7 ühr bis Abends 8 Uhr offen. 3 8 ———————— —————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vnn Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. Sr 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 M.—F 1 V W P * 7— 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Siietitet⸗ welche die⸗ en. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen ha 4546 6 Auriol, . oder: Das FTebenselirir. Ein Roman von W. Harriſon Ainsworth. Aus dem Enzliſchen ßrſen von Dr. Ernſt Snſemihl. Erſter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 8 5 3. Muriol. Erſter Band. *— Einleitung. 1599. Das Lebenselirir. Das ſechzehnte Jahrhundert näherte ſich ſeinem Ende. Es war der letzte Tag des letzten Jahres, und es ſehlten nur noch zwei Stunden an der Geburt eines neuen Jahres und eines neuen Jahrhunderts. Die Nacht war feierlich und ſchön. Myriaden Sterne überſäeten das tiefblaue Himmelsgewölbe; der Halbmond hing gleich einer ſilbernen Lampe in ihrer Mitte; ein Strom roſigen und bebenden Lichts ging von Norden aus und verbreitete ſich über den Himmel gleich dem Schweife eines erſtaunenenswerthen Kometen, wäh⸗ rend von dem Glanzpunkte von Zeit zu Zeit Ausſtrah⸗ lungen hervorgingen, die an Glanz und Verſchiedenheit der Färbung mit dem ſchönſten Feuerwerke wetteiferten. Es herrſchte ein ſcharfer Froſt, aber die Atmosphäre ——z——————————————— — ——————————— war klar und trocken, und weder Wind noch Schnee erhöhten die heilſame Kälte der Jahreszeit. Das Waſ⸗ ſer lag in ſtarken gefrornen Maſſen um die Brunnen und Waſſerleitungen, und die Feuerkufen waren an ihre Unterſätze feſtgefroren. Die Straßen waren mit Eis be⸗ deckt und gefährlich für Reiter und Fuhrwerke; aber die Fußwege waren feſt und angenehm darauf zu gehen. Hie und da hatte man auf den Straßen Feuer ange⸗ zündet, um welche ſich zerlumpte Buben und Bettler verſammelt hatten und Stücke Fleiſch brieten, die ſie auf eiſerne Gabeln geſteckt hatten, oder tiefe Züge aus ledernen Bechern thaten, die ſie mit Meth oder Ale ge⸗ füllt hatten. Auf den freien Plätzen hatten ſich Men⸗ ſchenmaſſen verſammelt, welche die Wunder des Him⸗ mels betrachteten und ſie größtentheils als unheilvolle Vorbedeutungen anſahen, denn die meiſten bezogen dieſe Zeichen auf den baldigen Tod der Königin und auf die Ankunft eines neuen Monarchen aus dem Norden, was eine ſichere und leichte Auslegung war, wenn man das vorgerückte Alter und den geſchwächten Geſundheitszu⸗ ſtand der berühmten Eliſabeth nebſt der wohlbekannten Ernennung Jakob's von Schottland zu ihrem Nachfol⸗ ger in Erwägung zog. Ungeachtet der frühen Gewohnheiten jener Zeit, hat⸗ ten ſich doch noch wenige Perſonen zur Ruhe begeben, denn es herrſchte eine allgemeiner Wunſch unter den Bür⸗ gern, das neue Jahr und zugleich das neue Jahrhun⸗ dert beginnen zu ſehen. Lichter ſchimmerten in den mei⸗ ſten Fenſtern und zeigten die grünen Zweige, die man c . — an den kleinen Scheiben angebracht hatte, während über⸗ rall, wo ſich eine Thür öffnete, ein röthlicher Schim⸗ mer auf die Straße drang und ein Blick in das Innere der Wohnung die Hausgenoſſen entweder um den glü⸗ henden Herd verſammelt und mit heiteren Spielen be⸗ ſchäftigt vder an reichbeſetztem Tiſche ſitzend zeigte. An jeder Straßenecke hörte man Muſik und Geſang, und Schaaren hübſcher Mädchen, von ihren Geliebten begleitet, gingen von Haus zu Haus und trugen große braune Bowlen, die mit Bändern und Rosmarin ge⸗ ſchmückt und mit einem Getränk angefüllt waren, welches man Lämmerwolle nannte, und welches aus ſtarkem Bier, mit Zucker verſüßt und mit Muskatnuß gewürzt, beſtand, und worin geröſtete Aepfel ſchwammen— ein Getränk, von welchem ein Becher den hübſchen Träge⸗ rinnen ſelten weniger als einen Groat und oft noch mehr einbrachte. Dies war die Nachtwache des Jahres 1600. In dieſer Nacht, um die zehnte Stunde, ſah man einen Mann von auffallendem und ehrwürdigem Aus⸗ ſchen auf einen kleinen hölzernen Balkon heraustreten, der ſich vor einem bogenförmigen Fenſter in der Nähe des Giebels eines maleriſchen Gebäudes befand, welches am ſüdlichen Ende der Londonbrücke ſtand. Des Greiſes Haar und Bart war weiß wie Schnee; der letztere reichte faſt bis an ſeinen Gürtel. Auch die dichten Augenbrguen, die ſeine noch lebhaften Augen beſchatteten, waten weiß. Seine Stirn war hoch, kahl und von zahlloſen Furchen durchzogen. Sein Geſicht — 6— hatte, trotz ſeiner Todtenbläſſe, einen edlen und maje⸗ ſtätiſchen Ausdruck, und ſeine Figur, obgleich durch ein Leben des angeſtrengten Studiums ſehr abgemagert und von der Laſt der Jahre niedergebeugt, mußte einſt hoch und gebietend geweſen ſein. Seine Kleidung beſtand in einem Wams und Beinkleid von dunkelfarbigem Tuch worüber er ein weites ſchwarzſeidenes Gewand trug. Sein Kopf war mit einer viereckigen ſchwarzen Mütze bedeckt, unter welcher hervor ſeine ſilbernen Locken über ſeine Schultern niederfielen. Unter dem Namen Doktor Lamb bekannt, und alchymiſtiſchen und philoſophiſchen Studien zugethan, wurde dieſe ehrwürdige Perſon von dem gemeinen Volke faſt für einen Zauberer angeſehen. Seltſame Geſchichten wurden von ihm erzählt und geglaubt. Unter andern ſagte man, er beſitze einen Hausgeiſt, denn zufällig hatte er einen verwachſenen, wahnwitzigen Zwerg bei ſich, der ihm bei ſeinen Operativnen behülflich war, und den er, paſſend genug, Flapdragon nannte. Doktor Lamb's Blick war feſt auf den Himmel ge⸗ richtet, und er ſchien die Stellung des Mondes zu einem beſonderen Sterne zu beobachten. Nachdem er einige Minuten ſo dageſtanden„ war er im Begriff ſich zu entfernen, als er ein lautes Kra⸗ chen vernahm und ſich umwendete, zu ſehen, woher es komme. Dicht vor ihm ſtand das Southwarkthor— ein viereckiges ſteinernes Gebäude mit einem runden Thürm⸗ chen an jeder Ecke und einem glatten Bleidache, worauf —— —— viele fünfzehn bis ſechzehn Fuß hohe Pfähle ſtanden, die mit Menſchenköpfen geziert waren. Zu ſeiner Ueberra⸗ ſchung bemerkte der Doktor, daß ein großer Mann ſo⸗ eben zwei von dieſen Pfählen umgeworfen hatte und im Begriff war, ſie von ihrer gräßlichen Laſt zu befreien. Als er dieſen Z veck erreicht hatte, warf der geheim⸗ nißvolle Räuber ſeine Beute in einen ledernen Sack, wo⸗ mit er verſehen war, band ihn zu und war im Begriff vermöge einer Strickleitir, die an den Zinnen befeſtigt war, ſich zu entfernen, als ſein Rückzug plötzlich von einem Thorwächter abgeſchnitten wurde, der eine Helle⸗ barde und eine Laterne trug und aus einer Thür hervor kam, die auf das Bleidach hinausführte. Der Räuber ſah ſich um, bemerkte das offene Fenſter, vor welchem Doktor Lamb ſtand, und ſchleu⸗ derte den Sack mit ſeinem Inhalt durch daſſelbe hinein. Dann verſuchte er die Leiter zu erreichen, wurde aber von dem Thorwächter daran verhindert, der ihm mit ſeiner Hellebarde einen heftigen Schlag an den Kopf verſetzte. Der Räuber ſtieß einen lauten Schrei aus und verſuchte ſein Schwert zu ziehen; ehe er aber dazu im Stande war, empfing er von ſeinem Gegner einen Stoß in die Seite. Dann fiel er nieder und der Thor⸗ wächter würde den Stoß wiederholt haben, hätte ihm nicht der Doktor zugerufen, davon abzuſtehen. „Tödtet ihn nicht, guter Baldred,“ rief er.„Der Verſuch mag nicht ſo verbrecheriſch ſein, wie er ſcheint. Ohne Zweifel ſind die verſtümmelten Ueberreſte, welche der arme Unglückliche hat entführen wollen, die ſeiner ——. 2 2—* .———————— —— Verwandten, und das Entſetzen, ſie ſo öffentlich aus⸗ geſtellt zu ſehen, muß ihn zu dem Vergehen veranlaßt haben.“ „Es mag ſo ſein, Doktor,“ verſetzte Baldred; „und da würde es mir leid ſein, ihn verwundet zu ha⸗ ben. Aber ich bin für die ſichere Bewachung dieſer ver⸗ rätheriſchen Ueberbleiſel veranwortlich und muß mit mei⸗ nem Kopfe dafür haften.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Doktor Lamb;„und Ihr ſeid vollkommen gerechtfertigt in dem, was Ihr ge⸗ than habt. Vielleicht wird die Sache dadurch aufgeklärt, wenn man weiß, weſſen elende Ubeubebſel geſtört wor⸗ den ſind.“ „Es waren die Köpfe zweier argen Papiſten, per⸗ ſetzte Baldred,„die am St. Nicolaustage vor drei Wo⸗ chen auf dem Toverhügel enthauptet wurden, weil ſie eine Verſchwörung gegen die Königin angezettelt hatten.“ „Aber ihre Namen?“ der Doktor.„Wie hießen ſie?“ „Es waren Vater und Sohn,“ verſetzte Baldred, „Sir Simon Darch und Maſter Reginald Darcy. Viel⸗ leicht waren ſie Euch bekannt, Doktor?“ „Nur zu gut— nur zu gut!“ verſetzte Doktor Lamb in aufgeregtem Tone, der ſeinem Zuhörer auf— fiel.„Es waren nahe Verwandte von mir. Wie ſieht der Mann aus, der dieſen ſeltſamen Verſuch gemacht hat?“ „Wahrhaftig, es iſt ein blonder Jüngling,“ ver⸗ ſetzte Baldred die Laterne niederhaltend.„Gebe der Him⸗ —— mel, daß ich ihn nicht tödtlich verwundet habe! Nein, ſein Herz ſchlägt noch. Ha! hier iſt ſeine Schreibtafel,“ fügte er hinzu, indem er ein kleines Buch aus ſeiner Taſche zog;„die kann uns vielleicht die gewünſchte Auskunft geben. Ihr habt Recht in Eurer Vermuthung, Doktor. Der Name, der hier ſteht, iſt derſelbe, den die Andern führten— Auriol Darey.“ „Ich ſehe Alles,“ rief Lamb.„Es war eine liebe⸗ volle und löbliche Handlung. Bringt den unglücklichen Jüngling in meine Wohnung, Baldred, und Ihr ſollt gut belohnt werden. Geht raſch zu Werke, ich bitte Euch.“ Als der Thorwächter gehorchen wollte, ſtöhnte der Verwundete tief, als ob er großen Schmerz empfinde. „Werft mir die Waffe zu, womit Ihr ihn ver⸗ wundet habt,“ rief Doktor Lamb in Tönen des Mitleids; „ich will ſie mit der Salbe der Sympathie beſtreichen. Seine Schmerzen werden bald aufhören.“ „Ich weiß, daß Eure Gnaden Wunder verrichten können,“ rief Baldred, die Hellebarde auf den Balkon werfend.„Ich will ſo ſanft wie möglich mit ihm um⸗ gehen.“ Als der Alchymiſt die Waffe nahm und durch das Fenſter verſchwand, erhob der Thorwächter den verwundeten Mann bei den Schultern und trug ihn auf einer engen Wendeltreppe zu einem Zimmer hinunter. Obgleich er ſorgfältig zu Werke ging, empfand der Leidende doch heftige Schmerzen, und als Baldred ihn auf eine höl⸗ — 1— zerne Bank legte, und eine Lampe herbeiholte, bemerkte er, daß ſeine Züge geſchwärzt und verzerrt waren. „Ich fürchte, es iſt zu Ende mit ihm,“ murmelte der Thorwächther.„Ich werde dem Doktor Lamb nur eine Leiche bringen. Es würde eine chriſtlichere Hand⸗ lung ſein, ihm einen Schlag auf den Kopf zu verſetzen, als ihn ſo leiden zu laſſen. Der Doktor gilt für einen geſchickten Mann, wenn er aber dieſen armen Jüngling mit Hülfe ſeiner ſympathetiſchen Salbe heilen kann, ohne ihn zu ſehen, ſo werde ich auch glauben, wie Einige behaupten, daß er mit dem Teufel zu thun hat.“ Während Baldred auf dieſe Weiſe dachte, ging eine plötzliche und außerordentliche Veränderung mit dem Leidenden vor. Wie durch einen Zauber hörte der Krampf der Muskeln auf; die Züge nahmen eine geſunde Farbe an und der Athemzug war nicht mehr ſchwer und müh⸗ ſam. Baldred ſtutzte, als wäre ein Wunder geſchehen. Jetzt, da das Geſicht des Jüngslings ſeinen ur⸗ ſprünglichen Ausdruck wieder angenommen hatte, konnte der Thorwächter nicht umhin, von der außerordentlichen Schönheit deſſelben betroffen zu werden. Das Geſicht war ein vollkommenes Oval, mit regelmäßigen und zar⸗ ten Zügen. Ein kurzer ſeidenartiger Schnurrbart bedeckte die Oberlippe, welche kurz und ſtolz gebildet war, und das Kinn beſchloß ein Spitzbart. Das Haar war ſchwarz, glänzend und kurz geſchnitten, ſo daß es die hohe und geiſtreich gebildete Stirn deutlich zeigte. Des Jünglings Geſtalt war ſchlank, aber bewun⸗ derungswürdig proportionirt. Seine Kleidung beſtand 3 —— in einem ſchwarzſeidenen Wamms mit weißen Puffen, Beinkleidern von ſchwarzer Seide und einem kurzen Sam⸗ metmantel. Seine Augen waren noch geſchloſſen, und es war ſchwer zu ſagen, welchen Ausdruck ſie dem Ge⸗ ſichte verleihen würden, wenn ſie es erhellten; denn un⸗ geachtet ſeiner Schönheit mußte man zugeſtehen, daß ein ſeltſamer, unheimlicher und faſt dämoniſcher Aus⸗ druck dieſem Geſichte eigen war. 5 Auf einmal und mit derſelben Plötzlichkeit, wie ſeine Heilung bewirkt worden war, fuhr der Jüngling empor, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und griff mit der Hand nach ſeiner Seite. „Elender!“ rief er, ſeine ſprühenden Augen auf den Thorwächter richtend,„warum quält Ihr mich ſo? Tödtet mich gleich— o!“ Und von Schmerz überwältigt, taumelte er zurück⸗ „Ich habe Euch nicht angerührt, Herr,“ verſetzte Baldred.„Ich brachte Euch hieher, um Euch Hülfe zu verſchaffen. Es wird Euch bald beſſer werden. Dok⸗ tor Lamb muß die Hellebarde abgewiſcht haben, ſagte er bei ſich ſelber. Noch eine plötzliche Veränderung. Der Schmerz entfloh von dem Geſichte des Leidenden und er wurde ruhig wie vorher. „Was habt Ihr mit mir angefangen?“ fragte er mit dankbarem Blicke.„Der Schmerz meiner Wunde hat plötzlich aufgehört, und es iſt mir, als hätte man Balſam hineingetröpfelt. Laßt mich in dieſem Zuſtande —— bleiben, wenn Ihr Mitleid habt— oder tödtet mich, denn meine Qual war eben noch faſt unerträglich.“ „Ein Man heilt Euch, der mehr Geſchicklichkeit beſitzt, als irgend ein Wundarzt in London,“ verſetzte Baldred.„Wenn Ihr im Stande ſeid, in ſeine Woh⸗ nung zu gelangen, ſo wird er bald Eure Wunden hei⸗ len.“ 8 „So Pzgert nicht,“ verſetzte Auriol matt;„denn wenn ich auch ohne Schmerzen bin, fühle ich doch, daß mein Leben raſch dahin eilt.“ „Drückt dieſes Taſchentuch an Eure Seite und ſtützt Euch auf mich,“ ſagte Baldred.„Doktor Lamb's Wohnung iſt nur einen Schritt vom Thor entfernt— ja es iſt das erſte Haus an der Brücke. Denkt nur, der Doktor ſagt, er ſei Euer Verwandter.“ „Das iſt das Erſte, was ich höre,“ verſetzte Au⸗ riol matt;„aber führt mich ſchnell zu ihm, ſonſt wird es zu ſpät.“ Im nächſten Augenblick waren ſie vor des Dok⸗ tors Thür. Baldred klopfte an und ſogleich öffnete eine kleine Perſon, die eine Jacke von grobem grauen Wollenzeug und eine lederne Schürze trug. Dies war Flapdragon. Bei ſeinen ſtarren und gerötheten Augen und ſeinen laternenförmigen Kinnbacken, und mit Ruß bedeckt, wie er war, erſchien der arme Zwerg, als' hätte er ſein gan⸗ zes Leben an der Feuereſſe zugebracht. Dies war auch in der That der Fall geweſen. Er war wenig mehr geworden, als ein menſchlicher Blaſebalg. In der Hand ———— ————— hielt er die Hellebarde, womit Auriol verwundet wor⸗ den war. „So haſt Du alſo den Wundarzt geſpielt, Flap⸗ dragon, he?“ rief Baldred. „Ei freilich habe ich das,“ verſetzte der Zwerg mit wildem Grinſen, indem er ſeine Wolfszähne zeigte. „Mein Herr befahl mir, die Hellebarde mit ſympatheti⸗ ſcher Salbe zu beſtreichen. Ich gehorchte ihm, rieb die ſtählerne Spitze zuerſt auf der einen, dann auf der an⸗ dern Seite, wiſchte ſie ab und beſtrich ſie darauf wieder.“ „Wodurch Du dem Patienten großen Schmerz ver⸗ urſachteſt,“ verſetzte Baldred;„aber hilf mir, ihn in das Laboratorium zu tragen.“ „Ich weiß nicht, ob der Doktor ſich wird ſtören laſſen wollen,“ ſagte Flapdragon.„Er iſt gerade mit einer großen Operation beſchäftigt.“ „Ich will es auf mich nehmen,“ ſagte Baldred. „Der Jüngling wird ſterben, wenn er hier bleibt. Sieh, er iſt ſchon ohnmächtig geworden.“ So angetrieben, legte der Zwerg die Hellebarde nieder, und darauf trugen Beide Auriol raſch eine breite eichene Treppe hinauf zu dem Laboratorium. Doktor Lamb ſetzte den Blaſebalg vor der Eſſe in Bewegung, worauf ein großer Deſtillirkolben ſtand, und er hatte ſich ſo in ſein Geſchäft vertieft, daß er den Eintritt der Andern kaum bemerkte. „Lege den Jüngling auf den Boden nieder, ſo daß ſein Kopf auf dem Stuhle ruht,“ rief er haſtig dem Zwerge zu.„Benetze ſeine Stirne mit der Flüſſigkeit in —————————— 5 — jenem Tiegel. Ich werde ſogleich für ihn ſorgen. Kommt morgen zu mir, Baldred, da will ich Euch für Eure Mühe belohnen. Ich bin jetzt beſchäftigt.“ „Dieſe Köpfe ſollte ich wohl mitnehmen, Dokior,“ ſagte der Thorwächter, den Sack anblickend, der an dem Boden lag, und aus welchem ein kahler Schädel her⸗ vorragte. „Laßt ſie nur hier— ſie ſind ſicher genug in mei⸗ ner Bewahrung,“ rief Doktor Lamb ungeduldig— „morgen!“ Sich verſtohlen in dem Laboratorium umſehend und die Achſeln zuckend, entfernte ſich Baldred, und nach⸗ dem Flapdragon die Stirne und Schläfe des Leidenden mit der Flüſſigkeit benetzt hatte, wie es ihm ſein Herr 3 befohlen, wendete er ſich zu ihm und fragte, was er zu⸗ ſ nächſt thun ſolle. 3 „Geh!“ rief der Doktor ſo heftig, daß der Zwerg aus dem Zimmer ſtürzte und die Thür hinter ſich zu⸗ ſchlug. SDarauf ſetzte Doktor Lamb ſeine Beſchäftigung mit erneuertem Eifer fort und war ſich in wenigen Sekunden der Gegenwart eines Fremden völlig unbewußt. Von dem Heilmittel öffnete Auriol gleich darauf ſeine Augen, ſah ſich im Zimmer um und glaubte — ——— zu träumen, ſo ſeltſam und phantaſtiſch erſchien ihm Al⸗ les. Der Boden war mit den Geräthen des Adepten bedeckt. Brennkolben, Schmelztiegel, Deſtillirkolben und lagen und ſtanden ungeordnet durch einander. In einem Winkel befand ſich ein großer Erdglobus, in 2———— —— der Nähe deſſelben ein Aſtrolabium und dicht dabei ein Haufen ungebrauchter Glasgefäße. Auf der andern Seite lag ein ſchwarzes, geheimnißvoll ausſehendes Buch mit meſſingenen Klammern befeſtigt. Um daſſelbe lagen ein Bockshorn, eine Zange, eine Pergamentrolle, ein Mör⸗ ſer und eine Mörſerkeule, ſowie eine große kupferne Platte, worauf geheimnißvolle Symbole eingegraben waren. In der Nähe derſelben lag der lederne Sack, welcher die beiden Todtenköpfe enthielt, wovon der eine hervorragte. Auf einem Tiſche am andern Ende des Zimmers lag ein großes offenes Buch mit Pergamentblättern, mit kab⸗ baliſtiſchen Schriftzügen bedeckt, welche die Namen von Geiſtern bezeichneten. Neben demſelben befanden ſich zwei Pergamentrollen mit Buchſtaben beſchrieben, von dem chaldäiſchen Weiſen„Malachim“ und der„Strom des Fluſſes“ benannt. Die eine von dieſen Rollen wurde von einem Todtenſchädel offen gehalten. Eine alterthüm⸗ liche, ſeltſam geſtaltete kupferne Lampe, deren Dochte in zwei Schlangenköpfen brannten, erhellte das Zimmer. An der Decke hing ein großes mit Schuppen bedecktes Seeungeheuer mit ausgebreiteten Floſſen, offenem Ra⸗ Le, furchtbaren Zähnen und großen ſtarren Augen. In der Nähe deſſelben hing ein Himmelsglobus. Der Kamin, welcher mit ſeltſamen Figuren verſehen war und weit ins Zimmer hineinragte, war mit Geräthen der Alchymie beladen. Ueber demſelben hingen getrocknete Fledermäuſe und Vampyre, untermiſcht mit den Skelet⸗ ten von Vögeln und Affen. An dem Kamingeſims be⸗ fand ſich ein in Stein gehauener Stundenkreis und ne⸗ Auriol. 1. Band. 2 — 18— ben demſelben hing ein großer Sternfiſch. Auf dem Feuerherde ſtand ein Deſtillirkolben, der vermöge einer langen, ſchlangenförmigen Röhre mit einer Vorlage in Verbindung ſtand. In dem Zimmer befanden ſich zwei Skelette, wovon das eine hinter dem Fenſtervorhange ſtand, wo die polirten Knochen in dem weißen Mond⸗ lichte ſchimmerten und einen gräßlichen Anblick ge⸗ währten. Inzwiſchen ſetzte Doktor Lamb nnunterbrochen ſeine Arbeit fort und hielt nur inne, um einige Wurzeln und Spezereien auf die Kohlen zu werfen. Als er dies that, brachen verſchiedenfarbige Flammen hervor— bald blau, bald grün, bald blutroth. Vermöge dieſer Flammen ſchienen die verſchiedenen Gegenſtände in dem Gemache andere Formen anzuneh⸗ men und lebendig zu werden. Die gurkenförmig geſtal⸗ teten Deſtillirkolben verwandelten ſich in große garſtig aus⸗ ſehende giftige Kröten; die langhalſigen Vremnkolben wur⸗ den zu ungeheuren Schlangen; die wurmartigen Röhren zu Ottern; die Retorten ſahen aus wie befiederte Helme; die Schriftzüge auf der kupfernen Tafel und auf den Pergamentblättern ſchienen mit Feuer gezeichnet zu ſein und ſich ſtets zu verändern. Das Seeungeheuer heulte und brüllte und ſchlug mit ſeinen Floſſen, als wollte es ſich von ſeinem Platze löſen; die Skelette bewegten ihre Kinnbacken und erhoben wie zum Hohn ihre fleiſch⸗ loſen Finger, während blaue Lichter in ihren Augenhöh⸗ len brannten; der Blaſebalg verwandelte ſich in eine un⸗ geheure Fledermaus, die das Feuer mit ihren Flügeln — 1 anfachte und der alte Alchymiſt nahm das Anſehen des Erzfeindes an, der den Vorſitz bei einem Hexenſabbath führt. Auriol's Gehirn ſchwindelte und er drückte ſeine Hand vor ſeine Augen, um dieſe Phantasmen von ſei⸗ nem Blicke auszuſchließen. Aber ſelbſt ſo verfolgten ſie ihn, und er bildete ſich ein, er könne den Höllenlärm noch um ſich her hören. Plötzlich wurde er von einem lauten Freudengeſchrei erweckt, und ſeine Augen öffnend, erblickte er den Dok⸗ tor Lamb, der den Inhalt des Deſtillirkolbens— eine helle durchſichtige Flüſſigkeit— in eine kleine Phiole goß. Nachdem der Greis die Flaſche ſorgfältig mit ei⸗ nem Glasſtöpſel verſchloſſen hatte, hielt er ſie gegen das Licht und ſah ſie mit Entzücken an. „Endlich,“ rief er laut,„endlich iſt das große Werk vollendet. Bei der Geburt des Jahrhunderts, wel⸗ ches jetzt zu Ende geht, ſah ich zuerſt das Licht, und der Trank, den ich jetzt in meiner Hand halte, ſoll mich jetzt in den Stand ſetzen, noch den Anfang vieler künf⸗ tigen Jahrhunderte zu ſehen. Aus den Lunarſteinen, aus den Solarſteinen und den Merecurialſteinen beſtehend — nach der Vorſchrift des Rabbi Ben Lucca bereitet— nämlich durch die Scheidung des Reinen von dem Un⸗ reinen, durch die Verflüchtigung des Feſten und die Fi⸗ rirung des Flüchtigen— ſoll dieſes Elixir meine Ju⸗ gend erneuern, gleich der des Adlers und mir ein län⸗ geres Leben geben, als das irgend eines Patriarchen.“ Während er ſo redete, hielt er die ſchimmernde 2 — Flüſſigkeit empor und blickte ſie an wie ein Perſer, der die Sonne verehrt. „Immerdar zu leben!“ rief er nach einer Panſe —„dem Rachen des Todes zu entfliehen, gerade wo er ſich öffnet, um mich zu verſchlingen— frei zu ſein von allen Zufällen— das iſt ein herrlicher Gedanke! Ha! da fällt mir ein, daß der Rabbi ſagte, vor einer Gefahr könne mich das Elixir nicht ſchützen— ein ver⸗ wundbarer Punkt wäre da, vermöge deſſen, gleich der Ferſe des Achilles, der Tod mich erreichen könne! Was iſt es— wo mag es liegen?“ Und er verſank in tiefes Nachdenken. „Dieſe Ungewißheit wird all mein Glück vergiften,“ fuhr er fort;„ich werde in beſtändiger Furcht leben, wie vor einem unſichtbaren Feinde. Aber es thut Nichts! beſtändiges Leben— beſtändige Jugend— was kann man mehr wünſchen?“ „Mehr freilich nicht!“ rief Auriol. „Ha!“ rief der Doktor, ſich plötzlich des Verwun⸗ deten erinnernd und die Phiole unter ſeinem weiten Ge⸗ wande verbergend. „Enre Vorſicht iſt vergebens, Doktor,“ ſagte Au⸗ riol.„Ich habe gehört, was Ihr ſagtet, und Ihr glaubt das Lebenselirir entdeckt zu haben.“ „Ich glanbe es entdeckt zu haben?“ rief der Dok⸗ tor.„Die Sache iſt außer allem Zweifel. Ich bin der Beſitzer des wunderbaren Geheimniſſes, welches die größten Philoſophen aller Jahrhunderte zu entdecken ge⸗ N u — 21— ſucht haben— des wunderbaren Erhaltungsmittels des Körpers.“ „Der Mann, der mich hieher brachte, ſagte mir, Ihr wäret mein Verwandter,“ ſagte Auriol.„Iſt es ſo?“ „Freilich,“ verſetzte der Doktor,„und Du ſollſt jetzt die Verwandtſchaft zwiſchen uns erfahren. Sieh jenen gräßlichen Schädel an,“ ſagte er, auf den Kopf deutend, der aus dem Sack hervorragte,„das war einſt mein Sohn Simon. Seines Sohnes Kopf iſt in dem Sacke— Deines Vaters Kopf— ſo ſind hier vier Generationen beiſammen.“ „Gütiger Himmel!“ rief der junge Mann, ſich auf ſeine Ellenbogen ſtützend,„ſo ſeid Ihr alſo mein Ur⸗ großvater! Mein Vater meinte, Ihr wäret in ſeiner Kindheit geſtorben. Eine alte Sage geht in der Fami⸗ lie, daß Ihr der Zauberei beſchuldigt worden und ent⸗ flohen wäret, um dem Scheiterhaufen zu entgehen.“ „Es iſt wahr, daß ich entfloh und den Namen an⸗ nahm, den ich gegenwärtig führe,“ verſetzte der Greis; „aber es iſt kaum nöthig, zu ſagen, daß die gegen mich vorgebrachte Beſchuldigung falſch war. Ich habe mich der abſtruſeſten Wiſſenſchaft gewidmet; habe Verkehr ge⸗ pflegt mit den Sternen und der Natur die verborgenſten Geheimniſſe abgedrungen— aber das iſt Alles. Nur zwei Verbrechen belaſten meine Seele, aber beide ſind hoffentlich durch Buße geſühnt.“ „Waren es blutige Verbrechen?“ fragte Auriol. „Das eine davon war ein ſolches,“ verſetzte Darcy — mit einem Schauder.„Es war eine feige und verräthe⸗ riſche That, erſchwert durch die niedrigſte Undankbarkeit. Höre mich an, und Du ſollſt erfahren, wie es geſchah. Ein römiſcher Rabbi, Namens Ben Lucca, in der gehei⸗ men Wiſſenſchaſt erfahren, kam in dieſe Stadt. Sein Ruf drang bis zu mir, und ich ſuchte ihn auf und er⸗ bot mich, ſein Schüler zu werden. Monate lang blieb ich in ſeinem Laboratorium, arbeitete an der Eſſe und vertiefte mich in die myſtiſche Lehre. In einer Nacht zeigte er mir jenes Buch dort, deutete auf eine Seite in demſelben und ſagte:„„Jene Schriftzüge enthalten das Geheimniß, das Lebenselixir zu bereiten. Ich will es Euch jetzt erklären, und ſpäter wollen wir zu der Bereitung deſſelben ſchreiten.“ Hierauf erklärte er mir das Geheimniß, machte mich aber aufmerkſam, daß das Menſtrum an der einen Stelle mangelhaft ſei.„„Dar⸗ um,““ ſagte er,„„wird noch immer Gefahr drohen von einer unbekannten Urſache.““ O! mit welcher Gier verſchlang ich ſeine Worte! Wie ſtarrte ich die geheim⸗ nißvollen Schriftzüge an, als er mir ihre Bedeutung er⸗ klärte! Welche Ausſichten eröffneten ſich mir auf ewige Jugend und beſtändigen Genuß! In de Augenblick flüſterte mir ein Dämon ins Ohr:„„Dieſes Geheim⸗ niß muß das Deine ſein. Sonſt Niemand darf es be⸗ ſitzen.““ 4 „Ha!“ rief Auriol ſtutzend. „Der böſe Gedanke wurde eben ſo bald ausgeführt, wie er mir einfiel,“ fuhr Darch fort.„Augenblicklich meinen Dolch ziehend, bohrte ich ihn in das Herz des ————— NM N* n — NM Nue — 3— Rabbi. Aber höre, was folgte. Sein Blut ſtrömte über das Buch und machte die Schriftzüge unkenntlich; auch konnte ich mich mit keiner Anſtrengung des Ge⸗ dächtniſſes an die Bereitung des Elixirs erinnern.“ „Wann erlangtet Ihr das Geheimniß wieder?“ fragte Auriol neugierig. „Dieſe Nacht,“ verſetzte Darch,„in dieſer Stunde. Beinahe funfzig Jahre nach jener unheilvollen Nacht habe ich fruchtloſe Verſuche gemacht. Ein Blutſchleier hat mein geiſtiges Geſicht verdunkelt. Ich ſchritt zur Caleination, zur Auflöſung, zur Fäulniß— brachte die Oele hervor, die das rohe Queckſilber fixiren und alle Körper in Sol und Luna verwandeln; aber es iſt mir immer fehlgeſchlagen, den Stein in das wahre Elixir zu verwandeln. Dieſe Nacht fiel es mir ein, die mit Blut übergoſſene Seite, die das Geheimniß enthielt, mit einer feinen Flüſſigkeit abzuwaſchen. Ich that es, und indem ich an dem Gelingen des Experiments zweifelte, ließ ich ſie wirken, während ich hinausging, um vor meinem Fenſter friſche Luft zu ſchöpfen. Meine Au⸗ gen waren aufwärts gerichtet, und ich war betroffen von dem böſen Anblick meines Sternes. Wie ich dies mit dem Glück, welches mir eben widerfahren, vereinen ſoll, weiß ich nicht— aber ſo war es. In dieſem Augen⸗ blick machteſt Du Deinen kühnen, aber edlen Verſuch. kachdem ich unſere Verwandtſchaft entdeckt und den Thorwächter bewogen hatte, Dich hieher zu bringen, kehrte ich in mein altes Labyratorium zurück. Als ich ———— — ⸗ das myſtiſche Buch anſah, wie groß war meine Ueber⸗ raſchung, das Blatt von dem Blute gereinigt zu ſehen.“ Auriol ſtieß einen leiſen Ausruf aus und blickte mit abergläubiſcher Furcht nach dem Buche hin. „Der Anblick war ſo überraſchend, daß ich den Sack fallen ließ, den ich mit hereingebracht hatte,“ fuhr Darch fort.„Da ich fürchtete, das Geheimniß wieder zu verlieren, ſo entſchloß ich mich zu dem Verſuche, blies das Feuer an, legte neue Kohlen darauf und ent⸗ ließ meinen Diener mit kurzen Befehlen in Betreff Dei⸗ ner. Dann machte ich mich ans Werk. Du ſiehſt, wie es mir gelungen iſt. Ich halte in meiner Hand den Schatz, wornach ich ſo lange geſtrebt, und den ich ſo eifrig geſucht hatte. Der Reichthum der ganzen Welt ſoll ihn mir nicht abkaufen.“ Auriol blickte lebhaft ſeinen bejahrten Verwandten an, ſagte aber Nichts. „In wenigen Augenblicken werde ich ſo voll Kraft und Leben ſein, wie Du,“ fuhr Darch fort.„Wir werden nicht mehr Urgroßvater und Urenkel ſein, ſondern Freunde— Kameraden— gleich an Alter, Stärke, Thätigkeit, Schönheit, Reichthum— denn Jugend iſt Reichthum— ha! ha! mich dünkt, ich bin ſchon wie⸗ der jung!“ „Ihr ſprachet von zwei Verbrechen, womit Euer Gewiſſen belaſtet ſei,“ bemerkte Auriol.„Ihr habt nur eins erwähnt.“ „Das andere war nicht ſo ſchwer, wie das erſte,“ verſetzte Darcy in verändertem Tone,„denn es war un⸗ vorſätzlich und wurde durch keinen ſchlechten Beweggrund. veranlaßt. Meine Gattin, Deine Urgroßmutter, war eine ſ. ſehr liebenswürdige Frau, und ſo leidenſchafttich liebte ich ſie, daß ich durch jede Kunſt ihre Schönheit zu er⸗ höhen und zu erhalten ſuchte. Ich gab ihr das Fleiſch von Kapaunen, die mit Vipern genährt waren, ließ ſie ihre ſchönen Glieder in Waſſer baden, welches man aus Roſen und Veilchen deſtillirt hatte, und wendete die ſtärkſten Schönheitsmittel an. Endlich bereitete ich einen Trank aus Giften— ja aus Giften— wovon ich mir eine wunderbare Wirkung verſprach. Sie trank ihn und ſtarb entſetzlich entſtellt. Denke Dir meine Verzweiflung, das ſchöne Bild meiner Abgötterei zerſtört zu ſehen— entſtellt von meiner Hand. In meinem Wahnſinn hätte ich Hand an mich gelegt, wäre ich nicht zurückgehalten worden. Die Liebe kann wieder mein Herz beherrſchen, Schönheit wieder meine Augen blenden, aber nie werde ich wieder die Leidenſchaft empfinden, die ich für meine verlorne Amice hegte— nie werde ich wieder Reize gleich den ihrigen ſehen.“ Und er drückte ſeine Hand vor ſein Geſicht. „Der Irrthum, den Ihr damals begangen, ſollte Euch als eine Warnung dienen,“ ſagte Auriol.„Wie, wenn es Gift wäre, was Ihr jetzt bereitet habt? Macht einen Verſuch an einem Thier mit einigen Tropfen.“ „Nein— nein, es iſt das wahre Elixir,“ ver⸗ ſetzte Darcy.„Kein Tropfen darf verſchwendet werden. Du ſollſt ſogleich Zeuge von der Wirkung ſein. Gleich ————— — 5— einer Schlange will ich meine Haut abwerfen und jün⸗ ger hervortreten, als ich mit zwanzig Jahren war.“ „Vorher bitte ich Euch, mir einigen Beiſtand zu leiſten,“ ſtöhnte Auriol,„ſonſt werde ich vor Euren Augen ſterben, während Ihr Euch auf die Unſterblichkeit vorbereitet.“ „Fürchte Nichts,“ verſetzte Darch,„es ſoll Dir Nichts zu Leide geſchehen. Ich will ſogleich für Dich ſorgen, und ich verſtehe die Heilkunſt ſo gut, daß ich für Deine baldige und vollkommene Herſtellung einſte⸗ hen will.“ „So trinkt denn, und helft mir dann!“ rief Auriol. „Ich weiß nicht, was meine Hand zurückhält,“ ſagte der Greis, die Phiole erhebend;„jetzt, da die Un⸗ ſterblichkeit in meinem Bereiche iſt, wage ich nicht, dar⸗ nach zu greifen.“ „So gebt mir den Trank!“ rief Auriol. „Nicht um die ganze Welt,“ verſetzte Darey, die Phiole an ſeine Bruſt drückend.„Nein, ich will wie⸗ der jung werden— reich— glücklich. Ich will in die Welt hinaus— ich will mich in dem Lächeln der Schönheit ſonnen— ich will ſchwelgen und ſingen— das Leben ſoll eine fortgeſetzte Reihe von Freuden und Genüſſen ſein. Nun den Verſuch— ha!“ Und als er das Getränk zu ſeinen Lippen erhob, ſchoß eine plötzli⸗ che Pein durch ſein Herz.„Was iſt dies?“ rief er ſchwankend.„Kann der Tod ſich meiner bemächtigen, wenn ich eben im Begriff bin, in das dauernde Leben einzutreten? Hilf mir, mein guter Urenkel! Setze die —* M— ¹— Flaſche an meine Lippen. Gieße mir den Inhalt die Kehle hinunter— ſchnell, ſchnell!“ „Ich bin zu ſchwach, mich zu regen,“ ſtöhnte Au⸗ riol.„Ihr habt zu lange gezögert.“ „O Himmel! wir werden Beide umkommen,“ ſchrie Darch, vergebens verſuchend, ſeinen gelähmten Arm zu erheben,„umkommen im Angeſicht des rettenden Ufers.“ Und er ſank zurück und würde auf den Boden ge⸗ fallen ſein, hätte er ſich nicht auf den Erdglobus ge⸗ ſtützt. „Hilf mir— hilf mir!“ ſchrie er, ſeinen Blick mit unausſprechlicher Qual auf ſeinen jungen Verwand⸗ ten richtend. „Es iſt der Anſtrengung werth,“ rief Auriol. Und ſich mit großer Mühe aufrichtend, ſchwankte er zu dem Greiſe hin. „Gerettet— gerettet!“ ſchrie Darcy.„Schütte es in meinen Hals hinunter. Einen Augenblick, und Alles wird gut ſein.“ „Denkt Ihr, ich habe dies für Euch gethan?“ rief Auriol, das Getränk ergreifend;„nein— neih!“ Und ſich an den Kamin lehnend, ſetzte er die Phiole an ſeine Lippen und leerte begierig den Inhalt. Der Greis ſchien völlig gelähmt zu ſein, doch hielt er ſeinen Blick auf den Jüngling geheftet, bis er das Elixir bis auf den letzten Tropfen ausgeleert hatte. Darauf ſtieß er einen durchdringenden Schrei aus, ſchlug mit den Armen um ſich und ſiel ſchwer rückwärts. Todt— todt! Blitze fuhren an Auriol's Augen vorüber und ein ſeltſames Geräuſch traf ſeine Ohren. Einen Angenblick war er wie von Wein berauſcht und lachte und ſang unharmoniſch wie ein Wahnwitziger. Jeder Gegenſtand ſchwankte und tanzte um ihn herum. Die gläſernen Ge⸗ fäße und Krüge klirrten, blieben aber unverletzt; die Eſſe ſprühte Flammen und giftige Dünſte von ſich; der Spiralwurm des Deſtillirkolbens wurde glühend roth und ſchien mit glühendem Blei angefüllt zu ſein; aus der Röhre des Brennkolbens floß Blut; der Erdglobus rollte auf dem Boden dahin und prallte von der Wand ab, wie von einer Rieſenhand geſchlendert; die Skelette grin⸗ ſten und bewegten ſich; daſſelbe that der Todtenkopf auf dem Tiſche und die Thierſtelette am Kamin; der unge⸗ heure Seefiſch ſtieß Feuer und Rauch aus; der kahle, von ſeinem Rumpfe getrennte Kopf öffnete ſeine Augen und heftete ſie mit ſteinernem Blicke auf den jungen Mann, während der todte Alchymiſt drohend ſeine Fauſt gegen ihn erhob. Unfähig, dieſes Entſetzen zu ertragen, wurde Auriol auf eine kurze Zeit bewußtlos. Als er wieder zu ſich kam, war Alles ſtill. Die Lichter in der Lampe waren erloſchen, aber das helle Mondlicht, welches durch das Fenſter hereinſtrömte, fiel auf die ſtarren Züge des un⸗ glücklichen Alchymiſten und auf die kabbaliſtiſchen Schrift⸗ züge des offenen Buches neben ihm. Begieri, die Wirkung des Elixirs zu prüfen, fuhr Auriol mit der Hand nach ſeiner Seite. Alle Spu⸗ ren von der Wunde waren verſchwunden; auch empfand er nicht den geringſten Schmerz an irgend einem Theile ſeines Körpers. Im Gegentheil ſchien er mit überna⸗ türlicher Stärke begabt zu ſein. Seine Bruſt erweiterte ſich vor Entzücken, und es verlangte ihn, ſeine Freude in thätiger Bewegung zu erkennen zu geben. Ueber den Körper ſeines bejahrten Verwandten hin⸗ wegſchreitend, öffnete er das Fenſter. Als er dies that vernahm er ein freudiges Geläut von den umliegenden Kirchen, welches die Ankunft des neuen Jahres ver⸗ kündete. Während er auf dieſes Geräuſch horchte, blickte Auriol auf die volkreiche und maleriſche Stadt hinaus, die ſich im Mondlicht vor ihm ausbreitete. „Nach hundert Jahren,“ dachte er,„wird kaum eine Seele von den Tanſenden in dieſen Häuſern am Leben ſein, außer mir. Noch hundert Jahre, und ihre Kindeskinder werden zu Grabe gegangen ſein. Aber ich werde weiter leben— leben bei allen Wechſeln der Sit⸗ ten und Zeiten. Welche Enthüllungen werde ich dann zu machen haben, wenn ich wagen werde, ſie Jeman⸗ dem mitzutheilen!“ Als er ſo nachdachte, wurde das Skelett, welches in ſeiner Nähe hing, vom Winde hin und hergeweht und die Knochenfinger deſſelben kamen mit ſeiner Wange in Berührung. Dies brachte ihn auf einen entſetzlichen Gedanken. „Eine Gefahr iſt zu vermeiden!“ dachte er.„Eine Gefahr— welches iſt die? Pah! ich will nicht mehr ——— —— — — 8— daran denken. Sie mag nie erſcheinen. Ich will gehen. Dieſer Ort verurſacht mir Fieber.“ Hierauf verließ er das Laboratorium, ſtieg haſtig die Treppe hinunter, an deren Fuße er Flapdragon fand, und ging aus dem Hauſe. Erſtes Zuch. Ebba. Erſtes Kapitel. Das verfallene Haus auf der Vaurhallſtraße. Spit in der Nacht, im Frühling 1830, kamen zwei Männer aus einem abgelegenen Gaſthauſe in der Nähe von Millbank hervor und ſchienen die Richtung der Vaurhallbrücke einzuſchlagen. Den Fußpfad in der Nähe des Fluſſes vermeidend, gingen ſie verſtohlen an der entgegengeſetzten Seite der Straße weiter, wo ihnen der ebene Boden die Flucht erleichterte, wenn ſie dieſelbe für rathſam halten ſollten. So weit man bei dem Schimmer des Mondes entdecken konnte, der von Zeit zu Zeit aus den ſchweren Wolken hervorblickte, war das Ausſehen dieſer Perſonen nicht beſonders vortheilhaft. Hohle Züge, mit den Merkmalen des Verbrechens und der Ausſchweifung bezeichnet, wilde, unſtäte Augen, un⸗ geſchorne Bärte, ungekämmtes Haar bildeten ihre charak⸗ Auriol. 1. Band. 3 teriſtiſchen Kennzeichen, während ſchmutzige und zerriſſene Kleider, Schuhe ohne Sohlen und alte zuſammenge⸗ drückte Hüte ihren Aufzug vollſtändig machten. Der Eine war groß und hager, mit großen Hän— den und Füßen; aber ungeachtet ſeiner Magerkeit beſaß er offenbar große Stärke; der Andere war beträchtlich kleiner, aber breitſchulterig, ſäbelbeinig, langarmig und im Ganzen ein furchtbarer Gegner. Dieſer Menſch hatte hohe Backenknochen, eine lange gebogene Naſe und einen unförmlichen Mund und Kinn, worin das Thieriſche ſehr vorherrſchend war. Er hatte einen ſtruppigen rothen Bart, ſandfarbiges Haar, weiße Augenbrauen und Wim⸗ pern. Das Geſicht des Anderen war düſter und ab⸗ ſtoßend, und in Folge der Unmäßigkeit mit Flecken über— ſcet. Seine Augen hatten einen ſcheelen und boshaften Blick. Ein blutbeflecktes Taſchentuch, welches er um ſeine Stirn gebunden hatte, bildete einen ſeltſamen Ge⸗ genſatz zu ſeinem verwirrten ſchwarzen Haar und erhöhte noch' die Wildheit ſeines Ausſehens. Der Kleinere trng einen Hammer auf der Schulter und ſein Begleiter ver⸗ barg Etwas unter ſeinem Rocke, was, wie ſich ſpäter zeigte, eine Blendlaterne war. 3 Kein Wort wurde zwiſchen ihnen gewechſelt; aber ſich lebhaft umſehend, gingen ſie mit raſchen, ſchleppen⸗ den Schritten weiter. Es kam ein Geräuſch von dem Ufer des Fluſſes her, und von Zeit zu Zeit hörte man ein Plätſchern im Waſſer oder einen entfernten Zuruf, was das Vorüberfahren eines Bootes andeutete; aber im Allgemeinen war Alles todtenſtill. Die ſeltſamen, — W ——— NM —— holländ kiße ausſehenden Gebände am entgegengeſetzten Ufer, die Reihe von eburken und Lichterfahrzengen, die am Strande lagen, die großen Holz- und Kohlen⸗ höfe, die Brauhäuſer, die Gaswerke, die Waſſerkünſte, waren nur undeutlich zu unterſcheiden; aber das licht fiel deutlich auf den Palaſt zu Lambeth und d benachbarte Kirche. Derſelbe Schimmer lief wie ſilbernes Band über den Strom und zeigte das große, finſtere, feſtungsartige Zuchthaus— vielleicht das am unheimlichſten zushd⸗ Bauwerk in der ganzen Haupt⸗ ſtadt. Die Welt von Wöhurnßes jenſeits dieſes düſte⸗ ren Gefängniſſes war in Dunkelheit begraben⸗ Die bei⸗ den Männer aber dachten nicht an dieſe Dinge und ſahen auch Nichts davon, als ſie aber einige hundert Schritte von der Brücke entfernt waren, verließen ſie in Folge früherer Verabredung die Straße, ſprangen über eine Einzäunung, liefen über ein Feld und in eine Vertie⸗ fung, die von einer ausgetrockneten Grube gebildet wurde, wo ſie auf einen Augenblick Halt machten. „Du wirſt mich in dieſer Sache nicht hintergehen wollen, Tinker?“ fragte der Kleinere.„Der Kerl wird doch gewiß kommen?“ „Ei, Du wirſt doch nicht erwarten, daß ich einen Andern einſtehen ſoll, Sandman,“ verſetzte Andere;„wenn man aber ſeinem eigenen Worte glanben darf, ſo wird er gewiß hier ſein. Ich hörte ihn ſo deutlich ſagen, wie ich Dich ſprechen höre:„„Ich will morgen Nacht um dieſelbe Stunde hier ſein.““ „Und das war um ein Uhr?“ ſagte Sandman. 3* [d — „So ungefähr,“ verſetzte der Andere. „Und zu wem ſagte er das?“ fragte Sandman. „Zu ſich ſelber, vermuthe ich,“ antwortete Tinker; „denn, wie ich Dir ſchon ſagte, konnte ich Niemand bei ihm bemerken.“ „Glaubſt Du, daß er Einer pon unſexer Profeſſion iſt?“ fragte Sandman. „O nein— das iſt er nicht,“ entgegnete Tinker, „Er iſt ein feiner Herr.“ „Das iſt kein Grund,“ ſagte Sandman.„Man⸗ cher feine Herr pfuſcht uns ins Handwerk. Aber er kann nicht bei Sinnen ſein, in ſolch ein Haus zu kom⸗ men und zu leben, wie Du ſagſt.“ „Davon weiß ich Nichts,“ entgegnete Tinker;„und es liegt nicht viel daran, denn es iſt nicht unſere Sache.“ „Freilich nicht,“ verſetzte Sandman,„wenn Du nur gewiß biſt, daß es nicht ſein Geiſt war, Tinker. Ich habe gehört, daß es hier nicht richtig iſt; und ob⸗ gleich ich keinen lebendigen Menſchen fürchte, ſo iſt doch ein Geiſt ein anderer Kunde.“ „Nun, Du wirſt finden, daß unſer Mann wahres Fleiſch und Blut iſt,“ verſetzte Tinker.„So komm denn und laß Dich nicht von Erzählungen alter Weiber ſchrecken.“ Hierauf kamen ſie aus der Grube hervor, gingen über den unteren Theil des Feldes und traten in eine enge Gaſſe, die von wenigen einzelnen Häuſern beſetzt war und ſie zur Vauthallſtraße führte. Hier hielten ſie ſich auf der Seite der Straße, die am meiſten im Schatten lag, und gingen hinüber, wenn ſie zu einer Laterne kamen. Endlich ſah man zwei Wächter von der Belvoirterraſſe herunterkommen, und als dieſe ſich näherten, ſchlichen die Schurken in einen Gang, um ſie vorüber zu laſſen. Sobald die Küſte wieder frei war, wagten ſie ſich wieder hinaus, verdop⸗ pelten ihre Schritte und gelangten zu einer Reihe ver⸗ laſſener und verfallener Hänſer. Dies war ihr Beſtim⸗ mungsort. Dieſe Reihe von Häuſern, mehr als ein Dutzend an der Zahl, theilte das Schickſal der meiſten Gebäude, die ſich in ähnlicher Lage befinden. Sie waren in einem traurigen, verfallenen Zuſtande— ohne Dach, ohne Fenſter und Fußböden. Die bloßen Wände hatte man allein nur ſtehen laſſen und dieſe waren in einer ſehr verfallenen Lage. Dieſe vernachläſſigten Wohnungen dienten zur Aufbewahrung von altem Eiſen, Stein und Holzblöcken und anderen ſchweren Gegenſtänden. Das Ausſehen des ganzen Orts war ſo unheimlich und ver⸗ dächtig, daß die Fußgänger ihn gewöhnlich nach Anbruch der Nacht vermieden. An den kahlen Wänden fortſchleichend, blieb Tin⸗ ker, der jetzt ein wenig voraus war, vor einer Thür ſtehen, ſtieß ſie auf und trat in das Gebände. Sein Begleiter folgte ihm. ————— —— Die außerordentliche und widerſprechende Verei⸗ nigung von Gegenſtänden, die Sandman erblickte, ver⸗ eint mit dem verlaſſenen Ausſehen des Ortes, machte Eindruck auf ſeine abergläubiſche Gemüthsart. Sich umſehend, erblickte er ungeheure Mühlſieine, Waſſerräder, Dampfkeſſel von Dampfmaſchinen, eiſerne Gefäße, Cylinder, Krahne, eiſerne Pumpen von der ſeltſamſten Form, eine rieſenhafte hölzerne Waagſchaale, alte eiſerne Reife, alte Keſſel, alte Gasröhren, alte Waſſerröhren, geriſſene alte Glocken, alte Vogelkäfige, alte eiſerne Platten, alte Winden, Taue und roſtige Ketten aufgehäuft und in der ſeltſamſten Unordnung durch einander geworfen. In der Mitte dieſer chaotiſchen Maſſen erhob ſich drohend der bärtige und koloſſale Kopf eines Neptun, der einſt das Vordertheil eines Kriegsſchif⸗ fes geziert hatte. Darüber lag auf einem Gitterwerk die Statur einer Nymphe, nebſt einer Büſte von Fox, der man die Naſe halb ab und die Angen ausgeſchlagen hatte. Ueber dieſen legten drei Gartengottheiten freund⸗ ſchaftlich ihre Köpfe zuſammen. Zur Linken ſtand ein großer griechiſcher Krieger, nur fehlte ihm der Kopf und die rechte Hand. Das Ganze überragte ein ungeheurer Ventilator, auf das Ende einer eiſernen Stange geſteckt, die ſich gleich einem Blitzubleiter aus der Pumpe der Dampfmaſchine erhob. Bei dem wechſelnden Lichte des Mondes geſehen, brachten die verſchiedenen oben aufgezählten Gegenſtände eine ſeltſame Wirkung auf die Einbildungskraft des Be⸗ ſchauers hervor. Sie hatten zugleich etwas Schreckliches nnd Groteskes an ſich. Auch war das Gebäude ſelbſt nicht ohne einen gewiſſen Einfluß auf den Geiſt. Das verfallene Mauerwerk, mit Unkraut überwachſen, nahm die Geſtalt eines menſchlichen Geſichtes an und ſchien ein wachſames Auge auf Alles zu richten, was unten vorging. Zwei Planken gewährten das Miltel, von der einen Seite des Gebändes zu der andern zu gelangen, ohne in das Gewölbe hinunter zu ſteigen, obgleich der Ueber⸗ gang gefährlich ſchien, da die Mauer an der entgegen⸗ geſetzten Seite einige Fuß höher war, als die andere, und die Planken beträchtlich geneigt waren. Sich einen Augenblick lang umſehend, ſprang Tin⸗ ker in den Keller, öffnete die Laterne und zeigte einen Schlupfwinkel zwiſchen einem Holzſtoß und einem Daupfkeſſel, wohin er ſeinen Begleiter zu kommen auf⸗ forderte. Sandman ſprang auch hinnnter. „Das Bier, welches ich in den beiden Kampfhäh⸗ nen getrunken, hat mich ſchläfrig gemacht, Tinker,“ ſagte er, indem er ſich auf dem Holz ausſtreckte;„ich will ein Schläſchen halten. Wecke mich, wenn ich ſchnarche— oder wenn unſer Geiſt erſcheint.