* 5„ Leihbibliothek„ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur§ von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.* Seih- und geſebedingungen. 3 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe irgen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: IW W f. 3 2„ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher nentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſe erenn Iſt das zerriſſene beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt fe der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſigeſet und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 0 2 8 3 — .———— 6 h—— 3————— 2 ⸗—————— 8 —————— ¹ . 7 Die Feren von Lancaſhire. Roman von W. Harriſon Ainsworth. Sir Jeffrey. Giebt es einen Richter in Lan⸗ caſhire, der ſich ſo gut auf Hexen verſteht, wie ich? Ja, ich will ein ſtolzes Wort reden: ich kann es mit allen Hexenſpürern in Europa auf⸗ nehmen. Selbſt Hopkins würde ich eine Nuß zu knacken geben, wenn er noch am Leben wäre. Shadwell. Aus dem Engliſchen überſetzt von br rnſt S enih Dritter Band. e Leipzig, 5 Chr. Ernſt Kollmann. 1849. ————— † Die Hexen von Laneaſhire. D 1* —— —— Bweites Puch. Der Pendle⸗Wald. Fünftes Kapitel. Eliſabeth Whitaker's Gaſthaus. Beß Whitaker's Gaſthaus in Goldſhaw war viel bequemer und beſſer eingerichtet, als das Aeußere deſſel⸗ den erwarten ließ. Staͤrkeres und klareres Ale wurde in ganz Lancaſhire nicht getrunken, als Beß es braute; noch war beſſerer Keres oder Rothwein zu finden, man mochte gehen, wohin man wollte, als in ihren Kellern. Der Reiſende, der uͤber dieſe oͤden Strecken von Burn⸗ ley nach Clithero, oder von Colne nach Whalley ritt, durfte wohl hei Beß einkehren und gewiß ſein, zum Mit⸗ tageſſen gebratenes Gefluͤgel, nebſt einigen Forellen aus dem Pendlewater, oder, wenn die Jahreszeit es geſtattete, einen Birkhahn oder Faſan zu erhalten; und wenn er dort uͤbernachtete, hatte er ſtets ein gutes Abendeſſen und weiße Bettwaͤſche zu erwarten. Wir haben bereits er⸗ waͤhnt, daß es zu jener Zeit in den noͤrdlichen Graf— ſchaften gebraͤuchlich war, daß Maͤnner und Frauen aller — Claſſen in die Bierhaͤuſer gingen, um zu trinken, und das Gaſthaus zu Goldſhaw war der allgemeine Ver⸗ ſammlungsort der Nachbarſchaft. Fuͤr Die, welche es be⸗ zahlen konnten, braute Beß einen unvergleichlichen Sect; wenn aber ein Gaſt Wein verlangte, und ſein Ausſehen gefiel ihr nicht, ſo pflegte ſie ihm gerade heraus zu ſagen, ihr Ale ſei gut genug fuͤr ihn, und wenn es ihm nicht gefalle, ſo ſolle er gar keins haben. In ſolchen Faͤllen folgte faſt immer Unterwerfung, denn mit Beß war nicht* gut zu ſtreiten. Auch geſtattete ſie den Gaͤſten nicht laͤnger da zu bleiben, als ſie es wuͤnſchte, und raͤumte das Haus auf ebenfalls ſehr charakteriſtiſche und wirkſame Weiſe. Zu einer beſtimmten Stunde, und zwar durch⸗ aus nicht ſehr ſpat, pflegte ſie eine große Hetzpeitſche von einem beſtimmten Nagel im Gaſtzimmer herunter zu langen, und nachdem ſie ihren Gaͤſten unumwunden be⸗ fohlen, nach Hauſe zu gehen, wendete ſie, wenn ſie irgend einen Widerſtand zeigten, die Peitſche auf ihre Schultern an und trieb ſie mit Gewalt hinaus. Da aber ihr ent⸗ ſchloſſener Charakter wohl bekannt war, ſo war dieſe gewaltſame Maßregel ſelten noͤthig. An Staͤrke war Beß jedem Manne gewachſen, und im Nothfalle konnte ſie ſogleich Beiſtand von dem Kuhhirten ethalten, denn Beß war nicht nur Wirthin, ſondern ſie trieb auch Land⸗ wirthſchaft. Wie ſich aus dem Obigen ſchließen laͤßt, war Beß breit und von maͤnnlichem Ausſehen, aber den⸗ noch wohlproportionirt und von einer gewiſſen groben Art von Schoͤnheit, die in fruͤheren Jahren Richard Baldwyn, den Muͤller von Rough Lee, entflammt hatte, ihr einen Heirathsantrag zu machen. Dieſer wurde guͤnſtig 7 aufgenommen; als aber ein unbedeutender Streit ent⸗ ſtand, ſtaͤubte ſie, nach ihrem eigenen Ausdruck, ihrem Liebhaber tuͤchtig die Jacke aus, worauf er anderes Sin⸗ nes wurde und ein fuͤgſameres und leichter haͤndiges Maͤd⸗ chen zur Frau nahm. Obgleich Beß dieſen unzweideu⸗ tigen Beweis von ihrer Faͤhigkeit gegeben, einen Ehemann zu regieren, ſo erhielt ſie doch keinen zweiten Antrag; auch ſchien es nicht wahrſcheinlich, daß ſie noch einen erhalten werde, da ſie jetzt bereits das reife Alter von vierzig Jahren erreicht hatte. Ihr Gaſthaus war außerordentlich reinlich und be⸗ quem eingerichtet. Der Fußboden war freilich von feſt⸗ geſtampftem Lehm und die Fenſter wenig mehr, als ſchmale Oeffnungen mit ſchweren ſteinernen Einfaſſungen, noch mehr verdunkelt durch ſehr kleine Scheiben; aber die Baͤnke waren außerordentlich rein, und ſo auch der lange eichene Tiſch in der Mitte des einzigen großen Zimmers im Hauſe. Ein freiſtehender Kamin nahm das eine Ende des Zimmers ein, und war vor dem Zuge der Thuͤr durch einen Schirm von dunklem Eichenholz geſchuͤtzt; vor demſelben befand ſich eine Bank, und hier oder in den Vertiefungen des Kamins ſelbſt pflegten die Nachbarn in den Winternaͤchten zu ſitzen, vor dem hel⸗ len Feuer zu ſchwatzen und Kruͤge ſtarkes und ſoͤffiges Bier zu leeren; und da Perſonen beiderlei Geſchlechts, junge ſowohl wie alte, dorthin kamen, ſo wurde an Eli⸗ ſabeth's Kamin manche Partie geſchloſſen. Von den ge⸗ ſchwaͤrzten Balken hing ein guter Vorrath von Schinken, Speckſeiten und geraͤucherten Zungen, auch war da eine Maſſe Haferkuchen und ſelbſtgebackenes Brod, waͤhrend, 8 wenn dieſer Vorrath erſchoͤpft ſein ſollte, in dem wohl⸗ gefuͤllten Mehlkaſten, der in einem Winkel ſtand, reich⸗ liche Mittel vorhanden waren, ihn wieder zu ergaͤnzen. Ueberhaupt hatte der Ort ein Anſehen des Ueberfluſſes, wie der Bequemlichkeit. Groß war Eliſabeth's Beſtuͤrzung, als der arme Hauſirer, der ihr Haus vor nicht laͤnger als einer Stunde voll Geſundheit und Lebenskraft verlaſſen hatte, in ſo klaͤglichem Zuſtande zuruͤckgebracht wurde; und als man ihn vor ihrer Thuͤr niederlegte, vermochte ſie ungeachtet ihres maͤnnlichen Charakters nur mit Schwierigkeit einen Schrei zu unterdruͤcken. Sie gab ſich indeſſen nicht dieſer Schwaͤche hin; da ſie aber ſogleich ſah, was das Beſte fuͤr ihn ſei, ſo ließ ſie ihn von den Leuten in das Zim⸗ mer tragen, wo er die Nacht zugebracht, und auf das Bett niederlegen. Zum Gluͤck war ärztliche Huͤlfe bei der Hand, denn zufaͤllig war Sudall, der Wundarzt von Colne, im Hauſe; denn er war wegen der großen Krank⸗ heit, die in Sabden und uͤberall in der Gegend herrſchte, nach Goldſhaw gekommen. Sudall ging ſogleich zu dem Leidenden und wendete einen ſtarken Aderlaß an, worauf der arme Mann ſich viel leichter fuͤhlte. Richard Asſhe⸗ ton fuͤhrte den Wundarzt auf die Seite und befragte ihn nach ſeiner Meinung uͤber den Kranken, worauf Sudall ihm ſagte, er glaube nicht, daß das Leben des Hauſirers in Gefahr ſei, doch zweifle er, daß er jeden Gebrauch ſeiner Glieder wieder erlangen werde. „Ihr ſchreibt den Anfall doch vermuthlich nicht der Hexerei zu, Herr Sudall?“ ſagte Richard. „Ich ſpreche nicht gern meine Meinung daruͤber 8 aus,“ verſetzte der Arzt.„Es iſt unmoͤglich zu entſchei⸗ den, da alle Merkmale die eines gewoͤhnlichen Schlagan⸗ falles ſind. Aber ein trauriger Fall iſt mir kuͤrzlich vor⸗ gekommen, woruͤber ich keinen Zweifel haben kann— ich meine naͤmlich, daß er die Folge der Heperei iſt— aber ich will Euch ſogleich mehr davon erzaͤhlen, denn ich muß jetzt zu meinen Patienten zuruͤckkehren.“ Da die Geſellſchaft beſtimmt hatte, in dem kleinen Gaſthauſe einige Stunden auszuruhen und einige Erfri⸗ ſchungen einzunehmen, ſo ging Nicolaus, um nach den Pferden zu ſehen, waͤhrend Roger Nowell und Richard bei dem Hauſirer biieben. Beß Whitaker beſaß einen großen Hof mit Kuhſtallen, Pferdeſtaͤllen und einer gro⸗ ßen Scheune; und in die letztere machten die beiden Stallknechte mit Sparſhot zu gehen den Vorſchlag, um auf dem Lehmboden Kegel zu ſpielen. Niemand wufßte, was aus dem Waldaufſeher geworden, denn als man den armen Hauſirer an der Thuͤr niedergeſetzt, hatte er ſein Pferd beſtiegen und war davongeritten. Nachdem Nicolaus einige gebackene Eier und Schinken beſtellt hatte, begab er ſich zu dem Stalle, waͤhrend Beß, von einer ruͤſtigen Koͤchin unterſtuͤtzt, ſich mit der Zubereitung der Speiſen beſchaͤftigte; und gerade zu dieſer Zeit trat Herr Potts ins Haus. Beß ſah ihn genau an, und ſein Ausſehen gefiel ihr durchaus nicht, waͤhrend ſeine beſchmutzten Kleider nicht dazu beitrugen, ihr eine erhoͤhte Meinung von ihm einzufloͤßen. „Ihr thut ganz, als ob Ihr zu Hauſe waͤret, Mann,“ ſagte ſie, als der Anwalt ſich zu ihr auf die Bank ſetzte. ———..————— 10 „Gewiß,“ entgegnete Potts,„wo ſollte ein Mann zu Hauſe ſein, wenn nicht in einem Wirthshauſe. Dieſe Eier und dieſer Speck ſehen lockend aus. Ich will ſo⸗ gleich davon verſuchen, und ſobald Ihr mit Eurer Brat— pfanne fertig ſeid, will ich ein Noͤſel Sect.“ „Nein, das geſchieht nicht,“ verſetzte Beß.„Ihr be— kommt hier weder Eier, noch Speck, noch Sect, ſo viel kann ich Euch ſagen. Ale und Weizenkuchen muͤſſen gut genug fuͤr Euch ſein. Geht mit den andern Knechten in die Scheune und ſpielt Kegel mit ihnen, und ich will Euch etwas Bier dorthin ſchicken.“ „Es gefaͤllt mir hier recht gut, wo ich bin, ich danke Euch, Wirthin,“ verſetzte Potts,„und ich hege nicht den Wunſch, Kegel zu ſpielen. Aber was enthält dieſe Flaſche?“ „Zeres,“ verſetzte Beß. „Keres!“ wiederholte Potts,„und doch ſagtet Ihr, ich koͤnnte keinen Sect bekommen. Holt mir etwas Zucker und Eier, und ich will Euch zeigen, wie man das Ge⸗ traͤnk braut. Ich habe die Kunſt von meinem Freunde Ben Jonſon gelernt— von dem ſeltenen Ben— ha! ha!“ „Setzt die Flaſche nieder!“ rief Beß aͤrgerlich. „Was wollt Ihr damit ſagen, Frau?“ ſagte Potts, ſie uͤberraſcht anſtarrend.„Ich ſagte Euch, Ihr ſolltet mir Zucker und Eier holen, und ich wiederhole den Be⸗ fehl— Zucker und wenigſtens ein halbes Dutzend Eier.“ „Und ich wiederhole Euch meinen Befehl, die Fla— ſche niederzuſetzen,“ rief Beß,„oder ich werde Euch etwas Anderes zeigen.“ ————— ———— 11 „Mir etwas Anderes zeigen! ha! ha! das gefaͤllt mir,“ rief Potts.„Ich muß Euch ſagen, ſirun⸗ daß ich nicht gewohnt bin, mir auf dieſe Weiſe befehlen zu laſſen. Ich thue das nicht. Wenn Ihr keine Eier bringt, ſo trinke ich den Wein ohne Zuſatz, wie er da iſt.“ Und er fuͤllte ein Glas, welches in ſeiner Naͤhe ſtand. „Wenn Ihr es thut, ſo ſollt Ihr es theuer bezah⸗ len,“ ſagte Beß, die Bratpfanne bei Seite ſetzend und die Hetzpeitſche herunternehmend. „Daran zweifle ich nicht,“ verſetzte Potts munter; „Ihr Wirthinnen laßt Euch gewoͤhnlich theuer bezahlen. Sehr guter Keres, in der That!— Die wahre nußar⸗ artige Blume. Nun geht und holt mir einige Eier, gute Frau. Bei all dem Federvieh, welches ich auf dem Hofe ſah, koͤnnt Ihr keinen Mangel daran haben, und dann will ich Euch die ganze Kunſt und das Geheim⸗ niß, Sect zu brauen, lehren.“ „Und ich will Euch lehren, Euch meinen Befehlen zu widerſetzen,“ rief Beß. Und den Anwalt beim Kra⸗ gen faſſend, begann ſie, ihn tuͤchtig mit der Peitſche zu bearbeiten. „Holla ho! was ſoll dies bedeuten?“ rief Potts, der ſich von ihr frei zu machen ſuchte.„Angriff und Thätlichkeit!“ „Ich will Euch durchgerben und muͤrbe machen,“ verſetzte Beß, welche fortfuhr, die Peitſche anzuwenden. „Zum Henker! dieſer Spaß geht zu weit,“ rief der 12 Anwalt.„Wie verzweifelt ſtark ſie iſt! ſie wird mich mor⸗ den! Huͤlfe! Huͤlfe! Das Weib muß eine Hexe ſein.“ „Eine Hexe! ich will Euch lehren, mir ſolche Na— men beizulegen!“ rief die erzuͤrnte Wirthin, mit noch groͤßerer Wuth zu ſchlagen fortfahrend. „Huͤlfe! Huͤlfe!“ bruͤllte Potts. In dieſem Augenblick kehrte Nicolaus aus dem Pferdeſtalle zuruͤck und als er ſah, wie die Sache ſtand, eilte er dem Anwalt zu Huͤlfe. „Nun, Beß,“ rief er, ihren Arm faſſend,„jetzt hat er genug. Was hat Herr Potts vorgehabt? Er hat Dich doch hoffentlich beleidigt?“ „Nein, dafuͤr werde ich ſchon ſorgen, Squire,“ ver⸗ ſetzte die Wirthin. „Ich ſagte ihm, er wuͤrde Nichts als Ale hier be⸗ kommen, doch er machte ſich uͤber die Flaſche Wein her, und ſo nahm ich nur eben die Hetzpeitſche herunter, um ihn beſſere Sitten zu lehren.“ „Ihr wollt mich belehren, Ihr unwiſſender und unverſchaͤmter Huſar?“ rief Potts wuͤthend,„glaubt Ihr, daß ich mich von einer ſtaͤmmigen Hexe, wie Ihr ſeid, Sitten lehren laſſe? Ich will Euch lehren, einen thät⸗ lichen Angriff auf einen Gentleman zu machen! Ich will ſogleich eine Klage gegen Euch bei meinem vortreff— lichen Freunde und Clienten Herrn Roger Nowell vor⸗ bringen, der gerade jetzt in Eurem Hauſe iſt, und Ihr ſollt bald finden, mit wem Ihr zu thun habt—“ „Potz Tauſend!“ rief Beß,„wer mag es ſein?— Ich hielt Euch fuͤr einen von den Knechten, Mann.“ „Feuer und Wuth!“ rief Potts;„dies iſt uner⸗ ———————— 13 traglich. Herr Nowell wird Euch ſchon ſagen, wer ich bin, Weib.“ „Nun, ich will es Dir ſagen, Beß,“ fiel Nicolaus lachend ein.„Dieſer kleine Herr iſt ein Anwalt aus London, der mit Herrn Roger Nowell in Geſchaͤften nach Rough Lee geht. Ungluͤcklicherweiſe fiel er bei Read Park in einen Sumpf, und das iſt der Grund, weshalb ſeine Kleider und ſein Geſicht ſo beſchmutzt ſind.“ „Ei, ich glaubte, er ſei nicht auf dem rechten We⸗ ge,“ verſetzte Beß.„So, er iſt alſo ein Rechtsgelehrter aus London? Nun, ich denke,“ fugte ſie lachend hinzu, indem ſie zwei Reihen ſehr weißer Zaͤhne zeigte,„er wird⸗ ſich an Beß Whitaker erinnern, wenn er wieder nach Pendle Foreſt kommt.“ „Und ſie wird ſich meiner erinnern,“ verſetzte Potts. „Seid nicht wieder unverſchaͤmt, Mann,“ rief Beß, „oder ich gerbe Euch den Ruͤcken noch einmal.“ „Das ſoll Euch nicht gelingen, Weib,“ rief Potts, die Hetzpeitſche ergreifend, die ſie bei dem fruͤheren Kampfe hatte fallen laſſen, und ſie wuͤthend ſchwingend. Ruͤhrt mich an, wenn Ihr es wagt.“ Nicolaus war wieder genoͤthigt, einzuſchreiten, und als er ſeine Arme um die Taille der Wirthin ſchlang, dachte er, ein Kuß moͤchte vielleicht dazu dienen, die Sache zum friedlichen Ausgange zu fuͤhren. „Laßt mich in Ruhe, Squire,“ rief Beß, die uͤbri⸗ gens uber die Freiheit, die er ſich nahm, nicht ernſtlich boͤſe zu ſein ſchien. „Meiner Treu! Deine Lippen ſind ſo ſuß, daß ich noch einen Kuß haben muß,“ rief Nicolaus.„Ich will Dir was ſagen, Du biſt das ſchonſte Frauenzimmer in Lancaſhire, und Du biſt es der Grafſchaft ſchuldig, Dich zu verheirathen.“ „Warum denn das?“ ſagte Beß. ½ „Weil es ſchade waͤre, wenn die Art ausſtuͤrbe, 4 verſetzte Nicolaus.„Was ſagſt Du zu Hertn Potts hier? Koͤnnte er Dir gefallen?“ „Er— puh! Glaubt Ihr denn, daß ich einen ſolchen Daͤumling nehmen ſollte! Wenn Beß Whhitaker ſich verheirathet, ſo wird ſie einen Mann waͤhlen, und nicht einen Nußknacker.“. „„Ein wackerer Entſchluß, Beß,“ rief Nicolaus.„Du verdienſt noch einen Kuß fuͤr Deinen guten Einfall.“ 3 „Nun iſt's genug, ſage ich,“ rief Beß, die dem 1 Squire eine zarte Liebkoſung zu Theil werden ließ, die einer Ohrfeige ſehr aͤhnlich klang.„Seht doch, wie jener Toͤlpel Euch angrinſt.“ 3 „Tölpel und Nußknacker!“ rief Potts wuͤthend; 5 „in der That, Weib, ich kann nicht zugeben, daß mir ſolche Namen beigelegt werden.“ *„Wie Ihr wolltz ich gebe Euch aber keine beſſern,“ verſetzte die Wirthin. „Nun, laß es gut ſein, Beß,“ ſagte Nicolaus,„die Eier und der Speck verbrennen, und ich ſterbe vor Hunger. So,“ fuͤgte er, ihr auf die Schultern klopfend, hinzu, „ſetze uns die Schuͤſſel vor, Du biſt eine gute Seele— ein paar Teller, etwas Haferkuchen und Butter, und wir 4 ſind zufrieden.“ und während Beß dieſe Erforderniſſe beſorgte, ſagte er: 4 —.—————— ————*————— 15 „Dieſer ploͤtzliche Anfall des armen John Law 5— eine We Geſchichte.“ Das iſt wahr, Squire,“ verſetzte Beß,„ich war ganz beſtürzt, als ich ihn wiederſah. Mein Himmel! es iſt kaum eine Stunde, ſeit er von hier ging, und eben ſo ſtark und geſund ausſah, wie Ihr ſelber. Aber es iſt ein unſicheres Leben, welches wir fuͤhren. Heute roth und morgen todt, wie Pfarrer Houlden ſagt.“ wahr, Beß,“ verſetzte der Squire,„und der beſte Plan iſt daher, den voruͤbergehenden Augeénblick ſo gut als moͤglich zu benutzen. So braue uns denn Jedem einen tuͤchtigen Krug Sect und brate uns noch einige Eier und Speck.“ Und waͤhrend die Wirthin den Sect zu bireiten be⸗ gann, ſagte Potts zu Nicolaus: „Ich habe noch einen Fall von Hexerei entdeckt. „Marie Baldwyn, des Muͤllers Tochter von Rough Lee.“ „Wirklich!“ rief Nicolaus.„Was! iſt das arme Maͤdchen behept?“ „Behept, ſo daß ſie geſtorben, das iſt Alles,“ ſagte Potts. „Ei die arme Mariel ſie ſoll dieſen Morgen hier begraben werden,“ ſagte Beß, die Flaſche Reres in den Topf leerend und dieſen auf das Feuer ſtellend. „Und Du glaubſt wirklich, daß ſie behrt weßn⸗ ſagte Nicolaus zu ihr. „Die Leute ſagen es,“ verſetzte Beß; i i lieber daruͤber ſchweigen.“ „Dann zahlt Ihr vermuthlich Tybut an Mutter Chattor/ Wirthin?“ rief Potts—„Butter, Eier und 16 Milch aus Eurer Wirthſchaft, Ale und Wein aus dem 3₰ Keller, und von Zeit zu Zeit ein Stuͤck Speck, nicht 3 wahr?“ „Nein, auf mein Wort! ich gebe ihr Nichts,“ rief Beß. „Dann beſtecht Ihr ohne Zweifel Mutter Demdike, und das kommt auf daſſelbe heraus,“ ſagte Potts. „Diesmal ſeid Ihr nicht ſo weit vom Ziel,“ ver⸗ ſetzte Beß, indem ſie Eier, Zucker und Gewuͤrz in den 5 jetzt ſiedenden Wein that und das Ganze umruͤhrte. „Es wundert mich, wo Euer Bruder der Wald⸗ aufſeher ſein mag,“ bemerkte Nicolaus.„Ich ſah weder ihn, noch ſein Pferd im Stalle.“ „Vielleicht iſt der Erzbetruͤger durchgegangen,“ ſagte Potts;„und wenn das iſt, ſo thut es mir leid, denn ich habe meine Sache noch nicht mit ihm ausgemacht.“ Der Sect wurde ihnen jetzt vorgeſetzt und fuͤr vor— trefflich erklaͤrt, und waͤhrend ſie ihn, nebſt einer friſchen Auflage von Eiern und Schinken, verzehrt hatten, kam Roger Nowell, von Richard und dem Wundarzte beglei⸗ 3 tet, aus dem innern Zimmer. 3 „Nun, Herr Sudall, wie geht es mit Eurem Pa⸗ tienten?“ fragte Nicolaus den Letzteren. 3 „Viel beſſer, als ich erwartete, Squire,“ verſetzte der Wundarzt.„Es wird beſſer ſein, wenn man ihn 5 — —,—— — eine Weile allein laͤßt; und da ich das Dorf erſt gegen Abend verlaſſe, ſo bin ich im Stande, gut fuͤr ihn zu ſorgen.“ „Ihr glaubt natuͤrlich, daß der Unfall durch Heperei bewirkt worden, mein Herr?“ ſagte Potts. ———— — 6 17 „Der arme Mann behauptet es, aber ich kann keine Meinung daruͤber ausſprechen,“ verſetzte Sudall aus⸗ weichend. „Ihr muͤßt doch zu einem beſtimmten Schluſſe in der Sache kommen, denn ich halte es fur recht, Euch zu ſagen, daß Euer Zeugniß erforderlich ſein wird,“ ſagte Potts.„Vielleicht habt Ihr die arme Marie Baldwyn, des Muͤllers Tochter in Rough Lee geſehen und koͤnnt uns etwas Beſtimmteres uͤber ihren Fall ſagen.“ „Das kann ich, Herr,“ verſetzte der Wundatzt, ſich neben Potts niederſetzend, während Roger Nowell und Richard an der entgegengeſetzten Seite des Tiſches Platz nahmen. „Dies iſt der Fall, wovon ich vor Kurzem mit Euch ſprach, Herr Richard, und ein hoͤchſt betruͤbender Fall iſt es. Aber ich will Euch die Einzelnheiten daruͤber mit⸗ theilen. Noch vor ſechs Monaten war Marie Baldwyn ein ſo bluͤhendes und liebenswuͤrdiges Maͤdchen, wie man nur eins ſehgn konnte, die Freude ihres verwittweten Vaters. Richard Baldwyn iſt ein haſtiger und hals⸗ ſtarriger Mann, und er war unweiſe genug, ſich den Zorn der Mutter Demdike zuzuziehen, indem er ihre Nebenbuhlerin, die alte Chattor beguͤnſtigte, welcher er Mehl und Speiſen gab, waͤhrend er der andern denſelben Tribut verweigerte. Als Mutter Demdike das erſte Mal ohne die gewoͤhnliche Abgabe entlaſſen worden war, zer⸗ ſprang einer von ſeinen Muͤhlſteinen, und anſtatt dies als eine Warnung anzunehmen, wurde er noch halsſtar⸗ riger. Sie kam noch einmal wieder und er ſchickte ſie mit Fluͤchen fort. Da wurde all ſein Mehl feucht und ſchimmelig, und Niemand wollte es kaufen. Noch im⸗ Ainsworth, Hexen. III. 2 18 mer blieb er halsſtarrig, und als ſie wieder erſchien, wollte er Hand an ſie legen. Aber ſie erhob ihren Stock und ſagte:„„Ich habe Dir zwei Warnungen ertheilt, Richard, und Du haſt ſie nicht beachtet. Jetzt will ich Dir im Ernſt einen Schlag verſetzen, der Dich ſchmer⸗ zen ſoll. Was Du am meiſten liebſt, ſollſt Du verlie⸗ ren.““ Hierauf fiel ihm ein, daß das Theuerſte, was er auf der Welt beſitze, ſeine Tochter Marie ſei; und da Richard furchtete, daß ihr Etwas zu Leide geſchehen koͤnnte, wuͤnſchte er den Streit mit der alten Hexe wie⸗ der auszugleichen; aber er war jetzt zu weit gegangen und ſie wollte nicht auf ihn hoͤren, ſondern ſprach einige Worte aus, worunter der Name des Maͤdchens vorkam, drohte mit dem Stocke gegen das Haus und entfernte ſich. Am naͤchſten Tage wurde die arme Marie krank und ihr Vater wendete ſich in ſeiner Verzweiflung an die alte Chattor, die ihm Huͤlfe verſprach und ohne Zwei⸗ fel auch ihr Moͤglichſtes that, denn ſie hätte gern ihre Nebenbuhlerin ihrer Beute beraubt; aber die Letztere war ihr zu ſtark und mit dem ungluͤcklichen Schlachtopfer wurde es taͤglich ſchlimmer und ſchlimmer. Ihre bluͤ⸗ hende Wange wurde weiß und hohl, ihre dunklen Augen ſchimmerten von unnatuͤtlichem Glanze und ſie wurde nicht mehr an den Ufern von Pendle Water geſehen. Schon fruͤher hatte der betruͤbte Vater meine Huͤlfe in Anſpruch genommen; ich that Alles, was ich konnte, aber ich wußte, daß ſie ſterben wuͤrde, und ich ſagte es ihm. Ich fuͤrchtete, daß dieſe Nachricht ihn tödten wuͤrde, denn er fiel wie ein Stein zu Boden, und ich bereute, daß ich mich ausgeſprochen. Indeſſen erholte er ſich wieder und wendete ſich noch einmal an Mutter Dem⸗ dike, aber die unverſoͤhnliche Alte verſpottete und ver⸗ fluchte ihn, und ſagte, wenn er ihr auch Alles bringe, was ſeine Muͤhle enthalte, und ſein ganzes Vermoͤgen hinzufuͤge, ſo wuͤrde ſie doch ſein Kind nicht verſchonen. Er kehrte mit gebrochenem Herzen zuruͤck und verließ das Bett des armen Maͤdchens nicht eher, als bis ſie ihren letzten Athemzug gethan.“ „Der arme Richard! ſeiner einzigen Tochter beraubt — und ohne Weib, um ihn zu tröſten! Ich bemitleide ihn aus dem Grunde meines Herzens,“ ſagte Beß, deren Thraͤnen waͤhrend der Erzählung raſch gefloſſen waren. „Er iſt vor Kummer beinahe von Sinnen,“ ſagte der Arzt.„Ich hoffe, er wird keine uͤbereilte Handlung begehen.“ Die ganze Geſellſchaft ſprach ihr tiefes Mitleid we⸗ gen des fruͤhzeitigen Todes der Muͤllerstochter aus und unterredete ſich eben uͤber die ſeltſamen Umſtaͤnde, wo⸗ von derſelbe begleitet geweſen, als ſie plotzlich vor der Thuͤr die Hufſchlaͤge eines Pferdes vernahmen. Im naͤchſten Augenblick trat ein Mann von mittleren Jahren und in tiefer Trauer ins Haus; doch trug er ſeine Klei⸗ der auf ſolche Weiſe, daß dadurch die Zerruͤttung ſeines Geiſtes an den Tag gelegt wurde. Seine Blicke waren wild und verſtoͤrt, ſeine Wangen hohl, und er ſtuͤrzte ſo ploͤtzlich in das Zimmer, daß er anfangs die dort ver⸗ ſammelte Geſellſchaft nicht bemerkte. „Ei, Richard Baldwyn, ſeid Ihr es?“ rief der Wundarzt. „Was! iſt dies der Vater?“ rief Potts, ſein No⸗ 2* 20 tizenbuch hervorziehend;„ich muß mich vorbereiten, ihm einige Fragen vorzulegen.“ „Setze Dich nieder, Richard— ſetze Dich nieder, Mann,“ ſagte Beß, freundlich ſeine Hand ergreifend und ihn zu einer Bank fuͤhrend.„Soll ich Dir Etwas bringen?“ „Nein— nein, Beß,“ verſetzte der Muͤller;„ich habe Alles verloren, was ich auf dieſer Welt ſchaͤtzte, und es liegt mir Nichts daran, wie bald ich ſie ſelber verlaſſe.“ „Nein, rede nicht ſo, Richard,“ ſagte Beß, in To⸗ nen aufrichtiger Theilnahme.„Du wirſt leben und gluͤcklichere Tage ſehen.“ „Ich will leben, um mich zu raͤchen, Beß,“ rief der Muͤller aufſpringend und mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend;„jene verdammte Hexe hat mich des erſten Kleinodes meines Herzens beraubt— ſie hat eine arme Unſchuldige getoͤdtet, die ſie nie mit Gedanken oder That beleidigte— und hat mir den ſchwerſten Schlag verſetzt, den ich erhalten konnte. Aber bei dem Himmel uͤber uns, ich will es ihr vergelten! Eines Vaters ſchwerer und ewiger Fluch falle auf ihr ſchuldiges Haupt, und auf ihr ganzes verfluchtes Geſchlecht! Keine Ruhe bei Nacht oder bei Tage will ich kennen, bis ich ſie auf den Scheiterhaufen gebracht habe.“ „Recht— recht— mein guter Freund— ein vor⸗ trefflicher Entſchluß— bringt ſie auf den Scheiterhau⸗ fen,“ rief Potts. Aber ſeine Begeiſterung wurde ploͤtzlich gehemmt, als er den Waldaufſeher hinter dem Taͤfelwerk hervor⸗ ——————————— 2 blicken ſah. Er ſah den Muͤller an und lenkte deſſen Aufmerkſamkeit auf ihn. Richard Baldwyn folgte mechaniſch den ausdrucks⸗ vollen Geberden des Anwalts, aber er ſah Nichts, denn der Aufſeher war verſchwunden. Die Uebrigen, die zu ſehr durch den Ausdruck des Kummers des armen Baldwyn ergriffen waren, um darauf zu achten, bemerkten den Vorfall nicht. Nach einer Weile war es Beß Whitaker gelungen, den Muͤller zum Niederſitzen zu bewegen, und als er ſich ein wenig faßte, erzaͤhlte er ihr, daß das Leichenge⸗ folge, welches aus einigen von ſeinen Nachbarn beſtehe, die es uͤbernommen, ſeine ungluͤckliche Tochter zu ihrer letzten Heimath zu begleiten, von Rough Lee nach Gold⸗ ſhaw komme; da er aber nicht im Stande geweſen, ihnen Geſellſchaft zu leiſten, ſo ſei er allein fortgeritten. Es ging auch aus ſeinen leiſen Drohungen hervor, daß er einen wilden Vorſatz zur Rache gegen Mutter Dem⸗ dike gefaßt habe, den er in Ausfuͤhrung zu bringen be⸗ abſichtigte, ehe der Tag voruber ſei, aber Herr Potts verſuchte, ihn von ſeiner Abſicht abzubringen, indem er ihm die Verſicherung gab, das ſicherſte und wirkſamſte Mittel, ſich zu raͤchen, ſei durch das Geſetz, und er wolle ihm ſeinen beſten Rath und Beiſtand in dieſer Sache gewaͤhren. Waͤhrend ſie ſo ſprachen, begann die Glocke zu läuten, und jeder Streich ſchien durch das Herz des betrubten Vaters zu gehen, der endlich ſo von Kummer uͤberwältigt wurde, daß die Wirthin es fur noͤthig hielt, ihn in ein inneres Zimmer zu fuͤhren, damit er dort unbemerkt ſeinem Kummer nachhaͤngen koͤnne. 22 Ohne den Ausgang dieſer ſchmerzlichen Scene zu erwarten, ging Richard, der ſehr davon ergriffen war, hinaus, fuͤhrte ſein Pferd aus dem Stalle, in der Ab⸗ ſicht, den Andern langſam vorauszureiten und lenkte das Thier zu dem Kirchhofe hin. Als er nur noch eine kurze Strecke von dem grauen alten Gebaͤude entfernt war, hielt er an. Die Glocke laͤutete noch immer trau⸗ rig und verduͤſterte die ſchwermuͤthige Stimmung ſeiner Gedanken noch mehr. Die traurige Geſchichte, die er gehoͤrt, bemaͤchtigte ſich ſeines Geiſtes und waͤhrend er die arme Marie bemitleidete, begann er Furcht zu hegen, daß Alizon ein aͤhnliches Schickſal treffen moͤchte. So viele ſeltſame Ereigniſſe hatte er waͤhrend ſeines Rittes erlebt; er hatte ſo viele traurige Erzaͤhlungen gehoͤrt, ſo daß er, wenn er ſie mit den ſchrecklichen und geheimniß⸗ vollen Begebenheiten der vorigen Nacht in Verbindung ſetzte, ganz verwirrt war und ſich wie von einem ſcheuß⸗ lichen Alp gedruͤckt fuͤhlte, den er unmoͤglich von ſich abzuſchuͤtteln vermochte. Er dachte an Mutter Demdike und Mutter Chattox. Konnte es dieſen ſchrecklichen We⸗ ſen erlaubt ſein, einen ſo unheilvollen Einfluß auf das Menſchengeſchlecht auszuuͤben? Bei allen unverkenn⸗ baren Proben ihrer Macht, die wir geſehen hatten, be⸗ muͤhte er ſich noch zu zweifeln und ſich zu uͤberreden, daß die verſchiedenen Fälle von Hexerei, die man ihm beſchrieben, nur von furchtſamen und leichtglaͤubigen Menſchen dafuͤr gehalten wurden. Voll von dieſen Betrachtungen, band er ſein Pferd an einen Baum und betrat den Kirchhof; und als er einen Weg verfolgte, der zu der Kirchenthuͤr fuͤhrte und 23 von jungen Linden beſchattet war, bemerkte er in ge⸗ ringer Entfernung vor ſich, in der Naͤhe des vom Abt Cliderhow errichteten Kreuzes, zwei Perſonen, die ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Die eine war der Todten⸗ graͤber, der jetzt tief im Grabe ſtand, und die andere eine alte Frau, die ihm den Ruͤcken wendete. Sie be⸗ merkten ſeine Ankunft nicht, und von einem unerklaͤr⸗ lichen Gefuͤhl der Neugierde getrieben, ſtand er ſtill, um zu beobachten, was ſie vor hatten. Der Todtengraͤber, der die lockere Erde herausſchaufelte, hielt inne, und die alte Frau ſagte mit heiſerer Stimme, die dem Horcher bekannt ſchien: „Was haſt Du gefunden, Zacharias?“ „Gerade was Ihr beduͤrft, Mutter,“ verſetzte der Todtengraber,„einen Todtenkopf mit allen Zaͤhnen darin.“ „Brich acht davon heraus und gieb ſie mir,“ ver⸗ ſetzte die Alte. Und als der Todtengraͤber dieſen Auftrag befolgte, fuͤgte ſie hinzu: „Nun muß ich drei Schaͤdel haben.“ „Hier ſind ſie, Mutter,“ verſetzte Zacharias, einen Haufen Moder mit ſeinem Spaten umruͤhrend.„Zwei Schaͤdel, ſo weiß wie Schnee, und ein dritter, der noch mehr Haar hat, als ich auf meinem Kopfe. Nach ſeiner Groͤße moͤchte ich ihn fuͤr den eines Frauenzimmers hal⸗ ten. Ich habe dieſe drei Schaͤdel fuͤr Euch auf die Seite gelegt. Was wollt Ihr damit thun.“ „Befrage mich nicht, Zacharias,“ ſagte die Alte⸗ „Nun gieb mir einige Stuͤcke von dem modernden Sarge, * 24 und fuͤlle dieſe Schachtel mit dem Staube der Leiche, die ſie enthaͤlt.“ Der Todtengräber fuͤhrte dieſen Auftrag aus. „Nun habt Ihr Alles, was Ihr ſucht, Mutter,“ ſagte er,„und ich muß Euch bitten, Euch zu entfernen, denn die Leute werden ſogleich mit der Leiche kommen.“ „Ich gehe,“ verſetzte die Alte, aber vorher muß ich eine Leichenfeier nach meiner Art halten.— Ha! ha! Begrabe mir dies, Zacharias,“ ſagte ſie, ihm eine kleine Thonfigur gebend.„Begrabe ſie tief, und wenn ſie ſich aufloͤſt, mag Die, welche ſie darſtellt, verkuͤmmern und verwelken, bis ſie ſelber ins Grab ſinkt!“ „Und wen ſtellt die Figur vor, Mutter?“ fragte der Todtengraͤber, das Bild neugierig anſehend.„Ich kenne das Geſicht nicht.“ „Wie ſollteſt Du es auch kennen, alter Narr, da Du die Perſon nie geſehen haſt, die es vorſtellt,“ ver⸗ ſetzte die Alte.„Sie ſteht mit dem Geſchlechte in Ver⸗ bindung, welches ich haſſe.“ „Mit den Demdike's?“ fragte der Todtengraͤber. „Ja,“ verſetzte die Alte,„mit den Demdike's. Sie gilt fur Eine von ihnen, obgleich ſie es nicht iſt. Den⸗ noch haſſe ich ſie, als ob ſie zu ihnen gehoͤrte.“ „Ihr meint doch nicht Alizon Device,“ ſagte der Todtengraber.„Ich habe ſagen hoͤren, daß ſie ſehr huͤbſch und gutherzig iſt, und es ſohlte mir leid thun, wenn ihr Etwas zu Leide geſchähe.“ „Marie Baldwyn, die bald hier liegen wird, war ebenſo huͤbſch und gutherzig, wie Alizon,“ rief die Alte, und doch hatte Mutter Demdike kein Mitleid mit ihr.“ ——,— 25 „Das iſt freilich wahr,“ verſetzte der Todtengräber. „Gut, gut, ich will thun, was Ihr wollt.“ „Halt!“ rief Richard vortretend.„Ich gebe nicht zu, daß dieſer Graͤuel hier vor ſich gehe.“ „Wer ſpricht zu mir?“ rief die Alte ſich umwen⸗ dend und die ſcheußlichen Zuͤge der Mutter Chattor zei— gend.„Es iſt Richard Asſheton's Stimme.“ *„Es iſt Richard Asſheton, welcher ſpricht,“ rief der 6 junge Mann,„und ich befehle Euch, von Eurem gott⸗ loſen Vorhaben abzuſtehen. Gebt mir dieſes thoͤnerne Bild,“ rief er, es dem Todtengraͤber wegreißend und es mit den Fuͤßen zertretend.„So vernichte ich Dein gott⸗ loſes Werk und biete Deinen boͤſen Abſichten Trotz.“ „Ah! meinſt Du das, Junge,“ verſetzte Mutter Chattor,„Du ſollſt finden, daß Du Dich geirrt haſt. Mein Fluch iſt ſchon auf Dich gefallen, und er wird wirken. Du liebſt Alizon— ich weiß es. Aber ſie ſoll nimmer die Deine werden. Nun geh Deiner Wege.“ „Ich will gehen,“ verſetzte Richard;„aber Ihr ſollt mit mir gehen, alte Frau.“ „Wagſt Du Hand an mich zu legen?“ ſchrie die „ Alte. „Nein, laßt ſie gehen, Herr,“ fiel der Todtengraͤber ein;„es iſt beſſer fuͤr Euch.“ „Ihr ſeid eben ſo ſchlecht, wie ſie,“ ſagte Richard, „und verdient gleiche Strafe. Ihr entkamt geſtern in Whalley, alte Frau, aber jetzt ſollt Ihr mir nicht ent⸗ wiſchen.“ „Seid deſſen nicht zu gewiß,“ rief die Alte, ihn durch einen heftigen Schlag mit ihrem Stabe auf den .——— — —— „ 3 † 3 26 Arm auf einen Augenblick laͤhmend; und mit einer Schnelligkeit, die man kaum von ihr haͤtte erwarten ſollen, eilte ſie durch die Pforte in ihrer Nähe und ver⸗ ſchwand hinter der hohen Mauer. Richard wuͤrde ihr gefolgt ſein, doch er wurde von dem Todtengraber zuruͤckgehalten, welcher ihn bat, wenn ihm ſein Leben lieb ſei, ſich nicht in die Sache zu mi— ſchen, und als er ſich endlich von dem alten Manne losriß, konnte er Nichts mehr von ihr ſehen und hoͤrte nur in der Ferne den Hufſchlag eines Pferdes. Entweder taͤuſchten ihn ſeine Augen, oder er ſah wirklich an der Wendung des bewaldeten Weges, der um die Kirche herumfuͤhrte, den Waldaufſeher, die alte Frau hinter ſich auf dem Pferde, davon galoppiren. Dieſer Weg fuͤhrte nach Rough Lee, und ohne einen Augenblick zu zaudern, eilte Richard zu der Stelle, wo er ſein Pferd zuruͤckgelaſſen hatte beſtieg es und ritt raſch auf dem Wege weiter. Sechstes Kapitel. Die Verſuchung. Gleich nach Richard's Entfernung trat ein wohl⸗ beleibter Mann mit roſigem Geſichte herein, deſſen roſt⸗ farbiger Chorrock, den er haſtig uͤber eine dunkle Reit⸗ kleidung gezogen, ihn als einen Geiſtlichen bezeichnete, 27 in das Gaſthaus. Dies war der Pfarrer von Goldſhaw Namens Holden, ein ſehr wuͤrdiger kleiner Mann, ob⸗ gleich er die Freuden der Jagd und die Flaſche vielleicht ein wenig zu ſehr liebte. Roger Nowell und Nicolaus Asſheton war er natuͤrlich wohlbekannt und wurde von dem Letzteren ſehr geſchaͤtzt, da er oft nach Downham heruͤberkam, um zu jagen, zu fiſchen oder mit ihnen zu zechen. Pfarrer Holden war von Beß gerufen worden, um dem armen Richard Baldwyn geiſtlichen Troſt zuzu⸗ ſprechen, der deſſelben ſehr zu beduͤrfen ſchien, und nach⸗ dem er den Friedensrichter reſpectvoll begruͤßt, vor dem er einige Furcht empfand und Nicolaus herzlich die Hand gedruckt hatte, der ſich freute, ihn zu ſehen, begab er ſich in das innere Zimmer und verſprach ſehr bald zu⸗ ruͤckzukehren. Er hielt Wort, denn in weniger als fuͤnf Minuten erſchien er mit der befriedigenden Nachricht wie⸗ der, daß der betruͤbte Muͤller betraͤchtlich ruhiger ſei und ſeine Troſtgruͤnde mit vieler Erbauung angehoͤrt habe. „Bringe ihm ein Glas Aquavitaͤ, Beß,“ ſagte er zu der Wirthin.„Er iſt offenbar zu nuͤchtern, und es wird ihm beſſer werden. Starkes Getraͤnk iſt ein Mittel, welches ich immer unter ſolchen Umſtaͤnden empfehle, Herr Sudall, und in der That auch ſelber anwende, und ich halte mich uͤberzeugt, daß Ihr es billigen werdet.— Hoͤrt, Beß, wenn Ihr fuͤr die Beduͤrfniſſe des armen Baldwyn geſorgt habt, ſo muß ich Eure Aufmerkſamkeit fuͤr meine eigenen in Anſpruch nehmen, und Euch bit⸗ ten mir einen Krug mit Eurem aͤlteſten Ale zu fuͤllen, und mir einen Haferkuchen zu roͤſten, um ihn dazu zu eſſen.— Ich muß meine Lebensgeiſter ſtaͤrken, wuͤrdiger ———— 28 Herr,“ fuͤgte er zu Roger Nowell gewendet hinzu,„denn ich habe eine ſchmerzliche Pflicht zu erfullen. Ich weiß nicht, daß ich je mehr erſchuͤttert worden bin, als durch den Tod der armen Marie Baldwyn. Eine ſchoͤne Blume und fruh abgeknickt.“ „Abgeknickt, in der That, wenn Alles, was wir gehoͤrt haben, wahr iſt,“ verſetzte Mowell.„Der Wald iſt im traurigen Zuſtande, ehrwuͤrdiger Herr. Es ſcheint, als ob der Feind des Menſchengeſchlechts vermoͤge ſeiner verworfenen Diener die Erlaubniß haͤtte, eine unbeſchraͤnkte Herrſchaft uͤber denſelben auszuuͤben. Ich kann nicht umhin zu ſagen, daß die troſtloſe Lage der Leute wenig Vertrauen zu Denen erweckt, welche ſie in ihrer Obhut haben. Die Herrſchaft der Finſterniß haͤtte niemals ſo weit um ſich greifen koͤnnen, wenn man ſich ihr gehoͤrig widerſetzt hätte.“ „Ich beklage Euch ſo reden zu hoͤren, mein guter Herr Nowell,“ verſetzte der Pfarrer.„Ich verſichere Euch, ich habe mein Moͤglichſtes gethan, um meine kleine und weitzerſtreute Heerde zuſammen zu halten, um ſie vor den reißenden Woͤlfen und liſtigen Fuͤchſen zu ſchuͤtzen, die das Land heimſuchen, und wenn ſich hin und wie⸗ der ein Schaf verirrt, oder, wie in Marie Baldwyn's Falle, ein armes Lamm als Schlachtopfer gefallen iſt, ſo bin ich ſchwerlich zu tadeln wegen dieſes Ungluͤcks. Erlaubt mir lieber zu ſagen, mein Herr, daß Ihr als ein thaͤtiger und eifriger Richter die Sache hättet uͤber⸗ nehmen und durch ſtrenges Verfahren mit den Uebertre⸗ tern den Fortſchritt des Uebels hemmen ſollen. Keine geiſtliche Vertheidigung hat ſich bisher gegen ſie wirkſam bewieſen.“ „Richtig bemerkt, ehrwuͤrdiger Herr,“ ſagte Potts von dem Notizenbuche aufblickend, worin er Etwas geſchrie⸗ ben,„und ich bin gewiß, daß Euer Rath bei Herrn Roger Nowell nicht verloren ſein wird. Ueber die Per⸗ ſonen, welche durch Hexerei leiden muͤſſen, hat unſer ſcharfſinniger Monarch bemerkt, daß es drei Arten von Leuten giebt, welche verſucht oder beunruhigt werden koͤn⸗ nen: Die Boͤſen wegen ihren ſchrecklichen Suͤnden, um ſie in gleichem Maße zu beſtrafen; die Gottſeligen, die in ihren Schwaͤchen ſchlummern, um ſie deſto ſchneller durch eine ſolche unfoͤrmliche Geſtalt zu erwecken: und ſelbſt einige von den Beſten, damit ihre Geduld gepruͤft werde vor der Welt, wie es mit Hiob geſchah. Denn warum ſollte nicht Gott irgend eine Art von außeror⸗ dentlicher Strafe anwenden, wenn es ihm gefaͤllt, ſo wie die gewoͤhnlichen Heimſuchungen mit Krankheit oder anderem Ungemach?“ „Sehr wahr, mein Herr,“ verſetzte Holden.„Und wir erdulden jetzt dieſe ſchwere Pruͤfung. Gluͤcklich ſind Die, welche dieſen Wink benutzen.“ „Hoͤrt, was der Koͤnig weiter ſagt, mein Herr,“ fuhr Potts fort.„Kein Menſch, erklaͤrt dieſer weiſe Fuͤrſt, ſollte ſo weit gehen, zu glauben, daß er ungeſtraft davon kommen werde. Aber weiter unten giebt er uns Muth, denn er fuͤgt hinzu: und doch ſollten wir den Muth nicht ſinken laſſen und uns vor dem fuͤrchten, was der Teufel und ſeine boͤſen Werkzeuge gegen uns thun koͤn⸗ nen, denn wir fechten taͤglich auf hundert andere Arten ————————— —— 30 gegen ihn, und ſowie ein tapferer Anfuͤhrer ſich nicht vor dem Kampfe fuͤrchtet, noch ſich durch einen Kano⸗ nenſchuß eben ſo wenig wie durch einen Piſtolenſchuß von ſeinem Vorſatze abbringen laͤßt, obgleich er nicht ge⸗ wiß ſein kann, wer ihn treffen wird, eben ſo ſollen wir kuͤhn und ohne groͤßeren Schrecken in dem Kampfe ge⸗ gen den Teufel vorwaͤrts ſchreiten, denn dies ſind ſeine ſeltenſten Waffen, wovon wir taglich den Beweis haben.“ „Seine Majeſtät hat ganz Recht,“ bemerkte Hol⸗ den,„und es iſt mir lieb, ſeine uͤberzeugenden Worte ſo verſtändig anfuͤhren zu hoͤren. Ich ſelber fuͤrchte mich nicht vor dieſen boͤſen Werkzeugen des Satan.“ „Auf welche Weiſe, wenn ich fragen darf, habt Ihr Euren Muth bewieſen?“ fragte Roger Nowell. „Habt Ihr gegen ſie gepredigt, ihre Bosheit angeklagt und ſie mit dem Donner der Kirche bedroht.“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich das gethan,“ ſagte Holden, ein wenig beſchaͤmt;„aber ich werde kuͤnftig ganz anders handeln— Ah! hier kommt das Ale!“ fugte er hinzu, indem er Beß den ſchaͤumenden Krug abnahm;„dies iſt die beſte Herzſtaͤrkung, womit man in dieſen ſchweren Zeiten der Pruͤfung ſeinen Muth auf⸗ recht erhalten kann.“ „Man muß ein Mittel gegen dieſe unertraͤgliche Plage finden,“ ſagte Roger Nowell, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht;„bis zu dieſem Morgen war es mir unbekannt, wie weit ſich das Uebel erſtreckte, denn ich vermuthete, daß die beiden boshaften Hexen, welche hier zu herrſchen ſcheinen, ihre Operationen darauf be⸗ ſchraͤnkten, Getreide zu verderben, Rindvieh zu verſtuͤm⸗ 31 meln und die Milch ſauer zu machen; und ſelbſt dieſe Geruͤchte hielt ich fuͤr ſehr uͤbertrieben; aber nach dem, was ich in Sabden und anderswo geſehen, finde ich, daß ſie weit hinter der Wirklichkeit zuruͤckbleiben.“ „Es wuͤrde ſchwierig ſein, das Bild noch ſchwaͤrzer zu machen,“ ſagte der Arzt;„aber welche Mittel wollt Ihr anwenden?“ „Das Brenneiſen, mein Herr,“ verſetzte Potts— „das wirkliche Brenneiſen! Wir wollen dieſe Peſtbeule ausbrennen. Die beiden alten Hexen und ihre verderb— liche Brut ſollen auf den Scheiterhaufen gebracht werden. Das wird eine Radikalkur ſein.“ „Es kann wohl ſein, wenn ſie zur Ausfuͤhrung kommt, aber ich glaube, es wird lange waͤhren, ehe das geſchieht,“ verſetzte der Arzt mit zweifelhaftem Kopfſchuͤt— teln. Seid Ihr mit Mutter Demdike's Geſchichte be⸗ kannt, mein Herr?“ fragte er Potts. „Zum Theil,“ verſetzte der Anwalt,„aber es wird mir lieb ſein, wenn Ihr mir etwas Neues uͤber den Zuſtand mittheilen koͤnnt.“ „Das Eigenthuͤmliche bei ihr,“ bemerkte Sudall, „und der Umſtand, der ihre ſchwarze und furchtbare Laufbahn von der einer andern weſentlich unterſcheidet, iſt, daß ſie ihr vom Schickſal vorgezeichnet war. Als ſie noch ein kleines Kind war, ſprach der ungluͤckliche Abt Paslew einen Fluch uͤber ihr Haupt aus. Sie iſt auch der Sproͤßling eines Mannes, von dem behauptet wurde, daß er ſeine Seele an den Feind des Menſchengeſchlechts verkauft habe, waͤhrend ihre Mutter eine Hexe war. 32 Beide Eltern kamen zur Zeit von Paslew's Hinrichtung in Whalley um.“ „Es war Schade, daß ihr elendes Kind nicht auch mit ihr umkam,“ ſagte Holden.„Wie viel Verbrechen und Elend waͤre dadurch erſpart worden!“ „Es war anders beſtimmt,“ verſetzte Sudall.„Auf dieſe Weiſe ihrer Eltern beraubt, wurde fuͤr das Kind geſorgt, und Frau Croft die Frau des Muͤllers in Whal⸗ ley zog es auf; aber ſelbſt in jenen fruͤhen Tagen zeigte ſie eine ſo boshafte und rachſuͤchtige Gemuͤthsart und wurde ſo unbändig, daß die gute Frau froh war, ihrer los zu werden und ſie nach Rough Lee ſchickte, wo ſie bei Miles Nutter, dem Großvater des juͤngſt verſtorbe⸗ nen Richard Nutter, eine Heimath fand.“ „Aha!“ rief Potts,„ſtand Mutter Demdike ſchon ſo fruͤh mit jener Familie in Verbindung? Ich muß mir dieſen Umſtand anmerken.“ „Sie blieb einige Jahre in Rough Lee,“ entgegnete Sudall,„und obgleich man wußte, daß ſie von boͤſer Gemuͤthsart war, ſo konnte man doch zu jener Zeit Nichts gegen ſie vorbringen; obgleich man ihr ſpaͤter ei⸗ nige Unfaͤlle zuſchrieb, die den Nachbaren begegneten, ſo⸗ wie auch, daß ſie beſtaͤndig von einem dienſtbaren Geiſte in Geſtalt einer Ratte oder eines Maulwurfs begleitet war. Ob dies ſo war oder nicht, kann ich nicht ſagen, aber ſo viel iſt gewiß, daß ſie Miles Nutter von ſeiner Frau befreite und ihm eine zweite verſchaffte, fuͤr welche Dienſte er ihr eine alte zerſtörte Burg auf ſeinen Be⸗ ſitzungen ſchenkte.“ „Ihr meinet Malkin Tower,“ ſagte Nicolaus. 6 33 „Ja, Malkin Tower,“ verſetzte der Wundarzt.„Es knuͤpft ſich eine Sage an dies Gebaͤude, die ich Euch ſogleich erzahlen will, wenn Ihr es wuͤnſcht. Aber wei— ter. Kaum hatte Beß Demdike ihre Wohnung in die⸗ ſer einſamen Burg aufgeſchlagen, als ſich das Geruͤcht verbreitete, daß ſie eine Hexe ſei und Hepenverſammlun⸗ gen auf dem Gipfel des Pendle-Huͤgels und auf dem Moor von Rimington beiwohne. Nur Wenige wollten mit ihr umgehen, und Ungluͤck traf Dieſenigen, mit welchen ſie zankte. Obgleich von ſcheußlichem und abſchreckendem Anſehen und bei der Eigenthuͤmlichkeit, daß das eine Auge niedriger als das andere im Kopfe ſtand, war ſie doch ſo ſchlau, einen jungen Mann Namens Sothernes zu bewegen, ſie zu heirathen, und zwei Kinder, ein Sohn und eine Tochter, waren die Fruͤchte dieſer Ver⸗ bindung. „Die Tochter habe ich in Whalley geſehen,“ be⸗ merkte Potts;„der Sohn iſt mir aber nie vorgekommen.“ „Chriſtoph Demdike lebt noch, glaube ich,“ verſetzte der Wundarzt,„obgleich ich nicht weiß, was aus ihm geworden iſt, denn er hat dieſe Gegend verlaſſen. Er ſteht in eben ſo ſchlechtem Rufe, wie ſeine Mutter und hat denſelben ſeltſamen und furchtbaren Blick in den Augen.“ „Wenn ich ihn ſehe, werde ich ihn erkennen,“ ſagte Potts. „Ihr werdet wohl ſchwerlich mit ihm zuſammen⸗ kommen,“ entgegnete Sudall,„denn wie ich bereits ge⸗ ſagt habe, hat ſie den Wald verlaſſen. Aber wieder zu meiner Geſchichte. Der Eheſtand war wenig angemeſſen Ainsworth, Hexen. III. 3 — 34 fuͤr Beß Demdike, und nach fuͤnf Jahren gelang es ihr, ſich von ihrem Manne zu befreien, und ſeitdem herrſchte ſie allein in dem Thurme. Ihr boshafter Einfluß wurde jetzt in dem ganzen Diſtrict gefuhlt, und durch Drohun⸗ gen und durch wirkliches Unheil, welches ſie anrichtete, erpreßte ſie Alles, was ſie forderte. Wer ihr ihre Bit⸗ ten abſchlug, erfuhr ſogleich ihre Rache. Als ſie in der Fuͤlle ihrer Kraft war, erhob ſich eine Nebenbuhlerin in der Perſon Anna Whittle's, ſpäter unter dem Na⸗ men Mutter Chattor bekannt, den ſie durch Verheira— thung erhielt; und dieſes Weib ſtritt mit Beß Demdike um den Vorrang. Jede war bemuͤht, die Anhaͤnger ihrer Nebenbuhlerin zu beſchaͤdigen, und ſchrecklich war das Unheil, welches ſie anrichteten. Endlich aber er⸗ langte Mutter Demdike die Oberhand. Jahre ſind uͤber das Haupt der Alten dahingeflogen, und ihre verbreche⸗ riſche Laufbahn iſt bisher ungeſtraft geblieben. Man hat Plaͤne gemacht, ſie ber Juſtiz zu uͤberliefern, aber ſie ſind immer fehlgeſchlagen. Eben ſo ging es mit Mut⸗ ter Chattor. Ihre Laufbahn war eben ſo verderblich, wie die der Mutter Demdike.“ „Aber ihre Laufbahn iſt bald zu Ende,“ ſagte Potts,„und die Zeit zur Vernichtung der beiden alten Schlangen iſt da.“ „Ah! wer iſt da vor dem Fenſter?“ rief Sudall; „ſaͤßet Ihr nicht hier in meiner Naͤhe, ſo wuͤrde ich be⸗ haupten, Ihr ſaͤhet herein.“ „Es muß der Bruder des Herrn Potts, der Wald⸗ aufſeher ſein,“ bemerkte Nicolaus lachend. „Achtet nicht auf ihn,“ rief der Anwalt aͤrgerlich; ————— 35 „ſondern erzaͤhlt uns die verſprochene Sage von Malkin Tower.“ „Sehr gern!“ verſetzte der Wundarzt.„Aber ehe ich beginne, muß ich mich mit einer Kanne Ale ſtaͤrken.“ Als man ihm den Krug vorgeſetzt, begann Sudall ſeine Erzaͤhlung. Die Sage von Malkin Tower. „Auf dem Gipfel eines hohen Huͤgels, der einen Theil von Pendle bildet und eine ausgedehnte Ausſicht uͤber den Wald und die wilde und gebirgige Gegend umher gewaͤhrt, ſteht ein duͤſterer, einſamer Thurm. Er iſt aus der Zeit der Angelſachſen und von dem north⸗ umberlaͤndiſchen Than Wulſtan zur Zeit Eduard's oder Edred's als eine Veſte erbaut. Er iſt von runder Ge⸗ ſtalt und ſehr hoch, und dient in der ganzen Umgegend als Landzeichen. Zu der Thuͤr, die ſich hoch oben in dem Gebaͤude befindet, gelangte man fruͤher vermoͤge ei⸗ ner ſteilen ſteinernen Treppe; aber dieſe ließ Mutter Dem— dike vor funfzig oder ſechzig Jahren wegnehmen und eine Leiter, die hinaufgezogen und heruntergelaſſen werden konnte, an deren Stelle ſetzen, die, wie es ſcheint, das einzige Mittel iſt, um in das Gebaͤude zu gelangen. Der Thurm iſt ſonſt unzugaͤnglich, denn die Mauern ſind ungeheuer dick und kein Fenſter niedriger, als fuͤnf⸗ undzwanzig Fuß vom Boden, obgleich man glaubt, daß noch ein geheimer Ausgang da ſein muß, denn wenn die alte Hexe herauskommen will, ſo wartet ſie nicht erſt, bis die Leiter heruntergelaſſen wird. Aber dies laͤßt ſich auch anders erklaͤren. Im Innern ſind drei Stockwerke; das„ 3* ————————— 36 niedrigſte iſt mit der Thuͤr gleich hoch, und dies iſt das Gemach, welches die Alte gewoͤhnlich bewohnt. In der Mitte dieſes Zimmers iſt eine Fallthuͤr, die in ein tiefes Gewoͤlbe herunterfuͤhrt, welches das unterſte Stockwerk des Thurmes bildet und einſt als Kerker benutzt wurde; aber jetzt, ſagt man, wird es von einem Teufel bewohnt, den die Hexe heraufrufen kann, wenn ſie mit dem Fuße ſtampft. Rings um das Zimmer laͤuft eine Gallerie, die in der Dicke der Mauern angebracht iſt; zu den obern Zimmern gelangt man vermoͤge einer geheimen Treppe und ſchließt ſie mit beweglichen Steinen, deren Maſchi⸗ nerie nur der Bewohnerin des Thurmes bekannt iſt. Schmale Luftloͤcher erhellen alle Zimmer. So ſeht Ihr, daß die Feſtung noch jetzt im Stande iſt, eine Belage— rung auszuhalten; und man hat die alte Demdike ſa— gen hoͤren, ſie wollte ſie einen Monat lang gegen hun⸗ dert Mann vertheidigen. Bisher iſt ſie nicht einzuneh⸗ men geweſen.“ „Bei der normaͤnniſchen Invaſion hatte Ughtred, ein Nachkomme Wulſtan's, Malkin Tower in Beſitz, der Pendle Foreſt und die umiiegenden Huͤgel behauptete und ſich den Angriffen der Eroberer erfolgreich widerſetzte. Seine Feinde behaupteten, er werde von einem boͤſen Geiſte unterſtutzt, den er ſich durch ein furchtbares Opfer, welches er ihm in dem Thurme dargebracht, geneigt ge⸗ macht, und dieſe Anſicht ſchien ſich durch den beſtändig guͤnſtigen Erfolg ſeiner Kaͤmpfe zu beſtätigen. Ughtred's Tapferkeit wurde durch Grauſamkeit und Raub befleckt. Unerbittlich in der Behandlung ſeiner Gefangenen, die er unter entſetzlichen Qualen toͤdtete oder ſie in den dunk⸗ — 37 len und ungeſunden Kerker ſeines Thurmes ſperrte, hielt er ſeine ſchwelgeriſchen Gelage uͤber ihren Koͤpfen und ſpottete ihres Stoͤhnens und ihrer Klagen. Große Schätze, die er durch Raub erlangt hatte, bewahrte er in dem Thurme auf. Wegen ſeiner haͤufigen verraͤtheriſchen Handlungen und der vielen graͤßlichen Mordthaten, die er beging, wurde Ughtred„die Geißel der Normannen“ genannt. Eine lange Zeit blieb er voͤllig ungeſtraft, aber nach der Belagerung von York und der Niederlage der Inſurgenten, gelobte ihm Ilbert von Lacy, Beſitzer von Blackburnſhire, den Untergang, und dieſer grimmige Haͤupt⸗ ling zuͤndete einen Theil des Waldes an, worin der an⸗ gelſaͤchſiſche Than und ſeine Anhaͤnger verborgen waren; trieb ſie nach Malkin Tower, nahm es nach einer haͤrt⸗ naͤckigen und langen Vertheidigung ein, und nachdem er ſelber einen betraͤchtlichen Verluſt erlitten, toͤdtete ſie alle durchs Schwert, außer dem Anfuͤhrer, den er auf der Hoͤhe ſeiner eigenen Feſtung henkte. In dem Kerker fanden ſich viele Leichen, und der Sieger bereicherte ſich mit dem groͤßten Theil von Ughtred's Schätzen.“ „Noch einmal, unter der Regierung Heinrich des Sechsten, wurde Malkin Tower eine Raͤuberveſte und gewährte einem Freibeuter Namens Blackburn Schutz, der mit einer Bande kuͤhner und verzweifelter Marau⸗ deurs den unruhigen Zuſtand des Landes benutzte, es nah und fern verwuͤſtete, unerhoͤrte Grauſamkeit beging, und ſogar Tribut von den Abteien von Whalley und Salley erhob, ſo daß die Oberhaͤupter dieſer religioͤſen Inſtitute froh waren, Bedingungen mit ihnen einzuge⸗ hen, um ihre Heerden und Vorraͤthe zu retten, um ſo —— 38 mehr da alle Verſuche, ihn aus ſeiner Feſtung zu trei⸗ ben und ſeine Bande zu vernichten, fehlgeſchlagen waren. Blackburn ſchien ſich deſſelben Schutzes zu erfreuen, wie Ughtred, und uͤbte dieſelben Grauſamkeiten aus, indem er ſeine Gefangenen quaͤlte und einkerkerte, wenn ſie nicht mit großen Summen ausgeloͤſt wurden. Er fuͤhrte auch ein ſehr wildes und ausſchweifendes Leben, und wenn er nicht bei einem Raubzuge beſchaͤftigt war, ſo brachte er ſeine Zeit damit zu, mit ſeinen Leuten zu zechen.“ „Bei einer Gelegenheit traf es ſich, daß er verklei⸗ det einen Beſuch in der Abtei zu Whalley machte, und als er an der kleinen Eremitage in der Naͤhe der Kirche voruͤber⸗ ging, erblickte er die Nonne, welche dieſelbe bewohnte. Dies war Iſole von Heton. Von ihrer wunderbaren Schoͤnheit hingeriſſen, fand Blackburn bald eine Gele⸗ genheit, ſie von ſeiner Leidenſchaft in Kenntniß zu ſetzen, und da ihr ſeine ſchoͤnen, wenn gleich wilden Zuͤge ge⸗ fielen, ſo ſeufzte er nicht lange vergebens. Er beſuchte ſie haͤufig in der Kleidung eines Ciſtercienſermonchs, und da man ihn fuͤr einen von den Bruͤdern hielt, ſo brachte ſeine Auffuͤhrung die Abtei in ſchlechten Ruf. Die pflicht⸗ vergeſſene Nonne gebar ihm eine Tochter und das Kind wurde von dem Liebhaber weggenommen und einer Bau⸗ erfrau in Barrowford zum Auferziehen uͤbergeben. Von dieſem Kinde ſtammte Beß Blackburn, die Mutter der alten Demdike, ab, ſo daß die Hexe in gerader Linie eine Nachkomme von Iſole von Heton iſt.“ „Ungeachtet aller Vorſicht wurde Iſolens Vergehen bekannt, und ſie haͤtte es auf dem Scheiterhaufen buͤßen muͤſſen, wenn ſie nicht entflohen waͤre. Als ſie Whal⸗ 39 ley Nab erſtieg, auf deſſen bewaldeten Hoͤhen ſie ver⸗ borgen bleiben ſollte, bis ihr Liebhaber zu ihr komme, fiel ſie von einem Felſen, ſo daß ihre Glieder zerſchmet⸗ tert und ihr Geſicht entſtellt wurde. Einige ſagen, ſie wurde auf Zeit ihres Lebens gelaͤhmt und eben ſo garſtig, wie ſie fruͤher liebenswuͤrdig geweſen war; aber dies iſt irrthuͤmlich, denn da ſie dies fuͤrchtete, ſowie den Ver⸗ luſt ihres Geliebten, rief ſie die Maͤchte der Finſterniß an und bot ihre Seele fuͤr fuͤnf Jahre unverkuͤmmerter Schoͤnheit an.“ „Der Vertrag wurde gemacht, und als Blackburn kam, fand er ſie ſchoͤner, als je. Entzuͤckt von ihren Reizen, brachte er ſie nach Malkin Tower, lebte dort ganz ſicher mit ihr und ſpottete und lachte uͤber die Drohungen des Abtes Eccles, von welchem er excommu⸗ nicirt worden.“ „Die Zeit verging, und da Iſolens Reize keine Veraͤnderung erlitten, ſo blieb die Gluth ihres Liebhabers ungeſchwaͤcht. Fuͤnf Jahre vergingen in verbrecheriſchen Freuden und endlich kam der letzte Tag des beſtimmten Zeitraums. Es war keine Veraͤnderung in Iſolens Be⸗ nehmen zu bemerken, und ſie zeigte weder Reue noch Furcht. Niemals war ſie liebenswuͤrdiger erſchienen— nie in beſſerer und froͤhlicherer Stimmung. Sie bat ihren Liebhaber, der noch immer von ihren hoͤlliſchen Reizen bezaubert war, an dem Abend zehn von ſeinen getreueſten Anhaͤngern ein Banquet zu geben. Er wil⸗ ligte gern ein und lud ſie zu dem Mahle ein. Sie aßen und tranken luſtig, und die heiterſte von der Ge⸗ ſellſchaft war die ſchoͤne Iſole. Ihre Froͤhlichkeit ſchien 40 ſelbſt Blackburn ein wenig zu wild, aber er that ihr kei— nen Zwang an, obgleich er von der außerordentlichen Leb⸗ haftigkeit und Freiheit ihrer Einfaͤlle uͤberraſcht wurde. Ihre Augen flammten wie Feuer, und es war kein Mann gegenwärtig, der nicht wahnſinnig in ſie verliebt und bereit war, mit ſeinem Hauptmann um ihr Lächeln zu kämpfen.“ „Der Wein wurde nicht geſpart und Geſang und Scherze waͤhrten bis Mitternacht. Als die Stunde ſchlug, fullte Iſole einen Becher bis an den Rand und forderte ſie auf, ihr Beſcheid zu thun. Alle ſtanden auf und leerten mit Begeiſterung ihre Becher.„„Das war ein Abſchiedsbecher,““ ſagte ſie.„„Ich gehe mit Einem von Euch fort.““—„„Wie?““ rief Blackburn in zor⸗ niger Ueberraſchung.„„Wer nur Deine Hand beruͤhrt, den ſchlage ich ſogleich zu Boden.““ Die Uebrigen ſa⸗ hen einander mit Ueberraſchung an und jetzt entdeckte man, daß ein Fremder unter ihnen war, ein großer dunkler Mann, deſſen Blicke ſo ſchrecklich und teufliſch waren, daß Niemand Hand an ihn zu legen wagte. „„Ich bin gekommen!““ ſagte er mit furchtbarem Nach⸗ druck zu Iſolen.„„Und ich bin bereit,““ antwortete ſie kuͤhn.„„Ich will mit Dir gehen, und waͤre es in den bodenloſen Abgrund!““ rief Blackburn ſie ergreifend. „„Dorthin gehe ich,““ antwortete ſie mit lautem La⸗ chen.„„Es wird mir lieb ſein, einen Begleiter zu haben.““ „Als der Parorysmus des Lachens voruͤber war, fiel ſie auf den Boden nieder. Ihr Liebhaber wollte ſie aufheben, doch wie groß war ſein Entſetzen, als er ein 41 altes Weib mit graͤßlich entſtellten Zuͤgen und im To⸗ deskampfe in ſeinen Armen hielt. Sie richtete einen Blick auf ihn und gab ihren Geiſt auf“ „Erſchreckt durch dieſes Ereigniß, eilten die Gaͤſte fort, und als ſie am naͤchſten Tage zuruͤckkehrten, fan⸗ den ſie Blackburn voͤllig todt am Boden ausgeſtreckt. Sie warfen ſeine Leiche, nebſt der der elenden Iſole in das Gewoͤlbe unter dem Zimmer, wo ſie lagen, bemaͤch⸗ tigten ſich dann ſeines Schatzes und ſuchten ſich einen andern Schlupfwinkel.“ „Von jetzt an wurde Malkin Tower von Geiſtern beſucht. Obgleich ganz verlaſſen, ſah man Nachts be⸗ ſtaͤndig Licht darin und wilder Laͤrm, mit Geſchrei und Stoͤhnen gemiſcht, drang daraus hervor. Die Geſtalt Iſolens ſah man oft hervorkommen und uͤber die Wuͤſte dahinſchweben nach der Richtung der Abtei Whalley zu. Bei ſtuͤrmiſchen Naͤchten bemerkte man haͤufig eine un⸗ geheure ſchwarze Katze mit flammenden Augen auf dem Gipfel des Gebaͤudes, wovon es ſeinen Namen Grimal⸗ kin oder Malkin Tower erhielt. Das verrufene Gebaͤude kam endlich in den Beſitz der Familie Nutter, doch war es nie bewohnt, bis es, wie bereits erwaͤhnt, der Mut⸗ ter Demdike angewieſen wurde.“ *** Die wunderbare Erzaͤhlung des Arztes wurde von ſeinen Zuhoͤrern mit großer Aufmerkſamkeit angehoͤrt. Die meiſten von ihnen waren bereits mit verſchiedenen Va⸗ riationen derſelben bekannt, aber fuͤr Potts war ſie ganz neu, und er machte ſich raſch Notizen daruͤber und be⸗ — ————— 42 fragte den Erzaͤhler uͤber einen oder zwei Punkte, die ihm einer Erklärung zu beduͤrfen ſchienen. Wie man leicht denken kann, war Nicolaus ganz beſonders bei dem Theile der Erzaͤhlung intereſſirt, der ſich auf Iſole von Heton bezog. Er hoͤrte jetzt zum erſten Male von ihrem unheiligen Umgange mit dem Freibeuter Black⸗ burn, von dem Vertrage mit dem Teufel, den ſie auf Whalley Nab geſchloſſen, von ihrer geheimnißvollen Ver⸗ bindung mit Malkin Tower und daß ſie die Ahnfrau der Mutter Demdike ſei. Die Betrachtung aller dieſer Punkte, vereint mit der lebhaften Erinnerung an ſein eigenes ſeltſames Abenteuer mit der gottloſen Nonne am vorigen Abend in der Abtei, verſenkte ihn in tiefes Nachdenken und er begann ernſtlich zu uͤberlegen, ob er ſich nicht vielleicht eine ſchwere Suͤnde zu Schulden kom⸗ men laſſen und in der That ſein Seelenheil aufs Spiel geſetzt, indem er mit ihr getanzt. „Wie wenn ich daſſelbe Schickſal, wie der Raͤuber Blackburn, haben und von ihr mit ins Verderben gezo⸗ gen werden ſollte?“ dachte er bei ſich ſelber.„Es iſt ein entſetzlicher Gedanke! Aber wenn auch mein Schickſal als Warnung fuͤr Andere dienen koͤnnte, ſo ſtrebe ich doch durchaus nicht nach der Ehre, fuͤr eine moraliſche Vogelſcheuche gehalten zu werden. Ich will lieber ſelber die Warnung benutzen, mein Leben beſſern, die Unmaͤ⸗ ßigkeit aufgeben, die zu jeder Art von Schlechtigkeit fuͤhrt, und mich nicht mehr von den Ränken und Taͤu⸗ ſchungen des Verſuchers in der Geſtalt eines ſchoͤnen Weibes umſtricken laſſen. Nein— nein— ich will mein Leben aͤndern und beſſern.“ Ich bedaure indeſſen ſagen zu muͤſſen, daß dieſe lobens⸗ werthen Entſchluſſe nur voruͤbergehend waren, daß der Squire, ganz vergeſſend, daß das Werk der Beſſerung, wenn man es wirklich zu vollenden beabſichtigt, ſogleich begonnen und kei⸗ neswegs bis morgen verſchoben werden ſollte, ſich den Ver⸗ fuͤhrungen eines friſchen Kruges Sect hingab, der ihm in dieſem Augenblick von Beß praͤſentirt wurde, und indem er ihn annahm, konnte er nicht umhin, der wohlbeleibten Wirthin die Hand zu druͤcken und ſie zaͤrtlicher anzuſehen, als es ſich fuͤr einen Ehemann ſchickte. O! Nicolaus— Nicolaus— ich furchte, das Werk der Beſſerung geht ſehr langſam und unvollkommen bei Dir vor ſich. Dein Freund der Pfarrer Dewhurſt wuͤrde Dir geſagt haben, daß es viel leichter iſt, gute Entſchluͤſſe zu faſſen, als ſie auszufuͤhren. Indem wir indeß den Squire ſeinen Betrachtungen und ſeinem Sect, den Anwalt ſeinem Notizenbuche, worin er noch immer Bemerkungen machte, und die An⸗ dern ihrer Unterhaltung uͤberlaſſen, wollen wir uns in das Zimmer begeben, in welches Beß den armen Muͤl⸗ ler gefuͤhrt hatte. Als der Pfarrer ihn beſuchte, ſchien er ſich durch die Troſtgruͤnde des wuͤrdigen Mannes zu beruhigen, als er aber wieder allein war, verſank er nochmals in ſeine fruͤhere Gemuͤthsſtimmung. Er be⸗ achtete Beß nicht, die nach Holden's Anweiſung die Li⸗ queurflaſche vor ihn hinſetzte, und ſo lange ſie dablieb, hielt er ſein Geſicht mit den Haͤnden bedeckt. Sobald ſie aber fort war, ſtand er auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Das Fenſter war offen und er konnte von Zeit zu Zeit die Todtenglocke hoͤren. Jede 44 Wiederholung des traurigen Tones erhohte die Heftigkeit des Kummers. Sein Leiden wurde faſt unertraͤglich und trieb ihn bis an die Grenze der Verzweiflung und des Wahnſinns. Waäre eine Waffe zur Hand geweſen, ſo wuͤrde er ſie wahrſcheinlich ergriffen und ploͤtzlich ſeinem Leben ein Ende gemacht haben. Seine Bruſt war ein Chaos zorniger und verwirrter Gedanken, worin ſich eine ſchwarze und ſchreckliche Idee erhob und alle uͤbrigen uͤber⸗ wältigte. Es war die gluͤhende Begierde nach vollſtaͤndiger Rache an Derjenigen, die er als die Moͤrderin ſeines Kin⸗ des betrachtete. Es lag ihm Nichts daran, wie ſie ausge⸗ fuͤhrt werde, wenn es nur geſchah; aber ſeine Meinung von der Macht der Alten war ſo groß, daß er ſeine Faͤhigkeit be⸗ zweifelte, die Aufgabe zu erfuͤllen. Sowie die Glocke weiter toͤnte, trieben ihn die Furien ſeines Herzens weiter an und ſchrieen ihm:„Rache— Rache!“ in die Ohren. Jetzt war er in der That wahnſinnig von Kummer und Wuth; er riß Haͤndevoll von ſeinem Haar heraus, er druͤckte ſeine Naͤgel tief in ſeine Bruſt, und während er dieſe und andere wilde Exceſſe beging, rief er mit wahnſin⸗ nigen Fluͤchen das Gericht des Himmels auf ſein eigenes Haupt herab. Er war in jenem verlornen und huͤlf⸗ loſen Zuſtande, wo der boͤſe Feind Macht uͤber den Men⸗ ſchen hat. Auch wurde die Gelegenheit nicht vernach⸗ läſſigt; denn als der ungluͤckliche Baldwyn, erſchoͤpft durch die Heftigkeit ſeiner Aufregung, ſich auf einen Augenblick an die Wand lehnte, bemerkte er zu ſeiner Ueberraſchung, daß ein Mann im Zimmer ſei— ein kleiner ſchwarz gekleideter Mann, den er unter der Geſellſchaft im be⸗ nachbarten Zimmer geſehen zu haben glaubte. ————— — —————————— 45 Das Geſicht dieſes Mannes hatte einen Ausdruck des Hohnes an ſich, der dem Muͤller nicht gefiel. „Laßt das Grinſen, Mann,“ ſagte er wuͤthend, oder ich gerathe in Verſuchung, Euch an die Kehle zu packen, bis Ihr aufhoͤrt zu lachen.“ „Nein, nein, das werdet Ihr nicht thun, Richard Baldwyn, wenn Ihr wißt, weshalb ich komme,“ ver⸗ ſetzte der Mann.„Ihr duͤrſtet nach Rache an Mutter Demdike. Ihr ſollt ſie haben.“ „Ei, Ihr verſprachet mir ſchon vorher Rache,“ rief der Muͤller—„Rache durchs Geſetz. Aber ich muß lange darauf warten. Ich will ſie raſch und ſicher haben — tief und toͤdtlich. Ich will ſie durch Fluͤche vernich⸗ ten, wie ſie meine arme Marie vernichtet hat. Ich will ſie zu meinen Fuͤßen niederſchmettern. Das iſt meine Rache, Mann.“ „Sie ſoll Euch zu Theil werden,“ verſetzte der An⸗ dere. „Ihr ſprecht jetzt anders, als vor einigen Augen⸗ blicken, Mann,“ ſagte der Muͤller, ihn genau und miß⸗ trauiſch anſehend.„Und Ihr ſeht auch anders aus. Ihr habt einen ſeltſamen Schimmer in Euren Augen, den ich vorher nicht bemerkte und der mir nicht gefaͤllt.“ Der Mann lachte bitter. „Laßt das Grinſen, oder geht,“ rief Baldwyn wuͤ⸗ thend. Und er erhob ſeine Hand, um den Mann zu ſchlagen, aber er ließ ſie ſogleich wieder ſinken, erſchrocken uͤber den Blick, den der Andere ihm zuwarf.„Wer zum Teufel, ſeid Ihr?“ „Der Teufel muß Euch antworten, da Ihr Euch —————— S ——— — — ——————— 46 an ihn wendet,“ verſetzte der Andere mit demſelben hoͤh⸗ niſchen Laͤcheln;„aber Ihr irrt, wenn Ihr ſchon vorher mit mir geſprochen zu haben glaubt. Der, mit dem Ihr Euch im andern Zimmer unterredet, gleicht mir in mehr als einer Hinſicht, doch kommt er mir an Kraft nicht gleich. Das Geſetz wird Euch gegen Mutter Dem⸗ dike nicht beiſtehen. Sie wird allen Schlingen, die man ihr ſtellt, entgehen; aber mir wird ſie nicht entgehen“ „Wer ſeid Ihr?“ rief der Muͤller, deſſen Haar ſich auf ſeinem Kopfe empor ſtraͤubte, und dem kalter Schweiß vor die Stirn trat.„Ihr ſeid kein ſterbliches und kein gutes Weſen, da Ihr ſo redet.“ „Einerlei, wer und was ich bin,“ verſetzte der An⸗ dere;„ich bin hier als der Waldaufſeher bekannt— das iſt genug. Wollt Ihr Rache an der Morderin Eures Kindes nehmen?“ „Gewiß,“ verſetzte Baldwyn. „Und Ihr ſeid Willens, die Rache um den Preis Eurer Seele zu erkaufen?“ fragte der Andere ſich ihm naͤhernd. Baldwyn taumelte zuruͤck. Er ſah ſogleich die furcht⸗ bare Gefahr, worin er ſich befand, und wendete ſeinen Blick von den gluͤhenden Augen des Waldaufſehers ab. In dieſem Augenblick ruͤttelte Jemand an der Thuͤr, und man hoͤrte Eliſabeth's Stimme rufen: „Wen haſt Du da bei Dir, Richard, und warum haſt Du die Thuͤr zugemacht?“ „Eure Antwort?“ fragte der Waldaufſeher. „Ich kann ſie jetzt nicht geben,“ verſetzte der Muͤl⸗ ler.„Komm herein, Beß, komm herein.“ 47 „Ich kann es nicht,“ verſetzte ſie.„Oeffne die Thuͤr, Mann.“ „Eure Antwort, ſage ich!“ rief der Waldaufſeher. „Laßt mir eine Stunde Zeit zum Nachdenken,“ ver⸗ ſetzte der Muͤller. „Zugeſtanden,“ verſetzte der Andere.„Ich werde nach dem Leichenbegaͤngniß bei Euch ſein.“ Und er ſprang durchs Fenſter und verſchwand, ehe Baldwyn die Thuͤr oͤffnen und Beß einlaſſen konnte. Siebentes Kapitel. Die Beſichtigung der Grenze. Der Weg, auf welchem Richard Asſheton fortga⸗ loppirte, um Mutter Chattox zu verfolgen, machte ſo viele Wendungen und war uͤberdies ſo von hohen Ufern und Hecken eingeengt, daß er weder auf der einen, noch auf der andern Seite Etwas ſehen, noch auch weit vor⸗ ausblicken konnte; aber von den Hufſchlaͤgen geleitet, trieb er Merlin aufs Aeußerſte an, und glaubte, er wuͤrde die Fluͤchtlinge bald einholen. Darin aber taͤuſchte er ſich. Das Geraͤuſch, welches ihn geleitet hatte, wurde ſchwaͤ⸗ cher und ſchwaͤcher, bis es endlich ganz und gar ver⸗ ſtummte; und als der Hohlweg aufhoͤrte und er das Moor erreichte, wo die Ausſicht frei war, konnte er keine Spur von der Hexe und dem Waldaufſeher entdecken. 48 Mit einem Gefuͤhl des Aergers uber die Taͤuſchung, war Richard im Begriff, umzukehren, als ein großer ſchwarzer Jagdhund aus einer nahen Schlucht hervor⸗ kam und ſich ihm naͤherte. Die Seltenheit dieſes Vor⸗ falles bewog ihn, anzuhalten und das Thier aufmerkſam anzuſehen. Als er ſich ihm naherte, ſah ihm das Thier bedeutungsvoll ins Geſicht und ſchien ihn aufzufordern, ihm zu folgen. Der junge Mann, dem des Hundes Weſen auffiel, folgte ihm und war noch nicht weit ge⸗ kommen, als ein Haſe von ungewoͤhnlicher Groͤße, und grah vor Alter, unter einem Buſche hervorſprang und davon lief, waͤhrend der Jagdhund ihn verfolgte. Mit der herrſchenden Meinung bekannt, daß eine Here eine ſolche Geſtalt annimmt, wenn ſie zu entfliehen oder Unheil anzurichten wuͤnſcht, kam Richard ſogleich zu dem Schluſſe, daß der Haſe Niemand anders, als Mutter Chattor ſei, und ohne ſich Zeit zu laſſen, was der Hund ſein moͤge oder warum er in einem ſo auf⸗ fallenden und anſcheinend glucklichen Augenblick kam, ſchloß er ſich ſogleich der Verfolgung an und trieb den Hund durch lebhaften Zuruf an. 5 So alt auch der Haſe war, ſo lief er doch mit außerordentlicher Schnelligkeit, uͤberſprang jede Stein⸗ mauer und jedes Hinderniß, welches ihm im Wege war, und wich mehr als einmal auf liſtige Weiſe ſeinen Ver⸗ folgern aus. Aber jede Liſt wurde durch den ſchnellen und klugen Hund vereitelt, und endlich begab ſich das verfolgte Thier auf das freie Feld, wo die Verfolgung ſo raſch wurde, daß Richard kaum mit derſelben Schritt 49 zu halten vermochte, obgleich Merlin, faſt eben ſo auf⸗ geregt wie ſein Herr, jede Sehne anſtrengte. Auf dieſe Weiſe ging es uͤber die mit Haidekraut bewachſene Ebene, um den ſumpfigen Pfuhl und uͤber den Graben, bis ſie faſt die hintere Seite des Pendle⸗ huͤgels erreichten, welche ſich wie eine unuͤberſteigliche Schranke vor ihnen erhob. Bisher ſchien der Haſe im Vortheil geweſen zu ſein; aber jetzt wendete ſich das Blatt, und da es ſchien, als werde der Hund ihn gleich packen, ſo erwartete er jeden Augenblick, daß er ſeine natuͤrliche Geſtalt wieder annehmen werde. Die Verfol⸗ gung brachte ihn in die Naͤhe von Barley, deſſen rohe Strohhuͤtten er deutlich ſehen konnte, und der junge Mann glaubte, daß die Alte dort wohne und dorthin eile, um in ihrer Wohnung Zuflucht zu ſuchen. Aber vorher hoffte er ſie gefangen zu nehmen, und er rief noch einmal dem Hunde zu und ſetzte Merlin die Spo⸗ ren in die Seiten. Indeſſen ſtellte ſich ihm ein Hinder⸗ niß in den Weg, worauf er nicht gerechnet hatte. Gerade in der Richtung, die der Haſe eingeſchlagen hatte, befand ſich ein tiefer nicht mehr gebrauchter Steinbruch, der ganz mit Gebuͤſch umgeben war, ſo daß man ihn nicht ſehen konnte. Als er nur noch wenige Schritte von dieſem Abgrunde entfernt war, machte der Hund einen Satz nach dem flie⸗ henden Haſen, verfehlte ihn aber; der letztere ſprang vorwaͤrts und beide ſtuͤrzten zuſammen uͤber den Rand des Steinbruchs. Richard waͤre beinahe gefolgt, und in dieſem Falle wäre er unvermeidlich in Stuͤcke zerſchmet⸗ tert worden; da er aber die Gefahr entdeckte, ehe es zu ſpaͤt war, ſo zog er Merlin mit einer heftigen Anſtrengung, Ainsworth, Hexen. IIl.. 4 wobei dieſer ſich auf die Hanken ſetzte, noch am Rande des Abgrundes zuruͤck. Der junge Mann empfand einen Schauder, als er in die Tiefe des Steinbruchs hinunterblickte und die ſpitzigen Vorſpruͤnge und die gebrochenen Steine ſah, auf die er wuͤrde hingefallen ſein; aber er ſah ſich vergebens nach der alten Hexe um, deren zerſchmetterten Koͤrper er nebſt dem des Hundes zu erblicken erwartete; und er fragte ſich, ob die Jagd nicht ein bloßer Fallſtrick fuͤr ihn geweſen, den die Hexe und ihr dienſtbarer Geiſt ihm gelegt, um ihn ins Verderben zu fuͤhren. Wenn dies der Fall war, ſo hatte ihn die Vorſehung gerettet. Indem er den Steinbruch verließ, war es ſein erſter Gedanke nach Barley zu gehen, welches jetzt nur wenige hundert Schritte entfernt war, um Nachforſchungen we⸗ gen Mutter Chattor anzuſtellen und ſich zu verſichern, ob ſie wirklich dort wohne; bei weiterer Ueberlegung aber hielt er es fuͤr das Beſte, ohne weiteren Aufſchub nach Goldſhaw zuruͤckzukehren, damit ſeine Freunde, die nicht wußten, was ihm begegnet war, ſeinetwegen nicht unru⸗ hig werden moͤchten; aber er beſchloß, ſobald er das ge⸗ genwaͤrtige Geſchaͤft beendet haͤtte, die Hexe weiter zu verfolgen. Da er raſch weiter ritt, ſo hatte er bald den Raum zwiſchen dem Steinbruch und dem Hohlwege von Goldſhaw uͤberſchritten und war im Begriff in den letz⸗ teren einzubiegen, als er Stimmen vernahm, die ein Sterbelied ſangen, und indem er anhielt, um zu hor⸗ chen, erblickte er einen kleinen Zug, der ſeinen langſamen und ſchwermuͤthigen Weg nach derſelben Richtung nahm, und vier Maͤnner in tiefer Trauer gingen voran, die 51 auf ihren Schultern einen kleinen Sarg trugen, der mit einem Leichentuche bedeckt war und auf deſſen Kopfende ein Kranz von weißen Blumen lag. Hinter ihnen folgte etwa ein Dutzend junge Maͤnner und Maͤdchen, gleich⸗ falls in Trauer, die zwei und zwei mit dem Anſehen und Gange unverſtellter Betruͤbniß einhergingen. Viele von den Frauenzimmern, obgleich ſie dem Bauernſtande angehoͤrten, ſchienen große perſoͤnliche Reize zu beſitzen, doch wurden ihre Zuͤge durch die großen weißen Tuͤcher, die ihre Koͤpfe bedeckten, groͤßtentheils verborgen. Alle trugen Rosmarinzweige und Blumenbuͤſchel in den Haͤn⸗ den. Klagend war die Hymne, die ſie ſangen, und ihre Stimmen, wenn gleich nicht ausgebildet, lieblich und ruͤhrend und drangen dem Zuhoͤrer ins Herz. Richard wurde ſehr bewegt und ließ den Leichenzug in dem tiefen und unebenen Hohlwege vorangehen; und der Anblick war unausſprechlich ruͤhrend, als der Zug zwiſchen den Hecken weiter ging. Richard band ſein Pferd am Ende des Hohlweges an einen Baum und folgte zu Fuß. Da man im Dorfe die Annaͤherung des Zu⸗ ges angemeldet hatte, ſo kamen alle Einwohner heraus, um ihn zu ſehen, und kaum war ein Auge thränenleer. Als der Sarg bis zu einer kurzen Entfernung von der Kirche gelangt war, kamen ihm der Pfarrer nebſt dem Fuͤſter entgegen, und hinter ihnen folgten Roger Nowell, Nicolaus und die uͤbrige Geſellſchaft aus dem Gaſthauſe. Nur mit großer Schwierigkeit konnte man den armen Baldwyn dahin bringen, ſeinen Platz als erſter Leidtra⸗ gender einzunehmen. Als dieſe Anordnungen vollendet waren, wurde die Leiche des ungluͤcklichen Maͤdchens auf 4* 52 den Kirchhof getragen, der Geiſtliche las den fur dieſe Gelegenheit beſtimmten feierlichen Text vor und fuͤhrte den Zug zu dem Grabe, neben welchem der Todtengraͤ⸗ ber nebſt dem Buͤttel von Goldſhaw und Sparſhot ſtan⸗ den. Dann wurde der Sarg auf Baͤnke geſetzt und unter tiefem Schweigen Aller, welches nur von dem Schluchzen der Leidtragenden unterbrochen wurde, die Leichenrede gehalten und Vorbereitungen gemacht, den Sarg in das Grab zu ſenken. Da ſturzte ſich der arme Baldwyn mit wildem, herzzerreißendem Schrei auf den Sarg, der Alles enthielt, was von ſeinem verlorenen Kleinode uͤbrig war, und konnte nur mit Muͤhe von Beß und Sudall, welche beide zugegen waren, davon entfernt werden. Die Blu⸗ menſtraͤuße und Rosmarinſtengel wurden von den Maͤd⸗ chen unter lautem Schluchzen und hoͤrbaren Wehklagen der Umſtehenden auf den Sarg niedergelegt, und dann ſenkte man denſelben in das Grab und warf Erde darauf. Erde zur Erde— Aſche zur Aſche— Staub zum Staube. Die Ceremonie war beendet, die Leidtragenden be⸗ gaben ſich in das kleine Gaſthaus und die Zuſchauer zerſtreuten ſich langſam, nur der beraubte Vater zoͤgerte noch, unfaͤhig ſich los zu reißen. Sich an den Taxus⸗ baum lehnend, um ſich zu ſtutzen, befahl er Beß, die ihn mit in ihr Haus fuͤhren wollte, mit Heftigkeit zu gehen. Die gutherzige Wirthin leiſtete ihm zum Schein Folge, blieb aber in der Naͤhe, doch ſo, daß ſie nicht zu ſehen war. Wieder uͤberſchattete die dunkle Wolke den Geiſt des ungluͤcklichen Mannes— wieder bemaͤchtigte ſich ſeiner derſelbe hoͤlliſche Wunſch der Rache— wieder gab er ſich der Verſuchung preis. Zu dem Grabe ſchreitend, erhob er ſeine Hand und gelobte mit ſchrecklichen Verwuͤnſchun⸗ gen, die Moͤrderin ihres Kindes eben ſo tief zu legen, wie dieſes jetzt lag. In dem Augenblick fuͤhlte er, wie ein Auge, wie ein Brennglas, auf ihn gerichtet war, und als er aufblickte, ſah er den Waldaufſeher am an⸗ dern Ende des Grabes ſtehen. „Kniee nieder und ſchwoͤre, daß Du mein ſein willſt, und Dein Wunſch ſoll befriedigt werden,“ ſagte der Waldaufſeher. Außer ſich vor Kummer und Wuth, wuͤrde Bald⸗ wyn eingewilligt haben, waͤre er nicht von einer kraͤfti⸗ gen Hand zuruͤckgehalten worden. Fuͤrchtend, daß er im Begriffe ſei, eine unbeſonnene Handlung zu begehen, eilte Beß herbei und ergriff ſein Wamms. Bedenke, was Du eben von dem Pfarrer gehoͤrt haſt, Richard,“ rief ſie im Tone der feierlichen War⸗ nung.„„Selig ſind die Todten, die in dem Herrn ſterben, denn ſie ruhen von ihrer Arbeit.““ Und dann: „„Laß uns in unſerer letzten Stunde nicht von Dir ab⸗ fallen.“ O theurer Richard, bei der Liebe, die Du zu Deinem armen Kinde hegſt, welches jetzt von der Buͤrde des Fleiſches befreit iſt und in Wonne und Se⸗ ligkeit bei Gott und ſeinen Engeln wohnt, bringe Deine koſtbare Seele nicht in Gefahr. Bete, daß Du in dem Herrn ſterben moͤgeſt, bei dem die Seelen der Gerechten ſind, und unter dieſen, hoffe ich, auch Mariens Seele. Bete, daß Dein Ende gleich dem ihrigen ſei.“ 4 . 54 „Ich kann nicht beten, Beß,“ verſetzte der Muͤller an ſeine Bruſt ſchlagend.„Der Herr hat ſein Antlitz von mir abgewendet.“ „Weil Dein Herz verhaͤrtet iſt, Richard,“ verſetzte ſie.„Du haſt nur ſchwarze und boͤſe Gedanken. Ent⸗ ferne ſie von Dir, ich beſchwoͤre Dich, und komm mit mir nach Hauſe.“ Inzwiſchen war der Waldaufſeher uͤber das Grab geſprungen. „Gieb gleich Deine Antwort,“ ſagte er des Muͤllers Arm ergreifend und ihm die Worte ins Ohr fluͤſternd: „Rache iſt in Deiner Macht. Ein Wort und ſie iſt Dein.“ Der Muͤller ſeufzte tief. Er war einer ſchweren Verſuchung ausgeſetzt. 5„Was ſagt dieſer Mann zu Dir, Richard?“ fragte eß “antwor⸗ „Frage nicht, ſondern bringe mich weg, tete er.„Ich bin ſonſt verloren.“ „Er ſoll nur wagen, Dich mit einem Finger an⸗ zuruͤhren,“ ſagte Beß trotzig. „Laß ihn— Du weißt nicht, wer er iſt,“ fluͤſterte der Muͤller. „Ich kann es ſo ziemlich errathen,“ verſetzte ſie; „aber ich kuͤmmere mich weder um Menſchen noch Teu⸗ fel, wenn ich recht handle. Komm mit mir, Richard.“ „Thor!“ rief der Waldaufſeher in demſelben leiſen Ton, wie vorher;„Du wirſt Deine Rache verlieren, aber mir doch nicht entgehen.“ ————— Und er wendete ſich ab, waͤhrend Beß den zittern⸗ den und geſchwaͤchten Muͤller faſt in ihre Wohnung trug⸗ Roger Nowell und ſeine Freunde hatten nur die Beendigung des Begraͤbniſſes abgewartet, um weiter zu . reiten, und da ihre Pferde in Bereitſchaft waren, ſo be⸗ ſtiegen ſie ſie, als ſie den Kirchhof verließen und ritten langſam in dem Hohlwege fort, der nach Rough Lee fuͤhrte. Die ſchwermuͤthige Scene, die ſie mit angeſehen hatten, und die betruͤbenden Umſtaͤnde, die damit in Verbindung ſtanden, hatten die Geſellſchaft ſchmerzlich beruͤhrt und es wurde wenig geſprochen, bis ſie von dem Pfarrer Holden eingeholt wurden, der von Nicolaus ihr Vorhaben erfahren hatte und begierig war, ſie zu beglei⸗ ten. Bald darauf kam auch der Waldaufſeher zu ihnen, und als Richard ihn ſah, fragte er, warum er Nutter Chattor bei ihrer Flucht von dem Kirchhofe behuͤlflich geweſen, und was aus ihr geworden. „Ihr irrt ganz und gar, mein Herr,“ verſetzte der Waldaufſeher mit verſtelltem Erſtaunen.„Ich habe die Alte durchaus nicht geſehen, und wuͤrde lieber bei ihrer Gefangennahme behuͤlflich ſein, als ſie bei ihrer Flucht un⸗ terſtutzen. Ich habe einen großen Abſcheu vor allen Hexen, und ganz beſonders vor Mutter Chattox.“ „Euer Pferd ſieht freilich ganz friſch aus,“ ſagte Richard, ein wenig erſchuͤttert in ſeinem Verdacht.„Wo ſeid Ihr waͤhrend Eures Aufenthalts in Goldſhaw gewe⸗ ſen? Ihr kehrtet nicht in dem Gaſthauſe ein?“ „Ich ging zum Paͤchter Johnſon,“ verſetzte der Waldaufſeher,„und wenn Ihr Euch erkundigt, werdet Ihr erfahren, daß mein Pferd in der letzten Stunde 56 nicht aus dem Stalle geweſen iſt. Ich ſelber habe mich in Eliſabeth's Scheune und auf ihrem Hofe aufgehalten, wie mir die Knechte bezeugen werden, denn ſie haben mich geſehen.“ „Hm!“ rief Richard,„ich muß wohl Behauptun⸗ gen glauben, die mit ſolcher Zuverſicht gemacht werden, aber ich wuͤrde einen Eid abgelegt haben, daß ich Euch, die alte Hexe hinter Euch auf dem Pferde, davonrei⸗ ten ſehen.“ „Ich hoffe, ich werde nie in ſo ſchlechter Geſellſchaft betroffen werden, mein Herr,“ verſetzte der Waldaufſeher lachend.„Wenn ich mit Jemand davonreite, mein Herr, ſo ſoll es wenigſtens nicht mit einer alten Hexe geſchehen, darauf koͤnnt Ihr Euch verlaſſen.“ Obgleich keineswegs mit dieſer Erklarung zufrieden, war Richard genöthigt, ſich dabei zu beruhigen, doch dachte er, er wolle noch einige Fragen an den Wald⸗ aufſeher richten. „Wißt Ihr mir vielleicht zu ſagen,“ begann er, „wann die Grenzen von Pendle-Foreſt zuerſt beſtimmt und feſtgeſetzt wurden?“ „Die erſte Beſichtigung der Grenzen wurde von Heinrich von Lacy um die Mitte des zwoͤlften Jahr⸗ hunderts vorgenommen,“ entgegnete der Waldaufſeher. „Pendle⸗Foreſt, muͤßt Ihr wiſſen, Herr, iſt eine von den vier Abtheilungen des großen Waldes von Black⸗ burnſhire, von welchem die Lacys Beſitzer waren. Die andern drei Abtheilungen ſind Accrington, Trawden und Roſſendale, und er hat einen Umfang von etwa fuͤnf⸗ undzwanzig Mrilen, wovon Ihr heute einen Theil durch⸗ — 57 wandert ſeid. Zu einer ſpätern Zeit, naͤmlich im Jahre 1311, nach dem Tode eines andern Heinrich von Lacy, Grafen von Lincoln des letzten ſeiner Linie und eines der Tapferſten von den Baronen Eduard des Erſten, wurde eine Beſichtigung des Waldes angeſtellt und der⸗ ſelbe in elf Kuhweiden abgetheilt, und eine von dieſen iſt der Ort, wohin Ihr zu gehen im Begriff ſeid, näm⸗ lich Rough Lee.“ „Der gelehrte Sir Edward Coke erklaͤrt, daß hier eine Kuhweide eine Meierei bedeute,“ bemerkte Potts. „Hier bedeutet der Ausdruck das Gehoͤft und das Land mit einander,“ entgegnete der Waldaufſeher und das Wort Booth, welches in dieſem Diſtrict allgemein gebraucht wird, bezeichnet das auf einem ſolchen Ge⸗ biete errichtete Herrenhaus, und ſo iſt der Wohnſitz der Miſtreß Nutter z. B. Nichts weiter, als die Wohnbude von Rough Lee. Durch eine Commiſſion unter der Re⸗ gierung Heinrich des Siebenten wurden dieſe Pachtun⸗ gen in Erbzinsguͤter verwandelt; da es aber— und das iſt ein juriſtiſcher Gegenſtand fuͤr Eure Erwaͤgung, Herr Potts— ſehr fraglich ſcheint, ob dieſe unter Patenten verliehenen Rechte ſicher ſind, ſo hegen die Landbeſitzer keine unbegruͤndete Furcht, daß die Krone ſich derſelben bemaͤchtigen werde.“ „Ah! eine vortreffliche Idee, Herr Waldaufſeher,“ rief Potts, deſſen kleine Augen vor Freude funkelten. „Unſer gnädiger und ſcharfſinniger Monarch wuͤrde ſich begierig dieſes Winkes und der Laͤndereien dazu bemaͤch⸗ tigen— ha! ha! Vielen Dank fuͤr den Wink, guter Herr. Ich werde nicht verfehlen, denſelben zu benutzen. 3 —— — 58 Wenn ihre Rechte ungewiß ſind, ſo wuͤrden die Landbe⸗ ſitzer froh ſein, die Sache mit der Krone durch einen Vergleich abzumachen und lieber die Haͤlfte ihrer Be⸗ ſitzungen, als das Ganze zu verlieren.“ „Ganz gewiß wuͤrden ſie das,“ entgegnete der Wald⸗ aufſeher,„und uͤberdies wuͤrden ſie auch den Anwalt gut bezahlen, der die Sache geſchickt fuͤr ſie fuͤhrte. Da⸗ durch wuͤrdet Ihr Euren Zweck beſſer erreichen, als durch die Verfolgung von Hexen.“ „Das Eine ſchließt das Andere nicht aus, wuͤrdi⸗ ger Aufſeher,“ entgegnete Potts.„Ich kann nicht ein⸗ willigen, die Verfolgung der Hexen aufzugeben. Meine Ehre iſt bei ihrer Vernichtung betheiligt. Aber um wieder von Pendle-Foreſt zu reden— vermuchlich iſt der groͤßere Theil davon urbar gemacht?“ „Das iſt der Fall,“ verſetzte der Andere,„und wir ſind jetzt in dem Vorholz.“ „Manwood, unſere große Autoritaͤt,“ ſagte Potts, „erklaͤrt ein Vorholz fuͤr ein an den Wald ſtoßendes Territorium, begrenzt und abgeſteckt mit unbeweglichen Marken, Scheiden und Grenzen, die nur durch Ueber— lieferungen bekannt ſind. Und da es ſich auf die gegen⸗ waͤrtige Beſichtigung bezieht, ſo kann ich wohl eben ſo gut wiederholen, was derſelbe gelehrte Schriftſteller uͤber Marken, Scheiden und Grenzen ſagt, und wie ſie zu erkennen ſind. Denn obgleich ein Wald offen daliegt und nicht von Hecken, Gräben, Zaͤunen oder Stein⸗ mauern eingeſchloſſen iſt, gleich andern Einzaͤunungen, ſo hat er doch in dem Auge und in Betracht des Ge⸗ ſetzes, durch dieſe Marken, Scheiden und Grenzen eine 59 eben ſo ſtarke Einfriedigung, als wenn er von einer Mauer von Ziegelſteinen umgeben waͤre. Grenzſcheiden, gelehrter Waldaufſeher, werden fuͤr unbeweglich ge⸗ halten, erſtens, weil ſie unverletzlich ſind und Die, welche ſie verſetzen, von dem Forſtgericht zu beſtrafen ſind. Zwei⸗ tens, weil Grenzſcheiden Dinge ſind, die ſich nicht ver⸗ ſetzen laſſen, als Fluͤſſe, Landſtraßen, Huͤgel und der⸗ gleichen. Nun, haben wir zwiſchen der Beſitzung meines vortrefflichen Clienten des Herrn Roger Nowell und der Beſitzung der Miſtreß Nutter ſolche unbewegliche Mar⸗ ken, Scheiden und Grenzen, ſo daß die vorliegende Sache leicht zu entſcheiden ſein wird.“ Ein eigenthuͤmliches Laͤcheln zeigte ſich in dem Ge⸗ ſichte des Waldaufſehers, doch machte er keine Bemer⸗ kung. „Wenn die Dame nicht den Lauf der Baͤche ver⸗ aͤndern, Berge verſetzen und ungeheure Baͤume verpflan⸗ zen kann, ſo werden wir gewinnen,“ fuhr Potts mit wohlgefaͤlligem Lachen fort. Der Waldaufſeher laͤchelte wieder ohne zu reden. „Ihr redet von Marken, Scheiden und Grenzen, Herr Potts,“ bemerkte Richard.„Sind nicht dieſe Worte gleichbedeutend?“ „Nicht ganz, mein Herr,“ verſetzte der Anwalt; „es iſt ein geringer Unterſchied in ihrer Bedeutung, den ich Euch erklaͤren will. Die Worte des Statuts ſind metas, meras et bundas. Meta oder Marke iſt ein Ge⸗ genſtand, der ſich vom Boden erhebt, wie eine Kirche, eine Mauer oder ein Baum; mera oder Scheide iſt eine Strecke oder Zwiſchenraum zwiſchen dem Walde und —— — — . dem anliegenden Lande, worauf die Marke vielleicht ſteht, und bunda iſt die Grenze, die mit dem Walde in glei⸗ cher Ebene liegt, wie ein Bach, eine Landſtraße, ein Teich oder eine Erhoͤhung.“ „Ich begreife die Unterſcheidung,“ verſetzte Richard. „Und da wir von dieſem Gegenſtande reden,“ fuͤgte er zu dem Waldaufſeher gewendet hinzu,„ſo moͤchte ich gern wiſſen, worin eigentlich Euer Beruf beſteht?“ „Meine Pflicht iſt,“ verſetzte der Andere,„taͤglich durch das Vorholz, ſowie durch die vom Walde befrei⸗ ten Diſtricte zu gehen, von allen Uebertretungen und Vergehungen an Wald, oder Wild Kenntniß zu nehmen und ſie bei dem nächſten koͤniglichen Forſtgerichte vorzu⸗ bringen. Es iſt auch mein Geſchaͤft, das Wild, welches ſich aus dem Walde verirrt hat, in denſelben zuruͤckzu⸗ 3 treiben, den Jagdhunden die Ballen und Klauen abzu⸗ ſchneiden, ſowie jeden Uebertreter oder Verbrecher im Walde verfolgen zu laſſen.“ „Ich wollte, daß dieſes Geſchaͤft, den Hunden Seh⸗ nen und Klauen abzuſchneiden, aufhoͤrte,“ ſagte Richard. „Es thut mir leid, ein edles Thier ſo verſtuͤmmelt zu ſehen.“ „In Bowland⸗-Foreſt, wie Ihr wahrſcheinlich wiſſet,“ verſetzte der Waldaufſeher,„werden nur die großen Bul⸗ lenbeißer gelaͤhmt; der Oberfoͤrſter Squire Robert Par— ker von Browsholme haͤlt ſich einen kleinen Steigbuͤgel oder Maß, und der Hund, deſſen Fuß hindurch kann, entgeht der Verſtuͤmmelung.“ „Es iſt ein grauſames Herkommen, und ich wuͤnſchte, 61 daß es nebſt einigen andern Forſtgeſetzen abgeſchafft wuͤrde.“ Waͤhrend dieſer Unterredung war man raſch auf dem Pfade fortgeſchritten. Der Weg, der nur in Wagenge⸗ leiſen auf dem Raſen beſtand, fuͤhrte zwiſchen bewach⸗ ſenen Huͤgeln dahin, und dann durch ein Dickicht, das offenbar einen Theil des alten Waldes bildete, und brachte ſie zu dem Fuße eines Huͤgels, den ſie erſtiegen und dann in ein anderes Thal gelangten. Hier kamen ſie zu dem Ufer des kleinen Fluſſes Pendle-Water, und indem ſie am Ufer weiter ritten, konnten ſie ſehen, wie der Fluß tief unten uͤber ſein felſiges Bett wie ein Berg⸗ ſtrom dahinrauſchte. Die Scenerie nahm jetzt einen wilden und duͤſtern Charakter an. Die tiefe Schlucht, durch welche der Fluß dahinlief, war offenbar die Wir⸗ kung einer ſchrecklichen Erderſchuͤtterung und die Fels⸗ ſchichten zeigten ſich auf ſeltſame und phantaſtiſche Weiſe. An der entgegengeſetzten Seite erhoben ſich die Ufer ſteil und beſtanden groͤßtentheils aus kahlen Klippen, wenn gleich hie und da ein Baum in einer Spalte Wurzel gefaßt hatte. Weiter unten ſtuͤrzte ſich der Strom in einem breiten und vollen Waſſerfalle von dem Felſen her— unter, ſiedend und ſchaͤumend in dem ſteinernen Baſſin, welches ihn aufgenommen, dann floß er weniger unge⸗ ſtuͤm und lief ein paar hundert Schritte ruhig weiter, wo er kuͤnſtlich durch einen Damm gehemmt wurde, der ihn theilweiſe von ſeiner Richtung ablenkte, und ihn noͤ⸗ thigte die Raͤder einer Muͤhle zu treiben. Hier war die Wohnung des ungluͤcklichen Richard Baldwyn, und hier war die ſo fruͤhzeitig geknickte Blume aufgebluͤht. Die⸗ 62 ſer einſt ſo heitere Ort hatte jetzt ein duͤſtres Anſehen und ſeine Schoͤnheit ſelbſt erhoͤhte noch dieſen traurigen Ein⸗ druck. Das Waſſer floß klar und raſch, aber das Rad ſtand ſtill, Fenſter und Thuͤren waren geſchloſſen und der Tod hielt ungeſtoͤrt ſeinen grimmigen Feiertag. Kein Menſch war in der Umgebung zu ſehen, auch hoͤrte man kein Geraͤuſch, außer dem Bellen des einſamen Waͤchter⸗ hundes. Mancher kummervolle Blick wurde auf dieſe troſtloſe Wohnung gerichtet, als die Geſellſchaft daran voruͤberritt, und mancher Seufzer wurde wegen des ar⸗ men Maͤdchens ausgeſtoßen, welches noch kurzlich der Stolz und der Schmuck derſelben geweſen; aber wer das bittre Laͤcheln, welches des Waldaufſehers Lippe verzog, oder das boshafte Feuer in ſeinen Augen bemerkt, haͤtte kaum denken ſollen, daß er das allgemeine Bedauern theile. Nachdem der Zug an der Muͤhle voruͤber war, zeig⸗ ten ſich noch einige Huͤtten am dieſſeitigen Ufer des Fluſſes, waͤhrend das entgegengeſetzte Ufer mit Holz be⸗ kleidet war. Die Schlucht wurde immer enger und eine ſteinerne Bruͤcke fuͤhrte uͤber den Fluß, und auf derſel⸗ ben Seite, wo die Reiſenden ſich befanden, ſtand eine kleine Gruppe von Haͤuschen, die das kleine Dorf Rough Lee bildeten. Als ſie die Bruͤcke erreichten, wurde Miſtreß Nut⸗ ter's Wohnung ſichtbar, und Nicolaus machte Potts auf dieſelbe aufmerkſam, welcher ſie mit großer Neu⸗ gierde betrachtete. In ſeinen Augen erſchien dieſelbe ſei⸗ ner Beſitzerin völlig angemeſſen und gans dazu geeignet, ſchwarze und verbrecheriſche Thaten zu verbergen. Es 63 war ein duͤſter ausſehendes Gebaͤude von dunklen Sand⸗ ſteinen erbaut, mit hohen viereckigen Schornſteinen und Fenſtern mit ſtarken Fenſterpfoſten. Hohe Steinmauern, grau und moosbewachſen, liefen um die Gaͤrten und Hoöͤfe, außer nach dem Fluſſe zu, wo ſich eine Terraſſe befand, von wo man den Fluß uͤberſah, und welche im Sommer einen angenehmen Spaziergang bildete. Hinter dem Hauſe ſtanden einige alte Eichen und Ulmen, und im Garten einige große beſchnittene Taxusbaͤume. Ein Theil dieſes alten Gebaͤudes ſteht noch jetzt, und hat noch viel von ſeinem urſpruͤnglichen Charakter an ſich, obgleich es in kleinere Theile getheilt iſt und von mehreren armen Familien bewohnt wird. Der Garten iſt in verſchiedene Stuͤcke getheilt, und ehe man dorthin gelangt, muß man ein Labyrinth von niedrigen Steinmauern paſſiren, die mit elenden Schuppen und anderen Gebaͤuden in Ver⸗ bindung ſtehen. Die Terraſſe iſt ſpurlos verſchwunden; die Scheunen und Wirthſchaftsgebaͤude ſind niedergeriſſen, doch iſt noch genug von dem Orte uͤbrig, um ſich einen Begriff von ſeinem urſpruͤnglichen Anſehen und Charak— ter machen zu koͤnnen. Die Lage iſt auffallend und ei⸗ genthuͤmlich. Vorne erhebt ſich ein hoher Huͤgel, der das letzte Glied in der Kette des Pendle bildet, und eine Ausſicht nach Barrowford und Colne gewaͤhrt, an deſſen äußerer Seite, und daher von dem Herrenhauſe aus nicht zu ſehen, Malkin Tower ſtand. Zu der in Rede ſtehenden Zeit war der untere Theil dieſes Huͤgels wohl— bewaldet und von Pendle-Water beſpuͤlt, welcher Bach zwiſchen maleriſchen und ſchoͤnen Ufern dahinfloß, ob⸗ gleich nicht ſo kuͤhn und felſig wie die in der Naͤhe der 64 Muͤhle. Hinter dem Hauſe erhob ſich der Boden nach und nach weiter als eine Viertelmeile, wo er zu einer betraͤchtlichen Hoͤhe gelangte. Dem Laufe des Baches folgend und in die Schlucht hinunter blickend, zeigte ſich noch ein Huͤgel, ſo daß das Haus ganz von ſteilen Ber⸗ gen eingeſchloſſen war. Im Winter, wenn der Schnee auf den Hoͤhen lag oder der Nebel ſie Wochen lang ein⸗ huͤlte oder ein ununterbrochener Regen herunterſtroͤmte, war Rough Lee ziemlich verlaſſen und ſchien von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeſchnitten; aber zu der Jahreszeit, wo die Geſellſchaft es ſah, obgleich der Zu⸗ gang rauh und ſchwierig war, und man faſt nur zu Pferde oder zu Fuß oder in Wagen von der ſtaͤrkſten Bauart hinauf gelangen konnte, hatte der Ort immer einen gewiſſen Reiz, der von ſeiner Abgeſchiedenheit her⸗ ruͤhrte. Die Scenerie war duͤſter und ſtrenge, die Huͤ⸗ gel oͤde und von dunkler Farbe; aber die Wildniß des Ortes ſelbſt war anziehend und das alte Haus mit ſei⸗ nen braunen Mauern, ſeinen Schornſteinen, ſeinem Gar⸗ ten mit den beſchnittenen Taxusbaͤumen und den von Raben bewohnten alten Baͤumen, harmonirte vollkom⸗ men mit ſeiner Umgebung. Als die Geſellſchaft ſich dem Hauſe naͤherte, wurde das Thor von einem alten Pfoͤrtner und zwei andern Dienern geoffnet, welche ſie baten da zu bleiben und ei⸗ nige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen; aber Roger No⸗ well lehnte die Einladung ſtolz und beſtimmt ab und ritt weiter, worauf ihm die Andern folgten, obgleich ei— nige von ihnen die Einladung gern angenommen haͤtten. Kaum waren ſie fort, als James Device, der im 65 Garten geweſen war, aus der Pforte kam und ihnen nacheilte. Als die Geſellſchaft durch ein Gebuͤſch hinter dem Hauſe und einen Hohlweg, zu beiden Seiten mit Stein⸗ mauern verſehen, gekommen war, gefellten ſich einige Leute aus dem Dorfe Rough Lee zu ihnen, und dann naͤherten ſie ſich wieder dem Fluſſe und ritten am Ufer fort. Die Neuangekommenen waren ſaͤmmtlich Dienſtleute und Paͤchter der Miſtreß Nutter, handelten offenbar nach James Device's Anweiſungen, der ſich jetzt dem Trupp angeſchloſſen hatte, und behaupteten laut und feſt, daß die Dame Recht bekommen werde— mit Ausnahme eines alten Mannes Namens Heinrich Mitton, welcher ernſthaft den Kopf ſchuͤttelte, als Jem ſich an ihn wen⸗ dete, und durch kein Bemuͤhen dahin gebracht werden konnte, in das Geſchrei einzuſtimmen. Ungeachtet dieſer Demonſtration waren Roger No⸗ well und ſein Anwalt der feſten Ueberzeugung, daß der Erfolg der Beſichtigung guͤnſtig fuͤr ſie ausfallen werde, und Potts wendete ſich zu Sparſhot, um zu erfahren, ob die beiden Karten, die man ihm zuſammengerollt in Verwahrung gegeben, noch vorhanden waͤren. Nachdem die Geſellſchaft inzwiſchen etwa eine halbe Meile am Ufer von Pendle-Water durch die Schlucht, dicht an dem ſchaͤumenden Strome, fortgeritten war, trat man in ein kleines Dickicht, bog dann links ab, uͤber⸗ ſchritt den Fuß eines Huͤgels und gelangte zu dem Rande eines großen Moor, wo Nowell anzuhalten befahl. Da jetzt angekuͤndigt wurde, daß man ſich auf dem Ainsworth, Hexen. III. 5 ————— 66 beſtrittenen Gebiete befinde, ſo wurden ſogleich Vorbe⸗ reitungen zu der Ueberſicht gemacht. Die Karten wur⸗ den aus einem Futteral hervorgezogen, worin Sparſhot dieſelben ſorgfaͤltig aufbewahrt hatte, und Potts einge⸗ haͤndigt, der Roger Nowell die eine und Nicolaus die andere uberreichte, ſein Notizenbuch oͤffnete und erklaͤrte, daß Alles bereit ſei. Hierauf ritten die beiden Anfuh⸗ rer langſam weiter, wäͤhrend die Uebrigen, deren Neu⸗ gierde aufs Hoͤchſte geſteigert war, ihnen folgten. Roger Nowell hielt ſogleich wieder an und deutete auf ein dichtes Dorngebuͤſch. „Wir ſind jetzt zu einem Walde gekommen, der ei⸗ nen Theil meiner Beſitzung ausmacht, und Burſt Clough heißt,“ ſagte Nowell. „Richtig, mein Herr— richtig,“ rief Potts;„Burſt Clough— hier habe ich es— Grenzen: fuͤnf graue Steine, die hundert Schritte oder ſo von einander ent⸗ fernt ſtehen, und Ihr erhaltet zwanzig Morgen Moor⸗ land. Iſt es nicht ſo, Herr Nicolaus? So iſt die Grenze bezeichnet, wie ich geſagt habe.“ „Das iſt ſie, Herr,“ verſetzte der Squire;„nur mit dem geringen Unterſchiede in der Vertheilung des Landes, daß Miſtreß Nutter zwanzig Morgen erhaͤlt, und Ihr nur zehn.“ „Zehn Teufel!“ rief Roger Nowell wuͤthend.„Zwan⸗ zig Morgen ſind mein, und ich will ſie haben.“ „Zum Beweiſe alſo,“ verſetzte Nicolaus.„Der erſte von den Sandſteinen iſt hier.“ „Und der zweite zur Linken in jener Hoͤhlung,“ ſagte Roger Nowell.„Kommt, meine Herren, kommt.“ 67 „Ja, kommt!“ rief Nicolaus;„dieſe Beſichtigung iſt ein ſeltener Spaß. Wollen wir ein Goldſtuͤck wetten, wer gewinnt, Vetter Richard?“ „Nein, ich will keine Wette daruͤber anſtellen,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann. „Gut, wie Du willſt,“ rief der Squire;„aber ich moͤchte fuͤnf gegen eins ſetzen, daß Miſtreß Nutter den Friedensrichter ſchlaͤgt.“ Inzwiſchen war der ganze Trupp weiter gegangen und bald kamen ſie zu dem zweiten Steine. Grau und moosbewachſen, lag er tief im Boden und hatte allem Anſcheine nach viele Jahre ungeſtoͤrt dort gelegen. „Ihr meßt von dem Thale aus, nicht wahr, mein Herr?“ ſagte Potts zu Nowell. „Gewiß,“ verſetzte der Friedensrichter,„aber wie iſt dies?— Dieſer Stein ſcheint mir dem Thale viel na⸗ her, als er ſonſt zu ſein pflegte“ „Ja, Herr, ſo iſt es,“ ſagte der alte Mitton. „Er ſcheint indeſſen nicht von der Stelle gekommen zu ſein,“ ſagte Nicolaus abſteigend und ihn unterſuchend. „Es ſcheint ſo,“ ſagte Nowell;„und doch iſt er nicht an ſeinem alten Platze.“ „Ihr irrt, mein Herr,“ bemerkte Jem Device,„ich kenne das Land genau, und dieſer Stein hat ſeit den letzten zwanzig Jahren geſtanden, wo er jetzt ſteht. Nicht wahr, Nachbarn?“ „Ja— ja,“ antworteten mehrere Stimmen. „Nun, ſo laßt uns zu dem nächſten Steine gehen,“ ſagte Potts, der ſich nicht zu helfen wußte. Als ſie dann wieder weiter gingen, wechſelten die 5* 68 Bauern bedeutungsvolle Blicke, und Roger Nowell und Nicolaus unterſuchten ſorgfaͤltig ihre Karten. „Dieſe Grenzſteine ſtimmen genau mit meiner Karte uͤberein,“ ſagte der Squire, als ſie bei dem dritten Steine ankamen. „Aber nicht mit der meinen,“ ſagte Nowell.„Die⸗ ſer Stein ſollte zweihundert Schritte weiter zur Rechten ſein. Es iſt irgend ein Betrug vorgegangen.“ „Unmoͤglich!“ rief der Squire,„dieſe gewichtigen Maſſen haͤtten nimmermehr von der Stelle bewegt wer⸗ den koͤnnen. Ueberdies ſind mehrere Perſonen hier, die jeden Zoll des Bodens kennen und ihr unparteiiſches Zeugniß ablegen werden. Was ſagt Ihr, meine Leute? Sind dies die alten Grenzſteine?“ Alle bejahten es, mit Ausnahme des alten Mitton, der noch immer eine andere Meinung ausſprach. „Es ſind freilich die alten Grenzſteine,“ ſagte er, „aber ſie ſind nicht an ihren alten Stellen.“ „Es iſt ganz klar, daß die zwanzig Morgen Mi— ſtreß Nutter gehoͤren,“ ſagte Nicolaus,„und daß Ihr Euch mit zehn begnuͤgen muͤßt, Herr Nowell. Tragt es ein, Herr Potts, wenn Ihr nicht vielleicht den Platz wollt ausmeſſen laſſen.“ „Nein, es iſt nutzlos,“ verſetzte der Friedensrichter heftig;„laßt uns weiter gehen.“ Waährend dieſer Beſichtigung ſchien den Bauern die ganze Gegend einigermaßen veraͤndert, aber wie und auf welche Weiſe, konnten ſie nicht ſagen, und ſie ließen ſich leicht von James Device bewegen, ihr Zeugniß zu Mi⸗ ſtreß Nutter's Gunſten abzulegen. 96 Jetzt erreichte man einen kleinen Bach; an ſeinen mit Schilf bewachſenen Ufern wurde wieder Halt gebo⸗ ten und die Karten befragt. „Was haben wir hier, Herr Potts— Macrken oder Grenzen?“ fragte Richard laͤchelnd. „Beides,“ verſetzte Potts aͤrgerlich.„Dieſer Bach, den ich fuͤr Moß Brook halte, iſt eine Grenze, und dieſe Schafhuͤrde und die beiden Pfoſten, die damit in einer Linie ſtehen, ſind Marken. Aber halt! wie iſt dies?“ rief er, die Karte mit Schrecken anſehend,„die fuͤnf Mor⸗ gen unbebautes Land ſollten links von dem Bache liegen.