—— Leihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für uüpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Pet.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Euer Durchlaucht haben mit gewohnter Güte und Liebenswürdigkeit erlauben wollen, daß ich Hochdenſelben die vorliegende Sammlung meiner Mährchen aus dem Morgenlande als Ausdruck freundſchaftlichſter Verehrung und Anhänglichkeit widmen darf. Wenn ich zu deren Ueberreichung den höchſten Feſttag in Euer Durchlaucht Leben— den Vermählungstag— wähle, ſo liegt die Beziehung nahe genug: das Glück, das Ihnen, verehrter Prinz und Gönner, an dieſem Tage aufblüht, iſt ja an ſich ſelbſt ein ſchönes Mährchen. Ich könnte freilich auch eine zweite, nicht minder paſſende Beziehung finden, die ſich wiederum als Mährchen erzählen ließe: „Es war einmal eine Glocke;z in dieſer Glocke ſaß eine Menge verſchiedenartiger Leute, klein und groß, bunt durch einander; und ein hoher freundlicher Meiſter von der Glocke hielt die Leute alle feſt und innig beiſammen, bis eines ſchönen Abends—“ Sie kennen doch die Sage vom Dornröslein?— Aber hier bricht mein Mährchen in einem, dem Publikum unverſtändlichen Geflüſter zuſammen. Und ſo ziehe ich es vor, lieber beide Beziehungen in einer Arabeske zu verſchlingen: Innigſte Wünſche und Grüße, hochverehrter Prinz und Meiſter, im Sinne aller Freunde und Brüder aus der Glocke. 8 Sie insgeſammt finden ein liebliches Symbol darin: daß das V heutige hohe Liebesfeſt ihres entfernten Meiſters, außer durch ihre Glocken, durch die erſten ſchönſten Glocken des Frühlings— durch Schnee⸗Glöcklein— feierlich eingeläutet wird. Meine Mährchen und mich der theuren Gunſt Eurer Durch⸗ ¹ laucht beſtens empfehlend, habe ich die Ehre reſpectvollſt zu* verharren Euer Durchlaucht Stuttgart, 15. April treu gehorſamſter 1847. F. W. Hackländer. ͤ1—— „. Neber Kairo, der alten Kalifenſtadt, war die Sonne mit aller Gluth des ſüdlichen Himmels aufgegangen, und glänzte prächtig auf den vergoldeten Spitzen der unzähligen Minareths und auf den blei⸗ bedeckten Kuppeln der Moſcheen, heiligen Gräber und Karavanſereien. Wenn auch der Himmel in jenen Ländern gewöhnlich wolkenlos und tiefblau über der Erde prangt, ſo war es doch, als ſchaue er heute mit verdoppelter Freundlichkeit auf die alte Stadt und freue ſich über die zahlreichen Menſchenmaſſen, welche die Plätze und Gaſſen Kairos mehr als gewöhnlich belebten. Wer heute dies außerordentliche Ge⸗ treibe ſah, und dazwiſchen das laute freudige Geſchrei der Männer und Weiber hörte, den dumpfen Klang der Pauke und das Lärmen der langen ſchmalen Trommeln, die noch obendrein zur Verſtärkung des Schalles mit raſſelnden Ringen bedeckt ſind, wer die freudigen Geſichter der Muſelmänner gewahrte, mit denen ſie ſich gegenſeitig ihr Begrüßungswort Maſchallah! was ſo viel heißt, als: Gott iſt groß! oder: Ei w'Allah!— guter Gott! zuriefen, der konnte leicht auf den Gedanken kommen, daß etwas Außergewöhnliches ſein mußte, was die ſtillen und maulfaulen Türken in ſolche Aufregung brachte. Und ſo war es auch. Man feierte heute ein Feſt, das dem ächten Muſel⸗ mann als eines der wichtigſten und heiligſten gilt— nämlich den Auszug der Pilgerkaravane nach Mecca. Die Muhamedaner, deren Religionsübungen, wie ſie ihre Bibel, der Koran, vorſchreibt, mit weit mehr Mühſeligkeiten und Schwierigkeiten verbunden ſind, als die unſ⸗ rigen hier zu Lande, ſind durch eine Beſtimmung ihres Korans ge⸗ zwungen, ohne Ausnahme einmal in ihrem Leben die Pilgerfahrt nach Hackländer, orient. Sagen. 1 Mecca zu machen, um dort am Grab ihres Propheten Mohamed eifrig um Vergebung ihrer Sünden zu beten und der Moſchee daſelbſt, der heiligen Kaaba, ein Almoſen zu opfern, in dem Grade wie es ihre Vermögensumſtände erlauben. Obgleich die Entfernung von Kairo nach Mecca nicht viel größer iſt, als von Wien nach Paris, wonach uns der Befehl zum Pilgerzug nicht ſo hart erſcheinen würde, ſo iſt die Sache doch ganz anders zu nehmen, denn von Chauſſeen, Eil⸗ wagen und Eiſenbahnen iſt jenſeits des Meeres keine Rede, wohl aber von der traurigen und unendlichen Wüſte, die mit ihrem wehen⸗ den lockeren Sand wenige Schritte vor den Thoren Kairos anfängt, und ſich bis gen Mecca ohne Baum und Strauch, ja faſt ohne Waſſer ausdehnt. Dabei iſt noch zu bemerken, daß, wenn nur den Reichen und Wohlhabenden die Pflicht auferlegt wäre, oder dieſe allein die Sehnſucht in ſich fühlten, das Grab ihres Propheten zu beſuchen, die⸗ ſelben ſich ſchnellerer Transportmittel bedienen, ſich auf Reitkameele oder flüchtige Pferde ſetzen und auf dieſe Art Mecca in kürzerer Zeit erreichen könnten. Aber dieſer Reichen und Wohlhabenden, welche den Pilgerzug mitmachen, ſind nicht viele, beſonders durch eine andere Beſtimmung des Korans, welche dem, der es bezahlen kann, die Er⸗ laubniß gibt, an ſeiner Stelle einen frommen Pilger auszurüſten und ihn auf ſeine Koſten den Zug mitmachen zu laſſen;— was ihm der Prophet gerade ſo anrechnet, als habe er ſelbſt den Zug mitgemacht und alles Elend und alle Mühſeligkeiten ſelbſt ertragen. Je kleiner demnach die Zahl der Gläubigen iſt, die ſich für die lange Reiſe ge⸗ hörig mit Lebens⸗ und Transportmitteln ausrüſten können, um ſo größer iſt die Zahl des ärmeren Volkes, welches durch die Sehnſucht, das heilige Grab zu küſſen, verblendet, mitzieht, ohne daran zu den⸗ ken, daß die Reiſe gegen ſechsunddreißig Tage lang durch die Wüſte geht, wo während dieſer langen Zeit jeder nur das hat, was er mit⸗ nimmt, wo ſelbſt jeder der Vorſichtigen nur eben mit ſeinen Vor⸗ räthen auskommt und alſo auf keine andere Hülfe gegen das Ver⸗ ſchmachten zu rechnen iſt, als auf ein Wunder, das der Prophet thun könnte oder auf einen krummen Säbel der Raubbeduinen, die zuweilen die Karavanen überfallen. Um dieſen Ueberfällen der Beduinen ſo viel als möglich zu be⸗ gegnen, ſchickt die ägyptiſche Regierung eine Anzahl gut bewaffneter Reiter mit, deren Befehlshaber zugleich der Anführer des ganzen Pilgerzugs iſt, meiſtens ein vornehmer Türke, der auch während der n se n ganzen Dauer der Reiſe alle richterliche Gewalt übt, und deshalb Emir el Hadſch— Herr oder Fürſt der Pilger, genannt wird. Das erſte Geſchäft dieſes Emirs beſteht nun darin, ſich mit den gefürchtet⸗ ſten Stämmen der Beduinen in Unterhandlung zu ſetzen, um ſie für ſich zu gewinnen und ſeinen Zug zu ſichern. Da, wie ſchon geſagt, der Emir el Hadſch meiſtens ein vornehmer und auch reicher Muſel⸗ mann iſt, ſo bringt er oft aus ſeinem eigenen Vermögen große Opfer, um die ihm anvertraute Karavane vor allen Unfällen zu bewahren, denn wenn er ſie ohne großen Verluſt wieder glücklich nach Kairo zurückbringt, ſo iſt er für die Dauer ſeines Lebens ein gemachter Mann und genießt Vorzüge, wie kein anderer Sterblicher im glück⸗ ſeligen türkiſchen Reiche. Dieſe beſtehen hauptſächlich darin, daß er ſeinen Titel Emir fortbehält und daß, er mag beginnen, was er will, ſelbſt der Großherr nicht ſein Blut vergießen darf, weil der Koran ausdrücklich ſagt:„Der Auserwählte unter den auserwählten Gläubi⸗ gen, dem Gott und ſein Prophet die große Gnade verlieh, tauſende frommer Pilger unbeſchädigt durch die Wüſte zu führen, deſſen Haupt ſoll keine menſchliche Macht verletzen.“ Um ſich aber die Stämme der umherziehenden Beduinen geneigt zu machen, ſendet man an die be⸗ deutenderen Abgeordnete, welche dem Schech jedes Stammes koſtbare Geſchenke bringen und ſo um ſeine Freundſchaft werben. Dieſe Geſchenke beſtehen gewöhnlich in einem reichen Zelt, in prächtigen Waffen und koſtbaren Pferden. Nimmt der Beduine der Wüſte dieſe Gaben, ſo hat er ſtillſchweigend mit dem Emir el Hadſch einen Vertrag geſchloſſen und verpflichtet ſich, die Pilgerkaravane nicht zu beunruhigen, ob er ihr aber bei vorkommenden Fällen ſeinen Schutz und ſeine Hülfe angedeihen läßt, bleibt ihm gänzlich überlaſſen. Der Pilgerzug, von dem wir oben erzählten, daß ſein Auszug die Stadt Kairo in Allarm verſetzte, war unter der glorreichen Re⸗ gierung des Kalifen Abdallah. Da in dieſer Zeit das räuberiſche Volk der Beduinen zügelloſer und frecher als je war und es ſelten einer Karavane gelang, mehr wie zwei Tagereiſen von Kairo wegzukommen, ohne geplündert zu werden, ſo hatte die Wahl eines tapfern Emir el Hadſch, deſſen Obhut er ſeine frommen Pilger anvertrauen konnte, dem Kalifen ſchon manche ſorgenvolle Stunde gemacht. Wenn es auch an ſeinem Hofe der beherzten und einſichtsvollen Männer nicht wenige gab, ſo war es in dieſem Augenblicke doch ſchwer, einen zu finden, der neben dieſen Tugenden auch im Beſitz eines großen Ver⸗ ——— mögens war; denn wenn der Beherrſcher der Gläubigen auch im Noth⸗ fall ſein Herzblut für ſeine Unterthanen verſpritzt hätte, ſo würde ihm doch die unnöthige Ausgabe eines Piaſters ſchwere Sorgen verurſacht haben, weswegen er ſich nicht gleich entſchließen konnte, einem ſeiner tapferen Kriegsoberſten die Führung ſeiner Karavane anzuvertrauen, für den man die Koſten des Zuges hätte beſtreiten müſſen. Nun war aber an ſeinem Hofe der Oberſchatzmeiſter, Mahmud Achmet, ein Mann, wie ihn der Kalif zur Pilgerfahrt nur wünſchen konnte. Mahmud hatte tapfer gegen die Wechabiten gefochten, war ein Mann von vie⸗ ler Erfahrung und als Schatzmeiſter ungeheuer reich. Er hatte einen ſtattlichen Harem, einen herrlichen Palaſt am Ufer des Nils, mit der Ausſicht auf die Palmengärten und Pyramiden von Ghize und viele Selaven, welche faſt prächtiger gekleidet waren als die des Kalifen. Aus dieſen Umſtänden Mahmuds kann man denn wohl leicht erſehen, daß er ſich gerade nicht gedrungen fühlte, bei ſeinem behaglichen Leben um die Stelle eines Emir el Hadſch anzuhalten. Schon einige Male hatte der Kalif bei Spaziergängen mit ſeinem Oberſchatzmeiſter ſo im Geſpräch ſeinen Verdruß merken laſſen, keinen paſſenden Emir finden zu können und dann leiſe darauf angeſpielt, wie trefflich dieſer Poſten für ihn paſſen würde, und wie ſtattlich ſich der Titel Emir vor dem Namen Mahmud Achmet ausnehmen würde. Solche Aeußerungen hatte nun der arme Schatzmeiſter mit einer entſetzlichen Angſt angehört und wenn er ſich dieſen Worten ſo mit allerhand Schmeichelreden zu ent⸗ ziehen wußte, ſo war ihm dabei zu Muth, als wäre er in den Käfig eines Löwen eingeſchloſſen und müſſe ſo langſam die Fallthüre hinter ſich aufheben, um mit der größten Behutſamkeit faſt unmerklich zu entweichen, damit der König der Thiere nicht ungeduldig aufſpringe, um ihn mit einem einzigen Schlage zu zermalmen; denn wenn auch der Kalif Abdallah im Allgemeinen ein recht guter Herr war, ſo hatte er doch keinen richtigen Begriff über den Werth des Lebens ſeiner Unterthanen und mochte nicht einſehen, daß, etwas gehängt oder ge⸗ ſpießt zu werden, ſelbſt dem ärmſten Teufel nicht angenehm ſei. Hatte nun der Kalif mit ſeinem Schatzmeiſter eine ſolche Unter⸗ redung beendigt, wobei es Letzterem gelungen war, den gefährlichen Poſten und die Ehre eines Emir el Hadſch von ſich abzuwälzen, ſo konnte Abdallah in eine ſo ſchlechte Laune gerathen, daß dem Schatz⸗ meiſter die Haare zu Berge geſtanden wären, wenn ſein Kopf nicht wie der jedes rechtgläubigen Muſelmanns glatt geſchoren geweſen. 8—— A 5 Wehe in ſolchen Augenblicken dem armen Sclaven, der dem Kalifen die Pfeife in den Mund zu ſtecken hatte und es nicht mit der gehöri⸗ gen Sorgfalt that! oder einem Anderen, der die Polſter des Garten⸗ divans nicht in mehr als bequeme Lage gebracht hatte. Sein Leben war in Gefahr und der Kalif hatte ſchon mehr als einmal ſeinen Damascener gezogen und dem Selaven den Kopf vor die Füße gelegt, den blutigen Stahl aber hatte er ſeinem Schatzmeiſter Mahmud Achmet überreicht, um ihn abzuwiſchen und ihn dazu mit einem Blicke ange⸗ ſehen, der deutlich ſagte: ſein Blut iſt für dich gefloſſen. Solche Auftritte griffen den armen Schatzmeiſter nicht wenig an, er ſah den Augenblick herankommen, wo ihm der Kalif die Frage ſtellen würde, ob er Emir el Hadſch werden oder geköpft ſein wolle? Zwei Sachen, von denen er nicht wußte, welche die ſchrecklichere ſei. Mahmud Achmet war ſchon hoch in den Vierzigen, war wohl beleibt und hatte ſchon deshalb eine unüberwindliche Abneigung gegen den Zug durch die Wüſte, weil er ſich ſehr vor der Peſt fürchtete, welche Krankheit oft bei dem Elend des ärmeren Volks, das mitzog, auszu⸗ brechen pflegte. Er verſuchte es, dem Kalifen dieſen oder jenen tapfe⸗ ren Krieger vorzuſchlagen, wobei er deutlich die Abſicht durchſchimmern ließ, gern aus ſeinem Beutel die Koſten des Zugs bezahlen zu wollen; doch der Kalif, der es ſich einmal in den Kopf geſetzt zu haben ſchien, niemand anders, als ſeinem Schatzmeiſter die Ehre des Zugs zu gön⸗ nen, und der wahrſcheinlich durch deſſen Widerſtreben gereizt war, verwarf alle andern, worüber ſich Mahmud Achmet nicht wenig ab⸗ grämte. Ihn erfreute ſein Palaſt nicht mehr, nicht einmal die präch⸗ tige Marmorhalle deſſelben mit dem ſchönen Springbrunnen und ſei⸗ nem cryſtallenen Waſſer, ihm ſchmeckte keine Pfeife und ſelbſt wenn er den beſten Tabak durch ein hundert Schuh langes Rohr einſaugte, ſo behauptete er, es ſei bitter und ſcharf. Seine Mährchenerzähler, denen er ſonſt ganze Abende mit der größten Aufmerkſamkeit zulauſchte. konnten die intereſſanteſten Sachen bringen und er behauptete doch, ſie ſeien ſchaal und abgeſchmackt. Kurz, es konnte ihm Niemand etwas recht machen. Dabei magerte er zuſehends ab, ſo daß der Sclave, der ihm Morgens den Shawl umwand, traurig mit dem Kopf ſchüttelte, als er nach kurzer Zeit gewahr wurde, daß der Ka⸗ ſchemir einmal mehr um den Leib reiche, als ſonſt. Da ließ eines Tags der Kalif ſeinen Schatzmeiſter rufen. Abdallah lag in einer Myrthenlaube, auf rothſammtenen und goldgeſtickten Kiſſen ———— ——— 8ſſſſſ ꝙ ͤ 6 und rauchte aus einem ungeheuer langen Jasminrohr, wobei er finſter in den Bart murmelte und dem eintretenden Schatzmeiſter ſo höhniſch lächelnde Blicke zuwarf, daß dieſem ohne Weiteres ſchon der Angſt⸗ ſchweiß auf der Stirne ſtand. Auch glaubte er hinter der Laube den Boſchandſchi Baſchi, was auf Deutſch General der Gartenwachen heißt, ein Mann, der neben ſeinem freundlichen Titel ein ſehr finſteres Amt zu verwalten hat; denn er beſorgt das Geſchäft, vornehme Verbrecher, die in der Stille bei Seite geſchafft werden ſollen, in einen ledernen Sack nähen und in den Nil verſenken zu laſſen. Nachdem Mahmud Achmet in die Laube eingetreten war, legte er ſeine Hand an Stirne und Bruſt und beugte ſein Antlitz dreimal faſt bis zur Erde, worauf der Kalif einige lange Züge aus ſeiner Pfeife that und ihm befahl, ſich niederzuſetzen.„Mahmud Achmed,“ begann darauf der Beherrſcher der Gläubigen,„Du weißt, daß ich ſowohl Dir, wie allen meinen Unterthanen ein milder gerechter Herr bin.“ Der Schatzmeiſter verbeugte ſich, ſo gut er konnte.„Mahmud Achmet, Du weißt,“ fuhr der Kalif fort,„daß ich Dich zu meinem Oberſchatzmeiſter gemacht habe, ein Amt, in welchem Du Dir unermeßliche Reichthümer erworben haſt, ob auf eine redliche und dem Propheten wohlgefällige Weiſe, wird Dir Dein Gewiſſen ſagen.“ Bei dieſen Worten entfärbte ſich der Schatzmeiſter und ſchwor bei Gott und dem Propheten, er habe ſein Amt mit der größten Rechtlichkeit verwaltet, wofür ihn Mahomed geſegnet.„Mahmud Achmet,“ ſprach der Kalif weiter, und zog finſter ſeine Augenbrauen zuſammen,„ſchwöre nicht falſch, denn ich der Kalif, habe in meiner hohen Weisheit beſchloſſen, die Behauptung aufzuſtellen, es ſeien Deine Schätze von Dir auf keine rechtliche Art erworben, ſondern als habeſt Du zuweilen aus meinem Schatzgewölbe mehr genommen, als der Unterhalt meines Hauſes und meiner Krieger koſtet. Willſt Du meine Behauptung Lügen ſtrafen, Mahmud Achmet?“ Der alſo Gefragte ſaß da ein Bild des Jammers, denn die Be⸗ hauptung des Kalifen war gerade ſo gut, wie ein ausgeſprochenes Todesurtheil, und es ſauſte ihm ſchon vor den Ohren, als ſinke er in den Fluthen des Nils unter, wobei er kläglich nach Athem ſchnappte. „Siehſt Du,“ fuhr Abdallah fort,„Du wagſt es nicht, mir zu antworten, und geſtehſt demnach ein, daß Du mich, Deinen, Herrn betrogen. Weißt Du auch, Mahmud Achmet, was Dir da⸗ für gebühret?“ 2& ———-—& y— △— ꝛ—y „Ach, großmächtigſter Herr und Kaiſer,“ ſeufzte der Schatz⸗ meiſter heraus,“ wollte es Deiner hohen Weisheit doch nur gefallen, meine Vertheidigung anzuhören, doch— a hier hielt er mit dem Blick des größten Schreckens inne, als er ſah, daß den Kalifen der Verſuch, ſich zu vertheidigen, noch zorniger gemacht. Der Beherrſcher der Gläubigen zupfte nachdrücklich an ſeinem Bart, während er ſeinen koſtbaren Pfeifenkopf aus rother Ziegelerde, reich mit Gold eingelegt, an einem kleinen Steine zu tauſend Stücken zerſchlug. Wie geſagt, der Schatzmeiſter hielt, noch Schlimmeres fürchtend, mit ſeiner Ver⸗ theidigung inne, ohne es zu wagen, den Kalifen anzuſehen, der ihm zuerſt einen fürchterlich ſtrengen Blick zuwarf, aber nach und nach ein höhniſches Lachen annahm, ein Ausdruck, der ſich alsdann über ſeine ganzen Züge verbreitete, während er folgendermaßen ſprach: „Mahmud Achmet, mein Oberſchatzmeiſter, Du wirſt jetzt ein⸗ ſehen, daß es meiner hohen Weisheit gelungen iſt, Dir zu beweiſen, daß Du ein frecher Dieb biſt und noch dazu ein Dieb unter den er⸗ ſchwerendſten Umſtänden, denn Du haſt Deinen Herrn und Kalifen beſtohlen. Erzähle mir doch einmal, welche Strafe Deinem Unter⸗ beamten Ismael zu Theil wurde, als er aus dem Schatzgewölbe jenen grünen Stein mitnahm, der nur den Werth von drei Piaſtern hat!“ „Allergroßmächtigſter Herr und Kaiſer!“ „Die Strafe, Mahmud Achmet! Dein Gedächtniß, das vorhin ſo ſtark war und Du mir erzählen wollteſt, woher Du Deine Reich⸗ thümer haſt, ſcheint Dich auf einmal verlaſſen zu haben. Wie wurde Ismael beſtraft?“ Die Gedanken des armen Oberſchatzmeiſters hüpften im Gehirne auf und nieder, wie ſterbende Fiſche im Waſſer, um nach jener Strafe zu ſuchen; doch mußte der Kalif nochmals dringend fragen, ehe Mah⸗ mud Achmet tonlos die Worte hervorbringen konnte:„Ihm wurde die rechte Hand abgehauen, und dann wurde er gepfählt und mußte ſo elend ſterben.“ Nachdem Mahmud ſo ſein eigenes Todesurtheil, wie er glaubte, geſprochen, ſah ihn der Kalif eine Zeit lang an, ſtrich darauf mit beiden Händen ſeinen Bart und ſagte:„Mahmud Achmet, ich will Dir beweiſen, welch gnädiger und barmherziger Herr ich ſein kann. Du wirſt für den Dir bewieſenen Diebſtahl nicht beſtraft werden, ſondern ich bekleide Dich ſogar mit der hohen Ehre eines Emir el Hadſch. Führe meine Pilger wohl und ſchone Deine Geſundheit, da⸗ mit Du mir nach Deiner Zurückkunft lange Jahre ein getreuer Ober⸗ ſchatzmeiſter ſein kannſt. Als Mahmud Achmet vorhin ſchon im Geiſt einen ledernen Sack vor ſich ſah, in den er fürchtete genäht zu wer⸗ den, nachdem ihm vorher die rechte Hand abgehauen, hatte er doch bei ſich ſelbſt gedacht: wie unendlich beſſer es geweſen wäre, wenn er freiwillig den Poſten eines Emir el Hadſch angenommen. Es konnte ihm ja gelingen, die Karavane und ſich ſelbſt glücklich hin und her zu bringen. Und welche Ehre und welches Anſehen ſtand ihm dann für ſein ganzes künftiges Leben bevor. Um ſo freudiger war er jetzt überraſcht, als er merkte, daß ihm der Kalif nicht ans Leben wollte, ſondern daß die ganze Verhörgeſchichte blos deshalb angeſtellt war, um ihm einen Schrecken einzujagen und ihn zu zwingen, die Ernen⸗ nung zum Emir el Hadſch ſtatt des Erſäuftwerdens als eine große Gnade anzuſehen. Er verbeugte ſich deshalb, ſo tief er konnte, küßte den Saum des kaiſerlichen Kaftans und zog ſich auf einen Wink ſeines Gebieters zur Laube hinaus. Doch war er ſo erſchöpft und von dem gräßlichen Verhör halb vernichtet, ſo daß er ſich kaum auf dem Pferde erhalten konnte. In ſeinem Palaſte angekommen, nahm er ein ſtärkendes Bad und ſchloß ſich in ſein innerſtes Gemach ein, nachdem er zuvor ſeinem vertrauteſten Sclaven ſeine Ernennung zum Emir el Hadſch mitgetheilt. Noch am ſelben Abend erſchallten alle Gaſſen Kairos vom bunten Freudengeſchrei des Volkes wieder, daß der Kalif in ſeiner hohen Weisheit und Gerechtigkeit den Pilgern einen Emir beſtellt, und daß dieß Niemand anders ſei, wie Mahmud Achmet, der Oberſchatzmeiſter. Hier wurde der Erſtere geprieſen und der Letztere gelobt.„Maſchallah:“ ſagten die alten Türken in ihren Kaffeehäuſern.„Der Oberſchatzmei⸗ ſter, das iſt ein Mann! Seht Ihr! er hat Reichthümer und Ehren genug und bietet ſich doch dem Kalifen an, ein ſo gefährliches Amt zu übernehmen.“—„Ja, ja,“ ſagten Andere, vein wahrhaft hoch⸗ herziger und großmüthiger Mann, der Oberſchatzmeiſter!“ worauf die anderen Gäſte des Cafés im Chor hinzuſetzten:„Gott mög' es ihm lohnen und der Prophet ihm gnädig ſein!“ Wenige Tage nach dieſen Vorfällen brach alſo der denkwürdige Morgen an, von dem wir zu Eingang dieſer Blätter ſprachen. Die Imans oder Gebetausrufer verkündigten von den Spitzen der Mina⸗ reths, daß heute der große Tag erſchienen ſei, an welchem die Pilger⸗ karavane in feierlichem Aufzug durch die Stadt ziehe und ſich alsdann vor den Thoren lagere, um morgen mit dem Früheſten den Zug durch die Wüſte zu beginnen. Da in dieſem Jahre mehr Pilger von allen Enden des Reichs zuſammen geſtrömt waren, da es ferner hieß, der Oberſchatzmeiſter Mahmud Achmet habe eine weit größere Anzahl be⸗ waffneter Reiter zur Begleitung mitgenommen, als ſonſt gewöhnlich der Fall war, und es haben ſich durch ſein glorreiches Beiſpiel ge⸗ wogen, viele andere Edle dieſem Zug angeſchloſſen, ſo waren durch dieſe Gerüchte der Tumult und der Jubel auf den Straßen größer als je, um den Zug vorbeikommen zu ſehen. Das Volk ſtand Kopf an Kopf gedrängt, längs den Häuſern und bildete eine einzige Linie von den mannigfaltigſten Schattirungen. Neben dem ſchwarzen Nubier ſtand der braune Abyſſinier und neben dem bronzefarbigen Beduinen der Wüſte, der den weißen Burnus keck um die Schulter geſchlungen hatte, ſtand der wohlbeleibte Türke in ſeiner reichen Tracht mit einer hellen Geſichtsfarbe, die durch den ſchwarzen Bart noch mehr hervor⸗ gehoben wurde. Hinter den Fenſtern lauſchten die Weiber und Kinder in dichten Gruppen und ſtießen fortwährend ein lautes gellendes Ge⸗ ſchrei aus, eine Art Jubelgeſchrei, das die Lüfte zerriß. Die Kaffee⸗ häuſer waren weit geöffnet und einzelne Muſikbanden in denſelben be⸗ mühten ſich, ein möglichſt lautes Getöſe zu machen. Jetzt wird das Gedränge und der Lärm auf den Gaſſen lebhafter, denn die Spitze des Pilgerzuges läßt ſich ſehen. Es ſind ſchlechte, unregelmäßige Sol⸗ daten, mit Lanzen und Bogen bewaffnet, die ſich mit dieſen Waffen verſehen haben, um auf dem Zug durch die Wüſte einen kleinen Sold zu erhalten. Ihnen folgt ein Haufe des ärmeren Volkes, welches den langen Weg meiſtens zu Fuß machen muß; nur hie und da erblickt man einen kleinen Eſel oder ein ſchlechtes Maulthier, das mit Waſſer⸗ ſchläuchen oder Zwiebel und Reiß beladen iſt, oder ein halb verhun⸗ gertes Kameel, auf deſſen Rücken ſich ein paar zerlumpte Kerle lagern, deren grüne Turbane anzeigen, daß ſie ſich zu den Nachkommen des Propheten rechnen und Herrn genannt werden. Hinter dieſen Schaaren der armen Pilger kommt eine Menge Derwiſche, welche während des Gehens ihre Glieder wie in Verzückung drehen und wenden und dabei beſtändig die Worte„Allah“ und„Mahomed“ brüllen, was von dem Volke und den Weibern an den Fenſtern beſtändig mit einem lauten Jauchzen begleitet wird. Dieſe Derwiſche ſind von der fanatiſchſten Sekte und heißen die drehenden Derwiſche; denn ihre Hauptreligions⸗ übung beſteht darin, ſich wie Kräuſel mit unglaublicher Schnelligkeit herum zu wirbeln, ſo lange bis ihnen der Schaum vor dem Munde ſteht und ſte bewußtlos zur Erde fallen. Hier bei dieſem Zuge hat ſich ihr Fanatismus zu einer wahren Wuth geſteigert und ſie begehen unglaubliche Dinge, um dem gaffenden Volk zu zeigen, in welch ra⸗ ſendes Entzücken ſté der Gedanke an die Pilgerfahrt nach Mecca ver⸗ ſetzt. Außer den wahnſinnigen Sprüngen, die ſie machen, ſo daß ihnen der Schaum und Schweiß von dem Geſichte rinnt, wälzen ſich einige auf der Erde vorwärts, andere laſſen ſich an Stricken nach⸗ ſchleifen und wieder andere freſſen in ihrer tollen Wuth giftige Schlangen und anderes Ungeziefer. Nach dieſen Derwiſchen folgen große Schaaren von beſſer aus⸗ ſehenden Kameelen und Pferden, von denen einige mit prächtigem Reitzeug, die andern mit Packſätteln verſehen ſind, an welchen Waſſer⸗ ſchläuche und Säcke mit allen möglichen Lebensmitteln hängen. Die Sättel aber ſind gewöhnlich leer, denn die Eigenthümer dieſer Kameele und Pferde machen gewöhnlich den Zug durch die Stadt nicht mit, ſondern ſchließen ſich erſt morgen der Karavane an, wenn ſie wirklich von Kairo aufbricht. Jetzt folgen in großen Schaaren andere Kameele, auf welchen Männer in guter und ſchlechter Kleidung ſitzen, von denen viele mit Pauken, Raſſeltrommeln und Pfeifen verſehen ſind, womit ſte einen fürchterlichen Lärmen machen, der verſtärkt wird durch das begleitende Gebrüll des Volks auf den Gaſſen und das Gejauchze des Volkes an den Fenſtern. Ihnen folgt eine Schaar beſſer ausſehender Krieger, es ſind Mameluken im Dienſte des Kalifen und ihre meiſt rothen prächtig geſtickten Gewänder, ſo wie der weiße Turban und die blitzenden Waffen ſtechen vortheilhaft unter den dunkeln, ärmlichen Anzügen des umherſtehenden Volkes hervor. Dieſe Mameluken waren von jeher gefürchtete Kriegsleute und ſchauen trotzig umher. Sie um⸗ geben einige ſehr ſtarke Kameele, die mit ſchweren Kiſten beladen ſind, in welchen ſich theils Geſchenke des Kalifen an die heilige Kaaba in Mecca befinden, theils Gelder, um von den Beduinenſtämmen in der Wüſte die nöthigen Lebensmittel für das mitziehende großherrliche Militair zu erhandeln. Nachdem dieſe Mameluken vorbeigezogen ſind, hört man das Volk auf den Gaſſen ſich murmelnd von dem großen Reichthum Mah⸗ mud Achmets, des diesjährigen Emir el Hadſch unterhalten, denn es erſcheint eine unabſehbare Reihe von Kameelen und Maulthieren, ſo wie prächtig geſchmückte Pferde, welche das Gepäck, die Lebensmittel und die ganze Bagage des Emir el Hadſch tragen. Dieſes wohlge⸗ fällige Murmeln des Volks verſtärkt ſich beim Vorrücken dieſer Ka⸗ meele immer mehr und mehr und bricht endlich in ein lautes Jauchzen und Brüllen aus; denn ihnen folgt ein großes ſtarkes Kameel, von zwei Männern geführt, deſſen bepackter Sattel mit einer langen ſchwarz⸗ ſammtenen Decke belegt iſt. Unter ihr befindet ſich nämlich ein präch⸗ tig gewebter, mit Gold geſtickter Teppich, der von dem Kalifen der heiligen Kaaba zu Mecca verehrt wird. Alljährlich ſchickt der Be⸗ herrſcher der Gläubigen einen ſolchen Teppich nach Mecca, der dort über das heilige Grab ausgebreitet wird, wogegen die Pilgerkaravane den vorjährigen wieder mit zurücknimmt, der durch lange Berührung mit dem Heiligthume geweiht, nun in einer der Moſcheen Kairo's niedergelegt wird.— Hinter dieſem Kameel folgen bewaffnete Reiter, Pilger auf Kameelen und Pferden und Stellvertreter der verſchiedenen Zünfte, ſo wie Derwiſche mit großen grünen Fahnen. Das Volk auf den Straßen, welches das Kameel mit dem heiligen Teppich ſtau⸗ nend betrachtet, und mit großer Ehrfurcht begrüßt, bricht jetzt in einen lauteren Jubel aus und weicht nach allen Seiten zurück, denn es zeigt ſich eine neue Schaar Mameluken und andere Reiter, wor⸗ unter auch Beduinenchefs verſchiedener befreundeter Stämme, deren Burnus ſich durch Weiße und Feinheit des Stoffs von dem der an⸗ deren Beduinen unterſcheidet. Auch iſt ihr Haupt mit einem gelb und rothen, Gold durchwirkten Tuche geſchmückt und die Hälſe ihrer Pi⸗ ſtolen, ſo wie die Griffe ihrer Säbel ſind mit Silber beſchlagen oder ſogar mit Cdelſteinen beſetzt. Einige unter dieſen Reitern führen am Sattel kleine Pauken, womit ſie ein unaufhörliches Getöſe machen. Immer zahlreicher wird ihre Schaar und der Strom der Pilgerkara⸗ vane, der bis jetzt ziemlich ſchmutzig und grau dahin floß, färbt ſich immer bunter und glänzender und ſchon ſteht man prachtvolle Reiher⸗ büſche emporragen und gewahrt, wie ſich die Strahlen der Sonne in reichen Goldſtickereien und Brillanten wiederſpiegeln. Die Pferde, von der edelſten Race, welche nun kommen, bäumen ſich und tanzen unter ihren Reitern, welche ſtolz und mit zufriedenem Blick herab auf die Menge ſchauen, denn ihnen wird die Ehre zu Theil, unmittelbar die geheiligte Perſon des Emir el Hadſch umgeben zu dürfen. Es ſind junge reiche Türken, die auf eigene Koſten den Zug mitmachen, und die das Gefolge des Emirs bilden. Jetzt erhebt ſich das Geſchrei des Volkes lauter und einzelne Stimmen rufen:„Heil Mahmud Achmet! Heil dem glorreichen Emir el Hadſch, welcher Reichthum, Anſehen, Macht hinter ſich läßt, um dem Drang ſeines Herzens zu folgen und mit ſeiner großen Weisheit die Kinder des Propheten durch die Wüſte zu führen!“ Aus dem zuſchaulenden Volke bilden ſich einzelne Gruppen, welche ſich eifrig um die Tugenden Mahmud Achmets ſtreiten.„Ja,“ ruft ein wohl⸗ beleibter Barbier,„das iſt ein Mann, ich habe zuweilen die Ehre, ſeinem oberſten Stallaufſeher den Bart ſcheeren zu dürfen und bin deshalb im Stande, ſeine Tugenden an den Fingern herzuzählen. Noch nie hat er einen Sclaven eigenhändig geköpft und die höchſte Strafe, die er je ertheilt, waren hundert Hiebe auf die Fußſohlen. Ein merkwürdig milder Herr.“—„Ja, ja, ein merkwürdig milder Herr,“ pflichtete ein Paſtetenbäcker dem Barbier bei, und ein zerlumpter Kameeltreiber mit einem braunen ſpitzbübiſchen Geſicht fuhr mit der Hand in ſeinen ſchmierigen Gürtel und holte eine Handvoll kleiner Münze hervor, die er dem Anderen mit den Worten zeigte:„Ja, ja, ein großmüthiger Herr! Der Prophet möge es ihm belohnen, eine ganze Stunde lang hat er heute Morgen ſolches Geld aus ſeinem Palaſte unter das Volk werfen laſſen.“ In dieſem Augenblick aber löſten ſich die Gruppen der Sprechen⸗ den auseinander, denn der Mann, von dem ſie mit ſo vielen Lobes⸗ erhebungen geſprochen, Mahmud Achmet, der Emir el Hadſch, zeigte ſich jetzt in Perſon den Blicken des erſtaunten Volkes. Er ritt einen prachtvollen Schimmelhengſt und es war, als ſei das Thier wohl der Ehre bewußt, die ihm zu Theil geworden; denn es warf den Kopf ſtolz in die Höhe, und wenn es ſich vorne emporhob, breitete es ſeine Hufen wie grüßend gegen das Volk aus und ließ ſich dann gnädig wieder herab. In der That, das Thier ſah wohlgemuther und freu⸗ diger aus, als ſein Herr; denn wenn ſich auch der gute Mahmud Achmet ſo viel wie möglich in die Bruſt warf, und ſich bemühte, froh unter die Menge zu ſchauen, ſo entgieng doch einem aufmerkſamen Beobachter nicht, daß der geweſene Oberſchatzmeiſter etwas blaß ausſah und daß er unwillkührlich wie erſchrocken zuſammenfuhr, wenn er eine Schaar jener armen Pilger erblickte, die jetzt ſchon halbverhungert ausſahen. Alsdann ſenkte der Emir den Blick auf ſeinen ſtattlichen Bauch herab und dachte wahrſcheinlich über die Unbeſtändigkeit alles Schönen im menſchlichen Leben nach. Als der Emir vorbei war, folgten ihm noch eine Unzahl Reiter — n U ——9— 8——— ⏑ u- Kᷣ—, 8— 7 in prächtigen Coſtümen. Nach dieſen kamen wieder Mameluken, Diener des Emir und wie vor dem Herrn der Zug allmählich immer glän⸗ zender geworden war, ſo nahm er hinter demſelben auch eben ſo ab und verlor ſich bald wieder in ein ſchmutziges, graues Gedränge. Doch für den ächten Muſelmann war das Bedeutendſte des Zuges noch zurück und wenn ſich auch die Männer auf den Straßen an dem Aufzuge des Emirs mit ſeinen prächtigen Pferden und Waffen ſehr ergötzt hatten, und ſich als dieſe vorüber waren, an die Häuſer lehnten und anfiengen zu plaudern, ſo wurde dagegen die Bewegung der Weiber an den Fenſtern deſto lebhafter und die halb vergitterten Laden öffneten ſich mehr und mehr und ließen eine Unzahl verſchleier⸗ ter Köpfe, die aufmerkſam die Straße hinabſpähten und hie und da in lauten Jubel ausbrachen, ſehen. Was ſo ihre Aufmerkſamkeit rege machte und jetzt noch kommen mußte, war ein Kameel, das einen zeltartigen Baldachin trug, der Machmil heißt, und unter welchem ſich prächtige Geſchenke befanden, die der Kalif alljährlich der heiligen Kaaba verehrt. Dieſe Sitte des Machmil rührt davon her, daß in der alten Zeit eine der Favoritſultaninnen des regierenden Kalifen den Zug nach Mecca gewöhnlich mitmachte, ein Gebrauch, der aber dieſen edlen Damen bald anfing läſtig zu werden, weshalb ſie auf ein Mittel dachten, um ſich dieſer Sitte zu entziehen. Hiezu gab es nun kein Beſſeres, als aufs Gerathewohl zu Haus zu bleiben, aber dagegen den Machmil mit koſtbaren Geſchenken, für die heilige Mo⸗ ſchee in Mecca angefüllt, allein gehen zu laſſen;— ein Verfahren, das denn auch der Ober⸗Iman zu Mecca in Betracht der reichen Spenden für vollgültig anerkannte. Eine Rotte fanatiſcher Derwiſche, die theils zu Fuß gingen, theils auf mageren Kameelen ritten und in ihrem Glaubenseifer die entſetz⸗ lichſten Sachen begiengen, denn einige verdrehten ihre Glieder auf das Schauderhafteſte, andere fraßen Schlangen, Scorpionen und dergleichen und noch andere ſtießen ſich Meſſer, Degenklingen durch die Hände, Ohren und Lippen— zeigte ſich nun den Blicken der Menge. In ihrer Mitte ritten zwei abenteuerliche Geſtalten, welche von dem Volk mit einem unermeßlichen Jubelgeſchrei begrüßt wurden. Die Eine war der alte Schah el Gemel, was ſo viel heißt, als Oberſter der Kameele und der den Zug nach Mecca Gott weiß zum wie vielten Male mitmachte, wodurch er in den Geruch großer Heiligkeit gekom⸗ men war, denn neben den Mühſeligkeiten und dem Elend, was er während des Zuges mit der ganzen Karavane erduldete, plagte ſich der edle Schech auf der ganzen Reiſe noch beſonders ab, indem er unaufhörlich ſowohl hin als zurück den Kopf auf eine unglaubliche Art im Kreiſe herumwirbelte, ſo, daß es ausſah, als hing ſein Haupt nur an einem Zwirnsfaden. Die zweite der erwähnten Geſtalten, welche beſonders von den Weibern mit vielem Jubel begrüßt wurde, war die alte Um el Chutat oder auf deutſch Katzenmutter, die den Pilgerzug nach Mecca ebenfalls alljährlich mitmachte. Sie ritt eben ſo wie der Schech auf einem alten mageren Kameel, an welchem einige zwanzig Körbe hiengen, in denen ſich eine Unzahl Katzen und Kätzchen von allen Farben und Größen befand, woher denn auch die gute Frau ihren Namen hat. Hinter dieſen Derwiſchen kamen ein Paar Kameele und beſſer ausſehende Pferde, auf denen die höhere Geiſtlichkeit ritt, denen große grüne Fahnen nachgetragen wurden, geleitet von einer Muſikbande, die mit Becken, Pauken und Pfeifen einen ohrenzerreißenden Lärm machte. Jetzt aber erhob das Volk ein ſo fürchterliches Gebrülle und Schreien, daß die beſſeren Pferde im Zuge anfingen unruhig zu werden, und ſelbſt die ſanftmüthigen Kameele voll Unruhe um ſich blickten. Die Männer ſchrieen Allah und Arafaat— der Name eines heiligen Ber⸗ ges bei Mecca, auf welchem nach der Sage der Mahomedaner Abra⸗ ham ſeinen Sohn Ismael habe opfern wollen— und die Weiber kreiſchten gellend dazwiſchen, denn jetzt erſchien das Kameel mit dem prächtigen Baldachin, dem Machmil, unter welchem ſich die Geſchenke des Kalifen befanden. Alles drängte ſich hinzu, um wenigſtens mit der Hand die Decken des Baldachins, oder auch nur das Kameel zu berühren; es war eine unbeſchreibliche Verwirrung von Menſchen und Thieren. Wer nicht hindurchdringen konnte, löſte ſeinen Gürtel ab, und verſuchte mit einem Ende deſſelben über die Köpfe der Menge hinweg das Heilig⸗ thum zu erreichen. Die Weiber hinter den Fenſtern ließen ihre Schleier herab und in den oberen Stockwerken banden mehrere Shawls zuſammen, damit wenigſtens das Ende eines derſelben an dem Ka⸗ meele ſtreifen konnte. Und dann zogen ſie dieſelben wieder in die Höhe und küßten die auf ſolche Art geweihte Stelle. Nachdem das Kameel mit dem Machmil vorbei war, folgte noch eine unzählige Menge Pilger aller Art. Doch war das Intereſſe, was die Zuſchauer an der Pilgerkaravane nahmen nun mit dem Mach⸗ “ 250+☛8☛————— &̊&ͥ A u 1[ĩð☛+8⏑. N——— 15 mil vorbeigezogen und die langen Reihen der Leute, welche an den Häuſern gedrückt ſtanden, miſchten ſich jetzt unter der Zug, der aber an jeder Straßenecke abnahm; denn alle Zuſchauer eilten nach Haus, um ſich bei einer langen Pfeife und einem Glaſe Scherbet noch ein⸗ mal alle Bilder der Karavane vor's Auge zu führen, um das Ganze geiſtig wiederzukäuen. Die Pilger ſelbſt, beſonders die der ärmeren Klaſſe, ſowie die Laſtthiere und Diener der Reicheren ſetzten ihren Weg durch die Gaſſen von Kairo fort und gelangten bald durch das Thor des Kalifen in die freie ſandige Ebene vor den Mauern, wo ſie ſich ungefähr eine Stunde von der Stadt zum erſtenmal lagern und dort auch noch den folgenden Tag bleiben, damit ſich die Pilger aus den benachbarten Städten, die den Zug nach Mecca ebenfalls mitmachen wollen, hier alle verſammeln können. Die vornehmen und reichen Muſelmänner aber ziehen nur mit der Karavane durch einige Hauptſtraßen zum Prunk und kehren darauf in ihre Häuſer zurück, um den letzten Tag noch im Kreiſe ihrer Familien oder in ſtiller Beſchaulich⸗ keit zuzubringen. Bei der Haſanmoſchee, die ſich in Kairo in der Nähe des großen Bazars befindet, verließ auch der Emir el Hadſch den Zug und lenkte ſchweigend, von ein paar Sclaven begleitet, ſein Roß durch leere Nebenſtraßen, um, von dem Geſchrei des Volks unbeläſtigt, in ſeinen Palaſt zu gelangen. Dort angekommen, ſtieg er vom Pferde und begab ſich in die Halle, welche eine Ausſicht auf den klaren Spiegel des Nils gewährte. Dies war ein Gemach, ſs ſchöngund reizend, wie ſich die Phantaſie des Morgenländers nur die, Wohnung im Pargdies vorſtellen kann, es war hier kühl wie in einem Keller, und im Hintergrunde ſtritt ſich ein ſanftes Halbdunkel mit dem Glanz des Tages. Dort war der Boden erhöht, ungefähr wie die Bühnen auf unſern Theatern, und dieſe Erhöhung war belegt mit den präch⸗ tigſten perſiſchen Teppichen. An den Wänden lehnte ſich ſein breiter Divan mit ſchwellenden Kiſſen, die mit Sammtſtoff überzogen und mit reicher Stickerei überdeckt waren. Die Wände dieſes Gemachs beſtanden aus ſchön geſchnitztem und vergoldetem Holzwerk, das mit Cryſtallen und Spiegelglas eingelegt war. Vor dieſer Erhöhung, ungefähr in der Mitte des ganzen Gemachs, erhob ſich ein Marmor⸗ becken, ungefähr in der Geſtalt der cryſtallenen Tafelaufſätze bei uns, aus deſſen oberem Theil ein klarer Waſſerſtrahl mehrere Fuß hoch in die Höhe ſprang und der dann hinabſtürzend und von Becken zu Becken tropfend, ein heimliches melodiſches Gemurmel verurſachte. Mahmud Achmet, nachdem er ſich ſeiner Pantoffeln entledigt, legte ſich auf den Divan im Hintergrunde der Erhöhung der Bühne und ließ ſich von einem Sclaven das lange Rohr mit der Waſſerpfeife in den Mund ſtecken. Dann nahm er einen Schluck eiskalten Scherbets und ſtieß darauf einen tiefen Seufzer aus, denn ſein Auge fiel auf die vordere Wand der Halle, die geöffnet war und nur aus feinen Spitzbogen beſtand, an denen üppige Pflanzen emporrankten, und der Emir el Hadſch ſah die ganze Breite des herrlichen Nils, den er nun bald und vielleicht für immer verlaſſen ſollte. Es iſt ein Glück, daß ſich der Muſelmann nicht viel mit Ge⸗ danken beläſtigt, denn ſonſt könnte man vielleicht von denen Mahmud Achmets ſehr trübe und unangenehme Dinge erzählen. So aber ſtarrte er gedankenlos vor ſich hin, ließ die elfenbeinernen Kugeln des Roſenkranzes, den er an ſeinem Gürtel trug, ohne Aufhören durch die Finger gleiten— ein ſinniges Spiel, das die Orientalen gern treiben und das ſie außerordentlich amüſirt— wobei er mächtige Rauchwolken aus ſeinem Nargileh zog. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, worauf er den Schlauch der Pfeife auf die Erde warf und dreimal in die Hände klatſchte— ein Zeichen, das bei den Orientalen die Glocke für den Bedienten vertritt. Es dauerte auch keine Secunde, ſo erſchien der Leibdiener Mahmuds, der Neger Haſſan, indem er vorſichtig einen Vorhang in die Höhe hob, ſeinen dicken Kopf herausſtreckte und nach ſeinem Gebieter ſchaute.„Haſſan,“ ſprach dieſer, und der Gerufene trat ganz hervor und kauerte ſich zu den Füßen ſeines Herrn auf den Teppich.„Haſſan,“ ſprach Mahmud nochmals,„wir werden morgen Abend reiſen.“ „Deine Weisheit hat es ſo beſchloſſen, o Herr,“ entgegnete der Schwarze.—„Du wirſt auch mit nach Mecca pilgern, Haſſan,“ fuhr der Emir fort und ſtrich ſeinen langen Bart. „Ja Herr,“ ſeufzte Haſſan, drehte aber dabei den Kopf etwas auf die Seite und wer hätte ſehen können, wie er ſeine ohnehin tücki⸗ ſchen Augen boshaft verdrehte und dabei die weißen Zähne auf ein⸗ ander biß, der hätte wohl ſehen können, daß der Diener eben ſo wenig wie der Herr, die Pilgerfahrt nach Mecca aus freiem Antrieb mitmachte. Doch der Emir war zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um etwas der Art merken zu köͤnnen, und hatte auch keine Ahnung davon, daß ein Selave vielleicht eine eigene Meinung haben könne, denn er fuhr gleichmüthig fort:„Du wirſt auf's Beſte dafür ſorgen, — 8&☛ 8 88 Haſſan, daß mein großes Zelt eingepackt wird. Nimmſt auch keinen anderen Kaffee, als Mecca Nro. 1., und ſorge ferner für einen guten Vorrath ſyriſchen Taback.“ M Nach dieſen Befehlen winkte Mahmud mit der Hand und der Sclave erhob ſich, um fortzugehen, wandte ſich aber an der Thüre nochmals um und ſagte:„Deine Tochter Zemire, o Herr, wünſcht vor Dein Angeſicht treten zu dürfen.“ Dieſe Bitte gewährte der Emir durch ein Nicken mit dem Kopfe, worauf der Schwarze verſchwand. Wenige Zeit darauf wurde aber der Vorhang der Thüre auf's Neue aufgehoben und die Tochter Mah⸗ mud Achmets, Zemire, ſchlüpfte in das Gemach und ſchmiegte ſich neben den Vater auf den weichen Divan. Die junge Türkin trug den leich⸗ ten reizenden Anzug, in welchem ſie außer Vater und Bruder bei Todesſtrafe kein Auge eines anderen männlichen Weſens ſehen darf. Daſſelbe beſtand in einem weißſeidenen Unterkleid, unter welchem bei ihrer nachläſſigen Lage auf dem Divan hellrothe Beinkleider, ebenfalls von Seide, mit Gold geſtickt, hervorſahen. Ihre kleinen Pantoffeln, von ſchwarzem Sammet mit Perlen und Gold geſtickt, hatte ſte auf den Boden geſchleudert, worauf ſie den Verſuch machte, ihre nackten kleinen Füßchen unter die Sammetpolſter des Divans zu verbergen. Bruſt und Arme bedeckte ein Hemd von blendend weißem Mouſſelin, über welches ſie ein ſchwarz ſammtenes Jäckchen trug, das oben unter dem Hals mir einer Brillantagraffe zuſammengehalten wurde. Obgleich die ganze Geſtalt des Mädchens wohl zierlich, aber nicht gerade klein war, ſo ſah ſie doch in dieſer Stellung auf dem Divan, an die große ſtattliche Figur des Vaters gedrückt, fein und ſchmächtig aus. Sie hatte mit der einen Hand tief in den Bart Mahmuds gefaßt, und ließ durch die andere den elfenbeinernen Roſenkranz gleiten, mit dem vorhin der Emir ſelbſt geſpielt. Die Züge des alten Herrn, die vor⸗ hin ziemlich mürriſch und verdrüßlich waren, klärten ſich beim Anblick Zemirens auf, denn ſie war ſeine Lieblingstochter, beſonders im jetzi⸗ gen Augenblicke, wo das Herz des Emirs durch die Abreiſe ohnehin gerührt war, war er zärtlicher als ſonſt und nachdem er einen Kuß auf die friſchen Lippen des Mädchens gedrückt, fragte er ſo ſanft als möglich, was ſie denn eigentlich wolle? Zemire blickte mit ihren ſchwarzen Augen lächelnd in die Höhe und ſagte mit leiſer Stimme: „Vater, ich habe eine Bitte, eine Bitte, Vater, an den Emir el Hadſch.