“ Tinker willigte ein und der Andere war eben ſeiner ſelbſt unbewußt geworden, als er einen Stoß in die Seite erhielt und ſein Kamerad ihm zuflüſterte: Da iſt ers⸗ —— „Wo— wo?“ ſagte Sandman mit einiger Furcht „Blicke auf, und Du wirſt ihn ſehen,“ verſetzte der Andere. Seine Stellung ein wenig verändernd, erblickte Sandman eine Figur, die über ihnen auf den Planken ſtand. Es war die eines jungen Mannes. Er hatte ſeinen Hut abgenommen und ſeine Züge, dem vollen Lichte des Mondes ausgeſetzt, waren todtenblaß hatten, wenn gleich ſchön, einen unheimlichen Ausdru Er war groß, ſchlank und wohlproportionirt, u* Schnitt ſeiner Kleidung, der feſt zugeknöpfte Rock mi tit einer Knopfreihe, nebſt dem Schnurrbart auf ſeiner Ober⸗ lippe, gab ihm ein militäriſches Anſehen. „Er ſcheint im Schlaf zu wandern,“ murmelte Sandman.„Er ſpricht mit einem unſichtbaren Weſen.“ „Still, ſtill!“ flüſterte der„Laß uns ören, was er ſagt.“ „Warum habt Ihr mich hierher gebracht?“ rief der junge Mann mit ſo hohler Stimme, daß die Zu⸗ hörer dabei erbebten.„Was iſt zu thun?“ „Es macht mein Blut kalt, ihn zu hören,“ flü⸗ ſterte Sandman.„Was mag er wohl ſehen?“ „Warum redet Ihr nicht mit mir?“ rief der iunge Mann.„Warum winkt Ihr mir, weiter zu gehen? Nun, ich gehorche. Ich will Euch folgen.“ Und er ſchritt langſam über die Planke. „Sieh, er geht durch jene Thür,“ rief Tinker. „Laß uns ihm folgen.“ —5 M *—— ——————— — „Es gefällt mir nicht ganz,“ verſetzte Sandman, deſſen Zähne vor Furcht klapperten.„Wir werden Et⸗ was ſehen, was uns von Sinnen bringt.“ WPah!“ rief Tinker,„Es iſt nur ein Nachtwand⸗ ler. Was fürchteſt Du?“ Hierauf ſprang er auf die Planken, ſah vorſichtig zu der offenen Thür hinaus und betterkte, wie der Ge⸗ genſtand ſeiner Verfolgung durch ein zerbrochenes Fenſter in das benachbarte Haus ſtieg. Sandman, der dicht hinter ihm folgte, ein Zeichen gebend, ſchlich Tinker auf allen Vieren weiter und rich⸗ tete ſich, als er das Fenſter erreichte, ſo weit auf, daß er in das Innere des Gebäudes ſehen konnte. Aber gerade war der Mond verdunkelt, ſo daß er Nichts weiter unter⸗ ſcheiden konnte, als die düſteren Umriſſe der verſchiede⸗ nen Gegenſtände, womit der Ort angefüllt war, die faſt von derſelben Art waren, wie die in dem benach⸗ barten Gebände. Er horchte aufmerkſam, aber nicht das geringſte Geräuſch drang zu ſeinen Ohren. Nachdem er ſo einige Zeit hingebracht hatte, be⸗ gann er zu fürchten, der junge Mann müſſe ſich ent— fernt haben, als plötzlich ein durchdringender Schrei durch das Gebände ertönte. Ein ſchwerer Gegenſtand fiel mit donnerndem Krachen zu Boden, und es näher⸗ ten ſich Fußtritte dem Fenſter. Haſtig zu ihrem früheren Schlupfwinkel zurückeilend, hatten Tinker und ſein Kamerad kaum denſelben erreicht, als der junge Mann wieder auf der Planke erſchien. —— — — 8 — Es war eine furchtbare Veränderung in ſeinem Weſen vorgegangen. Er ſchwankte mehr, als er ging, und ſein Geſicht war noch bläſſer, als vorher. Als er die Planke überſchritten hatte, ging er auf der Höhe der zerbroͤchenen Mauer auf die Thür zu. „Nun, Sandman!“ rief Tinker.„Jetzt iſt es Zeit!“ Der Andere nickte, ergriff mit tödtlicher und ent⸗ ſchloſſener Abſicht ſeinen Hammer, ſprang geräuſchlos auf die Mauer und holte ſein Schlachtopfer ein, ehe es die Thür erreichte. Der junge Mann, der unten ein Geränſch hörte, wendete ſich um und wurde erſt Sandman's Gegenwart gewahr, als der Hammer auf ſeinen Kopf fiel und ihn bewußtlos zu Boden ſchmetterte. „Das Werk iſt gethan!“ rief Sandman ſeinem Gefährten zu, der angenblicklich mit der Blendlaterne herbeikam.„Wir wollen ihn hinuntertragen und aus⸗ plündern.“ „Gut,“ verſetzte Tinker;„aber vorher laß uns ſehen, was er in ſeinen Taſchen hat.“ „Herzlich gern,“ verſetzte Sandman, die Kleider des Schlachtopfers durchſuchend.„Ein Taſchenbuch!— Ich hofſe, es wird gut gefüllt ſein. Wir wollen es unten weiter unterſuchen. Der Körper würde uns ver⸗ rathen, wenn zufällig Jemand hereinſähe.“ „Wollen wir ihn hier ausziehen?“ ſagte Tinker. „Nun, bei der Laterne ſieht man erſt, wie koſtbar er gekleidet iſt.“ ——— — M — „Willſt Du, daß man uns entdecken ſoll, Du Thor?“ rief Sandman in das Gewölbe ſpringend. „Lange mir ihn hier herunter.“ Hierauf legte er die Beine des verwundeten Man⸗ nes über ſeine Schulter und war im Begriff, von ſei⸗ nem Kameraden unterſtützt, den Körper hinunterzulaſſen, als die Thür plötzlich aufgeriſſen wurde und ein rüſtiger Mann, von zwei Wächtern begleitet, erſchien. „Da ſind die Schurken!“ rief der Eintretende. „Sie haben einen Herrn ermordet. Ergreift ſie er⸗ greift ſie!“ Und während er ſprach, ſchoß er eine Piſtole ab, deren Kugel an Tinkers Ohr vorüberpfiff. Ohne auf einen zweiten Gruß ähnlicher Art zu warten, der vielleicht ſeinem Ziele näher gekommen wäre, ſtieß der Schurke die Laterne in das Gewölbe und ſprang Sandman nach, der ſchon verſchwunden war. Mit den Verwickelungen des Orts bekannt, führte Tinker ſeinen Kameraden durch eine Höhle in ein an— ſteßendes Gewölbe, wo ſie eine Mauer erkletterten, in das nächſte Haus ſtiegen und durch ein offenes Fenſter entflohen, während die Wächter unter dem Holz und Eiſen vergebens nach ihnen ſuchten. „Hier, Wächter!“ rief der rüſtige Mann, der ſie geführt hatte;„laßt die Schurken jetzt nur, und helft mir, dieſen armen jungen Herrn in mein Haus zu tra⸗ gen, wo er gehörigen Beiſtand erhalten kann. Er ath⸗ met noch, hat aber einen ſchweren Schlag auf den —————— — Kopf erhalten. Ich hoffe, ſein Schädel iſt nicht zer⸗ brochen.“ „Es iſt zu hoffen, Herr Thorneycroft,“ verſetzte der erſte Wächter;„aber dies waren zwei verzweifelte Charaktere, wie man ſie nur ſieht, und zu jeder Grau⸗ famkeit fähig.“ „Welch ein entſetzlicher Schrei war das,“ rief Herr Therneyeroſt.„Ich war gewiß, daß etwas Schreck⸗ liches vorgehe. Es war ein Glück, daß ich noch nicht zu Bett war, und noch mehr, daß Ihr gerade zu der Zeit herbeikamet. Aber wir dürfen nicht hier ſtehen und plaudern. Folgt mir mit dem jungen Herrn.“ Herr Thorneyeroft ging voran und die beiden Wächter trugen den Verwundeten über die Straße zu einem kleinen Hauſe, deſſen Thür von einer Die⸗ nerin mit einem Lichte in der Hand offen gehalten wurde. Das arme Weib ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus, als der Körper hereingebracht wurde. „Schreie nicht ſo, Peggy,“ rief Thorneyeroft, „ſondern geh und hole mir ein wenig Branntwein. Hier, Wächter, legt den armen jungen Herrn auf das Sopha nieder— ſo, ſachte, ſachte, und nun laufe einer von Euch nach Wheelerſtreet und hole Herrn Ho⸗ well, den Wundarzt. Weniger Lärm, Peggy, weniger Lärm, oder Du weckſt Miß Ebba, und ich möchte ſie um die Welt nicht ſtören.“ Hierauf riß er dem Mädchen die Flaſche Brannt⸗ u —— wein aus der Hand, füllte ein Weinglas mit dem Ge⸗ tränk und goß es dem Verwundeten in den Mund. Es folgte ein gurgelnder Laut; dann ſtrengte er ſich einige Secunden lang heftig an, zu athmen und dann öffnete er die Augen. ————— S3 Zweites Kapitel. Der Hundeliebhaber. Die Halunkenburg! Wer hat Saint Giles auf dem Wege zur City oder zurück paſſirt, und nicht einen Blick gethan durch eine enge Oeffnung auf die ſchmutzi⸗ gen Wohnungen, und auf die elenden und verworfenen Bewohner? Wer iſt nicht von Erſtaunen ergriffen wor— den, daß man einen ſo entſetzlichen Schlupfwinkel des Laſters und Verbrechens gleich einem Geſchwür, welches fähig iſt, das ganze Syſtem anzuſtecken, im innerſten Her⸗ zen der Hauptſtadt geduldet hat? In der letzten Zeit hat der Fortſcheitt der Verbeſſerung die Entfernung veranlaßt; aber es iſt fraglich, ob irgend ein weniger dringender Beweggrund den Mißbrauch beſeitigt haben würde. Seit Jahren wurde das Uebel gefühlt und darüber geklagt, aber keine Anſtrengung unternommen, demſelben abzuhelfen — — oder dieſe ärgſten Angiasſtälle zu reinigen. Da der Ort jetzt zum Theil, wenn auch nicht gänzlich, hinwegge⸗ räumt iſt und eine breite und luftige Straße durch die Mitte dieſer ſchmutzigen Höhlen führt, ſo dürfte eine kurze Beſchreibung des Ortes hier am Platze ſein. In eine enge Gaſſe, von Pfoſten und Drehkrenzen geſchützt, nur wenige Schritte von einer belebten Straße, eintretend, gelangte man in eine furchtbare Region, die, wie man leicht bemerken konnte, der Zufluchtsort der Hälfte der geſetzloſen Charaktere der Hauptſtadt war. Die roheſten Reden drangen dem Wanderer in die Oh⸗ ren und die ekelhafteſten Gerüche erfüllten ſeine Naſe. Wenn man mühſam ſeinen Weg durch die von Schmutz überfließenden Kanäle oder über modernde Hau⸗ fen von Schutt und Auſterſchalen fortſetzte, zeigten ſich alle die entſetzlichen Züge des Ortes. Es lag etwas Wildes und Maleriſches in dem Anblick, aber es war zu ekelhaft, um anders als mit Widerwillen betrachtet zu werden. Die Häuſer ſahen eben ſo ſchmutzig und von dem Ausſatze des Laſters überzogen aus, wie ihre Bewohner. Entſetzliche Wohnungen waren es in der That. Viele waren ohne Fenſter, und wo die Rahmen noch übrig waren, erſetzten braunes Papier oder Blech die Stelle des Glaſes; einige hatten auch keine Thüren, und man bemühte ſich nicht, den Schmutz im Innern zu verbergen. Im Gegentheil ſchien ſich derſelbe der Beob— achtung aufzudrängen. Elende Zimmer, faſt ohne alles Mobiliar, Fußböden und Wände mit Schmutz überzo— — gen oder mit groben Bildern bedeckt, ſchamloſe und aus⸗ ſchweifend ausſehende Weiber, Kinder ohne Schuhe und Strümpfe, kaum einen Lumpen auf dem Rücken— dies waren die vorzüglichſten Gegenſtände die ſich dem Blicke darſtellten. Es waren nur wenig Männer ſichtbar— ver⸗ muthlich waren die meiſten in Geſchäften aus; aber wo man einen einzelnen Mann ſah, war ſein unheimlicher Blick und ſein gemeiner Anzug völlig in Uebereinſtim⸗ mung mit dem Orte. So dicht bewohnt waren dieſe elenden Wohnungen, daß jedes Zimmer vom Dache bis zum Keller mit Menſchen angefüllt wal. Die per⸗ ſönliche Sicherheit verbot indeſſen den Verſuch, dieſe Labyrinthe weiter zu verfolgen; aber nach den gegebenen Proben konnte ſich die Phantaſie dieſelben leicht vorſtel⸗ len. Es war unmöglich, einen Schritt zu thun, ohne beleidigt oder beläſtigt zu werden. Jedes menſchliche Weſen ſchien herabgewürdigt und verwildert zu ſein, und die Weiber ſchienen gänzlich allen Anſtand verloren zu haben und erfüllten die Straße mit ihrem Geſchrei, ih⸗ ren Zänkereien und ihren Verwünſchungen. Die Keller erſchienen wie unheimliche Höhlen, die ein wildes Thier vermeiden würde. Es waren Leinen von einem Hauſe zum andern geſpannt, woran Kleider jeder Art hingen. Von der Hauptſtraße gingen mehrere Gaſſen und Gänge ab, die alle denſelben oder einen noch höheren Grad von Elend zeigten und von Bewohnern wimmelten. Man fühlte ſich förmlich erleichtert, aus dieſem Treib⸗ hauſe des Verbrechens wieder in die äußere Welt hin⸗ auszukommen und eine reinere Atmoſphäre zu athmen. e — „ S Wenn dies der Anblick der Halunkenburg bei Tage war, wie muß ſie ſich bei Nacht dargeſtellt haben, wo ſie von ihren ärgſten Bewohnern erfüllt war! Doch zu einer ſolchen Stunde müſſen wir jetzt in die innerſten Räume eintreten. Nachdem die beiden Schurken aus dem verfallenen Hauſe aus der Vaurhallſtraße entflohen waren, nahmen ſie ihren Weg nach Saint Giles, legten den größten Theil des Weges laufend zurück und erreichten die Haupt⸗ ſtraße gerade, als die Kirchenglocke zwei Uhr ſchlug. In einen engen Gang eilend und ohne auf die Hinder⸗ niſſe auf ihrem Wege zu achten, traten ſie in eine etwas weitere Querſtraße ein, die ſie eine kurze Strecke ver⸗ folgten und dann in einen Eingang traten, der ſie auf einen kleinen Hoſplatz führte, wo ſie ein zwerghaftes Weſen fanden, welches, in einen zerlumpten Wächtermantel ge⸗ hüllt, auf einem Schemel ſaß, eine Hornlaterne in der Hand und eine irdene Pfeife im Munde hielt, deren Gluth ſeine harten und verwitterten Züge erhellte. Dies war der Vicepförtner der Herberge, in welche ſie eintreten wollten. Ihn mit dem Namen Old Parr anredend, gin⸗ gen die Schurken an ihm vorüber, öffneten eine andere Thür und traten in eine Art von Gaſtzimmer, wo am anderen Ende ein helles Feuer brannte, über welchem ein großer kupferner Keſſel hing. An der einen Seite des Zimmers ſtand ein tannener Tiſch, um welchen ſich mehrere Männer mit unheimlichem Anſehen und ſchmutzi⸗ ger Kleidung verſammelt hatten und Karten ſpielten. Ein kleinerer Tiſch von demſelben Material ſtand in der Auriol. 1. Band 4 — ₰ Nähe des Feuers und gegenüber befand ſich eine Treppe, die zu den oberen Zimmern führte. Der Ort war düſter und äußerſt ſchmutzig. Der Fußboden war gewiß ſeit Jahren nicht geſchenert und die Wände beſchmutzt. In einem Winkel lag ein Knabe und ſchlief auf einem Haufen Kohlen und Cvaks. Er ſah ſo ſchwarz aus wie ein Schornſteinfeger. Dies war der Kellner. Das vorzüglichſte Licht gewährte eine Kerze, die auf einem Wandleuchter brannte. Vor dem Fener, ſeinen Rücken zu demſelben gewendet, ſtand ein bemer⸗ kenswerther Menſch, der eine Plüſchjacke mit elfenbei⸗ nernen Knöpfen, eine geſtreifte Weſte, braune Kniehoſen, ein verblichenes ſchwarzſeidenes Halstuch mit einer gro⸗ ßen Schleife und ein Paar alte Wellingtonſtiefel trug, die halb ſeine Beine hinaufreichten, die im Vergleiche zu ſeinem viereckigen und robuſten Oberkörper unverhältniß⸗ mäßig ſchwach waren. Sein Geſicht war breit, jovial und gutmüthig, ſeine Naſe flaſchenförmig, ſeine Lip⸗ pen fleiſchig, ſeine Augen hellgrau und von Liſt und Schelmerei funkelnd. Sein Haar, welches in langen Maſſen über ſeine Ohren und ſeinen Hals niederfiel, war röthlich, ſo wie auch ſein Bart. Ein überjähriger weißer Kaſtorhut, von einem ſchwarzen Bande umgeben, war an der einen Seite kühn aufgeſchlagen und verlich ihm ein verwegenes und jägerartiges Ausſehen. Sein eigenthüm⸗ licher Beruf wurde durch die Menge von Hunden, die er um ſich hatte, klar. Ein ſchöner ſchwarzbrauner Wachtel⸗ hund, von der Zucht Karl des zweiten, ſtreckte ſeine kurze ſtumpfe Naſe und ſeine langen ſeidenen Ohren aus — 5— jeder Rocktaſche. Einen Mops trug er im Buſen und einen auserleſenen Blenheim unter jedem Arme. Zu ſeinen Füßen ruhte ein Dachshund von der Inſel Sky und ein halbgeſchorener franzöſiſcher Pudel, ſchneeweiß und ein rothes wollenes Band um den Hals. Es wird kaum nöthig ſein, zu ſagen, daß dieſer Mann ein Hun⸗ deliebhaber, oder mit anderen Worten, ein Hundehänd⸗ ler und Hundedieb war und ſich auf alle mögliche Ränke verſtand, die mit dieſem betrügeriſchen Geſchäfte in Verbindung ſtehen. Seine wohlgefällige Miene gab zu erkennen, daß er ſich für einen hübſchen, geiſtreichen Mann hielt— und gewandt und ränkevoll war er auch ohne Zweifel, während ſeine drolligen, gutmüthig ſchei⸗ nenden, einnehmenden Manieren ihm ſehr behülflich wa⸗ ren, ſeine Kunden zu betrügen. Sein wirklicher Name war Taylor, aber ſeine Kameraden kannten ihn unter der Benennung Ginger. Als Sandman und Tinker eintraten, nickte er ihnen vertraulich zu und fragte mit ſchlauem Blicke: „Nun, meine Jungen, habt Ihr Glück gehabt?“ „Nicht viel,“ brummte Sandman. Und ſich an den Tiſch in der Nähe des Feuers niederſetzend, ſtieß er den Knaben an, welcher auf den Kohlen ſchlafend lag, und befahl ihm, einen Schoppen halb und halb zu holen. Tinker nahm neben ihm Platz und ſie erwarteten ſchweigend die Ankunft des Getränks, welches in wenigen Zügen geleert wurde, während Gin⸗ ger, welcher ſah, wie ſie beſchäftigt waren, mit ſeinen vierfüßigen Begleitern zu dem Kartentiſche ging. 4* —— „Und nun,“ ſagte Sandman, der ſeine Nengierde nicht länger bändigen konnte und das Taſchenbuch her⸗ vorzog,„wollen wir ſehen, was das Glück uns gege⸗ ben hat.“ Mit dieſen Worten öffnete er das Taſchenbuch, während Tinker ſich mit lebhafter Neugierde über ihn neigte. Aber ihr Suchen nach Geld war vergebens— nicht eine einzige Banknote kam zum Vorſchein. Es waren mehrere Notizen und Papierſtreifen, einige Karten und ein Kalender von dem Jahre darin— das war Alles. Es war eine große Täuſchung. „So haben wir alſo alle dieſe Mühe umſonſt ge⸗ habt, und wären obendrein beinahe erſchoſſen worden,“ rief Sandman, das Buch mit einem Fluche auf den Tiſch niederwerfend.„O ich wollte ich hätte die Sache nie unternommen.“ „Laß uns die Hoffnung noch nicht ſo bald aufge⸗ ben,“ verſetzte Tinker.„Es läßt ſich vielleicht noch Etwas aus der Sache machen. Laß uns die Papiere anſehen.“ „Sieh ſie ſelber an,“ verſetzte Sandman, das Buch zu ihm hinüber ſchiebend.„Ich habe genug da⸗ von. Hier, träger Kerl, bringe zwei Gläſer Grog— ſtark, hörſt du?“ Während der ſchläfrige Junge ſich anſtrengte, den erhaltenen Befehlen zu gehorchen, las Tinker die ſämmt⸗ lichen Notizen in dem Taſchenbuche und begann darauf alle darin enthaltenen Papierſteifen genau zu prüfen. Nicht zufrieden, ſie einmal zu leſen, ſah er ſie alle wie⸗ der an und rieb ſich mit großer Freude die Hände. — 53— „Was giebt's?“ rief Sandman, der ſich eine ir— dene Pfeife angebrannt hatte und ganz ruhig daraus rauchte.„Was haſt Du gefunden?“ „Ei, die Sache iſt dieſe,“ verſetzte Tinker, der ſeine Freude nicht verbergen konnte,„es ſind Geheim⸗ niſſe in dieſem Taſchenbuche enthalten, die für uns hun⸗ dert Pfund und mehr werth ſind. Wir haben unſere Mühe nicht umſonſt gehabt.“ „Das iſt mir lieb!“ ſagte Sandman, ihn ſcharf anſehend.„Welche Art von Geheimniſſen iſt es?“ „Nun, Geheimniſſe, die ihn an den Galgen brin⸗ gen können,“ ſagte Tinker mit geheimnißvollem Nach⸗ druck.„Er ſcheint ein entſetzlicher Kerl zu ſein und das Morden im großen Maßſtabe getrieben zu haben.“ „Im großen Maßſtabe!“ wiederholte Sandman, die Pfeife aus dem Munde nehmend.„Das klingt ent⸗ ſetzlich. Aber welch ein koſtbarer Eſel muß er ſein, ſo ſeine Verbrechen niederzuſchreiben!“ „Er erwartete nicht, daß das Taſchenbuch in un⸗ ſere Hände fallen würde,“ ſagte Tinker. „Wahrſcheinlich nicht,“ entgegnete Sandman;„aber Jemand anders konnte es ſehen. Ich wiederhole, er muß ein Thor ſein. Wie wäre es, wenn wir Alles aufzeichneten, was wir thun. Da würden viel Zeug⸗ niſſe gegen uns ſprechen, wenn unſere Rechnung abge⸗ ſchloſſen würde.“ „Unſere Sache iſt eine ganz andere,“ verſetzte Tin⸗ ker.„Dies ſcheint eine ſehr geheimnißvolle Perſon zu ſein. Wie alt, denkſt Du, iſt er?“ „Nun, fünf und zwanzig nach ſeinem Ausſehen,“ verſetzte der Andere. „Fünf und ſechzig würde der Wahrheit näher kom⸗ men,“ entgegnete Tinker.„Es ſind hier Notizen, die ſo alt ſind.“ „Fünf und ſechzig Teufel!“ rief Sandman;„es muß eine Irrung in der Rechnung ſein.“ „Nein, es iſt Alles klar und regelmäßig,“ ent⸗ gegnete der Andere;“ und das ſcheint noch nicht das Ende davon zu ſein. Ich habe die Papiere zweimal angeſehen, und eines, welches 1780 datirt iſt, bezieht ſich auf andere Documente.“ „Da müſſen ſie von ſeinem Großvater herrühren,“ ſagte Sandman,„s iſt unmöglich, daß ſie ſich auf ihn beziehen können.“ „Aber ich ſage Dir, ſie beziehen ſich auf ihn,“ ſagte Tinker ein wenig ärgerlich, als ſeine Behauptung gelengnet wurde,„wenigſtens, wenn man ſein Wort als wahr annehmen kann. Auf jeden Fall ſind dieſe Pa⸗ piere ſchätzbar für uns. Wenn Niemand anders daran glaubt, iſt es klar, daß er ſelber daran glaubt und ftoh ſein wird, ſie uns abzukaufen.“ „Das iſt eine Anſicht von der Sache, die eines Rechtsgelehrten von Old Bailey würdig iſt,“ ſagte Sandman.„Wie iſt der Name des Herrn?“ „Der Name auf der Karte iſt Auriol Darey,“ verſetzte Tinker. „Und die Adreſſe?“ fragte Sandman. Tinker ſchüttelte den Kopf.— 1 e. 5— „Das trifft ſich wieder unglücklich,“ ſagte Sand⸗ man.„Iſt da kein Fingerzeig zu finden?“ „Durchaus keiner, ſo viel ich bemerken kann;“ ſagte Tinker. „Zum Henker! da wären wir gerade ſo weit, wie vorher,“ rief Sandman.„Aber es thut Nichts. Es iſt nicht viel Wahrſcheinlichkeit vorhanden, einen Han⸗ del mit ihm zu machen. Der Schlag, den ich ihm auf den Schädel gab, hat das Seine gethan.“ „Denke nicht daran,“ verſetzte Tinker.„Er wird immer von jedem Unfalle wieder hergeſtellt.“ „Immer wieder hergeſtellt!“ rief Sandman mit Erſtaunen.„Dann muß er eine gute Conſtitution ha⸗ ben.“ „Es iſt überraſchend!“ verſetzte Tinker;„er leidet nie an Verletzungen— oder wenigſtens nicht viel, wird niemals alt und erwartet nie zu ſterben, denn er er⸗ wähnt, was er hundert Jahre ſpäter zu thun beabſich⸗ tigt.“ „O! er iſt ein Mondſüchtiger!“ rief Sandman, „ein vollkommener Mondſüchtiger, und das erklärt es, daß er das verfallene Haus beſuchte und ſich einbildete, er höre Jemand, der mit ihm rede. Er iſt wahnwitzig, darauf kannſt Du Dich verlaſſen— das heißt, wenn ich ihn nicht kurirt habe.“ „Ich bin anderer Meinung,“ ſagte Tinker. „Und ich ebenfalls,“ ſage Ginger, der ſich unbe⸗ merkt genähert und den größten Theil ihrer Unterredung angehört hatte. „Ei, was weißt Du davon, Ginger?“ ſagie Sand⸗ man, ärgerlich aufblickend. „Ich weiß nur ſo viel,“ verſetzte Ginger,„daß Ihr einen guten Fang gethan habt, und wenn Ihr mich daran Theil nehmen laſſen wollt, ſtehe ich dafür ein, daß es Euch Etwas einbringen ſoll.“ „Mir wäre es recht,“ ſagte Sandman. „Und mir auch,“ fügte Tinker hinzu. „Nicht als ob ich dem, was Ihr da in den Pa⸗ pieren geleſen, viel Wichtigkeit beilegte,“ fuhr Ginger fort;„aber der Herr iſt offenbar halb, wenn nicht ganz wahnwitzig— aber er iſt gerade die Perſon, mit der man Etwas anfangen kann. Er glaubt unſterblich zu ſein, nicht wahr?“ „So iſt es,“ verſetzte Tinker. „Und er glaubt auch eine Menge Mordthaten be⸗ gangen zu haben?“ fuhr Ginger fort. „Eine große Menge,“ verſetzte Tinker. „Dann wird er gern dieſe Papiere um jeden Preis kaufen,“ ſagte Ginger.„Wir wollen hinſichtlich dieſes Taſchenbuchs mit ihm handeln, wie ich um einen Hund handle, indem ich einen Preis für ſeine Zurückgabe ſtelle!“ n „Wir müſſen ihn vorher auffinden,“ ſagte Sand⸗ man. „Das kann nicht ſchwer ſein,“ verſetzte Ginger. „Ihr müßt Euch beſtändig nach ihm umſehen. Er wird Euch doch einmal begegnen.“. „Das iſt wahr,“ verſetzte Sandman;„und es iſt nicht zu fürchten, daß er uns kennen wird; denn in demſelben Augenblick, als er ſich umſah, verſetzte ich ihm einen Schlag auf den Kopf.“ „Am Ende iſt keine Geſchäftsbranche ſo ſicher wie die Deinige, Ginger,“ ſagte Tinker.„Das Geſetz iſt Dir günſtig und der Häſcher fürchtet ſich, Dich anzu⸗ rühren. Ich denke, ich will ſelber Hundeliebhaber wer⸗ den.“ „Es iſt ein gut Geſchäft,“ verſetzte Ginger;„aber es iſt Erziehung dazu nöthig. Was ich ſagen wollte, wir erhalten zuweilen einen hohen Preis, indem wir einen Lieblingshund zurückgeben, beſonders wenn wir es mit einer weichherzigen Dame zu thun haben. Es giebt Frauen, die die Hunde eben ſo ſehr lieben, wie die eigenen Kinder, und wenn wir einen von ihren koſtba⸗ ren Lieblingen habhaft werden, ſo müſſen ſie ſie aus⸗ löſen, wie die Straßenräuber es mit ihren Gefangenen machen, die wir auf dem Adelphi⸗ oder dem Surey⸗ theater ſehen, indem wir drohen, zuerſt ein Ohr, eine Pfote, den Schweif und ſo weiter zu ſchicken. Ich will Euch erzählen, was neulich geſchah. Da war eine Dame— eine Miß Vite— die verzweifelt vernarrt in ihren Hund war. Es war ein garſtiger Wurm, aber es ſchadete nicht— das Geſchöpf hatte ihr Herz gewon⸗ nen. Sie verlor ihn alſo, und auf die eine oder die andere Art fand ich ihn. Sie war in großer Verlegen⸗ heit und ein Freund von mir geht zu ihr und ſagt, ſie könne den Hund wieder haben, aber ſie müſſe acht Pfund dafür zahlen. Sie hält dies für theuer, und ein Freund — 8— von ihr räth ihr zu warten,— man werde ſchon bil⸗ ligere Bedingungen machen. Da laſſe ich ihr durch meinen Freund ſagen, wenn ſie nicht ſogleich zahle, würde dem armen Thier noch in der Nacht die Kehle abgeſchnitten.“ „Ha! ha! ha!“ lachten die Andern. „Gut, ſie ſchickt vier Pfund, und ich gebe mich damit zufrieden,“ fuhr Ginger fort;„aber einen Mo⸗ nat ſpäter verliert ſie ihren Liebling wieder, und ſelt⸗ ſam genug finde ich ihn zum zweitenmal. Daſſelbe Spiel wird wieder geſpielt und ſie blecht wieder vier Pfund. Aber diesmal trägt ſie Sorge, daß ich den Streich nicht wiederholen kann; denn ſobald ſie ihren Liebling wieder hat, fährt ſie im Dampſſchiff nach Frank⸗ reich, in der Hoffnung dort ihren Hund zu behalten.“ „H! Miß Bailey! Unglückliche Miß Bailey!“ ſang Tinker. „Aber es giebt auch Hundeliebhaber in Frankreich, nicht wahr?“ fragte Sandman. „Ei gewiß,“ verſetzte Ginger;„es giebt ebenſo viele Hundeliebhaber in Frankreich wie hier. Wir trei⸗ ben ein hübſches Geſchäft mit ihnen vermöge der frem⸗ den Dampſſchiffe. Kaum fährt ein Schiff aus dem Haſfen von London ab, ohne eine Ladung von Hunden mitzunehmen. Wir verkaufen ſie billig an die Matroſen und Schiffsjungen, und es wird keine Frage gethan. Sie gehen nach Oſtende, Antwerpen, Rotterdam, Ham⸗ burg und zuweilen nach Havre. Da iſt ein Herr Coq⸗ quilu, welcher herüber kommt, um Hunde zu kaufen, und NM— n. nd wir bringen ſie ihm in ein Haus in der Nähe von Billingsgate.“ „So ſeid Ihr alſo immer gewiß, Eure Waare gut anzubringen,“ bemerkte Sandman. „Gewiß,“ verſetzte Ginger,„da das Geſetz ſo mild gegen uns iſt. Ein Polizeimann kann uns nicht feſthalten, wenn er auch weiß, daß wir einen geſtohlenen Hund in unſerm Beſitze haben; und doch würde er Euch in einer Minute feſthalten, wenn er Euch mit einem verdächtig ausſehenden Bündel unter dem Arme ſähe. Um Euch nun die Verſchiedenheit zwiſchen den beiden Gewerben zu zeigen, will ich nur ſoviel ſagen: Ich ſtehle einen Hund, der vielleicht funfzig Pfund oder mehr werth iſt. Wenn ich bei der That ertappt werde, kann ich zu einer Geldſtrafe von zwanzig Pfund oder zu ſechs Monaten Gefangenſchaft verurtheilt werden; während, wenn Ihr ein altes Taſchentuch ſtehlt, wel⸗ ches kaum drei Pfennige werth iſt, Ihr ganz gewiß auf ſieben Jahre in's Ausland geſchickt werdet.“ „Das ſcheint ſehr hart gegen uns zu ſein,“ be⸗ merkte Sandman nachdenkend. „Es iſt das Geſetz!“ rief Ginger triumphirend. „Wir entgehen gewöhnlich dadurch, daß wir die Geld⸗ ſtrafe zahlen, während unſere Kameraden ausgehen und mehr Hunde ſtehlen, um das Geld zuſammenzubringen. Wir ſtehen immer einander bei. Es iſt eine regelmäßige Organiſation unter uns; ſo können wir immer Zengen beibringen, um zu beſchwören, was wir wollen, und wir ſetzen die Richter ſo in Verwirrung, daß ſie die Zeugen 5— entlaſſen und der Konſtable ſagt:„„Welcher Partei ſoll ich den Hund geben, Eure Gnaden?““ Worauf der Richter antwortet, indem er ſeinen weiſen Kopf ſchüt⸗ telt:„„Gebt ihn der Perſon, in deſſen Beſitz Ihr ihn gefunden habt. Ich habe Richts weiter damit zu thun.““ Natürlich wird uns der Hund wieder ausgeliefert.“ „Das Geſetz ſcheint für Hundeliebhaber gegeben zu ſein,“ bemerkte Tinker. „Was denkt Ihr davon?“ fuhr Ginger fort.„Ich ſtand an der Ecke von Gray's Inn Lane mit einigen von meinen Kameraden in der Nähe eines Halteplatzes für die Kutſchen, als eine Dame mit ihrem Hunde vor⸗ über ging— ein ſchöner ächter langohriger Charley war es— und er folgte ihr. Gut, ſo wie ich ihn erſpähe, binde ich meine Schürze los, werfe ſie über den Hund und bedeckte ihn damit. Die Dame ſieht es und übergiebt mich einem Polizeimanne. Aber es hat Nichts zu bedeuten. Ich bringe ſechs Zeugen bei, welche beſchwören, daß der Hund mein war, und daß ich ihn in meinem Beſitze gehabt, ſeitdem er auf die Welt ge⸗ kommen; ja noch mehr, ich bringe ſeine Mutter herbei und das giebt der Sache den Ausſchlag. Ich werde alſo entlaſſen, der Hund mir ausgeliefert und die Dame geht klagend fort. Dann ſpiele ich den Liebenswürdigen und erbiete mich, ihr den Hund für zwanzig Guineen zu verkaufen, da ich ſehe, daß ſie ihn ſo ſehr liebge⸗ wonnen; aber ſie will nicht anbeißen. Wenn ich ihn alſo in der nächſten Woche nicht verkaufe, werde ich ihn an Herrn Coqquilu ſchicken. Der einzige Fall, wo es —— Einem ſchlecht gehen kann, iſt, wenn man einen Hund mit einem Halsbande ſtiehlt, denn, wenn man das thut, kann man zu ſiebenjähriger Deportation verurtheilt wer⸗ den für ein Stück Leder und ein meſſingenes Schild, welches keinen Schilling gekoſtet hat, während das Thier, welches vielleicht hundert Pfund werth iſt, uns Nichts ſchaden kann. Da haben wir das Geſetz wieder— ha, ha!“ „Das Hundeliebhabergeſetz!“ ſagte Sandman la⸗ chend. „Einige von unſren Kollegen ſind der Grauſamkeit ergeben,“ fuhr Ginger fort,„und ſchneiden einem Hunde die Ohren ab oder ziehen ihm die Zähne aus, um ihn unkenntlich zu machen, aber dazu liebe ich die Thiere zu ſehr. Zuweilen erſchrecke ich wohl die alten Damen, wie ich ſchon vorhin ſagte, aber ich thue ihren Lieblin⸗ gen nie Etwas zu Leide, auch tödtete ich nur einen Hund wegen ſeines Felles, wie Einige thun.“ „Und ich denke, Du biſt immer gewiß, einen Hund zu bekommen, wenn Du einen haben willſt?“ fragte Tinker. „Immer,“ verſetzte Ginger.„Keines Menſchen Hund iſt vor mir ſicher. Es iſt gleich, wie ſorgfäl⸗ tig er bewacht wird, wir bekommen ihn zuletzt im⸗ mer. Wir ziehen Erkundigungen bei den Dienern ein und bringen heraus, ob der Herr oder die Dame den Hund beſonders liebt und wer ihm zu freſſen giebt, und bald darauf iſt das Thier verſchwunden. Mit ein we⸗ nig Leber, die ich auf eine beſondere Weiſe zubereite, —— kann ich den wildeſten Hund, der je gebellt, zähmen, ihm die Kette abnehmen und machen, daß er mir nach⸗ rennt.“ „Und kaufen denn die anſtändigen Leute Hunde, von denen ſie wiſſen, daß ſie geſtohlen ſind?“ fragte Tinker. „Ei gewiß,“ verſetzte Ginger;„zuweilen Leute von den höchſten Ständen. Sie fordern uns ſelbſt dazu auf und ſagen:„Ich komme eben von Lord Soundſo, und da ſah ich ein Paar ſo ſchöne Wachtelhunde, wie mir nur je vor Augen gekommen. Ihr müßt mir ein Paar ſolche ſchaffen.“ Gut, wir verſtehen es in der Minute, und zu der beſtimmten Zeit finden die Hunde ihren Weg zu unſerm Kunden.“ „Ei! ſo wird es gemacht?“ fragte Sandman. „Ja das iſt das Verfahren,“ verſetzte Ginger. „Zuweilen wünſcht Jemand ein Paar Hunde für die Jagdzeit, und dann fragen wir:„„Wohin gehen Sie — nach Surrey oder nach Kent?““ Und nach der Ant⸗ wort, die wir erhalten, ordnen wir unſere Pläne an.“ „Dein Geſchäft ſcheint ein einträgliches und ſicheres zu ſein,“ ſagte Sandman. „So iſt es,“ verſetzte Ginger.„Man kann uns Nichts anhaben, bis die Hunde durch ein Statut für Eigenthum und das Stehlen derſelben für ein Vergehen erklärt wird. Und das wird noch nicht ſo bald geſche⸗ hen.“ „Wir wollen es hoffen,“ verſetzten die andern Beiden. „Um wieder auf die Sache zurückzukommen, von —— der wir vorher geſprochen,“ ſagte Tinker;„die Sache unſeres Herrn iſt nicht ſo überraſchend, wie ſie anfangs ſcheint. Es giebt mehr Perſonen, welche glauben, daß ſie nie ſterben werden— und ich glaube es auch. Da iſt unſer alter Vicepförtner, den wir Old Parr nennen — der behauptet zur Zeit der Königin Eliſabeth gelebt zu haben und erinnert ſich der Enthauptung des König Karl und der großen Feuersbrunſt, als wenn Beides erſt geſtern geſchehen wäre.“ „Unſinn!“ rief Ginger. „Du magſt lachen, aber es iſt dennoch wahr,“ verſetzte Tinker.„Ich erinnere mich, daß ein alter Mann mir ſagte, er habe Old Parr ſeit ſechzig Jahren gekannt und er habe damals gerade ſo ausgeſehen wie jetzt— weder älter noch jünger.“ „Hm!“ rief Ginger.„Er ſieht jetzt noch nicht ſo alt aus.“ „Das iſt das Auffallendſte von Allem,“ ſagte Tinker.„Er ſpricht nicht gern von ſeinem Alter, wenn man ihn nicht in gute Laune zu verſetzen weiß; aber er ſagte mir einſt, er wiſſe nicht, wie es komme, daß er ſo lange lebe, wenn nicht vielleicht davon, daß er einſt einen Trank verſchluckt habe, den ſein Herr gebraut, der zur Zeit der Königin Eliſabeth ein großer Zauberer geweſen.“ „Pah!“ rief Ginger.„Ich hielt Dich für einen zu geſcheuten Kerl, Tinker, um Dich von einem ſolchen Ammenmärchen täuſchen zu laſſen.“ „Laßt uns den alten Kerl hereinholen und mit ihm reden,“ verſetzte Tinker.„Hier, träger Burſche,“ fügte er hinzu, indem er den ſchläfrigen Knaben weckte,„geh und ſage Old Parr, wir wünſchen ſeine Geſellſchaſt bei einem Glaſe Grog.“ Drittes Kapitel. Die Hand und der Mantel. Gin wüthendes Bellen der Hunde des Herrn Gin⸗ ger verkündete bald nach der Entfernung des ſchläfrigen Jünglings die Annäherung eines grotesk ausſehenden Geſchöpfs, deſſen Schultern nur bis an die Tiſchplatte reichte. Dies war Old Parr. Der Kopf des Zwerges war viel zu groß für ſeinen Körper, wie es gewöhnlich bei zwerghaften Perſonen der Fall iſt, und mit einem Walde von ſchwarzem Haar bedeckt, worauf er eine ſeltſam geſtaltete Mütze trug. Seine Hände und Füße waren gleich unproportionirt und ſeine Arme ſo lang, daß er aufrecht ſtehend ſeine Knöchel berühren konnte. Sein Rückgrat war gekrümmt und ſein Kopf ſchien in ſeiner Bruſt begraben zu ſein. Der allgemeine Charak⸗ ter ſeines Geſichts ſchien dem mittlern Lebensalter anzu⸗ gehören; bei näherer Anſicht aber entdeckte man Spuren Auriol. 1. Band. 5 — ſehr hohen Alters. Die Naſe war breit und platt wie die eines Orangoutang, und die Aehnlichkeit mit jenem Thiere wurde noch erhöht durch eine lange Oberlippe, durch vorſpingende Backenknochen, ein ſehr kleines Kinn und eine zurückliegende Stirn. Die Geſichtsfarbe des kleinen Mannes war ſchwärzlich, aber ſeine Augen leb⸗ haft und funkelnd. Sein Anzug war ebenſo auffallend, wie ſeine Per⸗ ſon. Da er kürzlich den Doppelgänger eines berühmten Zwerges auf dem Surreytheater vorgeſtellt hatte, ſo war er zu dem Beſitze eines abgelegten lohfarbigen Beinklei⸗ des, eines elaſtiſchen Hemdes von demſelben Stoff und Farbe gelangt, an deſſen Aermeln kleine grüne fleder⸗ mausartige Flügel befeſtigt waren, während eine blut⸗ rothe Tunika um ſeinen Leib zugeſchnürt war. In die⸗ ſem ſeltſamen Aufzuge ſtellten ſich ſeine zwerghaften Glieder dar, indem ihm ein großer Mantel, der auf dem Boden nachſchleppte, noch mehr Wärme verlich. Als Ginger ſeine Hunde mit einiger Schwierigkeit zum Schweigen gebracht hatte, brach er in ein brüllen⸗ des Gelächter aus, welches durch das groteske Ausſehen des kleinen Mannes erregt wurde, und worin Tinker einſtimmte, während Sandman keine Muskel ſeines finſtern Geſichts verzog. Ihre Heiterkeit wurde aber plötzlich unterbrochen, indem der Zwerg in durchdringendem Tone fragte, ob man ihn nur habe rufen laſſen, um über ihn zu lachen. „Gewiß nicht, Alter,“ verſetzte Tinker.„Hier, träger Burſche, Grog für Alle.“ 5 — Der ſchläfrige Junge regte ſich, um den Befehl auszuführen. Der Rum wurde gebracht und Waſſer aus dem ſiedenden Keſſel hinzugegoſſen. Tinker reichte ſeinem Gaſte ein dampfendes Glas mit der höflichen Bitte, es ſich bequem zu machen. Dem Tiſche gegenüber, an welchem die Geſellſchaft ſaß, befand ſich, wie ſchon erwähnt, eine Treppe— alt und verfallen und nur unvollkommen von einem zer⸗ brochenen Geländer geſchützt. Halbwegs hinauf befand ſich eine ebenfalls verfallene Thür, aber mit einer Kette und einem Schloſſe verſechen, wozu Old Parr, als ſtellvertretender Pförtner, den Schlüſſel hatte. Jenſeits dieſes Punktes ging die Treppe rechts ab, und eine Reihe Treppenpfoſten war von unten ſichtbar. Endlich gelangte die Treppe zu einer kleinen Gallerie, wenn man einem ſchmalen Gange dieſe Benennung beilegen kann, die mit den Schlafzimmern in Verbindung ſtand, deren Thüren, als eine nothwendige Vorſicht, von au⸗ ßen verſchloſſen waren; und da man die Fenſter mit Gitterſtangen verſehen hatte, konnte Niemand ſein Zim⸗ mer ohne Wiſſen des Wirths oder ſeines Stellvertreters verlaſſen. In den Schlafzimmern und dem anſtoßenden Gange durfte man kein Licht haben. Durch Tinker's Anerbieten verſöhnt, ſtieg Old Parr die Treppe hinauf, ſtellte ſich vor die Thür, nahm ſeinen Mantel ab und ſetzte ſich darauf nieder. Da ſeine koboldartige Kleidung ſich ſo deutlicher zeigte, er⸗ ſchien er ſo überirdiſch und ſeltſam, daß die Hunde 5* — furchtbar zu bellen anfingen, und Ginger genug zu thun hatte, um ſie zu beruhigen. Als endlich die Ruhe wieder hergeſtellt war, winkte Tinker ſchlau ſeinen Kameraden zu und eröffnete die Unterhaltung. „Ich ſage, Vicepförtner,“ begann er,„wir haben einen kleinen Streit gehabt, den Ihr vielleicht ſchlich⸗ ten könnt. ⸗ „Nun, laßt hören,“ kreiſchte der Zwerg.„Was iſt es?“ „Es betrifft nur Euer Alter,“ verſetzte Tinker. „Wann wurdet Ihr geboren?“ „Es iſt ſo lange her, daß ich es nicht mehr weiß,“ entgegnete Old Parr mürriſch.* „Ihr müßt manche Veränderungen in Eurer Zeit erlebt haben?“ begann Tinker wieder, indem er wartete, bis der kleine alte Mann einige Fortſchritte mit ſeinem Grog gemacht hatte. „Das will ich meinen,“ verſetzte Old Parr, deſſen Zunge von dem edlen Getränk gelöſt wurde.„Ich habe dieſe große Stadt London niederreißen und wieder aufbauen ſehen— wenn das Etwas iſt. Ich habe ſie wachſen und wachſen ſehen, bis ſie endlich ihre gegen⸗ wärtige Größe erreichte. Ihr werdet es mir kaum glau⸗ ben, wenn ich Euch ſage, daß ich mich noch erinnere, daß dieſe unſere Halunkenburg ein freies Feld war, mit Hecken und Bäumen. Und ein lieblicher Ort war es! Saint Giles war zu jener Zeit, wovon ich rede, ein kleines Dorf und beſtand aus einigen einzelnen Häuſern, — die an der Landſtraße ſtanden, und es war nicht eine einzige Wohnung zwiſchen demſelben und Coventgarden, denn ſo hieß damals der gegenwärtige Marktplatz, wäh⸗ rend jener Garten, der mit Pfählen eingezäunt war, gleich einem Park, ſich von Saint Martins Lane bis Drurh Houſe, einem großen Herrenhauſe, erſtreckte, welches öſtlich von Drury Lane unter einem Wald von ſchönen Bäumen lag.“ „Meine Augen!“ rief Ginger mit lange gehalte⸗ nem Pfeifen;„der Ort muß ſich in der That ſehr ver⸗ ändert haben.“ „Wenn ich die Veränderungen beſchreiben wollte, die mit London vorgegangen, ſeitdem ich den Ort kenne, ſo könnte ich einen ganzen Monat reden,“ fuhr Old Parr fort.„Der ganze Anblick des Orts hat ſich ver⸗ ändert. Die Themſe ſelbſt gleicht der alten Themſe nicht mehr. Ihr Waſſer war einſt ſo klar und hell oberhalb der Londonbrücke, wie es jetzt in Kew oder Richmond iſt, und ihre Ufer waren von Whitefriars bis Scotland Yard mit Gärten beſetzt. Und dann die tauſend bunten Jollen und vergoldeten Barken, die ihre Oberfläche bedeckten— Alles iſt dahin— Alles iſt dahin!“ 3 „Das müſſen hübſche Zeiten für die luſtigen jun⸗ gen Matroſen geweſen ſein, die von Blackfriars aus⸗ fuhren,“ rief Tinker;„aber die Dampfſchiffe haben ih⸗ nen die Naſe verdreht.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Old Parr;„und mir iſt es ſehr leid. Da ich mich erinnere, wie der Fluß —— * von den bunten Fahrzeugen und der luſtigen Geſellſchaft belebt war, kann ich nicht umhin zu wünſchen, daß das Waſſer weniger ſchmutzig und dieſe garſtigen Kohlen⸗ barken, Lichterſchiffe und Dampfſchiffe fort wären. Lon⸗ don iſt eine mächtige Stadt, wunderbar anzuſehen und zu unterſuchen, unerſchöpflich in ihrem Reichthum und ihrer Macht; aber an Schönheit iſt es nicht zu verglei⸗ chen mit der Stadt in den Tagen der Königin Eliſa⸗ beth. Ihr hättet damals den Strand ſehen ſollen— es war eine Reihe vornehmer Häuſer— und Lombard⸗ ſtreet und Gracechurchſtreet mit ihren reichen Goldſchmied⸗ läden— aber ich denke nicht gern daran.“ „Nun, ich bin zufrieden mit London, wie es iſt,“ verſetzte Tinker,„beſonders da keine große Wahrſchein⸗ lichkeit vorhanden iſt, daß die alte Stadt wieder herge⸗ ſtellt werden wird.“ „Nicht viel,“ verſetzte der Zwerg, indem er ſein Glas leerte, welches auf ein Zeichen Tinkers wieder ge⸗ füllt wurde. „Mein ehrwürdiger Freund, ich vermuthe, Ihr habt den König geſehen, der dieſen hübſchen Thieren den Namen hinterlaſſen hat,“ ſagte Ginger, indem er ſeine Rocktaſchen öffnete und die Köpfe der beiden klei⸗ nen ſchwarzbraunen Wachtelhunde zeigte. „Was! den alten Rowley?“ rief der Zwerg;„oft genug. Ich war Page bei ſeiner Geliebten, der Her⸗ zogin von Cleveland, und ich habe ihn wohl hundert⸗ mal mit einer Schaar von Hunden der Art geſehen.“ „Der alte Rowley war ein König nach meinem Sinne,“ ſagte Ginger aufſtehend und ſeine Pfeife an⸗ zündend.„Er liebte das weibliche Geſchlecht, ſo wie das Hundegeſchlecht. Könnt Ihr uns noch mehr von ihm erzählen?“ „Jetzt nicht,“ verſetzte Old Parr.„Ich habe ſo viel geſehen und gehört, daß mein Gehirn ganz ver⸗ wirrt iſt. Mein Gedächtniß verläßt mich zuweilen gänz⸗ lich, und mein vergangenes Leben erſcheint wie ein Traum. Stellt Euch meine Gefühle vor, wenn ich durch die Straßen gehe, die noch bei den alten Namen genannt werden, aber in jeder anderen Hinſicht gänzlich verſchieden ſind. O! wenn Ihr nur das alte London ſehen könntet, würdet Ihr die neue Stadt nicht leiden können. Schon die Atmosphäre war eine andere, als die wir jetzt athmen, von dem Rauche von zehntauſend Steinkohlenfeuern erfüllt, und die alten maleriſchen Häu⸗ ſer hatten einen Reiz an ſich, der den gegenwärtigen Wohnungen, ſo bequem ſie auch ſein mögen, gänzlich fehlt.“ „Ihr redet ja wie Einer von jenen hübſchen Ker⸗ len, die man ſehr angemeſſen Pfennigslügner nennt,“ bemerkte Ginger.„Aber Ihr macht, daß ich wünſche, in jenen Zeiten gelebt zu haben. „Wenn Ihr damals gelebt hättet, würdet Ihr Parisgarden oder den Häuſern für die Stier- und Bä⸗ rengefechte in Southwark angehört haben.,“ verſetzte Old Parr.„Ich habe Kerle, wie Ihr ſeid, an jedem die⸗ ſer Orte geſehen. Seltſam genug, wenn ſich auch die Zeiten und Sitten ändern, bleiben doch die Menſchen — immer dieſelben. Mir begegnet oft ein Geſicht, deſſen ich mich noch aus der Zeit Jakob des Erſten erinnere. Aber die alten Orte ſind dahin— gänzlich verſchwunden!“ „Nach Eurer eigenen Ausſage, mein ehrwürdiger Freund, müßt Ihr über zweihundert und ſiebzig Jahre gelebt haben,“ ſagte Ginger, ein wichtiges Weſen an⸗ nehmend.„Habt Ihr Euch während dieſer ganzen Zeit nie geneigt gefühlt, zu ſterben?“ „Nicht im Geringſten,“ verſetzte Old Parr.„Mein Geſundheitszuſtand iſt vortrefflich geweſen. Aber wie ich ſchon erwähnte, iſt mein Verſtand ein wenig zer⸗ rüttet.“ „Nicht wenig, ſollte ich denken— him!“ verſetzte Ginger bedeutungsvoll.„Ich weiß nicht, ob Ihr uns oder Euch ſelbſt täuſcht, mein ehrwürdiger Freund; aber Eins iſt völlig klar— Ihr könnt nicht die ganze Zeit über gelebt haben. Es liegt nicht in der Natur.“ „Nun, es mag ſein,“ ſagte Old Parr. Und er leerte ſein Glas, welches von dem ſchläf⸗ rigen Burſchen ſogleich wieder gefüllt wurde. „Ihr habt Abbildungen von dem alten London geſehen, und ſie haben Euch in Euren Träumen verfolgt, bis Ihr Euch eingebildet, Ihr habt wirklich in jenen Zeiten gelebt,“ ſagte Ginger. „Sehr wahrſcheinlich,“ verſetzte Old Parr. Es lag indeſſen Etwas in ſeinem Benehmen, was die Neugierde des Hundeliebhabers erregte⸗ „Wie kommt es,“ ſagte er, indem er ſeine Beine ausſtreckte und ſein Halstuch ordnete;„wie kommt es, wenn Ihr ſo lange gelebt habt, daß Ihr nicht höber auf der Leiter ſteht— daß Ihr nicht beſſer daran ſeid, wie die Leute ſagen?“ Der Zwerg gab keine Antwort, ſondern bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und ſchien von lebhafter Gemüthsbewegung ergriffen zu ſein. Nach einer kurzen Pauſe wiederholte Ginger die Frage. „Wenn Ihr nicht glauben wollt, was ich Euch ſage, ſo iſt es unnütz, Euch eine Antwort zu geben,“ ſagte Old Part ein wenig trotzig. „O ja, ich glaube Euch, Vicepförtner;“ bemerkte Tinker,„und Sandman auch.“ „Nun, ſo will ich Euch erzählen, wie es zugeht,“ verſetzte Old Parr.„Das Schickſal iſt gegen mich ge⸗ weſen. Ich hatte häufige Gelegenheiten, aber es iſt mir nicht gelungen. Ich habe hundert verſchiedene Geſchäfte angefangen, aber ſie führten mich immer bergunter. Es iſt meine Beſtimmung.“ „Das iſt hart,“ verſetzte Tinker,„ſehr hartz aber wie erklärt Ihr es, daß Ihr ſo lange gelebt?“ fügte er hinzu, indem er den Andern zuwinkte. „Ich habe Euch ſchon eine Erklärung gegeben,“ verſetzte der Zwerg. „Ja, aber es iſt eine intereſſante Geſchichte, und ich wünſchte, daß meine Freunde ſie auch hören möch⸗ ten,“ ſagte Tinker in ſchmeichelndem Tone. „Nun, ſo will ich ſie noch einmal wiederholen,“ verſetzte der Zwerg.„Ihr müßt wiſſen, daß ich eine Zeit lang der Diener des Doctor Lamb, eines alten Alchymiſten war, der während der Regierung der Köni⸗ gin Eliſabeth lebte und alle ſeine Zeit damit hinbrachte, das Geheimniß zu entdecken, Blei und Kupfer in Gold zu verwandeln.“ „Ich habe mehrere Perſonen gekannt, die dieſes Geheimniß verſtanden, ehrwürdiger Freund,“ bemerkte Ginger,„und wir nennen ſie heutiges Tages Gauner und nicht Alchymiſten.“ „Doktor Lamb's Zweck war eigentlich, gemeine Metalle in Gold zu verwandeln,“ verſetzte Old Parr in verächtlichem Tone.