare Ver⸗ änderung mit ihm vor. Er zitterte an allen Gliedern und 6 der Angſtſchweiß trat auf ſeine Stirne. „Es iſt vergebens, fernere Umſchweife zu machen, Elen⸗ der!“ ſagte Harley;„um Ihr Verbrechen einigermaßen zu mildern, rathe ich Ihnen, ein vollſtändiges Bekenntniß abzu⸗ legen.“ „Ich will geſtehen, Herr Harley,“ antwortete Guis⸗ card,„und könnte vielleicht mehr ſagen, als Ihnen lieb wäre. Ich bitte um eine beſondere Unterredung mit Herrn Saint⸗ John.“ „Das iſt unmöglich,“ verſetzte der Staatsſekretär.„Sie ſtehen hier als Verbrecher vor dem Rathe, und wenn Sie etwas zu eröffnen haben, ſo muß es in unſer aller Gegen⸗ wart geſagt werden.“ „Was ich zu ſagen habe, iſt ſür den Staat von Wich⸗ tigkeit,“ drängte Guiscard,„aber ich will es nur Ihnen ſelbſt ſagen. Sie mögen ſpäter nach Ihrem Belieben Gebrauch davon machen.“ „Es kann nicht ſein,“ erwiederte Saint⸗John.„Eine ſolche Bitte iſt ungebräuchlich und kann nicht gewährt werden.“ „Sie werden die Nichtberückſichtigung meiner Wünſche bereuen, Herr Saint⸗John,“ ſagte Guiscard. „Dieſe Hartnäckigkeit iſt unerträglich,“ rief Saint⸗John an Harley. 83 aufſtehend.„Man entferne den Gefangenen,“ wandte er ſich an einen der Unterſekretäre. „Einen Augenblick, nur einen Augenblick,“ ſagte Guis⸗ card, ſich Harley nähernd, der den eben von Saint⸗John verlaſſenen Sitz eingenommen hatte.„Sie werden ſich bei Ihrer Majeſtät für mein Leben verwenden, Herr Harley. Sie waren einſt mein Freund.“ „Ich kann Ihnen wenig Hoffnung machen, Gefangener, erwiederte Harley ernſt.„Die Sicherheit des Staats er⸗ fordert, daß ein ſo ungeheures Verbrechen nicht ungeſtraft hingehe.“ „Wo ſind die Boten?“ rief Saint⸗John gedttig „Wollen Sie nicht verſuchen, meine Unſchuld zu be⸗ weiſen, Herr Harley?“ ſagte Guiscard, immer näher tretend. „Wie kann ich es bei ſolchen redenden Zeugniſſen, wie dieſe?“ rief Harley, auf die Prbſchafien zeigend.„Treten Sie zurück, Sir.“ „Kann nichts Sie bewegen?“ wiederholte Guiscard. „Nichts!“ erwiederte Harley. „So nimm Deinen Lohn, du Verräther, ſchwärzer noch, als ich ſelbſt!“ donnerte Guiscard und durchbohrte Harley's Bruſt mit dem Federmeſſer, das er plötzlich aus ſeinem Aermel zog. Die Klinge traf auf einen Knochen und brach am Heft ab, aber Guiscard, der dieſen Umſtand nicht bemerkte, wiederholte den Stoß noch heftiger und rief:— „Dieß in dein Herz, heimtückiſcher Schurke.“ Das Unerwartete dieſer That ſetzte die andern auf einen Augenblick in die äußerſte Beſtürzung. Aber als der erſte Schrecken vorüber war, ſprangen ſie Harley zu Hülfe. Saint⸗ John war der erſte, der den Meuchelmörder angriff, und rannte ihm ſeinen Degen zweimal durch den Leib, aber ob⸗ gleich Guiscard noch andere Wunden von dem Herzog von Neweaſtle erhielt, der am andern Ende des Tiſches ſaß und 84 Mordverſuch des Marquis de Guiscard hinaufſprang, um auf dem kürzeſten Wege zu dem Kampf⸗ platz zu gelangen, ſo wie auch von Lord Dartmouth, ſo ſank er doch nicht hin. Einige Mitglieder des Rathes, welche dem Marquis zunächſt ſaßen, waren von ſeinen wüthenden Blicken ſo erſchreckt, daß fie befürchteten, er möchte ſeine Wuth gegen ſie richten, und ſich hinter ihre Stühle flüchte⸗ ten. Andre ſchrieen nach Hülfe, während Graf Poulet Saint⸗John und Neweaſtle laut zurief, ſie ſollten den Meu⸗ chelmörder nicht tödten, da der Gerechtigkeit ſehr viel an ſeinem Leben gelegen ſei. Während dieſer Verwirrung ſtürzten die Boten und Thürhüter herein und warfen ſich auf Guiscard, der ſich trotz ſeinen Wunden mit erſtaunlicher Kraft vertheidigte, und es dauerte einige Minuten, ehe ſie ihn überwältigen konnten. In dieſem Strauß erhielt er mehrere gefährliche Verletzun⸗ gen, unter andern eine im Rücken, die ſeinen Tod zur Folge hatte. Während er auf dem Fußboden hingeſtreckt lag und die Boten ihn eben feſtbanden, redete er den neben ihm ſtehen⸗ den Herzog von Ormond an:„Iſt Harley todt? Mir däucht, ich hörte ihn fallen.“ „Nein, Elender, er lebt und wird Ihre rachſüchtigen Hoffnungen vereiteln,“ erwiederte der Herzog. Guiscard knirſchte in ohnmächtiger Wuth mit den Zäh⸗ nen.„Ich bitte Eure Durchlaucht, geben Sie mir den Gnadenſtoß!“ ſtöhnte er. „Das iſt des Henkers Sache, nicht die meinige,“ erwie⸗ derte der Herzog und wandte ſich ab. Nichts kam der Ruhe und Feſtigkeit gleich, welche Harley bei dieſer kritiſchen Gelegenheit an den Tag legte. Unge⸗ wiß, ob er eine tödtliche Wunde empfangen hatte, hielt er ſich, in geduldiger Erwartung eines Chirurgen, das Taſchen⸗ tuch an die Bruſt und unterhielt ſich gelaſſen mit ſeinen an Harley. 85 Freunden, die ſich mit aufrichtigen Beileidsbezeugungen um ihn drängten. Und wohl durfte er zufrieden ſein, obwohl er nicht wußte warum. Jener Stoß machte ihn zum Lord⸗Schatz⸗ meiſter und zum Grafen von Orford. Eilftes Kapitel. Harley erreicht das Ziel ſeines Ehrgeizes. Des Marquis de Guiscard's Ende. Bald darauf kam Herr Buſſière, ein Wundarzt von großem Ruf, an und unterſuchte die Größe der von dem Leidenden erhaltenen Verletzung, wobei ihm die Federmeſſer⸗ klinge aus deſſen Weſte in die Hand fiel. Als Harley dies bemerkte, nahm er ſie ihm ab, indem er lächelnd äußerte, daß ſie ſein Eigenthum ſei, und verlangte, daß das dazu gehörige Heft aufbewahrt würde. Dann fragte er den Wund⸗ arzt, ob ſeine Wunde möglicherweiſe einen tödtlichen Ausgang nehmen könnte.„Wenn Sie es glauben,“ ſagte er,„ſo verhehlen Sie mir Ihre Befürchtungen nicht. Ich will nicht mit eitler Todesverachtung prahlen, aber ich habe noch einige nothwendige Familienangelegenheiten zu ordnen, ehe ich dazu unfähig werde.“ „Ich befürchte keine ernſtlichen Folgen, Sir,“ antwor⸗ tete Buſſiere,„aber da wahrſcheinlich ein leichtes Fieber eintreten wird, ſo wäre es am beſten, wenn Ihre Gemüths⸗ ruhe durch nichts geſtört würde. Haben Sie daher noch Anordnungen zu treffen, ſo würde ich Ihnen rathen, es nicht aufzuſchieben.“ „Ich verſtehe Sie, Sir, und will Ihren Rath befol⸗ gen,“ erwiederte Harley. Seine Wunden wurden nun ſondirt und verbunden. 86 Harley das Ziel ſeines Ehrgeizes. Er ertrug dieſe unumgänglich ſchmerzhafte Operation mit großer Standhaftigkeit und ſtieß auch nicht einen Klagelaut aus, ſondern bemerkte ſcherzend, als der Einſchnitt erweitert ward, daß das Meſſer des Wundarztes ſchärfer, als Guis⸗ card's ſei. Nach Anlegung des Verbandes erklärte Buſſiére, daß nicht die geringſte Gefahr vorhanden ſei und daß er fich für die baldige und vollſtändige Geneſung des Patienten verbürgen wolle,— eine Ankündigung, welche alle Anwe⸗ ſenden mit der lebhafteſten Genugthuung vernahmen, mit Ausnahme des Meuchelmörders, welcher geknebelt in einer Ecke lag und ſeinem Verdruß in einer lauten Verwünſchung Luft machte. Dies lenkte Harley's Aufmerkſamkeit auf ihn und er bat Buſſiére, deſſen Wunden zu unterſuchen. „Laſſen Sie mich lieber ſterben,“ rief Guiscard,„denn wenn ich wieder aufkomme, werde ich Dinge enthüllen, die Ihren Ruf auf immer untergraben.“ „Undankbarer Schuft!“ rief Saint⸗John;„da Sie augenſcheinlich von rachſüchtigen Beweggründen getrieben werden, ſo verdienen Ihre Ausſagen keine Berückſichtigung.“ „Sie ſelbſt find eben ſo ſchuldig als Harley, Saint⸗ John,“ verſetzte Guiscard.„Ich klage Sie Beide der Ver⸗ rätherei gegen Ihr Vaterland und gegen Ihre Königin an, und ich verlange, daß meine Worte aufgenommen werden, damit ich ſie vor meinem Tode unterſchreiben kann.“ „Es iſt unnöthig,“ ſagte der Herzog von Ormond. „Niemand wird den Beſchuldigungen eines Meuchelmörders Glauben ſchenken.“ „Sie ſind alle mit einander im Zunde,“ rief Guiscard. „Wenn Sie nicht auf mich hören wollen, ſo laſſen Sie einen Prieſter kommen. Ich will meine Beichte ablegen.“ „Es wäre beſſer, wir ließen den Schurken ausſprechen,“ bemerkte der Graf von Rocheſter, der, wie man ſich erinnern — Des Marquis de Guiscard's Ende. 87 wird, einer von Harley's Gegnern war; ſonſt könnte nach⸗ her geſagt werden, daß ſeine Anklage unterdrückt worden ſei.“ „Ich ſtimme Ihnen vollkommen bei, Mylord,“ ſagte Harley.„Laſſen Sie ſeine Ausſage von einem der Sekretäre aufnehmen.“ „Regen Sie ſich nicht auf,“ unterbrach ihn Buſſière. „Es würde Ihre Geneſung nur verzögern und könnte mög⸗ licherweiſe die Gefahr vergrößern.“ „Laſſen Sie ſich rathen, Harley,“ mahnte Saint⸗John. „Nein,“ entgegnete dieſer,„ich will ihn ſelbſt anhören. Mir iſt jetzt wohl genug. Sprechen Sie, Gefangener. Was haben Sie gegen mich anzuführen?“ Guiscard antwortete nicht. „Weshalb ſprecht Ihr nicht, Schurke?“ fragte der Graf von Rocheſter. „Er kann nicht, Mylord,“ erwiederte Bufſiere,„er iſt ohnmächtig geworden. Es wird einige Zeit vergehen, ehe er wieder zu ſich kommt, und ſelbſt dann bezweifle ich noch, ob er im Stande ſein wird, zuſammenhängend zu ſprechen.“ „Wenn dies Ihre Meinung iſt, Sir, ſo brauche ich nicht länger zu bleiben,“ verſetzte Harley.„Saint⸗John, wollen Sie Ihre Majeſtät von dem Anſchlag auf mein Leben benachrichtigen und ihr verſichern, daß dieſer Unfall, weit davon entfernt, mich zu ſchmerzen, mir vielmehr eine will⸗ kommene Gelegenheit iſt, ihr meine Ergebenheit zu beweiſen? Wäre ich der Königin nicht treu geweſen, ſo würden ihre Feinde mich nicht zum Ziel ihrer Angriffe machen.“ „Ich will Ihren Auftrag treulich ausrichten,“ erwie⸗ derte Saint⸗John;„und die Königin wird ſich gewiß eben ſo ſehr von Ihrer Ergebenheit überzeugen, wie wir von Ihrem Muthe.“ Hierauf ſtieg Harley, von Buſſiere und dem Herzog 88 Harley erreicht das Ziel ſeines Ehrgeizes. von Ormond unterſtützt, in den Tragſeſſel, welcher in das Zimmer gebracht worden war, und ward nach Hauſe getragen. Buſſtére wandte ſich jetzt zu dem Gefangenen, und als ſeine zahlreichen und ſchweren Wunden verbunden waren, ward dieſer unter der Aufſicht zweier Gerichtsboten, welche den Auftrag hatten, ihn auf das Genaueſte zu bewachen, damit er nicht Hand an ſich ſelbſt lege, in einer Sänfte nach Newgate gebracht. Harley's Wunſch zufolge eilte Saint⸗John zur Königin, um ſie von dem unglücklichen Vorfall in Kenntniß zu ſetzen. Sie nahm dieſe Nachricht mit großer Beſtürzung, ſo wie Harley's Botſchaft mit Rührung auf, und äußerte die aufrichtige Hoffnung, daß er wieder hergeſtellt werden möchte, damit ſie einen Beweis ihrer Ueberzeugung von ſeiner Er⸗ gebenheit geben könnte. Am folgenden Tage überreichten beide Parlamentshäuſer Adreſſen, in denen ſie ihr Bedauern über den„barbariſchen und ſchurkiſchen“ Mordverſuch an Herrn Harley ausdrückten und Ihre Majeſtät erſuchten, die Entfernung aller Papiſten aus den Städten London und Weſtminſter zu befehlen. Später ward eine Akte erlaſſen, in welcher der Angriff auf das Leben eines Mitgliedes des Geheimen Raths für Felonie, ohne Vorrecht der Geiſtlich⸗ keit, erklärt wurde. Harley's Geſundheitszuſtand blieb in Folge des Eiterns ſeiner Wunde faſt eine Woche lang ſehr mißlich und es verfloß mehr als ein Monat, ehe er vollkommen wieder her⸗ geſtellt war. Sein Erſtes war, der Königin in Saint⸗James ſeine Aufwartung zu machen, um ihr für ihre vielfältige Theilnahme zu danken. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Anna,„daß die Bos⸗ heit unſter Feinde,— denn Ihre Feinde ſind auch die mei⸗ nigen,— vereitelt worden iſt. Ich werde ihnen zeigen, daß Des Marquis de Guiscard's Ende. 89 jede Aeußerung ihres Haſſes mir nur neue Gunſtbezeugun⸗ gen für Sie entlocken ſoll.“ Als Harley ſich zum erſtenmale im Hauſe der Gemei⸗ nen zeigte, wünſchte ihm der Sprecher zu ſeiner Wiederge⸗ neſung Glück, worauf Harley mit großer Rührung ant⸗ wortete:„Die Ehre, welche dies Haus mir erzeigt, über⸗ trifft mein Verdienſt ſo weit, daß alles, was ich während meines ganzen Lebens noch für das öffentliche Wohl thun oder leiden kann, mich gegen Ihre Güte in Schuld läßt. So oft ich die Hand auf meine Bruſt lege, wird es mich an den Dank erinnern, welchen ich Gott ſchuldig bin, an meine Pflicht gegen die Königin und an die Ergebenheit, zu der ich mich auf immer gegen dies ehrenwerthe Haus verbunden fühle!“ Harley's Wiederaufnahme ſeiner Amtsgeſchäfte zeichnete ſich durch die Ausführung eines großen Projektes zur Til⸗ gung der Nationalſchuld und des Deſicits aus, mit welchem er ſich lange herumgetragen hatte, indem er den Eigenthü⸗ mern dieſer Schulden ſechs Prozent Intereſſen bewilligte und ihnen das Monopol des Handels nach der Südſee er⸗ theilte; ein Plan, der nachher zur Gründung der Südſee⸗ Compagnie Veranlaſſung gab. Dieſer Plan, obwohl, wie es ſich auch zeigte, wenig beſſer als eine Seifenblaſe, war dem Spekulationsgeiſt jener Zeit überaus zuſagend und ward mit dem ungetheilteſten Beifall aufgenommen. Die Bill ging ohne Umſtände durch, und man glaubte, eine neue Quelle des Reichthums geöffnet zu haben. Grade in dieſem Augenblick, wo Harley's Popularität ihren Gipfel⸗ punkt erreicht hatte, ereignete ſich ganz gelegen der plötzliche Tod ſeines Nebenbuhlers, des Grafen von Rocheſter, und die Königin ließ ihren Neigungen, denen jetzt kein Zwang mehr auferlegt war, freien Lauf. Sie ernannte Harley am Jahrestage der Wiedereinſetzung ihres Oheims Karl des — 90 Harley erreicht das Ziel ſeines Ehrgeizes. Zweiten auf den Thron zum Grafen von Oxford und Mor⸗ timer und legte den Schatzmeiſterſtab in ſeine Hände. So waren Harley's ehrgeizige Pläne endlich mit Erfolg gekrönt. Als Guiscard in Newgate angekommen war, ward er in eine unterirdiſche Zelle des Gefängniſſes geführt, deren ſchreckliches Ausſehn einen ſolchen Eindruck auf ihn machte, daß er ſeine Begleiter um ein anderes Gemach anflehte und ſich entſchloſſen weigerte, ſich auf das ihm angewieſene elende Bett niederzulegen. Man hielt ſeinen Zuſtand für ſo ge⸗ fährlich, daß man keine Gewalt gebrauchte, und es ward ihm erlaubt, ſich bis zum nächſten Morgen auf eine Bank zu legen. Der Wundarzt, welcher ihn dann beſuchte, fand ihn jedoch in einem ſo beunruhigenden Zuſtande, daß er ihn ſogleich in ein geſünderes Zimmer bringen ließ. Hier ward er ſeiner Kleider entledigt, und man fand auf ſeinem Rücken noch eine Wunde, welche wegen der bisherigen Ver⸗ nachläſſigung ſchon eine gefährliche Beſchaffenheit angenom⸗ men hatte. Sobald ſie verbunden war, ward er zu Bett gebracht, aber ſeine Schmerzen waren zu groß, um ihm Ruhe zu laſſen. Ungefähr gegen Mittag trat der Schließer ein und benachrichtigte den Marquis, daß ſeine Frau ihn zu beſuchen wünſchte, und gleich darauf ward Angelika hereingeführt. grimmig.