“ Bei dieſem Titel wurde der alte Herr etwas ernſter und Hackländer, orient. Sagen. 2 ſchüttelte zur Antwort mit dem Kopf, als wolle er böſe Gedanken, die plötzlich in ihm aufſtiegen, dadurch vertreiben.„Ja, Vater,“ fuhr das Mädchen fort,„ich habe eine große Bitte an Dich, die Du mir nicht abſchlagen darfſt, nämlich“— hier ſtockte ſie und ſah auf den Boden nieder, als wage ſie nicht ihre Bitte auszuſprechen—„näm⸗ lich—a fuhr ſie dann ſchüchtern fort,„ich will Dich auf dem Pilger⸗ zug nach Mecca begleiten.“ Dieſer letzte Satz kam freilich nicht ſo fließend zwiſchen ihren Lippen hervor, wie wir ihn hinſchreiben, ſon⸗ dern ſie ſtockte faſt zwiſchen jedem Wort, beſonders als ſie ſah, daß Mahmud Achmet ſeine Augenbrauen in die Höhe zog und ſie ver⸗ wundert anſah. Doch kaum hatte ſie ihre Bitte hervorgeſtottert, als ſte mit den ſüßen Schmeicheltönen und einer ungemeinen Zungen⸗ fertigkeit ihre weiſen Gründe zu dem Verlangen angab.„Ja, Vater,“ ſagte ſie, und legte ihren Kopf in den Schoos des Emir, ſo daß ſie ihm von unten herauf in die Augen ſah, eine Stellung, der bei ähn⸗ lichen und anderen Bitten, wo nämlich die Bittende ein paar ſchöne Augen hat, nicht zu widerſtehen iſt, vich bitte Dich herzlich, laß mich mit Dir ziehen, Du wäreſt ja ſonſt ſo allein, ganz allein, Du hätteſt Niemand, der Dir ſchöne Geſchichten erzählen kann, und der Dir in ſtillen Nächten, wo der Schlaf Deine Augen flieht, beruhigende Lieder ſänge. Denke Dir, Vater, Du könnteſt krank werden, und es wäre Niemand da, der Dich pflegte, wie ich es thun würde; und dann bin ich ja ſtark und kräftig; Du weißt, daß mir kein Pferd aus Deinem Stalle zu wild iſt und daß ich ſogar das Schaukeln auf dem Kameel aushalten kann.“ Mahmud Achmet hörte ſehr überraſcht der ſeltſamen Bitte ſeiner Tochter zu, und wenn ihm auch anfänglich die Erfüllung derſelben unmöglich ſchien, ſo war ihm doch der Gedanke, Jemand um ſich zu haben, der ihn mit Liebe begleitete, nicht unangenehm. Auch hatte das ſchlaue Mädchen zu ihrer Bitte zwei Gründe angegeben, die, wie ſie wußte, dem Vater wohl einleuchten würden, erſtens nämlich kannte ſie ſeine Leidenſchaft, gern der Erzählung eines Mährchens zuzulauſchen— und darin war ſte Meiſterin; ferner fürchtete ſich der alte Herr auch gewaltig vor Krankheit und bei einer Unpäßlichkeit, die ihn kürzlich befallen, hatte ihn Zemire ſo ſorgſam und gut gepflegt, daß er alles Ernſtes glaubte, er habe es nur ihr zu verdanken, daß er dem bitteren Tod entronnen ſei! Trotz Allem dem aber hatte die Sache auch ſo viel gegen ſich, 19 daß der Emir ſich anfänglich ſtandhaft weigerte, das Verlangen ſeiner Tochter zu erfüllen. Doch ließ dieſe mit Bitten nicht nach; auch thaten ein paar Thränen ihre gehörige Wirkung und als ſie endlich noch halb leiſe, wie gedankenvoll vor ſich hin ſprach:„Ach, Vater, ich könnte Dich vielleicht nie wiederſehen,“ ſo erweichte ſich das ohne⸗ hin nicht harte Herz des Emirs und er gab ſeiner Tochter die Er⸗ laubniß, ihn begleiten zu dürfen. Am anderen Morgen nach dieſem denkwürdigen Tage waren die Straßen Kairos noch immer nicht in ihre alte Ruhe zurückgekehrt; ſie glichen vielmehr einer eroberten Stadt, welche die Einwohner mit ihren beſten Habſeligkeiten verlaſſen. Da ſah man ganze Züge Ka⸗ meele, eines hinter das andere gebunden, langſam durch die Straßen ziehen und alle waren bepackt mit Säcken, Körben und Kiſten. Auch wogte das Volk noch immer unruhig hin und her, denn tauſende be⸗ gaben ſich heute vor die Thore der Stadt in das Lager der Pilger, um dem Gewimmel und dem Tumulte dort zuzuſehen, oder einen alten Bekannten wieder zu finden, oder auch um irgend ein Geſchäft abzu⸗ machen. In den Bazars und vor den großen Karavanſereien war ein beſonderes Leben, denn am heutigen Tage ſchloſſen ſich die Kauf⸗ leute Kairos, die ebenfalls nach Mecca wollten, mit ihren Waaren, dem Zuge an. Man muß nämlich wiſſen, daß neben den tauſend und tauſend Menſchen, welche die Andacht zum Grabe des Propheten treibt, auch eine große Anzahl durch die Ausſicht auf Gewinn dazu vermocht wird, ſich den Mühſeligkeiten dieſer Reiſe zu unterwerfen, woher denn ganze Schaaren von Kameelen, mit Erzeugniſſen des Abendlandes be⸗ laden, durch die Wüſte nach Mecca geführt werden, von wo ſte im glücklichen Falle ſpäter mit den koſtbaren Sachen, welche Arabien und Perſien hervorbringt, beladen, zurückkehren und ihren Herren einen unermeßlichen Gewinn eintragen. Ein gleiches Leben wie auf den Straßen herrſchte auch in den Höfen und Häuſern der reichen Muſelmänner, die ſich zum Abzug auf morgen früh rüſteten. Vor Allem waren im Palaſte des Emir el Hadſch hunderte von Händen bereit, um Gezelte, Lebensmittel und Pferde für Mahmud Achmet und ſeine Tochter Zemire zuzurüſten. Zwiſchen dem Getümmel hindurch, das hier verurſacht wurde, hörte man das freudige Jauchzen und Lachen der kupferfarbigen Ara⸗ ber, die den Emir begleiten durften und die ſich darauf freuten, wieder einmal in ihren heimathlichen Sand zu kommen, doch wurden noch andere Töne, als die der Freude gehört, und einige Dienerinnen Ze⸗ mirens, denen die Trennung von Kairo ſehr ſchwer fiel, ließen manche Thräne auf die koſtbaren Gewänder fallen, die ſie für ihre Gebieterin einpacken mußten. Zu denen aber, die am allermißmuthigſten waren, gehörte auch Haſſan, der Leibdiener des Emirs, der auch zugleich die Stelle eines Haushofmeiſters verſah. Er hatte gehofft, ſein Herr würde ihn zurücklaſſen und ihm Gelegenheit geben, in Kairo nach ſeinem Gutdünken ſchalten zu können. Doch wiſſen wir, daß ihm Mahmud Achmet geſtern die gnädige Erlaubniß ertheilte, ihn begleiten zu dürfen, worüber der Schwarze, da er ſonſt ſeine Wuth nicht äußern konnte, die Augen rollte und die Zähne auf einander biß. Eben ſo machte er's nun den ganzen heutigen Tag, und wenn er auch in Ge⸗ genwart ſeines Herrn kriechend und ſchmeichelnd war und mit der größten Inbrunſt für die gewieſene Gnade dankte, ſo verwünſchte er doch in ſeinem Herzen die Fahrt zu allen Teufeln und ließ gegen Jeden ſeine Wuth aus, der unter ihm ſtand. Anfänglich hatte es ihn getröſtet, daß er auf der Reiſe wenig⸗ ſtens den Emir ganz allein unter ſeinen Händen haben würde, woraus er vielerlei Vortheile zu ziehen gedachte. Doch auch dieſe Hoffnung wurde ihm durch Zemire vereitelt, denn er kannte wohl die Klugheit derſelben und wußte, daß ſie ihm bei ſeinen ſchlechten Streichen im Wege ſtehen würde. So war denn Haſſan voll Zorn und Ingrimm bei dem Beladen der Kameele zugegen und gab auf dieſes Geſchäft nur darum ſo genau Achtung, um jeden Uebertreter mit dem langen Stock, den er in Händen trug, ſogleich züchtigen zu können. Wäh⸗ rend alle Diener und Seclaven bei dieſer Arbeit auf das Emſigſte be⸗ ſchäftigt waren, ſtand an dem Hofthor ein junger Mann in der Tracht der Kameeltreiber, nur daß die Stoffe ſeines Anzugs feiner und zier⸗ licher waren. Er trug das blaue Unterkleid, darüber einen weiß und roth geſtreiften Burnus und ſein Turban war, ſtatt von grauer und ſchmutzig rother Farbe, wie ihn dieſe Leute gewöhnlich zu tragen pfle⸗ gen, blendend weiß und beſtand aus feinem Mouſſelin, der maleriſch um den Kopf geſchlungen war. Er hatte eine Hand in den Gürtel geſteckt, an dem aber kein Säbel hing und eben ſo wenig blickte unter dem Burnus der Griff eines Yatakans oder der Hals einer Piſtole hervor. Sein Geſicht war edel geformt und wenn es nicht dunkler gefärbt geweſen wäre, als das der Türken, ſo hätte man ihn für einen jungen reichen Muſelmann halten können, der ſich ein beſonderes Vergnügen —„r— 1——,— —— ₰ 2 daraus macht, den Kameeltreiber zu ſpielen, ohne an dem ſchwierigen Geſchäft dieſer Leute, die Thiere zu beladen, Theil zu nehmen. Er lehnte den Kopf nachläßig an den Thürpfoſten und wer ihn ſo da⸗ ſtehen ſah und aufmerkſam betrachtete, konnte wohl bemerken, daß er ſeine ſchwarzen glänzenden Augen von Zeit zu Zeit, wie ein paar Blitze, zu den vergitterten Fenſtern des Hofraumes erhob, und ſte forſchend betrachtete, als ſuche er dort etwas. Doch verrieth keine Miene ſeines Geſichts, ob ſeine Blicke das wirklich gefunden, was ſtie ſuchten, vielmehr ſah er gleich darauf wieder ganz gleichgültig und theilnahmlos auf die Arbeiten im Hofe. Haſſan, der mit ſeinem langen Stock auf der Thürſchwelle tbronte, hatte ſich ſchon ſeit einiger Zeit darüber geärgert, daß jener junge Mann müßig da ſtand und nicht die Arbeit mit ſeinen Kameraden theilte. Auch hatte er ihm zuweilen einen Wink gegeben, näher zu kommen, den aber der Kameel⸗ treiber nicht zu beachten ſchien. Haſſan, deſſen Zorn und Mißmuth über den Rücken der armen Sclaven hinweg wie ein mächtiger Strom unaufhaltſam fortbrauste, ſah in dem jungen Müßiggänger am Thore einen gewaltigen Stein des Anſtoßes, an dem ſich die Wellen ſeines Unmuthes brachen und ſchäumend in die Höhe ſtiegen. Doch war etwas in dem Blick und der ganzen Haltung dieſes Mannes, was den Schwarzen einſchüchterte und ihm den Muth benahm, ſich geradezu mit böſen Worten oder noch handgreiflicher gegen ihn zu wenden, wie er ſonſt wohl gethan haben würde. Um aber doch einen Vorwand zu finden, mit ihm anbinden zu können, verließ der Haushofmeiſter die Thürſchwelle und ſchlenderte im Hof umher, wobei er mit dem Stock, wie von ungefähr, immer auf die Erde ſtieß. So kam er auch an das Thor, wo der Kameel⸗ treiber ſtand und ſtieß ihn abſichtlich an. Bei dieſer Berührung rich⸗ tete ſich der junge Mann in die Höhe und warf dem Schwarzen einen ſeltſamen Blick zu, den dieſer mit den Worten erwiderte:„Was ſtehſt Du auch ſo müßig hier am Thor und verſperrſt unbeſchäftigt den Leuten den Ausgang.“ Wenn auch Haſſan dieſen Satz mit ſehr trotzigen Worten anfing, ſo lag doch etwas ſo Zurückſchreckendes in den blitzenden Augen des jungen Kameeltreibers, ſo daß jener das Ende ſeiner pol⸗ ternden Rede ungefähr ſo ausſprach, als wollte er den Anfang damit entſchuldigen. Da ihn aber der Andere keiner Antwort würdigte, ſon⸗ dern ſich wieder ruhig an das Thor hinlehnte, ſo ſtieg dem Haus⸗ hofmeiſter der Muth, beſonders als er ſah, daß die andern Kameel⸗ treiber aufmerkſam wurden und als er die beträchtliche Anzahl kräftiger Selaven überdachte, die ihm auf ſeinen Wink gleich zu Hülfe kommen mußten. Er faßte deshalb einen Zipfel von dem Mantel des jungen Mannes, und indem er daran zog, fuhr er ihn mit den Worten an: „He, Du junger Faullenzer, rühr' Deine Arme und hilf dort die Bal⸗ len aufladen!“ Bei dieſer Anrede ſprang der Kameeltreiber dicht vor Haſſan hin, machte mit der Fauſt eine drohende Bewegung, als wolle er ihn zuſammenſchlagen; doch ſchien er ſich eines Beſſern zu beſinnen und ſchob ihn mit dem Fuße von ſich, worauf er die Worte murmelte: „Weg, elender Sclave!“ Dies war in der That zu viel für den Leib⸗ Neger Haſſan, den Haushofmeiſter Mahmud Achmets, des diesjähri⸗ gen Emir el Hadſch. Er biß die Lippen auf einander und hob ſeinen Stock empor, um den Kameeltreiber damit zu ſchlagen. Doch dieſer hatte nicht ſobald eine ſolche Bewegung geſehen, als er mit der Hand in den Gürtel fuhr, den linken Arm abwehrend vor ſich ſtreckte, und eine Stellung annahm, wie ſie wohl am geſchickteſten iſt, um einen mit einem kräftigen Dolchſtoß gerade in die Mitte des Herzerns zu treffen. Wer weiß auch, zu welchem Ende dieſe Scene noch geführt, wenn nicht in dieſem entſcheidenden Augenblicke ſich oben ein Fenſter geöffnet und eine laute Stimme:„Haſſan! Haſſan!“ gerufen hätte. Beim Ton dieſer Stimme, die der Haushofmeiſter augenblicklich für diejenige ſeiner jungen Herrin Zemire erkannte, ſenkte er mit einer Eilfertigkeit ſeinen Stock, die wohl anzeigte, wie erwünſcht es dem Schwarzen war, im Geſchäft des Zuſchlagens geſtört zu werden. Aber der Fremde hatte auch nicht ſobald jene Worte gehört, als er wie der Blitz ſeine Blicke empor warf, die rechte Hand aus dem Gürtel zog und ſie ehrerbietig an Bruſt und Stirn legend ſich tief verneigte. Nur eine Secunde lang flatterte der goldgeſtickte Schleier Zemirens am Fenſter, worauf ſich dieſes wieder ſchloß. Der junge Kameeltreiber warf dem Schwarzen einen finſtern bedeutſamen Blick zu, ſchlug den Burnus über ſeine Schulter und verließ ſtillſchweigend den Palaſt des Emirs. Haſſan, der ſich, dem Rufe ſeiner Herrin gehorſam, alsbald zu derſelben verfügte, war nicht wenig verwundert, als ihm nur ein un⸗ bedeutender Auftrag ertheilt wurde, der durchaus keine Eile hatte, und weshalb es gerade nicht nöthig geweſen wäre, wie er meinte, ihn von dem wichtigen Geſchäft des Zuſchauens im Hofe abzuberufen. Er verfügte ſich auch alsbald wieder hinab, war aber über das eben Ge⸗ ſchehene und Gehörte ſo in Gedanken vertieft, daß er ſogar die höh⸗ niſchen Blicke und das Lachen der Sclaven überſah, die aus dem Streit mit dem jungen Kameeltreiber den Schluß zogen, daß der Muth des Herrn Haushofmeiſters nicht weit her ſei. Im Uebrigen aber hatte auch keiner der auf dem Hofe Beſchäftigten jenen Fremden gekannt, worauf Haſſan, als er ſich ſpäter bei jedem Einzelnen nach der Reihe erkundigt und gefunden, daß der junge Mann von keinem gekannt ſei, alſo auch keinen Freund unter den Anweſenden haben konnte, den fürchterlichſten Schwur ablegte, dieſen ungläubigen Hund bei der näch⸗ ſten Veranlaſſung zu Staub zu zerreiben. Mittlerweile dies in ſeinem Hauſe vorging, nahte ſich der Emir el Hadſch mit leiſen Schritten jener verhängnißvollen Gartenlaube, wohin ihn auch heute wieder der Kalif zur Abſchiedsaudienz beſchieden hatte. Der Beherrſcher der Gläubigen ſah gut gelaunt aus und be⸗ ſchäftigte ſich gerade damit, das Rohr ſeiner Waſſerpfeife um einen jungen Orangenbaum zu winden. Mahmud Achmet nahte ſich mit den üblichen Verbeugungen und brachte dem gerechten und milden Herr⸗ ſcher ſeinen Dank dar für die große Gnade, die er ihm dadurch er⸗ wieſen, daß er ihn zum Emir el Hadſch ernannt, worauf ein ſeltſames Lächeln über die Züge des Kalifen ſchwebte, und er huldvoll erwiderte: „Mahmud AOchmet, ich hoffe, daß Dir die Reiſe wohl bekommen wird, beſonders dem Blute Deines wohlgenährten Körpers, ſo wie dem Geld in Deinen ſchweren Säcken. Beides wird ſchnell in Umlauf kommen und Deiner Geſundheit ſehr zuträglich ſein. Bete für mich am Grabe des Propheten und flehe zu Gott, er möge mir noch eine Reihe von Jahren ſchenken, damit ich Dir noch lange ein gnädiger und gerechter Herr ſein kann, wie bisher.“ Darauf klatſchte der Kalif in die Hände und ein Schwarzer brachte auf einem Sammtkiſſen einen prächtigen Säbel, den Abdallah ſeinem Emir umhing, wobei er die Hoffnung ausſprach, daß er ihn vorkommenden Falles zum Schutz der ihm an⸗ vertrauten Karavane tapfer ſchwingen werde. Mahmud beugte ſich tief, indem er das kaiſerliche Geſchenk annahm, drückte den Saum des großherrlichen Mantels an ſeine Stirn und verließ die Laube. Vor dem Garten beſtieg er ſein Pferd, und ritt nach ſeinem Hauſe zurück, wo er ſich in ſein innerſtes Gemach begab. Hier befand er ſich nicht ſo bald ganz allein, und war nicht ſo bald ſicher, daß ihn kein menſch⸗ liches Auge ſehen könne, als er mit den Worten: Sekter Beſſeweng! welches mit der größten Beſcheidenheit überſetzt, ſo viel heißt, als: B Geh zum Teufel! den Ehrenſäbel in eine Ecke des Gemachs warf und ihn von da mit einem gelinden Fußtritt in eine andere Ecke beförderte, wo er liegen blieb. Aber wenn der Emir auch hierdurch ſeinen Un⸗ muth, die Reiſe antreten zu müſſen, ſattſam kund gab, ſo war er doch nicht im Stande, das Rad der Zeit aufzuhalten, oder ſogar die Tage einen Rücklauf beginnen zu laſſen. Stunde um Stunde verſtrich; der Abend dämmerte herauf, Mahmud Achmet mußte zu dem unangeneh⸗ men Geſchäft ſchreiten, ſein Haus zu beſtellen, was ihn in höchſt ver⸗ drüßliche Laune verſetzte; denn dieſe letzten Vorbereitungen zu ſeiner Abreiſe hatten eine fatale Aehnlichkeit mit denen, welche man macht, wenn ſich der Tod meldet. Der Emir übergab ſein Haus und ſein Vermögen ſeinem älteren und einzigen Bruder, welcher Kadi oder Oberrichter der Stadt Kairo war. Nach Beendung dieſer Sache verbrachte er noch einige Stunden in ſeiner geliebten Halle, die wir früher beſchrieben und legte ſich dann noch einmal in der Stadt ſeiner Väter zur Ruhe. Es war eine ſchöne klare Nacht und der breite Nil, deſſen gelbliches Waſſer am Tage in den Strahlen der Sonne glänzend wie Gold zwiſchen ſeinen ſaftig grünen Ufern dahin floß, glich jetzt bei dem Glanz des Mondes einem ſilbernen Spiegel oder einem breiten Stahlband, das mit ſchwarzen Verzierungen eingefaßt iſt; denn ſchwärzlich erſchien jetzt die grüne Farbe der Reisfelder und das noch dunklere Grün der zahlloſen Palm⸗ bäume, die an den Ufern ſtanden und ſich mit ihrer Krone über den Waſſerſpiegel beugten, aus reiner Eitelkeit, um ihre zierlichen Blätter zu ſchauen. Es giebt wohl keinen Fluß in der Welt, der wie der Nil bei ſeiner großen Breite ſo ruhig und ſtill, faſt ohne Wellenſchlag dahin fließt. Er iſt wie gemacht zu den leidenſchaftlichen Träumen der Orien⸗ talen, weshalb ſie es auch ſo ſehr lieben, ein Landhaus oder dergleichen an ſeinen Ufern zu beſitzen, um bequem und mit Muße dem ruhig fließenden Waſſer mit Blicken und Gedanken folgen zu können. Lang⸗ ſam fahren auf der Mitte des Stroms die großen platten Barken ab und auf, erſtere von den Fluthen ſelbſt geführt, deren Kraft vielleicht durch wenige Ruderer nachgeholfen wird, die andern durch Hülfe der weißen dreieckigen Segel, deren beträchtliche Größe in keinem Verhält⸗ niß zu den Barken ſelbſt ſteht, ſowie durch viele Ruderer, die, ſich im⸗ mer ablöſend, in beſtändiger Arbeit bleiben. Doch jetzt iſt es Nacht, und die Barken, die abwärts fahren, ſind gänzlich dem Strom über⸗ 25 laſſen, indem Alles auf ihnen ſchläft mit Ausnahme des Steuermannes, der hinten am Ruder auf den untergeſchlagenen Beinen ſitzt und aus der langen Pfeife dichte Rauchwolken emporwirbelt. Die großen Se⸗ gel der aufwärts fahrenden Schiffe ſind herabgelaſſen und das Fahr⸗ zeug ſelbſt liegt, wenn der Wind nicht ſehr günſtig iſt, unbeweglich zwiſchen dem Schilf des Ufers. Die Ruderer ſind an's Land gegan⸗ geu, haben ihr Oberkleid über den Kopf gezogen und ſchlafen in lan⸗ gen Reihen, um ſich zu der morgenden harten Arbeit wieder zu ſtär⸗ ken. In ſolchen Stunden herrſcht an den Ufern des Nils eine feier⸗ liche Stille, und ein ſcharfes Ohr könnte den Sand rauſchen hören, den ein leichter Windſtoß in der benachbarten Wüſte aufwirbelt, wenn an den Ufern des Fluſſes in den verſchiedenen Landhäuſern und Pa⸗ läſten nicht die große Menge von Springbrunnen wäre, deren Plät⸗ ſchern wie das Picken unſerer Uhren bei Nacht ſelbſt in der Ferne hörbar iſt. So ruhig war alſo auch die Nacht vor der Abreiſe der Pilger⸗ karavane an den Ufern des Nils und eine Todtenſtille lag über dem Palaſte des Emir el Hadſch. In dem Hofe deſſelben, der an die Straße ſtieß, lagen die Kameele, die erſt morgen früh mit den nöthig⸗ ſten Sachen beladen wurden. Sie lagen auf ihren Knieen um ein großes Tuch voll Futter und ſahen ſich wiederkäuend mit den großen klaren Augen an. Die Treiber ruhten zwiſchen ihnen und ſchliefen mit dem Kopf auf den Knieen der Thiere. In den Zimmern des Hauſes ſelbſt ruhten die ermüdeten Sclaven von ihrer Arbeit und träumten von den Mühſeligkeiten oder auch vielleicht von den Freuden der bevorſtehenden Reiſe. Selbſt Haſſan, der Haushofmeiſter, war endlich eingeſchlafen, nachdem er ſich eine Stunde lang auf ſeinem Lager umhergewälzt und überlegt hatte, wie beträchtlich er ſein Vermögen hätte vermehren kön⸗ nen, wenn er, ſtatt die Pilgerfahrt nach Mecca mitzumachen, hätte zu Hauſe bleiben können, um als ein getreuer Diener den Palaſt ſeines Herrn zu verwalten. Da wurde plötzlich an der Treppe, die zur großen Halle auf den Nil führte, ein Geräuſch hörbar, als ſtreifte ein Nachen, von einem kräftigen Ruder geführt, hart an die Steine der Terraſſe, und ſo war es auch. Eines jener leichten, zierlich geſchnitz⸗ ten Boote, deren ſich vornehme Türken zu bedienen pflegen, um über den Nil zu ſetzen, legte ſich an den Palaſt des Emirs, und derſelbe junge Mann ſprang heraus, der heute Morgen im Hofe jenen Streit mit Haſſan gehabt hatte. Er war wieder in die Tracht der Kameel⸗ treiber gekleidet, nur blitzte jetzt zwiſchen den Falten des Burnus der Griff eines Säbels hervor. Nachdem er ſorgfältig an den Fenſtern hinaufgeſpäht und über den Fluß hingehorcht hatte, befeſtigte er ſei⸗ nen Nachen an den rieſigen Blättern einer Aloe und ſchlüpfte behende in die Halle, in deren Hintergrund er unter dem Vorhang verſchwand, hinter welchem geſtern Haſſan hervortrat, die Befehle ſeines Herrn zu vernehmen. Von dort ging er leiſe durch einen langen Gang, an welchen die Zimmer der Selaven ſtießen, in den Hof, wo die Kameele um ihr Futter lagen. Dort ſtand er einen Augenblick unſchlüſſig, wohin er ſich wenden ſolle, und ſpähte ſcharf umher. Nach einigen Augenblicken ſchritt er haſtig quer über den Hof, wo abgeſondert von den Andern ein einzelner Mann mit dem Kopf auf einem Sacke lag und feſt ſchlief. Der junge Kameeltreiber beugte ſich über ihn hin, und während er ihn leicht rüttelte, flüſterte er ihm einige Worte zu. Der Schlafende erwachte, und nachdem er einige Augenblicke über⸗ raſcht in die Höhe geſehen, ſchien er den Andern zu erkennen und nickte mit dem Kopfe. „Bei dem Propheten!“ ſprach dieſer heftig, aber mit gedämpfter Stimme,„warum kamſt Du heut Abend nicht?“ „Ach Herr,“ entgegnete der Sclave,„es war mir unmöglich. Ohne Aufſehen zu erregen, konnte ich mich nicht entfernen, bis alle Arbeit gethan war, und dann ſchloß Haſſan das Thor ab und ließ Niemand heraus und herein.“ „Daß er verdammt ſei!“ entgegnete der Andere.„Was weißt Du denn?“ „Nun,“ anwortete der Sclave lächelnd,„Alles, was Ihr wünſcht, o Herr! Morgen früh beſteigt der Emir el Hadſch ſein Roß und dort in der Ecke werdet Ihr zwei ſtarke Kameele ſehen, die dazu be⸗ ſtimmt ſind, abwechſelnd einen prachtvollen Baldachin zu tragen.“ „So, ſo,“ ſprach haſtig der junge Mann,„für Zemire?“ worauf der Sclave zur Antwort mit dem Kopf nickte, dann aber plötzlich mit der Hand ein Zeichen machte, als bäte er, ſtill zu ſchweigen, um nicht von den anderen Kameeltreibern im Hof gehört zu werden,— eine Vor⸗ ſicht, die nicht unnöthig war, denn der junge Mann ſah aus der dun⸗ keln Ecke, in welcher er ſich befand, deutlich, wie einer der Männer bei den Kameelen den Kopf erhob und um ſich ſchaute. Als er aber nichts zu bemerken ſchien, legte er ſich wieder hin und nachdem der junge Mann dem Andern noch einige Worte zugeflüſtert, glitt er raſch durch den Hof, ſchlüpfte durch den dunkeln Gang in die Halle und ſprang in ſeinen Nachen, den er alsdann mit kräftiger Hand, aber leiſe, dicht am Ufer den Strom hinabtrieb, und erſt eine gute Strecke unterhalb des Palaſtes in die Mitte des Fluſſes hineinfuhr, um die andere Seite zu gewinnen, wo er dann eilig hinaufruderte und oben an einem der Landungsplätze ſeinen Nachen befeſtigte. Einen merkwürdigen Unterſchied boten in dieſer Nacht die beiden Enden der Stadt dar, die Waſſerſeite mit dem ruhig dahinfließenden Strom, in tiefe Nacht und Stille gehüllt, wie wir es eben zu be⸗ ſchreiben verſucht; die andere Seite der Stadt dagegen in der Rich⸗ tung des Kalifenthors war trotz der Nacht wegen der morgenden Ab⸗ reiſe der Pilger ungemein belebt. Dort waren alle Bazars erleuchtet und die Waſſer⸗, Citronen⸗ und Brodverkäufer auf den Straßen mach⸗ ten mit ihren Gefäſſen einen Lärm, als wie am Tage. Durch das Kalifenthor wogte eine Menge Volks aus und ein, Neugierige, um das Lager der Pilger zum letzten Mal zu ſehen, ſowie auch Geſchäfts⸗ leute mit langen Reihen Kameelen, die ſchwer bepackt waren. Wenn man auch vor den Thoren der Stadt keinen Weg zu dem Lager der Pilger gewußt hätte, ſo würde man in der heutigen Nacht doch nicht fehl gegangen ſein; denn der Widerſchein der Tauſende von Lampen und Lichtern, welche in und vor den Zelten brannten, ſowie der ver⸗ worrene Schall von menſchlichen Stimmen, welche Loblieder auf den Propheten brüllten, vermiſcht mit dem Raſſeln der Trommeln, dem gellenden Tone der Pfeifen und den Tönen der zweiſaitigen Violinen, gab ſowohl dem Ohr wie dem Auge deutlich die Richtung an, wo das Lager der Pilger zu finden ſei. Es lag in einem kleinen Thale, un⸗ gefähr eine Stunde von der Stadt, und die niedrigen Hügel, die es umgaben, waren bedeckt mit wilden Aloen, Palmen und Sikomoren, deren Blätter von dem Scheine der Feuer drunten geröthet, phantaſtiſch in ſeltſamen Gruppen auf das wilde Treiben der Pilger ſahen. Theils lagen dieſe in ihren Zelten und ſtärkten ſich durch einen unruhigen Schlaf für die Beſchwerden der Reiſe, theils aber ſaßen und ſtanden ſie in Gruppen zuſammen, tranken Scherbeth und Raki, Dattelbrannt⸗ wein, und lauſchten den Vorträgen der Mährchenerzähler, die heute Nacht beſchäftigt waren, das Lob frommer Pilger zu ſingen, und den Gläubigen zu verkünden, daß, je größer die Mühſeligkeiten hier auf Erden ſeien, je reicher ſie dafür jenſeits im Paradies belohnt werden würden, und daß der Pilger, der auf dem heiligen Zuge nach Mecca ſeinen Tod fände, ſogleich ohne alle Widerrede in die nächſte Um⸗ gebung des Propheten kommen würde. Zwiſchen dieſen Gruppen rechtgläubiger Muſelmänner, welche ihre Phantaſie an den Liedern der Mährchenerzähler erhitzten und ihre Sinne entflammten durch den Genuß des Dattelbranntweins, und durch die wilden Töne der Muſik, ſtürzten ganze Rotten fanatiſcher Derwiſche hindurch, die zu dem Klange von Becken und Pauken ihr ewiges Allah und Arafaat brüllten und ſich wie toll geberdeten. Die Ausſchweifun⸗ gen, die heute von ihnen bei dem Zug verübt wurden, ſtiegen zu einer wahren Raſerei und äußerten ſich faſt bei jedem anders. Dort wälz⸗ ten ſich ein Paar auf dem Boden herum, und ließen die verſammelte Menge über ſich hingehen, hier tanzten einige wild im Kreiſe herum, bis ihnen der Schaum vor dem Mund ſtand, und weiter lagen ganze Reihen am Boden, die Formeln ihres Gebets unter wüthender Ver⸗ drehung der Glieder herſchreiend. Vor den Zelten der reicheren Muſelmänner, von denen aber nur wenige die heutige Nacht hier zubrachten, waren die bunten Lampen guirlandenförmig an großen Stäben emporgewickelt und ſtanden unter denſelben Diener bereit, die unentgeldlich an das Volk Scherbeth und Raki austheilten. Wenn ſich auch in dieſer Nacht faſt alle Muſel⸗ männer einem wilden Taumel hingeben, ſo muß man doch nicht glauben, daß dies auf der ganzen Reiſe ſo geſchah; denn nur heute herrſcht dieſe allgemeine Freiheit in dem Lager der Pilger, weil das Oberhaupt derſelben, der Emir el Hadſch, ſein Amt noch nicht ange⸗ treten hat. So bald aber im Oſten der erſte Strahl des Morgens aufdämmerte, erſchienen von der Stadt her die Unterbeamten des Emirs, reich gekleidete Mameluken, die zur Unterſcheidung von den Andern in den Händen einen langen Stock trugen, der mit einem ſchweren me⸗ tallenen Knopfe verſehen war. Sie ritten einzeln durch die Zeltgaſſen und verkündigten den Gläubigen mit lauter Stimme, daß die Stunden der Freude und des Jubels vorbei ſeien und daß der erſte von den Tagen anbreche, an welchem ſie zur Ehre des Propheten Mühſeligkei⸗ ten und Elend aller Art zu ertragen hätten.„Endigt Euren Jubel, Ihr Rechtgläubigen, und gedenkt bei dem Licht der aufſteigenden Sonne an die Leuchte in der Hand des Propheten, der Euch gnädig den Weg durch die Wüſte zeigen wird. Brecht Eure Zelte ab und beladet Eure Laſtthiere, damit Ihr gerüſtet ſeid, bei dem erſten Wink, den Euch der Prophet durch den Mund des Emirs ertheilen wird, aufbrechen zu können, um die heilige Wallfahrt zu beginnen.“ Nach dieſer Aufforderung legt ſich auch alsbald der Lärm der Inſtrumente und das jubelnde Geſchrei der Tauſende von Stimmen, um einem anderen Lärmen Platz zu machen; denn alle Hände rühren ſich jetzt, das Lager abzubrechen und die Zelte mit dem Gepäck auf Kameele und Eſel zu laden, um bei dem erſten Wink des Emir bereit zu ſein, den Zug zu beginnen. Von der Stadt her erſcheinen nun die reicheren Pilger, welche die Nacht in den Mauern der Stadt zu⸗ brachten, um ſich dem Zuge anzuſchließen und der ganze Raum von einer Stunde Länge zwiſchen Lager und Stadt iſt alsbald mit bunten glänzenden Haufen bedeckt. Dort ziehen Kameele in langer Reihe, von ihren ſchwarzen Treibern geführt und die Thiere ſind theils mit Ballen, Kiſten oder auch mit Zelten und Baldachinen beladen, unter welchen ſich Weiber und Kinder befinden, die ebenfalls den Zug mit⸗ machen. Hier reiten große Trupps glänzend gekleideter Türken, von unzähligen Dienern umgeben, deren prächtige Waffen in der Sonne funkeln und deren koſtbare Gewänder in brennend rothen und weißen Farben, wie Blitze durch die dunkle Menge des geringeren Volks leuch⸗ ten. Ohne Aufhören wälzt ſich der Menſchenhaufe aus dem Thore von Kairo in immer neuen Geſtalten und Aufzügen, dort kommen noch 1 ganze Haufen Derwiſche in langen weißen Gewändern und der grauen . Filzmütze auf dem Kopfe, welche theils auf Kameelen, theils auf Pfer⸗ 3 den reiten. Einige tragen lange grüne Fahnen, andere kleine Trommeln, 4 auf welche ſie unaufhörlich ſchlagen. 3 Zwiſchen den Haufen dieſer ausziehenden Pilger laſſen ſich jetzt reich gekleidete Mameluken vom Gefolge des Emirs ſehen, die hoch 1 auf dem Rücken großer Reitkameele ſitzend und ſtolz um ſich ſchauend . durch den ſchnellen Lauf ihrer Thiere bald allen andern zuvorkommen. Sie reiten in das Lager und geben dort den Befehl, daß ſich die erſten Haufen der Pilger in Bewegung ſetzen ſollen. Dieſe beſtehen aus dem ärmeren Volke, welches theils zu Fuß geht, theils kleine er⸗ bärmliche Eſel und Pferde hat, und alſo nur langſam vorwärts kommt, weshalb ſie der Emir el Hadſch am Morgen zuerſt aufbrechen läßt, damit ſie vor den Kameelen, überhaupt vor den nachfolgenden Hau⸗ fen, die beſſer beritten ſind, einen Vorſprung haben und nicht ſo bald überholt und zurückgelaſſen werden. Dem Befehl des Emirs gemäß, beginnt ſich jetzt aus dem bunten Knäul des Lagers eine Linie auszuſcheiden, die ſich langſam jenem gelben Sand zu, den der Horizont begränzt, fort bewegt. Sie ziehen dahin und es dauert ein paar Stunden, bis ſich die große Menge, welche das Lager in ſich faßte, etwas gelichtet hat. Jetzt ſteigt auch die Sonne empor und die Pilger begrüßen den erſten Strahl der⸗ ſelben mit einem lauten Jubelgeſchrei. Allmählig kommt noch der Reſt des Lagers in Bewegung und wickelt ſich wie ein Knäul zu einer lan⸗ gen Schnur ab, die aus Menſchen, Pferden, Kameelen und Eſeln be⸗ ſteht und ſich weit über die ſandige Ebene ohne Aufhören hinzieht. Die erſten der Karavane ſind ſchon ein paar Stunden von Kairo ent⸗ fernt und noch immer iſt das Ende des Zugs nicht aus den Thoren hervorgekommen. Jetzt aber wird das Gedränge hier noch bunter und prachtvoller, es erſcheinen große Schaaren von gut bewaffneten Reitern auf trefflichen Pferden, die ſich zu beiden Seiten des Zuges ausbrei⸗ ten und in vollem Lauf der Pferde kleinere Haufen bildend, auf der Ebene dahin jagen, um ſich auf allen Punkten, längs der Karavane aufzuſtellen und die Pilger zu ſchützen. Jetzt erſcheint auch vor den Thoren unter einem zahlloſen Haufen gut berittener und bewaffneter Diener ein ſtarkes Kameel unter einem ſchönen Baldachin, neben welchem auf anderen Kameelen verſchleierte Weiber reiten, und hinter welchen Haſſan, der Haushofmeiſter des Emirs folgt, von farbigen und ſchwar⸗ zen Sclaven umgeben. Darauf erſcheint auf einem prachtvollen Pferde der Emir el Hadſch ſelbſt, unter einem Schwarm reicher junger Tür⸗ ken, die ſein Gefolge bilden. Ihnen folgen noch große Schaaren Ma⸗ meluken und andere bewaffnete Reiter, welche den Zug beſchließen. Hinter denſelben entſtrömt dem Thore noch eine ungeheure Menge Volks aller Art, die ſich alsbald auf dem Felde ausbreitet, die kleinen Hügel beſteigt und der abziehenden Karavane den letzten Blick nachſchickt.— Da mag manche Thräne fließen, da mag mancher die Hand auf ſein Herz drücken, damit es ihm vor Schmerz nicht zerſpringe, denn dort⸗ hin zieht vielleicht das Liebſte, was er auf der Welt beſitzt, dort unter den gewaltigen Haufen, wo ein Einzelner nichts bedeutet, und wo, wenn der Eine nicht zurückkehrt, der Andere, der neben ihm ritt, nicht einmal weiß, ob er von der Gluth der Sonne verſchmachtet dahin ſank, ob ihn die Lanze eines Beduinen traf, oder ob ihn der wehende Sand langſam zudeckte und lebendig begrub. Die Pilgerkaravane hatte den erſten Tag ihrer Reiſe glücklich zurückgelegt und als die Sonne hinter ferne Sandhügel niederſank, +—.,—- 8B8—8+——— r ——2— 1— 1 ——————— 2·ͤ— ritten Mameluken des Emirs auf Kameelen bis an die Spitze des Zugs und ließen in einem von kleinen Hügeln eingeſchloſſenen Thale die Spitze Halt machen. Alsbald wirrte ſich das Ganze zu einem bunt⸗ farbigen dichten Knäul zuſammen und jeder beſchäftigte ſich, wo er gerade ſtand, ſein Zelt aufzuſchlagen oder wenigſtens ſeine Habſelig⸗ keiten abzuladen und ſich auf dieſe Art ein Nachtquartier zu bilden. In kurzer Zeit erhoben ſich auf dem gelben Sandgrunde tauſende von Zelten aller Größen und Farben. Auf einem größeren Hügel, der das Ganze überragte, wurden die großen prächtigen Zelte des Emirs und ſeiner Tochter aufgeſchlagen, die durch bedeckte Gänge zuſammen⸗ hängend, von ferne wie eine weitläufige Burg ausſahen. Das Innere dieſer Gezelte war äußerſt prächtig; die Zeltſtange in der Mitte, die das Dach eines jeden trug, war geſchnitzt und vergoldet, und an ihr befanden ſich ſtarke Haken, an denen die Waffen des Herrn aufgehängt wurden. Wenn auch das Aeußere der Zeltwände aus grobem Wollen⸗ ſtoff beſtand, ſo waren ſie doch inwendig mit künſtlich gewebten Seiden⸗ zeugen bedeckt, welche bis auf den Boden herabhingen, über den ein prächtiger perſiſcher Teppich gebreitet lag. Das Zelt Mahmud Achmets, als das größere, war durch einen Vorhang in zwei Theile getheilt und ſtand, wie ſchon geſagt, ver⸗ mittelſt eines bedeckten Ganges mit dem Zelte Zemirens in Verbin⸗ dung, welches, obwohl kleiner, doch eben ſo prächtig wie das ihres Vaters war. Um dieſe beiden herum im Kreiſe lagen die Leinwand⸗ häuſer für die Diener und Sklaven, die ihres Theils wieder von den Feuern und Lagerplätzen der Mameluken umgeben waren, die im Kreiſe umher lagen, ihren Herrn zu beſchützen. Da es bereits dunkel wurde, und ſich Mahmud Achmet von dem Ritt des erſten Tages ermüdet fühlte, ſo entließ er ſeine Tochter und ſeine Sclaven und zog ſich in ſein inneres Gezelt zurück, um da noch eine Pfeife zu rauchen und ſich zur Ruhe zu begeben. Doch mochte der Lärm des Lagers draußen, der wie das Summen eines Bienen⸗ ſchwarms die Stille der Nacht unterbrach, Schuld daran ſein, daß der Emir nicht einſchlafen konnte, oder war er vielleicht nicht ſo müde, als er ſich eingebildet hatte, genug, Mahmud Achmet wälzte ſich auf ſeinem Dioan umher und wenn er auch hundertmal die Augen zu⸗ drückte, wurde er doch immer munter und der Schlaf ſchien ihn zu fliehen. Nach vielen vergeblichen Verſuchen zu entſchlummern, wollte er ſchon in die Hände klatſchen, um durch Haſſan ſeine Tochter herbei⸗ rufen zu laſſen, damit ſie ihm eines ihrer ſchönen Lieder vorſänge, als er ſich eines Beſſern beſann, indem er ſich erinnerte, wie es in ſolchen Augenblicken der Schlafloſigkeit der berühmte höchſtſelige Kalif Harun al Radſchid gemacht,— ein Beiſpiel, das ihm plötzlich in ſo reizen⸗ den Farben erſchien, daß er beſchloß, es nachzumachen. Zu dem Zweck erhob er ſich von ſeinem Divan, legte die Pantoffeln bei Seite und fuhr mit den Füßen in ein paar unſcheinliche Reitſtiefel, wie ſie die Mameluken zu tragen pflegen. Dann warf er über ſein ſeidenes geſticktes Kleid einen großen Burnus von Kameelhaaren, wickelte um ſein Haupt einen ſchlechten alten Shawl und verließ langſam ſein Zelt. Eine gute Zeit lang blieb er auf dem Hügel, vor demſelben ſtehen und ſchaute hinab in das Thal, wo die Pilger ihr buntes Lager aufgeſchlagen hatten. Wenn ſich auch da unten der Lärm ſchon etwas gelegt hatte, und die Nacht ihr Recht behauptete, ſo war doch das Leben und Treiben immer noch laut genug. Die Pferde ſchüttelten ſich und wieherten, die geduldigen Kameele lagen in großen Kreiſen um helllodernde Feuer herum, das von ihren Treibern unter⸗ halten wurde. Auch die Feuer, an welchen die Pilger ihr mageres Nachtmahl zubereitet hatten, waren im Erlöſchen begriffen und glimmten nur noch ſchwach durch die dunkle Nacht. Zwiſchen den Hunderten von Zelten, in denen es ganz finſter war, und deren Bewohner ſich wahrſcheinlich dem Schlaf ſchon in die Arme geworfen hatten, waren noch eine große Menge anderer mit Lichtern erhellt, und dieſe letzteren ſahen bei ihren farbigen Wänden, welche der Lichtſchein von Innen heraus beleuchtete, wie große weiße, grüne, gelbe und rothe La⸗ ternen aus. Nachdem ſich Mahmud Achmet an dieſem Anblick genugſam er⸗ götzt, ſtieg er langſam den Hügel hinab, um in dem Lager wandelnd vielleicht auf irgend etwas zu ſtoßen, was ihm ſeine Langeweile ver⸗ treiben könnte. Doch ſchienen viele Gruppen ſelbſt der ärmeren Pilger an dem gleichen Uebel, wie er ſelbſt zu leiden, indem ſie ſich ſchlaflos auf dem Sand umherwälzten und ſich von einer Seite auf die andere wendend, den Schlaf zu erhaſchen ſuchten, der ſpottend über ſie hin⸗ wegflog. Andere ſchliefen feſt und ruhig und wieder Andere ſchienen von ſchweren und böſen Träumen gequält, denn ſie hielten krampfhaft ihre Lanzen und Schwerter feſt, bißen die Zähne aufeinander und nicht ſelten ſtöhnten ſte laut oder ſprachen einzelne Worte dumpf vor ſich hin. In den Zelten, die noch erleuchtet waren, befanden ſich theils ſtrenggläubige Muſelmänner, die ihre vorgeſchriebenen Gebete verrich⸗ teten, theils luſtige Geſellſchaften, welche bei Spiel und Geſang die ſchleppenden langſamen Stunden der Nacht hinwegzuſcherzen verſuchten. Der Emir ging bei allen dieſen verſchiedenen Gruppen ſtill vorbei, denn er hatte noch nicht gefunden, was er eigentlich ſuchte, nämlich eine Gruppe luſtiger Menſchen, die ſich gegenſeitig durch Erzählung ihrer Abenteuer aufzuheitern verſuchten. Er wandte ſich ſchon wieder nach der Gegend zurück, wo ſein Zelt auf dem Hügel lag, um auf's Neue den Verſuch zu machen, ſich dem Schlaf in die Arme zu werfen, als er am Ende des Lagers ein Feuer erblickte, deſſen helle Glut, ſo wie das hohe Aufſchlagen der Flamme ihm anzeigte, daß es ſorgfältig unterhalten würde. Er ging auf daſſelbe zu und ſah vier junge Pilger, die um das Feuer im Kreiſe ſaßen und lachend einem älteren Manne zuſahen, der die Glut deſſelben durch dürres Strauchwerk nährte. Der Emir trat mit einigem Geräuſch näher, um Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen, und als die Leute zu ihm aufſchauten, begrüßte er ſie mit dem üblichen Allah Kerim und fragte, warum ſie noch in ſpäter Nacht ſo luſtig ſeien. Der alte Mann ſah ihn einen Augen⸗ blick forſchend an, und wenn er auch den Emir el Hadſch nicht er⸗ kannte, ſo fand er doch, daß das Geſicht Mahmud Achmets Achtung gebietend genug ausſah, um ihm eine Antwort geben zu müſſen, wes⸗ halb er ihm den Gruß des Friedens erwiederte, und ihn einlud, an dem Feuer Platz zu nehmen, was der Emir auch ſogleich that. Nachdem die Geſellſchaft einen Augenblick durch die Ankunft eines Fremden eingeſchüchtert ſchien, wandte ſich der alte Mann an den Emir und ſprach:„Höre, alter Kamerad, Du wirſt Dich eben ſo gut wundern, uns in ſpäter Nacht noch hier beiſammen zu finden, als wir, Dich um dieſe Zeit im Feld herumſchweifen zu ſehen. Doch mag es Dir wohl eben ſo gegangen ſein wie uns, daß nämlich der Schlaf von Deinem Haupte fern geblieben iſt.“—„Ja,“ verſetzte einer der Anderen,„wenn man ſo den ganzen Tag geritten iſt, ſo will es einem doch auf dem Sandboden nicht recht behagen.“—„Ganz recht,“ ſetzte ein Dritter hinzu,„wie wollte ich ſchlafen, wenn ich ſo weiche Divan hätte, wie da oben unſer Herr und Emir, Mahmud Achmet, den der Prophet beſchützen möge.“ Der alte Mann hatte jetzt für den Gaſt eine Pfeife hervorgeholt, deren Kopf er mit Tabak anfüllte, und nachdem er eine glühende Hackländer, orient. Sagen. 3 Kohle darauf gelegt, auch ſie mit einigen kräftigen Zügen angeraucht, dem Emir anbot. Mahmud nahm ſte an, und wenn ihm auch das Kraut nicht beſonders zu behagen ſchien, ſo rauchte er doch darauf los, als habe er in ſeinem Leben nichts Beſſeres genoſſen. „Ich habe den jungen Leuten hier ſo eben erzählt,“ ſagte der Alte, wie es in manchen Sachen ganz anders war, bei der Regierung unſeres höchſt ſeligen Kalifen Muſtapha, den der Prophet im Para⸗ dies auf's Beſte ſpeiſen und tränken möge.“—„Damit er nicht wieder zurückkomme,“ ſetzte ein Anderer hinzu, ſah ſich aber dabei ſchüchtern um, ob dieſen frevelhaften Ausſpruch auch Niemand gehört habe. „Ihr werdet Euch deſſen auch noch erinnern,“ fuhr der Alte zum Emir gewendet, fort.„Nun, der Herr an ſich war ein milder und gerechter Richter, aber ſein Vezier und vor Allem ſein Polizeimeiſter, damit war es gar ſchlecht beſtellt.