liothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 8„ 2„ 7 3„—„„—„ fs 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und —defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ T lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt t der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. „ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird —beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen „der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————⁊z ————= 2 —— Europäiſches Sclavenleben. IV. Europäiſches Sclavenleben von F. W. Hackländer. Vierter Band. ] — N— — Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1854. ———— er—õ———— 8 — 2— E——— — Gedruckt bei K. F. Hering& Comp. ö Inhalt. Siebenundſechszigſtes Kapitel. Im Fuchsbau Achtundſechszigſtes Kapitel. Achſelbänder und Carrikaturen Neunundſechszigſtes Kapitel. Das Siegel des Herrn von Brand Siebenzigſtes Kapitel. Marie und Clara Einundſtebenzigſtes Kapitel. Alles verloren! Bweiundſtebenzigſtes Kapitel. Mademoiſelle Thereſe Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie Vierundſtebenzigſtes Kapitel. Johann Chriſtian Blaffer allein Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. General und Präſident Sechsundſtebenzigſtes Kapitel. Achſelbänder Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. Im Fuchsbau. Achtundſtebenzigſtes Kapitel. Auf der Polizeidirection Neunundſtebenzigſtes Kapitel. Maskenball bei Hof. Achtzigſtes Kapitel. Gnade und Ungnade. — Inhalt. Einundachtzigſtes Kapitel. Geſellſchaftliches Bweiundachtzigſtes Kapitel. Die Familie Wundel Dreiundachtzigſtes Kapitel. Clara.... Vierundachtzigſtes Kapitel. Whiſt mit dem todten Mann. Fünfundachtzigſtes Kapitel. Des Jägers Bericht Sechsundachtzigſtes Kapitel. Schluß. Seite 262 277 305 323 358 375 Europäiſches Selavenleben. —— Siebenundſechszigſtes Kapitel. Im Fuchsbau. Im Fuchsbau war es in letzter Zeit ziemlich ſtill und ge⸗ räuſchlos hergegangen; Fremde gab es gar keine, und die Stamm⸗ gäſte waren auswärts ſo beſchäftigt geweſen, daß ſte nicht Zeit oder Luſt hatten, Wehzahier häufig zuſammen zu finden. Ueber⸗ haupt war die Schenkſtube nur belabt, wenn es nicht viel zu thun gab, mit andern Worten, wenn. nicht viel Geld vorräthig war; dann wurde hier in Erwartung beſſerer Zeiten auf Credit gelebt. Klimperte aber Silber und Gold in den Taſchen, ſo zog man es vor, andere Kneipen aufzuſuchen, nicht weil dort der Wein beſſer war, ſondern weil man ganz unbeobachtet ſein konnte, was im Fuchsbau nicht ſo der Fall war. Da hatten die Wände der Schenkſtube Ohren und die alte Pförtnerin ſcharfe Augen; es ſchwebte, ſelbſt für dieſe harten Gemüther, etwas Drückendes durch dieſe Räume, und wenn der Klang einer gewiſſen Klingel erſcholl, ſo waren Wenige, die ihr Glas an die Lippen brachten, ſelbſt wenn ſie die Hand dazu ſchon erhoben hatten. Hacklander, Europ. Selavenleben. IV. 1 —„ —————. 2 — 4*— 42—— Siebenundſechszigſtes Kapitel. Auch heute Abend war die Klingel ertönt, da aber außer der Kellnerin ſonſt keine menſchliche Seele im Zimmer war, ſo hatte ſie nur auf dieſe ihre Wirkung ausgeübt. So hurtig es ihr die alten Beine erlaubten, war ſie aufgeſprungen, hatte nach⸗ V geſchaut, ob die Drähte der Klingelzüge auch wirklich unverwirrt neben einander hangen, ſie war auf einen Stuhl geſtiegen und hatte ein kleines Käſtchen betrachtet, welches ungefähr acht Schuh vom Boden an der Wand hieng. In dieſes Käſtchen führte von oben eine kleine feine Kette, welche durch die Decke kam und irgendwo im Hauſe gezogen werden konnte. Auch dieſen Zug unterſuchte ſie, ob er in Ordnung ſei und nicht ſtocken werde; ſite zog das kleine Kettchen vorſichtig in die Höhe, worauf eine Feder anſchlug und hell und ſchrill der Klang einer Glocke ertönte. Zu gleicher Zeit öffnete ſich der Boden des Käſtchens nach unten. Die Alte nickte ſelbſtzufrieden mit dem Kopfe, als ſie ſah, daß die ganze Maſchinerie in Ordnung ſei, und drückte den Boden 3 wieder vorſichtig in die Höhe, deſſen Schloß mit einem kleinen Geräuſch wieder zuſprang. Dieß Käſtchen hatte eine ſehr wichtige Beſtimmung, denn wenn die Glocke anſchlug und ſich der Boden öffnete, ſo hatte das alte Weib die Verpflichtung, augenblicklich den Haupthahnen der Gasbeleuchtungsröhren zuzudrehen und ſo das ganze Haus in tiefſte Finſterniß zu verſetzen. So lange nun die Alte als Pförtnerin ſich hier befand, war das nur ein einziges Mal ge⸗ ſchehen und zwar in einer fürchterlichen Nacht, an die ſie nur mit Schrecken dachte. So öde und leer wie das Schenkzimmer waren auch die Treppen und Corridore, obgleich hell beleuchtet; nur in einem Winkel der Letzteren ging ein Mann ruhig auf und ab, nach Art V einer Schildwache. Und dieſen Dienſt verſah er auch. Von der 1 n Im Fuchsbau. 3 Stelle aus, wo er ſich befand, hatte er zwei lange Gänge, ſo⸗ wie die Haupttreppe im Auge, und wenn er ruhig ſtand und horchte, ſo war es ihm möglich, den leiſeſten Tritt, ſelbſt vom entfernteſten Theil des Gebäudes, zu vernehmen. Die Thüre, neben welcher er ſtand, iſt uns nicht unbekannt, ſie führt in ein kleines Vorzimmer und von da in das hohe Gemach mit der dunklen Holzbekleidung. Wie an jenem Abend, deſſen ſich der geneigte Leſer vielleicht noch erinnern wird, waren die dunkeln Vorhänge vor dem Fenſter herabgelaſſen und im Kamine brannten große Stücke Holz. Auf dem alten Tiſche mit der grünen Decke ſtanden zwei brennende Leuchter, und auf dem Stuhle mit der hohen Lehne, der neben dem Tiſche ſtand, ſaß er im gleichen Anzuge wie damals. Er hatte die Beine über einander geſchlagen, die rechte Hand unter ſein Kinn geſtützt, während ſeine Linke nachläſſig herabhieng und den tſcherkeſſiſchen Dolch, den er am Gürtel trug, zu wiegen ſchien. Vor ihm ſtand Mathias in ehrfurchtsvoller Haltung. „Du meinſt alſo,“ ſagte er,„daß ſich die Polizei um den Vorfall da draußen bei dem Schwemmer weiter nicht be⸗ kümmert hat?“ „Ich weiß das ſogar genau,“ erwiederte Mathias;„es trieben ſich allerdings einige von ihnen an dem Abend dort herum, — aber,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„es muß da ein guter Freund von uns dabei geweſen ſein, denn ſie zogen ſich leiſe zurück, als wir das Haus verließen, und Einen hörte ich ſagen: ach was wer wird ſich da hinein miſchen! Pack ſchlägt ſich, Pack ver⸗ trägt ſich!“ „Und doch hätten ſte damals einen guten Fang machen können; aber das Eiſen zu deinen Banden, Mathias, liegt noch in tiefer Erde, wird vielleicht niemals gefunden.“ . 1* Siebenundſechszigſtes Kapitel. „Das hoffe ich,“ entgegnete der Andere mit tiefer Stimme. „Ich möchte doch nicht—— ſo enden.“ „Gewiß nicht, Mathias; es wäre ſchade um dich. Was meinſt du, wenn wir nach und nach daran dächten, das Geſchäft abzuwickeln, wie die Kaufleute zu ſagen pflegen.“ Ein leichter Blitz flammte in dem Auge des Mannes auf; doch ſprach er gleich darauf:„Sie wiſſen, Herr, mir gilt nur Ihr Befehl, und wenn Sie verlangen, ich ſoll mich morgen ſelbſt angeben, ſo thue ich es.“ „Gewiß, Mathias, ich weiß das. Aber laſſen wir dieſe Reden! ich hoffe, du ſollſt noch einmal Zeit genug bekommen, ein ruhiges Leben zu führen, meinetwegen auch zu bereuen und wieder gut zu machen, was du verbrochen.—— Alſo die Schwemmer'ſche Wirthſchaft hat aufgehört? Wann ſtarb er?“ „Acht Tage nach jenem Vorfalle, Herr. Vielleicht hat er ſich zu ſehr alterirt;— viel aushalten konnte er ohnedieß nicht, — vielleicht auch—“ „Nun was?— Warun ſtockſt du?“ „Nun, ich meine, vielleicht half ihm auch Jemand über ſeine letzten Lebenstage ſchnell hinweg kommen.“ „Teufel! ich will nicht hoffen.“ „Ich weiß nichts genau, aber es wollte mir nicht gefallen, daß ſich ſeit jenem Abend der Sträuber beſtändig dort aufhielt. Früher war dem in ſeinem lächerlichen Hochmuth das Haus dort viel zu ſchlecht; wie geſagt, von da an hielt er es mit der alten verſoffenen Schwemmer, und wenige Tage nachher lud ſie uns zum Begräbniß ihres Gemahls ein.“ „Ich fürchte, der Sträuber wird nächſtens ein klägliches Ende nehmen,“ ſagte er nach einigem Nachdenken, und ſeine — 1 me. iber Uen, zielt. dort lten uns iches ſeine Im Fuchsbau. 5 Hand fuhr langſam von der Scheide des Dolches nach dem Hefte hinauf.„Wird er genau beobachtet?“ „Allerdings, ſo genau als es möglich iſt; aber er iſt ſchlau wie der Teufel, hat große Angſt und nimmt ſich ſehr in Acht.“ „Beſucht er Häuſer, in denen er nachweislich nichts zu ſchaffen hat?“ „Das wohl, aber wenn man ſich bei ihm erkundigt, ſo hat er immer die triftigſten Ausreden.“ „Zum Beiſpiel?“ „So treibt er ſich gern in der Nähe des Schloſſes herum. Ich habe ihn ſchon ein paar Mal aus dieſer oder jener Thüre heraus kommen ſehen.“ „Immer im ſchwarzen Frack?“ „Und baumwollenen Handſchuhen— das verſteht ſich. Als er mir das erſte Mal da aufſtieß, folgte ich ihm durch meh⸗ rere Straßen und an einer paſſenden einſamen Stelle, wo ich that, als träfe ich ihn jetzt erſt zufällig, ſagte ich ihm: Ei, Sträuber, woher des Wegs?— Ich dachte, er ſollte mir irgend eine Lüge aufbinden, und dann wollte ich ihn examiniren;— aber Gott bewahre! er erzählte mir ganz ruhig, er komme vom Schloſſe, wo er ſeine kleinen Geſchäfte habe.“ „Und welche?. Gab er vielleicht vor, er handle mit alten Kleidern?“ „O nein, dazu iſt er zu hochmüthig; er ſei Agent gewor⸗ den, ſagte er, und dabei zog er ſeine ſchmutzigen Vatermörder ſtolz in die Höhe.— Agent oder Commiſſionär für eine privile⸗ girte Leichenkaſſe.“ „Was iſt das, Mathias?“ „Das ſind Anſtalten, wo man irgend Jemand verſichern läßt, um nach deſſen Tod ein gewiſſes Geld zu bekommen; es — J—JD JZ=—r]““ 7 6 Siebenundſechszigſtes Kapitel. paßt für den Sträuber, und es iſt viel ſcheues, heimliches Weſen dabei. Man verſichert zum Beiſpiel ſo einen armen Teufel in einem Duzend dergleichen Anſtalten, dann ſtirbt er oder ſie laſſen ihn ſterben und bekommen eine recht hübſche Summe. Ich weiß genau, daß der Sträuber und die Schwemmer ihren Mann auf dieſe Art verſicherten, und als er bald darauf an vieler Freund⸗ ſchaft ſtarb, wurde ihnen wacker ausbezahlt.“ „Aber was hat er im Schloß zu ſchaffen?“ „Da macht er mit den Bedienten, ſo ſagt er, die oben er⸗ wähnten Geſchäfte. Aber ich glaube ihm doch nicht; ich ſah ihn zu oft in der Gegend herum flankiren, und Sie können denken, Herr, daß ich ihm eifrig nachſpüre. Er geht meiſtens in den öſtlichen Seitenflügel; dort wohnt ein alter General; ich glaube Baron von W.“ „Ah! dahin geht er!“ ſprach der Andere, plötzlich ſehr aufmerkſam werdend, wobei er haſtig ſeine Stellung veränderte und ſeinen Oberkörper aufrichtete.„Das intereſſirt mich auf s Höchſte. Sei ſo gut, Mathias, und nehm dich der Sache an; ſpare keine Mühe, keine Koſten, ſtelle einen oder zwei Vertraute zur Beobachtung auf; er ſoll keinen Schritt mehr thun, den wir nicht erfahren. Berichte mir täglich darüber und ſo umſtändlich als möglich.“ „Daran ſoll's nicht fehlen,“ erwiederte Mathias lächelnd. „Dann noch eins, Mathias,“ fuhr der Andere mit ernſter Stimme fort.„Ich habe da unter der Hand etwas von einem Kinderhandel, der ſchwunghaft betrieben werden ſoll, gehört. Pfui Teufel! Das iſt'ne Schande, und ich will das nicht leiden. Du weißt, lieber Mathias, ich ſpreche nicht gern zwei Mal von einer Sache, und wenn ich meine Hand ausſtrecke, ſo zerdrücke ich die Schuldigen, mögen ſie ſein wer ſie wollen.“ Im Fuchsbau. 7 Mathias war bei dieſen Worten ein wenig erbleicht und ſogar zurückgewichen, als der Andere die Hand nun wirklich ausſtreckte. „Es iſt das eine Schande,“ fuhr Dieſer fort,„ſo ein armes Meſ in die Welt hinaus zu ſtoßen, es zu verkaufen zu den gemein⸗ ſten Laſtern und Verbrechen, es eltern⸗ und heimathlos zu machen. —— O,. ich kenne das! und möchte um Alles in der Welt damit nichts zu thun haben. Laßt die armen, unſchuldigen Geſchöpfe;— iſt denn die Welt ſo arm geworden an guten Freunden, die keine Ehre aber viel Geld haben? Wendet euch dahin, aber laßt mir jenen niederträchtigen Handel; ich weiß wohl, der Schwemmer war die Haupttriebfeder. Nun, er iſt dahin, alſo laßt s bleiben.“ Es ſoll unterbleiben,“ erwiederte Mathias mit feſter 9 7 Stimme,„verlaſſen Sie ſich darauf, Herr.“ „Schön.—— Wie iſt mir doch,“ fuhr er nach einer Pauſe in leichtem, gefälligem Tone fort, während er mit der Hand über die Stirne ſtrich,„da habe ich einen guten Bekannten, dem könnte ein Beſuch nichts ſchaden, es iſt ein Buchhändler und ein ſehr ſchlechter Kerl, er heißt Johann Chriſtian Blaffer.— Haſt du den Namen zufällig gehört?“ „Sie ſprachen ſchon neulich mit mir darüber und gaben mir Befehl, mich nach den Verhältniſſen des Hauſes zu erkundigen.“ „Richtig!— ich hatte das vergeſſen.— Wird da für euch was zu holen ſein?“ „In einigen Tagen eine artige Summe; Herr Blaffer beab⸗ ſichtigt ſein Haus zu verkaufen und will baar bezahlt ſein.“ „Ah! Meiſter Mathias, deßhalb haſt du wahrſcheinlich mei⸗ nen Befehl ſo genau befolgt!— Nun, wer iſt in dem Hauſe?“ „Zuerſt der Principal, Herr Blaffer, dann ein ſehr dummer Lehrling—“ * Siebenundſechszigſtes Kapitel. „An den ich dir eine Recommandation verſchaffen will,“ warf der Andere leicht ein. „Ferner eine alte Magd,“ fuhr Mathias mit einer Ver⸗ beugung fort,„und ein recht ſchönes Mädchen.“ „Aha! Meiſter, du nennſt das Mädchen zuletzt; das muß einen Hacken haben.“ „Und einen tüchtigen, Herr. Der alte Buchhändler wandte ihr ſeine Liebe zu, und dafür betrügt ſie ihn ſo tüchtig als möglich.“ „Teufel! das mußt du mir erzählen,“ ſagte der Andere auf⸗ merkſam und ſetzte dann mit leiſer Stimme hinzu:„Armer Beil! Das ſoll ihn vollends kuriren.“ „Es iſt da ein junger, hübſcher Kerl,— ich kenne ihn ziemlich,—“ „Alſo ein leichter Patron, ein Taugenichts?“ „So Etwas der Art. Aber zum Sterben in das Mädchen verliebt. Er wohnt im Nebenhauſe, hat ſie ſcharf angeſehen, ſie ihn auch, er ſpielt den großen Herrn und das hat ihr gefallen.“ „So, ſo, alſo ziemlich leichte Waare!“ „Wohl möglich, Herr; ich muß abet zu ihrer Entſchul⸗ digung ſagen, daß ſie gezwungen den erſten Schritt that und ſich deßhalb zum zweiten und zu den folgenden leicht überreden ließ.“ „Der junge Menſch kommt in's Haus?“ „Ja, Herr; üͤber das Dach des Nebenhauſes; er klettert und ſchleicht wie'ne Katze. Ich glaube nicht, daß ihn der Buch⸗ händler ſo leicht erwiſchen wird.“ Der Andere machte nachdenkend ein paar raſche Gänge durch's Zimmer.—„Schön, ſchön,“ ſagte er alsdann;„ſieh dir das Haus genau an, namentlich erforſche, wo der Buchhändler wohnt und wo das Mädchen wohnt. Melde mir, wenn die ill,“ Ver⸗ muß andte S als auf⸗ Beil! e ihn dchen n, ſie llen.“ ſchul⸗ ad ſich ließ.“ lettert Buch⸗ Gänge ieh dir ändler nn die Im Fuchsbau. 9 Gelder eingelaufen ſind, und dann laß dich ſehen und hole deine Inſtructionen. Aber, Mathias, befolge ſie auf’'s Wort.“ „Wenn aber Zwiſchenfälle eintreten, die man nicht vorher ſehen kann?“ „So zieht ihr euch unverrichteter Sache zurück. Wenn an der Ausführung meines Planes ein Jota fehlt, ſo iſt die ganze Geſchichte nichts werth.— Haſt du mich verſtanden?—— Weiter habe ich nichts. Joſef wird draußen ſein; er ſoll herein kommen.“ Mathias, der die erhaltenen Befehle nur mit einem Kopf⸗ nicken beantwortet hatte, verließ das Zimmer, und gleich darauf trat Joſef, der Jäger des Grafen Fohrbach, herein. Er trug einen grauen, unſcheinbaren Jagdrock, doch war ſein voller, ſchwarzer Bart ſorgfältig geordnet. „Ah! du biſt da, Joſef— Franz Karner? Du machſt dich rar; in eurem Hauſe muß wenig Beſonderes vorfallen, daß du keinen Stoff zu berichten findeſt. Wie iſt's damit, Herr Joſef— Franz Karner?“ Der Jäger erſchien einigermaßen befangen, doch richtete er ſein Auge feſt auf den jungen Manne, der, während er ſprach, ruhig ſitzen blieb und mit den Fingerſpitzen auf dem Tiſche trom⸗ melte.—„Gewiß, Herr,“ ſagte er darauf,„es gibt dort in der That wenig zu berichten, ſonſt wäre ich häufiger gekommen. Wenn Sie auch den Franz Karner noch nicht genau kennen, ſo wiſſen Sie doch, daß Ihnen Joſef mit Leib und Seele ergeben iſt und daß er hält, was er verſpricht.“ „Selbſt wenn ihm das Kummer machen ſollte?“ ſprach der Andere mit Betonung. „Selbſt wenn ihm das Kummer machen ſollte,“ wieder⸗ holte der Jäger achſelzuckend, aber 29 unterwürfigem Tone. Siebenundſechszigſtes Kapitel. „Davon nachher,“ erwiederte der junge Mann leichthin. Was haſt du mir zu melden, Joſef?“ „Wir hatten neulich eine große Soirée bei Seiner Excellenz, dem Herrn Kriegsminiſter.“ „Ich weiß das, Joſef, du nahmſt dich in deiner neuen Uniform ſehr gut aus. Nur haſt du es verlernt, dich in der Geſellſchaft zu bewegen.“ „Ah!“ machte der Jäger faſt ſprachlos vor Erſtaunen, „Sie haben mich geſehen, Herr 24 „Du läßt mich nicht ausreden; das iſt ein Beweis für meine Behauptung. Der Wald hat dich etwas verwildert; man nimmt ſich in Acht und reißt nicht nur ſo mit ſeinem Wehrge⸗ häng einen ganzen Orangenzweig voll Blüthen und Früchten 1 herunter.“ „Bei Gott! das geſchah mir,“ ſagte der Jäger, tief Athem holend. „Aber weiter!— In dieſer Soirée— „—— Traf mein Herr, der Herr Graf, mit jener Dame zuſammen, und allein im Zimmer neben dem Glashauſe.“ „Und wo warſt du?“ „Hinter dem Vorhange, der in’'s Neben⸗ Cabinet führt.“ „Bravo, Franz Karner, du übertriffſt den Joſef.“ „Ich kann das Lob nicht annehmen,“ ſagte mit feſtem Tone der Jäger.„Bei Gott im Himmel! ich wollte meinen Herrn nicht belauſchen; ich war ganz zufällig da.“ „Nun, das Reſultat wird das Gleiche ſein,“ verſetzte der Andere in nachläßigem Tone.„Die Beiden waren alſo allein, und—“ „Es erfolgte eine Liebeserklärung.“ „Und ſie nahm ſie an?“ Tone derrn e der llein, Im Fuchsbau. 11 „Gern, Herr,“ ſagte der Jäger mit froher Stimme.„Und ich begreife das.“ „Ei der Tauſend!“ „Ja, Herr, es gibt wenig Cavaliere wie Seine Erlaucht der Graf Fohrbach, wenig Herren, denen Jedermann, der ſie kennen lernt, ſo zugethan ſein muß.“ „Wenige!“ lachte der Andere laut hinaus.„Alſo ſteht der Graf doch nicht einzig da? Wen würdeſt du zum Beiſpiel neben ihn ſetzen? Sei aufrichtig, Joſef.“ —„Sie, Herr!“ erwiederte der Jäger nach kurzer Ueber⸗ legung, wobei er den jungen Mann mit ſeinem feſten Blicke an⸗ ſah.—„Sie, Herr,“ wiederholte er,„wenn—“ „Nun! weiter! weiter! Gerade heraus, Joſef, wie wir es immer gegen einander hielten.“ „Wenn—— wenn— Manches anders wäre,“ ſagte der Jäger mit ganz leiſer Stimme. Dieß Wort mußte den Andern ziemlich ſchwer betroffen uchte, wurde es doch haben, denn obgleich er ein Lächeln verſ gleich darauf von einem wehmüthigen Zuge verdrängt. Er ließ den Kopf in die Hand ſinken und verharrte ſo einige Secunden. „Allons!“ rief er alsdann nach einer Pauſe in ſeinem gewöhn⸗ lichen heiteren Tone,„du haſt mir gewiß noch mehr zu ſagen, Joſef, denn wegen einer Bagatelle, wie die vorhin, läßt du dich nicht bei mir ſehen.“ „Sie haben Recht, Herr ‚„u erwiederte der Jäger;„es trieb mich, aufrichtig geſagt nach langem Kampfe, hieher,— nicht aus Furcht vor Ihrem Zorn, Herr, obgleich ich wohl weiß, daß mich derſelbe in einem Nu zermalmen könnte, obgleich ich weiß, daß es Sie nur einen Zug an jener Klingel koſtet und ich ſehe das Tageslicht nie wieder. Aber ich komme aus Dankbarkeit, für A ͤͤ-—-—-–—–- – – 1l1l1iI ⁄ 12 Siebenundſechszigſtes Kapitel. Alles, was Sie an mir gethan. Und dieß Gefühl iſt es auch, welches mich zwingt, Ihnen—— dieſen Brief zu uͤbergeben.— Es iſt ein Verrath an meinem Herrn, aber ich kann nicht anders.“ „Ei, ei, ein zierliches Briefchen!“ lachte der Andere, indem er das Schreiben entgegen nahm.„Die Aufſchrift kann ich mir denken.— Fräulein Eugenie von S.— Dergleichen wirſt du viele zu überbringen haben, Joſef.“ „Es iſt der erſte, Herr,“ verſetzte der Jäger ſehr ernſt;„und deßhalb dachte ich mir, Sie werden einen Werth darauf legen.“ „Vielleicht,“ ſagte der Andere achſelzuckend;„doch wird nicht viel Intereſſantes darin ſtehen; einige Liebesbetheuerungen, Verſprechen ewiger Treue, ſo was dergleichen. Wann ſchrieb es der Graf?“ „Seine Erlaucht kamen vor einer Stunde mit dem Herrn von Steinfeld von einer Whiſtpartie, ich glaube bei dem Herrn Major von S. Der Herr Graf waren verdrießlich und erregt, und ſprachen, während ſie ſich umkleideten, viel mit dem Herrn von Steinfeld.“ „So, ſo! Und was zum Beiſpiel?“ „Seine Erlaucht ſagten: der Herzog wird wahrhaft uner⸗ träglich; haben Sie je ſo Etwas erlebt? Bietet mir da— frei⸗ lich unter vier Augen— eine ſo unſtnnige Wette an,— eine Wette, die, wenn er vielleicht mein Verhältniß zu Eugenie ahnt, an's Unverſchämte grenzt.“ „Brav, Joſef! Du haſt gut behalten.— Und die Wette?“ „Sie betraf Fräulein von S. Der Herr Herzog wollte es nämlich von hier bis über acht Tagen dahin bringen, daß bei dem großen Maskenballe, der am Hofe ſtattfindet, das Fräulein in ihrem Anzuge Bänder von den Farben des Herrn Herzogs tragen ſolle.“ —— Im Juchsbau. 13 „Ah! Seine Durchlaucht ſind leichtſinnig im Wetten, aber uch, geniren ſich nicht um den Teufel; das muß biegen oder brechen. — Er iſt ein gefährlicher Menſch.“— Dieſe Worte murmelte er vor s.“ ſich hin, ſo daß der Jäger nicht im Stande war, ſie zu verſtehen. dem—„Nun zu dem Briefe!“ ſagte er nach einigen Augenblicken mir mit lauter Stimme.—„Na, Joſef,“ fuhr er lächelnd fort,„du du wirſt nicht Alles verlernt haben. Oeffne den Brief geſchickt und vorſichtig. Du weißt, dort im Wandſchrank befindet ſich das und Nöthige dazu.“ n.“ Der Jäger zauderte. vird Der Andere betrachtete das Siegel und ſchien dieſes Zaudern hen, nicht zu bemerken.„Er hat ſich ein neues ganz gleiches machen rieb laſſen,“ ſprach er lächelnd vor ſich hin. Dann fuhr er lauter fort:„Es iſt fein, aber dick; der Abdruck iſt ſchwierig; du rrn kannſt es hinweg ſchneiden.— Da.“ rrn Der Jäger kämpfte einen ſchweren Kampf; ſein Auge blitzte, egt, ſeine Bruſt hob ſich gewaltſam von tiefen Athemzügen.—„Ver⸗ rrn zeihen Sie mir, Herr,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe,„das kann ich nicht.“ Was kannſt du nicht?“ 7 ner⸗„Der Brief iſt von meinem Herrn,“ fuhr er mit weicher, rei⸗ bittender Stimme fort,„von einem gütigen Herrn. O, es iſt eine ſchon des Verraths genug,— aber ſelbſt oͤffnen— meine Hand —nt, zittert.“ „Ah, mein Freund,“ rief der Andere, und, wie es ſchien, .24 gewiſſermaßen luſtig, aus,„aber deine Hand zittert nicht, wenn es ſie auf eigene Rechnung die Büchſe führt.“ bei Joſef ſenkte ſein Haupt und entgegnete:„Wenn ich Ihnen lein mit meinem Leben nützen kann, Herr, ſo werde ich nicht einen Augenblick zaudern, es hinzugeben, aber—— es iſt ja Ihre ——— Siebenundſechszigſtes Kapitel. Schuld,“ fuhr er mit einem trüben Lächeln fort,„warum brachten Sie mich zu einem ſolchen Herrn.“ „Nun meinetwegen, ſei es darum. Das ſoll uns nicht ent⸗ zweien.“ Er ſtand ruhig von ſeinem Stuhle auf, ehe er aber den Tiſch verließ, blickte er den Jäger feſt an, und als er das ein paar Secunden gethan, wurden ſeine energiſchen Züge weicher; etwas Wehmüthiges erſchien auf denſelben. Dann ging er raſch zur Thüre, die ſich, ſowie er die Hand auf die Klinke legte, wie von ſelbſt öffnete; er reichte den Brief hinaus und ſagte:„Das Siegel behutſam ablöſen!“ Unſichtbare Hände ſchienen ihn in Empfang zu nehmen, den Befehl augenblicklich zu vollziehen und ihm das geöffnete Schreiben zwiſchen den Vorhängen der Thüre wieder zu überreichen. Er trat an den Tiſch zurück und überflog den Brief. In demſelben ſtand:„„Verzeihe mir, Eugenie„ah! das Sie wäre glücklich überſprungen,“ murmelte er,—„daß ich dich durch dieſes Schreiben mit einer Bitte beläſtige. Heute Abend wird bei Ihrer Hoheit der Frau Herzogin die Zuſammenkunft ſtattfinden, wo man über die Coſtüme zu dem bevorſtehenden Maskenball berathet. Wenn es dir möglich iſt, die Farbe des deinigen ſo zu wünſchen, daß du ein weißes Band darauf anbringen kannſt, ſo wird mich das unendlich glücklich machen. Morgen will ich dir ſagen, weßhalb ich dieſe ſonderbare Bitte ſtelle.““— „Teufel!“ dachte der Leſer,„er geht gerade darauf los. Da wird der Herzog einen ſchweren Stand haben.— Nun, ich wünſch' es dem Grafen, wenn er baldigſt die Braut heimführt; es iſt das eine noble Seele, ſie nicht minder,— es iſt ein Paar, das Gott in der allerbeſten Laune juſt für einander erſchaffen zu haben ſcheint.“ Er faltete den Brief zuſammen; die unſichtbare n u rum cher; raſch wie Das men, fnete Sie durch d bei nden, nball een ſo anInſt, ill ich 4 Da u, ich kührt; Paar, fen zu htbare Im Kuchsbau. · 15 Hand hinter dem Vorhang mußte ihn wieder ſchließen, was auch augenblicklich geſchoah, und dann gab er ihn dem Jäger zurück, wobei er ſagte:„Ich danke dir, Joſef, für deinen Eifer, ob⸗ gleich der Brief nichts Wichtiges enthält.—— Apropos! Du haſt von deiner Frau nichts mehr gehört?“ Einen Augenblick blieb der Jäger die Antwort ſchuldig, dann ſprach er:„Doch, Herr, ſie iſt mir gefolgt, ſie hat mich gefunden.“ „Ah! das iſt ſchlimm! wird dich verrathen.“ Da werde ich helfen müſſen; ſie „O nein, Herr!“ rief der Andere eifrig.„Glauben Sie mir, ſie iſt überglücklich, mich wieder gefunden zu haben.“ „Und du?“ „Weiß Gott, ich nicht minder, Herr! Sie hat mir die ganze unglückſelige Geſchichte erzählt; ſie iſt unſchuldig.— Der Andere aber nicht, er hat ſein Schickſal verdient.“ „Und wo iſt ſie? Nehm dich in Acht: Franz Karner iſt nicht verheirathet.“ F —— Aber er wird es ſein, ſobald Sie wollen, Herr,“ ſagte Joſef mit leiſer Stimme, wobei er ſeine Hände wie bittend zuſammen faltete.„Laſſen Sie mir dieſes Glück; ich liebe das arme Weib mehr als je.“ „Seltſame Menſchen,“ erwiederte der Andere; doch ſchaute er nicht ohne Theilnahme in die glänzenden Augen des Jägers.— „Nun ja, du ſollſt die Papiere haben, aber ein reger Eifer für mich ſei mein Lohn. Du haſt mich verſtanden? Ich wünſche dich öfter zu ſehen als bisher.“ „O tauſend, tauſend herzlichen Dank für Ihre Güte!“ rief Joſef freudig.„Und wenn das Andere ſein muß, ſo will Siebenundſechszigſtes Kapitel. ich mich beſtreben, pünktlich zu ſein.“— Das ſagte er mit einem Seufzer. „Es wird dir ſchwer; du haſt dich ſchon ſehr in die Ehr⸗ lichkeit hinein gelebt, Joſef.— Nun, ich habe heute meine gute Laune; wie wäre es, wenn ich dich von jetzt ab ganz frei ließe?“ „O mein Gott! Das würden Sie thun?“ „Natürlich würden wir uns in dem Falle niemals wieder ſehen.“ „Niemals, Herr?“ „Oder nur dann, wenn es dir wieder mal ſchlecht ginge.— In dem Falle würde ich dir erlauben, mich nochmals hier auf⸗ zuſuchen.“ „Sie überhäufen mich mit Großmuth; und ich ſoll nicht im Stande ſein, etwas—— Anderes für Sie thun zu kön⸗ nen, Herr?“ „Ich glaube nicht.— Doch halt! Vielleicht wäre es dir möglich, ſpäter einmal einem meiner Freunde einen Dienſt zu erzeigen, ohne daß es dich im Geringſten compromittirt. Das wirſt du thun!“ „O gewiß, Herr!“ rief der Jäger freudig aus und faßte mit ſeinen beiden Händen die Rechte des jungen Mannes, der ſie ihm auch ruhig ließ und dabei ſagte: „Sollte alſo ſpäter Jemand irgend einen vielleicht auffal⸗ lenden Dienſt von dir verlangen und ſagt zu dir, dem Franz Karner:„„es geſchieht für mich, Joſef,““ ſo wirſt du thun, was er wünſcht.“ „So wahr mir Gott helfe!“ erwiederte der Jäger mit leuch⸗ tenden Augen; und ſollte es mich meinen Dienſt, ja mein Leben koſten.“ Er zog haſtig die Hand des jungen Mannes an ſeine Lippen und küßte ſie ingig. Dieſer entwand ſie ihm aber ſanft, ½ꝑ —— 10 8 2„n+——o — 2 — ge.— r auf⸗ l nicht u kön⸗ äre es enſt zu Das d faßte s, der auffal⸗ Franz ithun, t leuch⸗ 1 Leben in ſeine r ſanft, Im Fuchsbau. 17 und als er Joſef darauf anblickte, ſchüttelte er traurig lächelnd das Haupt, da er Thränen in den Augen des Jägers bemerkte. „So gehe denn,“ ſagte er mit weicher, faſt zitternder Stimme;„drunten vor der Thüre ſchüttle den Staub von deinen Füßen und wenn du kannſt, ſo vergiß es, daß du je dieſe Mauern betreten. Für deine Papiere werde ich ſorgen,— ſowie auch dafür,“ ſetzte er leiſe hinzu,„daß es dir nicht zu ſchwer wird, dir und deiner Frau einen neuen Hausſtand zu gründen.—— Jetzt verlaß mich!“ Er ſtreckte die Hand gebietend gegen die Thüre aus und der Jäger befolgte dieſen Befehl mit zögernden Schritten. Doch ehe er hinaus ging, wandte er ſich nochmals um, ſtürzte dem jungen Manne zu Füßen und ſprach, indem er ſeine beiden Hände ergriff: „O verzeihen Sie mir, Herr, ſo konnte ich nicht ſcheiden; wenn man ſich Jahre lang gekannt, wie ich Sie, ſo wird es Einem hart, unendlich hart, ſich zu trennen. Gott möge Sie behüten und möge er es gnädig fügen, daß wir uns einſtens freudig wieder ſehen.“— Damit ſprang er auf und war verſchwunden. „Amen!“ ſagte der junge Mann nach einer Pauſe, wäh⸗ rend er ſich langſam mit der Hand über das Geſicht fuhr. Darauf blieb er noch einen Augenblick nachdenkend an dem Tiſche ſtehen und verließ alsdann das Zimmer auf die früher dem geneigten Leſer ſchon beſchriebene Art. Hacklander, Europ. Seclavenleben. IV. 8 v“ 8— Achtundſechszigſtes Kapitel. m Achſelbänder und Carrikaturen. S — be nt Am gleichen Abend, in dem unſer voriges Kapitel ſchließt, D vielleicht eine ſtarke Stunde ſpäter, verließ der Baron von Brand ſeine Wohnung; er trug einen ſehr eleganten Paletot von dunk⸗ el lem Tuch, den er feſt zugeknöpft hatte; ſein blonder Bart war b wie immer ſorgfältig zugeſpitzt und parfümirt; er ſchritt luſtig ei trällernd die Treppe hinab, wobei er ſeine Handſchuhe zuknöpfte, und als er hierauf vor die Hausthüre trat, warf er einen Blick an m den Himmel hinauf, welcher ruhig und klar war und, wie oft im ic Winter, in glänzender Sternenpracht funkelte. Es lag kein Schnee auf dem Boden, auch war dieſer hart gefroren, weßhalb Herr 8 von Brand keinen Wagen befohlen hatte. 3 Kaum aber wollte er den Fuß auf das Pflaſter ſetzen, ſo T fuhr eine Equipage, die in vollem Trabe aus der Mitte der v. Straße abgelenkt war, dicht an das Haus hin, wo die Pferde 3 augenblicklich ſtill ſtanden. Der Baron zog ſeinen Fuß zurück, t 7 und that wohl daran, denn der Wagen war ſo nah bei der Thür⸗ Achſelbänder und Carrikaturen. 19 ſchwelle vorgefahren, daß er den Heraustretenden beinahe in Ge⸗ fahr gebracht hätte. „Zum Teufel!“ rief dieſer dem Kutſcher zu,„iſt das auch eine Manier, harmloſe Fußgänger jählings zu überfallen! He! mein Freund! Weiß Er wohl, daß er mich um ein Haar über⸗ fahren hätte.“ „Ah! Sie ſind es ſelbſt, beſter Herr von Brand!“ hörte er nun eine Stimme laut lachend aus dem Wagen.„Wenden Sie Ihren Zorn von dem Unſchuldigen draußen auf mich. Es drängte mich, Sie zu ſehen, und deßhalb befahl ich, ſo ſchnell zu fahren.“ „Coeur de rose!“ entgegnete der Baron, indem er an den Schlag trat.„Aber gnädiger Herr, ich verſichere Sie, mein koſt⸗ bares Leben ſchwebte in augenſcheinlicher Gefahr, oder, was faſt noch ſchlimmer iſt, meine geraden Gliedmaßen.— Wollen Euer Durchlaucht vielleicht ausſteigen?“ „Nein, nein,“ verſetzte lachend der Herzog;„Sie wollten eben ausgehen, und da kann ich mich nicht unterſtehen, Ihre beſetzte Zeit ſo ſehr in Anſpruch zu nehmen. Auch bin ich ſelbſt eilig wie immer.“ „Wie Sie befehlen, gnädiger Herr. Aber da Sie zu mir wollten, ſo muß ich mir ſchon erlauben, Sie zu fragen, womit ich Ihnen dienen kann.“ „Ich habe zwei Worte mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte der Herzog, indem er den Schlag von innen öffnete,„und wäre Ihnen ſehr dankbar, wenn Sie für wenige Augenblicke in meinen Brougham ſteigen wollten.— Aber Sie müſſen mir im Voraus verzeihen, beſter Baron, daß ich Sie zu ſo ungewohnter Stunde überfalle, und meinen Beſuch nur halb mache; doch wiſſen Sie, ich bin immer ſo ungeheuer beſchäftigt, und wenn ich mir auch oft vornehme, nach Ihnen zu ſehen,—“ 2* Achtundſechszigſtes Kapitel. „So kommen Euer Durchlaucht doch nur, wenn es ſeine wichtigen Gründe hat,“ ſchloß der Baron von Brand mit dem ihm eigenen ſüßen Lächeln den Satz. Bei dieſen Worten war er in den Wagen geſtiegen und ließ ſich neben dem Herzog auf die weichen Kiſſen nieder. „Ich war heute wieder bei dem Major von S.,“ ſagte Seine Durchlaucht. „Da wurde Whiſt geſpielt,“ warf der Baron leicht hin. „Nachher rauchten wir unſere Cigarre, der Major zeigte Steinfeld einige Waffen, ich und Graf Fohrbach wir traten an's Fenſter.“ „Da proponirten Sie ihm eine Wette.“ „Woher wiſſen Sie das?“ fragte erſtaunt der Herzog. „Nun, ich weiß es eben, gnädiger Herr; ich erfahre ſo Manches.“ „Teufel auch! ſo haben Sie den Grafen Fohrbach geſehen!“ „Coeur de rose! ſeit mehreren Tagen nicht.“ „Oder den Herrn von Steinfeld, oder den Major, denen Graf Fohrbach vielleicht getratſcht.“ „Ebenſo wenig.“ „Unbegreiflich!“ ſagte der Herzog;„nun wenn Sie all⸗ wiſſend ſind, ſo brauche ich Ihnen auch nicht zu ſagen, weßhalb wir gewettet.“ „Gewiß nicht, gnädiger Herr, denn ich weiß das ganz ge⸗ nau. Die Conyverſation betraf Fräulein von S., und Sie ver⸗ maßen ſich— nehmen mir Euer Durchlaucht nicht übel— leicht⸗ ſinniger Weiſe, das Fräulein zu beſtimmen, Ihre Farben zu tra⸗ gen. Ah! Durchlaucht, das iſt ſtark.“ „Alle Teufel! Baron, woher wiſſen Sie das?“ rief der Herzog in höchſtem Erſtaunen.„Es iſt ſo, wie Sie ſagen: ich enen 21 Achſelbänder und Carrißaturen. ſehe in ungeheurer Achtung zu Ihnen empor. Wahrhaftig Baron, ich bin glücklich, daß ich Sie Freund nennen darf.“ „Weil Sie wahrſcheinlich einen Wunſch auf der Seele ha⸗ ben, gnädigſter Herr,“ entgegnete Herr von Brand. Und wenn es in dem Wagen nicht ſo dunkel geweſen wäre, ſo hätte der Her⸗ zog nothwendig ſehen müſſen, von welch' verächtlichem Lächeln dieſe Worte begleitet waren. „Bei Gott! den habe ich auch, Sie Allwiſſender; und einen ziemlich großen Wunſch.“ „Den ich mir denken kann. Ich ſoll Ihnen helfen Ihre Wette gewinnen.“ „Ja und Nein,“ ſagte Seine Durchlaucht.„Die Wette iſt nicht zu gewinnen, denn der Graf nahm ſie gar nicht an; aber meinen Willen durchzuſetzen, das wäre mein höchſter Wunſch.“ „Daß das Fräulein bei dem Hofball Ihre Farben trägt?“ „Ja, das muß ich durchſetzen,“ ſprach der Herzog eifrig. Dann fuhr er auf vertrauliche Art und ſehr leiſe fort:„Dabei müſſen Sie mir helfen; ich verſichere Sie, Baron, ich gewinne nicht einen halben Pas bei dem ſtarrköpfigen Mädchen. Was nützt mich das Fürwort des Vaters? was nützt es mich, daß wir ſie von allen Seiten umgarnt haben? was helfen mich Ihre ſonſt ſo vortrefflichen Berichte? Ueber Alles, was ich erfahre, muß ich mich ärgern.— Wo geht ſie hin?— Zum Kriegsminiſter oder zum Major von S.— Wer iſt da täglicher Gaſt?— Graf Fohrbach.— Baron, wir müſſen einen Hauptcoup ausführen; ich muß mit einem Mal das verlorene Terrain wieder gewinnen. Sie muß auf dem Hofball meine Farben tragen und ſich ſo com⸗ promittiren.“ „Das Letztere kann nicht ausbleiben, wenn wir ſie zu dem Erſteren vermögen. Das wird aber ſehr, ſehr ſchwer ſein.” ———— ——— 22 Achtundſechszigſtes Kapitel. „Schwer haben Sie geſagt, beſter Baron!“ jubelte der Herzog,„alſo doch nicht unmöglich. O, meine Dankbarkeit wäre unbegrenzt. Sprechen Sie, iſt was zu machen?“ „Das will ſehr überlegt ſein. Und wie lange haben wir Zeit?“ „Noch acht bis zehn Tage, dann iſt der große Maskenball bei Hof.—— Sprechen Sie, Baron, machen Sie mich zu Ihrem ewigen Schuldner.“ „Ich fürchte, gnädiger Herr,“ erwiederte Herr von Brand lachend,„Ihre Ewigkeiten ſind ſehr kurz und vergänglich.— Doch will ich's darauf hin wagen. Aber erſchrecken Sie nicht, wenn auch ich nächſtens anfange, meine Forderungen zu ſtellen.“ „Verlangen Sie,“ erwiederte der Herzog beſtimmt.„So lieb es mir iſt, Ihr Schuldner zu ſein, ſo ſollen Sie mich doch jederzeit bereit finden, für Sie zu thun, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht.“ „Das höre ich jetzt ſchon zum zweiten Male, und es wird nächſtens die Zeit kommen, wo ich Euer Durchlaucht feſt beim Worte nehme.“ „Ich hoffe es; aber meine Angelegenheit— ſprechen Sie, beſter Baron!“ „Soll— beſorgt werden.“ „Bei meiner Ehre! Baron,“ rief erfreut der Herzog, „verſprechen Sie nicht zu viel?“ „Das thue ich nie,“ erwiederte ruhig Herr von Brand.„Es iſt das freilich keine leichte Commiſſion, aber ich thu' Alles, um Sie mir zu verpflichten. Doch bedarf ich ein klein wenig Ihrer Hülfe; heute Abend iſt bei der Frau Herzogin eine Zuſammen⸗ kunft, der Sie wahrſcheinlich anwohnen werden.“ „Ich habe von Mama die gnädige Erlaubniß erhalten,“ ſ n — Achſelbünder und Carrikaturen. lachte der Herzog; nich als einziger Mann zwiſchen ein paar Dids zend Hofdamen und Ehrenfräuleins.“ „Sie Glücklicher!— Nun alſo, da werden Sie erfahren, welches Coſtüm der Fräulein von S. zugedacht iſt. Sorgen Sie darnach für die bewußten Bänder in den Farben, die Sie wollen, ſei es als Haar⸗ oder Buſenſchleife, wenn ſie irgend ein vollkom⸗ menes Damencoſtüm wählt, ſei es als Achſelbänder, wenn man ſte vielleicht zu einer der Ecuhèren Ihrer Majeſtät beſtimmt. Und das bin ich überzeugt bei der prachtvollen Geſtalt des jungen Mädchens.“ „Ach ja, bei ihrer prachtvollen Geſtalt!“ ſeufzte der Herzog. „Aber die Schleifen oder Achſelbänder müſſen mir in der von Ihnen beſtimmten Farbe vollkommen fertig, auf's Zierlichſte gemacht, in drei Tagen, von heute ab, übergeben werden.“ „Das werde ich ſelbſt beſorgen, beſter Baron, und zugleich meinen herzlichſten Dank überbringen.“ „Mit Letzterem wollen wir warten bis nach dem Hofballe,“ entgegnete Herr von Brand,„denn ich bin nicht allmächtig, auch mir kann Etwas mißlingen.“ „Nein, nein,“ rief triumphirend der Herzog,„Ihnen nicht. Glauben Sie mir, ich ſtaune Sie an. Ich bin doch auch mit den Hofintriguen ziemlich bekannt, aber welche Wege Sie gehen, iſt mir unerklärlich; über welch' immenſe Kräfte und Mittel müſſen Sie zu verfügen haben!“ „Sie irren, gnädiger Herr,“ erwiederte der Baron leicht, „die Kräfte, die ich anwende, ſind klein und unbedeutend wie ich ſelbſt; es trifft ſich nur zufällig, daß ich Ihnen dienen kann.“ „Sie ſind wahrhaftig zu beſcheiden. Doch will ich jetzt Ihre Zeit nicht länger in Anſpruch nehmen,“ antwortete der Herzog; „ich würde Sie einladen, mit mir zu kommen, aber ich muß, wie Achtundſechszigſtes Kapitel. Die wiſſen, bei jener wichtigen Zuſammenkunft erſcheinen.— Sie waren zu Fuß, wie ich ſehe, kann ich Sie irgendwo abſetzen?“ „Ich gehe zu Ihrem Rivalen,“ ſagte lachend der Baron von Brand;„Sie ſehen, wie ich offenherzig bin. Wenn Sie mich dahin bringen wollen, iſt es mir angenehm.“ „Und genirt es Sie nicht, wenn Sie in meinem Wagen anfahren?“ „Ganz und gar nicht, gnädiger Herr,“ verſetzte der Baron in ſehr harmloſem Tone.—„Coeur de rose! der Graf Fohrbach wird gar kein Gewicht darauf legen, ob ich von Euer Durchlaucht oder von Hauſe komme.“ „So fahren wir alſo!“ ſprach der Herzog. Er ließ die Scheibe des Schlages herab und rief ſeinem Kutſcher zu:„Zum Adjutanten, Graf Fohrbach!“ Dumpf rollte der Wagen dahin, durch erhellte und belebte Straßen, und bog bald rechts, bald links. Zuweilen fielen Licht⸗ ſtrahlen aus einem der glänzenden Magazine in den Wagen hinein, und dann hätte man ſehen können, wie der Herzog zuweilen aber kaum merklich forſchend den Baron Brand anblickte, dieſer da⸗ gegen zum Wagenſchlage hinausſah und die erhellten Laden ſo⸗ wie die vorüberhuſchenden Spaziergänger angelegentlich zu be⸗ trachten ſchien. Jetzt hielten die Pferde, Herr von Brand ſagte:„Ah! da ſind wir ſchon!“ und während er leicht und gewandt auf die Erde ſtieg, faßte er die dargereichte Hand des Herzogs, welche ihm dieſer mit Empreſſement nachſtreckte. Auf einen Zug an der uns bekannten Klingel öffnete ſich die kleine Thüre, der Baron ging durch den Garten in das Haus, wurde von dem alten Die⸗ ner mit einer ſteifen, feierlichen Verbeugung empfangen, und trat en?“ von mich agen aron bach aucht die Zum elebte Licht⸗ nnein, aber r da⸗ en ſo⸗ u be⸗ h! da uf die velche in der Baron Die⸗ d trat Achſelbänder und Carrikaturen. 25 in den Salon, wo ſich der Hausherr befand, auch der Major von S., Arthur Erichſen und Herr von Steinfeld. Sämmtliche Herren blickten auf, als er eintrat, Arthur und Graf Fohrbach wechſelten einen bedeutungsvollen Blick mit einan⸗ der; doch als hätten ſie ſich wohl verſtanden, winkte der Maler dem Eintretenden freundlich mit der Hand, und Graf Fohrbach, ſich gewaltſam von einer kleinen Befangenheit losmachend, rief laut lachend:„Da kommt der Baron! das iſt unſer Mann, der kann uns au fait ſetzen.“ Der Baron grüßte verbindlich der Reihe nach, wobei er den Kopf ſenkte und mit den Augen nach aufwärts ſchielte. Er zog bedächtig ſein Sacktuch heraus, wiſchte ſeinen Bart und wedelte ſich hüſtelnd einige Wohlgerüche zu. Man konnte ihm das nicht übel nehmen, denn der Dampf der Eigarren in dem Gemach war wahrhaft ſchrecklich; er konnte auch nichts Geſcheidteres thun, als ſich ſelbſt eine anzuzünden, was auch ſogleich geſchah, und dann erſt, nach einigen ſtarken Zügen, verſicherte er, in der Verfaſſung zu ſein, Rede und Antwort ſtehen zu können. „Baron Brand iſt mir ſchon recht,“ meinte Arthur,„und ich unterwerfe mich ſeinem Urtheilsſpruch.“ „Um was handelt es ſich?“ fragte Jener geziert. „Sie waren neulich bei mir,“ fuhr der Maler fort,„oder Sie kamen vielmehr mit Herrn von Dankwart. Sie erinnern ſich, daß dieſer Protector aller ſchönen Künſte vorläufig ein Portrait des Herrn Herzogs bei mir beſtellte.“ „Vorher aber ſollten Sie an ſeinem Kopfe beweiſen, ob Sie auch fähig ſeien, ein gutes Portrait zu liefern.— Ganz recht,“ entgegnete der Baron. Und dieß Portrait hat er gemacht!“ jubelte der Hausherr. „Vortrefflich! Arthur, laſſen Sie es ſehen.“ Achtundſechszigſtes Kapitel. „Sie bringen mich wahrhaftig in Verlegenheit, Graf Fohr⸗ bach,“ ſagte lachend der Maler;„ich habe Ihnen eine Zeichnung präſentirt, aber ſte nicht als das Bildniß des Herrn von Dank⸗ wart ausgegeben. Gott ſoll mich bewahren! das ginge wider allen Reſpect.“ „So laſſen Sie ſehen,“ ſprach gravitätiſch der Baron, und zupfte ſeinen Halskragen ſanft in die Höhe;„wir wollen unpar⸗ teiiſch entſcheiden.“ „Meinetwegen,“ entgegnete der Maler.„Aber ich erſuche die Herren, meine Verwahrung zu Protokoll zu nehmen.“ Er erhob ſich und nahm aus ſeiner Mappe, die in einer Ecke lehnte, ein Blatt, welches er dem Herrn von Brand übergab. Dieſer legte ſeine Cigarre auf das Kamin, wandte den Rü⸗ cken gegen die Lampe, die auf dem Geſims ſtand, und als nun das volle Licht derſelben auf jenes Bild fiel, fuhr ein höchſt angeneh⸗ mes Lächeln über ſeine Züge. Seine Oberlippe erhob ſich kokett und zeigte die blendend weißen Zähne.„In der That vortreff⸗ lich!“ ſagte er nach längerem Betrachten;„ſuperb!— göttlich! Das iſt das Bild eines Schimpanſe, und hat zugleich große Aehn⸗ lichkeit mit Herrn von Dankwart. i „Zeigen Sie auch die anderen!“ rief Graf Fohrbach. Und der Maler brachte noch fünf andere Blätter zum Vor⸗ ſchein, worin der Schimpanſe und Herr von Dankwart nach der bekannten Spielerei behandelt waren, wo man in hundert Abbildun⸗ gen mit ganz unmerklichen Aenderungen, wodurch zwei Blätter immer vollkommen ähnlich ſind, dennoch den großen Sprung von einem ausgeſpannten Froſch bis zum Apoll von Belvedere zurück⸗ legen kann. Hier aber genügten vollkommen ſechs Blätter, um aus einem gerechten und untadelhaften Schimpanſe zur vollſtändigen Figur des Herrn von Dankwart überzugehen. einer einver Man Nale ich, gen; Sie gefäl Fohr⸗ hnung Dank⸗ wider n, und unpar⸗ erſuche 9 Er lehnte, en Rü⸗ un das ngeneh⸗ ch kokett vortreff⸗ göttlich! ſe Aehn⸗ ch. im Vor⸗ nach der bbildun⸗ Blätter rung von ee zurück⸗ um aus ſtändigen Achſelbänder und Carrikaturen 27 „Die Blätter ſind koſtbar,“ ſagte Herr von Brand nach einer Pauſe;„ich gäbe was darum, wenn ich ſie meinem Album einverleiben könnte. Lieber Herr Erichſen, könnte ſie ein armer Mann, wie ich bin, bezahlen 24 „Wenn es eine präſentable Arbeit wäre,“ erwiederte der Maler, indem er ſeine Blätter wieder zuſammen packte,„ſo würde ich, mich aller Ihrer Gefälligkeiten erinnernd, mir ein Vergnü⸗ gen daraus machen, ſie in Ihr Album zu ſtiften. Aber verzeihen Sie mir, in dieſem Falle wäre das vielleicht für uns Beide ein gefährliches Wagſtück.“ „Was geht uns Herr von Dankwart an?“ meinte der Baron. „Aber ſeine Herrin deſto mehr,“ warf der Major dazwi⸗ ſchen,„er ſteht in der allerhöchſten Gnade; Sie können morgen bei ihm vorfahren und ihm gratuliren; er hat wieder einen neuen Orden bekommen.“. „Das würde ich wahrhaftig thun,“ ſagte lachend der Ba⸗ ron,„wenn ich jene ſechs koſtbaren Blätter hätte, um ſie nach⸗ her zur Abkühlung präſentiren zu können.“ „Das würden Sie nicht thun,“ verſetzte aufmerkſam Graf Fohrbach.„Ich kenne und bewundere Ihren Muth in jeder Hin⸗ ſicht, aber das würden Sie bleiben laſſen.“ „Das käme auf eine Wette an,“ entgegnete Herr von Brand in gefälliger Weiſe. „Die ich annehmen würde; Zehn gegen Eins.“ „Halt! halt! ihr Herren!“ ſprach der Major.„Das wär' eine Wette, die uns Alle, wie wir hier verſammelt ſind, theuer zu ſtehen kommen könnte.“ „Die auch nie ſtattfinden kann,“ ſagte Arthur,„denn ich würde die Blätter nie, namentlich aber nicht zu einem ſolchen Zwecke, hergeben.“ — Achtundſechszigſtes Kapitel. „Genug! genug!“ miſchte ſich Herr von Steinfeld, der bisher in einem Buch geblättert, in das Geſpräch,„man muß nicht ſo in ein Weſpenneſt ſchlagen wollen. Aber ſage mir, vor⸗ trefflicher Hausherr, darf ich dich um eine Taſſe Thee bitten?“ „Ich weiß nicht, wo er ſo lange bleibt,“ erwiederte Graf Fohrbach. Doch hatte er kaum an der Klingel gezogen, als auch ſchon der Kammerdiener, faſt unhörbar, in das Zimmer glitt, den Thee in der uns bekannten Art aufſtellte, und darauf mit den Bedienten wieder verſchwand. Jeder nahm ſich eine Taſſe, dann ſagte Herr von Steinfeld mit Beziehung auf das Geſpräch von vorhin:„Unſereins, der lang in der Fremde war, und faſt unbekannt geworden, könnte ſich durch ſo Etwas empfehlen.— Alle Wetter! Wer hat die Wette gemacht, würde es freilich heißen?— Graf Fohrbach, bei ſich zu Hauſe in einer kleinen Geſellſchaft.— Wer war da?— Nun, Erichſen, der die Blätter gezeichnet, Major von S., Herr von Steinfeld—“ „Ja, ja,“ ſagte der Major,„das könnte uns Allen ein paar verdrießliche Geſichter eintragen.“ Der Hausherr hatte achſelzuckend zugehört und bedächtig ſeine Taſſe ausgetrunken, worauf er ſagte:„Ja, wir werden alt, es iſt kein Spaß mehr da und kein Humor.— Apropos!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„du biſt mit deinen Beſuchen ziemlich fertig. Man hat dich doch überall gnädig aufgenommen?“ „Darüber kann ich nicht klagen.— Doch da fällt mir was ein, worüber ihr mich vielleicht aufklären könnt.— Als ich bei deinem Papa war,“ wandte er ſich an den Hausherrn,—„Seine Excellenz empfiengen mich ſehr zuvorkommend,— traf ich den alten General⸗Adjutanten, Baron von W. mit ſeiner Frau.“ Herr von Brand zuckte, aber faſt unmerklich, zuſammen. eld, der an muß lir, vor⸗ ten?“ rte Graf als auch eer glitt, rauf mit Steinfeld eins, der , könnte die Wette bei ſich — Nun, Herr von AUllen ein bedächtig erden alt, 819 fuhr ziemlich 2 1 mir was ls ich bei —„Seine af ich den rau.“ mmen. Achſelbänder und Carrikaturen. 29 „Wann ich ſage traf, ſo meine ich damit, ich begegnete ihm an der Thüre des Salons; er ging, ich kam. Es war ſo auf der Schwelle, daß ich nicht präſentirt werden konnte. Der Bediente meldete mich, und da war es mir, als wenn ſich die Baronin von W. bei Nennung meines Namens plötzlich und auf⸗ fallend von mir abwandte.“ „Wer weiß, wilder Menſch,“ ſagte der Major,„ob du ſie nicht vielleicht früher einmal gekannt, ihr die Cour gemacht oder ſie auffallend vernachläßigt haſt.“ „Unmöglich!“ erwiederte Herr von Steinfeld.„Als ich da⸗ mals noch hier war, war der alte Baron auf weiten Reiſen und heirathete in meiner Abweſenheit. Ich machte natürlich auch in ſeinem Hauſe meinen Beſuch, er empſieng mich, Madame, hieß es, ſei unpäßlich.“ „Das iſt ſo ſeine Art,“ meinte gleichgültig Graf Fohrbach, ſes iſt ein alter, eigenſinniger Herr, der ſein Haus Niemanden öffnet, und nur genaue Bekannte ſeiner Frau vorſtellt.“ „Ihr könnt euch denken,“ fuhr Herr von Steinfeld fort, „daß das meine Neugierde erregt, und daß ich Alles daran ſetzen werde, ihre Bekanntſchaft zu machen.— Iſt ſie ſchön?“— „O nicht übel, wie ſoll ich ſie dir beſchreiben?“ ſprach der Hausherr, und fuhr gleich darauf lachend fort:„Richtig! be⸗ trachte dir dort den Baron Brand.“ Dieſer war in tiefe Gedanken verſunken und ſtarrte in die Theetaſſe, die er vor ſich hin hielt. Als er nun ſo plötzlich ſei⸗ nen Namen nennen hörte, wäre ihm dieſe faſt aus der Hand gefallen, ſo ſchrack er zuſammen. Doch faßte er ſich augen⸗ blicklich wieder, lächelte und ſagte:„Was beliebt, Graf Fohrbach?“ Herr von Steinfeld hatte übrigens der an ihn ergangenen Achtundſechszigſtes Kapitel. Aufforderung gemäß ſeinen Blick auf den Baron geworfen und mußte in deſſen Geſicht etwas gefunden haben, was ihn feſſelte, denn er betrachtete ihn eine Zeit lang mit großer Aufmerkſamkeit, dann aber ſtarrte er vor ſich hin, augenſcheinlich in tiefe Gedan⸗ ken verſunken.—„Wirklich,“ ſagte er darauf, indem er mit der Hand über die Augen fuhr;„alſo Herr von Brand ſähe der Frau von W. ähnlich?“ „Die alte Geſchichte,“ entgegnete Dieſer achſelzuckend und ſüßlich lächelnd, wobei er ſich aber nicht enthalten zu können ſchien, einen Blick in den Spiegel an ſeiner Seite zu werfen.— „Das iſt die alte Geſchichte dieſes guten Grafen Fohrbach. Das beluſtigt ihn; man laſſe ihm dieſe Grille.“ „Nein, nein, es iſt was daran,“ meinte auch der Major. „Wir haben ſchon früher darüber geſprochen; haben Sie noch nicht in Ihren Geſchlechtsregiſtern nachgeſehen?“ „Späſſe! nehmen Sie nur unſere beiderſeitigen Namen.“ „Aus welcher Familie iſt die Baronin?“ fragte Herr von Steinfeld. „Aus einem großen ſicilianiſchen Hauſe, auf icci endigend; wer kann das behalten?“ „Aber das blonde Haar für eine Italienerin!“ „Der Vater war ein Engländer oder Schotte. Es liegt noch ein gewiſſes Düſter über ihrer Herkunft.“ „Ich muß ſie ſehen,“ ſagte beſtimmt Herr von Steinfeld. „Lieber Baron Brand,“ lachte der Hausherr,„ich laſſe mir die Aehnlichkeit doch nicht abſtreiten. Wer weiß, wie das zuſammenhängt.“ 3 „O, mir wäre ein ſolcher Zuſammenhang gar nicht unlieb,“ ſagte der Baron. Dann trank er ſeine Taſſe leer, und ſtellte ſie, Müdigkeit affectirend, auf den Tiſch. For Fra anſe liche fohl die ſcha dara ihne eine dem Herr weld hört ihm Da! Acht ndaß ſchon den würd die n erfen und n feſſelte, kſamkeit, Gedan⸗ n er mit ſähe der end und können rfen.— h. Das Major. Sie noch nen.“ err von digend; gt noch feld. laſſe ie das llieb,“ tte ſie, Achſelbänder und Carrikaturen. 31 Der Major hatte ſich erhoben und machte Anſtalten zum Fortgehen.—„Ich habe Dienſt,“ bemerkte er lächelnd auf die Frage des Grafen, und ſetzte hinzu, als ihn dieſer ungläubig anſah:„Ich verſprach meiner Frau, ſie im Schloſſe abzuholen.“ „Ah! ſie iſt auch bei der großen Berathung! Du Glück⸗ licher, da erfährſt du heute Abend ſchon, welche Coſtüme be⸗ fohlen werden.“ „Was mich im Grunde gar wenig intereſſirt, denn ich liebe die Maskerade nicht,“ erwiederte der Major, und ſetzte, ſich um⸗ ſchauend, hinzu:„Wer von den Herren geht mit?“ Der Baron von Brand und Herr von Steinfeld nahmen darauf hin ebenfalls von dem Hausherrn Abſchied, Arthur wollte ihnen folgen, doch bat ihn Graf Fohrbach, zu bleiben und noch eine Stunde mit ihm zu verplaudern. An der Thüre wandte ſich Herr von Brand um und rief dem Maler mit einem etwas erzwungenen Lächeln zu:„Beſter Herr Erichſen, bitte, überlegen Sie es ſich ernſtlich, ob und zu welchen Bedingungen ich die ſechs Blätter bekommen kann.“ „Der Teufel auch,“ ſagte der Hausherr, nachdem er ge⸗ hört, daß die Thüren draußen geſchloſſen worden;„was mag ihm ſo an dem Portrait des Herrn von Dankwart gelegen ſein! Da wären Ihre Blätter in guten Händen. Nehmen Sie ſich in Acht.— Ich glaube wohl,“ ſetzte er nach kurzem Beſinnen hinzu, „daß er einen guten Gebrauch davon machen würde, und ich möchte ſchon Dankwärtchen einen kleinen Aerger wünſchen; aber ſie wer⸗ den ſich um's Himmelswillen nicht mit dem Andern einlaſſen.“ „Aber Sie proponirten ihm doch ſelbſt eine Wette!“ „Weil ich gewiß war, daß Sie die Blätter nicht hergeben würden.— Apropos, Arthur, Sie erinnern ſich der paar Worte, die wir neulich auf dem Balle zuſammen ſprachen; ich muß Ihnen Achtundſechszigſtes Kapitel. wiederholen: nur durch die größte Behutſamkeit dem Baron gegenüber können wir im Stande ſein, ſeine Aufmerkſamkeit, ja ſeinen Verdacht nicht zu erregen. Sie werden deßhalb auch in meinem Betragen gegen ihn durchaus keine Aenderung merken.“ „Ich hoffe, daß Sie über dieſen Punkt auch mit mir zufrie⸗ den ſein werden,“ meinte Arthur. „Vollkommen.— Ich hielt Sie nicht ohne Abſicht hier zurück; neulich machte ich einen Beſuch bei unſerem Polizei⸗ director; ich gehe da zuweilen hin, es iſt das ein ſehr anſtän⸗ diges Haus, doch will ich Ihnen geſtehen, daß ich dießmal meinen beſonderen Zweck dabei hatte. Ich brachte das Geſpräch auf die Zuſtände unſerer Reſidenz, namentlich was das Depar⸗ tement des Polizeidirectors anbelangt und erzählte dann leicht hingeworfen die Geſchichte meines Pettſchafts, das neulich ſo räthſelhaft verſchwand. Der alte Herr riß nach ſeiner Gewohn⸗ heit heftig an der Naſe und legte der Sache eine größere Wichtig⸗ keit bei, als ich gedacht; ja, er erließ mir ein förmliches Verhör nicht und mußte ich ihm zu dem Ende auf ſein Arbeitszimmer folgen, wohin er auch ſeinen erſten Secretär beſchied,— unter uns geſagt, ein junger, ſehr geſcheidter Mann, der in ſeinem kleinen Finger mehr Verſtand hat, als Seine Excellenz im ganzen Körper.— Nun gut! Ich muß das Pettſchaft beſchreiben, wo es gelegen, wann ich es vermißt und noch mehr dergleichen für die Polizei ſo wichtigen Kleinigkeiten.— Es wäre ſonderbar, ſagte mir der Secretär, daß ähnliche Diebſtähle ſo häufig vor⸗ kämen, und oft Sachen, die an und für ſich gar keinen Werth hätten,— Briefe, ganze Correſpondenzen, Doecumente und der⸗ gleichen, und würden dieſe mit einer Sicherheit begangen, die an's Fabelhafte ſtreife. Ja, es ſei vorgekommen, daß Dieſem oder Jenem, namentlich in der höͤhern Geſellſch aft, ein Blatt, dem Baron merkſamkeit, halb auch in ig merken.“ mir zufrie⸗ lbſicht hier m Polizei⸗ ehr anſtän⸗ ch dießmal 3 Geſpräch as Depar⸗ ann leicht neulich ſo Gewohn⸗ Wichtig⸗ 8 Verhör itszimmer — unter in ſeinem n ganzen ben, wo ichen für nderbar, ifig vor⸗ Werth ind der⸗ en, die Dieſem Blatt, Achſelbänder und Carrikaturen. 33 ein Brief plötzlich gefehlt irgend eines Inhaltes, der im Stande ſei, ihn vor einer andern Perſon ſchwer zu compromittiren, und es ſei unglaublich, aber wahr, daß man kurze Zeit darauf eben jener andern Perſon das betreffende Papier in die Hände geſpielt und ſo wie muthwillig die erbittertſten Feindſchaften hervor⸗ gerufen.“ „Unerklärlich.“ „Dazwiſchen hindurch zögen ſich, ſo erzählte der Polizei⸗ director, nun eine ganze Menge wirklicher und ſchwerer Dieb⸗ ſtähle, mit einer⸗Sicherheit und einem Muthe ausgeführt, wie ſie nur durch die wohlorganiſtrteſte Bande geſchehen könnten, durch eine Bande, die mit ebenſo viel Umſicht, als Energie ge⸗ leitet würde.“ „Alſo endlich glaubt man an die Exiſtenz einer ſolchen,“ ſagte Arthur.„Es iſt gut, daß ihnen droben einmal ein Licht aufgeht. Wir geringeren Leute drunten haben ſchon lange nicht mehr daran gezweifelt; mein Vater, der viel mit den Vätern der Stadt zu verkehren hat, machte oft darüber Andeutungen und ſprach von dem Hauſe, das zwiſchen uns Beiden neulich auch genannt wurde, dem ſogenannten Fuchsbaue, als dem Heerde aller dieſer Geſchichten.—— Aber mir ſcheint, die Thüre Ihres Schlafzimmers wurde geöffnet,“ unterbrach er ſich; „die Vorhänge haben ſich ſo eben bewegt.“ „O, es wird mein Jäger ſein,“ entgegnete der Graf und fuhr dann fort:„Daſſelbe vermuthete man auch auf der Polizei⸗ direction; doch haben die ſcharfſten Hausausſuchungen noch nie Etwas ergeben; das ſoll freilich eine ſolche Verwirrung, ein ſolcher Knäul von Treppen, Stuben und Gängen ſein, daß ſich ein Uneingeweihter dort ſelbſt am hellen Tage nicht ausfinden könne. Der Secretär des Polizeidirectors meinte, man könne da Hacklaänder, Europ. Sclavenleben. IV. 3 Achtundſechszigſtes Kapitel. nur durch eine Radicalkur helfen, indem man von Staatswegen die ganzen Gebäulichkeiten ankaufe und niederreiße.“ „Das wäre ſchade für uns Maler,“ verſetzte Arthur lächelnd, „denn es hat dort wahrhaft prachtvolle Anſichten, finſtere, melan⸗ choliſche Winkel, wie ſie die kühnſte Phantaſie nicht erſinnen kann.“ „Richtig!“ ſagte ebenfalls lachend der Graf;„und dieſe Winkel und engen Gaſſen lieben Sie abſonderlich. Warten Sie, man kommt hinter Ihre Schliche.“ „Wie ſo?“ fragte der Maler. „Wenn man ſich nicht weit vom Fuchsbau am Kanale hin verliert, ſo kommt man in kleine Straßen, wo Sie, theuerſter Arthur, eigentlich nichts zu ſchaffen hätten, und wo man Sie doch häufig herumwandeln ſieht.“ „Das läugne ich auch ganz und gar nicht.“ „Alſo in der That ein kleines Verhältniß?“ „Sagen Sie lieber ein großes Verhältniß, Graf Fohr⸗ bach. Ich geſtehe Ihnen, dem Freunde, daß mich mehr als eine müßige Laune dorthin zieht. Ja, warum ſollte ich es läugnen! Ich habe dort ein Mädchen gefunden, das ich unendlich liebe,— das ich Ihnen in vielleicht nicht zu langer Zeit als meine Frau vorzuſtellen habe.“ „Aus jenen engen Gäßchen?“ ſagte der Graf im höchſten Erſtaunen.„Was wird Papa Erichſen dazu ſagen, und vor Allem Mama, die ſehr ſtrenge Commerzienräthin? 4 „Das iſt freilich noch eine ſchroffe Klippe, die ich um⸗ ſchiffen muß und will.— Gewiß, Graf Fohrbach, ich ſcherze nicht, ich bin dazu feſt entſchloſſen.“ „Und ihr liebt einander, wie es ſein ſoll?“ erwiederte der Graf mit wahrer Theilnahme.—„Und wenn das Mädchen gut und anſtändig iſt, woran ich übrigens ebenſo wenig zweifle, wegen helnd, nelan⸗ ann.“ dieſe 1 Sie, le hin uerſter n Sie Fohr⸗ ls eine ignen! be,— e Frau öchſten nd vor h um⸗ ſcherze erte der Lädchen zeifle, Achſelbänder und Carrikaturen. 35 als an ihrer Schönheit, denn Ihr guter Geſchmack iſt mir be⸗ kannt, ſo haben Sie Recht, ſich über unſere kleinlichen Ver⸗ hältniſſe hinwegzuſetzen. Sie ſind ja ein freier Mann, ein Künſtler,— Sie können am Ende handeln, wie Sie wollen,“ ſetzte er mit einem kleinen Seufzer hinzu. „Ich wußte wohl,“ erwiederte Arthur mit Wärme,„daß Sie meinen Entſchluß billigen würden, und ſollten Sie das Mädchen kennen lernen, ſo würden Sie mir noch unbedingter Recht geben.“ „Ach, lieber Arthur,“ verſetzte der Graf nach einer Pauſe, „dießmal kann meine Zuſtimmung für Sie eigentlich wenig Werth haben, denn ich befinde mich faſt in gleicher Lage und fühle deß⸗ halb parteiiſch für Sie.“ „Sie— Graf Fohrbach?“ fragte Arthur erſtaunt. „Ja, beſter Freund; auch ich liebe; eigentlich zum erſten Mal in meinem Leben, und auch mir treten die Verhältniſſe hemmend entgegen. Doch auch ich bin feſt entſchloſſen, dieſelben niederzuwerfen, denn ich liebe, Arthur, und vor allen Dingen, werde ebenſo wieder geliebt.“ „Dann wollen wir uns gegenſeitig gratuliren,“ ſprach lachend der Maler, indem er ſeine beiden Hände ausſtreckte, welche Graf Fohrbach herzlich ſchüttelte und darauf ſagte: „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Sie werden jeder Zeit, unter allen Verhältniſſen und Lagen einen treuen und ergebenen Freund an mir finden. Haben Sie mir doch beſtändig die beſten Beweiſe Ihrer Zuneigung gegeben, ſogar in Geſchichten, an welche nur zu denken ich mich jetzt faſt ſchäme, und wo ich am Ende Ihr Verführer geworden bin, wenn Ihre Liebe Sie nicht geſchützt, wie mich die meinige.“ „O ja, ſie ſchützte mich vollkommen,“ entgegnete lächelnd 3** “ 5 23—“ —ͤ“ ——xxi‧‧‧ 36 Achtundſechszigſtes Kapitel. der junge Mann.„Richtig! wir ſprachen noch nicht darüber, und damit hängt doch auch Etwas zuſammen, was wieder auf Her unſern räthſelhaften Baron zurückführt.“ deu „Ah! laſſen Sie hören; darauf bin ich begierig.“. „Sie baten mich damals, Ihnen den Brief zu beſorgen, an kini eine gewiſſe Madame Becker, Kanalſtraße, glaube ich. Das war 65 an jenem Tage, wo Ihr Pettſchaft verſchwand.“ d Richtig! richtig! und ich benützte das Siegel des Herrn 4 4 3 1 zuſc von Brand.“ „Alſo habe ich doch Recht!“ rief überraſcht der Maler. der „Ich bemerkte wohl arabiſche Schriftzüge auf demſelben, doch ber fiel es mir erſt ſpäter ein, daß Ihnen vielleicht der Baron damit iwi aus der Verlegenheit geholfen.“ „Und was hat es mit dieſem Siegel für eine Bewandtniß?“ d „Die bewußte Madame Becker erſchrack, als ſie es bemerkte. Und doch ſchien ſie es wieder anzutreiben, Ihren Wunſch zu er⸗ ze füllen. Das beſchäftigte mich, ſobald ich das Haus in der Kanal⸗ deg ſtraße verlaſſen; Ihr Siegel— ich kannte es ja— ein einfaches F. ſogar ohne Wappen und Krone, konnte unmöglich einen 63 ſolchen Eindruck auf die Frau machen.“ i ch „Sie haben wahrhaftig Recht,“ ſprach der Graf nach eini⸗ leich gem Beſinnen.„Als ich in jenem Brief von der Frau das Be⸗ ferr wußte verlangte, dachte ich ſelbſt nicht, daß es möglich ſei, und verf war in der That überraſcht, als ſie mir einige Zeit nachher an⸗ bin zeigte, die Angelegenheit habe ſich arrangirt. Dabei ſchrieb ſte heu auch von einem hohen Freunde, dem ich ſagen ſolle, wie viel auf Mühe ſie ſich gegeben. Damit war offenbar der Baron gemeint, deſſen Siegel ſie alſo erkannt; und wenn ſie dieß erkannt, ſo muß„j ſie ſchon in häufige Berührung mit ihm gekommen ſein.“ er e „Und nicht blos in Berührungen, wie mit andern vornehmen nich grüber, der auf gen, an as war Herrn Maler. ,doch damit dtniß?“ :merkte. zu er⸗ Kanal⸗ nfaches h einen ch eini⸗ as Be⸗ ei, und her an⸗ rieb ſie wie viel eemeint, ſo muß nehmen Achſelbänder und Carrikaturen. 37 Herren,“ meinte Arthur lächelnd,„ſondern ihr Schreck zeigte mir deutlich, daß ſie ihn fürchte.“ „Wie ein für ſie mächtiges Weſen,“ ſagte der Graf raſch einfallend.—„Bei Gott! Arthur, es iſt ſo; ich ſcheue mich faſt, es auszuſprechen; aber wenn ich meine Begegnung mit ihm in der Nacht am Fuchsbaue, namentlich den Bericht jenes unglück⸗ lichen Geſchöpfs im Schloſſe und ſo all' die verſchiedenen Sachen zuſammen ſtelle, ſo drängt ſich mir die feſte Ueberzeugung auf, der ſogenannte Baron von Brand ſtehe an der Spitze einer weit verbreiteten Bande von Fälſchern, Dieben, vielleicht Mördern.“ „Entſetzlich!“ rief Arthur ergriffen.„Und wenn dem ſo wäre, würden Sie zu ſeiner Entdeckung, zu ſeiner Beſtrafung etwas beizutragen im Stande ſein? Würden Sie es über ſich vermögen, den Mann, der hier unzählige Mal in Ihrem Zimmer geweſen, der von Ihrem Thee getrunken, von Ihren Cigarren geraucht, den vielleicht verdienten Ketten und Banden zu über⸗ geben?“ „Nein, nein, dazu wäre ich nicht im Stande, obgleich ich es gewiß nicht ungern ſehen würde, wenn wir von dieſem wirk⸗ lich gefährlichen Menſchen befreit würden. Ja, ich würde viel⸗ leicht meinen kleinen Einfluß aufbieten, um ihm die freie Ent⸗ fernung von hier zu erleichtern. Aber wie ſich mit ihm darüber verſtändigen? Daß ſich langſam ein Garn um ſeine Füße zieht, bin ich feſt überzeugt und darum thut es mir leid, wenn ich, wie heute Abend, ſehen muß, daß er ſo unbewußt, ſicher, aber un⸗ aufhaltſam der Gefahr entgegen geht.“ „Und letzteres iſt doch noch die Frage,“ entgegnete Arthur. „Iſt Baron Brand wirklich der, für den wir ihn halten, ſo iſt er ein außergewöhnlicher Menſch, dem ich meine Bewunderung nicht verſagen kann, und der nicht ſo unklug ſein wird, auf Achtundſechszigſtes Kapitel. ſeinem gefährlichen Pfade blindlings dahin zu gehen. Glauben Sie mir, der hat die Augen offen ſo gut wie wir; und ich bin überzeugt, daß die erſte Hand, die ſich nach ihm ausſtreckt, ihn ſpurlos verſchwinden macht.“ „Gewiß, lieber Arthur; aber da wir einmal dieſes Kapitel begonnen, ſo iſt es vielleicht nicht indiscret, wenn ich Sie frage, wie jenes Rendezvous am Neujahrsabend eigentlich abgelaufen; ich muß darauf dringen, da Sie auch in der Angelegenheit Aus⸗ lagen für mich gehabt haben.“ „Dieſe ſind ſo unbedeutend, daß es gar nicht der Rede werth iſt. Auch iſt Ihr Verlangen durchaus nicht indisceret, denn ich kann Sie verſichern, was ich mit dem Mädchen verhan⸗ delt, hätte die ganze Welt ſehen können. Ich erhielt alſo Ihren Brief und ging um acht Uhr, wie derſelbe von mir oder vielmehr von Ihnen verlangt, an die Ecke der Prinzenſtraße; einen Wagen ließ ich mir folgen und im Schatten der Häuſer halten. Ich brauchte auch nicht lange zu warten, ſo ſah ich ein Frauenzimmer auf mich, obgleich mit ziemlich unſichern Schritten, zugehen. Sie war in einen langen, dunkeln Shawl gewickelt, ſo daß man von ihrer Figur ſo gut wie gar nichts entdecken konnte; um den Kopf trug ſie eine ſchwarzſeidene Kapuze mit ſehr langen Spitzen, die ſo dicht auf ihr Geſicht niederfielen, daß es unmöglich war, die Geſichtszüge des Mädchens zu erkennen.“ „Das glaube ich wohl, denn es war eine dunkle Nacht.“ „Ich hatte mich ſo aufgeſtellt, daß ſie ſehen konnte, wie ich an der Straßenecke auf Jemand zu warten ſchien.“ „Welchen Weg kam ſie?“ „Sie ſchien vom Theater zu kommen.“ „Ah!“ „Als ich nahe bei ihr war und ſie mir in's Geſicht ſah, *ꝓ* — 8 — — — ha Zlauben ich bin kt, ihn Kapitel e frage, laufen; t Aus⸗ derhan⸗ Ihren ielmehr Wagen n. Ich zimmer n. Sie an von n Kopf en, die ar, die ht 44 wie ich ht ſah, 8 Achſelbünder und Carrikaturen. 39 welches ich mir auch, im Gegenſatz zu ihr, gar keine Mühe gab, zu verbergen, ſtutzte ſte und ſchien ſich abwenden zu wollen. Ich ſagte ihr: Sie erwarten Jemand anders als mich zu finden; Graf F. aber iſt verhindert und bittet vielmal um Entſchuldigung.— Man muß doch höflich ſein.— Er wird vielleicht das Vergnügen haben, fuhr ich fort, Sie ein anderes Mal zu ſehen; für heute war es ihm gewiß unmöglich.“ „Und ſie gab keine Antwort?“ „Nicht eine Sylbe; ja ſie wandte mir faſt den Rücken zu und nickte ein paar Mal mit dem Kopfe, namentlich als ich ſie fragte, ob ſie ſich des Wagens bedienen wolle, um nach Hauſe zu fahren.“ „Das nahm ſie an?— Aber ſagte Ihnen keine Adreſſe?“ „Das war unnöthig, wußte ich doch ſelbſt die Wohnung der Madame Becker; ich fragte ſie, ob ſie in die Kanalſtraße fahren wolle, da nickte ſie abermals mit dem Kopfe. Ich hob ſie alsdann in den Wagen, ſagte dem Kutſcher, wohin er fahren ſolle, und empfahl mich auf's Höflichſte.“ „Arthur,“ rief der Graf lachend,„ich glaube in der That, daß Ihre Liebe aufrichtig und wahr iſt. Aber Sie können doch froh ſein, daß eben dieß Mädchen ſich ſo dicht verſchleiert und verhüllt hielt, und in kalter, dunkler Nacht vor Sie hintrat; denn nehmen Sie mir es nicht übel, ich wollte doch für nichts ſtehen, wenn es Ihnen mit aller ſeiner Schönheit im warmen Zimmer beim Schein der Lichter unter den angegebenen Verhältniſſen erſchienen wäre.“ „Alſo war es ein gutes Abenteuer?“ „Das will ich meinen! Es betraf ein Mädchen, nach der Tauſende vergeblich geſehen, die bis jetzt unbeſcholten daſtand.“ „Ah! eine Verführung!“ 40 Achtundſechszigſtes Kapitel. „Nur durch die Macht des Goldes; ſonſt würde ich mir noch größere Vorwürfe gemacht haben, als ich damals ſchon that, namentlich da ſie einer armen Familie angehört und durch ihren Erwerb Vater und Geſchwiſter unterſtützen muß.“ „Ein ſauberer Erwerb!“ ſagte kopfſchüttelnd der Maler. „Ich meine das nicht, wie Sie es nehmen,“ entgegnete der Graf.„Ihr Erwerb iſt ſehr anſtändig, kann es wenigſtens ſein; ſte iſt ſogar eine Collegin von Ihnen, Arthur,— eine Künſtlerin.“ „Ah! wenn ich das gewußt hätte, ſo würde ich ein Geſpräch mit ihr angeknüpft haben.— Aber Ihre Kunſt beſteht wohl im Gebrauch der Nadel.“ „Gefehlt, Arthur! Höher hinauf, oder wenn Sie wollen, tiefer hinab, denn die Kunſt dieſer jungen Dame beſteht im Ge⸗ brauch ihrer Füße; es iſt eine— Tänzerin.“ Arthur wußte nicht, warum ihn dieſes Wort ſo ſchmerzlich berührte. War es die leichtfertige Betonung, mit der ſein Freund dieß Wort ausſprach, war es, weil auch ſie eine Tänzerin war, und weil es alſo wieder eine Ihrer Colleginnen betraf, die hier ſo zweideutig aufgetreten. Ja, es preßte ihm das Herz zuſammen, und er hätte viel darum gegeben, wenn Graf Fohrbach dieß nicht geſagt hätte. Dieſer aber hatte keine Ahnung davon, wie wehe er Arthur damit gethan.„Ja,“ fuhr er fort,„wie ich Ihnen ſchon vorhin bemerkte, hatte mich der Erfolg meiner Bemühungen ſelbſt über⸗ raſcht; ich glaubte nicht daran, und wunderte mich ſehr, als jener Brief der Madame Becker an mich kam. Wenige Tage nachher ſchickte ſie mir ihre Rechnung, ſie war ziemlich ſtark, aber ich ſandte ihr noch mehr, als ſie verlangte; es wird jenem armen Geſchöpf auch zu gut kommen, und— wenn auch in allen Ehren, ſo intereſſtre ich mich immer noch für die ſchöne Clara.“ 12 er dieſe kaum g D geworfe ſich dam und ein deßhalb er ſeine Augen ſchüttelt eine Ide geſagt. Namen! kann für „2 Graf Fo worden „9 ſam herr De griffen, Neuem a Art den das ihm ſchor und dann für ewig beiden H Augen bl Achſelbänder und Carrikaturen. 41 „Für die ſchöne Clara?“ ſagte der Maler, und trotzdem er dieſe Worte ganz leiſe, faſt unhörbar ſprach, ſo ſchien er doch kaum genug Athem gehabt zu haben, um ſie heraus zu ſtoßen. Der Graf hatte bei den letzten Worten ſeine Cigarre weg⸗ geworfen und den Fauteuil gegen das Kamin gedreht, wo er ſich damit beſchäftigte, die glühenden Kohlen zuſammen zu ſcharren und einen angebrannten Holzblock darauf zu legen. Er konnte deßhalb nicht ſehen, wie Arthur plötzlich ſo bleich wurde, wie er ſeine Hand krampfhaft auf das Herz preßte, dann über die Augen fuhr und hierauf gezwungen lächelnd mit dem Kopfe ſchüttelte.—„Oh!— nein!— nein!“ dachte der Maler,„ſo eine Idee iſt ja lächerlich.— Aber eine Tänzerin war es, hat er geſagt.— Die ſchöne Clara.— Wer trägt ſonſt noch dieſen Namen?— Mein ganzes Vermögen, Alles, was ich habe und kann für eine gute Auskunft!“ „Man darf ſo ein Kaminfeuer nie ausgehen laſſen,“ meinte Graf Fohrbach.„Finden Sie nicht, daß es hier ſchon kalt ge⸗ worden iſt?“ „Nein, gewiß nicht— gewiß nicht!“ brachte Arthur müh⸗ ſam hervor.„Mir iſt es heiß, ſehr heiß.“ Der Andere hatte den kleinen, zierlichen Blasbalg er⸗ griffen, der am Kamine hieng, und fachte damit die Gluth von Neuem an. Arthur ſaß da mit den Gefühlen eines Unglücklichen, über den das Richtſchwert gezückt wird. Der blanke Stahl flimmerte ihm ſchon vor den Augen, er brauchte nur eine Frage zu thun und dann fiel vielleicht der tödtliche Streich, ſein Lebensglück für ewig zerſtörend.— Sollte er dieſe Frage thun? ſollte er die beiden Hände ſeines Freundes ergreifen, ihm flehend in die Augen blicken und um Gottes und aller Liebe willen um den Achtundſechszigſtes Kapitel. vollſtändigen Namen jenes Mädchens bitten?— Dann mußte er ihm auch ſein ganzes Unglück offenbaren.—— Oder ſollte er ihn in gleichgültigem Tone darum erſuchen?———— Gewiß! er mußte das Letztere wählen. Und er that es unter den tiefſten Schmerzen, mit der fürchterlichſten Anſtrengung.— Ja, er lachte dazu, aber ſein Lachen klang heiſer, faſt wie ein Geheul, und wenn der Graf nicht ſo ſehr mit ſeinem Feuer be⸗ ſchäftigt geweſen wäre, hätte er aufmerkſam werden müſſen. „Die— ſchöne— Clara, ſagten Sie,“ ſprach der un⸗ glückliche junge Mann.—„Ah!—— damit haben Sie mir Ihr Geheimniß verrathen.“ „Oh! es ſoll für Sie gar keines ſein,“ erwiederte der Graf.„Wir kennen uns zu genau, und ich bin feſt überzeugt, daß Sie den Namen dieſes armen Mädchens Niemanden ſagen werden, der vielleicht Intereſſe an ihr nimmt.“ „—— Nein, das thue ich gewiß nicht.“ „Sie haben ihn ja auch ſchon errathen; und iſt ſie nicht in der That reizend, ja liebenswürdig, die ſchöne Clara?— Clara Staiger, eine unſerer graziöſeſten Tänzerinnen.“ Da war es heraus, und Arthur ſank momentan in ſich zuſammen, wobei er übrigens ſo viel Geiſtesgegenwart beſaß, beide Hände vor die Augen zu drücken, damit der Andere ſeine hervorſtürzenden Thränen nicht ſehen möge. Doch hielt es ihn nicht länger in dem Zimmer; es ſchien ſich mit ihm zu drehen, die Mauern ſchienen ihm zu wanken; es lag ihm centnerſchwer auf der Bruſt, er mußte hinaus in's Freie, in die kalte Nacht⸗ luft, um wieder athmen zu können. Und doch durfte er nicht ſo davon ſtürzen, das war ſeine Qual. Obgleich wie im Fieber zitternd, mußte er ſich langſam und förmlich erheben; obgleich ſein Blut in den Adern raste, mußte er Ruhe und Müdigkeit mußte ſollte unter ng.— vie ein ner be⸗ n. er un⸗ die mir rte der rzeugt, ſagen nicht in Clara in ſich beſaß, ee ſeine es ihn drehen, rſchwer Nacht⸗ er nicht Fieber obgleich üdigkeit Achſelbänder und Carrikaturen. 43 affectiren, und mußte mit dem Grafen noch einige gleichgültige Worte wechſeln. Glücklicher Weiſe war es ziemlich ſpät ge⸗ worden, weßhalb ihn Dieſer nicht lange zurückhielt. Und doch däuchte es dem Unglücklichen eine Ewigkeit, bis er ſeinen Hut ergriffen und die Thüre erreicht hatte. Ja, dort mußte er noch einen Augenblick warten, denn Graf Fohrbach machte ihn auf die Mappe aufmerkſam, die er vergeſſen.— Endlich— end⸗ lich— zöffnete ſich ihm die Hausthüre, endlich trat er auf die Strgße naus, und erſt da ſchöpfte er tief Athem, als ihm die kalte Nachtluft ſeine brennende Stirne kühlte. Neunnndſechszigſtes Kapitel. Das Siegel des Herrn von Brand. Wie lange Arthur in jener Nacht auf den Straßen um⸗ hergeirrt, bald mit den Zähnen knirſchend und die Fäuſte geballt, dann wieder leiſe weinend, wobei er ihren Namen ausrief, zuerſt mit weichem, liebendem Tone, dann immer heftiger und heftiger, bis ihn wieder die frühere Wuth erfaßte, wäre er ſelbſt nicht im Stande geweſen anzugeben. Ja, von dem Abend und der Nacht blieb ihm nur der Klang ihres Namens vollkommen gegenwärtig; es war, als wandelte eine Schaar Teufel mit ihm, die:„Clara Staiger— Clara Staiger!“ hohnlachend in ſeine Ohren ſchrieen. Alles Andere erſchien ihm wie ein wüſter Traum,— ein wacher Traum, denn er hatte die Perſonen willkührlich hervorrufen kön⸗ nen, mit denen er geſprochen, ja, er erinnerte ſich, daß er leib⸗ haft an den Orten geweſen war, wo er jene Leute hätte finden können,— mit jenem Weib, jener ſchändlichen Kupplerin hatte er zuerſt und lange zu thun gehabt; er wußte, daß er vor ihrem Hauſe am Kanal geweſen; er hatte ihre Fenſter geſehen und einen ſchwachen, ihm unheimlich dünkenden Lichtſchimmer; ja unheim⸗ lich, denn er zuckte über ein bleiches Geſicht, welches geſtern noch in n um⸗ eballt, zuerſt fftiger, icht im Nacht ärtig; Clara hrieen. vacher kön⸗ rleib⸗ finden atte er ihrem einen heim⸗ och in Das Siegel des Herrn von Zrand. 45 Fülle der Geſundheit geprangt; er hatte in Gedanken mit jenem Weibe geſprochen, er hatte ſie um Auskunft gebeten, welcher Dämon ihr die Macht verliehen über das bisher ſo reine und un⸗ ſchuldige Geſchöpf. Sie hatte gleichgültig die Achſeln gezuckt, und hatte ihm geſagt: Ja, wenn Sie mir keinen Brief bringen mit dem bewußten Siegel, ſo brauche ich Ihnen keine Antwort zu geben. Darauf war er vor dem Hauſe des Baron von Brand ge⸗ weſen und hatte lange an die dunklen Fenſter hinauf geblickt, und darauf war es ihm, als habe er ihn um das Siegel bitten wollen, doch war Jener abweſend und er mußte ihn im Fuchsbau auf⸗ ſuchen. Und das that er auch: haſtig, eilig. Da lagen vor ihm die finſteren Gebäudemaſſen, da war der Durchgang, wo das einſame Licht brannte, und die eiſerne Git⸗ terthüre, wo er damals jenen Mann im Mantel geſehen, der dem Baron von Brand ſo ähnlich ſah.— Aber auch hier ward ihm kein Einlaß, und es trieb ihn immer wieder fort, wie in einem Rundlauf, an dem ſtillen Waſſer des Kanals vorbei, vor das Haus jenes räthſelhaften Mannes, abermals an den Fuchsbau, und erſt als der Morgen anfieng zu grauen, hie und da an den Häuſern Lichter blitzten, ſich Hausthüren öffneten und Menſchen erſchienen, und er alſo nicht mehr, gefolgt von ſeinen wilden Phantaſieen, allein und ungeſehen durch die Straßen ſchweifen konnte, da ſchwankte er ſeinem Hauſe zu, und als er es erreicht, lehnte er lange die immer noch heiße Stirne an den kalten Stein, ehe er aufſchloß und in ſein Zimmer hinauf ging. Ach! das ſchienen ihm gar nicht mehr die traulichen Gemächer zu ſein, in denen er bis jetzt ſo gern verweilt; bei ſeiner Gemüthsſtimmung und dem falben Lichte des Wintermorgens erſchien 65 Alles hier unheimlich und geſpenſterhaft. Seine Waffen funkelten ihn ſo verſtohlen an, die weißen Statuen ſchienen verlegen auf den Bo⸗ Neunundſechezigſtes Kapitel. den zu blicken, der ſchwere Seidenſtoff, der nachläſſig über ſeinem Diyan hing, ſchien ihm ein Grabtuch zu ſein, und erſt ihr Por⸗ trait, das auf der Staffelei ſtand, hatte gar keine lebendige Fär⸗ bung mehr, ſondern däuchte ihm wie das Bild einer Leiche, die nichts mehr hier oben auf der freundlichen Welt zu ſchaffen hat, ſondern tief hinabgeſenkt werden muß, damit man es nie mehr ſehe, und ſich bei ſeinem Anblick entſetze.— Ah! ihm ſchauderte vor ihren Zügen; ſie waren ſo bleich und leblos.—„Und du konnteſt ſo an mir handeln!“ ſagte er, vom tiefſten Schmerz er⸗ griffen,„du, an die ich mein Alles geſetzt!“———— Als er ſo dachte, kam es ihm vor, als flamme eine leichte Röthe, das Bewußtſein ihrer Schuld, über das ſchöne Geſicht. — Doch nein! er hatte ſich nur geirrt; es war das letzte Auf⸗ flackern des tief herabgebrannten Lichtes, das die ganze Nacht vergeblich auf ſeine Rückkunft gewartet.—— Er nahm ruhig den Seidenſtoff und deckte ihn über Bild und Staffelei. Dann verſank er abermals in Träumereien, aber er ſchlief nicht, und hörte nur wie fernes Rauſchen, als es ſo nach und nach auf der Straße und im Hauſe lebendig wurde. Erſt als die Sonne einen freundlichen Strahl in's Zimmer ſandte, erhob er ſich und brachte ruhig ſeinen Anzug in Ordnung, ohne dabei vor der Bläſſe zu erſchrecken, die auf ſeinen verſtörten Zügen lag. Was er während des Umherſchweifens heute Nacht gedacht, beſchloß er nun auszuführen; vor allen Dingen ſich Gewißheit zu verſchaffen, welche Mittel Clara vermocht, ſo entſetzlich tief zu fallen.„Oh!“ ſprach er zu ſich ſelber,„das kann kein Anfang ſein, das iſtnur eine Fortſetzung.“ Ex zwang ſich ruhig zu wer⸗ den, er kühlte ſein Geſicht mit kaltem Waſſer, er ordnete ſein Haar, und ſobald es ihm die Stunde erlaubte, ging er nach der Wohnung des Baron von Brand. Vorher aber hatte er aus der Maz rollt erho und teuil über chem zeihl Tiſc ſeinem or Por⸗ ge Fär⸗ he, die een hat, ie mehr auderte Und du nerz er⸗ leichte Geſicht. te Auf⸗ Nacht nruhig Dann t, und auf der e einen brachte „ läſſe zu gedacht, hheit zu tief zu Anfang u wer⸗ ete ſein ach der ius der Das Siegel des Herrn von Frand. 47 Mappe die bewußten ſechs Blätter genommen, ſte zuſammen ge⸗ rollt und zu ſich geſteckt. Der Baron hatte ſich, wie ſein Kammerdiener ſagte, eben erhoben; doch ließ er den Maler augenblicklich in ſein Zimmer und ſchien erfreut, ihn zu ſehen. Er lag in einem kleinen Fau⸗ teuil, trug einen ſeidenen Schlafrock, und ſein Kopf war über und über mit Papilloten bedeckt, ein Zuſtand ſeiner Toilette, wegen wel⸗ chem er in der bekannten ſüßlichen Manier tauſendmal um Ver⸗ zeihung bat. Neben ihm befand ſich ein ſehr niedriger runder Tiſch, auf welchem ſein Frühſtück ſtand; er nöthigte Arthur, eine Taſſe Kaffee zu nehmen und bot ihm eine Cigarre an, welche dieſer aber ablehnte. „Sie werden ſich wundern, Herr Baron,“ ſagte der Maler, „daß ich Sie ſchon ſo früh beläſtige, aber ich komme nur, um Ihnen einen Beweis meiner Ergebenheit darzubringen. Geſtern Abend ſchienen Sie großen Werth darauf zu legen, die ſechs Blätter— eines gewiſſen Portraits zu beſitzen; hier ſind ſie.“ „Wirklich?“ erwiederte der Baron erſtaunt;„das hätte ich mir nicht träumen laſſen. Aber ich will Ihnen in der That unend⸗ lich dankbar dafür ſein; ich freue mich, in den Beſitz dieſer Blät⸗ ter zu kommen; aber alle Freundſchaft bei Seite— die Zeich⸗ nungen ſind koſtbar und ich nehme ſie nur an, wenn Sie mir Ihre Bedingungen nennen, die ich übrigens im Voraus acceptire.“ „Verſprechen Sie nicht zu viel, Herr Baron,“ ſagte Arthur ſehr ernſt.„Die Blätter ſind allerdings ſehr koſtbar, nicht wegen ihres künſtleriſchen Werthes, wohl aber wegen der Folgen, die eine ſolche Arbeit für mich haben kann.—— Dagegen aber,“ fuhr er mit einer Handbewegung fort, als er ſah, daß der Baron Etwas erwiedern wollte,„ſind auch meine Forderungen vielleicht ſehr hoch—— vielleicht aber auch ſehr gering.“ 48 Neunundſechszigſtes Kapitel. „Ich verſtehe Sie wahrhaftig nicht, beſter Herr Erichſen; erklären Sie ſich deutlicher. Nennen Sie dieſe Forderungen.“ „Dazu muß ich mir einen Vorwand erlauben,“ ſagte der Maler.—„Ich habe Geſchäfte mit einer gewiſſen Frau Becker, die Sie vielleicht nicht kennen.“ „Nein,“ ſagte der Baron mit völlig unbeweglichem Geſicht. ſe „Die aber Sie kennt,“ fuhr Arthur fort. „Coeur de rose!“ lachte der Baron;„ob das für mich lu ſchmeichelhaft iſt, weiß ich nicht. Aber gleichviel— gehen wir n. weiter!“ „Dieſe Frau muß mir über irgend Etwas eine Auskunft es geben, eine beſtimmte und wahre Auskunft. Und dazu bedarf ich ſo Ihres Fürwortes.“ g, „Meines Fürwortes, beſter Herr Erichſen? Wie geſagt, ich kenne die Frau ja nicht.“ H „Aber ſie kennt Sie deſto beſſer.“ w „Bah! gehen Sie! Sie ſprechen in Räthſeln. Aber ich wil Sie geduldig anhören: worin beſteht denn dieſes Fürwort?“ „Sie müßten mir auf ein Blatt Papier ſchreiben,“ fuhr n der junge Mann tief Athem holend fort;„ungefähr ſo: Der Ueberbringer iſt mein Freund,— wenn ich mir damit ſchmei⸗ T cheln darf?— und ich wünſche, daß Sie ihn als ſolchen be⸗ d trachten.“ V „Das iſt ja eine ganz räthſelhafte Geſchichte, eine komiſche Grille!