„Aber ſein Hauptſtreben war das Elixir des langen Lebens hervorzubringen. Tag und Nacht arbeitete er daran— Tag und Nacht arbei⸗ tete ich mit ihm, bis wir Beide bei unſerem Suchen nach Unſterblichkeit bis an den Rand des Grabes ge⸗ bracht wurden. In einer Nacht— ich erinnere mich derſelben noch ſehr wohl— es war die letzte Nacht des ſechszehnten Jahrhunderts— wurde ein ſchwer verwun⸗ deter junger Mann in die Wohnung meines Herrn an der Londonbrücke gebracht. Ich half ihn in das Labo⸗ ratorium tragen, wo ich ihn bei dem Doktor zurückließ, der gerade mit ſeinen Epperimenten beſchäftigt war. Da meine Neugierde rege geworden, ſo horchte ich an der Thür, und wenn ich auch nicht viel von dem unter⸗ ſcheiden konnte, was drinnen vorging, ſo hörte ich doch genug, um mich zu überzeugen, daß Doktor Lamb die große Entdeckung gemacht habe und es ihm gelungen ſei, das Elixir zu deſtilliren. Als ich dies erfahren hatte, ging ich die Treppe hinunter und erwartete, was zunächſt geſchehen würde. Eine halbe Stunde verging, und während die Glocken fteudig das neue Jahr anläu⸗ teten, kam der junge Mann, den ich mit die Treppe hinaufgetragen, und den ich dem Tode nahe geglaubt, ſo feſt und ſicher heruntergeſchritten, als ob Nichts ge⸗ ſchehen ſei, ging an mir vorüber und verſchwand, che ich mich von meinem Erſtaunen erholen konnte. Ich ſah ſogleich, daß er das Elirir getrunken habe.“ „Ah! ah!“ rief Tinker mit bedeutungsvollem Blicke ſeinen Kameraden zuwinkend, welche die Geberde er— widerten. „Sobald er fort war,“ fuhr der Zwerg fort,„eilte ich in das Laboratorium, und dort lag Doktor Lamb todt am Boden ausgeſtreckt. Ich ging mit mir zu Rathe, was zu thun ſei— ob ich ſeinen Mörder ver⸗ folgen ſollte; aber nach einiger Ueberlegung hielt ich es für nutzlos. Zunächſt ſah ich mich um, ob das köſt⸗ liche Elixir verſchwunden ſei. Auf dem Tiſche ſtand eine Phiole, aus welcher ein ſtarker ſpirituöſer Geruch hervordrang; aber ſie war leer; dann wendete ich meine Aufmerkſamkeit auf eine Vorlage, die vermöge einer ge— wundenen Röhre mit einem Deſtillirkolben auf dem Fener in Verbindung ſtand. Als ich dieſelbe unterſuchte, fand ich eine kleine Quantität von einer hellen, durchſichtigen Flüſſigkeit darin, die, als ich ſie in ein Glas ſchüttete, gerade denſelben Duft aushauchte, wie die Phiole. Ue⸗ berzeugt, daß dies der Trank der Unſterblichkeit ſein müſſe, erhob ich das Glas zu meinen Lippen; aber die Furcht, es möchte Gift ſein, hielt meine Hand zurück. Durch den Gedanken an die wunderbare Herſtellung des jungen Mannes wieder beruhigt, ſchluckte ich das Ge⸗ tränk hinunter. Es war als hätte ich Fener zu mir genommen, und anfangs glaubte ich, es ſei zu Ende mit mir. Ich ſchrie laut, aber es war Niemand da, der mein Schreien hörte, wenn nicht vielleicht mein tod⸗ ter Herr und die Skelette, womit die Wände verziert waren. Und dieſe hörten mich in der That; denn die Leiche öffnete ihre gläſernen Augen und blickte mich vorwurfsvoll an; die Skelette bewegten ihre fleiſchloſen Arme und die verſchiedenen ſeltſamen Gegenſtände, wo⸗ mit das Zimmer angefüllt war, ſchienen mich zu ver⸗ ſpotten und mir zu drohen. Der Schrecken, den dieſe Phantaſien in mir verurſachten, vereint mit der Wir⸗ kung des ſtarken Getränks, benahm mir die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, fand ich Alles ruhig. Doktor Lamb lag ſtarr und ſteif zu meinen Füßen, mit einem Ausdruck des Vorwurfs in ſeinem Geſichte, und die Skelette hingen ruhig an ihren Plätzen. Ueberzeugt, daß ich gegen den Tod geſichert ſei, ging ich hinaus. Aber ein Fluch verfolgte mich! Von dem Tage an bis jetzt lebte ich, aber in ſolcher Armuth und in ſolchem Elend, daß ich lieber hätte ſterben ſollen. Ueberdies werde ich beſtändig von der Erſcheinung meines alten Herrn heimgeſucht. Er ſcheint ſich mit mir zu unter⸗ reden und mich an fremde Orte zu führen.“ „Mit dem Andern iſt es auch gerade ſo,“ flüſterte Tinker Sandman zu.„Iſt Euch der junge Mann, — M— der das Elixir trank, je in dem Verlaufe Eures langen Lebens begegnet?“ ftagte er den Zwerg. „Niemals.“ „Erinnert Ihr Euch zufällig ſeines Namens?“ „Nein, er iſt gänzlich meinem Gedächtniß entfal⸗ len,“ antwortete Old Parr. „Würdet Ihr Euch ſeiner erinnern, wenn Ihr ihn hörtet?“ fragte Tinker. „Es möchte ſein,“ entgegnete der Zwerg;„ich kann es nicht ſagen.“ „Hieß er Auriol Darcy?“ fragte der Andere. „Das war der Name!“ rief Old Parr mit dem äußerſten Erſtaunen aufſpringend.„Ich hörte, wie Dok⸗ tor Lamb ihn ſo nannte. Aber wie in aller Welt habt Ihr ihn erfahren?“ „Endlich haben wir Etwas herausgebracht,“ ſagte Tinker mit freudigem Blicke zu ſeinen Freunden. „Ich ſage, woher wißt Ihr den Namen?“ wieder⸗ holte der Zwerg in äußerſter Aufregung. „Das bleibt ſich gleich,“ verſetzte Tinker mit ſchlauem Blicke;„Ihr ſeht, ich weiß ebenſo gut intereſ⸗ ſante Dinge, wie Ihr, mein alter Junge. Ihr ſeid ein guter Zeuge, wenn wir die Sache gegen ihn zu be⸗ weiſen wünſchen.“ „Was beweiſen und gegen wen?“ fragte der Zwerg. „Noch eine Frage und ich bin zu Ende,“ fuhr Tinker fort.„Würdet Ihr dieſen jungen Mann wieder erkennen, wenn er Euch zufällig in den Weg kommen ſollte?“ —— „Ich zweifle nicht daran,“ verſetzte Old Parr; „ſeine Geſtalt flattert oft in meinen Träumen an mir vorüber.“ „Sollen wir ihn in die Sache einweihen?“ ſagte Tinker, ſeine Kameraden leiſe befragend. „Ja— ja,“ verſetzte Sandman. „Wartet lieber noch ein wenig,“ bemerkte Ginger kopfſchüttelnd.„Es iſt nicht ſo eilig.“ „Nein, wir müſſen ſogleich darüber entſcheiden,“ ſagte Tinker.„Unterſucht dieſe Papiere,“ fügte er hinzu, indem er Old Parr das Taſchenbuch einhändigte, „und ſagt uns Eure Meinung darüber.“ Der Zwerg war im Begriff, das ihm übergebene Buch zu öffnen, als ſich plötzlich eine Hand zwiſchen den Trrppenpfoſten des oberen Theils der Treppe her⸗ vorſtreckte, welche, wie ſchon erwähnt, von dem unteren durch eine Thür getrennt war. Ein ſchwere ſchwarze Draperie ſenkte ſich dann gleich einer Wolke nieder und verbarg Alles hinter derſelben, außer der Hand, womit der Zwerg plötzlich im Nacken ergriffen, in die Luft ge⸗ hoben und ungeachtet ſeines Schreiens und ſeiner Be⸗ wegungen entführt wurde. Große Verwirrung folgte auf dieſes Verſchwinden. Die Hunde ſtimmten ein furchtbares Gebell an und eil⸗ ten herbei. Der größte von ihnen ſprang über den Körper des ſchläfrigen Kellners, der ſein gewohntes La⸗ ger auf den Kohlen einnahm, und weckte ihn aus ſei⸗ nem Schlummer, während Tinker mit einer furchtbaren Verwünſchung ſeinen Stuhl umwarf, als er den Zwerg — bei den Beinen packen wollte; aber der Letztere war ſchon aus ſeinem Bereiche und verſchwand im nächſten Augenblick gänzlich. „Meine Augen! das iſt eine hübſche Geſchichte!“ rief Ginger, der, den Rücken gegen das Feuer gewen⸗ det, das Ereigniß mit dem äußerſten Erſtaunen ange⸗ ſehen hatte.„Ei, zum Henker! der ehrwürdige Herr hat wohl gar das Taſchenbuch mitgenommen! Ich bin der Meinung, der Teufel iſt mit dem alten Kerl davon⸗ geflogen. Seine Zeit war näher, als er erwartet hatte.“ „Teufel oder nicht, ich will ihn wieder haben oder wenigſtens das Taſchenbuch!“ rief Tinker, und die Treppe hinauf eilend, faßte er das obere Geländer an, ſchwang ſich vermöge einer kräftigen Anſtrengung empor und gelangte durch die Oeffnung, die durch die Entfer⸗ nung eines Treppenpfoſtens verurſacht worden. In der Galerie, wo die tieſſte Dunkelheit herrſchte, umhertappend, rief er dem Zwerge zu, erhielt aber keine Antwort; auch konnte er Niemand entdecken, obgleich er mit ausgeſtreckten Händen an beiden Seiten des Gan⸗ ges dahinführ. Die Bewohner der verſchiedenen Zim⸗ mer riefen ihm, von dem Geräuſch beunruhigt, zu, um zu erfahren, was vorgehe; da ſie aber eingeſchloſſen waren, konnten ſie ihm keinen Beiſtand leiſten. Während Tinker ſo im Dunkeln ſuchte und ſeine Wuth und vereitelte Erwartung in den entſetzlichſten Verwünſchungen ausließ, wurde die Treppenthür von dem Wirth geöffnet, der den Schlüſſel in dem von dem Zwerge zurückgelaſſenen Mantel gefunden hatte. Mit —— —— dem Wirth kamen auch Sandman und Ginger, welcher Letztere von allen ſeinen noch bellenden Hunden beglei⸗ tet war, während der übrigen Geſellſchaft der ſchläfrige Kellner folgte, der jetzt vom Schreck völlig wach gewor⸗ den war und ein Licht in der Hand hielt. Aber obgleich jeder Winkel, alle Böden und Fen⸗ ſter unterſucht wurden, ſo konnte man doch keine Spur von dem Zwerge und ſeinem geheimnißvollen Verſchwin⸗ den entdecken. Erſtaunen und Unruhe malte ſich in je⸗ dem Geſichte. Fp „Was Teufel! kann aus ihm geworden ſein?“ rief der Wirth mit einem Blicke des Schreckens. „Ja, das iſt die Frage!“ verſetzte Tinker.„Ich bin mit Ginger der Meinung, daß der Teufel mit ihm durchgegangen iſt. Kein Anderer hätte Gefallen an ihm finden können.“ „Ich ſah nur eine Hand und einen ſchwarzen Mantel,“ ſagte Sandman. t „Ich glaubte auch ein Paar Hufe zu ſehen,“ rief der Kellner;„und ich bin gewiß, ich ſah ein Paar funkelnde Augen,“ fügte er hinzu, indem er ſeine glanz⸗ loſen Augen ſo weit wie möglich öffnete. „Es iſt eine ſeltſame Geſchichte,“ ſagte der Wirth ernſthaft.„Es iſt gewiß, daß Niemand, der einen ſol⸗ chen Mantel trägt, wie Ihr ihn beſchreibt, ins Haus gekommen iſt; auch konnte, ſo viel ich weiß, keiner von den Gäſten aus ſeinem Zimmer kommen. Wie Ihr wißt, war es Old Parr's Geſchäft, ſie jeden Abend ſorgfältig einzuſchließen.“ n „Nun ja, es iſt aus mit ihm,“ ſagte Tinker; „und mit unſerer Sache auch, fürchte ich.“ „Das kannſt Du noch nicht wiſſen,“ verſetzte Gin⸗ ger.„Der Ehrwürdige iſt freilich fort, und das Ein⸗ zige, was er außer ſeinem Mantel zurückgelaſſen hat, iſt dieſes kleine Stück Papier, welches aus dem Taſchen⸗ buche gefallen, als er davonflog, und welches ich vom Boden aufgehoben. Vielleicht kann es uns von Nutzen ſein. Aber kommt und laßt uns die Treppe hinunter⸗ gehen. Es iſt von keinem Nutzen, noch länger hier zu bleiben.“ Damit übereinſtimmend, ſtiegen alle in das Gaſt⸗ zimmer hinunter. Auriol. 1. Band 6 —,———————— Viertes Kapitel. Die Tochter des Eiſenhändlers. Eine Woche war vergangen, ſeitdem Auriol Darch in die Wohnung des Eiſenhändlers war gebracht wor⸗ den, als die Schurken den Angriff auf ihn gemacht hatten; und obgleich er von den ſchweren Verletzungen, die er erhalten, faſt wieder hergeſtellt war, blieb er doch noch der Gaſt ſeines Retters. Es war ein heiterer Frühlingsmorgen, als eine Thür, die zu dem Hoſplatze vor dem Hauſe führte, ſich öffnete, und ein junges Mädchen, hell und friſch wie der Morgen ſelbſt, hervortrat. Ein lieblicheres Weſen als Ebba Thorneyeroft kann man ſich nicht vorſtellen. Ihre Figur war vollkommen — ſchlank, groß und reizend proportionirt, mit ſchma⸗ ler Taille, kleinen Gliedern und Elfenfüßen, womit eine ———————— 2————— Operntänzerin ihr Glück gemacht hätte. Ihre Züge hatten einen faſt engelgleichen Ausdruck und einen äußerſt zarten und beſtimmten Umriß— nicht klaſſiſch regel⸗ mäßig— ſondern von jener ſanfteren und unver⸗ gleichlich liebenswürdigeren Form, die unſerem Himmels⸗ ſtriche eigen iſt. Ebba's Geſicht war ein Typus angel⸗ ſächſiſcher Schönheit. Ihre Geſichtsfarbe war rein und weiß, mit einem zarten Anfluge von Roth. Ihre Au⸗ gen waren von heiterem Sommerblau, von Augenbrauen überwölbt, die ein wenig dunkler waren, als die glänzenden Locken, die an beiden Wangen niederfielen und über einer Stirn, reiner und glatter wie Alabaſter, geſcheitelt waren. Ihr Anzug war einfach aber geſchmack⸗ voll und hob durch ſeine dunkle Farbe die außerordent⸗ liche Weiße ihrer Haut noch mehr. Ebba's erſte Sorge war, ihren Lieblingshänfling zu füttern, der in einem Käfig über der Thür hing. Nachdem ſie dann den Kopf eines ungeheuren Bulldoggen, der aus ſeiner Hütte hervorkam, um ſie zu begrüßen, geſtreichelt und einige Worte mit zwei Männern ge⸗ wechſelt hatte, die in einer Schmiede im innern Theile des Gebäudes beſchäftigt waren, ging ſie auf dem Hoſe weiter. Dieſer Theil der Umgebung des Hauſes, der mit Eiſenarbeiten jeder Art und Form überſäet war, ſtellte einen höchſt ſeltſamen Anblick dar und verdient vielleicht eine nähere Beſchreibung. Da waren Haufen von roſti⸗ gen eiſernen Ketten, wie Fiſchnetze zuſammengeworfen, alte eiſerne Pfoſten, eiſerne Kaminböcke, alte Gitter, 6* —— Haufen von alten eiſernen Töpfen, eine große Auswahl von alten eiſernen Pfannen und Schüſſeln, alten eiſer⸗ nen Oefen, unzähligen Keſſeln, Schmiedehammern, Am⸗ boſen, Kohlenbecken und Kaminkappen. Starke aufrechtſtehende Pfoſten, welche Querſtangen trugen, ſtanden in Zwiſchenräumen auf jeder Seite des Hofplatzes, und dieſe waren auf die künſtlichſte Weiſe mit Rattenfallen, Fußangeln, eiſernen Laternen, Winden, Vorlegeſchlöſſern, Ketten, Triangeln, eiſernen Ruthen, alten Straßenlaternen, Kanonen und Ankern verziert. An den Haken der Querſtange nach dem Hauſe zu hing eine Reihe alter Hufeiſen und in deren Mitte eine große roſtige Glocke. In der Nähe der Hundehütte ſtand eine Kiſte, gleichfalls mit Hufeiſen verziert, und Zangen, Feilen, Hammer und andere Schmiedegeräthe enthaltend. Weiterhin befand ſich eine offene Thür, die zu der Werkſtatt führte, wo die beiden vorhin erwähnten Män⸗ ner beſchäftigt waren. Obgleich noch früh, war doch die Straße von Fußgängern belebt, und es fuhren viele mit Heu, Stroh, und Gemüſen beladene Wagen und Karren vorüber. Ebba war indeſſen nur von der Schönheit des Morgens herausgelockt worden, und ſie blieb einen Angenblick an der Thür ſtehen, um die balſamiſche Luft einzuath⸗ men. Als ſie dies that und der warme Sonnenſchein ihre Wange berührte, wanderten ihre Gedanken auf die grünen Wieſen hinaus, wo ſie ſich als Kind umherge⸗ wieben, und ſie hegte das Verlangen, wieder auf den⸗ elben zu wandern. Sie war zu tief in ihre Träumerei verſunken, um einen großen in einen langen ſchwarzen Mantel gehüllten Mann zu beachten, der ſie mit der äußerſten Aufmerkſamkeit anſah, als er auf der entgegen⸗ geſetzten Seite der Straße vorüberging. Eine kurze Strecke weitergehend, ſchritt dieſe Per⸗ ſon über die Straße und kehrte langſam zu der Woh⸗ nung des Fiſenhändlers zurück. Jetzt erſt bemerkte Ebba ihn und erſchrak über ſein ſeltſames und unheimliches Ausſehen. Seine Züge waren ſchön, hatten aber einen ſo boshaften und grimmigen Ausdruck, daß ſie nur Ab⸗ ſcheu einflößten. Ein ſardoniſches Grinſen verzog ſeine Lippen und ſein kurzes krauſes Haar von rabenſchwar⸗ zer Farbe bildete einen ſtarken und unangenehmen Ge⸗ genſatz zu ſeiner leichenhaften Geſichtsfarbe. Eine An⸗ ziehung, gleich der der Schlange, ſchien in ſeinen dunk⸗ len ſprühenden Augen zu liegen, denn Ebba zitterte gleich einem Vogel bei ihrem Einfluſſe und konnte ihre Blicke nicht von ihnen abwenden. Ein unbeſtimmtes Vorgefühl kommenden Uebels ergriff ſie, und ſie fürch⸗ tete, das geheimnißvolle Weſen vor ihr möchte auf un⸗ erklärliche Weiſe mit ihrem Geſchick in Verbindung ſtehen. Der Fremde ſeinerſeits war ſich des hervorgebrach⸗ ten Eindrucks nicht unbewußt, und plötzlich ſtillſtehend richtete er ſeine Augen auf die des Mädchens, welche, nachdem ſie einige Angenblicke, wie von einem Zauber gebunden, ſtillgeſtanden, haſtig ins Haus zurückkehrte. Gerade als ſie die Thür erreichte und im Begriff war, einzutreten, kam Auriol heraus. Er war blaß, 3 E —— wie von einem eben überſtandenen Leiden, und trug den Arm in der Binde. „Sie ſehen aufgeregt aus,“ ſagte er, als er Ebba's Unruhe bemerkte.„Was iſt geſchehen?“ „Nicht viel,“ verſetzte ſie, indem ſich ein lebhaftes Erröthen über ihre Wange verbreitete.„Aber ich bin von einem Manne in der Nähe der Hausthür ein wenig beunruhigt worden.“ „Ei!“ rief Anriol vorwärts eilend,„wo iſt er? Ich ſehe Niemand.“ „Nicht einen großen Mann in einen langen ſchwar⸗ zen Mantel gehüllt?“ verſetzte Ebba, ihm vorſichtig folgend. „Ha!“ rief Auriol.„Iſt er hier geweſen?“ „So kennen Sie alſo die Perſon, die ich meine?“ verſetzte ſie. „Ich kenne Jemand, welcher der Beſchreibung ent⸗ ſpricht,“ verſetzte er mit erzwungenem Lächeln. „Wenn man den Mann, den ich meine, einmal geſchen hat, kann man ihn nicht wieder vergeſſen,“ ſagte Ebba.„Er hat ein Geſicht, wie ich noch nie vor⸗ her geſehen. Wenn ich an das böſe Auge glauben könnte, würde ich gewiß ſein, daß er es beſitze.“ „Er iſt es, daran läßt ſich nicht zweifeln,“ verſetzte Auriol in důſterem Tone. „Wer und was iſt er denn?“ fragte Ebba. „Er iſt ein Bote des Uebels,“ entgegnete Auriol, „und ich bin froh, daß er fort iſt.“ „Sind Sie deſſen ganz gewiß?“ fragte ſie, furcht⸗ — 66— ſam die Straße hinauf und hinunter blickend. Aber die geheimnißvolle Geſtalt war nicht mehr zu ſehen. „Und nachdem Sie meine Neugierde auf ſolche Weiſe angeregt haben, wollen Sie ſie nicht befriedigen?“ ſagte ſie. „Ich kann es nicht,“ ſagte er düſter. „Nun, da Sie ſo ungefällig ſind, will ich gehen und das Frühſtück bereiten,“ verſetzte ſie.„Mein Va⸗ ter muß jetzt ſchon unten ſein.“ „Warten Sie!“ rief Auriol, ſie zurückhaltend, als ſie im Begriff war, durch die Thür zu gehen.„Ich wünſchte ein Wort mit Ihnen zu reden.“ Ebba blieb ſtehen, und plötzlich wich das Roth von ihren Wangen. Aber Auriol war nicht im Stande zu reden; auch wagte er nicht, ſie anzuſehen, und es herrſchte einige Augenblicke ein tiefes Schweigen. „Ebba,“ ſagte Auriol endlich,„ich bin im Be⸗ griff, hente das Haus Ihres Vaters zu verlaſſen.“ „Warum ſo bald?“ rief ſie, ihm ins Geſicht blickend.„Sie ſind noch nicht ganz hergeſtellt.“ „Ich darf nicht länger verweilen,“ ſagte er. „Sie dürfen nicht!“ rief Ebba. Und ſie ſchlug wieder ihre Augen nieder; aber Auriol antwortete nicht. Glücklicherweiſe wurde das Schweigen durch das Schlagen auf den Ambos unterbrochen. „Wenn Sie wirklich gehen müſſen,“ ſagte Ebba aufblickend, nach einer langen Pauſe,„ſo hoffe ich, daß wir Sie wiederſehen werden?“ „Gewiß,“ verſetzte Auriol.„Ich bin Ihrem Va⸗ ter vielen Dank ſchuldig— und ich fürchte, ich werde es ihm nie vergelten können, was er für mich gethan.“ „Mein Vater fühlt ſich reichlich belohnt, Ihnen das Leben gerettet zu haben,“ verſetzte ſie.„Es wird ihm gewiß ſehr leid ſein, zu erfahren, daß Sie ſo bald gehen.“ „Ich bin eine Woche hier,“ ſagte Auriol.„Wenn ich länger hier bliebe, möchte ich überhaupt nicht im Stande ſein, zu gehen.“ Es trat wieder eine Pauſe ein, während welcher ein rüſtiger alter Kerl einen Augenblick den Ambos ver⸗ ließ und aus der Werkſtatt trat. Als er das jugend⸗ liche Paar erblickte, flüſterte er ſeinem Kameraden zu: „Ich denke, Ned, unſer Herr wird bald einen Schwiegerſohn bekommen, es ſind gute Ausſichten dazu vorhanden.“ „Das iſt wahr, John,“ verſetzte Ned, um die Ecke blickend.„Das iſt ein hübſcher junger Kerl. Ich wollte, wir könnten ihre Unterredung hören.“ „Nein, das wäre nicht ſchön,“ verſetzte John, ei⸗ nige kleine Kohlen auf das Feuer ſchüttend und an dem Blaſebalg arbeitend. n „Ich möchte um die Welt keine nnangenehme Frage thun,“ ſagte Ebba wieder ihre Augen erhebend;„da Sie aber im Begriffe ſind, uns zu verlaſſen, möchte ich allerdings gern Etwas von Ihrer Geſchichte wiſſen.“ „Verzeihen Sie mir, wenn ich es ablehne, Ihren Wunſch zu erfüllen,“ verſetzte Auriol.„Sie würden —— mir nicht glauben, wenn ich Ihnen meine Geſchichte erzählte. Aber ſo viel kann ich Ihnen ſagen, daß ſie ſeltſamer und phantaſtiſcher iſt, als Sie je eine gehört haben. Der Gefangene in ſeiner Zelle iſt nicht von ſtärkeren Feſſeln gebunden, als die, welche mich zum Schweigen zwingen.“ Ebba ſah ihn an, als fürchte ſie, daß ſein Ver⸗ ſtand zerrüttet ſei. ₰ „Sie halten mich ſür wahnſinnig,“ ſagte Auriol; „ich wollte ich wäre es! Aber ich werde nie die deut⸗ liche Empfindung meines Elends verlieren. Hören Sie mich an, Ebba! das Schickſal hat mich in dieſes Haus geführt. Ich habe Sie geſehen und ihre ſanfte Pflege erfahren; und unter dieſen Verhältniſſen iſt es unmög⸗ lich, gegen Ihre Reize blind zu ſein. Ich war nur zu empfänglich für dieſelben— aber ich will nicht bei die⸗ ſem Gegenſtande verweilen, noch mich der Gefahr aus⸗ ſetzen, eine Leidenſchaft zu erregen, die Sie zu Grunde richten muß. Ich bitte Sie, mich zu haſſen, mich lie⸗ ber als ein Ungeheuer zu betrachten, denn als ein We⸗ ſen, für welches Sie die geringſte Sympathie empfinden könnten.“ „Sie haben irgend einen Beweggrund, dies mir zu ſagen!“ rief das erſchrockene Mädchen. „Mein Beweggrund iſt, Sie zu warnen,“ ſagte Auriol.„Wenn Sie mich lieben, ſind Sie verloren— gänzlich verloren!“ n Sie erſchrak ſo, daß ſie nicht antworten konnte und — 56„— brach in Thränen aus. Auriol faßte ihre Hand, die ſie ihm ohne Widerſtreben ließ. „Ein furchtbares Schickſal verfolgt mich, woran Sie keinen Antheil haben dürfen,“ ſagte er in feierlichem Tone. „Ich wollte, Sie wären nie in das Haus meines Vaters gekommen.“ „Iſt es denn zu ſpät?“ rief Auriol verzweifelnd. „Das iſt es— wenn es unheilvoll iſt, Sie zu lieben,“ verſetzte ſie. „Ha!“ rief Auriol, ſich mit geballter Fauſt vor ſeine Stirn ſchlagend.„Nehmen Sie Ihre Worte zu⸗ rück, Ebba— nehmen Sie ſie zurück— aber nein, einmal ausgeſprochen, iſt es unmöglich. Sie ſind auf immer an mich gebunden. Ich muß mein Geſchick er⸗ füllen.“ In dieſem Augenblick knurrte der Hund leiſe, und als ſich das jugendliche Paar umwendete, ſahen ſie den großen dunklen Mann in dem ſchwarzen Mantel in der Nähe des Eingangs ſtehen. Ein teufliſches Lächeln zeigte ſich in ſeinem Geſichte. „Das iſt der Mann, der mich ſo erſchreckt hat!“ rief Ebba. „Es iſt, wie ich erwartete!“ rief Auriol.„Ich muß mit ihm reden. Verlaſſen Sie mich, Ebba. Ich werde ſogleich wieder bei Ihnen ſein. Und als das Mädchen ſich im äußerſten Schrecken. entfernte, ging er raſch auf den Fremden zu. „Ich habe Euch ſeit einigen Tagen aufge ſucht, a———————— ſagte der große Mann in ſtrengem und und gebieteri⸗ ſchem Tone.„Ihr ſeid nicht gekommen, wohin ich Euch beſtellt hatte.“ „Ich konnte es nicht,“ verſetzte Auriol;„es hat mich ein Unfall betroffen.“ „Ich weiß es,“ verſetzte der Andere.„Es iſt mir bekannt, daß Ihr dort drüben in dem verfallenen Hauſe von Schurken angefallen wurdet. Aber Ihr ſeid jetzt wieder hergeſtellt und könnt ausgehen. Ihr hättet Euch an mich wenden ſollen.“ „Es war auch meine Abſicht, es zu thun,“ ſagte Auriol. „Unſere Zuſammenkunft kann nicht viel länger auf⸗ geſchoben werden,“ fuhr der Fremde fort.„Ich will Euch noch drei Tage Zeit laſſen. Am Abend des letz⸗ ten Tages um ſieben Uhr werde ich Euch am Fuß der Statue in Hyde Park erwarten.“ „Ich werde dort ſein,“ verſetzte Auriol. „Jenes Mädchen muß das nächſte Opfer ſein,“ ſagte der Fremde mit grimmigem Lächeln. „Haltet ein!“ donnerte Auriol. „Ich darf Euch nicht erſt an den Vertrag er⸗ innern, der Euch Eure Macht gibt,“ verſetzte der Fremde.„Aber ich will Euch jetzt nicht weiter beun⸗ ruhigen.“. Und ſich feſter in ſeinen Mantel huͤllend, ver⸗ ſchwand er. „Das Schickſal hat mich wieder in ſein Netz ver⸗ wickelt,“ rief Auriol mit Bitterkeit.„Aber ich will — w 2 5 2— — h Ebba retten, was es mir auch koſten möge. Ich will ſie nicht wiederſehen.“ Und anſtatt in das Haus zuriczukehren, eilte er nach der entgegengeſetzten Richtung fort, die der Fremde eingeſchlagen hatte. Fünftes Kapitel. Die Zuſammenkunft an der Statue. Der Abend des dritten Tages kam und Auriol trat durch Stanhope Gate im Hyde Park ein. Nach ſeiner Uhr ſehend und bemerkend, daß noch beinahe drei Viertelſtunden an der von dem geheimnißvollen Frem⸗ den beſtimmten Zeit fehle, ging er in der Richtung des ſchlangenförmigen Fluſſes durch den Park. Anſcheinend war er jetzt völlig hergeſtellt, denn er trug ſeinen Arm nicht mehr in der Binde und ſchritt mit großer Schnel⸗ ligkeit einher. Aber ſein Geſicht war todtenblaß und ſeine Blicke ſo wild und verſtört, daß die wenigen Per⸗ ſonen, die ihm begegneten, erſchrocken zurückwichen. Einige Minuten brachten ihn an das öſtliche Ende des Schlangenfluſſes, und dicht an den Rand des Ufers gehend, blickte er auf das Waſſer zu ſeinen Füßen hin⸗ unter. —————— . . — „Ich würde mich hineinſtürzen, wenn ich Ruhe finden könnte,“ murmelte er.„Aber es würde mir Nichts helfen, ich würde mein Leiden noch erhöhen. Nein, ich muß noch ferner die Bürde eines mit Ver⸗ brechen und Reue belaſteten Lebens tragen, bis ich ein Mittel finden kann, mich davon zu befreien. Einſt fürchtete ich dieſe unbekannte Gefahr, aber jetzt ſuche ich ſie vergedens auf.“ Hier wurden ſeine Gedanken durch das plötzliche Erſcheinen eines dunklen Gegenſtandes auf der Ober⸗ fläche des Waſſers unterbrochen, den er anfangs für einen ungeheuren Fiſch mit einer grünen Floßfeder hielt; nachdem er ihn aber einige Augenblicke genauer beobachtet hatte, überzeugte er ſich, daß es ein menſchliches Weſen ſei, welches man zu einer Maskerade angekleidet, wäh⸗ rend die geringen Bewegungen, die es machte, zu er⸗ kennen gaben, daß das Leben noch nicht ganz erlo⸗ ſchen ſei. Obgleich er einen Augenblick vorher auf Selbſtver⸗ nichtung gedacht und von dem Verſuche nur durch die Gewißheit zurückgehalten wurde, daß er fehlſchlagen werde, ſo beſtimmte ihn doch der Naturtrieb, dem ertrinkenden Weſen vor ihm zu Hülfe zu kommen. Ohne Bedenken und ohne erſt ſeine Kleider abzulegen, ſtürzte er ſich in das Waſſer und ſchwamm auf den Gegenſtand zu, der noch oben ſchwamm. Als er ihn umwendete, denn das Geſicht war nach unten gekehrt, bemerkte er, daß es ein außerordentlich kleiner alter Mann in einem phantaſtiſchen Anzuge ſei. Er bemerkte — 5— auch, daß ein Strick um den Hals des unglücklichen Weſens geſchlungen war, wodurch es wahrſcheinlich wurde, daß man einen gewaltſamen Angriff auf ſein Leben unternommen habe. Ohne weitere Unterſuchungen anzuſtellen, faßte er die ledernen Flügel des Zwerges feſt an und ruderte mit der andern Hand auf das Ufer zu, indem er den Zwerg mit ſich fortzog. Im nächſten Angenblick er⸗ reichte er das Ufer, kletterte das niedrige Mauerwerk hinauf und legte ſeine Laſt auf das trockene Land. Das Geräuſch hatte Aufmerkſamkeit erregt und mehrere Perſonen eilten jetzt zu der Stelle. Als ſie herbei kamen und Auriol über ein Seeungehener geneigt ſahen,— denn ſo erſchien der Zwerg in dem erſten Au⸗ genblick— konnten ſie ihr Erſtaunen nicht unterdrücken. Der Gegenwart der Anweſenden völlig unbewußt, ver⸗ ſuchte Auriol ſich zu erinnern, wo er den Zwerg früher geſehen habe. Plötzlich erwachte die Erinnerung und er rief laut: „Ei, es iſt meines armen gemordeten Urgroßvaters Diener Flapdragon! Aber nein! nein!— er muß ſeit Jahrhunderten todt ſein! Doch die Aehnlichkeit iſt höchſt auffallend!“ Auriol's Ausrufungen, vereint mit ſeinem wilden Benehmen, überraſchten die Umſtehenden und ſie kamen zu dem Schluſſe, er müſſe ein reiſender Taſchenſpieler ſein, welcher verſucht habe, ſeinen Zwerg zu erſäufen— denn die groteske, koboldartige Kleidung des Letzteren überzeugte ſie, daß man ihn in einer Bude um Geld — —— gezeigt habe. Sie gaben einander indeſſen Zeichen, Auriol nicht entfliehen zu laſſen, und einer von ihnen erhob des Zwerges Kopf auf ſein Knie, brachte eine Flaſche zum Vorſchein und goß ihm ein wenig Brannt⸗ wein in den Mund, während Andere ſeine Hände rie⸗ ben. Dieſe Anſtrengungen hatten einen ſchnelleren Er⸗ folg, als man hätte erwarten ſollen. Nachdem der Zwerg einige Mal nach Luft geſchnappt hatte, öffnete er ſeine Augen und ſah die um ihn verſammelte Gruppe an. „Es muß Flapdragon ſein!“ rief Aniol. „Ha! wer ruft mich?“ rief der Zwerg. „Ich!“ verſetzte Auriol.„Erinnert Ihr Euch meiner nicht?“ Geuißt⸗ rief der Zwerg, ihn ſtarr anſehend; „Ihr ſeid— Und er hielt inne. „Man hat Euch ins Waſſer geworfen, Maſter Flapdragon?“ rief Einer von den Umſtehenden, indem er den Strick bemerkte, den der Zwerg um den Hals hatte. „Gewiß,“ verſetzte der kleine Mann. „Hat es Euer Herr gethan— dieſer Mann?“ rief ein Anderer Auriol anfaſſend. „Er? Nein,“ ſagte der Zwerg; ich habe dieſen Herrn ſeit beinahe drei Jahrhunderten nicht geſehen.“ „Seit drei Jahrhunderten, mein kleiner Patriarch?“ der Mann, der ihm den Branntwein gegeben hatte. Das iſt eine lange Zeit. Denke noch einmal nach.“ —=———— ——— — 97— „Es iſt aber dennoch vollkommen wahr,“ verſetzte der Zwerg. „Sein Verſtand iſt vom Waſſer weggeſpült wor⸗ den,“ ſagte der erſte Redner.„Gebt ihm noch einen Tropfen Branntwein.“ „Nichts davon,“ verſetzte der Zwerg;„meine Sinne waren nie klarer, als in dieſem Augenblick. Endlich haben wir uns getroffen,“ fuhr er, Auriol anredend, fort, „und ich hoffe, wir werden uns nicht ſo bald wieder trennen. Unſer Leben hängt an demſelben Bande.“ „Wie kamt Ihr in die verzweifelte Lage, worin ich Euch fand?“ fragte Auriol ausweichend. „Ich wurde mit einem Steine um den Hals wie ein Hund, der erſäuft werden ſoll, in den Kanal ge⸗ worfen,“ verſetzte der Zwerg.„Aber wie Ihr ſeht, bin ich nicht ſo leicht aus der Welt zu ſchaffen.“ Die Umſtehenden wechſelten wieder bedeutungsvolle Blicke. „Wer beging die That?“ fragte Auriol. „Ich kenne des Schurken Namen nicht,“ verſetzte der Zwerg;„aber er iſt ein ſehr großer dunkler Mann und gewöhnlich in einen langen ſchwarzen Mantel ge⸗ hüllt.“ „Ha!“ rief Auriol.„Wann geſchah es?“ „Schon vor einigen Nächten, ſollte ich denken,“ verſetzte der Zwerg;„denn ich bin eine entſetzlich lange Zeit unter dem Waſſer geweſen. Erſt eben iſt es mir gelungen, mich von dem Steine loszumachen.“ Auriol. 1. Band. Bei dieſer Rede entſtand ein Gekicher der Unglän⸗ bigkeit unter den Umſtehenden. „Ihr mögt lachen, aber es iſt doch wahr,“ rief der Zwerg zornig. „Wir müſſen ſogleich von dieſer Sache reden,“ ſagte Auriol.„Wollen Sie ihn in die nächſte Schenke bringen?“ fügte er hinzu, indem er dem Manne, der den Zwerg in den Armen hielt, Geld gab. „Sehr gern, mein Herr,“ verſetzte der Mann. „Ich will ihn in den Leibgardiſten bei der Kaſerne brin⸗ gen, das iſt das nächſte Gaſthaus.“ „Ich werde dort in einer Stunde zu ihm kommen,“ verſetzte Auriol, ſich entfernend. Und als er verſchwand, nahm der Mann ſeine kleine Laſt auf und ging damit auf die Kaſerne zu. Ohne auf ſeine triefenden Kleider zu achten, ging Auriol raſch auf den verabredeten Ort zu. Dort ange⸗ kommen, ſah er ſich um und als er Niemand bemerkte, warf er ſich auf eine Bank am Fuße der Erhöhung nieder, auf welcher die rieſenhafte Statue des Achilles ſteht. Es wurde ſchnell dunkel und ſchwere Wolken, die auf baldigen Regen deuteten, erhöhten das Düſter noch. Auriols Gedanken waren finſter, wie das Wetter und die Stunde, und er verſank in eine tiefe Zerſtrenung, woraus er dadurch erweckt wurde, daß Jemand ſeine Hand auf ſeine Schulter legte. Bei der Berührung zurückweichend, erhob er ſeine Augen und erblickte den Fremden, der ſich über ihn neigte und ihn mit einem Blicke teufliſchen Frohlockens anſah. Der Mantel war zum Theil zurückgeworfen, ſo daß er die hohe hagere Geſtalt des Trägers zeigte, väh⸗ rend der große Kragen von ſchwarzem Pelz, womit er vetziert war, gleich dem Flügel eines Teufels abſtand. Der Fremde hatte ſeinen Hut abgenommen und ſeine hohe breite Stirn, ſo weiß wie Marmor, zeigte ſich vollkommen. „Unſere Unterredung muß kurz ſein,“ ſagte er. „Seid Ihr vorbereitet, den Contrakt zu erfüllen?“ „Was fordert Ihr?“ fragte Aurivl. „Den Beſitz des Mädchens, welches ich vor drei Tagen ſah,“ ſagte der Andere,„Ebba, des Eiſenhänd⸗ lers Tochter. Sie muß mein ſein!“ „Nimmermehr!“ rief Auriol mit Feſtigkeit,„nim⸗ mermehr!“ „Hütet Euch, mich zu reizen, meine Macht an⸗ zuwenden,“ ſagte der Fremde;„ſie muß mein ſein— oder—“ „Ich biete Euch Trotz!“ verſetzte Auriol;„ich werde nimmermehr einwilligen.“ „Thor!“ rief der Andere, ſeinen Arm ergreifend und einen verächtlichen Blick auf ihn richtend.„Bringt ſie zu mir, ehe die Woche um iſt, oder fürchtet meine Rache!“ 7— — — 100— Und ſich in ſeinen Mantel hüllend, zog er ſich hinter die Statue zurück und verſchwand. Als er fort war, erhob ſich ein klagender Wind und ein ſchwerer Regen ßiel nieder. Dennoch verließ Auriol die Bank nicht⸗ Sechstes Kapitel. Das Wachtelhündchen Karl des Zweiten. E⸗ war um zwei Uhr an einem reizenden Früh⸗ lingstage, als ein rüſtiger Mann im mittleren Alter, von einer jungen Perſon von außerordentlicher Schön⸗ heit begleitet, ſich vor der Langhamkirche aufſtellte. Ge⸗ rade als die Glocke ſchlug, kam ein junger Mann mit raſchem Schritte aus einer Querſtraße und näherte ſich den Beiden, ehe er es ſelber gewahr wurde. Er war offenbar in großer Verlegenheit und würde ſich zurückge⸗ zogen haben, aber das war unmöglich. Die junge Dame theilte einigermaßen ſeine Verlegenheit; ſie erröthete leb⸗ haft, doch konnte ſie ihre Freude über das Zuſammen⸗ treffen nicht verbergen. Der Vater ſchien die Verlegen⸗ heit Beider nicht zu bemerken, ſondern ſtreckte dem jun⸗ gen Manne ſogleich die Hand hin und rief: „Ei, Herr Darcy, ſind Sie es? Wir dachten ſchon wir hätten Sie verloren! Was führte Sie ſo plötzlich von uns weg? Wir haben Sie ſeit vier Tagen erwartet und ſind jetzt ausgegangen, um zu verſuchen, ob wir Sie nicht auffinden können. Meine Tochter iſt entſetzlich unruhig geweſen. Nicht wahr, Ebba?“ Die junge Dame antwortete nicht, ſondern ſchlug ihre Angen nieder. „Es war meine Abſicht, Sie heute zu beſuchen, und Ihnen eine Erklärung über meine ſeltſame Hand— lungsweiſe zu geben,“ verſetzte Auriol.„Ich hoffe Sie erhielten meinen Brief, worin ich Ihnen mittheilte, daß meine plötzliche Entfernung unvermeidlich war?“ „Gewiß; auch erhielt ich die koſtbare Schnupfta⸗ baksdoſe, die Sie ſo freundlich waren, mir zu ſchicken,“ verſetzte Thorneyeroft.„Aber Sie vergaßen, mir zu ſagen, wie ich meinen Dank dafür ausſprechen ſollte.“ „Ich konnte in dem Augenblick meine Adreſſe nicht angeben,“ ſagte Auriol. „Nun, es iſt mir lieb zu bemerken, daß Sie Ih⸗ ren Arm wieder brauchen können,“ bemerkte der Eiſen⸗ händler.„Aber ich kann nicht ſagen daß Sie ſo wohl ausſehen, als da Sie uns verließen. Sie ſcheinen bläſſer— meinſt Du es nicht auch, Ebba? „Herr Darch ſieht aus, als wenn er mehr ein geiſtiges als ein körperliches Leiden hätte,“ verſetzte ſie furchtſam. „So iſt es,“ entgegnete Auriol, ſie feſt anſehend. „Ein ſehr unglückliches Ereigniß iſt mir begegnet⸗ Aber — 103— beantworten Sie mir eine Frage: Hat die geheimniß⸗ volle Perſon in dem ſchwarzen Mantel Sie wieder be⸗ läſtigt?“ „Welche geheimnißvolle Perſon?“ fragte Thorney⸗ eroft, ſeine Augen öffnend. „Achte nicht weiter darauf, Vater,“ verſetzte Ebba. „Ich ſah ihn geſtern Abend,“ fügte ſie zu Auriol ge⸗ wendet hinzu.„Ich ſaß allein im Hinterzimmer und dachte, was wohl aus Ihnen geworden ſein möchte, als an das Fenſter geklopft wurde, welches halb offen war, und aufſchauend, erblickte ich den großen Fremden. Es war beinahe dunkel, aber bei dem Lichte des Feuers ſah ich ſein boshaftes Geſicht. Ich übertreibe nicht, wenn ich ſage, daß ſeine Augen wie die eines Tigers ſchim⸗ merten. Ich erſchrack ſehr, aber es verhinderte mich Et⸗ was, zu ſchreien. Nachdem er mich einige Sekunden mit einem Blicke angeſehen, der mich zu feſſeln ſchien, während er mich erſchreckte, ſagte er:„„Sie wünſchen Auriol Darcy zu ſehen. Ich habe ihn eben verlaſſen. Gehen Sie morgen auf den Langhamplatz, und wenn die Glocke zwei ſchlägt, werden Sie ihn ſehen.““ Ohne eine Antwort zu erwarten verſchwand er.“ „Ah! das ſagteſt Du mir ja nicht, kleiner Schelm,“ rief Thorneyeroft.„Du überredeteſt mich, mit Dir aus⸗ zugehen, in der Hoffnung, Herrn Darey zu treffen; aber Du ſagteſt nicht, daß du gewiß wäreſt, ihn zu finden. So ſchickten Sie alſo dieſe geheimnißvolle Perſon— he“ fügte er, zu Auriol gewendet hinzu. — 1 1 118 1 ˙ 3 ——.——————— 2 5 — — 104— „Nein, das that ich nicht,“ verſetzte der Andere düſter. „Wirklich nicht?“ rief der Eiſenhändler mit ver⸗ wirrtem Blicke.„O! da dachte er wohl, es möchte Sie beruhigen. Doch da wir Sie getroffen haben, werden Sie doch mit uns nach Hauſe gehen und bei uns zu Mittag ſpeiſen.“ Auriol war im Begriffe, die Einladung abzulehnen, aber Ebba ſah ihn bittend an. „Ich habe eine Einladung, aber ich denke, ich muß wohl die Ihrige vorziehen,“ ſagte er, ihr ſeinen Arm anbietend. So gingen ſie Orfordſtreet entlang, während Thor⸗ neheroft einige Schritte hinter ihnen folgte. „Dies iſt ſehr freundlich von Ihnen, Herr Darcy,“ ſagte Ebba.„Ol ich bin ſo elend geweſen!“ Es thut mir leid, dies zu hören,“ verſetzte er. „Ich hoffte, Sie hätten mich vergeſſen.“ „Ich bin gewiß, das erwarteten Sie nicht,“ rief ſie. Als ſie ſprach, fühlte ſie, daß Auriol von einem Schander ergriffen wurde. „Was fehlt Ihnen?“ fragte ſie ängſtlich. „Ich würde Sie vermieden haben, wenn ich es gekonnt hätte, Ebba,“ engegnete er;„aber ein Schick⸗ ſal, gegen welches anzukämpfen vergebens iſt, hat uns wieder zuſammengebracht.“ „Es iſt mir lieb,“ verſetzte ſie;„denn ſeit unſerer letzten Unterredung hab⸗ ich immer über das nachgedacht, was Sie mir damals ſagten, und bin gewiß, daß Sie — —— ———— ————— — 105— an einer ſeltſamen Täuſchung leiden, die der Ihnen wi⸗ derfahrene Unfall verurſacht hat.“ „Tänſchen Sie ſich nicht, Ebba,“ rief Auriol. „Ich bin unter einem entſetzlichen Einfluſſe. Ich darf Sie nicht erſt an das geheimnißvolle Weſen erinnern, welches am letzten Abend an Ihr Fenſter klopfte.“ „Was iſt mit ihm?“ fragte Ebba mit einer plötz⸗ lichen Furcht. „Er iſt es, der mein Geſchick beherrſcht,“ verſetzte Auriol. „Aber was hat er mit mir zu thun?“ fragte Ebba. „Viel— ſehr viel,“ verſetzte er mit merklichem Schauder. „Sie erſchrecken mich, Auriol,“ verſetzte ſie.„Sa⸗ gen Sie mir, was Sie meinen— bitte, ſagen Sie es mir!“ Ehe Auriol antworten konnte, trat Thorneyeroft vor und lenkte die Unterhaltung auf einen andern Ge⸗ genſtand. Bald darauf erreichten ſie den Quadranten und gin⸗ gen unter der öſtlichen Säulenhalle weiter, als Ebba's Aufmerkſamkeit auf einen Mann gelenkt wurde, der ein paar Hunde an einer Schnurfführte, während er einen an⸗ deren unter dem Arme, in ſeinen Taſchen und einen im Buſen hatte. Es war Herr Ginger. „Welch ein hübſcher kleiner Hund!“ rief Ebba, das Wachtelhündchen Karls des Zweiten bemerkend. „Wollen Sie mir erlauben, Ihnen ein Geſchenk damit zu machen?“ fragte Auriol. — 105— „Sie wiſſen, ich würde ihn ſchätzen, da er von Ihnen kommt,“ entgegnete ſie hocherröthend;„aber ich kann ihn nicht annehmen; darum will ich ihn nicht wie⸗ der anſehen, um nicht in Verſuchung zu kommen.“ Der Hundehändler bemerkte aber Ebba's Bewun⸗ derung, hielt ihr das Wachtelhündchen hin und ſagte: „Sehen Sie nur dieſes hübſche kleine Geſchöpf an. Es hat an Schönheit nicht ſeines Gleichen. Fürchten Sie ihn nicht, Miß. Er iſt ſo ſanft wie ein Lamm.“ „O Du kleiner Liebling!“ ſagte Ebba, den glatten Kopf und die langen ſeidenen Ohren des Thieres ſtrei⸗ chelnd, während es ſeine großen ſchwarzen Augen auf ſie richtete, als wollte es ſie bitten, es zu kaufen. „Fairy ſcheint Neigung für Sie zu empfinden, Miß,“ bemerkte Ginger;„und ſie hat doch ſonſt die Gewohnheit nicht, ſich auf den erſten Blick zu verlieben. Ich kann mich freilich nicht darüber wundern; ich würde daſſelbe thun, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Nun, Miß, da Sie Gefallen an Ihnen zu finden ſcheint, und Sie an ihr, ſo will ich nicht die Art der Väter nach⸗ ahmen, welche ſteinerne Herzen haben und zwei treue Lie⸗ bende trennen. Sie ſollen ſie um einen billigen Preis haben.“ „Was nennen Sie einen billigen Preis, mein gu⸗ ter Mann?“ fragte Ebba lächelnd. „Ich wollte, ich könnte Ihnen den Hund ſchenken, Miß,“ verſetzte Ginger,„da ſollten Sie ihn ſogleich haben. Aber ich muß mir meinen Lebensunterhalt ver— dienen, und Fairy iſt das koſtbarſte Thier von meinem — 107— ganzen Vorrath. Ich will Ihnen ſagen, was ſie mir ſelber koſtet, und Sie ſollen nur eine Kleinigkeit mehr geben. Von Perſonen, wie Sie ſind, nehme ich keinen Vortheil.“ „Ich hoffe, Sie gaben nicht zu viel dafür, Freund,“ verſetzte Ebba. „Ich gab nicht halb ſo viel dafür, wie ſie werth iſt— nicht die Hälfte,“ ſagte Ginger;„und wenn ſie Ihnen in Zeit eines Monats nicht gefällt, kaufe ich ſie Ihnen wieder ab. Sie finden mich immer hier— immer. Jedermann kennt Herrn Ginger— das iſt mein Name, Miß. Ich bin der einzige ehrliche Mann von denen, die den Hundehandel treiben. Fra⸗ gen Sie Herrn Biſhop, den großen Büchſenmacher in Bondſtreet, nach mir— den man den Biſchof von Bondſtreet nennt— der wird Ihnen Anuskunſt über mich geben.“ „Aber Sie haben die Frage der Dame noch nicht beantwortet,“ ſagte Auriol.„Was verlangen Sie für den Hund?“ „Wollen Sie ihn für ſich ſelber, Herr, oder für die Dame?“ fragte Ginger. „Was liegt daran?“ fragte Auriol ärgerlich. „Sehr viel, Herr,“ verſetzte Ginger;„es macht einen weſentlichen Unterſchied im Preiſe. Für Sie koſtet ſie fünf und zwanzig Guineen. Für die Dame zwanzig.“ „Aber wenn ich den Hund nun für die junge Da⸗ me kaufe?“ ſagte Auriol. „O! dann erhalten Sie ihn natürlich für den nie⸗ drigen Preis,“ verſetzte Ginger. ——— — 108— „Sie werden doch den Hund nicht kanſen wollen?“ fiel Thorneyeroft ein.„Der Preis iſt übertrieben— ungehener.“ „Es mag Ihnen ſo erſcheinen,“ ſagte Ginger, „weil Sie mit dem Werthe eines ſolchen Thieres unbe⸗ kannt ſind; aber ich kann Ihnen ſagen, es iſt billig— ſpottbillig. Seine Exeellenz, der preußiſche Geſandte kaufte in der letzten Woche einen Charley von mir, um ihn einer gewiſſen Herzogin von ſeiner Bekanntſchaft zu ſchenken, und was denken Sie, was er mir dafür gab?“ „Ich weiß es nicht, und will es auch nicht wiſ⸗ ſen,“ verſetzte Thorneheroft trotzig. „Achtzig Guineen,“ ſagte Ginger.„Achtzig Gui⸗ neen, ſo wahr ich ein lebender Mann bin! Der Hund, den ich ihm verkaufte, war nicht zu vergleichen mit Fairy.“ „Unſinn— Unſinn!“ rief Thorneyeroft,„ich laſſe mich nicht auf ſolche Weiſe betrügen.“ „Es iſt kein Betrug,“ ſagte Ginger.„Sehen Sie nur die Ohren an, Miß— ſie ſind ja ſo lang wie Ihre Ringellocken— und die Pfoten— ich bin gewiß, Sie werden nicht ſagen, daß zwanzig Pfund zu viel iſt.“ „Es iſt in der That ein liebenswürdiges kleines Geſchöpf,“ entgegnete Ebba, wieder des Thieres Kopf ſtreichelnd. Während dies geſchah, wurde Anrivl von zwei tännern von ſehr verdächtigem Ausſehen, die ſich hin⸗ ter einem nahen Pfeiler verborgen hatten, genau beobach⸗ tet. — 109— „Er iſt es!“ flüſterte der Größere von beiden ſei— nem Kameraden zuz„es iſt der junge Mann, nach dem wir uns umgeſehen— Auriol Darcy.“ „Er ſcheint ihm ſehr ähnlich,“ ſagte der Andere, um den Pfeiler blickend, ſo weit er es zu thun wagte. „Ich wünſchte, er wendete ſein Geſicht ein wenig mehr nach dieſer Seite.“ 6 „Er iſt es, ſage ich Dir, Sandman,“ ſagte Tin⸗ ker.„Wir müſſen unſerem Kameraden das Signal geben.“ „Nun, ich will Ihnen was ſagen, Miß,“ ſagte Ginger ſchmeichelnd,„Ihr Liebſter— ich bin gewiß, daß er Ihr Liebſter iſt— ich weiß dergleichen im Au⸗ genblick— Ihr Liebſter ſoll mir fünfzehn Pfund geben, und der Hund iſt der Ihre. Ich verliere fünf Pfund bei dem Handel; aber ich rechne auf Ihre fernere Kund⸗ ſchaft. Fairy verdient eine gütige Herrin.“ Auriol, der in eine Zerſtreuung verſunken war, rief jetzt: „Was ſagtet Ihr da, Burſche?“ „Ich ſagte; Herr, die junge Dame ſolle den Hund für fünfzehn Pfund haben, und ein köſtlicher Handel iſt es,“ verſetzte Ginger. „Nun gut, um der Sache ein Ende zu machen, hier iſt das Geld,“ ſagte Auriol ſeine Börſe hervorzie⸗ hend. „Auf keinen Fall, Auriol,“ rief Ebba raſch.„Es iſt zu viel.“. „Viel zu viel, Herr Darch,“ ſagte Thorneyeroft. — 110— „Auriol und Darey!“ murmelte Ginger.„Sollte dies der Herr ſein, nach dem wir uns umgeſehen? Wo meine beiden Kameraden ſein mögen? O! es iſt Alles richtig,“ fügte er hinzu, als er hinter dem Pfeiler her ein Zeichen erhielt.„Ich ſehe, ſie ſind auf ihrem Po⸗ ſten.“ „Gebt der Dame den Hund und nehmt das Geld, Mann,“ ſagte Auriol heftig. „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr,“ ſagte Ginger,„aber wäre es nicht beſſer, der jungen Dame den Hund nach Hanſe zu tragen? Es möchte ihm unter⸗ wegs ein Unfall begegnen.“ „Unfall!— Unſinn!“ rief Thorneyerofſt.„Der Kerl will uns nur nach Hauſe folgen, damit er weiß, wo wir wohnen, um den Hund wieder ſtehlen zu kön⸗ nen. Nehmen Sie meinen Rath an, Herr Darcy, und kaufen Sie ihn nicht.“ „Der Handel iſt abgeſchloſſen,“ ſagte Ginger, Ebba den Hund überliefernd und von Auriol das Geld in Empfang nehmend, welches er zählte und in ſeine weite Hoſentaſche ſteckte. „Wie ſoll ich Ihnen danken für dieſen Schatz, Auriol?“ rief Ebba im höchſten Entzücken. „Indem Sie auf denſelben alle Neigung übertra⸗ gen, die Sie für mich hegen,“ verſetzte er in leiſem Tone. „Das iſt unmöglich,“ antwortete ſie. „Nun, ach denke, wir fahren ſogleich weiter,“ ſagte Thorneyeroft.„Hallo! Kutſcher!