“ „Ihr wolltet uns ja von dem Letzteren erzählen,“ unterbrach ihn einer von den jungen Männern, doch der Alte ſchüttelte mit dem Kopf, und meinte, ſeine alten Geſchichten würden den fremden Gaſt nicht ſehr intereſſtren. Doch als der Emir dagegen verſicherte, es würde ihm eine große Freude machen, wenn er der Geſchichte zuhören dürfe, und als die vier jungen Leute den alten Mann mit Bitten beſtürmten, zog er die untergeſchlagenen Beine dichter an ſich, ſtrich ſeinen langen grauen Bart und begann, wie folgt, nachdem er einige mächtige Züge aus ſeiner langen Pfeife gethan. Abugoſch, der Polizeimeiſter. Bevor unſer jetziger gerechter und weiſer Kalif Abdallah den Thron ſeiner Väter beſtieg, herrſchte deſſen Oheim Muſtapha über Kairo. Den Regierungsantritt Muſtaphas weiß ich mich noch ganz genau zu erinnern. Es war ein böſer ſchwüler Tag und floß damals viel Blut. Der neue Kalif hatte fünf Brüder und da er ſich den Spruch des Korans: daß Unruhe ärger ſei als Hinrichtung, ſehr zu Herzen nahm, ſo flogen an demſelben Tag vier von dieſen Brüder⸗ köpfen in den Sand und dem fünften, der Almanſor hieß und ſehr beliebt war, würde es auch nicht beſſer ergangen ſein, wenn er nicht gerade auf einem Zug gegen die Araber begriffen geweſen wäre. Als er aber von dem Blutbad hörte, das Muſtapha angerichtet, machte er mit den Araberſtämmen Friede und nachdem er ein paar Mal vergeblich verſucht, unſere alte Stadt Kairo zu berennen und zu überrumpeln, zog er ſich in die Wüſte zurück und verzichtete auf die Blutrache. Allen rechtgläubigen Muſelmännern, fuhr der alte Mann mit leiſerer Stimme zu erzählen fort, ja, ich ſage, allen rechtgläubigen und gut denkenden Muſelmännern that es im Herzen weh, daß Al⸗ manſor nicht auch ſpäter noch den Verſuch machte, ſeine Brüder zu rächen und Muſtapha vom Throne zu ſtoßen, denn ſo wild und grau⸗ ſam dieſer war, ſo weiſe, gerecht und ſanftmüthig hatte ſich der andere ſtets gezeigt, und ihn würden alle Rechtgläubigen mit offenen Armen empfangen haben. Aber er blieb in der Wüſte und wenn auch dunkle unverbürgte Gerüchte über ihn ausſagten, daß er der Schech eines bedeutenden Araberſtammes geworden ſei, ſo verlautete doch nichts Gewiſſes mehr über ihn und gerade ſein gänzliches Verſchwinden mag wohl mit Schuld daran geweſen ſein, daß er in den Herzen der Mu⸗ ſelmänner noch jetzt wie ein Heiliger verehrt wird. ——— 9————————— ———— ö Dem neuen Kalifen Muſtapha aber erging es genau wie dem Löwen, ſobald er einmal Blut gekoſtet hat. Das war eine betrübte Zeit. Der geſundeſte Kopf mit dem ſtärkſten Halſe ſtand in jenen Tagen nicht feſter, als ein Mohnhaupt, und Jedermann, der etwas zu verlieren hatte, führte ſein Teſtament bei ſich im Gürtel. Es hätte vielleicht bei dieſer Regierungsweiſe des Beherrſchers der Glaͤubigen ſchon früher ein übles Ende genommen, wenn er nicht neben ſeinem Blutdurſt wenigſtens den Schein zu wahren wußte, als verfahre er, wenn auch hart, doch zuweilen mit Unpartheilichkeit und Gerechtigkeit. So die Geſchichte mit dem Schech des Dorfes Kismeraia. Dort wohnte ein Bauer, mit Namen Muſar, welcher ein Feld beſaß, das an den Nil ſtieß. Mochte ihm nun der Prophet nicht hold ſein, oder hatte er ſich gegen das heilige Waſſer des Fluſſes verfündigt, genug, der Strom, der jedes Jahr zum Heil der Rechtgläubigen austritt, war ſein Unglück, indem er ihm die eine Hälfte ſeines Feldes fortriß und die andere Hälfte ſo mit Steinen bedeckte, daß weder die Reis⸗ noch die Baumwollenpflanze dort mehr Wurzel faſſen konnte. Muſar konnte alſo nicht ſäen und alſo auch dem Lauf der Dinge nach nicht erndten, worauf denn das Ende vom Lied war, daß er auch ſeine Steuer nicht bezahlen konnte. Nun aber wißt Ihr wohl, daß die Steuern ein kitzlicher Punkt ſind, ſowohl beim Beherrſcher der Gläubigen ſelbſt, als wie bei deſſen Vezier, ferner beim General⸗ ſteuereinnehmer, bei den Steuereinnehmern und bei den Schechs der Dörfer, welche die Sachen kornweiſe zuſammen tragen müſſen, und welche alsdann durch die Hände der benannten Herren gehend als un⸗ geheure Summen in den keaiſerlichen Schatz fließen. Nun lag der Schech von Kismeraia gerade in behaglicher Ruhe auf ſeinem Divan und war, da er ſich eben über einen Sclaven geärgert hatte, nicht in der beſten Laune, als Muſar eintrat und ihm nach den gewöhnlichen Friedensgruß die Verſicherung gab, er könne unmöglich in dieſem Jahr ſeine Steuern bezahlen, da der Nil ſein ganzes Feld verwüſtet. Der Schech denkt einen Augenblick nach und fragt lächelnd:„Alſo Du haſt gar nichts mehr, womit Du dem Kalifen unſerm Herrn, den Gott erhalten möge, das bezahlen kannſt, was Du ihm ſchuldeſt? Gar nichts?“ Eine Frage, worauf der arme Bauer nicht antwortete; denn er beſaß allerdings noch etwas, und das war eine Kuh, die er den Sommer über mit dem Graſe ernährt hatte, was ihm ſeine Nach⸗ barn geſchenkt und wofür er im Taglohn das Feld anderer Leute be⸗ —— *— — 2 8——— 8 a———Oͤ+8—3ÿ& UA baut hatte und ſich davon kümmerlich ernährt. Der Schech, welcher ſich an der Verlegenheit des Bauers weidete, fuhr darauf fort:„Lieber Muſar, ich weiß, daß Du eine ſehr gute Kuh beſitzeſt, die wir ſchlachten wollen, das Fleiſch verkaufen, womit Du Deine Steuern auf's Beſte bezahlen kannſt.“ Umſonſt verſuchte der Bauer Einwendungen zu machen und legte ſich auf's Bitten, es half ihn nichts. Der Schech ſtellte ihm einen Termin von einem Tag, in welcher Zeit er das Geld bezahlen oder die Kuh hergeben ſollte. Der Bauer lief in ſeiner Verzweiflung ſo lange umher, bis er einen Plan erfaßte, welchen er, wenn er ihm auch anfangs ſchwierig ſchien, doch ausführen wollte. Er eilte zum Schech und bat ihn dringend um einen Aufſchub von noch zwei Tagen, in welcher Friſt er nach Kairo eilen wolle, um dort bei einem Ver⸗ wandten die nöthige Summe zu den Steuern zu leihen. Nachdem der Schech die nöthige Vorſicht gebraucht, die Kuh in ſeinen eigenen Stall bringen zu laſſen, damit ſie während der Zeit nicht abhanden komme, machte er ſich auf den Weg nach der Haupt⸗ ſtadt. Doch hatte er dort ſo wenig einen Verwandten, den er an⸗ zapfen konnte, als wie ich einen Bruder in dem hohen Rathe des Kalifen; aber in ſeiner Verzweiflung hatte er den gefährlichen Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſich Muſtapha zu Füßen zu werfen und um Nachlaß der diesjährigen Steuern zu bitten. Als er nun in die Stadt kam und ſich an das Thor des kaiſer⸗ lichen Palaſtes ſtellte, und dort die Menge von Sclaven, Leibpagen, Wachen und Mameluken ſah, entfiel ihm faſt der Muth; doch dachte er an ſeine arme Kuh zu Haus und hörte ſchon im Geiſte ihr kläg⸗ liches Brüllen, als ob man ihr den Hals abſchneiden wollte, wodurch er ſich wieder ermuthigt fühlte. Jetzt kam der Kalif aus dem Palaſt, um ſich in die Moſchee zu begeben, als der Bauer hinzutrat, ſich auf die Kniee warf und den Kopf auf das Steinpflaſter drückte. Glück⸗ licher Weiſe war der Beherrſcher der Gläubigen in dieſem Augenblicke ziemlich gut gelaunt und ſchickte einen Pagen an den Bauern, dem er ſein Geſuch mittheilte. Wenn die Großen des Reichs, die Veziere und Oberſten der Mameluken, die um den Kalifen ſtanden, auch im erſten Augenblick eine Miene machten, welche die Bitten des Bauern verwarf, ſo ſahen ſie doch nicht ſo bald, daß der Kaiſer über das Geſuch ein wenig lächelte, als auch ſie den Bauern freundlicher an⸗ ſahen und ſeine Bitte ganz in der Ordnung fanden. Stehenden Fußes ließ Muſtapha dem Bauern eine Schrift aus⸗ fertigen, welche beſagte, daß ihm die Steuern für dieſes Jahr erlaſſen ſeien, machte dann ein paar Hahnenfüße darunter, welche ſeine Unter⸗ ſchrift vorſtellten und entließ den Bauern in vollen Gnaden. Dieſer nahm alſobald den Weg zwiſchen die Beine und lief ſo tapfer darauf los, daß er noch am ſelben Abend ſein Dorf erreichte, wo er ſi ſogleich nach der Wohnung des Schechs begab und zuerſt ſeiner Kuh einen Beſuch machte, die ihn mit lautem Brüllen empfieng. Dann trat er in das Gemach des Ortsvorſtehers, der ſich mit dem Nazir oder Steuereinnehmer eben bei einer Flaſche Raki gütlich that. Wahr⸗ ſcheinlich hatten ſie dieſer Flaſche ſchon tapfer zugeſprochen, denn die Augen dieſer beiden Herren glühten in ſeltſamer Begeiſterung und der Nazir empfieng den Bauern mit den freundlichen Worten:„Beſſewenk, was willſt Du?“ Muſar beugte ſich tief bis auf den Boden und hielt den Ferman des Kalifen, wie es ſich ſchickt, über ſeinem Haupt empor. Mochte nun der Schech oder der Nazir dieſe Stellung des Bauern für un⸗ anſtändig in ihrer Gegenwart halten oder glaubten ſie vielleicht, der Bauer wolle ihnen ein Privatvergnügen machen und halte ihnen das weiße Blatt zu einer Zielſcheibe vor die Augen, genug, der Nazir zog eine ſeiner Piſtolen aus dem Gürtel, und ſchoß ſo geſchickt durch das Pergament, daß die Kugel die Unterſchrift Muſtaphas gerade mitten von einander riß. Der Schech, der ohne Waffen war, warf in ſeiner ungemeinen Luſtigkeit dem Bauern ſeine beiden Pantoffeln an den Kopf, ſo wie die faſt leere Rakiflaſche auf die Schrift, welche dadurch voll⸗ kommen unleſerlich wurde, und ließ darauf den armen Muſar durch ſeine Sclaven auf die Straße werfen. Am andern Morgen, als der Rauſch des Dattelbranntweins in den Köpfen der beiden Machthaber ein wenig verrauſcht war, erinnerten ſie ſich noch halb dunkel des Vorfalls von geſtern Abend und der Schech ließ den Bauern kommen, um ihn zu fragen, was er mit dem Papier eigentlich gewollt, worauf Muſar erzählte, daß er nach Kairo gegangen ſei, ſich dort an den Kalifen gewandt, und dieſer ihm einen ſchriftlichen Erlaß der dies⸗ jährigen Steuer gegeben habe. Dieſe Erzählung kam den beiden Her⸗ ren ſo unglaublich vor, daß der Schech den Bauern als einen Lügner anfuhr und ihm befahl, die Kuh augenblicklich herbeizuführen, damit ſie geſchlachtet und verkauft würde. Umſonſt brachte Muſar den Fer⸗ man des Kalifen herbei, und ſchwor unter Thränen, daß er es ſchrift⸗ N ₰ 8 A N Uu— — lich habe, es ſolle ſeiner Kuh nichts geſchehen. Umſonſt ſage ich, denn das Pergament war ſo zugerichtet, daß man kein Wort mehr leſen konnte. Der Nazir, der das Blatt genau betrachtete, und an der Form und dem Stoff des Pergaments, vielleicht eine Aehnlichkeit entdecken mochte mit dem gewöhnlichen Briefformate des Kalifen, machte einen ſchwachen Verſuch, den Schech umzuſtimmen, wiewohl vergeblich. Kurz der Metzger des Dorfs mußte erſcheinen und darauf zwanzig der wohlhabendſten Einwohner. Die Kuh wurde geſchlachtet, in zwanzig Stücke zertheilt und jeder der erwähnten Einwohner gezwungen, eins davon zu einem beſtimmten Preis zu kaufen, was denn auch gerade die Summe ausmachte, die Muſar als Steuern zu zahlen hatte. Dieſer dachte einige Augenblicke über das Unrecht nach, das ihm geſchehen, und hielt es fürs Beſte, noch einmal nach Kairo zu traben, um dem Kalifen zu ſagen, wie ſehr man ſeinen Befehl beachtet. Da es ſchon ſpät am Tage war, ſo lief er die ganze Nacht durch und ereichte am anderen Morgen zu guter Zeit die Hauptſtadt, wo er ſich alsbald an einen der prächtig gekleideten Thürſteher wendete, und ihn bat, vor den Kalifen gelaſſen zu werden. Dieſer betrachtete ihn er⸗ ſtaunt von oben bis unten und fragte ihn darauf, in welchem Toll⸗ hauſe der Stadt er denn geſeſſen hätte, worauf ihm Muſar ſeine ganze Geſchichte erzählte. „Lieber Freund,“ entgegnete darauf der Thürſteher,„wenn Dir Dein Kopf nur etwas lieb iſt, ſo denke gar nicht mehr daran, heute den Kalifen zu ſehen. Er ſoll in der ſchrecklichſten Laune von der Welt ſein. Der Großvezier ſelbſt, der Prophet möge ihn tröſten, iſt mit genauer Noth heute Morgen einem Säbelhieb ausgewichen. Dort kommt er ſo eben zurück. Tritt etwas bei Seite. u Wirklich kam dieſer Herr ſo eben zum Thor des Palaſtes heraus und ſein Geſicht ſah ſo zerſtört aus, daß man das wohl glauben konnte, was der Thürſteher ſo eben erzählt. Doch wurde der Vezier nicht ſo bald des Bauern anſichtig, als er ſich ſeiner zu erinnern ſchien und nach ſeinem Begehr fragte. Der Thürſteher beugte ſein Haupt bis zur Erde und ſagte, was er wußte, worauf der Vezier einen Augenblick nachdachte und bei ſich zu überlegen ſchien: der Bauer ſei ja doch nur ein Bauer, alſo gar nichts, weshalb man ihn getroſt in⸗ die Hände des Kalifen bringen könne, der ihm in der böſen Laune unfehlbar ſogleich den Kopf abſchlagen würde und dann vielleicht für heute beruhigt ſei. —yõ—yõ———— Nach dieſer Ueberlegung alſo beſtieg der Großvezier ſein Pferd, und ſagte, indem er eiligſt davon ritt:„Führt ihn hinein auf meine Verantwortung.“ Der Thürſteher, ſtumm vor Erſtaunen und Ent⸗ ſetzen, übergab den Bauern im Innern des Palaſtes einem Leibmame⸗ luken mit demſelben Gefühl, als wenn man ein Schaf in die Metz⸗ gerei hineintreibt. Der Mameluk, der an dergleichen ſchon gewöhnt war, und der auch den Tod des Bauern unfehlbar vor Augen ſah, griff mit der rechten Hand an ſeinem Hals herum und verſicherte: der Kalif habe einen außerordentlichen Damascener und es thue im Grunde gar nicht wehe. So wanderte Muſar durch mehrere Hände über verſchiedene Trep⸗ pen und Corridors und wurde endlich in ein prachtvolles Gemach ge⸗ führt, wo man ihn warten hieß. Wenige Augenblicke darauf ſchob man ihn in ein anderes Zimmer, deſſen unerhörte Pracht den armen Bauern für einige Sekunden nöthigte, die Augen zu ſchließen. Als er ſie wieder öffnete, wer beſchreibt ſeinen Schrecken, als er ſah, daß ihm gegenüber in einer Ecke des Divans der Kalif lag und ihn mit einem ſeltſamen, aber nichts weniger als freundſchaftlichen Blicke an⸗ ſah. Der Beherrſcher der Gläubigen ſah etwas bleich aus, hatte um ſeine rechte Hand das Ende ſeines kohlſchwarzen Bartes gewickelt und die Linke ſpielte mit dem Griff eines Säbels, der neben ihm lag. Muſar ſtürzte augenblicklich auf ſeine Kniee nieder und drückte ſein Geſicht theils aus Ehrerbietung, theils aus Furcht ſo tief in den perſiſchen Teppich, daß er nichts mehr ſah. „Was willſt Du?“ fuhr ihn der Kalif an, doch mußte er die Antwort auf dieſe Frage länger erwarten, als er gewohnt war; denn es dauerte eine gute Zeit, bis ſich der Bauer ſo weit geſammelt hatte, um ihm den gehörigen Zuſammenhang zu erzählen, wie der Nazir und der Schech mit dem Ferman des Kalifen verfahren. Von der Wuth, mit der der Kalif nach Anhörung dieſer Ge⸗ ſchichte aufſprang und nach hundert Sclaven auf einmal ſchrie, will ich gar nichts erzählen. Der ganze Palaſt kam in Bewegung und die Verſchnittenen und Mameluken, die von allen Seiten herbeiſtürzten, erſtarrten eben ſowohl über die Wuth, in der ſie ihren Herrn ſahen, als darüber, daß der Bauer noch ſeinen Kopf auf dem Rumpfe hatte. Muſtapha ſchrie nach dem Großvezier, nach dem Polizeimeiſter, nach Pferden und Waffen, und es dauerte wenig Augenblicke, ſo ſtand eine Menge prächtig geſchirrter Pferde bereit, und der Großvezier ſtürzte 41 herbei, dem auf ſeine Frage, was denn eigentlich los ſei, geantwortet wurde, der Beherrſcher der Gläubigen wolle einen Luſtritt machen. Während ſich dies im großherrlichen Palaſte zu Kairo begab, ſaßen zu Kismeraia der Nazir und der Schech in des letzteren Woh⸗ nung beiſammen und ſprachen fleißig einer Schüſſel Reis zu, die mit Zwiebeln und Hammelfett gewürzt war, und aus welcher die Köpfe einiger feiſten Hühner ſchüchtern in die Höhe ſahen. Sie hatten eben ihr Mahl zur Hälfte vollendet, als ein Sclave in das Gemach ſtürzte und athemlos meldete, daß ſich in einiger Entfernung vor dem Dorf auf der Straße nach Kairo zu ein Haufe glänzender Reiter hervor⸗ bewege. Die beiden Herren ſahen ſich überraſcht an, ohne an etwas Uebles zu denken und ſchlüpften in ihre Pantoffeln, um ſich die Schaar in der Nähe zu beſehen. Doch wer beſchreibt ihr Erſtaunen und ihren Schrecken, als ſie vor die Hausthür traten und dort zu beiden Seiten ein Paar Mameluken aufgeſtellt ſahen, welche ſte durch eine Bewe⸗ gung mit dem Säbel wieder in's Haus zurückſchreckten. Der Nazir, als der Erfahrenſte, fiel hier todtenbleich auf den Divan nieder, denn ihm ahnte nichts Gutes, und ſeine Vermuthung wurde nur zu bald gerechtfertigt; denn nach wenig Augenblicken ſtürzten einige der Ma⸗ meluken in's Zimmer, ergriffen die Beiden und führten ſie vor das Thor auf einen freien Platz. Hier lag unter einer großen Silomore der Kalif Muſtapha auf einem rothſammtenen Kiſſen und zu ſeiner Seite ſtand der Großvezier, ſo wie der Polizeimeiſter. Eine große Anzahl Mameluken und Seclaven umgab den Herrn in einem weiten Halbkreiſe. Die beiden armen Sünder hatten nicht ſo bald das zor⸗ nige Antlitz ihres Herrn geſchaut, als ſte mit dem Geſicht auf den Boden ſtürzten, und in ſtummer Angſt daliegend erwarteten, was über ſte ergehen würde. Jetzt trat der Großvezier vor und befahl die Bei⸗ den aufzurichten, was denn auch augenblicklich geſchah. Wenn auch ſowohl der Schech, als der Nazir in Betreff ihrer ganzen Amtsführung kein gutes Gewiſſen hatten, ſo überredete ſie die Hoffnung, die in jedem Menſchenherzen lebt, es könne ja auch ſein, daß ihnen der Kalif, der zufällig hierhergekommen ſei, eine Gnade ertheilen wolle, und von dieſem üppigen Gedanken abwärts ſchweifend, dachten Beide endlich auch an Muſar, deſſen Kuh ſie ge⸗ ſchlachtet und daß es am Ende doch wahr ſein könne, daß er ſie beim Kalifen verklagt, und daß dieſer ihnen nun vielleicht ein Hundert auf die Fußſohlen zählen ließ. Die Unglücklichen! An die Wahrheit — 2 1— “ — — * —— dachten ſie nicht, daß nämlich das Pergament des Bauern ein wirk⸗ trit licher Ferman Muſtapha's geweſen ſei. Jetzt faßte der Kalif in ſeinen ſchwarzen Bart und fragte mit nich ſcheinbarer Gleichgültigkeit:„Du alſo biſt der Nazir und Du der dieſ Schech dieſes Dorfes? Beim Propheten! Ihr Beide gefallt mir!“ vor Wenn auch der Kalif dieſe Worte mit lächelndem Munde ſagte, ſo ſtar ſprach doch ein unheimlicher Glanz in ſeinen Augen dieſer Freundlich⸗ keit Hohn.„Kennſt Du dieſen Mann?“ fuhr er fort, und zeigte auf 1 Muſar, der hinter dem Großvezier ſtand, nund iſt es derſelbe, der und Dich vor einigen Tagen bat, ſeine einzige Kuh nicht zu tödten, indem wo . er nach Kairo gehen wolle, um dort das Geld zu den ſchuldigen zog Steuern zuſammen zu bringen?“ Der Schech beugte ſich bis auf den Fer Boden und bejahte dieſe Fragen des Herrn. Darauf ſprach der Kalif 1 ruhig weiter:„Kehrte der Bauer zu Dir zurück, Gott und dem Pro⸗ hein pheten dankend, daß er in der Kalifenſtadt einen mächtigen Freund das gefunden hatte, der ihm in ſeiner Bedrängniß geholfen? Ich ſage: b er kehrte zu Dir zurück und hielt über ſeinem Haupte vor Freude fort jauchzend einen Ferman empor, einen Ferman, von mir, dem Kalifen V unterzeichnet, dem Du natürlich die ſchuldige Ehrfurcht bezeugteſt und jetz genau ſo thateſt, wie auf dem Pergament vorgezeichnet ſtand.“ in Bei dieſen Worten, die gerade daſſelbe ausdrückten, als wenn der Kalif beſohlen hätte, ihn, den Schech an den nächſten Baum auf⸗ kra zuknüpfen, denn es wurde ihm jetzt klar, was er geſtern begangen, gett 1 ſank der Unglückliche mit dem Geſicht auf die Erde, wo er, nach die Gnade ſchreiend, unbeweglich liegen blieb. Pit Nun wandte ſich der Kalif an den Nazir und befahl ihm, genau pen den Hergang der Sache zu erzählen, von dem Augenblicke an, wo der und Bauer mit dem Ferman von Kairo zurückgekehrt wäre. Doch der Me Steuereinnehmer war ebenſo entſetzt, wie der Schech, nur daß der. Schrecken anders auf ihn wirkte und er wie eine Bildſäule regungs⸗ ſeir los blieb, mit erdfahlem Geſicht und offenen ſtarren Augen, ſo daß fül 5 er ſchon jetzt einem Todten glich. wo Nachdem der Kalif einige Secunden vergeblich auf eine Antwort er gewartet, rief er anſcheinend mit der größten Ruhe den Bauern vor ich ſich und befahl ihm, den Verlauf der Sache zu erzählen, was denn jetz . auch Muſar mit allen Nebenumſtänden that. den „So ſo,“ ſagte Muſtapha, und ſeine Augen ſprühten Blitze, nſo 4 befolgt Ihr meine Befehle? Eine ſchöne Art des Gehorſams. Muſar d — tritt hier an meine Seite. Ich habe dem Gang Deiner Erzählung nicht genau folgen können. So, hieher! Denk Dir alſo, ich ſei dieſer würdige Nazir. So lag er doch auf ſeinem Divan, wie Du vor ihn tratſt, und dort, wo er jetzt in dieſem Augenblicke ſelbſt ſteht, ſtandeſt Du damals gebückt und hielteſt meinen Ferman empor?“ „Ja, Herr,“ ſagte der Bauer. Muſtapha fuhr mit der Hand in den Gürtel und zog langſam und bedächtig eine ſeiner reich mit Steinen beſetzten Piſtolen heraus, wobei er mit einer ſchrecklichen Kälte fortfuhr zu ſprechen:„Und dann zog der Nazir ſeine Piſtole heraus und richtete ſie gegen meinen Ferman, nicht wahr?“ „Ja Herr,“ ſagte der Bauer zitternd, denn es wurde ihm un⸗ heimlich, als er ſah, daß der Kalif den Lauf ſeiner Piſtole gerade auf das Herz des Nazirs richtete. „Und er zielte auf meinen Ferman,“ fuhr der Kalif hohnlachend fort;„nicht wahr?“ „Ja Herr,“ entgegnete Muſar kaum hörbar, denn er ſah, wie jetzt die erkünſtelte Ruhe aus dem Geſicht des Kalifen wich und ſich in furchtbare Wildheit verzerrte. „Und er traf?“ ſchrie der Muſtapha, und im gleichen Augenblick krachte der Schuß aus ſeiner Piſtole, worauf der Nazir in's Herz getroffen zuſammenſtürzte. Mit dieſem Schuße ſchien ſich aber auch die Wuth des Kalifen wieder gelegt zu haben; denn er ſteckte ſeine Piſtole ruhig in den Gürtel und befahl, den Schech näher zu ſchlep⸗ pen, was denn auch ſogleich geſchah. Dann wandte er ſich zu Muſar und fuhr in ſeinem Verhöre fort:„Und darauf ließ der Schech den Metzger kommen und Deine Kuh ſchlachten? Man hole den Metzger!“ Augenblicklich wurde dieſer herangebracht und flehte zitternd um ſein Leben, indem er verſicherte: er habe den Befehl des Schechs er⸗ füllen müſſen, weil er ſonſt wahrſcheinlich halb zu Tode geprügelt worden wäre; ein Grund, den der Kalif für triftig genug fand, denn er verſicherte den Fleiſcher, es ſoll ihm kein Leid geſchehen;„nur will ich hoffen,“ fuhr der Kalif fort,„daß Du meinen Befehl, den ich Dir jetzt gebe, eben ſo unbedingt und ſchnell vollführſt. Wohlan, ſchlachte den Schech!“ Der Metzger machte anfänglich eine ſonderbare Miene und ſtürzte auf ſeine Knie nieder, doch Muſtapha war unerbittlich, und wenn jener nicht drei Fuß hoch vom Boden mit ſeinen Ohren an den Baum —— B “²“ —ſ ——Uxx genagelt ſein wollte, ſo mußte er den Befehl des Kalifen pünktlich rich erfüllen. Er begann alſo ſein Werk mit den üblichen Gebetsformeln, nich ſagte Bismallah und ſchnitt dem Schech den Kopf herunter. dief Darauf mußte er den Körper in zwanzig Theile theilen, wie Sp geſtern die Kuh und jeder der zwanzig Einwohner, die geſtern das nich Fleiſch derſelben gekauft, mußten heute für ein Stück des Schechs das. Dreifache bezahlen, welche Summe dann der Bauer zur Entſchädigung Ba V für ſeine Kuh bekam. Nach dieſem Act der Gerechtigkeit begab ſich Er der Kalif ſehr beruhigt nach Kairo zurück.“ erh So erzählte der Alte am Feuer und ſowohl der Emir el Hadſch and als wie die vier Kameeltreiber hatten der Erzählung von dieſer über⸗ Ba A aus blutigen und grauſamen Gerechtigkeit des Kalifen aufmerkſam zu⸗ fer. gehört. Doch als der Alte geendigt, ſagte einer der vier:„Mit Ver⸗ vier laub, Herr Akrabut, Eure Erzählung war ſehr hübſch und hat uns zor 1 G ergötzt, aber Ihr ſeid gewaltig von dem abgeſchweift, was Ihr uns fra eigentlich mittheilen wolltet.“„Ja,“ ſagte ein Anderer,„Ihr ver⸗ ſpracht uns eine Erzählung von Abugoſch, dem Polizeimeiſter, woraus gele wir erſehen ſollten, wie der Prophet ihn am Ende für ſeine Grau⸗ nur ſamkeit beſtrafte.“—„Nun, wir hoffen,“ ſagte ein Dritter,„Du haſt noch Zeit, uns von Abugoſch zu erzählen. Die Nacht währt noch den lange und ſo friſch und angenehm es hier draußen iſt, ſo ſchwül und bet unbehaglich iſt es in den Zelten. Auch dort der alte Effendum— dig was ſo viel als der alte Herr bedeutet— mit dieſen Worten wandte heg 5 er ſich an Mahmud Achmet,„wird nichts dagegen haben, wenn Du. die verſprochene Erzählung lieferſt.“ ihn Der Emir verſicherte, daß ihm nichts angenehmer wäre, als ſo eine intereſſante Sachen zu hören, worauf der Alte ſich eine neue Pfeife 1 ſtopfte und folgendermaßen begann: Ger „Ja, meine Herren, von allen Dienern, die der Kalif Muſtapha Sã hatte, und die nach ſeinem erlauchten Beiſpiel gegen das arme Volk kun mit äußerſter Grauſamkeit verfuhren, war einer der ſchlimmſten und gehaßteſten Abugoſch, der Polizeimeiſter. Es iſt wohl wahr, daß ſein den Amt viel dazu beitrug, gegen Jedermann mit Strenge verfahren zu müſſen, denn er hatte hauptſächlich darauf zu ſehen, daß ſowohl der Ta G Bauer in den Dörfern um Kairo die richtige Abgabe von ſeinen Dattel⸗ bäumen bezahlte, als der ärmſte Weber in dem entfernteſten Gäßchen beft b der Stadt von dem Stoff, den er auf ſeinem Webſtuhl anfertigte. den Nebenbei war es ſeine Pflicht, darauf zu halten, daß ſowohl Bäcker —— 45 und Metzger als andere Verkäufer in den Bazars und auf den Straßen richtiges Maaß und Gewicht hielten, und ſich von den Gläubigen nicht zu viel bezahlen ließen. Wenn nun aber auch der Polizeimeiſter dieſe ſeine Pflichten auf's Beſte erfüllte, und gewiß täglich eine Menge Spitzbuben antraf, die er hätte beſtrafen können, ſo brauchte er doch nicht mit ſo unerhörter Grauſamkeit gegen dieſe Leute zu verfahren. So geht er eines Tages durch die Bazars und findet, daß ein Bäcker ſein Brod zu klein und zu leicht macht. Was thut Abugoſch? Er läßt das Blech, worauf das Brod gebacken wird, bis zum Glühen erhitzen und dann den Bäcker für eine Zeit lang darauf feſtbinden. Ein andermal kommt er bei einem Getreidehauſe vorbei und ſieht da zwei Bauern, welche beide Getreide gebracht haben, als Abgabe ihrer Dör⸗ fer. Der Eine hat aber nur zehn Säcke gebracht und der Andere vierzig. Abugoſch, der gerade ſchlechter Laune war, fährt den erſten zornig an, indem er vermuthet, dahinter müſſe ein Betrug ſtecken und fragt, warum er gegen den Andern ſo wenig Säcke gebracht habe? „Herr,“ erwidert dieſer,„mein Dorf iſt näher bei der Stadt gelegen, als das des andern Mannes, weshalb ich jede Woche viermal nur zehn Säcke bringe, während jener auf einmal vierzig bringt.“ „Hoho,“ denkt der Polizeimeiſter,„hier ſoll ich angeführt wer⸗ den,“ und geräth darüber in eine unbeſchreibliche Wuth. Umſonſt betheuert der arme Bauer, er ſei gewiß und wahrhaftig ganz unſchul⸗ dig und der Prophet möge ihn beſtrafen, wenn er nur den Gedanken hege, ſeinen Herrn zu betrügen. Es hilft nichts. Abugoſch befiehlt einem der Henkersknechte, die ihn beſtändig begleiten, den Bauern aufzuhängen, was denn auch an einem Aſt des nächſten Baumes geſchieht. Am andern Morgen geht der Polizeimeiſter wieder an demſelben Getreidehauſe vorbei und ſieht da wieder einen Bauern, der an achtzig Säcke Getreide abladet. Dies gefällt dem Polizeimeiſter und er er⸗ kundigt ſich bei einem ſeiner Begleitung, wer und woher der Bauer ſei? „Herr,“ antwortet ihm einer der Henkersknechte,„es iſt derſelbe, den Du geſtern aufhängen ließeſt.“ „Was,“ ſpricht der erſtaunte Polizeimeiſter,„iſt denn der jüngſte Tag erſchienen, daß die Todten auferſtehen?“ „Verzeihung, o Herr,“ erwiderte der Nachrichter,„Du haſt mir befohlen, ihn zu hängen, aber nicht zu tödten. Und da habe ich ihn denn ſo gehängt, daß ſeine Füße den Boden berührten.“ „Glücklicher Weiſe gefällt dieſer Scherz dem Polizeimeiſter, er ” ſtreicht ſich ſeinen Bart und ſagt:„Nu, nu, ich will mir für ein andermal dieſe Auslegung meiner Befehle merken und mich deutlicher 2 ausdrücken, wenn wieder jemand gehängt werden ſoll. Höre, höre,“ wandte er ſich darauf zu dem Bauern,„nimm Dich in Zukunft vor 8 Abugoſch in Acht!“ V Dieſe Erzählung ergötzte ſichtlich den Emir el Hadſch und die ſe vier jungen Türken, welche um das Feuer herumlagen und Alle lobten 3u den Nachrichter, daß er dem armen unſchuldigen Bauern das Leben 5 gerettet. Mahmud Achmet zog ſo gut wie damals Abugoſch eine Lehre ſ zwiſchen Hängen und Tödten und nahm ſich vor, wenn er auch in denſelben Fall käme, ſich deutlicher auszudrücken. A „Ja, ja, ſo trieb es der Polizeimeiſter, ſowohl in der Stadt, 1 wwWie auf dem platten Lande und da er in ſeinem Dienſteifer ſich Tag 1 und Nacht keine Ruhe gönnte, ſo war man nie und nirgends ſicher 4 vor ihm. Er trat oft ſo unvermuthet in die Bazars und Kaffee⸗ ſt häuſer, daß man glaubte, er ſei aus der Erde hervorgewachſen und die Leute hatten deswegen eine ſo abergläubiſche Furcht vor ihm, daß he ſte ihren gewöhnlichen Spruch:„Wie Gott will,“ auf ihn abänderten 9 und zu ſagen pflegten:„Wie Gott und Abugoſch will.“ Wenn die 8 Sonne hinter dem Mokkadam hinab ſank, zog er ſchlechte Kleider an, 6 um ſich unkenntlich zu machen, ja, er trieb dies oft ſo weit, daß er 2 als Kameeltreiber ein altes Kameel nach ſich zog oder als Waſſer⸗ 2 verkäufer mit den kupfernen Schaalen ſo luſtig klapperte, wie alle ſeine 3 Collegen im wirklichen Dienſte. Mein Vater, der Prophet möge ihn im Paradieſe belohnen, iſt ihm im Zwielicht einmal begegnet, wo er 1 Melonen feil bot, und mein Vater, der an nichts Böſes dachte, kaufte 3 ihm eine dieſer Früchte ab. Denkt Euch aber ſeinen Schrecken, als 4 er auf einmal unter dem ſchmutzigen Turban das Geſicht des Polizei⸗ di meiſters erkannte. Ihr könnt Euch denken, daß er haſtig bezahlte und d ſo raſch davon lief, als ihn nur ſeine Füße tragen mochten, denn 3 mein Vater befürchtete, Abugoſch möge ihn zurückhalten und auf eine 3 ſeiner nächtlichen Streifereien mitnehmen, wie er es wohl zu thun li pflegte. Nun aber hatte ſich der Polizeimeiſter das Umherſtreifen in den Straßen, wann es ihm gut däuchte, ſo angewöhnt, daß er ſelbſt in 3 den zehn heiligen Nächten des Moharrems— was ſo viel heißt, als des erſten Monats im Jahr— kaum zu Hauſe bleiben konnte. Ihr f —.. ——————— —jyyjj— lizei⸗ 2 und denn feine thun n den bſt in t, als Ihr 47 wißt wohl ſelbſt, daß zu dieſer Zeit jeder rechtgläubige und fromme Muſelmann ſorgfältig die Thür ſeines Hauſes verſchließt, ſo bald der Tag hinabgeſunken iſt, denn in dieſen zehn Nächten dürfen die Genien, die Dſchinns und Kobolde ihr Weſen frei auf der Erde treiben. Da kommen ſie in großen Schaaren aus den alten Pyramiden hervor, ſehen ſich auf den Spitzen derſelben um und fliehen alsdann der Stadt zu, die ihnen am beſten gefällt. Da ſieht man die Genien auf un⸗ geheuren Lotusblättern unter einem ſeltſamen Geſang den Nil hinab⸗ ſchwimmen, gewöhnlich bis nach Kairo, wo ſie an einem einſamen Landungsplatz, der deshalb das Werft der Geiſter heißt, und wo ſich um dieſe Zeit des Jahres kein anderer Nachen aufhält, landen. Die Kobolde ſteigen aus den Brunnen empor, tummeln ſich auf den öffent⸗ lichen Plätzen und Straßen umher und necken oder helfen den Recht⸗ gläubigen, je nachdem ſie gelaunt ſind, oder nachdem man ſich gegen ſte beträgt. Ihr Alle, mit Ausnahme unſeres Gaſtes da, ſeid noch zu jung, um von dergleichen Sachen viel erlebt zu haben. Auch ſeid Ihr über⸗ haupt faul und träge, und legt Euch den Abend in die Ecke Eures Divans, ohne Euch um das zu bekümmern, was draußen vorgeht, weshalb Ihr nichts geſehen habt und alſo auch nichts glauben wollt. Ja, ja, ich ſage Euch, in den Nächten gehen ſonderbare Dinge vor. Alles iſt ſtill auf den Straßen, die Bazars ſind geſchloſſen und die Laſtthiere liegen in den Höfen und verzehren ihr ärmliches Futter, denn wie ſchon geſagt, man weiß, daß es heute nicht gut iſt, ſich draußen aufzuhalten. Da hört Ihr plötzlich das Klingeln von Schel⸗ len, wie ſie die Laſtthiere am Halſe zu tragen pflegen, auf der Gaſſe, und Euch ſchlägt das Herz ängſtlich, denn Ihr wißt, daß es die Dſchinns ſind, welche durch die Straßen ziehen. Trotz der Furcht, die Einen alsdann befällt, gibt es doch muthige und neugierige Leute, die ihre Hausthüren ein wenig öffnen, um zu ſehen, was denn da draußen einherzieht. Da iſt es denn gewöhnlich ein Maulthier, was mit Schellengeklingel des Weges daher kommt. Auf ſeinem Rücken liegt ein Packſattel, deſſen beide Taſchen mit etwas angefuͤllt ſind. Wer von Natur furchtſam iſt, fährt bei dieſem Anblick zurück und wendet ſich mit einem Gebet an den Propheten; doch habe ich auch Leute gekannt, die nicht zurückgegangen ſind, ſondern die vielmehr auf die Straße hinaus und dem Maulthier in den Weg traten. Doch iſt ihnen das gewöhnlich ſchlecht bekommen, denn wenn ſie in die — 5 ö 8 48 Satteltaſche hineinſahen, ſo fanden ſie in derſelben die Köpfe von todten Menſchen, die ſie mit ihren verzerrten Geſichtern gar graͤßlich anſahen. Wer aber in dieſem Augenblick ſeine Faſſung behielt und einen dieſer Köpfe aus der Taſche herausnahm, der fand unter dem⸗ ſelben einen Haufen Gold und Silber, womit er getroſt ſeine Taſchen anfüllen durfte. Auch hört man in dieſen Nächten, während man ruhig auf dem Divan liegt, das Klappern von kupfernen Schaalen, wie es die Waſſer⸗ träger zu machen pflegen und vernimmt plötzlich ein leiſes Klopfen an die Zimmerthür, worauf eine Stimme draußen fragt: wohin man das Waſſer ſchütten ſolle? Hat man nun in dieſen Tagen die Vorſchrif⸗ ten des Korans genau erfüllt, und viel Almoſen an die Armen aus⸗ getheilt, ſo darf man getroſt ſagen:„In den großen Krug,“ worauf man dies Gefäß am andern Morgen voll Gold⸗ und Silbermünzen findet. Hat man aber nicht gelebt, wie es einem Rechtgläubigen zu⸗ kommt, ſo findet man am andern Morgen das Gefäß mit Sachen angefüllt, die nicht aus dem Bazar der Gewürz⸗ und Eſſenzenkrämer herſtammen. Abugoſch, von dem ich alſo erzählen wollte, hatte nun um jene Zeit herum die Nachricht erhalten, daß eine Rotte Räuber, die auch den Verſuch gemacht hatten, den großherrlichen Schatz zu plündern, ſich verborgen in der Kalifenſtadt aufhalte und war ſo ſehr von der Begierde übermannt, dieſe Böſewichter zu entdecken, daß ihm nicht einfiel, wenigſtens in den heiligen Nächten zu Hauſe zu bleiben, viel⸗ mehr faßte er die verwegene Abſicht, als Waſſerträger durch die Stadt zu wandeln, damit die Leute glauben ſollten, auch er ſei einer von den ODſchinns, unter welcher Maske er getroſt in die verdächtigſten Häuſer eintreten zu können glaubte. Es war in der dritten Nacht, als ſich Abugoſch gehörig vermummt aus ſeinem Palaſte ſtahl und ſeine Wan⸗ derung durch die Straßen begann. Er klapperte herzhaft mit ſeinen kupfernen Schaalen und trat auch hie und da in ein Haus und bot ſein Waſſer an. Aber von Allen denen, die er befragte, wohin er das Waſſer ſchütten ſolle? bekam er keine Antwort, wahrſcheinlich weil die Leute furchtſam waren oder weil ſie vielleicht die Vorſchriften des Korans nicht genau befolgt hatten. So geht er weiter und ſieht zu ſeinem Vergnügen, daß Leute, die hie und da aus Kaffee⸗ oder Sorbet⸗ häuſern herauskommen, vor ihm wie vor einem Geſpenſt die Flucht nehmen. Bald hat er die belebteren Stadttheile hinter ſich und kommt 2A ₰ 8 S8 E 8 88 8- VSSͤeAnͤ 202 08 η˙ don lich und m⸗ hen dem ſer⸗ an das rif⸗ aus⸗ rauf nzen zu⸗ chen imer jene auch dern, der nicht viel⸗ Stadt den äuſer 3 ſich Wan⸗ einen d bot in er weil n des ht zu orbet⸗ Flucht ommt 49 zu ärmlichen finſteren Gaſſen, die auf einen entlegenen, verfallenen Platz hinausführen, welcher noch heute der Platz der Diebe heißt. Dieſer iſt auf drei Seiten von alten verfallenen Häuſern um⸗ geben und auf der vierten von einem zerbrochenen Mauerwerk, welches früher ein Gefängniß war, von dem noch ein Thurm ſtand, deſſen graue Steine von einigen Sikomoren verdeckt wurden, die vor ihm ſtanden. Die Häuſer auf dem Platz waren meiſtens unbewohnt und dienten, wie es hieß, allerlei verdächtigem Geſindel zum Aufent⸗ halt. Der ganze Platz hatte etwas Oedes und Unheimliches und ſelbſt ohne den böſen Ruf, in welchem er bei dem Volke ſtand, würde ſein bloßer, troſtloſer Anblick ſchon jeden rechtgläubigen Muſel⸗ mann abgeſchreckt haben, dorthin in der Nacht ſeine Schritte zu len⸗ ken. Aber noch obendrein in den Nächten, von denen ich erzähle, wo das Geiſterreich auf die Erde ſchlüpft, um einige Zeit unter den Men⸗ ſchen zuzubringen, war es die größte Verwegenheit, ja eine Verſuchung des Propheten, ſich auf dem Diebsplatze aufzuhalten. In der Mitte deſſelben lagen mehrere Quaderſteine mit eiſernen Klammern verſehen, denen man es anſah, daß ſie früher zierlich zuſammengefügt geweſen waren und eine regelmäßige Erhöhung gebildet hatten. Jetzt waren die Klammern ausgeriſſen, die Steinblöcke verwittert und zertrümmert und ſie würden wohl ſchon längſt ganz auseinander gefallen ſein, wenn nicht ein großer ſteinerner Sarkophag, den ſie früher getragen hatten, jetzt ſeinerſeits durch ſeine Schwere die Steinblöcke zuſammenhielt. Dieſen Sarkophag nannte das Volk das Grab des Emir el Heb, welcher ein frommer Mann war, der in alten Zeiten gelebt und dem der Prophet eine ſolche Heiligkeit verliehen, daß, wenn er eine Kara⸗ vane begleitete, die räuberiſchen Beduinen es nicht wagten, dieſelbe anzugreifen. Ob nun der Platz, auf welchem der Sarkophag jetzt ſtand, ſchon früher der Diebesplatz hieß, und ob man den Heiligen hieher begrub, um die Spitzbuben zu verſcheuchen, oder ob das räu⸗ beriſche Geſindel ſich nach dem Tode des Heiligen, wo ſeine Heiligkeit vielleicht keine Kraft mehr hatte, um ihn zu verhöhnen, ſich hier auf dem Platze zuſammen fand, kann ich Euch nicht verſichern; genug der Sarkophag war da und war dem Volk noch durch einen anderen Um⸗ ſtand ſehr bekannt. Es hieß nämlich, daß ſich in der dritten der heiligen Nächte, alſo gerade in derſelben, in welcher der Polizeimeiſter ſpazieren ging, die Genien, nachdem ſie ihre Runde durch die Stadt und auf dem Hackländer, orient. Sagen. 4 Fluſſe gemacht, hier zu verſammeln pflegten und zum Privatver⸗ gnügen unter Scherzen und Lachen einen großen Gemüſemarkt ab⸗ hielten. Nur ſehr wenige Leute hatten je dieſem ſeltſamen Verkehr der Geiſter zugeſchaut und waren theils dadurch glücklich, theils aber auch unglücklich geworden. Denn wen ſein Weg zufällig hier in dieſe Gegend führte, und gerade in der Stunde, wo die Geiſter ſtch mit Kaufen und Verkaufen beſchäftigten, der handelte äußerſt klug, wenn er mit dem Gruße des Friedens, ohne um ſich ſchauen oder ein Wort zu ſprechen, durch die Reihen ging. Wurde er alsdann von einem oder dem andern der Genien angerufen und ihm etwas zum Verkauf angeboten, ſo mußte er antworten:„O Herr, Dein Knecht iſt viel zu arm, um ſolche koſtbare Schätze zu erhandeln.“ Worauf ſich alsdann die Geſpenſter, denen dieſe Demuth geſiel, das Vergnügen machten, ihm von ihren Waaren lachend an den Kopf zu werfen. Wenn es ihm nun gelang, von dieſen Gurken, Melonen oder dergleichen Sachen, die auf ihn zuflogen, Einiges zu erhaſchen und in die Taſchen zu ſtecken, ſo fand er am anderen Morgen die Früchte in Gold und Silber ver⸗ wandelt und war glücklich ſein Leben lang. Wenn aber im andern Fall irgend ein naſeweiſer Geſelle zufällig in dieſer Nacht auf den Platz der Diebe kam und frech um ſich ſchaute, oder es ſogar wagte, die Geſpenſter, welche hier Markt hielten, durch Worte und Blicke zu beleidigen, ſo warfen ſie ihm ebenfalls unter Lachen und Grinſen allerhand Früchte an den Kopf, die ſich aber, wenn ſie ſein Geſicht und ſeinen Körper berührten, entweder zu aller⸗ lei Unrath verwandelten oder ſich, was noch ſchlimmer war, auf ſei⸗ nem Leibe feſtſetzten, und verſchiedene unangenehme Erhöhungen bilde⸗ ten, die der arme Schalk dann ſein ganzes künftiges Leben mit herumſchleppen mußte. All' dieſe Geſchichten wußte aber der Polizeimeiſter ſo gut wie ich, doch er war ein Freigeiſt, der nicht an ſolche Sachen glaubte, und der vielmehr in ſeinem Argwohn dachte, die Leute, die ſich in der heiligen Nacht auf dem Diebsplatz zuſammenfänden, ſeien wirkliche Menſchen, wohl gar Diebe, die irgend ein ſtrafbares Unternehmen beabſichtigten. Mit dieſen Gedanken ſchritt er alſo auf dem Platz hin und her, und wenn ihm auch die Stille und Oede deſſelben gerade nicht heimlich vorkam, ſo griff er an ſeinen Dolch und an ſeine guten Piſtolen und überredete ſich, daß er's im Fall der Noth wohl mit Einigen aufnehmen könnte. Er ſetzte ſich auf die zerbrochenen Steine er⸗ 1b⸗ hr ber teeſe nit nn ort em auf zu inn ten, hm den, ken, er⸗ lllig ute, urch nter ber, ller⸗ ſei⸗ ilde⸗ mit wie ubte, der kliche ymen hin erade guten (mit bteine an dem Sarkophage und blickte gedankenlos in die klare Nachtluft hinaus. Es war eine ſchöne Nacht und die Luft mit Wohlgerüchen geſchwängert, die der Wind aus beſſeren Stadttheilen herführte, wo ſich bei den Wohnungen der Vornehmen zahlreiche Orangegärten be⸗ fanden. Dieſe Düfte ſowie überhaupt die Stille und Einſamkeit, welche ihn umgab, machten den Polizeimeiſter nachdenkend und er ſann zum erſten Mal in ſeinem Leben darüber nach, daß ſeine Stellung und ſein Dienſteifer ihm doch manche unangenehme Stunde verurſach⸗ ten.„Wie behaglich läg' ich jetzt auf meinem Divan,“ ſprach Abugoſch bei ſich ſelber, wenn ich nicht gerade Polizeimeiſter des Kalifen Mu⸗ ſtapha wäre.“ Er malte ſich ſo lebhaft die Genüſſe eines ruhigen Schlafes aus, daß er faſt im Begriffe war aufzuſtehen und nach Hauſe zurückzugehen. Hätte er nur dieſer Stimme in ſeinem Herzen Gehör gegeben und den Diebsplatz verlaſſen, es wäre ihm wahrlich beſſer geweſen, und es wären ihm nicht ſo viele gräßliche Dinge paſſirt. Doch ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen und verſichere Euch alſo, daß in der har⸗ ten Bruſt des Polizeimeiſters dieſe feigen Gedanken, die er ſich ſelbſt machte, nur kurze Zeit die Oberhand behielten. Doch da er wohl über ſeinen Willen, nicht aber über ſeine Natur Herr war, ſo über⸗ mannte ihn der Schlaf und er legte den Kopf an den Sarkophag und nickte ein. So mochte er ein paar Stunden geſchlafen haben, und es war die Zeit, wo die Nachtluft kälter wird, und wo die Gazelle in der Wüſte, von dem kühlen Winde angehaucht, den Kopf erhebt, um ſich darauf noch tiefer in ihr Lager zu verbergen, indem es rings um ſie noch dunkel iſt und nur ein feiner, ſchwacher Streifen im Oſten verkündet, daß in ein paar Stunden der Tag anbrechen werde, als Abugoſch von einem ſeltſamen Geſumme und Gemurmel um ihn her erwachte und verwundert um ſich blickte. Wie hatte ſich der einſame ſtille Platz in der kurzen Zeit geändert! wo früher außer ihm keine lebende Seele geweſen war, da ſtanden jetzt, wie an den öffentlichen Markttagen vor der großen Moſchee hunderte von Ver⸗ käufern und plauderten lachend zuſammen, während ſie ihre Waaren austauſchten. Der Polizeimeiſter rieb ſich die Augen und ſah beſchämt um ſich, denn er glaubte nicht anders, als er habe die Nacht auf einem öffent⸗ lichen Platz geſchlafen und ſei jetzt am hellen Tage erwacht. Doch überzeugte ihn gleich darauf ein Blick in den Mond, der eben hinter dem Gefängnißthurm verſchwinden wollte, daß es noch völlig Nacht ſei. Ueberraſcht rieb er ſich die Augen und ſtand von ſeinem Sitze auf, um ſich die ſonderbaren Verkäufer in der Nähe zu beſehen. Dieſe ſahen aber ganz aus wie gewöhnliche Menſchen. Da waren Waſſer⸗ träger mit ihren ziegenledernen Schläuchen und den kupfernen Schaalen, womit ſie luſtig klapperten. Dort drängte ſich ein Scherbethverkäufer durch die Menge und er hatte auf dem großen hölzernen Teller, den er vor ſich hielt, Scherbeth in allen möglichen Farben. Hier ſtanden Paſtetenbäcker und boten die ſchönſten Waaren feil. Dort kauerte eine ganze Reihe Gemüſeverkäufer und ihre Körbe waren angefüllt mit dicken Kohlhäuptern, mit gelben Rüben, Artiſchoken und Bananen. Eine Zeit lang blieb Abugoſch an den Sarkophag gelehnt, und als er ſo gar nichts Unheimliches bei dem Treiben der Leute entdeckte, kam ihm plötzlich die Idee, als hielten die Leute hier bei nächtlicher Weile einen Markt, um den Kalifen wegen der üblichen Marktſteuer zu betrügen, eine Idee, die ſein polizeiliches Herz auf's Aeußerſte empörte. „Wer gibt Euch hier die Erlaubniß zum Verkaufen?“ ſchnauzte er einen Waſſerträger an, der ihm gerade nahe kam. Doch gab ihm dieſer keine andere Antwort, als daß er eine entſetzliche Grimaſſe ſchnitt und ihn auf das Unverſchämteſte angrinzte.