“ „Ohne Zweifel wuͤrde es Herrn Nowell beſſer ge⸗ fallen, wenn es ſo waͤre,“ ſagte Nicolaus,„da ſie aber zufaͤllig auf der rechten Seite liegen, ſo gehoͤren ſie der Miſtreß Nutter. Ich ſpreche nur nach der Karte.“ „Eure Karte iſt falſch, Herr,“ rief Nowell wuͤthend. „Ich will nicht mit Beſtimmtheit behaupten, durch welche böſe Kuͤnſte dieſe Veraͤnderungen hervorgevracht worden ſind, wenn ich auch einen ziemlich verſtaͤndlichen Wink daruͤber geben kann; aber die verwegene Hexe, die mich getaͤuſcht hat, ſoll es bitter bereuen.“ „Halt! halt! Herr Nowell,“ verſetzte Nicolaus,„ich kann Eurem Zorne Etwas nachſehen, aber ich will nicht zugeben, daß ſo unverantwortliche Beleidigungen gegen Miſtreß Nutter ausgeſprochen werden. Ihr habt Euch da— mit einverſtanden erklaͤrt, mit Sir Ralph Asſheton's Ent⸗ ſcheidung zufrieden zu ſein, und Ihr duͤrft Euch nicht beklagen, wenn ſie gegen Euch ausfaͤllt. Glaubt Ihr, daß dieſer Bach in einer einzigen Nacht ſeinen Lauf kann ——— ————————— .. 3 — 70 veraͤndert haben, oder daß jene Schafhuͤrde auf die an⸗ dere Seite deſſelben gebracht worden?“ „Ja, das glaube ich,“ verſetzte Nowell. „Und ich ebenfalls,“ rief Potts;„es iſt geſchehen durch die Huͤlfe der—“ Und durch einen Blick von dem Waldaufſeher un⸗ terbrochen, ſtotterte er hervor:„der— der Mutter Demdike.“ „Ihr erklaͤrtet doch eben, daß Marken, Scheiden und Grenzen unbeweglich ſeien, Herr Potts,“ ſagte der Waldaufſeher mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln;„Ihr ſcheint Eure Meinung geaͤndert zu haben.“ Der geſchlagene Anwalt war ſtumm. „Herr Roger Nowell muß einen beſſern Vorwand finden, als die Beſchuldigung der Hexerei, um Miſtreß Nutter's Anſpruͤche fuͤr unguͤltig zu erklaͤren,“ ſagte Richard. „Ja, das muß er,“ rief James Device, und die Bauern unterſtuͤtzten ihn. Der Friedensrichter biß ſich aͤrgerlich in die Lippen. „Es iſt Hexerei im Spiel, ich wiederhole es,“ ſagte er. „Ja, das iſt der Fall,“ fuͤgte der alte Mitton hinzu. Aber die Worte waren kaum ausgeſprochen, als James Device ihn mit ſeinem Knittel zu Boden ſtreckte. „Es fehlt nicht viel, ſo gehe ich eben ſo mit Euch um,“ ſagte Jem, Potts mit wildem Blicke anſehend. „Keine Gewaltthaͤtigkeit, Jem,“ rief Nicolaus ge⸗ 71 bieteriſch,„Du ſchadeſt der Sache, der Du dienen willſt, durch Dein gewaltſames Benehmen.“ „Bitte um Verzeihung, Squire,“ verſetzte Jem, „aber ich will keine Luͤgen uͤber Miſtreß Nutter ſagen hoͤren.“ „Niemand ſoll hier ſchlecht von ihr reden,“ riefen die Bauern. „Nun, Herr Nowell,“ ſagte Nicolaus,„ſeid Ihr bereit, ſogleich nachzugeben, oder wollt Ihr die Unter⸗ ſuchung noch weiter fortſetzen?“ „Ich will mich uͤberzeugen, wie groß der mir zuge⸗ fuͤgte Schade iſt, ehe ich inne halte,“ verſetzte der Frie⸗ densrichter aͤrgerlich. „Vorwaͤrts alſo,“ rief Nicolaus.„Unſer Weg geht auf dieſem Fußpfade fort, der ein Gaͤrtchen zur Linken und eine alte Scheuer zur Rechten hat. Hier ſtimmen die Karten uͤberein, nicht wahr, Herr Potts?“ Der Anwalt bejahte es mit Widerſtreben. „Dann kommt eine kleine Quelle mit einem Troge und dann ein Steinbruch— dann eine Anpflanzung, Cat Gallows Wood genannt— vermuthlich, weil einſt ein laͤſtiger Mauſer dort gehenkt worden— und dann ein tiefer, ſumpfiger Pfuhl, Swallow Hole mit Namen. Alles richtig, nicht wahr, Herr Potts? Wir werden jetzt nach Worſton Moor und zu der von Jem Device bewohnten Huͤtte gelangen, der doch vermuthlich die Lage derſelben genau wird angeben koͤnnen.“ „Sehr wahr,“ rief Potts, als ob ihm ein neuer Gedanke einfalle.„Laßt den Kerl vortreten; ich wuͤn⸗ ſche ihm einige Fragen uͤber ſeine Wohnung vorzulegen. ——————— 72 Ich denke, ich werde ihn jetzt fangen,“ fuͤgte er in lei⸗ ſem Tone zu Nowell gewendet hinzu. „Hier bin ich,“ rief Jem, mit frechem und trotzi⸗ gem Blicke vortketend.„Was wollt Ihr von mir?“ „Fuͤr's Erſte will ich Euch warnen, die Wahrheit zu reden,“ begann Potts mit Nachdruck;„denn ich werde Eure Antworten niederſchreiben und ſie werden ſpaͤter wieder gegen Euch vorgebracht werden.“ „Wenn er eine Lüge ſagt, wollen wir ihn einſetzen laſſen,“ ſagte Roger Nowell heftig. „Redet hoͤflich mit mir, und ich werde Euch eine hoͤfliche Antwort geben,“ verſetzte Jem in muͤrriſchem Tone;„aber ich laſſe mich nicht einſchuͤchtern.“ „Zuerſt alſo, koͤnnt Ihr hier Eure Huͤtte ſehen?“ fragte Potts. „Nein,“ verſetzte Jem. „Aber Ihr koͤnnt uns vermuthlich ihre Lage ange⸗ ben,“ fuhr der Anwalt fort. „Gewiß kann ich das,“ verſetzte Jem, ohne auf einen bedeutungsvollen Blick des Walbaufſehers zu ach⸗ ten.„Sie ſteht hinter jener Klippe an der Seite des Moor und hat vorn einen kleinen Graben.“ „Nun bedenkt wohl, was Ihr ſagt, Burſche,“ rief Potts.„Ihr ſeid alſo ganz gewiß, daß die Huͤtte hin⸗ ter der Klippe iſt und daß ſich der Graben vor derſel⸗ ben befindet?“ Der Waldaufſeher huſtete ein wenig, verfehlte aber Jem's Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, welcher raſch antwortete, daß er deſſen ganz gewiß ſei. „Sehr gut,“ ſagte Potts—„Ihr habt alle die 73 Antwort gehoͤrt. Er iſt ſeiner Angabe voͤllig gewiß. Nun werdet Ihr mir auch wohl ſagen koͤnnen, ob die Huͤtte nach Norden oder Suͤden liegt; ob ſich die Thuͤr nach dem Moor oder nach der Klippe zu befindet, und ob dort ein Fußweg iſt, der zu einer Stelle Namens Hook Cliff fuͤhrt?“ In dieſem Augenblick begegnete Jem dem Auge des Walbaufſehers, und der Blick, den ihm dieſer zu⸗ warf, verwirrte ihn gaͤnzlich. „Ich erinnere mich nicht genau, nach welcher Seite ſie liegt,“ antwortete er. „Was! Ihr ſucht Ausfluͤchte, Schurke,“ donnerte Roger Nowell.„Ihr wollt doch nicht behaupten, daß Ihr nicht wißt, wie Eure eigene Wohnung liegt? Kommt mit der Sprache heraus, Burſche, oder Sparſhot ſoll Euch ſogleich verhaften.“ „Ich bin bereit, Euer Gnaden,“ verſetzte der Buͤttel. „Nun gut,“ ſagte Jem, der die Winke des Wald⸗ aufſehers nur unvollkommen verſtand,„die Huͤtte liegt nicht nach Suͤden, noch nach Norden, ſondern nach Weſten, dem Moor gegenuͤber, und es fuͤhrt ein Pfad von dort nach Hook Cliff.“ Als er ausgeſprochen hatte, ſah er an den zorni⸗ gen Geberden des Waldaufſehers, daß er einen Fehler gemacht, aber es war jetzt zu ſpaͤt, ſeine Worte zuruͤck⸗ zunehmen. Indeſſen entſchloß er ſich, einen Verſuch zu machen. „Wenn ich mich aber recht bedenke, bin ich nicht gewiß, daß es wirklich ſo iſt,“ ſagte er. „Ihr muͤßt aber Eurer Sache gewiß ſein, Burſche,“ ſagte Roger Nowell ihn finſter anblickend.„Ihr koͤnnt —— — der Richter ſtrenge. 74 * Euch doch hinſichtlich Eurer eigenen Wohnung nicht ir— ren. Notirt Euch ſeine Beſchreibung, Herr Potts, und fahrt mit Eurem Verhoͤr fort, wenn Ihr ihm' noch mehr Fragen vorzulegen habt.“ „Ich wuͤnſche ihn zu fragen, ob er heute zu Hauſe geweſen iſt,“ ſagte Potts. „Antwortet, Burſche,“ donnerte der Richter. Ehe er antwortete, haͤtte Jem gern den Waldauf— ſeher befragt, doch dieſer hatte ſich im Zorn abgewendet. Da er nicht wußte, ob eine Luͤge ihm nuͤtzen werde, und fuͤrchtete, daß einer von den Umſtehenden ihm wider⸗ ſprechen moͤchte, ſo ſagte er, er ſei ſeit zwei Tagen nicht zu Hauſe geweſen, erſt am letzten Abend ſehr ſpaͤt von Whalley zuruͤckgekehrt und habe in Rough Lee ge⸗ ſchlafen. „Dann koͤnnt Ihr nicht ſagen, welche Veraͤnderun⸗ gen waͤhrend Eurer Abweſenheit in Eurer Wohnung vor⸗ gegangen ſein moͤgen?“ ſagte Potts. „Natuͤrlich nicht,“ verſetzte Jem,„aber ich ſehe nicht ein, wie in ſo kurzer Zeit Veränderungen vorge⸗ hen ſollten.“ „Ich aber ſehe es ein, wenn auch Ihr nicht,“ ſagte Potts.„Gebt mir gefaͤlligſt Eure Karte, Herr Nowell. Ich habe ihm noch eine Frage vorzulegen,“ fuͤgte er hinzu, nachdem er ſie einen Augenblick angeſehen. „Ich will nicht mehr beantworten,“ verſetzte Jem muͤrriſch. „Ihr werdet alle Fragen beantworten, die Herr Potts Euch vorlegt, oder Ihr werdet verhaftet,“ ſagte 7⁵ Jem haͤtte ſich gern aus dem Staube gemacht, da er aber von den beiden Knechten und Sparſhot umringt war, welcher nur ein Zeichen von Nowell erwartete, ihn feſtzunehmen oder zu Boden zu ſchlagen, wenn er zu entfliehen verſuchen ſollte, erklärte er ſich muͤrriſch zu antworten bereit. „Iſt es Euch bekannt, daß die vor uns befindliche Haide Worſton Moor von einem Graben durchſchnitten iſt?“ ſagte Potts. Jem nickte mit dem Kopfe. „Ich muß Euch bitten, beſondere Aufmerkſamkeit auf Euren Plan zu richten, ſowie ich weiter gehe, Herr Nicolaus,“ fuhr der Anwalt fort.„Ich wuͤnſche nun von Euch zu wiſſen, James Device, ob jener Graben das Moor in der Mitte oder an einer Seite durchſchnei⸗ det; und wenn das Letztere der Fall iſt, an welcher Seite? Ich wuͤnſche auch, daß Ihr mich benachrichtigt, wo er anfängt, und' wo er endet?“ Jem kratzte ſich den Kopf und dachte einen Augen⸗ blick nach. „Die Sache erfordert kein Nachdenken, Burſche,“ rief Nowell.„Ich muß eine augenblickliche Antwort haben.“ „Die ſollt Ihr haben,“ verſetzte Jem;„gut alſo, der Graben beginnt in der Naͤhe einer kleinen Erhoͤhung, Turn Head genannt, etwa hundert Schritte von meiner Wohnung, und durchſchneidet die oͤſtliche Seite des Moors, bis er Knowl Bottom erreicht.“ „Ihr wollt dies beſchwoͤren?“ fragte Potts, der kaum im Stande war, ſeine Freude zu verbergen. 76 „Es beſchwoͤren! ja,“ verſetzte Jem. „Ja, wir alle beſchwoͤren es,“ riefen die Bauern einſtimmig. „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ rief Potts vor Freude ſtrahlend,„denn Eure Beſchreibung ſtimmt ge⸗ nau mit Herrn Nowell's Plan uͤberein, und unterſchei⸗ det ſich weſentlich von dem der Miſtreß Nutter, wie Squire Nicolaus Asſheton Euch ſagen wird.“ „Ich kann es nicht laͤugnen,“ verſetzte Nicolaus mit einiger Verwirrung. „Ich habe weſtlich ſagen wollen, anſtatt oͤſtlich,“ rief Jem;„aber Ihr verwirrt Einen ſo mit Euren rich⸗ terlichen Fragen, daß man ſeine rechte Hand nicht von der linken unterſcheiden kann.“ „Ja, ja, wir wollten ſagen weſtlich,“ fuͤgten die Bauern hinzu. „Ihr habt das Gegentheil beſchworen,“ rief No⸗ well.„Nehmt ihn feſt,“ fuͤgte er zu Sparſhot und den Reitknechten gewendet hinzu,„und laßt ihn nicht eher frei, als bis wir die Beſichtigung vollendet haben. Wir wollen jetzt ſehen, in wie weit die Wirklichkeit mit der Beſchreibung uͤbereinſtimmt, und welche teufliſche Poſſen weiter mit der Beſitzung geſpielt worden ſind.“ Hierauf wurde der Trupp wieder in Bewegung ge⸗ ſetzt und James Device ging zwiſchen den beiden Reit⸗ knechten und Sparſhot hinter ihm. Potts war ſo begeiſtert von dem gluͤcklichen Einfall, den er gehabt, und wodurch nach ſeiner Meinung ſein fruͤheres Mißlingen wieder aufgehoben wurde, daß er nicht umhin konnte, Flint ſeine Freude mitzutheilen; und —————— dies geſchah auf ſolche Weiſe, daß das feurige kleine Thier, welches in der letzten Zeit außerordentlich geduldig und fuͤgſam geweſen war, die Sache uͤbel aufnahm und ihn abzuwerfen drohte, wenn er nicht von ſeinen uͤber⸗ triebenen Bewegungen abſtehe, indem er den Wink ſo deutlich und unverkennbar ausſprach, daß er fuͤr den Reiter nicht verloren war, welcher ihn zu beruhigen ſuchte. Im Verhaͤltniß, wie der Muth des Anwalts ſtieg, ſank Jem Device's und ſeiner Begleiter Zuverſicht, denn ſie fuͤhlten, daß ſie in eine Schlinge gerathen waren, aus der ſie ſich nicht leicht losmachen konnten. Jetzt hatten ſie die Grenze von Worſton Moor er⸗ reicht, welches bisher hinter einer mit Buſchwerk bewach⸗ ſenen Erhoͤhung verborgen geweſen, und Jem's Huͤtte, nebſt der Schlucht, dem kleinen Bache und dem Graben waren deutlich zu ſehen. Die Karten wurden wieder zum Vorſchein gebracht und als man ſie verglich, ergab ſich, daß die verſchiedenen Merkmale gerade ſo lagen, wie ſie auf Miſtreß Nutter's Plane angegeben waren, waͤh⸗ rend ſie durchaus nicht mit Jem Device's Angabe uͤber⸗ einſtimmten. Herr Potts erhob ſich hierauf im Steigbuͤgel, gebot Schweigen und redete die Verſammlung an: „Dort ſteht die Huͤtte, und anſtatt hinter der Schlucht zu ſein, iſt ſie auf der einen Seite derſelben, waͤhrend die Thuͤr nicht nach dem Moor zugeht, auch iſt der kleine Bach weder vor der Wohnung, noch auch in der Naͤhe derſelben, waͤhrend der Graben, der die vorzuglichſte Grenzlinie zwiſchen den Beſitzungen bildet, uͤber zweihundert Schritte weiter weſtlich laͤuft, als fruͤher. 78 Nun beobachtet die urſpruͤngliche Stellung dieſer Marken, Scheiden und Grenzen— das heißt, dieſer Huͤtte, dieſer Schlucht, dieſes Baches und dieſes Grabens— ob ſie nicht genau mit der Beſchreibung uͤbereinſtimmt, welche dieſer Device davon gegeben, der an dem Orte wohnt und daher ein Menſch iſt, der genau mit der Localitaͤt bekannt ſein muß; und doch, obgleich er nur zwei Tage abweſend geweſen, ſind die uberraſchendſten Veraände⸗ rungen vorgegangen— ſo daß er kaum den Weg zu ſeinem eigenen Hauſe weiß, und gewiß nimmermehr den Weg finden wuͤrde, von dem er ſagt, daß er nach Hook Cliff fuhrt, da derſelbe durchaus nicht zu ſehen iſt. Be⸗ achtet weiter, daß alle dieſe außerordentlichen und unbe⸗ greiflichen Veränderungen in dem Ausſehen des Landes und in der Stellung der Marken, Scheiden und Gren⸗ zen der Miſtreß Nutter guͤnſtig ſind und ihr den ge— wuͤnſchten Vortheil uͤber meinen geehrten Clienten geben. Sie ſind freilich in Miſtreß Nutter's Plane angegeben; aber wann wurde dieſer Plan gemacht? Meiner Mei⸗ nung nach wurde er erſt entworfen und dann die Ver⸗ aͤnderungen des Bodens durch teufliſche Kuͤnſte hervor⸗ gebracht. Es thut mir leid, Euch dies erklaͤren zu muͤſſen, Hert Nicolaus und Euch ebenfalls, Herr Richard; aber dies iſt meine feſte Ueberzeugung.“ „Und meine auch,“ fuͤgte Nowell hinzu;„und ich beſchuldige hier Miſtreß Nutter der Zauberei und Hepen⸗ kunſt, und ſobald ich zuruͤckkehre, werde ich ſogleich den Befehl ausfertigen, ſie zu verhaften. Sparſhot, bemaͤch⸗ tigt Euch der Perſon des James Device, weil er ſie bei ihren boͤſen Handlungen unterſtuͤtzt hat.“ 79 „Ich will Euch helfen, ihn gefangen zu nehmen,“ verſetzte der Waldaufſeher vorwaͤrts reitend. Wahrſcheinlich geſchah das, um Jem Gelegenheit zur Flucht zu geben, und wenn dies der Fall war, ſo gelang dieſe Abſicht vollkommen, denn als der Waldauf— ſeher ſich unter die Leute draͤngte, die ihn gefangen neh— men wollten, und Sparſhot auf die Seite ſchob, riß ſich der Delinquent von ihnen los, lief mit großer Schnellig⸗ keit uͤber das Moor, erreichte die Schlucht und verſchwand. Nicolaus und Richard verfolgten ihn ſogleich, ſowie auch Herr Potts, aber der Fluͤchtling fuͤhrte ſie auf ſolche Weiſe uͤber den verraͤtheriſchen Sumpf, daß er die Ver— folgung vereitelte. Hier traf den ungluͤcklichen Anwalt ein neues Mißgeſchick und daͤmpfte ſeine Freude in der Stunde des Triumphes. Flint, der die freudigen Stoͤße, die er juͤngſt von den Ferſen des Anwalts empfangen, noch nicht vergeſſen und vergeben zu haben ſchien, machte ploͤtzlich an der Seite eines Sumpfes Halt, beugte ſeinen Kopf nieder, ſchlug mit den Hinterfuͤßen aus und warf ihn hinein. Waͤhrend Potts ſich herausarbeitete, galop— pirte das Pferd auf die Schlucht zu und hatte dieſelbe gerade erreicht, als James Device ploͤtzlich aus dem Dickicht hervorkam und ſich auf ſeinen Ruͤcken ſchwang. 80 Achtes Kapitel. R9 Als die beiden Asſhetons von der erfolgloſen Ver⸗ folgung Jem Device's zuruͤckkehrten, fanden ſie Roger Nowell, der die Bauern anredete, die bei der Flucht ihres Anfuͤhrers ſich auch gern aus dem Staube gemacht haͤtten, waͤren ſie nicht theils durch die kraͤftigen An⸗ ſtrengungen Sparſhot's und der Reitknechte, theils durch die Ermahnungen und Drohungen des Richters und des Pfarrers Holden zuruͤckgehalten worden. Zwei oder drei gingen dennoch durch und flohen uͤber das Moor, wohin der Waldaufſeher ſie verfolgen zu wollen vorgab, waͤhrend Roger Nowell den Zuruͤckbleibenden ſtark ins Gewiſſen redete. „Hoͤrt mich an,“ rief er,„und beachtet wohl, was ich ſage, denn es geht Euch ſehr nahe an. Seltſame und ſchreckliche Dinge ſind auf meinem Wege hierher zu meiner Kunde gekommen. Ich habe ein ganzes Dorf von einer Peſt heimgeſucht— einen armen Hauſirer des Gebrauches ſeiner Glieder beraubt und in Lebensgefahr verſetzt— und ein junges Madchen, welches einſt der Stolz und die Zierde Eures eigenen Dorfes war, von der zaͤrtlichen Sorge eines Vaters hinweggerafft und zu einem fruͤhzeitigen Grabe tragen ſehen. Alle dieſe Dinge habe ich mit eigenen Augen beobachtet und bin entſchloſ⸗ 81 ſen, daß Die, welche dieſes ſchreckliche Unheil angerichtet haben, naͤmlich Mutter Demdike und Mutter Chattor, vor Gericht gezogen werden ſollen. Was Euch getaͤuſchte Opfer jener gottloſen Weiber betrifft, ſo ſehe ich leicht ein, warum Ihr Eure Augen vor ihren Uebelthaten ſchließt. Erſchreckt durch ihre Drohungen, unterwerft Ihr Euch ihren Forderungen und werdet ſo ihre Sclaven— die Sclaven des Satan. Welche elende Knechtſchaft! Ihr gefaͤhrdet dadurch nicht nur das Heil Eurer Seelen, in— dem Ihr Euch mit den Feinden des Himmels verbuͤn⸗ det und Euch unwuͤrdig macht, zu religioͤſen und chriſt— lichen Leuten gerechnet zu werden, ſondern Ihr bringt auch Euer Leben in Gefahr, indem Ihr die Mitſchul⸗ digen der Verbrechen dieſer großen Uebertreter werdet und Euch gleicher Strafe ſchuldig macht. Da Ihr dieſe dro⸗ hende Gefahr ſehet, werdet Ihr wohlthun, ſie zu ver⸗ meiden, ſo lange es noch Zeit iſt. Die Knechtſchaft, die Miſtreß Nutter Euch auferlegt, iſt eben ſo gefaͤhrlich. Was liegt daran, wenn ſie auch Beſitzerin des Landes iſt, welches Ihr pfluͤgt, und der Heerden, die Ihr weidet! Ihr ſeid ihr keine Lehnstreue ſchuldig. Sie hat alle An⸗ ſpruͤche an Euren Dienſt verwirkt— und weit entfernt, ſie zu unterſtuͤtzen, ſolltet Ihr ſie als eine große Ver⸗ brecherin betrachten, die Ihr der Juſtiz zu uͤberliefern verbunden ſeid! Ich habe jetzt unwiderlegliche Beweiſe, daß ſie mit der ſchwarzen Kunſt zu thun hat, und kann darthun, daß ſie durch Zauberei die Merkmale des Bo⸗ dens veraͤndert hat, um mich meines Landes zu berau⸗ ben.“ Jetzt nahm Holden das Thema auf. Ainsworth, Hexen. III. 6 82 „Die Hand des Himmels iſt gegen ſolche Raͤube⸗ reien erhoben,“ rief er.„„Verflucht iſt Der““ ſagt die Schrift,„„der ſeiner Nachbarn Grenzſtein verſetzt.““ Und wieder ſteht geſchrieben:„„Verflucht iſt Der, welcher ſeinen Nachbar hintergeht.“ Beides hat Miſtreß Nut⸗ ter gethan, und fuͤr Beides wird ſie die goͤttliche Strafe treffen.“ „Auch ſoll ſie der irdiſchen Strafe nicht entgehen,“ fuͤgte Nowell ſtrenge hinzu,„denn unſer Herr der Koͤnig hat verordnet, daß Alle, welche einen boͤſen Geiſt anwen⸗ den, um Andern zu ſchaden, der Verraͤtherei fuͤr ſchuldig erachtet werden und den Tod erleiden ſollen. Und der Tod wird ihr Loos ſein, denn ſolche teufliſche Mittel hat ſie ohne allen Zweifel angewendet.“ Hier hielt der Richter einen Augenblick inne, um ſeine Zuhoͤrer anzuſehen, und da er an ihren erſchrocke— nen Blicken bemerkte, daß ſeine Anrede den gewuͤnſchten Eindruck hervorgebracht habe, fuhr er mit erhoͤhter Strenge fort: „Dieſe boͤſen Weiber ſollen das Land nicht laͤnger belaͤſtigen. Sie ſollen verhaftet und vor Gericht gebracht werden, und wenn Ihr Euch bei ihrer Gefangennahme nicht beſonders thaͤtig zeigt und als Zeugen gegen ſie auftretet, ſo wird man Euch als Mitſchuldige an ihren Verbrechen anſehen und danach behandeln.“ Hierauf erklaͤrten die Bauern, die ſehr beunruhigt waren, einſtimmig ihre Bereitwilligkeit zu handeln, wie der Richter es ihnen vorſchreiben wuͤrde. „Ihr handelt weiſe,“ rief Potts,„der jetzt wieder zu der Verſammlung zuruͤckgekehrt war, eben ſo, wie bei 83 ſeinem fruͤheren Mißgeſchick von Kopf bis zu den Fuͤßen mit Schlamm bedeckt.„Miſtreß Nutter und die beiden alten Hexen, die Euch in der Gewalt haben, wuͤrden Euch zum Untergange fuͤhren. Denn Ihr muͤßt wiſſen, daß es der feſte Entſchluß meines geachteten Clienten, des Herrn Roger Nowell, ſowie auch der meine iſt, unſere Anſtrengungen nicht eher einzuſtellen, als bis dieſe verdammenswerthen Hexen, die das Land beunruhigen, hinweggeſchafft ſind, und Niemanden zu verſchonen, der ſie unterſtutzt und ihnen beiſteht.“ Die Bauern ſtarrten ihn an, denn ſo graͤßlich war das Ausſehen des Anwalts, daß ſie faſt glaubten, der boͤſe Feind Hobthurſt rede ſie an. In dieſem Augenblicke naͤherte ſich der alte Harey Mitton. Er hatte ſich einigermaßen von der betaͤuben⸗ den Wirkung des Schlages erholt, den James Device ihm verſetzt, aber er hatte eine offene Wunde am Kopfe, und ſeine weißen Locken waren mit Blut benetzt. Er draͤngte ſich durch die Verſammlung und ſtand vor dem Richter da. „Wenn Ihr eines Zeugen beduͤrft gegen jene ver⸗ ruchte Moͤrderin und Hexe Alice Nutter, ſo ruft mich auf, Herr Roger Nowell,“ ſagte er.„Ich kann meinen Bibeleid darauf ſchwoͤren, daß das ganze Anſehen dieſer Gegend ſeit geſtern Abend durch ihre Zauberkuͤnſte iſt veraͤndert worden. Fordert mich auch auf, von ihrem fruͤheren Leben zu reden— von ihrem vertrauten Um⸗ gange mit Mutter Demdike und der alten Chattox. For⸗ dert mich auf, ihre beſtaͤndige Gegenwart bei Teufelsſab⸗ bathen auf dem Pendlehuͤgel und anderswo zu beweiſen, 6* 84 nebſt andern ſchwarzen und verdammenswerthen Ver⸗ brechen— wozu unter andern die Ermordung ihres Mannes Richard Nutter durch Hexerei gehoͤrt.“ Bei dieſer Anklage wurde die Verſammlung von Entſetzen ergriffen und Herr Potts, der eben von einem der Reitknechte von ſeinen ſchwarzen Flecken gereinigt wurde, rief: „Dies iſt gerade der rechte Mann fuͤr uns, mein vortrefflicher Client. Euer Name und Wohnort, Freund? 2 „Harey Mitton aus Rough Lee,“ verſetzte der Greis. „Ich habe hier ſiebzig Jahre und laͤnger gewohnt und den Vater und Großvater von Richard Nutter gekannt, und auch Alice Nutter, als ſie noch Alice Asſheton war. Ruft mich nur auf, Herr, und Ihr ſollt Alles erfahren, was Ihr zu wiſſen wuͤnſcht.“ „Wir wollen Euch aufrufen, mein guter Freund. rief Potts;„und wenn Ihr eine perſoͤnliche Klage gegen Miſtreß Nutter vorzubringen habt, ſoll Euch volle Ge⸗ rechtigkeit zu Theil werden.“ „Ich habe viel von ihr erdulden müſſen,“ verſetzte Mitton;„aber ich ſpreche nicht von mir ſelber. Es iſt hohe Zeit, daß dem alten Scrat die Klauen beſchnitten werden, und daß es ehrlichen Leuten geſtattet iſt, in Frie⸗ den zu leben.“ „Sehr wahr, mein wuͤrdiger Freund— ſehr wahr,“ ſagte Potts zuſtimmend. Nowell ſchlug jetzt vor, ſogleich nach Whalley zuruck⸗ zukehren, doch Potts war der Anſicht, da ſie gerade in der Naͤhe von Malkin Tower waͤren, daß ſie ſogleich dorthin gehen und Mutter Demdike's Verhaftung bewirken 85 ſollten. Mutter Chattor koͤnne man hernach aufſuchen und gefangen nehmen. Die Gegenwart dieſer beiden Hexen wuͤrde bei Miſtreß Nutter's Verhoͤr von der groͤß⸗ ten Wichtigkeit ſein. Den Fluͤchtling James Device ſollte man im ganzen Walde verfolgen, nachdem man die Nachbarſchaft aufgeboten. In Verlegenheit geſetzt durch das, was ſie hoͤrten, hatten Richard und Nicolaus bisher keinen Antheil an der Unterredung genommen, aber jetzt unterſtuͤtzten ſie den Vorſchlag des Herrn Potts, da ſie hofften, daß die Zeit, welche der Beſuch in Malkin Tower koſten mufßte, der Miſtreß Nutter nuͤtzlich ſein werde; denn ſie zwei⸗ felten nicht, daß ſie durch ihre Anhaͤnger Nachricht von Nowell's Abſicht, ſie zu verhaften, erhalten werde. Dieſer Plan wurde durch Richard Baldwyn's An⸗ kunft noch mehr unterſtuͤtzt, der in dieſem Augenblick in wuͤthender Eile auf die Geſellſchaft zu galoppirt kam. „Nun, habt Shr Euer Geſchaͤft hier beendet, Herr Nowell?“ fragte er athemlos. „Wir haben es in ſo weit beendet, als wir Beweiſe von Hexerei gegen Miſtreß Nutter vorbringen koͤnnen,“ verſetzte Nowell.„Konnt Ihr uns Etwas von ihrem Charakter ſagen, Baldwyn?“ „Ja, das kann ich,“ entgegnete der Muͤller,„und nichts Gutes. Ich wuͤnſche alle dieſe boshaften Hexen brennen zu ſehen, und deshalb komme ich Euch nachge⸗ ritten, Herr Nowell. Ich bedarf Eurer Huͤlfe als Rich⸗ ter gegen Mutter Demdike. Ihr habt einen Conſtable bei Euch und koͤnnt ſie daher verhaften, wenn Ihr wollt.“ „Ihr kommt uns ſehr gelegen, Baldwyn,“ ſagte — 4 —.—————————— 86 Potts.„Wir uͤberlegten eben, ob wir nach Malkin To⸗ wer gehen ſollen.“ „Dann entſchließt Euch dazu,“ verſetzte der Muͤller, „oder die alte Hexe wird Euch entfliehen. Wir muͤſſen ſie unverſehens uͤberfallen.“ „Ich weiß nicht, ob wir ſie unverſehens uͤberfallen werden, Baldwyn,“ ſagte Potts;„aber ich bin entſchie⸗ den der Meinung, daß wir ohne Aufſchub dahin gehen ſollten. Iſt Malkin Tower weit von hier?“ „Ungefahr eine Meile von Rough Lee,“ verſetzte der Muͤller.„Kehrt mit mir in die Muͤhle zuruͤck, wo Ihr einige Erfriſchungen einnehmen koͤnnt. Dann will ich ein Dutzend von meinen Freunden zuſammenbringen und dann wollen wir mit einander nach Malkin Tower gehen.“— „Ein ſehr guter Vorſchlag,“ ſagte Potts,„und ohne Zweifel wird Herr Nowell darauf eingehen.“ „Wir ſind ſchon ſtark genug, ſollte ich denken,“ bemerkte Nowell. „Das ſollte ich auch denken,“ verſetzte Richard. „Einige Dutzend bewaffnete Maͤnner gegen ein armes vertheidigungsloſes Weib ſind doch gewiß genug.“ „Alt, aber nicht vertheidigungslos, Herr Richard,“ entgegnete Baldwyn.„Ihr koͤnnt eine ſolche Expedition nicht mit zu großer Macht antreten. Malkin Tower iſt ein ſehr ſtarker Ort, wie Ihr ſehen werdet.“ „Gut,“ ſagte Nowell,„da wir hier ſind, ſtimme ich Herrn Potts bei, daß es beſſer ſein wuͤrde, dieſe bei⸗ den Verbrecherinnen feſt zu nehmen und ſie nach Whal⸗ 87 ley zu bringen, wo ihr Verhoͤr zugleich mit dem der Miſtreß Nutter ſtattfinden kann. Wir nehmen daher Euer Anerbieten an, uns Erfriſchungen zu verabreichen, da Einige von unſerer Geſellſchaft derſelben beduͤrfen moͤchten, und wir wollen ſogleich zu der Muͤhle reiten.“, „Ein guter Entſchluß, wuͤrdiger Herr,“ ſagte Potts⸗ „Wir wollen die alte Hexe todt oder lebendig fangen,“ rief Baldwyn. „Lebendig— wir muͤſſen ſie lebendig haben, guter Baldwyn,“ ſagte Potts.„Wir muͤſſen ſie auf dem Scheiterhaufen ſterben ſehen.“ „Recht ſo, Mann,“ rief der Muͤller, deſſen Augen vor Wuth funkelten;„das iſt die wahre Rache. Ich will nach Hauſe reiten und Alles fuͤr Euch in Bereit⸗ ſchaft halten. Ihr wißt ja den Weg.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Spo⸗ ren und galoppirte davon. Kaum war er fort, als der Waldaufſeher, der ſich vor ihm verſteckt gehalten, wieder zum Vorſchein kam. „Da Ihr Euch entſchloſſen habt, nach Malkin To⸗ wer zu gehen und Euer Trupp bereits zahlreich genug iſt,“ ſagte er,„ſo werdet Ihr wohl meiner weitern Be⸗ gleitung entbehren koͤnnen. Ich will reiten und James Device aufſuchen.“ „Thut das,“ entgegnete der Richter,„und fordert die Leute in der Gegend zu ſeiner Verfolgung auf.“ „Es ſoll geſchehen,“ verſetzte der Waldaufſeher,„und wenn er gefangen genommen wird, ſoll er nach Whalley gebracht werden.“ 88 Und er ritt auf die Schlucht zu, als haͤtte er die Abſicht, ſeine Worte in Erfuͤllung zu bringen. Jetzt wurde Befehl zum Aufbruch gegeben, nachdem Potts das Pferd eines von den Reitknechten erhalten, welcher zu Fuß ging, und dann trat die Geſellſchaft ihren Ruͤckweg zur Muͤhle an. Sie waren bald wieder am Ufer des Pendle Water und erreichten dann Rough Lee. Als ſie durch das Dickicht hinter dem Hauſe ritten, hielt Roger Nowell einen Augenblick an und ſagte mit grimmigem Laͤcheln zu Richard: „Miſtreß Nutter ſoll nicht mehr in jenes Haus ein⸗ treten. In einer Woche ſoll ſie als ſchwere Verbrecherin in Lancaſter Caſtle gefangen ſitzen und den Lohn fuͤr ihre Schandthaten empfangen. Und nicht nur ſie ſoll dorthin kommen, ſondern auch alle Theilnehmerinnen ihrer Schuld: Mutter Demdike und ihre verfluchte Brut, die Devices; die alte Chattor und Nance Redferne, keine ſoll uns entgehen.“ „Ihr werdet doch Alizon Device nicht mit einſchlie⸗ ßen?“ rief Richard. „Ich ſchließe Alle mit ein und will Niemand ver⸗ ſchonen,“ verſetzte Nowell ſtrenge. „Dann werde ich Euch nicht weiter begleiten,“ ſagte Richard. „Wie!“ rief Nowell,„ſeid Ihr ein Beſchuͤtzer dieſer Hexen? Nehmt Euch in Acht, was Ihr thut, junger Mann. Huͤtet Euch, fuͤr ſie Partei zu nehmen. Ihr werdet Euch ſelbſt verdächtig machen und in ein Netz 89 verwickelt werden, aus dem Ihr nicht ſo leicht entkom⸗ men koͤnnt.“ „Es liegt mir Nichts daran, was mit mir geſchieht,“ verſetzte Richard,„ich werde nimmermehr an einer ſo groben Ungerechtigkeit Theil nehmen, wie Ihr zu bege⸗ hen im Begriffe ſeid. Da Ihr Eure Abſicht ankuͤndigt, die Unſchuldige mit den Schuldigen zu beſtrafen und die ganze Familie wegen der Verbrechen eines oder zweier ihrer Mitglieder zu vernichten, ſo habe ich Nichts mehr damit zu thun. Ihr habt ſchwere Beſchuldigungen ge⸗ gen Miſtreß Nutter erhoben, aber Nichts bewieſen. Ihr behauptet, daß ſie durch Hexerei die Geſtalt Eurer Be⸗ ſitzung verändert hat, aber wie koͤnnt Ihr die Beſchul⸗ digung beweiſen? Der alte Mitton hat ſich freilich als Zeugen gegen ſie angeboten und ſie der gräßlichſten Ver⸗ brechen beſchuldigt, er hat aber zu gleicher Zeit gezeigt, daß er ihr Feind iſt. So aber kann ſein Zeugniß nur mit Zweifel betrachtet werden. Ich will ſie auf bloßen Verdacht hin nicht fuͤr ſchuldig halten und ich laͤugne, daß Ihr mehr Grund habt, worauf Ihr fußen koͤnnt.“ „Ich will die Sache jetzt nicht mit Euch verhan⸗ deln, Herr,“ verſetzte Nowell aͤrgerlich.„Miſtreß Nut⸗ ter wird unparteiiſch verhoͤrt werden, und wenn ich mit einem Beweiſe gegen ſie nicht ausreiche, ſo wird ſie frei⸗ geſprochen werden. Aber ich habe wenig Furcht, daß das Verhoͤr dieſe Folge haben werde,“ fuͤgte er mit un⸗ heimlichem Laͤcheln hinzu. „Ihr ſeid zuverſichtlich, Herr, weil Ihr wißt, daß Alle geneigt ſind, ſie ſchuldig zu finden,“ verſetzte Ri⸗ chard.„Sie wird nicht unparteiiſch verhoͤrt werden. Alle 90 Vorurtheile der Unwiſſenheit und des Aberglaubens, er— hoͤht durch die oͤffentlich bekannt gemachten Anſichten des Koͤnigs, werden gegen ſie geltend gemacht werden. Wäre ſie ſo frei von Verbrechen, oder von jedem Gedanken an ein Verbrechen, wie ein neugebornes Kind, ſo wuͤrde ſie doch ſchwerlich frei ausgehen, wenn ſie einmal des entſetzlichen und unerklaͤrlichen Verbrechens der Hexerei beſchuldigt worden waͤre. Ihr verfahrt mit dem Ent⸗ ſchluſſe gegen ſie, ſie zu vernichten.“ „Ich will es nicht laͤugnen,“ ſagte Roger Nowell, „und bin uͤberzeugt, daß ich der Geſellſchaft einen guten Dienſt leiſten werde, indem ich ſie von einem ſo ver— worfenen Mitgliede befreie. So verhaßt iſt mir das Verbrechen der Hexerei, daß ich, waͤre mein eigener Sohn deshalb in Verdacht, der Erſte ſein wuͤrde, ihn der Gerechtigkeit auszuliefern. Gleich einer ſchaͤdlichen und giftigen Pflanze hat das Verbrechen in dieſem Lande tiefe Wurzel gefaßt und es verbreitet ſeinen ſchaͤdlichen Einfluß umher, ſo daß es, wenn es nicht ganz ausge⸗ rottet wird, immer von Neuem wieder hervorſproſſen und unberechenbares Unheil anrichten kann. Aber das uebel ſoll jetzt von Grund aus geheilt werden. Von den Familien, die ich erwaͤhnt habe, ſoll keine einzige Perſon frei ausgehen, und wenn Miſtreß Nutter ſelber eine Tochter haͤtte, ſo ſollte ſie auch vor Gericht gebracht werden. In ſolchen Faͤllen muͤſſen die Kinder fuͤr die Suͤnden ihrer Eltern leiden.“ „Ihr nehmt alſo keine Ruͤckſicht auf ihre Unſchuld?“ ſagte Richard, denn es war, als ob eine ſchwere Laſt des Elends ihn niederdruͤcke. 91 „Ihre Unſchuld muß vor dem geeigneten Richter⸗ ſtuhle bewieſen werden,“ entgegnete Nowell.„Es iſt nicht meine Sache, ſie zu beurtheilen.“ „Aber Ihr beurtheilt ſie,“ rief Richard heftig.„In⸗ dem Ihr die Anklage macht, wißt Ihr, daß Ihr zu⸗ gleich das Urtheil der Verdammung ausſprecht. Deshalb wuͤrde der menſchliche— ja, der gerechte Mann Be⸗ denken tragen, eine Anklage anzubringen— ſelbſt wenn er die Schuld argwoͤhnte— wo aber gar kein Grund zum Verdachte waͤre, wuͤrde er, ſelbſt von Gefuͤhlen der Feind— ſchaft angetrieben, es ſich niemals geſtatten, der Un⸗ ſchuld Leid zuzufuͤgen.“ „Ihr ſchreibt mir hoͤchſt unwuͤrdige Beweggruͤnde zu, junger Herr,“ verſetzte Nowell ſtrenge.„Ich werde nur von dem Wunſche beſtimmt, Gerechtigkeit ausge⸗ uͤbt zu ſehen, und ich werde nicht von meiner Pflicht abweichen, weil ein liebeskranker Knabe meine Menſch⸗ lichkeit in Frage zieht. Ich begreife wohl, warum Ihr mit ſolcher Waͤrme fuͤr dieſe verworfenen Perſonen ſprecht. Ihr ſeid von der jungen Hexe Alizon Device bezaubert. Ich bemerkte wohl, wie ſehr Ihr geſtern fuͤr ſie einge⸗ nommen waret— und ich hoͤrte, was Sir Thomas Metcalfe daruͤber ſagte. Aber ſeht Euch vor, was Ihr thut. Ihr koͤnnt Leib und Seele in Gefahr bringen, wenn Ihr Euch dieſer unheilvollen Leidenſchaft hingebt. Hexerei wird auf verſchiedene Weiſe ausgeuͤbt. Die, welche darin erfahren ſind, haben nicht nur die Macht zu ver— ſtuͤmmeln und zu toͤdten und anderes Unheil anzurichten, ſondern auch die Neigung zu gewinnen und die Seelen ihrer Opfer in Gefahr zu bringen, indem ſie ſie zu un⸗ 1 ———————— —— —— 92 heiliger Liebe verlocken. Alizon Device iſt ohne Zweifel von huͤbſchem Aeußern, aber wer kann ſagen, woher ſie ihre Schoͤnheit hat. Vielleicht hat die Hoͤlle ſie in ihre gefaͤhrlichen Reize gekleidet. Die Sunde iſt ſchön, aber verderblich, und die Zeit wird kommen, wo Ihr mir danken werdet, daß ich Euch aus den Schlingen dieſer verfuͤhreriſchen Syrene befreit habe Richard ſtieß einen zornigen Ausruf aus. „Nicht jetzt— das erwarte ich nicht— Ihr ſeid zu ſehr von ihr bethoͤrt,“ fuhr Nowell fort;„aber ich beſchwoͤre Euch, dieſe boͤſe und ſinnloſe Leidenſchaft von Euch zu werfen, die Euch zum Untergange fuͤhren wird. Ihr habt gehoͤrt, welche abſcheuliche Dinge bei dieſen Hexenſabbathen vorkommen, und wie koͤnnt Ihr wiſſen, ob nicht irgend ein Teufel Euer Nebenbuhler in Alizon's Liebe iſt?“ „Ihr uͤberſchreitet die Grenze des Erlaubten,“ rief Richard in Wuth verſetzt, ſo daß er ſich nicht maͤßi— gen konnte,„und wenn Ihr nicht augenblicklich dieſe ſchmachvolle Anklage zuruͤcknehmt, ſo ſoll Euch weder Euer Alter, noch Euer Amt ſchuͤtzen.“ „Gluͤcklicherweiſe kann ich mich ſelbſt ſchuͤtzen, jun⸗ ger Mann,“ verſetzte Nowell kalt;„und wenn noch Et⸗ was fehlte, um meinen Verdacht zu beſtätigen, daß Ihr unter einem uͤblen Einfluſſe ſeid, ſo wuͤrde Euer gegen⸗ wärtiges Betragen es außer allen Zweifel ſtellen. Ihr ſeid von dieſem Mädchen behert.“ „Das iſt eine Luͤge!“ rief Richard und erhob ſo⸗ gleich ſeine Hand gegen den Richter; doch Nicolaus trat raſch dazwiſchen. 93 „Nein, Vetter Dick,“ rief der Squire,„dies darf nicht ſein. Du mußt andere Mittel anwenden, das ſchoͤne Maͤdchen zu vertheidigen, deren Unſchuld ich eben ſo ſtandhaft wie Du behaupten werde. Da aber Herr Roger Nowell entſchloſſen iſt, zu aͤußerſten Maßregeln zu ſchreiten, ſo werde ich mir gleichfalls die Erlaubniß neh⸗ men, mich zu entfernen.“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr,“ verſetzte Nowell.„Ihr werdet Euch nicht entfernen, bis ich es fur gut halte. Herr Richard Asſheton, den Reſpect ver⸗ geſſend, den er dem Alter und dem richterlichen Anſehen ſchuldig iſt, hat gewagt, ſeine Hand gegen mich zu er⸗ heben, wofuͤr ich ihn, wenn ich wollte, ſogleich verhaf— ten laſſen koͤnnte. Aber ich habe keine ſolche Abſicht. Im Gegentheil bin ich bereit, die Beleidigung zu uͤber⸗ ſehn und ſie dem Wahnſinn zuzuſchreiben, wovon er be— ſeſſen iſt. Aber Ihr beide irrt Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich Euch geſtatten werde, Euch zuruͤckzuziehen. Als Richter in der Ausuͤbung meiner Pflicht, fordere ich Euch Beide auf, bei der Gefangennahme der beiden be⸗ ruͤchtigten Heren Mutter Demdike und Mutter Chattor behuͤlflich zu ſein und nicht eher davon abzuſtehen oder Euch von mir zu entfernen, bis die Gefangennahme ge⸗ ſchehen iſt. Ihr kennt die Strafe fuͤr die Weigerung.“ „Schwere Geldſtrafe oder Gefangenſchaft, nach der Wahl des Richters,“ bemerkte Potts. „Mein Vetter Nicolaus mag thun, wie ihm be⸗ liebt,“ bemerkte Richard,„aber ich meinen Theils werde keinen Schritt weiter gehen.“ „Auch ich nicht,“ fuͤgte Nicolaus hinzu,„wenn 94 ſich Herr Nowell nicht feierlich verbindlich macht, Nichts gegen Alizon Device zu unternehmen.“ „Ihr koͤnnt keine ſolche Zuſicherung geben, mein Herr,“ fluͤſterte Potts, als er ſah, daß der Richter in ſeinem Entſchluſſe ſchwankend wurde. „Wenn Ihr geht, muͤßt Ihr die Folgen Eurer Weigerung, mit mir zu handeln, tragen,“ ſagte No⸗ well.„Eure Verwandtſchaft mit Miſtreß Nutter wird nicht zu Eurem Vortheil ausgelegt werden.“ „Ich verſtehe die in dieſen Worten enthaltene Drohung,“ ſagte Nicolaus,„und lache daruͤber. Ri⸗ chard, mein Junge, ich gehe mit Dir. Laß ihn die Hexen ſelber fangen, wenn er kann. Ich gehe keinen Zoll weiter mit ihm.“ „So lebt denn wohl, meine Herren,“ verſetzte Ro⸗ ger Nowell.„Es thut mir leid, mich ſo von Euch zu trennen, aber wenn wir uns wiederſehen—“ Und er hielt inne. „Sehen wir uns vermuthlich als Feinde wieder,“ fuͤgte Nicolaus hinzu. „Nicht mehr als Freunde,“ verſetzte der Richter kalt. Mit dieſen Worten ritt er mit dem noch uͤbrigen Trupp weiter, waͤhrend die beiden Asſhetons nach augen⸗ blicklicher Berathung durch ein Thor eintraten und ihren Weg zu der Hinterſeite des Hauſes nahmen, wo ſie ei⸗ nige Leute als Waͤchter aufgeſtellt fanden, von welchen ſie eine Nachricht erhielten, die ſie veranlaßte, ſo⸗ gleich von ihren Pferden zu ſpringen und in das Haus zu eilen. Am Haupteingange des Hauſes angekommen, wel⸗ 95 cher aus großen eiſernen Gitterthoren beſtand und eine Ausſicht auf den Garten und die Fronte des Hauſes ge⸗ waͤhrte, ließ Roger Nowell wieder Halt machen, und auf ſeine Bitte redete Potts den Pfoͤrtner und zwei andere Dienſtleute, die ebenfalls im Garten ſtanden, auf fol— gende Weiſe an: „Habt wohl Acht auf das, was ich Euch ſage, meine Leute,“ rief er mit lauter und gebieteriſcher Stimme.„Noch heute wird ein Befehl ausgefertigt werden, Alice Nutter von Rough Lee, in deren Dienſte Ihr bisher geweſen, zu verhaften, da ſich dieſelbe des ſchrecklichen Verbrechens der Heperei, ſowie boͤſe Gei⸗ ſter gegen alle goͤttlichen und menſchlichen Geſetze und mit ausdruͤcklicher Verletzung des Statuts Seiner Ma— jeſtaͤt anzurufen, zu befragen, zu beſchäftigen und zu belohnen, ſchuldig gemacht. Nun wird Euch hiermit angezeigt, daß, wenn die erwähnte Alice Nutter ſpäter einmal in dieſe ihre fruͤhere Wohnung zuruͤckkehren oder Zuflucht darin ſuchen ſollte, daß Ihr verbunden ſeid, ſie ſogleich dem nächſten Conſtable auszuliefern, um vor den wuͤrdigen Herrn Roger Nowell, Friedensrichter zu Read, gefuͤhrt und wegen dieſer Beſchuldigungen ver⸗ hoͤrt zu werden. Ihr habt verſtanden, was ich geſagt habe?“ Die Leute wechſelten bedeutungsvolle Blicke, aber ant— worteten nicht. Potts war im Begriff, ſeine Anrede fortzuſetzen, aber zu ſeiner Ueberraſchung ſah er die Mittelthuͤr des Hauſes aufgehen und Miſtreß Nutter daraus hervor— kommen. Sie ſchritt langſam und majeſtaͤtiſch den brei⸗ 96 ten Gang hinunter auf das Thor zu. Der Anwalt wollte kaum ſeinen Augen trauen, und rief dem Richter lachend zu: „Wer haͤtte dies gedacht! Jetzt haben wir ſie ſicher. Ha! ha!“ Aber kein entſprechendes Laͤcheln zeigte ſich um No⸗ well's harte Lippen. Sein Blick war ſtarr auf die Da— me gerichtet. Noch eine Ueberraſchung. Aus derſelben Thuͤr kam Alizon Device, von Nicolaus und Richard Asſheton ge⸗ 1 fuͤhrt, hervor, und dieſe drei folgten Miſtreß Nutter 1 langſam den breiten Gang hinunter. Dieſes unbefan⸗ gene Erſcheinen ſchien große Zuverſicht anzudeuten. Ali⸗ zon ſah nicht nach der Gruppe hin, die ſich vor dem Thore befand, ſondern ſchien lebhaft auf das zu horchen, was Richard zu ihr ſagte. „So, Herr Nowell,“ rief Miſtreß Nutter kuͤhn, —— ——— — —— „da Ihr Eure Anſpruͤche an meine Beſitzung nicht gel— 6 tend machen koͤnnt, ſucht Ihr Euch zu raͤchen, wie ich hoͤre, indem Ihr falſche und verlaͤumderiſche Anklagen gegen mich vorbringt, aber ich trotze Eurer Bosheit und kann mich gegen Eure Gewaltthaͤtigkeit vertheidigen.“ 4„Wenn ich uͤber irgend eine Handlung von Euch erſtaunen koͤnnte, Madame, ſo wuͤrde ich uͤber Eure Kuͤhn⸗ heit erſtaunen,“ verſetzte Nowell,„aber es iſt mir lieb, 6 daß Ihr Euch mir darſtellt, denn es war meine feſte 1 Abſicht, bei meiner Ruͤckkehr nach Whalley, Eure Ver⸗ haftung zu bewirken, und Euer unerwartetes Erſcheinen ſetzt mich in den Stand, meine Abſicht Etwas fruͤher, als ich es erwartete, in Ausfuͤhrung zu bringen.“ 97 Miſtreß Nutter lachte veraͤchtlich. „Sparſhot,“ rief Nowell mit lauter Stimme,„tre⸗ tet durch dieſes Thor ein und verhaftet die Dame in des Koͤnigs Namen.“ „ Der Buͤttel ſah unentſchloſſen aus, denn ihm ge⸗ fiel die Aufgabe nicht. „Das Thor iſt geſchloſſen,“ rief Miſtreß Nutter. „So erbrecht es,“ bruͤllte Nowell abſteigend und es wuͤthend ſchuͤttelnd.„Bringt mir einen ſchweren Stein. Beim Himmel! ich will mich meiner Beute nicht berauben laſſen.“ „Meine Diener ſind bewaffnet,“ rief Miſtreß Nut⸗ ter,„und der Erſte, welcher hereinkommt, ſoll ſeine Un⸗ beſonnenheit mit dem Leben buͤßen. Bringe mir eine Piſtole, Blackadder.“ Der Befehl wurde ſogleich von dem finſtern Die⸗ ner befolgt, der in der Naͤhe des Thores ſtand. „Ich rede im Ernſt,“ ſagte Miſtreß Nutter die Piſtole ladend,„und verfehle ſelten mein Ziel.“ „Hoͤrt mich an, meine Leute,“ rief Roger Nowell. „Ich befehle Euch in des Koͤnigs Namen, das Thor zu oͤffnen.“ „Und ich befehle Euch in meinem Namen, es zu vertheidigen,“ verſetzte Miſtreß Nutter.„Wir wollen ſehen, weſſen Befehl wird befolgt werden.“ Einer von den Stallknechten trat jetzt mit einem großen Steine vor, den er von der nahen Mauer ge⸗ nommen, und warf ihn mit großer Gewalt an das Thor, aber obgleich es heftig erbebte, blieb es doch feſt. Blackadder und die beiden andern Diener, welche alle Ainsworth, Hexen. III.„ 98 mit Hellebarden bewaffnet waren, naͤherten ſich jetzt dem Thor, ſteckten die Spitzen ihrer Waffen durch die Gitter und trieben die Leute zuruͤck, die in der Naͤhe waren. Jetzt fand eine kurze Berathung zwiſchen Nowell und Potts ſtatt, worauf der Letztere, indem er indeſſen Sorge trug, ſich aus dem Bereiche der Hellebarden zu entfernen, ſich mit lauter Stimme ſo vernehmen ließ: „Alice Nutter, um die ernſten Folgen zu vermei— den, welche eintreten moͤchten, wenn die nothwendigen Maßregeln genommen wuͤrden, um einen gewaltſamen Eintritt in Eure Wohnung zu erzwingen, hat der wuͤr⸗ dige Herr Nowell es fuͤr gut erachtet, Euch eine Stunde Zeit zur Ueberlegung zu laſſen, nach deren Ablauf Ihr die Unmoͤglichkeit, Euch dem Geſetze zu widerſetzen, ein⸗ ſehen und Euch ruhig gefangen geben werdet. Sonſt wird Euch und Denen, die Euch unterſtützen, keine wei⸗ tere Milde gezeigt werden.“ Miſtreß Nutter lachte laut und veraͤchtlich. „Zu gileicher Zeit,“ fuhr Potts im Auftrage des Richters fort,„verlangt Herr Roger Nowell, daß Alizon Device, die Tochter der Eliſabeth Device, die er in Eu⸗ rer Geſellſchaft ſieht, und die gleichfalls der Heperei ver⸗ daͤchtig iſt, ihm ausgeliefert werde.“ „Noch ſonſt Etwas?“ fragte Miſtreß Nutter. „Nur noch dies,“ verſetzte Potts in hoͤhniſchem Tone, „der wuͤrdige Richter moͤchte Herrn Nicolaus Asſheton und Herrn Richard Asſheton, die er zu ſeiner großen Ueberraſchung in feindlicher Stellung vor ſich erblickt, den freundſchaftlichen Rath geben, in keiner Weiſe ſei⸗ nen Befehlen entgegen zu handeln, ſondern im Gegen⸗ ——— 99 theil ihm ihren Beiſtand zur Ausfuͤhrung derſelben zu Theil werden zu laſſen, ſonſt moͤchte er gezwungen ſein, Maßregeln gegen ſie anzuwenden, welche fuͤr ihn eine Quelle des Bedauerns ſein wuͤrden. Ich muß uͤberdies im Auftrage ſeiner Gnaden mittheilen, daß alle Zugaͤnge zu Eurem Hauſe ſtrenge bewacht werden ſollen, und daß Niemand, unter welchem Vorwande es auch ſei, waͤh⸗ rend dieſer beſtimmten Zeit hinein oder heraus wird ge⸗ laſſen werden. In einer Stunde werden Seine Gna— den zuruͤckkehren.“ „Und in einer Stunde ſoll er meine Antwort er⸗ halten,“ verſetzte Miſtreß Nutter ſich abwendend. Reuntes Kapitel. Rough Lee wird von Nicolaus vertheidigt. Wenn der Himmel am dunkelſten iſt und das Ungewitter ſich am dichteſten zuſammen gezogen hat, ſcheint der Stern der Liebe oft mit dem groͤßten Glanze, und waͤhrend Miſtreß Nutter ihren Feinden am Thore Trotz bot und ihre Drohungen verſpottete— waͤbrend eben dieſe Feinde Alizon's Freiheit und Leben bedrohten, war dieſe gaͤnzlich unempfindlich gegen die ſie umgebende Gefahr, und faſt jeder andern Gegenwart unbewußt ge⸗ worden, mit Ausnahme von Richard's Gegenwart, der jetzt ihr angenommener Geliebter war; denn durch die 7* ——— 100 unwiderſtehliche Gewalt ſeiner Gefuͤhle angetrieben, hatte der junge Mann dieſen ſcheinbar ſo unguͤnſtigen und von Gefahr und Furcht erfuͤllten Augenblick zu der Erklärung ſeiner Leidenſchaft und dem Anerbieten ſeines Lebens zu ihrem Dienſte gewaͤhlt. Einige leiſe Worte waren Alles, was Alizon erwiedern konnte, aber ſie waren genug. Sie ſagten Richard, daß ſeine Leidenſchaft erwiedert und ſein Anerbieten angenommen werde. Dieſe Augenblicke waren ſuͤß fuͤr Beide— ſuͤß und zugleich traurig. Gleich Alizon hatte ihr Geliebter Alles um ihn her vergeſſen. Nur mit einem Gedanken und einem Gegenſtand be— ſchaͤftigt, war er fuͤr alles Andere verloren und wurde erſt zuletzt von dem Squire an das erinnert, was vor⸗ ging, welcher ſich gutmuͤthig eine Strecke entfernt hatte, und jetzt leiſe zu ihm ſprach, um ihm mitzutheilen, daß Miſtreß Nutter ſich ihm naͤhere. Die Dame hielt ſich aber nicht auf, ſondern winkte ihr zu folgen und trat ins Haus. „Ihr habt gehoͤrt, was geſchehen iſt,“ ſagte ſie. „In einer Stunde droht Herr Nowell zuruͤckzukehren, und mich und Alizon zu verhaften.“ „Das ſoll nimmermehr geſchehen,“ rief Richard, in⸗ dem er einen leidenſchaftlichen Blick auf das junge Maͤdchen warf.„Wir wollen Euch mit unſerm Leben vertheidigen.“ „Es laͤßt ſich viel in einer Stunde thun,“ ſagte Nicolaus zu Miſtreß Nutter,„und mein Rath iſt, die Zeit zum Ruͤckzuge anzuwenden, ſo daß, wenn die Ha⸗ bichte zuruͤckkehren, ſie die Tauben ausgeflogen finden.“ „Ich habe nicht die Abſicht, meinen Tauben⸗ ———— 101 ſchlag zu verlaſſen,“ verſetzte Miſtreß Nutter mit bitterm Laͤcheln. „Bis man Euch mit Gewalt herausnimmt,“ ſagte der Squire,„was nicht unmöglich iſt, wenn Ihr Ro⸗ ger Nowell's Ruͤckkehr abwartet. Ich halte mich ver⸗ ſichert, daß er diesmal nicht mit leeren Haͤnden gehen wird.“ „Vielleicht wird er gar nicht fortgehen,“ verſetzte Miſtreß Nutter finſter. „So beabſichtigt Ihr alſo, einen entſchloſſenen Wi⸗ derſtand zu leiſten?“ ſagte Nicolaus,„bedenkt, daß Ihr den Geſetzen entgegen handelt. Ich wollte, ich koͤnnte Euch bewegen, das ſichere Auskunftsmittel der Flucht zu ergreifen. Dieſe Sache iſt ſchon dunkel und ver⸗ wickelt genug und bedarf keiner weiteren Verwickelung. Sucht einen Schlupfwinkel auf, einerlei wo, bis man eine Uebereinkunft mit Roger Nowell treffen kann.“ „Ich moͤchte Euch lieber ſelber zur Flucht antrei⸗ ben, Nicolaus,“ verſetzte die Dame,„denn es iſt klar, daß Ihr große Bedenklichkeit wegen der Gerechtigkeit meiner Sache hegt und Euch nicht gern der Gefahr ausſetzen mochtet. Ich will mich dieſem Richter nicht uͤbergeben, weil ich dadurch gewiß mein Leben einbuͤßen wuͤrde, denn meine Unſchuld koͤnnte vor dem ungerech⸗ ten und blutgierigen Tribunal nimmermehr an den Tag kommen. Aus demſelben Grunde will ich auch Alizon nicht ausliefern, die, um der Bosheit die Krone aufzu⸗ ſetzen, gleichfalls angeklagt worden iſt. Ich werde jetzt Vorbereitungen zu meiner Vertheidigung treffen. Geht ——— 102 oder bleibt, wie Ihr es fuͤr gut haltet; wenn Ihr aber bleibt, werde ich auf Eure thaͤtigen Dienſte rechnen.“ „Das koͤnnt Ihr,“ verſetzte der Squire.„Was ich auch denken mag, ich bewundere Euren Muth und will Euch beiſtehen. Aber die Zeit vergeht und der Feind wird zuruͤckkehren und uns bei der Berathung finden, da wir ſchon vorbereitet ſein muͤßten. Ihr habt ein Dutzend Maͤnner in der Naͤhe Eures Hauſes, auf die Ihr rechnen koͤnnt; die Haͤlfte derſelben muß hinter dem Hauſe aufgeſtellt werden, um zu verhindern, daß man von dort Eintritt erhalte. Die Uebrigen koͤnnen im Vorſaal bleiben und ſich bereit halten, heraus zu ſtuͤr⸗ zen, wenn ſie von uns aufgefordert werden, aber wir wollen ſie nur dazu auffordern, wenn man uns ſtark zuſetzt und ihr Beiſtand unerlaͤßlich iſt. Alle ſollten wohl⸗ bewaffnet ſein, aber ich hoffe, daß ſie ihre Waffen nicht gebrauchen werden. Seid Ihr damit einverſtanden, Madame?“ „Ja,“ verſetzte Miſtreß Nutter,„und ich will au⸗ genblicklich Befehle ertheilen, daß Eure Wuͤnſche erfuͤllt werden ſollen. Alle Zugaͤnge zum Hinterhauſe ſollen wohl beſetzt werden, wie Ihr es beſtimmt, und mein zuverlaͤſſiger Diener Blackadder, auf deſſen Treue und Muth ich mich vollkommen verlaſſen kann, ſoll den Be⸗ fehl der Abtheilung im Vorſaale uͤbernehmen und nach Eurer Anweiſung handeln. Eure Tapferkeit wird nicht unbeachtet bleiben, denn Alizon und ich werden uns in dem obern Zimmer nach dem Garten zu aufhalten, von wo wir Alles ſehen koͤnnen, was vorgeht.“ Die Liebenden wechſelten ein mattes Laͤcheln, aber 103 ———— Alizon's aͤngſtliche Blicke zeigten deutlich, daß ſie Ri⸗ chard's Vertrauen nicht theilte. Indeſſen wurde ihm ſo⸗ gleich eine Gelegenheit gewaͤhrt, ſie wieder zu beruhigen, denn Miſtreß Nutter ging hinaus, um Blackadder ihre Befehle zu ertheilen, und Nicolaus begab ſich zum Hin⸗ terhauſe, um ſich durch perſoͤnliche Anſchauung zu uͤber⸗ zeugen, ob dort Alles ſicher ſei. „Ihr ſeid noch unruhig, liebe Alizon,“ ſagte Ri⸗ chard, ihre Hand faſſend;„aber ſeid nicht niedergeſchla⸗ gen. Es wird Euch Nichts zu Leide geſchehen.“ „Nicht um meinetwillen bin ich furchtſam,“ etwie⸗ derte ſie,„ſondern um Euretwillen, der Ihr im Be⸗ griffe ſeid, Euch in dieſem Kampfe unnoͤthiger Gefahr auszuſetzen; und wenn Euch Etwas begegnen ſollte, wuͤrde ich auf immer elend ſein. Ich wuͤrde es viel lieber ſehen, Ihr uͤberließet mich meinem Schickſal.“ „Und koͤnnt Ihr denken, daß ich zugeben wuͤrde, daß man Euch zur Schande und zum gewiſſen Tode als Gefangene fortſchleppte?“ rief Richard.„Nein, ich will lieber meines Herzens beſtes Blut vergießen, ehe ein ſolches Unheil geſchieht.“ „Ach!“ ſagte Alizon,„ich habe nicht die Mittel, Eure Aufopferung zu vergelten. Alles was ich Euch dafuͤr anbieten kann, iſt meine Liebe, und die, fuͤrchte ich, wird ſich unheilvoll fur Euch erweiſen.“ „Ol ſagt das nicht,“ rief Richard.„Warum muß Euch dieſes traurige Vorgefuͤhl verfolgen? Ich ſuchte es eben jetzt zu verbannen, und hoffte, es wuͤrde mir ge⸗ lingen. Ihr ſeid mir theurer, als mein Leben; warum ſollte ich es denn nicht zu Eurer Vertheidigung aufs 104 Spiel ſetzen? Und warum ſollte Eure Liebe fuͤr mich unheilvoll ſein?“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte Alizon im Tone tieſſter Qual,„aber es iſt mir, als muͤßte mein Geſchick un⸗ heilvoll ſein, und als muͤßte ich Die, welche ich am mei⸗ ſten auf Erden liebe, mit mir in denſelben Abgrund hinabziehen. Ich empfinde die groͤßte Zaͤrtlichkeit fuͤr Eure Schweſter Dorothea, und doch bin ich das unbe⸗ wußte Werkzeug geweſen, ihr Leid zuzufuͤgen. Und Ihr auch, Richard, der Ihr mir noch theurer ſeid, gerathet um meinetwillen in Gefahr. Ich fuͤrchte auch, wenn Ihr meine ganze Geſchichte wißt, werdet Ihr mich fuͤr ein boͤſes Weſen halten und mich meiden.“ „Was meint Ihr damit, Alizon?“ rief er. „Richard, ich kann keine Geheimniſſe vor Euch ha⸗ ben,“ entgegnete ſie;„und obgleich es mir verboten wor⸗ den, was ich jetzt Euch zu entdecken im Begriff bin, ſo will ich es Euch doch nicht vorenthalten. Ich wurde in dieſem Hauſe geboren und bin die Tochter der Be⸗ ſitzerin deſſelben.“ „Ihr ſagt mir nur, was ich bereits errathen, Ali⸗ zon,“ verſetzte der junge Mann;„aber ich ſehe Nichts darin, weshalb ich Euch meiden ſollte.“ Alizon bedeckte ihr Geſicht einen Augenblick mit den Haͤnden, blickte dann auf und ſagte wild und haſtig: „Ich wollte, ich haͤtte nimmer das Geheimniß mei⸗ ner Geburt erfahren oder haätte nie geſehen, was meine Augen in der letzten Nacht angeſchaut!“ „Und was war denn das?“ fragte Richard ſehr aufgeregt. 105 „Genug, um mich zu uͤberzeugen, daß ich dadurch, daß ich eine Mutter gewann, ſelbſt verloren bin,“ ver⸗ ſetzte Alizon;„denn ach! wie kann ich es uͤberleben, Euch zu erzahlen, daß ich durch unaufloͤsliche Bande an ein Weſen gefeſſelt bin, welches von Gott und Menſchen verlaſſen iſt und ſich dem boͤſen Feinde geweiht hat! Bemitleidet mich, Richard, bemitleidet und meidet mich!“ Es trat eine kurze aber ſchreckliche Pauſe ein, die der junge Mann nicht zu unterbrechen vermochte. „Haͤtte ich nicht Recht zu ſagen, daß meine Liebe Euch Unheil bringen wuͤrde?“ fuhr Alizon fort.„Ent⸗ flieht von mir, ſo lange Ihr es noch koͤnnt, Richard. Entflieht aus dieſem Hauſe, oder Ihr ſeid auf immer verloren!“ „Nimmermehr! ohne Euch gehe ich nicht von der Stelle,“ rief Richard.„Kommt mit mir und entflieht allen Gefahren, von welchen Ihr bedroht ſeid und uͤber⸗ laßt Eure ſuͤndige Mutter der Strafe, welche ſie ſo reich⸗ lich verdient hat.“ „Nein, nein, ſo ſuͤndig ſie auch ſein mag, ſo iſt ſie doch immer meine Mutter, und ich kann ſie nicht verlaſſen,“ rief Alizon. „Wenn Ihr dableibt, bleibe ich auch, moͤgen nun die Folgen ſein, welche ſie wollen,“ verſetzte der junge Mann;„aber Ihr habt meinen Arm kraftlos gemacht durch das, was Ihr mir geſagt. Wie kann ich eine Perſon vertheidigen, von der ich weiß, daß ſie ſchul⸗ dig iſt?“ „Daher bitte ich Euch zu fliehen,“ entgegnete ſie. „Ich kann es auf dieſe Weiſe vor mir ſelber ent⸗ —————————— 106 ſchuldigen,“ ſagte Richard,„indem ich Euch vertheidige, da ich Euch als unſchuldig weiß, kann ich nicht umhin, ſie zu vertheidigen. Der Ausweg iſt nicht der beſte, aber er wird genuͤgen, um mein Gewiſſen zu beruhigen.“ In dieſem Augenblick trat Miſtreß Nutter in die Halle. Ihr folgte Blackadder mit drei andern Maͤnnern, die ſaͤmmtlich mit Hakenbuͤchſen bewaffnet waren. „Alles iſt bereit, Richard,“ ſagte ſie,„und es feh— len nur wenige Minuten an der beſtimmten Zeit. Viel⸗ leicht bebt Ihr vor der Aufgabe zuruͤck, die Ihr unter⸗ nommen habt?“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ihn ſcharf anſah;„wenn das iſt, ſo ſagt es ſogleich, und ich will meine eigene Vertheidigungsart anwenden.“ „Nein, ich werde bereit ſein, im Augenblick hinaus⸗ zugehen,“ verſetzte der junge Mann mit einem Blick auf Alizon.„Wo iſt Nicolaus.“ „Hier,“ verſetzte der Squire, ihm auf die Schulter klopfend.„Hinter dem Hauſe iſt Alles ſicher, und die Pferde werden jetzt vorgefuͤhrt. Wir muͤſſen ſogleich aufſitzen.“ Richard ſtand auf ohne ein Wort zu ſagen. „Blackadder wird Euren Befehlen gehorchen,“ ſagte Miſtreß Nutter.„Er erwartet nur ein Zeichen von Euch, um mit ſeinen Kameraden herauszukommen oder durch die Fenſter auf die Angreifenden zu feuern, wenn Ihr es fuͤr noͤthig haltet.“ „Ich hoffe, es wird nicht dahin kommen,“ verſetzte der Squire;„einige Schlaͤge mit dieſen Waffen werden ſie uͤberzeugen, daß wir Ernſt machen, und uns hoffent⸗ lich jede weitere Muͤhe erſparen.“ ——————————————— ———————— 107 Und als er ſprach, nahm er ein paar ſtarke Staͤbe herunter und gab Richard einen davon. „So lebt wohl, Ihr tapfern Ritter,“ rief Miſtreß Nutter mit affectirter Heiterkeit;„zeigt Euch tapfer und erinnert Euch, daß ſchoͤne Augen auf Euch gerichtet ſind. Nun, Alizon, auf unſer Zimmer.“ Richard wagte keinen Blick auf das junge Mäd⸗ chen zu richten, als ſie mit ihrer Mutter den Vorſaal verließ, ſondern folgte dem Squire mechaniſch in den Garten, wo ſie ihre Pferde fanden. Kaum waren ſie im Sattel, als ein lautes Geraͤuſch, weiches von dem kleinen Dorfe herkam, ihnen zu erkennen gab, daß ihre Gegner angekommen waren, und gleich darauf erſchien ein großer Trupp zu Pferde und zu Fuß am Thor. Beim Anblick dieſer großen Macht, die gegen ſie anruͤckte, verlor das Geſicht des Squire ſeinen zuver⸗ ſichtlichen und jovialen Ausdruck. Er zaͤhlte beinahe vierzig Maͤnner, die alle auf die eine oder die andere Art bewaffnet waren, und begann zu fuͤrchten, daß die Sache unangenehm enden und nachtheilige Folgen fuͤr ihn und ſeinen Vetter nach ſich ziehen werde. Er war daher keineswegs ruhig. Richard dagegen wagte ſich nicht zu fragen, wie die Sache enden werde, und wußte eben ſo wenig, wie er handeln ſollte. Sein Geiſt war in der aͤußerſten Verwirrung und ſeine Bruſt wie von einem Alp zuſammengedruͤckt. Er warf einen Blick auf das obere Zimmer und erblickte an demſelben das weiße Geſicht der Miſtreß Nutter, die den Vorgang aufmerkſam anſah, aber Alizon war nicht zu ſehen. Seit der letzten halben Stunde hatte ſich der Him⸗ 108 mel verdunkelt und eine ſchwere Wolke, die ein Unge⸗ witter verkuͤndete, hing uͤber dem Hauſe. Richard hoffte, das Gewitter wuͤrde ſchnell und gewaltſam losbrechen. Mittlerweile war Roger Nowell abgeſtiegen un naͤherte ſich dem Thor. „Meine Herren,“ rief er, die beiden Asſhetons an⸗ redend,„ich erwartete, daß man mir und meinen Beglei⸗ tern freien Eintritt geſtatten werde, da aber dieſes Thor noch vor mir verſchloſſen iſt, ſo fordere ich Euch, als getreue Unterthanen des Koͤnigs, auf, Euch dem Gange des Geſetzes nicht zu widerſetzen und es ſogleich zu oͤffnen.“ „Ihr muͤßt es ſelber aufſchließen, Herr Nowell,“ verſetzte Nicolaus.„Wir werden Euch nicht helfen.“ „Aber auch hoffentlich keinen Widerſtand leiſten, meine Herren?“ ſagte der Richter ſtrenge. „Es kommen Zwanzig auf Einen,“ entgegnete der Squire lachend;„wir haben eine ſehr ſchlechte Ausſicht.“ „Aber ohne Zweifel hat man andere Maßregeln zum Schutz und Angriff gemacht,“ ſagte Nowell;„ja, ich entdecke bereits einige bewaffnete Männer durch die Fenſter der Halle. Ehe wir zum Aeußerſten ſchreiten, will ich mich noch einmal an Euch und Euren Vetter wenden. Ich habe Miſtreß Nutter und dem Maͤdchen, welches ſie bei ſich hat, eine Stunde Bedenkzeit gelaſſen, in der Hoffnung, daß ſie ſich freiwillig ausliefern wuͤr⸗ den, wenn ſie die Vergeblichkeit des Widerſtandes ſäͤhen. Aber ich finde, daß meine Milde weggeworfen iſt, und daß man einen ungehoͤrigen Vortheil aus der beſtimmten Friſt gezogen. Daher werde ich ihnen keine weitere * 109 Ruͤckſicht zeigen. Aber Euch, meine Freunde, moͤchte ich noch eine letzte Warnung ertheilen. Vergeßt nicht, daß Ihr den Geſetzen gerade entgegen handelt; daß wir hier ſind, mit voller Autorität und Macht bewaffnet, um unſere Abſichten auszufuͤhren, und daß aller Wider⸗ ſtand von Eurer Seite fruchtlos ſein und Euch ſpäter mit ſchweren Strafen wird vergolten werden. Vergeßt auch nicht, daß Euer Ruf durch Eure Verbindung mit Perſonen, die des ſchrecklichen Vergehens der Hexerei be⸗ ſchuldigt werden, ſchwer leiden wird. Miſcht Euch daher nicht in die Sache, ſondern geht Eurer Wege, oder wenn Ihr handeln wollt, wie es ſich am beſten fuͤr Euch ſchickt, ſo helft mir, die Verbrecherinnen zu verhaften.“ „Herr Roger Nowell,“ verſetzte Nicolaus, langſam zum Thor reitend,„da Ihr mir eine Warnung ertheilt habt, ſo will ich Euch wieder eine geben, namlich Eure Zunge zu zuͤgeln, wenn Ihr mit Maͤnnern von Stand und Bildung redet, oder meiner Treu, Ihr moͤchtet Ant⸗ worten erhalten, die wenig nach Eurem Geſchmack waͤren. Ihr habt geſagt, unſer Ruf wuͤrde bei dieſer Handlung leiden; nach meinem Dafuͤrhalten aber wird derſelbe nicht ſo ſehr wie Euer eigener leiden. Der Richter, der den Arm der Gerechtigkeit zur Befriedigung der Privatrache anwendet und eine falſche und gemeine Anklage gegen ſeinen Feind vorbringt, da er weiß, daß ſie nicht wider⸗ legt werden kann, hat keinen beſondern Anſpruch an Achtung und Ehre. So habt Ihr gegen Miſtreß Nutter gehandelt. In der Grenzfrage geſchlagen, ohne die Ent⸗ ſcheidung derſelben Denen zu uͤberlaſſen, welchen Ihr ſie anheim geſtellt, beſchuldigt Ihr ſie augenblicklich der 110 Hexerei und ſucht ſie und ein unſchuldiges und an⸗ ſpruchsloſes Maͤdchen, welches ſie begleitet, zu Grunde zu richten. Iſt eine ſolche Handlungsweiſe Eurer wuͤr⸗ dig oder iſt es auch nur wahrſcheinlich, daß ſie guͤnſtig fuͤr Euch ausgelegt werde? Ich glaube nicht. Aber das iſt noch nicht Alles. Von Eurem raͤnkevollen und gewiſſenloſen Gehuͤlfen, dem Herrn Potts unterſtuͤtzt, bringt Ihr eine Anzahl von Miſtreß Nutter's eigenen Leuten zuſammen und bewegt ſie durch Drohungen und unrichtige Darſtellung, die Werkzeuge Eurer Rache zu werden. Wenn aber dieſe verleiteten Maͤnner die Wahrheit von der Sache erfahren— wenn ſie hoͤren, daß Ihr durchaus gar keinen Beweis gegen Miſtreß Nutter habt und daß Ihr nur von Feindſchaft gegen ſie geleitet ſeid, ſo iſt es eben ſo wahrſcheinlich, daß ſie Euch verlaſſen, als daß ſie Euch beiſtehen. Auf jeden Fall ſind wir entſchloſſen, uns dieſer ungerechten Ver⸗ haftung zu widerſetzen und mit Gefahr unſeres Lebens Euren Eintritt in dieſes Haus zu verhindern.“ Nowell und Potts wurden ſehr erbittert uͤber dieſe Rede, doch waren ſie wenig auf die Folgen derſelben vorbereitet. Viele von Denen, welche ſich hatten bewegen laſſen, ihn zu begleiten, ſchwankten in ihrem Entſchluſſe, gegen Miſtreß Nutter zu handeln, und begannen ſich jetzt gunſtig fuͤr ſie zu erklären. Vergebens wiederholte Potts alle ſeine fruͤheren Gruͤnde: ſie waren jetzt von keinem Nutzen mehr. Von dem vor dem Thore ver⸗ ſammelten Trupp marſchirte mehr als die Haͤlfte ab und nahmen ihren Weg nach dem Hinterhauſe— mit welcher Abſicht, war leichter zu errathen— waͤhrend es 111 zweifelhaft war, ob alle, welche zuruͤckblieben, handeln wuͤrden. Der Erfolg dieſer Rede war eben ſo uͤberraſchend fuͤr Nicolaus, wie fuͤr ſeine Gegner, und bezaubert von der Wirkung ſeiner Beredtſamkeit, konnte er nicht um⸗ hin, zu dem Fenſter aufzublicken, wo er Miſtreß Nutter bemerkte, deren Lächeln zeigte, daß ihr dieſer Erfolg eben ſo angenehm ſei. Da Roger Nowell ſah, daß er alle Ausſicht auf einen Sieg verlieren wuͤrde, wenn ihn noch mehr von den Leuten verließen, ſo befahl er, mit einer drohenden Geberde gegen den Squire, den Angriff ſogleich zu be⸗ ginnen. Waͤhrend einige von den Leuten, unter welchen ſich Baldwyn und der alte Mitton befanden, mit Steinen an das Thor warfen, erkletterte eine andere Abtheilung, unter Anfuͤhrung des Herrn Potts, die Mauer, die zwar von betraͤchtlicher Hoͤhe war, aber thaͤtigen Angrei— fenden kein wirkliches Hinderniß in den Weg ſtellte. Auf Sparſhot's Schultern gehoben, befand ſich Potts bald auf der Hoͤhe der Mauer und war im Begriff, ſich in den Garten hinunter zu laſſen, als er ein Ge⸗ raͤuſch hoͤrte, welches ihn veranlaßte, ſein Vorhaben auf⸗ zuſchieben. „Was willſt Du thun, Vetter Nicolaus?“ fragte Richard, als der Richter den Befehl zum Angriff gab. „Ich will Miſtreß Nutter's Jagdhunde auf ſie los⸗ laſſen,“ verſetzte der Squire.„Einer von den Bedienten haͤlt ſie hinter jener Taxushecke an der Schnur und er⸗ ————————— 112 wartet nur mein Signal, ſie loszulaſſen; und meiner Treu, es iſt Zeit, daß ich es gebe.“ und als er ſprach, ſetzte er eine kleine Pfeife an ſeine Lippen und blies laut darauf. Ein halbes Dutzend rauchhaariger Hunde von ungeheurer Groͤße und Staͤrke, die an Geſtalt, Farbe und Wildheit den irlaͤndiſchen Wolfshunden glichen, ſprangen ſogleich mit wildem Ge⸗ bell auf ihn zu. „Aha!“ rief Nicolaus, in die Haͤnde klatſchend, um ſie zu ermuthigen;„mit dieſen haͤtten wir die ganze Rotte auseinander treiben koͤnnen. He, Triſtam!— he, Hubert! Auf ſie!— auf ſie!“ Das wilde Gebell der Hunde war es, was der beunruhigte Anwalt vernahm und was ihn veranlaßte, wieder zuruͤck zu klettern. Aber dies war keine ſo leichte Sache. Sparſhot's breite Schultern fehlten, um ſeine Fuͤße darauf zu ſetzen, und waͤhrend er ſich die Knie an den rauhen Seiten der Mauer beſchädigte bei den ver⸗ geblichen Verſuchen, ſich ohne Beiſtand auf die Hoͤhe derſelben zu erheben, faßten Hubert's ſcharfe Zähne in ſeine Waden, waͤhrend Triſtam ihn in das Wamms packte, ſo daß ſeine Zaͤhne tief ins Fleiſch drangen. Ein ſchreckliches Geheul verkuͤndete die Qual und Angſt des Anwalts und er verdoppelte ſeine Anſtrengungen zu ent⸗ kommen. Aber wenn es ſchon vorher ſchwierig geweſen war, hinaufzukommen, ſo war es jetzt unmoͤglich. Alles, was er thun konnte, war, ſich am obern Rande der Mauer mit verzweifelter Beharrlichkeit feſtzuhalten, denn er zweifelte nicht, in Stuͤcke zerriſſen zu werden, wenn die Hunde ihn herunterzerrten. Laut um Huͤlfe ſchreiend, 113 bat er Nicolaus, Mitleid mit ihm zu haben, doch der Squire ſchien durch ſeine Noth nicht ſehr geruͤhrt zu werden und lachte herzlich uͤber ſein Schreien und Heulen. „Ich denke, Ihr werdet nicht ſobald wieder in ſol— cher Abſicht kommen, Herr Potts,“ ſagte er. „Ich werde es nicht, guter Herr Nicolaus,“ ver⸗ ſetzte Potts;„um des Himmels Willen, ruft dieſe Hoͤl⸗ lenhunde zuruͤck. Sie werden mich wie einen Fuchs auseinander reißen.“ „Ihr waret wahrhaftig ein liſtiger Fuchs, hieher zu kommen,“ verſetzte Nicolaus in hoͤhnendem Tone; „aber wollt Ihr fortgehen, wenn ich Euch befreie?“ „Ich will es— wahrhaftig, ich will es,“ verſetzte Potts. „Und wollt Miſtreß Nutter nicht mehr belaͤſtigen?“ donnerte Nicolaus. „Seht Euch vor, was Ihr verſprecht,“ rief Nowell von der andern Seite der Mauer. „Wenn Ihr es nicht verſprecht, ſollen Euch die Hunde herunterziehen, und Euch zum Fruͤhſtuͤck ver⸗ zehren!“ rief Nicolaus. „Ja— ich ſchwoͤre— Alles, was Ihr wollt!“ rief der erſchrockene Anwalt. Dann wurden die Hunde von dem Squire zuruͤck⸗ gerufen, und geſtaͤhlt durch den Schrecken, ſchwang ſich Potts auf die Mauer, rollte auf der andern Seite wie⸗ der herunter und fiel gerade ſeinem vortrefflichen und inſonderheit geachteten Clienten auf den Kopf, ſo daß derſelbe mit ihm zu Boden ſturzte. Inzwiſchen wurden alle die Leute, denen es gelang, Ainsworth, Hexen. III. 8 114 die Mauer zu erſteigen, von den Hunden angegriffen, und da es ihnen unmoͤglich war, gegen ſie Stand zu halten, zum unendlichen Ergoͤtzen des Squire im Gar⸗ ten herumgetrieben. Bis zum Tode erſchreckt und nicht im Stande, anders zu entkommen, flohen die Ungluͤck⸗ lichen auf die Terraſſe zu, von wo man Pendle⸗Water uͤberblickte, ſtuͤrzten ſich in den Strom und erteichten das entgegengeſetzte Ufer. Dort waren ſie ſicher, denn es wurde den Hunden nicht geſtattet, ihnen weiter zu fol— gen. Auf dieſe Weiſe wurde der Garten voͤllig vom Feinde befreit und Nicolaus und Richard blieben Herren des Schlachtfeldes. Sich aus dem Fenſter lehnend, wuͤnſchte ihnen Mi— ſtreß Nutter lachend zu ihrem Erfolge Gluͤck, und da Nowell und Die, welche von ſeinem Trupp noch uͤbrig waren, keine Neigung zeigten, den Kampf fuͤr jetzt wie⸗ der zu erneuern, ſo ſchien derſelbe fuͤr jetzt zu Ende zu ſein. Jetzt kam die Nachricht von den Leuten, welche Nowell's Trupp verlaſſen und ſich zu der Hinterſeite des Hauſes begeben hatten, daß ſie Miſtreß Nutter ihre Dienſte anzubieten wuͤnſchten; und ſobald ihr dies ge⸗ ſagt wurde, befahl ſie, ſie einzulaſſen und ſtieg hinunter, um ſie willkommen zu heißen. So nahm die Sache fuͤr die Belagerten ein gutes Anſehen an, waͤhrend die belagernde Partei verhaͤltnißmaͤßig entmuthigt wurde. Laͤngſt ſchon hatten Baldwyn und der alte Mitton ihre Verſuche eingeſtellt, das Thor zu erbrechen, und waren in der That erfreut, daß eine ſolche Schranke zwiſchen ihnen und den Hunden war, deren wuͤthende 115 Angriffe ſie beobachteten. Der Armbruſttraͤger ſchoß einen Pfeil auf dieſe vierfuͤßigen Waͤchter des Hauſes ab, aber der Mann war ein ſchlechter Schuͤtze, und anſtatt den Hund zu treffen, verwundete er einen von ſeinen Kame⸗ raden, der mit ihm kaͤmpfte. Da Nicolaus dieſen Zu⸗ ſtand der Dinge ſah, und weder Nowell noch Potts zum Angriff zuruͤckkehrten, waͤhrend ihre Begleiter ſich vom Thor zuruͤckgezogen, glaubte er mit Recht annehmen zu koͤnnen, daß er einen Sieg gewonnen habe. Aber als kluger Anfuͤhrer wollte er ſich keine Bloͤße geben, ehe der Feind ſich ausdruͤcklich ergeben habe, er gab daher Blackadder und ſeinen Leuten einen Wink, aus der Halle hervorzukommen. Der Befehl wurde befolgt, und nicht nur Dieſe, ſondern auch Die, welche ſich von der feind⸗ lichen Partei getrennt hatten, im Ganzen einige dreißig Mann, kamen aus der Hauptthuͤr hervor, ſtellten ſich auf dem Raſenplatze auf und ſtimmten ein betaͤubendes und triumphirendes Geſchrei an, ſehr verſchieden von dem, welches dieſelben Leute unter Nowell's Befehl er— hoben hatten. In demſelben Augenblick erſchienen Mi⸗ ſtreß Nutter und Alizon an der Thuͤr, und beim An⸗ blick derſelben wurde der Zuruf erneuert. Die unerwartete Wendung der Angelegenheiten war nicht ohne Wirkung auf Richard und Alizon geweſen, und diente dazu, den Muth Beider zu beleben. Die unmittelbare Gefahr, wovon ſie bedroht worden, war verſchwunden, und ſie hatten Zeit gewonnen, neue Plaͤne zu entwerfen. Richard war feſt entſchloſſen ge⸗ weſen, keinen weiteren Antheil an dem Kampfe zu neh⸗ men, als um Alizon zu ſchuͤtzen, und folglich war es. 8* ———————— 116 keine geringe Beruhigung fuͤr ihn, zu denken, daß der Sieg ohne ihn erlangt worden, und zwar durch Mittel, woruͤber ſpaͤter keine Unterſuchung angeſtellt werden konnte. Inzwiſchen war Miſtreß Nutter zu Nicolaus ge⸗ kommen, und nachdem Blackadder das Thor aufgeriegelt, gingen ſie hinaus. In geringer Entfernung ſtand Ro⸗ ger Nowell, der jetzt außer ſeinen unmittelbaren Beglei⸗ tern, nebſt Baldwyn und Mitton, von Allen verlaſſen war. Der arme Potts lag am Boden und klagte jam⸗ merlich uͤber die Verletzungen, welche die Hunde ihm beigebracht. „Nun, Ihr habt den Kuͤrzeren gezogen, Herr No⸗ well,“ ſagte Nicolaus, als er ſich mit Miſtreß Nutter dem geſchlagenen Richter naͤherte,„und werdet geſtehen muͤſſen, daß Ihr eine vollſtändige Niederlage erlitten häbt „Geſchlagen wie ich bin, moͤchte ich lieber an mei⸗ ner, als an Eurer Stelle ſein, mein Herr,“ entgegnete Nowell muͤrriſch. „Ihr habt eine heilſame Lection bekommen, Herr Nowell,„ſagte Miſtreß Nutter;„aber ich komme nicht hieher, um Euch zu verhoͤhnen. Ich bin voͤllig zufrie— den mit dem Siege, den ich erlangt habe, und wuͤnſche ſehr, den zwiſchen uns obwaltenden Mißverſtandniſſen ein Ende zu machen.“ „Es iſt kein Mißverſtaͤndniß zwiſchen uns, Ma⸗ dame,“ verſetzte Nowell;„ich habe keinen Streit mit Perſonen, wie Ihr ſeid. Aber haltet Euch verſichert, daß ein Tag der Rechenſchaft kommen wird, wenn Ihr auch jetzt frei ausgeht.“ 117 „Ich weiß wohl, Eure vorzuͤglichſte Klage gegen mich beſteht darin, daß ich Euch in der Grenzſache geſchlagen habe. Jetzt habe ich Euch deshalb einen Vorſchlag zu machen.“ „Ich kann nicht darauf hoͤren,“ verſetzte Nowell ſtrenge;„ich will keine Verhandlungen mit einer Hexe haben.“ In dieſem Augenblick zupfte ihn Potts am Mantel und ſah ihn an, als wollte er ſagen: „Erzuͤrnt ſie nicht. Hoͤrt, was ſie Euch anzubie⸗ ten hat.“ „Ich werde mit Freuden den Vermittler zwiſchen Euch Beiden machen, wenn es moͤglich iſt,“ ſagte Ni⸗ colaus;„aber in dem Falle muß ich Herrn Nowell bit⸗ ten, ſich jeder beleidigenden Sprache zu enthalten.“ „Was habt Ihr mir denn vorzuſchlagen?“ fragte der Richter muͤrriſch. „Kommt mit mir ins Haus, und Ihr ſollt es hoͤ⸗ ren,“ verſetzte Miſtreß Nutter. Nowell war im Begriff, es ihr beſtimmt abzuſchla⸗ gen, als ihn Potts wieder am Mantel zupfte und ihm zufluͤſterte, zu gehen. „Dies iſt doch hoffentlich keine Falle, die Ihr mir legt, Madame?“ ſagte er, die Dame argwoͤhniſch an⸗ ſehend. „Ich will mich fuͤr ihre Redlichkeit verbuͤrgen,“ fiel Nicolaus ein. Nowell zauderte noch, aber der Rath ſeines An⸗ walts wurde durch einen ſchweren Regenſchauer unter⸗ ſtutzt, welcher in dieſem Augenblick auf ſie niederzuſtroͤ⸗ men begann. S— — 118 „Ihr koͤnnt unter meinem Dache Schutz finden,“ ſagte Miſtreß Nutter,„und ehe der Regen voruͤber iſt, koͤnnen wir die Sache verhandelt haben.“ „Und zugleich koͤnnen meine Wunden verbunden werden,“ ſagte Potts ſtoͤhnend,„denn ſie ſchmerzen mich ſehr.“ „Blackadder har einen heilſamen Balſam, und dieſer nebſt einigen Pflaſtern wird Alles wieder gut machen,“ ſagte Nicolaus, der kaum das Lachen unterdruͤcken konnte. „Hier,“ fuͤgte er zu den Reitknechten gewendet hinzu, „hebt ihn auf und tragt ihn ins Haus.“ Dieſer Befehl wurde befolgt und Miſtreß Nutter ging durch das jetzt weit geoͤffnete Thor voran, indem ihr kangſamer und majeſtätiſcher Gang keineswegs durch den ſchweren Regenſchauer beſchleunigt wurde. Welches Roger Nowell's Empfindungen waren, als er ihr auf dieſe Weiſe nach ſeinen fruͤheren Drohungen und ſeiner Prahlerei folgte, laͤßt ſich leicht denken. Zehntes Kapitel. Roger Nowell und ſein Doppelgänger. Der Richter wurde von der Dame in ein kleines Zimmer gefuͤhrt, welches ſich neben der Eingangshalle befand, und, weil es nur ein kleines ſchmales Fenſter hatte, vor welchem ein beſchnittener Taxusbaum ſtand, 119 ſehr dunkel und unheimlich war. Die Waͤnde waren mit dunkelfarbigen gewirkten Tapeten bedeckt, und als Miſtreß Nutter eintrat, verſchloß ſie nicht nur ſorgfältig die Thuͤr, ſondern zog auch den Thuͤrvorhang zu, ſo daß es unmoͤglich war, ihre Unterredung draußen zu hoͤ⸗ ren. Als ſie dieſe Vorkehrungen getroffen, gab ſie dem Richter einen Wink, ſich zu ſetzen, und nahm ihm gegen⸗ uͤber Platz. „Wir koͤnnen jetzt ohne Ruͤckhalt mit einander unter⸗ handeln, Herr Nowell,“ ſagte ſie, ihre Augen feſt auf ihn richtend,„und da unſere Unterredung nicht behorcht und weiter berichtet werden kann, vollkommene Freiheit der Rede anwenden.“ „Es iſt mir lieb,“ verſetzte Nowell,„denn es er⸗ ſpart mir die Umſchweife, die ich nicht liebe, und ehe wir weiter gehen, muß ich Euch geradezu und ausdruͤck⸗ lich ſagen, daß, wenn Etwas von Hexerei in dem liegt, was Ihr mir vorſchlagen wollt, ich Nichts damit zu thun haben will, und daß wir dann lieber unſere Con⸗ ferenz gar nicht beginnen ſollten.“ „So haltet Ihr mich alſo wirklich fuͤr eine Hexe?“ ſagte die Dame. „Ja,“ verſetzte Nowell, ohne zu beben. „Da Ihr dies glaubt, ſo muͤßt Ihr auch glauben, daß ich unbedingte Macht uͤber Euch habe,“ verſetzte Miſtreß Nutter,„und daß ich Euch mit Krankheit ſchla⸗ gen, Euch zum Kruͤppel machen oder Euch toͤdten koͤnnte, wenn ich wollte.“ „Ich weiß das nicht,“ entgegnete Nowell.„Selbſt die Macht der boͤſen Weſen hat ihre Grenzen, und ſo ſtark und verderblich Eure Zauberſpruche auch ſein mo⸗ gen, ſo duͤrften ſie doch unwirkſam ſein gegen einen Rich⸗ ter bei der Ausuͤbung ſeiner Pflicht. Wenn es nicht ſo waͤre, wuͤrdet Ihr es kaum der Nühe werth halten, mit mir zu unterhandeln.“ „Hm!“ rief die Dame.„Nun ſigt mir offen, was wollt Ihr thun, wenn Ihr von hier geht?“ „Mit der groͤßten Eile nach Whalley reiten,“ ver⸗ ſetzte Nowell,„Sir Ralph von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzen und ſeinen Beiſtand in Anſpruch neh⸗ men; dann mit aller Macht, die wir aufbringen koͤnnen, hieher zuruͤckkehren und das Werk vollenden, welches ich begonnen habe.“ „Ihr werdet dieſe Abſicht aufgeben,“ ſagte Miſtreß Nutter mit bitterm Laͤcheln. Der Richter ſchuͤttelte den Kopf. „Ich bin nicht leicht von meinem Vorhaben abzu⸗ winn⸗ ſagte er. „Aber Ihr habt Rough Lee noch nicht verlaſſen,“ ſagte die Dame;„und nach einer ſolchen Ankündigung kann ich kaum daran denken, Euch fortzulaſſen.“ „Ihr duͤrft nicht wagen, mich zuruckzuhalten,“ ver⸗ ſetzte Nowell.„Nicolaus Asſheton hat ſich für meine Sicherheit verbuͤrgt, und ich weiß, daß er ſein Wort nicht brechen wird. Ueberdies werdet Ihr Nichts dabei gewin⸗ nen, wenn Ihr mich zuruͤckhaltet. Meine Abweſenheit wird bald entdeckt werden, und wenn ich noch lebe, wird man mich in Freiei ſesen, unb mich raͤchen, wenn ich todt bin.“ „Das mag ½ oder nicht, ₰ Mn — 12¹ Nutter;„und in jedem Falle kann ich, wenn ich will, meine Rache an Euch kuͤhlen. Es iſt mir lieb, Eure Abſichten erfahren zu haben, denn ich weiß jetzt, wie ich mit Euch zu unterhandeln habe. Ihr ſollt Euch nur unter gewiſſen Bedingungen von hier entfernen. Ihr habt geſagt, Ihr wollt mich fuͤr eine Hexe erklären und mit hinreichender Macht zuruͤckkehren, um meine Ver⸗ haftung zu bewirken. Anſtatt dies zu thun, rathe ich Euch, zu Sir Ralph Asſheton zuruͤckzukehren und ihm zu bekennen, daß Ihr Euch uͤberzeugt, daß Ihr hinſichtlich der Grenze geirrt habt—“ „Nimmermehr,“ fiel Nowell ein. „Ich rathe Euch, dies zu thun,“ fuhr die ruhig fort,„ſowie auch, wenn Ihr dieſes Zimmer ver⸗ laßt, in Gegenwart Nicolaus Asſheton's und anderer glaubwurdiger Zeugen Alles zu widerrufen, was Ihr zu meinem Nachtheile geſprochen, in welchem Falle ich nicht nur alle Gefuͤhle der Feindſchaft gegen Euch bei Seite ſetzen, ſondern Euch auch alles Land, woruͤber wir uns ſtreiten, uͤbermachen werde, und War ohne Kaufgeld von Eurer Seite.“ Roger Nowell war von Fbſueisn Natur und ging darauf ein. „Wie, Madame!“ rief er,„das ganze Land ſoll mein ſein, ohne Zahlung?“ „Das ganze,“ verſetzte ſie. 36 „Wenn ſie verhoͤrt und uͤberfuͤhrt wie verfiel e der Krone,“ dachte Nowell;„das Anerbieten iſt lockend. „Euer Anwalt iſt hier und kann die ueberttagüngs⸗ acte aufſetzen,“ fuhr Miſtreß Nutter fort.„Es kann ———— 122 eine Summe ausgeſetzt werden, damit die Sache das gehoͤrige Anſehen hat, und ich ſtelle Euch ein beſonderes Document aus, daß ich keinen Anſpruch an die Summe mache. Alles, was ich fordere, iſt, daß Ihr mich voͤl— lig von den ſchmachvollen Beſchuldigungen freiſprecht und Eure Abſichten gegen meine Adoptivtochter Alizon, ſowie gegen die beiden armen alten Weiber Mutter Dem⸗ dike und Mutter Chattox aufgebt.“ „Wie kann ich gewiß ſein, daß ich in der Sache nicht getaͤuſcht werde?“ verſetzte Nowell.„Die Schrift kann von dem Pergament verſchwinden oder das Per⸗ gament ſelbſt in Aſche verwandelt werden. Dergleichen Dinge ſind ſchon bei Verhandlungen mit Hexen vorge⸗ kommen. Oder' wenn ich auf den Vertrag eingehe, kann ich vielleicht meine eigene Seele in Gefahr bringen.“ „Still!“ rief Miſtreß Nutter,„das iſt eine eitle Furcht. Aber es iſt keine eitle Drohung von meiner Seite, wenn ich Euch ſage, daß Ihr ohne meine Ein⸗ willigung nicht hinaus gehen ſollt.“ „Ihr koͤnnt mich nicht daran verhindern, Weib,“ rief Nowell aufſtehend. „Ihr ſollt es ſehen,“ verſetzte die Dame, die zwei⸗ oder dreimal raſch vor ihm auf- und abging, wovon augenblicklich ſeine Glieder erſtarrten und er der Bewe⸗ gung beraubt wurde.„Nun regt Euch, wenn Ihr koͤnnt,“ fugte ſie lachend hinzu. Nowell verſuchte zu ſchreien, aber ſeine Zunge ver⸗ ſagte ihm den Dienſt. Das Gehoͤr und das Geſicht blieben ihm aber und er ſah, wie Miſtreß Nutter ein großes ſchwarz gebundenes Buch vom Geſimms herun⸗ 123 ternahm, eine Seite aufſchlug, die mit kabbaliſtiſchen Zeichen bedeckt war, und einige Worte ausſprach, die wie eine Beſchwoͤrung lauteten. Als ſie damit zu Ende war, wurde die gewirkte Tapete an der Wand aufgehoben, und hinter derſelben kam eine Geſtalt hervor, die dem Richter in jeder Hin⸗ ſicht glich. Sie hatte dieſelben ſcharfen Zuͤge, dieſelben lebhaften Augen und buſchigen Augenbrauen, ſowie die⸗ ſelbe Kruͤmmung in den Schultern und trug ganz gleiche Kleider. Kurz, es war ſein Doppelgaͤnger. Miſtreß Nutter ſah ihn mit triumphirendem Blicke an. „Da Ihr Euch weigert, auf meinen Vorſchlag einzugehen, ſo wird Euer Doppelgaͤnger fuͤgſamer ſein. Er wird hinausgehen und Alles thun, was ich von Euch verlange, während ich nur auf den Boden ſtampfen darf, damit ſich ein Kerker unter Euren Fuͤßen offne, worin Ihr bis zum juͤngſten Tage liegen werdet. Daſſelbe Schickſal wird Euren liſtigen Gehuͤlfen Herrn Potts treffen, und ſo wird keiner von Euch vermißt werden— ha! ha!“ Der ungluͤckliche Richter ſah vollkommen ſeine Ge⸗ fahr ein, aber er konnte jetzt weder Bitten noch Vor⸗ ſtelungen ausſprechen. Was in ſeiner Bruſt vorging, ſchien Miſtreß Nutter bekannt zu ſein, denn ſie winkte ſeinem Doppelgänger da zu bleiben und beruͤhrte No⸗ well's Stirn mit der Spitze ihres Zeigefingers, worauf er ſogleich die Sprache wieder erhielt. „Ich will Euch noch einmal fragen,“ ſagte ſie. „Wollt Ihr mir jetzt gehorchen?“ „Ich muß es wohl,“ verſetzte Nowell,„der Streit iſt zu ungleich.“ 124 „Ihr koͤnnt Euch alſo jetzt entfernen,“ rief ſie dem Doppelgaͤnger zu. Hierauf trat die Geſtalt zuruͤck, hob die Tapete auf und verſchwand hinter derſelben. „Jetzt kann ich wieder athmen, da dieſes hoͤlliſche Weſen fort iſt,“ rief Nowell auf einen Stuhl nieder⸗ ſinkend.„O! Madame, Ihr habt in der That eine ſchreckliche Macht.“ „Ihr werdet wohlthun, mir nicht wieder zu trotzen,“ verſetzte ſie.„Soll ich Herrn Potts hereinrufen, um die Uebertragungsacte aufzuſetzen?“ „O nein— nein!“ rief Nowell.„Ich wuͤnſche das Land nicht. Ich will es nicht haben. Ich wuͤrde zu theuer dafuͤr zahlen muͤſſen. Laßt mich nur aus die⸗ ſem entſetzlichen Orte!“ „Nicht ſo raſch, mein Herr,“ verſetzte Miſtreß Nut⸗ ter.„Ehe Ihr Euch von hier entfernt, muͤßt Ihr Euch verbindlich machen, meine Auftraͤge zu erfuͤllen. Sprecht mir dieſe Worte nach: Ich will dem Teufel angehoͤren, wenn ich mein Verſprechen breche.“ „Ich werde es nimmermehr ausſprechen!“ rief No⸗ well ſchaudernd. „Dann rufe ich Euren Doppelgaͤnger wieder,“ ſagte die Dame. „Halt, halt!“ rief Nowell.„Laßt mich wiſſen, was Ihr von mir fordert.“ „Ich fordere unbedingtes Schweigen von Eurer Seite uͤber Alles, was Ihr hier geſehen und gehoͤrt habt, ſowie das Aufhoͤren aller Feindſeligkeiten gegen mich und die bereits genannten Perſonen,“ verſetzte Miſtreß Nut⸗ — 125 ter;„und ich fordere eine Erklaͤrung von Euch in Ge⸗ genwart der beiden Asſhetons, daß Ihr vollkommen uͤberzeugt ſeid von der Richtigkeit meiner Anſpruͤche in Betreff der Laͤndereien, und daß Ihr, gekraͤnkt durch Eure Niederlage, eine falſche Anklage gegen mich vor⸗ gebracht, was Ihr jetzt aufrichtig bereut. Dies verlange ich von Euch, und Ihr muͤßt das Verſprechen durch die Euch vorgeſagte Formel verſtaͤrken: Ich will dem Teufel angehoͤren, wenn ich mein Verſprechen breche.“ Der Richter wiederholte die Worte. Als er ſie ausgeſprochen hatte, toͤnte ihm ein hoͤhniſches Lachen in die Ohren, welches von unten heraufzukommen ſchien. „Genug!“ rief Miſtreß Nutter triumphirend;„und nun nehmt Euch wohl in Acht, daß Ihr nicht im ge⸗ ringſten von Eurem Worte abweicht, ſonſt ſeid Ihr auf immer verloren.“ Das hoͤhniſche Lachen ließ ſich noch einmal hoͤren und Nowell waͤre hinausgeſtuͤrzt, haͤtte Miſtreß Nutter ihn nicht zuruͤckgehalten. „Halt!“ rief ſie,„wir ſind noch nicht zu Ende! Meine Zeugen muͤſſen Eure Erklaͤrung hoͤren. Erinnert Euch!“ Und ihren Finger an die Lippen legend, zum Zei⸗ chen des Schweigens, ſchritt ſie zuruͤck, zog den Vor⸗ hang auf die Seite und oͤffnete die Thuͤr. Dann rief ſie die beiden Asſhetons, welche beide augenblicklich zu ihr kamen und nicht wenig uͤberraſcht waren zu hoͤren, daß alle Uneinigkeiten zwiſchen ihnen ausgeglichen ſeien, und daß Roger Nowell voͤllig im Irrthum zu ſein er⸗ klaͤrte, alle gegen ſie vorgebrachten Beſchuldigungen zu⸗ ruͤcknahm, waͤhrend ſie ihrerſeits mit ſeinen Erklärungen ———————— ———————— ——————— 126 und Entſchuldigungen vollkommen zufrieden war und verſprach keine Gefuͤhle der Rache gegen ihn zu hegen. „Ihr habt die Sache in der That gut ausgeglichen,“ rief Nicolaus;„und da Herr Roger Nowell Wittwer iſt, ſo kann vielleicht eine Heirath daraus werden. Eine ſolche Anordnung—“ „Dies iſt keine Zeit zum Scherzen, Nicolaus,“ fiel die Dame heftig ein. „Nun, ich ließ nur ſo einen Wink fallen.“ verſetzte der Squire.„Die Grenzfrage wuͤrde dadurch auf im⸗ mer beſeitigt werden.“ „Sie iſt ſchon beſeitigt— auf immer“— ver⸗ ſetzte die Dame mit einem Seitenblick auf den Richter. „Ich will dem Teufel angehoͤren, wenn ich mein Verſprechen breche,“ wiederholte Nowell bei ſich ſelber. „Dieſe Worte binden mich wie eine eiſerne Kette. Ich muß ſo ſchnell ich kann dieſes verfluchte Haus verlaſſen.“ Als ob Miſtreß Nutter die Gedanken errathen hatte, ſagte ſie zu ihm: „Um unſere Verſoͤhnung vollſtäͤndig zu machen, Herr Nowell, muß ich Euch bitten, den Tag bei mir zuzubringen. Ich werde Euch ſo gut bewirthen, als mein Haus es vermag— nein, ich nehme keine Weige⸗ rung an, und Ihr auch, Nicolaus und Richard, bleibt da und leiſtet dem wuͤrdigen Richter Geſellſchaft.“ Die beiden Asſhetons willigten gern ein, aber Ro⸗ ger Nowell haͤtte ſich gern entſchuldigt. Ein Blick von ſeiner Wirthin aber bewog ihn zum Nachgeben. „Der Vorſchlag wird Herrn Potts gewiß hoͤchſt an⸗ genehm ſein,“ bemerkte Nicolaus lachend;„denn ob⸗ 127 gleich viel beſſer in Folge des von Blackadder angewen⸗ deten Balſams, iſt er kaum im Stande, ein Pferd zu beſteigen.“ „Ich ſtehe dafuͤr, daß er morgen fruh beſſer iſt,“ ſagte Miſtreß Nutter. „Wo iſt er?“ fragte Nowell. „In der Bibliothek mit dem Pfarrer Holden,“ ent⸗ gegnete Nicolaus.„Er hat eine Flaſche Rheinwein vor ſich und macht es ſich ſo bequem, als die Umſtaͤnde es geſtatten.“ „Dann will ich zu ihm gehen,“ ſagte Nowell. „Bedenkt, was Ihr zu ihm ſagt,“ ſagte Miſtreß Nutter in leiſem Tone, indem ſie ihren Finger zu den Lippen erhob. Mit tiefem Seufzer begab ſich der Richter in die Bibliothek, welches ein kleines mit ſchwarzem Eichenholz getäfeltes und mit einigen, mit alten Buͤchern angefuͤll⸗ ten, Buͤcherſchraͤnken verſehenes Zimmer war. Der An⸗ walt und der Geiſtliche ſaßen an einem Tiſche und hat⸗ ten eine dicke viereckige Flaſche und hohe Glaͤſer vor ſich. Herr Potts entſchuldigte ſich mit einer klaͤglichen Gri— maſſe, daß er beim Eintritt ſeines vortrefflichen und ge⸗ achteten Clienten nicht aufſtehe. „Laßt Euch nicht ſtoͤren,“ ſagte Nowell muͤrriſch, „wir werden Rough Lee heute noch nicht verlaſſen.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ verſetzte Potts, die Kiſſen auf ſeinem Stuhle zurecht legend und die viereckige Flaſche zaͤrtlicher anſehend. „Auch morgen vielleicht noch nicht— noch uͤber⸗ 128 morgen— oder gar nicht, was auch moͤglich ſein kann,“ ſagte Nowell. „Wirklich!“ rief Potts auffahrend und vor Schmerz wimmernd.„Was hat dies Alles zu bedeuten, wuͤrdi⸗ ger Herr?“ „Ich will dem Teufel angehoͤren, wenn ich mein Verſprechen breche,“ verſetzte Nowell mit einem Seufzer. „Welches Verſprechen, wuͤrdiger Herr?“ rief Potts ihn mit Ueberraſchung anſtarrend. „Mein Verſprechen an—“ ſagte der Richter und hielt ploͤtzlich inne. „Miſtreß Nutter?“ fuͤgte Potts hinzu. „Fragt mich nicht,“ rief Nowell heftig,„und zieht keine irrthuͤmlichen Schluͤſſe, Mann. Ich meine Nichts — ich ſage Nichts.“ „Er iſt gewiß behert,“ ſagte Pfarrer Holden in lei⸗ ſem Tone zu dem Anwalt. „Auf Euren Rath trat ich in dieſes Haus,“ don⸗ nerte Nowell,„und moͤge alles Unheil, welches daraus entſteht, auf Euer Haupt fallen!“ „Mein hochgeehrter Client!“ bat Potts. „Ich bin nicht mehr Euer Client!“ ſchrie der wuͤ⸗ thende Richter.„Ich entlaſſe Euch. Ich will Nichts mehr mit Euch zu thun haben. Ich wollte, ich haͤtte Euer garſtiges kleines Geſicht nie geſehen!“ „Ihr habt voͤllig Recht, ehrwuͤrdiger Herr,“ ſagte Potts leiſe zu dem Geiſtlichen;„er iſt gewiß behert, oder er wuͤrde ſich nimmermehr ſo gegen ſeinen beſten Freund betragen. Mein vortrefflicher Herr,“ fuͤgte er zu No⸗ well gewendet hinzu,„ich bitte, beruhigt Euch und hoͤrt 42 mich an. Mein Grund, weshalb ich wuͤnſchte, daß Ihr Miſtreß Nutter's Bitte erfullen moͤchtet, war dieſer: wir waren in einer Klemme, aus der wir uns nicht befreien konnten, denn meine Verwundung verhinderte mich an der Flucht und alle Eure Anhanger waren zerſtreut. Da ich Eure Klugheit kannte, ſo wußte ich, daß Ihr kein verlorenes Spiel weiter ſpielen wolltet, und rieth daher zur ſcheinbaren Unterwerfung, als dem beſten Mittel, Euren Gegner zu entwaffen. Welche Verabredung Ihr auch mit Miſtreß Nutter getroffen habt, ſo iſt dieſelbe weder moraliſch, noch geſetzlich bindend fuͤr Euch.“ „Meint Ihr das?“ rief Nowell.„Ich will dem Teufel angehoren, wenn ich mein Verſprechen breche!“ „Welches Verſprechen habt Ihr abgelegt, Herr?“ fragten Potts und Holden zugleich. „Beftagt mich nicht,“ rief Nowell,„es iſt hinrei⸗ chend, daß ich dadurch gebunden und gefeſſelt bin.“ Der Anwalt dachte ein wenig nach und ſagte dann zu Holden: „Es iſt klar, daß man irgend eine boͤſe Liſt gegen unſern geachteten Freund angewendet hat, um ihm ein Verſprechen abzudringen, welches er nicht verletzen kann. Es iſt auch moöglich, nach dem, was er anfangs geaͤu⸗ ßert, daß man einen Verſuch machen wird, uns in die⸗ ſem Hauſe gefangen zu halten, und vielleicht hat Herr Nowell ſein Wort gegeben, nicht ohne Miſtreß Nutter's Erlaubniß hinauszugehen. Unter dieſen Umſtaͤnden moͤchte ich Euch bitten, ehrwuͤrdiger Herr, uns die große Gefaͤlligkeit zu erweiſen, nach Whalley zu reiten und Ainsworth, Hexen. III. 9 130 Sir Ralph Asſheton mit unſerer Lage bekannt zu machen.“ Bei dieſem Vorſchlage erheiterte ſich Nowell's Ge⸗ ſicht. Der Ausdruck war fuͤr den Sachwalter nicht verloren, welcher bemerkte, daß er auf der richtigen Sypur ſei. „Sagt dem wuͤrdigen Baronet,“ fuhr Potts fort, „daß ſein alter und geſchaͤtzter Freund, Roger Nowell, in großer Gefahr iſt— habe ich nicht Recht, mein Herr?“ Der Richter nickte. „Sagt ihm, er werde mit Gewalt gefangen gehal⸗ ten und es beduͤrfe einer betraͤchtlichen Macht, um ſeine unmittelbare Befreiung zu bewirken. Sagt ihm auch, daß Herr Nowell Miſtreß Nutter beſchuldigt, ihn durch Hexerei ſeiner Laͤndereien beraubt zu haben.“ „Nein, nein,“ fiel Nowell ein,„ſagt ihm das nicht. Ich beſchuldige ſie deſſen nicht mehr.“ „Dann ſagt ihm, daß ich es aber thue,“ rief Potts, „und daß Herr Nowell auf hoͤchſt ſeltſame Weiſe ſeinen Sinn geaͤndert hat.“ „Ich will dem Teufel angehoͤren, wenn ich mein Verſprechen breche!“ ſagte der Richter. „Ja, ſagt ihm das,“ rief der Anwalt,„ſagt ihm, daß der wuͤrdige Herr beſtaͤndig dieſen Satz wiederholt. Dadurch wird Alles erklaͤrt. Und nun, ehrwuͤrdiger Herr, laßt Euch bitten, unverzuͤglich abzureiſen, denn ſonſt moͤchte man Euch zuruͤckhalten.“ „Ich will ſogleich gehen,“ ſagte Holden. Als er im Begriff war, das Zimmer zu verlaſſen, 131 zeigte ſich Miſtreß Nutter an der Thuͤr. Beſtuͤrzung malte ſich in allen Geſichtern. „Wohin geht Ihr, Herr?“ fragte die Dame heftig. „Einen Auftrag auszurichten, Madame, der ſich nicht aufſchieben laͤßt,“ verſetzte Holden. „Ihr koͤnnt mein Haus fuͤr jetzt nicht verlaſſen,“ verſetzte ſie gebieteriſch.„Dieſe Herren bleiben bei mir zum Mittageſſen, und ich kann Eurer nicht ent⸗ behren.“ „Meine Pflicht ruft mich fort,“ entgegnete der Geiſtliche.„Bei allem Danke fuͤr Eure angebotene Gaſt⸗ freundſchaft, muß ich dieſelbe doch ablehnen.“ Nicht wenn ich Euch da zu bleiben befehle,“ ver⸗ ſetzte ſie ihre Hand erhebend;„ich bin hier unumſchraͤnkte Gebieterin.“ „Nicht uͤber die Diener des Himmels, Madame,“ ſagte der Geiſtliche eine Bibel aus der Taſche ziehend und ſie vor ſich haltend.„Durch dieſes heilige Buch ſchuͤtze ich mich gegen Euren Zauber und gebiete Euch, mich hinaus zu laſſen.“ Und als er hinaus ging, wich Miſtreß Nutter zu⸗ ruͤck, denn ſie vermochte ſich ihm nicht zu widerſetzen. 9* 132 Elftes Kapitel. Mutter Demdike. Der heftige Regen, welcher zu fallen begann, als Roger Nowell in das Herrenhaus zu Rough Lee ein⸗ trat, hatte jetzt aufgehoͤrt; die Sonne ſchien wieder glän⸗ zend und machte, daß der Garten ſo friſch und ſchön ausſah, daß Richard Alizon den Vorſchlag machte, in demſelben ſpazieren zu gehen. Das junge Maͤdchen ſchien anfangs zweifelhaft, ob ſie auf dieſe Einladung eingehen ſolle; endlich aber willigte ſie ein, und ſie gingen allein mit einander hinaus, denn Nicolaus, welcher dachte, ſie wuͤrden wohl ſeiner Geſellſchaft entbehren koͤnnen, beglei⸗ tete ſie nur bis an die Thuͤr, blieb dort ſtehen, ſah ihnen nach und wunderte ſich, wie die Sache enden werde. „Ich fuͤrchte, es wird nichts Gutes daraus ent⸗ ſtehen,“ dachte der wuͤrdige Squire kopſfſchuͤttelnd,„und es iſt nicht einmal recht von mir, Dick zu geſtatten, ſich auf dieſe Weiſe zu verwickeln. Aber was nuͤtzt es, einem jungen Manne Rath zu ertheilen, der bis uͤber Kopf und Ohren verliebt iſt? Er wird nimmermehr darauf hoͤren und meine Einreden nur uͤbel nehmen. Dick muß ſelber ſehen, was daraus wird. Ich habe ihn ſchon auf die Gefahr aufmerkſam gemacht, und wenn er koͤpf⸗ lings in die Grube ſtuͤrzen will, ſo kann ich ihn nicht 133 daran verhindern. Am Ende bin ich nicht ſehr uͤber⸗ raſcht. Alizon's Schoͤnheit iſt unwiderſtehlich, und wenn Alles in ihrer Geſchichte eben und gerade waͤre, ſo koͤnnte kein Grund ſein— pah! ich bin eben ſo thoͤricht, wie der Junge ſelbſt. Sir Richard Asſheton, der ſtolzeſte Mann in der Grafſchaft, wuͤrde ſeinen Sohn verſtoßen, wenn er gegen ſeinen Willen heirathete. Nein, nein, huͤbſches jugendliches Paar, da Nichts als Elend Eurer wartet, ſo rathe ich Euch, die kurze Zeit Eures Gluͤcks ſo gut als moͤglich zu benutzen. Ich wuͤrde es gewiß thun, wenn ich in Eurer Lage waͤre.“ Inzwiſchen hatten die Gegenſtaͤnde dieſer Betrach⸗ tungen die Terraſſe erreicht, von wo man Pendle Water uͤberſah, und gingen langſam auf derſelben auf und ab. „Man könnte ſehr gluͤcklich ſein an dieſem abge⸗ ſchiedenen Orte, Alizon,“ ſagte Richard.„Einigen Per⸗ ſonen moͤchte derſelbe oͤde und langweilig erſcheinen; fuͤr mich aber wuͤrde er in Eurer Geſellſchaft faſt ein Para— dies ſein.“ „Ach! Richard,“ verſetzte ſie mit erzwungenem Laͤ⸗ cheln,„wozu Traͤume von Gluͤck heraufbeſchwoͤren, die nimmer koͤnnen verwirklicht werden? Aber ſelbſt mit Euch glaube ich nicht, daß ich hier gluͤcklich ſein konnte. Das Haus hat Etwas an ſich, was mich, als ich es zuerſt ſah, mit unerklaͤrlichem Schrecken erfuͤllte. Seit ich ein kleines Kind war, bin ich bis heute nicht darin geweſen, und doch war es mir ganz bekannt— ſchauer⸗ lich bekannt. Ich kannte den Vorſaal, worin wir zu⸗ ſammen ſtanden, mit ſeinem ungeheuren bogenfoͤrmigen Kamin und den Wappenſchildern an demſelben, und ———— 134 konnte ſogleich den Stein entdecken, in welchen meines Vaters Anfangsbuchſtaben R. N. mit der Jahreszahl 1572 eingegraben waren. Ich kannte die gewirkten Ta⸗ peten an den Waͤnden und das bemalte Glas in den hohen Bogenfenſtern. Ich erkannte die alte Treppe und die druͤben befindliche Gallerie und das Zimmer, in wel⸗ ches meine Mutter mich fuͤhrte. Die Bilder an dem Taͤfelwerk waren mir bekannt und ich erkannte ſogleich meinen Vater. Ich hatte die große Bettſtelle von aus⸗ geſchnitztem Eichenholz und den hohen Kamin mit dem breiten Herde nicht vergeſſen, und es ſchauderte mich, als ich dies Alles anblickte. Ihr werdet fragen, wie mir alle dieſe Dinge bekannt ſein konnten? Ich will es Euch ſagen. Ich hatte ſie wiederholt in meinen Traͤumen geſehen. Sie hatten mich ſeit Jahren ver⸗ folgt, aber erſt heute erfuhr ich, daß ſie wirklich vorhan⸗ den und mit meiner eigenen Geſchichte in Verbindung ſtanden. Der Anblick dieſes Hauſes floͤßte mir ein Ent⸗ ſetzen ein, welches ich noch nicht zu uͤberwinden vermocht, und ich habe die Ahnung, daß mir innerhalb deſſelben ein Unheil begegnen wird. Ich moͤchte nie freiwillig hier wohnen.“ „Die warnende Stimme in Euch, die man nie verachten ſollte, beſtimmt Euch, es zu verlaſſen,“ rief Richard;„und ich rede Euch auf gleiche Weiſe zu.“ „Vergebens,“ ſeufzte Alizon.„Dieſe Terraſſe iſt ſchoͤn,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie weiter ging,„und ich werde oft hieher kommen, wenn es mir geſtattet iſt. Bei Sonnenuntergang muͤſſen dieſer Fluß und dort die bewaldeten Hoͤhen bezaubernd ſein; auch mißfaͤllt mir der 135 wilde Charakter der Umgebung nicht. Die Schoͤnheit dieſer Einſamkeit wird durch dieſen Contraſt erhoͤht. Ich wuͤnſchte nur, man haͤtte von hier eine Ausſicht auf den Pendle⸗Huͤgel.“ „Ihr gleicht meinem Vetter Nicolaus, der keine Ausſicht fuͤr vollkommen haͤlt, wenn jener Huͤgel nicht einen Theil davon bildet,“ ſagte Richard;„da ich aber finde, daß Ihr oft um Sonnenuntergang hieher kom⸗ men werdet, ſo zweifle ich nicht, daß ich Euch wieder⸗ ſehen und mich mit Euch unterhalten kann, auch wenn mir Miſtreß Nutter das Haus verbieten ſollte. Dieſes Dickicht iſt ein vortrefflicher Schlupfwinkel und jener Fluß iſt bald uͤberſchritten.“ „Wir koͤnnen keine geheimen Zuſammenkuͤnfte haben, Richard,“ verſetzte Alizon;„ich werde hieher kommen, um an Euch zu denken, aber nicht, um mit Euch zu⸗ ſammenzutreffen. Ihr duͤrft nie nach Rough Lee zuruͤck⸗ kehren— das heißt, wenn nicht eine Veränderung vor⸗ geht, die ich nicht vorherzuſehen wage.— Aber ſtill— man ruft mich. Ich muß ins Haus zuruͤckkehren.“ „Die Stimme kam von der andern Seite des Fluſ⸗ ſes,“ ſagte Richard.„Horch! da ruft es wieder. Wer mag es ſein?“ „Es iſt Jennet,“ verſetzte Alizon,„ich ſehe ſie jetzt.“ Und ſie deutete auf das kleine Maͤdchen, welches neben einer Erle am entgegengeſetzten Ufer ſtand. „Ihr ſaht mich nicht eher, Alizon,“ rief Jennet in ihren ſcharfen Toͤnen und mit ihrem gewohnten beleidi⸗ genden Lachen,„aber ich ſah Euch deutlich genug und hoͤrte Euch auch; und Herr Richard ſagte, er wolle ſich 136 in dieſem Dickicht verbergen, den Fluß uͤberſchreiten und zur Zeit des Sonnenunterganges zu Dir kommen. Kleine Ferkel, ſagt man, haben lange Ohren, und die meinigen ſind mir nicht umſonſt gegeben.“ „In dieſem Falle haben ſie Dich doch getaͤuſcht,“ verſetzte Alizon,„aber wie in aller Welt kommſt Du hieher?“ „Sehr leicht,“ verſetzte Jennet,„aber ich habe jetzt nicht Zeit, es Dir zu erzaͤhlen. Großmutter Demdike hat mich mit einer Botſchaft an Miſtreß Nutter hieher geſchickt. Aber vielleicht willſt Du nicht gern, daß Herr Richard hoͤrt, was ich Dir zu ſagen habe.“ „Ich will Euch verlaſſen,“ ſagte Richard, im Be⸗ griff, ſich zu entfernen. „O nein, nein!“ rief Alizon,„ſie kann mir Nichts zu ſagen haben, was Ihr nicht hoͤren duͤrft.“ „Soll ich zu Großmutter Demdike zuruͤckkehren und ihr ſagen, daß Du zu ſtolz biſt, um ihre Botſchaft zu empfangen?“ fragte das Kind. „Auf keinen Fall,“ fluͤſterte Richard.„Laßt ſie nicht die alte Frau erzuͤrnen.“ „Sprich, Jennet,“ ſagte Alizon im Tone freund⸗ licher Ueberredung. „Ich werde nicht eher ſprechen, als bis Du zu mir uͤber das Waſſer kommſt,“ verſetzte das kleine Maͤdchen; „und was ich zu ſagen habe, iſt ſehr wichtig fuͤr Dich.“ „Ich kann leicht hinuͤber kommen,“ ſagte Alizon zu Richard,„dieſe Steine ſcheinen abſichtlich hingelegt zu ſein.