— „Ich komme, um Sie zu beſuchen,— um zu erfahren, ob ich Ihnen von Nutzen ſein kann,— um Sie um Ver⸗ zeihung zu bitten,“ erwiederte ſie zitternd. „Dann haben Sie ſich vergebens bemüht,“ verſetzte er. „Fort! und nehmen Sie meinen Fluch mit!“ „O, Erbarmen!“ rief ſie zögernd—„Erbarmen! ver⸗ geben Sie mir!“ „Was führt Sie her, Madame?“ fragte Guiscard —.——— ————— Des Marquis de Guiscard's Ende. 91 „Ihnen vergeben!“ wiederholte Guiscard.„Wem danke ich es, daß ich ſo tief geſunken bin? Wem danke ich es, daß ich hier als Verbrecher auf dieſem elenden Bett liege und nur dem Galgen entgegen ſehe, anſtatt in einem präch⸗ tigen Palaſte zu wohnen und hoffnungsvoll und geſund auf weichem Pfühl zu ruhn? Fort mit dir, verfluchtes Weib! Deine Gegenwart erdrückt mich. Möge dein Ende dem Meinigen gleichen,— mögſt du in einem Hospital ſterben, von allen gemieden,— eine ekelhafte, unförmliche Maſſe!“ „Gräßlich!“ kreiſchte Angelika.„O, laßt mich hinaus! laßt mich hinaus! Der Schließer öffnete ihr die Thür und führte zugleich eine andre Perſon ein. Es war Bimbelot, der vor Neu⸗ gierde brannte, ſein Opfer zu ſehn. „Ah! Monſeigneur! ah, mein theurer Herr! Daß ich Sie in dieſem bejammernswürdigen Zuſtand ſehen muß!“ winſelte der Heuchler. „Ha!“ rief Guiscard, ſich kerzengrade in ſeinem Bett aufrichtend und dem Kammerdiener einen ſo wüthenden Blick zuſchleudernd, daß dieſer ſich nach der Thür zurückzog.„Willſt du mich in meinem Elend verſpotten?“ „Im Gegentheil, Monſeigneur,“ antwortete Bimbelot zitternd.„Ich biete Ihnen meine Dienſte an. Ich bedaure Ihre Lage und will Alles thun, was in meiner Macht ſteht, um ſie zu erleichtern.“ „So laß dich an denſelben Galgen mit mir hängen!“ verſetzte der Marquis mit Ingrimm. „Es thut mir leid, Ihnen dieſe Genugthuung nicht gewähren zu können, Monſeigneur,“ erwiederte Bimbelot; „aber es iſt mit dem Hängen nicht ſo ſchlimm. Ich bringe Ihnen gute Neuigkeiten. Ihre Majeſtät will Sie begnadi⸗ gen, wenn Sie ein unumwundenes Geſtändniß ablegen wollen.“ 92 Harley erreicht das Ziel ſeines Ehrgeizes. „Ha, Schurke! treibſt du wieder deine verruchten Ränke!“ rief Guiscard.„Du denkſt mich noch einmal zu verlocken, aber du irrſt dich.“ „Nein, Monſeigneur, ich bin Ihr Freund,“ erwiederte der Kammerdiener. „Gut, ich will dir wieder trauen,“ ſagte Guiscard mit verändertem Tone,„ich habe dir etwas zu ſagen. Tritt zu mir heran, daß ich es dir ins Ohr flüſtern kann.“ „Sie können ſich ganz auf mich verlaſſen,“ entgegnete Bimbelot, indem er dem Schließer einen Wink gab. Aber ſobald er ihn erreichen konnte, packte Guiscard ihn bei der Kehle, zog ihn auf ſein Bett herunter und hätte ihn beinahe erwürgt, wenn der Schließer dem armen Schelm nicht zur Hülfe geeilt wäre. Als er ihn mehr todt als lebendig aus der Zelle fortbringen ſah, brach der Marquis in ein lautes, teufliſches Gelächter aus. Jedoch beſchleunigte dieſe Anſtrengung ſein Ende. Er fing bald darauf zu phantaſiren an, ſtieß die fürchterlichſten Gottesläſterungen und Verwünſchungen aus und verrieth ſeinen Schrecken vor dem beſchimpfenden Tod, der ihn ſeiner Meinung nach erwartete, dadurch, daß er ſeinen Hals mit den Händen umfaßte, als wollte er ſich vor dem Henker ſchützen. Als er zu einer ſpäteren Tageszeit etwas ruhiger geworden war, verſuchte man ein Bekenntniß von ihm zu erlangen, indeſſen verurſachte ihm eine Blutausleerung in der Bruſthöhle ſolche Beſchwerden, daß er unfähig zum Sprechen war, ja kaum Athem holen konnte. Seine Wun⸗ den waren jetzt überaus ſchmerzhaft geworden und die Chi⸗ rurgen unternahmen einige Operationen zu ſeiner Erleich⸗ terung. In dieſem leidenden Zuſtande ſchleppte er ſich noch bis ſpät in der i Nacht hin und gab dann den Geiſt auf. Seinen gotiing war eine ſchimpfliche Beleidigung vor⸗ Des Marquis de Guiscard's Ende. 93 behalten. Da die Chirurgen Befehl erhalten hatten, den Leichnam einzubalſamiren, ſo legten ſie ihn in ein großes Pökelfaß, in welchem Zuſtande die Gefängnißwärter ihn an eine Unzahl von Liebhahern des Schrecklichen ſehen ließen. Später ward der Leichnam ohne Gepränge auf dem gewöhn⸗ . lichen Begräbnißplatz der in Newgate ſterbenden Miſſethäter beerdigt. So endete der einſt glänzende und gefeierte Marquis de Guiscard, die Schande ſeines Geſchlechts. Zwölftes Kapitel. Die letzte Zuſammenkunft der Königin mit der Herzogin von Marlborough. Aller freundliche Verkehr zwiſchen Anna und der Her⸗ zogin von Marlborough hatte einige Zeit lang geruht, und da dieſe ſich endlich von der Uebermacht ihrer Nebenbuh⸗ lerin, Miſtreß Masham, und von der Unmöglichkeit der Wie⸗ derherſtellung ihres früheren Einfluſſes überzeugte, ſo ſchrieb ſie an die Königin und erinnerte ſie an ein Verſprechen, welches ſie ihr in einem wohlwollenden Augenblick abgenö⸗ thigt hatte, nämlich ihre Stellen auf ihre Töchter zu über⸗ tragen, und bat um Erlaubniß, ſich zu deren Gunſten zu⸗ rückziehen zu dürfen. Anna erwiederte, daß ſie fürs erſte nicht daran denken könne, ſich von ihr zu trennen, und als die Herzogin noch⸗ mals in ſie drang, gab ſie ihren deutlichen Wunſch zu er⸗ kennen, daß ſie nicht ferner mit dieſer Sache beläſtigt werden möchte. Die Herzogin richtete trotz des Verbots wieder einen langen Brief voll Vorſtellungen und Vorwürfen an ihre königliche Gebieterin, worauf ſie ſich ganz vom Hofe ent⸗ fernte, und nach ihrer Amtswohnung in Windſor zurückzog, welche ihr als Oberaufſeherin des Großen Parks und des 94 Die letzte Zuſammenkunft der Königin Schloßparks zukam. Ihre Abweſenheit ward ſogleich benutzt, um eine Menge beleidigender Gerüchte über ſie in Umlauf zu bringen, deren einige der Herzogin zu Ohren kamen, weshalb ſie augenblicklich nach Hofe zurückkehrte, um ſich bei der Königin zu rechtfertigen. Anna empfing ſie mit der größten Kälte in Gegenwart der Herzogin von Somerſet und Miſtreß Masham und verweigerte ihr eine beſondere Audienz. Unfähig, die auf ſie geworfenen Hohnblicke zu ertragen, nahm die ſtolze Herzogin ihren ganzen Hochmuth zuſammen und bemerkte mit verächtlicher Miene:„Da Eure Majeſtät mich dazu zwingt, ſo erkläre ich hier offen und vor allen Ohren, daß Ihre unwürdige Favorite die ſchändlichſten Verläumdungen über mich in Umlauf geſetzt hat und daß fie jetzt Eure Majeſtät verhindern möchte, meine Rechtfertigung zu vernehmen.“ „Es iſt nicht wahr, Frau Herzogin!“ erwiederte Miſtreß Masham.„Ohne meine Fürſprache würde Ihre Majeſtät Sie nach Ihrem unziemlichen Briefe an ſie gar nicht empfan⸗ gen haben.“ „Ohne Ihre Fürſprache, Kleine!“ rief die Herzogin, ſich ihr nähernd und heftig ihren Arm ergreifend.„Iſt es dahin gekommen? Kann ich ja ſo tief geſunken ſein, daß Sie, ein Geſchöpf, das ich aus dem Staube emporgehoben habe, mir ſagen ſollten, es hätte Ihrer Fürſprache für mich bei der Königin bedurft?“ „Frau Herzogin!“ rief die Königin unwillig. „Sie werden fie zu ſeiner Zeit kennen lernen, Madame,“ verſetzte die Herzogin,„und dann werden Sie erfahren, wem Sie Ihr Vertrauen geſchenkt haben. Der beſte Beweis ihres böſen Gewiſſens iſt der, daß ſie mich nicht insgeheim mit Ihnen ſprechen zu laſſen wagt.“ „Ich wollte Ihrer Majeſtät einen Auftritt erſparen, das war der einzige Grund, weshalb ich mich der Unterredung widerſetzt habe,“ erwiederte Miſtreß Masham. mit der Herzogin von Marlborough. 95 „Alſo geſtehen Sie ein, daß Sie die Handlungen Ihrer Majeſtät beauffichtigen, Kleine,“ rief die Herzogin mit Bit⸗ terkeit,„Sie läßt ſich von Ihnen beherrſchen— ha!“ „So oft die Königin ſich herabläßt, mich um Rath zu fragen, ſo gebe ich ihr denjenigen, welchen ich für den beſten halte,“ entgegnete Miſtreß Masham. „Das mögen ſehr heilſame Rathſchläge ſein,— giftige Schlange!“ bemerkte die Herzogin erbittert. „Um dieſem Streit ein Ende zu machen, Frau Herzo⸗ gin,“ unterbrach Anna ſie mit Würde,„ſo will ich Ihnen eine letzte Audienz bewilligen. Finden Sie ſich dieſen Abend um ſechs Uhr ein.“ „Ich danke Eurer Majeſtät,“ erwiederte die Herzogin, „um ſo mehr, da Ihre Erlaubniß den ausvrücklichen Wün⸗ ſchen von Miſtreß Masham zuwiderläuft. Sie werden es bitter bereuen, ihr ſo viel Gunſt bewieſen zu haben.“ „Ihre Majeſtät kann es nicht bitterer bereuen, als ſie es bedauert, ſo viel Gunſtbezeugungen an Sie verſchwendet zu haben, Frau Herzogin, und ſich mit ſo ſchwarzem Un⸗ dank dafür belohnt zu ſehn,“ erwiederte Miſtreß Masham. „Es ſteht wohl Ihrer Majeſtät an, mein Betragen zu beurtheilen, aber nicht Ihnen, meine Werthe,“ rief die Her⸗ zogin ſtolz.„Ich werde mich bei ihr und bei der ganzen Nation rechtfertigen. Ja, noch mehr; ich will ihr die Augen für Ihre Doppelzüngigkeit und Verrätherei öffnen.“ „Ich bin der guten Meinung Ihrer Majeſtät zu gewiß und vertraue zu ſehr auf meine eigne Unſchuld, um Ihre Drohungen zu fürchten, Frau Herzogin,“ entgegnete Miſtreß Masham höhniſch. „Heuchlerin!“ rief die Herzogin. „Unverſchämte!“ warf Miſtreß Masham ihr zu. „Genug hiervon,“ rief die Königin;„dieſe Streitigkei⸗ ten verdrießen mich. Ich habe Ihnen eine Unterredung — 96 Die letzte Zuſammenkunft der Königin bewilligt, Frau Herzogin, aber unter der Vorausſetzung, daß hier nichts weiter vorfällt. Wenn Sie bei dieſem Streit beharren, ſo nehme ich mein Zugeſtändniß zurück.“ „Ich höre auf, Eure Majeſtät,“ antwortete die Herzogin, ſich beherrſchend.„Es ſoll nicht heißen, daß ich es an der ſchuldigen Ehrfurcht gegen Eure Majeſtät habe fehlen laſſen; aber es ſoll auch nicht heißen, daß eine Hoffavorite mich ungeſtraft beleidigt hat. Ich werde nicht ermangeln, mich dieſen Abend Ihrer gnädigſten Erlaubniß zu bedienen.“ Und hier zog ſie ſich mit einer tiefen Verbeugung gegen die Kö⸗ nigin und einem herausfordernden Blick gegen die übrigen zurück. „Ihr Ue bermuth iſt unerträglich,“ rief die Königin aus. „Ich bedaure faſt mein Verſprechen, ſie empfangen zu wollen.“ „Warum wollten Sie es denn nicht zurück nehmen, Madame?“ ſagte Abigail.„Laſſen Sie ſie ihre Mittheilun⸗ gen ſchriftlich machen.“ „So ſoll es ſein,“ erwiederte Anna nach kurzem Be⸗ finnen. „Ich freue mich, daß Eure Majeſtät ſich dazu entſchloſſen hat,“ fagte Miſtreß Masham.„Zwar wird die Herzogin ſich wohl nicht mit dieſer Weigerung zufrieden geben, aber ſte wird ſich dadurch üherzeugen, daß ſie nichts mehr zu hoffen hat.“ Und ſo geſchah es auch. Als die Herzogin dieſe Nach⸗ richt erhielt, bat ſie die Königin, ihr eine andre Zeit zu beſtimmen.„Eure Majeſtät,“ ſchrieb ſie,„kann mir eine letzte Zuſammenkunft nicht verweigern; auch können Sie gegen eine alte und treue Dienerin nicht ſo ungerecht handeln und ihr eine Gelegenheit verweigern, ſich bei Ihnen zu rechtfer⸗ tigen. Ich verlange keine Antwort auf meine Rechtfertigung, ſondern nur ein billiges Gehör.“ „Was ſoll ich thun, Masham?“ ſagte die Königin zu — ———— —,— mit der Herzogin von Marlborough. 97 ihrer Favorite, welche bei der Ankunft des Schreibens gegen⸗ wärtig war. „Lehnen Sie es ab,“ antwortete Miſtreß Masham; „aber wenn ſie ſich Ihnen aufdrängt, wie wahrſcheinlich ge⸗ ſchehn wird, ſo halten Sie ſie beim Wort und antworten Sie nicht auf ihre Erklärungen, welche, verlaſſen Sie ſich darauf, mehr einen Angriff auf Andre, als eine Vertheidi⸗ gung ihrer ſelbſt enthalten werden.“ „Sie haben Recht, Masham,“ entgegnete die Königin. „Ich will Ihrem Rathe folgen.“ Miſtreß Masham's Vermuthung beſtätigte ſich; an eben demſelben Abend begab die Herzogin ſich, ohne eine Antwort der Königin abzuwarten, nach dem Saint⸗James's Pallaſt und ſtieg die Hintertreppe hinauf, von der ſie noch den Schlüſſel beſaß, ward aber auf dem Abſatz von einem Pagen angehalten. „Kennen Sie mich, Sir?“ fragte die Herzogin zornig. „Sehr gut, Eure Durchlaucht,“ erwiederte der Page und verbeugte ſich ehrfurchtsvoll,„aber mir iſt ausdrücklich verboten, Jemand ohne Ihrer Majeſtät Erlaubniß durch dieſe Thür gehn zu laſſen.“ „Und be ſonders die Herzogin von Marlborough nicht, — nicht wahr, Sir?“ verſetzte fie. „Es würde ſich nicht geziemen, Eurer Durchlaucht zu widerſprechen,“ entgegnete der Page. „Wollen Sie mir den Gefallen thun, Sir, Ihre Majeſtät zu benachrichtigen, daß ich hier bin und nur um eine kurze Audienz von wenigen Minuten bitte?“ erwiederte die Herzogin. „Ich könnte mir Ihrer Majeſtät Mißfallen dadurch zu⸗ ziehn,“ antwortete der Page.„Nichtsdeſtoweniger will ich es wagen, um Eurer Durchlaucht gefällig zu ſein.“ „Iſt die Königin allein?“ fragte die Ainsworth, St. James's. II. 98 Die letzte Zuſammenkunft der Königin „Ich glaube, Miſtreß Masham iſt bei ihr,“ antwortete der Page.„Ihre Majeſtät hat ſo eben zu Mittag geſpeiſt.“ „Miſtreß Masham— ſo!“ rief die Herzogin.„Im⸗ merhin; richten Sie die Beſtellung aus, mein guter Freund.“ Es verging faſt eine halbe Stunde, ehe der Page wie⸗ derkehrte, während welcher Zeit die Herzogin auf dem Trep⸗ penabſatz bleiben mußte. Er bat wegen der unvermeidlichen Verzögerung um Verzeihung und erſuchte fie, ihm zu folgen. „Sie haben lange genug gezögert, um Alles zu verab⸗ reden, was mir geſagt werden ſoll, Sir,“ äußerte die Herzogin. „Ich weiß von nichts, Eure Durchlaucht,“ erwiederte der Page behutſam. Im nächſten Augenblick ward die Herzogin in ein Ka⸗ binet eingeführt, in welchem ſie die Königin allein fand. „Guten Abend, Frau Herzogin,“ ſagte Anna.„Ich er⸗ wartete Ihren Beſuch nicht. Ich wollte Ihnen eben ſchreiben.“ „Ich beläſtige Eure Majeſtät nur ungern,“ erwiederte die Herzogin;„aber ich habe Ihnen einige Mittheilungen von Wichtigkeit zu machen.“ „So!— wirklich!“ rief Anna.„Können Sie ſie nicht ſchriftlich aufſetzen?“ „Sie ſfind bald geſagt, gnädigſte Frau,“ ſagte die Herzogin. „Beſſer, Sie ſchrieben,⸗ unterbrach Anna ſie. „Aber, Madame—“ „Schreiben Sie,— ſchreiben Sie,“ rief Anna ungeduldig. „O, Madame, wie müſſen Sie ſich verändert haben, mich ſo behandeln zu können!“ rief die Herzogin.„Sie haben meines Wiſſens einem Bittenden noch nie Gehör ver⸗ weigert, und jetzt ſchlagen Sie es mir,— Ihrer einſt ge⸗ liebten, begünſtigſten Freundin,— ab. Beunruhigen Sie fich nicht, Madame. Ich beabſichtige Sie nicht mit unan⸗ genehmen Gegenſtänden zu behelligen. Ich wünſche mich mit der Herzogin von Marlborough. 99 nur von den Beſchuldigungen zu reinigen, die gegen mich vorgebracht find.“ „So muß ich wohl zuhören,“ rief Anna mit ungedul⸗ diger Geberde und wandte den Kopf ab. „O, nicht auf dieſe Weiſe, Madame,“ rief die Herzogin —„nicht auf dieſe Weiſe. Aus Barmherzigkeit, ſehn Sie mich an. Sie pflegten ſonſt nicht ſo hartherzig zu ſein. Böſe Rathgeber haben einen verderblichen Einfluß auf Ihren ſanften Charakter geübt. Sein Sie gegen mich, wenn auch nur für die wenigen Minuten, während ich meine Sache führe, die Miſtreß Morley, die Sie einſt waren.