„Hund von einem Waſſer⸗ träger,“ ſchrie Abugoſch und griff ihm nach der Kehle. Doch es war gerade, als hätte er nach einem Schatten gehaſcht, und der Waſſer⸗ träger ſtieß ein gellendes Gelächter aus und ſchwebte den Markt dahin. Ueberraſcht und mit einer kleinen Anwandlung von Erſchrecken ſah ihm der Polizeimeiſter nach, denn er bemerkte jetzt bei näherem „Betrachten, daß ſich ſowohl der Waſſerträger wie die ganze übrige Geſellſchaft auf eine höchſt ſeltſame Art von der Stelle bewegten; denn keiner ging ſo, wie es gewöhnliche Leute zu thun pflegen, indem ſte kein Bein vor das andere ſetzten, ſondern ſte glitten über das Pflaſter, und, wie man deutlich ſah, ohne den Boden zu berühren. Nach einigem Ueberlegen glaubte aber der Polizeimeiſter, der bleiche zitternde Schein des Mondes ſpiegle ihm etwas vor, und er wandte ſich nach dem dichteſten Haufen der Verkäufer, wo er auf barſche Art dieſelbe Frage that: wer ihnen die Erlaubniß gegeben hätte, hier bei der Nacht einen Markt zu halten. Doch bekam er auch hier keine Antwort, als ein gellendes Lachen, was ihm um ſo ſonderbarer er⸗ ſchien, als er zu bemerken glaubte, daß ſelbſt die Gemüſe in den Kör⸗ ben darin einſtimmten, und leiſe kicherten. Entrüſtet ſtampfte er auf den Boden und war ſchon im Begriff, einen der Gemüſeverkäufer tüchtig beim Barte zu zupfen, als er, ſeine Blicke im Zorne umher⸗ werfend, am Ende des Marktes einen alten Mann erſpähte, der auf einigen prächtigen Polſtern an der Erde ſaß und ruhig aus einer lan⸗ gen Pfeife rauchte.. „Aha,“ dachte Abugoſch,„dieſer Alte ſcheint mir der Vornehmſte dieſes Geſindels zu ſein und ich will mich an ihn wenden, um viel⸗ leicht über das räthſelhafte Treiben hier eine Auskunft zu erhalten. Er wandte ſich alſo von den Verkäufern ab und ging zu dem alten Manne hin. Hätte Abugoſch in dieſem Augenblick hinter ſich geſehen, ſo würde er gar ſonderbare Dinge erblickt haben; denn die Kohlhäupter, gelbe Rüben und Artiſchoken in den Körben erhoben ſich plötzlich und flo⸗ gen hinter ihm drein, doch ohne ihn zu berühren, denn wenn ſie faſt ſeinen Rücken oder Kopf erreicht hatten, ſo winkten die Verkäufer mit der Hand, wie man bei unartigen Kindern zu thun pflegt, um ſie von einem loſen Streiche abzuhalten, worauf denn alle wieder gehorſam in ihre Körbe zurückkehrten. Der alte Mann, an welchen ſich nun der Polizeimeiſter wandte, ſaß, wie ſchon geſagt, auf weichem Divankiſſen und rauchte aus einer unendlich langen Pfeife. Es war ein ziemlich dicker Herr und ſein ernſtes Geſicht mit dem ſchneeweißen Bart, der wohl zwei Fuß lang war, hatte ſo etwas Ehrfurchtgebietendes, daß Abugoſch, als er vor ihm ſtand, es ſelbſt nicht wagte, mit böſen Worten loszubrechen, ſon⸗ dern nur die Hand an den Turban legte, und ihn mit dem Gruße: Bismallah!— in Gottes Namen— anredete. „Höre, Herr,“ fuhr der Polizeimeiſter fort,„es ſcheint mir, Du biſt der angeſehenſte und älteſte unter dieſen Leuten, vielleicht der Schech dieſes handeltreibenden Stammes, und wirſt deshalb wohl die Güte haben und mir eine Auskunft ertheilen, ob es dieſen Leuten überhaupt erlaubt iſt, zu handeln, und warum ſie, ſtatt wie alle an⸗ deren Menſchen bei Tage, hier bei der Nacht ihr Weſen treiben?“ Auf dieſe Anrede hin nahm der Alte ſeine Pfeife aus dem Munde und verzog ſein ehrwürdiges Geſicht zu einer grinzenden Fratze von ſo ausnehmender Häßlichkeit und Lächerlichkeit, ſo daß Abugoſch drei Schritte zurücktrat.„Was,“ ſchrie er darauf,„auch Du, alter grauer Sünder, gehſt an der Spitze dieſes gauneriſchen Geſindels darauf aus, den Kalifen zu betrügen und ſeinen Diener zu verachten? Doch es ſoll Euch Allen ſchlecht bekommen!“ Jetzt hatte der alte Mann ſein Geſicht wieder in die gehörige Ruhe gebracht und ſagte mit ruhiger Stimme:„Hör Du, Abugoſch, Polizeimeiſter des Kalifen Muſtapha, miſche Dich nicht in Sachen, die Dich nicht kümmern. Gehe ruhig Deines Weges, kehre in Deine Wohnung zurück und überlaſſe dieſen Platz in der jetzigen Stunde uns, die wir Dir und Deinen Mitmenſchen keinen Schaden zufügen. Ich warne Dich, Abugoſch, miſche Dich nicht in unſer Treiben und entferne Dich!“ „Ha!“ ſchrie der Polizeimeiſter, durch dieſe Entgegnung in Zorn gebracht,„das iſt die rechte Art. Man ſoll wohl noch Geſindel Eu⸗ res Schlags höflich darum bitten, daß es unſer Einem erlaubt, ſeinen verbrecheriſchen Thaten zuzuſchauen. Möcht Ihr ſein, wer Ihr wollt, ich befehle Euch augenblicklich, dieſen Platz zu verlaſſen, und Euch in Eure Wohnung zurückzuziehen.“ Jetzt grinzte der Alte wieder wie zuvor und blies dem überraſch⸗ ten Polizeimeiſter eine ganze Wolke Tabak in's Geſicht, der aber einen ſo ſcharfen, betäubenden Geruch hatte, daß er ein paar volle Minuten darnach huſten mußte. Doch kaum hatte ſich ſeine Bruſt wieder etwas beruhigt, als er in einen ungemeſſenen Zorn ausbrach und hinzuſprang, um den alten Mann beim Barte zu faſſen. Doch wie erſtarrte er vor Schrecken, als er eben ſo, wie vorhin bei dem Waſſerträger, in die leere Luft griff, obgleich der alte Mann keine zwei Schritte vor ihm ſaß und auch in derſelben Stellung ſitzen blieb. Abugoſch blickte er⸗ ſtaunt um ſich und obgleich der Mond hinter dem alten Gemäuer herabgeſunken war und den Platz in tiefe Dunkelheit hüllte, ſo konnte er doch die ganze Geſellſchaft der Verkäufer genau überblicken und unterſcheiden. Dabei war es ihm höchſt auffallend und ſonderbar, daß es ausſah, als käme das Licht aus den Augen der Weſen ſelbſt her, die um ihn herumſtanden; denn alle ihre Blicke, die feſt auf ihn gerichtet waren, ſchoßen rothe, grüne, gelbe und weiße Blitze. Ferner ſah der Polizeimeiſter zu ſeinem nicht geringen Schrecken, daß die menſchlichen Geſtalten immer näher auf ihn zurückten und es war nur bei dem Sarkophage eine kleine Oeffnung, wodurch er hätte entwiſchen können. Einige Augenblicke ſchwankte er auch zwiſchen dem Entſchluß, eiligſt davon zu gehen oder hier zu bleiben. Hätte er ſich nur dies⸗ — — 55 mal von ſeiner Furcht bemeiſtern und fortjagen laſſen, es wäre ihm weit beſſer geweſen, aber ſo faßte er in ſeinen Gürtel, riß eine ſeiner Piſtolen heraus und hielt ſie dem alten Mann vor's Geſicht, wobei er ausrief:„Ungläubiger Hund! Du ſagſt mir entweder auf der Stelle, wer Du biſt, und was dieſe Leute hier machen, oder ich ſchieße Dir meine Kugel durch Deinen alten verbrecheriſchen Kopf. Kaum hatte der alte Polizeimeiſter dieſe Worte ausgeſprochen, als von allen Seiten ein lautes Gejauchze und hölliſches Lachen aus⸗ brach. Es brüllte hinter ihm, es lachte hoch in der Luft über ſeinem Kopfe und es kicherte zu ſeinen Füßen, bei welchen unheimlichen Aus⸗ drücken der Freude, ſich die Geſtalten der Weſen, welche um ihn ſtan⸗ den, noch obendrein auf eine höchſt ſonderbare und merkwürdige Weiſe verzerrten und verdrehten. Bald reckten ſie ſich und Beine, Leib und Arme wuchſen auf eine ſo unglaubliche Art in die Höhe, daß die We⸗ ſen mit ihren Köpfen bequem über die umſtehenden Häuſer hinweg⸗ ſchauen konnten. Andere wieder dehnten ſich in die Breite, ſo daß ſte ausſahen, wie Schildkröten, die auf den Hinterbeinen umhertanzten. Dazwiſchen flogen die Artiſchoken und Kohlköpfe wieder in der Luft herum und lachten nicht nur unaufhörlich, ſondern ſo oft ſte bei Abu⸗ goſch vorbeiflogen, ſahen ſie wie Menſchenköpfe aus, deren Geſichter von einer erſchrecklichen Luſtigkeit verzerrt waren. Selbſt der alte Mann, der vorhin ſo würdevoll da geſeſſen, brach in ein lautes ſchal⸗ lendes Gelächter aus und blies dabei auf eine wahrhaft erſchreckliche Art ſeinen Bauch und ſeinen Kopf auf. Dann ſprang er auf ſeine Beine und nachdem er ſich eine Zeit lang mit ungemeiner Schnelligkeit wie ein Kreiſel herumgedreht hatte, fuhr er mit ſeinem Kopfe plötzlich dem armen Polizeimeiſter unter die Augen und warf ihm einen wahr⸗ haft teufliſchen Schielblick zu. Abugoſch ſtand da, anfänglich wie er ſelbſt glaubte, vor Schrecken erſtarrt, doch als er ſich an ſeine geſpenſtigen Umgebungen ein Bischen ge⸗ wöhnt hatte, und den Verſuch machte, ſich umzudrehen, denn es wandelte ihn jetzt doch die Luſt an, ſich davon zu machen, weil er es als Polizeimei⸗ ſter des Kalifen doch gerade nicht für ſeine Pflicht hielt, ſich mit Geiſtern und Kobolden abzugeben— fühlte er auf einmal, daß nicht der Schrecken, wohl aber eine unſichtbare Macht ihn an die Stelle, wo er ſtand, ge⸗ feſſelt hielt. Vergebens verſuchte er, eine Bewegung zu machen, den Fuß vorzuſetzen oder auch nur den Kopf zu drehen, es war ihm un⸗ möglich, und das Traurigſte hiebei war noch, daß ihm bei jedem Ver⸗ ſuch der Art, die Geſpenſter laut lachend angrinzten und ſich an ſeinen Bemühungen ergötzten, wie es unartige Knaben mit einem geſpießten Schmetterling zu machen pflegen. Jetzt hatte ſich der alte Mann auf ſeinen Divan niedergeſetzt und ſeine vorige ruhige und ernſte Haltung wieder angenommen. „Abugoſch,“ ſprach er mit lauter Stimme,„Du biſt uns ver⸗ fallen! Was haſt Du in dieſen Nächten auf der Straße zu thun und warum drängſt Du Dich in unſere Zuſammenkünfte. Wenn auch jedes Weſen, das da lebt zwiſchen Himmel und Erde, ſo wie auf und in derſelben ſeine Pflicht thun muß, ſo iſt doch eine Ausübung derſelben zur Qual ſeiner Mitgeſchöpfe, wie Du es gethan, noch weit verwerf⸗ licher und ſtrafbarer als die Unterlaſſung derſelben. Abugoſch, ich habe Dich gewarnt, doch Du biſt mir nicht gefolgt. Was ging Dich unſer Treiben an? Kommen wir auch wohl des Nachts zu Euch und dringen in die Gemächer, um Euren Schlaf und Eure Träume zu ſtören? Nein, wir bleiben ſtill für uns, und wenn wir uns den Menſchen nähern, ſo geſchieht es gewöhnlich, um ihnen nach Verdienſt Gutes zu thun. Doch nicht einmal genug, daß Du uns hier beläſtigt und geſtört haſt, ſo biſt Du auch obendrein noch ſo weit gegangen, mit Deiner armſeligen Waffe uns verletzen zu wollen und für Alles dies wollen wir Dich nach Fug und Recht beſtrafen.“ Den Schluß dieſer Rede begrüßte das ganze Corps der Geiſter, die dicht umherſtanden, mit einem lauten Jauchzen und Alle murmel⸗ ten durcheinander:„Ja beſtraft ſoll er werden! Er ſoll beſtraft werden!“ „Was meint Ihr, meine Freunde,“ fuhr der Alte fort,„ſollen wir ihn mitnehmen und tief unter der Erde anketten?“ „Nein, nein,“ heulten die Andern,„wir wollen ihn nicht unter uns haben; er würde uns gegenſeitig belauſchen und Einen an den Andern verrathen.“ „So wollen wir ihn hier oben laſſen,“ ſprach der alte Mann auf's Neue,„und ihn in ſeiner jetzigen Geſtalt zu Stein verwandeln, damit ſeine Mitgeſchöpfe ſehen, wie es einem Polizeimeiſter ergangen, der grauſam war, wie dieſer und zur Qual anderer Menſchen mehr als ſeine Pflicht gethan und als nöthig war.“ Einen Augenblick murmelten die Geiſter untereinander und endlich ſagte Einer:„Verwandle ihn nicht zu Stein, o Herr, denn der Stein iſt fühllos und kalt, und wenn dieſer hier wirklich beſtraft werden ſoll, ſo muß er fühlen, was um ihn her vorgeht, er muß gezwungen ſein, unter den Menſchen zu leben, er muß ihre kleinen und großen Fehler ſehen, ohne dabei die Macht zu haben, wie ſonſt, grauſam und übermüthig aufzutreten. Deshalb, o Herr, verwandle ihn in ein Thier!“ „Ja, ja,“ jauchzte der ganze Chor,„in ein Thier muß er ver⸗ wandelt werden und muß einen ſchlimmen Herrn haben, der ihn quält und martert, wie er ſeine Untergebenen gequält und gemartert hat.“ „Ja, ſo ſoll es ſein,“ nahm der alte Mann wieder das Wort. „Du ſiehſt,“ wandte er ſich an Abugoſch,„daß wir gnädig mit Dir verfahren und Dir nicht das Leben nehmen. Wir wollen Dich nur zu Deinem eigenen Nutzen, zu Deiner Beſſerung in ein Thier ver⸗ wandeln, damit Du ſchon hier auf Erden eine Zeit der Buße verlebſt und damit Dir der Prophet dereinſt Deine begangenen Sünden nicht ſo hoch anrechnen möge.„Meine Freunde,“ rief nun der Alte mit lauter Stimme,„was meint Ihr dazu, wenn wir den Polizeimeiſter in einen Eſel verwandelten?“ Dieſer Vorſchlag ſchien den Geiſtern und Kobolden ſo überaus gerecht und paſſend, daß ſie in ein unerhör⸗ tes Jauchzen ausbrachen und in der Freude ihres Herzens die außer⸗ ordentlichſten Dinge begingen. Einige ſprangen hoch in die Luft und zausten ſich da oben zu ihrem Vergnügen eine Zeit lang herum, ehe ſte wieder herabfielen. Andere faßten ſich bei den Händen und dreh⸗ ten ſich wie raſend im Kreiſe um den Polizeimeiſter, der regungslos da ſtand und der, obgleich er wohl dieſe ſchrecklichen Verhandlungen über ſein zukünftiges Schickſal mit anhörte, doch nicht im Stande war, ein Glied ſeines Körpers zu regen. „Wohlan denn,“ fuhr der alte Mann fort,„ſo ſei es denn, wie ich geſagt. Abugoſch, ich, jetzt Dein Herr, verwandle Dich in einen Eſel zur Strafe, für alle die überflüſſigen Quälereien, die Du an Dei⸗ nen Mitgeſchöpfen verübt haſt.“ Darauf fügte der Alte noch einige ſchauerliche und ſeltſame Beſchwörungsworte bei, die ich Euch nicht wiederholen kann, die aber ſo kräftig waren, daß ſie die beabſichtigte Wirkung hatten; denn der Polizeimeiſter ließ ſich auf eine höchſt ſelt⸗ ſame Art auf ſeine Hände nieder, ſein Geſicht wurde lang und ſpitz und ſeine Ohren verlängerten ſich mit ſolcher Gewalt, daß ſie ſeinen Turban vom Kopfe ſtießen. Kurz in weniger Zeit, als ich hier das erzählen kann, wurde aus Abugoſch, dem Polizeimeiſter des Kalifen Muſtapha, einer der ſtattlichſten Eſel, denn man nur ſehen konnte. Doch ließ er ſeine Ohren betrübt herabhängen und ſtieß ein lautes ohren⸗ und herzzerreißendes Geſchrei aus, als die Geiſter nach einem Rundtanze, zu welchem ſelbſt der alte Mann mitwirkte, und den ſie um ſeine Perſon ausführten, mit lautem Gelächter nach allen Rich⸗ tungen hin verſchwanden.——— So erzählte der alte Mann am Wachtfeuer im Lager, und die Andern, worunter auch der Emir el Hadſch, horchten ſeiner merkwür⸗ digen Erzählung vom Polizeimeiſter Abugoſch mit dem lebhafteſten Intereſſe. Jetzt aber blickte der Alte an den Himmel hinauf, ſtrich ſich mit der Hand durch den langen Bart und meinte, es wäre wohl beſſer, wenn er für heute ſeine Erzählung unterbräche und Alle ſich noch einige Stunden zur Ruh' begeben. Wenn auch die Andern an⸗ fangs dagegen proteſtirten, ſo fühlten ſie doch bald an ihren ſchweren Augenlidern, daß ſie nur die Geſchichte des alten Mannes ſo lange wach gehalten und daß der Schlaf nicht ausbleiben würde, wenn ſie ſich jetzt in ſeine Arme würfen. Der Emir erkundigte ſich bei dem alten Mann, ob und wann er wohl morgen ſeine Erzählung wieder anfangen würde, und als ihm dieſer die Stunde, auch den Theil des Lagers genannt, wo er zu fin⸗ den ſei, ſo ſchied der Emir el Hadſch mit dem Gruße des Friedens und begab ſich in ſein Gezelte, wo er bald entſchlief und nicht eher wieder erwachte, als bis ihm der Lärm der Menſchen, das Schreien der Kameele und Wiehern der Pferde laut genug verkündigte, der Tag ſei angebrochen und die Karavane rüſte ſich zum Aufbruch. Bald ſetzte ſich auch die Spitze derſelben in Bewegung und vielleicht eine Stunde nachher war die gewaltige Menge von Menſchen und Thieren in Be⸗ wegung und bedeckte wohl eine Stunde in der Länge die Hügel und Thäler der öden ſandigen Wüſte. Während dem heutigen Marſche ritt der Emir auf einem Reit⸗ kameel häufig durch die Reihen, bald vorn an der Spitze, bald in der Mitte und bald bei den hintern Zügen der Karavane, wobei er ſorg⸗ ſam um ſich ſpähte, ob er nicht den alten Mann entdecken könne, der ihn geſtern Nacht ſo gut unterhalten. Aber vergebens, die Menge war ſo gewaltig, daß er Tage dazu gebraucht hätte, die kleinen Züge zu überſehen. Von Sonnenaufgang zog die Karavane, indem ſte nur hie und da einen kleinen Halt machte, um die Reihen, die ſich auseinander zogen, wieder zu ſammeln, bis Sonnenuntergang, wo bei einem kleinen Palm⸗ Ae—2 59 walde, in welchem ſich eine trinkbare Quelle befand, Halt gemacht wurde. Jetzt wurde abgepackt, durch einander geworfen, geſchrieen, gelärmt, gerade wie geſtern, und wer die Karavane von einem hohen Berge hätte anſehen können, würde ſie für ein buntfarbiges, tauſend⸗ füßiges Thier gehalten haben, das, mit ſeinem Lagerplatze nicht recht zufrieden, ſich unruhig wendet und dreht, und ſehr langſam ein Glied nach dem andern auf dem Boden ausſtreckt. Jetzt ruht der bunte Kopf, und der Körper eine lange dichte Maſſe, ſenkt ſich ebenfalls zur Ruhe; doch iſt links und rechts an den äußeren Theilen noch Bewegung und es dauert lange, bis ſich Alles im Umkreis des Lagers nach den ge⸗ habten Strapatzen der Ruhe überläßt. Jetzt erhob ſich der Emir el Hadſch wie geſtern von ſeinem Divan, warf das unſcheinbare Kleid über ſeinen ſeidenen Anzug, gebrauchte aber heute Abend, eh' er fortging, die Vorſicht, einen Beutel köſtlichen Tabaks in ſeinen Gürtel zu hängen, ſo wie eine Pfeife unter den Mantel zu nehmen. So gerüſtet ſchritt er in's Lager hinab und nachdem er eine Zeit lang umhergeſucht, fand er endlich den alten Mann mit ſei⸗ nen jungen Begleitern um ein Feuer ſitzen und Alle ſchienen ihn er⸗ wartet zu haben. Der Alte wies ihm einen Platz neben ſich an und bot ihm eine Pfeife. Doch der Emir zog ſeine eigene unter dem Mantel hervor, und reichte ſeinen Tabak umher, worüber die Andern nicht wenig lachten, indem der Alte meinte, ſein Tabak würde ihm wohl in der vergangenen Nacht Kopfſchmerzen verurſacht haben. Dann wurden alle Pfeifen mit glühenden Kohlen aus dem Feuer angezündet, der Alte that einige mächtige Züge und nahm ſeine Erzählung von geſtern wieder auf. ——’’— — Fortſetzung der Geſchichte von Abugoſch, dem Polizeimeiſter. Ihr könnt Euch leicht vorſtellen, in welch ſchrecklicher Verzweif⸗ lung der verwandelte Polizeimeiſter allein auf dem Diebsplatze zurück⸗ blieb, nachdem die Geiſter verſchwunden. Anfänglich hielt er Alles für einen böſen Traum, aus dem er ſich durch allerhand ſeltſame Bewe⸗ gungen zu erwecken ſuchte. Doch vergebens wälzte er ſich am Boden umher, vergebens rannte er mit dem Kopf gegen den Sarkophag und die umſtehenden Häuſer an, er war und blieb in einen Eſel verwandelt. Er wollte ſeine Stimme zu einem inbrünſtigen Gebete an den Pro⸗ pheten erheben, aber er konnte kein Wort hervorbringen. So oft er anſetzte, um den Anfang eines Gebetes zu beginnen, ſo oft ſchloß er auch den Mund gleich wieder, indem er weiter keinen Ton von ſich geben konnte, als das gewöhnliche Geſchrei eines Eſels, was ihm früher nie ſo entſetzlich geklungen hatte, wie heute Morgen. Der Aermſte war nahe daran, den Verſtand zu verlieren. Bald ſchaute er mit einer wahren Jammermiene dem aufſteigenden Tag entgegen, bald drehte er ſich wie raſend im Kreiſe umher, bis er erſchöpft auf dem Boden niederfiel.. Hier blieb er eine Zeit lang in halber Beſinnungsloſigkeit liegen, und wurde erſt wieder erweckt durch das Geräuſch nahender Schritte. Da er ſich einbildete, man ſehe ihm deutlich den verwandelten Polizei⸗ meiſter an, ſo überkam ihn eine gewaltige Scham; er ſprang auf und lief geradezu, um ſich in irgend einen Winkel des Platzes vor allen menſchlichen Blicken zu verbergen. Doch da eben dieſe lächerliche Furcht, erkannt zu werden, ihm faſt alle Vernunft raubte, ſo ſchloß er die Augen, indem er wie der Vogel Strauß dachte, daß, wenn er Nie⸗ mand ſehe, ihn Andere auch nicht ſehen könnten. So rannte er über den Platz hin, bis er ſich plötzlich unter lautem Gelächter an einem Ohre gefaßt fühlte und ſo angehalten wurde. Jetzt riß er beſtürzt ſeine Augen auf und ſah ſich von vier Kerlen umgeben, deren Anblick jedem rechtgläubigen Muſel⸗ mann und beſonders dem Polizeimeiſter den größten Abſcheu ein⸗ flößen mußte, denn daß es ſchlimme Geſellen, Diebe oder Räuber waren, deren einer den Abugoſch beim Ohr feſthielt, war leicht zu erkennen. Ihre Geſichter waren von Narben zerriſſen und mit ſchwar⸗ zen ungekämmten Bärten bedeckt. Sie trugen weite grobe Hoſen von rothem Zeug, dunkelfarbige abgeriſſene Jacken und jeder hatte im Gürtel eine Unzahl von Waffenſtücken. Obendrein trug der eine in ſeiner Hand ein Brecheiſen, der andere hatte einen langen Strick unter dem Arm und der, welcher das Ohr des armen Eſels gefaßt hatte, hielt ihm ſpottend eine Papierlaterne vor die Augen, in welcher ein Strahl des Lichtes in den letzten Zügen flatterte.„Holla ho, guter Freund,“ ſchrie dieſer und riß unſanft an ſeinem Ohr,„wem biſt Du entlaufen und wo kommſt Du her? Was treibſt Du Dich in der Frühe allein auf dem Platze herum, alter Baſtonadenblock? Hel“ Bei dieſen letzten Worten riß der Dieb den Polizeimeiſter ſtärker an ſeinem Ohr, worauf dieſer, den eine ſolche Behandlung und oben⸗ drein von einem Spitzbuben ſehr empörte, den Verſuch machte, in den Arm zu beißen, der ihn am Kopf feſt hielt. Doch hatte der unglück⸗ liche Abugoſch nicht ſobald dieſen Verſuch gemacht, als die beiden anderen ihn kräftig in die Rippen traten, wobei ihm der eine noch obendrein das Brecheiſen um die Hinterbeine ſpielen ließ, ſo daß der Unglückliche vor Wuth und Schmerz in ein lautes Geheul ausbrach. „Willſt Du das Maul halten, ungläubiger Hund,“ ſchrie der mit der Laterne, und riß einen langen ſcharfen Yatagan aus ſeinem Gürtel. „Willſt Du Dein Geheul einſtellen, oder ich ſchneide Dir augenblick⸗ lich den Hals ab? Verfluchtes Vieh!“ welche letztere zarte Benennung von dem Andern mit dem Brecheiſen durch einen neuen Fußſtoß erklärt wurde.— „Hört,“ ſagte der Dritte, der den Strick trug,„zu unſerer großen Unternehmung auf morgen Nacht ſcheint mir dies hergelaufene Vieh wie ein Wink des Propheten zu ſein, daß wir uns ſeiner bedienen ſollen, um die Schätze auf ſeinem Rücken beſſer fortzubringen. Des⸗ halb wollen wir ihn gleich mitnehmen.“ Auf dieſe Ausſicht hin, den Spitzbuben als Laſtträger bei einem verbrecheriſchen Unternehmen dienen zu ſollen, machte der unglückliche Polizeimeiſter einen ſchwachen vergeblichen Verſuch, ſeinen Peinigern zu entfliehen. Doch der Eine hatte aus dem Strick eine Schlinge ge⸗ macht, die er ihm um den Hals warf, und ſo mußte er folgen. Denn wenn er einen Augenblick widerſtrebend ſtehen blieb, ſo zerrte der vorne an dem Strick und ſchnürte ihm faſt die Gurgel zu, wobei noch oben⸗ drein die Andern ihn mit Fußſtößen und dem Brecheiſen vorwärts trieben. Ich weiß nicht genau zu ſagen, ob ein Eſel wirklich weinen kann, aber wenn dies der Fall iſt, ſo weinte Abugoſch an dem heutigen Morgen blutige Thränen. Sie hatten jetzt den Platz verlaſſen und bogen in belebtere Straßen ein. Die Bazars waren ſchon alle geöffnet und voll betriebſamer Menſchen, die an ihre verſchiedenen Geſchäfte gingen. Wohl verſuchte es der arme Polizeimeiſter hier noch einige Male, den Widerſpenſtigen zu ſpielen, indem er dachte, durch ſein klägliches Geheul einige Leute aufmerkſam zu machen und zu ſeiner Rettung herbeizuziehen. Doch weit gefehlt. Bei dieſem häßlichen unharmoniſchen Geſchrei blickten Alle, bei denen er vorbei kam, mit Zorn und Verachtung auf ihn, und anſtatt auch nur eine Miene zu machen, um ihm zu helfen, er⸗ munterte vielmehr Alles die drei Spitzbuben, doch dieſem garſtigen Vieh das Schreien zu vertreiben, worauf dieſe denn auch an Prügeln und Fußtritten es nicht fehlen ließen. Voller Betrübniß ließ Abugoſch die Ohren hängen und gerieth faſt in Verzweiflung, als er nun bei ſeinem Palaſte vorbei kam und den größten Theil ſeiner Diener und Sclaven vor dem Thore in Grup⸗ pen beiſammen ſtehen ſah. Alle ſchienen ſich in Muthmaßungen zu erſchöpfen, wo denn wohl ihr Herr geblieben ſei, der in der Nacht nicht nach Hauſe gekommen. Ach, dachte der Polizeimeiſter bei ſich, wenn ich nur jetzt dieſen drei Spitzbuben entlaufen könnte, und mich in mein Haus flüchten! Wer weiß, ob mich nicht der alte Haſſan verſtehen würde, wenn ich ihm pantomimiſch meine Leidensgeſchichte erzählte! Wer weiß, ob er nicht einen Magier auffinden könnte, der mich entzaubere. Dieſe Gedanken an eine Befreiung, die vielleicht doch noch möglich ſei, übermannten den unglücklichen Eſel dergeſtalt, und 7— 8 3.„—— —„ 8 2—————— —— 8 4— er ſprang in der Verzweiflung mit ſolcher Kraft auf die Seite, daß der eine der Spitzbuben, welcher den Strick hielt, auf den Boden ſtürzte und die Schlinge fahren ließ. Abugoſch benützte dies augen⸗ blicklich und ſprang an das Thor ſeines Hauſes gerade als der alte Haſſan, auf den er ſeine Hoffnung geſetzt hatte, heraustrat. Doch o weh! So viel ſagend auch die Bewegungen ſein mochten, die er mit dem Kopf und den langen Ohren machte, und ſo ſehr verſtändlich für einen Eſel auch das Geheul ſein mochte, das er dabei ausſtieß, ſo war doch Alles vergebens, denn der alte Haſſan ſchien auch nicht die ent⸗ fernteſte Ahnung zu haben, daß dieſer Eſel ein und dieſelbe Perſon mit ſeinem Herrn, dem Polizeimeiſter ſei. Vielmehr gerieth er in einen heftigen Zorn über den unverſchämten Eſel, ſo daß er eine lange Pfeife, aus welcher er rauchte, und die ſeinem Herrn gehörte, dieſem ſelbſt um die Ohren ſchlug. Auch hatten ſich die drei Spitzbuben alsbald wieder bei ihm eingefunden und Ihr könnt mir glauben, daß ein Eſel nie ſolche Prügel und Fußtritte erduldet hat, wie Abugoſch von ſeinem Palaſte an bis zu einem entlegenen Stadtviertel, wo die Diebe in einem kleinen Hauſe wohnten. Hier wurde der Eſel in einer ſchmutzigen Stube angebunden und nachdem ihm ein paar Handvoll Maiskörner vorgeworfen, legten ſich die drei Spitzbuben hin und begannen die Müdigkeit, die ſie ſich wahr⸗ ſcheinlich in vergangener Nacht bei Ausübung ihres Handwerks geholt, zu verſchlafen. Nachdem ſie faſt ſo bis zum Mittag liegen geblieben waren, er⸗ hoben ſie ſich und Einer ging fort, um in dem Bazar die nöthigen Lebensmittel für alle drei zu holen. Dieſer kehrte nach einer halben Stunde mit Lebensmitteln aller Art, ſo wie mit einer großen Flaſche Dattelbranntwein verſehen, zurück und ſchien ſehr vergnügt zu ſein. „Beim Propheten!“ ſchrie er, indem er ſeinen Kopf auf den Bo⸗ den warf, nes iſt doch gerade, als wenn uns Gott bei unſerm Unter⸗ nehmen heute Nacht alle mögliche Hülfe angedeihen ließe. Denkt Euch nur, was ich eben erfahren habe. Abugoſch, der Polizeimeiſter, Gott möge ihn zehntauſend Mal verdammen, hat ſich geſtern beim Einbruch der Nacht von ſeinem Hauſe entfernt und iſt nicht zurückgekommen. Der Kalif, der wohl weiß, in welchem Schrecken und welcher Furcht alle ehrlichen Leute, wie wir, vor ihm ſind, iſt über ſein Verſchwinden ſehr in Sorge, und hat auf allen Straßen den Befehl erlaſſen, ihm augenblicklich anzuzeigen, ſo wie man nur eine Spur von dem Ver⸗ lornen auffände.“ „Ja, ja,“ meinte ein anderer von den drei Dieben,„das iſt Alles ſehr ſchön und gut; aber wer ſteht uns dafür, daß ſich der verfluchte Spürhund nicht abſichtlich verſteckt hält, um uns zu belauern; denn wer kann wiſſen, ob er nicht ſchon einen Wink von unſerm Unter⸗ nehmen, das kaiſerliche Schatzgewölbe zu beſtehlen, bekommen hat.“ „Ich meine auch, es iſt ſchlimmer,“ ſetzte der Dritte hinzu,„daß man nicht weiß, wo er iſt, als wenn er den ganzen Tag vor unſern Augen in der Stadt herumgelaufen wäre und man ihn genau beob⸗ achten konnte.“— „Verflucht!“ erwiderte jetzt der Erſte, nachdem er einen großen Schluck aus einer Flaſche gethan.„Hätten wir nicht heute Morgen eben ſo gut auf den Polizeimeiſter ſtoßen können, als auf dieſen er⸗ bärmlichen Eſel!“ Bei dieſen letzten Worten gab er dem armen Vieh, das mit ge⸗ ſpitzten Ohren zuhorchte, einen überaus kräftigen Fußtritt. „Ja,“ ſagte der Andere und faßte ein Ohr des Eſels, während er fürchterlich mit den Zähnen knirſchte,„wenn ich mir ſo denke, daß Abugoſch heute Morgen ſo gegen mich angerannt wäre, wie dies Vieh, da hättet Ihr meinen Yatagan ſollen ſpielen ſehen.“ Als der verwandelte Polizeimeiſter von dieſen Mordanſchlägen auf ſeine Perſon hörte, dachte er das erſte Mal ſeit ſeiner Verwandlung, daß es auch in der That beſſer ſei, als Eſel einige Fußtritte auszu⸗ halten, als wenn er heute Morgen in Perſon dieſen fürchterlichen Kerls begegnet wäre. Ich verſtchere Euch, er befand ſich in einer wahrhaft ſchrecklichen Lage, und neben dem Gefühl, in ein Vieh verwandelt zu ſein, mußte er mit anhören, wie die Diebe ganz ausführlich erzählten, auf welche Weiſe ſte heute Nacht das Schatzgewölbe des Sultans aus⸗ zuleeren gedächten. Doch er konnte gegen dieſen Anſchlag nichts aus⸗ richten. Wenn er hörte, wie genau und ſicher Alles angelegt war, ſo konnte er kaum begreifen, daß er als Polizeimeiſter nichts davon bemerkt habe. Da hatte man die äußern und innern Wachen beſtochen, und die Mauer zu dem Thurme, in welchem die Schätze verwahrt lagen, war ſchon ſeit einiger Zeit durchbrochen und die Steine nur loſe wieder hineingeſetzt, ſo daß man ſtie ohne viele Mühe wieder herausnehmen konnte. u 65 Unterdeß ſich die drei Spitzbuben mit Speiſe und Trank labten, ſchwand der Tag dahin und als es dunkel geworden war, wurde drei⸗ mal leiſe an die Thür geklopft, worauf die innen ein Zeichen gaben, und alsbald traten noch fünf bis ſechs andere dieſes Gelichters ein, und Alle blieben ungefähr bis gegen die Mitte der Nacht im Dunkeln beiſammen, während ſie ſich die Zeit durch Erzählung allerlei Spitz⸗ bubenſtreiche vertrieben. Dann erhoben ſie ſich, ſteckten in ihre Gür⸗ tel ſo viele Dolche, Piſtolen, Meſſer, als dieſelben nur faſſen konnten und Einige nahmen Stricke, Andere Brecheiſen zur Hand. Einer der drei Spitzbuben, die heute Morgen den Eſel mitgenommen hatten, nahm einen ſtarken Strick, den er dem Polizeimeiſter ſo feſt um das Maul wand, daß es dieſem unmöglich war, nur einen Laut von ſich zu geben. Darauf wurde der Rücken des Thieres mit einem großen Haufen Säcke beladen und Alle verließen das Haus. Auf der Straße wandten ſie ſich, um kein Aufſehen zu erregen, nach verſchiedenen Richtungen, ſo daß jedesmal nur zwei zuſammen gingen. Man hatte dem Eſel eine Schlinge um den Hals gethan und während ihn Einer eilig nach ſich zog, ging der Andere mit einem ſcharfen Meſſer hintendrein und prickelte ihm mit der Spitze immer auf den Rücken, ſo oft er eine Miene machte, ſtehen zu bleiben. So zogen ſie durch einen großen Theil der Stadt, durch eine Menge Straßen, die öd und ſtill waren, denn Alles lag ſchon im tiefen Schlaf begraben. Bald erreichten ſie den Nil und gingen an ſeinen Ufern dahin, worauf ſie endlich den Palaſt des Kalifen vor ſich liegen ſahen. Auch hier ſchien Alles wie ausgeſtorben zu ſein und ſelbſt die alten feſten Thürme und Ringmauern ſchienen zu ſchlafen. Denn kei⸗ nes ihrer vielen Augen, nämlich kein einziges Fenſter war erleuchtet. Vor einem kleinen Thörchen, das ſich in der Mauer befand, hielten die beiden Spitzbuben mit dem Eſel ſtill und während der Eine die Schlinge um den Hals des Thieres an einen eiſernen Ring feſtband, küpfte ihm auch noch der Andere die Füße zuſammen, damit er ja nicht entlaufen könne. In kurzer Zeit fanden ſich auch die übrigen Spitzbuben wieder ein und nun wurde mit einer Leichtigkeit, die den Polizeimeiſter in Erſtaunen ſetzte, das Thürchen erbrochen und alle Spitzbuben bis auf Hackländer, orient. Sagen. 5 einen, der bei dem Eſel zurückblieb, ſchlichen leiſe und vorſichtig, jeder 66 mit einem Sack auf dem Rücken, durch das Pförtchen in das Innere des Palaſtes. Wohl hatte der Polizeimeiſter in dieſem wichtigen Augenblick große Luſt gehabt, ein lautes Geſchrei zu erheben und ſo die Wachen aufmerkſam zu machen und herbeizuziehen. Doch ſchien der Spitzbube, den man bei ihm gelaſſen hatte, ſo etwas zu fürchten und hatte des⸗ halb zur Vorſicht noch ſeine Hand in den Strick geſteckt, den man dem Eſel um das Maul gelegt. Wie ſehr aber flehte Abugoſch zu Gott und dem Propheten: er möge doch das Werk dieſer ſchändlichen Spitzbuben zu nichte werden laſſen, er möge doch nur einer einzigen Wache die gehörige Aufmerkſamkeit ſchenken, damit die Arbeit der Diebe unterbrochen würde. Doch umſonſt! Es war, als liege ein tiefer Zauberſchlaf auf allen Bewohnern des Kalifenpalaſtes, denn ob⸗ gleich das Herausnehmen der Steine, ſo wie das Erbrechen der Kiſten mit einigem Lärm verknüpft war, ſo drang er doch zu keinem menſch⸗ lichen Ohr. Armer Abugoſch! Schon kehrten die Diebe mit ihren gefüllten Säcken zurück und luden ſie auf den Rücken des Polizeimeiſters, der auf dieſe Art gezwungen wurde, die Schätze ſeines Herrn, die doch mittelbar ebenfalls ſeiner Obhut anvertraut waren, für dieſe Spitz⸗ buben fortzutragen. Ach, er hatte doppelt zu leiden, denn je größer die Laſt war, die ſie auf ihn luden und die ſeinen Rücken faſt nieder⸗ drückte, um ſo ſchwerer belaſtete ſie auch ſein Gewiſſen. Die Diebe machten nun eilig die Stricke los, womit der Eſel an die Mauer befeſtigt war, und ſchlugen von allen Seiten auf ihn los, um ſeinen Gang zu beſchleunigen. Einigemal kam ihm hiebei der Gedanke, ob es nicht beſſer ſei, wenn er ſich zur Erde niederwerfe und keinen Schritt weiter vorwärts gehe. Doch war er alsdann über⸗ zeugt, daß ſie ihn augenblicklich todtſtechen würden, und dann jeder mit ſeinem Sack voll Koſtbarkeiten davon ginge, weshalb er ſein Schickfal ertrug und in ſtummer Verzweiflung einherſchritt. Bald gelangten ſie an eine Reihe kleiner erbärmlicher Häuſer, die halb verfallen waren, und meiſtens leer ſtanden oder von armen Schiff⸗ leuten bewohnt wurden, welche, da dieſe Häuſer mit ihren hintern Seiten dicht an die Ufer des Nils ſtießen, hier die Nacht verbrachten. Vor einer dieſer Hütten hielten die Diebe ſtill, luden die Säcke ab und trugen ſte hinein. Gar zu gern wäre Abugoſch ihnen gefolgt, um zu ſehen, wo ſie denn eigentlich dieſe unermeßlichen Schätze be⸗ wahrten. Doch blieb derſelbe Dieb, der ihn auch vorhin bewacht hatte, wieder bei ihm ſtehen, wobei er ihm ebenfalls wie vorhin das Maul zuhielt. Nachdem die Diebe eine gute halbe Stunde in dem Hauſe ge⸗ blieben waren, kehrten ſte alle ohne die Säcke wieder zurück, nahmen den Eſel in die Mitte und berathſchlagten, ob ſie nicht nochmals in das Schatzgewölbe zurückkehren und eine neue Ladung holen ſollten, eine unverſchämte Habſucht, die der Eſel, trotz dem langjährigen Um⸗ gang, den er als Polizeimeiſter mit dieſem Geſindel gepflogen, ſich nicht hätte träumen laſſen. Nein, dachte er bei ſich ſelbſt, ehe ich mich dazu hergebe, noch einmal dieſen Hallunken die Schätze meines Herrn ſtehlen zu helfen, lieber will ich ſterben; und nach dieſem lobenswer⸗ then Vorſatz blieb er auf der Stelle ſtehen und ging trotz Meſſer⸗ ſtichen und Fußtritten keinen Schritt vorwärts. „Seht doch,“ ſagte leiſe einer der Diebe,„dieſes abſcheuliche Thier; es wird uns durch ſeine Widerſpenſtigkeit gewiß noch ver⸗ rathen.“ „Ja,“ ſetzte ein Anderer hinzu,„er hat wahrſcheinlich heute noch nichts zu freſſen gekriegt,“ worauf einer der drei Spitzbuben, die ihn eingefangen, erwiderte, er verbäte ſich dergleichen Anſpielungen; er ſei vielmehr auf das Beſte abgefüttert und gepflegt worden. „Nun, das iſt eigentlich ganz gleich,“ meinte ein Anderer,„Ihr ſeht aber, daß er nicht mehr von der Stelle will, was fangen wir nun mit dem Thiere an?“ „Laß ihn laufen,“ ſagte ein Dritter. „Nein, nein,“ ſchrie dagegen einer der drei in vollem Zorn,„ſo ſoll er uns nicht entwiſchen. Hat uns dies boshafte Thier doch ſchon genug geärgert durch ſeine Faulheit und Widerſpenſtigkeit, und wenn es nicht mehr von der Stelle will, ſo ſoll mich nichts davon abhal⸗ ten, ihm auf der Stelle den Hals abzuſchneiden.“ Aber auch trotz dieſen Aeußerungen, daß es aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach auf ſein Leben abgeſehen ſei, blieb Abugoſch halsſtarrig und ging eher zurück als vorwärts. „Ruhig, ruhig!“ riefen jetzt plötzlich einige der Spitzbuben,„dort hinten ſehe ich eine der nächtlichen Wachen des Sultans vorbeigehen. Seid ſtill und gebt keinen Laut von Euch, damit wir uns nicht ver⸗ rathen.“ Die Diebe wandten ſich eiligſt in den dunkelſten Schatten der Häuſer und da ſtie den Eſel haſtig nach ſich zogen, ſo rutſchte ihm bei dieſer Gelegenheit der Strick vom Maule herunter und er konnte daſ⸗ ſelbe wieder weit aufmachen, was er denn auch alsbald that, und ein weithin ſchallendes Geſchrei vernehmen ließ. Doch konnte er nicht manchen Ton ſeines Liedes ſingen, denn die Spitzbuben warfen ſich in Wuth und Verzweiflung, daß er ſie vielleicht verrathen hätte, über ihn her, wobei ihm einige trotz ſeines wüthigen Umſichbeißens das Maul zuhielten und Andere ihn mit ihren Dolchen und Säbeln auf das Grauſamſte verletzten. Es war leider um ihn geſchehen, denn der eine Dieb, der ſchon vorher für ſeinen Tod geſtimmt, hieb ihm mit ſeinem ſcharfen Yatagan ſo in den Hals, daß das Blut ſtromweiſe heraus ſchoß. Dabei wurde es ihm ganz ſchwach auf den Beinen, er ſank auf die Erde und der Tod zog ihm langſam ſeinen ſieben⸗ fachen Schleier über das Geſicht, worauf die Spitzbuben eilig nach allen Richtungen hinflohen.“ Hier ſchwieg der alte Mann und klopfte ruhig die Aſche aus ſei⸗ ner Pfeife, um ſich eine neue zu ſtopfen, während ſeine Zuhörer über das tragiſche Ende des Polizeimeiſters ſehr betreten waren und eine feierliche Stille beobachteten. „Ja, ja,“ ſagte der Emir el Hadſch,„ſo kann es Einem gehen, wenn man das Gebot der heiligen Nächte übertritt und zu vorwitzig iſt, das geheimnißvolle Treiben der Geiſter ſchauen zu wollen. Es iſt überhaupt ein Fehler der Polizei, daß ſie ſich oftmals in Sachen miſcht, die ſie nichts angehen. Ich erinnere mich ebenfalls dunkel, etwas von der Geſchichte des Abugoſch gehört zu haben; doch erzählte man damals ſeinen Tod minder tragiſch und anders. Ich weiß nicht, ob Eure Geſchichte ſchon zu Ende iſt, und wenn dies nicht der Fall iſt, ſo wünſchen wir Alle gern den ferneren Verlauf derſelben zu hören.“ „Ja,“ ſprach einer der jungen Leute, die um das Feuer lagen, „ich muß Euch verſichern, es wäre mir lieb, wenn die Erzählung vom Polizeimeiſter noch nicht zu Ende wäre; denn wenn er ſich auch viel hat zu Schulden kommen laſſen, ſo iſt doch ein ſolches Ende, ein ſolches Unglück, als Eſel zu ſterben, gar zu traurig,“ worauf auch die andern jungen Leute verſicherten, daß es ihnen wirklich leid thun würde, wenn Abugoſch in der That ſchon todt und geſtorben ſei. Der alte Mann hatte ſich eine neue Pfeife angeſteckt und ſchien mit vielem Vergnügen zu hören„ daß ſeine Erzählung allgemein ge⸗ — 8——, B̃ 69 fallen hatte, weshalb er ſich denn auch freundlich lachend ſeinen Bart ſtrich und auf alle dieſe Fragen den Beſcheid gab, daß die Erzählung von dem Polizeimeiſter Abugoſch noch nicht geendigt ſei, ſondern daß der Prophet ſie vielmehr zu einem glücklichen Ende geführt habe. Als ſämmtliche Zuhörende auf dieſe Erklärung hin unzweideutige Zeichen ihrer Zufriedenheit an den Tag, oder beſſer geſagt, da es dunkel war, an die Nacht legten, ſo fuhr der Alte, wie folgt, zu er⸗ zählen fort: „Wie lange der verwandelte Polizeimeiſter hier in ſeinem Blute gelegen, iſt nicht genau anzugeben, doch ſo viel wiſſen wir, daß, als er erwachte, der Tag in Oſten ſchwach aufzudämmern begann. Er blickte verwundert um ſich, und da er ſich der Vorgänge der ver⸗ gangenen Nacht nur dunkel zu erinnern vermochte, ſo kam ihm das Ganze wie ein Traum vor, der in der That ſeltſam genug war. War es ihm doch geweſen, als ſei er in einen Eſel verwandelt worden. Ganz richtig, er wußte noch genau, wie es ihm zu Muth gewe⸗ ſen war. Er griff an ſeinen Kopf und an der Stelle, wo ſich jetzt ein Turban befand, hatten geſtern allmächtig lange Ohren gewackelt. Seltſam, dachte Abugoſch, wie der Menſch doch träumen kann! Er blickte um ſich, und war ſehr erfreut, daß das Dunkel der Nacht noch alle Gegenſtände undeutlich machte; denn er befand ſich in einer Lage, die ſich für den Polizeimeiſter des Kalifen Muſtapha nicht ſchicken wollte. Vor ſich ſah er den Nil mit einer Reihe kleiner erbärmlicher Häuſer und konnte unmöglich begreifen, wie er hieher gekommen ſei. Ihm war es doch gerade, als ſei er geſtern Abend auf den Diebsplatz gegangen und habe ſich auf den alten Sarkophag niedergeſetzt, der ſich dort befand. Jetzt lag er hier am Ufer des Stromes mitten auf der Straße und dabei fühlte er ſich wie an allen Gliedern zerſchlagen. Langſam und mit Mühe raffte er ſich auf und konnte kaum auf ſeinen Beinen ſtehen, ſein ganzer Körper war gelähmt, und als er ſich ſo von oben bis unten betrachtete und betaſtete, ſah er zu ſeinem größten Schrecken, daß er einen dicken Strick um den Hals trug, deſ⸗ ſen Ende er neben ſich am Boden herſchleppte. Eilig warf er dieſe Schlinge herab und hinkte dann in die Stadt hinein, um ſich nach ſeinem Palaſte zu begeben. Dort angekommen, öffnete er mit einem geheimen Schlüſſel ein kleines Hinterpförtchen und ſchlüpfte ungeſehen in ſein innerſtes Gemach, wo er ſich auf den Divan warf und alsbald in einen tiefen Schlaf verfiel. Der Beherrſcher der Glaubigen, Kalif Muſtapha, Beſchützer aller Künſte und Wiſſenſchaften, hatte in dieſer denkwürdigen Nacht ebenſo, wie ſein unglücklicher Polizeimeiſter, einen ſeltſamen Traum gehabt, der ebenfalls leider ſehr an die Wahrheit ſtreifte. Ihm träumte näm⸗ lich, er ſpaziere im vollen kaiſerlichen Staat an den Ufern des Nils, als er ſich plötzlich von einer Schaar ſchwarzer Raben umringt ſah, welche ſich mit beiſpielloſer Frechheit auf ihn herabließen und ihn Stück für Stück ſeines Schmuckes beraubten. Der eine hackte ihm die Agraffe des Turbans los, der andere nahm ihm den fauſtdicken Diamant, der ſeinen Mantel zuſammenhielt, ein dritter die coloſſale Perle an ſei⸗ nem Säbelgriff; kurz alle plünderten ihn dergeſtalt, daß der Kalif in kurzer Zeit nichts Koſtbares mehr an ſich hatte und ſo werthlos war, daß kein Jude einen Para für ihn gegeben hätte. Bei allem dem mußte er noch obendrein ſeinen Polizeimeiſter ſehen, der, ohne ihm zu helfen, ſeltſam lachend um ihn herumſprang und dabei ganz die Geſtalt eines Eſels hatte, welch letzterer Umſtand dem Kalifen gerade nicht auf⸗ fallend geweſen wäre, denn er hatte ſchon ſelbſt im wachenden Zuſtand bisweilen eine Aehnlichkeit zwiſchen Abugoſch und einem ſolchen Thiere zu bemerken geglaubt. Auch beunruhigte es ihn weit mehr, daß man ihn ſeiner Schätze beraubt, und als er deshalb am Morgen erwachte, ließ er ſogleich ſeinen erſten Arzt rufen, dem er den Befehl ertheilte, ihm dieſen Traum auszulegen. „Beherrſcher der Gläubigen,“ ſprach der Hakim,„da es dem Lauf der Dinge nach unmöglich iſt, daß Deine kaiſerliche Allerhöchſt⸗ heit etwas anders zu träumen im Stande iſt, als was ſich auf das Vergnügen und die Ehre Deiner großherrlichen Gnade bezieht, ſo wage ich es, vor Deinem erhabenen Angeſtcht der Meinung zu ſein, daß Dir der Prophet durch dieſen Traum habe kund und zu wiſſen thun wollen, daß, wenn auch aller falſche Glanz von Perlen und Edelſteinen von Dir entfernt würde, Du ſelbſt als der Inbegriff alles Glanzes, aller Tugend und aller Ehre nur deſto allerhöchſt glänzender ſtrahlen würdeſt.“ Der Kalif, dem dieſe Auslegung ungemein geſiel, ſtrich ſich ſchmunzelnd ſeinen Bart und erwähnte darauf der ſeltſamen Geſtalt, unter welcher er ſeinen Polizeimeiſter geſehen. „Beherrſcher der Gläubigen,“ ſprach darauf der Hakim mit inner⸗ lichem Vergnügen weiter, denn es freute ihn, ſeinem guten Freunde, auf den er neidiſch war, da er bei dem Kalifen in großer Gunſt ſtand, einen Hieb geben zu können,„da ich ferner meine allerunterthänigſte 71 Meinung dahin auszuſprechen wage, daß Deine hellſehenden Augen ſelbſt im Traume eine andere Perſon nur in ihrem wahren Lichte zu ſehen im. Stande ſind, ſo vermuthe ich, daß der Chef Deiner Polizei, Abugoſch—“ „Ich verſtehe,“ ſprach der Kalif luſtig und lachte dabei ſo, daß „Es iſt wenigſtens eine große Dummheit von meinem Polizeimeiſter, daß er ſo ſpurlos verſchwunden iſt, ohne mich vorher davon benachrichtigt zu haben.“ Der Hakim beugte ſich tief zur Erde und küßte den unterſten Zipfel des großherrlichen Mantels. „Ja, ja,“ fuhr der Kalif fort,„Deine Auslegung meines Trau⸗ mes gefällt mir ſehr, denn ich hatte ſchon anfänglich den ſonder⸗ baren Gedanken, als wolle mir der Prophet durch dies Geſicht an⸗ zeigen, daß es vielleicht einigen unſaubern Händen gefallen möge, meinen Schatz zu berauben; doch wäre eine ſolche Frechheit nicht denk⸗ bar; ich bin ganz mit Dir zufrieden und erlaube Dir den Schatzmei⸗ ſter aufzuſuchen, damit er Dir eine kaiſerliche Belohnung, beſtehend in einem Beutel voll Piaſtern, auszahle.