“ lachte überlaut der Herr von Brand. Und ſein Lachen war ſo natürlich und ungezwungen, daß man darauf hätte ſchwö⸗ 3 ren ſollen, er ſehe wirklich nur in der Forderung Arthurs eine 1 komiſche Grille deſſelben. t „Die Sie erfüllen werden?“ fragte ängſtlich der Maler. Frichſen; gen.“ ſagte der 1 Becker, Geſicht. für mich ehen wir Auskunft edarf ich eſagt, ich r ich will rt?2“ n,“ fuhr ſo: Der t ſchmei⸗ lchen be⸗ komiſche n Lachen te ſchwö⸗ hurs eine Naler. Das Siegel des Herrn von Brand. 49 Coeur de rose! das kommt darauf an. Und das Blatt muß ich unterſchreiben?“ „Nicht einmal; aber— Ihr Siegel beifügen.“ „Mein Siegel! Das wird immer geheimnißvoller.“ „Und zwar das Siegel, welches dort neben dem Uhren⸗ ſchlüſſel an der Kette befeſtigt iſt.“ „Mein Talisman, beſter Herr Erichſen?“ rief der Baron luſtig.„Das wird wahrhaftig nicht angehen. Nehmen wir mei⸗ netwegen ein anderes Siegel.“. „Nein, es muß der Talisman ſein,“ bat Arthur.„Er ſoll es auch mir ſein, um einen Mund zu öffnen, der wahrſcheinlich ſonſt für mich verſchloſſen bliebe.— Finden Sie meine Forderung, gegenüber meiner Arbeit vielleicht zu hoch?“ „O nein, die iſt mir unſchätzbar; aber ich verſtehe beim Himmel nicht, wie mein armer Talisman auf jene Madame— wie haben Sie doch geſagt?“— „Madame Becker.“ „Nichtig!— Madame Becker wirken ſoll. Erklären Sie mir doch den Zuſammenhang.“ „Ich weiß ihn nicht,“ entgegnete Arthur. Doch ſah er den Baron ſcharf an, als er fortfuhr:„Vielleicht glaubt jene Frau, das Siegel gehöre Jemand, den ſie fürchten muß;— den Herrn Baron von Brand kennt ſie wahrſcheinlich nicht.“ „Und woher vermuthen Sie das?“ „Erinnern Sie ſich, Herr Baron, daß Graf Fohrbach mit demſelben Talisman vor einiger Zeit ſiegelte; es war ein Brief an eben jene Frau, den ich aus Gefälligkeit dort abgab. Was der Graf verlangte—— weiß ich nicht,— aber ſo viel weiß ich,“ fuhr er mit zitternder Stimme fort,„daß die Frau nur durch Hackländer, Europ. Selavenleben. IV. 4 —,— ——— —— Neunundſechszigſtes Kapitel. den Anblick jenes Siegels bewogen wurde, ſeinen Wunſch zu er⸗ füllen.—— Ah! und ſie erfüllte ihn meiſterhaft.“ Auf dem Geſicht des Barons war nicht die geringſte Be⸗ wegung zu leſen; ſein Lächeln drückte Aufmerkſamkeit, Neugierde aus, und als er ſagte:„Das iſt wirklich ſeltſam,“ klang das, wie im Tone der unſchuldigſten Ueberraſchung geſprochen. „Bewilligen Sie meine Bitte,“ fuhr Arthur dringend fort. „Ein Blatt ohne Ihren Namen! was kann es Ihnen ſchaden? Und obendrein verſpreche ich Ihnen feierlich, daß Sie es noch am heutigen Tage zurückerhalten ſollen. Was dagegen meine Blätter anbelangt, ſo bleiben Sie in Ihrer Hand und mit ihnen ein Theil meiner Zukunft, wenn ich je in hieſiger Stadt eine ſuchen ſollte.“ Der Baron ſchlürfte kopfſchüttelnd ſeinen Kaffee, ſtieß be⸗ dächtig die Aſche von ſeiner Cigarre und ſagte alsdann:„Sie ſind einer von den Menſchen, lieber Erichſen, für welche ich Sympathieen fühle, und deßhalb will ich Ihren komiſchen Wunſch erfüllen. Wenn Sie mir das Blatt zurückbringen, iſt mir's recht, ich bin aber auch zufrieden, wenn es nur in Ihrer Hand bleibt.“ Hierauf erhob er ſich langſam, und als er ſeinem Schreibtiſche zuging, warf er einen Blick in den Spiegel und ſprach affectirt: „Wahrhaftig, Sie haben, wenn ich ſo ſagen darf, einen großen Stein bei mir im Brette, denn Sie durften mich im tiefſten Neg⸗ ligé ſehen— mit Papilloten in den Haaren. Coeur de rose! wenn Sie mich je verrathen würden! Wiſſen Sie wohl, daß alle Damen darauf ſchwören, mein Haar ſei natürlich gelockt; ich gebe mich ganz in Ihre Hand.“ Bei dieſen Worten hatte er das Verlangte geſchrieben, geſtegelt und überreichte es Arthur. „Von Ihnen gilt der Ausſpruch Napoleons nicht,“ ent⸗ gegnete der Maler lächelnd;„Sie bleiben ein großer Mann, ſelbſt 8 —, S do 8 2— —3 —8——]r u er⸗ tiſche eetirt: roßen Neg⸗ rose! ß alle 4, ich r das ent⸗ ſelbſt Das Siegel des Herrn von Brand. 51 im tiefſten Negligé, ja in jeder Verkleidung.“ Er hatte das ohne Abſicht geſagt, als er gerade ſein Papier zuſammen faltete, weßhalb er auch nicht ſehen konnte, welch ſeltſamer Strahl aus den Augen des Barons auf ihn fiel.„Meinen herzlichen Dank,“ ſprach Arthur,„hier ſind die Blätter; machen Sie einen mäßigen Gebrauch davon.“ Er ſchüttelte dem Baron die Hand, welche ihm Dieſer mit dem bekannten matten Lächeln darreichte, und ver⸗ ließ eilig das Zimmer. Kaum hatte ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, ſo ſchien Herr von Brand ein ganz Anderer zu ſein. Sein Auge glänzte entſchloſſen und feurig, alle ſeine Muskeln ſchienen ſich heftig an⸗ zuſpannen, er ſchlug die Arme über einander und rief aus, indem er hart mit dem Fuße auftrat:„Teufel! was iſt das?— Mein Talisman! Ahl ich ließ damals den Grafen ungern damit ſiegeln. — Und was wollte er mit ſeinen Verkleidungen ſagen?— Zum Henker! Das will bedacht und überlegt ſein.“ Arthur hatte unterdeſſen ſeine eiligen Schritte nach der Ka⸗ nalſtraße gelenkt. Bald hatte er die alte Kaſerne erreicht, und ſein guter Ortsſinn ließ ihn in Kurzem die richtige Treppe finden. Doch als er gerade im Begriffe war, hinauf zu ſteigen, hörte er droben eine Thüre öffnen, dann Tritte, und vernahm, daß es zwei Perſonen waren, die ſich, ziemlich leiſe zuſammen ſprechend, der Treppe näherten. Es war dieß eine Wendeltreppe mit feſten, glatten Wänden, oben gewölbt, woher es denn auch wohl kam, daß Arthur jedes Wort, das droben, obgleich ziemlich leiſe, ge⸗ ſprochen wurde, drunten deutlich vernahm. Es war ſonſt wahr⸗ haftig nicht ſeine Art, zu lauſchen, aber hier, wo er ſich einem feindlichen Lager näherte, glaubte er ſich das als eine Vorſichts⸗ maßregel ſchuldig zu ſein, umſomehr, da er eine der Stimmen, die einer Frau, zu erkennen meinte.— 4* * A ——. —.—— Neunundſechszigſtes Kapitel. „Wenn es ſich alſo leicht thun läßt,“ ſagte Dieſe,„ſo ſehe ich gar nicht ein, warum wir den Profit nicht mitnehmen wollen. Hat mir doch das ungerathene Geſchöpf allen Verdienſt, den ich durch ſie zu machen dachte, mit in den Himmel genommen, und ich ſage Euch, Sträuber, glaubt mir, die ganze Geſchichte ſcha⸗ det meinem Erwerb, denn das wird ruchbar und die Herren wer⸗ den ſich vor mir geniren.“ „Bah!“ verſetzte der Andere,„Ihr ſeht zu ſchwarz, Frau. Das macht die Trauergeſchichte hier im Hauſe; das iſt in acht gute Freunde; Tagen vergeſſen, und dann habt Ihr Freunde ſchaut auf mich.— Alſo die Sache werde ich beſorgen; keine Einrede: ich nehme Alles auf mich. Es iſt doch wunderbar, daß mir vorgeſtern gerade wie was von einem Unglück in den Glie⸗ dern gelegen, und daß ich eine Perſon, die nicht genannt ſein wollte, in ſechs Leichenkaſſen verſicherte. Das koſtet freilich dop⸗ pelte Prämien und Ihr müßt im Nothfalle beſchwören können, daß Eure Marie damit gemeint war. Das macht ſechsmal fünf⸗ zig Gulden gleich Dreihundert.— Nun, bin ich ein Geſchäfts⸗ mann?“ „Gewiß,“ ſprach die Frau,„daran zweifelt Niemand; und wenn Ihr Euch ein wenig zurück zieht— Ihr verſteht mich wohl — ſo kann es Euch nicht fehlen.“ „Und das werde ich thun, ſeid ruhig. Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht, und die ganze Geſchichte bald aus dem Leim. Denkt an mich: den Fuchsbau heben ſie näch⸗ ſtens auf.“— „Gott im Himmel! das gibt viel Unglück.— Und er?“ „Er,“ flüſterte der Andere;„was iſt er?— Alles und gar nichts. Leider ein Phantom, das nicht zu faſſen iſt. Gebt nur Achtung, wenn ſie alle Andern zuſammen erwiſchen, ſo fliegt ſo ſehe wollen. den ich n, und te ſcha⸗ en wer⸗ „Frau. in acht reunde; ; keine ar, daß n Glie⸗ int ſein ch dop⸗ können, al fünf⸗ d; und ch wohl geht ſo te bald ie näch⸗ er?“ les und Gebt ſo fliegt Das Siegel des Herrn von Zrand. 53 er zum Schornſtein hinaus oder verſchwindet irgendwo durch die Mauer.—— Wißt Ihr, ich habe mich ſchon halb und halb losgeſagt.“ „Aber um Gotteswillen! ſeid klug. Es ſollte mir leid um Euch thun; ſie ſpaßen nicht da unten; es ſind da ſchreckliche Sachen vorgefallen.“ „Nur keine ſo trüben Erinnerungen, Frau, keine momenti moris; Ihr ſprecht ja wie ein Todtenkopf.“ „Ach! und dazu hätte ich alle Urſache; ich verſichere Euch, es iſt mir ganz ſchwarz vor den Augen. Ihr könntet wohl heute Abend kommen und mir ein Bischen Geſellſchaft leiſten.“ „Nein, das kann ich nicht verſprechen,“ ſagte entſchieden der Andere;„ich habe nun einmal eine Abneigung vor allen Häuſern, wo Todte liegen; da gruſelt es mir beſtändig, ich muß mich rechts und links umſchauen, und dabei iſt mir, als zupfe mich was Unſichtbares bald hier und bald dort am Rock.“ „Aber morgen!“ „Morgen— voerſteht ſich von ſelbſt! Ich werde wohl das Geld bringen.— Adieu, Frau.“ „Adieu denn!“ Bei den letzten Worten war Arthur dem Eingange wieder zugeſchritten; er mochte nicht von dem Manne, der nun herunter kam, in Hörweite angetroffen werden. An der Thüre begegneten ſich denn auch Beide, und Arthur blickte dem Andern überraſcht nach; es war das eine dürre Geſtalt in ſchwarzem, abgeſchabtem Frack, mit gelblichem zerknittertem Hemdkragen und ſchmierigen baumwollenen Handſchuhen; dazu hatte er den Hut keck auf das rechte Ohr geſetzt, ſchwang einen abgebrochenen Spazierſtock, trug die Naſe hoch und hatte das Maul geſpitzt, als pfeife er ſich ſelbſt Etwas vor. Neunundſechszigſtes Kapitel. Sobald der Maler droben kein Geräuſch mehr vernahm, ſtieg er die Treppen hinauf. Das alte Haus war unheimlich und finſter wie immer; nur hatte ſich die Atmosphäre, ſonſt moderig und feucht, etwas geän⸗ dert; es roch dazwiſchen wie nach halb verwelkten Blumen und Weihrauch oder Wachskerzen; es war ein Odeur, der unwill⸗ kührlich trübe ſtimmt. Dazu war es in dem Hauſe todtenſtill, und als Arthur leiſe an die Thüre klopfte, warf das Echo in dem langen Gange drei dumpfe Schläge zurück.—„Herein!“ klang es von innen, und auch hier war derſelbe unangenehme Geruch, nur ſtarker Blumenduft vorherrſchend. Madame Becker ſaß wie damals an dem Tiſche, doch hatte ſich ihr Aeußeres und ihre Haltung ſehr verändert; ſie war ganz ſchwarz gekleidet, ließ den Kopf hängen; ihre Augen waren matt und glanzlos, und da ihre Unterlippe ziemlich ſchlaff herab hieng, ſo hatten ihre Geſichtszüge etwas Verlebtes, Ausdrucksloſes. Sie belebten ſich ein klein wenig, als ſie des jungen, eleganten Man⸗ nes anſichtig wurde, auch ſtand ſie eilig auf, nickte ihm zu, ſchritt aber alsdann gegen das Nebenzimmer, deſſen halb offen ſtehende Thüre ſie langſam in's Schloß zog. 3 Arthurs Kehle war wie zugeſchnürt, er konnte kaum ein Wort hervorbringen, und ließ ſich ſchweigend auf den Stuhl nie⸗ der, den ihm die Frau an den Tiſch gerückt.—„Sie erinnern ſich meiner,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Kaum, kaum,“ entgegnete die Frau und fuhr mit der Hand über die Augen.—„Es war was dabei von einem Brief und einer Beſtellung.“ „Ganz richtig: ein Brief des Grafen Fohrbach.“ Richtig! jetzt habe ich die Sache wieder,“ ſprach lebhafter 7 9 die Frau, wobei ſte ſich vorn über beugte und ſo dem jungen rahm, ; nur geän⸗ n und nwill⸗ enſtill, n dem klang ) hatte r ganz n matt hieng, 8. Sie Man⸗ ſchritt tehende um ein ihl nie⸗ rinnern er Hand rief und ebhafter jungen Das Siegel des Herrn von Zrand. 55 Manne näherte.„Jetzt kenne ich den Herrn, aber ich meine, Sie hatten damals einen größern Bart; heute ſehen Sie etwas anders aus, etwas kahler.“ „Vielleicht bläſſer.“ „Auch möglich.— Richtig! vom Herrn Grafen Fohrbach, — ein vornehmer und ſehr braver Herr. Er war zufrieden?“ „Außerordentlich.“ Jetzt legte die Frau ihren Finger auf den Mund, wobei ſie ſich einen Augenblick nach dem Nebenzimmer umſah. Dann ſagte ſie flüſternd:„War er nicht überraſcht?“ „O er war ſehr überraſcht,“ brachte Arthur mühſam hervor. „Das will ich wohl glauben,“ erwiederte Frau Becker. „Und ich kann Sie verſichern, Herr— Baron, daß keine Andere als ich das zu Stande gebracht hätte.— Keine Andere,“ wieder⸗ holte ſte und berührte mit ihren Fingern den Arm des jungen Mannes. Arthur zuckte zuſammen, doch faßte er ſich gewaltſam.— „Alſo doch!“ dachte er.—„Sei ruhig, Herz; wenigſtens hat es ihr Mühe gekoſtet.—— Er zwang ſich ſogar zu einem Lächeln, doch brauchte er dazu einige Secunden, dann fuhr er fort:„Ich komme nochmals in derſelben Angelegenheit.“ „Wollen Sie ſie auch kennen lernen?“ „Nein, nein, nein!“ rief er haſtig.„Ich habe nur eine Bitte an Sie, einige Fragen, die Sie vielleicht ſo freundlich ſind, mir wahr zu beantworten.— Aber wahr, Frau Becker. Es ſoll mir auf eine gute Belohnung nicht ankommen.“ Die Frau ſah ihn einigermaßen mißtrauiſch an. Dann ſagte ſie:„Vor allen Dingen bitte ich den Herrn Baron, leiſe zu ſpre⸗ chen.— Was wollen Sie denn eigentlich wiſſen?“ „Sie kannten die Clara—— Staiger ſchon länger?“ — Neunundſechszigſtes Kapitel. „O ſa, ich kannte ſie, ſo— ſo!“ „Und ſie war Ihnen bis dahin als ein braves und tugend⸗ haftes Mädchen bekannt?—— Ja, ja, das mußte doch wohl ſein,“ fuhr Arthur fort, als die Frau keine Antwort gab,„denn ſonſt hätte es Ihnen ja keine Mühe gemacht, ſie zu ver— kuppeln.“ Wer konnte es dem jungen Manne übel nehmen, daß ihm in ſeinem tiefen Schmerze dieß Wort entfahren. Unbedachtſam aber war es auf jeden Fall, denn die Frau fuhr davor zurück, als ſei ſie von einer Schlange geſtochen worden; auch mochte ſie in den ſeltſam glänzenden Augen Arthurs Etwas entdecken, das ihr nicht gefiel. Vor Allem aber war ſie eine kluge Frau, die ver⸗ dächtige Blicke und Worte ſchnell ihren Verhältniſſen anzupaſſen wußte.—„Halt,“ dachte ſie,„wer weiß, wen ich vor mir habe, und was geſchehen könnte, wenn ich dumm genug wäre, ihm zu geſtehen, daß wir eine Unſchuld geliefert!“ Dieß über⸗ legend machte ſie eine ſteife Verbeugung und ſagte:„Verzeihen Sie, Herr Baron, ich bin heute nicht in der Verfaſſung, Ge⸗ ſchäfte abzumachen; ich bin in Trauer, wie Sie wohl ſehen, und muß ein anderes Mal um die Ehre bitten.“— Sie dachte: Zeit bringt Rath. Arthur brachte mühſam ein Lächeln zu Stande.„Ah! Sie trauen mir nicht,“ ſagte er.„Eigentlich haben Sie Recht, ich ſtellte da indiscrete Fragen, ohne mich bei Ihnen gehörig legiti⸗ mirt zu haben. Doch ſoll das ſogleich geſchehen.“— Er zog das bewußte Papier hervor, reichte es der Frau, die es haſtig durchlas, das Siegel betrachtete, und dann ſchweigend in ihren Stuhl zurückſank. Ihre Hand und das Papier zitterten ein wenig. „Sind Sie damit zufrieden?“ fragte der junge Mann. „Bei allen Heiligen, ja!“ rief die Frau, nachdem ſie hef⸗ tig geſchluckt. Aber Herr Baron, ſagen Sie einer armen Wittwe die T Will augen zu n Er e zu Lo Sie! chen, — Gege ſchild mir ſ ſagte, langt mögl Nun Nebe Ja, Hand und l bände das g tugend⸗ h wohl „deun ppeln.“ aß ihm achtſam ück, als e ſie in das ihr die ver⸗ upaſſen or mir gwäre, ß über⸗ erzeihen g, Ge⸗ en, und .Zeit h! Sie cht, ich legiti⸗ Er zog haſtig ihren wenig. un. ſie hef⸗ Wittwe Das Siegel des Herrn von Brand. 57 die Wahrheit: ſoll noch mehr Unglück über mich herein brechen? Will er mir ein Leides thun?“ Arthur war zu ſehr mit ſeiner eigenen Sache beſchäftigt, um augenblicklich an ihn, an den Baron, zu denken, um ſich bewußt zu werden, daß zwiſchen dem Siegel und jenem räthſelhaften Er ein Zuſammenhang ſtattfände.—„Ihnen ſoll gewiß nichts zu Leid geſchehen,“ entgegnete er der Frau auf ihre Frage,„wenn Sie mir die Wahrheit ſagen; aber die volle Wahrheit.“ „Das will ich ja; gewiß, ich will es.“ „Nun gut.— Hatten Sie früher über das bewußte Mäd⸗ chen, über deren Aufführung etwas Nachtheiliges vernommen? — Scheuen Sie ſich gar nicht, die Wahrheit zu ſagen.“ „Nein, das hatte ich nie,“ erwiederte eifrig die Frau;„im Gegentheil, mir hatte man ſie immer als die Tugend ſelbſt ge⸗ ſchildert, und ſo kannte ich ſie auch. Das müſſen der Herr Baron mir ſelbſt bezeugen.“ „Ich?“ fragte Arthur erſtaunt. „Ja Sie.— Erinnern Sie ſich, was ich Ihnen damals ſagte, als Sie den Brief brachten, worin der Herr Graf das ver⸗ langte?— Das wird ſchwer angehen, ſagte ich, das iſt faſt un⸗ möglich, ſagte ich, das kann ich nicht unternehmen, ſagte ich. Nun ſehen Sie, es war auch in der That ſchwer.“ „Und doch gelang es!“ ſeufzte Arthur. Frau Becker hatte während dieſer Zeit immer ſcheu nach dem Nebenzimmer geblickt, auch flüſterte ſie ihre Worte ganz leiſe. Ja, wenn der junge Mann etwas lauter ſprach, ſo hob ſie ihre Hand auf und machte 8— s— st! Dabei wandte ſie ſich hin und her, drehte ihren Kopf vielmals um, zupfte an ihren Hauben⸗ bändern, ſchluckte häufig und ſagte dazwiſchen:„Ja, ſehen Sie, das ging ſo— Gott ſoll mich bewahren, der Clara etwas Schlim⸗ “ Neunundſechszigſtes Kapitel. mes nachzuſagen, nein, ſie war vollkommen brav.“— Während dieſen Redensarten hatte ſie ſich einen Feldzugsplan entworfen, und dabei ihrer Freundin Wundel gedacht.—„Richtig,“ ſprach ſie zu ſich ſelber,„die ſoll es ausbaden; was brauche ich die Wundel zu ſchonen. Und wenn er ihr auf den Leib geht, da ſoll ſte ſehen, wie ſie ſich herauslügt.— Ich wußte gleich,“ wandte ſte ſich an Arthur,„daß das eine delicate Sache ſei, glauben Sie mir, Herr Baron,“— dabei faltete ſie ihre Hände und blickte gen Himmel—„Unſereins hat auch Gewiſſen; und ich hatte im⸗ mer das Vergnügen, die Familie Staiger als eine anſtändige Fa⸗ milie zu kennen.— Gott! die Clara, der arme Aff, wie mußte ſie ſich abplagen, damit ihre Geſchwiſter nur was zu beißen hatten.“ „Weiter!“ ſprach Arthur finſter. „Sie kam oft daher.“ „Zu Ihnen?“ „Eigentlich zu der unglücklichen Marie. Ach Gott! Herr Baron, Sie wiſſen ja wohl das Unglück, das uns betroffen, —— Da liegt ſie im Nebenzimmer heute roth— morgen todt! und ſie erweiſen ihr die letzte Ehre.“— Hier holte ſie ihr Schnupf⸗ tuch hervor und ſieng auffallend heftig an zu weinen.—„O du lieber Gott im Himmel!“ ſchluchzte ſie,„daß ich das erleben mußte! Meine arme Marie! mein Stolz, meine Stütze!—— —— Aber mich ſoll der Himmel bewahren, Herr Baron, daß ich Sie mit meinen Klagen aufhalten will. Gewiß nicht; ich be⸗ zwinge meinen Schmerz.“ Dieß ſchien auch der Frau Becker leicht zu werden, denn ein paar Secunden nach dieſem Erguß waren ihre Augen wieder vollkommen trocken, ihr Geſicht gänzlich beruhigt. —„Alſo ich hatte zu viel Gewiſſen,“ fuhr ſie fort,„die Sache mit dem Mädchen auf eigene Hand zu unternehmen.“ „Und wer half Ihnen?“ fragte Arthur dringend. das ſe Bekan 7 ſuchen I ihr nie 2 7 Numer mit der J. konnte nicht l zu verf Clara end en, ach die ſoll adte Sie ickte im⸗ Fa⸗ ußte en.“ Herr offen, mmer nupf⸗ O du leben daß ch be⸗ leicht en ihre euhigt. Sache Das Siegel des Herrn von Brand. ◻ 9 „Von Helfen iſt eigentlich nicht die Rede,“ erwiederte liſtig das ſchlaue Weib;„ſondern ich übergab die ganze Sache einer Bekannten.“ „Und darf ich Sie um den Namen dieſer Bekannten er⸗ ſuchen?“ „O gewiß! warum nicht! Nur bitte ich, Herr Baron, daß ihr nichts geſchieht.“ „Nein, nein,— wer iſt's?“ „Es iſt die Frau Wundel; ſie wohnt in der Balkengaße Numero vierzig.“ „Ahl! im gleichen Hauſe.“ „Ganz richtig, wo auch Clara wohnt.“ „Und die hat das Geſchäft geleitet?“ „Sie konnte es am Beſten, da ſie ſich auf gleichem Boden mit der Familie Staiger befindet.“ „Richtig! o du mein Gott! Das war gut überlegt. Da konnte man Stunde um Stunde arbeiten. Wenn ich es auch nicht begreife, ſo fange ich doch an, die Fäden dieſes Gewerbes zu verſtehen.“— „S— s— st!“ machte Frau Becker;„man kommt.“ Die Thüre des Nebenzimmers öffnete ſich langſam und— Clara trat herein. teſte getl übe her: dieſ Siebenzigſtes Kapitel. blic Mãä Marie und Clara. mer — und ſah Oo das Erſchrecken Arthur's bei ihrem Anblick größer oder das Erſtaunen des jungen Mädchens, als Beide ſich nun jein ſo auf einmal hier Auge gegen Auge gegenüber ſtanden, iſt wohl bezr ſchwer anzugeben. Aus Beider Herzen ſtiegen ſeltſame Gedanken, ug aus dem ſeinen bittere, traurige, und auch ihre Ueberraſchung war Tir keine frohe zu nennen.—„Was macht er hier?“ dachte ſie; in zu dem Hauſe, das ſie nur ſcheu und zitternd betreten, einzig und allein in der edlen Abſicht, der dahin geſchiedenen Freundin den k1 3 letzten Liebesdienſt zu erzeigen. Er biß heftig auf ſeine Lippen, hie indem er zu ſich ſagte:„Ah! es iſt Alles ſo, wie ich erfahren; nniih ſie geht hier ein und aus.“ rein Obgleich Madame Becker aus dem vorhergehenden Geſpräch de wohl entnommen, daß er ein Intereſſe an dem Mädchen nahm, daß * ſo hatte ſie doch keine Ahnung davon, wie genau Beide mit ein⸗ ihr ander bekannt ſeien, und hielt es auf alle Fälle für ſchicklich, dieſ „den Herrn Baron—— einen ihrer Bekannten“ der Tänzerin Horznſtellen. ſog größer ch nun ſt wohl danken, ng war ſie; in zig und din den Lippen, fahren; geſpräch nahm, nit ein⸗ hicklich, änzerin Marie und Clara. 61 Zuerſt wollte Arthur gegen den Titel eines Bekannten pro⸗ teſtiren und hätte es vor ein paar Tagen noch lachend und eifrig gethan, jetzt aber, von der Untreue und Schlechtigkeit Clara's überzeugt, dachte er:„Ei, das wird mich in ihren Augen nicht herunterſetzen, und es ſoll mir ganz gleichgültig ſein, ob ich auf dieſe Art vor ihr compromittirt werde.“ Die Vorſtellung der Madame Becker und der plötzliche An⸗ blick Arthur's hier in dieſem Hauſe hatten aber auf das junge Mädchen erſchreckend gewirkt; ſie war, jedoch unmerklich, zuſam⸗ men gezuckt, ein tiefes, unerklärliches Weh durchzog ihr Herz, und ihr Geſicht, ohnedieß heute nicht friſch und roſig wie ſonſt, ſah bleich und erſchreckt aus. Ihm waren das Beweiſe ihrer Schuld, und wenn ſich auch ſeine Hand unter dem Tiſche krampfhaft zuſammen ballte, ſo bezwang er ſich doch, ſtand lächelnd auf und ſagte, indem er eine leichte Verbeugung machte: es freue ihn ſehr, die ſchöne Tänzerin, Fräulein Clara Staiger——— hier ſo unverhofft zu ſehen. Dem Mädchen war dieſer Ton und der kalte Blick, womit er begleitet war, freilich räthſelhaft; daß er unter dieſem Beſuche hier im Hauſe etwas Anderes vermuthen könnte, fiel ihr gar nicht ein; ſie begriff nicht, daß Arthur im Stande wäre, ihr reines Herz, das ſie ihm ſo offen hingelegt, zu verkennen. Und da ſie ſich rein wußte, frei von jeder Schuld, ſo bezog ſie ihrer⸗ ſeits wieder ſein verändertes Benehmen auf ſeine Verlegenheit, daß ſie ihn hier bei der Madame Becker geſehen, denn er hatte ihr ja nie geſagt, daß er dieſe Frau kenne. Viel weiter dachte dieſes reine, argloſe Herz natürlich nicht. Uebrigens war es für alle Drei ein peinlicher Moment; ſogar Madame Becker hatte ihre gewohnte Sicherheit verloren Eeremnn —— Siebenzigſtes Kapitel. und meinte ziemlich linkiſch, der Herr Baron möchten doch nur Platz behalten und ſich vor der Fräulein Clara gar nicht geniren. —„Ach!“ ſeufzte ſie und machte dazu einen neuen, aber gänzlich vergeblichen Verſuch, ihren trockenen Augen einige Thränen zu entpreſſen,„ſie war mit meiner armen Marie wie ein Leib und eine Seele.“ Arthur, der es nicht über ſich vermochte, wie er es im erſten Augenbicke gewollt, das Zimmer ſchnell und ſtürmiſch zu verlaſſen, wollte auch Etwas ſagen und erkundigte ſich nach dem ſchrecklichen Vorfalle im Theater, von dem er ja doch ſelbſt Zeuge geweſen und über welchen er von ſeinem Bruder die beſte Aus⸗ kunft erhalten. Es war ihm auch ganz recht, als ihm Madame Becker ein Langes und Breites darüber erzählte, und wenn er dabei, ſcheinbar mit geſpannter Aufmerkſamkeit, an ihren Lippen hieng, ſo zeigte doch ſein mühſames, ungeſtümes Athemholen, ſowie das Umherirren ſeiner Augen, daß ſein Geiſt mit ganz andern Sachen beſchäftigt ſei. Clara fühlte das wohl und ſie folgte angſtvoll ſeinen wilden Blicken, und wenn hie und da einer derſelben ſie traf, ſo zuckte ſte wiederholt zuſammen und ſchlug ihre Augen nieder. „Ja, Herr Baron,“ ſagte die Becker ſchluchzend,„ſo traf mich dieſes entſetzliche Unglück. Hier aus dieſer Stube ging das arme Mädchen heiter und wohl, in voller Geſundheit, und ein paar Stunden nachher brachten ſie ſie ſterbend zurück. Du Gott im Himmel! womit habe ich das verdient!“ Arthur zuckte die Achſeln und bat die Frau in der höflich⸗ ſten Art, ihre Thränen gefälligſt trocknen zu wollen und ihren Schmerz zu mäßigen. Er brachte auch allerlei Gemeinplätze vor, als: das Schickſal nehme nun einmal ſeinen traurigen Lauf, was beſchloſſen, ſei nicht zu ändern, Alles in der Welt, ſelbſt das Ent letzt und nie nac war tod öch nur geniren. gänzlich inen zu ib und es im niſch zu ach dem t Zeuge te Aus⸗ Nadame wenn er Lippen mholen, nit ganz wilden ſo zuckte „ſo traf ging das und ein Du Gott höflich⸗ nd ihren lätze vor, auf, was elbſt das KMlarie und Clara. 63 Entſetzlichſte, ſei am Ende doch zu Etwas gut, und bei dieſen letzten Worten blickte er nach Clara, die ihre Hände gefalten hielt und leicht mit dem Kopfe ſchüttelte; denn ſo kalt hatte ſie ihn nie ſprechen gehört. „Haben Sie die Marie gekannt?“ fragte Madame Becker nach einer Pauſe, während welcher ſie ihre Thränen getrocknet. „O ja, ich erinnere mich ihrer, ich ſah ſie ja häufig; es war ein ſchönes, blühendes Mädchen.“ „Das war ſie,“ ſagte eifrig die Frau,„und jetzt, da ſie todt daliegt, ach! ganz todt, ganz todt, ſollte man das nicht glauben; man meint, ſie ſchlafe nur. Wenn es Ihnen keinen Schauder macht, Herr Baron, etwas Todtes zu ſehen, ſo ſollten Sie wirklich hinein gehen und ſich das arme Kind betrachten.“ „Warum ſollte mir der Anblick von unſer Aller Ende un⸗ angenehm ſein!“ erwiederte der junge Mann mit leiſer Stimme. „Wenn es Ihren Schmerz nicht zu ſehr wieder aufregt, ſo würde ich Sie bitten, mich hinein zu führen.“ „Ach ja, es wird meinen Schmerz ſehr aufregen,“ verſetzte die Frau mit affectirter Bewegung.„Ach! der Anblick des armen bleichen Geſichtes bringt mich noch unter den Boden!“ „Wenn es dem Herrn—— gleichgültig wäre,“ meinte ſchüchtern die Tänzerin,„ſo würde ich ihn zu Marie hinein führen.“ „Ah! das wollten Sie?“ ſagte Arthur mit einem ſchreck⸗ lichen, faſt luſtigen Tone.„Gewiß, ich nehme Ihre Begleitung an. Der Himmel ſoll mich bewahren, den Schmerz dieſer un⸗ glücklichen Frau zu vergrößern.“ Clara neigte ſtill ihr Haupt und ſchritt ohne ein Wort zu ſprechen in das Nebenzimmer. Arthur folgte ihr. — ———— —— ——y — 64 Siebenzigſtes Kapitel. Es war daſſelbe, aus deſſen Fenſtern in der geſtrigen Nacht der ſchwache Lichtſchein auf die Straße hinaus gezittert; der Docht in der kleinen Lampe, welche ihn erzeugt, brannte auch heuke noch; man hatte vielleicht vergeſſen, das Licht auszulöſchen oder hatte man ſein mattes Aufflackern und erſterbendes Zuſammen⸗ ſinken hier im Zimmer der Todten für paſſend erachtet. Auf einer Erhöhung am Boden lag die Leiche des jungen Mädchens, weiß gekleidet, die wachsbleichen Hände gefaltet; um den Kopf hatte ſie einen Kranz von weißen Blüthen und rings um ſie her lagen Blumen, bald einzeln, bald in Bouquets zuſammen ge⸗ bunden. Man hatte die arme Marie noch nicht in ihr letztes, trauriges Haus gelegt, und wenn man ſte ſo betrachtete, wie ſie auf den weißen Kiſſen dalag, ſo hätte man auch der Frau draußen wirklich Recht geben können, als ſie ſagte, man glaube, das Mädchen ſchlafe nur. Obgleich ihr bleiches Geſicht ſchon jenen eigenthümlichen, aſchfarben Ton angenommen hatte, ſo war doch ſelbſt von der ſtarken Röthe ihrer Wangen etwas übrig geblieben, ungefähr wie der leichte Schimmer inmitten einer weißen verwelkten Roſenknoſpe. Auch die Lippen ſahen noch friſch und roth aus, und die Augenlider hatten nichts Eingefallenes und Starres; ſie ſchienen leicht herabgeſunken und zeichneten ſich nur ſcharf ab durch die langen ſchwarzen, ſeidenartigen Haare der Wimpern. Wenn auch Arthur durchaus von keinem Gefühl des Schau⸗ ders ergriffen war, ſo zog ſich doch ſein Herz wie krampfhaft zu⸗ ſammen, als er neben der Mädchenleiche ſtand; ja, als er ſah, wie ſich Clara über ſie niederbeugte und ihre kalte Stirne küßte, athmete er kürzer und immer kürzer, ein leichtes Fröſteln überflog ſeinen Körper und demſelben folgten wohlthätige heiße Thränen. Ja, heute waren ſie für ihn wohlthätig und beruhigend, es waren ja nicht mehr die Thränen des Haſſes und der Wuth, die ſte di w en Nacht er Docht ch heute hen oder ſammen⸗ et. Auf ädchens, den Kopf n ſie her men ge⸗ rletztes, „wie ſie draußen ibe, das on jenen var doch eblieben, erwelkten oth aus, rrres; ſie charf ab pern. 3 Schau⸗ fhaft zu⸗ 8 er ſah, ne küßte, überflog Thränen. gend, es uth, die aarie und Clara. 65 er geſtern Nacht geweint, auflöſende Wehmuth und Trauer hatten ſich ſeines Herzens bemächtigt, und wenn er auch ebenſo tief fühlte, was er verloren, ſo dachte er weniger an ſeinen eigenen Verluſt, als an das Verderben jener armen Seele. Clara blickte zu ihm empor und ſagte nach längerem Still⸗ ſchweigen:„Ach! ſie war ſehr unglücklich geworden, die arme Marie! er liebte ſte ſo innig und ſie ſollte ihm nicht angehören dürfen.“ „Das iſt allerdings ſehr, ſehr traurig,“ verſetzte Arthur kaum hörbar.„Aber warum durfte ſte ihm nicht angehören?“ „Ich weiß das nicht ſo genau; aber ich glaube, ihre Tante wollte ſte zwingen, gegen einen Andern freundlich zu ſein.“ „Und ſie ließ ſich zwingen?“ „Ach! die Ueberredung!“ „Ja,— richtig, die Ueberredung!— Und er hat es er⸗ fahren, daß ſie ihm treulos geworden?“ „Ja, er hat es erfahren. Schwindelmann ſagte es ihm; und der that ſehr Unrecht, denn Marie dachte nicht daran, treu⸗ los zu werden. Wiſſen Sie aber wohl, Herr Erichſen, aller Schein war gegen ſie und das iſt ſehr ſchlimm.“ „Herr Erichſen hat ſie mich lange nicht mehr genannt,“ dachte Arthur.—„Sehr ſchlimm,“ verſetzte er darauf. „Es iſt für ihn ein noch größeres Unglück, als für ſie,“ fuhr das Mädchen mit gefalteten Händen fort, indem ſie einen Blick auf die Leiche warf;„ſie iſt ja todt, und es kann ſie Nie⸗ mand mehr kränken oder foltern. Aber ihm geht das nach wie ein Geſpenſt; ſie ſagen auch, der Richard ſei ganz tiefſinnig ge⸗ worden, denn was man beim Theater munkelt, er habe das Tau abſichtlich ausgleiten laſſen, iſt ihm zu Ohren gekommen.“ „Und was glauben Sie? Hat er es abſichtlich gethan?“ Hackländer, Europ. Selavenleben. IV.: 5 Siebenzigſtes Kapitel. „O gewiß nicht, Herr Erichſen; er war nur erſchreckt, als ihm der Schwindelmann von ihrer Untreue erzählte. Ich glaube wohl, daß er da nicht mehr wußte, was er that, denn das muß ja ſchrecklich ſein.“ „Meinen Sie das wirklich, Fräulein Clara?“ ſagte Arthur tief aufathmend. „Warum nennt er mich„Fräulein“ Clara?“ dachte das junge Mädchen. „Sehen Sie,“ fuhr er mit zitternder Stimme, aber deut⸗ lich betonend fort,„ſo was kommt im Leben häufig genug vor. — O um Gottes Barmherzigkeit willen! Clara, ſchauen Sie mich nicht ſo zweifelhaft an„“ unterbrach er ſich heftig.— „Häuſig genug,“ ſprach er ruhiger,„Untreue bald von der, bald von der Seite. Aber nicht immer nimmt es ein ſo klägliches Ende wie hier.—— Hören Sie mich deutlich an, Clara, denn ich ſpreche jetzt von Ihnen und nicht von der Todten; ich habe Ihnen abſonderliche Dinge zu ſagen.“ „Das habe ich Ihnen angeſehen,“ verſetzte erſchrocken das Mädchen. „Ich kann mir denken, daß Sie es erwartet; aber es iſt beſſer, wenn ich es Ihnen hier ſage. Der Anblick des unglück⸗ lichen Geſchöpfs da zwiſchen uns ſtimmt mich wehmüthiger und ruhiger;— ſonſt,“ ſprach er mit heftigem Tone,„müßte ich das, was ich Ihnen zu ſagen habe, hinaus ſchreien mit lauter Stimme,— wenn es in Ihres Vaters Hauſe geſchähe, Clara,— und geſchehen muß es doch einmal— ſo müßte ich Ihren Vater bei der Hand faſſen und ihn vielleicht mit verantwortlich machen, daß Sie mich— betrogen.“— „Herr Gott im Himmel!“ ſchrie entſetzt die Tänzerin. „Hier aber,“ fuhr er mit weit aufgeriſſenen Augen fort, kt, als glaube as muß Arthur hte das er deut⸗ nug vor. en Sie ftig.— don der, lägliches a, denn ich habe ccken das der es iſt unglück⸗ higer und müßte ich nit lauter Clara,— ren Vater h machen, erin. ugen fort, Marie und Clara. 67 während ſeine Hände, die er gegen die Leiche ausſtreckte, heftig erzitterten,„hier, vor Dieſer da, muß ich mich bezwingen und darf nur flüſtern. Aber Sie werden auch dieſes Flüſtern ver⸗ ſtehen, Clara.— Ja,“ ſagte er nach einem tiefen Athemzuge, wobei er ſchmerzlich nach ihr hinblickte,„ja, Clara, du haſt mich betrogen, entſetzlich betrogen. Weßhalb du es gethan— ich weiß es nicht. War es, weil dein Herz falſch iſt, weil du mich nicht geliebt, war es eine Laune,— Gott weiß es! Mir ſoll es, hoff' ich, ewig ein Geheimniß bleiben.“ Clara war neben der todten Marie auf die Knie geſunken, blickte einen Augenblick entſetzt in die Höhe und verbarg ihr Ge⸗ ſicht in beide Hände. „Es iſt,“ fuhr er ſanfter fort,„faſt die gleiche Geſchichte, wie mit dem armen Mädchen da, nur daß ſie unſchuldig iſt. Aber als er das erfuhr, er, der ſie gewiß nicht inniger liebte, als ich dich, er, der ihr kein beſſeres und glänzenderes Schickſal bereiten wollte, als ich dir,— ließ er ſie niederſtürzen, wirklich niederſtürzen, und ſie zerſchmetterte vor ſeinen Füßen.— Ich aber,“ ſagte er mit leiſer, jedoch ſchrecklicher Stimme,„ich kann und will das Gleiche nicht thun, ich will dich nicht leiblich zu meinen Füßen niederſtürzen ſehen, kein Haar ſoll dir gekrümmt werden, nichts dein ſchönes Geſicht verunſtalten, kein Glied deines prächtigen Körpers beſchädigt werden, obgleich du auch an mir hiengſt, von mir abhiengſt——— Aber auch ich zerreiße dieß Band, auch ich laſſe dich, wenn gleich im Geiſte, zu meinen Füßen niederſtürzen, und wenn ich mich von dir losſage, was hier feierlich vor dieſer Todten geſchieht,“— dabei ſtreckte er beide Hände weit von ſich ab,—„ſo wirſt du vielleicht deinen Gott anflehen, er möge dir ein gleiches Schickſal zu Theil werden laſſen, wie Dieſer da.“ 5* Siebenzigſtes Kapitel. Clara war unter der furchtbaren Laſt dieſer Vorwürfe und entſetzlichen Reden mit dem Kopf auf die Leiche niedergeſunken, und da es ihr unmöglich war, etwas zu antworten, ſo hatte ſie nur flehend die Hände erhoben oder wie ſchützend über ihr Haupt, als wolle ſie dadurch den Fluch abwehren, den er auf daſſelbe herabſchleuderte. Als ſie ſich endlich wieder faßte, als ſie rief: „Arthur! um Gotteswillen, Arthur!“ und aufſprang, da war er verſchwunden. Sie blickte zweifelnd in dem Zimmer umher, fuhr mit der Hand über die Augen und wollte ſich einreden, ſte habe hier bei der todten Marie einen ſchrecklichen Traum gehabt, und er ſei in Wahrheit gar nicht da geweſen.— Oh! wenn dem ſo wäre! Aber dem war nicht ſo. Madame Becker, die heftig erregt herein trat, ſagte:„Hat ſich die Leiche nicht bewegt, als Jener im Zimmer war? Das ſollte ſo ſein, wenn Gerechtigkeit wäre, ſte hätte drohend die Hand gegen ihn aufheben ſollen. O daß ich ihn nicht früher gekannt, daß ich ſeinen Namen nicht gewußt! ich erfuhr ihn erſt vorhin, als er wie toll zur Thüre hinaus ſtürzen wollte.— Clara, Clara lu wandte ſie ſich an dieſe, „nimm dich in Acht vor der Familie! Einer von ihnen iſt Schuld an dem Tode meiner Marie.“ „Und der Andere—— wird Schuld an dem meinigen ſein!“ ſeufzte das unglückliche Mädchen und legte ihr Geſicht auf die Hand der Todtenf als ſuche ſie hier Schutz und Troſt. fe und ſunken, atte ſie Haupt, daſſelbe ie rief: da war umher, den, ſie gehabt, ! wenn g erregt s Jener it wäre, O daß gewußt! hinaus i dieſe, Schuld meinigen eſicht auf 2 ſt. Einundſiebenzigſtes Kapitel. Alles verloren! In dem Hauſe des Herrn Staiger hatte ſich, ſeitdem Herr Blaffer das Honorar ſo bedeutend erhöht, allerlei auf's Vortheil⸗ hafteſte verändert. Um das einzige Fenſter prangte nun ein Vor⸗ hang von buntem Kattun, unter dem Schreibtiſch lag ein altes Rehfell; freilich ſchien daſſelbe in der Mauſe zu ſein, und die einſtmalige blaue Tucheinfaſſung war nicht mehr zu erkennen. Aber es that ſeine Dienſte, indem es die Füße des alten Herrn wärmte. Auch dem Ofen war etwas vom beſſeren Verdienſt zu gute gekommen, man gab ihm reichlicher und härteres Holz, und er, dafür dankbar, verbreitete um ſich her eine angenehme Wärme. Und dabei ſott und praſſelte es in ihm anz behaglich; es war beinahe Mittagszeit, und Clara, die wegen eines halben Feier⸗ tags heute die Tanzſtunde nicht zu beſuchen gebraucht, hatte Kartoffeln zum Mittageſſen eingeſtellt, und war unterdeſſen in das Haus der Madame Becker gegangen, wie wir bereits wiſſen. Die Sorge für Kartoffeln und Suppe war unterdeſſen dem Papa Einundſtebenzigſtes Kapitel. Staiger übertragen worden, der ſich hiezu als ſeines Adjutanten des Bübchens bediente, das er vor den Ofen geſtellt hatte und ihm eingeſchärft, Lärm zu ſchlagen, ſobald Suppe oder Kartoffeln irgend eine außergewöhnliche Bewegung zu machen anfiengen. Zu⸗ erſt hatte Karl einige Einwendungen gemacht, denn er war an dem heutigen Morgen außerordentlich beſchäftigt; die Familie Staiger hatte nämlich, wie wir bereits wiſſen, einen Zuwachs erhalten und wir brauchen dabei nicht wohl zu bemerken, daß das kleine Mädchen, welches Arthur gebracht, mit herzlicher Liebe aufgenommen worden war. Natürlicher Weiſe hatte der Maler die Bedingung dabei geſtellt, daß die Bedürfniſſe des armen Weſens ausſchließlich ihm zur Laſt fallen müßten, und in Folge deſſen hatte ſich der Anzug der Kleinen weſentlich gebeſſert; auch erſchien ſie nicht mehr ſo ſcheu und ängſtlich, denn ihr Herz ſchlug freudiger, ſobald es die Wärme geſpürt, mit der ſie von dieſen guten Menſchen behandelt wurde. Karl hatte ſie unter ſeinen beſonderen Schutz genommen, lehrte ſie all' die ſinnreichen Spiele, die er zu treiben pflegte, wobei ſie ihm bald als Pferd, bald als Armee dienen mußte. Heute war ſie ſogar ſeine Prinzeſſin; er hatte das Fußbänkchen Clara's umgekehrt, das Mädchen hinein geſetzt, die Trümmer eines Pferdes davor geſpannt und kutſchirte ſeine Pflegbefohlene nun in Gedanken durch die halbe Welt. Doch mußte dem Befehl des Vaters Folge geleiſtet werden, weß⸗ halb das Bübchen den Fußſchemel wieder umkehrte, das fremde Kind darauf ſetzte, ihm ein Bilderbuch in die Hand gab, und ſich darauf, als er das Pferd ausgeſpannt, an den Ofen begab. Das Geſchäft, welches ihm der Vater übertragen, beſorgte übrigens nun der Kleine mit einer ſo übergroßen Pünktlichkeit, daß er dadurch die Arbeit des Vaters weit öfter unterbrach, als nothwendig geweſen wäre. Jeden Augenblick glaubte er, der tanten e und toffeln . Zu⸗ oar an familie wachs aß das Liebe Naler armen Folge ; auch ſchlug n dieſen ſeinen Spiele, dald als ſſin; er hinein utſchirte e Welt. u, weß⸗ 3 fremde ab, und n begab. beſorgte ktlichkeit, ach, als er, der Alles verloren! 71 große Moment ſei gekommen, wo die Suppe Neigung zeige, über⸗ zukochen, und dann prallte er mit einem lauten Aufſchrei zurück, wobei es bereits am heutigen Morgen zweimal vorgekommen war, daß er über ſein kleines kopfloſes Pferd geſtolpert war, welches er an einem Bindfaden hinter ſich drein ſchleifte. Das gab dann begreiflicher Weiſe eine große Verwirrung und es koſtete den Herrn Staiger mehrere werthvolle Minuten, bis Bübchen, Pferd und Bindfaden wieder aus einander gewickelt waren, bis der alte Herr nach ſeiner Suppe geſehen und darauf der Lauerpoſten wieder aufgeſtellt worden war. Dem Bübchen war übrigens auch Etwas von dem Glanze der Familie zu gute gekommen; er hatte ein neues und warmes Röckchen an, ſeine kleinen Schuhe waren untadelhaft, und Clara hatte aus einem ihrer alten Kattunkleider eigenhändig eine Bett⸗ decke genäht, welche der Stolz der beiden Kinder war. Es war ſeltſam, aber nicht zu läugnen, daß auf den Herrn Staiger allein ſein größerer Verdienſt eine andere Wirkung aus⸗ übte, als man ſich wohl gedacht. Er, der ſonſt Alles hergab, was er einnahm, er, der ſeine Tochter Clara früher zur Ver⸗ ſchwendung angetrieben, wie ſie oftmals lachend ſagte, war geizig geworden, ja recht geizig, und Clara mußte es zu ihrem großen Erſtaunen erleben, daß er anfieng, ſeine Kaſſe ſelbſt zu verwalten, indem er ihr nur das nöthige Geld für die Haus⸗ haltung abgab und alles Uebrige in ſeinem Schreibtiſch verſchloß. Daß er nicht die Abſicht hatte, von dieſem Gelde etwas für ſich zu verwenden, lag klar am Tage, denn ſogar das abgenutzte Rehfell hatte ihm Clara octroyiren müſſen, und als ſte auf einen neuen Anzug zum Ausgehen für ihn drang, hatte er ſich beſtimmt dagegen erklärt, indem er vorgab, er fühle doch, es ſei ſeiner Einundſtebenzigſtes Kapitel. Geſundheit viel zuträglicher, wenn er während der Winterszeit wenig ausgehe; im Sommer werde man dann ſchon ſehen. Und Herr Staiger verdiente recht viel Geld; Onkel Tom war ſo gut wie beendigt, aber Herr Blaffer hatte mit ihm neue weitläufige Arbeiten beſprochen und ſein Honorar wunderbarer Weiſe abermals erhöht. Seit ihn das Bübchen zum letzten Mal geſtört, hatte er die Feder nicht wieder aufgenommen, ſich vielmehr in ſeinen Seſſel zurückgelehnt und ſchaute, die Arme über einander geſchlagen, an die Zimmerdecke empor. Es mußten keine unangenehmen Ge⸗ danken ſein, die ihn beſchäftigten, denn er machte ein freund⸗ liches Geſicht, ſpitzte behaglich den Mund und zog nur zuweilen, wie in wichtiger Betrachtung, die Augenbrauen hoch empor.— „Das Ganze iſt mir immer noch zu ſchön und traumartig,“ ſprach er zu ſich ſelber,„die Abendröthe, die am Ende meines Lebens leuchtet, kann dem neuen jungen Tage wohl ſchönes Wetter bringen, aber ebenſo leicht Sturm und Regen. Nun auf alle Fälle thu' ich das Meinige; was der Himmel über uns verhängt, das wollen wir jederzeit geduldig und gern hinnehmen;— ob⸗ gleich,“ meinte er ſchmunzelnd,„das Beſſere immer angenehmer iſt, und ich muß ſchon geſtehen, wenn man ſeine Kinder liebt wie ich, ſo kann es einen hoch entzücken, wenn man Ausſichten hat, daß es ihnen gut gehen ſoll.— An meinem Leben würde ich freilich nichts ändern; fleißig arbeiten, ſo lange es geht, und nur Sonntags mir ein kleines Vergnügen machen und wohlge⸗ kämmt nach meinen Kindern ſehen, nach meinem Schwiegerſohn, — Herrn Arthur Erichſen.—— Gott! wie man in ſeinem Alter noch ſo kindiſch ſein kann!“ unterbrach der alte Mann ſeine Be⸗ trachtungen, die er aber doch nicht unterlaſſen konnte, ſtill denkend fortzuſetzen. Ja, der alte eitle Mann ſah ſich ſchon im ſaubern die eſſel gen, Ge⸗ und⸗ ilen, drach bens etter alle ingt, ob⸗ hmer liebt chten pürde und hlge⸗ ſohn, Alter Be⸗ rkend ibern Alles verloren! 73 Anzuge, er hatte ſogar Handſchuhe an und trat in das Haus ſeiner Tochter, wo man ihn an einem gewiſſen Sonntag zum Mittageſſen erwartete. Clara machte die Honneurs wie eine Prinzeſſin, mit ihrem ſtillen, ruhigen und liebevollen Weſen entzückte ſie ihren Mann, leitete die Dienſtboten und hielt ihre kleinen Kinder in Ordnung,— ja, wir können es nicht läugnen, Herr Staiger hatte ſogar die Verwegenheit, an Enkel zu denken. Dieſe Ideenverbindung leitete ſich übrigens wohl aus dem An⸗ blick ſeines eigenen Bübchens her, welches, um ſich die Zeit zu vertreiben, bis zu dem großen Moment, wo es der Suppe ge⸗ fällig wäre, überzukochen, allerlei ſonderbare Zählübungen an⸗ ſtellte. Clara hatte ihm in den Abendſtunden das Zählen von Eins bis Zehn beigebracht, auch, daß Eins und Eins— Zwei, Zwei und Eins— Drei ſei, und das miſchte er nun Alles auf die abenteuerlichſte Weiſe durch einander. „Eins und Eins iſt Vier, Fünf, Sechs und Eins iſt Zehn,“ ſagte er und rief alsdann mit lauter Stimme:„Aber jetzt, Papa, kocht ſie über. Geſchwind, geſchwind, ſonſt zankt Clara!“ Damit ſprang er abermals rückwärts, erinnerte ſich aber glücklicher Weiſe des hinter ihm ſtehenden Gaules, weßhalb ſich der Zuſammenſtoß zwiſchen Beiden ſo geſtaltete, daß das Pferd ein paar Schritte rückwärts flog, zwiſchen die Füße des Herrn Staiger, der eilig näher kam und nun faſt das Schickſal ſeines Sprößlings erlitten hätte. „Aber potz Tauſend, Karl!“ ſagte der alte Herr,„man muß auch hinter ſich ſehen können. Jetzt wirfſt du mir dein Pferd auf die Füße und ich bin überzeugt, du machſt wieder viel Lärmen um gar nichts.“ „Aber es läuft ſchon aus dem Topfe heraus in den Ofen hinein,“ erwiederte das Bübchen,„und das ſtinkt und Clara Einundſtebenzigſtes Kapitel. wird es riechen, wenn ſie nach Haus kommt, und da werden wir Beide gezankt.“ „Ja, da haſt du Recht,“ verſetzte lachend der Vater,„und es thut weh, wenn Clara Jemand zankt. Nicht wahr, davor fürchteſt du dich mehr, als wenn ich dich zanke.“ „Ja wohl,“ ſagte der Kleine beſtimmt.„Denn wenn Clara zankt, ſo habe ich Etwas gethan.“ „Und wenn ich zanke?“ „Oh!“ erwiederte das Bübchen, indem er die Hände auf dem Rücken zuſammen legte, ndas geſchieht ja niemals; du kannſt gar nicht zanken.“ „Sieh Einer den kleinen Böſewicht!“ ſprach lachend Herr Staiger; und dabei zog er die Suppenſchüſſel etwas nach vorn, damit der Inhalt, von der Gluth des Feuers entfernt, nicht mehr ſo heftig ſprudle.—„So, ſo, du meinſt, ich könnte nicht zanken!“ „Nein, denn du ſagſt ja immer: wartet nur, Clara wird euch recht zanken.“ „Nun, da werde ich es nächſtens ſelbſt lernen müſſen,“ meinte gutmüthig der alte Mann.„Denn wenn Clara einmal fort geht,—“ „Ahl ſie geht ja immer fort.“ „Ganz richtig, Karl,“ ſagte der Vater;„aber nächſtens geht ſie ganz fort und kommt gar nicht wieder.“ „Wie, Papa?“ fragte erſchrocken das Kind.„Clara käme nächſtens einmal nicht wieder?— aber doch zum Eſſen?“ „Nein, mein Sohn.“ „Aber doch zum Schlafen?“ „Auch das nicht.“ Dieß gab dem Bübchen zu denken; er ſchaute vor ſich auf en wir „und davor Clara nde auf ls; du id Herr ) vorn, , nicht tte nicht ra wird nüſſen,“ einmal nächſtens ara käme 44 6 Alles verloren! 75 den Boden nieder, doch mußten ſeine Gedanken ſehr unerfreu⸗ licher Art ſein, und ohne weiter viel Worte zu verlieren und nachdem es ein paar Mal wehmüthig um ſeinen Mund gezuckt, brach er plötzlich in ein ſo lautes und anhaltendes Weinen aus, daß Herr Staiger alle Mühe hatte, ihn zu tröſten, und ihm zu⸗ letzt gutmüthig, wie er war, verſprechen mußte, daß wenn er recht brav ſei, Clara da bleiben würde; im andern Falle aber ſtehe er für gar nichts. Es war ein Glück, daß in dieſem Augenblicke die kleine Schweſter, aus der Schule kommend, hereintrat, um den Vater im Geſchäft des Tröſtens abzulöſen; denn Herr Staiger hatte eigentlich gar kein Talent darin und er pflegte in ſolchen Augen⸗ blicken gern allerlei zu verſprechen, was ihm ſpäter, bei dem guten Gedächtniß des Bübchens für dergleichen Dinge, viel zu ſchaffen machte. Die kleine Marie war recht gut und ſauber angezogen, ihre langen Zöpfe untadelhaft geflochten, und für Tafel und Bücher hatte ſie von Clara eine Taſche erhalten, in welcher dieſe früher Schuhe und Weißzeug mit in die Tanzſchule zu nehmen pflegte. Dieſer neue und beſſere Anzug hatte recht erhebend auf das Ge⸗ müth des kleinen Mädchens eingewirkt, ſie trug ihr Köpfchen ſo hoch als möglich, ſprach gern altklug und nahm ſich mit einer gewiſſen Oſtentation der Haushaltungsgeſchäfte an. So auch heute ſah ſie bei ihrem Eintritte, nachdem ſie ihren Bücherſack abgelegt, ſogleich nach, ob im Zimmer nicht Etwas zu finden ſei, was nicht in Ordnung wäre. Da nun das fremde Mädchen ſtatt zu leſen, was ſie auch nicht gekonnt, aufmerkſam bald Herrn Staiger, bald den Ofen betrachtete und dazu an dem Bilderbuche kaute, ſo verwies ihr das Marie, nahm ihr die Lecture, wiſchte ihr die Naſe und brachte ihr eine Puppe, mit welchem Tauſch — — —— — ö”)”)́ł11n —————— 76 Einundſtebenzigſtes Kaͤpitel. * übrigens das Kind ſehr zufrieden zu ſein ſchien. Darauf ging G ſie nach dem Ofen, betrachtete die Kocherei, wobei die Verſuche nicht V des Herrn Staiger in dieſer Richtung von ihr ziemlich gering⸗ ſagte ſchätzend angeſehen wurden.— b„Du hätteſt die Suppe nicht vom Kochen wegziehen ſollen, gar Papa,“ ſagte ſie,„ſondern lieber mit dem großen Löffel den Schaum herunter nehmen, wie es Clara macht.“ und „Nun wenn du es beſſet weißt, kleiner Hofmeiſter, ſo thu⸗ Geſch alſo,“ bemerkte geduldig Herr Staiger, ohne von ſeiner Arbeit, dabei die er wieder begonnen, aufzuſehen. dieſer Um das Geſicht des Bübchens wetterleuchtete immer noch nächf unverkennbar etwas Wehmüthiges, das ſich ſteigerte, ſobald die und kleine Schweſter an den Ofen trat, denn er liebte es in der⸗ mit ſe gleichen Fällen, gefragt zu werden, warum er weine. Dieß ge⸗ und( ſchah denn auch bald und Marie ſagte:„Du haſt wieder einmal ſprech geheult.“ daß d „Das habe ich auch,“ entgegnete er. Er w „Und warum denn?“ merkt „Weil Papa geſagt hat, die Clara gehe fort und komme ältere nicht mehr nach Haus, zum Eſſen und auch nicht zum Schlafen.“ „Und deßhalb weinſt du ſo arg?“ fragte das Mädchen mit auf de ſehr ernſtem Tone.„Wenn Clara wirklich fort geht, ſo iſt es war, gut für ſie und für uns Alle. Und darüber ſollen wir nicht rings! weinen.“ Mund „Aber dann habe ich ja Niemand mehr!“ heulte das gleiche Bübchen. verwe Worauf Marie mit ſehr wichtigem Tone entgegnete:„So bin ich immer noch da, und auch ich kann bald kochen und dich aauf ſie zu Bett legen.“ gewein Von dem Bübchen aber wurde dieſes Verſprechen durchaus bin ni f ging erſuche gering⸗ ſollen, fel den ſo thu⸗ Arbeit, er noch ald die in der⸗ dieß ge⸗ einmal komme lafen.“ hen mit o iſt es r nicht lte das Alles verloren! 77 nicht als Troſt aufgenommen, vielmehr ſchluchzte er ſtärker und ſagte mit ſehr kläglichem Tone:„Aber die Clara ſoll nicht fort, — und dann hätten wir Niemand mehr,— denn du biſt gar nichts.“ Herr Staiger ſah ſich abermals veranlaßt, mit Tröſtungen und Verſprechungen den Wortwechſel, der ſich zwiſchen den beiden Geſchwiſtern zu entſpinnen ſchien, zu Ende zu bringen, und wollte dabei verſuchen, dem Bübchen begreiflich zu machen, wie man auf dieſer Welt nicht immer beiſammen bleiben könne, wie er vielleicht nächſtens nach dem Himmel abgehe, das Bübchen ſelbſt in die Schule und Clara auch irgendwo hin, wo ſie es gut hätte. Doch war er mit ſeiner Rede noch nicht weit gekommen, als ſich die Thüre öffnete und Clara eintrat. Der alte Mann, zufrieden, nun nicht weiter ſprechen zu müſſen, ſagte:„Es iſt wie immer ein wahrer Segen, daß du kommſt; jetzt kannſt du dich ſelbſt mit ihnen abgeben.“ Er wandte ſich dann eilig ſeiner Schreiberei wieder zu und be⸗ merkte deßhalb nicht ſogleich das verſtörte, bleiche Geſicht ſeiner älteren Tochter. Clara ging ſchwankend wie im Schlafe; ſie hatte die Augen auf den Boden geheftet, und erſt, als ſie in das Zimmer getreten war, erhob ſie ſie wieder, blickte die alten bekannten Gegenſtände ringsum an, dann zuckte ein trübes Lächeln um ihren blaſſen Mund, ſie ſchaute alsdann lange gen Himmel, und da ſie zu gleicher Zeit die Hände faltete, ſo konnte ſte ihren Thränen nicht verwehren, langſam über ihre Wangen hinab zu rollen. „Clara, meine gute Clara!“ rief das Bübchen, wobei es auf ſie zuſprang und ihre Knie umfaßte;„ich habe auch ſo eben geweint, und um dich arg, arg geweint,— ſo arg. Aber ich bin nicht unartig geweſen, gewiß nicht.“ Clara zuckte zuſammen, als ſei ſie aus einem tiefen Traume 2 ö11j“ —— 3 6—— ESſſ 5 E ——-;”;́ù 78 Einundſtebenzigſtes Kapitel. erwacht, und beugte ſich auf das Aibd nieder, hob ſein liebes, mer unſchuldvolles Geſichtchen zu ſich empor und küßte es heftig und ja wiederholt.— „Ja, er hat geweint, ¹ ſagte der alte Mann, wobei er aber fortfuhr zu ſchreiben;„doch war ſein Kummer wie gewöhnlich iſt: nicht weit her; auch vermagſt du ihn gleich zu lindern, meine gute Clara, wie du denn überhaupt nicht blos die Segenbrin⸗ Sti gende der Familie, ſondern auch unſer Aller Tröſterin— ein ſaß, koſtbarer Schatz biſt, den wir gewiß Alle ungern verlieren wer⸗ dien den.— Aber wie Gott will.“ kon „Amen!“ entgegnete die Tänzerin in einem Tone des tief⸗ und ſten Wehes, und darauf blickte ſie abermals gen Himmel. Pfer ——„urnd ich koche, liebe Schweſter Clara,“ ſprach das kleine Mädchen wichtig thuend,„Papa hat die Suppe ver⸗ auf ſchleimen laſſen und der kleine Bub' hat gar nichts geſagt.“ Stel „O ja, ich habe geſchrieen,“ erwiederte dieſer trotzig. ſprac „Das kann ich bezeugen,“ meinte Herr Staiger lächelnd. gern „Er hat geſchrieen und iſt dabei in vollem Eifer über ſein Pferd ſo, de gepurzelt.— Aber warum bleibſt du an der Thüre ſtehen, liebe die a Clara, und legſt deinen Hut nicht ab?“ wärm „Ja,— ja,— ſo u verſetzte die Tänzerin tief aufathmend. „Du biſt bekümmert, mein Kind,“ ſagte der Vater, der er mi ſſeine Brille feſter an die Augen drückte und nun ſeine Tochter meint erſt recht betrachtete.„Du ſtehſt blaß aus und haſt geweint.— ſchuld Nun ja, ich begreife das; du kommſt von einer armen, geſtor⸗ aber benen Freundin, und der Anblick hat dein gutes Herz ſo aufge⸗ Marit regt.— Nun, was macht denn die Madame?— die Frau Tante. ſo ſch — Gott verzeihe mir, aber das iſt ein ſchlimmes Weib. Die Anſpi ſagt o arme Marie, da die Sache nun einmal geſchehen, iſt wahrhaftig beſſer daran, als hier auf der Welt.— Aber beruhige dich, und v ebes, und aber hnlich meine abrin⸗ — ein wer⸗ 8 tief⸗ ſprach be ver⸗ 1 z. helnd. Pferd liebe hmend. er, der Tochter int.— geſtor⸗ Haufge⸗ 1 Tante. b. Die hrhaftig ge dich, Alles verloren! 79 mein Kind. Komm', ſetz' vich zu mir her. So alterirt warſt du ja nie. Haſt du vielleicht bis jetzt noch keinen Todten geſehen? — Doch! doch! was ſchwätz' ich für Unſinn! Und denke nicht mehr an unſere eigene arme, kleine Leiche. Siehſt du, ſo leicht iſt man vergeſſen.“ „Ja, man iſt leicht vergeſſen,“ erwiederte Clara mit leiſer Stimme. Und als ſie ſich dem Tiſche näherte, an dem ihr Vater ſaß, legte ſte Hut und Tuch ab, welches ihr die kleine Schweſter dienſtfertig abnahm und wobei das Bübchen nicht unterlaſſen konnte, einen Zipfel des Tuches mit der einen Hand anzufaſſen und tragen zu helfen, während er mit der andern ſein hölzernes Pferd hinter ſich drein ſchleifte. Clara ſtellte ſich hinter ihren Vater, legte ihre beiden Arme auf ſeine Schultern und ihr Geſicht auf ſeinen Kopf— eine Stellung, die ſie häufig und gern annahm, wenn er mit ihr ſprach und dazu Bewegungen mit den Händen machte, was er gern zu thun pflegte. Heute aber nahm ſie ihren Platz abſichtlich ſo, denn ſie konnte ihre Thränen nicht zurückhalten, die jetzt, wo die allgemeine Liebe ihrer Familie ihr Herz erweichten und er⸗ wärmten, unaufhaltſam floßen. „Was ſagte ich doch eben?“ fuhr Herr Staiger fort, indem er mit ſeinem Papiermeſſer hin und her fuhr.—„Richtig! ich meinte, es ſei am Ende für die arme Marie ein Glück, ſo un⸗ ſchuldig in den Himmel zu kommen. Gott verzeihe es ihrer Tante, aber durch deren ſchauerliches Leben hat doch der Ruf der armen Marie einen kleinen Schaden erlitten. Ach! die Menſchen ſind ſo ſchlecht und bösartig; glaube mir, Clara, ein Wort, eine Anſpielung, ein ſeltſamer Blick, von Einem mit Beziehung ge⸗ ſagt oder gethan, wird von den Anderen begierig aufgegriffen und vergrößert weiter erzählt. Und das unſchuldigſte Gemüth, 5 1 3* 4 —— 80 Einundſtebenzigſtes Kapitel. r Verläumdung angeſpritzt, erhält gewöhn⸗ einmal vom Gifte de die ein ganzes langes Leben hindurch nicht lich Verwundungen, mehr heilbar ſind.“ „O gewiß, o gewiß,— gewiß,“ ſagte Clara. „Deßhalb aber auch haſſe ich alle Verläumder, ärger als den Teufel, ärger als die Sünde. Und aus der Verläumdung entſteht oftmals die letztere, und eine reine Seele, die von ſchänd⸗ lichen Klatſchereien mit ſcheußlichem Gift und Geifer beſpritzt wurde, ſiel ſchon oftmals eben dadurch der Sünde anheim. Der Glaube an ihre Reinheit war verloren, die Liebe zu den Neben⸗ menſchen erſchüttert und die Stützen gebrochen, welche ſte auf⸗ recht erhielten, und da ſank ſo ein unglückliches Geſchöpf immer tiefer und tiefer.— Fluch über Solche, die mit dem guten Namen ihres Nebenmenſchen ſpielen und ſo oft ein ganzes Lebensglück zerſtören!“ „Ja, ja, ein Lebensglück zerſtören,“ hauchte Clara. „Aber warum weinſt du ſo heftig, liebe Clara?“ ſprach der alte Mann, indem er ſich halb umwandte.„Ich fühle deine änen auf meinen Kopf fallen, dich haben doch meine Worte nicht betrübt?— Wie wäre das möglich? Dein Lebens⸗ glück fängt erſt an aufzublühen; gewiß, mein Kind, du ſtehſt rein da, dein Ruf iſt ja unbefleckt. Wer ſollte ſich an ihn heißen Thr wagen?“ „Vater! Vater lu entgegnete die Tänzerin mit leiſer Stimme, „und ſte haben das doch gethan.“ „Was?— Gott im Himmel!“ erwiederte erſchrocken der alte Mann.„Dir hätte man Uebles nachgeſagt,— dir, Clara? — O nein, das iſt unmöglich!“ „Es iſt ſo, Vater; ich komme ſo eben von der Marie, ich habe zum letzten Mal ihr Haar gemacht und den Kranz darin r als dung händ⸗ pritzt Der eben⸗ auf⸗ mmer guten ganzes ſprach e deine meine debens⸗ n ſtehſt an ihn Stimme, cken der Clara? arie, ich nz darin Alles verloren! 81 befeſtigt, den ſie nie mehr ablegen wird.— O Gott! o Gott!“ rief ſte in lautes Weinen ausbrechend;„warum bin ich nicht an ihrer Stelle, warum hat ſie mir nicht dieſen Liebesdienſt erzeigt?“ „Stille! ſtille!“ ſagte Herr Staiger; nſtille, Clara! Die kleinen Kinder dort geben Achtung und wiſſen nicht, was das bedeuten ſoll.“ Er faßte ihre beiden Hände und zog ſeine Tochter ſanft hinter ſeinem Stuhle vor, damit er ihr in's Auge ſehen konnte.„Du haſt gelitten, arme Clara,“ ſprach er nach einer Pauſe kopfſchüttelnd,„ſehr, ſehr gelitten. Das iſt nicht mehr dein gutes, unbefangenes Geſicht; ſage deinem Vater, was es gegeben hat, ich kann dir rathen und vielleicht auch helfen.“ „Helfen gewiß nicht,“ erwiederte ſte mit traurigem Lächeln; nes iſt Alles, Alles aus. O Vater! es war aber auch zu ſchön; es konnte nicht ſo kommen, wie ich es mir in entzückenden Träu⸗ men ausgedacht.“ Herr Staiger nickte mit dem Kopfe, als wollte er ſagen: ich verſtehe. Dann fragte er:„Du haſt Arthur geſehen?“ „Ja, Vater.“ „Doch nicht bei jener Frau Becker?“ „Doch, Vater, er war da, und die Frau ſagte, er ſei ein Bekannter von ihr.“ „Hm! hm! Das will mir nicht beſonders gefallen.— Und dann?“ Clara ſchlug in Erinnerung des Schrecklichen, was ſie ge⸗ hört und das ſie nun wiederholen ſollte, ihre Hände vor das Geſicht und brachte alsdann mühſam nach einer kleinen Weile hervor:„Arthur ſagte mir, zwiſchen uns ſei Alles zu Ende, er laſſe mich fallen, tief, tief hinab fallen. Ach! und er hat Recht: bei ſeinen Worten ſtürzte ich ſo tief darnieder, daß Alles um mich Hackländer, Europ. Sclavenleben. IV. 6 . —— 8+——·— 4 5 8 8 ,—“ 3. — 8 ſſſ“ 82 Einundſiebenzigſtes Kapitel. her ſchwarz und traurig iſt,— ſo tief hinab, daß ich nicht ein⸗ da⸗ mal mehr weiß, ob es noch einen Himmel gibt.“ lag „Kind! Kind!“ erwiederte der alte Mann, ndas ſind ja gez ſchreckliche Reden!— Aber was ſagte er dir eigentlich?“ wie „Er ſprach viele, viele Worte, aber ich hörte nur immer ger und immer fort, daß es mit uns Beiden aus ſei, und ſah, wie abe er die Hände gegen mich ausſtreckte, als wollte er mich weit von Br ſich ſtoßen.—— Ah!“ ſeufzte ſie und ein Schauder durchflog blie ihren Körper. Das Bübchen hatte ſich unterdeſſen näher geſchlichen, hatte Au ent ßt und ſchon einige Zeit, ohne daß es Jemand Clara's Knie umfa aber ſo laut, bemerkt, ebenfalls heftig geweint. Jetzt ſchluchzte es daß der alte Mann aufmerkſam werden mußte und das Kind ſanft von ſeiner Schweſter wegzog.„Du mußt nicht ſo weinen, Un Karl,“ ſagte er;„was haſt du denn?“ ete das Bübchen,„und Die Clara weint ja auch uentgegn 7 1„; geg ſie weint, weil ſie fort⸗ mie es iſt doch wahr, was du vorhin geſagt; ſie gehen ſoll.— Nicht wahr, Clara, du willſt fortgehen?“ ab „Nein, mein Kind!“ rief das Mädchen, wobei ſie ihre bei Arme um den Hals des kleinen Bruders ſchlang;„ich gehe nicht fort, gewiß nicht, ich bleibe bei euch; will auch nicht mehr weinen, denn ich kann vielleicht doch wieder froh werden. Ihr ſchl liebt mich ja Alle, unveränderlich und treu, und wißt es, daß Wo V ich eure gute, gute Clara bin.“ in Während dem war an die Thüre geklopft worden, ohne wol daß es die Gruppe am Tiſche des Vaters gehört hatte. Nur das beh kleine Mädchen, die in großer Wichtigkeit mit ihrem Kochlöffel All am Suppentopfe ſtand, hatte es vernommen und keck„herein!“ ſch von gerufen. Die Thüre öffnete ſich und Mademoiſelle Thereſe trat in Nu Alles verloren! 83 das Zimmer. Sie war wie immer ſehr elegant gekleidet; doch lag in der Art, wie ſie heute ihren langen Shawl um ſich herum gezogen hatte, ja man hätte ſogar glauben können, in der Weiſe, wie ſie ihren Hut aufgeſetzt, noch etwas Herausfordernderes als gewöhnlich. Sie trug ihren Kopf ſo hoch wie möglich, blieb aber überraſcht auf der Schwelle ſtehen, als ſie Clara und ihren Bruder weinen und den alten Herrn ſehr ernſt vor ſich nieder⸗ blicken ſah. Sobald Clara die Eingetretene bemerkte, verſuchte ſie ihre Augen zu trocknen, ja ſie lächelte, als ſie der ſchönen Tänzerin entgegen trat und als ſie ſagte, ſie freue ſich über ihren Beſuch. Thereſe machte dem Herrn Staiger eine freundliche Ver⸗ beugung, nickte den Kindern zu und zog dann, ohne weitere Umſtände zu machen, Clara mit ſich in die Fenſterniſche, wo ſte zu ihr mit gedämpfter Stimme ſprach:„Du weißt, mein Kind, ich bekümmere mich ſonſt nur um anderer Leute Sachen, wenn man mich dazu auffordert. Dießmal aber gehe ich von dieſer Regel ab und du wirſt mir eine Frage erlauben.— Du warſt vorhin bei der Becker?“ „Ja,“ ſagte Clara. „Da ſahſt du Herrn Arthur Erichſen?— Er hat dich ſchlecht behandelt, wie die Becker ſagte, denn er ſtürzte wie ein Wahnſinniger fort und du bliebſt in Thränen zurück.— Ja, in Thränen,“ ſprach ſie heftiger, als Clara das verläugnen zu wollen ſchien;„ſie fließen noch, geſtehe es mir, er hat dich ſchlecht behandelt.— Herr Gott im Himmel! ſoll denn dieſen Leuten Alles ungeſtraft hingehen?“ Damit ſchlug ſie ihre feinen Hand⸗ ſchuhe heftig zuſammen.—„Armes Mädchen! Was kann man von dir Uebles denken?— Du, die Beſte von uns Allen.—— Nun,“ fuhr ſie ſonderbar lachend fort,„das wäre gerade nicht 6* Einundſtebenzigſtes Kapitel. zu viel geſagt, aber du, ſo gut und brav, daß ſich ſämmtliche Mädchen der Reſidenz ein Muſter daran nehmen könnten!— Sage mir um's Himmels willen, Kind, was iſt denn vorge⸗ fallen? Gib mir Erlaubniß und ich ſetze ihm ſeinen Kopf zu⸗ recht. Ich will mit ihm reden.“ „O nein, nein! um Gotteswillen nicht!“ bat Clara.„Was es gab, das kann für jetzt nur in meinem Herzen verſchloſſen bleiben, ſpäter will ich es dir vielleicht ſagen.“ „Später, wenn wohl Alles verloren iſt,“ entgegnete Thereſe wegwerfend.„Clara, du biſt zu gut und zu eigenſinnig; es wäre mir eine Freude geweſen, einmal mit den Herren anzu⸗ binden,— denn,“ fuhr ſie mit entſchloſſenem Tone fort,„mit einem Andern aus der Familie habe ich ein ſehr ernſtes Wort zu reden.“ „Ich bitte dich, liebe Thereſe,“ verſetzte Clara,„laß das gut ſein. Glaube mir, ich danke dir für deine Theilnahme. Aber—— über das, was er mit mir ſprach, läßt ſich kein Wort weiter verlieren.“ Die Andere zuckte heftig mit den Achſeln, warf den Kopf empor und ſagte:„Du haſt meinen guten Willen geſehen, und ich nehme dir auch gar nicht übel, daß du mich abweiſeſt. Das magſt du daraus entnehmen, wenn ich dich verſichere, daß ich zu jeder Zeit bereit ſein werde, für dich einzutreten,— denn,“ ſetzte ſie mit ſanfter, faſt weicher Stimme hinzu, nich habe dich ſehr lieb, meine gute Clara. Wenn ich dich ſo an⸗ ſehe, ſo denke ich mir immer: ſo hätte ich auch werden mögen. ———— Bah! s hat anders kommen ſollen, und ich halte mich noch immer viel zu gut für dieſe miſerable Welt.“ Damit legte ſte ihre beiden Hände auf Clara's Haar, 8 de Alles verloren! 85 drückte einen langen Kuß auf deren kalte Stirne und war gleich darauf ebenſo plötzlich verſchwunden, als ſie gekommen. —— uhf——— ˖— das fremde Kind daran geſetzt, Beiden einen weißen Lappen umgebunden, damit ſie ſich beim Eſſen nicht ſchmutzig machen möchten, und ſagte nun mit ſehr wichtigem Tone:„Zetzt iſt die Suppe fertig! Auch braucht Niemand mehr Salz dazu zu thun, denn ich habe zwei große Löffel voll hinein geworfen.“ Bweiundſiebenzigſtes Kapitel. Mademoiſelle Thereſe. Sobald es im Hauſe des Commerzienraths Erichſen auf der großen Schwarzwälder Uhr Zwei ſchlug, erſchien der alte Bediente mit dem Kaffee, und war der Mann darin ſo pünktlich, daß ihn Arthur einmal antraf, Kaffeebrett und Taſſe in der Hand, mit den Augen geduldig dem Laufe des Zeigers folgend, der noch V circa eine halbe Minute bis zu der angegebenen Stunde zu laufen hatte.— Es hatte alſo heute zwei Uhr geſchlagen, zu gleicher V Zeit war auch Bedienter und Kaffee erſchienen, doch war es be⸗ reits halb Drei, und Niemand von der Familie, ſelbſt nicht ein⸗ mal der Commerzienrath, der ſonſt dieſem Augenblicke ſehnſüchtig entgegen ſah, hatte daran gedacht, das Aufgeſtellte zu berühren. Die Commerzienräthin ſaß in ihrer Sophaecke wie gewöhn⸗ lich, aber noch aufrechter und unbeweglicher als ſonſt. Mit den 1 grauen und harten Zügen ihres Geſichts, aus denen die lange, ſpitze Naſe drohender als je hervortrat, mit ihrem einfachen Kleide von einer Farbe, die ebenfalls in's Gräuliche ſpielte, Mademoiſelle Thereſe. 87 hatte ſie ſehr viel Aehnlichkeit mit einer Verſteinerung. Ja ſogar ihre Augen hafteten feſt auf einem Fleck in der anderen Ecke des“ Zimmers, und ihre knöcherne Hand, die auf dem Tiſche lag, ob⸗ gleich offenbar bereit zum Trommeln, hielt ſich doch noch ruhig und hatte nur die Finger weit ausgeſpreizt. Marianne ſaß neben ihr in der anderen Ecke; die Arme über die Lehne gelegt und die Hände gefalten, den Kopf tief geſenkt, ſchien ſie in ernſte Betrach⸗ tungen verſunken und ſich gar nicht um die Anweſenden zu be⸗ kümmern. In einem Fauteuil am Fenſter lag der Commerzienrath, aber ſein Aeußeres zeigte nicht wie ſonſt um dieſe Stunde Ruhe und Behaglichkeit. Sein Geſicht war etwas aufgedunſen und mehr als gewöhnlich geröthet, ſeine Unterlip e hieng ſchlaff herab, und zu gleicher Zeit hatte er die Augenbrauen hoch empor ge⸗ zogen, was ſeinem gutmüthigen Geſichte einen ganz eigenthüm⸗ lichen Ausdruck gab. Hinter ihm ſtand der Doctor, die Arme feſt verſchlungen, und blickte ſo finſter, als es ſein offenes und freundliches Geſicht nur erlaubte, auf ſeinen Schwager Alfons, der, beide Hände auf den Rücken gelegt, in dem weiten Zimmer auf und ab ſpazierte, und ſich dabei offenbar in weit behaglicherer Gemüthsſtimmung befand, als alle Uebrigen. Er ſprach, wäh⸗ rend er ſo einher ſchritt, wobei er die Augen auf den Boden heftete, und ſie nur erhob, ſo oft er ſich umwandte, um alsdann Eines der Anweſenden eine Secunde lang anzuſchauen. „Eine Scheidung,“ ſagte er,„hat immer etwas Unange⸗ nehmes für die Familie, worin dergleichen vorkommt. Und ich würde ſchon aus dem Grunde Alles anwenden, um die Geſchichte zu verhindern.— Ich weiß wohl,“ wandte er ſich an Eduard, „daß bei Madame bis jetzt alle Mühe vergeblich war; aber man muß ihr begreiflich machen und deutlich ſagen, daß bei einer · — . Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Scheidung vor den Augen der Welt immer einiger Mackel auf beiden Theilen haften bleibt.“ „Deine Reden wären recht ſchön,“ erwiederte der Doctor, „wenn du es nur einmal laſſen könnteſt, ſie mit den ewigen Ge⸗ häſſigkeiten zu untermiſchen; daß die Scheidung für mich und meine armen Kinder allerdings ein Unglück iſt, weiß ich wohl, aber was dadurch für ein Mackel auf meinen Namen fallen ſoll, begreife ich nicht.“ „Aber ich begreife es,“ ſprach ſtreng die Commerzienräthin, und ihre Finger zuckten leiſe;„von dem Mann wird man ſagen: er war ein unordentlicher Mann, vielleicht ein unſolider Mann, und über die ganze Familie zuckt man die Achſeln und ſpricht: es iſt doch nichts Rechtes dahinter.“ „O Mama,“ entgegnete der Doctor,„Sie ſehen zu finſter; in der Welt kommt ſo Manches vor, wovon man heute vielleicht ſpricht und morgen nicht mehr daran denkt.“ Die Räthin huſtete leiſe, dann verſetzte ſte:„Das iſt dar⸗ nach, wem ſo Etwas paſſirt. Bei einer Familie, die Schimpf und Schande gewohnt iſt, da thut freilich ein Bischen mehr auch nicht viel.— Aber bei einer Familie, wie die unſrige,“— dabei erhob ſie ihre Stimme und ihre Hand bewegte ſich,—„einer Fa⸗ milie, die in ihrem Thun und Laſſen klar wie der Tag daſtand, die noch nie Gelegenheit gab, gehäſſig über ſich ſprechen zu machen, da ſchimpfirt ſo Etwas, wie wenn man die Augen verliert oder die Naſe aus dem Geſicht.“ „Nun, eine kleine Schmarre haben wir ſchon auf die Backen bekommen,“ ſagte hämiſch Herr Alfons. Die Räthin wandte mit einer ſteifen Bewegung den Kopf nach ihm herum; ihre ſcharfen, grauen Augen ſchienen ihn durch⸗ Mademoiſelle Chereſe. 89 bohren zu wollen und die erhobene Naſe drückte deutlich aus: ſprich weiter! Das that denn auch der Schwiegerſohn und bemerkte:„Nun, ich dachte nur an den Scandal bei der Probe lebender Bilder. Das war nur eine kleine Ouverture, der vielleicht noch Manches nachfolgt.“ „O ja,“ meinte der Doctor,„der vielleicht noch Manches nachfolgt.“ Marianne erhob ihren Kopf und wechſelte einen Blick mit ihrem Bruder. Darauf ſeufzte das arme Weib tief auf und ver⸗ ſank wieder in ihre Betrachtungen. „Und du kannſt dich wahrhaftig nicht arrangiren, Eduard?“ fragte der Commerzienrath mit verdrießlichem Ton und matter Stimme.„Ich verſichere dich, das Fragen und Schwätzen über dieſe leidige Angelegenheit iſt nicht zu ertragen. Sogar auf der Börſe muß ich davon hören.“ 1 „Sogar auf der Börſe!“ wiederholte würdevoll die Räthin. „Das kann dem Credit des Hauſes ſchaden.“ Sie trommelte leicht auf dem Tiſche, aber nur wenige Tacte; dann ſaß ſie wieder ſo ſteif und unbeweglich da wie vorhin. Alfons ſpazierte einige Mal im Zimmer auf und ab, wobei ihn übrigens nichts beſonders Unangenehmes zu beſchäftigen ſchien, ſeine Mundwinkel zuckten und ſeine Hände rieben ſich be⸗ haglich an einander.—„Was nun die andere Sache anbelangt,“ meinte er nach einer Pauſe,„ſo befahlen Mama, ſie ebenfalls zur Sprache zu bringen.“ Die Räthin nickte mit dem Kopfe, und der Doctor ſchaute ſo plötzlich und fragend auf Alfons, daß dieſer genöthigt war, ihm zu ſagen:„Es betrifft Arthur's höchſt kurioſe Geſchichte. Er macht ja kein Geheimniß mehr daraus, und wie ich aus deinen Zweiundſtebenzigſtes Kapitel. Reden zu entnehmen glaubte, iſt es ihm ſogar nicht unangenehm, wenn man darüber verhandelt.“ „Ihn ſoll der Teufel holen!“ ſeufzte der Commerzienrath mit ziemlich erzwungenem Zorn, wofür ihm aber ein ſtrenger Blick ſeiner Gemahlin zu Theil wurde.—„Es iſt aber auch nicht zu ſagen,“ fuhr der geplagte Banquier fort,„was man nicht Alles erleben muß. Ich hab' das ſatt und will meinem Herrn Sohn zeigen, wo er her iſt. Alle Wetter! das ginge mir ab. Eine— eine— Tänzerin!— Wie heißt die Perſon doch?“ Die Räthin wandte ihm majeſtätiſch das Geſicht zu und ſprach:„Ich hoffe, du biſt weit genug gegangen in deinen Reden; du wäreſt freilich im Stande, ſogar den Namen jener Made⸗ moiſelle vor uns zu nennen. Pfui!“ „Daß Einem die Galle überlauft iſt kein Wunder,“ fuhr der alte Herr Erichſen fort;„kommt nicht einmal mehr zu Tiſch, der ſaubere Herr! Alſo da keine Ruhe, weil man ſich ärgern muß, und nachher wieder keine,“ dabei ſchielte er mit ſchmerz⸗ lichem Geſichtsausdrucke nach dem unberührten Kaffee. es iſt eine Schande,“ ſetzte er nach einer Pauſe bei, als Niemand ſprach,„für einen jungen Menſchen von Talent, der was Rechtes „Ja, gelernt.“ „Da liegt eben der Fehler,“ entgegnete etwas lebhafter die Commerzienräthin;„hätteſt du ihn was Rechtes lernen laſſen, ſo hätte er kein Künſtler zu werden gebraucht, und wäre vielleicht mit— dergleichen Volk nie in Berührung gekommen.“ „Aber was will er denn eigentlich?“ fragte Marianne, die ſich für ihren Bruder lebhaft intereſſirte. „Nun, er will ſie hei—“ erwiederte der Commerzienrath; doch ließ ihn ein wahrhaft furchtbarer Blick ſeiner Gemahlin dieß Wort nicht beendigen. Sie huſtete heftig und bedeutſam und ſagte: Rä Un ma tehm, nrath enger nicht nicht Berrn er ab. eden; Nade⸗ fuhr Tiſch, irgern zmerz⸗ 7 Ja, mand techtes er die ſen, ſo elleicht ne, die nrath; in dieß ſagte: Mademoiſelle Thereſe. 91 „Dergleichen ſoll vor meinen Ohren nicht genannt werden. So Etwas will ich nicht hören; wenn man über dieſe—— Geſchichte ſprechen will, ſo ſoll man ſich paſſender Ausdrücke bedienen.“ „Aber Mama, Sie ſind in der That komiſch,“ bemerkte Alfons.„Er denkt ſehr ſtark an eine Heirath, wie ich gehört.“ „Ich bin nie komiſch, Herr Schwiegerſohn,“ entgegnete die Räthin,„am allerwenigſten in einem Falle wie der vorliegende. Und von einem Zuſammenlaufen meines Sohnes mit jener Per⸗ ſon kann durchaus keine Rede ſein.“ „Sie ſcheinen Arthur nicht zu kennen, denn was er ſich ein⸗ mal vorgeſetzt, das thut er,“ meinte Alfons. „Was in dem Falle Herr Arthur zu thun geſonnen iſt, kann mir gleichgültig ſein; von meinem Sohne iſt alsdann nicht mehr die Rede.“ Dieß ſprach die Räthin und machte dazu eine ent⸗ ſchiedene horizontale Bewegung mit der Hand, worauf ſie ihre Finger wieder auf den Tiſch niederfallen ließ und einen wahren Siegesmarſch trommelte, als wollte ſie damit anzeigen, daß die Regeln des Anſtandes über jedes andere Gefühl den Sieg davon getragen. Der Commerzienrath wagte es, leicht mit dem Kopfe zu ſchütteln, ja ſogar einen mißbilligenden Blick ſeiner Ehehälfte zuzuſenden. Doch bemerkte dieſe es nicht, denn ſie ſchaute gerade vor ſich hin und ſagte unter einzelnen bedeutſamen Schlägen auf den Tiſch:„Die Scheidung, von der wir vorhin ſprachen, wird, ich ſehe das wohl ein, nicht wohl zu hindern ſein. Mein Herr Schwiegerſohn hat Recht, wenn er meint, es könne das einen Mackel auf die Familie werfen, und daher kommt mir eben die andere Geſchichte, ich möchte faſt ſagen erwünſcht. Man muß —4— 8* —— Zweiundſtebenzigſtes Kapitel. der Welt zeigen, welche— Opfer man bringt, um den Namen des Hauſes fleckenlos zu erhalten; man muß ihr zeigen, daß man ungerathene Glieder der Familie wegwirft; man muß der Welt deutlich zu verſtehen geben: ich habe ſo gewollt und gethan. Dann werden die Menſchen vielleicht ſo gerecht ſein, und— jene Scheidung betreffend, ſagen: eine Frau, die den einen ihrer un⸗ gerathenen Söhne verſtieß, würde auch den andern nicht geſchont haben, wenn ſie in ſeinem Thun und Laſſen etwas Unrechtes ent⸗ deckt.— Und ſo wird es auch geſchehen; lieber will ich allein und verlaſſen, aber mit Ehren ſterben, als von Kindern umgeben, deren guter Name befleckt iſt.“ Nach dieſen Worten zog ſie ihr Taſchentuch hervor, hielt es vor den Mund und huſtete leiſe hinein. Auch ſchaute ſie ihre bei⸗ den Kinder an, und als ſie den traurigen Blick Eduards bemerkte, ſowie daß die Augen ihrer Tochter voll Thränen ſtanden, zuckte es ein klein wenig in ihrem harten, finſteren Geſicht, wie ein leuchtender Blitz, der bei Nacht durch eine Ruine fährt. In dieſem Augenblicke hörte man Tritte auf dem Gange, die Thüre öffnete ſich und Arthur trat herein. Wenn er in ge⸗ wöhnlicher Gemüthsverfaſſung geweſen wäre, ſo hätte er wohl gemerkt, daß man ſo eben von ihm geſprochen, und würde ſich unbefangen und freimüthig wie er war, darnach erkundigt haben. So aber ſchien er das plötzliche und auffallende Verſtummen des Geſprächs, ſowie die ſeltſamen Blicke, welche der Vater, ſeine Geſchwiſter und ſein Schwager zuſammen wechſelten, nicht zu ver⸗ ſtehen. Er ging gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit gebückt und ſchwankend, ſeine Züge waren bleich und zerſtört, und überhaupt war ſein Benehmen vollkommen räthſelhaft; er grüßte kaum die Anweſenden, er entſchuldigte ſich nicht einmal, daß er nicht zu Tiſche gekommen, er ſetzte ſich ohne Aufforderung neben ſeine auf amen man Welt than. jene r un⸗ chont ent⸗ allein eben, elt es 2 bei⸗ erkte, zuckte 2e ein ange, n ge⸗ wohl e ſich aben. n des ſeine tver⸗ und haupt m die ht zu ſeine Mademoiſelle Thereſe. 93 Mutter hin, die mit einem ſtrengen, fragenden Blick etwas von ihm wegrückte; ja, er nahm, was ſehr ſelten vorkam, faſt mit Gewalt die eine Hand ſeiner Mutter und druͤckte ſie an ſeine Lippen. Die Räthin ſchien das Alles für Bitten anzuſehen, und es ſchauerte ſie leicht. Sie hob ihren Kopf noch höher, ſie war im Begriff, ihre Hand kräftig zurückzuziehen, als der Ausdruck ihres Geſichts mit einem Mal an ſeiner Härte verlor, ja ihre Züge augenſcheinlich milder wurden, worauf ſie ihr Haupt ein wenig zu ihrem Sohne neigte und ihn mit einem faſt mütterlichen Tone fragte:„Was haſt du, mein Kind?“ Wir wollen dem geneigten Leſer nicht vorenthalten, daß die Räthin auf ihrer kalten Hand, als Arthur dieſelbe geküßt, heiße Tropfen fühlte, Thränen aus den Augen ihres Sohnes, von welchem dieß ſo ungewohnt und ſeltſam war, und etwas ſo Trau⸗ riges, das damit in Verbindung ſtehen mußte, anzeigte, daß ſich ſogar das ſo feſt umpanzerte Mutterherz der Commerzienräthin davon ergriffen fühlte. „Gott ſei Dank!“ dachte Herr Erichſen, der beſorgt einem Sturme entgegen geſehen,„das Wetter ſcheint ſich aufzuklären; vielleicht kommen wir noch Alle zu einer guten Verſöhnung, und ich, wenn gleich zu einem halbkalten Kaffee.“ Bei Veranlaſſun⸗ gen wie die gegenwärtige, bei Erörterungen ernſter Art nahm es nämlich die Räthin gewaltig übel, wenn man dazwiſchen gleich⸗ gültige Dinge trieb, wie zum Beiſpiel Kaffeetrinken oder auch Eſſen, wenn nämlich eine brennende Tagesfrage zufällig beim Diner verhandelt wurde. „Nun, was haſt du, Arthur?“ wiederholte die Räthin. „Nichts Beſonderes,“ entgegnete der junge Mann, ohne aufzublicken, doch mit ſo lauter Stimme, daß es Alle im Zimmer Zweiundſtebenzigſtes Kapitel. deutlich vernahmen.„Ich kam nur, Ihnen zu ſagen, daß ich fühle, wie ſehr Sie Recht hatten, wenn Sie bemüht waren, die Schranke aufrecht zu erhalten, die einen Stand der Geſellſchaft vom andern trennt. Ich wollte Ihnen nur zugeſtehen, Mama, daß Sie vollkommen die Welt kennen, und daß, wie Sie ſo oft ſagten, ſich Niemand ungeſtraft über die Meinungen ſeiner Mit⸗ menſchen wegzuſetzen vermag.“ Die Commerzienräthin ſah einigermaßen triumphirend rings im Kreiſe umher. Der Doctor zuckte die Achſeln, ſelbſt Alfons war überraſcht, und Marianne betrachtete mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen ihren jüngeren Bruder. Sie wußte um Arthur's Liebe, ſie wußte, welch' ſchöne Hoffnungen er ſich ge⸗ macht, und ſie mit ihrem weichen Frauenherzen fühlte wohl, daß ihm etwas Entſetzliches begegnet ſein mußte, denn nur etwas der Art war im Stande, ſeine bisher ſo freien und widerſtrebenden Ideen den ſchroffen Anſichten der Mutter zu unterwerfen. Wahrſcheinlich wäre es auch hierüber noch zu Erörterungen gekommen, wenn nicht in dieſem Augenblicke der alte Diener ein⸗ getreten wäre und der Commerzienräthin eine Dame gemeldet hätte, welche ſie in einer dringenden Angelegenheit zu ſprechen wünſche. Es war dieß nicht die Zeit, in welcher Beſuche zu der Com⸗ merzienräthin kamen, weßhalb ſie auch ziemlich befremdet fragte: „Wer iſt die Dame? Hat ſie meinen Namen deutlich genannt?— Will ſte mich allein ſprechen?“ „Den Namen der Frau Räthin hat ſie deutlich ausgeſpro⸗ chen,“ entgegnete der Diener;„doch glaube ich nicht, daß ſie darauf beſtehen wird, Sie allein zu ſprechen.“ „So ſoll ſie ihren Namen nennen,“ meinte die Räthin nach einigem Beſinnen. ſpre der ma ode läß ſtof Alf ßen ſcht ant ſich blie lan faf fre tra die da⸗ kar faf lich der ß ich , die ſchaft tama, ſo oft Mit⸗ rings lfons rrigen te um hh ge⸗ „daß 1s der enden ungen r ein⸗ neldet rechen Com⸗ ragte: nt?— eſpro⸗ aß ſie nach Mademoiſelle Thereſe. 95 „Sie wünſchte das nicht zu thun.“ „So bin ich begreiflicher Weiſe für ſie nicht zu Hauſe,“ ſprach die Räthin mit großer Würde.„Sagen Sie ihr das.“ „Den Fall hat die Dame vorgeſehen,“ erwesderte achſelzuckend der Diener,„denn ſie ſagte mir, ſie wünſche überhaupt nur Je⸗ mand von der Familie zu ſprechen, ſei es nun die Frau Räthin oder der Herr Rath oder auch Madame Marianne.“ „Räthſelhaft!“ meinte der Commerzienrath;„ich denke, man läßt ſie herein kommen, das wird nicht gegen den Anſtand ver⸗ ſtoßen.“ „Ich glaube, man iſt's der Dame jetzt ſchuldig,“ bemerkte Alfons lachend,„denn Friedrich blieb ſo lange aus, daß die drau⸗ ßen wohl merken kann, es ſei Jemand zu Hauſe und man berath⸗ ſchlage, ob ſte anzunehmen ſei oder nicht.“ „Das wäre für mich kein Grund, Herr Schwiegerſohn,“ antwortete hochmüthig die Räthin.„Aber meinetwegen kann ſie ſich ſehen laſſen.“— Sie nickte dem Bedienten zu, der augen⸗ blicklich hinaus ging, und gleich darauf die Thüre von Außen langſam öffnete. Jedes Auge richtete ſich dorthin, und für faſt Alle— für faſt Alle ſagen wir, nur nicht für Arthur— war es eine völlig fremde Perſon, die auf ſehr anſtändige, ja elegante Weiſe herein trat, den beiden Damen eine zierliche Verbeugung machte, gegen die Herren den Kopf neigte und dann leicht und gewandt gegen das Sopha vorſchritt, auf welchem die Räthin ſaß.—„Was kann das bedeuten?— Mademoiſelle Thereſe!“ dachte Arthur faſt erſchrocken. Der Commerzienrath, der ſich damit ſchmeichelte, eine wirk⸗ lich vornehme Frau ſtets an ihrer Tournure zu erkennen, und der nicht daran zweifelte, eine Dame aus höhern Ständen vor Bweiundſtebenzigſtes Kapitel. ſich zu haben, erhob ſich, indem er den Gruß derſelben tief erwie⸗ derte, und rollte einen kleinen Fauteuil in die Nähe des Sopha's, auf welchem ſich Mademoiſelle Thereſe— denn ſie war es in der That— höchſt unbefangen niederließ. Obgleich die Räthin im Aeußern und im Benehmen der Fremden durchaus nichts Verdächtiges witterte, war ſie doch be⸗ hutſamer als ihr Gemahl; ſie erwiederte den Gruß derſelben förm⸗ lich und kalt, huſtete leicht und ſaß dann wieder ſo ſteif und aufrecht da, als habe ſie eine beträchtliche Anzahl Bleiſtifte verſchluckt. Marianne hatte mit einem Blicke die Toilette der Fremden gemuſtert, fand aber weder an dem weißen Atlashute, von welchem eine einzige Feder herabhieng, noch an der Art, wie ſie ihren Shawl trug, noch an der Farbe der Handſchuhe und der Facon der kleinen eleganten Stiefel das Geringſte aus⸗ zuſetzen. Mademoiſelle Thereſe ſchien eine Frage zu erwarten und recognoscirte unterdeſſen mit einem ſchnellen Blick das Terrain. —„Ah!