“ Hierauf ſtieg ſie von der Terraſſe bis an den Rand — 137 des Fluſſes hinunter, trat leicht auf den erſten Stein, der ſich uͤber die ſchaͤumende Fluth erhob, ſprang zu einem andern und gelangte ſo in einem Augenblick uͤber den Fluß. Richard ſah ſie am entgegengeſetzten Ufer hinaufſteigen und ſich Jennet naͤhern, die ſich hinter die Erle zuruͤckzog, und dann glaubte er die Alte, zum Theil von den Zweigen des Baumes verborgen, vortreten und ſie ergreifen zu ſehen. Dann vernahm er einen Schrei, und kaum hatte dieſer Laut des jungen Mannes Ohr erreicht, als er auch ſchon zum Ufer hinuntergeeilt war und den Fluß uͤberſchritten hatte; aber als er die Erle erreichte, war weder Alizon, noch Jennet, noch die alte Großmutter zu ſehen. Die ſchreckliche Ueberzeugung, daß ſie von Mutter Demdike entfuͤhrt worden, bemaͤchtigte ſich ſeiner, und obgleich er ſein Suchen unter den nahen Buͤſchen fort⸗ ſetzte, ſo geſchah es doch mit ſehr ſchlimmer Ahnung. Er erhielt keine Antwort auf ſein Rufen und konnte keine Spur entdecken, auf welche Weiſe Alizon entfuͤhrt worden. Nachdem er Linige Zeit mit vergeblichem Su⸗ chen hingebracht hatte, ungewiß, welche Handlungsweiſe er zu verfolgen habe, ging er mit verzweiflungsvollem Herzen uͤber den Fluß und naͤherte ſich dem Hauſe, vor welchem er Miſtreß Nutter und Nicolaus fand, welche Beide uͤberraſcht ſchienen, als ſie bemerkten, daß er nicht von Alizon begleitet ſei. Die Dame fragte ihn augen⸗ blicklich und Etwas heftig, was aus ihrer Adoptivtochter geworden, und ſchien anfangs ſeine Antwort nicht glau⸗ ben zu wollen; endlich aber, da ſie ſeine Aufrichtigkeit nicht bezweifeln konnte, wurde ſie heftig aufgeregt. 138 „Das arme Maͤdchen iſt von Mutter Demdike ent⸗ fuͤhrt worden, obgleich ich nicht begreife, zu welchem Zwecke. Die Alte konnte nicht uͤber das fließende Waſ⸗ ſer, und daher wendete ſie eine Liſt an.“ „Alizon darf nicht in ihren Haͤnden bleiben, Ma— dame,“ ſagte Richard. „Das darf ſie nicht,“ verſetzte die Dame.„Wenn nur Blackadder, den ich dem Pfarrer Holden nachgeſchickt habe, hier waͤre, ſo wuͤrde ich ihn ſogleich nach Malkin Tower ſchicken.“ „Ich will anſtatt ſeiner dorthin gehen,“ ſagte Richard. „Nehmt immerhin ſein Anerbieten an,“ fiel Nico⸗ laus ein;„er wird Euch eben ſo gut dienen, wie Black⸗ adder.“ „Gehen werde ich auf jeden Fall, Madame,“ rief Richard;„wenn nicht in Eurem Auftrage, gehe ich aus eigenem Antriebe.“ „So kommt denn mit mir,“ ſagte die Dame ins Haus tretend,„und ich will Euch mit dem verſehen, was Euer Schutz bei dem Unternehmen ſein ſoll.“ Hierauf ging ſie in das kleine Zimmer, wo ſie ihre Unterredung mit Roger Nowell gefuͤhrt hatte, ſchloß einen Schrank von Ebenholz auf und nahm aus einer Schub⸗ lade deſſelben ein kleines flaches Stuͤck Gold, worauf myſtiſche Zeichen eingegraben waren, und woran ſich eine duͤnne Kette von demſelben Metalle befand. Die Kette uͤber Richard's Hals werfend, ſagte ſie: „Bewahrt dieſen Talisman, der eine große Kraft hat, in der Naͤhe Eures Herzens, und keine Hexerei wird Euch Etwas anhaben koͤnnen. Aber ſeid vorſichtig, daß . 139 Ihr nicht durch eine Liſt deſſelben beraubt werdet, denn die Alte wird bald entdecken, daß Ihr ein Mittel beſitzt, welches Euch gegen ihren Zauber ſchuͤtzt. Ihr ſeid unge⸗ duldig zu gehen, aber ich bin noch nicht zu Ende,“ fuhr ſie fort, indem ſie ein kleines ſilbernes Jaͤgerhorn von einem Haken herunternahm und es ihm gab. Wenn Ihr Malkin Tower erreicht, ſo blaſt dreimal auf dieſem Horn, und die alte Hexe wird am obern Fenſter erſchei⸗ nen. Fordert Einlaß in meinem Namen und ſie wird Euch denſelben nicht verweigern; oder wenn ſie es thut, ſagt ihr, Ihr kenntet den geheimen Eingang zu ihrer Veſte, und wuͤrdet Euch deſſelben bedienen. Und im Fall dies noͤthig ſein ſollte, will ich Euch denſelben ent⸗ decken, doch duͤrft Ihr Euch ſeiner nicht eher bedienen, als bis alle andern Mittel fehlgeſchlagen ſind. Wenn Ihr vor der Thuͤr angekommen ſeid, die ſich, wie Ihr ſehen werdet, hoch oben in dem Gebaͤude befindet, thut zehn Schritte links, und wenn Ihr das Mauerwerk am Fuße des Thurmes unterſucht, werdet Ihr einen Stein ent⸗ decken, der ein wenig dunkler iſt, als die uͤbrigen. Un⸗ terhalb des Steines, und von einem Buͤſchel Haidekraut verborgen, werdet Ihr einen eiſernen Knopf entdecken. Beruͤhrt ihn und Ihr werdet eine Oeffnung entſtehen ſehen, die Euch in ein gewoͤlbtes Zimmer einlaſſen wird, und von dort koͤnnt Ihr zu dem obern Gemache hinauf⸗ ſteigen. Selbſt da koͤnnen Euch noch einige Schwierig⸗ keiten begegnen, aber mit Entſchloſſenheit werdet Ihr alle Hinderniſſe uͤberwinden.“ „Ich zweifle nicht an dem Erfolge, Madame,“ ver⸗ ſetzte Richard vertrauensvoll. —— 2—— ———— 140 Und ſie verlaſſend ging er zu dem Stalle, ließ ſein Pferd herausfuͤhren, ſchwang ſich in den Sattel und galoppirte auf die Bruͤcke zu. So ſchnell auch Richard an der Seite des ſteilen Huͤgels hinaufritt, ſo zogen ſich doch die Wolken uͤber ſeinem Kopfe noch ſchneller zuſammen. Keine natuͤrliche Urſache haͤtte eine ſo ploͤtzliche Veraͤnderung in dem An⸗ blick des Himmels hervorbringen koͤnnen, und der junge Mann ſah ſie mit Unruhe an und wuͤnſchte aus dem Dickicht, in das er jetzt verwickelt war, vor dem Beginn des Gewitters herauszukommen. Aber der Huͤgel war ſteil und der Weg ſchlecht, denn er war mit loſen Stei⸗ nen uͤberſaͤet und an vielen Stellen von bloßen Baum⸗ wurzeln durchkreuzt. Obgleich gewoͤhnlich ſicher gehend, ſtolperte Merlin oft und Richard war genoͤthigt, lang— ſamer zu reiten. Es wurde dunkler und dunkler und das Gewitter ſchien im Begriff loszubrechen. Die klei— neren Vogel hoͤrten auf zu ſingen und verbargen ſich unter dem dichteſten Laubwerk; die Elſter plapperte un— aufhoͤrlich; die Dohle kreiſchte; die Rohrdommel flog mit dumpfem Geſchrei durch die Luft, der Rabe kraͤchzte, der Reiher erhob ſich vom Ufer und flog mit ſeinem langen ausgeſtreckten Halſe davon, und der Falke, der uͤber ihm geſchwebt, ließ ſich ſeitwaͤrts nieder und ſuchte Schutz unter einem uͤberhaͤngenden Felſen; die Kaninchen huͤpf⸗ ten zu ihrer Hoͤhle auf dem Brachfelde, und der Haſe, der ſich einen Augenblick aufrichtete, als wollte er auf die Gefahr horchen, ſchlich ſich furchtſam in das hohe, trockene Gras. Endlich wurde es ſo dunkel, daß der Weg ſchwer ——— —4 zu unterſcheiden war und die dichten Reihen der Baͤume zu jeder Seite nahmen in der tiefen Dunkelheit ein phantaſtiſches Anſehen an. Richard war jetzt mehr als zur Haͤlfte den Huͤgel hinaufgeritten und das Dickicht war immer verwickelter und der Pfad ſchmaͤler und rau⸗ her geworden. Ploͤtzlich hielt Merlin an und bebte an allen Gliedern, wie im aͤußerſten Schrecken. Vor dem Reiter, gerade auf ſeinem Wege, gluͤhten ein paar rothe, feurige Augen, die einer dunklen, ſchat⸗ tenartigen Geſtalt angehoͤrten; aber ob es ein Menſch oder ein Thier war, konnte er nicht unterſcheiden. Richard rief der Geſtalt zu— keine Antwort. Er druͤckte ſeinem Pferde die Sporen in die dampfenden Seiten— das Thier wollte ſich nicht regen. Gerade jetzt vernahm er klagende Toͤne im Walde, als ob Je⸗ mand Schmerz empfinde. Er wendete ſich nach der Richtung und rief, erhielt aber keine Antwort. Als er wieder vor ſich blickte, waren die rothen Augen ver⸗ ſchwunden. Da ging Merlin von ſelber vorwaͤrts, aber ehe er noch weit gekommen war, wurden die Augen wieder ſichtbar und ſtarrten den Reiter aus dem Walde an. Diesmal naͤherten ſie ſich, wurden groͤßer und gluͤhender, bis ſie ihn wie Brennglaͤſer ſengten. Jetzt fiel Richard der Talisman ein und er zog ihn hervor. Das Licht war augenblicklich erloſchen und die ſchattenartige Geſtalt verſchwand in der Dunkelheit. Noch einmal ſetzte Merlin ſeinen muͤhſamen Weg fort und Richard wunderte ſich, daß das Ungewitter ſo lange inne gehalten, als der Himmel ploͤtzlich geſpalten —— 142 wurde und ein ziſchender Blitz niederſchoß und zu ſeinen Fuͤßen in die Erde ſchlug. Das erſchrockene Pferd baͤumte ſich in die Hoͤhe und wurde nur mit Schwierigkeit ver⸗ hindert, auf ſeinen Reiter niederzuſtuͤrzen. Kaum war es wieder auf den Fuͤßen, als ein furchtbarer Donner⸗ ſchlag ſich hoͤren ließ und Richard alle Anſtrengungen an⸗ wenden mußte, um es zu verhindern, wie toll den Huͤgel hinunter zu rennen. Das Ungewitter hatte jetzt begonnen, Blitz folgte auf Blitz, Donner auf Donner ohne Unterbrechung. Der Regen fiel ziſchend und plaͤtſchernd herunter, lief ſogleich als ein Strom von dem Huͤgel hinunter und vermehrte noch die Schwierigkeiten und Gefahren des Reiters. Uum das Grauſenhafte der Scene noch zu erhoͤhen, ſah er bei den Blitzen auffallende Geſtalten unter den Baͤu⸗ men dahinſchweben und vernahm ſeltſame Toͤne, obgleich gedaͤmpft durch das furchtbare Rollen des Donners. Aber Richard's Entſchloſſenheit blieb unerſchuͤttert und er trieb Merlin vorwaͤrts. Er war indeſſen noch nicht weit gekommen, als das Thier einen Schrei des Schreckens ausſtieß und mit den Vorderfuͤßen in die Luft zu ſchlagen begann. Die Blitze ſetzten Richard in den Stand, die Urſache dieſes neuen Ungemachs zu entdecken. Eine große ſchwarze Schlange hatte ſich um die Beine des armen Thieres gewickelt und es war mit aller An⸗ ſtrengung nicht im Stande, ſich von der ſchrecklichen Gegnerin los zu machen, die im Begriff ſchien, ihre gif⸗ tigen Zaͤhne in das Fleiſch des Pferdes zu hauen. Ri⸗ chard griff wieder zu dem Talisman, beugte ſich nieder und ſtreckte ihn der Schlange entgegen, worauf dieſe mit 143 ihrem pfeilaͤhnlichen Kopfe auf ihn zuſchoß. Aber an⸗ ſtatt ihn zu verwunden, biſſen die ſcharfen Zaͤhne auf das Stuͤck Gold, und als haͤtte ſie einen heftigen Schlag bekommen, loͤſte ſie ſich ab und floh ziſchend in das Dickicht. Richard war jetzt genoͤthigt abzuſteigen und ſein Pferd am Zuͤgel zu fuͤhren. Auf diefe Weiſe arbeitete er lang⸗ ſam den Huͤgel hinauf. Das Gewitter dauerte mit ununter⸗ brochener Wuth fort; die rothen Blitze ſpielten um ihn, der raſſelnde Donner betaͤubte ihn und der ſtroͤmende Regen ergoß ſich auf ſein Haupt. Aber er wurde nicht mehr belaͤſtigt. Außer den lebhaften Blitzen war es ganz dunkel geworden, doch dienten dieſe dazu, ihn auf ſeinem Wege weiter zu fuͤhren. Endlich gelangte er aus dem Dickicht und kam auf gruͤnen Raſen, der aber ſehr ſchluͤpfrig geworden war, daß er kaum darauf ſtehen konnte, waͤhrend die Bilitze ihm nicht mehr leuchteten. Da er fuͤrchtete, daß er eine falſche Richtung eingeſchlagen, ſtand er ſtill, und wäh— rend er mit ſich ſelber zu Rathe ging, wurde die weite Haide von einem hellen Lichtſcheine erleuchtet, der ihm den Gegenſtand ſeines Suchens, Malkin Tower, zeigte, der gleich einem Leuchtthurme, nur eine Viertelmeile entfernt, an der entgegengeſetzten Seite des Huͤgels ſtand. War es ſeine verwirrte Phantaſie, oder erblickte er wirk⸗ lich auf dem Gipfel des Gebaͤudes eine graͤßliche Geſtalt mit rauhem Fell und flammenden Augen, die keinem menſchlichen Weſen, ſondern einer rieſenhaften ſchwarzen Katze glich? Durch den Anblick des Thurmes neu belebt, war Richard im Augenblick wieder auf dem Ruͤcken ſeines 144 Pferdes, und da das Thier einigermaßen ſeinen Muth wieder erlangt hatte, ſo galoppirte es mit ihm fort und hielt ſich, ungeachtet des ſchluͤpfrigen Weges, auf den Fuͤßen. Bald zeigte ein neuer Blitz dem jungen Manne, daß er ſich raſch dem Thurme naͤhere; er ſtieg ab, band Merlin an einen Baum und eilte auf das unheilige Ge⸗ baͤude zu. Als er nur noch zwanzig Schritte davon entfernt war, fiel ihm Miſtreß Nutter's Rath ein und er ſetzte das Horn an ſeine Lippen und blies dreimal. Die Toͤne waren laut und klar, aber in der furchtbaren Stille klangen ſie ſeltſam. Kaum war der letzte Widerhall verſchollen, als ein Licht durch die dunkelrothen Vorhaͤnge eines Fenſters im obern Theile des Thurmes fiel. Im nächſten Augen- blick wurden dieſe auf die Seite gezogen und es zeigte ſich ein ſo ſchreckliches Geſicht voll teufliſcher Bosheit, daß Richard's Blut bei dem Anblick erſtarrte. War es ein Mann oder ein Weib? Der weiße Bart und das breite Geſicht ſchienen dafuͤr zu ſprechen, daß es ein Mann ſeiz aber die Kleidung war die eines Weibes. Das Geſicht war zugleich ſcheußlich und phantaſtiſch— die Augen ſtanden nicht in gleicher Linie, der Mund war auf die Seite gezogen— die rechte Wange mit einem Maal be⸗ zeichnet, worauf ſchwarze Haare wuchſen, welches wegen des Gegenſatzes zu dem uͤbrigen Geſichte ſcheußlich ausſah, und die Stirn war wie mit einem Blutſtreifen gebrandmarkt. Eine ſchwarze Pelzkappe bildete den Kopfputz der alten Hepe, und unter derſelben fiel das graue Haar in lan⸗ gen verwirrten Buͤſcheln hervor. Der untere Theil ihrer Perſon war nicht zu ſehen, doch ſchien ſie ſo breitſchul⸗ 6 — ———— 145 terig wie ein Mann zu ſein, und ihr plumper Koͤrper war in ein braungelbes Gewand gehuͤllt. Das Fenſter oͤffnend, blickte ſie hinaus und fragte in rauhen gebie⸗ teriſchen Toͤnen: „Wer wagt es, Mutter Demdike zu rufen?“ „Ein Bote von Miſtreß Mutter,“ verſetzte Richard. „Ich komme in ihrem Namen, die Herausgabe Alizon Device's zu fordern, die Ihr auf unrechtmaͤßige und ge⸗ waltſame Weiſe von ihr genommen.“ „Alizon Device iſt meine Enkelin, und als ſolche gehoͤrt ſie mir, und nicht Miſtreß Nutter,“ verſetzte Mutter Demdike. „Ihr wißt, daß Ihr die Unwahrheit redet, boͤſes Weib,“ rief Richard.„Alizon iſt nicht von Eurem Blut. Oeffnet die Thuͤr und laßt die Leiter herunter, oder ich werde einen andern Eingang finden.“ „So verſucht es denn,“ verſetzte Mutter Demdike, ſchlug heftig das Fenſter zu und zog den Vorhang vor. Nachdem Richard einen Augenblick das Gebaͤude beobachtet hatte, ging er raſch links, zaͤhlte zehn Schritte, wie Miſtreß Nutter ihm angedeutet hatte, und ſuchte unter dem dichten Graſe, welches an dem Fundamente des Thurmes wuchs, den verborgenen Eingang. Es war zu dunkel, um irgend einen Unterſchied in der Farbe des Mauerwerks zu finden, doch er war gewiß, daß er nicht weit von der rechten Stelle ſein koͤnnte, und gleich darauf kam ſeine Hand mit einem eiſernen Knopf in Beruͤhrung. Er druͤckte daran, aber der Knopf gab nicht nach. Er druͤckte noch ſtaͤrker, aber mit demſelben ſchlechten Erfolge. Sollte er ſich geirrt haben? Er ver⸗ Ainsworth, Hexen. III. 10 146 ſuchte den naͤchſten Stein und entdeckte ebenfalls einen Knopf daran, aber dieſer war eben ſo unbeweglich, wie der erſtere. Er ging weiter und fand, daß alle Steine gleich waren, und daß der rechte, wenn er ihn gefun⸗ den, unwirkſam geblieben ſei. Als er das Gebaͤude be⸗ obachtete, ſo weit es in der Dunkelheit moͤglich war, be⸗ merkte er, daß er einen Kreis um den Thurm beſchrie— ben habe, und war im Begriff, ſein Suchen zu erneuern, als er oben ein knarrendes Geraͤuſch hoͤrte und ploͤtzlich ein Licht auf ihn niederſtroͤmte. Die Alte hatte die Thuͤr geoͤffnet und ſtand, eine Lampe in der Hand, da, deren gelbe Flamme ihr ſcheußliches Geſicht und ihre kurze, viereckige kraͤftige Geſtalt beleuchtete. Ihr Hals glich dem eines Stiers, ihre Haͤnde waren von außer⸗ ordentlicher Groͤße und ihre Arme, bis an die Schulter bloß, waren braun und muskuloͤs. „Wie? noch draußen?“ rief ſie in hoͤhniſchem Tone und mit wildem, widerwaͤrtigem Lachen.„Mich duͤnkt, Du behaupteſt, Du koͤnnteſt einen Weg in meine Woh⸗ nung finden.“ „Ich verzweifle noch nicht daran,“ verſetzte Richard. „Thor!“ ſchrie die Hexe.„Ich ſage Dir, es iſt, vergebens, es ohne meine Einwilligung zu verſuchen. Mit einem Wort koͤnnte ich Steine auf Dein Haupt niederſchuͤtten, und Dich zu Staub zermalmen. Mit einem Wort koͤnnte ich machen, daß die Erde Dich ver⸗ ſchlaͤnge. Mit einem Wort koͤnnte ich Dich auf den Gipfel des Pendle⸗Huͤgel verſetzen. Ha! ha! fuͤrchteſt Du mich jetzt?“ „Nein,“ verſetzte Richard unerſchrocken.„Und das — 147 Wort, womit Ihr mir drohet, wird nimmer ausge⸗ ſprochen werden.“ „Warum nicht?“ fragte Mutter Demdike hoͤhnend. „Weil Ihr der Rache einer Perſon nicht trotzen wuͤrdet, deren Macht der Eurigen gleich, wenn nicht noch groͤßer iſt,“ verſetzte der junge Mann. „Groͤßer iſt ſie nicht, und auch nicht gleich,“ ent⸗ gegnete die Alte ſtolz;„aber ich wuͤnſche nicht mit Alice Nutter zu ſtreiten. Nur mag ſie nicht mit mir an⸗ fangen.“ „Noch einmal, ſeid Ihr bereit, mich einzulaſſen?“ fragte Richard. „Ja, unter einer Bedingung,“ verſetzte Mutter Demdike.„Du ſollſt ſie ſogleich erfahren. Tritt auf die Seite, waͤhrend ich die Leiter hinunterlaſſe.“ Richard gehorchte und eine ſchmale hoͤlzerne Treppe wurde niedergelaſſen. „Nun ſteige herauf, wenn Du Muth haſt,“ rief die Hexe. Der junge Mann war augenblicklich an ihrer Seite, aber ſie ſtand am Eingange und verhinderte ſein weite⸗ res Vorſchreiten mit ihrem vorgeſtreckten Stabe. Jetzt, da ſie ihm gegenuͤber ſtand, wunderte er ſich uͤber ſeine eigene Verwegenheit. Es war nichts Menſchliches in ihrem Geſichte und ein teufliſches Licht ſchimmerte in ihren ſeltſam geſtalteten Augen. Ihre perſoͤnliche Staͤrke, durch Alter nicht geſchwaͤcht oder durch Zauberei erhaiten, ſchien ihrer Bosheit gleich und ſie ſchien eben ſo faͤhig, irgend eine Grauſamkeit auszufuͤhren, als ſie zu erden⸗ 10* 148 ken. Sie ſah die Wirkung, die ſie auf ihn hervorbrachte und lachte innerlich mit boshafter Freude. „Sahſt Du je ein Geſicht, wie das meine?“ rief ſie.„Nein, gewiß nicht. Aber ich moͤchte lieber Ab— neigung und Schrecken, als Liebe einfloͤßen. Liebe— pah! Ich ſehe es lieber, wenn die Maͤnner vor mir zu⸗ ruͤckbeben und bei meiner Annaͤherung Schauder empfin⸗ den, als daß ſie mir zulaͤcheln und mir den Hof ma⸗ chen. Ich moͤchte lieber das Blut in ihren Adern er— ſtarren machen, als es vor Leidenſchaft zum Sieden brin⸗ gen. Ha! ha!“ „Ihr ſeid in der That ein furchtbares Weſen!“ rief Richard erſchrocken. „Furchtbar bin ich?“ rief die alte Hexe mit erneu⸗ tem Lachen.„Endlich geſtehſt Du es doch. Nun ja, ich bin furchtbar. Es iſt mein Wunſch, es zu ſein. Ich lebe, um die Menſchen zu plagen— ſie hinwelken und und erbleichen zu machen— ſie mit meinen Blicken zu erſchrecken— und ihnen Unheil zuzufuͤgen. Ho! ho! Und nun wollen wir Dich anſehen,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie die Lampe uͤber ihm hielt.„Ah! ein huͤbſcher Juͤngling! Und die jungen Maͤdchen ſchwaͤrmen fuͤr Dich, ohne Zweifel, und loben Deine bluͤhenden Wangen, Deine vollen Locken und Deine ſchoͤnen Glieder. Ich haſſe Deine Schoͤnheit, Junge, und wuͤrde ſie zerſtoͤren — ich wuͤrde Dein geſundes Fleiſch vom Krebs zerfreſſen laſſen, Deine glaͤnzenden Augen truͤben und Deine kraf⸗ tigen Glieder mit Laͤhmung ſchlagen, bis ſie zittern, wie die meinen! Ich bin faſt geneigt, es zu thun,“ fugte — 149 ſie hinzu, indem ſie ihren Stab erhob und ihn mit un⸗ begreiflicher Bosheit anſah. „Halt!“ rief Richard, den Talisman von ſeiner Bruſt nehmend und ihr denſelben vorhaltend.„Ich bin geſchuͤtzt gegen Eure Bosheit!“ Der Mutter Demdike fiel der Stab aus der Hand. „Ich wußte, daß Du auf irgend eine Weiſe ge⸗ ſchuͤtzt wareſt,“ rief ſie wuͤthend.„Und ſo iſt es alſo ein Stuͤck Gold mit magiſchen Zeichen, he?“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie pioͤtzlich ihren Ton aͤnderte;„laß es mich ſehen.“ „Ihr ſeht es deutlich genug,“ verſetzte Richard. „Nun tretet auf die Seite und laßt mich ein, denn wie Ihr ſeht, habe ich die Macht, den Eingang zu er⸗ zwingen.“ „Ich ſehe es— ich ſehe es,“ verſetzte Mutter Dem⸗ dike mit affectirter Unterwuͤrfigkeit.„Ich ſehe, es iſt vergehens, mit Dir zu ſtreiten, oder vielmehr mit der mächtigen Dame, die Dich geſchickt hat. Bleib, wo Du biſt, und ich will Alizon zu Dir bringen.“ „Ich mißtraue Euch faſt,“ ſagte Richard;„aber ſeid raſch.“ „Ich werde kaum einen Augenblick ausbleiben,“ ſagte die Hexe;„aber ich muß Dir vorher ſagen, daß Etwas mit ihr vorgegangen iſt, was—“ „Was iſt mit ihr vorgegangen— was habt Ihr ihr gethan, boͤſes Weib?“ rief Richard unruhig. „Sie iſt wahnſinnig,“ ſagte Mutter Demdike. „Wahnſinnig!“ wiederholte Richard. 150 „Aber Du kannſt ſie leicht heilen,“ ſagte die Alte bedeutungsvoll. „Ja, das kann ich,“ rief Richard mit ploͤtzlicher Freude—„der Talisman. Bringt ſie ſogleich zu mir.“ Mutter Demdike entfernte ſich und ließ ihn in un⸗ beſchreiblicher Aufregung zuruͤck. Die Mauern des Thur⸗ mes waren von ungeheurer Dicke und der Eingang des Zimmers, zu welchem die bogenfoͤrmige Thuͤr fuͤhrte, war mit einem alten gewirkten Vorhange bedeckt, hinter welchem die Alte verſchwunden war. Kaum war ſie in das Zimmer getreten, als Richard einen Schrei vernahm und ſeinen eigenen Namen von einer Stimme ausſpre⸗ chen hoͤrte, die er ungeachtet ihrer qualvollen Toͤne ſo⸗ gleich erkannte. Das Geſchrei wurde wiederholt, und dann hoͤrte man Mutter Demdike rufen: „Komm hieher! Komm hieher!“ Augenblicklich vorwaͤrts eilend und den Vorhang zuruckſchlagend, befand er ſich in einem geheimnißvoll ausſehenden kreisfoͤrmigen Zimmer, in deſſen Mitte ein maſſiver eichener Tiſch ſtand. Es waren verſchiedene auffallende Gegenſtände in dem Zimmer, aber er ſah nur Alizon, die mit der alten Hexe rang und ſich ver⸗ zweifelt an dem Tiſche feſthielt. Er rief ſie bei ihrem Namen, als er näher kam, doch ihre verwirrten Blicke bewieſen, daß ſie ihn nicht kannte. „Alizon, liebe Alizon! ich komme Euch zu befreien,“ rief er. Aber anſtatt ihm zu antworten, ſtieß ſie einen durch⸗ dringenden Schrei aus. „Der Talisman, der Talisman!“ rief die Alte. 151 „Ich kann mein Werk nicht aufheben. Lege die Kette um ihren Hals und das Gold an ihr Herz, damit ſie die volle Kraft davon empfindet.“ Richard that ohne Argwohn, was die Verſucherin ihm ſagte; aber in dem Augenblick als er das Stuͤck Gold aus den Haͤnden ließ, verſchwand Alizon's Geſtalt, das Zimmer war in Finſterniß begraben und unter wildem Gelaͤchter wurde er von dem kraͤftigen Arme der Hexe durch die bogenfoͤrmige Thuͤr geſchleppt und von dort hinunter geworfen. Die Erſchuͤtterung dieſes Falles machte ihn ſogleich bewußtlos. Zwölftes Kapitel. Die Geheimniſſe von Malkin Tower. Ee war ein unterirdiſches Gemach, duͤſter und von großem Umfange; die Decke war niedrig und wurde von neun maͤchtigen ſteinernen Saͤulen unterſtuͤtzt, an welche Ringe und roſtige Ketten befeſtigt waren, welche noch die modernden Gebeine Derjenigen umſchloſſen, die ſie im Leben gefangen gehalten hatten. Unter andern befand ſich dort ein rieſenhaftes Skelett, welches noch vollſtaͤndig und in der Mitte mit einem eiſernen Guͤr⸗ tel umgeben war. Ueberbleibſel der Sterblichkeit waren uͤberall umher zerſtreut und zeigten, welche große Menge an dem Orte umgekommen. Auf jeder Seite waren 152 Zellen mit maſſiven Thuͤren, mit Riegeln und Schloͤſſern ver⸗ ſehen. An einem Ende befanden ſich drei ungeheure Koffer von Eichenholz, mit Eiſen beſchlagen und mit ſchweren Vor⸗ legeſchloͤſſern befeſtigt. In ihrer Naͤhe ſtand ein großer Waffenſchrank, gleichfalls von Eichenholz und mit dem eingemeißelten Wappen der Abtei Whalley, welches be⸗ wies, daß derſelbe einſt dieſem Kloſter gehoͤrt. Wahr⸗ ſcheinlich war derſelbe einſt von Raͤuberhand entfuͤhrt worden. Am entgegengeſetzten Ende des Gewoͤlbes waren zwei Niſchen, wovon jede eine roh ausgehauene Geſtalt enthielt. Die eine ſtellte eine kriegeriſche Figur mit außerordentlich wildem Geſichte vor und die andere eine Nonne mit Schleier und Kapuze und einen Roſenkranz in der Hand. Am Boden lag eine einfache Steinplatte, welche die ſterblichen Ueberreſte des gottloſen Paares be⸗ deckte und ſie als Iſole von Heton und den Freibeuter Blackburn bezeichnete. Die Pfeiler waren in drei Reihen aufgeſtellt, ſo daß ſie mit den daruͤber befindlichen Bogen vier neben einander liegende kurze Gaͤnge bildeten, in deren Mitte ein Altar und in der Naͤhe deſſeiben ein großer Keſſel ſtand. Vorn erhob ſich auf einem Granit— block ein wunderbares Bildwerk aus ſchwarzem Marmor, welches einen Teufel auf einem Throne vorſtellte. Das Geſicht war menſchlich, aber der Bart der einer Ziege, waͤhrend die Beine demſelben Thiere angehoͤrten. Zwei gebogene Hoͤrner wuchſen hinter den Ohren hervor und ein drittes, wie eine Muſchel geſtaltetes, ſprang aus der Mitte der Stirn hervor, aus welcher eine blaue Flamme hervordrang und ein unheimliches Licht auf die umge⸗ benden Gegenſtände warf. 153 Der einzige in die Augen fallende Zugang zu dem Gewoͤlbe war eine ſteile, ſchmale, ſteinerne Treppe, oben mit einer ſchweren Fallthuͤr geſchloſſen. Ein anderer Ausgang ſchien nicht da zu ſein. Einige Luft wurde in dieſen Ort der Verweſung durch Roͤhren in den Mauern eingelaſſen, welche ſtark verwittert waren. Aber das Tageslicht drang nie herein. Die Flamme aber, die von der Stirn des Teufelsbildniſſes ausging, brannte be⸗ ſtändig, gleich den Lampen auf den Gräbern der Roſen⸗ kreuzer. Hinter der ſchwarzen Statue befand ſich eine tiefe Quelle, deren Waſſer ſo ſchwarz wie Dinte war, mit Schlangen, Kroͤten und andern ſchaͤdlichen Gewuͤrmen angefullt; und ſo wie das biaͤuliche Licht auf des Waſ⸗ ſers Oberflaͤche fiel, ſchimmerte dieſelbe wie ein truͤber Spiegel, außer wenn dieſelbe durch die ekelhaften Ge⸗ ſchoͤpfe unterbrochen wurde, die ſich unter derſelben auf⸗ hielten oder an dem ſchleimigen Rande herumkrochen. Aver Schlangen und Kroͤten waren nicht die einzigen Bewohner des Gewoͤlbes. Auf der oberſten Stufe kauerte ein monſtroͤſes Thier, welches einige Aehnlichkeit mit einer Katze hatte, aber ſo groß wie ein Tiger war; ſein Fell war ſchwarz und zottig; ſeine Augen gluͤhten, wie die einer Hyaͤne, und ſein Schrei glich dem eben jenes verraͤtheriſchen Thieres. Unter den duͤſteren Säulengaͤngen ſah man noch andere dunkle thieriſche Geſtalten undeut⸗ lich ſich hin und her bewegen. An dieſem Orte des Entſetzens befanden ſich zwei menſchliche Weſen— das eine ein junges Maͤdchen von ausgezeichneter Schoͤnheit, das andere faſt noch ein Kind und von ſeltſamer Mißgeſtalt. Die aͤltere, von Schrecken 154 uͤberwaͤltigt, hielt ſich an einen Pfeiler, um ſich zu ſtutzen, während die jungere, von der man den groͤßten Schrecken haͤtte erwarten ſollen, ganz unbekummert ſchien und uͤber die Furcht der anderen ſpottete. „O, Jennet!“ rief die aͤltere von den beiden,„giebt es kein Mittel zur Flucht?“ „Durchaus keins,“ verſetzte die andere.„Du mußt hier bleiben, bis Großmama Demdike zu Dir kommt.“ „O! wenn ſich doch die Erde oͤffnete und mich von dieſem Entſetzen befreite,“ rief Alizon.„Meine Vernunft verlaͤßt mich. Ich wollte, ich koͤnnte niederknien und um Befreiung beten! Aber Etwas verhindert mich daran.“ „Richtig,“ verſetzte Jennet,„es wuͤrde Dir Dein Leben koſten, wenn Du hier niederknien und beten woll⸗ teſt, wenn Du Dich nicht vielleicht zu den Fuͤßen jenes ſchwarzen Bildes werfen willſt.“ „Vor jenem Bilde knien— nimmermehr!“ rief Alizon. Und waͤhrend ſie ſich bemuͤhte, den Himmel zu ihrer Huͤlfe anzurufen, bemaͤchtigte ſich ihrer eine mäch⸗ tige und krampfhafte Erſchuͤtterung, welche ſie der Sprache beraubte. „Ich ſagte Dir ja, was geſchehen wuͤrde,“ ſagte Jennet, welche ſie genau beobachtete.„Du biſt hier nicht in der Kirche, und wenn Du hier beten willſt, mußt Du vor jenem Altar Deine Huldigung darbringen. Hoͤrſt Du nicht, wie zornig die Katzen ſind— wie ſie murren und ſpeien? Und ſieh nur, wie ihre Augen glänzen! Sie werden Dich wie Tiger in Stuͤcke zer⸗ reißen, wenn Du ſie beleidigſt.“ — —— 155 „Sage mir, warum ich hieher gebracht worden bin, Jennet?“ fragte Alizon, nach einer kurzen Pauſe. „Großmama Demdike wird es Dir ſchon ſagen,“ verſetzte das kleine Maͤdchen.„Aber ich glaube,“ fuͤgte ſie mit hoͤhniſchem Lachen hinzu,„ſie will eine Hexe aus Dir machen, wie aus uns Uebrigen.“ „Sie kann das nicht ohne meine Einwilligung thun,“ rief Alizon,„und ich wuͤrde lieber tauſendmal ſterben, als ihr nachgeben.“ „Das werden wir ſehen,“ verſetzte Jennet ſpoͤttiſch. „Du biſt ohne Zweifel halsſtarrig genug. Aber Groß⸗ mama Demdike iſt gewohnt, mit ſolchen Leuten um⸗ zugehen.“ „O! warum bin ich geboren!“ rief Alizon in bit⸗ term Schmerze. „Du darfſt wohl dieſe Frage thun,“ entgegnete Jen⸗ net mit lautem und gefuͤhlloſem Lachen;„denn ich ſehe nicht ein, wozu Du uͤberhaupt da biſt mit Deinem huͤb⸗ ſchen Geſicht und Deinen hellen Augen, als um zu machen, daß man Dich haßt.“ „Iſt es moͤglich, daß Du das zu mir ſagen kannſt, Jennet?“ rief Alizon.„Was habe ich gethan, um mir Deinen Haß zuzuziehen? Ich habe Dich immer geliebt und bin bemuͤht geweſen, Dir zu gefallen und dienen. Ich habe ſtets gegen Andere Deine P nommen, auch wenn Du Unrecht hatteſt. O! Du kannſt mich nicht haſſen.“ „Ich thue es aber doch,“ verſetzte das kleine Mit⸗ chen mit boshaftem Ausdruck.„Ich haſſe Dich jetzt mehr, als ſonſt Jemanden. Ich haſſe Dich, weil ich Dich an, da zu bleiben! Du 156 Du nicht mehr meine Schweſter biſt— weil Du einer großen Dame Tochter und ſelber eine große Dame biſt. Ich haſſe Dich, weil der junge Richard Asſheton Dich liebt— und weil Du in allen Dingen beſſeres Gluͤck haſt, als ich habe oder erwarten kann. Deshalb haſſe ich Dich, Alizon. Wenn Du eine Hexe biſt, werde ich Dich lieben, denn dann ſind wir wieder gleich.“ „Das wird nimmer geſchehen, Jennet,“ ſagte Ali⸗ zon traurig aber feſt.„Deine Großmutter mag mich in dieſem Kerker einmauern und mich wahnſinnig machen; doch wird ſie mich nie der Hoffnung auf meine Selig⸗ keit berauben.“ Als dieſe Worte ausgeſprochen wurden, erbebte das Gewolbe von einem Schalle, als haͤtte man auf eine Handtrommel geſchlagen; die Thiere bruͤllten und heulten wuͤthend; das ſchwarze Waſſer der Quelle erhob ſich ſie⸗ dend und wurde von dem zornigen Gewuͤrm zu Schaum geſchlagen, und ein ſtaͤrkerer Flammenſtrahl brach aus der Stirn der Teufelsſtatue hervor. „Ich habe Dich gewarnt, Alizon,“ ſagte Jennet, beunruhigt durch dieſe Zeichen,„da Du aber nicht auf das achteſt, was ich Dir ſage, ſo uberlaſſe ich Dich Dei⸗ nem Schickſal.“ „O! bleib bei mir, bleib bei mir, Jennet!“ ſchrie Alizon.„Bei unſerer fruheren ſchweſterlichen Liebe flehe iſt einiger Schutz fuͤr mich gegen dieſe ſchrecklichen Geſchoͤpfe.“ „Ich will Dich nicht anders beſchuͤtzen, als wenn Du thuſt, was Dir geboten wird,“ verſetzte Jennet. „Warum ſollteſt Du beſſer ſein, als ich?“ 157 „Ach! ich will auch nicht beſſer ſein,“ rief Alizon. „Ich wollte, ich haͤtte die Macht, Dein Herz zu wenden, Deine Augen fuͤr das Boͤſe zu oͤffnen, Dich zu retten, Jennet!“ Dieſen Worten folgte ein zweiter Schall, aber lau⸗ ter und klirrender, als der erſtere. Die feſten Mauern des Kerkers wurden erſchuͤttert und die ſchweren Saͤulen ſchwankten, während es Alizon's erſchrockenem Blicke ſchien, als ob die ſchwarze Statue ſich von ihrem Throne von holz erhebe und ihren Arm drohend gegen ſie aus⸗ P Dem armen Maͤdchen wurde der fernere Schre⸗ cken durch Bewußtloſigkeit erſpart. Wie lange ſie in dieſem Zuſtande blieb, konnte ſie nicht ſagen, auch ſchien man keine Bemuͤhungen anzu⸗ wenden, ſie wieder zu ſich zu bringen; als ſie aber ihr Bewußtſein wieder erlangte, fand ſie ſich auf einem ſchlech⸗ ten Lager in einer gewoͤlbten Vertiefung, deren Eingang mit einer gewirkten Tapete bedeckt war. Als ſie dieſelbe auf die Seite ſchob, bemerkte ſie, daß ſie nicht mehr in dem Gewoͤlbe, ſondern in dem obern Zimmer des Thur⸗ mes ſei. Das Zimmer war hoch und rund, und die Waͤnde von ungeheurer Dicke, wie die Fenſtervertiefungen zeigten, und in einer derſelben, wo die Oeffnung zuge⸗ mauert war, ſtand ihr Bett. Ein maſſiver eichener Tiſch, zwei oder drei Stuͤhle von alterthuͤmlicher Geſtalt und ein hoͤlzerner Seſſel bildeten das ganze Mobiliar des Zimmers. Der Seſſel ſtand in der Naͤhe des Ka⸗ mins und neben demſelben ein ſeltſam geſtaltetes Spinn⸗ rad, welches erſt kurzlich gebraucht zu ſein ſchien; aber weder die Alte, noch ihre Enkelin war ſichtbar. 158 Alizon konnte nicht ſagen, ob es Tag oder Nacht ſei, aber eine Lampe brannte auf dem Tiſche, deren mat⸗ tes Licht das Zimmer nur unvollkommen erleuchtete und verſchiedene ſeltſame Gegenſtaͤnde, die von den ungeheu⸗ ren Balken niederhingen, welche die Decke trugen, nur undeutlich zeigte. Verblichene gewirkte Tapeten hingen an den Waͤnden, die auf einem Felde das letzte Gaſt⸗ mahl Iſolens von Heton und ihres Buhlen Blackburn's, auf einem andern den Angelſachſen Ughtred, der auf dem Gipfel von Malkin Tower haͤngt, und auf einem drit⸗ ten die Hinrichtung des Abtes Paslew darſtellte. Die Gegenſtaͤnde waren in Lebensgroͤße, mit bewundernswur⸗ digen Farben und gewiß mit großer Geſchicklichkeit ge⸗ wirkt. Als ſie von den Windſtoͤßen, die durch einige unverſchloſſene Oeffnungen Eingang fanden, hin und her bewegt wurden, hatten die Figuren ein grimmiges und geiſterhaftes Anſehen. Schwach, zitternd und verwirrt, trat Alizon vor, ſchwankte auf den Tiſch zu und ſank auf einen Stuhl neben demſelben nieder. Ein furchtbares Ungewitter wuͤthete draußen mit Donner und Blitzen und uͤber⸗ ſchwemmendem Regen. Betaͤubt und geblendet, bedeckte ſie ihre Augen und blieb in dieſer Stellung, bis die Wuth des Ungewitters ſich einigermaßen gelegt hatte. Endlich wurde ſie durch einen knarrenden Ton, nicht weit von ihr, erweckt, und bemerkte, daß derſelbe von einer Fallthuͤre herruͤhrte, die ſich langſam um ihre An⸗ geln drehte. Eine Pelzkappe erſchien zuerſt uͤber der Oberfläche des Fußbodens; dann ein breites, aufgedunſenes Geſicht, * 5 159 Mund und Kinn mit weißem Barte verziert, gleich dem eines Katers; dann eine dicke Stierkehle, dann ein paar breite Schultern, dann eine plumpe viereckige Ge⸗ ſtalt, und Mutter Demdike ſtand vor ihr. Ein boshaf— tes Laͤcheln ſpielte um ihr ſcheußliches Geſicht und ſchim⸗ merte aus ihren Augen, aus jenen Augen, die von Na⸗ tur ſo ſeltſam geſtellt waren, als ſollten ſie ihr Schickſal und das ihres ungluͤcklichen Geſchlechts andeuten, welchem dieſer ſchreckliche Makel uͤberliefert wurde. Als die alte Hexe ſchwer auf den Boden trat, ſchloß ſich die Fallthuͤr hinter ihr. „So, Alizon, es iſt Dir beſſer, und Du haſt Dein Lager verlaſſen wie ich ſehe,“ rief ſie mit ihrem Stabe auf den Boden ſtoßend.„Aber Du ſiehſt noch matt und ſchwach aus. Ich will Dir Etwas geben, was Dich wieder beleben ſoll. Ich habe eine wunderbare Herzſtaͤr⸗ kung in jenem Schranke— ein wunderbares Staͤrkungs⸗ mittel, ha! ha! Du wirſt wieder wohl werden, ſowie es uͤber Deine Lippen gekommen iſt. Ich will es gleich holen.“ „Ich will Nichts davon,“ verſetzte Alizon;„lieber wuͤrde ich ſterben.“ „Lieber ſterben!“ wiederholte Mutter Demdike ſpoͤt⸗ tiſch,„weil Du in der Liebe ungluͤcklich biſt. Aber Du ſollſt den Mann Deines Herzens dennoch haben, wenn Du nur meinem Rathe folgen und thun willſt, was ich Dir gebiete. Richard Asſheton ſoll der Deine ſein, und zwar mit Deiner Mutter Einwilligung, vorausgeſetzt—“ „Ich weiß die Bedingung, die Ihr mit dem Ver⸗ ſprechen vereint,“ fiel Alizon ein,„und die, unter wel⸗ 160 N chen Ihr es erfuͤllen wollt; aber Ihr fuͤhrt mich verge⸗ bens in Verſuchung, alte Frau! Ich ſehe jetzt ein, warum ich hieher gebracht wurde.“ „Ei wirklich?“ rief die alte Hexe.„Und warum denn, da Du einen ſo ſcharfen Verſtand haſt?“ „Ihr wollt dem boͤſen Weſen, welchem Ihr dient, ein Opfer darbringen,“ rief Alizon mit ploͤtzlicher Ener⸗ gie.„Ihr ſeid einen Vertrag eingegangen, der Euch zwingt, jedes Jahr dem Teufel ein Opfer darzubringen, oder Eure eigene Seele iſt verfallen. So habt Ihr bis⸗ her Euer elendes Leben verlaͤngert und hofft es durch mich noch weiter zu verlaͤngern. Ich habe dieſe Ge⸗ ſchichte ſchon fruͤher gehoͤrt, wollte ſie aber nicht glauben. Jetzt glaube ich ſie, weil Ihr mich von meiner Mutter weggeſtohlen, ihrem Zorne getrotzt und mich in dieſen gottloſen Thurm gebracht habt.“ Die Alte lachte heiſer. „Die Geſchichte, die Du uͤber mich gehoͤrt haſt, iſt wahr,“ ſagte ſie.„Ich habe einen Vertrag gemacht, in jedem Jahre dem Herrn, dem ich diene, eine Seele als Opfer darzubringen, und wenn ich es nicht thue, ſo muß ich es auf die von Dir erwaͤhnte Weiſe buͤßen. Ein gleicher Vertrag exiſtirt zwiſchen Miſtreß Nutter und dem Satan.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, um die Wirkung ihrer Worte auf Alizon zu beobachten, und fuhr dann fort: „Deine Mutter wuͤrde Dich geopfert haben, wenn Du bei Ihr geblieben waͤreſt; aber ich habe Dich ent⸗ fuhrt, weil ich das beſte Recht an Dich zu haben glaube. 161 Du wurdeſt als meine Enkelin erzogen, und daher nehme ich Dich als mein Eigenthum in Anſpruch.“ „Und Ihr denkt mit mir zu verfahren, als waͤre ich eine Puppe in Euren Haͤnden?“ rief Alizon. „Ei gewiß, das thue ich,“ verſetzte Mutter Dem⸗ dike mit lautem Lachen.„Du biſt Nichts weiter, als eine Puppe— eine Puppe— ho! ho!“ „Und Ihr glaubt, ohne meine Bewilligung uͤber meine Seele verfuͤgen zu koͤnnen?“ ſagte Alizon. „Deine vollſtändige Einwilligung wird erlangt wer⸗ den,“ verſetzte die Alte. „Glaubt es nicht! glaubt es nicht!“ rief Alizon. „O! ich werde noch aus dieſer hoͤlliſchen Sclaverei be⸗ freit werden.“ In dieſem Augenblick hoͤrte man die Toͤne eines Hornes. „Gerettet! gerettet!“ rief das arme Maͤdchen auf⸗ fahrend;„es iſt Richard, der mich zu befreien kommt!“ „Woher weißt Du das?“ rief Mutter Demdike mit veraͤchtlichem Blicke. „Durch einen Inſtinct, der mich niemals taͤuſcht,“ verſetzte Alizon, als die Toͤne ſich wieder hoͤren ließen. „Dem muß Einhalt gethan werden,“ ſagte die Alte, indem ſie ihren Stab um den Kopf des Maͤdchens ſchwang und ſie feſſelte, wo ſie ſaß; hierauf nahm ſie die Lampe und ſchritt auf das Fenſter zu. Die wenigen Worte, die zwiſchen Richard und ihr gewechſelt wurden, ſind bereits mitgetheilt worden. Als Mutter Demdike das Fenſter geſchloſſen und die Gardine wieder vorgezogen hatte, beſchrieb ſie einen Kreis Ainsworth, Hexen. III. 11 162 auf dem Boden, murmelte einen Zauberſpruch, ſchwang wieder ihren Stab uͤber Alizon und gab ihr die Macht der Rede und Bewegung wieder. „Er war es!“ rief das junge Maͤdchen, ſobald ſie ihre Sprache wiederfand.„Ich hoͤrte ſeine Stimme.“ „Nun ja, freilich war er es,“ verſetzte die Alte. „Er kommt hieher und hat einen Narrengang gemacht, aber er ſoll nimmermehr wieder zuruͤckkehren. Glaubt Miſtreß Nutter, ich werde meinen Preis im Augenblick heraus⸗ geben, wo ich ihn erlangt habe, nur wenn ſie es for— dert? Glaubt ſie, ſie kann mich ſchrecken, wie ſie An⸗ dere ſchreckt? Weiß ſie nicht, mit wem ſie es zu thun hat? Wenn nicht, ſo werde ich es ihr ſagen. Ich bin die aͤlteſte, verwegenſte und maͤchtigſte aller Hexen. Kein Geheimniß der ſchwarzen Kunſt iſt mir unbekannt. Ich kann ſo viel Unheil anrichten, als ich will, und meine verwuͤſtende Hand iſt in dieſem ganzen Diſtrikt gefuhlt worden. Du kannſt es nachſpuͤren, wie eine Peſtilenz. Niemand hat mich beleidigt, dem ich nicht ſchrecklich ver⸗ golten habe. Ich herrſche uͤber dem Lande, wie eine Koͤnigin. Ich treibe Tribut ein, und wenn er nicht ge⸗ zahlt wird, ſchlage ich mit einer ſchaͤrferen Waffe drein, als das Schwert. Ich bringe dem Fuͤrſten der Finſter⸗ niß meine Huldigung dar. Dieſer Thurm iſt ſein Tem⸗ pel und jenes unterirdiſche Gemach der Ort, wo die ge⸗ heimnißvollen Feierlichkeiten begangen werden, die Du gottlos und verdammenswerth nennen wuͤrdeſt. Bei zahlloſen Sabbathen bin ich zugegen geweſen, hier nicht ſowohl, als auf Stumbles Moor oder auf dem Gipfel des Pendle⸗Huͤgel oder in den Ruinen der Abtei Whalley. 163 Manche Proſelyten habe ich gemacht; manche ungetaufte Kinder habe ich als Opfer dargebracht. Ich bin Ober⸗ prieſterin des Satan, und Deine Mutter moͤchte mir mein Amt ſtreitig machen.“ „O! erſpart mir dieſen ſchrecklichen Bericht,“ rief Alizon, welche vergebens der durchdringenden Stimme der Alten Einhalt zu thun verſuchte. „Ich will Dir Nichts erſparen,“ fuhr Mutter Dem⸗ dike fort.„Deine Mutter, ſage ich, moͤchte an meiner Statt Oberprieſterin ſein. Es ſind Grade unter den Hexen, wie unter andern Secten, und ich habe den hoͤchſten. Miſtreß Nutter moͤchte mich meines Amtes berauben; aber nicht eher, als bis ihr Haar ſo weiß iſt, wie das meine, bis ihre Kenntniß der meinen gleich⸗ kommt und ihr Menſchenhaß ſo gluͤhend iſt, wie der meine— nicht eher ſoll ſie es haben.“ „Aus Mitleid, ſprecht nicht mehr davon,“ rief Alizon. „Oft habe ich Deiner Mutter bei ihren ſchwarzen Plaͤnen geholfen,“ fuhr die unerbittliche Alte fort— „ja erſt in der Letzten Nacht veraͤnderte ich die alten Grenzen ihrer Beſitzung und errichtete neue. Es war eine ſtarke Ausuͤbung der Macht; aber der Befehl kam mir zu und ich gehorchte. Keine andere Hepe haͤtte ſo viel ausrichten koͤnnen, nicht einmal die verfluchte Chat⸗ tor, und die kommt gleich nach mir. Und wie beab⸗ ſichtigt Deine Mutter mir zu vergelten? Dadurch, daß ſie mich auf die Seite ſchiebt und meinen Thron beſteigt.“ „Ihr muͤßt im Irrthum ſein,“ ſagte Alizon kaum wiſſend, was ſie ſagen ſollte. 116 . N 3§ ————— 164 „Meine Nachrichten ſind beſtaͤndig ſicher,“ verſetzte die Alte mit veraͤchtlichem Lachen.„Ihre Plaͤne ſind mir bekannt, ſobald ſie ſie entworfen hat. Ich habe Jemand in ihrer Naͤhe, der ihre Handlungen genau be⸗ obachtet und ſie mir getreu berichtet. Ich weiß, warum ſie Dich ſo ploͤtzlich nach Rough Lee brachte, er Du es nicht weißt.“ „Sie brachte mich der Sicherheit wegen dorthin,“ bemerkte das junge Maͤdchen, hoffend die Wuth der Alten abzukuͤhlen, und weil ſie ſelber zu wiſſen wuͤnſchte, wie die Beſichtigung der Grenzen ablaufen werde.“ „Sie brachte Dich dorthin, um Dich dem Teufel zu opfern,“ rief die Hexe, indem hoͤlliſche Wuth und Bosheit aus ihren Augen ſpruͤhte.„Sie verfehlte ihn bei der Zuſammenkunft in der letzten Nacht in der zer⸗ ſtoͤrten Kirche zu Whalley zu beſaͤnftigen, wobei Du ſel⸗ ber zugegen wareſt und Dorothea Asſheton aus der Schlinge befreiteſt, in die ſie gerathen war. Und ſeit⸗ dem iſt Alles ungluͤcklich mit ihr gegangen. Als ſie ih⸗ ren dienſtbaren Geiſt fragte, warum ihr Alles verun⸗ gluͤcke, antwortete er, ſie habe ihr Verſprechen nicht er⸗ fullt— es ſei ein neues Opfer noͤthig— und Du allein wuͤrdeſt angenommen werden.“ „Ich!“ rief Alizon von Entſetzen ergriffen. e Du!“ rief die Alte.„Es wurde ihr keine Wahl geſtattet, und das Opfer muß dieſe Nacht geſche⸗ hen. Nach einem langen und ſchmerzlichen Kampfe wil⸗ ligte Deine Mutter ein.“ „O, nein— unmoglich! Ihr taͤuſchet mich,“ rief das ungluͤckliche Maͤdchen. „Ich ſage Dir, ſie willigte ein,“ verſetzte Mutter Demdike kalt;„und darauf traf ſie unmittelbar Vor⸗ kehrungen, nach Hauſe zuruͤckzukehren und ungeachtet Sir Ralph's und Lady Asſheton's Bitten ſie zuruͤckzu⸗ halten, reiſte ſie, wie Du weißt, mit Dir ab.“ „Dies Alles weiß ich,“ ſagte Alizon traurig,„und die Nachricht von unſerer Abreiſe aus der Abtei wurde Euch ohne Zweifel von Jennet uͤberbracht, welcher ich Lebewohl ſagte.“ „Du haſt Recht— ſo war es,“ entgegnete die Alte;„aber ich habe Dir noch mehr zu ſagen, denn ich will Dir die Geheimniſſe des ſchwarzen Herzens Deiner Mutter alle vorlegen. Ihre Zeit iſt beinahe um. Du biſt der Preis der Verlaͤngerung. Wenn ſie Dich dieſe Nacht nicht darbringt, und Du biſt ja hier in meinem Gewahrſam, ſo wird der Teufel, ihr Herr, ſie verlaſſen und ſie der Gerechtigkeit der Menſchen uͤberliefert werden.“ Alizon bedeckte ſchaudernd ihr Geſicht. Nach einer Weile blickte ſie auf und rief mit un⸗ ausſprechlicher Seelenqual: „Und ich kann ihr nicht helfen!“ Die mitleidsloſe Alte lachte hoͤhniſch. „Sie kann nicht gaͤnzlich verloren ſein,“ fuhr das junge Maͤdchen fort.„Waͤre ich in ihrer Naͤhe, ſo wuͤrde ich ihr ſagen, daß der Himmel gnaͤdig iſt gegen den groͤßten Suͤnder, welcher Buße thut, und ihr zei⸗ gen, wie ſie den verlornen Pfad der Rettung wieder finden kann.“ „Still!“ donnerte die Hexe, ihr mit ihrer unge⸗ heuren Hand drohend und mit ihrem ſchweren Fuße auf 166 den Boden tretend.„Solche Worte duͤrfen hier nicht ausgeſprochen werden. Sie ſind beleidigend fuͤr mich. Deine Mutter hat aller Hoffnung auf den Himmel ent⸗ ſagt. Sie iſt mit der Taufe der Hoͤlle getauft und mit dem rothen Finger ihres Herrſchers vor der Stirne ge⸗ brandmarkt und kann ihm nicht abgerungen werden. Es iſt zu ſpaͤt.“ „Nein, nein, es kann niemals zu ſpaͤt ſein,“ rief Alizon.„Es iſt ſelbſt fuͤr Euch nicht zu ſpät.“ „Du weißt nicht, wovon Du redeſt, thoͤrichtes Maͤdchen,“ verſetzte die Alte.„Unſer Herr wuͤrde uns augenblicklich in Stuͤcke zerreißen, wenn uns nur ein Gedanke an Buße, wie Du es nennſt, in den Sinn kaͤme. Wir ſind Beide zu ewiger Qual verdammt. Aber Deine Mutter wird zuerſt gehen— ja, zuerſt. Wenn ſie Dich dieſe Nacht geopfert haͤtte, waͤre ihr noch eine Friſt gewaͤhrt worden; da ich Dich aber anſtatt deſſen in meiner Macht habe, ſo wird die Wohlthat des Opfers mein ſein. Aber horch! was war das? Der Juͤngling ſchon wieder. Alice Nutter muß ihm ein maͤchtiges Schutzmittel gegeben haben.“ „Er kommt mich zu befreien,“ rief Alizon.„Ri⸗ chard!“ „Und ſie ſtand auf und wollte zum Fenſter eilen, aber Mutter Demdike ſchwang ihren Stab und ſie blieb wie eingewurzelt ſtehen. „Bleib da, bis ich Deiner bedarf,“ ſagte lachend die Here mit gewichtigen Fußtritten auf die Thuͤr zu⸗ gehend. 167 Nachdem ſie mit Richard geſprochen, wie bereits erwaͤhnt worden, kehrte Mutter Demdike ploͤtzlich zu Ali⸗ zon zuruͤck, rief ſie wieder zum Bewußtſein, brachte ihr ſcheußliches Geſicht ganz nahe, blies ſie an und ſprach die Worte aus: „Moͤgen Deine Augen geblendet und Dein Gehirn verwirrt ſein, ſo daß Du ihn nicht kennſt, wenn Du ihn ſiehſt, ſondern ihn fuͤr einen Andern hältſt.“ Der Zauber wirkte augenblicklich. Alizon ſchwankte zu dem Tiſche hin, Richard wurde hereingerufen, und bei ſeinem Erſcheinen fand die bereits erwaͤhnte Scene ſtatt, die damit endete, daß er ſeinen Talisman verlor und aus dem Thurme hinausgeworfen wurde. Alizon war von der alten Hexe unſichtbar gemacht worden und wurde nachher von ihr in die Vertiefung geſchleppt, wo ſie dem jungen Maͤdchen das kleine Stuͤck Gold vom Halſe riß und triumphirend rief: „Nun trotze ich Dir, Alice Nutter. Du kannſt Dein Kind nicht wieder erlangen. Das Opfer ſoll dieſe Nacht ſtattfinden und noch ein Jahr zu meiner langen Laufbahn hinzugefuͤgt werden.“ Alizon ſeufzte tief, aber auf einen Wink der Hepe wurde ſie bewegungslos und unfaͤhig zu ſprechen. Eine dunkle, undeutliche Geſtalt hielt ſich in der Naͤhe der Vertiefung auf und Mutter Demdike winkte ihr. „Trage dieſes Maͤdchen in das Gewoͤlbe hinunter und uͤberwache es,“ ſagte ſie.„Ich will ſogleich hin⸗ unterſteigen.“ 168 Hierauf wurde Alizon von den ſchattenartigen Armen umfaßt, die Fallthuͤr ſchlug auf und die Geſtalt ver— ſchwand mit ihrer lebloſen Laſt. Dreizehntes Kapitel. Die beiden dienſtbaren Geiſter. Nachdem Miſtreß Nutter Richard bei ſeinem ge⸗ fahrvollen Vorhaben nach Malkin Tower hatte abreiſen ſehen, zog ſie ſich in ihr Zimmer zuruͤck und hielt eine lange und ängſtliche Selbſtbetrachtung. Ihr Gedanken⸗ gang läßt ſich aus den ſchrecklichen Mittheilungen erra⸗ then, die Mutter Demdike Alizon gemacht. Den qual— vollſten Regungen hingegeben, iſt es die Frage, ob ſie groͤßere Pein haͤtte erdulden koͤnnen, waͤre ihr Herz von lebendigem Feuer verzehrt worden, wie bei der Strafe, die den Verdammten in den fabelhaften Hallen von Eblis angewieſen wird. Zum erſten Mal bemaͤchtigte ſich ihrer die Reue und ſie empfand Gewiſſensbiſſe wegen des Bö⸗ ſen, was ſie gethan. Ihre ganze dunkle Laufbahn ging an ihr voruͤber. Das lange Verzeichniß ihrer Verbre⸗ chen entfaltete ſich gleich einer feurigen Rolle, und am Ende derſelben ſtanden in leuchtenden Schriftzuͤgen die Worte geſchrieben: Gericht und Verdammniß! Es war kein Entfliehen moͤglich! Die Hoͤlle mit ihrem un— ausloͤſchlichen Feuer und ihrem Entſetzen, wovon min 169 ſich keine Vorſtellung machen kann, oͤffnete ihren Ra⸗ chen, um ſie zu verſchlingen, und ſie fuͤhlte mit Angſt und unbeſchreiblichem Selbſtvorwurf, welchen elenden Vertrag ſie gemacht, und wie ſie die kurze Befriedigung ihrer boͤſen Leidenſchaften mit ewiger Qual und ewigem Weh erkaufen muͤſſe. Dieſer Wechſel der Gefuͤhle war durch ihre neuer⸗ weckte Zaͤrtlichkeit fuͤr ihre Tochter hervorgebracht wor— den, die ſie lange fuͤr todt gehalten und die ihr jetzt wiedergegeben war, nur um ihr auf eine Weiſe wieder genommen zu werden, welche den Verluſt noch ſchmerz⸗ licher machte. Sie ſah ſich als das Spielwerk eines rankevollen Teufels an, deſſen Zweck es war, die Seele ihrer Tochter durch ihre Mitwirkung zu gewinnen, und ſie beſchloß, wenn es irgend moͤglich ſei, ſeine Abſichten zu vereiteln. Sie wußte wohl, daß dies nur durch ih⸗ ren eigenen Untergang geſchehen koͤnne, aber ſie war vorbereitet, auch dieſes uͤber ſich ergehen zu laſſen. Ali⸗ zon's Unſchuld und Hingebung an ſie hatte eine ſolche Wirkung auf ſie hervorgebracht, daß die in ihrer Bruſt entzuͤndeten beſſeren Triebe, denen ſie ſich anfangs wi⸗ derſetzt hatte, am Ende voͤllig die Oberhand bei ihr ge— wannen. Sollte es zu ſpaͤt ſein zur Reue? Gab es kein Mittel, ihren Bund zu brechen? Sie erinnerte ſich, von einem jungen Manne geleſen zu haben, der ſeine Seele dem Teufel verſchrieben und durch die Vermitte⸗ lung des großen Reformators Martin Luther dem Him⸗ mel wiedergegeben worden. Andererſeits aber hatte ſie auch von vielen Andern gehoͤrt, die, ſowie ſie die ge⸗ 17⁰ ringſte Reue gezeigt, vom Teufel in Stuͤcke zerriſſen worden. Dennoch fiel ihr immer der Gedanke ein, ob nicht ihre Tochter mit vollkommener Reinheit und Hei⸗ ligkeit geruͤſtet, mit einer Seele, rein und makellos wie ein ungetruͤbter Spiegel— ob nicht ſie, die ſich bereit erklaͤrt, Alles fuͤr ſie zu wagen(denn ſie hatte die Er— kläͤrung gehoͤrt, die ſie Richard gegeben), im Stande ſein ſollte, das Werk ihrer Rettung zu vollenden? Konnte das Bekenntniß ihrer Suͤnden und die freiwillige Aus⸗ lieferung an die irdiſche Gerechtigkeit ſie retten? Ach nein! Sie war ohne Hoffnung. Sie hatte es mit einem unerbittlichen Herrn zu thun, der ihr nicht anders Gnade gewaͤhrte, als unter Bedingungen, auf die ſie nicht ein⸗ gehen konnte. Sie wuͤrde ſich auf die Kniee geworfen haben, aber ſie wollten ſich nicht beugen. Sie wollte beten, aber die Worte wurden zu Laͤſterungen. Sie wollte weinen, aber die Quellen der Thraͤnen waren ausgetrocknet. Die Hexe konnte niemals weinen. Dann folgten Verzweiflung und Wahnſinn, und peitſchten ſie wie Furien mit Scorpionengeißeln und quaͤl⸗ ten ſie mit der Erinnerung an ihre Abſcheulichkeiten und Abgoͤttereien und ihre vielfachen Ungerechtigkeiten. Sie zeigten ihr, wie in einer raſch voruͤberfliehenden Viſion, Alle, die durch ſie Unrecht gelitten, oder denen ihre Bosheit an Leib oder Gut geſchadet. Sie verhoͤhnten ſie mit einem Schimmer von dem Paradieſe, welches ſie ver— wirkt hatte. Sie ſah ihre Tochter in ſeligem Zuſtande, im Begriff in die goldenen Thore einzutreten, und ſie wuͤrde ſich an ihre Kleider gehaͤngt haben, in der Hoff⸗ —————————— 471 nung, daß ſie ſie mit hineinbringen wuͤrde, doch ſie wurde von einem Engel mit einem flammenden Schwerte hinweggetrieben, welcher ihr zurief: „Du haſt den Himmel abgeſchworen, und der Him⸗ mel verwirft Dich. Satans Brandmal iſt auf Deiner Stirn, und wenn es nicht ausgeloͤſcht wird, kannſt Du niemals hier eintreten. Nieder in den Abgrund, Du Hexe!“ Dann flehte ſie ihre Tochter an, ihre Stirn mit der Fingerſpitze zu beruͤhren, und als dieſe im Begriff war, ihren Wunſch zu erfullen, erhob ſich plotzlich eine ſchwarze teufliſche Geſtalt, ergriff ſie beim Haar und zog ſie mit hinunter— hinunter— Millionen Meilen hin⸗ unter— bis ſie unter ſich eine Flammenwelt erſcheinen ſah, die aus einer ungeheuren Menge von Vulkanen beſtand, die gleich Feuereſſen tobten und wuͤtheten, von gluͤhend rother Lava uͤberfloſſen und ungeheure feurige Steine auswarfen. In jedem dieſer Feuerbetten ran⸗ gen und wanden ſich Tauſende und aber Tauſende von Leidenden und ihr Geſtoͤhn und ihr Wimmern erhob ſich zu einem furchtbaren unaufhoͤrlichen Wehklagen, zu ſchreck⸗ lich zu hoͤren. Ueber dieſem Orte der Qual hielt ſie der Teufel ſchwebend. Sie ſchrie laut in ihrer Angſt, machte ſich von dem Drucke los und war erfreut zu ſehen, daß die Viſion von ihrer eigenen ungeordneten Einbildungskraft herruͤhre. 6 Mittlerweile war das Ungewitter, welches Richard beim Hinaufſteigen auf den Huͤgel aufgehalten, losge⸗ brochen, aber Miſtreß Nutter hatte es nicht bemerkt; 1 172 aber jetzt wurde das Zimmer von einem heftigen Don⸗ nerſchlage erſchuͤttert, und wieder zum Bewußtſein der Gegenwart kommend, trat ſie zum Fenſter. Der An⸗ blick, den ſie gewahrte, vermehrte ihre Unruhe. Schwere Gewitterwolken lagen uͤber dem Huͤgel und ſchienen be⸗ reit, ihre Geſchoſſe auf den Weg niederzuſchleudern, den der junge Mann genommen. Das Zimmer, worin ſie ſtand, war groß und duͤ⸗ ſter, mit Täfelwerk von dunklem Eichenholz. Auf eins von den Faͤchern war ihr Bild in den Tagen ihrer Ju⸗ gend, Unſchuld und Schönheit gemalt, und auf einem andern befand ſich das Portrait ihres ungluͤcklichen Gat⸗ ten, als ein ſchoͤner junger Mann mit ſtrengem Ge⸗ ſichte in ſchwarz ſammtnem Wamms und Mantel nach der Mode unter Eliſabeth's Regierung. Zwiſchen dieſen Bildern ſtand eine mit Schnitzwerk verſehene eichene Bett⸗ ſtelle mit hohem Himmel und ſchweren Vorhaͤngen, und dieſer gegenuͤber war ein breites und hohes Fenſter, wel⸗ ches faſt die ganze Laͤnge des Zimmers einnahm, aber durch ſtarke Gitterſtangen und gefärbtes Glas, mit Wappen und verſchiedenen Figuren, verdunkelt wurde. Der hohe Kamin und die daran befindlichen Bilderwerke ſind ſchon vorher beſchrieben worden, ſowie der blutige Herd, wo das tragiſche Ereigniß geſchehen, welches mit Alizon's fruheſter Geſchichte in Verbindung ſtand. Als Miſtreß Nutter zu dem Kamin zuruͤckkehrte, erhob ſich ein klagendes Geſchrei von demſelben, und als ſie zuſammenfuhr— denn die Toͤne erweckten ſchreckliche Erinnerungen in ihrer Bruſt— erblickte ſie die unaus⸗ loͤſchlichen Blutſpuren, von einer blauen phosphoriſchen 173 Flamme bezeichnet, auf der Herdplatte, uͤber welcher die Geſtalt eines blutenden Kindes ſchwebte. Von Entſetzen ergriffen, wendete ſie ihre Blicke ab, aber ſie begegneten einem andern, eben ſo ſchrecklichen Gegenſtande— dem Bilde ihres Gatten, oder vielmehr einem Phantom an ſeiner Stelle; denn die von hoͤlliſchem Feuer erleuchteten Augen ſtarrten ſie unter den drohend zuſammengezoge⸗ nen Augenbrauen an, waͤhrend die Hand bedeutungs⸗ voll auf die Herdplatte hinwies, wo die Blutflecken das unheilvolle Wort„Rache!“ bildeten. In wenigen Minuten erloſchen die feurigen Schrift⸗ zuͤge und das Portrait nahm ſeinen gewohnten Aus⸗ druck wieder an; aber ehe ſich Miſtreß Nutter von ihrem Schrecken erholt hatte, oͤffnete ſich die Seite des Kamins und ein großer dunkler Mann trat daraus hervor. Als er erſchien, erleuchtete ein Blitz das Zimmer und zeigte ſein teufliſches Geſicht. Als die Dame ihn erblickte, er⸗ langte ſie ſogleich ihren Muth wieder und redete ihn in ſtolzem und gebieteriſchem Tone an: „Wozu dieſes Eindringen? Ich rief Dich nicht und bedarf Deiner nicht.“ „Ihr irrt, Madame,“ verſetzte er.„Ihr bedurftet meiner nie mehr, als in dieſem Augenblick; und weit entfernt, mich Euch aufzudringen, habe ich es vermie⸗ den in Eure Naͤhe zu kommen, obgleich mein Herr mich dazu aufforderte. Er iſt mit der Veraͤnderung bekannt, die eben in Euren Anſichten vorgegangen iſt, ſowie, daß Ihr begierig ſeid, den mit ihm eingegangenen Vertrag zu brechen, und den er ſeinerſeits genau erfuͤllt hat; aber ich habe Euch ausdruͤcklich zu benachrichtigen, daß 174 es nicht ſeine Abſicht iſt, ſeine Anſpruͤche an Euch auf⸗ zugeben, ſondern daß er ſie unfehlbar zur rechten Zeit geltend machen wird. Ich darf Euch nicht erſt erinnern, daß Eure Friſt ſich ihrem Ende naͤhert; aber es iſt Euch das Mittel angeboten worden, dieſelbe zu verlaͤngern, wenn Ihr Euch deſſelben bedienen wollt.“ „Ich habe nicht die Abſicht,“ verſetzte Miſtreß Nut⸗ ter in entſchiedenem Tone. „Das mag ſein, Madame,“ entgegnete die Geſtalt; „aber Ihr werdet Eure Tochter nicht retten, die in den Haͤnden einer erprobten und treuen Dienerin meines Herrn iſt, und was Ihr zu thun Bedenken tragt, wird jene Dienerin erfuͤllen und den Vortheil von dem Opfer ernten.“ „Nicht ſo,“ verſetzte Miſtreß Nutter. „Ich ſage ja,“ entgegnete der dienſtbare Geiſt. „Du biſt mein Sclave, und ich befehle Dir, Ali⸗ zon ſogleich hieher zu bringen.“ Der dienſtbare Geiſt ſchuͤttelte den Kopf. „Du weigerſt Dich!“ rief Miſtreß Nutter drohend. „Weißt Du nicht, daß ich das Mittel habe, Dich zu zuͤchtigen?“ „Das hattet Ihr, Madame,“ verſetzte der Andere; „aber ſobald ein Gedanke der Reue Eure Bruſt durch— drang, war die Macht, womit Ihr bekleidet waret, da⸗ hin. Mein Herr iſt indeſſen bereit, Euch eine Stunde der Gnade zu gewaͤhren, wenn Ihr freiwillig die ihm geleiſteten Eide erneuert; er will ſie annehmen und mich wieder zu Eurer Verfuͤgung ſtellen; aber wenn Ihr wi⸗ derſetzlich bleibt—“ 175 „So will er mich verlaſſen,“ fiel Miſtreß Nutter ein;„ich wußte es vorher. Thoͤrin, die ich war, einem Weſen zu vertrauen, welches von Anfang an ein Luͤg⸗ ner war.“ „Ihr habt ein kurzes Gedaͤchtniß und beſitzt wenig Dankbarkeit, Madame, und ſcheint die Euch in der letzten Nacht gewährte große Gunſt ganz vergeſſen zu haben. Auf Eure Bitte wurden die Grenzen Eurer Beſitzung veraͤndert und einem Andern große Streifen Land entzogen, um Euch gegeben zu werden. Wenn Ihr aber Eure Pflicht nicht erfullt, koͤnnt Ihr nicht er⸗ warten, daß dies ſo bleiben wird. Die Grenzſteine wer⸗ den wieder an ihren alten Platz geſtellt und das Land ſeinem rechtmaͤßigen Beſitzer wiedergegeben werden.“ „Das erwartete ich,“ ſagte Miſtreß Nutter ver⸗ aͤchtlich. „So wird alle unſere Muͤhe verloren ſein,“ fuhr der dienſtbare Geiſt fort;„und wenn Ihr auch die Ar⸗ beit gering anſchlagt, ſo iſt es doch keine leichte Aufgabe, das Anſehen einer ganzen Gegend zu veraͤndern— Stroͤme von ihrem Laufe abzulenken, Huͤgel zu verſetzen, Baͤume umzupflanzen und Haͤuſern eine andere Stelle zu geben, welches Alles geſchehen iſt, und jetzt wieder ungeſchehen gemacht werden muß wegen Eurer Unbe⸗ ſtaͤndigkeit. Ich ſelber bin genoͤthigt geweſen, um Eu⸗ retwillen ſo viele Rollen zu ſpielen, wie ein armer Schau⸗ ſpieler, und jetzt entlaßt Ihr mich im Augenblick, als haͤtte ich ſchlecht geſpielt, da doch die eigenſinnigſten Zu⸗ ſchauer von meiner Vorſtellung entzuͤckt geweſen waͤren. Dieſen Morgen war ich der Waldaufſeher, und als ſol⸗ 176 cher genoͤthigt, die Geſtalt des ſchurkiſchen kleinen An⸗ walts anzunehmen. Ich verſichere Euch, es war ſehr beleidigend füͤr mich. Auch gefiel es mir nicht beſſer, als Ihr mich noͤthigtet, die Geſtalt des alten Roger Nowell anzunehmen; denn was Ihr auch denken möget, ſo bin ich doch nicht ſo ganz von perſoͤnlicher Eitelkeit verlaſſen, um eine dieſer Figuren meiner eigenen vorzu⸗ ziehen. Indeſſen zeigte ich keine Abneigung, Euch zu verpflichten. Ihr ſeid heute ſehr unvernuͤnftig. Iſt es meines Herrn Schuld, wenn Euer Rachedurſt erliſcht— und, wenn Ihr einen Zweck erreicht habt, Euch Nichts mehr daran liegt? Ihr ſtrebt nach Rache— nach Macht. Ihr habt Beides und werft es von Euch, wie kindiſches Spielwerk.“ „Dein Herr iſt ein Erzbetruͤger,“ verſetzte Miſtreß Nutter,„und kann ſeine Verſprechungen nicht erfuͤllen. Es ſind leere Taͤuſchungen— nutzlos, weſenlos, wie Schatten. Seine Macht haͤlt gegen nichts Heiliges Stand, wie ich eben jetzt erfahren habe. Sein Geld verwan⸗ delt ſich in welke Blaͤtter, ſeine Schaͤtze in Staub und Aſche. Stark iſt er nur in der Macht Schaden anzu⸗ richten, und der Schaden, den er anrichtet, fallt gleich den Fluͤchen auf Die zuruͤck, welche ſie anwenden. Seine Rache iſt keine wahre Rache, denn ſie beunruhigt das Gewiſſen und erzeugt Reue, wogegen der Diener des Himmels durch ſeine Guͤte feurige Kohlen auf das Haupt ſeines Gegners haͤuft und ſein eigenes Herz „Ihr haͤttet dies Alles bedenken ſollen, ehe Ihr Euch ihm geweiht,“ ſagte der dienſtbare Geiſt;„jest iſt es zu ſpaͤt zu dieſer Ueberlegung.“ 177 „Vielleicht nicht,“ verſetzte Miſtreß Nutter. „Huͤtet Euch!“ donnerte der boͤſe Geiſt mit ſchreck⸗ licher Geberde,„eine offene Handlung des Ungehorſams, und Eure Glieder werden uͤber dieſes Zimmer verſtreut.“ „Wenn ich Dir hier nicht Trotz biete, ſo geſchieht es nicht, weil ich Dich fuͤrchte,“ verſetzte Miſtreß Nut⸗ ter, keineswegs erſchreckt durch die Drohung.„Du kannſt meiner Zunge keinen Zwang anthun. Du ſprichſt von Dienſten, die Dein Herr mir geleiſtet, und ich wie⸗ derhole Dir, ſie ſind nichtig, wie Deine Verſprechungen. Zeige mir die Hexe, die er bereichert hat. Was nutzt ihr die Verehrung der falſchen Gottheit— was die Opfer, die ſie auf ſeinen graͤulichen Altaͤren darbringt? Es iſt immer daſſelbe Blutvergießen, ſtets daſſelbe Be⸗ wirken des Unheils. Die Raͤder des Verbrechens rollen weiter, gleich dem Wagen des indiſchen Goͤtzen und zer⸗ malmen Alles vor ſich. Hilft Dein Herr je ſeinen Die⸗ nern in ihrer Noth? Verläßt er ſie nicht, wenn ſie ihm nicht mehr nuͤtzlich ſind und ihm keine neuen Opfer mehr verſchaffen koͤnnen? Elende Diener, elender Herr! Man ſehe nur die moͤrderiſche Demdike und die boshafte Chattor an und unterſuche die Mittel, wodurch ſie ihre unheilvolle Laufbahn verlaͤngert haben. Durch Graͤuel aller Art, und dadurch, daß ſie ihre ganzen Familien dem Feinde des Menſchengeſchlechts geweiht und alle zu Zauberern und Hexen gemacht haben! Man ſehe ſie an, ſage ich, welchen Vortheil hat ihnen ihr langer Dienſt gebracht? Sind ſie reich? Sind ſie im Beſitz unver⸗ welklicher Jugend und Schoͤnheit? Wohnen ſie glaͤnzend? Haben ſie Alles, was ſie wuͤnſchen? Nein!— die Eine Ainsworth, Hexen. III. 12 178 wohnt in einem einſamen Thurme, die Andere in einer elenden Strohhuͤtte; und beide ſind ungluͤckliche Geſchoͤpfe, die nur von dem Tribut leben, den ſie durch Drohun⸗ gen von erſchrockenen Bauern erzwingen, und keines an⸗ dern Genuſſes faͤhig, als der aus der Ausuͤbung ihrer Bosheit entſpringt.“ „Iſt das Nichts?“ fragte der dienſtbare Geiſt. „Fuͤr ſie iſt es Alles. Es liegt ihnen Nichts an glaͤn⸗ zenden Wohnungen, an Reichthum, Jugend oder Schoͤn⸗ heit. Wenn ſie es wollten, koͤnnten ſie das Alles haben. Sie lieben nur die gefuͤrchtete und geheimnißvolle Macht, die ſie beſitzen, mit einem Blicke zu feſſeln, mit einer Geberde zu durchbohren, durch ein Wort ſeltſame Qua⸗ en zu verurſachen und durch einen Fluch zu toͤdten. Dies iſt das Vorrecht, wornach ſie ſtreben, und welches ſie ausuͤben.“ „Und welches iſt das Ende von dem Allen?“ fragte Miſtreß Nutter ſtrenge.„Bald werden ſie nicht mehr im Stande ſein, ihrem unerſättlichen Herrn neue Opfer zu bringen, und er wird ſie dann verlaſſen. Ihre Lei⸗ ber werden dem Henker und ihre Seele der endloſen Qual uͤberliefert werden.“ Der dienſtbare Geiſt lachte wie uͤber einen Scherz und rieb ſich freudig die Haͤnde. „Sehr wahr,“ ſagte er,„ſehr wahr. Ihr habt die Sache richtig dargeſtellt, Madame. Dies wird gewiß der Gang der Ereigniſſe ſein. Aber was will man ſa⸗ gen— die alten Hexen erfreuen ſich eines langen Le⸗ bens, viel laͤnger, als man haͤtte erwarten ſollen. Mut⸗ ter Demdike wird aber ihre Friſt verlaͤngern, wie ich ————— 179 ſchon geſagt habe, und es iſt ein Gluͤck fuͤr ſie, daß ſie dazu im Stande iſt, denn ſonſt wuͤrde ſie eine Stunde nach Mitternacht zu Ende ſein und koͤnnte nicht erneu⸗ ert werden.“ „Du luͤgſt,“ rief Miſtreß Nutter,„luͤgſt wie Dein Herr, der der Vater der Luͤgen iſt. Mein unſchuldiges Kind kann nimmer auf ſeinem gottloſen Altar geopfert werden. Ich habe ihretwegen keine Furcht. Weder er, noch Mutter Demdike, noch irgend eine von der ver⸗ fluchten Schweſterſchaft kann ihr Etwas zu Leide thun. Ihre Guͤte wird ſie wie mit einer Ruͤſtung bedecken, die nichts Boͤſes zu durchdringen vermag. Er mag ſeine Rache an mir auslaſſen, wenn er will. Er mag mich wie einen Sclaven behandeln, der ſein Joch abgeworfen. Er mag die geringe Friſt abkuͤrzen, die er mir zugeſtan⸗ den hat, und mich hinuͤber tragen in ſein feuriges Koͤ⸗ nigreich; aber meinem Kinde kann und ſoll er nicht ſchaden!“ „Geht um Mitternacht nach Malkin Tower und Ihr werdet ſehen,“ verſetzte der Geiſt mit hoͤhniſchem Lachen. „Ich will dorthin gehen, aber um ſie zu befreien,“ verſetzte Miſtreß Nutter.„Und nun geh. Ich bedarf Deiner nicht mehr.“ „Taͤuſcht Euch nicht, ſtolzes Weib,“ ſagte der Geiſt. „Einmal entlaſſen, kann ich vielleicht nicht wieder zu⸗ ruͤckgerufen werden, waͤhrend Ihr gaͤnzlich unfähig ſein werdet, Euch gegen Eure Feinde zu vertheidigen.“ „Es liegt mir Nichts daran,“ verſetzte ſie;„geh!“ Der Dämon trat zuruͤck und ſtampfte mit dem 180 Fuße auf die Herdplatte; ſie ſenkte ſich wie eine Fall⸗ thuͤr und er verſchwand unter derſelben, indem ein Blitz ſeine dunkle Figur umſpielte. Ungeachtet ihrer geruͤhmten Entſchloſſenheit und der Kuͤhnheit, die ſie vor dem Geiſte gezeigt hatte, gab ſich Miſtreß Nutter jetzt eine Weile gänzlich der Verzweif⸗ lung hin. Endlich durch die dringende Nothwendigkeit der Handlung erweckt, ging ſie wieder zu dem Fenſter hin und blickte hinaus. Das Ungewitter tobte noch draußen ſo wuͤthend, daß es Wahnſinn geweſen waͤre, ihm Trotz zu bieten, jetzt da ſie ihrer Macht beraubt und zu der Schwaͤche der gewoͤhnlichen Menſchen her⸗ abgeſunken war. Die Heftigkeit deſſelben zeigte ihr in⸗ deß, daß es bald aufhoͤren muͤſſe, und dann wollte ſie nach Malkin Tower aufbrechen. Aber was konnte ſie jetzt von einem Kampfe mit der alten Hexe erwarten, welcher alle Macht der Hoͤlle zu Gebote ſtand?— Welche Hoffnung konnte ſie hegen, daß ſie im Stande ſein werde, die Befreiung ihrer Tochter zu bewirken? Einer⸗ lei, ſo verzweifelt auch, ſollte der Verſuch doch gemacht werden. Inzwiſchen wuͤrde es nothwendig ſein zu ſehen, was unten vorging, und ſich zu uͤberzeugen, ob Blackad⸗ der mit dem Pfarrer Holden zuruͤckgekehrt ſei. In dieſer Abſicht ſtieg ſie in die Halle hinunter, wo ſie Nicolaus Asſheton in einem großen Lehnſeſſel feſt ſchlafend fand, mehr gewiegt als geſtoͤrt durch die hefti⸗ gen Erſchuͤtterungen des Donners. Der Squire war ohne Zweifel durch die Anſtrengung des Tages uͤberwaͤl⸗ tigt, oder der ſtarke Wein, den er getrunken, hatte es bewirkt, denn eine leere Flaſche ſtand auf dem Tiſche 181 neben ihm. Miſtreß Nutter weckte ihn nicht, ſondern ging zu dem Zimmer, wo ſie Nowell und Potts gefan⸗ gen zuruͤckgelaſſen, welche Beide bei ihrem Eintritt auf⸗ ſtanden. „Bleibt ſitzen, Ihr Herren, ich bitte Euch,“ ſagte ſie hoͤflich.„Ich komme zu ſehen, ob Ihr Etwas be⸗ durft; denn wenn dieſes furchtbare Gewitter voruber iſt, werde ich einen kurzen Ausgang machen.“ „Ich meines Theils verlange Nichts weiter, Ma⸗ dame,“ verſetzte Potts,„aber vielleicht wuͤrde meinem geehrten und vortrefflichen Clienten noch eine Flaſche Wein angenehm ſein.“ „Redet fuͤr Euch ſelber, Herr,“ rief Roger Nowell heftig. „Ihr ſollt ſie haben,“ fiel Miſtreß Nutter ein.„Es wird mir lieb ſein, ein Wort mit Euch zu reden, ehe ich gehe, Herr Nowell. Es iſt mir leid, daß dieſer Streit ſich zwiſchen uns erhoben hat.“ „Hm!“ rief der Richter. „Sehr leid,“ fuhr Miſtreß Nutter fort,„und ich wuͤnſche jeden Erſatz zu leiſten, der in meiner Macht ſteht.“ „Erſatz, Madame!“ rief Nowell,„gebt mir das Land zuruͤck, welches Ihr mir geſtohlen habt— ſtellt die Grenzen wieder her— unterzeichnet das Document, welches in Sir Ralph's Beſitz iſt— das iſt der einzige Erſatz, den Ihr leiſten koͤnnt.“ „Ich will es thun,“ verſetzte Miſtreß Nutter. „Ihr wollt es,“ rief Nowell.„Da hat uns doch der Kerl nicht getaͤuſcht, Herr Potts.“ ———————————— 182 „Iſt Jemand bei Euch geweſen?“ fragte die Dame unruhig. „Ja, der Waldaufſeher,“ entgegnete Roger Nowell. „Er ſagte, Ihr wuͤrdet ſogleich bei uns ſein und uns gute Anerbietungen machen.“ „Er ſagte uns auch, warum Ihr ſie machen wuͤr⸗ det, Madame,“ fuͤgte Potts in unverſchaͤmtem und dro⸗ hendem Tone hinzu;„er ſagte uns, Ihr wuͤrdet Euch ein Verdienſt daraus machen, das zu thun, was Ihr thun muͤßtet. Eure Macht ſei von Euch gewichen— Eure Werke der Finſterniß wuͤrden zerſtoͤrt werden— kurz, Ihr wuͤrdet von dem Teufel, Eurem Herrn, ver⸗ laſſen werden.“ „Er taͤuſchte Euch,“ verſetzte Miſtreß Nutter.„Ich habe Euch das Anerbieten blos aus gutem Willen ge⸗ macht und Ihr koͤnnt es verwerfen oder nicht, wie Ihr wollt. Wenn Ihr es annehmt, ſo mache ich weiter keine Bedingung, als daß Ihr mir Euer Wort gebt, keine Anklage auf Hexerei gegen mich vorzubringen.“ „Gebt das Verſprechen nicht,“ fluͤſterte eine Stimme dem Richter ins Ohr. „Sagtet Ihr Etwas?“ ſagte er zu Potts. „Nein, Herr,“ verſetzte der Anwalt in leiſem Tone, „aber es war mir, als warntet Ihr mich vor—“ „Still!“ fiel Nowell ein,„es muß der Waldauf⸗ ſeher ſein. Wir koͤnnen Eure Bitte nicht erfuͤllen, Ma⸗ dame,“ fuͤgte er laut hinzu. „Gewiß nicht,“ ſagte Potts.„Wir koͤnnen mit einer anerkannten Hepe keinen Vertrag ſchließen. Wir wuͤrden Nichts dabei gewinnen; im Gegentheil wuͤrden ————— 183 wir verlieren, denn wir haben die beſtimmte Zuſicherung von einem Herrn, von dem wir glauben, daß er mit einem gewiſſen ſchwarzen Herrn von Eurer Bekannt⸗ ſchaft in gutem Vernehmen ſteht, Madame, daß der Letztere Euch gaͤnzlich aufgegeben hat, und daß Recht und Gerechtigkeit daher ihren Gang gehen koͤnnen. Wir proteſtiren dagegen, daß Ihr uns auf ungeſetzliche Weiſe hier gefangen haltet; doch machen wir uns deshalb we⸗ nig Sorgen, da Sir Ralph Asſheton, den der Pfarrer Holden von unſerer Lage in Kenntniß ſetzen wird, bald zu unſerer Befreiung da ſein muß.“ „Ja, wird ſind jetzt deshalb ganz ruhig, Madame,“ fuͤgte Nowell hinzu,„und morgen werden wir das Ver⸗ gnügen haben, Euch nach Lancaſter Caſtle zu geleiten.“ „Und Euer Verhoͤr wird bei den naͤchſten Aſſiſen um die Mitte des Auguſt ſtattfinden,“ ſagte Potts. „Ihr habt nur noch eine Friſt von vier Monaten.“ „Das iſt in der That meine Friſt,“ murmelte die Dame.„Ich werde nicht warten, um Eure Drohun⸗ gen anzuhoͤren,“ fuͤgte ſie laut hinzu.„Ihr werdet wahrſcheinlich bedauern, meinen Vorſchlag verworfen zu haben.“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Zimmer. Als ſie in den Vorſaal zuruͤckkehrte, erwachte Ni⸗ colaus. „Welch ein Teufel von einem Gewitter!“ rief er ſich ſtreckend und die Augen reibend.„Zum Henker! dieſer Blitz war genug, mich zu blenden und der Don⸗ ner ſprengt mir faſt die Ohren.“ „Und doch habt Ihr bei noch ſtaͤrkeren Schlaͤgen 184 geſchlafen, Nicolaus,“ ſagte Miſtreß Nutter ſich ihm naͤhernd.„Richard iſt nicht von ſeiner Botſchaft zuruͤck⸗ gekehrt, und ich muß ſelber nach Malkin Tower gehen. In meiner Abweſenheit muß ich Euch die Vertheidigung meines Hauſes anvertrauen.“ „Ich bin bereit, ſie zu uͤbernehmen,“ verſetzte Ni⸗ colaus,„vorausgeſetzt, daß keine Hexerei angewendet wird.“ „Nein, das duͤrft Ihr nicht fuͤrchten,“ ſagte die Dame mit erzwungenem Laͤcheln. „Nun gut, ſo uͤberlaßt es mir,“ ſagte der Squire; „aber Ihr werdet doch nicht abreiſen, ehe das Wetter voruͤber iſt?“ „Ich muß,“ verſetzte Miſtreß Nutter.„Es ſcheint nicht wahrſcheinlich, daß es bald aufh en wird und je⸗ der Augenblick bringt Alizon Gefahr. Wenn mir Et⸗ was begegnet— wenn ich— wenn mich irgend ein Unfall treffen ſollte, ſo verſprecht mir, ſie zu beſchuͤtzen.“ Der Squire gab das geforderte Verſprechen. „Genug, ich habe Euch beim Wort,“ ſagte Mi⸗ ſtreß Nutter.„Nehmt dieſes Pergament. Es iſt die Acte, worin ich ihr dieſes Haus und meine ganze Be⸗ ſitzung verſchreibe. Unter gewiſſen Umſtaͤnden werdet Ihr das Document zur Geltung bringen.“ „Unter welchen Umſtaͤnden? Ich verſtehe Euch durchaus nicht, Madame,“ ſagte der Squire. „Fragt mich nicht weiter, aber tragt Sorge um das Document, und zeigt es, wie geſagt, im paſſenden Augenblick vor. Ihr werdet ſelber wiſſen, wann die Zeit da iſt. Ha! man bedarf meiner.“ 185 Der letztere Ausruf wurde durch das Erſcheinen eines alten Weibes am andern Ende der Halle ver⸗ anlaßt, welches ihr winkte. Als Miſtreß Nutter ſie er⸗ blickte, verließ ſie ſogleich den Squire und folgte ihr in ein kleines Zimmer, in welches man von der Halle aus gelangte, und in welches ſie ſich zuruͤckzog. „Was fuͤhrt Euch hieher, Mutter Chattor?“ rief die Dame die Thuͤr ſchließend. „Koͤnnt Ihr es nicht errathen?“ verſetzte die Alte. „Ich komme, Euch zu helfen, nicht aus Liebe zu Euch, ſondern um mich an der alten Demdike zu raͤchen. Un⸗ tecbrecht mich nicht. Mein dienſtbarer Geiſt Fancy hat mir Alles geſagt. Ich weiß, in welcher Lage Ihr ſeid. Ich weiß, daß Alizon in den Klauen der alten Dem⸗ dike iſt, und Ihr nicht im Stande ſeid, ſie daraus zu befreien. Aber ich kann und will es, denn wenn die verhaßte alte Vettel das Opfer nicht vor der erſten Stunde des Tages darbringt, ſo iſt ihre Friſt abgelaufen, und ich werde ihrer los ſein und anſtatt ihrer herrſchen. Mor⸗ gen wird ſie auf dem Wege nach Lancaſter Caſtle ſein. Ha! ha! Das Gefäͤngniß iſt fuͤr ſie bereitet; der Pfahl ſchon eingeſchlagen— die Reiſigbuͤndel um ſie aufge⸗ haͤuft. Die Fackel darf nur angezuͤndet werden. Ho! ho!“ „Wollen wir nach Malkin Tower gehen?“ fragte Miſtreß Nutter ſchaudernd. „Nein, auf den Gipfel des Pendle⸗Huͤgel,“ ver⸗ ſetzte Mutter Chattor;„denn dorthin wird das Mad⸗ chen gebracht werden, und nur dort koͤnnen wir ſie ret⸗ ten. Aber vorher muͤſſen wir in meine Huͤtte gehen und einige Vorbereitungen machen. Ich habe drei Schaͤdel 186 und acht Zaͤhne, die ich mir heute aus einem Grabe auf dem Kirchhofe zu Goldſhaw geholt. Damit koͤnnen wir einen Zauber machen.“ „Das muͤßt Ihr allein thun,“ ſagte Miſtreß Nut⸗ ter;„ich kann Nichts damit zu thun haben.“ „Es iſt wahr— das hatte ich vergeſſen,“ rief die Alte innerlich lachend,„Ihr gehoͤrt nicht mehr zu uns. Nun gut, ich will es allein thun. Aber kommt mit mir. Ihr werdet doch Nichts dagegen haben, auf mei— nem Beſenſtiel zu reiten. Es iſt das einzige ſichere Fuhrwerk bei dieſem Ungewitter, welches der Teufel er⸗ regt hat. Kommt— auf und davon!“ Und ſie riß das Fenſter auf und ſprang hinaus. Miſtreß Nutter folgte ihr. Durch die truͤbe Luft und wie auf den Fittigen des Windes fortgetragen, fliegen zwei dunkle Geſtalten raſch dahin. Ueber die Wipfel der vom Sturm gebo⸗ genen Baͤume fahren ſie dahin, und als ſie den Saum des Dickichts erreichen, wird eine Eiche unter ihnen vom Blitze zerſchmettert. Sie hoͤren das furchtbare Krachen und ſehen, wie die Splitter weit umher fliegen, und die Vorderſte von den Beiden, die mit ihrem ausgeſtreckten Knochenarme die Richtung anzudeuten ſcheint, ſtoͤßt ein wildes Gelaͤchter aus, während ein Rabe, der mit ſeinen breiten ſchwarzen Fluͤgeln vorauseilt, heiſer kraͤchzt. Jetzt wuͤthet unten der ſtroͤmende Regen und ſie ſehen, wie das weiße Waſſer uͤber den Felsrand niederrauſcht; jetzt kamen ſie uͤber den Gipfel eines Huͤgels; jetzt ſchweben ſie uͤber eine oͤde Wuͤſte und einen gefahrvollen Moraſt dahin. Es iſt ein ſchrecklicher Anblick, dieſe beiden fliegen⸗ 187 den Geſtalten, wenn der Blitz ſie zeigt, auf ihren phan⸗ taſtiſchem Pferde reiten zu ſehen; die Eine eine Greiſin mit ſcheußlichen Zuͤgen und verdrehten Gliedern, die An⸗ dere eine ſtolze, noch ſchoͤne, wenn auch nicht mehr junge Dame, todtenblaß, und ihr aufgeloͤſtes ſchwarzes Haar wie ein Meteor im Winde flatternd. Der Ritt iſt beendet und ſie halten vor der Thuͤr einer einſamen Strohhuͤtte an. Der Rabe iſt ihnen vorangegangen, ſitzt auf dem Schornſteine, laͤßt ſich in denſelden hinunter und begruͤßt ſie mit heiſerm Kraͤchzen, als ſie eintreten. Das Innere der Huͤtte entſpricht ihrem elenden Aeußern, denn es beſteht nur aus zwei Zimmern; in dem einen befindet ſich ein elendes Bett; in dem an⸗ dern befinden ſich ein paar große Kaſten, ein wackliger Tiſch, eine Bank, ein Stuhl mit drei Fuͤßen und ein Spinnrad. Ein Keſſel haͤngt uͤber einem Torffeuer, wel⸗ ches auf dem Herde glimmt. Es iſt nur ein Fenſter da und dieſes iſt mit einem dichten Vorhange bedeckt, um die Bewohnerin der Huͤtte vor neugierigen Augen zu ſchuͤtzen. Mutter Chattor ſchließt und verriegelt die Thuͤr, giebt Miſtreß Nutter einen Wink, ſich auf den Stuhl zu ſetzen, kniet am Herde nieder und blaͤſt den Torf zur Flamme an, wobei der Rabe ihr hilft, indem er mit ſeinen ſchweren ſchwarzen Fluͤgeln ſchlaͤgt und verſchiedene ſeltſame Toͤne hoͤren laͤßt, ſo wie die Funken umherflie⸗ gen. Noch mehr Torf anhaͤufend und den Keſſel um⸗ drehend, damit er die volle Hitze von der Flamme habe, geht die Alte zu einem von den Kaſten und nimmt ver⸗ ſchiedene kleine Gegenſtaͤnde heraus, die ſie einzeln mit 188 großer Sorgfalt auf den Tiſch legt. Der Rabe hat jetzt ſeine großen Krallen auf ihre Schultern geſetzt und lacht und kraͤchzt ihr ins Ohr, waͤhrend ſie ihre Beſchaͤftigung fortſetzt. Ploͤtzlich zieht ein Stuͤck von einem Knochen ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, und ſeinen Schnabel aus⸗ ſtreckend, ergreift er es und huͤpft damit fort. „Gieb mir den Schaͤdelknochen wieder, du boͤſer Kerl!“ rief die Alte,„ich bedarf denſelben zu dem Zau⸗ ber, den ich vorbereiten will. Gieb ihn mir wieder, ſage ich.“ Aber der Rabe hielt ihn noch feſt und huͤpfte ſo raſch hin und her, daß ſie nicht im Stande war, ihn zu erhaſchen. Endlich, als er ihre Geduld erſchoͤpft hatte, ſetzte er ſich auf Miſtreß Nutter's Schulter und ließ den Knochen auf ihren Schooß fallen. Mit ihren eigenen ſchmerzlichen Gedanken beſchäftigt, hatte die Dame nicht auf den Vorgang geachtet, und ſchauderte, als ſie dieſen Ueberreſt der Sterblichkeit nahm und auf den Tiſch legte. Es waren noch einige Haarbuͤſchel an dem Scha— delknochen, welche zeigten, daß er einem Frauenzimmer angehoͤrt hatte. Miſtreß Nutter ſah ihn ſtarr und mit einem Intereſſe an, welches ſie ſich nicht erklaͤren konnte. Nachdem Mutter Chattor den Raben heftig ge⸗ ſcholten, ſtreckte ſie die Hand nach dem Gegenſtande aus, den er ihr geraubt hatte, als Miſtreß Nutter ſie zuruͤck⸗ hielt und ſagte: „Ihr ſagtet, Ihr haͤttet dieſen Schaͤdelknochen von dem Kirchhofe zu Goldſhaw. Wißt Ihr weiter Etwas davon?“ „Ja, viel,“ verſetzte die Alte mit leiſem Lachen. 16 „Er iſt aus einem Grabe in der Naͤhe des Taxusbau⸗ mes und nicht weit von dem Kreuze des Abtes Clider⸗ how. Der alte Zacharias Wurm hat ihn fuͤr mich ausgegraben. Zu dieſem gelben Schaͤdelknochen gehoͤrte einſt ein ſchoͤnes Geſicht, und dieſe wenigen Haarbuͤſchel waren einſt glaͤnzende und volle Locken. Die, welcher der Schaͤdel gehoͤrte, ſtarb jung; aber ſo jung ſie war, uͤberlebte ſie doch alle ihre Schoͤnheit. Hohle Wangen und hohle Augen, verwelktes Fleiſch und ein grauſamer Huſten wurden ihr zu Theil, und ſie kraͤnkelte bis ſie ſtarb. Die Leute ſagten, ſie ſei behext, und ich habe es gethan. Ja, ich! Sie hatte mir nie Etwas zu Leide gethan, und Ihr wißt, ob ich mit Recht beſchuldigt wurde, Madame.“ „Nehmt ihn weg,“ rief Miſtreß Nutter heftig und als ob ſie gegen maͤchtige Gefuͤhle ankaͤmpfte. Ich kann es nicht ertragen, ihn anzuſehen. Ich bedurfte nicht der ſchrecklichen Erinnerung an meine Verbrechen.“ „Dies war alſo der Grund, weshalb Ralph nur den Schaͤdelknochen ſtahl,“ murmelte die Hexe, als ſie ihn nebſt einigen andern Gegenſtaͤnden in den Keſſel warf.„Er wollte Euch ſeine Klugheit zeigen. Ich haͤtte es errathen koͤnnen.“ „Ich will in das andere Zimmer gehen waͤhrend Ihr Eure Vorbereitungen macht,“ ſagte Miſtreß Nutter aufſtehend;„der Anblick derſelben beunruhigt mich. Ihr koͤnnt mich rufen, wenn Ihr bereit ſeid.“ „Das will ich thun, Madame,“ verſetzte die Alte; „und Ihr muͤßt Eure Ungeduld bezaͤhmen, denn der Zauber bedarf einiger Zeit, ehe er wirkt.“ 190 Miſtreß Nutter antwortete nicht, ſondern ging in das innere Zimmer, machte die Thur zu und warf ſich auf das Lager. Ungeachtet ihrer aͤngſtlichen Beſorgniß bemächtigte ſich ihrer der Schlaf, und obgleich ihre Traͤu⸗ me unruhig waren, erwachte ſie doch nicht eher, als bis Mutter Chattor neben ihr ſtand. „Habe ich lange geſchlafen?“ fragte ſie. „Läͤnger als drei Stunden,“ verſetzte die Alte. „Drei Stunden!“ rief Miſtreß Nutter.„Warum wecktet Ihr mich nicht fruͤher. Ihr haͤttet mir ſchreck⸗ liche Traͤume erſpart. Es iſt doch noch nicht zu ſpaͤt?“ „Nein, nein,“ verſetzte Mutter Chattor;„es iſt noch viel Zeit. Kommt in das andere Zimmer. Alles iſt bereit.“ Als Miſtreß Nutter der Alten in das anſtoßende Zimmer folgte, drang ihr ein ſtarker Geruch von einem Kohlenbecken entgegen, auf welchem Kraͤuter, Wurzeln und andere Ingredienzien brannten, und da ſie mit den Hepenceremonien bekannt war, ſo wußte ſie, daß eine kraͤftige Raͤucherung vorgegangen ſei, obgleich ſie noch erfahren ſollte, zu welchem Zweck. Das ſpaͤrliche Haus⸗ geraͤth war weggeräumt und auf dem Lehmfußboden ein Kreis, abwechſelnd von Todtenköpfen und Knochen, ge⸗ trockneten Kroͤten, Ottern und andern kriechenden Thie⸗ ren gebildet worden. In der Mitte dieſes Zauberkreiſes befand ſich der Keſſel, den man vom Herde gehoben, und da der Deckel abgenommen worden, ſo ſtieg ein dichter Dampf aus demſelben auf. Miſtreß Nutter ſah ſich nach dem Raben um, aber der Vogel war nirgends zu ſehen, auch ſchien außer ihnen kein lebendes Weſen 191 zugegen zu ſein. Der Dame Hand faſſend, zog Mutter Chattor ſie in den Kreis und begann eine Zauberformel zu murmeln, worauf ſie ihre Gefaͤhrtin, deren Hand ſie feſthielt, in den Keſſel zu blicken bat und zu ſagen, was ſie ſehe. „Ich ſehe Nichts,“ verſetzte die Dame, nachdem ſie einige Augenblicke auf das ſiedende Waſſer hingeblickt. „Ach ja! ich bemerke Figuren, aber ſie ſind undeutlich wegen des Dampfes und von der Bewegung des Waſſers unterbrochen.“ „Keſſel, hoͤre auf zu ſieden! Dampf, zerſtreue dich!“ rief Mutter Chattor mit dem Fuße ſtampfend.„Koͤnnt Ihr jetzt deutlicher ſehen?“ „Das kann ich,“ verſetzte Miſtreß Nutter;„ich ſehe das unterirdiſche Gemach in Malkin Tower mit ſeinen neun ſtarken Saͤulen, ſeinem Altar in der Mitte, dem Teufelsbilde auf dem Throne und der Quelle da⸗ neben mit dem Waſſer, ſo ſchwarz wie das des Lethe.“ „Das Waſſer im Keſſel iſt aus jener Quelle,“ ſagte Mutter Chattor mit leiſem Lachen;„mein dienſt⸗ barer Geiſt ſetzte ſeine Freiheit aufs Spiel, um es zu holen, doch es gelang ihm. Ha! ha! Mein koſtbarer Fancy, Du biſt der beſte aller Diener, und ſollſt morgen mein beſtes Blut zur Belohnung haben— ja, das ſollſt Du, mein Herzchen, mein Taͤubchen, mein huͤbſcher Junge. Aber eile nach Malkin Tower zuruͤck und mache, daß dieſe Dame hoͤren und ſehen moͤge, was dort vor⸗ geht. Fort mit Dir!“ Miſtreß Nutter ſchloß, daß dieſer Befehl befolgt 192 werde, doch da der dienſtbare Geiſt unſichtbar fuͤr ſie war, konnte ſie ſeine Entfernung nicht bemerken. „Seht Ihr Niemand in dem Kerker?“ fragte Mut⸗ ter Chattop. „O ja!“ rief die Dame;„endlich habe ich Alizon entdeckt. Sie war hinter einem der Pfeiler. Ein kleines Maͤdchen iſt bei ihr. Es iſt Jennet Device, und aus den hoͤhniſchen Blicken der letzteren ſchließe ich, daß ſie ſie verſpottet. O! welche Bosheit liegt in der Bruſt dieſes verhaßten Kindes verborgen. Sie iſt eine wahre Nachkomme der Mutter Demdike. Aber Alizon— die ſanfte und geduldige Alizon— ſcheint alle ihre Dro⸗ hungen und ihren Spott mit Milde und Reſignation zu ertragen, wodurch ſie das haͤrteſte Herz ruͤhren koͤnnte. Ich moͤchte um ſie weinen, wenn ich koͤnnte. Und nun droht ihr Jennet mit der Hand und verlaͤßt ſie. Sie iſt allein. Was wird ſie jetzt thun? denkt ſie nicht an Flucht? O ja! Sie blickt verwirrt um ſich— laͤuft im Gewoͤlbe herum— verſucht die Thuͤr jeder Zelle zu oͤffnen— ſie ſind alle verriegelt und verſchloſſen— da iſt kein Ausgang— keiner!“ „Was weiter?“ fragte die Alte. „Sie ſchreit laut,“ verſetzte Miſtreß Nutter,„und die Toͤne machen, daß alle meine Fibern erbeben. Sie ruft mich um Huͤlfe an— mich, ihre Mutter, und denkt nicht, daß ich ſie hoͤre, und nicht im Stande bin, ihr zu helfen. O! es iſt entſetzlich. Bringt mich zu ihr, gute Chattor— bringt mich zu ihr, ich flehe Euch an.“ „unmoͤglich“ verſetzte die Alte;„Ihr muͤßt die ————————— 193 paſſende Zeit abwarten. Wenn Ihr Euch nicht maͤßigen koͤnnt, werde ich den Keſſel wegnehmen.“ „O nein, nein!“ rief die ungluͤckliche Dame.„Ich will ruhig ſein. Ah! was ſehe ich da?“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ihre fruͤheren Worte durch ploͤtzliche Heftigkeit Luͤgen ſtrafte, während ſich Wuth und Erſtaunen in ihrem Geſichte malten.„Welches teufliſche Gaukelſpiel wird mit meinem Kinde getrieben! Dies iſt entſetzlich — unertraͤglich. O! wenn ich ſie nur enttauſchen— ſie vor der Schlinge warnen koͤnnte!“ „Von welcher Art iſt die Taͤuſchung?“ fragte Mut⸗ ter Chattor mit einiger Neugierde.„Ich bin ſo blind, daß ich die Figuren auf dem Waſſer nicht ſehen kann.“ „Es iſt ein boͤſer Geiſt in meiner Geſtalt,“ ver⸗ ſetzte Miſtreß Nutter. „In Eurer Geſtalt!“ rief die Alte.„Eine liſtige Erfindung— und der alten Demdike wuͤrdig— ho! ho!“ „Ich kann es kaum ertragen, hinzuſehen,“ rief Miſtreß Nutter,„aber ich muß es, und ſollte es mein Herz zerreißen, ſolche Grauſamkeit mit anzuſehen. Das arme Maͤdchen eilt ihrer falſchen Mutter entgegen, um⸗ armt ſie und weint an ihrer Schulter. O! es iſt ein Anblick, um wahnſinnig zu werden. Aber es iſt Nichts gegen das, was folgt. Die Verſucherin fluͤſtert ihr mit der Schlauheit der alten Schlange Luͤgen ins Ohr, ſagt ihr, ſie ſeien Beide gefangen und wuͤrden Beide um⸗ kommen, wenn ſie nicht ihre Rettung um den Preis ihrer Seele erkaufen wolle, und macht ihr den Vorſchlag, einen Vertrag zu unterzeichnen, einen ſolchen Vertrag, Ainsworth, Hexen. III. 13 194 wie leider wir Beide unterzeichnet haben. Aber Alizon weiſt das Anerbieten mit Abſcheu zuruͤck und ſieht ihre falſche Mutter an, als ob ſie die Täuſchung argwoͤhne. Aber die Verſucherin iſt nicht ſo leicht zu ſchlagen. Sie erneuert ihre Bitten, wirft ſich auf den Boden und um⸗ faßt mit der demuͤthigſten Bitte die Knie meines Kindes. O! wenn Alizon nur ihren Fuß auf ihren Nacken ſetzen und ſie zertreten wollte. Aber ſo handeln die Guten nicht. Sie hebt ſie vom Boden auf und ſagt ihr, ſie wolle gern fuͤr ſie ſterben, aber ihre Seele ſei ihr von ihrem Schoͤpfer gegeben, und muͤſſe ihm wiedergegeben werden. O! haͤtte ich daran gedacht!“ „Und was antwortet der Geiſt?“ fragte die Hepe. „Er lacht hoͤhniſch,“ verſetzte Miſtreß Nutter,„und faͤhrt fort, alle jene ſophiſtiſchen Gruͤnde anzufuͤhren, die wir ſo oft gehoͤrt haben, um ihren Geiſt zu verwirren und ihre Grundſaͤtze zu uͤberwaͤltigen. Aber Alizon iſt feſt gegen Alles. Religion und Tugend unterſtutzen ſie und machen, daß ſie ihrem Gegner uͤberlegen iſt. Eben ſo vergeblich ſind des Geiſtes Verſuche, ſie durch das Anerbieten eines Lebens voll ſuͤndlichen Genuſſes zu ver⸗ leiten. Sie weiſt es mit zorniger Verachtung zuruͤck. Da der Geiſt durch Gruͤnde und Bitten Nichts aus⸗ richten kann, ſo verſucht er durch Furcht auf ſie zu wir⸗ ken und ſchildert die Qualen, denen ſie ausgeſetzt ſein wird, mit abſchreckenden Farben, und ſtellt ſie im Gegen⸗ ſatz zu der Wonne auf, die ſie freiwillig verlaͤßt, zu dem Geliebten, den ſie heirathen, zu der hohen weltlichen Stellung, die ſie einnehmen koͤnnte.„„Was ſind welt— liche Freuden und Ehren im Vergleich zu denen des 195 Himmels?““ rief Alizon;„„ich wuͤrde ſie nicht dagegen vertauſchen.“ Dann zeigt ihr der Geiſt in einem Traumbilde ihren Geliebten, Richard, und fragt ſie, ob ſie ſeinen Bitten widerſtehen kann. Die Pruͤfung iſt hart, denn die geliebte Geſtalt ſcheint ſie durch leiden⸗ ſchaftliche Geberden um ihre Zuſtimmung anzuflehen, aber ſie iſt feſt, ünd das Traumbild verſchwindet. Die Pruͤfung iſt jetzt voruͤber. Alizon hat uͤber alle ihre Kuͤnſte geſiegt. Der Geiſt, der mich dargeſtellt, nimmt ſeine Teufelsgeſtalt wieder an und verſchwindet mit einer furcht⸗ baren Drohung gegen das arme Maͤdchen.“ „Mutter Demdike hat noch nicht alle ihre Kuͤnſte erſchoͤpft,“ ſagte die alte Chattox. „Ihr habt Recht,“ verſetzte Miſtreß Nutter.„Die Alte kommt die Treppe herunter, die zu dem Gewoͤlbe fuͤhrt, und naͤhert ſich der ungluͤcklichen Gefangenen. Sie wendet keine Bitten, keine Gruͤnde an— ſondern Befehle und ſchreckliche Drohungen. Es gelingt ihr eben⸗ ſowenig, wie ihrem Abgeſandten. Alizon hat Muth ge⸗ wonnen und bietet ihr Trotz“ „Ha! thut ſie das,“ rief Mutter Chattoxr.„Das iſt mir lieb.“ „Der feſte Boden ertoͤnt von dem Stampfen der wuͤthenden Hexe,“ fuhr Miſtreß Nutter fort.„Sie ſagt Alizon, ſie will ſie um Mitternacht auf den Pendle⸗ Huͤgel ſchleppen und ſie dort dem Satan als Opfer dar⸗ bringen. Mein Kind erwiedert, daß ſie ihre Rettung vom Himmel hoffe— daß man ihren Leib toͤdten, aber ihrer Seele keinen Schaden zufuͤgen koͤnne. Kaum ſind die Worte ausgeſprochen, als ein furchtbarer Schall ge⸗ 13 196 hoͤrt wird. Die Mauern des Kerkers ſcheinen niederzu⸗ brechen und die gewichtigen Saͤulen zu ſchwanken. Die Teufelsſtatue erhebt ſich auf ihrem Throne und ein Flam⸗ menſtrom geht von ihrer Stirn aus. Die Thuͤren der Zellen ſpringen auf und mit Kettengeklirr und anderm unheimlichen Geraͤuſch treten Gerippe aus denſelben her⸗ vor und jedes hat eine blaßblaue Flamme uͤber dem Kopfe. Monſtroͤſe Thiergeſtalten, gleich Tigerkatzen, mit rauhem, ſchwarzem Fell und flammenden Augen, bewegen ſich umher und ſehen aus, als wollten ſie auf die Ge⸗ fangene losſpringen. Zwei Grabſteine werden zuruͤckge⸗ ſchoben und aus der kalten Erde erheben ſich die Ge⸗ ſtalten des Raͤubers Blackburn und ſeiner Buhle, der ausſchweifenden Iſole von Heton. Sie ſchließt ſich dem grauſenhaften Gedraͤnge an, das ſich dem ungluͤcklichen Maͤdchen naͤhert, welches jetzt bewußtlos zu Boden faͤllt.“ „Seht Ihr noch weiter Etwas?“ fragte die Alte, als ſich Miſtreß Nutter noch immer aufmerkſam uͤber den Keſſel neigte. „Nein, das ganze Gemach iſt in Dunkelheit begra⸗ ben, und ich ſehe Nichts von meinem armen Kinde. Was wird aus ihr werden?“ „Ich will Fancy fragen,“ verſetzte die Alte, warf einige friſche Ingredienzien auf das Kohlenbecken, und als der Rauch aufſtieg, rief ſie:„Komm hieher, Fancy! Ich bedarf Deiner, mein ſuͤßer Liebling. Komm ſchnell. Ha! biſt Du ſchon da?“ Der Geiſt war auch jetzt fuͤr Miſtreß Nutter un⸗ ſichtbar, aber ein leiſes Geraͤuſch deutete ihr ſeine Ge⸗ genwart an. „Und nun, mein ſuͤßer Fancy,“ fuhr die Alte fort, „ſage uns, wenn Du kannſt, was man mit Alizon thun wird, und was wir anzufangen haben, um ſie von der alten Demdike zu befreien?“ „Fuͤr den Augenblick iſt ſie in bewußtloſem Zuſtande und wird in demſelben bleiben, bis man ſie auf den Gipfel des Pendle⸗Huͤgels bringt. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß es nutzlos iſt, zu verſuchen, ſie von Malkin Tower wegzubringen. Der Ort iſt zu gut geſchuͤtzt. Das Einzige, was Ihr thun koͤnnt, iſt, das Opfer zu unter⸗ brechen.“ „Aber wie, mein ſuͤßer Fancy? wie, mein kleiner Liebling?“ fragte die Alte. „Es iſt eine ſchwierige Frage,“ antwortete die Stim⸗ me,„denn wenn ich Euch zeige, wie Ihr Euch des Maͤdchens bemächtigen koͤnnt, muß ich meinem Herrn ungehorſam werden.“ „Ja, aber Du dienſt mir— Du grfällſt mir, mein huͤbſcher Fancy,“ rief die Hexe.„Du ſollſt mor⸗ gen genug von meinem Blut haben, wenn Du dies fuͤr mich thuſt. Ich wuͤnſche meiner alten Feindin los zu ſein, ſie in ihrem eigenen Garn zu fangen— ſie in einen Kerker zu ſchicken— ſie zu verbrennen— ha! ha! Du mußt mir helfen, mein kleiner Liebling.“ „Ich will Alles thun, was ich kann,“ verſetzte die Stimme,„aber Mutter Demdike iſt liſtig und mächtig, und ſteht in hoher Gunſt bei meinem Herrn. Ihr muͤßt menſchliche Huͤlfe haben, außer der meinigen. Die Die⸗ —————————— 198 ner der Gerechtigkeit muͤſſen dort ſein, um ſie in dem Augenblick zu ergreifen, wo ihr das Opfer entriſſen wird, oder ſie wird alle Eure Plaͤne vereiteln. „Und wie ſollen wir dies bewerkſtelligen?“ fragte Mutter Chattor. „Ich will es Euch ſagen,“ ſagte Miſtreß Nutter zu der Alten.„Laßt ihn die Geſtalt Richard Asſheton's annehmen und ſo nach Rough Lee eilen, wo er des jungen Mannes Vetter Nicolaus finden wird, den er mit der ſchrecklichen That bekannt machen muß, die auf dem Pendle-Huͤgel geſchehen ſoll. Nicolaus wird ſich ſogleich aufmachen, die Sache zu verhindern. Er kann ſich auch mit den Waffen der Gerechtigkeit ruͤſten, indem er Roger Nowell und ſeinen Helfershelfer, den Anwalt Potts mitnimmt, welche Beide auf meinen Befehl in dem Hauſe gefangen gehalten werden.“ „Der Plan ſcheint nicht uͤbel und ſoll angewendet werden,“ verſetzte die Alte.„Aber wenn Richard ſich zuerſt dort zeigte? Weißt Du, wo er iſt, mein ſſußer Fancy?“ „Als ich ihn zuletzt ſah,“ antwortete die Stimme, „lag er bewußtlos am Fuß von Malkin Tower, wo Mutter Demdike ihn aus der Thuͤr hinuntergeſtuͤrzt hatte. Ihr habt nicht zu fuͤrchten, daß er mir in den Weg kommt.“ „Es iſt gut,“ verſetzte Mutter Chattox.„So nimm denn ſeine Geſtalt an, mein Liebling, obgleich er nicht halb ſo ſchoͤn iſt, wie Du. „Ich weiß wohl, eine ſchwarze Haut und Ziegen⸗ 199 fuͤße ſind nach Eurem Geſchmack,“ verſetzte der Geiſt lachend. „Laßt mich ihn ſehen, ehe er geht, damit ich gewiß bin, ob auch die Aehnlichkeit vollkommen iſt,“ ſagte Mi⸗ ſtreß Nutter. „Du hoͤrſt es, Fancy! Werde ihr ſichtbar,“ rief die Alte. Und als ſie kaum ausgeſprochen hatte, ſtand eine Geſtalt vor ihr, die Richard in jeder Hinſicht glich. „Was haltet Ihr von ihm? Iſt er ſo recht?“ ſagte Mutter Chattor. „Ja,“ verſetzte die Dame;„und nun ſchickt ihn ſogleich ad. Es iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Ich werde in einem Augenblick dort ſein,“ ſagte der Geiſt,„aber ich muß geſtehen, daß mir der Auftrag nicht recht gefaͤllt.“ „Es iſt doch nicht anders zu machen, mein ſuͤßer Fancy, und ich kann meinen Triumph uͤber die alte Demdike nicht aufgeben. Nun fort mit Dir, und wenn Du Deinen Auftrag ausgerichtet haſt, kehre zuruͤck und ſage uns, wie Dir die Sache gelungen iſt.“ Der Geiſt verſprach ihre Befehle zu erfuͤllen und verſchwand. 200 Vierzehntes Kapitel. Rough Lee wird noch einmal belagert. Wie wir uns erinnern, hatte der Pfarrer Holden Rough Lee verlaſſen, von Potts mit einer Botſchaft an Sir Ralph Asſheton beauftragt, um ihm zu melden, daß er und Roger Nowell von Miſtreß Nutter gefan⸗ gen gehalten wuͤrden, und ihn zu bitten, ihnen unver⸗ zuͤglich zu Huͤlfe zu kommen. Der wuͤrdige Pfarrer wuͤnſchte ſich Gluͤck, daß er ſo entkommen, da er aber als erfahrner Jaͤger ein ſehr gutes Pferd hatte, ſo ritt er, Verfolgung fuͤrchtend, ſo ſchnell als moͤglich, und hatte bereits die Schlucht zuruͤckgelegt, durch die ſich Pendle⸗Water ergießt, den Huͤgel jenſeits derſelben erſtie⸗ gen und ritt uͤber das Moor, welches jetzt noch allein zwiſchen ihm und Goldſhaw lag, als er hinter ſich ru⸗ fen hoͤrte, und, ſich umwendend, Blackadder und noch einen berittenen Diener aus einem Dickicht hervorkom⸗ men und ihm in wuͤthender Eile nachgaloppiren ſah. Indem er ſich auf die Schnelligkeit ſeines Pferdes ver⸗ ließ, achtete er nicht auf ihr Rufen und beſchleunigte den Gang ſeines Pferdes; aber deſſenungeachtet kamen ihm ſeine Verfolger raſch nach. Waͤhrend er uͤberlegte, ob er ſich widerſetzen oder ſich ergeben ſolle, erblickte er Beß Whitaker, die von der — z————————— 201 entgegengeſetzten Richtung her auf ihn zukam— ein umſtand, der ihn ſehr erfreute; denn da er ihre Staͤrke und ihren Muth kannte, hielt er ſich uͤberzeugt, daß er ſich in dieſer Verlegenheit eben ſo ſehr auf ſie verlaſſen koͤnne, wie auf irgend einen Mann in der Grafſchaft. Beß ritt ein ſtarkes rauhhaariges Pferdchen, welches wohl im Stande ſchien, ihre Laſt zu tragen, auch hatte ſie die gefuͤrchtete Hetzpeitſche bei ſich. Beß hatte Holden ebenfalls erkannt und kam ge⸗ rade an, als er von ſeinen Gegnern eingeholt und er⸗ griffen wurde. Der Eine von ihnen faßte ſeinen Chor⸗ rock und riß ihm denſelben von dem Ruͤcken, waͤhrend der Andere ſeinen Zuͤgel ergriff und ungeachtet ſeiner Gegenwehr ſein Pferd herumzulenken verſuchte. Viele Fluͤche, Drohungen und Schlaͤge wurden waͤhrend dieſes Kampfes gewechſelt, der ohne Zweifel mit des Pfarrers Niederlage und ſeiner gezwungenen Ruͤckkehr nach Rough Lee wuͤrde geendet haben, waͤre nicht Beß zu ſo gelege⸗ ner Zeit gekommen, die, eben ſo luſtig fluchend, wie die Dienſtleute, und ihre Hetzpeitſche ſchwingend, auf den Schauplatz der Handlung eilte und den Geiſtlichen mit einigen wohl angewendeten Hieben befreite. Wuͤthend uͤber ihre Dazwiſchenkunft und von der Peitſche ſchmerz⸗ lich getroffen, zog Blackadder eine Piſtole aus dem Guͤr⸗ tel und zielte damit nach ihrem Kopfe, aber ehe er die⸗ ſelbe abdruͤcken konnte, wurde ihm die Waffe aus der Hand geſchlagen, und ein zweiter Schlag mit dem Peit⸗ ſchenſtiel ſtreckte ihn vom Pferde. Als der andere Die⸗ ner das Schickſal ſeines Kameraden ſah, entfloh er und ließ Beß als Herrin des Kampfplatzes zuruͤck. 202 Der Pfarrer dankte ihr herzlich fuͤr den Dienſt, den ſie ihm geleiſtet und machte ihr Complimente wegen ih— rer Tapferkeit. „Es iſt kaum der Muͤhe werth, daß ich dieſe bei⸗ den ſauertöpfige Schufte durchgewalkt habe,“ ſagte Beß mit anſtaͤndiger Beſcheidenheit.„Simon Blackadder und ich haben ſchon fruͤher manchen Streit mit einander ge⸗ habt, denn er iſt von zaͤnkiſcher Gemuͤthsart und kann nicht trinken, ohne Haͤndel anzufangen, aber er hat im— mer gefunden, daß ich ihm vollkommen gewachſen bin. Aber in aller Welt, ehrwuͤrdiger Herr, weshalb ritten Euch die ſchurkiſchen Kerle nach? Zum Henker, ſie woll⸗ ten Euch doch nicht berauben.“ „Ihre Abſicht war, mich gefangen zu nehmen und nach Rough Lee zuruͤckzufuͤhren, Beß,“ verſetzte Holden. „Sie wollten mich verhindern, nach Whalley zu gehen, wohin ich wollte, um von Sir Ralph Huͤlfe zu ver⸗ ſchaffen, Herrn Roger Nowell und ſeinen Anwalt zu befreien, die von Miſtreß Nutter mit Gewalt zuruͤckge⸗ halten werden.“ „Ihr koͤnnt Eurem Pferde und Euch ſelbſt die Reiſe erſparen, ehrwuͤrdiger Herr,“ verſetzte Beß,„denn Ihr werdet Sir Thomas Metcalfe nebſt einigen zwanzig oder dreißig Begleitern, mit Lanzen, Hellebarden, Piſto⸗ len und Buͤchſen bewaffnet, im Goldſhaw finden, und ſie werden auf jeden Fall mit Euch gehen. Ich hoͤrte einige von den Burſchen ſagen, Sir Thomas wolle Raydale Hall im Wenley⸗Thale, das Haus der Miſtreß Robinſon in Beſitz nehmen, aber ohne Zweifel wird er erſt mit Euer Hochehrwuͤrden gehen, beſonders da er ei⸗ nen Groll gegen Miſtreß Nutter hat.