“ „Nein, Frau Herzogin,“ erwiederte Anna mit kaltem Tone und ohne ſie anzuſehn,—„alles das iſt vorbei. Sie haben die Veränderung, welche Sie an mir bemerken, ſelbſt verſchuldet.“ „Hören Sie mich an, Madame,“ rief die Herzogin voll Leidenſchaft aus;„mir iſt großes Unrecht,— ſchreiendes Unrecht bei Ihnen geſchehn. Es find Perſonen in Ihrer Umgebung, ich will fie nicht namhaft machen, die mich auf das Empörendſte verläumdet haben. Ich bin eben ſo wenig fähig, etwas Böſes von Eurer Majeſtät zu ſagen, als meinen eigenen Kindern das Leben zu nehmen. Ihr Name iſt nie ohne die tiefſte Ehrfurcht über meine Lippen gekommen,— nie, ich nehme den Himmel zum Zeugen!“ „Sie können mich nicht mehr täuſchen, Frau Herzogin,“ ſagte Anna kalt.„Es wird Ihnen ohne Zweifel ſehr viel Unwahres nachgeſagt, aber ich urtheile nicht ſo ſehr als nach Ihrem eignen Benehmen und Reden.“ „Ich will mich gern in Beidem ändern, Madame,“ ent⸗ gegnete die Herzogin. „Es iſt vergebens,“ ſagte Anna immer in demſelben Ton. „Iſt der Zwiſt denn unheilbar?“ fragte die Herzogin. „Trotz Eurer Majeſtät Verſicherung bin ich überzeugt, daß 100 Die letzte Zuſammenkunft der Königin meine Feinde ſich Ihrer gegen mich bemächtigt haben. Geben Sie mir eine Gelegenheit, mich zu rechtfertigen. Was iſt Ihnen hinterbracht worden?“ „Ich werde Ihnen keine Antwort geben,“ erwiederte Anna. „Keine Antwort, Madame!“ rief die Herzogin.„Iſt dies gütig,— iſt dies gerecht? Iſt es Ihrer würdig, mich ſo zu behandeln? Ich frage nicht nach dem Namen meiner Ankläger. Ja, ich verſpreche, ihnen nicht Gleiches mit Glei⸗ chem zu vergelten, wenn ich ſie errathen ſollte. Aber ſagen Sie mir, was mir zur Laſt gelegt wird.“ „Ich werde Ihnen keine Antwort geben,“ erwiederte die Königin. „O, Madame— Madame!“ rief die Herzogin,„die grauſame Redensart, deren Sie ſich bedienen, überzeugt mich, daß Sie zu dieſer Zuſammenkunft vorbereitet worden find. Sein Sie auch nur auf einen Augenblick wieder Sie ſelbſt. Sehn Sie mich an, Madame— ſehn Sie mich an. Ich bin nicht in der Hoffnnng hergekommen, mich wieder in Ihrer Gunſt feſtzuſetzen, denn ich weiß, daß ich ſie unwie⸗ derbringlich verloren habe; ſondern ich bin gekommen, um meinen Ruf als treue Dienerin zu retten. Einem ſolchen Anruf können Sie nicht widerſtehn, Madame.“ „Sie haben keine Antwort verlangt und ſollen auch keine erhalten,“ erwiederte die Königin, ſich erhebend und nach der Thür ſchreitend. „O, gehn Sie nicht fort, Madame!“ rief die Herzogin, ihr folgend und ſich ihr zu Füßen werfend—„gehn Sie nicht fort, ich beſchwöre Sie.“ „Was verlangen Sie mehr?“ fragte Anna kalt und mit immer noch abgewandtem Blick. „Ich möchte zum letzten Mal Ihre Gnade anrufen, Madame,“ ſagte die Herzogin, ſobald ſie ſich beherrſchen mit der Herzogin von Marlborvugh. 101 konnte.„Bei aller Billigkeit und Gerechtigkeit beſchwöre ich Sie, mir zu antworten. Habe ich nicht meinen eigenen Vortheil verſchmäht, wenn es ſich darum handelte, Ihnen wohl und treu zu dienen? Habe ich jemals die Wahrheit verläugnet? Habe ich je die Heuchlerin gegen Sie geſpielt? Habe ich Sie je beleidigt, außer durch übergroßen Eifer und durch Heftigkeit,— oder Anmaßung, wenn Sie wollen? Wenn dem ſo iſt, und ihm kann nicht widerſprochen wer⸗ den, ſo verdiene ich Glauben, wenn ich betheuere, daß meine Feinde mich hinter meinem Rücken angeſchwärzt haben. Leihen Sie meinen Bitten kein taubes Ohr, Madame, ſon⸗ dern ſagen Sie, was mir zur Laſt gelegt wird? Antworten Sie,— o, antworten Sie!“ „Sie zwingen mich, meine Worte zu wiederholen,“ er⸗ wiederte die Königin,—„Sie ſollen keine Antwort erhalten.“ „Sie verweigern mir die allgemeine Gerechtigkeit, Ma⸗ dame, wenn Sie mir Gehör verweigern,“ rief die Herzogin, welche alle Geduld verlor,„eine Gerechtigkeit, welche auch der geringſte Ihrer Unterthanen in Anſpruch nehmen darf. Sie ſind es ſich ſelbſt ſchuldig, ſich auszuſprechen.“ „Gerecht oder ungerecht, ich will Ihnen keine Antwort geben,“ erwiederte die Königin.„Und hier muß unſte Un⸗ terredung ein Ende haben.“ „So ſei es denn,“ entgegnete die Herzogin mit ihrem ganzen früheren Hochmuth.„Ich habe Sie aufrichtig ge⸗ liebt, Madame,— ja, aufrichtig,— denn ich glaubte meine Liebe erwiedert; aber da Sie mich von ſich geſtoßen haben, ſo will ich alle Gefühle von Achtung gegen Sie in meiner Bruſt vernichten. Wenn Sie nur ein Werkzeug in meinen Händen geweſen ſind, wie Einige behaupten, ſo habe ich Sie wenigſtens zu edlen Zwecken benutzt. Dies wird nicht mit derjenigen der Fall ſein, welche Sie jetzt beherrſcht. Sie wird Sie herabwürdigen und das Ende Ihrer Regierung 102 Die letzte Zuſammenkunft der Königin wird eben ſo ſchmählich ſein, als ihr Anfang glänzend und ruhmreich war. Bewahren Sie meine Worte in Ihrem Gedächtniß. Leben Sie wohl, Madame,— auf immer.“ Und ohne weitere Worte, ohne Verbeugung verließ ſie das Zimmer. Sobald ſie fort war, trat Miſtreß Masham aus dem anſtoßenden Gemach ein.. „Eure Majeſtät hat Ihre Rolle zum Bewundern ge⸗ ſpielt,“ rief ſie,„ich habe nicht ſo viel Feſtigkeit zugetraut.“ „Es hat mir Mühe gekoſtet, meine Rolle durchzufüh⸗ ren,“ erwiederte Anna, auf einen Stuhl finkend,„und ich bin wahrhaftig froh, daß ſie zu Ende iſt.“ „Sie iſt noch nicht ganz zu Ende,“ ſagte Miſtreß Mas⸗ ham,„es fehlt nur noch ein Schritt.“ „Freilich,“ entgegnete die Königin.„Ich muß ſie zur Niederlegung ihrer Stellen auffordern. Aber ich mag fſie nicht ihren Töchtern geben und doch glaube ich, daß ich ihr zu dem Ende ein Verſprechen gegeben habe.“ „Vergeſſen Sie es, Madame,“ ſagte Miſtreß Masham. „Ihre Durchlaucht hat alle Anſprüche auf Rückſicht von Ihrer Seite verſcherzt.“ „Ich muß geſtehn, ich hätte Luſt, Sie zur Verwalterin der Privatſchatulle zu machen, Masham,“ ſagte Anna. „Und ich bekenne, daß dieſe Stelle mir ſehr zuſagen würde, Madame,“ erwiederte Miſtreß Masham. „Könnte ich mich nur von dieſen Bedenklichkeiten be⸗ freien,“ ſagte Anna finnend. „Ich will fie zerſtreuen, Madame,“ erwiederte Miſtreß Masham;„das Verſprechen war gnnii und iſt des⸗ halb nicht bindend. „Dann will ich aus freien Stücken ein anderes geben⸗ mit der Herzogin von Marlborough. 103 das es ſein ſoll, Masham,“ verſetzte die Königin.„Sie ſollen die Stelle erhalten.“ „Ich bin Ihnen auf ewig verpflichtet, Madame,— durch dieſe und tauſend andre Wohlthaten,“ entgegnete die ſchlaue Favorite im Tone der ſcheinbar innigſten Dankbarkeit. Dreizehntes Kapitel. Wie die Herzogin den goldenen Schlüſſel ausliefert. Die Entlaſſung der Herzogin ward, obwohl vollſtän⸗ dig beſchloſſen, wie eben gezeigt worden iſt, doch mit Anna's gewohnter Unentſchloſſenheit lange verſchoben. Endlich je⸗ doch bei der Rückkehr des Herzogs von der Campagne von 1710 ward es beſchloſſen, die Sachen zur Entſcheidung zu bringen, und als er daher der Königin ſeine Aufwartung machte, empfing ſie ihn ſehr kalt und vermied abſichtlich jede Anſpielung auf ſeine Siege, ſondern bemerkte mit einiger Schärfe:„Ich hoffe, Eure Durchlaucht wird nicht zugeben, daß Ihnen in dieſem Jahre im Parlamente eine Dank⸗ adreſſe beantragt wird, denn meine Miniſter werden ſich dem gewiß widerſetzen.“ „Es ſchmerzt mich, dies aus dem Munde Eurer Maje⸗ ſtät zu hören,“ erwiederte Marlborvugh.„Solche unver⸗ diente Ehren ſind von mir nie geſucht worden, und ich habe ſie hauptſächlich deshalb gern angenommen, weil ich dachte, ſie gereichten zu Ihrem Ruhme. Ich werde fie künftig zu vermeiden ſuchen.“ „Sie werden wohl daran thun, Mylord,“ antwortete Anna. „Hier iſt ein Brief von der Herzogin, den ſie mich Eurer Majeſtät zu überreichen bat,“ fuhr der Herzog fort. „Geruhn Sie ihn anzunehmen.“ 104 Wie die Herzogin „Ich bitte, entſchuldigen Sie mich,“ erwiederte Anna mit verletzender Würde,„zwiſchen der Herzogin und mir iſt aller Verkehr abgebrochen.“ „Es iſt ein Entſchuldigungsbrief, Madame,“ entgegnete 6 der Herzog.„Ihre Durchlaucht wünſcht Ihnen eigenhändig zu verſichern, daß ſie alle Fehler bereut, die ſie begangen haben mag. Sie iſt gern zu Allem bereit, was billigerweiſe verlangt werden kann, um die Aufrichtigkeit ihres Bedauerns zu beweiſen, und da ihre Gegenwart Eurer Majeſtät läſtig zu werden angefangen hat, ſo wünſcht ſie ihre Stellen nie⸗ derzulegen.“ „Das freut mich ſehr, Mylord,“ unterbrach Anna ihn raſch. „Natürlich unter der Vorausſetzung,“ fuhr der Herzog fort,„daß ihre älteſte Tochter Lady Ryalton ihr als Ober⸗ kammerdienerin im Amt folgt, und Lady Sunderland als Verwalterin der Privatſchatulle. Mit Ihrer allergnädigſten Erlaubniß möchte ſie gern die Oberaufficht der Parks, ſo wie ihre Penſion aus der Privatſchatulle behalten.“ „Ich gebe der letzteren Hälfte des Vorſchlags meine Zuſtimmung,“ erwiederte die Königin.„Sie ſoll die Parks und die Penſion haben, dies wird ihr jährlich dreitauſend fünfhundert Pfund abwerfen; aber die andern Stellen be⸗ halte ich meinen Freunden vor.“ „Wie, Madame!“ rief der Herzog.„Ich hoffe, es iſt nicht nöthig, Sie an Ihr Verſprechen zu erinnern.“ „Es ward mir abgepreßt,“ erwiederte die Königin. „Selbſt wenn dem ſo wäre, Madame, was nicht der Fall iſt,“ entgegnete Marlborough ſtolz,„ſo ſollte Ihr kö⸗ nigliches Wort, da es einmal gegeben iſt, auch gehalten„ werden.“ „Mit dieſer Sache hat es aber eine andre Bewandtniß, Mylord,“ verſetzte Anna erröthend;„mein Verſprechen lautete auf die Bedingung von Ihrer Durchlaucht gutem Benehmen.“ den goldenen Schlüſſel ausliefert. 105 „Verzeihn Sie mir, Madame,“ erwiederte der Herzog; „mir iſt immer von der Herzogin geſagt worden, daß es ohne Bedingung gegeben ward,— und ſie iſt zu keiner Un⸗ wahrheit fähig. Ja, die Art der Gnadenbewilligung ſelbſt ſpricht dafür.“ „Mein Wort iſt ſo gut wie das der Herzogin, My⸗ lord,“ rief die Königin zornig,„ſo ſehr Sie auch das Ge⸗ gentheil andeuten mögen.“ „Eure Majeſtät mißverſteht mich,“ erwiederte der Her⸗ zog.„Ich beabſichtige nicht, Ihre Wahrhaftigkeit in Zweifel zu ziehn. Daß Sie das Verſprechen mit dem erwähnten ſtillſchweigenden Vorbehalt gegeben haben, davon bin ich überzeugt; aber daß der Herzogin eine ſolche Bedingung un⸗ bekannt geblieben iſt, davon bin ich eben ſo ſehr überzeugt. Aus dieſer Rückſicht erſuche ich Eure Majeſtät beim Schei⸗ den von Ihrer alten und treuen Dienerin deren mannigfache Dienſte nicht zu überſehn und nicht, was Ihr zukommt, an Fremde zu geben.“ „Ich habe Alles gethan, was ich für nöthig halte,“ ſagte die Königin;„und mehr, weit mehr, als mir gerathen worden iſt. Ich nehme Ihrer Durchlaucht Entlaſſung an. Sie werden ſie auffordern, den goldnen Schlüſſel binnen drei Tagen auszuliefern.“ Marlborough ſah aus wie vom Blitz gerührt. „Binnen drei Tagen!“ rief er.„Wenn Eure Majeſtät wirklich zur Entlaſſung der Herzogin entſchloſſen iſt und nicht auf meine Vorſtellungen hören will, ſo bewilligen Sie mir wenigſtens eine Zeit von zehn Tagen, während deren ich Mittel ausfindig machen kann, den Schlag weniger be⸗ täubend für ſie zu machen.“ „Auf keinen Fall,“ erwiederte die Königin beunruhigt; „ich bereue jetzt eine ſo lange Friſt bewilligt zu haben, und werde ſie auf zwei Tage abkürzen.“ 106 Wie die Herzogin „Nun gut, es ſchadet nicht, da es doch einmal ſein muß,“ ſeufzte der Herzog.„Ich möchte jetzt über einen andern Gegenſtand mit Eurer Majeſtät ſprechen.“ „Bemühen Sie ſich nicht, Mylord,“ erwiederte die Kö⸗ nigin ſcharf.„Ich will nichts hören, ehe ich nicht den Schlüſſel habe.“ „Dann beurlaube ich mich, Madame,“ entgegnete der Herzog,„und beklage es tief, Sie ſo verändert wiederzu⸗ finden.“ Und hier verbeugte er ſich und ging fort. „Nun, Masham,“ ſagte die Königin, als ihre Favorite durch eine Nebenthür eintrat,„ſind Sie zufrieden?“ „Vollkommen, Madame,“ antwortete Miſtreß Masham. „Sie werden den Schlüſſel heute Abend erhalten.“ „Meinen Sie?“ rief die Königin. „Ich bin deſſen gewiß,“ entgegnete jene.„Ich möchte um alle die Ehren, welche der Herzog geerntet hat, nicht der Ueberbringer einer ſolchen Botſchaft an die Herzogin ſein.“ „Ich auch nicht,“ erwiederte die Königin mit hellem Lächeln. Auch Marlborvugh war mit dieſer Meinung einver⸗ ſtanden. Er hatte vor dem gefährlichſten Kampfe, den er gefochten, nicht halb ſo viel Unruhe gefühlt, als er jetzt in der Ausſicht, ſeiner Frau gegenüber zu treten, fühlte. Er hätte ihr die unangenehme Nachricht, welche er mitzutheilen hatte, gern durch ein Billet oder ſonſt auf einem Umwege zugetragen, aber die Herzogin begegnete ihm bei ſeiner Rück⸗ kunft und vereitelte ſeine Pläne. Da fie aus ſeinen Blicken ſah, daß etwas ſchief gegangen ſein müßte, ſo kam ſie gleich zur Sache und ſagte:„Sie haben die Königin geſprochen, — was ſagt ſie?“ „Laſſen Sie mich nur einen Augenblick Athem ſchöpfen,“ erwiederte Marlborough. „Wenn Sie ſich fürchten zu antworten, ſo will ich es den goldenen Schlüſſel ausliefert. 107 ſelbſt thun,“ verſetzte die Herzogin.„Meine Abdankung iſt angenommen. Nein, ſuchen Sie es mir nicht zu verbergen — ich weiß es.“ „Es iſt ſo,“ erwiederte der Herzog. „Aber ſie hat unſern Töchtern die Stellen bewilligt? Wenigſtens hat ſie das gethan?“ rief die Herzogin. „Sie weigert ſich ihr Verſprechen zu erfüllen,“ ent⸗ gegnete Marlborough. „Sie weigert ſich! ha!“ rief die Herzogin.„Sie iſt die erſte Königin von England, die ſo unehrenvoll handelt. Das will ich ihr ins Geſicht ſagen. Und die ganze Welt ſoll es wiſſen.“ „Beruhigen Sie ſich,“ verſetzte Marlborough.„Dieſe Aufregung nutzt zu nichts. Die Königin verlangt den Schlüſſel binnen zwei Tagen wieder.“ „Sie ſoll ihn binnen zwei Minuten erhalten,“ entgeg⸗ nete die Herzogin und riß ihn aus ihrem Gürtel.„Ich will ihn ihr gleich bringen.“ „Aber bedenken Sie—“ rief der Herzog. „Ich will nichts bedenken,“ unterbrach die Herzogin ihn. „Sie ſoll wenigſtens wiſſen, wie ſehr ich ſie haſſe und ver⸗ achte. Sollte ich auch dabei vergehn, ſo ſoll ſie meine wahren Geſinnungen erfahren.“ „Sie dürfen in dieſem Zuſtande nicht hingehn, Sarah,“ rief Marlborough, indem er ſie feſthielt.„Warten Sie, bis Sie ruhiger find. Ihre Heftigkeit wird Sie zu weit führen.“ „Sind Sie auch mit ihnen im Bunde, Mylord?“ rief die Herzogin außer ſich.„Laſſen Sie mich gehn, ſage ich. Ich will nicht aufgehalten ſein. Mein Unwille muß ſich Luft machen, oder er tödtet mich.