“ dachte ſie,„das iſt der alte Herr Erichſen, das ſein Sohn, der Arzt, dieß die arme kleine Frau, und der Herr dort mit der Brille mein Freund.“ Ein kaum bemerkbares ſchalkhaf⸗ tes Lächeln ſpielte um ihren Mund, verlor ſich aber ſogleich wie⸗ der, als ſie Arthur erkannte, der ſehr erſtaunt neben ſeiner Mutter ſaß. „Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht,“ ſagte endlich die Räthin.—„Mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Das thut eigentlich nichts zur Sache, gnädige Frau,“ er⸗ wiederte Thereſe. „Doch— ich muß bitten.“ Die Bruſt der ſchönen Tänzerin hob ſich etwas ſtärker, denn ſte wußte ganz genau, daß die Nennung ihres Namens ein Allarm⸗ erwie⸗ pha's, in der en der öch be⸗ förm⸗ eif und leiſtifte te der ashute, r Art, ſſchuhe 2 aus⸗ n und errain. as ſein er dort alkhaf⸗ h wie⸗ ſeiner ich die denn Harm⸗ Mademoiſelle Thereſe. 97 ſchuß ſein würde, mit dem ſie einen heftigen, aber ſehr unglei⸗ chen Kampf beginne. Doch war ſie genugſam mit ſicher treffen⸗ der Munition verſehen und ſcheute ſich gar nicht, das Gefecht zu eröffnen. „Obgleich mein Name gewiß nichts zur Sache thut, gnä⸗ dige Frau,“ wiederholte ſie,„und er Ihnen wahrſcheinlich völlig unbekannt iſt, ſo mache ich mir doch ein Vergnügen daraus, ihn zu nennen. Ich heiße Thereſe Selbing und bin Tänzerin bei der königlichen Hofbühne.“— Die Wirkung, welche die letzten Worte in dem ſtillen Fa⸗ milienkreiſe hervorbrachten, war komiſch und doch ſchrecklich. Das Geſicht der Räthin verlängerte ſich zuſehends, doch ſchien ſie ein Lächeln zu unterdrücken und wiſchte ſich über die Augen, wie man es nur nach einem ſchweren Traume zu thun pflegt, um den häß⸗ lichen Kobold, der einem erſchienen, zu verſcheuchen. Aber der hübſche, der hier in den Kreis getreten, war durch keine ſolche Pantomime zu verjagen, und betrachtete ſich ſogar ſehr anmuthig die höchſt überraſchten Geſichter rings umher. Marianne ſchrack am Auffallendſten zuſammen; vielleicht ahnete ihr mit Recht, was daraus erfolgen könne, und obgleich noch vor Kurzem entſchloſſen, einen Familien⸗Scandal nicht zu ſcheuen, bebte ſie doch jetzt davor zurück. Sie warf einen ſchnellen Blick auf ihren Mann, der hinter ſeinen Brillengläſern mit den Augen zwinkerte, und, obgleich er ſich das Anſehen gab, den Auftritt einigermaßen komiſch zu finden, nicht ganz unbefangen erſchien. Der Commerzienrath, der ſich anfänglich ärgerte, den Fau⸗ teuil ſo bereitwillig an den Tiſch gerollt zu haben, betrachtete ſich einige Secunden nachher das elegante und ſchöne Mädchen etwas genauer, und war ſo frei, bei ſich zu denken:„nun anſtändig Hackländer, Europ. Sclavenleben. IV. 7 Zweiundſtebenzigſtes Kapitel. * genug ſieht ſie aus, und Manche könnte ſich wünſchen, eine ſolche Tournure zu beſitzen.“ Unterdeſſen hatte die Räthin bei ſich überlegt, was zu thun ſei. Am liebſten hätte ſie ſich erhoben, und wäre mit ſteifen Na⸗ cken aus dem Gemach gerauſcht. Doch wäre das unklug geweſen, denn es leuchtete ihr wohl ein, daß die„Mademoiſelle“ eine trif⸗ tige Urſache haben müſſe, um mit ſolcher Frechheit in ein anſtän⸗ diges Bürgerhaus einzudringen. Sie warf einen Blick auf ihren Sohn Arthur, der indeſſen ganz ruhig und unbefangen daſaß, worauf ſie mit einem leichten Kopfnicken ſprach:„Mademoiſelle, ſo bitte ich mir zu ſagen, was Sie hergeführt; der Name Selbing iſt mir gänzlich unbekannt.“ Thereſe betrachtete lächelnd die Spitzen ihrer Füße, dann hob ſie den Kopf empor und erwiederte:„Ich glaube wohl, gnä⸗ dige Frau, daß Ihnen der Name gänzlich unbekannt iſt. Und doch wurde er— es ſind einige Jahre her— vor Ihnen ge⸗ nannt, oder vielmehr vor Ihrer Frau Tochter dort. Ich habe eine Schweſter, ein armes Mädchen, aber ehrlich und anſtändig, obgleich nur eine Näherin. Sie ſuchte um eine Stelle nach, die damals in Ihrem Hauſe offen war; ſie war nicht ſchlecht empfohlen, ihr Aeußeres gefiel auch Ihrer Frau Tochter.“ „Ach ja, ich erinnere mich,“ ſagte Marianne. „Dann werden auch Madame nicht vergeſſen haben,“ fuhr die Tänzerin fort,„daß Ihr Herr Gemahl, ich glaube jener Herr mit der Brille dort, meiner armen Schweſter die Stelle abſchlug, nicht, weil man ihr irgend etwas Uebles nachſagen konnte, eben⸗ ſowenig, weil ſie ihre Arbeiten nicht verſtanden hätte, ſondern aus dem einfachen Grunde, weil ſie eine Schweſter habe, die Tänzerin ſei, mit der man ja vielleicht zufällig ſpäter einmal in Berührung kommen könnte, was für ein ſo achtbares Haus wie Mademoiſelle Thereſen 99 das Ihrige doch keine große Ehre ſei. Jene Schweſter aber, von der die Rede war, bin ich. Ich war aber damals zu jung und unerfahren, um die Beleidigung, die man mir und meinen armen Eltern angethan, zu verſtehen.“ „Mademoiſelle!“ ſagte ſtreng die Räthin. „Als ich ſie endlich verſtehen lernte, trug ſie wahrhaftig nicht dazu bei, mich auf dem Wege der Tugend zu erhalten, denn ich dachte bei mir: man ſieht dich deines Standes halber über die Achſeln an, man rümpft die Naſe über dich, weil du arm und ſchön biſt und dich gut kleideſt; du biſt ein verlorenes Weſen, weil deine Mutter und gute Freunde nicht im Stande ſind, bei ſo und ſo viel vornehmen Bekannten mit deiner Tugend und vor⸗ trefflichen Aufführung zu prahlen.— Sei es darum, dachte ich, und ließ Alles den Weg gehen, den es gerade gehen wollte.“ „Aber ich verſtehe nicht, Mademoiſelle,“ ſagte nun der Commerzienrath,„wie dieſe Einleitung auf ein Thema führen kann, das uns zu intereſſtren im Stande wäre.“ „Sie werden mich nicht für ſo thöricht halten,“ verſetzte Thereſe mit einiger Röthe auf den Wangen, denn die Worte, welche ſie eben geſprochen, hatten ihr Blut erregt,„daß ich über Sachen zu ſprechen anfange, die mit Ihnen in keinem Zuſammen⸗ hange ſtehen.“ „Doch möchte ich in der That wiſſen,“ meinte Herr Alfons ſpitzig,„auf welche Weiſe wir die Ehre gehabt hätten, mit Ihrer Perſon und der Ihrer Schweſter in Berührung gekommen zu ſein.“ „Es handelt ſich vorderhand nicht um Perſonen, ſondern um Meinungen,“ entgegnete die Tänzerin mit einem kalten Lä⸗ cheln.„Und namentlich um eine ſeither ſehr geänderte Mei⸗ nung.“ Bei dieſen Worten wandte ſie ſich direct an Herrn Alfons 7* 8 2 — ——— — — 100 Bweiundſtebenzigſtes Kapitel. und zwar mit ſo feſtem und ſicherem Blicke, daß dieſer achſel⸗ zuckend ſeine Augen zu Boden ſchlug. Die Commerzienräthin ſaß da, abwechſelnd trommelnd oder huſtend, und röthlich angeſtrahlt von einem aufſteigenden Zorne. So Etwas war ihr in ihrem ganzen Leben noch nicht vorgekom⸗ men. Dieſe— fremde Perſon war in ihr Haus gedrungen, und wagte es, mit einem ihrer Angehörigen über veränderte Meinun⸗ oej- gen zu ſprechen, und zwar mit ihrem Schwiegerſohn, deſſen Mei nungen, er mochte ſonſt ſein wie er wollte, doch beſtändig feſt und gleich geblieben waren in Anſtand und guten Sitten. gleich 9 9 „Mademoiſelle,“ ſagte ſie in ſehr ſtrengem Tone, nich glaube, wir haben das Vergnügen, zu wenig mit einander be⸗ kannt zu ſein, um uns gegenſeitig über unſere Meinungen auf⸗ zuklären. Ich muß alſo bitten, zum wahren Zweck Ihres? Beſuches überzugehen, oder mir zu erlauben“— damit erhob ſte ſich einige Zoll vom Sopha, ſo ihre Rede pantomimiſch beſchließend. Der Doctor hatte mit Arthur einige Blicke gewechſelt, und Marianne war bei den letzten Worten der Tänzerin über und über roth geworden.—„Ich dächte, Mama,“ meinte Eduard nach einer augenblicklichen Pauſe,„ſtatt Demoiſelle Selbing von dem uns intereſſanten Thema wegzudrängen, ſollten Sie ihr er⸗ lauben, ſich näher auszudrücken, was ſie unter dieſen veränderten Meinungen verſteht;— ich glaube Alfons muß darauf dringen.“ „Ja, ja,“ ſtotterte Dieſer.„Aber vor allen Dingen begreife ich dieſe Keckheit nicht.“ „S— 8— s— t!“ machte der Commerzienrath, indem er langſam ſeine Hand erhob. „Für die Aufforderung bin ich Ihnen ſehr dankbar, Herr Doctor Erichſen,“ wandte ſich Thereſe an Dieſen.„Allerdings haben Sie das Recht, Aufklärungen über meine etwas kühnen und und ard Hon Mademoiſelle Thereſe. 101 Worte zu verlangen. Ich wollte damit nur ſte mit ſehr langſamem Tone fort, wobei ſie ihren Fauteuil ſo weit drehte, daß ſie Herrn Alfons im Auge echie vah Herr Schwiegerſohn, der damals der Meinung war, es paſſe ſich für eine Dienerin ſeines Hauſes nicht, eine Sehwrler zu Puben die Tänzerin ſei, habe ſeine Meinung ſo weit verändert, daß er— nicht jenen Schritt wieder gut machte, ſondern noch viel weiter ging und der— Freund einer Tänzerin ſelbſt werden wollte; eine Freundſchaft, die jedoch für die arme Betreffende ſehr unglücklich ausfiel.“ „Ah!“ machte Arthur erſchrocken, denn er fieng an, einen ſchauerlichen Zuſammenhang zwiſchen ſeinem Schwager und jenem unglücklichen Mädchen zu ahnen, deren Leiche er heute Morgen geſehen. Man hätte in dieſem Augenblicke glauben können, die Rä⸗ thin habe ein Geſpenſt geſehen oder ſonſt etwas Entſetzliches. Sie ſaß da, die Augen weit aufgeriſſen, den Mund geöffnet, das Ge ſicht mit einer Todtenbläſſe überzogen, während ihre Hand zit⸗ ternd auf dem Tiſche lag. Ihre Augen hatten ſtarr an den Lippen des Mädchens gehangen, jetzt erhob ſie dieſelben und ſchaute ihren Schwiegerſohn an, der mit einem Male ſeine Faſſung gänzlich verloren hatte. Seine Augen irrten hin und her, er wurde bald bleich, bald roth; er zuckte mit den Achſeln, verſuchte es zu lä⸗ cheln und machte jetzt ein paar Schritte gegen den Doctor, und darauf ein paar gegen ſeine Frau, welche weinend mit dem Kopf in die Kiſſen des Sopha's geſunken war. Bei all' ihren Fehlern war die Commerzienräthin eine ſehr verſtändige Frau, welche namentlich die Gewalt über ſich ſelbſt höchſt ſelten und dann nur auf Momente verlor. Auch jetzt, nach⸗ dem ſie das Terrain überſchaut, ſchien ſie bald im Reinen zu ſein ſo viel ſagen,“ fuhr 8 — —— 2 8———— ———-———— 102 Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. V und faßte ſich augenblicklich wieder. Sie ſaß ſtraffer da als vor⸗ hin, ihr Huſten klang wie ein ferner Donner, und ihre, obgleich T zuckenden Finger, trommelten mit aller Energie einen Sturm⸗ n marſch.—„Fahren Sie fort,— Mademoiſelle,“ ſprach ſie ge⸗ b laſſen zu Thereſe. 2 Alfons wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, und näherte d. ſich, wenn gleich mit wankenden Schritten, dem Tiſche. Er ſtützte ſe die rechte Hand darauf und ſagte, nachdem er heftig geſchluckt: le „Frau Schwiegermama,— Sie geben jener Perſon die Erlaub⸗ T niß, in den ehrenrührigſten Reden gegen mich fortzufahren. Ge⸗ re ſtatten Sie mir aber dann— daß ich mich entferne.“ w „Nein, du bleibſt!“ ſchrie Marianne plötzlich laut auf und ſprang von ihrem Sitze in die Höhe.„Nein, du bleibſt— Heuch⸗ ler! und läßſt dir von fremden Leuten ſagen, was deine arme S Frau leider nicht den Muth hatte, gegen dich auszuſprechen.“ 8 u „Marianne!“ ſagte die Commerzienräthin, ohne aber eine B Miene zu verziehen.—. Wie wir vorhin ſchon gedeutet, war die Periode ihrer. Emotion vorüber und jetzt hätte noch Schlimmeres über ſie herein⸗ 8 brechen können, nichts wäre im Stande geweſen, eine Miene li ihres unbeweglichen Geſichts zu verändern. ch 3„Aber um Chriſti willen!“ ſprach jammernd der alte Herr, 3 indem er die Hände zuſammen ſchlug;„was ſind das für furcht⸗ 8 bare Geſchichten! Wache ich denn oder träume ich!“ Er erhob ſe ſich etwas ſchwerfällig und ging dann ſo eilig als möglich an die Thüre, um zu ſehen, ob ſie auch feſt verſchloſſen ſei. ein Marianne war in dieſem Augenblicke nicht mehr zu kennen. die Dieß ſanfte, furchtſame Weib, welche ſich durch einen gebietenden ihr Blick ihres Mannes in jeden beliebigen Winkel ſcheuchen ließ, em trat ihm nun feſt entgegen, ſtützte die Hand ebenfalls auf den M inen. nden ließ, den Mademoiſelle Thereſe. 103 Tiſch und ſagte mit flammenden Augen:„Dieſe Dame ſpricht die Wahrheit. Du, deſſen zweites Wort„Sitte“ und„Anſtand“ war, du, der die unſchuldigſte Sache ſo lange zu drehen wußteſt, bis du ihr eine gehäſſige Seite abgewinnen konnteſt, du, der jeden Blick auf's Schlimmſte deuteteſt, du, der hochmüthig über die ver⸗ derbte Welt und die Laſter der Menſchen abſprachſt, du— biſt ſelbſt einer jener Sünder, und um ſo ſchlimmer, da du ein heuch⸗ leriſcher Sünder biſt.— Mademoiſelle hat Recht, und wie ſchon Mama Sie bat, ſo bitte auch ich Sie, in Ihrer Rede fortzufah⸗ ren.———— Fiür mich iſt das ja gleichviel,“ ſetzte ſie laut weinend hinzu,„denn ich weiß Alles.“ Alfons machte einen letzten Verſuch, die total verlorene Schlacht wieder zu gewinnen; er fuhr das ſchwere Geſchütz der Unverſchämtheit und Frechheit auf, er verbarg ſeine Hand auf der Bruſt, hob ſeine Naſe hoch empor und ſagte in dem entſchiedenen Tone, durch welchen er ſchon öfters Recht behalten:„Madame, über Ihre Tactloſigkeit, dergleichen gehäſſige Dinge über Ihren eigenen Mann— vor einer fremden— zudringlichen— und lügenhaften Perſon auszuſprechen, werde ich Sie ſpäter zur Re⸗ chenſchaft ziehen. Was die Sache aber an ſich anbelangt, ſo er⸗ kläre ich ſie für eine infame Verläumdung, und bin bereit, gegen Jeden aufzutreten, der es wagen ſollte, nur durch eine Miene ſeinen Glauben daran zu verrathen.“ Dabei ſchaute er herausfordernd im Kreiſe umher, und wollte einen vernichtenden Blick auf Thereſe fallen laſſen; doch erhob ſich dieſe langſam aus ihrem Fauteuil, trat ihm feſt entgegen und wollte ihm gerade eine gehörige Antwort geben, als Madame abermals emporſprang, ſich zwiſchen Beide drängte, und vor die Augen ihres Mannes ein Papier hielt, bei deſſen Anblick ſeine angeſpannten 4—— 104 Zweiundſtebenzigſtes Kapitel. Geſichtszüge ſchlaffer wurden und er unwillkührlich einen Schritt zurück trat. „Kennen Sie,“ wandte ſich die arme Frau an Thereſe, „kennen Sie eine Tänzerin Marie U. 2“ „Ich kannte ſie.— Sie iſt todt.“ Ohne eigentlich zu wiſſen warum, durchzuckte dieß Wort widrig die Commerzienräthin; ſie ſeufzte tief auf und huſtete dar⸗ auf lange und anhaltend in ihr Taſchentuch. „Todt?“ fragte Marianne zurückfahrend. „Todt!“ ſagte auch Alfons mit allen Zeichen des Schreckens auf ſeinem Geſicht. „Sprechen Sie!“ rief der Doctor, der eilig näher trat; niſt es das arme Mädchen, die den fürchterlichen Fall im Theater gethan?“ Thereſe nickte mit dem Kopfe. „Ah! ſie iſt gefallen!“ murmelte Alfons aufathmend. „Was geht das mich an!“ „Sie kennen alſo dieß Papier und den Namen der Tän⸗ zerin?“ fragte die Räthin mit einem Tone, der eines Inquiſitors würdig geweſen wäre. „O er kennt ihn!“ rief Marianne.„Er wagt es nicht, ſeine Handſchrift zu verläugnen.“ „Und wenn ich dieſe Schrift anerkenne, was folgt daraus?“ „Daß du dich um jenes arme Mädchen bemüht,“ entgegnete Marianne,„daß du ſie durch Geſchenke beſtechen wollteſt, du, der von dergleichen Perſonen nur achſelzuckend und mit wegwerfendem Tone ſprachſt. Es beweist, daß du ein ſchlechter Heuchler biſt.“ „Marianne—!“ rief abermals die Räthin. „Ach ja, Mama,“ erwiederte die kleine Frau, indem ſie die Hand an ihre Stirne drückte und tief aufathmete;„ich vergaß mich.“ 1— ———,— hritt reſe, Wort dar⸗ ckens niſt geater mend. Tän⸗ ſitors nicht, aus?“ egnete u, der endem iſ ,4 Mademoiſelle Thereſe. 105 „So erſuche ich um Ruhe,“ fuhr die Räthin in einem ma⸗ jeſtätiſchen Tone fort.„Mademoiſelle,“ wandte ſie ſich an die Tänzerin,„reden Sie.“ „Es iſt da nicht viel mehr zu reden,“ erwiederte Thereſe, die auch nicht einen Augenblick ihre Faſſung verloren hatte, ſon⸗ dern ruhig daſtand, in beſter Haltung, ihren Shawl feſt um ſich gezogen, den Kopf erhoben.—„Sie ſtarb, das Rähere darüber kann Ihnen der Herr Doctor Erichſen mittheilen, der in's Thea⸗ ter gerufen wurde. Sie ſtarb in Folge jenes ſchrecklichen Falles, und die Sache iſt um ſo trauriger, da dieß Unglück von einem jungen Manne verſchuldet wurde, der die arme Marie auf's In⸗ nigſte liebte, ſie in der nächſten Zeit heirathen wollte, und der in jenem Augenblicke erfuhr, ſie ſei ihm untren geworden.“ Marianne zuckte ſchmerzlich zuſammen. „Ich war bei ihr und verließ ſie keinen Augenblick bis zu ihrem Tode. Mir theilte ſie die ganze traurige Geſchichte mit, mir nahm ſie das feierliche Verſprechen ab, jenen Mann, der ſie verfolgt, der ſie unglücklich gemacht, der ſie— ja, ich ſage es frei— gemordet, von den ſchrecklichen Umſtänden ihres Todes in Kenntniß zu ſetzen, ihm hoffentlich zur ewigen Strafe.— Und ich nahm den Auftrag gerne an,“ fügte ſie mit blitzenden Augen nach einem augenblicklichen Stillſchweigen bei,„ich nahm ihn gerne an, beſchloß aber, ihn nicht unter vier Augen zu erfüllen, ſondern offen und frei, voͤr ſo vielen ihm unangenehmen Zeugen als nur möglich.— Und ſo that ich.“ Damit machte ſie eine Handbewegung gegen Alfons, worauf Dieſer noch einen Augen⸗ blick am Tiſche wie erſtarrt ſtehen blieb, dann faſt in ſich zuſam⸗ menbrach, ſich aber aufraffte, mit der rechten Hand durch ſein Haar fuhr, und dann plötzlich zur Thüre hinausſtürzte. „Ich bin fertig,“ wandte ſich die Tänzerin gegen die alte * 8 ————— Bweiundſtebenzigſtes Kapitel. Dame,„und wenn ich Sie verletzt, ſo will ich Sie um Ent⸗ ſchuldigung bitten.“ Sie machte darauf ſämmtlichen Anweſenden eine tiefe Verbeugung und wandte ſich zum Weggehen. Die Commerzienräthin hatte einen Augenblick überlegt, wor⸗ auf ſie ſagte:„Ich danke Ihnen, Mademoiſelle; Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan.“ Bei dieſen Worten erhob ſie ſich und be⸗ gleitete die Tänzerin bis zur Zimmerthüre in ruhiger, würdevoller Haltung. Sobald ſich übrigens die Thüre hinter der Fremden geſchloſſen, blieb die alte Frau einen Augenblick wie betäubt ſtehen, wobei ſie die Hand vor die Stirne preßte. Dann aber ſprach ſie: „Komm, Marianne, ich habe mit dir zu reden.“ Und beide Da⸗ men verließen das Zimmer. Die Herren machten es gleich darauf ebenſo, nicht ohne viele oh! und ach! von Seiten des Commer⸗ zienrathes, der über alle Maßen verdrießlich war, denn er ſah nun eine lange Reihe unangenehmer Auftritte vor ſich, von denen er ein großer Feind war, und überlegte auch, daß die Geſchichte auch noch einmal ſchlimm endigen könne. Doch müſſen wir leider geſtehen, daß er dabei weniger an ſeine arme Tochter dachte, als an ſein Banquiergeſchäft, welchem Herr Alfons eine Haupt⸗ ſtütze war. da YDreiundſiebenzigſtes Kapitel. dur Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie. ner⸗ ſah nen Seit dem Abgange des Herrn Beil hatte ſich der Chef der ichte Firma Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie keinen neuen ider Commis mehr angeſchafft. Auguſt, der Lehrling, wurde an als deſſen Stelle befördert, ohne durch dieſe Beförderung das Ge⸗ upt⸗ ringſte zu profitiren, im Gegentheil hatte er mehr zu arbeiten; denn ſeine bisherigen Geſchäfte: das Einpacken und auch wohl das Austragen der Pakete, ſollte er nach wie vor noch nebenbei beſorgen, und eine Folge davon war, daß jetzt gar nichts mehr geſchah, wie es hätte geſchehen ſollen. Herr Blaffer ſchien ſich überhaupt mit den beiden Ge⸗ ſchwiſtern etwas verrechnet zu haben; ſo auch, was Auguſt's Schweſter anbelangt. Hier hatte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden wollen, und dem Mädchen eines Tags auf die ſüßeſte Art vorgeſchlagen, einen Verſuch zu machen, ihm in den Geſchäften des Comptoirs zu helfen.„Das wäre für mich doch wohl angenehm,“ hatte er geſagt, ‚„denn du würdeſt an dem Tiſche — Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. im Nebenzimmer arbeiten, ich käme zuweilen herein, ſähe nach dir und erfreute mich an deinem Fleiß und deinem lieben Ge⸗ ſichte.“— Der Principal hatte dabei gehofft, das kluge Mäd⸗ chen würde alsdann bald die Geſchäfte erlernen und ihm dadurch für beſtändig ein Commis entbehrlich werden. Er hatte ſich aber wie geſagt auch hierin wie in vielem Anderen gewaltig verrechnet. Den Tag nach jener denkwürdigen Nacht, in welcher Herr Beil das Haus verlaſſen, war Marie auf ihrem Zimmer geblieben und hatte lange Stunden, in tiefe Gedanken verſunken, auf einem Stuhle geſeſſen. Es mußten mitunter ſchreckliche Gedanken ge⸗ weſen ſein, die ſie beſchäftigt, denn zuweilen griff ſie in ihr dichtes Haar oder ließ den Kopf in beide Hände ſinken, um eine ſie haſtig ihr Tuch und ihren Hut, um das Haus zu verlaſſen. Vielleicht Zeitlang bitterlich zu weinen. Ja, ein paar Mal nahm ſi wollte ſie dem dunklen Wege folgen, den ihr Herr Beil vorge⸗ zeichnet; aber dann blieb ſie ſchaudernd ſtehen, ſagte:„Nein, nein, ich kann nicht; mir fehlt der Muth, und das Leben iſt doch ſo ſchön!“ Mit dem letzteren Gedanken ſchien ſie ſich dann auch ſchon im Laufe des Tages und Abends mehr zu befreunden; ſie erhob ſich langſam aus ihrem Nachdenken, ſie athmete tief auf, fuhr dann mit der⸗Hand über die Augen und lächelte ſchmerzlich. Aber ſie lächelte doch. Ja, noch ehe es Abend wurde, vermochte ſie es über ſich, einen flüchtigen Blick in den Spiegel zu werfen, und darauf fieng ſie an, ihr Haar zu ordnen und eine einfache, aber hübſche Toilette zu machen. Herr Blaffer hatte es wohl im Laufe des Tags einige Mal gewagt, an ihre Thüre zu klopfen, auch dieſelbe ſogar zu öffnen, doch hatte ſie ſich alsdann mit einem ſolchen Ausdruck des Haſſes oder vielmehr des Zornes erhoben, daß er, der Tyrann, ſchüch⸗ tern zurückgetreten war und erſt Abends es wieder wagte, ſich nach Ge⸗ Mäd⸗ durch aber chnet. Herr lieben einem n ge⸗ n ihr eine haſtig Lleicht vorge⸗ Nein, en iſt dann nden; e tief ichelte Abend rdnen Mal ffnen, Haſſes chüch⸗ ſich Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie. 109 ihr zu nähern, das heißt, der alte Buchhändler ließ ſich ſo weit herab, Auguſt hinauf zu ſchicken und bei der Schweſter anfragen zu laſſen, ob ſie zum Nachteſſen herab kommen wolle, oder ob ſie wünſche, daß man bei ihr droben erſcheine. Auguſt hatte kopf⸗ ſchüttelnd dieſe Botſchaft und einigermaßen zaghaft die Antwort des Mädchens hinterbracht, welche dahin lautete, Herr Blaffer möge machen was er wolle, nur ſolle er ſie ruhig und auf ihrem Zimmer laſſen. Und er, der hiexauf einen Zornausbruch des Principals gefürchtet, ſah zu ſeinem Erſtaunen, daß er ſich ver⸗ rechnet hatte. Freilich war über die Stirne des Herrn Blaffer eine Wolke gefahren und er hatte mit den Achſeln ge ezuckt, doch war darauf das Unerhörte geſchehen, daß er ſeinem Lehrling einen Gulden geſchenkt, ihm die Erlaubniß gegeben, damit in's Wirthshaus zu gehen, und, was noch nie geſchehen war, ſogar die Freiheit ertheilt, nach zehn Uhr vermittelſt Hausſchlüſſels nach Hauſe kommen zu dürfen. Der Lehrling hatte hievon einen umfaſſenden Gebrauch gemacht und ſeine Dachkammer aufgeſucht, nachdem von dem Gulden nichts mehr übrig war und der Nacht⸗ wächter die zwölfte Stunde abgerufen. Am andern Morgen war er etwas zaghaft beim Frühſtück erſchienen, indem er fürchtete, für ſeine nächtlichen Ausſchweifun⸗ gen derb ausgeſcholten zu werden. Auch hatte ihn Herr Blaffer mit finſterem Stirnerunzeln empfangen und ſchon ange fangen, ein ernſtes Wort zu ſprechen, als ſich Marie, die wieder erſchienen 3 N war, dergleichen auf's Beſtimmteſte verbat, indem ſie ſagte, ihr Bruder fei kein Kind mehr und einem jungen Men ſchen in ſeinem Alter könne man es nicht übel nehmen, wenn er zuweilen etwas lange ausbleibe. Darauf hatte Herr Blaffer geſchwiegen, zum grenzenloſen Erſtaunen Auguſt's; ja der Principal hatte ſogar gelächelt, als das Mädchen hinzuſetzte, bei den alten Leuten ſei * —— — — Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. ja keine Tugend zu finden; was man denn eigentlich von den jungen erwarten wolle. Daß ſich in dem Getriebe des Hauſes überhaupt Vieles von Tag zu Tag veränderte, ſah der Lehrling wohl, doch hatte er glücklicher Weiſe nicht Verſtand genug, um die Kraft zu ent⸗ decken, welche hier im Geheimen wirkte. Er dachte auch weiter nicht darüber nach, da das Reſultat für ihn ſo angenehm war. Herr Blaffer behandelte ihn beſſer, ja, er ſetzte ihm ſogar, ob⸗ gleich mit ſichtlichem Widerſtreben, ein kleines Taſchengeld aus, Marie ſorgte für ſeine Garderobe und als der Herr Blaffer bei einer vorgelegten Rechnung über dieſen Gegenſtand die Hände über dem Kopf zuſammen ſchlug, ſchlug das Mädchen dem wür⸗ digen Principal die Thüre vor der Naſe zu und meinte, wegen ſolcher Kleinigkeiten habe ſie keine Luſt, deſſen verdrießliche Ge⸗ ſichter anzuſehen. Da nun Auguſt auf dieſe Weiſe ſah, daß er unter dem mächtigen Schutz ſeiner Schweſter ſtehe, ſo überarbeitete er ſich auch durchaus nicht, ſondern vertrödelte ſeine Zeit, ſo gut es eben gehen mochte. Und wenn die Geſchäfte des Hauſes Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie nicht total vernachläßigt werden ſollten, ſo mußte ſich der Principal entſchließen, Abends noch eine Stunde zuzugeben, was er denn auch ſeufzend that. Das Alles war freilich nicht das Reſultat eines Tages oder einer Woche, aber ein paar Monate hatten hingereicht, aus dem Alleinherrſcher Blaffer, aus dem Sclavenhändler, wie ihn Herr Beil genannt, der unerbittlich ſeine Peitſche ſchwang, ſelbſt einen demüthigen Sclaven zu machen, der ſchwieg und ſich duckte, ſobald das trotzige, energiſche, ſchöne Mädchen feſt gegen ihn auftrat. Hätte der ehemalige Commis nur hie und da eine Stunde den 8 von ütte er ent⸗ weiter war. „ob⸗ haus, er bei Hände wür⸗ wegen he Ge⸗ r dem er ſich gut es ohann verden noch s oder s dem Herr ſelbſt d ſich gegen Stunde Johann Chriſtian Zlaffer und Compagnie. 111 unſichtbar auf dem Comptoir zubringen können, er würde ſich vollkommen gerächt gefühlt haben. Marie und ihr Bruder, der Lehrling mit dem blödſinnigen Lächeln, wie er ihn bezeichnet, die beiden herrſchten in dem Hauſe und Herr Blaffer duldete und ſchwieg. Doch ſchien er ſich anfänglich in dieſer Sclaverei glücklich zu fühlen, und wenn das junge Mädchen einen koſtſpieligen Wunſch ausſprach, ſo ſträubte er ſich mit verhaltenem Lächeln dagegen, und es ſchien ihm Spaß zu machen, wenn ſie nun den Kopf in die Höhe warf, mit dem Fuße auftrat und zornig das Zimmer verließ; dann eilte er ihr nach, billigte gern, was ſie verlangt, und begab ſich händereibend an ſeine Arbeit. Auf einmal aber ſchien dieſes ſtille Vergnügen des Herrn Blaffer gänzlich verſchwunden zu ſein, er wurde nachdenklich, bald ſtarrte er ſtundenlang auf ſeine Arbeit, ohne die Feder zu bewegen, in tiefes Nachſinnen verſunken, bald wieder hatte er keinen Augen⸗ blick Ruhe und verließ häufig ſein Pult, um durch das Haus zu gehen, zu irgend einem Fenſter hinaus zu ſchauen und heimlich an Mariens Thüre zu lauſchen und durch das Schlüſſelloch in's Innere zu ſehen. Es mußte ihn etwas außerordentlich Unange⸗ nehmes in Bewegung ſetzen, die früheren finſtern Gedanken traten wieder hervor, und er verſuchte abermals, ſich in allerlei Gehäſſig⸗ keiten gegen den Lehrling und ſelbſt gegen Marie Luft zu machen; es mußte etwas vorgefallen ſein, das ihn ſeine eigene Schwäche verwünſchen ließ; er verſuchte es, den Principal von ehedem wieder zu ſpielen. Aber die Zügel waren ſeiner Hand entſchlüpft und er ſah mit Schrecken ein, daß er alles Terrain verloren. Auguſt gab ihm trotzige Antworten oder lachte ihn aus, und das Mädchen zuckte verächtlich die Achſeln. Suchte Herr Blaffer nun den Streit mit ihr weiter fortzuſetzen, ſo nahm ſie ruhig ihren —— 4112 Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. ‿ Hut und Shawl und verließ das Haus, um erſt ſpät Abends a zurückzukehren, worauf dann Herr Blaffer wie ein Beſeſſener ir. durch alle Zimmer rannte, auch wohl ſchrie und tobte, um ſie 1 bei ihr Zurückkunft dann freundlicher als je zu empfangen. e Daß er bei dieſen Gemüthszuſtänden körperlich nicht ge⸗ m deihen konnte, war wohl natürlich; magerer als er war konnte er ſti füglich nicht wohl werden, doch fiel ſein Geſicht mehr und mehr dr ein, ſeine Augen verloren allen Glanz, ſeine Geſtalt knickte förm⸗ g6 lich zuſammen, ſein Gang wurde noch ſchwankender und ſchlür⸗ S fender, kurz, er war nur noch der Schatten des ehemaligen Blaffer. V Vielleicht brauchen wir dem geneigten Leſer nicht zu ſagen, daß es die Eiferſucht war, welche den Buchhändler auf ſo trau⸗ dg rige Art verändert, ja, die glühendſte, wildeſte Eiferſucht, und lie eine Eiferſucht, die gewiß nicht ohne Grund war, aber deren In Gegenſtand zu ergründen ihm nicht gelingen wollte, noch auch zu das Mädchen irgendwie zu überraſchen. Er fühlte es wohl, daß E ſie ihn betrogen, daß ſie ihn nicht liebte und ihn nie geliebt. ſch b Hatte ſie ſich doch ſtets ſichtbar bezwingen müſſen, ihren Abſcheu w vor ihm zu verbergen, hatte ihn doch immer die Kälte ihres ab 1 Herzens zurückgeſchreckt. Ach! und warum er faſt zu ihren B Füßen gebettelt! wofür er ſo viel geopfert, das gab ſie vielleicht nc eeinem Anderen aus vollem, warmem Herzen, freiwillig mit über⸗ ne ſtrömendem Gefühl. Wie glühend mußte dieß Mädchen lieben hi 6 können! wie ſelig mußte der ſein, dem ſie bereitwillig ihre Arme ſo öffnete und ihn heiß an die Bruſt drückte!—— Und es lebte Jemand, dem ein weicher, duftiger Nachtwind die Früchte neckend u zuwarf, nach denen er ſich mühſam emporſtreckte. Ja, das fühlte la er, und dabei drückte er krampfhaft ſeine Hände zuſammen, knirſchte au mit den Zähnen und war unſäglich unglücklich. Am Tage ließ ei es ihm bei ſeinen Arbeiten keine Ruhe, Nachts ſchreckte es ihn ends ener n ſie mehr örm⸗ hlür⸗ affer. agen, trau⸗ und deren auch „ daß eliebt. bſcheu ihres ihren lleicht über⸗ lieben Arme 3 lebte reckend fühlte nrſchte ge ließ es ihn Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie. 113 aus ſeinen Träumen auf; ihm ahnte wohl, daß in ſeinem Hauſe irgend Jemand ungehindert aus⸗ und einging, aber es war wie ein Geſpenſt, unſichtbar, nicht zu faſſen. Zuweilen glaubte er eine Thüre knarren zu hören, ja ein leiſes Gelächter zu verneh⸗ men, aber wenn er angſtvoll emporlauſchte, ſo war Alles wieder ſtill, und einzig und allein machte ſich der Wind bemerkbar, der durch den Schornſtein heulte. Vergebens hatte er dem Bruder geſchmeichelt; entweder wußte Dieſer nichts von dem Treiben der Schweſter, oder war er ſchlau genug, nichts zu verrathen. Wenigſtens halfen weder Geſchenke noch Verſprechungen bei ihm. Herr Blaffer hätte das Mädchen fortſchicken können, aber dazu fehlte ihm die Kraft: er konnte nicht ohne ſie leben. End⸗ lich, nach langem Nachſinnen, entſchloß er ſich, ſeine Buchhand⸗ lung um eine runde Summe zu verkaufen, mit Marie die Stadt zu verlaſſen, um irgendwo an einem ſtillen Orte mit ihr zu leben. Er hätte ſie alsdann geheirathet, wenn ſie gewollt; doch hatte ſie ſchon einige Mal ſeine Hand ausgeſchlagen, und das war es, was ihm den erſten Argwohn gegen ſie eingeflößt. Herr Blaffer aber hoffte von der Zukunft, und da ihm mit einem Male in Betreff ſeiner Buchhandlung gute Anträge gemacht wurden, ſo nahm er ſie an, bedingte baare Zahlung, verlangte von dem neuen Eigenthümer, er ſolle für ſehr geringen Gehalt einen Ge⸗ hülfen annehmen, den ihm Herr Blaffer empfehlen werde. Auf ſolche Weiſe hoffte er ſich Auguſt's zu entledigen. Um die Unterhandlungen des Verkaufs zu beſchleunigen und denſelben abzuſchließen, hatte der Principal das Haus ver⸗ laſſen und Auguſt befand ſich allein auf dem Comptoir. Er ſaß an ſeinem Pulte und machte ſich das unſchuldige Vergnügen, einzelne Buchſtaben einer Buchhändler⸗Zeitung, welche vor ihm lag, gehörig mit Speichel zu durchnäſſen und dann nach einem Hackländer, Europ. Selavenleben. IV. 8 114 Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. ſtarken Druck mit dem Daumen wegzunehmen. Dieſe klebte er alsdann an einer andern unpaſſenden Stelle wieder auf und brachte ſo die ſonderbarſten Worte zu Tage,— ein Spiel, wel⸗ ches ihm Herr Blaffer oft verwieſen, denn der Principal ſtutzte jedesmal und ärgerte ſich, wenn er eine ſo präparirte Zei⸗ tung in die Hand bekam und nun ſelbſt gezwungen war, alle möglichen Confuſionen abzuleſen. Auguſt hatte eben den Satz, der Buchhandel ſei ungewöhnlich flau, in einem Aufſatz aus der Feder des Herrn Blaffer dahin abgeändert, daß der Buchhandel ungewöhnlich faul ſei, als es an der Thüre klopfte. Er rief ſehr laut und deutlich: Herein!— Die Schüchternheit, mit der er das früher gethan, hatte er ſich ſchon lange abgewöhnt. Es trat ein Mann in das Zimmer, den der Lehrling noch nie geſehen,— eine große, ſtämmige Geſtalt mit einem brei⸗ ten, etwas aufgeſchwollenen Geſichte, welches durch freundliches Lächeln gutmüthig ausſehen ſollte, eigentlich aber ſchlau und energiſch erſchien; dichtes röthliches, empor geſtrichenes Haar be⸗ deckte ſeinen Kopf. Der Eingetretene war einfach aber anſtändig gekleidet, er hatte einen dunkeln Ueberrock an, einen runden Hut auf dem Kopfe und einen gewichtigen Stock in der Hand. —„Verzeihen Sie,“ ſagte er,„wenn ich Sie in Ihren Arbeiten ſtöre, aber ich möchte gern mit dem Gehülfen des Herrn Blaffer einige Worte im Geheimen ſprechen.“ Auguſt ſchwang ſich von dem Comptoirſtuhle herab und ſtellte ſich als erſter Gehülfe der Handlung vor. „Das iſt wohl möglich und Sie ſehen allerdings ſo aus,“ meinte der Fremde,„aber da mein Auftrag an eben dieſen Gehülfen von beſonderer Wichtigkeit iſt, ſo verzeihen Sie mir, daß ich mich vorher überzeuge, ob Sie auch der rechte ſind.“ „Wenn das beliebt,“ entgegnete Auguſt einigermaßen —, ote er und wel⸗ ſtutzte Zei⸗ alle Satz, s der andel fſehr der er noch brei⸗ liches und ar be⸗ ändig unden Hand. beiten Zlaffer und gs ſo eben n Sie ſind.“ naßen Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie. 115 gekränkt,„ſo müſſen Sie warten, bis Herr Blaffer nach Hauſe kommt, damit er Bürgſchaft für mich ſtellt.— Im Uebrigen,“ ſetzte er etwas hochmüthig hinzu,„habe ich Sie ja gar nicht gerufen und ich bin auch nicht zu Ihnen gekommen, ſondern Sie zu mir.“ „Na, na,“ machte lächelnd der Fremde,„wir können uns leicht verſtändigen. Bitte, ſeien Sie ſo gütig und nennen mir den Namen des beſten Freundes, den Sie je gehabt.“ Der Lehrling ſchaute den Andern verwundert an, doch er⸗ innerte er ſich augenblicklich ſeines ehemaligen Vorgeſetzten und rief mit Lebhaftigkeit:„Ach! mein einziger und beſter Freund iſt Herr Beil. Bringen Sie mir Nachricht von ihm?“ „Herr Beil!— ganz recht!“ erwiederte der Fremde. „Directe Nachrichten bringe ich gerade nicht.“ „Und wo iſt Herr Beil?— Iſt er in der Stadt?— Ge⸗ wiß nicht, denn ſonſt hätte er mich aufgeſucht.“ „Daran zweifle ich auch nicht,“ ſagte der Andere,„und deßhalb iſt Ihre Vermuthung die richtige; Herr Beil iſt nicht in der Stadt, aber er läßt Sie durch mich freundlich grüßen.“ „Wie mich das freut!“ rief Auguſt.„In der That, recht ſehr freut es mich. Ach! mein lieber Herr Beil!— Es geht ihm hoffentlich gut?“ „Vortrefflich; und er wünſcht das Gleiche von Ihnen zu erfahren.“ „Ich habe ſeine Stelle angetreten,“ entgegnete der Lehr⸗ ling, indem er ſich in die Bruſt warf,„ja, ich führe eigentlich das ganze Geſchäft, da der Herr Blaffer häufig abweſend iſt.“ „Das kann ich mir denken,“ ſprach der fremde Mann mit einem lächelnden Geſichtsausdruck.„Herr Beil hat auch nie daran gezweifelt, und wenn ich ihm das beſtätige, ſo wird's ihn 8* —— — ————— ——— ——— 3. —— 116 Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. freuen.— Aber wenn Sie erlauben, ſage ich Ihnen nun den Auftrag, den ich an Sie habe. Darf ich vielleicht bitten, mit mir in's Nebenzimmer zu treten? Mein Auftrag iſt ziemlich ge⸗ heimnißvoll, und ich möchte nicht, daß man mich vom Gange aus hörte.“ „O unbeſorgt,“ entgegnete Auguſt, der ſehr geſchmeichelt war, einen geheimen Auftrag zu vernehmen;„es wird uns Nie⸗ mand hier belauſchen. Aber wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo gehen wir in's Nebenzimmer.“ „Ich bitte darum.“ Damit traten die Beiden in das Arbeitszimmer des Herrn Blaffer, der fremde Mann betrachtete es, indem er ſich auf ſeinen Stock ſtützte und ſagte:„Sie haben hier eine vortreffliche Comptoirgelegenheit. Dieß iſt wohl das Arbeitszimmer des Herrn Principals.— Sehr geſchickt, ſehr geſchickt. Ja, dieſe Herren verſtehen ſich ihr Leben einzurichten.— Die Thüre dort,“ — er zeigte auf eine andere, als durch welche ſie eingetreten waren,—„führt wohl in die Wohnzimmer?— Sehr geſchickt, ſehr geſchickt!“ „Nein,“ erwiederte Auguſt,„dieſe führt auf die Treppe und eine Hinterthüre, durch welche man in den Hof geht.“ „Ah!“ machte der Fremde und ſtreichelte ſein Kinn mit der Hand.—„Aber jetzt meinen Auftrag. Herr Beil wohnte mit Ihnen längere Zeit zuſammen in dieſem Hauſe, oben unter dem Dach; Herr Beil verließ dieß Haus in einer ſtürmiſchen Nacht mit etwas verwirrtem Kopfe.“ „Ach ja, das iſt wahr.“ „Sehen Sie, wie genau ich unterrichtet bin. Er verließ alſo das Haus eilig und vergaß, Etwas mitzunehmen.“ „Davon hat er mir nichts geſagt.“ errn inen liche des dieſe ort,“ reten hickt, reppe mit ohnte unter iſchen erließ Johann Chriſtian Zlaffer und Compagnie. 117 „Natürlicher Weiſe; da er es vergaß, konnte er Ihnen nichts davon ſagen. Aber jetzt werden Sie es von mir hören. Herr Beil ließ nämlich unter dem Dache in einem Winkel, den er mir genau bezeichnet, eine Börſe mit Geld liegen.“ „Eine Börſe mit Geld?— Das hätte ich nimmermehr vermuthet!“ „Ganz gewiß, es waren langjährige Erſparniſſe.— Mich hat er nun erſucht, dieſe Börſe für ihn zu holen. Er wäre ſelbſt gekommen, aber erſtens iſt er nicht in der Stadt und zweitens, wie Sie am Beſten wiſſen, würden ihm die unangenehmen Ver⸗ hältniſſe mit ſeinem bisherigen Principal einen ſolchen Beſuch etwas peinlich machen.— Sie haben mich doch vollkommen verſtanden?“ Nach dem verblüfften Geſichtsausdruck des Lehrlings zu ſchließen, ſchien dieß nicht der Fall zu ſein. Er ſchaute den Fremden mit aufgeſperrtem Munde an und ſein Kopf ſchien ſich mit dem Gedanken, Herr Beil habe hier Geld zurückgelaſſen, nicht recht befreunden zu können. Aber der Fremde behauptete es, wollte ihm das Factum beweiſen und ſo mußte er am Ende wohl glauben. „Haben Sie einen Augenblick Zeit, mit mir in die Dach⸗ kammer zu ſteigen?“ ſagte Dieſer nach einer Pauſe.„Das heißt, wenn es im jetzigen Augenblick angeht. Ich möchte aber nicht gerne dem Herrn Blaffer begegnen; Sie verſtehen mich wohl. Er ſtand mit ſeinem Commis nicht gut und da könnte auch ich ſchief angeſehen werden.“ „Unbeſorgt!“ erwiederte Auguſt.„Herr Blaffer hat Ge⸗ ſchäfte; er kommt ſchwerlich vor Mittag nach Hauſe.“ Der Lehr⸗ ling war ſicher, daß dem ſo ſei, denn auch Marie hatte unter einem Vorwand das Haus verlaſſen und er wußte beſtimmt, daß Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. der würdige Principal in ſolchen Fällen nicht früher heimkehre. Das Mädchen aber kam, einmal ausgegangen, ſelten vor Eſſens⸗ zeit zurück. „Wenn es Ihnen alſo gefällig iſt,“ meinte der fremde Mann mit einer vornehm ſein ſollenden Verbeugung, die Auguſt imponiren ſollte und auch ihren Zweck nicht verfehlte,„ſo wollen wir hinauf gehen.“ „Gehen wir.“ „Apropos, junger Herr,“ ſagte der Andere unter der Thuͤre mit einem väterlichen Tone,„nehmen Sie es mir nicht übel, doch Sie ſindmein wenig unvorſichtig; Sie laſſen da die Kaſſe offen ſtehen. O, in jetziger Zeit muß man vorſichtig ſein.“ Er drückte ſanft die Augen zu, ſchmatzte dabei leicht mit den Lippen und zeigte dabei auf einen eiſernen Kaſten in der Ecke, der früher freilich zum Kaſſenbehälter gedient hatte, jetzt aber zum Papier⸗ korb herunter gekommen war. „Darin können ſich Diebe amüſtren,“ antwortete der Lehr⸗ ling lachend, indem er die Thüre des Comptoirs hinter ſich zu⸗ zog.„O Herr Blaffer iſt viel zu ängſtlich, als daß er ſeine Gelder hier unten im Hauſe, wo Niemand ſchläft, aufbewahrt. Die Kaſſe hat er im Schlafzimmer hinter ſeinem Bette ſtehen.“ Der Fremde blieb bei dieſen Worten ſtehen, legte die Hände auf ſeinen Stock und ſagte mit Salbung:„Herr Blaffer iſt ein kluger Mann,— ein würdiger Mann, das kann ich Sie ver⸗ ſichern.— Aber ſteigen wir hinauf, meine Zeit iſt etwas gemeſſen.“ Beide betraten nun die Treppen und der Fremde ſchien ſich in das Haus des Herrn Blaffer gänzlich verliebt zu haben.„Das iſt ein ſchönes Gebäude, eine behagliche Wohnung,“ ſprach er einmal um's andere Mal. Alles iſt ſo zweckmäßig eingerichtet— ————.☛̈ν⏑ eine hrt. 71 inde ein ver⸗ was Johann Chriſtian Zlaffer und Compagnie. 119 vortrefflich.— Da iſt die Küche, natürlich, da geht es auf die Straße, hier Comptoir und Nebenzimmer, rechts wahrſcheinlich Büchermagazine— habe ich's errathen, junger Herr?“ „So iſt's; es ſind das zwei große Zimmer— das Lager der Handlung.“ „Freut mich, daß ich das errathen. Doch jetzt will ich Ihnen einmal einen Begriff davon geben, wie ich die Neigungen Ihres würdigen Principals verſtehe. Er liebt die Ruhe— namentlich bei Nacht— das Büchermagazin geht wahrſcheinlich auf den Hof hinaus, und über demſelben, um durch nichts im Schlafe oder ſeinen Betrachtungen geſtört zu werden, befindet ſich das Schlaf⸗ zimmer des Herrn Blaffer.— He?“ „Darin haben Sie Recht,“ verſetzte Auguſt halb und halb verwundert. Und da ſie nun auf dem erſten Stock angekommen waren, ſo zeigte er auf eine Thüre und ſagte:„Dort iſt das Schlafzimmer. Wollen Sie einen Blick hinein werfen?“ „O ich bin nicht ſo unbeſcheiden. Gehen wir lieber hinauf in die bewußte Dachkammer. Ich verſichere Sie, werthgeſchätzter junger Herr, meine Zeit iſt mir heute koſtbar.“ Hierauf gingen ſie weiter und erreichten die Wohnung des Herrn Beil. „Ja, das iſt das Zimmer!“ rief der Fremde aus,„wie er es mir beſchrieben. Ach, mein guter Herr Beil! Alſo hier wohnte er? Das könnte mich ganz traurig machen, wenn ich nicht die Hoffnung hätte, ihn in ein paar Tagen wieder zu ſehen.“ „Ach, das möchte ich auch,“ ſagte Auguſt.„Nicht wahr, Sie werden mir ſeine Adreſſe geben?“ „Mit dem größten Vergnügen würde ich es thun, aber das hat er mir ausdrücklich verboten. Gewiſſe Umſtände nöthigen ihn dazu, doch wird er Ihnen nächſtens ſchreiben.— Sie können ſich —— —ö—ö——ö——ͤ= 120 Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. feſt darauf verlaſſen. Doch jetzt bleiben Sie an der Thüre ſtehen und geben genau Achtung; Sie werden ſehen, wie ſchnell ich das Verſteckte finde.“ Darauf war nun Auguſt ſehr begierig, denn er ſetzte einigen Zweifel in das zurückgelaſſene Vermögen ſeines Freundes; war daher nicht wenig erſtaunt, als ſich der Fremde, nachdem er kurze Zeit hinter einer Vertäfelung der Dachfenſter herum gegriffen, nun plötzlich herumwandte und triumphirend einen kleinen Beutel in die Höhe hielt. Er ſchüttelte den Inhalt in die Hand, und vor des Lehrlings erſtaunten Augen funkelte ein kleiner Haufen Dukaten. „Ich hätte nimmer geglaubt,“ ſagte Dieſer,„daß Herr Beil ſolche Schätze beſitze. Er ſprach mir immer von ſeiner Ar⸗ muth, und wie er ohne alle Hülfe in die Welt hinaus gehe.“ „Unerklärlich,“ murmelte der Fremde;„aber da das Gold einmal da iſt, ſo läßt es ſich nicht wegläugnen. Mein Auftrag iſt erfüllt, und wenn ich Ihnen herzlich für Ihre Gefälligkeit danke, ſo wage ich ganz ſchüchtern, einen Wunſch des Herrn Beil auszuſprechen. Die Verhältniſſe deſſelben haben ſich gebeſſert, auf das Ueberraſchendſte geſtaltet, und er bittet Sie durch mich, die Hälfte dieſer Summe als einen Beweis ſeiner Freundſchaft annehmen zu wollen.“ „O nein, nein!“ rief Auguſt, während er begierig auf das Gold ſchaute,„das iſt ja eine große Summe; wie kann ich ſo was annehmen! Und durch Sie, mein Herr, einen Fremden, den ich gar nicht kenne! Wenn er ſelbſt da wäre, ſo wäre es etwas ganz Anderes.“ „Herr Beil kennt Ihr Zartgefühl und hatte dieſen Fall vor⸗ geſehen, doch ſagte er: Herr Brander— ich heiße Brander— bitten Sie meinen lieben Auguſt dringend darum, er möge mir die in dar Ta⸗ Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie. 121 die Freundſchaft erzeigen, und dieſe Kleinigkeit— Kleinigkete in meinen jetzigen Verhältniſſen— mit mir theilen. Will er mir danken, ſo werde ich ihm Gelegenheit geben, dieß in den nächſten Tagen perſönlich gegen mich thun zu können.“ „So kommt er hieher?“ rief höͤchlich erfreut der Lehrling. „Er kommt,“ ſprach gerührt Herr Brander. „Bald?“ „Sehr bald;— jetzt, da ich Ihre aufrichtige Freude ſehe, Ihr Entzücken, den vermißten Freund wieder zu umarmen, darf ich es Ihnen anvertrauen. Herr Beil iſt in der Stadt und war⸗ tet nur auf einen günſtigen Augenblick, um Sie an ſein Herz zu drücken.“ „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ rief Auguſt.—„Herr Beil iſt in der Stadt?“ Der Fremde fuhr ſich gerührt mit der Hand über die Au⸗ gen, dann blickte er den jungen Mann einen Augenblick mit gro⸗ ßer Wärme an und entgegnete:„Ja, Herr Beil iſt in der Stadt, und vielleicht morgen ſchon wird es Ihnen vergönnt ſein, ihn zu ſehen.“ „So käme ich zu ihm?“ „Das verbieten ihm ſeine Verhältniſſe. Aber er kommt zu Ihnen— hieher. Nur möchte er um Alles in der Welt dem Herrn Blaffer nicht begegnen. Aber da es ihn ſehr drängt, Sie wieder zu ſehen und auch ſeine ehemalige Behauſung, ſo erbittet er ſich einen Rath, wie das anzufangen ſei.“ „Nichts einfacher als das!“ rief Auguſt erfreut;„ich öffne ihm Abends die Hausthüre, die Herr Blaffer ſorgfältig verrie⸗ gelt. Er kennt ja den Weg hier herauf ganz genau, er wird ihn im Dunkeln finden.“ Herr Brander ſchien ſich einige Thränen der Rührung aus 122 Preiundſtebenzigſtes Kapitsl. den Augen zu wiſchen; ja ſein Gefühl überwältigte ihn und er drückte den Lehrling ſanft an ſein Herz.—„Bei Gott!“ ſprach er,„mein Freund, Herr Beil, hat ſich nicht getäuſcht. Sie ſind ihm zugethan wie ehedem. Aber er wußte das, zweifelte nicht daran. Sagte er mir doch: alle meine Erſparniſſe hier in dieſem Beutel waren für Auguſt beſtimmt,— für Auguſt, den ich ſchätze und liebe. Geben Sie ihm, bat er mich dringend, nicht die Hälfte, nein das Ganze, wenn er ſich ſeines ehemaligen Gefähr⸗ ten warm und aufrichtig erinnert.— Keine Worte weiter, keine falſche Scham! Nehmen Sie, junger edler Mann, ich ſchwöre Ihnen, daß ich dieſes Gold nie mehr anrühren werde.“ Bei dieſen Worten drückte er dem Lehrling die kleine Börſe mit ſolcher Energie in die Hand und ſchritt dabei ſo haſtig der Treppe zu, daß Auguſt einſah, es ſei überflüſſige Mühe, hier noch länger zu widerſtreben. Er folgte alſo dem Herrn Brander, der mit feinem Gefühl nun abſichtlich das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand brachte, und abermals die zweckmäßige Bauart des Hauſes bewunderte. „Vortrefflich!“ ſagte er;„und ſämmtliche Zimmer hier im erſten Stock gehen wohl durcheinander?“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete Auguſt;„die zwei Zimmer, welche Herr Blaffer bewohnt, haben ihren eigenen Ausgang, ſo⸗ wie auch die meiner Schweſter.“ „Alſo Herr Blaffer wohnt nach der Straße,“ verſetzte der Fremde mit einem leicht begreiflichen Irrthum, den aber Auguſt alsbald berichtigte, indem er die Thüre zum Schlafzimmer des Principals öffnete, um zu zeigen, wie er früher ſchon geſagt, daß die Fenſter auf den Hof gingen; worauf Herr Brander einen einzigen Blick in das Schlafzimmer warf und dann in's untere Stockwerk hinabſtieg. verſt einig Bra Häu ſeine und er ſprach te ſind nicht dieſem ſchätze ht die hefähr⸗ keine chwöre Boͤrſe tig der e, hier rander, f einen Bauart hier im zimmer, ſ⸗ tzte der Auguſt ner des agt, daß r einen 3 untere Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie. 123 — An der Hausthüre angekommen, ſchüttelte er dem jungen Manne herzlich die Hand und ging auf die Straße. Doch kehrte er gleich darauf wieder zurück und ſagte:„Apropos! faſt hätten wir vergeſſen, ein Zeichen abzureden, wenn Sie Herrn Beil er⸗ warten dürfen.— Wie machen wir das gleich?— Richtig! ſehen Sie hier neben dem Hauſe die Gaslaterne: ihr Licht brennt doch jeden Abend?“ „Jeden Abend, ſobald es dunkel wird, zündet man ſie an.“ „Schön, ſchön! Betrachten Sie ſich alſo die Laterne. Brennt in ihr das Licht wie gewöhnlich, ſo iſt nichts zu erwarten, bemer⸗ ken Sie aber, daß es ausgelöſcht iſt, ſo kommt Herr Beil.— Haben Sie mich verſtanden?“ „Vollkommen. Dann öffne ich langſam die Hausthüre.“ „Und ziehen ſich in Ihr Zimmer zurück. Sie werden mich verſtehen: die Freude des Wiederſehens auf der Treppe könnte einigen Spektakel verurſachen und den Herrn Blaffer beunruhigen.“ „Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich.“ „Das werde ich, vortrefflicher junger Mann,“ ſagte Herr Brander, worauf er das Haus eilig verließ und dicht an den Häuſern vorbei die Straße hinab ſchritt. Auguſt kehrte in das Comptoir zurück und überzählte dort ſeinen Schatz— die Erſparniſſe des guten Herrn Beil. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Johann Ehriſtian Blaffer allein. Am Tage nach dem im vorigen Kapitel beſchriebenen an ſich gewiß ſehr unbedeutenden Vorfalle, befand ſich Herr Blaffer allein in ſeinem Comptoir und ſaß gedankenvoll an ſeinem Pulte. Er hatte die Füße auf die höchſten Sproſſen des Stuhles geſetzt, weßhalb ſeine ſpitzigen Knie ſo hoch empor ragten, daß er die Ellbogen darauf ſtützen konnte, auf welchen, oder vielmehr ſei⸗ nen Händen, nun der Kopf ruhte, was ſeiner ganzen Figur ein höchſt ſonderbares, nicht gerade angenehmes Ausſehen gab. Dazu hatte ſein Geſicht einen finſtern, unheimlichen Ausdruck, den ein höhniſches Lächeln zuweilen überflog, ohne ſeine Züge zu ver⸗ ſchönern. Vielmehr lag in dem Lächeln etwas ſo Tückiſches, daß vielleicht ſelbſt Herr Beil davor erſchreckt wäre, wenn er ſich ſei⸗ nem würdigen Principal noch gegenüber befunden hätte. Herr Blaffer war offenbar in ſehr trüber Gemüthsſtimmung und hatte in den letzten Tagen um eben ſo viele Jahre gealtert. Er hatte aber auch traurige Erfahrungen gemacht, er hatte beim Verkauf ſeine zieml tauſe Kurz Geld ſelbe oben wied hafte dem rund papi mackh noch knir Lip) war ſelb aber mig nur ſein Zei übe tau Ta irg Si el. denen an Blaffer n Pulte. 3 geſetzt, ß er die nehr ſei⸗ figur ein b. Dazu den ein zu ver⸗ hes, daß ſich ſei⸗ e. Herr nd hatte Er hatte Verkauf 125 Johann Chriſtian Zlaffer allein. ſeines Geſchäftes gefunden, daß daſſelbe in den Augen der Welt ziemlich herunter gekommen erſchien, denn er hatte um mehrere tauſend Gulden wohlfeiler verkaufen müſſen, als er noch vor Kurzem geglaubt.— Mit ſeinem Hauſe, das er ebenfalls zu Geld gemacht, war es ihm nicht beſſer gegangen; man hatte dem⸗ ſelben alle möglichen Fehler nachgewieſen, und da Herr Blaffer obendrein auf baarer Bezahlung beſtand, mußte er ſich auch hier wieder zu einem ziemlichen Opfer entſchließen. Auch Schulden hafteten noch darauf, doch nachdem Alles abbezahlt war, blieben dem Verkäufer für Geſchäft und Haus immer noch die ſchöne runde Summe von zwanzigtauſend Gulden übrig, die er in Werth⸗ papieren und Gold droben in ſeiner Kaſſe eingeſchloſſen hatte. Aber auch Erfahrungen anderer Art hatte Herr Blaffer ge⸗ macht, und wenn er daran dachte, ſo überflog kein, wenn auch noch ſo finſteres Lächeln ſeine Züge; wenn ihm das einfiel, ſo knirſchte er mit den Zähnen, ſo biß er auf die dünnen, blaſſen Lippen, ſo fuhr er ſich durch den ſpärlichen Haarwuchs, und dann warf er einen ſcheuen Seitenblick in den Spiegel, und grinste ſich ſelbſt an, indem er ausrief:„Ja, das hat ſo kommen müſſen, aber— hier— hier—“ fuhr er auf ſein Herz ſchlagend grim⸗ mig fort,„hier thut das weh, o über alle Beſchreibung weh!“ Eine Folge dergleichen momentanen Aufregungen war es nun, daß er darauf wieder in ſein trübes Nachſinnen verſiel, daß ſein Geſicht dabei wohl finſter und gehäſſig blieb, aber daß einige Zeit darnach das höhniſche Lächeln wieder wie grelle Blitze dar⸗ über hinflog. In den Augenblicken dachte er an die zwanzig⸗ tauſend Gulden in ſeiner Kaſſe, daß er damit in den nächſten Tagen die Stadt verlaſſen, Marie mitnehmen, ſich mit ihr in irgend einem kleinen Winkel verbergen wolle, ſie dort auf den Händen tragen, wenn es ihm gelänge, ihre Liebe zu erwerben; Vierundſtebenzigſtes Kapitel. ſie im andern Fall aber quälen wolle, wie nie eine Menſchenſeele gequält worden ſei.———„Ah! und ich werde ſie quälen müſſen,“ ſagte er mit bebender Stimme, und fuhr dabei mit der Hand an die Stirne,„denn es wird nur zu wahr ſein, was ich in der Stadt gehört, was mir die Magd unſeres Hauſes endlich eingeſtanden. Sie liebt, ſie wird wieder geliebt, es ſchwelgt Je⸗ mand in meinem Eigenthume— und ich bin betrogen.“— Dabei ſank er wieder tiefer in ſich zuſammen und ruhte län⸗ gere Zeit ſo. Ein Unbefangener hätte glauben mögen, er ſchlafe. Doch ging hierzu ſein Athem zu unregelmäßig; bald ſtieß er ihn leis aber ſchnell wie im Fieber heraus, bald zog er ihn aus tiefer Bruſt an ſich, und dann waren es ſchwere, ſchmerzliche Seufzer. Nur der Anblick eines Papieres, welches vor ihm lag, riß ihn zeitweiſe aus ſeinen Träumereien etwas empor. Es war der Verkaufs⸗Contract der Buchhandlung, er hatte ſich darin, wie wir wiſſen, die Anſtellung eines Commis vorbehalten, ohne Au⸗ guſt vorderhand zu nennen, hatte dieſem Commis ein ſehr kärg⸗ liches Einkommen auswerfen laſſen und allerlei für denſelben beſtimmt, was den Zweck hatte, ihm das Leben ziemlich ſauer zu machen. So hatte er für den Bruder des Mädchens geſorgt, das er liebte, und er lächelte abermals, indem er an die unangenehme Ueberraſchung ſeines ehemaligen Lehrlings dachte, wenn Dieſer ſeine neue Anſtellung erführe. In dieſe Gedanken verſunken mochte Herr Blaffer ſchon mehrere Stunden geſeſſen haben, und er war ſo menſchenfeindlich geſinnt, daß er ſchon zu wiederholten Malen auf öfteres Klopfen an die Comptoirthüre keine Antwort gab. Die beſcheidenen Be⸗ ſucher waren dann meiſtens wieder fortgegangen, zu furchtſam oder zu discret, um heftig an die Thüre zu pochen oder dieſelbe gar nich ſtär emy Nar Thi mer len, Thi ten als ein ſen henſeele quälen mit der was ich endlich ‚Agt Je⸗ hte län⸗ ſchlafe. er ihn is tiefer Seufzer. ag, riß vwar der in, wie ne Au⸗ r kärg⸗ nſelben auer zu gt, das enehme Dieſer r ſchon eindlich klopfen en Be⸗ rchtſam dieſelbe Johann Chriſtian Zlaffer allein. 127 gar zu öffnen. Endlich aber mußte Jemand davor ſtehen, der nicht ſo dachte, denn einem einmaligen leiſen Klopfen folgte ein ſtärkeres und dann drei ſo kräftige Schläge, daß der Buchhändler empor fuhr und mit wilder Stimme:„herein denn in's Teufels Namen!“ rief. Dabei machte er ein Geſicht wie ein reißendes Thier, das auf ſeine Beute losſpringen will. Auch ſeine zuſam⸗ mengekauerte Stellung ſchien dieß Vorhaben unterſtützen zu wol⸗ len, weßhalb denn auch wohl der junge Mann, der nun in die Thüre trat, überraſcht auf der Schwelle ſtehen blieb. „Bei allen Göttern!“ ſagte der Eintretende mit einem leich⸗ ten Lächeln auf den Lippen,„Sie blicken mich an, Herr Blaffer, als ſei es Ihnen ſehr unangenehm, mich hier zu ſehen.“ „Verzeihen Sie, verzeihen Sie,“ entgegnete Dieſer nach einem tiefen Athemzuge;„bitte ſehr zu entſchuldigen, Herr Erich⸗ ſen; ich hatte da meine tiefen Gedanken.“ „So ſtöre ich Sie; das thut mir leid,“ verſetzte der Maler. „O, Ihr Beſuch ſtört nie, er erfreut nur, u¹ gab der Buch⸗ händler zur Antwort; wobei er von ſeinem Comptoirſtuhl herun⸗ ter kletternd ſeine langen Gliedmaßen wahrhaft ſpinnenartig aus einander ſtreckte.—„Bitte, Platz zu nehmen. Sie machen ſich ſelten, Herr Erichſen, ſehr ſelten.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Arthur, indem er ſich niederließ, gich war lange nicht auf dem Comptoir; wir verkehrten brieflich. Aber unſere Arbeiten wurden deßhalb nicht vernachläßigt.“ „Gewiß nicht; Ihre Illuſtrationen kamen immer zur Zeit. Da gab's nie eine Stockung.“ „Aber jetzt könnte es eine geben, Herr Blaffer,“ erwiederte Arthur, und dabei ſah er auf den Boden nieder und zeichnete mit ſeinem Spazierſtocke allerlei Linien in den Staub.„Eine Stockung, was mich betrifft; nicht für Ihr Geſchäft.“ — ——————— —————: 128 Vierundſiebenzigſtes Kupitel. „Wie verſtehe ich das, beſter Herr Erichſen?“ „Ich habe eine große Reiſe vor,“ antwortete der Maler ge⸗ dankenvoll,„in die Schweiz, vielleicht nach Italien, weßhalb ic nicht mehr im Stande bin, die mir übergebenen Illuſtrationen auszuführen. Doch wie ſchon gſagt: das Geſchäft ſoll nicht darunter leiden, ich habe einen Stellvertreter gefunden, einen L talentvollen jungen Mann, der es mindeſtens ebenſo ſchön macht ſ wie ich.“ u „Na, na, Herr Erichſen,“ ſagte der Buchhändler höflichſt, le „das iſt unmöglich.— Aber ich begreife vollkommen, daß Sie ſich wegen ſolcher Bagatelle nicht binden werden.“— Ihm war es ja vollkommen gleichgültig, wer künftig die Illuſtrationen fujr A das verkaufte Geſchäft mache, ja es war ihm lieb, wenn ſein U Nachfolger einen guten Arbeiter verlor.— Herr Blaffer nahm d ſein Lineal zwiſchen die Zähne, nickte mit dem Kopfe und ſprach m gedankenvoll:„So, ſo, Sie reiſen?— Sie glücklicher Menſch! ve Das entſchließt ſich von heute auf morgen, packt ein, läßt ſich V H Creditbriefe geben und bricht alle Verbindungen leicht ab.“ Arthur ſeufzte ein wenig und entgegnete:„Wenn man reist, bricht man freilich ſeine Verbindungen für einige Zeit ab, aber er es iſt noch die Frage, ob Einem das leicht wird.“ w „Ahl ich verſtehe!“ rief Herr Blaffer mit einem pfiffig ſein w ſollenden Lächeln, das aber nur ein Grinſen war.„Verzeihen de Sie meine Indiscretion, aber in der Balkengaſſe wird der Ab⸗ bi ſchied ſehr ſchwer fallen.“ fe Der Maler zuckte mit den Achſeln und erwieberten ohne Herrn 3 ka Blaffer anzuſehen:„Da ſind Sie im Irrthum. In— der—— da Balkengaſſe— ich weiß wohl, worauf Sie anſpielen— iſt nichts, was meinen Abſchied erſchweren könnte.“ kü „Nichts?“ fragte lauernd der Buchhändler. aler ge⸗ zalb ich ationen l nicht ,einen mmacht öflichſt, daß Sie ym war nen für nn ſein r nahm ſprach Nenſch! äßt ſich 85 ian reist, b, aber ffig ſein erzeihen der Ab⸗ e Herrn der— nichts, Johann Chriſtian Zlaffer allein. „Nichts,“ wiederholte Arthur. „Aber doch etwas Vorübergehendes?“ „Sehr vorübergehend,“ meinte Arthur gedankenvoll. Der Buchhändler klopfte mit dem Lineal auf ſeinen magern Schenkel und ſagte:„Schaut, wie ihr jungen Leute eigentlich ſeid. Da faßt ihr eine Grille auf, da ſeht ihr ein ſchönes Geſicht, und da muß nun alle Welt helfen, damit ſich ſo ein Geſchöpfchen leichter verführen läßt.“ „Bitte recht ſehr, Herr Blaffer,“ ſprach ernſt der Maler. „Nun, Sie werden mir das nicht übel nehmen,“ fuhr der Andere lächelnd fort.„Ich meine es ja nicht böſe; und ſo ganz Unrecht habe ich auch nicht; ich will Ihnen das beweiſen. Mußte da nicht die arme Handlung Johann Chriſtian Blaffer und Comp. mehr als zu viel thun an Honorar für den alten Staiger! Ich verſichere Sie: viel mehr als zu viel, denn das urſprüngliche Honorar war für ſeine Leiſtungen genügend.“ „Möglich,“ verſetzte Arthur träumeriſch. „Ich habe es auch nur Ihretwillen gethan. Nun, das hat er auch wohl gemerkt, und die Tochter wird nicht undankbar ge⸗ weſen ſein.“— Er ſprach das mit einem ſehr widrigen Lächeln, welches aber der junge Mann nicht ſah, da er zu Boden blickte, denn ſonſt würde der Ton, mit welchem er antwortete:„Ich bitte, darüber nicht mehr zu reden,“ gewiß ein noch viel ſchär⸗ ferer geweſen ſein. Doch ſetzte Arthur gleich darauf hinzu:„Ich kann Sie verſichern, der alte Mann hat keine Ahnung davon, daß er mir die Erhöhung ſeines Honorars zu verdanken hat.“ „Das kann ich nicht glauben,“ erwiederte Herr Blaffer mit künſtlichem Erſtaunen.„So wird er ſich nicht überſchätzen.— Sechs Gulden für den kleinen Bogen,“ ſagte er faſt mit heulen⸗ Hackländer, Europ. Seclavenleben. IV. 9 4———— ———————— ——— 130 4 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. dem Tone.„Wenn er da nicht einſteht, daß ihm eine ſtarke Hand geholfen, ſo iſt er mehr als undankbar. Ueberhaupt—“ „Was überhaupt?— Fahren Sie nur fort, Herr Blaffer.“ b „Nehmen Sie guten Rath an, mein lieber Herr Erichſen; ich kenne die Welt. Man muß ſich mit ſolchen Leuten nicht zu tief einlaſſen; das benutzt einen, ſo lange als möglich, kommt dann ein Anderer, vornehmer, reicher— oder jünger,“ ſetzte er leiſe und zähneknirſchend hinzu,—„ſo wird der gut Denkende auf die Seite geſchoben— verlaſſen.“ „Ja verlaſſen,“ ſagte kaum hörbar der Maler. Doch verſtand ihn Herr Blaffer vollkommen; ja nicht allein 1 das Wort, ſondern auch die zerſtreute und traurige Miene, mit der es Arkhur ſprach. Dieſer fuhr nach einer kleinen Pauſe trübe lächelnd fort: „Wir wollen darüber weiter nicht reden; es war ein Geſchäft und 1 iſt abgemacht.———— Apropos! haben Sie nichts mehr— von Herrn Beil gehört?“ „Der Schuft!“ entgegnete Herr Blaffer und ſtieß das Li⸗ neal heftig auf den Stuhl.„Nein, nein! Gott ſei Dank! ich weiß nicht, wo er crepirt iſt. Ich ſage Ihnen, Herr Erichſen, das war eine niederträchtige Seele.“ „Sie ſtanden nie gut mit ihm; aber für ſchlecht hätte ich ihn nicht gehalten. Für etwas unüberlegt— ja zu luſtigen Strei⸗ chen ſtets bereit.“ „Boshaft, Herr Erichſen, boshaft wie ein Affe. Und wie. konnte ſich der Kerl verſtellen! Zum Beiſpiel, haben Sie je ein Talent zum Zeichnen an ihm bemerkt?“ „Nichts Auffallendes der Art.“ „Ich früher auch nicht. Aber denken Sie, als er fort war, viſitire ich ſeinen Pult und finde da ein Packetchen zugebunden, Hand fer.“ hſen; ht zu pömmt zte er kende ichſen, tte ich Strei⸗ id wie je ein t war, unden, Johann Chriſtian Zlaffer allein. 4131 geſiegelt und mit der Ueberſchrift: Meinem lieben Principal, Herrn Blaffer. Hätte ich nur meiner erſten Idee nachgegeben und es in’s Feuer geworfen. Aber ſo plagt mich der Teufel der Neugierde, und ich finde eine ganze Menge der ſcheußlichſten Carrikaturen.“ „Ah!“ machte faſt lächelnd der Maler, denn ihm kam plötzlich die Idee, Herr Blaffer ſpreche von den Zeichnungen, die er, Arthur ſelbſt, auf dem Pulte des Herrn Beil hie und da verfertigt. „Carrikaturen der ſchändlichſten Art, und mit Beziehung auf unſern Roman: Onkel Tom'’s Hütte. Und mich hat er immer zur Hauptfigur genommen, mich, ſeinen Principal und Wohlthäter.“ „Das iſt unerhört!“ entgegnete Arthur, indem er mühſam ein ernſtes Geſicht machte.„Das hätte ich hinter Herrn Beil nicht geſucht.“— Doch ſchien er das Geſpräch und überhaupt ſeinen Beſuch abbrechen zu wollen, denn er er ſtand auf, reichte dem Buch⸗ händler die Hand und ſagte:„So halten Sie mich im beſten Andenken, Herr Blaffer, und wenn ich von meiner Reiſe mit vollen Mappen zurückkehre, ſo können wir vielleicht eine Art Reiſebeſchreibung daraus machen.“ Herr Blaffer war hierauf ſchon im Begriff, über den Ver⸗ kauf des Geſchäftes zu ſprechen, doch dachte er:„es iſt beſſer, ich ſchweige darüber.“ Er ſchüttelte deßhalb die dargebotene Hand, affectirte einige Rührung und begleitete den Maler bis an die Hausthüre, worauf Dieſer ſich entfernte. Der Buchhändler trat in ſein Comptoir zurück, und ging mit großen Schritten auf und ab, wobei er das Lineal auf dem Rücken hielt, und ſich zuweilen damit auf die Schulterblätter klopfte.—„Auch der hat bittere Erfahrungen,“ ſagte er nach 4 einiger Zeit in einem höhniſchen Tone,„und iſt doch hübſch und 9* — 3 1— 3 8= —— —— Vierundſtebenzigſtes Kupitel. jung. Ja, trau Einer dem verfluchten Weibergeſchlecht! Wenn mich nur die dumme Grille dieſes Herrn Erichſen nicht ein paar hundert Gulden gekoſtet hätte, die ich an das Bettelpack weggewor⸗ fen. Aber ich will mich noch dafür revanchiren. Ein recht artiger Brief an den Herrn Staiger ſoll mein letztes Geſchäft als Chef der Handlung Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie ſein. Da⸗ mit trat er an den Pult und ſchrieb mit ſichtlichem Wohlbehagen: „P. P. Die ſchlechten Zeiten, unter denen gegenwärtig der Buch⸗ handel ſeufzt, veranlaſſen uns, Sie zu erſuchen, Ihre Arbeiten für unſere Handlung einſtellen zu wollen. Onkel Tom iſt been⸗ digt, und wir ſind außer Stande, das neue Unternehmen, für welches ja ohnedieß noch kein Contract zwiſchen uns abgeſchloſſen iſt, in's Leben treten zu laſſen. Genehmigen Sie indeſſen die Verſicherung der ausgezeich⸗ neten Hochachtung, mit der wir ſind Johann Chriſtian Blaffer und Comp.“ Wohlgefällig betrachtete der Buchhändler den ſauberen on Schnörkel unter ſeinem Namen, ſetzte vorſichtig das Datum von geſtern bei und ſiegelte den Brief. Dann rieb er ſich die Hände, als habe er ein gutes Werk gethan, verſchloß das Comptoir und ging in ſein Schlafzimmer hinauf. Als es einige Stunden darauf dunkel wurde, ſaß Auguſt an dem Fenſter ſeiner Kammer, den Blick auf die Straße gerichtet, wo man nach und nach alle Gaslampen angezündet hatte; auch die bewußte vor dem Hauſe brannte hell und luſtig, und ſo ſehr der Lehrling auch umher ſpähte, nirgendwo ließ ſich Etwas ſehen, welches Luſt zu haben ſchien, dieſe einzige Flamme wieder zu ver⸗ ſ löſchen und ſo den ſehnlichſt erwarteten Beſuch des Herrn Beil anzuzeigen. Venn paar wor⸗ tiger Chef Da⸗ igen: Zuch⸗ beiten been⸗ für loſſen beren nvon ände, r und uguſt ichtet, auch Hſehr ſehen, i ver⸗ Beil — Johann Chriſtian Ilaffer allein. 133 0 Endlich wurde Auguſt zum Nachteſſen gerufen, und das ging trübſelig vorüber wie die meiſten in der letzten Zeit. Herr Blaffer ſprach nichts und warf nur zuweilen finſtere Blicke über den Tiſch hinüber nach Marien, welche in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken zu ſein ſchien, und wohl aus dieſem Grunde häufig etwas Unpaſſendes ſagte, oder da lachte, wo es gerade nicht nothwendig war,— ein Benehmen, welches die gute Laune des Buchhänd⸗ lers durchaus nicht erhöhte, ja ihm einige beißende Bemerkungen ablockte, welche von dem jungen Mädchen nicht gerade auf die ehrerbietigſte Art beantwortet wurden. Dann wurde der Prin⸗ cipal heftig, grob und kränkend, was zur Folge hatte, daß ſie ihm einen verächtlichen Blick zuwarf, den Teller haſtig zurückſtieß, ſich vom Tiſche erhob und auf ihr Zimmer ging. Glücklicher Weiſe ließ ſich Auguſt dieſe Scene gar nicht an⸗ fechten, ſondern ſpeiste mit großer Gemüthsruhe, wornach auch er ſeine Dachkammer aufſuchte. Trotzdem es ihm aber in der letzten Zeit beſſer in dem Hauſe gegangen, ſo erſchien ihm doch Manches dafür ſo unheimlich und widerwärtig, daß er ſich nach der früheren Zeit zurückſehnte, und namentlich nach Herrn Beil, mit dem er ſo manche Stunde angenehm verplauderte, und der es ſo vortrefflich verſtanden, ſeine guten Lehren humoriſtiſch in ar⸗ tige Gleichniſſe einzukleiden, und der ſelbſt Püffe und Katzenköpfe auf ungezwungene und faſt angenehme Art zu geben wußte, ſo daß man ihm gar nicht einmal darüber böſe ſein konnte. Ach! ſogar dieſer Püffe erinnerte ſich Auguſt ſehnſüchtig, und er hätte gern dergleichen wieder ausgehalten, dann wäre ja der gute Herr Beil wieder bei ihm geweſen.— Aber er hatte ſeinen Beſuch noch nicht angezeigt, denn drunten die Gasflamme brannte hell wie immer, beſtrahlte den eiſernen Kandelaber und warf einen weiten Lichtkreis vor ſich auf den Boden.———— Doch halt! was v“ 3 4 1 134 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. war das? Plötzlich war das Licht verlöſcht, und Auguſt hatte d V doch Niemand geſehen, der ſich demſelben genähert. Wie ſchlug d ihm ſein Herz! Er eilte an die Kammerthüre und horchte in’s i 8 Haus hinab. Drunten war Alles ſtille; der Buchhändler hatte d 64 ſich zur Ruhe begeben, und als Auguſt aufmerkſamer lauſchte, 1 — hörte er ihn aus ſeinem Schlafzimmer leiſe huſten. Er wartete h 3 noch eine lange, lange halbe Stunde, dann ließ er ſich an dem 1 Treppengeländer hinab gleiten. Er hatte dieß Manöver oft aus⸗ K 4 geführt, wenn er ſich verſchlafen hatte und von dem Principal 1 nicht gehört ſein wollte. Unten angekommen, ſchlich er leiſe zur d Hausthüre, drehte den Schlüſſel zweimal, ſchob die ſchweren Rie⸗ n * gel zurück und kehrte nun, gehorſam dem erhaltenen Befehl, mit 4 verhaltenem Athem in ſeine Dachkammer zurück. ſt * Jede Minute, die er hier oben zubringen mußte, däuchte b ihm eine Ewigkeit. Er hielt das Ohr an die Thüre und lauſchte l angeſtrengt in's Haus hinunter.—— Alles ruhig und ſtill, ſo⸗ h gar Herr Blaffer hüſtelte nicht mehr; wahrſcheinlich war derſelbe 1 eingeſchlafen. Doch jetzt vernahm Auguſt ein Geräuſch— aber 8 nein, es kam nicht unten vom Hauſe herauf, es kam vom Dache d 8 3 her. Was konnte das ſein? Ja, in der Nebenkammer, wo ehe⸗ ſt — dem die Schweſter geſchlafen, vernahm er es jetzt. Dort ſchlich 3 Etwas auf dem Boden, dort tappte es an der Wand fort und 4 ſuchte die Thüre zu finden. Das konnte doch nicht Herr Beil 3 ſein, der ſollte ja, was natürlich war, unten zur Hausthüre ſ herein kommen Und doch— es war keine Täuſchung möglich 1 K— ihm gegenüber an der andern Kammerthüre bewegte ſich Et⸗ f 4 was. Vorſichtig wurde auf die Klinke gedrückt, und ſie hob ſich 4 1 ganz geräuſchlos. Doch ehe die Thüre geöffnet wurde, hatte Au⸗ * guſt die Geiſtesgegenwart, ſein Licht auszulöſchen. Darauf lugte 1 1 er wieder auf den Gang hinaus, während ſein Herz ſo heftig klopfte, atte hlug in’s hatte chte, aus⸗ rip A mit uchte iſchte 0⸗ ſelbe aber t und Beil thüre öglich h Et⸗ b ſich e Au⸗ lugte opfte, Johann Chriſtian Zlaffer allein. 135 daß er fürchtete, die Schläge müſſen ſeine Gegenwart verrathen; dabei hatte er ein eigenes Gefühl in den Haarwurzeln; es war ihm, als drehe ſich jedes einzelne Haar langſam herum. Er dachte an Räuber, Mörder und Geſpenſter. An die letzteren zu⸗ meiſt, denn das, was ihm gegenüber jetzt die Thüre geöffnet hatte und über den Gang dahin ſchwebte, konnte unmöglich ein menſchliches Weſen ſein. Er hörte keinen Tritt, er ſah nur einen Schatten gegen die Treppe ſchweben und dann auf dem tieferen Dunkel derſelben verſchwinden.— Was war das? Hüätte er nicht den Herrn Beil erwartet und ſich alſo gefürchtet, Lärmen zu machen, ſo würde er unfehlbar durch ſein Geſchrei das Haus erweckt haben. So aber eilte er an das Fenſter zurück, betrachtete ſich nochmals die finſtere Gaslaterne und ſah dann auf die Straße, ob ſich nicht eine Spur von dem erwarteten Freunde entdecken ließe.— Wer aber beſchreibt ſeine Ueberraſchung, als er ſich wieder umwandte und unter der Thüre der Kammer ein helles Licht gewahrte, welches ihm ſo blendend in die Augen ſiel, daß er nicht im Stande war, den Träger deſſelben zu erkennen. Sollte das vielleicht Herr Beil ſein?— Aber warum dann ſo ſtill und ſtumm in das Zimmer treten? Die Nerven des armen Lehrlings waren ſo aufgeregt, daß er, anſtatt eine Frage zu thun, die Hände vor das Geſicht preßte und auf einen Stuhl niederſank. Die Laterne an der Thüre oder vielmehr der Träger der⸗ ſelben bewegte ſich in's Zimmer hinein und eine Stimme, die nicht wie die des Herrn Beil klang, aber auch keine ganz fremde für den Lehrling war, ſagte ihm:„Sie haben Ihr Wort ge⸗ halten; ich danke Ihnen dafür.“. „Gott ſei Dank!“ dachte Auguſt, indem er die Hände langſam herabſinken ließ,„das ſpricht doch jetzt und ſchleicht nicht mehr ſo geſpenſterhaft im Hauſe umher.“ Er wagte es 136 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. auch aufzublicken, und da nun der Eingetretene die kleine Blenge⸗ laterne, welche er in der Hand trug, von ſich abhielt, ſo erkannte Auguſt mit Erſtaunen die Züge des Herrn Brander, welcher ihm den Beſuch des Freundes angezeigt. „Sie wundern ſich, mich hier zu ſehen,“ ſagte Dieſer. „Das kann ich mir denken. Aber es anders zu machen war un⸗ möglich. Herr Beil iſt verhindert und ich komme, Ihnen das zu ſagen.“ „Dafür bin ich Ihnen ſehr verbunden,“ erwiederte klein⸗ laut der Lehrling.„Doch erlauben Sie mir eine Frage. Warum kamen Sie nicht zur Hausthüre herein und die Treppen herauf und zogen es lieber vor, über das Dach in's Haus zu klettern?“ „Hörten Sie Jemand über das Dach in's Haus klettern?“ fragte aufmerkſam der Andere. „So leiſe Sie auch gingen, ſo hörte ich Sie doch und ſah auch, wie Sie die Treppe hinab ſchwebten.“ „Ah! er iſt ſchon da,“ murmelte Herr Brander.„Nun, er hat den Weg oft genug gemacht und die Liebe treibt ihn.— Sie irren,“ wandte er ſich laut an den Lehrling,„ich ſtieg die Treppen herauf.“ „Und der Andere?“ fragte angſtvoll der Lehrling, dem es anfieng bei der Sache unheimlich zu werden. „Der Andere iſt ein guter Freund von mir und Herrn Beil, der hier einige kleine Geſchäfte zu beſorgen hat.“ „Zu dieſer Stunde?“ verſetzte Auguſt, der endlich, ob⸗ gleich ſpät genug ahnte, er habe einen dummen Streich gemacht, fremden Leuten bei Nacht die Thüre zu öffnen. „Ja, zu dieſer Stunde, mein lieber junger Mann,“ ent⸗ gegnete freundlich Herr Brander.„Er beſorgt ſeine kleinen Ge⸗ einer Nien dieſe rufen 8 ſchäfte, hat aber dabei immer noch Zeit, aus irgend einem Winkel hervor ſeine Augen auf Sie zu richten.“ „Wo?“ fragte angſtvoll der junge Menſch, indem er ſich erſchreckt umſchaute. „Das iſt gleichgültig; auch habe ich nicht lange Zeit zu Erklärungen. Hören Sie mich aber gefälligſt einen Augenblick aufmerkſam an. Sie erwarten Herrn Beil,— Herr Beil aber iſt verhindert zu kommen, heute, morgen, die übrigen Tage. Doch wünſcht er ſehnlich Sie zu ſehen und wird nicht verfehlen, Ihnen in den nächſten Tagen einen Weg zu dieſem Zwecke an⸗ zeigen zu laſſen. Doch verlange ich Eins von Ihnen: Sie bleiben ruhig auf Ihrem Zimmer, ſchließen Ihre Thüre ab und bekümmern ſich nicht um das, was Sie allenfalls von drunten im Hauſe hören ſollten.“ „O mein Gott!“ rief Auguſt in kläglichem Tone.„Sie haben Schlimmes vor. Aber ich will mich nicht daran bethei⸗ ligen, ich werde nach Hülfe ſchreien und den Principal wecken.“ „Verſuchen Sie das,“ ſagte der Andere mit drohender Stimme.„Rufen Sie um Hülfe, rufen Sie meinetwegen die Polizei. Ich werde mich ruhig hieher ſetzen, mich mit Ihnen fangen laſſen, denn der Hehler iſt wie der Stehler; ich bezahlte Sie reichlich dafür, daß Sie mir die Hausthüre öffneten und will das vor aller Welt beſchwören.—— Seien Sie kein Kind,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als er ſah, daß der Lehr⸗ ling ſeinen Kopf abermals in die Hände vergrub und darauf mit einer Jammermiene empor blickte.„Glauben Sie mir, es ſoll Niemand ein Leides geſchehen. Sollten Sie aber, ſobald ich dieſe Kammer verlaſſe, dennoch Geräuſch machen, um Hülfe rufen oder dergleichen Tollheiten treiben, ſo vergeſſen Sie ja Johann Chriſtian Blaffer allein. 137 138 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. nicht, daß Jener, der vorhin über den Gang ſchlich, in Ihrer Nähe iſt und daß Sie beim erſten Laut ein Kind des Todes ſind.“ Auguſt konnte vor Entſetzen kein Wort hervorbringen; er blickte ſchen um ſich, denn plötzlich war das Licht der Blend⸗ laterne nicht mehr ſichtbar, doch fühlte er die Hand des fremden Mannes, welcher ihn an der Schulter rüttelte und ihm in's Ohr raunte:„Haben Sie Ihr Leben lieb und machen Sie keinen Lärmen.“—— Bevor ſich an dieſem Abend Herr Blaffer zur Ruhe begeben hatte, war er noch längere Zeit in tiefem Nachdenken im Zimmer auf und ab ſpaziert. Seine Sachen waren geordnet, die Papiere über den Kauf ausgewechſelt, das Geld lag im Kaſten, er war im Begriff, in ein ganz neues Verhältniß einzutreten, weßhalb es denn auch leicht begreiflich war, daß er den vergangenen Tagen einen kleinen Rückblick ſchenkte. Herr Blaffer hatte von ſeiner früheſten Jugend an tüchtig gearbeitet, ſeine Zeit, ſein Geld zu Rath gehalten, was ihm übrigens leicht war, da er nicht von den gewöhnlichen Leidenſchaften der Menſchen berührt wurde. Er trank nicht, er ſpielte nicht, er war gegen das ſchöne Geſchlecht vollkommen gleichgültig. So mußte es denn auch kommen, daß er Etwas vor ſich gebracht, ja, Herr Blaffer war auf dem Punkte, ein recht wohlhabender Mann zu werden, als ihm einige Unternehmungen fehlſchlugen und ihn eine bedeutende Summe koſteten. Das entmuthigte ihn und von dem Augen⸗ blicke an trachtete er mehr darnach, ſein Vermögen zu erhalten, als zu vermehren. Da kam jenes Mädchen in ſein Haus, und die Flamme, die ſein Herz plötzlich ergriff, brannte um ſo gefräßiger, als dieſes Herz alt, dürr und trocken war. Vergebens hatte er eine Zeit lang gegen dieſe Leidenſchaft angekämpft: ſie war ſtärker als Ihrer ſind.“ n; er Zlend⸗ emden 3 Ohr keinen egeben immer Zapiere er war eßhalb ngenen te von t, ſein da er berührt ſchöne n auch fer war i, als eutende Augen⸗ rhalten, flamme, er, als er eine rker als Johann Chriſtian Blaffer allein. 139 ſein Wille, er unterlag, und jedes Opfer, was er gezwungen war, derſelben zu bringen, däuchte ihm leicht zu ſein. Deßhalb hatte es ihm auch wenig Kummer gemacht, daß die Firma, die er gegründet, in fremde Hände überging, daß das Haus, in welchem er geboren, jetzt von Andern bewohnt werden ſollte. Alles das beſchäftigte ſeinen Geiſt wenig, aber eine andere Frage lag auf ſeiner Seele und verurſachte ihm ein Gefühl, als tropfe von Secunde zu Seecunde flüſſiges Metall auf ſein Herz. Die Frage: iſt ſie dir wirklich untreu geworden?— eine Frage, die tauſend Teufel in ſeiner Bruſt mit jubelndem Ja beantworteten. Dann ballte er krampfhaft die Hände, fuhr in ſein ſpärliches Haar und ſtöhnte:„O nur Gewißheit— darüber nur Gewiß⸗ heit, daß ich ein Recht hätte, ſie zu faſſen und langſam zu ver⸗ derben.“———— 3 Endlich begab er ſich zur Ruhe, und nachdem er ſich lange umhergeworfen, kam der Schlaf auf ſeine Augen, ohne ihn zu beglücken. Denn die wilden Gedanken, die ihn wachend beſchäf⸗ tigt, hatten ſich ſchon in ſchlimmere Träume verwandelt, die ihm Alles das, was er fürchtete, in den ſchrecklichſten, üppigſten Bil⸗ dern vormalten. Ihm träumte wieder, es ſchleiche Jemand durch das Haus und komme an ihre Zimmerthüre. Dieſe wurde lang⸗ ſam geöffnet und von Licht und Glanz überfloſſen empfieng ſie den Geliebten, den wirklich und einzig Geliebten. Das ſah man an dem innigen Blick ihres feuchten Auges, an dem Lächeln um ihren leicht geöffneten Mund, an dem Zittern ihrer Hand, die ſie ihm entgegen ſtreckte und mit der ſie ihn alsdann haſtig zu ſich in's Zimmer zog.———— Ah!———— Es gibt einen leichten, unruhigen Schlaf, aus dem man ſich emporreißen kann, erwachen durch die Kraft des Willens. So auch der Schläfer hier, als ihm dieß geträumt. Er that ———————————————E—EEn . 8 — — 8 — ————— 140 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. einen tiefen Athemzug, er öffnete gewaltſam die Augen, er er⸗ wachte,—— er horchte, wie er oft in der Nacht that. Spiel⸗ ten denn ſeine Träume in die Wirklichkeit über, wie ſich vorher ſeine Gedanken in Träume verwandelt?— Konnte er ſich dießmal täuſchen?— Schlich nicht Jemand draußen auf dem Gange?———— Im Nu war Herr Blaffer aus dem Bette und ſtand mit verhaltenem Athem an der Stubenthüre. Oh! der Buchhändler war nicht ſo leicht zu überliſten! Schon lange ſchloß er ſeine Thüre nicht mehr feſt, damit das Geräuſch des Schloſſes ihn nicht verrathe, wenn er auf den Gang blicken wollte. Allabend⸗ lich löſchte er ſein Licht aus und dann zog er den Thürflügel ſo viel zurück, daß er durch die entſtandene Spalte hinaus ſchauen konnte. So war es auch heute Abend geſchehen, und als er zitternd vor Erwartung davor ſtand, ſah er genau daſſelbe, was ihm wenige Augenblicke vorher geträumt. Sie ſtand an ihrer Stuben⸗ thüre und von Licht und Glanz übergoſſen empfieng ſie den Ge⸗ liebten— den wirklich und einzig Geliebten. Das ſah man an dem innigen Blick ihres Auges, an dem Lächeln um ihren leicht geöffneten Mund, an dem Zittern ihrer Hand, die ſie ihm ent⸗ gegen ſtreckte und mit der ſie ihn alsdann haſtig zu ſich in's Zimmer zog.— Darauf ſchloß ſich die Thüre wieder— und der Riegel wurde vorgeſchoben.— Nein, er auf dem dunkeln Gange träumte nicht mehr, wie er wohl gehofft, wie er glaubte, denn er ſchlug ſich ſo lange vor die Stirn, bis ſie ihn ſchmerzte, er preßte die Hand krampfhaft auf die Bruſt und fühlte ſein Herz ſchlagen. Er wollte vorwärts ſtürzen und die Thüre mit einem Fußſtoß eintreten. Aber er beſann ſich eines Beſſern; der da drinnen war vielleicht ſtärker als er, und da er Rache nehmen wo wal dan in hin Dor Als hein und eine die Das Blit Dal und Tre⸗ den nied einz dand Vor hört Mäd Er zu e er it die unte ſtren nicht er er⸗ piel⸗ orher ſich dem pHmit ndler ſeine ihn bend⸗ flügel inaus ternd ihm üben⸗ 1 Ge⸗ un an leicht ment⸗ in’s d der Hange denn e, er Herz einem er da hmen Johann Chriſtian Zlaffer allein. 141 wollte, blutige Rache, ſo mußte er ſich eine Waffe ſuchen. Wo war etwas der Art im Hauſe? Er dachte eine Secunde nach, dann trat er in's Zimmer zurück, warf ſich mit ſieberiſcher Haſt in die Kleider und ſchlich auf den bloßen Füßen die Treppen hinab nach dem Magazine, deſſen Thüre er geräuſchlos öffnete. Dort in einer Ecke neben der Wage lag das große Packmeſſer. Als er das kalte Heft deſſelben ergriff, durchſchauerte es ihn un⸗ heimlich; er fuhr mit der andern Hand an die glühende Stirn und wiſchte ſich die Schweißtropfen davon ab. Auch bedeckte er einen Moment lang ſeine Augen, denn trotz der tiefen Finſterniß, die ihn umgab, gaukelten allerlei formloſe Geſtalten um ihn her. Das war ſein empörtes Blut, welches ihn auch Funken und Blitze ſehen ließ, die ſeinen Augen zu entſpringen ſchienen. Dabei hatte er das Gefühl, als wanke der Boden unter ihm, und als er nun doch vorwärts ſtrebte, dem Ausgang und der Treppe zu, ſchwankte er hin und her, und mußte ſich an den Wän⸗ den halten und zuweilen einen Augenblick ausruhen, um nicht niederzuſtürzen. Von ſeinen verwirrten Sinnen blieb nur ein einziger klar und thätig— das Gehör. In ſeinen wildeſten Ge⸗ danken, mitten in den qualvollſten Anſtrengungen des kraftvollen Vorwärtsſtrebens lauſchte er angeſtrengt—— und jetzt—— hörte er abermals ſchleichende Tritte. Ja, das war er, dem das Mädchen die Thüre geöffnet; er mußte es ſein.— Und doch! Er ſammelte einen Augenblick ſeine zerſtörten Gedanken, um ſich zu erinnern, wo er ſich befinde, und als ihm klar wurde, daß er im Magazine ſei, wußte er auch im gleichen Augenblicke, daß die Tritte, die er hörte, aus ſeinem eigenen Schlafzimmer her⸗ unter tönten und nicht aus dem ihrigen.