“ Der Hakim verbeugte ſich abermals ſo tief wie möglich und ſchwor bei dem Lichte ſeiner Augen: er wolle augenblicklich hingehen und den Schatzmeiſter aufſuchen, als plötzlich der Eintritt dieſes Mannes ſelbſt ihm dieſe Mühe erſparte. Der Schatzmeiſter erſchien unter der Thür des Gemachs mit ver⸗ ſchobenem Turban, ſchreckensbleichem Geſicht, wobei er der Hofetikette ganz zuwider die Hände hoch über ſeinem Haupte emporhielt. Der Mann war in der allergrößten Verwirrung und ſchien augenſcheinlich durch eine unangenehme Nachricht in dem wichtigen Geſchäft geſtört worden zu ſein, ſeinen Körper herauszuputzen; denn abgeſehen davon, daß er an ſeinem linken Fuß einen gelben und an ſeinem rechten Fuß 5 einen rothen Pantoffel trug, war auch ſein Bart an der einen Seite glatt gekämmt und geſalbt, während auf der andern Seite das Haar ihm der Bauch wackelte. loſe umherflatterte. „Beherrſcher der Gläubigen,“ ſtöhnte der Schatzmeiſter und warf ſich auf den Teppich des Gemachs dem Kalifen zu Füßen.„Aller⸗ großmächtigſter Herr!“ ſchrie er.„Bei dem Barte meines Vaters und dem Schleier meiner Mutter! Dein Sclave iſt unſchuldig!“ Man kann ſich leicht denken, daß bei dieſer ſonderbaren Anrede — der Kalif aus ſeiner behaglichen Ruhe empor fuhr und ſich mit fun⸗ kunkelnden Augen haſtig nach dieſem ſeltſamen Benehmen erkundigte. „Herr,“ fuhr der Schatzmeiſter fort,„Herr, wende Deine Gnade nicht von mir, und vernimm die Schreckensbotſchaft, daß in der heutigen Nacht Dein Schatz entſetzlich beſtohlen wurde. Ja, groß⸗ mächtigſter Kalif, er wurde beſtohlen, aber nicht durch die Nachläßig⸗ keit Deines Sclaven, der wie immer auch geſtern Nacht, wie das ſeine Schuldigkeit iſt, Alles aufs Sorgfältigſte verſchloß. O Herr, man hat die Mauern des Thurms untergraben und auf dieſe Art Deinen Sclaven unglücklich gemacht.“ Der Kalif, der mit weit geöffnetem Munde und ſtarren Augen dieſe Nachricht anhörte, ſchien etwas Weniges den Verſtand verloren zu haben, denn anſtatt, wie er ſonſt wohl gethan hätte, eine ſeiner Piſtolen auf den Schatzmeiſter abzuſchießen, faßte er plötzlich ſeinen erſten Hakim am Bart, der, vor Schrecken erſtarrt, neben ihm ſtand, und ſchrie unter einem erſchrecklichen Lachen:„Siehſt Du, Freund Hakim, trefflicher Traumausleger! Die Raben, ja, die Raben, und ſte haben doch meine Schätze geſtohlen.“ Doch dieſer letzte Gedanke brachte ihn plötzlich wieder zu ſich. Er lehnte einen Augeblick wie nachdenkend in die Kiſſen zurück und dann befahl er, dan man dem Hakim auf der Stelle ſeine Belohnung auszahle. Doch ich, es war eine ganz andere, als wovon er früher geſprochen. Es erſchienen nämlich zwei Sclaven, welche ihn auf den Rücken legten und ihm fünfhundert wohl gezählte Hiebe auf die Fußſohlen verabreichten. Während der Kalif bei dieſem Act der Gerechtigkeit etwas ruhiger zu werden ſchien, und ſichtlich einen Troſt darin fand, ſeine Wuth an einem eigentlich ganz Unſchuldigen auslaſſen zu können, dankte der Schatzmeiſter, noch immer am Boden liegend, in einem inbrünſtigen Gebete dem Propheten für dieſes Zwiſchenſpiel, indem er mit Gewißheit glaubte, daß durch dieſe ärztliche Hülfe ſich doch wenigſtens nicht der ganze Zorn des Kalifen über ihn vergießen würde. Aber er hatte ſich dennoch in Etwas geirrt; denn als Muſtapha ruhiger geworden war, befahl er, ſeinen Schatzmeiſter in ein tiefes ſumpfiges Kerker⸗ loch zu werfen, wo er ſo lange bleiben ſolle, bis man den Dieb ent⸗ deckt habe. Umſonſt mochte der Unglückliche ſeine Unſchuld verſichern, ja, bei dem Barte des Propheten und bei ſeinen Augen ſchwören, es half ihm alles nichts, er wurde abgeführt und in einen unheimlichen Kerker geſteckt. 73 Nachdem man den Beherrſcher der Gläubigen allein gelaſſen hatte, quälte er fich in Gedanken über den großen Verluſt ab, der ihn be⸗ troffen, wobei er ſehr nach ſeinem Polizeimeiſter Abugoſch ſeufzte, den, wie er feſt glaubte, die Diebe aus dem Wege geräumt hätten, ehe ſie es gewagt, den kaiſerlichen Palaſt zu beſtehlen.„Ja, murmelte er vor ſich hin,„wenn Abugoſch da geweſen wäre, hätten es die Diebe gewiß nicht gewagt, ihre verbrecheriſchen Finger nach meinem Gute auszuſtrecken. Ich bin ein recht geſchlagener Mann, der zugleich mit einem koſtbaren Schatz auch den treuſten ſeiner Diener verlieren mußte.“ So ſprach der Kalif zu ſich ſelber, als der Oberaufſeher ſeines Harems, ein feiſter boshafter Neger, auf den Fußſpitzen ins Gemach ſchlich und ſich in der Ecke niederkauerte, bis es ſeinem Herrn und Gebieter gefallen würde, einen Blick auf ihn zu werfen. „Ja, Haſſan,“ ſprach der Kalif zu dem Eingetretenen,“ es iſt ein rechtes Unglück. Ich werde darauf bedacht ſein müſſen, einen neuen Polizeimeiſter zu ernennen. Weißt Du mir vielleicht jemand Taugliches dazu vorzuſchlagen?“ Der Neger brach, ſtatt aller Antwort, in ein leiſes Lachen aus, ſo daß ſeine weißen Zähne blendend hervorſchimmerten, doch ohne daß es der Kalif bemerkte, denn er fuhr fort:„Ich weiß wohl, Haſſan, daß Du und der Polizeimeiſter nie beſondere Freunde waren; aber trotz allem dem mußt Du doch zugeben, daß der Verluſt deſſelben für mich, beſonders im jetzigen Augenblicke, unerſetzlich iſt.“ Statt aller Antwort grinzte der Neger noch häßlicher als zuvor, ſo daß es der Kalif bemerken mußte und der dann auch ſogleich fragte, was dieſe Fratze zu bedeuten habe? worauf ſich der Schwarze mit ſeinem Kopf bis auf den Teppich neigte und entgegnete:„Beherrſcher der Gläubigen, Du ſiehſt Deinen Sclaven verwundert ob der Rede, die allerniedrigſt derſelbe ſo eben aus allerhöchſt Deinem Munde ver⸗ nommen hat. Sprach mein Gebieter nicht ſo eben von dem Ver⸗ ſchwinden des Polizeimeiſters? ein Umſtand, von dem es mich ſehr befremdet, daß höchſt Dein Mund Erwähnung davon thut; denn es käme Deiner Weisheit doch wohl zu, von allen Dingen nur die reinſte Wahrheit zu wiſſen.“ Der Kalif ſah den Sprecher an, ohne im Augenblick zu wiſſen, was dieſer mit ſeiner Rede eigentlich ſagen wollte. „Großmächtigſter Kalif,“ fuhr der Schwarze fort;„wer möchte denn wohl vor Dir alles Ernſtes zu behaupten wagen, daß Dein Polizeimeiſter Abugoſch nicht zu finden wäre. Ich verſichere Dich da⸗ gegen, daß er ſich ruhig in ſeinem Palaſte befindet— ruhig,“ ſetzte Haſſan hinzu,„wenn ihm ſein Gewiſſen dies zuläßt.“ Nach dieſen Worten ſchaute der Kalif aufmerkſam den Neger an, und erkundigte ſich mit ſtrengen Worten, was dies Gerede zu bedeu⸗ ten habe. „Ja, Herr,“ fuhr Haſſan fort,„man hat Dir ſchon geſtern hinter⸗ bracht, daß Dein Polizeimeiſter nirgends zu finden ſei, und das iſt allerdings vollkommen wahr, denn er iſt weder in der vorletzten Nacht, noch geſtern, noch auch in der heutigen Nacht zu Hauſe geweſen. Verſtehſt Du mich, Kalif? Auch nicht in der heutigen Nacht, wo der Diebſtahl an Deinem Schatze begangen wurde; doch man hat ihn heute Morgen von der Seite des Nils herſchleichen ſehen, ja, ich ſage von der Seite Deines Palaſtes, wo der Einbruch geſchehen; und darauf hat er ſich in aller Stille und Heimlichkeit in ſeinen Palaſt begeben, ohne jedoch, wie es ſich für einen treuen Beamten Deiner Hoheit geziemt, ſchon in der Frühe hieher zu eilen, um gleich die geeigneten Maßregeln zu treffen, die verbrecheriſchen Diebe einzufangen.“ So ſehr auch der Kalif vor wenigen Augenblicken auf die Treue ſeines Polizeimeiſters gebaut und von ihm geſprochen hatte, ſo war doch ſein Gemüth von Natur viel zu argwöhniſch, als daß die gif⸗ tigen Reden, die Haſſan eben geführt, nicht ſogleich Wurzel geſchlagen hätten und raſch zu einer böſen Frucht gereift wären. Auch war der Schmerz um den Verluſt ſeiner Schätze ſo groß, daß er in dieſem Augenblicke, in der Hoffnung, dieſelben wieder zu erlangen, Alles glaubte, was man ihm hierüber ſagte. Er zog ſeine Augenbrauen finſter zuſammen und ließ ſich die ganze Ausſage des Negers nochmals wiederholen, worauf er eine kurze Zeit nachdenklich da ſaß und dann zwei ſeiner vertrauteſten Mameluken mit dem Auftrage fortſandte, ſich heimlich in den Palaſt des Polizeimeiſters zu begeben und ihn ſtehen⸗ den Fußes hieher zu bringen. Während dieſer Zeit lag Abugoſch in feſtem Schlaf auf ſeinem Divan und freute ſich ſogar im Traum darüber, daß er kein Eſel geblieben, ſondern wieder zum Menſchen geworden war, als er plötz⸗ lich von einem Geräuſch, das er neben ſich zu hören glaubte, erwachte. Er blickte um ſich, doch jetzt war wieder Alles ſtill und Niemand außer ihm im Gemach. Abugoſch rieb ſich die Augen, und während er über die jüngſt 75 vergangene Zeit nachdachte, begann ihm die verfloſſene Nacht mit ihrer ſchrecklichen Begebenheit in einzelnen Bildern vor ſein Inneres zu treten. Er ſprang eilig von ſeinem Divan auf in der Abſtcht, ſich ſogleich in den großherrlichen Palaſt zu begeben und dem Kalifen Muſtapha ſeine ganz ſonderbare Geſchichte zu erzählen. Indem er ſich ſo eilig erhob, fiel etwas, das ſich in den dichten Haaren ſeines Bartes verborgen hatte, auf die Erde, und als er es aufhob, fand er, daß es einer jener kleinen goldenen Ringe ſei, die mit einem unſchätzbaren Talis⸗ man verziert, von dem Kalifen am Finger getragen worden und deren ſich im Schatze des Sultans mehrere befanden. Jetzt begann er zu ahnen, daß die Geſchichte, die er in der heutigen Nacht erlebt, in ihrer ganzen ſchrecklichen Ausdehnung wahr ſein könne. Er hatte als Eſel die Schätze getragen, und es konnte wohl möglich ſein, daß einer dieſer Ringe aus dem Sacke gefallen und an ihm hängen geblieben ſei; genug, er hielt den Ring in ſeiner Hand und betrachtete ihn eben aufmerkſam, als er daſſelbe Geräuſch, das ihn vorhin aus dem Schlaf erweckt, jetzt zum zweiten Mal und deutlicher hinter einem der Thürvorhänge ſeines Gemachs hörte. Raſch wandte er ſeine Augen dahin, und wer beſchreibt ſein Erſtaunen und ſeinen Schrecken, als plötzlich zwei Leibmameluken des Kalifen in das Gemach traten und ihm befahlen, augenblicklich zu folgen. Abugoſch hatte den Ring raſch in ſeinen Gürtel geſteckt, eine Bewegung, die aber einer der Mameluken bemerkte und das Kleinod triumphirend hervorzog. Umſonſt bat der Polizeimeiſter, man möge ihm erlauben, doch wenigſtens andere Kleider anzuziehen; denn in der That, ſein jetziger Anzug befand ſich ſehr in Unordnung: der Turban war zerfetzt, der Kaftan beſchmutzt und zerriſſen, kurz Alles war in gar ſchlechtem Zuſtande. Doch die Mameluken thaten ihre Pflicht, ſetzten den Gefangenen vor dem Hauſe in eine Tragſänfte und brachten ihn nach dem kaiſerlichen Palaſt. Muſtapha harrte mit Ungeduld ihrer Rückkehr entgegen und ließ den Polizeimeiſter ſogleich vor ſich bringen. Abugoſch trat in das Gemach und ein Blick auf den Kalifen reichte hin, um ihm zu ſagen, daß dieſer ſich in einer ſehr ſchlechten Laune befand. Mit der einen Hand griff er in ſeinen vollen Bart und mit der anderen ſpielte er an ſeinem Säbelgriff. „Dank ſei dem Propheten,“ ſprach Muſtapha finſter,„daß er uns einen ſolch treuen Diener, wie Du biſt, wieder geſchenkt hat. Sprich, mein Sohn Abugoſch, wo warſt Du in der Zeit, die Du fern von meinem Palaſte, ſo wie fern von meinem Hauſe zugebracht haſt? Warum warſt Du nicht bei der Hand, als man meinen Schatz beſtohlen, oder,“ fuhr der Kalif fort, indem er den Gefangenen mit durchbohrendem Blick anſah,„warſt Du vielleicht bei dem Einbruch zugegen? wenigſtens ſpricht dieſer Ring dafür, den ich hier in meiner Hand halte.“ Nach dieſer Anrede und dem hohnlächelnden Geſicht des Negers Haſſan, der hinter ſeinem Herrn hervorſah, war der Polizeimeiſter gleich im Klaren, wie die Sache hier für ihn ſtände. Doch, da er ſich keines Verbrechens bewußt war, ſo ſchaute er dem Kalifen ernſt ins Geſicht, und ſagte nach der üblichen Verbeugung:„Beherrſcher der Gläubigen, Deine Weisheit hat geruht, einen ſchweren nieder⸗ drückenden Verdacht auf Deinen Sclaven zu werfen. Möge es mir aber dagegen erlaubt ſein, Dir die wunderbare und ſeltſame Geſchichte zu erzählen, die mit mir vorgegangen, während ich nicht das Glück hatte, Dein hohes Antlitz zu ſchauen.“ Als Muſtapha hiezu ſeine Erlaubniß ertheilt, begann Abugoſch, und erzählte die Vorfälle auf dem Diebsplatz, wie er in einen Eſel verwandelt worden und wie es ihm darauf ergangen; dann die Geſchichte des Einbruchs in den kaiſerlichen Schatz, Alles ſo genau wie möglich. Der Kalif hatte aufmerkſam zugelauſcht, und wenn auch in jenen Zeiten die Genien und Kobolde öfters ſichtbar ihr Spiel trieben, ſo war ſein Herz doch zu ſehr zum Argwohn geneigt, als daß er dieſem ſeltſam klingenden Mährchen ſeinen vollen Glauben hätte ſchenken können. Deshalb ſchüttelte er ſein Haupt und entgegnete:„Höre, Abugoſch, ich bin von Deiner Klugheit zu ſehr überzeugt, und das, was Du mir eben erzählſt, klingt viel zu unwahrſcheinlich, als daß ich nicht glauben ſollte, Du habeſt es erfunden, um einen ſchweren Ver⸗ dacht von Dir abzuwälzen. Doch es ſei ferne von mir, Dich zu verdammen, ohne dir Gelegenheit zu geben, Deine Unſchuld zu be⸗ weiſen. Du ſahſt alſo in der verfloſſenen Nacht deutlich, in welches jener kleinen Häuſer die Diebe meine Schätze getragen. Begib Dich daher ſogleich mit einer zahlreichen Wache dorthin und ſuche die Säcke. Wenn Du ſie alle wieder bringſt, ſo will ich Dir Glauben ſchenken und es ſoll Dir eine große Belohnung nicht entgehen. Im anderen Falle aber werde ich der Welt zeigen, wie man einen Diener beſtraft, der ſeinen Herrn beſtiehlt?“ Was konnte der unglückliche Abu Goſch thun? Sowie er ſeinen Herrn kannte, war er noch herzlich froh, daß ihm dieſer nicht ohne Weiteres den Kopf vom Rumpfe hatte ſchneiden laſſen, ſondern ihm vielmehr einen Weg gezeigt, auf dem er allen Ernſtes glaubte, ſeine Unſchuld beweiſen zu können. Er neigte ſeinen Kopf zur Erde und begab ſich mit einer zahlreichen Wache an das Ufer des Nils, wo die kleinen Häuſer ſtanden. Hier fand er auch nach einigem Herumſuchen bald die Hütte, in welche die Spitzbuben die Säcke getragen hatten. Er ſtellte ſich davor hin, beſah ſie von allen Seiten, um ſich nicht zu irren, war aber bald feſt überzeugt, daß in dieſer und keiner andern die Schätze ſein müßten. Nun ließ er das Haus ſorgfältig von allen Seiten mit Wachen umſtellen und umging es zuerſt ſelbſt, um nach⸗ zuſehen, ob die Spitzbuben die Säcke nicht hinten irgendwo hätten heraustragen können. Doch war das unmöglich; denn an der anderen Seite der Hütte floß der Nil dicht vorbei, und wenn ſich auch da eine Hinterthür befand, ſo führte dieſelbe nur auf einen kleinen graben⸗ artigen Einſchnitt, den der Strom ins Haus machte und wo die armen Schiffer zur Nachtzeit ihre Kähne hineinzuziehen pflegten. Nachdem die Wachen von allen Seiten das Haus umſtellt hatten, begannen ſie langſam einzutreten. Abugoſch eilte raſch durch die Vor⸗ derthür ein paar Stufen hinab in ein ärmliches Gemach, wo ſich aber nichts weniger als Säcke voll Schätze befanden. Hier war Alles leer und zerfallen. Jetzt drang man weiter ins Haus hinein und hatte es bald von oben bis unten auf das Genaueſte durchſucht, ohne das Geringſte gefunden zu haben. Man kann ſich leicht die Verzweiflung des armen Polizeimeiſters denken, als er einſah, daß die Diebe wahr⸗ ſcheinlich ſchon am frühen Morgen hier geweſen ſeien und die Schätze fortgeholt hätten. Freilich eine unerhörte Frechheit; denn der Raub in der Schatz⸗ kammer während dieſer Nacht war ſchon am frühen Morgen überall bekannt geworden und die Spitzbuben mußten doch fürchten, mit ihren Säcken angehalten und feſtgenommen zu werden. Aber was half es, daß Abugoſch darüber nachgrübelte; die Säcke waren fort und nir⸗ gends zu finden. In ſeiner Verzweiflung ſah er einen der ſchrecklichſten Tode vor ſich und klammerte ſich deshalb an Alles feſt, was ihm vielleicht noch Rettung geben konnte.„Vielleicht habe ich mich getäuſcht,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„und es iſt das nebenſtehende Haus geweſen“— eine Idee, die er ſich ſo wahrſcheinlich machte, daß er befahl, auch dieſes alsbald durchzuſuchen, was denn auch geſchah, aber leider ohne mehr zu entdecken, als in der erſten Hütte. Von Zeit zu Zeit ſchickte der Kalif einen Mameluken ab, um ſich nach dem Erfolg dieſer Hausſuchungen zu erkundigen, und jeder dieſer Boten trieb dem armen Abugoſch des Angſtſchweißes mehr auf die Stirne. Jetzt durchſuchte man auf gleiche Weiſe auch auf der anderen Seite das angränzende Haus, dann das zweite, dritte, Alles vergeb⸗ lich, und wenn auch Abugoſch auf dieſe Art ſämmtliche Häuſer der ganzen Reihe durchſtöbern ließ, ſo ſah er doch, ſo oft er bei dem erſten Hauſe, das man unterſuchte, vorbei kam, daß dieſes und kein anderes das rechte ſei. So war es Nachmittag geworden und die Sonne ſenkte ſich ſchon ſtark gegen den Horizont, den Nil und die alte Kalifenſtadt mit ro⸗ them feurigem Glanz bedeckend. Abugoſch hatte noch einmal das erſte Haus von oben bis unten durchſucht und ſtand an einer Hinter⸗ thür, die auf den Nil führte, in trübe quälende Gedanken verſunken. Vor ihm lag der herrliche breite Strom, mit kleinen und großen Boo⸗ ten bedeckt, in welchen fröhliche Menſchen ſaßen, die ſich des ſchönen Abends freuten. Ach, ſein ſchön bemalter und vergoldeter Nachen ſchaukelte leer und unbenützt vor der Terraſſe ſeiner ſchönen Villa, die dort unten am Ufer des Stroms lag und deren glänzende Dächer er im Abendſonnenſtrahl funkeln ſah. Dort lag ſein ſchöner Orangen⸗ garten mit Blumenfeldern und kleinen Wäldchen von dunklen Cypreſ⸗ ſen, ſein Lieblingsaufenthalt, den er nie mehr betreten ſollte. Er kannte ſeinen Herrn, den Kalifen Muſtapha, zu gut, und wußte, daß die Nacht, die ſich heute auf den Nil herabſenkte, für ihn zu einer ewigen werden würde, und daß er die Spitzen der Pyramiden drüben nie mehr in der Morgenſonne glänzen ſähe. Die Schätze waren, wie ſchon geſagt, nicht zu finden, und der Beherrſcher der Gläubigen war viel zu ſehr über den Verluſt ſeiner Koſtbarkeiten empört, als daß er nicht ſein Wort halten würde, und ihn eines ſchimpflichen Todes ſterben laſſe. Dieſer letzte Gedanke, als gemeiner Dieb öffentlich hingerichtet zu werden, war dem Polizeimei⸗ ſter, der ſich ſeiner Unſchuld bewußt war, noch ſchrecklicher, als der Tod ſelbſt, und als er den tiefen Fluß ſo ſchön zu ſeinen Füßen ſah, kam ihm plötzlich der Gedanke, ob es nicht beſſer ſei, ſich da hinab⸗ zuſtürzen und ſeinem Leben freiwillig ein Ende zu machen, als in die Hand des Henkers zu fallen. Gedacht, gethan! Der arme Polizei⸗ meiſter warf noch einen ſchmerzlichen Blick auf die Gegend ringsum, befahl ſeine Seele dem Propheten und ſprang in den Nil, wo er r auch alsbald unterſank. f Ihr könnt Euch leicht denken, daß auf dies Geplätſcher im Waſſer die Wachen mit aller Haſt herbeiſtürzten, denn ſie ſahen mit Schrecken 1 die Abſicht ihres hohen Gefangenen ein, und fürchteten, wenn ſie ihn 3 nicht lebendig überbrächten, für ihre eigenen Köpfe. V Man ſchrie nach Nachen, nach Leitern und Stricken und einige . der Soldaten, die gut ſchwimmen konnten, machten ſchon Anſtalt ſich 3 . dem Polizeimeiſter nachzuſtürzen, als dieſer plötzlich wieder auf der 5 Oberfläche des Waſſers erſchien, und ſeinem Entſchluſſe, ſich ſelbſt 4 das Leben zu nehmen, ſehr entgegen, den Unſtehenden laut zurief, 83 ſte ſollten ihm einen Strick zuwerfen, was denn auch augenblicklich geſchah. Kaum hatte Abugoſch das feſte Land wieder betreten, als ſich die 4 Wachen augenblicklich ſeiner bemächtigen wollten; doch wehrte er ſich mit Händen und Füßen, wobei er aber in die freudigen Worte aus⸗ brach:„Da unten im Waſſer liegen die Säcke!“ 1 Gerade in dieſem Augenblick kam der Kalif zu Pferde an das Ufer des Nil geritten, indem er ſich mit eigenen Augen überzeugen 4 wollte, ob man auch bei der Durchſuchung der Häuſer mit der gehö⸗ rigen Sorgfalt zu Werke gegangen. Er ſah die Bewegung am Ufer und als er dicht herangekommen war, zog man gerade den erſten der Säcke, mit Gold und Edelſteinen angefüllt, aus dem Waſſer, worüber Abugoſch ſo entzückt und voll Freude war, daß er ſich in ſeinen naſ⸗ ſen Kleidern dem Kalifen zu Füßen warf und inbrünſtig einen Zipfel der lang herabhängenden Schabracke küßte. Darnach erſtattete er in kurzen Worten dem Kalifen einen Bericht ab und verſchwieg nicht, b daß er ſich ſeiner Unſchuld bewußt, lieber ſelbſt das Leben habe neh⸗ men wollen, als von der Hand des Henkers ſterben, und daß er auf dieſe Art entdeckt, wie die liſtigen Diebe die Säcke ſorgſam auf den Grund des Nils hinabgelaſſen. Muſtapha, ſehr erfreut, ſeine Koſtbarkeiten wieder zu haben, V ſprach den Polizeimeiſter augenblicklich von allem Verdachte frei und kehrte mit ihm in den Palaſt zurück. Hier ließ er ihm einen koſt⸗ — 80 baren Ehrenſäbel überreichen und Abugoſch ſtand von dieſem Vor⸗ falle bis an's Ende ſeiner Tage in höchſter Macht und Anſehen. So ſchloß der alte Mann dieſe wahrhaft denkwürdige Geſchichte, die dem Polizeimeiſter Abugoſch begegnete. „Und die mich außerordentlich ergötzt hat,“ ſetzte der Emir el Hadſch hinzu. „Und mich,“ ſagte einer der jungen Männer. „Nur möchte ich wiſſen,“ entgegnete ein Dritter,„ob man von den Dieben nichts mehr gehört hat.“ „Nicht das Geringſte,“ ſagte der alte Mann,„und ſo große Mühe ſich auch Abugoſch von der Zeit an gab, eine Spur von ihnen zu erhalten, ſo iſt ihm das nie gelungen. Später hat er ſich über dieſen Vorfall mit weiſen Männern berathen, welche ſämmtlich der Meinung waren, daß jene Geiſter, die ihn verwandelten, ſpäter, um ſeine Strafe zu ſchärfen, ebenfalls die Rolle der Diebe übernommen hätten, alsdann aber, nachdem er genug gebüßt, ihm den Entſchluß in die Seele legten, ſich in den Nil zu ſtürzen und ihm auf dieſe Art wieder halfen.“ „Ja, ja,“ ſagte der Emir el Hadſch,„mir ſcheint dies am aller⸗ wahrſcheinlichſten; denn man hat ſelten gehört, daß ein rechtgläubiger Muſelmann aus freiem Antriebe den Vorſatz gefaßt hätte, ſich ſelbſt das Leben zu nehmen; ich würde mich lieber zehnmal köpfen laſſen. Und dann,“ ſetzte der ehemalige Oberſchatzmeiſter hinzu,„ſo verſtockte böſe Menſchen es auch gibt, ſo iſt das Verbrechen, den kaiſerlichen Schatz zu beſtehlen, doch unerhört und kommt wohl nie vor. Es muß Zauberei im Spiel geweſen ſein.“ Bei dieſen Erzählungen und Geſprächen war es indeſſen ſpät ge⸗ worden und ein leiſer Wind, der über die Fläche dahin ſtrich, erinnerte die Geſellſchaft daran, daß es Zeit ſei, ſich noch einige Stunden zur Ruhe zu legen. Den folgenden Tag hatte die Karavane einen längeren Marſch gemacht als geſtern und es war deshalb ſchon ſpät geworden, ehe das Lager aufgeſchlagen wurde und ſich Menſchen und Pferde zur Ruhe begeben konnten. Der Emir el Hadſch lag ſehr ermüdet auf ſeinem Divan und ſo ſehr ihn auch geſtern die Erzählungen des alten Man⸗ nes beluſtigt hatten, ſo zog er es doch heute vor, in ſeinem Zelte zu bleiben und ſich früher zur Ruhe zu legen. Auch hatte ſich ſeine Tochter Zemire die Erlaubniß ausgebeten, ihn beſuchen zu dürfen, und — —————6——., —— ũ———— kaum war die Nacht ganz hereingebrochen, und die Sclaven, welche die goldenen Lampen im Zelte des Emirs angeſteckt, hatten ſich eben zurückgezogen, als durch den bedeckten Gang, der die beiden großen Zelte vereinigte, die ſchöne niedliche Türkin hereinſchlüpfte, und ſich zu dem Vater auf den Divan lagerte. Nachdem ſie ſich nach ſeinem Befinden erkundigt, begann ſie von den Eindrücken zu erzählen, welche die Reiſe und die Karavane in den vergangenen Tagen auf ihr friſches Herz gemacht, und das wußte ſie Alles ſo natürlich und lebendig vor⸗ zutragen, daß der alte Herr über die geringfügigſten Sachen laut lachen mußte. Auch hatte ſie ihre Laute mitgebracht, und als ſie nichts mehr zu erzählen wußte, griff ſie in die Saiten und ſang eines jener arabiſchen Lieder, die mit ihren glühenden, lebhaften Worten und der dazu paſſenden Sprache einen unwiderſtehlichen Bauber auf das Men⸗ ſchenherz ausüben: Hackländer, orient. Sagen. Emir Gundubar, der Held. Sieh', es hebt ſich leiſe der Schleier der Nacht und wallt empor goldgeſäumt und ringsum lichter werdend. Strahlen zucken hindurch und in Oſten hebt ſich das Licht der Welt, goldig und mit allgewal⸗ tiger Liebe, Erde und Himmel küſſend. Doch mit doppelter Liebe begrüßt der erſte Strahl der Sonne die weite, ſandige Wüſte, ſein eigentliches Königreich, wo ſie herrſcht, hell glänzend und ſchön, furchtbar und majeſtätiſch. Aber mit dreifacher Liebe küßt der Sonnenſtrahl einen kleinen Flecken in dem gewaltig unendlichen Reiche des wehenden Sandes, eine kleine Stelle, wo ſein warmer Kuß ſchlanke grüne Palmen erſtehen ließ und feines wehendes Gras, das jetzt in der Morgenſtunde flüſtert und ſich freut, hier ent⸗ ſtanden zu ſein, hier mitten im gelben Sande, wo rings ſo weit der Blick reicht, kein anderer Halm grünt, keine Palme wankt, kein Waſ⸗ ſer rieſelt. Doch es iſt nicht allein das zierlich gezackte Blätterdach, von den hohen, ſchlanken Stämmen getragen, welches die Sonne mit ſo drei⸗ facher allgewaltiger Liebe beſcheint; nein, es iſt nicht die Oaſe allein. Siehſt Du dort unter den Palmbäumen die weiß und grünen Zelte, vor denen die hohen Lanzen emporragen, die Lanzen mit der harten eiſernen Spitze! ach, das Eiſen iſt hart und dürſtet nach dem Blute der Menſchen, und mit dem Büſchel von ſchwarzen wehenden Straußenfedern, die dem hölzernen Schafte ſeine Schnelligkeit geben, denn wie der Strauß vor dem wehenden Samum durch die Wüſte hinjagt, ſo fliegt die Lanze in der Hand des Tapferen mit größerer Schnelligkeit weit voraus dem wallenden Burnus, ein Schrecken der Feinde. Es ſteht ein Zelt unter der höchſten der Palmen, ein Zelt, weiß 83³ wie Schnee auf den Bergen und grün, wie ein junges Reisfeld, und vor dem Eingange deſſelben lehnt eine Lanze, größer und ſchwerer, als alle übrigen. Und daneben ſteht ein Roß, weiß und grau gefleckt, wie der wilde Schwan. Sein Hals iſt ſchlank, wie der Natagan mei⸗ nes Vaters, unten ſtumpf und oben ſchneidig. Die vier Beine des Roſſes ſind dünn und biegſam und glänzen dabei wie die Klinge aus Damaskus. Der Rücken iſt gerade und gerade iſt der Schweif, ſo daß man nicht weiß, wo jener anfängt und dieſer aufhört, und es nur ahnt, da, wo das ſeidene Haar länger wird, und im leichten Morgenwinde die Silberfäden ſpielen. Und erſt der Kopf dieſes Pferdes, wie ſchön iſt ſein Geſicht, wie freundlich ſeine Stirn und glänzend ſeine Augen. Sollte man nicht glauben, es verzehre den erſten Strahl der Sonne, denn wie bläht es ſeine Nüſtern, wie gierig blickt es ihm entgegen und wiehert laut das edle Roß. Ja, es wiehert laut und ſeine Stimme klingt hell und rein, mark⸗ durchdringend. Iſt es wohl im Stande, den Schläfer unter dem Zelte zu erwecken, deſſen Schlaf ſo feſt iſt, daß ihn nicht das heiſere Geheul des Schakals, nicht das Gekreiſch eines Wüſtengeiers zu unterbrechen im Stande war? O könnte dein Wiehern ihn doch erwecken, den edlen Emir el Haris, du treues Roß! Aber er liegt ruhig in ſeinem Zelte, gen Morgen gewendet und hat die Hände über ſeine Bruſt gefaltet und hört nicht das Wiehern ſei⸗ nes Roſſes. Sein Herz verwelkte und ſtand ſtill und das Blut, zu⸗ nächſt ſeinem Herzen, verwunderte ſich und ſtockte ebenfalls. Dann lief es eilends zurück und raſte durch alle Adern und ſagte es jedem Gliede des Körpers an, daß das Herz des Emir el Haris ſtill ſtehe und nicht mehr ſchlagen wolle. Und wie es ſo durch einander lief und berathſchlagte, da ſchwellte ein ſchwerer Seufzer die Bruſt des Emirs, und er ſah am fernen Horizonte zwei Engel aufſteigen, die ſchleppten hinter ſich her eine lange ſchwarze Decke und überzogen Berg und Thal damit, ſo daß Alles ringsum ſchwarz ward. Nur in der Mitte dieſer ſchwarzen Decke brannten in feurigen Buchſtaben die Worte: Der Prophet wird gnädig ſein dem Gerechten und ihn in's Paradies führen. Dies las der ſterbende Emir el Haris und ſeine Seele flog empor. Sahſt Du jemals die Sandwolke, wie ſte ſich in der weiten Wüſte 84 erhebt, ein Schrecken der Karavane, aus dem trüglichen Spiel der Fata Morgana entwickelt ſich das ſchreckliche Sandgeſpenſt. Die Palmen, die Du am Horizont zu ſehen glaubteſt, die duften⸗ den Haine und zierlichen Gebäude verſchwimmen in einander und Du verwunderſt Dich, daß dort, wo Deine Phantaſte vor wenig Augen⸗ blicken noch fließendes Waſſer ſah, jetzt gelbe Sandhügel empor⸗ wachſen. Und wunderbarer! bewegen ſich jene Hügel nicht— Pilger, denk an Dein Ende, ja, ſie heben ſich langſam empor, und der Himmel, der noch vorhin tief blau das Haupt der Gläubigen bedeckte, färbt ſich dorthin ſtahlgrau und iſt tief am Horizonte anzuſehen, wie der glän⸗ zende Stahlpanzer des Sarazenen, wenn ſich die Flammen einer bren⸗ nenden Stadt auf ihm ſpiegeln.— Pilger, bedenke Dein Ende. Wird dort der Sand lebendig. Das iſt ein Heben und Drängen in den Hügeln und man ſollte glauben, es ſei eine Schaar leidtragender Weiber, die dort wandeln, denn es flattert empor, wie gelbe ungeheure Schleier. Pilger, bedenke Dein Ende! Das iſt der Sandſturm. Ach, ein menſchliches Auge, das ihn aufſteigen ſteht, wird ſo ergriffen von dem gewaltigen Anblick, daß es auf dieſer Welt nichts Anderes mehr erſchauen kann. Pilger, be⸗ denke Dein Ende! Schon iſt die Hälfte des Himmelsbogens gelb bezogen und es pfeift und ſauſt von drüben her, wie des Meeres Wogen, wenn der Nordwind ſie peitſcht. Und wie das hülfloſe Schiff auf dem unendlichen Ocean dahin flieht vor der Gewalt des Sturmes, ſo verſucht es die Karavane eilen⸗ den Laufes, den heranflatternden Sandwogen zu entfliehen. Pilger, bedenke Dein Ende! Haſt Du jetzt Dein Ende bedacht, Pilger? Es wäre gut für Dein Seelenheil, denn im nächſten Augenblicke wirſt Du nichts mehr zu denken haben. Das ſchaumbedeckte Roß bleibt ſtehen und wendet ſich gegen den Orkan. Was hilft ſein Fliehen? Auch iſt es muthiger als ſein Herr, der in gräßlicher Angſt den Burnus über ſein Haupt zieht und ver⸗ gebens Gott anruft, Gott und den Propheten. Das geduldige Kameel legt ſich nieder und drückt ſeinen Kopf in den Sand zu ſeinen Füßen. Sind vielleicht die Schmerzenstöne, die es ausſtößt, eine flehende Bitte an den Sand des Bodens, er möge „ ihn ſchützen gegen ſeine Brüder in den Lüften.— Jetzt rieſelt es leiſe herab und die ſcharfen feinen Körner verurſachen ein leiſes, melodiſches Getön, ähnlich dem feinen Regen, der nach mondenlangem Sonnen⸗ brand Berg und Thal erfriſcht. Ach, dieſer Regen erfriſcht nicht. Er dringt mit unbeſchreiblicher Gewalt durch jedes Kleid, und häuft ſich langſam an auf Thiere und Menſchen. Vielleicht daß einige Tage ſpäter eine andere Karavane des We⸗ ges kommt und bei unförmlichen Sandhügeln vorbeizieht, nicht ahnend, was dieſe Rieſengräber bedecken, nicht ahnend, daß dort mancher liegt, dem alles Gold und Silber der Welt das Auge nicht füllen konnte, was nun eine Hand voll Sand gethan. Doch ich will Dir ja nicht ſingen von den Schreckniſſen der Wuͤſte, ſondern von dem Tode des edlen Emir el Haris und von ſeiner edlen Wittwe Rabab. Ihr Herz war froh bei dem Lebenden und ihr Leib glich den ge⸗ ſegneten Fluren des Delta vor der Erndte, eine Flur, die der Emir mit Entzücken anſchaute, ohne zu wiſſen, wie die gereifte Frucht ſein würde. Ihr Frohſinn glänzte hell, wie die Sonne auf dem gelben Sande der Wüſte und ihre Blicke ruhten auf dem Emir mit Luſt und Freude, wie die durſtige Gazelle das Waſſer anſchaut, nachdem ſie Tage lang, ohne zu trinken, umher geirrt. Da ſtarb der Emir, und wie der Sandſturm in der Wüſte ſtieg am Horizonte der edlen Rabab der Gram auf und warf ſich über ſie. Ach, jedes Sandkorn rief ihr zu: ſein Herz ſteht ſtille, ſein Herz, das für dich ſchlug. Jedes einzelne Sandkorn war ein Schmerz, den kaum eine Menſchenſeele zu ertragen im Stande iſt und über die arme Rabab fiel ein ganzer Sandſturm, und ſie ertrug ihn. So lag ſie in ihrem Zelte die edle Rabab, ſchön wie der junge Tag und barg ihr Geſicht in beide Hände, ihr Geſicht, das unter dem Haar hervorſah, wie die weißen glänzenden Eier unter dem Flügel des Gewitter ſchwarzen Straußes. Sie vernahm das Wiehern des Pferdes und wie beim zuweilen ein einzelner Sonnenſtrahl über die Gegend fährt, ſo zuckte ein lachender Gedanke durch die Nacht ihrer Seele. Ach, wenn er noch lebte! Doch er war todt, todt war der Emir el Haris, deſſen Hand gegen Jedermann, ſowie Jedermanns Hand gegen ihn war. Ja, Jedermanns Hand war gegen ihn und wenn auch der kräf⸗ 86 tigen Männer viele waren, die zu ſeinem Gezelte gehörten, ſo waren doch jetzt ihre Muskeln, ſowie die Sehnen ihrer Pferde gelähmt, ihre Lanzen waren zerbrochen und ihre Sehnen ohne Schneiden; denn Emir el Haris war todt. Wohl ſtanden die Männer um das Gezelt, in welchem die edle Rabab lag und hatten in dem Schmerz, der auch ſte erfaßt, ihren Turban gelöſt und ſchleiften den langen faltigen Mantel auf der Erde nach. Ihre Kraft war zu ſchwach, ſich vereint zu halten gegen die Stämme ihrer Feinde, die noch heute wie Heuſchreckenſchwärme über den jungen Mais auf ſie ſtürzen würden, denn der Emir el Haris war todt. Leb' wohl, edle Rabab! Gott möge Dich ſchützen und der Prophet! Der Feind wird ſich Deiner erbarmen, da er Dich allein und wehrlos ſieht. Doch was müßte Dein Loos ſein, wenn der Todfeind Deines Mannes, Emir Darim, Dich ergreift, nachdem wir ihm noch Viele der Seinen getödtet. So war denn Rabab verlaſſen und Niemand mehr bei ihr, als das Kind, das ſte unter ihrem Herzen trug. Da ſank ſie zurück auf ihr Lager in Betrübniß und Schmerz und der Engel des Traums ſtreifte bei ihr vorüber und berührte mit ſeinem roſenrothen Fittig ihr Auge, daß es fähig war zu ſchauen in eine andre Welt. Sie blickte in das Paradies, wo der Baum des Todes ſtand, an deſſen Zweigen die Menſchenleben hängen. Sie ſah wie ihn der Wille des Propheten erſchütterte und wie der Menſchen unzählige hinabſtürzten in den Arm des Todes, Kinder und Jünglinge, Jungfrauen und Greiſe. Aber mit Schrecken und Freude ſah ſte auch ihr eigenes Leben locker an einem Zweig hängen, und es flatterte ſo loſe, daß man fürchten mußte, der nächſte Augenblick werde es herabreißen. Ach, alſo der Tod ſtand ihr nahe bevor, nahe vor ihren Augen wogte die letzte ſchreckliche Stunde, ein furchtbar tobendes ſchwarzes Meer, in deſſen Fluthen ſie ſtürzen ſollte, ohne zu wiſſen, ob der Hauch der Gnade aus dem Munde des Propheten ſie wie ein leichtes Roſenblatt über die Wellen an ein glückliches Geſtade treiben würde, oder ob ſie unterſänke zur ewigen Finſterniß. Doch neben dem Faden, an dem ihr abge⸗ laufenes Leben hing, ſchwellte eine Knospe, die noch verhüllt ein neues Leben trug, eine Knospe, die von Kraft und Geſundheit ſtrotzend, feſt an dem Baume des Lebens ſaß. Die Knospe war anzuſchauen, wie das roſige Gewölk, das vor der Sonne am öſtlichen Himmel auftaucht und ſchon von den feurigen Strahlen durchwebt und vergoldet iſt. Wie die Wolke, die ſtolz voran — 87 fliegt und es der Erde anſagt, daß ein ſchöner Tag anbrechen wird, aber ein Tag, an dem die Luft nicht ruhig über die Gefilde dahin zieht, ſondern ein Tag, an dem der Wind ſich aufmacht und gewaltig über die Gebirge daher brauſt, ein Schrecken der Thalbewohner und der Meerdurchſchiffenden. O dieſe Knospe, ſie war ſchön und lieblich anzuſehen. Und die Mutter ſah im Traum das Bild ihres Sohnes, wie es langſam em⸗ portauchte, gleich der glänzenden Sonne aus dem Roſengewölk, mit feurigen Strahlen, dorthin Segen bringend, wie der Sonnenſchein, der die junge Saat hervorlockt, dorthin Entſetzen verbreitend, wie die glühenden Strahlen, die in der Wüſte die Brunnen der Karavanen vertrocknen, aber geſehen und angeſtaunt von der ganzen Welt. O edle Rabab, bedenke Dein Ende. Als ſte von ihrem ſchweren Traum erwachte, die Gemahlin des Emir el Haris, war es ſtill um ſie her und ſie hörte kein Wiehern der Roſſe, kein Klirren der Schwerter; aber jetzt hob eine ſchwarze Hand den Zeltvorhang empor, es war Ab⸗ dallah, der Neger des Emirs, der zurückgeblieben war und zu ihr ſprach: Auf Rabab, folge mir, ich bringe Dich ſicher zu der Oaſe al Khaſin, die ſich glänzend und duftend weit hinter jenen Bergen im unermeſſenen Sande ausbreitet, und wo die grünen Zelte ſtehen, unter denen Dein Vater und Deine Brüder lagern. Und Rabab folgte ihm, nachdenkend und traurig und doch blickte unter dem ſchwarzen Schleier ihres Grams ihr inneres Auge freudig und hoffend gen Himmel, denn ſie dachte an ihren Traum. So zogen ſie dahin und Tag und Nacht wechſelte einige Mal über ihren Häuptern. War die edle Rabab froh, einen Führer gefunden zu haben durch die Wüſte, und folgte ſie dem Selaven gern und willig, wie das Schiff dem lenkenden Ruder? Nein, ſie fühlte ſich verlaſſener, als je, denn in dem glänzenden brennenden Auge des Negers ſtieg eine Flamme auf, die ihr letztes Glück, ihre Ruhe zu verzehren drohte. Sieh, Rabab, ſprach der Neger, wohl halte ich es für möglich, den Weg zur Oaſe al Khaſin zu finden; doch wo iſt der Menſch, der ſich nicht irrt? Schaue zu Deinen Füßen in den Sand, wie er glatt und ohne Pfad iſt, voll kleiner Wellen, die der Morgenwind in ſeine bewegliche Fläche gezeichnet. Doch ſehe ich rechts und links neben uns die Spuren von zahlreichen Gazellenheerden. Auch ſcheint es mir, daß in der Ferne dort zwiſchen den Hügeln die Krone einer Palme hervorblickt, wenn es 88 aber nicht al Khaſin wäre, wenn es die Oaſe eines feindlichen Stam⸗ mes wäre, würde ich dort mit Dir einziehen dürfen und zu dem Emir ſprechen: Sieh Herr, dies iſt die Wittwe Deines Todfeindes el Haris, f 1 dürfte ich vielmehr ſagen, Du ſeiſt mein Weib Rabab? Dürfte ich ſprechen: Sieh, Herr, als der letzte Tag ſein Auge ſchloß und uns; a nicht mehr anſah, fanden wir uns getrennt von der Karawane und irrten bis zu Dir, gib uns ein gemeinſchaftliches Zelt. I Rabab dachte an ihren nahen Tod und an ihren Traum. O Rabab, fuhr der Sclave fort, glaube nicht, daß mich die Treue zu meinem ehemaligen Herrn zurückhielt, nein, es iſt ein anderes Gefühl, das mich vermochte, mein Leben Deiner Rettung zu opfern. Ich liebe Dich, Rabab, ſteh, ich nehme mein Leben und mein Herz in die rechte Hand und will es zu Deinen Füßen ausbreiten, daß Du fernerhin darauf wandeln mögeſt, ſanft und angenehm, wie auf dem Teppich von Kaſchemir und mit der anderen Hand zeige ich dort nach jener Palme, indem ich Dir ſage, dort lagert der Todfeind Deines Mannes, Emir Darim. Wähle denn, Rabab, zwiſchen mir und dem Tode. Rabab ſinkt nieder in den Sand der Wüſte und während Schrecken und Abſcheu ihre Seele erfüllt, durchrieſelt ihr Mark und Bein ein anderer furchtbarer Schmerz. Sie bittet den Sclaven, bei Seite zu gehen und einen Trunk Waſſer zu holen, dann ſoll er ihre Antwort wiſſen. Jetzt iſt ſte allein und wie ſich drüben die Sonne zur Erde neigt, ſo fühlt ſie auch, daß das Ende ihres Lebens kommt. Seltſam ge⸗ formte Wolken wanken um die ſinkende Sonne und werfen lange Schatten bis zu ihren Füßen. Dazwiſchen durch brechen die letzten Strahlen des Geſtirns und glänzen auf dem Sande und auf den kleinen funkelnden Steinen in demſelben. Iſt doch die edle Rabab wie von einem überirdiſchen Schein umgeben. Licht und Schatten bedecken ſie und bilden ein glänzendes Gezelt um ſie her. Sie hat einen Sohn geboren und denkt an ihren nahen Tod und an ihren Traum. Sie bindet dem Knaben ein Amulet um den Hals, das ſte bei ſich trug, wickelt ihn in ihren langen flatternden Schleier und legt ihn an die Bruſt. Was ſoll ich Dir ſingen, was nun geſchah, als der Sclave zu⸗ rückkam? Greif in Dein eigen Herz und es wird Dir ſagen: welche 2 Antwort Rabab dem Neger gab, als er ſeinen verbrecheriſchen⸗Antrag wiederholte. Da ſank die Sonne plötzlich hinab und nahm die Strahlen, welche 89 auf der Ebene ausgebreitet lagen, alle mit ſich, alle himmliſchen Strah⸗ len, ſag' ich Dir. Ach, die Seele der edlen Rabab war auch ein reiner fleckenloſer Strahl und ſie verließ den Körper und floh mit ihren Schweſtern dem ewigen Lichte zu. Auch die Schatten flohen, die das Licht hervorgebracht, der ſchwarze finſtere Schatten und der Seclave wandte ſein Antlitz und ſchüttelte eilen⸗ den Laufes den Staub von ſeinen Füßen.— Was wir hier mit einfachen Worten gegeben, ſang die ſchöne Zemire ihrem Vater in einer düſteren melancholiſchen Weiſe, aber mit der Kraft und Glut, die den Orientalen ſo eigen iſt. Wo das Wort des Dichters nicht ausreichte, vervollkommnete ſie ein unklares Bild durch einen Blick, durch einen zum Herzen dringenden Ton, durch eine neue ergreifende Wendung der Melodie. Als ſie geendet, legte ſie das Inſtrument bei Seite und plauderte noch eine Weile mit dem Emir, und da es jetzt ſpät geworden war, wünſchte ſie dem Vater gute Nacht und zog ſich in ihre Gemächer zurück. Auch der alte Herr löste ſeinen Turban und legte ſich zum Schlafe auf die Kiſſen des Divans. Haſſan der Neger, den wir ſeit jenem Vorfalle im Hofe des Emirs zu Kairo faſt gänzlich aus den Augen verloren haben, hatte den Pil⸗ gerzug nach Mecca, wie wir auch ſchon früher vernommen, mit gro⸗ ßem Unwillen angetreten. Wenn er den Tag über auf ſeinem Maul⸗ thiere ſaß und dem Zuge folgte, ſo machte er ſich neben dem unan⸗ genehmen Gedanken an die Gefahren, die ihn unterwegs betreffen könnten, auch allerlei Ideen über jenen Kameeltreiber, mit dem er damals im Hofe angebunden hatte. Wenn er ſich auch insgeheim är⸗ gerte, daß er demſelben damals keine körperliche Züchtigung zu Theil werden ließ, ſo ſchwebte ihm doch in ſolchen Augenblicken immer das ausdrucksvolle Geſicht des jungen Mannes vor mit den ſeltſam glühenden Augen, die ihm eine ziemliche Furcht eingeflößt. Sehr häufig ritt Haſſan durch die Reihen und ſpähte nach dem Kameeltreiber, hatte ihn aber nicht wiedergeſehen, nur einmal in der erſten Nacht nach dem Ausmarſche war es ihm, als erkenne er die Geſtalt des jungen Man⸗ nes. Als in jener Nacht nämlich der Emir El Hadſch das Zelt ver⸗ laſſen, hatte der Neger ſich draußen auf ein Polſter niedergelaſſen und rauchte behaglich ſeine lange Waſſerpfeife. Da hörte er plötzlich hinter dem Zelte, in welchem des Emirs Tochter Zemire wohnte, die leiſen „Töne einer Laute, auf welcher eine geübte Hand eine arabiſche Melo⸗ 90 die ſpielte. Darauf fiel eine kräftige Männerſtimme ein und ſang ein Lied dazu. Anfänglich hatte Haſſan nicht ſo ſehr darauf geachtet, in⸗ dem er glaubte, eine der Wachen vertriebe ſich mit Muſtik die Zeit. Doch plötzlich kam es ihm vor, als habe er die Stimme ſchon ein⸗ mal gehört, und als er noch darüber nachdachte, trat plötzlich das Bild jenes jungen Kameeltreibers lebhaft vor ſeine Erinnerung. Eilig erhob ſich nun der Schwarze von ſeinem Kiſſen und ſchlich um die Zelte herum. Da ſah er im Mondſchein einen Mann ſttzen, der die Laute ſpielte und in dem er augenblicklich jenen Kameeltreiber wieder erkannte, Dieſer hatte gerade ſein Lied beendigt und fuhr zum Schluß leicht mit der Hand über die Saiten, daß es klang wie leiſe Seufzer. Dann ſtand er langſam auf, ſchwang ſich auf ſein Pferd, das frei hinter ihm ſtand und jagte davon. Haſſan ſtand da und ſchaute ihm kopfſchüttelnd nach. Was mochte der Menſch hier wollen? Wem galt das Lied, das er geſungen hatte? Der Schwarze zerbrach ſich den Kopf, ohne auf einen Gedanken zu kommen, der ihm glaublich erſchien; doch ärgerte er ſich nicht wenig, daß jener freche Menſch es gewagt, hier in der Nähe des Emirs und der Herrin ſein Lied ertönen zu laſſen. Seit jenem Abend hatte Haſſan beſtändig Acht gegeben, ob der Kameeltreiber nicht wieder kommen würde, aber vergebens. Nun lag er heute Nacht in ſeinem Zelte, nachdem Zemire ihren Vater verlaſſen und hing dieſen Gedanken nach, als er plötzlich durch die ſtille Nacht den Klang einer Laute hörte. Haſtig richtete er ſich empor und ver⸗ nahm dieſelbe Stimme wie das erſte Mal, die Stimme jenes jungen Mannes, der ein Lied ſang, worin er von den Qualen und Freuden der Liebe ſprach. Da ſprang der Neger von ſeinem Lager auf, nahm einen Säbel zur Hand und trat hinaus vor das Zelt. Wirklich war der junge Kameeltreiber wieder da. Er lehnte ſich an ſein Pferd, das hinter ihm ſtand, ſpielte auf ſeiner Laute und ſang dazu. Der Haushof⸗ meiſter, der die Kränkung im Hofe damals gewiß nicht vergeſſen hatte, fühlte ſich hier in ſeinem vollen Recht und da er auch um das Zelt herum die Mameluken auf und abgehen ſah, die den Emir bewachten, ſo nahm er allen ſeinen Muth zuſammen, und trat zu dem jungen Manne mit der barſchen Frage: was er hier wolle. Dieſer fuhr aus ſeinen Träumereien auf und warf dem Neger einen nichts weniger SDͤ&- —,,——„ ——. —— *— 4 als freundſchaftlichen Blick zu, ſo daß dieſer beſtürzt einen Schritt zurück trat. „Höre, guter Freund,“ ſagte der Kameeltreiber,„Du biſt mir ſchon einige Mal in den Weg gekommen, und ich möchte Dir den Rath geben, Dich nicht in Sachen zu miſchen, die Dich nichts an⸗ gehen. Was willſt Du von mir?