“ „So gehn Sie,“ erwiederte der Herzog und ließ fie los. Und als ſie aus dem Zimmer eilte, ſank er auf ein 108 Wie die Herzogin Sopha und rief:„Keine Ruhmesſtrahlen können ein Leben ſ. verſchönern, das von ſolchen Stürmen wie dieſe getrübt wird.“ Immer noch unter dem Einfluſſe ihrer Aufregung, langte die Herzogin im Pallaſte an. Trotz allem Widerſtande, drängte ſie ſich bis zum Vorzimmer des Kabinets durch und Anna, die zufällig dort war, hatte kaum Zeit, ſich ſchleu⸗ nigſt zu entfernen, ehe ſie eintrat. Sie fand Miſtreß Mas⸗ ham allein, welche nur mit Mühe ihre Aufregung ver⸗ bergen konnte. „Wo iſt die Königin?“ fragte ſie dieſe. „Sie iſt nicht hier, wie Sie ſehn,“ erwiederte Miſtreß Masham.„Aber ich muß in ihrem Namen fragen, was dieſe ſeltſame und höchſt unverantwortliche Zudringlichkeit bedeuten ſoll.“ „Alſo find Sie die Stellvertreterin der Königin, Elende,“ rief die Herzogin.„Man muß geſtehn, daß die Majeſtät von England wohl vertreten iſt. Aber ich will mich nicht mit Ihnen zanken. Ich wünſche in das Kabinet zu treten, um mit der Königin zu ſprechen.“ „Sie dürfen nicht eintreten,“ erwiederte Miſtreß Mas⸗ ham und ſtellte ſich vor die Thür. „Unterfangen Sie ſich, mich daran zu hindern?“ rief die Herzogin. „Ja, ich unterfange mich deſſen,“ erwiederte Miſtreß Masham,„und wenn Sie noch einen Schritt näher kommen, ſo werde ich die Wache rufen und Sie fortbringen laſſen. Ihre Majeſtät will Sie nicht ſprechen.“ Die Herzogin machte eine Miene, als käme ſie auf einen Gewaltſtreich, aber endlich überwältigte ſie ſich mit mächtiger Anſtrengung. Sie warf einen Blick voll unausſprechlicher Verachtung auf Miſtreß Masham und ſagte:„Ihre Gebie⸗ terin hat den Schlüſſel von mir verlangt. Bringen Sie ihn ihr.“ Und bei dieſen Worten warf fie ihn hin. den goldenen Schlüſſel ausliefert. 109 „Sagen Sie ihr,“ fuhr ſie fort,„daß ſie ihr Wort gebrochen hat,— ein Vorwurf, der keinen ihrer königlichen Vorgänger trifft. Sagen Sie ihr auch, daß die Liebe und Ehrfurcht, die ich einſt gegen ſie hegte, ſich in Haß und Verachtung verwandelt haben.“ Und ſie ſchritt mit trotzigem Blick aus dem Zimmer. „Iſt ſie fort?“ rief die Königin, die Thür halb öff⸗ nend und furchtſam hineinblickend. „Ja, Madame,“ antwortete Miſtreß Masham und hob den Schlüſſel auf,„und ich freue mich, daß fie dies hiek gelaſſen hat. Endlich ſind Sie auf immer von ihr befreit.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Anna. „Gefällt es Eurer Majeſtät, den Schlüſſel zu ſich zu nehmen?“ ſagte Miſtreß Masham. „Behalten Sie ihn,“ erwiederte Anna.„Von jetzt an find Sie Verwalterin der Privatſchatulle. Die Herzogin von Somerſet ſoll Oberkammerdienerin werden. Aber ich behalte mir noch Beſſeres für Sie vor. Die Herzogin von Marlborough ſoll Sie nicht ungeſtraft ſo beleidigen. Bei der nächſten Gelegenheit werde ich Ihrem Gemahl eine Pairie verleihen.“ „Die Herzogin ſagt, daß Sie Ihr Wort nicht halten, Madame,“ rief Miſtreß Masham;„aber ich finde ganz das Gegentheil.“ „Es iſt der Herzogin eigne Schuld, daß ich es bei ihr nicht gehalten habe,“ verſetzte Anna.„Ich habe ſie einſt eben ſo geliebt, wie Sie, Masham,— ja, noch mehr.“ — 110 Wie der Sergeant Vierzehntes Kapitel. Wie der Sergeant außer Dienſten tritt. Der Sergeant, der wieder nach dem Kriegsſchauplatz in Flandern berufen worden war, blieb bis zur Beendigung des Feldzugs von 1711 bei ſeinem Regiment. Er war faſt zwei Jahre abweſend geweſen und eine ſchwere Wunde, die er im Herbſt vor ſeiner Rückkehr bei der Belagerung von Bouchain erhalten hatte, ſetzte ihn außer Stand, nach Hauſe zu ſchreiben; ebenſo hatte er von denen, welche ihm am Herzen lagen, faſt drei Monate lang keine Nachrichten er⸗ halten, weshalb ihn ſo ſchlimme Ahnungen beklemmten, daß er Proddy aufzuſuchen beſchloß, ehe er ſich in Marlborvugh⸗ Haus blicken ließe. Er begab ſich daher in den Pallaſt und erfuhr auf ſeine Frage nach dem Kutſcher, daß dieſer in ſeinem Zimmer ſei, wohin er jetzt ſeine Schritte richtete. Voll von der angenehmen Ueberraſchung, die er dem Kutſcher durch ſein Erſcheinen zu bereiten gedachte, trat er in deſſen Zimmer und machte einen militäriſchen Gruß gegen Proddy, der in halb ſchlaftrunkenem Zuſtande mit einer Pfeife im Munde und einer Kanne Bier vor ſich an einem Tiſch ſaß. Als der Kutſcher die Augen aufſchlug und die unerwartete Erſcheinung gewahr ward, ließ er die Pfeife fallen, rückte mit dem Stuhl zurück und ſtarrte ihn mit glotzenden Augen und klappernden Zähnen ein wahres Ebenbild des Schreckens und der Beſtürzung, unverwandt an. „Nun!— kennen Sie mich nicht?“ rief Seales ſehr überraſcht. „Ich kannte Sie einſt, Sergeant,“ ſchnappte Proddy; „aber ich wünſche nicht länger mit Ihnen umzugehn.“ „Pah— pah!“ rief der Sergeant;„was ſoll das heißen? Wovor fürchten Sie ſich? Sie müſſen mit mir kommen.“ außer Dienſten tritt. 111 „Ach, nein, ich danke Ihnen,— ſehr verbunden,— nehmen wir's als geſchehen an,“ erwiederte Proddy und ſuchte ſich ſo weit als möglich zurück zu ziehn. „Nun, wenn Sie nicht mit mir gehn wollen, ſo muß ich bei Ihnen bleiben,“ entgegnete Scales und nahm ſich einen Stuhl.„Meine Abſicht iſt, Sie nie wieder zu ver⸗ laſſen, Proddy.“ „O wirklich!“ rief der Kutſcher mit ſteigendem Schrecken. „Nein, wir wollen uns nie wieder trennen,“ verſetzte Scales.„Ich habe jetzt einen ziemlich langen Urlaub er⸗ halten.“ „Was Sie ſagen,— ich dachte nicht, daß man ſich von da unten auch Urlaub nehmen kann,“ rief Proddy. „Von da unten!“ wiederholte der Sergeant.„Ach, ich verſtehe,— Sie meinen aus den Niederlanden.“ „Nennen Sie's, wie Sie wollen,“ verſetzte Proddy, „aber wir pflegen dem Ding einen andern Namen zu geben, der'n bischen häßlicher klingt.“ „Na, wir wollen uns nicht um einen Namen zanken,“ meinte der Sergeant.„Was ich ſagen wollte, iſt dies, daß ich nicht länger in Dienſten bin. Ich bin ſo gut, wie ein Todter.“ „O, ich weiß es,“ entgegnete Proddy ſchaudernd. „Aber ich werde meine früheren Gewohnheiten nicht aufgeben,“ ſagte Scales;„ich werde, wie früher, die Trom⸗ mel ſchlagen und die Stiefeln des Herzogs putzen. Ich werde immer noch auf dem alten Fleck mein Weſen treiben.“ „O, um Gotteswillen nicht!“ rief Proddy. „Warum nicht?“ fragte der Sergeant.„Iſt etwas vor⸗ gefallen? Was ſehn Sie mich denn ſo an? Finden Sie mich verändert?“ Miti zno „Nicht ſo ſehr, als ich vermuthet hätte,“ erwiederte Proddy. 112 Wie der Sergeant „Ich glaube, ich habe mich verändert,“ ſagte der Sergeant ſinnend.„Die letzten drei Monate haben mich ſtark mitgenommen. Ich habe fürchterliche Quartiere ge⸗ habt, heiß wie die Hölle.—“ „O, ſprechen Sie nicht davon,“ unterbrach ihn der Kutſcher.„Welche Wohlthat muß es ſein, da heraus zu kommen.“ „Wenn Sie es verſucht hätten, würden Sie es gewiß auch ſagen,“ verſetzte Scales.„Wie kühl und gemüthlich Sie ſich hier befinden! Ich werde oft eine Stunde bei Ihnen zubringen.“ Proddy ſtöhnte hörbar. „Da wir grade von meinem Ausſehen ſprechen,“ fuhr der Sergeant fort,„denken Sie, daß ſie mich ſehr verändert finden werden?“ „Wie, die Frauenzimmer?“ rief Proddy.„Sie wollen ſich ihnen doch nicht auch zeigen?“ „Natürlich, und das noch dieſen Abend,“ antwortete Scales. „Gott ſteh' ihnen bei!“ rief Proddy;„wie die armen Geſchöpfe ſich erſchrecken werden. Es geht beinahe ſchon über meine Kräfte, Sie auszuhalten. Sie wollen mir doch nicht einbilden, daß Ihnen jetzt noch was an ihnen gelegen iſt?“ „Was an ihnen gelegen iſt!“ erwiederte Scales.„Ich bin nur aus Beſorgniß um ſie zu Ihnen hergekommen!“ „Na, das geht mir doch über alles!“ ſagte Proddy. „Ich dächte, Ihre letzte Kugel hätte Ihnen alle ſolche Ge⸗ danken längſt aus dem Sinn ſchlagen müſſen.“ „Nicht dran zu denken!“ erwiederte Scales.„Auf Ihre Geſundheit, Proddy, und es freut mich, Sie geſund wieder anzutreffen!“ fuhr er fort, indem er die Kanne zur Hand nahm und augenſcheinlich mit großem Behagen leerte. außer Dienſten tritt. 113 „Wie! können Geiſter auch Bier trinken?“ rief Proddy erſtaunt. „Was Donnerwetter!— Sie halten mich doch wohl nicht für einen Geiſt?“ rief der Sergeant verwundert auf⸗ blickend. „Ich hielt Sie dafür,“ entgegnete der Kutſcher, näher kommend,„aber ich fange an zu glauben, daß ich mich ge⸗ irrt habe. Wir hörten, Sie wären bei der Belagerung von Buſchin' getödtet.“ „Verwundet, Proddy, aber nicht getödtet,“ erwiederte der Sergeant.„Meine Wunde ward anfangs für tödtlich gehalten; aber hier bin ich, wie Sie ſehn, lebendig und rührig.“ „Meiner Seel! wie freue ich mich!“ rief der Kutſcher und ſchlang die Arme um ſeinen Hals.„Ich dachte, ich würde Sie nie wiederſehn.“ „Na, ich muß ſagen, mir kam Ihr Empfang zuerſt ziemlich ſonderbar vor,“ ſagte der Sergeant, ſobald er ſich von der Umarmung ſeines Freundes befreit hatte.„Alſo haben Sie mich für einen Geiſt gehalten, wie?— ſehr ſchmeichelhaft, ha! ha! Sie hätten wiſſen ſollen, daß Ge⸗ ſpenſter nie bei hellem Tage umgehn,— gar nicht von mei⸗ nem irdiſchen, handfeſten Ausſehn zu ſprechen.“ „Ich muß geſtehn, daß ich nicht wußte, was ich denken ſollte,“ entgegnete Proddy,„aber nach dem blutigen Taſchen⸗ tuch, das Sie in zwei Stücken an Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping geſchickt haben, konnte keiner von uns mehr an Ihrer Auflöſung zweifeln.“ „Wie! was!“ rief der Sergeant.„Halten ſie mich auch für todt?“ „Gewiß,“ antwortete Proddy.„Es kam ein Brief von Ihrem Regimentspfeifer Tom Jiggins an,— derſelbe, der auf Ihrer ,Trommel“ ſpielte, Sie erinnern ſich wohl noch, — da waren die blutigen Andenken drin und es hieß, Sie Ainsworth, St. James's. M. 8 „ * 11¹4 Wie der Sergeant wären ſchwer verwundet und könnten nicht wieder⸗ auf⸗ kommen.“ „Aber ich bin bei alledem wieder aufgekommen,“ er⸗ wiederte der Sergeant.„Der arme Tom Jiggins! zwei Tage nachdem er den Brief geſchrieben hatte, ward er von einem Karabinier durch den Kopf geſchoſſen.“ „Der arme Kerl!“ ſtimmte Proddy ein;„er iſt alſo wirklich todt!“ „Mauſetodt, wie Ihr Urgroßvater, wenn Sie je einen gehabt haben,“ erwiederte Scales.„Aber ich will Ihnen erzählen, wie es zuging. Sie müſſen wiſſen, Bouchain iſt eine ſtark fortificirte Stadt, der Fluß Sanzet fließt mitten durch und die Schelde beſpült beinahe ihre Mauern. Rund herum ſind breite, tiefe Gräben, die bis an den Rand voll von dem Waſſer der beiden genannten Ströme ſind; und außerdem find da meilenlange große flache Moräſte, die unter Waſſer geſetzt werden können, ſo daß dem Platz ſo ſchwer beizukommen iſt, als eine belagerte Beſatzung nur wünſchen kann. Die Abſicht unſers Generals, als er den Platz um⸗ zingelt hatte, verſtehn Sie, war nun, eine Circumvallations⸗ linie umherzuführen, aber hierbei ſtieß er auf große Schwie⸗ rigkeiten. Es würde nichts nutzen, wenn ich Ihnen erzählte wie Marſchall Villars, der mit ſeiner Armee das offne Land zwiſchen den beiden Flüſſen einnahm, Bruͤcken über den San⸗ zet warf,— und wie wir ſie zerſtörten,— wie der General Albergotti Verſchanzungen aufwerfen ließ, mittelſt deren, nebſt den Batterien von Bouchain, Villars den zwiſchenlie⸗ genden Grund mit einem Kreuzfeuer, zu beſtreichen dachte,— wie der Herzog bei Nacht über die Schelde ging, um vieſe Operationen zu unterbrechen und wie der Marſchall ihn zu⸗ rückwarf und ihn umzukehren zwang,— wie er die Fronte von Haſpres bis Jvry mit einer Reihe von Redouten und Lünetten beſetzte— und dann wieder an der Spitze von außer Dienſten tritt. 115 fünfzig Batallionen und ebenſoviel Schwadronen über die Schelde ging, als er bemerkte, daß der Feind ſeine Werke raſch ausdehnte und die Circumvallationslinie ohne weiteres zwiſchen ſeinen Verſchanzungen und der Stadt beginnen ließ. Hierauf wurden viertauſend Mann an die Arbeit beordert und trotz einem ſchweren Feuer von der Garniſon und un⸗ unterbrochenen Salven aus den feindlichen Verſchanzungen ward die Circumvallationslinie bis zur Inundation des Sanzet—“ „Kommen Sie zur Sache, Sergeant,“ unterbrach Proddy ihn.„Ihre Circumvallativnen und Nunindationen machen mir den Kopf wirre.“ „Um die Sache kurz zu machen,“ erwiederte Scales lachend,„dem Marſchall, der ſich hart zugeſetzt ſah, kam es mehr als je drauf an, eine Verbindung mit der Garniſon zu unterhalten, und es gelang ihm, auf einem kleinen Damm eine Verſtärkung von Füſelieren nebſt einem Vorrath von Pulver und Mehl, an dem ſie großen Mangel litten, hinein zu ſchaffen. Als dies geſchehn war, verſuchte er den Damm mit Faſchinen zu befeſtigen, die er an einer Weidenallee be⸗ feſtigte, obwohl das Waſſer mindeſtens vier Fuß hoch ſtand.“ „Der verdammte Damm,“ rief Proddy, vich verliere ſchon wieder meinen Grund.“ „Ich will Sie gleich ans Land bringen,“ erwiederte Scales.„Hinter dem Damm lief ein Fahrweg hin, auf welchen vier franzöſiſche Grenadiercompagnien ſammt der Leibbrigade poſtirt wurden, um das Werk zu vertheidigen. Die Abſicht des Herzogs war, dieſe Truppen zu werfen und die Operationen der Arbeiter zu hindern. Es ward alſo ein Faſchinenweg quer über den inundirten Moraſt geworfen und unter dem Schutz der Nacht machten ſechshundert brit⸗ tiſche Grenadiere, gedeckt von acht Batallionen Infanterie, ſich ans Werk. Es war ein gefährliches Unternehmen, denn 116 Wie der Sergeant wir hatten faſt eine Viertelmeile lang zuweilen bis an den Gürtel und zuweilen gar bis an die Schultern im Waſſer zu waten und unſre Musketen alle die Zeit lang über un⸗ ſerm Kopf zu halten, damit ſie nicht naß würden. Zwei Drittel des Wegs waren wohlbehalten zurückgelegt, als der Herzog, der bei uns war und am Fieber gelitten hatte, ſich matt werden fühlte. Ich bat ihn, auf meinen Rücken zu ſteigen, er nahm es an und begeiſtert von dieſer glorreichen Bürde, ſtürmte ich mit erneuertem Eifer vorwärts. Es war unmöglich, ſo geräuſchlos vorzurücken, daß der Feind nicht unſre Annäherung bemerkte, und als wir bis auf Schuß⸗ weite heran waren, gab er uns eine Salve, die aber wegen der Dunkelheit wenig Wirkung that. Jedoch ſchlug eine Kugel in meine Bruſt, aber ich ließ mir nichts merken und war entſchloſſen ſo lange weiter zu gehn, als meine Kräfte es erlaubten. Trotz meiner Erſchöpfung war ich der Erſte, der den Damm erreichte, wo ich den Herzog abſetzte und hinſank, aber zum Glück nicht ins Waſſer, ſonſt hätte ich ohne Gnade ertrinken müſſen. Sie können ſich denken, daß ich an dem Folgenden keinen Theil nahm, aber ich hörte ſpäter, daß die Franzoſen ihren Poſten räumen mußten, wo⸗ gegen der Herzog ſich in den Stand geſetzt ſah, den Weg durch den Moraſt weiter zu führen und ſo die Circumvalla⸗ tion zu vollenden.“ „Bravo—h!“ rief Proddy entzückt.