— Er horchte ange⸗ ſtrengter.— Er vernahm ein leiſes Klirren;— ja, er irrte ſich nicht: droben wurde ein ſchweres Schloß geöffnet.— Herr des 142 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. Himmels! das ſeiner Kaſſe. Er zuckte aus ſeiner horchenden Stellung empor, er ſtrebte die Thüre zu erreichen, und als er gerade auf den Gang hinaus wollte, vernahm er, daß droben ein Fenſter geöffnet wurde. Unwillkührlich wandte er den Kopf und blickte auf die untern Fenſter, die von dem Magazin auf den Hof gingen und mit denen ſeines Schlafzimmers correſpondirten. Da ſah er, wie ſich von oben ein Körper langſam herab bewegte: es war ein Mann, der ſich an einem Stricke herunter ließ.— „Räuber! Räuber!“ ſchrie Herr Blaffer, ſo laut er konnte. Dabei ſtürzte er gegen das Fenſter, riß es auf und da in dieſem Augen⸗ blicke der Körper eines Menſchen, eines Diebes, gerade vor dem⸗ ſelben ſchwebte, ſo ſtieß er demſelben mit aller Kraft das große Packmeſſer in den Leib, worauf der vor dem Fenſter augenblick⸗ lich den Strick losließ und dröhnend zu Boden fiel. Leider ließ ſich Herr Blaffer darauf verleiten, dem Fallenden nachzublicken, aber nur eine Secunde lang ſtreckte er ſeinen Kopf zum Fenſter hinaus. Dann taumelte er von einem furchtbaren Schlage auf denſelben getroffen in das Zimmer zurück, wo er regungslos liegen blieb——— Der Lehrling hatte droben zitternd in einem Winkel ſeiner Dachkammer geſeſſen. Mehrmals war er aufgeſprungen und im Begriff, herunter zu eilen, doch jedesmal hielt ihn eine große Angſt zurück. Er war ſicher, ſobald er auf den Gang hinaus träte, augenblicklich zu Boden geſchlagen zu werden. Wohl hatte er vernommen, daß Jemand das Schlafzimmer des Principals verlaſſe,— wahrſcheinlich Herr Blaffer ſelbſt, der ſich in das Magazin hinunter begab. Später hörte er andere Tritte, die ſich in dem Schlafzimmer verloren; vielleicht war der Buch⸗ händler wieder herauf gekommen. Ein Fenſter wurde geöffnet enden als er proben Kopf uf den dirten. wegte: eß.— Dabei Augen⸗ r dem⸗ 3 große eublick⸗ llenden n Kopf htbaren wo er l ſeiner und im e große hinaus hl hatte ineipals in das tte, die Buch⸗ geöffnet Johann Chriſtian Blaffer allein. 143 und kurze Zeit darauf war es die Stimme des Principals, welche „Räuber! Räuber!“ rief. Jetzt eilte Auguſt auf den Gang hinaus und wollte die Treppen hinab, als er unten im Hauſe flüſternde Stimmen ver⸗ nahm: die ſeiner Schweſter und die eines Mannes. Was war das? Von all' dieſem Räthſelhaften überraſcht, blieb er oben an dem Geländer ſtehen und horchte. Zwei Perſonen ſchlichen die Treppen hinab, durch den Gang nach der Hausthüre, und darauf vernahm er deutlich, wie dieſe letztere zugezogen wurde. Er hörte das Schloß zuſchnappen, dann war Alles todtenſtill im Hauſe.—— Langſam, auf jeder Stufe ſtehen bleibend, ſtieg nun der Lehrling die Treppe hinab. Die Stille in dem Hauſe war ihm fürchterlich.— Endlich gelangte er in die Küche, neben welcher die alte Magd in einem Verſchlage ſchlief. Sie hatte von dem Lärmen nichts gehört und war ſchwer zu erwecken. Auguſſt hatte die Thüre vorſichtig hinter ſich geſchloſſen und erſt als er Licht angezündet und die Magd bereit war, ihm zu folgen, wagte er ſich wieder in den Gang hinaus. — Die Thüre des Magazins ſtand offen und in demſelben lag Herr Blaffer am Boden, ſchwer athmend, doch ohne äußere Ver⸗ letzung. Der Schlag auf den Kopf hatte ihn betäubt, doch kam er bald wieder zu ſich, und als er ſich des Geſchehenen erinnerte, als ihm all das Schreckliche einfiel, welches geſchehen, preßte er beide Hände gegen ſeine Schläfe und eilte zähneknirſchend in das Haus hinauf, um über die Größe des angerichteten Unglücks in's Klare zu kommen. Dieß konnte nun nicht größer ſein und war für ihn nieder⸗ ſchmetternd. Die Thüre zu Mariens Schlafzimmer ſtand offen, ſte ſelbſt war verſchwunden. Mit wankenden Schritten kehrte er in ſein Zimmer zurück und wagte es kaum, ſeine geöffnete Kaſſe —————————— 4 144 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. . mit ſcheuem Blick zu betrachten: ſie war leer,— er war ein w ruinirter Mann, und man hatte ihm Alles, Alles geſtohlen. ni 1 Als am andern Morgen die Polizei, von dem Vorfall in F Kenntniß geſetzt, ſich an Ort und Stelle begab, hatte es der ge 1 Chef derſelben für wichtig genug gefunden, ſich ſelbſt dorthin u äl verfügen, um in ſeinem Beiſein die Local⸗Inſpection vornehmen S — zu laſſen. Herr Blaffer, den die ſchrecklichen Vorfälle auf das ſei Bett geworfen hatten, ſagte ohne Rückhalt was er wußte. Auguſt ſp dagegen hatte ſich vorgenommen, Einiges, wie zum Beiſpiel den etn Beſuch des Herrn Brander, die Geſchichte mit den Ducaten, ſo⸗ we 4 wie das Oeffnen der Hausthüre, als unwichtig zu übergehen. zog Doch waren der Polizeidirector, namentlich aber ſein erſter Er 8 Secretär, nicht die Leute, denen eine Perſönlichkeit, wie der hir blonde Lehrling, im Stande geweſen wären, Etwas zu ver⸗ und ſchweigen. Auguſt wurde in die Enge getrieben, und als ihm Pa der Präſident mit angefaßter Naſe, die er zornig bald rechts bald für links zog und ſie alsdann drohend in die Höhe ſchnellen ließ, daß 6 8 auseinanderſetzte, daß es ein wahres Verbrechen ſei, der Polizei wel Etwas zu verheimlichen, berichtete er die ganze Geſchichte, ja er jet wurde gezwungen, am Schluſſe weinend den Namen des Herrn eine 4— Beil anzugeben, als den Freund, den er erwartet. auf Man kann ſich denken, daß Herr Blaffer über ſeinen ehe⸗ Sat maligen Commis das Schlimmſte ausſagte, was namentlich den Polizeipräſidenten veranlaßte, ein genaues Signalement des Herrn Fen 1 Beil aufzunehmen,— eine Sache, die bei der auffallenden Kör⸗ und 8 perbeſchaffenheit deſſelben nicht ſchwer war. Auf Daß bei dieſer Local⸗Inſpection die Fenſter, durch welche züge 4 1 V ſich der Dieb herabgelaſſen, ſowie der Hof auf s Genaueſte unter⸗ beth ſucht wurde, brauchen wir wohl nicht zu ſagen. Auf dem weichen geöf V Boden des letztern fand man übrigens genaue Spuren von den, zu er 4 e ar ein all in es der hin zu ehmen if das Auguſt iel den n, ſo⸗ gehen. erſter die der. u ver⸗ ls ihm .s bald n ließ, Polizei Ja er Herrn i ehe⸗ ich den welche unter⸗ weichen an dem, Johann Chriſtian Zlaffer allein. 145 was hier vorgefallen. Man ſah, niedergeſtürzt war, man bemerkte Blutſpuren und rings herum Fußtritte, welche deutlich anzeigten, daß mehrere Perſonen d geweſen, den Gefallenen aufgehoben und über die niedrige Mauer auf die Straße geſchafft hatten. Der ganze Boden war mit ſchweren Stiefelabſätzen zertreten, und als ſich einer der Polizeibeamten in ſeinem Geſchäftseifer das Vergnügen machte, mehrere dieſer Fuß⸗ ſpuren der Länge und Breite nach zu meſſen, entdeckte er zufällig ein Papier, welches faſt ganz in die feuchte Erde hinein getreten war. Da bei dergleichen Geſchichten Alles von Wichtigkeit iſt, ſo zog er es ſäuberlich hervor und händigte es dem Secretär Seiner Excellenz ein. Dieſer entfaltete es behutſam, warf einen Blick hinein und ſein trockenes Amtsgeſicht ſtrahlte darauf vor Freude und Ueberraſchung.—„Euer Excellenz,“ ſagte er, als er das Papier dem Präſidenten überreichte,„hier für meine Behauptung, die daß hier ein menſchlicher Körper d iſt der deutliche Beweis ich ſchon lange Zeit aufzuſtellen wagte, daß nämlich in hieſiger Stadt eine wohlorganiſirte Bande beſteht, welche von mächtiger Hand und, man kann es nicht läugnen, bis jetzt mit großer Umſicht geführt wurde. Dieſes Papier enthält eine Inſtruction über den hier verübten Einbruch, in der Alles auf das Genaueſte vorgeſehen iſt. Wenn es nicht eine ſo ſchlechte Sache beträfe, ſo würde ich es außerordentlich nennen.“ Die Naſe Seiner Excellenz hatte ſich gerade nach dem oberen Fenſter gerichtet, doch fieng er ſie mit einem gewandten Griffe ein und zog ſie auf das zerknitterte und beſchmutzte Papier herab. Auf dieſem ſtand mit ſehr undeutlichen und verwiſchten Schrift⸗ zügen Folgendes:„Zwei, Sechs, Acht und Zehn ſoll ſich dabei betheiligen, ſie umſtellen das Haus, während Eins durch die geöffnete Thüre eintritt. Der Bewußte iſt bereit, das Mädchen zu entführen; er erhielt Gelder und Papiere und wird nicht ein⸗ Hackländer, Europ. Selavenleben. IV. 10 Vierundſtebenzigſtes Kapitel. geholt werden. Geräuſch an ihrer Zimmerthüre muß den Andern hervorlocken. Foreirt er die Thüre, ſo muß ihn der junge Menſch auf ſich nehmen, bis das Geſchäft drüben beendigt iſt.— Es ſoll keine Gewalt angewandt, vielmehr, wenn ſich Hinderniſſe finden, die ganze Sache verſchoben werden.“ „Da iſt kein Zweifel mehr,“ ſagte der Präſident mit großer Wichtigkeit, als er geleſen, und fügte hinzu, nach⸗ dem er ſich rings umgeſchaut:„Vor allen Dingen gilt es nun, über die ganze Geſchichte ein unverbrüchliches Stillſchweigen zu beobachten. Unſere Leute ſind durch ihren Eid gebunden; der Buchhändler wird ohnedieß nicht darüber ſprechen, und was den jungen, angehenden Taugenichts anbelangt, ſo wollen wir den ein wenig in Gewahrſam nehmen.— Das iſt eine Sache,“ wandte er ſich mit leiſer Stimme an ſeinen Secretär,„die reif⸗ lich überlegt ſein will und klug eingefädelt. Hauptſächlich muß uns Alles daran gelegen ſein, den Aufenthalt des gewiſſen Beil zu erfahren, damit wir den faſſen können.“— Der Präſi⸗ dent unterſtützte bei dieſen Worten ſeine Rede pantomimiſch da⸗ durch, daß er mit ſeinen fünf Fingern die eigene Naſe umſpielte und ſte dann plötzlich und unverſehens ergriff. Der Secretär aber ſpitzte wohlgefällig ſeinen Mund, ſchloß dabei die Augen und ſein angenehmes Lächeln ſchien ſagen zu wollen: O der iſt uns ſicher! ſpielte r aber ad ſein ſicher! Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. General und Präſident. Vielleicht hat der geneigte Leſer noch nicht vergeſſen, daß man von dem königlichen Adjutantenzimmer gerade vor ſich einen Flügel des Schloßbaues ſah,— denſelben, nach deſſen Fen⸗ ſtern Graf Fohrbach, ſowie ſeine jungen Kameraden zuweilen ihre Beobachtungen anzuſtellen pflegten. Der erſte Stock dieſes Baues war, wie wir ebenfalls wiſſen, von Seiner Excellenz, dem General⸗Adjutanten Baron von W., bewohnt, einem alten Herrn, deſſen Bekanntſchaft wir auf der Soirée des Kriegs⸗ miniſters Excellenz gemacht. Der Baron hatte ſeine großen Eigenthümlichkeiten, und eine, für die königlichen Adjutanten gerade nicht angenehme, beſtand darin, daß er ſtundenlang an einem Fenſter ſeiner Woh⸗ nung ſaß und mit einer Lorgnette die Umgebung des Schloſſes, die An⸗ und Abfahrenden, Fußgänger und Reiter beobachtete. Es war gerade, als führte der alte Herr darüber ein Journal, denn wenn er zufällig etwas entdeckte, was nicht jeden Tag 10* Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. vorkam, ſo vergaß er das niemals und wußte es ſpäter hei einer Hoftafel, einem Ball oder dergleichen immer ſo anzubringen, daß irgend Jemand darüber in Verlegenheit kam, oder doch in den Fall, ſich entſchuldigen zu müſſen. Viele ſuchten die Urſache dieſer bösartigen Schwatzhaftigkeit Seiner Excellenz in dem Alter deſſelben oder in der Einſamkeit, in der er ſeine meiſten Stunden verbrachte, denn Kinder hatte er keine, und mit der Baronin, ſeiner Frau, ſo munkelte die böſe Welt, lebte er auf gar keinem vertraulichen und mittheilſamen Fuße. Die älteren Herren bei Hofe aber, die ihn noch von der Zeit her kannten, wo er als Adjutant des hochſeligen Königs fungirte, nannten ihn, wenn ſie allein waren, einen boshaften Affen, deſſen einziges Ver⸗ gnügen es von jeher geweſen ſei, die Leute unter einander zu verhetzen, überall Zwietracht zu ſäen und ſich dann händereibend an den unangenehmen Scenen zu erfreuen, die er angeſtiftet. Wenn man übrigens die alte Excellenz ſah, wie ſie ſo mit gekrümmtem Rücken dahin ſchlich, die Hände hinter ſich haltend, in der Rechten eine goldene Tabatiere, die ſie mit zitternden Fingern beſtändig drehte, leiſe und vorſichtig dahin gleitend, um kein Aufſehen zu erregen, von einem Salon in den andern, und dazu das ſpitze, gelbe, vertrocknete Geſicht, die lebhaften, liſtigen Augen und die ſchwarze Perücke, ſo mußte man, nach dem Aeußern urtheilend, unbedingt der Anſicht Derer ſein, welche den General für einen Schleicher hielten und ihm nichts Gutes zutrauten. Bei den jüngeren Adjutanten und Ordonnanz⸗Offizieren galt er überdieß für einen Hofwetter⸗Propheten, und alle be⸗ haupteten ſteif und feſt, wer von ihnen den Baron drüben des Morgens vor dem Rapporte in ſeiner weißen Nachtmütze am Fenſter erſcheinen ſehe, der habe unbedingt im Laufe des Taͤges den in, tem bei als enn mit end, iden um und ligen dem elche zutes jeren e be⸗ n des e am Täges irgend eine Unannehmlichkeit zu erwarten. Und dieſe boͤſe Vor⸗ bedeutung konnte nur paraliſirt werden, wenn ſich zufälliger Weiſe auch die Baronin ſehen ließ. Denn daß die arme Frau der gute Geiſt des Hauſes ſei, die Schönheit, Liebenswürdigkeit und Grazie in Perſon, darüber waren nicht blos die jüngeren und älteren Herren, ſondern, was viel ſagen will, ſelbſt die alten Hofdamen einig. Die arme Frau führte aber bei ihrem Tyrannen ein be⸗ klagenswerthes Leben. Faſt täglich berichteten die Adjutanten einander über Scenen, die es drüben gegeben, und wenn man gerade nichts ſah, ſo hörte man öfters die ſchrille Stimme des Baron, oder entnahm einen vorübergegangenen Sturm aus allerhand kleinen Anzeichen. Man bemerkte dann die ſchöne Frau mit verweinten Augen, man ſah ſie in ihrem Coupé aus⸗ fahren, wobei auf ſeinen Befehl die grünen Vorhänge deſſelben feſt herabgezogen waren. Der General wußte übrigens ganz genau, daß man ihn vom Schloſſe aus beobachte, und deßhalb hatte er ſchon öfters wochenlang ſeine Fenſterläden feſt verſchloſſen gehalten. Doch konnte er ſich nicht entſchließen, die andere Seite ſeiner Wohnung zu beziehen, denn es war ihm, wie ſchon früher bemerkt, ein Bedürfniß geworden, die Ein⸗ und Ausgänge des Schloſſes vor Augen zu haben. Es war kurz vor der Carnevalszeit und der Major von S hatte den Dienſt in dem königlichen Vorzimmer. Er ſtand vor dem ſchon oft erwähnten Fenſter, neben ihm Graf Fohrbach, und das Geſpräch war unter Anderem auf die Bewohner des Schloßbaues gekommen, und beide Herren ergingen ſich in ähn⸗ lichen Betrachtungen, wie wir ſie Eingangs dieſes Kapitels unſeren Leſern mitgetheilt haben. enerat und Prüſident. 149 Fünfundſtebenzigſtes Kupitel. „Es muß da drüben in her letzten Zeit etwas vorgefallen n,“ meinte der Major.„Du haſt auch wohl davon gehört?“ „O ja. Aber im Hauſe ſelbſt iſt nichts paſſirt; du meinſt die Geſchichte auf dem neulichen Hofconcerte.“ „Ja, aber ich weiß ſie nicht genau. Ich hatte an dem Tag den Dienſt und war ſehr dankbar dafür, daß es uns freigeſtellt zu gehen. Ich zog begreiflicher Weiſe ſei wurde, zu bleiben oder das Letztere vor.“ „Ich dagegen war glücklich, daß man mich eingeladen,“ lachte der Graf. „Das glaube ich. Du durfteſt ſchmachtend die Augen nie⸗ wieder öffnen; du durfteſt dir mit vielſagen⸗ derſchlagen und ſie Schnurrbart kräu⸗ dem Blick durch das Haar fahren und deinen ſeln, du durfteſt hüſteln durch alle Nuancen.“ „Allerdings. Aber trotzdem ſah ich, was ging und bin geneigt, dir darüber zu rapportiren ich fuhr mit Steinfeld hieher. Der arme Kerl, viele Jahre ab⸗ weſend, war aus allen Bekanntſchaften heraus und mußte ſich eben erſt bei Hof erſcheinender bei Hofe vor⸗ .— Du weißt, — vorſtellen laſ Kammerherr. Honneurs bei Hofe.“ „Da fiengſt du bei dem jüngſten Ehrenfräulein an; ich en wie ein neuer, Nun, ich ſorgte für ihn und machte ihm die kann mir das denken.“ „Im Gegentheil. Ich ſparte Eugenie faſt bis zuletzt auf, aber du hätteſt ſeine großen Augen ſehen ſollen, als wir nun zurücktraten und ich ihm zuraunte:„ Fohrbach.“ „Hm!“ machte der Major.„Aber die Geſchichte.“ Der Graf ſah ihn einen Augenblick fragend an, doch kannte er ihn zu genau, um ſich die vergebliche Mühe zu machen, ihn Das iſt die künftige Gräfin auf, nun jräfin annte ihn General und Präſident. 151 wegen des„hm!“ zu befragen.—„Endlich alſo,“ fuhr er fort, „ſuchte ich Hugo auch der Baronin von W. zu präſentiren. Ich hatte ſie zu Anfang des Concertes geſehen, dann aber war ſie mir aus den Augen verſchwunden. Nun, ich präſentirte Stein⸗ feld ihrem Manne, dem alten General, und bat ihn um die Er⸗ laubniß, meinen Freund der Baronin vorſtellen zu dürfen.— Meine Frau, ſagte er, klagt über Kopfweh und zog ſich in die hinteren Zimmer zurück.— Wir ſuchten ſte alſo auf.“ „Das hätteſt du nicht thun ſollen. Eine ſo kluge Frau wie die hat immer ihre guten Gründe, wenn ſie ſich aus dem Cercle zurückzieht. Sie wollte vielleicht von Jemanden nicht geſehen ſein.“ „Du könnteſt Recht haben; aber ich bin noch nicht alt genug, um alle dieſe Nuancen des Hoflebens zu verſtehen.— Nun alſo, wir fanden ſie, ich ſtellte Hugo vor—“ „Und die Baronin erſchrack vielleicht?“ „Nein, die Baronin erbleichte nur, wenn man das bei ihrem ohnedieß blaſſen Teint ſagen kann. Aber Steinfeld er⸗ ſchrack, fuhr zuſammen, drückte krampfhaft meinen Arm und kam ſo aus aller Contenance, daß ich mich mit meiner bekannten Geiſtesgegenwart,— die auch du kennſt,“ ſetzte er lächelnd hinzu, —„in das Gefecht werfen mußte, um mit meinem Vorgeſtellten nicht eine totale Niederlage zu erleben.“ „Und ſein Erſchrecken war auffallend?“ „Ungeheuer. Die kleine U., die daneben ſtand, machte ein langes, überraſchtes Geſicht.“ „Und der alte General war in der Nähe?“ „Der Teufel führte ihn gerade daher, oder vielmehr der Herr Herzog, denn dieſer brachte ihn in dieſem ungeſchickten Moment in die hinteren Zimmer.“ „Das iſt eine räthſelhafte Geſchichte,“ meinte der Major, 8b— .„„ —— 152 Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. indem er den rechten Arm gegen das Fenſter lehnte und den Kopf darauf ſtützte.„Und haſt du auch gehört, wie man behaupten will, daß der General harte Worte zu ſeiner Frau ſagte?“ „Etwas davon vernahm ich ſchon; begreiflicher Weiſe zogen wir uns zurück, deßhalb konnte ich an der Thüre nur verſtehen, daß der General zu ſeiner Frau ſprach: Madame, wir fahren nach Hauſe!“ „Vielleicht hat er auch weiter nichts geſagt, denn du weißt, wie in der Welt jedes Wort auseinander gezerrt wird. Die kleine U. war bei meiner Frau und wollte Allerlei gehört haben, von Einverſtändniſſen, die die ganze Welt merken müſſe und die er, der General, ſchon entdecken wolle.“ „Unter uns geſagt, Steinfeld erſchien mir höchſt merk⸗ würdig. Er war wie verwandelt, wollte Niemand mehr ſehen, ſprach nicht mehr, und kurze Zeit nachher war er verſchwunden. —— Aber jetzt habe ich dir dieſe intereſſante Geſchichte erzählt, dafür bezeige dich dankbar und ſage mir, warum haſt du vorhin hm! gemacht, als ich von der zukünftigen Gräfin Fohrbach ſprach?“. Der Major lachte laut auf.„Man kann ſich bei dir nicht genug in Acht nehmen,“ ſprach er;„ich glaube, du controlirſt ſogar meine Mienen.“ „Weil die immer etwas zu bedeuten haben, und weil du obendrein hm! machteſt, und hinter deinen Hms ſſeckt immer etwas.“ 3 „Es ſteckt eigentlich nichts dahinter,“ entgegnete der Andere mit ernſterem Tone.„Aber wenn man ſo ſeine Brautſchaften Freunden proclamirt, da muß auch Alles in Ordnung ſein, glatt und eben und der Altar in Sicht.“ ————— opf dten gen hen, bren eißt, eine von er, erk⸗ hen, den. ichte haſt äfin icht lirſt l du imer dere fften glatt General und Dräſident. „Nun, bei Gott!“ erwiederte einigermaßen verdrießlich der Graf,„ich ſehe auch keine großen Steine mehr im Wege. Eu⸗ genie und ich—“ „Ihr ſeid einig, das wiſſen wir,“ ſagte der Major mit einer Handbewegung gegen ſeinen Freund.„Mama werden auch über den mangelnden Reichthum der Braut hinweg ſehen, auch ſind der Herr Kriegsminiſter ein guter Vater; aber vergiß nicht, daß deine Heirath in hohen Kreiſen etwas mißliebig angeſehen wird, und wenn Seine Excellenz einen tüchtigen Wink erhält, ſo könnte es kommen, daß man dich avaneirt, daß du Major würdeſt und als Anhängſel zu irgend einer Geſandtſchaft geſchickt.“ „Zum Henker! du ſiehſt immer ſchwarz,“ rief der Graf. „Ich weiß wohl, du meinſt, der Herzog machinire gegen mich. Nun, ich glaube wohl, daß er trotz allen fehlgeſchlagenen Ver⸗ ſuchen noch nicht den Muth verloren hat.“ „Ich ſehe nicht ſchwarz, lieber Freund,“ erwiederte der Major.„Aber ich kenne mein Terrain, und läugnen wirſt du mir nicht, daß der Herzog auf Tod und Leben in das ſchöne Mädchen verliebt iſt. Sie iſt arm, aber von ſehr gutem Hauſe; ihn ſelbſt verheirathet zu ſehen, iſt der ſehnlichſte Wunſch der Herzogin. Meinſt du, es ſei am Ende nicht möglich, daß ſich der Herzog ſeiner Mutter declarirt und Eugenie zu ſeiner Frau macht, da ſte ihm nichts Anderes ſein will.“ Graf Fohrbach blickte mit dem Ausdruck eines großen Schre⸗ ckens auf das Geſicht ſeines Freundes, ob dort nicht ein lächeln⸗ der Zug den Scherz verrathe. Aber die Züge des Letzteren blie⸗ ben vollkommen gleich und ernſt. „Ich habe keine Idee,“ ſagte er,„daß dieß ſo kommen könnte, aber wie die Verhältniſſe nun einmal liegen, ſollſt du als Verliebter die Sache nicht ſo leicht nehmen, ſondern alle Schrau⸗ — ———“ Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. ben anziehen, um baldigſt zu einem Ziele zu gelangen.—— Mich hat,“ fuhr der Major nach einer Pauſe fort, während der Graf Fohrbach nachdenkend zum Fenſter hinaus geblickt,„die Wette, welche dir der Herzog neulich proponirt, verletzt, ja er⸗ ſchreckt.— Mach' mir keine Einreden in Betreff Eugeniens. Ich kenne die große und auch feſte Seele dieſes Mädchens; aber ſie ſteht auf glattem Boden.— Ja, ich ſage es offen, nur ein Narr proponirt dergleichen Wetten, ohne irgend welche Ausſicht auf Erfolg. Und ein Narr iſt der Herzog gerade nicht.“ „Nun, dieſe Ausſichten ſind gering,“ verſetzte nach einem tiefen Athemzuge lächelnd der Graf.„Da lies dieß Billet; ich erhielt es geſtern von Eugenien.“ Der Major nahm das dargereichte zierliche Briefchen, ent⸗ faltete es und las:„Wie leid thut es mir, daß ich deinen Wunſch ſo ohne alle Schwierigkeiten erfüllen kann. Ich bin für den Mas⸗ kenball zu einer der Ecuyeèren Ihrer Majeſtät ernannt, und da ich mit den beiden andern Damen Achſelbänder in einer der Far⸗ ben des angenommenen Wappens tragen ſoll, weiß, grün und Gold, ſo ward es mir leicht, die erſte Farbe für mich zu wählen. O, wie ſie mir lieb iſt, da ich weiß, daß du ſte gerne ſiehſt.“— „Ja, das iſt recht ſchön und es freut mich,“ ſprach der Major, nachdem er geleſen. „Und das iſt noch nicht Alles,“ entgegnete der Graf, indem er ſich dem Freunde näherte und die Stimme dämpfte, als fürchte er unſichtbare Ohren in dem leeren Zimmer.„Eugenie will mit der Frau Herzogin ſprechen, und, im Falle dieſe uns gnädig ge⸗ ſinnt iſt, ebenfalls an ihrem Hute eine weiße Schleife tragen.“ „Nun, Gott gebe ſeinen Segen dazu,“ ſagte der Major. Dann zog er ſeine Uhr hervor und fuhr fort:„Nimm mir nicht übel, Eugen, ich habe einen Fremden anzumelden. Wenn du no eir err dir ha zu Lel Sch mic rück Säl liſpe dahr zu e war näck brac zwiſe Ecke prall direc „We „den Siche a er⸗ Ich er ſie Narr auf einem ich zunſch Mas⸗ und da r Far⸗ in und dählen. t. 1— Major, indem fürchte oill mit dig ge⸗ gen.“ Major. ir nicht genn du General und Präſtdent. 155 noch ein Bischen verziehen willſt, ſo ſetz' dich nieder und nimm ein Buch, es dauert nicht lange.“ Der Graf hatte ſein Billet ſorgfältig wieder eingeſteckt und erwiederte lachend:„Ich danke dir herzl ich; nur die Luſt, mit dir ein paar Worte zu ſprechen, hielt mich hier zurück. Ohnedieß habe ich ja morgen wieder die Ehre, ein Sclave dieſer Räume zu ſein. Deßhalb will ich mich heute meiner Freiheit freuen.— Leb' wohl!“ „Heute Abend ſehen wir dich?“ fragte der Major. „Natürlich!— Und deine Frage veranlaßt mich, das Schloß ſchleunig zu verlaſſen. Gott der Gerechte! man könnte mich am Ende wieder zu einer W Lhiſtpartie da behalten wollen.“ Mit dieſen Worten ging er fort, der Major blieb allein zu⸗ rück, nahm eine ſehr wichtige Miene an, drückte Schärpe und Säbelkuppel ceiht, und erwartete auf und ab ſchreitend die liſpelnde Meldung des Kammerdieners.* Als der Graf das Schloß verlaſſen hatte und über den Hof dahin ſchritt, ging er ſehr langſam und ſchaute lange rückwärts zu einem Fenſter hinauf, an welchem ſich Blumen befanden. Dort war leider heute nichts ſichtbar als eben nur dieſe, und das hart⸗ näckige Hinaufſchauen hätte den Grafen beinahe in Schaden ge⸗ bracht, denn da er nicht auf ſeinen Weg blickte, gerietheer faſt zwiſchen die Pferde einer Equipagen die ziemlich raſch um die Ecke des Schloſſes herumkam. Erſt auf das Hoje! des Kutſchers prallte er auf die Seite, und erblickte das Coupé des Polizei⸗ Narteis, der ihm lächelnd mit dem Finger drohte und zurief: „Welches Unglück, Graf Fohrbach, wenn ich Sie überfahren hätte.“ „Ein Unglück für uns Beide,“ erwiederte luſtig der Graf, „denn wie hätten das Euer Excellenz, verantwortlich für die Sicherheit der Einwohner, rechtfertigen können!“ Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. 2 Damit ging er ſeiner Wege, und der kleine Wagen des An⸗ dern beſchrieb einen Bogen auf dem weichen Sande des hintern Schloßhofes und hielt vor der Thüre des General⸗Adjutanten Baron von W. Da nun wir, geneigter Leſer, Flaneurs vergleichbar ſind, die ſich nur da aufhalten und beobachten, wo ſie etwas Intereſ⸗ ſantes zu entdecken glauben, und es ſo unſere Pflicht iſt, Dieſen zu verlaſſen und Jenem nachzugehen, ſo wollen wir den Grafen Fohrbach ruhig ſeiner Wohnung zuſchreiten laſſen und der Equi⸗ page Seiner Excellenz folgen. Der Polizeidirector ſchien in dem Hauſe, wo er eintrat, er⸗ wartet worden zu ſein. Ein alter Bedienter in einer maulbeer⸗ farbenen Livree öffnete nach einer tiefen Verbeugung den Schlag, und zog dann eine Glocke, die im erſten Stock klingelte, ſobald der Präſident die Treppen hinanſtieg. Oben öffnete ihm ein ſchwarzgekleideter Kammerdiener die Glasthüre und führte ihn durch mehrere Zimmer in das Cabinet des Generals, rollte einen Fauteuil vor das lodernde Kaminfeuer und bat ihn, einige Se⸗ cunden zu verzeihen, indem Seine Excellenz gleich erſcheinen wür⸗ den. Der Präſident ließ ſich nieder, rieb ſich die Hände vor dem Feuer, befühlte darauf taſtend ſeine Naſe und blickte ſchmunzelnd in die lodernden Flammen. Alle Kammern ſeines Gehirns waren mit Räubern und Mördern angefüllt, und ſein Geiſt beſchäftigte ſich ſeit mehreren Tagen nur noch mit dem uns bekannten Einbruch, den er hin und her beleuchtete, Fäden daraus herzuleiten ſuchte, durch deren Hülfe er in allerlei ſchauerliche Schlupfwinkel dringen könne, und mit denen er die gefürchtete Räuberbande, die alſo doch wirklich exiſtirte, zu umgarnen hoffte. Während dieſer Betrachtungen blickte Seine Excellenz zu⸗ es An⸗ bintern ttanten r ſind, ntereſ⸗ Dieſen Grafen Equi⸗ at, er⸗ ulbeer⸗ Schlag, ſobald 2 1 hm ein rte ihn te einen ige Se⸗ in wür⸗ vor dem unzelnd 3 waren häftigte inbruch, mſuchte, dringen die alſo lenz zu⸗ General und Präſident. 157 weilen an der linken Seite ſeines Frackes herunter, wo ſich noch eine leere Fläche befand, wogegen das Knopfloch mit mehreren buntfarbigen Bändchen beſetzt war.„Man wird ſo große Dienſte zu belohnen wiſſen,“ dachte er bei ſich,„und ich nach Beendigung dieſer glorreichen Geſchichte nicht länger des Sterns zu entbehren haben, der mir ſchon lange gehört.“ In dieſem Augenblicke erſchien der alte General, und beeilte ſich ſo viel als möglich, den Polizei⸗Präſidenten auf ſeinem Fau⸗ teuil feſtzuhalten, denn dieſer ſchickte ſich an, mit einem Anfluge von Reſpectsgefühl in die Höhe zu fahren.—„Aber alter Freund, welche Geſchichten!“ rief kopfſchüttelnd die militäriſche Excellenz. „Sitzenbleiben.— Parbleu! Gerade thun, als wenn man zu Haus wäre.— Alle Hagel! wenn man ſich auch nicht viel ſieht, ſo bleiben doch die freundſchaftlichen Gefühle zwiſchen uns die⸗ ſelben, he!“ Was nun das lange nicht geſehen haben anbelangte, ſo hatte der General vollkommen Recht, war aber ſelbſt die Urſache, daß er ſich mit ſeinem früher ſehr intimen Freunde, damaligen gehei⸗ men Rathe, jetzt Polizei⸗Präſidenten, etwas brouillirt hatte. Er hatte ihm auch einſtens eine ſeiner kleinen Bosheiten zugefügt, ſich eine giftige aber ſehr komiſche Bemerkung bei Hofe über ihn er⸗ laubt, freilich dadurch die Lacher auf ſeine Seite gebracht, aber den Freund von ſich zurückgeſtoßen. Das war nun allerdings nach und nach wieder ſo weit verglichen worden, daß ſich Beide in Geſellſchaften freundlich begegneten, auch wohl einen Rubber zuſammen ſpielten, aber eine eigentliche Vertraulichkeit hatte nie mehr ſtattgefunden. Deßhalb wunderte ſich denn auch der Poli⸗ zei⸗Präſtdent, als er am heutigen Morgen ein höchſt amicables Billet des Generals erhielt, mit:„Mein lieber Freund,“ anfan⸗ gend, und mit:„ſtets Ihr Getreueſter,“ ſchließend, worin der⸗ A——— 158 Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. ſelbe um den Beſuch des Polizei⸗Präſidenten bat, weil ihn leider 6 ein Unwohlſein ſelbſt verhindere, auszugehen. fü Nach dem Ausſehen des Generals war Letzteres ſehr glaub⸗ 4 6 6 würdig; ſeine Wangen waren, wenn möglich, noch eingefallener als ſonſt, ſein Gang gebückter, und nachdem er dem Präſidenten 5 beide Hände geſchüttelt, ließ er ſich wie erſchöpft auf einem gegen⸗ li über ſtehenden Fauteuil nieder.„Ma foi!“ ſagte er,„man wird ſß alt; doch Sie ſcheinen nichts davon zu ſpüren, ſehen in der That vortrefflich aus, wie vor zwanzig Jahren, als ich ebenfalls noch ke im Dienſte war. Vraiment, Präſident, die Ruhe iſt ein Unglück, ſch Sie bleiben geſchmeidig wie polirt, während ich einroſte. Enün, was will man machen? Das iſt der Lauf der Welt.“ k „Euer Excellenz ſollten nicht ſo ſprechen,“ erwiederte der un Andere ſeufzend.„Ich will über meine Geſundheit nicht klagen, Che aber das kann ich Sie verſichern: mein gutes Ausſehen iſt eigent⸗ Sie lich nur Echauffement, Erregtheit. Glauben Sie mir, dieſe be⸗ ſtändigen Arbeiten, die Laſt, die auf mir liegt, drückt mich lang⸗ d ſam zu Boden. Ich kann kaum aufathmen. Jetzt ruft man rechts, jetzt ruft man links. Nein, nein, Sie führen ein glücklicheres Leben, gibt beſchäftigen ſich nur mit angenehmen Erinnerungen, promeniren, reiten, kurz Sie thun, was Ihnen beliebt.“ war „Was an Ihrer Behauptung Wahres iſt, mon cher, das Ire wollen wir ſehen.— Ich habe mir nämlich vorgenommen, Ihnen nich einige Confidancen zu machen.“ fpre „Dem alten Freunde!“ erwiederte der Präſident halb ge⸗ mich rührt, wobei er ſeine Naſe tief herab zog und aufwärts blinzelte. der „Dem alten Freunde— ja,“ ſagte der General, und fuhr dann mit ſehr ſcharfem Tone fort:„eigentlich mehr noch dem das: Polizei⸗Präſidenten.“ leider glaub⸗ allener denten gegen⸗ n wird r That s noch nglück, Enfin, rte der klagen, eigent⸗ jeſe be⸗ ) lang⸗ rechts, Leben, heniren, er, das Ihnen alb ge⸗ linzelte. ad fuhr öch dem Der Andere ließ erſtaunt ſeine Naſe los, welche, ſich frei fühlend, augenblicklich in die Höhe ſchnellte. Seine Augen drück⸗ ten großes Erſtaunen aus, weßhalb der General hinzuſetzte: „Comprenez, mon enfant, dem Polizei⸗Präſidenten. Par ce qu'il est mon ami.“ Hierauf hüſtelte er in ſich hinein, po⸗ lirte dann den Deckel ſeiner goldenen Schnupftabacksdoſe und bot ſeinem Gegenüber eine Priſe an. Doch bedankte ſich der Präſident, denn er hatte einen wah⸗ ren Abſcheu vor dem Schnupfen, ja, ſeine Naſenflügel zitterten ſcheinbar entrüſtet ob dieſer Zumuthung. Dagegen aber ſchnupfte der General für Zwei, und nachdem er ſich den Taback aus dem dünnen Schnurrbart gewiſcht, Cra⸗ vatte und Morgenrock geſäubert, ſagte er:„Eh bien, ich bin ein alter Soldat, und gehe gerade darauf los. Nur, bitte ich, mon cher, daß Sie mir einige Aufmerkſamkeit ſchenken mögen.— Sie wiſſen, es gibt in jeder Familie einen Hacken, den man nicht gern anſchaut, an dem man ſich ſtoßt, den man nicht wegbringen kann, und der unſern guten und lieben Menſchen Veranlaſſung gibt, alles Böſe daran aufzuhängen.“ Der Präſident nickte ſchweigend mit dem Kopfe. „Meiſtens,“ fuhr die alte Excellenz fort,„ſind es Anver⸗ wandte, die Einem Kummer bereiten, oder gottloſe Kinder, falſche Freunde, Ungnaden von oben herunter, aber Alles das habe ich nicht. Ueberhaupt kann ich in meiner Carrière von Unglück nicht ſprechen, j' ai fait rapidement mon chemin, mein Vermögen ließ mich Alles mitmachen, ich lebte glücklich und zufrieden, bis mich der Teufel plagte, und ich eine Frau nahm.“ „Oh!“ machte der Präſident.„Sie ſpaſſen, General.“ „Soll mich—— wenn ich ſpaſſe; d'honneur! es iſt das mein blutiger Ernſt. Sehen Sie, Präſident, damals hätten wir General und Präſtdent. 159 FA——— Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. Beide nicht ſo weit von einander ſtehen ſollen. Ich weiß, daß Sie es immer gut mit mir meinten; Sie wären aufrichtig gewe⸗ ſen und hätten mir geſagt: mon vieux, crois-moi laß' das Heirathen bleiben. Nun, man hat mir wohl dergleichen unter die Naſe gerieben, aber Mademoiſelle war ſehr ſchön, ich ein verblen⸗ deter alter Narr— enſin! Darüber läßt ſich nichts mehr ſagen, es geſchah mit meinem Willen, voilà tout.“ Der Präſtdent wußte nicht, was er bei dieſer Erklärung für eine Miene machen ſollte. Er fühlte wohl, daß der General in manchen Dingen Recht habe, aber wenn Jemand ſich ſelbſt Grob⸗ heiten ſagt, ſo kann man ihm doch unmöglich darin beiſtehen. Der Chef der Polizei fühlte ein Jucken oben an ſeiner Naſe, und um dieſen Kitzel zu befriedigen, ſenkte er ſie tief herab,— das Beſte, was er thun konnte, denn dieß gab ihm ein Ausſehen von Nachdenken, von gerührter Theilnahme, weßhalb ihm dann auch der General die Hand auf den Arm legte und fortfuhr: „Laſſen Sie ſich das gar nicht anfechten, theuerſter Freund. Wie geſagt: wir ſind darüber hinaus. Nichts von Leidenſchaften, nichts von Klagen, nur eine ruhige Beſprechung.“ „So ſei es,“ entgegnete der Präſident, und dabei ſtreckte er dem General mit einer ziemlich wehmüthigen Geberde ſeine Hand entgegen.—„Alſo eine Beſprechung.“. „Zum Freunde, aber auch zum Chef der Polizei.“ „Beide hören.“ „Sie kennen meine Frau,— eine ſchöne Frau, vraiment, die Welt ſagt auch, eine geiſtreiche, liebenswürdige, charmante Frau, kurz, die Welt, die ſonſt gern Böſes ſpricht, macht mit mei⸗ ner Gemahlin eine ſeltene Ausnahme.“ „Und dießmal, glaube ich, hat die Welt Recht,“ wagte der Präſident zu ſagen. , daß gewe⸗ 5 das ter die erblen⸗ ſagen, ung für eral in Grob⸗ iſtehen. ſe, und — das den von in auch Freund. chaften, reckte er ie Hand raiment, armante mit mei⸗ agte der General und Präſident. 1 1 61 Ein bitteres Lächeln flog über die Züge des Generals; nichts deſtoweniger aber fuhr er ruhig fort:„Da aber von eben dieſer böſen Welt eine Familie, ein Haus nie ungerupft davon kommt, ſo iſt auch in dem meinigen ein böſes Princip, ein fin⸗ ſterer Geiſt, Schatten neben Licht; und dieſer Schatten bin ich.“ „Wie kann man nur ſo Etwas denken!“ ſprach ſcheinbar entrüſtet der Präſident, und knipste dann ſeine Naſe, ſo daß ſich dieſelbe wie erſchrocken abwandte.„Nur nicht dergleichen Grillen, lieber Freund. Die Welt kennt Sie, achtet und liebt Sie.“ „Amen!“ ſagte höhniſch der General.„Das iſt mir auch von der Welt ſehr gleichgültig. Doch gehen wir weiter. Meine Frau alſo, dieſer Engel der Sanftmuth, Aufrichtigkeit, Ehrb keit und was man Alles will, hat mir ar⸗ von jeher Veranlaſſung zu— nun, wie ſoll ich ſagen?— zu Mißtrauen gegeben. An⸗ fänglich kämpfte ich es nieder: ich ſchämte mich vor mir ſelber. Was mir Alles verdächtig erſchien, kann ich nicht ſagen, ein Blick, ein Wort, ein Brief, eine ſeltſame Bekanntſchaft, Vieles war vielleicht folie et pure imagination de ma part, mais— mir ward immer klarer, in dem Leben meiner Frau ſei etwas Unge⸗ höriges, ſie ſei ſich einer Schuld gegen mich bewußt, ſie habe mir Etwas zu verbergen.“ „Aber lieber Freund,“ entgegnete der Polizei⸗Präſtdent mit ſanfter Stimme,„nehmen Sie mir nicht übel: da iſt freilich viel Phantaſie im Spiel. Das Leben der Baronin hier in dieſem Hauſe liegt ſo klar und offen da, ihr ganzes Betragen iſt durch⸗ ſichtig wie Kryſtall.— Alle Wetter!“ fuhr er mit einem ſchein⸗ baren Anfluge von Humor fort,„wir von der Polizei wiſſen mehr, als man glaubt. Wir ſehen in viele Intriguen hinein. Uns ſollte ein Ehemann fragen, wenn er ſeiner Frau mißtraut.“ „Dans ce cas!“ erwiederte ſpöttiſch der General,„würde er Hackländer, Europ. Sclavenleben. IV.— 11 “. * 2—2——— 162 Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. — viel erfahren. Wir ſind ja unter uns, mon cher. Gehen Sie mir mit der Allwiſſenheit Ihrer Polizei. Ihr ſeht nur das, was auf V der Oberfläche iwimmt; tief hinein wagt ihr eure Naſe nicht zu 3 ſtecken.— Au nom de Dieu, je vous prie, was Sie vom jetzigen 8 h Leben meiner Frau ſagen, mag ſehr wahr ſein, aber ich denke an die Vergangenheit. Von da her zieht ſich durch ihr Weſen ein 8 6 finſterer Ton, ein ſchwarzer Faden, den ſie nicht abbrechen kann, den ſie beſtändig mit Geiſt und Liebenswürdigkeit zuzudecken ſucht, dem ich aber auf die Spur gekommen bin.“. „Sie erſchrecken mich.“ „Ich habe meine Frau eigentlich nie daran gehindert, aus⸗ zugehen, auszufahren, kurz, zu thun, was ihr beliebt. Wohl iſt es wahr, daß ich ein auffallendes Umhertreiben nie leiden konnte, und mich deßhalb zuweilen veranlaßt ſah, der beſtändigen Luſt meiner Frau, Beſuche zu machen, einen Zügel anzulegen. Ich geſtehe es, ich beſtand zuweilen, namentlich nach kleinen Scenen 1 unter uns, darauf, daß ſie das Haus nicht verlaſſe, und daß ſie b 1 gerade dann oft ausfuhr, machte mich aufmerkſam. Je 1' épiais.“ „Das war ſehr gefährlich, beſter General.“ „So beſuchte ſte eines Tags eins unſerer großen Magazine, 1 ließ ihren Wagen draußen halten, ging zur vorderen Thüre hinein, zur hinteren aber wieder hinaus, ſo daß meine Leute 1 glauben mußten, ſie ſei ſtundenlang mit ihren Einkäufen be⸗ V ſchäftigt.“ „Und das war ſte nicht?“ i „Que Diable! Sie hören ja, daß ſie den Laden verließ. Sie bediente ſich eines Fiakers und fuhr in eine kleine Straße. Sie L ſtieg an einem unſcheinbaren Hauſe ab, ging in den erſten Stock 1 S und ſah dort—“ aus⸗ l iſt inte, Luſt Ich eenen ß ſie ais.“ zine, hüre Leute be⸗ Sie Sie Stock „O General!“ „Sah dort— einen Knaben von circa ſechs Jahren, mit dem ſie ſich auf's Zärtlichſte unterhielt.“ „Einen Knaben.“— „Einen Knaben, den ſie in ihre Arme preßte, deſſen Geſicht ſte mit Küſſen und Thränen bedeckte, den ſie mit der Liebe einer Mutter an ſich drückte.“ „Mit der Liebe einer Mutter?“ „So iſt es, Präſident.“ „Teufel! Teufel! Aber General, Sie erzählen mir da eine Geſchichte, die mich ganz confus macht.— Ein Knabe;— was ſoll es mit dem Knaben? Wer iſt der Knabe?“ „Es iſt der ſchwarze Faden im Leben meiner Frau, von dem ich vorhin ſprach, voilà''affaire! Woher der Knabe mit ſeiner 2 Wärterin ſo plötzlich erſchienen, je l'ignore complètement, ſo⸗ wie Sie, lieber Freund, der Chef der Polizei. Damals aber ſchon war ich im Begriff, mich an Sie zu wenden, ich wollte mich mit Ihrer Hülfe des Knaben bemächtigen.“ „Das war auch der richtigſte Weg, um Etwas zu erfahren,“ entgegnete der Präſident, der in dieſem Augenblicke ganz Polizei⸗ mann war. „Aber die Andern dachten Aehnliches,“ fuhr der General mit einem trockenen Lachen fort,„und plötzlich war Kind und Wärterin verſchwunden.“ „Sehen Sie, General, ſehen Sie,“ ſprach ernſt der Andere, indem er den Zeigefinger drohend erhob, und ihn dans an die linke Seite ſeiner Naſe drückte.„Hätten Sie Ihrer erſten Ein⸗ gebung gefolgt und uns von der Sache benachrichtigt, ſo wäre uns Wärterin und Kind nicht entwiſcht. Ah! wir hätten ein Wort mit ihr geſprochen; man hält ſich nicht ſo unbefugter Weiſe 11* „General und Präſtident. 163 * — 8 — ————— Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. 164 und ohne Erlaubniß in hieſtger Reſidenz auf; ich muß mir das ausbitten, ich, der Chef der Polizei.“ Ein leichtes Lächeln überflog bei dieſen Worten das ver⸗ trocknete Geſicht des alten Generals.„Die Sache läßt ſich wieder gut machen,“ meinte er nach einer kleinen Pauſe.„Wir haben die Spur des Knaben wieder gefunden.“ 2 1 C: 3 4 8 I. 5 ean 4 „Das iſt mir ſehr lieb,“ ſagte aufathmend der Präſident. „Es iſt ja für mich complekt unheimlich, von dergleichen Ge⸗ ſchichten zu hören, die unbemerkt von der Polizei getrieben wer⸗ den.— Nun alſo.“ „Offenherzig geſtanden hatten ſie den Knaben ſo gut ver⸗ ſteckt, daß wir ihn nimmer gefunden, wenn ſich nicht glücklicher Weiſe bei mir Jemand gemeldet hätte, der ſich anheiſchig machte, V mich für eine ziemliche Summe auf die Spur zu leiten.“— „Und— „Dieſer Jemand, natürlicher Weiſe ein mauvais suſet, iſt 6 im Hauſe. Ich habe ihn auf heute beſtellt, er kam und ſteht zu Ihrer Verfügung. Sie ſehen, beſter Präſident, daß Ihr Gang zu mir ſich vielleicht belohnen könnte. Man könnte dabei noch g allerlei auf die Spur kommen.“ „Und weiß dieß Subject, daß es vor mir, dem Polizei⸗ Präſidenten, zu erſcheinen hat 24 „Man hat ihm begreiflicher Weiſe nichts davon geſagt. Dien nous en garde!“ „Schön,“ ſprach der Andere mit großer Wichtigkeit, wobei er ſeine Naſe feſt zwiſchen die Finger einklemmte.„Laſſen Sie ihn erſcheinen, beſter General, ich werde auf den erſten Blick ſehen, wen wir vor uns haben.— Apropos! hat die Baronin von dieſen Schritten Kenntniß? Das heißt, verſtehen Sie mich ver⸗ licher ichte, Dien wobei Sie Blick ronin mich — General und Präſident. 165 vohl, kann ſie eine Ahnung davon haben, daß der Aufenthalt ihres— des Knaben,“ verbeſſerte er ſich,„abermals entdeckt iſt?“ »Une belle affaire, ma foi!“ meinte der General,„da würden wir abermals das Nachſehen haben. Davon ahnt ſie nichts. Vor kurzer Zeit noch aufgeregt, faſt ſieberhaft, iſt ſie ſen ruhig und ſicher geworden. Sie ſte ht ſich ungeſtört im Beſitz des geliebten Knaben.“ Bei dieſen letzten Worten preßte der Ge⸗ neral die Lippen auf einander, dann öffnete er die Thüre des Nebenzimmers, und ſagte dem Kammerdiener, welcher unter der⸗ ſelben erſchien, einige Worte. 8 Der li 91 Polizei⸗Präſtdent war aufgeſtanden, machte ein paar Gänge durch's Zimmer und dann ſtellte er ſich ſo in die Vertie⸗ fung des Fenſters, daß der dunkle Vorhang ſein Geſicht beſchattete Jetzt öffnete ſich die Thüre des Nebe azimmers wieder, und ein Mann trat herein, der, den Hut in der Hand, ſchüchtern und befangen auf der Schwelle ſtehen blieb. Es war eine ſchmächtige Geſtalt, und wenn wir dem geneigten Leſer zum Ueberfluſſe ſagen, daß er einen ſchwarzen Frack trug, ſcheu und ängſtlich um ſich blickte, und eine Faſſung dadurch erheuchelte, daß er ſeinen gelben Hemdkragen in die Höhe zog, ſo wird Niemand mehr im Zweifel ſein, daß es Herr Sträuber iſt, den wir vor uns haben. „Treten Sie näher,“ ſagte der General.„Ich ließ Sie zu mir bitten, um Ihnen zu ſagen, daß ich die verlangte Summe bewilligen will, Sie aber dabei anßfordere mir Ihre Ausſagen im Beiſein eines meiner Freunde zu machen.— Wollen Sie?“ Herr Sträuber warf einen ſchnellen Blick auf das Fenſter, an welchem der Präſident ſtand, doch deckte jetzt der Vorhang auch vollkommen die Geſtalt deſſelben. „Warum nicht!“ ſagte der Schuft nach einer kleinen Pauſe. „Doch was mir Eure Erlaucht, der Herr Graf, verſprach, meinen Fünfundſtebenzigſtes Kapitel Namen geheim zu halten, dieſe Bedingung wird der andere Herr auch wohl eingehen.“ „Natürlich,“ verſetzte der General⸗—„So ſprechen Sie. Sie wiſſen alſo, wo 85 bewußte Kind iſt?“ „Ich weiß es. „Begreiflicher Weiſe verlangen Sie zuerſt Ihr Geld und werden mir dann erſt den Aufenthalt nennen. Ich finde das 3 in Ihrer Stellung nicht mehr als billig, und habe darauf gerechnet. Hier zählen Sie dieſe Papiere durch.“ Herr Sträuber wollte einige höfliche Einwendungen machen, doch warf der General verächtlich ſeinen Kop empor und ſagte in beſtimmtem Tone:„Sie werden das Geld zählen und dann ſprechen.“ „Halt!“ miſchte ſich der Präſident aus ſeinem Verſteck heraus in's Geſpräch,„die Partie iſt zu ungleich. Wenn Sie dieſen— Herrn auch im Voraus bezahlen wollen, ſo wäre doch zu verlangen, daß er ſich über die Glaubwürdigkeit ſeiner An⸗ gaben einigermaßen legitimirt. Den Teufel auch! er könnte Ihnen da für ächtes Geld eine falſche Adreſſe geben.“ Für Leute wie der Herr Sträuber, mit einem ſchlechten Ge⸗ wiſſen, und bei dieſer Angeberei in einer begreiflichen Angſt lebend, iſt es immer unheimlich, eine Stimme zu hören, wenn man das dazu gehörige Geſicht nicht ſehen kann. Umſonſt ver⸗ ſuchte er es, hinter den Vorhang zu ſchielen, und er mußte ſich zu einer Antwort bequemen, da nun auch der General der Anſicht des Andern beitrat. „Und wie ſoll ich mich vor den Herren legitimiren?“ fragte zaghaft Herr Sträuber. „Auf die einfachſte Art von der Welt. Wenn Sie wirklich dem Aufenthalt des Kindes nachgeſpürt haben, ſo beſchäftigen Herr 2 önnte 1 Ge⸗ Angſt wenn t ver⸗ te ſich Inſicht fragte irklich iftigen General und Präſident. Sie ſich ſchon längere Zeit damit und werden alſo erſucht, uns zu ſagen, wo das Kind in hieſiger Stadt ſich früher befand und wie es an ſeinen jetzigen Aufenthaltsort kam.“ Herr Sträuber ſchluckte einige Mal und blickte verlegen zu Boden. Er drehte ſeinen abgegriffenen Hut zwiſchen den Fingern, und wenn ihm auch die angebotene Summe recht hübſch vorkam, und bereits ſehr erreichbar erſchien, ſo war ihm doch die aufer⸗ legte Verbindlichkeit nicht angenehm. Den jetzigen Aufenthalt des Knaben anzugeben, darin hätte er nichts Arges ge geſehen, na⸗ mentlich keine Verrätherei, vor der er ſich über alle Maßen ſcheute, aber wenn er von den früheren Vorfällen, jenen Knaben betref⸗ fend, ſprach, ſo mußte er auch die Wohnung des ſeligen Schwem⸗ f. mer nennen, ja er mußte eine gewiſſe Perſon auftreten laſſen, ine Perſon, bei der ihn ein tiefer Schauder überflog, wenn er nur an ſte dachte. Herr Sträuber beſchloß klug zu Werk zu gehen, deßhalb erhob er ſeine Augen, blickte den General ſo treuherzig an, als ihm nur möglich war, und ſagte:„Verzeihen mir Euer Erlaucht, Herr Graf, ſo war eigentlich die Bedingung nicht, unter welcher ich mich verpflichtete, aber da es dem andern Herrn ſchens 7 4 g u C 2 △̈ wünſe 5 enswerth er ſchein nt, ſo ſtehe ich gern zu Befehl.— Der Knabe, um den es ſich handelt, wohnte in der E.ſchen Straße, im Haus Numero zehn bei einer gewiſſen Frau Fiſcher, die ſeine Wärterin war.“ „Iſt das nicht vielleicht ſeine Mutter?“ fragte ſcheinbar unbefangen der General. Herr Sträuber lächelte eigenthümlich, als er antwortete: „Darüber habe ich keine Gewißheit; ſo viel ich erfuhr, war Frau Fiſcher die Wärterin.“ „Weiter.“ „Die Angehörigen des Knaben, die ich übrigens nicht kenne,“ ——— Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. fuhr Herr Sträuber fort,„fanden es nun mit einem Male an⸗ gemeſſen, denſelben verſchwinden zu laſſen.“ „Aus welchem Grunde?“ fragte der General. „Euer Erlaucht, ich weiß das nicht. Die Wärterin blieb in dem Hauſe Numero zehn wohnen, der Knabe kam durch die Vermittlung einiger Perſonen, die ich nicht kenne, in eine Privat⸗ Erziehungsanſtalt hieſiger Stadt, wo er es, wie ich vermuthe, ſehr gut hatte.“ „Richtig, c'est cela meme,“ ſagte nachdenkend der Ge⸗ neral.„Und aus dieſer Priyaterziehungsanſtalt verſchwand clandestinement das Kind eines Tags auf geheimnißvolle Weiſe, wie Sie mir ſelbſt ſagten.“ „Wo war dieſe Privaterziehungsanſtalt?“ fragte der Polizei⸗ Präſident. Herr Sträuber huſtete verlegen, zupfte an ſeinen Vatermör⸗ dern und entgegnete nach einem kleinen Stillſchweigen:„Die gnä⸗ digen Herren werden mir vielleicht den Namen dieſer Anſtalt er⸗ laſſen; dieſelbe war auf gegenſeitige Verſchwiegenheit gegründet, auch kann der Name hier nichts zur Sache thun, da der Eigen⸗ thümer dieſer an ſich vortrefflichen Anſtalt vor kurzer Zeit ſtarb, tief betrauert von ſeinen Pfleglingen.“ Bei dieſen Worten trat der Polizei⸗Präſident raſch aus der Fenſterniſche hervor, und als er ſich dem Herrn Sträuber ge⸗ nähert, ihm feſt in das Geſicht geſehen, ſchien Dieſen alle Geiſtes⸗ gegenwart zu verlaſſen, ſeine Knie knickten zuſammen, und ſeine ohnedieß ungeſunde Geſichtsfarbe wurde fahl und bleich. Er hatte augenblicklich den Chef der Polizei erkannt, und ihn überſchlich plötzlich die Idee, er ſelbſt ſtehe hier an einem ſonderbaren Le⸗ bensabſchnitte. Der Präſident wechſelte einen Blick mit dem General, dann an⸗ mör⸗ gnä⸗ t er⸗ ndet, igen⸗ tarb, s der r ge⸗ iſtes⸗ ſeine hatte chlich n Le⸗ dann —— General und Präſtdent. wandte er ſich an den ſo auffallend Erſchreckten und ſagte mit ruhiger aber ſehr ernſter Stimme:„Der würdige, vor kurzer Zeit verſtorbene Vorſteher jener Privaterziehungsanſtalt hieß Schwem⸗ mer und war“— das Folgende ſprach er zum General—„einer der abgefeimteſten Spitzbuben, die je hieſiger Stadt gelebt. Dabei ſchlau wie der Teufel, wußte er beſtändig durch hzuſchlüpfen, und gewährte nie eine Handhabe, woran man ihn faſſen konnte. Er hielt allerdings eine Kleinkin nderbewahranſtalt, doch war dieß geſchiff nur der Deckmantel für andere, und wir ſind feſt über⸗ zeugt, daß in jenem Hauſe die gleichen Zuſammenkünfte gehalten wurden, wie in dem bekannten Fuchsbau.“ Herr Sträuber zuckte. —„Und daß eben dieſer Schwemmer und ſein Weib Heh⸗ lerei, Betrug, Kuppelei im Großen betrieben.— Ah! wahrhaf⸗ tig, wir ſind auf der richtigen Fährte, alle Fäden in meiner Hand.“— Dabei faßte der Präſtdent ſanft ſeine Naſe und g ſie zog abwärts, ſo daß ſeine Augen bequem die Stelle auf dem Frack erblicken konnten, wo noch immer der gewiſſe Stern fehlte. Herr Sträuber hatte ſich ziemlich raſch wieder von ſeinem Schrecken erholt. Er heuchelte ein großes Erſtaunen, preßte beide Hände unter ſeinem Hut zuſammen, und ſagte mit großer Schlau⸗ heit, während er die Achſeln zuckte:„Das hätte ich nimmer ge⸗ dacht. Mir wurde das Haus als ganz reſpektabel geſchildert, ſonſt hätte ich meinen Fuß nie hineingeſetzt. Beim Himmel! welche Verlegenheiten kann man unſchuldiger Weiſe kommen. Ich ging nur dorthin, um mich nach dem Knaben zu erkundigen. Wenn ich bedenke, mein ehrlicher Name hätte Schaden leiden können!“ Der Präſident huſtete bedeutungsvoll und zwinkerte dem General aus den Augenwinkeln ſo ſchnell zu, daß der Andere, 8 — 2 —— 170 Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. der gerade zerknirſcht zu Boden ſchaute, es nicht ſah.„Von dem, was Sie ſagen, ſind wir vollkommen überzeugt,“ ſprach der Chef der Polizei.„Wer ſteht den Leuten in's Herz. Beruhigen Sie ſtreng unter uns; fahren Sie ſich, was wir verhandeln, bleibt habe wahrhaftig nicht mehr viel aber in Ihrem Berichte forty ich Zeit zu verlieren.“ Einen Augenblick zauderte der Angeredete, doch hielt der General wie abſichtslos das Papier mit den Banknoten in die Höhe, und es war das wie eine Angel mit trefflichem Köder, auf welche Herr Sträuber zuſchnappte und ſich daran verbiß.—„Der Knabe alſo war bei dieſem verruchten Schwemmer, und ich er⸗ fuhr, daß es dem Kinde dort nicht gerade beſonders gefiele, es gewaltſam zurückgehalten wurde, konnte aber nichts Böſes dabei ahnen, denn ich hielt den Knaben für ein unartiges Bürſch⸗ lein, Herrn Schwemmer aber für einen Biedermann. So kann — Ja, ſogar als ich man ſich irren, meine gnädigen Herren. daß daß erfuhr, daß dem Knaben nachgeforſcht würde, vermuthete ich 3 Böſes, und ich geſtehe offenherzig, nur die Hoffnung noch nichts Böſes, auf einen großen Gewinn bewog mich, mit den Leuten, die jenem Und ſo kam Kinde nachforſchten, in Unterhandlung zu treten.— ich vor Seine Erlaucht, den Herrn Grafen.“ „Faſt iſt es ſo, doch eine andere Lesart. die Spur jenes Kindes ſuchen, vraiment, ſich mir an, und ich trug kein Wodurch dieſer Herr erfuhr, ich laſſe ich weiß es nicht. Genug, er bot Bedenken, ſeine Hülfe anzunehmen.“ „Das iſt an ſich auch gleichgültig,“ ſagte der Präſident. „Jetzt haben Sie nichts weiter zu thun, als mit wenigen Worten Ihr Geld zu verdienen.“ „Und dann läßt man mich ruhig meiner Wege ziehen?“ fragte Sträuber vorſichtig. 8n dem, der, auf „Der dich er⸗ 28 ele, daß 2 1215„ 8 Böſes So kann r als ich thete ich Hoff fnung die jenem ad ſo kam irch dieſer vraiment, trug kein Präſident. n Worten ziehen? 4 raſchtes Geſicht zu verbergen, angelegentlich mit ſeiner Naſe be⸗ General und Präſident. 171 „Wer wird Sie halten?“ verſetzte der General trot des bedeutſamen Huſtens ſeines Freundes.—„Sie geben die Anreſe hier iſt das Geld und Sie verlaſſen unkkräntt das Haus. Je vous en donne ma parole.“ Der Präͤſident zuckte mit den Achſeln und riß ungeduldig an ſeiner Naſe. „Euer Erlaucht,“ ſprach Herr Sträuber offenbar befriedigt, nwiſſen Sie Schilderſtraße. Am Ende derſelben, faſt wo ſie in die Wallſtraße mündet, befindet ſich ein großer Brunnen mit Einem Rohr. Dieß Rohr zeigt gerade auf ein kleines Haus Nu⸗ mero ſechsunddreißig. Dort iſt der Knabe.“ „Und wem gehört das Haus?“ * „Das kann ich nicht ſagen. Ich weiß nur ſoviel, daß er dort bei ſeiner ehemaligen Wärterin, der Frau Fiſcher, wohnt, und ſich unter der Aufſicht eines Mannes befindet, der ihn unter⸗ richtet, kutz, eine Art Hofmeiſter fi.“ „Ich muß geſtehen,“ ſagte ingrimmig der General,„man ſorgt für den Buben wie für einen kleinen Pri nzen. Er muß par Dieu! eine vornehme Herkunft und reiche Beſchüt tzer haben.— Und etwas Näheres über den Mann, ſeinen Hofmeiſter, wiſſen Sie nicht?“ „Ich ſah ihn einmal mit dem Knaben ſpazieren gehen; es iſt das eine ſonderbare Perſönlichkeit, ſehr klein mit vollkommen ausgewachſenem Oütekörden und Kopf, aber mit ziemlich ver⸗ wahrlosten Beinen.“— Der Polizei⸗Präſtdent ſtand da wie vom Schlage getroffen. Genau ſo hatte Herr Blaffer das Signalement ſeines ehemaligen Commis angegeben. Sollten ihm vielleicht von dieſer unbekann⸗ ten Seite auf die Spur deſſelben geholfen werden?—„Faſſung! Faſſung!“ ſprach er zu ſich ſelber, wobei er ſich, um ſein über⸗ 8 — — — 8— n—. 1*— ſn 172 Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. ſchäftigte, die er auf allen Seiten ſtreichelte.—„Das muß ja ein Zwerg ſein,“ brachte er endlich ziemlich unbefangen hervor. „Faſt ſo,“ entgegnete Herr Sträuber.„Auf jeden Fall n komiſch genug, wenn man den martialiſchen Geſichtsausdruck des kleinen Mannes betrachtet.“ „Was kümmert uns der!“ ſprach ungeduldig der General. „Hier iſt Ihr Geld.“„Er reichte ihm das Paketchen, doch als Herr w Sträuber gierig darnach langte, zog es der General einen Zoll K zurück, wobei er ſagte: „Wenn es Ihnen genehm wäre, könnten Sie noch eine kleine K Zulage von circa fünfzig Gulden verdienen, oui, certes, cinquante ſa llorins. Ich bin nämlich überzeugt, ſeit Sie jenes Haus, den Aufent⸗ halt des Knaben entdeckt, haben Sie daſſelbe öfters umſchlichen und ter wiſſen genau, ob und wer ſonſt noch da aus und ein geht.— Fünfzig Gulden, Herr, für eine freundliche Mittheilung— pour un mot, zw Monsieur.“ Der Chef der Polizei ſtand da wie auf Kohlen, es brickelte der ihn in allen Gliedern. Vielleicht wußte dieſer Menſch auch den les Namen des ſogenannten Hofmeiſters. 18 Herr Sträuber ſchien eine Weile unſchlüſſig. Doch wollen wir dem geneigten Leſer geſtehen, daß er bedeutende Reiſeprojecte ger hegte und bei ſich dachte:„Fünfzig Gulden bringen mich ſchon einige Meilen weiter. Und im Uebrigen, was habe ich für Ver⸗ pflichtungen gegen Leute, die ich gar nicht kenne.— Allerdings,“ ſprach er laut, ſich gegen den General wendend,„umſchlich ich ele das Haus häufig, um mir Gewißheit zu verſchaffen.“ wei „Und es kamen Beſuche?“ ver „Zuweilen ein junger Mann, eine ziemlich hohe Figur, kon die ſchlank, in einen weiten Mantel gewickelt.“ „Que Diable! Was geht mich ein Mann an,“ rief unge⸗ ja ein v n Fall uck des zeneral. als Herr en Zoll ie kleine nquante Aufent⸗ chen und Fünfzig un mot, brickelte auch den ch wollen ſeprojerte nich ſchon für Ver⸗ erdings,“ ſchlich ich he Figur, rief unge⸗ General und Präſident. 173 duldig der General.—„Und vielleicht doche Wer kam ſonſt noch?“ „Auch eine Dame kam zuweilen in einem Wagen.“ Ah!—— 77 „Eine ſchöne junge Dame mit blondem Haar und einer weichen, angenehmen Stimme. Ich vernahm das, wie ſie dem Kutſcher ſagte, er ſolle in einer Stunde wieder kommen.“ Die Augen des Generals glühten wie die einer wilden Katze. Der Präſident biß ſich auf die Lippen und zuckte bedeut⸗ ſam die Achſeln. „Alſo die Dame hätten wir,“ ſprach der General mit zit⸗ „Jetzt intereſſirt mich auch der Mann.“ „Nicht wahr?“ rief eifrig ternder Stimme. der Präſident.„Der kleine, zwergartige Hofmeiſter.“ „Zum Teufel mit Ihrem Hofmeiſter! Ich meine den An⸗ untel.— Er war hoch und ſchlank?— Dunk⸗ les H aar?“ „Erlaucht werden mir verzeihen, es war gewiß blond.“ „Meinetwegen auch blond. Und um welche Zeit ging er gewöhnlich hin?— je vous prie.“ „Sehr unbeſtimmt. Meiſtens ſpät in der Nacht.“ „Aber dann war ſie nicht da!“ „Nur einmal, da kamen ſie mit einander in einem kleinen eleganten Wagen. Da war ſte ſehr reich gekleidet, ich glaube in weißer Seide mit Spitzen und Brillanten: ich werde das nicht vergeſſen, denn da der Wagen nicht dicht an's Haus fahren konnte, und es ziemlich ſchmutzig war, ſo trug ſte der Mann in die Hausthüre.“ Die Züge des Generals überflog bei dieſen Worten eine tiefe Röthe, die aber ſein graues Geſicht gelblich färbte. Seine 174 Fünfundſtebenzigſtes Kapitel. Augen ſtarrten vor ſich hin, und mit den Händen ſuchte er in den Taſchen ſeines Rockes umher, wobei er eine Handvoll zu⸗ ſammen geknitterter Papiere hervorbrachte, welche er dem Bericht⸗ arſtatter einhändigte. Beſorgt trat ihm der Chef der Polizei näher, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte:„Ruhig, mein Freund. Laſſen Sie das gut ſein, wir wollen unſere Schritte ſchon thun. Er⸗ lauben Sie mir nur einen Augenblick, dieſen Mann noch über den Hofmeiſter auszufragen. Das iſt eine Sache, die mich von meinem Standpunkte aus höchlich intereſſirt.“ Der General ſeufzte tief auf, fuhr ſich mit der Hand über die Augen, und als er mit dem Kopfe genickt, ließ er ſich auf einen Fauteuil niedergleiten, wo er in tiefem Nachſinnen zuſam⸗ men ſank. Eilfertig hatte Herr Sträuber ſein Geld eingeſchoben und wandte ſich mit einer tiefen Verbeugung nach der Thüre.„Noch einen Augenblick!“ rief ihm der Polizei⸗Präſident nach.„Was Sie von dem Hofmeiſter ſagten, intereſſirte mich. Wiſſen Sie vielleicht den Namen deſſelben?“ 1 „O za,“ entgegnete Herr Sträuber.„Es iſt ein ſonderbarer Name; ich hörte ihn, aber ich habe ihn wohl vergeſſen. Warten Euer Gnaden einen Augenblick— Herr Art— nein! Herr Meſſer— auch nicht— aber es iſt etwas Schneidiges dabei.“— „Herr Beil?“ ſprach erwartungsvoll der Präſident. „Richtig— Beil, ſo heit er. Ja wohl, Herr Beil, darauf können Sie ſich feſt verlaſſen.“ Bei dieſen Worten drückte ſich Herr Sträube er rückwärts zur Thüre hinaus und eilte, ſo viel er konnte, die Treppen hinab. Erſt als er auf der Straße angekommen war, athmete er tief auf, drückte mit der Hand an das Geldpacket, das er auf der Bruſt te er in oll zu⸗ Bericht⸗ ihm die Laſſen n. Er⸗ ch über nich von nd über ſich auf zuſam⸗ en und „Noch W „T as ſſen Sie derbarer Warten i! Herr bei.“— „darauf därts zur n hinab. tief auf, er Bruſt verwahrt hatte, und wandte ſeine haſtigen Schritte gegen den Eiſenbahnhof. Er dachte an eine angenehme Fahrt, an friſche Winterluft, vorüberfliegende Bäume und Häuſer und ein gutes Nachtquartier, wo er in der warmen Stube bei einem gewählten Nachteſſen ſitzen wolle, der Stadt, dem Fuchsbau, der Poltzei, ſogar ihm ein Schnippchen ſchlagen, und bei einem guten Glaſe Wein überlegen, was weiter zu thun ſei. So dachte Herr Sträuber, und ihm ahnte nicht, daß der⸗ weilen ein finſteres Verhängniß hinter ihm drein ſchreite.— Die ewige Gerechtigkeit,—— dießmal in blauer Uniform, mit einem dreieckigen Hut, unter welchem eine rothe ſpitze Naſe drohend hervorſah. Der Polizei⸗Präſident war an den Fauteuil ſeines Freundes getreten und hatte mit wirklichem Mitgefühl geſagt:„Beſter Ge⸗ neral, das iſt in der That eine verwickelte Geſchichte. Sie wollten mich vorhin nicht zu Worte kommen laſſen, als ich mich nach jenem Hofmeiſter erkundigte. Wie Sie hörten, that ich dieß aber doch, und die Auskunft, die ich erhielt, macht mich ſchaudern. So wehe es mir thut, kann ich es Ihnen doch nicht verſchweigen. Jener Hofmeiſter— Beil heißt er— iſt der Theilnahme an einem kürzlich verübten Einbruch dringend verdächtig, und iſt derſelbe jedenfalls Mitglied einer weit verzweigten Diebesbande, die in hieſiger Stadt ihr Unweſen trieb, der wir aber Gott ſei Dank! auf der Spur ſind, und die wir überraſchen und ſchonungslos aufgreifen müſſen.— Schonungslos ſage ich, und wir müſſen, ſo leid es mir thut, mit dem Hofmeiſter jenes Knaben anfangen.“ Hier ſchwieg der Präſident einen Augenblick, und erſt als der General achſelzuckend mit dumpfer Stimme entgegnete:„Thun Sie ſo, Sie haben Recht,“ fuhr er fort: „Dabei aber, beſter Freund, könnte vielleicht der Fall ein⸗ General und Präüſident. 175 Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. treten, daß man auch jenen jungen Mann, der dort zuweilen hingehen ſoll, in dem Hauſe anträfe.“ „Sie wollen ſagen: jene Frau,“ entgegnete zähneknirſchend der General. „Auch das wäre möglich, und es ſollte mir wahrhaftig leid thun,“ ſetzte der Präſident wie ſich entſchuldigend hinzu.„Doch könnte man dafür ſorgen, daß jene Dame nicht dort getroffen würde.“ „Im Gegentheil!“ rief der General mit funkelnden Augen, wobei er von ſeinem Stuhl in die Höhe ſprang.„Man ſoll ſie finden, au nom de Dieu! man ſoll ſie finden, et je m'en charge, prèsident. Bereiten Sie alles vor, das Haus zu durch⸗ ſuchen, aber warten Sie, bis Sie von mir zwei Zeilen erhalten. — Das wird gewiß heute noch geſchehen. Dann aber greift, was ihr findet, ohne Schonung, und haltet feſt, was da iſt. In dem⸗ ſelben Augenblicke werde ich mir allerhöchſten Ortes eine Audienz ausbitten—— point de ménagements je vous prie!“ Er reichte dem Polizei⸗Präſtdenten zum Abſchied die Hand, und dieſer, die Gemüthsſtimmung des Generals verſtehend, ent⸗ fernte ſich ſchweigend. uweilen irſchend ftig leid „Doch getroffen Augen, ſoll ſie je m'en u durch⸗ erhalten. lift, was In dem⸗ Audienz le Hand, nd, ent⸗ Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Achſelbänder. Gewöhnlich wurden jedes Jahr bei Hof zwei große Mas⸗ kenbälle gegeben. Es war das ſo herkömmlich, und wenn ſtch vielleicht auch Niemand beſonders dabei amuſirte, ſo ſah man dieſen Feſten doch mit einigem Intereſſe und Neugierde entgegen; es war eine Unterbrechung in dem beſtändigen Einerlei der Diners und Frühſtuͤcke, der Hofeoncerte und gewöhnlichen kleineren und größeren Bälle. Es fiel da meiſtens allerlei vor, worüber man ein paar Wochen lang ſprechen konnte, es gab da Coſtüme zu bewundern und zu bekriteln. Selbſt das Hofmarſchallamt, das bei dieſen Feſten Arbeit und Sorge genug hatte, liebte dergleichen ein paar Mal im Jahr; es war das, als wenn das Militär in neuen Anzügen, Waffen und Fahnen paradirt, ſo hier mit den beſten Livréen, den ſchönſten Sälen, prächtiger Beleuchtung und dem großen Silberzeug. Deßhalb glich auch ſchon mehrere Tage vor dieſen großen Bällen ein Theil des Schloſſes, nament⸗ lich der, wo ſich die Küchen befanden, einem Bienenſchwarme, Hackländer, Europ. Sclavenleben. IV. 12 Sechsundſtebenzigſtes Kupitel. 5 und wie in einem ſolchen ſummte es auch hier aus und ein. Die Küchenjungen glühten vor Eifer und Maulſchellen, die Schloß⸗ knechte liefen in einem beſtändigen Hundetrab hin und her, die geſetzteren Lakaien nahmen in den Gängen und Zimmern des Schloſſes noch verſtohlener als ſonſt ihre Puſe, und erinnerten ſich dieſes oder jenes Jahrgangs Carnevalbällen, wo Dieß und Jenes geſchehen war, meiſtens an und für ſich etwas ſehr Unbe⸗ deutendes, aber unvergeßlich für das Gemüth eines Hofbedienten, als zum Beiſpiel einer abgetretenen Schleppe, einer verſchütteten Sauee, einer allerhöchſten Naſe, dem Hofmarſchallamt geſpendet, oder dergleichen mehr. Gefährlich war es übrigens an dieſen Tagen in den Küchen ſelbſt und zwar an den Plätzen, wo der regierende Koch Hochſelbſt zu componiren und zu arbeiten pflegte. Dieſen Ort umſchlichen die Küchenjungen mit wahrem Grauſen und ſchätzten ſich glücklich, wenn ſie eine Caſſerole überbracht, ohne dafür einen Fußtritt oder eine Kopfnuß eingehandelt zu haben. In den Sälen wurden die Kronleuchter nachgeſehen, in den Nebenzimmern Buffets und Tiſche aufgeſchlagen, die Treppen mit Teppichen bedeckt, und das Alles von den höheren Hofbedienſteten auf's Sorgfältigſte überwacht. Sogar der Hofmarſchall war an dieſen Tagen ernſter als gewöhnlich, ſeufzte zuweilen, zog die Augenbrauen in die Höhe und dachte gern an jenen Moment, wo Alles glücklich vorüber ſein werde und wo ſich die höchſten Herrſchaften nach genug ertragener Langeweile müde, aber zu⸗ frieden in ihre Gemächer zurückziehen würden. Wenn auch in den übrigen Theilen des Schloſſes, die mit den feſtlichen Räumen in gar keiner Verbindung ſtanden, äußer⸗ lich an dieſen Tagen keine Veränderung wahrzunehmen war, ſo beſchäftigte man ſich doch auch hier mehr oder minder mit dem bevorſtehenden Feſte. Selbſt im Adjutantenzimmer wurde die Die loß⸗ die des erten und nbe⸗ nten, teten ndet, hieſen o der legte. auſen racht, aben. n den n mit ſteten ar an g die ment, chſten er zu⸗ ie mit iußer⸗ ar, ſo t dem de die — Achſelbänder. 129 Dominofrage verhandelt, ob Seine Majeſtät dieſes Jahr Höchſt⸗ ſelbſt vermummt erſcheinen werde und welche Farben man zu Ihrem Anzuge beſtimmen würde. Solche Geſpräche hörte der Leibkammerdiener mit einem unausſprechlichen Lächeln ang denn er allein wäre im Stande geweſen, die Herren über die Sache au fait zu ſetzen. Daß die eingeladene jüngere Generation ſich auf's Eifrigſte mit ihren Coſtümen beſchäftigte, brauchen wir wohl nicht erſt zu bemerken. Und da man an dieſem Tage große Geheimniſſe vor einander hatte und ſich gerne Ueberraſchungen bereitete, ſo waren die Garderoben der Herren und Damen, wo Schneider, Näherin und Kammerjungfer arbeiteten, für Uneingeweihte faſt hermetiſch verſchloſſen. Am Tage des Balles ſelbſt klärte ſich nun das wilde Ge⸗ treibe in den unteren Räumen des Schloſſes ſo ziemlich ab und es begann dort Stille und Ruhe zu herrſchen,— die drückende Stille vor einem Sturm. Selbſt die Küchenthrannen waren um⸗ gänglicher geworden: man mußte nun eben Alles gehen laſſen, wie es ging. An der fertigen Arbeit war nichts mehr zu ändern, ſelbſt die gewaltigſte Hand konnte nicht mehr die Speichen des Rades regieren, das unaufhaltſam den Berg hinab rollte. Nur in den oberen Räumen des Schloſſes wurde faſt noch emſiger ge⸗ arbeitet, als an den vorhergehenden Tagen, namentlich in den Garderoben der Hofdamen und Ehrenfräuleins der Frau Her⸗ zogin. Dieſelbe hatte ſich, wie ſie gern zu thun pflegte, eine kleine Ueberraſchung ausgeſonnen. Dem Feſt⸗Programme nach ſollte ſie mit ihren Damen erſt auf dem Balle zum Gefolge Ihrer Majeſtät ſtoßen. Daran änderte ſie nun freilich nichts, doch wollte ſie vorher maskirt erſcheinen und ſich ſelbſt mit den höch⸗ ſten Herrſchaften einige unſchuldige Späſſe erlauben. Sie hatte 12* 3 —— Fechsundſtebenzigſtes Kapitel. ſich das Coſtüm einer Zauberin gewählt und ihre Damen ſollten ſte als phantaſtiſch gekleidete Gehülfinnen oder vielmehr dienende Geiſter umgeben. Den Damen war dieſes Project erſt zwei Tage vor dem Ball und zwar mit dem allerhöchſten Wunſche der ſtreng⸗ ſten Geheimhaltung anvertraut und ihnen dabei befohlen worden, nach mitgetheilter Figurine ſchleunigſt für ihre Coſtüme zu ſorgen. Daran wurde nun auf's Emſigſte gearbeitet, und da es ein trüber, nebeliger Tag war, ſo hatte man in der Garderobe der Fräulein Eugenie von S. ſchon in früher Nachmittagsſtunde die Fenſtervorhänge herabgelaſſen und Lichter angezündet. Tiſche und Stühle waren mit ſeidenen und durchſichtigen Stoffen be⸗ deckt; geöffnete Cartons ſtanden auf dem Fußboden und zeigten ihren bunten Inhalt: künſtliche Blumen, Bänder, Federn. An einem Arbeitstiſche in der Ecke des Zimmers ſaßen zwei Mädchen, die einen langen Schleier von grauer Seidengaze vor ſich ausge⸗ breitet hatten und beſchäftigt waren, denſelben mit kleinen ſilber⸗ nen Sternen zu bedecken. Eins dieſer Mädchen war ſchlank und ſchmächtig, und ihr ſchmales, feines, etwas blaſſes Geſicht wurde von ſtarkem blondem Haar beſchattet. Die Andere, die um meh⸗ rere Jahre älter erſchien, war eine kräftige, derbe Perſon, ihr Geſicht hatte eine geſunde Farbe und es gaben ihm dunkle zalsb⸗ hafte Augen, ſowie etwas ſtark aufgeworfene Lippen einen luſti⸗ gen, ja etwas kecken Ausdruck. Die Blonde nähte eifrig darauf los, während ſich die Andere in den Stuhl zurücklehnte, den einen Fuß auf einen Schemel ſetzte und ſich die Arbeit wohlgefällig betrachtete. Sie hielt eine eingefädelte Nadel in der einen Hand, ſowie einen der ſilbernen Sterne in der andern, und meinte lachend, ſie möchte auch wohl eine vornehme Dame ſein und ſich einmal in ſolch' prachtvollem Anzuge in einem glänzend erleuchteten Saale bewegen. Achſelbünder. über ſeinen Käfig, damit er aufhört.— Was nun meine Heirath anbelangt, ſo iſt das eine kurioſe Geſchichte. Du weißt, Schatz — ich ſagte es dir ja damals— daß ich bei den Andern eine Verbindung hatte, natürlicher Weiſe ließ ich die fahren, als ich ein neues Leben anfieng. Doch that es mir recht leid und ich kann's immer noch nicht vergeſſen. Der Leiblakai will mich aller⸗ dings heirathen, aber er iſt ſo furchtbar zahm und geſchniegelt; er kämmt ſein Bischen Haar ſo glatt auf den Kopf und hat beſtändig ein wichtiges Geſicht.— So!“— Bei dieſen Worten machte ſie eine ſo komiſche Grimaſſe, daß die Andere eben laut auf lachen mußte.„Gewiß, Henriette,“ fuhr das ehemalige „Harfenmädchen fort,„glaub' mir, du biſt es allein, die mich zurückhält, und wenn du dich je einmal verändern würdeſt, ſo könnte ich mich allein damit tröſten, daß ich alsdann wieder in das Land hinaus zöge und laut in Feld und Wald ſänge: Im Döͤrfchen, nicht weit iſt's von hier, Da lag ich einmal im Quartier. Tralalalala— a.— . Da lag ich einmal im Quartier.“ Um Gotteswillen!“ bat die Andere beſorgt,„gleich wird das gnäb. de Fräulein kommen und ſich nach dem Lärmen erkun⸗ digen. Mach Irrt, mach' fort, wir haben noch viele Sterne aufzuheften.“ „Bah! du drohſt mir wie den kleinen Kindern. Das gnä⸗ dige Fräulein iſt gar nicht da, du weißt ſo gut wie ich daß ſie ausgefahren iſt.— Ich weiß auch wohin,“ fuhr ſie ſchelmiſch lachend fort. „Und wohin denn?“ „Zu der Frau Majorin von S. Es iſt dir bekannt, daß ich häufig da arbeite, und faſt jedes Mal, wenn ich da bin, kommt 184 Sechsundſtebenzigſtes Kapitel. auch dein gnädiges Fräulein.— Und gleich darauf, wie das Amen nach der Predigt—“ „Nun, was denn? Sprich nur weiter!“ „Gleich darauf fährt ein kleiner Wagen vor und der Herr Graf Fohrbach erſcheinen. Oder wenn er nicht herauf kommt, ſo reitet er wenigſtens am Hauſe vorbei. Aber das kennſt du gerade ſo gut wie ich.— Nicht wahr?———— Sage mir doch,“ fuhr ſie nach einigem Stillſchweigen fort, als die Andere keine Antwort gab,„weißt du, ob bald die Hochzeit ſein wird?“ „ Ich weiß von gar nichts,“ erwiederte Henriette beſtimmt. „Nun, ſo will ich dir's ſagen. Sie werden ſich heirathen mit dem früheſten Frühjahr und eine große Reiſe machen. Siehſt du, glückſelige Creatur, da darfſt du auch mit. Und ich— ich ſollte hier bleiben in der finſtern Stadt? Nein, liebe Henriette, das wirſt du nicht von mir verlangen. Glaube mir,“— dieß ſprach ſie mit auffallend ernſtem Tone—„ſo wehe es mir in dem Falle thut, dich zu verlieren, ſo freue ich mich doch auf den Zeitpunkt, wo ich meine Freiheit wieder erhalte.“ „Hat es ſo eben nicht geklopft?“ ſagte Henriette aufblickend. „Ich habe nichts gehört.“ „Doch, doch! es klopft wieder.“ „Richtig!— wer kann da kommen?— K ein!“ „Du biſt recht unvorſichtig,“ flüſte die Kammerjungfer. „Du weißt ja, wir dürfen für Niemand zu Haus ſein, Glück⸗ licher Weiſe habe ich den Riegel vorgeſchoben. Sieh, man be⸗ müht ſich vergeblich, die Thüre aufzumachen.“ Wirklich wurde von außen mehrmals an der Klinke gedreht, und als ſich das Schloß nicht öffnete, von Neuem geklopft. „Was machen wir?“ fragte Nanette.„Man hat uns jeden⸗ falls draußen ſprechen hören.“ da ung mit here drir und holl die klein ſo f um ſte z Aus ein „Je preß hin, jung eben keln gehü die l rung muß Achſelbänder. 185 „Glaubſt du?— Das wäre unangenehm.“ „Allerdings; deßhalb muß man wenigſtens nachſehen, wer da iſt. 4 „Aber es könnte Jemand ſein, der dem gnädigen Fräulein unangenehm wäre.“ „Wenn ich mich unter die Thüre ſtelle,“ entgegnete Nanette mit großer Beſtimmtheit,„ſo kommt nur herein, wen ich gerade herein laſſe. Ich wollte ſehen, wer gegen meinen Willen ein⸗ dringt.“ Damit erhob ſie ſich, warf den Kopf trotzig in die Höhe und ſprach mit lautem Tone, als ſich das Klopfen immer wieder⸗ holte:„Nur Ruhe da draußen; man kommt ſchon.“ Sie hatte die Thüre erreicht, ſchob den Riegel zurück und öffnete ſte ein klein wenig, um hinaus zu ſehen. Doch wurde nun von außen ſo ſtark daran gedrückt, daß Nanette ihre ganze Kraft brauchte, um nicht weggedrängt zu werden.—„Was ſoll denn das?“ rief ſie zornig.„Wer unterſteht ſich——“ Doch kam ſie nicht zu Beendigung dieſes Satzes. Mit dem Ausdruck des größten Schreckens, als habe ſte auf dem Gange ein Geſpenſt geſehen, fuhr das ſonſt ſo muthvolle Mädchen zurück. „Jeſus Maria!“ rief ſie, indem ſie die Hände auf das Geſicht preßte, dann ſchwankte ſie erſchrocken zurück bis zu ihrem Stuhle hin, auf den ſie lautlos niederſank. Die Thüre war offen ſtehen geblieben, und die Kammer⸗ jungfer, welche bei dem ſonderbaren Benehmen ihrer Gefährtin ebenfalls erſchrocken aufgeſprungen war, ſah auf dem halbdun⸗ keln Gange draußen eine Geſtalt, die in einen großen Mantel gehüllt war. Nur der Kopf derſelben war frei, und als ſie in die leuchtenden Augen ſchaute, ſtürmte eine ſchreckliche Erinne⸗ rung auch auf ſie ſo heftig ein, daß ſie ſich am Tiſche halten mußte.— Großer Gott!— ja, ſie erkannte den Blick, die ganze Sechsundſtebenzigſtes Kapitel. Geſtalt war ihr unvergeßlich, denn ſie hatte ſte oft in wilden Träumen vor ſich geſehen. Das waren die Augen, die ſie ernſt, aber nicht unfreundlich angeſchaut, das war der Arm, der ſie aufrecht erhalten, das waren die hohen, glänzenden Stiefel, welche ihre heiße Wange berührt hatten und deren Kälte und Glätte ſie wieder zum Bewußtſein erweckt. Die Geſtalt trat langſam in das Zimmer und wie ſie das that, erhob ſich das ehemalige Harfenmädchen mit dem Ausdruck des tiefſten Schreckens von ihrem Stuhle und ohne einen Blick von dem Eintretenden zu verwenden, zog ſie ſich langſam zum Fenſter zurück. Der im Mantel trat mit leichten Schritten bis in die Mitte des Zimmers vor und ſagte in gefälligem Tone zu der Kammer⸗ jungfer:„Bitte, die Zimmerthüre wieder zu ſchließen; ich wünſchte ein paar Augenblicke mit dir zu reden.“ Bei dieſen Worten huſchte Nanette eilfertig an der Wand ves Zimmers hin gegen die Thüre zu, vielleicht um dieſem Be⸗ fehle Folge zu leiſten, vielleicht aber auch, um aus der für ſie ſo entſetzlichen Nähe zu entwiſchen. Etwas der Art mochte ſich übrigens der Fremde auch denken, denn er wandte ſich langſam um, folgte den Bewegungen des Mädchens mit den Augen, und als ſie an der Thüre angekommen war, ſagte er mit ruhiget 44 Stimme:„Nur ſchließen und den Riegel vorſchieben.— So. Darauf machte er eine Handbewegung, welche Nanette unwill⸗ kührlich zwang, ihren Platz am Fenſter wieder einzunehmen. Als ſte wieder da angekommen war und der Schein des Lichtes auf ihr Geſicht ſiel, ſprach der Fremde lächelnd zu der Kammer⸗ jungfer:„So, ſo, du protegirſt und haſt die Gefährtin von da⸗ mals nachgezogen? Dagegen kann man nichts einwenden, es gefällt mir ſogar, nur hätte ich geglaubt, du würdeſt mir eine klein Freu man blick wied verge fort. ſich und zu ne thate geſſe halte zurü ſeine wied war grur es fi nich dir; Ver! bitte wilden ernſt, der ſie Stiefel, te und ie das sdruck Blick m zum Mitte mmer⸗ ünſchte Wand em Be⸗ für ſie zte ſich angſam en, und ruhiget So.“ unwill⸗ en. Als ztes auf ammer⸗ von da⸗ den, es nir eine Achſelbänder. 187 kleine Anzeige davon machen. Doch biſt du überhaupt keine Freundin von Berichten und dieſelben werden von Tag zu Tag mangelhafter.“ Das Mädchen zuckte bei dieſen Worten zuſammen und blickte auf den Boden. „Es iſt auch Zeit, daß ich mich in deinem Gedächtniß wieder einmal auffriſche; ich glaube, du hätteſt mich ſonſt ganz vergeſſen.“ „Nie! nie!“ hauchte das erſchrockene Mädchen. „Oder deine Verpflichtungen,“ fuhr der Andere lächelnd fort.—„Ah!“ ſagte er nach einer Pauſe, während welcher er ſich rings im Zimmer umgeſehen,„du zeigſt wenig Eifer für uns und man hat dich doch in eine Poſition gebracht, die angenehm zu nennen iſt. Es iſt aber das ſo der Welt Lauf, daß man Wohl⸗ thaten gern vergißt; aber Eines erſuche ich dich nicht zu ver⸗ geſſen, daß nämlich meine Hand über dir ſchwebt, daß ich dich halten kann oder dich tief hinab ſtürzen, zermalmen, in Nichts zurückſinken laſſen, wie es mir gerade einfällt.“ Damit hatte er ſeine Rechte langſam ausgeſtreckt, ſie geöffnet, und als er ſie nun wieder zuſammenzog, ſchauerte es den beiden Mädchen und es war ihnen gerade, als öffne ſich zu ihren Füßen ein finſterer Ab⸗ grund mit glattem, ſchlüpferigem Rande, wo hinein zu ſtürzen es für ſie nicht mehr als eines Lufthauchs bedürfe. „Doch genug,“ ſprach der Fremde in gefälligerem Tone, nich bin eigentlich nicht gekommen, dir Vorwürfe zu machen oder dir Mißtrauen zu bezeigen. Im Gegentheil, ich will dir mein Vertrauen beweiſen und dich ſogar um eine kleine Gefälligkeit bitten, die du mir nicht abſchlagen wirſt.“ „Ich ſtehe in Ihrer Hand,“ erwiederte Henriette, ohne —— —õꝛ 188 Sechsundſtebenzigſtes Kapitel. aufzublicken.„Das weiß ich wohl und muß Ihren Befehlen Folge leiſten. Sie können mich zwingen.“ „Ich möchte aber dießmal, daß du es freiwillig thäteſt. Auch verlangt man nichts Schlimmes von dir.“ „O wenn es mich beträfe, ſo würde ich mit tauſend Freu⸗ den Ja ſagen.“ Der Mann im Mantel warf faſt verächtlich die Lippen auf und verſetzte achſelzuckend:„Deine Perſon betrifft es nicht, nur deinen Dienſt.“ Das arme Mädchen fuhr zuſammen und warf einen ſchüch⸗ ternen Blick auf ihre Gefährtin. Der Fremde hatte dieſen Blick wohl bemerkt, er ließ lang⸗ ſam das eine Ende des Mantels von der Schulter herabgleiten, legte die linke Hand leicht auf den Griff ſeiner Waffe, die er heute wie damals trug, und ſagte, während er das ehemalige Harfenmädchen ſcharf anſchaute:„Nur unbeſorgt! Wir ſind Höre mich an.“ ganz unter uns. „Ich höre,“ entgegnete Henriette mit geſenktem Kopfe. „Heute Abend iſt ein Maskenball hier im Schloſſe. Der Hof wird gegen zehn Uhr da ſein, um welche Zeit ein kleines Maskenſpiel beginnt, welches von den hohen Herrſchaften arran⸗ girt wurde. Vorher aber wird ſich die Frau Herzogin mit ihren Damen noch einen kleinen Spaß machen und vermummt erſchei⸗ nen. Natürlicher Weiſe iſt auch deine Herrin dabei. Dort liegt ein Theil ihres Coſtüms.“ Er zeigte auf den Schleier mit den ſilbernen Sternen.„Bei dem Maskenfeſte aber iſt Fräulein Eugenie von S. eine der Ecuyeèren Ihrer Majeſtät. Ich ſehe dort ihren Anzug, das dunkelblaue Oberkleid mit den weißen Achſelbändern.— Iſt's nicht ſo?“ „So iſt es,“ brachte Henriette mühſam hervor. dich Gard nichts bring trenn er ein ab un gema Das er na hinte geſag begre es de dann rend Unbe Farbe daran entſte frühe fachſt nähſt ſobal verſta hefehlen thäteſt. Freu⸗ pen auf ſt, nur ſchüch⸗ lang⸗ gleiten, die er emalige pfe. 2. Der kleines arran⸗ it ihren erſchei⸗ 8rt liegt nit den Fräulein ſehe weißen Achſelbänder „Nun wohl— höre mich an. So viel ich weiß, wirſt du dich gegen zehn Uhr zum Umkleiden deiner Herrin in eine der Garderoben neben dem großen Saal begeben. Gut, daran wird nichts geändert. Ehe du aber den dunkelblauen Anzug dorthin bringſt, wirſt du die weißen Achſelbänder von demſelben los⸗ trennen und dafür dieſe hier aufnähen.“— Bei den Worten zog er ein kleines Paketchen unter dem Mantel hervor, riß die Papiere ab und reichte dem auf's Höchſte überraſchten Mädchen zierlich gemachte Achſelbänder, in Blau, Grün mit Silber.———— Das Ganze iſt eine Ueberraſchung für Fräulein von S.,“ fuhr er nach einer Pauſe lächelnd fort,„du mußt nicht denken, daß hinter meinen Befehlen immer etwas Gefährliches ſtecke. Wie geſagt, nur ein Scherz, eine Ueberraſchung. Du wirſt alſo wohl begreifen, daß deine Herrin davon nichts ahnen darf und haſt es denn auch ſo einzurichten, daß ſie die neuen Achſelbänder erſt dann ſieht, wenn ſie vollkommen angezogen iſt.“ „Aber wie iſt das möglich?“ fragte das Mädchen, wäh⸗ rend es die Hände zuſammen faltete. Trotz der Verſicherung des Unbekannten glaubte ſie doch nicht, daß die Verwechslung der Farben ſo gar wenig zu bedeuten habe, und zitterte, wenn ſie daran dachte, daß aus dieſem Tauſch Schlimmes für ihre Herrin entſtehen könnte. „Wie es zu machen iſt, daß Fräulein S. die Farben nicht früher entdeckt?“ meinte der im Mantel lächelnd.„Auf die ein⸗ fachſte Art von der Welt. Um die Achſelbänder zu ſchonen, um⸗ nähſt du ſie mit feinem Papier, welches du nur loszureißen haſt, ſobald Fräulein von S. vollſtändig angezogen iſt. Haſt du mich verſtanden?“ „Ja,“ ſagte das ſchmerzlich bewegte Mädchen. „So höre noch Eins. Wenn du dieſe Sache gut beſorgſt, — ——— Sechsundſtebenzigſtes Kapitel. ſo wird es mich freuen und ich will dein Schuldner ſein.