“ „Auf jeden Fall will ich ihn darum bitten,“ ſagte Holden.„Iſt er mit ſeinen Begleitern in Eurem Hauſe, Beß?“ „Ja,“ verſetzte die Wirthin,„Einige von ihnen ſind im Hauſe, Andere in der Scheune und noch An⸗ dere in den Staͤllen. Der Ort iſt ganz uͤberfuͤllt mit ihnen. Ich wurde ſo aͤrgerlich uͤber ihr Rufen und Bruͤl⸗ len nach Ale und anderes Getraͤnk, daß ich ſchwur, ſie ſollten keinen Tropfen mit meiner Einwilligung bekom⸗ men, und um mein Wort zu halten, ſteckte ich den Kellerſchluſſel in die Taſche, uͤberließ es Margit, ihnen zu antworten, und ritt davon, wie Ihr ſeht, in der Abſicht, nach der Muͤhle zu gehen und den armen lie⸗ ben Richard Baldwyn in ſeiner Truͤbſal zu troͤſten.“ „Ein ſehr loͤblicher Entſchluß, Beß,“ ſagte der Pfar⸗ rer.„Aber was iſt mit dieſem Kerl anzufangen?“ fuͤgte er auf Blackadder deutend hinzu, der zwar ſchwer ver— wundet war, aber doch verſuchte ſich zu der Piſtole hin⸗ zuſchleppen, die in geringer Entfernung von ihm am Boden lag. Seine Abſicht bemerkend, ſtieg Beß ſchnell ab, be⸗ maͤchtigte ſich der Waffe, trat auf die Seite, loͤſte von ihrem wohlgeſtalteten Beine das Strumpfband ab, er⸗ griff den Verwundeten bei den Schultern und band ihm mit großer Geſchicklichkeit die Haͤnde auf den Ruͤcken. Dann hob ſie ihn leicht, wie ein Kind, empor und ſetzte ihn auf ſein Pferd, das Geſicht nach dem Schweife ge⸗ wendet. Als dies geſchehen war, gab ſie dem Pfarrer 204 den Zuͤgel in die Hand, uͤberreichte ihm zugleich die Piſtole und ſagte ihm, er moͤge fuͤr ſeinen Gefangenen Sorge tragen, denn ſie muͤſſe ihre Reiſe fortſetzen. Un— geachtet ſeiner erneuerten Bitten, mit ihm zuruͤckzukeh⸗ ren, ſchwang ſie ſich auf ihr Pferd und ritt davon. Als der Pfarrer mit ſeinem Gefangenen in Gold⸗ ſhaw ankam, begab er ſich ſogleich zu dem Gaſthauſe, vor welchem er mehrere von den Dorfleuten verſammelt fand, welche die zahlreiche Geſellſchaft im Hauſe, deren Rufen und Lachen man eine betraͤchtliche Strecke weit hoͤren konnte, dorthin gelockt hatte. Holden's Erſcheinen mit Blackadder erregte betraͤchtliche Ueberraſchung, und Alle ſammelten ſich lebhaft um ihn, um zu erfahren, was ſich ereignet habe; aber ohne ihre Neugierde weiter zu befriedigen, als daß er ihnen ſagte, er ſei von dem Gefangenen angegriffen worden, uͤberließ er ihn ihrer Be⸗ wachung und trat in das Haus, wo er alle Baͤnke in dem vorzuͤglichſten Zimmer mit einer Menge halb be⸗ trunkener Zecher beſetzt fand, welche Kruͤge mit Ale vor ſich hatten; denn nachdem Beß ſich mit dem Schluͤſſel entfernt, hatten ſie den Keller erbrochen, ein Faß ange⸗ ſtochen und ſich ſelber zu dem Inhalt verholfen. Ver⸗ ſchiedene Waffen lagen auf den Tiſchen umher zerſtreut oder lehnten an den Waͤnden, und die ganze Scene ſah aus, wie ein Saufgelag einer Bande von Maraudeurs. Dem Pfarrer wurde wenig Reſpect gezollt und man be⸗ gruͤßte ihn mit manchem groben Scherze, als er ſich zu dem innern Zimmer durchdraͤngte. Sir Thomas trank mit ein paar Eiſenfreſſern, de⸗ ren lange Degen und abgenutzte militäriſche Abzeichen 205 anzudeuten ſchienen, daß ſie irgend einmal der Armee angehoͤrt, obgleich ihr ſchurkiſches Ausſehen und ihre prahleriſches Weſen und Unterhaltung, welche ſtark mit Fluͤchen und geſuchten Ausdrucken gewuͤrzt war, es deut⸗ lich zu erkennen gaben, daß ſie jetzt wenig beſſer waren, als Gluͤcksritter., Sie waren in der That von Sir Thomas zu der Expedition gedungen, die er vorhatte, da er Niemand im Lande finden konnte, auf den er ſo gut rechnen konnte, wie auf ſie. Den Pfarrer wuͤthend anblickend, der ſich in ihre Privatgeſellſchaft eindraͤngte, wendeten ſie ſich zu ihrem Fuͤhrer, um zu fragen, ob ſie ihn hinauswerfen ſollten; als ſie aber keine Ermu⸗ thigung zu einer ſolchen Rohheit erhielten, begnuͤgten ſie ſich damit, unter ihren finſtern Augenbrauen hervor ihn anzublicken, ihre ſtruppigen Schnurrbaͤrte zu drehen und mit den Griffen ihrer Degen zu ſpielen. Holden begann ſogleich von ſeinem Geſchaͤft zu reden, und ſobald Sir Thomas es hoͤrte, ſprang er auf und erklaͤrte mit einem gewaltigen Fluche, er wolle Rough Lee erſtuͤrmen und bis auf den Grund niederbrennen, wenn Miſtreß Mutter die beiden Gefangenen nicht frei laſſe. „Was die verwegene Hepe ſelber betrifft, die will ich entfuͤhren, dem Teufel ihrem Herrn zum Trotz!“ rief er.„Was ſagt Ihr, Capitain Gauntlet— und Ihr, Capitain Storks, iſt dies nicht eine Expedition nach Eurem Geſchmack— ha?“ Die beiden angeredeten Haudegen antworteten freudig, es ſei ſo; und dann wurde verabredet, daß Blackadder her⸗ eingebracht und befragt werden ſolle, da man von ihm viel⸗ leicht eine wichtige Nachricht erlangen koͤnne. Hierauf 206 verließ Capitain Gauntlet das Zimmer, um ihn zu ho⸗ len, und ſchleppte ſogleich den Gefangenen, welcher muͤr⸗ riſch und zornig ausſah, bei den Schultern herein. „Hoͤre, Kerl,“ ſagte Sir Thomas finſter,„wenn Du die Fragen, die ich Dir vorlegen werde, nicht wahr und genuͤgend beantworteſt, ſo laſſe ich Dich auf den Hof hinausfuͤhren und wie einen Hund erſchießen. Nach⸗ dem ich Dir dies vorher geſagt, will ich mit dem Ver⸗ hör beginnen. Wie Du weißt, werden Herr Roger No⸗ well und Herr Thomas Potts von Miſtreß Alice Nut⸗ ter auf ungeſetzliche Weiſe gefangen gehalten. Nun bin ich von dem ehrwuͤrdigen Herrn hier aufgefordert wor⸗ den, ihre Befreiung zu uͤbernehmen, aber ehe ich dies thue, wuͤnſche ich von Dir zu wiſſen, welche Vorberei⸗ tungen zum Angriff oder zur Vertheidigung Deine Her⸗ rin gemacht hat, und ob Du es fuͤr wahrſcheinlich haltſt, daß ſie verſuchen wird, ihr Haus gegen uns zu halten?“ „Hoͤchſt wahrſcheinlich wird ſie es,“ verſetzte Blackad⸗ der,„und gegen eine doppelt ſo große Macht. Rough Lee iſt ſo ſtark wie eine Feſtung, und da Die, welche ſich darin befinden, wohl bewaffnet, wachſam und gutes Muths ſind, ſo iſt wenig Furcht vorhanden, daß es wird eingenommen werden. Wenn Euer Gnaden mei⸗ ner Herrin Bedingungen wegen der Freilaſſung der Ge⸗ fangenen machen, wird ſie vielleicht darauf eingehen; doch wenn Ihr Euch auf feindliche Weiſe naͤhert und ihre Befreiung fordert, bin ich gewiß, daß ſie ſich Euch widerſetzen, und zwar mit Erfolg widerſetzen wird.“ „Ich werde mich auf keine andere Weiſe, denn als Feind nahern,“ verſetzte Sir Thomas,„aber Du biſt 207 allzuvertrauensvoll, Kerl. Wenn Deine Herrin nicht eine Legion Teufel hinter ihrem Ruͤcken hat, und dieſe uns mit Gewalt zuruͤckhalten, werden wir uns einen Weg in ihre Wohnung bahnen. Wagſt Du uͤber mich zu lachen, Burſche? fuͤhrt ihn weg, Gauntlet, und laßt ihn fuͤr ſeine Unverſchaͤmtheit tuͤchtig durch⸗ pruͤgeln.“ „Verzeiht mir, Euer Gnaden,“ rief Blackadder, „ich laͤchelte nur uͤber die ſeltſamen Anſichten, die Ihr von meiner Gebieterin hegt.“ „Was, willſt Du laͤugnen, daß ſie eine Hexe iſt?“ fragte Metcalfe. „Wenn Euer Gnaden es ſo wollen, ſo iſt es nicht meine Sache, Euch zu widerſprechen,“ verſetzte Blackadder. „Aber ich frage Dich, iſt ſie nicht eine Dienerin des Satan? Weißt Du es nicht?— Kannſt Du es nicht beweiſen?“ rief der Ritter.„Sollen wir ihn der Folter unterwerfen, um ihn zum Bekenntniß zu bringen?“ „Ja, bindet ihm die Daumen zuſammen, bis das Blut hervorbricht, Sir Thomas,“ ſagte Gauntlet. „Oder haͤngt ihn bei den Fuͤßen an jenem Balken,“ ſchlug Capitain Storks vor. „Auf keinen Fall,“ fiel Holden ein.„Ich brachte ihn nicht hieher, daß man auf dieſe Weiſe mit ihm ver— fahre, und ich will es nicht zugeben. Wenn die Folter angewendet wird, ſo muß es durch die Haͤnde der Ju⸗ ſtiz geſchehen, welcher ich ihn zu uͤberliefern beabſichtige; und wenn er irgend Etwas gegen ſeine Gebieterin aus⸗ zuſagen weiß, ſo wird man ihn dazu zwingen, es zu thun.“ „Die Folter wird nimmermehr ein Wort von mir herausbringen, mag ſie nun auf rechtmaͤßige oder un⸗ rechtmaͤßige Weiſe angewendet werden,“ ſagte Blackad⸗ der trotzig,„obgleich ich viel ſagen konnte, wenn ich wollte. Nun hoͤrt mich an, Sir Thomas. Ihr wer⸗ det nimmermehr Rough Lee erobern, noch weniger die Herrin deſſelben gefangen nehmen, ohne meine Huͤlfe.“ „Welches ſind Deine Bedingungen, Kerl?“ rief der Ritter das Anerbieten uͤberlegend.„Und nimm Dich in Acht, daß Du nicht mit mir ſcherzeſt, oder ich laſſe Dich peitſchen, bis Du des Todes biſt, trotz Pfarrer und Rich⸗ ter. Welches ſind Deine Bedingungen, ſage ich?“ „Sie ſind nur fuͤr das Ohr Eurer Gnaden allein,“ verſetzte Blackadder. „Nehmt Euch in Acht, was Ihr thut, Sir Tho⸗ mas,“ fiel Holden ein.„Ich halte es fuͤr meine Pflicht, Euch zu ſagen, daß Ihr die Gerechtigkeit beleidigt, in⸗ dem Ihr den niedrigen Vorſchlaͤgen dieſes Menſchen gehorcht, der ſich erbietet, ſeine Herrin zu verrathen, und Euch gewiß taͤuſchen wird. Ihr werdet ihn gleichfalls täuſchen, indem Ihr Euch ſtellt, als ginget Ihr auf Bedingungen ein, die Ihr nicht erfullen koͤnnt.“ „Die ich nicht erfuͤllen kann!“ rief der Ritter ſehr beleidigt;„Ihr muͤßt wiſſen, mein Herr, daß Sir Tho⸗ mas Metcalfe's Wort ſo gut wie ſeine Unterſchrift iſt, und daß er Alles, was er verſpricht, trotz dem Teufel erfuͤllen wird! Meiner Treu! waͤre ich nicht Eurem Kleide Achtung ſchuldig, ſo wuͤrde ich Euch eine ganz 209 andere Antwort geben, ehrwuͤrdiger Herr. Da Ihr Euch aber ungefragt in die Sache gemiſcht habt, ſo nehme ich mir die Erlaubniß zu ſagen, daß ich dieſes Schurken Vorſchlaͤge hoͤren und ſelber beurtheilen will, ob ich es fuͤr geeignet halte, ſie anzunehmen. Ich muß Euch da⸗ her bitten, Euch zu entfernen. Ja, wenn Ihr nicht gutwillig geht, ſo wird man Gewalt brauchen. Bringt ihn hinaus, meine Herren.“ So aufgefordert, faßte jeder von den Eiſenfteſſern einen Arm des Pfarrers, fuͤhrten ihn hinaus und ließen Sir Thomas mit dem Gefangenen allein. Sehr aufge⸗ bracht uͤber die ihm widerfahrene Behandlung, verließ Holden augenblicklich das Haus, und eilte in die Pfarr⸗ wohnung, die in der Naͤhe der Kirche lag. Hier er⸗ theilte er ſeinen Dienern einige Befehle, und machte ſich auf den Weg nach Whalley, in der Abſicht, Sir Ralph Asſheton mit dem Geſchehenen bekannt zu machen. Sir Thomas Metcalfe blieb einige Minuten mit dem Ge⸗ fangenen allein, kam dann heraus und ertheilte den Be⸗ fehl, unverzuͤglich nach Rough Lee aufzubrechen, worauf jeder ſeinen Krug leerte, die Wuͤrfel, mit denen er ge⸗ ſpielt, in die Taſche ſteckte, das Beilkeſpiel auf die Seite ſchob, die Kegel auf der Scheuntenne zuruͤckließ, ſeine Waffe ergriff, mochte es nun eine Hellebarde oder eine Buͤchſe ſein, und ſich ruͤſtete, ſeinem Fuͤhrer zu folgen. Sir Thomas erzaͤhlte nicht einmal ſeinen Freunden, den Eiſenfreſſern, was zwiſchen ihm und Blackadder vorge⸗ gangen, doch ſchien er kein vollkommenes Vertrauen in dieſen zu ſetzen, denn obgleich er ihm die Haͤnde losbin⸗ den ließ und ihm, in Betracht ſeines verwundeten Zu⸗ Ainsworth, Hexen. III. 14 210 ſtandes, zu reiten erlaubte, ſo wies er doch Gauntlet und Storks insgeheim an, ſich in ſeiner Naͤhe zu hal⸗ ten, und ihn niederzuſchießen, wenn er zu entfliehen ver⸗ ſuchen ſollte. Dieſe beiden Perſonen waren, wie ihr An⸗ fuhrer, mit Pferden verſehen, aber alle Uebrigen waren zu Fuß. Metcalfe erkundigte ſich nach dem Pfarrer, als er aber hoͤrte, daß er fort ſei, kuͤmmerte er ſich nicht weiter um ihn. Der Ritter, der bei all ſeiner Sorglo⸗ ſigkeit einen gewiſſen Sinn fuͤr Ehrlichkeit beſaß, rief vor dem Abmarſch das Mädchen, welches Beß in dem Gaſt⸗ hauſe zuruckgelaſſen hatte, gab ihr eine reichliche Summe, um die Zeche ſeiner Leute zu bezahlen, und fuͤgte noch ein huͤbſches Geſchenk fur ſie ſelber hinzu. Der erſte Theil der Reiſe war ohne Mißgeſchick zu⸗ ruckgelegt worden, und es ſchien, als wuͤrde der Trupp auch wohlbehalten bis ans Ende gelangen; aber als ſie in die Schlucht eintraten, an deren Ende Rough Lee liegt, brach ein furchtbares Gewitter los und zwang ſie in der Muͤhle Schutz zu ſuchen, von welcher ſie in dem Augenblick nicht weit entfernt waren. Das Haus war vollig verlaſſen, doch ſie waren wohl im Stande fuͤr ſich ſelber zu ſorgen, und nicht allzubedenklich hinſichtlich der Art, wie ſie es thaten, und da die Ueberbleibſel von dem Leichenſchmauſe noch nicht abgetragen waren, ſo ſetzten ſich einige dazu nieder, waͤhrend Andere ihren Weg zum Keller fanden. Das Gewitter dauerte lange, viel laͤnger, als es Sir Thomas angenehm war, und er ging ungeduldig im Zimmer auf und ab, trat zuweilen ans Fenſter oder an die Thuͤr, um zu ſehen, ob es einigermaßen nachge⸗ laſſen habe, und war beſtaͤndig zur Taͤuſchung verur⸗ theilt. Anſtatt abzunehmen, nahm es beſtaͤndig an Hef⸗ tigkeit zu, und es war jetzt unmoͤglich, das Haus mit Sicherheit zu verlaſſen. Die Blitze ziſchten, der Don⸗ ner rollte unter den uͤberhaͤngenden Felſen und der an⸗ geſchwollene Strom Pendle-Water rauſchte zu ihren Fuͤ⸗ ßen. Blackadder wurde den beiden Eiſenfreſſern zur Be⸗ wachung uͤbergeben; aber waͤhrend ſie ihre Augen vor dem Scheine der Blitze ſchuͤtzten, riß er das Fenſter auf, ſprang hinaus und entfloh. In einem ſolchen Unwetter war es vergebens, ihm zu folgen, ſelbſt wenn man es verſucht haͤtte. Vergebens tobte und wuͤthete Sir Thomas Met⸗ calfe— vergebens uͤberſchuͤttete er die beiden Eiſenfreſſer mit Fluͤchen wegen ihrer Nachlaͤſſigkeit— vergebens ſen⸗ dete er dem Fluͤchtling Drohungen nach. Die Erſteren achteten wenig auf ſeine Verwuͤnſchungen, und der Letztere war außer ſeinem Bereiche. Die Anſicht begann ſich unter dem Trupp zu verbreiten, daß das Gewitter das Werk der Hexerei ſei, und erregte allgemeine Beſtuͤrzung. Selbſt des Ritters Zorn wich dem aberglaͤubiſchen Schrecken, und als ein furchtbarer Donnerſchlag die Balken der Decke erſchuͤtterte und ſie auf ſie niederzuwerfen drohte, fiel er auf ſeine Knie und verſuchte mit ungewohnten Lippen ein Gebet zu murmeln. Aber er wurde unter⸗ brochen, denn bei dem tiefen Schweigen, welches auf das furchtbare Krachen folgte, hoͤrte man ein hoͤhniſches La⸗ chen und Blackadder's ſchurkiſches Geſicht, doppelt ſcheuß⸗ lich bei dem blendenden Blitz, zeigte ſich am Fenſter. Der Anblick gab Sir Thomas ſogleich ſeinen Muth wie⸗ 14* ———— 2¹2 der. Sein Schwert ziehend, eilte er auf das Fenſter zu, aber ehe er es erreichen konnte, war Blackadder fort. Der naͤchſte Blitz zeigte, was ihm begegnet war. Beim Zuruͤcktreten war er in das Waſſer gefallen, und der Strom, der durch den uͤberſchwemmenden Regen an Tiefe und Gewalt zugenommen hatte, riß ihn augen⸗ blicklich mit fort. Eine halbe Stunde ſpäter hatte das Gewitter merk⸗ lich nachgelaſſen, und Sir Thomas und ſeine Begleiter begannen zu hoffen, daß ihre Erloͤſung nahe bevorſtehe. In der letzten Zeit hatte der Ritter jeden Gedanken auf⸗ gegeben, Rough Lee anzugreifen, aber mit der Ausſicht auf ſchoͤnes Wetter kehrte ſein Muth zuruͤck, und er be⸗ ſchloß wieder den Verſuch zu machen. Er ging unter ſeinen Begleitern umher, ſuchte ihre Furcht zu entfernen und ſie zu uͤberreden, daß das Ungewitter nur die Wir⸗ kung natuͤrlicher Urſachen ſei, als die Thuͤr ploͤtzlich auf⸗ geriſſen wurde und Beß Whitaker eintrat, die den Muͤl⸗ ler auf ihrem Arme trug. Sie ſtutzte, als ſie die Ge⸗ ſellſchaft verſammelt ſah, und zog ihre Augenbrauen zu⸗ ſammen, ſagte aber Nichts, bis ſie Baldwyn auf einen Stuhl niedergeſetzt hatte, und da ſagte ſie zu Sir Tho⸗ mas, er ſcheine wenig Bedenklichkeit zu haben, ein Haus in Abweſenheit des Herrn in Beſitz zu nehmen. Der Ritter entſchuldigte ſich wegen dieſes Eindringens, in⸗ dem er ſagte, er ſei durch das Gewitter genoͤthigt wor⸗ den, mit ſeinen Begleitern dort Zuflucht zu ſuchen, welche Entſchuldigung Baldwyn, der jetzt ſelber ſprechen konnte, ſogleich annahm. Dann erzaͤhlte er, daß er in Rough Lee geweſen und nach verſchiedenen gefahrvollen Aben⸗ teuern, auf die er nicht einzeln einging, von Beß nach Hauſe getragen worden ſei. Dieſes Haus, das fuͤhle er wohl, werde jetzt eine einſame und unſichere Heimath fur ihn ſein, wenn Beß nicht einwillige, es mit ihm zu bewohnen. So aufgefordert, verſicherte Beß, der ein⸗ zige Grund, der ſie dazu bewegen koͤnne, ſei der Wunſch, ihn vor ſeinen boshaften Nachbarn zu ſchuͤtzen. Waͤh⸗ rend ſie ſich ſo unterredeten, kam der alte Mitton, der ihnen gefolgt war, faſt erſchoͤpft an und Baldwyn ging, um einige Erfriſchungen fuͤr ihn zu ſuchen. Jetzt hatte ſich das Gewitter ſo weit verzogen, um den Andern den Abmarſch zu geſtatten, und obgleich der Muͤller und Beß dem Ritter gern von dem Unterneh⸗ men abgerathen haͤtten, ſo war er doch nicht davon ab⸗ zubringen, ſondern befahl ſeinen Leuten, ihn zu beglei⸗ ten, und machte ſich auf den Weg. Der Regen hatte aufgehoͤrt, aber es war noch ſehr dunkel. Unter dem Schutze dieſer Dunkelheit glaubten ſie ſich dem Hauſe unbeachtet nähern und Einlaß erhalten zu koͤnnen, ehe Miſtreß Nutter ihre Ankunft bemerken könne. In die⸗ ſer Erwartung ſetzten ſie ihren Weg ſchweigend fort und ſtanden bald vor den Thoren. Dieſe waren verſchloſſen, da aber Niemand auf der Wache zu ſein ſchien, ſo be⸗ fahl Sir Thomas in leiſem Tone einigen von ſeinen Leuten, die Mauern zu uͤberſteigen, in der Abſicht, ſelbſt nachzufolgen; aber kaum hatte ſich ein Kopf uͤber das Mauerwerk erhoben, als der Blitz einer Buͤchſe ſich ſehen ließ, und der Mann zog ſich zum Gluͤck noch zur rech⸗ ten Zeit zuruͤck, um der Kugel auszuweichen, die uͤber ihn wegpfiff. Dann wurde ſogleich Laͤrm gemacht, man ———— 214 hoͤrte Stimmen im Garten, mit dem wuͤthenden Bellen der Hunde gemiſcht. Eine Glocke lautete im obern Theile des Hauſes und es zeigten ſich Lichter in den Fenſtern. Inzwiſchen gelang es einigen von den Leuten, die weniger furchtſam waren, als ihr Kamerad, uͤber die Mauer zu klettern, und bald waren ſie mit ihren Geg⸗ nern auf der andern Seite handgemein. Aber ſie hatten nicht nur mit gleichen Gegnern zu kaͤmpfen, denn die Jagdhunde, die ſchon bei dem erſten Angriff auf das Haus unter Roger Nowell's Anfuͤhrung ſo gute Dienſte geleiſtet hatten, wuͤtheten unter ihnen wie Loͤwen, zer⸗ riſſen ihnen die Glieder und ſprangen ihnen an die Keh⸗ len. Sich von dieſen furchtbaren Feinden zu befreien, war ihre erſte Sorge und mit Pikenſtoßen, Saͤbelhieben und Flintenſchuͤſſen gelang es ihnen, zwei davon zu toͤd⸗ ten und die andern ſchwer verwundet und wild heulend in die Flucht zu treiben. Indem ſie dies aber thaten, hatten ſie ſelber betraͤchtliche Verletzungen erlitten. Drei von ihrer Zahl lagen am Boden und waren wegen ihrer verwundeten Koͤpfe und zerſchlagenen Glieder nicht im tande, den Kampf zu erneuern. Bis jetzt war der Erfolg der Belagerung mehr auf Seiten der Vertheidiger, denn der Angreifenden, als die Letzteren durch das ploͤtzliche Sprengen des Thores und das Eindringen Sir Thomas Metcalfe's mit ſeinem Trupp eine neue Verſtärkung erhielten. Dem Ritter folgten ſeine beiden unmittelbaren Begleiter, die furchtbare Fluͤche im Munde und breite Schwerter in den Händen, erklaͤrten, ſie wuͤrden Jeden in Stuͤcke zerhacken, der ſich ihrem Vordringen widerſetze. Sir Thomas war eben ſo 215 wild in ſeinem Ausdruck und ſo wuͤthend in ſeinem Tone, und als der ganze Trupp ſich rechts und links vertheilte, wurden die Vertheidiger des Gartens ſogleich geſchlagen und auf das Haus zugetrieben. Berauſcht von ihrem glucklichen Erfolge, riefen die Angreifenden laut und Sir Thomas bruͤllte, in wenigen Minuten wuͤrden Nowell und Potts befreit und Alice Nutter gefangen ſein. Aber ehe er die Hauptthuͤr erreichen konnte, zeigte ſich Nico⸗ laus Asſheton wohlbewaffnet und von etwa einem Dutzend Maͤnner begleitet in derſelben. Mit dieſen vereinigte ſich augenblicklich die fliehende Partei und das Ganze bildete eine furchtbare Schlachtreihe von Gegnern, voll⸗ kommen hinreichend, um den Fortſchritt der Belagerer zu hemmen. Zwei oder drei von den Maͤnnern in der Naͤhe von Nicolaus trugen Fackeln, und ihr Licht zeigte die Anzahl auf beiden Seiten. „Was! ſeid Ihr es, Sir Thomas Metcalfe?“ rief der Squire.„Begeht Ihr ſo ſchmachvolle Exceſſe, in die Wohnungen einzubrechen, wie Raͤuber, ſie auszupluͤn⸗ dern und die Bewohner zu morden? Erklaͤrt Euch, Herr, oder ich behandle Euch wie einen gemeinen Pluͤnderer, ſchieße Ehch durch den Kopf oder haͤnge Euch an den erſten beſten Baum, wenn ich Euch gefangen nehme.“ „Hoͤlle und Teufel!“ verſetzte Metcalfe.„Wagt Ihr, mich mit einem gemeinen Raͤuber und Moͤrder zu vergleichen? Nehmt Euch in Acht, daß Euch nicht daſſelbe Schickſal widerfaͤhrt, womit Ihr mich bedroht, nur mit dem Unterſchiede, daß der Henker— der ge⸗ meine Henker von Lancaſter— an Euch ſeine Kunſt veweiſen ſoll. Ich komme hieher, um eine anerkannte 216 Hexe zu verhaften und zwei Herren zu befreien, die auf ungeſetzliche Weiſe von ihr gefangen gehalten werden; und wenn Ihr ſie mir nicht augenblicklich ausliefert und die erwaͤhnten Herren, den Richter Roger Nowell und den Anwalt Potts, herausgebt, ſo dringe ich mit Ge⸗ walt ins Haus und aller Schade, der Denen zugefuͤgt wird, die ſich mir widerſetzen, komme uͤber Euer Haupt.“ „Die beiden genannten Herren ſind vollkommen ſicher und zufrieden in ihrem Quartier,“ verſetzte Nico⸗ laus;„und was die gemeinen und falſchen Beſchuldi⸗ gungen betrifft, die Ihr gegen Miſtreß Nutter erhoben, die werfe ich Euch in die Zaͤhne zuruͤck. Eure Abſicht hieher zu kommen iſt, einen Privatſtreit auszugleichen. Wie kommt es aber, daß Ihr einen ſolchen Poͤbel bei Euch habt? Wie kommt es, daß ich zwei beruͤchtigte Klopffechter an Eurer Seite ſehe— Leute, die am Pran⸗ ger geſtanden und noch andere ſchmachvolle Strafen fuͤr ihre Vergehungen ausgeſtanden? Ihr koͤnnt es nicht be⸗ antworten und ihre Fluͤche und Drohungen gelten fuͤr Nichts. Ich ſage Euch jetzt, Sir Thomas, wenn Ihr nicht augenblicklich Eure Leute zuruͤckzieht und dieſes Ge⸗ biet verlaßt, werden uͤble Folgen fuͤr Euch und fuͤr ſie daraus entſtehen.“ „Ich will nicht mehr hoͤren,“ rief Sir Thomas, im hoͤchſten Grade wuͤthend.„Folgt mir ins Haus und verſchont keinen, der ſich Euch widerſetzt.“ „Ihr ſeid noch nicht drinnen,“ rief Nicolaus. Und als er ſprach, ſtarrte eine Reihe von Piken um ihn herum und hielt den Ritter zuruͤck, während ein Haken das Wamms jedes von den Eiſenfreſſern faßte, ihn vorwaͤrts zog und ins Haus ſchleppte. Als dies geſchehen war, zog ſich Nicolaus raſch mit ſeinen Leuten zuruͤck und die Thuͤr wurde vor dem wuͤthenden und geſchlagenen Ritter geſchloſſen und verriegelt. Fünfzehntes Kapitel. Der geiſterhafte Mönch. Mehrere Stunden waren vergangen und die Nacht angebrochen— und eine ſehr finſtere Nacht war es. Richard lag noch am Fuß von Malkin Tower, wo er hingefallen, denn obgleich er ſein Bewußtſein wieder er⸗ langt hatte, war er ſo gequetſcht und gelaͤhmt, daß er ſich durchaus nicht von der Stelle bewegen konnte. Seine ſteifen und kraftloſen Glieder verweigerten ihm den Dienſt, und nach jeder erfolgloſen Anſtrengung ſank er mit tie⸗ fem Stoͤhnen zuruͤck. Seine einzige Hoffnung war, Miſtreß Nutter moͤchte durch ſeine lange Abweſenheit beunruhigt, ihrer Tochter zu Huͤlfe kommen und ſo ſeine troſtloſe Lage entdecken; aber als die Zeit verging und ſich Nichts ereignete, gab er ſich verloren. Ploͤtzlich erhellte ſich die Dunkelheit und ein ſilber⸗ artiges Licht ergoß ſich uͤber die Scene. Der Mond hatte die dichten Wolken durchbrochen und beleuchtete —— —— 5 5 = den hohen und geheimnißvollen Thurm, ſowie die oͤde Wildniß umher. Bei dem Lichte wurde Richard eine geiſterhafte Geſtalt in ſeiner Naͤhe gewahr, die unter andern Verhaͤltniſſen Schrecken in ſeiner Bruſt erregt haͤtte, ihn aber jetzt mit Verwunderung erfuͤllte. Es war die Geſtalt eines Ciſtercienſermoͤnchs, die Kleider alt und verblichen, das Geſicht weiß und leichenhaft. Richard erkannte ſfogleich die Erſcheinung, die er in der Banquet— halle der Abtei geſehen hatte, und welcher er ſo unbe⸗ ſonnen in die Kloſterkirche gefolgt war. Sie beruͤhrte ihn mit ihren eiſigen Fingern und eine Todeskaͤlte fuhr durch ſein Herz. „Warum beunruhigſt Du mich, ungluͤcklicher Geiſt?“ ſagte der junge Mann.„Verlaß mich, ich beſchwoͤre Dich, und laß mich in Frieden ſterben!“ „Du wirſt noch nicht ſterben, Richard Asſheton,“ entgegnete die Erſcheinung; und meine Abſicht iſt nicht, Dich zu beunruhigen, ſondern Dir zu dienen. Ohne meine Huͤlfe wuͤrdeſt Du umkommen, wo Du liegſt, aber ich will Dich aufrichten und Dich auf Deinen Weg bringen.“ „Williſt Du mir helfen, Alizon zu befreien?“ fragte Richard. „Sei ihretwegen unbekuͤmmert,“ verſetzte die Geſtalt; „ſie muß eine Pruͤfung beſtehen, in die ſich kein menſch— liches Weſen einmiſchen kann. Wenn ſie dieſelbe beſteht, ſo werdet Ihr Euch wiederſehen. Wenn nicht, ſo waͤre es beſſer, Du laͤgeſt in Deinem Grabe, als daß Du ſie ſehen ſollteſt. Nimm dieſe Phiole. Trinke die Fluͤſſig⸗ 219 keit, die ſie enthaͤlt, und Deine Staͤrke wird wieder zu⸗ ruͤckkehren.“ „Wie ſoll ich wiſſen, ob Du nicht vielleicht von Mutter Demdike hieher geſchickt worden biſt, um mich zu verſuchen?“ fragte Richard zweifelhaft.„Ich bin ſchon in ihre Schlingen gefallen,“ fuͤgte er mit einem Seufzer hinzu. „Ich bin Mutter Demdike's Feind, und das be⸗ ſtimmte Werkzeug ihrer Strafe,“ verſetzte der Moͤnch in einem Tone, der keinen Zweifel zuließ. Trinke und fuͤrchte Nichts.“ Richard gehorchte und ſprang im nächſten Augen⸗ blick auf. „Du haſt mich in der That wieder hergeſtellt!“ rief er.„Ich moͤchte gern den geheimen Eingang zu dem Thurme erreichen.“ „Verſuche es nicht, ich beſchwoͤre Dich!“ rief die Geſtalt,„ſondern reite ſogleich nach dem Pendle⸗Huͤgel.“ „Warum dorthin?“ fragte Richard. „Du wirſt es ſogleich erfahren,“ entgegnete der Moͤnch.„Ich kann Dir jetzt nicht mehr ſagen. Steige am Fuß des Huͤgels ab und geh zu der Feuerwarte. Du weißt ſie doch?“ „Gewiß,“ verſetzte Richard.„Dort wurde ein Feuer angezuͤndet, welches ganz England in Flammen ſetzen ſollte.“ gange fuͤhrte,“ ſagte der Moͤnch mit unausſprechlicher Traurigkeit.„Wehe Dem, der das Feuer angezuͤndet. „Und welches manchen guten Mann zum Unter⸗ 22 ——— Das Vergehen iſt noch nicht abgebuͤßt. Aber geh ohne Verzug und ſieh Dich nicht um.“ Als Richard zu der Stelle eilte, wo er Merlin zu⸗ ruͤckgelaſſen, war es ihm, als ob die Geſtalt ihm folge, aber gehorſam dem erhaltenen Befehle, wendete er ſeinen Kopf nicht um. Als er ſein Pferd beſtieg, welches freu⸗ dig wieherte, als er ſich naäherte, fand er, daß er ſich nicht geirrt, indem er geglaubt, daß der Moͤnch hinter ihm ſei, denn er hoͤrte, wie er ihm zurief: „Halte Dich unterwegs nicht auf. Zu der Feuer⸗ warte!— zu der Feuerwarte!“ So ermahnt, galoppirte der junge Mann vorwaͤrts und fand zu ſeiner großen Ueberraſchung, daß Merlin ſo friſch war, als haͤtte er waͤhrend des Tages gar keine Anſtrengungen gehabt. Es ſchien faſt, nach ſeiner Leb⸗ haftigkeit zu urtheilen, als haͤtte er von demſelben wun⸗ derbaren Elixir bekommen, welches ſeinen Herrn neu belebt hatte. Er galoppirte den Huͤgel hinunter, ohne auf die Steilheit des Abhanges zu achten und trat bald in das Dickicht, wo das Ungewitter ihn uͤberfallen, und wo man ihn durch Hererei hatte aufhalten wollen. Jetzt hemmte den tollen Lauf des Thieres weder Unfall noch Hinderniß, obgleich die Steine ihm nachrollten, die er mit ſeinen fliegenden Hufen traf. Das Mondlicht zit⸗ terte auf den Aeſten der Baäume und auf den zarten Sproſſen, und Alles ſah ſo ruhig und ſchoͤn aus, wie es noch kurzlich duͤſter und aufgeregt geweſen. Der Wald war zu Ende und der letzte und ſteilſte Abhang uͤber⸗ ſchritten. Die kleine Bruͤcke war nahe und unten be⸗ fand ſich Pendle⸗Water, welcher kleine Strom uͤber ſein 221 felſiges Bett dahinrauſchte und in den Strahlen des Mondes wie Silber ſchimmerte. Aber hier waͤre Richard beinahe aufgehalten worden. Eine Abtheilung bewaff⸗ neter Maͤnner beſetzte den Weg, der nach Rough Lee fuͤhrte, etua einen Bogenſchuß von der Bruͤcke, und ſo⸗ bald ſie bemerkten, daß er die entgegengeſetzte Richtung einſchlage, mit der anſcheinenden Abſicht, ihnen auszu⸗ weichen, riefen ſie ihm zu, anzuhalten. Dieſer Zuruf machte Richard erſt mit ihrer Gegenwart bekannt, denn er hatte ſie vorher noch nicht bemerkt, da ſie hinter einigen kleinen Baͤumen verborgen waren. Obgleich ihn dieſer Umſtand uͤberraſchte und er fuͤrchtete, ſie moͤchten eine feindſelige Abſicht gegen Miſtreß Nutter haben, ſo hielt er doch nicht an. Ein Reiter, welcher ihr Anfuͤh⸗ rer zu ſein ſchien, ritt ihm eine kurze Strecke nach, als er aber die Verfolgung vergeblich fand, ſtand er davon ab, indem er eine Ladung Fluͤche und Drohungen mit einer Stimme ausſtieß, die Richard als die des Sir Thomas Metcalfe erkannte. Dieſe Entdeckung beſtaͤrkte Richard in ſeiner Vermuthung, daß man boͤſe Abſichten gegen Miſtreß Nutter habe; aber ſelbſt dieſe Ueberzeu⸗ gung, verſtaͤrkt durch ſeinen Widerwillen gegen Metcalfe, war nicht hinreichend, ihn zum Anhalten zu bewegen. Indem er ſich vornahm, am folgenden Morgen zuruͤck⸗ zukehren und ſeine Sache mit dem unverſchaͤmten Ritter auszumachen, eilte er weiter, kam an der Muͤhle vor⸗ uͤber, paſſirte die Feldſchlucht oberhalb derſelben und be⸗ gann einen andern Huͤgel hinaufzureiten. Obgleich es bergauf ging, ließ Merlin nie in ſeiner Schnelligkeit nach, ſondern eilte weiter, wie vorher, obgleich ſein Herr gern 222 angehalten haͤtte. Als er aber die Hoͤhe des Huͤgels er⸗ reicht hatte, noͤthigte ihn Richard zu einem kurzen Halt. Jetzt war der Himmel verhältnißmaͤßig klar, nur kleine Wolken ſegelten uͤber den Himmel dahin; auf einen Augenblick wurde der Mond von ihnen verdunkelt und brach dann mit ploͤtzlichem Glanze hervor. Dieſe Veraͤnderungen brachten entſprechende Wirkungen auf der breiten braunen, mit Haidekraut bewachſenen Ebene unten hervor, und phantaſtiſche Schatten fielen auf die⸗ ſelbe, wozu es nicht Richard's erhitzter Einbildungskraft bedurfte, um ſie fuͤr voruͤberfliehende boͤſe Weſen zu hal⸗ ten. Auch der Wind wehte nach dem noͤrdlichen Ende des Pendle⸗Hugels hin, wohin Richard im Begriff war, ſeinen Weg zu richten, und die Schatten zogen folglich dorthin. Die ungeheure Maſſe des Pendle erhob ſich in duͤſterer Majeſtät vor ihm, und ſtand im Schatten, mit Ausnahme des Gipfels, wo eine Fluth von Licht ruhte.. Gleich einem Adler, der ſich auf ſeine Beute nieder⸗ ſturzt, galoppirte Richard in das Thal hinunter, und gleich dem Hirſche, der von dem Jaͤger verfolgt wird, eilte er durch daſſelbe dahin. Weder Graben, noch Mo⸗ raſt, noch Steinmauer hielt ihn auf, machte, daß er einen Umweg nehmen mußte; und faſt eben ſo raſch, wie die Wolken uͤber ihn hineilten und ihre Schatten zu ſeinen Fuͤßen wanderten, erreichte er den Fuß des Pendle⸗Huͤgels. Einen Schuppen erreichend, der zwar keer war, aber zum Gluͤck einige Buͤndel Heu enthielt, fuͤhrte er Mer⸗ lin hinein und begann zu Fuß den Hugel hinaufzuſtei⸗ 223 gen. Als er eine betraͤchtliche Hoͤhe erreicht hatte, blickte er von dem ſchwindligen Abhange hinunter in das Thal, durch welches er eben gekommen war. Die wenigen Huͤtten, die das kleine Dorf Barley bildeten, lagen im Mondlicht ſchlummernd unter ihm, waͤhrend man in weiterer Entfernung Goldſhaw mit ſeiner vom Alter ge⸗ braͤunten Kirche eben unterſcheiden konnte. Eine Linie von leichtem Dunſt bezeichnete den Lauf von Pendle⸗ Water und dichtere Nebel lagerten uͤber den Moraͤſten. Die Schatten zogen noch immer uͤber die Ebene. Vorwaͤrts ſtrebend, kam Richard bald unter die am obern Theile des Huͤgels vorragenden Felſen, und da der Pfad hier nur einen Fuß breit war, da er nur ſelten von einem andern Weſen, als von den Schafen und ihren Fuͤhrern betreten wurde, ſo war es noͤthig, mit der aͤußerſten Vorſicht weiter zu gehen, da ein einziger Fehltritt gefaͤhrlich geweſen waͤre. Nach einiger An⸗ ſtrengung und nicht ohne große Gefahr erreichte er den Gipfel des Huͤgels. Als er uͤber den elaſtiſchen Raſen dahinſprang und die reine Luft jener hohen Region einathmete, belebte ſich ſein Geiſt wieder und neue Schwungkraft wurde ſeinen Gliedern mitgetheilt. Er nahm ſeinen Weg am Rande des Huͤgels hin, ſo daß die weite Ausſicht voll⸗ kommen zu ſehen war. Aber ſein Auge ruhte auf der Huͤgelreihe an der entgegengeſetzten Seite des Thales, wo Malkin Tower lag. Selbſt am hellen Tage waͤre das unheimliche Gebaͤude unſichtbar geweſen, da es auf der entgegengeſetzten Seite des Huͤgels ſtand und die Ausſicht auf Barrowford und Colne gewährte. Aber ————————— 224 Richard kannte die Lage deſſelben ſehr wohl, und waͤh⸗ rend ſein Blick auf den Punkt gerichtet war, ſchien es ihm, als ob ein Stern vom Himmel niederſchieße und in der Naͤhe der Stelle hinfalle. Dieſer Umſtand be⸗ unruhigte ihn, denn er konnte nicht umhin, denſelben fur unheilvoll fuͤr Alizon zu halten. Nichts aber erfolgte, was ſeine Furcht vermehren konnte, und bald kam ihm die Feuerwarte zu Geſicht. Der Boden hatte ſich nach und nach erhoben, und ware er noch einige hundert Schritte weiter gegangen, ſo wuͤrde ſich ihm ein ungeheures Panorama gezeigt haben, wel⸗ ches einen großen Theil von Lancaſhire auf der einen und einen eben ſo großen Theil von Yorkſhire auf der andern Seite umfaßte. Wald und Hugel, ſchwarzes Moor und ſchimmernde Fluͤſſe, alte Schloͤſſer und ſtattliche Hallen, haͤtte er wie auf einer Karte vor ſich geſehen. Aber an⸗ dere Gedanken beſchaͤftigten ihn und er ging geradeaus weiter. So weit er ſehen konnte, war er allein auf dem Gipfel des Huͤgels, und das Schweigen und die Ein⸗ ſamkeit, vereint mit dem uͤblen Rufe des Ortes, von dem man ſagte, daß er in dieſer Stunde oft von beruͤch⸗ tigten alten Weibern zur Ausubung ihrer unheiligen Ce⸗ remonien beſucht werde, erweckte aberglaͤubiſche Furcht in ſeiner Bruſt. Bald war er an der Seite der Feuerwarte. Die Steine ſtanden noch, wie Paslew ſie hatte aufrichten laſſen, und als er ſie anſah, war er erſtaunt zu bemer⸗ ken, daß die Hoͤhlung zwiſchen denſelben mit trockenem Haidekraut, Buſchwerk und Reiſigbuͤndeln angefuͤllt war, als ſollte wieder ein Feuerſignal gegeben werden. Als 225 er den Kreis umging, wurde ſeine Ueberraſchung noch erhoͤht, als er eine Fackel entdeckte und nicht weit davon in einer Spalte zwiſchen den Steinen eine verdunkelte Laterne, worin er, als er ſie oͤffnete, ein brennendes Licht fand. Es war jetzt einleuchtend, daß die Feuerwarte in jener Nacht angezuͤndet werden ſollte, obgleich er nicht errathen konnte, zu welchem Zwecke, und eben ſo klar war es, daß er dort hingefuͤhrt worden, um ſie anzu⸗ zuͤnden. Er ſtellte die Laterne wieder an ihren Platz, nahm die Fackel und hielt ſich in Bereitſchaft. Eine halbe Stunde verging und es ereignete ſich Nichts. Waͤhrend dieſer Zeit war es dunkel geworden. Ein Vorhang von Wolken hatte ſich uͤber den Mond und die Sterne gezogen. Ploͤtzlich hoͤrte er ein Rauſchen in der Luft, und es ſchien ihm, als haͤtte ſich ein Hepentrupp in einiger Entfernung niedergelaſſen. Dann folgte ein lautes Geſumme von vielen Stim⸗ men— dann ein Stampfen vieler Fuͤße, begleitet von disharmoniſchen Toͤnen der Muſik— worauf eine augen⸗ blickliche Stille eintrat und eine rauhe Stimme fragte: „Warum hat man uns hieher gebracht?“ „Nicht wegen eines Sabbaths,“ rief eine andere Stimme,„denn es iſt hier weder Feuer noch Keſſel.“ „Mutter Demdike wuͤrde uns nicht ohne Grund rufen,“ rief eine dritte. „Wir werden ſogleich erfahren, was wir zu thun haben,“ ſagte eine andere. „Je mehr Unheil, deſto beſſer,“ verſetzte noch eine andere Stimme. Ainsworth, Hexen. II. 15 226 „Ja, Unheil! Unheil! Unheil!“ wiederholte das ganze Geſindel. „Ihr ſollt genug davon haben, um Euch zufrieden zu ſtellen,“ verſetzte Mutter Demdike.„Ich habe Euch hieher gerufen, um bei einem Opfer zugegen zu ſein.“ Scheußliches Gelaͤchter folgte dieſer Ankuͤndigung, und die Stimme, die zuerſt geſprochen hatte, fragte: „Wen wollt Ihr opfern?“ „Ein ungetauftes Kind, von der Bruſt ſeiner ſchla⸗ fenden Mutter geſtohlen,“ verſetzte eine Andere.„Mut⸗ ter hat uns ſchon oft dieſen Spaß gemacht — ho! ho!“ „Still!“ donnerte die Alte.„Es iſt kein Kind, welches ich toͤdten will, ſondern ein erwachſenes Maͤdchen — und noch dazu eins von der ſeltenſten Schoͤnheit. Was ſagt Ihr zu Al Device?“ „Deine Enkelin!“ riefen mehrere Stimmen erſtaunt. „Alice Nutter's Tochter— denn das iſt ſie,“ ver⸗ ſetzte die Alte.„Ich habe ſie in Malkin Tower ge⸗ fangen gehalten und ſie jeder Pruͤfung und Verſuchung unterworfen, die ich nur erſinnen konnte, aber es iſt mir nicht gelungen, ihren Muth zu erſchuͤttern oder ſie fuͤr unſern Herrn zu gewinnen. Alle Schrecken des Gewoͤl⸗ bes ſind bei ihr vergebens geweſen. Selbſt die letzte ſchreckliche Pruͤfung, die ſonſt noch Niemand ausgehalten, zeigte ſich unwirkſam. Sie uͤberſtand ſie unbewegt.“ „Der Himmel ſei geprieſen!“ murmelte Richard. „Wie es ſcheint, habe ich keine Macht uͤber ihre Seele,“ fuhr die Alte fort,„wohl aber uͤber ihren Leib, und ſie ſoll hier ſterben, und zwar von meiner Hand. —— 227 Aber bedenkt wohl, daß kein Tropfen ihres Blutes auf den Boden fallen darf.“ „Habt keine Furcht,“ riefen mehrere Stimmen, „wir wollen es in unſern Haͤnden auffangen und es verſchlucken.“ „Haſt Du Dein Meſſer bei Dir, Mouldheels?“ fragte Mutter Demdike. „Ja,“ verſetzte die Andere,„es iſt lang und ſcharf und wird zu Deinem Zwecke gut ſein. Dein Enkel, Jem Device, machte es ſtumpf, indem er Schweine todtete, und mein Alter wetzte es erſt geſtern. Hier nimm es.“ „Ich will es in ihr Herz bohren!“ rief Mutter Demdike mit teufliſchem Lachen.„Und nun will ich Euch ſagen, warum wir weder Feuer noch Keſſel haben. Als ich das ſchwarze Bild in dem Gewoͤlbe befragte, an welchem Orte das Opfer ſtattfinden ſolle, erhielt ich zur Antwort, daß es hier und in der Dunkelheit ſtattfinden muͤſſe. Kein menſchliches Auge, außer dem unſrigen, darf es ſehen. In dieſer Hinſicht ſind wir ſicher, denn es wird nicht leicht Jemand um dieſe Stunde hieher kommen. Kein Feuer darf angezuͤndet werden, oder das Opfer wird zu unſer Aller Untergange fuͤhren. Ihr habt es gehoͤrt und verſtanden?“ „Ja, das haben wir,“ antworteten mehrere rauhe Stimmen. „Und ich ebenfalls,“ ſagte Richard, die verdunkelte Laterne aufnehmend. „Und nun zu dem Maͤdchen,“ rief Mutter Dem⸗ dike. 15* Sechzehntes Kapitel. Ein uhr Miſtreß Nutter und Mutter Chattor waren noch in der Huͤtte und erwarteten ungeduldig Fancy's Ruͤck⸗ kehr. Aber beinahe eine Stunde verging, ehe er erſchien. „Was hat Dich ſo lange aufgehalten?“ fragte die Alte heftig, als er vor ihnen erſchien. „Ihr ſollt es hoͤren, Gebieterin,“ verſetzte Fancy. „Ich kann Euch verſichern, ich habe viel zu thun ge⸗ habt, und glaubte ſchon, ich wuͤrde meine Aufgabe nim⸗ mer erfuͤllen koͤnnen. Als ich in Rough Lee ankam, fand ich den Ort von Sir Thomas Metcalfe und einer Schaar von Bewaffneten belagert, die der Pfarrer Hol⸗ den dorthin geſchickt, in der doppelten Abſicht, um Euch,— Miſtreß Nutter, zu verhaften und Nowell und Potts zu befreien. Der Ritter war in großem Zorn, denn un⸗ geachtet der Macht, die er vor das Haus gefuͤhrt, wurde daſſelbe von Nicolaus Asſheton, der die Belagerer ge⸗ ſchlagen und die beiden Eiſenfreſſer in Sir Thomas Metecalfe's Begleitung gefangen genommen, ſtandhaft vertheidigt. Da ich unter der Geſtalt eines Feindes er⸗ ſchien, wurde ich ſogleich von Metcalfe und ſeinen Be⸗ gleitern umringt, welche ſchwuren, ſie wollten mir die Kehle abſchneiden, wenn ich es nicht unternehme, den beiden 229 Eiſenfreſſern, ſowie Nowell und Potts die Freiheit wieder zu verſchaffen. Ich ſagte ihnen, ich ſei in der ausdruͤcklichen Abſicht gekommen, um die beiden zuletzt genannten Herren in Freiheit zu ſetzen; aber hinſichtlich der erſteren haͤtte ich keinen Auftrag, und ſie muͤßten die Sache mit Herrn Nico⸗ laus ſelber beſprechen. Hierauf wurde Sir Thomas außer⸗ ordentlich wild und unverſchaͤmt, und hoͤrte nicht auf, bis ich ihn zu zuͤchtigen beſchloß, und da fuͤhrte ich ein Kunſtſtuͤck aus, welches ſehr dazu dienen wird, Richard's Ruf wegen ſeines Muthes und ſeiner Stärke zu erhoͤhen.“ „Laß es uns hoͤren, mein tapferer Kaͤmpfer,“ rief Mutter Chattor. „Waͤhrend Metcalfe ſeine Wuth ausſchuͤttete und mir mit aufgehobener Hand drohte,“ fuhr der Geiſt fort, „ergriff ich ihn bei der Kehle, zog ihn vom Pferde und trug ihn, ungeachtet der Anſtrengungen ſeiner Leute, de⸗ ren Schlaͤge dicht wie Hagel, aber eben ſo harmlos, auf mich fielen, durch den Garten zum Hinterhauſe, wo ich Nicolaus und die Andern zu Huͤlfe rief, und nachdem ich ihnen meinen Gefangenen uͤberliefert hatte, ſtieg ich ab. Wie Ihr leicht denken koͤnnt, war der Squire er⸗ ſtaunt mich zu ſehen und ruͤhmte meinen Muth und meine Tapferkeit ſehr. Ich erwiederte mit der meinem angenommenen Charakter angemeſſenen Beſcheidenheit, ich habe Nichts gethan, und in der That war auch das Kunſtſtuͤck Nichts fuͤr mich; aber ich ſagte ihm, ich haͤtte ihm Etwas von der groͤßten Wichtigkeit mitzutheilen, was keinen Augenblick aufgeſchoben werden koͤnne, worauf er mich in ein kleines Zimmer fuͤhrte, welches an die Halle ſtieß, waͤhrend es dem geſchlagenen Ritter uͤber⸗ ———————— 230 laſſen wurde, unter der Bewachung der Dienſtleute ſei⸗ nen Zorn auszulaſſen.“ „Ihr habt Eure Rolle vortrefflich geſpielt,“ ſagte Miſtreß Nutter. „Ja, was das betrifft, da kann man ſich auf mei⸗ nen ſuͤßen Fancy verlaſſen,“ ſagte die Alte;„es iſt kein dienſtbarer Geiſt ihm gleich— keiner.“ „Euer Lob macht mich erroͤthen,“ verſetzte Fancy. „Aber ich will fortfahren. Ich erfuͤllte Eure Befehle buchſtaͤblich und erregte des Squire Entſetzen und Un⸗ willen durch die Geſchichte, die ich ihm erzaͤhlte. Ich lachte waͤhrend der Zeit innerlich, nahm aber gegen ihn ein ganz verſchiedenes Geſicht an. Er glaubte, ich ſei voll Angſt und Verzweiflung, und befragte mich, was in Malkin Tower geſchehen ſei, und ich ſetzte ihn durch die Beſchreibung des furchtbaren Ungewitters, welches mich uͤberfallen in Erſtaunen, ſowie durch meine Unter⸗ redung mit der alten Demdike und durch die grauſame Behandlung, die ſie Alizon widerfahren laſſen, welches Alles er mit lebhaftem Intereſſe anhoͤrte. Richard ſel⸗ ber haͤtte ihn nicht mehr ruͤhren koͤnnen. Sobald ich zu Ende war, gelobte er, Alizon von der moͤrderiſchen Al⸗ ten zu befreien und die Letztere zu verhindern, noch wei⸗ teres Unheil anzurichten; und indem er mich bat, mit ihm zu kommen, gingen wir in das Zimmer, wo No⸗ well und Potts eingeſchloſſen waren. Wir fanden Beide feſt ſchlafend auf ihren Stuͤhlen; aber Nicolaus erweckte ſie bald und es erfolgten einige Erklaͤrungen, die an⸗ fangs Beiden nicht beſonders klar und genuͤgend zu ſein ſchienen; endlich aber erklaͤrten ſie ſich bereit, uns bei 231 unſerer Expedition zu begleiten, indem Herr Potts er⸗ klaͤrte, es wuͤrde ihn fuͤr ſein Mißlingen entſchuldigen, wenn er Mutter Demdike verhaften koͤnne.“ „Ich hoffe, ſein Wunſch wird erfuͤllt werden,“ ſagte Mutter Chattor. „Ja, aber er erklaͤrte, Gebieterin, ſein naͤchſter Schritt ſolle ſein, Euch zu verhaften,“ ſagte Fancy lachend. „Mich zu verhaften!“ rief die Alte.„Ja, er mag mich nur anruͤhren, wenn er es wagt. Meine Friſt iſt noch nicht um, und wenn Du mich vertheidigſt, mein tapferer Fancy, habe ich keine Furcht.“ „Schon recht!“ entgegnete der Geiſt;„aber um mit meiner Geſchichte fortzufahren— dann wurde Sir Thomas Metcalfe vorgefuͤhrt und nach heftigem Streite zwiſchen ihm und dem Squire Frieden geſchloſſen, wobei ſich alle die Haͤnde druͤckten. Dann ließ Nicolaus Wein kommen und befahl zugleich die beiden Eiſenfreſſer aus dem Keller zu fuͤhren, wo man ſie eingeſperrt. Der erſte Theil dieſes Befehls wurde puͤnktlich befolgt, der zweite aber wurde unausfuͤhrbar gefunden, denn die beiden Hel⸗ den hatten ihren Weg in den innern Keller gefunden und ſo viele Flaſchen geleert, daß ſie nicht im Stande waren, ſich zu bewegen. Waͤhrend der Wein getrunken wurde, fand eine unerwartete Ankunft ſtatt.“ „Weſſen Ankunft?“ fragte Miſtreß Nutter lebhaft. „Sir Ralph Asſheton's mit einem großen Trupp,“ verſetzte Fancy.„Der Pfarrer Holden war, wie es ſcheint, nicht zufrieden, Sir Thomas und ſeine Rotte ſeinen Freunden zu Huͤlfe zu ſenden, zu demſelben Zwecke nach Whalley gegangen, und die Folge war das Erſchei⸗ 232 nen des neuen Trupps. Eine kurze Erklaͤrung von Ni⸗ colaus und mir diente dazu, Sir Ralph mit allem Ge⸗ ſchehenen bekannt zu machen, er erklaͤrte ſich bereit, die Expedition nach dem Pendle-Huͤgel mitzumachen und alle ſeine Begleiter mitzunehmen. Sir Thomas Met⸗ calfe ſprach gleichfalls den lebhaften Wunſch aus, ihn zu begleiten, und natuͤrlich wurde es bewilligt. Ich bin verbunden, Euch zu ſagen, Madame,“ fuͤgte Fancy zu Miſtreß Nutter gewendet hinzu,„daß Eure Handlungs⸗ weiſe von allen dieſen Perſonen, mit Ausnahme des Squire Nicolaus, welcher einen Verſuch machte, Euch zu vertheidigen, als hoͤchſt verdaͤchtig angeſehen wurde.“ „Es liegt mir Nichts daran, was mir begegnet, wenn es mir nur gelingt, mein Kind zu retten,“ ſagte die Dame.„Aber haben ſie ihre Expedition angetreten?“ „Jetzt ohne Zweifel,“ verſetzte Fancy;„ich entfernte mich, indem ich ſagte, ich wollte nach dem Pendle-Huͤ⸗ gel reiten, mich auf demſelben aufſtellen und ihnen ein Signal geben, wenn ſie uͤber ihre Beute herfallen ſoll— ten. Und nun, meine gute Herrin, bitte ich mich zu entlaſſen. Ich wuͤnſche dieſe Geſtalt abzulegen, die mir laͤſtig wird, und meine eigene wieder anzunehmen. Ich werde zuruͤck ſein, wenn es Zeit, daß Ihr Euch auf den Weg macht.“ Die Alte machte eine Bewegung mit der Hand und der Geiſt war verſchwunden. Eine halbe Stunde verging und er kehrte noch nicht zuruͤck. Miſtreß Nutter wurde furchtbar ungeduldig. Drei Viertelſtunden, und ſelbſt die Alte wurde unrihig. Eine Stunde, und er ſtand vor ihnen— zwerghaft, mon⸗ ſtroͤs, teufliſch. „Es iſt Zeit,“ ſagte er mit rauher Stimme, aber die Toͤne waren Muſik fuͤr die Ohren der ungluͤcklichen Mutter. „So kommt denn,“ rief ſie wild hinausſtuͤrzend. „Ja, ja, ich komme,“ verſetzte die Alte ihr folgend. „Nicht ſo ſchnell. Ihr koͤnnt nicht ohne mich gehen.“ „Noch auch Ihr Beide ohne mich,“ fuͤgte Fanchy hinzu.„Hier, gute Herrin, iſt Euer Beſenſtiel.“ „Fort nach dem Pendle⸗Huͤgel!“ kreiſchte die Alte. „Ja, nach dem Pendle⸗Huͤgel!“ wiederholte Fancy. Und wieder wirbelten dunkle Geſtalten durch die Luft. Gleich darauf ließen ſie ſich auf dem Pendle⸗Huͤgel nieder, der in eine dichte Wolke gehuͤllt ſchien, denn Miſtreß Nutter konnte kaum einen Schritt vor ſich ſehen. Fancy's Augen waren indeß kraͤftig genug, um die Fin⸗ ſterniß zu durchdringen, denn nachdem er einige Schritte zuruͤckgetreten war, ſagte er: „Der Trupp iſt am Fuß des Huͤgels, wo ſie Halt gemacht haben. Wir muͤſſen einige Augenblicke warten, bis ich mich uͤberzeugt habe, was ſie zu thun beabſich⸗ tigen. Ah! jetzt ſehe ich es. Sie theilen ſich in drei Abtheilungen. Die eine, wobei ſich Potts und Nowell befinden, und die Nicolaus Asſheton anfuͤhrt, iſt im Be⸗ griff, von der Stelle, wo ſie jetzt ſtehen, hinauf zu ſtei⸗ gen; eine andere, die Sir Ralph Asſheton anfuͤhrt, be⸗ wegt ſich nach der hintern Seite des Huͤgels zu; und die dritte, Sir Thomas Metcalfe an der Spitze, mar⸗ ———— —————————— 234 ſchirt rechts ab. Dies ſind vortreffliche Vorbereitungen — ha ha! Aber was ſehe ich? Die erſte Abtheilung hat einen Gefangenen bei ſich. Es iſt Jem Device, den ſie vermuthlich unterwegs gefangen genommen haben. Ich erkenne aus dem Blicke des Schurken, daß er auf Flucht ſinnt. Geduld, Madame, ich muß ſehen, wie er ſeinen Plan ausfuͤhrt. Sie nehmen ſich Zeit, indem ſie den Huͤgel hinaufſteigen. Da gleitet Einer aus, rollt hinunter und verletzt ſich an den lockern Steinen. Ho! ho!— es iſt Herr Potts. Er wird von Jem Device aufgehoben, der ihn auf die Schultern nimmt. Was will der Schurke mit dieſer Aufmerkſamkeit ſagen? Wir werden es ſogleich ſehen. Sie fahren fort, ſich weiter herauf zu arbeiten und haben jetzt den ſchmalen Pfad unter den Felſen erreicht. Nehmt Euch in Acht, oder Ihr werdet den Hals brechen. Ho! ho! wohlgethan, Jem— bravo, Junge! Dein Plan iſt jetzt durchſchaut — ho! ho!“ „Was hat er gethan?“ fragte Mutter Chattor. „Er iſt mit dem Anwalt durchgegangen— mit Herrn Potts,“ verſetzte Fancy;„in der Dunkelheit ver⸗ ſchwunden, ſo daß es Nicolaus unmoͤglich iſt, ihnen zu folgen— ho, ho!“ „Aber mein Kind!— wo iſt mein Kind?“ rief Miſtreß Nutter mit aufgeregter Ungeduld. „Kommt mit mir, und ich will Euch zu ihr fuͤh⸗ ren,“ verſetzte Fancy, ihre Hand faſſend.„Aber haltet Euch ganz in unſerer Nähe, Gebieterin,“ fuͤgte er zu Mutter Chattor gewendet hinzu. Indem ſie raſch auf der mit Haidekraut bewachſe⸗ 235 nen Ebene weiter gingen, erreichten ſie bald eine kleine trockene Vertiefung, etwa hundert Schritte von der Feuer⸗ warte, in deren Mitte, wie in einem Grabe, die unbe⸗ lebte Geſtalt Alizon's lag. Als Fancy ihr die Stelle andeutete, eilte die ungluͤckliche Mutter darauf zu und druͤckte mit unausſprechlichem Entſetzen ihr Kind an ihre Bruſt. Aber im naͤchſten Augenblick bemaͤchtigte ſich ih⸗ rer eine neue Furcht, denn die Glieder waren ſtarr und kalt und das Herz ſchien zu ſchlagen aufgehoͤrt zu haben. „Sie iſt todt!“ rief Miſtreß Nutter wie wahn⸗ ſinnig. „Nein! ſie iſt nur in einer durch Zauberei bewirk⸗ ten Verzuͤckung,“ ſagte Fancy;„meine Gebieterin kann ſie augenblicklich wieder beleben.“ „Ich bitte Euch, thut es, gute Chattor,“ bat die Dame. „Wartet lieber, bis wir ſie weggebracht haben,“ verſetzte die Alte. „O nein! jetzt— jetzt!— ich muß mich uͤberzeu⸗ gen, ob ſie lebt!“ rief Miſtreß Nutter. Mutter Chattor willigte widerſtrebend ein, dann aber beruͤhrte ſie Alizon mit ihrem runzligen Finger, zu⸗ erſt ihr Herz und dann ihre Stirn, worauf das arme Maͤdchen Symptome des Lebens zeigte. „Mein Kind— mein Kind!“ rief Miſtreß Nutter, ſie an ihre Bruſt druͤckend;„ich komme, Dich zu retten!“ „Es wird Euch ſchwerlich gelingen, wenn Ihr laͤn⸗ ger hier bleibt,“ ſagte Fancy.„Fort von hier.“ 236 „Ja, fort von hier!“ ſchrie die Alte, Alizon's Arm ergreifend. „Wohin wollt Ihr ſie bringen?“ fragte Miſtreß Nutter. „In meine Huͤtte,“ verſetzte Mutter Chattox. „Nein— nein, ſie ſoll nicht dotthin,“ entgegnete die Dame. „Und warum nicht?“ ſchrie die Alte.„Sie iſt joetzt mein, und ich ſage, ſie ſoll mit mir gehen.“ „Recht ſo, Gebieterin,“ ſagte Fancy,„und laßt die Dame hier, wenn ſie ſie nicht begleiten will. Aber ſeid raſch.“ „Ihr ſollt ſie mir nicht nehmen,“ ſchrie Miſtreß Nutter ihre Tochter feſthaltend.„Ich durchſchaue Eu⸗ ren teufliſchen Plan. Ihr habt dieſelbe verworfene Ab⸗ ſicht, wie Mutter Demdike, und möchtet ſie opfern— aber ſie ſoll nicht mit Euch gehen, ich will es nicht.“ „Still!“ rief die Alte,„Ihr habt ploͤtzlich Eure Sinne verloren. Ich will Eure Tochter nicht. Aber kommt, oder Mutter Demdike wird uns uͤberraſchen.“ „Scherzt nicht laͤnger mit ihr,“ fluͤſterte Fancy der Alten zu,„ſchleppt das Maͤdchen mit fort, oder Ihr werdet ſie verlieren. Noch einige Augenblicke, und es iſt zu ſpaͤt.“ WMutter Chattor machte einen Verſuch, ihm zu ge⸗ horchen, aber Miſtreß Nutter widerſetzte ſich ihr. „Fluch uͤber ſie!“ murmelte die Alte,„ſie iſt mir zu ſtark. Hilf mir Du,“ fugte ſie hinzu, indem ſie ſich an Fancy wendete. „Ich kann es nicht,“ verſetzte er,„ich habe Alles 237 fuͤr Euch gethan, was ich thun darf. Das Uebrige muͤßt Ihr ſelber ausfuͤhren.“ „Aber, mein ſuͤßer Junge, bedenke doch—“ „Ich bedenke, daß ich einen Herrn habe,“ fiel der Geiſt ein. „Und auch eine Herrin,“ rief die Alte,„und ſie wird Dich zuͤchtigen, wenn Du ungehorſam biſt. Ich befehle Dir, dieſes Maͤdchen zu entfuͤhren.“ „Ich habe Euch bereits geſagt, daß ich es nicht darf, und jetzt ſage ich, ich will nicht,“ verſetzte Fancy. „Du willſt nicht!“ ſchrie die Alte.„Dafur ſollſt Du mir buͤßen. Ich will Dich in das Eingeweide die⸗ ſes Berges verſetzen, und Du ſollſt darin arbeiten, wie ein Gnome. Du ſollſt den Sand im Bette des Fluſſes zahlen und die Blaͤtter auf den Baͤumen des Waldes. Du ſollſt weder Ruh noch Raſt kennen.“ „Ho! ho! ho!“ lachte Fancy hoͤhniſch. „Du lachſt mich aus?“ rief die Alte.„Ich will es thun, Du unverſchaͤmter Junge. Zum letzten Mal frage ich, willſt Du mir gehorchen?“ „Nein,“ verſetzte Fancy,„und zwar aus dem Grunde, weil Eure Friſt zu Ende iſt. Sie iſt um Mitternacht abgelaufen.“ „Es iſt falſch!“ ſchrie die Alte in Toͤnen des Schreckens und der Wuth.„Ich habe noch Monate Zeit und will ſie verlaͤngern.“ „Vor Mitternacht haͤttet Ihr es thun koͤnnen, aber jetzt iſt es zu ſpaͤt— Eure Herrſchaft iſt zu Ende,“ verſetzte Fancy.„Lebt wohl, liebe Herrin. Wir werden 238 uns noch einmal wiederſehen, obgleich ſchwerlich unter ſo angenehmen Umſtaͤnden, wie bisher.“ „Es kann nicht ſein, mein liebſter Fancy. Du ſcherzeſt mit mir,“ winſelte die Alte.„Du wuͤrdeſt doch Deine geliebte Herrin nicht ſo taͤuſchen.“ „Ich bin zu Ende mit Dir, garſtige Vettel,“ ver⸗ ſetzte der Geiſt,„und ich bin ſehr froh, daß mein Dienſt zu Ende iſt. Ich haͤtte Dich retten koͤnnen, wollte es aber nicht, und verzoͤgerte in der Abſicht meine Ruͤck⸗ kehr. Deine Seele war verfallen, als ich in Deine Huͤtte zuruͤckkehrte.“ „Dann Fluch uͤber Dich wegen Deiner Verraͤtherei,“ rief die Alte,„und uͤber Deinen Herrn, der mich in der Verſchreibung taͤuſchte, die er mir vorlegte.“ Der Geiſt lachte heiſer. „Aber wie iſt es mit Mutter Demdike?“ fuhr die Alte fort.„Haſt Du keinen Troſt fuͤr mich? Sage mir, daß ihre Stunde gleichfalls gekommen iſt, und ich will Dir verzeihen. Aber laß ſie nicht uͤber mich trium⸗ phiren.“ Der dienſtbare Geiſt antwortete nicht, ſondern ſtampfte hoͤhniſch lachend auf den Boden, der ſich oͤffnete und ihn verſchlang. „Alizon!“ rief Miſtreß Nutter, die inzwiſchen ver⸗ gebens verſucht hatte, ihre Tochter zum vollen Bewußt⸗ ſein zu bringen,„fliehe mit mir, mein Kind. Der Feind iſt nahe.“ „Welcher Feind?“ fragte Alizon matt.„Ich habe ſo viele, daß ich nicht weiß, wen Ihr meint.“ „Aber dies iſt der ſchlimmſte von allen— es iſt 239 Mutter Demdike,“ rief Miſtreß Nutter.„Sie will Dir das Leben nehmen. Wenn wir uns nur auf eine kurze Zeit verbergen koͤnnen, ſind wir gerettet.“ „Ich bin zu ſchwach, um mich zu bewegen,“ ſagte Alizon;„uͤberdies wage ich nicht, Euch zu trauen. Ich bin ſchon getaͤuſcht worden. Ihr moͤgt vielleicht ein boͤ— ſer Geiſt ſein in der Geſtalt meiner Mutter.“ „O nein! ich bin in der That Deine wahre Mut⸗ ter,“ verſetzte Miſtreß Nutter.„Frage dieſe alte Frau, ob es nicht ſo iſt.“ „Sie iſt ſelber eine Hexe,“ verſetzte Alizon.„Ich will keiner von Euch Beiden trauen. Ihr ſeid Beide mit Mutter Demdike im Bunde.“ „Wir haben uns verbuͤndet, Dich von ihr zu be⸗ freien, thoͤrichtes Maͤdchen!“ rief Mutter Chattox;„aber durch Halsſtarrigkeit wirſt Du unſere Plaͤne vereiteln.“ „Da Du nicht fliehen willſt, mein Kind,“ rief Miſtreß Nutter,„ſo kniee nieder und bete inbruͤnſtig um Rettung. Bete, ſo lange es noch Zeit iſt.“ Als ſie ſprach, hoͤrte man ein Rollen in der Luft, gleich dem Donner, und die Erde erbebte unter ihren Fuͤßen. „Ja, jetzt bin ich uͤberzeugt, daß Ihr meine Mut⸗ ter ſeid!“ rief Alizon, ſich in Miſtreß Nutter's Arme werfend;„und ich will mit Euch gehen.“ Aber ehe ſie ſich bewegen konnten, ſah man ver⸗ ſchiedene Geſtalten auf ſich zuſtuͤrzen. „Seid auf Eurer Hut!“ rief Mutter Chattor;„hier kommt die alte Demdike mit ihrem Trupp. Ich will Euch helfen in Allem, was ich kann.“ ——— 240 „Nieder auf Deine Knie!“ rief Miſtreß Nutter. Alizon gehorchte, aber ehe ein Wort uͤber ihre Lip⸗ pen kommen konnte, ſtand die wuͤthende Hexe, von ih⸗ rer Schaar von alten Weibern begleitet, neben ihnen. „Ha! wer iſt hier?“ rief ſie.„Laß mich ſehen, wer meine myſtiſchen Ceremonien unterbricht.“ Und indem ſie ihre Hand erhob, zerriß die ſchwarze Wolke, die uͤber dem Huͤgel hing, und der Mond ſchien auf ſie nieder und zeigte die alte Hexe, mit dem Opfer⸗ meſſer bewaffnet, ihre Glieder vor Wuth zitternd und ihre Augen von uͤbernatuͤrlichem Lichte flammend. Es zeigte ſowohl ihre unheiligen Begleiterinnen, als auch die Gruppe vor ihr, die aus der knieenden Geſtalt Alizon's beſtand, beſchuͤtzt von den ausgeſtreckten Armen ihrer Mutter, und noch weiter vertheidigt von Mutter Chattor, die ſich vor ſie hinſtellte. Mutter Demdike ſah die Gruppe einen Augenblick an, als wollte ſie ſie alle vernichten. „Aus meinem Wege, Chattox!“ rief ſie—„aus 2 Wege, oder ich ſtoße Dir mein Meſſer ins erz.“ Und als ihre alte Feindin ihren Platz behauptete, ging ſie unbedenklich auf ſie los, ſtieß ſie mit der Waffe und ſchritt, als ſie zu Boden fiel, uͤber ihren blutenden Koͤrper weg. „Nun, was thuſt Du hier, Alice Nutter?“ rief ſie, ihr mit dem blutigen Meſſer drohend. „Ich komme mein Kind zu holen, welches Du mir geſtohlen,“ verſetzte die Dame. „Du biſt gekommen, ihrer Opferung beizuwohnen,“ 241 verſetzte die Here wuͤthend.„Geh, ich verfahre mit Dir, wie eben mit der alten Chattox.“ „Ich bin noch nicht hinuͤber,“ rief die verwundete Hexe:„ich werde leben, Dich von den Dienern der Ge⸗ rechtigkeit an Haͤnden und Fuͤßen gebunden zu ſehen, und gewiß, daß Du ein elendes Ende nehmen wirſt, werde ich zufrieden ſterben.“ „Spritze Deine letzten Tropfen Gift aus, ſchwarze Viper,“ verſetzte Mutter Demdike;„wenn ich mit den Andern fertig bin, will ich zuruͤckkehren und Dir vollends den Garaus machen. Alice Nutter, Du weißt, daß es vergebens iſt, mit mir zu ſtreiten. Gieb mir das Maͤd⸗ chen heraus.“ „Willſt Du mein Leben ſtatt des ihrigen anneh⸗ men?“ ſagte Miſtreß Nutter. „Was wuͤrde mir Dein Tod nuͤtzen?“ verſetzte Mut⸗ ter Demdike veraͤchtlich.„Wenn es mir nuͤtzen koͤnnte, wuͤrde ich Dir das Leben ohne Deine Einwilligung neh⸗ men, aber ich bin im Begriff, unſerm Herrn ein Opfer darzubringen, und Du biſt ſchon ſein. Entreißt ihr ihr Kind— wir verlieren nur Zeit,“ fuͤgte ſie zu ihren Be⸗ gleiterinnen gewendet hinzu. Und ſogleich ſtuͤrzte das ganze Hexengeſindel herbei und entriß Alizon ihrer ungluͤcklichen Mutter, ungeachtet ihrer Gegenwehr. „Ich ſagte Dir ja, es ſei vergebens, mit mir zu ſtreiten,“ ſagte Mutter Demdike. „O, wenn ich nur des Himmels Rache auf Dein verfluchtes Haupt herabbeſchwoͤren koͤnnte!“ rief Miſtreß Ainsworth, Hexen. III. 16 242 Nutter;„aber ich bin von Gott und Menſchen verlaſſen und werde verzweiflungsvoll ſterben.“ „Raſe nur, Du wirſt Zeit genug dazu haben,“ ver⸗ ſetzte die Alte.„Und nun bringt das Maͤdchen hieher,“ ſagte ſie zu den andern Hexen;„das Opfer muß in der Naͤhe der Feuerwarte geſchehen.“ Und als Alizon fortgetragen wurde, ſtieß Miſtreß Nutter einen qualvollen Schrei aus. „Bleibt nicht hier,“ ſagte Mutter Chattox ſich mit Schwierigkeit aufrichtend.„Geht ihr nach. Ihr koͤnnt Eure Tochter noch retten.“ „Aber wie?“ rief Miſtreß Nutter troſtlos.„Ich habe jetzt keine Macht.“ Als ſie ſprach, erhob ſich neben ihr eine dunkle Ge⸗ ſtalt. Es war ihr dienſtbarer Geiſt. „Wollt Ihr zu Eurer Pflicht zuruͤckkehren, wenn ich Euch in dieſer Nacht beiſtehe?“ ſagte er. „Ja, thut es, thut es!“ rief Mutter Chattor. „Alles, um Euch an der moͤrderiſchen Hepe zu raͤchen.“ „Still!“ rief der boͤſe Geiſt, ſie mit ſeinem geſpal— tenen Fuße zuruͤckſtoßend. „Ich verlange keine Rache,“ ſagte Miſtreß Nutter; „ich will nur mein Kind retten.“ „So willigt Ihr alſo unter dieſer Bedingung ein?“ ſagte der Geiſt. „Nein,“ verſetzte Miſtreß Nutter mit Feſtigkeit. „Ich bemerke jetzt, daß ich nicht gaͤnzlich verloren bin, da Du verſuchſt, mich wieder zu gewinnen. Ich habe Deinem Herrn entſagt und will keinen neuen Vertrag mit ihm machen. Fort von hier, Verſucher!“ 243 „Denkt nicht, daß Ihr uns entfliehen koͤnnt,“ rief der Geiſt;„keine Buße— keine Abſolution kann Euch retten. Euer Name ſteht auf der Rolle der Verdamm⸗ ten und kann nicht ausgeloͤſcht werden. Ich wuͤrde Euch geholfen haben, da aber mein Anerbieten verworfen wird, ſo verlaſſe ich Dich.“ „Ihr werdet ihn doch nicht fortlaſſen?“ rief Mut⸗ ter Chattor.„O, wenn mir dieſes Anerbieten gemacht wuͤrde!“ „Schweig, oder ich zerſchlage Dir den Schaͤdel,“ ſagte der Geiſt.„Noch einmal, bin ich entlaſſen?“ „Ja, auf immer,“ verſetzte Miſtreß Nutter. Und als der Geiſt verſchwand, eilte ſie zu der Stelle, wohin man ihr Kind gebracht hatte. Etwa zwanzig Schritte von der Feuerwarte hatte das unheilige Geſindel wieder einen Kreis gebildet, in deſſen Mitte Mutter Demdike ſtand, das blutige Meſſer in der Hand, Zauberformeln und Beſchwoͤrungen mur⸗— melnd und myſtiſche Ceremonien verrichtend. Von Zeit zu Zeit nahmen ihre Gefaͤhrtinnen an dieſen Ceremonien Theil und ſangen einen Geſang, der in einem ſeltſamen und unverſtaͤndlichen Kauderwelſch abgefaßt war. Neben der Hexe kniete Alizon, ihre Haͤnde hinter dem Ruͤcken zuſammengebunden, ſo daß ſie ſie nicht im Gebet erheben konnte. Ihr Haar war aufgeloͤſt und hing uͤber ſie herunter, und eine dichte Binde ſchloß ihre Augen und ihren Mund. Als die vorbereitenden Ceremonien voruͤber waren, naͤherte ſich die Alte ihrem Opfer, als Miſtreß Nutter ſich durch den Kreis draͤngte und ſich ihr zu Fuͤßen warf. 16* 244 „Verſchont ſie!“ rief ſie, ihre Knie umfaſſend;„es wird gut fuͤr Euch ſein, wenn Ihr es thut.“ „Wieder unterbrochen!“ rief die Hexe wuͤthend. „Diesmal will ich Dir keine Gnade zeigen. Nimm Dein Schickſal hin, laͤſtiges Weib!“ Und ſie erhob das Meſſer; aber ehe ſie zuſtoßen konnte, hatte Miſtreß Nutter die Waffe ergriffen und rang ſie ihr aus der Hand. Im naͤchſten Augenblick wurden Alizon's Arme geloͤſt und die Binde von ihren Augen genommen. „Nun iſt die Reihe an mir zu drohen. Ich habe Dich in meiner Macht, teufliſche Alte,“ rief Miſtreß Nutter das Meſſer an die Kehle der Hexe haltend und ihre Tochter mit dem andern Arme umfaſſend.„Willſt Du uns gehen laſſen?“ „Nein,“ verſetzte Mutter Demdike raſch zuruͤckſprin⸗ gend.„Ihr ſollt Beide ſterben. Ich werde Dich bald entwaffnen.“ Und indem ſie eine Bewegung mit den Haͤnden machte, ließ Miſtreß Nutter die Waffe fallen, wurde augenblicklich ſtarr und bewegungslos und hielt ihre Toch⸗ ter gleichfalls erſtarrt in ihren Armen. Sie ſahen aus, als waͤren ſie ploͤtzlich in Marmor verwandelt worden. „Nun will ich die Ceremonie zu Ende bringen,“ tief Mutter Demdike das Meſſer aufnehmend. Und hierauf begann ſie eine gottloſe Beſchwoͤrung, um als Vorbereitung zu dem Opfer zu dienen, als ploͤtzlich ein lauter Schall gehoͤrt wurde gleich dem Schlage eines Hammers auf eine Glocke. „Was war das?“ rief die Hefe erſchrocken. 245 „Waͤre eine Glocke hier, ſo wuͤrde ich ſagen, es haͤtte Eins geſchlagen,“ verſetzte Mouldheels. „Es muß die Glocke unſeres Herrn ſein,“ ſagte eine andere Hepe. „Ein Uhr!“ rief Mutter Demdike, die vor Furcht wie verſteinert ſchien,„und das Opfer noch nicht voll⸗ bracht— dann bin ich verloren!“ Ein hoͤhniſches Lachen drang in ihr Ohr. Es kam von Mutter Chattor her, der es gelungen war, ſich auf⸗ zurichten und ſchwankend und zitternd durch den er— ſchrockenen Kreis zu gehen. „Ja, Deine Friſt iſt zu Ende— Deine Seele iſt verfallen, gleich der meinen— ha, ha!“ Und ſie ſank zu Boden. „Vielleicht iſt es noch nicht zu ſpaͤt,“ rief Mutter Demdike, das Meſſer ergreifend und auf Alizon zu⸗ ſtuͤrzend. Aber in dieſem Augenblick ſchoß eine helle Flamme von der Feuerwarte empor. Erſtaunen und Schrecken bemaͤchtigte ſich der Alten und ſie ſtieß einen lauten Schrei aus, der von den Uebrigen wiederholt wurde. Die Flamme ſtieg hoͤher und hoͤher, brannte jeden Augenblick heller und heller und erleuchtete den ganzen Gipfel des Huͤgels. Bei dieſem Lichte konnte man ei⸗ nen Trupp Maͤnner ſehen, die auf den Verſammlungs⸗ platz zueilten. Erſchrocken uͤber dieſen Anblick, flohen die Hepen, wurden aber von einer andern Abtheilung, die von der entgegengeſetzten Seite herkam, zuruͤckgedraͤngt. Dann 246 eilten ſie zu der Stelle, wo ſie ihre Beſenſtiele zuruckge⸗ laſſen hatten, aber ehe ſie dieſelben erreichen konnten, kam eine dritte Abtheilung gerade an dieſem Punkte auf den Gipfel des Huͤgels und verfolgte ſie ſogleich. Mittlerweile kam ein junger Mann hinter der Feu⸗ erwarte hervor und eilte auf Miſtreß Nutter und ihre Tochter zu. In dem Augenblick, als die Flamme hervorbrach, wurde der Zauber aufgehoben, den Mutter Demdike uͤber ſie geworfen, und ihnen Bewegung und Sprache wiedergegeben. „Alizon!“ rief der junge Mann, als er naͤher kam, Deine Pruͤfungen ſind zu Ende. Du biſt gerettet!“ „O Richard!“ verſetzte ſie in ſeine Arme fallend, „ſind wir von Dir gerettet worden?“ „Ich bin ein bloßes Werkzeug in den Haͤnden des Himmels,“ erwiederte er. Mutter Demdike machte keinen Verſuch mit den uͤbrigen Hexen zu entfliehen, ſondern blieb einige Augen⸗ blicke in die Betrachtung des brennenden Scheiterhaufens verſunken ſtehen. Ihre Hand hielt noch die moͤrderiſche Waffe, die ſie gegen Alizon erhoben hatte, aber ſie war an ihrer Seite niedergeſunken, als das Feuer hervor— brach. Endlich wandte ſie ſich heftig zu Richard und fragte: „Haſt Du das Feuer angezuͤndet?“ „Ja!“ antwortete der junge Mann. „Und wer befahl Dir, es zu thun?— Wer brachte Dich hieher?“ fuhr die Hepe fort. „Ein Feind von Euch, alte Frau!“ verſetzte Ri⸗ 247 chard.„Seine Rache iſt lange ausgeblieben, doch kommt ſie endlich.“ „Aber wer iſt er? Ich ſehe ihn nicht,“ entgegnete Mutter Demdike. „Ihr werdet ihn ſehen, ehe jene Flamme erliſcht,“ ſagte Richard.„Ich wuͤrde Dir eher zu Huͤlfe gekom⸗ men ſein, Alizon,“ fuhr er zu ihr gewendet fort,„aber es war mir verboten. Auch wußte ich, daß ich am be⸗ ſten fuͤr Deine Sicherheit ſorgen wuͤrde, wenn ich die erhaltenen Befehle befolgte.“ „Ein Schutzgeiſt muß bemuͤht geweſen ſein, uns zu retten,“ verſetzte Alizon,„denn nur ein ſolcher haͤtte mit Erfolg gegen die boͤſen Weſen ankaͤmpfen koͤnnen, von welchen wir befreit worden ſind.“ „Dein Geiſt iſt nicht im Stande, Dich jetzt zu retten!“ rief Mutter Demdike, indem ſie mit dem Meſſer zu einem toͤdtlichen Wurfe ausholte. Aber zum Gluͤck ſah Richarggden Verſuch vorher, ergriff ihren Arm und drehte ihr 5 ½ Waffe aus der Hand. „Fluch über Dich, Richard Asſheton,“ rief die wuͤ⸗ thende Alte,„und uͤber Dich auch, Alizon Device. Ich kann Euch nicht unmittelbar Leid zufuͤgen, wie ich wollte. Ich kann Euch nicht ekelhaft machen in den Angen des Andern. Ich kann Eure Glieder nicht verſtuͤmmeln oder Eure Schoͤnheit vernichten. Ich kann Euch nicht dem Teufel uͤberliefern. Aber ich kann Euch ein Vermacht⸗ niß des Haſſes uͤberliefern. Was ich ſage, wird erfuͤllt werden. Du, Alizon, wirſt nimmer Richard Asſheton heirathen— nimmer. Vergebens werdet Ihr mit Eu⸗ ——* 248 rem Geſchick kaͤmpfen— vergebens Hoffnungen des Gluͤcks nachhaͤngen. Elend und Verzweiflung und ein fruͤhes Grab habt Ihr Beide zu erwarten. Er ſoll fuͤr Dich Dein aͤrgſter Feind ſein und Du ihm den Untergang bringen. Denkt an die Prophezeihung der Hexe und zittert, und moͤge ihr toͤdtlichſter Fluch auf Eure Häup— ter fallen.“ „O Richard!“ rief Alizon, die auf den Boden ge⸗ ſunken waͤre, wenn er ſie nicht aufrecht gehalten haͤtte. „Warum konnteſt Du dieſen ſchrecklichen Fluch nicht ver⸗ hindern?“ „Er konnte es nicht,“ verſetzte Mutter Demdike mit frohlockendem Lachen.„Die Prophezeihung wird wirken und Euren Untergang herbeifuͤhren. Nun will ich dem Leben der alten Chattor ein Ende machen, und dann moͤgen ſie mich bringen, wohin ſie wollen.“ Und ſie naͤherte ſich ihrer alten Feindin, um ihre Drohung in Ausfuͤhrung zu bringen, als Jem De⸗ vice, der aus dem Boden hervorzukommen ſchien, raſch auf ſie zueilte. „Was willſt Du hier, Jem?“ rief die Alte ihn mit zorniger Ueberraſchung anſehend.„Siehſt Du denn nicht, daß wir von Feinden umgeben ſind? Ich kann ihnen nicht entgehen— aber Du biſt jung und kräftig. Fort mit Dir.“ „Nicht ohne Euch, Großmutter!“ verſetzte Jem. „Ich bin ſo ſchnell gelaufen, wie ich konnte, um Euch zu helfen. Haltet Euch feſt an mir,“ fugte er hinzu, 249 indem er ſie auf ſeine Arme nahm,„und ich werde Euch noch davon bringen.“ „Und er eilte raſchen Schrittes mit ſeiner Buͤrde davon, da Richard zu ſehr mit Alizon beſchaͤftigt war, um ihn aufzuhalten. Siebzehntes Kapitel. Wie das Feuer ausgelöſcht wurde. Bald darauf kam Nicolaus Asſheton mit zwei oder drei Maͤnnern herauf und fragte, ob die alte Hexe entflohen ſei. Miſtreß Nutter deutete die Richtung an, welche ſie genommen; Jem hatte ſie naͤmlich nach der nordlichen Seite hingetragen und war ſchon ein Stuͤck den Abhang hinunter gelaufen. „Sie iſt von ihrem Enkel Jem Device fortgetragen worden,“ ſagte Miſtreß Nutter;„ſeid raſch oder ſie wird Euch entwiſchen!“ „Ja, ſeid raſch— ſeid raſch!“ fuͤgte Mutter Chat⸗ tox hinzu.„Dorthin gingen ſie, hinter die Feuerwarte!“ Nachdem Nicolaus dem ungluͤcklichen Geſchoͤpf einen Blick zugeworfen und bemerkt hatte, daß ſie zu ſchwer verwundet ſei, um ſich bewegen zu konnen, dachte er nicht 250 weiter an ſie, ſondern eilte mit ſeinen Begleitern nach der angedeuteten Richtung. Er kam raſch zu der Seite des Huͤgels, blickte hinunter und ſuchte vergebens nach den beiden Fluͤchtlingen. Die Seiten waren hier ab⸗ ſchuͤſſig und einige hundert Schritte weiter unten befan⸗ den ſich einige Felsvorſpruͤnge und hinter dem einen konnte die alte Hexe mit ihrem Enkel moͤglicherweiſe ver⸗ borgen ſein. Ohne ſich einen Augenblick zu bedenken, ſtieg der Squire hinunter und begann die Hoͤhlungen zu durchſuchen, kletterte uͤber die loſen Steine oder glitt auf dem unſichern und ſchluͤpfrigen Boden einen Schritt hinunter, als er ein klagendes Geſchrei zu hoͤren glaubte. Er ſah ſich um, konnte aber Niemand erblicken. Die ganze Seite des Berges war von dem Feuer der Warte erleuchtet, welches, anſtatt abzunehmen, mit verſtärkter Gluth brannte, ſo daß jeder Gegenſtand ſo deutlich, wie am Tage, zu ſehen war; deſſenungeachtet konnte er nicht entdecken, woher der Ton kam. Er wurde wieder⸗ holt, aber ſchwächer, als vorher, und Nicolaus glaubte faſt die Stimme des kleinen Potts zu erkennen, der um Huͤlfe rief. Seinen Begleitern zuwinkend, ſich ruhig zu verhalten, horchte der Squire aufmerkſam und vernahm wieder den Ton, doch war er diesmal uͤberzeugt, daß er aus dem Boden hervordringe. War es moͤglich, daß der ungluͤckliche Anwalt lebendig begraben ſein konnte? Oder hatte man ihn in eine Hoͤhle geworfen und einen Stein daruͤber gelegt, den er nicht wegbringen konnte? Der letztere Gedanke ſchien wahrſcheinlicher, und Nicolaus wurde durch eine ſchwache Wiederholung deſſelben Lautes zu einem großen Felsblock geleitet, der bei naͤherer Un⸗ 251 terſuchung offenbar uͤber die Muͤndung einer Hoͤhle ge⸗ ſchoben war. Der Squire machte ſich augenblicklich ans Werk, den gewichtigen Stein von der Stelle zu ruͤcken, was ihm auch mit Huͤlfe ſeiner Leute, die ihre breiten Schultern kräftig anwendeten, bald gelang, ſo daß ſich die Oeffnung einer Hoͤhle zeigte. Sobald der Stein hinweggeſchoben war, ſtreckte Potts ſeinen Kopf hervor und Nicolaus ſprach ihm Muth zu und faßte ihn an, um ihn herauszuziehen, da er ſelber nicht heraus zu kommen vermochte, als der Anwalt rief: „Zieht nicht ſo ſtark, Squire! Der verfluchte Jem Device hat meine Beine gefaßt. Nicht ſo ſtark, Herr, ich bitte Euch.“ „Sagt ihm, daß er Euch loslaͤßt,“ ſagte Nicolaus, der nicht umhin konnte, zu lachen,„oder wir wollen ihn aus ſeiner Dachshoͤhle heraustreiben.“ „Er achtet nicht auf das, was ich ihm ſage,“ rief Potts.„O weh! o weh! er zieht mich wieder herunter!“ Und waͤhrend er ſprach, wurde der Anwalt, unge⸗ achtet aller Anſtrengungen, die Nicolaus anwendete, in die Hoͤhle hinuntergezogen. Der Squire wußte nicht, was er thun ſollte, und uͤberlegte, ob er den langwei⸗ ligen Prozeß beginnen ſolle, ihn heraus zu graben, als er Jemand heraufklettern hoͤrte und des Gefangenen Kopf wieder uͤber dem Boden erſchien. „Kommt Ihr jetzt heraus?“ fragte Nicolaus. „Ach nein!“ verſetzte der Anwalt,„wenn Ihr nicht mit dem Schurken Bedingungen macht. Er erklaͤrt, er 252 will mich erdroſſeln, wenn Ihr nicht verſprecht, ihn und ſeine Großmutter frei ausgehen zu laſſen.“ „Iſt Mutter Demdike bei ihm?“ fragte Nicolaus. „Gewiß,“ verſetzte Potts;„und der Raum iſt uns ſo beengt, als wären drei Fuͤchſe in einer Höhle.“ „Und iſt kein anderer Ausweg da?“ fragte der Ritter. „Ich denke nicht,“ verſetzte der Anwalt.„Ich tappte umher, wie ein Maulwurf, als ich zuerſt von Jem Device in die Hoͤhle geworfen wurde, aber ich konnte keinen Ausweg finden. Die Oeffnung war mit dem großen Steine verrammelt, den Ihr mit einiger Schwie⸗ rigkeit weggeſchoben, den Jem aber mit großer Leichtig— keit bewegte; denn er ſchob ihn in einem Augenblick auf die Seite und brachte ihn wieder an ſeine Stelle, als er eben jetzt mit der Alten zuruͤckkehrte; aber wahrſcheinlich wurde das durch Heperei bewirkt.“ „Hoͤchſt wahrſcheinlich,“ ſagte Nicolaus.„Wenn Ihr nicht darin waͤret, wollten wir die Oeffnung zu⸗ ſtopfen und die beiden Elenden lebendig begraben.“ „Zieht mich vorher heraus, guter Herr Nicolaus, ich bitte Euch, und dann thut, was Ihr wollt,“ rief Potts.„Jem zieht an meinen Beinen, als wollte er ſie mir herausreißen.“ „Wir wollen verſuchen, wer der Staͤrkſte iſt,“ ſagte Nicolaus, indem er Potts wieder bei den Schultern er⸗ griff. „O weh! o weh! ich kann es nicht aushalten— 253 laßt mich los!“ ſchrie der Anwalt.„Man wird mich zweimal ſo lang ziehen, als ich von Ratur bin. Meine Gelenke werden ausgerenkt, meine Beine ausgeriſſen o 0 „Helfe mir Einer von Euch,“ rief Nicolaus den Leuten zu;„wir wollen ihn herausbringen, was auch die Folge davon ſein mag.“ „Aber ich will nicht!“ bruͤllte Potts.„Ihr habt kein Recht, mich ſo zu behandeln. Welche Folter! o!o! meine Schenkel ſind zerbrochen— mein Ruͤcken ausge⸗ renkt— ich bin ein Mann des Todes. Die Alte hat mein rechtes Bein gefaßt und Jem zieht mit aller Macht an dem linken.“ „Friſch gezogen!“ commandirte Nicolaus;„er kommt ſchon.“ „Meine Beine ſind ab,“ heulte Potts, als er ploͤtz⸗ lich mit einem Ruck hervorkam, der den Squire und ſeine Helfer auf den Rucken warf.„Ich werde nimmer wie⸗ der im Stande ſein, zu gehen. Nein, der Himmel ſei geprieſen,“ fuͤgte er hinzu, indem er auf ſeine Beine niederblickte,„ich habe nur meine Stiefeln verlvren.“ „Nun, dann iſt der Schaden noch nicht allzugroß;“ rief Nicolaus;„aber dankt Euren Sternen, daß Ihr wieder uͤber dem Boden ſeid. Hoͤre, Jem!“ fuhr er in die Hoͤhle hinunterrufend fort,„wenn Du nicht ſogleich herauskommſt und Mutter Demdike mitbringſt, ſo wollen wir die Oeffnung dieſer Höhle ſo verſchließen, daß Du kein anderes Grab beduͤrfen ſollſt. Hoͤrſt Du mich?“ „Ja,“ verſetzte Jem, deſſen Stimme dumpf und ——————— ²—— 254 hohl herauf kam, gleich der Stimme eines Geiſtes.„Soll ich frei ausgehen, wenn ich es erfuͤlle?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte der Squire.„Du haſt nur die Wahl zwiſchen dieſer Hoͤhle und dem Strick des Hen⸗ kers zu Lancaſter. In beiden Faͤllen wirſt Du an Er⸗ ſtickung ſterden. Aber ſei raſch— wir haben ſchon Zeit genug mit Dir verſchwendet.“ „Wenn das Alles iſt, was Ihr fuͤr mich thun wollt, Squire, ſo will ich lieber bleiben wo ich bin,“ verſetzte Jem. „Sehr gut,“ entgegnete Nicolaus.„Hier, meine Leute, verſtopft dieſe Hoͤhle mit Erde und Steinen. Herr Potts, Ihr muͤßt auch Hand mit anlegen. „Sehr gern, Herr,“ verſetzte der Anwalt,„obgleich ich das erwartete Vergnuͤgen verlieren werde, die alte Aaskraͤhe lebendig gebraten zu ſehen.“ „Wartet ein wenig, Squire,“ bruͤllte Jem, als thaͤ⸗ tige Vorbereitungen gemacht wurden, Nicolaus Asſheton's Befehle in Ausfuͤhrung zu bringen.„Wartet ein wenig, ich will herauskommen und die Alte mitbringen.“ „Ich dachte mir wohl, daß Du Deinen Sinn aͤn⸗ dern wuͤrdeſt,“ verſetzte Nicolaus lachend.„Seid auf Eurer Hut, ſagte er leiſe zu den Andern„und ergreift ihn im Augenblick, ſowie er erſcheint.“ Aber Jem fand es offenbar nicht leicht, ſein Ver⸗ ſprechen zu erfuͤllen, denn erſticktes Geſchrei und anderes Geraͤuſch verkuͤndete, daß ein verzweifelter Kampf zwiſchen ihm und ſeiner Großmutter vorgehe. „Aha!“ rief Nicolaus, ſein Ohr der Hoͤhle naͤhernd. 255 „Die Alte will nicht herauskommen und ſpeit und kratzt, wie eine wilde Katze, waͤhrend Jem ſie anpackt, wie ein Dachshund. Es iſt ein harter Strauß zwiſchen ihnen, aber er gewinnt die Oberhand und ſchiebt ſie heraus. Nun, gebt Acht!“ Und waͤhrend er ſprach, kam Mutter Demdike's furchtbarer Kopf aus dem Boden hervor, und ungeachtet der Verwuͤnſchungen, die ſie gegen ihre Feinde ausſtieß, wurde ſie ſogleich von ihnen ergriffen, aus der Hoͤhle gezogen und in Sicherheit gebracht. Wahrend die Leute ſo beſchaͤftigt waren und Nicolaus ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Augenblick ablenken ließ, ſprang Jem ſo ploͤtz⸗ lich wie ein Wolf aus ſeinem Lager hervor, ſtieß allen Widerſtand bei Seite und eilte den Huͤgel hinunter. „Es iſt nutzlos, ihn zu verfolgen,“ ſagte Nicolaus, „er wird nicht entfliehen. Das ganze Land wird durch das Feuer aufgeregt und er ſogleich verfolgt werden. „Richtig!“ rief Potts;„und nun laßt Jemand in die Hoͤhle kriechen und meine Stiefeln herausbringen, dann werde ich beſſer im Stande ſein, Euch zu be⸗ gleiten.“ Als dieſe Bitte erfuͤllt und der Anwalt wieder zum Gehen geruͤſtet war, klomm die Gruppe wieder den Huͤ⸗ gel hinauf, fuͤhrte Mutter Demdike mit ſich und nahm ihren Weg zu der Feuerwarte. Und nun muͤſſen wir ſehen, was inzwiſchen geſche⸗ hen war. Kaum hatte der Squire Miſtreß Nutter verlaſſen, als Sir Ralph Asſheton zu ihr geritten kam. 256 „Warum verweilt Ihr hier, Madame?“ ſagte er in ſtrengem und zugleich kummervollem Tone.„Ich habe mich zuruͤckgehalten, um Euch eine Gelegenheit zur Flucht zu laſſen. Der Berg iſt mit Euren Feinden be⸗ ſetzt. Auf jener Seite ruͤckt Roger Nowell und auf dieſer Sir Thomas Metcalfe mit ſeinen Begleitern an. Ihr koͤnnt Euch vielleicht nach der entgegengeſetzten Rich— tung zuruͤckziehen, aber es iſt kein Augenblick zu ver⸗ lieren.“ „Ich will mit Euch gehen,“ ſagte Alizon. „Nein, nein,“ fiel Richard ein,„Du biſt nicht ſtark genug zu der Anſtrengung und wuͤrdeſt ſie nur aufhalten.“ „Ich danke Dir fuͤr Deine Anhaͤnglichkeit, mein Kind,“ ſagte Miſtreß Nutter mit einem Blicke befrie⸗ digter Zärtlichkeit;„aber ſie iſt unnoͤthig. Ich habe nicht die Abſicht zu fliehen. Ich werde mich ſelbſt der Juſtiz uͤberliefern.“ „Verkennt die Sache nicht, Madame,“ ſagte Sir Ralph,„und taͤuſcht Euch nicht mit der Anſicht, daß Euer Rang oder Euer Reichthum Euch vor der Strafe ſchuͤtzen wird. Eure Schuld iſt zu klar bewieſen, als daß Ihr koͤnntet frei geſprochen werden, und obgleich ich ſelber unrecht handle, wenn ich Euch zur Flucht rathe, ſo werde ich doch dazu durch die Freundſchaft veranlaßt, die einſt zwiſchen uns herrſchte, ſowie durch die Ver⸗ wandtſchaft, die ich ungluͤcklicherweiſe nicht verlaͤugnen kann.“ „Ihr ſeid im Irrthum, nicht ich, Sir Ralph,“ 257 verſetzte Miſtreß Nutter.„Ich denke nicht daran, dem Schwert der Gerechtigkeit auszuweichen, ſondern ich werde mich ſeiner Schaͤrfe blosſtellen, in der Hoffnung, durch ein vollſtaͤndiges Bekenntniß meiner Vergehungen ſie einigermaßen abzubuͤßen. Mein einziges Bedauern iſt, daß ich mein Kind unbeſchuͤtzt zuruͤcklaſſen muß, und daß mein Schickſal Schande uͤber ſie bringen wird.“ „O! denkt nicht an mich, theure Mutter,“ rief Alizon,„ſondern bleibt feſt bei dem, was Ihr Euch vorgenommen habt. Viel lieber wuͤrde ich Euch ſo han⸗ deln ſehen— viel lieber die eben geaͤußerten Geſinnungen ausſprechen hoͤren, auch wenn ſie von den traurigſten Folgen begleitet waͤren, als Euch in Eurer fruheren ſtol— zen Stellung und unbuffertig erblicken. Denkt alſo nicht an mich— oder vielmehr, denkt nur, wie ich mich freue, daß Eure Augen endlich geoffnet ſind, und daß Ihr die Feſſeln der Ungerechtigkeit abgeworfen. Ich kann jetzt in der vollen Hoffnung mit Euch beten, daß meine Vermittelung Euch nuͤtzen wird, und wenn wir in dieſer Welt von einander ſcheiden, wird mich die Ueberzeugung auftecht halten, daß wir uns jenſeits im ewigen Gluͤck wiederſehen werden.“ Miſtreß Nutter fiel ihrer Tochter um den Hals und ſie miſchten ihre Thraͤnen. Sir Ralph Asſheton war ſehr bewegt. „Es iſt Schade, daß ſie in ihre Haͤnde fallen muß⸗ te,“ ſagte er zu Richard. „Ich weiß keinen Rath,“ verſetzte der Letztere ſehr beunruhigt. Ainsworth, Hexen. III., — —2 „Ah! es iſt zu ſpät,“ rief der Ritter;„hier kom⸗ men Nowell und Metcalfe. Die Feſtigkeit der armen Dame wird auf eine ſchwere Probe geſtellt werden.“ Im naͤchſten Augenblick kamen der Richter und der Ritter heran, nebſt denjenigen von ihren Begleitern, welche nicht beſchaͤftigt waren, die Hexen zu verfolgen, wovon mehrere bereits gefangen genommen waren. Als Sir Thomas Metcalfe Miſtreß Nutter erblickte, ſprang er vom Pferde und wollte ſie ergreifen, aber Sir Ralph ſtellte ſich ihm entgegen und ſagte: „Sie hat ſich mir ergeben. Ich will fur ihre ſichere Bewachung verantwortlich ei „Bitte um Verzeihung, Sir Ralph,“ ſagte Nowell; „die Verhaftung muß auf foͤrmliche Weiſe und durch einen Conſtable geſchehen. Sparſhot, vollſtreckt Euren Befehl.“ Hierauf ſprang der Polizeidiener vom Pferde, zeigte Miſtreß Nutter ſeinen Stab und ein Stuͤck Pergament und ſagte ihr, ſie ſei ſeine Gefangene. Die Dame nickte mit dem Kopfe. „Soll ich ihr die Haͤnde binden, Euer Gnaden?“ fragte der Conſtable den Richter. „Auf keinen Fall, Kerl,“ fiel Sir Ralph ein.„Ich will nicht, daß ſie unwuͤrdig behandelt werde. Ich habe ſchon geſagt, daß ich verantwortlich fuͤr ſie ſein will.“ „Ihr werdet Euch erinnern, daß ſie wegen Hexerei verhaftet iſt, Sir Ralph,“ bemerkte Nowell. „Sie wird auf die gegen ſie vorgebrachten Ankla⸗ gen antworten— dafuͤr mache ich mich verbindlich,“ verſetzte Sir Ralph. „Und zwar mit einem vollſtaͤndigen Geſtaͤndniß,“ ſagte Miſtreß Nutter.„Dafuͤr koͤnnt Ihr Euch ver⸗ bindlich machen, Sir Ralph.“ „Sie geſteht ihre Schuld,“ rief Nowell.„Ich nehme Euch Alle zu Zeugen.“ „Ich werde es nicht vergeſſen,“ ſagte Sir Thomas Metcalfe. „Auch ich nicht— auch ich nicht!“ riefen Spar⸗ ſhot und zwei oder drei Andere. „Dieſes Madchen iſt meine Gefangene,“ ſagte jetzt Sir Thomas Metcalfe abſteigend und ſich Alizon nähernd. „Sie iſt eine Hexe, ſowie die Uebrigen.“ „Das iſt eine Luͤge,“ rief Richard,„und wenn Ihr es wagt, Hand an ſie zu legen, ſo ſchlage ich Euch zu Boden.“ „Tod und Teufel!“ rief Metcalfe den Degen zie⸗ hend,„ich will dieſe Unverſchaͤmtheit nicht ungeſtraft voruͤbergehen laſſen. Ich habe noch andere Beleidigun⸗ gen zu beſtrafen. Tretet auf die Seite oder ich mache Eurem Leben ein Ende!“ „Halt! Sir Thomas,“ rief Sir Ralph Asſheton gebieteriſch.„Wenn Ihr Streitigkeiten auszugleichen habt, ſo muͤßt Ihr es ſpaͤter thun, aber ich will jetzt hier kein Gefecht. Alizon iſt keine Hexre. Ihr wißt 17 ½ 260 ſelber ſehr wohl, daß Mutter Demdike ſie auf gottloſe und grauſame Weiſe opfern wollte, und daß ihre Ret⸗ tung der Hauptzweck war, weshalb wir hieher kamen. „Es ruht immer Verdacht auf ihr,“ ſagte Metcalfe; „mag ſie nun Eliſabeth Device's oder Alice Nutter's Toch⸗ ter ſein, ſo iſt ſie immer von einem ſchlechten Stamm, und ich proteſtire dagegen, daß ſie frei ausgeht. Wenn Ihr indeſſen entſchloſſen ſeid, ſo habe ich Nichts weiter zu ſa⸗ gen und werde eine andere Zeit und einen andern Ort finden, um meine Uneinigkeiten mit Herrn Richard As⸗ ſheton auszugleichen.“ „Wann es Euch gefallig iſt, mein Herr,“ entgeg⸗ nete der junge Mann finſter. „Und ich will fur die Angemeſſenheit meiner Hand⸗ lungsweiſe einſtehen,“ ſagte Sir Ralphz;„aber hier kommt Nicolaus mit Mutter Demdike.“ „Demdike gefangen! das iſt mir lieb,“ rief Mutter Chartor ſich ein wenig erhebend, als ſie ſprach.„Tödtet ſie, oder ſie wird Euch entfliehen.“ ſ. Als Nicolaus mit der Alten naͤher kam, legten ihr Sir Ralph Asſheton und Roger Nowell mehrere Fragen vor, aber ſie weigerte ſich, darauf zu antworten, und entſetzt durch ihre Läſterungen und Verwuͤnſchungen, lie⸗ ßen ſie ſie eine kurze Strecke weit wegbringen, während man eine Berathung hielt, was man thun wolle. „Wir haben ein halbes Dutzend von dieſem Ge⸗ ſindel gefangen genommen,“ ſagte Roger Nowell,„und es wird beſſer ſein, ſie alle zuſammen nach Whalley zu bringen, wo ſie in den alten Gefaͤngniſſen der Abtei 261 ſicher untergebracht und nach ihrem Verhoͤr am naͤchſten Morgen nach Lancaſter Caſtle gefuͤhrt werden koͤnnen.“ „So ſei es,“ verſetzte Sir Ralph, und fuͤgte auf Miſtreß Nutter deutend hinzu:„aber ſoll jene ungluͤck⸗ liche Dame mit ihnen weggefuͤhrt werden?“ „Gewiß,“ verſetzte Nowell.„Wir koͤnnen keinen Unterſchied unter ſolchen Verbrecherinnen machen; oder wenn es Grade in der Schuld giebt, ſo iſt die ihre von der hoͤchſten Claſſe.“ „Es wird beſſer ſein, Ihr nehmt von Eurer Toch⸗ ter Abſchied,“ ſagte Sir Ralph zu Miſtreß Nutter. „Ich danke Euch fuͤr den Wink,“ verſetzte die Dame.„Lebe wohl, liebe Alizon,“ fugte ſie hinzu, in⸗ dem ſie ſie an ihre Bruſt druͤckte.„Wir muͤſſen uns auf eine Zeitlang trennen. Noch einmal, ehe ich dieſe Welt verlaſſe, in welcher ich eine ſo ſchlechte Rolle ge⸗ ſpielt habe, möchte ich Dich gern noch einmal ſehen— und Dich ſegnen, wenn ich die Macht dazu habe— aber das muß zuletzt geſchehen, wenn meine Pruͤfungen beinahe voruber ſind, und wenn Alles zu Ende geht!“ „O! muß es denn ſo ſein?“ rief Alizon mit von Bewegung halb erſtickter Stimme. „Es muß,“ verſetzte ihre Mutter.„Verſuche nicht meine Entſchloſſenheit zu erſchuͤttern— mein liebes Kind — weine nicht um mich. Unter allen den Schrecken, die mich umgeben, bin ich gluͤcklicher jetzt, als ich vor Jahren geweſen. Ich werde mich bemuͤhen, meine Er⸗ löͤſung durch Gebete zu bewirken.“ „Und es wird Euch gelingen!“ rief Alizon. „Nicht ſo!“ ſchrie Mutter Demdike;„der Teufel 262 will das Seine haben. Sie iſt durch einen Vertrag an ihn gebunden, den Nichts aufheben kann.“ „Ich moͤchte doch das Document ſehen,“ ſagte Potts.„Ich koͤnnte ein juriſtiſches Urtheil daruͤber ab— geben. Vielleicht ließen ſich die Bedingungen umgehen; und auf jeden Fall wuͤrde die Vorzeigung deſſelben bei einem Gerichtshofe einen wunderbaren Effect machen. Ich ſehe ſchon, wie der Praͤſident es pruͤft und die Rich⸗ ter rufen, es ihnen auch vorzulegen. Die Unterſchrift Seiner hoͤlliſchen Majeſtaͤt muß auf jeden Fall eine Cu⸗ rioſitaͤt ſein, und unſer allergnaͤdigſter und weiſeſter Mo⸗ narch wuͤrde ſich ſehr daran ergoͤtzen.“ „Still!“ rief Nicolaus,„und nehmt Euch in Acht, daß keine weiteren Unterbrechungen von jener teufliſchen Hexe ſtattfinden. Seid Ihr bereit, Madame?“ fuͤgte er zu Miſtreß Nutter gewendet hinzu, die ihre Tochter noch immer in ihren Armen hielt. „Noch nicht,“ verſetzte die Dame.„O! welches Gluͤck habe ich weggeworfen! Welche Qual,— welche Reue uͤber mich gebracht durch das boͤſe Leben, das ich gefuͤhrt! Wenn ich dieſes ſchoͤne Geſicht anſehe, und denke, wie lange ſchon es mein dunkles und verlaſſenes Leben mit ſeinem Sonnenſchein haͤtte erhellen köͤnnen— wenn ich an dies Alles denke, ſo verlaͤßt mich faſt meine Standhaftigkeit und ich bedarf der Unterſtuͤtzung von oben, um mich durch meine Pruͤfung zu fuͤhren. Aber ich fuͤrchte, dieſe wird mir verweigert werden. Nicolaus Asſheton, Ihr habt die Schenkungsacte von Rough Lee in Eurem Beſitz. Von jetzt an iſt Alizon Gebieterin des Hauſes und der Beſitzung.“ ———— — 263 „Unter der Vorausſetzung, daß nicht Beides der Krone verfaͤllt, was ich ſehr fuͤrchte,“ ſagte Potts. „Ich will Sorge tragen, daß ſie in Beſitz geſetzt wird,“ ſagte Nicolaus. „Was Euch betrifft, Richard,“ fuhr Miſtreß Nut⸗ ter fort,„ſo duͤrfte die Zeit kommen, wo Eure Auf⸗ opferung fuͤr meine Tochter belohnt werden koͤnnte, und ich wuͤßte Euch kein groͤßeres Geſchenk, als ihre Hand, zu gewähren. Es duͤrfte gut ſein, wenn ich ſchon jetzt meine Einwilligung gebe, und wenn ſich kein anderes Hinderniß gegen die Verbindung erheben ſollte, ſo mag ſie die Eure ſein und ich bin gewiß, daß dieſe Verbin⸗ dung Euch Gluͤck bringen wird.“ Von ſtreitenden Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, verbarg Ali⸗ zon ihr Geſicht an ihrer Mutter Bruſt, und Richard, der faſt eben ſo ſehr ergriffen war, wollte gerade antwor⸗ ten, als Mutter Demdike ſich wieder naͤherte. „Sie werden nie verbunden werden!“ ſchrie ſie— „nie! Ich habe es geſagt, und meine Worte werden wahr werden. Glaubſt Du, eine Hexe, wie Du, koͤnne eine Verbindung ſegnen, Alice Nutter? Deine Segnun⸗ gen ſind Fluͤche, Deine Wuͤnſche Taͤuſchungen und Ver⸗ zweiflung. Alizon's Liebe ſoll ungluͤcklich und das Grab ihr Brautbett ſein. Die Tochter der Hexe ſoll der Hexe Schickſal theilen.“ Dieſe unheildrohenden Worte brachten eine furcht⸗ bare Wirkung auf die Zuhoͤrer hervor. „Achte nicht auf ſie, liebes Kind— ſie ſpricht luͤ⸗ genhaft,“ ſagte Miſtreß Nutter, die ihre Tochter wieder 264 beruhigen wollte; aber der Ton, worin die Worte aus⸗ geſprochen waren, zeigte, daß ſie ſelber ſehr aufgeregt war. „Ich habe ſie Beide verflucht und will ſie nochmals verfluchen,“ kreiſchte Mutter Demdike. „Fort mit der alten Nachteule,“ rief Nicolaus. „Schleppt ſie zu der Feuerwarte hin, und wenn ſie noch fortfaͤhrt hen und zu wuͤthen, ſo ſtuͤrzt ſie in die Flamme.“ Und die Alte wurde trotz ihrer Gegenwehr und ih⸗ rer Verwuͤnſchungen hinweggefuͤhrt. „Was auch geſchehen mag, Alizon,“ rief Richard, „mein Leben ſoll Dir geweiht ſein; und wenn Du nicht die Meine werden ſollſt, ſo ſoll es auch keine Andere ſein. Mit Eurer Erlaubniß, Madame,“ fuͤgte er zu Miſtreß Nutter gewendet hinzu,„will ich Eure Tochter nach Middleton bringen, wo ſie, wie ich hoffe, Freund⸗ ſchaft und Troſt in der Aufmerkſamkeit meiner Schwe⸗ ſter finden wird, welche die lebhafteſte Neigung fuͤr ſie empfindet.“ „Ich konnte nichts Beſſeres wuͤnſchen,“ verſetzte die Dame,„und nun will ich dieſer Scene des Entſetzens ein Ende machen. Lebe wohl, mein Kind. Nehmt ſie, Richard, nehmt ſie,“ rief ſie, indem ſie ſich von der Umarmung ihrer Tochter los machte.„Nun, Herr No⸗ well, bin ich bereit.“ „Es iſt gut, Madame,“ verſetzte er.„Ihr werdet Euch den andern Gefangenen anſchließen und dann wol⸗ len wir uns auf den Weg machen.“ 6 —— 2 2 3———— 5. ——˖— 265 Aber in dieſem Augenblick wurde ein furchtbarer Schrei gehoͤrt, der die Augen Aller auf die Feuerwarte lenkte. Als Mutter Demdike auf Anordnung des Squire weggefuͤhrt worden war, wurde ſie wilder und wuͤthen⸗ der, als je, und die Leute, die ſie bewachen mußten, drohten ihr, wenn ſie nicht aufhoͤre, den vollſtaͤndigen Befehl in Ausfuͤhrung zu bringen, und ſie in die Flam⸗ men zu werfen. Die Alte bot ihnen Trotz und brachte ſie durch ihre Heftigkeit und ihre Läſterungen ſo ſehr auf, daß ſie ſie bis dicht ans Feuer ſchleppten. In dieſem Augenblick kam die Geſtalt eines Moͤn⸗ ches in modernden weißen Gewaͤndern hinter der Feuer⸗ warte hervor und ſtellte ſich neben die Alte. Langſam ſchlug er ſeine Kapuze zuruͤck und zeigte ein Geſicht, wel⸗ ches wie das einer Leiche ausſah. „Deine Stunde iſt gekommen, verfluchtes Weib!“ rief die Erſcheinung in durchdringenden Toͤnen. Deine Friſt auf Erden iſt zu Ende und Du ſollſt dem unaus⸗ loͤſchlichen Feuer uͤberliefert werden. Paslew's Fluch iſt an Dir erfuͤllt und wird an Deiner ganzen Schlangen⸗ brut erfuͤllt werden.“ „Biſt Du des Abtes Schatten?“ fragte die Alte „Ich bin Dein unerbittlicher Feind,“ verſetzte die Erſcheinung,„Dein Urtheil und Deine Beſtrafung ſind mir uͤbertragen worden. In die Flammen mit ihr!“ So groß war der Schrecken, den der Moͤnch ein⸗ floͤßte, und ein ſolches gebieteriſches Anſehen lag in ſei⸗ nen Toͤnen und ſeinen Geberden, daß der Befehl ohne 266 Weiteres befolgt wurde, und man die Hepe ſchreiend ins Feuer warf. Sie wurde augenblicklich wie von einem Feuer⸗ ſchlunde verſchlungen, welcher wuͤthete und tobte und in hundert Feuerzungen aufſchlug, als erfreue ſich die Flamme ihrer Beute. Einen Augenblick ſah man das elende Geſchoͤpf ſich mit ausgebreiteten Armen in der hoͤchſten Todesqual auf⸗ richten und hoͤrte es einen gellenden Schrei ausſtoßen; aber die Flammen wirbelten um ſie empor, und ſie ſank auf immer zu Boden. Als die Leute, die bei dieſer furchtbaren Hinrichtung geholfen hatten, ſich nach dem geheimnißvollen Weſen umſahen, welches dieſelbe angeordnet, konnten ſie es nir⸗ gends erblicken. Dann aber hoͤrten ſie ein Lachen befriedigten Haſſes — ein ſolches Lachen, wie es nur ein Teufel oder eine dem Teufel geweihte Creatur ausſtoßen kann, und die erſchrockenen Zuhoͤrer blickten ſich um und ſahen Mutter Chattor hinter ſich ſtehen. „Meine Nebenbuhlerin iſt dahin!“ rief die Alte. „Ich habe ihr Ende geſehen. Sie iſt verbrannt— ha! ha!“ Ein weiterer Triumph war ihr nicht geſtattet. Ein⸗ ſtimmig, wie mit unwiderſtehlichem Antriebe, ſtuͤrz⸗ ten die Leute auf ſie zu, ergriffen und warfen ſie ins Feuer. Ihr wildes Lachen wurde einen Augenblick aus den praſſelnden Flammen gehoͤrt und verſtummte dann. ———— 267 Wieder ſchoß die Flamme in die Luft empor, wie⸗ der tobte und wuͤthete ſie, wieder theilte ſie ſich in eine Menge einzelner Spitzen und erloſch dann ploͤtzlich. Auf dem Gipfel des Pendle-Huͤgels herrſchte tiefe Dunkelheit, und in duͤſterem Schweigen verfolgte der ſchwermuͤthige Trupp ſeinen Weg nach Whalley. — — Druck von J. B. Hirſchfeld in Leipzig. 3————— 2—,—— Die Bexen von Lantafhirr. Roman von W. Harriſon Ainsworth. Sir Jeffrey. Giebt es einen Richter in Lan⸗ caſhire, der ſich ſo gut auf Heren verſteht, wie ich? Ja, ich will ein ſtolzes Wort reden: ich kann es mit allen Hexenſpürern in Europa auf⸗ nehmen. Selbſt Hopkins würde ich eine Nuß zu knacken geben, wenn er noch am Leben wäre. Shadwell. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Vierter Band. Leipzig, Chr. Ernſt Kollmann. 