„Der Herzog hat Sie gewiß nicht vergeſſen, Sergeant!“ „Hören Sie weiter und Sie ſollen es erfahren,“ er⸗ wiederte Scales.„Als ich zu mir kam, fand ich mich in meinem Zelt, wohin mich der Herzog hatte bringen laſſen, und der Chirurg verband meine Wunden. Ich fragte ihn, was er von der Sache dächte, und er ſagte, da er wüßte, daß ich mich nicht vor dem Tode fürchtete, ſo müßte er ſagen, daß ich nicht viel Ausſichten hätte. HGut, ſage ich, ſo ——————— ———— außer Dienſten tritt. 117 will ich mich auf die Reiſe vorbereiten. Ich laſſe alſo Tom Jiggins kommen und er muß mir einen Abſchiedsbrief an die beiden Frauenzimmer ſchreiben; und ich reiße das Taſchen⸗ tuch, mit dem das Blut geſtillt war, entzwei und lege für jede von ihnen eine Hälfte bei. Als dies gethan war, war mir beſſer zu Muth. Eine halbe Stunde nachher beſuchte mich der Herzog und drückte das größte Bedauern wegen meines Zuſtandes aus. Ich danke dir mein Leben, mein tapfrer Burſche“, ſagte er, ‚und wenn du durchkommſt, will ich dir den Abſchied geben und dich für dein ganzes Leben verſorgen. Lebe um meinetwillen!„Zu befehlen, Herr Ge⸗ neral, antwortete ich,„wenn Sie es befehlen, ſo will ich leben bleiben! Und das that ich auch.“ „Noch einmal, bravo—h!“ rief Proddy.„Tapferkeit muß belohnt werden. Wenn ich einmal alt werde und nicht länger fahren kann, zweifle ich nicht, daß die Königin für mich ſorgen wird.“ „Ganz gewiß,“ erwiederte Scales.„Nun gut, ſobald ich fortgeſchafft werden konnte, wurde ich nach dem Hospital in Douay gebracht, wo ich bis ans Ende der Campagne blieb. Ich konnte nicht ſchreiben, aber ich ließ mir von einem Kameraden einen Brief aufſetzen; er wird aber wohl verloren gegangen ſein.“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Proddy. „Es iſt eine unangenehme Frage,“ ſagte Scales zö⸗ gernd;„aber waren die Frauenzimmer bei der Nachricht von meinem vermeintlichen Tode wohl ein bischen betrübt?“ „O, recht ſehr,“ antwortete Proddy,—„recht ſehr, beſonders Miſtreß Plumpton. Miſtreß Tipping weinte zuerſt ſehr viel, aber ihre Augen wurden bald wieder ſo hell, wie je. Aber Miſtreß Plumpton ſieht ganz wie eine untröſtliche Wittwe aus.“ „Arme Seele!“ rief Scales.„Arme Seele!“ 118 Wie der Sergeant „Und von mir kann ich wohl ſagen, Sergeant,“ fuhr Proddy fort,„daß ich ſo traurig war, als hätte ich einen Bruder verloren.“ „Danke, danke!“ rief Scales tief bewegt und drückte ihm herzlich die Hand,„Sie find ein wahrer Freund.“ „Sie ſind gerade zur rechten Zeit zurückgekommen, Ser⸗ geant, wenn Sie noch zu Miſtreß Tipping Luſt haben,“ äußerte Proddy mit Bedeutung. „Wie ſo?“ fragte Scales und ward plötzlich ernſt. „Iſt ſie ihrer Fahne nicht treu, wie?“ „Sie encvuragirt Bambi mehr, als mir gefällt,“ ant⸗ wortete Proddy;„und ich habe halb und halb erwartet, daß ſie ſich an ihn wegwerfen wird.“ „Der Teufel!“ rief Seales ärgerlich.„Der kleine Hallunke hat allenthalben die Hand im Spiel. Aber dies⸗ mal werde ich ihn zur Ruhe bringen.“ „Hören Sie, Sergeant,“ ſagte Proddy nach kurzer Ueberlegung,„haben Sie ſich ſchon entſchloſſen, welche von den beiden Frauenzimmern Sie ſich zur Frau nehmen wollen?“ „So ziemlich,“ antwortete Scales,„aber weshalb fragen Sie, Proddy?“ „O, blos aus ganz beſondern Gründen,“ erwiederte der Kutſcher. S „Wahrſcheinlich werde ich mich dieſen Abend entſchei⸗ den,“ ſagte Scales.„Kommt Ihnen was darauf an, welche ich wähle?“ „O, durchaus nicht; es iſt mir ganz gleich,“ antwortete Proddy mit unbekümmerter Miene,—„ganz gleich.“ „Mir fällt eben etwas ein, Proddy,“ ſagte der Ser⸗ geant;„ſie halten mich für todt. Was meinen Sie, wenn ich ihnen dieſen Abend als Geiſt erſchiene?“ „Erſchrecken Sie ſie nicht zu ſehr,“ erwiederte der Kutſcher,„es könnte ernſthafte Folgen haben. Ich weiß, außer Dienſten tritt. 119 wie mir eben zu Muth war. Aber wie wollen Sie das anfangen.“ „O, das iſt leicht gemacht,“ erwiederte der Sergeant. „Sobald es dunkel wird, kann ich mich unbemerkt ins Haus ſchleichen und nach meiner Stube kommen.“ „Sie werden ſie unverändert wiederfinden,“ ſagte der Kutſcher.„Miſtreß Plumpton wollte auch nicht das geringſte darin anrühren laſſen. Sie macht ſie regelmäßig rein.“ „Gott ſegne ſie!“ rief Scales mit gerührtem Ton. „Bambi und Savagejohn werden gewiß dieſen Abend da ſein,“ fuhr Proddy fort,„und dann können Sie ihnen alle Streiche ſpielen, wozu Sie nur Luſt haben.“ „Es trifft ſich alles nach Wunſch,“ ſagte Scales.„So wollen wir alſo die Köpfe zuſammenſtecken und unſern An⸗ griffsplan machen.“ „Vor allen Dingen laſſen Sie mich eine Pfeife für Sie holen und die Kanne wieder füllen,“ ſagte der Kutſcher. Als dies geſchehen war, hielten ſie eine geheime Be⸗ rathung, welche bis gegen acht Uhr des Abends dauerte und wobei ſie faſt ein Dutzend Pfeifen rauchten und wenigſtens drei Kannen Starkbier ausleerten. Dann däuchte es ihnen Zeit ſich auf den Weg zu machen, und während Scales ſich durch das Gartenthor in Saint⸗James's⸗Park in Marlbo⸗ rvugh⸗Haus einſchlich, betrat Proddy es kühn von Pall⸗ Mall aus. Fünfzehntes Kapitel. Wie der Geiſt des Sergeanten ſeinen alten Freunden erſcheint, und wie Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping jede einen Mann finden. Es wurden Anſtalten zum Abendeſſen getroffen und der größte Theil der Dienerſchaft war in der Bedientenſtube verſammelt, natürlich mit Einſchluß von Fishwick, Parker, 120 Wie der Geiſt des Sergeanten Brumby und Timperley. Jedoch weder Miſtreß Plumpton, noch Miſtreß Tipping waren anweſend, aber als Proddy nach ihnen fragte, ſchlüpfte die letztere in das Zimmer. Sie hatte offenbar ungewöhnlich viel Sorgfalt auf ihre Toilette verwandt und man mußte geſtehn, daß ſie außerordentlich hübſch und reizend ausſah. Ein roſenfarbiges Seidenkleid mit kurzen, offnen, kantenbeſetzten Aermeln umgab ihre niedliche kleine Geſtalt, ihren Kopf ſchmückte eine Spitzen⸗ haube, und ein hier und da angebrachtes Schönpfläſterchen erhöhte ihre Geſichtsfarbe und den Glanz ihrer Augen. Ihre ſchelmiſche, kokette Miene verrieth, daß ſie auf eine Er⸗ oberung ausging. „Sie erwarten Mosjeh Bambello, wie ich ſehe,“ ſagte der Kutſcher. „Nun ja, es iſt nicht unmöglich, daß er kommt,“ ant⸗ wortete Miſtreß Tipping;„er und Corporal Sauvageon pflegen gegen Abendeſſenszeit vorzuſprechen und wir finden ihre Geſellſchaft ſehr angenehm.“ „Sehr angenehm, in der That!“ wiederholte Proddy trocken.„Sie ſcheinen den armen Sergeanten ganz vergeſſen zu haben.“ „Den Sergeanten! puh!“ rief Miſtreß Tipping.„Wes⸗ halb ſollte ich an ihn denken, ha? Verlangen Sie, daß ich den ganzen Tag ſeufzen und ſtöhnen ſoll, wie die arme Närrin Plumpton?“ „Ja, ſie iſt ein Muſter von Beſtändigkeit,“ ſagte Proddy; „es giebt wenige unter ihrem Geſchlecht, die wie ſie find.“ „Je weniger, deſto beſſer, ſollte ich denken,“ rief Miſtreß Tipping.„O, da kommt ſie! Wahrhaftig, es wird einem ganz übel, wenn man ſie blos anfieht.“ Bei dieſen Worten rrat Miſtreß Plumpton herein. Sie war in tiefe Trauer gekleidet und bewies durch ihr verändertes Benehmen die Aufrichtigkeit ihrer Betrübniß. ſeinen alten Freunden erſcheint. 121 „Sie müſſen ſich in Acht nehmen, meine liebe Miſtreß Plumpton,“ ſagte der Kutſcher zuvorkommend;„Sie ver⸗ lieren ſonſt ganz Ihre guten Mienen.“ „Weshalb ſollte ich ſie zu erhalten ſuchen, wenn ich ſie auch je gehabt hätte?“ antwortete ſie mit melancholiſchem Lächeln. „Sie können noch einen andern Bewunderer finden,— einen, den Sie eben ſo gern leiden mögen, wie den Ser⸗ geanten,“ meinte er. „Niemals!“ antwortete ſie mit Feſtigkeit. „Bei Miſtreß Tipping iſt es doch der Fall geweſen,“ ſagte er mit einem boshaften Seitenblick auf die Kammer⸗ jungfer. „Miſtreß Tipping iſt keine Regel für mich,“ erwiederte Miſtreß Plumpton ernſt. In dieſem Augenblick verkündete ein bedeutendes Ge⸗ ſcharre auf dem Flur die Ankunft Bimbelot's und Sauvageon's. Der Erſtere war ſehr ſtutzerhaft gekleidet, er trug einen ge⸗ ſtickten Sammtrock, diamantene Schnallen oder wenigſtens was ſo ausſah, bunte ſeidene Strümpfe, eine mächtige Per⸗ rücke, ein geädertes Rohr und einen Degen mit filbernen Griff. Er war wie gewöhnlich beduftet und beſchönfleckt, und trug ſeinen befederten Hut zwiſchen den Fingerſpitzen. Proddy erwiederte die Verbeugung des kleinen Franzo⸗ ſen mit einem Kopfnicken und fragte brummend,„ob er eine Stelle erhalten hätte, da er ſo zierlich herausgeputzt ſei?“ „Oui, mon cher Proddy, oui,“ antwortete er;„frei⸗ lich, ich habe eine neue Stelle; aber ich bin nicht mehr Kammerdiener. Mylord Orxford beſchäftigt mich.“ „So, ſo!“ rief der Kutſcher;„darf ich fragen, als was?“ „Ich bedaure, es Ihnen nicht ſagen zu können; c'est 122 Wie der Geiſt des Sergeanten un secret,“ antwortete er geheimnißvoll—„un grand secret.“ „Aber mir werden Sie es doch ſagen?“ meinte Miſtreß Tipping. „Tout à Pheure, ma chöre 1“ erwiederte er;„dans un téte-à-téte. O, ich muß Ihnen erzählen, ich habe dieſen Morgen eine ſo angenehmen avanture auf dem Mall ge⸗ habt. Ich habe eine ſo hübſche Dame geſehn, und ſie ſah mich ſo zärtlich an. Oh, ma ſoi!“ „Und Sie ſahen ſie gewiß wieder zärtlich an?“ ſagte Miſtreß Tipping piktrt. „Oh, mon Pieu! oui,“ rief Bimbelot.„Soll ich denn die avances von einer Dame zurückſtoßen. Wenn ſie äugelt mich, ich ſie äugle wieder.“ „Ih, das iſt ja ſehr niedlich!“ rief Miſtreß Tipping aufbrauſend.„Und Sie haben die Unverſchämtheit, mir das ins Geſicht zu ſagen?“ „Oh, pauvre chérie— liebe kleine eiferſüchtige När⸗ rin!“ rief Bimbelot—„nicht ſich eifern!“ „Laſſen Sie mich— ich will nichts mit Ihnen zu thun haben— ich haſſe Sie!“ rief Miſtreß Tipping. „Au contraire, chére petite; Sie lieben mich ſo ſehr, Sie können nicht leben ohne mich,“ verſetzte Bimbelot. „Soyez raisonnable, cher ange.“ „Eingebildeter Narr!“ murmelte Miſtreß Tipping.„Ich will ihm ſeinen Stolz benehmen.“ Jetzt ward das Abendeſſen angekündigt. Bimbelot bot Miſtreß Tipping ſeinen Arm an, aber fie wandte ſich ſchnip⸗ piſch von ihm ab und nahm Proddy ſeinen. Das Abendeſſen verging ziemlich angenehm, denn Miſtreß Tipping plauderte, um Bimbelot zu kränken, unaufhörlich. mit Proddy und dieſer, der ſich innerlich an dem Spaß er⸗ götzte, der bald folgen ſollte, war in der beſten Laune. Die ſeinen alten Freunden erſcheint. 123 Einzige, welche nicht an ihrem Platz zu ſein ſchien, war Miſtreß Plumpton. Sie ſaß ſchweigend und vertieft da, aß wenig oder nichts, und weder Bimbelot's lebhafte Un⸗ terhaltung, noch Sauvageon's zarte Aufmerkſamkeiten, der ihr immer noch den Hof machte, konnten ihr ein Lächeln oder ein Wort entlocken. Aber es ereignete ſich ein Vor⸗ fall, der das Vernehmen der Geſellſchaft einigermaßen ver⸗ änderte. Als das Abendeſſen faſt beendigt war, hörte man ein lautes Klopfen an der äußern Flurthür und Timperley ſtand auf, um zuzuſehn, wer es wäre. „Es ſoll mich wundern, wer es ſein kann?“ ſagte Proddy, der neugierig war, ob der Sergeant ſeinen Plan abgeändert hätte. „Vielleicht iſt es die ſchöne Dame, der Monſieur Bim⸗ belot dieſen Morgen auf dem Mall begegnet iſt,“ meinte Miſtreß Tipping. „Oh! non, ce n'est pas cette dame, j'en suis sur,“ erwiederte Bimbelot mit unruhigen Blicken. „Es iſt aber eine Frauensperſon,“ rief Fishwick, als ſich eine laute und zornige weibliche Stimme auf dem Flur hören ließ. So wie der kleine Franzoſe dieſe Töne vernahm, er⸗ blaßte er und ſtand plötzlich auf. „Bon soir, messicurs et mes dames,“ ſtotterte er, „mir wird ſehr ſchlimm; das Abendeſſen bekommt mir nicht; bon soir.“ „Warten Sie ein Bischen,“ rief Proddy und hielt ihn am Arm feſt.„Was giebt es denn?“ Man hörte draußen das Geräuſch eines leichten Sträu⸗ bens und eine gellende weibliche Stimme rief:„Laſſen Sie mich hinein. Ich weiß, er iſt hier. Ich muß ihn ſehn.“ „Oh! je suis perdu!“ rief Bimbelot mit verſtörtem „ 7 124 Wie der Geiſt des Sergeanten Blick auf Sauvageon;„cest elle! Was ſoll ich thun?— wohin ſoll ich gehn?“ „Setzen Sie ſich dorthin,“ rief Proddy, der ihn immer noch feſthielt. „Nein, ich danke,— nein, ich muß fort,“ entgegnete Bimbelot. Und bei ſeinen Bemühungen ſich loszumachen, zog er den Kutſcher rücklings zu Boden, während er ſich ſeinen eigenen Rock bis an die Schultern aufriß. In die⸗ ſem Augenblick ſtürzte ein wüthendes Frauenzimmer in das Gemach und erhob die Hand drohend gegen Bimbelot, der vor ihr zurückwich.„Ich wußte, daß du hier warſt. O, du abſcheulicher kleiner Betrüger!“ Und hiermit riß fie ihm ſeine Perrücke ab und begann ihn weidlich zu ohrfeigen. „Pardon,— pardon, ma chère,“ rief Bimbelot.„C'est la dernière ſois. Ich will es nie wieder thun,— nie, je te jure!“ „Ich weiß es beſſer,“ rief die Dame.„Du haſt mich ſo oft hintergangen. O, du gottloſes, kleines Geſchöpf! — da! da!“ Und ſie gab ihm ein Paar ſchallende Maul⸗ ſchellen, daß er fich die Hand an die Ohren halten mußte. „Er hat mich eben ſo wie Sie hintergangen, Madame,“ ſagte Miſtreß Tipping, indem ſie aufſtand und von der an⸗ dern Seite zuſchlug.. „Ich hoffe, er hat Sie nicht geheirathet,“ rief die Fremde.„Sonſt ſoll er wegen Bigamie hängen.“ ſ „Nein, er hat mir blos Anträge gemacht,“ erwiederte Miſtreß Tipping. „Das iſt faſt eben ſo ſchlimm!“ rief Madame Bimbelot. „Ja wohl,“ entgegnete Miſtreß Tipping.„O Sie nie⸗ derträchtiger kleiner Taugenichts!“ Hierauf begannen beide wieder ihn zu ohrfeigen, wäh⸗ rend Bimbelot ſich vergebens den Kopf mit den Händen zu ſchützen ſuchte. ————— ſeinen alten Freunden erſcheint. 125 Die wohlverdiente Beſtrafung des kleinen Franzoſen gereichte den Zuſchauern zu großer Beluſtigung und entlockte ſelbſt Miſtreß Plumpton ein Lächeln. Proddy, der ſich von ſeinem Fall aufgerafft hatte, ſchüttelte ſich ſo vor Lachen, daß er ſich die Seite halten mußte. Als es ihm jedoch endlich ſchien, daß die Strafe hart genug war, legte er ſich gutmüthig ins Mittel. „Kommen Sie, meine Damen, kommen Sie und laſſen Sie ihn zufrieden,“ ſagte er.„Sie wenigſtens, Miſtreß Tipping, ſollten es nicht ſo genau mit ihm whwen denn Sie haben eben ſo ſehr Schuld als er.“ „Das will ich glauben,“ rief Madame Bimbelot, ihr einen grollenden Blick zuwerfend.„Ich wette, ſie hatte ihn encouragirt.“ „Oui, ma chère,“ rief Bimbelot kläglich,„das hat ſie gethan.“ „O Sie ſchlechtes kleines Ungeheurer von Heuchler!“ ſchrie Miſtreß Tipping in einem neuen Wuthanfall.„Ha⸗ ben Sie mir nicht zu verſtehen gegeben, daß Sie ledig wären?