“ Bei dieſen letzten Worten griff der junge Mann mit der Hand in den Gürtel und faßte den Griff ſeines Dolches. „Wer gibt Dir denn die Erlaubniß, hier bei den Gezelten meines Herrn Dein Geſchrei ertönen zu laſſen? Ziehſt Du doch in der Nacht herum wie der Schakal, und ſtörſt mit Deinem Geheul den Schlaf der Rechtgläubigen.“ „So ſo,“ lachte der Kameeltreiber,„Du biſt auch ein Rechtgläu⸗ biger? Nun, Freund Haſſan, ich rathe Dir wohlmeinend, nimm Dich vor dem Schakal in Acht, daß er Dich nicht für einen Hund anſieht und zerreißt.“ Darauf betrachtete er den Neger noch einmal von Oben bis Unten, der bei dieſem Anblick nicht wagte näher zu treten und ruhig mit anſah, wie ſich der junge Mann auf ſein Pferd ſchwang und in vollem Galopp über die Ebene hinſprengte.— Als am folgenden Tage die Caravane in's Lager gerückt war— es war noch bei guter Zeit— zog ſich der Emir el Hadſch in ſein Zelt zurück, mit dem Vorſatze, ſobald die Nacht hereinbräche, ſeine unbekannten Freunde im Lager wieder aufzuſuchen, doch hatte er kaum ſeine Waffen abgelegt und ſich auf ſeinen Divan ausgeſtreckt, als Haſſan der Leibneger hereintrat und dem Herrn meldete, daß ſich draußen Ab⸗ geſandte des mächtigen Beduinenſchechs Almanſor befänden, welche den Gruß des Friedens dem Emir el Hadſch zu überbringen wünſchten. Es iſt dieß ein orientaliſcher Gebrauch und eine Ehrenbezeugung, welche die befreundeten Araberſtämme dem Chef einer großen Caravane, wenn dieſelbe in den Bereich ihrer Wohnungen kommt, darzubringen pflegen. Der Emir el Hadſch wandte deshalb ſeinen Turban wieder um's Haupt, und wenn ihm auch gerade dieſe Störung nicht angenehm war, ſo befahl er doch augenblicklich, daß man die Geſandten hereinführe, ſowie Kaffee und Pfeifen bereit halte. Gleich darauf wurde der Vorhang des Zeltes emporgehoben und die Beduinen traten ein. Es waren ihrer vier, zwei ältere und zwei jüngere Männer. Der erſte, der hereintrat, war eine hohe ſchöne Ge⸗ ſtalt mit langem, weißen Bart und ſein Anzug beſtand, wenn er auch 3 92 dem Schnitte nach der gewöhnliche der Beduinen war, aus ſehr koſt⸗ baren Stoffen und war reichlich mit Stickereien verſehen; auch glänz⸗ ten ſeine Waffen von Gold und Edelſteinen. Er war unter den Vie⸗ ren offenbar der Vornehmſte, denn als alle hineingetreten waren, blieben die Drei anderen ehrerbietig an der Thüre ſtehen, bis er ſich dem Emir el Hadſch gegenüber in der Ecke des Divans auf dem Ehrenplatze niedergelaſſen. Darauf ſetzte ſich der andere ältere Mann an ſeine linke Seite und einer der jüngeren, der ein auffallend ſchöner und ſchlanker Mann war, an ſeine rechte Seite nieder. Der Vierte end⸗ lich ſtellte ſich in die Mitte des Zeltes, kreuzte die Arme, indem er eine tiefe Verbeugung gegen den Emir el Hadſch machte, und ſagte: „Vernimm Herr, daß Dein Freund, der mächtige Schech Almanſor, ſeinen Bruder Harun zu Dir geſandt, um Dir im Namen Gottes und des Propheten den Gruß des Friedens zu überbringen.“ Nach dieſen Worten beugte ſich der Sprecher abermals vor dem Emir el Hadſch, der darauf ſeine Hand an Stirn und Bruſt legte und bei dem Namen des Propheten verſicherte, daß er ſich glücklich ſchätze, in der weiten Wüſte, wo Gefahren aller Art den Pilger be⸗ drohen, einen ſolchen Freund zu haben. Hierauf ſetzte ſich der junge Mann, der eben geſprochen, ebenfalls auf den Divan nieder und der Mann mit dem weißen Bart, Schech Harun, der Bruder Almanſors, legte ſeine Hand ebenfalls an die Stirn und ſagte; Bis m' Allah!— (Im Namen Gottes!) Nachdem dieſe Höflichkeiten, wie ſie zu Anfang jedes Beſuchs von den Orientalen gewechſelt werden, ausgetauſcht waren, klatſchte der Emir el Hadſch in die Hände, und Haſſan erſchien mit mehreren Scla⸗ ven, um die Gäſte mit Kaffee und Pfeifen zu bedienen. Von den erſten vier Selaven, die hereintraten, hatte jeder eine lange Pfeife, die er an der Schulter trug, und die Haſſan nach der Reihe in Empfang nahm, um ſie den Gäſten darzureichen. Der Haushofmeiſter gab dem alten Schech Harun die erſte Pfeife, wandte ſich dann an den Mann, der zur Linken ſaß und darauf an den jungen Beduinen zur Rechten. Doch wer beſchreibt ſein Erſtau⸗ nen, wer ſein Erſchrecken, als er in dieſem den jungen Kameeltreiber erkannte, mit dem er zuerſt in Kairo und dann auch geſtern Nacht auf unangenehme Art zuſammengetroffen war. Er wußte nicht, was er hievon denken ſollte, und behielt die Pfeife einen Augenblick in ſeinen Händen. Doch es war nicht anders, der junge Beduine ſah ihn lächelnd an und nahm die dargebotene Pfeife, worauf ſich Haſſan kopfſchüttelnd zurückzog und alsdann den Gäſten nach derſelben Ord⸗ nung den Kaffee darbot. Nachdem die Abgeſandten eine Zeit lang geraucht, nahm der alte Schech das Wort und erkundigte ſich bei dem Emir, ob ihm auf ſeinem Zuge hieher keine Unannehmlichkeiten aufgeſtoßen, was dieſer, dem Propheten dankend, verneinte. „Ja,“ ſagte Harun, nes ſind in der letzten Zeit der Räubereien von den kleinen Araberhorden viele ausgeführt worden. Doch hatte mein Bruder Almonſor die meiſten dieſer unruhigen Stämme beſiegt, und wird ſie auch ferner, wenn es Gottes Wille iſt, im Zaum zu halten wiſſen, wodurch es denn auch Dir, o Herr, gelingen wird, Deine zahlreiche Karavane glücklich nach dem Grabe des Propheten zu bringen und wieder heim zu führen.“ Der Emir ſeufzte tief und ſprach ebenfalls dieſe Hoffnung aus, doch brach er alsbald dies Geſpräch ab, denn es war ihm höchſt un⸗ angenehm, von ſolchen Dingen, wie Peſt und Ueberfall der Araber zu reden. Wie es auch oft bei uns in Geſellſchaften geht, wo alte und junge Staatsmänner beiſammen ſind, daß man nämlich die gleichgül⸗ tigſten Dinge verhandelt, ſo iſt dies im Morgenlande ganz natür⸗ licherweiſe auch der Gebrauch. Den Orientalen kann man es überhaupt nicht übelnehmen, wenn ſie entweder ganz ſtill ſchweigen oder unter einander von Sachen re⸗ den, die nur ein allgemeines Intereſſe haben. Bei uns dreht ſich bei ſolchen Veranlaſſungen das Geſpräch gewöhnlich um Frauen, Pferde und Hunde, da es aber der Orientale für höchſt unſchicklich findet, über ſeine Frau oder die eines Freundes, oder Nachbars, oder irgend eines anderen Menſchen zu ſprechen, ſo fällt ihm dieſer Unterhaltungs⸗ ſtoff von ſelbſt weg. Hunde gibt es faſt im ganzen Orient auch nicht, d. h. ich meine ſchöne Hunde, die zum Vergnügen gehalten und ge⸗ wartet werden, und rede nicht von jenen ſchmutzigen und gefräßigen Thieren, die in ganzen Haufen auf den Straßen liegen und dem Fuß⸗ gänger die Wege verſperren. So bleibt denn alſo dem vornehmen Orientalen von dieſen drei bei uns ſo ſehr beliebten Unterhaltungs⸗ gegenſtänden nur eines, das Pferd, über deſſen Lob er ſich denn auch mit der ganzen Glut ſeiner Sprache verbreitet und an ſeinen Fingern genau jede gute Eigenſchaft ſeines Pferdes herzuzählen weiß. 94 Beſonders dieſe Araber der Wüſte, ſo ſehr ſie es auch wo mög⸗ lich vermeiden, ihr Pferd den neugierigen Blicken eines anderen aus⸗ zuſetzen, da ſte ſich vor dem böſen Auge fürchten, ſo gewährt es ihnen dagegen ein großes Vergnügen, wenn auch nur in Worten, ihr Pferd als das ſchönſte, verſtändigſte und treuſte Thier herauszuſtellen. Auch die ehrenwerthen Abgeordneten des Schech Almanſors hatten nicht ſo bald begonnen, die zweite Pfeife zu rauchen, als ſich der alte Schech Harun ſeinen ſchneeweißen Bart ſtrich und bei dem Propheten verſicherte, daß es in der ganzen Wüſte keine beſſeren Pferde gebe, als die ſeines Stammes, und daß unter denen ſeines Stammes, die, nebenbei geſagt, zahlreich ſeien wie die Sterne am Himmel, keine von glänzenderem Haar und ſchnellerem Lauf zu finden ſeien, als die ſeines Bruders Almanſor; aber unter denen ſeines Bruders ſtrahle Jemma, die berühmte Stute, als Inbegriff aller Tugenden und Schönheit, hervor. Daß der Emir el Hadſch dieſen Verſicherungen vollen Glauben beimaß, war nicht ſowohl Höflichkeit des Wirths, als weil er in der That wußte, daß dieſer Araberſtamm die beſten und ſchönſten Pferde beſaß. „Ja, Herr,“ fuhr Harun fort,„Du müßteſt Jemma ſehen, das weiße Pferd, wenn es ungeduldig im Sonnenſchein hin und her tritt, glänzend wie ein Silberſtück und in die Zügel beißt, denn es möchte gern hinaus in die Wüſte. Da müßteſt Du es ſehen, und wenn es alsdann von einer kunſtreichen Hand regiert wird und dahin fliegt, ſchnell wie der befiederte Pfeil des Wechabiten. Dies Pferd war nicht geboren beim Stamme meines Bruders, ſondern gehörte einem armen Araber, deſſen ganzes Vermögen dies Pferd ausmachte, das er aus einem edlen arabiſchen Hengſte zu Mekka gezogen hatte. Die Kraft und die Gelenkigkeit dieſer Stute wurde aber bald überall bekannt und mein Bruder Almanſor brannte vor Begierde, die Jemma dem Araber abzukaufen. Doch, ſo arm der Mann auch war, und ſo bedeutend die Summe, die ihm mein Bruder für das Pferd bot, er wollte es ihm nicht verkaufen. Dagegen zeigte er uns ſeine Schnelligkeit, ſeinen Gehorſam und ſeine Treue, und je mehr wir dieſe glänzenden Eigen⸗ ſchaften alle erkannten, um ſo heftiger wurde die Begierde meines Bru⸗ ders, das Pferd ſein zu nennen. Vergebens aber verdoppelte er die große Summe, die er dem Araber geboten, jener wollte nicht von dem Pferde laſſen, bis Almanſor ärgerlich über den Eigenſtnn des Arabers ihm die Verſicherung gab, er werde ihm heimlicherweiſe das Pferd fortführen laſſen, und ihm für den Fall, daß es ihm gelänge, die ſchon gebotene Summe noch vergrößern. Der Araber, der von ſeiner eigenen Wachſamkeit zu ſehr überzeugt war, willigte lachend in dieſen Vorſchlag, den mein Bruder Almanſor anfänglich nur im Scherze gethan, doch den er jetzt alles Ernſtes annahm und ſich auf dem Heim⸗ wege mit mir darüber beſprach, wie die Entführung des Pferdes wohl am beſten zu bewerkſtelligen ſei. Nun aber befand ſich unter unſern Sclaven ein Menſch, deſſen Gewandtheit im Reiten, ſowie in minder edlen Eigenſchaften dem gan⸗ zen Stamme bekannt war. Schon zu verſchiedenen Malen hatte dieſer Menſch Pferdediebſtähle mit einer unglaublichen Geſchicklichkeit ausge⸗ führt, und ſeinen Muth und ſeine Tollkühnheit bei ſolchen Gelegen⸗ heiten gränzten ans Mährchenhafte. Dieſen ließ Almanſor kommen und fragte ihn, ob er ſich wohl getraue, die Jemma zu entführen. Nachdem ſich der Selave genau danach erkundigt hatte, daß das Zelt des Arabers am Ende der Oaſe liege, daß er keine Diener habe, die ihn bei Bewachung des Pferdes unterſtützen könnten, und daß er außer dieſer Stute nur noch einen jungen Hengſt beſäße, der zwar auch von ſehr edlem Blute, aber doch wohl nicht im Stande ſei, die Imma einzuholen, ſo verſprach er für eine namhafte Summe ſein Möglichſtes zu thun und begab ſich am andern Morgen hinweg, um den Verſuch zu machen, das Pferd zu ſtehlen. Ehe er aber das Zeltendorf erreichte, wo jener Araber wohnte, war es ungefähr Nachmittag geworden. Er wandelte langſam umher und gelangte endlich ans Ende der Oaſe, wo die Hütte des Mannes ſich befand, dem die ſchöne Stute gehörte. Jetzt erblickte er auch das Pferd, welches an einem Hinterfuß gefeſſelt unfern des Zeltes ſtand. Sein Herr ſaß nicht weit von ihm am Boden und beſchäftigte ſich mit dem Sattel, an dem er etwas feſt zu machen ſchien. Doch ſpähte er dabei jeden Augenblick rings um ſich her, und neben ihm im Graſe lag ſein Yatagan und ſeine Piſtolen. Der Sclave näherte ſich ihm langſam und redete ihn mit dem Gruße des Friedens an, den jener erwiederte, ohne ſich gerade viel um den Ankömmling zu bekümmern. Dieſer, nachdem er das Zelt ringsum angeſchaut und einen Blick in die Wüſte gethan, um ſich die Richtung zu merken, nach welcher er im Falle des Gelingens mit dem Pferde entfliehen könne, ließ ſich dem Beduinen gegenüber in den Sand nieder und zog ruhig ſeine Pfeife hervor. 1 „Bis m' Allah,“ ſagte er darauf,„Ihr habt da eine ſchöne Stute, ein prachtvolles Thier, iſt wohl manchen Beutel werth.“ Der Araber ſah den Andern mit einem finſteren Blicke an un nickte mit dem Kopfe., „Wenn ich an Eurer Stelle wäre,“ fuhr der Andere fort,„ſo würde ich zu einem der mächtigen Schechs hinreiten und zu ihm ſpre⸗ chen: Sieh, Herr, das iſt ein Pferd, der Prophet hat kein beſſeres geritten, und würde dann die Stute für eine ſchöne Summe verkaufen.“ „Du ſprichſt, wie Du's verſtehſt,“ antwortete der Beduine, in⸗ dem er dem Sclaven einen verächtlichen Blick zuwarf,„und wie Du fühlſt. Was iſt der Glanz eines Piaſters gegen den Glanz des ſil⸗ bernen Haars, und glaubſt Du denn, der Klang eines ganzen Sackes mit Gold wäre dem Ton der Stimme dieſes Pferdes zu vergleichen, wenn es Morgens beim Ausreiten die Sonne begrüßt oder Abends dies Zelt, wenn ich zurückkehre? Schweige mir von ſolchen Anträgen. Schon andere angeſehene und mächtige Leute haben ſich vergeblich be⸗ müht, meine Stute zu erhandeln.“ „Ja, ja,“ antwortete der Sclave,„man weiß wohl, daß es Dein Stolz nicht zuläßt, das edelſte Pferd der Wüſte, welches Du durch die Gnade des Propheten einmal beſitzeſt, an einen Reichen und Mäch⸗ tigen zu verkaufen. Aber ich ſchwöre Dir, daß Schech Almanſor Dein Pferd doch noch beſitzen wird.“ Der Araber zuckte die Achſeln und meinte, er hoffe nicht, daß ihn der Prophet ſo ſtrafen würde, daß er dieſe Stute, die er mehr liebe als ſein Leben, um ſchlechtes Gold verkaufen müſſe.“ „Man hat mir erzählt,“ ſagte der Seclave gleichgültig, indem er ſeine Pfeife anrauchte,„daß der Schech Almanſor einen ſeltſamen Vertrag mit Dir machte, in dem Du ihm erlaubt, die Stute zu be⸗ halten, wenn es möglich ſei, ſie ſtehlen zu laſſen, natürlich durch Liſt, ohne Anwendung von Gewalt, wogegen er Dir dann die verſprochene große Summe ausbezahlen wird.“ Der Araber nickte ſtatt aller Antwort mit dem Kopfe und zog ſeine Piſtolen näher an ſich. „Wie Du mich hier ſiehſt,“ fuhr der Andere fort,„bin ich einer der geringſten Selaven des Schech Almanſor, und mein Herr, den der Prophet beſchützen möge, hat mich beauftragt, Dir noch in dieſer Nacht Deine Stute zu ſtehlen. Ich ſage Dir das geradezu und ₰ sbS ͤ1—— ‿ᷣ 18 ˙ 8/ —„—·, 97 Der Veduine blickte auf und warf einen ſpähenden Blick rings um ſich her, viel weil er befürchtete, es ſeien mehrere Selaven des Schechs in der Nähe, die ihm, dem Vertrag zuwider, das Pferd mit Gewalt entführen würden. Doch als er einige Augenblicke ſcharf in die Wüſte hinausgeſchaut und ſich überzeugt, daß ringsumher nichts zu ſehen ſei, zuckte er die Achſeln und entgegnete dem Sclaven: er ſei heute zur Kurzweil nicht aufgelegt und möge ſich für ſeine Späſſe jemand anders ausſuchen. Der Pferdedieb rauchte ruhig ſeine Pfeife und entgegnete:„Ich verſichere Dich, daß ich keinen anderen Spaß mit Dir treiben will, als den, vor Deinen eigenen Augen die Stute zu ſtehlen. Nimm Dich alſo in Acht! Aber ich ſchwöre Dir bei dem Barte des Pro⸗ pheten, daß Du keine Gewalt zu befürchten haſt. Sieh mich nur an, Du biſt ſtärker als ich.“ Der Beduine, den dieſe Zuverſicht doch ein wenig verwirrte, trat an die Stute hin und legte ihr eine andere Feſſel an den Vorderfuß, worauf er ſich wieder neben ſie hin in den Sand ſetzte. Sein zweites Pferd, der junge Hengſt, war auf der anderen Seite angefeſſelt und wälzte ſich zu ſeinem Vergnügen im Sande umher. Der Tag ſank immer mehr hinab und die Dämmerung, welche in ſüdlichen Ländern ſehr kurz iſt, verdunkelte bald rings die Gegen⸗ ſtände. Der Sclave ſaß ruhig auf ſeinem Platz und rauchte ſeine Pfeife, und der Araber ſeinerſeits hatte eine Piſtole in die Hand ge⸗ nommen und blickte unverwandt auf den frechen Dieb. So ſtieg die Nacht immer mehr herauf und Stunde um Stunde verſtrich, ohne daß die Beiden ferner ein Wort zuſammen wechſelten. Schon war es ſo dunkel geworden, daß der Araber die Geſtalt des Sclaven nur noch an den ſchwachen Umriſſen erkennen konnte. Doch ſah er genau, wie der weiße Mantel im Abendlicht flatterte, und wie er zuweilen den Kopf hin und her wandte. Auch erblickte er deutlich das Feuer in der brennenden Pfeife des Andern. Ueber die weite Fläche ſtrich ein ſchwacher Nachtwind und rauſchte in den ſpitzen Blättern der Palmen. Fern am Horizont ſank ſo eben die haarfeine, glänzende Sichel des jungen Mondes hinab. Der Araber ſaß ruhig auf ſeinem Platze und verwandte keinen Blick von ſeinem bewegungsloſen Gegner, deſſen Burnus und Turban er deutlich durch das Dunkel ſchimmern ſah.— Hackländer, orient. Sagen. 7 1 88 36 6 4 4 1 8 Da hörte er plötzlich neben ſich ein Geräuſch, als wie es ein Pferd verurſacht, das raſch gewandt wird. Er ſprang haſtig auf, indem er einen Ueberfall befürchtete, denn vor ihm ſaß der Dieb, ſo ruhig wie früher, doch wer beſchreibt ſein Entſetzen und ſeinen Schrecken, als er ſah, daß ſich ein Menſch auf den Rücken ſeiner Stute ſchwang und in vollem Lauf mit ihr davon ſprengte. Raſch feuerte er die Piſtole, die er in der Hand trug, auf die Geſtalt des unbeweglich da ſitzenden Diebes, die auch nach dem Schuß augenblicklich zuſammenſtürzte. Doch wer beſchreibt ſeine Wuth, als er hinzuſpringend bemerkte, daß es blos der Burnus und der Turban des Sclaven war, auf den er ge⸗ ſchoſſen, er ſelbſt aber auf dem Pferde, der geſtohlenen Stute, entfloh. Was ſollte er thun? Noch wäre es vielleicht Zeit geweſen, dem Dieb eine Kugel nachzuſchicken, doch in der Dunkelheit der Nacht konnte er eben ſo gut ſein eigenes geliebtes Pferd treffen. Da kam ihm plötz⸗ lich ein anderer Gedanke, denn der Hengſt, der ſeine Gefährtin dahin jagen ſah, ſprang ungeduldig in die Höhe und wieherte laut und ängſt⸗ lich der Stute nach. Raſch griff der Araber nach ſeinem Yatagan, der vor ihm am Boden lag, löſte die Feſſeln des Hengſtes und warf ſich auf das nackte Pferd, es zu eiligem Lauf antreibend. Der Sclave hatte unterdeſſen einen großen Vorſprung gewonnen, denn Du, o Herr, wirſt nicht daran zweifeln, daß dem Sclaven wirk⸗ lich ſein Vorhaben gelungen war. Während er nämlich dem Araber ſcheinbar bewegungslos gegen⸗ über faß, hatte er, durch das Dunkel der Nacht begünſtigt, ſeinen Turban und Burnus ausgezogen, hatte das Rohr ſeiner Pfeife in die Erde geſteckt und die Kleidungsſtücke daran befeſtigt, dann hatte er ſich auf dem Bauche kriechend langſam zurückgezogen und ſich auf einem großen Umweg hinter den Araber geſchlichen. Du wirſt jetzt einſehen, o Herr, daß ich Dir von der Gewandt⸗ heit dieſes Menſchen nicht zu viel ſagte; denn Dir iſt die Wachſamkeit der Beduinen, beſonders wenn es ſich um einen ſo wichtigen Gegen⸗ ſtand, wie ihr Pferd, handelt, nicht unbekannt. Und doch überliſtete der Sclave meines Bruders den Araber.“ Den Emir hatte dieſe Geſchichte ſehr ergötzt, doch war er begie⸗ rig zu erfahren, wie es den beiden Reitern ferner ergangen ſei, und der alte Schech Harun fuhr fort:„Was ich Dir jetzt ferner erzählen werde, o Herr, wird Dir ſehr unglaublich ſcheinen, doch wer, wie Du, die Eiferſucht der Araber auf den einmal erworbenen allgemeinen Ruf „ — 921zͤ———,+—— ——+— 12 8O—b———,——,———,—„— —xx eines Pferdes kennt, wird das Ende jener Fluͤcht und Verfolgung, wie es mir der Beduine ſpäter ſelber erzählte, dennoch nicht be⸗ zweifeln. Trotz der Erſtarrung des erſten Schreckens hatte der Beduine dennoch bemerkt, nach welcher Richtung hin der Sclave ſeine Flucht genommen, und dahin folgte er ihm auf dem jungen Hengſte, ohne ſelbſt im Entfernteſten daran zu glauben, daß es ihm möglich ſein würde, die Stute, deren ungeheure Schnelligkeit ihm gar wohl bekannt war, zu erreichen. Und wenn der Hengſt auch ein ſehr edles Pferd war, ſo hatte er doch kaum drei Jahre und war noch nicht daran gewöhnt worden, ſchnell und anhaltend zu laufen. Doch war es nun neben der jugend⸗ lichen Kraft und der Luſt, die unſere Pferde zum Rennen antreibt, die Begierde, ſeine Gefährtin, die ihm entflohen war, zu erreichen; genug, der Hengſt leiſtete das Unmögliche und jagte mit einer un⸗ glaublichen Geſchwindigkeit in die Wüſte hinaus der Stute nach, ſo daß der Beduine ſie in einiger Zeit mit dem Diebe vor ſich ſah, wie ſie in ungeheuren Sätzen über den Sand dahin floh. Doch an ein Erreichen war noch nicht zu denken. Der Selave, der ſeinen Ver⸗ folger bemerkte, wandte als guter Reiter alle möglichen Künſte an, um ſein Pferd in immer ſchnelleren Lauf zu bringen, und die Ent⸗ fernung zwiſchen ihm und ſeinem Verfolger vergrößerte ſich jetzt auch wieder zuſehends; doch hatte der Beduine den Vortheil, den Hengſt nicht antreiben zu dürfen; denn kaum bemerkte das edle Thier, daß die Stute, die er eben noch vor ſich ſah, allmählig wieder in dem Dunkel der Nacht verſchwand, ſo jagte er mit erneuerter Kraft vor⸗ wärts und die beiden Reiter näherten ſich wieder, doch nicht um ſich zu erreichen, denn was ich Dir eben erzählte, wiederholte ſich jetzt abermals: es war ein beſtändiges Annähern und Zurückbleiben und trotz der Kühle der Nacht waren beide Pferde mit Schaum bedeckt. Der Beduine, deſſen ſcharfes Auge jede Bewegung des Sclaven genau beobachtete, ſah wohl, daß er es mit einem außerordentlich gu⸗ ten Reiter zu thun hatte, und die Sorgfalt, mit der er ſein Pferd führte, zeigte ihm deutlich, daß jener wohl wiſſe, die Flucht und Ver⸗ folgung könne noch mehrere Stunden dauern, denn oftmals blickte der Dieb rückwärts, und ſo wie er bemerkte, daß der Hengſt zurückbleibe, hielt auch er ſein Pferd an und ließ es langſamer gehen, damit es friſche Kraft zu ſammeln vermöchte. 100 Bei dieſem raſenden Rennen erbleichten die Sterne allmählig und in Oſten begann der Tag aufzudämmern, ohne daß die beiden Pferde ihre Anſtrengungen eingeſtellt hätten. Es war, als gebe ihnen der erſte Strahl des jungen Tages neue Kräfte, denn je ſtärker die Stute ausgriff, deſto raſcher folgte ihr der Hengſt nach. Zum Unglück hatte ſich der Sclave in der Dunkelheit verirrt und war ganz von der Rich⸗ tung abgekommen, nach welcher die Zelte meines Bruders lagen, wo er ſicher geweſen wäre. Obendrein hatte ſich die Stute ein kleines Steinchen in den Fuß geſchlagen und wenn auch das edle Thier ſeine Anſtrengungen verdoppelte, ſo war es doch nicht im Stande, mit der⸗ ſelben Kraft wie früher vorwärts zu laufen. Auch der nachfolgende Beduine bemerkte zu ſeiner großen Freude und doch mit Betrübniß, daß die Stute in ihrem Lauf anhalte; aber er war noch zu weit ent⸗ fernt, um die Urſache zu entdecken. Jetzt ſah er, wie der Sclave das Pferd anhielt, herabſprang, einen Huf ſeines Pferdes unterſuchte, ſich dann mit Blitzesſchnelle wieder auf den Rücken ſchwang und mit er⸗ neuerter Kraft dahin ſprengte. Doch war durch dieſen Aufenthalt der Beduine näher gekommen und der Hengſt, der jetzt auch fühlen mochte, daß es darauf ankomme, ſein Aeußerſtes zu thun, bog ſich zuſammen und ſchnellte auseinander wie die Klinge von Damaskus. Es war, als ſtröme ein gewaltiges Feuer durch ſeine Adern und die Entfernung zwiſchen den Reitern verminderte ſich mehr und mehr. Schon unter⸗ ſchied der Beduine die ganze Geſtalt des Sclaven, der ohne Turban und Mantel auf dem Pferde ſaß. Schon hörte er, wie ſein edles Roß von der gewaltigen Anſtrengung keuchte und ſchwer athmete und je kürzer und matter die Sätze der Stute wurden, um ſo länger und kräftiger wurden die des Hengſtes. So ſehr ſich der Beduine anfänglich bei dieſer Jagd über die Schnelligkeit ſeiner Stute gefreut hatte, ſo ſehr betrübte es ihn jetzt, als er den Nachlaß ihrer Kräfte bemerkte und fühlte, daß der junge Hengſt ſie in kurzer Zeit überholen würde. Doch wußte er ſehr gut, daß der Aufenthalt des Sclaven von vorhin, ſo wie ein Schaden, den das Thier an ſeinem Hufe gelitten, die Schuld davon ſei. Dies wußte er freilich ſehr gut, aber was würde ſein Stamm, was würden ſeine Freunde, ja alle benachbarten Araberſtämme ſagen, wenn ſie hörten, daß Jemma von einem jungen Hengſte überholt worden ſei! Mit welchem Frohlocken würden ſie die Botſchaft vernehmen, von dem Siege über ein Pferd, das, was Schön⸗ BGUCo H$ n ½ V— heit, Kraft und Ausdauer betraf, bis jetzt einzig da ſtand! Sollte er den Namen ſeines Pferdes retten, indem er den Hengſt anhielt, aber Jemma war dann auf immer für ihn verloren. Freilich wohl für ihn, aber ihr Name blieb dann fleckenlos ſtehen und die Enkel würden noch von der Stute erzählen, und würden ſagen: es war das ſchönſte Pferd in der Wüſte, Abdallah der Beduine hat es erzogen, und es machte ſeine ganze Freude, ja den Stolz des ganzen Stammes aus, bis es Almanſor ihm durch Liſt rauben ließ. Unter dieſen Betrachtungen hatte der Beduine die Zügel ſeines Pferdes unwillkührlich angehalten und ließ es langſamer und immer langſamer gehen, und je kürzer ſein Schritt wurde, je größer wurde die Entfernung zwiſchen ihm und der Stute, die mit hoch erhobenem Schweif in vollem Lauf davon eilte. Jetzt ſtand der Hengſt und der Beduine drückte im Schmerz über den Verluſt ſeines Pferdes die Fauſt mit dem Zügel feſt auf die Bruſt, indem er den Oberkörper weit vor⸗ beugte und mit ſtierem Blick der Stute nachſah, die zwiſchen den Morgennebeln, von dem erſten Strahl des Tages beglänzt, wie Sil⸗ ber leuchtete und wie der Mond hinter Wolken langſam verſchwand. Dann fuhr der Beduine mit der Hand über die Augen, wandte ſeinen Hengſt und eilte ſtillſchweigend nach ſeinem Dorfe. Wenige Stunden ſpäter kam der Sclave mit der ſchaumbedeckten Stute bei dem Zelte meines Bruders Almanſor an, und erzählte von der merkwürdigen Verfolgung des Beduinen, der er nur durch ein Wunder entgangen.“ Nach dieſen Worten ſchwieg der alte Schech Harun und freute ſich ſichtlich über das Vergnügen, das er dem Emir el Hadſch durch ſeine Erzählung gemacht. „Ich muß geſtehen,“ ſagte der Emir,„daß mich die That dieſes Beduinen freut und daß es vielleicht wenig Menſchen geben würde, die, um den guten Namen ihres Pferdes zu retten, einen Reiter mit demſelben entfliehen ließen. „Ja,u antwortete der Schech Harun,„dagegen muß man aber auch die außerordentliche Liebe betrachten, mit der der Beduine ſein Pferd behandelt und erzieht, eine Zuneigung, von der einer, der nur gekaufte Pferde beſitzt, keinen Begriff hat. Das Roß des Beduinen macht ein Glied ſeiner Familie aus, es trägt ſeinen Herrn geduldig und ausdauernd vom Morgen bis in die Nacht in der brennenden Sonnenhitze durch den tiefen Sand der Wüſte, 102 und iſt Abends zufrieden, wenn es eine Hand voll Gerſte oder Mais bekommt. Doch fühlt es dabei jedes freundliche Wort, das ihm ſein Herr ſagt, und wälzt ſich zur Erholung mit den Kindern im Sande umher und ſpielt mit ihnen, wie ein getreuer Hund.“ Der Emir that einen langen Zug aus ſeiner Pfeife und fragte darauf:„Und beſitzt Dein Bruder noch immer die Jemma?“ worauf Harun erwiederte:„Ja, o Herr, aber ſie iſt mit uns Beiden alt ge⸗ worden, und wenn man auch jetzt noch ihren herrlichen Bau und ihre ſchönen Glieder bewundern muß, ſo hat doch ihre Schnelligkeit und ihre Ausdauer nachgelaſſen.“ „Und was wurde aus dem Beduinen, dem die Stute gehörte?“ fragte der Emir, und der Schech antwortete:„Er blieb ſpäter bei dem Stamme meines Bruders, der ihn für ſein Pferd reichlich entſchädigte und ihm mit Vergnügen die Erlaubniß gab, es ſo oft zu reiten als er wolle. Auch behielt er den jungen Hengſt, der ein ſehr vortreff⸗ liches Pferd wurde, aber ein Jahr ſpäter an den Folgen eines Schußes, den er in einem Gefecht erhalten, ſtarb.“ Der junge Mann, der neben dem alten Schech Harun ſaß, und deſſen Erſcheinen den Haushofmeiſter Harun ſo in Verwunderung brachte, nahm jetzt das Wort und wandte ſich an den Emir, indem er ſagte: „Bei uns in der Wüſte, o Herr, wo jeder einzelne Menſch ſich ſelbſt überlaſſen iſt, und ſeinen Gedanken ſo ohne Unterbrechung nach⸗ hängen kann, wo der Sand, die unermeßliche Wüſte, die brennende Sonne in beſtändigem Kampf mit den Menſchen lebt, dort möchte ich ſagen, ſind die guten Eigenſchaften, die ein Menſchenherz bewegen, häufiger zu finden und ausgebildeter, als bei Euch in den Städten. Wo trifft man ſolche Gaſtfreundſchaft an, wie bei den Beduinen, wo eine ſolche Unverbrüchlichkeit des einmal gegebenen Wortes! Ja, Du wirſt verzeihen, o Herr, wenn ich hinzufüge, wo werden im Allge⸗ meinen die Vorſchriften des Propheten beſſer befolgt, als bei den Arabern in der Wüſte! Mit Deiner Erlaubniß, o Herr, werde ich Dir die kurze Geſchichte eines Mannes erzählen, dem ebenfalls ſein Pferd geſtohlen wurde und wie ſich der Dieb, der aus der unterſten Claſſe des Volkes war, dabei benahm.“ Der Emir legte ſeine Hand an die Stirn und verſicherte, er werde mit aller Aufmerkſamkeit zuhören, worauf der Andere fortfuhr: „Da war in dem Stamme al Karim ein wohlhabender Beduine, Namens Maſur, der ein äußerſt ſchönes und koſtbares Pferd beſaß. Man wollte die Aeltern deſſelben bis ins zwanzigſte Glied hinauf nach⸗ weiſen können und behauptete danach, daß es direct von einer der fünf Stuten des Propheten abſtamme. Es war ein Hengſt von einer ſel⸗ tenen hellbraunen Farbe. Er hatte, was wir ſo ſehr lieben, zwei weiße Füße und einen halbmondähnlichen Flecken vor der Stirn. Maſur war ſtolz auf ſein Pferd, und hatte die vortheilhafteſten Anträge zum Verkauf deſſelben zurückgewieſen. Da er nebenbei wußte, daß der Araber es für keine große Schande hält, ein Pferd zu ſtehlen, und er wohl fürchten mußte, es möchte leicht Einer dieſe Abſicht haben, ſo ließ er es von ſeiner Familie und ſeinen Dienern aufs Sorgfältigſte bewachen, und ſeine Furcht war nicht ungegründet; denn ſchon einige Mal hatte er bemerkt, daß man den Verſuch gemacht, ſeine Selaven zu überliſten und das Pferd zu entführen. So ſehr Maſur auch in dieſer beſtändigen Angſt lebte: der Hengſt könne ihm doch einmal in der Nacht oder bei ſeiner Abweſenheit ge⸗ ſtohlen werden, ſo glaubte er das Pferd dagegen ganz geſichert, wenn er auf ihm ſaß und ſtolz durch die Wüſte ritt. Aber die ſchlauen Diebe, die bald einſahen, daß das Pferd, wenn es bei den Zelten angebunden ſtand, unmöglich zu entführen ſei, machten einen andern Plan. Eines Tags, als Maſur durch den Sand dahin ritt, um einen Gaſtfreund in einer benachbarten Oaſe zu beſuchen, hörte er auf einmal in der Nähe eines Brunnens ein klägliches Stöhnen und Jammern und entdeckte einen alten Mann mit eisgrauem Bart, der im Sande lag; er ſtreckte die Arme gegen Maſur empor und beſchwor ihn bei Gott und dem Propheten, ſich ſeiner zu erbarmen. „O höre mich, Herr,“ ſprach der Greis,„ich bin ein armer Mann und weit her zu Fuß durch die Wüſte gegangen und wenn ich mich bisher kaum auf den Beinen gehalten habe, ſo hat mich hier plötzlich eine ſolche Schwäche überfallen, daß ich nicht bis zu jenem Brunnen gelangen kann, um meinen brennenden Durſt zu löſchen. O hilf mir, und befolge das Wort des Propheten, der da ſprach: Der Waſſertropfen, mit dem Du einen Dürſtenden erquickſt, wird im Paradieſe für Dich zu einem Meer von Wonne werden.“ Maſur, der ein edles Herz beſaß, war durch den Anblick dieſes Unglücklichen ſo gerührt, daß er augenblicklich von ſeinem Pferde ſtieg, es neben dem alten Manne ſtehen ließ und einen kleinen ledernen Becher aus ſeinem Gürtel nahm, mit dem er zur Quelle eilte, um dort einen friſchen Trunk Waſſers zu holen. Doch kaum hatte er ei⸗ 104 nige Schritte vorwärts gethan, als er plötzlich ein Geräuſch hinter ſich hörte, und wer beſchreibt ſeinen Abſcheu und ſeinen Zorn, als er ſehen mußte, daß der Bettler, der ſo eben kraftlos im Sande lag, plötzlich empor ſprang, ſich auf das Pferd des Beduinen ſchwang und es zu eiligem Laufe antrieb. Ich verſichere Dich, o Herr, daß neben dem Schmerz, ſein Pferd zu verlieren, es den edlen Maſur faſt nicht weniger betrübte, zu er⸗ fahren, welch ſchändlicher Liſt ſich dieſer Räuber bediente, um in den Beſitz ſeines Pferdes zu kommen. Schon war er im Begriff, eine Piſtole aus ſeinem Gürtel zu ziehen und den Elenden damit vom Pferde zu ſchießen, als er ſich eines Beſſern beſann, und jenem mit lauter Stimme zurief: Halt einen Augenblick, halte! Du brauchſt nicht zu befürchten, daß ich Dich einholen werde. Ach, ich kenne mein Roß. Seine Schrelligkeit gleicht dem Sturmwind, wenn er über die Fläche ſauſt. Sei daher unbeſorgt, daß ich Dich einholen werde. Auch haſt Du ja ſchon einen großen Vorſprung, aber halte das Roß an und höre einen Augenblick auf meine Worte. Wohl weiß ich, daß es für Euch kein Verbrechen iſt, ein Pferd zu ſtehlen, aber die Art, wie Du mir meines genommen, ſchreit zum Propheten um Rache, denn wer wird künftig einem Elenden helfen, der halb verſchmachtet im Sande liegt, nachdem Du mein Vertrauen auf ſolche Weiſe gemiß⸗ braucht. Alle werden erbarmungslos bei dem armen Pilger vorbeiziehen und nicht auf ſeine Klagen hören, indem ſie fürchten, es werde ihnen ergehen wie mir. Und all der Jammer der Unglücklichen, die alsdann hülflos verderben, fällt auf Dein Haupt. Zieh hin!“ Mafur ſteckte ſeinen Becher wieder in den Gürtel und wandte ſich ſtumm zum Gehen. Doch was glaubſt Du wohl, Herr, daß der Dieb that. Er wandte das Pferd und kehrte damit zu dem Beduinen zurück, worauf er abſprang und ihm die Zügel mit den Worten über⸗ reichte:„Hier, nimm Dein Pferd zurück, Du haſt Recht, der Vortheil, den mir der Verkauf deſſelben brächte, iſt nichts gegen das Unglück, was Deine Erzählung dieſes Vorfalls über wirklich hülfloſe Menſchen herbeiführen würde. Nimm Dein Pferd zurück, der Prophet möge mir verzeihen!“ Bei dieſen Erzählungen und Mittheilungen war der Abend herein⸗ gebrochen und die Abgeſandten ſtanden auf, um ſich zu entfernen. Nachdem der alte Harun auf orientaliſche Weiſe ſeinen Abſchied genommen, indem er ſeine Hand an Bruſt und Stirne legte, und zu dem Emir ſagte:„Der Herr und ſein Prophet möge Dich beſchützen und geleiten, und wenn Du in Noth kommſt, möge er den Boten, den Du uns ſchicken wirſt, ſicher nach unſern Zelten führen, damit wir Dir ſchleunige Hülfe bringen können,“ zog er ſich aus dem Zelte zurück und ſtieg mit ſeiner Begleitung zu Pferde, um nach ſeinen Zelten zurückzukehren. Der Emir aber legte ſich zur Ruhe, um ſich für die morgende Reiſe zu ſtärken. Am andern Abend war das Lager nicht ſobald aufgeſchlagen und die Nacht begann hereinzudunkeln, als der Emir Muſtapha ſeine koſt⸗ baren Kleider ablegte und ſich durch ſeinen uns ſchon bekannten Be⸗ duinenanzug für Aller Augen unkenntlich machte. Dann eilte er ins Lager, um ſeinen alten Freund aufzuſuchen, den er während ein paar Nächte nicht geſehen. Zufällig kam er auch bald vor das Zelt, welches dem alten Mann gehörte und der Emir freute ſich nicht wenig, als er ihn wie früher mit ſeinen drei Begleitern um das Feuer ſitzen ſah. Zu ihnen hatt ſich ein anderer Mann geſellt, in ſeltſamer fränkiſcher Tracht, welchem der Alte, ſowie ſeine drei Freunde aufmerkſam zu⸗ lauſchten. Der Emir trat mit dem Gruße des Friedens näher, allein er ver⸗ ſicherte, es würde ihn unendlich ſchmerzen, wenn er ſie in einer an⸗ genehmen Unterhaltung ſtöre. Doch eben ſo ſehr würde es ihn an⸗ dererſeits erfreuen, wenn man ihm erlaubte, Theil an ihren Geſprächen zu nehmen. Der alte Mann, den das ſtattliche Ausſehen ſehr für ihn einge⸗ nommen, war ſichtlich erfreut, ihn wieder zu ſehen, und bot ihm gleich die Hälfte eines Teppichs an, auf dem er ſelber ſaß. Der Emir ließ ſich nieder; nachdem er ſeine Pfeife geſtopft und angezündet, auch den Fremden etwas von der Seite betrachtet, ſagte er dem Alten, er glaube bemerkt zu haben, wie der Franke den jungen Leuten gerade eine intereſſante Geſchichte erzähle, und er bitte ihn dringend, darin fortzufahren, indem es ihm ſelbſt eine große Freude mache, zuhören zu dürfen. „Ja“, entgegnete der Fremde, indem er nach Art der Morgen⸗ länder ſeine Hand an die Stirn legte,„meine Reiſegefährten baten mich inſtändig, ihnen eine jener Geſchichten zu erzählen, wie ſie in meiner Heimath der Jugend erzählt werden, und ich wollte eben be⸗ ginnen, als Du ankamſt. Doch fahre ich mit Deiner Erlaubniß fort und wünſche nur, daß Du mein Mährchen neu und ſchön finden mögeſt. Die Geſchichte vom Einarm. Vor langer, langer Zeit, als noch Feen und Kobolde ihr Weſen auf der Erde trieben, wohnte mal ein Förſter in einem großen Walde, in einem kleinen Häuschen, das er ſich ſelber aus großen Baumſtäm⸗ men zuſammengezimmert. Er hatte vom König, dem der Wald ge⸗ hörte, den Auftrag, dann und wann die Bäume abzuhauen, damit ſie nicht in den Himmel hineinwüchſen und den Sternen ein Leid thäten, ſo wie auf das Wild: Hirſche, Rehe, Haſen und Füchſe, Achtung zu geben und es fleißig todt zu ſchießen, weil ſchon früher einmal ſich dieſe Thiere ſo ſtark vermehrt hatten und ſo viel geworden waren, daß ſie vom Walde auf das Feld kamen und die Früchte verzehrten. Und als ſie Alles, was da wuchs, aufgefreſſen hatten und noch mehr Hunger verſpürten, liefen ſie in die Dörfer und holten das Brod aus dem Kaſten, ſo wie das Korn vom Boden. Der Förſter hatte ſchon viele Jahre in dem Walde gehaust, als ihm ſeine Frau ſtarb und einen Sohn zurückließ, der Wilhelm hieß und damals erſt zwei Jahre alt war. Der Vater begrub die Mutter unter einem wilden Roſenſtrauch, nicht weit vom Häuschen und außerdem, daß es ihm ſehr leid that, ſeine Frau verloren zu haben, mit der er ſo manches Jahr glücklich gelebt hatte, ſo war er auch in der größten Verlegenheit, was er nun mit dem kleinen Kinde anfangen ſollte. Wenn er ſonſt am Morgen in den Wald gegangen war, ſo hatte er dem Knaben einen Kuß gegeben, ihm verſprochen, was Schönes mit⸗ zubringen und ihn bei der Mutter gelaſſen. Dieſe nahm den Kleinen dann überall mit hin, bald in das Gärtchen am Hauſe, bald in den Wald, wo Wilhelm Erdbeeren ſuchen half. Doch ſteckte er die gefun⸗ denen, anſtatt in das Körbchen, in ſeinen Mund und aß ſie. Als die Mutter unter dem Roſenſtrauch begraben lag, und der —— —— * Förſter am andern Morgen ſeine Büchſe nahm, um in den Wald zu gehen, richtete ſich der kleine Wilhelm an einem alten Hirſchfänger, der in der Ecke ſtand, auf und rief:„Vater, hier bleiben!