“ rief er einer vorüber⸗ — fahrenden Kutſche zu und fügte dann hinzu, als der Wagen anhielt:„Nun, ſteige ein, Ebba. Auf dieſe Weiſe werden wir verhindern, daß der Schurke uns folgen kann.“ Hierauf ſtieg er in die Kutſche. Als Auriol im Begriff war, ihm zu folgen, fühlte er, wie Jemand ſei⸗ nen Arm berührte, und als er ſich umſah, bemerkte er einen großen widerwärtig ausſehenden Mann, der an ſeiner Seite ſtand. „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr,“ ſagte der Mann, ſeinen Hut berührend,„iſt nicht Ihr Name Herr Auriol Darcy?“ „Freilich,“ verſetzte Auriol, ihn feſt anſehend. „Warum fragt Ihr?“ „Ich wünſche einige Worte mit Ihnen allein zu reden— das iſt Alles,“ verſetzte Tinker. „Sagt mir ſogleich, was Ihr zu ſagen habt,“ verſetzte Auriol.„Ich kenne Euch nicht.“ „Sie werden mich ſchon kennen lernen, mein Herr,“ ſagte Tinker in bedentungsvollem Tone.„Ich muß durchaus mit Ihnen reden und zwar allein.“ „Wenn Ihr nicht augenblicklich Eurer Wege geht, übergebe ich Euch der Polizei,“ rief Auriol. „Nein, das werden Sie nicht thun, Herr— das werden Sie nicht thun,“ verſetzte Tinker den Kopf ſchüt⸗ telnd. Dann fügte er mit leiſer Stimme hinzu: „Sie werden gern mein Schweigen erkaufen, wenn Sie erfahren, welche von Ihren Geheimniſſen zu meiner Kenntniß gekommen ſind.“ — 112— „Wollen Sie nicht einſteigen, Herr Darey?“ rief Thorneyeroft, der Tinker den Rücken zugewendet hatte. „Ich muß mit dieſem Manne reden,“ verſetzte Au⸗ riol.„Ich will am Abend zu Ihnen kommen. Bis dahin leben Sie wohl, Ebba.“ Und als die Kutſche abfuhr, fügte er zu Tinker gewendet hinzu:„Nun Kerl, was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Kommen Sie hieher, Herr,“ verſetzte Tinker.„Da ſind zwei Frenunde von mir, die bei unſerer Konferenz zugegen zu ſein wünſchen. Es wird beſſer ſein, wenn wir in die Nebengaſſe einbiegen,“ Siebentes Kapitel. Die Hand noch einmal. Ven Auriol, Ginger und Sandman begleitet richtete Tinker ſeine Schritte nach Great Windmiliſtreet, wo er in das Gaſthaus zum ſchwarzen Löwen trat. Seine vierfüßigen Begleiter dem Wirthe übergebend, mit dem er bekannt war, ließ Ginger der Geſellſchaft ein beſonderes Zimmer anweiſen, und in daſſelbe eintretend, warf ſich Auriol auf einen Stuhl, während der Hunde⸗ händler ſich in die Nähe der Thür ſtellte. „Nun, was wollt Ihr von mir?“ fragte Aurivl. „Sie ſollen es ſogleich erfahren,“ verſetzte Tinker; „aber es wird ebenſo gut ſein, ſogleich zu fagen, daß ein gewiſſes Taſchenbuch gefunden worden iſt.“ „Ha!“ rief Auriol.„Ihr ſeid die Schurken, die mich in dem verfallenen Hauſe an der Vauxhallſtraße angefallen.“ Auriol. 1. Band. 8 — 114— „Ihr Taſchenbuch iſt gefunden worden, ſage ich Ihnen,“ verſetzte Tinker,„und aus demſelben haben wir entſetzliche Entdeckungen gemacht. Unſer Haar rich⸗ tete ſich empor, als wir zuerſt die entſetzlichen Mitthei⸗ lungen laſen. Welch ein blutdürſtiger Böſewicht müſſen Sie ſein! Hier finden wir, daß es Ihre Gewohnheit iſt, alle zehn Jahre mit einem jungen Franuenzimmer durchzugehen. Ihr letztes Opfer wurde 1820 gebracht — das vorletzte 1810— und das vorvorletzte 1800.“ „Das Hängen iſt noch zu gut für Sie!“ rief Sandman;„aber wenn wir Sie angeben wollen, wer⸗ den Sie gewiß baumeln müſſen.“ „Ich hoffe jenes hübſche Weſen, welches ich eben geſehen, wird nicht das nächſte Opfer ſein ſollen?“ ſagte Ginger. „Still!“ rief Auriol.„Was fordert Ihr?“ „Hundert Pfund für Jeden um unſer Schwei⸗ gen zu erkaufen,“ verſetzte Tinker. „Wir ſollten das Doppelte haben,“ ſagte Sand⸗ man,„indem wir ſolche Verbrechen, wie er begangen hat, hingehen laſſen. Wir ſind gerade nicht beſonders gewiſſenhaft, aber wir begehen keine Mordthaten in ſol⸗ chem Umfange.“ „Wir begehen überhaupt keine Mordthaten,“ ſagte Ginger. „Sie können ſich vorſtellen, däß wir vollkommen mit Ihrer Geſchichte bekannt ſind,“ fuhr Tinker fort; „um es Ihnen aber zu beweiſen, wollen wir Ihr Ge⸗ dächtniß ein wenig auffriſchen. Hörten Sie je von ei⸗ nem Herrn, der Doktor Lamb, den berühmten Alche⸗ miſten aus der Zeit der Königin Eliſabeth, ermordete, das Elixir trank, welches der Doktor für ſich ſelber bereitet hatte, und ſeit der Zeit immer fort lebte? Hör⸗ ten Sie je von einer ſolchen Perſon, ſage ich?“ Auriol ſah ihn mit Erſtaunen an. „Welche einfältige Geſchichte habt Ihr erfunden?“ ſagte er endlich. „Es iſt keine einfältige Geſchichte,“ verſetzte Tin⸗ ker kühn.„Wir können einen Zeugen ſtellen, der die Thatſache beweiſen kann— einen lebenden Zeugen.“ „Welchen Zeugen?“ rief Auriol. „Erinnert Ihr Euch nicht mehr des Zwerges, der dem Doktor Lamb diente?“ verſetzte Tinker.„Er lebt noch und wir nennen ihn Old Parr wegen ſeines hohen Alters.“ „Wo iſt er?— was iſt aus ihm geworden?“ fragte Auriol. „O! wir wollen ihn ſchon zur rechten Zeit ſtellen,“ verſetzte Tinker liſtig. „Aber ſagt mir, wo der arme Kerl iſt,“ ſagte Auriol.„Habt Ihr ihn ſeit geſtern Abend wieder ge⸗ ſehen? Ich beſtellte ihn in ein Gaſthaus in Kenſington; aber er iſt von dort verſchwunden, und ich kann keine Spur von ihm endecken.“ „Er wird ſchon irgendwo auftauchen— fürchtet Nichts,“ verſetzte Tinker.„Aber nun, Herr, damit wir einander verſtehen— wollen Sie auf unſere Bedin⸗ gungen eingehen? Geben Sie uns eine Anweiſung auf 8* — 116— das Geld, und wir machen uns dagegen verbindlich, Sie nicht mehr zu beläſtigen.“ „Das Taſchenbuch muß mir ausgelieſert und der arme Zwerg gefunden werden, ehe ich einwilligen kann,“ ſagte Auriol. „Nun, das kann ich kaum verſprechen,“ verſetzte Tinker;„Sie müſſen nämlich wiſſen, es iſt eine Schwie⸗ rigkeis bei der Sache. Aber das Taſchenbuch ſoll nie gegen Sie in Anwendung gebracht werden, davvn kön⸗ nen Sie ſich überzeugt halten.“ „Ich muß es haben, oder Ihr erhaltet Nichts von mir,“ rief Auriol. „Hier iſt ein Stück Papier aus dem Taſſchenbuche,“ ſagte Ginger.„Möchten Sie wohl hören, was darauf geſchrieben ſteht? Dies ſind die Worte:„„Wie viele Verbrechen habe ich mir vorzuwerfen! Wie viele Unſchul⸗ dige habe ich zu Grunde gerichtet! Und Alles wegen meines unheilvollen Bündniſſes mit—““ „Gebt mir das Papier,“ rief Auriol aufſtehend und verſuchend es dem Hundehändler zu entreißen. Gerade in dieſem Augenblick, während Ginger ſich von Auriol zurückzog, wurde die Thür hinter ihm ge⸗ räuſchlos geöffnet, eine Hand durch die Spalte geſtreckt und ihm das Papier entriſſen. Ehe Ginger ſich um⸗ wenden konnte, war die Thür wieder geſchloſſen. „Hallo! was iſt das?“ rief er.„Das Papier iſt fort!“ „Da war die Hand wieder!“ rief Sandman un⸗ — 117— ruhig.„Seht zu, wer im Gange iſt— öffnet die Thür— ſchnell!“ Ginger gehorchte vorſichtig, ſah hinaus und ſagte: „Es iſt Niemand da!— Es muß der Teufel ſein. Ich will Nichts mehr mit der Sache zu thun haben.“ „Pah! pah!— Seid nur nicht ſo furchtſam!“ rief Tinker.„Aber es mag daraus werden, was will, ſo ſoll doch der Herr nicht von der Stelle, ehe er ſich verbindlich macht, uns dreihundert Pfund zu zahlen.“ „Ihr ſucht vergebens mich zu ſchrecken, Schurke!“ rief Auriol, der das Ereigniß wohl bemerkt hatte.„Ich darf nur mit dem Fuße ſtampfen, und ich habe angen⸗ blicklichen Beiſtand.“ „Reize ihn nicht,“ flüſterte Ginger, indem er Tin⸗ ker am Aermel zupfte.„Ich werde nicht länger bleiben. Ich möchte ſein Geld nicht haben!“ Und er verließ das Zimmer. „Ich will gehen und ſehen, was ans Ginger ge⸗ worden iſt,“ ſagte Sandman, ihm nachſchleichend. Tinker ſah ſich furchtſam um. Auch er war nicht unzugänglich für abergläubiſche Furcht. „Hier, nehmt dieſe Börſe und beläſtigt mich nicht weiter!“ rief Anriol. Tinker griff mechaniſch nach der Börſe, legte ſie aber augenblicklich wieder nieder. „Ich bin ſchlecht genug, aber ich will mich nicht dem Teufel verkaufen,“ ſagte er. Und er folgte ſeinen Kameraden. ———— — 118— Als Auriol allein war, ſeufzte er laut und be⸗ deckte ſein Geſicht mit den Händen. Als er aufblickte, ſah er den großen Mann in dem ſchwarzen Mantel neben ſich ſtehen. Ein teufliſches Lächeln umſpielte ſeine Züge. „Ihr hier?“ rief Auriol. „Natürlich,“ verſetzte der Fremde.„Ich kam, um für Eure Sicherheit zu ſorgen. Es drohte Euch Gefahr von dieſen Männern. Aber Ihr dürft Euch nicht um ſie kümmern. Ich habe Euer Taſchenbuch und das Stück Papier, welches aus demſelben herausgefallen war. Hier iſt Beides. Nun laßt uns von anderen Dingen reden. Ihr habt Euch eben von Ebba getrennt, und werdet ſie dieſen Abend wiederſehen.“ „Vielleicht,“ verſetzte Aurivl. „Ihr werdet es,“ verſetzte der Fremde gebieteriſch. „Bedenkt, daß Eure zehnjährige Friſt zu Ende geht. In wenigen Tagen iſt ſie abgelaufen; und wenn Ihr ſie nicht erneuert, ſeid Ihr der Strafe verfallen, welche ſchrecklich iſt, wie Ihr wißt. Da Ihr die Mittel zur Erneuerung in Händen habt, warum zaudert Ihr?“ „Weil ich das Mädchen nicht opfern will,“ ver⸗ ſetzte Auriol. „Ihr könnt Euch nicht anders helfen,“ rief der Fremde verächtlich.„Ich befehle Euch, ſie zu mir zu bringen.“ „Ich beharre bei meiner Weigerung,“ verſetzte Au⸗ riol. „Es iſt nutzlos, meiner Macht zu wotzen,“ ſagte — 119— der Fremde.„Wir haben eben Neumond. Wenn er das erſte Viertel erreicht hat, ſoll Ebba mein ſein. Bis dahin lebt wohl!“ Und als die Worte ausgeſprochen waren, ging er durch die Thür hinaus. Achtes Kapitel. Der Barbier von London. Wer hat nicht von dem Barbier von London ge⸗ hört? Seine Wohnung iſt in der Nachbarſchaft von Lincoln's Inn. Es iſt unnöthig, die Straße anzugeben, denn Jedermann kennt den Laden; das heißt Jeder, der dem juriſtiſchen Stande angehört, mag er nun hoch oder niedrig ſein. Alle, ſelbſt die Richter, laſſen von ihm ihr Haar ſchneiden oder ihre Perrücken zurecht ma⸗ chen. Ein angenehmer Mann iſt Herr Tuffnell Trigge — Figaro ſelber war nicht angenehmer— und wer ſich nicht ſelbſt raſirt— wer ſeinem widerſpenſtigen Haar einen graziöſen Schnitt geben laſſen will— wer einer Perrücke bedarf, dem empfehle ich die Dienſte des Herrn Tuffnell Trigge. Er wird ſeinen Kunden nicht nur gut behandeln, ſondern ihm auch alle Hofnenigkeiten mit— —— theilen, ihm die letzte witzige Aeußerung des Advokaten Larkins zum Beſten geben; er wird ihm erzählen, wie viele Klageſchriften der große Herr Stinner Fyne erhält — was der Vicekanzler thut; und wenn mann aufßſteht, wird man geſtehen müſſen, daß man nie fünf Minuten angenehmer hingebracht hat. Ueberdies trifft man höchſt wahrſcheinlich immer einige bemerkenswerthe Charaktere, denn Herrn Trigge's Laden iſt ein Verſammlungsort. Vielleicht trifft man einen jungen Rechtsgelehrten dort, der eben ſeine erſte Perrücke beſtellt, und da kann man die Prophezeihung des Herrn Trigge hinſichtlich ſeiner künftigen Auszeich⸗ nung hören. „Ah, Herr,“ wird er ſagen, indem er die einfäl⸗ tigen Geſichtszüge des jungen Mannes anſieht,„Sie haben ganz das Geſicht des Oberrichters— ganz und gar— ich erinnere mich ſeiner nicht mehr, als er ſeine erſte Perrücke beſtellte— das war ein wenig vor mei⸗ ner Zeit; aber ich hoffe es noch zu erleben, Sie als Oberrichter zu ſehen, mein Herr. Die Stelle iſt völlig in Ihrem Bereiche, wenn Sie ſich nur darum bemühen wollen. Davon bin ich völlig überzengt, mein Herr.“ Oder man ſieht ihn einen ernſten Kanzeleirath be⸗ dienen und mit tiefer Anfmerkſamkeit ſeinen Bemerkungen zuhören, oder laut lachen über die Scherze einiger jun⸗ gen Rechtsgelehrten oder Schreiber, denn für ſie iſt er in der That groß, und ſie haben ihn zum Barbier von London geſchlagen. Der Laden des Herrn Trigge iſt einer von den zierlichen Haarſchneidekabinetten von — 2— Weſtend, mit prächtigem Spiegel auf jeder Seite, worin man zu gleicher Zeit den Hinterkopf, die Stirn und die Seite ſehen kann, die Wände mit glänzenden franzöſi⸗ ſchen Tapeten bedeckt und mit einem Vorzimmer, worin ſich Bärenfett, Hele, Créme, Zahnpulver und Spiegel⸗ glas befinden. Nein, es iſt eine wahre Barbier- und Haarſchneideſtube vom guten alten Schnitt, wo man um einen Schilling das Haar geſchnitten und gekräuſelt vekommt und um den halben Preis raſirt wird. Freilich iſt der Fußboden nicht mit Teppichen be⸗ deckt. Aber was thut das? Er trägt die Spuren von zahlloſen Kunden und iſt mit ihrem Haar überſäet. Im Fenſter befindet ſich eine Auswahl von Wachsbüſten, welche die Triumphe von Herrn Trigge's Kunſt zur Schau tragen, und über dieſen befinden ſich verſchiedene Proben von richterlichen Perrücken. Auf dem kleinen Ladentiſche hinter dem Fenſter unter großen Töpfen mit Pomade und Bärenſett angefüllt und unter den Eiſen und Bürſten, die der Barbier im beſtändigen Gebrauche hat, beſinden ſich andere Büſten, die lieblich ins Zim⸗ mer blicken. Auf dem Block befindet ſich eine Richter⸗ perrücke, welche Herr Trigge eben friſirt hat, und ein wenig weiter auf einem höheren Block iſt die eines Rechtsanwalts. An den Seiten des Kamins hängen die Portraits des Lord Eldon und des Lord Lyndhurſt. Einige andere Portraits von hübſchen Schauſpielerinnen ſind gleichfalls zu ſehen. An dem Ladentiſche lehnt ein Bret, worauf ſich der Theaterzettel des Abends befindet, und in der Nähe eine ſinnbildliche Darſtellung von —— — 123— Töpferarbeit, welche die Andeutung giebt, daß hier Bärenfett zu haben iſt. Unter Herrn Trigge's lebendi⸗ gen Hausgenoſſen können wir auch ſeine Lieblingselſter aufzählen, die ſich in einem geflochtenen Käfig im Fen⸗ ſter befindet, beſtändig plappert und, wie ihr Herr be⸗ hauptet, Alles ſo gut kennt wie ein Chriſt. Und nun, was Herrn Tuffnell Trigge ſelber be⸗ trifft. Er iſt ſehr groß und hager, und hält ſich ſo aufrecht, daß er keinen Zoll von ſeiner Statur verliert. Sein Kopf iſt groß und ſein Geſicht lang, mit markir⸗ ten, wenn auch nicht ſehr auffallenden Zügen, die, wie wir geſtehen müſſen, einen ſehr ſelbſtgenügſamen Ans⸗ druck haben. Man kann die Benennung Barbier von London nicht ohne Talent erlangen; und das Bewußt⸗ ſein dieſes Talents war es, was den Zügen des Herrn Trigge ihren anſcheinend eingebildeten Ausdruck verlieh. Ein ſchwarzer Backenbart ſchmückt ſeine Wangen und ſein Kinn; und ſein ſchwarzes borſtiges Haar iſt zurück⸗ gebürſtet, ſo daß es den beträchtlichen Umfang ſeiner Stirn zeigt. Seine Augenbrauen ſind wie in beſtändi⸗ gem Spott aufwärts gezogen. Der Anzug, in dem man Herrn Trigge gewöhnlich ſieht, beſteht in einer ſchwarzen Sammetweſte und engen ſchwarzen Fortſetzungen. Dieſe werden von einer weißen um ſeine Taille zugebundenen Schürze mit Taſchen ge⸗ ſchützt, worin ſich ſeine Scheeren und Kämme befinden; darüber trägt er eine kurze Nankinjacke, in deren Ta⸗ ſchen er beſtändig ſeine Hände ſteckt; wenn ſie nicht an⸗ derweitig beſchäftigt ſind. Eine ſchwarzſeidene Halsbinde — 124— mit großer Schleife umgiebt ſeinen Hals, und ſein Hemd iſt mit ſchwarzen Knöpfen befeſtigt. Dies iſt Herr Tuff⸗ nell Trigge, genannt der Barbier von London. Zu der Zeit, wo wir den Leſer bei ihm einführen, hatte Herr Trigge gerade eine Ankündigung erlaſſen, daß er einen Gehülfen ſuche, da ſein gegenwärtiger jun⸗ ger Mann, Rutherford Watts, im Begriff war, ihn zu verlaſſen und ſich in Canterbury zu etabliren. Cs war um zwei Uhr und Herr Trigge hatte ſich eben in ein inneres Zimmer zurückgezogen, um einige Erfriſchun⸗ gen einzunehmen, als er bei ſeiner Rückkehr Watts be⸗ ſchäftigt fand, einen ſauer ausſehenden Herrn im mittle⸗ ren Alter, der vor dem Feuer ſaß, das Haar zu ſchnei⸗ den. Herr Trigge verneigte ſich gegen den ſauer aus⸗ ſehenden Herrn und ſchien bereit, ſich mit ihm in eine Unterredung einzulaſſen, als aber auf ſein Entgegen⸗ kommen nicht geachtet wurde, ging er und ſprach mit ſeiner Elſter. Während er mit ihr planderte, ſchrie der kluge Vogel: „Wunderhübſch! wunderhübſch!“ „Ah! was denn? wer denn, Mag?“ rief Trigge. „Wunderhüſch! wunderhübſch!“ wiederholte die El⸗ ſter. Hierauf wendete ſich Trigge um und ſah einen ſehr ſeltſamen kleinen Mann in den Laden treten. Er hatte faſt das Anſehen eines Reitknechts, denn er trug einen langen grauen Mantel, braune Kniehoſen und kleine Stulpſtiefel. Er hatte einen großen und vorra⸗ W — 125— genden Mund gleich dem eines Pavians und einen bu⸗ ſchigen ſchwarzen Haarwuchs auf dem Kopfe. „Wunderhübſch— wunderhübſch!“ ſchrie die Elſter. „Ich ſehe nichts beſonderes Hübſches an ihm,“ dachte Trigge.„Welch ein ſeltſamer kleiner Kerl. Es würde den Lord Kanzler ſelber in Verlegenheit ſetzen, wenn er ſein Alter angeben ſollte.“ Der kleine Mann nahm ſeinen Hut ab, machte eine tiefe Verbeugung gegen den Barbier, entfaltete eine Rummer der„Times,“ die er unter dem Arme trug, und hielt ſie Trigge hin. „Was wünſcht Ihr, mein kleiner Freund, he?“ ſagte der Barbier. „Hohen Lohn— hohen Lohn!“ ſchrie die Elſter. „Iſt dies von Ihnen, Herr?“ verſetzte der kleine Mann, auf eine Ankündigung in der Zeitung dentend. „Ja, ja, das iſt meine Ankündigung, Freund,“ verſetzte Trigge,„aber was iſt damit?“ Ehe der kleine Mann antworten konnte, erfolgte eine geringe Unterbrechung. Während Watts den Ein⸗ tretenden anſah, verſäumte er, das Kräuſeleiſen zur rech⸗ ten Zeit zurückzuziehen und brannte daher die Stirn des ſauer ausſehenden Herrn und verſengte ſein Haar. „Nehmen Sie ſich in Acht, Burſche!“ rief der Herr zornig.„Was zum Teufel, haben Sie vor?“ „Ja! ſehen Sie ſich vor, Herr, wie der Richter Learmouth zu einem unverſchämten Zeugen ſagt,“ rief Trigge,„ſehen Sie ſich vor, oder Sie werden einge⸗ ſperrt!“ — 126— „Zum Henker mit Ihrem Richter Learmouth,“ rief der Herr zornig,„wenn ich ein Richter wäre, würde ich einen ſolchen ſorgloſen Kerl an den Galgen ſchicken.“ „Es iſt ihm recht geſchehen!“ ſchrie die Elſter. „Ich bitte um Verzeihung, mein Hert,“ rief Watts „ich will es in einer Minute wieder gut machen.“ „Nun, mein kleiner Freund,“ ſagte Trigge,„und welches iſt der Zweck Ihres Kommens, wie der große Rechtsanwalt Plodwell zu ſeinen Klienten ſagt— wel⸗ ches iſt Ihr Zweck?“ „Sie bedürfen eines Gehülfen, nicht wahr, mein Herr?“ verſetzte der kleine Mann unterwürfig. „Wollen Sie ſich ſelber dazu melden oder ftagen Sie wegen eines Freundes?“ fragte Trigge. „Ich wollte mich ſelber dazu melden,“ verſetzte der kleine Mann. „Welches ſind Ihre Befähigungen?“ fragte Trigge. „Ich denke, ich verſtehe Etwas von dem Geſchäft,“ verſetzte der kleine Mann.„Ich war ſelber Perrücken⸗ macher, als die Perrücken mehr in der Mode waren, als gegenwärtig.“ „Ei wirklich!“ ſagte Trigge lachend.„Das muß im letzten Jahrhundert geweſen ſein— zur Zeit der Königin Anna— he?“ „Sie haben es getroffen, mein Herr,“ verſetzte der kleine Mann.„Es war zur Zeit der Königin Anna.“ „Vielleicht erinnern Sie ſich noch, wie die Per⸗ rücken zuerſt getragen wurden, mein kleiner Neſtor,“ rief Trigge. —— ** 7 — — — 127— „Vollkommen,“ verſetzte der kleine Mann„Fran⸗ zöſiche Perrücken wurden zuerſt zur Zeit Karl des Zwei⸗ ten getragen.“ 5„Sie ſahen es natürlich?“ rief der Barbier ſpöt⸗ tiſch. n„Freilich ſah ich es,“ verſetzte der kleine Mann ruhig. „O!l er muß von Sinnen ſein,“ rief Trigge. „Wir werden die Mondſucht in Berückſichtigung ziehen müſſen, wie der Kanzleidirektor ſagen würde.“ „Ich denke, ich werde für Ihr Geſchäft paſſen, mein Herr,“ ſagte der kleine Mann. „Ich denke nicht, mein Freund,“ verſetzte Trigge; „ich denke nicht. Sie ſcheinen keine Hand zum Haar⸗ kräuſeln zu haben. Wiſſen Sie, welches Talent die Kunſt erfordert? Wiſſen Sie, was es mir gekoſtet hat, den beneidenswerthen Titel Barbier von London zu er⸗ werben? Ich bin ſo ſtolz auf dieſen Titel, als wäre ich der—“ „Lord Kanzler— Lord Kanzler!“ ſchrie die Elſter. „Richtig, Mag,“ ſagte Trigge;„als wenn ich der Lord Kanzler wäre.“ „Ei, das iſt mir leid,“ ſagte der kleine Mann troſtlos. „Wunderhübſch!“ ſchrie die Elſter„wunderhübſch!“ „Welch einen wunderbaren Vogel haben Sie da!“ ſagte der ſauer ausſehende Mann aufſtehend und Herrn Trigge bezahlend.„Seine Antworten paſſen immer.“ „Ah! Mag iſt ein kluges Geſchöpf, das muß 1 131 3 — — 128— wahr ſein,“ verſetzte der Barbier.„Ich gab auch viel dafür.“ „Wenig oder Nichts!“ ſchrie die Elſter;„Wenig oder Nichts!“ „Wie iſt Euer Name, Freund?“ fragte der Herr, den kieinen Mann anredend, der noch im Laden ver⸗ weilte. „Ei, Herr, ich habe viele Namen gehabt in mei⸗ nem Leben,“ verſetzte er.„Zu einer Zeit hieß ich Flap⸗ dragon— zu einer andern Old Parr— aber mein cigentlicher Name iſt Morſe— Gregory Morſe.“ „Eine Antwort, wie ſie in Old Bailey vorkommt,“ ſagte Trigge, ſeinen Kopf ſchüttelnd.„Flapdragon, ſonſt Old Parr— ſonſt Gregory Morſe— ſonſt—“ „Wunderhübſch!“ ſchrie die Elſter. „Und Ihr ſucht eine Stelle?“ fragte der ſauer ausſehende Herr, ihn aufmerkſam anſehend. „Ja, ich bedarf deren ſehr,“ verſetzte Morſe. „Nun, ſo folgt mir,“ ſagte der Herr,„ich will ſehen, was ſich für Euch thun läßt.“ Und ſie verließen mit einander den Laden. —————————— * Reuntes Kapitel. Der Mond im erſten Viertel. Ungeachtet ſeines entgegengeſetzten Entſchluſſes fand Auriol es unmöglich, dem Zauber von Ebba's Geſell⸗ ſchaft zu widerſtehen und er wurde ein täglicher Gaſt im Hauſe ihres Vaters. Herr Thorneyeroft bemerkte mit Freude die zunehmende Neigung zwiſchen ihnen. Es war ſein lebhafter Wunſch, ſeine Tochter mit dem Gat⸗ ten ihrer Wahl vereint zu ſehen, und in der Hoffnung, den Zweck dadurch zu erreichen, gab er Auriol zu ver⸗ ſtehen, daß er ihr ein beträchtliches Heirathsgut mitge⸗ ben werde. In den letzten wenigen Tagen war eine wunder⸗ bare Veränderung in Auriol's Weſen vorgegangen, und et ſchien die Wolke, die bisher ſeinen Geiſt verdüſtert hatte, gänzlich von ſich entfernt zu haben. Von der Auriol. 1. Band 9 13 — 130— Veränderung bezaubert, gab ſich Ebba den lieblichſten Erwartungen von der Zukunſt hin. Eines Abends gingen ſie zuſammen aus und lenk⸗ ten faſt unbewußt ihre Schritte nach dem Fluſſe hin. An dem Ufer verweilend, blickten ſie die Fluth an, be⸗ wunderten den glänzenden Sonnenuntergang und wieder⸗ holten beſtändig jenes zärtliche Nichts, ſo beredt in den Ohren der Liebenden. „O! wie verſchieden biſt Du von dem, was Du vor einer Woche wareſt,“ ſagte Ebba ſcherzend.„Ver⸗ ſprich mir, Dich nicht wieder ſolchen düſteren Phanta⸗ ſien hinzugeben.“ „Ich will mich ihnen nicht hingeben, wenn ich es vermeiden kann, davon kannſt du Dich überzeugt halten, geliebte Ebba,“ verſetzte er.„Aber meine Stimmung iſt nicht immer in meiner Gewalt. Ich bin überraſcht von meiner eigenen Heiterkeit an dieſem Abend.“ „Ich fühlte mich nie ſo glücklich,“ entgegnete ſie; „und die ganze Scene iſt im Einklange mit meinen Gefühlen. Wie beſänftigend iſt der ruhige Fluß, der zu unſeren Füßen dahingleitet!— Wie zart iſt das Roth des warmen Himmels, obgleich die Sonne ſchon untergegangen iſt!— Und dort hängt der Halbmond. Er iſt im erſten Viertel.“ „Der Mond iſt im erſten Viertel!“ rief Auriol im Tone des Schreckens.„Dann iſt Alles zu Ende.“ „Was bedeutet dieſe plötzliche Veränderung?“ rief Ebba, erſchrocken von ſeinem Ausſehen. „O! Ebba, ich muß Dich verlaſſen,“ verſetzte er. — 131— „Ich habe mir zu lange geſtattet, von Glück zu träu⸗ men. Ich bin ein fluchbeladenes Weſen, verurtheilt, denen Elend zu bringen, die mich lieben. Ich warnte Dich gleich anfangs, aber Du wollteſt mir nicht glan⸗ ben. Laß mich gehen, und vielleicht iſt es noch nicht zu ſpät, Dich zu retten.“ „O nein, verlaß mich nicht!“ rief Ebba.„Ich hege keine Furcht, während Du bei mir biſt.“ „Aber Du kennſt nicht das entſetzliche Geſchick, welches mir droht,“ ſagte er.„Dies iſt die Nacht, wo es erfüllt werden ſoll.“ „Deine mißmuthigen Phantaſien beunruhigen mich nicht wie ſonſt, lieber Auriol,“ verſetzte ſie,„weil ich weiß, daß ſie der Erfolg einer kranken Einbildungskraft ſind. Laß uns unſeren Spaziergang fortſetzen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie freundlich ſeinen Arm faßte. „Ebba,“ rief er,„ich flehe Dich an, laß mich gehen! Ich habe nicht die Macht, mich loszureißen, wenn Du mir nicht beiſtehſt.“ „Es iſt mir licb, dies zu hören,“ verſetzte ſie, „denn da werde ich Dich feſt halten.“ „Du weißt nicht, was Du thuſt!“ rief Auriol. „Laß mich los! O! laß mich los!“ „In wenigen Augenblicken wird der Anfall vorüber ſein,“ verſetzte ſie.„Laß uns auf die Abtei zu gehen.“ „Es iſt vergebens, gegen das Schickſal anzukäm⸗ pfen,“ rief Auriol verzweifelnd. Und er ließ ſich in der angegebenen Richtung wei⸗ ter führen. Ebba ſprach noch immer, aber ihre Worte 9* ——*— 5 —— 2— — 132— fielen in ein taubes Ohr, und endlich ſchwieg ſie auch. Auf dieſe Weiſe gingen ſie Millbankſtreet und Abingdon⸗ ſtreet entlang, bis ſie ſich rechts wendeten und ſich vor einem alten, halb zerſtörten Gebäude befanden. Jetzt war es ganz dunkel geworden, denn der Mond hatte ſich hinter Wolken verborgen, aber im oberen Stockwerk des Gebäudes ſah man ein Licht, welches ohne Zweifel von einem im Innern befindlichen Lichte herrührte, was dem zerſtörten Umriſſe der Mauern etwas Maleriſches verlieh. Einen Augenblick ſtehen bleibend, um die Ruine zu betrachten, ſprach Ebba den Wunſch aus, einzutre⸗ ten. Auriol widerſetzte ſich nicht, und durch einen bo⸗ genförmigen Eingang eintretend, ſtiegen ſie eine ſteinerne Wendeltreppe hinauf und gelangten zu einem Zimmer ohne Decke, welches, wie der umherliegende Schutt zu erkennen gab, dem Boden gleich gemacht werden ſollte. Auf der einen Seite befand ſich ein großer bo⸗ genförmiger Eingang, der zum Theil vermauert war, worin man aber noch eine enge Oeffnung gelaſſen, die ſich einige Fuß über dem Boden befand. Zu derſelben führte eine Planke und unter derſelben lag ein großer Steinhaufen, unter welchem ſich einige groteske ausge⸗ hauene Köpfe befanden. In der Mitte des Zimmers war eine viereckige Oeffnung gleich dem Eingange einer Fallthür, woraus das obere Ende einer Leiter vorragte, und in der Nähe ſtand ein Kohlenbecken, welches den unten geſehenen Schein hervorbrachte. Ueber den ver⸗ fallenen Manuern hing zur Rechten der Halbmond, der — 133— jetzt hinter der Wolke hervorgekommen war und einen geiſterhaften Schimmer über die Secene verbreitete. „Welch ein ſeltſamer Ort!“ rief Ebba mit einiger Furcht.„Er ſieht faſt aus wie eine Ruine, wovon man in Romanen lieſt. Wohin wohl jene Fallthür führen mag?“ „Ohne Zweifel in das Gebäude hinunter,“ ver⸗ ſetzte Anriol.„Aber warum kamen wir hieher?“ Als er ſprach, vernahm er ein höhniſches Lachen, doch war ſchwer zu ſagen, woher es kam. „Hörteſt Du den Ton?“ rief Auriol. „Es war Nichts weiter, als das Echo von dem Lachen auf der Straße,“ erwiderte ſie.„Du beunru⸗ higſt Dich ohne Grund, Auriol.“ „Nein, nicht ohne Grund,“ rief er.„Ich bin in der Macht eines entſetzlichen Weſens, welches Dich zu Grunde richten will, und ich weiß, daß es in der Nähe iſt. Höre mich an, Ebba, und ſo ſeltſam auch die Erzählung erſcheinen mag, halte ſie nicht für die Schwär⸗ merei eines Wahnſinnigen, ſondern für die Wahrheit.“ „Hütet Euch!“ rief eine tiefe Stimme, die aus dem Gewölbe hervorzukommen ſchien. „Es ſprach Jemand,“ rief Ebba.„Ich beginne Deine Furcht zu theilen. Laß uns dieſen Ort verlaſ⸗ ſen.“ „So komm denn,“ ſagte Auriol. „Nicht ſo ſchnell,“ rief eine tiefe Stimme. Und ſie erblickten den geheimnißvollen Beſitzer des ſchwarzen Mantels, der ihnen den Weg verſperrte. — 134— „Ebba, Sie ſind mein,“ rief der Fremde.„Au⸗ riol hat Sie zu mir gebracht.“ „Das iſt falſch!“ rief Auriol.„Ich werde ſie Euch nimmermehr überlaſſen.“ „Erinnert Euch an unſeren Vertrag,“ entgegnete der Fremde mit ſpottendem Lachen. „O, Auriol!“ rief Ebba,„ich fürchte für Deine Secle. Du haſt doch keinen Vertrag mit dieſem Teu⸗ fel geſchloſſen?“ „Das hat er gethan,“ entgegnete der Fremde; „und vermöge dieſes Vertrages werden Sie mir ausge⸗ liefert.“ Und während er ſprach, näherte er ſich ihr und hüllte ſie in ſeinen Mantel, ſo daß ihr Geſchrei bald erſtickt war. „Ihr ſollt nicht gehen!“ rief Auriol, ihn ergrei⸗ fend.„Laßt ſie los oder ich verleugne Euch gänzlich.“ „Thor!“ rief der Fremde,„da Ihr meine Wuth reizet, möget Ihr Eurem Schickſal verfallen ſein.“ Und er ſtampfte auf den Boden. Auf dieſes Sig⸗ nal ſtreckte ſich ein Arm aus der Fallthür hervor und Auriol's Hand wurde mit eiſerner Fauſt ergriffen. Während dies geſchah, trug der Fremde ſeine lie⸗ benswürdige Laſt raſch die Planke hinauf, die zu der Oeffnung in der Wand führte; und gerade als er durch dieſelbe ging, dentete er auf den Himmel und rief An⸗ riol mit höhniſchem Lächeln zu: „Seht! der Mond iſt im erſten Viertel. Meine Worte ſind erfüllt!“ — 135— Und er verſchwand. Auriol verſuchte vergebens, ſich von der ſtarken Hand loszumachen. Ausrufungen der Wuth und Ver⸗ zweiflung ausſtoßend, wurde er gewaltſam in das Ge⸗ wölbe zurückgezogen. Zehntes Kapitel. Die Statue auf Charing Croß. Gines Morgens gingen zwei Männer Parliament⸗ ſtreet und Whitehall entlang, und unterwegs plaudernd, bogen ſie in den Eingang von Springgardens, um die Statue auf Charing Croß anzuſehen. Der eine von ih⸗ nen zeichnete ſich durch ſeine zwerghafte Geſtalt und ſeine ſeltſamen, verwitterten Züge aus. Der andere war ein Mann von mittler Größe, hager, ältlich und mit ſchar⸗ fen Zügen, deren ſaurer Ausdruck durch einen wohlwol⸗ lenden Blick aufgehoben wurde. Er trug einen ſchwar⸗ zen, roſtfarbigen, aber wohl abgebürſteten Rock, bis an's Kinn zugeknöpft, ſchwarze Kniehoſen, kurze braune Gamaſchen, ein weißes Halstuch und eine Brille. Herr Loftus— denn ſo hieß er— war ein Kauf⸗ mann, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen hatte, ein mäßiges Vermögen beſaß und in Abdingtonſtreet — 137— wohnte. Er war ein Junggeſelle und daher ſelbſige⸗ fällig; und da er ein Liebhaber von Alterthümern war, wanderte er den ganzen Tag umher, um einen intereſ⸗ ſanten Gegenſtand zu ſuchen. Seinen gegenwärtigen Gang machte er auch in dieſer Abſicht. „Beim Jupiter! welch eine herrliche Statne iſt dies, Morſe!“ rief Loftus, dieſelbe anſehend.„Das Pferd iſt magnifique— wirklich magnifique!“ „Ich erinnere mich noch, als ein Galgen die Stelle einnahm und wohin das Bildniß des gemordeten Monarchen geſtellt wurde,“ verſetzte Morſe.„Das war zur Zeit des Protektorats.“ „Ihr könnt dieſe Träume nicht aus dem Kopfe bringen, Morſe,“ ſagte Loftus lächelnd.„Ich wünſchte, ich könnte mich überreden, ich hätte zwei und ein halbes Jahrhundert gelebt.“ „Ich wollte, Sie hätten das alte Kreuz geſehen, welches einſt dort ſtand, und von Eduard dem Erſten ſeiner geliebten Gemahlin Eleonore von Caſtilien errich⸗ tet wurde,“ ſagte Morſe, ohne auf die Bemerkung des Andern zu achten.„Es war ſchon ſehr verſtümmelt, als ich es ſah; die Spitze war abgebrochen und das Lanbwerk beſchädigt, aber die Statue der Königin ſtand noch in der Niſche und der Eindruck war wirklich ſchön.“ „Es muß reizend geweſen ſein,“ bemerkte Loſtus die Hände reibend;„und obgleich mir die Statue ge⸗ fällt, würde ich doch das alte gothiſche Kreuz vorziehen. Aber welch ein Glück war es, daß die erſtere der Zer⸗ ſtörung in Oliver Cromwells's Zeit entging.“ ————— 1 — 138— „Ich kann Ihnen ſagen, wie das zuging,“ ver⸗ ſetzte Morſe,„denn ich war Gehülfe des Kupferſchmieds John Rivers, an den die Statue verkauft wurde.“ „Ei wirklich!“ rief Loftus.„Ich habe Etwas von der Geſchichte gehört, möchte ſie aber gern umſtändlich wiſſen.“ „So ſollen Sie ſie hören,“ verſetzte Morſe.„Jene Statue, die, wie Sie wiſſen, 1633 von Hubert le Sueur gegoſſen war, wurde auf Befehl des Parlaments verkauft, um in Stücke zerſchlagen zu werden. Mein Herr, John Rivers, der ein eifriger Royaliſt war, ob⸗ gleich er ſeine Grundſätze nicht auszuſprechen wagte, be⸗ ſchloß ſie vor der Zerſtörung zu ſchützen. Demnach bot er eine gute runde Summe dafür, und ſie wurde ihm zugeſchlagen. Aber wie ſollte er ſie verbergen, das war die Schwierigkeit. Er konnte keinem von ſeinen Leuten trauen als mir, denn er wußte, daß ich die Rundköpfe von Herzen haßte und dem Andenken unſeres gemorde⸗ ten Monarchen eben ſo treu war, wie er ſelber. Wir gruben alſo insgeheim eine tiefe Grube im Keller, wo⸗ hin man die Statue gebracht hatte, und begruben ſie. Die Arbeit koſtete uns beinahe einen Monat Zeit, und während derſelben brachte mein Herr ſo viel altes Me⸗ tall zuſammen, wie er nur anſchaffen konnte. Dieſe brachte er ſpäter zum Vorſchein und erklärte, es wären Ueberbleibſel von der Statue. Aber der Hauptſpaß ſollte noch kommen. Er begann metallne Meſſer- und Gabel⸗ griffe zu gießen und gab vor, ſie wären von dem Me⸗ tall der Statne gemacht. Auch verkaufte er viele davon, — 139— denn die Kavaliere kauften ſie zum Andenken an ihren gemordeten Monarchen, und die Rundköpfe als Beweiſe ſeines Falles. Auf dieſe Weiſe kam er bald wieder zu ſeinem ausgelegten Gelde.“ „Ha! ha! ha!“ lachte Loftus. „Nun, zur rechten Zeit kam die Reſtauration,“ fuhr Morſe fort,„und mein Herr machte dem Könige Karl dem Zweiten bekannt, welchen Schatz er für ihn aufbewahrt habe. Die Statue wurde ausgegraben und wieder aufgeſtellt— aber ich vergaß, ob der Kupfer⸗ ſchmied eine Belohnung erhielt. Ich glaube es aber nicht.“ „Thut Nichts,“ rief Loftus;„er war hinlänglich belohnt durch das Bewußtſein, eine edle That gethan zu haben. Aber kommt und laßt uns die Reliefs an dem Fußgeſtell näher anſehen.“ Hierauf ging er über die Straße, nahm ſeinen Hut ab und ſieckte ſeinen Kopf durch das eiſerne Gitter, welches das Fußgeſtell umgab, während Morſe ne⸗ ben ihm auf einen Stein ſtieg, um ihn deſto bequemer auf die Schönheiten des Kunſtwerks aufmerkſam zu machen. „Sie wiſſen doch, daß dies ein Werk von Grin⸗ ling Gibbons iſt, mein Herr?“ rief der Zwerg. „Freilich weiß ich das,“ verſetzte Loftus.„Wel⸗ cher Geſchmack und welche Phantaſie gibt ſich in der Aufſtellung dieſer Trophäen kund!“ „Die Ausführung des königlichen Wappens iſt gleich bewundernswürdig,“ rief Morſe. — 140— „Nie ſah ich etwas Schöneres,“ verſetzte Loftus, „bei meinem Leben nicht!“ Jedermann weiß, wie leicht ſich in London eine Menge ſammelt, und es läßt ſich nicht denken, daß unſere beiden Alterthümler ihre Forſchungen ungeſtört fortſetzen durften. Mehrere zerlumpte Gaſſenbuben ver⸗ ſammelten ſich um ſie und verſuchten zu entdecken, wor⸗ nach ſie wohl ſehen mochten, indem ſie zu gleicher Zeit ihre Scherze über ſie machten. Zu dieſen geſellten ſich bald ein Straßenkehrer, der das Geſchäft noch nicht lange getrieben hatte, ein Eckenſteher, ein Metzgerlehr⸗ ling, ein alter jüdiſcher Kleiderhändler, ein Kohlenmeſſer und ein paar Waiſenknaben. „Meine Angen!“ rief der Straßenkehrer,„man ſche nur dieſe Kerle. Die kommen wohl erſt aus der Provinz.“ „Der alte Brillenmann glaubt er hat Alles heraus⸗ gebracht,“ bemerkte der Eckenſteher;„wir werden bald zu hören bekommen, was das Alles bedentet.“ „Mein Seelchen!“ rief der Jude,„das ſind mir zwei drollige alte Herren. Es wundert mich nur, was die wohl zu ſehen glauben?“ „Ich will es Ihnen ſagen, Herr,“ verſetzte der Metzgerlehrling;„ſie verſuchen, welcher von ihnen am weiteſten in einen Mühlſtein gucken kann.“ „So lange in London zu leben und dieſes bewun⸗ dernswürdige Werk der Kunſt nie vorher angeſehen zu haben!“ rief Loftus, gänzlich unbewußt, daß er der Ge⸗ genſtand der allgemeinen Neugierde geworden ſei. — 141— „Sehen Sie es noch näher an, alter Herr,“ rief der Eckenſteher.„Je näher Sie kommen, deſto mehr werden Sie es bewundern.“ „Sehr wahr,“ verſetzte Loftus, welcher glaubte, daß Morſe geſprochen habe,„es verträgt die genauſte Beobachtung.“ „Steige über das Gitter, Ned,“ ſagte der eine von den Waiſenknaben zu den andern,„ſie haben gewiß Et⸗ was hineinfallen laſſen. Sieh zu, was es iſt.“ „Ich fürchte allein hinauf zu klettern, Joe,“ ver⸗ ſetzte der Andere;„wenn Du aber nachhelſen willſt, werde ich es verſuchen.“ „Was habt Ihr vor, Ihr Jungen?“ rief der Koh⸗ lenmeſſer;„kommt herunter, oder ich rufe die Polizei herbei.“ „Welch ein paar köſtliche Kerle!“ xief ein zerlump⸗ ter Burſche, von einem Bulldoggen begleitet.„Ich habe große Luſt, den kleinen Burſchen von dem Pfoſten herunterzuſchütteln und Tartar auf ihn zu hetzen. Hier Junge, hier!“ „Das wäre in der That ein famoſer Spaß, Spi⸗ cer K rief ein anderer Gaſſenjunge hinter ihm. „Wollt Ihr ſie in Ruhe laſſen, Ihr jungen Teu⸗ fel!“ rief ein irländiſcher Dachdecker;„ſeht Ihr nicht, daß ſie nur zwei friedliche Alterthümler ſind?“ „O! Alterthümler ſind ſie?“ ſchrie der kleine Stra⸗ ßenkehrer.„Ei! ich ſah nie ihres Gleichen. Sahſt Du welche, Sam?“ „Niemals,“ verſetzte der Eckenſteher. — 142— „O! Irländer! Ihr rennt mich und alle Früchte meiner Induſtrie um,“ rief ein Apfelweib, gegen wel⸗ ches der Dachdecker angerannt war.„Zum Henker mit dem unvorſichtigen Landſtreicher! Warum ſeht Ihr nicht hin, wo Ihr geht und rennt ſo auf die Leute los?“ „Bitte um Verzeihung, Molly,“ ſagte der Dach⸗ decker;„aber ich intereſſirte mich ſo ſehr für die Alter⸗ thümler, daß ich Euch nicht bemerktt.“ „Zum Henker mit den Alterthümlern; was gehen mich ſolche Würmer an?“ rief das Apfelweib wüthend. „Ihr habt mir auf heute meinen Markt verdorben, und das ſoll Euch kein Glück bringen!“ „Bernhigt Euch nur, Molly,“ rief der gutmüthige Dachdecker;„ich will es ſchon wieder gut machen. Leſt Eure Aepfel nur wieder auf und Ihr ſollt einen Schluck aus der Flaſche haben, wenn Ihr mitgehen wollt.“ Während dies vorging, kam ein korpulenter Herr von der andern Seite der Statue her und rief, als er Loftus bemerkte:„Ei Schwager, biſt Du es?“ Aber Loftus war zu ſehr in ſeine Betrachtung verſunken, um ihn zu beachten, und fuhr fort, von der Schönheit der Trophäen zu ſprechen. „Wovon ſprichſt Du, Bruder?“ rief der korpulente Herr. „Grinling Gibbons,“ verſetzte Loftns, ohne ſich umzuwenden.„Horace Walpole ſagte, Niemand vor ihm habe dem Walde die luftige Leichtigkeit einer Blume verleihen können, und hier iſt ſie einem Steine ge⸗ geben.“ — 143— „Dies mag Alles ſehr ſchön ſein, mein guter Mann,“ ſagte der korpulente Herr, ihn bei der Schul⸗ ter ergreifend;„aber ſiehſt Du nicht, welche Menge Du um Dich verſammelt haſt? Man wird Dich ſogleich verfolgen.“ „Ei wie kommſt Du hieher, Bruder Thorneyeroft?“ rief Loftus, der ihn endlich erkannte. „Komm mit, und ich will es Dir ſagen,“ verſetzie der Eiſenhändler, ihn fortſchleppend, während Morſe dicht hinter ihnen folgte. „Es iſt mir ſo lieb Dich gefunden zu haben,“ fuhr Thorneyeroft fort, ſobald ſie von dem Pöbel frei wa⸗ ren;„Du wirſt erſchrecken, wenn Du hörſt, was Deiner Nichte Ebba begegnet iſt!“ „Nun, und was iſt ihr denn begegnet?“ fragte Loftus.„Du erſchreckſt mich. Heraus damit. Ich haſſe die Ungewißheit.“ „Sie hat mich verlaſſen,“ verſetzte Thorneyeroft, „ihren nachſichtigen alten Vater verlaſſen, und iſt dovon⸗ gelaufen.“ „Davongelaufen!“ rief Loftns.„Unmöglich! ich glaube es nicht— ſelbſt nicht Lippen.“ „Ich wollte, es wäre nicht ſo; aber es iſt nur zu wahr,“ verſetzte Thorneyeroft traurig.„Und die Sache war ſo unnöthig, denn ich hätte ſie dem jungen Manne gern gegeben. Meine einzige Hoffnung iſt, daß ſie ſich nicht ganz weggeworfen hat.“. „O nein, dazu hat ſie zu gute Grundſätze,“ rief — 144— Loftus.„Beruhige Dich deshalb. Aber mit wem iſt ſie davongelaufen?“ „Mit einem jungen Manne, Namens Auriol Darey,“ verſetzte Thorneyeroft.„Er wurde unter beſondern Um⸗ ſtäinden in mein Haus gebracht.“ „Ich hörte nie von ihm,“ ſagte Loftns. „Ich aber,“ fiel Morſe ein,„ich kannte ihn vor zwei Jahrhunderten.“ „Ei, bah! Wer iſt dies?“ rief Thorneycroft. „Ein wahnwitziger kleiner Kerl, den ich als Die⸗ ner angenommen habe,“ ſagte Loftus.„Er bildet ſich ein, zur Zeit der Königin Eliſabeth geboren zu ſein.“ „Es iſt keine Einbildung,“ rief Morſe.„Ich bin vollkommen mit Auriol Darecy's Geſchichte bekannt. Er trank mit mir von demſelben Elixir.“ „Wenn Ihr ihn kennt, ſeid Ihr denn im Stande, uns einen Fingerzeig zu geben, wo wir ihn finden kön⸗ nen?“ fragte Thorneheroft. „Das kann ich leider nicht,“ entgegnete Morſe. „Ich ſah ihn nur auf wenige Minuten vor einigen Abenden, als mich der große Mann in dem ſchwarzen Mantel in den Fn hatte.“ „Was ſagt a rief Thorneyeroft raſch. „Ich habe Ebba ſagen hören, daß der große Mann in dem ſchwarzen Mantel in geheimnißvoller Verbindung mit Auriol ſtehe. Ich hoffe, jener Mann hat Nichts mit ihrem Verſchwinden zu thun.“ „Es ſollte mich nicht wundern, wenn er die Ver⸗ — 145— anlaſſung dazu wäre,“ verſetzte Morſe.„Ich glaube, jener ſchwarze Herr iſt—“ „Wer?— was?“ fragte Thorneyeroft. „Nicht mehr oder weniger, als der Teufel,“ ent⸗ gegnete Morſe geheimnißvoll. „Pah! puh!“ rief Loftus.„Ich ſagte Dit ja, der arme Kerl ſei halb wahnwitzig.“ In dieſem Augenblick näherte ſich der ſchelmiſch ausſehende Kerl mit dem rothen Backenbart und Haar, in der Plüſchjacke mit elfenbeinernen Knöpfen, der den Eiſenhändler aus einiger Entfernung beobachtete hatte, berührte ſeinen Hut und ſagte: „Herr Thorneyeroft, wenn ich nicht irre?“ „Mein Name iſt Thorneyeroft, Burſche!“ rief der Eiſenhändler, ihn von der Seite anſehend.„Und Euer Name, meine ich, iſt Ginger?“ „Richtig, Herr,“ verſetzte der Hundeliebhaber, ſei⸗ nen Hut wieder berührend,„ganz richtig. Ich dachte nicht, daß Sie ſich meiner erinnern würden, mein Herr. Ich bringe Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter.“ „Von Ebba!“ rief Thorneyeroft in großer Auf⸗ regung.„Ich hoffe, daß es eine gute Nachricht iſt.“ „Ich wünſchte, ſie wäre be um Ihretwillen ſowohl, als um Ihrer Tochter willen, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte der Hundehändler ernſthaft;„aber ich fürchte, ſie iſt in ſehr ſchlechten Händen.“ „Das iſt ſie, wenn ſie in den Händen des ſchwar⸗ zen Herrn iſt,“ bemerkte Morſe. „Ei, Old Parr, ſeid Ihr es?“ rief Ginger, ihn Auriol. 1. Band. 10 —————— — 146— mit Erſtaunen anſehend. wandelt!“ „Aber redet von meiner Tochter!“ rief Thorney⸗ eroft;„wo iſt ſie? Führt mich zu ihr, und Ihr ſollt gut belohnt werden.“ „Ich will mein Möglichſtes thun, Sie auch ohne Belohnung zu ihr zu führen, mein Herr,“ verſetzte Ginger,„denn mein Herz blutet für das arme Weſen. Wie ich ſchon vorher ſagte, iſt ſie in ſehr ſchlechten Händen.“ „Meint Ihr Herrn Auriol Darch?“ rief Thorney⸗ eroft. „Nein, er iſt eben ſo ſehr das Opfer dieſes teufli⸗ ſchen Komplotts wie Ihre Tochter,“ verſetzte Ginger. „Anfangs dachte ich anders von ihm— aber ich habe meine Anſicht geändert, ſſeitdem einige Dinge zu meiner Kenntniß gekommen ſind.“ „Ihr beunruhigt mich ſehr durch dieſe unbeſtimm⸗ ten Andeutungen,“ rief Thorneyeroft.„Was iſt zu thun?“ „Ich werde es in wenigen Stunden erfahren,“ ver⸗ ſetzte Ginger.„Ich habe noch den rechten Fingerzeig nicht gefunden. er kommen Sie dieſen Abend um „Ei, wie ſeid Ihr ver⸗ elf Uhr zu mir in Türkenkopf hinter der Shoreditch⸗ kirche, und ich will auf die rechte Spur bringen. Sie müſſen allein kommen.“ „Ich wünſchte, daß dieſer Herr, mein Schwager, mich begleiten möchte,“ ſagte Thorneyeroft. „Er würde Ihnen nicht helfen können,“ verſetzte — 147— Ginger.„Ich werde für gehörigen Beiſtand ſorgen. Es iſt ein gefährliches Geſchäft, und es kann nur auf eine gewiſſe Weiſe von einer gewiſſen Perſon ausgeführt werden, die nur Sie allein ſehen will. Heute Nacht um elf Uhr! Lebt wohl, Old Parr. Wir werden uns bald wiederſehen.“ Und ohne weiter ein Wort zu reden, eilte er davon. * 10* Elftes Kapitel. Die Vorbereitungen⸗ In derſelben Nacht zu der beſtimmten Stunde be⸗ gab ſich Herr Thorneyeroft nach Shoreditch, trat in eine enge Gaſſe hinter der Kirche und entdeckte bald den Türkenkopf, vor deſſen Thür eine Miethskutſche ſtand⸗ Er wurde von dem Wirth in ein kleines Hinterzimmer geführt, wo drei Männer an einem Tiſche ſaßen, rauch⸗ ten und Gin und Waſſer tranken, während ein Vierter, ſeinen Rücken zur Thür gewendet, vor dem Feuer ſtand. Der Letztere war ein großer, kräftig ge⸗ bauter Mann, in einen rauhen Mantel gehüllt, der ſich beim Eintritt des Eiſenhändlers nicht umwendete. „Sie ſind pünktlich, Herr Thorneyeroſt,“ ſagte Ginger, der Einer von den Dreien am Tiſche war; „und ich bin erfrent, Ihnen ſagen zu können, daß ich Alles für Sie angeordnet habe, mein Herr. Meine Freunde ſind bereit, die Sache zu unternehmen. Nur wollen ſie es nicht unter ſo billigen Bedingungen thun wie ich.“ — 149— Tinker und Sandman huſteten leiſe, um dadurch ihre Uebereinſtimmung mit der Bemerkung Gingers aus⸗ zudrücken. „Wie ich Ihnen ſchon dieſen Morgen ſagte, Herr Thorneyeroft,“ fuhr Ginger fort,„iſt dies eine ſchwie⸗ rige und gefährliche Sache, und man kann nicht wiſſen, was daraus werden wird. Aber es iſt das die einzige Wahrſcheinlichkeit, Ihre Tochter wieder zu erlangen.“ „Ja, es iſt die einzige Wahrſcheinlichkeit,“ wieder⸗ holte Tinker. „Wir ſind bereit, unſer koſtbares Leben für Sie zu wagen, mein Herr,“ ſagte Sandman;„daher er⸗ e⸗ warten wir natürlich eine angemeſſene Belohnung.“ in„Wenn Ihr mich in den Stand ſetzt, meine Toch⸗ en ter wieder zu erlangen, ſollt Ihr mich nicht undankbar d. finden,“ verſetzte der Eiſenhändler. er„Ich muß hundert Pfund haben,“ ſagte Tinker; h⸗„das iſt meine niedrigſte Forderung.