— Hüte dich aber, Jemanden, es ſei, wer es wolle, davon zu ſprechen, auf welche Art der Tauſch der Achſelbänder vor ſich gegangen.“ I„Aber man wird mich darüber befragen, auf das Genaueſte befragen.“ „Daran zweifle ich nicht. Und dur wirſt antworten: dieſe Achſelbänder ſeien heute Abend geſchickt worden mit dem Befehl deiner eigenen Herrin, ſie ſtatt der weißen an das Coſtüm zu heften.“ Die Kammerjungfer ſchüttelte betrübt den Kopf.„Wenn dem ſo wäre,“ ſprach ſte,„ſo müßte ich doch mit dem gnädigen Fräulein darüber ſprechen, wenn ſie nach Hauſe käme und müßte ihr die neuen Achſelbänder zeigen.“ „Allerdings,“ verſetzte der Fremde,„das müßteſt du als vorſichtige Dienerin thun. Aber du wirſt heute Abend einmal unvorſichtig ſein, vergeßlich. Erſt wenn Fräulein von S. coſtümirt iſt, fällt es dir ein, daß du andere Achſelbänder aufgeheftet.— Haſt du mich verſtanden? 9 „O ich verſtehe Alles.“ „Nun, ſo verſtehe mich auch vollkommen und merke dir: es iſt mein Wille, mein Befehl, daß es ſo geſchieht, wie ich geſagt. — Glaube nicht, daß dich dieſe Mauern ſchützen, wenn du mei⸗ nem Befehl ungehorſam wäreſt.— Doch,“ ſetzte er mit weicher Stimme hinzu,„ich will dir keine Furcht einflößen, ich will mich an deine Dankbarkeit wenden, und von dieſem Gefühle in deinem Herzen bin ich überzeugt, daß es dir helfen wird, meinen Wunſch zu erfüllen.“— Er faßte bei dieſen Worten ihre Hand, mit welcher ſie ſich faſt gewaltſam am Tiſche feſthielt, und als ſie bei dieſer Berührung zuſammenfuhr, ſprach er mit einem angeneh⸗ men Lächeln:„Der kleine Dienſt, den du mir leiſten wirſt, ſoll dein ſcheit heute nie erfül gänz räthe ſchau lich l langſ dem wiede Henr über: daß d Sie n Schuf und 1 verme Straf hin er Kaſtel eine Nähe Stadt brunn Brund — Hüte prechen, angen.“ enaueſte n: dieſe Befehl ſtüm zu „Wenn gnädigen d müßte ſt du als dheinmal roſtümirt eftet.— erke dir: h geſagt. du mei⸗ t weicher will mich in deinem n Wunſch and, mit als ſte bei angeneh⸗ eirſt, ſoll Achſelbänder. dein letzter für mich ſein. Damals ſagte ich dir, es ſei unwahr⸗ ſcheinlich, aber doch möglich, daß ich dich nochmals wiederſähe, heute dagegen verſichere ich dich auf's Beſtimmteſte, daß wir uns nie mehr begegnen werden, wenn du meinen Wunſch pünktlich erfüllſſt.—— Etwas Anderes wäre es freilich,“ fuhr er mit gänzlich verändertem Tone fort,„wenn du an mir zur Ver⸗ rätherin werden wollteſt. In dem Momente blicke um dich und ſchaudernd wirſt du mich wiederſehen.“ „Ah!“ machte das geängſtigte Mädchen und preßte ſchmerz⸗ lich bewegt ihre beiden Hände vor das Geſicht. Als ſie dieſelben langſam wieder ſinken ließ, war er verſchwunden und ſie ſah an dem erſchrockenen Blick ihrer Freundin, welchen Dieſe auf die nun wieder offene Thüre geheftet hielt, daß er das Zimmer verlaſſen. Henriette ſank auf ihren Stuhl nieder, reichliche Thränen floßen über ihr Geſicht herab, wobei ſie ausrief:„O ich wußte es wohl, daß dieß glückliche, friedliche Leben von nicht langer Dauer ſei. Sie wird mich von ſich ſtoßen, ich bin verloren.“ Draußen auf dem Corridor warf er den Mantel über die Schultern, ſo daß faſt ſein Geſicht von demſelben verdeckt wurde, und dann verließ er, die hellerleuchteten Gänge und Treppen vermeidend, aus einer hinteren Thüre das Schloß. Auf der Straße angekommen, ſchien er einen Augenblick unſchlüſſig, wo⸗ hin er ſich wenden ſolle. Er machte ein paar Schritte gegen den Kaſtellplatz zu, wandte aber gleich darauf wieder um, trät in eine der kleinen, dunkeln Straßen, von denen mehrere in der Nähe des Schloſſes mündeten und ging auf dieſer fort, der obern Stadt zu. Bald erreichte er eine Straße, an deren Ende ſich ein Spring⸗ brunnen befand, dorthin wandte er ſeine Schritte, und bei dem Brunnen angekommen, ſtellte er ſich mit dem Rücken gegen den⸗ 192 Sechsundſtebenzigſtes Kapitel. ſelben und blickte das gegenüber liegende Haus an. Entweder war in keinem der Zimmer ein Licht oder man hatte dichte Vor⸗ hänge herabgelaſſen.„Ich weiß nicht, wie mir iſt,“ ſprach er zu ſich ſelber und zog ſeine Uhr hervor, jetzt treibt es mich dieſen Abend ſchon zum dritten Male vor dieß Haus— uner⸗ klärlich. Gerne ginge ich einen Augenblick hinauf, doch iſt mir mein Anzug hinderlich. Beil würde mich nicht geniren, aber die alte Frau und das Kind; und dann könnte auch ſie wohl da ſein.“ Er hielt das Zifferblatt der Uhr gegen die Gaslaterne.— „Erſt Sieben; ich könnte mich raſch umkleiden und dann einen Augenblick hinauf gehen.— Ah bah! Man muß ſich von ſeinen Nerven nicht zwingen laſſen.— Und doch war ich lange nicht ſo weich geſtimmt, wie am heutigen Abend; ich glaube faſt, meine Hand zittert. Ja, ich fühle mich aufgeregt; hätte das Mädchen im Schloſſe mich mit Bitten beſtürmt, ich hätte die Achſelbänder des Herzogs zu allen Teufeln fahren laſſen.“ Der im Mantel hatte Recht, als er ſo vor ſich ſprach, denn wer ihn früher hätte nächtlich durch die Straßen dahin gehen oder beobachtend vor dem Hauſe ſtehen ſehen, würde wohl heute einen großen Unterſchied haben wahrnehmen können. Er ſpähte nicht eifrig umher, wie er ſonſt wohl zu thun pflegte, er hemmte nicht den Schritt und wandte den Kopf bei dem leiſeſten Geräuſch, ſondern er ging ganz gegen ſeine Gewohnheit wie träumend ein⸗ her, den Blick auf den Boden geſenkt, unachtſam, ſtolpernd. Sein Geiſt war offenbar beſchäftigt und zerſtreut, woher es denn auch wohl kommen mochte, daß er nicht gewahr wurde, wie ſich während der Zeit, die er am Brunnen zubrachte, die Geſtalt eines Menſchen, welche im tiefſten Schatten des gegenüber liegen⸗ den Hauſes verſteckt ſtand, zuweilen gegen ihn vorbog und ihn während der ganzen Zeit, die er dort zubrachte, unabläſſig und atweder e Vor⸗ drach er s mich uner⸗ iſt mir aber die vohl da rne.— n einen n ſeinen nicht ſo , meine Nädchen elbänder ch, denn n gehen hl heute r ſpähte hemmte Beräuſch, hend ein⸗ tolpernd. boher es irde, wie e Geſtalt er liegen⸗ und ihn äſſig und Achſelbänder. 193 aufmerkſam anſchaute. Ja, als er ſich hinweg begab, folgte ihm dieſe Geſtalt, wobei dieſelbe immerfort die Schatten der Häuſer benützte, um nicht von ihm geſehen zu werden. Doch, wie ſchon bemerkt, ſie hätte ſich dieſe Vorſicht ſparen können, denn er ging die Straße hinab, den Kopf geſenkt, nicht auf⸗ noch rückwärts blickend. Er wandte ſeine Schritte dem Fuchsbau zu und die Geſtalt hinter ihm ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war ihm gefolgt, den Kopf vorgeſtreckt, die Augen weit geöffnet. Auf einmal aber ſtutzte ſie und blieb ſtehen; ſie wandte den Kopf jetzt halb rechts, jetzt halb links und ſtürzte darauf mit ein paar raſchen Schritten vorwärts, um hierauf abermals ſtehen zu bleiben. Als ſie ſo zum zweiten Male ſtehen blieb, war das dicht vor der hohen Mauer eines Hauſes, welches mit dem Fuchsbaue zuſammenhieng. An dieſer Mauer war der vor ihr Wandelnde verſchwunden; der Teufel mochte wiſſen, wo er hingekomimen war. Da befand ſich weder Thüre noch Fenſter, ja nicht einmal eine Spalte, wo eine Maus hätte durchkriechen können. Der Verfolgte war verſchwunden und der Verfolger ſtand kopfſchüttelnd vor der hohen Mauer, ging erſt zwanzig Schritte rechts, dann ebenſoviele links, um vielleicht hier einen Eingang zu erſpähen, umkreiste nach dieſer vergeb⸗ lichen Bemühung den ganzen Häuſercompler und eilte dann mit ziemlich raſchen Schritten nach der obern Stadt zurück. Hacklander, Europ. Sclavenleben. IV. Siebennndſiebenzigſtes Kapitel. Im Fuchsbau. Ver Andere war indeſſen durch den faſt nur ihm allein be⸗ kannten ſehr kunſtreich verſteckten Eingang in das Innere des Fuchsbaues gelangt, immer noch ohne Ahnung, daß ihn Jemand bis an die Mauern deſſelben verfolgt. Ein ſchmaler Gang nahm ihn auf, der ſpärlich erhellt war von einer einzigen Lampe, die in einer Niſche brannte. Neben ſie legte er ſeinen Mantel hin, ſtieg langſam eine Treppe hinauf, und trat wenige Augenblicke nachher in das uns bekannte Zimmer. Hier befand ſich Niemand, überhaupt herrſchte im ganzen Hauſe, wenigſtens in dieſem Theile deſſelben, die gewöhnliche tiefe Stille. Auf dem Tiſche brannten zwei Lichter, im Kamin loderte ein helles Feuer. Der Eingetre⸗ tene legte ſeinen Hut auf den Tiſch, fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, ſchränkte darauf die Arme über der Bruſt, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Ihn beſchäftigte das Haus bei dem Brunnen in der oberen Stadt, er wußte ſelbſt nicht warum. Er hätte ſo gern Herrn Beil fen beru wen tigen Geſe erſt ſo b er z es iſ Er! helle Maꝛ trat etwo Ath pige ſoll nich n be⸗ des nand nahm , die hin, blicke nand, heile unten getre⸗ über ging beren Beil Im Fuchsbau. 195 beſucht und das Kind, und daß er es unterlaſſen, verurſachte ihm jetzt ein unbehagliches Gefühl. Doch konnte er ſich von dieſem Gefühl keine Rechenſchaft geben. Wie oft war er ſchon Nachts bei dieſem Hauſe vorübergegangen, ohne es zu betreten; er hatte die dunkeln Fenſter geſehen wie heute, er hatte gedacht: ſie ſchla⸗ fen ſchon— oder befinden ſich in den hintern Zimmern; er war beruhigt fortgegangen, ja oftmals ſtill vor ſich hin lächelnd, wenn er ſich den guten Beil vorgeſtellt, wie er jetzt mit der wich⸗ tigen Miene eines Hofmeiſters die Kapitel aus Geographie und Geſchichte ſeinem Zögling wiederholte, die er ſelbſt am Morgen erſt mühſam erlernt. Heute hatte er ſich den Herrn Beil nicht in ſo behaglichem Zuſtande denken können.—„Bei Gott!“ ſprach er zu ſich ſelber,„ein ſolches Gefühl hat mich noch ſelten getäuſcht, es iſt da etwas vorgefallen. Ich muß mir Gewißheit verſchaffen.“ Er riß heftig an dem neben ihm befindlichen Glockenzug, und ein heller Klang ertönte augenblicklich darauf in dem Wirthszimmer. Eine Weile darauf hörte man die eiligen Schritte eines Mannes, die Thüre wurde haſtig geöffnet, und Herr Scharffer trat herein, ehrerbietig auf der Schwelle ſtehen bleibend. Er war etwas ſchnell gelaufen, ſah echauffirt aus, und blies haſtig den Athem von ſich, ſo daß ſein weit abſtehender, ſchwarzer und ſtrup⸗ piger Backenbart eine ſeltſame Bewegung machte. Der Andere trat ihm raſch entgegen und ſagte:„Mathias ſoll herkommen.“ „Mathias?“ fragte der Wirth erſtaunt.„Der wird ſobald nicht kommen können.“ „Ah Teufel! wie konnte ich das vergeſſen, Meiſter Scharffer! Gewiß, ich habe heute Abend meine Gedanken nicht beiſammen. Und doch beſchäftigte ich mich faſt den ganzen Tag mit Mathias. — Wie geht es ihm?“ 13* 8 196 Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Der Wirth zuckte die Achſeln, verzog ſeinen breiten Mund und entgegnete:„Die Wahrheit zu ſagen, Herr— ſchlecht. Gott möge den verdammen, der den Stoß geführt; er iſt tief,— tief gegangen. Er drang in die Seite ein und verletzte, wie der Chirurge ſagte, die Lunge ſo ſchwer, daß— ja, ich khes nicht verſchweigen, ſein Aufkommen ſehr ungewiß iſt.“ Erſchreckt trat der Andere einen halben Schritt zurück, faßte den Griff ſeines Dolches und biß ſich heftig auf die Lippen. „Er hat auch viel Blut verloren, ehe ſie ihn herbrachten,“ fuhr Herr Scharffer fort.„Viel Blut; und das geht ihm be⸗ ſtändig nach, denn er fällt von einer Ohnmacht in die andere, oder man könnte eher ſagen, er kommt ſelten mehr zum Bewußt⸗ ſein, denn er liegt die meiſte Zeit ſchwer athmend da und mit geſchloſſenen Augen.“ „So muß ich nach ihm ſehen. Er iſt doch gut verpfleg „Wie können Sie zweifeln, Herr?“ verſetzte der Wirth im Tone eines leichten Vorwurfs.„Mathias, der uns Allen in's Herz gewachſen iſt! Ich verſichere Sie, Alle im Fuchsbau ſind voll Jammer und Betrübniß.“ „Führt mich hinauf. Ich muß ihn ſehen.“ „Sogleich Herr. Aber ich vergaß zu melden, daß Joſef draußen iſt; er ſuchte Sie ſchon ſeit mehreren Tagen und kam nun vor wenig Augenblicken, ſah aber ſehr bleich und erſchreckt aus und wollte gleich zu Ihnen herein. Ich bemerkte ihm, es ſei noch kein Zeichen mit der Glocke aggeben worden und Sie auch demnach noch nicht im Hauſe. Darauf biß er ſich heftig auf die Nägel und lief, allerlei murmelnd, in der Stube auf und ab.— Sagen Sie mir doch, Herr,“ fuhr er mit einem lauernden Geſichtsausdruck fort,„trauen Sie dem Joſef völlig?“ 5 ſehe den komt Auff Han treten gegle gewoͤ zuge. abe — 1 Mund Gott ehr tief jie der s nicht nd kam ſchreckt )m, es uf und ernden Im Fuchsbau. 197 „Wie mir ſelbſt.— Aber wozu die Frage?“ „Nun, er iſt zuweilen in der Nähe der Polizeidirection ge⸗ ſehen worden, und Sie wiſſen wohl ſelbſt, Herr, daß wir mit den Lakaien im Allgemeinen Unglück haben.“ „Seid unbeſorgt, mit dem da nicht. Er ſoll ſogleich herein kommen.— Ihr könnt in der Nähe bleiben; ich habe vielleicht Aufträge für Euch.“ Der Wirth zog ſich mit einer tiefen Verbeugung des Kopfes hinaus; gleich darauf trat Joſef herein. Herr Scharffer hatte übrigens Recht, wenn er behauptete, der Jäger ſähe unruhig und zerſtört aus. Dem war wirklich ſo; ſein Geſicht war noch bläſſer als gewöhnlich, und ſeine Augen hatten einen ſeltſamen Ausdruck. Der junge Mann ſtand mitten im Zimmer, er hatte die eine Hand in die Hüfte geſtemmt, mit der andern winkte er dem Ein⸗ tretenden lächelnd zu, wobei er ſagte:„Ei Joſef, ich hätte nicht geglaubt, dich ſobald wieder hier zu ſehen. Du mußt mir Außer⸗ gewöhnliches zu melden haben.“ „So iſt es auch,“ erwiederte Joſef nach einem tiefen Athem⸗ zuge.„Ich erlaubte mir, Sie ſchon mehrmals aufzuſuchen, Herr, aber Sie waren ſeit mehreren Tagen nicht mehr hier im Fuchsbau — und auch Mathias ließ ſich niemals ſehen.“ „Ach ja, der arme Mathias,“ ſagte der Andere. „So iſt es alſo wahr, Herr, was ich mir gedacht, als ich von jenem Einbruche und der Verwundung eines der Betheiligten ſprechen gehoͤrt? Und Mathias iſt— todt?“ „Nein, aber leidtt ſchwer verwundet. Doch ſprich, was haſt du mir zu ſagen? Dein Ausſehen gefällt mir nicht, Joſef; du haſt Schlimmes zu berichten.“ „Sehr Schlimmes, Herr.“ 198 Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. „Nur zu, nur zu; man muß auf Alles gefaßt ſein. Erzähle ohne Vorrede; du weißt, ich liebe kurze Mittheilungen.“ Joſef verb. ſich und holte mühſam Athem, als er ſprach: „Neulich war mein Herr mit einem Bekannten ſpät Abends alle in in ſeinem Kabinet.“ „Wann war das?“ „Vergangenen Freitag.“ „Ah!— Und welcher ſeiner Bekannten blieb bei ihm?“ „Der Herr Maler Erichſen.“ „Richtig, richtig!“ murmelte der junge Mann. Er blickte auf den Boden und dachte: das war an jenem Abend, wo Erich⸗ ſen ſeine Protraits des Herrn Dankwart vorzeigte. Den andern Morgen war er bei mir und verlangte die bewußte Schrift mit einem Abdruck meines Talisman. Hören wir, was dazwiſchen vorftel.— Während er ſo nachdachte und zu Boden ſchaute, hatte das dunkle Auge des Jägers aufmerkſamer als je zuvor ab⸗ wechſelnd auf ſeinen Zügen, namentlich aber auf ſeiner Geſtalt geruht. Es ſchien, als ſtelle er Vergleichungen an, und je länger er das that, um ſo mehr verlängerten ſich ſeine Züge, um ſo mehr nahmen ſie den Ausdruck des Schreckens an. Er fuhr ordentlich zuſammen, als nun der Andere ſagte:„ Und was geſchah an dem Abend, Joſef.“ „Die beiden Herren,“ fuhr der Jäger mit bebender Stimme fort,„ſprachen über———— eine räthſelhafte Perſon, die in der Geſellſchaft umhergehe, die meiſten vornehmen Häuſer be⸗ ſuche, die ſich das Anſehen eines unabhängigen, hochſtehenden Mannes gäbe, die aber im Verborgenen— allerlei ſeltſame und ſonderbare Geſchichten treibe.“ Wäre der junge Mann nicht ſo vollſtändig Meiſter ſeiner ſelbſt geweſen, ſo hätte man auf ſeinem Geſicht eine Bewegung rã de H Lo rzähle ſp rach. alle in 24 blickte Erich⸗ andern wiſchen ſchaute, vor ab⸗ Geſtalt und je Züg e, n. Er nd was Stimme on, die iſer be⸗ ehenden me und r ſeiner wegung Im Fuchsbau. wahrnehmen müſſen. Denn obgleich ihn die Worte des Jägers gänzlich unvorbereitet überfielen, wußte er doch, wen Dieſer meinte, und deßhalb waren die Worte deſſgleg tief einſchneidend wie die Schärfe einer Art, die, mit ſicheker Hand geführt, den Baum trifft. Doch verzog ſich keine Miene; nur eine Secunde lang zuckten ſeine Augenlider. Ja, etwas wie Verwunderung flog über ſein Geſicht, als er entgegnete:„Und wer iſt dieſe räthſelhafte Perſon?“ „Sie nannten den Herrn Baron von Brand.“ „Ah! den Baron von Brand! Unſer guter Bekannter, durch deſſen Vermittlung du deine Stelle erhieltſt.“ „Derſelbe, Herr.“ „Ernkommt öfter zum Grafen Fohrbach?“ „—— O— ſehr— oft.“ „Natürlich ſahſt du ihn zuweilen?“ „Ja— Herr, häufig. Aber ich ging ihm aus dem Wege, ich wußte nicht, ob es ihm angenehm ſei, mir zu begegnen.“ „Daran thatſt du ſehr klug,— Teufel! man muß das dem Baron mittheilen.“ „Ich that es ja ſchon, Herr,“ rief der Jäger in gewal⸗ tiger Bewegung.„Ja, Herr, verzeihen Sie mir; ich kann nicht anders, ich muß Sie warnen, denn es ginge mir an's Leben, wenn Ihnen ein Unglück zuſtieße!“ Bei dieſen Worten war der Jäger vor dem Andern auf die Knie geſtürzt, ein paar Thränen liefen über ſeine bleichen Wangen herab, und obgleich der junge Mann einen Schritt zurückgetreten war, hatte Joſef ſeine Hände ergriffen und hielt ſie mit den ſeinigen krampfhaft zitternd feſt. „He, Joſef!“ entgegnete der junge Mann, indem er ſeine Hände loszumachen verſuchte,„du ſpielſt eine eigene Comödie. Laß' die Narrheiten, ſteh' auf.“ Er wollte in ſeinen Ton eine “ “— 86 Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. Härte legen, was ihm aber nicht vollkommen gelang. Ja, er brachte dieſe Worte nur mühſam, gepreßt hervor. „Stoßen Sie mich nicht zuruͤck, Herr,“ fuhr der Jäger leiden⸗ ſchaftlicher fort.„Sie ſagten ſchon mehrmals, Sie ſchenken mir Ihr unbedingtes Vertrauen. O thun Sie es in Wahrheit; glauben Sie meinen Worten und treffen Sie ſchleunig Ihre Maßregeln.“ „Gewiß Joſef, ſei nicht kindiſch,— ſteh' auf! Was geht mich dein Baron von Brand an? Was er angerichtet hat, ſoll er verantworten. Und ſo will ich es gerade machen.— Aber ſteh' auf. Für deinen Eifer danke ich dir herzlich, danke ich dir wie ein Freund dem andern dankt.“ Bei dieſen Worten zitterte ſeine Stimme, und als er den Jäger empor hob, fühlte Dieſer einen feſten Händedruck.—„Doch du biſt mit deinen Unglücksbotſchaften noch nicht zu Ende. Sprich weiter, ich bin auf Alles vorbereitet.“ „O wenn es ſo wäre!“ ſeufzte Joſef.„So eben kam mein Herr aus dem Schloſſe— er hatte den Dienſt;— Sie wiſſen, Herr, daß man dort im Vorzimmer zuweilen Manches erfährt, was eigentlich verſchwiegen bleiben ſollte.“ „Ja, ich weiß das,“ ſagte der Andere aufmerkſam. „Der Polizei⸗Director war vor der Tafel bei Seiner Majeſtät.“ „Nachmittags gegen fünf Uhr?— Eine außergewöhnliche Stunde.“ „So kam es dem Herrn Grafen auch vor; und ich glaube, es war Seiner Erlaucht auffallend genug, um darüber Erkun⸗ digungen einzuziehen.“ „Bei dem Kammerdiener oder bei dem Polizei⸗Präſidenten ſelbſt. O wenn die Stillſchweigen gelernt hätten!— Nun, es wird was Unbedeutendes geweſen ſein.“ „Nein, Herr, es war etwas ſehr Bedeutendes.——— d, er iden⸗ nmir ,uben n.“¹ geht ſoll Aber h dir tterte einen aften tet.“ mein iſſen, ährt, einer lliche aube, kun⸗ enten 1, es Im Auchsbau. 201 — Sie kennen ein kleines Haus in der Schilderſtraße; gegenüber ſteht ein Brunnen.“ „Ich kenne es nicht,“ entgegnete der Andere ſcheinbar un⸗ befangen. „Sie gingen oft dahin, Herr.“ „Ich?— Niemals!“ „Ah! verzeihen Sie, ich meinte den Herrn Baron von Brand.“ „Das iſt etwas Anderes.— Aber weiter! weiter!“ Ob⸗ gleich die Stimme des jungen Mannes wieder vollkommen ruhig geworden war, ſo athmete er doch faſt hörbar, ſeine Augen glänzten und ſeine Finger irrten auf dem Griffe des Dolches hin und her. „In dem Hauſe,“ fuhr Joſef mit feſtem Blicke fort,„hat die Polizei heute Nachforſchungen gehalten.“ „Die Polizei!— Und weßhalb?— Wer gab ihr das Recht dazu?— Was fand ſie?“— Achſelzuckend fuhr der Jäger fort:„Ich weiß Ihnen nur die letzte Frage zu beantworten, Herr. Sie fanden in dem Hauſe reine alte Frau— einen kleinen Knaben, einen jungen Mann und—— eine Dame.“ Bei jedem Worte, welches der Jäger ausſprach, war der Andere ſichtlich zuſammengefahren, doch hatte er ſich gewaltſam bezwungen, wobei er ſich die Lippen faſt blutig biß. Als aber Joſef ſagte: eine Dame, da behielt er ſeine mühſame Faſſung nicht länger, er erbleichte auf eine furchtbare Art, ſeine Augen ſtarrten weit aufgeriſſen, er faßte die Hand des Jägers mit zit⸗ ternden Fingern und ſprach faſt lautlos:„Du haſt geſagt: auch eine Dame— 2“ Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. „Eine Dame, Herr—— die Frau Baronin von W., Ge⸗ mahlin des früheren General⸗Adjutanten.“ Bei dieſen Worten war es, als wollte der Andere in die Knie ſinken, und während ſich ſein Körper in den fürchterlichſten Seelenleiden beugte, preßte er die Hände vor das Geſicht und rief in herzzereißendem Tone:„Meine Schweſter!— o meine arme Schweſter!“— Dieſes Wort hatte Joſef doch nicht erwartet. Ihn faßte ein jäher Schreck bei dem Anblick des Andern, es war ihm, als heben ſich rings herum ſchwarze Schleier, als ſteigen wilde, un⸗ heimliche Geiſter aus den Ecken des Zimmers. Der Luftzug, der durch den Kamin herabdrang, machte ihn ſchaudern. Er fühlte ſich wie von Furchtbarem umgeben; es ſchien ihm, als bewegten ſich die Fenſtervorhänge und es dringe hie und da eine Fauſt durch die Scheiben und ſuche tappend die ſchweren Riegel zu erfaſſen, um die Flügel zu öffnen und einer unheilvollen Macht Eingang zu geſtatten———— Dann aber erſaßte ihn wieder eine tiefe Wehmuth, als er die kräftige Geſtalt des jungen Mannes vor ſich erblickte, die noch ein Atom mehr hernieder in den Staub geſtürzt hätte, als er bedachte, welch' gewaltiger Geiſt, welch' edles Herz und tiefes Gefühl in eben dieſem kräftigen Körper wohnte, welchen Weg dieſer da hätte gehen können, und wie er nun vor ihm ſtand, vielleicht ſchon von allen Seiten umgarnt, im nächſten Augenblicke vor der unerbittlichen Gerechtigkeit— die leider, leider dießmal gerecht zu nennen war. Joſef war kein gewöhnlicher Menſch, ſein Eintritt in dieſe Welt hatte ihm Hoff⸗ nungen geſtattet, die leider nie in Erfüllung gingen. Und an alles dieß denkend hatte er ſeine Hände gefalten und langſam tropfte eine Thräne um die andere aus ſeinen Augen und verlor ſich in dem dichten, ſchwarzen Barte. — Ge⸗ die öſten rief arme e ein als un⸗ der ühlte egten durch aſſen, gang eine innes btaub velch' örper oie er arnt, it— kein Hoff⸗ id an gſam verlor Im Auchsbau. Der Andere hatte ſich unterdeſſen wieder gefaßt, doch als er die Hände langſam von ſeinem Geſichte entfernte, fielen ſeine Arme wie gelähmt herab.— Aber er lächelte. Doch dieſes zuerſt traurige und dann ſchreckliche Lächeln ſchnitt dem Getreuen, der vor ihm ſtand, noch tiefer in die Seele, als vorhin der Ausbruch des wilden Schmerzes. „Laß es gut ſein, Joſef,“ fuhr der junge Mann fort. „Jeder Menſch hat ſeine Schwächen, hat eine Stelle, an der er verwundbar iſt. Du haſt ſie mit deinen Worten getroffen und tief verletzt.— Aber das iſt jetzt vorüber,“ ſetzte er ſchwer Athem holend hinzu.„Was haſt du mir weiter zu ſagen?“ „Herr Major von S. war bei meinem Herrn und Beide ſprachen darüber, daß die Baronin von W. in dem erwähnten Hauſe feſtgehalten würde. Der Gemahl derſelben, der ſie lange beargwohnt, habe ſeine Zuſtimmung gegeben, und über Alles dieß drückten ſich beide Herren ziemlich empört aus.“ „Ah! ſie nahmen die Polizei nicht in Schutz?“ „Der Polizei⸗Präſident ſoll von Seiner Majeſtät eine Be⸗ merkung haben hinnehmen müſſen, die ſehr einer Naſe ähnlich geſehen habe; er ſei ziemlich zerknirſcht in das Vorzimmer ge⸗ kommen und habe über undankbaren Dienſt und drückende Ver⸗ hältniſſe geſprochen.“ „Das gibt mir einige Hoffnung,“ ſagte der Andere mit leiſer Stimme.„Du kannſt mir einen Dienſt erweiſen, Joſef. Suche in das Haus in der Schilderſtraße zu dringen, erkundige dich, was man dort macht, und bringe mir eine Antwort hieher. — Willſt du?“ „Mit tauſend Freuden,“ antwortete Joſef.„Aber ich würde einen vergeblichen Gang thun, Herr. Ich war ſchon droben bei dem Hauſe; ich verſuchte es, hinein zu kommen, ich habe da einen 204 Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. — Bekannten, aber man examinirte mich und ſchickte mich fort. Als ich eben weggegangen war, ſah ich Sie, Herr. Sie ſtellten ſich an den Brunnen und ſchauten an dem Hauſe hinauf.“ „Das iſt wahr. Aber ich habe dich nicht bemerkt.“ „O Herr, verzeihen Sie mir,“ ſprach Joſef kopfſchüttelnd, „Sie ſahen überhaupt nicht ſo um ſich her, wie gewöhnlich auf 4 der Straße. Sonſt hätten Sie an den gegenüber liegenden Häu⸗ 3 ſern einen Menſchen bemerken müſſen, der Sie beobachtete.“ 8 „Der mich beobachtete?“ 3 „Auf das Genaueſte. Er hinderte mich, Sie anzureden,. und ich konnte Ihnen nur von Weitem folgen, denn der Andere 1 ſchlich vor mir ziemlich dicht hinter Ihnen.“ f Der junge Mann fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und entgegnete:„Ja, ich war in Gedanken. Aber was wollte . bia g. 5 ſe Jener von mir? Folgte er mir bis hieher an den Fuchsbau?“ d „Bis an die Mauer, wo Sie verſchwanden. Das ſchien ihn höchlich zu wundern, denn er betrachtete die Steine aufmerkſam, d ſuchte auch rechts und links nach einer Thüre, und als er nichts fand, umſchritt er das ganze Gebäude. Jetzt folgte ich ihm und 8 hätte gern ein ernſtes Wort mit ihm geſprochen, aber ich war 1 ohne Waffen, und er, der Polizeiſoldat, hatte ſeinen Säbel ih bei ſich.“ ſe „So, er war von der Polizei?— Das iſt gerade nicht an⸗ 3 genehm. Was denkſt du, Joſef?“ 8 „Wenn ich meine Gedanken frei ausſprechen darf, ſo ſage 6 ich, daß Ihnen Jener nicht ohne Abſicht gefolgt iſt, daß er davon ſi ging, einen Bericht zu machen, und daß vielleicht in dieſem Augen⸗ de blicke ſchon der Fuchsbau umſtellt iſt.“. L „Du könnteſt vielleicht Recht haben, Joſef,“ erwiederte der en junge Mann ruhig, indem er die linke Hand auf den Tiſch ſetzte, ne Im Fuchsbau. nund das wäre ſchlimm für dich, den man hier nicht finden darf. — Sieh mich nicht ſo ſonderbar an, ich weiß wohl, daß es dir nicht an Muth fehlt und kenne auch deine Treue. Aber du kannſt hier bei Gott Niemanden helfen, nur dich ſelbſt zu Grunde rich⸗ ten.— Alſo geh', ich will es.“ Er winkte mit der Hand, und als der Jäger dieſelbe ergriff und feſt drückte, erwiederte er dieſen Druck und ſagte dabei:„Gott ſei mit dir, Joſef.“ Sobald dieſer das Zimmer verlaſſen hatte, trat der Wirth ungerufen herein. Er war aufgeregt, erhitzt und ſtolperte in ſeinem Eifer faſt uͤber die Schwelle in das Gemach, ſo daß ihm der junge Mann entgegen rief:„Hoho! Meiſter Scharffer, Ihr ſtürzt ja daher, als wenn Ihr gejagt würdet.“ 60 — ‿ — „Das wird auch alſo kommen,“ erwiederte der Wirth in ſeiner plumpen Manier.„Wiſſen Sie, Herr, daß drunten der Teufel los iſt.“ „Ah! Ihr ſeid der Mann, ihn zu bändigen,“ erwiederte der Andere lachend. „Ja, da hat ſich was zu bändigen. Es ſind da eben ſechs Kerl in die Schenkſtube gedrungen, und als wir uns weigerten, ihnen Wein zu geben, meinten ſie, das wollten ſte doch einmal ſehen, das ſei hier ein Wirthshaus ſo gut wie ein anderes.“ „Da hatten ſie vollkommen Recht, Meiſter. Und ſtatt, daß Ihr davon ſtürztet und Aufſehen erregt, hättet Ihr bei Eurer Gäſten bleiben und ſie angenehm unterhalten ſollen.“ „Da unterhalte ſich Einer, wenn ihm das Herz vor Schrecken ſtill ſteht. Drei von den Sechſen kenn' ich. Wenn die nicht bei der Polizei ſind, ſo will ich auf einem Raſirmeſſer reiten. Einer von ihnen machte ſich mit der alten Margareth zu ſchaffen und erkundigte ſich freundlich, was das für Klingelſchnüre ſeien, die neben ihrem Sitze herabhiengen.“ Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. „Das iſt allerdings verdächtig.“ Der dicke Wirth hatte ſo haſtig geſprochen, daß er ganz außer Athem gekommen war. Während er ſich den Schweiß von der Stirn wiſchte, that er einen tiefen Athemzug und fuhr dann fort:„Auch kommt ſo eben der Johann nach Haus und meint, er habe drunten auf der Straße in der Nähe des Fuchsbaues Geſichter geſehen, die ihm gar nicht gefielen.— Aber das iſt noch nicht das Schlimmſte, er brachte auch die Nachricht heim, daß der Sträuber eingeſteckt worden ſei.“ „Der Sträuber?“ fragte der Andere, offenbar unangenehm überraſcht und zog dabei ſeine Augenbrauen finſter zuſammen. „Der Sträuber?— Das iſt fatal.“ „Auf dem Bahnhof,“ fuhr Meiſter Scharffer fort,„er hatte ſich gerade ein Billet gelöst.“ „Wohin?“ „Nach St.“ „Beim Teufel! Das iſt ſchlimm. Alſo wollte er über die Grenze. Da hat der Schuft etwas angeſtellt, was ihn zwingt, Stadt und Land zu verlaſſen.“ Bei dieſen Worten ging der junge Mann nachdenkend mit raſchen Schritten auf und ab und der Wirth ſchaute ihm mit einem höchſt überraſchten Geſichte zu, wobei er ſich in dem ſchwarzen, buſchigen Backenbarte kratzte. Er mochte wohl denken: jetzt iſt es keine Zeit zum Prominiren, jetzt ſollte der da handeln. Doch tröſtete er ſich gleich darauf: er wird ſchon wiſſen, was zu thun iſt. Der Andere trat wieder an den Tiſch zurück und ſagte achſelzuckend:„Wohl möglich, daß ſie wieder eine Hausausſuchung halten.“ „Wie ſchon oft.“ „Aber heut' iſt das ſchlimmer.“ „Warum?— Wir haben nichts Verdächtiges im Hauſe.“ mi die ſechs Kral Im Fuchsbau. „Jetzt vergeßt Ihr den Mathias,“ ſagte der junge Mann mit ſehr ernſter Stimme. „Alle Heiligen! das iſt wahr,“ rief erbleichend der Wirth. „Wenn ſie den finden mit ſeiner Wunde in der Seite, ſo ſind wir verloren. O, wenn er nur ſchon todt wäre.“ „Hol' Euch der Teufel, Meiſter!— Und warum das?“ „Sie wiſſen wohl, wir hätten dann ein gutes Verſteck für ihn. Aber einen Lebenden kann man nicht da hinein poſtiren.“ „Ehe ich das Haus verlaſſe, muß ich nach ihm ſehen. Leuchtet mir hinauf.“ „Laſſen Sie das um Gotteswillen bleiben, Herr,“ bat der Wirth.„Nehmen Sie mir ein Wort nicht übel, wer weiß, ob man es nicht auf Sie ſelbſt abgeſehen hat. Verlaſſen Sie das Haus, ſo lange es noch Zeit iſt, ſchonen Sie ſich für uns.— Horch! was war das?“ Von unten herauf ließ ſich ein dumpfes Krachen vernehmen. Beide lauſchten und der junge Mann ſagte:„Man bricht eine Thüre auf. Wahrhaftig, das ſcheint ernſtlich zu ſein.— Haben ſie Lichter bei ſich?“ „Nein, darnach habe auch ich gleich geſehen.“ „Wer iſt von uns im Hauſe?“ „Der Johann, der Schnapper und zwei fremde Geſellen, die heute mit guter Recommandation ankamen.— Als ich die ſechs Andern eintreten ſah, hieß ich ſie auf ihr Zimmer gehen.“ „Wo ſind ſte?“ „Auf Numero vier, über uns.“ „Und Mathias?“ „Auf Numero zwei. Ahl ich vergaß, Friz iſt bei dem als Krankenwärter.“ Der junge Mann ſtand da hoch aufgerichtet, ſein blitzendes 208 Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. Auge blickte ſtarr in eine Ecke des Zimmers, er zog ſeinen ſchwarzen Schnurrbart zu beiden Seiten des Mundes herunter und dachte nach.—„Das iſt ganz einfach,“ ſagte er nach einer Pauſe,„die Hauptſache iſt: Mathias muß weggeſchafft werden und das muß Johann und Friz beſorgen. Beide ſind ſtark, ſie können ihn tragen.—— Freilich kann es ihn das Leben koſten,“ fuhr er fort, nachdem er die Augen einen Moment mit der Hand bedeckt hatte.„Aber was iſt da zu machen?— Lieber todt, es wäre gräßlich, wenn er ihnen lebend in die Hände fiele. Und Mathias hat eine ſtarke Natur, er wird’s vielleicht ertragen.“ „Aber wohin mit ihm?“ fragte zweifelnd der Wirth.„O glauben Sie, Herr, die auf der Polizei ſind auch klüger gewor⸗ den. Sie werden ringsum das Haus beſetzt haben.“ „Natürlich,“ erwiederte der Andere mit einem verächtlichen Lächeln.„Aber wir laſſen uns doch nicht überliſten, und wenn Ihr genau meine Befehle befolgt, ſo kommt der arme Mathias glücklich durch.“ „Und Sie, Herr?“ „O, ich verſchwinde wie gewöhnlich.— Ihr laßt den Mathias auf Numero Eins bringen; dort, wißt Ihr, hängen an der Wand alte Landkarten. Nehmt ſie ab und ſchlagt durch die ganz dünne Wand, die ſich dort befindet, ein Loch, nicht größer, als daß Johann und Friz mit ihrer Laſt durchkommen.“ „Aber in dem Hauſe nebenan haben wir keine Verbindun⸗ gen, Herr. Das iſt ein Pietiſt, ein ſcheinheiliger Satan, der gleich Lärm machen wird.“ Ohne auf dieſe Worte zu achten, hatte der Andere ſeinen Rock aufgeknöpft und die Uhr hervorgezogen, von der er ein Pettſchaft löste. Dann fuhr er ruhig fort:„Auf das Geräuſch eine ob kreu man mer — einen unter einer erden „ſte deben t mit eieber dände leicht „O ewor⸗ lichen wenn athias t den ängen durch nicht men.“ ndun⸗ gleich ſeinen er ein eräuſch ob gar nichts vorgefallen wäre. Im Fuchsbau. des Wanddurchſchlagens wird der Eigenthümer augenblicklich er⸗ ſcheinen. Johann ſoll ihm dieß übergeben und er wird für den Mathias ſorgen. Vergeßt mir aber nicht, daß die große Land⸗ karte wieder an ihren Platz gehängt wird.“ Meiſter Scharffer empfieng das Pettſchaft mit einem Blicke der Ehrfurcht, den er auf den jungen Mann warf. Er hatte den Nachbar immer gefürchtet, ja er hatte ihn gekannt als Jemand, der im Rufe der größten Rechtlichkeit ſtehe, der das Getreibe im Fuchsbau tief verabſcheue und der bei allen Genoſſen im Ver⸗ dacht ſtand, als habe er die Polizei ſchon mehrmals zu einer Hausausſuchung veranlaßt. Und nun hatte er dort ebenfalls Verbindungen angeknüpft.— „Nur fort,“ ſprach jetzt der junge Mann ungeduldig. „Sagt dem Johann und Friz, was ſie zu thun haben, und dann und ſchimpft als guter Wirth r die Vagabunden, die Eure Thüren erbrechen. Hört nur, ſie machen immer weiter. Aber jetzt hinauf, Meiſter Scharffer, befolgt auf's Pünktlichſte meine Befehle. Ich werde Euch hier erwarten.“ Der dicke Wirth ſchien Luſt zu haben, ſich ein wenic in h ſch zu h ſich 9 ſeinem Haar zu raufen, und er hob ſchon die Hände an den Kopf empor, als er aus dem Zimmer eilte; doch ließ er ſie wieder ſinken, ſchüttelte vielmehr ſein Haupt, als er ſich auf der Schwelle nochmals umſchaute und nun bemerkte einen Stuhl an den Tiſch zog und ſich begebt Euch an die Haupttreppe dort hinab übe wie der junge Mann ruhig darauf ſetzte, als Während Meiſter Scharffer die Treppen hinauf ſprang, be⸗ kreuzte er ſich und dachte:„Am Ende wäre es doch beſſer, wenn man ſich der Poltizei ſelbſt überlieferte. mer iſt offenbar der leibhaftige Teufel.“ Hackländer, Europ. Sclavenleben. IV. 14 Der da drunten im Zim⸗ Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. Die außerordentliche Ruhe aber, mit welcher der junge Mann handelte, war theilweiſe erzwungen, um auch dem Andern Muth einzuflößen, denn als dieſer verſchwunden war, ſprang er auf und trat unruhig an die Thüre, um in das Haus hinabzu⸗ lauſchen. Obgleich nun das Zimmer, in welchem er ſich befand, von der Schenkſtube ſehr weit entfernt war, ſo vernahm er doch einen wüſten Lärm von dorther und mitunter Töne, als ob man Möbel wegrückte, Kaſten niederſtellte, Thüren gewaltſam öffnete. —„Sonderbar!“ ſprach der Horcher zu ſich ſelber,„ſie trei⸗ ben ihre Sache auf wunderſame Art. Statt ſich raſch über das ganze Haus zu verbreiten, halten ſie ſich in einem Theile deſſelben auf, wo ſie noch nie was gefunden haben.— Ich glaube, wir haben die ganze Geſchichte dem Herrn Blaffer zu verdanken.— Wenn nur Mathias ſchon fort wäre!— Ah! ſie gehen dran, ihn wegzuſchaffen.“ Er lauſchte wieder aufmerkſam und vernahm von droben das Gehen von Männern, deren ſchwerem Auftreten man wohl anmerkte, daß ſie eine gewichtige Laſt trugen. Zu gleicher Zeit hörte er, aber ſehr gedämpft, ein Geräuſch, wie wenn man Steine losbräche und dann das leichte Krachen von Holzwerk.—„Gott ſei Dank!“ ſagte der junge Mann, per wird bald drüben ſein. Wenn er's nur aushält! Das Loch in der Wand koſtet mich viel. Ich hatte dieſen Aus⸗ weg für mich ſelbſt aufgehoben. Aber was gilt ein Freund nicht! Und ein ſolcher war mir Mathias hier im Hauſe.— Ich hätte ihm vielleicht folgen ſollen, wer weiß, ob das nur eine Hausausſuchung iſt und ob ſie nicht vielleicht das Haus ſo umſtellt haben, daß es mir auf meinem gewöhnlichen Wege ſchwer wird, zu entkommen.— Bah! man muß nicht das Schlimmſte denken.— Doch—— jetzt iſt Mathias drüben.“ In dieſem Augenblicke vernahm er nämlich die ſcheltende Stimme 2— inge dern g er bzu⸗ and, doch man nete. trei⸗ über heile Ich deren htige „ ein eichte junge hält! Aus⸗ reund nur us ſo Wege das ben.“ imme „ Im Fuchsbau. 211 des Wirthes, der auf der Treppe ſtand, die in das untere Stock⸗ werk führte, und laut hinabſchrie:„Was für ein Lärmen wird in der Schenkſtube getrieben? Glaubt ihr denn dem Hauſe treiben, was man wolle? He, „man könne in Marie, ruf' den Haus⸗ knecht!“ Nachdem er dieß geſagt, kehrte er in das Zimmer zurück, wo der Andere unterdeſſen die beiden Lichter auf dem Tiſche aus⸗ gelöſcht hatte, ſo daß es vollkommen finſter geweſen wäre, wenn nicht eine Gaslampe auf dem Gange einige Helle in das Zimmer geworfen hätte. „Mathias iſt fort, aber jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen, Herr, ſuchen Sie ſich einen Ausweg. Als ich droben vom Fenſter auf die Straße hinabſchaute, habe ich verdächtige Geſtalten bemerkt.“ „Auf welcher Seite?“ 3 „Auf der, wo Sie gewöhnlich das Haus verlaſſen.“ „Das iſt ungeſchickt. So muß ich den Weg durch den Keller nehmen.“ „Ich glaube auch, daß der ſicherer iſt,“ ſagte angſtvoll der Wirth.„Nur müſſen Sie dabei über die Haupttreppe hinab, bei der Schenkſtube vorbei.“ „Ich weiß wohl, doch hat das nichts zu ſagen. Margarethe wird auf ihrem Poſten ſein.“ „Gewiß; die läßt ſich eher in Stücke reißen.“ „So will ich ihr ein Zeichen geben und dann vorwärts, Meiſter. Ihr ſteigt ſcheltend die Treppe hinab und ich folge Euch.“ Sowie er dieß ſagte, zog er an einer Klingelſchnur, die neben der Thüre hieng, und wenige Secunden darauf verlöſchte die Gaslampe draußen auf dem Gange. Von unten herauf aber erſcholl ein lauter Aufſchrei, die klägliche Stimme der alten Kell⸗ nerin und darauf polterte Meiſter Scharffer die Treppen hinab, fluchend und ſcheltend mit aller Kraft ſeiner Lunge. 14* Tiebenundſtebenzigſtes Kapitel. Der Andere ging hinter ihm drein, er ſetzte die Füße ſo leicht auf, daß man von Beiden jedesmal nur einen einzigen Tritt hörte; ſein Auge verſuchte es, die Finſterniß, die auf dem ganzen Hauſe lag, zu durchdringen. Dabei blieb er dicht hinter dem dicken Wirthe, der, auf dem untern Treppenabſatz ange⸗ kommen, gleich von kräftigen Armen gefaßt wurde. Doch er⸗ mangelte er nicht, dieß durch lautes Geſchrei ſeinem Hintermanne kund zu thun, der einen Augenblick unbeweglich ſtehen blieb, dann das Treppengeländer erfaßte und ſich nun mit ſolcher Ge⸗ walt die Treppe vollends hinah ſchwang, daß er zwei Männer, die dort Poſto gefaßt hatten, ſo vollkommen unvermuthet über⸗ fiel, daß dieſe ihr Gleichgewicht verloren und ſchwerfällig die Treppe hinab kollerten, ihm nach, der ſchon mit leichtem Fuß die unterſte Stufe erreicht hatte. Hier war der Fliehende nicht einen Augenblick zweifelhaft, welchen Weg er einzuſchlagen habe. Eine Thüre, die er ſuchte, fand er unverzüglich, trat durch die⸗ ſelbe in ein Gewölbe, glitt hier abermals einige Stufen hinab und erreichte nun einen weiten Keller, in dem er fortſchritt. Dieſer hatte nach der Straße einige halbkreisförmige Oeff⸗ nungen, die man übrigens kaum bemerken konnte, da die Nacht ſehr finſter war. An einer dieſer Oeffnungen hatte man in der Mauer mehrere Steine weggebrochen und ſo eine förmliche Leiter gebildet, auf der ein gewandter Mann ohne große Mühe empor⸗ ſteigen konnte. Ehe er ſich aber vollſtändig dort hinauf ſchwang, horchte er aufmerkſam, und erſt, als ſich in der engen Gaſſe, in welcher dieſe Fenſter mündeten, nicht das geringſte Geräuſch ver⸗ nehmen ließ, ſtieg er vorſichtig aus dem Keller empor. Glücklicher Weiſe warfen die nahſtehenden Häuſer, ſowie ein Mauervorſprung neben dem Fenſter einen ſo tiefen Schatten auf die Stelle, wo er empor geſtiegen war, daß ihn ſelbſt ein por⸗ ang, „ in ver⸗ owie atten t. ein Späher hier nicht hätte entdecken können. Auch brauchte er die Vorſicht, eine Zeitlang unbeweglich ſtehen zu bleiben, worauf er endlich mit zwei großen Schritten die andere Seite der Gaſſe er⸗ reichte. Hier blieb er abermals ſtehen und ſchaute nach dem Hauſe zurück, doch faßte er im nächſten Augenblicke unwillkührlich den Griff ſeines Dolches, denn mit ſeinem ſcharfen Auge bemerkte er an zwei Stellen der dunklen Mauer des Hauſes, v herkam, eine Bewegung, gerade als ſeien dort e die ſich etwas von Rr Mauer entfernten. los ſtehen blieb, ſ on dem er eben in paar Perſonen, Sobald er aber regungs⸗ ah er auch drüben nichts mehr.— Und doch! er hatte ſich nicht getäuſcht. Kaum hatte er einen Schritt gemacht, ſo bewegten ſich auch dort die beiden dunkeln Flecke wieder,— zwei Geſtalten, mit ihm im gleichen Maße fortſchreitend.— Das ſind Aufpaſſer und Verfolger, dachte er ſich. Was iſt zu thun? Bei einem Ueberfall, den ſie aber wahrſcheinlich in der Nähe dieſes Hauſes nicht wagen, mich ihrer mit meinem Dolch entledigen; wenn ſte mich aber verfolgen, ſie, we iſt, irre führen. Das Letztere war aber ein ſchweres Unternehmen, denn wenn auch die beiden Geſtalten nicht Willens ſchienen, die Ent⸗ fernung zwiſchen ſich und dem Andern zu kürzen, ſo ließen ſie ſte auch nicht vergrößern. un es möglich Denn machte er längere und raſchere Schritte, ſo thaten ſie das Gleiche, blieb er ſtehen, ſo machten ſie es ebenſo. Letzteres that er mehrmals und überlegte ſich dabei, ob es nicht beſſer wäre, umzuwenden und ſeinen Verfolgern direct auf den Leib zu gehen. Dieß zu thun war er ſchon im Begriff, doch hatte er mittlerweile die enge Gaſſe verlaſſen und eine breite, lange Straße erreicht, die von mehreren Gaslampen hell beſchie⸗ nen war, und ſah bei deren Licht dort zwei ähnliche verdächtige Geſtalten, die ihm auf ein Zeichen ſeiner erſteren Begleiter eben⸗ Im Fuchsbau. 213 9 Kiebenundſtebenzigſtes Kapitel. falls folgten.— Vier würden ein zu großes Aufſehen geben, dachte er bei ſich. Alſo nichts von Gewalt; hier muß Liſt ent⸗ ſcheiden und Schnelligkeit. Behutſam warf er einen Blick um ſich; die letzten ſeiner Verfolger waren wohl zwanzig Schritt ent⸗ fernt, die erſten ſchlichen auf der andern Seite der Straße. Er beſchleunigte ſeinen Gang und als er eine enge Seitengaſſe er⸗ reicht hatte, ſchoß er dort mit einem gewaltigen Satze hinein. Doch mußten die vordern ſeiner Verfolger dieſe Abſicht errathen haben, denn Einer ſtürzte ihm ſo raſch nach, daß er ihn in der nächſten Se⸗ cunde dicht an ſeiner Seite laufen hörte. Die Andern blieben nicht weniger zurück und er hörte deutlich ihre lauten Schritte auf dem Pflaſter der ſonſt menſchenleeren Straßen im ſchnellſten Tempo. Vor allen Dingen galt es, ſich ſeines nächſten Verfolgers zu entledigen, und als er ein Mittel hiezu gefunden, mußte er ſelbſt darüber lächeln. Er wandte ſeinen Lauf etwas nach der Mitte der Straße, gegen einen der Gascandelaber, ſo zwar, daß ſich dieſer jetzt zwiſchen ihm und ſeinem Verfolger befand. In dieſem Augenblicke faßte er die eiſerne Stange deſſelben mit der Hand, ſchwang ſich um ſie herum und traf den Andern dabei mit der ganzen Wucht ſeines Körpers, daß dieſer laut dröhnend zu Boden ſtürzte. Hierauf änderte er die Direction ſeines Weges abermals und flog nun in raſchen Sätzen über die dunklen Straßen dahin, einem Stadttheile zu, wo wenig Verkehr war und ſpärliche Gasflammen brannten und wo an große herrſchaftliche Häuſer viele Gärten ſtießen. Seine Verfolger blieben übrigens dicht hinter ihm und ſo ſtark und ausdauernd er auch war, ſo fühlte er doch nach und nach, wie ihm das Athmen ſchwerer wurde und wie es ihm große Mühe zu verur⸗ ſachen aufieng, den beſchleunigten Lauf fortzuſetzen. Wohin ſollte er ſich wenden? Er hatte gehofft, ſeine Verfolger zu ermüden w nicht dem dnend Jeges nklen erkehr große folger uernd n das verur⸗ ſollte nüden Im Juchsbau. und ihnen auf dieſe Weiſe zu entgehen.— Vergebens. Wenn er auch zuweilen mehrere Schritte Vorſprung hatte, ſo ſtrengten ſich die Andern deſto mehr an, in ſeine Nähe zu kommen, und ſte hatten dieß leichter, da ſte ſich theilen, ihm zuweilen den Weg abſchneiden und ſo denſelben für ſich abkürzen konnten. Glücklicher Weiſe hatte Keiner von ihnen Schießwaffen bei ſich, ſie hätten es aber auch vielleicht nicht gewagt, davon Gebrauch zu machen, denn der da vorn, den ſie verfolgten, mußte doch am Ende lebend in ihre Hand fallen. Nachlaſſen wollte Keiner und jetzt am Allerwenigſten, wo die Häſcher deut⸗ lich ſahen, daß der Flüchtling da vorn ſeinen Lauf nicht mehr ſo raſch fortſetzte wie bisher. Ja, er ſchien ungewiß zu ſein, wel⸗ chen Weg er nehmen ſoll. Er ſchaute um ſich, gewiß in der Ab⸗ ſicht, den Ort zu erkennen, wo er ſich befände.— Stand er dort nicht ſtille? Ja, er hatte ſich an die Mauer gelehnt, gewiß konnte er nicht weiter und wollte ſich ergeben. Mit erneuerter Kraft, das Ende ihres Laufs vor ſich ſehend, ſtürzten die Poli⸗ zeibeamten vorwärts. Jetzt hatten ſie die Stelle erreicht, wo ſich Jener befand. Schon ſtreckte der Vorderſte den Arm nach ihm aus, als er ſah, daß der Flüchtling verſchwunden war, an einer Mauer verſchwunden war, viel zu hoch, um darüber hinweg⸗ ſpringen zu können, aber in der Nähe eines Gartenpavillones, den ſie jedoch bei näherer Unterſuchung feſt verſchloſſen fanden und welcher obendrein zu dem Garten des Polizeipräſidenten gehörte. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Auf der Polizeidirection. Während die vier Polizei⸗Beamten ganz ermattet und ſehr verblüfft vor dem Gartenpavillon ſtanden, befand ſich der Flücht⸗ ling in demſelben in Sicherheit. Er blieb dicht an der Thüre ſtehen, und hütete ſich vor dem geringſten Geräuſch, ja er bezwang ſo viel als möglich ſeine ſchwer keuchende Bruſt, damit das Athem⸗ holen drüben nicht gehört würde. Ringsum war es ſtille, und er von ſeinen Verfolgern nur durch eine dünne Bretterwand ge⸗ ſchieden; er fühlte ſich jetzt wie der Schiffer auf ſtürmiſchem Meer. Näher als vorhin und auch jetzt noch war er dem Verderben nie geweſen. Die Nervenaufregung, das Bewußtſein, handeln zu müſſen, hatte ihn bis jetzt nicht dazu kommen laſſen, ſeine Lage zu überſehen,— ſeine Lage, vor Allem aber die ſeiner unglück⸗ lichen Schweſter. Jetzt aber, wo ſein Körper ermattet war, wo die Gefahr hinter ihm zu liegen ſchien, wo er aber immer noch wie angefeſſelt ſtehen mußte, jagten ſeine Gedanken in tollen und wilden Bildern durch ſein Gehirn. Und was ſie ihm Schreckliches zeig All raſe aus Ref ter ſteh ein ſeine ſam unte vern mack Mal b verſi er in zu ſ tappe nicht mir in de vor d mir a es do Alſo großer und z gekratz Auf der Polizeidirection. zeigten, das waren leider keine Gebilde der Phantaſie, das war Alles wahr— nur zu wahr. Sein mächtiger Geiſt breitete in raſcher Aufeinanderfolge alles Gehörte und Geſehene vor ſich aus; er überlegte, verglich, verwarf und kam zu dem entſetzlichen Reſultat, daß der Boden, auf dem er bisher gelebt, anfange un⸗ ter ſeinen Füßen zu wanken, daß er auf ſchlüpfrigem Bergrande ſtehe, ſchon hinabgleitend, ohne daß ſich ſeinem ſuchenden Auge ein ſicherer Anhaltspunkt, eine rettende Stütze gezeigt hätte.— — Als er mit ſeinen Gedanken ſo weit gekommen war, daß er ſeine Lage klar erkannte, preßte ein wilder Schmerz ſein Herz zu⸗ ſammen und er mußte gewaltſam einen Schrei der Verzweiflung unterdrücken, der ſich nun in ein momentan ſchreckliches Gefühl verwandelte, und jede Muskel ſeines kräftigen Körpers erzittern machte.— Das war der Augenblick, wo er, um Allem mit einem Male ein raſches Ende zu machen, an die Thüre zu klopfen verſucht war, um ſich ſeinen Verfolgern zu übergeben. Doch warf er in nächſter Secunde trotzig den Kopf in die Höhe und ſprach zu ſich ſelber:„Verdammt, daß ich mich auf dieſer Feigheit er⸗ tappe, ein, wenn gleich verlorenes, Spiel wegzuwerfen, da man nicht den Muth hat, es zu Ende zu führen.— Ah! wie konnte mir eine ſolche Idee kommen. Nein, ich werde meine Zügel feſt in der Hand behalten, ich werde die Räder meines Lebenswagens vor dem Sturz in dieſen Abgrund zu bewahren wiſſen, wenn mir auch drüben ein anderer nicht minder gefährlicher winkt. War es doch von jeher mein Grundſatz, das Angefangene zu beendigen. Alſo auch dieſe Partie, bis zum letzten Stiche, bis zu meinem großen Schlemm.—— Dann die Karten fein ſäuberlich geordnet und zuſammengelegt, das Conto bezahlt und— gute Nacht!“ Die Vier draußen hatten ſich hinter ihren langen Ohren gekratzt, und Einer meinte, es ſei doch wahr, was man vom Fuchs⸗ Achtundſtebenzigſtes Kapitel. bau ſage, daß dort der Teufel los ſei.„Alles in Allem genom⸗ men, ſo mag der Henker wiſſen, was wir verfolgt, vielleicht ir⸗ gend eine Art Geiſt oder einen Schatten.“ Dagegen nun prote⸗ ſtirte ein Anderer heftig und ſagte zu ſeinen Kameraden, daß das kein Schatten geweſen ſei, habe er bei dem Gascandelaber drunten wohl geſpürt; ſo ſei er in ſeinem ganzen Leben noch nicht umgerannt worden. Brummend meinte er, dafür wären ſie eigent⸗ lich nicht bezahlt, und wenn das noch einmal vorkäme, ſo könne Polizeidiener ſein, wer Luſt habe. Ein Dritter ſprach, er glaube, da helfe Alles nichts mehr; möge es nun Schatten oder Menſch geweſen ſein, er ſei nun einmal unter ſehr verdächtigen Umſtän⸗ den verſchwunden am Gartenpavillon des Polizei⸗Präſidenten, und er halte dafür, die ganze Sache dem Commiſſär zu melden und deſſen Urtheil zu hoͤren. Der Vierte aber war der Klügſte von Allen; er rieth, ſo lange über die ganze Geſchichte reinen Mund zu halten, bis ſie den Garten unterſucht hätten. Und zu dem Zweck ſollten Zwei hier bleiben, und Zwei vorn zum Hauſe hinein gehen, um, wohlverſtanden, in aller Heimlichkeit nach dem Ent⸗ flohenen zu fahnden. Fände man nichts, ſo bliebe die Sache auf ſich beruhen und werde nicht weiter gemeldet. Dieſer Vorſchlag wurde angenommen und Zwei machten ſich alsbald auf den ziem⸗ lich langen Weg nach der Polizeidirection, zu welchem Zweck ſie ein paar Stadttheile umwandern mußten. Dieß Geſpräch hatte die Gedanken des Andern unterbrochen, und zwang ihn, alsbald auf ſeine Rettung zu denken. Was ſollte er thun? Das einzige Mittel zu entkommen ſchien ihm, durch den langen Garten in das Haus des Polizei⸗Präſidenten zu gehen, denn abgeſehen von der hohen Mauer, die zu beiden Seiten hin⸗ lief, war es ihm heute Abend zu gefährlich, ſich der Nachbar⸗ ſchaft anzuvertrauen. Aber wie ſollte er aus dem Hauſe des eine Abe ſage ſpaf über lebt, der ſich Idee ein hielt er e Zeit reich nom⸗ öt ir⸗ prote⸗ „daß laber nicht igent⸗ könne laube, kenſch aſtän⸗ Mund u dem hinein Ent⸗ he auf ſſchlag ziem⸗ heck ſie ochen, ſollte ſch den gehen, n hin⸗ ichbar⸗ ſe des Auf der Polizeidirection. 219 Polizei⸗Präſidenten auf die Straße gelangen? Er mußte da an der Wachtſtube vorbei, die ſich im Erdgeſchoß befand, und wäre da einem unangenehmen, gefährlichen Verhöre nicht entgangen. Der Himmel war wolkenlos, ein heller Streifen, der ſich im Oſten langſam ausbreitete, zeigte den Aufgang des Mondes an; die Luft war kalt, ein ſcharfer Wind ſauste durch die dür⸗ ren Zweige der Bäume, der Boden war hart gefroren. Glück⸗ licher Weiſe ſprachen die beiden Polizeidiener draußen ſo laut, daß es dem Flüchtling möglich war, ſich während ihrer Unter⸗ redung langſam aus dem Pavillon zu entfernen. Einmal aus ihrer Hörweite, beſchleunigte er ſeinen Schritt und erreichte den gepflaſterten Hof, welcher an die hintere Seite des Hauſes ſtieß. Die Wagenremiſe war geöffnet, beim Schein einer Laterne ſpannte der Kutſcher ſeine Pferde ein und unterhielt ſich mit einem der Soldaten, welche zur Wache des Hauſes gehörten.„Und ſo eine Geſchichte dauert lang?“ fragte der Soldat.——„Heute Abend wenigſtens bis zwei Uhr,“ verſetzte der Kutſcher.„Ich ſage dir, ſo ein Maskenball bei Hof, der läßt nicht mit ſich ſpaſſen.“ Er, der in dieſem Augenblicke mit geräuſchloſen Schritten über den Hof ging, hatte bei all' dem Schrecklichen, was er er⸗ lebt, die täglichen Angelegenheiten vollkommen vergeſſen. Als der Kutſcher von dem Maskenballe bei Hof ſprach, erinnerte er ſich des heutigen Abends, und eine kecke, wenn gleich gefahrvolle Idee zu ſeiner Rettung blitzte in ſeinem Kopfe auf. Es war das ein Gedanke, den er ſeiner Seltſamkeit wegen augenblicklich feſt⸗ hielt und auszuführen beſchloß. Er zog ſeine Uhr und nachdem er einen Blick darauf geworfen, murmelte er:„Erſt Acht; die Zeit könnte nicht beſſer ſein.“—Jetzt hatte er das Haus er⸗ reicht, jetzt die breite Treppe, die in den erſten Stock führte, zur * — 4 Achtundſtebenzigſtes Kapitel, Wohnung des Polizei⸗Präſtdenten. Auf derſelben war Alles hell erleuchtet, und beim Schein des glänzenden Gaslichtes unter⸗ ſuchte er mit prüfendem Auge den Zuſtand ſeiner Toilette. Dank dem feſtgefrorenen Boden war an den glänzenden Reitſtiefeln kein Stäubchen zu ſehen, ebenſo untadelhaft war ſein eng anliegendes Beinkleid; nur die Blouſe von dunkelblauem Wollenſtoffe hatte ſich bei dem ſcharfen Laufen etwas verſchoben. Doch war dem leicht abzuhelfen. Er zog den ledernen Gürtel, den er um den Leib trug, feſter an, das Oberkleid herab, brachte ſeine Hals⸗ binde, ſo gut ſich das ohne Spiegel thun ließ, in Ordnung, und ſomit war ſein Anzug bis auf das Haar wieder hergeſtellt. Das muß ſchon ſorgfältiger behandelt werden, doch gab es auch hiefür ein leichtes Auskunftsmittel. Der junge Mann wußte in dem Hauſe genau Beſcheid, er ſtieg feſten Fußes die Treppe hinauf und trat oben, ſtatt nach dem Empfangszimmer zu gehen, in einen kleinen Corridor, öffnete dort eine Thüre und wollte eintreten. Hier befand ſich ein junges Mädchen, das bei dem Anblick der fremden Geſtalt, die ſo plötzlich auf der Schwelle erſchien, laut aufſchrie und flüchten wollte.„Bleiben Sie ruhig, Louiſe,“ ſagte der Eintretende lachend.„Ah! bei Gott! meine Maske iſt gut, da ſogar Sie mich nicht erkennen.“ Das Wort„Maske“ ſchien die Kammerjungfer, welche in den letzten Tagen viel von dergleichen gehört, einigermaßen zu beruhigen. Doch hielt ſie immer noch die Klinke zur Thüre des Nebenzimmers in der Hand, als ſie entgegnete:„Ja, die Maske iſt ſo gut, daß ich den Träger derſelben nicht zu erkennen vermag. Und wenn er ſich nicht augenblicklich nennt, ſo werde ich Lärm machen.“ „Coeur de rose!“ lachte der junge Mann.„Wie ſind Sie heute Abend ſo wild! So will ich mich denn alſo nennen, und mie Be wie ein „B her in d doch ande iſt f zukel men er vo in O trat, ander ſamer ihr d näher einem nen Bild auf u magni haben 1 guſte,“ verlaſſe Alles nter⸗ Dank kein ndes hatte dem den Hals⸗ und Das iefür dem nauf 1, in eten. blick hien, iſe, 1 ke iſt Auf der Polizeidirection. mich zu gleicher Zeit noch beſſer in Ihrem Gedächtniſſe auffriſchen.“ Bei dieſen Worten hatte er die Hand unter die Blouſe geſteckt, ſie wieder hervorgezogen, und als er darauf dem erſtaunten Mädchen ein paar Ducaten in die Hand gleiten ließ, ſagte er flüſternd: „Baron Brand wünſcht die Frau Präſidentin zu überraſchen, vor⸗ her aber einen Augenblick Ihre ſchöne Gebieterin zu ſehen.“ Die Kammerjungfer war wie umgewandelt.„Sie ſind aber in der That ein gefährlicher Herr,“ ſprach ſie lachend.„Habe ich doch in meinem ganzen Leben nicht geſehen, daß Jemand eine andere Figur ſo täuſchend darſtellen könnte. Fräulein Auguſte iſt fertig— ich werde Sie melden.“ Damit verſchwand das Mädchen, um gleich darauf zurück⸗ zukehren und dem Wartenden zu ſagen, daß ſein Beſuch willkom⸗ men ſei. Ehe der Baron übrigens das Zimmer v erließ, brachte er vor dem kleinen Spiegel deſſe lben ſeine Haare ſowie ſeinen Bart darauf den uns bekannten Salon be⸗ trat, erſchien die Tochter des Präſidenten zu gleicher Zeit von der andern Seite, doch blieb ſie beim Anblick de in Ordnung, und als er r fremdartigen, ſelt⸗ ſamen Geſtalt zögernd auf der Schwelle ſtehen, und erſt, als ſich ihr der Baron in ſeiner eleganten und liebenswürdigen Weiſe näherte, ihre Hand ergriff, ſie feurig küßte und dazu wie mit einem Anflug von Empfindlichkeit ſagte:„Ah! auch Sie erken⸗ nen mich nicht einmal! auch Ihnen, ſchöne Auguſte, iſt mein Bild ſo wenig gegenwärtig,“ lachte das reizende Mädchen laut auf und rief einmal über das andere Mal:„Prächtig! ſuperb! magnifique!— Baron, ich kann Ihnen nicht verſchweigen, Sie haben ſich da einen gefährlichen Nebenbuhler erſchaffen.“ „Dieſe Aeußerung könnte mich unglücklich machen, Au⸗ guſte,“ ſagte zärtlich der Baron.„Und darauf koͤnnen Sie ſich verlaſſen, ſchoͤne Unbeſtändige, daß der Nebenbuhler nach dem 222 Achtundſiebenzigſtes Kapitel. heutigen Abend verſchwinden und nie mehr zum Vorſchein kom⸗ men ſoll.“ „Alſo eiferſüchtig auf ſich ſelbſt!“ lachte das ſchöne Mädchen. „Ja, auf mich ſelbſt,“ entgegnete er feurig.„Auf Jeden, der es wagt, Sie anzuſehen, auf das Licht, das in Ihrem ſchö⸗ nen Auge glänzt, auf die Luft, die Sie einathmen, auf dieſen goldenen Reif, der das Glück hat, Ihren reizenden Arm zu um⸗ ſchließen.“ Dabei küßte er ihn vielmal, das heißt den Arm, nicht den Reif.—„Und eiferſüchtig bin ich,“ fuhr er mit einem leiſen Seufzer fort,„auf die Blume in Ihrem Haar, ach! und auf die Spitzen, jene feinen, neidiſchen Gewebe, welche beſeligt ſind, Ihnen ſo nahe ſein zu dürfen.“ „Welche Wortverſchwendung!“ verſetzte Auguſte heiter und fröhlich.„Aber jetzt ſeien Sie vernünftig, Baron. Ja, wenn Sie ſich einen Augenblick zu mir herſetzen und verſtändig ſein wollen, ſo will ich Ihnen dagegen geſtehen, daß es mich recht, — nein, das will ich gerade nicht ſagen,— aber daß es mich freut, Sie noch vor dem Balle zu ſehen.— Aber ſetzen Sie ſich!“ Der Baron that wie ihm befohlen, und obgleich die beiden Fauteuils ziemlich weit von einander ſtanden, ſo wußte er doch durch eine kühne Schwenkung ſeinen dem ihrigen näher zu brin⸗ gen.„Daß ich ehrlich bin, müſſen Sie mir doch zugeſtehen, Auguſte. So mein Coſtüm preisgeben! Wie hätte ich Sie intri⸗ guiren können!“ Er beugte ſich zu ihr hinüber, und während er ſeinen Arm ſo auf die Lehne des Fauteuils ſtützte, daß er mit ſeinen Fingerſpitzen bald den kühlen, glatten Goldreif, bald ihren warmen, vollen Arm berühren konnte, blickte er ihr von unten herauf ſo forſchend in die Augen, daß ſie die ihrigen niederſchlug. Nach einer Weile ſagte ſie:„Ich hätte Sie doch erkannt, Baron. Freilich, Ihr Coſtüm iſt ſchön, Ihr Geſicht gänzlich unm auf zu kö Ausd verlaf ich h gen 1 verſch kurzes in ihr angeſc nicht, kom⸗ chen. eden, ſchö⸗ ieſen um⸗ nicht leiſen f die ſind, und wenn ſein recht, mich ich!“ heiden doch brin⸗ eehen, intri⸗ hrend er mit ihren unten chlug. kannt, nzlich Auf der Polzzeidirection. fremd, aber Ihr Weſen, Ihre Art zu ſprechen, können Sie nicht verläugnen.“ „Coeur de rose!“ erwiederte er lachend, nda irren Sie ſich.“ „Gewiß nicht,“ verſetzte das ſchöne Mädchen.„Sie haben etwas Weiches— etwas Gutes, wenn Sie wollen,— in Ihrer Sprache, in Ihrem Auftreten, in Ihrer Art zu ſein, und das iſt im Widerſpruch mit Ihrem wilden Coſtüm, ja mit dem Blitz, der jetzt aus ihren Augen flammt.“ Bei dieſen Worten erhob ſich der junge Mann langſam aus ſeinem Stuhl, und als er aufrecht daſtand, ſchien er gegen früher um ein paar Zoll gewachſen zu ſein. Seine Haltung war eine ganz andere; er legte die linke Hand leicht und graziös auf den Griff ſeines Dolches und ſagte mit jener erſten, klingenden Stimme, die uns bekannt iſt, mit jenem Tone, der die wildeſten Geſellen erzittern machte:„So hören Sie mich denn, Auguſte. Ich bin in der Verkleidung nicht ohne Abſicht zu Ihnen gekom⸗ men,— zu dir, deren Herz mir gehört. Verhältniſſe, die ich dir unmöglich jetzt auseinander ſetzen kann, erlauben mir nicht, dich auf dem gewöhnlichen und ſchicklichen Wege die Meine nennen zu können.— Auguſte,“ fuhr er mit wildem und doch zärtlichem Ausdrucke fort,„meine Auguſte, du mußt Vater und Mutter verlaſſen und mußt mit mir fliehen, noch heute Nacht fliehen; ich habe alle Vorbereitungen getroffen, am Schloſſe halten Wa⸗ gen und Pferde, im Gewühl des Balles wird es uns leicht, zu verſchwinden.— Willſt du, meine Auguſte? Willſt du? Ein kurzes Wort, Ja oder Nein.“ Das auf's Höchſte überraſchte Mädchen hatte die nun auch in ihrem Weſen ſo ganz fremde und verwandelte Geſtalt ſtaunend angeſchaut und hatte zitternd ſeine Worte gehört; aber ſie zitterte nicht, weil ſie dachte, es ſei jetzt der Augenblick der Vereinigung — — 224 Achtundſtebenzigſtes Kapitel. gekommen mit dem Manne, dem ſie geſtanden, daß ſte ihn liebe, dem ſie feurige Küſſe erlaubt, dem ſie einen Schlüſſel anvertraut, von dem er einen großen Mißbrauch hätte machen können, ſondern ſie bebte, weil ſte ſeinen Worten völlig glaubte, und aus denſelben eine Abſicht hervortreten ſah, die mit der ihrigen durchaus nicht harmonirte, an die ſie nimmermehr ge⸗ dacht, der ſie nie ihre Zuſtimmung geben würde. Dem Baron Brand hatte ſie erlaubt, daß er ſie liebe, aber vor aller Welt liebe; ſie wußte, daß er reich war, daß er ſchöne Equipagen hatte, in allen Geſellſchaften gern geſehen war; ſie wäre hier in der Reſidenz gerne vor den Altar getreten; wie hätte man ſie benei⸗ det, wie hätte man der Baronin Brand gehuldigt! Dieß ſchöne, glänzende Gewebe hatte er mit ſeinen Worten gänzlich zerſtört, ſie ſah die goldenen Fäden davon flattern, und hatte leider nicht Verſtand genug, ſie zu erhaſchen und ihn ſelbſt mit kluger Hand damit zu umgarnen. Er lauſchte geſpannt auf ihre Antwort, und als er bemerkte, daß, nachdem er geendet, ihre Züge kalt, ernſt und förmlich wur⸗ den, flog faſt unmerklich ein triumphirendes Lächeln über ſein Geſicht. „Herr Baron,“ ſagte ſie,„wenn es auch möglich wäre, daß Sie vorhin im Scherze ſprachen, ſo ſind das doch Worte, die ich nicht hören darf, und Sie werden mir erlauben, daß ich Mama rufe.“ Bei dieſen Worten wandte ſte ſich gegen die Mitte des Salons, doch ſprang ihr der Baron mit einem zierlichen Schritte nach, indem er lachend ausrief:„Coeur de rose! ſchönſte Au⸗ guſte, ſehen Sie wohl, daß es mir gelungen, mein ganzes Weſen zu ändern. Ah! Sie haben meinen Worten geglaubt. Sehen Sie, wie ich Sie gefangen.“ Welcher von Beiden iſt nun er ſelbſt? dachte ſie, mehr hritte Au⸗ Leſen zehen mehr Auf der Polizeidirection. 225 und mehr überraſcht. Gewiß, ich that ih habe mich in der That fangen laſſen. „Wie iſt es ſo ſüß,“ ſagte ſchwärmeriſch der Baron,„den Zorn eines geliebten Gegenſtandes zu erregen. Hat man doch alsdann das Recht, Verzeihung zu erbitten, was ich hiemit kniefällig thue.“ Damit warf er ſich ihr zu Füßen, faßte ihre Hände, doch blieb es nicht allein bei dem Küſſen derſelben. „Halb zog er ſie, halb ſank ſie hin“ ſagt bei einem nicht ganz unähnlichen Falle der Dichter. Doch können wir nicht hinzuſetzen: m Unrecht, und ich „Und ward nicht mehr geſehen,“ müſſen vielmehr der Wahrheit gemäß ſagen, daß in dieſem Au⸗ genblick die Präſidentin die Thüre öffnete und überraſcht auf der Schwelle ſtehen blieb, als ſte den fremden, wild ausſehenden Mann auf ſo ſeltſame Art bei ihrer Tochter traf. Als kluge Frau, die ſie immer war, huſtlete ſie bedeutſam, bei welchem Ton Auguſte zuſammen ſchrack, aber, von den Armen des jungen Mannes feſtgehalten, ſich nicht ſogleich be Doch wandte ſie ihren Kopf, der Mutter zu und rief: freien konnte. der wieder frei geworden war, „Herr Baron von Brand, für den heu⸗ tigen Abend als Räuber maskirt, iſt in der That ſo abſcheulich, Mama, daß ich bei Ihnen Schutz ſuchen muß.“ Während ſie das aber ſagte, fühlte er einen leichten Druck ihrer Hand, die eben geſprochenen Worte Lüge ſtrafend. „Aber das ſind ſchreckliche Geſchichten,“ verſetzte nun uͤber⸗ raſcht die Präſidentin, die eb enfalls nicht im Stande war, die ſo bekannten Züge des Barons zu entdecken. „Coeur de rose!“ lachte Dieſer,„ich bin verrathen, gnä⸗ dige Frau. Ich kann nicht mehr zurück.“ Auguſte ſchien zu erröthen, und die Präſidentin huſtete wäh⸗ rend eines ſanften Lächelns. Hackländer, Europ. Seclavenleben. VV. 15 4 226 Achtundſtebenzigſtes Kapitel. Es entſtand eine kleine Pauſe, dann ſprach das junge Mäd⸗ chen mit liſpelnder Stimme:„Ach Mama, er iſt wirklich zu ab⸗ ſcheulich, der Baron; er hat mich auf eine ſo hinterliſtige Art auf die Probe geſtellt.“ „Die Sie aber ſiegreich wie Wenige beſtanden,“ erwiederte der Baron nicht ohne einen Anflug von Ironie.—„Aber finden Sie meine Maskerade nicht vortrefflich?“ fuhr er fort, ſich an die Präſidentin wendend.„Nicht wahr, ich bin vollkommen un⸗ kenntlich? Doch verzeihen Sie, Gnädigſte, vor allen Dingen muß ich mich entſchuldigen, daß ich es gewagt, Sie zu überraſchen; meine Gedanken ſind eigentlich zu häufig in Ihrem Hauſe und ſchleppen mich zuweilen willenlos mit.“ „Nicht wahr,“ ſagte Auguſte etwas ſchüchtern,„es iſt eigentlich lieb von dem Baron, daß er ſich uns vorher zu erkennen gab. Er hätte uns ſchön in Verlegenheit bringen können.“ „Doch jetzt wollen wir Andere intriguiren!“ lachte er luſtig. „Sie müſſen mir ſchon erlauben, daß ich mich heute Abend zu⸗ weilen an Ihrer Seite ſehen laſſe. Ja, ich hätte noch einen küh⸗ nern Wunſch, aber ich wage es nicht, ihn auszuſprechen.“ „Immer zu, Baron,“ entgegnete gnädig die Mutter.„Sie ſind heute Abend ein gefährlicher Menſch, dem man nichts ab⸗ ſchlagen darf.“ „Auch nicht einen Platz in Ihrem Wagen?“ „Ah Baron; das iſt viel. Was wird die Welt ſagen? Wie ſoll ich mich da heraus reden? Sie wiſſen ohnedieß,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme gegen ihn hinzu,„daß man Sie gerne mit dem Departement der Polizei in Berührung bringen möchte.“ „O ja, ich weiß das,“ ſprach er ſeufzend. „Und ich muß doch den Leuten eine Aufklärung geben können, warum ich in Begleitung eines ſo furchtbaren Räubers erſcheine. 1 Auf der Polizeidirection. 2 227 „Begreiflicher Weiſe. laubt, ſo ſtellen Sie den ft tigam Ihrer Tochter vor.“ „Ah Baron, Sie erſchrecken mich!“ und ſchlug die Augen nieder, und Genugthuung. Aber wenn es die ſchöne Auguſte er⸗ urchtbaren Räuber als— den Bräu⸗ rief das Mädchen aus doch blitzten dieſelben vor Freude „Und welchen Namen trägt der Räuber?“ fragte lächelnd die Mutter. „Nun ich dächte, meinen Namen kennten Sie vollkommen. — Doch da kommt ſo eben der Herr Präſident; bitte, gnädige Frau, fangen Sie Ihre Vorſtellungen an.“ Wirklich erſchien der Präſident in dieſem Augenblicke im Salon, blieb aber ebenfalls auf's Hö chſte überraſcht an der Thüre ſtehen, als er den fremden Mann bei ſeinen Damen ſtehen ſah. Seine Naſe wollte ſich unmuthig erheben, doch dachte er noch zur rechten Zeit an den Carneval und fieng ſte deßhalb ſanft wieder ein. Seine Ueberraſchung verminderte ſich übrigens nicht, als nun die Präſidentin den jungen Fremden als Tochter vorſtellte. Gl Namen aus, Bräutigam der ücklicher Weiſe aber ſprach Auguſte den worauf ein momentanes Lächeln die etwas be⸗ kümmerten Züge des Präſidenten überflog; er war aber klug ge⸗ nug, die Sache vorderhand als Scherz zu behandeln mit dem aufrichtigen Wunſche im Hintergrunde, daß ſie ſich recht bald in Ernſt verkehren möge, denn er wünſchte ſich einen vornehmen und reichen Schwiegerſohn. Aufmerkſam betrachtete er den Baron, dann ſagte er:„Sie haben da ein eigenthümliches Coſtüm; liegt demſelben eine Idee zu Grunde?“ „Eine beſondere nicht,“ entgegnete ſcheinbar ſehr luſtig der junge Mann.„Es iſt eine Phantaſte, eine Grille.“ „Ein eleganter Räuber,“ bemerkte ſtolz die Präſidentin. 15* — — Achtundſtebenzigſtes Kapitel. „So Etwas ſchwebte mir auch vor,“ erwiederte der Baron laut lachend.„Und ich dachte dadurch unſerm verehrten Herrn Präſidenten eine kleine Aufmerkſamkeit zu erzeigen. Wie man in der Stadt hört, ſind Sie ja mitten in Räubergeſchichten darin und ſoll man merkwürdigen Sachen auf die Spur gekommen ſein.“ Der Präſident klopfte an ſeine Naſe und verſetzte mit gro⸗ ßer Wichtigkeit:„Allerdings; aber wir müſſen klug vorgehen, denn wir haben es mit der Quinteſſenz von Schelmen und Schlau⸗ heit zu thun. Ich leite ſelbſt die ganze Geſchichte.“ „Die armen Räuber!“ ſagte der Baron ſehr ſchmeichelhaft für den Chef der Polizei. „Aber Kinder, es iſt Zeit,“ ſprach der Präſident.„Gleich neun Ahr; der Wagen iſt vorgefahren.— Baron, wo haben Sie den Ihrigen?“ „Ah! Herr Präſident,“ entgegnete Dieſer lachend,„ich wollte Ihre Damen überraſchen und zu ſolchem Zwecke fährt man nicht im Wagen.“ „Der Baron hat einen Platz bei uns acceptirt,“ ſagte be⸗ ſtimmt die Mutter. Sie hätte um keinen Preis den Räuber, künf⸗ gtigen Schwiegerſohn und Baron aus der Hand gelaſſen. Er ſelbſt hatte keinen andern Ausweg und mußte unter mehreren Uebeln das Kleinſte wählen. Seine vier Verfolger trie⸗ ben ſich ſicherlich in der Nähe der Polizeidirection herum; wahr⸗ ſcheinlich war das ganze Stadtviertel von ihnen beſetzt. Alſo die einzige Möglichkeit zu entrinnen war, wenn er unter dem mäch⸗ tigen Schutze des Präſidenten ſelbſt das Haus verließ und ſo an's andere Ende der Stadt, in's Schloß, kam. Hier wurde es ihm leicht, im Gedränge zu verſchwinden, den Wagen eines Bekannten zu finden und nach Hauſe zu fahren, um ſich umzukleiden. Der Bediente meldete, daß vorgefahren ſei, die Damen 4 Auf der Polizeidirection. hüllten ſich in ihre Mäntel, und der Baron rief mit ſehr gut ge⸗ ſpielter Ueberraſchung aus:„Ahl jetzt beginnt ſchon die Strafe für meinen Leichtſinn. Ich vergaß, mir einen zu laſſen; ſehen Sie, gnädige Frau, ſo muß ich Sie dennoch verlaſſen und zuerſt nach Haus eilen.“ Mit leiſer Stimme ſetzte „Ich fühlte keine Kälte, als ich hieher eilte, meine geliebte Auguſte.“ „Das iſt kein Grund, Baron,“ darf Ihnen einen Mantel er, gegen das Mädchen gewendet, hinzu: entgegnete die Mutter.„Ich meines Mannes anbieten.“ Ja, Baron, wenn Sie mit einem Dienſtmantel vorlieb f 7 nehmen wollen,“ ſagte lächelnd der Präſident. ſind nicht ſo mit Ueberflüſſigem verſehen, wie ihr jungen Leute.“ Natürlicher Weiſe bat der Baron noch einige Mal, ſich nicht zu derangiren, ließ ſich aber doch endlich zu dem Dienſtmantel herbei, der ihm denn auch eilig vo „Wir alte Herren n dem Bedienten umgehängt wurde. Es war ein langgedientes Kleidungsſtück von braunem Tuch mit hellblauem Kragen— ganz Ordonnanz. So ſtieg man die Treppen hinab, bei der Wachſtube vorbei, an deren Thüre einige Polizeiſoldaten ſtanden, welche ziemlich betrübte und verdrießliche Geſichter machten. Nachdem der Schlag des Wagens geſchloſſen war, ſagte der Bediente zu dem Kutſcherg „Nach dem Schloſſe!“ und als die Pferde anzogen, that der Ba⸗ ron von Brand einen tiefen Athemzug. Paletot bringen Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Maskenball bei Hof. An einem Abend wie der heutige glänzte das königliche Schloß innen und außen von Lichtern. Da brannten alle Gas⸗ candelaber rings umher und umgaben die gewaltigen Gebäude⸗ maſſen mit einem hellen, weißen, blitzenden Kranz; der große Platz vor dem Schloß, ja die angrenzenden Straßen waren mit Pechpfannen beſetzt, deren dunkelrothe Gluth wild und trotzig gegen die zierlichen Gasflammen erſchien. Die lodernden Flam⸗ men warfen einen hellen Schein auf den weiten Platz, wo eine unzählige Menge von Irrlichtern ihr Weſen zu treiben ſchienen. Das waren die Laternen der vielen Wagen, die von allen Rich⸗ tungen her kamen, ſich kreuzten, hier geradeaus fuhren, dort einen Bogen beſchrieben. Eine große Menſchenmenge umlagerte den Haupteingang des Schloſſes, um von den anfahrenden Masken ſo viel zu ſehen, als die neidiſchen Verhüllungen, Mäntel, Shawls, Paletots erlaubten. Neugierig drängten ſich dieſe Zuſchauer vor und wagten ſich oftmals ſo dicht heran, daß err Ga ein naif Ueb den ſeine auf kaper ängſt den Maskenball bei Hof. die aufgeſtellten Poſten, Kuiraſſie Stande waren, die Eing Alles vor dem ſt ſtrahlenden Kuiraß und die gl augenblicklich zurückwich, wieder vor, und es und Fluth. Dieß hinderte übrigens die Wagen nich langſamſten Tempo, anzufahren und ſti ledigengn Freilich war die Reihe ſehr l Hauſe weggefahren, ſich an's Ende — im Falle er nämlich nicht t, wenn gleich im ch ihres Inhalts zu ent⸗ ang; wer daher ſpät von derſelben anſchließen mußte, zu den Beyorzugten gehörte,— konnte lange warten, bis er die Treppen erreichte. Zu dieſen 3 5 9 Bevorzugten gehörte der Wagen des Polizeipräſtdenten, der, von einem der Kuiraſſiere begleitet, ſogleich an den Eingang gelangte, Beide Damen und Herren ſt ſtiegen aus, und als ſte das Veſtibul erreicht hatten, wo ſich in der Nähe des Tanzſaals Garderoben befanden, drangen ihne einer Polonaiſe entgegen. „Geſchwind, geſchwind!“ rief die naiſe beginnt, man darf das nicht verſäumen, wenn man einen Ueberblick über das Ganze erhalten will.“ Der Baron, welcher gehofft hatte, ſogleich beim Eintritt in den Saal verſchwinden zu können, ſah ſich genöthigt, der Tochter ſeinen Arm zu geben, während die Mutter von einein ſchon lange nden jüngern Polizeirath ge⸗ auf dieſen wichtigen Moment harren Reihe weggeführt wurde. Der Präſtdent faßte kapert und in die ängſtlich ſeine Naſe und war ſchon im nächſten Augenblicke in r Masken hineingeriſſen. den Strudel de Ein gewöhnlicher Maskenball iſt von einem ſolche die großen n ſchon die rauſchenden Klänge Präſidentin,„die Polo⸗ n bei Hofe re hoch zu Roß, kaum in änge frei zu halten, denn wenn auch ampfenden Pferde oder ſobald man nur den änzende Pallaſchklinge erblickte, ſo drängten doch die Hinteren immer s war hier eine fortwährende lebendige Ebbe “ Neunundſtebenzigſtes Kapitel. 232 wenig verſchieden. Hier ſind nur die Räume prächtiger, die Be⸗ leuchtung glänzender, der Eingeladenen mehr und dabei in den einzelnen Sälen, wo ſich Alles zuſammendrängt, eine unerträg⸗ liche Hitze, ein fabelhafter Staub und ein Gemiſch von Parfums der verſchiedenſten Art. Im Uebrigen gleicht ein Maskenball dem andern auf's Haar. Hier wie dort ſieht man prächtige Coſtüme, geſchmackvolle Anzüge, neben andern, die recht übel gewählt, ja mitunter ſehr fade erſcheinen. Auch die Converſation bleibt ſich im Ganzen ziemlich gleich. Geiſtreiche Bemerkungen wechſeln ab mit den dummſten Phraſen, und das bekannte:„Maske, ich kenne dich!“ iſt ebenſo hier wie dort, nur hier gewöhnlich in's Franzöſiſche überſetzt, zu Hauſe. Einen Vorzug haben übrigens die gewöhnlichen Bälle, daß ſich nämlich ſämmtliche Anweſende gleichförmig über das ganze Local vertheilen, wogegen hier die Säle und Zimmer, in denen ſich gerade die allerhöchſten Herrſchaften aufhalten, förmlich be⸗ lagert ſind, von einer Menſchenmaſſe beſetzt, die Kopf an Kopf ſteht, in der Jeder ſich vordrängt, um gleich darauf wieder ſanft zurückgedrückt zu werden, wo Jeder den Hals ſo lang als mög⸗ lich emporſtreckt und das ſüßeſte Lächeln auf ſeinem Geſichte her⸗ vorruft, um gleich gerüſtet zu ſein, ſobald ein gnädiger Blick herüberdringt. Die Polonaiſe bewegte ſich durch das ganze Appartement in einer faſt endloſen Linie und hatte zuletzt den kleinen Thron⸗ ſaal zu paſſtren, wo ſich der allerhöchſte Hof befand und auf dieſe Art alle anweſenden Masken Revue paſſiren ließ. Die Muſik ſpielte ein ſo langſames Tempo, daß man nur ſo dahin zu ſchlen⸗ dern brauchte, wodurch es auch den Herrſchaften möglich war, ſich jeden Einzelnen genau zu betrachten und Dieſen oder Jenen mit einem gnädigen Worte zu beglücken. 1 ſch rit nã ſob reiz Leh gen wur wuß beka ſah, Geſi deckt Maskenball bei Hof. Vergeblich hatte der Baron Brand den Verſuch gemacht, die junge Dame, welche er führte, zu überreden, mit ihm in eins der leereren Zimmer zu treten, um, wie er ſagte, die lang⸗ weilige Polonaiſe mit ſüßem Geplauder zu vertauſchen;— es war ihm unangenehm, ja ihm bangte ordentlich davor, durch den Thronſaal zu gehen. Auguſte dagegen hätte um Vieles ihren Platz nicht verlaſſen. Sie hörte gern das Flüſtern um ſich her und vernahm es mit Stolz, wenn man ſich über ihren ſeltſam, aber elegant coſtümirten Begleiter in allerlei Muthmaßungen er⸗ ging. Der Baron mußte vorwärts und da es nun einmal nicht zu ändern war, ſo hob er den Kopf leicht empor und ſchritt da⸗ hin, als ſei ihm Alles daran gelegen, die Aufmerkſamkeit der Anweſenden auf ſich zu ziehen. Der ganze Hof war verſammelt; Ihre Majeſtät im ge⸗ ſchmackvollen Coſtüme einer reichen Burgfrau ſaß da, von Ihrem ritterlichen Gefolge umgeben. Aus dieſen hervor machten ſich be⸗ ſonders vier ſchöne Stallmeiſterinnen bemerkbar, welche ſie zu⸗ nächſt umſtanden. Eine derſelben war Eugenie von S. , und ſobald der Baron den Saal betrat, konnte er es begreiflicher Weiſe nicht unterlaſſen, mit ſeinem ſcharfen Auge ſogleich dieſes reizende Mädchen aufzuſuchen. Da ſtand ſie, die prächtige, ſchlanke Geſtalt, zunächſt am Seſſel Ihrer Majeſtät, auf deſſen Lehne ſie eine Hand aufgeſtützt hatte. Sie trug das eng anlie⸗ gende dunkelblaue Reitkleid, welches ihre ſchönen Körperformen wunderbar hervorhob.— Weßhalb es ihn ſchmerzlich berührte, wußte der Baron ſelbſt nicht, aber als er von ihrer Schulter die bekannten Achſelbänder in Blau, Grün mit Silber herabflattern ſah, verurſachte ihm das ein widriges Gefühl. Dazu war das Geſicht des ſchönen Mädchens mit einer erſchrecklichen Bläſſe be⸗ deckt und ihre Augen geröthet, als habe ſie geweint; ja zuweilen 8 en 1 8 Neunundſtebenzigſtes Kapitel. zuckten ihre bleichen Lippen und es war, als müſſe ſie ſich alle Gewalt anthun, um ihre Thränen zurückzuhalten.— Wo aber war der Herzog?— Nichtig, dort ſtand er hinter ihr und hatte dieſelben Farben, welche Eugenie trug, an ſeinem Anzuge nicht geſpart. Zuweilen beugte er ſich angelegentlich und auffallend zu ihr hinüber und flüſterte ihr lächelnd einige Worte zu, welche ſie ja nicht unfreundlich erwiedern durfte. Doch ſah das Lächeln, welches alsdann über ihr Geſicht flog, ſo eiſig, ja unheimlich aus, daß es den Baron ordentlich davor ſchauderte. r ver⸗ wünſchte den Dienſt, den er dem Herzog geleiſtet und hätte ſich vielleicht noch größere Vorwürfe darüber gemacht, wenn ſeing Gedanken heute Abend nicht mit Wichtigerem beſchäftigt geweſer wären.— Warum hatte er dem Herzog dergleichen Dienſte ge⸗ leiſtet?— Um ihn ſeinerſeits ebenfalls gebrauchen zu können und eine innige Verbindung mit ihm anzuknüpfen, die ihm ſpäter vielleicht von Nutzen ſein konnte.— Und dieß ſpäter— o es kam vielleicht nie, denn der Baron fühlte ſchmerzlich, daß der Zeiger ſeiner Lebensuhr wahrſcheinlich eine Stunde anzeigte, ſo ſpät, daß ſie mit dem Schlage derſelben gänzlich abgelaufen ſei. Und doch— wenn es eben möglich war, ſollte dem Herzog nichts geſchenkt ſein. Unter dieſen Gedanken durchſchritt er den Saal, ſtolz, mit hoch erhobenem Kopfe, die erſtaunten Blicke zurückgebend, die ſich gegen ihn richteten. Es mußte etwas Eigenthümliches in ſeiner Erſcheinung liegen, denn wo er vorbei kam, bewegten ſich flüſternd die Lippen gegen den Nachbar und ſelbſt Eugenie erhob ihren Blick und heftete die dunkeln, ſchwermüthigen Augen eine Secunde lang feſt auf ihn. Vor Etwas bangte übrigens dem Baron, vor dem Anblick des jungen Grafen Fohrbach, den er lieb gewonnen und der auch ihm ſtets mit gleicher Freundlichkeit entgegen gekommen war. Wahrhaftig, ihn reute die Geſchichte mit den Achſelbändern Ku u ig ſtan lette ihn er Aug Beſt des ſie ih dann Baro die H Anbl zornig deſſen bemer ergriff als de nochme vorgeſt S brachte lich zu zurückzi Kaufes die klug in Arm gewiſſer! Jahre h nicht d zu e ſie jeln, nlich ver⸗ ſich ſeine einer ternd ihren runde „vor unen nmen ndern Masenball bei Hof. 235 id er hätte Gott weiß was darum gegehen, wenn er ſie hätte uigeſchehen machen können.— Ach! wie ſo Vieles.— Dort ſtand der Graf in einem ſehr geſchmackvollen Anzuge von vio⸗ lettem Sammet mit Silberſtickerei; dort ſtand er, und als er ihn, den Baron erblickte, ſchien etwas Furchtbares in ſeinem Herzen vorzugehen. Seine Hände ballten ſich zuſammen, Auge flammte einen Moment, dann aber ſpiegelte ſich etwas wie Beſtürzung und Schrecken in demſelben. Daß dieſe Aufregung des jungenzannes ihm gelte, fühlte der Baron wohl, doch war ſie ihm unerklärlich, denn erſtens erkannte er ih dann konnte er ja Auch keine Ahnung d Baron Brand, ſein n gewiß nicht und avon haben, daß er, der bei jener Geſchichte mit Eugenie und dem Herzog die Hand im Spiele habe. Daß aber Graf Fohrbach bei ſeinem Anblick auf's Höchſte erſchreckt geſchienen, zornig gefunkelt, war nicht zu läugnen; — deſſen Bewegu ja, daß ſein Auge hatte er doch deutlich ng geſehen, als wenn er vorſtürzen wolle und hatte bemerkt, daß ihn der alte 7 Leibarzt ironiſch lachend bei dem Arm ergriff und zurückzog. Auch folgte er ihm mit den Blicken, und als der Baron ſchon das Ende des Thronſaals erreicht hatte und nochmals rückwärts ſchaute, ſah er den Grafen noch immen mit vorgeſtrecktem Halſe und ſtarren Augen. — 9 Die Polonaiſe ging nun bald darauf zu Ende, der Baron brachte ſeine Tänzerin nach mühſamem Umherſuchen endlich glück⸗ lich zu ihrer Mutter und wollte ſich nun ſo ſchnell als möglich zurückziehen. Doch ließ ihn die Präſidentin nicht ſo wohlfeilen Kaufes davon; er mußte ſich den Polizeirath vorſtellen laſſen und die kluge Frau benützte hiezu den Augenblick, als er gerade Arm in Arm mit der Tochter vor ſie hintrat. Es war dieſe Vorſtellung gewiſſermaßen eine Lehre für den Polizeirath, denn vor einem Jahre hatte man ihm zu verſtehen gegeben, d aß eine Verbindung 8 ¹ 1 6 6 Neunundſtebenzigſtes Kapitel. mit dem Hauſe des Präſidenten für ihn, der von ſehr guter Familie war, vielleicht nicht unerreichbar ſei. Er hatte aber bereits eine thörichte Liebe in ſeinem Herzen und zu wenig Welt⸗ klugheit, um einer künftigen Carriere ſelbſt ein ſo kleines Opfer zu bringen. Der Baron hatte übrigens nachgerade an der Comödle genug, in die er ſich ſo leichtſtunig hinein gewagt, und blickte rings auf das Gewühl, um eine Direction zu finden, bei welcher er ſich am leichteſten zurückziehen könne. Doch ſagte ihm die Prä⸗ ſidentin:„Sehen Sie, wie ich alterirt bin, Baron. Haben Sie denn ſchon von der unglückſeligen Geſchichte mit der Baronin von W. gehört? Gerechter Gott! man hat es mir ſchon von mehreren Seiten geſagt und denkt, ich als Frau des Präſidenten müſſe darum wiſſen; hatte aber keine Ahnung davon Mein Mann ſpricht niemals über ſo Etwas.