“ worauf ihm plötzlich einſiel, daß er ja jetzt ganz allein bei dem Kinde ſei und nicht auf die Jagd gehen könne. Verdrießlich und nachdenkend ſetzte er ſein Gewehr hin und ſann und ſann, was er wohl mit dem Kinde anfangen könne. Die Jagdhunde, die ſchon luſtig voraus⸗ geſprungen waren, kamen wieder zurück in die Stube gelaufen und drängten ſich wedelnd an ihren Herrn, als wollten ſie ſagen: warum kommſt Du denn nicht, warum kommſt Du denn nicht! Es iſt ja draußen ſo ſchön. Auch der große Kettenhund, der in der Nacht um das Haus herum lief und es bewachte, kam herein und ging zu dem kleinen Wilhelm, ſeinem täglichen Geſellſchafter, der ihm freundlich entgegenlief und gleich mit dem großen Thier zu ſpielen anfing. Plötzlich ſchien dem Förſter ein guter Gedanke zu kommen. Ich bin ein armer Mann, dachte er, und kann dem Kinde keine Wärterin geben. Verwandte habe ich auch nicht und muß doch meine Pflicht, die mir der König auferlegt hat, erfüllen, muß in dem Wald herum⸗ ſteigen und darf nicht den ganzen Tag zu Hauſe bleiben und da ich doch das kleine Kind nicht mitnehmen kann, ſo will ich es dem großen treuen Bello— ſo hieß der Kettenhund— anvertrauen, der ein gutes kluges Thier iſt, und mich ſchon verſtehen wird. Ich weiß mir nicht anders zu helfen. Darum wird mir's der liebe Gott nicht übel nehmen, wenn ich mein Kind einem Thiere anvertraue, ſondern wird es be⸗ ſchützen und bewachen. Amen! Geſagt, gethan. Der Förſter rief den Hund herbei und machte ihm auf ſeine Art begreiflich, daß er den kleinen Knaben bewachen und nicht von ihm gehen ſolle. Bello ſchien auch alsbald ſeinen Herrn zu verſtehen, legte ſich neben das Kind auf den Boden und ſah ſo verſtändig allen ſeinen Spielen und Bewegungen zu, daß es eine Freude war zu bemerken. Der Vater nahm ſein Gewehr und ging mit den Hunden fort. Doch that er nur ſo, als wenn er in den Wald gehen wollte, kehrte aber an der Ecke des Gartens leiſe wieder zurück, und ſchlich an das Fenſter, um zu ſehen, was wohl der Hund mit dem Kinde anfangen würde. Die Beiden ſaßen eine Zeit lang zuſammen am Boden und ſpielten. Wilhelm nahm den Hund bald bei den Ohren, bald bei dem Schwanz, und zerrte ihn herum, und das geduldige Thier ließ ſich Alles gefallen, gab auch genau auf Alles acht, was das Kind machte, folgte ihm, als es im Zimmer herum und endlich zur Thür hinaus in den Garten lief. Hier hatte nun der Förſter erſt recht Gelegenheit zu ſehen, wie ſehr der treue Bello ſeine Schuldigkeit that. So lange das Kind mit Blumen und kleinen Steinchen ſpielte, lag er ruhig da und ſchaute mit den großen klugen Augen, wie es ſchien, wohlgefällig zu. Aber ſobald Wilhelm aufſtand und an das Ende des Gartens ging, wo ein kleiner Waldbach vorbeifloß, und ſich dahin ſetzte, um Hölzchen oder Blätter hineinzuwerfen und ſchwimmen zu laſſen, wie er bei der Mutter gethan, faßte der Hund das Kleid des Kindes mit den Zähnen und hielt es auf die Art feſt, oder, wenn Wilhelm ſich zu weit vorbeugte, zog er ihn ſogar mit Gewalt zurück. Dabei war der Hund ſo verſtändig, durch Sprünge und Purzelbäume das Kind vom Waſſer wieder in die Mitte des Gartens zurückzulocken und ſo trieben die Beiden ihr Spiel. Als ſich nun der Förſter, der hinter der Hecke ſtand, überzeugt hatte, er könne das Kind dem Hunde anvertrauen, empfahl er es noch einmal dem lieben Gott und eilte in den Wald hinaus, um Hirſche und Rehe zu ſchießen. Es ſchien aber auch, als wenn eine unſichtbare Gewalt das Kind vor allen Uebeln bewahrte; denn es vergingen mehre Jahre, in denen der Förſter Morgens und Nachmittags auf die Jagd ging, ohne daß dem Kinde ein Leid geſchehen wäre. Bello gab genau auf Alles Acht und litt nicht einmal, daß ſein Pflegeſohn etwas Spitziges oder Scharfes in die Hand nahm, und alle kleinen Unfälle, die bei Kindern wohl geſchehen, als Fallen oder Stoßen, geſchahen immer nur dann, wenn der Förſter ſelbſt zu Hauſe war. Denn ſobald dieſer aus dem Walde kam, war Bello ſeines Amtes entbunden und durfte ſich in ſein Haus legen, um zu ſchlafen. Das Kind hatte in dieſen Stunden eigentlich die wenigſte Aufſicht. Denn auch der Förſter, der gewöhn⸗ lich ſehr müde von der Jagd kam, legte ſich in der Mittagszeit auf die Bank und ſchlief. So war der kleine Wilhelm acht Jahre alt geworden und man konnte nicht leicht einen hübſchern geſunderen Jungen ſehen, als ihm ein großes Unglück paſſirte. Vor dem Hauſe ſtand ein großer uralter Eichbaum, in deſſen obern Zweigen ein Eichhörnchen ſein Neſt gebaut hatte. Schon lange hätte Wilhelm gern den Verſuch gemacht, da hinauf zu klettern, um der Familie des Eichhorns, das den ganzen Tag luſtig auf und ab ſprang, einen Beſuch zu machen. Aber der treue Bello hatte ſolche Streiche immer zu verhindern gewußt, anfäng⸗ A ·——3,õ ½ 2 lich durch Schmeicheleien, oder wenn dieſe nichts mehr halfen, indem er ihm tüchtig knurrend die Zähne wies, denn mit offenbarer Gewalt konnte er bei dem Knaben nicht viel mehr ausrichten, da dieſer mit jedem Tag ſtärker, der Hund aber mit jedem Tag älter und ſchwächer wurde. An einem heißen Sommernachmittag, als der Förſter auf der Ofenbank lag und feſt ſchnarchte, war Alles im Hauſe in einen tiefen Schlaf verſunken. Die Jagdhunde lagen im Zimmer herum und Bello ſchlief in ſeinem Häuschen; ſelbſt die Hühner und Tauben im Hof und auf dem Dach hatten ſich ein ſchattiges Plätzchen ausgeſucht und den Kopf unter die Flügel geſteckt. Da hörte der Förſter plöͤtzlich vor dem Hauſe ein klägliches Geſchrei, Bello ſtürzte in die Stube und zerrte ihn am Rock, bis er aufſprang und mit dem Hunde zur Thüre hinauslief. Da hatten ſie draußen einen gar traurigen Anblick, daß der Förſter die Häͤnde über dem Kopf zuſammenſchlug und Bello ſich vor Schmerz und Traurigkeit nicht zu laſſen wußte. Der kleine Wilhelm hatte nämlich den Verſuch gemacht, auf die Eiche zu klettern, und als er ſchon ziemlich hoch war, brach ein dürrer Aſt, er fiel herunter und lag nun zerſchmettert da am Fuß des Baumes und das Moos umher war von ſeinem Blute roth gefärbt. Wie der Förſter ihn ſo da liegen ſah, glaubte er anfänglich, er ſei todt; doch als er hinzuſtürzte und ihn aufhob, ſpürte er freilich in dem zerſchlagenen Körper noch Lebenszeichen, doch war das arme Kind voll Blut und jämmerlich zugerichtet. Er trug es in's Haus, legte es auf ſein Bettchen und lief, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen wollten, in das benachbarte Dorf, wo eine alte kluge Frau lebte, die es ſehr gut verſtand, gebrochene Glieder wieder anwachſen zu machen, und die aus den Kräutern des Waldes heilſame Tränke kochte, womit ſie ſchon die größten Wunden geheilt hatte. Die Hunde umſtanden indeſſen das arme Kind, und leckten ihm das Blut vom Geſicht und den Händen, bis der Vater mit der klugen Frau zurückkam. Dieſe ſah nun wohl gleich ein, daß das Kind nicht todt ſei, auch wohl an den Wunden nicht ſterben, dafür aber ſein ganzes Leben ein armer Krüppel bleiben würde. Und ſo war es auch. Der arme Vater riß ſich ſein graues Haar aus, konnte es aber doch damit nicht beſſer machen. Alle ſeine Hoffnungen waren vorbei, denn er hatte geglaubt, Wilhelm werde ihm ſpäter im Walde helfen und wenn er einmal ſtürbe, von dem König an ſeine Stelle geſetzt werden. Doch wer das Kind anſah, nachdem es die kluge Alte durch ihre Tränkchen und Säfte wieder ge⸗ heilt hatte, der mußte wohl glauben, daß es nie einem ſchnellen Hirſche nachgehen, nie eine Büchſe gebrauchen, noch weniger einen Baum um⸗ hauen konnte. Aus dem ſchönen geraden Knaben war eine wahre Mißgeſtalt geworden. Die beiden Beinchen waren krumm, den linken Arm, der ganz zerſchmettert war, hatte ihm die Frau abſchneiden müſſen und es war ihm dann nur ein kleiner Stumpen geblieben, ſo⸗ gar das Geſicht war ganz entſtellt; denn wenn auch die Augen noch ſo klar und freundlich waren, wie ſonſt, und die Stirne und Backen glatt wie Sammt, ſo hatte doch beim Herunterfallen ein hervorſte⸗ hender Baumſtamm, ein Stück von der Naſe fortgenommen, wodurch das Geſicht ſehr häßlich ausſah. Auch war das ganze Gemüth des Knaben ſeit der Zeit traurig und ſtill geworden. Der Vater hatte ihm eine Krücke gemacht, an der er herumkroch, von dem treuen Bello begleitet, der das Unglück ebenfalls zu fühlen ſchien und durch den Schmerz darum viel älter und ſchwächer geworden war, als er ſeinen Jahren nach hätte ſein ſollen. Die Beiden waren unzertrennlich und gingen oder lagen den ganzen Tag zuſammen, und der Förſter, ſo wie Wilhelm fürchtete nur die Zeit, wo der Hund ſterben würde und der Knabe dadurch ſeinen beſten Freund verlöre. Da begab es ſich eines Tages, daß der König, dem der Wald gehörte, ſeinem Hofſtaat eine große Jagd hielt, und von dem Gebell der Hunde, dem Schreien der Treiber und den Klängen der Wald⸗ hörner hallte Berg und Thal wieder. Der Förſter war ſchon am frühen Morgen ausgegangen, um bei der Jagd zu ſein, denn er hatte bei ſolchen Gelegenheiten in ſeinem Walde das Geſchäft, die Herren vom Hofe, die gerade nicht als die beſten Schützen bekannt waren, an Orte zu ſtellen, wo ihnen die Hirſche und Rehe ſo zu ſagen in den Schuß liefen und ſie nur in die blaue Luft zu ſchießen brauchten, um am Abend doch von den Thieren, die ſie alle geſchoßen hatten, erzählen zu können. Wilhelm und der Hund ſaßen am Morgen beim Eingang des Waldes und hörten dem Jagdlärm zu, der ſich aus der weiten Ferne zuweilen vernehmen ließ. Ach, die Beiden wären auch gar zu gern dabei geweſen und mit den andern unter den friſchen grünen Bäumen herumgeſprungen; doch ſo mußte ſich der arme kleine Krüppel damit begnügen, auf die langen zitternden Klänge der Wald⸗ hörner zu hören, die zuweilen laut wurden, und Bello, der Hund, — ——— ———— 4 —— ſpitzte nur dann und wann die Ohren, wenn er aus weiter Ferne das Hundegebell vernahm und knurrte zuweilen leiſe dazwiſchen. Plötzlich hörten ſie vor ſich etwas in den Gebüſchen rauſchen und ſahen ein ſchneeweißes Reh in vollen Sätzen auf ſich zuſpringen. Ob⸗ gleich es nun für Beide nichts Ungewöhnliches war, ein Reh zu ſehen, ſo machte doch die ſeltene Farbe des Thieres, daß ſie ihm überraſcht entgegen blickten. Doch erreichte das Erſtaunen, ja das Entſetzen Wilhelms den höchſten Grad, als das Thier zu ſeinen Füßen niederſtürzte und ihn mit deutlicher Menſchenſtimme um ſeinen Schutz gegen die verfolgenden Jäger und Hunde bat. Vor Ueberraſchung konnte dieſer anfänglich kein Wort hervorbringen, denn ſo lange er auch ſchon in dem Walde wohnte, hatte er doch noch nie etwas von verzauberten Thieren gehört. Das Reh erzählte ihm in möglichſter Kürze: es ſei eine Fee, die von der Königin der Feen in dieſe Ge⸗ ſtalt verwandelt worden, in der ſie ſo lange bleiben müſſe, bis ſie der Tod durch die Hand des Jägers ereile. So ſehr ſie nun auch dieſen Augenblick wünſche, um alsdann in ihrer urſprünglichen Geſtalt zum Hofſtaat der Königin der Feen zurückkehren zu können, ſo ſcheuche ſie doch eine fürchterliche Angſt vor dem Tode immer aus der Nähe der Jagd hinweg, ſo oft und ſehr ſie ſich auch ſchon vorgenommen habe, dem Geſchoſſe der Jäger entgegen zu treten. Der Knabe, der ſich indeſſen an ſeinen Krücken aufgerichtet hatte, verſprach dem Reh, er wolle es ſo viel ſchützen wie möglich, und er gedachte es eben nach dem Häuschen zu geleiten, als er plötzlich mit Schrecken bemerkte, daß an der weißen Haut des Thieres das purpur⸗ rothe Blut herunter lief. Er wollte es ihm wegwiſchen und das Reh aufrichten, das von der Wunde und dem raſchen Lauf matt zuſammen⸗ geſunken war, als es ſeinen Kopf wieder erhob, und ſagte:„Ohne daß ich es wußte, hat mich der Pfeil des Jägers getroffen und meine Zeit iſt gekommen. Die Stunde naht, in der ich meine urſprüngliche Geſtalt annehme und in unſer ſeliges Reich zurückkehre. Ich werde in Kurzem wieder eine mächtige Fee ſein und möchte Dich gern dafür belohnen, daß Du mir in Deinem Hauſe eine Freiſtatt geben wollteſt. Sprich einen Wunſch aus und wenn die Zeit meiner Verwandlung kommt, ſoll er Dir gewährt werden. Doch ſei vorſichtig und ſprich Deinen Wunſch deutlich aus; ich kann Dir nicht mehr bewilligen, als Du Dir wünſcheſt. Da tönte von fernher aus den grünen Schluchten und Thälern 112 der Lärm der luſtigen Jagd an das Ohr des armen Krüppels; da ward wieder in ihm die Luſt rege, auch ſo wie die andern Jäger dem Hirſch nachfliegen zu können, durch Berg und Kluft, und eine Büchſe zu haben, mit der er aus weiter Entfernung das Wild niederſchießen könne. Das Reh ermahnte ihn nochmals, ihm ſeinen Wunſch zu entdecken und mit dem Ohr nach dem Lärm der Waldhörner und Hunde hinlauſchend, ſagte er mit leiſer Stimme: Ach, wie gern wollt' ich nur einen Arm haben, und die zerſtümmelte Naſe, wenn ich nur mit dem andern die Büchſe halten und mit meinem Bello geſund und friſch durch den Wald ſpringen könnte! Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo ſah ihn das Reh mit den großen Augen mitleidig an, und ſagte ihm:„Dein Wunſch war allzu beſcheiden, doch ſei er Dir gewährt. Aber jetzt fühle ich, daß mir der Tod naht, drum laß mich meinen Kopf auf Dein Knie legen und dieſen Augenblick ruhig abwarten.“ Obgleich Wilhelm noch ſehr im Zweifel war, ob das Reh wirk⸗ lich im Ernſt zu ihm ſpräche oder ob es vielleicht nur ein Waldgeiſt ſei, der ihn necken wolle, ſo nahm er doch mitleidig den Kopf des Thieres auf ſeinen Schoos, wiſchte ihm nochmals das Blut ab und drückte ihm die Augen zu. Bello, der Hund, der bisher ſtaunend um das Thier herumgegangen war, legte ſich jetzt zu den Füßen des Knaben und ſchlief ein. Auch dieſer konnte einer gewaltigen Müdigkeit, die ihn plötzlich überfiel, nicht widerſtehen, ſchloß die Augen und entſchlief ebenfalls unter den ſeltſamſten Träumen. Ihm war, als wenn ſich das Reh auf ſeinem Schoos langſam erhob und ſich wunderbar in eine ſchöne Jungfrau verwandelte. Weiß war ihr Gewand und ein roſafarbener Schleier, der oben auf dem Kopfe von einem lichten Stern zuſammengehalten wurde, wallte bis zu den Füßen hinab. Sie trug in der Hand ein kleines Zauberſtäbchen, mit dem ſie einen Kreis über die beiden Schläfer beſchrieb, worauf ſte gen Himmel ſchwebte, und die ganze Erſcheinung wurde dem Blick des ſchlafenden Knaben unklar und zerfloß am Ende in eine weiße roth⸗ geſäumte Wolke, die eilig gen Weſten ſchiffte. Jetzt erwachte Wilhelm und Bello, der Hund, ſprang auf und machte einen Satz, wie man ſeit Jahren nicht mehr an ihm gewohnt war. Der Knabe griff nach ſeiner Krücke, die er in den Schoos ge⸗ legt hatte, doch wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als er ſtatt derſelben das ſtattlichſte glänzendſte Gewehr, das er je geſehen, auf ſeinen Knien liegen ſah. Unter ſeinem Kopf lag eine Waidtaſche und o Wunder! er, der noch vor einer Stunde ſich kaum an der Krücke hatte erheben können, ſprang aus Ueberraſchung der Dinge, die er hier ſah, in die Höhe, und ſah auf's Neue erſtaunt um ſich her, denn ihm war, als ſei er plötzlich einen Fuß höher geworden. Und ſo war es eigentlich auch. Die gute Fee hatte ihr Verſprechen gehalten und ſeinen Wunſch erfüllt, indem ſie ſeine lahmen Beine gerade und ſomit länger machte und neues kräftiges Leben durch den ganzen Körper goß. Auch Bello, der Hund, war von der guten Fee reichlich mit neuen Kräften bedacht worden und machte die tollſten ungeſtümſten Sätze. Ja er ſchien ganz anderer Natur geworden zu ſein; denn der biedere ehrliche Kettenhund ſchien auf einmal Behagen am Waidwerk gefunden zu haben und machte ſolch' Spektakel unter den Büſchen und Bäumen, daß die Haſen und Füchſe zu Dutzenden heraus ſprangen. Jetzt unterſuchte der Jüngling, denn ſeit er einen Schuh höher geworden war, konnte man ihn keinen Knaben mehr nennen, das Gewehr und ſeine Jagdtaſche, und fand Alles in der beſten Ordnung. Das Erſtere war von der feinſten Stahlarbeit, mit Gold ausgelegt, und in der Letztern befand ſich Pul⸗ ver und Blei die Menge. Auch entdeckte er beim nähern Durchſuchen ein kleines ſilbernes Schächtelchen, das er neugierig öffnete und darin drei goldene Kugeln fand, auf welchen die Worte zu leſen waren: „Zur höchſten Noth.“— Die Jagd kam indeſſen immer näher und um im glücklichen Fall vielleicht auch noch Theil daran nehmen zu können, lud der Jüngling ſein Gewehr mit einer tüchtigen Kugel und ſtellte ſich dicht an den Stamm einer dicken Eiche. Bald kamen ganze Schaaren Wild her⸗ angeſprengt und die zahlreichen Meuten der Hunde hintendrein, auch einzelne Reiter mit langen Hörnern, die beſtändig ihr Halloh! Halloh! blieſen. Dabei erſchien es unſerem jungen Jäger ſehr ſonderbar, daß alle dieſe Leute, die dort das luſtige Waidwerk trieben, kohlraben⸗ ſchwarz angezogen waren. Außerdem hatten die Reiter Trauerflor auf ihren Hüten und die Hörner waren ebenfalls ſchwarz umwickelt; ebenſo das Riemenzeug der Pferde und ſelbſt die Hunde hatten ſchwarze Hals⸗ bänder. Sein Erſtaunen wuchs, als er jetzt einzelne Herren vom Hofe, ebenſo dunkel koſtümirt, zwiſchen den Gebüſchen hervortraben ſah, und endlich den ganzen Hofſtaat, an dem man vom Oberſtjäger⸗ meiſter bis zum niedrigſten Jagdpagen auch kein Tüchelchen von einer bunten Farbe ſah, ſondern Alles war ſchwarz, wie bei'nem Trauer⸗ Hackländer, orient. Sagen. 8 ——————— ——. 3 — — —ÿ— 114 zuge. Jetzt erſchien auch der König ſelbſt, auf einem ſchwarzen Rappen und trug eben ſolche Kleider, an denen ſich nichts auszeichnete, als der ſchneeweiße lange Bart des Königs, der über die Bruſt herunter rollte und eine Krone von den ſchönſten weißen Zahlperlen, die er auf dem Kopfe trug. Die Jagd hatte hier ein Ende; der größte Theil der Reiter ſchwang ſich von den Pferden, dieſe und die Hunde an ſchwarze Riemen zu koppeln. Der König, der auf ſeinem Roß ſitzen geblieben war, ſchien ſehr mißmuthig zu ſein und ſah nachdenkend den blauen klaren Himmel an. Jetzt ſchien er dort oben etwas zu bemerken und rief dem Oberſt⸗ jägermeiſter, der alſobald herbei kam, vom Pferde ſprang und der Majeſtät auf Ihre Anfrage, was dort oben in der Luft für ein ſchwarzer Punkt ſchwebe, unterthänigſt referirte: daß es ein Goldadler ſei. Der König befahl, alsbald auf ihn zu ſchießen und der ganze Hof ärgerte ſich über die Frechheit des Vogels, daß er es wage, ſeinen Kopf höher ezu tragen, als der des Königs. Vier der geübteſten Schützen mit den beſten Gewehren traten vor und ſchoſſen einer nach dem andern in die Höhe. Doch ſchien ſich der Vogel wenig darum zu bekümmern, ſondern ſchwebte in ruhigen Kreiſen fortwährend in der Luft herum. Es wurden andere Jäger herankommandirt, um eben ſo wenig auszurichten und nun ließ ſich der Oberſtjägermeiſter ſeine mit Gold ausgelegte Büchſe geben, ſetzte, da er ſchon ein alter Herr war, ſeine Brille auf die Naſe, und ſchoß in's Blaue, doch kam keine Feder von dem Adler herunter. Der König, der dem Schießen aufmerkſam zugeſehen, fing an, ungeduldig zu werden und an ſeinem verdrießlichen Murmeln merkte man, daß bald ein majeſtätiſches Gewitter hereinbrechen würde, worüber der Oberſtjägermeiſter und das ganze Hofgeſinde in nicht geringe Ver⸗ legenheit gerieth. Was war zu thun? Der König verlangte ſelbſt ſeine Büchſe, um eigenhändig nach dem Vogel zu ſchießen und eben ſo wenig zu treffen, wodurch höchſt ſein Zorn ſich nicht gelegt, ſondern noch vermehrt haben würde, weshalb der Oberſtjägermeiſter, ſechs Jägermeiſter und vierundzwanzig Kammerherrn, zu gleicher Zeit von demſelben Gedanken bewegt, ihre Knie beugten und die Majeſtät baten, doch höchſtihre Kugel nicht an ſo unwürdiges Raubzeug zu wagen. Der Oberſtjägermeiſter ſah ängſtlich im Kreiſe herum, wen er von den guten Schützen noch vergeſſen hätte, und endlich fiel ſein Blick auf den Sohn des Förſters, deſſen prächtiges ſchönes Gewehr dem alten Herrn ſehr in die Augen ſtach. Der Förſter ſelbſt, der ebenfalls ———“ — 508—9——— ³9ð⏑— ͤ———, vergeblich nach dem Adler geſchoſſen, traute kaum ſeinen Augen, als er ſeinen Sohn, den er heute Morgen als elender Krüppel im Graſe liegend verlaſſen, mit Ausnahme der zerſtümmelten Naſe und des einen Armes, friſch und geſund vor den Oberſtjägermeiſter hintreten ſah, der ihn aufforderte, mit ſeiner Büchſe nach dem Vogel zu ſchießen. Das Jägervolk ziſchelte nicht wenig, als es einen jungen Menſchen mit einem Arme erblickte, der gar nicht bei Hofe angeſtellt war, und es beſſer machen wollte, als die alten königlichen Jäger, die doch dafür ihr ſchweres Geld bekamen. Aber Wilhelm ließ ſich durch dieſe Blicke und das Ziſcheln gar nicht irre machen, ſtellte ſich hin, ſtreckte ſeinen linken Stumpen in die Höhe, legte die Büchſe darauf und nach⸗ dem er einen Augenblick ſcharf gezielt, knallte der Schuß. Alles ſah erwartungsvoll in die Höhe und die Geſichter der Jäger, die höhniſch gelacht, als der Vogel noch einen Augenblick ruhig ſchweben blieb, zogen ſich gar erbärmlich in die Länge, als er jetzt droben verdächtige ſchwankende Kreiſe beſchrieb und langſam herunter ſank. Der ganze Hofſtaat gab in dieſem Augenblick ein ſehr kurioſes Bild; Alles riß vor Erſtaunen die Mäuler auf, als ſollte Jedem von ihnen der Adler in's Maul fallen und der Oberſtjägermeiſter vergaß in der Freude ſeines Herzens über den Schuß ſeine Würde ſo ſehr, daß er einen großen Luftſprung machte und dabei den Oberſtceremonienmeiſter auf ein Hühnerauge trat, der vor Schmerzen laut aufbrüllte, was aber das ganze Hofperſonal für ein Zeichen annahm, ſeine Verwunderung vor den allerhöchſten Ohren eben ſo laut kund geben zu müßen und daher, incluſtve Förſter, Jagdpagen und Hunden in ein erſchreckliches Freudengeſchrei ausbrach. Während dieſem Halloh ſchwankte der Adler herab und ſtürzte mauſetodt zu den Füßen des Leibpferdes nieder. Dem Könige gefiel der Schuß ſehr und wenn er auch nicht lachte, machte er doch eine gnädige Handbewegung gegen den jungen Schützen und fragte den Oberpolizeidirektor: wer iſt der Einarm? Dieſer wandte ſich flüſternd an den hinter ihm ſtehenden Untergebenen, und, um vor der Majeſtät zu verbergen, als kenne er, der Oberpolizeidirektor, nicht jeden Mann im Staate, räusperte er ſich, huſtete und ſpuckte ſo lange, bis ihm von hinten zugeflüſtert wurde, daß der Einarm der Sohn des Förſters ſei. Der König war darauf ſehr gnädig, ließ dem Einarm ein Gold⸗ ſtück überreichen und nahm ihn unter ſeine Leibjäger auf. Dann wandte er ſein Roß und ritt, gefolgt von dem ganzen Schwarm, nach —— — 116 der Stadt zurück. Der Förſter aber ging mit ſeinem Sohn in das Haus zurück und ließ ſich von ihm erzählen, auf welche wunderbare Art er und Bello wieder zu Kraft und Geſundheit gekommen ſei. Dann packte Wilhelm ſeine Habſeligkeiten zuſammen, nahm von dem Vater Abſchied und pfiff dem treuen Bello, um nach der Reſidenz zu gehen. Da er noch nie aus ſeinem Walde herausgekommen war, ſo er⸗ ſchienen ihm draußen die ſchön angebauten Felder und die Dörfer mit den vielen Häuſern ſehr ſonderbar. Auch verwunderte er ſich, daß dort ſchon die Leute von ſeinem glücklichen Schuß wußten und ihn der König unter die Leibjäger aufgenommen hatte. Zuweilen wurde er auch hierüber befragt und da man ſeinen Namen nicht wußte, nannte man ihn überall, wo er durchkam, Einarm, eine Benennung, die ihm gerade nicht ſehr gefallen wollte. Aber wie wuchs erſt ſein Er⸗ ſtaunen, als er in die Nähe der Reſidenz kam und dort die breiten Straßen und die prächtigen hohe Paläſte ſah. Vor Allem aber gefiel ihm das Schloß des Königs, mit ſtattlichen Thürmen und zahlloſen Fenſtern, und es würde ihm noch mehr behagt haben, wenn es nicht eben ſo ſchwarz angeſtrichen geweſen wäre und eben ſo düſter ausge⸗ ſehen hätte, wie das Jagdgefolge des Königs und die Trabanten und Heiducken, die mit ihren großen Spießen an allen Thüren ſtanden. Alles war ſchwarz koſtümirt vom Kopf bis zu den Füßen und ſelbſt in den ſchön angelegten Gärten war nichts zu ſehen, als dunkle Cy⸗ preſſen und trauriges Rosmarin. Zum Ueberfluß wehten über dem Hauptthor zwei ſchwarze große Fahnen und die beiden Eckthürme waren wie Leichenbitter in große ſchwere Flore gehüllt, die oben an dem Knauf feſt gemacht waren und bis an die Erde herab wallten. Der neue Leibjäger ging in die Wohnung des Oberſtjägermeiſters und ließ dieſem Herrn melden: er ſei da. Da aber das Er eine ſehr relative Bezeichnung war, ſo wurde dem Oberſtjägermeiſter gemeldet: der Einarm ſei da, und Jener befahl darauf, dem Einarm eine ſchwarze Livree und Wohnung zu geben. So war er denn plötzlich in den Dienſt des Königs gekommen, wo es ihm anfangs ſehr wohl behagte; nur hätte er gewünſcht, daß ſie ihn bei ſeinem Familiennamen oder wenigſtens Wilhelm genannt hätten; doch da der König Einarm zu ihm geſagt, ſo hatten dieß die Hofleute angenommen und Alles nannte ihn in und außer dem Dienſt nur Einarm. Schon der erſte glückliche Schuß, den er mit dem Gewehr gethan, das ihm die gütige Fee geſchenkt, hatte ihm die Gunſt des Königs, wie des Oberſtjäger⸗ meiſters erworben, und in traurigen Stunden, die der Erſte oft hatte, ließ er den Einarm häufig kommen, um ſich durch deſſen unglaub⸗ liche Geſchicklichleit im Schießen unterhalten zu laſſen. Da aber nun in ſolchen Dingen, wo es die Gunſt des Herrn gilt, kein Hofgeſinde mit ſich ſpaßen läßt, ſo war bald Niemand mehr, bis zum geringſten Küchenjungen herab, der den Einarm nicht mit ſcheelen Augen an⸗ geſehen hätte, denn der König gab ihm vor allen Andern gar zu ſehr den Vorzug. So aß er nur von einer Schnepfe oder einem Haſen, die der Einarm geſchoſſen, weil, wie er ſagte, ihm kein Wildpret ſchmecke, das nicht ſo kunſtgerecht erlegt ſei, wie das des Einarms. Ja, dieß ging ſo weit, daß, wenn dem König nach einem Apfel oder einer andern Frucht gelüſtete, der Einarm geholt wurde, um die Frucht vom Baume zu ſchießen. Schon oft hatte ſich der neue Leibjäger bei dem andern Hofgeſinde nach der Urſache erkundigt, weshalb der König beſtändig ſo traurig ſei, und weshalb das ganze Schloß, ſo wie Alles in ſeiner Umgebung ſchwarz ausſehen müſſe. Da es aber verboten war, über dergleichen Sachen zu ſprechen, ſo hatte man zuerſt dem Neuangekommenen nichts vertrauen wollen, und als ſpäter der Einarm ſo in der Gunſt des Herrn ſtieg, war es Neid und Haß, warum ihm Keiner auf ſeine Fra⸗ gen Beſcheid gab. Auch mit dem weiblichen Perſonal des Schloſſes ſtand der arme Einarm nicht zum Beſten; denn wenn auch unter allen Jägern und Hofbedienten Keiner war, der eine ſo ſchlanke kräf⸗ tige Figur hatte, wie er, ſo war doch das Mägdevolk viel zu naſe⸗ weiß, um nicht an einer fehlenden Naſe ein Aergerniß zu nehmen. Auch mochte ihnen ein fehlender Arm bei gewiſſen Verhältniſſen im menſchlichen Leben gar zu unpraktiſch vorkommen, und wenn auch manches hübſche Mädchen dem Einarm nachblickte, ſo konnte ſte ihm doch dieſe beiden Mängel nicht vergeben. Seinerſeits war auch bei ihm die Luſt nicht ſehr groß, ſich bei den jüngern Frauenzimmern auf Erkundigung zu legen, da er ſich ſchon manche ſpöttiſche Antwort bei ihnen geholt hatte, und die alten Weiber, die im Schloſſe waren, ſcheute er ſeit den Zeiten, wo ihn die kluge Frau im Walde unter entſetzlichen Schmerzen krumm und lahm geheilt hatte, noch mehr. Glücklicher Weiſe war er auch nicht neugierig, weshalb er ſich leicht auf eine andere Zeit zu tröſten wußte, wo ſich ihm dieß Geheimniß von ſelbſt auflöſen würde. —— “ ··— —— 118 Und ſo geſchah es auch eines Tages früher, als der Einarm ver⸗ muthet hatte. An einem ſchönen Morgen ritt der König mit wenigen Jägern auf die Jagd und ſtreifte, wie er oft zu thun pflegte, trübſelig über Berg und Thal. Einem ſtarken Hirſch, der vor ihm aufging, mußten die Jäger folgen, mit Ausnahme des Einarms, dem der König ſein Pferd zu halten gab, als er herabſtieg und ſich in den Schatten eines großen Baumes legte und zu ſeufzen und zu klagen anhub, wie er vielmal that, wenn er allein war. Das jammerte den Einarm ſehr und er hätte den König gern gefragt, weshalb er ſo traurig ſei; doch erlaubte ihm dies die Etikette nicht, ſondern gebot ihm vielmehr, ſich mit den Pferden zurückzuziehen, um den Herrn in ſeinen traurigen Betrachtungen nicht zu ſtören. Plötzlich hörte der Einarm in den Gebüſchen ein Geräuſch, als wenn ſich ein großes Thier nahe. Es raſchelte im Laub, es knickte hie und da Zweige ab, und als der Leib⸗ jäger vortrat, um zu ſehen, was es gäbe, erblickte er zu ſeinem größ⸗ ten Entſetzen, wie ein wüthender Eber gerade auf den König losrannte, der ohne Waffen war und ihn in ſeiner großen Betrübniß nicht ein⸗ mal zu bemerken ſchien. Das Unthier hatte den Kopf, mit ungeheuern Hauern bewaffnet, geſenkt und die kleinen Augen funkelten vor Wuth und Grimm. Kaum hatte der Einarm Zeit, ſeine geladene Büchſe vom Sattelknopf loszureißen, und wie er auf das Thier anlegte, war es von dem König keinen Schritt mehr entfernt. Doch faßte ſich der Leibjäger Muth, rief beim Losdrücken inbrünſtig die gute Fee an, die ihm das Gewehr geſchenkt, und als der Schuß krachte, ſprang der König freilich entſetzt auf, aber das Ungethüm wälzte ſich zu ſeinen Füßen im Blute. 3 Der Einarm eilte hinzu und ſah, daß die Kugel ihm gerade durch den Kopf gegangen war. Der König brach in Lobeserhebungen über den Schuß aus und vergaß die Etikette ſo weit, daß er ſich her⸗ abließ, ſeinen Lebensretter zu umarmen nnd ihm eigenmündig für ſeine Rettung dankte. Darauf beſtiegen die Beiden ihre Pferde wieder und eilten nach der Stadt zurück, wo der König den Einarm mit hinauf in ſeine Zimmer kommen ließ und ihm befahl, einen Wunſch zu thun, den er ihm erfüllen wolle. Jetzt erwachte auf einmal in dem guten Leibjäger die Begierde, etwas Näheres über die Trauer des Kö⸗ nigs, ſo wie des ganzen Schloſſes, zu erfahren, und er trug der Ma⸗ jeſtät mit den allerbeſcheidenſten Worten dieſe Frage vor. Zuerſt ſah ihn der König überraſcht an, und verbarg ihm ſeine Verwunderung nicht, daß er ihn über eine Geſchichte befrage, die doch ſo ziemlich im Munde aller ſeiner Unterthanen ſei. Doch wurde ihm ſeine Bitte ge⸗ währt und der König hieß ihm folgen.“ Bis hieher war der Franke in ſeiner Erzählung gekommen, als das allmähliche Erlöſchen der Wachtfeuer ſite erinnerte, daß die Nacht bereits weit vorgerückt ſein müſſe. Der alte Mann klopfte dann ſeine Pfeife aus und ermahnte die Andern, ſich noch einige Stunden dem Schlafe zu überlaſſen, indem er ſte ſämmtlich einlud, morgen Abend wieder zu kommen und die Fortſetzung der Geſchichte zu vernehmen. Nachdem der Emir el Hadſch ſein Vergnügen über das Gehörte aus⸗ geſprochen, begab er ſich hinweg und ging ſeinen Zelten zu. Dort angekommen, wollte er ſich leiſe in ſein Gemach zurückziehen, als ihm plötzlich Haſſan, ſein Haushofmeiſter, in den Weg ſprang, und da ihn dieſer in der Dunkelheit der Nacht nicht erkannte, heftig an dem Zipfel ſeines Mantels zog:„He, wer biſt Du, alter Gauner? wo ſchleichſt Du hin in der Nacht? Kann man doch vor lauter Diebsgeſindel nicht zu ſeiner Ruhe kommen! Sprich, wer biſt Du, Unläubiger?“ Der Emir el Hadſch, der ſich von ſeinem Diener ſo ſonderbar begrüßt ſah, wußte nicht, was er davon denken ſollte, und begriff im erſten Augenblick nicht, warum ihn Haſſan ſo empfange. Doch jetzt ſah er auf ſeine unſcheinbaren Kleider, und gab ſich dem Neger zu erkennen. Dieſer ſtand einen Augenbllck ſprachlos vor Erſtaunen da, beugte ſich dann tief zur Erde und ſtammelte eine Bitte um Ver⸗ gebung.„Ach, Herr,“ ſetzte er hinzu,„Du mußt es Deinem Sklaven nicht verargen, wenn er in ſeinem Eifer den gebietenden Schritt ſeines Herrn nicht erkannt hat. Es treibt ſich hier bei den Zelten ſo viel verdächtiges Geſindel umher, daß die größte Wachſamkeit nöthig iſt. Ja, Herr,“ fuhr Haſſan fort, als er bemerkte, daß der Emir auf⸗ merkſam zuhörte,„ſehr verdächtiges Geſindel, doch weiß ich nicht, ob es mir Deine Hoheit nicht ſehr ungnädig aufnimmt, wenn es Dein Sklave wagt, ſeine Befürchtungen Deinem Ohre laut werden zu laſſen.“ Unter dieſem Geſpräch war der Emir in ſein Zelt getreten und befahl dem Sklaven zu reden, worauf Haſſan mit vielen Worten und ſo wichtig als möglich ſein erſtes Zuſammentreffen mit jenem jungen Kameeltreiber vor dem Palaſte des Emir in Kairo, ſo wie die ſpä⸗ tere Begegnung in der Nacht erzählte.„Wie es einem treuen Diener —— — —— —— 120 geziemt,“ fuhr der Haushofmeiſter fort,„ſpähte ich bei jedem Marſch, den wir machten, in den Reihen umher nach jenem Manne, und ſah ihn auch bald hier bald dort erſcheinen, wie er auf ſeinem flüchtigen prachtvollen Pferde, dem Blitze gleich, bald in dieſem bald in jenem Zuge erſchien. Dabei aber, verzeih mir, o Herr, bemerkte ich auch wohl, daß der junge Mann ſtets wieder zu dem Zuge Deiner Hoheit zurückkehrte und ſich dort ſo nah wie möglich bei dem Kameel hielt, dem die Ehre zu Theil wird, den Stern des Morgenlandes, Deine Tochter Zemire, zu tragen. Ja, Herr, in ihrer Nähe hält er ſich öf⸗ ters während den Märſchen auf und verſucht es durch allerhand Rei⸗ terkünſte, die Blicke der Weiber auf ſich zu ziehen. Heute Abend nun, kurz zuvor ehe Du zurückkamſt, o Herr, hörte ich draußen vor dem Zelte wieder jenen Geſang, wie neulich, und es war wieder derſelbe junge Araber, der es wagte, dicht am Zelte Deiner Tochter Zemire ſeine Laute erklingen zu laſſen. Bei meiner Ankunft hörte er freilich auf, ſchwang ſich auf ſein Pferd und verſchwand wie das vorige Mal.“ Während der Erzählung des Haushofmeiſters horchte der Emir el Hadſch aufmerkſam zu und zog ſeine Augenbrauen zuſammen— ein untrügliches Zeichen, daß er ſich durch die Aufmerkſamkeiten des jungen Arabers gegen ſeine Tochter nicht ſehr geehrt fühlte. Darauf wandte er ſich zu Haſſan und ſagte:„Sobald ſich der Araber wieder bei meinem Zuge zeigt, machſt Du mich auf ihn aufmerkſam, und es wird mich ſehr freuen, wenn Du Deine Wachſamkeit unterdeſſen noch verdoppelſt.“ „Ach, Herr,“ entgegnete der Schwarze,„ich werde gewiß mein Möglichſtes thun, aber Deine Hoheit hat jenen jungen Kameeltreiber ſchon geſehen. Ja er war ſelbſt ſchon hier in Deinem Zelte. Du wirſt Dich der Geſandtſchaft erinnern, o Herr, die der Beduinenſchech Almanſor geſtern zu Dir ſandte. Unter dem Gefolge wirſt Du einen jungen Mann geſehen haben, der zur Rechten des alten Schech Harun auf dem Divan ſaß, ich muß geſtehen, ein ſehr ſchöner und ſtatt⸗ licher Mann.“ Der Emir fuhr mit der Hand über die Augen, beſann ſich einen Augenblick, und dann trat plötzlich die Geſtalt jenes jungen Arabers vor ſein Gedächtniß. Der ſchöne kräftige junge Mann war ihm ſchon geſtern neben dem alten Schech Harun aufgefallen.„So, ſo,“ ſprach er leiſe für ſich,„der alſo war's! Wer mag das wohl ſein?“ Haſſan betheuerte bei dem Barte des Propheten, er wolle ſchon n————— ———O-— herausbekommen, mit wem er es zu thun habe, worauf der Emir ſeinen Haushofmeiſter entließ und ſich auf ſein Lager ſtreckte. Allein der Schlaf, der ſonſt ſein Auge nie floh, wollte ſich heute nicht ſo bald einfinden. Als guter Muſelmann, von ächt eiferſüchtigem Schlage, mußten ihn dieſe Aufmerkſamkeiten des Arabes gegen ſeine Tochter auf alle Fälle ſehr beunruhigen und obendrein, da ſich jener Beduine bei der Geſandtſchaft des mächtigen Almanſors befinden ſollte, was der Emir als einen Beweis annahm, daß der junge Mann von nicht ganz gemeiner Herkunft ſei. Das Mißtrauen legte ſich jetzt an ſein Ohr und flüſterte ihm zu, daß vielleicht jene Geſandtſchaft nur zu dem Zweck gekommen ſei und nur deshalb Freundſchaft mit ihm angeknüpft habe, um irgend eine feindſelige Abſicht gegen ihn auszuführen. Wer weiß, dachte er, ob jener junge Araber nicht vielleicht der Sohn eines jener Beduinenſchechs iſt, und nur in der Abſicht umherſchleicht, meine Toch⸗ ter zu rauben. Ach, der Emir el Hadſch wußte zu gut, daß ſeine Tochter Zemire eines der ſchönſten und lieblichſten Mädchen des Mor⸗ genlandes ſei. Unter dergleichen Gedanken entſchlief er endlich und er⸗ wachte erſt am folgenden Morgen, als die aufſteigende Sonne eben die Nebel der Nacht zertheilte. Kaum waren am nächſten Abend die Zelte aufgeſchlagen, ſo wurde in dem Emir der Wunſch rege, die Fortſetzung des in der vergangenen Nacht gehörten Mährchens zu vernehmen. Er empfahl daher ſeinem Haushofmeiſter nochmals die größte Wachſamkeit, hüllte ſich dann in ſeine unſcheinbaren Kleider und machte ſich auf den Weg. Der Franke ſaß mit ſeinen Bekannten bereits um das Feuer und nachdem die üblichen Begrüßungen gewechſelt und die Pfeifen angezündet waren, fuhr der Fremde folgendermaßen fort: 2—— ——:uÿÿxxͤͤnn Fortſetzung der Geſchichte vom Einarm. Der König befahl, wie ich Euch geſtern Abend am Schluß er⸗ zählte, dem jungen Einarm, ihm zu folgen. Durch mehrere Säle und Gänge, die wie alles Uebrige ſchwarz verhangen waren, gingen ſte hindurch, und kamen in einen andern Theil des Schloſſes, der mit einer großen eiſernen Thür abgeſperrt war und nicht bewohnt wurde. Der König öffnete mit einem Schlüſſel, den er an ſeinem Gürtel trug, das Thor und wie ſte hindurchgingen, ſah ſich der Einarm plötzlich in ganz andere Regionen verſetzt. Hier war von keinem ſchwarzen Tuch und Flor mehr die Rede, vielmehr prangten Gänge, Zimmer, Treppen und Fenſter in den hellſten freundlichſten Farben. Alles war hier auf das Zierlichſte und Prächtigſte eingerichtet. Die kleinen Divane in den Zimmern bedeckte der glänzendſte Goldſtoff; aus marmornen Becken ſprangen murmelnde Fontänen in die Höhe, die Wände waren mit Sammet und Damaſt bekleidet, und die Pracht der Möbel ſtei⸗ gerte ſich von einem Zimmer zum andern. Schon in dem erſten wa⸗ ren ſte vom feinſten Holz, im andern von Elfenbein, dann von Schild⸗ krot mit Gold ausgelegt und in den hinterſten Zimmern und Sälen war Alles von Silber und Gold, mit Edelſteinen und Perlen beſetzt. Das Einzige, was die Luſt und Herrlichkeit in dieſen Zimmern un⸗ terbrach, war die peinliche Stille und Oede, die hier herrſchte, ſo wie das einzige Traurige, das Geſicht des Königs, das mit jedem Schritte finſterer wurde. In einem der letzten Säle ließ er ſich auf einem Ruhe⸗ bett nieder und trocknete zwei große Thränen ab, die ihm in den Bart liefen. Das Ruhebett, auf welchem er ſaß, ſtand vor einem Gemälde, das ein grünſeidener Vorhang bedeckte. „Wiſſe, begann der König nach einer langen Pauſe zum Einarm, „daß dieß die Zimmer meiner Königin ſind, die aber ſchon längſt die — ˙‧˙— He———. » ———— 123 Erde verließ, um zum Wohnorte der Seligen aufzuſchweben. Sie war keine gewöhnliche Sterbliche, fondern entſtammte dem Feenreich, und ihr ward, wie allen jenen erhabenen Weſen, erlaubt, nach jedem Jahrtauſend eine gewiſſe Anzahl von Jahren auf der Erde zuzubringen, um einen Sterblichen zu beglücken. Mir wollte mein gutes Schickſal ſo wohl, daß ich gerade in dem Jahr, wo die Fee Amaranthe die Erde wieder betrat, mich nach einer Gemahlin umſah. Mein Herz war frei, ich war jung und ſtreifte mit lauter Luſt und Fröhlichkeit durch die Wälder dem Gewilde nach. Da begab es ſich eines Tages, daß aus dem Dickicht des Waldes ein fremder Stallmeiſter auf mich zuſprengte, mir einen Gruß von ſeiner Herrin überbrachte, die den Wunſch ausſprach, an meiner Jagd Theil nehmen zu dürfen. Na⸗ türlich bewilligte ich ihr mit Freuden dieſe Bitte, und ich, ſo wie mein ganzes Jagdgefolge, ſtanden mit ſtummer Erwartung da, als der Stallmeiſter zurückſprengte, und wir plötzlich aus der Tiefe des Waldes das luſtige Getön einer andern Jagd hörten, die uns näher und näher kam.“ „Zwiſchen den Zweigen blitzte es wie lauter Gold und Silber hervor, und die einzelnen Theile des Jagdzuges, die nach und nach erſchienen, waren mit unerhörter Pracht bekleidet und beritten. Zahl⸗ reiche Meuten der ſchönſten Hunde ſchwärmten voran; dann kamen verwegene Jagdpagen, den Falken auf der Fauſt, und ſetzten mit ihren Pferden über Stock und Stein. Ihnen folgten eine Anzahl Jäger, und was uns am ſeltſamſten vorkam, außer dem dienenden Perſonal der Jäger, Forſt⸗ und Stallmeiſter waren es nur Damen, die auf den herrlichſten Roſſen ſitzend von dem ganzen Troß ehrerbietig um⸗ geben waren. So ſchön und ſchlank ſie auch alle auf ihren Thieren ſaßen und der prächtige Wuchs der geringſten unter ihnen weit die Formen der ſchönſten unſerer Damen übertraf, ſo ragte doch, wie der Mond unter den Sternen, eine derſelben an Schönheit und Adel über die Andern empor. Dieſe ritt einen ſchneeweißen Zelter und ſprengte mit leichtem Anſtande gegen mich. Sie dankte mir freundlich für die Erlaubniß, an meiner Jagd Theil nehmen zu dürfen, und bat um die Fortſetzung derſelben und ſo gern ich auch eine ganze Ewigkeit ihr gegenübergeſtanden wäre, um ihr in das wunderherrliche Angeſtcht zu ſehen, ſo zwang es mich doch, ihrem Wunſche Folge zu leiſten und ich gab den Befehl, die Jagd wieder zu beginnen. Du kannſt Dir leicht denken, mein Sohn, daß ich nicht von ihrer Seite kam. Doch obgleich ich ein ſehr gutes Pferd ritt, war es mir nicht möglich, dem vogelſchnellen Lauf und den entſetzlichen Sprüngen des ihrigen nach⸗ zukommen. Auch mein ganzes Jagdgefolge, das doch aus den gewandte⸗ ſten Reitern meines Königreichs beſtand, nahm ſich gegen das ihrige aus, wie eine Geſellſchaft von Schnecken, gegen muntere Vögel. Mir ſchien ſogleich am erſten Tage, daß es bei der ganzen Geſellſchaft nicht mit rechten Dingen zugehe und auch mein Oberforſtmeiſter machte mich mit Entſetzen auf einen Jagdpagen der Dame aufmerkſam, der einem Falken, als er ſich oben mit einem andern Raubvogel in einen Kampf eingelaſſen, zu Hülfe kommen wollte, und ſich ſchon einige Schritte aus ſeinem Sattel in die Luft erhoben hatte, als ihn ein ſtrenger Ruf der Dame wieder herabrief.“ „Nach Beendigung der Jagd lud ich die ganze Geſellſchaft in meine Reſidenz ein; doch nahm die Dame meine Einladung nicht an, verſprach aber am andern Tage wieder zur Jagd zu kommen. Ich, der ich jetzt zum Erſtenmal die Leiden und Freuden der Liebe fühlte, ſchloß die ganze Nacht kein Auge und ſchwärmte mit meinen Jägern ſchon in den Wald, als kaum ein lichter Streifen im Oſten den An⸗ bruch des neuen Tages verhieß. Zur beſtimmten Stunde, wie geſtern, erſchien die Dame mit ihrem Gefolge wieder, ach, und ſie war wo möglich noch ſchöner, als geſtern. Die Jagd begann auf's Neue und der Tag verlief wie der geſtrige, nur daß ihr unvergleichlicher Liebreiz die Glut in meinem Herzen zu einer unauslöſchlichen Flamme ange⸗ facht hatte. Schon während der Jagd bat ich ſie, wie geſtern, mich in meiner Reſidenz zu beſuchen oder mir zu ſagen, wo ihr Schloß liege, und als ſie mir Beides abſchlug, gab ich mehren meiner ge⸗ wandteſten Jäger heimlich den Befehl, ſich da und dort im Walde zu verſtecken, und am Abend jener Jagdgeſellſchaft zu folgen, um ihren Aufenthaltsort auszukundſchaften. Nach Beendigung der Jagd empfahl ſich die Dame wie geſtern, mit dem gleichen Verſprechen, morgen wieder zu kommen und ich ritt verſtimmt meiner Reſidenz zu, um in meinen Zimmern die halbe Nacht bis zur Ankunft meiner ausge⸗ ſandten Jäger zu wachen. Gegen Mitternacht kamen mehre zurück und ſchworen, nichts geſehen zu haben. Doch blieben noch zwei meiner beſten Leute aus, auf die ich mein ganzes Vertrauen ſetzte. Auch ſie erſchienen, aber erſt mit Anbruch des Tages, und brachten mir die wunderbare Mähr, daß ſie geſtern Abend, kaum im dichteſten Walde angelangt, die Jagd der Dame gehört hätten, wie ſie mit lautem —————— 3 125 Getöſe und Halloh ſich bei mir verabſchiedet und neben ihnen daher geflogen ſei. Was ihre Pferde laufen wollten, ſeien ſie ihr gefolgt, hätten die Jagd auch eine Zeit lang vor ſich geſehen, doch habe ſich das Gefolge auf eine wunderbare Weiſe vermindert.„Großmächtigſter König,“ fuhr einer der Jäger fort,„wir hatten es mit einer mäch⸗ tigen Fee zu thun. Zuerſt verſchwanden die Hunde und liefen als ſchwarze Käfer in das Gebüſch; die Pferde wurden zu Haſen und Füchſen, die darauf ſitzenden Jäger und Pagen ſchwangen ſich als Raben und Krähen in die Luft; die Damen des Gefolges wurden zu ſchönen Nachtſchmetterlingen und die Herrin auf ihrem weißen Roß verſchwand uns plötzlich ganz; doch ſahen wir wenig Augenblicke nach⸗ her ein ſchneeweißes Reh blitzſchnell im Gebüſch verſchwinden.“ So erzählte der Jäger, und obgleich ich auch ungläubig mein Haupt ſchüt⸗ telte, ſo wurden doch Feen und Kobolde ſo häufig geſehen, daß ich jener Erzählung gern Glauben beimaß. Heute, als am dritten Tage, zur beſtimmten Stunde erſchien die Dame wieder, und ich wußte es während der Jagd ſo einzurichten, daß wir uns von dem Gefolge ent⸗ fernten, und ich mich mit ihr im dichten Gebüſch allein befand. Hier ſprang ich von meinem Pferde, hielt ihr den Steigbügel und bat ſte auf's Ehrerbietigſte ebenfalls abzuſteigen und einige Worte anzuhören, die ich ihr ſagen wolle. Sie that nach meinem Wunſch, ſetzte ſich auf einen abgehauenen Baumſtamm, und ich malte ihr mit den glühendſten Farben meine Leidenſchaft, ſchwur ihr ewige Liebe und betheuerte ihr, daß ich im Beſitz ihrer Hand der glücklichſte Menſch ſein würde. An⸗ fänglich ſah mich das wunderſchöne Weib ſeltſam lächelnd an, dann reichte ſie mir die Hand und ſprach zu mir:„Wiſſe, o König, daß ich kein ſterbliches Weſen bin wie Du. Mein Name iſt Amaranthe und ich bin aus dem Feengeſchlecht. Da uns aber erlaubt iſt, je nach tauſend Jahren, die wir im Dienſte unſerer Königin zubringen müſſen, zehn Jahre auf der Erde zu wandeln, und uns hier der Liebe eines Menſchenkindes zu erfreuen, ſo nahm ich die Geſtalt an, in der Du mich hier ſiehſt, und ſuchte Dich auf, da ich Dein gutes edles Herz, ſo wie Deine männlichen Geſinnungen ſchon ſeit lange kenne. Es iſt uns Feen möglich, ſchon mehre Jahre vorher, ehe unſer tauſendjäh⸗ riges Dienen dort oben ſein Ende nimmt, das Herz der Menſchen zu prüfen und anzuſchauen, damit uns die Wahl, die wir für die zehn Jahre unſeres Erdenlebens treffen, ſpäter nicht gereue. Denn der Mann, den wir uns für dieſe Zeit erkoren, mag mit Fehlern behaftet 126 ſein, wie er will, wir müſſen ihn dieſe zehn Jahre hindurch treu und ehrlich lieben, wie es einer braven Hausfrau geziemt.“ Hier ſeufzte der König tief auf, fuhr aber in ſeiner Erzäh⸗ lung fort.. „Mein Sohn,“ ſprach er zu dem Einarm,„Du, deſſen Herz noch frei von Liebe iſt, Du kannſt Dir das Entzücken nicht denken, das mich bei dieſen Worten der Fee befiel. Ich ſchwur ewige Treue und Liebe, konnte mich aber dabei der Thränen über ein grauſames Geſchick nicht enthalten, das mir den Beſitz eines ſo liebreizenden We⸗ ſens nur für zehn Jahre geſtattete.