1849. — ——— Die Hexen von Lanecaſhire. Vierter Band. N 2 ————— —— Prittes Puch. Hoghton Tower. Erſtes Kapitel. Das Herrenhaus zu Downham. An einem lieblichen Morgen, um die Mitte des Julius und in demſelben Jahre, wie die oben erzaͤhlten Ereigniſſe, kam Nicolaus, der ſtets mit der Lerche auf war, aus ſeiner Wohnung und ſchlenderte uͤber den ebenen Raſenplatz vor derſelben. Die gruͤne Anhoͤhe, worauf er ſtand, wurde auf der rechten Seite von einem Waͤldchen von Ulmen geſchuͤtzt, das die Grenze des Parks bildete und ſich im Thal hinunterſenkte, durch welches ein kleiner klarer Bach floß, deſſen Murmeln, ſowie er uͤber ſein Kieſelbett dahintanzte, bei der Stille des fruͤ⸗ hen Morgens deutlich in ſein Ohr drang. Zur Linken, theils im Thal und theils an der Seite der Anhoͤhe, auf welcher die Halle erbaut war, lag das kleine Dorf, deſ⸗ ſen Bewohner Nicolaus als ihren Herrn anerkannten; und nach ihren Wohnungen zu urtheilen, hatten ſie Ainsworth, Hexen. IV. 1 2 Urſache, mit ihrem Herrn zufrieden zu ſein, denn Down⸗ ham hatte ein heiteres Anſehen, welches den benachbar⸗ ten Weilern, beſonders denen im Pendle-Walde, ſehr fehlte. Zur Linken von dem Herrenhauſe, und nur durch die Gartenmauer von demſelben getrennt, ſtand die Kirche, ein ehrwuͤrdiges Gebaͤude, welches ſich aus noch fruͤherer Zeit herſchrieb, als die Abtei Whalley. Von dem Kirch⸗ hofe hatte man faſt dieſelbe Ausſicht, wie der Squire von ſeiner Wohnung aus, obgleich zum Theil durch das dichte, abgerundete Laubwerk eines großen Baumes, der unterhalb deſſelben ſtand, unterbrochen; und mancher Reiſende, der des Weges wanderte, verweilte innerhalb des geheiligten Umkreiſes, um die Ausſicht zu betrachten. Am Fuß des Huͤgels war eine kleine ſteinerne Bruͤcke, die den Fluß uͤberſpannte. Am Wege, und kaum dreißig Schritte von der Kirchenthuͤr, ſtand ein kleines Bierhaus, deſſen bequemen Kaminwinkel und gute Getraͤnke der Squire nicht ver⸗ achtete. In der That muͤſſen wir es zu ſeiner Schande ſagen, daß er Abends oͤfter dort, als in der Halle zu finden war. Dies war beſonders der Fall geweſen, ſeit Richard Baldwyn das Haus bewohnte, der die Muͤhle zu Rough Lee aufgegeben, Beß Whitaker aus dem Gaſt⸗ hauſe zu Goldſhaw zur Frau genommen hatte, und mit ihr nach Downham gezogen war, wo er ſich jetzt des beſondern Schutzes des Squire erfreute. Beß hatte ihre Gewohnheit, zu gebieten, durchaus nicht verloren und wir muͤſſen geſtehen, daß der arme Richard eine ſehr untergeordnete Rolle im Hauſe ſpielte. Wie ſich leicht —— denken laͤßt, waren Nicolaus beträchtliche Freiheiten ge⸗ ſtattet, aber auch er hatte ſeine Grenzen, die ſie nicht uͤberſchreiten ließ. Die zu Downham gehoͤrenden Laͤndereien waren gut angebaut, die Grenzlinie zwiſchen ihnen und der anſtoßenden Haide deutlich bezeichnet, und man durfte nur dem Laufe des Baches folgen, um auf einen Blick zu ſehen, wo das Gebiet des Waldes endete und wo Nicolaus Asſheton's Beſitzungen anfingen; das erſtere war ein oͤdes Moor, worauf hie und da eine Baum⸗ gruppe ſtand, mit vielen gefährlichen Suͤmpfen, die mit ſchwefelfarbigem Mooſe bedeckt waren und die andern be⸗ ſtanden aus gruͤnen Wieſen, die groͤßtentheils von praͤch⸗ tigen Baͤumen umgeben waren. Der Contraſt war in⸗ deſſen nicht ohne Reiz, und waͤhrend die unfruchtbaren Wuſten gegen die ſchoͤnen und fruchtbaren Felder um⸗ her abſtachen und ihre Schoͤnheit erhoͤhten, boten ſie eine weite und ununterbrochene Flaͤche dar, uͤber die das Auge nach Gefallen dahin ſchweifen konnte. An der aͤußerſten Seite des Thales und dem Ra⸗ ſenplatze, worauf Nicolaus ſtand, gerade gegenuͤber, er⸗ hob ſich allmälig der Boden, bis er den Fuß des Pendle⸗ Huͤgels erreichte, der hier einen hoͤchſt majeſtaͤtiſchen An⸗ blick zeigte und den groͤßten und anziehendſten Gegenſtand der Landſchaft bildete. Nirgends konnte man die ſtolze Hoͤhe vortheilhafter ſehen, als von dieſem Punkte aus, und Nicolaus betrachtete ſie mit Gefuͤhlen des Ent⸗ zuͤckens, die durch die Bekanntſchaft mit derſelben nicht vermindert wurden. Die Sonne ſchien hell auf den abgerundeten Gipfel, ſowie auf ſeine Seiten hin und 4 zeigte alle Spalten und Vertiefungen, ſowie die dunklen Stellen, welche die Winterſtroͤme hervorgebracht hatten, verlieh dem purpurnen Haidekraut neue Schoͤnheit und machte, daß der graue Boden wie Feuer gluͤhte. So erheiternd war die Ausſicht, daß ſich Nicolaus faſt ver⸗ ſucht fuͤhlte, das Thal zu durchwandern und den Huͤgel zu erklimmen, ehe er ſein Fruͤhſtuͤck einnahm; aber an⸗ dere Gefuͤhle hielten ihn davon ab, und er wendete ſich zur Rechten. Hier befand ſich außerhalb eines Gemuͤſe⸗ gartens und einiger Nebengebaͤude der Park, klein an Umfang, aber von lieblicher Abwechſelung, und wohl mit Wild und ſtolzen Baͤumen angefuͤllt. In der Mitte war eine ſchoͤne Anhoͤhe, die außer einer ſchoͤnen Aus⸗ ſicht auf den Pendle-Huͤgel, Downham und die umlie— gende Gegend, auf der einen Seite das alte Schloß von Clithero und die Hoͤhen, welche Whalley uͤberblick⸗ ten, und auf der andern das weite und liebliche Thal zeigten, durch welches der Ribble wanderte. Dies war auch ein Lieblingspunkt fuͤr den Squire, und er hatte den Einfall, dorthin zu wandern, als er von einer Per⸗ ſon aufgehalten wurde, die vom Hauſe herkam und ihm rauh aber munter zurief, anzuhalten. Der Ankoͤmmling war ein Mann von mittlerem Alter, mit einer Haut, faſt ſo gelb, wie die eines Zi⸗ geuners, einer gebogenen Naſe, ſchwarzen, ſtruppigen Augenbrauen und Augen, die ſo auffallend in ſeinem Kopfe ſtanden, daß ſie ſeinem Geſichte einen unheim⸗ lichen Ausdruck verliehen. Er hatte einen plumpen, viereckigen und etwas ſchweren Koͤrperbau, wenn auch nicht ſo ſchwer, daß ſeinen raſchen Bewegungen dadurch 2 2—— ——————— — Eintrag gethan wurde. In ſeiner Haltung und Statur, wenn auch nicht in ſeinen Geſichtszuͤgen, glich er dem Squire ſelber und die Aehnlichkeit wurde noch dadurch erhoͤht, daß ſeine Kleidung einen Theil von der alten Garderobe des Squire bildete, denn das Wamms, die Beinkleider und ſelbſt der gruͤne Hut und die Stiefeln waren die, worin Nicolaus zuerſt in dieſer Geſchichte aufgetreten war. Der Mann, der ſich herabließ, ſich auf Koſten des Squire ernaͤhren und kleiden zu laſſen, und der eine Stellung zwiſchen einem Gaſte und einem Diener einnahm, ohne daß man ihm jedoch die Auf⸗ merkſamkeit des Einen und den Lohn des Andern zu Theil werden ließ, der ſich aber Nicolaus ſo nuͤtzlich machte, daß er ſeiner nicht entbehren konnte— auch haͤtte er ihn nicht leicht von ſich abſchuͤtteln koͤnnen, wenn er es gewollt— hieß Lorenz Fogg, ein Fremder in dem Lande, den Nicolaus zu Colne aufgegabelt und auf ei⸗ nige Wochen zur Jagd nach Downham eingeladen, und den er ſeitdem nicht hatte los werden koͤnnen. Lorenz Fogg war mit ſeinem Quartier außerordent⸗ lich zufrieden, und entſchloſſen, darin zu bleiben, und um dieſen wuͤnſchenswerthen Zweck zu erreichen, ſtudirte er alle ſchwachen Seiten und Eigenthuͤmlichkeiten des Squire genau, und da dieſe nicht ſchwer zu entdecken 8 waren, ſo bemeiſterte er ſich derſelben bald und des Squire dazu, ohne jedoch ſein gluͤckliches Gelingen deut⸗ lich werden zu laſſen. Nicolaus war entzuͤckt, einen Mann zu finden, deſſen Geſchmack ſo vollkommen zu dem ſeinen paßte, ſo bereit, mit ihm zu jagen oder zu fiſchen— der einen Falken ſo gut abrichten konnte, wie ——— Phil Royle, der Falkner— die Kampfhaͤhne ſo gut zu fuͤttern verſtand, wie Tom Shaw, der Hahnenmeiſter— einen Hund beſſer dreſſirte, als Charlie Crouch, der alte Jaͤger— mit der Armbruſt weiter ſchoß, als irgend Einer, ihn ſelber ausgenommen, und ſtets geneigt war, einen Krug mit ihm zu trinken oder ein luſtiges Lied zu ſingen, wenn er dazu geneigt war. Ein ſolcher Kame— rad war unſchaͤtzbar, und Nicolaus wuͤnſchte ſich Gluͤck zu der Entdeckung, beſonders als er fand, daß Lorenz Fogg nicht abgeneigt war, auch delicate Auftraͤge fuͤr ihn zu uͤbernehmen, die er nicht wohl ſelber ausfuͤhren konnte, und die nicht zu Miſtreß Asſheton's Ohren gelangen durften. Dieſe wurden mit gleicher Geſchicklichkeit und Vorſicht ausgefuͤhrt. Um dieſe Zeit war Nicolaus in Geldverlegenheit, und da er nicht ſelber borgen wollte, ſo ſchickte er Fogg zu allen ſeinen Freunden in der Runde ab und ließ ſie um eine Anleihe bitten; aber in dieſem Falle hatte er einen ſchlechten Erfolg, denn keiner von ihnen wollte ihm die kleine Summe von dreißig Pfund borgen, und Alle behaupteten, ſie beduͤrften des Geldes eben ſo ſehr, wie er ſelber. Obgleich ihm dieſer Abſchlag etwas unbequem war, ſo ertrug doch Nicolaus die Taͤu⸗ ſchung mit ſeinem gewoͤhnlichen Gleichmuth und unter— hielt ſich eben ſo luſtig mit ſeinem Freunde, als wenn Nichts vorgefallen waͤre. Fogg zeigte ſich eben ſo fuͤg⸗ ſam bei allen religioͤſen Uebungen, und obgleich es ſehr gegen ſeine Neigung war, wohnte er mit ſeinem Patron den Morgenandachten und Vorleſungen bei, und machte ſogar einen Verſuch mit dem Pſalmenſingen, aber ein⸗ mal verfehlte er die Melodie und ſtimmte ein Trinklied ———— an, woruͤber ihm der Geiſtliche harte Vorwuͤrfe machte, und ihm kuͤnftig zu ſchweigen befahl. Von ſolcher Art waren die freundſchaftlichen Beziehungen zwiſchen Bei⸗ den, als ſie einander an dem erwaͤhnten Morgen auf dem Raſenplatze begegneten. „Nun, Fogg,“ rief Nicolaus, nachdem er den ge⸗ woͤhnlichen Gruß mit ſeinem Freunde gewechſelt,„was ſagt Ihr dazu, wenn wir nach dem Fruͤhſtuͤck in Ribble Fiſchottern jagen gehen! Es iſt ein vortrefflicher Tag zur Jagd, und die Hunde ſind ſehr gut in Ordnung. Da iſt eine alte Fiſchotter mit ihrer Brut, die wir toͤd⸗ ten muͤſſen, denn ſie hat auf zwei Meilen eine arge Verheerung unter den Fiſchen angerichtet, und wenn wir ſie noch eine Woche leben laſſen, werden wir weder Sal⸗ men, Forellen, noch Aeſchen mehr haben, denn ſie und ihre gefraßige Brut verſchlingen Alles.“ „Das wäre wahrhaftig Schade, Squire,“ verſetzte Fogg,„denn es ſind keine Fiſche gleich denen im Ribble. Nichts wurde ich der Jagd vorziehen, die Ihr vorſchlagt; aber ich glaubte, Ihr haͤttet heute ein anderes Geſchaͤft fuͤr mich? Noch einen Verſuch Geld zu borgen, he?“ „Ja, von meinem Vetter Dick Asſheton,“ entgeg⸗ nete Nicolaus;„ich bin gewiß, er wird mir das Geld borgen.„Aber es wird beſſer ſein, den Beſuch bis mor⸗ gen aufzuſchieben, wenn ſein Vater, Sir Richard, in Whalley ſein wird, und Ihr allein ihn ſprechen koͤnnt. Dick wird es mir nicht abſchlagen, davon bin ich uͤber⸗ zeugt, dazu iſt er ein zu guter Junge. Zum Henker mit dieſen filzigen Kerlen Roger Nowell, Nicolaus Town⸗ 8 3 ley und Tom Whitaker. Sie ſollten ſich eine Freude daraus machen, mir gefaͤllig zu ſein.“ „Aber ſie behaupten, ſie haben kein Geld,“ ſagte Fogg. „Kein Geld!— pah!“ rief Nicolaus.„Eine thoͤ⸗ richte Entſchuldigung. Sie haben Kiſten voll. Ich wollte, ich haͤtte Roger Nowell's Geld, dann wollte ich Jahre lang damit auskommen. Aber zum Henker! ich will mir wegen der lumpigen dreißig Pfund keine Sorge weiter machen.“ „Wenn ich wagen darf, Euch einen Vorſchlag zu machen, da Ihr doch gerade davon ſprecht, ſo wuͤrde ich in Eurer Stelle lieber um hundert Pfund, oder um zwei⸗ oder dreihundert Pfund anhalten,“ agte Fogg. „Eure Freunde werden nur um ſo beſſer von Euch den⸗ ken und eher uͤberzeugt ſein, daß Ihr die Abſicht habt, ihnen das Geld zuruͤck zu zahlen.“ „Meint Ihr das?“ rief Nicolaus.„Nun, beim Plutus! ſo will ich mir dreihundert Pfund borgen— dreihundert Pfund mit Zinſen. Dick wird ſich das Geld borgen muͤſſen, um es mir zu leihen, aber es thut. Nichts, er wird es leicht erhalten. Hört, Fogg, wenn Ihr in Middleton ſeid, ſo erkundigt Euch doch, ob noch Nichts beſtimmt iſt uͤber die Verheirathung einer ge⸗ wiſſen jungen Dame mit einem gewiſſen jungen Herrn. Ich bin neugierig, genau zu erfahren, wie die Sache ſteht.“ „Ich werde, wenn moͤglich, die Wahrheit heraus⸗ bringen, Squire,“ verſetzte Fogg;„aber ich ſollte kaum denken, daß Sir Richard ſeine Einwilligung zu der Ver⸗ 9 heirathung ſeines Sohnes mit der Tochter einer beruͤch⸗ tigten Hexe geben wuͤrde.“ „Sir Richard's Sohn wird Sir Richard wohl ſchwerlich um ſeine Einwilligung fragen““ ſagte Nico⸗ laus;„und obgleich ſchwere Anklagen gegen Miſtreß Nutter erhoben worden, ſo iſt doch Nichts bewieſen, denn wie Ihr wißt, entfloh ſie auf ihrem Wege nach Lan⸗ caſter Caſtle, oder wurde vielmehr befreit.“ „Es iſt mir ſehr wohl bekannt,“ verſetzte Fogg, „und uͤberdies vermuthe ich, daß ein wuͤrdiger Freund von mir ſeine Hand im Spiel hatte; und wenn es noͤ⸗ thig waͤre, koͤnnte ich auch ſagen, wo ſie zu finden ſein moͤchte. Aber das gehoͤrt nicht hieher. Ich glaube, die Dame iſt voͤllig unſchuldig, und ich bin ſogar davon uberzeugt, da Ihr Euch ihrer Sache mit ſolcher Waͤrme annehmt. Aber die Welt iſt boshaft, und es werden ſeltſame Dinge von ihr berichtet.“ „Kuͤmmert Euch nicht um die Welt, Fogg,“ ver⸗ ſetzte Nicolaus.„Die Welt ſpricht von keinem Men⸗ ſchen gut, mag auch ſein Verdienſt noch ſo groß ſein. Die Welt ſagt, ich verſchwende mein Vermoͤgen mit Wein, Weibern und Pferden— ich vergeude meine Zeit, die ich nutzlich anwenden koͤnnte, mit Vergnuͤgun⸗ gen— ich vernachläſſige meine Frau, vergeſſe meine re⸗ ligiöſen Uebungen, ſei zu Pferde, wenn ich zu Fuße ge⸗ hen, ſei im Bierhauſe, wenn ich zu Hauſe ſein, bei einer Hochzeit, wenn ich bei einer Leichenfeier ſein, gehe auf die Jagd, wenn ich meine Buͤcher fuͤhren ſollte— kurz ſie hat kein gutes Wort von mir zu ſagen. Und von Euch, Fogg, ſagt ſie, Shr ſeid ein Muͤßiggaͤnger 10 und ein Taugenichts, oder wenn Ihr zu Etwas nuͤtze waͤret, ſo waͤre es nur zu Etwas, was zum Boͤſen fuhrt. Sie ſagt, Ihr trinket uͤbermäßig, luͤgt unver⸗ ſchaͤmt und fluchet gottesläſterlich; Ihr ſeid ſtets eher be⸗ reit, in das Bierhaus als in die Kirche zu gehen und ſtellet allen Maͤdchen nach. Ja, die Verläumder gehen ſogar ſo weit, zu behaupten, daß Ihr kein Bedenken tragen wuͤrdet, einem ehrlichen Manne auf der Land— ſtraße ſein Geld abzunehmen. Das ſagt die Welt von Euch. Aber zum Henker! Mann, ſeht deshalb nicht niedergeſchlagen aus. Laßt uns in den Pferdeſtall gehen, und dann zum Fruͤhſtuͤck, und nach dem zum Fluß hin⸗ unter und die alte Fiſchotter fangen. Downham war ein ſchoͤnes altes Herrenhaus und hatte auch, wie ſchon bemerkt, eine ſchoͤne Lage auf ei— ner bewaldeten Erhoͤhung, nordlich vom Pendle-Huͤgel. Es war ein alterthumliches Gebaude und kam im Jahre 1558 in den Beſitz der Familie Asſheton. Nicolaus, der gegenwaͤrtige Beſitzer, hatte das Gut beträchtlich ver— groͤßert, und die dazu erforderlichen Ausgaben, ſowie ſeine verſchwenderiſche Lebensart hatten dazu beigetragen, ihn in Geldverlegenheiten zu bringen. Die Stalle wa⸗ ren groß und mit Pferden angefuͤllt; die Hundeſtalle ebenfalls geräumig und wohl mit Hunden verſehen; auf dem Hofe war eine fuͤrſtliche Dienerſchaft— Reitknechte, Wildhuͤter, Falkner, Jaͤger und Gehuͤlfen— um von ihren Dienſtgenoſſen im Hauſe zu ſchweigen. Kurz, wenn man das Gluͤck gehabt haͤtte den Squire und ſeinen Freund zu begleiten— wenn man durch die Staͤlle gegangen waͤre und die Pferde gezählt— wenn 11 man die verſchiedenen Arten von Hunden betrachtet haͤtte — wuͤrde man ſich gewundert haben, daß es ihm an Geld fehlen koͤnne. Die Bewunderung wuͤrde ſich noch hoͤher geſteigert haben, wenn man alle die verſchiedenen Falken und Kampfhaͤhne geſehen, welche Nicolaus jaͤhr— lich ein Betraͤchtliches koſteten. Fuͤr die Letzteren hielt er einen eigenen Hahnemeiſter, Namens Tom Shaw — einen Kerl, der zwar hohen Lohn von ſeinem Herrn erhielt, aber das Fuͤttern und Abrichten dieſer Thiere ſo gut verſtand, daß er nach Gefallen machen konnte, daß ſie im Kampfe gewinnen mußten oder nicht. Hier hatte Nicolaus wieder viel zu ſagen und ſprach beſonders ſein Entzuͤcken uͤber einen Hahn aus, von dem er Fogg ſagte, er wuͤrde ſo hoch auf ihn wetten, als man nur wolle, ohne jedoch einen bedeutungsvollen Blick zu bemerken, der zwiſchen ſeinem Freunde und dem Hahnemeiſter ge⸗ wechſelt wurde. „Seht ihn nur an,“ rief der Squire,„wie ſtolz und aufrecht er daſteht. Sein Kopf iſt klein, wie der eines Sperlingsfalken, ſein Auge groß und lebhaft, ſein Körper dick, ſein Bein ſtark, und ſeine Sporen lang, rauch und ſcharf. Das iſt ein Vogel fuͤr mich. Ich will ihn in der nächſten Woche mit zu dem Hahnege— fecht nach Prescot nehmen, und ihn mit jedem Hahn kaͤmpfen laſſen, den Sir John Talbot oder mein Vetter Braddyll mitbringen werden.“ „Und Ihr werdet gewinnen, Squire,“ verſetzte der Hahnemeiſter;„ich habe ihn dieſe fuͤnf Wochen gefuttert, ſo daß er dann vollkommen zum Kampfe geruͤſtet ſein und Eure Erwartung nicht taͤuſchen wird. Ihr koͤnnt 12 ſo viel auf ihn wetten, wie Ihr wollt,“ fuͤgte er hinzu, indem er Fogg einen Wink gab. „Ihr koͤnnt die dreißig Pfund gewinnen, deren Ihr beduͤrft,“ ſagte der Letztere in leiſem Tone zu dem Squire. „Oder vielleicht auch verlieren,“ verſetzte Nicolaus. „Ich werde nicht ſo viel wagen, wenn ich nicht die drei⸗ hundert Pfund von Dick Asſheton erhalte. Ich bin in der letzten Zeit ungluͤcklich geweſen. Ihr gewinnt jetzt im⸗ mer im Schachſpiel, Fogg, und als ich Euch zuerſt kennen lernte, war dies doch nicht der Fall. Keine Ent⸗ ſchuldigungen, Mann, Ihr koͤnnt nicht anders. Jetzt laßt uns zum Fruͤhſtuͤck hineingehen.“ Hierauf ging er auf das Haus zu, waͤhrend ihm Fogg mit ein paar großen Jagdhunden folgte, und trat durch die Scheuerſtube in die Kuͤche. Hier, wie im gan⸗ zen Hauſe zeigten ſich die Spuren der Gaſtfreiheit, wenn nicht der Verſchwendung. Eine offene Thuͤr zeigte eine mit allen Arten von Lebensmitteln wohlverſehene Speiſe— kammer, und am Feuer wurden große Stuͤcken Rind— fleiſch und Gefluͤgel gebraten. Paſteten wurden im Ofen gebacken und uͤber den Flammen im Kamine hing ein großer ſchwarzer Topf, groß genug zu einem Hexenkeſſel. Die Koͤchin war beſchaͤftigt, einige friſchgefangene Forel⸗ len fuͤr den Bratroſt zu bereiten, die zu dem Fruͤhſtuͤck des Squire beſtimmt waren, und das Kuͤchenmaͤdchen roͤſtete Haferkuchen, wovon ſich ein großer Vorrath in dem Brodkorbe befand, der von der Decke niederhing. Einen Blick um ſich werfend, und einige Worte mit der Koͤchin wechſelnd, ging Nicolaus weiter, noch 13 immer von Fogg und den beiden Hunden gefolgt, durch⸗ ſchritt einen langen mit Steinplatten belegten Gang und trat in die große Halle. Hier herrſchte dieſelbe Unord⸗ nung und Unregelmäßigkeit, wie in ſeinem eigenen Cha⸗ rakter und ſeinen Handlungen. Ueberall war Geraͤuſch und Verwirrung. An den Waͤnden herum hingen Bruſt⸗ harniſche, lederne Waͤmmſer, Sturmhauben, Schilde und zweihaͤndige Schwerter; aber ſie waren halb bedeckt mit Fiſchnetzen, Vogelnetzen, Hundehalsbaͤndern, Saͤtteln und Zaͤumen, Satteldecken, Bogen, Koͤchern, Wehrgehaͤngen, Hoͤrnern, Speeren, Flinten und allen andern Werkzeu⸗ gen, die damals zur Jagd und zum Fiſchfange ange⸗ wendet wurden. Der Fußboden war in gleicher Unord⸗ nung. Die Binſen, womit er beſtreut war, waren mit halb abgenagten Knochen bedeckt, welche die Hunde dort⸗ hin geſchleppt hatten, und in einem Winkel auf einer Matte lag ſeine bevorzugte Wachtelhuͤndin mit ihren Jungen. Der Squire aber war gluͤcklicherweiſe unem⸗ pfindlich fur den Zuſtand des Zimmers und ſah ſich mit zufriedener Miene darin um, als ob es ihm ſo ge⸗ rade recht gefalle. Es wurde ein Tiſch zum Fruͤhſtuͤck in der Naͤhe des Fenſters gedeckt, welches die Ausſicht auf den Ra⸗ ſenplatz gewaͤhrte, und nur zwei Couvert aufgelegt, denn Miſtreß Nicolaus Asſheton kam zu einer ſo fruͤhen Stunde noch nicht zum Vorſchein. Und nun zeigte ſich einer von den ſeltſamen Widerſpruͤchen, woraus der Cha⸗ rakter des Squire gebildet war. An der Seite des Ti⸗ ſches niederknieend und ohne auf den ſpoͤttiſchen Aus⸗ druck in Fogg's Geſichte zu achten, als er ſeinem Bei⸗ ———— 14 ſpiel folgte, betete Nicolaus laut und inbruͤnſtig beinahe zehn Minuten, dann ſtand er auf und ſtieß einen Ruf aus, welcher bewies, daß ſeine Lungen nicht gelitten hat— ten, und nicht nur das ganze Haus in Aufruhr brachte, ſondern auch machte, daß alle Hunde zu bellen anfingen. Gleich darauf erſchienen ein paar Diener und der Tiſch wurde mit guten und kraͤftigen Speiſen beſetzt, auf welche er und ſein Kamerad ſtarke Angriffe machten. Wir haben bereits bemerkt, daß ein Fruͤhſtuͤck zu jener Zeit einem heutigen Mittageſſen glich, und einen beſſeren Beweis von der Richtigkeit der Bezeichnung konnte es nicht geben, als das gegenwaͤrtige Mahl, welches in Fi⸗ ſchen, Fleiſch und Gefluͤgel, geſotten, geroͤſtet und ge⸗ braten, nebſt ſtarkem Ale und Sect beſtand. Nachdem man eine Stunde auf dieſe Weiſe angenehm zugebracht hatte, und als ſie noch ſaßen, obgleich das Fruͤhſtuͤck bei⸗ nahe zu Ende war, trat ein Diener ein und meldete Herrn Richard Sherborne aus Dunnow an. Der Squire ſprang ſogleich auf und eilte ſeinen Schwager zu be⸗ gruͤßen. „Ah, guten Tag, Dick,“ rief er ihm herzlich die Hand druͤckend,„welcher gluͤckliche Zufall fuͤhrt Dich ſchon ſo fruͤh zu mir? Aber erſt ſetze Dich nieder und iß— iß und ſprich dann. Hier, Roger, Harry, bringt noch einen Teller und eine Serviette, und mehr von den geroͤſteten Forellen und einen kalten Kapaunen— eine Paſtete oder was Ihr ſonſt in der Speiſekammer findet. Verſuche inzwiſchen Etwas von dieſem Schinken, Dick. Das wird eine Kanne Ale herunterbringen helfen. Und nun, was fuͤhrt Dich hieher, mein Junge. Ohne Zwei⸗ 15 fel ein dringendes Geſchaͤft. Du kannſt vor Fogg Alles ſprechen. Ich habe keine Geheimniſſe vor ihm. Er iſt mein zweites Ich.“ „Ich habe keine Geheimniſſe zu offenbaren,“ ver⸗ ſetzte Sherborne,„und will Dir ſogleich ſagen, weshalb ich komme. Haſt Du gehoͤrt, daß der König im Auguſt Hoghton Tower beſuchen will?“ „Nein, das iſt mir ganz neu,“ verſetzte Nicolaus; „bezieht ſich unſer Geſchaͤft auf dieſen Beſuch?“ „Ja,“ verſetzte Sherborne,„geſtern Abend kam ein Bote von Sir Richard Hoghton an mich, der mich bat, Dich zu bewegen ihm die Gunſt und Gefaͤlligkeit zu er⸗ zeigen, ihm bei der Gegenwart des Koͤnigs zu dienen und ſeine Livree zu tragen.“ „Ich ſollte ſeine Livree tragen!“— rief Nicolaus unwillig.„Zum Henker! wofuͤr haͤltſt Du⸗mich, Dick?“ „Fuͤr einen ſehr guten Kerl, der gewiß ſeines Freun⸗ des Bitte erfuͤllen wird, beſonders wenn er findet, daß nicht die geringſte Entwuͤrdigung dabei iſt,“ verſetzte Sherborne.„Ich werde auch Sir Richard's Kleid tra⸗ gen, und daſſelbe werden mehrere andere von unſern Freunden thun. Es werden ſeltene Luſtbarkeiten zu Hoghton ſtattfinden— Maskeraden, Mummenſcherz, alle Arten von Schauſtellungen, außer Jagen, Schießen, Wett⸗ rennen, Ringen und der Teufel weiß was. Du kannſt nach Herzensluſt zechen und ſchmauſen. Die Herzoͤge von Buckingham und Richmond werden dort ſein, und die Grafen von Nottingham und Pembroke und Sir Gilbert Hoghton, des Koͤnigs großer Guͤnſtling, der die Schweſter der Herzogin von Buckingham geheirathet hat. 16 Außer dieſen wirſt Du alle Schoͤnen Lancaſhire's dort fin⸗ den. Ich moͤchte den Anblick nicht um dreißig Pfund entbehren.“ „Dreißig Pfund!“ wiederholte Nicolaus, als ob ihm ein ploͤtzlicher Gedanke einfalle.„Glaubſt Du, daß Sir Thomas Hoghton mir dieſe Summe borgen wuͤrde, wenn ich einwilligte, ſein Kleid zu tragen und ihm zu dienen.“ „Ich zweifle nicht daran,“ verſetzte Sherborne; „und wenn er es nicht will, ſo werde ich es thun.“ „Dann will ich meinen Stolz in die Taſche ſtecken und gehen,“ ſagte Nicolaus.„Und nun, Dick, beende Dein Fruͤhſtuck ſo ſchnell Du kannſt, und dann will ich Dich zum Ribble fuͤhren und Dir einen Spaß zeigen, den wir uns mit einer Fiſchotter machen wollen.“ Sherborne verweilte nicht lange bei der Mahlzeit, und nachdem er von dem Squire einen Otternſpeer er⸗ halten, der ſich und Fogg bereits mit gleichen Waffen verſehen hatte, begaben ſich alle drei in die Hunde⸗ ſtalle, wo ſie den alten Jaͤger Chowlie Crouch, nebſt vier ruͤſtigen Knechten fanden, die mit Gabelſtaͤben be⸗ waffnet waren, die zu dem doppelten Zwecke dienen ſoll⸗ ten, auf das Ufer des Fluſſes zu ſchlagen und das arme Thier damit zu ſtoßen, welches ſie erjagen wollten; auch hatte jeder ein paar Hunde, die wohl zu dieſer Jagd abgerichtet waren, am Seil. Der alte Crouch war ein hagerer, graubaͤrtiger Mann, beſaß aber einen muskuloͤ⸗ ſen Koͤrperbau, der ihm auf die Dauer eben ſo gute Dienſte leiſtete, als die jungern und kraͤftigern Glieder ſeiner Gehuͤlfen. Seine Wange hatte eine geſunde Farbe, ——— 17 ſein Auge war noch hell und lebhaft und eine große ge⸗ bogene Naſe verlieh ſeinem Geſichte etwas Wildes. Er trug eine ſchmutzige lederne Jacke, enge Beinkleider von demſelben Stoffe, hatte ein Jagerhorn am Halſe haͤn⸗ gen und ein ſcharfes Jagdmeſſer im Guͤrtel. In der Hand hielt er einen Speer, wie ſein Herr, und ihm folgte ein alter grauer Dachshund, der, obgleich ihm ein Ohr und ein Auge fehlte, und durch verſchiedene Nar⸗ ben an der Kehle und auf dem Ruͤcken entſtellt, noch kraͤftig, unermuͤdlich und klug war. Dieſer alts Hund hieß Greif, wegen ſeiner Hartnaͤckigkeit, Alles feſtzuhal⸗ ten, was er zwiſchen die Zahne bekam, und er und Crouch waren unzertrennlich. Groß war der Laͤrm, als der Sauire ſich auf dem Hofe ſehen ließ. Die Koppelhunde ſtimmten ſogleich ihr melodiſches Geheul an und alle die andern Hunde, die in den Ställen waren oder ſich auf dem Hofe umher⸗ trieben, fielen in das Concert ein. Nach vielem Fluchen, Klatſchen mit Peitſchen und dem darauffolgenden Ge⸗ heul wurde einige Stille hergeſtellt und eine Berathung zwiſchen Nicolaus und Crouch gehalten, wohin ſie zu⸗ erſt ihre Schritte richten ſollten. Der alte Jaͤger ſtimmte dafuͤr, in der Naͤhe eines Orts, welcher Brom Hill Wood hieß, an den Fluß zu gehen, da die Baͤume dort bis dicht ans Waſſer gingen und es ziemlich gewiß ſei, daß die Otter unter den Wurzeln derſelben ihr Lager habe. Dem widerſprach einer von den Knechten, wel⸗ cher erklaͤrte, das Thier halte ſich in einem hohlen Baume auf, der etwa eine Meile hoͤher hinauf am Ufer ſtehe und dicht bei dem Vereinigungspunkte von Swanſide Ainsworth, Hexen. IV. 2 18 Beck und dem Ribble. Er behauptete, er ſei ſeiner Sache gewiß, weil er ihre Spuren auf dem naſſen Graſe in der Naͤhe des Baumes geſehen. „Sie geht dorthin, um zu fiſchen, Mann!“ rief Crouch,„denn es iſt die Natur des vorſichtigen Thieres, fern von ſeiner Wohnung ſeine Nahrung zu ſuchen; aber ich bin gewiß, daß wir ſie unter den Wurzeln der gro⸗ ßen Baͤume finden werden, die in der Naͤhe von Bean Hill Wood uͤber den Fluß hinaushaͤngen, und wenn der Squirè meinen Rath befolgen will, ſo geht er zuerſt dorthin.“ „Ich will mich ganz unter Deine Leitung ſtellen, Crouch,“ ſagte Nicolaus. „Und Ihr werdet recht thun, Herr,“ verſetzte der Jaͤger;„wir wollen tuͤchtig auf die Ufer ſchlagen, und zwei von dieſen Burſchen ſollen den Fluß hinauf und zwei hinuntergehen, einer auf der einen und einer auf der andern Seite; und auf die Weiſe kann ſie uns nicht entgehen, denn Greif kann ſchwimmen und untertauchen, ſo gut wie irgend eine Otter in ganz England, und er wird hinter ihr her ſein und hinter ihrer Brut, ſobald ſie ins Waſſer gehen. Einige Leute, wie Ihr vielleicht ſchon geſehen habt, Squire, faſſen einen Strick an bei⸗ den Enden, laſſen ihn in den Fluß und ziehen ihn lang⸗ ſam weiter, ſo daß ſie an dem Ruck bemerken koͤnnen, wenn die Otter ihn beruͤhrt; aber das iſt ein unſicheres Mittel und durchaus nicht ſo gut, wie Greif's Plan, denn wenn Ihr ihn ſchwimmen ſeht, koͤnnt Ihr gewiß ſein, daß das andere Thier nicht weit entfernt iſt.“ „Ein wackerer Hund, aber verdammt haͤßlich!“ rief 49 der Squire, den alten einohrigen, einaͤugigen Dachs⸗ hund mit Bewunderung und Abſcheu anſehend;„und jetzt, da Alles angeordnet iſt, wollen wir uns auf den Weg machen.“ Hierauf verließen ſie den Hofplatz, nahmen die von dem Jager angedeutete Richtung, traten in den Park und gingen in einer Lichtung fort, geſprenkelt von den fruͤhen Sonnenſtrahlen. Hier ſtoͤrte das Geraͤuſch, wel⸗ ches ſie machten, eine Heerde Rehe, die unter den Baͤu⸗ men graſten, und als die geſprenkelten Waldbewohner in das dichtere Geholz eilten, hatten die Diener Muͤhe, die Hunde zuruͤckzuhalten, die ihnen durchaus folgen wollten und machten, daß der Wald von ihrem Gebell widerhallte. „Dort iſt ein großer Kerl,“ rief Nicolaus, Crouch einen ſchoͤnen Bock zeigend;„ich muß ihn in der naͤchſten Woche tödten, denn ich will eine Keule nach Middleton und eine andere nach Whalley an Sir Ralph ſchicken.“ „Hetzt ihn lieber, Squire,“ ſagte Crouch;„es wird Euch großen Spaß machen.“ Bald darauf erreichten ſie eine Anhoͤhe, wo ſich ih⸗ nen die Ausſicht in ein liebliches Thal eroͤffnete, welche den ſchoͤnſten Theil von Ribblesdale umfaßte, mit ſeinen reichbewaldeten Ebenen und dem raſchen und ſchoͤnen Fluſſe, von dem es den Namen hatte. Die Ausſicht war bezaubernd und der Squire und ſeine Begleiter blie⸗ ben einen Augenblick ſtehen, um ſie zu betrachten, dann ſchritten ſie munter weiter und nahmen ihren Weg uͤber den elaſtiſchen Raſen zu einem kleinen Dickicht am Rande des Parks. Alle waren in ſehr heiterer Stim⸗ 2* ————— 20 mung, denn die Friſche und Schoͤnheit des Morgens war nicht ohne Wirkung geweſen; und des Squire's Zunge hielt mit ſeinen Beinen Schritt, als er raſch weiter ging; als ſie aber in das erwähnte Dickicht traten und den Fluß durch die Baͤume erblickten, gebot der alte Jaͤger Schweigen, und er war genoͤthigt, ſeiner Red⸗ ſeligkeit Zwang anzuthun. Als ſie nur noch einen Bogenſchuß von dem Waſ⸗ ſer entfernt waren, machte die Geſellſchaft Halt, und zwei von den Leuten wurden von Crouch beauftragt, an verſchiedenen Stellen den Fluß zu uͤberſchreiten und auf das ufer zu ſchlagen, waͤhrend die andern Beiden den Befehl erhielten, nach gleicher Richtung fortzugehen, ſich aber am dieſſeitigen Ufer zu halten. Dann wurden die Hunde losgekoppelt, die Leute machten ſich auf den Weg, die erhaltenen Befehle auszufuͤhren, und bald darauf verkuͤndete das Krachen der Zweige und das Plaͤtſchern im Waſſer, begleitet von dem lauten Bellen der Hunde, daß ſie ihre Aufgabe begonnen hatten. Inzwiſchen waren Nicolaus und die Andern nicht muͤßig geblieben. Als die Knechte ſich nach verſchiedenen Richtungen entfernten, gingen ſie geradeaus weiter, draͤng⸗ ten ſich durch das Buſchwerk und kamen zu einem ho⸗ hen Ufer, von wo man den Ribble uͤberſah, auf deſſen Höhe drei oder vier große Baͤume ſtanden, deren Wur⸗ zeln nach dem Fluſſe zu bloß dalagen und einen beque⸗ men Ruheplatz fuͤr das fiſcheliebende Geſchoͤpf bildeten, welches ſie zu uͤberraſchen hofften. Auf einen Wink von Crouch, ſich an den mittlern Baum zu ſtellen, ergriff Nicolaus ſeinen Speer und ſprang vorwärts; aber ſo 21 raſch er war, kam er doch zu ſpät und uͤberzeugte ſich nur noch, daß der liſtige alte Jäger in ſeinem Urtheile Recht gehabt hatte, denn ein dunkler, mit Schlamm be⸗ deckter Gegenſtand kam unter den Wurzeln des Bau⸗ mes hervor und ſchluͤpfte ſo ſachte und geraͤuſchlos ins Waſſer, als wenn ſein Fell eingeoͤlt geweſen waͤre. Einige Blaſen erhoben ſich zu der Oberflaͤche des Waſſers, doch dies war Alles, was den Weg des wunderbaren Tau⸗ chers bezeichnete. Aber andere Augen, ſchaͤrfer als die des Squire, waren wachſam, und der alte Jaͤger rief: „Da geht ſie, Greif— ihr nach, Junge, ihr nach!“ Dieſe Worte waren kaum ausgeſprochen, als der Hund von der Hoͤhe des Ufers hinunterſprang und unter das Waſſer ſank. Einige Secunden konnte man keine Spur von dem einen oder dem andern Thiere entdecken, und dann ſah man die rauhe Naſe des Dachshundes beinahe funfzig Schritte weiter den Fluß hinunter, und nachdem er einen Augenblick umhergeſchnuͤffelt und ſein einziges Auge auf ſeinen Herrn gerichtet, der am Ufer ſtand und ihn durch Zuruf und Geberde ermunterte, tauchte er wieder unter. „Stellt Euch funfzig Schritte von einander am ufer auf,“ rief Crouch;„lauft, lauft, oder Ihr kommt zu ſpaͤt und ſtoßt, ſo ſchnell Ihr koͤnnt, zu, wenn ſie Euch in den Weg kommt. Bleibt, wo Ihr ſeid, Squire,“ fuͤgte er zu Nicolaus gewendet hinzu,„Ihr koͤnnt keine beſſere Stelle haben.“ 22 Alles war jetzt in lebhafter Aufregung. Da die vier Knechte an dem Lärm bemerkten, daß man die Ot⸗ ter gefunden, ſo eilten ſie zu dem Schauplatz der Hand⸗ lung und vermehrten das Geraͤuſch durch ihr Rufen und das Klappern mit ihren Staͤben. Zwei waren auf der einen und zwei auf der andern Seite des Fluſſes und bis zu dieſem Augenblick waren die Hunde eben ſo getrennt; jetzt aber waren die meiſten von ihnen ins Waſſer gegangen, einige ſchwammen umher und andere ſtanden in dem ſeichteren Theile des Fluſſes und erwar⸗ teten mit lebhaften Blicken das Erſcheinen ihres Schlacht⸗ opfers. Nachdem Nicolaus am ufer hinuntergeſtiegen war, hatte er ſich unter den ungeheuren verwickelten Wurzeln des Baumes aufgeſtellt, ſo daß, wenn die Fiſchotter, durch die Gegenwart ſo vieler Feinde beunruhigt, und nicht im Stande auf dem Fluſſe zu entkommen, in ihr Lager zuruͤckkehren ſollte, er ſich uͤberzeugt halten konnte, ſie zu treffen. Anfangs ſchien wenig Hoffnung dazu vorhanden zu ſein, denn Fogg, der etwa hundert Schritte hoͤher hinaufgegangen war, ſturzte ſich ploͤtzlich in den Fluß, bohrte ſeinen Speer in den Schlamm, und rief, er habe das Thier gefangen; als er aber ſeine Waffe hervorzog und eine große Ratte zeigte, die er durchbohrt hatte, erregte ſein Verſehen große Heiterkeit. Der alte Crouch ließ indeſſen ſeine Aufmerkſamkeit nicht von ſeinem Hunde ablenken. Von Zeit zu Zeit ſah er ihn auf die Oberflaͤche kommen, um Athem zu ſchoͤpfen, da er aber immer nicht weit ging, obgleich er an verſchiedenen Stellen heraufkam, ſo hielt ſich der alte 23 Jäger uͤberzeugt, daß die Otter nicht durchgegangen ſei, und da er ſich ſehr auf Greif's Beharrlichkeit und Klug⸗ heit verließ, ſo hielt er ſich uͤberzeugt, daß er ihm das Thier zutreiben werde, wenn es irgend moͤglich ſei. Die Knechte unterhielten ein fortwaͤhrendes Geklapper, ſchlu⸗ gen mit ihren Stoͤcken auf das Ufer und warfen große Steine hinein, waͤhrend die Hunde wuͤthend bellten, ſo daß der arme Fluͤchtling von allen Seiten zuruͤckgetrieben wurde, wo er Zuflucht ſuchte. Waͤhrend dies vorging, erhielt Nicolaus von dem alten Jaͤger einen Wink, auf ſeiner Hut zu ſein, und kaum war dies geſchehen, als der glatte und ſchimmernde Koͤrper der Fiſchotter aus dem Waſſer hervorkam und unter den Wurzeln durchſchluͤpfte. Der Squire fuͤhrte einen Stoß, von dem er erwartete, daß er toͤdtlich ſein werde, aber groß war ſeine Kraͤnkung, als er bemerkte, daß er die Spitze ſeines Speeres ſo tief in den Baum getrieben habe, daß er kaum im Stande war, ſie wieder herauszuziehen, waͤhrend ein faſt geräuſchloſes Plaͤtſchern ihm zu erkennen gab, daß ſeine Beute entkommen ſei. Faſt in demſelben Augenblick, als das arme Thier ſeine alte Wohnung aufgeſucht hatte, war der Dachshund am Rande des ufers erſchienen, und als jenes untertauchte, folgte er ſeinem Beiſpiel. Heimlich uͤber des Squire's Mißgeſchick lachend, be⸗ reitete ſich der alte Jaͤger vor, eine ähnliche Gelegenheit zu benutzen, wenn ſie ſich ihm zeigen ſollte, und in dieſer Abſicht verbarg er ſich hinter einer Weide, die dicht am Fluſſe ſtand, wo er Alles genau beobachten konnte, was vorging, ohne ſelber geſehen zu werden. . 24 Die Klugheit dieſes Schrittes wurde bald deutlich. Nach wenigen Secunden, während welcher weder Hund noch Otter heraufgekommen war, um zu athmen, wurde eine ſehr leichte wellenfoͤrmige Bewegung auf der Oberflaͤche des Waſſers ſichtbar. Crouch faßte ſeinen Stab feſter an— wartete noch einen Augenblick— eilte dann vor⸗ waͤrts, ſtieß ſeinen Speer ins Waſſer und hob das arme Thier zuckend und durchbohrt in die Hoͤhe. Der alte Jaͤger erhob ein lautes Freudengeſchrei bei ſeinem Triumphe, und die Andern antworteten ihm mit lautem Zuruf. Alle eilten zu der Stelle hin, wo er ſtand, und die Hunde, die ſich um ihn ſammelten, heulten wuͤthend beim Anblick der Otter und zeigten große Luſt, ſie zu zerreißen, wenn ſie ihrer haͤtten hab⸗ haft werden köͤnnen. Die laͤrmendſten und wuͤthendſten aus dem Wege ſtoßend, näherte ſich Crouch dem Ufer des Fluſſes und ließ die Spitze ſeines Speers ſinken, bis ſie in den Bereich ſeines Lieblings Greif kam, der noch im Waſſer ſtand, ſein einziges rothes Auge auf die Feindin richtete, die er ſo wuͤthend verfolgt hatte, und ſeine Belohnung erwartete. Jetzt war der Augen⸗ blick gekommen; mit ſeinen ſcharfen Zähnen in die Kehle der Otter beißend, hielt er an ihr feſt, als Crouch Beide in die Luft ſchwang, wodurch der Hund zeigte, daß er mit Recht ſeinen Namen verdiene; auch konnte man ihn nicht eher losmachen, als bis die Qualen des armen Thieres laͤngſt geendet hatten. Wer behaupten wollte, daß Nicolaus ſich uber ſeinen ungluͤcklichen Erfolg nicht geaͤrgert habe und auf die groͤßere Geſchicklichkeit des alten Jagers nicht eiferſuchtig 25 geweſen, muͤßte eine Unwahrheit behaupten; aber er nahm die Sache ſo gut auf, wie er konnte, und ruͤhmte Greif ſehr, indem er behauptete, ihm gebuͤhre das ganze Verdienſt der Jagd. Der alte Crouch ließ ihn reden, und als er zu Ende war, bemerkte er ruhig, die Otter, die ſie getoͤdtet, ſei nicht die, welche ſie haͤtten toͤdten wollen, da ſie Nichts von ihrer Brut geſehen. Das Thier, welches ſo viel Schaden angerichtet, habe ſeinen Aufenthalt währſcheinlich in dem hohlen Baume in der Naͤhe von Swanſide Beck, wie der Knecht behauptet, und er wuͤnſchte zu wiſſen, ob der Squire geneigt ſei, dorthin zu gehen und ſie zu jagen. Nicolaus antwor⸗ tete, er ſei ſehr bereit dazu und hoffe bei dieſer zweiten Gelegenheit beſſeres Gluͤck zu haben. Hierauf machten ſie ſich wieder auf den Weg, gingen am Fluſſe fort und ſchlugen auf das Ufer, ohne jedoch mehr als eine Waſ⸗ ſerratte zum Vorſchein zu bringen, die Greif ſogleich toͤdtete. Ohne daß man wußte, wie es geſchah, lenkte ſich die Unterhaltung auf die beiden alten Heren Mutter Demdike und Mutter Chattor und die ſeltſame Weiſe, wie ihre Laufbahn auf dem Gipfel des Pendle⸗Huͤ⸗ gels geendet— wenn man in der That ſagen konn⸗ te, daß ſie geendet, da man ſagte, daß ihre Geiſter noch die Stelle beſuchten und mit klaͤglichem Geſchrei um die Feuerwarte ſchwebten. Die ruheloſen Schat⸗ ten, fuͤgte man hinzu, wurden von der Geſtalt eines Moͤnchs in weißen modernden Gewaͤndern verfolgt, die man fuͤr den Geiſt Paslew's hielt. Es war ſchwer, zu begreifen, wie man dieſe Erſcheinungen konnte be⸗ 26 obachtet haben, da ſich Niemand, auch nicht durch eine Belohnung, bewegen ließ, nach Sonnenuntergang den Pendle⸗Huͤgel zu erſteigen; aber die Schaͤfer behaupteten, ſie von unten geſehen zu haben, und dies war auch fuͤr die Unglaͤubigſten ein hinlaͤngliches Zeugniß. Ein ſelt⸗ ſamer Umſtand wurde erwaͤhnt, den wir nicht mit Still⸗ ſchweigen uͤbergehen duͤrfen, naͤmlich, als die Aſche des erloſchenen Feuers unterſucht wurde, konnte man nicht die geringſten Ueberbleibſel der beiden alten Weiber ent⸗ decken, obgleich die Aſche ſorgfaͤltig durchgeſiebt wurde, und es war doch gewiß, daß die Flammen lange vorher erloſchen waren, ehe die Koͤrper konnten verbrannt ſein. Man verſuchte dieſes Wunder ſo zu erklaͤren, daß der Teufel ſie noch lebend entfuͤhrt habe, um ihre Verbren⸗ nung in einer noch gluͤhenderen Region zu vollenden. Die Erwaͤhnung der Mutter Demdike lenkte die Unterredung natuͤrlich auf ihren Enkel Jem Device, der in der erwaͤhnten Nacht auf merkwuͤrdige Weiſe ent⸗ flohen war, und den man ungeachtet der angeſteliten Verfolgung, noch nicht eingefangen hatte, obgleich ihn mehrere Leute, unter Andern auch der alte Crouch zu— weilen bei Nacht unter beſondern Verhaͤltniſſen geſehen, doch erklaͤrte der Letztere, er ſei nicht im Stande gewe⸗ ſen, Hand an ihn zu legen. Dann wurde Miſtreß Nutter erwaͤhnt, wobei man bemerkte, daß der Squire raſch von etwas Anderem ſprach, waͤhrend die Knechte verſchiedene ſchlaue Blicke und Winke wechſelten, welche anzudeuten ſchienen, als wuͤßten ſie mehr von der Sache, als ſie ſagen wollten. Es war indeſſen nicht mehr herauszubringen, als daß 27 die Begleitung, die ſie, nebſt den andern Hexen, nach ihrem Verhoͤr von den Richtern zu Whalley, nach Lan⸗ caſter Caſtle hatten fuͤhren ſollen, als ſie durch die be⸗ waldete Schlucht in Bowland Foreſt gegangen, von Maͤnnern, die als Jäger verkleidet geweſen und die Dame befreit haͤtten, angefallen worden⸗ Auch habe man ſeitdem Nichts weiter von ihr gehoͤrt. Was ihre Entfuͤhrung um ſo außerordentlicher machte, war, daß keine von den andern Hexen zugleich befreit worden; im Gegentheil hatten die Jäger einige von Denen, welche geneigt geſchienen, dieſen guͤnſtigen Umſtand zur Flucht zu benutzen, den Dienern der Gerechtigkeit wieder zuruͤck⸗ gebracht, indem ſie ſo deutlich bewieſen, daß das Unter⸗ nehmen nur um Miſtreß Mutter's willen, und zwar von ihren Freunden geſchehen war. Nichts kam der Wuth und Kraͤnkung Roger Nowell's und ſeines An⸗ walts Potts gleich, als ſie erfuhren, daß ihre vorzuͤg⸗ lichſte Beute ihnen entgangen ſei, und auf ihre Anord⸗ nung wurde in der ganzen Gegend nach der Fluͤchtigen geſucht, aber ohne Erfolg— es war keine Spur von ihrem Aufenthalt zu finden. Der Verdacht fiel natuͤr⸗ lich auf die beiden Asſhetons, auf Nicolaus und Richard, und Roger Nowell beſchuldigte ſie geradezu, das Un⸗ ternehmen erdacht und in Perſon ausgefuͤhrt zu ha⸗ ben, waͤhrend Potts ihnen ſagte, ſie waͤren der Ver⸗ hehlung der Verraͤtherei ſchuldig, und ſie mit lebens⸗ läͤnglicher Gefangenſchaft und Confiscation von Guͤtern und Renten wegen dieſes Vergehens bedrohte, aber da die Anklage nicht gegen ſie konnte bewieſen werden, ſo mußten ſie ſie, ungeachtet aller Anſtrengungen des 28 Richters und Anwalts, fallen laſſen; und voll Aerger uͤber dieſe unerwartete und kraͤnkende Beendigung der Sache, kehrte Potts nach London zuruͤck und bewohnte wieder ſeine Zimmer in Chancery Lane. Seine Pflich⸗ ten als Secretair des Gerichtshofes riefen ihn nothwen⸗ dig im Auguſt nach Lancaſter zuruͤck, wo die Aſſiſen ihren Anfang nahmen und wo er bei dem Verhoͤr der⸗ jenigen Heren behuͤlflich ſein ſollte, die man noch im Gewahrſam hatte. Von Mutter Demdike wendete ſich die Unterredung naturlich zu ihrem beruͤchtigten Aufenthalte Malkin To⸗ wer, und Richard Sherborne ſprach ſein Erſtaunen aus, daß man nach ihrer Hinrichtung das unheilige Gebäude noch ſtehen laſſe. Nicolaus ſagte, er wuͤnſche ebenfalls die Zerſtoͤrung deſſelben, aber es ſei nicht ſo leicht zu vollfuͤhren, wie es ſcheinen moͤchte, denn das verlaſſene Gebaude ſtehe bei dem Volke in ſo ſchlechtem Ruf, daß Niemand wage, ſich ſelbſt bei Tage demſelben zu nähern. Man ſagte, ein Kobold habe von den Gewölben Beſitz genommen und ſcheuche Alle hinweg, die ſich in die Naͤhe wagten, indem er ſich bald in der einen, bald in der andern ſchrecklichen Geſtalt zeige; bald erſcheine er als eine ungeheure Ziege, bald als eine große Katze, ſtoße ein furchtbares Geſchrei aus, blicke mit feurigen Augen aus den Fenſtern oder erſcheine in ſeiner ganzen Schreckensgeſtalt auf dem Gipfel des Thurmes. Ueber⸗ dies werde das verrufene Gebaͤude haͤufig in tiefer Nacht erleuchtet, man hoͤre eine uͤberirdiſche Muſik aus dem⸗ ſelben hervordringen und ſehe wilde Geſtalten an den Fenſtern voruberflattern, als ob ſie tanzten oder irgend 29 eine andere Luſtbarkeit vorhätten, ſo daß es ſchiene, als haͤtte ſich Nichts gebeſſert und als waͤre noch Alles in ſeinem fruͤheren ungeordneten Zuſtande, wie zur Zeit der Mutter Demdike oder bei ihren Vorgaͤngern Iſole von Heton und dem Raͤuber Blackburn. Die aigemeine Meinung ſei, daß der Satan mit allen ſeinen Kobol⸗ den ſeine Wohnung in dem Thurm aufgeſchlagen, und da ihnen ihr Quartier gefalle, ſo fuͤhrten ſie dort ein luſtiges Leben und tanzten und zechten die ganze Nacht. Es wuͤrde unnuͤtz ſein, ihnen ihr Quartier zu kuͤndigen, noch weniger koͤnne man verſuchen, das Haus uͤber ſie zuſammen zu ſtuͤrzen. Richard Sherborne hoͤrte dieſe wunderbare Erzahlung ſchweigend, aber mit ungläubigem Blicke an, und als ſie beendet war, winkte er ſchlau ſeinem Schwager zu. Einen ſeltſamen, halb komiſchen, halb verdaͤchtigen Ausdruck bemerkte man in Fogg's Ge⸗ ſichte, und er beobachtete den Squire genau, waͤhrend er ſprach. Hierauf fragte Sherborne Nicolaus, ob ſeit dem Verſchwinden der boshaften alten Heren, die ſo lange die Gegend geplagt, alles Unheil und Elend aufgehoͤrt habe, wovon die Leute bisher heimgeſucht worden, kurz, ob keine Faͤlle von wirklicher oder muthmaßlicher Hexerei mehr vorgekommen? Der Squire verneinte dieſe Fragen ausdruͤcklich. Seit dem Verbrennen der beiden alten Weiber und der Gefangennahme der andern habe ſich der Zuſtand der ganzen Gegend ſehr gebeſſert. Alle Die, welche von unerklaͤrlichen Krankheiten heimgeſucht worden, waͤren geneſen und die Bewohner des kleinen Dorfes Sabden, welches am meiſten von ihrer Bosheit gelitten, —————— ů——————— —— ſei ganz frei von Krankheit, und nicht nur ſie und ihre Familien haͤtten ploͤtzlich Geſundheit und Staͤrke wieder erlangt, ſondern auch mit Allem was ihnen angehoͤre, ſei ein aͤhnlicher wohlthaͤtiger Wechſel vorgegangen. Die Kuͤhe, welche ihre Milch verloren, gaben ſie jetzt reich⸗ lich. Das lahme Pferd hinkte nicht mehr; die Krank⸗ heit unter den Schafen hatte aufgehoͤrt; die Schweine, die bei reichlichem Futter mager geworden, wurden jetzt ſchnell fett, und obgleich die Ferkel, die während des uͤblen Einfluſſes der Hexen umgekommen, fuͤr den Au⸗ genblick verloren waren, ſo ſchien es doch, als ſollten ſie bald durch andere erſetzt werden. Das Getreide, wel⸗ ches zu Anfang des Jahres durch Mehlthau vernichtet war, ſproßte von Neuem auf, und die Bäume, deren Bluͤthen verwelkt waren, konnten kaum ihre Fruͤchte tragen. Kurz Alles war ſo ſchoͤn und bluͤhend wie noch kurzlich das Umgekehrte der Fall geweſen. Unter andern war der Hauſirer John Law, der durch Mutter Dem⸗ dike's teufliſche Kuͤnſte des Gebrauchs ſeiner Glieder be— raubt worden, in derſelben Nacht ihrer Hinrichtung auf wunderbare Weiſe geneſen, und war jetzt ſo ſtark und kraͤftig wie immer. Da die Vernichtung der Hexen ſo gluͤckliche Folgen gehabt, ſagte Sherborne, ſo ſei zu hoffen, daß man ſich bald von der ganzen ſchaͤdlichen Brut befreien werde, da⸗ mit ſie ihren Mitmenſchen kein weiteres Unheil zufuͤgen koͤnnte. Dies koͤnne nicht der Fall ſein, ſo lange man James Device und ſeine Mutter Eliſabeth Device frei ausgehen laſſe. Dann ſei auch noch Jennet, Eliſabeths Tochter, da, ein boshaftes und mißgeſtaltetes kleines Ge⸗ 31 ſchoͤpf, welches alle boͤſen Eigenſchaften ihrer Voreltern geerbt habe. Dies ſei die Brut der alten Schlange, und ehe dieſelbe ganz vernichtet ſei, koͤnne man nicht ſicher ſein, daß das Uebel nicht wiederkehre. Dann ſei noch Nance Redferne, die Enkelin der alten Chattor da, ein ganz huͤbſches Frauenzimmer, aber eine beruͤchtigte Hexe und erwieſene Verfertigerin von Thonbildern. Sie ſei noch in Freiheit, obgleich ſie mit den Uebrigen in den Ker⸗ kern von Lancaſter Caſtle ſein ſollte. Es ſei nutzlos zu behaupten, daß mit der Vernichtung der alten Hexen alle Gefahr aufgehoͤrt habe. Aus Klugheit wuͤrden ſich die Andern jetzt ruhig verhalten, aber ſobald der Sturm voruͤber ſei, wuͤrden ſie ihr ſchreckliches Handwerk wie⸗ der anfangen und Alles wieder ſo ſchlimm ſein, wie vor⸗ her. Nein, nein!— der Baum muͤſſe gaͤnzlich ent⸗ wurzelt werden, oder er wuͤrde wieder neue Aeſte treiben. Mit dieſen Anſichten ſtimmte Nicolaus im Allge⸗ meinen uͤberein, nur ſprach er einiges Mitgefuͤhl mit Nance Redferne aus, die er fuͤr viel zu huͤbſch hielt, um ſo boshaft und verworfen zu ſein, wie man ſie vor⸗ ſtellte. So ſehr er auch der Familie Device den Unter⸗ gang zu bereiten wuͤnſchte, ſo furchtete er doch, daß die⸗ fer Schritt Alizon Gefahr bringen und auf die eine oder die andere Art mit in die Sache verwickelt werden moͤchte. Dieſe letztere Bemerkung ſprach er in leiſem Tone ge⸗ gen ſeinen Schwager aus. Sherborne empfand anfangs deshalb keine Furcht, bei weiterem Nachdenken aber ge⸗ ſtand er zu, daß Nicolaus vielleicht Recht habe; und obgleich Alizon jetzt Miſtreß Nutter's anerkannte Toch⸗ 32 ter war, konnte doch ihre lange und genaue Verbindung mit der Familie Device nachtheilig fuͤr ſie wirken, waͤh⸗ rend ihre nahe Verwandtſchaft mit einer anerkannten Here nicht geeignet war, den unguͤnſtigen Eindruck zu entfernen. Dann fuhr Sherborne fort, in den begei— ſtertſten Ausdruͤcken von der Schoͤnheit und der Herzens— gute des jungen Maͤdchens zu reden, welches den Ge⸗ genſtand ihrer Unterhaltung bildete, und erklaͤrte, er ſei nicht im geringſten verwundert, daß Richard Asſheton's Liebe zu ihr ſo groß ſei. Und doch, fuͤgte er hinzu, ſei eine außerordentliche Veraͤnderung mit ihr vorgegangen ſeit jener ſchrecklichen Nacht auf dem Pendle-Huͤgel, wo die Schuld ihrer Mutter bekannt geworden und man ſie als eine ſchwere Verbrecherin verhaftet. Alizon habe Nichts von ihrer Schoͤnheit verloren, ſagte er, aber der leichte und freudige Ausdruck ihres Geſichts ſei in tiefe Traurigkeit uͤbergegangen, die durch Nichts zu entfernen ſei. Sanft und milde in ihrem Benehmen, ſcheine ſie ſich zu betrachten, als ſei ſie geaͤchtet und unwerth mit der uͤbrigen Welt umzugehen. Vergebens verſuchten Ri⸗ chard Asſheton und ſeine Schweſter, dieſen Eindruck durch die zarteſte Aufmerkſamkeit zu entfernen; vergebens forderten ſie ſie zu Unterhaltungen auf, die ihren Jah⸗ ren entſprachen, doch ſie wich, außer der ihrigen, aller Geſellſchaft aus und brachte den groͤßten Theil ihrer Zeit im Gebete zu. Sherborne hatte ſie ſo beſchaͤftigt ge⸗ ſehen und erklaͤrte den Ausdruck ihres Geſichts für ſe⸗ raphiſch. An dem aͤußerſten Rande eines hohen Ufers, an dem Vereinigungspunkte zwiſchen Swanſide Beck und 33 dem Ribble, ſtand eine alte verfallene Eiche. Von dem einſt maͤchtigen Baume war Nichts weiter uͤbrig, als der knotige Stamm, und dieſer war ganz hohl und un⸗ ten befand ſich ein großer Spalt, durch den leicht ein Mann hineinkriechen und im Innern bequem aufrecht ſtehen konnte. Unterhalb des Ufers war der Fluß tief und ſtill und bildete einen Pfuhl, wo die groͤßten und fetteſten Fiſche ſich aufhielten. Dazu kam noch, daß der Ort ſehr verſteckt war und nur ſelten von Anglern be⸗ ſucht wurde, wegen des Dickichts, wovon er umgeben war, und welcher ſich von dem Zuſammenfluſſe des groͤ⸗ ßeren und kleineren Vaches bis zur Muͤhle von Down⸗ ham, beinahe eine halbe Meile weit erſtreckte. Die Ufer des Ribble waren hier, wie uͤberall, ſchoͤn bewaldet, und da der klare Strom ſich durch Ufer von verſchiedenſter Geſtalt und Charakter, mit Baͤumen jeder Art und vom uͤppigſten Wuchſe bedeckt, dahinwand, ſo war die Wirkung bezaubernd, um ſo mehr, da die Sonne, die ſich jetzt hoch am Himmel erhoben hatte, eine Fluth von Strahlen und Sommerhitze ergoß, welche dieſen kuͤh⸗ len Schatten unausſprechlich angenehm machte. Lieblich war es, als die Jaͤger von einem Stein zum andern ſprangen, um dem Geraͤuſch des voruberſtroͤmenden Waſſers zu horchen. Lieblich war es, wenn ſie auf eine kleine gruͤne Feeninſel ſprangen, die mitten im Strome ſtand und das durchſichtige Waſſer theilte, um ihr Auge dem raſchen Laufe des Fluſſes folgen zu laſſen und ihn bald im hellen Sonnenſcheine funkeln, hald ſich in tiefen Schatten der uͤberhaͤngenden Baͤume verſenken zu ſehen. Durch ſolche Scenen der einſamen Waldesſchoͤnheit Ainsworth, Hexen. IV. 3 waren die Jaͤger auf ihrem Wege zu der hohlen Eiche gegangen, und ſie hatten Zeit genug, ſich der Ausſicht zu erfreuen, denn wenn der Squire und ſein Schwager, die ſich, wie oben erzaͤhlt, in ihre Unterhaltung vertief⸗ ten, haͤufig ſtehen blieben, verweilten die Andern auch, und ſelbſt die Hunde, erfreut uͤber dieſe Panſen, ſtan⸗ den ſtill oder ergötzten ſich damit, an den ſeichten Stel⸗ len im Waſſer zu waten, um ſich abzukuͤhlen. Dann ging es wieder weiter, die Fuͤhrer erhoben ihren ermun⸗ ternden Zuruf, die Hunde bellten laut, die Stäbe klap⸗ perten, die Zweige krachten und all dieſes aufregende Gerauſch begleitete den Fortſchritt der Jagd. Aber ſeit einigen Minuten war dieſes wieder verſtummt, denn Nicolaus und Sherborne verweilten unter einer weitſchat⸗ tenden Buche, die auf einer ſandigen Erhoͤhung in der Maͤhe des Fluſſes ſtand, und ſchienen großes Intereſſe an ihrer Unterredung zu finden, da ſie von Alizon ſpra⸗ chen, waͤhrend der ganze Trupp, mit Inbegriff Fogg's, ſich in reſpectvoller Entfernung hielt und wartete, bis es ihnen genehm ſein wuͤrde, weiter zu gehen. Endlich gab der Squire das Signal, welcher ſah, daß ſie nur noch hundert Schritte von dem Ufer ent⸗ fernt ſeien, auf welchem der hohle Baum ſtand, den ſie ſo eifrig aufſuchten. Da der Fluß hier einen Bo⸗ gen um den erwaͤhnten Punkt machte, ſo konnten ſie faſt in den Spalt am Fuße des Baumes hineinſehen, der, wie ſie vermutheten, den Eingang zu dem Lager der Fiſchotter bildete. Wenn auch dieſe Oeffnung leicht zu entdecken war, ſo konnte man doch keine Spuren von dem raͤuberiſchen Thiere ſehen, und obgleich während der 35 Unterredung der beiden Herren mehrere gute Augen auf die Stelle gerichtet waren, ſo geſchah doch Nichts, was ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog und ihnen bewies, daß der Gegenſtand, den ſie ſuchten, wirklich dort ſei. Nach einiger Berathung zwiſchen dem Squire und Crouch wurde beſtimmt, daß der Erſtere ſich allein zu dem Baume begeben ſolle, während die Andern ſich mit den Hunden an verſchiedenen Stellen des Stromes ober⸗ halb und unterhalb des Ufers aufſtellten, ſo daß, wenn die Otter und ihre Brut ihrem erſten Gegner entgingen, ſie doch gewiß durch die Haͤnde der Andern umkommen muͤßten. Als dieſes beſtimmt war, wurde der Plan ſo⸗ gleich in Ausfuͤhrung gebracht— zwei von den Knech⸗ ten blieben, wo ſie waren, und zwei gingen hoͤher hin⸗ auf, waͤhrend Sherborne und Fogg ſich auf die großen Steine in der Mitte des Baches ſtellten, von wo aus ſie Alles uͤberſehen konnten, und Crouch watete mit Greif weiter und ſtellte ſich an dem Punkte auf, wo Swan⸗ ſide Beck in den Ribble muͤndete. Inzwiſchen hatte der Squire das Ufer erklommen, trat in das dichte Gebuͤſch, welches daſſelbe umgab und gelangte, nicht ohne Schaden fuͤr ſein Geſicht und ſeine Haͤnde, wegen der zahlreichen Dornen- und Brombeer— ſtraͤucher, die dort wuchſen, weiter hinauf, bis er den freien Raum erreichte, der den hohlen Baum umgab; und als er ſo weit war, verſicherte er ſich vorher, ob unten Alles in Bereitſchaft ſei, ehe er ſeinen Angriff be⸗ gann. Ein Blick zeigte ihm auf der einen Seite den alten Crouch, der tief im Waſſer ſtand und ſeinen lan⸗ gen Speer in der Hand hielt, und vor ihm Greif, der, 36 in begieriger Erwartung der bevorſtehenden Beſchäftigung, im Waſſer plaͤtſcherte, ihm gegenuͤber Fogg, Sherborne und zwei Knechte, die ihre Hunde ſo aufgeſtellt hatten, daß ſie ſogleich uͤber die Fiſchotter herfallen konnten, wenn ſie ſich ins Waſſer ſtuͤrzte, waͤhrend ihre Umkehr durch ihre Kameraden gehemmt wurde. Dies Alles entdeckte er auf einen Blick, und aus einem Zeichen des alten Jaͤgers erkennend, daß er nicht zoͤgern ſolle, naͤherte er ſich dem Baume und war im Begriff, mit ſeinem Speer in die Spalte zu ſtoßen, in der Hoffnung, wenigſtens einen von den Bewohnern deſſelben zu durchbohren, als ploͤtzlich eine tiefe Stimme aus der Hoͤhlung des Bau⸗ mes hervordrang und ihm zuruͤckzutreten gebot. Nicolaus wich erſchrocken zuruͤck, denn er dachte, es moͤchte der Waldteufel Hobthurſt ſein, der ihn ſo an⸗ redete. „Welches verdammte Weſen redet mich an?“ ſagte er, indem er ſich aufſtellte, um ſich wehren zu koͤnnen. „Was giebts? ſprich!“ „Geh fort, Nicolaus Asſheton,“ verſetzte die Stimme, „und laß Die in Ruhe, die Dir Nichts zu Leide thun.“ „Aha!“ rief der Squire Muth faſſend, denn der Dialekt ſchien ihm nicht der eines Teufels zu ſein.„Man kennt mich alſo? Warum ſollte ich gehen, und auf weſſen Befehl?“ „Thu keine Fragen, Mann, ſondern geh,“ verſetzte die Stimme,„oder es wird Dir ſchlimm ergehen. Ich bin der Kobold des Dickichts, und wenn Du mich her⸗ ausbringſt, zerreiße ich Dich in Stuͤcke mit meinen 37 Klauen und werfe Dich in den Ribble, ſo daß Deine eigenen Hunde Dich freſſen ſollen.“ „Ha! meinſt Du das, Meiſter Kobold,“ rief Ni⸗ colaus.„Fuͤr einen Geiſt ſprichſt Du den Dialekt der Grafſchaft ganz huͤbſch. Aber ehe ich verſuche, ob Dein Fell unverwundbar iſt fuͤr menſchliche Waffen, gebiete ich Dir hervor zu kommen und Dich zu zeigen, damit ich beurtheilen kann, was fuͤr eine Art von Geſchoͤpf Du biſt.“ „Es waͤre beſſer, Du ließeſt mich in Ruhe, das kann ich Dir ſagen,“ brummte der Kobold. „Ah! ich ſollte dieſe Stimme kennen,“ rief der Squire,„ſie gleicht wunderbar der eines Verbrechers, der ſchon zu lange der Juſtiz entgangen iſt, und den ich endlich ertappt habe. Jem Device, Du biſt entdeckt, Junge, und wenn Du Dich nicht auf Gnade oder Ungnade ergiebſt, ſo ſtoße ich mit meinem Speer durch dieſen morſchen Baum und ſpieße Dich auf, als waͤreſt Du das Thier, welches ich zu ſuchen gekommen.“ „Und welches Ihr leichter haͤttet treffen koͤnnen, als mich,“ verſetzte Jem. Und ploͤtzlich aus der Oeff⸗ nung des Baumes hervorſpringend, fuhr er dem Squire mit großer Gewandtheit zwiſchen den Beinen durch und warf ihn mit dem Geſichte auf den Boden, kroch bis an den Rand des Ufers und ließ ſich von dort in den Pfuhl hinunter. Der Fall erregte die Aufmerkſamkeit aller Zuſchauer, die zwar gehoͤrt, was vorgegangen war, und auch den Squire auf die beſchriebene Weiſe hatten uͤberſchlagen — ſehen, aber zu beſtuͤrzt geweſen waren, um ihm Bei⸗ —— 7 ſtand leiſten zu koͤnnen; jetzt aber regten ſich Alle leb⸗ haft, um den Taucher zu fangen, wenn er wieder an die Oberfläche kommen ſollte. Obgleich aber jedes Auge aufmerkſam und jeder Arm erhoben war, obgleich die Hunde eben ſo begierig waren, wie ihre Herren, wild heulten und auf dem Pfuhl herum ſchwammen, bereit, uͤber den Schwimmer wie uͤber eine Ente herzufallen, ſo waren doch Alle getaͤuſcht, denn ſelbſt nach einer laͤnge— ren Pauſe, als ihre Geduld ertragen konnte, erſchien er noch nicht. Jetzt war Nicolaus wieder auf den Fuͤßen und naͤ⸗ herte ſich, wuͤthend uͤber ſeine fehlgeſchlagene Erwartung, dem Rande des Ufers und blickte hinunter, in der Hoff⸗ nung, den Fluͤchtling gerade unter ſich zu entdecken, und entſchloſſen, ihm keine Gnade zu gewähren, wenn er ihn fangen ſollte. Aber es gelang ihm eben ſo wenig, wie den Andern, und nachdem er laͤnger, als fuͤnf Minuten mit vergeblichem Suchen hingebracht hatte, befahl er Crouch, Greif in den Pfuhl zu ſchicken. Der alte Jaͤger erwiederte, der Hund ſei an dieſe Art der Jagd nicht gewoͤhnt und möchte darin nicht ſeine gewoͤhnliche Geſchicklichkeit zeigen; aber da der Squire keine Weigerung annehmen wollte, ſah er ſich genoͤthigt, Folge zu leiſten, und die andern Hunde wurden zuruck⸗ gerufen, um ihm nicht im Wege zu ſein. Zweimal ſchwamm der ſchoͤne Dachshund um den Pfuhl, ſchnuͤf⸗ felte in der Luft, naͤherte ſich dann dem Ufer und roch an dem Raſen; aber dennoch konnte er Nichts entdecken, und Nicolaus wollte ſchon verzweifeln, als der Hund ploͤtzlich untertauchte. Die Erwartung war jetzt aufs 39 Aeußerſte geſpannt und Alle waren wieder wachſam. Ni⸗ colaus lehnte ſich, ſeinen Speer in der Hand, uͤber den Rand des Ufers und hielt ſich bereit zuzuſtoßen; aber der Hund erſchien lange nicht wieder, ſo daß Alle ihn verloren gaben. Sein Herr ſtieß Ausrufungen des Kummers und der Wuth aus, gelobte dem Zauberer Rache, als ſich Greifs grauer Kopf wieder uͤber der Oberflaͤche des Waſſers erhob, und diesmal hatte er ein Stuͤck blaue Serge zwiſchen ſeinen Zahnen, was bewies, daß er mit den Kleidern des Fluͤchtlings in Beruͤhrung gekommen und daß dieſer daher nicht weit entfernt ſein koͤnne und ſich wahrſcheinlich in einer Hoͤhle unter dem Ufer verſteckt habe. Sobald man dieſe Entdeckung gemacht hatte, wa⸗ teten der alte Jäger und Fogg ins Waſſer und ſtießen an verſchiedenen Stellen unter der Oberflaͤche des Fluſſes mit ihren Speeren in das Ufer. Mloͤtzlich fiel Fogg vor⸗ waͤrts. Sein Speer drang ſo tief in eine Höhle, daß er ſein Gleichgewicht verlor. Aber obgleich er uͤber Kopf und Ohren ins Waſſer fiel, hatte er doch einen gluͤckli⸗ chen Fang gethan, denn im naͤchſten Augenblick erſchien Jem Device uͤber dem Waſſer, und ehe er wieder un⸗ tertauchen konnte, packte ihn Greif bei der Kehle, und waͤhrend er ſich von dem hartnaͤckigen Thiere frei zu ma⸗ chen ſuchte, wurde er von Crouch ergriffen, und indem die Knechte dieſem zu Huͤlfe eilten, wurde der Verbre⸗ cher verhaftet. Nur mit einiger Schwierigkeit konnte man den Fluͤchtling von den Zaͤhnen der Hunde befreien, die ihn nielleicht fuͤr ein fremdes Wild hielten, ihn an verſchie⸗ —— 40 denen Theilen des Koͤrpers anpackten, ihm die Kleider zerriſſen und ihm wahrſcheinlich auch das Fleiſch zerriſſen haͤtten, wenn man es ihnen geſtattet hätte. Endlich, nach vielem Kaͤmpfen und Ringen, gemiſcht mit Ge⸗ heul und Zurufen, wurde Jem ans Ufer getragen und auf den Boden geworfen, wo er, blutend und mit Schlamm bedeckt, einen klaͤglichen Anblick darbot. Aber obgleich unfaͤhig zu weiterem Widerſtande, war ſein Muth nicht gebrochen, und ſein Auge ſtarrte ſchrecklich ſeine Feinde an. Da man fuͤrchtete, man mochte noch mehr Muͤhe mit ihm haben, wenn er ſich von ſeinem gegen⸗ waͤrtigen erſchoͤpften Zuſtande erhole, ließ Crouch ſeine Haͤnde mit einem Leitſeil feſt zuſammen binden, und haͤtte dann gern erfahren, wie er es angefangen, in ei⸗ ner Hoͤhle unter dem Waſſer zu athmen; aber Jem wei⸗ gerte ſich, ſeine Neugierde zu befriedigen und gab nur eine muͤrriſche Antwort auf alle Fragen, die man an ihn richtete, bis der Squire vermoge einiger Steine uͤber den Bach ging, und der Verbrecher ihn in halb drohendem Tone fragte, was er mit ihm zu thun beabſichtige. „Was ich mit Dir zu thun beabſichtige?“ rief Ni⸗ colaus.„Ich will es Dir ſagen, Burſche. Ich werde Dich ſogleich nach Whalley ſchicken, um von den Rich⸗ tern verhoͤrt zu werden; und da die Beweiſe gegen Dich ziemlich klar ſind, ſo wirſt Du ohne großen Aufſchub nach Lancaſter Caſtle befoͤrdert werden.“ „Und Ihr wollt mich nicht unterwegs befreien, wie Ihr mit einer gewiſſen beruͤchtigten Hexe und Moͤrderin gethan!“ verſetzte Jem heftig.„Nehmt Euch in Acht, was Ihr thut, Squire. Wenn ich uͤberhaupt ſpreche, 41 werde ich Alles herausſagen, dafuͤr ſtehe ich Euch. Wenn ich nach Lancaſter Caſtle gehe, will ich nicht allein ge⸗ hen. Eine von Euren Verwandten ſoll mit mir gehen.“ „Verdammter Schurke! ich vermuthe Deine Mei⸗ nung,“ verſetzte Nicolaus;„aber Deine rachſuͤchtigen Vorſaͤtze ſollen vereitelt werden. Man wird Deinen fal⸗ ſchen Anklagen keinen Glauben ſchenken, waͤhrend die Dame, auf die Du zielſt, außer dem Bereiche Deiner Bosheit iſt.“ „Seid deſſen nicht zu gewiß, Squire,“ verſetzte Jem.„Ich kann die Diener der Juſtiz eben ſo ſicher auf ihre Spur bringen, wie der alte Crouch dieſe Hunde auf die Spur einer Fiſchotter. Ihr koͤnnt Euch darauf verlaſſen, ich werde nicht ungeraͤcht ſterben.“ „Achtet nicht auf ihn,“ fiel Sherborne ein, als er ſah, daß der Squire durch dieſe Drohung erſchuͤttert wurde;„es wuͤrde nicht angehen, einen ſolchen Verbre⸗ cher entfliehen zu laſſen. Er kann Euch nicht ſchäden, und wenn Ihr wißt, wo ſie ſich aufhaͤlt, ſo wird es leicht ſein, ihr einen Wink zu geben, ſich aus dem Wege zu halten.“ „Ich weiß das nicht,“ verſetzte Nicolaus gedan⸗ kenvoll. „Wenn ich ſo kuͤhn ſein darf, meinen Rath aus⸗ zuſprechen, Squire,“ ſagte der alte Crouch ſich ſeinem Herrn naͤhernd,„wuͤrde ich dem Kerl einen ſchweren Stein um den Hals binden und ihn in den Pfuhl wer⸗ fen, damit er Nichts mehr ausſagen kann.“ „Das wuͤrde ihn in der That zur Ruhe bringen, Crouch,“ verſetzte Nicolaus lachend,„aber der Tod ei⸗ — 42 nes Hundes iſt zu gut fuͤr ihn, und uͤberdies bin ich gewiß, daß es nicht ſeine Beſtimmung iſt, zu ertrinken. Nein, nein— er ſoll auf jede Gefahr nach Whalley. Hoͤrt, Fogg,“ fuͤgte er hinzu, indem er dieſen wuͤrdi⸗ gen Herrn zu ſich winkte,„ich uͤbergebe Euch die Be⸗ wachung und Begleitung des Gefangenen. Setzt ihn auf ein Pferd, beſteigt ſelber ein anderes, nehmt dieſe vier Knechte mit und uͤberliefert ihn Sir Ralph Asſhe⸗ ton's Haͤnden, der Euch alle weitere Muͤhe und Ver— antwortlichkeit abnehmen wird. Aber Ihr koͤnnt noch dem Baronet von mir ſagen,“ fuͤgte er leiſe hinzu,„ich rathe ihm, Eliſabeth Device, die Mutter des Gefange⸗ nen und deren Tochter Jennet ſogleich zu verhaften. Ihr verſteht mich, Fogg?“ „Vollkommen,“ entgegnete der Andere mit etwas auffaendem Blick,„und Eure Inſtructionen ſollen buch⸗ ſtaͤblich erfullt werden. Habt Ihr mir noch ſonſt Etwas aufzutragen?“ „Nur noch dies,“ ſagte Nicolaus;„Ihr koͤnnt Sir Ralph ſagen, daß ich dieſe Nacht in der Abtei zu ſchla— fen beabſichtige. Ich werde im Laufe des Tages nach Middleton hinuͤber reiten, um mit Dick Asſheton uͤber das eben Geſchehene zu ſprechen, und das Geld— die dreihundert Pfund— von ihm zu borgen, und wenn mein Auftrag ausgerichtet iſt, will ich nach Whalley rei⸗ ten. Ich werde uͤber Todworden und durch die Schlucht von Cliviger zuruͤckkehren. Ihr koͤnnt in der Abtei auf mich warten, denn Sir Ralph wird Geſchmack an Eu⸗ rer Geſellſchaft finden und wir koͤnnen morgen zuſam⸗ men nach Downham zuruͤckkehren.“ 43 Als der Squire ſo ſprach, bemerkte er einen auf⸗ fallenden Schimmer in Fogg's ſchief geſtellten Augen;z doch dachte er im Augenblick nicht weiter daran, obgleich es ihm ſpaͤter wieder einfiel. Als der Gefangene ſah, daß ihm keine Gnade ge⸗ waͤhrt wurde, rief er dem Squire zu, wenn er ihn frei⸗ laſſe, wolle er ihm gewiſſe wichtige Mittheilungen hinſicht— lich Fogg's machen, der nicht ſei, wofuͤr er ſich aus⸗ gebe. Aber Nicolaus behandelte das Anerbieten mit Ver⸗ achtung, und der Mann, der bei der Sache am meiſten intereſſirt war und durch Jem's Bosheit ſehr aufgebracht ſchien, ſchnitt einen kleinen Pflock, den er dem Verbre⸗ cher in den Mund ſteckte, um auf dieſe Weiſe alle wei⸗ teren Mittheilungen von ſeiner Seite zu verhindern. Dann befahl Foga den Knechten, den Gefangenen fortzufuͤhren; als ſich Jem aber hartnaͤckig zu gehen wei⸗ gerte, ſahen ſie ſich genoͤthigt, ihn auf ihre Schultern zu nehmen und ihn auf dieſe Weiſe in den Pferdeſtall zu tragen, wo ſie ihn auf ein Pferd ſetzten, wie der Squire befohlen hatte. 44 Zweites Kapitel. Der Schlupfwinkel der Büßenden. Nicolaus und Sherborne kehrten auf einem an⸗ dern Pfade zuruͤck, als die Andern, und hielten ſich un⸗ terwegs ſo lange auf, daß ſie erſt im Herrenhauſe an⸗ kamen, als der Gefangene mit ſeiner Begleitung ſchon fort war. Wahrſcheinlich war dies abſichtlich geſchehen, denn Nicolaus ſchien ſehr beunruhigt zu werden, als er er⸗ fuhr, daß ſie fort waͤren. Als er mit ſeinem Schwager ins Haus trat, fuͤhrte er ihn in ein Zimmer, welches an die Halle ſtieß und gewoͤhnlich von Miſtreß Asſhe⸗ ton bewohnt wurde; in der That fanden ſie auch dieſe liebenswuͤrdige Dame an ihrem Stickrahmen beſchaͤftigt. Er ließ Sherborne bei ihr zuruͤck, entſchuldigte ſich we⸗ gen ſeiner haſtigen Entfernung und begab ſich zu einem andern Theile des Hauſes. Nachdem er die Haupttreppe, die aus dunklem Ei⸗ chenholz mit zierlich geſchnitzten Gelaͤndern beſtand, hin⸗ aufgeſtiegen war, ging er durch die Gallerie, die zu den Schlafgemaͤchern fuͤhrte, und nachdem er dieſelbe meht als zur Haͤlfte hinuntergegangen war, blieb er vor einer Thuͤr ſtehen, die er aufſchloß und in ein geraͤumiges und anſcheinend unbewohntes Zimmer trat, welches rings ——— 45 herum mit verblichenen gewirkten Tapeten bedeckt war und ein großes duͤſter ausſehendes Bett enthielt. Nach⸗ dem Nicolaus die Thuͤr ſorgfäͤltig hinter ſich verſchloſſen hatte, erhob er den Vorhang in einem Winkel des Zim⸗ mers und druͤckte an einer Feder, worauf ſich die Fuͤl⸗ lung des Tafelwerks zuruͤckſchob. Im Innern ſtand ein Schirm, ſo daß die Bewohnerin des verborgenen Ge⸗ machs nicht ſogleich zu ſehen war. Nicolaus huſtete leiſe, um ſeine Gegenwart anzumelden, und empfing eine Antwort von einer leiſen und ſchwermuͤthigen weiblichen Stimme, trat durch die Oeffnung und ſtand in dem kleinen Gemache. Es war von einer Dame bewohnt, deren Geſichts⸗ zuͤge und Geſtalt die ſtaͤrkſten Spuren der Betruͤbniß an ſich trugen. Sie war ſo abgemagert, daß ſie faſt wie ein Skelett ausſah— ihre Finger waren lang und ohne Fleiſch— ihre Wangen hohl und todtenblaß— ihre Augen glanzlos und tief eingeſunken und ihr Haar, welches einſt ſchwarz wie der Fluͤgel eines Raben gewe⸗ ſen, war vor der Zeit weiß geworden. So tief war der Kummer, der ihrem Geſicht eingepraͤgt war, daß man ſie unmoͤglich ohne Mitleid anſehen konnte, waͤhrend ſie, ungeachtet ihres ſchmerzlichen Ausdrucks, einen edlen Charakter an ſich hatte, der das Gefuͤhl zu lebhaftem Intereſſe ſteigerte und mit Reſpect verſchmolz. Sie kniete vor einem kleinen Pult, auf welchem eine offene Bibel lag, worin ſie beim Eintritt des Squire aufmerk⸗ ſam las. „Hier iſt ein ſchrecklicher Text fuͤr Euch, Nicolaus,“ ſagte ſie, indem ſie ihn traurig anſah.„Hoͤrt ihn an 46 und beurtheilt, welchen Eindruck er auf mich machen muß. Im fuͤnften Buch Moſes(18, 10) ſteht geſchrie⸗ ben:„„Daß nicht unter Dir gefunden werde, der ſei⸗ nen Sohn oder Tochter durchs Feuer gehen laſſe, oder ein Weisſager, oder ein Tagwäͤchter, oder der auf Vo⸗ gelgeſchrei achte, oder ein Zauberer.““— Beachtet den Ausdruck wohl, Nicolaus! Und doch iſt der folgende Vers noch bezeichnender:„„Oder Beſchwoͤrer, oder Wahr⸗ ſager, oder ein Zeichendeuter, oder der die Todten frage.““ Und dann kommt die Verkuͤndigung des goͤttlichen Zor⸗ nes gegen ſolche Uebertreter in dieſen furchtbaren Worte: „„Denn wer ſolches thut, der iſt dem Herrn ein Graͤuel, und um ſolcher Graͤuel willen vertreibt ſie der Herr Dein Gott vor Dir her.““ Dann heißt es im dritten Buch Moſes(20, 27):„„Wenn ein Mann oder Weib ein Wahrſager oder Zeichendeuter ſein wird, die ſollen des Todes ſterben, man ſoll ſie ſteinigen, ihr Blut ſei auf ihnen.““ Es iſt alſo keine Rettung fuͤr Zauberer und Heren. Nach dem göttlichen Befehle muͤſſen ſie um⸗ kommen und die menſchliche Gerechtigkeit muß das Ur⸗ theil vollſtrecken. Nicolaus, ich habe die hier bezeichne⸗ ten Verbrechen begangen— ich habe Hexerei geuͤbt, Gei⸗ ſter befragt und andern Grauel im Angeſichte des Him⸗ mels vollfuͤhrt, und ich muß die volle Strafe fuͤr meine Vergehungen dulden.“ „Seht Eure Sache nicht immer aus dieſem Ge⸗ ſichtspunkte an,“ verſetzte der Squire.„Wenn Ihr ge⸗ ſuͤndigt habt, ſo habt Ihr auch Buße gethan durch die Aufrichtigkeit und Tiefe Eurer Reue. Iher vringt Tage und Naͤchte in beſtandigem Gebete zu. Eure Enthalt⸗ — 47 ſamkeit iſt groͤßer, als die, welche je eine Buͤßende ge⸗ uͤbt, denn ich bin gewiß, daß Ihr im letzten Monat nicht ſo viel Speiſe zu Euch genommen habt, als ich an einem Tage verzehre; waͤhrend Ihr, damit noch nicht zufrieden, Bußuͤbungen verrichtet, an die ich nur mit Betruͤbniß denken kann, und welche aufzugeben ich Euch vergebens zugeredet habe. Es wird nicht nothig ſein, Euch der Juſtiz auszuliefern; denn wenn Ihr ſo fort⸗ fahrt, handelt Ihr nicht im geringſten milder gegen Euch ſelbſt, und Eure Rechnung mit der Welt wird bald ab⸗ geſchloſſen werden.“ „Dieſer Gedanke wuͤrde mich erfreuen, Nicolaus, wenn ich irgend eine Hoffnung zu der kuͤnftigen Welt haben koͤnnte,“ verſetzte Miſtreß Nutter.„Aber ach! ich habe keine. Ich kann mein Vergehen durch keine Reue und keine Zerknirſchung wieder abbuͤßen. Meine Seele iſt durch Verzweiflung verfinſtert. Ich weiß, ich ſollte mich ausliefern— Gott und Menſchen fordern zugleich mein Leben, und ich kann mich nicht mit dem Gedanken verſoͤhnen, meine gerechte Strafe zu vermeiden.“ „Es iſt der boͤſe Feind, der Euch ſolche Gedanken in den Kopf ſetzt,“ entgegnete Nicolaus,„und der Euer Herz mit Verzweiflung erfullt, um wieder die Herrſchaft daruͤber zu erlangen. Aber ſeht Eure Lage aus einem ruhigeren und troͤſtlicheren Geſichtspunkte an. Vielleicht fordert die menſchliche Gerechtigkeit ein öffentliches Opfer als Exempel, aber der Himmel wird ſich mit der ſtillen Zerknirſchung begnuͤgen.“ „Ich hoffe es,“ verſetzte die Dame, welche verge⸗ bens Troſt aus ſeinen Worten zu ſchoͤpfen ſuchte.„H! — 48 Nicolaus, Ihr kennt nicht die Verſuchungen, welchen ich in dieſem Zimmer unterworfen bin— die Schwierig⸗ keit, meine Gedanken auf einen Gegenſtand zu richten — die Zerſtreuungen— die Verfinſterung und Schwaͤche meines Geiſtes— die koͤrperliche Ermattung und den unbegreiflichen Schrecken, der ſich meiner bemaͤchtigt. Zuweilen wuͤnſche ich, mein Geiſt moͤchte abſcheiden und ich in Ruhe ſein. Ruhe! es giebt keine fuͤr mich— keine im Grabe, keine jenſeits des Grabes— und da⸗ rum fuͤrchte ich den Tod und noch mehr das Gericht nach dem Tode! Die Menſchen koͤnnten dieſer armen ſterblichen Geſtalt alle Qualen auferlegen, die ſie nur zu erdenken vermoͤgen. Ich wuͤrde ſie alle mit Geduld, mit Entzuͤcken ertragen, wenn ich denken koͤnnte, daß ich mir dadurch jenſeits Strafloſigkeit erkaufen koͤnnte! aber bei der ſchrecklichen Ueberzeugung, die faſt Gewißheit iſt, daß es anders ſein wird, kann ich der endlichen Erfuͤllung nur mit Verzweiflung entgegen ſehen!“ „Ich ſage Euch noch einmal, daß dieſe Gedanken boͤſe ſind,“ ſagte Nicolaus.„Der Sohn Gottes, der ſich fuͤr die Menſchen geopfert hat, und vermoͤge deſſen Opfer Alle auf Erloͤſung hoffen, hat uns verſichert, daß der groͤßte Suͤnder, welcher Buße thut, Vergebung erhal— ten wird und in den Augen des Himmels angenehmer ſein wird, als Der, welcher niemals geirrt. Weit ent⸗ fernt ſei es von mir, Euch in Euren Augen entſchuldi⸗ gen oder Eure fruͤheren verbrecheriſchen Handlungen als unbedeutend darſtellen zu wollen. Ihr habt ſchwer ge⸗ ſuͤndigt, ſo ſchwer, daß Ihr wohl bei der Betrachtung Eures vergangenen Lebens erſchrecken, vor Euch ſelber mit 49 Abſcheu zuruͤckbeben und Euch wohl dem beſtaͤndigen Ge⸗ bete und Bußuͤbungen widmen duͤrft. Aber wenn Ihr Eure Ungerechtigkeit von Euch geworfen und aufrichtig bereut habt, bitte ich Euch zu hoffen— ich bitte Euch, Eure vertrauensvolle Zuverſicht auf die Milde des All— guͤtigen zu ſetzen.“ „Ihr gewaͤhrt mir großen Troſt, Nicolaus,“ ſagte die Dame,„und wenn blutige Thraͤnen meine Suͤnde abwaſchen koͤnnen, ſo ſollen ſie vergoſſen werden; aber ſo viel Ihr auch von meinen Verbrechen wißt, koͤnnt Ihr doch den ganzen Umfang meiner Verworfenheit nicht faſſen. In meinem Wahnſinn, denn es war nichts Anderes, habe ich alle Hoffnungen auf den Himmel auf— gegeben, meinem Erloͤſer entſagt, bin vom Teufel ge⸗ tauft worden und habe einen Vertrag mit ihm geſchloſſen, vermoͤge deſſen— ich ſpreche es mit Schauder aus— meine Seele ihm gehoͤrt.“ „Ihr brachtet Euch dadurch ohne Zweifel in große Gefahr,“ verſetzte Nicolaus,„aber Ihr habt den Bund noch zur rechten Zeit gebrochen und ein gerechter Rich⸗ ter wird nicht zugeben, daß Ihr der Strafe verfallen ſeid. Satan hat Eure Reue geſehen und allen Anſpruch an Eure Seele aufgegeben.“ „Ich glaube es nicht,“ verſetzte die Dame.„Er wird mich bis zum letzten Augenblick als ſein Eigenthum behaupten und erſt zuletzt wird der Streit entſchieden werden.“ Waäͤhrend ſie ſprach, vernahm Nicolaus einen Laut, der einem hoͤhniſchen Gelaͤchter glich. „Hoͤrtet Ihr das?“ fragte Miſtreß Nutter mit dem Ainsworth, Hexen. IV. 4 1 1 . 50 Ausdruck des wildeſten Schreckens.„Er iſt ſtets wach⸗ ſam— ich wußte es ja.“ Dann faltete ſie ihre Haͤnde, erhob ihre Blicke, wendete ſich mit dem inbruͤnſtigſten Flehen zum Him⸗ mel und bat um Erloͤſung vom Boͤſen, und bald nahm ihr verwirrtes Geſicht ſeine fruͤhere Heiterkeit wieder an, welches bewies, daß das Gebet der beſte Balſam fuͤr ein beunruhigtes Gemuͤth iſt. Nicolaus war ihrem Beiſpiel gefolgt, denn ſehr beunruhigt, war er gleichfalls auf die Kniee geſunken und ſtand jetzt mit etwas mehr Faſſung in Anblick und Benehmen auf. „Es thut mir leid, daß ich Euch keine gute Nach⸗ richt bringe, Madame,“ ſagte er;„aber Jem Device iſt dieſen Morgen verhaftet worden, und da der Kerl ſehr erbittert gegen mich iſt, ſo droht er, Euren Auf⸗ enthalt den Dienern der Gerechtigkeit zu verrathen; und obgleich er wahrſcheinlich unbekannt damit iſt, obgleich er das Gegentheil behauptet, ſo kann er doch machen, daß Nachforſchung angeſtellt wird, und daher halte ich es fuͤr beſſer, wenn Ihr an einen andern verborgenen Ort gebracht werdet.“ „Ich bitte Euch, Nicolaus, liefert mich ohne Wei⸗ teres aus,“ ſagte die Dame. „Ihr kennt meinen Entſchluß uͤber dieſen Punkt, Madame,“ verſetzte er,„und daher iſt es thoͤricht zu verſuchen, ihn erſchuͤttern zu wollen. Um Eurer Tochter willen, wenn auch nicht um Euretwillen, werde ich Euch retten, wenn Ihr es gleich nicht wollt. Ihr wollt doch nicht anf immer ein Brandmal auf Alizon's Namen druͤcken— Ihr werdet ſie nicht zu Grunde richten wollen?“ ————————— 3—— 51 „Das will ich nicht,“ verſetzte die ungluͤckliche Da⸗ me.„Aber habt Ihr von ihr gehoͤrt— habt Ihr ſie geſehen? Sagt mir, iſt ſie wohl und heiter?“ „Sie iſt wohl und wuͤrde auch heiter ſein, waͤre ſie nicht zu aͤngſtlich beſorgt fuͤr Euch,“ verſetzte Nico⸗ laus ausweichend.„Aber um ihretwillen— um mei⸗ netwillen— um Eurer ſelbſt willen muß ich Euch dringend bitten, Euch dieſe Nacht einen andern Zufluchtsort zu ſuchen, denn wenn man Euch hier entdeckt, werdet Ihr uns Allen den Untergang bringen.“ „Ich will die Sache nicht weiter beſtreiten,“ ver⸗ ſetzte Miſtreß Nutter.„Wohin ſoll ich gehen?“ „Ich weiß nur einen Ort, der durchaus ſicher iſt, aber ich nenne ihn nicht gern,“ verſetzte Nicolaus.„Da es aber nur noͤthig ſein wird, einen oder zwei Tage dort zu bleiben, bis die Nachforſchung voruͤber iſt, ſo koͤnnt Ihr dann hieher zuruͤckkehren.“ „Welches iſt der Ort?“ fragte Miſtreß Nutter. „Malkin Tower,“ antwortete der Squire mit einigem Zaudern. „Ich werde nimmermehr an jenen verdammten Ort gehen,“ rief die Dame.„Schickt mich fort von hier, wenn Ihr wollt— jetzt oder um Mitternacht, und laßt mich in den oͤden Schluchten oder auf dem verlaſſenen Moor Zuflucht ſuchen, aber ſchickt mich nicht dorthin!“ „Und doch iſt es der beſte und ſicherſte Ort fuͤr Euch,“ entgegnete Nicolaus etwas muͤrriſch;„denn da das Geruͤcht geht, als werde der Thurm von Geiſtern bewohnt, ſo wird Euch Niemand dort belaͤſtigen. Was Mutter Demdike betrifft, ſo ſetze ich voraus, daß Ihr 4* ———— ——— ———— —— Euch nicht vor ihrem Geiſte fuͤrchtet; und wenn die boͤſen Weſen, die Euch ſchrecken, im Stande oder geneigt waͤren, Euch Leid zuzufuͤgen, ſo wuͤrden ſie nicht war— ten, bis Ihr dorthin kaͤmet, um ihren Vorſatz auszu⸗ fuͤhren.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Miſtreß Nutter;„ich ſollte nicht zaudern. Ich will gehen.“. „Ihr werdet dort ebenſo ſicher ſein, wie hier, ja, noch ſicherer,“ verſetzte Nicolaus,„ſonſt wuͤrde ich Euch nicht bewegen wollen, dorthin zu gehen. Ich bin im Begriff, noch dieſen Morgen nach Middleton hinuͤberzu⸗ reiten, um Eure Tochter und Richard Asſheton zu be⸗ ſuchen, und werde in Whalley ſchlafen, ſo daß ich nicht im Stande bin, Euch dieſe Nacht zu dem Thurme zu begleiten, aber der alte Jäger Crouch ſoll, ſobald es dun⸗ kel wird, im Sommerhauſe auf Euch warten, wohin, wie Ihr wißt, die geheime Treppe von dieſem Zimmer aus fuͤhrt, und er ſoll ein Pferd in Bereitſchaft haben, um Euch mit Euren noͤthigen Sachen zu Eurem Zu⸗ fluchtsorte zu bringen. Der Himmel ſchuͤtze Euch, Ma⸗ dame!“ „Amen!“ antwortete die Dame. „Und nun lebt wohl!“ ſagte Nicolaus.„Ich hoffe, Euch in wenigen Tagen zuruͤckkehren zu ſehen, wo Eure Ruhe dann ungeſtoͤrt bleiben wird.“ Mit dieſen Worten trat er zuruͤck, ging durch die Oeffnung und ſchloß die Fuͤllung des Taͤfelwerkes wieder. ——— —————— n— 53 Drittes Kapitel. Middleton 5 ahl. Middleton Hall, die Wohnung Sir Richard As⸗ ſheton's, war ein großes viereckiges Gebaͤude, ganz von Holz erbaut und aͤußerlich ſchwarz und weiß gewuͤrfelt, phantaſtiſch und nach abwechſelndem Muſter angeſtrichen, in dem Style der beſſern Claſſe der Tudorhaͤuſer in Suͤd⸗ Lancaſhire und Cheſhire. Von einem tiefen Graben um⸗ geben, der von einem benachbarten Bache mit Waſſer verſehen wurde, und uͤber den vier Zugbruͤcken fuͤhrten, welchen gegenuͤber ſich immer ein Thor befand, war dieſes ungeheure Gebaͤude in zwei geraͤumige Hoͤfe ge⸗ theilt, wovon der eine die Staͤlle, Scheunen und Wirth⸗ ſchaftsgebäude enthielt, waͤhrend der andere fuͤr die Fa— milie und die Gaͤſte reſervirt wurde, womit das gaſtliche Gebaͤude ſtets angefuͤllt war. In dem letztgenannten Theile des Hauſes befand ſich eine große Gallerie mit tief liegenden Fenſtern, mit gemaltem Glaſe angefuͤllt, einem Fußboden von polirtem Eichenholz, Waͤnden von demſelben dunklen und glaͤnzenden Material, mit Bil— dern ſteifer Schoͤnen behaͤngt, einige im geſteiften Hals⸗ kragen und Reifrock und einige im Coſtuͤm einer fruͤhe⸗ ren Periode, unter welchen ſich Margaretha Barton be⸗ fand, die der Familie die Beſitzung Middleton zubrachte; 54 —— mit Portraits finſterer Krieger, die mit Sir Ralph As⸗ ſheton, Marſchall von England unter der Regierung Eduard des Vierten, dem Gruͤnder des Hauſes und Ge⸗ mahl der oben erwaͤhnten Margaretha Barton begannen, und mit Sir Richard Asſheton, dem Großvater des ge⸗ genwärtigen Beſitzers des Gutes und eines der Helden bei Flodden endeten. Unter ihnen waren ernſte Rechts⸗ gelehrte und noch ernſtere Geiſtliche, und eine vorherr⸗ ſchende Aehnlichkeit zeigte, daß Alle zu einer Linie ge⸗ hoͤrten. Ein ungeheurer Kamin befand ſich an der einen Seite, maſſive Tiſche von Wallnuß- und Eichenholz, ſchwarz und glaͤnzend wie Ebenholz, ſtanden in der Mitte und Stuͤhle mit hohen Ruͤcklehnen an den Seiten her⸗ um. Im obern Stockwerk befanden ſich lange Corti⸗ dors, von welchen man durch Gitterfenſter in den Hof hinunterſah, und welche zu den faſt zahlloſen Schlaf⸗ zimmern fuͤhrten, waͤhrend in dem untern Geſchoß ent⸗ ſprechende Gaͤnge den Zugang zu allen groͤßeren Zim⸗ mern bildeten und mit der großen Eintrittshalle endeten, deren Decke von ungeheuren gekruͤmmten Querbalken durchſchnitten war, die einem umgekehrten Schiffe glichen. Die untern Balken waren zierlich ausgeſchnitzt, mit ver⸗ goldeten Knoͤpfen und ausgemeißelten Figuren verſehen, welche Schilder trugen, worauf ſich das Wappen der Asſheton's befand. Dreihundert Gewehre mit Lunten⸗ ſchloͤſſern waren rings an den Waͤnden der Eingangs⸗ halle aufgeſtellt, außer den Helmen, Stahlhauben und andern Ruͤſtungen. Dieſe Waffen hatte Sir Richard's Ahne waͤhrend der Anwerbung im Jahre 1574 geſam⸗ melt, als er fuͤr die Koͤnigin Eliſabeth eine Schwadron ——————— 55 Reiter hatte anwerben und equipiren muͤſſen. Außer⸗ halb des Hauſes war ein Garten, reizend angelegt mit Beeten und Gaͤngen, und nicht nur bis zu dem Rande des Feſtungsgrabens, ſondern noch daruͤber hinausgefuͤhrt, bis er eine mit Buchen beſetzte Anhoͤhe erreichte. Ein Kamm von hohen, verwickelten Schornſteinen und ein hohes Dach mit zierlich geſchnoͤrkelten Giebeln, uͤber wel⸗ chen viele vergoldete Wetterfahnen wehten, moͤgen das Bild von Middleton Hall vollenden. An einem lieblichen Sommerabend ſaßen zwei junge Perſonen verſchiedenen Geſchlechts auf einer Bank am Fuß einer der groͤßten und ſchattigſten Buchen, die auf der oben erwaͤhnten Anhoͤhe ſtanden; und obgleich ſie in Ausſehen und Charakter ſehr verſchieden waren, da das junge Maͤdchen außerordentlich weiß war und ſo helle und flockenartige Locken hatte, wie die Wolken uͤber ihnen, und ſo blaue und zarte Augen, wie der Him⸗ mel, und der Juͤngling ſich durch maͤnnliche Schoͤnheit auszeichnete, obgleich in ganz verſchiedenem Styl, ſo herrſchte doch immer eine ſo große Aehnlichkeit zwiſchen ihnen, um Geſchwiſter in ihnen zu erkennen. Sie ſprachen in leiſen und ernſten Toͤnen mit ein⸗ ander, welches zeigte, wie lebhaft ſie der Gegenſtand in⸗ tereſſirte, von dem ſie ſprachen, und als ſie fortfuhren, ſtieß Richard Asſheton manchen unwillkuͤrlichen Seufzer aus, waͤhrend mehr als einmal eine Thraͤne die Augen ſeiner Schweſter truͤbte, und ihre Hand ihn durch einen ſanften Druck zu beruhigen ſuchte. Sie ſprachen von Alizon und von ihrer eigenthuͤm⸗ lichen und troſtloſen Lage, und von der hoffnungsloſen 56 Liebe des jungen Mannes zu ihr. Sie war der allge⸗ meine Gegenſtand ihrer Unterredung, denn es war Ri⸗ chard's einziger Troſt, ſeinen Kummer in das willige Ohr ſeiner Schweſter auszuſchuͤtten; aber er hatte jetzt neue Veranlaſſungen zur aͤngſtlichen Beſorgniß, denn Nicolaus war an dem Nachmittage mit der Nachricht von James Device's Gefangennahme und ſeinen gegen Miſtreß Nutter ausgeſtoßenen Drohungen angekommen. Der Squire war eben wieder abgereiſt, nachdem ihm der doppelte Zweck ſeines Beſuches gelungen, nämlich dreihundert Pfund von ſeinem Vetter zu borgen und ihn ferner zu bewegen, der Zuſammenkunft in Hoghton To⸗ wer beizuwohnen. Die erſte Bitte gewaͤhrte Richard ſogleich und willigte nach einigem Widerſtreben auch in die zweite, vorausgeſetzt, daß inzwiſchen nichts beſonders Wichtiges geſchehe. Nico⸗ laus verſuchte ihn von ſeiner Troſtloſigkeit abzubringen, indem er ihn zu uͤberzeugen ſuchte, Alles werde endlich noch gut gehen und ſeine uͤblen Ahnungen unerfuͤllt bleiben; aber ſeine Gruͤnde waren unwirkſam und er ſah ſich bald genoͤthigt, von ſeinem Bemuͤhen abzuſtehen. Der Squire haͤtte Alizon auch gern geſehen; als er aber hoͤrte, daß ſie ſich immer bis zur Abendzeit in ihr Zim⸗ mer einſchließe, drang er nicht weiter darauf. Richard bat ihn, die Nacht dazubleiben, indem er die Weite des Rittes und die nahe bevorſtehende Nacht als Gruͤnde anfuͤhrte. Aber in dieſem Punkte war der Squire ent⸗ ſchloſſen, und nachdem er die große Geldſumme, die er erhalten, ſorgfaͤltig unter ſeinem Wamms verborgen hatte, beſtieg er ſein Lieblingspferd Robin, welches eben ſo friſch —————,— 57 ſchien, als wenn es an dem Morgen noch nicht dreißig Meilen zuruͤckgelegt habe, und ritt fort. Richard ſah ihn uͤber die Zugbruͤcke reiten und den Weg nach Rochdale einſchlagen, und nachdem er ihm zum Abſchied noch einmal mit der Hand zugewinkt, kehrte er in die Halle zuruͤck und ſuchte ſeine Schwe⸗ ſter auf. Dorothea war leicht zu uͤberreden, einen Spazier⸗ gang in den Garten mit ihrem Bruder zu machen, und waͤhrend dieſes Ganges vertraute er ihr Alles, was er von Nicolaus gehoͤrt. Ihre Unruhe bei James Device's Drohung war noch groͤßer, als die ſeinige, und obgleich ſie eine unuͤberwindliche Abneigung gegen Miſtreß Nut⸗ ter hegte und nicht zu bewegen war, an die Aufrichtig⸗ keit ihrer Buße zu glauben, ſo fuͤrchtete ſie doch, um Alizon's Willen, daß ihr Etwas zu Leide geſchehen moͤchte, und wuͤnſchte ganz beſonders die Schande zu vermeiden, die eine oͤffentliche Hinrichtung herbeifuͤhren mußte. Sie war uͤberzeugt, daß Alizon eine ſolche Kataſtrophe nicht uͤherleben werde, und war daher der Meinung, daß man ſie auf jede Gefahr hin abzuwenden ſuchen muͤſſe. Richard theilte ihre Befuͤrchtungen nicht in dem⸗ ſelben Grade, weil ihm Nicolaus die Verſicherung gege⸗ ben, daß Miſtreß Nutter an einen voͤllig ſichern Ort wuͤrde gebracht werden, und er mit dem Squire geneigt war, die Drohungen des Gefangenen als den Ausdruck der ohnmaͤchtigen Wuth anzuſehen. Dennoch konnte er nicht umhin, ſich ſehr unruhig zu fuͤhlen. Auch ſeiner bemaͤchtigte ſich eine unbeſtimmte Furcht, die er verge⸗ bens von ſich abzuſchutteln ſuchte, doch theilte er ſie ſei— 58 ner Schweſter nicht mit, da er wußte, welchen ſchreck⸗ lichen Eindruck ſie auf ihr furchtſameres Gemuͤth hervor⸗ bringen wuͤrde; er behielt daher die Seelenqual, die er duldete, fuͤr ſich, und hoffte, daß ſie bald an Heftigkeit abnehmen werde. Aber darin taͤuſchte er ſich, denn an⸗ ſtatt abzunehmen, nahm ſeine Schwermuth und Nieder⸗ geſchlagenheit jeden Augenblick zu. Faſt unbewußt hatten Richard und ſeine Schweſter den Garten verlaſſen und gingen langſam und mit ſchwermuͤthigen Schritten zu der Erhoͤhung, worauf die Buchen ſtanden. Der Sitz, den ſie gewählt hatten, war Alizon's Lieblingsplatz, und ſie kam faſt jeden Abend, entweder von Dorothea begleitet, oder allein dorthin. Hier hatte Richard ſie mehr als einmal leidenſchaftlich gebeten, ſeine Gattin zu werden; doch hatte er jedesmal dieſelbe milde aber feſte Weigerung erhalten. Dorotheen, die mit aller Beredtſamkeit und Gluth, die ihr zu Ge⸗ bote ſtand, fuͤr ihren Bruder ſprach, antwortete Alizon, daß ihre Neigung Richard zugewendet ſei, aber ſo lange ihre Mutter lebe und ihres beſtaͤndigen Gebetes beduͤrfe, koͤnne ſie ihr daſſelbe nicht vorenthalten, und da ſie jede irdiſche Leidenſchaft als ein Hinderniß fuͤr ihre vorherr⸗ ſchende Pflicht halte, ſo wage ſie nicht, ſich derſelben hinzugeben. Dorothea ſtellte ihr vor, daß das Opfer groͤßer ſei, als wozu ſie aufgefordert werde, daß ihre Geſundheit ſichtbar abnehme, und daß ſie ein Opfer ihres uͤbergroßen Eifers werden koͤnne; aber Alizon war taub fur ihre Vorſtellungen, wie für Richard's Bitten. Waͤren ihre Herzen weniger belaſtet geweſen, ſo haͤtte die ſie umgebende Scene gewiß heitere Empfin⸗ * ————— ⸗——— —— 3 3—————— ——————— 59 dungen in Richard und ſeiner Schweſter erregen muͤſſen, und ſelbſt unter den widerwaͤrtigen Umſtäͤnden, unter welchen ſie ſie anſahen, brachte die Schoͤnheit und Ruhe derſelben einen beſaͤnftigenden Eindruck hervor. Der Abend ruͤckte heran, und alle die ausgeſuchten Farben, welche jene entzuͤckende Stunde bezeichnen, brei⸗ teten ſich uber die Landſchaft aus, die Sonne ging präch⸗ tig unter, und eine Fluth von Strahlen fiel auf die alte Wohnung und die graue ehrwuͤrdige Kirche, die auf einem anſtoßenden Hügel lag. Die Toͤne ſtanden im Einklange mit der Stunde, und das Bruͤllen des Rindviehs, die Stimmen der Arbeiter, die von der Ar⸗ beit zuruͤckkehrten, gemiſcht mit dem Kraͤchzen der Doh⸗ len, die ſich auf die hohen Baͤume in der Naͤhe der Kirche niedergelaſſen, Alles ſagte ihnen, daß Voͤgel, Men⸗ ſchen und Hausthiere ihre Heimath fuͤr die Nacht auf⸗ ſuchten. Aber wenn auch Richard's Auge auf dem ſchoͤ⸗ nen Garten unter ihm ruhte, alle ſeine Terraſſen, gruͤ⸗ nen Abhaͤnge und zierlichen Beete umfaßte, den Graben uberſah, der die Halle gleich einem ſchimmernden Guͤrtel umgab; obgleich es auf dem Kirchthurme ruhte und uͤber den jenſeits befindlichen Park dahinſchweifte und endlich auf der Huͤgelreihe ruhte, die den Horizont be⸗ grenzte und die man nicht unpaſſend die engliſchen Apen⸗ ninen genannt hat; obgleich er alle dieſe Dinge ſah, ſo dachte er doch nicht an ſie, noch war er ſich der Toͤne bewußt, die in ſein Ohr drangen, und die Ruhe von der Arbeit und Frieden ausdruͤckten. Immer dunk⸗ ler und tiefer wurde ſeine Schwermuth. Er begann ſich zu uberreden, er werde nicht mehr lange auf dieſer Welt 6 6 60⁰ ſein, und waͤhrend er die ſchoͤne Ausſicht vor ſich be⸗ trachtete, daß er ſie vielleicht zum letzten Male anſehe. Einige Minuten lang beobachtete ihn Dorothea ängſtlich, und als ſie keine Antwort auf ihre Fragen er⸗ hielt, und durch den Ausdruck ſeines Geſichts beunru⸗ higt wurde, ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals und brach in Thraͤnen aus. Jetzt war an Richard die Reihe zu troͤſten, und mit groͤßter Aengſtlichkeit fragte er nach der Urſache dieſes ploͤtzlichen Ausbruchs ihres Kummers. „Du ſelber biſt die Urſache davon, lieber Richard,“ verſetzte Dorothea, ihn mit uͤberſtroͤmenden Augen an⸗ ſehend,„ich kann es nicht ertragen, Dich ſo ungluͤcklich zu ſehen. Wenn Du zugiebſt, daß dieſe Schwermuth uͤberhand nimmt, ſo wird ſie auf Geiſt und Koͤrper Ein⸗ fluß haben. Eben jetzt zeigte Dein Geſicht den ſten Ausdruck, den man ſich nur denken kann. Verſuche zu laͤcheln, lieber Richard, und waͤre es auch nur, um mich aufzuheitern, ſonſt werde ich eben ſo traurig, wie Du. Ach! ich weiß noch den Tag, und es iſt noch nicht lange her, wo Du mir an einem ſo lieblichen Som⸗ merabend, wie dieſer, den Vorſchlag zu machen pflegteſt, mit Dir in den Park zu gehen; und wenn wir darin waren, liefſt Du ſo ſchnell, wie ein Reh und ich ſollte Dich fangen. Aber Du machteſt es immer ſo, daß ich Dich haſchen konnte— ha! ha! Nun, da verſuchſt Du doch wenigſtens zu laͤcheln. Das iſt ſchon Etwas. Du ſiehſt jetzt wieder wie Du ſelber aus. O! wie gluͤck⸗ lich waren wir in jenen Tagen— und wie heiter! Die Hoͤfe widerhallten von Deinem muntern Lachen und Du toͤdteteſt mich faſt mit Deinen Scherzen. Wenn —————————— a 61 die Liebe macht, daß man traurig daſitzt, wie eine Eule, und ſeufzt, wie der Wind durch ein halbgeſchloſſenes Fenſter, wenn ſie macht, daß man ſeine roſige Geſichts⸗ farbe und ſeinen heitern Muth verliert und das Tanzen und Singen vergißt— an der Jagd und der Falken⸗ beize kein Vergnuͤgen findet, noch an irgend einem an⸗ dern Zeitvertreib— und daß man mit auf den Boden gerichteten Augen und in unordentlicher Kleidung umher⸗ geht und mit ſich ſeiber redet— wenn ſie uns ſchweig⸗ ſam macht, wo wir geſpraͤchig ſein, ernſthaft, wo wir heiter und zerſtreut, wo wir aufmerkſam ſein ſollten— wenn ſie das Alles thut, ſo wolle mich der Himmel vor der zärtlichen Leidenſchaft ſchuͤtzen! Ich hoffe, ich werde mich nie verlieben!“ „Ich hoffe es auch, liebe Dorothea,“ verſetzte Ri⸗ chard, zaͤrtlich ihre Hand druͤckend,„wenn Deine Liebe von ſo ungluͤcklichen Folgen begleitet ſein ſollte, wie die meine. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich fuͤhle mich dieſen Abend ungewoͤhnlich troſtlos und werde von tauſend unheimlichen Phantaſien verfolgt. Aber ich will mein Moͤglichſtes thun, ſie zu verbannen, und ich zweifle nicht, daß es mir mit Deiner Huͤlfe gelingen wird.“ „So! das war doch ein wirkliches Lächeln!“ rief Dorothea ſich erheiternd.„O, Richard! jetzt bin ich ganz gluͤcklich. Und am Ende ſehe ich nicht ein, warum Du eine ſo traurige Anſicht von den Dingen haſt. Ich zweifle nicht, daß Dir und Alizon viel, ſehr viel Gluͤck bevorſteht— ich muß ihren Namen mit dem Deinigen vereinen, ſonſt wuͤrdeſt Du es nicht fuͤr Gluͤck halten — wenn Du nur dahin zu bringen waͤreſt, daran zu 62 glauben. Ich bin deſſen vollig gewiß; und Du ſollſt ſehen, wie huͤbſch ich die Sache entwickeln kann. Zum Beiſpiel ſo. Miſtreß Nutter wird gewiß bald ſterben. Ein ſo böſes Weib kann nicht lange leben. Nimm es mir nicht uͤbel, daß ich ſie boͤſe nenne, Richard, aber Du weißt, ich kann ihr gottloſes Treiben in der Klo⸗ ſterkirche zu Whalley nicht vergeſſen, wo ich ſo nahe da— ran war, ſelber eine Hexe zu werden. Nun, wie ich ſagte, ſie kann nicht lange leben, und wenn ſie abſchei⸗ det— und der Himmel gebe, daß es bald geſchehen moöge— wird Alizon ohne Zweifel um ſie trauern, ob⸗ gleich ich es nicht thun werde, und nach einer ſchickli⸗ chen Trauerzeit wird ſie nicht mehr Nein ſagen, ſondern Dich als Dein Weib gluͤcklich machen. Nein, ſieh nicht wieder ſo traurig aus, lieber Bruder. Ich glaubte Dich durch das Bild, welches ich entwarf, zu erheitern.“ „Ich bin traurig, weil ich fuͤrchte, daß es nie wird verwirklicht werden, Dorothea,“ verſetzte Richard.„Meine eigenen Erwartungen ſind den Deinigen entgegengeſetzt und zeigen mir Alizon, wie ſie vor ihrer Mutter in ein fruͤhes Grab ſinkt, waͤhrend ich ſie nicht lange uͤberleben werde.“ „Nein, jetzt bringſt Du mich wieder zum Weinen,“ rief Dorothea, deren Thraͤnen von Neuem floſſen.„Aber ich will nicht zugeben, daß Du ſolchen duͤſtern Gedan⸗ ken nachhaͤngſt, Richard. Wenn ich ernſtlich glaubte, daß Miſtreß Nutter im Stande ſei, all dieſes neue Un⸗ heil anzurichten, wuͤrde ich ſie der Juſtiz uͤberliefern laſſen, damit ſie hingerichtet wuͤrde und aus dem Wege waͤre. Was iſt eine alte Hexe, wie ſie, im Vergleich ————— ——— ——— 63 zu zwei jungen und ſchoͤnen Perſonen, die aus Liebe fuͤr einander ſterben und ſich um ihretwillen nicht heirathen koͤnnen?“ „Dorothea, Dorothea, Du mußt Deiner Zunge ei⸗ nigen Zwang anthun,“ ſagte Richard;„Du laͤßt ihr zu viel Freiheit. Du bedenkſt nicht, daß es der Wunſch der ungluͤcklichen Dame iſt, von der Du ſprichſt, ihre Vergehungen auf dem Scheiterhaufen abzubuͤßen, und daß ſie ſich nur aus Ruͤckſicht fuͤr ihre Tochter hat be⸗ wegen laſſen, ſich zu verbergen. Ich wage kaum daran zu denken, was das Ende von dem Allen ſein mag. Untergang fur ſie, fuͤr Alizon und fuͤr mich, furchte ich!“ „Ach! Richard, warum mußteſt Du auch Dein Schickſal mit dem ihrigen vereinen!“ rief Dorothea halb traurig, halb vorwurfsvoll. 3 „Ich kann nicht anders,“ verſetzte er.„Es iſt meine Beſtimmung— eine beklagenswerthe Beſtimmung, wenn Du willſt— aber nicht zu vermeiden. Ich kann kaum glauben, daß Miſtreß Nutter den Folgen ihrer Verbrechen entgehen wird. Ihre Zerknirſchung iſt tief und aufrichtig, und das iſt ein großer Troſt, denn ich hoffe, ſie wird nicht mit Leib und Seele untergehen. Ich wuͤnſchte, ſie haͤtte geiſtlichen Beiſtand, aber das will Nicolaus fuͤr jetzt noch nicht zugeben, indem er be⸗ hauptet, daß kein Geiſtlicher ſie vor der Juſtiz ſchuͤtzen wuͤrde, wenn er durch ihre Beichte mit der Beſchaffen⸗ heit und Groͤße ihrer Vergehungen bekannt wuͤrde. Dies mag wahr ſein, aber wenn die elenden Geſchoͤpfe, die mit ihr in der Gottloſigkeit verbunden waren, hingerich⸗ tet ſind, wird dieſer Grund nicht mehr gelten, und ich — ——— — 64 will darauf ſehen, daß fuͤr ſie geſorgt wird. Aber au⸗ ßer ihrer Mutter habe ich noch eine Quelle der aͤngſtli— chen Beſorgniß hinſichtlich Alizon's. Es ſind heute Be⸗ fehle gegeben worden, Eliſabeth Device und ihre Tochter Jennet zu verhaften, und Alizon ſoll als vorzuͤglichſte Zeugin gegen ſie auftreten. Dies wird eine große Qual fuͤr ſie ſein.“ „Ohne Zweifel,“ verſetzte Dorothea mit großer Theil⸗ nahme,„aber laͤßt ſich das nicht vermeiden?“ „Ich fuͤrchte nicht,“ ſagte Richard,„und ich habe Nicolaus ſchon wegen ſeiner Uebereilung, daß er den Befehl gegeben, ſehr getadelt; aber er erwiederte, man haͤtte ihn in der letzten Zeit fuͤr einen Beguͤnſtiger der Heren gehalten und er muͤſſe verſuchen, ſeinen Ruf durch Strenge wieder herzuſtellen. Waͤre es nicht um Alizon zu thun, ſo wuͤrde es mich freuen, wenn die ſchädliche Brut endlich ganz ausgerottet wuͤrde.“ „Und ich auch,“ antwortete Dorothea.„Was Eli⸗ ſabeth Device betrifft, die iſt ſchlimm genug zu Allem und faͤhig, das groͤßte Unheil anzurichten. Doch iſt ſie Nichts gegen Jennet, die, wie ich mich uͤberzeugt halte, eine zweite Mutter Demdike werden wuͤrde, wenn man ihre Laufbahn nicht abkuͤrzte. Du haſt das Kind geſe⸗ hen und weißt, welch ein garſtiges, mißgeſtaltetes kleines Geſchoͤpf ſie iſt, mit runden hohen Schultern, ſchief ſte⸗ henden Augen und ſo boshaftem Ausdruck, daß ich nur mit Schauder daran denken kann.“ Und ſie bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden, als wollte ſie irgend einen unangenehmen Gegenſtand aus⸗ ſchließen. . 65 „Das arme zur Suͤnde beſtimmte Kind, von der Natur ſeit ihrer Geburt gebrandmarkt und mit boͤſen Leidenſchaften erfuͤllt, wie die Schlange mit Gift, ich kann nicht umhin, ſie zu bemitleiden!“ rief Richard. „Doch nein, das Mitleid iſt ganz weggeworfen,“ fuͤgte er hinzu, indem er ploͤtzlich ſein Weſen veraͤnderte, als verſuche er eine Schwache von ſich abzuſchuͤtteln.„Die giftige Frucht muß in der Knospe abgeknickt werden. Es iſt beſſer, ſie kommt jetzt um, auch wenn ſie noch verhältnißmaͤßig ſchuldlos iſt, als ſpaͤter, wenn ihre Seele mit Verbrechen befleckt iſt, wie die ihrer Großmutter.“ Kaum hatte er ausgeredet, als er raſch mit der Hand nach ſeiner Seite fuhr, denn ein ſcharfer und ploͤtzlicher Schmerz ſchoß ihm durchs Herz; und ſo hef⸗ tig war die Pein, daß er, nachdem er einen Augenblick dagegen angekaͤmpft, tief ſtoͤhnte und umgefallen waͤre, hatte ihn nicht ſeine Schweſter, die ſehr erſchrak und nur mit Muͤhe einen Schrei unterdruͤckte, raſch un⸗ terſtuͤtzt. Beide wußten nicht um die Gegenwart eines klei⸗ nen Maͤdchens, welches ſich der Stelle, wo ſie ſaßen, mit ſo leichten Fußtritten genaͤhert hatte, daß das Gras ſich kaum unter ihr bog, und die, hinter dem Baume verborgen, mit begierigen Ohren auf ihre Unterredung horchte. Sie war von einem großen ſchwarzen Kater be⸗ gleitet, der auf den Baum kletterte und ſich gerade uͤber ihr auf einen Zweig ſetzte. Waͤhrend des letzteren Theiles ihrer Unterredung, der von Jennet's und ihrer Mutter Verhaftung handelte, erhoͤhte ſich der boshafte Ausdruck des Maͤdchens, und Ainsworth, Hexen. 1V. 5 66 ſie wurde nur durch die Zeichen, die ihr der Kater gab, und die ihr verſtaͤndlich zu ſein ſchienen, von einer ra— ſchen Handlung zuruͤckgehalten. Endlich half auch dies nicht mehr, und ehe das Thier herunter kommen und ſie zuruͤckhalten konnte, ſchlich ſie ſich um den Stamm des Baumes, bis ſie ganz in Richard's Naͤhe war, mur⸗ melte einen Zauberſpruch, machte einige Bewegungen hinter ſeinem Ruͤcken und beruͤhrte ihn mit der Finger⸗ ſpitze, aber ſo leicht, daß er den Druck gar nicht be⸗ merkte. Dann zog ſie ſich haſtig mit dem Kater zuruck, der ſie mit ſeinen gluͤhenden Augen wuͤthend anſtarrte. In dem Augenblick, als ſie Richard beruͤhrte, war es ihm, als ob ein Pfeil ſein Herz durchbohre. Der Schrecken der armen Dorothea war ſo groß, daß ſie nicht einmal um Huͤlfe ſchreien konnte, und wenn ſie ihren Bruder verließ, fuͤrchtete ſie, er moͤchte ſterben, ehe er zuruͤckkehre; aber ſo groß der Schmerz war, um ſo ſchneller war er voruͤber, und als der Krampf auf— hoͤrte, blickte er mit mattem Laͤcheln auf und ſuchte ſie zu beruhigen. „Sei nicht unruhig,“ ſagte er,„es iſt Nichts— eine augenblickliche Schwaͤche— das iſt Alles.“. Aber der Schweiß auf ſeiner Stirn und die Todten⸗ farbe ſeiner Wange widerſprachen der Behauptung und zeigten, wie viel er gelitten. „Es war mehr als eine augenblickliche Schwäche, lieber Richard,“ verſetzte Dorothea.„Es war ein ſchreck⸗ licher Anfall— ſo ſchrecklich, daß ich faſt fuͤrchtete— aber Du weißt, daß ich nicht beunruhigt werde. Gett ſei Dank! da kehrt ein wenig Farbe auf Deine Wange — ———— 67 zuruͤck. Wie ich ſehe, iſt es Dir jetzt beſſer. Stuͤtze Dich auf mich und laß uns ins Haus zuruͤckkehren.“ „Ich kann allein gehen,“ ſagte Richard mit An⸗ ſtrengung aufſtehend. „Verachte nicht meinen ſchwachen Beiſtand,“ ver⸗ ſetzte Dorothea ſeinen Arm unter den ihrigen nehmend. „Es wird Dir bald beſſer ſein.“ „Mir iſt ganz wohl,“ ſagte Richard ſtillſtehend, nachdem er einige Schritte weiter gegangen,„der An⸗ fall iſt ganz voruͤber. Siehſt Du nicht Alizon auf uns zukommen? Sage ihr kein Wort von dieſem ploͤtzlichen Anfall. Hoͤrſt Du wohl, Dorothea?