“ ein„Die meine auch,“ ſagte Sandman. em„Ich will nur den Ruhm davon, wie ich ſchon ge⸗ vorher ſagte,“ bemerkte Ginger.„Ich bin der geſchworne der Vertheidiger der verfolgten Unſchuld; aber meine Freunde müſſen ihren eigenen Handel machen.“ gie„Nun, ich willige ein,“ entgegnete Herr Thorney⸗ ar; eroft;„und je eher wir uns auf den Weg machen, deſto ich beſſer.“ ine„Seid Ihr bewaffnet?“ fragte Ginger. llen„Ich habe ein paar Piſtolen in der Taſche,“ ver⸗ “ ſetzte Thorneyeroft. „Dann iſt Alles richtig— wir haben Terzerolen und Hirſchfänger,“ ſagte Ginger.„So, nun wollen wir uns auf den Weg machen.“ Als er ſprach, ſtanden Tinker und Sandman auf, und der Mann in dem rauhen Mantel, der ihnen bis⸗ her den Rücken zugekehrt hatte, wendete ſich um. Mit Ueberraſchung bemerkte der Eiſenhändler, daß dieſer Mann ſein Geſicht mit einen Stück ſchwarzen Flor bedeckt hatte. „Wer iſt dies?“ fragte er mit einigem Schrecken. „Ein Freund,“ verſetzte Ginger.„Ohne ihn könn⸗ ten wir Nichts anfangen. Sein Name iſt Reeks, und er iſt der vorzüglichſte Mann von unſerem Unternehmen.“ „Er fordert vermuthich auch eine Belohnung?“ ſagte Thorneyeroft. „Ich will Ihnen ſagen, Herr Thorneyeroft, welche Belohnung ich fordere, wenn Alles vorüber iſt,“ ver⸗ ſetzte Reeks in tiefem und ſtrengem Tone.„Inzwiſchen geben Sie mir das ſeierliche Verſprechen, nicht bekannt zu machen, was Sie dieſe Nacht ſehen werden.“ „Ich gebe es Ihnen,“ verſetzte der Eiſenhändler, „vorausgeſetzt—“ „Keine Vorausſetzung,“ fiel der Andere raſch ein. „Sie müſſen ſchwören, unbedingt zu ſchweigen, ſonſt gehe ich keinen Schritt mit Ihnen; und ich allein kann Sie an den Ort führen, wo Ihre Tochter gefangen gehalten wird.“ „Schwören Sie es, Herr, es iſt das einzige Mit⸗ tel,“ flüſterte Ginger. it n⸗ nd 77 * he er⸗ en nt er, in. nſt nn en it⸗ — 151— „Nun wenn es denn ſein muß, ſo ſchwöre ich zu ſchweigen,“ verſetzte Thorneyeroft;„aber Ihr Verfahren ſcheint mir ſehr geheimnißvoll.“ „Die ganze Sache iſt geheimnißvoll,“ verſetzte Recks.„Sie müſſen ſich auch die Angen verbinden laſ⸗ ſen, wenn Sie in die Kutſche ſteigen.“ „Noch ſonſt Etwas?“ fragte der Eiſenhändler. „Sie müſſen ſich verbindlich machen, meinen Befeh⸗ len zu gehorchen, ohne zu fragen, wenn wir unſern Beſtimmungsort erreichen,“ verſetzte Reeks,„ſonſt ha⸗ ben wir nicht zu erwarten, daß es uns gelingen wird.“ „Wie Sie wollen,“ entgegnete Thorneyeroft.„Ich muß ſchon einwilligen.“ „So wäre alſo Alles verabredet,“ ſagte Reeks, „und wir können uns auf den Weg machen.“ Hierauf führte Ginger Herrn Thorneyeroft zu der Kutſche, und ſobald der Letztere eingeſtiegen war, wur⸗ den ihm die Augen mit einem Taſchentuche feſt verbun⸗ den. In dieſem Zuſtande hörte Herr Thorneyeroft, wie Tinker und Sandman ſich zu ihm ſetzten, da er aber Reeks nicht hörte, ſchloß er, daß er an der Außen⸗ ſeite Platz genommen habe. Im nächſten Augenblick ſetzte ſich die Kutſche in Bewegung und rollte ſchnell über das Steinpflaſter da⸗ hin. Sie machte viele Wendungen; endlich aber ging es gerade aus und Herrr Thorneyeroft ſchloß aus der tiefen Stille, die ihn umgab, ſowie aus der Friſche der Luft, daß ſie das freie Feld erreicht hätten. Während der Fahrt ſprach keiner ein Wort. — 152— Nach einer Weile hielt die Kutſche an, die Thür wurde geöffnet und Herr Thorneyeroft herausgeführt. Der Eiſenhändler erwartete, man würde ihm die Binde von den Augen nehmen, aber er irrte, denn Reeks faßte ſeinen Arm und zog ihn mit raſchem Schritte weiter. Unterwegs flüſterte ihm ſein Führer zu, vorſichtig zu ſein und ſich dicht an der Mauer zu halten. Gleich darauf wurde eine Thür geöffnet, die ſich wieder ſchloß, als Alle eingetreten waren. Hier wurde Thorneyeroft die Binde von den Au⸗ gen genommen und er befand ſich in einem großen an⸗ ſcheinend vernachläſſigten Garten. Obgleich der Him⸗ mel bewölkt war, herrſchte doch noch Licht genug, um in der Nähe ein verfallenes altes Herrenhaus zu bemerken. „Jetzt ſind wir angekommen,“ ſagte Reeks zu dem Eiſenhändler,„und Sie werden aller Ihrer Entſchloſſen⸗ heit bedürfen.“ „Ich will ſie befreien oder bei dem Verſuche um⸗ kommen,“ ſagte Thorneyeroft, ſeine Piſtolen hervor⸗ ziehend. Die Anderen zogen ihre Hirſchfänger. „Nun folgt mir,“ ſagte Reeks,„und handelt, wie ich es Euch ſage.“ Hierauf ſchlug er einen Gang ein, der aus dich⸗ ten Hecken von Immergrün gebildet wurde und ſie zu der hinteren Seite des Hauſes führte. Durch eine Thür gehend, betrat er den Hoſplatz, ſchlich vorſichtig an der Mauer weiter, erreichte ein niedriges Fenſter und öffnete es geränſchlos. Dann ſtieg er durch daſſelbe hinein. Zwölftes Kapitel. Das geheimnißvolle Zimmer. Wir müſſeu jetzt zu dem Abend zurückkehren, wo Ebba von dem geheimnißvollen Fremden entführt worden war. Obgleich vor Schrecken faſt bewußtlos, konnte das arme Mädchen doch bemerken, daß ſie eine Treppe oder einen ſteilen Abhang hinunter getragen wurde, und daß es dann eine beträchtliche Strecke auf ebenem Boden wei⸗ terging. Dann wurde ſie in einen Wagen geſetzt und mit großer Schnelligkeit weitergefahren; und obgleich ſie unmöglich bemerken konnte, nach welcher Richtung ſie geführt wurde, ſo erſchien es doch ihrer erſchreckten Phan⸗ taſie, als ob es in einen Abgrund hinunter gehe, und jeden Augenblick erwartete ſie in Stücke zerſchmettert zu werden. Endlich hielt der Wagen an und ſie wurde herausgehoben und auf einem gewundenen Gange fort⸗ ——— —— — 154— getragen, bis ihr endlich das Knarren von Thürangeln zu erkennen gab, daß eine Thür geöffnet wurde. Als ſie durch dieſelbe eingetreten war, wurde ſie auf eine Bank niedergelegt, wo ſie vor Schrecken ihr Bewußtſein verlor. Als ſie wieder zu ſich kam, ſaß ſie auf einem mit ſchwarzem Sammet überzogenen Lehnſeſſel in der Mitte eines düſteren Zimmers von ungeheurem Umfange, wãäh⸗ rend der geheimnißvolle ſchreckliche Fremde neben ihr ſtand und ſie unterſtützte, damit ſie nicht auf den Bo⸗ den falle. Er hielt ihr einen großen Becher, mit einer ſtarken Flüſſigkeit angefüllt, an den Mund und nöthigte ſie, davon zu trinken. Das kräftige Mittel belebte ſie wieder, brachte aber zugleich eine ſeltſame Aufregung her⸗ vor, gegen die ſie mit aller Macht ankämpfte. Ihr Verfolger reichte ihr nochmals den Becher, während ein ſardoniſches Lächeln ſeine Züge umſpielte. „Trinken Sie!“ rief er;„es wird Sie wieder her⸗ ſtellen, und Sie haben noch viel zu überſtehen.“ Ebba nahm mechaniſch den Becher und erhob ihn zu ihren Lippen; als ſie aber den frohlockenden Blick des Fremden bemerkte, ſchleuderte ſie ihn zu Boden. „Sie haben thöricht gehandelt,“ ſagte er finſter; „das Getränk würde eine wohlthätige Wirkung hervor⸗ gebracht haben.“ Ihre Augen von ſeinem Blicke abwendend, von dem ſie fühlte, daß er eine unwiderſtehliche Wirkung auf ſie hervorbrachte, ſah ſich Ebba furchtſam im Zimmer um. Es war groß und düſter und erſchien gleich dem — 155— innern Raume eines Grabmals— die Wände und die Decke waren aus ſchwarzem Marmor gebildet, während der Fußboden mit demſelben Material gepflaſtert war. Nicht weit von der Stelle, wo ſie ſaß, ſtand auf einer Erhöhung von einigen Stufen ein mit ſchwarzem Sam⸗ met bedeckter Tiſch, worauf ſich eine ungeheure Lampe befand, die in Form eines Zwerges gebildet war, der auf ſeinen ausgeſtreckten Flügeln einen Keſſel trug. An dieſer Lampe brannten mehrere Flammen, die ein dun⸗ kelrothes Licht durch das Zimmer warfen. Darüber hing ein gleichfalls phantaſtiſch gebildeter Deckel. In dem Tiſche ſteckte ein Dolch mit reich verziertem Griffe, und daneben lag eine ſeltſam geſtaltete Maske, ein offe⸗ nes Buch, ein alterthümliches Schreibzeug und ein Per⸗ gament, worauf Schriftzüge zu ſehen waren. Gegen⸗ über ſtand ein ſeltſam ausgeſchnitzter Stuhl von Ebenholz. Am unteren Ende des Zimmers, welches ein we⸗ nig erhöht war, befand ſich ein ſchwarzer Vorhang und auf einer Stufe vor demſelben ſtanden zwei ſchwarze Vaſen. „Was iſt hinter jenem Vorhange?“ fragte Ebba ſchaudernd. „Sie werden es ſogleich ſehen,“ verſetzte er.„In⸗ zwiſchen ſetzen Sie ſich auf jenen Stuhl nieder, um zu ſehen, was auf jener Rolle geſchrieben ſteht.“ Ebba bewegte ſich nicht, aber der Fremde faßte ihre Hand und zog ſie zu dem Sitze hin. „Leſen Sie, was auf jenem Pergamente geſchrieben ſteht,“ rief er gebieteriſch. ———— — 156— Ebba ſah das Blatt an wurde von einem Schan⸗ der ergriffen. „Hierdurch übergebe ich mich Ihnen mit Leib und Seele?“ rief ſie. „So iſt es,“ verſetzte der Fremde. „Ich habe kein Verbrechen begangen, welches mich in die Gewalt des Teufels bringen kann,“ rief Ebba, auf ihre Knie ſinkend.„Ich flehe den Himmel um Schutz an! Hinweg von mir!“ Als dieſe Worte ausgeſprochen waren, fiel der Deckel plötzlich auf die Lampe nieder, und in dem Zim⸗ mer herrſchte tiefe Finſterniß. Höhniſches Lachen tönte in ihre Ohren, worauf ein wehklagendes Geſchrei folgte, welches unausſprechlich ſchrecklich anzuhören war. Ebba fuhr fort, inbrünſtig um ihre und Auriol's Befreiung zu flehen. Während ihres Gebets vernahm ſie plötzlich eine außerordentlich liebliche Muſik, die hinter dem Vorhange her zu kommen ſchien, und wäh⸗ rend ſie dieſen Tönen horchte, wurde ſie von dem be⸗ täubenden Geräuſche einer großen Trommel erſchreckt. Der Deckel der Lampe wurde langſam aufgehoben und die Flammen brannten wie vorher, während aus den bei⸗ den Vaſen vor dem Vorhange Weihrauchwolken auf⸗ ſtiegen, die das Zimmer mit betäubendem Dufte er⸗ füllten. Wieder wurde die Trommel geſchlagen und Ebba ſah ſich nach dem Vorhange um. Hinter jeder Vaſe ſtand eine rieſenhafte Geſtalt in einen langen ſchwarzen Mantel gehüllt, deſſen unterer Theil von dem dichten — 157— Rauche verborgen war. Kapuzen waren über die Köpfe dieſer Figuren gezogen, ihre Hälſe waren mit Tüchern um⸗ wickelt und vor den Geſichtern trugen ſie Masken, aus deren Oeffnungen Angen von überirdiſcher Helle her⸗ vorblickten. Zwiſchen ihnen bewegten ſich zwei andere ähnlich gekleidete und maskirte geiſterhafte Geſtalten, die ihre ſchimmernden Augen auf ſie richteten und mit ihren Kuochenfingern höhniſch auf ſie deuteten. Hinter dem Vorhange befand ſich ein helles Licht, welches eine breite Treppe von ſchwarzem Marmor zeigte, die zu einem oberen Zimmer führte, und zugleich den Refler einer rieſenhaften Figur auf die Draperie warf, während ſich eine Hand aus den Falten derſelben her⸗ vorſtreckte, deren Zeigefinger auf ſie gerichtet war. Gewaltſam ihren Blick abwendend, bedeckte Ebba ihre Augen mit ihren Händen; als ſie aber nach kurzer Zeit wieder aufblickte, ſah ſie eine ſchwarze Thür zur Seite ſich um ihre Angeln drehen und drei weibliche Geſtalten aus derſelben hervortreten, die ſchwarz gekleidet und verſchleiert waren, und ihre Hände in ſchwermüthi⸗ ger Weiſe über die Bruſt gefaltet hatten. Langſam und geräuſchlos ſich nähernd, blieben ſie wenige Schritte vor ihr ſtehen. „Wer und was ſeid Ihr!“ rief ſie in wildem Schrecken. „Auriol's Opfer!“ verſetzte die Geſtalt zur Rechten. „Was wir ſind, wirſt Du auch bald ſein.“ „Welches Verbrechen habt Ihr begangen?“ fragte bba. ——— 2 — 158— „Wir haben ihn geliebt,“ antwortete die zweite Geſtalt. „Iſt das ein Verbrechen?“ rief Ebba.„Wenn das iſt, bin ich gleich ſtrafbar.“ „Du wirſt unſere Verdammniß theilen,“ verſetzte die dritte Geſtalt. „Der Himmel ſei mir gnädig!“ rief das Mädchen in qualvollem Tone, indem ſie auf die Knie nieder⸗ ſank. In dieſem Augenblick rief eine ſchreckliche Stimme hinter dem Vorhange: „Unterzeichne— oder Auriol iſt auf immer ver⸗ loren.“ „Ich kann meine Seele nicht aufopfern, ſelbſt um ihn zu retten,“ rief Ebba verzweiflungsvoll. „So ſei Zeugin ſeiner Strafe!“ rief die Stimme. Und als dieſe Worte ausgeſprochen waren, öffnete ſich eine Thür an der entgegengeſetzten Seite und Auriol wurde von zwei maskirten Geſtalten, die wie Knechte der Ingquiſitivn ausſahen, herausgeſchleppt. „Thue nicht, was dieſer Teufel fordert, Ebba!“ rief Auriol, ſie verzweiflungsvoll anſehtſt⸗ „Willſt Du ihn retten, ehezer lebendig begraben wird?“ rief die Stimme. Und bei den Worten erhob ſich in der Nähe! der Stelle, wo Ebba ſaß, eine Marmorplatte vom Boden und zeigte untenheine tiefe Grube. Ebba blickte mit unbeſchreiblichem Entſetzen in den Abgrund hinnnter. — 159— „Dort wird er eingemauert werden, wenn Du nicht unterzeichneſt;“ rief die Stimme;„und da er un⸗ ſterblich iſt, wird er eine ewige Pein erleiden.“ „So kann ich ihn nicht retten, aber ich kann ihm vorangehen,“ rief Ebba ihre Hände erhebend und ſich in den Abgrund ſtürzend. Ein furchtbarer Schrei ertönte durch das Zimmer. Er kam von Auriol, der ſich vergebens von den Ge⸗ ſtalten, die ihn hielten, los zu machen ſuchte, um ſich Ebba nachzuſtürzen. Bald darauf, und während Auriol in die Grube hinunterblickte, erhob ſich eine blaue Flamme aus der⸗ ſelben, tanzte einen Augenblick in der Luft und ver⸗ ſchwand dann. Sobald dies geſchehen war, ſtieg eine ſchwarz verſchleierte Figur, gleich der anderen weiblichen Geſtalten, langſam und ſcheinbar ohne ſich zu ſtützen aus dem Gewölbe auf und blieb bewegungslos am Rande ſtehen. „Ebba!“ rief Auriol in verzweiflungsvollem Tone. „Biſt Du es?“ Die Geſtalt nickte mit dem Kopfe, aber redete nicht. „Unterzeichne!“ donnerte die Stimme.„Dein Verſuch der Selbſtvernichtung hat Dich vollends in meine Macht gegeben, Unterzeichne!“ In dieſem Angenblick bewegte ſich die Geſtalt lang⸗ ſam auf den Tiſch zu, und mit unausſprechlichem Ent⸗ ſetzen ſah Auriol, wie ſie die Feder nahm und auf dem Pergament ſchrieb. Er neigte ſich vorwärts und — 160— 6 ſah, daß der dort geſchriebene Name Ebba Thorney⸗ eroft war. Auf das tiefe Stöhnen, welches er ausſtieß, folgte ein teufliſches Lachen. Dann entfernte ſich die Geſtalt langſam und ſtellte ſich zu den anderen verſchleierten Figuren. „Alles iſt vollendet,“ rief die Stimme.„Fort mit ihm!“ Hierauf wurde ein furchtbarer Schall gehört. Die Lichter erloſchen und Auriol wurde durch die Thür hin⸗ ausgeſchleppt, durch die man ihn hereingebracht hatte. (Ende des erſten Buches.) Ende des erſten Bandes. Druck der C. Schumann'ſchen Buchvruckerei in Schneeberg. Auriol, oder: Das Tebenselirir. Ein Roman von W. Harriſon Ainsworth. s dem Engliſchen überſetzi von Dr. Ernſt Suſemihl. Zweiter Band. —0— Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann⸗ 5 3 ————————————— Auriol. Zweiter Band. Das Intermezzo 18 0 0. Erſtes Kapitel. Das Grab des Roſenkreuzers. Zu einer ſpäten Stunde, in der Nacht des erſten März 1800, trat ein Mann von ſeltſamem und unheim⸗ lichem Ausſehen, in einen großen Reitermantel gehüllt, in ein altes unbewohntes Haus in der Nähe von Step⸗ ney Green. Er war groß, hielt ſich auftecht und ſchien in der vollen Kraſt des erſten Mannesalters; aber ſeine Züge hatten einen abgelebten und geiſterhaften Ausdruck, als trügen ſie die Spuren ausſchweifender Genüſſe, wäh⸗ rend ſeine dunkeln ſchimmernden Augen ihm ein faſt teufliſches Anſehen verliehen. Dieſer Mann war von der hinteren Seite durch den Garten in das Haus eingetreten und ſtand jetzt in einem großen verfallenen Vorſaale, von wo eine breite eichene Treppe mit ſeltſam ausgeſchnitztem Treppengelän⸗ 3 der zu einer Gallerie und von dort zu den oberen Zim⸗ mern der Wohnung führte. Nichts konnte öder und unfreundlicher ſein, als der Anblick des Ortes. Die zierlich geformte Decke war mit Spinneweben behängt und an einigen Stellen in Haufen auf den Fußboden niedergefallen; die ſchönen Farben der Tapeten waren von der Feuchtigkeit verwiſcht; die ſchwarz und weißen Marmorplatten, die den Fußboden des Vorſaales bil⸗ deten, waren locker geworden und bewegten ſich, wenn man darüber ginge; der weite und leere Kamin gähnte gleich der Oeffnung einer Höhle; die Riegel der ge— ſchloſſenen Fenſter waren feſtgeroſtet, und die Haufen von Staub vor der äußeren Thür bewieſen, daß die⸗ ſelbe ſeit vielen Jahren nicht geöffnet worden. Eine Blendlaterne unter ſeinem Mantel hervorzie⸗ hend, ſah ſich der erwähnte Mann einen Angenblick um und richtete dann mit ſardoniſchem Lächeln ſeine Schritte zu einem Zimmer zur Rechten, deſſen Thür offen ſtand. Dieſes Zimmer, welches groß und mit Eichenholz ausgelegt war, befand ſich in demſelben verfallenen Zu⸗ ſtande wie der Vorſaal und war ebenfalls ohne alles Mobiliar. Die einzige Verzierung, die noch an den Wänden übrig geblieben, war das Portrait eines ehr⸗ würdigen Mannes, mit der Mütze und dem Gewande aus der Zeit Heinrich des Achten, auf das Täfelwerk gemalt— welcher Umſtand es wahrſcheinlich vor der Zerſtörung geſchützt hatte— und darunter eine meſſingne Platte mit myſtiſchen Schriftzügen und Symbolen, wor⸗ auf der Name Cyprianus de Rougemont, Fra. —— C. R. geſchrieben ſtand. Derſelbe Name befand ſich unter dem Portrait nebſt der Jahreszahl 1550. Vor dem Portrait ſtehen bleibend, ließ der junge Mann das Licht der Laterne darauf fallen, und es zeig⸗ ten ſich Züge, die hinſichtlich der Form den ſeinigen glichen, aber einen ſtrengen und philoſophiſchen Ausdruck hatten. Nur in den Augen konnte man den eigen⸗ thümlichen und ſchrecklichen Schimmer erkennen, der ſeine eigenen Blicke auszeichnete. Nachdem er das Por⸗ trait eine Zeitlang ſtarr angeſehen hatte, redete er es ſo an: „Hörſt Du mich, alter Ahn?“ rief er.„Ich, Dein Nachkomme, Cyprian de Rongemont, fordere Dich auf, mir Dein verborgenes Gold zu zeigen! Ich weiß, daß Du ein Bruder Roſenkrenzer— ein Illuminat ge⸗ weſen, die Geheimniſſe der Natur durchdrungen haſt und in die Region des Lichts eingetreten biſt. Ich weiß auch, daß Du in dieſem Hanſe mit einem unermeßlichen Schatze begraben wurdeſt; aber obgleich ich eifrig darnach geſucht habe und ſchon Andere vor mir darnach geſucht haben, iſt doch Dein Grab nie entdeckt worden! Höre mich an! In der letzten Nacht erſchien mir Satan im Traume und befahl mir, hieher zu kommen, da würde ich finden, was ich ſuchte. Die Bedingungen, die er machte, waren, ihm entweder meine eigene Seele zu geben oder ihm Auriol Darcy's Seele zu gewinnen. Ich willigte ein. Ich bin hier. Wo iſt Dein Schatz?“ Nach einer Pauſe ſchlug er das Bild mit der ge⸗ ballten Fanſt und rief mit lanter Stimme: ——— — W— „Hörſt Du mich, alter Ahn, ſage ich? Ich rufe Dich an, mir Deinen Schatz zu geben. Hörſt Du mich, ſage ich?“ Und er wiederholte den Schlag mit größerer Hef⸗ tigkeit. Von der Erſchütterung löſte ſich die meſſingne Platte unter dem Portrait und fiel auf den Boden nie⸗ der. „Was iſt das?“ rief Rougemont und blickte in die Oeffnung, welche die Platte zurückgelaſſen hatte. „Ha!— mein Anruf iſt erhört worden!“ Und die Laterne erhebend, endeckte er in der Tiefe einer kleinen Höhlung einen Stein mit einem Ringe in der Mitte. Ein Freudengeſchrei ausſtoßend, er⸗ griff er den Ring und zog den Stein ohne Schwierig⸗ keit vorwärts, wodurch ein Raum hinter demſelben frei wurde. „Dies iſt alſo der Eingang zu dem Grabmal mei⸗ nes Ahnen,“ rief Rougemont,„daran läßt ſich nicht zweifeln. Der alte Roſenkreuzer hat ſein Geheimniß wohl bewahrt, aber der Teufel hat mir geholfen, es ihm abzunöthigen. Und nun muß ich die nöthigen Werkzeuge herbeiholen, wenn ſich mir noch weitere Hin⸗ derniſſe in den Weg ſtellen ſollten.“ Hierauf verließ er haſtig das Zimmer, kehrte aber ſogleich mit einem Hammer und einer Brechſtange zu⸗ rück. Mit dieſen Werkzeugen und der Laterne ausge⸗ rüſtet kroch er durch die Oeffnung. Als dies geſchehen war, befand er ſich am obern Ende einer ſteinernen —— Treppe, die er hinunterſtieg und dann zu dem bogen⸗ förmigen Eingange eines Gewölbes gelangte. Die Thür, die aus Eichenholz beſtand, war verſchloſſen, aber das — Licht zu derſelben erhebend, las er folgende Inſchrift: „Post C. C. L. annos patebo, 1550.“ „Nach zweihundert und funfzig Jahren werde ich mich öffnen!“ rief Rougemont.„Und die Jahreszahl 1550— ei, die Zeit iſt ja gerade da. Der alte Cy⸗ prian muß vorausgeſehen haben, was geſchehen würde, und hat offenbar beabſichtigt, mich zu ſeinem Erben einzuſetzen. Des Teufels Einmiſchung war unnöthig. Und ſieh, der Schlüſſel iſt im Schloß. So!“ Er drehte ihn um, und als er mit einiger Gewalt gegen die Thür ſtieß, gaben die roſtigen Angeln nach und die Thür drehte ſich nach innen. Aus der Oeffnung der Thür ſtrömte ein ſanftes, ſilberfarbiges Licht hervor, und eintretend, befand ſich Rongemont in einem geräumigen Gewölbe, an deſſen Decke eine große Kryſtallkugel hing, die in ihrem In⸗ nern eine kleine Flamme enthielt, die einen milden Glanz, gleich dem des Mondes, verbreitete. Dies war alſo die ewig brennende Lampe der Roſenkreuzer, und Rougemont ſah ſie mit Erſtaunen an. Zweihundert und funfzig Jahre waren vergangen, ſeitdem man jene wunderbare Flammen angezündet hatte, und noch brannte ſie ſo hell wie immer. Die Kugel war von einer Schlange umgeben, die ihren Schwanz im Munde hatte — ein Sinnbild der Ewigkeit— aus dem reinſten 13 — 1— Golde gearbeitet, während ſich darüber, die Seele be⸗ deutend, ein paar ſilberne Flügel befanden. Maſſive Ketten vor demſelben koſtbaren Metall, wie verſchlun⸗ gene Schlangen gebildet, hielten die Lampe. Aber Rougemont's Erſtaunen über dieſes Wunder wich bald anderen Gefühlen, und er ſah ſich mit gieri⸗ gen Blicken in dem Gewölbe um. Es war ein ſiebeneckiges Zimmer, etwa acht Fuß hoch, von Stein erbaut und mit einer ſchönen gewölb⸗ ten Decke verſehen. Die Oberfläche des Manerwerks war ſo glatt und friſch, als hätte der Meiſel ſie eben erſt verlaſſen. An ſechs von den Ecken ſtanden große Kiſten mit Eiſenwerk von der zierlichſten Arbeit verſehen, und von dieſen glaubte Rougemont, daß ſie mit unerſchöpflichen Schätzen angefüllt ſeien; während in der ſiebenten Ecke ein kleines Denkmal von weißem Marmor ſtand, wel⸗ ches zwei knicende und verſchleierte Figuren darſtellte, die einen Schleier hielten, der den Eingang zu einem kleinen Nebengemache halb verbarg. Auf einer von den Kiſten, dem eben beſchriebenen Denkmal gegenüber, ſtand eine ſeltſam geſtaltete Flaſche und ein Becher von alterthüm⸗ licher Arbeit, aber beide mit Edelſteinen ausgelegt. Die Wände waren mit Kreiſen, Vierecken und Diagrammen und an einigen Stellen mit grotesker Bild⸗ hauerarbeit bedeckt. In der Mitte des Gewölbes be⸗ fand ſich ein runder Altar, mit einer goldenen Platte bedeckt, worauf Rongemont folgende Inſchrift las: —— „Dieſes Abbild des Weltalls habe ich mir zum Grabmal geſetzt.“ „Hier alſo liegt der alte Cyprian,“ rief er. Und von einem unwiderſtehlichen Antriebe beſtimmt, ergriff er den Altar bei dem oberen Rande und warf ihn um. Die ſchwarze Marmormaſſe fiel mit donnern⸗ dem Krachen zu Boden und zerbrach die Steinplatte. Es mochte der Widerhall des Gewölbes ſein, aber ein tiefes Stöhnen tadelte den jungen Mann wegen ſeiner Handlung. Ohne ſich von dieſer Warnung zurückſchrek⸗ ken zu laſſen, ſteckte Rougemont die Spitzen der Brech⸗ ſtange zwiſchen die Spalten des zerbrochenen Steines, ſtrengte alle ſeine Kräfte an und erhob die Bruchſtücke, bis er endlich das Grab geöffnet hatte. Darin lag ſein Ahn Cyprian de Rougemont ohne Sarg in der Kleidung, die er im Leben getragen, und ſein weißer Bart reichte bis an die Taille. Der Körper war vffenbar ſorgfältig einbalſamirt und die Züge durch die Verweſung nicht verändert. Auf ſeiner Bruſt und von den Händen bedeckt, lag ein großes Buch in ſchwarzes Pergament gebunden und mit meſſingnen Klammern befeſtigt. Rougemont ſetzte ſich ſogleich in Beſitz dieſes geheimnißvoll ausſehenden Buches, knieete auf die nächſte Kiſte nieder und öffnete es. Aber er ſah ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht. Alle Blätter, die er anſah, waren mit kabbaliſtiſchen Schriftzügen be⸗ deckt, die er durchaus nicht entziffern konnte. Endlich aber fand er eine Seite, deren Inhalt er —ů ů—— — verſtand; und er blieb eine Zeitlang in die Betrachtung derſelben verſenkt, während ein faſt teufliſches Lächeln ſeine Züge umſpielte. „Aha!“ rief er, indem er das Buch ſchloß,„jetzt ſehe ich die Urſache meines außerordentlichen Traumes. Meines Ahnen Macht war von hölliſchem Urſprunge — kurz, ſie war der Erfolg eines Vertrages mit dem Fürſten der Finſterniß. Aber was liegt mir daran? Man gebe mir Reichthum und es iſt mir gleich, woher er kommt! Ha! ha!“ Und die Brechſtange ergreifend, erbrach er die Kiſte, welche in ſeiner Nähe ſtand. Sie war mit Silberbarren gefüllt. Die nächſte Kiſte, die er auf dieſelbe Weiſe unterſuchte, war voll Gold, die dritte mit Perlen und Edel⸗ ſteinen angefüllt und alle enthielten unermeßliche Schätze. Rougemont betrachtete dieſelben mit dem höchſten Ent⸗ zücken. „Endlich iſt mein Wunſch erfüllt,“ rief er.„Schran⸗ kenloſer Reichthum und daher ſchrankenloſe Macht iſt mein. Ich kann im Genuſſe und in der Rache ſchwel— gen. Ich werde in Gefahr kommen, meine Seele zu Grunde zu richten, aber es müßte ſchlimm zugehen, wenn ich nicht auch Auriol's Seele dem Verderben preis⸗ geben könnte. Seine Liebe zum Spiel und ſeine Lei⸗ denſchaft für Editha Talbot ſollen die Werkzeuge ſein, mit welchen ich wirken will. Aber ich darf ein anderes Mittel, welches mir geboten wird, nicht vernachläſſigen. Wie ich aus jenem Buche lerne, enthält die Flaſche dort ein teufliſches Getränk, welches, ohne das Leben zu zerſtören, das Gehirn erſchüttert und wahnſinnige Phantaſien erregt. Es entſpricht vollkommen meinem Zwecke; und ich danke Dir, Satan, für das Ge⸗ ſchenk.“ Zweites Kapitel. Der Vertrag. Gtra zwei Monate nach dieſem Ereigniſſe eilte um Mitternacht ein junger Mann mit einem Blicke der wildeſten Verzweiflung Pall Mall dahin, als ſein ſtür— miſches Rennen plötzlich von einer ſtarken Hand aufge⸗ halten wurde, während ihm eine bekannte Stimme ins Ohr tönte. „Es iſt nutzlos, auf Selbſtvernichtung zu denken, Auriol Darey,“ rief der Mann, der ihn aufgehalten hatte.„Wenn das Leben Euch zur Laſt iſt, kann ich es Euch erträglich machen.“ Sich auf dieſen Anruf umwendend, erblickte Au⸗ riol einen großen Mann in einen langen ſchwarzen Man⸗ tel gehüllt, deſſen unheimliche Züge ihm wohl bekannt waren. — —„— — ½— „Verlaßt mich, Rougemont!“ rief er heftig.„Ich will keine Geſellſchaft— vor allen Dingen nicht die Eurige. Ihr wißt ſehr wohl, daß Ihr mich zu Grunde gerichtet habt, und daß Nichts weiter von mir zu er⸗ halten iſt. Verlaßt mich, oder ich vergreife mich an Euch.“ „Still, ſtill, Auriol, ich bin Euer Freund!“ ver⸗ ſetzte Rougemont.„Ich beabſichtige, Euch von Eurer Noth zu befreien.“ „Wollt Ihr mir das Geld zurückgeben, welches Ihr mir abgewonnen habt?“ rief Auriol.„Wollt Ihr meine unerbittlichen Gläubiger beftiedigen? Wollt Ihr mich vom Gefängniß erretten?“ „Das Alles will ich thun, und noch mehr,“ ver⸗ ſctzte Rongemont.„Ich will Euch zu einem der reich⸗ ſten Mäuner in London machen.“ „Spart Eure beleidigenden Scherze, Herr,“ rief Aurivl.„Ich bin nicht geſtimmt, ſie zu ertragen.“ „Ich ſcherze nicht,“ entgegnete Rougemont.„Kommt mit mir, und Ihr ſollt Euch von meiner Aufrichtigkeit überzeugen.“ Endlich willigte Auriol ein, worauf ſie nach Saint James Square gingen und vor einem prächtigen Hauſe ſichen blieben. Rongemont ſtieg die Stufen hinauf. Auriol, der ihn faſt mechaniſch begleitet hatte, ſah ihn mit Erſtaunen an und fragte: „Wohnt Ihr hier?“ „Keine Fragen!“ verſetzte Rougemont und klopfte an die Thür, die ſogleich von dem Portier geöffnet Auriol. 2. Band. 2 — wurde, während ſich andere Diener in reichen Livreen in der Ferne zeigten. Rongemont richtete einige leiſe Worte an ſie, worauf ſie ſich ſogleich reſpektvoll vor Auriol verneigten, während der Erſte von ihnen voran eine prächtige Treppe hinaufging. mn Dies Alles war ein Geheimniß für den jungen Mann, aber er folgte ſeinem Führer, ohne ein Wort zu reden und wurde ſogleich in ein glänzend ausmöblirtes und hell erleuchtetes Zimmer geführt. Darauf verließ der Diener ſie und ſobald er fort war, rief Auriol: itt „Habt Ihr mich hiehergebracht, um meiner zu ſpotten?“ „Um Eurer zu ſpotten— nein,“ verſetzte Rouge⸗ mont.„Ich habe Euch geſagt, daß ich Euch reich ma⸗ chen will. Aber Ihr ſeht ſehr erſchöpft aus. Ein Glas Wein wird Euch wieder beleben.“ Während er ſprach, ging er an einen kleinen Schrank und nahm eine ſeltſam geformte Flaſche und einen Becher heraus. „Koſtet dieſen Wein— er iſt lange in unſerer Familie aufbewahrt worden,“ fügte er hinzu, indem er den Becher füllte. „Es iſt ein ſeltſames, betäubendes Getränk,“ rief Auriol, den leeren Becher niederſetzend und ſeine Augen mit der Hand bedeckend. „Ihr habt es mit leerem Magen getrunken— das iſt Alles,“ ſagte Rougemont.„Ihr werdet ſogleich wieder wohl ſein.“ n P e n d „Es iſt mir, als ſollte ich wahnſinnig werden,“ rief Auriol.„Es iſt ein hölliſches Getränk, welches Ihr mir gegeben.“ „Ha! ha!“ lachte Rongemont.„Es erinnert Euch an das Elirir, welches Ihr einſt getrunken— he?“ „Stellt Euren Spott ein!“ rief Anriol zornig. „Ich habe geſagt, ich bin nicht in der Stimmung, ihn zu ertragen.“ „Pah! ich will Euch nicht beleidigen,“ entgegnete der Andere, ſein Benehmen ändernd.„Wie gefällt Euch dieſes Haus?“ „Es iſt prachtvoll,“ verſetzte Auriol ſich umſehend. „Ich beneide Euch um den Beſitz deſſekben.“ „Es ſoll das Eure ſein, wenn Ihr wollt.“ „Das meine! Ihr ſpottet wieder.“ „Nicht im Geringſten. Ihr ſollt es mir abkaufen, wenn Ihr wollt.“ „Um welchen Preis?“ ftagte Auriol mit Bitterkeit. „Um einen Preis, den Ihr leicht zahlen könnt,“ verſetzte der Andere.„Kommt hieher, und wir wollen den Vertrag abſchließen.“ Bis an das Ende des Zimmers gehend, traten ſie in ein kleines koſtbar möblirtes Gemach von ſchönen Divans umgeben. In der Mitte befand ſich ein Tiſch, worauf Schreibmaterialien lagen. „Es wäre ein nutzloſes Geſchenk, Euch dieſes Haus zu geben, ohne die Mittel, darin zu leben,“ ſagte Rougemont, vorſichtig die Thür ſchließend.„Dieſes Taſchenbuch wird ſie Euch gewähren.“ 2 —— „Banknoten von unermeßlichem Betrage!“ rief Au⸗ riol, das Taſchenbuch öffnend und den Inhalt anſehend. „Sie ſind Euer, nebſt dem Hanſe,“ rief Ronge⸗ mont,„wenn Ihr einen Vertrag mit mir unterzeichnen wollt.“ „Einen Vertrag!“ rief Auriol, ihn mit einem Blicke unerklärlichen Schreckens anſehend.„Wer und was ſeid Ihr?“ „Einige würden mich Teufel nennen!“ verſetzte Rougemont nachläſſig.„Aber Ihr kennt mich zu gut, um zu glauben, daß ich eine ſolche Bezeichnung ver— diene. Ich biete Euch Reichthum an. Was könnt Ihr mehr verlangen?“ „Aber welches ſind die Bedingungen?“ fragte Au⸗ riol. „Sie ſind ſo leicht, wie nur möglich,“ verſetzte der Andere.„Ihr ſollt ſelber urtheilen.“ Und als er ſprach, öffnete er einen Schreibkaſten auf dem Tiſche und nahm ein Pergament heraus. „Setzt Euch nieder und leſet dies;“ fügte er hinzu⸗ Auriol that es, und als er das Geſchriebene über⸗ blickte, wurde er von Schrecken und Erſtaunen ergriffen, während ihm das Taſchenbuch aus der Hand fiel. Nach einer Weile blickte er zu Rougemont auf, der ſich über ſeine Schulter lehnte und deſſen Geſicht ſich zu einem höhniſchen Lächeln verzog. „So ſeid Ihr doch alſo der Teufel?“ rief er. „Wenn Ihr es ſo wollt— gewiß,“ verſetzte der Andere. „Ihr ſeid Satan in der Geſtalt eines Menſchen, den ich einſt kannte;“ rief Auriol.„Fort von mir! Ich will Nichts mit Euch zu thun haben.“ „Ich hielt Euch für klüger, Darch, als daß Ihr Euch einer ſolchen thörichten Furcht hingeben würdet,“ verſetzte der Andere.„Geſetzt auch, Eure thörichte Furcht wäre gegründet, warum wolltet Ihr Euch beun⸗ ruhigen? Ihr ſeid ja unſterblich.“ „Das iſt freilich wahr,“ verſetzte Auriol gedanken⸗ voll;„aber dennoch—“ „Pah!“ verſetzte der Andere,„unterzeichnet nur immer, damit die Sache beſeitigt iſt.“ „Durch dieſen Vertrag mache ich mich verbindlich, Euch ein Opfer— ein weibliches Opfer— zu über⸗ liefern, wenn Ihr es fordern werdet,“ rief Auriol. „So iſt es,“ entgegnete Rougemont;„es kann Euch keine Schwierigkeit machen, dieſe Bedingung zu erfüllen.“ „Wenn es mir aber nicht gelingt, bin ich verur⸗ theilt—“ „Aber es wird Euch gelingen,“ unterbrach ihn der Andere; eine Kerze anzündend und das Pergament un⸗ terſiegelnd.„Nun unterzeichnet es.“ Auriol nahm mechaniſch die Feder und ſah ſtarr das Dokument an. „Ich ziehe mir ewige Verdammniß zu, wenn ich es unterzeichne,“ murmelte er. „Ein Federſtrich rettet Euch vom gänzlichen Unter⸗ gange,“ ſagte Rougemont, ſich über ſeine Schultern b — lehnend.„Reichthum und Glück werden Euch zu Theil. Es wird Euch nicht zum zweitenmal geboten.“ „Verſucher!“ rief Auriol, haſtig das Pergament unterzeichnend. Aber er fuhr augenblicklich erſchrocken zurück bei dem teufliſchen Lachen, welches ihm in die Ohren tönte. „Es iſt mir leid— gebt es mir zurück!“ rief er, nach dem Pergamente greifend, welches Rougemont in ſeinen Buſen ſteckte. „Es iſt zu ſpät!“ rief der Letztere in triumphiren⸗ dem Tone.„Ihr ſeid mein— unrettbar mein.“ „Ha!“ rief Auriol, auf den Divan zurückſinkend. „Ich laſſe Euch im Beſitze dieſes Hauſes,“ fuhr Rougemont fort;„aber ich kehre in einer Woche zu⸗ rück, wo ich mein erſtes Opfer fordern werde.“ „Euer erſtes Opfer! O Himmel!“ rief Auriol. „Ja, und meine Wahl füllt auf Editha Talbot!“ verſetzte Rongemont. „Editha Talbot!“ rief Auriol;„ſie Euer Opfer! Denkt Ihr, ich werde Euch die ausliefern, welche ich mehr liebe, als mein Leben?“ „Weil ſie Euch liebt, habe ich ſie gewählt, 6her⸗ ſetzte Rougemont mit bitterem Lachen.„Und dies wird immer bei Euch der Fall ſein. Sucht nicht wieder zu lieben, denn Eure Leidenſchaft wird immer unheilvoll für den Gegenſtand derſelben ſein. Wenn die Woche zu Ende iſt, werde ich Editha von fordern. Bis dahin lebt wohl!“ . — 28— „Halt!“ rief Auriol.„Ich breche den Vertrag mit Dir, Teufel. Ich will Nichts davon. Ich entſage Dir.“ Und wild ſtürzte er Rongemont nach, der ſchon das größere Zimmer erreicht hatte; aber ehe er ihn ein⸗ holen konnte, war das geheimnißvolle Weſen durch die inßere Thür gegangen, und als Auriol auf die Galle⸗ rie kam, war es nirgends zu ſehen. Mehrere Diener kamen ſogleich auf das wahn⸗ ſinnige Rufen des jungen Mannes herbei und benach⸗ richtigten ihn, daß Herr Rougemont das Haus einige Augenblicke vorher verlaſſen habe, nachdem er ihnen ge⸗ ſagt, daß ihr Herr mit den für ihn gemachten Anord⸗ nungen vollkommen zuftieden ſei. „Und hoffentlich iſt Nichts geſchehen, was Sie hat beſtimmen können, Ihre Meinung zu ändern, mein Herr?“ ſagte der Portier. „Seid Ihr gewiß, daß Herr Rougemont fort iſt?“ rief Auriol. „O! ganz gewiß, Herr,“ rief der Portier.„Ich half ihm ſelber, ſeinen Mantel anlegen. Er ſagte, er würde heute über acht Tage zurückkehren.“ „Wenn er kommt, will ich ihn nicht ſprechen,“ rief Auriol heſtig;„vergeßt das nicht, Verleugnet mich gegen ihn, und laßt ihn unter keiner Bedingung in dieſes Haus eintreten.“ „Ihre Befehle ſollen genau befolgt werden,“ ver⸗ ſetzte der Portier, ihn erſtaunt anſtarrend. — — „Nun verlaßt mich,“ rief Auriol. Und als ſie ſich entfernten, fügte er in verzweif⸗ lungsvollen Tönen und Geberden hinzu: „Alle Vorkehrungen ſind vergebens. Ich bin in der That verloren!“ Drittes Kapitel. Unentſchloſſenheit. Ats Anriol in das Gemach zurückkehte, wo er den unſeligen Vertrag mit Rougemont unterzeichnet hatte, ſah er das Taſchenbuch in der Nähe des Tiſches am Boden liegen, und es aufhebend, war er im Begriff, es in den Schreibkaſten zu legen, als ein unwiderſteh⸗ licher Impuls ihn antrieb, den Inhalt noch einmal zu unterſuchen. Die Banknotenrolle entfaltend, zählte er ſie und fand, daß es mehr als hunderttauſend Pfund waren. Der Anblick ſo großen Reichthums und der Gedanke an den Genuß und die Macht, die ihm der⸗ ſelbe verſchaffen würde, verbannten nach und nach ſeine Furcht, und im Uebermaas des Entzückens auſſtehend, rief er: „Ja, ja— alle Hinderniſſe ſind jetzt hinwegge⸗ —— räumt! Wenn Herr Talbot findet, daß ich ſo reich ge— worden bin, wird er mir ſeine Tochter nicht länger ver⸗ weigern. Aber ich bin wahnſinnig,“ fügte er plötzlich inne haltend hinzu,„mehr als wahnſinnig, mich ſolchen Hoffnungen hinzugeben. Wenn es in der That der Teufel war, dem ich mich verkauft habe, ſo iſt keine Rettung vom Verderben! Wenn er ein Menſch iſt, bin ich kaum weniger ſchrecklich gefeſſelt. In beiden Fällen will ich hier nicht länger bleiben und dieſes verfluchte Geld nicht annehmen, welches mich zum Untergange geführt hat.“ Und das Taſchenbuch an das andere Ende des Zimmers ſchleudernd, war er im Begriff, zur Thür hin⸗ auszugehen, als ein höhniſches Lachen ihn zurückhielt. Er ſah ſich mit Erſtaunen und Furcht um, konnte aber Niemand ſehen. Nach einer Weile ging er wieder wei⸗ ter, aber eine Stimme, die er als Rougemonts Stimme erkannte, forderte ihn auf, zu bleiben. n n „Es iſt vergebens zu fliehen,“ ſagte der unſicht⸗ bare Redner.„Ihr könnt mir nicht entgehen. Ihr könnt Euren Vertrag nicht aufheben, mögt Ihr nun hier bleiben oder nicht— mögt Ihr den Reichthum, den ich Euch gegeben habe, anwenden oder zurücklaſſen. Da Ihr dies wißt, ſteht es Euch frei, zu gehen. Aber er⸗ innert Euch, daß ich in der ſiebenten Nacht von heute an Editha Talbot von Euch fordern werde!“ Wo ſeid Ihr, Teufel?“ fragte Auriol, ſich wü⸗ thend umſehend.„Zeigt Euch, damit ich Euch entge⸗ gentreten kann.“ — Ein höhniſches Lachen war die einzige Antwort auf dieſe Aufforderung. „Gebt mir den Vertrag zurück,“ rief Auriol fle⸗ hend;„ich habe ihn unwiſſend unterzeichnet. Ich kannte nicht den Preis, den ich für Euren Beiſtand zahlen ſollte. Ohne Editha hat der Reichthum für mich keinen Werth.“ „Ohne Reichthum könntet Ihr ſie nicht erlangen,“ verſetzte die Stimme.„Darum ſeid Ihr nur hier. Aber Ihr werdet morgen beſſer von dem Handel denken. Inzwiſchen rathe ich Euch, das Geld, welches Ihr ſo unweiſe von Euch geworfen, ſicher zu verſchließen und Ruhe zu ſuchen. Ihr werdet morgen mit ſehr verſchie⸗ denen Gedanken erwachen.“ „Wie ſoll ich es erklären, daß ich ſo plötzlich zum Reichthum gelangt bin?“ fragte Auriol nach einer Pauſe. „Ihr ſeid ein Spieler und thut dieſe Frage?“ entgegnete der ungeſehene Fremde mit bitterem Lachen. „Aber ich will Euren Geiſt darüber beruhigen. Was das Haus betrifft, ſo werdet ihr in jenem Schreibkaſten eine förmliche Uebertragungsakte finden, während ein Brief mit Eurer Adreſſe, der von mir kommt, Euch die Auszahlung von hundert und zwanzig tauſend Pfund als eine Ehrenſchuld an Euch ankündigt. Ihr ſeht, ich habe jede Schwierigkeit beſeitigt. Und nun lebt wohl!“ Die Stimme verſtummte, und obgleich Auriol mehrere andere Fragen an den unſichtbaren Redner rich⸗ tete, erhielt er doch keine Antwort. Nach einigen Augenblicken der Unentſchloſſenheit nahm Auriol das Taſchenbuch wieder auf und legte es in den Schreibkaſten, worin er ein Dokument fand, vermöge deſſen ihm das Haus übertragen wurde. Dar⸗ auf öffnete er den auf dem Tiſche liegenden Brief und fand den Inhalt gerade ſo, wie man ihm geſagt hatte. Ihn in das Taſchenbuch legend, verſchloß er den Schreib⸗ kaſten und rief: „Es iſt nutzlos, weiter zu widerſtreben— ich muß mich dem Schickſal fügen!“ Als dies geſchehen war, ging er in das anſtoßende Zimmer, blickte um ſich und wurde die alterthümliche Flaſche und den Becher gewahr. Der letztere war bis an den Rand gefüllt— wie oder womit, ließ ſich Au⸗ riol nicht Zeit zu unterſuchen, ſondern er ergriff ver⸗ zweiflungsvoll den Becher, ſetzte ihn an ſeine Lippen und leerte ihn auf einen Zug. Es erfolgte ſogleich eine Art von Rauſch, aber angenehm und wie von Opium hervorgebracht. Alle Furcht verließ ihn und anſtatt derſelben erhoben ſich die köſtlichſten Phantaſien. Sich mit Entzücken ihrem Ein⸗ fluſſe hingebend, ſank er auf ein Lager nieder, war eine Zeitlang in ein träumeriſches Elyſium verſetzt und wanderte mit Editha Talbot in einem lieblichen Garten, der von Wohlgerüchen erfüllt war und von dem Geſange der Vögel widerhallte. Ihr Weg führte ſie durch ein Wäldchen, in deſſen Mitte ſich eine Quelle befand; und ſie eilten zu dem marmornen Rande derſelben hin, als Editha plötzlich einen Schrei ausſtieß, zurückfuhr und —— — ————— — auf eine große ſchwarze Schlange dentete, die vor ihr lag, und auf die ſie im nächſten Augenblick würde ge— treten haben. Auriol ſprang vorwärts und verſuchte die Schlange mit ſeinen Ferſen zu zertreten; aber ſie wich dem Stoße aus, ſchlang ſich um ſein Bein und biß mit ihren giſtigen Zähnen tief in ſein Fleiſch. Der Schmerz, den ihm die eingebildete Wunde verurſachte, erweckte ihn aus ſeinem Schlummer, und aufblickend be⸗ merkte er, daß ein Diener vor ihm ſtand.„ Sich unterwürfig verneigend, fragte der Mann, ob er Etwas befehle. „Führt mich in mein Schlafzimmer— das iſt Alles, was ich verlange,“ verſetzte Auriol, kaum im Stande, ſich von dem Eindruck des Traumes zu be⸗ freien. Anfſtehend folgt er dem Diener faſt mechaniſch aus dem Zimmer.. — — 2 Viertes Kapitel. Editha Talbot. Gs war ſpät, als Anriol am folgenden Morgen aufſtand. Als er ſich in dem großen, prächtig möblir⸗ ten Zimmer fand, konnte er ſich anfangs nicht vorſtel— len, wie er dorthin gekommen, und es währte einige Zeit, ehe er ſich der geheimnißvollen Ereigniſſe der ver— gangenen Nacht vollſtändig erinnern konnte. Doch wie ihm Rougemont ſchon vorhergeſagt hatte, machte ihm ſeine Lage nicht ſo viele Unruhe wie vorher. Nachdem er ſich angekleidet hatte, ſtieg er zu den unteren Zimmern hinunter, wo in einem derſelben ein prächtiges Frühſtück ſeiner wartete. Nachdem er davon zu ſich genommen, machte er einen Gang durch das ganze Haus und fand es größer und ſtattlicher, als er erwartet hatte. Dann nahm er aus dem Taſchenbuche eine gewiſſe Summe, deren er an dem Tage zu bedür⸗ N „ ſen glanbte, und ging aus. Sein erſtes Geſchäft war, ſich einen glänzenden Wagen und Pferde zu verſchaffen und ſich mit der größten Schnelligkeit einige neue und reiche Kleider anfertigen zu laſſen. Dann begab er ſich nach May Fair und klopfte an die Thür eines großen Hauſes am oberen Ende von Curzonſtreet. Sein Herz ſchlug heftig, als er in ein elegantes Geſellſchaftszimmer geführt wurde, und ſeine ängſtliche Erwartung nahm jeden Augenblick zu, bis der Diener wieder erſchien und ſein Bedauern ausſprach, ihn unrecht berichtet zu haben, indem er geſagt, daß Miß Talbot zu Hauſe ſei. Sie und Herr Talbot wa⸗ ren vor einer halben Stunde ausgegangen. Auriol ſah unglänbig aus, entfernte ſich aber, ohne eine Bemer⸗ kung zu machen. Nach Hanſe eilend, ſchrieb er einige Zeilen an Herrn Talbot, worin er ihm die plötzliche und außerordentliche Veränderung ſeiner Verhältniſſe an⸗ kündigte und förmlich um Editha's Hand anhielt. Er war im Begriffe, dieſes Schreiben abzuſchicken, als ſein Diener einen Brief hereinbrachte. Er war von Editha. Nachdem ſie durch ſeine Karte ſeine neue Adreſſe erfah⸗ ren, ſchrieb ſie, um ihn ihrer beſtändigen Neigung zu verſichern. In Entzücken über dieſen Beweis ihrer Liebe, verſchlang Auriol den Brief faſt mit Küſſen und ſchickte ſogleich ſeinen eigenen Brief an ihren Vater ab— in⸗ dem er nur noch mit wenigen Worten hinzufügte, er würde am folgenden Tage kommen, um ſich die Ant⸗ wort abzuholem Ehe eine Stunde verging, überbrachte Herr Talbot dieſelbe in Perſon. — Herr Talbot war ein Mann von etwa ſechzig Jah⸗ ren— groß, ſchmächtig und von vornehmem Weſen; mit grauem Haar und ſchwarzen Augenbrauen, die ſei⸗ nen Augen einen ſtarken Ausdruck verliehen. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe war gelblich braun, und er beſaß Nichts von der Schönheit ſeiner Tochter, welche Auriol ſo ſehr ge⸗ feſſelt hatte, und die ſie daher wahrſcheinlich von ihrer Mutter geerbt hatte. Als vollendeter Weltmann, obgleich nicht unange⸗ nehm von Perſon, wurde Herr Talbot gänzlich von ſelbſtſüchtigen Rückſichten beſtimmt. Bisher hatte er die Aufmerkſamkeiten, die Auriol ſeiner Tochter gewidmet hatte, mit ungünſtigen Blicken angeſehen, weil ihm die Verbindung hinſichtlich des Vermögens durchaus nicht wünſchenswerth erſchien. Aber die Pracht ſeines Hauſes am Saint James Square, die dem Berichte von Auriols neu erworbenem Reichthum vollkommen ent⸗ ſprach, brachte eine vollſtändige Veränderung in ſeinen Anſichten hervor, und er gab dem jungen Manne zu verſtehen, daß er ihn mit Freuden zu ſeinen Schwieger⸗ ſohne annehmen werde. Als Auriol ihn ſo günſtig ge⸗ ſtimmt fand, bat er ihn, die Hochzeit, wenn möglich, in drei Tagen ſtattfinden zu laſſen. Herr Talbot bedauerte ſehr, die Bitte ſeines jun⸗ nen Freundes nicht erfüllen zu können, aber er ſei ge⸗ nöthigt, am nächſten Morgen nach Nottingham zu rei⸗ ſen und könne unmöglich vor drei Tagen zurückkehren. „Aber können wir nicht verheirathet werden, ehe Sie gehen?“ rief Auriol. ——————————— — „Das wird wohl kaum angehen,“ verſetzte Herr Talbot ſchmeichelhaft lächelnd.