— Haben Sie es denn gewußt?“ Baron Brand zuckte mit den Achſeln und entgegnete:„Ich erfuhr es ebenfalls vorhin. Das iſt freilich eine traurige Ge⸗ ſchichte. Und man weiß nichts Näheres?“ „Man ſagt dieß und das; Gott! wenn nur der Präſident käme. Wer weiß, wo der Mann wieder am Spieltiſche ſitzt. Ich ſollte doch eigentlich den Leuten gegenüber etwas Genaueres wiſſen.“ Der Polizeirath, der ſich vorhin zurückgezogen, näherte ſich jetzt eilig wieder und ſagte:„Der Herr Herzog ſucht den Herrn Polizeipräſidenten. Dort kommen Seine Durchlaucht. 14 Nach dieſen Worten trat er mit einem tiefen Bückling zurück, um dem Herzoge Platz zu machen, der nun zu der Gruppe trat, ſich vor Mutter und Tochter etwas verneigte und den ihm Fremden, der der den laul zog, es n haft Dure den einm wand lichen hältn ſtatter Teufe und 2 tulatic Mama ſpielen ( eigentl. keine J ihn dri A r guter te aber gWelt⸗ 3 Opfer Comödie blickte welcher die Prä⸗ ben Sie Baronin pon von iſidenten Mein es denn e:„Ich rige Ge⸗ Präſident ſche ſitt zenaueres herte ſich en Herrn ng zurück, uppe trat, Fremden, KMaskenball bei Hof. 237 nblickte. Der Baron, genug hatte, wandte ſich an ihm lächelnd:„Gnädigſter Herr, ich er⸗ n guten Abend zu wünſchen.“ „Ah! die Stimme ſollte ich zog, wobei der neben der Tochter ſtand, von der Seite a der an der Präſentation von vorhin den Herzog und ſagte laube mir, Ihnen eine kennen!“ erwiederte der Her⸗ er den Andern forſchend betrachtete.„Wären Sie es wirklich, Baron Brand 2“ „In eigener Perſon;— Coeur de rose! ich muß mir wahr⸗ haftig auf meine Vermummung etwas einbilden.“ „Ich mache Ihnen mein Compliment,“ entgegnete Seine Durchlaucht;„ſuchte Sie auch ſchon eine gute Welle, den Herrn Polizeipräſidenten. Wiſſen Sie, ich kann Sie nun einmal von dem Departement nicht trennen.— Gnädige Frau,“ wandte er ſich an die Präſidentin,„Sie müſſen dieſem gefähr⸗ lichen Menſchen den Zutritt in Ihr Haus nicht ſo ſehr erleichtern.“ Die Mutter lächelte ſanft und erwiederte:„Es gibt Ver⸗ hältniſſe, Euer Durchlaucht, unter deren Schutz man viel ge ſtatten kann.“ „Ahl es gibt Verhältniſſe!“ rief lachend der Herzog.„Was Teufel! Baron, hat man Sie endlich erwiſcht,— und Verräther.— Fräulein Auguſte, Sie und 7 Sie Heuchler darf ich Ihnen meine Gra⸗ tulation machen?“ Das Mädchen knirte und blickte ſehr ſchüchtern zu Boden. Mama erhob ihren Kopf ſehr würdevoll, wobei ſie den Fächer ſpielen ließ, und Herr von Brand ſtand wie auf Nadeln. Glücklicher Weiſe erinnerte ſich der Herzog, weßhalb er eigentlich gekommen, und ſprach zur Präſidentin:„Haben Sie keine Idee, wo ich Ihren Herrn Gemahl treffen kann? Ich muß ihn dringend ſprechen.“ Abe rmals trat der Polizeirath, und dießmal noch ſchüchterner, — Neunundſiebenzigſtes Kapitel. zu der Gruppe und meldete gehorſamſt, ſein hoher Chef ſei im runden gelben Salon und eben im Begriff eine Whiſtpartie zu finden. Zum Glück flüſterte in dieſem Augenblicke Auguſte ihrer Mutter etwas zu, weßhalb es dem Baron möglich wurde, dem Herzog zuzuraunen:„Nehmen Sie mich mit.“ „Dank Ihnen,“ wandte ſich dieſer an den Rath und ſagte dann zu den Damen:„Sie werden entſchuldigen, daß ich Ihnen den Baron auf einige Minuten entführe.— Kommen Sie, ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ Beide entfernten ſich und es gelang ihnen ohne Mühe, durch das Gedränge zu kommen, denn überall wurde dem Herzog auf das Ehrerbietigſte Platz gemacht. Dieſer ſchob ſeinen Arm unter den des Herrn von Brand, und als ſie in eine Gallerie kamen, wo ſich nur wenige Gäſte ergingen, ſagte er:„Baron, ich bin ungeheuer in Ihrer Schuld. Sie haben die Sache mit den Achſelbändern vortrefflich arrangirt. Wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, wie Sie das angefangen. Ich zweifelte daran und war nicht weniger überraſcht als Graf Fohrbach, deſſen Geſicht Sie hätten ſehen ſollen. Ah! das war komiſch; haben Sie ihn nicht zufällig erblickt?“ „Nein,“ erwiederte der Andere mit großer Ruhe.„Aber ich bemerkte, daß Fräulein Eugenie ſehr blaß und angegriffen ausſah.“ „Das iſt mir recht,“ bemerkte der Herzog eifrig.„Glauben Sie mir, dieſer Farbenwechſel kann gute Früchte tragen.“ „Meinen Sie?“ „Oho! es war das auffallend genug. Der ganze Hof er⸗ kannte augenblicklich meine Farben; ich ſah viele lächelnde Ge⸗ ſichter. Das hat ſie ungeheuer compromittirt.“ 7 chen was kann Frag Herr gehö Barc ſch aft Ihrer Differ ſchöne Geſchi es nic ſtraße, auch, r f ſei im iſtpartie ſte ihrer de, dem nd ſagte „Ihnen Sie, ich Mühe, Herzog en Arm Gallerie ‚Baron, iche mit aur eine zweifelte ohrbach, komiſch; „Aber gegriffen Glauben 4 of er⸗ nde Ge⸗ Maskenball bei Hof. 239 „Das thäte mir wahrhaftig leid.“ ö „Teufel auch!— Bei ſolchem Kriege gelten alle Mittel,“ ſprach der Herzog, und fuhr ſeufzend fort: Mädchen raſend verliebt, und es wenn ich wiederholt verſichere, daß Einfluß zu Gebote ſtehe.“ „Davon hoffe ich baldigſt Geb der Baron.— „Ich bin in das iſt nicht blos fagon de parler, ich Ihnen mit meinem ganzen rauch zu machen,“ erwiederte „Sie ſuchen den Polizeipräſidenten?“ „Soll ich vielleicht bei dem für Sie ſprechen?“ fragte la⸗ chend Seine Durchlaucht.—„Apropos, iſt denn wirklich wahr, was Madame uns vorhin ſagte?“ Der Baron zuckte die Achſeln und warf leicht hin:„Man kann ſich nie genug in Acht nehmen.— Aber wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte: was ſuchen Sie bei der Poliz ei, gnädigſter Herr?“ „Haben Sie denn noch nicht von der ſcandalöſen Geſchichte gehört?“ „Von welcher?“ fragte ſo unbefangen wie möglich der Baron. „Nun, mit der Baronin W. Der ſchaft ſind empört darüber. Ich ſuche de Ihrer Majeſtät.“ „Sie ſehen mich ganz erſtaunt; ich weiß von nichts.“ ganze Hof, die Geſell⸗ n Präſtdenten im Namen „Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß der alte General beſtändige Differenzen mit ſeiner Frau hatte.— Der Währwolf! Eine ſo ſchöne, liebenswürdige Frau! Weiß der Te Geſchichte gehabt hat, denn unter uns es nicht ganz richtig. Genug, da iſt ein Haus in der Schilder⸗ ſtraße, das hat ſie zuweilen incognito beſucht. Nun hat aber auch, weßhalb weiß ich noch nicht, die Polizei auf eben dieß Haus ufel, was ſie für eine geſagt: in dem Punkt iſt 240 Nennundſtebenzigſtes Kapitel. ein Auge. Denken Sie, Baron, man beſetzt das Haus mit dem Befehl, Alles was ſich dort befände, feſtzuhalten und arretirt zu gleicher Zeit die unglückliche Frau, die ſich zufälliger Weiſe in einem Zimmer des erſten Stocks befindet—“ „Man arretirt ſie?“ rief der Andere erſchreckt. „Das heißt, man verbietet ihr bis auf Weiteres, das Haus zu verlaſſen. Nun mag der Teufel wiſſen, weßhalb zu gleicher Zeit die alte Excellenz von der Geſchichte gehört hat. Genug, der General ſchlägt einen unerhörten Scandal auf und bringt die Sache direct vor Seine Majeſtät.“ „Das iſt ja eine furchtbare Geſchichte!— Und was ſoll der Polizeipräſident thun?“ „Einfach der armen Frau geſtatten, daß ſie das Häus verläßt.“ „Und wem gehört das Haus?“ „Das wiſſen die Götter. Es ſoll ſehr elegant möblirt ſein. — Entre nous, die Sache hat ſchon ihren Hacken. Aber Sie, der hinter Alles kommt, ſollten das auch ergründen.— Nicht wahr?“ „Wenn man mir den Auftrag dazu gäbe,“ entgegnete ruhig der Baron. „Nun, den gibt man Ihnen mit tauſend Freuden,“ ſagte eifrig Seine Durchlaucht. „Aber wer, gnädigſter Herr?“ „Nun, meinetwegen Ihre Majeſtät; ich will das verant⸗ worten.“. „Meinen tiefſten Reſpect vor Ihrer Majeſtät,“ meinte lächelnd der Baron,„aber um jetzt da was vorzunehmen, müßte man einen Befehl des Präſidenten haben, mit der Gefangenen verkehren zu dürfen.“ nt dem arretirt geiſe in 3 Haus gleicher ug, der ngt die as ſoll Häaus rt ſein. er Sie, Nicht e ruhig „ ſagte verant⸗ meinte müßte ungenen Maskenball bei Hof⸗ 241 „Den würde Ihnen der kün abſchlagen.“ „Scherz bei Seite, gnädiger Herr! Da kann ich nichts machen. Aber wenn Sie im Auftrage Ihrer Majeſtät dem Präſtdenten ſcharf zu Leibe gehen, ſo wird es Ihnen leicht, ihm einen Befehl auszupreſſen, der mir erlaubt, das Haus in der Schilderſtraße zu beſuchen.“ „Und darf ich Sie ihm nennen?“ „Verſteht ſich von ſelb jeden beliebigen Gebrauch.“ Dieſe Unterredung hatten beide Herren im Durchſchreiten der langen Gallerie gehalten, waren aber dabei jeden Augenblick ſtehen geblieben und hatten jetzt das Ende derſelben erreicht. In dem Moment, als ſte dieſelbe verlaſſen wollten, faſt unter der Ausgangsthüre, ſtießen ſie auf den Grafen Fohrbach, der am Arme des Herrn von Steinfeld eilig eintrat. Beim Anblick des Herzogs und des Barons trat der Graf mit einem ſeltſamen Aus⸗ druck im Geſichte auf die Seite und ſchien e unſchlüſſig, ob er näher treten oder ſich entfernen ſoll. Augen⸗ ſcheinlich hatte der Graf den Herrn von Brand aufgeſucht, hielt es aber bei der Anweſenheit Seiner Durchlaucht nicht für geeig⸗ net, ihn anzureden. Letzterer lächelte auf eine eigenthümliche Art und es war das ein Lächeln, welches eine tiefe Röthe auf dem Geſichte des Adjutanten hervorrief, was übrigens der Baron, der ſich haſtig von dem Arme des Herzogs losgemacht hatte, nicht zu bemerken ſchien und, wie von einer plötzlichen, ſehr wich⸗ tigen Idee getrieben, auf den Herrn von Steinfeld zutrat, der aber befremdet einen halben Schritt zurückwich. Es war dieſe Begegnung übrigens für alle Vier ein pein⸗ licher Moment, welchem der Herzog dodurch entging, daß er eine Hackläander, Europ. Selavenleben. W 8 16 ftige Schwiegerpapa gewiß nicht ſt; machen Sie von meinem Namen inige Secunden 24² Neunundſtebenzigſtes Kapitel. leichte Verbeugung machte und ſeinem Begleiter ſagte:„ Erwarten Sie mich in der Nähe, Baron, ich hoffe Ihnen das bewußte Papier ſogleich zu überbringen.“ Graf Fohrbach blickte dem Herzog nach, bis derſelbe im Nebenzimmer verſchwunden war. Dann wandte er ſich an den Baron, der, wohl vorherſehend, was jetzt kommen würde, ruhig ſtehen geblieben war. „Wir haben Sie aufgeſucht, Herr von Brand,“ ſagte der Adjutant nach einer Pauſe in einem Tone, dem man deutlich anhörte, daß ſich der Sprecher zwang, ihn ſo ruhig als möglich zu halten. „Beide Herren haben mich aufgeſucht?“ erwiederte der Baron auf die verbindlichſte Art von der Welt.„Alſo führt Sie eine gemeinſame Angelegenheit zu mir.— Und es trifft ſich das für mich ſehr angenehm, denn ich war ebenfalls im Begriff, beide Herren aufzuſuchen.— Gewiß, Graf Fohrbach: beide Herren.“ Die Haltung, welche der Baron bei den letzten Worten angenommen hatte, ſowie die Art, wie er ſeine Worte betonte, waren ſo gänzlich verſchieden von ſeiner ſonſtigen Weiſe, daß ſte offenbar ihren Eindruck auf die Anderen nicht verfehlten. „Es iſt hier eigentlich nicht der Ort zu Erklärungen,“ ſagte Herr von Steinfeld,„und müſſen wir Sie bitten, uns in eins der leeren Nebenzimmer zu folgen.“ „Auch zu dem, was ich mitzutheilen habe,“ erwiederte der Baron beipflichtend,„ſind die Säle eigentlich nicht paſſend und würde ich den beiden Herren folgen, wohin es Ihnen beliebte, doch vernahmen Sie ſelbſt den Befehl Seiner Durchlaucht, wel⸗ cher mich hier an dieſen Platz feſſelt.“ „Und die Befehle des Herrn Herzogs werden pünktlich be⸗ folgt,“ erwiederte Graf Fohrbach ironiſch. kein Se erh von Fa 1 feld lehn der auf der! bedu Näh das 2 aufzu arten oußte e im nden ruhig te der utlich öglich 2 der führt ſt ſich egriff, eide vorten tonte, aß ſie ſagte meins te der d und liebte, wel⸗ ch be⸗ Maskenball bei Hof. Doch ſchien der Baron das nicht verſtehen zu wollen, denn er fuhr ruhig fort:„Sollten Sie es aber vorzieh ſpätern Stunde über mich zu verfügen, ſo immer ſei, Ihren Wünſchen.“ „Ich würde es als eine Gefälligkeit anſehen, einen Augenblick für uns hätten,“ ſagte der Graf.—„Du biſt ebenfalls frei,“ wandte er ſich an Herrn von Steinfeld,„wer weiß, wozu man ſpäter commandirt wird. Es iſt hier nebenan ein kleines Kabinet, wo wir vor allen Lauſchern ſicher ſind.“ Der Baron Brand verbeugte ſich und einer Handbewegung des Adjutanten folgend, die ihn nöthigte, voran zu gehen, ver⸗ ließ er die Gallerie und betrat das bezeichnete Kabinet. Die Andern folgten ihm. en, in einer füge ich mich, wo es wenn Sie jetzt In dieſem Kabinette war man freilich vor den Lauſchern ſicher. Es bildete eine Ecke des Schloſſes und hatte auf dieſe Art keine Seitenzimmer. Die Wände deſſelben waren mit dunkelrothen Seidentapeten bedeckt, wodurch es, nur von zwei Wachskerzen erhellt, bei dieſer Farbe ziemlich dunkel war. von polirtem Stahl brannte ein mächtiger Holzſtoß und in kleinen Fauteuils vor demſelben ließen ſich der Graf ſowie Herr von Stein⸗ feld nieder, der Baron dagegen zog es vor, ſtehen zu bleiben und lehnte ſich mit dem Rücken ſo gegen das Kamingeſims, daß weder der Schein des Feuers in demſelben, noch der der Wachskerzen auf ſein Geſicht fiel. Rings umher war Alles ſo ſtill, daß es der von ferne ſehr gedämpft herüber dringenden Töne der Muſik bedurfte, um ſich zu erinnern, daß man in der unmittelbaren Nähe eines Ballfeſtes ſei. Es dauerte übrigens längere Zeit, ehe Einer von den Dreien. das Wort ergriff. So ſehr es den Grafen gedrängt, den Baron aufzufinden, den er mit Recht im Verdacht hatte, bei der Geſchichte 16* In dem Kamine 6 1 1 Neunundſtebenzigſtes Kapitel. der Achſelbänder mitgewirkt zu haben,— denn er erinnerte ſich wohl jenes Berichtes, den er damals im Schloſſe angehört,— ſo verſank er doch jetzt, vor den ſpielenden Flammen ſitzend, momentan in tiefe Gedanken, aus denen ihn Herr von Steinfeld nicht weckte, da er mehr Zeuge als Selbſthandelnder war, eben⸗ ſowenig der Baron, der die Arme über einander geſchlagen hatte und angelegentlich die Tapete betrachtete, die jetzt faſt ſchwarz erſchien und gleich darauf, wenn die Flamme aus dem Holzſtoße ſtärker emporloderte, wie glühend roth angeſtrahlt wurde. Dieſer hatte ſo ſeine eigenen Gedanken,— wilde, ſchreckliche Gedanken, wie vor ein paar Stunden in dem Garten der Poltzeidirection, nur war jetzt mehr Klarheit hinein gekommen; er wußte, was er wollte, und nachdem er noch eine kleine Weile ſchwer mit ſich 3 gekämpft, ſah er es deutlich vor ſich, das Ende ſeines vielbe⸗ wegten, ſeltſamen Lebens. Er fuhr aus ſeinen Träumereien empor und wandte ſich mit den Worten an die beiden Herren: „Sie wollten mir Mittheilungen machen?— Erlauben Sie mir, daß ich das Wort ergreife und wenn ich zu Ende bin, werden Sie wohl eingeſtehen, daß ich vielleicht die meiſten Ihrer Fragen, ohne ſie zu kennen, beantwortet.“———— e ſich „— tend, nfeld eben⸗ hatte gwarz zſtoße HDieſer nken, ction, as er it ſich ielbe⸗ ereien erren: mir, erden agen, Achtzigſtes Kapitel. Gnade und Ungnade. Der Chef des Polizeidepartements— er war wie die mei⸗ ſten alten Herrn, in ſchwarzem Frack, über deſſen Rücken etwas wie eine ſchwarzſeidene Schürze flatterte, einen Domino vorſtellend, — bedauerte unendlich, daß die berühmte Geſchichte mit der Diebs⸗ bande nicht ſchon ein paar Monate eclatirt wäre wegen der ſehr leeren linken Seite ſeines Frackes im traurigen Gegenſatz zu den an⸗ dern Departementschefs, die bei den großen Gelegenheiten wie ein wandelndes Stück Firmament ausſahen. Er war ſich aber ſeiner Wichtigkeit, namentlich im gegenwärtigen Augenblicke, vollkommen bewußt, und ſeine Naſe, nachdem er ſie gehätſchelt und ſanft ge⸗ klopft, erhielt die Freiheit, hoch über Veränderlich auf ſchön Wetter zu ſteigen, um als getreuer Barometer dem Publikum anzuzeigen, daß ihr Herr außerordentlich mit ſich zufrieden ſei. So war er durch die Zimmer ſtolzirt, und wenn es auch ſonſt nicht gerade zu ſeinen Gewohnheiten gehörte, ſich vorzu⸗ drängen, ſo that er doch heute Abend etwas dergleichen und wan⸗ 246 Achtzigſtes Kapitel. delte zu dem Zweck den innern Appartements zu, wo der aller⸗ höchſte Hof ſeinen kleinen Cerele hielt, unter einander plauderte oder mit Vertrauten ſprach. Man mochte hier im Allgemeinen den Präſtdenten wohl leiden. Die Herren ſchätzten ihn, weil ſelbſt der geordnetſte Mann wohl einmal in den Fall kommen konnte, von ſeiner mächtigen Hülfe Gebrauch machen zu müſſen, und die Damen, weil er ein kleines Original war, pikante Ge⸗ ſchichten zu erzählen wußte und während des Winters ein paar recht hübſche Bälle gab. Der Hof war gruppirt, wie es ſich von ſelbſt verſteht, die glänzenden Sonnen waren von den leuchtenden Planeten um⸗ geben, dieſe wieder umtanzt von den Monden, denen ſte ihr Licht verliehen, und umringt von dem zahlloſen Heer des gemeinen Ge⸗ ſtirnes. Zuweilen ſchoß auch ein Komet durch den ſtrahlenden Kranz in Geſtalt eines beſcheidenen Aſſeſſors oder unternehmenden Lieutenants, ein ſchüchterner Komet, der nun aus Alteration, ſich in den höchſten Cirkel verirrt zu haben, ohne ſich aufzu⸗ halten bis an's Ende ſämmtlicher Säle ſauste und ſich erſt da, wo ihn Niemand mehr bemerkte, erſchreckt umwandte. Der Präſident betrat dieſen Salon, gewiß nicht in der Ab⸗ ſicht dort zu bleiben, ſondern nur um hier durch in den gelben Saal zu einer Partie Whiſt zu gelangen. Er hätte freilich auch noch einen andern Weg dorthin nehmen können, aber die kleinen Strahlen höchſter Gunſt, die bei ſolchen Gelegenheiten ſelten ver⸗ fehlten, ihn zu beglücken, thaten ſeinem alten Herzen ſo wohl. Die Frau Herzogin beſonders war ihm ziemlich gewogen und erman⸗ gelte nie, einen huldreichen Spaß mit ihm zu machen; ja, Ihre Majeſtät hatten, am Whiſttiſche ſitzend, ſchon die außerordentliche Gnade gehabt, ihm einen Blick in Höchſtihre Karten zu geſtatten, ller⸗ derte inen weil imen ſſen, Ge⸗ paar die um⸗ Licht Ge⸗ nden nden tion, ifzu⸗ tda, Ab⸗ Aben auch einen ver⸗ Die nan⸗ Ihre liche tten, Gnade und Ungnade. 247 und ſelbſt Seine Majeſtät bemerkten Seinen Chef der Polizei nicht ungern und hatten immer etwas Angenehmes für ihn in Bereit⸗ ſchaft, war es nun ein ſpaßhaftes Wort oder eine huldreiche Handbewegung. Der Präſident verließ den allerhöchſten Kreis nie, ohne ſolchergeſtalt reichlich bedacht worden zu ſein. So empfünglich für alles Gute betrat er auch heute dieſen Saal und zufällig durch eine Thüre, welche ihn vis à vis Ihrer Majeſtät brachte, die ihn einen Augenblick fixirten, die Augen zuſammen zogen, und ſich dann, ohne die tiefe Verbeugung des Chefs der Polizei zu bemerken, nach der andern Seite wandten, wobei ihre Majeſtät zu der Frau Herzogin ſagten, daß ſich die neue blaue Seidentapete doch vortrefflich ausnähme. Der Präſident, etwas erſtaunt, tänzelte zierlich bei den Herrſchaften vorbei, und als er in den Geſichtskreis der Frau Herzogin trat, brachte er auch hier pflichtmäßig ſeine Verbeugung gegen Hochdieſelbe an. Dieſe wandte ſich nun gerade nicht herum, doch dankte ſte mit einer Neigung des Kopfes ſo kalt, ſo ſteif und förmlich, daß der Prä⸗ ſident unwillkührlich hinter ſich ſchielte, ob ſich dort nicht zufällig ein neu erſchaffener Kammerherr zeige oder die Frau eines alten Beamten von ſehr jungem Adel, denen dieſer Gruß gegolten.— Aber hinter ihm war nichts als ein großer Spiegel, der ſeine eigene Geſtalt und ſein beſtürztes Geſicht wie neckend zurückwarf. Daß der Präſident nicht falſch geſehen, bemerkte er als Mann, der den Hof kennt, an den Geſichtern der Cavaliere, durch welche er hindurch ſchritt, und von denen die meiſten ſonſt für ihn voll Aufmerkſamkeiten waren. Heute erging es ihm wie dem Herrn von Dankwart, denn wenn er rechts und links ſeine Hände ausgeſtreckt hätte, wäre Niemand da geweſen, um ſie zu ergreifen und zu ſchütteln. Wo er ſelbſt ein freundliches Wort ſprach, da wich man augenſcheinlich zurück und hatte nur ein verlegenes 248 Achtzigſtes Kapitel. Grinſen ſtatt aller Antwort. Die Naſe des Präſidenten ſank auf Veränderlich herab; er ſpürte ſchlechtes Wetter, und an dem Benehmen der Excellenzen in dem gelben Salon, die ihn ſonſt gerne zu ihrer Spielpartie zogen, fand er ſeine Vermuthungen beſtätigt. Alle Tiſche waren bereits beſetzt, und wo ſich allen⸗ falls noch ein Platz zeigte, da wurde faſt Angeſichts des Präſi⸗ denten ein Nebenſtehender gepreßt, um den leeren Platz einzu⸗ nehmen. Es iſt wunderſam, wie in der Welt oft des Einen Schaden dem Andern zum Nutzen wird. So ging es bei der eben erwähn⸗ ten Veranlaſſung— dem Preſſen eines Mitſpielers nämlich— dem Herrn von Dankwart. Vergeblich hatte Dieſer längere Zeit in dem Dunſtkreis der höchſten Herrſchaften herumgeſchwänzelt, — es wollte keines, ſelbſt nicht einmal eines der Geſtirne dritten Ranges, eine Anziehungskraft auf ihn ausüben. Seine gefällig⸗ ſten und geiſtreichſten Bemerkungen waren nur für den leeren Raum geſprochen, und als ihm endlich ſogar eine etwas kecke Annäherung an die Frau Herzogin ein pikantes Wort einge⸗ tragen hatte, ſah er ſich veranlaßt, den Kreis der Sonnen und Planeten zu verlaſſen und als unglückliche Sternſchnuppe in's Nebenzimmer abzublitzen. Zum Glück für ihn fiel er hier an den Tiſch Seiner Excellenz des Oberſtſtallmeiſters, der mit dem Hof⸗ theater⸗Intendanten auf den dritten Mann wartete, und nun beim Anblick des Präſidenten in der Noth zum Herrn von Dank⸗ wart griff, als kluger Mann denkend, daß man immer unter zwei Uebeln das kleinſte wählen müſſe. Der Präſtdent wußte nicht, was er von allem dem zu hal⸗ ten habe; er ſchien ſeine Naſe befragen zu wollen, indem er ſte faßte und tief herabzog, aber dieſe blieb ſtumm und antwortete nur durch ein ſtilles Seufzen. Er wandelte nach und nach bei Gnade und Ungnade. ſämmtlichen Spieltiſchen vorbei, bald hier bald dort eine Bemer⸗ kung in das Geſpräch werfend, doch waren die Antworten, die er erhielt, ebenfalls kalt und förmlich, ja Mancher ſchaute ſich um, ob wohl Jemand bemerke, daß der arme Präſtdent neben ihm ſtehe. So kam er auch an die andere Thüre des gelben Salons, wo er mit dem Herzog Alfred, der ihm haſtig entgegen kam, zu⸗ ſammentraf.—„Ah!“ rief Dieſer mit lauter Stimme,„Sie habe ich lange geſucht.“ Dem Chef der Polizei war es bei als ginge ihm in finſterer Nacht ein Stern auf.„Gott ſei Dank!“ ſeufzte er in ſich hinein, nendlich doch einmal ein Weſen, das menſchlich denkt. Unter Larven die einzige fühlende Bruſt.“ Das Ausſehen des Herzogs war leutſelig und freundlich und dazu ſprach er mit ſo hörbarer Stimme, Spielende ihre Köpfe herumdrehten. „Haben Sie einen Augenblick für mich üb Durchlaucht fort,„ſo wäre es mir an cellenz einen Gang mit dieſen Worten zu Muth, wie immer, daß faſt ſämmtliche rig,“ fuhr Seine genehm, wenn Eure Er⸗ mir durch die Zimmer machten.“ Auf's Höchſte geſchmeichelt verbeugte ſich der Präſident, und Beide traten in das anſtoßende Gemach. „Aber Präſident,“ ſagte der Herzog, als ſie allein waren, „was machen Sie um Gotteswillen für Geſchichten!“ „Daß man mich im Verdacht hat, als mache ich ſeltſame Geſchichten, habe ich ſchon bemerkt,“ entgegnete der Chef der Polizei in kläglichem Tone.„Aber ich kann Euer Durchlaucht verſichern, daß ich ſo wenig weiß, weſſen man mich beſchuldigt, als wenn ich ein neugeborenes Kind wäre.“ „Der Teufel auch! Da haben Sie ein ſchlechtes Gedächtniß oder ſind wirklich wie ein unſchuldiges Kind. Meinen Sie, es könnte Ihrer Majeſtät und der Frau Herzogin gleichgültig ſein, Achtzigſtes Kapitel. wenn Sie ſo mir nichts dir nichts einer Dame Hausarreſt geben, die mit den Herrſchaften ſo häufig en petit comité war?“ „Ah!“ machte verblüfft der Präſident, denn ihm flammte 2luue vustesein koloſſales Licht auf. Doch ſagte er ſchüchtern:„Ich kann Euer Durchlaucht verſichern, daß ich vorher Rückſprache mit dem Gemahl dieſer Dame genommen.“ „In deſſen Falle Sie gegangen ſind!“ ſprach ungeduldig der Herzog.„Kennen Sie den alten Fuchs ſo wenig? Er hat einen Scandal herbeigeſucht, um ſich mit Anſtand von ſeiner Frau trennen zu können; er gab Ihnen freilich ſeine Zuſtimmung, aber eine Viertelſtunde nachher verklagte er Sie bei Seiner Majeſtät als— roh und gewaltthätig.“ „Welche Immoralität!— Und bei Seiner Majeſtät ſagen Sie?“ „Bei Seiner Majeſtät, und Dieſelben ſollen ſich geäußert haben, das ſei ein Act der Rückſichtsloſtgkeit, wie ihm ſelten et⸗ was Aehnliches vorgekommen.“ „Ich bin verloren,“ ſprach der Präſident mit ſchmerzlicher Stimme und ſchielte unter ſeiner Naſe hinweg, die betrübt herab⸗ geſunken war auf den ſo leeren Fleck an der linken Seite ſeines Frackes. „Aber was dachten Sie eigentlich bei der Geſchichte? Es heißt, Sie ſeien einer Spitzbubenbande auf der Spur; aber ich bitte, wie können Sie dergleichen mit jener armen Frau zuſammen bringen. Ah! Präſident, ich kenne Sie gar nicht mehr.“ „Gott ſoll mich bewahren, daß ich die Baronin verdächtigen wollte. Aber das Haus iſt verdächtig, und da man ſie da fand, war man quasi genöthigt, ſie feſtzuhalten.“ „Ich habe Sie nie als einen ſo furchtbaren Wütherich ge⸗ kannt.“ 8— den, imte ann dem ldig hat Frau aber eſtät agen äßert net⸗ icher rab⸗ eines Es r ich imen tigen and, hge⸗ Gnade und Ungnade. „Und dann kann ich auch Euer Durchlaucht verſichern, daß der alte General die Verhaftung nicht nur gut geheißen, ſondern auch ſeine Frau im höchſten Grade mir verdächtigt hat.“ „Hol' ihn der Teufel! Aber wie geſagt, Präſtdent, wir müſſen einlenken. Wiſſen Sie, man wird von Oben herab nie befehlend in Ihre Geſchäfte eingreifen, aber man erwartet da⸗ gegen, daß Sie etwas thun, um allerhöchſte Wünſche, deren Ueberbringer ich bin, zu erfüllen.“ Der Praſident überlegte zaudernd. „Ich möchte um Alles in der Welt nicht melden, daß ſich Euer Excellenz lange bedacht,“ ſprach ernſt der Herzog.„Und thun Sie gleich, was Sie thun wollen: ich möchte gern ſo bald wie möglich anzeigen, daß Alles in Ordnung ſei.“ „Daß ich den Arreſt aufgehoben, der jenes Hauſes liegt?“ „Natürlich vor allen Dingen, daß Sie die Baronin freige⸗ geben. Mit dem andern Volke können Sie wollen.“ Der Präſident ſchüttelte leicht den Kopf und erwiederte: „So wie Euer Durchlaucht meinen geht das nicht. Vielleicht ken⸗ nen Sie das große Wort: Gleichheit vor dem Geſetze. Ich muß entweder Alle behalten oder Alle freigeben, und in letzterem Falle erklären, die Polizei habe ſich geirrt.— Das wäre ſchrecklich.”“ „So thun Sie einmal das Schreckliche; fur die unglückliche Frau wird es auch beſſer ſein, wenn man ſagen kann, es ſei ein Irrthum vorgefallen.— Ah! dieß ſchöne Weib!“ ſetzte er leiſe mit einem Seufzer hinzu,„wie wurde ſie zu ſolch' unvorſichtigen Geſchichten getrieben! Ich wollte nur, ich hätte mich ihrer ange⸗ nommen.“ auf den Bewohnern machen, was Sie Der Präſident hatte mit ſich ſelbſt gekämpft, endlich aber 252 Achtzigſtes Kapitel. rief er aus:„In Gottes Namen! Wenn ich nur einen meiner Räthe im Gewühl finde, den ich hinſchicken kann.“ „Das bedarf's gar nicht,“ ſagte freudig der Herzog.„Ge⸗ ben Sie mir zwei Zeilen, der Baron Brand hat ſich angeboten, die Sache heute Abend noch zu arrangiren. Kommen Sie, da iſt Papier und Feder.“ Mit einem unterdrückten Seufzer ſetzte der Präſident einige Zeilen auf, unterſchrieb und hielt ſte dem Herzog hin. Ehe er ſich aber das Papier aus ſeiner Hand nehmen ließ, ſagte er: „Bevor der Baron Brand, der mir, natürlich in einem andern Coſtüm, als Unterhändler ganz recht iſt, die Geſchichte beſorgt, möchte ich demſelben noch ein paar Inſtructionen geben.“ „Aber, Präſident, keine Contre⸗Ordre!“ meinte der Herzog lachend. „Wo denken Sie hin?“ erwiederte der Präſident, und fuhr nach einer kleinen Pauſe, während welcher er das Papier in der Hand auf und ab bewegte, fort:„Ein Dienſt iſt des andern werth, Euer Durchlaucht. Hier haben Sie den Befehl, aber da⸗ für führen Sie mich durch das gelbe Spielzimmer und den Sa⸗ lon, wo die Herrſchaften ſind, in freundlichem Geſpräch.“ „Arm in Arm mit dir!“ ſagte laut lachend der Herzog, indem er das Papier nahm,„ſo fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken.“ Und dann gingen die Beiden dahin, wirklich Arm in Arm, bei den erſtaunten Spielern vorbei, in den kleinen Salon, wo die Frau Herzogin, ihrem Sohne freundlich zunickend, meinte: es freue ſie recht beſonders, endlich auch den Polizeipräſidenten zu ſehen. Ihre Majeſtät ſaß am Spieltiſche und ließen in dieſem Au⸗ genblick eine Karte fallen, welche der Chef der Polizei aufzuheben das Glück hatte, und ſich dann berauſcht in den gelben Saal n gu Gnade und Ungnade. zurückzog, wo ihm alsbald mehrere Stroh⸗ oder todte Männer angeboten wurden. ———————— In dem rothen Kabinet hatte unterdeſſen der Baron von Brand, unbeweglich an dem Kamingeſims lehnend, ſeinen beiden Zuhörern eine furchtbare Geſchichte erzählt,— die Geſchichte ſeines Lebens. Er hatte dabei nichts verſchwiegen, nichts beſchö⸗ nigt, er hatte ſich ſelbſt gezeichnet mit ſeinen ſchönen und herrlichen Eigenſchaften, mit ſeinen Fehlern und Laſtern. Herr von Stein⸗ feld, der vor dem Feuer ſaß, hatte ſeine Arme auf die Knie ſtützt und ließ das Geſicht in beiden Händen ruhen. „Jetzt wiſſen Sie Alles,“ ſchloß Herr von Brand. Und nach einem tiefen Seufzer, der ſeiner Bruſt entſtieg, fuhr er ſich mit der Rechten über das Geſicht. ge⸗ Graf Fohrbach hatte ſich während deſſen langſam erhoben, war dem Erzähler näher getreten, hatte in tiefer Bewegung ſeine beiden Hände erfaßt und ſchüttelte ſie herzlich. „Es iſt mir um Vieles leichter,“ fuhr Dieſer fort,„da es mir vergönnt war, die Geſchichte meines Lebens in die Herzen zweier Ehrenmänner niederzulegen, die nun gewiß Manches klar ſehen werden und Manches gelinder beurtheilen. Jetzt habe ich nur noch die Bitte, meine Lage in's Auge zu faſſen, ſte ernſtlich zund prüfend von allen Seiten zu beſchauen und mir Ihre Mei⸗ nung zu ſagen.“ „Schrecklich! ſchrecklich!“ murmelte Herr von Steinfeld. „Daß meines Bleibens hier nicht ſein kann, verſteht ſich von ſelbſt. Mich hält ja auch nichts zurück, als das Schickſal uiner armen, unglücklichen Schweſter, das, wie ich h gute Hände gelegt ſein wird.“ Hugo von Steinfeld ſchaute einen Augenblick in die Höhe, offe, in — 2————— 254 Achtzigſtes Kapitel. nickte ſtumm mit dem Kopfe und verſank dann wieder in ſeine Träumereien. „Was meine andern Verbindungen anbelangt, ſo ſind die⸗ ſelben theilweiſe ſchon gelöst. Für Einige von Denen, die mir anhänglich waren, habe ich bereits geſorgt; für die Uebrigen werde ich es noch thun. Dann— bin ich fertig mit der Welt.“ „Ah! Sie wollen doch nicht—?“ rief der Graf er⸗ ſchreckt aus. „Dem natürlichen Lauf der Dinge vorgreifen?“ verſetzte lächelnd der Baron.„O gewiß nicht; das würde ja einen Schat⸗ ten auf meinen Namen werfen und den theuren Freunden, die ich hier zurücklaſſe, unangenehm ſein.— O nein, denken Sie das nicht; ich will nur ein wenig der Lenker meines eigenen Schick⸗ ſals ſein, und wenn mich daſſelbe zwingt, dieſe Welt zu verlaſſen, ſo wird es auf die alleranſtändigſte und unbefangenſte Weiſe geſchehen.“ „Baron, Sie ſprechen in Räthſeln.“ „Die Ihnen baldigſt klar werden ſollen, das verſpreche ich Ihnen. Doch keine vorzeitige Trauer, Herr von Steinfeld, nicht dieß erſchreckte Auge, Graf Fohrbach; denken Sie, es habe Ihnen Jemand ein, vielleicht nicht unintereſſantes Kapitel eines Romanes vorgeleſen. Grübeln Sie nicht weiter darüber nach, ſchlagen Sie für heute das Buch zu; Sie ſollen in einiger Zeit den Schluß des Romans erfahren und er wird Sie nicht unbe⸗ friedigt laſen.———— Aber, coeur de rose!“ fuhr er nach einer Pauſe, nachdem er auf die Uhr geſehen, in dem uns bekannten leichten und gezierten Tone fort,„wir haben hier faſt eine Stunde verplaudert und ich glaube, es iſt unſere Pflicht, uns jetzt wieder dem Balle zu widmen.“ Damit trat er von dem Kamine weg, dehnte ſich ein wenig und wollte in den Saal zurück. ⸗ ſeine die⸗ 2 mir rigen felt. ¹ er⸗ ſetzte chat⸗ e ich das hick⸗ ſſen, Veiſe e ich nicht habe eines nach, Zeit nbe⸗ r er uns faſt uns dem rück. Gnade und Ungnade. „Noch Eins!“ bat Graf Fohrbach, ihn zurückhaltend.„Wäre es von mir indiscret, zu fragen, ob Sie bei der Geſchichte mit den Achſelbändern die Hand im Spiele gehabt?— O, wenn es Ihnen möglich iſt, ſo ſagen Sie es mir; mein ganzes Lebensglück hängt daran.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte lächelnd der Baron, „noch eine Stunde vor dem Balle waren die Achſelbänder weiß, und ich möchte Zehn gegen Eins wetten, daß ſie wieder ſo er⸗ ſcheinen, ehe der Ball zu Ende geht.“ „Darnach will ich ſchauen!“ rief entzückt der junge Mann, drückte dem Andern die Hand und eilte davon. In dieſem Augenblicke trat der Herzog von dere ntgegengeſetzten Seite in die Gallerie und als er den Bek annten erſchaute, zeigte er ihm ſchon von Weitem ein Papier. Näher kommend ſagte er:„Das hat einige Mühe gekoſtet, aber es iſt ganz ſo, wie wir es gewollt. Sie können heute noch davon Gebrauch machen.— Aber was geſchieht nachher mit der armen Frau? Sie wird nicht in das Haus ihres Gemahls zurückkehren wollen. W ſoll ich ſie unter meinen Schutz nehmen?“ „Mir wäre der von der Frau Herzogin ſchon lieber,“ verſetzte lächelnd der Baron.„Wollen ſich Euer Durchlaucht erinnern, daß es mir gelang, Ihnen einige kleine Dienſte zu leiſten und daß Sie verſprachen, mir Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen.“ „Allerdings und ich nehme mein Wort nicht zurück.“ „Nun wohlan, Sie haben die beſte Gelegenheit dazu. Wen⸗ den Sie Ihren Einfluß dazu an, der Baronin von W. ein an⸗ ſtändiges Aſyl zu verſchaffen— bei der Frau Herzogin, am liebſten aber bei Ihrer Majeſtät ſelbſt.“ „Das wird ſchwer angehen, beſter Baron.“ „Aber es wird doch gehen, Durchlaucht,“ erwiederte der as meinen Sie: 8 ——— * 2256 Achtzigſtes Kapitel. Andere beſtimmt.„Sehen Sie, ich gebe Ihnen Ihre Antworten von früher zurück, und wenn Sie ſo ſprachen, ſo that ich mein Uebermögliches und die Sache ging.“ „Ja, das wiſſen wir,“ verſetzte lachend der Herzog.„Und ich will denn gerade ſo thun, auf die Gefahr hin, meinen guten Ruf zu verlieren.“ „Ihr herzogliches Wort darauf, Durchlaucht?“ „Mein Wort.— Und gleich will ich die Sache in's Werk zu ſetzen verſuchen; man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm iſt.“ Damit eilte er nach dem Tanzſaale zurück. Der Andere trat wieder in das rothe Kabinet, wo Hugo von Steinfeld noch immer zuſammengekauert vor dem Kamin⸗ feuer ſaß. Der Baron berührte leiſe ſeine Schulter und als er in die Höhe fuhr, zeigte ihm derſelbe das erhaltene Papier und ſagte mit ſanfter Stimme:„Dieß hier gibt mir das Recht, der Frau von W. noch heute Abend ihre Freiheit anzukündigen.“ „Und dann?“ fragte der Andere, wobei ein lebhafter Blitz ſeinen Augen entfuhr. „Dann wird Ihre Majeſtät der Unglücklichen ein Aſyl bei ſich vergönnen, bis—“ „Ah! Baron, ich zittere!“ rief Herr von Steinfeld.— „Bis— ℳ „Bis ihre Scheidung ausgeſprochen iſt, was nicht lange dauern kann, da beide Parteien vollkommen einverſtanden ſind und ihre Wünſche von Oben herab gewiß protegirt werden.— Und dann—“ ſetzte der Baron mit einem eigenthümlichen Blick hinzu— „Dann können wir Alle, Alle vielleicht noch glücklich wer⸗ den,“ rief ſtürmiſch der junge Mann.„O meine Eliſe, o mein armes, kleines Kind!“ als „2 wiſſe zen ſen 2 Welt ſtreut hatte. zornig alle A geſtocl dem 2 mit ſe Ihren 7 ſein, d lich ein Herrn. V einen N Hack ein nd ten hei Gnade und Ungnade. 257 Die Augen des Barons funkelten als der Andere ſo ſprach; er drückte ihr „Wenn es Ihnen recht iſt, ſo be „Ah! wie danke ich Ihnen, Baron. Gehen wir ſogleich.“ „In einer Viertelſtunde,“ erwiederte der B Tone.„Kommen Sie, ich muß vorhe G auf eine ſonderbare Art m die Hand und ſagte: gleiten Sie mich nachher.“ aron mit ruhigem r noch einen nothwendigen ang durch die Appartements machen.“ Im großen Saal war unterdeſſen beharrlich getanzt, im kleinen Salon anhaltend geplaudert, und im gelben Zimmer ziem⸗ lich ſtark geſpielt worden. Herr von Dankwart, der wie wir wiſſen ſi o glücklich geweſen war, zum Spiel der beiden Excellen⸗ zen gezogen zu werden, hatte ſich dort behauptet, und würde die⸗ ſen Platz, ſo nah bei den fürſtlichen Perſonen, um Alles in der Welt nicht verlaſſen haben. Doch ſpielte er dabei ziemlich zer⸗ ſtreut, was ihm ſchon hie und da eine kleine Rüge eingetragen hatte. „Das iſt zu ſtark!“ rief zornigen Blick auf den kleinen alle Maßen zerſtreut, d geſtochen.“ „Allerdings,“ fügte lä dem Blinden ſpielte, bei. mit ſeinen Gedanken Ihren Geiſt?“ jetzt der Hofmarſchall mit einem Mann;„Sie ſind wirklich über a haben Sie wahrhaftig meinen Buben chelnd der Oberſtſtallmeiſter, der mit „Herr von Dankwart iſt in der That anderswo.— Was beſchäftigt denn ſo „Er wird in Gedanken bei den vortrefflichen Abbildungen ſein, die ein berühmter Künſtler von ihm gemacht,“ ſagte plötz⸗ lich eine klangvolle Stimme hinter den Schultern des kleinen Herrn. Worauf Dieſer raſch her — einen Mann hinter ſich ſtehen Hacklä nder, Europ. Sclavenleben. IV.. 17 hr und mit zornigem Blicke 2et. herumfuhr und mit zo g Blick= 2 ſah, der ein einfaches, aber auf⸗ Achtzigſtes Kapitel. fallendes Coſtüm trug, und obgleich nicht maskirt, ihm doch un⸗ bekannt war. Der Fremde lächelte, als er dieſe Worte geſprochen hatte, dann ſtützte er die Rechte an die Seite und die Linke auf den wei⸗ ßen Griff eines Tſcherkeſſendolches, den er am Gürtel trug. „Hm! hm!“ machte der Hofmarſchall ein klein wenig ver⸗ legen; und Seine Excellenz der Oberſtſtallmeiſter biß ſich mit einem halb unterdrückten Lächeln auf die Lippen. „Ein Maskenſcherz,“ ſagte nun Herr von Dankwart mit einem ſehr erkünſtelten Lachen. „Durchaus kein Maskenſcherz,“ fuhr der Fremde fort.„Es ſind in Wahrheit ſechs Portraits, jedes ſo ſprechend ähnlich, wie ich nie etwas geſehen.“ „Alſo Sie haben ſie geſehen?“ fragte lauernd der kleine Mann. „Es kann ſie Jedermann ſehen, der den Eigenthümer be⸗ ſucht.“ „Und wer iſt dieſer Eigenthümer?“ rief Herr von Dank⸗ wart mehr und mehr aufgeregt. „Ich habe keine Urſache das zu verſchweigen,“ entgegnete der Andere ruhig.„Baron von Brand macht kein Geheimniß daraus, dieſe ſechs werthvollen Abbildungen zu beſitzen.“ „Aber was iſt denn das mit den ſechs Abbildungen?“ fragte boshafter Weiſe der Hofmarſchall. „Eine Schändlichkeit! eine Niederträchtigkeit!“ brauste endlich Herr von Dankwart auf,„die man höheren Orts nicht ungeahndet laſſen wird. Wiſſen Sie, meine Herren, ein elender Maler, ein Sudler, den ich mit mehreren ſchlechten Bildern ab⸗ zuweiſen für nothwendig hielt, hat ſich nun dafür gerächt, daß er niederträchtige Carrikaturen auf mich gemacht. Nun, ich theile mi ch un⸗ hatte, n wei⸗ g ver⸗ h mit t mit „Es h, wie kleine er be⸗ egnete eimniß fragte rauste nicht lender en ab⸗ „daß theile Gnade und Ungnade. 259 dieß Loos mit den bedeutendſten Männern aller Zeitalter, bin auch nicht kleindenkend genug, jenen unbedeutenden Pfuſcher da⸗ für zu faſſen. Aber mit dem Herrn von Brand, der ſich, wie ich ſchon ſeit einigen Tagen gehöͤrt, ein boshaftes Vergnügen daraus macht, die ſchlechten Blätter bald Dieſem, bald Jenem zu zeigen, werde ich ein ernſtes Wort reden.“ „Darauf iſt Herr von Brand gefaßt und ſehr begierig, dieß ernſte Wort zu vernehmen.“ . Der kleine Mann maß den ihm übrigens in ſehr ruhigem Tone ſprach, ſagte dann nach einer Weile: unberufen eindringt?“ zur Seite Stehenden, der von Oben bis Unten, und „Und wer ſind Sie, der ſich hier „Nicht unberufener als mancher A ndere,“ erwiederte der Fremde.„Uebrigens bin ich einer Ihrer Verehrer, Herr von Dankwart. Ich ſtaune Sie an, denn Sie haben Großes geleiſtet.“ Der Angeredete beantwortete dieſes zweifelhafte Compliment mit verächtlicher Miene und einem Achſelzucken. „Ja, Sie haben Großes gethan; zen Zeit Ihres Hierſeins verſtanden, ſich durch Ihr anmaßendes Betragen, durch Ihren unergründlichen Hochmuth, durch Ihre beiſpielloſe Grobheit bei Hoch und Niedrig verhaßt zu machen. Und das iſt keine Kleinigkeit bei der allgemeinen Liebe und Ach⸗ tung, welche Ihre Herrin genießt, von deren Glanze, wenn auch unverdienter Weiſe, etwas auf Sie überging.“ Obgleich dieſe Worte mit großem Ausdruck ge ſprochen wur⸗ den, ſo hatte der Fremde ſeine Stimme doch dabei gedämpft, ſo daß ſie nur von den Mitſpielenden verſtanden wurde. Doch ſprang Herr von Dankwart bleich vor Zorn von ſeinem Stuhle auf, und ſagte mit zitternder Stimme:„Ihren Namen, Herr, ich muß Ihren Namen wiſſen! Danken Sie es dieſem Orte, daß ich nicht 17* Sie haben es in der kur⸗ 44 agefl. 260 Achtzigſtes Kapitel. anders mit Ihnen verfahre. Aber wenn Ihre Unverſchämtheit nicht von Feigheit begleitet iſt, ſo werden Sie mir Ihren Namen „Coeur de rose!“ lachte nun plötzlich der Fremde mit ganz anderer Stimme,„Sie und ich haben meinen Namen vorhin ſchon ausgeſprochen, und der Baron von Brand wird Ihnen gern den Gefallen thun, ihn nochmals vor dieſen beiden Herren zu nennen.“ Die Excellenzen hoben erſtaunt die Augen empor, und wenn ſte auch die Stimme des Barons erkannten, und deßhalb wußten, daß er es ſei, war es ihnen doch nicht möglich, auch nur einen Zug des ihnen wohlbekannten Geſichtes zu entdecken. „Eine vortreffliche Maske!“ rief der Oberſtſtallmeiſter. Und der Hofmarſchall ſetzte argwöhniſch hinzu:„Ja, recht vortrefflich; Herr von Brand verſteht das meiſterhaft, zweierlei Geſichter zu zeigen.“ Herr von Dankwart that einen tiefen Athemzug, dann ſagte er:„Ah! alſo Herr Baron von Brand.— Nun gut,— das Uebrige wird ſich finden.“ Darauf ſetzte er ſich wieder zur Spiel⸗ partie nieder, doch zitterten die Karten auffallend in ſeiner Hand. Der Baron zog ſich lächelnd zurück, als er aber das Zim⸗ mer verlaſſen hatte, wurden ſeine Züge furchtbar ernſt und er murmelte:„Das wäre in Ordnung! Eine gräßlichere Strafe kann ſich Niemand ſelbſt vorſchreiben.“ Graf Fohrbach hatte unterdeſſen nach den bewußten Ach⸗ ſelſchnüren geſpäht und— Wonne!— wie der Baron vorher⸗ geſagt, flatterten jetzt weiße von den Schultern des ſchönen Mäd⸗ chens herab. Eugenie hatte den erſten freien Augenblick benützt, um die verhaßten Farben von ſich zu werfen. Wie glänzten die Blicke des jungen Mannes, und wie verſchwand bei dieſen Blicken vor wern Und folg ſo h noch: zärtli beſän rechts tion Verhaͤ Sache, betrach theit men ganz chon gern n zu denn ten, inen recht erlei agte das diel⸗ and. zim⸗ d er rafe Ach⸗ her⸗ däd⸗ Gnade u die Bläſſe von ihren Wangen. natürlicher Weiſe gut zu man die junge Stallmeiſterin von d und ſie in einem halbdunkeln wagen durfte, ihr feierlich die flüſterte ihm mit einem leichten Erröthen zu: haben das größte Recht, weiß zu ſein; Leben nun klar vor uns liegt. vor dem Balle, ſte hat nichts wenden.“ „Alſo biſt du mein 1 jau Und wenn nicht in dieſem Auge folgt von mehreren Lakaien, ſo hätte er das⸗ erſchreckte M nochmals bei der Präſidentin rechts und links präſentiren ließ; nd Ungnade. 261 Und da er als geſchickter Ofſtzier övriren wußte, ſo gelang es ihm, em übrigen Gefolge abzuſchneiden Durchgange zu treffen, wo er es Hand zu küſſen. Eugenie aber „Meine Schleifen denn ich hoffe, daß unſer Mit der Frau Herzogin ſprach ich gegen unſere Verbindung einzu⸗ chzte der überglückliche Adjutant. nblicke ein dicker Hoffourier, ge⸗ an dem Durchgange erſchienen wäre, ädchen in ſeine Arme gedrückt Ehe der Baron von Brand den Saal ve rließ, zeigte er ſich und ihrer Tochter, und nahm die zärtlichen Vorwürfe, die er hier erhielt, beſänftigte er die Damen dadurch, ruhig in Empfang; doch daß er ſich noch ein paarmal obgleich er aber jede Gratula⸗ tion nur mit einer Verbeugung erwiederte, ſo war für Alle ſein Verhältniß zur Tochter des Präſidenten doch eine aus Sache, und der Baron von Brand betrachtet. gemachte wurde förmlich als Bräutigam * * Einundachtzigſtes Kapitel. Geſellſchaftliches. Wieder einmal war es Nachmittags zwei Uhr längſt vor⸗ über und wieder einmal ſtand das Kaffeegeſchirr auf dem Tiſch, an dem die Commerzienräthin ſaß, gänzlich unberührt. Wenn dieß vorkam, ſo konnte man es als ein untrügliches Zeichen an⸗ ſehen, daß irgend eine Störung vorgefallen war. Aus den leb⸗ loſen Gegenſtänden des Hauſes ließ ſich auf dieſe Art eher etwas errathen, als aus der lebenden Hauptperſon,— der Commer⸗ zienräthin ſelbſt. Denn dieſe ſaß in ihrer Sophaecke ſtarr und. aufrecht wie immer, mit unbeweglichen Geſichtszügen und für jeden Uneingeweihten war durchaus keine Aufregung, von wel⸗ cher Art auch immer, an ihr zu merken. Wer ſte aber genauer kannte, der ſah wohl, daß ſle die Augen häufig ſchloß und öffnete, auch abwechſelnd mit ihrem gewöhnlichen Huſten zu⸗ weilen heftig ſchluckte. Mit der rechten Hand hielt ſte, wie ſte imme zu thun pflegte, ihr Schnupftuch, di linke bedeckte einige Papi die vor ihr auf dem Tiſche lagen. * g C E re fal ſpr lich eine Faf nur Con denh denke behre übern faſt de mer e buch, augenk zuckend mehr e Einem D Blick zu er verſta „J ſchäftsfü ſorgen a ſt vor⸗ Tiſch, Wenn en an⸗ n leb⸗ etwas nmer⸗ er und d für wel⸗ nauer z und n zu⸗ vie ſie einige Geſellſchaftliches. 263 Marianne ſtand am Fenſter, gefalten und ihre Blicke waren auf den Boden Commerzienrath zeigte im Gegenſatz Er hatte die Hände unter ſeine Frackſchoße geſteckt un tachte die ——y— — — 8 S — ☚ ☛ ☛☚ — — S ᷣ — —2 — — — — — — lich, dabei ſeine Frau anzuſehen, denn er wußte wohl, daß ihn einer jener ſcharfen Blicke Faſſung zu bringen im Stande war; er wandte ſich daher auch nur an Marianne, ſelbſt wenn er etwas ſagte, was nur an dier Commerzienräthin gerichtet ſein konnte. „Summa Summarum denn,“ denheit,„verſteht ihr die Sachen nicht und könnt euch nicht denken, wie lähmend es für alle Geſchäfte iſt, eine Hand ent⸗ behren zu müſſen und einen Kopf, der ſchon ſeit Jahren Alles überwachte, und, wenn auch allerdings unter meiner Leitung, faſt das Ganze beſoygte. Glaubt mir nur, ein ſolcher Theilneh⸗ mer eines Geſchäfts, wie Alfons, war wie ein Generalhaupt⸗ ſprach er mit großer Entſchie⸗— buch, man brauchte nur irgendwo anzuklopfen und man hatte augenblicklich die Antwort.— Das fehlt mir,“ fuhr er achſel⸗ zuckend fort;„ich werde auch alt, kann mich an Manches nicht mehr erinnern, weßhalb Vieles nur ſo ſo beſorgt wird, mit Einem Wort, darunter leidet der Credit des Hauſes.“ Die Räthin warf ihrem Mann einen bedeutſam fragenden Blick zu, da er ihn aber nicht ſah, ſo huſtete ſte auffallend, was er verſtand und deßhalb augenblicklich hinzu ſetzte: „Natürlicher Weiſe meine ich blos den Credit, den die Ge⸗. ſchäftsführung bedingt, das pünktliche und augenblickliche⸗Be⸗ ſorgen aller Nufträge, welches ſonſt bei uns Mode war nd 264 Einundachtzigſtes Kapitel. worein wir unſern Stolz ſetzten.—— Mögt ihr es nehmen, wie ihr es wollt: ich habe ſchon zweimal an Alfons geſchrieben und ihn erſucht, zurück zu kommen.— Ah! man vernachläßigt eine immenſe Firma wie die unſrige nicht wegen ſo Bagatellen.“ Die Räthin trommelte leiſe auf dem Papiere unter ihrer Hand und Marianne fragte ſchmerzlich:„Bagatellen, Papa? Das ſind aber doch eigentlich keine Bagatellen.“ „Nun, nun, ich meine in geſchäftlicher Beziehung,“ ver⸗ beſſerte ſich der alte Herr,„habe ich da Unrecht? Was Teufel genirt es die großen Banken, ob mein Schwiegerſohn einmal einen dummen Streich der Art gemacht hat.— Nicht ſo viel.“ Dabei hatte er den Muth, über ſeine Handfläche zu blaſen.„Und meine Wechſel ſind geſucht wie keine andern.“ Jetzt endlich ſprach die Räthin; zuvor aber huſtete ſte leicht, dann ſagte ſie:„Was dein geſchäftliches Leben anbelangt, ſo magſt du vielleicht Recht haben, in unſer geſellſchaftliches da⸗ gegen hat dieſe Geſchichte einen ſchweren Riß gethan. Und das kommt daher, weil unſer Haus von jeher voranleuchtend war, was Sitte und Anſtand anbelangt, eine glatte, glänzende, polirte Fläche, und deßhalb ſieht man auch auf ihr jetzt jedes Stäubchen.“ „Und dieſer Riß in geſellſchaftlicher Beziehung,“ lachte krampfhaft der alte Herr,„macht dich ſo bodenlos unglücklich? Es könnte zum Lachen ſein, wenn es nicht zum Weinen wäre,— einer Geſellſchaft, die, um mich deines Bi ldes zu bedienen, auf der glatten, polirten Fläche das geringſte Stäubchen ent tdeckt und nun ſich Mühe gibt, dieſelbe mit dem Eſſig der böſen Reden und dem Scheidewaſſer der Verläumdung total mit Roſt zu überziehen.— Und hat man das nicht gethan?“ fuhr er hitziger fort.„ Iſt man bei dem ſtehen geblieben, was man leider Gates von den unſeligen Geſchichten unſeres Hauſes erfahren? Hat man nicht verſucht, hmen, prieben hläßigt ellen.“ r ihrer Papa? u ver⸗ Teufel einmal viel.“ „Und e leicht, ngt, ſo ches da⸗ Und das ad war, „polirte abchen.“ ¹lachte lücklich? väre,— nen, auf deckt und und dem ehen.— tman bei unſeligen verſucht, Geſellſchaftliches. uns Allen etwas aufzubringen? Mit Arthur anzufangen, der freilich nur ein Maler iſt und bei dem es ſchon leicht wurde, einen Hacken zu finden; aber auch über deine arme Tochter Marianne hat man die Achſeln gezuckt; in den Kaffeeklatſchge⸗ ſellſchaften iſt dieß arme, ſanfte Weib als eine Pantippe hinge⸗ ſtellt worden, die ihrem Manne das Leben verleidet und ihn ſo zu dem Scandal getrieben.— O dieſe Geſellſchaft!“ rief er abermals und fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft umher. „Hat ſie vielleicht meinen Doctor geſchont, dieſen braven Kerl, der nie ein Waſſer getrübt? Haben ſie ihm nicht nachgeſagt, er ſei eine liederliche Pflanze.— Ja, ja,“ fuhr er fort, als er be⸗ merkte, wie ihn Marianne erſtaunt anblickte,„Eduard hat ein paar arme Familien zu ſeinen Kunden, deren Kinder er zu Weih⸗ nachten mit Spielwaaren beſchenkt; das hat man ſich achſelzuckend und hohnlachend in der gehäſſigſten Weiſe mitgetheilt.— Aber weiter. O ich ſehe ſo ein gallſüchtiges Geſicht vor mir, ſo eine Perſon, wie ſie die Achſeln zuckt und ſagt: Wiſſen Sie, Frau Hofräthin, natürlich ſo ein Arzt, der hat alle Gelegenheit; aber zu bunt ſoll er es doch getrieben haben, der Herr Doctor Erich⸗ ſen.— Hol ſie Alle der— Und haben ſie dich,“ wandte er ſich im vollſprudelnden Strom ſeiner Rede an die Räthin,„haben ſte dich im Frieden gelaſſen, mein Schatz?— Gott bewahre! Du warſt die Mutter dieſer ſaubern Familie und es iſt dir lange gelungen, alle dieſe Unanſtändigkeiten zuzudecken.“— Hier ſchöpfte er tief Athem, ſetzte ſeine beiden Arme in die Seite und fuhr dann nach einer Pauſe fort:„Aber Eins hat mich amuſirt, daß ſie nämlich über mich geſagt, ich ſei nicht ſo ſchlimm, ſei von jeher ein luſtiger, alter Herr geweſen und wenigſtens kein Heuchler.“ „Aber um Gotteswillen! Papa, woher weißt du alle dieſe — 4 1 4 6 — 1— — 8 266 Einundachtzigſtes Kapitel. ſchrecklichen Geſchichten? Das kann dir doch Niemand in's Ge⸗ ſicht geſagt haben.“ „Freilich hat man mir's in's Geſicht geſagt, aber weißt du, darin hat man eine eigene Manier; es kommt ſo eine ſchleichende Canaille, nicht um dir zu ſagen: Herr Commerzienrath, Der und Der hat das über Sie geſagt, faſſen Sie ihn; o nein! ſondern er ſpricht mit niedergeſchlagenen Augen von der verderbten Welt, von der Sucht, Jeden zu verläumden, ſieht dich dabei achſel⸗ zuckend an, ſeufzt, kurz, geberdet ſich ſo auffallend, daß du deut⸗ lich ſtehſt, er habe was auf dem Herzen. Du fragſt ihn; er läßt dich lange bitten. Endlich mißt er dir das Gift tropfenweiſe zu, indem er ſpricht: man ſagt ſo allerlei, man will das und das wiſſen, man glaubt dieß, man glaubt das, und ſchlägt dir ſo eine Ohrfeige nach der andern hin mit lauter„Man'’s“, die ungreif⸗ bar ſind.— Gott ſoll mich bewahren, ſagt er auf dein Drängen, daß ich Perſonen nenne, ich will in keine Geſchichten hinein kom⸗ men; aber daß man allgemein ſpricht, was ich Ihnen vorhin erzählt, das können Sie mir auf mein Wort glauben. So geht er fort, nachdem er dir einen Dolch in's Herz geſtoßen; und an der Ecke ſchaut er ſich um, ob du noch nicht wankeſt oder hin⸗ falleſt.— Und wegen ſolchem Volke ſollen wir uns grämen?“ fragte er ſchließlich mit einem Tone ſo entſchieden, wie man ihn eigentlich nicht an dem alten Herrn gewöhnt war.—„Ich nicht!“ Die Commerzienräthin hatte aufmerkſam zugelauſcht, ob⸗ gleich ſie ſich ihrem Geſichte nach ebenſo gut mit etwas ganz Anderem hätte beſchäftigen können. Sie huſtete leicht und er⸗ wiederte:„Es iſt das wahr, was du eben geſprochen.“ „Nun, Gott ſei gelobt, daß du es endlich einſiehſt.“ „Hat mir doch die Waſſer,“ fuhr die Räthin fort, ohne Fra bro⸗ getr ſtarl eige habe bote ſagt dazu vor las ſage beme näch nicht Mal zu ſe freur über ne Geſellſchaftliches⸗ 267 auf die Worte ihres Gemahls zu achten,„gerade in Betreff Eduards einen wahrhaft impertinenten Brief geſchrieben.“ „Du haſt da überhaupt ſchöne Correſpondenzen,“ ſchaltete der alte Herr händereibend ein. Und Marianne ſetzte mit leiſer Stimme hinzu:„Madame Waſſer iſt ganz auf die Seite meiner Schwägerin Bertha getreten.“ „Um ſie auszuhorchen und viel Böſes über uns zu hören, denn—“ rief der alte Herr. Doch machte ihn ein Blick ſeiner Frau verſtummen. Dieſe hatte ihre Naſe drohend erhoben, als ſie ſich ſo unter⸗ brochen ſah, und ſagte dann, nachdem ſte leiſe auf die Briefe getrommelt:„Die Waſſer ſchreibt mir, es ſei doch ein Bischen ſtark von Eduard geweſen, das bewußte Kind der Perſon in ſein eigenes Haus zu bringen. Was man über dieſes Kind denke, habe er ſchon daraus entnehmen können, daß ſämmtliche Dienſt⸗ boten des Hauſes,— vortreffliche Dienſtboten, wie die Waſſer ſagt,— darauf hin augenblicklich gekündigt hätten.“ Der Commerzienrath lachte krampfhaft hinaus, er hatte dazu den Moment benützt, als die Räthin ſchwieg und einen der vor ihr liegenden Briefe entfaltete. ——„Ich habe es von jeher für meine Pflicht gehalten,“ las die Räthin aus dieſem Briefe,„Ihnen nur die Wahrheit zu ſagen; deßhalb erlaube ich mir auch, Ihnen ein paar Worte zu bemerken, was die Einladung anbelangt, welche Sie für die nächſte Woche an die Meinigen ergehen ließen. Nehmen Sie mir nicht übel, hochverehrteſte Frau Räthin, ich kann ſie für dieſes Mal nicht acceptiren, denn es iſt mir zu ſchmerzlich, dort Leute zu ſehen, die hinter Ihrem Rücken die Naſe rümpfen, die Ihnen freundlich in's Geſicht ſind und unter ſich die gehäſſigſten Dinge über Ihr Haus ausſagen; ja recht gehäſſige Dinge.— Und was 268 Einundachtzigſtes Kapitel. das Schlimmſte iſt, beſte Frau Räthin, man kann ihnen noch nicht einmal in Allem widerſprechen. Sie wiſſen, wie ſchätzens⸗ werth es mir ſtets war, in Ihrem Hauſe ſo gut und freundlich aufgenommen worden zu ſein. Aber—— doch erlaſſen Sie mir das Uebrige; o könnten Sie ſehen, wie ſehr es mich ange⸗ griffen hat, Ihnen die vorliegenden Zeilen zu ſchreiben. Im Uebrigen bin ich wie immer mit alter Freundſchaft Ihre Albertine Waſſer, verwittwete Titularräthin.“ „Ein vortrefflicher Brief das,“ meinte der Commerzienrath. „Aber da du einmal bei der Correſpondenz biſt, ſo laß' uns auch hören, was deine theure Freundin Louiſe ſchreibt.“ Die Bitte des Gemahls wäre eigentlich überflüſſig geweſen, denn Madame Erichſen hatte ſchon unaufgefordert das andere Billet eröffnet und las: „Liebe Lotte! Du haſt uns auf nächſte Woche zu einer Soirée eingeladen und wie ich höre, ſollen viele Leute kommen. Nimm mir nicht übel, aber ich würde das an deiner Stelle nicht thun. Die traurigen Geſchichten deines Hauſes ſind noch zu neu und die Leute ſagen, das entwickle ſich noch immer mehr. Wie ich denke, liebe Lotte, weißt du, aber wir Beide können nun einmal die Welt nicht anders machen. Ich ſchreibe dir eilig, damit du deine Einladungen noch nicht machſt. Wenn die Menſchen nur nicht ſo böſe wären! Aber glaube mir, Viele haben die Probe der lebenden Bilder und die Geſchichte mit der Doctorin F. noch lange nicht vergeſſen. Daß ich am allerwenigſten auf Stadtge⸗ klatſch etwas gebe, brauche ich dir wohl nicht zu ſagen; auch wundert mich gar nichts mehr, denn die Menſchen ſind zu bös⸗ artig, und wenn’ich auch gewiß nicht dazu beigetragen habe und noch hens⸗ dlich Sie nge⸗ Im 4 rath. auch deſen, ndere einer men. nicht neu Wie nmal it du mnur Vrobe noch dtge⸗ auch bös⸗ und Geſellſchaftliches. 269 beitragen werde, dergleichen Klatſchereien zu verbreiten, ſo kann ich dir doch nicht verſchweigen, daß in der Stadt das Gerede geht, du beabſichtigeſt, um der ganzen Geſellſchaft daß du dich um ihre Meinung gar nicht kümmerſt, uns deine neue Schwiegertochter zu präſentiren, die ſogenannte Braut des Herrn Arthur. Soll ich dir nochmals wiederholen, daß der⸗ gleichen Verläumdungen auf mich nicht den geringſten Eindruck machen?— Ich halte das für überflüſſig; denn du weißt, wie ſehr ich bin und bleibe zu zeigen, deine treue Freundin Louiſe.“ Ddie Hand der alten Dame zitterte leicht, während ſie die Briefe zuſammen faltete und vor ſich hin legte. „Und das ſchreiben deine bewährteſten Freundinnen, Mama?“ fragte ſchmerzlich Marianne. „Es iſt doch ein wahres Sprüchwort,“ bemerkte zornig der alte Herr,„Gott bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich ſchon fertig werden.— Und die ſogenannten Feinde unſeres Hauſes, eigentlich nur die Feinde von Mama,“ ſetzte er mit Nachdruck hinzu,„wie haben ſie ſich benommen, ſeit dieſe traurigen Geſchichten ruchbar wurden! Ich will nur an den Doctor und namentlich an die Doctorin F. erinnern.— Geſteh' es mir, Charlotte,“ wandte er ſich an ſeine Frau,„die neuliche Unterredung mit der Letzteren, die liebevollen Worte, die ſte zu dir ſprach, haben ſelbſt dich ergriffen und gerührt.“ „Warum ſelbſt mich?“ fragte ſtrenge die Räthin, ohne dabei einen Zug ihres Geſichtes zu verändern. „Ah! ſelbſt dich,— das kann man in dem Falle doch wohl ſagen,“ meinte behutſam der alte Herr.„Du hatteſt doch ein Vorurtheil gegen die Doctorin.“ 4 “ —— Einundachtzigſtes Kapitel. —„Ja, ich hatte es,“ erwiederte nach einer Pauſe die Räthin. Und als ſie nach dieſen Worten in ihr Sacktuch hinein huſtete, klang dieſer Huſten viel weicher, auflöſender als ſonſt. „Nun, wenn ich recht verſtanden habe,“ entgegnete etwas heiterer Herr Erichſen,„ſo war das ein gutes Wort, das Mama eben ausſprach.“ „Und Mama hat ſo Recht darin,“ ſagte liebevoll Marianne, indem ſie ſich dem Sopha näherte.„ Glauben Sie mir, die Doctorin F. iſt eine herrliche, vortreffliche Frau. 4 Die Räthin ſchaute ihre Tochter mit einem einigermaßen argwöhniſchen Blicke an. „Und höheren Ortes ſehr gelitten,“ kuir wichtig der Com⸗ mernrath bei.„Ich weiß beſtimmt, daß ſie zuweilen in die kleinen Cirkel der Frau Herzogin kommt. 4 Die Räthin ſchaute ihren Mann an. „Und mir iſt das ſehr angenehm,“ fuhr Marianne fort, „denn ich bin überzeugt, die Doctorin wird denen die Geſch ichten unſeres Hauſes auf wahre und gute Art aus einander ſetzen.“ Der Blick der Räthin, den ſie jetzt auf ihre Tochter warf, war nicht mehr argwöhniſch, ja man hätte glauben können, ſie nicke mit dem Kopfe, doch war dieß, wenn es wirklich geſchehen, ſo undeutlich, daß man es nicht recht behaupten konnte. „Was übrigens die höhere Geſellſchaft anbelangt,“ ſagte der Conunerz ienrath, indem er ſich in die Bruſt warf,„ſo kennt man dort das Haus Erichſen, und wenn wir gewollt hätten, würde es uns ein Kleines geweſen ſein, uns dort hinein zu lanciren, zum furchtbaren Aerger deiner Freundin Waſſer und deiner treuen Louiſe.— Wie ſteht Arthur mit all den Leuten?“ fuhr er nach einer Pauſe eifriger fort.„Vortrefflich! und ſel bſt wenn er jenen ſonderbaren Streich ausgeführt hätte— ¹ Geſellſchaftliches. 271 Die Räthin ſchaute ernſt auf ihren Mann. „Nun ja, ich ſage, wenn er ihn ausgeführt hätte, ſo hätte ihm das bei den vernünftigen Leuten da oben nicht den geringſten Schaden gethan.“ Der Blick der Räthin wurde fragender. „Weißt du, Charlotte, man kann über Alles ſprechen. Die Sache iſt, wie ich höre, vorüber. Nun gut, Arthur erzählte mir neulich, daß ihm einer ſeiner Bekannten, Graf Fohrbach, Adju⸗ tant Seiner Majeſtät und Sohn Seiner Excellenz des Herrn Kriegs⸗ miniſters, der im Begriff ſteht, eine der Hofdamen Ihrer Majeſtät zu heirathen, das ſchöne Fräulein von S.— eine alte Familie— geſagt, Arthur ſoll ſich nur auf ihn, den Grafen verlaſſen,— er wolle— im Falle— daß Arthur—“ Hier ſtockte der Com⸗ merzienrath, denn der Blick ſeiner Frau war außerordentlich ſcharf geworden. „Und was denn?“ fragte ſie ungeduldig. „Nun, ſich verheirathag mit— „Nun denn, mit— 2“ „Du weißt ja ſchon, Charlotte, mit jener Tänzerin. Man ſetzt ja nur den möglichen Fall, und in dem Falle würde ſich die Gräfin Fohrbach ein Vergnügen daraus machen, die Madame Erichſen bei ſich zu ſehen.“ Die Räthin ſchüttelte den Kopf und ſagte in beſtimmtem Tone:„Unmöglich.“ „Natürlich, für deine treuen Freundinnen wäre ſo etwas unmöglich, namentlich für Solche, die ſelbſt mit einem verdäch⸗ tigen Herkömmen zu kämpfen haben und die von jeher den wei⸗ teſten Mantel der chriſtlichen Liebe bedurft, um ihre Blößen zu bedecken.— Aber man ſpricht ja vergeblich darüber; die Sache iſt vorbei.“ 272 Einundachtzigſtes Kapitel. „Der arme Arthur!“ ſeufzte Marianne. „Arthur iſt eine noble Seele,“ fuhr der alte Herr mit einem Anflug von Rührung fort,„Arthur iſt ſelbſtändig. Er konnte ſagen: das iſt einmal mein Glück und ich will glücklich ſein.“ „Und ungehorſam gegen ſeine Eltern„“ verſetzte ſtreng die Räthin. „Allerdings, aber ich bin feſt überzeugt, jenes arme Mäd⸗ chen— ſie hätte nichts gegen unſern Willen gethan.“ Hier lächelte die Räthin zum Erſtenmal während der Unter⸗ redung, aber es war ein unangenehmes Lächeln, ein ſpöttiſches Lächeln. „Gewiß, Mama,“ ſagte Marianne in feſtem Tone, nſte würde das nicht gethan haben. Das Mädchen hat einen feſten, herrlichen Charakter.“ „Und wer hat euch das geſagt?“ fragte mißtrauiſch die Räthin.. Vater ́'hels ſchnell einen Blick, worauf Letztere fortfuhr:„Edurd ſprach mit uns darüber; er kam zu⸗ fällig als Arzt in das Haus.“ „Wie ſo— zufällig?“ fragte noch immer argwöhniſch die Räthin. „Ganz zufällig,“ nahm Herr Erichſen das Wort.„Du erinnerſt dich doch der Geſchichte mit dem Kinde, welches Eduard zu ſich in's Haus nahm und das zu ſo ſchlimmen Gereden Ver⸗ anlaſſung gab. Nun, man kann den armen Wurm doch nicht auf die Straße werfen und da erbot ſich denn Arthur, es in jene Familie zu thun.“ Die Räthin trommelte leiſe auf den Tiſch und ſagte dann: „Das ſind ſaubere Geſchichten. Nun, ſie werden Herrn Arthur ſchön empfangen haben.“ imme trom Nach Comp ſprech heilig dieſen rühren ruhen Ha 84 em Geſellſchaftliches. 273 „Sehr ſchön,“ erwiederte ernſt Marianne; pliebevoll nah⸗ men ſie das verwaiste Kind auf, obgleich ſie ſelbſt nicht viel haben, und Mamſell Clara behandelte es ganz wie ihre eigenen Geſchwiſter.— So ſagt nämlich Eduard,“ ſetzte ſte haſtig hinzu, als ſie bemerkte, daß ihr die Mutter einen ſonderbaren Blick zuwarf. „Und Eduard ſieht öfters nach dem Kind,“ fuhr der Com⸗ merzienrath fort,„aber in letzter Zeit auch nach ihr ſelber,— nach der Tänzerin nämlich. Und er meint, das Mädchen leide furchtbar, und er hat mir neulich unwillig geſagt,— ja, ich kann es dir nicht verſchweigen, Charlotte,— wenn gleich— auch dein Unmuth—“ Hier ſchien ſich der Fluß ſeiner Rede vor dem ſtrengen Angeſicht ſeiner Gattin abermals im Sand verlaufen zu wollen. Doch munterte ihn ein Blick Mariannens auf und er fuhr muthig fort:„Eduard ſagt alſo, es ſei— eine Schande, daß man ein ſo liebliches und gutes Geſchöpf ſo unglücklich und langſam dahin welken ſehen müſſe.“ Die grauen Augen der Räthin ſchauten bald den alten Herrn, bald Marianne an; doch war der Blick derſelben nicht mehr ganz ſo ſcharf und kalt wie bisher. Auch wurde der Huſten immer auflöſender, und wenn man ſich ſo ausdrücken dürfte, trommelten ihre Finger nicht mehr in Dur, ſondern in Moll. Nach einer Pauſe ſprach ſie jedoch:„Ihr ſchmiedet da ein artiges Complott gegen mich; Arthur wird euch ſehr dankbar dafür ſein.“ „Ich habe gedacht,“ erwiederte Marianne,„daß Sie ſo ſprechen würden, Mama. Aber bei Allem, was mir und Ihnen heilig iſt, ſchwöre ich Ihnen zu, daß Arthur mit uns nie über dieſen Gegenſtand redet. Ja er vermeidet es, die Sache zu be⸗ rühren, und gab mir ſchon einige Mal zur Antwort:„Laß das ruhen, es iſt vorüber.“ Hacklander, Europ. Selavenleben. IV. 18 274 Einundachtzigſtes Kapitel. „Das iſt brav von Arthur,“ meinte die Räthin mit ſanf⸗ terer Stimme,„daß er ſo den Willen ſeiner Mutter reſpectirt. — Aber was will denn Eduard, daß er ſich der Sache ſo annimmt?“* „Der handelt auch nicht ganz aus eigenem Antriebe und noch weniger im Auftrage Arthur's. Du weißt, acche große Stücke der Leibarzt des Königs auf deinen Sohn hält; nun, der hat ihn neulich wegen der Geſchichte vorgenommen.“ „Ei ſieh doch!“ ſagte erſtaunt die Räthin.„Wenn der mit ſeinem ewigen Spott ſich jener Demoiſelle ernſtlich annimmt, da möchte freilich etwas Abſonderliches dahinter ſein.“ „Das habe ich mir auch gedacht,“ fuhr der alte Herr trocken fort,„aber ich kann dir ſagen, Charlotte, daß der alte Leibarzt jenes Mädchen ſchätzt und liebt. Er hat ſie am Todtenbette eines kleinen Schweſterchens von ihr kennen gelernt und ſprach darüber wahrhaft enthuſiaſtiſch. Das ſei ein reiches und edles Herz, meinte er, ein Gefühl, warm und rein, wie er ſelten welches gefunden, kurz ein Geſchöpf, über das man die Hände weh⸗ klagend zum Himmel erheben möchte, daß die Verhältniſſe es hinderten, glücklich zu ſein und glücklich zu machen.“ „Nun,“ verſetzte die Räthin mit etwas ſchärferem Tone, „dazu könnte ja bei dem Leibarzte Rath werden; er hat ja ſelbſt zwei Söhne; vielleicht ließe ſich da was arrangiren.“ Marianne warf ihrem Vater einen wahrhaft troſtloſen Blick zu und auch Dieſer zuckte die Achſeln, Beide, wie ſie glaubten, ungeſehen von der Mama. Doch hatten deren graue Augen blitz⸗ ſchnell nach rechts und links geguckt, ſtarrten aber jetzt wieder gerade vor ſich hin, als ſie ſagte:„Es iſt bedauerlich, daß meine Angehörigen, die mich umgeben, ſo leicht durch den äußern Schein zu beſtimmen ſind. Bei dieſer Sache iſt es wahrhaftig „das verät fehle und gewef dann nete r iſt rech reſpekt daß ſte leicht einmal T geſproc Comme einen ti ſanft d Stirn k ſammen „Die Si der uimt, dcken darzt ines über derz, lches veh⸗ e es one, elbſt Blick bten, blitz⸗ ieder neine ßern aftig Geſellſchaftliches. 275 ein Glück, daß Arthur ſo reſpektabel iſt und ſich meinen Wün⸗ ſchen, meinen vernünftigen Gründen ohne Weiteres fügt.“ „Was mir eigentlich unbegreiflich iſt,“ fuhr dem alten Herrn heraus,„denn wer das Mädchen einmal geſehen, verſteht nicht, wie man es ſelbſt dem Willen der Eltern zulieb ſo leicht aufgeben kann. Mir iſt das, namentlich bei dem Charakter Arthur's, gänzlich unverſtändlich.“ Die Räthin ſah lächelnd vor ſich nieder. „Aber Arthur leidet ebenfalls ſehr,“ ndas ſteht man ihm deutlich an. Er hat ſich in letzter Zeit ſehr verändert; glauben Sie mir, Mama, wenn er auch Ihren Be⸗ fehlen folgt, ſo wird ihm ſein Gehorſam Zeitlebens nachgehen, und wer weiß, ob er nicht ſpäter einmal bedauert, gehorſam geweſen zu ſein.“ Die Räthin hatte leiſe dann mit dem Schnupftuche meinte Marianne: auf ihre Briefe getrommelt, ſich die Stirne abgewiſcht und entgeg⸗ nete nun nach einem ziemlich langen Stillſchweigen: iſt recht gehorſam geweſen, und es iſt das reſpektabel von ihm. Er ve „Ja, Arthur wie ſchon geſagt, ſehr rtraut ſeiner Mutter, von der.⸗ daß ſie feſt an ihren Grundſätzen hängt, der L eidenſ⸗ leicht Gehör gibt und vor allen Dingen ſelbſt prüft, en einmal gefaßten Beſchluß zu ändern pflegt,“ Die letzteren Worte waren mit einen ganz and geſprochen worden, faſt warm und gefühlvoll ſo Commerzienrath ſeine Tochter erſtauylt anblickte einen tiefen Athemzug that, ſich niyderbückte 1 ſanft die Hand auf den Arm ihryt Mutter Stirn küßte. Die Commerzienrätßin raffte il ſammen, erhob ſich von dem S pha, wobz „Die Sitzung iſt aufgehoben, aßer ich will 276 Einundachtzigſtes Kapitel.„ daß es mir leichter um's Herz iſt, als vor einer Stunde, wo ich mit dieſen beiden Briefen in's Zimmer trat. Da war ringsum für mich Alles ſchwarz bezogen, jetzt hat ſich's etwas aufgeklärt und es iſt, als ſchimmerte ein kleiner Lichtſtrahl in mein Herz.— Komm', Marianne.“ Damit gingen die beiden Damen fort, der Commer blieb allein zurück und verhalf ſich nachträglich noch zu einer Taſſe enn gleich ſchon ziemlich kalten Kaffees. Dabei aber ſchien er und es war rührend zum Zimmer zienrath w plötzlich guten Humors geworden zu ſein und komiſch zugleich, wie er nach genoſſenem Kaffee hinaus tänzelte. den wo hat tief wol hält denn wele zu dach hing Bew der z Bweinndachtzigſtes Kapitel. Die Familie Wundel. Der Brief, den Herr Blaffer an jenem denkwürdigen Abend dem Herrn Staiger geſchrieben hatte, war der Poſt übergeben worden und glücklich an ſeine Adreſſe gelangt. Der alte Mann hatte bedenklich den Kopf geſchüttelt, nachdem e r ihn geleſen, aus tiefſter Bruſt dazu geſeufzt und bei ſich üb erlegt, ob er ſeine Toch⸗ ter Clara davon in Kenntniß ſetzen ſolle oder nicht. Doch ſah er wohl ein, daß ſich ein ſolch' trauriger Umſchwung in ihren Ver⸗ hältniſſen vor der Tochter nicht lange würde verheimlichen laſſen, denn leider kannte er für den Augenblick keine anderen Quellen, welche im Stande geweſen wären, ihm die verkümmerte Einnahme zu erſetzen. Er lächelte, wenn er an all' die ſchönen Träume dachte, denen er ſich in den letzten Wochen ſo leichſinniger Weiſe hingegeben. Clara las den Brief des Buchhändlers, ohne eine große Bewegung zu verrathen, doch zitterte ihre Hand, als ſie ihn wie⸗ der zuſammenfaltete und dem Vater zurückgab.„Und was meinſt — . 8 278 Bweiundachtzigſtes Kapitel. du?“ hatte ſie mit tonloſer Stimme gefragt.„Sollte das wohl von ihm kommen?“ Herr Staiger hätte hierauf um Alles in der Welt kein Ja geantwortet; er fühlte wohl, daß das ein neuer Dolchſtoß für das unglückliche Mädchen gewefen wäre. Er entgegnete alſo: „O nein, meine gute Clara; wer weiß, wie das zuſammen hängt, mich hat Herr Blaffer nie leiden können, und wenn Herr Arthur mit uns nicht— zerfallen wäre, ſo hätte mir der Andere meine Arbeit vielleicht doch genommen.“— So ſagte er, dachte aber anders; er ahnte vielmehr einen Zuſammenhang, ohne ſich klar zu werden, worin dieſer eigentlich beſtehe. Ja es gab Augen⸗ blicke, wo er Arthur für ſchuldiger hielt als Dieſer in der That war. Leider machte ſich die entzogene Arbeit und das hiedurch verminderte Einkommen nur zu bald in der Haushaltung der ar⸗ men Leute fühlbar. Obendrein hatten ſich die Ausgaben des Herrn Staiger wegen des kleinen Mädchens noch vermehrt, und dabei wollte er ſich nicht dazu verſtehen, für die Unterhaltung deſſelben das Geringſte anzunehmen, obgleich Doctor Erichſen, der, wie wir wiſſen, zuweilen in das Haus gekommen, ihm das dringend angeboten hatte.„Das war früher nicht ausgemacht,“ hatte ihm der alte Mann geantwortet; nich nahm das Kind gerne auf, weil es arm und hülflos in der Welt daſtand; auch ſind die Koſten für daſſelbe ja nicht der Rede werth. Und dann,“ hatte er mit ſehr erzwungenem Lächeln hinzugeſetzt,„ſind wir nicht ſo arm, als der Herr Doctor wohl glauben, und es iſt uns wahrhaftig ein Vergnügen, auch etwas Gutes zu thun.“ Eigenthümlich war es, daß Clara das fremde Kind außer⸗ ordentlich lieb gewonnen hatte. Ihr war es wie ein Geſchenk Arthurs, und wenn ſie ſo neben ihm ſaß, ihm ſein Kleidchen geordnet oder ſeine Haare geglättet, ſo verſank ſie oft in Träu⸗ Die Familie Wundel. 279 mereien und dachte:„Ich erziehe mir hiermit einen lebendigen Zeugen meiner Unſchuld. Das Kind wird größer und älter wer⸗ den, es wird fühlen und begreifen, wie ich Arthur geliebt und noch liebe, dennaich habe ja keine Urſache, das hier vor den Mei⸗ nigen zu verſchweigen, es wird auch ſchon noch ſehen, was hier bei uns geſchieht, wie hier ſo gar nichts Heimliches und Unrech⸗ tes vorfällt, wird mich kennen lernen, daß ich ja nie im Stande geweſen bin, treulos zu werden und wird dann— vielleicht wohl erſt nach langen, langen Jahren,“ fügte ſte mit trübem Lächeln bei,„im Stande ſein, ihm das Alles zu ſagen und ihm ſo die Augen zu öffnen— über das Unrecht, das er an mir be⸗ gangen.“—— Wohl hätte ihm Clara das Alles ſelbſt ſagen können, denn wenn Arthur ſeit jenem Vorfalle auch nicht mehr in ihr Haus kam, ſo fühlte ſie wohl, daß er ihren Weg zum Oefteren durch⸗ kreuzte. Wenn ſie in den Theaterwagen ſtieg oder denſelben an der Thüre ihres Hauſes verließ, ſo begann ihr Herz heftiger zu ſchlagen, der Athem ſtockte ihr zuweilen plötzlich und ſie vermied es alsdann, rechts oder links zu ſchauen. Sie wußte auch ganz genau, daß es nur des geringſten Zeichens von ihrer Seite be⸗ dürfe, nur ein Stehenbleiben, einen Blick um ſich her, um ihn augenblicklich heran zu ziehen. Doch das wollte ſie gerade ver⸗ meiden. Sie war zu ſtolz, ſie fühlte ſich zu ſehr verletzt, um nach dem, was er ihr Alles geſagt, eine Erörterung herbeizurufen,— herbeizuwünſchen wohl. Aber dieſen Wunſch hatte ſte nur, wenn ſte allein war, wenn ſie trotz des dunkeln Zimmers ihr Geſicht noch hinter ihren Händen verbarg, damit Niemand ſehen möge, wie ihre Lippen ſchmerzlich zuckten, wie die Thränen unaufhalt⸗ ſam aus ihren Augen herabfloßen. Die kleine Schweſter Clara's war ſchon verſtändig genug, 8 280 Zweinndachtzigſtes Kapitel. um weder Dieſe noch den Vater zu befragen, warum ſich ihr Leben ſo plötzlich geändert habe. Sie dachte ſich, es müſſe eine Urſache haben, daß naͤmentlich die Küche des Hauſes noch unendlich einfacher als dieß früher geſchehen beſorgt wurde. Das Bübchen dagegen konnte dieß nicht begreifen und verlangte faſt jeden Tag Aufklärungen, warum denn beinahe gar kein Fleiſch mehr käme, und immer Kartoffeln mit Suppe abwechſelten.„Ihr ſeid Alle ſehr dumm,“ ſagte es,„daß ihr es nicht beſſer haben wollt, und morgen verlange ich einen Kalbsbraten, übermorgen Kuchen und dann ſo fort.“ Vater Staiger konnte ſeine Klagen in dieſen Fällen nur beſchwichtigen, wenn er ihm irgend ein Mährchen erzählte, das einigermaßen mit ſeinem Zuſtande ähnlich war. Er hatte auch recht viele Zeit zum Mährchenerzählen, denn wenn er auch durch die Recomandation eines alten Bekannten eine kleine Arbeit er⸗ halten hatte, ſo war dieſe doch nicht der Art, daß ſie ſeinen Geiſt in Anſpruch nahm. Es waren nämlich ein paar Abſchriften, die er zu beſorgen hatte, und bei deren Anfertigung ihm volle Muße blieb, ſeinem kleinen Sohn auf alle möglichen Fragen zu ant⸗ worten.— Da die Jahreszeit ſchon vorgerückt und es nicht mehr ſo kalt war, ſo hatte Herr Staiger ſeinen Tiſch näher an's Fenſter gebracht und ſo konnte er auch Abends länger ſchreiben, ohne ein Licht anzünden zu müſſen. Ihm gegenüber ſaß Clara, mit einer Stickerei beſchäftigt, einer Stickerei, die ſie in beſſeren Tagen angefangen, und die ſie nicht laſſen konnte, langſam zu vollenden. Marie hatte ſich des kleinen Kindes g Bilder in einem geun, halbzerriſſen uche,— ein Amuſement, welches das Bübche durchaus nicht befriedigte.„Das iſt Alles dummes Zeugt ſagte er mit Mßer Beſtünmtheit,„und enommen und zeigte ihm 8 Die Familie Wundel. 281 das brauche ich nicht mehr anzuſehen, denn ich weiß es genau. Auch iſt Alles nicht wahr, was in dem Buche ſteht, und es gibt keine Rieſen, die kleine Buben auffreſſen. Ich habe noch nie einen lebendigen geſehen.“ „Das glaube ich wohl,“ entgegnete lächelnd Herr Staiger, ndieſe Rieſen laſſen ſich auch nur ſehen, wenn die Kinder über alle Beſchreibung unartig ſind. Und ich hoffe, ſo arg ſchlimm biſt du doch nicht.“ „O er iſt ſchon ſchlimm genug,“ bemerkte die kleine Schwe⸗ ſter,„denn er hat geſtern meiner Puppe das linke Bein ausgeriſſen und hat ihr auch den Kopf abgeſchlagen.“ „Das iſt aber ſehr häßlich von dir, Karl,“ ſprach Clara. „Jetzt haſt du alle deine eigenen Sachen entzwei gemacht, und nun verdirbſt auch die von Marie.“ „Die Puppe war nicht mehr ſchön,“ erwiederte der Knabe, nund wollte auch nicht Seiltanzen.“ „Kannſt denn du Seiltanzen?“ fragte der Vater. „O ja, wenn ich will,— aber ich will nicht. Und es iſt auch nicht wahr, wenn Clara ſagt, ich mache alle meine Spiel⸗ ſachen entzwei; das Schönſte habe ich doch noch.“ Bei dieſen Worten griff er in die Taſche ſeiner Höschen und zog den Reſt einer Mundharmonika hervor, auf welcher er auch ſogleich zu blaſen anfieng und die kläglichſten Töne hervorbrachte. Glücklicher Weiſe liebte er ſehr das Piano, und wenn er einen Ton ſo lange anhielt, bis faſt gar nichts mehr davon zu hören war, ſo blickte er zu gleicher Zeit wie in tiefe Gedanken verſunken nachſinnend vor ſich hin, als wolle er den Ton verfolgen, der ſich ſcheinbar in weite, weite Fernen verlor. Plötzlich abet verſtärkte er ihn, brach dann ſchrillend ab und ſagte:„Clara, ich habe Hunger.“ „Das iſt man bei dir gewohnt,“ antwortete die ältere * — Zweiundachtzigſtes Kapitel. Schweſter trübe lächelnd.„Du biſt ein kleiner Freſſer, der an nichts Anderes denkt. Jetzt ſind es kaum ein paar Stunden, daß wir zu Mittag gegeſſen haben; wie kannſt du ſchon wieder Hunger haben?“ „Weil ich keinen Kaffee mehr bekomme wie früher,“ erwie⸗ derte finſter das Bübchen;„da hat man doch auch den Nach⸗ mittag was zu thun gehabt.“ „Ich denke mir,“ meinte der Vater,„du hätteſt gern alle Stunden mit Eſſen und Trinken abgewechſelt.“ „Das hätte ich auch,“ entgegnete Karl,„und immer was Beſſeres.“ „Und wenn du nun das Allerbeſte gehabt hätteſt, was es gibt, dann— 2“ „Dann,“ wiederholte der Knabe, ohne zu verſtehen, was der Vater eigentlich ſagen wollte, denn von einem Culminations⸗ punkt hatte er noch keine Idee. „Dann wäre es dir ergangen wie den beiden Fiſchersleuten, die im Waſſertopfe wohnten.“ „Und dem foſtbaren Zauberfiſch fiengen,“ rief Marie. „Ganz richtig,“ verſetzte Herr Staiger, indem er ſeine Fe⸗ der niederlegte und gedankenvoll an die Decke blickte.„Die woll⸗ ten auch immer etwas Beſſeres, zuerſt Geld, dann ein Haus, dann Fürſt werden, dann König, und zuletzt Papſt. Das er⸗ hielten ſie und wurden ſie auch Alles nach und nach, als aber die Frau des Fiſchers endlich der liebe Gott ſelbſt werden wollte — pumps dich! da hatten ſie nichts mehr und mußten wieder in ihrem Waſſertopfe wohnen und trockenes Brod eſſen.— Das iſt ein verſtändiges Mährchen,“ fuhr der alte Mann träumeriſch fort,„und wir Alle haben etwas von den Fiſchersleuten in uns. Heute begnügen wir uns mit einer einfachen Mahlzeit, morgen — 02— Die Familie Wundel. 283 iſt uns die beſſere nicht mehr gut genug, denn wir wünſchen alsdann dazu auch ein ſtattliches Zimmer, endlich ein Haus und obendrein noch gar einen Titel.“ „Ich glaube nicht, daß ich ſo wäre,“ ſagte Clara.„O ich hätte eine Grenze gewußt,, bei der angekommen ich vollkommen glücklich und zufrieden geweſen wäre.“ Der alte Mann blickte ſeine Tochter bewegt an, dann ent⸗ gegnete er:„Ich eiehe dich wohl, mein armes Kind, aber wenn auch damit jetzt der Horizont deiner Wünſche abge⸗ ſchloſſen wäre, ſo ſeaae mir zu deinem Troſte, daß, wenn du alles das erreicht hätteſt, doch die Zeit gekommen wäre, wo neue Wünſche dein Herz bewegt hätten.“ Clara wollte etwas erwiedern, doch wandte ſie ihren Kopf plötzlich gegen die Kammer vor dem Wohnzimmer, wo man deutlich e und ſich Schritte näherten. Darauf klopfte es ziemlich laut und vernehmlich, ſo daß ſich die kleine Marie beeilte CcT ◻„. 2 0◻ ⸗ Die Thüre öffnete ſch und es erſchienen zwei uſenen auf vernahm, daß dort die Thüre geöffnet wurd ,„Herein!“ zu rufen. der Schwelle, eine Dame und ein Herr, von denen ſich die Erſtere lachend der Tänzerin näherte, und ehe dieſe aufſtehen konnte, freundlich ihre Hände ergriff. Es war Mademoiſelle Thereſe, die luſtig und ſtrahlend hereintrat und ſich augenblicklich auf den Stuhl niederließ, den ihr Herr Staiger hinſtellte, ohne ſich dabei viel um ihren Begleiter zu bekümmern, der, den Hut in der Hand, ziemlich ſchüchtern an der Thüre ſtehen geblieben war. Es war das ein Mann, vielleicht in die Vierzig, ziemlich dürr, mit einem ernſten, eingefallenen Geſichte, hoch empor gezogenen Au⸗ genbrauen und etwas herabhängender Unterlippe. Sein Haar war einfach zurückgekämmt, und da er hiebei den Kopf etwas geneigt trug, ſo gab ihm das ein demüthiges Ausſehen, welches * — —— 284 Zweiundachtzigſtes Kapitel. noch unterſtützt wurde durch die etwas gebeugte Haltung des Kör⸗ pers und die verlegene Art, mit welcher er ſeinen Hut in beiden Händen ſo hielt, daß ſich ſeine Blicke in denſelben hinein, man möchte faſt ſagen: verkriechen konnten; auf Momente erhob er die Augen und dann fuhr aus ihnen ein eigenthümlicher Blitz über die Tänzerin. Dieſer Herr trug einen braunen Ueberrock bis an den Hals zugeknöpft, ſo daß man nichts ſah als eine weiße Halsbinde, wodurch übrigens die fahle Geſichtsfarbe ein wenig aufgefriſcht wurde. Thereſe hatte ſich nach Clara's und ihres Vaters, ſowie auch nach dem Befinden der Kinder erkundigt, auch geſagt, ſie habe ſchrecklich viel zu thun und wiſſe nicht, wo ihr der Kopf ſtehe, während welcher Zeit ihr Begleiter in der Nähe der Thüre ver⸗ harrte. Erſt als ſich Clara erhob, um denſelben zu begrüßen und ihn mit einem Blick auf Thereſe zu bitten, gefälligſt näher treten zu wollen, wandte Dieſe den Kopf herum und ſprach leichthin: „Du brauchſt dich hier gar nicht zu geniren, Berger, das iſt Herr Staiger und meine gute Freundin Clara; wir ſind hier ganz un⸗ ter uns. Dort iſt ein Stuhl, den kannſt du dir mitbringen.— Mein Bräutigam,“ wandte ſie ſich mit einer Handbewegung an Herrn Staiger, dann warf ſie den Kopf etwas in die Höhe und fuhr ernſter fort:„Ich brauche dir wohl nicht zu ſagen, liebe Clara, daß ich meine Brautviſiten mache.— Gott! es iſt das ſchrecklich langweilig,“ ſetzte ſie leiſer hinzu. „Ah! da gratulire ich,“ verſetzte herzlich Herr Staiger, in⸗ dem er dem Bräutigam die Hand ſchüttelte und demſelben dabei mit einem kleinen Rucke zum Sitzen verhalf, denn Herr Berger ſchwebte einige Secunden lang über dem Stuhle und ſchien es für paſſend zu halten, auf dieſe Art die Gratulationen in Empfang u nehmen. 