“ „Na, laſſen Sie's gut ſein, wenn er es gethan hat,“ ſagte Proddy;„jetzt können Sie ihn wenigſtens nicht miß⸗ verſtehn. Kommen Sie, vertragen Sie ſich und laſſen Sie uns unſer Abendeſſen beendigen.“ Da Fishwick und Brumby ihre Bitten mit den ſeini⸗ gen vereinigten, ſo ward der Friede endlich wieder herge⸗ ſtellt, und Bimbelot, der ſeine Perrücke wieder aufgeſetzt hatte, ließ ſich mit ſehr gedemüthigter Miene nieder. Ma⸗ dame Bimbelot erhielt einen Platz neben Herrn Parker. Jetzt, da ſie ſich etwas beruhigt hatte und die Geſellſchaft ihre Züge mit etwas mehr Muße betrachten konnte, zeigte es ſich, daß ſie eine ſehr ſchöne Frau war,— die zwar etwas ſtark auf die Seite des Embonpoint hinüberneigte, jedoch Miſtreß Tipping an Reizen weit überlegen war. Sie 126 Wie der Geiſt des Sergeanten war ſehr auffallend mit einem blau und ſilbernen Sack bekleidet, ſtark geſchminkt, und trug ihren Hals ſehr bloß, der wie ihre Wangen mit Schönpfläſterchen beſäet war. Ihre Ge⸗ ſichtszüge waren fein und ausnehmend hübſch, ihr Mund neigte ſich zum Wollüſtigen und ihre Augen waren hell und ſchmachtend. Ihr Haar war gepudert und nach der tete- de-mouton-Mode frifirt. Als Proddy ſie anſah, meinte er ſie ſchon geſehn zu haben, aber er konnte ſich nicht erin⸗ nern, wann oder unter welchen Umſtänden. Herr Parker brauchte Madame Bimbelot nicht lange zu nöthigen. Sie aß von allem, was ihr angeboten ward,— kalte Hühner, Schinken, Wildpaſtete, eingemachte Auſtern, geröſteten Käſe, Fiſchrechauffen; und als der Kellermeiſter ſelbſt ſchon glaubte, ſie müßte genug haben, bat fie noch um ein Stückchen Pö⸗ kelfleiſch,— es ſähe ſo einladend aus,— und verzehrte einen ganzen Teller voll. Trotz dieſes unmäßigen Appetits übten ihre Reize einen ſichtbaren Einfluß auf Herrn Parker, und er ging, ohne ein Wort zu ſagen, hinaus, um einen auserleſenen alten Madeira zu holen, den er in einem be⸗ ſondern Schrank in der Vorrathskammer aufbewahrte. Er kehrte mit einer Flaſche unter jedem Arm wieder, entkorkte die eine und ſchenkte ein Glas für Madame Bimbelot voll, welche ſeine Zuvorkommenheit mit einem zärtlichen Blick belohnte und es im Umſehn leerte, worauf ſie es ihm wie⸗ der zum Füllen hinhielt. Parker befriedigte galant ihren Wunſch, trank ein Glas auf ihre Geſundheit und ließ die Flaſche herumgehn. Die Wirkung dieſes edlen Weins auf die Geſellſchaft war zauberhaft. Alle Zungen löſten ſich auf einmal und die Unterhaltung ward laut und allgemein. Selbſt Bimbelot faßte wieder Muth und wagte einen flehen⸗ den Blick auf Miſtreß Tipping, die jedoch keine Notiz von ihm nahm, ſondern ihre bezauberndſten Mienen für Proddy aufbewahrte. Nur eine Perſon unter dieſer geräuſchvollen ſeinen alten Freunden erſcheint. 127 Geſellſchaft war ſtill,— nur eine verbot ſich den Wein, brauchen wir zu ſagen, daß es Miſtreß Plumpton war? Wie die Zeit vorüberflog und die Flaſche herumging, ſchien Herr Parker ſich ſtärker und ſtärker in Madame Bimbelot zu verlieben; ſie rückten mit den Stühlen zuſammen, flüſter⸗ ten ſich ins Ohr und es ſchien ein vollſtändiger Liebeshan⸗ del zwiſchen ihnen in Gang gekommen zu ſein. „Hören Sie, Bambi,“ ſagte Proddy, indem er ihn an⸗ ſtieß,„wo haben Sie Ihre Augen, Menſch? Sehn Sie nicht, wie Herr Parker Ihrer Frau die Cour ſchneidet?“ „Er erzeigt mir eine ſehr große Ehre,“ erwiedert Bim⸗ belot, mit der äußerſten Gleichgültigkeit die Achſeln zuckend. „Ein eiferſüchtiger Ehemann iſt ein Narr.“ „Nun, er hat wenigſtens eine gute Seite,“ bemerkte Miſtreß Tipping.„Ich glaube, Sie würden eiferſüchtig ſein, Herr Proddy?“ „Auf Sie, ſehr,“ erwiederte der Kutſcher mit einem leichten Augenzwinkern. „Ach! Herr Proddy, wie ſoll ich das verſtehn?“ „Ich werde es Ihnen bald erklären,“ verſetzte der Kutſcher. „O Jemine. Sie machen mich ganz verlegen,“ erwie⸗ derte ſie, indem ſie die Augen niederſchlug und zu erröthen verſuchte. Auf dieſe Weiſe verfloß noch eine Stunde. Parker, der die von ihm angeſchürte Flamme ungern wegen Mangel an Nahrung erlöſchen laſſen wollte, holte noch mehr Ma⸗ deira. Proddy entdeckte neue Schönheiten bei Miſtreß Tip⸗ ping, die er früher nie bemerkt hatte, und die Dame gab ihm ihrerſeits beinahe zu verſtehn, daß wenn er ſein Jung⸗ geſellenleben zu einſam ſinde, ſie gern erbötig ſei, es durch ihre Geſellſchaft zu beleben. Alle fühlten ſich außerordentlich 128 Wie der Geiſt des Sergeanten glücklich und behaglich, und alle ſchienen ſich nur ſehr un⸗ gern trennen zu wollen. Jetzt warf Proddy ſeine Augen auf die Wanduhr und als er ſah, daß nur noch wenige Minuten an Mitternacht fehlten, hielt er es für hohe Zeit, die Unterhaltung auf einen andern Gegenſtand zu lenken. „Miſtreß Plumpton,“ rief er ihr quer über den Tiſch mit einer Stimme zu, die darauf abgeſehn war, allgemeine Aufmerkſamkeit zu erregen,„ich hoffe, Sie haben den armen Sergeanten ſein Schnupftuch nicht verloren.“ „Verloren! o nein!“ erwiederte ſte, indem ſie den blu⸗ tigen Lappen aus der Taſche zog;„es iſt jetzt mein einziger Troſt.“ „Ich habe meins auch gut hewahrt,“ ſagte Miſtreß Tipping und brachte die andre Hälfte zum Vorſchein.„Hier iſt es— ach je!“ Und ſte ſeufzte tief auf. „Es ſind die beiden Hälften von einem Taſchentuch, das der arme Sergeant Scales nach Hauſe geſchickt hat, als er zu Tode verwundet war,“ erklärte Parker an Ma⸗ dame Bimbelot.„Sie find mit ſeinem Blut gekränkt!“ „Das ſehe ich!“ erwiederte ſie.„Gott, wie ſchrecklich!“ „Da wir gerade vom Sergeanten ſprechen,“ ſagte Proddy geheimnißvoll,„mir iſt dieſe Nacht etwas ſehr Außerordent⸗ liches paſſirt.“ „Mit dem Sergeanten?“ rief Miſtreß Plumpton er⸗ ſchreckend. „Mit dem Sergeanten,“ antwortete Proddy noch ge⸗ heimnißvoller. „Ums Himmelswillen, wie war es?“ fragte Miſtreß Plumpton begierig. „Einer ſolchen Aufforderung kann ich nicht widerſtehn,“ erwiederte der Kutſcher mit feierlichem Ton,„aber ich er⸗ warte nicht, daß Sie mir glauben werden.“ ſeinen alten Freunden erſcheint. 129 Es entſtand eine allgemeine Bewegung der Neugierde und alles Geſpräch verſtummte. Miſtreß Plumpton ſah aus, als ob ihr ganzes Daſein zwiſchen Himmel und Erde ſchwebe. „Ich war, ſo viel ich mich beſinnen kann, ungefähr ſeit einer Stunde zu Bett und ſchlief,“ begann Proddy, „als ich auf einmal mit einem ſonderbaren und unerklär⸗ lichen Gefühl von Beklemmung aufwachte. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber der arme Sergeant kam mir in den Kopf und ich dachte daran, wie er weit von hier in einem blutigen Grabe läge.“ „O je!“ rief Miſtreß Plumpton, in Thränen ausbre⸗ chend und das Taſchentuch an ihre Lippen drückend. „O je! o je!“ ſchluchzte Miſtreß Tipping, indem ſie ihre Hälfte zuſammenfaltete, um ſie in die Taſche zu ſtecken. „Weinen Sie nicht, meine Damen, ſonſt kann ich nicht weiter erzählen,“ ſagte Proddy.„Nun gut, ich dachte auf dieſe Art an den Sergeanten und zitterte am ganzen Leibe, da flogen auf einmal die Vorhänge mit einem Ringegeraſſel aus einander, daß mir der Athem verging und vor mir ſtand— der Sergeant!“ „Der Sergeant!“ rief Miſtreß Plumpton. „Oder eigentlich ſein Geiſt,“ erwiederte Proddy.„Da ſtand er, ſo blaß wie eine Leiche, und hielt ſich die linke Hand an die Bruſt, grade an der Stelle, wo ihn die Kugel“ getroffen, die ihn getödtet hat. Ich verſuchte zu ſprechen, aber die Zunge klebte mir am Gaumen und ich konnte kein Wort herausbringen. Als er mich eine Weile ſtarr angeſehn hatte, ſagte der Geiſt mit einer hohlen Stimme:„Sie wundern ſich, warum ich komme, Proddy? Ich will es Ihnen ſagen. Ich verlange das zerriſſene Ta⸗ ſchentuch wieder. Ich muß es morgen Abend haben!“ „O je! hat er das geſagt?“ rief We Plumpton. Ainsworth, St. James's. II. 130 Wie der Geiſt des Sergeanten „Hier iſt meine Hälfte,“ ſchrie Miſtreß Tipping.„Ich möchte ſie um die ganze Welt keine Minute länger behalten.“ „Und was geſchah dann?“ fragte Fishwick. „Nichts,“ erwiederte Proddy.„Die Erſcheinung ver⸗ ſchwand.“ „Und warum haben Sie mir das nicht eher geſagt?“ fragte Miſtreß Plumpton vorwurfsvoll. „Ich wollte Ihnen den Abend nicht verderben,“ ant⸗ wortete Proddy;„und dann hielt ich Mitternacht auch für die paſſendſte Zeit für eine Geſpenſtergeſchichte.“ Kaum hatte er dies geſagt, ſo ſchlug die Wanduhr langſam und feierlich zwölf. Es entſtand eine tiefe Stille. Alle ſahen ſich ſcheu um und Miſtreß Tipping flüſterte Proddy ins Ohr, ob er nicht auch fände, daß die Lichter blau brennten. Plötzlich ließ ſich ein Trommelwirbel hören, der dem Anſchein nach von dem entfernteren Ende des Flurs her⸗ ſchallte. Alle fuhren zuſammen und die Frauenzimmer konn⸗ ten ſich kaum eines Schreis enthalten. Es war ein überirdiſcher, geheimnißvoller, dumpfer, todtenartiger Ton. Ra— ta— tam— te— ram— tam— tam!— Ra— ta— tam— te— ram— tam— tam! Dann hörte es auf. „Meiner Seel', habe ich mich getäuſcht?“ rief Fishwick. „Ich hörte eine Trommel.“ „O ja, ich habe fie deutlich gehört,“ erwiederte Brumby, „und die Andern alle auch.“ „O ja, wir haben es alle gehört,“ fielen ſie ein. Es entſtand eine kurze Pauſe, während welcher Keiner ein Wort ſprach. Angſt und Unruhe malten ſich auf allen Geſichtern. ſeinen alten Freunden erſcheint. 131 Noch einmal ließ die Trommel ſich hören, aber dumpfer als das erſtemal. Ra— ta— tam— te— ram— tam— tam! Ra— ta— tam— te— ram— tam— tam! „Es iſt den Sergeanten ſein Appell,“ rief Proddy. „Ich will nach ſeiner Stube gehn. Wer begleitet mich?“ Einen Augenblick lang wollte Niemand antworten. Endlich ſtand Miſtreß Plumpton auf und ſagte—„Ich gehe mit.“ „Sein Sie nicht ſo waghalſig!“ rief Fishwick;„Sie können nicht wiſſen, was Sie ſehn werden.“ „Ich werde ihn ſehn und das iſt genug,“ erwiederte WMiſtreß Plumpton. „Ich möchte auch mitgehn, wenn ich dürfte,“ ſagte Miſtreß Tipping, da ihre Neugierde ihre Furcht überwand; „aber ich würde gewiß in Ohnmacht fallen.“ „Ich will für Sie Sorge tragen,“ ſagte Proddy. „Wir wollen alle mitgehn,“ ſagte Fishwick;„wir wollen ſehn, ob es wirklich ein Geiſt iſt!“ „Ja, wir gehn alle mit,“ verſetzten die Andern. Jetzt ertönte die Trommel zum drittenmale, aber ſo dumpf und ſchauerlich, daß alle Anweſenden leichenblaß zu⸗ rück bebten. Ra— ta— tam— te— ram— tam— tam! Ra— ta— tam te— ram— tam— tam! „Kommen Sie!“ rief Proddy und nahm Miſtreß Plumpton an den einen Arm und Miſtreß Tipping an den andern. „Ja, wir kommen ſchon,“ antwortete Fishwick, der ſeine Keckheit halb bereute. Jedoch durch ihre Zahl ermuthigt, folgte er Proddy und ſeinen Gefährten über den Fiur. Parker und Madame Bimbelot ſchloſſen den Zug, und die Dame war ſo erſchreckt, 132 Wie der Geiſt des Sergeanten daß der Kellermeiſter es für nöthig hielt, ihr ſeinen Arm um die Hüften zu legen, um ſie zu ſtützen, jedoch ſeine eige⸗ nen Beſorgniſſe hielten ihn nicht davon ab, ihr einen Kuß zu rauben,— eine Ungebührlichkeit, welche den Blicken ihres Gatten entging, da man kein Licht mitgenommen hatte. Alles war ſtill, denn der Trommelſchlag hatte aufgehört. Als ſie vor der Stubenthür ankamen, hielt Proddy einen Augenblick an. Es war ein ſpannungsvoller Moment und Miſtreß Tipping erklärte, daß ſie einer Ohnmacht nahe ſei. Nach kurzem Verzuge ward die Thür geöffnet und allen Zuſchauern entfuhr ein Schrei des Entſetzens, als ſie den Sergeanten im Hintergrunde des Zimmers erblickten. Dort ſtand er, aufrecht wie während ſeines Lebens, in voller Uniform, mit ſeinem dreieckigen Hut auf den Kopf, ſeinem Säbel an der Seite und einen Trommelſtock in der Hand. Vor ihm auf ſeinem dreibeinigen Holzſtuhl ſtand die Trom⸗ mel. Das ſchwarze Pflaſter auf ſeiner Naſe war noch ſicht⸗ bar, eben ſo das andre auf ſeiner Stirn. Eine Lampe, die in einer Ecke verſteckt war, warf einen geſpenſtiſchen grünen Schimmer auf ſein Geſicht. das er mit Kreide weiß gemacht hatte. Beim Anblick dieſes furchtbaren Geſpenſtes erhoben alle Zuſchauer einen einſtimmigen Schreckensſchrei. Miſtreß Tipping knirſchte laut auf und warf ſich dem Kutſſcher in die Arme, während Madame Bimbelot in die des Keller⸗ meiſters ſank, der ſie ſo ſchnell als möglich nach der Be⸗ dientenſtube davontrug. Mitten unter dieſer Verwirrung ſchlug das Geſpenſt auf die Trommel. Ra— ta— tam! „Was verlangen Sie?“ fragte Proddy. Ra— ta— ta— ta—r—r—r—r— ra- ra! ſeinen alten Freunden erſcheint. 133 „Was verlangen Sie, ſage ich?“ wiederholte Proddy, als der dumpfe Wirbel dahin ſtarb. „Mein Taſchentuch,“ antwortete der Geiſt in Grabes⸗ tönen. „Hier iſt meine Hälfte,“ ſagte Miſtreß Plumpton. „Geben Sie ihm meine,“ flüſterte Miſtreß Tipping zu Proddy. „Sie müſſen ſte ihm ſelbſt geben,“ erwiederte der Kut⸗ ſcher;„der Geiſt nimmt es von keinem andern an.“ „Ich w— wa— ge es nicht,“ verſetzte ſie. Unterdeſſen war Miſtreß Plumpton langſam und zit⸗ ternd vorgetreten und hielt das Stück Taſchentuch hin. Als ſie ihm nahe genug war, ſtreckte der Geiſt die Arme aus und drückte ſie an ſeine Bruſt. „Er lebt!“ rief Miſtreß Plumpton;„er lebt!“ Und ſie verlor die Beſinnung. „Halloh, Proddy!“ brüllte Scales in höchſt ungeiſt⸗ lichen Tönen,„ſie iſt in Ohnmacht gefallen. Etwas Waſ⸗ ſer— ſchnell!“ „Wie, was Teufel ſoll dies alles heißen?“ rief Fish⸗ wick.„Sind Sie denn lebendig, Sergeant?“ „Lebendig?— freilich bin ich es,“ erwiederte er.„Aber gehn Sie ein bischen auf die Seite. Es ſoll Ihnen gleich Alles erklärt werden.“ 6 Und er eilte mit ſeiner Bürde davon, während die mei⸗ ſten von den Zuſchauern, die kaum ihren Sinnen trauen wollten, ihm folgten. „Ach, gerechter Himmel, Herr Proddy,“ rief Miſtreß Tipping, die mit dem Kutſcher zurückgeblieben war.„Iſt der Sergeant wieder lebendig geworden?“ „Er iſt noch gar nicht todt geweſen,“ antwortete Proddy. „Nicht todt!“ wiederholte Miſtreß Tipping.„O, dann laſſen Sie uns ihnen gleich nachgehn.“ Und ſie flog nach 134 Wie der Geiſt des Sergeanten der Bedientenſtube, wo ſie die übrigen um den in und Miſtreß Plumpton verſammelt fand. Ein wenig Waſſer, welches der Haushälterin ins Ge⸗ ſicht geſprengt ward, gab ihr das Leben wieder. Als ſie die Augen öffnete, blickte ſie zärtlich und fragend nach dem Sergeanten hin. „Ich verſtehe!“ murmelte ſie;„Sie haben ſich dieſen Scherz gemacht, um meine Treue auf die Probe zu ſtellen.“ „Wenigſtens hat er mich vollkommen befriedigt,“ er⸗ wiederte Scales, ſie an die Bruſt drückend.„Ich will Ihnen ſpäter erzählen, wie ich von meiner Wunde geneſen bin, die anfangs für tödtlich gehalten wurde. Für jetzt will ich blos ſagen, daß ich den Dienſt verlaſſen habe, daß mein edler Herr verſprochen hat, für mich zu ſorgen,— daß ich mir eine Frau nehmen will,— und daß Sie ſelbſt dieſe Frau ſein ſollen, wenn Sie mich haben wollen. Was ſa⸗ gen Sie dazu?