“ Alizon war bald in ihrer Naͤhe, und obgleich Do⸗ rothea Nichts von Richard's Anfall erwaͤhnte, bemerkte ſie doch ſogleich, daß er ſehr gelitten habe, und fragte mit großer Theilnahme nach der Urſache. Richard ver⸗ mied es, eine directe Antwort zu geben, ſprach ſogleich von ſeines Vetters Nicolaus Beſuch und verſuchte ihre Aufmerkſamkeit von ſich abzulenken. In Alizon's Aeußeren war in den letzten wenigen Wochen eine ſo große Veraͤnderung vorgegangen, daß man ſie kaum eckennen konnte. So ſchoͤn, wie immer, hatte ihre Schoͤnheit ihren irdiſchen Charakter verloren und war im hoͤchſten Grade vergeiſtigt und gelaͤutert. Demuth des Benehmens und Reſignation im Blick, ver⸗ eint mit einem Ausdruck religioͤſer Gluth, gaben ihr das Ausſehen eines Maͤrtyrers aus den erſten chriſtlichen Jahrhunderten. Unausgeſetzter Eifer in ihren religiöſen Uebungen bei Tage und lange Nachtwachen hatten ih⸗ ren Korper abgemagert und ihn ſeiner Anmuth und 5* 68 Fuͤlle beraubt; aber dieſe Abnahme hatte einen eigenen Reiz und verlieh ihrem Geſichte ein ruͤhrendes Intereſſe, welches bisher gefehlt hatte. Wenn ihre Wange ſchmaͤ⸗ ler und bläſſer war, ſo ſahen ihre Augen groͤßer und heller aus und glichen mehr den Sternen in ihrem Glanze, und wenn ſie weniger kindlich, weniger freudig und we⸗ niger frei von Sorgen erſchien, ſo wurde der Mangel dieſer Eigenſchaften durch Milde, Reſignation und Hei⸗ terkeit mehr als aufgehoben. Lebhaft intereſſirt bei Allem, was Richard ihr von ihrer Mutter ſagte, war ſie ſehr bekummert von der be⸗ abſichtigten Verhaftung Eliſabeth und Jennet Device's zu hoͤren, und beſonders war dies bei der Letzteren der Fall. Fuͤr dieſes ungluͤckliche und irre geleitete Kind hatte ſie einſt die Zaͤrtlichkeit einer Schweſter gehegt und es konnte nur eine Quelle des Kummers fuͤr ſie ſein, an ihr wahrſcheinliches Schickſal zu denken. Wenig mehr wurde zwiſchen ihnen geſprochen, denn da Richard fuhlte, daß ſeine Kräfte ihn wieder verließen, ſo wuͤnſchte er das Haus zu erreichen und Dorothea war gar nicht im Stande zu ſprechen. Sie trennten ſich an der Thuͤr, und als Alizon, nachdem ſie von ih⸗ ren Freunden Abſchied genommen, ihren Spaziergang im Garten fortſetzte, ſchwankte Richard ins Haus und ſank in der Eintrittshalle auf einen Stuhl. Alizon wuͤnſchte allein zu ſein, denn ſie wollte kei⸗ nen Zeugen des Kummers, der ſie uͤberwaͤltigte, und der, als ſie einen entfernten Theil des Gartens erreichte, wo ſie von aller Beobachtung frei zu ſein glaubte, ſich in einer Thränenfluth Luft machte. ———————————————— 69 Einige Minuten ang gab ſie ſich einer heftigen und unwiderſtehlichen Aufregung hin, und kaum hatte ſie ein wenig Faſſung wieder erlangt, als ſie ihren Namen von demſelben Kinde nennen hoͤrte, deſſen ungluͤckliches Ge⸗ ſchick ſie beklagte. Als ſie ſich uberraſcht umſah und Niemand erblickte, glaubte ſie, ihre Phantaſie habe ſie getaͤuſcht, als ein leiſes und boshaftes Lachen, welches aus einem nahen Geſtraͤuch hervorkam, ſie uͤberzeugte, daß Jennet dort verborgen ſei. Im naͤchſten Augenblick kam das kleine Mädchen unter den Baͤumen hervor. Alizon's erſter Antrieb war, das Kind in ihre Arme zu nehmen und an ihre Bruſt zu druͤcken; aber es war Etwas in Jennet's Blick, was ſie zuruͤckſchreckte und ſie ſo verlegen machte, daß ſie nicht im Stande war, ſie auf ihre gewöhnliche zartliche Weiſe zu gruͤßen oder ſich ihr zu naͤhern. Jennet ſchien ſich uͤber ihre Verwirrung zu freuen und lachte boshaft. „Du ſcheinſt nicht allzufroh, mich zu ſehen, Schwe⸗ ſter Alizon,“ ſagte Jennet endlich. Schweſter Alizon! Es lag Etwas in dem Aus⸗ druck, was den Ohren des jungen Madchens jetzt wider⸗ waͤrtig klang, doch bemuͤhte ſie ſich, das Gefuͤhl, als ih⸗ rer unwuͤrdig zu uͤberwinden. „Sie war einſt meine Schweſter,“ dachte ſie,„und ſoll es noch ſein. Ich will ſie retten, wenn es moͤglich iſt. Jennet,“ fuͤgte ſie laut hinzu,„ich weiß nicht, wel⸗ cher Zufall Dich hieher fuͤhrt, und wenn ich Dich auch nicht ſo willkommen heißen kann, wie Du es erwarteſt, ſo bin ich doch erfreut, Dich zu ſehen, da ich Dir viel⸗ ——· ů—— leicht dienen kann. Beunruhige Dich nicht uͤber das, was ich Dir ſagen werde. Ich hoffe, die Gefahr iſt voruͤber, oder kann wenigſtens vermieden werden. Deine Freiheit wird bedroht; und in demſelben Augenblick, wo ich Dich hier ſehe, beklagte ich ſchon Deine Lage als . Gefangene.“ Jennet lachte noch lauter und veraͤchtlicher, als vor— . her, und ſah einer kleinen Furie ſo aͤhnlich, daß Alizon's Blut bei dem Anblick erſtarrte. „Ich weiß das Alles, Schweſter Alizon,“ rief ſie, „und deshalb bin ich hieher gekommen. Bruder Jem iſt in der Abtei Whalley gefangen. Mutter iſt auch dort gefangen, und ich wuͤrde ihnen Geſellſchaft leiſten, wenn Tib mich nicht entfuͤhrt haͤtte. Nun hoͤre mich an, Alizon, denn dies iſt mein Geſchaͤft bei Dir: Du mußt Mutter und Jem dieſe Nacht frei machen— ja, dieſe Nacht. Du kannſt es, ¹ wenn Du willſt. Und wenn Du es nicht thuſt— aber ich will Dir nicht eher drohen, als bis ich Deine Ant⸗ wort habe.“ „Wie ſoll ich ſie frei machen?“ fragte Alizon ſehr beunruhigt. „Du darfſt nur dem jungen Richard Asſheton ein Wort ſagen, und die Sache iſt geſchehen,“ verſetzte Jennet. „Ich muß mich weigern— ausdruͤcklich weigern, dies zu thun,“ verſetzte Alizon unwillig. „Sehr gut,“ rief Jennet mit einem Blicke der hoͤchſten Bosheit und Wuth,„da wirſt Du die Folgen tragen. Sie ſollen nach Lancaſter Caſtle gebracht wer⸗ den und dort ihr Leben verlieren. Aber Du ſollſt auch 71 dorthin gefuͤhrt und als Hexe verbrannt werden— als Hexe, hoͤrſt Du wohl, Maͤdchen?“ „Ich biete Deiner Bosheit Trotz!“ rief Alizon. „Mir bieteſt Du Trotz!“ ſchrie Jennet.„He! Tib!“ Und auf dieſen Ruf ſprang der ungeheure ſchwarze Kater aus dem Gebuͤſch hervor. „Reiße ihr das Fleiſch vom Leibe!“ rief das kleine Maͤdchen, auf Alizon deutend, indem ſie zugleich wuͤ⸗ thend auf den Boden ſtampfte. Tib erhob ſeinen Ruͤcken und rollte die Augen wie ein Tiger, aber er ſchien den Befehl nicht ausfuͤhren zu koͤnnen oder zu wollen. Alizon, die ihren Muth vollkommen wieder er⸗ langt hatte, ſah ihn ſtarr und, wie es ſchien, ohne Schrecken an. „Warum ergreifſt Du ſie nicht und reißeſt ſie in Stuͤcke?“ rief das wuͤthende Kind. „Er darf es nicht— er hat keine Macht uͤber mich,“ ſagte Alizon.„O, Jennet! ſage Dich los von ihm. Dein böſer Diener ſcheint jetzt freundlich gegen Dich zu ſein, aber er wird Dich zum ſichern Untergange fuͤhren. Komm mit mir, und ich will Dich retten.“ „Fort!“ rief Jennet, ſie mit wuͤthenden Geberden zurucktreibend.„Fort! ich will nicht mit Dir gehen. Ich will nicht gerettet ſein, wie Du es nennſt. Ich haſſe Dich mehr als je und wuͤrde Dich zu Boden ſchlagen, daß Du todt zu meinen Fuͤßen dalaͤgeſt, wenn ich es könnte. Da ich es aber nicht kann, ſo will ich ein anderes Mittel auffinden, Dich zu verletzen. Da⸗ 72 rum ſieh Dich vor, ſtolze Dame— ſieh Dich vor! Ich habe Dich ſchon an einer Stelle getroffen, wo Du es tief fuͤhlen wirſt, und ich werde den Schlag wieder— holen. Ich verlaſſe Dich jetzt, aber wir werden uns wiederſehen. Komm, Tib!“ Mit dieſen Worten ſprang ſie, von Tib begleitet, in das Gebuͤſch und ließ Alizon erſchrocken uͤber ihr⸗ entſetzliche Bosheit zuruͤck. Viertes Kapitel. Die Schlucht von Cliviger. Di Sonne war bereits untergegangen, als Ni— colaus Asſheton Todmorden erreichte, welches damals in der That ein ſehr kleines Dorf war, und ſtieg in einem kleinen Gaſthauſe in der Naͤhe der Kirche ab, fand das Ale gut und ſo viel muntere Geſellſchaft dazu, daß er gern eine Stunde oder noch läͤnger bei ihnen geblieben wäre; aber diesmal gewann die Klugheit die Oberhand uͤber die Neigung, und da er bedachte, daß er noch funfzehn oder ſechzehn Meilen zu reiten habe, und zwar uber einen unebenen und einſamen Weg, wovon ein Theil durch die Schlucht von Cliviger ging, durch einen langen und einſamen Hohlweg unter den engliſchen Apen⸗ ninen, und er uͤberdies eine große Summe Geides bei ſich hatte, ſo riß er ſich mit großer Anſtrengung los. 73 Als er das laͤchelnde Thal von Todmorden verließ und ſich der erwaͤhnten gefährlichen Schlucht naͤherte, uͤberkam ihn eine Furcht und er machte ſich faſt Vor— wuͤrfe wegen ſeiner Tollkuͤhnheit, ſich zu einer ſolchen Stunde ohne alle Begleitung hinein zu wagen. Meh⸗ rere Raubanfaͤlle, wobei auch Mordthaten vorgekommen, waren kuͤrzlich in der Schlucht vorgefallen; und dies draͤngte ſich dem Squire jetzt ploͤtzlich auf, ſo daß er faſt geneigt war, nach Todmorden zuruͤckzureiten und zwei oder drei von den Zechern, die er in dem Gaſt⸗ hauſe zuruͤckgelaſſen, zu bewegen, ihm als Begleitung bis nach Burnley zu dienen; aber ſobald ihm dieſer Ge— danke einfiel, wies er ihn auch ſchon zuruͤck, warf ei— nen Blick auf die gruͤnen, bewaldeten Anhoͤhen um ihn, gab Robin die Sporen und eilte in die Schlucht. Zur Rechten erhob ſich eine ſteile Hoͤhe, auf deren bloßem Kamm ein Steinhaufen gleich einer Saͤule ſtand — wahrſcheinlich die Ueberbleibſel eines Begraͤbnißhuͤ⸗ gels. Auf dieſem hohen Punkte bemerkte er eine weib⸗ liche Geſtalt, die gegen den Himmel rieſenhaft ausſah, die ihn zu beobachten ſchien, und ihm Zeichen gab, zu⸗ ruͤckzukehren; aber er achtete wenig auf ſie und verlor ſie bald darauf aus dem Geſichte. Steile und faſt unzugaͤngliche Felſen von abwech⸗ ſelnder Form und Farbe, wovon ſich einige ſenkrecht wie ein Kirchthurm erhoben, andere in unterbrochenen Rei⸗ hen fortliefen oder hohe Mauern mit Zinnen darſtellten; hier tief geſpalten und dort wilde Schluchten bildend, zu einem Hinterhalt fuͤr Raͤuber geſchickt, zuweilen eben, zuweilen räuh, uͤberhaͤngend und mit Buſchwerk bewach⸗ 74 ſen; zuweilen gebleicht und grau, wie bei der ſteilen Klippe White Kirk der Fall iſt; zuweilen gruͤn von Moos oder grau von Flechten; zuweilen, obgleich ſelten, von Baͤumen uͤberſchattet, wie in der Nähe der Hoöhle Earl's Bower; aber gewoͤhnlich kuͤhn und nackt und von duͤſterer Farbe, gleich der, welche Salvator Roſa anwen⸗ det. Dies waren die unterſcheidenden Merkmale der Schlucht von Cliviger, als Nicolaus durch dieſelbe ritt. Jetzt fuͤllen die hohen Daͤmme und maͤchtigen Bogen einer Eiſenbahn dieſe Schluchten und uͤberſpannen die Gräben; das Pfeifen der Locomotive wird gehoͤrt, wo ſonſt nur der Schrei des Raubvogels ertoͤnte und Rauch⸗ wolken nehmen die Stelle des Nebels ein, der ſonſt die Hoͤhen einhuͤllte. Fruͤher hielten ſich viel Falken auf den hohen Klip⸗ pen auf, und die Felſen widerhallten von ihrem durch⸗ dringenden Geſchrei, und die Umgebung der Neſter glich, nach dem Ausdrucke Whitaker's, eines Ge⸗ ſchichtsſchreibers aus jener Gegend, kleinen Beinhaͤu⸗ ſern fuͤr die Knochen des Wildes. Fruͤher horſtete auch der Felſenadler auf irgend einem unzugaͤnglichen Punkte und erzog ſeine Brut von Jahr zu Jahr. Der hagere Wolf hatte einſt die Schluchten verwuͤſtet und der ſchlaue Fuchs und die grimmige Bergkatze hielten ſich noch darin auf. Auch waren dies nicht die einzigen Gegenſtaͤnde der Furcht. Die Aberglaͤubiſchen erklaͤrten, die Schlucht ſei von einem ſchrecklichen Daͤmon in Bocks⸗ geſtalt, Namens Hobthurſt bewohnt. Der allgemeine wilde Charakter der Schlucht wurde durch einige Punkte von ausgezeichneter Schoͤnhekt erheitert, 75 wo der Wanderer mit Entzucken verweilen moͤgen, haͤtte ihn nicht die Furcht vor einem Angriff der Raͤuber oder vor einem Beſuche des Hobthurſt weiter getrieben. Zahl⸗ loſe Waſſerfaͤlle, die in den Spalten der Huͤgel herunter⸗ rauſchten, ſtroͤmten an den gefurchten Seiten nieder und ſahen wie Silberfäden aus, wenn ſie von einem Punkte zum andern ſprangen. Einer der ſchoͤnſten Waſſerfaͤlle, der in der Naͤhe der Hoͤhle, die man Earl's-Bower nannte, aus einer Vertiefung des Felſens hervorkam, fiel in regnigten Jahreszeiten in einem ununterbrochenen Guſſe von hundert und funfzig Fuß herunter. Durch die Mitte der Schlucht floß ein raſcher und brauſender Strom, der unter dem Namen des Calder bekannt war; doch duͤrfen wir ihn nicht mit dem verwechſeln, der an der Abtei Whalley voruͤberfloß. Der Lauf dieſes unge⸗ ſtuͤmen Baches war nicht immer von dem Felſenbette eingeengt, und wenn er von ſchwerem Regen angeſchwol⸗ len war, ſtieg er haͤufig uͤber den ſchmalen gepflaſterten Weg, der neben ihm dahinlief, breitete ſich uͤber die ganze Weite der Schlucht aus und machte, daß der Weg faſt nicht zu paſſiren war. Durch dieſe duͤſtere Felsſchlucht und zur Seite des brauſenden Calder, der ſchnell an ihm voruͤberrauſchte, nahm Nicolaus ſeinen Weg. Die Falken kreiſchten uber ihm; die Dohlen ſchrieen auf den hoͤchſten Zweigen der hohen Baͤume, wo ſie ihre Neſter gebaut; ein Rabe kraͤchzte heiſer im Walde und ein paar Adler ſchwebten hoch in der noch gluͤhenden Luft. Nach und nach zog ſich die Schlucht zuſammen und eine Mauer von ſteilen Felſen zu jeder Seite ſchloß 76 den ſchaudernden Wanderer ein. Inſtinktmaͤßig gab er ſeinem Pferde die Sporen und beſchleunigte ſeinen Schritt. Die enge Schlucht erweitert ſich, die ſchroffen Klip⸗ pen treten weiter zuruͤck und der Reiſende athmet freier. Dennoch reitet er nicht langſamer, denn in der Dunkel⸗ heit iſt ſeine Einbildungskraft beſchäftigt geweſen und hat ſeinen Weg mit lauernden Raͤubern oder grinſenden Ko⸗ bolden bevölkert. Er fuͤrchtet ſein Gold zu verlieren und verwuͤnſcht ſeine Thorheit, ſich einer ſolchen Gefahr aus⸗ geſetzt zu haben. Aber es iſt zu ſpat, umzukehren. Es wird raſch dunkel, die Gegenſtaͤnde werden undeutlicher und nehmen furchtbare und phantaſtiſche Geſtalten an. Ein verdorrter Baum, der an einem Felſen haͤngt und einen kahlen Aſt uͤber den Weg hin ausſtreckt, erſcheint dem Squire wie ein Bandit, und eine weiße Eule, die aus einem Buſche hervorbricht, er— ſchreckt ihn, als waͤre es Hobthurſt ſelber. Ungeachtet dieſer und anderer Schrecken, die er ſeiner aufgeregten Phantaſie ſchuldig iſt, eilt er donnernd weiter, als ploͤtz⸗ lich ſein Pferd ſtillſteht und von einer großen weiblichen Geſtalt angehalten wird, welche der gleicht, die er beim Eintritt in die Schlucht neben dem Grabhuͤgel geſehen. Das Blut des Squire lief kalt durch ſeine Adern, denn obgleich er in dieſem Falle nicht fuͤrchten konnte, beraubt zu werden, ſo hegte er doch die Beſorgniß, an ſeinem Koͤrper beſchaͤdigt zu werden, denn er hielt das Weib fuͤr eine Hexe. Er faßte indeſſen Muth und trieb Robin zum Weitergehen an. Um ihn aufzuhalten, haͤtte man keine beſſere Stelle waͤhlen koͤnnen. Ein ſchmaler Weg, kaum zwei Fuß —————————— 7 breit, lief am Rande einer ungeheuren Klippe fort, die ſo weit uͤberragte, daß ſie faſt mit der gegenuͤberſtehenden Felſenmauer zuſammenſtieß. Zwiſchen dieſen ſteilen Klip⸗ pen fiel der Bach in ſchäͤumendem Waſſerfalle von bei— nahe zwölf Fuß nieder, und der ſchmale und ſteile Weg, der ſich neben demſelben hinzog,“ wie oben beſchrieben, wurde außerordentlich ſchluͤpfrig und gefaͤhrlich, wegen des beſtaͤndigen Staubregens, den der Waſſerfall ver⸗ breitete An dem hoͤchſten und ſchmalſten Punkte des Weges, und faſt den ganzen Raum einnehmend, den uͤberhaͤngen⸗ den Felſen auf der einen und den bruͤllenden Strom auf der andern Seite, ſtand ein großes Weib, nach ihrer Stellung und ihrem Weſen offenbar entſchloſſen, den weitern Fortſchritt des Squire zu hemmen. Als Nico⸗ laus naͤher kam, uͤberzeugte er ſich, daß es dieſelbe Per⸗ ſon ſei, die er auf dem Grabhuͤgel geſehen, und als ihre Zuͤge deutlicher wurden, bemerkte er zu ſeiner Ueber⸗ raſchung, daß es Nance Redferne war. „He! Nance,“ rief er.„Was thut Ihr hier?“ „Ich komme, um Euch zu warnen, Squire,“ ver⸗ ſetzte ſie;„Ihr habt mir einſt einen Dienſt geleiſtet, und ich habe es nicht vergeſſen. Deshalb beobachtete ich Euch von dem Steinhuͤgel aus und winkte Euch, wieder um⸗ zukehren. Aber Ihr verſtandet meine Winke nicht oder wolltet nicht darauf achten, darum bin ich hieher ge— kommen, um Euch zuruͤckzuhalten. Ihr ſeid in Gefahr, kann ich Euch ſagen.“ „In was fuͤr einer Gefahr, meine gute Frau?“ fragte der Squire unruhig. ——— 78 „Eures Geldes beraubt zu werden,“ verſetzte Nance; es warten eine Meile weiter bei Bowder Stoans fuͤnf Maͤnner, um Euch zu uͤberfallen.“ „Ei wirklich!“ rief Nicolaus,„ſie werden wenig fuͤr ihre Muͤhe bekommen. Ich habe kein Geld bei mir.“ „Glaubt mich nicht zu taͤuſchen, Squire,“ verſetzte Nance;„ich weiß, daß Ihr dreihundert Pfund in Gold von dem jungen Richard Asſheton geborgt habt; und ſo gewiß, wie Ihr Alles unter Eurem Wamms habt, ſo gewiß werdet Ihr es verlieren, wenn Ihr nicht um⸗ kehrt oder in meiner Begleitung weiter geht.“ „Ich habe Nichts in der Welt gegen Eure Geſell⸗ ſchaft, Nance,“ verſetzte der Squire;„ganz im Gegen⸗ theil. Aber wie zum Teufel! ſollten dieſe Schurken mich erwarten, und vor allen Dingen, wie ſollten ſie vermu⸗ then, daß ich mit Geld verſehen bin! Denn, um die Wahrheit zu ſagen, iſt das bei mir gewoͤhnlich nicht der „Ich weiß es wohl, Squire,“ ſagte Nance lachend; „aber ſie haben ſichere Nachrichten uͤber Euer Vorhaben erhalten.“ „Es giebt nur einen Mann, der ihnen eine ſolche Nachricht geben konnte,“ rief Nicolaus;„aber ich kann und will keinen Verdacht gegen ihn hegen.“ „Wenn Ihr Lorenz Fogg meint, ſeid Ihr nicht weit vom Ziel, Squire,“ verſetzte Nance. „Was! Fogg ſollte mit Raͤubern im Buͤndniß ſein — unmoͤglich!“ rief Nicolaus. „Nein, es iſt nicht ſo unmoͤglich, wie Ihr denkt,“ ———— n —————————————— 79 entgegnete Nance;„Ihr werdet Euch wundern, wenn ich Euch ſage, daß er Euch manchmal beraubt hat, ohne daß Ihr es gewahr wurdet. Ihr waret unweiſe ge⸗ nug, ihn zu Euren Freunden herumzuſchicken, um Geld fuͤr Euch zu borgen.“ „Es iſt wahr; aber gluͤcklicherweiſe wollte mir Kei⸗ ner Etwas borgen,“ ſagte Nicolaus. „Da irrt Ihr, Squire, denn zum Ungluͤck gaben ſie ihm Alle Etwas,“ verſetzte Nance, mit halbunter⸗ druͤcktem Lachen.„Roger Nowell gab ihm hundert Pfund, Thomas Whitaker von Holme auch hundert, Richard Parker von Browsholme ebenfalls. Und ſo ging es noch mit mehreren.“ „Und der Schurke ſteckte Alles ein und brachte mir nie einen Heller,“ rief Nicolaus in der aͤußerſten Wucth. „Ich will ihn haͤngen laſſen— pah! das Haͤngen iſt zu gut fuͤr ihn. Mich, ſeinen Freund, ſeinen Wohl⸗ thaͤter, ſeinen Patron auf ſolche Weiſe zu hintergehen. In meinem Hauſe zu wohnen, an meinem Tiſche zu eſſen, meinen Wein zu trinken, meine Kleider zu tra⸗ gen, meine Pferde zu reiten, mit meinen Hunden zu jagen! Hat der Schurke kein Gewiſſen?“ „Leider ſehr wenig,“ verſetzte Nance. „Und das Schlimmſte iſt,“ fuhr der Squire fort, dem ein neues Licht aufging,„daß ich alle die Summen, die er erhalten hat, zuruͤckzahlen muß. Er war mein vertrauter Agent und die Creditoren werden ſich an mich wenden. Er muß ſechs- bis ſiebenhundert Pfund auf dieſe ſchaͤndliche Weiſe erhalten haben. Zum Henker! ich werde wahnſinnig.“ ———————— 80 „Ihr wiret zu tadeln, daß Ihr ihm trautet, Squire,“ verſetzte Nance.„Ihr haͤttet vorher gehoͤrige Nachfor— ſchungen uͤber ihn anſtellen ſollen, und dann wuͤrdet Ihr ausfindig gemacht haben, was fuͤr ein Kerl er iſt. Aber jetzt will ich es Euch ſagen. Lorenz Fogg iſt der Anfuͤhrer einer Raͤuberbande, und alle die ſchwarzen und verbrecheriſchen Thaten, die in der letzten Zeit an die⸗ ſem Orte geſchehen, ſind von ſeinen Leuten vollfuͤhrt worden. In der vorletzten Woche wurde ein armer Herr an dieſer Stelle ermordet und ſeine Leiche in den Fluß geworfen. Fogg hatte natuͤrlich Nichts mit der ſchaͤnd⸗ lichen That zu thun, aber er wuͤrde ſie auch nicht ge⸗ hindert haben, wenn er hier geweſen waͤre, denn er be⸗ dachte ſich nie Blut zu vergießen. Wenn er ſich damit begnuͤgt hätte, Euch zu berauben, wuͤrde ich ihn nicht verrathen haben, da er Euch aber ans Leben wollte, da, mie er ſagte, Todte Nichts verrathen, ſo konnte ich es nicht laͤnger ertragen und beſchloß Euch zu warnen.“ „Welch ein unerhoͤrter Schurke!“ rief der Squire. „Aber iſt er mit bei dem Hinterhalt?“ Nance bejahte es. „Beim Himmel! dann will ich mich ihm entgegen ſtellen und ihn niederhauen,“ fuhr Nicolaus fort, in⸗ dem er ſein Schwert ergriff. „Es iſt vergebens— Ihr werdet uͤberwaͤltigt und getoͤdtet werden,“ ſagte Nance.„Nehmt mich mit Euch, und ich will Euch ſicher durch ſie Alle hindurchfuͤhren; wenn Ihr aber allein geht, werdet Ihr Downham nie⸗ mals wiederſehen. Und nun muß ich Euch auch ſa— gen, wer Lorenz Fogg eigentlich iſt.“ 81 „Welches neue Wunder werde ich erfahren?“ rief Nicolaus.„Wer iſt er?“ „Vielleicht habt Ihr gehoͤrt, daß Mutter Demdike einen Sohn und eine Tochter hatte,“ verſetzte Nance; „die Tochter iſt natuͤrlich Eliſabeth Device und der Sohn Chriſtoph Demdike, den man fuͤr todt gehalten. Dies iſt aber nicht der Fall, denn Lorenz Fogg und er ſind eine Perſon.“ „Ich vermuthete es, als Ihr die Erzaͤhlung an⸗ fingt,“ rief Nicolaus.„Er hat einen verdammt haͤßli⸗ chen Blick in den Augen— eine wahre Demdikesphy⸗ ſiognomie. Welch ein teufliſcher Boͤſewicht muß der Kerl ſein— ohne das geringſte menſchliche Gefuͤhl. Er hat heute bei ſeines Neffen Gefangennahme geholfen und ſeine eigene Schweſter verhaften laſſen. O! ich bin ge⸗ hoͤrig angefuͤhrt worden. Einen Sohn jener verdamm⸗ ten Hexe in mein Haus aufzunehmen— ihn zu naͤh⸗ ren, zu kleiden und zu meinem Freunde zu machen — die Schlange in meinen Buſen zu nehmen! Mir iſt recht geſchehen; aber er ſoll gehaͤngt werden. Das iſt einiger Troſt. Aber wie wißt Ihr dies Alles, Nance!“ „Fragt mich nicht,“ verſetzte ſie.„Was ich auch Chriſtoph Demdike geweſen bin, ſo hege ich doch jetzt keine Liebe mehr zu ihm; denn wie ich Euch geſagt, iſt er ein ſchwarzer, moͤrderiſcher Schurke. Aber laßt mich hinter Euch aufſitzen und ich will Euch ſicher durchbrin⸗ gen und morgen könnt Ihr die ganze Bande in Mal⸗ kin Tower gefangen nehmen.“ „Malkin Tower!“ rief der Squire mit neuer Ueber⸗ raſchung.„Haben dieſe Raͤuber dort ihr Quartier auf⸗ Ainsworth, Hexen. IV. 6 82 geſchlagen! Dies erklaͤrt alle die ſeltſamen Erſcheinun⸗ gen, die man in der letzten Zeit dort geſehen und die ich fuͤr bloße Fabeln gehalten. Aber ach! ein ſchreckli⸗ cher Gedanke faällt mir ein. Was habe ich gethan! Mi⸗ ſtreß Nutter wird dieſe Nacht dort ſein! Ich habe ſie hingeſchickt. Tod und Verderben! ſie wird in ihre Haͤnde fallen. Ich muß ſogleich dorthin. Ich kann keinen Bei⸗ ſtand mitnehmen, dadurch wuͤrde ich die arme Dame verrathen.“ „Wenn Ihr mir trauen wollt, ſo will ich Euch dieſe Schwierigkeit uͤberwinden helfen,“ verſetzte Nance. „So ſteigt denn raſch auf, da es ſo ſein muß,“ verſetzte Nicolaus.„Hierauf näherte er ſich ihr, reichte ihr ſeine Hand und ſie ſaß im Augenblick auf Robins Kreuz, dem die doppelte Laſt durchaus nicht unbequem war, ſondern der nach einer ſcharfen Anwendung der Sporen ſchnell den Weg hinunter eilte. Die Taille des Squire's mit ihren Armen umſchlingend, behauptete Nance ihren Sitz, und auf dieſe Weiſe galoppirten ſie weiter, ohne auf die zunehmenden Schwierigkeiten oder die im⸗ mer dichter werdende Dunkelheit zu achten. Eine Meile war ſchnell zutuckgelegt, und jetzt fluͤſterte Nance dem Squire ins Ohr, daß ſie ſich dem Orte Boulder Sto⸗ nes naͤherten. Sogleich kamen ſie zu einer engen Schlucht, die halb mit ungeheuren Felstruͤmmern angefuͤllt war, die ſich von den ſteilen Hoͤhen von beiden Seiten abgeloͤſt hatten, und einen ſehr geſchickten Platz zu einem Hinter⸗ halte bildete. Ein Felſen, groͤßer als die uͤbrigen, be⸗ herrſchte die ganze Schlucht, und als der Squire weiter ritt, rief ihm eine donnernde Stimme zu, anzuhalten, 83 und als dieſer Zuruf nicht befolgt wurde, kam der Lauf einer Flinte aus den Buͤſchen hervor, die den Huͤgel be⸗ deckten, und es wurde ein Schuß auf ihn abgefeuert. Obgleich gut gezielt, ſchlug die Kugel unter den Fuͤßen des Pferdes in den Boden und Nicolaus ſetzte ſeinen Weg unerſchuͤttert fort, waͤhrend der ungluckliche Schuͤhe von dem Felſen herunterſprang. Zu gleicher Zeit kamen vier andere Maͤnner aus ihren Schlupfwinkeln hinter den Steinen hervor, legten auf die Fluͤchtlinge an und feuerten. Die lauten Schuͤſſe widerhallten in der Fels⸗ ſchlucht und die Kugeln ſtreiften an den Felſen hin, ohne zu treffen, und Nicolaus hätte ohne ferneres Hinderniß weiter reiten koͤnnen; aber ungeachtet Nance's Vorſtel⸗ lungen, die ihn weiter zu reiten bat, hielt er ſein Pferd an, um die Ankunft der Männer zu erwarten, die ihn zuerſt angerufen hatten. Kaum verging ein Augenblick, ſo war er ſchon neben dem Sguire und zielte mit einer Piſtole nach ſeinem Kopfe. Ungeachtet der Dunkelheit er⸗ kannte ihn Nicolaus. „Ah! biſt Du es, verdammter Verraͤther!“ rief Nicolaus.„Ich wollte kaum an Deine Schurkerei glau⸗ ben, aber jetzt habe ich mich uͤberzeugt.“ „Wie ich ſehe, hat Euch das Weibsbild, welches Ihr hinter Euch auf dem Pferde habt, geſagt, wer ich bin,“ verſetzte Fogg.„Ich will ſogleich meine Rechnung mit ihr abſchließen. Aber dies ſoll mir alle weiteren Erklaͤrungen mit Euch erſparen!“ Und er feuerte die Piſtole auf den Squire ab. Aber die Kugel prallte zuruͤck, als wäre ſein Wamms gepolſtert geweſen. Es war in der That mit Gold ge⸗ 6* 84 fuͤttert. Als der Raͤuberhauptmann den Squire unver⸗ letzt ſah, ſtieß er einen Ausruf der Wuth und der Ueber⸗ raſchung aus. „Ihr ſeht, Ihr habt Euch geirrt, treuloſer Schurke,“ rief Nicolaus.„Ihr habt noch Rechenſchaft abzulegen von all dem Unrecht, welches Ihr mir gethan; aber in⸗ zwiſchen ſollt Ihr nicht unbeſtraft ausgehen.“ Und als er ſprach, riß er Fogg die Piſtole weg und verſetzte ihm mit dem umgekehrten Ende einen furcht⸗ baren Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden ſtreckte. Jetzt waren die anderen Raͤuber auch von den Fel⸗ ſen herunter geſtiegen, und als ſie ihren Anfuͤhrer fallen ſahen, eilten ſie herbei, um ihn zu raͤchen, aber Nico⸗ laus wartete kein weiteres Scharmuͤtzel ab, ſondern gab, voͤllig zufrieden mit dem, was er gethan, Robin die Sporen und galoppirte davon. Einige Minuten lang konnte er noch das Rufen der Leute hoͤren, doch ver⸗ ſtummte es bald. Er hatte wenig mehr als die Haͤlfte der Schlucht zuruͤckgelegt, als das oben beſchriebene Gefecht ſtattfand; aber obgleich der Weg noch immer ſchwierig und gefaͤhr— lich war, was durch die Dunkelheit noch vermehrt wurde, ſo fand doch kein weiteres Hinderniß ſtatt, bis Nicolaus gerade die dunklen Jrrgaͤnge der Schlucht verließ und ſich dem freien Felde jenſeits derſelben naͤherte. An die⸗ ſem Punkte fiel Robin und warf Nicolaus und Nance auf den Boden, und als das Pferd wieder aufſtand, war es ſo ſchwer verletzt, daß es unmoͤglich weiter gehen konnte. Es war kein anderes Mittel, als zu Fuß nach 85 Burnley zu gehen, welches noch drei oder vier Meilen entfernt war. In dieſer Verlegenheit erbot ſich Nance, dem Squire ein anderes Pferd zu verſchaffen, aber er lehnte das An⸗ erbieten mit Beſtimmtheit ab. „Nein, nein— ich will keinen von Euren Beſen⸗ ſtielen,“ rief er;„keine Teufelspferde— ich weiß nicht, wohin ſie mich tragen koͤnnen. Meine eigenen Beine muͤſſen mir jetzt dienen. Ich will den armen Robin nur eben aus dem Wege fuͤhren und ſo ſchnell ich kann nach Burnley wandern.“ Hierauf fuͤhrte er das Pferd zu einer kleinen gruͤ⸗ nen Wieſe, die neben dem Bache hinlief, nahm Sattel und Zaum ab und legte Beides ſorgfaͤltig unter einen Baum, ſtreichelte des Thieres Hals, verſprach ihm, am Morgen zuruͤckzukehren, und wanderte dann raſchen Schrit⸗ tes mit Nance weiter. Sie waren noch nicht weit ge⸗ gangen, als ſie hinter ſich Hufſchlaͤge hoͤrten und es ein⸗ leuchtend ward, daß mehrere Reiter raſch naͤher kamen. Nance ſtand ſtill, horchte einen Augenblick und erklaͤrte dann, daß es Demdike mit ſeiner Bande ſei, die ihn verfolgten, ergriff den Arm des Squire und zog ihn vom Wege unter den Schutz einiger Haſelbuͤſche. Der Räuberhauptmann war nur betaͤubt geweſen und ſobald er ſich von den Wirkungen des Schlages erholt, hatte er ſein Pferd beſtiegen, welches nebſt dem ſeiner Leute hinter den Felſen verborgen geweſen, und war den Fluͤcht⸗ lingen nachgeeilt. So erklärte Nance die Sache, und der Erfolg bewies, daß ſie Recht hatte. Ein lauter Ruf des Reiters und ein ploͤtzliches Anhalten zeigte, daß man 86 den armen Robin entbeckt habe. Dies ſchien Demdike ſehr zu freuen, denn er erklaͤrte, jetzt koͤnnten ſie gewiß ſein, die Fluͤchtlinge einzuholen. „Sie koͤnnen nicht weit entfernt ſein,“ rief er;„aber ſie werden ſich wahrſcheinlich verſtecken; ſo ſeht Euch gut um.“ Mit dieſen Worten ritt er weiter, und aus dem Geraͤuſch ging hervor, daß die Leute ſeine Befehle ge⸗ nau befolgten. Sie fanden aber Nichts, und ehe meh— rere Minuten um waren, naͤherte ſich Demdike und ſah die Haſelbuͤſche an, hinter welchen die Fluͤchtlinge ver⸗ borgen waren und ſchoß eine Piſtole in den dichteſten Buſch ab; als aber keine Bewegung erfolgte, ſagte er: „Es war mir, als bewege ſich hier Etwas, aber vermuthlich habe ich mich geirrt. Ohne Zweifel ſind ſie weiter gekommen, als wir dachten, oder haben ſich in ein Dickicht zuruͤckgezogen, und wenn das der Fall, ſo iſt das Suchen unnuͤtz. Indeſſen wollen wir uns ihrer auf dieſe Weiſe verſichern. Zwei von Euch ſollen in der Naähe von Holme einen Hinterhalt bilden, zwei Andere eine halbe Meile von Burley, und bis zum Anbruch des Morgens auf ihren Poſten bleiben, ſo daß Ihr ge— wiß ſein koͤnnt, ſie gefangen zu nehmen; und wenn Ihr ſie habt, macht Euch ohne Bedenken davon mit ihnen. Wäre nicht mein Schaͤdel ſo ſtark, ſo haͤtte jener moͤrderiſche Squire mir ihn geſprengt, und ſo ſoll er auch keine Gnade von mir erhalten, und was die verratheriſche Hexe Nance Redferne betrifft, die verdient den Tod von unſern Haͤnden, und ſie ſoll ihren Lohn haben. Ich habe lange Argwohn gegen ſie gehegt, und war in der 87 That ein Thor, einer von der Brut der alten Chattor zu trauen, die alle meine natuͤrlichen Feinde ſind— aber es thut Nichts, ich will meine Rache haben.“ Als die Maͤnner verſprochen hatten, die Befehle ihres Hauptmanns zu befolgen, fuhr er fort: „Ich werde, ſo ſchnell mein Pferd mich tragen kann, nach Malkin Tower reiten, und ich will Euch ſagen warum. Nicht als wenn mir die Jagd mifiele, wobei wir jetzt beſchaͤftigt ſind, aber ich habe gerade jetzt ein beſſeres Spiel vor. Tom Shaw, der Hahnen⸗ meiſter zu Downham, der in meinem Solde iſt, kam dieſen Nachmittag nach Whalley heruͤber geritten, um mir die Nachricht zu bringen, daß eine gewiſſe Dame, die lange im Herrenhauſe zu Downham verborgen ge⸗ weſen, dieſe Nacht nach Malkin Tower wird gebracht werden. Die Nachricht iſt gewiß, denn er hatte ſie von dem alten Jaͤger Crouch, der ſie begleiten ſoll. So wird Miſtreß Nutter, denn Ihr wißt Alle, wen ich meine, natuͤrlich in unſere Haͤnde fallen und wir koͤnnen ſo viel Geld von ihr erpreſſen, wie wir wollen, denn obgleich ſie ihrer Tochter Alizon ihr ganzes Vermoͤgen uͤbergeben hat, ſo kann ſie doch ohne Zweifel ſo viel haben, wie ſie will und ſie ſoll nicht zu wenig fordern, dafuͤr will ich ſorgen, oder ich verſuche die Wirkung eines jener Folterinſtrumente, die ich ſo gluͤcklich war, in den Ker⸗ kern zu Malkin Tower zu finden, und die von meinem Vorgänger dem Freubeuter Blackburn zu aͤhnlichem Zwecke angewendet wurden. Seid Ihr damit zufrieden, meine Jungen?“ „Ja, ja, Hauptmann Demdike,“ antworteten ſie. 88 Hierauf machte ſich die ganze Geſellſchaft auf den Weg und war bald nicht mehr zu hoͤren. Sobald ſie es fuͤr rathſam hielten, kamen der Squire und Nance aus ihrem Verſteck hervor. „Was iſt zu thun?“ rief der Erſtere, der ſich nicht zu rathen wußte.„Der Schurke hat ſeine Abſicht ange⸗ kuͤndigt, nach Malkin Tower zu gehen, und Miſtreß Nut⸗ ter wird gewiß in ihre Haͤnde fallen. O! wenn ich ihn nur aufhalten oder ihm voraus eilen koͤnnte!“ „Ihr werdet es nicht koͤnnen, wenn Ihr nicht mit mir reiten wollt,“ ſagte Nance. „Aber wie— auf welche Weiſe?“ fragte Nicolaus. „Ueberlaßt das mir,“ verſetzte Nance eine lange Haſelruthe abbrechend.„Faßt dies Ende an,“ rief ſie. Der Squire gehorchte, wurde ſogleich in die Hoͤhe geho⸗ ben, und fuhr mit ungeheurer Schnelligkeit durch die Luft dahin. Er wurde verwirrt und ſchwindlig, doch wagte er nicht los zu laſſen, um nicht in Stuͤcke zerſchmettert zu werden, waͤhrend Nance's wildes Lachen ihm in die Ohren tonte. Ueber den ſteilen Felſen— den Adler aus ſeinem Horſt aufſcheuchend— uͤber die klaffende Schlucht, wo⸗ rin der Strom rauſchend dahinfloß— uͤber den ſchroffen Kamm der Huͤgel, uͤber Townley Park— uͤber den Kirchthurm von Burnley— über das weite Thal ging es fort, bis er endlich verwirrt, außer Athem und wie im Traum auf einer braunen, kahlen und mit Haide⸗ kraut bedeckten Flaͤche ankam, nur hundert Schritte von einem hohen und runden Gebaͤude, welches er als Mal⸗ kin Tower erkannte. — —————— 89 Fünftes Kapitel. Das Ende von Malkin Tower. Die Schatten der Nacht hatten ſich auf das Her⸗ renhaus zu Downham geſenkt, und mit ſchmerzendem Herzen und uͤbler Ahnung bereitete ſich Miſtreß Nutter vor, das kleine Zimmer zu verlaſſen, welches ihr ſeit mehr als zwei Monaten Schutz gewaͤhrt hatte; und wo ſie gern ihren letzten Seufzer ausgeſtoßen haͤtte, wenn es ihr geſtattet geweſen wäre. Die Bibel zumachend, worin ſie geleſen, nahm ſie das heilige Buch unter ih⸗ ren Arm, ergriff ein kleines Buͤndel, welches die weni⸗ gen, zu ihrer Reiſe noͤthigen Gegenſtaͤnde enthielt, loͤſchte die Kerze aus, ſtieg dann eine geheime Treppe hinunter, ging durch eine Thuͤr, die von außen wie ein Schrank ausſah, und trat in das Sommerhaus, wo ſie den alten Crouch ihrer wartend fand. Nur wenige leiſe Worte wurden zwiſchen ihr und dem Jaͤger gewechſelt. Er ſagte ihr, daß die Pferde hinter dem Garten warteten, nahm ihr das Buͤndel ab und wuͤrde ſie auch gern von der Bibel befteit haben, aber ſie wollte ſich nicht davon trennen und druckte ſie nur um ſo feſter an ihren Buſen und ſagte, ſie ſei be⸗ reit, ihm zu folgen. Es war eine ſchoͤne ſternenhelle Nacht, die Luft ———— ⸗ 90 ſanft und balſamiſch und mit dem Dufte der Blumen erfuͤllt. Eine Nachtigall ſang klagend auf einem nahen Baum und erhielt gleich darauf eine eben ſo zaͤrtliche Antwort aus einem anderen Theile des Luſtwaͤldchens. Miſtreß Nutter konnte nicht umhin zu horchen, und der Geſang ruͤhrte ſie ſo ſehr, daß die unterdruͤckte Bewe⸗ gung ſie faſt erſtickte, denn leider war ihr die Erleich— terung durch Thraͤnen verſagt. Ihr Etwas ungeduldig weiter zu gehen winkend, ſchlug Crouch einen dunklen Gang ein, der mit be⸗ ſchnittenen Taxusbaͤumen beſetzt war und mit einer An⸗ pflanzung endete, durch welche ein gerundeter Pfad zu dem Fuße des Huͤgels fuͤhrte, worauf das Herrenhaus erbaut war. Bei Tage war dies ein ſchoͤner Spaziergang, denn er gewaͤhrte liebliche Ausſichten durch die Baͤume auf die umgebende Landſchaft, ſo wie auf den Pendle-Huͤgel, der den vorragenden Punkt in der Ausſicht bildete. Der armen Dame, die ſo lange in ähr zellenartiges Zimmer eingeſchloſſen und der groͤßten Segnungen der Natur be⸗ raubt geweſen, erſchien ſogar die Ausſicht lieblich. Die friſche Luft, von dem Dufte des kurzlich gemaͤhten Heues gefullt, fäͤchelte ihre blaſſe Wange und ihre fieberhafte Stirn und milderte ihre Auftegung und Furcht. Die vollkommene Stille, die nur von dem Bruͤllen des Rind⸗ viehs auf den nahen Weiden, durch das ſchlaͤfrige Sum⸗ men der Käfer oder das Rieſeln des Baches im Thal unterbrochen wurde, beruhigte ſie noch mehr, und der beſaͤnftigende Einfluß wurde durch die Betrachtung des heitern Himmels, wo ſich das Sternenheer mit der hel— len Sichel des neuen Mondes zeigte, noch erhoͤht. Nur 2 — 8— A—— 91 ein Fleck zeigte ſich an dem ſonſt laͤchelnden Himmel, und dies war eine große, häͤßliche ſchwarze Wolke, die uͤber dem Gipfel des Pendle⸗Huͤgels hing. Miſtreß Nutter bemerkte die unheildrohende Wolke und ſah auch den Schatten auf dem Huͤgel, der eben ſo gut von dem Teufel ſelbſt herruͤhren konnte, ſo aͤhn⸗ lich war er einer teufliſchen Geſtalt mit ausgeſtreckten Fluͤgeln; aber wenn auch ſchaudernd bei dem Gedanken, der ſich ihr aufdraͤngte, geſtattete ſie nicht, daß ſich der⸗ ſelbe ihres Geiſtes bemaͤchtigte, und richtete ihre Auf⸗ merkſamkeit entſchloſſen auf andere angenehmere Dinge. Jetzt erreichten ſie den Fuß des Huͤgels, und eine Pforte fuͤhrte ſie zu einem Wege, der an der Seite des Baches fortlief. Hier fanden ſie die Pferde in der Ob⸗ hut eines Mannes, der Nicolaus Asſheton's dunkelrothe Livree trug, und der kein Anderer war, als Tom Shaw, der ſchurkiſche Hahnenmeiſter. Crouch die Zügel uͤber⸗ gebend, ſchritt der Schulke raſch fort, blieb aber in ge⸗ ringer Entfernung ſtehen, um die Dame aufſteigen zu ſehen; dann draͤngte er ſich durch die Hecke, lief durch die Anpflanzung auf die Halle zu, klapperte unterwegs mit dem Gelde in ſeinen Taſchen und dachte daran, wie geſchickt er es verdient habe. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße, denn zu unſerer Freude koͤnnen wir berich⸗ ten, daß er, als er durch den Wald ging, in eine Fuchs⸗ falle trat, die Crouch dort aufgeſtellt, und die ihn mit ihren eiſernen Zaͤhnen bis zum Morgen feſthielt, wo er von einem der Jägerburſchen, der ſeine Runde machte, in klaͤglichem Zuſtande gefunden wurde, und auf Lebens⸗ zeit gelähmt blieb. —— ——— 92 Ohne um die Art zu wiſſen, wie ſie verrathen wor⸗ ben, noch um die Strafe, die ihres Verraͤthers wartete, folgte Miſtreß Nutter ſchweigend ihrem Fuͤhrer. Eine Strecke ging der Weg an der Seite des Baches fort, ging dann uneben eine Anhöhe hinauf und lief zwiſchen hohen mit Baͤumen beſetzten Ufern fort. Die uber⸗ haͤngenden Zweige machten es ſo dunkel, daß Miſtreß Nutter den alten Jaäger kaum unterſcheiden konnte, ob⸗ gleich er ihr nur wenige Schritte voraus war, aber ſie hoͤrte die Hufſchläͤge ſeines Pferdes und das war genug. Ploͤtzlich erblickte ſie, wo die Buͤſche am dichteſten waren, einen kleinen feurigen Gegenſtand am Ufer und rief in ihrem Schrecken dem Jaͤger zu, der ſich einen Augenblick umſah und ihr ſagte, ſie moͤge ſich deshalb nicht beunruhigen, denn es ſei nur ein Gluͤhwurm. Be⸗ ſchämt uͤber ihre thörichte Furcht, ritt ſie weiter, aber noch war ſie nicht weit gekommen, als ſie wieder nach dem Ufer hinblickte und es ganz mit denſelben Lichtern uͤberſaͤet ſah. Diesmal rief oder ſchrie ſie nicht, ſondern ſah die funkelnden Feuer feſt an, indem ſie ihre Furcht zu uͤberwinden hoffte. Ihre Unruhe verwandelte ſich indeſſen in Schrecken, als ſie ſah, wie die Johannis⸗ wuͤrmchen, wenn es ſolche waren, ſich vereinten und ein flammendes Schwert bildeten, wie ſie es in ihren Viſio⸗ nen in den Haͤnden des Engels geſehen, der ſie aus den Pforten des Paradieſes getrieben hatte. Ihren Blick abwendend, wollte ſie weiter reiten, als plötzlich eine Hand ihren Zuͤgel ergriff und ihr Pferd zuruͤckhielt. Und ſie bemerkte einen großen dunklen Mann, der auf einem ſchwarzen Pferde neben ihr ritt. Es war ——— — 93 klar, daß es ein uͤbernatürliches Weſen war, beſonders da die Hufſchlaͤge ſeines Pferdes nicht zu hoͤren waren; auch ſchien er Crouch nicht ſichtbar, als dieſer ſich um⸗ ſah. Miſtreß Nutter behauptete nur mit Schwierigkeit ihren Sitz, denn ſie wußte wohl, wer bei ihr war. „So, Alice Nutter,“ ſagte der Reiter endlich in leiſem und tiefem Tone,„Ihr habt es vorgezogen, Euch laͤnger als zwei Monate in eine enge Zelle einzuſchließen, wie eine Nonne, und Euch jede Art der Unterhaltung zu verſagen, die ſtrengſte Enthaltſamkeit zu uͤben und alle Eure Zeit in nutzloſem Gebete zuzubringen, ja, nuk⸗ los, wenn Ihr auch von jetzt bis zum juͤngſten Tage beten wolltet— mag er nun in tauſend Jahren oder morgen kommen— ſo wuͤrde es Euch doch nicht retten. Als Ihr meinem Herrn jenen Vertrag unterzeichnet, wurde das Urtheil uͤber Euch ausgeſprochen, und keine Macht kann es widerrufen. Wozu denn dieſe nutzloſen Klagen? Warum wollet Ihr Gebete ausſprechen, welche zuruͤckgewieſen werden und Flehen vernehmen laſſen, wel⸗ ches verachtet wird? Werft dieſe Schwaͤche von Euch, Alice, und ſeid wieder wie fruher. Einſt hattet Ihr Stolz genug, und ein wenig davon wuͤrde Euch jetzt nuͤtzlich ſein. Ihr wuͤrdet dann die Thorheit dieſes un⸗ terwuͤrfigen Weſens einſehen, indem Ihr Euch bis in den Staub demuͤthigt und mit Verachtung zuruͤckgeſtoßen und um Gnade fleht, um verhoͤhnt zu werden. Betet ſo laut und ſo lange Ihr wollt, die Ohren des Him⸗ mels werden taub fuͤr Euch bleiben.“ „Ich hoffe es nicht,“ verſetzte die Dame ſanft. „Taͤuſcht Euch nicht,“ verſetzte der Reiter.„Die 1 Friſt, die Euch in dem Vertrage gewaͤhrt worden, wird nicht abgekuͤrzt werden, aber es iſt Eure eigene Schuld, wenn ſie nicht verlaͤngert wird. Eure Tochter richtet ſich ſelbſt zu Grunde, in der thoͤrichten Hoffnung, Euch zu retten. Ihr Gebet iſt eben ſo unwirkſam, wie das Eurige, und wird ungehoͤrt von dem Throne des Rich⸗ ters zuruͤckgewieſen. Der Juͤngling, dem ſie ihre Liebe geſchenkt, iſt von toͤdtlicher Krankheit getroffen. Es ſteht in Eurer Macht, ſie Beide zu retten.“ Miſtreß Nutter ſeufzte tief. „Es ſteht in Eurer Macht, ſie zu retten, ſage ich,“ fuhr der Reiter fort,„wenn Ihr zu der Pflicht zuruͤck⸗ kehrt, die Ihr meinem Herrn ſchuldig ſeid. Er wird Euch Euren Ungehorſam verzeihen, wenn Ihr Euch eifrig in ſeinem Dienſte zeigt; er wird Euch in Eure fruͤhere weltliche Stellung wieder einſetzen, Euch an Euren Fein⸗ den raͤchen und Alles ausfuͤhren, was Ihr in Bezug auf Eure Tochter wuͤnſchen moͤgt.“ „Das kann er nicht,“ verſetzte Miſtreß Nutter. „Er kann es nicht?“ wiederholte der Reiter.„Stellet ihn auf die Probe. Seit vielen Jahren bin ich Euer dienſtbarer Geiſt geweſen, und Ihr habt mir nie eine Aufgabe geſtellt, die ich nicht ausgefuhrt hätte. Ich bin bereit, wieder Euer Diener zu werden und Euch noch willigeren Gehorſam zu leiſten. Setzt Euren Wuͤnſchen und Eurem Ehrgeize keine Schranken. Wenn Ihr dieſer engen Sphaͤre uͤberdruͤßig ſeid, ſo wahlt Euch eine wei— tere. Blickt um Euch, aber verſchließt Euch nicht in eine enge Zelle und uͤberredet Euch, daß Ihr Eure end⸗ liche Rettung bewirken konnt, wenn Ihr die koſtbare —————- ——— ———— Zeit verſchwendet, die viel vortheilhafter und angenehmer hatte angewendet werden koͤnnen. Mein Herr beklagt Euch, waährend er uͤber Eure Thorheit lachte, und er hat mich daher abgeſchickt, da er ungeachtet aller Abwei⸗ chungen von Eurer Pflicht noch immer Achtung fuͤr Euch empfindet, und laßt Euch vollſtändige Verzeihung anbieten, wenn Ihr ſogleich zu ihm zuruͤckkehrt, Euer Buͤndniß erneuert und Eure Aufrichtigkeit dadurch be⸗ weiſt, daß Ihr das Buch von Euch werft, welches Ihr unter Eurem Arme haltet.“ „Eure Schlingen ſind nicht ſchlau genug gelegt, um mich zu fangen,“ verſetzte Miſtreß Nutter,„ich will mich nimmer von dieſem heiligen Buche trennen, welches mein gegenwaͤrtiger Schutz iſt, und worauf ich meine Hoffnung der Rettung baue— welche Hoffnung Eure Vorſchlaͤge in meiner Bruſt belebt haben, denn ich bin verſichert, daß Euer Herr ſie nicht machen wuͤrde, wenn er ſeiner Macht uͤber mich gewiß waͤre. Nein, ich biete ihm und Euch Trotz und gebiete Euch im Namen des Himmels, entfernt Euch von mir und verſucht mich nicht weiter!“ Als dieſe Worte ausgeſprochen waren, verſchwand der ſchwarze Reiter mit ſeinem Pferde, nachdem er ein Geheul der Wuth und der Kraͤnkung ausgeſtoßen, gleich dem Bruͤllen eines wilden Thieres. Von dem Geraͤuſch erſchreckt, hielt Crouch an und fragte die Dame nach der urſache; da er aber keine befriedigende Erklaͤrung erhielt, ſo bat er ſie, raſch weiter zu reiten, indem er behauptete, es muͤſſe der Kobold des Waldes geweſen ſein. ——— 96 Bald darauf kamen ſie wieder zu dem Bache, der an Downham voruͤberfloß, und waren im Begriff hin⸗ durch zu reiten, als ſie von einem freudigen Gebell be⸗ grußt wurden, und im naͤchſten Augenblick naͤherte ſich Greif. Der Hund war in einen Stall eingeſchloſſen, da man ſeine Geſellſchaft bei der Expedition nicht wuͤnſchte; er war aber auf irgend eine Weiſe herausgekommen, hatte die Spur ſeines Herrn entdeckt und ihn endlich eingeholt. Crouch wußte nicht, ob er ſich freuen oder aͤrgern ſollte, ſtieß einen Fluch aus und erhob ſeine Peitſche, um ihn zu zuͤchtigen, aber im nächſten Augen⸗ blick herrſchte das freundſchaftliche Gefuͤhl vor und er begruͤßte das Thier mit wenigen herzlichen Worten. „Du glaubteſt vermuthlich, ich koͤnne nicht ohne Dich ſein, Greif,“ ſagte er,„und vielleicht haſt Du Recht.“ Sie waren jetzt auf der andern Seite des Baches und galoppirten uͤber die weite braune Flaͤche. Der Jäger waͤhlte bedaͤchtig ſeinen Weg, um Steinbruͤche oder Torfgruben zu vermeiden. Er deutete auf ein Irr⸗ licht, welches luſtig auf der Oberflaͤche eines gefaͤhrlichen Moraſtes tanzte und erzahlte eine traurige Mähr von einem Wanderer, den der taͤuſchende Schimmer dorthin verlockte und den der Sumpf verſchlungen. Miſtreß Nutter achtete wenig auf ihn, ſondern ſah ſich von Zeit zu Zeit um, als furchte ſie, daß Jemand hinter ihr ſei. Aber es war Niemand ſichtbar und ſie ſah nur die große ſchwarze Wolke, die uͤber dem Pendle⸗ Huͤgel ſchwebte. Fort ging es und ihre Pferde betraten bald den ———*— — — 97 naſſen und ſumpfigen Boden und ſchlugen dann den feſten aber elaſtiſchen Raſen. Ein angenehmer Ritt wuͤrde es geweſen ſein, wäre ihr Vorhaben ein anderes und ihre Herzen frei von Sorge geweſen. Die Luft war friſch und belebend und die raſche Bewegung er⸗ heiternd. Die Sterne ſchienen hell und der Halbmond ſchimmerte noch am Himmel, aber die ſchwarze Wolke hing bewegungslos uͤber dem Pendle-Huͤgel. Von Zzit zu Zeit flog irgend ein Nachtvogel an ihnen voruͤber; ſie hoͤrten den Uhn ſchreien und ſahen ihn wie einen Geiſt uber die Ebene dahinſchweben. Dann erhoben ſich noch mehr Irrlichter und zeigten, daß noch andere gefaͤhrliche Suͤmpfe in der Naͤhe ſeien; aber Crouch umging ſie alle ſicher. Jetzt quakte der Froſch im Sumpf und eine tiefe Stimme verkuͤndete, daß eine Rohrdom⸗ mel voruͤberflog. Sie ſahen den maͤchtigen Vogel mit ſeinen ſchweren, breiten Fluͤgeln und ſeinem langen Halſe uͤber ſie dahinfliegen. Greif heulte ihn an, aber er wurde ſogleich von ſeinem Herrn zur Ruhe gebracht und dann galoppirten ſie weiter. Sie waren jetzt an der Seite von Pendle⸗Water und Rough Lee lag vor ihnen. Welche ſtuͤrmiſche Ge⸗ danken bewegten der Dame Bruſt! Der Boden, den ſie betrat, war einſt ihr Eigenthum; das Haus vor ihr erkannte ſie einſt als Gebieterin an, und jetzt wagte ſie ſich demſelben nicht zu naͤhern. Auch wuͤnſchte ſie es nicht, denn der Anblick rief ſchreckliche Erinnerungen zu⸗ ruͤck und erfullte ſie wieder mit Verzweiflung. Sie waren jetzt dem Hauſe nahe und es erſchien dunkel, ſchweigend und verlaſſen. Wie ganz anders, als Ainsworth, Hexen. IV. 5 5———— i — 98 es bei Lebzeiten ihres Mannes geweſen war— des Man⸗ nes, den ſie auf ſo ſchmachvolle Weiſe getoͤdtet hatte. Eile, alter Jäger!— Peitſche Dein ſchnaubendes Pferd an oder die reuevolle Dame wird Dir weit vorauseilen, denn ſie reitet, als ob die rachenden Furien hinter ihr waͤren. Sie galoppirt uͤber die Bruͤcke und Crouch, der ihr mit Greif nachſtrebt, ruft ihr zu, langſamer zu reiten. Sie ſieht ſich um und erblickt das alte Gebaͤude, welches ſie drohend anſtarrt, und eilt weiter. Jäger und Hund bleiben eine Weile zuruͤck, aber die ſteile Anhoͤhe noͤthigte ſie bald langſamer fortzuſchreiten, und Crouch und Greif holten ſie bald ein; der Erſtere fluchte luſtig und dem Andern hing die Zunge aus dem Munde und er hinkte, als ob er ſich einen Fuß verwundet habe. Der Weg fuͤhrt jetzt durch ein Dickicht. Die Pferde ſtolpern haͤufig, denn die Steine ſind locker und die Fuß⸗ tritte haͤufig unſicher. Crouch ſtuͤrzt mit ſeinem Pferde, und ehe er wieder aufſitzen kann, iſt die Dame fort. Es iſt vergebens, ihr nachzueilen, und er reitet langſam weiter, als Greif, der ein wenig voraus iſt, grimmig knurrt und ſich nach ſeinem Herrn umſieht, als wolle er ihm zu verſtehen geben, daß Gefahr nahe ſei. Der Jaͤger treibt ſein Pferd an, aber er kommt zu ſpaͤt, wenn er uͤberhaupt haͤtte Beiſtand leiſten koͤnnen. Eine Lichtung in dem Dickicht zeigt ihm die Dame abgeſtie⸗ gen und von mehreren wild ausſehenden und mit Buͤch⸗ ſen bewaffneten Maͤnnern umgeben. Einige von der Bande tragen ſie ſchreiend fort und die Uebrigen feuern auf ihn, doch ohne Wirkung, und treiben ihn dann zu 99 dem ſteilſten Theile des Huͤgels, wo er, von Greif be⸗ gleitet, hinunterſetzt. Unten angekommen, verweilt er, um zu hoͤren, ob er verfolgt wird, und da er Nichts weiter vernimmt, was ihn beunruhigen kann, und das Dorf nicht in Aufruhr bringen wili, denn dadurch wuͤrde er Miſtreß Nutter verrathen, ſteigt er vom Pferde, bin⸗ det es an einen Baum und beginnt, Greif dicht hinter ſich, den Huͤgel hinauf zu ſteigen, und zwar auf einem andern Wege, als er vorher eingeſchlagen. Inzwiſchen ſchleppten die Raͤuber Miſtreß Nutter mit Gewalt zu dem Thurme. Ihre Waffen und ihr ganzes Ausſehen ließen ihr keinen Zweifel, daß es Raͤu⸗ ber waren, und ſie ſuchte ſie zu uͤberzeugen, daß ſie we⸗ der Geld noch Koſtbarkeiten beſitze. Sie lachten uͤber ihre Behauptungen, antworteten aber nicht. Ihr ein⸗ ziger Troſt war, daß ſie ſie nicht ihrer Bibel zu berau⸗ ben ſuchten. Als ſie den Thurm erreichten, gab der Erſte von der Bande ein Signal, die Leiter wurde von der hohen Thuͤr heruntergelaſſen und ſie genoͤthigt, hinaufzuſteigen. Dann ſchob man ſie durch einen kurzen Gang, der durch einen dichten Vorhang verdunkelt wurde, den man aber zu⸗ ruͤckzog, als ſie ſich näherte, und befand ſich darauf in einem runden Zimmer, in deſſen Mitte ein mit Flaſchen und Bechern bedeckter und mit Wein beſchuͤtteter maſſi⸗ ver Tiſch ſtand. Von der Decke, die von großen ſchwar⸗ zen eichenen Balken durchkreuzt war, hing eine Lampe mit drei Flammen, deren Licht zeigte, daß die Waͤnde mit Piſtolen, Schwertern, Dolchen und andern Mord⸗ waffen bedeckt waren; außerdem hingen lange Reitmaͤntel, 7* ————————— 100 breite Huͤte, Masken und andere Räubergeräthe an Pfloͤcken, nebſt einer großen Auswahl von Anzugen, um ſich zu verkleiden, von der Friesjacke des Tagelöhners bis zu dem ſammtnen Wamms des Edelmannes, die unter ver⸗ ſchiedenen Verhältniſſen angelegt wurden. Hie und da lag ein offenes Felleiſen oder eine Satteltaſche, deren Inhalt auf dem Boden ausgeſtreut war, und auf einer Bank befand ſich ein Wuͤrfelbecher und eine Beilketafel, was nebſt den Flaſchen und Bechern auf dem Tiſche deutlich genug zeigte, womit ſich die Bewohner des Thur⸗ mes die Zeit vertrieben. Eine ſteile leiterartige Treppe fuͤhrte zu dem obern Zimmer, und in demſelben Augenblick, als Miſtreß Nutter eintrat, kam ein ruſtiger Mann dieſelbe herun⸗ ter und ſah ſie grimmig an, als er auf den Boden ſprang. Es lag Etwas in des Mannes ſchrecklicher Phyſiognomie und in ſeinen ſeltſamen ſchiefſtehenden Au⸗ gen, was ſie an Mutter Demdike erinnerte. „Willkommen in Malkin Tower, Madame,“ ſagte der Raͤuber grinſend und ſeine Muͤtze mit affectirter Miene abnehmend.„Wir haben uns ſchon fruͤher ge⸗ ſehen, aber es iſt viele Jahre her und ich wette, Ihr habt mich vergeſſen. Ihr werdet ſchon errathen, wer ich bin, wenn ich Euch ſage, daß meine Mutter vor mir dieſen Thurm bewohnte.“ Als Miſtreß Nutter Nichts darauf antwortete, fuhr er fert „Ich bin Chriſtoph Demdike, Madame— Haupt⸗ mann Demdike ſollte ich ſagen. Die tapfern Leute, die Euch hieher gebracht haben, ſind ein Theil meiner Bande, ——— 101 und bis zur letzten Zeit waren Northumberland und die Grenzen von Schottland der Schauplatz meiner Hand⸗ lungen, aber da ich zufaällig von dem Tode meiner wuͤrdigen Mutter hoͤrte, dachte ich, wir koͤnnten nicht beſſer thun als ihre Veſte in Beſitz nehmen, die mir von Rechtswegen zufiel. Seit wir hier angekom⸗ men, haben wir uns ſehr ruhig verhalten, und die Landleute, die uns fuͤr Geiſter oder Teufel nehmen, nähern ſich nie unſerem Verſteck; und da wir unſere Unternehmungen nur in fernen Gegenden ausuͤbten, ſo hegte man nie Verdacht wegen unſeres Aufenthaltsortes.“ „Das geht mich wenig an,“ ſagte Miſtreß Nut⸗ ter kalt. „Verzeiht mir, Madame, es geht Euch viel an, wie Ihr ſogleich hoͤren werdet. Aber ſetzt Euch doch, ich bitte,“ fagte er mit verſtellter Hoͤflichkeit,„ich laſſe Euch die ganze Zeit uͤber ſtehen.“ Da aber die Dame die Aufmerkſamkeit ablehnte, fuhr er fort: „Ich war ſo gluͤcklich, als ich zuerſt in dieſes Land kam, mit Eurem Verwandten Nicolaus Asſheton Be⸗ kanntſchaft zu machen, der mich einlud, in Downham bei ihm zu bleiben, und der ſo viel Geſchmack an mei⸗ ner Geſellſchaft fand, daß er ſich nicht von mir trennen konnte.“ „Ei!“ rief Miſtreß Nutter,„ſo ſeid Ihr wohl der Mann, den er Lorenz Fogg nannte?“ „Derſelbe,“ verſetzte Demdike,„und ohne Zweifel wuͤrdet Ihr ein gutes Lob von mir horen, Madame. Nun, es paßte mir, bei ihm zu bleiben, denn ich wurde ———— 102 ſehr gaſtfreundlich aufgenommen von dem Squire, der zwar den Vorleſungen und dem Pſalmenſingen ſehr er⸗ geben iſt, aber dabei ein ſo angenehmer Wirth iſt, wie man ſich nur wuͤnſchen kann; uͤberdies war er ſo freund— lich, mich zu beauftragen, Geld fuͤr ihn zu borgen, und was ich bekam, behielt ich natuͤrlich.“ „Ich haͤtte Euch gern den Bericht uͤber Eure Schur⸗ kerei erlaſſen,“ ſagte Miſtreß Nutter ein wenig unge— duldig. „Ich bin gleich zu Ende,“ verſetzte Demdike;„und dann moͤchtet Ihr vielleicht wuͤnſchen, daß ich ſie noch verlaͤngert hätte. Alle Geheimniſſe des Squire wurden mir anvertraut, und ich wußte, daß Ihr in der Halle verſteckt waret, doch konnte ich nie genau den Ort er⸗ fahren, wo Ihr Euch aufhieltet. Ich wollte Euch ent⸗ fuͤhren und erwartete nur die Gelegenheit, die ſich mir dieſe Nacht gezeigt hat.“ „Wenn Ihr Geld von mir zu erhalten denkt, ſo werdet Ihr finden, daß Ihr ſehr irrt,“ ſagte Miſtreß Nutter.„Ich habe mein ganzes Vermoͤgen weggegeben.“ „Aber an wen, Madame,“ rief Demdike mit un⸗ heimlichem Laͤcheln;„an Eure Tochter. Und ich bin ge⸗ wiß, ſie iſt zu ſanft und gutherzig, um Euch leiden zu ſehen, wenn ſie es verhindern kann. Ihr muͤßt uns eine gute runde Summe von ihr verſchaffen, oder Ihr werdet hier lange bleiben muͤſſen. Die Kerker ſind dun— kel und ungeſund und meine Leute pflegen rauh in ih⸗ rer Behandlung der Gefangenen zu ſein. Sie haben in den Gewoͤlben einige Folterwerkzeuge gefunden, die dem Freibeuter Blackburn gehoͤrt haben, und deren Wirk⸗ —————— 103 ſamkeit ſie in einem geeigneten Falle zu verſuchen ge⸗ neigt ſein moͤchten. Ihr begreift jetzt den Sinn meiner langen Rede, Madame, und ſeht, mit welcher Art von Leuten Ihr zu thun habt— mit barbariſchen Kerlen, Madame— mit unmenſchlichem Raubgeſindel!“ Und er lachte roh uͤber ſeinen eigenen Scherz. „Vielleicht wird dieſe Verhandlung beendet,“ ſagte Miſtreß Nutter mit Feſtigkeit,„wenn ich erklaͤre, daß keine Folter mich bewegen ſoll, eine ſolche Forderung an meine Tochter zu richten.“ „Ihr glaubt vielleicht, ich ſcherze mit Euch, Ma⸗ dame,“ verſetzte Demdike. „O nein, ich halte Euch jeder Grauſamkeit faͤhig,“ verſetzte die Dame.„Ihr verlaͤugnet Eure Verwandt⸗ ſchaft weder in Euren Geſichtszuͤgen, noch in Euren Thaten.“ „Ei, meint Ihr das, Madame!“ rief Demdike. „Ich finde, Ihr habt eine ſcharfe Zunge. Die Hoͤflich⸗ keit iſt bei Euch weggeworfen. Heda, Ihr Jungen! Kenyon und Lowton, fuͤhrt die Dame in die Gewoͤlbe hinunter und laßt ihr dort eine Stunde Zeit zum ein⸗ ſamen Nachdenken. Vielleicht aͤndert ſie waͤhrend der Zeit ihren Sinn.“ „Glaubt das nicht,“ rief Miſtreß Nutter ent⸗ ſchloſſen. „Wenn Ihr widerſetzlich bleibt, werden wir ſchon Mittel finden, Euch zu bewegen,“ entgegnete Demdike in drohendem Tone.„Aber was hat ſie unter ihrem Arme? Gebt mir das Buch. Was iſt dies?— eine ——— Bibel! Eine Hexe mit einer Bibel! Es ſollte ein Zau⸗ berbuch ſein. Ha! ha!“ „Gebt ſie mir zuruͤck, ich bitte Euch,“ ſchrie die Dame.„Ich werde mit Leib und Seele untergehen, wenn ich ſie nicht bei mir habe.“ „Wie! Ihr fuͤrchtet, daß der Teufel Euch davon⸗ fuͤhren moͤchte, wenn Ihr ſie nicht bei Euch habt— ho! ho!“ bruͤllte Demdike.„Nun, das wuͤrde freilich jetzt meinem Zwecke nicht entſprechen. Hier habt Ihr ſie wieder— und nun fort mit ihr, Jungen, ohne Weiteres!“ Und als er ſprach, wurde eine Fallthuͤr von einem der Raͤuber geoffnet und es zeigte ſich eine Treppe, die zu dem unterirdiſchen Gemache fuͤhrte, in welches ſie die ungluͤckliche Dame hinunterſchleppten. Sogleich erſchienen die beiden Maͤnner mit grimmi⸗ gem Laͤcheln in ihren ſchurkiſchen Geſichtern, und als ſie die Fallthuͤr wieder zumachten, ſagte einer von ihnen zu dem Hauptmann, ſie haͤtten ſie an den Pfeiler ge⸗ feſſelt, indem ſie das eiſerne Band von dem großen Ske⸗ lett abgenommen und es ihr um den Leib gethan. „Ihr habt wohlgethan, Ihr Jungen,“ verſetzte Demdike billigend,„und nun geht Alle auf den Gi⸗ pfel des Huͤgels und kehrt in einer Stunde zuruͤck; dann wollen wir entſcheiden, was mit dieſem Weibe zu thun iſt.“ Dann vereinigten ſich die beiden Maͤnner mit ih⸗ ren anderen Kameraden, welche draußen geblieben wa⸗ ren, und der ganze Trupp ſtieg die Treppe hinunter, welche dann von Demdike heraufgezogen wurde. Als 105 dies geſchehen war, kehrte der Räuberhauptmann in das runde Zimmer zuruͤck, ging eine Zeit lang auf und ab und uͤberdachte ſeine ſchwarzen Plaͤne. Dann blieb er ſtehen, näherte ſein Ohr der Fallthuͤr und horchte; als aber kein Laut zu ihm gelangte, ſetzte er ſich an den Tiſch und verſenkte ſich bald ſo tief in ſeine Gedanken, daß er nicht bemerkte, wie eine dunkle Geſtalt die ſchmale Treppe hinter ihm herunterſchlich. „Ich kann Nicolaus Asſheton nicht aus dem Kopfe bringen,“ rief er endlich.„Es iſt mir faſt, als ſollten wir uns noch einmal wieder treffen; und doch ſollte jetzt Alles mit ihm voruͤber ſein.“ „Sieh Dich um!“ donnerte kine Stimme hinter ihm.„Nicolaus Asſheton iſt nicht ſo leicht los zu werden.“ Bei dieſer unerwarteten Aufforderung ſprang Dem⸗ dike auf und wich erſchrocken zuruͤck, als er eine Geſtalt vor ſich ſtehen ſah, die er fuͤr den Geiſt des gemordeten Squire hielt. Ein zweiter Blick uͤberzeugte ihn indeß, daß es kein Phantom war, was er ſah, ſondern ein le⸗ bender Menſch, zur Rache bewaffnet und entſchloſſen. „Nimm eine Waffe, Schurke,“ rief Nicolaus in Toͤnen der heftigſten Wuth.„Ich moͤchte ſelbſt gegen Dich keine unedlen Vortheile anwenden.“ Ohne ein Wort zu erwiedern, riß Demdike ein Schwert von der Wand und war im naͤchſten Augen⸗ blicke in einen toͤdtlichen Kampf mit dem Squire verwickelt. Sie waren einander vollkommen gewachſen, Beide waren kraͤftige Maͤnner, Beide in der Anwendung ihrer Waf⸗ fen erfahren, und der Kampf haͤtte noch lange waͤhren † 8 † 5 1 ——— 106 und der Ausgang zweifelhaft ſein können, hätte Nico⸗ laus ſeinen Gegner nicht mit ſolcher Wuth und Ent— ſchloſſenheit angegriffen, daß er ihn bald gegen die Wand trieb, wo dieſer den Verſuch machte eine Piſtole zu er⸗ greifen, die neben ihm hing; da aber dieſe Abſicht er— rathen wurde, erhielt er einen Stoß durch den Arm, ſo daß er ſeine Klinge ſinken ließ und der Squire ſein Le⸗ ben in Haͤnden hatte.. Nicolaus faßte ſein Schwert kuͤrzer an, ſtieß aber nicht zu, ſondern ergriff ſeinen Feind bei der Kehle, ſchleuderte ihn zu Boden, ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt und rief:— „Heda! Nance!“ „Nance,“ ſagte Demdike,„ſo war es alſo je⸗ nes boshafte Geſchoͤpf, welches Euch hieher brachte?“ „Ja,“ verſetzte der Squire, als das junge Frauen⸗ zimmer raſch die Stufen herunterkam,„und ich ſchlug ihren Beiſtand bei dem Kampfe aus, da ich mich uͤberzeugt hielt, daß ich Dich uͤberwinden wuͤrde und weil ich ſelbſt gegen einen ſo verraͤtheriſchen Schurken, wie Du biſt, keinen Vortheil haben wollte.“ „Toͤdtet ihn lieber, Squire,“ ſagte Nance;„er koͤnnte Euch ſonſt noch mehr Schaden thun.“ „Nein, nein,“ verſetzte Nicolaus,„er iſt eines eh⸗ renvollen Schwertes unwuͤrdig. Ueberdies habe ich ge⸗ ſchworen, ihn an den Galgen zu bringen, und ich will mein Wort halten. Geh in das Gewolbe hinunter, um Miſtreß Nutter zu befreien, waͤhrend ich ihn binde, denn wir muͤſſen ihn mit uns nehmen. Morgen ſoll er mit ſeinen Verwandten in Lancaſter Caſtle gefangen ſein.“ 107 „Das werden wir ſehen,“ murmelte Demdike. „Seid auf Eurer Hut, Squire,“ rief Nance, in⸗ dem ſie eine kleine Lampe nahm und die Fallthuͤr erhob. Mit dieſer Warnung ſtieg ſie in das Gewoͤlbe hin⸗ unter, waͤhrend Nicolaus ſich nach einem Riemen um⸗ ſah und eine ſtarke Schnur bemerkte, die in ſeiner Naͤhe an der Wand herunterhing. Er ergriff ſie und zog ſie mit einiger Heftigkeit zu ſich hin. Ploͤtzich ertoͤnte es: klang! klang! Er hatte die Sturmglocke geläutet. Klang! klang! klang! Wollte es nimmer auf⸗ hoͤren? Seine Ueberraſchung und Beſtuͤrzung benutzend, wand ſich Demdike unter ihm hervor, ſprang auf, ſtuͤrzte auf die Thuͤr zu, ließ augenblicklich die Leiter hinunter⸗ fallen und bruͤllte: „Verrath! zu Huͤlfe, meine Leute! zu Huͤlfe!“ Sein Geſchrei wurde ſogleich von außen beantwor⸗ tet, und aus dem Tumult wurde es klar, daß die ganze Bande ihm zu Huͤlfe eilte. Der Squire hatte keinen Augenblick zu verlieren. Er eilte durch die Fallthuͤr, machte ſie hinter ſich zu und verriegelte ſie von unten, gerade als die Raͤuber in das Zimmer traten. Demdikes Wuth uͤber ſeine Flucht wurde noch dadurch vermehrt, daß die vereinten Anſtrengungen ſeiner Leute nicht hinreichten, die Fallthuͤr zu oͤffnen. „Nehmt Beile und zerhackt die Thuͤr,“ rief er. „Wir muͤſſen ſie haben. Ich habe gehoͤrt, daß unten ein geheimer Ausgang iſt; obgleich ich nie im Stande geweſen bin, ihn zu entdecken, ſo iſt er vielleicht Nance ———— 108 8 bekannt. Ich will hinausgehen und Wache halten. Wenn Ihr mich pfeifen hoͤrt, ſo kommt augenblicklich heraus.“ Hierauf eilte er die Treppe hinunter, machte einen Umgang um den Thurm und unterſuchte einige Buͤſche am Fundament, als ein Hund ihn plötzlich an die Kehle packte und ehe er einen Ausruf ausſtoßen, viel weniger noch pfeifen oder ſeine Arme anwenden konnte, wurde er von dem alten Jäger eine betraͤchtliche Strecke fortge⸗ ſchleppt, waͤhrend der Hund ſich noch an ſeiner Kehle feſthielt. WMittlerweile war Nicolaus in das Gewoͤlbe hinun⸗ tergeeilt, wo er Nance fand, welche Miſtreß Nutter unterſtutzte, die halb ohnmaͤchtig war. Nachdem er ha— 1 ſtig erklaͤrt, was geſchehen war, uͤbergab ſie ihm die Dame und ging durch die mittlere Pfeilerreihe und an dem ſchwarzen Bilde voruͤber, bis ſie die Mauer erreichte, wo ſich zwiſchen den Statuen Blackburn's und Iſolens eine ſchwarze Steinplatte zeigte, indem ſie die Lampe empor hielt. Als ſie daran druͤckte, ſchob ſich die Stein⸗ platte auf eine Seite und zeigte eine Treppe. „Geht hier hinauf,“ rief Nance dem Sgquire zu, „und wenn Ihr oben ſeid, werdet Ihr noch einen Stein mit einem Knopfe finden. Ihr koͤnnt ihn nicht ver⸗ ſehlen.. „Aber Du!“ rief der Squire.„Willſt Du nicht mit uns kommen?“ „Ich komme gleich,“ verſetzte Nance mit auffallen⸗ dem Laͤcheln.„Ich habe hier vorher noch Etwas zu 3 thun. Jener liſtige Fuchs Demdike hat ſich ſelber und ——— — — 109 allen ſeinen Leuten eine Falle gelegt— und ich muß ſie darin fangen. Wartet hundert Schritte von dem Thurme auf mich, nicht naͤher— Ihr verſteht mich!“ Nicolaus verſtand ihre Meinung nicht deutlich; da er aber vermuthete, daß eine geheime Bedeutung in Nance's Worten liege, ſo beſchloß er ihr unbedenklich zu gehorchen. Nachdem er auf die von ihr angegebene Weiſe mit Miſtreß Nutter den Thurm verlaſſen hatte, eilte er mit dieſer eine Strecke fort, als er zu ſeiner Ueberraſchung Crouch und Greif fand, die bei dem darnieder liegenden Raͤuberhauptmann Wache hielten. Wenige Worte von dem Jaͤger reichten hin, um zu erklaͤren, wie dies ge⸗ ſchehen ſei, aber ſie waren kaum ausgeſprochen, als Nance in athemloſer Haſt herbeigeeilt kam und rief: „Fort! weiter fort! wenn Euch Euer Leben lieb iſt!“ Da ſie aus ihrem Benehmen ſahen, daß der Auf⸗ ſchub gefaͤhrlich ſei, ſo ergriffen Nicolaus und Crouch den Gefangenen und trugen ihn mit einander weiter, waͤhrend Nance Miſtreß Nutter unterſtuͤtzte. Sie waren noch nicht weit gegangen, als ein rol⸗ lendes Geraͤuſch, gleich dem, welches einem Erdbeben vor⸗ hergeht, gehoͤrt wurde. Alle ſahen ſich nach Malkin Tower um. Das Ge⸗ vaͤude ſchwankte, es brachen Flammen aus der Erde, und mit furchtbarem Krachen, welches man Meilen weit hoͤrte, und welches den Boden erſchuͤtterte, wo Nicolaus und die Andern ſtanden, wurde das ganze unheilige Gebaͤude von dem Fundamente bis zum Gipfel in die Luft geſprengt, und einige Steine eine ungeheure Strecke weit fortgeſchleudert. —— 4 ———F½§Ü%¼, „— — 110 Demdike hatte naͤmlich unter dem Gewoͤlbe eine Pulvermine angelegt, um das Gebaͤude ſpaͤter einmal zu zerſtoͤren, und da Nance dies gewußt, hatte ſie die Lunte angebrannt. Keiner von den Raͤubern, die im Thurme waren, entkam, und am naͤchſten Tage wurden alle Leichen zerſchmettert, verbrannt oder furchtbar verſtuͤmmelt ge⸗ Sechſtes Kapitel. Hoghton Tower. Etwa einen Monat nach dem zuletzt beſchriebenen Ereigniß, und fruͤh an einem ſchoͤnen Auguſtmorgen, ritten Nicolaus Asſheton und Richard Sherborne zu⸗ ₰ ſammen aus der ſtolzen Stadt Preſton. Beide waren zierlich gekleidet und trugen Waͤmmſer und Beinkleider 6 von gelbem Sammet, mit weißem Seidenzeug beſetzt, .— dazu paſſende Maͤntel, auf der Schulter mit einem in Gold geſtickten Stier verſehen, unter welchem das Motto 3 Malgré le tort“ ſtand. In reſpectvoller Entfernung folgten ihnen vier berittene Diener, und die beiden Her⸗ ren waren eben uͤber die Bruͤcke geritten, die uͤber den Ribble fuͤhrte und nahmen ihren Weg an dem Ufer des 4 kleineren Fluſſes Darwen fort, der ſein Waſſer in den 3 Ribble ergießt und war nur eine kurze Strecke von dem 111 reizenden Dorfe Walton le Dale entfernt, als ſie einen Reiter langſam auf ſich zukommen ſahen, den ſie au⸗ genblicklich als Richard Asſheton begruͤßten. Sie ſporn⸗ ten ihre Pferde an und waren bald an ſeiner Seite. Beide waren ſehr betroffen von dem abgemagerten Aus⸗ ſehen des jungen Mannes und fragten aͤngſtlich nach ſeiner Geſundheit, aber Richard bat ſie, mit ſchwermuͤ⸗ thigem Laͤcheln, nicht unruhig zu ſein, denn bald wuͤrde Alles gut ſein. „Es wird mit Dir zu Ende ſein, Junge, wenn Du Dich nicht vorſiehſt; indeß weißt Du das auch viel⸗ leicht,“ verſetzte Nicolaus;„aber ſobald die koͤniglichen Feſtlichkeiten in Hoghton voruͤber ſind, will ich Deine Kur heginnen, und was noch mehr iſt, ich will ſie voll⸗ enden, denn ich weiß beſſer, als Doctor Morphew Euer Hausarzt in Middleton, wo der Sitz der Krankheit iſt. Im Herzen, Dick— im Herzen. Ha!— ich ſehe, ich habe es getroffen, Junge. Aber zum Henker! Du biſt ſeltſam gekleidet zu einem Feſt, in einen Anzug von ſchwarzem Sammet mit einem ſchwarzen ſpaniſchen Fe⸗ derhut! Du ſiehſt aus, als ob Du zu einem Leichenbe⸗ gaͤngniſſe gehen wollteſt. Ich fuͤrchte, Seine Majeſtät wird es uͤbel nehmen. Warum traͤgſt Du nicht die Li⸗ vree unſeres Hauſes?“ „Wenn es darauf ankommt,“ verſetzte Richard, „warum trägſt Du und Sherborne ſie nicht, anſtatt wie Dohlen in erborgtem Gefieder zu prunken? Ich kenne Euch kaum in Eurer ſeltſamen Kleidung und wuͤrde Dich nicht fuͤr einen Asſheton, noch Dich fuͤr ein Mit⸗ ——— 112 glied der Famitie halten, wegen der bunten Farben und des fremden Wappens auf Euter Schulter.“ „Ich wundere mich nicht daruͤber, Dick,“ ſagte Ni⸗ colaus;„ich kenne mich kaum ſelbſt, und obgleich die Kleider, die ich trage, gut genug gemacht ſind, ſo ſchei⸗ nen ſie mir doch ſchlecht zu paſſen und plagen mich, wie einſt den Hercules das Hemd des Neſſus. Ich bin Sir Richard Hoghton's Anhaͤnger. Ich muß geſtehen, ich war ſelber aͤrgerlich, als ich Sir Ralph Asſheton mit ſeinem langen Zuge von Herren, alle in dunkelbrau⸗ nen Maͤnteln und Waͤmmſern in Myerscough Ledge ſah, waͤhrend ich, ſein Vetter, wie einer von einem an— dern Hauſe gekleidet war, und als ich meinen anſchei⸗ nenden Abfall von Sir Ralph entſchuldigen wollte, ant—⸗ wortete er kalt, es ſei beſſer ſo, denn er wuͤrde unter ſeinen Freunden kaum Platz fuͤr mich gefunden haben.“ „Aergere Dich nicht daruͤber, Nicolaus,“ verſetzte Sherborne;„Sir Ralph kann vernuͤnftigerweiſe nicht uͤbel nehmen, was von Dir aus Gutmuͤthigkeit geſchieht. Aber dadurch wird noch nicht erklaͤrt, warum Richard eine ſo dunkle Farbe traͤgt.“ „Der, deſſen Anhaͤnger ich bin, hat eine dunkle Livree,“ verſetzte der junge Mann mit unheimlichem Laͤ⸗ cheln.„Aber genug davon,“ fuͤgte er hinzu, indem er eine lebhaftere Miene anzunehmen verſuchte;„wie ich vermuthe, ſeid Ihr auf dem Wege nach Hoghton To— wer. Ich glaubte Preſton zu erreichen, ehe Ihr auf waͤret; aber ich haͤtte mich erinnern ſollen, daß Du kein Langſchlaͤfer biſt, Nicolaus, ſelbſt nicht, nachdem Du am Abend zuvor ſtark getrunken, wie unſere Luſtbarkeiten 113 zu Whalley bewieſen. Um offen mit Dir zu reden, fuͤrchtete ich zu ähnlichen Epceſſen verleitet zu werben, und zog es daher vor, die Nacht in einem kleinen ſtillen Wirthshauſe zu Walton le Dale zuzubringen, anſtatt auf das Schloß zu Preſton zu kommen, welches, wie ich wußte, mit lärmenden Zechern angefuͤllt war.“ „Voll war es freilich bis zum Ueberfließen,“ ver⸗ ſetzte der Squire,„aber Du haͤtteſt doch kommen ſollen, denn meiner Treu! wir hatten eine luſtige Nacht. Ste⸗ phan Hamerton von Hellyfield Peel mit ſeiner Frau und ihrer Schweſter, der liebenswuͤrdigſten Miſtreß Doll Liſter ſpeiſten mit uns zu Abend; und wir hatten Muſik, Tanz und Geſang und eine reichliche und gute Bewirthung. Wahrhaftig, Dick, Doll Liſter iſt ein reizendes Geſchoͤpf, und wenn Du nur Alizon aus dem Kopfe bringen könn⸗ teſt, wäre ſie gerade ein Weib fuͤr Dich. Sie ſingt wie ein Engel, hat ein hoͤchſt einnehmendes und ſchmachten⸗ des Weſen und eine ſo zierliche und abgerundete Geſtalt, wie nur je ein Mieder einſchloß. Ware ich an Deiner Stelle, ſo wuͤrde ich zu wählen wiſſen. Aber Du wirſt ſie heute in Hoghton ſehen, denn ſie wird bei dem Ban⸗ quet und bei dem Maskenſpiel zugegen ſein.“ „Deine Beſchreibung reizt mich nicht,“ ſagte Ri⸗ chard;„ich finde keinen Geſchmack an ſchmachtenden Damen. Dorothea Liſter wird indeſſen fuͤr ſchoͤn gehal⸗ ten, aber waͤre ſie bezaubernd, wie Venus ſelbſt, ſo wuͤrde ich ſie doch in meiner gegenwaͤrtigen Stimmung nicht anſehen.“ „Wahrhaftig, Junge, wenn das der Fall iſt, bedaure Ainsworth, Hexen. IV. 8 —————————— — 114 ich Dich,“ ſagte Nicolaus mehr veraͤchtlich, als mitleidig die Achſeln zuckend. „Verſchwende Dein Mitleid nicht an mich,“ ver⸗ ſetzte Richard;„aber ſagt mir, wie fiel geſtern die Schau⸗ ſtellung in Preſton aus?“ „Vortrefflich und ſehr zur Zufriedenheit Seiner Ma⸗ jeſtaͤt,“ antwortete der Squire.„Das ſtolze Preſton war noch nie ſo ſtolz, und nie mit ſo gutem Grunde, denn wenn die Leute arm ſind, wie es im Sprichtwort heißt, ſo trugen ſie wenigſtens Sorge ihre Armuth zu verber⸗ gen. Bombarden wurden von der Bruͤcke abgefeuert und die Kirchenglocken toͤnten laut genug, um den Thurm zu ſprengen und ihn auf die Koͤpfe der betaͤubten Untertha⸗ nen herabzuſtuͤrzen. Die Haͤuſer waren mit Teppichen und Tapeten behaͤngt, die Straßen bis an die Knoͤchel tief mit Sand und Sägeſpaͤnen beſtreut; das Kreuz auf dem Marktplatze war mit Blumenguirlanden bedeckt, gleich dem Maibaum, und aus der Waſſerroͤhre in der Naͤhe floß Wein. Um Mittag wurde noch mehr ge⸗ ſchoſſen und unter Trompetengeſchmetter, Trommelwir⸗ beln und Pfeifenklang und gewaltigem Rufen kam der gute Koͤnig Jamie zu dem Kreuz, wo Herr Brearet, der Stadtſchreiber, eine Rede hielt, worauf die Corporation Seiner Majeſtät zum Zeichen ihrer Liebe und Treue eine ungeheure ſilberne Bowle uͤberreichte. Dem Koͤnige ſchien das Geſchenk ſehr zu gefallen, und er ſagte zu dem Her⸗ zoge von Buckingham, ſo laut daß die Umſtehenden es hoͤrten, die es mir wieder berichteten:„„Gottes Heilig⸗ keit! das iſt eine wackere Schuͤſſel, Steenie, und koͤnnte zu einem Taufbecken dienen, wenn wir eines ſolchen Ge⸗ fäßes beduͤrften, was, dem Himmel ſei Dank, nicht der Fall iſt.““ Nachher fand ein großartiges Banquet auf dem Rathhauſe ſtatt, und als die Hitze des Tages vor— uͤber war, ging der Koͤnig mit ſeiner Begleitung nah Hoghton Tower hinuͤber und beſuchte unterwegs die Plaunminen. Wir ſind bei Sir Richard zum Fruͤhſtuͤck eingeladen, darum muͤſſen wir eilen, Dick, denn Seine Majeſtaͤt liebt das fruͤhe Aufſtehen, wie ich ſelber. Wir werden heute einen ſeltenen Spaß haben. Jagd am Morgen, dann ein Banquet und Abends ein Masken⸗ ſpiel, wobei Sir George Goring und Sir John Finet mitſpielen werden und worin ich die luſtige Rolle des Jem Tospot uͤbernehmen ſoll— nein, lache nicht, Dick, Sherborne ſagt, ich werde ſie zum Entzuͤcken ſpielen. Auch ſoll ich eine muntere Dame auffinden, um die da⸗ zu gehoͤrige Rolle der Doll Wango zu ſpielen. Ich habe mit Zweien oder Dreien uͤber den Gegenſtand geſprochen, und ich denke, eine von ihnen wird mir dieſe Gefaͤlligkeit erweiſen. Noch mit einer anderen Sache bin ich beauf— tragt. Ich ſoll naͤmlich Seiner Majeſtaͤt von einer gro⸗ ßen Anzahl der niedern Claſſen in dieſer Grafſchaft eine Bittſchrift uͤberreichen, worin ſie den Wunſch ausſprechen, daß es ihnen erlaubt werden moͤge, wie es von Alters her gebräuchlich geweſen iſt, am Sonntage nach dem Gottesdienſt ſich auf herkoͤmmliche Weiſe zu beluſtigen; und obgleich ich gewiß keine Verletzung des Sabbaths will, da ich eine puritaniſche Richtung habe, wie ſie es jetzt nennen, ſo denke ich doch nicht, daß eine geſetzmä⸗ ßige Erholung und eine anſtaͤndige Beluſtigung irgend einen Schaden bringen koͤnne. Dennoch moͤchte ich lie⸗ 8* ————————— 116 ber, es wuͤrde irgend ein Anderer gewaͤhlt, um die Bitt⸗ ſchrift zu uͤberreichen.“ „Habe deshalb keine Furcht,“ ſagte Richard,„ſon⸗ dern dringe mit Ernſt auf die Erfuͤllung, und wenn Du der Unterſtutzung bedarfſt, ſo will ich thun, was ich kann, denn ich fuͤhle, daß wir am beſten den goͤttlichen Befehl erfuͤllen, wenn wir den Sonntag zu einem Tage der Ruhe machen, und ihn mit Heiterkeit feiern. Und dies, denke ich, iſt der Inhalt Deiner Bittſchrift.“ „So iſt es,“ verſetzte Nicolaus,„und ich habe Grund zu glauben, daß die Wuͤnſche Seiner Majeſtät damit uͤbereinſtimmen.“ „Das iſt bekannt,“ ſagte Sherborne. „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ rief Richard. „Gott ſegne Koͤnig Jakob, den Freund des Volkes!“ „Ja, Gott ſegne Koͤnig Jakob,“ wiederholte Nico⸗ laus,„und wenn er dieſe Bitte gewaͤhrt, ſo zeigt er ſich als des Volkes Freund, denn er wird die ganze Geiſt⸗ lichkeit gegen ſich haben und von der Haͤlfte der Kanzeln des Koͤnigreichs wird man gegen ihn predigen.“ „Es wird wenig ſchaden, wenn dies auch geſchieht,“ verſetzte Richard,„denn er wird von den Gebeten eines dankbaren und glͤcklichen Volks erfreut und beſchuͤtzt werden.“ Hierauf ritten ſie einige Minuten ſchweigend weiter und dann fragte Richard: „Vermuthlich ging es in Myerscough Ledge luſtig zu, Nicolaus?“ „Gewiß,“ antwortete der Squire,„und das Feſt⸗ mahl muß Ned Tyldesley ein huͤbſches Stuͤck Geld ge⸗ 17 koſtet haben. Außer dem Koͤnige und ſeinen eigenen un⸗ mittelbaren Begleitern, wozu der Herzog von Buckingham gehoͤrte, der ſich ſelber wie ein Koͤnig bewegt, waren noch einige Dutzend Edelleute, und ich weiß nicht wie viele Ritter und Herren, mit ihren Begleitern zugegen. Sher⸗ borne und ich ritten von Dunnow hinuͤber und erreichten den Wald gerade, als der Koͤnig in ſeiner Kutſche hineinge⸗ fahren war, daher ſchlugen wir einen Richtweg durch den Wald ein und kamen gerade zur rechten Zeit, um uns mit Sir Richard Hoghton's Zuge zu vereinen, als er ſich Sei⸗ ner Majeſtaͤt naͤherte. Stelle Dir eine weite Lichtung vor, durch welche eine große vergoldete Kutſche, von acht Pferden gezogen und von einem Heer von Lords und Herren in glaͤnzenden Anzuͤgen, ihre Knappen und Pa⸗ gen eben ſo reich geſchmuͤckt und gut beritten, gefolgt, dahinfaͤhrt. Nach dieſen kamen zahlreiche Falkner, Jaͤger, Schuͤtzen, Foͤrſter und Hundewaͤrter, welche Jagdhunde am Seil und Falken auf der Fauſt hatten, alle zur Jagd bereit. Stelle Dir dies Alles vor, wenn Du kannſt, Dick, und denke Dir dann, welch ein herrlicher Anblick es muß geweſen ſein. Nun, wie ich ſagte, kamen wir gerade im rechten Augenblick an, denn ſogleich hielt die königliche Kutſche an, worauf Sir Richard alle ſeine Anhänger um ſich verſammelte und ſie abzuſteigen bat, worauf wir ihm folgten und uns mit entbloͤßtem Haupte vor dem Koͤnige aufſtellten, waͤhrend Sir Richard Seiner Majeſtaͤt die Grenzen des koͤniglichen Waldes andeutete und ihm ſagte, er wuͤrde ihn eben ſo gut mit Wild ver⸗ ſehen finden, wie nur irgend einen in ſeinem Koͤnigreich. Ehe der Koͤnig die Conferenz beendete, machte er dem ———————— ——————— 118 wuͤrdigen Ritter ein Compliment wegen des ſtattlichen Ausſehens ſeines Gefolges, und da er erfuhr, daß wir alle Gentlemen waͤren, ſo ſprach er den gnaͤdigen Wunſch aus, daß ihm einige von uns vorgeſtellt werden moͤchten. Unter Andern wurde ich auch von Sir Richard vorge⸗ fuͤhrt, und da dem Koͤnige vermuthlich mein Ausſehen gefiel, ſo ließ er ſich herab, eine Unterredung mit mir anzuknuͤpfen, und da ſich dieſelbe vorzuͤglich um Jagdge⸗ genſtaͤnde drehte, ſo war ich ſogleich zu Hauſe und er wurde ſo vertraut mit mir, daß ich faſt vergaß, in weſſen Naͤhe ich mich befand. Indeſſen ſchien Seine Majeſtät durch meine Freimuͤthigkeit durchaus nicht beleidigt zu werden, ſondern klopfte mir im Gegentheil auf die Schul— ter und ſagte Maiſter Asſheton, fuͤr einen Gentleman vom Lande ſeid Ihr ganz manierlich und wohl unterrichtet, und es wird mir lieb ſein, Euch oͤfter zu ſehen, ſo lange ich mich in dieſer Gegend aufhalte. Hierauf beſtieg der gut⸗ muͤthige Monarch ſein Pferd und die Jagd begann, und ein herrliches Tagewerk vollbrachten wir, denn Seine Ma⸗ jeſtaͤt toͤdtete nicht weniger als fuͤnf ſchoͤne Boͤcke mit 8 eigener Hand.“ „Du biſt offenbar auf dem Wege zur Befoͤrderung, 1 Nicolaus,“ ſagte Richard laͤchelnd.„Du wirſt Bucking⸗ ham ſelbſt ausſtechen, wenn Du auf dieſe Weiſe fort⸗ faͤhrſt.“ „Das habe ich ihm auch ſchon geſagt,“ bemerkte Sherborne laͤchelnd,„und meiner Treu! der junge Sir Gilbert Hoghton, der durch ſeine Verheirathung mit Buckingham verwandt und ein groͤßerer Mann iſt, als ſein Vater Sir Richard, ſah ganz eiferſuͤchtig aus, denn 949 der Koͤnig rief Nicolaus waͤhrend der Jagd mehrmals herbei und nahm ſogar das Jagdmeſſer von ihm an, als er den letzten Rehbock ausweidete, was fuͤr ein Zei⸗ chen der beſondern Gunſt geachtet wird.“ „Nun ja, Ihr Herren,“ ſagte der Squire,„ich werde mir nicht ſelber im Lichte ſtehen, darauf koͤnnt Ihr Euch verlaſſen; und wenn ich mich einſt des Sonnenſcheins des Hofes erfreuen ſollte, ſo ſollt Ihr an den Strahlen Theil haben. Wenn ich Hofmarſchall an der Stelle des Herzogs von Richmond werde, oder Oberſtallmeiſter und Mundſchenk Seiner Majeſtaͤt an der Stelle Seiner Durch⸗ laucht von Buckingham, ſo werde ich Eurer nicht ver⸗ geſſen.“ Wir ſind Euch ſehr verbunden, Lord Marquis von Downham und Herzog von Pendle-Hill in spe,“ ver⸗ ſetzte Sherborne, mit ſcherzhafter Ehrerbietung ſeinen Hut abnehmend;„und vielleicht werdet Ihr aus Ruͤck⸗ ſicht fuͤr Eure liebe Schweſter, meine Gattin, Euren Einfluß fuͤr mich anwenden und mich zum Kammerherrn befoͤrdern?“ „Zweifle nicht daran— zweifle nicht daran,“ ver⸗ ſetzte Nicolaus im Tone eines Beſchuͤtzers. „Mein Ehrgeiz verſteigt ſich hoͤher, als der Eurige, Sherborne,“ ſagte Richard;„ich muß Großſiegelbewahrer werden, oder Nichts.“ „O! was Ihr wollt, Ihr Herren, was Ihr wollt!“ rief Nicolaus;„Ihr koͤnnt mich um Nichts bitten, was ich nicht gewaͤhren werde— ſtets unter der Vorausſetzung, daß ich die Mittel dazu habe.“ Eine Wendung des Weges zeigte ihnen Hoghton ——— 120 Tower, welches in der Entfernung von etwa zwei Meilen auf einem einzelnen kegelfoͤrmigen Huͤgel ſtand. Sich in der Mitte einer ſchoͤnen und fruchtbaren Ebene erhe⸗ bend, die vom Ribble und Darwen bewaͤſſert wird, ſchien das ſtolze Gebaͤude uͤber das ganze Land zu ge⸗ bieten. Und ſo dachte Koͤnig Jakob, als er aus dem Fenſter ſeines Zimmers auf die praͤchtige ihn umgeben⸗ de Ausſicht hinunterſah, welche auf der einen Seite die Waͤlder von Myerscough und Bowland, die ſich bis zu den Huͤgeln in der Naͤhe von Lancaſter erſtreckten und auf der andern eine freie, aber noch immer wellenfoͤrmige Gegend umfaßte, die eine ſchoͤne Abwechſelung von Wald und Waſſer bildete, wohl bevoͤlkert und cultivirt war, mit uͤppigen gruͤnen Weiden, gelben Getreidefeldern oder Obſtgaͤrten, mit manchen Doͤrfern und kleinen Staͤdten und zwei lieblichen kleinen Fluͤſſen, die bei Walton le Dale ihre Stroͤme vereinten und ſich nach und nach er⸗ weiterten, bis ſie ſich der See naͤherten, die man durch die Oeffnungen der fernen Huͤgel ſchimmern ſah. Als der Koͤnig die ſchoͤne Scene uͤberblickte und bedachte, wie feſt die Lage des Hauſes ſei, da es auf hohen Klip⸗ pen lag, die ſich ſteil vom Darwen erhoben, und wie guͤnſtig die Waͤlder und der Park zu den Freuden der Jagd waren, die er leidenſchaftlich liebte, wie faͤhig zur Vertheidigung und wie gut geeignet zu einem Jagd⸗ ſchloſſe, da ſeufzte er bei dem Gedanken, daß es nicht der Krone gehoͤre. Auch irrte er nicht bei der Schaͤtzung der feſten Lage des Hauſes, denn in ſpaͤtern Jahren, waͤhrend der Buͤrgerkriege, hielt es ſich tapfer gegen die Parlamentstruppen und wurde erſt endlich durch Verraͤ⸗ 121 therei uͤberwunden, als man einen Theil des Thorweges in die Luft ſprengte, wobei ein Officier und zweihundert Mann zu Tode kamen. Obgleich noch fruͤh, war der Weg doch ſchon nicht nur mit Reitern und Fußgaͤngern jeder Claſſe aus Pre⸗ ſton, ſondern auch mit rohen rumpelnden Wagen aus den benachbarten Doͤrfern Pleſſington, Brokholes und Cuerden angefuͤllt, die von Paͤchtern gefahren wurden, die mit ihren wohlbeleibten Frauen und kirſchenwangigen Toͤchtern, mit ihrem Feſttagsſtaat geſchmuͤckt, Zutritt in Hoghton Tower zu erhalten, oder wenigſtens den Koͤnig zu ſehen hofften, wenn er zur Jagd ritt. Die Meiſten von dieſen wurden von Nicolaus begruͤßt, der kein Be⸗ denken trug, ihnen Eintritt in den aͤußern Hof zu ver⸗ ſprechen, und ſogar ſo weit ging, ſich zu erbieten, die huͤbſcheren Damen dem Könige vorzuſtellen. Von Zeit zu Zeit hoͤrte man auf dem Wege Muſik von einem Muſikantenchore oder ein Lied von Sängern, oder ſah Scherze von maskirten Perſonen. An einer Stelle zeig⸗ ten ein paar Gaukler und ein Hanswurſt ihre Kuͤnſte auf einem Tuche, welches man auf dem Graſe unter einem Baume ausgebreitet. Hier verſammelte ſich die Menge einige Minuten, gab ſich aber gleich darauf einem lauten Zuruf hin, als man zwei Knechte in der gelb und weißen Livree Sir Richard Hoghton's, welche ein halbes Dutzend mit Lebensmitteln, geſchlachteten Scha⸗ fen, Ochſen, Welſchhuͤhnern, Gaͤnſen, jungen Huͤhnern, Kapaunen, Fiſchen, Brod und Gemuͤſen angefuͤllte und nach Hoghton Tower beſtimmte Wagen anfuͤhrten, laut mit ihren Peitſchen klatſchen hoͤrte; denn obgleich Sir ———— v r 122 Richard große Vorbereitungen zu der Bewirthung ſeiner Gaͤſte gemacht hatte, ſo fand er doch ſeine Vorraͤthe, ſo groß ſie waren, ihren Beduͤrfniſſen gaͤnzlich unangemeſ— ſen. Als Antwort auf das Zurufen, womit ſie begrüßt wurden, mit ihren Peitſchen klatſchend, galoppirten die Leute weiter, und mancher Hungrige ſah ihnen ver⸗ langend nach. Nicolaus und ſeine Begleiter waren jetzt am Ein⸗ gange von Hoghton Park, durch welchen der Darwen floß, nachdem er den Fuß der felſigen Hoͤhen beſpuͤlt, auf welchen das Herrenhaus lag Hier waren vier Leib⸗ gardiſten und ein Officier, mit Hellebarden bewaffnet, aufgeſtellt, und Niemand wurde ohne Erlaubniß von Sir Richard Hoghton eingelaſſen. Da der Squire und ſeine Begleiter einen Paß hatten, ſo wurden ſie natur⸗ lich mit ihren Dienern eingelaſſen, aber die Menge, die ſie begleitete, wurde uͤber die Bruͤcke geſchickt und mußte einen unebenen Weg betreten, der ſie nach einem Um⸗ wege von mehr als einer Meile am Saume des Parkes hin endlich auch zu ihrer Beſtimmung fuͤhrte. Obgleich nicht ſehr groß, enthielt Hoghton Park doch viele praͤchtige Baͤume und war an einigen Stellen ſo dicht bewaldet, daß man, wie Doctor Kuerden ſagt, wenn man um Mittag hindurch ging, kaum die Sonne ſcheinen ſehen konnte. In eins von dieſen finſtern Dickich⸗ ten verſenkten ſich jetzt die Reiter und waren einige Augen⸗ blicke in die Dunkelheit begraben, die von den verſchlunge⸗ nen und uͤberhaͤngenden Zweigen hervorgebracht wurde. Als ſie wieder in den warmen Sonnenſchein kamen, ritten ſie durch eine lange und ſchoͤne Lichtung, die mit ———— 123 alten Eichen mit maͤchtigen Zweigen und rauhen Staͤm⸗ men— den Patriarchen des Waldes— beſetzt war. Auf dem freieren Boden zur Linken ſtanden einige zer⸗ ſtreute Eſchen, und unter dieſen weideten einige Rehe; als ſie aber uͤber das untere Ende der Lichtung ritten, erblickten ſie eine große Heerde Hirſche, deren es in dem Park viele gav. Die Hirſchkuͤhe trippelten raſch und furchtſam fort, aber die ſtolzen Hirſche mit ihrem zackigen Geweih blieben einen Augenblick ſtehen und ſahen ver⸗ aͤchtlich die Eindringlinge an. Sie ließen es ſich nicht träumen, wie bald und ſchwer ihr Muth gepruͤft wer⸗ den oder wie bald der Jaͤger bei ihrem Tode ſein Horn blaſen wuͤrde. Aber zum Gluͤck fuͤr ſie konnten die armen lederbekleideten Thoren ihren Untergang nicht vor⸗ herſehen; aber Nicolaus war dies nicht verborgen, wel⸗ cher vorherſagte, was geſchehen werde, und einen edlen ſechsjaͤhrigen Hirſch bezeichnete, den er fuͤr wuͤrdig hielt, von des Koͤnigs eigener Hand zu ſterben. Als ob es ihn verſtehe, ſchwang das ſtattliche Thier ſeinen gehoͤrn⸗ ten Kopf in die Höhe und ſtuͤrzte ſich in das nahe Dickicht, aber der Squire merkte ſich die Stelle, wo es verſchwunden war. Von der Lichtung gelangten ſie auf den ſchoͤnen Jagdplatz, der etwa zwei Meilen im Umfang hatte und von einem Amphitheater von Wald umgeben und mit ſchoͤnen Baͤumen uͤberſaͤet war. Er erhielt Abwechſelung und Schoͤnheit durch eine gelegentliche Erhoͤhung, die mit Baͤumen beſetzt war, oder durch zahlreiche mit Farrn⸗ kraut bewachſene Vertiefungen. Als die Reiter den Jagdplatz betraten, bemerkten ſie in geringer Entfernung —— ——— — ——— 124 vor ſich eine Heerde ſchoͤnes, aber ſehr wildes Rindvieh, urſpruͤnglich aus dem Walde von Bowland, welches aber noch im Park gehegt wurde. Weiß und ſchwarz ge⸗ ſprenkelt, mit kurzen, ſcharfen Hoͤrnern, ſchoͤnen Augen und kleinen Gliedern, waren dieſe Thiere von unbezähm⸗ barer Wildheit, beſaßen große Liſt und waren ſtets zum Angriff bereit, wenn ſich irgend Jemand naͤherte. Sie machten oft einen Angriff auf eine einzelne Perſon, ver⸗ wundeten ſie, und traten ſie zu Tode. Daher wurden ſie viel mehr gefuͤrchtet, als die wilden Eber, womit die benachbarten Wälder reichlich verſehen waren. Wohlbe⸗ kannt mit der Gefahr, der ſie ſich ausſetzten, beobachtete die Geſellſchaft die Heerde genau und mit Mißtrauen, und man wuͤrde weiter galoppirt ſein, aber dies haͤtte nur zu Verfolgung aufgefordert, und das wilde Rind⸗ vieh war ſchneller, als die Pferde. Ploͤtzlich trat ein milchweißer Stier vor, bruͤllte heftig, ſchlug mit dem Schweif an ſeine Seiten und ſenkte den Kopf auf den Boden, als ob er einen Angriff vorhabe. Sein Bei⸗ ſpiel wurde ſogleich von den Andern befolgt und die ganze Heerde ſtampfte auf den Boden und bruͤllte laut. Sehr beunruhigt durch dieſe feindlichen Aeußerungen, berieth man ſich, ob man Stand halten oder ſich auf die Schnelligkeit der Pferde verlaſſen ſolle, als gerade in dem Augenblick, wo die ganze Heerde mit aufgerichteten Schweifen und ſchnaubend auf ſie zugaloppirt kam, ihnen zehn bis zwolf berittene Jager zu Hulfe kamen, die lange, mit Eiſen beſchlagene Staͤbe trugen und aus einem Gange hervorſprengten, der zu dem Jagdplatze fuͤhrte. Beim Anblick derſelben ſchwenkte ſich die ganze — 125 Heerde herum und floh, doch wurden ſie von den Jaͤgern verfolgt, bis ſie in die Tiefen des außerſten Dickichts getrieben waren. Sechs von den Jaͤgern blieben zuruͤck und beobachteten ſie waͤhrend des Tages, damit die koͤnig⸗ liche Jagdpartie nicht von ihnen geſtört werden moͤchte, und die Walder widerhallten von dem Bruͤllen der wuͤ⸗ thenden Thiere. Waͤhrend dies vorging, wuͤnſchten der Squire und ſeine Begleiter einander Gluͤck zu ihrer Rettung, galop— pirten weiter, und traten in einen langen Gang von Ulmen, aus welchem die Jaͤger hervorgekommen waren. Auf der Hoͤhe eines ſteilen Huͤgels, zum Theil aus dem Felſen gehauen, und zum Theil von ehrwuͤrdigen und majeſtaͤtiſchen Baͤumen umgeben, die eine Fortſetzung des Ganges bildeten, erhob ſich das mit Zinnen ver— ſehene thurmartige Thor des ſtolzen Gebaͤudes, dem ſie ſich naͤherten und welches jetzt den Monarchen des Lan⸗ des und die Hoͤchſten und Edelſten ſeines Hofes als Gaͤſte in ſeinen Hallen bewahrte. Von der Spitze des mittleren Thurmes auf dem Thorwege flatterte das koͤ⸗ nigliche Banner, waͤhrend die Geſellſchaft in dem Augen⸗ blicke, wo ſie den Fuß des Huͤgels erreichte, von Kano⸗ nenſchuͤſſen begruͤßt wurde, die man von den Seiten⸗ thuͤrmen abfeuerte, und welche verkuͤndeten, daß der Koͤnig bereits aufgeſtanden ſei, und als der Pulverdampf um die Fahne wirbelte, wurden Trompeten auf den Mauern geblaſen, und vom Hoſplatze ertoͤnte kriegeriſche Muſik. Von dieſen Toͤnen aufgeregt, ſpornte Nicolaus ſein Pferd die felſige Anhoͤhe hinauf; ihm folgten ſeine Be⸗ gleiter, faſt eben ſo aufgeregt, wie er, und bald erreichten 126 ſie den großen Thorweg— ein maſſives und majeſtaͤ⸗ tiſches Gehaͤude, welches die Mitte der weſtlichen Fronte des Hauſes einnahm und aus drei Thuͤrmen von großer Staͤrke und Schoͤnheit beſtand. Der mittlere Thurm uͤberragte die andern beiden weit, wie in dem Wappen von Alt⸗Caſtilien, und trug von Rechtswegen die koͤnig⸗ liche Fahne. Auf der Platform ſtanden die Trompeter mit ihren, mit ſeidenen Troddeln behaͤngten Inſtrumen⸗ ten, und die eiſernen Muͤndungen der Kanonen, die man eben abgeſchoſſen hatte, ragten uͤber die Zinnen hervor. Das Wappen und das Motto der Hoghtons befand ſich, in Stein gehauen, auf dem Thorwege, nebſt den Anfangsbuchſtaben des Gruͤnders des Thurmes: T. H. Gleich uͤber dem bogenfoͤrmigen Eingange befand ſich die ausgehauene Figur eines Ritters, der einen Dra⸗ chen toͤdtet. Vor dem Thorwege war eine große Menſchenmenge verſammelt, die aus Landleuten aus der Umgegend, nebſt ihren Frauen, Toͤchtern und Dienern beſtand, aus Geiſt⸗ lichen, Rechtsgelehrten, Wundärzten und Handwerkern aus den benachbarten Staͤdten Blackburn, Preſton, Chor⸗ ley, Haslingdon, Garſtang und ſelbſt aus Lancaſter. Repraͤſentanten faſt jeder Stadt und jedes Dorfes in der Grafſchaft waren unter der bunten Verſammlung zu finden, die, ſo fruͤh es war, mehrere Hunderte zaͤhlte, und viele von dieſen, die aus entfernten Orten waren, hatten ihre Wohnungen bald nach Mitternacht verlaſſen. Alle ſuchten natuͤrlich Eintritt zu erhalten, aber hier wurde dieſelbe Regel beobachtet, wie am Parkthor, und Niemand auch nur in den erſten Hof eingelaſſen, ohne 127 Erlaubniß des Herrn des Hauſes. Das große Thor war geſchloſſen, und zwei Reihen Hellebardirer waren unter dem tiefen Thurme aufgeſtellt, um den Durchgang frei zu halten und jede Stoͤrung zu verhindern, waͤhrend ein rieſenhafter Pfoͤrtner, der vor dem Nebenpfoͤrtchen ſtand, die Paͤſſe ſtreng pruͤfte. Dieſe Vorſichtsmaßregel veranlaßte natuͤrlich Zoͤgerung, und obgleich der beſſere Theil der Menge zum Eintritt berechtigt war, ſo konn⸗ ten ſie ihren Zweck nicht ohne vieles Draͤngen und Sto⸗ ßen und betraͤchtlichen Nachtheil fuͤr ihre zierliche Klei⸗ dung erlangen. Indeſſen hatte Sir Richard Hoahton auch fuͤr die Bequemlichkeit der außerhalb der Mauern befindlichen Perſonen geſorgt, denn man hatte unter den Baͤumen Schuppen errichtet, wo ſtarkes Märzbier nebſt Käſe und Brod, oder Haferkuchen und Butter freigebig an Alle, die darum anhielten, vertheilt wurde; ſo daß, wenn auch Einige in ihrer Erwartung getaͤuſcht wurden, doch We⸗ nige unzufrieden waren, beſonders da ihnen geſagt wurde, daß das Thor um Mittag wuͤrde geoͤffnet werden, wo ihnen, waͤhrend der Koͤnig und die Edelleute in der gro⸗ ßen Banquethalle ſpeiſten, von einem wilden Stier aus dem Park, den man ausdruͤcklich in der Abſicht geſchlach⸗ tet, und der gerade jetzt auf dem Hofe gebraten werde, vorgeſetzt werden ſolle. Ein dichter Rauch, der ſich uͤber die Mauern erhob und nach Braten roch, gab ihnen die Verſicherung, daß das letztere kein leeres Verſprechen ſei, und uͤberdies konnten ſie durch das Pfoͤrtchen auf dem Raſenplatze ein großes Feuer brennen und kniſtern ſehen, an welchem ein ganzer Ochſe an einem ungeheuern 128 Spieße gebraten wurde, wobei ein paar Bratenwender beſchaͤftigt waren. Als Nicolaus ſich mit ſeinen Begleitern durch die Menge draͤngte, welche jeden Augenblick neuen Zuwachs erhielt, erkannte der Squire manche alte Bekannte und nickte vertraut zur Rechten und Linken, als ihm ein weibliches Auge begegnete, welches feſt auf ihn gerichtet war, und zu ſeiner Ueberraſchung bemerkte er Nance Redferne. Nance hatte Nichts von ihrer Schoͤnheit ver⸗ loren, war ſehr zierlich gekleidet, hatte ihr ſchoͤnes nuß⸗ braunes Haar mit Baͤndern ducchflochten, ihr Mieder aͤhnlich geſchmuͤckt und ihren rothen Rock aufgeſchlagen, ſo daß ſie einen außerordentlich zierlichen Knoͤchel und kleinen Fuß zeigte. Zu einer andern Zeit wuͤrde Nico⸗ laus gern gewartet haben, um mit ihr zu plaudern, aber jetzt konnte davon nicht die Rede ſein, und er wen⸗ dete ſeinen Kopf haſtig nach einer andern Seite. Zum Ungluͤck aber fand gerade eine Zoͤgerung ſtatt, waͤhrend welcher Nance ſich zu ihm draͤngte, ſeinen Arm faßte und in leiſem Tone ſagte: „Ihr muͤßt mich mit hinein nehmen, Squire.“ „Dich mit hinein nehmen— unmoͤglich!“ rief Nicolaus. „Nein, es iſt nicht unmoͤglich,“ verſetzte Nance be⸗ harrlich;„Ihr koͤnnt und ſollt es thun. Ich habe Euch einen guten Dienſt geleiſtet, und Ihr muͤßt ihn jetzt erwiedern.“ „Aber was, zum Teufel, willſt Du denn drinnen thun?“ rief Nicolaus ungeduldig.„Du weißt, daß der Koͤnig ein geſchworner Feind aller Hexen iſt, und unter 129 dieſem Zuſammenlauf von Menſchen wird gewiß Einer ſein, der Dich erkennt und verraͤth. Ich kann nicht fuͤr Deine Sicherheit einſtehen, wenn ich Dich mit hinein bringe. Meiner Meinung nach war es ſehr unweiſe, Dich uͤberhaupt hieher zu wagen.“ „Laßt meine Weisheit und meine Thorheit aus dem Spiel, und thut, wie ich es ſage, oder Ihr ſollt es bereuen,“ ſagte Nance. „Warum kannſt Du nicht ohne meine Huͤlfe hinein?“ ſagte der Squire, der zu lachen verſuchte.„Du kannſt doch leicht uber die Mauer wegfliegen.“ „Ich habe meinen Beſenſtiel zu Hauſe gelaſſen,“ verſetzte Nance;„aber keinen Scherz weiter. Wollt Ihr es thun?“ „Nun, ich denke, ich muß es wohl,“ verſetzte Ni⸗ colaus,„aber ich bin nicht Schuld an den Folgen. Wenn Unheil daraus entſteht, bin ich nicht zu tadeln. Du mußt als Doll Wango hinein gehen— das iſt eine Rolle in der Maske, die dieſen Abend geſpielt wird, verſtehſt Du wohl?“ Nance deutete an, daß ſie ihn vollkommen verſtehe. Dieſe ganze eilige Unterredung, die im leiſen Tone gefuͤhrt wurde, blieb ungehoͤrt und unbeachtet von den Umſtehenden. Gerade jetzt machte die Menge vor ihm Platz und der Squire drängte ſich durch, indem er ſeine Begleiterin los zu werden hoffte, aber vergebens, ſie hielt ſich an ſeinem Sattel feſt und ging mit ihm. Sie waren bald unter dem gewölbten Bogen des Thores, und Nance waͤre hier von dem erſten Helle⸗ bardirer zuruͤckgewieſen worden, hätte nicht Nicolaus Ainsworth, Hexen. 1V. 9 —— 2— 130 etwas haſtig ausgeſprochen, daß ſie zu ſeiner Geſellſchaft gehoͤre; der Mann laͤchelte und zeigte keinen weitern Wi⸗ derſtand; dann trat der rieſenhafte Pfoͤrtner vor, wel⸗ chem Nicolaus ſeinen Paß vorzeigte, der genuͤgend ſchien, um Richard und Sherborne Einlaß zu verſchaffen, wel— cher Erlaubniß ſie ſich ſogleich bedienten, waͤhrend der Squire in ſeinem Wamms nach einer Einlaßkarte fuͤr Nance ſuchte. Endlich brachte er ſie zum Vorſchein, und nachdem der rieſenhafte Pfoͤrtner ſie geleſen, rief er, indem ein Laͤcheln ſein breites Geſicht erhellte: „Ah! ich ſehe— dies iſt ein Befehl von Sir Ri⸗ chard, ein gewiſſes Frauenzimmer einzulaſſen, welches in der Maske Doll Wango ſpielen ſoll. Dies iſt ſie vermuthlich?“ fuͤgte er hinzu, indem er Nance anſah. „Ja, ja,“ verſetzte der Squire. „Ein huͤbſches Weib, bei der Meſſe!“ rief der Pförtner.„Oeffnet das Thor.“ „Nein— noch nicht— noch nicht, guter Pfoͤrt⸗ ner, bis ich meinen Anſpruch geltend gemacht habe,“ rief ein anderes Frauenzimmer, eben ſo jung und huͤbſch wie Nance und eben ſo zierlich gekleidet, indem ſie ſich durch die Menge draͤngte.„Ich bin die wirkliche Doll Wango, obgleich ich im Allgemeinen als Frau Tetlow bekannt bin. Der Squire forderte mich auf, die Rolle vor dem Koͤnige zu ſpielen, und nun hat dieſes unver⸗ ſchaͤmte Weib ſich eingedraͤngt. Aber ich will mein Recht haben, das will ich.“ „Mein Seel! zwei Doll Wango's!“ rief der Pfoͤrt⸗ ner mit weit geoͤffneten Augen. „Zwei!— nein, es ſind ihrer drei,“ rief ein unge⸗ 131 heuer großes und ſtarkes Frauenzimmer zu der erhoͤhten Verlegenheit des Squire und zur unendlichen Beluſtigung der Umſtehenden, deren Gelächter durch den erſten Theil der Scene ſchon erregt worden war.„Sagtet Ihr mir nicht in Myerscough, Squire, ich ſolle hieher kommen und ich, Beß Baldwyn, ſollte Doll Wango zu Eurem Jem Tospot ſpielen?“ „Den Teufel ſolltet Ihr ſpielen, denn dazu ſcheint Ihr Alle geneigt,“ rief der Squire ungeduldig.„Fort mit Euch! ich will Nichts mit Euch zu thun haben!“ „Ihr gabt mir geſtern Abend im Schloſſe zu Pre⸗ ſton daſſelbe Verſprechen,“ ſagte Frau Tetlow. „Ich hatte zu viel getrunken, und wußte nicht, was ich ſagte,“ verſetzte Nicolaus aͤrgerlich. „Aber Ihr verſpracht es mir erſt vor wenigen Mi⸗ nuten, und Ihr ſeid doch jetzt nuͤchtern genug,“ rief Nance. „Das weiß ich nicht ſo gewiß,“ verſetzte Frau Bald⸗ wyn, ihn vorwurfsvoll anblickend,„aber ſo viel weiß ich, daß keine von dieſen Zierpuppen vor mir hinein ſoll.