1 Die Familie Wundel. „Da haſt du viel zu thun,“ ſagte Clara nach einer Pauſe, während welcher ſie den Bräutigam und ihre ſchöne Freundin einen Augenblick forſchend betrachtet. „Es geht ſo,“ erwiederte Thereſe in nachläßigem Tone „ich habe anfänglich gar keine Beſuche machen wollen, aber Ber⸗ ger meint, es ſei nothwendig, und ich meines Theils habe mir auch die neue Verwandtſchaft ein Bischen anſehen wollen.—— Und das war in der That der Mühe werth,“ platzte ſie nach einigen Secunden lachend heraus.„Du hätteſt die Geſichter ſehen ſollen! Berger hat eine große und auch was man ſo nennt, eine vor⸗ nehme Verwandtſchaft: wohlhabende Kaufleute, ja Regierungs⸗ und Kanzleiräthe. Ich ſage dir Clara, ein paar von dieſen Da⸗ men ſchnitten mir Veichtn, als müßten ſie Rhabarber verſchlu⸗ E cken; aber wie du mich kennſt, hat mich das ungeheuer amuſirt. Nicht wahr, Berger, ich huß mich gar nicht blöde benommen?“ „O nein,“ erwiederte der Bräutigam, wobei er ſeinen Hut vuunnoe und nun angelegentlich die obere Fläche betrachtete. —„Du haſt ihnen recht gut gefallen.“ „Das will l ih meinen,“ fuhr Thereſe lachend fort.„Auch ich bin ſo ziemlich mit ihnen zufrieden; ich habe ſte meiner ganzen Gnade verſichert, und wenn ſich deine Verwandtſchaft gut auf⸗ führt, ſo ſoll ſie mit mir zufrieden ſein.“ „Und Sie werden bald heirathen?“ fragte Herr Staiger, der den Bräutigam ſchon eine Zeitlang theilnehmend betrachtet hatte. Dieſer ſchielte zu dem alten Herrn hinüber und erwiederte: „O ja, recht bald— wenn Thereſe will.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Man muß doch mit der Ge⸗ ſchichte einmal ein Ende machen. Ich hoffe, liebe Clara, du er⸗ hältſt mich in deiner Freundſchaft.— Haſt du einen Augenblick ——— 286 Zweiundachtzigſtes Kapitel. für mich übrig?“ ſetzte ſie leiſer hinzu;„ich hätte dir etwas zu ſagen, was nur uns allein angeht.“ u „Du weißt,“ entgegnete Clara erröthend,„daß wir außer der Kammer draußen nur dieſes Zimmer haben. Wenn du mit ſah mir dorthin gehen willſt—“ le „O das iſt gar nicht nöthig,“ verſetzte die Andere, indem hi ſie ſich erhob,„komm, treten wir an den Ofen.“ Das hatte ſie V Alles in gedämpftem Tone geſprochen, und ſetzte nun mit lauter di Stimme hinzu:„Berger, du wirſt dich einen Augenblick mit Herr Staiger unterhalten; ich habe mit Clara etwas abzumachen.“ ne Damwit nahm ſie Dieſe unter dem Arm und trat mit ihr an den ur Ofen. Herr Berger begann dem erhaltenen Winke gemäß, augen⸗ ge blicklich über das Wetter zu ſprechen, und meinte, es ſei immer noch recht kalt, doch da jetzt der Winter vorbei ſei, habe man wi Hoffnung, daß dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nach nun doch Ki am Ende das Frühjahr erſcheine. or Thereſe ſtützte die rechte Hand auf die kleine Kinderbettlade, lei die hinter dem Ofen ſtand, und ſah ihrer Freundin ſo feſt und ne forſchend in die Augen, daß ſie dieſelben niederſchlug.„Nun wie ge ſteht’'s mit deiner Sache?“ fragte ſie darauf. er Clara erhob den Blick, ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und entgegnete mit ſanftem Tone:„Ich weiß von nichts, will auch T von nichts wiſſen.“ ale „Und er hat gar nicht einmal den Verſuch gemacht, dich zu He ſprechen?“ verſetzte die Andere, wobei ſie den Kopf ärgerlich in rei die Höhe warf.—„Nicht einmal den Verſuch gemacht?“ der „O doch,“ ſagte Clara nach einem kleinen Stillſchweigen, üb wobei ihre Blicke abermals den Boden ſuchten.„Wie es mir her ſcheint, machte er zuweilen den Verſuch, mich zu ſehen; aber ich da weiche ihm aus und vermeide ihn.“ M Die Familie Wundel. „Daran thuſt du nicht ganz unrecht, aber du mußt es nicht zu weit treiben.“ „Was iſt denn da noch weit zu treiben?“ ſprach Clara ſchmerzlich.„Wer weiß, warum er mir in den Weg tritt! Viel⸗ leicht, um ſeine Vorwürfe zu erneuern, wenn ich dieſelben an⸗ hören wollte.“ „Vielleicht auch thut ihm ſein Betragen leid und er möchte dich um Verzeihung bitten.“ Clara ſchüttelte den Kopf mit einem trüben Lächeln.„O nein,“ ſagte ſie,„er kam ja öfters hieher in unſere Wohnung und weiß gewiß, daß ich ihm hier für ein offenes, ehrliches Wort gerne Rede ſtehen werde.“ „Er wird ſich ſcheuen; er weiß nicht, wie du ihn empfangen würdeſt. Du mußt ſchon ein Bischen nachgiebiger ſein, mein Kind. Weißt du,“ fuhr Thereſe fort, indem ſie ihren Shawl ordnete und denſelben feſt um ihre ſchlanke Taille zog,„es iſt leider einmal ſo in der Welt, und wenn man noch ſo ſehr in ſei⸗ nem Rechte iſt, ſo muß man ſich doch zuweilen beugen und ſchmie⸗ gen, und immer das Ziel im Auge behalten, das man am Ende erreichen will.“ Clara preßte die Hand auf ihr Herz und erwiederte:„Ach! Thereſe, glaube mir, ich habe kein anderes Ziel mehr vor Augen als das, welches uns Allen gemeinſchaftlich iſt. O er hat mein Herz gebrochen; ich fühle das; und nur die größte Wonne, die reinſten Freuden wären vielleicht im Stande es zu heilen. Aber dergleichen habe ich ja nicht mehr zu erwarten; hätte er mit mir über irgend etwas einen kleinen Streit angefangen, hätte er mich heftig wegen Fehler oder Unarten gezankt, ich wäre ihm dankbar dafür geweſen, aber er hat mir in kaltem Tone vorgeworfen, ich ſei ein treuloſes Geſchöpf, und dabei hat er mir Worte geſagt, 288 Bweiundachtzigſtes Kapitel. ſo fürchterlich, daß ich ſie nicht vergeſſen kann.— Es iſt mir, als ob ſie irgend ein böſer Geiſt immerwährend neben mir aus⸗ ſpräche, und Nachts werden ſie zu Träumen und quälen mich ent⸗ ſetzlicch.— O das iſt unerträglich!“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ſie ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckt hatte.„Ich ſehe ihn immer und immer vor mir ſtehen, wie er, mich verwünſchend, die Hände gegen mich ausſtreckte und wie er ſagte: ich zerreiße dieſes Band, hier vor der todten Marie ſage ich mich feierlich von dir los.— Ah! entſetzlich!“ Thereſe hatte ihre Hand ergriffen, das arme Mädchen ſanft an ſich gezogen und drückte nun den Kopf derſelben auf ihre Schulter nieder. Dabei küßte ſie ihr innig das ſchwarze Haar und ließ ſie eine Weile ſo ruhen, ehe ſie ihr leicht den Kopf wieder erhob, und ſie alsdann auch herzlich auf die thränenden Augen küßte. „O du biſt wirklich gut,“ ſagte Clara,„du haſt ein bra⸗ ves, fühlendes Herz.“ „Ich bin vielleicht nicht ſo ſchlimm als man glaubt,“ ent⸗ gegnete die ſchöne Tänzerin, und dabei zuckte ein wehmüthiger Zug um ihren Mund.—„Aber,“ ſetzte ſie entſchloſſener bei, „keine Klagen, keinen Schmerz, liebe Clara. Für jetzt bin ich noch nicht da, um mit dir zu weinen; das kann ſpäter geſchehen. Jetzt wollen wir einen Moment deine Angelegenhelt ruhig in's Auge faſſen, um zu ergründen, was da vorgefallen ſein könnte. — Daß er die Sache nicht vom Zaun gebrochen hat, iſt klar; weißt du, liebes Kind, wenn man ſich mit einer Geliebten ent⸗ zweien will, ohne Urſachen zu haben, blos weil ſie etnem nicht mehr gefällt, ſo beſorgt man das auf andere Art.— Nein, hier iſt etwas vorgefallen.“ „Aber ich habe nichts gethan,“ ſprach Clara erſchrocken. einen ein S den ſproch ihm z kenne Ha Die Familie Wundel. 289 Auf das hin faßte Thereſe lächelnd ihre beiden Hände, ſah ihr in die Augen und erwiederte: „Das brauchſt du mir nicht zu ſagen, mein gutes Geſchöpf. Herr Arthur iſt ſehr unerfahren oder ſehr dumm, daß er dich, mein Er igel, mit deinem offenen Geſtcht und deinen klaren, ehrlichen Augen irgend etwas Schlim⸗ mes beſchuldigen konnte. Es iſt das rein unbegreiflich. Aber weiter! Antworte mir ein Bischen genau au du vielleicht in der le d f meine Fragen. Haſt tzten Zeit oder auch früher Jemand bemerkt, er ſich für dich lebhaft intereſſirte, de r dir nachgegangen wäre, der es verſuchte, dich zu ſprechen, dir Briefe oder auch vielleicht Blumen geſchickt?— Aber thu' mir den Gefallen, liebes Kind, und genire dich nicht vor mir; ich muß Alles genau wiſſen.“ Clara lächelte einen Augenblick unter ihren Thränen hervor und entgegnete:„Ach, es iſt mir hart, über ſo etwas zu ſpre⸗ chen, aber ich weiß wohl, daß du es gut mit mir meinſt.—— es nennſt, für mich intereſ⸗ ſogar einmal ein Billet, doch Ja, es hat ſich wohl Jemand, wie du ſirt, mir auch Blumen geſchickt, habe ich es nicht angenommen.“* „Das iſt gleichviel. Und wer war das?“ „Graf Fohrbach.“ „Ah! der Adjutant Seiner Majeſtät,“ ſagte Thereſe mit einem komiſchen Ausdrucke.„Nicht ſo übel; ſteh! ſteh! Das iſt ein Faden, an dem wir uns halten können. Und Arthur kennt den Grafen?“ „O ja, ſehr genau. Sollte der vielleicht über mich ge⸗ ſprochen haben?“ 1 „Nichts Schlimmes, wenn du, wie du ſagſt, nichts mit ihm zu thun hatteſt. O du brauchſt es nicht zu betheuern, ich kenne dich. Graf Fohrbach iſt einer der anſtändigſten jungen *.— 7 0 Hackländer, Europ. Selavenleben. IV. 19 290 Zweiundachtzigſtes Kapitel. Leute der Stadt. Und die Scene, die du mit Arthur hatteſt, ging bei der Becker vor ſich? Was machte Herr Erichſen da?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Clara.„Darüber habe ich dich ſchon fragen wollen. Was hat er wohl da zu thun gehabt?“ Thereſe zuckte die Achſeln und erwiederte:„Die Becker iſt ein ſchlimmes Weib und treibt ein für junge Mädchen ſehr gefähr⸗ liches Handwerk. Doch das verſtehſt du nicht ganz. Daß ſte auch für den Herrn Grafen Fohrbach kleine Unterhandlungen zu füh⸗ ren hatte, weiß ich ganz genau.— Es wäre möglich,“ ſagte ſie nachdenkend,„daß ſich der Graf wegen dir—-du brauchſt nicht zu erſchrecken— an die Becker gewendet. Ja bei Gott! das wäre möglich; daß die ihm etwas vorgeſchwindelt und Arthur das erfahren. Das iſt ein kleines Licht.— Und die Becker iſt dir nie in den Weg getreten?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „O nein, bei uns war ſie nie. Aber halt einmal! Hier im Hauſe iſt ſie doch einmal geweſen.“ „Und das iſt ſchon lange?“ „Um Weihnachten glaube ich. Da war ſie hier nebenan bei der Frau Wundel, die dort mit ihren beiden Töchtern wohnt.“ Thereſe blickte einen Augenblick in die Höhe, dann fragte ſte:„Frau Wundel— wer iſt das?“ „Es iſt eine ſonderbare Familie,“ erwiederte Clara achſel⸗ zuckend.„Was ſie eigentlich treiben, weiß ich nicht, ſie iſt eine Wittwe, arm, und lebt wie ich glaube von Unterſtützungen.“ „Ahl da muß mein Bräutigam ſie kennen,“ verſetzte The⸗ reſe eifrig und rief alsdann laut:„Berger, kennſt du eine Fa⸗ milie Wundel?“ Der Gefragte wandte den Kopf herum, nickte und entgeg⸗ nete:„O ja, ich kenne ſie— ſehr, ſte muß hier in dieſem Hauſe Ghnen.“ im Die Familie Wundel,. 291 „Was ſind das für Leute?“ forſchte die Tänzerin weiter. Herr Berger zuckte mit den Achſeln, machte ein ſaures Ge⸗ ſicht und ſagte:„Sogenannte verſchämte Hausarme, aber unter uns bemerkt, nicht viel daran, haben jedoch Connerionen, ſte Unterſtützungen aller Art zu erpreſſen wiſſen.“ Thereſe warf ihrer Freundin einen bedeutſamen Blick zu, dann fuhr ſie fort:„Werden wir dieſer Familie einen Beſuch machen?“ denen „Es lag das durchaus nicht in meiner Abſicht,“ gab der Bräutigam in beſtimmtem Tone zur Antwort.„In dienſtlicher Eigenſchaft muß ich zuweilen hingehen, aber es i ſt mir das unan⸗ genehm genug.“ „So gehe einmal in dienſtlicher Eigenſchaft hin,“ ſchöne Mädchen. Und als ſie Herr Berger einigermaßen erſtaunt und fragend anblickte, fügte ſie mit erhobenem Kopfe bei:„Ich wünſche das, mein Lieber. Nimm dir ein paar Gulden in die Hand und thue ſo, als habeſt du ihnen irgend eine Unterſtützung zu bringen.“ ſagte das „Und du?“ fragte Herr Berger mißtrauiſch. „Nun, ich begleite dich,“ meinte Thereſe lachend.„Habe ich doch auch meine Freude am Wohlthun.“ Nach dieſen Worten erhob ſich der Bräutigam förmlich und ſteif, doch ſchien er ziemlich an Gehorſam gewöhnt zu ſein, denn er verſuchte keine weitere Widerrede. Er ſchüttelte dem Herrn Staiger freundlich die Hand, machte Clara eine tiefe Verbeugung und ſchritt zur Thüre hinaus, gefolgt von Thereſe, die ihre Freun⸗ din nochmals herzlich auf die Stirne küßte, wobei ſie ihr ſagte: „Noch iſt vielleicht nicht Alles verloren, gute Clara, ich will deine Angelegenheit in die Hand nehmen.“ geleg —— Hütte die Familie Wundel eine Ahnung davon ge⸗ 19* 292 Zweiundachtzigſtes Kapitel. habt, mit welch' ungewöhnlichem Beſuch ſie die Ausſicht hatte erfreut zu werden, ſo würde ſie ihr Zimmer in andere Verfaſſung gebracht haben oder hätte ihre Thüre feſt verſchloſſen gehalten, und das würdigſte Mitglied derſelben, Madame Wundel, hätte nicht auf ſo bereitwillige Art„Herein!“ gerufen, als von draußen ſehr beſcheiden angeklopft wurde. Leider geſchah dieß zu der un⸗ glückſeligen Stunde, als die brave Wittwe im Gefühl ihrer Dank⸗ barkeit gegen Madame Becker dieſe zu einer guten Choeolade ein⸗ geladen hatte. Auf dem Tiſche dampfte eine angenehme Kanne dieſes vortrefflichen Getränks, rings umher Woh lgeruch verbrei⸗ tend, daneben ſtand ein Teller mit prächtigem Backwerk, ſuuf gebräunter Gugelhopfen, welcher von oben durch den darauf ge ſtreuten Zucker wie ein Schneegebirge ausſah, auch freundlich glänzender Zwieback, ſowie etwas ½ Kräftigeres: Butterbrod mit einigem Fleiſchwerk. D Der Ofen verbreitete eine behagliche Wärme, und ein Keſſelchen mit warmem Waſſer, welches auf der Ko am Boden eine Flaſche Puuſch 8 gluth ſtand, und neben demſelben eſſenz, zeigten deutlich an, lda⸗ Madame Becker ihr Lieblings⸗ getränk der ſanften Chocolade vorzog⸗ Sie mochte auch ſchon mehrere Gläſer davon zu i genommen haben, denn Wange war ſanft geröthet, ſie ſchluckte häufig ohne biheh und ihr Lachen ma mehr ein Grinſen zu nennen, auch blickte ſie ſtill in das Punſchglas hinein und ſummte die Melodie eines 4 kann⸗ ten Liedes. Dabei befand ſich die Frau in Trauer, doch gab ihr lachendes Geſicht einen ſtarken Gegenſatz zu der ſchwarzen Farbe ihrer Kleider. Neben ihr ſaß Madame Wundel beſtens aufge⸗ putzt und ſtrahlte vor Wohlbehagen; ſie ſchien ſo eben eine Taſſe Chocolade geleert zu haben und ſchmatzte noch vergnügt mit den Lippen. Emilie war beſchäftigt, den Gugelhopfen zu zerſchneiden und nur die jüngere Tochter Louiſe ſchien am wenigſten Antheil Die Familie Wundel. 293 an der Geſellſchaft zu nehmen, denn ſie ſaß auf einem Stuhl an der untern Seite des Tiſches und hatte ihren Arm nachläſſig und ſolchergeſtalt über die Lehne gelegt, daß ſie den Andern zur Hälfte den Rücken zudrehte. Es klopfte alſo, Madame Wundel rief:„Herein!“ und die Thüre öffnete ſich.— Wären aber in dieſem Augenblicke der ſelige Becker und der ſelige Wundel erſchienen, mit himmliſchen than und bereit, ihre theuren Hälften in's beſſere Jenſeits abzu⸗ holen, das Entſetzen hätte nicht größer ſein können, als beim Anblick des Armenpflegers, war, ſeine Unterlippe Feierkleidern ange⸗ er ſeinerſeits nicht wenig erſtaunt noch tiefer herabhängen ließ und die Augenbrauen bis an die Grenzen der Möglichkeit hinauf zog. Madame Wundel, gänzlich außer ſich, ohne alle Geiſtes⸗ gegenwart und ſo überraſcht jeder Verſtellung unfähig, ließ beide Hände auf den Tiſch ſinken und ſtarrte mit einem troſtloſen Blicke Emilie behielt mehr ihre Faſſung und machte den vergeblichen V verſchwinden zu laſſen; den Eintretenden an. erſuch, den Gugelhopfen vom Tiſch doch war ihre Bewegung zu heftig und rechts und links fielen die aufgeſchnittenen Stücke über Taſſen und Tiſchtuch dahin. Louiſe allein beharrte in ihrer Stellung, ja ſie zuckte mit den Achſeln und lächelte höhniſch. Madame Becker, die den Armenpfleger wohl kannte und deßhalb vollkommen das Entſetzen ihrer Freundin begriff, faßte, auch wohl von dem ſtarken Getränk ermuthigt, ſich am Schnell⸗ ſten wieder, ſchüttelte ihre Nachbarin am Arme und ſagte mit ihrem breiten, gemeinen Tone und etwas ſehr ſchwe „Ach Wundel, erſchreck Sie nur nicht ſo, der Herr Armenpfleger wird es wahrhaftig nicht übel nehmen, wenn arme Kreaturen, wie wir ſind, ſich einmal einen vergnügten Tag machen.— Was rer Zunge: 294 Zweiundachtzigſtes Kapitel. könnt Ihr auch dafür,“ ſetzte ſie mit einem pfiffigen Blinzeln hinzu,„daß es mir nun einmal in den Kopf gekommen iſt, Euch mit Chocolade und was Gutem zu tractiren.“ „Ja, was kann ich dafür!“ ſprach die Wundel nach einem tiefen Athemzuge, indem ſie begierig dieſen Rettungsanker ergriff. „Die Becker iſt eine ſo gute Seele, eine ſo brave Frau und denkt gern an uns arme Leute. Ach Gott!“ fuhr ſie fort und ſchlug ihre Augen ſcheinheilig auf,„wie käme auch ſonſt was ſo Gutes an uns!“ „Das mißgönnt uns der Herr Armenpfleger gewiß nicht,“ ſagte auch Emilie etwas gefaßter. Die erſtaunten Blicke des Herrn Berger fuhren indeſſen, auf's Höchſte überraſcht, auf dem ganzen Tiſch umher; ihm war es unfaßlich, daß verſchämte Hausarme ein ſolch' angenehmes Leben zu führen im Stande ſeien, und wenn es ihm unbegreif⸗ lich war, woher Madame Wundel das Geld zu dieſen Ausgaben nahm, ſo glaubte er doch nicht den Worten der Becker, nament⸗ lich nicht, als er in das Geſicht ſeiner Begleiterin blickte, die mit einem unnachahmlichen, höchſt ergötzlichen Lächeln die Geſellſchaft am Tiſche betrachtete. „Einen Stuhl!— zwei Stühle!—“ ſchrie nun plötzlich Madame Wundel, indem ſie haſtig aufſprang.„Der Herr Armen⸗ pfleger thun uns die Ehre an, ſich einen Augenblick an unſern ſchlechten Tiſch zu ſetzen.“ Auch Emilie ſchnellte auf die Seite und Madame Becker erhob ſich ſchwerfällig.„Iſt es nicht wie ein Fingerzeig von Oben,“ ſagte dieſe lallend,„daß Ihr heute Euer Zimmer in ſo guter Verfaſſung habt, wo Ihr ſo ſchönen Beſuch bekommt. Ach! und auch Fräulein Thereſe,“ fuhr ſie knixend fort;„jetzt weiß Die Familie Wundel. 4 ich, weßhalb Euch der Herr Berger die Ehre anthut,— es iſt eine Brautyiſtte, ja wahrhaftig, eine Brautviſite.“ Madame Wundel, die noch immer nicht recht ihre Sprache gefunden hatte, knixte zu wiederholten Malen und Emilie wie⸗ 10 derholte mit einem bitterböſen Lächeln und einem tiefen Seufzer ff. das Wort:„Brautviſite.“ Louiſe war unterdeſſen ebenfalls auf⸗ 4 geſtanden und hatte zwei Stühle an den Tiſch geſtellt. 9 Herr Berger ließ ſich auf einen derſelben zögernd nieder, 3 auch ließ er ſich erſt nieder, als er ſah, daß Thereſe es ſich auf ungenirte Art bequem machte, mit vornehmem Kopfnicken den 14 dargebotenen Platz annahm und darauf die Damen der Reihe nach muſterte. en,„Nein, die Ehre und das Vergnügen!“ ſagte jetzt auch ar Madame Wundel, indem ſie die Hände zuſammenſchlug.„Hätte 8 nes ich mir das doch nie träumen laſſen. Und wollen Fräulein The⸗ eif⸗ reſe die Gnade haben, meinen ganz ergebenen Glückwunſch anzu⸗ 3 4 ben nehmen, ebenfalls der Herr Armenpfleger nicht weniger und nt⸗ wollen verſichert ſein, daß es mir das größte Vergnügen macht, 5 mit Sie auf Ihrer Brautviſite zu ſehen.— Ein ſchönes Paar,“ ſagte 3. zaft ſie ſcheinbar leiſe zur Becker, doch ſo laut, daß man es allenfalls 4 im Nebenzimmer gehört hätte. 4 lich Thereſe that aber natürlich nicht dergleichen, vielmehr blickte D“ en⸗ ſte die Wundel ſo unbefangen wie möglich an und verſetzte:„Ja, 3 ſern wir machen unſere Brautviſtten und da wir zufällig im Hauſe“ 4 waren, ja auf demſelben Stockwerke, ſo fand es mein Bräutigam 4 er für angemeſſen, auch Ihnen, Madame Wundel, die Sie ihm von als eine ſtille chriſtliche Frau bekannt ſind, ebenfalls einen Be⸗ 7 n ſo ſuch zu machen.“ lch! Der Armenpfleger ſpitzte ſeinen Mund wie ein Karpfe, ließ die Augen einen Moment über den Tiſch und das darauf befind⸗ 296 Bweiundachtzigſtes Kapitel. ₰ liche Backwerk hingleiten und ſenkte ſte dann auf ſeinen Hut hinab, wo er emſig die Firma des Fabrikanten ſtudirte. Madame Wundel huſtete leicht und ſprach:„Ah! Fräulein Thereſe waren alſo ſchon im Hauſe, ſchon auf demſelben Stocke?“ „Allerdings,“ entgegnete Dieſe,„und zwar bei meiner beſten Freundin, Clara Staiger— die Sie ja wahrſcheinlich kennen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe lächelnd fort. „O ja, wir kennen ſie vom Aus⸗ und Eingehen,“ die würdige Wittwe, indem ſie auf dem Tiſche ihre Hände über einander legte.„Wie man ſich ſo kennt, als Nachbarn, ober⸗ flächlich.“ „So, nur oberflächlich?“ erwiederte die Tänzerin, aber obgleich ſie das Wort nur einmal ausſprach, ſo ſchien es doch an alle Anweſenden gerichtet zu ſein und ſie blickte jede derſelben der Reihe nach ſcharf an.„Sie iſt ein ſehr braves und geordnetes Mädchen, meine Freundin,“ ſagte ſie darauf wie fragend. „Das iſt ſie,“ bekräftigte die Wundel,„das iſt ſte bei Gott, der Neid muß es ihr nachſagen.“ „Solid, ſehr ſolid,“ meinte die Becker; doch lächelte ſie dazu auf eigenthümliche Art. Und Emilie ſetzte etwas boshaft hinzu:„Ein wahres Muſter; man könnte ſie allen jungen Mäd⸗ chen zum Exrempel vorſtellen.“ In dieſem Augenblicke wechſelte die Wittwe mit Madame Becker einen Blick, der, ſo ſchnell das auch vor ſich ging, von Thereſe nicht unbemerkt geblieben war. „O ich weiß, wie gut und lieb ſie iſt,“ fuhr die Tänzerin fort.„Aber,“ ſetzte ſie ſehr langſam und mit ſcharfer Betonung hinzu,„um ſo auffaklender iſt es, daß trotz allem dem Unange⸗ nehmes über ihren Lebenswandel verbreitet wurde,— ja,— abſichtlich perbreitet wurde.“ Imeinte Die Familie Wundel. „Ah!“ machte die Wittwe mit gut geſpieltem Erſtaunen, „iſt das die Möglichkeit! Habt Ihr was davon gehört, Becker? Oder du, Emilie? Ja, die Menſchen ſind ſchlimm.“ Natürlicher Weiſe wollte Niemand etwas davon vernom⸗ men haben, und um dieſen unangenehmen Geſprächsgegenſtand zu unterbrechen, legte Madame Wundel ihren Mund in recht ſüße Falten und fragte, ob ſie nicht die Ehre haben könne, dem Herrn Armenpfleger oder Fräulein Thereſe mit einer Taſſe Chocolade aufzuwarten. Herr Berger verneinte das eifrigſt, Thereſe aber nahm es an. Und ſie hatte ihre guten Gründe dafür. Hatte ſte dann doch ein paar Augenblicke, in denen ſie nicht zu ſprechen, nur zu hören brauchte; und ſie bedurfte einige Zeit zum Nachdenken. Louiſe hatte eine Taſſe geholt, ſie vor Thereſe hingeſtellt und dabei nicht ermangelt, ihr eigens zu gratuliren, was ſie vorhin im allgemeinen Chorus unterlaſſen. Dazu ſagte ſie:„Es wird Clara gewiß gefreut haben, Sie ſo bei ſich zu ſehen, denn Clara iſt gut und nimmt den innigſten Antheil daran, wenn es ihren Bekannten wohl geht.“ Madame Wundel unterließ nicht, ihrer Tochter einen mißbilligenden Blick dafür zuzuſenden, daß ſte ihrer Nachbarin wieder erwähnte, doch kehrte ſich dieſe nicht im Geringſten daran, vielmehr fuhr ſie fort:„Es iſt wahr, Fräulein Clara hat in den letzten Tagen Unangenehmes gehabt; ich weiß nicht, ob ſie Ihnen davon ſagte.“ „O ja, ſie ſprach mir davon,“ entgegnete Thereſe.„Ich glaube, es betraf einen Vorfall im Hauſe der Madame Becker dort, an dem Tage, wo Maria begraben wurde. Wie war doch die Geſchichte?“ „Wie wird das geweſen ſein!“ erwiederte nach einigem 298 Bweiundachtzigſtes Kapitel. Zögern die Becker, wobei ſie verlegen die Achſeln zuckte.„Ich weiß es ſelbſt nicht mehr genau, es betraf einen jungen Herrn.“ „Herrn Arthur Erichſen,“ verſetzte Thereſe.„Er hat, ſo viel ich weiß, ein kleines Verhältniß mit Clara und beſchuldigte nun das arme Mädchen— gerade in Ihrem Hauſe— einer Untreue, glaube ich, die ſie gegen ihn begangen.“ Madame Becker hatte ihren Arm auf den Tiſch geſtützt, vorher aber einen ſtarken Zug aus dem Punſchglaſe gethan,⸗ dann blinzelte ſie mit ihren etwas röthlich unterlaufenen Augen und meinte:„Nun ja, es muß was der Art geweſen ſein; wild genug hat er ſich angeſtellt, und wenn er mit mir ſo hart ge⸗ ſprochen hätte, würde ich ihm anders die Wege gezeigt haben,— ſo einem Naſeweis.“ „Uebermüthig iſt er ſchon,“ verſetzte die ſchlaue Tänzerin. „Was wird's geweſen ſein, eine Eiferſüchtelei; hat ſich vielleicht die Clara ſonſt wo ein wenig den Hof machen laſſen.“ „Verſteht ſich,“ rief die Becker erzürnt und klopfte auf den Tiſch.„Da kommt ſo ein junger Menſch her, ſpricht was von guten Abſichten und meint nun, dann dürfe ein anderer recht⸗ ſchaffener Cavalier ſo ein Mädchen gar nicht mehr anſehen.“ „Aber Fräulein Clara läßt ſich auch von ſonſt Niemand anſehen,“ ſagte ängſtlich Madame Wundel mit einem bedeu⸗ tungsvollen Seitenblick auf ihre Tochter Emilie, welche die Zähne auf einander biß und die Becker giftig anſah. Dieſe trank ihr Glas vollends leer, ſchnalzte mit der Zunge und ſprach:„Hat ſich was zum Anſehen; daran ſtirbt man nicht und das ſchadet auch Niemand. Die Clara wäre eine rechte Gans, wenn ſie ſich von dem Maler da hofmeiſtern ließe.“ „Aber ſie thut es doch,“ bemerkte erzürnt die Wundel. „Clara iſt die Tugend ſelbſt, und einer von den jungen vor⸗ Die Familie Wundel. nehmen Herren würde ſchön ankommen, wenn er ſich in ihre Nähe wagen wollte.“ Bei dieſen Worten ſtieß ſie ihre Nachbarin heftig unter dem Tiſche mit dem Fuße an, doch hatte ſich dieſe ſchon zu tief mit dem Punſche eingelaſſen, um dieſe Berührung für mehr als eine Zufälligkeit zu nehmen. „Und ich ſage, die Clara hatte Recht, den Maler zu ver⸗ abſchieden,“ rief ſte mit ſchwerer Zunge.„Da iſt der Herr Graf doch ein anderer Mann, und mich freut es, daß ſie ihn erhört.“ So ſchwer dieſe Worte auch die Tänzerin trafen, ſo verzog ſich doch keine Miene ihres Geſichts, ja ſie trank lächelnd ihre Chocolade, nicht ohne einen Blick auf Emilie zu werfen, die ihre Hände zuſammenballte und in höchſter Wuth die alte Schwätzerin gegenüber mit weit aufgeriſſenen Augen anſtarrte. „Aber was faſelt Ihr für dummes Zeug!“ ſagte Madame Wundel, die mühſam an ſich hielt.„Wie könnt Ihr über meine Nachbarin, über Mamſell Clara, über die genaue Freundin unſerer zukünftigen Frau Armenpflegerin ſo etwas ausſagen. Von was ſchwätzt Ihr denn eigentlich?“ Thereſe hatte ihre Taſſe ruhig hingeſetzt und warf dann leicht ein:„Wir wiſſen wohl, wovon Madame Becker ſpricht, von dem Verhältniß Clara's mit dem Grafen Fohrbach.“ „Das iſt's,“ ſprach die Becker mit lallender Zunge.„Und das iſt ein ſchönes Verhältniß, ein dauerndes Verhältniß. O Wundel, Ihr ſolltet Euch Eurer Arbeit nicht ſchämen; Ihr habt doch große Mühe damit gehabt und die Sache geſchickt angefangen. Ehre dem Ehre gebührt!“ K „Daß Euch der—“ ſprach die würdige Wittwe und wollte hinzuſetzen. Ihr betrunkenes Weibsbild!„Wie könnt Ihr ſo garſtiges Zeug plappern; ich bin eine ruhige Wittfrau; was hätte ich mit Euren Geſchichten für Arbeit gehabt 8 Was gehen 300 Zweiundachtzigſtes Kapitel. uns Eure ſchmutzigen Verhältniſſe an! Nicht wahr, Emilie? Was hätten wir für Euch geſchafft!“ „Oho!“ rief die Becker und ihr Auge funkelte zornig,„ſeh⸗ mir Einer die würdige Wittfrau. Jetzt nennt ſie das„ſchmutzige Verhältniſſe“, womit ſie ein ſo ſchweres Sündengeld verdient.“ Der Armenpfleger hatte ſeine Augen langſam aus dem Hute erhoben, blickte achſelzuckend gen Himmel und ſagte alsdann zu ſeiner Braut mit leiſer Stimme:„Ich glaube, es wäre beſſer, wir verließen dieſe Wohnung.“ Dabei begann er, ſich von dem Stuhle zu erheben. Thereſe aber zog ihn eifrig wieder nieder, that, als wolle ſie ihr Sacktuch aufheben, das ihr entfallen, und flüſterte ihm zu: „Es iſt ein gutes Werk, Berger, wenn du noch einige Augenblicke bleibſt. Hier gilt es, ſchlechte Menſchen zu entlarven und einem unglücklichen Mädchen zu helfen.“ Unterdeſſen hatten ſich Madame Wundel ſowie Emilie über den Tiſch hinüber gebeugt und blickten Madame Becker an ganz mit dem zärtlichen Ausdruck eines Paares wilder Katzen, die begierig ſind, einer Freundin die Augen auszukratzen. Louiſe hielt ſich fern, ſte hatte ſich an's Fenſter geſtellt und blickte hämiſch lachend auf die Gruppe am Tiſche. „Pfui!“ rief Emilie nach einer Pauſe,„ſchämt Euch, Becker, über Euer ungewaſchenes Maul.“ „Larifari!“ entgegnete Dieſe laut lachend;„ich brauche mich nicht zu ſchämen, ich wohne am Kanal in der Kaſerne, ſtehe für mein Geſchäft ein/ und heiße Becker. Ich läugne nicht, was ich treibe; ſchämt ihr euch ſelbſt, ihr— verſchämte Hausarme,“ ſetzte ſte plötzlich ſehr ernſt werdend hinzu; und dann kreiſchte ſte:„Seh' mir Einer die Wundel an; hat bei meinem Geſchäft Die Familie Wundel. ſchweres Geld verdient und will ſich nun meiner ſchämen. O du Weibsſtück!“ Die Wundel war mit ihrer Tochter Emilie in die Höhe ge⸗ ſprungen und es ſchien einen Augenblick, als wollten ſich dieſe Bekenntniſſe edler Seelen in einen erbitterten Kampf verwandeln. Doch erblickte die Wittwe vor ſich das ernſte, mißbilligende Ge⸗ ſicht des Armenpflegers, deßhalb faßte ſie ſich mit übermenſch⸗ licher Anſtrengung, ſchl Zluckte einige Mal heftig, ſtützte beih Fäuſte auf den Tiſch und ſagte alsdann:„Herr Armenpfleger!— Gott ſoll mich bewahren, daß ich Reden, wie dieß Weib da eben ver⸗ führt, vor Ihren Ohren auf mir ſitzen ließe. O nein!“ rief ſt mit einem Anflug erkünſtelter Wehmuth,„was habe ich arme Wittfrau ſonſt als Ihre Meinung, Herr Armenpfleger. Stehe ich ohne Sie nicht ganz verlaſſen da in dieſer Welt mit meinen beiden armen Würmern, ohne Hülfe, ohne Verdienſt—“ Obne — 841 mir nicht ſchweres Geld für das Geſchäft bekommen; aber bei ihr 71 Kedienfti hohnlachte die Becker.„Hat ſie von 1 bleibt nichts— ſie iſt wie ein Sieb— ſie—“ Hier ſtockte das Weib plötzlich in ihrer Rede und wir glauben nicht, aus plötzlich 77 1 hl, vielmehr veranlaßt durch die Fauſt der eingetretenem Zartgefüh Mademoiſelle Emilie, welche drohend ſtand hinter dem Stuhl der Sprechenden. Auch duckte ſich Dieſe ſcheu zuſammen und ſchien, obgleich zu ſpät, zu fühlen, daß ſie ſich hier zu Eins gegen Drei befand. „Hören. Sie alſo,“ fuhr Madame Wundel im Tone ge⸗ kränkter Unſchuld fort.„Ja, es iſt wahr, dieſes Weib da forderte mich auf, ihr in einer ihrer unſauberen Geſchichten zu helfen.“ „Sie ſollten vermitteln zwiſchen Clara und dem Grafen Fohrbach?“ fragte die Tänzerin. „Ja,“ ſchrie die Becker, indem ſie, ſich dann nach Emilien Zweiundachtzigſtes Kapitel. 4 umſehend, mit der Fauſt kräftig auf den Tiſch ſchlug.„Und ſie Fthat es, ſie lieferte mir das Mädchen.“ Die würdige Wittfrau warf einen Blick an die Decke des Zimmers, dann ſagte ſie achſelzuckend und mit großer Milde: „Herr Armenpfleger, man muß es der Frau verzeihen, ſte geht zu viel mit gemeinem Volke um, ſie hat keine Idee davon, daß es noch rechtliche Menſchen gibt, die ſo viel als möglich Unheil zu verhüten ſuchen.“ „Und Sie verhüteten alſo das Unheil?“ forſchte die Tänzerin. b „Ach ja, Fräulein Thereſe,“ fuhr Madame Wundel fort. „Und ich glaube, es iſt keine meiner ſchlechteſten Thaten. Das Weib wandte ſich freilich an uns, wir aber kannten Fräulein Clara, wie Sie ſie ſelbſt kennen, und nur in der Abſicht,— gewiß nur in der Abſicht, um die Becker von ihrer Spur abzu⸗ leiten, unternahmen wir die unangenehme Commiſſion“— „Ein Rendezvous zu vermitteln,“ ſagte Emilie, indem ſie ſich vordrängte. „Und es kam zu Stande?“ fragte Thereſe. „Ja, es kam zu Stande!“ rief triumphirend die Becker. „Glauben Sie mir, wenn dieß Weib ſeine Krallen einmal ein⸗ ſchlägt, da hält ſie feſt.“— „Es kam allerdings zu Stande,“ bemerkte Madame Wun⸗ del nach einem abermaligen Blick an die Zimmerdecke,„aber ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß Clara gänzlich aus dem Spiele blieb.“ 1 „Ahl ich verſtehe,“ ſprach Thereſe freudig.„Ich danke Ihnen für dieſe Aufklärung.“ Madame Becker ihrestheils ſchien das nicht ſogleich zu ver⸗ ſtehen. Endlich aber begriff auch ſie, daß die Wundel ſie geprellt auft anzu ſeine Schr Erſt und iſt. das e der A blätten dicken 4 falls verſiche ie Die Familie Wundel. 303 und eine Andere zu dem bewußten Rendezvous geſchickt worden war. Wie ſie langſam zu dieſer Erkenntniß kam, verwandelten ſich alle ihre Geſichtszüge. Anfänglich war ſie hohnlachend da geſeſſen, jetzt aber fiel ihre Unterlippe ſchlaff herab ſtierten ein paar Momente ſtarr vor ſich hin; dann aber blitzte das Feuer des Zorns in ihnen auf, ihre Lippen ſchloßen und öffneten ſich krampfhaft, und ſchäumend ſagte ſie:„Alſo ſo wollt Ihr mir meine noble Kundſchaft verderben!— Ihr Pack!“ Da⸗ bei hatte ſie ſich langſam erhoben, hatte ihr Geſtcht mit einem unbeſchreiblich frechen Ausdruck auf Zollweite dem der Wittwe genähert, welche, wie das Vögelein vor dem Blicke der Schlange, leider nicht im Stande war, zurückzuweichen. Leider ſagen wir, denn in der nächſten Secunde brannte eine ſo ungeheure Maulſchelle auf der Wange der Madame Wundel, daß dieſe laut aufkreiſchend in ihren Stuhl zurückfiel. Es war eigentlich komiſch anzuſehen, wie im gleichen Augenblicke der Armenpfleger von ſeinem Sitze emporſchnellte, Thereſe am Arme ergriff, mit zwei Schritten die Stubenthüre erreicht hatte und das Zimmer verließ. Erſt hinter der geſchloſſenen Thüre blieb er tief aufathmend ſtehen und ſetzte bedächtig ſeinen Hut auf. „Gott ſei Dank!“ jubelte Thereſe,„daß das ſo gekommen iſt. Glaube mir, Berger, um keinen Preis der Welt wollte ich das eben nicht gehört haben. War dir die Scene unangenehm?“ „Sie hat auch für mich ihr Gutes,“ erwiederte bedächtig der Armenpfleger, indem er ſeine Schreibtafel herauszog, darin blätterte und durch den Namen der Wittwe Wundel einen ſehr dicken Strich machte. „ihre Augen Daß übrigens Madame Becker dem rächenden Geſchick eben⸗ falls nicht entging, brauchen wir dem geneigten Leſer nicht zu verſichern. Wenn ſich auch Louiſe Wundel von dem Kampf, der 304 Zweiundachtzigſtes Kapitel. un erfolgte, fern hielt, ſo waren doch die Wittwe und Emilie räftig genug, um der Madame Becker einen gehörigen Denk⸗ zettel zu geben. Die Tänzerin blieb zaudernd auf der Treppe ſtehen.„Gern möchte ich Clara ſprechen,“ ſagte ſie,„doch es iſt beſſer, ich ver⸗ ſuche es, den Herrn Erichſen zu finden.— Komm, Berger.“ Beide ſtiegen nun vollends die Stufen hinunter, ſetzten ſich in den Wagen, der drunten auf ſie wartete, und fuhren davon. Dreinndachtzigſtes Kapitel. Clara. Vielleicht war es zufällig, daß Arthur ſich an dieſem Nach⸗ mittage in der Nähe der Balkenſtraße befand, genug, Thereſe, die aufmerkſam umherſpähte, erblickte ihn wenige Straßen von dem Hauſe Clara's entfernt; ſie klopfte dem Kutſcher an die Fenſterſcheiben und ließ halten. Arthur, welcher ſich bei ſeinem Namen gerufen hörte, näherte ſich dem zweiſitzigen Wagen und war nicht wenig er⸗ ſtaunt, die ſchöne Tänzerin in demſelben zu ſehen. Sie theilte ihm auch gleich lachend den Zweck ihres Umherfahrens mit, ſtellte ihm den Herrn Berger vor, nannte auch dieſem den Namen des Malers und fragte dann, ob er nicht Zeit habe, ſie einen Augenblick zu begleiten. Sowohl Arthur als Herr Berger ſahen bei dieſer Aufforderung das ſchmale Coupé an und Erſterer ſagte zu Thereſe, ſo angenehm es ihm auch wäre, ſie zu begleiten, ſo fürchte er ſich doch ſehr, ſie in ihrem Platz zu derangiren. „Aber ich muß Sie ſprechen und zwar auf der Stelle Hacklander, Europ. Seclavenleben. IV. 20 306 Dreiundachtzigſtes Kapitel. 1 ſprechen,“ erwiederte hartnäckig die Tänzerin;„ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen. Und was den Platz anbelangt, da kann man ſchon Rath ſchaffen, Berger iſt wohl ſorgut und ſetzt ſich für ein paar Minuten draußen zum Kutſcher. Du kannſt deinen Regenſchirm aufſpannen, dann erkennt dich Niemand, man hält dich höchſtens für einen Lohnbedienten.“ „Aber,“ meinte Arthur leiſe,„Sie verlangen zu viel.“ „Und was ſoll der Kutſcher denken, mein Kind,“ verſetzte Herr Berger. Doch hatte er den Schlag ſchon halb geöffnet, um hinaus zu ſteigen. „Machen Sie nur keine Umſtände,“ rief die Tänzerin dem Maler zu.„Kommen Sie geſchwind herein.— Und was den Kutſcher anbelangt,“ wandte ſie ſich an den Andern, der ſchon draußen auf dem Tritte ſchwebte, ſo kannſt du ihm meinetwegen ſagen, es ſei dir hier im Wagen zu warm geweſen und du wolleſt draußen ein wenig friſche Luft ſchöpfen. Weißt du, Verger,“ fuhr ſie leiſe fort, indem ſie ſich zum Wagen hinausbeugte,„ich mag dem Kutſcher nicht laut zurufen, daß er nach der Balken⸗ ſtraße, dem Hauſe Clara's, zurückfahren ſoll, das kannſt du beſorgen.“ „Das hätte ich thun können und doch wieder in den Wagen hineinſteigen,“ entgegnete der Armenpfleger in kläglichem Tone. „Aber es iſt beſſer ſo,“ ſagte Thereſe und zog den Schlag hinter ihm zu. Arthur war lächelnd in den Wagen geſtiegen, Herr Berger hatte den Bock erklettert, ſeinen Regenſchirm aufgeſpannt und bot neben dem Kutſcher nichts Auffallendes. Er ſah in der That aus wie ein Lohnbedienter und ſchielte auch wie ein ſolcher, deſſen Geſchäft es iſt, die Fremden auf alle Merkwürdigkeiten rechts und links aufmerkſam zu machen, zuweilen hinter ſich in den Wagen. — 1 Clara. „Ich komme ſo eben von Clara,“ begann Thereſe in dem⸗ ſelben.„O Herr Erichſen, wenden Sie ſich nicht unmuthig weg; glauben Sie mir, Sie haben dieſes gute und edle Mädchen un⸗ verantwortlich behandelt. Sagen Sie mir um Gotteswillen, Sie ſind doch auch ſchon mit vielen Leuten umgegangen, Sie haben doch auch Menſchenkenntniß. Schauen Sie ihr doch in das klare und unſchuldige Auge, kann der Blick trügen? Glauben Sie wirklich, Clara ſei fähig geweſen, Sie zu hintergehen?— Die gute Clara, mit dem Gemüth eines Kindes, die nicht einmal weiß, was Betrug iſt! O ich möchte faſt ſagen: Sie verdienen dieß Herz nicht, das Sie ſo leichtſinnig weggeworfen.“— Und nun erzählte ſie ihm in aller Eile, ohne ihn zu Worte kommen zu laſſen, was ſo eben in der Wohnung der Wittwe Wundel vorgefallen, und beſchwor ihn, jetzt ſogleich hinauf zu gehen, er werde die ganze ſaubere Geſellſchaft noch beiſammen finden und es werde ihm nicht ſchwer werden, von denſelben das Ge⸗ ſtändniß wiederholt zu erhalten. Damit hielt der Wagen vor dem bekannten Hauſe und als Arthur, der mit klopfendem Herzen der Worte Thereſens gelauſcht, nun die dunkle Thüre mit den ausgetretenen Stufen vor ſich ſah, über die er ſo oft voll Freude und Glück auf⸗ und abgeſtiegen war, die er darauf tief betrübt ſo lange vermieden, für ihn eine Ewigkeit, obgleich er das Haus ſelbſt vermittelſt der umliegenden Straßen unaufhörlich umkreist, ſowohl bei Tag als bei Nacht, als er nun wieder davor ſtand, glaubend an die Worte der Tän⸗ zerin, da ſchwand aller Groll, aller Argwohn aus ſeinem Herzen, eine unendliche Liebe für Clara erfüllte es mehr als vordem, und nach herzlichem Dank und Gruß gegen Thereſe ſprang er in den dunklen Hausflur hinein. Die ſchöne Tänzerin blickte ihm ein paar Seeunden nach, 20* 308 Dreiundachtzigſtes Kapitel. dann fuhr ſie mit der Hand über die Augen und ſprach zu ſich ſelber:„Das iſt mein ſchönſtes Hochzeitsgeſchenk.— Ach! die Verſöhnung da oben muß entzückend ſein. Wie glücklich werden ſich dieſe Beiden fühlen, zu einander hingezogen, innig verbunden durch gleiche, herzliche Liebe.“ Hierauf legte ſie ſich ſeufzend und nachſinnend in die Ecke des Wagens, doch hatte ſie vorher an die Scheiben geklopft und dem Herrn Berger geſagt:„So, nun kannſt du wieder herein kommen.“ Arthur gelangte übrigens nicht ſo ſchnell in den obern Stock; je höher er ſtieg, deſto mehr Gedanken häuften ſich auf ſein Herz und hiengen ſich ſchwer an ſeine Schritte. Er gedachte jenes Abends, wo er an des Grafen Stelle das junge Mädchen empfangen, er bemühte ſich, die Figur derſelben auf's Genaueſte in ſeiner Phantaſie feſtzuſtellen, und nachdem er das zum erſten Mal ſeit jenem Vorfalle ruhig gethan, begriff er ſelbſt nicht mehr, daß er Jene mit Clara habe verwechſeln können. Dann dachte er auch eifrig darüber nach, wo er ſie nach jenem Abende wieder geſehen und ob er da wohl eine Spur von Befangenheit, irgend Ach! er erinnerte ſich jetzt genau, daß ſie ihm den andern Tag mit etwas Verlegenes in ihrem Betragen gegen ihn bemerkt. offener Stirn und ehrlichem Blick wie immer entgegen geſprungen war, daß ſie ihm freudig beide Hände dargereicht und daß ſie darauf ſchüchtern wie immer und halb erröthend ſeinen etwas ſtürmiſchen Kuß geduldet.— Ach! und dieſe ſüßen Küſſe, er hatte ſie ſo lange entbehren müſſen, er hatte ſo lange nicht mehr in ihr gutes, liebes Auge geblickt. Jetzt kam ihm ſein ganzer Argwohn wie ein Wahnſinn vor, jetzt konnte er es nicht be⸗ greifen, warum er nicht gleich offen und ehrlich mit Clara ge⸗ ſprochen, ihr ſeine Unterredung mit dem Grafen Fohrbach mit⸗ getheilt und ihr geſagt: wie kann das zuſammenhängen? Noch 8 8 8 (Stolz, der ——— Clara. 309 viel weniger aber begriff er, daß er nicht gleich nach jenem ſchreck⸗ lichen Tage, wo er ſie zum letzten Mal an der Leiche der unglück⸗ lichen Marie geſehen, zu der Wundel geeilt war, die ihm von Madame Becker als Unterhändlerin genannt worden war. Kopf⸗ ſchüttelnd und unzufrieden mit ſich ſelbſt ſtieg er die Stufen hinauf. Clara hatte ſich wieder an ihre Arbeit niedergeſetzt, ſobald Thereſe vorhin das Zimmer verlaſſen. Doch wollte ihr dieſelbe nicht mehr ſo von der Hand gehen, wie vor der Unterredung. Sie war in den letzten Tagen ruhiger geworden, ſie hatte die Erinnerung an jene ſchreckliche Stunde gewaltſam zurückgedrängt, und dieſe trat nun zugleich mit dem ſtärkeren Klopfen ihres Her⸗ zens allmälig wieder lebendiger und ſchrecklicher vor ſie hin. Warum hatte ſie ſich von jenem Augenblick überwältigen laſſen, warum hatte ſie, ſtatt ſeinen Vorwürfen gegenüber zu ſchweigen, nicht ruhig eine Erklärung verlangt über das, was er ihre Treu⸗ Pſigkeit genannt?— Sie wußte es ſelbſt nicht. Es war vielleicht richtige Eingebung des Moments geweſen, es war ihr weiblicher ſich im Gefühle gekränkter Unſchuld dagegen empört hatte. Ach! und wie hatte ſte gelitten nach jener Unterredung; wie war ihr die ganze Zukunft finſter erſchienen, wie alles Glück von ihr gewichen,— und nirgends, nirgends ein Hoffnungs⸗ ſtrahl! Jetzt, ſie wußte ſelbſt nicht warum, regte ſich in ihrem Herzen ein Gefuͤhl, als ſei vielleicht noch nicht Alles verloren, als würde die Nacht in ihrem Gemüthe nicht ewig währen, als könne auch für ſte noch ein neuer Tag anbrechen, nochmals die Sonne hell und glänzend aufſteigen. Herr Staiger, der vor ſich ſeine Tochter in tiefen Träume⸗ reien ſah, hatte die Feder wieder ergriffen und ſchrieb langſam fort, nicht ohne zuweilen einen Blick auf Clara zu werfen. 310 Preiundachtzigſtes Kapitel. Die Kinder hatten während des Beſuchs dieſen aufmerkſam betrachtet und Marie hatte zum großen Ergötzen des Bübchens den Gang und die Haltung der zukünftigen Madame Berger nachgeahmt, worauf ſich Karl veranlaßt ſah, die Rolle des Armenpflegers zu übernehmen. Er knöpfte ſein Jäckchen bis unter das Kinn zu, holte ſich des Vaters Hut aus der Ecke und ſchaute unverwandt in denſelben hinein, wobei er ſo ſteif als möglich auf und ab ging. Dann nahm er einen kleinen Fuß⸗ ſchemel, trug ihn zwiſchen Vater und Clara an den Tiſch und ſetzte ſich ſelbſt darauf, wobei er die Haltung des Herrn Berger auf ſo komiſche Art carrikirte, daß der Vater, der zufällig auf⸗ blickte, laut und herzlich zu lachen anfieng. Auch Clara, die hiedurch aus ihren Träumereien aufgeſchreckt wurde, mußte lächeln, als ſie die kleine Figur vor ſich ſitzen ſah, die, den Kopf ſteif in die Höhe haltend, ſie unverwandten Blicks betrachtete. „Es iſt eigentlich nicht ſchön von dir, Karl,“ ſagte der alte Mann,„daß du Leute nachmachſt, die uns beſuchen. Man nennt das: Jemand verſpotten; und aller Spott thut weh.“ „Aber ich will Niemand verſpotten,“ ſagte das Bübchen; „ich habe nur Clara zum Lachen bringen wollen, denn ſie ſchaut immer ſo betrübt vor ſich hin und bekümmert ſich gar nicht mehr um mich.“ „Das kannſt du gewiß nicht ſagen,“ erwiederte Clara, in⸗ dem ſte die Arme in den Schooß ſinken ließ,„ich bekümmere mich um dich gerade ſo viel wie ſonſt.“ Der Kleine ſchüttelte mit dem Kopfe. „Nicht?“ fragte Clara;„und woher glaubſt du das?“ „Du ſpielſt nicht mehr mit mir,“ ſagte Karl.„Du haſt mir ſchon lange nicht mehr aus dem Bilderbuche vorgeleſen, auch — e 1t it r Clara. 311 keinen Schlitten mehr gemacht und die Bilder, die mir Herr Arthur geſchenkt, willſt du gar nicht mehr anſehen.“ Als Clara hierauf ſchwieg, ſprach Herr Staiger:„Das wird Alles wieder kommen; Clara wird dir wieder Schlitten ma⸗ chen und auch wieder die Bilder anſehen.“ „Aber Herr Arthur hat lange keine Bilder mehr gebracht,“ meinte Marie, die hinzu getreten war.„Warum läßt er ſich nicht. mehr ſehen?“ „O ich habe ihn geſtern geſehen,“ ſprach eifrig das Bübchen. „Du wirſt dich irren,“ verſetzte Clara, indem ſie erröthend mit dem Kopfe ſchüttelte. „Nein, ich irre mich nicht! Er ſtand geſtern am Ende un⸗ ſerer Straße, ich konnte ihn von der Hausthüre aus gut ſehen.“ „Und warum riefſt du ihm nicht?“ fragte Marie. „Als ich das thun wollte, ging er gerade fort,“ verſetzte Karl.„Er muß mich nicht geſehen haben.“ „Gewiß, ſo iſt es,“ meinte Clara traurig,„er hat dich nicht geſehen. Er weiß nicht mehr, daß wir hier wohnen.“ So ruhig ſie dieß anſcheinend ſagte, ſo ſtockte doch ihr Athem, als ſte die Worte ausſprach, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, und ſte war nicht im Stande, den bunten Faden, den ſie in der Hand hielt, einzufädeln. Dienſtfertig drängte ſich die kleine Schweſter näher, und als ſie ihr Faden und Nadel aus der Hand genommen hatte, was Clara ruhig geſchehen ließ, faßte Dieſe mit ihren beiden Händen den Kopf des kleinen Mädchens und drückte ein paar innige Küſſe auf das blonde Haar derſelben. Dieſen Moment mochte Karl nicht ſo vorbei gehen laſſen; er ſprang von der andern Seite an den Stuhl der Schweſter, faßte ſie mit den Armen ſanft um den Leib und ſagte, er wolle auch eine Nadel einfädeln, um einen Kuß zu bekommen. 8* — 6 ——· 3 — 312 Preiundachtzigſtes Kapitel. Clara hatte ſich gerade in herzlicher Liebe zu ihm nieder⸗ gebeugt, hatte ihn wiederholt auf die kleinen friſchen Lippen ge⸗ küßt und ihn nothgedrungen zu ſich emporgehoben, da er ſich an ſie hieng und ſeine Arme um ihren Hals geſchlungen hatte, wobei er lauter jubilirte und lachte als gerade nothwendig war, als die junge Tänzerin ſah, daß ihr Vater ſich mit einer Verbeugung eilig vom Tiſche erhob und der Thüre zuſchritt, welche langſam geöffnet wurde. Auch vernahm ſie eine Stimme, welche ſagte: „Bitte um Entſchuldigung, aber ich klopfte mehrmals, was man wahrſcheinlich nicht gehört hat.“ —— Es war eine ältliche Dame, von der dieſe Worte aus⸗ gingen, in einfacher Kleidung, der man aber anſah, daß ſie den höheren Ständen angehörte. Sie hatte ein ernſtes, würdevolles Geſicht, eine etwas ſpitze Naſe und lebhafte graue Augen, mit denen ſie aufmerkſam das Zimmer und namentlich die Gruppe am Tiſch zu betrachten ſchien. Der armen Clara war es zu Muthe, als träte das Verhäng⸗ niß in Perſon, Vergangenheit und Zukunft, drohend vor ſte hin. Sie hielt das Bübchen feſt in ihren Armen, ja ſie drückte es an ſich und zwar ſo, als wolle ſie Schutz bei demſelben ſuchen vor stwas Erſchrecklichem, was in der nächſten Secunde über ſie hereinbrechen müſſe. Sie kannte die alte Dame wohl, obgleich ſie nie ein Wort mit ihr gewechſelt. Aber mit welchem Intereſſe hatte ſie dieſelbe betrachtet in der Kirche, auf der Straße, im Theater, wenn die Tänzerin an der uns bekannten Oeffnung im Vorhange ſtand und nicht davon wegzubringen war, wenn die Dame droben in ihrer Loge ſaß. Da war ſie wie feſtgebannt und mußte unverwandten Blickes hinaufſehen. O ſie waren ſo kalt und theilnahmlos, dieſe Züge, nicht eine Miene bewegte ſich in dem Geſicht, kaum merklich nickte ſie rechts oder links, wenn Clara. ſte auf einen ganz ergebenen Gruß dankte, Ja wenn ſie geſpro⸗ chen, ſo wiſchte ſie ſich mit ihrem Sacktuch die Lippen ab, und wenn ſie längere Zeit ſtillſchwieg, was meiſtens vorkam, ſo hielt ſie die ſpitzen Finger der linken Hand unbeweglich auf die Logen⸗ brüſtung.— Wie oft hatte ſie ihn— Arthur— über dieſe Frau gefragt, ob ſte zu Haus auch ſo einſylbig und verdrießlich ſei, ob ſie denn nie freundlich ſpräche oder gar lache, und es hatte ſte ein kleiner Schauder überflogen, ja ein Schauder, trotzdem es ſie auch glücklich gemacht hatte, wenn er zu ihr ſprach: Du wirſt ſte ja noch kennen lernen, Clara. Ihr Herz iſt gut, auch theilneh⸗ mend, und ſie hat dieſes allzu ernſte und gemeſſene Weſen nur ſo angenommen; gewiß, ſie kann auch freundlich ſein nnd ſogar lachen. Wie oft hatte das junge Mädchen von dieſer Dame ge⸗ träumt! Und dann war ſie immer als böſer Engel erſchienen, hatte die magere Hand zwiſchen ſie und Arthur geſtreckt, hatte mit dem Kopfe geſchüttelt, und darauf war Alles, Alles aus geweſen. Wenn alsdann Clara in dieſen Träumen auch flehend ihre Hände nach Arthur ausſtreckte, und, verzweiflungsvoll ſeinen Namen rufend, vorwärts ſtrebte, ihn wieder zu erreichen, ſo war es doch, als treibe eine gewaltige Luftſtrömung die beiden Lieben⸗ den aus einander, immer weiter und weiter, bis ſein Bild ganz undeutlich wurde, ein Schatten, und dann erblaßte, obgleich das Bild der alten Dame gleich lebendig, gleich ſtarr, drohend und ernſt in der Mitte ſtehen blieb.— Ah! und ihr Blick war dann gerade ſo wie jetzt, als ſie nun in Wirklichkeit in's Zimmer trat. Herr Staiger war ihr entgegen gegangen, hatte der für ihn Unbekannten eine reſpektvolle Verbeugung gemacht, und war, als dieſe mit einem einfachen Kopfnicken erwiedert wurde, hände⸗ reibend und etwas verlegen an die Seite getreten, eine Anrede erwartend. Die Dame blickte aber ebenſo unverwandt auf Clara, — 8 ——— Dreiundachtzigſtes Kapitel. auf das Bübchen und auf Marie, die ſich ebenfalls an die ältere k Schweſter geſchmiegt, als erſtere ſie unaufhörlich anſah. Mochte ſte nun den entſetzten Blick der Tänzerin bemerken, und ihr die weit aufgeriſſenen Augen der kleinen Kinder etwas komiſch vor⸗ kommen, genug, ſie wandte ſich mit einem etwas freundlicheren 1 Geſichtsausdruck zu Herrn Staiger, indem ſie ihm ſagte:„Ich 1 habe mir erlaubt, Sie in einer gewiſſen Angelegenheit zu beſuchen, 1 wenn Sie nämlich ein paar Augenblicke für mich übrig haben.“ 1 Der alte Mann verbeugte ſich abermals, rieb ſich wiederholt el und noch verlegener die Hände, denn ihm kam die Idee, als ſetze die Dame voraus, ſie müſſe nothwendig von ihm gekannt ſein, 3 was denn aber durchaus nicht der Fall war. Dabei murmelte er etwas von großer Ehre, vielem Vergnügen, und als die Dame hierauf langſam in das Zimmer hinein dem Tiſche zuſchritt, leerte f er raſch einen Stuhl, indem er Bücher und Papiere mit dem Arm 3 auf den Boden niederſtrich. 1 Im Verhältniß, wie ſich die Dame dem Tiſche näherte, ließ k Clara das Bübchen auf den Boden gleiten und erhob ſich lang⸗ m ſam von ihrem Stuhle. Dabei ſah ſie ſehr bleich aus, und ihre 1 Hand, die ſte auf dem Tiſche aufgeſtützt hatte, zitterte heftig, auch holte ſie mühſam Athem, und als ſie nun der Näherkommenden eine tiefe Verbeugung machte, ſchoß ihr das Blut ins Geſicht, la und eine plötzliche Röthe überflog ihre vor einer Secunde noch ſo blaſſen Züge. E Die Dame ließ ſich ruhig auf dem angebotenen Stuhle nie⸗ der, und als Herr Staiger, der ehrerbietig neben ihr ſtehen ge⸗ de blieben war, ſich nun ein Kerz faßte und ſie unverkennbar fragend M anſah, ſagte ſte:„Sie ſcheinen mich nicht zu kennen; ich bin die Frau des Commerzienrathes Erichſen.“ Sobald der alte Herr dieſen Namen gehört, trat er unwill⸗ fü Clara. kürlich einen Schritt zurück, blickte die Dame mit einem wahren Erſchrecken an und brachte mühſam die Worte hervor:„Oh! Das iſt zu viel Ehre!“ Die Commerzienräthin ſchien übrigens gar keine Antwort zu erwarten und auch ſeine Worte nicht zu hören, denn ſie ſah unverwandt auf Clara, welche vor dieſem ernſten Blick zuerſt ihre Augen niederſchlug, ſte aber dann im Gefühle ihres redlichen und unſchuldsvollen Herzens langſam wieder erhob und die 9 Räthin ehrfurchtsvoll aber feſt anſchaute. „Das iſt Ihre Familie?“ ſprach Dieſe nach einer Pauſe, während welcher ſie alle Anweſenden der Reihe nach betrachtete. „Das iſt mane Familie, ja wohl, Frau Commerzienräthin,“ dngennett Herr Staiger, der nicht im Stande war, ſich ſo raſch von ſeinem Erſtaunen zu erholen, und der häufig nach Clara hinüber blickte, um vielleicht auf dem Geſichte derſelben leſen zu können, was das wohl zu bedeuten habe.—„Es iſt meine Fa⸗ milie,“ wiederholte er.„Das iſt meine Tochter Clara, das die kleine Marie, und das iſt Karl.“ „Und dort die Kleine?“ fragte die Räthin. „Iſt eine arme Waiſe,“ verſetzte Herr Staiger,„ein ver⸗ laſſenes Kind, das auch hier ſo bei uns iſt.“ „Für deſſen Unterhaltung Sie ſorgen,“ meinte Madame Erichſen. „O ja,“ ſagte lächelnd der alte Mann.„Aber es iſt nicht der Rede werth; das kleine Ding macht uns weder Koſten noch D kühe.“ „Und Ihre Frau?“ forſchte die Räthin weiter. „Iſt ſchon vor einigen Jahren geſtorben; es war das hart für mich, doch ließ mir der liebe Gott da meine Clara heran⸗ Dreiundachtzigſtes Kapitel. wachſen, und ſie vertrat Mutterſtelle bei den kleinen Geſchwiſtern — ja wohl.“— „Sie ſind aber nicht viel zu Hauſe, Mademoiſelle?“ wandte ſich Madame Erichſen an die Tänzerin.„Wie ich mir ſagen ließ, haben Sie den ganzen Vormittag Ihre Beſchäftigung außerhalb demſelben, und Abends iſt auch Ihre Zeit meiſtens beſchränkt.“ Clara zuckte unmerklich zuſammen, als die Räthin nun zum erſten Male ihre Worte direct an ſie richtete; doch waren dieſe Worte ziemlich weich, ja freundlich geſprochen, weßhalb ſie es auch vermochte, nach einem tiefen Athemzuge zu antworten.— „Unſere Verhältniſſe ſind klein,“ ſagte ſie,„und da iſt auch die Arbeit gering. Wir haben zwei Zimmer, wenig Bedürfniſſe, und dafür finde ich Zeit genug.“ „Und haben wohl noch Muße, daneben andere Sachen zu arbeiten?“ bemerkte Madame Erichſen.„Laſſen Sie doch ſehen. Sie machen da eine ſuperbe Stickerei.“ Bei dieſen Worten ſtreckte ſie ihre Hand aus, und Clara reichte ihr die angefangene Arbeit. Doch flammte eine tiefe Röthe auf ihrem Geſichte auf, als die Räthin nun gleichmüthig ein paar Nadeln herauszog, welche die halbfertige Stickerei zuſammen hielten, dieſe auseinander rollte und ein Sophakiſſen zeigte von wirklich herrlicher Arbeit, auf's Sauberſte ausgeführt. Es war ein Blumenkranz auf blauem Grunde, in der Mitte prangte deutlich und verrätheriſch ein großes A. „In der That eine ſchöne Arbeit,“ ſprach die Räthin;„das iſt wohl der Anfangsbuchſtabe des Namens Ihres Vaters?“ ſagte ſie nach näherem Betrachten ohne aufzublicken. Die Tänzerin kämpfte gewaltig mit ſich ſelbſt, ſie unter⸗ drückte einen tiefen Seufzer und erwiederte mit leiſer Stimme: „Ja, gnädige Frau.“ zu m au ———— Clara. Jetzt ſchaute Dieſe in die Höhe,— ſie ſchien eine andere Ei Antwort erwartet zu haben und blickte deßhalb forſchend auf das Mädchen. Als aber Clara ſchweigend die Augen niederſchlug, die ſchüttelte ſie lächelnd den Kopf und wandte ſich an die kleine Ma⸗ u9, rie, welche ihre ältere Schweſter offenbar verwundert anſah. Da⸗ 1 bei deutete die Räthin mit ihrem langen Zeigefinger auf das verhängnißrolle A. und ſagte:„Du, Kleine, was ſoll der Buch⸗ u ſtabe heißen?“ eſe Einen Augenblick blieb ſie die Antwort ſchuldig und ſchaute, 85 wie Rath erholend, bald Clara, bald ihren Vater an. Doch n. zuckte dieſer leicht mit den Achſeln, Jene aber ſchien es zu ver⸗ die 4 05.e.. — meiden, dem Blicke des Kindes zu begegnen. ud„Nun?“ fragte die Räthin abermals,„was heißt das?“ „Es heißt Herr Arthur,“ entgegnete das kleine Mädchen. zu„Und wer iſt Herr Arthur?“ forſchte die Dame weiter.— 1.„Weißt du das nicht?“ 3 4 te„Aber ich weiß es,“ ſprach mit einem Male das Bübchen, 4* tt. indem es ſeinen Kopf hinter dem Arme Clara's hervorſtreckte. die„Herr Arthur iſt mein Freund, der Herr Erichſen, der mir ſehr 3 1 3 ſchöne Drachen macht und Bilderbücher mitbringt. Er iſt aber * lange nicht da geweſen, warum, das weiß ich nicht.“ tt„So, er iſt lange nicht da geweſen,“ verſetzte die Räthin 6 5 uj mit weicherer Stimme und blickte abermals angelegentlich auf die 8 ch Stickerei. Clara ſihins ordentlich zuſammen, als das Bübchen n jenen V 18 Namen genannt; Herr Staiger rieb ſich ſtärker die Hände, huſtete 5 verſchiedene Male und ſagte:„Allerdings beſuchte uns Herr Erichſen zuweilen, doch in der letzten Zeit gar nicht mehr; vor⸗ 5* :. dem hatten wir eine gemeinſchaftliche Arbeit, wenn ich mich ſo 8 ausdrücken darf; ich überſetzte Onkel Tom's Hütte und Herr Ar⸗ 318 Breiundachtzigſtes Kapitel. thur machte die Illuſtrationen dazu für die Buchhandlung Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie.“ Die Commerzienräthin hatte langſam ihr Tuch vor den Mund genommen und während ſie hinein huſtete, blickte ſie lange und forſchend auf Clara. Dieſe hatte ſich gefaßt, obgleich ihre Hand noch leicht zit⸗ terte, obgleich ihre Geſichtszüge bleicher waren als vorhin, ſo hielt ſte doch ihre Blicke nicht mehr niedergeſchlagen, ſondern ſchaute die alte Dame offen und ehrlich an. Sie fühlte ihr Unrecht, daß ſte Arthur anfänglich verläugnet, ſte wollte das nicht mehr thun, mochte auch daraus erfolgen was da wolle, und wenn auch ihre Lippe ſchwieg, ſo ſprach deſto beredter ihr Auge. Dabei wollen wir geſtehen, daß die Räthin dieſe Sprache verſtand, ja, ſie er⸗ kannte in dem glänzenden Blicke die klare und reine Seele des Mädchens, ſie las in der Glut, welche aus dieſen ſchönen Augen aufblitzte, ihre gränzenloſe Liebe zu Arthur, und die Thränen, welche dieſelben einen Moment nachher verſchleierten, dieſe Thrä⸗ nen des Schmerzes waren ebenfalls für ſie keine Räthſel mehr. Hatte doch das Bübchen geſagt, Herr Arthur ſei in der letzten Zeit gar nicht mehr gekommen. Es war das ein eigenthümlicher Moment, und wir nehmen an, daß die Räthin, ihrer Gewohnheit gemäß, gern auf den Tiſch getrommelt hätte, doch ſaß ſie etwas zu weit von demſelben entfernt. Herr Staiger räuſperte ſich gelinde, und Marie, ſowie das Bübchen, zogen ſich ſcheu zurück und blickten mit Furcht und Grauen in das ſtrenge Geſicht der Dame. Doch wurden dieſe Züge auch allmälig weicher und weicher, und wir glauben annehmen zu dürfen, daß Clara die Gunſt der Räthin gewonnen. War die⸗ ſelbe doch mit der Abſicht hieher gekommen, verſöhnend aufzu⸗ ⸗ gew Frei ſen wär zerir verſe Titu auch lichen nung Vate ann den nge zit⸗ ielt ute aß Elara. treten, hatte ſie ihrem Sohne doch ſchon die Leidenſchaft für die Tänzerin verziehen, wegen ſeines Gehorſams, ſeiner kindlichen Liebe zu ihr, wie ſte meinte, der er ſeine Liebe geopfert. Sie hatte wohl bemerkt, wie ſchmerzlich es ſeinem Herzen geweſen, dem Mädchen zu entſagen, und ſie hatte das nicht recht begreifen wol⸗ len. Jetzt aber, wo ſie Clara vor ſich ſah, wo deren gewinnendes Aeußere auch ſeinen Zauber auf ihr Herz ausgeübt, verſtand ſie es vollkommen, wie Arthur ſchmerzlich gekämpft, welches Opfer er ihr gebracht. Daß auch noch andere Schatten zwiſchen dieſe beiden reinen Seelen getreten waren, wußte ſie freilich nicht; ſie ſchrieb Alles Arthur's kindlicher Liebe für ſie zu, und da es ihrem Stolze ſchmeichelte, daß der Sohn ihr dieſes große Opfer ge⸗ bracht, ſo hatte ſie beſchloſſen, eben dieſen Stolz aus ihrem Her⸗ zen zu verbannen und Arthur glücklich zu machen. Auch wollen wir nicht verſchweigen, daß zugleich mit dieſen edlen Gefühlen auch die Bitterkeit gegen die Kreiſe, in denen ſie ſich bisher be⸗ wegt, mitgeholfen hatte, den Entſchluß zu faſſen. Daneben hatte auch Eduard und Marianne, ja ſelbſt der Commerzienrath mit⸗ gewirkt, nicht zu überſehen der Commerzienräthin vertrauteſte Freundin, die Titularräthin Waſſer, welche in allen ihren Krei⸗ ſen verbreitet hatte, mit dem Hauſe Erichſen gehe es ſtark ab⸗ wärts, denn ſie wiſſe aus beſter Quelle, Arthur werde eine Tän⸗ zerin heirathen,— Arthur, auf den ſich ſo manche Tochter der verſchiedenen Rangelaſſen Hoffnung gemacht, Arthur, für den die Titularräthin ſelbſt eines ihrer Wäſſerchen beſtimmt. Die Pauſe, die wir hier in unſerer Erzählung gemacht, fand auch in Wirklichkeit in der, obgleich ohnedieß vorher ſchon ſpär⸗ lichen Unterhaltung der Anweſenden in der Staiger'ſchen Woh⸗ nung ſtatt. Daß ein Augenblick der Erklärung heranrücke, fühlten Vater und Tochter wohl. Es war eine Pauſe der peinlichſten 320 Dreiundachtzigſtes Kapitel. Ungewißheit, es ſollte jetzt ein Moment kommen, entſcheidend für das Glück oder Unglück zweier Leben. Die Commerzienräthin hatte die Stickerei wieder zuſammen gerollt, und ſelbſt die Nadeln wieder ſorgſam eingeſteckt, dann ſagte ſie mit ruhiger Stimme:„Beendigen Sie Ihre Arbeit ſo bald als möglich— Clara,“— bei dieſem Worte blickte ſie in die Höhe,—„und wenn Sie dieſelbe beendigt haben, ſo bringen Sie ſie mir.“ Das waren an ſich unbedeutende Worte, welche die Dame geſprochen, doch war es Clara gerade, als habe ſich der Himmel geöffnet und als habe ein Engel ihr tauſend Worte des Troſtes und der Hoffnung zugerufen. Sie preßte ihre Hände auf das wildſchlagende Herz, ſie blickte innig und dankend in die Höhe, als wolle ſie dort etwas Sichtbares erſpähen, die mächtige Hand, welche Segen auf ſie herabgeſtreut.— Ach! und doch waret dieſe Worte nur ein vorübergehender Sonnenblick, und gleich darauf verhüllten wieder ſchwarze, drohende Wolken ihren ſchönen, hei⸗ teren Himmel. Sie gedachte jener Stunde am Sarge der unglück⸗ lichen Marie, ſie hörte ſeine vernichtenden Worte,— es war ja Alles für ſte verloren. Und im Uebermaß des tiefſten Schmerzes drückte ſie ihre Hände vor die Augen und weinte laut hinaus. Freude und Schmerz hatten gleich heftig ihre Seele erfaßt, und da nun der letztere die Oberhand behielt, ſo fühlte ſie ſich um ſo tiefer von der Höhe herabgeſtuͤrzt, auf welche ſie die tröſtlichen Worte der Mutter Arthurs erhoben. Da fühlte ſie mit einem Male, daß zwei Hände die ihrigen erfaßten und ſanft von ihrem Geſichte wegzuziehen verſuchten, und als ſie das fühlte, zitterte ſie heftig, denn aus dieſen Händen ſtrömte eine Wärme auf die ihrigen über, eine Wärme, die ſich ihrem Geſichte mittheilte und dieſes plötzlich tief erglühen ließ. Feſt und innig hatte Jemand ihre Finger erfaßt und zog ſie ihr langſam vom Geſichte herab. Aber es durchſchauerte ſte ſo dabei, daß ſte unwillkührlich die Augen ſchließen mußte, doch nur auf einen Moment, eine Secunde, denn darauf vernahm ſie eine be⸗ kannte Stimme, die ihr leiſe und ſchmeichelnd ſagte:„Meine gute, gute Clara— mein innig geliebtes Mädchen.“ Es war ganz ſonderbar, als ſie nun die Augen öffnete, daß ſte Niemand vor ſich ſah, ja, ſie mußte die Blicke herabſenken, um Jemanden wahrzunehmen, der zu ihren Füßen lag, der ab⸗ wechſelnd ihre Hände küßte, dann wieder flehend zu ihr aufblickte und dazwiſchen ſprach:„O meine gute Clara, verzeihe mir— verzeihe mir gern, mein unſchuldiges Mädchen,— ich habe Alles erfahren.“ Wie ſich Arthur in das Zimmer geſchlichen, war Allen unbegreiflich; aber es unterlag keinem Zweifel, daß er da war, und daß er voller Freuden da war, glücklich und ſelig.— Jetzt ſprang er haſtig in die Höhe, ohne Clara's Hand loszulaſſen, vielmehr zog er ſie haſtig zu ſeiner Mutter hin, die in Ermang⸗ lung eines Tiſches ſanft auf die zuſammengewickelte Stickerei trommelte.„Das iſt meine Clara!“ rief er jubilirend,„nicht wahr eine liebe und ſchöne Clara, und nicht wahr, Mama, Sie haben nichts mehr gegen uns Beide?“ Hierauf huſtete die Commerzienräthin laut und geräuſchvoll, aber ſie that es in dieſem Augenblicke nur, um ihre heftige und unſchickliche Rührung zu verbergen. Herr Staiger genirte ſich weniger, denn obgleich ſein Mund lächelte, floßen ihm doch die Thränen über die Wangen herab, ſo daß die kleine Marie ganz beſtürzt darüber war und alle Anweſenden der Reihe nach erſtaunt anſah. Das Bübchen allein ſchien von der Wiedegkunft Arthurs nur die praktiſche Seite zu bedenken; es ſchaugg äußerſt vergnügt Hackländer, Europ. Sclavenleben. IV. 21 322 Dreiundachtzigſtes Kapitel. auf ſeinen Freund und ſah im Geiſte eine Menge ungeheurer Bil⸗ derbücher, ſowie Drachen mit den allerlängſten Schwänzen. Wir, die wir dieß niederſchreiben, und der gendigte Leſer, der es liest, befinden uns in dem Falle, als ſtänden wir gerade vor der geöffneten Thüre der Staiger'ſchen Wohnung und als ſähen wir, ſelbſt unbemerkt, all' dieſe Glückſeligkeit, all' dieſe leuchtenden Augen, all' dieſe Thränen der Freude. Wenn uns auch Niemand übel nehmen wird, daß wir mitfühlend einen Au⸗ genblick hier ſtehen blieben, die ſchöne Gruppe betrachtend, Man⸗ cher hoffend auf ein ähnliches Glück, ſo halten wir es doch für paſſend, gleich darauf ſtill vorüberzugehen, nachdem wir leiſe die Thüre vor jedem fernern neugierigen Blicke verſchloſſen, und ſomit auch dieſes Kapitel beendigt haben. Viernndachtzigſtes Kapite Whiſt mit dem todten Mann. Vor dem Hauſe, welches der Baron Brand in dieſer Ei⸗ genſchaft bewohnte, hielt ein ſchwerer Reiſewagen vollſtändig be⸗ packt und beſpannt; die Laternen waren angezündet, die beiden Poſtillone ſtanden neben ihren Pferden, und ein Diener in ein⸗ facher Reiſelivree hatte den Schlag geöffnet und irgend Etwas herausgenommen, welches er einer Kammerfrau einhändigte, die auf dem hohen Hinterſitze des Wagens dicht in einen Mantel mit Kapuze eingewickelt ſaß. Darauf ſchloß der Bediente den Schlag, zog die Ledermütze in's Geſicht und ſagte zu dem einen Poſtillon: „Jetzt wird's bald losgehen, es kann keine Viertelſtunde mehr dauern.“ Nach dieſen Worten nahm er zwei Mäntel, die er über den Schlag gelegt hatte, einen großen und einen kleinen, auf den Arm, und ſtieg die Treppen hinauf. Der Baron befand ſich in ſeinem kleinen Salon, er ſtand hier neben einem hohen Fauteuil, in welchem die Baronin von W. ſaß. Obgleich es in dem Zimmer ſehr warm war, fo ſaß 21* Vierundachtzigſtes Kapitel. dieſe doch zuſammengekauert da, als friere ſie, und dabei hielt ſie den Kopf tief auf die Bruſt herabgeſenkt. Neben ihr ſtand ein uns wohl bekannter kleiner Knabe, der ſeine Hände um einen ihrer Arme geſchlungen hatte, den Kopf feſt an ihre Schulter drückte und zugleich aufwärts ſchaute in das Geſicht des„Herrn von Brand, der zuweilen mit den Fingern durch das dichte, krauſe Haar des Kindes fuhr, wobei ſich ein trauriges Lächeln auf ſei⸗ nen Zügen bemerklich machte. „So wären wir alſo fertig,“ ſagte der Baron nach einer Pauſe.„Du gehſt nach Dornhofen, deſſen Kauf ich geſtern in Richtigkeit brachte. Beil wird mit den nothwendigen Papieren und allem Uebrigen wahrſcheinlich ſchon morgen folgen.—— Wie ich heute vom Grafen Fohrbach vernahm, von dem Kriegs⸗ miniſter nämlich, iſt deine Scheidung von dem General ſchon ſo gut wie ausgeſprochen; in ein paar Wochen, meine liebe Schwe⸗ ſter, biſt du frei.“ Bei dieſen Worten faßte die ſchöne Frau nach ihrem Kinde, drückte ihre Lippen auf ſeine Stirn, dann ſprach ſie mit leiſer Stimme:„Aber Henry, du biſt mir immer noch eine Antwort ſchuldig. Warum ſchickſt du mich von hier fort? Oder, wenn du es für beſſer hältſt, daß ich jetzt nicht in der Reſidenz bleibe, warum gehſt du ſelbſt nicht mit? Steinfeld weiß ja um die trau⸗ rige Geſchichte anſee Hauſes, und daß du mein Bruder biſt. Ich weiß nicht, Henry, wie mir iſt, aber ich meine, ich ſollte dich nicht aus den Augen laſſen, ja ich ſpreche es aus, da ich überzeugt bin, daß du nicht abergläubiſch biſt,— es iſt mir immer, als drohe dir ein Unglück. Du haſt Feinde.“ „Aber er hat auch Waffen,“ ſagte der Knabe, der ſeinen Kopf aus den Händen der Mutter losgemacht hatte und muthig in die Höhe ſchaute.„Du haſt recht ſcharfe Waffen, nicht wahr? Und für Kin Sch er h „ge ſeuf fort, wen man Falſ und öffne geſa nach hinb wied gen? ein unkli Ton. beide Stin Whiſt mit dem todten Mann. 325 Und wenn man die hat, braucht man ſich vor keinen Feinden zu fürchten.“ „Waffen habe ich allerdings,“ erwiederte der Baron dem Kinde, da er es vermeiden zu wollen ſchien, die Fragen ſeiner Schweſter direkt zu beantworten.„Doch gibt es Feinde,“ ſetzte er hinzu, indem er den Kopf mit einem trüben Lächeln ſchüttelte, „gegen die man keine Waffen gebrauchen kann.“ „Warum nicht?“ fragte der Knabe. Und die Baronin ſeufzte tief. „Man iſt deßhalb doch nicht wehrlos,“ fuhr der Baron fort, während er ſich hoch aufrichtete.„Weißt du, mein Sohn, wenn die Feinde mit den Waffen in der Hand kommen, ſo geht man ihnen gerade ſo entgegen; faſſen ſie uns aber mit Liſt, Falſchheit und Heuchelei, ſo ſtellen wir ihnen das Gleiche entgegen und da fragt es ſſh dann immer noch, wer der Klügſte iſt.“ der Klügſte,“ ſprach entſchieden das Kind und ßen Augen weit.„Herr Beil hat es immer Der Baron nickte mit dem Kopfe, doch antwortete er erſt nach einem kleinen Stillſchweigen, wobei er gedankenvoll vor ſich hinblickte.„O ja, ich wanzzuweilen recht klug, aber dafür auch wieder ſo unklug, daß oft eine Stunde zerſtörte, was ich in lan⸗ gen Tagen vorher mühſam aufgebaut.—— Doch da führen wir ein Geſpräch, welches meine Behauptung rechtfertigt; ſo etwas iſt unklug für eine Abſchiedsſtunde.“ „Ja für eine Abſchiedsſtunde,“ ſagte Frau von W. mit leiſem Ton. Dann hob ſie plötzlich den Kopf in die Höhe, faßte mit ihren beiden Händen die Rechte des Barons und ſprach mit einer Stimme, welche das tiefe Weh ihres Herzens verrieth:„Aber 326 Vierundachtzigſtes Kapitel. ich ſehe dich bald wieder, Henry, nicht wahr? in den nächſten Tagen, das verſprichſt du mir.“ „Ich glaube wohl, daß ich dir das verſprechen kann,“ er⸗ wiederte ruhig der Baron,„wenn mich nämlich alle meine Ent⸗ würfe und Pläne nicht im Stiche laſſen und meine Vorausſetzun⸗ gen nicht trügen.“ „Aber bald, Henry.“ „Ich denke wohl, meine gute, gute Lucie. Doch es iſt acht Uhr,“ ſagte er beinahe unruhig.„Wenn du noch länger zögerſt, wirſt du ſehr ſpät ankommen.“ „Warum treibſt du mich ſo von dir?“ fragte ſie mit weicher Stimme.„O, ich hätte dir noch ſo viel zu ſagen, was mir im Augenblicke gar nicht in den Kopf kommen will; aber wenn du mier bis morgen Zeit läßt, ſo wird mir Alles wieder einfallen.“ „Zeit bis morgen,“ verſetzte er lächelnd.„Ich kenn das; — nein, Lueie, für heute muß es geſchieden ſeh— Fur heute, Stirne ſeiner Schweſter.——„Ja, meine gelt ebte Lucie,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe,„gehe jetzt, deun ſontſt iſt des Ab⸗ ſchiednehmens kein Ende.— Und doch, da du gehſt, iſt es mir, als ſänke meine Lebensſonne unter und ließe mich in ſchwarzer Nacht allein.“ Frau von W. war raſch aus dem Fauteuil aufgeſtanden und hatte beide Arme um den Hals ihres Bruders geſchlungen. „Henry!“ flehte ſte,„laß mich nicht abreiſen, laß mich bei dir bleiben. Warum willſt du nicht vor der Welt erklären, daß du mein Bruder biſt? O laß uns zuſammen ein friedlich ſtilles Leben führen!“—— ten Whiſt mit dem todten Mann.. 327 —„Das iſt zu ſpät!“ entgegnete er nach einer Pauſe. Doch war der Ton, mit dem er das ſagte, ſo eiſig kalt, ſo ſchrecklich, und dabei der Blick ſeiner Augen ſo wild und ſtarr, daß die arme Frau ihn erſchreckt betrachtete. „Nicht dieſes Wort, Henry,“ bat ſte,„nicht dieſen Blick. Du verſinkſt wieder in deine ſeltſamen Träumereien. Starre nicht ſo vor dich hin. Es iſt ja Niemand da, der dich und mich bedroht.“ „Sagt ich nicht, es ſei zu ſpät?“ fuhr er nach einem län⸗ geren Stillſchweigen empor, und ſetzte darauf in leichterem Tone hinzu, als er in die bleichen, ſchreckensvollen Züge ſeiner Schwe⸗ ſter blickte:„Zu ſpät, ſagt ich? Ich wollte ſagen: ſpät genug. Und das iſt es auch, meine gute Lucie.— Der Zeiger der Uhr ſteht auf Acht; ſo lebe denn wohl, mein Kind, ſo lebe wohl, meine Schweſter, ſo lebe wohl, mein Alles, was ich auf dieſer Welt habe!“ Nach dieſen Worten, die er leidenſchaftlich herausgeſtoßen, machte er ſanft ihre Hände von ſeinem Nacken los, drückte die⸗ ſelben ſchweigend an ſeine Lippen, ſchaute einen Augenblick mit zuſammen gebiſſenen Lippen in die Höhe, und dann beugte er ſich ſchnell zu dem Knaben herab, den er in ſeine Arme nahm und unzählige Mal auf die friſchen Lippen und die leuchtenden Au⸗ gen lüht „Adieu, Lucie! adien, ihr Lieben!“ Und als traue er ſeiner eigenen Stärke nicht, klingelte er heftig mit einer Glocke, die auf einem der Tiſche ſtand, und als der Kammerdiener er⸗ ſchien, ſagte er:„Den Mantel für die Frau Baronin.“ Der alte Diener verbeugte ſich, ging hinaus und ließ die Thüre offen, un⸗ ter welcher nun der Bediente erſchien, den wir vorhin unten am Wagen geſehen. 8 2—“ 328 Vierundachtzigſtes Kapitel. Noch einmal wandte ſich die Baronin ihrem Bruder zu und reichte ihm beide Hände, die er an ſeine Lippen drückte. Noch einmal küßte er den Knaben innig auf die Stirn, dann ſchritt er der Thüre zu, begleitete die Baronin an die Treppe und kehrte in ſein Zimmer zurück.— Da aber wurde ſein Schritt ſo wankend, daß er ſich mit der einen Hand feſt am Tiſche halten mußte, wäh⸗ rend er mit der andern über die Augen fuhr. Es überfiel ihn ein Schwindel, doch dauerte er nur ein paar Secunden, worauf es dem Baron möglich war, an das Fenſter zu treten. Er drückte ſeine brennende Stirn an die kalten Scheiben und blickte auf den Wagen nieder, der ſo eben von dem Bedienten geſchloſſen wurde. Die Poſtillone ſchwangen ſich in die Sättel,— er ſah noch ein⸗ mal das Geſicht der Schweſter, die aufwärts ſchaute, ihn ſuchte, fand und darauf auch das Kind an das Fenſter des Wagens hob. Dann zogen die Pferde an und der Wagen rollte davon.— „O haltet! haltet!“ ſagte er droben, der einſam zurückgeblieben. „Ich Thor, ſie nicht noch eine halbe Stunde länger gehalten zu haben!———— Und doch, es iſt beſſer ſo. Leb wohl— leb wohl auf ewig!“ „Der Augenblick hätte mir eigentlich erſpart werden kön⸗ nen,“ ſprach er nach einer Pauſe halblaut zu ſich ſelber,„und noch manche andere, die auch nicht angenehm ſein werden, durch eine treffende, mitleidige Kugel, deren ſo viele an meinem Kopf vorüberſausten. Aber wer kann ſeiner Beſtimmung entgehen? Nun, das Schwerſte wäre überſtanden; was jetzt noch kommt iſt Kinderſpiel und nicht der Rede werth.“ Er machte einen raſchen Gang durch das Zimmer und als er ſich nach einigen Secunden im Spiegel beſchaute, ſchien er mit ſeinem Ausſehen zufrieden zu ſein. Seine Züge waren wieder gänzlich beruhigt und nachdem ka wi Whiſt mit dem todten Mann. er den Bart etwas emporgekräuſelt, bemerkte man nichts mehr von dem Sturme, der wenige Minuten vorher noch ſein Herz erſchüttert. „Herr von Steinfeld!“ ſagte der Kammerdiener, der ge⸗ räuſchlos in das Zimmer getreten war. Worauf der Angemeldete eintrat und von dem Baron freundlichſt empfangen wurde. „Sie kommen abſichtlich ein paar Minuten zu ſpät,“ ſagte er,„ich verſtehe Sie vollkommen. Aber Sie ſahen ſie doch noch? „O gewiß,“ erwiederte der Andere;„ſie reichte mir die Hand zum Schlage heraus.“ „Es iſt ein gutes Weib,“ meinte träumeriſch der Baron, „und ich hoffe, ſie wird glücklich ſein.“ „Glücklich ſein und glücklich machen,“ entgegnete Herr von Steinfeld.„O ich verſichere Sie, daß Alles ſo kommen mußte, wird das Glück meines Lebens begründen.— Aber Sie, Henrh, wie iſt's mit Ihnen? Wenn ich Ihnen ſage, daß ich nicht im Stande bin, weder an Lucie noch an das Kind zu denken, daß ich mich nur immer mit Ihrem Schickſal beſchäftige, ſo rede ich die Wahrheit. Seien Sie nicht ſo verſchloſſen gegen mich, ge⸗ währen Sie mir nur den geringſten Lichtſchein in dieſer Finſterniß.“ „Das iſt nicht gut möglich,“ antwortete lächelnd der Baron. „Sie wiſſen, daß mir das Dunkel zuweilen behagt. Verlangen Sie für den Augenblick nichts Anderes; ich beſorge in demſelben meine kleine Geſchäfte, und glauben Sie mir, die Zeit liegt nicht fern, wo Ihnen Alles, Alles klar werden wird.“ Der Andere wandte unmuthig den Kopf. „Haben Sie Vertrauen zu mir,“ fuhr der Baron fort,„ich kann Ihnen jetzt kein Licht geben, es würde Ihre Blicke nur ver⸗ wirren und mich hindern; ich kann Sie nicht in die Karten meines Spiels ſehen laſſen. Glauben Sie mir aber, ich überſchaue es, —j4— 330 Vierundachtzigſtes Kapitel. und wenn ich auch den letzten Stich verliere, ſo gewinne ich doch die Partie.“ „Ihre Zuverſicht und Heiterkeit könnten mich beruhigen, wenn nicht—“ „Laſſen Sie mir die Wenn’s,“ ſagte lachend der Baron; nich habe für jedes derſelben mein Aber. Beantworten Sie mir lieber eine Frage, die mir wichtig iſt.— Spricht man in der Stadt von einem Duell, das nächſtens zwiſchen Herrn von Dank⸗ wart und mir ſtattfinden ſoll?“ „Im Gegentheil,“ erwiederte erſtaunt der Andere,„Herr von Dankwart ſelbſt widerſpricht dieſem Gerücht auf's Eifrigſte.“ „Ah!“ machte der Baron und zog eine verdrießliche Miene, worauf er aber wieder heiter lächelnd ſagte:„Natürlich, er will die Sache verheimlichen. Unter uns geſagt, er hat mich for⸗ dern laſſen.“ „Durch wen?“ „Das iſt mein Geheimniß.“ „Und mir unbegreiflich,“ erwiederte Herr von Steinfeld kopfſchüttelnd.„Herr von Dankwart hat öffentlich erklärt, Sie, Baron, ſeien ein guter Kerl und hätten niemals die Abſicht ge⸗ habt, ihn zu beleidigen. Die Aeußerungen auf dem Hofballe laſſe er der Maskenfreiheit gelten, und was die bewußten Zeich⸗ nungen anbelange, ſo werde er ſich deßhalb an den Maler halten, dem dafür auch höheren Orts ein ſehr ehrenvoller Auftrag, der ihm bereits ertheilt geweſen, wieder entzogen worden.“ „Und das glauben Sie?“ ſagte der Baron mit ſehr ernſtem Blick. „Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren.“ „Das iſt ſehr ehrenhaft von Herrn von Dankwart; er will von dem vorhabenden Duell kein Gerede machen.— Auch,“ fuhr 11 Whiſt mit dem todten Mann. 331 er nach einigem Nachſinnen fort,„hat ſich ſeit heute Morgen der Stand der Angelegenheiten verändert; es wurde mir eine Aeuße⸗ rung des Herrn von Dankwart hinterbracht, die er vielleicht nicht gethan, genug, ich ſah mich darauf veranlaßt, ihm einen etwas heftigen Brief zu ſchreiben. Ich war aufgeregt, mißſtimmt, enfin! man iſt nicht immer Herr ſeiner ſelbſt.“ Herr von Steinfeld hatte ruhig zugehört, dann warf er auf den Baron, der ſich damit beſchäftigte, die Nadel ſeines Hals⸗ tuches feſter zu ſtecken, einen vielſagenden Blick und bemerkte darauf mit entſchiedenem Tone:„Baron, Sie ſuchen ein Duell.“ „Ich vermeide wenigſtens keins,“ erwiederte dieſer achſel⸗ zuckend.„Und wenn Sie mir einen Dienſt erzeigen wollen, Hugo, einen wahren Freundſchaftsdienſt,“ ſprach er mit Wärme,„ſo verbreiten Sie in der Stadt, natürlicher Weiſe unter der Hand, indem Sie hie und da bei Bekannten ein Wort fallen laſſen, ich hätte morgen ein ernſtliches Rencontre.“ „Mit Herrn von Dankwart?“ „Sie brauchen meinetwegen keinen Namen zu nennen. Das Factum iſt genügend. Haben Sie mich verſtanden„Hugo?“ Dieſer ſchaute, ohne eine Antwort zu geben, den Baron lange und mit einem feſten Blicke an, dann ſagte er mit leiſer Stimme, während er ſeine Hand ergriff und drückte:„Ja, ich glaube, Henry, daß ich Sie verſtanden habe.“ „Nun denn,— und was weiter?“ entgegnete faſt luſtig der Baron.„Auch Sie haben ſich nicht vor einer Kugel geſcheut und vor jedem Duell gedacht: es kann ausfallen wie es will.“ „Das habe ich nie gedacht,“ verſetzte kopfſchüttelnd der Andere.„Ich hoffte, das geſtehe ich Ihnen, und Sie hoffen nicht mehr.“ „Ich hoffe auch, denn ich zweifle nicht“— 332 Vierundachtzigſtes Kapitel. „An dem Ausgang dieſes ſogenannten Duells.—— Sie kennen das blutige Ende deſſelben.“ „Vielleicht.— Und wenn dem ſo wäre?“ fuhr Herr von Brand nach einer Pauſe mit ſchrecklich ruhigem Tone fort. „Wenn mir nur noch vierundzwanzig Stunden gegeben wären, — eine kürze Friſt, in der ich mich zu entſcheiden habe, ob ich, was wir ſo nennen, mit Ehren von dieſem Schauplatz abtreten ſoll, oder in Schande und Schmach fortleben?— Keine Einrede, Hugo, hören Sie mich.— Ich habe eine Schweſter,“ ſprach er mit bewegter Stimme;„die Welt weiß das freilich noch nicht, aber laſſen Sie den Baron Brand— Veranlaſſung geben, daß man ſich eifrigſt, aber unerbittlich um ſein früheres Leben be⸗ kümmert, o ſo wird man Fäden finden, glauben Sie mir, die bis zu jener Zeit zurückreichen, wo ich Hand in Hand mit meiner Schweſter ging. Die Welt wird erfahren, daß es der Bruder iſt, den man des ſorgfältigen Aufhebens für werth erachtet, das wird ihre Zukunft vergiften, die ihres Kindes— und ſoll ich Ihnen noch weiter ſagen, Hugo, wen es unglücklich machen muß, wenn ich die letzten mir bewilligten vierundzwanzig Stunden nicht auf's Sorgfältigſte anwende?— O, Sie müſſen das einſehen. Jener Piſtolenſchuß— den im Duell meine ich,— zerreißt alle Fäden, und mag dann mein Schwiegervater in spe,“ ſetzte er ſchrecklich lachend hinzu,„ſeine Naſe noch ſo bedächtig herab⸗ ziehen, er wird auf einen ſtillen Grund ſtoßen und auf einen ſtillen Mann, dem es unmöglich iſt, ihm Rede und Antwort zu ſtehen.“ „Schrecklich!“ ſprach Herr von Steinfeld tief ergriffen. „Entſetzlich, Henry, ſo enden zu müſſen!“ „Enden? das iſt eben die Frage,“ entgegnete der Baron in leichtem gefälligem Tone;„ich habe mich heute ſtark mit dem Whiſt mit dem todten Mann. 333 göttlichen Hamlet beſchäftigt und mir wie der Dänenprinz ſelbſt geſagt: ——— Sterben— ſchlafen— Schlafen! Vielleicht auch träumen!— Ja, da liegt's: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, Wenn wir den Drang des Ird' ſchen geſchätenn Das zwingt uns ſtill zu ſteh'n.———— 8 Wiſſen Sie, Hugo, wenn man ſeine Papiere ordnet, kommen einem ſeltſame Gedanken und es iſt mir oft wie ein Troſt, wenn ich denke, daß doch vielleicht jenſeits Feſſeln brechen und andere angelegt werden, daß ſich vielleicht das Sclavenleben, dem wir hier entgehen, drüben in großartigerem Maßſtabe fortſetzt, denn mag es ſein, wie es will, eine Fortdauer iſt doch ſchön, und was uns allein vor dem Tode zurückbeben macht, iſt der Gedanke gänzlicher Vernichtung, der ja auch unſerer Eitelkeit ſo ganz unfaßlich erſcheint.—— Aber jetzt genug der Plaudereien und verzeihen Sie mir, Hugo, wenn ich Sie bitte, mich allein zu laſſen.— Bis morgen alſo!“ „Gewiß, Henry, bis morgen? Verſprechen Sie mir das?“ „Auf alle Fälle,“ entgegnete der Baron mit ſehr freundlichem Tone.„Morgen ſollen Sie mich wiederſehen.