„Sie müſſen Ihre Un⸗ geduld zügeln, mein lieber junger Freund. Am ſechsten Tage von heute an— das iſt am Mittwoch in der nächſten Woche, wir haben heute Freitag— ſoll Ihr Wunſch erfüllt werden.“ Das Zuſammentreffen dieſer Beſtimmung mit der von Rougemont zur Ueberlieferung ſeines Opfers feſtge⸗ ſctzten Zeit fiel Auriol ſehr auf. Seine Aufregung ent⸗ ging indeſſen Herrn Talbot, der ſich bald darauf ent⸗ fernte, nachdem er ſeinen künftigen Schwiegerſohn auf ſieben Uhr zum Diner eingeladen hatte. Es iſt kaum nöthig zu ſagen, daß Auriol půnkt⸗ lich oder vielmehr noch vor der Zeit kam. Er fand Editha allein im Geſellſchaftszimmer am Fenſter ſitzend, welches mit den ausgeſuchteſten Blumen angefüllt war. Als ſie ihn erblickte, ſtieß ſie einen freudigen Ausruf aus und ſprang ihm entgegen. Der junge Mann drückte ſeine Lippen glühend auf die kleine Hand, die ſie ihm reichte. Editha Talbot war eine liebenswürdige Brünette. Ihre Züge waren regelmäßig und ihre glänzenden und dunklen Augen länglich gebildet und von vrientaliſchem Schmachten. Ihr Haar, welches ſie um ihre Stirn glatt geſcheitelt und hinten zu einem großen Knoten ver⸗ ſchlungen trug, war ſchwarz und glänzend wie ein Ra⸗ benflügel. In ihren Wangen hatte ſie Grübchen, ihre Lippen waren weich wie Sammet und ihre Zähne gleich zwei Reihen Perlen. Vollkommene Anmuth begleiteie alle Auriol. 2. Band. 3 —. — ihre Bewegungen; und man mußte ſich nur wundern, daß ſo kleine Füße, wie die ihrigen, im Stande waren, eine Geſtalt zu tragen, die zwar ſchlank aber doch ab⸗ semndet war in allen ihren Proportionen. „Sie haben gehört, theure Editha, daß Ihr Va⸗ ter ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung gegeben hat?“ ſagte Auriol, nachdem er ſie einige Augenblicke in ſchweigender Bewunderung angeſehen hatte. Editha bejahte es leiſe und hoch erröthend. „Er hat den nächſten Mittwoch beſtimmt,“ fuhr Auriol fort;„aber ich wünſchte, er hätte einen früheren Tag gewählt. Ich habe die Ahnung, daß unſere Ver⸗ bindung gar nicht ſtattfinden wird, wenn man ſie ſo lange aufſchiebt.“ „Sie geben ſich zu leicht üblen Ahuungen hin, Anriol,“ verſetzte ſie. „36 geſtehe es,“ ſagte er,„und meine Furcht iſt auf einen ſolchen Grad geſtiegen, daß ich mich geneigt fühle, Sie dringend zu bitten, ſich in der Abweſenheit Ihres Vaters insgeheim mit mir zu verbinden.“ „O nein, Auriol, ſo ſehr ich Sie liebe, könnte ich doch nimmermehr in einen ſolchen Schritt willigen,“ 7 rief ſie.„Sie können mich nicht dazu bewegen. Ich würde meines Vaters vertrauensvolle Liebe nicht miß⸗ brauchen. Ich habe ihn nie getäuſcht, und das iſt die beſte Verſicherung, die ich Ihnen gewähren kann, daß ich Sie nie täuſchen werde.“ Die weitere Unterredung wurde durch den Eintritt des Herrn Talbot unterbrochen, der Auriol ſeine beiden Hände entgegenſtreckte und die größte Freude zu empfin⸗ den betheuerte, ihn zu ſehen. Auch war dieſelbe ohne Zweifel auftichtig. Die Mahlzeit verging höchſt ange⸗ nehm und ſo auch der Abend, denn der alte Herr war in ſehr guter Laune und ſeine Heiterkeit theilte ſich dem jungen Paar mit. Als Auriol und Herr Talbot zum Thee die Treppe hinaufgingen, erfuhren ſie, daß Mi⸗ ſtreß Maitland, Editha's Tante, angekommen ſei, um ſie während der Abweſenheit ihres Valers in ihre Obhut zu nehmen. Dieſe Dame hatte immer eine große Vor⸗ liebe für Auriol gezeigt und ſeine Bewerbung um ihre Nichte begünſtigtz folglich war ſie mit der Wendung der Angelegenhliten wohl zufrieden. Es war beinahe Mitternacht, ehe Auriol ſich losreißen konnte, und als er endlich aufſtand, um ſich zu entfernen, ſagte ihm Herr Talbot, der häufig aber ftuchtlos gegähnt hatte, um ihm einen Wink zu geben, er könne ſich darauf verlaſſen, daß er am Abend des dritten Tages zurück ſein werde, und inzwiſchen überlaſſe er ihn der Fürſorge der Miſtreß Maitland und Editha's. Drei Tage gingen ſchnell und angenehm vorüber, und am Abend des letzten, gerade als die kleine Ge⸗ ſellſchaft nach der Mittagstafel im Salon verſammelt war, kehrte Herr Talbot von ſeiner Reiſe zurück. „Nun, da bin ich wieder!“ rief er, indem er Edi⸗ tha an ſein Herz drückte,„ohne daß mir irgend ein Mißgeſchick begegnet wäre. Im Gegentheil habe ich mein Geſchäft zu meiner völligen Zufriedenheit beendet.“ „O! wie erfreut bin ich, Sie wiederzuſehen, lieber * 3 — —— —— Papa!“ rief Editha.„Nun, Auriol, kannſt Du keine weitere Furcht hegen!“ „Furcht, weshalb?“ rief Herr Talbot. „Daß Ihnen ein Unfall begegnen möchte, der un⸗ ſer Glück vernichten könnte, mein Herr,“ verſetzte Au⸗ riol. „O! die Liebenden hegen immer thörichte Furcht!“ rief Herr Talbot.„Es ſind unverſtändige Weſen. In⸗ deſſen bin ich, wie ſchon geſagt, wohl und geſund hier. Morgen wollen wir alle vorläufigen Anordnungen beenden, und am Tage darauf ſollen Sie glücklich wer⸗ den— ha! ha!“ „Wiſſen Sie, Papa, Auriol beabſichtigt einen gro⸗ ßen Ball an unſerem Hochzeitstage zu geben und hat alle ſeine Bekannten dazu eingeladen,“ ſagte Editha. „Ich hoffe, Sie haben Cyprian Rougemont nicht eingeladen?“ ſagte Herr Talbot, ihn feſt anſehend. „Das habe ich nicht, mein Herr,“ verſetzte Auriol blaß werdend.„Aber warum nennen Sie ihn beſyn⸗ ders?“ „Weil ich Manches von ihm gehört habe, was nicht ſehr zu ſeinem Vortheile gereicht,“ entgegnet Talbot. „Was— was haben Sie gehört, mein Herr?“ fragte Auriol. „Nun, man ſollte nicht alles Böſe glauben, was man von einem Menſchen hört; und ich kann auch in der That nicht Alles glauben, was ich von Cyprian Rougemont höre,“ verſetzte Herr Talbot;„aber es würde mir lieb ſein, wenn Sie die Bekanntſchaft gänz⸗ — M—— M — — 37— lich aufgeben wollten. Und nun laſſen Sie uns den Gegenſtand verändern.“. Herr Talbot ſetzte ſich zu Miſtreß Maitland und ertheilte ihr einen Bericht über ſeine Reiſe, die ebenſo angenehm als raſch geweſen zu ſein ſchien. Nicht im Stande, den Trübſinn von ſich zu ent— fernen, der ſich ſeiner bemächtigt hatte, nahm Auriol Abſchied und verſprach Herrn Talbot am folgenden Tage um Mittag bei ſeinem Rechtsanwalt in Lincoln's Inn zu treffen. Er war zu der beſtimmten Zeit dort, und zur großen Freude des Herrn Talbot und zur nicht ge⸗ ringen Ueberraſchung des Rechtsgelehrten zahlte er hun⸗ derttauſend Pfund aus, die ſeiner künftigen Gattin aus⸗ geſetzt werden ſollten. „Sie ſind ein vollkommener Ehrenmann, Auriol,“ ſagte Herr Talbot, ihm auf die Schulter klopfend,„und ich hoffe, Editha wird eine vortreffliche Gattin für Sie werden. Ich zweifle in der That nicht daran.“ „Auch ich nicht— wenn ich ſie je beſitze,“ fügte Auriol bei ſich ſelber hinzu. Der Tag verging mit anderen Vorbereitungen. Am Abend kamen die Liebenden wie gewöhnlich zuſam⸗ men und trennten ſich, wenigſtens von Seiten Editha's, mit der feſten Ueberzeugung, daß der folgende Tag ſie glücklich machen werde. Seit dem Abend des Vertrages hatte Auriol Rougemont weder geſehen noch von ihm gehört, und er verſäumte keine Vorſicht, ſein Eindringen zu verhindern. Fünftes Kapitel. Die ſiebente Nacht. ¶s war ein köſtlicher Maimorgen und die Sonne ſchien hell auf Auriol's glänzende Equipage, als er nach der St. Georgenkirche an Hanoverſquare fuhr, wo er mit Editha getraut werden ſollte. So weit ſchien Alles günſtig zu gehen, und er glaubte dem Schickſal Trotz bieten zu können. Wenn der Gegenſtand ſeiner Liebe in ſeiner Nähe und mit ihm durch die ſtärkſten und heiligſten Bande vereint war ſchien es unmöglich, daß ſie ihm entriſſen werden könnte. Während des Morgens geſchah Nichts, was ihm Unruhe verurſachen konnte; und er ertheilte Befehl, daß eine Stunde vor Mitter⸗ nacht ein vierſpänniger Wagen bereit ſein ſollte, ihn und ſeine junge Gattin nach Richmond zu fahren, wo ſie ihre Flitterwochen zubringen wollten. — 65— Die Nacht kam und mit derſelben auch die Gäſte, die man zu dem Ball eingeladen hatte. Auriol hatte keine Koſten geſpart, um dem Feſte Glanz zu verleihen. Es war in jeder Hinſicht prachtvoll. Die Abendunter⸗ haltungen begannen mit einem Concerte, welches von den erſten Sängern und Sängerinnen der italieniſchen Oper aufgeführt wurde, worauf Auriol mit ſeiner lieb⸗ lichen Brant den Ball eröffnete. Sobald der Tanz be⸗ endet war, gab Auriol einem Diener ein Zeichen, wel⸗ cher ſich ſogleich entfernte. „Biſt Du bereit, dieſe heitere Secene mit mir zu verlaſſen, Editha?“ fragte er, indem ſein Herz ſich mit Entzücken erfüllte. „Vollkommen,“ verſetzte ſie, ihn mit Zärtlichkeit anblickend;„es verlangt mich, mit Dir allein zu ſein.“ „So komm denn,“ ſagte Auriol. Editha ſtand auf, faßte den Arm ihres Gatten und verließ den Ballſaal, aber anſtatt die große Treppe hinunterzuſteigen, wählten ſie einen abgelegeneren Gang. Der Vorſaal, durch den ſie gehen mußten, und zu dem ſie vermöge einer Seitenthür gelangten, war geräumig und ſchön proportivnirt und mit zahlreichen Säulen und Statuen verziert. Die Decke war mit Freſkogemälden geſchmückt und wurde von zwei ſtattlichen Pfeilern ge⸗ tragen. Zwiſchen dieſen führte eine breite Treppe von weißem Marmor zu den obern Zimmern hinauf. Wie Auriol vorher geſehen hatte, war die Treppe mit Gä⸗ ſten angefüllt, die zu dem Ballſaale hinaufſtiegen, deſſen Thüren offen waren, ſo daß man die Tänzer ſehen und —— — 8 die liebliche Muſik hören konnte. Indem Auriol einer eben ankommenden Geſellſchaft auszuweichen wünſchte, verweilte er mit ſeiner liebenswürdigen Braut einen Au⸗ genblick in der Nähe eines Pfeilers. „Ha! wer iſt dies?“ rief Editha, als ein großer Mann mit unheimlichem Geſichte und ganz ſchwarz ge⸗ kleidet, auf der andern Seite des Pfeilers hervorkam und ſich, den Rücken halb zu ihnen gewendet, in den Weg ſtellte. Auriol wurde von einem plötzlichen Schrecken er⸗ griffen. Er ſchaute auf und erblickte Rougemont, der mit boshaftem Blicke ihn ſtarr über die Schulter anſah. Der Rückzug war unmöglich. „Ihr dachtet, mir zu entgehen,“ ſagte Rougemont mit leiſem Flüſtern, welches nur Auriol hörbar warz „aber Ihr machtet Eure Rechnung ohne Euren Wirth. Ich komme, um mein Opfer in Empfang zu nehmen.“ „Was iſt Dir, lieber Auriol, daß Du ſo zitterſt?“ rief Editha.„Wer iſt dieſer fremde Mann?“ Aber ihr Gemahl antwortete nicht. Der Schrecken hatte ihn der Sprache beraubt. „Der Wagen wartet vor der Thür, Madame— Alles iſt bereit,“ ſagte Rongemont, ſich ihr nähernd und ihre Hand ergreifend. „Komm, Auriol!“ rief Editha, die kaum wußte, ob ſie vorwärts oder zurückgehen ſollte. „Ja— ja,“ rief Auriol, der ein Mittel zur Flucht zu ſehen glaubte.„Dies iſt mein Freund, Herr Rongemont, geh mit ihm.“ „Herr Rongemont!“ rief Editha.„Du ſagteſt ja meinem Vater, er würde nicht hier ſein.“ „Ihr Gemahl lud mich nicht ein, Madame,“ ſagte Rougemont mit boshaftem Lächeln;„da ich aber wußte, daß ich willkommen ſein würde, ſo kam ich ungebeten. Aber laſſen Sie uns dieſen Perſonen ausweichen.“ Im nächſten Augenblick waren ſie vor der Thür. Der vierſpännige Wagen hielt da und ein Diener ſtand in der Nähe des Tritts. Von dem Anblick beruhigt, faßte Auriol wieder Muth und geſtattete Rongemont ei⸗ nen Mantel um Editha's Schulter zu werfen. Im näch⸗ ſten Augenblick trippelte ſie die Stufen hinauf und ſetzte ſich in den Wagen. Auriol war im Begriff, ihr zu folgen, als er einen heftigen Schlag vor die Bruſt be⸗ kam, der ihn auf das Pflaſter niederſtreckte. Ehe er ſich wieder aufrichten konnte, war Rougemont in den Wagen geſprungen. Der Tritt wurde ſogleich von dem Diener in die Höhe geſchlagen, der mit der äußerſten Schnelligkeit auf den Bock ſprang, während die Poſtil⸗ lone ihren Pferden die Sporen gaben und mit der Schnelligkeit des Blitzes davoneilten. Als der Wagen um die Ecke von Kingſtreet bog, erblickte Auriol, der eben aufgeſtanden war, bei dem Lichte einer Laterne Rougemont's boshaftes Geſicht mit dem Ausdruck des teufliſchen Triumphes am Wagenfenſter. „Was iſt geſchehen?“ rief Herr Talbot, der ſich Auriol näherte.„Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen. Warum finde ich Sie hier allein? Wo iſt der Wagen— was iſt aus Editha geworden?“ — ——————— ————— —— —— „Sie iſt in der Gewalt des Teufels, und ich habe ſie an ihn verkauft,“ verſetzte Auriol düſter. „Elender, was meinſt Du damit?“ rief Herr Tal— bot mit lebhaftem Schrecken.„Ich hörte, daß Cyprian Rongemont hier geweſen. Sollte er mit ihr durchge⸗ gangen ſein?“ „Sie haben die Wahrheit getroffen,“ verſetzte Au⸗ riol. Er kaufte ſie mit dem Gelde, welches ich Ihnen gab. Ich habe ſie und mich dem Untergange verkauft!“ „Entſetzen!“ rief der Greis rücklings zu Boden fallend. „Ja, gieb nur Deinen Geiſt auf— gieb Deinen Geiſt auf!“ rief Auriol wild.„Ich wollte, ich könnte ebenfalls mein Leben enden!“ Und er eilte fort, ohne im Geringſten zu wiſſen, wohin er ging. (Ende des Intermezzo 6.) S ——— 3 — — S D — — S— 5— *— — 8 8— — S 85 — 7 — Erſtes Kapitel. Die Zelle. Herr Thorneyeroft und ſeine Begleiter hatten kaum einen Gang in dem verlaſſenen Hauſe erreicht, in das ſie auf die in einem früheren Kapitel beſchriebene Weiſe gelangt waren, als ſie durch ein plötzliches und heftiges Läuten einer Glocke in einem oberen Stock beunruhigt wurden. Das Geräuſch veranlaßte ſie, ſogleich Halt zu machen, und Jeder griff in Erwartung eines Anfalles nach ſeinen Waffen, als aber das Läuten in wenigen Augenblicken aufhörte und Alles ruhig blieb, gingen ſie wieder weiter und erreichten bald einen großen Vorſaal mit einem hohen Fenſter über der Thür, welches, da es ohne Fenſterladen war, Licht genug gewährte, um den verfallenen Zuſtand des Hauſes zu zeigen. Von dieſem Vorſaale aus gingen vier Thüren ab, die zu verſchiedenen Zimmern führten. Drei dayon, — „ — welche Reeks vorſichtig zu öffnen verſuchte, waren ver⸗ ſchloſſen. Die vierte aber öffnete ſich ſogleich, als ſie ſie berührten und ſie gelangten in ein Zimmer, welches noch kürzlich bewohnt geweſen zu ſein ſchien, denn es brannte eine Lampe darin. Die Wände waren mit dunklem Eichenholz ausgelegt und am untern Ende mit Tapeten behängt, die den aſſyriſchen Monarchen Ninus und ſeinen Gefangenen, Zorvaſter, König der Baktrier, darſtellte. Das vorzüglichſte Mobiliar beſtand in drei großen, ſeltſam ausgeſchnitzten Lehnſeſſeln, und in der Nähe ei⸗ nes derſelben ſtand eine ſtarke Elektriſirmaſchine. Auf dem Boden waren Quadrate und Kreiſe gezeichnet und hie und da Becher und Kugeln und andere Gegenſtände zerſtreut, die zu einem Taſchenſpielapparat zu gehören ſchienen. Das Zimmer konnte die Studirſtube eines Gelehr⸗ ten oder das Repoſitorium eines Ganklers ſein. Aber wer auch der Bewohner, und welches ſeine Studien ſein mochten, die guten Dinge der Welt wurden nicht ganz von ihm vernachläſſigt, wie ein mit Speiſen und zwei langhalſigen Flaſchen und Gläſern beſetzter Tiſch bewies. Als Herr Thorneyeroft aufwärts blickte, bemerkte er ge⸗ rade über jedem Stuhle eine runde Oeffnung in der Decke, deren Bedeutung er zur Zeit nicht begreifen konnte, obgleich ſpätere Umſtände ihm dieſelbe genügend erklärten. „Ein ſeltſames Zimmer,“ bemerkte er zu Reeks, ſeinen Ueberblick beendend.„Erwarteten Sie, hier Jemand zu finden?“ „Ich weiß es kaum,“ entgegnete Reeks.„Jene Glocke hat vielleicht das Zeichen von unſerer Annäherung gegeben. Aber ich will mich bald davon überzeugen. Bleibt hier, bis ich zurückkehre.“ „Sie wollen uns doch nicht verlaſſen?“ verſetzte Thorneyeroft unruhig. „Nur auf einen Augenblick,“ ſagte Reeks.„Ver⸗ halten Sie ſich ruhig, und es wird Ihnen Nichts zu Leide geſchehen. Was Sie auch draußen hören mögen, bewegen Sie ſich nicht von der Stelle.“ „Was möchte ich zu hören bekommen?“ fragte Thorneheroft mit zunehmender Aengſtlichkeit. „Das iſt unmöglich zu ſagen,“ antwortete Reeks; „aber ich warne Sie, nicht unnöthiger Weiſe zu ſchreien, da eine ſolche Unbeſonnenheit Ihr Leben in Gefahr brin⸗ gen könnte.“. „Sie wollen uns aber doch gewiß nicht verlaſſen?“ fuhr Thorneycroft fort. „Beruhigen Sie ſich, ich habe keine ſolche Ab⸗ ſicht,“ verſetzte Reeks ſtreng. „O! wir wollen für Sie ſorgen, fürchten Sie Nichts, alter Herr,“ ſagt Ginger. „Ja, wir wollen für Sie ſorgen,“ fügte Tinker und Sandman hinzu. „Sie können ſich auf dieſe Männer ebenſo verlaſ— ſen, wie auf mich,“ ſagte Reeks.„Ehe wir die unter⸗ irdiſchen Gemächer beſuchen, wünſche ich zu ſehen, ob Jemand oben iſt.“ „Was ſagen Sie da von unterirdiſchen Gemächern, Herr Reeks?“ fiel Ginger ein.„Wir ſollen doch nicht unter die Erde gehen?“ Aber ohne auf die Frage zu achten, verließ Recks das Zimmer und verſchloß die Thür ſorgfältig hinter ſich. Dann ging er durch den Vorſaal, ſtieg vorſichtig eine Treppe am Ende deſſelben hinauf und erreichte den Abſatz. Jenſeits deſſelben befand ſich eine Gallerie, von welcher mehrere Zimmer ausgingen. Einige Schritte weiter gehend, horchte er lebhaft, und als er ein leiſes Geräuſch in einem Zimmer zur Rechten hörte, ging er leiſe zu der Thür, legte ſein Auge an das Schlüſſelloch und erblickte einen großen ſchwarzgekleideten Mann, der mit raſchen Schritten auf und abging, während drei andere Perſonen in ſchwar⸗ zen Gewändern und mit entſetzlichen Masken verſehen ſchweigend und bewegungslos in geringer Entfernung vor ihm ſtanden. In dem großen Manne erkannte er Cyprian Rongemont. Auf einem Tiſche in der Mitte des Zimmers lag ein großes offenes Buch in ſchwarzes Pergament gebunden. In der Nähe deſſelben ſtand eine Lampe, die dazu diente, das Zimmer zu erleuchten. Plötzlich blieb Rongemont ſtehen, ſchlug mehrere Blätter des Buches um, die mit kabbaliſtiſchen Schrift⸗ zügen bedeckt waren, und ſchien eine magiſche Formel zu ſuchen. Ehe er ſie aber finden konnte, fand eine auffallende Unterbrechung ſtatt. Eine Lärmglocke, die an der Wand hing, begann zu läuten, und in dem⸗ ſelben Augenblick öffneten ſich die Thüren eines Kabinets und ein großer Affe, denn ſo erſchien er Reeks, der ein in — 49— wollenes Hemd und wollene Hoſen trug, kam heraus gelaufen, ſprang neben Rougemont auf den Tiſch und hielt ſeinen Mund an ſein Ohr. Die auf ſo ſeltſame Weiſe gemachte Mittheilung ſchien Rougemont ſehr un⸗ angenehm zu ſein, der ſeine Stirn faltete und dem Affen in leiſem Tone einige Befehle ertheilte. Das Thier nickte zum Zeichen des Gehorſams mit dem Kopſfe, ſprang vom Tiſche herunter und in das Kabinet zurück, deſſen Thüren wie vorher geſchloſſen wurden. Zunächſt nahm Rongemont die Lampe auf, mit der deutlichen Abſicht, das Zimmer zu verlaſſen. Als Reeks dies ſah, zog er ſich haſtig in ein anſtoßendes Zimmer zurück, deſſen Thür glücklicherweiſe offen war, und hatte ſich kaum dort verborgen, als die vier geheimnißvollen Per⸗ ſonen auf der Gallerie erſchienen. Reeks hörte ihre Fuß⸗ tritte die Treppe hinuntergehen, ſchlich ihnen vorſichtig nach und bemerkte, daß ſie guer durch den Vorſaal gin⸗ gen und vor dem Zimmer ſtehen blieben, welches Thor⸗ neyeroft und ſeine Gefährten enthielt. Nach einer augen⸗ blicklichen Berathung verſchloß Rougemont geräuſchlos die Thür, zog den Schlüſſel aus, ließ zwei von ſeinen Begleitern als Wächter da und kehrte mit dem dritten zu der Treppe zurück, Ohne zu warten, um ihnen zu begegnen, fuhr Reeks zurück und eilte die Gallerie dahin, bis er zu einer Hintertreppe gelangte, die ihn zu einem Erdgeſchoß führte, wo er, nachdem er durch einige Gewölbe ge⸗ gangen war, in einen unterirdiſchen, bogenförmigen Gang trat, der an den Seiten mehrere Oeffnnngen hatte, Auriol. 2. Band. 4 die mit andern Gängen in Verbindung zu ſtehen ſchie⸗ nen. Er war in weiten Zwiſchenräumen von Lampen erleuchtet, die einen ſchwachen Schein von ſich gaben. Bei dem Lichte einer derſelben entdeckte Reeks die Thür einer Zelle. Sie war von Eiſen, und als er mit der Hand an dieſelbe ſchlug, vernahm er einen hohlen Widerhall. Als er den Schlag wiederholte, rief eine heiſere Stimme von innen: „Laßt mich in Frieden!“ „Iſt es Auriol Darcyh, welcher ſpricht?“ fragte Reeks. „Er iſt es,“ verſetzte der Gefangene.„Wer ſeid Ihr, der dieſe Frage thut?“ „Ein Freund,“ verſetzte Reeks. „Ich habe keinen Freund hier,“ ſagte Auriol. „Sie irren,“ entgegnete Reeks.„Ich komme mit Herrn Thorneheroft, um Sie zu befreien.“ „Herr Thorneheroft kommt zu ſpät. Er hat ſeine Tochter verloren,“ verſetzte Auriol. „Was iſt ihr begegnet?“ fragte Reeks. „Sie iſt in der Macht des Teufels,“ verſetzte Au⸗ riol. „Ich weiß, ſie wird von Cyprian Rougemont zu⸗ rihateee ſagte Reeks.„Aber was iſt ihr begeg⸗ net?“ „Sie iſt ſeinen andern Opfern— meinen Opfern gleich geworden!“ rief Auriol troſtlos. „Verzweifeln Sie nicht,“ verſetzte Reeks.„Sie kann noch gerettet werden.“ M NM M ———— „Gerettet! wie?“ rief Auriol.„Alles iſt vorüber.“ „So mag es Ihnen vielleicht erſcheinen,“ verſetzte Reeks;„aber ſie ſind das Opfer der Täuſchung.“ „O! wenn ich es glauben könnte!“ rief Auriol. „Aber nein— ich ſah ſie in die Grube fallen. Ich ſah ihre verſchleierte Geſtalt ſich wieder aus derſelben er⸗ heben. Ich war zugegen, als ſie das unheilvolle Per⸗ gament unterzeichnete. Es konnte keine Täuſchung ſein bei dem, was ich ſah.“ „Dennoch werden Sie ſie wiederſehen,“ ſagte Reeks. „Wer ſind Sie, der Sie mir dieſes Verſprechen geben?“ fragte Auriol. „Ein Freund, wie ich Ihnen ſchon erklärte,“ ver⸗ ſetzte Reeks. „Sind Sie ein menſchliches Weſen?“ „Wie Sie.“ „Da ſuchen Sie vergebens, mit den Mächten der Finſterniß zu kämpfen,“ ſagte Aurivl. „Ich habe keine Furcht vor Cyprian Rougemont,“ entgegnet Reeks lachend. „Ihre Stimme ſcheint mir bekannt,“ ſagte Auriol. „Sagen Sie mir wer Sie ſind!“ „Sie ſollen es ſogleich erfahren,“ verſetzte Reeks. „Aber ſtill!— wir werden unterbrochen. Es nähert ſich Jemand.“ 4* Zweites Kapitel. Die bezauberberten Stühle. Mehr als zehn Minuten waren vergangen, ſeit⸗ dem Reeks ſich entfernt hatte, und Herr Thorneyeroft, der bisher ſeinen Zorn nur mit Schwierigkeit unterdrückt hatte, machte jetzt ſeinen leiſe gemurmelten Drohungen und Klagen Luft. Tinker theilte ſeine Ungeduld und ſagte, indem er ſich Ginger näherte: „Was, zum Teufel! mag Herr Reeks vorhaben? Ich hoffe es wird ihm doch Nichts begegnet ſein?“ „Nenne den Namen eines gewiſſen Herrn hier nicht,“ bemerkte Ginger;„oder wenn Du es thuſt, ſo behandle ihn mit gehörigem Reſpekt.“ „Pah!“ rief Tinker ungeduldig;„mir gefällt es nicht, wenn Jemand auf dieſe Weiſe wegbleibt. Es ſieht verdächtig ans. Ich ſtimme dafür, wir gehen und NM — — 53— ſehen uns nach ihm um. Wir können es dem alten Herrn überlaſſen, ſo lange ein ruhiges Schläfchen zu halten. Beunruhigen Sie ſich nicht, Herr, wir wollen nur ein wenig um uns ſehen und dann zurückkommen.“ „Bleibt, wo Ihr ſeid, Kerl!“ rief Thorneyeroft zornig.„Ich will nicht allein bleiben. Bleibt, wo Ihr ſeid, befehle ich Euch!“ „Ei, wir haben einen neuen Kapitain bekommen,“ ſagte Tinker, den Andern zuwinkend.„Wir wollen Ih⸗ nen nicht zuwider handeln, Herr. Ich will nur in den Vorſaal hinausblicken und zuſehen, ob Herr Reeks nicht irgendwo zu ſehen iſt. Ei, zum Henker!“ fügte er hinzu, indem er die Thür anfaßte,„ſie iſt verſchloſſen!“ „Was iſt verſchloſſen?“ rief Thorneyeroft erſchrocken. „Nun, die Thür, was ſonſt?“ verſetzte Tinker. „Wir ſind Gefangene!“ „O Himmel, das wollen Sie doch nicht ſagen?“ rief der Eiſenhändler in lebhaftem Schrecken.„Was wird aus uns werden?“ Ein brüllendes Gelächter von den Andern verwan⸗ delte ſeinen Schrecken in Wuth. „Ich ſehe wie es iſt,“ rief er.„Ihr habt mich in eine Falle gelockt, Schurken. Es iſt ein angelegter Plan. Ihr wollt mich ermorden. Aber ich will mein Leben theuer verkaufen. Dem Erſten, der ſich mir nä⸗ hert, ſchieße ich eine Kugel durch den Kopf!“ Und während er ſprach, richtete er eine Piſtole auf Tinker's Kopf. „Hallo! was haben Sie ver, Herr?“ rief dieſer, —————— —˖ ———— p —— ſeinen Kopf mit den Händen ſchützend.„Sie ſind im Irrthum— in großem Ihrrthum. Es iſt eine Falle, worin wir ebenſo gut gefangen ſind wie Sie.“ „Freilich ſind wir auch gefangen,“ ſagte Sand⸗ man.„Setzen Sie ſich nieder und warten Sie ein wenig. Ich denke, Herr Reeks wird doch zurückkom⸗ men, und es bringt keinen Nutzen, in Leidenſchaft zu gerathen.“ „Nun, da denke ich, muß ich mich wohl fügen,“ ſtöhnte Thorneyeroft, auf einen Stuhl niederſinkend.„Es iſt eine ſchreckliche Lage— in einem von Geiſtern be⸗ ſuchten Hauſe eingeſchloſſen zu ſein.“ „Ich bin in mancher noch ſchlimmeren Lage ge⸗ weſen,“ bemerkte Ginger,„und ich fand immer, daß, mich ruhig zu verhalten, das beſte Mittel ſei, heraus⸗ zukommen.“ „Ueberdies läßt ſich Nichts machen,“ ſagte Tinker ſich niederſetzend. „Das werden wir noch erſt ſehen,“ bemerkte Sand⸗ man, den Stuhl Thorneyeroft gegenüber einnehmend. „Wenn Reeks nicht bald zurückkehrt, werde ich die Thür erbrechen.“ „Dazu iſt noch Zeit genug,“ ſagte Ginger zu dem Tiſche gehend, auf den die Speiſen und Getränke ſtan⸗ den;„was ſagt Ihr dazu, wenn man einen Mund voll Speiſen zu ſich nehme?“ „Ich möchte ſie um die Welt nicht anrühren,“ verſetzte Sandman. NM—— M „Auch ich nicht,“ fügte Tinker hinzu;„ſie könnten vergiftet ſein.“ „Vergiftet— Unſinn!“ rief Ginger;„ſeht Ihr nicht, daß Jemand von dieſem Abendeſſen genoſſen hat? Ich will es für ihn verzehren.“ „Meinetwegen,“ ſagte Tinker. „Rührt es nicht an, um Alles in der Welt,“ rief Thorneyeroft.„Ich bin auch der Meinung Eurer Kame⸗ raden, daß es vergiftet iſt.“ „Ol ich fürchte mich nicht,“ rief Ginger, aus der nächſten Schüſſel eſſend.„Eine ſo gute Taubenpaſtete, wie ich nur je gekoſtet. Ihre Geſundheit, Herr Thor⸗ neheroft,“ fügte er hinzu, indem er einen Becher aus einer von den Flaſchen füllte.„Euer Wohl, Ihr Herren. Famoſer Soff! Beim Jupiter!“ fügte er nach⸗ dem er getrunken, mit tiefem Athemzuge hinzu, indem er wohlgefällig mit den Lippen ſchnalzte.„Ein ſolches Glas Wein habe ich in meinem Leben nicht gekoſtet,“ fuhr er fort, indem er den Becher wieder füllte.„Wie der Wein wohl heißen mag?“ „Blauſäure,“ verſetzte Thorneyeroft brummend. „Blauer Zwirn— Unſinn!“ rief Ginger;„er ſchmeckt mehr wie Tokaier. Ich werde die ganze Flaſche leeren, und es wird mir nicht ſchaden!“ „Er wird benebelt,“ ſagte Tinker.„Ob es wohl wirklich Tokaier iſt?“ „Nein, trinkt nicht davon,“ rief Thorneyeroft. „Ich muß ihn doch koſten,“ ſagte Tinker.„Hier gieb uns ein Glas, Ginger!“ — 56— „Mit Vergnügen;“ verſetzte Ginger, einen Becher bis an den Rand füllend und ihm denſelben reichend. „Und was ſagſt Du, Sandman?“ „Nun, ich denke, ich muß ihn auch koſten,“ ver⸗ ſetzte Sandman, den ihm angebotenen Becher anneh⸗ mend. „Auf das Wohl der Polizei!“ rief Ginger.„Ich bringe dieſen Toaſt aus, weil ſie immer ſo mild gegen uns Hundeliebhaber iſt.“ „Hundeliebhaber— ſagt lieber Hundediebe, denn das iſt der Name, den ſolche Schurken verdienen,“ ſagte Herr Thorneyeroft mit großer Bitterkeit. „Nun, wir wollen uns nicht über Namen ſtreiten,“ verſetzte Ginger lachend,„aber ich will Ihnen einen Umſtand erzählen, der Ihnen beweiſen wird, was Sie auch von unſerem Berufe denken mögen, daß die Po⸗ lizei uns begünſtigt.“ „Es kann nur eine Meinung über Euer verworfe⸗ nes Gewerbe ſein,“ ſagte Herr Thorneyeroft,„nämlich daß es ebenſo ſchlimm iſt wie der Pferde⸗ oder Schaf⸗ diebſtahl, und daß es ebenſo ſollte beſtraft werden.“ „Das denke ich auch, Herr,“ ſagte Ginger, den Anderen zuwinkend;„aber zu meiner Geſchichte, und unterbrechen Sie mich nicht; ſonſt komme ich nicht da— mit zu Stande. Da wohnt ein Herr keine hundert Meilen von Pall Mall, wie die Zeitung ſagt, der ei⸗ nen hübſchen ſchottiſchen Wachtelhund hatte, der für keinen Andern mehr, als eine halbe Krone werth war, den er aber ſehr ſchätzte, weil er ein Lieblingshund war. 57— Nun, der Hund ging verloren. Einer von meinen Leu⸗ ten fängt ihn, und der Herr bietet eine Belohnung für ſeine Zurückgabe. Dadurch erhält er ihn nicht ſo bald wieder, als er erwartet, weil er nicht genug bietet; ſo geht er zu einem Agenten, zu Herrn Simpkins in Ed⸗ gar Road, und Herr Simpkins ſagt zu ihm:„„Wie geht's Ihnen, Herr? Ich erwartete Sie ſchon vor ei— nigen Tagen. Sie kommen wegen des ſchottiſchen Wachtelhundes. Ein Mann ſagt mir, den hätte er ſchon lange?““ Als der Herr ſtutzt, fügt Herr Simp⸗ kins hinzu:„„Nun, ich will Ihnen ſagen, was Sie für Ihren Hund geben müſſen. Der Mann will nicht weniger, als ſechs Gnineen dafür annehmen. Er weiß wohl, daß er keine ſechs Schilling werth iſt, aber er iſt ein großer Liebling von Ihnen, und es hat ihm viele Mühe gekoſtet, ihn zu bekvmmen.““—„„Ihm viele Mühe gekoſtet!““ rief der Herr zornig;„„und was habe ich davon? Ich hoffe den Kerl hängen zu ſehen! Ich werde ſo viel Geld nicht zahlen.““ „„Sehr gut,““ verſetzt Herr Simpkins kalt,„„da wird man Ihren Hund verbluten laſſen, wie es noch kürzlich mit dem Hunde jenes Edelmannes geſchah, und Ihnen denſelben todt vor die Thür werfen.““ „Sie wollen doch nicht ſagen, daß dieſer entſetzliche Vorgang wirklich geſchah?“ rief Thorneyeroft, der ſich ſehr für die Erzählung intereſſirte. „Erſt kürzlich, das verſichere ich Ihnen,“ verſetzte Ginger. „Ich würde den Schurken niederſchießen, der mei⸗ — 8 1— nen Hund ſo behandelte; wenn ich ſeiner habhaft wer⸗ den könnte!“ rief Thorneyeroft unwillig. „Und es würde ihm recht geſchehen,“ ſagte Gin⸗ ger.„Ich begehe niemals Granſamkeiten gegen Thiere. Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder. Nachdem der Herr noch eine Weile mit Herrn Simpkins geſprochen, bietet er drei Pfund für den Hund und geht dann fort. Am nächſten Tage lieſt er einen Bericht in der Zeitung, daß ein Mann wegen Hundeſtehlens gefangen geſetzt worden, und daß eine Menge Hunde auf den Hofe hin⸗ ter dem Polizeigebände in Bonwſtreet eingeſchloſſen ſei. Er geht alſo dorthin, um ſeinen Liebling aufzuſuchen, und er findet ihn auch wirklich, aber der Inſpektor will ihn nicht herausgeben, weil der Vorgeſetzte nicht da iſt.“ „Schmachvoll!“ rief Herr Thorneyeroft. „Schmachvoll in der That, Herr!“ wiederholte Ginger lachend.„Seinen Hund in den Händen der Polizei für ſicher haltend, ſchläft der Herr die Nacht ruhig, als er aber am anderen Morgen wiederkommt, iſt ſein Hund verſchwunden. In der Nacht iſt ein Ein⸗ bruch in den Hofplatz geſchehen, und man hat alle Hunde daraus geſtohlen.“ „Vor den Augen der Polizei!“ rief Thorneyeroft. „Vor den Augen der Polizei,“ entgegnete Ginger. „Aber jetzt kommt das Beſte von der Sache. Sie ſol⸗ len hören, was der Polizeirichter ſagt, als der Herr ſeinen Beiſtand in Anſpruch nimmt.„„Ich kann mich nicht in die Sache miſchen,““ ſagt er, indem er maje⸗ ſtätiſch die Augenbrauen zuſammenzieht.„„Die Parteien durfen mich nicht mit Klagen beläſtigen, wovon ich keine Notiz nehmen kann. Dieſer Ort iſt kein Erkun⸗ digungsburcau, und ich werde nicht zugeben, daß man ihn dazu macht. Ich will keine Berichte anhören, wel⸗ che den Ruf abweſender Perſonen betreffen.““— Be⸗ richte, welche unſeren Ruf betreffen— verſtehen Sie wohl, mein Herr?“ „Freilich verſtehe ich das,“ ſagte Thorneyeroft ſeuf⸗ zend,„und es iſt mir leid, daß eine ſolche Bemerkung von der Richterbank gefallen—“ „Sie ſagen mit Recht, von der Richterbank gefal⸗ len, Herr,“ ſagte Ginger lachend.„Ich ſagte Ihnen, daß die Richter unſere beſten Freunde ſind; ſie nehmen immer unſere Partei. Wenn der Herr anführt, es ſei ein Gegenſtand von hoher Wichtigkeit für alle Hundebe⸗ ſitzer, da unterbricht ihn der Richter zornig und ſagt: „„Da mag ſich eine Verſammlung von Hundebeſitzern bilden, um ſich über Ihre Klagen zu beſprechen. Kom⸗ men Sie aber nicht zu mir. Ich kann Ihnen nicht helfen.““ Und er würde es nicht thun, wenn er es auch könnte, denn er iſt des Hundeliebhabers Freund.“ „So ſcheint es, das muß ich geſtehen,“ verſetzte Thorneyeroft.„Solche tadelnswerthe Gleichgültigkeit ge⸗ währt Leuten Eures Handwerks Ermuthigung. Die Regierung ſelber iſt zu tadeln. Da alle Perſonen, wel⸗ che Hunde halten, eine Taxe dafür zahlen, ſo ſollte ihr Eigenthum auch geſchützt werden.“ „Ich bin mit dem gegenwärtigen Geſetze völlig zufrieden,“ ſagte Ginger.„Auf das Wohl des würdi⸗ — — 60— Richters! Ich trinke ſeine Geſundheit zum zweiten⸗ mal.“ „Hallo! was iſt das?“ rief Tinker;„ich meine ich hörte ein Geräuſch.“ „Mir war es auch ſo,“ verſetzte Sandman;„ein ſeltſames Rollen über unſeren Köpfen.“ „Da iſt es wieder!“ rief Ginger;„welch ein ent⸗ ſetzlicher Lärm!“ „Jetzt iſt es unter uns,“ ſagte Herr Thorneyeroft blaß werdend und zitternd.„Es iſt, als wenn eine ver⸗ borgene Maſchinerie wirkte.“ Das Geräuſch, welches bis dahin einige Aehnlich⸗ keit mit dem Knarren von Rädern und Winden gehabt hatte, ging jetzt in ein heftiges Geklapper über, wäh⸗ rend das Haus erſchüttert wurde, als wäre eine Mine geſprengt worden. Zu gleicher Zeit empfingen die, welche auf den Stühlen ſaßen, einen heftigen elektriſchen Schlag, wel⸗ cher alle ihre Glieder erſchütterte und machte, daß Herr Thorneyeroft ſeine Piſtole fallen ließ, welche losging als ſie den Boden erreichte. Zu gleicher Zeit ließ Sandman den Becher und Tinker ſeinen Hirſchfänger fallen. Ehe ſie ſich von dem Schlage erholen konnten, wurden alle drei von ſtarken hölzernen Haken ergriffen, die ſich von den Stuhllehnen ablöſten und ihre Arme feſthielten, während ihre Beine von Feſſeln eingezwängt wurden, die aus dem Boden hervorſprangen und ihre Fußgelenke umſchloſſen. So befeſtigt, ſtrengten ſie ſich vergebens an, ſich zu befreien. Die Stühle ſchienen an den Boden genagelt, ſo daß jedes Bemühen, ſie von der Stelle zu rücken, vergebens war. Aber das Schlimmſte ſollte noch kommen. Aus den erwähnten Oeffnungen in der Decke ließen ſich drei ſchwere glockenförmig geſtaltete Helme herab, gleich de⸗ nen, womit ſich die Taucher auf den Beden der See hinunterlaſſen, und worin ſich runde Augengläſer befan⸗ den. Es war klar, daß dieſe Helme auf die Köpfe der Sitzenden herabfallen mußten, welche Ueberzengung ſie mit unausſprechlichem Schrecken erfüllte. Sie ſchrieen und fluchten furchtbar, aber es half ihnen Nichts. Die Helme kamen herunter und in demſelben Augenblicke ſprang der Affe, den Reeks geſehen hatte, aus einem Schranke hervor, machte ſeine Kapriolen und grinſte ſie an. Der erſte Helm kam herunter und bedeckte Tinker bis an die Schultern. Sein Ausſehen war zugleich lä⸗ cherlich und ſchrecklich, und ſein Schreien ertönte in dem Helme gleich dem Brüllen eines gehetzten Stiers. Auch der zweite Helm kam herunter, wenn gleich langſamer, und Sandmann wurde auf dieſelbe Weiſe wie Tinker zugedeckt und prüllte eben ſo laut. In beiden Fällen waren die Helme ohne weitere Leitung heruntergekommen, als aber Herr Thorneyeroft an die Reihe kam, ſtreckte ſich eine Hand aus der Oeff⸗ nung in der Decke hervor und hielt den Helm gleich dem Schwerte des Damokles über ſeinem Kopfe. Wäh⸗ rend der arme Eiſenhändler jeden Augenblick das Schick⸗ — 62— ſal ſeiner Gefährten erwartete, wurde ſeine Aufmerklam⸗ keit auf den Affen gelenkt, der ſich mit der einen Hand an den Schrank hielt, während er die andere gegen ihn ausſtreckte und rief: „Wollen Sie ſchwören, ſich von hier zu entfernen, wenn man Sie verſchont?“ „Nein, das will ich nicht,“ verſetzte der Eiſen⸗ händler. Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als der Helm plötzlich herunterfiel und ihn gleich den Ande⸗ ren bedeckte. Ginger war allein noch übrig. Während der gan⸗ zen ſeltſamen Seene hatte er, die Flaſche in der Hand, von Schrecken und Erſtannen ergriffen, dageſtanden, ohne ſich bewegen oder ſchreien zu können. Sein Schrecken wurde noch erhöht, als die drei Stühle mit den darauf Sitzenden durch den Fußboden in ein Gewölbe hinunter fuhren. Als dann die Helme wieder zu der Decke hin⸗ aufgezogen und die Fallthüren über den Stühlen wieder geſchloſſen wurden, ließ er die Flaſche fallen und ſchlug mit dem Geſichte auf den Tiſch. Er wurde indeſſen bald aus ſeiner Betäubung erweckt, indem Jemand ſein Haar faßte und mit durchdringender Stimme ſeinen Na⸗ men rief. „Was giebt's?“ ſtöhnte der Hundeliebhaber. „Blickt auf!“ rief der Redende, ihn wieder am Haar zupfend. Ginger gehorchte und erblickte den Affen, der neben ihm ſaß. — 69— „Ei, es kann doch nicht ſein?“ rief er.„Und doch möchte ich faſt beſchwören, daß es Old Parr iſt.“ „Ihr ſeid nicht weit vom Ziel,“ verſetzte der An⸗ dere mit durchdringendem Lachen.„Cs iſt Euer ehr⸗ würdiger Freund.“ „Was zum Henker thut Ihr hier in dieſer Klei⸗ dung oder vielmehr in dieſer Verkleidung?“ fragte Gin⸗ ger.„Als ich Euch dieſen Morgen ſah, waret Ihr im Dienſte des Herrn Loſtus.“ „Ich habe ſeitdem einen neuen Herrn bekommen,“ verſetzte der Zwerg. „Es thut mir Leid, dies zu hören,“ ſagte Ginger kopfſchüttelnd,„Ihr habt Euch doch nicht auch verkauft, wie Doktor Forſt?“ „Fauſt, mein lieber Ginger— nicht Forſt,“ kor⸗ rigirte Old Parr.„Nein, nein, ich habe keinen Ver⸗ trag geſchloſſen. Und um aufrichtig zu ſein, hege ich nicht den Wunſch, lange im Dienſte meines jetzigen Herren zu bleiben.“ „Ich möchte nicht gern geradezu fragen, mein Ehr⸗ würdiger,“ ſagte Ginger in demüthigem Tone,„aber iſt Euer Herr— hm— iſt er?— hm—“ „Der Teufel, wollt Ihr ſagen,“ fügte Old Parr hinzu.„Unter uns, ich glaube, es läßt ſich nicht leug⸗ nen.“ „Welch ein ſchrecklicher Gedanke!“ rief Ginger mit einem Schauder;„es läuft mir kalt über den Rücken. Da ſind wir alſo in der Macht Eures Herrn?“ „Sehr wahrſcheinlich,“ verſetzte Old Parr. — „Und es iſt keine Wahrſcheinlichkeit der Rettung vorhanden?“ „Keine, ſo viel ich weiß.“ „O Himmel! O Himmel!“ ſtöhnte Ginger;„ich will berenen. Ich will ein anderes Leben anfangen. Ich will keine Hunde mehr ſtehlen.“ „In dem Falle iſt einige Wahrſcheinlichkeit für Euch,“ ſagte Old Parr.„Ich denke, ich könnte Euch zur Flucht verhelfen. Kommt mit mir, und ich will verſuchen, ob ich Euch hinausſchaffen kann.“ „Aber was wird aus den Anderen werden?“ fragte Ginger. „O! überlaßt ſie ihrem Schickſal,“ verſetzte Old Parr. „Nein, das geht nicht,“ rief Ginger.„Wir ſind alle in demſelben Boot und müſſen uns herausrudern ſo gut wir können. Ich will Euch ſagen, Ehrwürdi⸗ ger,“ fügte er hinzu, indem er ihn bei der Kehle er⸗ griff,„Euer Herr mag der Teufel ſein, aber Ihr ſeid ſterblich; und wenn Ihr mir nicht helft, meine Kamera⸗ den zu befreien, ſo drehe ich Euch die Kehle zu.“ „Das iſt nicht die Art, mich zu bewegen, Euch zu helfen,“ ſagte Old Parr, ſich wie ein Aal aus den Händen des Andern windend.„Nun geht hinaus, wenn Ihr könnt.“ „Seid nicht zornig,“ rief Ginger, der den Fehler bemerkte, den er begangen hatte, und ihn zu verſöhnen ſuchte;„ich wollte Euch nur ein wenig erſchrecken. Könnt Ihr mir ſagen, ob Herr Auriol Darcy hier iſt?“ — 5— „Ja, und er wird in engem Gewahrſam gehal⸗ ten,“ verſetzte Old Parr. „Und das Mädchen— Miß Ebba, wie geht es mit der?“ „Ich kann es nicht ſagen,“ verſetzte Old Parr. „Ich kann nur von den Lebenden reden.“ „So iſt ſie alſo todt?“ rief Ginger mit einem Blicke des Entſetzens. „Das iſt ein Geheimniß,“ verſetzte der Zwerg, „und ich bin durch einen furchtbaren Eid gebunden, es nicht zu verrathen.“ „Ich will es dennoch von Euch herausbringen,“ murmelte Ginger.„Ich wünſchte, Ihr verſetztet mir einen Schlag auf den Kopf, alter Kerl. Ich kann nicht umhin zu denken, daß ich einen entſetzlichen Anfall von Alpdrücken gehabt habe.“ „So mag Euch dies etwecken,“ ſagte Old Parr, indem er ihm einen derben Schlag ans Ohr verſetzte. „Hallo! Ehrwürdiger, nicht ſo hart!“ rief Gin⸗ ger. „Ha! ha! ha!“ ſchrie der Zwerg.„Jetzt wißt Ihr, woran Ihr ſeid.“ „Noch nicht ganz,“ ſagte Ginger.„Ich wollte ich wäre aus dieſem verwünſchten Gebäude!“ „Ihr hättet Euch nicht in die Höhle des Löwen wagen ſollen,“ ſagte Old Parr in trotzigem Tone. „Aber kommt mit mir, und vielleicht werde ich im Stande ſein, Etwas für Eure Befreiung zu thun.“ Auriol. 2. Band 5 —— . ——— ——— —————. —— — —— —— Mit dieſen Worten zog er die Tapete zurück und öffnete hinter derſelben eine Füllung, durch die er ging und Ginger winkte, ihm zu folgen. Eine Piſtole aus ſeiner Taſche ziehend, that der Letztere, wozu er ihn aufforderte. nd 8 18 hn Drittes Kapitel. Gerard Paſton. Ghe der Stuhl, an welchen Herr Thorneheroft feſtgebunden war, den Boden erreichte, hatte dieſen der Schrecken ſeiner Sinne beraubt. Ein Riechfläſchchen, welches ihm vor die Naſe gehalten wurde, belebte ihn nach einiger Zeit wieder; aber er wäre beinahe wieder in ſeine Bewußtloſigkeit zurückverſunken, als er zwei fremde Geſtalten in ſcheußlichen Masken und ſchwarzen* Mänteln erblickte, die zu beiden Seiten von ihm ſtan⸗ den, während ſich in geringer Entfernung eine dritte be⸗ fand, die eine ſeltſam geſtaltete Laterne trug. Er ſah ſich nach ſeinen Leidensgefährten um, aber die Stühle waren leer. Die maskirten Diener achteten nicht auf das Ge— ſchrei und die Bitten des Eiſenhändlers, aber ſobald ſie 5* ————— —— — 56— glaubten, daß er im Stande ſei, ſich zu bewegen, be⸗ rührten ſie eine Feder, die ſeine Arme und Beine von ihren Feſſeln befreite, und ihn erhebend, ſchleppten ſie ihn aus dem Gewölbe und einen engen Gang dahin, bis ſie ein großes mit ſchwarzem Marmor ausgelegtes Zimmer erreichten, welches einem Grabgewölbe glich, und in deſſen Mitte Cyprian Rougemont auf einem mit ſchwarzen Sammet übergezogenen Lehnſeſſel ſaß. Es war daſſelbe Zimmer, wo Ebba der ſchrecklichen Pri⸗ fung war unterworfen worden. Von Schrecken verwirrt, warf ſich der arme Eiſen⸗ händler zu Rougemonts Füßen nieder, welcher ihn mit einem Blicke boshaften Triumphes anſah und rief: „Ihr kommt, Eure Tochter zu ſuchen. Scht ſie!“ Bei dieſen Worten wurde der große ſchwarze Vor⸗ hang am Ende des Zimmer plötzlich zurückgezogen und zeigte die Geſtalt Ebba Thorneyeroft's, die am Fuß der marmornen Treppe ſtand. Ihre Züge waren tydten⸗ blaß, ihre Glieder ſtarr und bewegungslos; aber ihre Augen glänzten von übernatürlichem Feuer. Als Thor⸗ neyeroft ſie erblickte, ſtieß er einen lauten Schrei aus, ſprang auf und wollte auf ſie zueilen, doch wurde er von den beiden maskirten Dienern zurückgehalten, die ihn bei den Armen ergriffen und mit Gewalt zurückhiel⸗ ten. „Eebba!“ rief er,„Ebba!“ Aber ſie ſchien ſein Geſchrei durchaus nicht zu hö⸗ ren und blieb mit abgewendeten Blicken in derſelben Stellung. 4 „Was fehlt ihr?“ rief der geängſtete Vater.„Ebba! Ebba!“ „Ruft lauter,“ ſagte Rougemont mit höhniſchem Lachen. „Kennſt Du mich nicht? Kennſt Du mich nicht?“ ſchrie Herr Thorneyeroft. Noch immer blieb die Geſtalt unbeweglich. „Ich ſagte Euch, Ihr ſolltet ſie ſehen,“ verſetzte Rongemont in höhniſchem Tone;„aber ſie iſt außer Eu⸗ rem Bereiche.“ „Nicht ſo, nicht ſo!“ rief Thorneycroft.„Komm zu mir, Ebba!— Komm zu Deinem Vater. O Him⸗ mel! ſie hört mich nicht! ſie achtet nicht auf mich! Ihre Sinne ſind dahin.“ „Sie iſt durch einen mächtigen Zauber gebunden,“ ſagte Rougemont.„Werft noch einen letzten Blick auf ſie. Ihr werdet ſie nicht wiederſehen.“ Und als er ſeink Hand ausſtreckte, ſenkte ſich der Vorhang langſam nieder und verbarg die Geſtalt. Thor⸗ neheroft ſtöhnte laut. „Seid Ihr nicht zufrieden?“ rief Rongemont. „Wollt Ihr Euch in Frieden entfernen und ſchwören, nie wieder hierher zu kommen? Wenn das iſt, will ich Euch und Eure Begleiter befreien.“ „So weit entfernt, Euren Wunſch zu erfüllen, ſchwöre ich, nicht eher zu ruhen, als bis ich mein Kind von Euch befreit habe, trufliſches Weſen!“ rief Thorneyeroft mit Nachdruck. „Da habt Ihr Euer Geſchick beſiegelt,“ verſetzte Rougemont.„Aber ehe Ihr ſelber eingemauert werdet, ſollt Ihr ſehen, in welcher Lage Auriol Darch iſt. Führt ihn mit.“ Und von den Dienern begleitet, die Herrn Thor⸗ neyeroft nachſchleppten, ging er durch eine Oeffnung zur Rechten. Wenige Schritte brachten ihn zu dem Ein⸗ gange der Zelle. Als er die ſchwere eiſerne Thür be⸗ rührte, ſprang ſie ſogleich auf und zeigte Auriol im Winkel des engen Gemaches an einen Stein gefeſſelt. In einigen Minuten wurde kein Wort geſprochen, aber die Gefangenen ſahen einander kläglich an.! „O! Herr Thorneyeroft,“ rief Auriol endlich,„ich bitte Sie, mir zu verzeihen. Ich habe Ihre Tochter zu Grunde gerichtet.“ „Sie?“ rief der Eiſenhändler in hohem Erſtaunen. „Es iſt wahr,“ ſagte Rougemont. „Ich würde ſie gerettet haben, wenn es möglich geweſen wäre!“ rief Auriol.„Ich warnte ſie vorher, daß es ihr den Untergang bringen werde, mich zu lie— ben. Ich ſagte ihr, daß ich an ein unerbittliches Ge⸗ ſchick gefeſſelt ſei, welches ſie auch in ſein Netz ziehen werde— aber vergebens.“ „O!“ rief Thorneyeroft. „Ihr ſeht, daß Ihr ihn zu tadeln habt, und nicht mich,“ ſagte Rongemont mit höhniſchem Lachen. „Ich würde mein Leben, meine Seele darum gege— ben haben, ſie zu retten, wäre es möglich geweſen!“ rief Auriol. „Das Entſetzen dringt ſo mächtig auf mich ein, —— daß mein Gehirn ſchwindelt,“ rief Thorneyeroft.„Un⸗ menſchlicher Böſewicht.“ fügte er zu Rongemont gewen⸗ det hinzu,„Teufel! was Du auch ſein magſt— voll⸗ ende Dein Zerſtörungswerk durch meinen Untergang. Es iſt kein Band übrig, welches mich ans Leben feſ⸗ ſelt.