“ Statt aller Antwort verbarg ſie ihr Geſicht an ſeiner Bruſt. „Sergeant!“ rief Miſtreß Tipping vorwurfsvoll. „Sie kommen zu ſpät,“ ſagte Proddy und hielt ſie zurück.„Da Sie den Entſchluß gefaßt haben zu heirathen, ſo kann ich nichts beſſeres thun, als Ihrem Beiſpiel zu folgen; und da Sie endlich gewählt haben, ſo iſt meine ein⸗ zige Schwierigkeit beſeitigt. Miſtreß Tipping, haben Sie etwas dawider, Miſtreß Proddy zu werden?“ „Nichts in der Welt,“ erwiederte ſte;„im Gegentheil, es wird mir ſehr viel Vergnügen machen.“ „Dann wollen wir uns zugleich mit unſern Freunden trauen laſſen,“ ſagte der Kutſcher. „Und das ſoll übermorgen ſein,“ rief Scales;„ich kann mein Glück nicht länger aufſchieben.“ „Bitte, nehmen Sie meine beſten Complimente und ſeinen alten Freunden erſcheint. 135 Glückwünſche an, mon cher sergent,“ ſagte Bimbelot vortretend. „Und die meinigen auch, mon brave sergent,“ fügte Sauvageon hinzu. „Ich habe noch eine Rechnung mit Ihnen abzumachen, meine Herrn,“ ſagte Scales ſteif,„aber ich bin zu glücklich, um daran zu denken.“ „O, bitte, bemühen Sie ſich nicht,“ entgegnete Bim⸗ belot.„Erlauben Sie mir, Ihnen Madame Bimbelot vor⸗ zuſtellen. Angélique, ma chère, ou es-tu?“ „Madame iſt zu ſehr mit Herrn Parker beſchäftigt, um Sie zu hören,“ erwiederte Proddy. „So ſcheint es,“ ſagte Bimbelot mit verlegenem Blick. In dieſem Augenblick öffnete ſich plötzlich die Thür, und zwei große Männer von grimmigem Aeußeren, mit Oberröcken, die bis an den Hals zugeknöpft waren, Piſtolen im Gürtel und Fängern an der Seite, traten ohne Um⸗ ſtände ein. Ihnen folgte ein ältlicher Mann in geiſtlichem Gewande und eine Frau von etwa demſelben Alter. „Hippolyt Bimbelot,“ ſagte einer der Männer vortre⸗ tend,„und Sie, Achilles Sauvageon, wir verhaften Sie im Namen der Königin wegen Hochverraths. Hier iſt unſer Befehl.“ „Arrété!“ rief Bimbelot, aufs äußerſte erſchreckt. „Oh! mon Dieu! weshalb?“ „Sie ſind wegen hochverrätheriſcher Correſpondenz nach Frankreich angeklagt,“ erwiederte der Gerichtsbote.„Kom⸗ men Sie. Draußen wartet eine Kutſche. Wir hörten in Ihrer Wohnung, daß Sie hier wären.“ „Ma pauvre femme!“ rief Bimbelot;„was wird aus ihr werden, wenn ich bin im Gefängniß?“ „Machen Sie ſich keine Sorgen um ſie,— ich will mich ihrer annehmen,“ entgegnete Parker. 136 Wie der Geiſt des Sergeanten „Hier find zwei von ihren Verwandten, die ſie ſehn wollten; ſo haben wir ſie gleich mitgebracht,“ ſagte der Bote. „Jelly!“ rief die ältliche Dame ſich nähernd,„kennſt du mich nicht? Kennſt du deinen unglücklichen alten Vater nicht?“ „Was, Mama, find Sie es?“ rief Madame Bimbelot. „Ach, welche Ueberraſchung!“ „Ich wollte dich tüchtig ausſchelten,“ rief Miſtreß Hyde, ſie umarmend und Thränen vergießend,„aber ich finde, daß ich es nicht kann.“ „Kommen Sie fort,“ ſagte der Bote und legte Hand an Bimbelot.„Wir können hier nicht länger warten.“ „Eh bien, ich komme!“ erwiederte Bimbelot;„aber Sie ſollen finden, daß Sie ſich haben gewandt an den Un⸗ rechten. Herr Harley wird mich beſchützen.“ „Es iſt ja grade auf Herrn Harley's Befehl, daß Sie verhaftet werden,“ verſetzte der Bote mit boshaftem Ge⸗ lächter. „Oh Dieu! dann iſt es aus mit uns,“ ſtöhnte Bim⸗ belot.„Wir werden gehängt, wie der arme Greg!“ „Wohl möglich,“ entgegnete der Bote;„nur fort!“ Und er ſchleppte Bimbelot hinaus, während ſein Gefährte Sauvageon ergriff. Während dies vorging, warf Angelika ſich ihrem Vater zu Füßen und bat ihn mit Thränen in den Augen um Verzeihung. „Ich will dir vergeben, mein Kind,“ ſagte er,„und gebe dir meinen Segen unter einer Bedingung, nämlich, daß du gleich mit uns aufs Land kommſt. Der Eſſeriſche Wa⸗ gen fährt morgen früh um drei Uhr ab. Willſt du mit?“ „Gern, Vater,“ antwortete ſie und ſtand auf,„ſehr ſeinen alten Freunden erſcheint. 137 gern. Ich habe keinen einzigen zufriedenen Tag verlebt, ſeit ich Ihr Dach verließ.“ „Dann ſollſt du meinen Segen haben,“ rief ihr Vater und ſtreckte die Hände über ſie aus. „Und meinen auch,“ fügte ihre Mutter hinzu. Und als ob ſie fürchteten, daß ihr Entſchluß wanken möchte, wenn ſie länger zögerten, nahmen fie eilig von der Geſellſchaft Abſchied und begaben ſich nach dem Gaſthofe. vor welchem ſie etwa zwei Stunden ſpäter in dem Land⸗ wagen nach Eſſer abreiſten. Wir dürfen hinzufügen, daß Angelika ſich ganz än⸗ 6 derte. Die frühere feine Dame war nicht wieder zu erken⸗ ₰ nen in dem arbeitſamen, einfach gekleideten Frauenzimmer, das man vor Verlauf eines Monats in Herrn Hyde's de⸗ müthiger Wohnung emfig mit ihren täglichen Pflichten be⸗ ſchäftigt ſah. Am zweiten Tage nach dieſem ereignißreichen Abend wurden zwei Paare in der Saint⸗James's⸗Kirche getraut. Es waren Sergeant Scales und Miſtreß Plumpton,— Proddy und Miſtreß Tipping. Beide Verbindungen ſielen glücklich aus, nur daß Miſtreß Proddy zwei Jahre ſpäter Wittwe ward, indem ihr Gemahl etwa eine Woche vor dem Tode ſeiner königlichen Gebieterin am Schlagfluß verſtarb. Der Sergeant ward zum Aufſeher der Gärten zu Blenheim ernannt und erhielt ein hübſches Landhaus von ſeinem ed⸗ len Herrn angewieſen, welches ſeine Frau, die ihm eine liebevolle und treue Gehülfin war, zu einem anmuthigen Aufenthalte machte. Und hier verlebten Beide manche glück⸗ lichen Jahre, in die ein Beſuch von Miſtreß Proddy gele⸗ gentlich eine Abwechſelung brachte. n⸗ 138 Wie der größte Feldherr ſeiner Zeit Sechszehntes Kapitel. Wie der größte Feldherr ſeiner Zeit aus ſeinem Vaterlande getrieben wird. Als die Entfernung der Herzogin von Marlborough bewirkt war, richteten die Tories ihre Machinationen gegen den Herzog. Mit den gröbſten und unzurechtfertigendſten Schimpfreden überhäuft, von Winkelſcribenten durchgehechelt und geſchmäht, von Swift, Prior und Saint⸗John auf das hämiſchſte angegriffen, der Unterſchlagung, Habſucht und Erpreſſung, der Anmafung, Grauſamkeit und unzähmbaren Ehrgeizes angeklagt,— kam ſeine Popularität merklich ins Sinken. Während ſeiner Abweſenheit von England im Jahre 1711 wurden dieſe Angriffe mit unabläſſiger Bosheit fort⸗ geſetzt; ſeine Erfolge wurden herabgeſetzt, ſeine Dienſte ver⸗ redet, ſein moraliſcher Charakter verläumdet, ſein Feldherrn⸗ talent in Zweifel gezogen, ſelbſt ſein Muth ward beſtritten. Auf dieſe Weiſe ward der tödtliche Streich vorbereitet, der ihn bei ſeiner Rückkunft treffen ſollte. Obgleich er dieſe unwürdigen Angriffe verachtete, ſo konnte Marlborough ſich doch nicht verhehlen, daß ſie ein ſtarkes Vorurtheil gegen ihn hervorriefen, und er beklagte ſich darüber bei Orford, der ſich auf die charakteriſtiſche Art von dem Verdacht einer Theilnahme an dieſen Pasquillen zu reinigen ſuchte.„Ich verſichere Eurer Durchlaucht,“ ſchrieb er ihm,„daß ich dies Treiben als unedel und unredlich verabſcheue. Ich für meine Perſon habe mich durch eine vieljährige Erfahrung ſo daran gewöhnt, daß, da ich weiß, daß ich jede Woche, wo nicht jeden Tag, in einer oder der andern Schmähſchrift vor⸗ komme, ich es gern zufrieden wäre, wenn alle dieſe boshaften Stcribenten die Erlaubniß hätten, zehnmal mehr gegen mich zu ſchreiben, unter der Bedingung, daß ſie gegen Niemand aus ſeinem Vaterlande getrieben wird. 139 anders ſchrieben.“ Orford war um ſo mehr daran gelegen, ſich zu entſchuldigen, weil er grade in dieſem Zeitpunkt eine Coalition mit Marlborough zu Stande zu bringen wünſchte. Darauf ward gegen den Herzog eine Beſchuldigung er⸗ hoben, welche ihn noch tiefer kränkte. Er ſollte von Sir Salomon Medina, dem Brodlieferanten der Armee, eine be⸗ deutende Tantieme erhalten haben, und obwohl er ſich ſo⸗ gleich in einem Briefe rechtfertigte und erklärte, daß er„nur den dem Oberbefehlshaber der Armee in den Riederlanden, ſchon vor der Revolution und ſeither, gebührenden Antheil“ empfangen hätte, ſo beharrte man doch bei der Anklage und es ward eine Unterſuchung angeordnet. Durch ſolche Mittel ward die öffentliche Stimmung auf Marlborough's Sturz vorbereitet. Bei ſeiner Rückkunft ge⸗ gen das Ende des Jahrs erfuhr er Beleidigungen und Un⸗ würdigkeiten von dem Pöbel, deſſen Abgott er einſt gewe⸗ ſen war, und von der Königin und ihrem Hofe ward er mit Kälte und Vernachläſſigung behandelt. Nach der Eröffnung des Parlaments bemerkte der Marquis von Angleſea bei Gelegenheit der Debatten über die Adreſſe, daß„das Land ſchon bald nach der Schlacht von Ramilies die Segnungen des Friedens hätte genießen können, wenn es nicht in dem Intereſſe einiger Perſonen gelegen hätte, den Krieg zu verlängern.“ Auf dieſe ungerechte Schmähung gab der Herzog von Marlborough eine würdevolle und ergreifende Erwiederung, welche dadurch eine um ſo größere Bedeutung erhielt, daß die Königin ſelbſt, wiewohl nur als Privatperſon, anwe⸗ ſend war. „Ich erkläre mit gutem Gewiſſen,“ ſagte er,„in Ge⸗ genwart Ihrer Majeſtät, dieſer erlauchten Verſammlung und Gottes ſelbſt, der über allen irviſchen Mächten unendlich erhaben iſt und vor deſſen Angeſicht ich nach dem gewöhn⸗ 140. Wie der größte Feldherr ſeiner Zeit lichen Lauf der Natur bald ſtehen werde, um über meine Handlungen Rechenſchaft abzulegen, daß ich ſehr einen ſichern, dauernden und ehrenvollen Frieden wünſchte und immer weit davon entfernt war, den Krieg zu meinem beſonderen Vortheil zu verlängern, wie verſchiedene Schmähſchriften und böſe Nachreden fälſchlich ausgeſtreut haben. Mein ho⸗ hes Alter und vielfältig erduldete Kriegsbeſchwerden erwecken in mir das ſehnliche Verlangen nach einer ungeſtörten Ruhe, um an die Ewigkeit zu denken. Was das übrige anbe⸗ langt, ſo hatte ich um meines eigenen beſonderen Vortheils willen nicht die mindeſte Veranlaſſung, die Fortführung des Kriegs zu wünſchen, da meine Dienſte von Ihrer Majeſtät und ihrem Parlament ſo großmüthig belohnt worden find.“ Die Genehmigung des von Lord Nottingham vorge⸗ ſchlagenen und von Marlborough unterſtützten Amendements der Adreſſe im Hauſe der Lords verurſachte unter den To⸗ ries große Beſtürzung, und es begannen ſich Gerüchte zu erheben, daß ein neues Miniſterium gebildet werden würde, in welchem Lord Somers Präſident und Walpole Staats⸗ ſekretär wäre. Miſtreß Masham gab zu, daß die Königin ihre Gefinnungen geändert habe. Saint⸗John ſchien verle⸗ gen und ſelbſt Orford konnte kaum ſeine Beſorgniſſe ver⸗ hehlen. Die Torypartei war verunreinigt und die Kenät⸗ niß von dieſem Umſtände verlieh den Whigs neuen Mukh. Der Schatzmeiſter machte dem Herzog neue Anerbietungen, allein ſie wurden wie das erſtemal zurückgewieſen.— Da Orford nur in den kräftigſten Maßregeln ſein Heil fand, ſo machte er die eifrigſten Anſtrengungen und ſchreckte die Königin durch ſeine ſchlauen Vorſtellungen von einer Zurückberufung der Whigs ab. Er überzeugte ſie, daß wenn ſie wieder zur Macht kämen, ſie nothwendig die Her⸗ zogin von Marlborough wieder einſetzen und ſich der Herr⸗ ſchaft einer thranniſchen Frau unterwerfen müßte, deren — aus ſeinem Vaterlande getrieben wird. 141 Gemüthsart durch die erfahrene Behandlung noch mehr er⸗ bittert worden wäre. Dieſer Grund gab den Ausſchlag. Als der Sturm überſtanden war, ward Marlborough's augenblickliche Verungnadung beſchloſſen. Die Verwalter der öffentlichen Gelder erhielten Befehl, die Ausſagen des Brodlieferanten Medina zu unterſuchen und dem Hauſe Be⸗ richt abzuſtatten. Als Antwort auf dieſe Beſchuldigungen ließ der Herzog den obenerwähnten Brief veröffentlichen, welcher eine vollſtändige Widerlegung der Anklage enthielt. Deſſen ungeachtet entließ die Königin ihn auf Orford's Verlangen, ohne das Ergebniß der Unterſuchung abzuwar⸗ ten, aus allen ſeinen Aemtern. So ward der größte Feldherr, den England damals irgend beſeſſen hatte, ungehört und rückſichtslos entehrt und abgeſetzt. Seine Verungnadung verurſachte in Frankreich die lebhafteſte Zufriedenheit und als Ludwig der Vierzehnte davon hörte, rief er außer ſich vor Freude aus:„Die Ent⸗ laſſung Marlborough's wird alles bewirken, was wir nur verlangen können.“ Sein Miniſter De Torch erklärte: „Was wir in Flandern verlieren, werden wir in England gewinnen;“ und Friedrich der Große“ von Preußen brach in die unwilligen Worte aus:„Wie! konnten weder Blen⸗ heim, Ramilies, Oudenarde, noch Malplaquet den Namen dieſes großen Mannes vertheidigen? und ſelbſt die Sieges⸗ göttin ihn nicht vor Neid und Bosheit ſchützen? Welche Rolle würde England ohne dieſen wahren Helden geſpielt haben? Er ſtützte es und richtete es auf, und ohne dieſe elenden Weiberintriguen, deren Frankreich ſich zu ſeinem Untergang bediente, hätte er es auf den Gipfel der Größe erhoben. Ludwig der Vierzehnte war verloren, wenn Marl⸗ borough ſich nur noch zwei Jahre hielt.“ „Friedrich der Große war damals ein Kind von einigen Mong ————————— de eberi. —— * 142 Die letzte Regierungshandlung Solches waren die Meinungen der verſchiedenen Macht⸗ haber Europa's. Es iſt in der That ein empörender Ge⸗ danke, daß ein ſo großer Mann durch Parteiumtriebe ge⸗ ſtürzt werden mußte. Es iſt noch empörender, daß einige der üblen Nachreden, welche die boshaften, grundſatzloſen Schriftſteller ſeiner Zeit ſeinem Namen anzuheften ſuchten, ihm noch ankleben müſſen. Gegen das Ende deſſelben Jahrs verbannte der Herzog ſich freiwillig aus ſeinem undankbaren Vaterlande. Am 28ſten November ſchiffte er ſich in Dover ein und ſegelte nach Oſtende, wo er mit allen Ehren⸗ und Hochachtungs⸗ bezeugungen aufgenommen ward. Dann begab er ſich nach Aachen und zog ſich ſpäter nach Maſtricht zurück, um die Herzogin zu erwarten, die jedoch erſt in der Mitte Februar mit ihm zuſammen treffen konnte. Marlborough ſah ſeine königliche Gebieterin nie wie⸗ der. Er erfuhr in Oſtende ihre gefährliche Erkrankung und erreichte England an ihrem Sterbetage. Als er ſich der Hauptſtadt auf der Doverſchen Landſtraße näherte, ward er von Sir Charles Cox an der Spitze von zweihundert be⸗ rittenen Edelleuten eingeholt und unterwegs verlängerte ſich der Zug durch eine lange Reihe von Wagen. Beim Ein⸗ zuge in der Stadt ſtieß eine Compagnie freiwilliger Grena⸗ diere zu ihnen, die eine Begrüßungsſalve abfeuerte und ſie mit einem Ruf einführte, der eine tauſendzüngige Antwort fand:„Lange lebe der König Georg!— lange lebe der Herzog von Marlborough!