“ Und ſie ſah ſie drohend an, als ſei ſie entſchloſſen, ſich ihrem Eintritt zu widerſetzen, was der furchtſamen Frau Tetlow großen Schreck verurſachte, obgleich Nance ihre zornigen Blicke unerſchuͤttert erwiederte. „Um des Himmels Willen, mein guter Mann, laßt ſie alle Drei hinein,“ ſagte Nicolaus in leiſem Tone zu dem Pfoͤrtner, indem er ihm zugleich ein Goldſtuͤck in die Hand druͤckte,„oder man kann nicht wiſſen, was die Folge davon ſein wird, denn es ſind drei gewaltige Ama⸗ 9 132 zonen. Ich will die Verantwortlichkeit uͤbernehmen und die Sache ſchon mit Sir Richard abmachen.“ „Nun, ich bin Euer Gnaden Meinung und liebe auch keinen Zank unter Weibern,“ entgegnete der Pfoͤrt⸗ ner in ſanftem Tone,„darum ſollen alle Drei hinein⸗ gehen; und wer Doll Wango ſpielen ſoll, das wird der Ceremonienmeiſter beſtimmen, daher duͤrft Ihr Euch keine Sorge weiter machen; aber wenn ich es zu ent⸗ ſcheiden haätte,“ fuͤgte er mit verliebtem Blinzeln gegen Frau Baldwyn hinzu, deren Wuchs dem ſeinigen am meiſten entſprach,„ſo wuͤßte ich wohl, auf welche meine Wahl fallen wuͤrde. Heda!“ rief er,„oͤffnet das Thor weit fuͤr Squire Nicolaus Asſheton von Downham und die drei Doll Wangos.“ Und als ſo alle Hinderniſſe entfernt waren, trat Nicolaus mit den drei Frauenzimmern unter dem er⸗ neuerten Gelaͤchter der Umſtehenden ein, aber er machte ſich, ſobald er konnte, von ſeinen Plagen los, denn als er abgeſtiegen war, warf er ſogleich einem Diener ſeinen Zuͤgel zu, wuͤrdigte keine von ihnen eines Worts, ſon⸗ dern eilte Richard und Sherborne nach, die bereits das große Feuer erreicht hatten, an welchem der Ochſe gebra⸗ ten wurde. Beſonders fuͤr Staͤlle und andere Wirthſchaftsge⸗ baͤude beſtimmt, beſtand der Viehhof von Hoghton To⸗ wer aus Gebaͤuden von verſchiedenem Alter; der groͤßere Theil gehoͤrte der Zeit der Eliſabeth an, einige waren noch aͤlter, und mit allen hatte man kuͤrzlich, in Erwar⸗ tung des koͤniglichen Beſuches, Veraͤnderungen und Ver⸗ beſſerungen vorgenommen. Die Familie, die ihren Ur⸗ 133 ſprung bis zu Heinrich dem Zweiten hinauf leitete, hatte urſpruͤnglich ihre Wohnung am Fuße des Huͤgels an den Ufern des Darwen aufgeſchlagen, aber im Laufe der Zeit ſtiegen ſie, von ſtolzeren Anſichten geleitet, die felſi⸗ gen Hoͤhen hinauf und erbauten oben eine Burg. Es iſt ein trauriger Gedanke, daß ein ſo herrliches Gebaͤude, reich an hiſtoriſchen Erinnerungen und ſo ſchoͤn gelegen, verlaſſen und in Verfall gerathen zu ſehen, nachdem die Familie es ſeit vielen Jahren mit Walton Hall in der Naͤhe von Walton le Dale vertauſcht und es einigen Wildhuͤtern uͤberlaſſen. Der Park ſeiner ehrwuͤrdigen Baͤume beraubt, die Hoͤfe mit Gras bewachſen, die ſchoͤ— ne eichene Treppe modernd und verfallen, die Schloß⸗ kapelle vernachläſſigt, der Marmorſaal zerſtoͤrt, das Taͤ⸗ felwerk und die Decke zerbrochen, die Malereien mit Schimmel uͤberzogen und halb erloſchen, bildet Hoghton Tower nur ein Bruchſtuͤck ſeiner fruͤheren Groͤße. Ver⸗ laſſen ſind ſeine Hallen und ihre Pracht iſt auf immer entſchwunden. Dieſe Geſchichte aber hat es mit dem Schloſſe zur Zeit ſeines groͤßten Glanzes zu thun, als es von Seide und Sammet ſchimmerte und von lautem Lachen und froͤhlicher Muſik ertoͤnte, als ſtattliche Herren und liebenswuͤrdige Damen in der Gallerie zu ſehen waren und ein koͤnigliches Banquet in der großen Halle aufgetragen wurde, als die zahlloſen Zimmer uͤberfuͤllt waren und die Gänge von haſtigen Fußtritten widerhall⸗ ten, als der Viehhof mit Jaͤgern und Falknern angefuͤllt war und von dem Wiehern der Roſſe und dem Bellen der Jagdhunde belebt wurde, als bei Tage Jagden im Park und hei Nacht Baͤlle und Beluſtigungen in der Halle ſtattfanden— mit Hoghton Tower in jenem Zu ſtande hat es unſere Erzaͤhlung zu thun, und nicht, wie es jetzt iſt— ſtill, einſam, ſchmutzig und ſchwermuͤthig, aber noch den Glanz der Vergangenheit verkuͤndend, noch erzaͤhlend von den koͤniglichen Luſtbarkeiten, die es einſt verherrlichten. Der Viehhof war von dem von den Wohnungen umgebenen Hofe durch die große Halle und die Schloß⸗ kapelle getrennt. Ein enger gewoͤlbter Gang zu beiden Seiten fuͤhrte zu dem oberen Viereck, deſſen Fagade praͤch⸗ tig war und an Gleichfoͤrmigkeit der Zeichnung und des Styls dem uͤbrigen Gebaͤude weit uͤberlegen war, deſſen Unregelmaͤßigkeit indeß nicht unangenehm war. Die ganze Fronte des oberen Hofes war reich mit Bildhauer⸗ arbeit verziert, mit Reihen von Spitz⸗ und Querfenſtern, Kapitälern und zierlich ausgearbeiteten Gelaͤndern, deren Pfoſten mit ſteinernen Kugeln verſehen waren. Mar⸗ morne Pfeiler in italieniſchem Styl waren kuͤrzlich in der Naͤhe des Einganges aufgeſtellt worden, nebſt zwei Reihen von Pilaſtern uͤber denſelben, die ein ſchweres marmornes Karnieß trugen, an welchem ſich das ausge⸗ hauene Familienwappen befand. Eine ſteinerne Frei⸗ treppe fuͤhrte zu dem Portal, und im Innern war eine breite eichene Treppe, die ſo wenig ſteil war, daß man bequem zu Pferde hinaufreiten konnte, was einer von den Abkoͤmmlingen des Hauſes in ſpäteren Tagen oft that. In dieſem Theile des Gebaͤudes befanden ſich die vorzuͤglichſten Gemaͤcher und hier hatte man den Koͤnig Jakob einquartiert. Hier war auch das gruͤne Zimmer, wegen ſeiner Vorhaͤnge ſo genannt, welches er zu Pri⸗ 135 vatconferenzen benutzte, und welches ringsum mit den Portraits ſeiner ungluͤcklichen Mutter der Koͤnigin Maria von Schottland, ihrer unerbittlichen Feindin der Koͤnigin Eliſabeth, ſeiner Gemahlin Anna von Boͤhmen und Sir Thomas Hoghton's, des Gruͤnders dieſes Gebaͤudes, ge⸗ ziert war. Daran ſtieß das Sternenzimmer, mit den goldenen Flammen an dem Taͤfelwerk, welches der Herzog von Buckingham bewohnte; und in demſelben Winkel befanden ſich die Zimmer des Herzogs von Richmond, der Grafen von Pembroke und Nottingham und Lord Howard's von Effingham. Darunter war die Biblio⸗ thek, wohin ſich Doctor Thomas Moreton, Biſchof von Cheſter und Kaplan Seiner Majſeſtaͤt ſich mit drei Rich⸗ tern des koͤniglichen Gerichtshofes, Sir John Doddridge, Sir John Crooke und Sir Robert Hoghton, die ſaͤmmt⸗ lich Gaͤſte Sir Richard's waren, haͤufig begab, und in dem anſtoßenden Fluͤgel befand ſich die große Gallerie, wo die ſaͤmmtlichen Cavaliere und Hofleute die wenige Zeit hinbrachten, die nicht zu Mahlzeiten und Beluſti⸗ gungen im Freien beſtimmt war. Lange Corridors liefen um die oberen Stockwerke in dieſem Theile des Gebaͤudes, und ſtanden mit einer endloſen Reihe von Zimmern in Verbindung, die, ſo zahlreich ſie waren, ſaͤmmtlich bewohnt waren; und da man es un⸗ moͤglich gefunden hatte, alle Gaͤſte unterzubringen, ſo wurden viele zu dem neuen Anbau im unteren Hofe geſchickt, den der ſorgliche und prachtliebende Wirth zu dieſem Zwecke hatte errichten laſſen. Die Diener uͤber⸗ trafen ihre Herren bei weitem an Zahl, und die Ver⸗ wirrung, die durch das Hin- und Herlaufen der verſchie⸗ —6 denen Kammerdiener hervorgebracht wurde, war unbe⸗ ſchreiblich. Es waren Kleider auszubuͤrſten, Halskrauſen zu glätten, Haare zu krauſeln, Baͤrte zu beſchneiden, und dies Alles ſollte mit der groͤßten Schnelligkeit geſchehen, ſo daß, ſobald der Tag uͤber Hoghton Tower anbrach, ein ungeheurer Lärm von einem Ende bis zum andern ſtattfand. Manche beguͤnſtigte Diener ſchliefen in Roll⸗ betten in den Zimmern ihrer Herren; andere aber, die nicht ſo gluͤcklich waren und nicht in den Dachkammern unterkommen konnten, ſchliefen auf Baͤnken in der Halle, waͤhrend mehrere die ganze Nacht in der großen Kuͤche zechten und den Koͤchen und ihren Gehuͤlfen Geſellſchaft leiſteten, welche mit der Zubereitung der Speiſen auf den folgenden Tag die ganze Zeit uͤber beſchaͤftigt waren. Dies ward der Zuſtand der Dinge in Hoghton Tower an dem erwaͤhnten ereignißreichen Morgen, und draußen, beſonders auf dem Viehhofe, uͤber welchen Ni⸗ colaus ſchritt, war das Hin- und Herrennen, der Lärm und die Verwirrung gleich groß. Der weite Platz war mit verſchiedenen juͤngſt angekommenen Perſonen ange⸗ fuͤllt, welche Auskunft uͤber ihr Quartier ſuchten, welche nicht ſo leicht zu erhalten war, da es Jedermanns Sache zu ſein ſchien, Fragen zu thun, und Niemandes Sache, ſie zu beantworten. Einige ſammelten ſich in Gruppen um die Falkner und Jäger, die ploͤtzlich zu großer Wichtigkeit gelangt waren; Andere, und dies wa⸗ ren größtentheils zierliche junge Pagen in glaͤnzenden Livreen, plauderten und machten jedem huͤbſchen Maͤd⸗ chen, welches ihnen begegnete, den Hof, brachten ſie durch ihre Frechheit und ihre ſeltſamen Fluͤche in Verlegenheit ——— —————— 137 und erregten den Zorn ihrer Eltern und die Eiferſucht ihrer laͤndlichen Liebhaber; Andere von ernſterem Schlage, mit ſehr regelmaͤßig geformter Kleidung und puritani⸗ ſchem Ausdruck des Geſichts, zuckten die Achſeln und ſahen das ganze Treiben mit faurer Miene an. Zum Gluͤck waren ſie in der Minderzahl vorhanden, denn die Mehrzahl der Gruppen beſtand aus lebhaften und leicht⸗ herzigen Leuten, die nur Unterhaltung und Beluſtigung ſuchten und ziemlich gewiß waren, ſie zu finden. Durch dieſe verſchiedenen Gruppen gingen beſtaͤndig Diener hin und her, die einen Hut, einen Mantel oder ein Schwert trugen und Alle, die ihnen in dem Wege waren, mit einem:„mit Erlaubniß, meine Herren— um Verzei⸗ hung, ſchoͤne Dame“— oder„aus dem Wege, Kerl!“ auf die Seite ſchoben, und da die Ställe einen ganzen Winkel des Hofes einnahmen, ſo war die Anzahl der Stallknechte unendlich, welche die Pferde vor den Thuͤren putzten, ſie an den Troͤgen traͤnkten, oder ſie unter den Bewundernden der kritiſirenden Umſtehenden umherfuͤhr⸗ ten. Die Pferde des Konigs waren natuͤrlich Gegen⸗ ſtaͤnde beſonderer Aufmerkſamkeit, und Die, welche ſie und die königliche Kutſche zu ſehen bekommen konnten, hiel⸗ ten ſich fuͤr beſonders begünſtigt. Ueberdies waren die Fenſter mit neugierigen Beobachtern angefuͤllt, die in den Hof hinunterblickten, und manche laute Unterhaltung fand zwiſchen jenen und ihren unten ſtehenden Freunden ſtatt. Nach dem allen kann man ſich einen Begriff von dem ſchrecklichen Laͤrm machen, der dort herrſchte; aber unge⸗ achtet der großen Verwirrung fand doch keine eigentliche Unordnung, noch weniger Ausgelaſſenheit ſtatt, denn da — 138 an verſchiedenen Stellen Leibgardiſten aufgeſtellt waren, ſo wurde die vollkommenſte Ordnung aufrecht erhalten. Mehrere Muſikanten, Schauſpieler und Spaßmacher in verſchiedenen phantaſtiſchen Anzuͤgen vermehrten das Ge⸗ dränge und erheiterten es durch ihrr Spiel oder ihre Poſſen, und unter anderen privilegirten Charakteren hatte man auch einen halb wahnwitzigen Bettler in ei⸗ genthuͤmlicher und maleriſcher Kleidung, den man Tom von Bedlam nannte, eingelaſſen, der eine mit ſeinem Namen verſehene Zinnplatte am linken Arm trug und ein großes Ochſenhorn, worauf er beſtändig blies, an einem ledernen Riemen um den Hals. Kaum hatte Nicolaus ſeine Gefährten eingeholt, als die Nachricht gebracht wurde, daß der Koͤnig im Begriff ſei, in der Schloßkapelle der Morgenandacht bei⸗ zuwohnen. Hierauf draͤngte ſich die Menge ſogleich nach jener Richtung hin, doch der groͤßte Theil wurde von der Wache zuruͤckgehalten, die ihre Hellebarden kreuzte, um ihren Eintritt zu verhindern, und nur Wenige ließ man in die Vorhalle, die zu der Kapelle fuͤhrte, und unter dieſen waren der Squire und ſeine Begleiter. Hier wurden ſie zuruͤckgehalten, bis der Gottesdienſt voruͤber war, und da der Biſchof von Cheſter die Gebete las und der ganze Hof zugegen war, ſo war dies eine große Taͤuſchung fuͤr ſie. Nach Verlauf einer halben Stunde kamen zwei ſehr zierlich gekleidete Perſonen her⸗ aus, wovon jede einen weißen Stab in der Hand hielt, und verkuͤndeten, daß der Koͤnig herauskomme, worauf die Verſammlung ſich ſogleich in zwei Reihen theilte, um den Monarchen durchzulaſſen. Nicolaus Asſheton be⸗ 139 nachrichtigte Richard in leiſem Gefluͤſter, daß der erſte und ſtattlichſte von den beiden Herren Lord Stanhope von Harrington, der Vicekaͤmmerer, und der andere, ein huͤbſcher junger Mann von ſchlanker Geſtalt und etwas ausſchweifendem Ausdruck des Geſichts, der beruͤhmte Sir John Finett, der Ceremonienmeiſter ſei. Ungeachtet ſei⸗ ner Ausſchweifung, welche das Laſter des Jahrhunderts und der Makel des Hofes genannt werden kann, war Sir John ein Mann von Witz und Gewandtheit und vollkommen mit den Pflichten ſeines Amtes vertraut, wovon er einen genuͤgenden Beweis hinterlaſſen hat in der unterhaltenden Abhandlung: Finetti Philoxenis. Eine kurze Zeit verging, ehe der Koͤnig erſchien, waͤhrend welcher die Neugierde Derjenigen, die ihn noch nicht geſehen hatten, was bei Richard der Fall war, ſehr aufgeregt wurde. Der junge Mann war begierig zu erfahren, ob der pedantiſche Monarch, deſſen Charakter ſelbſt die ſcharfſinnigſten Perſonen nicht zu durchſchauen vermochten, ſeiner vorhergefaßten Anſicht entſprechen werde, und ob die Portraits, die er von ihm geſehen, wohl ähnlich ſein moͤchten. Waͤhrend dieſe Gedanken ihm durch den Sinn gingen, hoͤrte man ein ſchluͤrfendes Geräuſch draußen, und Koͤnig Jakob erſchien in der Thuͤr. Dort blieb er einen Augenblick ſtehen, um ſein mit Juwelen beſetztes Federbarret aufzuſetzen und ein Wort mit Sir John Finett zu ſprechen, und während dieſer Zeit hatte Richard Gelegenheit, ihn zu beobachten. Die Portraits waren aͤhnlich, aber die Kuͤnſtler hatten ihm geſchmeichelt, wenn auch nicht ſehr. Er hatte viel Schlauheit im Blick, aber auch einen leeren Ausdruck, welcher der tie⸗ 140 fen Weisheit zu widerſprechen ſchien, die ihm im Allge⸗ meinen zugeſchrieben wurde. Wenn ſeine Zuͤge in voll⸗ kommener Ruhe waren, was nicht laͤnger, als eine Mi⸗ nute der Fall zu ſein pflegte, ſo waren ſie gedankenvoll, wohlwollend und angenehm und Richard haͤtte ihn faſt fuͤr ſchoͤn gehalten, als ploͤtzlich durch eine Bemerkung Sir John Finett's eine Veraͤnderung hervorgebracht wurde. Bei dem, was der Ceremonienmeiſter erzaͤhlte, zeigte ſich ein unangenehmer Schimmer in den ſchoͤnen dunklen Augen des Koͤnigs und er lachte beim Schluß der Erzaͤhlung ſo laut und unſchicklich, wobei ihm ſeine große Zunge aus dem Munde hing und die Thraͤnen ihm die Wangen herunter liefen, daß es fuͤr den jungen Mann ein ſehr widerwaͤrtiger Anblick war. Des Königs Geſicht war ſchmal und lang, der Bart an den Wangen abgeſchoren, aber die Lippen mit einem Schnurrbart be⸗ kleidet und ſein Kinn mit ſpaͤrlichem Barte bedeckt. Das Haar war aus dem Geſichte gebuͤrſtet und das Barret weit zuruͤckſtehend, ſo daß es eine hohe, kahle Stirn zeigte, worauf er ungewoͤhnlich eitel war. Jakob war vollkommen zur Jagd geruͤſtet und trug ein gruͤnſeide⸗ nes Wamms, ſtark wattirt, wie alle ſeine Kleider, um einen Dolchſtoß abzuhalten, ungeheure Pluderhoſen, eben⸗ falls ſtark ausgeſtopft, und Stiefeln von Buͤffelleder, die dicht anſchloſſen und am Knie leicht umgeſchlagen waren, und die Raͤnder mit goldenen Franzen beſetzt. Dies war, außer einer Reihe goldener Knoͤpfe an ſeinem Wamms herunter, faſt der einzige Schmuck an ſeiner Kleidung. An ſeinem Guͤrtel trug er eine große Taſche, die mit ſeidenen Schnuͤren zugezogen wurde, und ein kleines ſil⸗ — ————————— 141¹ bernes Horn hing an einem gruͤnſeidenen Bande an ſeinem Halſe. Ein ſteifer mit Spitzen beſetzter Halskra⸗ gen, auf beiden Seiten des Geſichts ein wenig niederge⸗ bogen, vollendete ſeinen Anzug. Es lag durchaus nichts Majeſtaͤtiſches in der Haltung des Koͤnigs, und er ſchien nur durch die außerordentliche Steifheit ſeiner Kleider auftecht gehalten zu werden. Er ſchien corpulent zu ſein, war es aber in Wirklichkeit nicht, und ſeine ſchwa⸗ chen Beine und gebogenen Kniee waren kaum im Stande, ſeinen Koͤrper zu tragen. Er bediente ſich immer eines Stockes und ſuchte gewoͤhnlich noch die fernere Unter⸗ ſtuͤtzung eines Lieblingsarmes. In dieſem Falle war die erwaͤhlte Perſon Sir Gil— bert Hoghton, der aͤlteſte Sohn Sir Richard's und ſpa⸗ terer Beſitzer von Hoghton Tower. Er verdankte die Hofgunſt, deren er ſich erfreute, zum Theil ſeiner ange⸗ nehmen Perſoͤnlichkeit und ſeinen Faͤhigkeiten und zum Theil ſeiner Heirath, denn er hatte eine Tochter Sir John Aſton's von Cranford zur Gemahlin, die als Schweſter der Herzogin von Buckingham und als Ab⸗ koͤmmling des koͤniglichen Bluts der Stuarts, ihm zu ſeinem raſchen Emporkommen ſehr behuͤlflich war. Der ſchoͤne junge Ritter war in allen maͤnnlichen Uebungen erfahren und wurde als ein Muſter der Anmuth im Tanze genannt. Beſtaͤndig bei Hofe, nahm er haͤufig an den vor demſelben dargeſtellten Masken Theil. Gleich dem Koͤnige war er vollkommen zur Jagd angekleidet; aber man konnte ſich keinen groͤßern Contraſt denken, als zwiſchen ſeiner hohen, ſchoͤnen Geſtalt und der unanſehn⸗ lichen Figur des Koͤnigs. Sir Gilbert war mit den 142 uͤbrigen Hofleuten in der Kapelle zuruͤckgeblieben, aber Jakob rief ihn, ergriff ſeinen Arm und ging mit ſeinem gewoͤhnlichen ſchleppenden Gange weiter. Als er ſich fort⸗ bewegte, erwiederte er die tiefen Begruͤßungen der Ver— ſammlung mit einem Kopfnicken, ſein Auge bewegte ſich im Kreiſe herum, bis es auf Richard Asſheton fiel, und Sir Gilbert anſtoßend fragte er: „Wer iſt das?— Ein huͤbſcher Junge, aber ſchreck— lich blaß.“ Sir Gilbert war nicht im Stande die Frage zu beantworten; aber Nicolaus, der neben dem jungen Mann ſtand, war entſchloſſen, nicht die Gelegenheit zu verlieren, ihn vorzuſtellen, trat daher einen Schritt vor und machte eine leiſe Verbeugung. „Dieſer junge Mann, Eure Majeſtaͤt,“ ſagte er, „iſt mein Vetter Richard Asſheton, Sohn und Erbe Sir Richard Asſheton's von Middleton, einer der ge⸗ treuſten und ergebenſten Diener Eurer Majeſtaͤt, und welcher, wie ich hoffe, die Ehre haben wird, Euch im Laufe des Tages vorgeſtellt zu werden.“ „Wir hoffen es auch, Maiſter Nicolaus Asſheton — denn wenn wir nicht irren, iſt dies Euer Name,“ verſetzte Jakob;„und wenn der Vater dem Sohne gleicht, was nicht immer der Fall iſt, wie unſer guter Freund Sir Gilbert den Beweis liefert, da er ſeinem wuͤrdigen Vater ſo unähnlich iſt, wie es ein Menſch nur ſein kann— wenn, wie wir ſagen, Sir Richard dieſem jun⸗ gen Manne gleicht, ſo muß er ein ſtattlicher Mann ſein. Aber bei Gottes Heiligkeit! junger Mann, warum kommt Ihr in ſo trauriger und duͤſterer Kleidung? Habt Ihr 14² —— keine farbigen Kleider, die Ihr anlegen koͤnnt, um un⸗ ſere Ankunft zu feiern! Schwarz iſt nicht die Mode⸗ farbe unſeres Hofes, wie Sir Gilbert Euch ſagen wird, und, wenn Euch auch ein ſchwarzer Anzug gut kleiden mag, ſo iſt es doch kein angenehmer Anblick fuͤr uns. Laßt Euch bei der Mittagstafel in lebhafteren Farben ſehen.“ Richard, der durch dieſe koͤnigliche Anrede ſehr in Verlegenheit gerieth, verbeugte ſich und Nicolaus uͤber⸗ nahm es wieder fuͤr ihn zu antworten. „Eure Majeſtaͤt werden ihm gnaͤdigſt verzeihen,“ ſagte er,„aber er iſt nicht an Hofſitte gewoͤhnt, da er ſein ganzes Leben in einem wilden und uncultivirten Diſtrict zugebracht hat, wo, außer bei ſeltenen und gluͤck⸗ lichen Gelegenheiten, wie die gegenwaͤrtige, die feine Lebensart ſelten zu uns gelangt.“ „Nun, wir wollen nicht hart gegen ihn ſein,“ ſagte der Koͤnig in gutmuͤthigem Tone,„und vielleicht hat die Familie kuͤrzlich einen Verluſt erlitten und er trauert deshalb.“ „Ich kann dieſe Entſchuldigung nicht fuͤr ihn gel⸗ tend machen, Sire,“ verſetzte Nicolaus, welcher ſich zu ſchmeicheln begann, daß er betraͤchtliche Fortſchritte in der Gunſt des Monarchen gemacht habe.„Es iſt nur eine Herzensangelegenheit.“ „Das arme Kind! wir bemitleiden ihn,“ rief der Koͤnig.„So iſt es alſo eine hoffnungsloſe Bewerbung, junger Herr?“ ſagte er zu Richard.„Koͤnnen wir nicht ein gutes Wort fuͤr Euch einlegen? Kennen wir die Dame, und wird ſie heute hier ſein?“ ——— ——— ————— 6 —— 144 „Ich weiß durchaus nicht, wie ich die Fragen Euer Majeſtat beantworten ſoll,“ verſetzte Richard,„und mein Vetter Nicolaus hat auf ſehr unredliche Weiſe mein Ge⸗ heimniß verrathen.“ „Ha, nein, junger Mann,“ rief Jakob,„er war es nicht, der Euer Geheimniß verrieth, ſondern unſer eigener Scharfblick hat es uns verrathen. Wir erkann⸗ ten Euer Leiden auf den erſten Blick. Wenige Dinge ſind dem Auge des Koͤnigs verborgen und wir koͤnnten Euch noch mehr von Euch ſelber ſagen und von dem Maͤdchen, fuͤr welches Ihr aus Liebe ſterbt, wenn wir reden wollten; aber gerade jetzt haben wir etwas Ande⸗ res zu thun, und muͤſſen fort, um unſer Fruͤhſtuͤck ein⸗ zunehmen, deſſen wir, um die Wahrheit zu ſagen, ſehr beduͤrfen, denn fur die leiblichen Beduͤrfniſſe muͤſſen wir eben ſowohl ſorgen, wie fuͤr die geiſtigen, obgleich man an die letzteren immer zuerſt denken ſollte, wie es un⸗ ſere Regel iſt; und indem wir dies thun, geben wir un⸗ ſern Unterthanen ein Beiſpiel, welches ſie zu befolgen wohlthun werden. Spaͤter am Tage wollen wir weiter mit Euch uͤber den Gegenſtand reden; aber inzwiſchen ſagt uns den Namen Eurer Geliebten.“ „O! ich bitte Eure Majeſtaͤt, mich zu verſchonen,“ rief Richard. „Ihr Name iſt Alizon Nutter,“ fiel Nicolaus ein. „Was! die Tochter Alice Nutter's von Rough Lee?“ rief Jakob. „Dieſelbe, Sire,“ verſetzte Nicolaus, ſehr uͤberraſcht von der genauen Kenntniß, die der Koͤnig zeigte. „Was, bei meiner Seele! Mann, ſie iſt ja eine Hexe 145 — eine Hepe! wißt Ihr das?“ rief der Koͤnig mit einem Blicke des Entſetzens;„ein boshafter und ſchaͤdlicher Wurm, wovon dieſer Theil unſeres Reiches ſehr geplagt worden; aber mit Gottes Huͤlfe wollen wir die ganze Brut ausrotten. So, das Maͤdchen iſt alſo eine Toch⸗ ter von Alice Nutter? Das erklaͤrt Euer ſchwermuͤthi⸗ ges Ausſehen, junger Mann. Bei meinem Leben! ich durchſchaue jetzt Alles. Seht ihn nur an, Sir Gilbert — ſeht ihn an, ſage ich. Iſt Euch Nichts an ihm auffallend?“ „Nichts weiter, als daß er natuͤrlich ſehr verlegen iſt wegen der Art, wie Eure Majeſtät mit ihm reden,“ verſetzte der Ritter. „Es fehlt Euch der Scharfblick des Koͤnigs, Sir Gilbert,“ rief Jakob.„Ich will Euch ſagen, was ihm fehlt. Er iſt behert— bezaubert. 2 Alle Umſtehenden ſtießen einen Ausruf des Erſtau⸗ nens aus und aller Augen waren auf Richard gerichtet, dem es war, als ob er in die Erde ſinken ſollte. „Ich behaupte, er iſt behext,“ fuhr der Koͤnig fort,„und wer ſollte es ſonſt gethan haben, als die verraͤtheriſche Dirne, die ihn in ihr Netz gezogen? Sie hat ſchlechtes Blut in ihren Adern und kann Beſchwoͤ⸗ rungen ausſprechen, wie ihre Mutter.“ „Ihr irret, Sire,“ rief Richard lebhaft.„Alizon wird heute mit meinem Vater und meiner Schweſter hier ſein und wenn Ihr geneigen wollt, ſie zu empfan⸗ gen, ſo bin ich gewiß, daß Ihr ſie anders beurtheilen werdet.“ „Wir muͤſſen noch uͤberlegen, ob wir ſie empfan⸗ Ainsworth Hexen. IV. 10 —————————— 146 gen wollen oder nicht,“ verſetzte der Koͤnig ernſthaft. „Aber wir irren ſelten, junger Mann, und veraͤndern unſere Anſicht ſelten, außer nach guten Gruͤnden, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Ihr uns ſolche vorbrin⸗ gen werdet. Wahrſcheinlich ſeid Ihr lange krank ge⸗ weſen?“ „O nein, Majeſtaͤt, ich wurde vor einem Mo⸗ nat von einem ploͤtzlichen Anfall ergriffen,“ verſetzte Richard. „Ploͤtzlich ergriffen— ei!“ rief Jakob den Umſte⸗ henden ſchlau zuwinkend;„und Ihr ſanket zuſammen vor Schmerz? Ich dachte es mir. Und wo war Alizon während der Zeit?“ „Zu der Zeit war ſie als Gaſt in Middleton,“ ver⸗ ſetzte Richard;„aber es iſt unmoͤglich, daß ihr meine Krankheit irgend kann zur Laſt gelegt werden. Ich will mit meinem Leben fuͤr ihre vollkommene Unſchuld einſtehen.“ „Ihr werdet mit Eurem Leben fuͤr Euer zu großes Vertrauen buͤßen muͤſſen, aber ich ſage Euch, nichts Boͤſes iſt den Hexen unmoͤglich, und nach Eurer eige⸗ nen Darſtellung iſt die Sache ſehr verdaͤchtig. Ich habe Etwas von Alice Nutter's Geſchichte gehoͤrt, aber nicht die ganze Wahrheit— doch ſind Leute hier, die uns weiter daruͤber aufklaͤren koͤnnen. So viel weiß ich, daß ſie eine beruͤchtigte Hexe und der Juſtiz entflohen iſt, obgleich Ihr, Maiſter Nicolaus Asſheton, uns vielleicht, wenn Ihr wolltet, einen Wink geben koͤnntet, wo ſie ſich aufhält. Nun, ſeht nicht ſo erſchrocken aus, Mann,“ fugte er lachend hinzu.„Ich bringe keine Anklage ge⸗ 147 gen Euch vor und Ihr ſeid jetzt nicht vor Gericht. Aber dies iſt eine ernſte Sache, und ſie muß ernſthaft behan⸗ delt werden, ehe wir ſie ruhen laſſen. So weit gut. Koͤnnt Ihr uns nicht auch die Mutter vorfuͤhren, Mai⸗ ſter Nicolaus?“ „Sire!“ rief Nicolaus. „Nun, dann muͤſſen wir unſern eigenen Weg ge⸗ hen,“ fuhr Jakob fort.„Man ſagt uns, Ihr habet uns eine Petition zu uͤberreichen, und es iſt unſer Wunſch und Wille, daß Ihr ſie uns uͤberreicht, ehe wir auf die Jagd gehen, und nachdem wir unſern Morgeninbiß ge⸗ halten, den wir nicht laͤnger verzoͤgern wollen; denn um die Wahrheit zu ſagen, ſind wir beinahe verhungert. Hoͤrt, Ihr Herren, keiner von Euch ſoll ohne meine Er⸗ laubniß Hoghton Tower verlaſſen. Es ſoll kein Arreſt ſein— auch wollen wir Euch nicht an der Jagd oder an andern Luſtbarkeiten verhindern, aber nach unſerm koͤniglichen Willen ſollt Ihr hier bleiben. Gebt Ihr uns Euer Wort, daß Ihr unſerm Befehle nicht unge⸗ horſam ſein wollt?“ „Ich gebe Euch das meine unbedenklich, Sire,“ verſetzte Richard. „Und ich ebenfalls,“ fuͤgte Nicolaus hinzu.„Und ich hoffe mich vor Eurer Majeſtaͤt zu rechtfertigen.“ „Es wird uns lieb ſein, es zu hoͤren, Mann,“ verſetzte der Koͤnig lachend und ſcharrend weiter gehend. „Aber wir hegen unſern Zweifel— wir hegen un⸗ ſern Zweifel.“ „Seine Majeſtaͤt ſpricht davon, zum Fruͤhſtuͤck zu gehen,“ bemerkte Nicolaus zu Sherborne, als der Ko⸗ 10* 148 nig ſich entfernte,„aber er hat mir voͤllig den Appetit genommen.“ „Kein Wunder,“ entgegnete der Andere. Siebentes Kapitel. Die königliche Erklärung wegen der geſetzlichen Luſtbarkeiten am Sonntage Wenige Schritte hinter dem Koͤnige ging der Her⸗ zog von Buckingham, der damals auf dem Hoͤhenpunkte feiner Macht und in der Vollkommenheit ſeiner unver⸗ gleichlichen Schoͤnheit war, und alle andern Cavaliere durch den Glanz ſeiner Kleidung verdunkelte, wie durch die Majeſtaͤt ſeines Weſens. Stolz die ihm gemachten Begruͤßungen erwiedernd, die kaum weniger ehrerbietig waren, wie die, welche man an den Monarchen ſelber richtete, bewegte ſich der erſte Guͤnſtling weiter, und aller Augen folgten ihm bis zur Thuͤr. Buckingham ging allein, als waͤre er ein Prinz vom koͤniglichen Blut ge⸗ weſen; aber nach ihm kam eine Menge von Herren: der Lord Kaͤmmerer Graf von Pembroke, der Hofmar⸗ ſchall Herzog von Richmond, der Lord Admiral Graf von Nottingham, Vicomte Bradley, Lord Howard von Effingham, Lord Zouche, Praͤſident von Wales, nebſt den Lords Knollys, Mordaunt, Campton und Grey von Groby. Einige von den Edelleuten ſchienen geneigt, Ri⸗ chard zu befragen, was zwiſchen ihm und dem Konige vorgegangen ſei, aber das zuruͤckhaltende und ſtrenge Weſen des jungen Mannes ſchreckte ſie ab. Zunaͤchſt kamen die drei Richter Doddridge, Croote und Hogthon, deren Geſichter einen erzwungenen Ernſt zeigten, denn wenn man nach ihren rothen Wangen und ihren wohl⸗ beleibten Geſtalten urtheilen konnte, waren ſie den lieb⸗ lichen Genuͤſſen und der Geſelligkeit nicht abgeneigt. Nach den Richtern kam der Biſchof von Cheſter, des Koͤnigs Kaplan, der bei gegenwaͤrtiger Gelegenheit den Gottesdienſt verrichtet hatte, und in ſeinem vollen Ornat war. Ihn begleitete der Beſitzer des Schloſſes, Sir Richard Hoghton, ein geſund ausſehender Mann zwi⸗ ſchen funfzig und ſechzig Jahren, mit ſilberweißem Haar und Bart, von robuſter und ſtattlicher Geſtalt, friſcher Geſichtsfarbe und Zuͤgen, die den ſcandalöſen Scherz des Koͤnigs in Betreff der Unähnlichkeit mit ſeinem Sohne durchaus nicht rechtfertigten. Dann folgte eine Menge von Baronets und Rit⸗ tern, unter welchen ſich Sir Arthur Capel, Sir Tho⸗ mas Brudenwell, Sir Edward Montague, Sir Edmund Trafford, Sheriff der Grafſchaft, Sir Edward Mosley und Sir Ralph Asſheton befanden. Der Letztere ſah ernſthaft und aͤngſtlich aus, und als er an ſeinem Ver⸗ wandten voruͤberkam, ſagte er in leiſem Tone zu Richard: „Man ſagt mir, Alizon wird heute hier ſein. Iſt dem ſo?“ „Ja,“ verſetzte der junge Mann;„aber warum — fragt Ihr? Iſt ſie in Gefahr? Wenn das iſt, laßt ſie warnen, nicht zu kommen.“ „Auf keinen Fall,“ entgegnete Sir Ralph;„das wuͤrde nur den Verdacht noch vermehren, der ſchon auf ihr ruht. Nein, ſie muß der Gefahr entgegengehen, und ich hoffe, ſie wird im Stande ſein, ſie zu uͤber⸗ winden.“ „Aber worin beſteht die Gefahr?“ fragte Richard. „Um des Himmels Willen redet deutlicher!“ „Ich kann es jetzt nicht,“ erwiederte Sir Ralph. „Wir wollen ſogleich daruͤber zu Rathe gehen. Ihre Feinde ſind geſchaͤftig, und wenn Ihr noch einige Minuten hier verweilt, werdet Ihr ſehen, wen ich meine.“ Und er ging weiter. Eine große Menge ſtroͤmte jetzt aus der Kapelle, und unter dieſen bemerkte Nicolaus manche von ſeinen Freunden und Nachbarn: Herrn Townley von Townley Park, Herrn Parker von Browsholme, Herrn Schuttle⸗ worth von Gawthorpe, Sir Thomas Metcalfe und Ro⸗ ger Noweil. Der Letztere war von Herrn Potts beglei⸗ tet, und Richard ſah ſogleich ein, vor wem Sir Ralph ihn gewarnt hatte. Ein zorniger Blick zeigte ſich in Roger Nowell's Augen, als er zuerſt die beiden Asſhe⸗ tons bemerkte, und ein Laͤcheln befriedigter Rache ſpielte um ſeine Lippen, aber das Feuer erloſch in einem Au⸗ genblick, und ſeinen Mund feſter zuſammendruͤckend, ver⸗ beugte er ſich kalt und ceremonioͤs gegen ſie. Metcalfe that daſſelbe. Nicht ſo Potts. Einen Augenblick ſtill⸗ ſtehend, ſagte er mit veraͤchtlichem Blicke: 151 „Seht Euch vor, Herr Nicolaus, und Ihr auch, Herr Richard. Ein Tag der Rechenſchaft kommt fuͤr Euch Beide.“ Und mit dieſen Worten eilte er ſeinem Clienten nach. „Was meint der Kerl?“ rief Nicolaus.„Waͤren wir nicht gleichſam im Bereich eines Palaſtes, ſo ginge ich ihm nach und gerbte ihn tuͤchtig durch fuͤr ſeine Un⸗ verſchaͤmtheit.“ „Und weshalb tobt Ihr ſo, Mann?“ rief eine durchdringende Stimme hinter ihm;„doch nicht wegen des armen Kerls, der eben davon geſprungen! Wenn das iſt, faßt Ihr die unrechte Sau am Bein, und ich rathe Euch, ihn laufen zu laſſen, denn er ſteht bei dem Koͤnige in hoher Gunſt.“ Als ſich Nicolaus bei dieſer Anrede umwendete, er⸗ kannte er den Hofnarren des Koͤnigs, Archie Armſtrong, einen liſtigen kleinen Kerl mit hellblauen Augen, lan⸗ gem gelben Haar, welches ihm uͤber die Ohren herunter⸗ hing, und einem ſandfarbigen Bart. Archie beſaß viel Mutterwitz und eben ſo viel Schlauheit, als Thorheit. Er trug keine ausgezeichnete Kleidung als Hofnarr, denn die Pritſche und die Narrenkappe waren laͤngſt abge⸗ ſchafft, und er hatte nur die einfache koͤnigliche Livree an. „So iſt alſo Herr Potts bei Seiner Majeſtaͤt in Gunſt, Archie?“ fragte der Squire, der einige Auskunft von ihm zu erhalten hoffte. „Und das waret Ihr vorgeſtern auch, als Ihr zu Myerscough jagtet,“ verſetzte der Hofnarr. „Aber wie habe ich des Koͤnigs Gunſt verſcherzt?“ 15 fragte Nicolaus.„Sagt es mir, Archie, Ihr ſeid ein guter Junge.“ „Glaubt nicht, daß Ihr mich beſtechen koͤnnt, Mann,“ verſetzte der Hofnarr liſtig.„Ich weiß, was ich weiß, und das iſt mehr, als Ihr durch Eure Fragen von mir herausbringen werdet. Des Koͤnigs Geheimniſſe ſind bei Archie ſicher— und zwar aus dem guten Grunde, weil ſie ihm nie mitgetheilt werden. Ihr ſeid ein guter Jaä⸗ ger, und das iſt Seine Majeſtat auch, aber es giebt noch ein Wild, welches er noch mehr liebt, als jedes andere, und das iſt beſonders in dieſer Gegend zu fin⸗ den— ich meine die Hexen und dergleichen furchtbare Geſchöpfe. Das Land muß von ihnen befreiet werden, und das iſt es, was Seine Majeſtaͤt beabſichtigt, und wenn Ihr ein weiſer Mann ſeid, ſo werdet Ihr ihm eine huͤlfreiche Hand dabei leiſten. Aber ich muß hinein, um zu fruͤhſtuͤcken.“ Und mit dieſen Worten entfernte ſich der Narr, indem er laͤcherliche Spruͤnge machte, und ließ Nicolaus beſtuͤrzt zuruͤck. Er wurde durch einen derben Schlag auf die Schulter, den ihm Sir John Finett zutheilte, aus ſeinem Nachdenken erweckt. „Was! denkt Ihr uͤber die Maske nach, Herr Ni⸗ colaus, oder uͤber die Bittſchrift, die Ihr Seiner Ma⸗ jeſtät uͤberreichen wollt?“ rief der Ceremonienmeiſter. „Laßt Euch durch keins von Beiden beunruhigen. Die erſtere wird gut geſpielt und die andere ohne Zweifel gut aufgenommen werden, denn ich kenne des Koͤnigs Anſichten uͤber dieſen Gegenſtand. Aber was die Dame betrifft, Herr Nicolaus— habt Ihr eine gefunden, die bereit und faͤhig'iſt, an der Maske Theil zu nehmen?“ „Ich habe mehrere gefunden, die bereit dazu ſind, Sir John,“ verſetzte Nicolaus;„aber was ihre Faͤhig⸗ keit betrifft, das iſt eine andere Frage. Indeſſen kann man ja mit einer von ihnen den Verſuch machen; ſie ſind Alle im unteren Hofe und werden Euch aufwarten, wenn Ihr befehlt, und dann könnt Ihr Eure Wahl treffen.“ „So weit gut,“ verſetzte Finett;„aber vielleicht werden wir heute Ben Jonſon hier haben— den ſel⸗ tenen Ben, den Fuͤrſten der Dichter und Maskenſchrei⸗ ber. Sir Richard Hoghton erwartet ihn. Ben bereitet eine Maske auf den Chriſttag vor, welche„die Viſion des Entzuͤckens“ heißen ſoll, worin Seine Hoheit der Prinz die Hauptrolle ſpielen wird, und einige Verſe, die man mir vorgeſagt hat, gehoͤren zu den zierlichſten, die der Dichter je geſchrieben.“ „Es wird mir ein großes Vergnuͤgen gewaͤhren, ihn zu ſehen,“ ſagte Nicolaus,„denn ich achte Ben Jonſon als Dichter ſehr hoch— hoͤher als Alle, nur mit Ausnahme Will Shakſpeare's.“ „Ja, Ihr thut wohl, Shakſpeare auszunehmen,“ verſetzte Sir John Finett.„So groß Ben Jonſon iſt, und wenn ihn auch Niemand an Witz und Gelehrſam⸗ keit uͤbertrifft, iſt er doch nicht mit Shakſpeare zu ver⸗ gleichen, der eine tiefe Kenntniß der Natur beſitzt und in der hoͤchſten Gattung der dramatiſchen Kunſt unuͤber⸗ trefflich iſt. Aber unſer Hof iſt ein gelehrter Hof, Herr Nicolaus, und daher haben wir einen gelehrten Dichter; 154 aber Ben Jonſon iſt ein ſehr guter Kerl und ein luſti⸗ ger Geſellſchafter, obgleich ein wenig zum Spott geneigt, wie Ihr finden werdet, wenn Ihr mit ihm trinkt. Bei ſeinem Becher wird er in wohlgeſetzten Ausdruͤcken uͤber Hoͤfe und Hofleute ſpotten, das kann ich Euch vorher⸗ ſagen, und ich ſelber bin ſeinen Sticheleien nicht ent⸗ gangen. Indeſſen liebe ich ihn nicht weniger wegen ſei⸗ ner Spoͤttereien, denn ich weiß, daß es ſeine Laune ſo mit ſich bringt, und darum uͤberſehe ich, was ich an einer andern und weniger verdienſtlichen Perſon gewiß raͤchen wuͤrde. Aber iſt dieſer junge Mann, der eben fortgeht, nicht Euer Vetter Richard Asſheton? Ich dachte es mir. Man hat dem Koͤnige eine ſeltſame Ge— ſchichte ins Ohr gefluͤſtert, daß der Juͤngling von einem Maͤdchen behext ſei— Alizon Nutter heißt ſie, meine ich— in die er verliebt iſt. Ich weiß nicht, was an der Beſchuldigung Wahres ſein mag, aber der Juͤngling ſcheint ſie ſelber zu beſtaͤtigen, denn er ſieht ſehr uͤbel aus. In Myerscough erhielt Seine Majeſtaͤt einen Brief, der ihm dies und Anderes mittheilte, womit ich nicht bekannt bin: aber ſo viel weiß ich, daß es ſich auf die Ausuͤber der ſchwarzen Kunſt in Eurer Grafſchaft bezog, wo der Boden fuͤr ſolches ſchaͤdliche Unkraut ſehr guͤn⸗ ſtig zu ſein ſcheint. Anfangs wurde er ſehr dadurch beunruhigt, endlich aber beſchloß er, daß Beide, ohne darum zu wiſſen, hieher gebracht werden ſollten, um die Sache ſelber beurtheilen zu koͤnnen. Demnach wurde ein Bote nach Middleton Hall geſchickt, als käme er von Sir Richard Hoghton, der die ganze Familie hieher ein⸗ laden mußte, in der zugleich Sir Richard Asſheton zu 155 verſtehen gab, daß es des Koͤnigs Wille ſei, daß er eine gewiſſe junge Dame Namens Alizon Nutter mitbringe, von der man ihm geſagt. Sir Richard hatte keine an⸗ dere Wahl, als zu gehorchen, und verſprach des Koͤ— nigs Wunſch zu erfuͤllen. Es wurde indeſſen ein Offi⸗ cier als Wache zuruͤckgelaſſen, welcher Seiner Majeſtaͤt dieſen Morgen berichtete, daß der junge Richard Asſhe⸗ ton ſich bereits auf den Weg gemacht, um nach Pre⸗ ſton zu gehen, aber die Nacht in Walton le Dale zuge⸗ bracht, und daß Sir Richard mit ſeiner Tochter Doro⸗ thea und Alizon Nutter vor Mittag hier ſein wuͤrde.“ „Seine Majeſtaͤt hat ſeine Plaͤne mit Sorgfalt entworfen,“ verſetzte Nicolaus,„und ich kann leicht er⸗ rathen, von wem er die Nachricht erhalten hat, welche eben ſo falſch als boshaft iſt. Aber iſt Euch bekannt, Sir John, durch welches Zeugniß die Beſchuldigung unterſtutzt wird— denn bloßer Verdacht iſt nicht genug?“ „Wo es ſich um Hexerei handelt, iſt Verdacht hin⸗ reichend,“ entgegnete der Ritter ernſthaft.„Es ſind nur geringe Beweiſe erforderlich. Das Maͤdchen iſt die Tochter einer beruͤchtigten Hexe— das ſpricht gegen ſie. Der junge Mann iſt leidend— das ſpricht ebenfalls gegen ſie. Aber ich glaube, es wird ein Zeuge geſtellt werden, obgleich ich nicht ſagen kann, wer es iſt.“ „Guͤtiger Himmel! welche Bosheit muß in der Welt ſein, wenn eine ſolche Beſchuldigung gegen ein ſo gutes und ſchuldloſes Weſen kann vorgebracht werden,“ rief Nicolaus.„Es lebte nie ein froͤmmeres Maͤdchen, als Alizon, und keine hatte je einen groͤßern Abſcheu vor dem Verbrechen, deſſen ſie beſchuldigt wird. Sie ibie 156 ſollte Richard Leid zufuͤgen! Sie wuͤrde ihr Leben fuͤr ihn laſſen und haͤtte ſchon ſeine Frau ſein koͤnnen, haͤt⸗ ten nicht die delikateſten uneigennuͤtzigſten Bedenklichkeiten von ihrer Seite es verhindert. Aber wir wollen ihre Un⸗ ſchuld vor Seiner Majeſtaͤt beweiſen und ihre Feinde zu Schanden machen.“ „In dieſer Hoffnung habe ich Euch dieſe Nachricht mitgetheilt, mein Herr, wovon Ihr gewiß keinen un⸗ paſſenden Gebrauch machen werdet,“ verſetzte Sir John. „Ich habe ſchon ein aͤhnliches Urtheil uͤber Alizon aus⸗ ſprechen hoͤren, wie Ihr ſo eben ausgeſprochen und will nicht, daß ſie als Opfer der Liſt oder der Bosheit falle. Seid ebenfalls auf Eurer Hut, Herr Nicolaus, denn zugleich werden auch andere Unterſuchungen angeſtellt werden, und es moͤchten Dinge zum Vorſchein kommen, wobei Ihr betheiligt ſeid. Des Koͤnigs Arme ſind lang und reichen und treffen weit— und ſeine Augen ſind klar, wenn ſie nicht verbunden ſind— oder wenn an⸗ dere Leute fuͤr ihn ſehen. Und nun, guter Herr, muͤßt Ihr des Fruͤhſtuͤcks beduͤrfen. Hier, Faryington,“ fügte er zu einem Diener gewendet hinzu,„weiſt Herrn Ni⸗ colaus Asſheton ſein Quartier im untern Hofe an und bedient ihn, als waͤte er Euer Herr. Ich will Euch abholen, Herr, wenn es Zeit iſt, Eure Bittſchrift dem Koͤnig zu uͤberreichen.“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich und ging zu dem obern Viereck, waͤhrend Nicolaus Faryington in den untern Hof folgte, wo er ſeine Freunde ſeiner war⸗ tend fand. Faryington fuͤhrte ſie in ein Gebaͤude zur Linken, 157 dem großen Feuer gegenuͤber, ſtieg eine Treppe hinauf und wies ihnen ein bequemes und gut moͤblirtes Zim⸗ mer an, welches die Ausſicht in den Hof hatte. Als dies geſchehen war, verſchwand er, kehrte aber bald darauf mit zwei Kuͤchenbedienten zuruͤck, wovon der Eine einen großen Teller mit Speiſen auf dem Kopfe trug und der Andere einen Korb mit Wein unter dem Arme hatte. Es wurde ein ſchneeweißes Tiſchtuch aufgelegt, Teller, Speiſen und Flaſchen in reizender Ordnung aufgeſtellt — und ſo lockend war die Anſicht, daß der Squire, un⸗ geachtet ſeiner Behauptung, daß der Appetit verſchwun⸗ den ſei, mit ſeiner gewoͤhnlichen Lebhaftigkeit ans Werk ging, und einer Flaſche vortrefflichen Bordeaux⸗Wein ſo unabläſſig zuſprach, daß man ihm eine zweite vor⸗ ſetzen mußte. Sherborne that der guten Bewirthung gleiche Gerechtigkeit an und Richard zwang ſich nicht nur zu eſſen, ſondern trank, zur großen Ueberraſchung des Squire, mehrere große Becher Wein. Nachdem Farying⸗ ton ſo fuͤr die Beduͤrfniſſe der Gaͤſte geſorgt hatte und ſah, daß ſeine Gegenwart nicht laͤnger noͤchtg und er⸗ wuͤnſcht ſei, verſchwand er und verſprach zuerſt nachzu⸗ ſehen, ob in den Schlafzimmern Alles in Bereitſchaft ſei. Ungeachtet der Hoͤflichkeit des Mannes zeigte er eine ubergroße Dienſtfertigkeit, die Nicolaus auf den Verdacht brachte, daß Sir John Finett ihn beauftragt habe, ihr Thun zu beobachten, und er beſchloß daher, auf ſeiner Hut zu ſein. „Es iſt mir lieb, Dich trinken zu ſehen, Richard,“ ſagte er zu dieſem, ſobald ſie allein waren;„ein Becher Wein wird Dir wohlthun.“ ——————— 158 „Meinſt Du das?“ verſetzte Richard ſeinen Becher wieder fuͤllend.„Ich wuͤnſche meine Heiterkeit und Staͤrke wieder zu erhalten und wohl auszuſehen, einerlei durch welches Mittel— ha! ha! Wenn ich nur dieſe gebrech⸗ liche Maſchine aufrecht halten kann, ſo lange des Ko⸗ nigs Beſuch waͤhrt, ſo liegt mir Nichts daran, wie bald ſie ſpaͤter in Stuͤcke zerfaͤllt.“ „Ich ſehe Deinen Grund ein, Dick,“ verſetzte Ni⸗ colaus,„Du hoffſt den Verdacht von Alizon abzulenken; aber Du mußt nicht bis zum Uebermaße gehen, ſonſt wirſt Du Deinen Plan vereiteln.“ „Ich will Etwas thun, um den Koͤnig zu uͤber⸗ zeugen, daß er ſich in mir geirrt hat, daß ich nicht be— hext bin,“ rief Richard aufſtehend und durchs Zimmer ſchreitend.„Behext! und noch dazu von Alizon! Ich koͤnnte uͤber die Beſchuldigung lachen, ware ſich nicht zu ſcheußlich. Hätte ein Anderer, als der Koͤnig ſie ausge⸗ ſprochen, ſo haätte ich ihn auf der Stelle erſchlagen.“ „Seine Majeſtaͤt iſt durch die Bosheit des ſchurki⸗ ſchen Anwalts Potts getaͤuſcht worden, der ſtets die groͤßte Feindſchaft gegen Alizon gezeigt hat,“ ſagte Ni⸗ colaus;„aber es wird ihm nicht gelingen, denn ſie darf ſich nur zeigen, um jedes Vorurtheil zu verbannen.“ „Du haſt Recht, Nicolaus,“ rief Richard,„und doch ſcheint der Koͤnig ſchon ein Vorurtheil gegen ſie ge⸗ faßt zu haben und ſeine Halsſtarrigkeit könnte zu ihrem Untergange fuͤhren.“ „Um des Himmels Willen, ſprich nicht ſo laut, Dick,“ ſagte der Squire unruhig;„dieſe Waͤnde haben 159 Ohren und ein Echo kann jedes Wort wiederholen, wel⸗ ches Du ſprichſt.“ „So mag es dem Koͤnige ſagen, daß Alizon un⸗ ſchuldig iſt,“ rief Richard ſtehen bleibend und ſeinen Becher wieder fuͤllend.„Auf ihre Geſundheit und den Untergang ihrer Feinde!“ „Ich will Dir mit Freuden Beſcheid thun, Ri⸗ chard,“ verſetzte der Squire;„aber ich muß Dir verbie⸗ ten, mehr Wein zu trinken. Du biſt nicht daran ge⸗ woͤhnt, und er wird Dir in den Kopf ſteigen.“ „Kommt, und ſetzt Euch zu uns, damit wir uͤber die Sache ſprechen koͤnnen,“ ſagte Sherborne. Richard gehorchte, lehnte ſich uͤber den Tiſch und fragte in leiſem und tiefem Tone: „Wo iſt Miſtreß Nutter, Nicolaus?“ Der Squire ſah nach der Thuͤr, ehe er antwortete und ſagte dann: „Ich will es Dir ſagen. Nach der Zerſtoͤrung von Malkin Tower und der Raͤuberbande wurde ſie in eine einſame Huͤtte in der Naͤhe von Barley Booth am Fuß des Pendle⸗Huͤgels gebracht, und am naͤchſten Tage durch den Bowland Wald nach Poulton am Ufer von More⸗ cambe Bay, in der Abſicht, ſie an Bord eines Fahr⸗ zeuges zu bringen, welches nach der Inſel Man ſegelte. Es wurden zu dieſem Zwecke Anordnungen getroffen, aber als die Zeit kam, weigerte ſie ſich zu gehen und wurde insgeheim in die Huͤtte in der Naͤhe von Barley zuruͤckgebracht, wo ſie bis jetzt geblieben iſt, obgleich ihr Aufenthalt ſelbſt Dir und ihrer Tochter unbekannt war.“ 160 „Der Raͤuberhauptmann Fogg oder Demdike iſt entflohen, nicht wahr?“ ſagte Richard. „Ja, bei der Verwirrung, welche entſtand, als Malkin Tower in die Luft geſprengt wurde, gelang es ihm davonzukommen,“ verſetzte Nicolaus,„und wir waren nicht im Stande, ihm zu folgen, da wir unſere Aufmerkſamkeit Miſtreß Nutter widmen mußten. Dies war um ſo ungluͤcklicher, da Jem und ſeine Mutter Eliſabeth durch ſeine Mitwirkung aus dem Gefaͤngniſſe der Abtei Whalley befreit wurden und man ſeitdem Nichts wieder von ihnen gehoͤrt hat.“ „Und ich hoffe, man wird auch Nichts wieder von ihnen hoören,“ rief Richard.„Aber iſt Miſtreß Nutter's Verſteck ſicher?— Sollte ſie nicht von Nowell's Abge⸗ ſandten entdeckt werden?“ „Ich denke es nicht,“ entgegnete Nicolaus;„aber ihre freiwillige Auslieferung iſt mehr zu befuͤrchten, denn als ich ſie zuletzt ſah, in der Nacht ehe ich nach Myers⸗ cough abreiſte, ſagte ſie mir, ſie ſei entſchloſſen, ſich zum Verhoͤr zu ſtellen, und ihre Gruͤnde waren nicht zu be⸗ ſtreiten, denn ſie erklaͤrt, ſie konne nicht gerettet werden, wenn ſie ſich nicht der menſchlichen Gerechtigkeit unter⸗ werfe und fuͤr ihre Vergehungen buͤße.“ „Wenn ſie ſo umkommt, wird ihre Aufopferung ein Todesſtreich fuͤr Alizon ſein,“ rief Richard. „Das ſagte ich ihr auch,“ verſetzte Nicolaus;„aber ſie blieb unbeugſam.„„Ich bin geboren, um Andern Elend zu bereiten, und beſonders Denen, die ich am meiſten liebe,““ ſagte ſie;„„abet ich kann der Gerech⸗ 161 tigkeit nicht entfliehen. Es iſt keine andere Rettung fuͤr mich.““ „Sie hat Recht,“ rief Richard;„es iſt keine Ret⸗ tung, als das Grab, in welches wir alle drei eilen. Ein ſchreckliches Schickſal waltet uͤber uns.“ „Nein, ſage das nicht, Dick,“ verſetzte Nicolaus, „Du biſt jung, und wenn dies auch ein ſchwerer Schlag iſt, ſo wirſt Du doch, hoffe ich, wenn er voruͤber iſt, durch viele Jahre des Gluͤcks belohnt werden.“ „Ich täuſche mich nicht,“ ſagte Richard.„Sieh mir ins Geſicht und ſage mir ehrlich, ob Du denkſt, daß ich lange leben werde. Du kannſt es nicht ſagen. Ich bin von einer toͤdtlichen Krankheit ergriffen und ver⸗ zehre mich nach und nach. Ich fuͤhle— ich weiß, daß ich ſterben werde; aber wenn auch meine kurze Lebens⸗ zeit abgekuͤrzt werden ſollte, will ich doch um jeden Preis mir Geſundheit und Lebensmuth erkaufen und Alizon retten. Ach!“ rief er, indem er mit dem Aus⸗ druck des empfindlichſten Schmerzes mit der Hand nach dem Herzen fuhr. „Was iſt Dir?“ riefen die beiden Herren ſehr er⸗ ſchrocken und ſprangen auf ihn zu. Aber der junge Mann konnte nicht antworten. Heftige Krämpfe erſchuͤtterten ſeine Geſtalt und kalter Schweiß trat vor ſeine bleiche Stirne, welcher zeigte, wie ſehr er litt. Nicolaus und Sherborne ſahen einander aͤngſtlich an und waren zweifelhaft wie ſie handeln ſollten. „Soll ich Huͤlfe herbeirufen?“ ſagte der Letztere in leiſem Tone. Aber ſo leiſe die Worte auch gefluͤſtert wurden, er— Ainsworth, Hexen. IV. 11 162 reichten ſie doch Richard's Ohr, und ſich mit großer An⸗ ſtrengung aufraffend, ſagte er: „Auf keinen Fall— der Krampf iſt voruͤber. Es iſt mir lieb, daß er jetzt gekommen iſt, denn er wird heute nicht wieder kommen. Fuͤhrt mich ans Fenſter, die Luft wird mich ſogleich wieder beleben.“ Seine Freunde erfuͤllten die Bitte und ſetzten ihn an das offene Fenſter. Unten bemerkte man große Aufregung und die Ur⸗ ſache wurde bald klar, denn der Oberjaͤgermeiſter in gruͤ⸗ ner Kleidung, mit hohen Stiefeln, die ihm bis uͤber die Schenkel gingen, ein Horn um den Hals, auf einem ſtarken ſchwarzen Stutzſchwanz ſitzend, kam aus dem Stalle hervorgeritten. Ihn begleitete ein Schweißhund von edler Zucht, und als er die Mitte des Hofes er⸗ reichte, ſetzte er ſein Horn an die Lippen und blies ſo laut, daß die Mauern widerhallten. Bei dieſer Auf— forderung fuͤhrten die Stallknechte und Pagen eine Menge reich geſchmuͤckter Pferde zu dem obern Ende des Hof— platzes, wo ein glaͤnzender Trupp von Damen und Herren, alle zur Jagd gekleidet, ihrer wartete, und wo bei leb⸗ haftem Scherz und Froͤhlichkeit ein allgemeines Aufſitzen begann. Die Damen wurden natuͤrlich zuerſt auf ihre Pferde geſetzt. Waͤhrend dies geſchah, wurden die Hunde paarweiſe aus dem Stalle gefuͤhrt, nachdem man andere bereits vor einer Stunde in den Park hinuntergeſchickt hatte, und der Hofplatz ertoͤnte von ihrem freudigen Bellen und von dem Wiehern der ungeduldigen Roſſe. Jetzt hatte auch der Oberjaͤgermeiſter ſeine Streitkraͤfte geſammelt, die in zwoͤlf Jaͤgern beſtanden, wovon ſechs 163 wie er, gruͤn und roͤthlich gekleidet waren und Alle auf Stutzſchwänzen ritten. Die gruͤngekleideten waren fuͤr die Hirſchjagd und die roͤthlichen fuͤr die Eberjagd be⸗ ſtimmt; die Erſteren waren mit Jagdſtaͤben und die Letz⸗ teren mit Lanzen verſehen. Ihre Guͤrteltaſchen waren mit Fleiſchſpeiſen und Pudding gefuͤllt und Jeder hatte, nach dem Rath des wuͤrdigen Herrn Georg Turbervile, eine irdene Flaſche mit gutem Wein am Sattelknopfe. Außer dieſen folgte ein ganzes Heer von Jaͤgerburſchen zu Fuß. Der erſte Falkner, einen Falken mit langen Fluͤgeln, ſeine Kappe auf dem Kopfe und die Riemen an den Fuͤßen, auf der Fauſt, ſtand dem Thorweg Etwas naͤher und dicht bei ihm ſeine Gehilfen, Jeder mit einem Falken verſehen. So war Alles in Bereitſchaft, und Hunde, Falken und Menſchen ſchienen die Jagd gleich ungeduldig zu erwarten. In dieſem Augenblick oͤffnete Faryington die Thuͤr und meldete Sir John Finett an. „Es iſt Zeit, Herr Nicolaus Asſheton,“ ſagte der Ceremonienmeiſter. „Ich bin bereit, Euch zu begleiten, Sir John,“ ver⸗ ſetzte Nicolaus, eine Pergamentrolle aus ſeinem Wamms ziehend und ſie entfaltend,„die Bittſchrift iſt mit vielen Unterſchriften verſehen.“ „Das ſehe ich, mein Herr,“ verſetzte der Ritter ſie anblickend,„wollen Eure Freunde mit Euch kommen?“ „Gewiß,“ entgegnete Richard, der beim Eintritt des Ritters aufgeſtanden war. Und er folgte den Andern die Treppe hinunter. Auf Anordnung des Ceremonienmeiſters waren faſt 12 164 hundert von den bedeutendſten Herren aus der Graf— ſchaft zuſammengekommen und dieſer Zug wurde, als der Zweck bekannt wurde, noch um das Dreifache durch das Hinzutreten von Perſonen niedrigern Ranges ver⸗ mehrt. Nun wurde Nicolaus an die Spitze dieſer gro⸗ ßen Verſammlung geſtellt, und von Sir John Finett begleitet, der dem Zuge zu folgen gebot, ging er lang⸗ ſam den Hof hinauf. Durch die glaͤnzende Menge von Reitern hindurchgehend, blieb der Zug in kurzer Ent⸗ fernung von dem Eingange der großen Halle ſtehen, und Jakob, der inwendig auf die Ankunft deſſelben gewartet, kam jetzt, unter dem freudigen Zuruf der Zuſchauer, heraus. Sir John Finett fuͤhrte dann Nicolaus vor, worauf dieſer ſich auf ein Knie niederließ und ſagte: „Eure Majeſtaͤt wollen gnadigſt geneigen, die Pe⸗ tition zu empfangen, die ich in meiner Hand halte, und welche, wie Ihr ſehen werdet, wenn Ihr Euch herab⸗ laßt, ſie anzublicken, von vielen Hunderten Eurer ge⸗ treuen Unterthanen von den niedern Claſſen in dieſer Eurer Grafſchaft Lancaſter unterzeichnet iſt, worin ſie Euch die Vorſtellung machen, daß ſie an jeder anſtän⸗ digen Erholung an Sonn— und Feſttagen nach dem Nach⸗ mittagsgottesdienſte ſind gehindert worden, und Euch bitten, die Beſchraͤnkungen aufzuheben, die ihnen im Jahre 1579 von dem Grafen von Derby und Hunting⸗ don und Wilhelm Biſchof von Cheſter, Commiſſionaͤten Ihrer hochſeligen Majeſtaͤt der Koͤnigin Eliſabeth, ruhm⸗ vollen Andenkens, und Eurer Majeſtät Vorgaͤngerin, ſind auferlegt worden.“ Und hierauf uͤberreichte er dem Koͤnige die Petition, die ſehr gnaͤdig empfangen wurde.„Die Klage unſerer getreuen Unterthanen in Lancaſhire ſoll nicht unbeachtet bleiben, mein Herr,“ ſagte Jakob.„Leider muͤſſen wir ſagen, daß dieſe unſere Grafſchaft ſehr mit Leuten an⸗ gefullt iſt, die ſich zum Puritanismus und zum Katho⸗ licismus neigen, welche beide Secten der wahren Reli— gion widerſtreben. Anſtändige Heiterkeit iſt nicht nur zu dulden, ſondern auch loͤblich, und das Verbot der⸗ ſelben kann leicht Mißvergnuͤgen erzeugen, und dies wiſſen unſere Feinde nur zu gutz denn wann,“ fugte er laut und mit Nachdruck hinzu,„wann ſoll das ge⸗ meine Volk Erlaubniß zur Erholung und Beluſtigung haben, wenn nicht an Sonn- und Feſttagen, da ſie an allen andern Tagen arbeiten und ſich ihren Lebensunter⸗ halt erwerben muͤſſen?“ „Eure Majeſtaͤt ſprechen wie der Koͤnig Salomo ſelber,“ ſagte Nicolaus unter dem lauten Zuruf der Menge. „Es iſt alſo unſer Wunſch und Wille,“ fuhr Ja⸗ kob fort,„daß unſer gutes Volk keiner geſetzlichen Er⸗ holung beraubt werde, wodurch die Geſetze nicht gebro⸗ chen oder die Rechte der Kirche beeintraͤchtigt werden; nach Beendigung des Gottesdienſtes ſollen ſie an keiner geſetzlichen Erholung verhindert oder darin geſtoͤrt werden — als Tanzen von Maͤnnern oder Frauen, Bogenſchie— ßen, Laufen, Springen oder an irgend einer andern harmloſen Uebung, noch am Halten der Maiſpiele, des Pfingſtbiers oder der Mautentaͤnze; noch auch Maibaͤu⸗ me aufzurichten oder aͤhnliche Scherze zu treiben; vor⸗ 166 ausgeſetzt, daß ſie zur paſſenden und ſchicklichen Zeit ge⸗ ſchehen, und ohne Verhinderung oder Vernachlaͤſſigung des Gottesdienſtes. Ferner iſt es unſer Wille, daß die Frauenzimmer die Erlaubniß haben ſollen, Binſen die Kirche zu tragen, um ſie nach alter Sitte auszu— ſchmuͤcken. Aber wir verbieten alle ungeſetzlichen Spiele an Sonntagen, als Baͤrenhetzen, Stiergefechte, Schau⸗ ſpiele und ganz beſonders— bemerkt das wohl, Herr— das Kegelſpiel.“*) Die koͤnigliche Erklaͤrung wurde mit lautem und wiederholtem freudigen Zuruf aufgenommen, waͤhrend deſſen Jakob ſein Pferd beſtieg, welches ein großes ſchwar⸗ zes, klug ausſehendes Thier war, und von der ganzen Schaar begleitet, vom Hofe ritt. Auf den Zinnen wurden Trompeten geblaſen, als er durch den Thorweg kam, und die zurufende Menge begleitete ihn den Huͤgel hinunter, bis er in den Baum⸗ gang trat, der in den Park fuͤhrte. Beim Schluß der koͤniglichen Anrede zerſtreute ſich *) Dieſe Rede iſt im Weſentlichen die Erklaͤrung des Monar⸗ chen in Betreff der geſetzlichen Beluſtigungen, die er im Jahre 1618 in einer kleinen Abhandlung herausgegeben, wodurch er den niedern Claſſen eine große Gnade wuͤrde gewaͤhrt haben, wäre ſeine gute Abſicht nicht von Einigen mißverſtanden und endlich von Fröͤmmlern und Fanatikern vereitelt worden. Koͤnig Jakob verdient mit Dank⸗ barkeit erwaͤhnt zu werden, und waͤre es auch nur um wegen dieſer Kundgebung ſeiner Theilnahme an den Beluſtigungen des Volkes. Er hatte ſelber entdeckt, daß die ihnen auferlegten Beſchraͤnkungen „uͤbermaͤßiges Zechen und Trunkenheit und eine Menge thoͤrichter und unzufriedener Reden in den Bierhaͤuſern hervorgerufen.“ 167 ſogleich die von Nicolaus angefuͤhrte Proceſſion, und Die, welche die Jagd mitmachen wollten, begaben ſich weg, um ſich Pferde zu ſuchen. Unter den Erſten der⸗ ſelben befand ſich der Squire ſelbſt, und er war froh, als er ſich dem Stalle naͤherte, Richard und Sherborne bereits mit Pferden verſehen zu finden. Der Erſtere hielt ſein Pferd am Zuͤgel und hatte Nichts weiter zu thun, als ſich in den Sattel zu ſchwingen. Richard zeigte eine Ungeduld, die von ſeinem ge⸗ woͤhnlichen Weſen ſehr verſchieden war, welche ihn uͤber⸗ raſchte und erſchreckte, und der Ausdruck in dem Ge⸗ ſichte des jungen Mannes verfolgte ihn noch lange nach⸗ her. Das Geſicht war todtenblaß, außer daß auf jeder Wange ein rother fieberhafter Fleck gluͤhte und die Augen von unnatuͤrlichem Licht funkelten. Der Squire war von dem Ausſehen ſeines Vetters ſo ſehr betroffen, daß er ihm gern abgerathen haͤtte, wegzureiten, haͤtte er nicht an ſeinem Benehmen geſehen, daß der Verſuch fehlſchla— gen wuͤrde, während eine bedeutungsvolle Geberde ſeines Schwagers ihm zeigte, daß er eben ſo unruhig ſei. Kaum hatten die vornehmſten Herrn das Thor paſſirt, als Richard, trotz aller Bemuͤhungen, ihn zuruͤck⸗ zuhalten, ſeinem Pferde die Sporen gab, ſich unter den Zug ſtuͤrzte und große Unordnung anrichtete, wodurch er den Zorn des Grafen von Pembroke erregte, dem die Fuͤhrung des Zuges uͤbertragen war. Aber Richard ach⸗ tete wenig auf ſeine Wuth und hoͤrte die an ihn gerich— teten zornigen Ausdrucke vielleicht gar nicht, denn ſobald er außerhalb des Thores war, bog er in das Dickicht zur Rechten, anſtatt den Weg zu verfolgen, den der Koͤ— nig hinunterritt, und der in den Felſen gehauen war, und galoppirte, trotz aller Bemuͤhungen, ihn aufzuhal⸗ ten, und mit offenbarer Gefahr, den Hals zu brechen, an der ſteilen Seite des Huͤgels hinunter und kam unver⸗ letzt unten an, lange ehe der königliche Zug denſelben Punkt erreicht hatte, und nahm ſeine Richtung nach dem Park zu. Seine Freunde ſahen mit Schrecken, wie er ſeinen gefahrvollen Ritt begann, doch obgleich ſehr beunruhigt, waren ſie nicht im Stande, ihm zu folgen. „Armer Junge! ich fuͤrchte, er iſt nicht bei Sin⸗ nen,“ ſagte Sherborne. „Er iſt gefeit, wie der Koͤnig ſagen wuͤrde, und wird nicht lange mehr auf dieſer Welt ſein,“ entgegnete Nicolaus kopfſchuttelnd. Achtes Kapitel. Wie König Jakob den Hirſch und den wilden Eber jagte. In wuͤthender Eile fortgaloppirend, ritt Richard durch einen engen, gruͤn bewachſenen Gang zwiſchen den hohen Bäumen, welcher in gerader Linie von der breiten Allee zu dem nahen Walde fuhrte. Dort wuchſen viele ſchoͤne alte Dornbaͤume, die ihn zuweilen von ſeiner Rich— tung ablenkten, doch ritt er beſtäͤndig weiter, bis er ſich 5 „ 5 5 3— 169 dem Jagdplatze bis auf eine kurze Strecke genaͤhert hatte, als ſeine Aufmerkſamkeit von einer ſeltſamen Geſtalt in Anſpruch genommen wurde. Es war ein alter Mann, der ein Gewand von grober brauner Serſche trug, mit einer Kapuze, die er zum Theil uͤber ſeinen Kopf gezo⸗ gen hatte, einen Strick als Guͤrtel um den Leib, gleich dem eines Franziskaners, Sandalenſchuhe an den Fuͤßen, und deſſen ehrwuͤrdiger Bart bis zu ſeiner Taille her⸗ unterreichte. Die Geſichtszuͤge des Eremiten, denn ein ſolcher ſchien er zu ſein, waren majeſtaͤtiſch und wohl⸗ wollend. Auf einer mit wildem Thymian uͤberwachſenen Raſenbank, im Schatten einer weitausgebreiteten Ulme ſitzend, ſchien er ſo emſig mit dem Leſen eines großen Buches beſchaͤftigt, welches auf ſeinem Knie lag, daß er Richards Annaͤherung nicht bemerkte. Das Aeußere des alten Mannes intereſſirte den Juͤngling ſo ſehr, daß er ihn anzureden beſchloß; und ſein Pferd anhaltend, ſagte er reſpectvoll: „Gott gruͤße Euch, Vater!“ „Reitet voruͤber, mein Sohn,“ verſetzte der Greis ohne ſeine Augen zu erheben,„und ſtoͤrt mich nicht in meinen Studien.“ Aber Richard wollte ſich nicht ſo abweiſen laſſen. „Vielleicht wißt Ihr nicht, Vater,“ fagte er,„daß der Koͤnig dieſen Morgen im Park jagen wird. Der koͤnigliche Zug hat ſchon Hoghton Tower verlaſſen und wird in wenigen Minuten hier ſein“ „Der Koͤnig wird mit ſeinem Gefolge in der brei⸗ ten Allee bleiben, wie Ihr auch haͤttet thun ſollen, und 170 nicht durch dieſen abgelegenen Gang kommen,“ verſetzte der Eremit.„Sie werden mich Kicht ſtoͤren.“ „Ich moͤchte gern den Gegenſtand Eurer Studien wiſſen, Vater,“ ſagte Richard. „Ihr ſeid ſehr zudringlich, junger Mann,“ entgeg⸗ nete der Eremit aufblickend und ein paar lebhafte graue Augen auf ihn richtend.„Aber ich will Eure Neugierde befriedigen, wenn ich mich dadurch von Eurer Gegen⸗ wart befreien kann. Ich leſe das Buch des Schickſals.“ Richard ſtieß einen Ausruf des Erſtaunens aus. „Und darin ſteht Euer Geſchick geſchrieben,“ fuhr der Greis fort,„und ein trauriges iſt es. Von einer ſeltſamen und unheilbaren Krankheit verzehrt, die Euch jeden Augenblick den Tod bringen kann, werdet Ihr ſchwerlich die naͤchſten drei Tage uͤberleben, in welchem Falle die, welche Ihr mehr, als Euer Daſein liebt, auf elende Weiſe umkommen wird, indem man ſie beſchul⸗ digt, Euch durch Hexerei zu Grunde gerichtet zu haben.“ „Es muß in der That das Buch des Schickſals ſein, welches das ſagt,„rief Richard vom Pferde ſpringend und ſich dem Greiſe noch weiter naͤhernd.„Darf ich es anſehen?“ „Nein, mein Sohn,“ verſetzte der Greis, das Buch zumachend.„Ihr wuͤrdet die myſtiſchen Zeichen doch nicht verſtehen, und außer dem meinigen darf kein Auge ſie anblicken. Was geſchrieben iſt, wird erfuͤllt werden. Noch einmal bitte ich Euch, weiter zu reiten, denn ich muß ſchnell in meine Etemitenzelle hier im Walde zu⸗ ruͤckkehren.“ — „Darf ich Euch dorthin begleiten, Vater?“ fragte Richard. 2 „Zu welchem Zwecke?“ verſetzte der Greis.„Ihr habt nicht viele Stunden mehr zu leben. So geht denn und bringt ſie in der heftigen Aufregung der Jagd hin. Toͤdtet den fuͤrſtlichen Hirſch— ſchlachtet den wilden Eber, und wenn Ihr die armen Bewohner des Waldes umkommen ſeht, bedenkt, daß Euer eigenes Ende nicht weit entfernt iſt. Horch! hoͤrt Ihr das unheimliche Geſchrei?“ „Es iſt das Kraͤchzen eines Raben, der ſich eben auf den Baum uͤber uns niedergelaſſen,“ verſetzte Richard. „Der kluge Vogel begleitet immer die Jäger auf der Jagd, in der Hoffnung ein Stuͤck zu erhalten, wenn ſie ein Wild ausweiden.“ „Daß das die Gewohnheit des Vogels iſt, weiß ich wohl,“ ſagte der Greis;„aber nicht in der freudigen Erwartung der Beute krächzt er jetzt, ſondern weil ſein grauſamer Inſtinct ihn benachrichtigt, daß ein Lebendig⸗ todter unter ihm iſt.“ Und gleichſam als Antwort auf dieſe Bemerkung kraͤchzte der Rabe frohlockend, und ſich von dem Baume erhebend, beſchrieb er uͤber ihnen einen Kreis. „Giebt es kein Mittel, mein ſchreckliches Geſchick ab⸗ zuwenden, Vater?“ rief Richard verzweifelnd. „Ja, wenn Ihr es anwenden wollt,“ verſetzte der Greis.„Als ich ſagte, Euer Leiden ſei unheilbar, meinte ich durch gewoͤhnliche Mittel, doch wird es von den Mit⸗ teln weichen, die ich allein anzuwenden im Stande bin. Der boshafte und unheilvolle Einfluß, woran Ihr leidet, 172 kann beſeitigt werden, und dann wird ſogleich Eure Ge⸗ ſundheit und Kraft hergeſtellt werden.“ „Aber wie, Vater— wie?“ rief Richard lebhaft. „Ihr habt blos Euren Namen in dieſes Buch ein⸗ zuzeichnen,“ entgegnete der Eremit,„und was Ihr wuͤnſcht, wird geſchehen. Hier iſt eine Feder,“ fuͤgte er hinzu, indem er eine aus ſeinem Guͤrtel zog. „Aber die Dinte?“ rief Richard. „Ritzt Euren Arm mit Eurem Dolch und tunkt die Feder in das Blut,“ antwortete der Greis.„Das wird hinreichen.“ „Und was folgt, wenn ich unterzeichne?“ fragte Richard ihn anſtarrend. „Eure augenblickliche Heilung. Ich werde Euch ein wunderbares Elixir zu trinken geben.“ „Aber wozu mache ich mich verbindlich?“ fragte Richard. „Mir zu dienen,“ verſetzte der Eremit laͤchelnd; „aber es iſt ein leichter Dienſt, und es wird nur einmal im Jahre Eure Gegenwart in dieſem Walde verlangt.— Seid Ihr damit einverſtanden?“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte der junge Mann zerſtreut. „Ihr muͤßt Euch raſch entſchließen,“ ſagte der Ere— mit,„denn ich hoͤre den koͤniglichen Zug ſich nähern.“ Und als er ſprach, hoͤrte man die vollen Toͤne des Jaͤgerhorns, das Bellen der Hunde, das Klingeln der Zuͤgel und das Stampfen eines großen Reitertrupps in geringer Entfernung in der großen Allee. „Sagt mir, wer Ihr ſeid,“ rief Richard. „Ich bin der Eremit des Waldes,“ verſetzte der 173 alte Mann.„Einige nennen mich Hobthurſt und An⸗ dere legen mir andere Namen bei, aber es wird Euch nicht ſchwer werden, mich aufzufinden. Seht dorthin!“ fuͤgte er durch die Baume deutend hinzu. Und als Richard ſich nach der angedeuteten Rich⸗ tung wendete, erblickte er eine kleine Geſellſchaft zu Pferde, die uͤber die Ebene ritt, und aus ſeinem Vater, ſeiner Schweſter und Alizon nebſt einigen Dienern beſtand. „Sie iſt's!— Sie iſt's!“ rief er. „Koͤnnt Ihr Euch noch bedenken, wenn es darauf ankommt, ſie zu retten?“ fragte der Greis. „Der Himmel helfe mir, oder ich bin verloren!“ rief Richard, inbruͤnſtig ſeine Augen zum Himmel er— hebend. Als er wieder niederblickte, war der Greis fort, und er ſah nur eine große ſchwarze Schlange durch die Buͤſche ſchlupfen und davoneilen. Einige Worte des Danks fur ſeine Rettung murmelnd, ſprang er auf ſein Pferd. „Vielleicht hat der Verſucher Recht,“ rief er,„und es ſind mir nur noch wenige Stunden des Lebens uͤbrig; aber wenn es ſo iſt, ſollen ſie dazu angewendet werden, Alizon zu rechtfertigen und die Schlingen hinwegzuraͤu⸗ men, wovon ſie umgeben iſt!“ Mit dieſem Entſchluſſe gab er ſeinem Pferde die Sporen und galoppirte auf den kleinen Trupp zu. Ehe er ihn aber erreichen konnte, wurde derſelbe von einem Staatsboten aufgehalten, der dem koͤniglichen Zuge vor⸗ ausritt und ihnen winkte zu warten, bis derſelbe vor— uber ſei; auch bemerkte er Richard's Abſicht und rief ihm gebieteriſch zu, zuruͤckzubleiben. Vielleicht haͤtte der junge ————— 174 Mann dieſe Aufforderung unbeachtet gelaſſen, waͤre nicht der Koͤnig in demſelben Augenblick am Ende der Allee erſchienen und haͤtte Richard, der nur funfzig Schritte zur Rechten war und den er ſogleich erkannte, zugerufen: „Kommt hieher, junger Mann— kommt hieher!“ Als Richard ſo ſeine Abſicht vereitelt ſah, war er genoͤthigt, Folge zu leiſten, und indem er ſeinen Kopf entbloͤßte, ritt er langſam auf den Monarchen zu. Als er ſich naͤherte, richtete Jakob einen forſchenden Blick auf ihn. „Meiner Seel! Ihr habt einen guten Ritt gemacht, junger Herr,“ rief er.„Ihr muͤßt von Sinnen ſein, auf ſolche Weiſe einen Berg hinunter zu reiten, als ob Euer Hals gar keinen Werth haͤtte. Es iſt ein Gluͤck, daß Ihr ſo davon gekommen. Seid Ihr des Lebens uͤberdruͤſſig— oder war es der boͤſe Feind ſelbſt, der Euch dazu antrieb? Koͤnnt Ihr keine Entſchuldigung finden? Nun ſo will ich eine fuͤr Euch vorbringen. Der Magnet kann Naͤgel aus einer Thuͤr ziehen, und es giebt Mädchen mit Augen ſo ſtark, wie ein Magnet, welche Manner ins Verderben ziehen. Steht der Mag⸗ net dort?“ fuͤgte er hinzu, indem er nach der kleinen Gruppe hinblickte, die eben angekommen war. Wahr⸗ haftig! das Maͤdchen muß eine ſchreckliche Hexe ſein, um einen ſolchen Einfluß auszuuͤben, und wir moͤchten gern die Wirkung ſehen, die ſie in der Naͤhe auf Euch aus⸗ uͤbt. Sir Richard Hoghton,“ rief er dem Ritter zu, welcher einige Schritte hinter ihm ritt,„wir bitten Euch, uns Sir Richard Asſheton und— Tochter vorzu⸗ ſtellen.“ 175⁵ Haͤtte Richard es gewagt, ſo wuͤrde er ſich zu des Koönigs Fuͤßen geworfen haben, aber Alles, was er that, war, daß er in leiſem Tone ſagte: „Hegt kein Vorurtheil gegen Alizon, Sire. Bei meiner Seele! ſie iſt unſchuldig.“ „Der Koͤnig hegt gegen Niemand Vorurtheile,“ ver⸗ ſetzte Jakob in vorwurfsvollem Tone,„und gleich dem weiſen Fuͤrſten Israels, dem er zu gleichen wuͤnſcht, ſieht er mit ſeinen eigenen Augen und hoͤrt mit ſeinen eige⸗ nen Ohren, ehe er ſeine Schluͤſſe bildet.“ „Das iſt Alles, was ich wuͤnſchen kann, Sire,“ ver— ſetzte Richard.„Fern ſei es von mir, die Scharfſicht und Gerechtigkeitsliebe Eurer Majeſtät zu bezweifeln. „Ihr ſollt Proben von beiden haben, Mann, ehe wir zu Ende ſind,“ ſagte Sakob.„Ah! da kommt unſer Wirth mit den beiden Maädchen. Die mit dem Flachs⸗ haar iſt vermuthlich Eure Schweſter und die andere iſt Alizon— und, meiner Treu! ein liebenswuͤrdiges Maͤd⸗ chen! aber der Satan iſt ſtets truͤgeriſch, und wir muͤſſen ſeinen Schlingen widerſtehen!“ Die Geſellſchaft naͤherte ſich jetzt und wurde von Sir Richard Hoghton dem Monarchen foͤrmlich vorge⸗ ſtellt. Sir Richard Asſheton, ein Mann im mittleren Alter, mit ſchoͤnen Geſichtszuͤgen, aber etwas ſtolzem Ausdruck und ſtattlichem Benehmen, wurde ſehr gnädig empfangen und Jakob hielt es fuͤr gut, Dorotheen einige Complimente zu machen, wobei er Alizon verſtohlen an⸗ ſah und zugleich Richard beobachtete, um zu ſehen, ob irgend ein Wink zwiſchen ihnen gewechſelt werde. Der junge Mann verſuchte es aber nicht, denn er fuͤhlte, daß 176 er Alizon nur in Verlegenheit ſetzen werde, wenn er ſie warnen wollte, und er verſuchte daher, ein unbefangenes Weſen anzunehmen. „Wir haben die Schoͤnheit der Maͤdchen in Lanca⸗ ſhire ſehr ruͤhmen hoͤren,“ ſagte der Koͤnig;„aber meiner Treu! unſere Erwartung wird bei weitem uͤbertroffen. Zwei liebenswuͤrdigere junge Mädchen ſahen wir nie. Beide ſind ſeltene Meiſterſtuͤcke der großen Kuͤnſtlerin Natur.“ „Eure Majeſtät geneigen Complimente zu machen,“ verſetzte Sir Richard Asſheton. „Nein, Sir Richard,“ entgegnete Jakob,„wir ſind der Schmeichelei nicht ergeben, obgleich wir ſelbſt oft ge⸗ taͤuſcht werden. Beide ſind ſchmucke Mädchen, wieder⸗ holen wir. Dies iſt alſo Alizon Nutter— Alilſie wuͤrde es in unſerer Sprache heißen, womit Euer Volksdialect in Lancaſhire große Aehnlichkeit hat, Sir Richard. Nun, ſchoͤne Alizon,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſie genau an⸗ ſah,„Ihr habt Eure Mutter verloren, wie wir hoͤren?“ Das junge Maͤdchen wurde durch dieſe Frage nicht außer Faſſung gebracht, ſondern antwortete in feſtem und ſchwermuͤthigem Tone: „Ich fuͤrchte, Eure Majeſtaͤt ſind nur zu gut mit der Geſchichte meiner ungluͤcklichen Mutter bekannt.“ „Nun, wir wollen nicht laͤugnen, daß wir Etwas zu ihrem Nachtheil gehoͤrt haben,“ verſetzte der Koͤnig;„aber Euer eigenes Ausſehen, ſchoͤnes Maͤdchen, widerſpricht ſehr dieſen Geruͤchten.“ „So ſchenkt denſelben keinen Glauben, Sire,“ ver⸗ ſetzte Alizon traurig. 177 „Ei was!— ſo geſteht Ihr alſo die Schuld Eurer Mutter zu,“ rief der Koͤnig heftig. „Ich geſtehe ſie weder zu, noch laͤugne ich ſie, Sire,“ verſetzte ſie.„Eure Majeſtät muͤſſen ſelber daruber ur⸗ theilen.“ „Gut geantwortet,“ fluͤſterte Jakob;„aber wir duͤrfen nicht vergeſſen, daß der Teufel ſelbſt die Schrift zu ſeinem Zwecke anfuͤhren kann.„Aber Ihr hegt Ab⸗ ſcheu gegen das Verbrechen, welches Eurer Mutter zur Laſt gelegt wird, nicht wahr?“ fuͤgte er laut hinzu. „Den aͤußerſten Abſcheu,“ verſetzte Alizon. „Gut— ſehr gut,“ verſetzte der Koͤnig.„Aber da Ihr dieſes Gefuͤhl hegt, wie kommt es, daß Ihr eine ſo verworfene Verbrecherin vor der Gerechtigkeit ſchuͤtzt? In einem ſolchen Falle ſollte kein natuͤrliches Gefuhl gelten.“ „Es wuͤrde auch nicht bei mir gelten, Sire,“ ver⸗ ſetzte Alizon,„weil ich glaube, daß dadurch am beſten fur das ewige Heil meiner armen Mutter geſorgt wird, wenn ſie ſich der weltlichen Strafe unterzieht. Auch wuͤnſcht ſie dieſelbe nicht zu vermeiden.“ „Warum verſteckt ſie ſich denn? Warum liefert ſie ſich nicht aus?“ rief der Koͤnig. „Weil“— und Alizon hielt inne. „Nun, weil?“ fragte Jakob. „Verzeiht mir, Sire, ich muß es ablehnen, weitere Fragen uͤber dieſen Gegenſtand zu beantworten. Ueber das, was mich ſelbſt oder meine Mutter betrifft, will ich gern offen reden, doch kann ich nicht auch Andere in Gefahr bringen.“ Ainsworth, Hexen. 1V. P2 178 „Aha! ſo ſind auch Andere dabei betheiligt?“ rief Jakob.„Wir dachten es wohl. Wir wollen Euch ſpaͤ⸗ ter weiter befragen— aber noch ein Wort. Wir hof⸗ fen, Ihr ſeid fromm und regelmaͤßig in Euren religioͤſen Uebungen, junges Fraͤulein?“ „Dafuͤr kann ich einſtehen,“ fiel Sir Richard As⸗ ſheton ein.„Alizon bringt ihre ganze Zeit mit Gebeten fuͤr ihre ungluͤckliche Mutter hin. Wenn ſie einen Feh⸗ ler begeht, ſo liegt er darin, daß ſie zu weit geht und durch ihren religioͤſen Eifer ihre Geſundheit verletzt.“ „Das iſt ein guter Fehler, Sir Richard,“ ſagte der Koͤnig billigend. „Es geziemt mir nicht, von mir ſelber zu reden, Sire,“ ſagte Alizon,„und ich thue es ungern— aber ich bitte Eure Majeſtaͤt zu glauben, daß ich mein Leben gern hingeben wuͤrde, wenn es als Buße fuͤr meine Mutter dienen koͤnnte.“ „Wahrhaftig, ſie macht mich ſchwankend in meiner Anſicht,“ fluͤſterte Jakob,„und ich muß die Sache ge⸗ nauer unterſuchen. Das Maͤdchen iſt ſehr verſchieden von der Vorſtellung, die ich mir von ihr machte. Aber Satans Liſt iſt nicht zu begreifen, und er nimmt oft den Schein der Gerechtigkeit an, um die Gerechten zu taͤuſchen. Gut, junges Fraͤulein,“ fugte er laut hinzu, „Ihr redet ſchicklich und gefuͤhlvoll, und wie eine Tochter reden muß, und wir achten Eure Gefuͤhle— voraus⸗ geſetzt, daß ſie ſo ſind, wie Ihr ſie darſtellt. Und nun macht Euch zur Jagd bereit.“ „Ich muß Eure Majeſtaͤt bitten, mich zu entlaſſen,“ ſagte Alizon. Es iſt ein Anblick, an dem ich ſtets nur ———————— 179 wenig Vergnuͤgen gefunden habe, und der mir jetzt ganz beſonders verhaßt iſt. Mit Eurer Erlaubniß werde ich nach Hoghton Tower gehen.“ „Und ich bitte Eure Majeſtäͤt um die Erlaubniß, mit ihr zu gehen,“ ſagte Dorothea. „Ich will ſie begleiten,“ fiel Richard ein. „Nein, Ihr muͤßt bei uns bleiben, junger Herr,“ rief der Koͤnig.„Euer guter Vater wird mit ihnen gehen. Sir John Finett,“ fuͤgte er hinzu, indem er eremonienmeiſter zu ſich rief. und ihm ins Ohr ſagte„Laßt Jemand ihnen folgen und Alizon uͤber⸗ wachen, ſowie auch dieſen Juͤngling— hoͤrt Ihr wohl — kurz die ganze Sippſchaft der Asſhetons. Und nun laßt uns zur Jagd blaſen.“ Nachdem der Oberjagermeiſter das Horn an ſeine Lippen geſetzt und das zu Anfang der Jagd gewoͤhnliche Stuͤck geblaſen hatte, wurde zwiſchen ihm und Jakob eine kurze Berathung gehalten, denn der Koͤnig liebte es, ſeine Kenntniß als Waidmann zu zeigen. Waͤhrend dies geſchah, waren Nicolaus und Sherborne naͤher ge⸗ kommen; der Squire ſtieg jetzt ab, ubergab Robin ſei⸗ nem Schwager und naͤherte ſich dem Monarchen. „Wenn ich ſo kuͤhn ſein durfte, ein Wort mit drein zu reden, Eure Majeſtat,“ ſagte er,„ſo koͤnnte ich Euch zeigen, wo ein Hirſch von zehn Enden mit Gewißheit zu finden iſt. Ich ſah ihn dieſen Morgen, als ich durch den Park ritt, und kann mich daher nicht irren. Er trägt den Kopf hoch, iſt groß, lang und wohlgenaͤhrt.“ „Und habt Ihr den Fuß beachtet?“ fragte Jakob. „Ja, Majeſtät,“ antwortete Nicolaus;„und ein 12* —— 180 langer Fuß war es— die Klauen groß mit kurzen run⸗ den Gelenken. Ich behaupte, es iſt ein großer alter Hirſch, bei deſſen Jagd Eure Majeſtät großes Vergnuͤ- gen haben werden.“ „Und wir wollen Eurem Worte vertrauen, Herr,“ ſagte Jakob,„denn Ihr ſeid ein ſo guter Jaͤger, wie wir nur Einen auf unſern Beſitzungen haben. So fuͤhrt uns zu ihm.“ „Eure Majeſtaͤt wollen geneigen, auf jene Lichtung zuzureiten, ſagte Nicolaus—„und ehe Ihr ſie errei wird der Hirſch aufgejagt ſein.“ Jakob willigte in dieſe Anordnung. Nicolaus ſchtang ſich auf ſein Pferd und rief dem Oberjaͤgermeiſter zu, und dann galoppirten ſie, von dem Schweiſthunde be⸗ gleitet, fort, indem der koͤnigliche Zug etwas langſamer in derſelben Richtung folgte. Ein ſchoͤner Anblick war es, dieſe glaͤnzende Schaar uͤber die Ebene galoppiren zu ſehen, indem ihre Federbaretts und farbigen Maͤntel in der Sonne ſchimmerten. Der Morgen war lieblich und verhieß einen ſehr warmen Tag, aber noch war die Luft kuͤhl und friſch, und die ganze Geſellſchaft, erheitert durch die Anſtrengung und die belebte Unterhaltung, war in ſehr heiterer Stimmung, und vielleicht war unter der großen Verſammlung von beinahe dreihundert Perſonen nur eine einzige der Verzweiflung hingegeben. Aber wenn Richard Asſheton gleich innerlich heftig litt, ſo ertrug er doch ſeine Qualen mit ſpartaniſcher Feſtigkeit, und war entſchloſſen, wenn moͤglich keine Spur davon in ſeinen Zuͤgen oder in ſeinem Benehmen ſichtbar wer⸗ den zu laſſen; und es gelang ihm ſo ſehr, ſich ſelbſt zu ——————— 181 beherrſchen, daß der Koͤnig, der ihn beſtaͤndig genau be⸗ obachtete, zu Sir John Finett ſagte, als ſie weiter ritten, das Ausſehen des jungen Mannes habe ſich auffallend gebeſſert. Der Zug naͤherte ſich raſch der Lichtung am untern Ende des Jagdplatzes, als die lebhaften Toͤne eines Hor⸗ nes aus dem nahen Walde gehoͤrt wurden, worauf das tiefe Bellen eines Schweißhundes folgte. „Aha! ſie haben ihn aufgejagt,“ rief der Koͤnig freudig, indem er ſein eigenes Jägerhorn an die Lippen ſetzte und das Signal beantwortete. Hierauf machte die ganze Geſellſchaft in lebhafter Erwartung Halt, und die Hunde bellten laut. Im naͤchſten Augenblick brach ein Edelhirſch aus dem Walde hervor, wo ihn Nicolaus und der Oberjägermeiſter aufgejagt hatten, welche Beide gleich nach ihm erſchienen. „Meiner Treu! ein ſo großer Hirſch, wie ich nur je einen jagte,“ rief der Koͤnig.„Dort, Ihr Jungen, dort!— ihm nach! ihm nach!“ Dem fliehenden Hirſche nachſetzend, machten die Hunde das Himmelsgewolbe von ihrem Gebell und Ge⸗ ſchrei widerhallen. Manches liebenswuͤrdige Fraͤulein war zugegen, aber keine dachte an die Grauſamkeit des Spie⸗ les— keine hatte Mitleid mit dem armen Thiere, wel⸗ ches ſie ſo zu Tode jagten. Das Geſchrei der Hunde, bald laut und volltönend, bald tief und klagend, und von dem Zuruf der Jäger begleitet, bildete ein aufregen⸗ des Concert, welches in manchem ſanften Buſen einen Widerhall fand. Die ganze Schaar war weitverbreitet, denn es war Keinem erlaubt, in der Naͤhe des Koͤnigs 4 K ee——— 182 zu reiten. Sie fegten raſch wie der Wind uͤber die Ebene hin, und der Hirſch ſchien auf eine Anhoͤhe zu— zueilen, die einen Theil des Huͤgels in der Naͤhe des Schloſſes bildete. Aber ehe er ſie erreichte, brachen die in einem Dickicht aufgeſtellten Hunde hervor und gaben ihm eine andere Richtung. Er rannte jetzt noch einmal ſchnell uͤber die weite Flaͤche dahin, als wollte er in ſein altes Lager zuruͤckkehren. Jetzt ſprang er in eine mit Buſchwerk bewachſene Vertiefung, und nachdem man ihn einen Augenblick aus dem Geſichte verloren, ſah man ihn am entgegengeſetzten Ufer hinaufeilen und uͤber eine mit Farrnkraut bewachſene Ebene dahinrennen. Hier ge⸗ wann er den Hunden den Vorſprung ab, die ſich in der gruͤnen Wildniß verloren und ihr Geſchrei verſtummte auf eine kurze Zeit; bald aber brachen ſie wieder hervor, ſtimmten ihr Geſchrei wieder an und rannten uͤber den freien Platz. Anfangs hatte ſich die Reiterſchaar ziemlich zuſam⸗ mengehalten, aber bei ihrer Ruͤckkehr war die Sache ſehr verſchieden und viele von den Damen, die nicht mit den Hunden Schritt halten konnten, blieben zuruͤck, und als natuͤrliche Folge blieben auch viele von den Cavalieren zuruͤck. So blieben nur die leidenſchaftlichſten Jäger bei der Verfolgung, und unter dieſen befanden ſich Richard und Nicolaus, und dieſe waren nur etwa funfzig Schritte hinter dem Koͤnige. Der Squire hatte Recht gehabt, als er prophezeite, daß der Hirſch ihnen viel Vergnuͤgen machen wuͤrde. Indem das heftig verfolgte Thier in den Wald eilte, jagte es einen andern Hirſch auf und nahm deſſen Lager in Beſitz, wurde aber von Nicolaus und dem . — —— 183 Oberjaͤgermeiſter wieder aufgejagt. Noch einmal eilte er äber die weite Flaͤche und Hunde und Jäger hinter ihm her— noch einmal wurde er von einer neuen Reſerve von Hunden zuruͤckgetrieben, aber diesmal nahm er ſeine Richtung zu dem Walde am Ufer des Darwen. Jetzt war es ein trauriger Anblick, ihn anzuſehen, ſein Fell war ſchwarz und glaͤnzend von Schweiß, ſein Mund mit Schaum angefullt, ſeine Augen truͤbe, große Thraͤ⸗ nen floſſen ſeine Wangen herunter und er trug ſein ed⸗ les Haupt niedrig. Sein Ende ſchien nahe, denn die Hunde, obgleich ebenfalls ermuͤdet, verdoppelten ihre An⸗ ſtrengungen und der Monarch munterte ſie auf. Wieder erhob das arme Thier ſein Haupt— wenn es nur das Dickicht erreichen koͤnnte, waͤre es ſicher. Die Ver⸗ zweiflung giebt ihm Kraft und mit rieſenhaften Sätzen uͤberſpringt es den Zwiſchenraum und verſchwindet unter den Zweigen. So ſchnell auch die Hunde hinter ihm her kamen, ſo verfehlten ſie ihn doch. „Er iſt ins Waſſer gegangen, Sire,“ rief Nicolaus naͤher kommend,„zum Fluß,— zum Fluß! Ihr koͤnnt es an den zerbrochenen Aeſten ſehen, daß er dieſen Weg genommen hat.“ Indem Jakob ſich durch die Baͤume draͤngte, war er bald am Ufer des Darwen, der hier tief und lang⸗ ſam floß. Der Hirſch war nirgends zu ſehen, auch war keine Spur auf der andern Seite zu bemerken, welche andeutete, daß er hinuͤbergegangen. Es war daher klar, daß er den Fluß hinunter geſchwommen ſei. In dieſem „Augenblick hoͤrte man hundert Schritte weiter unten einen Ruf, der von Nicolaus herkam, und als der Koͤ⸗ „ ————— —————————————— —— 184 nig nach jener Richtung hinritt, ſah er den Hirſch im letzten Kampfe an der entgegengeſetzten Seite des Fluſſes und faſt bis an die Hanken im Waſſer ſtehend. Der Koͤnig ſah ihn einen Augenblick aufmerkſam an. Das arme Thier war offenbar ſeinem Ende nahe, ſchien aber entſchloſſen, ſein Leben theuer zu verkaufen. Er ſtand auf einem Ufer, welches in den Fluß hineinging und von tiefem Waſſer umgeben war und man konnte ſich ihm nicht ohne Muͤhe und Gefahr naͤhern. Er hatte ſchon mehrere Hunde verwundet, deren blutende Koͤrper den Fluß hinuntertrieben; und obgleich die andern um ihn her bellten, ſo wagten ſie doch nicht, ſich ihm zu naͤhern und konnten ihm nicht in den Ruͤcken fallen, da ſich ein hohes Ufer hinter ihm erhob. „Habe ich die Erlaubniß Eurer Majeſtaͤt, ihn zu toͤdten?“ fragte Nicolaus. „Ja gewiß, wenn Ihr es könnt,“ verſetzte Jakob. „Aber nehmt Euch in Acht! nehmt Euch in Acht!— Wirſt Du vom Hirſch verletzt, bringt es Dich auf die Bahr, ſagt die alte Ballade, und das Sprichwort iſt wahr, wie wir ſelber geſehen haben.“ Nicolaus aber achtete nicht auf die Warnung, ſon⸗ dern zog ſein Jagdmeſſer, legte ſeinen Mantel ab, ſtuͤrzte ſich in den Fluß und ſchwamm raſch zu dem andern Ufer hinuͤber. Der Hirſch beobachtete ihn, als ob er ſein Vorhaben errathe, mit halb drohendem, halb vor⸗ wurfsvollem Blicke, und als er ihm nahe kam, ſtieß er mit ſeinem Geweih nach ihm. Dem Stoße geſchickt aus⸗ weichend, der, wenn er ihn getroffen, haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen, ſtieß Nicolaus ſeine Waffe in die Kehle 185 des armen Thieres, welches ſogleich mit lautem Geplat⸗ ſcher ins Waſſer fiel. „Gut getroffen! gut getroffen!“ rief Jakob, der dieſe That von dem entgegengeſetzten Ufer angeſehen hatte. .„Aber wie wollen wir das Thier heruͤberbringen?“ „Das iſt leicht geſchehen, Sire,“ verſetzte Nicolaus. Und das Geweih faſſend, leitete er den Koͤrper des Thie⸗ res zu dem niedrigen Ufer, wo der Koͤnig ſtand. Sobald die Jaͤger ihn ans Ufer gezogen hatten, ſetzte Jakob ſein Horn an die Lippen und blies das her⸗ köͤmmliche Signal beim Tode des Hirſches. Nicolaus wiederholte das Signal dreimal, und bald darauf hatte ſich die ganze Geſellſchaft um die Stelle verſammelt. Inzwiſchen hatten die Hunde den gefallenen Hirſch umringt und ließen ihre Wuth an ihm aus, indem ſie ihm die Kehle zerriſſen; doch gluͤcklicherweiſe hatte er keine Empfindung mehr, während Nicolaus wieder ſein 5 Meſſer zog und ihm den rechten Vorderfuß abſchnitt, den er dem Koͤnige uͤberreichte. Waͤhrend dieſe Ceremonie verrichtet wurde, hieben die Jaͤgerburſchen einen großen Haufen gruͤner Zweige ab, ſtreuten ſie auf den Boden, legten den Hirſch ruͤcklings darauf und trugen ihn zu einem freien Platze im Walde, wo er vom Koͤnige aus⸗ geweidet wurde, welcher auf ſeine Geſchicklichkeit in der Waidmannskunſt ſtolz war. Waͤhrend dies vorging, wurde dem Monarchen eine Schale mit Wein gefullt, welcher dem allgemeinen Aberglauben anhing, daß das Wildpret in Faͤulniß übergehe, wenn ein Jäger ein Wild ausweide, ohne zu trinken. Als er die Schale geleert, ließ er ſie wieder fullen und reichte ſie Nicolaus, 186 indem er ſagte, das Getraͤnk ſei noͤthig fuͤr ihn, da er ſich ins Waſſer geſtuͤrzt habe. Dann fuhr Jakob mit ſeinem Geſchaͤfte fort, und als er es beinahe beendet hatte, wurde er durch ein lautes Krächzen uͤber ſeinem Kopfe erinnert, daß ein Rabe in der Nähe ſeiz er nahm daher ein Stuͤck von der Bruſt und warf es auf den Boden, worauf der Vogel ſogleich herunter ſchoß und es in ſeinem großen Schnabel forttrug. Nach einer kurzen Zwiſchenzeit wurde wieder zur Jagd geblaſen, noch ein Hirſch aufgejagt, nach kurzer aber ſchneller Verfolgung von den Hunden uͤberwältigt und von dem Koͤnige eigenhaͤndig getoͤdtet. Sir Richard Hoghton bat dann den Koͤnig, ihm zu folgen und fuͤhrte ihn zu einer gruͤnen, von Baͤumen umgebenen Vertiefung, in welcher ſchattigen und koͤſtlichen Zuruͤckgezogenheit Vorbereitungen zu einem leichten laͤndlichen Mahle ge⸗ troffen waren. Auf eine Moosbank unter einem Baume hatte man ein Kiſſen fuͤr den Koͤnig hingelegt uno vor demſelben, auf dem Raſen, ein Tiſchtuch ausgebreitet, worauf verſchiedene Leckerbiſſen ſtanden, als Ochſenzun⸗ gen und Schinken, kalte Kapaunen und Taubenpaſteten. Ganz in der Nähe befand ſich eine kalte Quelle, in die man zahlreiche Weinflaſchen getaucht hatte. Man hatte auch ein kleines Kohlenfeuer angezuͤndet, um Carbonade von Wildpret zu bereiten. Bei dieſer Mahlzeit wurde keine große Förmlichkeit oder Ceremonie beobachtet. Sir John Finett und Sir Thomas Hoghton waren in der Naͤhe des Monarchen und ſorgten fuͤr ſeine Beduͤrfniſſe; aber mehrere von den Cavalieren ſtreckten ſich auf dem Raſen aus und genoſſen die Speiſen, die ihnen von den Pagen vorgeſetzt wur⸗ den. Keine von den Damen ſtieg ab und nur wenige ließen ſich bewegen, Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Außer dem Wein befanden ſich noch zwei Faͤſſer Ale auf einem kleinen von einem Maulthiere gezogenen Karren, welche beide angeſtochen wurden. Die ganze Scene war maleriſch und lieblich, und ganz darauf berechnet, den Monarchen zu befriedigen, der die laͤndlichen Beluſti⸗ gungen ſo ſehr liebte. Plötzlich ereignete ſich bei dieſer Ruhe und Heiter⸗ keit ein Vorfall, der eine eben ſo vollſtaͤndige Stoͤrung hervorbrachte, als ware ein Ungewitter losgebrochen. Ge⸗ rade als die Froͤhlichkeit den hoͤchſten Grad erreicht hatte und Alle die Becher zu ihren Lippen erhoben, hoͤrte man in dem nahen Dickicht ein furchtbares Gebruͤll, worauf ein heftiges Krachen der Zweige folgte. Alle fuhren auf und der Koͤnig ſelber wurde blaß. „Was, um des Himmels Willen, kann das ſein, Sir Richard?“ fragte er. „Es muß eine Heerde wildes Rindvieh ſein,“ ver⸗ ſetzte der Baronet zitternd. „Wildes Rindvieh!“ rief Jakob mit großem Schrecken; „und uns ſo nahe! wahrhaftig, wir werden mit Fuͤßen getreten und von dieſen wilden Thieren getoͤdtet werden. Sir Richard, Ihr ſeid ein falſcher Verräther, ſo das Le⸗ ben Eures Monarchen zu gefahrden, und Ihr ſollt da— fuͤr buͤßen, wenn Unheil daraus entſteht.“ „Ich kann es mir nicht erklaͤren,“ ſtotterte der er⸗ ſchrockene Baronet.„Ich hatte den Jaͤgern ausdruͤcklich befohlen, die Thiere fortzutreiben.“ ———————— 188 „Ihr ſolltet aber ſolche Teufel gar nicht in Eurem Park haben, Mann,“ rief der Monarch⸗„Ei! was iſt das?“ Bei dieſer Beſtuͤrzung und Verwirrung wurde das Bruͤllen verdoppelt und das Krachen der Zweige kam naͤher und naher. Nicolaus Asſheton kam mit dem Pferde des Koͤnigs herbeigeeilt und ſagte: „Sitzt auf, Sire, ſitzt auf, und fort!“ Aber Jakob war ſo erſchrocken, daß ſeine Glieder ihm den Dienſt verſagten und er nicht im Stande war, ſeinen Fuß in den Steigbuͤgel zu ſetzen. Als Nicolaus ſeinen Zuſtand bemerkte, rief er: „Verzeihung, Majeſtät, aber in einem Augenblick, wie dieſer, muß man die Ceremonie bei Seite ſetzen.“ Mit dieſen Worten faßte er den Koͤnig um den Leib und ſetzte ihn auf ſein Pferd. In dieſem Augenblick hoͤrte man ein lautes Ge⸗ ſchrei und ein Mann kam aus dem Walde und eilte auf die Vertiefung zu. Dicht hinter ihm her kam das wilde Rindvieh und gerade als er den Rand des Ab⸗ hanges erreichte, holte ihn der vorderſte Stier ein, ſenkte ſeinen krauſen Kopf, nahm ihn auf die Spitzen ſeiner Hoͤrner und warf ihn ſo weit vorwaͤrts, daß er krachend faſt zu den Fuͤßen des Konigs niederfiel. Mit dieſer Rache zufrieden oder von der zahlreichen Verſammlung beunruhigt, wendete ſich die Heerde ploͤtzlich herum und wurde von den Jägern bis in die Tiefen des Waldes verfolgt. Als Jakob ſeine Faſſung wieder erlangt hatte, be⸗ fahl er einigen von den Dienern, den armen Ungluͤck⸗ lichen aufzuheben, welcher ſtoͤhnend am Boden lag und ſo ſchwer verletzt war, daß er ſich nicht ohne Unterſtutzung von der Stelle bewegen konnte. Seine Kleidung war die eines Foͤrſters und ſeine Schwere— denn er war ſtark und kraftig gebaut— hatte ohne Zweifel die Hef⸗ tigkeit des Falles noch vermehrt. Als er vom Boden aufgehoben wurde, erkannte Nicolaus augenblicklich in den geſchwärzten und verzerrten Zugen die des Chriſtoph Demdike. „Was!“ rief er auf ihn zueilend,„biſt Du es, Schurke?“ Der Leidende antwortete nur mit einem Blicke der concentrirteſten Bosheit. „Ei was!— wißt Ihr, wer es iſt?“ fragte Jakob. „Bei meiner Seele! ich fuͤrchte, der arme Kerl hat faſt alle ſeine Knochen zerbrochen.“ „Es iſt nicht viel daran gelegen, wenn das auch der Fall iſt,“ verſetzte Nicolaus,„und dies mag die An⸗ wendung der Folter erſparen, wenn Eure Majeſtaͤt ihm Fragen vorzulegen wuͤnſchen. Der Zufall hat Euch auf ſeltſame Weiſe einen der ſchwerſten Verbrecher im Koͤnig⸗ reich in die Haͤnde geliefert, der lange der Gerechtigkeit entgangen iſt, der aber endlich die Strafe fuͤr ſeine Ver⸗ brechen erhalten wird. Der Schurke iſt Chriſtoph Dem⸗ dike, der Sohn der verworfenen Hexe, die auf dem Gip⸗ fel des Pendle⸗Huͤgels in den Flammen umkam, und Hauptmann einer Raͤuberbande.“ „Was! iſt der Schurke ein Hexenmeiſter und Raͤu⸗ ber?“ verſetzte Jakob, Demdike mit Abſcheu und Schre⸗ cken anſehend. ———— 190 „Beides, Sire, und ein Moͤrder dazu,“ entgegnete Nicolaus.„Er iſt ein teufliſcher Schurke.“ „Bringt ihn nach Hoghton Tower und haltet ihn an einem feſten und ſichern Orte gefangen, bis wir Zeit haben, ihn zu verhoͤren,“ ſagte Jakob;„und laßt einen geſchickten Wundarzt zu ihm, denn wir wollen nicht, daß er ſterbe und den Henker um ſeine Beute bringe.“ Demdike, der große Schmerzen zu empfinden ſchien, zwang ſich jetzt zu reden. „Ich kann Eurer Majeſtaͤt wichtige Eroͤffnungen machen,“ ſagte er in rauhen und gebrochenen Toͤnen, „wenn Ihr mich anhoͤren wollt. Ich bin nicht der ein⸗ zige Uebelthaͤter, welcher der Gerechtigkeit entflohen iſt,“ fuͤgte er mit rachſuͤchtigem Blicke auf Nicolaus hinzu —„da iſt noch eine Andere, eine beruͤchtigte Hexe, die der Gerechtigkeit entzogen wird. Ich kann ihren Schlupf⸗ winkel entdecken.“ „Eure Majeſtaͤt werden doch nicht auf die Erdich⸗ tungen eines ſolchen Schurken achten?“ ſagte Nicolaus. „Sind es Erdichtungen, Herr?“ verſetzte Jakob heftig.„Wir muͤſſen hoͤren und urtheilen Wie es ſcheint, kann die verwundete Schlange doch noch beißen. Wir haben ſchon fruͤher einen hochlaͤndiſchen Raͤuber ohne Verhoͤr haͤngen laſſen, und wir moͤchten in Ver⸗ ſuchung kommen, wieder das Geſetz ſelber auszuuͤben. Tragt den Schurken fort. Sorgt fuͤr ihn, wie ich be⸗ reits befohlen habe, und laßt ihn ſtrenge bewachen. Und nun gebt uns eine Armbruſt, Sir Richard Hoghton, und laßt die Jaͤger das Wild vor uns hertreiben, denn wir wollen unſere Geſchicklichkeit als Schuͤtze verſuchen.“ 191 Und waͤhrend Demdike auf die Bahre von gruͤnen Zweigen gelegt wurde, die erſt kuͤrzlich eine edlere Laſt, naͤmlich den gefallenen Hirſch getragen, und auf dieſe Weiſe nach Hoghton Tower gebracht wurde, ritt Jakob p mit ſeinem Gefolge auf die lange Lichtung zu, wo er von dem Jaͤger eine Armbruſt erhielt. Er nahm eine guͤnſtige Stellung hinter einer großen Eiche ein, und als mehrere Heerden Rehe an ihm voruͤber getrieben wurden, waͤhlte er ſein Wild, zielte bedaͤchtig, toͤdtete in einer Stunde vier fette Boͤcke und verwundete meh⸗ rere, die von den Hunden zu Boden geriſſen wurden. Und mit dieſem Blutbade war er zufrieden. Dann benachrichtigte Sir Richard Hoghton Seine Majeſtaͤt, daß ein ungeheurer Eber, uͤber fuͤnf Jahre alt, in der Nacht vorher in den Park eingebrochen ſei und unter dem Farrnkraute gegrunzt habe. Das Alter und die Groͤße des Thieres koͤnne man nach den Fußſpuren beurtheilen, und Alles deute darauf hin, daß es ein alter Eber ſein muͤſſe, der nicht zu verachten ſei. . Jakob war gleich bereit, Jagd auf ihn zu machen, . und nachdem man die Jagdhunde weggebracht hatte, wurden ſechs Paar praͤchtige Saupacker, in Lancaſhire gezogen, herbeigefuͤhrt, und der Monarch begab ſich unter der Leitung Sir Richard Hoghton's und des Oberjäger⸗ meiſters in das benachbarte Dickicht, wo der Eber ſein Lager hatte. Als ſie in die Naͤhe deſſelben kamen, wurde dem Koͤnige ein Speer gegeben; die Jäger ruͤckten in den Wald und jagten ſogleich das ungeheure Thier auf. Mit wuͤthendem Grunzen hervorſpringend, wurde er ſogleich ——————————————————— 192 von den Saupackern angegriffen, aber ungeachtet der Menge ſeiner Gegner machte er ſich von ihnen frei, ſchuttelte ſie von ſeinem borſtigen Fell ab, trat ſie mit Fuͤßen, ſtieß ſie mit ſeinen ſcharfen Hauern und richtete eine ſchreckliche Verwuͤſtung unter ihnen an. Jakob machte wiederholte Angriffe auf das wilde Thier, doch war es noch immer unmoͤglich ihm einen Stoß beizubringen, und als der Monarch endlich den Ver⸗ ſuch machte, ſtieß er zu tief und traf ſeine Schnauze. Als der wuͤthende Eber ſich verwundet fuͤhlte, ſprang er auf das Pferd zu und riß ihm mit ſeinen Hauern. den Bauch auf. Das edle Thier ſtuͤrzte ſogleich auf die Seite und gab den koͤniglichen Jäger der Wuth ſeines unerbittlichen Gegners Preis, deſſen Hauer in ſein Fleiſch gedrungen ſein wuͤrden, wäre nicht in dieſem Augenblicke ein junger Mann vorgeritten, haͤtte ſich mit der groͤßten perſoͤnlichen Gefahr dem Eber genahert und dem wuͤthenden Thiere mit ſeinem Speer das Herz geſpalten. Mittlerweile wurde der Koͤnig von den Jaͤgern von ſeinem verwundeten Pferde frei gemacht, welches der Oberjaͤgermeiſter ſogleich mit ſeinem Schwerte vollends toͤdtete. Als der Monarch ſich nach ſeinem Retter um⸗ ſah, entdeckte er, daß es Richard Asſheton war, und ſprach laut ſeine Dankbarkeit aus. „Wahrhaftig! Ihr habt eine Gnade von mir zu fordern,“ ſagte Jakob.„Es darf nimmermehr geſagt werden, daß der Koͤnig undankbar iſt. Was koͤnnen wir fuͤr Euch thun, junger Mann?“ „Fuͤr mich Nichts, Sire,“ verſetzte Richard. 193 „Aber fuͤr eine andere Perſon viel— iſt es das, was Ihr ſagen wollt?“ rief der Koͤnig lächelnd.„Nun, dem Madchen ſoll volle Gerechtigkeit widerfahren; aber um Eurer ſelbſt willen muͤſſen wir die Sache unterſuchen. Inzwiſchen tragt dies,“ fuͤgte er hinzu, indem er einen Ring mit einem praͤchtigen Sapphir vom Finger zog, und wenn Ihr je unſerer Huͤlfe bedurfen ſolltet, ſo ſen— det ihn uns als ein Zeichen.“ Richard empfing das Geſchenk und kniete nieder, um des Koͤnigs Hand zu kuͤſſen, die ihm gnaͤdig ge⸗ reicht wurde. Jetzt hatte man dem Monarchen ein anderes Pferd gebracht und der ungeheure Eber wurde mit den Fuͤßen zuſammengebunden und an einen Pfahl gehaͤngt, und ſo von vier ſtarken Knechten als die große Beute des Tages auf den Schultern getragen. Als die königliche Geſellſchaft aus dem Walde her⸗ vorkam, wurde von dem Oberjaͤgermeiſter neunmal auf dem Horne geblaſen, und Diejenigen von dem Zuge, welche noch auf dem Felde zerſtreut waren, herbeigerufen, und dann nahm die Geſellſchaft ihren Weg uͤber den Jagdplatz und kehrte nach Hoghton Tower zuruͤck. Ainsworth, Hexen. IV. 13 Reuntes Kapitel. S As der Koͤnig nach Hoghton Tower zuruͤckkehrte, ertheilte Sir Richard ſogleich den Befehl, das Banquet zu ſerviren, da es der Wunſch des gaſtfreundlichen Ba— ronet war, daß die Feſtlichkeiten ſo raſch auf einander folgen ſollten, um keine Langeweile zu geſtatten. 13 Die Banquethalle gewaͤhrte beim Eintritt des Koͤ— nigs einen praͤchtigen Anblick. Mit glaͤnzendem Eichen⸗ holz getaͤfelt und von Spitzfenſtern mit bemaltem Glaſe, worin ſich das Familienwappen befand, erleuchtet, war die weite und hohe Halle mit Fahnen behaͤngt und mit Waffenruͤſtungen und Jagdtrophaͤen geſchmuͤckt. Drei lange Tiſche waren der Laͤnge nach aufgeſtellt und jeder enthielt hundert Gedecke. Am untern Ende ſtanden die Herolde, die Staatsboten und ein Trupp Leibgardiſten mit dem koͤniglichen Wappen, eine halbe Roſe und eine halbe Diſtelſtaude, in Gold geſtickt, auf ihren Waͤmſern und mit Troddeln behaͤngte Aexte auf den Schultern. Hinter ihnen ſtand ein zierlich ausgeſchnitzter Schirm von Eichenholz, der die Gaͤnge verbarg, die zu den Spei⸗ ſekammern und der Kuͤche fuͤhrten, und in welchen der Kuͤchenmeiſter, die Brodmeiſter, die Tafeldecker und Kel⸗ lermeiſter hin- und hereilten. Ueber dem Schirm war ————————— 195 eine Gallerie, welche von Trompetern und Muſikanten beſetzt war, und uͤber dem Allen befand ſich eine Decke von Balken. Die Tafeln waren reichlich beſetzt und ſchimmerten von ſilbernen Schuͤſſeln von außerordent— licher Groͤße, ſowie von Kruͤgen und Bechern von dem⸗ ſelben Material und von kuͤnſtlicher Arbeit. Die Gaͤſte, welche ſammtlich verſammelt waren, wurden an Zahl uͤbertroffen von der ungeheuern Schaar von Dienern, Pagen und Aufwaͤrtern in der gelb und rothen Livree der Stuarts. Trompetentoͤne verkuͤndeten die Ankunft des Monar⸗ chen, dem Sir Richard Hoghton, einen weißen Stab in der Hand tragend, voranging, und welcher ihn mit vielem Ceremoniell zu ſeinem Platze fuͤhrte. Am obern Ende der Halle war eine Erhoͤhung und auf jeder Seite ein rundes Fenſter mit bemaltem Glaſe. Auf dieſer Er⸗ hoͤhung ſtand der Tiſch des Koͤnigs unter einem Thron⸗ himmel, worauf das koͤnigliche Wappen geſtickt war, mit Jakobs Lieblingsmotto:„Beati pacilici“(Selig ſind die Friedfertigen) An dieſem Tiſche waren Plaͤtze reſervirt fur die Herzoͤge von Buckingham und Richmond, fuͤr die Grafen von Pembroke und Nottingham, die Lords Howard von Effingham und Grey von Groby, fuͤr Sir Gilbert Hoghton und den Biſchof von Cheſter. Dies waren die Lieblingsgäſte. Nachdem der Biſchof das Tiſch⸗ gebet geſprochen, nahm die ganze Geſellſchaft ihre Plätze ein, und die allgemeine Stille, die bisher in der unge⸗ heuren Halle geherrſcht hatte, wurde augenblicklich durch das Geklapper der Teller unterbrochen. Ein prachtvolles Feſtmahl war es, und wohl der 13* 1 b5 . 6 p 6 ————————————— —— —— — ———— * ———— —— 196 Beſchreibung werth. Die beiden Koͤche Morris und Miller, ſowie Die, welche die geroͤſteten und geſottenen Speiſen, die gebratenen Huͤhner und die Paſteten berei— tet, hatten ihre Sache bewundernswuͤrdig gut gemacht. Der Erfolg war ſo, wie man ihn nur wuͤnſchen konnte. Die Fleiſchſpeiſen beſtanden in Ochſenruͤcken, Wildpret, Hammelſchinken, fetten Gänſen, Kapaunen, Truthaͤhnen und Spanferkeln; die geſottenen in Huͤhnchen, Lamm⸗ und Kalbfleiſch; aber die gebackenen Speiſen waren be⸗ ſonders reichlich vorhanden, und unter dieſen befand ſich eine Hirſchpaſtete, eine Haſenpaſtete und eine Paſtete von wildem Schweineſchinken. Mit den Salaten, die Nichts weiter waren, als was man heutiges Tages Ge⸗ muͤſe nennen wuͤrde, waren alle Arten von geſalzenen Fiſchen gemiſcht und das Ganze von den Tafeldeckern in bunter Ordnung aufgeſtellt. Dies war nur der erſte Gang. Der zweite beſtand in allen Arten von Wild⸗ pret und wildem Gefluͤgel, geroͤſteten Reihern, drei auf einer Schuͤſſel, in Rohrdommeln, Kranichen, Trappen, Brachvoͤgeln und Kibitzen. Außer dieſen wurden Mark⸗ paſteten, Quittentorten, Artiſchockentorten, florentiniſche Torten und unzaͤhlige andere gute Sachen aufgetragen. Einige Gerichte waren allein fuͤr den Tiſch des Koͤnigs beſtimmt, als ein gebackener Schwan, ein geroͤſteter Pfau und der Kopf eines geſalzenen Stoͤrs. Dieſe und ein Stuͤck geroͤſtetes Ochſenfleiſch bildeten die Hauptgerichte. Die aufwartenden Perſonen am koͤniglichen Tiſche beſtanden aus ſolchen Herren, welche Sir Richard Hogh⸗ ton's Livree trugen, und unter dieſen befanden ſich na⸗ tuͤrlich Nicolaus Asſheton und Sherborne. Als der 197 König den Erſteren ſah, fragte er ſogleich nach ſeinem Retter, und als er erfuhr, daß er am untern Tiſche ſei, befahl er, ihn herbeizurufen, und als Richard, der bei ſeiner Ruͤckkehr von der Jagd ſeine dunkle Kleidung mit einer andern von lebhafteren Farben vertauſcht hatte, bald darauf erſchien, laͤchelte ihm Jakob gnädig zu und ließ ſich mehr als einmal, als Zeichen beſonderer Gunſt, den Weinbecher von ihm reichen. Der Koͤnig that den ſchmackhaften Speiſen, die ihm vorgeſetzt wurden, volle Gerechtigkeit an, und beſonders dem Ochſenfleiſch, welches er ſo vortrefflich fand, daß ihm der Vorſchneider noch ein zweites Stuͤck reichen mußte. Sir Richard Hoghton wagte ſeine Freude daruͤber auszuſprechen, daß Seine Majeſtaͤt das Fleiſch gut finde, und ſagte: „Es wird allgemein anerkannt, daß unſer Schſen⸗ fleiſch in Lancaſhire wohl gemaͤſtet und ſchmackhaft iſt.