“ „Ich will, daß die Elenden leben,“ ſagte Rouge⸗ mont mit teufliſchem Lachen.„Nur die Glücklichen ſu⸗ che ich zu Grunde zu richten. Aber Ihr habt Eurer eigenen Widerſetzlichkeit Euer gegenwärtiges Mißgeſchick zu danken. Sagt Auriol auf immer Lebewohl. Ihr werdet ihn nicht wiederſehen.“ „Halt!“ rief Auriol.„Ein Wort, ehe wir ſchei⸗ den—“ „Ja, halt!“ wiederholte eine laute und gebieteri⸗ ſche Stimme aus der Tiefe des Ganges. „Ha!— wer ſpricht da?“ fragte Rougemont, in⸗ dem ein Schatten über ſein Geſicht zog. „Ich— Gerard Paſton!“ rief Reeks vortretend. Der Flor war von ſeinem Geſichte verſchwunden, und anſtatt deſſen ſah man die ſchönen und entſchloſſe⸗ nen Züge eines Mannes im mittleren Lebensalter. Er hielt eine Piſtole in jeder Hand. „Sie ſind es, Gerard Paſton?“ rief Auriol ihn anſehend;„der Bruder Clara's, meines zweiten Opfers?“ „Ich bin es,“ verſetzte der Andere.„Ihre Be⸗ freiung iſt nahe, Auriol.“ „Und Ihr habt gewagt, hier einzudringen, Ge⸗ rard?“ rief Rougemont, vor Wuth auf den Boden ſtam⸗ pfend.„Erinnert Euch, daß Ihr durch daſſelbe Band, wie Auriol, an mich gebunden ſeid, und Ihr ſollt ſein Schickſal theilen.“ „Ich laſſe mich nicht durch Drohungen in Schrek⸗ ken ſetzen,“ entgegnete Paſton mit verächtlichem Lachen. „Ihr habt zu lange Eure Künſte angewendet. Laßt Auriol und dieſen Herrn ſogleich frei, oder—“ Und er richtete die Piſtolen auf ihn. „Feuert nur!“ rief Rougemont, ſich zu ſeiner vol⸗ len Höhe aufrichtend.„Keine irdiſche Kugel kann mich verletzen.“ „Das wollen wir verſuchen!“ rief Ginger, der ſich in dem Augenblicke hinter Paſton näherte. Und ſicher zielend ſchoß er ſeine Piſtole auf Rou⸗ gemont's Bruſt ab. Der Letztere blieb aufrecht und of— fenbar unverletzt ſtehen. „Ihr ſeht, wie unwirkſam Eure Waffen ſind,“ ſagte Rougemont mit höhniſchem Lachen. „Es muß der Teufel ſein!“ rief Ginger davon⸗ laufend. „Ich will auch meine Piſtolen verſuchen,“ ſagte Paſton. Ehe er ſie aber abdrücken konnte, wurden ihm die Waffen von den beiden Dienern aus den Händen ge⸗ dreht, welche Thorneyeroft verlaſſen und ſich unbemerkt genähert hatten. Dann knebelten ſie ſeine Arme. Viertes Kapitel. Die Grube. So verwirrt war der arme Eiſenhändler von den ſeltſamen und entſetzlichen Freigniſſen, die ihn betroffen hatten, daß er, obgleich die beiden maskirten Diener ihn verlaſſen hatten, um Gerard Paſton zu ergreifen, ſich gänzlich unfähig zur Anſtrengung fühlte und wahr⸗ ſcheinlich keinen Verſuch zur Flucht gemacht hätte, wäre nicht ſein Mantel von hinten ergriffen worden„ während ihm eine leiſe Stimme zuflüſterte, zu fliehen. Nach der Richtung hinſehend, erblickte er einen kleinen Gegenſtand im Eingange des Querganges, der ſich ſo an der Manuer aufgeſtellt hatte, daß Rougemont und ſeine Begleiter ihn nicht ſehen konnten. Es war der Affe, oder vielmehr Old Parr, welcher noch an ſeinem Mantel zerrte, bis es ihm endlich gelang, ihn rückwärts in den Gang zu zerren. Dann ergriff er ſeine Hand und zog ihn raſch im Gange weiter. Der Gang war völlig dunkel, doch konnte Herr Thorneyeroft bemerken, daß er ſehr krumm und gewunden war, wie ein Labyrinth. „Wohin führt Ihr mich?“ fragte er, indem er ihn aufzuhalten verſuchte. „Thun Sie keine Fragen,“ entgegnete der Zwerg, ihn weiter zichend.„Wollen Sie ſich gefangen nehmen und auf Lebenszeit einſperren laſſen?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Thorneyeroft, ſeine Be⸗ wegungen beſchleunigend.„Ich hoffe, es iſt keine Wahr⸗ ſcheinlichkeit dazu vorhanden.“ „Jede Wahrſcheinlichkeit iſt dazu vorhanden,“ er⸗ wiederte Old Parr.„Wenn man Sie erhaſcht, werden Sie Auriol's Schickſal theilen müſſen.“ „O Himmel! das will ich nicht hoffen,“ ſtöhnte der Eiſenhändler.„Ihr erſchreckt mich ſo ſehr, daß Ihr mir alle Kraft nehmt, mich zu bewegen. Ich werde ſogleich niederſinken.“ „So kommt denn mit,“ kreiſchte der Zwerg.„Ich höre Jemand dicht hinter uns.“ Und während er ſprach, vernahm man rufende Stimmen und raſch ſich nähernde Fußtritte im Gange. „Ich kann keinen Schritt weiter,“ ſtöhnte der Eiſenhändler.„Ich bin völlig vernichtet. Es iſt beſſer, ich ergebe mich gleich.“ „Was, ohne alle Anſtrengung?“ rief der Zwerg verächtlich.„Denken Sie an Ihre Tochter und laſſen Sie dieſen Gedanken Ihr Herz ſtählen. Sie iſt auf immer verloren, wenn Sie ſie nicht aus dieſem ver⸗ wünſchten Orte entfernen.“ „Sie iſt auf die eine wie auf die andere Art ver⸗ loren,“ rief der Eiſenhändler verzweifelnd, „Nein— ſie kann noch gerettet werden,“ verſetzte der Zwerg.„Weiter— weiter— ſie ſind dicht hinter uns.“ Auch zeigte das immer lanter werdende Rufen, daß ihre Verfolger ihnen ganz nahe waren. urch die drohende Gefahr und die Hoffnung, ſeine Tochter zu retten, aufgeregt, ſtrengte Herr Thorneyeroft alle ſeine Kräfte an und ſprang vorwärts. Ein wenig weiter mußten ſie vor einer Thür Halt machen. Sie war geſchloſſen; und ſeine getäuſchte Erwartung durch einen Schrei kundgebend, ſuchte der Zwerg den Drücker, konnte ihn aber nicht finden. „Wir ſind gefangen,“ rief er,„und dann wehe uns Beiden. Ich Thor! daß ich Sie zu retten verſuchte. Lieber hätte ich Sie im Gefängniß verfaulen laſſen ſol⸗ len, als mir Rongemont's Zorn zuzuziehen.“ Der Eiſenhändler erwiederte nur mit einem Geſtöhn. „Es iſt aus mit mir!“ ſagte er.„Ich gebe mich verloren— ich will hier ſterben!“ „Nein— wir ſind gerettet,“ rief der Zwerg, als das Licht, welches jetzt hell auf die Thür fiel, einen kleinen eiſernen Knopf an derſelben zeigte,„gerettet— gerettet!“ Während er ſprach, drückte er an den Knopf, es bewegte ſich eine Feder und die Thür flog auf. Gerade, ———— als ſie durch dieſelbe gingen, erblickten ſie die beiden maskirten Diener. Der Zwerg ſchloß angenblicklich die Thür und verriegelte ſie von der anderen Seite. Kaum war ihm dies gelungen, als die Verfolger herbeikamen und heftig gegen die Thür rannten; als ſie ſie aber ver— riegelt fanden, ſiellten ſie ſogleich ihre Anſtrengungen ein und ſchienen ſich zu entfernen. „Sie haben eine andere Richtung eingeſchlagen, um uns den Weg abzuſchneiden,“ rief Old Parr, der einen Augenblick verweilte, um zu horchen.„Kommen Sie, Herr Thorneyeroſt.“ „Ich will es verſuchen,“ verſetzte der Eiſenhändler mit unterdrücktem Stöhnen,„aber ich bin völlig er⸗ ſchöpft. O! warum wagte ich mich an dieſen Ort!“ „Es iſt zu ſpät, jetzt daran zu denken; überdies kamen Sie ja hieher, um Ihre Tochter zu retten,“ ver⸗ ſetzte Old Parr.„Seien Sie vorſichtig und halten Sie ſich in meiner Nähe. Wohin wohl dieſer Gang führen mag?“ „Wißt Ihr es nicht?“ fragte der Eiſenhändler. „Durchaus nicht,“ entgegnete der Zwerg.„Dies iſt das erſtemal, daß ich hier bin— und es ſoll auch das letztemal ſein, wenn ich eine Wahl habe.“ „Ihr habt mir noch nicht geſagt, wie Ihr hieher⸗ gekommen ſeid,“ ſagte Thorneyeroft. „Ich weiß es ſelber kaum,“ verſetzte der Zwerg; „aber ich finde es ſchwieriger, hinaus, als hereinzukom⸗ men. Wie ſich dieſer Gang hin und her windet. Es ſcheint, als kehren wir zu dem Orte zuück, von dem wir ausgegangen.“ „Es iſt mir, als wenn wir uns um uns ſelbſt drehten,“ rief Thorneyeroft im höchſten Schrecken.„Mein Kopf dreht ſich. O weh! O weh!“ „Es ſcheint in der That ſeltſam, das muß ich ſagen,“ ſagte der Zwerg ſtehen bleibend.„Es iſt mir faſt, als ob ſich das feſte Mauerwerk um uns drehte.“ „Es dreht ſich,“ rief Thorneyeroft, ſeine Hand ausſtreckend.„Ich fühle es. Der Himmel ſei uns gnädig und befreie uns aus der Gewalt des Böſen!“ „Der Ort ſcheint in Feuer zu ſtehen,“ rief der Zwerg.„Ein dichter Rauch erfüllt den Gang. Be⸗ merken Sie es nicht, Herr Thorneyeroft?“ „Ob ich es nicht bemerke!— Freilich bemerke ich es,“ rief der Eiſenhändler huſtend und ſchnaubend.„Es iſt mir, als wäre ich in einem Zimmer, wo der Ka⸗ min raucht, und kein Fenſter offen. O! o!— ich er⸗ ſticke!“ „Achten Sie nicht darauf,“ rief der Zwerg, den ſeine Ruhe nicht verließ.„Wir werden bald aus dem Rauche ſein.“ „Ich kann es nicht ertragen,“ rief Thorneyeroft; „ich ſterbe. H! pah! pah!“ „Weiter, ſage ich Ihnen! Sie werden in einer Minute friſche Luft haben,“ verſetzte Old Parr.„Hallo! was iſt dies? Kein Ausgang? Hier kommen wir zu einem Stillſtand!“ „Ja freilich,“ entgegnete der Eiſenhändler.„Aber welche neue Schwierigkeit hat ſich gezeigt?“ ——————— „ „Weiter keine, als daß der Gang durch eine feſte Mauer geſperrt iſt,“ verſetzte Old Parr. „Geſperrt!“ rief Thorneyeroft.„Da ſind wir le⸗ bendig begraben.“ „Ich bin es,“ ſagte der Zwerg mit affektirter Gleichgültigkeit.„Sie haben wenigſtens den Troſt, daß es bald mit Ihnen zu Ende ſein wird. Aber mir kann Nichts ſchaden.“ „Seid deſſen nicht zu gewiß,“ rief eine Stimme über ihnen. „Sprachen JSie, Herr Thorneyeroft?“ fragte der Zwerg. „Nein— ich nicht,“ ſtöhnte der Eiſenhändler. „Ich erſticke— helft mir heraus.“ „Geht hinaus, wenn Ihr könnt,“ rief die Stim⸗ me, welche eben geſprochen hatte. „Es iſt Rongemont ſelber,“ rief der Zwerg er⸗ ſchrocken.„Da iſt keine Rettung.“ „Durchaus keine, Schurke,“ entgegnete der unge— ſehene Redner.„Ich bedarf Eurer. Ich habe noch mehr für Euch zu thun.“ „Ich will Herrn Thorneyeroft nicht verlaſſen,“ rief der Zwerg entſchloſſen.„Ich habe verſprochen, ihn zu retten, und will mein Wort halten.“ 8 „Thor!“ rief der Andere.„Ihr müßt gehorchen, wenn ich befehle.“ Und als dieſe Worte ausgeſprochen wurden, ſtreckte ſich eine Hand von oben hernnter, ergriff den Zwerg im Nacken und zog ihn aufwärts. — 79— „Halten Sie mich feſt, Herr Thorneyeroft,“ ſchrie Old Parr.„Ich fahre wieder aufwärts— faſſen Sie mich an— ziehen Sie mich hinunter.“ Beinahe erſtickt von dem dichten und beißenden Rauche fand es der arme Eiſenhändler unmöglich zu ge⸗ horchen. Ehe er ihn erreichen konnte, war der kleine Kerl entführt. Sich ſelber überlaſſen, ſtolperte Thor⸗ neyeroft den Gang dahin und erwartete jeden Augenblick hinzufallen, bis ihm endlich ein Strom friſcher Luft ins Geſicht blies und ihn in den Stand ſetzte, freier zu athmen. Ein wenig belebt, ging er mit großer Vor⸗ ſicht weiter, und es war gut, denn er kam plötzlich an den Rand einer etwa acht Fuß tiefen Grube, in die er, wenn er ſich nicht vorſichtig genähert, wahrſcheinlich ge⸗ fallen wäre und den Hals gebrochen hätte. Dieſe Grube ſtand offenbar mit einer unteren Reihe von Gemächern in Verbindung, wie eine metallne Lampe zeigte, die unter einem Eingange brannte. Eine Leiter ſtand an der einer Seite, und auf dieſer ſtieg Thorneheroft hin⸗ unter, aber kaum hatte er ſeinen Fuß auf den Boden geſetzt, als er plötzlich von einem Manne ergriffen wurde, der aus dem Eingange hervortrat. Im nächſten Augenblick wurde er wieder losgelaſſen, während Tin⸗ ker's bekannte Stimme rief: „Ei, wahrhaftig, es iſt ja Herr Thornecheroft!“ „Ja, ich bin es freilich, Herr Tinker,“ verſetzte der Eiſenhändler.„Wen habt Ihr da bei Euch? „Nun, wer ſollte es anders ſein, als Sandman,“ — 85— verſetzte der Andere trotzig.„Wir haben uns endlich befreit und obendrein hübſche Entdeckungen gemacht.“ „Ja, wir haben Alles ausgefunden,“ fügte Sand⸗ man hinzu. „Was habt Ihr entdeckt— was habt Ihr ausge⸗ funden?“ rief der Eiſenhändler athemlos.„Habt Ihr meine Tochter gefunden? Wo iſt ſie? Führt mich zu ihr.“ „Nicht ſo raſch, alter Herr, nicht ſo taſch,“ ver⸗ ſetzte Tinker.„Wir ſind nicht gewiß, Ihre Tochter gefunden zu haben, indeſſen haben wir ein hübſches junges Frauenzimmer geſehen.“ „O! da muß ſie es ſein— daran iſt nicht zu zweifeln,“ rief der Eiſenhändler.„Wo iſt ſie? Führt mich zu ihr, ohne einen Angenblick zu verlieren.“ „Aber wir können nicht zu ihr gelangen, ſage ich Ihnen,“ verſetzte Tinker.„Wir wiſſen den Ort, wo ſie eingeſchloſſen iſt— das iſt Alles.“ „So führt mich dorthin,“ rief Thorneyeroft lebhaft. „Nun, wenn Sie denn gehen müſſen, ſo kommen Sie mit hieher,“ verſetzte Tinker, auf den Eingang zugehend.„Hallo, Sandman, haſt Du denn die Thür hinter Dir geſchloſſen?“ „Ich nicht,“ verſetzte der Andere;„öffne doch.“ „Leicht geſagt, aber nicht ſo leicht gethan;“ ver⸗ ſetzte Tinker.„Zum Henker! ſie hat ſich ſelber auf der anderen Seite verſchloſſen und verriegelt!“ „Es muß Euch Jemand gefolgt ſein,“ ſtöhnte Thorneyeroft.„Wir ſind von allen Seiten bewacht.“ — —— „Ja, auch von oben!“ rief Sandman.„Seht dort hinauf!“ fügte er in Tönen des Schreckens hinzu. „Was iſt geſchehen? Welche neue Gefahr droht uns?“ fragte der Eiſenhändler. „Sehen Sie dort hinauf, ſage ich!“ rief Sand⸗ man.„Siehſt Du nicht, Tinker?“ „Ja, ja, ich ſehe,“ verſetzte der Andere.„Das Dach kommt auf uns herunter. Laßt uns ſo ſchnell wie möglich hier herauszukommen ſuchen.“ Und er ſtieß heftig gegen die Thür, aber alle ſeine Anſtrengungen, ſie zu öffnen, waren vergebens. Zu gleicher Zeit eilte Sandman auf die Leiter zu, aber ehe er hinaufſteigen konnte, war ihm der Ausgang auf dieſem Wege abgeſchnitten. Ein ungeheurer eiſerner Deckel, der ſich auf Rollen bewegte, wurde von einer unſichtbaren Maſchinerie über die Oeffnung der Grube geſchoben und ſchloß alle drei ein. 5 Fünftes Kapitel. Neue Verwirrungen. WMhrere Stunden lang waren Auriol's Sinne von tiefem Schlafe betäubt, der durch eine kräftige Arznei bewirkt worden war. Als er erwachte, befand er ſich in einer Zelle, deren Wände, Fußboden und Decke von feſtem Mauerwerk waren. In der Mitte dieſes Gema⸗ ches ſtand, als Stütze der ſchweren Decke, ein maſſiver Granitpfeiler, deſſen Kapitäl auf groteske Weiſe mit Todtenköpfen und Knochen verziert war, und an die— ſen Pfeiler lehnte ſich Auriol. Sein linker Arm war vermöge einer ſchweren Kette an einen Ring in der nahen Wand befeſtigt. Vor ihm ſtand ein Waſſer⸗ krug und neben ihm lag ein alterthümlich ausſehendes Buch in ſchwarzes Pergament gebunden. Der Kerker, worin er ſich befand, war kreisförmig mit einer gewölb⸗ ten Decke, die von dem erwähnten Pfeiler getragen 3 — ℳ — 33— wurde, und man gelangte zu demſelben vermöge einer ſteilen Treppe, die von einer Thür ausging, die ſich etwa ſechs Fuß unter dem Boden des Gemaches befand. Ein Lichtſtrahl, der durch eine enge Oeffnung in der Decke hereindrang, fiel auf ſeine abgemagerten und wil— den Züge. Sein dunkelbraunes Haar hing in verwirr⸗ ten Maſſen um ſein Geſicht; ſein Bart war nicht ge⸗ ſchoren und in ſeinen Augen lag ein ſtarrer und ver⸗ ſteinerter Blick, gleich dem des Wahnſinns. Er ſaß am Boden, denn man hatte ihm weder eine Bank noch einen Stuhl gegeben, und ſeine Hand ſtützte ſein Kinn. Sein Blick war in das Leere gerichtet— wenn man das das Leere nennen kann, was für ihn mit lebhaften Bil⸗ dern angefüllt war. Seine Kleidung war nicht die der neueren Zeit, ſondern beſtand in einem Wamms und Beinkleidern nach der zur Zeit der Eliſabeth herrſchenden Mode. Nachdem Auriol eine Zeitlang in dieſer ſinnenden Stellung geblieben war, öffnete er das alte Buch, wel⸗ ches neben ihm lag, und begann die Blätter umzuſchla⸗ gen. Es war voll magiſcher Figuren und geheimniß⸗ voller Schriftzüge, und auf einer der erſten Seiten fand er einen Namen geſchrieben, der augenblicklich ſeine Auf⸗ merkſamkeit feſſelte. Nachdem er vergebens eine Erklä⸗ rung dieſes Namens auf den folgenden Blättern des Buches geſucht hatte, legte er es nieder und verlor ſich in Nachdenken. Als ſeine Träumerei zu Ende war, ſtieß er einen tiefen Senfzer aus und wendete ſich dann wieder zu dem offenen Buche, welches vor ihm lag, 6* 3 „———————————„ —————— —————— 2 ——— —— und indem er dies that, fiel ſein Auge zuerſt auf ſeine Kleidung. Als er dieſelbe erblickte, ſtutzte er und ſtreckte ſeinen Arm aus, um ſeinen Aermel näher zu unter⸗ ſuchen. Als er ſich überzeugt hatte, daß er ſich nicht getäuſcht, ſtand er auf und betrachtete ſich vom Kopf bis zu den Füßen. Er fand ſich, wie bereits erwähnt, gleich einem Kavalier aus der Zeit der Eliſabeth ge⸗ kleidet. „Was mag dies bedeuten?“ rief er.„Habe ich einen langen und furchtbaren Traum gehabt, während deſſen ich mir eingebildet, mehr als zwei Jahrhunderte gelebt zu haben? O Himmel! möchte es ſo ſein! O! möchte ich die furchtbaren Verbrechen, die ich begangen zu haben glaube, nur im Traume ausgeübt haben! O! möchten doch meine Opfer nur eingebildete ſein! O! wäre doch Ebba nur eine liebliche Erſcheinung der Nacht! Und doch möchte ich faſt wünſchen, daß das Uebrige wirklich wäre— und daß ſie exiſtirte. Ich kann es nicht ertragen zu denken, daß ſie Nichts weiter, als ein Traumbild ſein ſollte. Aber es muß ſo ſein— ich habe geträumt— und welch ein Traum war es! Welche auffallende Blicke in die Zukunft gewährte er mir! Ich glaubte während der Regierungszeit vieler Monarchen zu leben— einen ſah ich zum Block führen— ſah das Königreich von Revolutionen erſchüttert werden— ſah alte Dynaſtien untergehen und neue hervorgehen. Die Sitten und Trachten ſchienen ſich ſo ſehr verändert zu haben, daß ich die alten gänzlich vergeſſen hatte, wäh⸗ rend meine Mitmenſchen kaum noch als dieſelben erſchie⸗ — 35— nen. Sollte ich noch derſelbe ſein? Iſt dies die Klei⸗ dung, die ich ehemals trug? Ich will irgend einen Beweis ſuchen.“ Und mit der Hand in ſein Wamms greifend, zog er eine Schreibtafel hervor und unterſuchte dieſelbe haſtig. Er fand ſeinen Namen und etwas Geſchriebenes darauf, und rief frendig aus: „Dies iſt Beweis genug— ich habe die ganze Zeit über geträumt.“ „Der Plan wirkt wunderbar,“ murmelte eine Per⸗ ſon, die am Fuße der Treppe ſtand und, obgleich ſelber nicht zu ſehen, den Gefangenen mit boshaftem und frohlockendem Blicke beobachtete. „Und doch, warum bin ich hier?“ fuhr Auriol fort, indem er ſich umſah.„Ah! ich ſehe, wie es fügte er mit einem Schauder hinzu.„Ich bin wahn⸗ ſinnig geweſen— vielleicht bin ich noch wahnſinnig. Das erklärt die ſeltſame Täuſchung, woran ich gelitten.“ „Den Wink werde ich benutzen,“ murmelte der Horcher. „Wozu nützt das Gedächtniß,“ fuhr Auriol ſin⸗ nend fort,„wenn Dinge, welche nicht ſind, ſcheinen, als ob ſie wirklich wären? Wenn Frenden und Leiden, die wir nicht empfunden haben, ſich dem Gehirn ein⸗ prägen— wenn Bilder von Scenen, Geſichter und Er⸗ eigniſſe, wovon wir niemals Zeugen geweſen und die wir nie gekannt, uns verfolgen, als wären ſie uns einſt bekannt geweſen? Aber ich bin wahnſinnig— wahnſinnig!“ ———————————— ————— — Der Horcher lachte leiſe. „Wie könnte ich ſonſt glauben, wenn ich nicht wahnſinnig wäre, daß ich das fabelhafte Lebenselipir getrunken habe? Und doch, iſt es eine Fabel? Ich bin noch jetzt ungewiß darüber. Mich dünkt, ich bin alt — ſehr alt— obgleich ich mich jung fühle und jung ausſehe. Dies Alles iſt Wahnſinn. Doch wie klar und deutlich ſcheint es! Ich erinnere mich an Ereigniſſe, die zu Karl des Zweiten Zeit geſchahen. Ha!— wer ſagte mir von Karl dem Zweiten? Wie weiß ich, daß es je einen ſolchen König gab? Der regierende Monarch ſollte Jakob ſein, und doch meine ich, daß er Georg der Vierte heißt. O! ich bin wahnſinnig— völlig wahnſinnig!“ Es trat wieder eine Pauſe ein, während welcher der Horcher ſich einem unterdrückten Lachen hingab. „Wenn ich nur aus dieſem Kerker hinausſehen könnte,“ fuhr Auriol fort, indem er wieder das Schweigen brach,„um mich von der Wahrheit oder Falſchheit mei⸗ ner Zweifel durch den Anblick der äußeren Welt zu über⸗ zeugen, denn ich bin ſo verwirrt in meinem Geiſte, daß ſie wohl fähig wären, mich wahnſinnig zu machen, wenn ich es nicht ſchon wäre. Welche widerwärtige und ſchreckliche Phantaſien haben ſich meiner bemächtigt und drücken mich noch darnieder— der Vertrag mit Rougemont— ha!“ „Jetzt kommt es!“ rief der Horcher. „O! wenn ich mich nur von dieſer Ueberzengung „ — ———— befreien— wenn ich nur glauben könnte, daß meine Seele, wenn auch ſchwer beladen, noch zu retten wäre, O! wenn ich dies nur zu hoffen wagen dürfte!“ „Ich muß ihn unterbrechen, wenn er auf dieſe Weiſe fortfährt,“ ſagte der Horcher. „Ob meine Verbrechen wirklich oder eingebildet ſind— ob ich den ſterbenden Lippen meines Urgroß⸗ vaters den Becher der Unſterblichkeit entriſſen— ob ich einen Vertrag mit dem Teufel unterzeichnet und ihm alle zehn Jahre ein Opfer überliefert habe, kann ich jetzt nicht wiſſen, aber wenn es ſo iſt, bereue ich es tief und bitterlich und würde meine Vergehungen durch ein Leben der Zerknirſchung abbüßen.“ In dieſem Augenblick kam Rougemont, in einer ähnlichen Kleidung wie der Gefangene, die Stufen her⸗ auf und rief: „He, Auriol!— Auriol Darcy!“ „Wer ſpricht da?“ fragte Anriol.„Ah! Ihr ſeid es, Teufel?“ „Was, Ihr ſeid noch in Euren alten Phantaſien befangen?“ verſetzte Rougemont.„Ich glaubte, der Trank, den ich Euch am letzten Abend gab, hätte Euch hergeſtellt.“ „Sagt mir, wer und was bin ich?“ rief Auriol in hohem Erſtaunen.„In welchem Jahrhundert lebe ich? Und bin ich bei richtigem Verſtande oder nicht?“ „Erſtens, heißt Ihr Auriol Darch,“ verſetzte Rougemont;„zweitens lebt Ihr unter der Regierung Seiner katyoliſchen Majeſtät Jakob des Erſten von Eng⸗ ———— ——— — 56— land, und des Sechsten von Schottland, und Drittens hoffe ich, daß Ihr bald Eure Vernunft wieder erlangen werdet.“ „Himmel!“ rief Auriol mit der geballten Fauſt vor ſeine Stirn ſchlagend.„So bin ich alſo wahnſin⸗ nig!“ „Es iſt klar, daß Eure Vernunft zurückkehrt, da Ihr Euch Eurer Lage bewußt ſeid,“ verſetzte Rouge⸗ mont;„aber beruhigt Euch, Ihr habt wüthend geraſt.“ „Und man hat mich der Sicherheit wegen hier ein⸗ geſchloſſen2“ fragte Auriol. „So iſt es,“ entgegnete der Andere. „Und Ihr ſeid?—“ „Euer Wächter,“ verſetzte Rougemont. „Mein Gott! welch ein Gehirn muß ich haben!“ rief Auriol.„Beantwortet mir eine Frage, giebt es eine Perſon, die Ebba Thorneyeroft heißt?“ „Ihr habt oft von ihr phantaſirt,“ verſetzte Rouge⸗ mont.„Aber ſie iſt nur ein Weſen Eurer Phantaſie.“ Auriol ſtöhnte und ſank wieder an den Pfeiler zurück. „Da Ihr ſo vernünftig geworden ſeid, ſollt Ihr wieder in die Welt hinaus;“ ſagte Rongemont;„aber der erſte Verſuch muß bei Nacht geſchehen, um kein Aufſehen zu erregen. Ich werde in einigen Stunden wieder zu Euch kommen. Lebt wohl für jetzt.“ Und einen unheimlichen Blick auf ſeinen Gefange⸗ nen werfend, wendete er ſich um, ſtieg die Stufen hin⸗ unter und verließ die Zelle. — Sechſtes Kapitel. Doktor Lamb noch einmal. Di Nacht kam und in der Zelle wurde es völlig dunkel. Auriol erwartete mit Ungeduld die Ankunft ſeines Wächters, aber eine Stunde nach der andern ver⸗ ging und er kam nicht. Von Zweifel und verwirrenden Gedanken gequält, wurde der unglückliche Gefangene von dem lebhaften Wunſche erfüllt, ſeine Qualen durch Selbſtmord zu enden, und er beſchloß, dieſen böſen Vorſatz unverzüglich auszuführen. Der Zufall ſchien ihn auch zu begünſtigen, denn kaum hatte er den Ge⸗ danken gefaßt, als er mit dem Fuße an etwas Klirren⸗ des ſtieß, und als er ſich niederbeugte, um es aufzuhe⸗ ben, ergriff er die bloße Klinge eines Meſſers. „Dies wird auf jeden Fall meine Zweifel löſen,“ rief er laut.„Ich will dieſe Waffe in mein Herz ſto⸗ —*— 5— ßen, und wenn ich ſterblich bin, wird mein Leiden en⸗ den.“ Als er ſo ſprach, ſetzte er die Spitze auf ſeine Bruſt, mit der vollen Abſicht, den Stoß zu thun, aber ehe er ſich die geringſte Wunde beibringen konnte, wurde ſein Arm gewaltſam zurückgehalten. „Wolltet Ihr Euch tödten, Wahnſinniger?“ brüllte eine Stimme.„Ich dachte, Eure Heftigkeit hätte ſich gelegt, und man könnte Euch mit Sicherheit hinauslaſ— ſen. Aber ich finde, daß es ſchlimmer mit Euch iſt, als je.“ Auriol ſtieß einen tiefen Seuſzer aus und ließ das Meſſer auf den Boden fallen. Der Angekommene ſtieß es mit ſeinem Fuße weg. „Ihr ſollt in ein anderes Gemach gebracht wer⸗ den,“ fuhr er fort,„wo man Euch ſtrenger bewachen kann.“ „Laßt mich hinaus— laßt mich hinaus!“ rief Auriol.„Es war ein bloßer Impuls der Verzweiflung, den ich jetzt bereue.“ „Ich wage nicht Euch zu trauen. Ihr werdet ei⸗ ne Handlung der unſinnigen Wuth begehen, weshalb ich mir ſelber Vorwürfe machen müßte. Als ich bei einer früheren Gelegenheit Eueren Bitten nachgab, und Euch hinausführte, konnte ich nur mit der größten Mühe verhindern, daß Ihr Allen, die Euch begegneten, ein Leid zugefügt.“ „Ich erinnere mich keines ſolchen Umſtandes,“ ent⸗ gegnete Auriol traurig.„Aber es mag dennoch wahr ——— —— ſein, und da beweiſt es nur den kläglichen Zuſtand, in dem ich mich befand, indem Gedächtniß und Vernunft mich verlaſſen hatten!“ „Ja, beide waren dahin,“ rief der Andere mit unwiderſtehlichem Lachen. „Ha!“ rief Auriol ſtutzend,„ich bin nicht ſo wahnſinnig, daß ich in Euch nicht das böſe Weſen er⸗ kennen ſollte, welches mich in Verſuchung geführt. Ich bin nicht ſo vergeßlich, daß ich unſere ſchrecklichen Un— terrevungen ſollte vergeſſen haben.“ „Was! ſeid Ihr wieder in Eurem Irrwahn?“ rief Rongemont wüthend.„Dann muß ich meine Diener herbeirufen und Euch binden laſſen.“ „Laßt mich in Ruhe— laßt mich in Ruhe!“ flehte Auriol,„ich will Euch nicht wieder beleidigen. Welche Gedanken auch in mir aufſteigen mögen, ich will ſie nicht ausſprechen. Führt mich nur hinaus.“ „Ich komme zu dem Zweck,“ ſagte Rongemont, „aber ich wiederhole, ich wage es nicht. Ihr vermöget Euch nicht hinreichend zu beherrſchen.“ „Stellt mich auf die Probe,“ ſagte Auriol. „Gut,“ verſetzte der Andere,„ich will ſehen, was ich thun kann, um Euch zu beruhigen.“ Hierauf entfernte er ſich auf einige Augenblicke und kehrte mit einer Fackel zurück, die er auf den Boden ſtellte. Dann brachte er eine Phiole zum Vorſchein und reichte ſie dem Gefangenen. „Trinkt!“ ſagte er. Auriol that es ohne Bedenken. —————ů— — 9— „Es ſcheint mehr ein aufregendes, als beruhigen⸗ des Getränk zu ſein,“ ſagte er, nachdem er die Phiole geleert hatte. „Ihr ſeid nicht in der Lage, darüber zu urtheilen,“ verſetzte der Andere. Und er begann Auriol's Kette zu löſen. „Nun, ſo folgt mir,“ ſagte er,„und macht kei⸗ nen Verſuch zur Flucht, ſonſt werdet Ihr es bereuen.“ Gleich einem Träumenden folgte Anriol ſeinem Führer die ſteinernen Stufen hinauf, die aus dem Ker⸗ ker führten, und dann den engen Gang dahin. Als er weiter ging, glaubte er leiſe Schritte hinter ſich zu hö⸗ ren; doch wendete er ſeinen Kopf nicht, um zu ſehen, ob man ihm wirklich folge. Auf dieſe Weiſe erreichten ſie eine kurze ſteile Treppe, die ſie hinaufſtiegen und dann in ein Gewölbe traten, wo Rougemont verweilte und die Fackel, die er mitgebracht, auf den Boden ſtellte. Der dunkelrothe Schimmer derſelben erleuchtete theilweiſe das Zimmer und zeigte, daß es von Stein gebaut war. Roh gearbeitete Bänke von alterthümlicher Form ſtanden rings im Gewölbe, und Auriol winkend, ſich auf eine derſelben niederzuſetzen, blies Rougemont auf einer ſilbernen Pfeife. Auf dieſe Aufforderung er⸗ ſchien ſogleich der Zwerg, in deſſen Anzuge eine neue Veränderung vorgegangen war. Er trug eine Jacke von grauem Wollenzeng, von demſelben Schnitt, wie ſie von den geringen Leuten zur Zeit der Eliſabeth getra⸗ gen wurde, und eine viereckige Mütze auf dem Kopfe. Auriol beobachtete ihn, als er ſich Rongemont furcht⸗ — ſam näherte, und hatte eine unbeſtimmte Erinnerung, ihn ſchon früher geſehen zu haben, doch konnte er ſich nicht beſinnen wie oder wo. „Iſt Euer Herr zu Bette?“ fragte Rougemont. „Zu Bette! O nein Herr!“ rief der Zwerg. „Doktor Lamb kennt wenig Ruhe. Er arbeitet an der Eſſe, bis die Sterne untergehen.“ „Doktor Lamb!“ wiederholte Auriol.„Den Na⸗ men habe ich doch gewiß ſchon früher gehört?“ „Sehr wahrſcheinlich,“ verſetzte Rougemont,„denn es iſt der Name, den Euer nächſter Verwandter führte.“ „Wie befindet ſich der arme junge Herr?“ fragte der Zwerg, Auriol mitleidig anſehend.„Mein Herr fragt oft nach ſeinem Enkel, und beklagt, daß der Zu⸗ ſtand ſeines Geiſtes es nöthig macht, ihn einzuſperren.“ „Sein Enkel! Ich Doktor Lamb's Enkel!“ rief Auriol. „Das ſeid Ihr freilich, junger Herr,“ entgegnete der Zwerg.„Wenn Ihr Eure Beſinnung hättet, wür⸗ det Ihr wiſſen, daß der Name meines Herrn mit dem Eurigen gleich iſt— Darey— Reginald Darcy. Er nimmt den Namen Doktor Lamb nur an, um die Menge zu täuſchen. Er ſagte es Euch ſelber, lieber Herr, wenn Euer verwirrter Geiſt Euch geſtattete, Euch deſſen zu erinnern.“ „Bin ich in einem Traume, guter Mann? Sagt mir das!“ rief Auriol im höchſten Erſtaunen. „Ach nein, Herr,“ verſetzte der Zwerg;„ſo viel ich weiß, ſeid Ihr völlig wach. Aber Ihr wißt, —— Herr,“ fügte er, ſeine Stirn berührend hinzu,„es iſt bei Euch nicht ganz richtig hier, und Euer Gedächtniß und Eure Vernunft ſind nicht die klarſten.“ „Wo wohnt mein Urgroßvater?“ fragte Auriol. „Nun, hier, Herr,“ verſetzte der Zwerg;„und was die Lokalität betrifft, ſo liegt das Haus am ſüdli— chen Ende der Londonbrücke.“ „Auf der Brücke— ſagtet Ihr auf der Brücke, Freund?“ rief Auriol. „Ja, auf der Brücke— wo ſollte es ſonſt ſein? Euer Urgroßvater ſollte doch wohl nicht unter dem Fluſſe wohnen?“ verſetzte der Zwerg;„obgleich, ſo viel ich weiß, einige von dieſen Gewölben unter denſelben führen mögen. Sie ſind feucht genug.“ Auriol verſank in Nachdenken und bemerkte ein Zeichen nicht, welches der Zwerg und Rougemont mit einander wechſelten. „Wird es Doktor Lamb ſtören, wenn ſein Enkel zu ihm hinaufgeht?“ ſagte der Letztere nach einer kurzen Pauſe. „Mein Herr läßt ſich nicht gern in ſeinen Opera⸗ tionen ſtören, wie Ihr wißt, Herr,“ verſetzte der Zwerg,„und er läßt außer mir ſelten Jemand in ſein Laboratorium eintreten; aber ich werde ſo frei ſein, Herrn Auriol zu ihm zu führen, wenn er es wünſcht.“ „Ihr werdet mir die größte Gunſt erweiſen, wenn Ihr das thut,“ rief Auriol aufſtehend. „Setzt Euch nieder— ſetzt Euch nieder!“ ſagte Rongemont gebieteriſch.„Ihr könnt nicht eher hinauf⸗ — 95— gehen, als bis der Doktor davon in Kenntniß geſetzt worden iſt. Bleibt hier, während Flapdragon und ich uns nach ſeinen Wünſchen erkundigen.“ Mit dieſen Worten verließ er mit dem Zwerge vermöge eines anderen Ausganges das Gemach. Wäh⸗ rend der kurzen Zeit, welche Anriol allein blieb, fand er es vergebens, ſeine Gedanken zu ordnen oder ſich zu übetzeugen, daß er nicht an einer ſeltſamen Täuſchung leide. Endlich wurde er von dem Zwerge erweckt, wel⸗ cher allein zurückkehrte. „Euer Urgroßvater will Euch ſehen,“ ſagte das Männchen. „Ein Wort, ehe wir gehen,“ rief Auriol, ſeinen Arm ergreifend. „Ihr Heiligen! wie bin ich erſchrocken!“ rief der Zwerg.„Ihr müßt ruhig und gefaßt ſein, ſonſt wage ich nicht, Euch zu meinem Herrn zu bringen.“ „Verzeiht mir,“ verſetzte Auriol;„ich wollte Euch nicht erſchrecken. Wo iſt die Perſon, die mich hieher brachte?“ „Was, Euer Wärter?“ fragte der Zwerg.„O! der iſt nicht weit. Er wird ſogleich wieder zu Euch zurückkehren. Nun folgt mir.“ Und die Fackel nehmend, führte er ihn aus dem Zimmer. Eine Wendeltreppe hinaufſteigend, die ſich in einem Thürmchen zu befinden ſchien, gelangten ſie zu einer Thür, die, als Flapdragon ſie öffnete, einen An⸗ blick gewährte, der Auriol vor Beſtürzung faſt verſtei⸗ nerte. — Es war daſſelbe Laboratorium, welches er vor länger als zwei Jahrhunderten geſehen hatte. Der Fußboden war mit alchymiſtiſchen Geräthen überſäet— der Tiſch mit myſtiſchen Pergamenten bedeckt, worauf kabbaliſtiſche Schriftzüge ſtanden— die Eſſe befand ſich im Winkel — Retorten und Schmelztiegel zierten das Kaminge⸗ ſimms— die Himmelskugel und die metallne Lampe hingen an der Decke— die Skelette grinſten hinter dem Vorhange hervor— Alles war, wie er es früher geſehen hatte! Da war auch Doktor Lamb in ſeinem weiten Gewande von ſchwarzer Seide; eine viereckige ſchwarze Mütze bedeckte ſein ehrwürdiges Haupt und ſein ſchneeweißer Bart reichte bis zu ſeinem Gürtel herunter. Der Blick des Greiſes war auf eine Retorte gerich⸗ tet, die auf der Eſſe ſtand, und er war beſchäftigt, den Blaſebalg in Bewegung zu ſetzen. Er wendete ſeinen Kopf herum, als Auriol ins Zimmer trat, und die Züge wurden ſichtbar. Es war ein Geſicht, welches man un⸗ möglich vergeſſen konnte. „Komm herein, mein Sohn,“ ſagte der Greis freundlich.„Komm herein und mache die Thür hinter Dir zu. Der Zug wirkt auf die Eſſe— auf meinen Athanor, wie wir Adepten ſagen. So befindeſt Du Dich alſo beſſer, wie Dein Wärter mir ſagt— viel beſſer?“ „Seid Ihr wirklich am Leben?“ rief Auriol, der wild auf ihn zuſtürzte und ſeine Hand ergreifen wollte. „Zurück— zurück!“ rief der Greis, ſich erſchrok⸗ ken zurückziehend.„Du ſtörſt mich in meinen Opera⸗ tionen. Halte ihn ruhig, Flapdragon, oder führe ihn weg. Er könnte mir Leid zufügen.“ „Ich habe keine ſolche Abſicht, Herr,“ ſagte Au⸗ riol;„in der That nicht. Ich wünſche mich nur zu über⸗ zeugen, ob Ihr wirklich mein bejahrter Verwandter ſeid.“ „Gewiß iſt er das, junger Herr,“ fiel der Zwerg ein.„Warum zweifelt Ihr daran?“ „O Herr,“ rief Auriol, ſich zu den Füßen des Greiſes werfend,„habt Mitleid mit mir, wenn ich wahnſinnig bin; aber gebt mir eine Erklärung, die dazu dienen kann, meinen Verſtand wieder herzuſtellen. Mein Geiſt ſcheint zerrüttet, doch bin ich fähig, Eindrücke von äußeren Gegenſtänden zu empfangen. Ich ſehe Euch und glaube Euch zu kennen. Ich ſehe dieſes Zimmer — die alchhmiſtiſchen Werkzeuge— jene Eſſe— dieſe verſchiedenen Gegenſtände— und ich glaube ſie zu er⸗ kennen. Täuſche ich mich, oder iſt dies wirklich?“ „Du täuſcheſt Dich nicht, mein Sohn,“ verſetzte der Greis.„Du wareſt ſchon früher in dieſem Zimmer und ſaheſt mich. Es würde nutzlos ſein, Dir jetzt zu erklären, wie Du an dieſem Fieber gelitten, und welche Viſionen Dein Delirium hervorgebracht. benn Du völlig wieder hergeſtellt biſt, wollen wir weiter von die⸗ ſer Sache reden.“ Und als er dies geſprochen hatte, begann er wieder, das Feuer anzublaſen und beobachtete anſcheinend mit großem Intereſſe die wechſelnden Farben in der Retorte, die auf dem Heerde ſtand. Auriol ſah ihn lebhaft an, konnte aber keinen an— Anriol. 2. Band. 7 — deren Blick erhaſchen, ſo eifrig war der Greis beſchäf— tigt. Endlich wagte er das Schweigen zu brechen. „Ich würde mich völlig überzengt fühlen, wenn ich aus jenem Fenſter blicken dürfte,“ ſagte er. „Ueberzengt, wovon?“ verſetzte der Greis ein wenig heftig. „Daß ich bin, was ich ſcheine,“ verſetzte Auriol. „So blicke denn hinaus,“ ſagte der Greis.„Aber ſtöre mich nicht durch eitles Geſchwätz. Die Roſafarbe iſt in der Projektion, worauf ich ſo lange gewartet habe.“ Dann ging Auriol zum Fenſter und blickte durch die bemalten Scheiben. Es war ſehr dunkel, und die Gegenſtände nur undeutlich zu unterſcheiden. Dennoch glaubte er unter ſich den Schimmer des Fluſſes und ei⸗ ne lange Häuſerreihe auf der Brücke zu bemerken. Er glaubte auch andere Gebände zu ſehen mit den hohen Dächern, den Giebeln und anderen architektoniſchen Ei⸗ genthümlichkeiten der Gebäude aus Eliſabeths Zeit. Er überredete ſich auch, er könne durch die Dunkelheit die ehrwürdige gothiſche Sankt Paulskathedrale auf der anderen Seite des Waſſers entdecken, und gleichſam um ihn zu überzeugen, daß er Recht habe, ſchlug eine tiefe feierliche Glocke die zweite Stunde. Nach einer Weile kehrte Auriol vom Fenſter zurück und ſagte zu ſeinem vermeintlichen Urgroßvater: „Ich bin befriedigt. Ich habe in wenigen Näch⸗ ten Jahrhunderte gelebt.“ Ende. 4 11 5 Anunhang. I. Der alte londoner Kaufmann. Eine Skizze. Iu jener feſtlichen Jahreszeit, wenn die Tage am kürzeſten und die Nächte am längſten ſind, und wo es folglich die unabänderliche Sitte aller verſtändigen Leute iſt, die Nacht in Tag zu verwandeln; wenn die Wag⸗ ſchale des Geſchäfts und Vergnügens ſich entſchieden zu dem letzten hinneigt; wenn in London Faſching gehalten wird und Alles das Vorherrſchen und den Einfluß der guten Speiſen und Getränke bezeichnet; wenn Paſteten⸗ bäcker in ihrer Glorie ſind und grüne Präſentirteller viel gefordert werden; wenn Laſtträger nnter dem Gewicht des Wildprets und ungeheurer Fäſſer mit Pökelfleiſch aus Canterbury faſt erliegen; wenn Züge aus den öſt⸗ lichen Grafſchaften, ſchwer beladen mit Welſchhühnern — — 12— und Haſen, ankommen; wenn Agenten in der Stadt ihren Korreſpondenten auf dem Lande Fäſſer mit Auſtern ſenden; wenn Anforderungen zu Gaben in die Weihnachts⸗ büchſe den Gleichmuth bei Tage beläſtigen und Muſikan⸗ ten(jene privilegirten Ruheſtörer, mit welchen uns un⸗ ſere Ehrfurcht vor den alten Sitten ſelbſt nicht ausſöh⸗ nen kann) unſeren erſten Schlummer in der Nacht un⸗ terbrechen; wenn mürriſche Chriſten erwachen und die Bande kleiner Sänger mit Krügen kalten Waſſers be⸗ grüßen; wenn ihr Nachbar gegenüber, der ſeinen Kopf mit der Nachtmütze aus dem Fenſter ſteckt und ſich mit einem Lachen der Befriedigung zurückzieht; wenn das Fleiſch bei Herrn Giblett in Bondſtreet, welches ſeit den letzten ſechs Wochen durch täglich zunehmende Fett⸗ ſch ichten ebenſo richtig wie der Kalender die Annäherung des Chriſtfeſtes angekündigt, den höchſten Grad der Fette erreicht hat; wenn eine bewundernde Menge ſich vor dem Hauſe des erwähnten Giblett verſammelt, um den Rumpf jenes Rieſenochſen zu betrachten, deſſen Fett durch den Kontraſt mit dem Immergrün, womit er ge⸗ ziert iſt, noch erhöht wird, ſo wie auch, um das Fett zu bewundern, womit die Seiten jenes Schaafes aus Leierſterſhire beladen ſind; wenn das Geſchäft des Ge⸗ würzhändlers ſehr lebhaft geht und man auf ſeinem La⸗ dentiſche Nichts weiter hört, als das Klirren der Wag⸗ ſchalen und das Abſchneiden des Bindfadens; wenn der Verkäufer von Leckerbiſſen, während er ſeine Citronen und Apfelſinen in den angemeſſenen Proportionen dem hübſchen Hausmädchen austheilt, in ſanftem und zucke⸗ — 103— rigem Tone von der Miſtel flüſtert; wenn der bevor⸗ ſtehende Dreikönigstag ſeinen Schatten vorauswirft und Herr Gunter doppelt ſeine Wichtigkeit fühlt; wenn Pan⸗ tomimen alle ihre magiſchen Reize entfalten ſollen und die Feiertage ſchon begonnen haben; wenn der Wetterprophet vorherſagt, daß es am Donnerſtag den erſten Januar heiteres und kaltes Wetter ſein wird, und plötzlich Thau⸗ wetter eintritt; wenn die Nachricht kommt, daß das Eis hält, was von einigen Eſelkarren beſtätigt wird, die mit zolldickem Eiſe angefüllt ſind, und was unbeſtreitbar erwieſen wird durch die Abladung ihrer kryſtallnen Laſt vor dem Hauſe des Herrn Grove, des Fiſchhändlers; wenn man feine junge Herren in Paletots oder Mackin⸗ toſhes, Schlittſchuhe in den Händen, Cigarren im Munde, enge Beinkleider und mit Pelz beſetzte Stiefel an ihren unteren Gliedern, Bakerſtreet hinauf zum Re⸗ gent's Park hineilen ſieht; wenn ein Zelt am Ufer des Serpentine aufgeſchlagen iſt und von den oben erwähn⸗ ten Schlittſchuhläufern in engen Beinkleidern und mit beſetzten Stiefeln eine Quadrille auf dem gefrorenen Waſſer aufgeführt wird; wenn die Mitglieder der Ret⸗ tungsgeſellſchaft Beſchäftigung finden für ihr Taue und Kähne; wenn die alte Themſe, die mehrere Monate über die Farbe ihrer Kleidung unſchlüſſig geweſen— bald ein graugelbes Kleid, bald einen orangefarbigen Mantel anlegen wollte— ſich endlich für ein weißes, durchſichtiges Gewand mit ſilbernen Beſatz entſchieden; wenn man auf dem Wege durch Harleyſtreet an den Lichtern im Geſellſchaftszimmer jedes dritten Hanſes, an ei — 104— den Schatten an den Jalouſien und vor Allem an den belebenden Tönen der Harfe und das Piano erkennt, daß die ſchöne Bewohnerin zu Hauſe iſt; wenn der Klopfer von Nr. 22 in Parkſtreet dem Klopfer von Nr. 25 antwortet; wenn eine Drehorgel und eine Volksme⸗ lodie das Ohr begrüßen, indem man Orfordſtreet be— tritt; wenn die Thüren der Ginpaläſte ſich beſtändig zu öffnen ſcheinen, um Leute herein, aber niemals, um ſie herauszulaſſen, und das Gebrüll des lärmenden Gelages aus der Schenkſtube ertönt; wenn verſchiedene Ausru⸗ fungen aus Höfen und Gängen erſchallen; wenn die Polizei weniger wachſam iſt, obgleich ihr Einſchreiten mehr als gewöhnlich erforderlich wäre, wenn ſtürmiſche Fröhlichkeit herrſcht, wenn ganz London trunken wird, kurz, wenn das Chriſtfeſt bevorſteht und Jedermann ge⸗ neigt iſt, ſich auf ſeine eigene Weiſe zu beluſtigen— zu dieſer Zeit der Heiterkeit und der Feſtlichkeiten war es, als eine frohe Geſellſchaft, in die ich den Leſer jetzt einzuführen im Begriff bin, in einem hübſchen kleinen Speiſezimmer eines hübſchen kleinen Hauſes, in der Nähe von Weſtminſter gelegen, verſammelt war. Wenn Jemand eine Eigenthümlichkeit des Charak⸗ ters beſitzt, ſo wird ſein Haus gewiß auch etwas davon annehmen. Das Zimmer, welches er beſtändig bewohnt, reflektirt ſein Bild ſo getren wie ein Spiegel; ja noch getreuer, denn es reflektirt ſeinen Geiſt wie ſeine Per⸗ ſon. Ein Blick in Nr. 22 am St. Jamesplatze würde den Leſer überzengen, daß der Bewohner ein Dichter iſt. Wir können den menſchlichen ſo wie den thieriſchen Lö⸗ —,——— —— ebh 8„ — ————————————— wen nach dem Anblick ſeiner Höhle beurtheilen. Das Zimmer bezeichnet den Mann. Beſucht es in ſeiner Abweſenheit, und Ihr könnt ein beſſeres Portrait von ihm entwerfen, als der Maler, deſſen lebendige Lein⸗ wand an der Wand hängt. Nach jenem abgenutzten Lehnſeſſel und den Pantoffeln— die Pantoffeln eines alten Mannes ſind nie zu verkennen— könnt Ihr ſein Alter berechnen; aus jenem verblichenen Brokatſchlafrock und jener grünen Sammetmütze könnt Ihr auf ſeine Geſtalt ſchließen; aus der Menge der Spiegel könnt Ihr ſogleich erkennen, daß er ſeine Eitelkeit vder ſein gutes Ausſehen noch nicht verloren hat; jener Stock mit goldenem Knopfe zeigt Euch ſeine Haltung— es iſt kein Stock mit einem Krückenhandgriff, ſondern ein leichter Stock, um ihn gewandt zu ſchwingen; jenes Brillenfutteral von Chagrin, jene ciſelirte ſilberne Schnupf⸗ tabaksdoſe, auf deren Deckel Jupiter und Leda zierlich und üppig dargeſtellt ſind, jenes ſchöne Porzellan, jene prächtigen berliner Geſchirre, jene ſeltenen Bronzefiguren, halb verzehrt von Grünſpan, jene kleinen ägyptiſchen Bilder, jene Thränenurne, jener Aſchenkrug, jener Stein vom Coliſeum, jenes gewürfelte, verſchiedenfarbige Stein⸗ pflaſter von Pompeji und eine Menge anderer Selten⸗ heiten liefern einen unverkennbaren Beweis von ſeinem Geſchmack und ſeinen Gewohnheiten und zeigen, daß er ein Mitglied der archäologiſchen Geſellſchaft iſt, während jener offene Band von Sir Thomas Urquhart's„Rabe⸗ lais,“ herausgegeben vom Abbotsford⸗Club, Euch die Richtung ſeiner Studien und die„Morning Poſt“ die — 106— Richtung ſeiner Politik angiebt; jene Flöte und jene doten bezeugen den Zuſtand ſeiner Lunge, und jene zierliche Abſchrift von Verſen, deren Dinte kaum trocken iſt, giebt die Beſchäftigung ſeiner Gedanken zu erkennen. Die Thür geht auf und ein alter Herr tritt ein, der genau Eurer vorgefaßten Anſicht entſpricht. Ihr bedürſt keiner Vorſtellung. Ihr habt ſeine Bekanntſchaft ſchon vor einer halben Stunde gemacht. Das Zimmer, in welches wir einzutreten im Be⸗ griff ſind, gab vollſtändig den Geiſt und Charakter ſei⸗ nes Bewohners, des Sir Lionel Flamſtead, kund. Ich habe es ein Speiſczimmer genannt wegen ſeiner gewöhn⸗ lichen Anwendung zu ſolchen Zwecken; aber es hatte vielmehr das Anſehen einer Bibliothek oder eines Stu⸗ dirzimmers. Es war ein kleines bequemes Zimmer, ge— rade groß genug, ſo daß ein halbes Dutzend Perſonen darin Platz hatte, obgleich man bei gehöriger Anord⸗ nung wohl ſchon doppelt ſo viel in dem engen Raum zuſammengedrängt hatte. Die Wände waren mit inter⸗ eſſanten alten Kupferſtichen, Karten und Plänen in al⸗ ten ſchwarzen wurmſtichigen Rahmen verziert und ſtellten verſchiedene Perſonen, Orte und Gebäude dar, die ſich auf London und deſſen Geſchichte bezogen. Ueber dem Kamin war Vertue's Kopie des be⸗ rühmten Planes unſerer großen Hauptſtadt von Ralph Aggas ausgebreitet, der zu Anfang der Regierung der Eliſabeth angefertigt worden, oder viellcicht noch ein wenig früher, als es noch keine ſo große Hauptſtadt war, wie zur gegenwärtigen Zeit, und als Novelliſten, — 107— Publieiſten, Cabmänner, Omnibuskondukteurs und an⸗ dere berühmte Perſonen noch ungeboren und unbekannt waren; als St. Giles, anſtatt ſeines geheimnißvollen dädaliſchen Labyrinths aus einer kleinen Gruppe von Landhäuſern, von einem Ulmenwäldchen umgeben, be⸗ ſtand; als eine mit Thürmchen verſehene Mauer die City von Oldgate bis Greyfriars umgab; als Jagd⸗ hunde in Finsburh Fields gehalten wurden und Bogen⸗ ſchützen ſich in der Umgebung des Spitals umhertrie⸗ ben; wo der, welcher weſtwärts von Charing Croß ſchlenderte, weder Opernhaus noch Clubhaus erblickte, ſondern einen ländlichen Weg mit einer Scheune an dem einen und eine Menge Heuwagen und Heuſchober an dem andern Ende, wo nur eine Brücke über die Themſe führte, und dieſe Brücke wie eine Straße und die Straße ſelbſt wie eine Reihe von Paläſten ausſah. Zur Rech⸗ ten von dieſem Plane hing ein Portrait von Will So⸗ mers, dem Hofnarren Heinrich des Achten nach dem Gemälde von Holbein, zur Linken ein Kupferſtich von Geoffrey Hudſon, dem zwerghaften Diener Henrietta Maria's. Dieſe Niſche war den Portraits des erwähn⸗ ten trotzigen Königs und ſeiner ſechs Gemahlinnen ge— widmet; jene dagegen dem melancholiſchen Karl und ſei⸗ ner Familie. Hier bildete die große Feuersbrunſt von 1666 mit ihren ſchwarzen Giebeln, die gegen die blut⸗ rothe Flammenmaſſe abſtachen, einen angenehmen Kon⸗ traſt zu dem Jahrmarkte, der 1684 auf dem Eiſe der Themſe gehalten wurde, wo man mit Wagen zwiſchen den Reihen der Buden durchfuhr und zur unendlichen Ergötzlichkeit der Bürger ein Ochſe auf dem Waſſer ge⸗ praten wurde. Dort erhob die alte St. Paulskirche, nach den Worten Victor Hugo's,„eins von jenen ſo bewundernswürdigen und unerſetzlichen gothiſchen Monu⸗ menten,“ ſo ſchlecht erſetzt durch die moderne Nachah⸗ mung des herrlichen Tempels St. Peter's in Rom, ihren ehrwürdigen Thurm, nicht ihre Kuppel, zum Himmel. Zunächſt nach der St. Paulskirche kam die ehrwürdige Abtei von Weſtminſter, abgebildet, ehe ſie durch die von Wren hinzugefügten Thürme entſtellt worden, und nach der Abtei kam die nahe und prächtige Halle. Mehrere Pläne und Anſichten des Tower von London, wie er ſich zu verſchiedenen Zeiten dargeſtellt, nahmen an ſich einen Winkel ein, und dann kam eine kange Reihe von Gaſthäuſern und Schenken, von dem Waffenrock in Spouthwark, dem Cberkopf in Eaſtcheap und dem Ten⸗ fel in der Nähe von Templebar, durch die Poeſie un⸗ ſterblich gemacht, bis zu dem Pferdekopf in Cheapſide, berühmt wegen der Sage von der Einweihung der pro⸗ teſtantiſchen Biſchöfe in 1559; dort ſah man auch: in Billingsgate die Begrüßung, den Eberkopf in der Nähe von London Stone, den Schwan bei Dowgate, eine wohlbekannte Schenke, die Mitra in Cheap und den Stierkopf, und viele andere Orte, welche die Naſen roth machen; den Eberkopf in Old Fiſhſtreet, drei Kro⸗ nen im Vintry, und nun in letzter Zeit St. Martin's in Sentree, die Windmühle in Lothbury, das Schiff bei der Börſe, King's Head in New Fiſhſtreet, das Marmaid auf Cornhill, Red Lion am Strand; drei — 109— Tonnen in Newgate Market und in Old Fiſhſtreet den Schwan. In der Nähe dieſer Beluſtigungsorte befanden ſich andere von verſchiedener Art, als zum Beiſpiel das Globustheater, wie es geweſen, als Shakſpeare— wie unleidlich iſt Herrn Knight's Orthographie(Shakſperch dieſes verehrten Namens die Bühne betrat; das könig⸗ liche Schauſpielhaus aus Karl des Zweiten Zeit; der Bärengarten mit ſeiner im Winde wehenden Flagge und die Folly, wie ſie einſt auf den Fluſſe umhertrieb dem alten Somerſet Houſe gegenüber. Dann kamen die Hallen, mit. Guildhall beginnend und mit Old Skinner endend. Dann kommen die Kreuze, von Paul's bis Charing; dann die Kirchen, Thore, Hoſpitäler, Kolle⸗ gien, Gefängniſſe, Irrenhäuſer, Gerichtshöfe— kurz, denn es iſt unnöthig weitere Einzelnheiten anzugeben, London und ſeine tanſend Erinnerungen erhoben ſich vor den Augen des Beſchauers. Kaum ein altes Gebäude fehlte, woran ſich eine hiſtoriſche Ueberlieferung knüpfte — und welchem Gebäude des alten London fehlte es an ſolchen Ueberlieferungen? Auch fehlten die Großen der alten Zeit nicht— die Geiſter, die dieſen verfallenen oder verfallenden Gebäuden Intereſſe oder Dauer ver⸗ liehen. Aber ich will nicht bei der Aufzählung ihrer Portraits verweilen oder ein Verzeichniß liefern, ſo lang wie die Aufzählung von Homers Schiffen oder die Gal⸗ lerie des Herrn Lodge. Ich denke, es iſt genug geſagt, um dem Leſer einen Begriff von der inneren Einrichtung des Zimmers zu gewähren. Aber ich darf den Inhalt — 110— jener ſchwer beladenen Bücherregale nicht übergehen. Jene ſtarken Foliobände enthalten die Chroniken von Holinſhed und Hall, von Grafton, Fabian und Stow, von Mathew von Paris und Mathew von Weſtminſter. Der Leſer wird vor dem gewichtigen Umfang dieſer bewun⸗ dernswürdigen alten Geſchichtſchreiber nicht zurückbeben noch ſich von dem alten Druck abſchrecken laſſen, wenn er zufällig einen Band öffnen ſollte. Ihre Friſche und maleriſche Umſtändlichkeit wird ihn überraſchen und er⸗ götzen. Aus dieſer reichen Fundgrube ſchöpfte Shak⸗ ſpeare manches von ſeinem reinſten Golde. Ueber dem Bücherregale ſteht eine einzige Büſte. Es iſt die ei⸗ nes neueren Gelehrten.