“ Siebenzehntes Kapitel. Die letzte Regierungshandlung der Königin Anna. Die Eiferſucht zwiſchen Orford und Saint⸗John hatte einen entſchiedenen Bruch im Kabinet zur Folge. Während — —— der Königin Anna. 143 der Schatzmeiſter ſeinen Collegen durch künſtliche Entſtellung ſeines Betragens bei der Königin zu opfern ſuchte, hatte der Staatsſekretär Gelegenheit, deſſen Plane durch Lady Masham's Einfluß zu vereiteln, deren Gemahl bald nach der Entlaſſung des Herzogs von Marlborough nebſt neun andern zur Verſtärkung der Regierung in die Pairie erho⸗ ben worden war. Da Saint⸗John's erfolgreiche Unterhandlungen des Utrechter Friedens ſeine Uebergehung unmöglich machten, ſo ward er zum Viscount Bolingbroke ernannt, obwohl er ſelbſt die Grafenwürde erwartet hatte; aber das Hoſenband, auf das er ſeinen Sinn geſetzt hatte, ward ihm abgeſchla⸗ gen, wogegen Orford nicht unterließ, ſich ſelbſt mit dieſem Orden zu ſchmücken. Bolingbroke vergab ihm dieſe Ver⸗ nachläſſigung nie, und verläugnete von dieſem Augenblick an ſeinen Freund gänzlich und wandte ſeine ganze Macht auf deſſen Sturz. Er fand eine bereitwillige Helferin an Lady Masham, die eben ſo ſehr auf den Schatzmeiſter er⸗ tittert war, weil er ſich der Ertheilung einer Penſion und andrer Einkünfte, welche die Königin ihr gern bewilligen 1 wollte, widerſetzt hatte. Mit ſolchem Vorſchub gewann Bolingbroke bald ein Uebergewicht über ſeinen Nebenbuhler uund gab ſich der ſichern Hoffnung hin, ihn aus ſeinem Po⸗ ſten zu verdrängen, ſobald Anna's Unentſchloſſenheit ihr 7 ſeine Entlaſſung erlauben würde. Oyford's Fall zog ſich jedoch noch lange hin und erſt als ſeine geheimen Eröffnungen an den Kurfürſten von Han⸗ nover nach dem Tode der Prinzeſſin Sophie der Königin bekannt wurden und der Hof von Saint⸗Germain ſeine Dop⸗ pelzüngigkeit aufgedeckt und auf die Nothwendigkeit ſeiner Entfernung gedrungen hatte, willigte ſie in dieſe Maßregel. Die Jakobitiſche Partei, deren Führer Bolingbroke war, hatte ſich während der letzten Regierungsjahre Anna's einen 144 Die letzte Regierungshandlung entſchiedenen Einfluß verſchafft, und da ihre Abneigung ge⸗ gen die Hannöverſche Thronfolge und ihre Vorliebe für ihren Bruder, den Chevalier de St. George, wohl bekannt waren, ſo hegte man die leidenſchaftlichſten Erwartungen, daß die Erblinie des königlichen Hauſes nach ihrem Tode wieder eingeſetzt werden würde. Daß der Zeitpunkt bald heran⸗ nahen müſſe, wo die Thronfrage ihre Löſung erhalten würde, war bei dem wankenden Geſundheitszuſtand der Königin nicht anders zu erwarten, und für diejenigen, welche die Richtung der öffentlichen Meinung in Betracht zogen und den überwiegenden Einfluß der Hannöverſchen Partei kann⸗ ten, war die Art, wie fie endlich entſchieden werden würde, nicht mehr zweifelhaft. Dennoch war für einen ehrſüchtigen Geiſt wie Bolingbroke die Ausſicht auf Machtvergrößerung, welche ihm die Anhänglichkeit an der gefallenen Dynaſtie der Stuarts darbot, von hinlänglichem Reiz, um ihn gegen alle Gefahr blind zu machen; und obgleich er wohl wußte, welchen furchtbaren Sturm er auszuhalten haben würde, ſo glaubte er doch, wenn er nur einmal an das Ruder ge⸗ langte, würde er das Staatsſchiff in dem gewünſchten Hafen lenken können. Der Augenblick, wo es ſeiner Führung an⸗ vertraut werden ſollte, ſchien endlich herbeizukommen. Am Dienſtag Abend, den Wſten Juli 1714 erhielt Orford den plötzlichen, gemeſſenen Befehl von der Königin, den Schatz⸗ meiſterſtab ohne Aufſchub in ihre Hände niederzulegen, worauf er ſich, obwohl es ſchon ſpät ward, unmittelbar nach dem Pallaſt begab. Als er bei der Königin eingeführt ward, fand er Lady⸗ Masham und Bolingbroke bei ihr und ihre triumphirenden Mienen erhöhten ſeine ſchlecht verhehlte Wuth und Verdruß. Anna ſah krank und leidend aus. Sie war eben erſt don einem mit Gicht verbundenen hitzigen Fieber geneſen und litt noch immer an gefährlichen Zufällen. Ihre Geſtalt der Königin Anna. 145 war breiter und hinfälliger geworden, ihre Stirn finſter, ihre Geſichtszüge aufgedunſen und leichenhaft und ihre Augen matt und mit Blut unterlaufen. Sie verſuchte kaum, eine würdevolle Miene anzunehmen, ſondern hatte ganz das Aus⸗ ſehn einer bettlägerigen Kranken. Auf dem Tiſch neben ihr ſtand ein von ihrem Arzt, Sir Richard Blackmore, verſchrie⸗ bener Trank, von dem ſie gelegentlich zu ſich nahm. Weder von dem augenſcheinlichen Unwohlſein der Kö⸗ nigin, noch von Gefühlen der Dankbarkeit und Ehrfurcht bewegt, trat Orford raſch näher, warf einen herausfordern⸗ den Blick auf ſeine Gegner und ſagte mit hochfahrendem Ton und leichter Kopfneigung:„Eure Majeſtät hat mir befohlen, den Stab zu bringen. Hier übergebe ich Ihnen denſelben.“ Und bei dieſen Worten legte er ihn mit einiger Heftigkeit auf den Tiſch. „Mylord!“ rief Anna,„dieſe Unart!“ „Lord Oxford hat die Maske abgeworfen,“ ſagte Bo⸗ lingbroke;„Eure Majeſtät ſieht ihn jetzt in ſeinem wahren Licht.“ „Es ſoll nicht an mir liegen, Bolingbroke,“ erwiederte Orford bitter,„wenn Ihre Majeſtät,— ja, und die ganze Nation,— Sie nicht in Ihrem wahren Lichte ſieht. Und Sie ebenfalls, Madame,“ wandte er ſich an Lady Masham, „die Welt ſoll erfahren, welche Künſte Sie gebraucht haben.“ „Wenn ich je Künſte angewandt habe, Mylord Orford. ſo habe ich ſte von Ihnen gelernt,“ verſetzte Lady Masham, „Sie vergeſſen, welche Anweiſungen Sie mir in Betreff der Herzogin von Marlborvugh gegeben haben.“ „Nein, Schlange! ich vergeſſe es nicht,“ rief Orford, der ſeine Wuth nicht mehr bezähmen konnte,„ich vergeſſe nicht, daß ich Sie als Kammerfrau vorfand; ich vergeſſe nicht, daß ich Sie als Werkzeug gebrauchte, um die Gunſt der Königin zu gewinnen,— als bloßes Werkzeug,— nichts Ainsworth', St. James's. IM. 10 146 Die letzte Regierungshandlung mehr; ich vergeſſe nicht, daß ich Sie zu dem gemacht habe, was Sie ſind, und ich will nicht ruhn, bis ich Sie eben ſo tief wieder erniedrigt habe, als ich Sie fand.“ „Mylord! Mylord!“ rief Anna.„Dieſer Angriff iſt höchſt unmännlich. Ich bitte, ziehen Sie ſich zurück, wenn Sie ſich nicht mäßigen können.“ „Verzeihung, Madame, wenn ich Ihnen ungehorſam zu ſein wage,“ erwiederte Oxford.„Da ich hergeholt wor⸗ den bin, ſo werde ich mir die Erlaubniß nehmen zu bleiben, bis ich Ihre verrätheriſche Günſtlinge entlarvt habe. Eine ſo gute Gelegenheit möchte ſich nicht wieder zeigen, und ich will ſie nicht verlieren.“ „Aber ich verlange Ihre Auseinanderſetzungen nicht zu hören, Mylord,“ ſagte Anna. „Ich bitte Eure Majeſtät, laſſen Sie ihn ſprechen,“ wandte Bolingbroke hochmüthig ein. „Bewahren Sie Ihren Kopf, Bolingbroke,“ rief Or⸗ ford;„wenn Ihre Majeſtät auch Ihre Correſpondenz mit dem Hofe von Saint⸗Germain gut heißt, ſo wird ihr Par⸗ lament es doch nicht.“ „Eure Majeſtät können ſeine Tücke und Bosheit jetzt ſelbſt ermeſſen,“ ſagte Bolingbroke mit kalter Verachtung, „da Sie wiſſen, wie er ſelbſt Ihren königlichen Bruder hin⸗ ters Licht geführt hat.“ „Ich weiß es— ich weiß es,“ erwiederte Anna,„und ich weiß auch, wie er mich ſelbſt hinters Licht geführt hat. Aber nichts mehr davon, wenn Sie mich lieben, Boling⸗ broke.“ „O, daß Eure Majeſtät Ihren Geiſt nur auf einen Augenblick anſtrengen wollten,“ ſagte Lady Masham,„und ihn mit der verdienten Verachtung aus Ihrer Gegenwart verbannten.“ der Königin Anna. 147 „Wenn Eure Majeſtät mich nur dazu ermächtigen wollte, ſo ſoll es gleich geſchehn,“ ſagte Bolingbroke. „Friede! Friede! Mylord! ich bitte Sie,“ ſagte Anna. „Sie ſcheinen mich alle zu mißachten.“ „Eure Majeſtät fieht, wie viel Achtung Ihre Freunde Ihnen erweiſen!“ ſagte Orford beißend. „Sie ſind einer, wie der andere,“ rief die Königin angegriffen. „Welche Verbrechen werden mir zur Laſt gelegt?“ fragte Orford, indem er die Königin anredete. „Ich will es Ihnen ſagen,“ erwiederte Bolingbroke. „Ich klage Sie der Doppelzüngigkeit, der Hinterliſt, des Verraths und der Falſchheit gegen die Königin, gegen mich und gegen das ganze Kabinet an. Ich werfe Ihnen vor, daß Sie auf der einen Seite dem Kurfürſten von Hannover und auf der andern dem Prinzen Jakob Hoffnungen machen. Ich klage Sie an, daß Sie mit Marlborvugh Ränke ſchmie⸗ den,— ſich die öffentlichen Gelder aneignen—“ „Dieſe Klagen müſſen begründet werden, Mhlord,— müſſen bewieſen werden,“ unterbrach ihn Orford, indem er auf ihn zutrat und ſeinen Degen berührte. „Sie ſollen begründet und bewieſen werden, Mylord,“ erwiederte Bolingbroke hochmüthig und verächtlich. „Bolingbroke, Sie find ein Schurke,— ein nichts⸗ würdiger Schurke!“ rief Orford, indem er alle Geduld ver⸗ lor und ihm mit dem Handſchuh ins Geſicht ſchlug. „Ha!“ rief Bolingbroke außer ſich vor Wuth und zog den Degen halb aus der Scheide. „Mylords!“ rief die Königin, indem ſie ſich mit Würde erhob,„ich befehle Ihnen, ſich zu mäßigen. Dieſer Auftritt wird mich umbringen,— oh!“ Und ſie ſank erſchöpft wieder hin. „Verzeihung, gnädigſte Frau,“ rief Bolingbroke, indem 6 148 Die letzte Regierungshandlung er vor ihr auf das Knie ſiel.„Ich habe mich allerdings vergeſſen.“ „O, mein Kopf, mein Kopf,“ rief Anna und drückte die Hand gegen die Schläfen.„Meine Sinne verlaſſen mich.“ „Sie haben viel zu verantworten, Mylord,“ flüſterte Lady Masham.„Sie wird dieſen Stoß nicht überleben!“ „Es war nicht meine Schuld, ſondern die ſeinige,“ er⸗ wiederte Bolingbroke, auf Orford zeigend, der mit finſterm Blick mitten im Zimmer allein ſtand. „Laſſen Sie ſogleich Sir Richard Blackmore und Doctor Mead holen,“ keuchte die Königin;„ und heißen Sie den Herzog von Shrewsburh und den Lord⸗Kanzler augenblick⸗ lich zu mir kommen— ſie ſind im Pallaſt. Der Poſten eines Schatzmeiſters muß ohne Aufſchub beſetzt werden. Ver⸗ lieren Sie keinen Augenblick.“ Lady Masham eilte hinaus, um dem Thürſteher die nöthigen Befehle zu geben. „Shrewsbury und der Kanzler,— was kann ſie von ihnen wollen,“ murmelte Bolingbroke mit verſtörter Miene. Orford, der den Befehl gehört hatte und ſogleich ſei⸗ nen Zweck errieth, näherte ſich ihm le iſe und berührte ſei⸗ nen Arm. „Sie haben den Einſatz verloren, um den Sie geſpielt haben,“ ſagte er mit einem Blick voll triumphirender Bos⸗ heit.„Jetzt bin ich zufrieden.“ Ehe Bolingbroke antworten konnte, kam Lady Mas⸗ ham mit Sir Richard Blackmore wieder, der grade im Vor⸗ zimmer war und ſogleich zur Königin eilte, deren Geſicht ſich ſchrecklich verändert hatte. ₰ „Eure Majeſtät muß auf der Stelle zu Bett gebracht werden,“ ſagte Blackmore. „Nicht eher, als bis ich die Herzoge von Shrewöburh der Königin Anna. 149 und Ormond geſehn habe,“ erwiederte die Königin matt,— „wo ſind ſie?“ „Ich will hingehn und ſie gleich herholen; es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ entgegnete Blackmore. Und indem er hinaus eilen wollte, trat Bolingbroke ihm entgegen und fragte haſtig:„Iſt Gefahr vorhanden?“ „Dringende Gefahr!“ antwortete Blackmore.„Es iſt ein hoffnungsloſer Fall. Die Königin kann nicht drei Tage mehr leben!“ Und hiermit eilte er hinaus. „Dann iſt alles verloren!“ rief Bolingbroke und ſchlug ſich vor die Stirn. Und als er aufblickte, bemerkte er, wie Harley ihn mit boshafter Miene beobachtete. Lady Masham bemühte ſich unabläſſig um ihre könig⸗ liche Gebieterin; jedoch dieſe ward von Augenblick zu Augen⸗ blick ſchlimmer und hörte nicht auf, nach dem Herzog von Shrewsbury zu fragen. „Hat Eure Majeſtät keine Befehle für Lord Boling⸗ broke?“ fragte Lady Masham. „Durchaus keine!“ antwortete die Königin feſt. Jetzt kam Sir Richard Blackmore mit dem Herzog von Shrewsbury, dem Lord⸗Kanzler nnd einigen andern Hof⸗ perſonen wieder. „Oh! ſind Sie da, Mylords?“ fragte die Königin ſehr erleichtert.„Ich fürchtete, Sie würden zu ſpät kommen. Sir Richard wird Ihnen von meinem gefährlichen Zuſtande geſagt haben,— nein, es iſt unnütz, es mir verbergen zu wollen. Ich fühle mein Ende herannahen. Mylords, der Poſten eines Schatzmeiſters iſt in dieſem Augenblick erle⸗ digt, und wenn mir etwas widerfährt, könnte die Sicherheit des Königreichs gefährdet werden. Mylord von Shrews⸗ bury, Sie ſind ſchon Lord⸗Kammerherr und Lord⸗Statthal⸗ ter von Irland. Ich habe noch einen Poſten für Sie. Neh⸗ men Sie dieſen Stab,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihm das auf — 150 Die letzte Regierungshandlung der Königin Anna. dem Tiſch liegende Abzeichen der Schatzmeiſterwürde über⸗ reichte,„und führen Sie ihn zum Beſten meines Volkes.“ Als der Herzog hinkniete, um ihr die Hand zu küſſen, fühlte er ſie unter ſeinen Lippen erkalten. Anna war ohn⸗ mächtig geworden und ward von ihrer Umgebung fortgetragen. „So,“ rief Orford,„wenn die Befürchtungen der Kö⸗ nigin ſich beſtätigen, ſo iſt Lady Masham's Herrſchaft zu Ende, und Ihr Schickſal, Bolingbroke, iſt unterfiegelt. Sie haben die Wahl zwiſchen der Verbannung und dem Schaffot.“ „Wenn ich fliehe, ſo müſſen Sie mit mir fliehn,“ rief Bolingbroke. „Nein, ich werde warten; ich habe nichts zu befürch⸗ ten,“ erwiederte Orford. „So enden die Hoffnungen dieſer Ehrgeizigen!“ bemerkte der Herzog von Shrewsbury gegen den Kanzler,„die Kö⸗ nigin fand, daß ihnen nicht zu trauen war. Die Wohlfahrt ihres Volks war die Triebfeder der letzten Regierungshand⸗ lung der guten Königin Anna!“ Ende. Inhalt des zweiten Theils. Drittes Buch. Seite Kapitel 1. Eine kurze Darſtellung von Harleys Fortſchritten. 1 Kapitel 2. Wie Doctor Sacheverell ſeine Predigt in der Paulskirche hielt, und wie er in Folge deſſen in Unterſuchung gezogen wird. 9 Kapitel 3. Von der Schmach, die der Herzog von Marlborough von der Königin ertragen muß. Kapitel 4. Wie der Sergeant aus dem Felde zurückkam, und wie er eine holländiſche Frau mitbrachte. 44417 Kapitel5. Der Prozeß des Doctor Sacheverell.„232 Kapitel 6. Wie die Andachtshäuſer von dem Pöbel zerſtört wurden. 41 Kapitel 7. Wie die Aufrührer auseinander geijagt wurden. 143 Kapitel 8. Doctor Sacheverell's Verurtheilung und deren Solgen. 55 Kapitel 9. Wie das Miniſterium aufgelöst ward. 61 Kapitel 10. Mordverſuch des Marquis de Guiscard an Harley. 76 Kapitel 11. Harley erreicht das Ziel ſeines Ehrgeizes. Des Mar⸗ is de Guiscarb Ende. Kapitel 12. Die letzte Zuſammenkunft der Königin mit der Herzogin Sn Warſbbrougßd. Kapitel 13. Wie die Herzogin den goldenen Schlüſſel ausliefert.„ 103 * 152 Inhalt des zweiten Theils. Kapitel 14. Wie der Sergeant außer Dienſten tritt. Kapitel 15. Wie der Geiſt des Sergeanten ſeinen alten Freunden erſcheint, und wie Miſtreß Plumpton und Miſtreß Tipping jede einen Wanſ ſinßen Kapitel 16. Wie der größte Feldherr ſeiner Zeit aus ſeinem Vater⸗ lande getrieben wird.„ 2 Kapitel 17. Die letzte Regierungshandlung der Königin Anna. 144 1¹9 138 3 — A.—