“ „Schmackhaft,“ rief Jakob, als er den letzten ſaf⸗ tigen Biſſen hinunterſchluckte,„es iſt delicat. Beſſeres Ochſenfleiſch hat nie ein Menſch unter die Zaͤhne ge⸗ bracht, und ich wuͤnſche nur, daß alle meine liebenden Unterthanen ein ſo gutes Mittageſſen haben moͤchten, wie ich heute verſpeiſt habe. Wie nennt Ihr dieſes Stuͤck, Sir Richard?“ fragte er, indem ſeine Augen von einem beabſichtigten Scherze funkelten. „Dieſes Glied,“ verſetzte der Wirth ein wenig uͤber⸗ raſcht—„dieſes Glied, Sire, iſt ein Ochſenſchenkel.“ „Ein Schenkel!“ rief Jakob, dem Vorſchneider, der dabei ſtand, das große Meſſer abnehmend,„meiner Treu! der Titel iſt nicht ehrenvoll genug fuͤr ein ſo wuͤrdiges 198 Glied. Es fehlt ihm der Rang, und es ſoll ihn haben. Kuͤnftig,“ fuͤgte er hinzu, indem er den Braten mit der langen Klinge beruͤhrte, als legte er das Schwert auf den Ruͤcken eines Mannes, der den Ritterſchlag erwar⸗ tet,„kuͤnftig ſoll er Ritter-Schenkel heißen, und ich bitte mir aus, daß Ihr ihn kuͤnftig ſo nennt. Gebt mir einen Becher Wein, Herr Richard Asſheton.“*) Alle Herren am Tiſche lachten laut uͤber den Scherz des Monarchen, und als derſelbe bald am untern Tiſche verbreitet wurde, ertoͤnte die Halle, zur großen Freude des gutmuͤthigen Urhebers der Beluſtigung, von ton⸗ nerndem Gelaͤchter und Pagen und Diener jeden Ranges ſtimmten mit ein. „Mein guter Gevatter ſcheint heute in ungewoͤhn⸗ lich guter Laune zu ſein,“ ſagte dee Herzog von Bu⸗ ckingham. „Und mit gutem Grunde, Steenie,“ verſetzte der Koͤnig,„denn wir erinnern uns nicht, daß wir je mehr Vergnuͤgen auf der Jagd gehabt haben— nur mit Ausnahme der Eberjagd, wo das verdammte Thier uns mit ſeinen Hauern zerriſſen haͤtte, ware dieſer tapfere Juͤngling nicht geweſen,“ fuͤgte er hinzu, indem er auf *) Es hat ſich in Lancaſhire eine laͤcherliche Ueberlieferung er⸗ halten, ſagt Nichols, daß unſer ritterſchlagende Monarch bei dem Banquet zu Hoghton Tower einen Ochſenſchenkel zum Ritter ge⸗ ſchlagen, welches Glied ſeitdem immer Ritter⸗Schenkel(Sir-loin) ge⸗ nannt wird. Dieſelbe Autoritaͤt fuͤgt hinzu,„wenn der Koͤnig dieſem Gliede auch nicht zuerſt dieſen Namen beilegte, ſo mag er doch viel⸗ leicht ein Wortſpiel aus dem bereits gebildeten Worte gemacht haben. (Nichols, Reiſen Jakob des Erſten) 100 Richard deutete.„Du mußt zuſehen, was man fuͤr ihn thun kann, Steenie. Wir muͤſſen ihn bei Hofe haben.“ „Eure Majeſtaͤt duͤrfen nur Ihre Wuͤnſche aus⸗ druͤcken, um ſie in Erfuͤllung gehen zu ſehen,“ verſetzte Buckingham etwas trocken. „Wenn ich in des Jungen Stelle waͤre, wuͤrde ich mich nicht viel auf des Herzogs Verſprechungen verlaſſen,“ vemerkte Archie Armſtrong in leiſem Tone zu Nicolaus. „Haben Eure Majeſtaͤt weitere Nachforſchungen we⸗ gen des Maͤdchens angeſtellt, welches der Heperei ver⸗ dächtig geworden?“ fragte Buckingham, die Unterhal⸗ tung erneuernd. „Still, Steenie, ſtill!“ rief Jakob„Sahſt Du ſie dieſen Morgen nicht ſelber?“ fuͤgte er leiſe hinzu.„Ah! ich erinnere mich, Du warſt gar nicht bei der Jagd; nun, ich habe mich mit ihr unterredet und bin ſehr un⸗ entſchloſſen in der Sache geworden. Sie iſt ein ſo huͤb⸗ ſches Maͤdchen, wie nur eine im Koͤnigreich und ant⸗ wortet ſchicklich und ſanft. Um die Wahrheit zu ſagen, ſpricht ihr Ausſehen und Benehmen ſehr gunſtig fuͤr ſie.“ „So beabſichtigt Ihr alſo die Sache ohne weitere Unterſuchung ruhen zu laſſen,“ ſagte Buckingham.„Ich glaubte immer, Eure Majeſtät erfreuten ſich an der Aus⸗ uͤbung des Scharfſinnes, um die Taͤuſchungen des Sa⸗ tan und ſeiner Verehrer zu entdecken.“ „Das iſt auch der Fall,“ verſetzte Jakob.„Aber neige Dein ſchoͤnes Haupt ein wenig weiter hieher, damit ich Dir ins Ohr fluͤſtern kann. Wir haben einen Plan, die Sache ans Licht zu bringen, der nicht fehlſchlagen 200 kann; und wenn Du ihn weißt, wirſt Du Deines lieben Papas Weisheit und vollkommene Beherrſchung der ganzen Wiſſenſchaft des Koͤnigthums bewundern.“ „Ich wuͤnſchte, Eure Majeſtaͤt machten mich mit dieſem ruhmvollen Plane bekannt,“ verſetzte Buckingham mit ſchlecht verhehlter Verachtung.„Ich koͤnnte den Erfolg vielleicht gewiſſer machen.“ „Nein— nein, wir wollen die Katze jetzt nicht aus dem Sack laſſen,“ entgegnete der Koͤnig.„Es ſoll eine Ueberraſchung fuͤr Euch Alle werden.“ „Welches auch der Erfolg ſein mag, ſo wird er ge— wiß die beabſichtigte Wirkung hervorbringen,“ bemerkt der Herzog. „Geh mir, Steenie, Du biſt immer ein Zweifler und mißverſtehſt immer Deinen lieben Papa und Ge⸗ vatter,“ verſetzte Jakob; aber Du ſollſt finden, daß wir nicht umſonſt den Titel des brittiſchen Salomo erlangt haben.“ Bald darauf ſtand der Koͤnig auf und wurde von Sir Richard Hoghton mit demſelben Ceremoniell, wie er bei ſeinem Eintritt beobachtet, in ſeine Gemaͤcher ge⸗ fuͤhrt. Ihm folgten die Cavaliere, und da Nicolaus und die Uebrigen jetzt ihrer Pflicht enthoben waren, ſo begaben ſie ſich in die untere Halle, um auch zu Mit⸗ tag zu ſpeiſen. Jetzt wurde es ziemlich geraͤuſchvoll, denn dä die Damen ſich zugleich mit dem Monarchen entfernt hatten, ſo war aller Zwang beſeitigt. Der Wein wurde nicht geſpart und die Decke erdroͤhnte von ihrem Gelaͤchter. Unter gewoͤhnlichen Umſtaͤnden wuͤrde Richard einer ſolchen Scene ausgewichen ſein, aber er 201 hatte jetzt eine Rolle zu ſpielen und verſuchte daher, uber jeden Scherz zu lachen und eben ſo ſorglos zu er⸗ ſcheinen, wie ſeine Nachbarn. Er war indeſſen froh, als das Signal zum allgemeinen Aufbruch gegeben wurde, denn obgleich Sir Richard Hoghton ſeine Gaͤſte nicht beſchränken wollte, ſo fuͤrchtete er doch, wenn ſie zu lange beim Wein ſaͤßen, daß Stoͤrungen erfolgen moͤch⸗ ten; und in der That, als die Zecher herauskamen und ſich auf dem untern Hofe zerſtreuten, zeigten ihre geroͤ⸗ theten Wangen, ihre lauten Stimmen und ihr unſteter Gang, daß ſie bereits genug getrunken hatten. Inzwiſchen ging es draußen eben ſo luſtig zu, wie in der Banquethalle. Sobald der Koͤnig ſich zur Ta⸗ fel ſetzte, wurden dem Verſprechen gemaͤß die Thore ge⸗ oͤffnet und die Menge hereingelaſſen. Dann wurde der ungeheure Braten heruntergenommen, zerſchnitten und unter ſie vertheilt; die einzige Schwierigkeit war wegen der Teller, und man wendete verſchiedene außerordent⸗ liche Mittel an, um den Mangel zu erſetzen Dieſer umſtand diente dazu, die Heiterkeit zu erhoͤhen, und da zu gleicher Zeit mehrere Faſſer ſtarkes Bier angeſto⸗ chen wurden, ſo herrſchte allgemeiner Frohſinn. Manche von der Menge begannen jetzt ſchon die Wirkungen des ſtarken Getraͤnkes zu empfinden und natuͤrlich fand einige Unordnung ſtatt, aber ſie wurde bald von den Leibgar⸗ diſten unterdruͤckt, und bei dem Aufruhr und der Ver⸗ wirrung herrſchte allgemeine Harmonie. Als Nicolaus ſich durch die Menge draͤngte, fuͤhlte er, wie ihn Jemand am Aermel zupfte, und als er ſich umwendete, bemerkte er Nance Redferne, welche ihm 202 winkte, ihr zu folgen, und es war Etwas in ihrem We⸗ ſen, was ihm keine Wahl ließ, als ihr zu folgen. Nance ging raſch weiter und trat in den Thorweg des Gebaͤu⸗ des, wo man annehmen konnte, daß ſie nicht wuͤrden geſtoͤrt werden. „Was willſt Du von mir, Nance?“ fragte der Squire etwas ungeduldig.„Ich muß bemerken, daß ich mich nicht weiter mit Dir belaͤſtigen kann, und ich fuͤrchte, man wird meinen Ruf verdächtigen, wenn man mich mit Dir reden ſieht.“ „Einige Worte mit mir werden Eurem Rufe nicht ſchaden, Squire,“ verſetzte Nance,„und um Euret,-, nicht um meinetwillen habe ich Euch hieher gefuͤhrt. Ich habe Euch eine wichtige Mittheilung zu machen. Was ſagt Ihr dazu, wenn ich Euch enidecke, daß Jem Device, Eliſabeth Device und ihre Tochter Jennet hier ſind, um Euch, Richard Asſheton und Alizon Unheil zuzufuͤgen.“ „Teufel!“ rief Nicolaus. „Freilich, wenn ihre Plaͤne nicht vereitelt werden koͤnnen,“ ſagte Nance. „Das kann leicht geſchehen,“ verſetzte Nicolaus. „Ich will ſie ſogleich verhaften laſſen.“ „Nein, nein— das kann nicht geſchehen,“ verſetzte Nance.„Ihr muͤßt Eure Zeit abwarten.“ „Was! und dieſe Boͤſewichter frei umhergehen und ihre Bosheit an mir und meinen Freunden ausüben laſſen?“ verſetzte Nicolaus.„Zeige mir, wo ſie ſind, Nance, oder ich muß Dich gefangen nehmen.“ „Nein, das werdet Ihr nicht thun, Squire,“ ver⸗ ——.„—— 203 ſetzte ſie im Tone gutmuͤthigen Trotzes.„Ihr werdet es nicht thun, aus zwei Gruͤnden: erſtens, weil Ihr einer Freundin ſchaden wuͤrdet, die Euch dienen moͤchte, und es thun wird, wenn man ihr Nichts in den Weg legt, und zweitens, weil, wenn Ihr einen Finger gegen mich erheben wolltet, ich Euch der Sprache und Bewe⸗ gung berauben wuͤrde. Wenn der rechte Augenblick ge⸗ kommen iſt, ſollt Ihr den Schlag ausfuͤhren— aber noch iſt er nicht da. Die Frucht iſt noch nicht reif ge⸗ nug, um ſie zu pfluͤcken. Ich bin eben ſo begierig, wie Ihr es nur ſein koͤnnt, daß das ganze Geſchlecht der Demdike's vernichtet werde— und es ſoll geſchehen, wenn Ihr es mir uͤberlaßt.“ „Nun gut, ich will Dir die Sache uͤberlaſſen,“ ſagte Nicolaus.„Offenbar kann ſie in keinen beſſern Haͤnden ſein. Aber weißt Du, daß Chriſtoph Demdike hier in Hoghton Tower gefangen iſt? Er wurde dieſen Morgen im Park gefangen genommen.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Nance;„und ich weiß auch, warum er dorthin ging, und es war meine Abſicht, Euch ſeinen ſchwarzen Plan zu entdecken, den er gegen Euch ausfuͤhren wollte. Indeſſen iſt es anders beſtimmt geweſen. Was die Andern betrifft, ſo wartet, bis ich Euch ein Zeichen gebe. Sie ſind verkleidet; aber wenn Ihr ſie auch ſeht und ſie erkennt, gebt es nicht zu er⸗ kennen, bis Ihr einen Wink von mir erhaltet, oder Ihr werdet Alles verderben.“ „Es ſoll geſchehen, wie Du es beſtimmſt, Nance,“ verſetzte Nicolaus.„Ich verlaſſe mich vollkommen auf Dich. Aber wann werde ich Dich wiederſehen?“ — „Das haͤngt von Umſtaͤnden ab,“ verſetzte ſie.„Viel⸗ leicht dieſen Abend— vielleicht morgen Abend. Meine Plaͤne muͤſſen ſich nach denen Anderer richten. Aber wenn Ihr mich wiederſeht, werdet Ihr handeln muͤſſen.“ Und ohne eine Antwort zu erwarten, eilte ſie aus dem Thorwege und verlor ſich ſogleich unter der Menge, waͤhrend Nicolaus, mit der eben erhaltenen Nachricht beſchaͤftigt, ſich langſam in ſeine Wohnung begab. Kaum waren ſie fort, als eine Thuͤr in der Naͤhe, die nur angelehnt geweſen, ſich weit oͤffnete und das ſchlaue Geſicht des Herrn Potts zeigte. „Hier wird ein huͤbſcher Plan ausgeheckt— und ich habe eine herrliche Entdeckung gemacht,“ ſagte der Anwalt bei ſich ſelber.„Die ganze Familie Demdike, mit Ausnahme der alten Hexe, die ich auf dem Pendle⸗ Huͤgel habe verbrennen ſehen, iſt hier in Hoghton To— wer. Dies werde ich dem Koͤnige mittheilen. Ich will Nicolaus Asſheton und das Frauenzimmer, welches ich als Nance Redferne erkannte, ſogleich verhaften laſſen. Es wird ein wundervoller Streich ſein, der mir große Achtung bei Seiner Majeſtaͤt verſchaffen wird. Aber halt! wird dies nicht meine andern Plaͤne mit Jennet vereiteln? Daruͤber muß ich nachdenken. Ich muß vor⸗ ſichtig zu Werke gehen. Ueberdies, wenn ich Nicolaus verhaften laſſe, wird Nance entfliehen, und dann werde ich das Mittel verlieren, die Andern zu entdecken. Nein, nein, ich muß Nicolaus genau beobachten und mir das ganze Verdienſt der Entdeckung zueignen. Vielleicht werde ich im Stande ſein, ſie durch Jennet's Vermittelung in ihren Verkleidungen zu erkennen. Auf jeden Fall will 205 ich ſie genau beobachten. Die Sache naht ſich jetzt ihrem Ende, und ich darf nur, wie ein vorſichtiger und er⸗ fahrner Vogelſteller meine Netze geſchickt ausſpannen, um das ganze Volk zu fangen.“ Und mit dieſen Betrachtungen ging er ebenfalls auf den untern Hof. Der Reſt des Tages wurde mit Feſtlichkeiten und Beluſtigungen hingebracht, woran alle Claſſen Theil nahmen. Es fanden Wettkaͤmpfe in der Gewandtheit und Staͤrke, im Laufen, Ringen und Knittelfechten ſtatt, nebſt einer unendlichen Abwechſelung von laͤnd⸗ lichen Spielen und Schauſtellungen. Gegen fuͤnf Uhr kam ein Binſenkarren, mit Blu⸗ men und Bändern bedeckt, auf welchem Maͤnner ſaßen, welche Guirlanden hielten, vor die Fronte des Haupt⸗ gebaͤudes gefahren, in deſſen offenem Fenſter Jakob ſaß — der den verſchiedenen Zeitvertreiben mit Wohlgefallen zuſah— und verſchiedene lebhafte Tänze wurden von einem Trupp maͤnnlicher und weiblicher Maurentaͤnzer, mit Trommel und Pfeife begleitet, ausgefuͤhrt. Aber obgleich dieſe Schauſtellung anziehend war, ſo fehlte doch die Begeiſterung, die zu Whalley geherrſcht hatte, wäh⸗ rend die Rolle der Maikoͤnigin oder Maid Marian, die damals von Alizon ſo reizend ausgefuͤhrt worden, jetzt von einem Manne vorgeſtellt wurde— und wenn Nico⸗ laus Asſheton, der ſich unter den Zuſchauern befand, nicht irrte, ſo war dieſer Mann Jem Device. Wuͤthend uͤber dieſe Entdeckung, war der Squire im Begriff, ſich des Schurken zu bemaͤchtigen, da er ſich aber an Nan⸗ ce's Rath erinnerte, unterließ er es, und Jem(wenn ——— er es war) entfernte ſich mit einem Geſchenk von koͤnig⸗ licher Hand, welches ihm als Belohnung fuͤr ſeine plum⸗ pen Poſſen gewaͤhrt wurde. Als der Binſenkarren mit den Maurentaͤnzern ver— ſchwunden war, wurde eine andere Poſſe aufgefuͤhrt, welche man„der Narr und ſeine fuͤnf Soͤhne“ nannte. Die Namen der hoffnungsvollen Sproͤßlinge des weiſen Vaters waren Pickelhaͤring, Blauhoſe, Pfef⸗ ferhoſe, Ingwerhoſe und Jack Gewuͤrznelke. Der in dem Stuͤcke herrſchende Humor, obgleich nicht beſonders fein, ſchien den Zuſchauern im Allgemeinen, ſowie auch dem Monarchen zu gefallen, welcher herzlich uͤber den rohen Scherz lachte. Dann folgte der Pflug- und Schwerttanz; die hauptſaͤchlichſten handelnden Perſonen waren eine Anzahl grotesker Figuren, mit Schwertern bewaffnet, wovon einige vor einen Pflug geſpannt waren, auf dem ein Pfeifer ſaß, welcher luſtig ſpielte, waͤhrend er fortgezogen wurde. Der Pflug wurde von einem Manne gefuͤhrt, der mit einem Baͤrenfell bekleidet war, eine Pelzkappe auf dem Kopfe hatte und dem ein langer Schweif, gleich dem eines Loͤwen, hinten herunterhing. In dieſer rauhen Geſtalt, die den Waldteufel Hobthutſt vorſtellen ſollte, erkannte Nicolaus wieder Jem Device, und gerieth wieder in große Verſuchung Nance's Verbot zu uͤbertreten und ihn zu verhaften, um ſo mehr, da er in einer weiblichen Begleiterin in phantaſtiſcher Klei⸗ dung die Mutter des Boͤſewichts, Eliſabeth Device, ent⸗ deckte, aber er ſtand wieder davon ab. Sobald die vermummten Perſonen vor dem Koͤ⸗ nige ankamen, begann der Tanz. Mit erhobenen Schwer⸗ tern faßten ſie einander an und tanzten raſch um den Pflug nach dem Tacte, den der Pfeifer angab, der ſei⸗ nen Sitz behauptete. Plötzlich wurde der Kreis um das Doppelte erweitert, Jeder ſtreckte ſein Schwert gegen ſei⸗ nen Nachbar aus, der die Spitze faßte; dann wurde eine ſechseckige Figur gebildet, indem man alle Klingen zuſammenbrachte. Dann zog man ploͤtzlich die Schwerter, wie Sonnenſtrahlen funkelnd, zuruͤck und ſtellte eine vier⸗ ckige Figur dar, indem die Taͤnzer einander raſch uber die Koͤpfe ſprangen. Es folgten noch andere Veraͤnde— rungen und der Scherz ſchloß mit einem allgemeinen Schwertergeklirt, welches ein Gefecht darſtellen ſollte. Inzwiſchen war Richard Asſheton zu Nicolaus ge⸗ treten und der Erſtere entdeckte bald die beiden Device's ungeachtet ihrer Verkleidungen. Als er dieſe Bemerkung machte, etwaͤhnte er den Umſtand gegen den Squire und war uͤberraſcht, daß derſelbe bereits damit bekannt war, und erſtaunte nicht weniger, als ihm dieſer rieth, ſie in Ruhe zu laſſen; der Squire fuͤgte hinzu, er ſei fuͤr den Augenblick nicht im Stande, die Gruͤnde zu dieſem Rath anzugeben, er ſei aber gut und wohl uͤber— legt und Richard wuͤrde ſich ſpater von der Zweckmaͤßig⸗ keit deſſelben uͤberzeugen. Der junge Mann aber dachte anders, und ungeachtet der Bemuͤhungen ſeines Ver⸗ wandten, ihm davon abzurathen, kuͤndigte er ſeine Ab— ſicht an, die betheiligten Perſonen ſogleich verhaften zu laſſen, und ging in dieſer Abſicht einen Officier der Leib⸗ garde aufzuſuchen, um die Verhaftung ohne Stoͤrung vorzunehmen. Aber das Gedraͤnge um die Tänzer war 208 ſo dicht, daß er nicht durch konnte. Er ſah ſich daher genöthigt umzukehren und einen andern Weg zu neh⸗ men, wobei er dem Ringe der Taͤnzer naͤher kam und von ihnen ohne Weiteres auf die Seite geſchoben wurde. In dieſem Augenblick wurden ſeine Arme gewaltſam er⸗ griffen und eine tiefe Stimme fluͤſterte ihm von der rech— ten Seite ins Ohr: „Kuͤmmert Euch nicht um uns, und wir wollen uns nicht um Euch kuͤmmern.“ Zugleich wurde ihm derſelbe Rath von der linken Seite in eben ſo drohenden Toͤnen, aber von einer weib⸗ lichen Stimme gegeben. Richard haͤtte ſich gern von ſeinen Gegnern losgemacht und ſie ergriffen, aber die Kraft fehlte ihm dazu. Auf einen Augenblick war er der Sprache und Bewegung beraubt, aber waͤhrend er in dieſer Lage war, fuͤhlte er, wie der Sapphirring, den der Koͤnig ihm gegeben, von der erſtern Perſon, in der er Jem Device erkannte, von ſeinem Finger geriſſen wurde, waͤhrend Eliſabeth eine furchtbare Zauberformel ausſprach. Da dies gerade zu der Zeit geſchah, als das Schwertergeklirr die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer be⸗ ſchaͤftigte, ſo beachtete Niemand, außer Nicolaus, was geſchah, und ehe dieſer zu dem jungen Mann gelangen konnte, waren die beiden Verbrecher fort und Niemand konnte ſagen, was aus ihnen geworden ſei. „Haben Dir die Elenden Etwas zu Leide gethan?“ fragte der Squire in leiſem Tone. „Sie haben mir des Koͤnigs Ring geſtohlen, den 209 ich fuͤr Alizon anzuwenden gedachte,“ verſetzte der junge Mann, der jetzt ſeine Sprache wieder erlangt hatte. „Das iſt in der That ein Ungluͤck,“ ſagte Nico⸗ laus.„Aber wir koͤnnen jede boͤſe Abſicht vereiteln, die ſie haben moͤgen, indem wir Sir John Finett von dem Umſtande in Kenntniß ſetzen.“ „Laßt ſie in Ruhe,“ ſagte eine Stimme ihm ins Ohr.„Die Zeit iſt noch nicht da.“ Der Squire ſah ſich nicht um, denn er wußte wohl, daß die Warnung von Nance Redferne herruͤhre. Er ſagte daher zu Richard: „Warte noch eine Weile und Du ſollſt vollſtaͤndig geracht werden.“ Und mit dieſer Verſicherung mußte dieſer junge Mann ſich zufrieden geben. Gerade in dem Augenblick wurde eine Trompete geblaſen und ein Herold, der auf der Hoͤhe der Frei— treppe ſtand, die zu der großen Halle fuͤhrte, machte mit lauter Stimme bekannt, daß ein Wettkampf zwi⸗ ſchen Archie Armſtrong, dem Hofnarren Seiner Majeſtät, und Davy Droman, der daſſelbe ehrenvolle Amt bei Seiner Durchlaucht dem Herzoge von Buckingham be⸗ kleidete, ſtattfinden, und daß zwei Halbſtiefeln mit ver⸗ goldeten Abſaͤtzen die Belohnung des Siegers ſein ſoll⸗ ten. Dieſe Ankuͤndigung wurde mit freudigem Zuruf aufgenommen und auch wirklich Vorbereitungen zu dem ſpaßhaften Turnier gemacht. Nachdem die Leibgardiſten einen großen Kreis gebildet hatten, mit einem dorthin fuͤhrenden Gange zu beiden Seiten, ritten die beiden Kaͤmpfer auf buntgeſchmuͤckten Steckenpferden in den Ainsworth, Hexen. IV. 14 210 Ring. Beide waren bis an die Lähne geruſtet, denn Jeder hatte ſich einen blechernen Deckel anſtatt der Bruſt⸗ platte vorgebunden, eine blank geputzte kupferne Suppen⸗ ſchuͤſſel auf dem Kopfe, einen großen zinnernen Teller anſtatt des Schildes und einen Bratſpieß mit einem Stoͤpſel an der Spitze, um Unheil zu verhindern, anſtatt der Lanze. Des Herzogs Hofnarr war ein ſehr fetter kleiner Kerl, und ſein Erſcheinen in dieſem kriegeriſchen Aufzuge war ſo außerordentlich laͤcherlich, daß es ein bruͤllendes Gelaͤchter erregte, waͤhrend Archie kaum weni— ger auffallend erſchien. Nachdem ſie gleich den Rittern um den Kampfplatz courbettirt waren und ihre verſchie⸗ denen Reiterkuͤnſte gezeigt hatten, ſtellten ſie ſich einan⸗ der gegenuͤber und baͤndigten nur mit Schwierigkeit, wie es ſchien, ihre ſtampfenden Roſſe und erwarteten, daß Sir John Finett als Kampfrichter das Signal zum Angriff geben werde. Dies blieb nicht lange aus, und als es ausgeſprochen wurde, ſtuͤrzten die tapfern Ritter mit ſolcher Wuth und ſo wenig Beſonnenheit auf ein⸗ ander los, fuhren wie zwei Boͤcke zuſammen und wur⸗ den beide ſo heftig ruͤckwaͤrts geſchleudert, daß ſie den lachenden Zuſchauern ihre Perſon zeigten, die nicht mehr von den Decken ihrer Pferde verborgen waren und in die Hoͤhe geſtreckt wurden. Mit ihrer Ruͤſtung belaſtet, vetging einige Zeit, ehe ſie wieder auf die Fuͤße kamen, und nachdem ihnen Sir John Finett inzwiſchen ihre Lanzen hatte abnehmen laſſen, da ſolche Waffen fuͤr ſo wuͤthende Gegner gefaͤhrlich ſeien, ſo griffen ſie einander mit ihren breiten hoͤlzernen Degen an und verſetzten einandet Hiebe auf Helm, Bruſtharniſch und Schild, ——* ————— 211 ohne einander Schaden zuzufuͤgen. Der Kampf wuͤthete eine Zeitlang fuͤrchterlich, und da die Kaͤmpfer einander ziemlich gleich zu ſein ſchienen, ſo war es nicht leicht zu ſagen, wie er enden wuͤrde, als der Zufall Davy Dro⸗ man guͤnſtig zu ſein ſchien, denn einen heftigern Hieb, als gewoͤhnlich austheilend, zerbrach Archie's Schwert und gab ihn der Willkuͤr ſeines Gegners preis. Hierauf kraͤhte der tapfere Davy luſtig wie ein Hahn und forderte ihn auf, ſich zu ergeben; aber Archie war uͤber dieſes Miß⸗ geſchick ſo aufgebracht, daß er, anſtatt ſich zu ergeben, vorwaͤrts ſprang und mit dem Griff der abgebrochenen Waffe ſeinem erhabenen Gegner einen ſchweren Schlag an die Seite des Kopfes verſetzte, der nicht nur die Suppenſchuͤſſel herunterwarf, ſondern ihn auch daneben auf den Boden ſtreckte. Die Strafe, die er erhalten, war genug fuͤr den armen Davy. Er machte keinen Verſuch aufzuſtehen; Archie, der jetzt ebenfalls laut krähte, trampelte auf dem Koͤrper ſeines hingeſtreckten Feindes herum, tanzte dann freudig um ihn, wurde als Sieger erklart und empfing die vergoldeten Halbſtiefeln bei dem Gelächter und dem Zurufen der Zuſchauer. Hiemit waren die oͤffentlichen Luſtbarkeiten zu Ende, und da der Abend heranruͤckte, reiſten diejenigen Gaͤſte ab, welche nicht eingeladen waren, die Nacht im Schloſſe zuzubringen. Bald darauf wurde das Abend⸗ eſſen in der Banguethalle aufgetragen, wobei derſelbe Ueberfluß und dieſelbe Pracht herrſchte, wie bei dem Mittagsmahl, und der König ſetzte ſich mit ſeinem gan⸗ zen Gefolge zu demſelben nieder. 14* Zehntes Kapitel. Abendunterhaltungen. Fur den Abend waren andere Luſtbarkeiten beſtimmt. Während man in der großen Halle wieder zechte und ſchwelgte, waͤhrend zum dritten Mal ſeit dem Morgen die Tafeln mit Speiſen belaſtet waren, und der rothe Wein wie aus unerſchoͤpflichen Fontainen floß, waͤhrend Seneſchall, Vorſchneider und Tafeldecker, Kuͤch⸗ und Kellermeiſter wieder thaͤtig in ihrem Berufe beſchaͤftigt waren, waͤhrend mehr als die Hälfte von den dreihun⸗ dert Gäſten wie unerſaͤttlich im Eſſen und Trinken mit einander wetteiferte— denn wie der alte Taylor, der Waſſerdichter, ſagt, der aber kein Waſſertrinker war, und der von der Gaſtfreiheit der Maͤnner von Manche⸗ ſter in der erſten Haͤlfte des ſiebzehnten Jahrhunderts ſang, hatten ſie „Gebratnes Fleiſch, geſotten und gebacken, Claret und Weißwein, Teres oder Sect. Nichts hielten ſie zu ſchwer und Nichts zu heiß, Krug folgt' auf Krug und Becher folgt' auf Becher,“ waͤhrend dieſer Zeit wurden Vorbereitungen zu neuen Luſtbarkeiten im Freien gemacht. Der Garten zu Hoghton Tower, obgleich wegen ſeiner Lage auf der Hoͤhe des Huͤgels von geringem Um⸗ —— 213 fange, war ſchoͤn angelegt und gewaͤhrte von den mit Geländern umgebenen Terraſſen praͤchtige Ausſichten auf die Umgegend. Unten lag der wohl bewaldete Park, von dem ſilberhellen Darwen umfloſſen, das huͤbſche Dorf Walton le Dale gerade jenſeits deſſelben, die ſtolze Stadt Preſton weiterhin und der einzelne Kegel Neſe Point, der ſich majeſtaͤtiſch in der Ferne erhebt. Der groͤßere Garten bildete ein Viereck und war mit mathe⸗ matiſcher Genauigkeit nach dem foͤrmlichen Geſchmack jener Zeit in kleinere Vierecke mit breiten gut gehaltenen Kiesgaͤngen auf jeder Seite. Die Beete bildeten ver⸗ ſchiedene Figuren— als Fuͤnffingerkraut, Schwertlilien, Dreiblatt, verſchobene Vierecke, die Form einer Arm⸗ bruſt und eines Ovals— alle ſehr zierlich und genau gezeichnet. Außer dieſen Beeten waren da Gäͤnge von beſchnittenen Taxusbäumen und jenes unerläßliche Er⸗ forderniß eines Gartens zu jener Zeit, ein Irrgarten. In der Mitte befand ſich eine mit Gras bewachſene Erhoͤhung, auf welcher ein Pavillon ſtand, vor welchem ſich ein ſehr ebener Grasplatz ausbreitete, der gewoͤhnlich als Kegelbahn benutzt wurde. Am untern Ende war eine Bühne aufgeſchlagen, um die Maske vor dem Koͤ⸗ nige vorzuſtellen. Es wurden Fackeln angezuͤndet und zahlreiche Lampen brannten an den Zweigen der nahen Baͤume; doch ſie waren kaum noͤthig, denn da es Voll⸗ mond war, ſo machte der Glanz, den er uͤber die Scene ergoß, ales andere Licht blaß und wirkungslos. Nach dem Abendeſſen, wobei noch mehr, als beim Mittageſſen getrunken wurde, gingen die ſämmtlichen Gäſte in den Garten, voll Heiterkeit und Frohſinn und in guter Stimmung fuͤr jede Luſtbarkeit, die ihnen be⸗ reitet ſein moͤchte. Der Koͤnig wurde von ſeinem Wirth zu dem Raſenplatze gefuͤhrt, indem eine Anzahl Diener voranging, welche wohlriechende Fackeln trugen; da aber der Gang des Koͤnigs ein wenig ſchwankend war, ſo bedurfte er des ſtutzenden Armes des Sir Gilbert Hogh⸗ ton, um ihn am Stolpern zu verhindern. Die uͤbrigen Schwelger folgten, und da ſie ſo aufgeregt waren, wird man ſich nicht wundern, daß ſie ſich wenig Zwang an— thaten, ſondern riefen, ſangen, tanzten und ſich alle moͤglichen Freiheiten erlaubten. Der Buͤhne gegenuͤber hatte man eine Platform errichtet; vorn ſtand ein Stuhl fuͤr den Koͤnig und hin⸗ ter demſelben waren Sitze fuͤr die Cavaliere und die vor⸗ zuglichſten Gäſte. Die Seiten waren mit Vorhaͤngen von carmoiſinrothem Sammet mit goldenen Franzen be⸗ haͤngt. Die Decke war wie ein Thronhimmel verziert, ſo daß ſie einen prachtvollen Effect machte. Jakob lehnte ſich in ſeinen Stuhl zuruͤck und ſcherzte laut und ziem— lich unſchicklich mit den verſchiedenen Perſonen, als ſie ihre Plaͤtze um ihn einnahmen. In weniger als fuͤnf Minuten war der ganze Raſenplatz mit den Gaͤſten an⸗ gefuͤllt, und groß war das Stoßen und Draͤngen, das Lachen und Schreien, welches unter ihnen erfolgte. Sir John Finett, der ſich auf die Stufen der Buͤhne geſtellt hatte, gebot jetzt Schweigen, und auf dieſen Befehl wurde die Verſammlung verhältnißmaͤßig ſtill, obgleich ſich von Zeit zu Zeit ein halb unterdruͤcktes Kichern oder ein gedaͤmpfter Schrei hoͤren ließ. Bei dieſem Schwei⸗ gen konnte man des Koͤnigs Stimme deutlich hoöͤren, und ſeine groben Scherze erreichten die Ohren der er— ſtaunten Zuhoͤrer und veranlaßten manche ſtrenge Be— merkung von den aͤlteren und manches geheime Lachen von den juͤngeren Perſonen. Die Maske begann. Zwei Schutzgottheiten erſchienen auf der Buͤhne. Ihnen folgte ein Trupp Jäͤger in gruͤner Kleidung mit Bogen auf dem Ruͤcken. Die erſte Gott⸗ heit trug eine Tunica von weißer Leinwand mit fleiſch⸗ farbigen Hoſen und rothen Halbſtiefeln, und hatte einen Mantel von purpurrothem Taffet um die Schultern. In der Hand trug er einen Palmzweig und ein Kranz von denſelben Blättern war um ſeine Stirn geſchlungen. Der zweite Hausgott war ein dicker brauner Kerl in Thier— felle gekleidet, mit Sandalen von ungegerbtem Rinds⸗ leder. Auf dem Kopfe hatte er eine Guirlande von Eichenlaub und um ſeinen Hals hing ein Horn. Er war mit einem Jagdſpeer und einem Waidmeſſer be⸗ waffnet und von einem großen in Lancaſhire gezogenen Bullenbeißer begleitet. Sich dem Vordergrund der Buͤhne nähernd, redete dieſe Perſon den Koͤnig ſo an⸗ „Der heut'ge Tag, geprieſener Monarch! Den Deine Unterthanen lang erſehnt, Soll ſtets in ihren Herzen heilig ſein: Jakob geweiht, wie Caſarn dieſer Monat. Der Herr von dieſem altergrauen Schloſſe, Dreimal begluͤckt, die Stunde zu erleben, Das Herz entflammet Deine Gegenwart, So wie die Herzen Aller in der Grafſchaft, Heißt herzlich Dich willkommen, und er wuͤrd' es In höherm Ton ausſprechen, doch die Freude Verhindert es. Willkommen ſind die Gaͤſte, In ſeinen Augen ſtehen Freudenthraͤnen, ——̃ůP,.— 216 Wenn er gleich weder ruft noch ſchreit. Und wir, Des Ortes alte Schuͤtzer— ich des Hauſes Und er des Jagdreviers— ſeit von dem Huͤgel Die ſtolzen Hoghtons ihren Namen erbten, Die mit den zugelloſen Sachſen kamen, Gewaͤhrten ihnen Gluͤck von jener Zeit, Bis zu der Gegenwart, da ſie beſtaͤndig Weihrauch geſpendet unſern hohen Maͤchten Und Wein und duft'ge Blumen, waͤhrend Veſta Im jungfraͤulichen Kleid das heil'ge Feuer Mit Wuͤnſchen und Geluͤbden naͤhrt. Da wir Nun ſeh'n, daß Deine Maieſtaͤt iſt groͤßer, Als wir, die Schuͤtzer dieſes hohen Hauſes, So uͤbergeben Deinem maͤcht'gern Schutze Wir dieſes Schloß. Der Retter iſt Dir treu, Denn wenn Du huͤlfreich ihm biſt und den Seinen, So wird er und ſein Haus auf immer ſteh'n Und bluͤh'n dem neidiſchen Geſchick zum Trotz. Mog'ſt lange Du und glücklich, wie Auguſtus, Regieren!— Menſchen rufen, ſo wie Engel Zu dieſem Wunſch: Amen! Amen!“ Jakob, der waͤhrend dieſer Anrede eine kritiſche Miene angenommen hatte, ſagte, als ſie beendet war, zu Sir Richard Hoghton, der dicht hinter ſeinem Stuhle ſtand: „Wir koͤnnen nicht viel zum Lobe der Verſe ſagen, die nur mittelmaͤßig zuſammengeſtoppelt ſind, aber die Geſinnungen ſind loyal und gut, und das iſt Alles, was wir wuͤnſchen koͤnnen.“ Hierauf trat der zweite Schutzgeiſt vor, ſtellte ſich in Poſitur und rief, als wäre er ganz beſtuͤrzt von der erhabenen Gegenwart: „Du groͤßter aller Sterblichen!“— Und er verſtummte. X 217 Der Koͤnig ſah ihn einen Augenblick an und rief dann: „Schon recht, guter Mann, Dein Anfang iſt paſ⸗ ſend und wahr genug, und wenn wir auch der groͤßte der Sterblichen ſind, wie Du uns nennſt, ſo quaͤle Dich nicht laͤnger mit unſerer Groͤße ab, ſondern fahre fort, als waͤren wir um Nichts beſſer oder weiſer, als Dein eigenes ſimples Ich.“ Anſtatt aber den verſtummten Schutzgeiſt zu ermu⸗ thigen, wurde er von dieſer Rede vollends verwirrt. Er zog ſich haſtig von der Buͤhne zuruck und ſein Hund ſprang ihm nach. Mochte nun dieſer Vorfall beabſich⸗ tigt ſein oder nicht, ſo unterhielt er die Zuſchauer viel mehr, als irgend eine Rede, die er haͤtte halten koͤnnen, und der Koͤnig ſtimmte mit herzlichem Lachen in die Heiterkeit ein. Als die Stille wieder hergeſtellt war, trat die erſte Gottheit wieder vor und ſprach: „Gefuͤrchteter Monarch! es iſt verſtummt Vor Deiner Majeſtaͤt der ſchwaͤch're Gott; Kommt er erſt zu ſich ſelbſt, wird er den Jägern Gebieten, Dir zu folgen in den Park, Und Dir und Deinem Hof Jagdluſt bereiten, Wie der beſchraͤnkte Kreis ſie nur geſtattet, und fert'ger ſein in Thaten, als in Worten.“*) „Trefflich und paſſend geſprochen, guter Burſche,“ *) Dieſe Reden, die Nichols aus der Familienchronik Sir Henry Philipp Hoghton's mittheilt, wurden wirklich bei einer Maske ge⸗ ſprochen, die man bei Gelegenheit des Beſuches des Königs Jakob in Hoghton Tower auffuͤhrte. 218 rief Jakob.„Und wir behutzen dieſe Gelegenheit, unſerm wuͤrdigen Wirthe in Gegenwart ſeiner andern Gaͤſte die Verſicherung zu geben, daß wir uns nie im Park oder Wald beſſer amuͤſirt haben, als heute— daß wir nie beſſer gegeſſen oder beſſern Wein getrunken haben, als an ſeinem Tiſche— kurz, daß wir nie gaſtfreier aufge— nommen worden ſind.“ Sir Richard war uberſchuͤttet von dieſem Lobe Sei— ner Majeſtaͤt. „Ich habe Nichts gethan, mein gnaͤdigſter Lehns⸗ herr,“ ſagte er,„wodurch ich ein ſolches Lob von Eurer Seite verdienen ſollte, und das Entzuͤcken, welches ich daruͤber empfinde, wird nur durch meine aͤußerſte Un— wuͤrdigkeit gemildert.“ „Still, Mann!“ verſetzte Jakob ſcherzend;„Ihr verdient unendlich viel mehr, als wir Euch geſagt haben. Aber gute Leute bekommen nicht immer, was ſie verdie⸗ nen. Das wißt Ihr, Sir Richard. Und nun, habt Ihr nicht noch andere Beluſtigungen fuͤr uns in Be⸗ reitſchaft?“ Der Baronet bejahte es und bald darauf wurde die Buͤhne mit einer neuen Claſſe von Schauſpielern beſetzt, und es begann eine Poſſe, welche die Zuſchauer in beſtaͤndigem Lachen erhielt, ſo lange ſie waͤhrte. Und doch war keine von den Rollen eingeuͤbt, und die Schau⸗ ſpieler verließen ſich ganz und gar auf ihre Anlage zur Komik, um ſie auszufuͤhren. Die Hauptrolle war die des Oberrichters, welche Sir John Finett ſpielte und bei der Darſtellung Gelegenheit nahm, die bekannteſten Rich⸗ ter jener Zeit laͤcherlich zu machen, indem er die Stimme und das Weſen der drei Richter Crooke, Hoghton und Doddridge ſo bewundernswuͤrdig nachahmte, daß die Zu⸗ ſchauer vor Lachen faſt Kraͤmpfe bekamen, und die drei gelehrten Herren, die in der Naͤhe des Koͤnigs ſaßen, obgleich ſie ſehr wohl wußten, daß ſie verſpottet wurden, genoͤthigt waren, mit den Uebrigen zu lachen. Aber der ſchonungsloſe Spoͤtter war damit noch nicht zufrieden, ſondern fuhr auf dieſelbe Weiſe mit den meiſten Hof⸗ leuten des Koͤnigs fort, und da er ſehr vertraut mit dem Hofſcandal war, ſo wendete er ſeine Geißel mit großer Wirkung an. Als Gegenſatz zu der boshaften Satyre des Oberrichters dienten die Poſſen und Scherze des Robin Gutgeſell— eines luſtigen Kobolds, der den Leuten zwar Ungemach bereitete, aber auch ſtets bereit war, ſie davon zu befreien. Dann wurde ein Tanz aufgefuͤhrt von Bill Huckler, dem alten Crambo und Tom von Bedlam, welches letzte halb wahnwitzige In⸗ dividuum wir bereits unter der Menge auf dem untern Hofe erwaͤhnt haben. Dieſer Tanz wurde mit großem Beifall aufgenommen und ſogleich wiederholt. Aber die ergotzlichſte Scene war die, worin Jem Tospot und die drei Doll Wango's auftraten. Obgleich in dem breite⸗ ſten Dialekt der Grafſchaft geſprochen, und der Geſell⸗ ſchaft kaum verſtaͤndlich, war der Dialog ſo natuͤrlich und aus dem Leben gegriffen, daß Jeder die Wahrheit deſſelben anerkannte, waͤhrend die Stellungen ohne große Bemuͤhung angeordnet, und vom Augenblick eingegeben, außerordentlich laͤcherlich waren. Die Scene ſpielte in einem kleinen Bierhauſe in Lancaſhire, wo ein luſtiger Hauſirer zechte. Dort beſuchten ihn ſeine drei Geliebten, —————————— welchen er, Jeder beſonders, ſeine Liebe erklaͤrt hatte, und es war ſeine Aufgabe, die Uneinigkeiten auszuglei⸗ chen und Alle in guter Laune zu erhalten. In allen Einzelnheiten mit ſeiner Rolle bekannt, ſpielte Nicolaus ſie vortrefflich, und die Damen Baldwyn, Tetlow und Nance Redferne ſtanden ihm wenig oder gar nicht nach. Es lag eine Wahrheit in ihrem eiferſuͤchtigen Zank, die der Vorſtellung eine große Wirkung verſchaffte. „Bei meiner Seele!“ rief Jakob bewundernd,„das ſind drei wackere Weiber. Die eine muß ſechs Fuß hoch ſein, und ſie iſt uͤberdies gut gewachſen und hat ein huͤbſches Geſicht. Wahrhaftig, Sir Richard, man kann dem Zauber Eurer Hexen von Lancaſhire nicht wider⸗ ſtehen. Hoch oder niedrig geboren ſind ſie Alle gleich. Ich glaube, ihre einzige Hexerei liegt in ihren Augen, und da ſollte ich mich um ſo weniger vor ihnen fuͤrch⸗ ten. Aber giebt es noch mehr? Benn es wird ſpaͤt, und wie Ihr wißt, haben wir noch Etwas in jenem Pa⸗ villon zu thun.“ „Nur noch einen luſtigen Tanz, mein Lehnsherr, wobei ein Mann in einem dendrologiſchen Laubwerk von Blaͤttern erſcheinen wird,“ verſetzte der Baronet. Jakob lachte uͤber die laͤcherliche Beſchreibung, und bald darauf erſchien eine vermummte Geſellſchaft von Maͤnnern und Weibern in grotesken Anzuͤgen auf der Buͤhne. In ihrer Mitte befand ſich der dendrologiſche Mann mit gruͤnen Zweigen bekleidet. Die Taͤnzer bil⸗ deten einen Kreis, und bei lebhafter Muſik begann der Tanz. Nance Redferne, die mit Nicolaus die Buͤhne ver⸗ laſſen hatte und unter den Zuſchauern dicht neben ihm ſtand, ſagte während des Tanzes leiſe zu ihm: „Seht dorthin!“ Der Squire ſah nach der angedeuteten Richtung und erblickte zu ſeinem Erſtaunen in geringer Entfernung unter der Menge die Geſtalt eines Ciſtercienſermoͤnchs. „Er iſt, außer den unſrigen, allen andern Augen unſichtbar,“ fluͤſterte Nance,„und kommt mir zu ſagen, daß es Zeit iſt.“ „Zeit, wozu?“ fragte Nicolaus. „Zeit fuͤr Euch, die beiden verdammten Device's, Jem und ſeine Mutter, zu verhaften,“ verſetzte Nance. „Sie ſind Beide auf der Buͤhne. Jem iſt der Mann mit den gruͤnen Zweigen und Eliſabeth iſt die Alte mit dem rothen Mieder und dem hohen Hute. Ihr werdet ihre garſtigen Geſichter erkennen, wenn Ihr ihnen die Masken abreißt.“ „Der Moͤnch iſt fort,“ rief Nicolaus.„Ich hielt meine Augen feſt auf ihn geheftet, und er loͤſte ſich in Luft auf. Was hat er mit den Device's zu thun?“ „Er iſt ihr Schickſal,“ entgegnete Nance,„und ich habe nach ſeinen Befehlen gehandelt. Aber ſteigt hinauf und ergreift ſie. Ich will mit Euch gehen.“ Sich durch die Menge draͤngend, eilte Nicolaus, von Nance begleitet, die Stufen hinauf und ſprang auf die Buͤhne. Sein Erſcheinen erregte große Ueberraſchung, da ihn die Zuſchauer aber als den luſtigen Jem Tospot, der ſie erſt kurzlich ſo ſehr ergotzt hatte, und ſeine Be⸗ gleiterin als eine von den drei Doll Wango's erkannten, erwarteten ſie irgend eine neue Poſſe und empfingen ihn — mit lautem Beifall. Aber ohne dafuͤr zu danken oder ſich auf einen Augenblick von ſeinem Vorhaben abbringen zu laſſen, ergriff Nicolaus die Alte, uͤbergab ſie Nance und bemaͤchtigte ſich dann der belaubten Geſtalt und zog den Mann unter ſeiner Bedeckung hervor. Doch glaubte er den unrechten Fuchs ausgegraben zu haben, denn der Mann hatte keine Aehnlichkeit mit Jem De⸗ vice, während die Alte, als man ihr die Maske herun⸗ terriß, ſich als ein huͤbſches junges Weib darſtellte. In⸗ zwiſchen gerieth Alles in Aufruhr, und unter einem Or⸗ kan von Ziſchen, Schreien und andern Aeußerungen des Mißfallens von den Zuſchauern, fragten mehrere von den Tänzern, was dieſes ſeltſame und unerklaͤrliche Be⸗ nehmen heißen ſolle. „Es ſind ein Paar Heren,“ rief Nicolaus;„dies iſt Jem Device und ſeine Mutter Eliſabeth.“ „Mein Name iſt weder Jem, noch Device,“ rief der Mann. „Noch auch meiner Eliſabeth,“ ſchrie das Weib. „Wir kennen die Device's,“ riefen zwei oder drei Stimmen,„und dies ſind ſie nicht.“ Nicolaus war verlegen. Der Sturm wurde lauter. Drohungen begleiteten das Ziſchen, als er zum Gluͤck einen Ring am Finger des Mannes bemerkte. Er er⸗ griff ſogleich ſeine Hand und hielt ſie empor, ſo daß Alle ſie ſehen konnten. „Ein Beweis!— ein Beweis!“ rief er.„Dieſer Sapphirring wurde dieſen Morgen meinem Vetter Ri⸗ chard Asſheton vom Könige gegeben und ihm von Jem Device geſtohlen.“ „Seht ihre Zuͤge noch einmal an,“ ſagte Nance Redferne eine Bewegung mit der Hand machend.„Ihr werdet ſie jetzt Alle erkennen.“ Das Geſicht des Weibes veraͤnderte ſich augenblick— lich. Es wurde in einer Secunde um viele Jahre aͤlter. Der Mann veraͤnderte ſich gleichfalls. Alle zeigten das aͤußerſte Erſtaunen bei dieſer Umwandlung und die Um⸗ ſtehenden, welche vorher geſprochen hatten, riefen laut: „Wir erkennen ſir jetzt vollkommen. Es ſind die beiden Device's.“ Jetzt ſtieg ein Officier, von einer Abtheilung Helle⸗ bardierer begleitet, zu der Buͤhne hinauf und Nicolaus uͤberlieferte ihnen die beiden Gefangenen. „Ich will meinen Namen nicht laͤnger verlaͤugnen,“ rief der Mann.„Ich bin Jem Device und dies iſt meine Mutter Eliſabeth. Aber eine groͤßere Verbrecherin ſteht vor Euch. Dieſes Weib iſt Nance Redferne, die Enkelin der alten Mutter Chattox. Ich beſchuldige ſie, Wachsbilder gemacht und Nabeln hineingeſteckt zu haben, um Menſchen zu toͤdten. Sie haͤtte auch mich getoͤdtet mit ihren Teufelskuͤnſten, waͤre ich ihr nicht zu ſtark geweſen— und deshalb hat ſie einen Groll auf mich und hat mich an Squire Nicolaus Asſheton verrathen. Ergreift ſie und fordert mich als Zeugen gegen ſie auf.“ Und als Nance feſtgenommen wurde, lachte er boshaft. „Es liegt mir Nichts daran,“ verſetzte Nance.„Ich habe mich wenigſtens jetzt an Euch Beiden geraͤcht.“ Während dieſe improviſirte Vorſtellung zur ebenſo großen Ueberraſchung Jakobs, wie der andern Zuſchauer ———————————— ——————————— — 224 ſtattfand, und waͤhrend er Sir Richard Hoghton ſich zu erkundigen bat, was das Alles bedeute— in demſelben Augenblick, als die beiden Device's und Nance von der Buͤhne entfernt wurden, naͤherte ſich ein Thuͤrſteher dem Monarchen und ſagte, Herr Potts bitte Seine Majeſtaͤt um eine augenblickliche Audienz.. „Potts!“ rief Jakob ein wenig verlegen.„Wer iſt er?— Ei ja, ich erinnere mich— ein Hepenſpuͤrer. Nun, ſo laßt ihn vortreten.“ Im naͤchſten Augenblick wurde der kleine Anwalt, deſſen Geſicht offenbar verrieth, daß er eine ſchreckliche Nachricht mitzutheilen habe, zum Koͤnige gefuͤhrt. Nach einer tiefen Verbeugung ſagte er: „Mit Euer Majeſtät gnädiger Erlaubniß habe ich Euch eine geheime Mittheilung zu machen.“ „Nun gut,“ verſetzte Jakob,„ſo naͤhert Euch mehr. Was habt Ihr uns zu ſagen, Herr? Noch Etwas von dieſen Hexen?“ „Viel, Sire,“ ſagte Potts in wichtigem Tone. „Es iſt etwas Schreckliches geſchehen— etwas Ent⸗ ſetzliches.“ „Was denn?“ rief Jakob beſtuͤrzt.„Was iſt es, Mann? Redet!“ „Ein Mord, Sire— ein Mord iſt geſchehen,“ ſagte Potts in leiſem und durchdringendem Tone. „Mord!“ rief Jakob von Entſetzen ergriffen.„Sagt uns Alles und ohne weitere Umſchweife.“ Aber Potts war noch immer vorſichtig. Mit ſehr geheimnißvoller Miene brachte er ſeinen Kopf dem des —2 Koͤnigs ſo nahe, als er es wagte, und fluͤſterte ihm etwas ins Ohr. „Kann dies wahr ſein?“ rief Jakob.„Wenn es wirklich ſo ſein ſollte, ſo iſt es ſehr ſchrecklich— ſehr traurig.“ „Es iſt nur zu wahr, wie Eure Maſeſtät bei naͤherer Unterſuchung finden werden,“ verſetzte Potts. „Das kleine Maͤdchen, Jennet Device, von der ich Euch ſagte, ſah, wie es geſchah.“ „Nun ja, die menſchliche Schwaͤche und Bosheit iſt nicht zu berechnen,“ ſagte Jakob.„Ordnet ſogleich die noͤthigen Schritte an. Wir wollen uͤberlegen, was zu thun iſt. Aber hoͤrt, Herr, laßt das Madchen Jen⸗ net nicht entfliehen. Haltet ſie feſt— verſteht Ihr? Nun geht und laßt die Schuldige verhaften.“ Und als Potts dieſen Befehl erhalten hatte, ent⸗ fernte er ſich. Kaum war er fort, als ſich Nicolaus Asſheton der Bruſtwehr der Erhoͤhung naͤherte und Seine Majeſtaͤt um Verzeihung bat wegen der Stoͤrung, die er veran⸗ laßt, indem er hinzufuͤgte, daß er nur ſo die Gefangen⸗ nahme der beiden Device's habe bewerkſtelligen koͤnnen, die ſich in irgend einer boͤſen aber unerklärlichen Abſicht unter verſchiedenen Verkleidungen in das Schloß einge⸗ ſchlichen. „Ihr thatet wohl, die Verbrecher zu verhaften, ſagte Jakob.„Aber habt Ihr gehoͤrt, was geſchehen iſt?“ „Nein, Majeſtaͤt,“ verſetzte Nicolaus beunruhigt durch das Benehmen des Koͤnigs;„was iſt es?“ „Kommt naͤher, und Ihr ſollt es hoͤren,“ entgeg⸗ Ainsworth, Hexen. W. 15 A E——— 226 nete Jakob,„denn wir wollen nicht, daß es ſchon be⸗ kannt werde, obgleich es wahr iſt, wie wir nicht zwei⸗ ten wird.“ Und als der Squire ſich vorwaͤrts er ihm eine Nachricht mit, wobei Nicolaus ſogleich einen Ausdruck von Entſetzen und Wuth zeigte. „Das iſt falſch, Sire,“ rief er.„Ich will mit meinem Leben fuͤr ihre Unſchuld einſtehen. Sie konnte es nicht thun. Man hat die Geduld Eurer Majeſtat gemißbraucht. Jennet hat es gethan— nicht ſie. Aber ich will das ſchreckliche Geheimniß herausbringen. Ihr habt die andern beiden elenden Gefangenen und koͤnnt die Wahrheit von ihnen erfahren.“ „Wir wollen es verſuchen,“ verſetzte Jakob;„aber es iſt außerdem noch Jemand gefangen.“ „Chriſtoph Demdike,“ ſagte der Squire. „Ja, Chriſtoph Demdike,“ entgegnete der Koͤnig; „aber außer ihm noch Jemand— Miſtreß Nutter. Ihr ſtutzt, Herr— aber es iſt wahr. Sie iſt in jenem Pavillon. Wir wiſſen ſehr gut, wer ihr bei ihrer Flucht behuͤlflich geweſen und wer ſie verborgen hat. Herr Potts hat uns Alles geſagt. Es iſt gut fuͤr Euch, daß Euer armer Vetter Richard Asſheton uns heute auf der Eberjagd ſo gute Dienſte geleiſtet hat. Wir werden es jetzt nicht vergeſſen, auch wenn er uns den Ring nicht ſchicken kann, den wir ihm gegeben.“ „Hier iſt er, Sire,“ verſetzte Nicolaus.„Er wurde ihm von dem Schurken Jem Device geſtohlen. Der arme Junge wollte ihn fuͤr Alizon anwenden. Ich uͤber⸗ feln können, und die Nachricht ſich bald genug— 227 gebe ihn jetzt Eurer Majeſtaͤt, als komme er von ihm, um ihr zu nuͤtzen.“ „Und wir empfangen ihn ſo,“ verſetzte der Mo⸗ narch die Thraͤnen trocknend, die ſeine Augen fuͤllten. In dieſem Augenblick naͤherte ſich ein großer Mann, der ein Officier der Leibgarde zu ſein ſchien, der Bruſtwehr. „Ich komme Eure Majeſtaͤt zu benachrichtigen, daß Chriſtoph Demdike eben an ſeinen Wunden geſtorben iſt,“ ſagte dieſer. „Und ſo hat er doch einen ſchweren Tod gehabt,“ verſetzte Jakob.„Nun, es iſt uns leid.“ „Sein Loos wird ewige Verdammniß ſein,“ ſagte der Officier. „Wie wißt Ihr das, Herr?“ fragte der Koͤnig hef⸗ tig.„Ihr ſeid nicht ſein Richter.“ „Ich war bei ſeinem Ende zugegen, Sire,“ ver⸗ ſetzte der Officier;„und kein Menſch, der wie er ſtirbt, kann gerettet werden. Der Teufel ſtand neben ihm im letzten Augenblick.“ „Gott ſei uns gnaͤdig!“ rief Jakob.„Was Ihr ſagt! Gottes Heiligkeit! Mann, das iſt ja entſetzlich und es uͤberläuft uns ein Schauder. Laßt ſeine Leiche wegbringen und an einen Galgen haͤngen auf dem Huͤ⸗ gel, wo Malkin Tower geſtanden, als Warnung fuͤr ſo verworfene Verbrecher.“ Als der Koͤnig zu reden aufhoͤrte, erſchien Potts außer Athem und ſehr aufgeregt.. „Sie iſt entflohen, Sire,“ rief er. „Was! Jennet!“ rief Jakob.„Wenn das iſt, wollen wir Euch anſtatt ihrer haͤngen laſſen.“ 1 228 „Nein, Sire, Alizon,“ verſetzte Potts.„Ich kann ſie nirgends finden, noch auch—“ Und er hielt inne. „Gut— gut— daran iſt nicht viel gelegen,“ ver⸗ ſetzte Jakob beruhigt, indem er Nicolaus einen freudigen Blick zuwarf. „Ich weiß, wo Alizon iſt, Sire,“ ſagte der Officier. „Ei!“ rief Jakob.„Dieſer Kerl iſt gar dienſtfer⸗ tig,“ murmelte er bei ſich ſelber.„Und wo mag ſie ſein, Herr?“ fuͤgte er laut hinzu. „Eure Majeſtaͤt ſollen ſie in einer Viertelſtunde in jenem Pavillon ſehen, und Alle, die Herr Potts nicht zu finden im Stande geweſen iſt,“ verſetzte der Officier. „Eure Majeſtaͤt koͤnnen ihm vertrauen,“ ſagte Ni— colaus, der den Officier aufmerkſam angeſehen.„Ver⸗ laßt Euch darauf, er wird ſein Wort halten.“ „Meint Ihr das?“ rief der Koͤnig.„Dann wollen wir ihn auf die Probe ſtellen. Ihr macht Euch ver⸗ bindlich, Alizon mit ihrer Mutter zu confrontiren?“ fugte er zu dem Officier gewendet hinzu. „Das will ich, Sire,“ verſetzte der Andere.„Aber ich muß ein Dutzend Gardiſten zu meinem Beiſtande in Anſpruch nehmen.“ „Nehmt zwanzig, wenn Ihr wollt,“ ſagte der Koͤ— nig.„Ich bin begierig zu ſehen, was Ihr vermoͤgt.“ „In einer Viertelſtunde ſoll Alles in jenem Pa⸗ villon in Bereitſchaft ſein, Sire,“ verſetzte der Officier. „Ihr habt dieſen Abend ſchon eine Maske geſehen— aber jetzt ſollt Ihr eine verſchiedene ſehen— die Maske des Todes.“ 229 Und er verſchwand. Nicolaus hielt ſich uͤberzeugt, daß er ſeine Aufgabe erfuͤllen werde, denn er hatte in ihm den Ciſtercienſer⸗ moͤnch erkannt. „Wo iſt Sir Richard Asſheton von Middleton?“ fragte der Koͤnig. „Er verließ gleich nach dem Banquet mit ſeiner Tochter Dorothea das Schloß,“ antwortete Nicolaus. „Es iſt mir lieb— ſehr lieb,“ verſetzte der Mo⸗ narch;„die ſchreckliche Nachricht kann ihnen um ſo beſ⸗ ſer mitgetheilt werden. Haͤtten ſie ſie ploͤtzlich erfahren, ſo moͤchte es nachtheilig geweſen ſein— beſonders fuͤr das arme Mädchen. Laßt Sir Ralph Asſheton von Whalley und Herrn Roger Nowell von Read zu mir kommen.“ „Eurer Maijeſtät Befehl ſoll erfuͤllt werden,“ ver⸗ ſetzte Sir Richard Hoghton. Der Koͤnig ertheilte dann Befehle hinſichtlich der Gefangenen und gebot Potts, Jennet in Bereitſchaft zu halten. Und nun muͤſſen wir ſehen, welches ſchreckliche Er⸗ eigniß ſich zugetragen hatte. 2305 Elftes Kapitel. Das Schickſal. Auf der öſtlichen Terraſſe gingen ein Juͤngling und ein Maͤdchen langſam auf und ab. Sie hatten ſich unbemerkt von den Luſtbarkeiten entfernt, waren durch eine Thuͤr gegangen, welche einladend offen ſtand, 3 und in den Garten getreten. Obgleich hoch erfreut, bei einander zu ſein, machte doch die feierliche Schoͤnheit der Nacht, ſo maͤchtig in ihrem Contraſt zu der geraͤuſch⸗ vollen Scene, die ſie ſo eben verlaſſen hatten, einen tie⸗ fen Eindruck auf ſie. Oben wolbte ſich der heitere Him⸗ mel, von dem Sternenheer und dem ſtrahlenden Monde erieuchtet— unten die unermeßlichen Waͤlder, in ſilber⸗ farbigen Nebel getaucht, der aus dem voruͤberfließenden Strome aufſtieg. Die ganze Natur ſchlummerte in hei⸗ liger Ruhe. Zu der Fluth ſanften Lichtes, die von dem lieblichen Planeten niederſtroͤmte und Allem, worauf ſie ſich ſenkte, war es ein Baum, ein Thurm oder ein Fluß, Schoͤnheit verlieh, bildete der kuͤnſtliche Lichtglanz, der von den Fackeln in der Naͤhe des Pavillon verur— ſacht wurde, einen lebhaften Gegenſatz, wahrend die Miß⸗ töne, welche die Muſikanten durch das Stimmen ihrer Inſtrumente hervorbrachten, die Ruhe ſtoͤrten. Als ſie— weiter gingen, verloren ſich dieſe Toͤne in der Ferne und 231 der Schein der Fackeln wurde von den dazwiſchen ſtehen⸗ den Bäumen verborgen. Da blickte der Mond liebend auf ſie nieder, und die einzige Muſik, die ihre Ohren erreichte, ging von den Nachtigallen aus. Nach einer Pauſe gingen ſie wieder Hand in Hand weiter, blickten einander und den herrlichen Himmel an, und tranken die entzuͤckende Melodie der Saͤnger des Haines. Im Winkel der Terraſſe war eine kleine Laube in der Mitte eines Luſtwaͤldchens, und ſie ſetzten ſich in dieſelbde. Erſt jetzt fanden ſie Worte fur ihre Gedanken. Das erduldete Leiden vergeſſend und die Gefahren, die ſie umgaben, fanden ſie in ihrer gegenſeitigen Liebe einen Schild gegen die ſchaͤrfſten Pfeile des Schickſals. In leiſen und ſanften Lauten ſprachen ſie ihre Leidenſchaft aus und gelobten einander feierlich Treue im Angeſicht des allſehenden Himmels. Die armen Seelen! ſie waren jetzt glucklich— ſehr gluͤcklich. Ach! daß ihr Gluͤck ſo kurz ſein ſollte, denn dieſe wenigen Augenblicke der Wonne, einer Fluth von Thraͤnen geſtohlen, waren Alles, was ihnen geſtattet war. Das unerbittliche Schickſal folgte beſtaͤndig ihren Schritten. In dem Wäldchen ſtand eine Horcherin— ein kleines Maͤdchen mit hohen Schultern und ſcharfen Zuͤ⸗ gen, welchen eine teufliſche Bosheit eingepraͤgt war. Zwei gelbe Augen ſchimmerten durch die Blätter neben ihr und bezeichneten die Gegenwart einer Katze. Als die Liebenden ihre Geluͤbde ausſprachen und ſich Hoff⸗ nungen hingaben, die nie erfuͤllt werden ſollten, grinſte — das boshafte kleine Maͤdchen, ballte ihre Haͤnde, miß⸗ gonnte ihnen ihr kurzes Gluͤck und ſchien geneigt, es zu 232 unterbrechen. Ein ſtaͤrkerer Beweggrund aber hielt ſie ruhig. Wovon ſpricht jetzt das jugendliche Paar?— Sie hoͤrt, wie das Madchen ihren eigenen Namen nennt und mit Mitleid, ja faſt mit Zärtlichkeit von ihr ſpricht — ihr das Leiden verzeiht, welches ſie ihr zugefuͤgt, und hofft, der Himmel werde ihr auch verzeihen. Aber ſie kennt nicht den ganzen Umfang der Bosheit des Maͤd⸗ chens, ſonſt waͤre ſelbſt ihr ſanftes Herz von Rache ent⸗ flammt worden. Das kleine Maͤdchen aber empfindet keine Reue. Teufliſche Bosheit hat von ihrem Herzen Beſitz genom— men und jedes menſchliche Gefuͤhl in demſelben unter⸗ druͤckt. Sie haßt Alle, welche Mitleid mit ihr haben, und vergilt das Gute mit Boſem. Wovon ſprechen die Liebenden jetzt? Von ihrer erſten Begegnung in Whalley, wo das Madchen die Maikoͤni⸗ gin geſpielt, durch ihre Schoͤnheit und Unſchuld das Herz des Juͤnglings gewonnen und zugleich ihr eigenes verloren. Eine glaͤnzende, unbewolkte Laufbahn ſchien damals vor ihnen zu liegen; aber ach! wie ſehr hatte ſie ſich ſeitdem verdunkelt! Das kleine Maͤdchen laͤchelt. Sie hofft, ſie werden fortfahren. Sie hoͤrt ſie gern ſo reden. Vergangenen Gluͤckes erinnern ſich die Ungluͤcklichen ſtets mit Qual, und ſie waren damals gluͤcklich. Fahret fort! Aber ſie ſchweigen eine Zeitlang, denn ſie wuͤnſchen bei jener hoffnungsvollen, ſeligen Zeit zu verweilen. Und eine Nachtigall, die ſich auf einen Zweig uͤber ihnen niederſetzt, laͤßt ihre ſuße Klage ertoͤnen, gleichſam als 233 Antwort auf ihre zaͤrtlichen Empfindungen. Sie ruͤh⸗ men des Vogels Geſang, und plötzlich verſtummt er; denn voll Bosheit ſtreckt das kleine Madchen ibre Hand aus und er faͤllt zu Boden, wie von einem Pfeil ge⸗ troffen. „Iſt dein Herz gebrochen, armer Vogel?“ rief der Juͤngling, der den ungluͤcklichen Saͤnger, noch warm und zuckend, aufnahm.„Mitten im Geſange zu ſter⸗ ben— das iſt hart.“ „Sehr hart,“ verſetzte das junge Maͤdchen mit Thraͤnen.„Sein Schickſal iſt ein Vorbild des unſrigen.“ Das kleine Mädchen lachte leiſe bei ſich ſelber. Dann wurden die Liebenden traurig. Der unbe⸗ deutende Vorfall hatte ſie tief geruͤhrt und ihre Unter⸗ haltung nahm eine ſchwermuͤthige Richtung. Sie ſpra⸗ chen von dem Mißgeſchick, welches ihre Liebe im Keime erſtickt hatte— von dem Krebs, der die Bluͤthe zer⸗ freſſen— von dem Schickſal, welches ſie ſo unerbittlich verfolgte und ſie auf immer zu trennen drohte. Das kleine Maͤdchen lachte innerlich. Dann ſprachen ſie vom Grabe— und von der Hoffnung jenſeits des Grabes. Und ſie ſprachen heiter. Das kleine Mädchen konnte nicht mehr lachen, denn fuͤr ſie war jenſeits des Grabes nur Verzweiflung. Dann ſprachen ſie von der ſchrecklichen Macht, welche der Satan in der letzten Zeit in dieſem ungluͤck⸗ lichen Diſtrict erlangt habe— von den Raͤnken, die er angewendet— und von den Anhaͤngern, die er gewon⸗ nen. Beide beteten inbruͤnſtig, daß ſeine Liſt vereitelt und ſeine Herrſchaft vernichtet werden moͤge. *———————— 234 Während dieſes Theils ihrer Unterredung ſchwoll der Kater zur Groͤße eines Tigers an und ſeine Augen funkelten wie feurige Kohlen. Er machte eine Bewe⸗ gung, als wollte er vorwaͤrts ſpringen, aber die Stimme des Gebets hielt ihn zuruͤck und er ſchrumpfte wieder zu ſeiner fruͤheren Groͤße zuſammen. „Die arme Jennet iſt von dem boͤſen Feinde um⸗ garnt,“ murmelte das Maͤdchen,„und iſt auf ewig ver⸗ loren. Wollte Gott, ich könnte ſie retten!“ „Es kann nicht ſein,“ verſetzte der Juͤngling.„Sie iſt nicht mehr zu retten.“ Das kleine Maͤdchen knirſchte vor Wuth mit den Zaͤhnen. „Aber meine Mutter— jetzt verzweifle ich nicht an ihrer Rettung,“ ſagte Alizon.„Sie hat die Scla⸗ verei gebrochen, die ſie band, und wenn ſie bis zuletzt der Verſuchung widerſteht, bin ich gewiß, daß ſie wird gerettet werden.“ „Der Himmel helfe ihr!“ rief Richard. Kaum waren die Worte ausgeſprochen, als der Kater verſchwand. „Ei, Tib!— Wo biſt Du, Tib? Ich bedarf Deiner,“ ſagte das kleine Maͤdchen in leiſem Tone. Aber der dienſtbare Geiſt achtete nicht auf den Ruf. „Wohin mag er gegangen ſein?“ fluͤſterte Jennet. „Tib!— Tib!“ Aber der Kater kam immer nicht. „Dann muß ich das Werk ohne ihn vollbringen,“ fuhr das kleine Maͤdchen fort;„und ich will es nicht länger aufſchieben.“ ——————————————— .————— — 235 Hierauf ſchlich ſie leiſe um die Laube, naͤherte ſich der Seite, wo Richard ſaß und wartete eine guͤnſtige Gelegenheit ab, um ihn unbemerkt zu beruͤhren. Als ihr Finger mit ſeinem Koͤrper in Beruͤhrung kam, fuhr ein Todesſchmerz durch ſeine Bruſt und ſein Haupt ſank auf Alizon's Schulter. „Biſt Du krank?“ rief ſie ſeine blaſſen Zuͤge an⸗ ſehend, die beim Mondlicht geiſterhaft erſchienen. Richard konnte nicht antworten, und Alizon, die ſehr beunruhigt wurde, wollte Huͤlfe herbeiholen, doch der Juͤngling hielt ſie mit großer Anſtrengung zuruͤck. „Ich muß jetzt eilen und es Herrn Potts ſagen, ſo daß man ſie bei ihm findet,“ fluſterte Jennet ſich fortſchleichend. Jetzt erlangte Richard die Sprache wieder, doch brachte er ſeine Worte nur matt und mit Schwierigkeit hervor. „Alizon,“ ſagte er,„ich will nicht verſuchen, Dir meine Lage zu verbergen. Ich ſterde und mein Tod wird Dir zur Laſt gelegt werden, denn boͤſe Menſchen haben den Koͤnig uberredet, daß Du mich behext habeſt, und jetzt wird er die Beſchuldigung glauben. O! wenn Du mir die Todesqual erleichtern— wenn Du mich in meinen letzten Augenblicken troͤſten willſt— ſo ver⸗ laß mich und dieſen Ort, ehe es zu ſpaͤt iſt.“ „O! Richard,“ rief ſie außer ſich,„Du forderſt mehr, als ich erfuͤllen kann. Wenn Du in der That in ſo drohender Gefahr biſt, ſo will ich bei Dir bleiben und mit Dir ſterben.“ „Nein, lebe— lebe und rette Dich, Alizon,“ 236 flehte der Juͤngling.„Deine Gefahr iſt groͤßer, als die meine. Ein ſchrecklicher Tod wartet Deiner— auf dem Scheiterhaufen!— Gnade! Gnade! o Himmel!— ver— ſchone ſie— aus Barmherzigkeit, verſchone ſie!— Ha⸗ ben wir nicht genug gelitten? Ich kann nicht mehr. Lebe wohl, Alizon— einen Kuß— den letzten.“ Und als ihre Lippen einander beruͤhrten, verließen ihn ſeine Kraͤfte gaͤnzlich und er ſank zuruͤck. „Ein Grab,“ murmelte er,„ein Grab, Alizon—.“ Und ſo, ohne Roͤcheln, verſchied er. Alizon ſchrie nicht— ſie wurde nicht ohnmaͤchtig, ſondern blieb in einem Zuſtande der Erſtarrung und blickte die Leiche an. Als der Mond auf die ruhigen Zuͤge ſchien, ſahen ſie aus, als ob er ſchlummere. Da lag er— der Junge, der Tapfere, der Schoͤne, der Liebende, der Geliebte. Das Schickſal hat geſiegt. Der Tod hat ſein Werk gethan— doch hat er ſeine Aufgabe nur zur Hälfte erfullt. „Ein Grab— ein Grab— es war ſein letzter Wunſch— er ſoll erfuͤllt werden,“ rief ſie in Tönen des Wahnſinns.„So werde ich meinen Feinden ent⸗ gehen und den ſcheußlichen und ſchmachvollen Tod ver— meiden, zu welchem ſie mich verurtheilen wuͤrden.“ Und ſie riß den Dolch von der Seite des ungluͤck⸗ lichen Juͤnglings. „Nun, Schickſal, biete ich Dir Trotz!“ rief ſie mit furchtbarem Lachen. Ein letzter Blick auf dieſes ruhige ſchoͤne Geſicht — ein Kuß auf die kalten Lippen, welche die Liebko⸗ ſung nicht mehr erwiedern können, und der Dolch iſt auf ihre Bruſt gezuͤckt. Aber ſie wird von einem eiſernen Arme zuruͤckge⸗ halten und die Waffe entfaͤllt ihrer Hand. Sie blickt auf. Eine große Geſtalt, in das modernde Gewand eines Ciſtercienſermoͤnchs gekleidet, ſteht neben ihr. Sie erkennt ſogleich das Kleid, denn ſie hat es ſchon fruͤher in dem Cloſet neben dem Zimmer ihrer Mutter in der Abtei Whalley geſehen— und die Zuge des geiſterhaf⸗ ten Moͤnchs ſcheinen ihr bekannt. „Erhebe nicht Deine Hand gegen Dich ſelber,“ ſagte die Geſtalt im Tone des ſtrengen Vorwurfs. „Der böſe Feind treibt Dich dazu. Er moͤchte Dein Elend benutzen, um Dich zu Grunde zu richten.“ „Ich hielt Dich fuͤr den böſen Feind,“ verſetzte Alizon, ihn mehr mit Verwunderung, als mit Schrecken anſehend.„Wer biſt Du?“ „Der Feind Deiner Feinde, und darum Dein Freund,“ verſetzte der Moͤnch.„Ich wuͤrde Deinen Ge⸗ liebten gerettet haben, wenn ich gekonnt haͤtte, aber ſein Geſchick war nicht zu vermeiden. Aber beruhige Dich, ich werde ihn raͤchen.“ „Ich will keine Rache— ich wuͤnſche nur bei ihm zu ſein,“ verſetzte ſie, den Koͤrper wahnſinnig um⸗ armend. „Du wirſt bald bei ihm ſein,“ ſagte die Erſchei⸗ nung in bedeutungsvollen Toönen.„Steh auf und komm mit mir. Deine Mutter bedarf Deines Beiſtandes.“ „Meine Mutter!“ rief Alizon, die verwirrten Locken aus ihrer Stirn ſtreichend.„Wo iſt ſie?“ —— „Folge mir, ich will Dich zu ihr fuͤhren,“ ſagte der Moͤnch. „Und ihn verlaſſen— das kann ich nicht,“ rief Alizon, die Leiche ſtarr anblickend. „Du mußt. Eine Seele iſt in Gefahr, und wenn Du nicht kommſt, wird ſie untergehen,“ ſagte der Moͤnch. „Er iſt zur Ruhe eingegangen, und Du wirſt Dich bald mit ihm vereinigen.“ „Mit der Verſicherung will ich gehen,“ verſetzte Alizon, mit einem letzten Blick auf den Gegenſtand ih⸗ rer Liebe.„Ein Grab— legt uns in ein Grab.“ „Es ſoll geſchehen, wie Du wuͤnſcheſt,“ ſagte der Moͤnch. Und er ſchwebte geraͤuſchlos weiter. Alizon folgte ihm die Terraſſe entlang. Gleich darauf kamen ſie zu einer dunklen Allee von Taxusbaͤumen, gingen durch ein Labyrinth und traten in eine Grotte, wo eine Treppe zu einem unterirdiſchen Gange fuͤhrte, der in den Felſen gehauen war. Dieſen Gang, der ziemlich lang war, ging der Moͤnch dahin und Alizon folgte ihm. Endlich kamen ſie zu einer anderen Treppe und der Moͤnch blieb ſtehen. „Wir ſind jetzt unter dem Pavillon, wo Du Ben Mutter finden wirſt,“ ſagte er.„Steige hinauf, der Weg geht gerade aus. Ich habe noch etwas Anderes zu thun.“ Alizon gehorchte, und als ſie weiter ging, war ſie 239 der an ihr voruͤbergegangen, noch auch die Stufen hin⸗ aufgeſtiegen, und mußte daher in die Erde geſunken ſein. Zwölftes Kapitel. Die letzte Stunde. In dem Pavillon ſaß Alice Nutter. Sie war in tiefe Trauer gekleidet, doch ſchien ihr Anzug von einer haſtigen Reiſe in Unordnung gerathen zu ſein. Ihre Blicke druͤckten Qual und Schrecken aus; ihre weiß ge⸗ wordenen Locken, einſt ſo dunkel und ſchoͤn, hingen auf⸗ geloͤſt uber ihre Schultern, und ihre abgemagerten Haͤnde waren im Gebet gefaltet. Ihre Wangen waren aſch⸗ farbig, aber vor der Stirn hatte ſie ein hellrothes Zei⸗ chen, wie von einem in Blut getauchten Finger. Eine Lampe brannte auf dem Tiſche neben ihr. Dicht dabei lag ein Todtenkopf und neben dieſem Emblem der Sterblichkeit ſtand eine ſchnell laufende Sanduhr. Die Fenſter und Thuͤren des Gebaͤudes waren zu und die ungluͤckliche Dame ſchien gefangen zu ſein. Man hatte ſie an dem Abend insgeheim dorthin gebracht, ſie wußte nicht zu welchem Zweck, doch hielt ſie ſich uberzeugt, daß man keine freundliche Abſicht mit — erſtaunt, den Moͤnch nicht mehr zu ſehen. Er war we⸗ 240 ihr habe. Fruͤh am Tage waren drei Reiter zu ihrer einſamen Huͤtte im Pendle⸗Walde gekommen, und hat⸗ ten ſie, ohne eine Anklage gegen ſie vorzubringen, ohne zu ſagen, wohin ſie ſie bringen wollten, oder irgend eine Frage zu beantworten, mit ſich genommen, waren quer durchs Land geritten und in der Umgebung von Hogh⸗ ton Park in einer Jaͤgerhuͤtte angekommen. Hier ver⸗ weilten ſie bis zum Abend, brachten ſie allein in ein Zimmer und bewachten ſie ſtrenge. Als die Nacht an⸗ brach, fuͤhrten ſie ſie durch den Wald und vermoͤge ei— nes geheimen Einganges in den Garten von Hoghton Tower und eben ſo geheimnißvoll in den Pavillon, wo ſie eine Lampe vor ſie hinſtellten und ſie ihrem Nach⸗ denken uͤberließen. Alle weigerten ſich, ihre Fragen zu beantworten, aber Einer von ihnen ſtellte mit unheim— lichem Lächeln ein Stundenglas und einen Todtenkopf vor ſie hin. Als die ungluͤckliche Dame allein war, verſuchte ſie vergebens das Räthſel zu loͤſen, warum man ſie dort— hin gebracht. Sie konnte es nicht errathen, doch be⸗ ſchloß ſie, wenn ihre Gefangennahme von der obrigkeit⸗ lichen Behoͤrde geſchehen ſei, ihre Schuld zu bekennen und ſich der verdienten Strafe zu unterwerfen. Obgleich die Fenſter und Thuͤren, wie ſchon er— waͤhnt, verſchloſſen waren, ſo drangen doch Toͤne von Außen zu ihr, und ſie hoͤrte ein verwirrtes und laͤrmen⸗ des Geraͤuſch, wie von einer großen Verſammlung. Zu welchem Zwecke waren ſie zuſammengekommen? Vielleicht zu ihrer Hinrichtung? Nein— ſie vernahm ja Muſik und lautes Lachen. Und doch hatte ſie ge⸗ 241 hoͤrt, daß das Verbrennen einer Hexe ein Schauſpiel ſei, woran das Volk ſich erfreute— daß man es als eine Luſtbarkeit anſehe, wie jede andere; und warum ſollten ſie nicht lachen und Muſik dabei haben? Aber konnte ſie hingerichtet werden ohne Verhoͤr und Urtheil? Das wußte ſie nicht. Alles, was ſie wußte, war, daß ſie ſchuldig ſei und zu ſterben verdiene. Als dieſer Ge⸗ danke ſich ihrer bemaͤchtigte, toͤnte ihr das Lachen wie das Hohngelaͤchter von Teufeln in die Ohren, und die Muſik gleich den furchtbaren Harmonien, die ſie bei den Hexenſabbathen gehoͤrt. Plotzlich erinnerte ſie ſich mit unbeſchreiblichem Ent⸗ ſetzen, daß gerade in dieſer Nacht die in ihrem Vertrag mit dem Teufel beſtimmte Friſt abgelaufen ſei— daß er ſie als ſein Eigenthum in Anſpruch nehmen koͤnne, wenn ſie nicht durch Buße und Gebet ihre Erloͤſung be⸗ wirkt habe. Es fiel ihr auch mit erhoͤhter Unruhe ein, daß der Mann, der das Stundenglas auf den Tiſch geſtellt, und ſie dabei mit unheimlichem Laͤcheln angeſe⸗ hen, zu ihr geſagt, daß es elf Uhr ſei! Ihre letzte Stunde war alſo gekommen— ja ſchon zum Theil voruͤber, und die Augenblicke ſchwanden raſch dahin. Bei dieſem Gedanken empfand ſie eine heftige Qual. Es war ihr, als ob die Vernunft ſie verlaſſe, und haͤtte ſie ſich nicht mit Entſchloſſenheit widerſetzt, ſo haͤtte wohl eine ſolche Kriſis eintreten koͤnnen. Aber ſie wußte, daß ihr ewiges Heil von der Echaltung ihres geiſtigen Gleich⸗ gewichts abhaͤngig ſei, und ſie bemuͤhte ſich, es zu be⸗ haupten, was ihr am Ende auch gelang. Ainsworth, Hexen. IW. 3 16 ————————— ———————— ——.— S—— — — i Ihr Blick war feſt auf das Stundenglas gerichtet. 3 Sie ſah den Sand ſtill aber ſchnell herunterlaufen, gleich 11 dem Strom des Lobensblutes, mit dem zugleich das Leben endet. Sie ſah die ſchimmernden Koͤrner oben 3 unmerklich abnehmen, und als haͤtte ſie ihr Geſchick da⸗ durch aufhalten koͤnnen, ergriff ſie das Glas und wollte es umkehren; doch es fiel ihr die Thorheit eines ſolchen 1 Benehmens ein und ſie ſetzte es wieder nieder. Dann bemaͤchtigten ſich ihrer entſetzliche Gedanken, erdruͤckten und uͤberſchuͤtteten ſie, und ſie empfand im Voraus alle die Qualen, die ſie bald wuͤrde erdulden muͤſſen. Ein Feuermeer, worin ungluͤckliche Seelen auf ewig hin und her geſchleudert wurden, rollte an ihr vor⸗ uͤber. Ein Heulen, wie es keine irdiſche Qual hervor⸗ zubringen vermag, traf ihr Ohr. Ungeheuer von ſchreck⸗ licher Geſtalt ſperrten ihre Rachen auf, um ſie zu ver⸗ ſchlingen. Teufel, mit entſetzlichen Folterinſtrumenten ver⸗ ſehen, wie die wildeſte Phantaſie ſie nur malen kann, drohten ihr. Die ganze Hoͤlle und ihr Entſetzen war da, ihr ſchrecklicher Abgrund, ihre praſſelnden Feuereſſen, ihre Stroͤme von geſchmolzenem Metall, ſtets brennend und gluͤhend, aber nie ihre Opfer verzehrend. Eine heiße, ſchwefelerfullte Atmoſphaͤre druͤckt ſie und ein blutiger Nebel truͤbt ihre Blicke. Sie verſucht zu beten, aber ihre Zunge klebt am Gaumen. Sie ſieht ſich nach ihrer Bibel um, aber ſie hat ſie zuruͤckgelaſſen, als ſie aus ihrer Huͤtte entführt wurde. Sie hat keinen Schutz und ſieht keine Ret⸗ tung. Noch immer läuft der Sand weiter. 243 Neue Qualen dringen auf ſie ein. Die Hoͤlle ſteht ihr wieder vor Augen, aber in neuer Geſtalt und mit neuen Strafen. Sie ſchließt die Augen. Sie haͤlt die Ohren zu. Aber ſie ſieht ſie noch immer und hoͤrt ihr entſetzliches Geheul. Nochmals befragt ſie das Stundenglas. Der Sand laͤuft weiter— aber nimmt zuſehends ab. Sie denkt an Alles, was ſie auf Erden liebt— ſie denkt an ihre Tochter! O! wenn Alizon in ihrer Naͤhe waͤre, ſo koͤnnte die fuͤr ſie beten— koͤnnte dieſe ſchrecklichen Viſionen hinwegſcheuchen und ſie retten. Sie ruft ſie— aber ſie antwortet nicht. Nein, ſie iſt gaͤnzlich verlaſſen von Gott und Menſchen und muß auf ewig untergehen. Wieder befragt ſie das Stundenglas. Nur eine Viertelſtunde iſt ihr noch uͤbrig. O! wenn ſie ſie nur zum Gebet anwenden koͤnnte! O! wenn ſie nur nie⸗ derknien oder weinen koͤnnte. Ein großer Spiegel haͤngt an der Wand und ſie wird unwiderſtehlich zu demſelben hingezogen. Sie ſieht eine Geſtalt darin— aber ſie erkennt ſie ſelber nicht. Dieſer leichenhafte Gegenſtand mit dem weißen Haar, der aus dem Grabe aufgeſtanden zu ſein ſcheint— iſt ſie es? Es muß ein Trugbild ſein. Nein— ſie be⸗ ruͤhrt ihre Wange und findet, daß es wirklich iſt. Aber ach! was ſoll dieſes rothe Brandmal vor ihrer Stirn? Es muß das Siegel des Satan ſein. Sie verſucht es auszuloͤſchen— aber es geht nicht. Im Gegentheil wird es nur roͤther und dunkler. Nochmals befragt ſie die Sanduhr. Der Sand laͤuft noch. Wie viele Minuten ſind noch uͤbrig? 244 „Zehn,“ rief eine Stimme als Antwort auf ihre ſtille Frage. Und als ſie ſich umwendet, ſieht ſie ihren dienſt⸗ baren Geiſt neben ſich ſtehen. „Deine Zeit iſt faſt um, Alice Nutter,“ ſagte er. „In zehn Minuten gehoͤrſt Du meinem Herrn.“ „Mein Vertrag mit Deinem Herrn iſt gebrochen,“ antwortete ſie, indem ſie all ihren Muth zu Huͤlfe rief. „Ich habe laͤngſt aufgehoͤrt, die mir gewaͤhrte Macht anzuwenden; aber ſelbſt wenn ich es gewuͤnſcht hätte, wuͤrdeſt Du Dich geweigert haben, mir zu dienen.“ „Ich weigerte mich, Dir zu dienen, weil Du dem ausdrucklichen Befehl meines Herrn ungehorſam geweſen,“ verſetzte der dienſtbare Geiſt;„aber Dein Abfall befreit Dich nicht von Deiner Verbindlichkeit. Du haſt nur den Vortheil verloren, den Du haätteſt haben können. Wenn Du es fuͤr gut hielteſt, mich zu entlaſſen, konnte ich es nicht verhindern. Weder ich bin zu tadeln, noch mein Herr. Wir haben unſern Theil des Vertrages er⸗ fullt.“ „Warum bin ich hieher gebracht worden?“ fragte Miſtreß Nutter. „Ich will es Dir ſagen,“ verſetzte der dienſtbare Geiſt.„Du wurdeſt auf Befehl des Koͤnigs hieher ge⸗ bracht. Potts hat ihm Deinen Aufenthalt entdeckt, der ihn von Jennet Device erfahren. Der weiſe Monarch beabſichtigte, Dich mit Deiner Tochter Alizon zu con⸗ frontiren, die eben ſo, wie Du, der Heperei angeklagt iſt; aber er wird ſich taͤuſchen, denn wenn er hieher kommt, wirſt Du außer ſeinem Bereiche ſein— ha! ha 245 Und er rieb ſich freudig die Haͤnde. „Alizon der Hexerei angeklagt, ſagſt Du?“ rief Miſtreß Nutter. „Ja,“ antwortete der Hausgeiſt.„Sie iſt im Ver⸗ dacht, Richard Asſheton behext zu haben, den Jennet Device getoͤdtet hat. Fuͤr ihr Alter hat das kleine Maͤd⸗ chen eine ſeltene Anlage zum Unheil. Aber Niemand wird die wahre Urheberin des Verbrechens erfahren, und Alizon wird dafuͤr leiden muͤſſen.“ „Der Himmel wird eine ſolche Ungerechtigkeit nicht zugeben,“ ſagte die Dame. „Da Du Nichts mit dem Himmel zu ſchaffen haſt, ſo iſt es unnuͤtz, ihn zu erwaͤhnen,“ ſagte der Geiſt. „Aber gewiß iſt es hart, daß ein ſo junges Geſchoͤpf, wie Alizon, umkommen ſoll.“ „Kannſt Du ſie retten?“ fragte Miſtreß Nutter. „O ja, ich könnte ſie wohl retten, aber ſie wird es nicht geſtatten,“ verſetzte der dienſtbare Geiſt grinſend. „Nein— nein— es iſt unmoͤglich,“ rief das ungluͤckliche Weib.„Und ich kann ihr nicht helfen.“ „Vielleicht doch,“ ſagte der Verſucher.„Mein Herr, den Du der Haͤrte beſchuldigſt, iſt ſtets bereit, Dir ge⸗ fallig zu ſein. Es ſind Dir noch einige Minuten uͤbrig — wuͤnſcheſt Du, daß er ihr helfe? Ertheile mir Dei⸗ nen Befehl, und ich will Dir gehorchen.“ „Dies iſt eine Schlinge,“ dachte Miſtreß Nutter; „ich will ihr widerſtehen.“ „Du kannſt nicht ſchlimmer dran ſein, als Du es biſt,“ ſagte der boͤſe Geiſt. „Das weiß ich nicht,“ verſetzte die Dame.„Was wuͤrdeſt Du thun?“ „Was Du mir befiehlſt. Ich kann Nichts aus eigenem Antriebe thun. Soll ich Deine Tochter hieher bringen? Sage es, und es ſoll geſchehen.“ „Nein— Du wuͤrdeſt mich in Deine Schlinge ziehen,“ verſetzte ſie.„Ich weiß wohl, daß Du keine Macht uͤber ſie haſt. Du wuͤrdeſt mir ein Trugbild vor⸗ fuͤhren. Ich moͤchte ſie ſehen, aber nicht durch Deine Vermittelung.“ „Hier iſt ſie,“ rief Alizon, die Thuͤr eines Cloſet oͤffnend und auf ihre Mutter zueilend, die ſie ſogleich in ihre Arme ſchloß.„Bete fuͤr mich, mein Kind,“ rief Miſtreß Nutter, ihre Bewegung bemeiſternd,„oder ich werde auf ewig von Dir getrennt werden. Meine Augenblicke ſind gezaͤhlt. Bete— bete!“ Alizon fiel auf ihre Kniee und betete inbruͤnſtig. „Du verſchwendeſt Deinen Athem,“ rief der dienſt⸗ bare Geiſt in hoͤhnendem Tone.„Nicht eher kann ſie gerettet werden, als bis das Brandmal von ihrer Stirn verſchwindet und die blutige Schrift auf dieſem Perga⸗ ment erliſcht. Sie iſt mein.“ „Bete, Alizon, bete,“ ſchrie Miſtreß Nutter. „Ich werde ſie in Stuͤcke zerreißen, wenn ſie nicht aufhoͤrt,“ rief der dienſtbare Geiſt, eine ſchreckliche Ge⸗ ſtalt annehmend und ihr mit Klauen, gleich denen eines wilden Thieres, drohend. „Betet auch, Mutter,“ rief Alizon. „Ich kann es nicht,“ verſetzte die Dame. 247 „Ich tödte ſie, wenn ſie nur den Verſuch macht,“ heulte der boͤſe Geiſt. „Verſucht es nur, Mutter, verſucht es,“ rief Alizon. Die arme Dame ſank auf ihre Kniee und erhob ihre Hände in demuͤthigem Flehen. „Vergieb mir, o Himmel!“ rief ſie. Der boͤſe Geiſt ergriff das Stundenglas⸗ „Der Sand iſt ausgelaufen— ihre Friſt iſt um — ſie iſt mein,“ rief er. „Umfaſſe mich feſt mit Deinen Armen, mein Kind. Er kann mich nicht von Dir nehmen,“ ſchrie das ge⸗ quaͤlte Weib. „Laß ſie los, Alizon, oder ich toͤdte Dich auch,“ bruͤllte der Daͤmon. „Nimmermehr,“ verſetzte ſie;„Du haſt keine Macht uͤber mich. Ha!“ fugte ſie freudig hinzu,„das Brand⸗ mal iſt von ihrer Stirn verſchwunden.“ „Und die Schrift auf dem Pergament erloſchen,“ heulte der boͤſe Geiſt;„aber ich will ſie dennoch haben.“ Und er druͤckte ſeine Klauen in Alice Nutters Fleiſch. Aber ihre Tochter hielt ſie noch immer feſt. „O! halte mich, mein Kind— halte mich, oder ich bin verloren,“ ſchrie die Dame. „Laß Dich warnen, und laß ſie los, oder Du mußt mit Deinem Leben fuͤr das ihre zahlen,“ rief der boͤſe Geiſt. „Gern gebe ich mein Leben fuͤr das ihre hin,“ verſetzte Alizon.. „So werde Dir Dein Schickſal zu Theil,“ verſetzte der boͤſe Geiſt. ———— F 248 Und er legte ihr ſeine Hand aufs Herz, und es horte ſogleich zu ſchlagen auf. „Mutter, Du biſt gerettet— gerettet!“ rief Alizon ihre Arme ausbreitend. Und ſie einen Augenblick mit dem Ausdruck eines ſcheidenden Engels anſchauend, ſank ſie nieder und verſchied. „Du biſt mein,“ bruͤllte der Daͤmon, Miſtreß Nutter beim Haar ergreifend und ſie von der Leiche ihrer Tochter wegzerrend, an der ſie ſich verzweiflungsvoll feſthielt. „Huͤlfe!— Huͤlfe!“ ſchrie ſie. „Du magſt rufen, wie Du willſt, aber Dein Ge⸗ ſchrei wird unbeachtet bleiben,“ verſetzte der Geiſt mit hoͤhniſchem Gelaͤchter. „Du luͤgſt, falſcher Teufel,“ ſagte Miſtreß Nutter. „Der Himmel wird mir jetzt helfen.“ Und als ſie ſprach, ſtand der Ciſtercienſermoͤnch vor ihnen. „Hinweg!“ rief er mit gebieteriſcher Geberde dem Teufel zu.„Sie iſt nicht mehr in Deiner Macht. Hinweg!“ Und mit einem Geheul der Wuth und getaͤuſchten Erwartung verſchwand der dienſtbare Geiſt. „Alice Nutter,“ fuhr der Moͤnch fort,„Deine Er⸗ loͤſung iſt um den Preis des Lebens Deiner Tochter erkauft. Aber es iſt von geringer Bedeutung, denn ſie konnte nicht länge leben Ihr ſanftes Herz war gebro⸗ chen, und als der Teufel es auf immer zum Stillſtehen brachte, verrichtete er ohne ſeine Abſicht eine Hanblung der Barmherzigkeit. Sie muß mit dem, welchen ſie im 249 Leben ſo ſehr liebte, in einem Grabe ruhen. Dies ſage Denen, die ſogleich kommen werden. Du biſt von der Knechtſchaft des Satan befreit. Es iſt vollſtaͤndige Suͤhne geſchehen. Aber die irdiſche Gerechtigkeit muß befriedigt werden. Du mußt die Strafe zahlen fuͤr die im Fleiſche begangenen Verbrechen; aber was Du hier leideſt, wird Dir jenſeits zum Heil gereichen.“ „Ich bin zufrieden,“ verſetzte ſie. „Bringe den Reſt Deines Lebens in Buße und Gebet hin,“ fuhr der Moͤnch fort, und laß Dich durch Nichts davon abbringen; denn wenn Du auch jetzt frei biſt, ſo wirſt Du doch bis zuletzt dem uͤblen Einfluſſe und Verſuchungen unterworfen ſein.— Erinnere Dich deſſen. „Ich will es— ich will es,“ entgegnete ſie. „Und nun kniee neben der Leiche Deiner Tochter nieder und bete,“ ſagte er.„Ich werde in wenigen Minuten zu Dir zuruͤckkehren. Noch eine Handlung und meine Aufgabe iſt vollendet.“ Dreizehntes Kapitel. Die Maske des Todes. Wenn Jakob gleich nur kurze Zeit zu warten hatte, ſo war er doch kaum im Stande ſeine Ungeduld zu beherrſchen. Endlich ſtand er auf, und voͤllig nuͤch⸗ tern geworden durch die jungſten ſeltſamen Ereigniſſe, ſtieg er die Stufen der Platform hinunter und ging ohne Beiſtand weiter. —— ——— ———— ——————— 250 „Laßt die Leibgarde die Menge zuruͤckhalten,“ ſagte er zu einem Officier,„und laßt mir Niemand folgen, als Sir Ralph Asſheton, Herrn Nicolaus Asſheton und Herrn Roger Nowell. Wenn ich rufe, laßt die Gefan⸗ genen vorfuͤhren.“ „Eurer Majeſtaͤt Befehl ſoll erfullt werden,“ ver⸗ ſetzte der Baronet, indem er die nöthigen Anordnungen traf. Jakob ging dann langſam auf den Pavillon zu und rief unterwegs Nicolaus Asſheton zu ſich. „Wer war jener Officier?“ fragte er. „Ich bitte um Verzeihung, Majeſtät, ich kann die Frage nicht beantworten,“ entgegnete Nicolaus. „Und warum nicht, Herr?“ fragte der Monarch heftig. „Aus Gruͤnden, die ich Eurer Majeſtaͤt ſpaͤter an⸗ geben werde, und die Ihr genuͤgend finden werdet, wie ich mich uͤberzeugt halte,“ verſetzte der Squire. „Gut, gut, ich danke, Ihr habt Recht,“ ſagte der König.„Aber meint Ihr, daß er ſein Wort hal⸗ ten werde?“ „Ich bin deſſen gewiß,“ entgegnete Nicolaus. „Die Zeit iſt da,“ rief Jakob, ungeduldig nach dem Pavillon aufblickend. „Die Zeit iſt da,“ wiederholte eine Grabesſtimme. „Habt Ihr geſprochen?“ fragte der Monarch. „Nein, Sire,“ verſetzte Nicolaus;„aber es ſchien Euch Jemand die Nachricht zu geben, daß Alles bereit ſei. Geneigen Eure Majeſtaͤt einzutreten.“ „Tretet ein!“ rief die Stimme. „Wer ſpricht da?“ fragte der Koͤnig, und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort:„Ich ſetze meinen Fuß nicht in das Gebaͤude. Es koͤnnte eine Schlinge des Satan ſein.“ In dieſem Augenblicke flogen die Fenſterladen auf und zeigten, daß der Pavillon von vielen Kerzen erleuch⸗ tet war, während eine feierliche Muſik aus demſelben hervordrang. „Tretet ein,“ wiederholte die Stimme. „Habt keine Furcht, Sire,“ ſagte Nicolaus. „Dies kann nicht das Werk des Teufels ſein,“ rief Jakob.„Er erfreut ſich nicht an heiligen Hymnen und lieblicher Muſik. „Das iſt ein feierliches Sterbelied,“ ſagte Nico⸗ laus, als ſich melodiſche Stimmen mit der Muſik ver⸗ einten. „Gut, gut, ich will auf jede Gefahr weiter gehen,“ ſagte Jakob. Die Thuͤren flogen auf, als der Koͤnig und ſeine Begleiter ſich naͤherten, und ſobald ſie eingetreten waren, ſchloſſen ſich die Thuͤrfluͤgel wieder. Ein auffallendes und trauriges Schauſpiel ſtellte ſich ihren Blicken dar. In der Mitte des Gemaches ſtand eine Bahre, mit einem ſammetnen Leichentuche bedeckt, und darauf lagen die Leichen eines Juͤnglings und eines Mädchens. Sie waren blaß und ſchoͤne Mar⸗ morbilder und ein Lächeln umſchwebte ihre Zuͤge. Sie lagen neben einander und ihre Arme waren verſchlun⸗ gen, als waren ſie in gegenſeitiger Umarmung geſtorben. Eine Guirlande von Taxus und Cypreſſen lag zu ih⸗ ren Haͤuptern und ringsum waren Blumen geſtreut. Es waren Richard und Alizon. Ein tief ergreifender Anblick war es und eine Zeit⸗ lang ſprach Niemand. Der feierliche Grabgeſang dauerte fort und wurde nur von dem gedaͤmpften Schluchzen der Umſtehenden unterbrochen. „Beide dahin!“ rief Nicolaus in gebrochenen Toͤnen;„und ſo jung— ſo gut— ſo ſchön! Ach! ach!“ „Sie kann ihn nicht behext haben,“ ſagte der Koͤnig. „Alizon war die Unſchuld und die Guͤte ſelbſt,“ rief Nicolaus,„und iſt jetzt unter der Zahl der Engel.“ „Die Schuldige iſt in Deinen Haͤnden, o Koͤnig!“ ſagte die Stimme;„es iſt an Dir, zu beſtrafen.“ „Und ich will meine ſtrafende Hand nicht zuruͤck⸗ halten,“ ſagte Jakob.„Die Devices ſollen gewiß ſter— ben. Wenn ich dieſes Zimmer verlaſſe, will ich ſie un⸗ ter ſtarker Begleitung nach Lancaſter Caſtle bringen laſſen. Sie ſollen von den Haͤnden des gemeinen Hen⸗ kers ſterben.“ „Dann iſt meine Aufgabe vollendet,“ verſetzte die Stimme,„und ich kann in Frieden ruhen.“ „Wer biſt Du?“ fragte der Koͤnig. „Einer, der ſchwer geſuͤndigt, aber Vergebung er⸗ langt hat,“ verſetzte die Stimme. Der Koͤnig war einen Augenblick in Nachdenken verſunken und wollte dann gehen. In dieſem Augen⸗ blick erhob ſich hinter der Todtenbahre eine knieende Ge⸗ ſtalt, die bisher Niemand bemerkt hatte. Es war eine Dame in Trauerkleidung. Ihr Geſicht war ſo blaß und ihre abgemagerte Geſtalt ſo leichenhaft, daß Jakob ein 253 Geſpenſt zu ſehen glaubte und erſchrocken zuruͤckfuhr. Die Geſtalt ſchritt langſam auf ihn zu. „Im Namen des Himmels! wer und was ſeid Ihr?“ rief er. „Ich bin Alice Nutter, Sire,“ verſetzte die Dame ſich vor ihm niederwerfend. „Alice Nutter, die Hexe,“ rief der Koͤnig.„Ei ja, ich erinnere mich gehoͤrt zu haben, daß Ihr hier waͤret. Ich ließ Euch hieher bringen, aber wegen der letzten ſchrecklichen Ereigniſſe hatte ich Euch gaͤnzlich ver⸗ geſſen. Aber erwartet keine Gnade von mir, boͤſes Weib— ich werde Euch keine erweiſen.“ „Ich bitte nicht darum, Sire,“ verſetzte die Buͤßende. „Ich komme, mich Euren Haͤnden zu uͤbergeben, damit Gerechtigkeit an mir geuͤbt werde.“ „Ei!“ rief Jakob,„bereut Ihr wirklich Eure Ver⸗ gehungen? Entſaget Ihr dem Teufel und allen ſeinen Werken?“ „Das thue ich,“ verſetzte die Dame ernſt.„Mein Vertrag mit dem Feinde des Menſchengeſchlechts iſt durch das Gebet meiner frommen Tochter gebrochen, die ſich fuͤr mich opferte und dadurch meine Seele rettete. Aber die menſchliche Gerechtigkeit verkangt eine Suͤhne und ich bringe ſie mit Freuden dar.“ „Steht auf, ungluͤckliches Weib,“ ſagte der Koͤnig ſehr bewegt.„Ihr muͤßt nach Lancaſter gebracht wer⸗ den, aber in Betracht Eurer Buße ſoll Euch keine un⸗ wuͤrdige Behandlung widerfahren. Ihr muͤßt ſtrenge bewacht werden, doch follt Ihr nicht mit den andern Gefangenen dorthin transportirt werden.“ „Ich danke Eurer Majeſtaͤt unterthaͤnigſt,“ ver⸗ ſetzte die Dame.„Darf ich meinem Kinde das letzte Lebewohl ſagen?“ „Thut es,“ verſetzte Jakob. Darauf naͤherte ſie ſich der Bahre, und nachdem ſie die Zuͤge ihrer Tochter einen Augenblick mit der leb⸗ hafteſten Zaͤrtlichkeit angeſehen, druckte ſie einen Kuß auf ihre marmorweiße Stirn. Indem ſie dies that, floſſen ihre Thraͤnen raſch. „Ihr könnt weinen, wie ich ſehe,“ ſagte der Kö⸗ nig.„Ihr ſeid keine Hexe mehr.“ „Ja, der Himmel ſei geprieſen! ich kann weinen,“ verſetzte ſie,„und ſo mein zu ſchwer belaſtetes Herz er— leichtern. O! Sire, Niemand als wer die Qual erfah⸗ ren hat, wenn uns dieſe Erleichterung der Natur ver⸗ ſagt iſt, kann ſich einen Begriff davon machen. Auf Wiederſehen! mein geliebtes Kind!“ rief ſie nochmals ihre Stirn kuͤſſend;„und Dir rufe ich es auch zu, ihr Geliebter.— Nicolaus Asſheton, es war ihr Wunſch, mit Richard in einem Grabe zu ruhen. Ihr werdet dafuͤr ſorgen, nicht wahr, Nicolaus?“ „Ich will es— ich will es,“ verſetzte der Squire mit ſehr bewegter Stimme. „Und ich verſpreche es ebenfalls,“ ſagte Sir Ralph Asſheton.„Sie ſollen zuſammen auf dem Kirchhofe zu Whalley ruhen.— Es iſt gut, daß Sir Richard und Dorothea abgereiſt ſind,“ ſagte er dann zu Nicolaus. „Es iſt wahr,“ ſagte der Squire, wir moͤchten ſonſt noch ein Leichenbegaͤngniß haben. Gebe der Him⸗ mel, daß es jetzt vermieden werde!“ 255 „Habt Ihr uns noch ſonſt eine Bitte vorzutragen?“ fragte der Koͤnig. „Keine, Sire, außer daß ich alles Land, welches ich Herrn Roger Nowell geraubt habe, zuruͤck zu erſtatten wuͤnſche und noch einige angrenzende Ländereien hinzu⸗ fuͤgen moͤchte, nur unter der Bedingung, jaͤhrlich eine kleine Summe an die Armen der Gemeinde zu geben, um in ihren Gebeten meiner zu gedenken.“ „Wir wollen dafuͤr ſorgen, daß es geſchieht,“ ſag⸗ ten Sir Ralph und Nicolaus. „Auch ich werde das Meinige thun,“ ſagte No⸗ well.„Alles Unrecht, welches Ihr mir zugefuͤgt habt, verzeihe ich Euch jetzt gern und vollſtaͤndig, und moͤge der Himmel noch nach ſeiner unendlichen Gnade Euch ebenfalls vergeben.“ „Amen!“ rief der Monarch. Und alle Andern ſtimmten in den Ausruf ein. Der Koͤnig naͤherte ſich hierauf der Thuͤr, die von den beiden Asſhetons fur ihn geoͤffnet wurde. Am Fuß der Stufen ſtand Potts nebſt einem Officier der Garde und einer Abtheilung Hellebardirer. In ihrer Mitte, die Haͤnde auf dem Ruͤcken gebunden, befanden ſich Jem Device, ſeine Mutter, Jennet und Nance Redferne. Jem ſah duͤſter und trotzig— Eliſabeth niedergeſchlagen aus— aber Jennet hatte ihren gewohnten boshaften Ausdruck beibehalten. Die arme Nance war die einzige, welche Mitleid erregte. Jennet's Bosheit ſchien jetzt ge⸗ gen Herrn Potts gerichtet, den ſie beſchuldigte, ſie ver⸗ rathen und betrogen zu haben. —— 256 „Wenn Tib mich nicht verlaſſen haͤtte, ſollte er Dich in Stuͤcke zerreißen, Du garſtiges kleines Unge⸗ heuer,“ rief ſie. „Selbſt Ungeheuer, Du ſcheußlicher kleiner Kruͤp⸗ pel,“ rief der unwillige Anwalt.„Wenn Du ſolche Scheltworte anwendeſt, werde ich Dich knebeln laſſen. Du ſollſt nach Lancaſter Caſtle gebracht und verbrannt werden.“ ₰ „Ihr ſeid eben ſo boͤſe, wie ich, und noch boͤſer,“ entgegnete Jennet,„und verdient das Verbrennen eben ſo gut, wie ich; und der Koͤnig ſoll Eure Streiche wiſſen,“ rief ſie, als Jakob an der Thuͤr des Pavillons erſchien.„Ihr wolltet Alizon in die Schlinge ziehen. Ihr wolltet, daß ich ſie tödten ſollte. Ich war nur Euer Werkzeug.“ „Verſtopft ihr den Mund— knebelt ſie,“ rief Potts. „Nein, nein, ſie ſollen mir den Mund nicht ver⸗ ſtopfen— ſie ſollen mich nicht knebeln,“ rief Jennet. „Ich will frei heraus ſprechen. Der Koͤnig ſoll mich hoͤren. Ihr ſeid eben ſo ſchlimm, wie ich.“ „Alles Bosheit, Eure Majeſtaͤt— pure Bosheit,“ rief der Anwalt. „Ohne Zweifel iſt es groͤßtentheils Bosheit,“ ver⸗ ſetzte Jakob;„aber ich fuͤrchte, es iſt auch etwas Wah⸗ res daran, Herr. Und auf jeden Fall wird es mich verhindern, irgend Etwas fuͤr Euch zu thun.“ „Da haſt Du meine Hoffnungen vernichtet, Du kleiner Kruͤppel!“ rief Potts wuͤthend. „Es iſt mir ſehr lieb,“ ſagte Jennet.„Ihr koͤnnt mich — — * nach Lancaſter Caſtle bringen, aber nicht verbrennen. Das weiß ich ſehr wohl. Ich werde herauskommen, und dann nehmt Euch in Acht, Kerl; denn ſo gewiß, wie ich Mutter Demdike's Enkelin bin, will ich Euch plagen, daß Euch faſt die Seele aus dem Leibe fährt.“ 3„Fuͤhrt die Gefangenen weg und laßt ſie unter 6 ſicherem Geleit nach Lancaſter Caſtle bringen,“ ſagte „Und da die Aſſiſen naͤchſte Woche beginnen, ſo wird man nicht viel Umſtaͤnde mit ihnen machen, Eure Majeſtaͤt,“ bemerkte Potts.„Ihre Schuld kann un⸗ 1 wwriderleglich bewieſen werden, darum wird man ſie ge⸗ 1* wiß ſchuldig finden und verbrennen.“ Als die Gefangenen weggefuͤhrt wurden, ſah ſich Nance Redferne um, bis ſie dem Auge des Squire be⸗ gegnete, und nickte leiſe mit dem Kopfe, als wollte ſie ihm Lebewohl ſagen. Nicolaus erwiederte den ſtummen Gruß.— „Arme Nance,“ rief er mitleidig,„ich nehme auf⸗ richtigen Antheil an ihr. Ich wollte, es gebe ein Mit⸗ tel, ſie zu retten!“ 4 *„Es giebt keins,“ ſagte Sir Ralph Asſheton.„Und Ihr koͤnnt von Gluͤck ſagen, daß man Euch nicht als. ℳ ihren Mitſchuldigen feſtgenommen hat.“ P Als Jennet weggefuͤhrt wurde, uͤberhaͤufte ſie Potts beſtaͤndig mit Drohungen und Verwuͤnſchungen. Dann wurde noch ein anderer Officier der Leib⸗ garde herbeigerufen, und Jakob ſagte zu ihm: „Es iſt noch eine Gefangene in dem Pavillon. Sie muß gleichfalls nach Lancaſter Caſtle gebracht wer⸗ Ainsworth, Hexen. 1V. 258 den— aber in einer Saͤnfte und nicht mit den an⸗ dern Gefangenen.“ Von Sir Richard Hoghton begleitet, begab ſich dann der Monarch zu ſeiner Wohnung im Schloſſe. Vierzehntes Kapitel. Ein Grab. Ungeachtet der oben erwaͤhnten traurigen Ereig⸗ niſſe, blieb Jakob noch zwei Tage als Gaſt bei Sir Richard Hoghton, erfreute ſich ſeiner fuͤrſtlichen Gaſt⸗ freundſchaft, jagte im Park, ſchwelgte in der großen Halle und war Zuſchauer bei allen Arten von Beluſti⸗ gungen und Schauſpielen. Es war freilich auch Nichts zuruͤckgeblieben, was ihn an die juͤngſt geſchehenen traurigen Ereigniſſe erin⸗ nern konnte. Die Gefangenen wurden in jener Nacht nach Lancaſter Caſtle gebracht und Potts begleitete ſie, um ſich auf die Aſſiſen vorzubereiten. Die drei Richter begaben ſich am Ende der Woche ebenfalls dorthin, und die Gegenwart Roger Nowell's, Nicolaus und Sir Ralph Asſheton's war bei dem oöffentlichen Verhoͤr der Hepen ebenfalls erforderlich, um als Zeugen zu dienen. Sir Richard Asſheton und Dorothea waren, wie ſchon erwaͤhnt, nach Middleton zuruͤckgekehrt, und ob⸗ gleich ihnen die Nachricht von Richard's und Alizon's Tode mit der aͤußerſten Schonung mitgetheilt wurde, ſo war es doch ein ſchwerer Schlag fuͤr Beide, beſon⸗ ders fuͤr Dorothea, die ihn ſehr lange nicht uͤberwand. 259 Bei ſeiner lebhaften Gemuͤthsart empfand Nico⸗ laus den Verluſt ſeines Vetters ſehr tief, doch verwiſchte ſich der Eindruck bald. Er gelobte Buße und Beſſerung nach dem Muſter John Bruen's, deſſen Leben einen ſo auffallenden Gegenſatz zu dem ſeinigen bildete, daß ein ehrwuͤrdiger Geiſtlicher ſie einander gerade entgegen⸗ ſtellte, aber leider muß ich ſagen, daß er ſeine lobens⸗ werthen Abſichten nicht in Ausfuͤhrung brachte. Er ſcherzte uͤber John Bruen, anſtatt ſein Beiſpiel nach⸗ zuahmen. Er betheuerte ſeiner vortrefflichen Gattin ſeine Aufmerkſamkeit widmen zu wollen— aber ſeine alten Gewohnheiten kamen wieder zum Vorſchein, und leider muß ich ſagen, daß er oft im Bierhauſe zu finden war und das Wettrennen, die Hahnenkaͤmpfe, die Jagd, die Fiſcherei und alle andern Zeitvertreibe und Beluſti⸗ gungen eben ſo ſehr liebte, wie immer. Wenn er ein⸗ mal von dieſen Beſchaͤftigungen feierte oder es ein reg⸗ nichter Tag war, fuͤhrte er ſein Tagebuch“), wovon noch ein Theil uͤbrig iſt, doch erwaͤhnt er darin wenige von den hier erzaͤhlten ſchrecklichen Ereigniſſen, wahr⸗ ſcheinlich weil ſie fuͤr ihn zu ſchmerzlich waren, um ſie aufzuzeichnen. Er ſtarb im Jahre 1625— im beſten Alter von fuͤnf und dreißig Jahren. Aber wir muͤſſen wieder zuruͤckkehren. Wenige Tage nach den tragiſchen Ereigniſſen in Hoghton Tower war das ganze Dorf Whalley lebendig. Aber es war *) Von der Chetham Societh herausgegeben, mit Anmerkun⸗ gen, welche ein umfangreiches Wiſſen und tiefe Forſchung beurkun⸗ den von dem Pfarrer F. R. Raines in Milnrow bei Rochdale. 17* keine Feſtlichkeit— keine Luſtbarkeit, welche die Bewoh⸗ ner herausrief, denn Kummer laſtete auf allen Geſich⸗ tern. Ueberdies war der Himmel bedeckt. Die federar⸗ tig bewaldeten Hoͤhen von Whalley Nab waren in Nebel gekleidet und ein feiner Regen fiel im Thal. Der Cal⸗ der erſchien truͤbe und farblos, als er an den Mauern der alten Abtei voruͤberfloß. Die Kirchenglocke ſtimmte das Grabgelaͤute an und auf dem Kirchhofe hatte ſich eine große Menſchenmenge verſammelt. Nicht weit von einem der drei Kreuze des Paulinus, welches der Kir⸗ chenthuͤr am naͤchſten ſtand, hatte man ein Grab ge⸗ graben, und faſt Alle blickten hinein. Man ſagte, das Grab ſei fuͤr zwei Saͤrge beſtimmt. Bald darauf kam ein Zug von Leidtragenden aus dem alten Thorwege der Abtei Uhhes wurden zwei Särge herausgetragen. Am Thor kam ihnen Doctor Ormerod entgegen, der ſo tief ergriffen war, daß er ſich kaum im Stande fuͤhlte, die Leichenrede zu halten. Die votzuͤglichſten Leidtragen⸗ den waren Sir Richard Asſheton von Middleton, Sir Ralph Asſheton und Nicolaus. Unter den Thränen und dem Schluchzen aller Umſtehenden wurden die Leichen der Erde uͤbergeben und zuſammen in ein Grab geſenkt. So wurde ihr letzter Wunſch erfuͤllt. Blumen wuchſen auf dem Raſen, der ſie deckte und dort ſah man die fruͤhſte Schluͤſſelblume und das ſpäteſte Veil⸗ chen. Mancher zaͤrtliche Juͤngling und manches ver⸗ trauensvolle Maͤdchen haben ihr einfaches Grab beſucht, und manche Thraͤne, friſch aus dem Herzen, iſt auf den Raſen gefallen, der die ungluͤcklichen Liebenden deckt. — Fünfzehntes Kapitel. Lancaſter Caſtle. Seht das duͤſtere, rieſenhafte Gebaͤude, wieder auf⸗ gebaut und befeſtigt von „Johann von Gent, Lancaſter hochbejahrt!“ In einem der Thuͤrme, den man den Stuhl Johann's von Gent nennt, ſteht zur Abendſtunde eine Dame unter der Bewachung eines Kerkermeiſters. Es iſt der letzte Sonnenuntergang, den ſie erleben wird— das letzte Mal, daß ſie die Schoͤnheiten der Erde anblickt, denn ſie iſt gefangen, zu einem ſchmachvollen und ſchrecklichen Tode verurtheilt, und am naͤchſten Morgen wird ihre Hin⸗ richtung vor ſich gehen. Sie in dem Thhhme allein laſſend, verſchließt der Kerkermeiſter die Thü und bleibt draußen ſtehen. Die Dame wirft einen zaudernden Blick um ſich. Die ganze Natur erſcheint ſo ſchön— ſo anziehend. Der Sonnenuntergang, vom Ufer von Morecombe Bay geſehen, zeichnet ſich durch abwechſelnde Faͤrbung aus. Die Berge von Furneß ſtehen ſchwarz und kuͤhn da und man kann die Windungen des Lune deutlich verfolgen. Aber ſie wirft einen ſehnſuͤchtigen Blick auf die Huͤgelreihen von Lancaſhire und glaubt unter den Hoͤhen den abgerundeten Gipfel des Pendle⸗ Huͤgels entdecken zu koͤnnen. Dann ſchweift ihr Blick uͤber die graue alte Stadt unter ihr dahin und bleibt auf einigen ſchrecklichen Gegenſtänden haften. Auf dem Platze vor dem Schloſſe ſieht ſie einen Kreis von hohen Pfählen. Sie kennt ſehr wohl ihren Zweck und zählt ſie. Es ſind ihrer dreizehn. Dreizehn elende Geſchoͤpfe 262 ſollen am naͤchſten Morgen verbrannt werden. Nicht weit von den Pfaͤhlen liegt ein ungeheurer Haufen von Reiſigbuͤndeln. Alles iſt bereitet. Von dem Anblick be⸗ zaubert, bleibt ſie ſtehen und blickt den Hinrichtungs⸗ platz eine Zeitlang an, und als ſie ſich umwendet, ſieht ſie einen großen ſchwarzen Mann neben ſich ſtehen. Anfangs glaubt ſie, es iſt der Kerkermeiſter, und will ihm ſchon ſagen, daß ſie bereit iſt, in ihre Zelle hinunter zu ſteigen, als ſie ihn erkennt und erſchrocken zuruͤckbebt. „Du wieder da!“ rief ſie. „Ich kann Dich vom Scheiterhaufen erretten, wenn Du es willſt, Alice Nutter,“ ſagte er. „Fort von mir!“ rief ſie.„Du verſuchſt mich vergebens. Fort von mir!“ Und mit einem Geheul der Wuth verſchwand der boͤſe Geiſt. Wieder in ihre Zelle zuruͤckgefuͤhrt, die ſich in dem Burgverließ befand, brachte Alice Nutter die ganze Nacht im Gebete zu. Gegen vier Uhr aber war ſie ſo ermuͤdet, daß ſie einſchlummerte, und als der Geiſtliche, von dem ſie religioͤſen Troſt empfing, in ihre Zelle trat, fand er ſie ſchlafend, und ein liebliches Laͤcheln umſpielte ihre Lippen— das erſte, welches er je an ihr bemerkt hatte. Da er ſie nicht ſtoͤren wollte, ſo kniete er nieder und betete an ihrer Seite. Endlich kam der Kerker⸗ meiſter mit den Gehuͤlfen des Henkers. Da beruͤhrte der Geiſtliche ihre Schulter und ſie ſtand ſogleich auf. „Ich bin bereit,“ ſagte ſie heiter. „Ihr habt einen guten Traum gehabt, meine Toch⸗ ter?“ ſagte er. 263 „Ja, einen himmliſchen Traum, ehrwuͤrdiger Herr,“ verſetzte ſie.„Ich glaubte meine Kinder— Richard und Alizon— in einem ſchoͤnen Garten zu ſehen— o! wie engelgleich ſahen ſie aus— und ſie ſagten mir, ich wuͤrde bald bei ihnen ſein.“ „Und ich zweifle nicht, daß die Viſion wird erfuͤllt werden,“ entgegnete der Geiſtliche.„Ihr habt Verge⸗ bung erlangt und ich hoffe, daß Euer Seelenheil voll⸗ kommen geſichert iſt. Und nun muͤßt Ihr Euch auf Eure letzte Pruͤfung vorbereiten.“ „Ich bin vollkommen vorbereitet,“ verſetzte ſie; „aber wollt Ihr nicht zu den Andern gehen?“ „Ach! liebe Tochter,“ entgegnete der Geiſtliche, „außer Nance Redferne weiſen Alle meinen Beiſtand zuruͤck und wollen in ihren Suͤnden ſterben.“ „Dann geht zu Nance, Herr, ich bitte Euch,“ ſagte ſie,„vielleicht kann ſie noch gerettet werden. Aber wie iſt es mit Jennet? Wird ſie auch ſterben?“ „Nein,“ entgegnete der Geiſtliche;„da ſie als Zeu⸗ gin gegen ihre Verwandten auftritt, wird ihr das Leben geſchenkt.“ „Der Himmel gebe, daß ſie nicht mehr Unheil an⸗ richtet,“ rief Alice Nutter. Dann uͤbergab ſie ſich den Gehuͤlfen des Henkers und wurde hinausgefuͤhrt. Als ſie in die freie Luft trat, ging eine Veraͤnderung mit ihr vor und es be⸗ maͤchtigte ſich ihrer eine ſolche Schwaͤche, daß man ſie unterſtuͤtzen mußte. In dieſem Zuſtande wurde ſie zum Scheiterhaufen gefuͤhrt; aber ſie wurde ſchwaͤcher und ſchwächer und ſank endlich in die Arme der Maͤn⸗ 3 „ 264 ner zuruͤck, die ſie unterſtuͤtzten. Dennoch trugen ſie ſie weiter. Als der Henker ſeine Hand ausſtreckte, um ſie ſeinen Gehuͤlfen abzunehmen, fand es ſich, daß ſie todt war. Dennoch band er ſie an den Pfahl und ihr Koͤrper wurde verbrannt. Hunderte von Zuſchauern ſahen dieſe ſchrecklichen Feuer und frohlockten bei den Qualen der Elenden. Ihr Schreien und ihre Läſte⸗ rungen waren entſetzlich und der Ort glich einer Hoͤlle . auf Erden. Jennet ging, zum Schrecken des Herrn Potts, frei aus, welcher fuͤrchtete, ſie wurde ihre gedrohte Rache an ihm auslaſſen. Und in der That litt er an Glieder⸗ reißen und Kraͤmpfen, welche er ihr zuſchrieb, die er aber wahrſcheinlicher einer Erkaͤltung zu danken hatte, die er ſich in den Suͤmpfen des Pendle-Waldes zuge⸗ zogen hatte. Es wurde ihm indeß das Vergnuͤgen, ihrer Hinrichtung beizuwohnen, zu Theil, als ſie einige Jahre ſpäter der vergeltenden Gerechtigkeit anheim fiel. Jennet war die letzte der Hexen von Lancaſhire. Seitdem hat die Heperei unter den Damen der Graf⸗ ſchaft eine andere Form angenommen— obgleich ihr Zauber ſo mächtig iſt, wie immer. Wenige koͤnnen ihnen jetzt entgehen— wenige wuͤnſchen es. Aber Allen, die ſich vor einem funkelnden Auge und einer bluͤhenden Wange fuͤrchten und dem Junggeſellenſtande treu blei⸗ 6 ben wollen, muß ich zurufen:„Huͤtet Euch vor den Hepen von Lancaſhire!“ Druck von J. B. Hirſchfeld in Leipzig. —— 3 * — S—