“ Noch einmal drückte ihm der Andere herzlich beide Hände, dann verließ er ſchweigend das Zimmer. Der Baron ſchaute ihm einige Augenblicke in tiefe Gedanken verſunken nach, dann ſprach er zu ſich ſelber:„Es durchſchauert mich ein winterliches Gefühl; es iſt mir, als ſtünde ich auf hohem Berge, ein ſtolzer Baum, als flattere ein Blatt um das andere von meinen Zweigen herab und als höre ich entfernt das Sauſen des Sturms, dem ich nicht ferner widerſtehen kann.— Doch weg mit dieſen finſteren Bildern!“ Damit ging er an den Tiſch, * 4——— — 332 Vierundachtzigſtes Kapitel. 4 läutete abermals mit der Glocke und als der Kammerdiener ein⸗ trat, ſagte er:„Herr Beil ſoll kommen.“ Es dauerte nicht lange, ſo trat der Gerufene ein; es war mit kleinen Veränderungen noch immer der alte Beil von früher. Dieſe Veränderungen beſtanden in einem ſehr geordneten Anzuge und einem gewiſſen Ernſt, der ſich auf ſeine Züge gelagert hatte; er ſchritt ziemlich wuͤrdevoll einher, trug verſchiedene Papier in der Hand und hatte ganz das Ausſehen eines dienſtthuenden Secretärs. Als ſolcher fungirte er auch in der That. Der Baron hatte ihm freundlich einen guten Abend gewünſcht, ſich dann in ſeinen Fauteuil niedergelaſſen, worauf ihm der Andere einige der mitgebrachten Papiere vorlegte. Herr von Brand ſah dieſelben bald fluͤchtig, bald aufmerkſam durch, blickte jetzt nachſinnend an die Decke empor und nickte dann mit dem Kopfe. „Sie haben das jetzt ſo ziemlich ſtudirt,“ ſagte er hierauf, „und wiſſen ſo gut wie ich, was ich auf der Welt mein nenne. Geben Sie meinem Verwaltungstalent die Ehre und geſtehen mir zu, daß ich mich ſehr der Ordnung befleißigt.“ „Muſterhaft,“ entgegnete Herr Beil.„Obgleich mir die Berechnungen, die hier zu Grunde liegen, bis jetzt ziemlich un⸗ bekannt waren, ſo iſt doch Alles ſo klar auseinandergeſetzt, daß ich mich leicht hinein fand.“ „Und nach den gegebenen Schemas,“ meinte der Baron, wobei er ſich nachläſſig in ſeinen Seſſel zurücklehnte,„wären Sie demnach wohl im Stande, die Verwaltung eine Zeitlang ſelb⸗ ſtändig zu führen, wenn ich zum Beiſpiel, was leicht geſchehen könnte, eine längere Reiſe machen und Sie zurücklaſſen müßte.“ „Es ſollte vielleicht gehen,“ ſprach Herr Beil;„doch haben Sie wohl nicht die Abſicht, uns in der nächſten Zeit zu verlaſſen.“ „Wenn Sie morgen die nächſte Zeit nennen, ſo kann ich ein⸗ war her. zuge ttte; r in den ron in der ben an Whiſt mit dem todten Mann. 335 Ihnen mit Ja antworten. Allerdings habe ich morgen einen kleinen Ausflug vor, denke aber jedenfalls morgen Abend um dieſe Zeit wieder zurück zu ſein. Darnach projectixe ich freilich eine weitere Reiſe,“ warf er leicht hin.——„Apropos,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, indem er den Ton der Stimme und das Geſpräch plötzlich änderte,„Sie haben meinen Auftrag bei Seiner Durchlaucht, dem Herrn Herzog, ausgerichtet; ich bin begierig, etwas darüber zu vernehmen.“ „Ich gab Ihren Brief in der Garderobe ab und nach unge⸗ fähr fünf Minuten ließ mich Seine Durchlaucht herein kommen.“ „Natürlich. Und Sie trugen ihm meinen Wunſch vor?“ X„ Faſt mit den gleichen Worten, mit denen Sie mir ihn aufgetragen. Und darauf lachte Seine Durchlaucht laut auf und meinté) es ſolle an ihm durchaus nicht fehlen; er freue ſich darauf und werde pünktlich ſein.“ „Das wollen wir ſehen,“ entgegnete der Baron lächelnd, wobei er auf die Standuhr blickte, die auf dem Kamin ſtand. „Wir haben nosf eine halbe Stunde Zeit, aber auch noch Einiges zu beſprechen, lie Nr Beil, deßhalb wollen wir keine Minute ver⸗ lieren.— Meine Ichweſter iſt abgereist,“ ſagte er mit einem leichten Seufßer. „Ich hatte noch dNs Glück, die Frau Baronin zu ſehen,“ entgegnete Herr Beil,„ſoWie auch meinen lieben, kleinen Pfleg⸗ befohlenen. Es that mir Mahrhaftig weh, als ich ihn davon⸗ fahren ſah. Man gewöhnt ſüͤch leicht an ſo eine kräftige und gute Natur.“ „Was ich gerne aus Ihrem Munde höre,“ antwortete der Andere.„Ich bin in der That glükgklich, daß auch das Kind an Sie ſo anhänglich iſt; und ich hoffe Sie ſollen lange, lange 336 Vierundachtzigſtes Kapitel. Jahre bei ihm bleiben und wenn auch nicht ſein Lehrer, doch ſein Erzieher ſein.“ „Zum erſtern Poſten,“ erwiederte Herr Beil lachend,„fühle ich mich leider nicht gewachſen, es müßte denn ſein, daß er den Buchhandel ſtudiren ſollte. Darin könnte ich ſchon was leiſten.“ „Dazu iſt wohl keine Ausſicht vorhanden,“ verſetzte der Baron,„aber Sie bringen mich da auf etwas Anderes, was ich gerne erfahren möchte. Welche Nachricht haben Sie von unſerem Principal, von Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie? In der Zeit, wo Sie für ihn litten, vergaß ich ganz darnach zu fragen.“ Herr Beil ſchüttelte ſein Haupt und ſein Blick war ſcharf und forſchend, als er ſagte:„Von einer gewiſſen Geſchichte haben Sie vielleicht zufällig gehört.“ „Ganz zufällig, aber doch weiß ich den Hergang ziemlich genau. Nur was nachher geſchah, erfuhr ich nicht.“ „Herr Blaffer hatte ſeine Handlung verkauft,“ ſprach der Andere mit ernſter Stimme,„Firma, Büchervorräthe, Verlags⸗ rechte und Haus.“ „Weiter! weiter!“ „Er beging die Unklugheit, die ihm ausgezahlte Kaufſumme in baarem Gelde bei ſich zu verwahren. Sie wurde ihm geraubt, er war ein ruinirter Mann.“ „Worin man einige Gerechtigkelt entdecken könnte,“ meinte der Baron. „Die ich aber nicht verantw’rten möchte,“ ſagte ruhig Herr Beil.„Anfünglich war er natüßlich in Verzweiflung und wie ich vernahm, ſo ſoll er ſogar in finer gewiſſen Nacht am Kanal ge⸗ ſehen worden ſein,— kehrty aber lebend zurück.“ „Ohne daß ihn ein Geſpenſt gewarnt,“ bemerkte der Baron 7 e Whiſt mit dem todten Mann. 337 in ſehr ernſtem Tone,„Nun ja, es war das nicht der Mühe werth, ſich das Leben zu nehmen; ich halte Herrn Blaffer für einen ſpeculativen Kopf, er wird ſich wieder emporarbeiten.“ „Nie mehr,“ entgegnete Herr Beil„wobei er zu Boden blickte.„Sein Muth iſt gebrochen, ſeine Lebenskraft vernichtet; er verlor in jener Nacht Alles.“— „Ein Verluſt, der auch Sie betraf, mein armer Beil,“ ſprach der Baron.„Doch Sie werden ſich zu tröſten wiſſen.“ „Ich ließ alles das am Kanal zurück, oder vielmehr ſchon in dem Hauſe ſelbſt; ich hatte ja gar keine Ausſichten, ich wußte, daß ſie fuür mich verloren war. Doch hören Sie weiter. In dem Verkaufs⸗Vertrage bedingte ſich Herr Blaffer eine kleine Stelle; es war das eine Stellung mit miſerablen Bedingungen, zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Er hatte ſie für unſern bis⸗ herigen Lehrling, für den Bruder jenes Mädchens beſtimmt. Als er ſich aber nach jenem Vorfalle ſo gänzlich hülflos fand, ſah er ſich gezwungen, ſie ſelber anzunehmen, und Johann Chriſtian Blaffer iſt nun jüngſter Commis der Handlung von Johann Chriſtian Blaffer und Compagnie.“ „Ah!“ machte der Baron erſtaunt.„Da wäre ihm viel⸗ leicht doch beſſer geweſen, wenn ihm jenes Geſpenſt, aber nicht abrathend, erſchienen wäre. So ſein Leben zu beſchließen iſt ſchrecklich.“ 1 „Ja, das iſt ſchrecklich,“ ſagte auch Herr Beil, indem er ſeinen Kopf tief auf die Bruſt ſinken ließ.„Für meinen ehe⸗ maligen Collegen, den Lehrling des Hauſes, ihren Bruder, habe ich nach meinen geringen Kräften geſorgt, aber weiter zu thun war mir unmöglich.“ Der Andere ſchaute einen Augenblick ſtumm vor ſich nieder, es ſchienen ihn ernſte, finſtere Gedanken zu bewegen, er preßte Hackländer, Europ. Selavenleben. IV. 22 338 Vierundachtzigſtes Kapitel. die Lippen auf einander, dann ſeufzte er und zuckte mit den Achſeln.„Wer weiß,“ murmelte er darauf nach einer Pauſe vor ſich hin,„ob es am Ende nicht doch noch beſſer wäre, Johann Chriſtian Blaffer zu ſein.— Aber über dieſe Phantaſteen vergeſſe ich unſere Geſchäfte. Noch Eins. Sie werden bei meinen Papieren finden, daß ich eine kleine Summe zur Unterſtützung anwies, zur Unterſtützung für arme, zweideutige Geſellen wird ſie die redliche Welt nennen, die ſich vielleicht nach längerer oder kürzerer Zeit bei Ihnen melden werden.— Verſtehen Sie mich?“ Herr Beil nickte mit dem Kopfe. „Es iſt für den Fall, daß ich länger abweſend ſein ſollte.“ In dieſem Augenblicke öffnete der Kammerdiener leiſe die Thüre, der Baron wandte den Kopf nach ihm um und bemerkte wohl, daß der alte Mann was Außerordentliches zu melden habe, denn ſein ſonſt ſo ruhiges Geſicht trug den Ausdruck großer Be⸗ ſtürzung, auch hatte er die Thüre ganz gegen ſeine Gewohnheit ziemlich haſtig aufgeriſſen.„Gnädiger Herr!“ ſtotterte er, nich weiß nicht, was das bedeuten ſoll; als ich eben zufällig zum Fenſter hinausblickte, bemerkte ich zwei Männer vor der Haus⸗ thüre, welche dieſelbe angelegentlich zu betrachten ſchienen. Beim Schein der Gaslaternen ſah ich auch ein verdächtiges Funkeln an ihrer Kleidung, entweder Waffen oder meſſingne Knöpfe, welche ja nur das Militär zu tragen pflegt oder Polizeibeamte. Um mich zu überzeugen, ob ich recht geſehen, ging ich die Treppen hinab und trat an die Hausthüre. Ja, gnädiger Herr, ich hatte mich nicht geirrt, es ſind wirklich Poltzeibeamte, welche mir, Ihrem Kammerdiener, den Austritt aus Ihrem eigenen Hauſe verwehren wollten.“ „Schon jetzt?“ ſagte ruhig Herr von Brand, indem er einen Blick auf die Uhr warf.„Doch ja, es iſt drei Viertel auf Neun. — — Whiſt mit dem todten Mann. Teufel auch, lieber Beil,“ wandte er ſich haſtig an Dieſen,„wir haben zu lange geplaudert. Sehen Sie, wie es einem gehen kann; ich hatte mir vorgenommen, einen recht ſchnellen Abſchied von Ihnen zu nehmen, und nun hielt ich Sie hin, weil ich Sie lieb habe, weil es mir am heutigen Abend ſchwer fiel, Sie, einen meiner beſten Freunde, mit einem flüchtigen Händedruck zu ver⸗ abſchieden.“ „Und warum umſtellt man das Haus?“ fragte Herr Beil auf's Höchſte überraſcht.„Wußten Sie darum, gnädiger Herr?“ „So genau,“ entgegnete lächelnd Herr von Brand,„und ſo mit allen Nebenumſtänden, daß ich Ihnen vorausſagen kann: Punkt neun Uhr wird Seine Excellenz der Herr Polizeidirector in höchſteigener Perſon erſcheinen, um mich zu verhaften.“ „Herr Gott im Himmel!⸗ Und das ſagen Sie ſo ruhig?“ rief erſchreckt Herr Beil aus, während der Kammerdiener ſtumm die Hände rang. „Allerdings ſage ich Ihnen das ſehr ruhig,“ entgegnete der Baron.„Wiſſen Sie, zwiſchen Verhaftenwollen und wirklich Verhaften iſt immer noch ein kleiner Unterſchied. Und dann bedenken Sie mein gutes Gewiſſen.“ Mit dieſen Worten öffnete der Baron ein kleines Käſtchen auf dem Tiſche, nahm ſich eine Cigarre heraus und bot auch dem Herrn Beil eine an, welcher ſie aber kopfſchüttelnd und erſtaunt einen Schritt zurückweichend ablehnte. Nachdem ſich der Baron die ſeinige angezündet, gab er ſeinem Kammerdiener einen Wink, worauf ſich dieſer anſchickte, das Zimmer zu verlaſſen. Ehe derſelbe aber zur Thüre hinaus ging, rief er ihm noch nach:„Melde mir jeden Beſuch recht frühzeitig.“ Darauf machte er ein paar Gänge durch's Zimmer und ſtellte ſich alsdann vor Herrn Beil hin, indem er ihm ſagte: „Obgleich ich alles das kommen ſah, obgleich ich wohl wußte, 22* 85 ———— 2 * —— * ——— 340 Vierundachtzigſtes Kapitel. daß mein Wagen ſtark den Abhang hinabrollt, ſo geſtehe ich Ihnen offenherzig, daß mir allerdings jener Umſtand unerwartet kam, der mir, um das eben angedeutete Bild fortzuſetzen, die Zügel aus der Hand ſchnellte und die Pferde durchgehen machte. Doch glauben Sie mir, ich habe ſie jetzt wieder in meiner Hand, bin aber nicht mehr im Stande, ihren raſenden Lauf dem Ab⸗ grunde zu aufzuhalten; nur liegt es noch in meiner Macht, mir die Stelle auszuſuchen, wo mein Fahrzeug zerſchellen ſoll und ich untergehen. Und das habe ich bereits gethan,— ich ſehe ſie vor mir.—— Um weniger in Bildern zu reden,“ fuhr er nach einer Pauſe lächelnd fort,„ſo war es vielleicht noch geſtern möglich, der mir drohenden Verhaftung zu entgehen; aber einmal das Feld heimlich verlaſſen, gebe ich allen Verläum⸗ dungen, allen Gerüchten das vollkommenſte Recht, über mich herzufallen. Mein Name iſt auf ewige Zeiten gebrandmarkt,— und das,“ ſetzte er mit gefälligem Tone hinzu,„möchte ich gar zu gern vermeiden.“ „Aber der Polizeipräſident wird gegen Sie keine Schonung kennen. Hat er nicht die gegründetſte Urſache, Sie zu haſſen?“ „Sie meinen ſchon wegen ſeiner Tochter, der armen Auguſte?“ entgegnete Herr von Brand mit einem Seufzer.„Da haben Sie allerdings Recht. Aber glauben Sie nicht, daß ich eine Schonung von ihm verlange; ich habe mich ſelten in meinen Berechnungen getäuſcht und es ſollte mich Alles trügen, wenn mir nicht in ein paar Stunden erlaubt wäre, eine kleine Luſtfahrt zu machen, und wenn ich nicht morgen um dieſe Zeit,“ ſetzte er mit einem düſtern Blicke hinzu,„eine der freieſten Seelen wäre, die ſich je zwiſchen Himmel und Erde befunden.“ Hier ſchwieg er ein paar Secun⸗ den, dann ſagte er in gewöhnlichem Tone:„Aber ich danke Ihnen, lieber Beil, Sie haben mich an etwas erinnert, das ich faſt ver⸗ Whiſt mit dem todten Mann. geſſen hätte.“ Damit ging er auf ſeinen Schreibtiſch zu, öffnete eine Schublade und zog ein kleines verſtegeltes Paketchen heraus. „Dieß,“ ſagte er,„behalten Sie ein paar Tage bei ſich und bringen es alsdann in meinem Namen an ſeine Adreſſe.— Leſen Sie.“ „Fräulein Auguſte.“ Herr Beil blickte erſtaunt in die Höhe. „Es iſt ſo, für die Tochter des Polizeipräſidenten.— Aber,“ ſagte er, plötzlich den Kopf aufmerkſam herumwendend,„ich höre einen Wagen, es wird Seine Durchlaucht ſein. Thun Sie mir den Gefallen, lieber Beil, treten Sie an die Thüre und nehmen, ſobald der Polizeipräſtdent erſcheint,— er wird nicht lange auf ſich warten laſſen,— eine ziemlich reſpektvolle Stellung an.— So ungefähr,“ ſprach er luſtig,„wie vielleicht an jenem Tage, als Sie ſich dem Herrn Blaffer vorſtellten.— Ruhig!“ „Seine Durchlaucht, der Herr Herzog,“ meldete der Kam⸗ merdiener mit einem ſehr bleichen Geſicht, dann ſetzte er leiſer hinzu:„Seine Excellenz, der Herr Polizeidirector traten auch ſo eben in das Haus.“ „Sind mir ſehr willkommen,“ erwiederte Herr von Brand ruhig.„Aber noch Eins, Friedrich“— mit dieſen Worten hielt er den Kammerdiener zurück,—„leg' in's Vorzimmer auf einen Stuhl neben der Thüre meinen Mantel und Hut und unter den⸗ ſelben die neuen Piſtolen, welche man mir heute Morgen gebracht.“ „Piſtolen?“ fragte erſchreckt Herr Beil. „Duell⸗Piſtolen,“ verſetzte Herr von Brand, indem er die erſten Sylben mit ſtarker Betonung ausſprach.„Ich habe morgen ein kleines Rencontre.— Vergiß mir die Piſtolen nicht, dann laß an allen Thüren die Portièren herab.— An Ihren Platz, Herr Seeretär.“ In dieſem Augenblick trat der Herzog ein, ziemlich geräuſch⸗ * —— 8 3 — — 342 Vierundachtzigſtes Kapitel. voll wie immer und laut lachend.„Nehmen Sie mir es nicht übel, lieber Baron, rief er ſchon im Vorzimmer,„da unten an Ihrem Hauſe ſehe ich verteufelte Anſtalten. Was haben Sie denn in's Kukuks Namen mit der heiligen Hermandad zu ſchaffen?“ „Coeur de rose! iſt das 1 niht unangenehm!“ lachte de Baron.„Aber Euer Durchla ſollen die Urſache gleich er⸗ fahren. Nicht wegen einer Memngen t erlaubte ich mir, Si her zu bitten. Sie hatten mehrmals die Gnade, mich Erkenntlichkeit zu verſichern und vorkommenden Falls Ihre Hülfe zu geloben. Ich muß dieſelbe für heute Abend in Anſpruch nehmen.“ „Thun Sie das, beſter Baron; Sie werden ſehen, ob Sie einen Undankbaren an mir finden. Ich werde Ihre großen Dienſte nie vergeſſen, obgleich unſer letzter Coup, der mit den Achſelbändern, gegen uns ſelbſt explodirt hat. Sie wiſſen doch bereits, daß die Verlobung zwiſchen Enenie und Graf Fohrbach beſtimmt iſt und morgen beim Diner des Kriegsminiſters declarirt werden ſoll, auch daß die Hochzeit in ganz kurzer Zeit ſtattfinden wird? O die Undankbare!“ — „Ja, ſie hat ihren Vortheil nicht verſtanden,“ entgegnete 9 3 Herr von Brand mit einem ironiſchen Lächeln. „Aber ſchnell, beſter Baron!“ rief der Herzog,„womit kann ich Ihnen dienen? Sie wiſſen, daß ich immer preſſirt bin, namentlich heute Abend. Unter uns geſagt, man ſtellt im kleinen Cerele ein neues Ehrenfräͤulein vor. Die Stelle der ſtolzen Eugenie muß doch beſetzt werden und dabei— 4 „Dürfen Sie Glücklicher zugegen ſein.— Alſo keine Zeit verloren, ſchnell zu unſerem Geſchäft. Sie haben die Polizei geſehen?“ „Pfui Teufel! ja.“ ν☛ Whiſt mit dem todten Mann. 343 „Haben Euer Durchlaucht geſtern oder heute keine Gerüchte über mich in der Stadt gehört?“ Der Herzog ſann einen Augenblick nach.„Ja, verſteht ſich!“ rief er alsdann,„Duell mit Herrn von Dankwart. Er widerſpricht freilich, aber die Stadt iſt voll davon.—— Ah, Teufel! jetzt verſteh ich. Das will man verhindern.“ „So ſcheint es.“ „Sie haben Hausarreſt!“ „Ich vermuthe faſt.“ „Ah! Das leiden wir nicht. Und wollen Sie nicht mehr als meine Hülfe, um dieſer Polizei unten eine Naſe zu drehen?“ „Richt blos der Polizei da drunten allein,“ verſetzte laut lachend der Baron,„ſondern auch Seiner Excellenz, dem Präſi⸗ denten, der jeden Augenblick erſcheinen kann, natürlicher Weiſe, um ſich wegen der genommenen Maßregeln“— ſetzte er in leich⸗ tem Tone hinzu,—„gegen mich zu entſchuldigen.“ „Vortrefflich! Deuten Sie mir aber nur gefälligſt das Wie ein wenig an.“ „Vor allen Dingen,“ erwiederte der Baron, indem er auf Beil wies,„ſteht dort der Secretär Euer Durchlaucht,— ein junger, talentvoller Arzt,“ ſagte er flüſternd,„den ich vielleicht morgen nothwendig brauche.“ „Schön, ſchön,“ bemerkte lachend der Herzog.„Alſo mein Secretär, den ich natürlicher Weiſe nach Hauſe ſchicke, ſobald der Präſident da iſt. Aber nun die weitere Inſtruetion.“ „Seine Excellenz, der Herr Polizeipräſtdent,“ meldete der Kammerdiener mit zitternder Stimme. „Aeußerſt angenehm!“ rief der Baron ſehr laut, dann ſagte er eilig und flüſternd zum Herzog:„Sie ſind indignirt, gnädiger Herr, Poltzei auf der Treppe des Hauſes zu finden, 344 Vierundachtzigſtes Kapitel. das Sie mit Ihrem Beſuch beehren, und entfernen ſich ſo bald als möglich.“ Nach dieſen Worten wandte er ſich raſch herum und eilte dem Präſidenten mit dem Ausruf entgegen:„Ah! wie glücklich macht es mich, Euer Ercellenz ſo ſpät bei mir zu ſehen. Doch nicht unerwartet,“ ſetzte er etwas pikirt ſcheinend hinzu. „Euer Excellenz haben ſich, wie mir mein Kammerdiener ſagte, ſchon vor mehr als einer Stunde drunten anmelden laſſen.“ Daß der Polizeipräſident die Wohnung des Barons, geſtern noch ſein zukünftiger Schwiegerſohn, heute— o, es war ſchreck⸗ lich, nur daran zu denken!— mit einem beklemmenden Gefüͤhl betrat, war gewiß ſehr zu entſchuldigen. Doch obgleich ſein Herz heftig ſchlug, obgleich ſeine Augen etwas zwinkerten und ſeine untere Kinnlade ein wenig bebte, ging er doch aufrechten Hauptes, mit hoch emporgehobener Naſe dieſem großen Momente entgegen. Er wußte, wem er im nächſten Augenblick entgegen treten würde; die vier Polizeibeamten hatten ihre Schande nicht verſchweigen können und wehklagend berichtet von dem Flüchtlinge, den ſie in jener Nacht verfolgt, hatten ſein Aeußeres beſchrieben und daß er bei dem Garten des Polizeipräſidenten verſchwunden ſei. Ent⸗ ſetzlich genug für Seine Ercellenz, denn Jener hatte darauf ſeine Wohnung betreten und hatte des Präſtdenten eigene Tochter auf den Hofball geführt. Aufgeſtachelt durch all das hatte der Prä⸗ ſident den Wirth des Fuchsbaues einſetzen laſſen, der übrigens Alles hartnäckig läugnete; ebenſo Herrn Sträuber, der ſich je⸗ doch nicht lange bitten ließ, ſo vollſtändig zu beichten, als man nur wünſchen konnte. Auch hatte Letzterer Zerknirſchung und Reue geheuchelt, hatte jammernd verſichert, wie glücklich er ſich fühle, daß jenes elende Leben aufhöre, und daß ihm nun endlich Gelegenheit gegeben würde, in der ſtillen Zelle eines Gefäng⸗ niſſes über ſeine Vergangenheit nachdenken zu dürfen. Herr “ — Whiſt mit dem todten Mann. Sträuber war ein Mann von Umſicht und Phantaſte, ihm war es nicht unbekannt, daß man bei einem unumwundenen Geſtänd⸗ niſſe den Inculpaten der Gnade zu empfehlen pflege, er wußte ferner, daß es ihm mit einiger Heuchelei gelingen könne, ſelbſt im Zuchthauſe nach und nach zu einer würdigen Stellung zu ge⸗ langen, vielleicht Aufſeher irgend einer Werkſtätte zu werden. Dann dachte er auch: die Gefangenſchaft wird nicht ewig dauern, und wenn ich herauskomme, werden die kleinen Kapitälchen, bei den Damen Becker und Schwemmer angelegt, unterdeſſen auch ihre Zinſen getragen haben. Dieß machte ihn biegſam und nach⸗ giebig, und dieſe Nachgiebigkeit hatte ihm ſogar die Gunſt des Präſtdenten verſchafft. Dieſer, der wohl wußte, daß es bei der Gewandtheit des Barons gefährlich ſei, und auch für ihn als Vater unangenehm, ſich mit demſelben in Erörterungen einzulaſſen, hatte ſich vorge⸗ nommen, ihm mit einem kurzen:„im Namen des Königs!“ ent⸗ gegen zu treten. Deßhalb ſtierten ſeine Augen gerade aus, deß⸗ halb war ſeine Naſe ſo drohend gerichtet, und ſchon wollte er den Mund öffnen, als er zu ſeiner großen Beſtürzung den Herzog erblickte, der ſich in einen Fauteuil geworfen hatte, lachend ein Bein über das andere ſchlug und Seiner Excellenz auf's Aller⸗ freundlichſte einen guten Abend bot. Der Präſident in ſeinem Imtseifer befand ſich im Zuſtand eines Rennpferdes, dem plötz⸗ lich die Bahn verſperrt iſt, und das nun mit den Zügeln gewalt⸗ ſam zurückgeriſſen werden muß. Sein Zügel aber war die Naſe, die er beim Anblick des Herzogs haſtig ergriff, ziemlich unſanft herabdrückte, alſo parirte und zu gleicher Zeit vor dem Angehöri⸗ gen des königlichen Hauſes eine Verbeugung zu Stande brachte. Ja, in der That, der Präſident war unangenehm überraſcht, den Herrn Herzog hier zu finden, auch klang das Lachen Hoch⸗ 346 Vierundachtzigſtes Kapitel. deſſelben etwas herausfordernd, ebenſo der Ton, mit dem er ihm ſeinen guten Abend bot. Auf die Bemerkung des Barons von vorhin eingehend, ſagte er alsdann:„In der That, Euer Excel⸗ lenz waren vortrefflich angemeldet. Alle Wetter! ſo viel Lärmen um Nichts.— Bitt' tauſendmal um Verzeihung!“ corrigirte er ſich,„ich will damit ſagen, es ſei eigentlich Lurus, eine ſo große Macht aufzubieten, wegen ſo geringfügiger Urſache. Denn wir kennen genau den Zweck ihres Beſuchs, nicht wahr, Baron?“ „Vollkommen,“ entgegnete Dieſer, wobei er ſeine Cigarre dem Herzog hinhielt, der die ſeinige damit anzündete.„Excellenz rauchen nicht?“ wandte er ſich hierauf verbindlich an den Chef der Polizei. Dieſer war mehr und mehr überraſcht; er hatte geglaubt, ja ſich damit geſchmeichelt, ſein Erſcheinen mit bewaffneter Macht werde eine unſägliche Beſtürzung bei dem Baron hervorbringen, und jetzt that derſelbe, als ſähe er durchaus nichts Auß hergewöhn⸗ liches darin, ja, er und der Herzog nannten dieſe Urſache eine ganz geringfügige. Der Präſident befühlte ſeine Naſe, er klapste leicht mit dem Finger daran, hob ſie aber alsdann hoch empor, als ihm der Baron einen Fauteuil hinrollte, in den er ſich, ob⸗ gleich ſehr würdevoll, niederließ. Jetzt erinnerte ſich Seine Durchlaucht Höchſt Ihres Seere⸗ tärs und ſagte dem Herrn Beil, indem er ſich lange in dem Fau⸗ teuil ausſtreckte:„Sie können jetzt gehen, ich habe nichts mehr ür Sie.“ Dieſer hatte ſich ſo aufgeſtellt, daß ihn der Präſident nicht ſehen konnte, und bei dem Befehl des Herz zogs zog er ſich augen⸗ blicklich hinter die Portièren in's Vorzimmer. Doch hatte er das Gemach noch nicht lange verlaſſen, als der Kammerdiener des Barons hereintretend meldete:„Die auf der Treppe aufgeſtellten — Whiſt mit dem todten Mann. hm Polizeibeamten weigerten ſich, den Seeretär Seiner Durchlaucht n paſſiren zu laſſen.“ 11 el⸗:.* ren V„Wie iſt das, Ereellenz? fragte der Herzog ſcheinbar er⸗ 3 er zürnt den Chef der Polizei.„Man will meinen Secretär nicht 6 z5 paſſtren laſſen? Haben Excellenz,“ fügte er mit ſehr ſchneidendem 4 vir Tone bei,„vielleicht den Befehl dazu gegeben oder iſt die Sache— Mißverſtändniß? Ich denke wohl das Letztere, Herr Präſtdent, lre und bitte, daß daſſelbe bald möglich aufgeklärt werde.“ nz Der Chef der Polizei war einigermaßen betreten, beeilte ſich jef aber, dem Herzog mit einer tiefen Verbeugung zu erklären, daß hier ſelbſtredend ein Mißverſtändniß obwalte, doch werde er augen⸗ öt, blicklich den Befehl geben, dem Secretär Seiner Durchlaucht den ht Weg frei zu laſſen. n,„Bravo! vortrefflich!“ flüſterte leiſe der Baron. n⸗„Ueberhaupt muß ich mir erlauben,“ fuhr der Herzog fort, ne„Euer Excellenz zu bemerken, daß ich es, mildeſtens geſagt, für te etwas ſtark halte, mit Polizei die Treppe eines Hauſes zu beſetzen, r, wo ich mich gerade befinde. Wenn Sie das nicht fühlen, Herr b⸗ Präſident, ſo erlaube ich mir, es Ihnen zu ſagen.“ „Euer Durchlaucht werden zu Gnaden halten,“ entgegnete ⸗ Seine Ercellenz,„aber ich verſichere Sie, ich hatte keine Ahnung 5 davon, den Herrn Herzog hier zu finden. Gewiß, keine Ahnung,“ hr ſetzte er mit einem Seitenblick auf den Baron hinzu;„es hat 8 mich wahrhaftig überraſcht. Doch werde ich mich beeilen zu thun, ht was ich in der That Euer Durchlaucht ſchuldig zu ſein glaube.“ 15 Nach einer tiefen Verbeugung ging er alsdann in das Vorzimmer, 3 und man hörte ihn mit lauter Stimme befehlen:„Der Secretär 8 Seiner Durchlaucht paſſirt, auch ſollen ſich die Leute von der 1 Treppe vor das Haus zurückziehen.“ Daß er dagegen einem der Vierundachtzigſtes Kapitel. Polizeicommiſſäre zuflüſterte, in das Vorzimmer zu treten, und ſich in die Fenſterniſche zu ſtellen, hörte man nicht. Nun ſchnell, meine Inſtruction!“ flüſterte drinnen der 2 7 „Iſt faſt unnöthig, bei der mir bekannten hohen Intelligenz Euer Durchlaucht. Verzeihen Sie mir, aber Entfernung ſo bald wie möglich.“ Bei dieſen Worten rauſchten die Thürvorhänge, und als der Präſident hierauf eintrat, ſagte der Herzog gähnend und wie gelangweilt:„Es iſt heute Abend verdrießlich bei Ihnen, Baron, ich ziehe mich zurück. Sieht man Sie morgen?“ „O ja, ich hoffe, Sie werden mich ſehen, gnädigſter Herr,“ verſetzte der Baron und fügte lächelnd bei:„Wenn bis dahin mein Hausarreſt vorüber iſt.“ „Das verſteht ſich doch wohl von ſelbſt,“ ſprach der Herzog. „Nicht wahr, Herr Präſident? Und auf alle Fälle, wenn man 1 Sie nicht losläßt, ſo engagire ich den Major, hieher zu kommen, — vielleicht auch wird uns Seine Excellenz ſelbſt das Vergnügen machen, einer Partie Whiſt à trois zu aſſiſtiren.“ k Der Baron lächelte ſo ſonderbar, als er darauf entgegnete: n „Eine charmante Idee, Whiſt à trois— mit dem todten Manne.“ Hierauf fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn und fuhr in B gefälligem Tone fort:„Ehe Euer Durchlaucht gehen, erlaube de ich mir noch eine Bitte auszuſprechen. Darf ich zwei Zeilen ze ſchreiben und Sie damit beläſtigen? Die Adreſſe iſt Ihnen ſehr da bekannt.“ „Mit Vergnügen,“ erwiederte der Herzog.„Ihr Kammer⸗ an diener ſoll unterdeſſen meinen Wagen vorfahren laſſen.“ er Während der Herzog in's Vorzimmer ging, ſchrieb der Ba⸗ fre ron einige Zeilen, doch ſtreckte Seine Durchlaucht gleich darauf an den Kopf durch die Portièren herein und rief lachend:„Ich be⸗ αε darf eines Befehls Euer Excellenz, um fortfahren zu können. Teufel, Baron! Sie ſind gut bewacht.“ „Ich ſelbſt fange an das zu glauben,“ entgegnete Dieſer, indem er ſein Billet faltete und es dem Herzog übergab.„Gleich nachher zu übergeben,“ ſprach er mit ſcharfer Betonung. Der Präſident hätte gar zu gern die Adreſſe geſehen, da er vermuthete, der Brief ſei an eine allerhöchſte Perſon gerichtet. „Ich laſſe Sie alſo allein,“ ſagte der Herzog,„allein mit unſerem größten Tyrannen. Aber ſeien Sie menſchlich, Herr Präſident; vergeſſen Sie das Sprichwort nicht: Eine Hand waſcht die andere, das hei Baron aus der Patſche, ſamkeit erregt, werden.“ ßt, wenn ich kann, ſo helfe ich dem denn weßwegen er heute Ihre Aufmerk⸗ dafür kann ich Ihnen morgen ebenfalls empfohlen „Das wäre erſchrecklich,“ meinte Seine Excellenz. „Aber es iſt ſo,“ ſprach beſtimmt der Herzog.„Zum Hen⸗ ker! man muß uns jungen Leuten nicht alle Freiheit nehmen wollen.“ Der Präſtdent machte eine tiefe Verbeugung, und als der Baron dieß ebenfalls that, ohne von der Stelle zu gehen, ſagte der Herzog:„Ich hoffe, Sie werden mich doch bis zen Ihres Reichs begleiten, wenigſtens bis das anzuſprechen.“ Herr von Brand warf achſelzuckend und lächelnd einen Blick auf den Präſidenten, der ſelbſt im Zweifel zu ſein ſchien, was er thun ſolle. Doch faßte er ſich ſchnell und bemerkte mit einem freundlichen Grinſen:„Euer Durchlaucht haben die Gnade, uns an unſere Schuldigkeit zu erinnern. Auch ich werde die Ehre haben, Sie bis an die Treppe zu begleiten; muß ich doch auch den Befehl geben, daß man Sie paſſtren läßt,“ ſetzte er lächelnd an die Gren⸗ zur Treppe. Ich habe Whiſt mit dem todten Mann. 349 — 350 Vierundachtzigſtes Kapitel. hinzu. Damit faßte er triumphirend ſeine Naſe und ging hinter dem Herzog und vor dem Baron in das Vorzimmer, nicht aber ohne einen Blick hinter ſich zu werfen, ob ihm Dieſer auch folge. „Dabei bitte ich aber,“ ſprach luſtig der Herzog,„daß Sie meinen Namen nicht hinab rufen. Der Teufel auch, die Leute draußen, die Ihre Polizei ſehen, könnten ja glauben, der Baron und ich wir ſeien in Ausübung Gott weiß welchen Verbrechens hier abgefaßt worden.“ In dem Vorzimmer angekommen blieb Seine Durchlaucht ſtehen, huſtete einigermaßen verlegen, denn ihm fehlte alle In⸗ ſtruction zur weiteren Hülfe. Doch faßte er plötzlich einen ſehr glücklichen Gedanken, und als der Präſident, der zur Treppe gegangen war und hinabgerufen hatte:„Man läßt den Herrn, der jetzt kommt, paſſiren!“ reichte er dem Baron zum Abſchied die Hand und dann traten alle Drei auf den Vorplatz an die Treppe. In dieſem Augenblick hatte auch der Commiſſär ſeinen Platz am Fenſter verlaſſen und ſich der Thüre genähert, welche ſich nur einen Schritt von dieſer Treppe befand; der Baron da⸗ gegen hatte im Herausgehen einen bedeutungsvollen Blick mit ſeinem Kammerdiener gewechſelt, der auch vollkommen zu ver⸗ ſtehen ſchien, um was es ſich hier handle, und, anſcheinend ganz abſichtslos, die offenſtehende Thüre des Vorzimmers gegen die Treppe hin, mit der Hand faßte. Der Herzog, der ſeine Rechte auf das Treppengeländer leg hob ſeinen Fuß, um hinunterſteigend auf die erſte Stufe zu tre⸗ ten. Doch zog er ihn wieder zurück, ſchlug ſich an die Stirn und ſagte:„Wie kann man auch ſo vergeßlich ſein. Habe ich doch für Euer Excellenz eine Nachricht von ziemlicher Wichtigkeit.“ Damit faßte er den Rockknopf des alten Herrn und machte einen Schritt gegen das Vorzimmer zurück.„Heute Abend,“ bemerkte te, C än vo fa nel mi He „N dief Con chen müf der, Poli Vor ſeine daß erwa Whiſt mit dem todten Mann. er hierauf, indem er jedes Wort ſehr langſam ausſprach,„war Familiendiner,— Familiendiner, acht Couverts.“ Der Herzog ließ den Rockknopf nicht los und ſtand jetzt wieder auf der Schwelle des Vorzimmers. Der Präſident, der dieſe wichtige Nachricht nicht verlieren mochte, folgte ihm, ließ aber zu gleicher Zeit den Baron nicht aus dem Auge, der ganz ruhig an dem Treppen⸗ geländer lehnte und, wie aus Discretion, zurückblieb.—„Acht Couverts,“ fuhr der Herzog fort,„und Seine Majeſtät waren äußerſt gnädig.— Bei dem Deſſert ſprachen Allerhöchſtdieſelben von dem bewußten Vorfalle— Sie erinnern ſich doch des Vor⸗ falls, Herr Präſident?“— „Ich weiß in der That nicht, was Euer Durchlaucht mei⸗ nen,“ verſetzte Jener unaufmerkſam, indem er dem P olizeicom⸗ miſſär einen Wink gab und mit den Augen auf die Treppe deutete. „Wie Sie vergeßlich ſind, beſter Präſident!“ ſagte der Herzog, der nun einen Schritt von der Thüre entfernt ſtand. „Nun, ich meine den Vorfall mit der Baronin von W.“ Bei dieſen Worten hatte er ſo vortrefflich manöyrirt, daß der Poltzei⸗ Commiſſär, der ſich unverholen näherte, die Thüre nicht errei⸗ chen konnte, er hätte denn den Herzog auf die Seite drücken müſſen. Der Baron lehnte noch immer ruhig an dem Treppengelän⸗ der, und dieſe Unbeweglichkeit war wohl Schuld daran, daß der Polizeicommiſſär keinen gewaltſamen Verſuch machte, auf den Vorplatz zu gelangen. Der Kammerdiener hielt mit zitternder Hand die Thüre, und ſeine Blicke bohrten ſich in die Augen des Herzogs. Er fühlte es, daß er in dieſem wichtigen Momente von demſelben einen Wink erwarten mußte. „Man iſt mit Ihrem Benehmen ſehr zufrieden,“ flüſterte der 352 Vierundachtzigſtes Kapitel. Herzog,„ſehr zufrieden.“ Damit erhob er ſeine Augen, maß den Raum zwiſchen ſich und der Thüre, blickte den Kammerdiener eine Seeunde feſt an, und deſſen Abſicht durchſchauend nickte er leicht mit dem Kopfe. Die Thüre flog zu, der Präſident ſchrie laut auf, der Polizei⸗ Commiſſär rannte an das Fenſter, und während der Herzog wie ein Beſeſſener lachte und jubilirte, hörte man drunten vor dem Hauſe das Rollen eines Wagens und den ſcharfen Trab zweier ungeduldigen Pferde, die des langen Wartens müde, nun mit voller Kraft über das Pflaſter dahingingen. Man konnte nicht drei Secunden zählen, ſo wurde das Rollen ſchwächer und verlor ſich in der Ferne. In dieſen drei Secunden aber war die Beſchäf⸗ tigung der Anweſenden im Vorzimmer des Barons ſehr bemer⸗ kenswerth und bezeichnend. Kaum hatte der Kammerdiener die Thüre zugeſchlagen, ſo warf er ſich mit ſeinem Körper gegen dieſelbe und mit einem Blicke, als wollte er ſagen: nur über meine Leiche geht der Weg über dieſe Schwelle, einem Blicke, vor dem der Präſident, der hinaus wollte, zurückſchrack und darauf in ſeiner Gemüthsbewegung mit beiden Händen an ſeiner Naſe riß, wie es andere Menſchen wohl mit ihren Haaren zu machen pflegen. Der Polizeicommiſſär hatte verſucht, ein Fenſter zu öffnen, doch war daſſelbe von innen mit feſtſchließenden Läden verſehen, und ehe er die Riegel derſelben losbrachte, deutete ihm ſchon das Rollen des Wagens an, daß alle ſeine Bemühungen vergebens ſeien. Der Herzog hatte ſich in einen Stuhl geworfen, und je größer augenblicklich die Verwirrung im Zimmer war, deſto toller lachte er. „Wir haben ja einen reitenden Gensdarmen in der Nähe,“ ſprudelte endlich der Präſident, zu gleicher Zeit heftig nach Athem verhindern.“ um darauf wieder Whiſt mit dem todten Mann. ſchnappend, hervor. ſetzen.“ „Der Gensdarme müßte ein vortre jubelte der Herzog,„wenn er meine Ungarn einholen wollte.— Ah! der Spaß wäre für eine Million nicht zu theuer.“ Jetzt erſt fielen die umherirrenden Blicke des Präſtdenten auf Seine Durchlaucht, und ſeine Hände, die ſich krampfhaft öff⸗ neten und ſchloßen, ſchlugen nun heftig zuſammen, indem er ver⸗ zweiflungsvoll ausrief:„Und Sie können über dieſe entſetzliche Geſchichte lachen, wie— wie— o Gott! nein, wiſſen denn Euer Durchlaucht auch— ℳ „O ich weiß Alles,“ ſtickend. ffliches Pferd haben,“ ſagte der Herzog, vor Lachen faſt er⸗ „Daß der Baron— verhaftet werden ſollte—“ „Von einer halben Compagnie Poltzeiſoldaten, geführt von mehreren Commiſſ ſſären und befehligt von dem Chef der Polizei in Perſon. Das iſt ja gerade der Hauptſpaß. Nehmen Sie mir nicht übel, Excellenz, das iſt eine Geſchichte für das morgige Frühſtück, die nicht zu bezahlen iſt.“ „Gerechter Gott! bin ich denn ein Narr oder—“ hier ſchien der Präſident ſich wegen dieſer wichtigen Frage bei ſeiner Naſe Raths erholen zu wollen. Er hielt ſte ein paar Secunden feſt, dann aber ſagte er mit vor Bewegung zitternder Stimme: „Alſo Euer Durchlaucht wiſſen Alles?“ „Alles, Exeellenz.“ „Daß der Baron verhaftet werden ſollte?“ „Alles— um ein Duell mit dem Herrn von Dankwart zu Bei dieſen Worten fuhr der Präſident einen Schritt zurück, zwei vorwärts zu ſchnellen, bis dicht vor Seine Europ. Sclavenleben. IV. 23 Hacklander, 353 „Laſſen wir augenblicklich dem Wagen nach⸗ * 354 Vierundachtzigſtes Kapitel. Durchlaucht, welcher ob dieſer heftigen Bewegung mit ſeinem Lachen plötzlich inne hielt und erſtaunt aufblickte. Dabei hob der Präſident die Hände gen Himmel und ſchrie:„Nein! nein! nein! O über die Thorheit von euch jungen Leuten!— Der Baron— Gott verdamm' ihn!— O was Baron!— wegen eines Duells, glauben Sie, hätte ich ihn verhaften wollen?— Wiſſen Euer Durchlaucht, wem Sie fortgeholfen haben?— dem Chef einer Räuberbande, dem gefährlichſten Menſchen im ganzen König⸗ reiche.— O heilige Vorſehung! Ich hatte ihn ſo gut in meiner Hand— und jetzt!“—— Damit ſchien ihn alle Kraft verlaſſen zu haben, er warf noch einen wehmüthigen Blick auf die linke, leere Seite ſeines Fracks, und knickte darauf zuſammen wie ein Taſchenmeſſer. Ja, er wäre unfehlbar auf den Boden nieder⸗ geſunken, wenn ihn nicht der Commiſſär mit ſtarkem Arme auf⸗ gefangen hätte. An deſſen blauem Buſen— er trug nämlich eine Uniform von dieſer Farbe— erholte er ſich langſam wieder, faltete dann trauernd ſeine Hände und wandte ſeinen Kopf herum, indem er ſprach:„Braun, wer uns das vor einer Stunde pro⸗ phezeit hätte!“ Der Herzog war übrigens bei den Worten, welche ihm die Excellenz vorhin zugerufen, wie ein Bild der höchſten Ueber⸗ raſchung dageſeſſen. Jedes Lächeln war von ſeinem Geſichte ver⸗ ſchwunden, und da er an dem Jammer, in dem ſich der Präſi⸗ dent befand, wohl ſah, daß ſich dieſer würdige Staatsbeamte keinen Scherz mit ihm erlaubte, ſo biß er ſich heftig auf die Lip⸗ pen und ſagte, indem er die Augenbrauen finſter zuſammenzog: „Alle Teufel! Herr Präſident, das hätten Sie mir auch ſchon vorhin ſagen können!“ „Ließen Sie mich denn zu Worte kommen!“ jammerte der Andere.„Zuerſt mußte ich die fabelhafte Geſchichte von dem Whiſt mit dem todten Mann. 355 Diner hören, an der— ich bitte um Verzeihung— gewiß kein wahres Wort iſt; und dann lachten Sie wie— wie ich in mei⸗ nem Leben nichts Aehnliches gehört. Euer Durchlaucht,“ fuhr er ſich ermannend fort,„das iſt ein ſchlimmer Handel. Ich hätte natürlicher Weiſe keine Rückſichten ſollen gelten laſſen. Aber wie mir Euer Durchlaucht mitgeſpielt, das kann ich unmöglich Seiner Majeſtät verſchweigen.“ Der Herzog zuckte die Achſeln, als wolle er ſagen: daran iſt nichts zu ändern. Dann aber rief er auf einmal:„Warten Euer Excellenz einen Augenblick. Da habe ich ein Schreiben des Barons an Sie. Alle Wetter! das hätte ich beinah' ver⸗ geſſen. Leſen wir, leſen wir, und dann wollen wir Kriegsrath halten.“ Begierig nahm der Präſident das Billet aus den Händen des Herzogs und entfaltete es. Der Polizeicommiſſär hielt das Licht und der Herzog ſchaute dem Präſidenten über die Schulter, während er las: „Euer Excellenz werden es einem alten und genauen Bekannten nicht zu ungnädig nehmen, daß er ſich heute Abend der Ehre Ihrer Geſellſchaft ent⸗ zieht.— Sehr dringende Geſchäfte veranlaſſen mich, heute Nacht und morgen von Hauſe abweſend zu ſein. Da ich aber zu gleicher Zeit überzeugt bin, daß Euer Er⸗ cellenz nicht ohne die triftigſten Gründe mit ſo großem Gefolge in meiner Wohnung erſchienen ſind, ſo werde ich nicht ermangeln, mich morgen um dieſe Stunde hier einzufinden. Indem ich mir erlaube, den Scherz Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs mir zu eigen zu machen, bin ich ſo frei, Euer Excellenz demgemäß auf morgen Abend zu einer Partie Whiſt einzuladen, und zwar à trois mit einem todten Mann.“ 23* 356 Vierundachtzigſtes Kapitel. So las der Präſident, und Alle ſchauten ſich verwundert an; der Commiſſär ſchüttelte den Kopf und Seine Excellenz mein⸗ ten:„Glaub' das der Henker.“ Der Herzog allein nahm die Partei des Verſchwundenen, indem er bemerkte:„Das iſt jedenfalls ein Auswegz; ich bitte, ich beſchwöre Sie, Herr Präſident, warten Sie bis morgen Abend. Wie ich den Baron kenne, bin ich überzeugt, er ſtellt ſich. Deß⸗ halb machen Sie um Gotteswillen heute Abend und morgen kei⸗ nen Lärmen; laſſen Sie Ihren Leuten drunten ſagen, Sie hätten dem Baron wegen eines Duells einen Hausarreſt ankündigen wollen, er ſei aber verſchwunden. Kehrt er morgen Abend zu⸗ rück, ſo machen Sie was Sie wollen, kehrt er nicht zurück, ſo haben Sie immer noch Zeit, die Sache bekannt werden zu laſſen.“ „Was meinen Sie, Braun?“ fragte der Präſident, nach⸗ dem er einen Augenblick überlegt hatte.„Der Karren iſt ſo wie ſo verfahren, und wenn er wirklich wieder käme, ſo hätten wir in der That die ganze blamable Geſchichte nicht zu erzählen.“ Der Polizeicommiſſär zuckte die Achſeln und pflichtete eben⸗ falls nach einiger Ueberlegung Seiner Durchlaucht Meinung bei. „So ſei es denn alſo,“ ſprach beſtimmt der Präſident, in⸗ dem er das Billet wieder zuſammen faltete.„Aber wir, die wir hier beiſammen ſind, geloben uns bis morgen Abend ein feier⸗ liches Stillſchweigen.— Was dieſen alten Herrn da anbelangt,“ fuhr er mit einem Wink auf den Kammerdiener fort,„ſo iſt es meine Anſicht, denſelben ſcharf unter Aufſicht zu halten. Braun, laſſen Sie deßhalb ein paar vertraute Leute im Hauſe.— Und nun,“ ſprach er achſelzuckend und mit einem tiefen Seufzer,„ſind wir fertig, und wenn Euer Durchlaucht alſo befehlen— 4 „Mir thut die verdrießliche Geſchichte wahrhaftig leid,“ ent⸗ gegnete Dieſer, während er ſeinen Hut nahm.„Aber ſeien Er⸗ Whiſt mit dem todten Mann. 357 cellenz verſichert, daß ich Ihnen mit meinem ganzen Einfluß zur Seite ſtehen werde. Thun Sie mir dagegen die Liebe, beſter Präſident, und erzählen mir beim Nachhauſefahren, was es denn eigentlich mit dem Baron für eine Bewandtniß hat.— Horreur! der Chef einer Räuberbande haben Sie geſagt?“ Während Seine Excellenz trübſelig mit dem Kopfe nickte, gingen die Beiden der Treppe zu, doch ehe ſie hinabſtiegen, meinte der Präſident:„Was er nur mit ſeiner Einladung hat ſagen wollen? Zu einem Whiſt à trois mit einem todten Manne! Ich verſtehe das nicht.“—— „Aber ich verſtehe es,“ ſprach tief aufſeufzend der alte Kam⸗ merdiener drinnen im Zimmer; dann ſank er auf einen Stuhl nieder und verbarg ſein Geſicht in beide Hände. 8 —— Fünfundachtzigſtes Kapitel. Des Jägers Bericht. Während geſchah, was wir in den letzten Kapiteln erzähl⸗ ten war der Winter ziemlich vorüber gegangen, und das be . ginnende Frühjahr zeigte ſich ſchon in einzelnen ſchönen, heiteren Tagen,— Tagen, an welchen das Land von der Sonne erwärmt, einen erdigen, aber angenehmen Duft ausſtrömen läßt, wo die Grashalme ſich zu ſtrecken ſcheinen, und die Zweige den innigſten Trieb zeigen, ſich baldigſt mit Knoſpen zu bedecken. Um dieſe Zeit werden die Glashäuſer und Frühbeete nach und nach von ihrer Umhüllung befreit, man lockert die Roſen auf, die während des Winters mit Erde bedeckt, ruhig ſchlummerten, man gibt auch den in ihren gläſernen Käfigen eingeſperrten Pflanzen Luft, indem man ſchon auf längere Zeit die Fenſter offen läßt und Sonnenlicht und friſche, erquickende Luft über ihre ſehnſüchtig zitternden Blätter dahinſtrömen läßt. 4 So war man auch in dem kleinen Garten beſchäftigt, welcher den Pavillon umgab, in dem Graf Fohrbach wohnte. Ob⸗ gleich es drei Uhr Nachmittags war, ſtanden doch die Fenſter 9 —9—— Des Jägers Bericht ſeines Salons offen, und die hereinſtrömende, jetzt ſchon wieder 7 — etwas kühle Luft vermiſchte ſich wehend mit der warmen, die das lodernde Feuer des Kamins umſpielte. Der Graf war nicht in ſeinem Salon, ſondern befand ſich im Ankleidezimmer, deſſen Thüre aber ebenfalls geöffnet war; er lag in einem Fauteuil, hatte dieſen ſo gedreht, daß die kühlere Luft von draußen, geſchwängert mit den oben erwähnten Früh⸗ lingsdüften, über ſein Geſicht hinſtrich. Neben ihm in der Sophaecke ſaß der Major von S. Beide rauchten vortreffliche Cigarren, doch verſcheuchte der Graf den Dampf, den er von ſich blies, augenblicklich wieder mit der Hand, um alsdann wieder einen tiefen Zug Luft zu ſich zu nehmen. „An einem ſolchen Tage,“ ſagte er,„wenn man ſo recht merkt, daß der Winter hinter uns liegt, fühlt man ſich doch wie dem Gefängniß entſprungen. Hinter uns finſtere, ſchwärze Mauern, die bisher feſt verſchloſſenen Thore weit geöffnet, Und vor uns Freiheit, ſowie herrliche, göttliche Luft.“ „Das wirſt du dießmal ganz beſonders finden,“ meinte der Major lächelnd,„bricht doch für dich nächſtens ein Frühling an, ſo füß und berauſchend, wie man ihn in dieſem Leben nur ein einziges Mal genießen kann. Habe ich das doch auch erlebt.“ „Wenn ich daran denke,“ entgegnete der Andere, indem er einen Moment ſeine Augen mit der Hand bedeckte,„ſo hört mein Herz auf zu ſchlagen, und ich kann nur mühſam Athem holen. Iſt es dir auch ſo ergangen?“ „Gerade ſo,“ erwiederte der Major lachend.„Und ich will nur hoffen, daß ſich deine Erinnerungen an dieſe Zeit nie trüben mögen. Doch davon bin ich überzeugt, denn Eugenie iſt ein ſo vortreffliches Weſen, ein ſo reiches und liebes Herz, daß du mit ihr glücklich werden mußt.“ 360 Fünfundachtzigſtes Kapitel. „Und mir wirſt du hoffentlich ebenfalls einige Vortrefflich⸗ keit und Liebe nicht abſprechen?“ „Ja, du haſt gute Eigenſchaften, und bei ſorgfältiger Er⸗ ziehung kann mit der Zeit noch was Rechtes aus dir werden.“ Der Graf blickte lächelnd vor ſich auf den Boden, ſtieß die Aſche von der Eigarre und dachte über ſeine künftige Erziehung nach. „Wie iſt es denn mit dem heutigen Diner?“ fragte der Ma⸗ jor nach einer Pauſe,„es iſt wohl ſehr groß und wird eine ſtarke Feierlichkeit abſetzen.— Ah! wenn das ſchon vorüber wäre! Ich werde wohl einen Toaſt halten müſſen, und das kommt mich immer entſetzlich ſauer an. Sind wir in der That ſehr zahlreich?“ „An die vierzig Couverts,“ glaub' ich.„Papa hat's nun einmal nicht anders gethan.“ „Doch alle unſere genauen Bekannten?“ „Verſteht ſich. Nur Steinfeld wird fehlen; er iſt plötzlich abgereist.“ „Ahl ich verſtehe das, der arme Kerl!“ „Warum arm?“ meinte der Major.„Er liebt die Baronin noch ſo leidenſchaftlich wie damals, als er ſie zum erſten Male geſehen. Erinnerſt du dich noch des Abends draußen in deinem Salon nach dem Balle drüben, als er uns jene Geſchichte erzählte? Damals waren ſechs Jahre vorüber. Und mit welchem Feuer, welcher Leidenſchaft ſprach er von der Begebenheit!“ „Er wird die Baronin heirathen?“ fragte der Graf. „Verſteht ſich von ſelbſt. Die Scheidung wird in den näch⸗ ſten Tagen ansgeſprochen. Ich bin überzeugt, die Beiden werden ſehr glücklich mit einander ſein. Natürlich wird er vor der Hand nicht hieher kommen können und wollen.“ „Das begreift ſich. Aber der General hat ſich ſo verhaßt gemacht, daß Alles Partei für die arme Frau nimmt.“ Des Jägers Bericht „Und er?“ fragte der Major nach längerem Stillſchweigen. Der Graf zuckte die Achſeln, während ein düſterer Schatten über ſeine vorhin ſo freundlichen Züge flog.„Das iſt ein räth⸗ ſelhafter Menſch,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Für dich und Steinfeld wohl nicht ſo ſehr als für uns Andere,“ meinte lächelnd der Major.„Aber ich achte euer Ge⸗ heimniß. Ich mag den Baron wohl leiden. Coeur de rose iſt nicht ſo übel.“ Bei dieſen Worten trat der Kammerdiener leiſe in den Salon, blieb dort ſtehen, bis die Blicke des Grafen auf ihn fielen, dann ſagte er mit leiſer Stimme:„Soeben iſt der Jäger zurückgekommen und wünſcht Euer Erlaucht ſprechen zu dürfen.“ „Darauf bin ich begierig!“ rief der Graf, indem er auf⸗ ſprang.„Er ſoll augenblicklich hereinkommen. Bleibe nur,“ wandte er ſich an den Major, der ſich ebenfalls erheben wollte. „Ich will in dieſer Sache keine Geheimniſſe vor dir haben. Was mir der Jäger zu ſagen hat, iſt für uns alle ſehr ernſt und wichtig und betrifft den, von welchem wir eben ſprachen.“ „Den Baron von Brand?“ Der Graf nickte mit dem Kopfe und fuhr fort:„Er hat mich geſtern um meinen Jäger gebeten; ich weiß nicht, weßhalb er zu dem Rencontre von ſeinen eigenen Leuten Niemand nehmen wollte.“ „Zu welchem Rencontre?“ fragte überraſcht der Major. „Mit Herrn von Dankwart. Es ſcheint, ſie haben ſich heute geſchoſſen.“ „Das iſt ſeltſam,“ meinte der Major kopfſchüttelnd;„ich habe Herrn von Dankwart geſtern Abend noch geſprochen, von der betreffenden Angelegenheit verſicherte er mich gerade das Gegentheil.“ Fünfundachtzigſtes Kapitel. „Aus Discretion.“ „Und ſagte, der Baron habe ihm einen verſöhnenden Brief geſchrieben, den er im Nothfall überall zeigen könne.“ „So hören wir den Jäger, ich bin feſt überzeugt, die Sache iſt anders.“ Hier trat Franz in den Salon, und ſein Herr, der ſchnell nach ihm hinblickte, fuhr betroffen zurück.„Ah!“ ſagte er zu dem Major,„die Sache iſt ernſthaft. So verſtört ſah ich das Geſicht meines Jägers, dieſes ſonſt ſo ruhigen Menſchen, nie.“ Und ſo war es auch in der That. Franz Karner, der auf einen Wink des Grafen langſam näher ſchritt, ging gegen ſeine Gewohnheit ziemlich gebeugt. Sein Geſicht war bleich, ſeine Augen roth unterlaufen, ſeine Lippen zuckten, und da er das wohl fühlen und doch nicht ſehen laſſen mochte, biß er ſie feſt über einander. Der Major war ebenfalls aufgeſtanden und blickte beſtürzt bald den Jäger, bald ſeinen Freund an. „Ah! du biſt zurück!“ rief Dieſer.„Nun ſprich, was iſt geſchehen? Ein Unglück— gewiß ein Unglück!“ Der Jäger wagte es nicht, zu ſprechen und nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Dem Baron iſt ein Unglück geſchehen?“ fuhr Graf Fohr⸗ bach haſtig fort.„Sammle dich, Franz, und erzähle uns die Geſchichte ruhig dem Verlaufe nach.— Ah, Teufel! ſei ein Mann,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als er bemerkte, daß der Blick des Andern ſeltſam flimmernd wurde.—„So laß hören!“ Der Jäger öffnete langſam die Lippen, nachdem er mit der Hand über die Augen gefahren war, dann ſagte er mit tiefer, faſt tonloſer Stimme:„Ehe ich Euer Erlaucht berichte, was geſtern und heute geſchehen, will ich zur Rechtfertigung meines auffallen⸗ — — Des Jägers Bericht. den Betragens nicht verſchweigen, daß ich den Herrn Baron von Brand früher gekannt und genau gekannt, ehe ich in den Dienſt Euer Erlaucht trat.“ „Ich weiß das, er hat dich mir ja empfohlen.“ „Daß er öfters mein Wohlthäter wurde,— daß ich ihn achtete und liebte.— O ſehr liebte, denn er war ein guter Herr. Euer Erlaucht werden mir verzeihen, aber ich muß die Wahrheit ſagen, ſollte auch für mich daraus erfolgen, was da wolle. Ich kannte alle ſeine Verhältniſſe.“ „Das habe ich mir gedacht,“ erwiederte der Graf nach einer Pauſe.„Aber gleichviel, Franz. Für mich iſt der Baron von Brand nur der Baron von Brand, und was dich betrifft, ſo gehen mich ſeine früheren Verhältniſſe nichts an.“ „Das lohne Ihnen Gott,“ verſetzte der Jäger;„und er wird Sie dafür belohnen.“ Er murmelte dieſe Worte nur, doch verſtand ſie der Graf vollkommen. Dann ſtreckte ſich der Jäger lang in die Höhe, unterdrückte einen tiefen Seufzer und fuhr fort: „Auf die Bitte des Herrn Baron von Brand erlaubten mir Euer Erlaucht, denſelben begleiten zu dürfen. Zu dieſem Zweck er⸗ wartete ich geſtern Abend den Herrn Baron um neun Uhr vor dem E'ſchen Thor mit dem Wagen. So hat er es mir befohlen.“ „War es ein Reiſewagen?“ fragte der Graf. „Nein, ein leichtes Coupé, aber mit vier Pferden beſpannt. — Es mochte faſt halb zehn Uhr ſein, da hörte ich, daß ſich ein Wagen dem Thor näherte, und zwar ſo ſchnell, als zwei tüch⸗ tige Pferde nur zu laufen im Stande ſind. Es war das die Equipage Seiner Durchlaucht, des Herrn Herzogs Alfred. Trotz⸗ dem es ſehr dunkel war, erkannte ich den Kutſcher, der ſeine Pferde neben dem Coupé parirte. Der Herr Baron von Brand ſprang heraus, und der Wagen, mit dem er gekommen, kehrte 364 Fünfundachtzigſtes Kapitel. augenblicklich in die Stadt zurück. Der Herr Baron begrüßte mich freundlich, befahl, auf der Chauſſee nach der erſten Station zu fahren, und ſtieg eilig in den Wagen.“ „Wie war er gekleidet?“ fragte aufmerkſam der Graf. „Ueber dem gewöhnlichen Anzug trug er einen weiten Rad⸗ mantel und auf dem Kopfe hatte er einen kuͤnden Hut.“ „Und war bewaffnet?“ „Ja, Euer Erlaucht, mit zwei Piſtolen.“ Der Graf warf ſeinem Freunde einen bezeichnenden Blick zu und ſagte hierauf:„Und ſonſt war Niemand dabei?“ „Niemand.— Ich ſtieg auf den Bock und wir fuhren da⸗ von. Die Poſtillone, denen ein gutes Trinkgeld verſprochen war, ließen tüchtig laufen, ſo daß wir bald die Station erreichten. Dort wurde umgeſpannt und wir fuhren weiter. „Aha! nach Königshofen,“ ſagte kopfſchüttelnd der Major. „Es iſt das der gewöhnliche Ort. „In Königshofen,“ erzählte der Jäger weiter,„begab ſich der Herr Baron in das dortige Wirthshaus, ließ ſich ein Zimmer geben, befahl mir darauf zu Bette zu gehen, ihn aber heute Morgen vor Tagesanbruch zu wecken. Ich verabſchiedete die Poſtillone, mochte aber nicht ſchlafen gehen, vielmehr ſchritt ich Stunden lang um das Haus herum, und bemerkte wohl, daß in dem Zimmer des Herrn Baron immerfort ein helles Licht brannte. Er war ebenfalls nicht zu Bette gegangen, denn als ich, dem Befehle gemäß, vor Tagesanbruch ſeine Thüre öffnete, ſaß er an ſeinem Tiſche und ſiegelte Briefſchaften zu.— Ah! du biſt ſchon da! rief er mir entgegen; die Zeit iſt ſchnell verſtrichen.—— Ich habe mich bemüht, Erlaucht, ſeine Worte meinem Gedächtniſſe feſtzuhalten; es ſchien mir das wichtig,“ ſagte der Jäger in beſtimmtem Tone.—„Der Tag fing an zu te Des Jägers Dericht. 365 grauen,“ fuhr Franz darauf in gewöhnlichem Tone fort,„und der Herr Baron wollten ſeine Toilette machen, doch hatte er Alles mitzunehmen vergeſſen. Ich ſorgte ſo gut als möglich dafür und nachdem ich ihm das Haar einigermaßen arrangirt, zog er ſein Schnupftuch hervor zand roch daran. Ich wollte, ſprach er als⸗ dann, daß ich nicht vergeſſen hätte, geſtern Abend noch ein paar Tropfen aufzuträufeln. Ich liebe den Geruch und er hätte mir ſo manche Erinnerung noch einmal friſch vor die Seele geführt.“ „Coeur de rose,“ ſagte nachdenkend der Graf.„Wer hätte das gedacht, als wir uns hier vor einigen Monaten über ſein Odeur luſtig machten. Doch weiter!“ „Er gab mir einige Briefe, um ſie auf die Poſt zu werfen. Die Piſtolen nahm er ſelbſt unter den Mantel, dann verließen wir das Haus, gingen durch Königshofen durch und ſtiegen hinter dem Dorfe die Anhöhe hinauf.“ „Der Weg führt nach einer einſamen Waldlichtung, ich kenne ihn wohl,“ ſprach nachdenkend der Major. „Und was dachteſt du von allem dem?“ fragte der Graf ſeinen Jäger. „Faſt das Gleiche fragte mich der Herr Baron, als wir den Wald hinauf gingen. Ich antwortete ihm, er könne wohl ein Duell vorhaben, doch ſähe ich weder Gegner noch Secundaten. — Die kommen Alle von der andern Seite, entgegnete er mir. Und du biſt wohl klug genug einzuſehen, daß hier eine Sache vor ſich geht, die mit großer Heimlichkeit betrieben werden muß.“ Der Major wechſelte mit ſeinem Freund einen bedeutſamen Blick, welch Letzterer die Achſeln zuckte und ſehr ernſt nach Oben ſah. „Ja, ich habe ein Duell vor, ſo fuhr der Baron fort, und einen gefährlichen Gegner. Ich weiß wohl, wie der ſchießt, ſagte = 8 —— 366 Fünfundachtzigſtes Kapitel. er ſonderbar lächelnd, fehlt auf fünfundzwanzig Schritte nie ein 1 Aß und kann auch wohl die Kugeln auf einer ſtarken Meſſerklinge theilen.— Da müßte er ja faſt ſo gut ſchießen wie Sie, gnädiger Herr, erlaubte ich mir zu bemerken, worauf er entgegnete: ganz genau wie ich, deßhalb iſt die Sache ſehr zweifelhaft, da er den d erſten Schuß hat, und befolge daher genau, was ich dir auftrage. Hier müſſen wir ſcheiden, zieh deine Uhr hervor und richte ſie nach der meinigen.— Es war ſechs Uhr.— In einer halben Stunde wird wohl Alles vorüber ſein. Dann folgſt du dem ſchmalen Weg, den ich jetzt hinaufſteige, und findeſt oben eine Waldlichtung.— Da wirſt du ſchon ſelbſt ſehen, was zu thun iſt.— Ich bat ihn, mich mitzunehmen, doch er wiederholte ſeinen Befehl ernſt und ſtrenge. Und er konnte ſehr ernſt ſein, der Herr Baron,“ ſagte der Jäger gedankenvoll.——„Er nahm alſo Ab⸗ ſchied von mir, indem er mir noch vorher ſeine Brieftaſche über⸗ gab, um die Rückfahrt für die Poſtillone zu bezahlen, ſagte er. Dann ſtieg er zwiſchen den Bäumen aufwärts und meine Blicke folgten ihm. Euer Erlaucht werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen geſtehe, daß es mir faſt das Herz zerbrach, als ich ihn ſo leicht und gewandt da hinaufſteigen ſah, ein Herr in den beſten Jahren, ja in voller Kraft der Jugend.“ „Und warun folgteſt du ihm nicht?“ fragte faſt athemlos und tief bewegt der Graf. 2 „Sein Befehl war gemeſſen, Erlaucht. Und dann kannte ich auch meinen ehemaligen Herrn. Er hätte mich niedergeſchoſſen, wenn ich ihm gefolgt wäre, ohne daß mein Tod,“ ſetzte er trübe lächelnd hinzu,„ſein Duell verhindert hätte.—— Mehrmals blieb er ſtehen und wandte ſich rückwärts gegen das Thal. Man jeht von dort oben weit in der Ferne die Reſidenz vor ſich aus⸗ gebreitet liegen. Dahin ſchien er mehrmals zu ſchauen, aber auch — Des Jägers Bericht. auf mich fiel ſein Blick, und als er mich ſo ruhig da unten warten ſah, winkte er mir noch einmal freundlich mit der Hand zu.— O ſehr freundlich.— Und gleich darauf war er zwiſchen den Bäumen verſchwunden.“———— Dieſe letzten Worte hatte der Jäger mit kaum verſtändlicher Stimme geſprochen. Dann ſagte er:„Verzeihen mir Euer Er⸗ laucht, aber ich kann nicht anders;“ worauf er ſeine Hände vor die Augen preßte und einige Secunden ſo verblieb. Der Graf hatte ſeine Cigarre weggeworfen und er ſowie der Major blickten in der größten Spannung auf den Jäger, der nun die Hände langſam niederſinken ließ, tief aufſeufzte und fortfuhr: „Darauf befand ich mich allein in dem Walde. O es waren das ſchreckliche Augenblicke! Und ich horchte wohl athemlos auf jedes Geräuſch, wenn weit von mir entfernt irgend ein Wild durch das dürre Laub raſchelte, wenn ein welkes Blatt neben mir zu Boden fiel, ſo ſchrack ich zuſammen, indem ich befürchtete, irgend etwas Anderes überhört zu haben.— O Herr Graf, wenn man im dichten Walde auf etwas lauſcht, wobei das Herz mit im Spiele iſt, ſo iſt die Stille, die uns umgibt, feierlicher und ernſter als die Ruhe eines Kirchhofes.— Ich kenne das,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme bei.—„Auf einmal knallte ein Schuß.— Gnä⸗ diger Herr, ich habe Schüſſe knallen hören unter ſchauerlichen Verhältniſſen. Aber ſo wie dieſer heute Morgen hat mich nie was erſchüttert. Gleich darauf fiel ein zweiter. Ich riß meine Uhr heraus und als ich ſah, daß es halb Sieben war, ſtürzte ich den Waldweg hinan.— So eilig ich auch war, ſo blieb ich doch zuweilen zitternd ſtehen und lauſchte.— Was konnte es mich auch nützen, daß ich ſchnell an Ort und Stelle kam, mir ahnete ja doch, was ich finden würde? Dann ſpielte ich mir auch wohl eine falſche Hoffnung vor und blieb ich in der Abſicht ſtehen, um 368 Fünfundachtzigſtes Kapitel. vielleicht die Schritte der andern Partei zu vernehmen. Aber,“ ſetzte er trübe lächelnd hinzu,„ich hörte nichts dergleichen. Der Wald war entſetzlich ſtille, nur das Laub rauſchte unter meinen Füßen, hie und da flatterte ein Vogel und von weit her ſang der Kukuk ſein melancholiſches, einförmiges Lied.“—— „Endlich fandeſt ihn?“ rief geſpannt der Graf, als der Jäger vor ſich hinſtarrend ſchwieg. „In der Waldlichtung.— Herr, wie er mir vorausgeſagt.“ „Allein?“ „Ganz allein.“ „Und—“ „— Todt,“ ſagte der Jäger nach einem tiefen Athemzuge. „Die Kugel war ihm durch's Herz gegangen.“ „Ah! das iſt entſetzlich!“ rief der Major.„Du ſahſt Nie⸗ mand? Du vernahmſt alſo wirklich keine Schritte, die ſich entfernten?“ „Ich ſah nichts als die Sonne, die ihren Strahl über ſeine bleichen Züge warf, und ich hörte nichts als die lauten Worte des Jammers, mit welchen ich mich neben ihn hinwarf. Denn, Herr Graf, ich hatte ihn ſehr geliebt, meinen ehemaligen Herrn, den Baron von Brand.“ „Und was denkſt du über die ganze Geſchichte?“ fragte der Graf nach einer langen, langen Pauſe.. „Ich denke nur, was er mir ſagte,“ erwiederte der Jäger mit feierlicher Stimme.„Ich will mein Leben dafür laſſen, daß er im Duell gefallen. Denn ſo hat er ja gewollt, daß man glaube.“ „Ja, er hat ſo gewollt,“ ſprach Graf Fohrbach nachdenkend, „ſein Lauf war zu Ende, wie er mir auf jenem denkwürdigen Mas⸗ kenballe ſagte, und er ſoll einen ehrenvollen Tod geſtorben ſein.“ —— ———— Des Jägers Jericht. „Von der Hand des—“ fragte der Major mit bedeut⸗ ſamem Blick. Worauf der Andere entgegnete:„Herr von Dankwart iſt bei allen ſeinen kleinen Schwächen ein Ehrenmann, das i*ſt nicht zu läugnen.“ „Allerdings nicht,“ meinte der Major.„Aber er wird die ganze Geſchichte hartnäckig läugnen.“ „Nehmen wir an aus Discretion, wie ich vorhin ſagte,“ erwiederte Graf Fohrbach,„die Welt wird doch an das Duell glauben, und ſo hat es der Unglückliche gewollt. Er ruhe ſanft. —— Doch laß uns das Ende deiner Geſchichte hören,“ wandte ſich der Graf nach einigem Stillſchweigen an ſeinen Jäger. „Ich holte Leute aus dem Dorfe,“ fuhr Dieſer fort,„und brachte ihn nach Königshofen zurück. Ich ließ Aerzte kommen, obgleich ich wußte, daß das unnütz war. Darauf brachte ich ihn in ſeinen Wagen und kehrte langſam nach der Reſidenz zurück.“ „Und wo iſt er jetzt?“ „In ſeinem Hauſe. Ich habe ihn dem alten Kammerdiener übergeben, der darauf vorbereitet zu ſein ſchien. Denn obgleich er troſtlos und verzweifelt that, ſagte er doch unter Thränen, er habe das wohl vorher gewußt.“ „Und die Briefſchaften, die dir der Baron gab?“ „Warf ich auf die Poſt, bis auf einen, den er mich beauf⸗ tragte, Punkt neun Uhr Seiner Excellenz dem Herrn Polizeiprä⸗ ſidenten eigenhändig zu übergeben, wozu vielleicht Euer Erlaucht ſo gnädig ſind, mir ſpäter Urlaub zu ertheilen.“ Der Graf Fohrbach wechſelte mit dem Major einen Blick, dann erwiederte er dem Jäger:„Allerdings, du ſollſt überhaupt den heutigen Nachmittag und Abend für dich haben, und erſt morgen Früh,“ ſetzte er mit Betonung hinzu,„den Dienſt bei 24 Hackländer, Europ. Seclavenleben. IV. Fünfundachtzigſtes Kapitel. mir wieder in deiner gewohnten Pünktlichkeit und— Treue antreten.“ „Wie danke ich Ihnen für dieß Wort,“ ſprach der Jäger tief erſchüttert. Dann verließ er auf einen Wink ſeines Herrn Kabinet und Salon. „Es iſt ein trauriges und doch gutes Ende für den Baron,“ ſagte Graf Fohrbach nach einer Pauſe.„Wir müſſen übrigens ſeinen letzten Willen erfüllen und das Gerücht verbreiten helfen, er ſei im Duell gefallen. Herr von Dankwart wird das heftig läugnen, aber nachher, wenn er ſieht, daß man ihm doch nicht glaubt, wird er am Ende gezwungen, das Rencontre achſel⸗ zuckend zuzugeben.“ „Verlaß dich auf mich,“ entgegnete der Major, p„es ſoll auf ihm hängen bleiben. Aber ſage mir, Eugen, wie verſtehe ich das? hat der Baron wirklich etwas mit der Polizeidirection zu ſchaffen gehabt? Auf dem letzten Hofball ſprach man von einer Brautſchaft zwiſchen ihm und der Tochter des Präſidenten.“ „Ich hörte auch davon, glaubte aber nicht daran.“ „Muß man,“ meinte der Major,„heute noch den Tod des Barons geheim halten oder kann man nach Tiſch darüber ſprechen?“ „Natürlich wollen wir darüber ſprechen, um ſo mehr, da Herr von Dankwart da iſt. Wir werden überhaupt nicht die Ein⸗ zigen ſein, die die Sache erfahren haben.“ „Schön,“ verſetzte der Andere, indem er ſich zum Weg⸗ gehen anſchickte;„ich verlaſſe dich jetzt. Es iſt vier Uhr und du haſt doch etwas Sammlung nothwendig.“ „Und Toilette!“ lachte der Graf, während er ſeinem Freunde die Hand reichte. „Adieu denn bis nachher!“ — 3 1 — ———— —— Des Jägers Bericht. 371 „Adien, Major!“ Mit kurzen Worten wollen wir dem Leſer noch ſagen, daß das heutige Diner bei Seiner Excellenz dem Kriegsminiſter äußerſt glänzend war, daß bei demſelben die Verlobung zwiſchen Eugenie und dem jungen Grafen proclamirt wurde, und daß der Major hierauf bezüglich einen gar ſchönen Toaſt ausbrachte. Das un⸗ glückliche Ende des Barons war übrigens ſchon bekannt geworden und man ſchrieb daſſelbe allgemein einem Duell mit Herrn von Dankwart zu. Es half auch nichts, daß Dieſer auf's Feierlichſte das Gegentheil verſicherte, ja daß er ſich anheiſchig machte, ein Alibi beweiſen zu wollen. Man zuckte die Achſeln, man ver⸗ beugte ſich lächelnd, ſobald aber Herr von Dankwart den Rücken gewendet und anderswohin getänzelt war, ſo ſagte man:„Das iſt erſtaunlich; wer hätte das gedacht!“ „Und der Baron war ein immenſer Piſtolenſchütze,“ meinte ein Anderer und ein Dritter ſetzte hinzu:„Was mich bei Herrn von Dankwart nur wundert, iſt einzig und allein, wie man nach einer ſo furchtbaren Cataſtrophe— am gleichen Tage mit der Ruhe ſein Diner einnehmen kann.“ „Erſtaunlich!“ „Erſtaunlich!“ wiederholten Alle, und Herr von Dank⸗ wart wurde von da mit weit größerer Ehrfurcht betrachtet, als dieß bisher geſchehen. Auch der Präſident war bei dem Diner geweſen, war aber ſehr ſtill und nachdenkend und verkehrte faſt nur mit dem Herzog Alfred, mit dem er ſich längere Zeit in einer Ecke des Salons eifrig unterhielt. Gegen acht Uhr verließ er die Geſellſchaft und fuhr nach Hauſe. Dort hatte er mit ſeiner Gemahlin eine heftige Scene, bei welcher endlich auch Fräulein Auguſte, aber ſehr nie⸗ dergeſchlagen und mit rothgeweinten Augen erſchien. Wer der 24* 372 Fünfundachtzigſtes Kapitel. Gegenſtand der Unterhaltung in der Familie war, werden wir dem Leſer nicht zu ſagen brauchen, dagegen wollen wir nicht verſchweigen, daß Seine Excellenz die Naſe mit der Hand feſthaltend lange im Salon auf und ab ſchritt und einer längeren Rede der Präſidentin lauſchte, welche eifrig zu ihm ſprach.„Und wenn Alles ſo wäre, wie du mir ſagteſt,“ fuhr ſie fort,„ſo können ſämmtliche Gerichte des Landes ihn doch nicht wieder lebendig machen und zur Verant⸗ wortung ziehen. Welchen Nutzen brächte es dir alſo, die Sache an die große Glocke zu hängen, ſie ſtadt⸗ und landkundig zu machen?— Nutzen, du lieber Gott!“ rief ſte weinend.„Nur Schande, o welche Schande! Wird nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns deuten? O der Scandal!“ „Und meine Ehre als Chef der Polizei,“ ſprach ſtehen bleibend der Präſident, wobei ſeine losgelaſſene Naſe hoch empor fuhr.— „Und meine Ehre,“ ſagte Auguſte weinend.„Bin ich nicht unglücklich genug durch dieſe ſchreckliche Geſchichte geworden!“ Der Präſident ſetzte abermals ſchweigend ſeinen Spazier⸗ gang fort und mit einem tiefen Seußzer blickte er auf die linke, immer noch leere Seite ſeines Frackes.„Eine allerhöchſte Be⸗ lohnung,“ gehen können. O ich war ſo nah daran.“— Damit melnke er redete er ſchwermüthig,„hätte mir dießmal nicht ent⸗ den Stern, nach dem er ſo lange geſchmachtet.—„Wer weiß, wenn es wieder einem Hauptverbrecher gefällt, ſich von mir ein⸗ fangen zu laſſen.“ In dieſem Augenblicke meldete der Bediente einen herr⸗ ſchaftlichen Jäger, welcher Seine Excellenz zu ſprechen wünſche, Auf ein Kopfnicken des Letzteren trat Franz ein und übergab einen Brief, indem er ſagte:„Von dem Herrn Baron von Brand.“ Man kann ſich denken, wie der Präſident bei dieſer Meldung - - — Des Jägers Zericht. 373 zurückfuhr und daß er mit zitternden Fingern das Couvert ab⸗ riß. Auch ſchien ihn die Einlage deſſelben nicht zu beruhigen; es war ein einfaches Blatt, auf welchem die Worte ſtanden: „Der Baron von Brand gibt ſich die Ehre, Seine Ereellenz den Herrn Polizeipräſtdenten daran zu erinnern, daß er heute Abend erwartet wird und zwar zu einem Whiſt à trois mit dem todten Mann.“ Im Hauſe des Commerzienrathes Erichſen hatte man in dieſen Tagen ebenfalls eine Verlobung gefeiert, nicht ſo geräuſch⸗ voll wie die bei Seiner Excellenz dem Kriegsminiſter, aber darum nicht minder herzlich. Zwar ſaß die Räthin auch bei dieſer Ver⸗ anlaſſung ſteif wie immer in ihrer Sophaecke, doch lag über ihren Zügen eine angenehme Weichheit, ihre Augen blickten freundlich und ſie wandte den Kopf häufig nach der rechten Seite, wo Herr Staiger ſaß, an dem die alte Dame ihr beſonderes Wohlgefallen 3 finden ſchien. Der Mann hatte ein ſo gutes, warmes Herz und ehrliches Gemüth, das ſich bei jedem ſeiner Worte kundgab; dabei konnte er ſo angenehm erzählen, und bei dem, was er am heutigen Tage vorbrachte, kam es denn heraus, daß ſeine Eltern mit denen der Commerzienräthin vor langen Jahren in einem ſehr freundſchaftlichen Verhältniß geſtanden, was zu vernehmen der Madame Erichſen nicht gerade unlieb war. Maͤrianne hatte ſich der Verlobten ihres Bruders herzlich und innig angenommen und liebte ſie ſchon nach den erſten Tagen ihrer Bekanntſchaft wie eine Schweſter. Ja, ſie hatte der Com⸗ merzienräthin erklärt, da ſie ſelbſt keine Kinder habe, ſo wolle ſie ſich des guten armen Mädchens annehmen und mache ſich ein wahres Vergnügen daraus, derſelben eine glänzende Ausſteuer zu geben. * ——— 8 — — 374 Fünfundachtzigſtes Kapitel. Der Commerzienrath hatte ſich wie immer Diner und Cham⸗ pagner wohl ſchmecken laſſen und war glückſelig, daß die ver⸗ drießlichen Geſchichten in ſeinem Hauſe ſich wieder anfiengen aufzuklären und daß er Hoffnung hatte, nächſtens wieder ein ſtilles und harmloſes Leben führen zu können. Wenn auch leider alle Bemühungen geſcheitert waren, um ſeine Schwiegertochter Bertha wieder in das Haus ihres Mannes zurück zu bringen, obgleich bis jetzt noch keine Scheidung erfolgt war, ſo hatte er dagegen einen Brief von ſeinem Schwiegerſohn Herrn Alfons in der Taſche, worin ſich Dieſer an ſeine Frau wandte, ſein Un⸗ recht vollkommen einſah und verſprach, bei ſeiner Rückkunft— er hatte nämlich zu ſeiner Zerſtreuung eine kleine Reiſe unter⸗ nommen— ſo viel in ſeinen Kräften ſtände, Alles wieder gut machen zu wollen. Auch bei dieſem Diner fielen Toaſte, und als das Deſſert aufgeſetzt wurde, ergriff ſogar die Commerzienräthin ihr Glas, nachdem ſie vorher, dießmal mit beiden Händen, auf den 9 getrommelt, und brachte die letzten Tropfen ihres Champagßer⸗ kelches allen Denen zu, welche ihre Nebenmenſchen ohne Reid und Mißgunſt liebten, die, ſtatt gehäſſig die Fehler Anderer auf⸗ zudecken, lieber deren gute Seiten hervorhöben, die dabei Freunde der Wahrheit und Feinde jeglicher Verläumdung ſeien. Ein Trinkſpruch, zu welchem aus vollem Herzen Amen zu ſagen auch wir uns gedrängt fühlen und mit uns gewiß der größte Theil unſerer verehrlichen Leſer. — Sechsundachtzigſtes Kapitel. Schluß. 8 4 Es iſt ſehr ſchwer, von dem Schluß einer Geſchichte wie die vorliegende zu ſprechen. Eine ſolche Geſchichte ſchließt ſich eigent⸗ 5 lich nie ab. Die Wenigen ausgenommen, über deren Lebensende berichten zu müſſen wir ſo unglücklich waren, befinden ſich alle Uecigen in Fülle der Geſundheit, und wenn es unſere Zeit und die Ceduld des Leſers erlaubten, ſo könnten wir aus dem ferneren Leben und Treiben der aufgetretenen Perſonen noch eine Menge der allerſchönſten, zur Mittheilung geeigneten Sclavengeſchichten auffinden. Ein Erzähler darf aber nicht ſo gegen die Nachſicht . ſeines Publikums ſündigen, und es iſt ſeine Schuldigkeit, ſo bald er glaubt, er habe ſein Mögliches gethan, eine hübſche Gelegen⸗ heit zu ergreifen, um ſich dem Leſer zu empfehlen und ſein Buch zu beſchließen. Wir glauben dieß in keinem paſſenderen Zeit⸗ punkt thun zu können, als jetzt, und wollen nur mit wenigen Worten hinzufügen, was in der nächſten Zukunft ſich mit einigen der Perſonen zugetragen, die in unferer ſehr wahrhaftigen Ge⸗ * 376 Sechsundachtzigſtes Kapitel. ſchichte aufgetreten. Wir können dieß um ſo weniger unterlaſſen, da hierbei noch ein paar kleine Sclavengeſchichten zu Tag kommen, deren Details ſich der Leſer, wenn er gleiche Verhältniſſe bei ſich oder Anderen ſieht, am Beſten ſelbſt auszumalen im Stande ſein wird. Gewöͤhnlich folgt auf eine Verlobung die Hochzeit. So war es auch bei dem Grafen Fohrbach und Arthur Erichſen der Fall. Obgleich die Freundſchaft dieſer Beiden in gleicher Stärke fort⸗ dauerte, ſo hatten ſie ſich doch in letzter Zeit nicht ſo häufig ge⸗ ſehen wie früher. Zufällig aber war die Hochzeit beider Paare an demſelben Tage, und faſt zur gleichen Stunde verließen ſie die Stadt, um eine längere Reiſe anzutreten. Graf Fohrbach zog gen Norden, wo ſeine Familie weitläufige Güter beſaß, Arthur aber nach Italien, nach dem herrlichen Lande, das er ſchon lange zu ſehen gewünſcht. Der Abſchied Clara's von ihrem Vater war ziemlich ſchmerzlich geweſen, denn Herr Staiger meinte, bei ſeinem Alter könne die Trennung von einem halben Jahre wohl zu einer ewigen werden. Doch beſtätigte ſich dießmal die Vermuthung des alten Herrn nicht, vielmehr als Clara nach der angegebene Beit zurückkehrte, fand ſie ihn friſch und geſund wieder, obgleich nicht mehr in der Balkengaſſe, wo ſie ihn verlaſſen. Die Commerzien⸗ räthin hatte nämlich ihren Schützling dem Gemahl dringend em⸗ pfohlen, und die Folge davon war, daß Herr Staiger auf dem Kaſſenamt des großen Banquierhauſes angeſtellt wurde, wo er vermöge ſeiner Ordnungsliebe und Rechtlichkeit die vortrefflichſten Dienſte leiſtete. Was man ſo Brautviſiten nennt, hatten Clara und Arthur vor ihrer Abreiſe nicht gemacht; als ſie aber zurückkamen und ihr Haus einrichteten, zeigten ſie dieſes ihren Freunden und Be⸗ kannten, ſowie auch auf den Wunſch der Commerzienräthin denen Schluß. 37 1 des Erichſen'ſchen Hauſes pflichtſchuldigſt an. Wenn ſich manche ſtille Familie mit unverſorgten Töchtern, die früh Herrn Arthur Erichſen ſehr hoch gehalten, ſowie manche die voll Neid und Mißgunſt es der armen Clara nicht konnten, daß ſie nicht unter dem Schutze irgend einer geboren, von dem jungen Paare zurückzogen, ſo ve das doch durchaus keinen Kummer. Sie lebten lichen und ausgewählten Kreiſe, und Arth nug, um über ſchiefe Blicke und vorne lich zu lachen. Um noch einen Augenblick n. zu verweilen, ſo kehrte Herr heirathung Arthurs von ſej Verhältniß zu ſeiner F welches ihm an jenem griffen, und vom up Stirnerunzeln ſie Selaven herabgeſu Wünſchen ſeiner d mal einen Verſug zienräthin in's 2 mit den gra zu trommel begab ſi zienraz es 1 78 Sechsundachtzigſtes Kapitel. Die Scheidung des Doctor Erichſen von ſeiner Frau war partet auf ein Hinderniß geſtoßen. Dieſes Hinderniß beſtand Weigerung der Madame Bertha ſelbſt. Wir wiſſen, daß ihrer Mutter begeben, um ſich, wie ſie ſagte, von ihrem cht länger wie eine Sclavin behandeln laſſen zu müſſen. Kihr elterliches Haus und ſich ſelbſt noch ganz ſo wie and aber in Beiden gewaltig viel verändert. Sie sſſen, daß ſie ein Hausweſen gehabt und zwei och viel weniger ertragen, daß ſie, welche geweſen, nun bei ihrer Frau Mama agen die Dritte, denn Mama, alt bei der Verheirathung ihrer ein großes, ſehr dürres rfer Zunge, welche das r beherrſchte, ſondern och nicht vier Wochen denn die Launen der ushälterin ſchien es von den Freuden erte, eine geſchie⸗ icht, zu welcher ich zählen ſolle. e wieder zu Das ließ ſich mit als 7 2 — 1 1 1 1 8 1 b 1 2 5 1 1 1 3 3 G 6 — Schluß. ſagt:„Wenn du zu bald nachgibſt, ſo haſt du in einem halben Jahre wieder dieſelbe Geſchichte.“ Herr Beil hatte von ſeinem Freunde Arthur den herzlichſten Abſchied genommen, bevor er die Reſidenz verließ, um dem Auf⸗ trag des Herrn von Brand gemäß nach dem Gute der Baronin von W. zu fahren, deren Vermögen er in Zukunft zu verwalten hatte. Vorher überbrachte er aber noch das bewußte Paketchen der Tochter des Präſidenten, die daſſelbe im Beiſein ihrer Mutter erwartungsvoll öffnete. Es enthielt ein reiches Armband in Bril⸗ lanten mit der Bitte des Barons, dieſes Andenken von einem Freunde zu nehmen, dem leider traurige Verhältniſſe nicht er⸗ laubt, der ſchönen Auguſte mehr als dieß ſein zu können. Fräu⸗ lein Auguſte hatte ſich übrigens von dem harten Schlage, der ſte betroffen, noch nicht gänzlich wieder erholt. Bei dem gewiſſen Hofball war die Mutter leider zu beſorgt geweſen, die Brautſchaft ihrer Tochter allzuvielen Menſchen zu verkündigen, und da nun der Präſtdent, dem Rathe ſeiner Gemahlin folgend, des Baron Brand nur als ſolchen gedachte, ſo ſah ſich Auguſte genöthigt, Condolationen entgegen zu nehmen, die ſich übrigens nicht lange nachher in Gratulationen verwandelten, als ſie eine neue Braut⸗ ſchaft antrat, die dießmal ein glücklicheres Ende nahm. Unmöglich können wir dem geneigten Leſer verſchweigen, daß es ferner den Bemühungen des Herrn Beil in ſeinen jetzigen beſſeren Verhältniſſen gelungen war, ſeinem Freunde, dem ehe⸗ maligen Lehrling Auguſt, eine erträgliche Stelle zu verſchaffen. Obgleich Auguſt ein gutes Gemüth hatte und nicht rachgierig war, ſo gehörte es doch zu ſeinen beſonderen Vergnügungen und er rechnete es faſt zu ſeinen Feiertagen, wenn er einen Beſtellzettel oder dergleichen der Firma Johann Chriſtian Blaffer und Com⸗ pagnie zu überbringen hatte. Dieß Geſchäft war von zwei jungen 5 3 8 =. 2—— ä 380 Sechsundachtzigſtes Kapitel. Leuten angekauft worden, welche der eingegangenen Bedingung gemäß den ehemaligen Chef der Handlung als letzten Commis beibehalten mußten. Die Gefühle, mit welchen Herr Blaffer an ſeinem Pulte ſaß, brauchen wir nicht zu ſchildern; beinahe wahn⸗ ſinnig preßte er ſeine mageren Hände vor die Stirne, wenn Au⸗ guſt in das Comptoir trat, und er ſich nun um ſo lebhafter der früheren Zeiten erinnerte, ſeines Lehrlings und des verſchwun⸗ denen Mädchens, vom welchem man übrigens nichts mehr gehört. Als Graf Fohrbach am Tage ſeiner Hochzeit die Stadt ver⸗ ließ, geſchah dieß in einem großen, ſchweren Reiſewagen, auf deſſen hinterem Bock der Jäger Franz Karner ſaß, ſowie Hen⸗ riette, die Kammerjungfer der jungen Gräfin. Da Diener und Dienerin ſich erſt kürzlich kennen gelernt hatten, ſo fand zwiſchen ihnen keine lebhafte Unterhaltung ſtatt. Sie blickte rechts und er links, zuerſt auf die Häuſer, an denen ſie vorbeifuhren, dann auf die Pappeln der Allee und was ihnen ſonſt noch begegnete. Auf der zweiten Station— der Ort hieß Königshofen— ſprang Graf Fohrbach aus dem Wagen und fragte ſeinen Jäger, der ihm den Schlag öffnete:„Nicht wahr, da hinaus ginget ihr?“ Da⸗ bei zeigte er auf den Wald, der ſich hinter dem Dorfe erhob.— „So iſt's, Euer Erlaucht,“ erwiederte der Jäger, und als er wieder auf ſeinen hohen Sitz geklettert war, blieb er aufrecht ſtehen, und ſtarrte lange, lange nach dem Wald hinüber,— er hätte gar zu gern die Lichtung noch einmal geſehen. Der Wagen rollte aber unaufhaltſam dahin, und bald legten ſich andere Berge und Wälder zwiſchen ihn und jenen verhängnißvollen Platz. Der⸗ ſelbe ward aber doch Veranlaſſung, daß Franz mit der Kammer⸗ jungfer ein Geſpräch anknüpfte. Sein Herz war zu voll, er mußte, wenn auch fremd thuend, von jenem unglücklichen Mor⸗ gen ſowie von einem gewiſſen Baron Brand, der hier geendet, — Schluß. mit dem Mädchen ſprechen. Wie erſtaunte er aber, daß Dieſe die Geſchichte faſt ſo genau wußte wie er ſelbſt, ja daß ſie den Baron Brand zu kennen und die innigſte, herzlichſte Theilnahme an ſei⸗ nem Schickſal zu nehmen ſchien. Ein Wort gab das andere, und da Leute, welche auf einem engen Wagenſitze ſo den ganzen Tag mit einander fahren, leicht zu Mittheilungen geneigt ſind, ſo er⸗ zählten ſie ſich Beide noch im Laufe des Nachmittags ihre Schick⸗ ſale, daß er ſowohl Kammerjungfer als Jäger an ein und dem⸗ ſelben Morgen dem Grafen Fohrbach empfohlen. So fuhren ſie dahin und es war ſpät am Nachmittage, als der Wagen vor einem Wirthshauſe umgeſpannt wurde, in dem ſich ziem⸗ lich viele Gäſte befanden, welche durch ein Harfenmädchen unter⸗ halten wurden, die mit lauter Stimme allerlei luſtige Lieder ſang. Als die Künſtlerin den Wagen heranrollen hörte, kam ſie vor das Haus, fuhr aber plötzlich wieder zurück, als ſie das Geſicht der Dame im Wagen geſehen hatte. Doch bemerkte man, wie ſie ihre Harfe in das Zimmer hinſtellte, und dann dieſes ſowie das Haus durch eine Hinterthüre verließ. Gleich darauf fühlte Hen⸗ riette, daß ſte Jemand an ihrem Mantel zupfe. Sie wandte ſich um und ſchaute in das luſtige Geſicht ihrer ehemaligen Gefährtin, welche ihr lachend die Hand reichte.„Siehſt du,“ ſagte Die⸗ ſelbe,„uns Beiden iſt es nach Wunſch ergangen. Du fühlſt dich glücklich in den Feſſeln deines Dienſtes, und ich mich nicht min⸗ der mit meiner Harfe in der prächtigen Freiheit.“ Der Jäger war nicht wenig überraſcht, Nanette, die er wohl kannte, hier wieder zu ſehen, und auch das Mädchen ſchien ſich herzlich über die Begegnung zu freuen.„Es iſt auch ſonſt noch ein Bekannter von uns hier,“ flüſterte ſie ihm zu,„Mathias, aber er liegt noch immer krank an ſeiner Wunde darnieder. Frei⸗ lich geht's ihm beſſer, doch hat ihn die Nachricht, daß man den 382 Sechsundachtzigſtes Kapitel. Wirth zum Fuchsbau eingeſteckt und daß er, den er ſo ſehr geliebt, elend umgekommen ſei, wieder auf's Neue ſehr darniedergeworfen.“ „Sag' ihm meinen Gruß,“ antwortete Franz,„und zu gleicher Zeit, daß die Nachricht von ihm falſch ſei. Er iſt wohl verſchwunden, aber nicht elend umgekommen.“ „Das wird ihn erheitern,“ verſetzte das Harfenmädchen⸗ „Jetzt aber lebt wohl, eure Pferde ſind angeſpannt.“ „Leb wohl!“ ſagten Henriette und der Jäger, und Beide drückten der Andern herzlich die Hand. Letzterer ließ ſeine Geld⸗ börſe darin zurück, indem er ſagte:„Es iſt für Mathias, er ſoll ſich pflegen, und wenn er das Vergangene vergeſſen kann, ſo wird es mir vielleicht möglich ſein, ſpäter mehr für ihn zu thun.“ Dahin flog der Wagen, Jäger und Kammerjungfer ſprachen lange nichts mit einander, aber in dem Wirthshaus ertönte gleich darauf wieder luſtig wie früher Harfe und Geſang. Was nun den Fuchsbau anbelangt, nach deſſen finſteren Räumen uns der geneigte Leſer ſchon öfters freundlich begleitet, ſo wurde er vom Staate angekauft und zu einem Arbeitshauſe für weibliche Mitglieder der menſchlichen Geſellſchaft eingerichtet, welche durch böſen Lebenswandel der wachenden Gerechtigkeit Veranlaſſung gaben, ſich um ihr Privatleben zu bekümmern⸗ Leider können wir aber nicht verſchweigen, daß ſich noch vor Ab⸗ lauf eines Jahrs, von dem Zeitpunkt an gerechnet, an welchem unſere wahrhaftige Geſchichte ſchließt, einige unſerer Bekannten ſich dort ein Rendezvous gaben, und zwar Madame Becker, Ma⸗ dame Wundel und deren Tochter Emilie, leider jedoch nicht zu Kaffee und Punſch, wohl aber zu Waſſer und Brod und ſehr dünner Erbſenſuppe. Das uns wohl bekannte Gemach mit der braunen Decke und den gleichen Holzwänden gehörte zur Woh⸗ nung des Aufſehers, doch liebte Dieſer das Gemach nicht beſon⸗ —* —— —* —— — 85 “ 4 — G 1 4 * * 44 4 5 .„ 38 4 A