— Die eines Liebhabers von London und eines londoner Charakters. Es iſt Dok⸗ tor Johnſon. Nachdem ich die Ueberſicht des Zimmers vollendet habe, will ich jetzt zu den darin befindlichen Perſonen übergehen. Dieſer waren fünf— ſämmtlich joviale Leute — die um einen runden Speiſetiſch ſaßen, der mit Gläſern und Flaſchen bedeckt war, wobei wir eine mäch⸗ tige Kanne mit Rothwein und eine tiefe porzellanene Punſchbowle nicht vergeſſen dürfen. Sie waren in vol⸗ lem Fluſſe ihrer Heiterkeit und Geſelligkeit und ergötzten ſich, wie wackere Männer ſich um dieſe Jahreszeit zu ergötzen pflegen. Der Portwein war köſtlich— alt wie die Sankt Paulskirche, wollte ich ſagen— doch nicht ganz ſo alt, aber gerade alt genug; der Rothwein war Rektar, oder was noch beſſer iſt, es war Lafitte — der Punſch war ein Getränk für Götter. Bei den — 111— Scherzen dieſer Geſellſchaft hätten wir berſten müſſen— ihr Gelächter würde dieſelbe Wirkung auf unſere Ohren hervorgebracht haben. Nie hörte man ſo herzliche und anhaltende Ausbrüche der Heiterkeit. Man wunderte ſich nur, wie ſie Zeit fanden zu trinken, ſo raſch folgte ein Scherz und ein Gelächter dem anderen. Daß ſie tranken, war indeſſen klar; daß ſie getrunken hatten, war ebenſo gewiß, und daß ſie ihr Trinken fortzuſetzen beabſichtigten, lag gleichfalls in den Grenzen der Wahrſcheinlichkeit. Sir Lionel Flamſtead war ein Kaufmann, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen— einer von jenen hochherzigen, biederen Handelsherrn, auf welche unſere Stadt einſt mit Recht ſo ſtolz war, und von welchen in dieſen Tagen des Eiſenbahnſchwindels und anderer hirnverrückten Spekulationen ſo wenige zu finden ſind. Sein Wort war ſein Unterpfand— einmal gegeben, war es hinreichend; ſeine Accrpte wurden für ebenſo ſicher gehalten wie die Bank von England. Wäre Sir Thomas Greſham aus ſeiner Niſche herabgeſtiegen, hätte er nicht mit größerer Rückſicht behandelt werden können, als Sir Lionel, wenn er auf der Börſe erſchien. Die Angen Aller folgten den Bewegungen ſeiner großen und ſtattlichen Figur— Alle nahmen die Hüte ab bei ſeiner höflichen aber ceremoniöſen Begrüßung. Freundlich aber abgemeſſen und mit einem Anfluge von der Pedanterie der alten Schule, gewann ihm ſein Weſen allgemeine Rückſicht und Achtung ſelbſt bei denen, die ihm unbe⸗ kannt waren. Von ſeinen vertrauten Freunden wurde er verehrt. Seine Gewohnheiten war ſo regelmäßig wie — 112— ein Uhrwerk und das Glas Punſch bei Tom oder die Taſſe Bouillon bei Birch reſtaurirten ihn für den Tag. Sein Anzug war ebenſo förmlich wie ſeine Manieren, denn er war eine Verbeſſerung des vor fünfundzwanzig Jahren gangbaren Koſtüms. Er hatte nicht ohne gro⸗ ßes Widerſtreben eingewilligt, ſeine unteren Glieder mit dem unausſprechlichen Kleidungsſtück der neueren Mode zu bekleiden; aber er blieb entſchloſſen bei dem Zopfe. Es liegt, beiläufig geſagt, etwas in einem Zopfe, woran alte Herren ungeachtet aller Vorſtellungen mit der Be⸗ harrlichkeit eines Liebhabers hangen. Gebt nur Eurem Großonkel oder Eurem Großvater einen Wink von der Angemeſſenheit, ihn abzuſchneiden, ſo könnt Ihr gewiß ſcin, enterbt zu werden. Wie dem auch ſei, Sir Lio⸗ nel band ſeine Locken, einſt ſo ſchwarz wie das Band, welches ſie zuſammenhielt, aber jetzt dicht mit den ſilber⸗ nen Blüthen des Grabes überſüet, in einen Knoten zu⸗ ſammen und ließ ſie einige Zoll über ſeinen Kragen hin⸗ unterhängen. Seine Schuhe waren ſehr glänzend und ſein Hut ſo glatt gebürſtet, daß der Wind ſich ihm nicht zu nähern wagte. Sir Lionel trug ein weißes un⸗ geſtärktes Halstuch mit einer großen Schleife und ließ das Jabot über ſeine Weſte hervorragen, hielt einen ſchwarzen Stock von Ebenholz in der Hand und war gewöhnlich von einem Mopshunde, einem der klügſten und unangenehmſten Eremplare ſeiner Gattung, begleitet. Sir Lionel Flamſtead war, wie geſagt groß— ich hätte ſagen ſollen ſehr groß— ein wenig ſchmäler in den Schultern als in den Hüften— was nicht beſon⸗ —,—————— ——————— — 4113— ders zu ſeiner Symmetrie beitrug— mit grauen, wohl⸗ wollenden Augen, von buſchigen, geiſtreichen Augenbrauen beſchattet— mit einer hohen, breiten Stirn, worin, nach der Sprache der Schädellehrer zu reden, die Or⸗ gane der Lokalität und Idealität ſtark entwickelt waren, und welche dadurch um ſo mehr hervortrat, daß das Fleiſch auf keiden Seiten der Schläfen eingefallen war mit einer Naſe, die man in ſeiner Jugend für ſchön und wohl proportionirt gehalten, welcher aber das gute Leben die Form und Farbe der Flaſche mitgetheilt hatte — und mit Wangen, von welchen jede Spur eines Backenbartes ſorgfältig entfernt war, wahrſcheinlich da⸗ mit man ihre roſige Farbe von ihrem Urſprunge an der Naſe bis zu ihrem endlichen Verſchwinden hinter den Ohren möge verfolgen können. Dies war Sir Lionel Flamſtead. Auriol. 2. Band. 8 —— — n— 4„ e ———————— IH. Ein nächtliches Abentener in Rom. ———— —————— * 5 3 . *„ 2 3 1 3 3 3 —— ————— Erſtes Kapitel. Santn Maria Maggiore. Der Papſt hielt eine Meſſe ab An des Apoſtels Tage, Mit jener Macht, die Petrus gab, Die Sünden abzuwaſchen. Der Papſt, er ſpricht die heilige Meſſ“, Und alles Volk kniet in der Rund; Die Sünd' von jedem Chriſten weicht, So wie er küßt den heiligen Grund. Der graue Mönch. Ais ich im Auguſt 1830 in Rom war, beſuchte ich während der Feier der Himmelfahrt Maria die präch⸗ tige Kirche Santa Maria Maggiore. Es war ein herrlicher Anblick für Einen, der nicht an die impoſanten religöſen Ceremonien der römiſchen 8—————————— ——————————— 2——————— 2 — 118—. Kirche gewöhnt iſt, Zeuge zu ſein von all dem Prunk und Glanz, der bei dieſer hohen Feierlichkeit zur Schau geſtellt wird— jenen ſchimmernden Raum hinunter zu blicken, und die verſchiedenen geiſtlichen Würdenträger, jeden in ſeinem eigenthümlichen und charakteriſtiſchen Ko⸗ ſtüm zu beachten, mit der Ausübung ihrer geheiligten Funktionen beſchäftigt und von einem weiten Halbkreiſe der päpſtlichen Garde umgeben, die ſo aufgeſtellt iſt, um die Menge zurückzuhalten, und die in ihrem ſcheinenden ſcharlachrothen Aufzuge und ihren hohen Hellebarden den kriegeriſchen Figuren glichen, die wir auf den Skizzen Callot's ſehen. Auch wurde der glänzende Effekt dieſes Bildes nicht vermindert durch den prächtigen Rahmen, in den es gefaßt war. Darüber flammte eine von Gold ſtrahlende Decke; vor mir erhob ſich ein Baldachin, von Porphyrſänlen getragen und ſchimmernd von vielfarbigen Steinen, während ſich zu beiden Seiten Kapellen befan⸗ den, die irgend einem adligen Hauſe gewidmet waren und wovon jede das marmorne Denkmal eines Papſtes zeigte. Von Zeit zu Zeit wurden melodiſche Meſſen, die dem Gottesdienſte angemeſſen waren, von dem päpſt⸗ lichen Chor geſungen, und hundert Rauchfäſſer verbreite⸗ ten betäubende Wohlgerüche. Von den Wohlgerüchen, von der Muſik und dem Schauſpiel überwältigt, verſank ich in einen Zuſtand der träumeriſchen Begeiſterung, während deſſen ich mir faſt einbildete, zu dem katholiſchen Glauben übergetreten zn ſein, und mich ohne Bedenken der Bewunderung de — 119— Irrthümer deſſelben hingab. Als ich mich unter der umgebenden Menge umſah, überzeugte mich der Anblick ſo vieler hingeſtreckter Figuren, alle in der Stellung der tiefſten Andacht, von dem mächtigen religiöſen Eindruck der Ceremonien. Wie anderswo war dieſes Gefühl nicht allgemein, und wie anderswo zeigten die niederen Klaſ⸗ ſen der Geſellſchaft mehr Eiſer, als die höheren; und unter den letzteren bemerkte ich von Zeit zu Zeit das Schimmern eines Auges oder das Wallen eines Buſens, welches, wie ich vermuthe, nicht von heiligen Gefühlen allein eiregt wurde. Aber im Ganzen glaubte ich nie eine ſolche Hingebung der Seele, eine ſolche De⸗ müthigung des Geiſtes in meinem eigenen kälteren Himmelsſtriche und während der Ausübung unſeres be⸗ ſchränkteren Ritus bemerkt zu haben, wie ich jetzt in mehreren Fällen erblickte, und ich beneidete faſt das arme Mädchen neben mir, welches, am Boden liegend, ihre Sorgen und vielleicht auch ihre Sünden mit Thränen der Zerknirſchung abwuſch. Als ſolche Gedanken durch meinen Geiſt dahinzo⸗ gen, fand ich Vergnügen daran, beſondere Figuren und Gruppen zu beobachten, die mich wegen der Eigenthüm⸗ lichkeit ihres Koſtüms oder der Glut ihrer Andacht inter⸗ eſſirten. Unter anderen bemerkte ich, ein wenig zur Linken eine Schaar von Bergbewohnern aus Calabrien, denn dafür hielt ich ſie nach ihrer wilden und maleri— ſchen Kleidung. Jeder von dieſer ländlichen Gruppe — empfand einen tiefen Eindruck von den Ceremonien. Je⸗ — a— des Ange war demüthig niedergeſchlagen; jedes Knie gebogen, jede Hand entweder mit dem Roſenkranze be⸗ ſchäftigt oder inbrünſtig über die bloße braune Bruſt gekreuzt. Während ich dieſe Gruppe betrachtete, bemerkte ich einen Mann, den ich vorher noch nicht beachtet hatte, und der jetzt unwiderſtehlich meine Aufmerkſamkeit feſ— ſelte. Obgleich ein wenig entfernt von den calabreſiſchen Bergbewohnern, und an die marmorne Kirchenwand ge⸗ lehnt, gehörte er doch offenbar derſelben Geſellſchaft an; wenigſtens ſchien ſein Anzug dies anzudeuten, obgleich ſein Geſicht einen viel edleren Schnitt hatte, als das ſeiner Kameraden. Er war ein Greis mit einem ſchö⸗ nen antik römiſchen Geſichte— einem kühnen Umriſſe der vorragenden Naſe, mit gefurchter und gebieteriſcher Stirn und ſtolz geformtem Kinn. Sein Kopf und Kinn, ſo wie ſeine bloße Bruſt, waren mit dem Schnee manches Winters bedeckt, und das Silbergraue derſelben bildete einen ſeltſamen Kontraſt zu der braunen Farbe der Haut, die faſt ſo dunkel und glänzend war, wie polirtes Eichenholz. Obgleich Landmann, lag etwas Großartiges und Majeſtätiſches in dem Weſen und der Phyſiognomie des Greiſes. Sein Kopf neigte ſich rück⸗ wärts, ſo daß ſein langer und kräſtiger Hals völlig ſichtbar war. Seine Arme hingen nachläſſig an ſeiner Seite nieder; die eine Hand berührte das ſteinerne Pfla⸗ ſter, die andere hatte er in den Buſen geſteckt; ſeine Augen waren geſchloſſen. Die Kleidung des Greiſes war vom gröbſten Stoffe; er trug wenig mehr, als ein ———— + 1— Hemd, ein weites Wamms, einen Mantel von Schaf⸗ fellen und Gamaſchen von grober Leinwand, die mit ledernen Riemen zuſammengebunden waren. Seine äu⸗ ßere Erſcheinung war indeſſen über ſeiner Lage; er trug ſeine Lumpen eben ſo ſtolz, wie ein Fürſt ſeinen Her⸗ melinmantel würde getragen haben. Je mehr ich die ſtrengen Linien in dem Geſichte des Greiſes prüfte, überzeugte ich mich, daß viele ſelt⸗ ſame und vielleicht nicht ganz ſchuldloſe Ereigniſſe mit ſeiner Geſchichte in Verbindung ſtanden. Er hielt den Roſenkranz in der Hand, das Kreuz auf ſeiner Bruſt, doch bewegte er die Kügelchen nicht und kein Hauch des Gebets kam von ſeinen Lippen. Warum kam er dort⸗ hin, wenn er nicht zu beten wagte? Warum nahm er eine büßende Stellung an, wenn er keine Reue em⸗ pfand? Ich vertiefte mich ſo ſehr in die Betrachtung des Geſichts des Greiſes, daß ich kaum bemerkte, daß die Meſſe beendet war und die Menge in dem geheiligten Gebände ſich raſch zerſtreute. Die Muſik verſtummte, die Prälaten in ihren prächtigen Gewändern waren ver⸗ ſchwunden, geſchmückte Damen eilten die mit Marmor gepflaſterten Gänge dahin zu ihren Equipagen. Alle entfernten ſich, außer einigen knicenden Geſtalten in der Nähe der Kapellen, und der Greis, welcher aus dem um ihn her herrſchenden Geräuſch erkannte, daß die Ceremonie beendet war, ſtreckte ſeinen Arm nach einem von ſeinen Begleitern, einem Jünglinge, aus, der zu . * — 11— ihm kam, und bereitete ſich dann, den Uebrigen zu fol⸗ gen. War er wirklich blind? Gewiß nicht. Ueberdies ging er nicht wie ein Menſch, der an das größte Un⸗ glück gewöhnt iſt, welches unſerer Natur begegnen kann. Er ſchwankte in ſeinem Gange und taumelte hin und her. Aber warum wagte er ſeine Angen in dem Tem⸗ pel des Höchſten nicht zu öffnen? Was hätte ich nicht darum gegeben, mit ſeiner Geſchichte bekannt zu wer⸗ den! denn ich fühlte, daß es eine ſeltſame ſein mußte. Ich konnte ſogleich meine Neugierde befriedigen. Er bewegte ſich, von ſeinen Kameraden geleitet, lang⸗ ſam vorwärts. In wenigen Sekunden mochte es zu ſpät und er aus meinen Augen verſchwunden ſein. Mit haſtigen Schritten folgte ich ihm den Gang hinun⸗ ter und faßte mit einiger Heftigkeit ſeine Schulter. Der Greis ſtutzte bei der Berührung und wendete ſich um. Jetzt waren ſeine Augen weit geöffnet und blickten mich ſprühend an— und welche Augen! Bis⸗ her hatte ich nur von ſolchen geträumt. Das Alter hatte ihren Glanz nicht ausgelöſcht und ich erbebte bei den wilden Blicken, die er auf mich warf. Aber wenn ich anfangs von dem Zorne überraſcht war, den ich in ihm erregt hatte, wie viel mehr erſtannte ich, den gan⸗ zen Ansdruck ſeines Geſichts plötzlich verändert zu ſehen. Seine Augen waren noch wie die eines Baſilisken auf die meinigen gerichtet. Er konnte ſie, wie es ſchien, nicht von mir abwenden, während ſcine ganze Geſtalt von Anfregung erbebte. Ich näherte mich ihn; er wich — 123— zurück, und hätte ihn ſein Begleiter nicht unterſtützt, würde er auf das Steinpflaſter niedergefallen ſein. Da ich nicht wußte, wie ich ihm ſolche Unruhe verurſacht haben ſollte, eilte ich dem Greiſe zu Hülfe, als ſein Sohn, denn das war er, wie ſich ſpäter zeigte, mich rauh zurückſtieß und mit der Hand nach ſeinem Gürtel griff, als ſuchte er ein Mittel, das weitere Ein⸗ ſchreiten zu verhindern. Inzwiſchen hatte ſich die Gruppe durch die Ankunft einer neuen handelnden Perſon vermehrt, die durch das Geſchrei des Grriſes beim Fallen herbeigelockt wurde. Der Neuankommende war ein italieniſcher Herr, ein we— nig vorgerückt in Jahren, von ſtrengem und ſtattlichem Benehmen und mit unheimlichem und abſtoßendem An⸗ ſehen. Er eilte auf den Greis zu, blieb aber plötzlich ſtehen und war im Begriffe, ſich zu entfernen, als er meinem Blicke begegnete. Als wir einander anſahen, ſtutzte er, und ein ebenſo plötzlicher und lebhaſter Schrecken, wie der Greis gezeigt hatte, gab ſich in ſei⸗ nen Zügen zu erkennen. Meine Ueberraſchung war jetzt grenzenlos und ich blieb einige Augenblicke ſprachlos vor Erſtaunen. Nicht wenig von dem Schrecken, den der Greis und der frem⸗ de Herr zeigten, theilte ſich mir mit. Wir bildeten ein geheimnißvolles und ſchreckliches Dreieck, wovon jede Seite eine ſeltſame und unerklärliche Beziehung zu der anderen hatte. Der fremde Herr erlangte zuerſt ſeine Faſſung wie⸗ der, obgleich nicht ohne Anſtrengung. Sich kalt von axMeehtn——— ———— 2 — 124— niir wendend, ging er auf den Greis zu und ſchüttelte ihn heftig. Der Letztere bebte vor ſeiner Hand zurück und ſuchte ihm auszuweichen; aber es war unmöglich. Der Fremde flüſterte ihm einige Worte ins Ohr, deren Inhalt ich errathen konnte, da die Geberden gegen mich gerichtet waren. Der Greis antwortete. Indem er dies that, zeigte er ſich flehend und verzweifelnd. Der Fremde entgegnete auf wilde und heftige Weiſe und ſtampfte ſogar auf den Boden; aber der Greis umfaßte noch ſeine Knie. „Schwacher, abergläubiſcher Thor!“ rief endlich der Fremde,„ich will nicht mehr Worte an Dich ver⸗ ſchwenden. Thue oder ſprich, was Du willſt, aber hüte Dich!“ Und ihn hochmüthig mit dem Fuße zurückſtoßend, ſchritt er davon. Das ehrwürdige Haupt des Greiſes ſchlug auf den marmornen Fußboden. Seine Schläfe wurden von dem Falle verletzt und das Blut ſtrömte aus der Wunde. Als er wieder zu ſich kam, ſprang er auf— augenblick⸗ lich hatte er ein Meſſer in der Hand und würde ſeinen Gegner angegriffen und ohne Zweifel getödtet haben, wäre er nicht von ſeinem Sohne und einem Prieſter, der ſich ihnen angeſchloſſen, gewaltſam zurückgehalten worden. „Fluch!“ rief der Greis,„ein Stoß von ihm— von jener Hand! Ich will ihn tödten, und wäre es an den Stufen des Altars; und hätte er tauſend Leben, jedes ſollte dafür zahlen. Laß mich los, Paolo! laß mich los! um des Himmels willen! Er muß ſter⸗ ben!“ „Beruhigt Euch, Vater!“ rief der Sohn, noch mit ihm ringend. „Du biſt nicht mein Sohn, meine Rache zu ver⸗ hindern!“ rief der erzürnte Vater.„Siehſt Du nicht dieſes Blut— mein Blut— Deines Vaters Blut?— und Du hältſt mich zurück! Du hätteſt ihn zu Boden ſchlagen ſollen für die That— aber es war ein Vor⸗ nehmer, und Du wagteſt nicht, Deine Hand gegen ihn zu erheben!“ „Hätte ich ihn an dieſem heiligen Orte erſchlagen ſollen?“ rief Paolo, vor Zorn und unterdrückter Ge⸗ müthsbewegung roth werdend. „Nein, nein,“ verſetzte der Greis mit veränderter Stimme,„nicht hier, nicht hier, obgleich es nur eine gerechte Wiedervergeltung wärc. Aber ich will ſchon ein anderes Mittel zur Rache finden. Ich will ihn an⸗ geben— ich will Alles verrathen, und wenn es mir mein eigenes Leben koſtete! Er ſoll durch die Hand des Henkers ſterben— da iſt einer, der für mich zeugen wird!“ Und er deutete auf mich. Ich näherte mich ihm wieder. „Wenn Du etwas mitzutheilen haſt, was die hei⸗ lige Kirche angeht, ſo bin ich bereit, Dich anzuhören, mein Sohn,“ ſagte der Prieſter,„aber bedenke Dich wohl, ehe Du eine Anklage gegen einen Mann erhebſi, — 4e6— der ſo hoch in der Achtung der Kirche ſteht, und Dn möchteſt nicht im Stande ſein, ſie zu beweiſen.“ Der Sohn warf dem Vater einen bedeutungsvollen Blick zu und flüſterte ihm Etwas ins Ohr. Der Greis wurde plötzlich ruhig. „Recht, recht,“ ſagte er;„ich habe mich bedacht. Es war nur ein Stoß. Er iſt reich und ich bin arm; in Rom iſt keine Gerechtigkeit für die Armen.“ „Meine Börſe ſteht zu Euren Dienſten,“ ſagte ich einſchreitend.„Auf meinen Beiſtand könnt Ihr rech⸗ nen.“ „Auf Ihren Beiſtand!“ wiederholte der Greis, mich anſtarrend;„wollen Sie mir beiſtehen, Signor?“ „Das will ich.“ „Genug. Ich werde Sie an Ihr Verſprechen er⸗ innern.“ „Halt, alter Mann,“ ſagte ich,„beantwortet mir eine Frage, ehe Ihr Euch entfernt. Welches war eben der Grund Eures Schreckens?“ „Sie ſollen es ſpäter erfahren, Signor,“ ſagte er; „ich muß jetzt gehen. Folgen Sie mir nicht,“ fügte er hinzu, als er ſah, daß ich die weitere Erklärung des Geheimniſſes wünſchte.„Sie werden jetzt Nichts erfahren und nur meine Sicherheit gefährden. Addio, Signor.“ Und mit haſtigen Schritten verließ er, von ſeinem Sohne begleitet, die Kirche. „Wer iſt dieſer Greis?“ fragte ich den Prieſter. „Ich weiß es eben ſo wenig wie Sie,“ verſetzte — 127— er,„aber man muß nach ihm ſehen; er redet dro— hend.“ Und er winkte einem Kirchendiener. „Wer war es, der ihn ſchlug?“ war meine nãch⸗ ſte Frage. „Einer unſerer reichſten Kavaliere,“ verſetzte er, „und ein zuverläſſiger Freund der Kirche. Wir könnten ihn nicht gut entbehren. Verliert die Lente nicht aus den Augen,“ fügte er zu dem Diener gewendet hinzu, „und laßt ſie von den Sbirren bis zu ihren Schlupf— winkeln verfolgen. Man darf nicht zugeben, daß ſie bei Nacht ausgehen. Einige Stunden der Beſchränkung werden ihr heißes calabreſiſches Blut abkühlen.“ „Aber der Name des Kavaliers, Vater?“ ſagte ich, meine Fragen ernenernd. „Ich muß es ablehnen, alle weitere Fragen zu beantworten,“ entgegnete der Prieſter kalt.„Ich habe audere Beſchäftigung, und inzwiſchen wird es gut ſein, dieſe Blutflecken hier abzuwaſchen, die dieſe heiligen Mauern entweihen. Sie müſſen mich entſchuldigen, mein Sohn.“ So redend, verneigte er ſich und ging. Vergebens fragte ich an der Kirchenthür nach dem Greiſe. Er war fort; keiner von den Umſtehenden, die ihn hatten hin— ausgehen ſehen, wußte, was aus ihm geworden ſei. Von Neugierde angeſpornt, wanderte ich den gan⸗ zen Tag in den abgelegenſten Quartieren Roms umher, in der Hoffnung, den alten Calabreſen zu treffen, aber vergebens. Als ich aber den Hofplatz meines Gaſthan⸗ ſes betrat, glanbte ich unter den vor der Thür verſam⸗ melten Leuten die dunklen Augen des jüngeren Gebirgs⸗ bewohners zu entdecken. Vielleicht hatte ich mich geirrt, denn man hatte Niemand, der meiner Beſchreibung ent⸗ 1 ſprach, in der Nähe des Hauſes geſehen. 2 Zweites Kapitel. Die Marquiſin. Eine böſe That, von böſen Menſchen begangen.— Lucretia Borgia. Mn demſelben Abend richtete ich meine Schritte zu dem Coliſeum, und noch voll von meinem Abenteuer von dem Morgen, ſah ich mich nicht ohne Furcht in die labyrinthiſchen Gänge deſſelben verwickelt. Von ei⸗ nem Mönche begleitet, der, eine kleine Hornlaterne in der Hand, mir als Führer diente, glaubte ich bei dem unſicheren Lichte derſelben Figuren entdecken zu können, die im Schatten der Ruine lauerten. Welchen Argwohn ich auch hegen mochte, ſetzte ich doch meinen Weg ſchweigend fort. Aus der Ausgangs⸗ thür hervorkommend, ſtanden wir auf den Stufen des koloſſalen Amphitheaters. Das ungeheure Gebäude war mit roſigem Mondlicht übergoſſen und erhob ſich in hei⸗ terer Majeſtät vor unſeren Blicken. Auriol. 2. Band. 9 — 130— Während ich mich tauſend Betrachtungen hingab, die von der Stunde und dem Orte veranlaßt wurden, bemerkte ich plötzlich eine Geſtalt an einem Punkte der Ruine gerade über mir. Nur der Kopf war ſichtbar, aber dieſer ſtach dentlich gegen den hellen Nachthimmel ab, und ich erkannte ihn ſogleich. Kein edlerer Römer⸗ kopf hatte je den Cireus geziert, als Rom noch in ſei⸗ ner Glanzperiode war. Ich rief dem alten Calabreſen zu, denn er war es, den ich ſah. Faſt ehe noch der Laut meine Lippen verlaſſen hatte, war er verſchwun⸗ den. Ich ſetzte den Mönch von dem, was ich geſehen, in Kenntniß. Er wurde unruhig— drang auf unſere unmittelbare Rückkehr und rieth mir, den Beiſtand der am Eingange des Gebäudes aufgeſtellten Schildwache zu ſuchen. Auf dieſen Vorſchlag ging ich ein, und nachdem wir die breiten Stufen hinuntergeſtiegen und über den freien Raum gegangen waren, erreichten wir ohne Beläſtigung den Eingang. An der Schildwache war Niemand vorübergekom⸗ men. Der Soldat kehrte mit mir in den Cirens zu⸗ rück, und nachdem wir vergebens unter den Ruinen ge⸗ ſucht hatten, erbot er ſich, mich durch das Forum heim⸗ wärts zu begleiten. Ich lehnte ſein Anerbieten ab und richtete meinen Weg zu dem einſamen Vicolo zur Rech⸗ ten. Dies hieß der Gefahr entgegengehen; aber ich kümmerte mich nicht darum und ging langſam durch den verlaſſenen Ort. Kaum war ich einige Schritte gegangen, als ich raſche Fußtritte herankommen hörte, und ehe ich mich —,— — 131— umwenden konnte, wurden meine Arme von hinten er— griffen und eine Binde vor meine Augen gelegt. Alle meine Bemühungen, mich zu befreien, waren vergebens, und nach einem kurzen Kampfe gab ich nach. „Machen Sie keinen Lärm, und es ſoll Ihnen Nichts zu Leide geſchehen,“ ſagte eine Stimme, welche ich als die des Greiſes erkannte.„Sie müſſen mit uns kommen. Thun Sie keine Fragen, ſondern folgen Sie uns.“ Ich ließ mich ohne weiteren Widerſtand führen, wohin ſie wollten. Wir gingen etwa eine halbe Stun⸗ de weit über die Mauern Roms hinaus. Ich mußte durch viele Ruinen klettern und ſtolperte häufig auf dem unebenen Boden. Ich fühlte jetzt, wie der friſche Nachtwind über die weite Campagna dahinblies, und meine Führer gingen raſch weiter, als wir den elaſti⸗ ſchen Raſen betraten. Endlich machten ſie Halt. Die Binde wurde von meinen Augen genommen und ich ſah mich unter dem Bogen einer Waſſerleitung, von wo man die mondhelle Ebene überblickte. Unter dem Bogen hatte man ein Feuer angezündet und die röthliche Flamme ſchlug an den Mauern empor. Um das Feuer ſaß die kleine Gruppe von Landlenten, die ich in der Kirche geſehen, in verſchiedenen maleriſchen Stellungen. Sie begrüßten meine Führer bei ihrer Ankunft und ſahen mich forſchend an, ſprachen aber nicht mit mir. Der ältere Calabreſe, den ſie Criſtofano anredeten, forderte ein Glas Brannt⸗ 9* wein, welches er mir reſpertvoll reichte. Ich lehnte das Anerbieten ab, aber er drang es mir auf. „Sie bedürfen deſſen, Signor,“ ſagte er.„Sie haben dieſe Nacht noch viel zu thun. Sie fürchten viel⸗ leicht, daß das Getränk etwas Schädliches enthält. Se⸗ hen Sie!“ Und er trank es aus. Hierauf konnte ich mich nicht weigern, ihm Be⸗ ſcheid zu thun. „Und nun, Signor,“ ſagte der Greis, ſich ein we⸗ nig von der Gruppe entfernend,„darf ich ein Wort mit Ihnen allein reden? Ihr Name?“ Da ich keinen Grund hatte, ihm denſelben zu ver⸗ ſchweigen, ſo nannte ich ihn. „Hm! hatten Sie keinen Verwandten Namens B. 2“ „Durchaus keinen.“ Und ich ſeufzte, denn ich dachte an meine verlaſſene Lage. „Seltſam!“ murmelte er und fügte dann mit grimmigem Lächeln hinzu,„aber Aehnlichkeiten ſind leicht zu erklären.“ „Welche Aehnlichkeit?“ fragte ich.„Wem bin ich ähnlich? Und welches iſt der Grund Eures nnerklärli⸗ chen Benehmens?“* „Sie ſollen es hören,“ verſetzte er mit düſterem Blicke.„Laſſen Sie uns unter den Schatten jener Bo⸗ gen treten, ſo daß jene Horcher uns nicht hören. Was ich Ihnen zu erzählen habe, iſt für Ihr Ohr allein.“ — 133— Ich folgte ihm, und wir ſtanden unter dem Schat⸗ ten der Waſſerleitung. „Vor Jahren,“ begann der Greis,„kam ein Engländer, der Ihnen in jeder Hinſicht glich, ſo jung und ſchön von Perſon, wie Sie, nach Rom und ſchlug ſeine Wohnung in der ewigen Stadt auf. Er war von hohem Range in ſeinem Vaterlande und wurde auch hier mit der ſeinem hohen Stande gebührenden Auszeich⸗ nung behandelt. Zu jener Zeit war ich im Hauſe des Marcheſe di—“ „Ich war ſein vertranter Diener— ſein Rathge⸗ ber, ſein Freund. Ich hatte ſchon ſeinem Vater gedient — ihn als Kind umhergetragen— mit ihm als Kna⸗ be geſpielt— ihn geliebt und ihm gedient als Mann. Ihn geliebt, ſage ich, denn ungeachtet ſeiner Behand⸗ lung liebte ich ihn ſo ſehr, wie ich ihn jetzt verabſcheue. Nun, Signor, zu meiner Geſchichte. Wenn ſeine In⸗ gend ausſchweifend geweſen, war ſein männliches Alter nicht weniger verderbt; es war der kalten, berechneten Ausſchweifung gewidmet. Bald nachdem er zu dem Ti⸗ tel und der Beſitzung ſeines Vaters gelangt war, ver⸗ heirathete er ſich. Daß er ſeine Gattin liebte, kann ich kaum glauben, denn obgleich er ſich ſehr eiferſüchtig zeigte, war er ihr doch untreu, und ſie wußte es. In Italien iſt die Rache in ſolchen Fällen dem Weibe leicht, und ſo viel ich weiß, mochte die Marquiſin auf Wiedervergeltung geſonnen haben. Mein Herr aber be— kam Nachricht davon, zog ſich auf ſeine Villa außerhalb der Stadt zurück und hielt ſich eine Zeit lang dort ver⸗ ———— — 134— borgen. In dieſer Zeit kam der erwähnte Engländer nach Rom. Meine Herrin, die wenig an den Luſtbar⸗ keiten der Stadt Antheil nahm, hatte ihn noch nicht geſehen; aber dem Rufe nach konnte ſie nicht unbekannt mit ihm ſein, da Alle ſeines Lobes voll waren. Ein Gerücht von ſeinem glücklichen Erfolge bei anderen Da⸗ men war zu meinem Herrn gedrungen; ja ich habe Grund zu glauben, daß der ſchöne Engländer ihm an⸗ derswo in den Weg getreten war, und er wich dem Zuſammentreffen mit ihm ſorgfältig aus. Indeſſen ka⸗ men ſie doch auf unerwartete Weiſe zuſammen. Da⸗ mals, wie jetzt, war es Sitte, bei beſonderen Gelegen⸗ heiten während der Sommerhitze in der Piazza Navona, die unter Waſſer geſetzt war, zu fahren. Eines Abends fuhr die Marquiſin dorthin, und ich allein begleitete ſie. Unſer Wagen kam zufällig in die Nähe des jungen Engländers.“ „Die Marquiſin war ohne Zweifel ſchön?“ ftagte ich, ihn unterbrechend. „Sehr ſchön!“ verſetzte er;„und ſo ſchien auch ihr Landsmann zu denken, denn er war in Bewunderung verloren. Ich bin nicht ſehr in der Augenſprache er⸗ fahren, aber die ſeinige war zu beredt und ausdrucks⸗ voll, um mißverſtanden zu werden. Ich beobachtete meine Herrin genau. Obgleich ihre Augen niedergeſchla⸗ gen waren, gab doch ihre glühende Wange zu erkennen, daß ſie nicht unempfindlich für ſeine Blicke war. Sie ſpielte mit ihrem Hunde, der ein hübſches Windſpiel war, und den ſie bei ſich im Wagen hatte, und ſchlug — — 15— ihn ſcherzend mit dem Handſchuh, den ſie in der Hand hielt. Das Thier ſchnappte nach dem Handſchuh, riß ihn ihr aus der Hand, und als er zurückſprang, fiel er aus dem Wagen. Meine Herrin ſtieß bei dieſem An⸗ blick einen Schrei aus, und als ich den Hund retten wollte, war ſchon der Engländer ins Waſſer geſprungen. In einem Augenblick hatte er der Marquiſin ihren Lieb⸗ ling wiedergegeben, und empfing den wärmſten Dank. Von dem Augenblick an begann eine Vertraulichkeit, die für Beide die unheilvollſten Folgen haben ſollte.“ „Verriethet Ihr ſie?“ fragte ich ein wenig unge⸗ duldig. „Ich war das blinde Werkzeug des Marcheſe. Ich that es,“ verſetzte der Greis.„Ich erzählte ihm alle einzelnen Umſtände der Unterredung. Er hörte mich ſchweigend an, wurde aber blaß wie Aſche vor unter⸗ drücktem Zorn. Indem er mir gebot, meine Wachſam⸗ keit zu verdoppeln, verließ er mich. Ich ließ meine Herrin jetzt ſelten aus den Augen. Eines Abends, we⸗ nige Tage nach dem, was geſchehen war, ging ſie al⸗ lein auf der Gartenterraſſe der Villa auf und ab. Sie hielt ihre Guitarre in der Hand und ihr Lieblingshund war an ihrer Seite. Ich war in geringer Entfernung, aber unbemerkt. Sie ſchlug einige klagende Akkorde auf ihrem Inſtrumente an, ließ dann ihr Kinn auf ihrem weißen abgerundeten Arme ruhen und ſchien ſich in zärt⸗ liche Träume zu verſenken. Ich wollte, Sie hätten ſie geſehen, Signor, wie ich ſie damals ſah oder, wie ein Anderer ſie ſah, ſo würden Sie anerkennen müſſen, daß — 6— Ihnen nie eine ſolche Schönheit vorgekommen. Ihr Rabenhaar fiel in dichten Locken über Schultern von blendender Weiße und von der vollkommenſten Form nieder. Ihre tiefen dunklen Augen waren ſchmachtend auf den Boden gerichtet und ihre ſtrahlenden Züge von dem Ausdrucke tiefer und ſinnender Leidenſchaft erfüllt. In dieſer Stellung blieb ſie mehrere Minnten, als ſie durch die Sprünge ihres Hundes erweckt wurde, der ei⸗ nen Handſchuh, den er gefunden, zwiſchen ſeinen Zäh⸗ nen trug. Als ſie ihm denſelben abnahm, ſfiel ein Brief auf den Boden. Wäre eine Schlange aus den Falten deſſelben hervorgekommen, hätte ſie nicht mehr erſchrecken können. Sie blickte beleidigt, aber unentſchloſſen das Papier an. Ja, ſie war unentſchloſſen, und Sie kön⸗ nen das Uebrige errathen. Sie bedachte ſich, und die⸗ ſes Nachdenken war ihr Untergang. Mit bebender Hand hob ſie den Brief auf. Ihre Wangen, die tod⸗ tenblaß geworden waren, errötheten jetzt, als ſie den Brief las. Sie zeigte ſich unentſchloſſen— warf einen verwirrten Blick auf das Haus— ſteckte den Brief in den Buſen— und eilte in die Orangenlaube.“ „Ihr Liebhaber erwartete ſie wohl dort?“ „So war es. Ich ſah ſie zuſammenkommen. Ich hörte ſeine wahnſinnigen Worte— ſeine leiden⸗ ſchaftlichen Bitten. Er bat ſie, zu entfliechen— ſie wi⸗ derſtand. Er wurde dringender— leidenſchaftlicher. Sie ſtieß einen matten Schrei aus, und ich ſtand vor ihnen. Des Engländers Hand war mit Gedankenſchnelle an meiner Kehle und ſein Schwert auf meiner Bruſt, — — 137— und hätte nicht meine Gebieterin geſchricen, ſo wäre je⸗ ner Augenblick mein letzter geweſen. Auf ihre Bitte ließ er mich los; aber ihr Schreien hatte noch andere Ohren erreicht, und der Marcheſe kam, um ſeine belei⸗ digte Ehre zu rächen. Er ließ ſich nicht Zeit, die Art der Beleidigung zu unterſuchen, ſondern drang, den De⸗ gen in der Hand, auf den Engländer ein und befahl mir, die Dame wegzubringen. Das Klirren ihrer De⸗ gen war nicht zu hören bei ihrem Geſchrei, als ich ſie forttrug; aber ich wußte, daß der Kampf ein verzwei⸗ felter war. Ehe ich das Haus erreichte, war meine Herrin ohnmächtig geworden; und indem ich ſie der Fürſorge der anderen Diener übergab, eilte ich auf die Terraſſe zurück. Mein Herr begegnete mir und ging langſam auf das Haus zu. Sein Degen war fort— ſeine Angenbrauen zuſammengezogen— und er wich meinem Blicke aus. Ich wußte, was geſchehen war, und näherte mich ihm nicht. Er ſuchte ſeine Gemahlin auf. Was in jener Unterredung vorging, wurde nie bekannt, aber aus dem Erfolge kann man es errathen. In der Nacht verließ die Marquiſin das Haus ihres Gatten, um nie zurückzukehren. Am nächſten Morgen beſuchte ich die Terraſſe, wo ſie den Brief erhalten hatte. Der Handſchuh lag noch am Boden. Ich hob ihn auf, brachte ihn dem Marcheſe und erzählte ihm den ganzen Vorfall. Er nahm ihn und gelobte, ſich nicht eher zufrieden geben zu wollen, bis er jenen Hand⸗ ſchuh in ihr Blut getaucht habe.“ „Und er hielt ſein Wort?“ fragte ich ſchandernd. — 138— „Viele Monate vergingen bis zur Erfüllung deſ⸗ ſelben. Die italieniſche Rache iſt langſam, aber ſicher. Dem äußeren Scheine nach hatte er ſeine treuloſe Gat⸗ tin vergeſſen. Er ſchloß ſogar Freundſchaft mit ihrem Liebhaber, um ſeinen Plan deſto ſicherer zu verbergen. Inzwiſchen verging die Zeit und die Marquiſin wurde Mutter eines Kindes— des Sprößlings ihres Verfüh⸗ reð⸗ „Großer Gott!“ rief ich;„war das Kind ein Knabe?“ „Ja— aber hören Sie weiter. Meine Erzählung naht ſich ihrem Ende. In einer Nacht, während der Abweſenheit des Engländers, wußten wir uns in das Haus, wo die Marquiſin wohnte, Eingang zu ver⸗ ſchaffen. Wir wanderten von Zimmer zu Zimmer, bis wir zu ihrem Schlafgemache kamen. Sie ſchlief, und ihr Kind an ihrer Seite. Der Anblick machte den Mar⸗ cheſe wahnſinnig. Er wollte das Kind tödten, aber ich hielt ihn zurück. Er gab nach, befahl mir aber, die Thür zu verſchließen. Er näherte ſich dem Bette. Ich hörte ein Raſcheln— einen Schrei. Eine weiße Ge⸗ ſtalt ſprang aus dem Bette. Im nächſten Angenblick wurde das Licht ausgelöſcht— ein Schlag— ein zwei⸗ ter— und Alles war vorüber. Ich riß die Thür auf. Der Marcheſe kam heraus. Der Korridor, wo wir ſtanden, war vom Mondlicht erhellt. Er hatte einen Handſchuh in der Hand— er war in Blut getaucht. Sein Gelübde war erfüllt— ſeine Rache vollſtändig— 4 ₰* ——— ℳ — 139— nein, noch nicht vollſtändig, denn der Engländer lebte noch.“ „Was wurde aus ihm?“ fragte ich. „Fragen Sie mich nicht,“ verſetzte der Greis. „Sie waren dieſen Morgen in der Kirche Santa Maria Maggiore. Wenn jene Steine reden könnten, würden ſie eine ſchreckliche Geſchichte erzählen.“ „Und das war der Grund, weshalb Ihr Eure Augen in dem heiligen Raume nicht zu öffnen wagtet? — Ein Blutſchleier ſchwebte zwiſchen Euch und dem Himmel.“ Der Greis ſchauderte, aber antwortete nicht. „Und das Kind?“ fragte ich nach einer Pauſez „was wurde aus ihrem unglücklichen Sprößling?“ „Ein Freund des gemordeten Vaters nahm es mit nach England. Wenn jenes Kind am Leben geblieben iſt, muß es jetzt in Ihrem Alter ſein, Signor. 4 „Ah! wirklich!“ ſagte ich, indem ein entſetzlicher Verdacht ſich meiner bemächtigte. „Nach dem Tode des Engländers,“ fuhr Criſtofano fort,„begann mich mein Herr mit täglich zunehmender Kälte und Argwohn zu behandeln. Ich war eine Laſt für ihn, und er war entſchloſſen, ſich von mir zu be⸗ freien. Ich erſparte ihm die Mühe— verließ Rom— ging in die Abruzzen, wanderte von dort zu den Süm⸗ pfen Calabriens und wurde— doch das gehört nicht zur Sache. Hier bin ich— des Himmels erwählter Diener der Rache. Der Marcheſe muß dieſe Nacht ſter⸗ ben!“ ——,——— 3.———— ₰ ℳ — 140— „Dieſe Nacht, alter Mann?“ wiederholte ich, von Entſetzen ergriffen.„Häuft nicht Verbrechen auf Ver⸗ brechen. Wenn er wirklich die That begangen hat, die Ihr erwähnt, ſo mag er als Opfer der Geſetze fallen, die er verletzt hat. Vereitelt nicht die Zwecke der Ge⸗ rechtigkeit.“ „Gerechtigkeit!“ wiederholte Criſtofano verächtlich. „Ja, Gerechtigkeit. Ihr ſeid arm und machtkos, aber es laſſen ſich Mittel finden, Euch zu unterſtützen. Ich will Euch beiſtehen, um den rechten Weg der Rache einzuſchlagen.“ „Sie ſollen mir beiſtehen. Ich habe geſchworen, daß er ſterben ſoll, ehe der Morgen dämmert, und die Hand, den Stoß zu führen, ſoll die Ihre ſein.“ „Die meine! Nimmermehr!“ „Wenn Sie ſich weigern, iſt Ihr Leben verfallen — aber Sie retten ihn durch Ihre Weigerung nicht. Bei der Mutter des Himmels! er ſtirbt, und zwar von Ihrer Hand. Sie ſahen, wie ſehr er dieſen Morgen in der Kirche von Ihrer Aehnlichkeit mit dem jungen Engländer betroffen wurde. Es iſt wunderbar. Ich weiß nicht, wer oder was Sie ſind; aber für mich ſind Sie ein Werkzeug der Wiedervergeltung; und mir liegt Nichts daran, wenn Sie zweimal den Dolch führen und mein Herz zu Ihrem zweiten Ziele wählen.“ Ehe ich antworten konnte, rief er ſeine Kameraden herbei, und wenige Minuten ſpäter eilten wir über die Campagna dahin. Wir kamen zu einer hohen Maner. Der Greis führte uns zu einer Seitenpforte, die er *. — 141— öffnete. Wir traten in einen Garten, der mit Orangen⸗ bäumen angefüllt war, deren Duft ſich durch die mitter⸗ nächtliche Luft verbreitete. Wir hörten das Plätſchern eines Springbrunnens in der Ferne und die vollen Töne einer Nachtigall unter den höheren Bäumen. Der Mond hing wie eine Lampe über dem platten Dache der ſtolzen Villa. Wir ſchritten eine breite Terraſſe dahin, die mit marmorner Balnſtrade verſehen war. Der Greis deutete auf ein offenes Sommerhaus am Ende des Ganges und gab mir, ohne zu reden, einen bedentungs⸗ vollen Wink. Durch ein Fenſter gelangten wir ins Haus. Wir befanden uns in einer mit Statuen ange⸗ füllten Vorhalle und gingen leiſe über den marmornen Fußboden dahin. Nachdem wir durch mehrere Zimmer gekommen waren, ſtiegen wir zu einem Korridor hinauf und traten in ein Gemach, welches das Vorzimmer ei⸗ nes anderen bildete. Seinen Finger auf ſeine Lippen legend und ſeinen Kameraden ein Zeichen gebend, öffnete Criſtofano eine Thür und verſchwand. Es trat eine athemloſe Pauſe von einigen Minuten ein, während welcher ich aufmerkſam horchte, aber nur das leiſe Ge⸗ räuſch eines Schloſſes vernahm. Sogleich kehrte der Greis zurück. „Er ſchläft,“ ſagte er in leiſem und tiefem Tone zu mir;„er ſchläft, wie ſein Opfer ſchlief— er ſchläft ohne einen Traum von Reue; und er ſoll erwachen, wie ſie erwachte— zur Verzweiflung. Kommt in die⸗ ſes Zimmer!“ Wir gehorchten. Die Thür wurde von innen ge⸗ ſchloſſen. Die Bettvorhänge wurden zurückgeſchlagen und das Mondlicht ſtrömte voll auf das Geſicht des Schläfers. Er lag in tiefem Schlummer. Konnte ein Schuldiger ſo feſt ſchlafen? Ich bezweifelte faſt die Ge⸗ f ſchichte des Greiſes. Indem wir uns in den Schatten des Himmelbettes ſtellten, näherte ſich Criſtofano dem Lager. Ein Sti⸗ lett funkelte in ſeiner Hand. „Erwache!“ rief er mit Donnerſtimme. Der Schläfer fuhr empor. Ich betrachtete ſein Geſicht. Er las Criſtofano's Abſicht in ſeinem Ange, aber er erbebte nicht. „Feiger Mörder!“ rief er,„Du haſt wohl für deine Sicherheit geſorgt, indem Du mich im Schlafe überfielſt.“ „Und wer unterrichtete mich darin?“ fiel der Greis heftig ein.„Bin ich der Erſte, der den mitternächtli⸗. chen Schlummer benutzte? Sieh dieſen Handſchuh an! 6 Wann und wie erhielt er ſeine Farbe?“ Und er hielt den Handſchuh empor, der im Mond⸗ lichte geſchwärzt und fleckig ausſah. Der Marcheſe ſtöhnte laut. „Meinen Schrank erbrechen!“ rief er endlich. „Schurke! wie konnteſt Du das wagen? Aber wozu rede ich? Ich weiß, mit wem ich zu thun habe!“ Mit dieſen Worten ſprang er von ſeinem Lager, in der Abſicht, mit dem Greiſe zu ringen; aber Criſtofano zog ſich zurück, und in dem Angenblick kamen ihm — 1— „ die anderen Straßenräuber zu Hülfe und ſchoben mich vor. Ich ſtand dem Marcheſe gegenüber. Die Erſcheinung des Gemordeten hätte ihn nicht mehr erſchüttern können. Seine Glieder erſtarrten vor Schreck und er blieb zitternd ſtehen. „Kommt er der Rache wegen?“ rief er. „Ja!“ rief Criſtofano.„Gebt ihm die Waffe!“ Und das Stilett wurde mir in die Hand geſcho⸗ ben. Aber ich achtete nicht auf die Waffe, ſondern riß meinen Buſen auf— ein kleines Diamantenkreuz zeigte ſich in den Falten meines Hemdes. „Erinnern Sie ſich dieſes Kreuzes?“ ftagte ich den Marcheſe. „Es gehörte meiner Gattin!“ rief er mit Erſtau⸗ nen. „Das Kind hatte es auf der Bruſt, als es in jener unheilvollen Nacht an ihrer Seite ſchlummerte,“ ſagte Criſtofandv.„Ich ſah es dort funkeln.“ „Das Kind war ich— jenes Weib meine Mutter!“ rief ich. „Der Mörder ſteht vor Ihnen— ſtoßen Sie ihn nieder!“ rief Criſtofano. Ich erhob das Stilett. Der Marcheſe regte ſich nicht. Ich konnte nicht zuſtoßen. „Zaudern Sie?“ rief Criſtofano zornig. „Er hat nicht den Muth,“ rief der jüngere Ca⸗ labreſe.„Ihr tadeltet mich dieſen Morgen wegen Man⸗ gels an kindlichem Pflichtgefühl. Seht, wie ein Sohn ſeinen Vater rächen kann!“ Und er ſtieß ſeinen Dolch in die Bruſt des Mar⸗ 3 „Ihr Vater iſt noch nicht gerächt, junger Mann!“ rief Criſtofano in ſchrecklichem Tone.„Sie allein kön⸗ nen ihn rächen!“. Ehe ich die Spitze zurückziehen konnte, hatte ſich der Greis in das Stilett geſtürzt, welches ich ausge⸗ 1 ſtreckt in meiner Hand hielt. 6 Er fiel ohne einen Laut. 5 Ende. ———— S — 5 —— — — —