“ „Sie wurde alſo die Meinige; ich führte ſie als Königin in meine Reſidenz ein und der Jubel des Volks, das ſchon lange meine Ver⸗ mählung gewünſcht hatte, kannte keine Grenzen. Allgemein war man hoch erfreut über die Wahl, die ich getroffen, denn ſo liebreizend das Antlitz meiner Gemahlin war, eben ſo ſchön und edel war auch ihr Herz. Sie theilte den Armen mit, beſchenkte die milden Stiftungen reichlich, kurz ſie ſuchte während den wenigen Jahren ihres Erden⸗ wallens ſo viel Glück und Wohlſtand um ſich zu verbreiten, wie nur möglich. Nach einem Jahre, das ich mit ihr in Glück und Freuden verlebt hatte, genas die Königin eines Töchterleins, friſch und ſchön wie eine Roſenknoſpe, und ganz ihr Ebenbild; auch ſah man deutlich, daß die geiſtige Kraft der Mutter ſelbſt das kleinſte Uebel von dem Kinde abzuhalten wußte. Meine kleine Prinzeſſin blieb befreit von dem Ungemach und den Krankheiten, die ſonſt wohl gewöhnlich Kinder in dieſen Jahren überfallen und blühte an Körper und Geiſt in über⸗ raſchender Schnelligkeit auf. So hatte das Kind ſein achtes Jahr zu⸗ rückgelegt, als ich, an die Trennung von meiner Gemahlin denkend, die mir in kurzer Zeit bevorſtand, in heftige Traurigkeit und ſchwere Krankheit verfiel. Die Königin that Alles, um mich aufzuheitern, und wenn auch die heilſamen Tränke, die ſte aus den Kräutern zu ziehen wußte, meinen Körper in kurzer Zeit wieder herſtellten, ſo blieb doch mein Geiſt umdunkelt und ich ſah mein ganzes künftiges Leben ſo ſchwarz vor mir, wie Du es jetzt in der Wirklichkeit ſtehſt. Ach, von dem zehnten Jahr meines Glücks hatte ich mit Blitzesſchnelle eine ziemliche Zeit vexlebt. Schon kam der Sommer und dörrte Laub und Gras, daß es farbig wurde und mein Herz ſchien langſam mitzuver⸗ welken. Der Klang des luſtigen Jägerhorns, der mich ſonſt zur Freude und Luſt aufrief, zerſchnitt mir die Bruſt wie glühendes Eiſen; denn ———4— 127 da ich meine Königin ſo unſäglich liebte, ſo konnte ich meines Jam⸗ mers kein Ende finden. Nichts erfreute mich mehr, nicht die Zureden meiner Gemahlin, nicht das Spielen und Liebkoſen des Kindes— ich glaubte, es wäre die ſchrecklichſte Zeit meines Lebens geweſen. „So ſaß ich eines Abends auf dem Altan, der in den Wald hinaus geht, als ſich mir die Königin langſam näherte, neben mich hinkniete und ihren Kopf auf meine Hand legte. Ich fühlte ihre war⸗ men Thränen und wagte es kaum, aufzuſchauen, ja, der unglückſelige Augenblick war gekommen; ſie hatte das Jagdkleid an, in welchem ich ſie vor zehn Jahren zum Erſtenmal geſehen.„Mein Gemahl,“ ſprach ſte mit zitternder Stimme,„es muß geſchieden ſein. Meine Zeit iſt um, und ich kehre zu meiner Königin zurück, um neue tauſend Jahre bei ihr zuzubringen. Doch werde ich Dich früher wieder ſehen, und wenn Deine Laufbahn geendigt iſt, eine längere Zeit als dieſe kurzen zehn Jahre mit Dir glücklich verleben; auch werde ich unſere Tochter umſchweben und ſie, ſo viel es in meinen Kräften iſt, vor allem Böſen bewahren. Doch höre mich an: ein mächtiger Geiſt, der ſtets mit uns Feen im Kriege lebt, ſucht uns und dem, was wir lieben, auf alle erdenkliche Art zu ſchaden, und da ich mich ſeinen Tücken zu entziehen weiß, ſo wird er verſuchen, Dir und unſerer Prinzeſſin viel Böſes zuzufügen, wozu ihm die Leidenſchaft, die meine Tochter von mir geerbt hat, genug Gelegenheit geben wird. Darum nimm dieſes ſilberne Horn und gib es Deiner Tochter, wenn es ſie in den Wald hinaustreibt, um durch Fels und Kluft dem luſtigen Wilde zu folgen; bedeute ihr genau, es nie zu verlieren, und in Augenblicken der Gefahr wird ein ſanfter Ton, den ſie daraus erklingen läßt, meine unſichtbaren Diener herbeirufen, ihr zu helfen.“ Bei dieſen Worten überreichte mir die Königin ein kleines ſilbernes Horn, drückte mich noch einmal an ihr Herz, und wandte ſich zum Gehen. Ich ſprang auf und bat ſie fußfällig zu bleiben oder mich mit hinauszunehmen, möge aus mir werden, was da wolle. Doch ſie führte mich an das Bett meines ſchlummernden Kindes, küßte es auf Mund und Stirne und reichte mir die Hand zum Abſchied.„Höre, o mein Gemahl,“ ſprach ſie,„mich erwartet noch ein hartes Geſchick, ehe ich aus den gröberen Banden dieſes Erdenlebens in die reineren Regionen empor⸗ ſchweben kann. Und darum gib mir Dein königliches Wort, mir meine letzte Bitte nicht zu verſagen— es muß ſo ſein.— Laſſ' am nächſten Morgen alle Deine Jäger und Reiſigen hinaus in den Wald —,— 128 ziehen, damit ſte ſorgſam umher ſpähen nach einem weißen Reh; doch ſollen ſte es ja nicht einfangen, ſondern mit einem guten Schuſſe tödten. Ich bin das weiße Reh, doch wenn dieß vollbracht iſt, ſchone fortan die Thiere von ſolcher Farbe; denn es könnte ſein, daß ich von der Feen⸗Königin die Erlaubniß bekäme, Dich und mein Kind für einige Augenblicke zu ſehen, wo ich alsdann, um den Verfolgungen jenes böſen Geiſtes zu entgehen, wieder die Geſtalt eines weißen Rehes an⸗ nehmen würde.“ „Nach dieſen Worten meiner Gemahlin wurde es plötzlich im Schloßhofe laut und es klirrte und tönte, als wenn ſich ein großer Jagdzug verſammelte. Und ſo war es auch. Das Gefolge der Kö⸗ nigin, das ſie vor zehn Jahren in meine Reſidenz begleitet hatte, und ihr und mir während der ganzen Zeit getreulich gedient, zog in buntem Gewühl aus den Thoren des Palaſtes und meiner Ställe hervor. Die großen Meuten der Hunde waren gekoppelt und wurden von Jägern gehalten, Jagdpagen, den Falken auf der Fauſt, ſaßen hoch zu Roß, und die Damen der Königin erwarteten ſite unten am Portal, um mit Hülfe der Stallmeiſter ebenfalls ihre Pferde zu beſteigen. Jetzt klangen die Töne der Waldhörner luſtig empor, die Königin wandte ſich zum letzten Male gegen mich und rief mir zu:„Ade, mein herzlicher Ge⸗ mahl, ade!“ dann öffneten ſich die Thore des Palaſtes und die Jagd zog hinaus in den dunkeln Wald. „Am andern Tage that ich, wie mir die Königin geſagt, und Du kannſt denken, mein Sohn, wie mir bei der Nachricht wurde, daß man ein weißes Reh aufgefunden und getödtet habe; doch ſei es als⸗ bald verſchwunden, und habe keine Spur zurückgelaſſen. Von dem Tage an erließ ich den Befehl, daß der von meinen Jägern und Leuten der härteſten Todesſtrafe verfallen ſei, der künftig ein weißes Reh er⸗ lege oder nur das geringſte Leid anthue. Doch will man ſonderbarer Weiſe ſeit jener Zeit keines dieſer Thiere mehr geſehen haben.“ Bis hieher hatte der Einarm der Geſchichte des Königs ſtaunend zugehört; jetzt aber bei Erwähnung des weißen Rehes drängte es ihn, ſeinem Herrn mitzutheilen, auf welche wunderbare Weiſe er aus ſeinem Krüppel ein geſunder Menſch geworden, und wer ihm das ſicher treffende Gewehr verliehen. Ueberraſcht hörte der König zu, als der Ein⸗ arm von der ſchönen Fee erzählte, die er im Traume geſehen und riß den Vorhang von dem Gemälde herab, vor welchem er ſaß und der Jäger taumelte entſetzt zurück. Ja, das waren dieſelben Züge, dieſelbe Geſtalt, die ihm im Traume erſchienen. Jetzt offenbarte er auch ſeinem Herrn das Geheimniß mit den drei goldenen Kugeln, die er empfangen, was er bisher keinem Menſchen anvertraut hatte, und darauf fuhr der König folgendermaßen in ſeiner Erzählung fort. „Das Gemälde, das Du hier ſiehſt, mein Sohn, iſt das Bild der Prinzeſſin meiner Tochter, und zugleich das ihrer Mutter, die auf das Ueberraſchendſte einander gleichen. Die Prinzeſſin, der auch ich den Namen ihrer Mutter, Amaranthe, gegeben hatte, blühte indeſſen von Tag zu Tag ſchöner auf, und war meine Freude und mein Stolz. Sie war ſanft und liebenswürdig, wie ihre Mutter und hatte alle ihre guten Eigenſchaften geerbt; doch auch leider, wie mir die Königin bei ihrem Abſchied vorher geſagt hatte, deren Leidenſchaft zur Jagd, was mich vielfach beunruhigte. Aber ich vertraute dem ſilbernen Horne, das Amaranthe nie von ſich ließ, und das, wie ſie mir ſelbſt am Abend öfters erzählte, ihr während der Jagd wunderbare Dienſte leiſtete. Oft wenn ſie einem Wilde zu eifrig folgte und ſich von ihrem Gefolge verlor, ſah ſie ſich plötzlich von wilden ſchauerlichen Klüften umgeben, oder im dichten Walde, wo kein Ausweg zu finden war; aber ein Ton des Horns reichte hin, und es zeigte ſich ihrem Auge eine freiere Ausſicht, ein bekannter Punkt, der ſie wieder zur Jagd zurückführte. Zuweilen lagerte ſte ſich mit ihren Damen, von den wilden Ritten ermüdet, im Schatten der grünen Bäume und plötzlich überfiel die ganze Geſellſchaft eine gewaltige Müdigkeit. Die Hunde ſtreckten ſich hin und ſchliefen ein, dem Jagdgefolge fielen auf den Pferden die Augen zu und Amaranthe ſah mit Schrecken, daß es nicht ein gewöhnlicher Schlaf ſei, der ihre Umgebung befallen, ſondern die Geſichter waren hart und weiß geworden, wie Marmor, und wenn ſie eine ihrer Damen bei der Hand faßte, um ſte zu ermuntern, fühlte ſie ſich kalt an, wie lebloſer Stein. Glücklicher Weiſe widerſtand ſie ihrer eigenen Ermattung, ſetzte das Horn an den Mund und bei dem Ton deſſelben kehrte plötzlich das Leben in die von einem böſen Geiſte verzauberte Geſellſchaft zurück. Deßwegen aber hielt die Prinzeſſtn das Horn hoch in Ehren, und that es nie von ſich. Sie hieng es an einer ſeidenen Schnur, mit der ſie es von meiner Gemahlin erhalten, um ihre Schulter, und jene Schnur war unzerreißbar; denn oftmals während dem Jagen durch die Wälder ſtreifte das Pferd plötzlich an einem Aſt, den ſie früher nicht bemerkt, an dem das Horn unfehlbar hätte hängen bleiben müſſen, wenn die Schnur an demſelben nicht von Hackländer, orient. Sagen. 9 —-— —— “ — —— ———— — 2 8 2 — —— 130 wunderbarer Kraft geweſen wäre; ſo aber hielt ſie feſt, und nicht ſelten flog der Aſt zertrümmert zur Erde.“ „Ich war in der Zeit der glücklichſte Vater, denn es gab keine verſtändigere und ſchönere Prinzeſſtn, als meine Tochter, rings in allen Reichen umher. Sie war damals ſechszehn Jahre alt und der Ruf ihrer ſeltenen körperlichen und geiſtigen Eigenſcha ften lockte eine Menge der benachbarten Königsſöhne an meinen Hof, die um ihre Hand anhielten. Aber Keiner wußte in ihrem keuſchen Herzen Liebe zu erwecken. Sie war freundlich gegen Alle, ſcherzte mit ihnen und zog mit ihnen durch Wald und Flur dem flüchtigen Hirſche nach, neckte und foppte ſie auch wohl, wenn ſie das Pferd nicht ſo zu regieren wußten, wie ſie; aber Alles mit einer Art, daß Keiner zürnen konnte. So meldete ſich eines Tages der Sohn eines fernen mächtigen Königs an, den ich, wie alle Andern, willkommen hieß; doch mißfiel mir vom erſten Augenblick an ſein ganzes Weſen, ſowie ſeine Geſtalt und ſein finſteres unheimliches Geſicht. Auch der Prinzeſſin ging es ebenſo, und der Fremde war ihr noch unangenehmer, da er ſich mehr als alle Uebrigen um ſie zu ſchaffen machte und ſie auf allen Schritten mit ſeinen Liebesbewerbungen verfolgte. Auf der Jagd wich er nie von ihrer Seite; und da er einſtmals Gelegenheit hatte, die Kraft des wunderbaren Hornes zu erforſchen, ſchien ihn dieß ſehr zu intereſſiren und er hatte die Frechheit, meine Tochter zu bitten, es ihm, wenn auch nur für einige Augenblicke, zu einer Probe zu leihen. Natürlich ſchlug ſie ihm dieß Begehren ab, was ihn aber nicht abhielt, ſeine Bitte öfters zu erneuern. Endlich, da er ſah, daß alle ſeine Bewer⸗ bungen fruchtlos blieben, rüſtete er ſich zur Abreiſe, bat aber vorher, daß es ihm, wie allen übrigen Bewerbern, geſtattet ſein möge, der Prinzeſſin ein Andenken zu hinterlaſſen. Dieß war eine ſehr kunſtreich gearbeitete goldene Kette, die er der Prinzeſſin überreichte und ſie da⸗ bei bat, ſie möge ſtatt der ſeidenen Schnur künftig ihr Horn an dieſer Kette befeſtigt tragen. Er drang mit dieſer Bitte ſo ungeſtüm in die Prinzeſſin, daß ſie ihm endlich bewilligte, wenigſtens während der letzten Jagd, zu der ſie mit jenem Prinzen auszog, die Schnur mit der Kette zu vertauſchen. Ach, daß ich damals mein väterliches An⸗ ſehen gebraucht hätte und jenes freche Begehren zurückgewieſen. Aber mein Geiſt war umdüſtert, und ich fand keinen Grund, dieſen Tauſch zu verbieten.“—— „Jetzt ſind beinahe fünf Jahre verfloſſen,“ fuhr der König mit —— —+— 5—O——8 u8ð—— 8—9*—— 18 dumpfer Stimme fort zu erzählen,„daß die Prinzeſſin in Begleitung jenes Fremden nebſt ihren Damen und einem zahlreichen Jagdgefolge zu Walde zog,— ich mußte wegen einer leichten Krankheit zurück⸗ bleiben— und nicht zurückkehrte. Sie war verſchwunden und ſelbſt von ihrem Gefolge fand man bisher keine Spur. Ich ließ die Wälder nach allen Richtungen durchſtreifen, Wochen, Monate lang, ſetzte die ungeheuerſten Preiſe aus, wenn man eine Spur von der Verlornen bringen könne; Alles umſonſt. Ich ſandte an den Hof jenes Königs, deſſen Sohn meine Tochter begleitet hatte, und als ich von dorther die Nachricht bekam, daß dieſer König nie einen Sohn gehabt, ſah ich deutlich ein, Amaranthe ſei von dem böſen Geiſte, vor dem mich die Königin gewarnt, entführt oder gar verzaubert worden. Jetzt kehrte der wüthende Schmerz, den ich bei dem Abſchiede meiner Gemahlin gefühlt, doppelt zurück, und da mich alle bunten Farben, da mich Alles, was mich an ein früheres glückliches Leben erinnern konnte, anekelte, ſo kleidete ich meine ganze Umgebung in die ſchwarze Farbe der Trauer, die auch mein Herz und meine Sinne umzogen hatte.“ Der Einarm hörte dieſer wunderbaren Geſchichte des Königs ſtaunend zu, und wenn es auch in damaliger Zeit gerade nichts be⸗ ſonders war, von dem ſichtbaren Eingreifen guter und böſer Geiſter in's menſchliche Leben zu hören, ſo war doch die Verkettung der Um⸗ ſtände, die auch ihn theilweiſe in das Schickſal des Königs verflochten hatte, äußerſt ſonderbar und wohl im Stande, ihn für einige Minuten vor Verwunderung ſtumm zu machen. Dabei konnte er es nicht über ſich gewinnen, auch nur eine Sekunde das Auge von dem Bild der ſchönen Amaranthe abzuwenden, und mochte es die Dankbarkeit für die ſchöne Fee ſein, die ihn damals ſo reichlich beſchenkt, oder waren es die wunderſchönen liebreizenden Züge der Prinzeſſin, genug, es wurde ihm bei dem längern Betrachten ganz warm um's Herz, und als der alte König zufällig den Richtungen ſeiner Augen folgte, mußte er ſie ſchüchtern erröthend niederſchlagen. Jetzt erhob ſich der alte König von ſeinem Sitz, ließ den Vorhang vor das Gemälde fallen und ſprach ſeufzend zum Einarm: „Mein trauriges Geſchick habe ich Dir auf Deine Bitte mitge⸗ theilt und dieſe Erzählung hat meinem Schmerz einige Linderung ver⸗ ſchafft. Schon als ich Dich zum Erſtenmale erblickte, regte ſich in meinem Herzen ein Wohlwollen für Dich, was ſich durch Deine guten — —-yyy— 132 Eigenſchaften und die Treue, die Du mir bezeigt, beſtändig geſteigert hat. Weil Du mir geſtern das Leben retteteſt, erhebe ich Dich über die Schaar meiner dienenden Jäger und ernenne Dich zu meinem Forſtmeiſter.“ Der gute Einarm, der, obgleich er viel perſönlichen Muth beſaß, doch die geſtrige Errettung des Königs ſelbſt bei dem größten Eigendünkel nur auf Rechnung ſeines nie fehlenden Gewehrs ſchrei⸗ ben konnte, fiel vor der Majeſtät auf die Knie und dankte gerührt für die bewieſene große Gnade. Sobald aber dies neue Avancement des Einarms unter dem Hofperſonal bekannt geworden war, er⸗ mangelte dies nicht, den Neid und Haß, den es ſchon früher auf den Einarm geworfen, noch um viele Prozente zu erhöhen. Man ſuchte Alles auf, um ihn wegen ſeiner Gebrechen lächerlich zu machen, und da er früher einmal in ſeiner Gutmüthigkeit erzählt hatte, wie ihn Bello, der Hund, in ſeiner frühen Kindheit beſchützt und bewahrt, ſo gab dieſe Erziehung dem Hofgeſtnde Stoff genug, den neuen Forſtmeiſter lächerlich zu machen. Wenn ſich dieſer auch früher zu⸗ weilen über dieſe liebloſen Ausfälle geärgert hatte, ſo war doch ſeit jenem Tag, wo ihm der König die traurige Geſchichte erzählt, ſein Herz ſo mit einem unbekannten ſüßen Gefühl erfüllt, daß er für etwas Anderes gar keinen Platz mehr darin hatte. Ach, ihm ſchwebte das Bild der ſchönen Amaranthe Tag und Nacht vor, und da er in dergleichen Sachen noch zu unerfahren war, um zu wiſſen, wie ſchlimm es iſt, eine Liebe, deren Befriedigung unmöglich bleibt, im Herzen anzufachen und zu nähren, ſo hatte er kein Arg darin, daß er ſich ſtündlich das Bild der ſchönen Prinzeſſin mit aller Kraft ſeiner Phantaſie vergegenwärtigte und ausmalte. Dabei blieb er nicht ein⸗ mal ſtehen, ſondern, nachdem er ſich an dem bloßen Bild eine Zeit lang erluſtigt, ließ er ſie in ſeinen Gedanken eines Tages aus dem Rahmen ſteigen, ſtürzte vor der ſchönen Amaranthe auf die Knie und machte ihr eine förmliche Liebeserklärung. Da, nachdem er eine Zeit lang auf dieſe Art geſchwärmt und geträumt, fiel ihm plötzlich ein, die Prinzeſſtn ſei ja verloren und würde nie mehr zurückkehren. Wohl blitzte ihm in ſolchen Stunden ein kleiner Hoffnungsſtrahl entgegen, ob es ihm nicht vielleicht gelingen könne, eine Spur von der Ver⸗ lornen aufzufinden und ſie dem Vater zurückzubringen. Dieſer Ge⸗ danke, der nach und nach zum Vorſatz wurde, reifte an einem gewiſſen Tage zum Entſchluß. Alljährlich nämlich, um die Zeit, wo die Prin⸗ zeſſin verſchwunden war, ſtattete der König drei Söhne von unbemit⸗ telten Edelleuten auf das Prächtigſte mit Waffen, Roſſen, Knappen und Reiſigen aus, und dieſe mußten ſich dafür verbindlich machen, die Waldungen des ganzen Landes im Laufe eines Jahres zu durchſtreifen und nach der Prinzeſſin zu forſchen. Bisher aber waren Alle unverrichteter Sache zurückgekehrt. Wenige Tage vorher, ehe drei neue Ritter ab⸗ geſandt wurden, wandte ſich der Einarm in einer Stunde, wo der König ſehr gut gelaunt ſchien, an ihn mit der Bitte: ihn dieſes Jahr an dem Streifzuge Theil nehmen zu laſſen. So gnädig ihm aber auch der König geſinnt war, und ſo gern er ihm eine Bitte erfüllen mochte, ſo kam ihm dieſe doch ungelegen, denn erſtens mochte er den Einarm nicht gern von ſich laſſen, dann war er auch nicht edel ge⸗ boren und hatte ferner eigentlich noch nichts gethan, um dafür den Ritterſchlag in Anſpruch nehmen zu können. Doch ſchlug ihm der König dieſe Bitte nicht geradezu ab, ſondern behielt ſich eine Be⸗ rathung darüber mit ſeinen Miniſtern und Großwürdenträgern vor, in deren Beiſein er auch ſchon am andern Tag dieſe Sache auf's Tapet brachte. Dies Begehren des einarmigen Bedienten kam aber dem verſammelten hohen Adel ſo unerhört und anmaßend vor, daß im erſten Augenblick Alle verſtummten, dann aber mit deſto geläufige⸗ rer Zunge über den armen Forſtmeiſter herfielen. Schon lange hatte es auch dieſe Herren verdroſſen, daß ein gewöhnlicher Menſch in der Gunſt des Königs ſo entſchiedene Fortſchritte mache. Jeder hatte ſich vorgenommen, ihm bei der nächſten ſchicklichen Gelegenheit ein Bein zu ſtellen, und da dieſe jetzt zu kommen ſchien, ſo erhoben ſich ſo viele herzogliche, gräfliche und freiherrliche Beine, daß es ausſah, als wollte der geſammte Adel einen großen Fortſchritt machen; aber wenn ſich auch der gute alte König überſtimmt ſah, ſo war es doch nur ein Rückſchritt, den die Herren machten. Das Projekt, den Einarm zum Ritter zu ſchlagen, mußte er freilich aufgeben, denn der ganze Adel verſchwor ſich, mit dem Einarm nie eine Lanze zu brechen und auf dieſe Art den Schmutzfleck aus ſeinem goldenen Buche in Kurzem auszulöſchen. Dafür aber erhob ſich die Majeſtät von ihrem Throne, und erklärte feierlichſt, ſte würde den Einarm, wenn auch ohne Ritter⸗ ſchlag und Ausrüſtung hinausziehen laſſen, um ſein Glück zu ver⸗ ſuchen, ſicherte ihm aber hiemit durch königliches Wort, im Falle es ihm gelänge, die Prinzeſſin aufzufinden, denſelben Theuerdank zu, wie den Andern, die auf das gleiche Abenteuer auszogen. Und dieſe Be⸗ 134 lohnung beſtand in nichts Geringerem, als in der Hand der Prinzeſſin. Das kam dem verſammelten Adel doch ſehr unerwartet, und Mancher verſuchte, den König auf einen andern Gedanken zu bringen, aber vergebens. Der alte Herr hatte einmal ſein Wort gegeben und alſo blieb's dabei. Doch vermochte ſpäter der Oberceremonienmeiſter ſo viel über ihn, daß er die verſprochene Belohnung dem Einarm nur in dem Falle verhieß, wenn die wiedergefundene Prinzeſſin nichts da⸗ gegen habe;— eine Klauſel, die den verſammelten Hofſtaat ſehr beruhigte; denn daß die ſchöne und kluge Prinzeſſin keinen Gemahl wählen würde, dem die Naſe fehle und der nur einen Arm habe, wußte jeder im Voraus. Nicht ſobald hatte der Einarm von den Debatten gehört, die ſeinetwegen im Staatsrathe vorgefallen, ſo wie von dem Entſchluß des Königs, als er ſich bei dieſem melden ließ, um für die bewieſene Gnade zu danken. Neben dem Bilde der ſchönen Prinzeſſin, das ihm Tag und Nacht unabläſſig vor Augen ſchwebte, machte ihm auch der Haß, den ſeine Kollegen gegen ihn hegten, ſo wie die Neckereien, mit denen ſte ihn verfolgten, den Aufenthalt bei Hofe ſehr unangenehm. Bald erluſtigten ſte ſich über ſeine Gebrechen, bald über den treuen Bello und ſchon Einigemal hatte das Geſammt⸗Perſonal dem Hofmarſchall erklärt, daß ſie alle eine viel zu gute Erziehung genoſſen hätten, um mit einem Menſchen, bei dem ein Hund die Stelle des Lehrers vertreten, länger leben zu können. Der König empfing aber den Forſtmeiſter ſehr gnädig, beſtätigte ihm ſein Wort, jedoch mit der Klauſel, die der Oberſtceremonienmeiſter hinzugeſetzt hatte, ertheilte ihm ſeinen Segen mit dem Verſprechen, ihn auch dann wieder gnädig aufzunehmen, wenn er ohne die Prin⸗ zeſſin heimkehre, und entließ ihn. — Der Einarm nahm ſein Gewehr auf die Schulter, hing die Waidtaſche um und wandelte mit dem treuen Bello zum Thore hinaus, dem Walde zu, in deſſen grünen Schatten ihm das Herz noch einmal ſo laut und freudig ſchlug. Sein erſter Gang war zur Hütte ſeines Vaters, dem der König zur Unterſtützung ein paar Jägerburſchen bei⸗ gegeben hatte, und der Sohn kam gerade recht, um bei dem letzten Stündlein des alten Förſters gegenwärtig zu ſein. Freudig richtete dieſer ſich noch einmal von ſeinem Lager auf, hieß die Jägerburſchen hinausgehen, um dem Sohne den letzten Segen, ſo wie eine Ueberſicht der hinterlaſſenen Habe allein übergeben zu können. Doch ſchien von — — ²⁸½⁷⏑ u—— ⏑ ⏑⏑—* — 135 der ganzen Nachlaſſenſchaft der Segen des guten alten Mannes das Beſte zu ſein; denn der Einarm wußte von früher her, daß außer einigen roſtigen Gewehren und Hirſchfängern, einer hölzernen Bank und eines eben ſolchen Tiſches ſich nichts in der armſeligen Hütte vor⸗ fand. Goldenes und Glänzendes hatte ſich nie hier befunden, ausge⸗ nommen, wenn die untergehende Sonne in einen alten zerbrochenen Spiegel ſchien, der an der Wand hing, oder ſymboliſch das Herz des alten Mannes, das gediegen und rein wie das edelſte Metall war. Doch ſchien der Förſter noch Etwas auf eben dieſem Herzen zu haben, und nachdem er den Sohn gebeten, ihn unter dem bekannten wilden Roſenſtrauch zu begraben, zog er unter dem Kopfkiſſen ein unſchein⸗ bares Hundehalsband hervor, das er ihm mit folgenden Worten übergab: „Es ſind ſchon ſehr viele Jahre, als ich dieß Halsband eines Rorgens im Walde fand, wo es am Zweig einer Eiche hing. Ich nahm es mit, und da es mir keinen großen Werth zu haben ſchien, legte ich es um den Hals eines meiner ſchlechteſten Hunde, der vordem weder auf dem Anſtand zu gebrauchen war, noch der Fährte eines Wildes kunſtgerecht folgen konnte. Doch ſeit jenem Augenblick änderte ſich der Hund plötzlich, ward das vorzüglichſte Thier und wußte ein Stück Wild aufzuſpüren, wenn es in die tiefſte ungangbarſte Schlucht geſtürzt wäre. Da mir dieſe wunderbare Veränderung des Hundes unerklärlich war, ſo vermuthete ich mit Recht, daß ein Zauber in dem Halsband liege. Und ſo war es auch. Ich mochte es dem unge⸗ lehrigſten Thiere anlegen, und brauchte dann nur den Wunſch auszu⸗ ſprechen, ein beſonders vorzügliches Stück Wild, das ich einſtens ge⸗ ſehen, wieder aufzufinden, ſo führte mich der Hund augenblicklich an die Stelle, wo es ſich befand. Nimm es deßhalb, mein Sohn, als das einzige werthvolle Erbſtück, was Dir Dein Vater zu hinterlaſſen vermag.“ Somit endigte der Förſter ſeine letzte Rede, die er in dieſer Welt ſprach, ſeufzte etwas Weniges und verſchied in dem einen Arme ſeines Sohnes, der ihm alsbald die Augen zudrückte. Als ſich nach zwei Tagen, während welcher Zeit er den Vater treulich bewachte, kein Lebenszeichen mehr bei ihm ſehen ließ, machte er mit Hülfe der Jäger⸗ burſchen unter dem wilden Roſenſtrauch ein zweites Grab, legte den Vater hinein und deckte ihn mit kühler Erde zu, in die ſeine zärtlichen Thränen floßen. Dann nahm er das hinterlaſſene Halsband, legte es —* 8 ———* .— —— 136 dem treuen Bello um und ging ohne ſich umzuſehen, aus dem Haus und dem Garten, in welchem er die Tage ſeiner Kindheit verlebt. Beide wandelten ſtumm dahin unter den hohen Bäumen fort und da der Einarm in ſeinen ſchwärmeriſchen Gedanken an die ſchöne Amaranthe keines Wegs achtete, ſo befand er ſich bald mit dem Hunde im dickſten Walde, wo er nicht ein noch ausſah. Auch fing der Hunger mächtig an ſich in ihm zu regen, und da er um ſich am Boden wohl Stachelgewächſe, aber keine eßbaren Waldbeeren ſah, ſo ſtieg der Wunſch in ihm auf, ein Haus zu finden, wo er ſich mit einem Biſſen Brod und einem Trunk Waſſer erquicken könne. Kaum hat er dieß halblaut zu ſich ſelbſt geſagt, als Bello, der Hund, der ihm beſtändig zur Seite geblieben war, plötzlich mit luſtigen Sätzen in den Wald hinein ſprang und ſich dabei laut bellend oft umſah, ob ſein Herr auch folge. Dieſer, nachdem er ihn vergebens zurückgelockt, lief ihm endlich nach und folgte dem Hund über Berg und Thal, durch Dick und Dünn, bis zu einer Lichtung im Walde, wo mehre Hänſer lagen. Ohne an die Kräfte des wunderſamen Halsbandes zu denken, glaubte der Einarm, der Inſtinkt habe den Hund hierher geleitet und trat wohlgemuth in eins der Häuſer, wo er ſich mit Speiſe und Trank erquickte. Doch trat ihm auch hier unabläſſig das Bild der ſchönen Amaranthe vor und ließ ihn weder ruhen noch raſten. Tauſend Pro⸗ jekte, ſie zu befreien, durchkreuzten ſeinen Sinn, aber zu keinem konnte er ein glückliches Ende finden, vielmehr wirrten ſich alle ſeine Ge⸗ danken zuſammen wie ein Knäul Garn. Ermüdet warf er ſich auf die Ofenbank, doch kaum leuchteten die Sterne, ſo ſchritt er auch wieder in den Wald hinaus und rüſtig auf dem bethauten Boden da⸗ hin. So recht willenlos ließ er ſich vom Zufalle fortführen und folgte jedem Weg, der ihm angenehm dünkte, ohne ſich viel darum zu be⸗ kümmern, wo er hinführe. So lief er beſtändig im Dickicht herum, und die Sonne hatte längſt die Höhe ihrer Bahn erklimmt, als der Einarm von ſeinem Weg noch eben ſo wenig wußte, wie geſtern und heute Morgen. Seinen bellenden Magen beſchwichtigte er mit einem Stück Brod, das er von ſeinem geſtrigen Abendmahl übrig behalten; aber ſeinen heißen Durſt vermochten die einzelnen Waldbeeren, die er hie und da pflückte, nicht zu löſchen, und als das Kauen von Sauer⸗ klee und andern grünen Blättern ihm auch nicht viel helfen wollte, ſeufzte er zu ſeinem treuen Hunde hinab, der die Zunge herausſtreckte, ——ͦ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—————:¶i.j —y—-ͤͤͤͤö 137 um einen kühlen Wind damit aufzufangen: Ach, Bello, wenn wir nur eine gute Quelle wüßten, um uns ſatt daran zu trinken! Sogleich ſpitzte der Hund das Ohr, machte ein Paar Sätze und ſprang wie geſtern davon, ohne ſich umzuſehen. Sein Herr folgte ihm ohne Verweilen, und als ſie bald darauf eine ſolche klare Quelle entdeckten, die murmelnd zwiſchen den Felſen hervorſprang, gab er dem Inſtinkt des Hundes nicht wieder die Ehre wie geſtern, ſondern be⸗ trachtete mit Wohlgefallen das Halsband, das ihm ſein Vater hinter⸗ laſſen und das ihm jetzt ſchon ſo gute Dienſte that. Der Einarm lagerte ſich mit ſeinem Hund auf dem weichen Moos, kühlte ſeine Zunge mit dem kalten Waſſer und ſah dann feufzend an den Himmel hinauf, den die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten. Schon wieder war ihm ein Tag verloren und er ſeinem Ziel um kein Haar breit näher gerückt. Doch ſollte ihm ſo noch oft der Tag en⸗ digen und er ſich noch oft, wie heute, auf das Moos ſchlafen legen, ohne von dem Aufenthalt der Prinzeſſin ſo viel als vom Eingang des Himmels ſelbſt zu wiſſen. Es waren ſchon ein Paar Monate vergangen und er wanderte von Morgens bis Abends unverdroſſen durch die Waldungen viele, viele Meilen weit. So oft er Hunger und Durſt verſpürte, führte ihn das Halsband an den Ort, wo Speiſe und Trank zu finden war, und ſo lag er auch eines Abends an einer friſchen Quelle und dachte mißmuthig an die langen Tage, die er ſchon vergebens in den Wäl⸗ dern herumgeirrt ſei. Seine Waidtaſche lag neben ihn und als er ſo darin nach dem letzten Biſſen Brod herumſuchte, fielen ihm plötzlich die drei goldenen Kugeln in die Hände. Er beſah ſte nach allen Seiten und las den Spruch darauf, der beſagte, daß ſie nur zur höchſten Noth zu gebrauchen ſeien, und ihm wollte bedünken, er be⸗ finde ſich jetzt ſtark genug in der Klemme, als daß es ihm die gute Fee übel nehmen könnte, wenn er von einem Theil ihres Geſchenks Gebrauch mache; aber auf welche Art, das war ihm noch ſehr unklar, und ſo viel er darüber nachſann, welche Procedur er mit der Kugel vornehmen ſolle, ſo kam er doch als ehrlicher Waidmann immer wieder darauf zurück, ſie in das Gewehr zu laden und auf gut Glück in die Luft zu ſchießen. Geſagt, gethan. Er legte die geladene Büchſe an die Wange, zielte herzhaft in die Luft und glaubte ſeine Sache ſehr klug zu machen, daß er bei dem Abdrücken laut ausrief: Die Kugel ſoll ihm anzeigen, 14 † 1 „—* — 138 auf welche Art und auf welchem Wege er den Ort, wo die Prinzeſſin Amaranthe verzaubert ſei, finden könne. Der Schuß knallte und der Einarm ſchaute mit offenem Munde in die Höhe um den Zauber gewahr zu werden, der ſich jetzt aus der Kugel entwickeln würde. Aber die goldene Kugel flog durch die Zweige und die Luft, ohne ſich in eine Fee oder in einen Drachen zu verwandeln und das einzige Sonderbare bei der Sache war, daß ſie beim Herunterfallen, wie es jede Kugel thut, die gerade in die Höhe geſchoſſen wird, dem armen Bello nachdrücklich auf das Kreuz fiel, und dann, als ſei es nur ein Thautropfen geweſen, in unzählige Attome zerſplitterte. Der Hund ſprang ſchreiend um ſeinen Herrn herum und dieſer ſtand verblüfft da und war von ſeinem erſten Probeſtück in der Zauberei nicht ſehr er⸗ baut. Einen Augenblick war er zweifelhaft, ob er nicht die beiden andern Kugeln wegwerfen ſollte, da ſie ihm ſo wenig nützten. Doch ſchwebte plötzlich das Bild der ſchönen Fee ſeinem Gedächtniſſe wieder vor mit den Zügen der Prinzeſſin Amaranthe, deren Bild ſein ganzes Herz ausfüllte. Er ließ daher die Kugeln mißmuthig in ſeine Waid⸗ taſche fallen, rieb dem Hunde den Theil des Rückens, den die Kugel getroffen und ſeufzte leiſe vor ſich hin: Ach, Bello, wenn ich nur den Ort wüßte, wo die Prinzeſſin Amaranthe von dem böſen Zauberer gefangen gehalten wird. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo ſchien der Hund ſeine Kreuzſchmerzen vergeſſen zu haben und ſtürzte mit munterem Geheul in das Dickicht des Waldes, als ſuche er ein Haus oder eine Quelle. Ueberraſcht folgte ihm der Einarm und plötzlich ſtieg ihm der Ge⸗ danke auf, daß ſich vielleicht doch die erſte Kugel wunderthätig an ihm bewieſen habe; denn ſie konnte ja durch das Herabfallen auf den Hund dieſen bezeichnet haben, daß er ihn durch die Kraft des Halsbandes, die er ſich nicht in ſo ausgedehntem Maßſtab gedacht hatte, an den längſt erſehnten Ort führen würde. Doch war es keine Kleinigkeit, dem ſchnell dahin ſpringenden Hunde zu folgen, und wäre der Ein⸗ arm nicht ein rüſtiger Jäger geweſen, oder hätte ihm nicht die gute Fee damals das kräftigſte Mark in's Gebein gegoſſen, ſo würde er auf keinem Fall das Schreiten hinter dem Hunde ausgehalten haben. Die Sonne ſank, ohne daß Bello ſtehen blieb; vielmehr ſchien er beim Licht des aufſteigenden Vollmondes ſeinen Weg mit verdoppelter Ge⸗ ſchwindigkeit fortzuſetzen. Dabei war es nicht leicht, dem Thiere ſo raſch auf dem unebenen Boden zu folgen. Es ging bergauf und na 822e 139 bergab, durch Felsklüfte und dicht verwachſenes Dornengeſtrüpp, ſo daß ſchon am zweiten Tage dieſer wilden Jagd dem armen Einarm die zerfetzten Kleider am Leibe flatterten und das Blut an Händen und Geſicht herablief. Wieder trat die Nacht ein, ohne daß der Hund ſtehen geblieben wäre; doch fühlte der Einarm, daß ihn bei dieſem unerhörten Rennen ohne Speiſe und Trank eine unſichtbare Macht von Zeit zu Zeit ſtärken müſſe, denn je länger er lief, je weniger fühlte er eine Abnahme ſeiner Kräfte und es trieb ihn unaufhaltſam vor⸗ wärts, dem Hunde nach. Bald kamen ſie in eine wilde ſchauerlich zerklüftete Gegend. Zwiſchen himmelhohen Felſen ſahen ſie einen kleinen dichten Wald vor ſich liegen, der ſo durch kleine Gebüſche und Schling⸗ pflanzen zuſammengewachſen ſchien, daß er wie eine grüne undurch⸗ dringliche Wand ausſah. Und ſo war es auch. Bald hatte Bello dieſen Wald erreicht und verſuchte hineinzudringen, aber vergebens. Selbſt für den kleinen geſchmeidigen Körper des Hundes war keine Oeffnung zu finden, und die Zweige ſchienen überall netzförmig zu⸗ ſammengerollt zu ſein. Auch dem Einarm gings nicht beſſer. Und als er nach vergeblichem Verſuch durch die Gebüſche zu dringen, ſeinen Hirſchfänger zog und einige Zweige abhauen wollte, zerſplitterte das Eiſen wie Glas in ſeiner Hand. Jetzt ſah er deutlich ein, daß hier ein böſer Zauber obwalte, und mit Freuden dachte er daran, daß es derſelbe ſei, der die wunderſchöne Prinzeſſin gefangen hielt. Nachdem der Hund das Gebüſch mehre Male heulend umkreiſt hatte, legte er ſich zu den Füßen ſeines Herrn hin, und da ſich nach dem gewaltigen Lauf jetzt die Müdigkeit einzuſtellen begann, ſchliefen Beide in kurzer Zeit um die Wette und merkten nicht, daß der Tag verſchwand und die Nacht heraufſtieg. Plötzlich aber hörte der Einarm im Schlaf, wie Bello, der Hund, anfing leiſe zu knurren und zu ſtöhnen; auch glaubte er in der Ferne Hundegebell und Hörnerklang zu hören, das immer näher kam. Um⸗ ſonſt verſuchte er die Augen aufzuriegeln und um ſich zu ſchauen, der Schlaf lag wie Blei auf ihm, entfaltete aber vor ihm ein ſeltſames Traumgebild, das mit ſeinem wirklichen Leben in enger Verbindung zu ſtehen ſchien. Das Hörnergetön und Rüdengebell kam näher und bald ſah er flüchtige Reiter zwiſchen den Felſen hervorkommen und glaubte im erſten Augenblick, es ſei die Jagd des Königs, ſeines Herrn, denn alle waren wie dieſe, vom Kopf bis zu den Füßen ſchwarz wie die Nacht. Doch als ſie nun näher kamen, ſah er mit Schaudern ein, daß es eine ganz andere ſonderbare Geſellſchaft ſei. Was er in der Ferne für Pferde gehalten hatte, auf denen die Reiter ſaßen, waren mißgeſtaltete ungeheuer große ſchwarze Käfer, auf denen häßliche Kobolde ritten. Die Thiere ſchoben ſich mit ihren vielen langen Beinen raſch vorwärts und wo ſie an einen Felſenabhang kamen, erhoben ſie ihre fürchterlichen Flügeldecken und ſchwirrten mit entſetz⸗ lichem Getöſe hinab. Der Einarm ſah mit Schrecken, daß dieſe wilde Jagd gerade auf ihn zukam, und da er im Traume fürchtete, Bello möge erwachen, ſo faßte er den Hund am Halsbande, um ihn zurückzuhalten und zu Beider Glück, denn es hatte neben andern wunderbaren Kräften auch die, den, der es trug oder berührte, vor Geiſteraugen unſichtbar zu machen. Hart ſtreifte die Jagd an dem Einarm vorbei und er ſah, wie der ganze Schwarm einem kohlſchwarzen Pferde folgte, auf dem ein Reiter ſaß, ebenfalls in ſchwarzem Kleide und von äußerſt häß⸗ licher abſtoßender Geſichtsbildung. Er führte das Roß am blutrothen Zügel, hatte auch ſolche Federn auf dem Barret, und an der Hüfte hing ihm ein glänzendes ſilbernes Horn. Jetzt hielt der ganze Zug, der ſchwarze Reiter ſetzte das Horn an den Mund und begann zu blaſen, und der Einarm erkannte mit freudigem Erſchrecken das Zau⸗ berhorn, von dem ihm der König erzählt. Bei dem erſten Klange fing der verzauberte Wald ſeltſam zu rauſchen an und ſich zu bewegen. Die Zweige und Gebüſche lösten ihre engverſchlungene Umarmung und thaten ſich weit von einander. In der Mitte des Waldes war ein großer Raſenplatz ſichtbar, auf welchem, o Wunder! ein ganzer Jagd⸗ zug mit Pagen, Pferden, Jägern, Hunden und eine Gruppe ſchöner Damen ſich befand, aber alle ſchienen von Stein gehauen zu ſein, ſo regungslos und bewegungslos ſtanden ſie da. Noch immer tönte das Horn fort und wie vorhin in den zuſammengewachſenen Wald ein neues Leben gekommen war, ſo auch jetzt in die ſtarre lebloſe Geſellſchaft. Der ſchwarze Ritter hörte auf zu blaſen, ſprengte in den Kreis und rief mit lauter Stimme:„Schöne Prinzeſſin, es iſt wieder ein Jahr verſtrichen, und ich komme auf's Neue, Dich zu fragen, ob ſich Dein Herz noch nicht für mich entſchieden hat, ob Du noch länger hier bleiben willſt, ein kaltes Steinbild, oder ob Du mir folgen willſt in die hochzeitliche Kammer, um da an meinem Herzen zu erwarmen.“ So ſprach das Ungethüm, und der Einarm horchte entzückt auf, als ihm jetzt eine Stimme antwortete, deren Silberton ſein Herz ſanft ————„*— erbeben machte.„Warum kommſt Du,“ entgegnete die Stimme dem ſchwarzen Ritter, vum mir jedes Jahr dieſelben unnöthigen Fragen vorzulegen, da ich Dir doch ſtets dieſelbe Antwort geben werde. Ich weiß es, daß Du die Macht haſt, mein warmes Blut und meinen lebendigen Leib in Stein zu verkehren und mich erſtarren zu laſſen. Doch fürchte die Stunde der Vergeltung; ſie wird kommen und dann wehe Dir. Vorab nimm auf's Neue meinen Fluch, den ich Dir, Scheuſal, hiemit zurufe. Ach, daß er ſo unkräftig iſt, und nicht ver⸗ mag, Dich in die Schlünde hinabzuſchleudern, wo Du hingehörſt.“ Die Glockentöne der Stimme verſchwammen in ein leiſes Flüſtern, das ſich rings in den Gipfeln der Bäume hören ließ, und ſo klang, als bezeuge der ganze Wald ſeinen Unwillen über das Ungeheuer, das nun die Rede der Prinzeſſin mit lautem Hohngelächter beantwortete, ſeine Hand drohend ausſtreckte, worauf die Prinzeſſin mit ihrem gan⸗ zen Jagdgefolge wieder leblos und ſtarr wurde. Auch die Bäume ſchloſſen ſich rauſchend wieder zuſammen und bildeten wie früher eine undurchdringliche Wand. Umſonſt verſuchte der Einarm, die bleier⸗ nen Bande des Schlafs von ſich zu werfen und zu ſprengen: es war ihm unmöglich, er konnte kein Glied regen. Die Jagd wandte ſich und die ſcheußlichen Geſtalten ſprengten mit lautem Getöſe dahin, wo ſie hergekommen waren. Es wurde wieder ſtill und einſam im Walde, die Vögel begannen ſchüchtern ihr Lied, und erſt als die neue Sonne die Gipfel der Eichen vergoldete, vermochte der Einarm die Augen zu öffnen und um ſich zu ſchauen. Da war Alles noch wie geſtern, die verzauberte Wand undurchdringlich und er vermochte ſo wenig, wie bei dem erſten Verſuch von den verſchlungenen Bäumen auch nur das kleinſte Reiß abzubrechen. Der Einarm ſetzte ſich auf einen Baumſtamm, legte den Kopf auf den Arm und ſtellte die traurigſten Betrachtungen an. Was ſollte er thun? den Ort, wo die unglückliche Prinzeſſin ſich befand, hatte er gefunden, aber wie ſollte er ſie erretten? wie ſollte er den Aufenthalt jenes böſen Geiſtes auskundſchaften? und was würde es ihm auch nützen, ſich mit dem Unhold in einen Kampf einzulaſſen, in dem er doch den Kürzern ziehen müßte. Doch ſtand ſein Entſchluß feſt, wenigſtens bis zum nächſten Jahre zu warten, wo jener ſchwarze Ritter mit dem Horn wieder erſcheinen würde, und ſo lange das Gehege, in welchem die Prinzeſſin verzaubert war, nicht zu verlaſſen, ſondern es treu zu bewachen.“— 142 Bis hieher erzählte der Franke und blickte alsdann hinauf an den nächtlichen Himmel, wo die Sterne erbleichten und der Mond tief an dem Horizonte hinabgeſunken war. So gern ſeine Zuhörer und der Emir el Hadſch das Ende des Mährchens noch erfahren hätten, ſo ſahen doch Alle, daß es Zeit ſei, ſich in ihre Zelte zurückzuziehen, da die Pilgercaravane mit dem erſten Strahl des Morgens auf⸗ brechen mußte. Als ſich am folgenden Morgen der Emir von ſeinem Lager er⸗ hob und Haſſan ihm gerade eine Schaale duftenden Kaffees darreichte, trat einer der Seclaven in das Zelt und meldete ſeinem Gebieter einen jungen Araber, der ihn dringend zu ſprechen wünſche. Muſtapha ließ ihn eintreten und erkannte zu ſeiner nicht geringen Verwunderung jenen jungen Mann, der mit den Abgeſandten des Schech Almanſor bei ihm geweſen war. Auch Haſſan blickte auf und gab ſeinem Herrn durch ein Zeichen zu verſtehen, daß dies der Sänger ſei, der ſeine Laute vor dem Zelte Zemirens erklingen laſſe. Der junge Araber ſchien einen langen wilden Ritt gemacht zu haben. Sein weißer Turban war mit Staub bedeckt und hing loſe um ſeinen Kopf und ſein Geſicht glühte. Auch war ſein ganzer An⸗ zug beſchmutzt und in Unordnung, ebenſo wie ſeine Waffen, die Scheide ſeines Säbels war zerfetzt und die Schlöſſer der Piſtolen, die er im Gürtel trug, waren von Pulver geſchwärzt, ſo daß man ihnen deut⸗ lich anſah, ſie ſeien noch vor kurzer Zeit gebraucht worden. Der Araber neigte ſich tief vor dem Emir, und nachdem ihn dieſer zum Sprechen aufgefordert, ſagte er:„Der Prophet möge Dich beſchützen, o Herr, und Dein Ohr günſtig für meine Botſchaft ſtimmen. Schon einmal hatte ich das Glück, vor Dein Angeſicht zu treten, an jenem Tage nämlich, als der Schech Almanſor, zu deſſen Stamm ich gehöre, Dir den Gruß des Friedens ſandte. Seit jener Zeit blieb ich mit einigen Reitern beſtändig in der Nähe der Pilgercaravane, um, wie es der Befehl meines Herrn war, ihm ſchleunig anzeigen zu können, wenn Dir von den ſtreifenden Araberhorden vielleicht Gefahr drohe. In dieſer Nacht nun, o Herr, ritt ich zurück gegen unſere Zelte, und vernahm plötzlich in der Ferne einigen Hülferuf, ſo wie Säbelgeklirr und Piſtolenſchüſſe. Ich eilte herbei und fand zwei Reitende aus Kairo, die Dir nachgeſandt waren, im Gefecht mit einigen Arabern, von denen ſie angefallen waren. Leider kam ich zu ſpät, um die Bei⸗ den zu erretten, denn ſie ſanken im Augenblicke meines Erſcheinens Bo N zu Tod verwundet von ihren Reitkameelen herab. Doch gelang es mir, nach einem kurzen Gefechte, die frechen Reiter niederzumachen und mich in den Beſitz der Briefe zu ſetzen, die ich in den Taſchen der getödteten Männer für Dich fand. Hier ſind ſie, o Herr!“ Der Emir el Hadſch hörte dieſer Erzählung mit nicht geringer Beſtürzung zu und nahm aus den Händen des Arabers das Perga⸗ ment, das dieſer ihm darreichte und welches er ſogleich für den Ferman ſeines Kalifen erkannte. Nachdem er ihn, wie es bei den Morgen⸗ ländern Sitte iſt, ehrerbietig an ſeine Stirn gedrückt, öffnete er ihn haſtig und las mit Schrecken die Worte, welche ihm ſein Herr, der Kalif, ſchreiben ließ: „Der Kalif, Beherrſcher der Gläubigen, an Muſtapha, den Emir el Hadſch. Es iſt kein Gott als Gott und Mohamed iſt ſein Prophet; aber die Gnade Gottes und des Propheten hilft nicht allen Gläubigen zu ihrem Nutz und Frommen. Einige werden erleuchtet von ſeiner Gnade, aber Andere ſtehen im Schatten und das Licht des Heils glänzt nicht in ihr Auge; alſo viele unter den ausgearteten Söhnen Ismaels, unter den Arabern der Wüſte, denen die Finſterniß ihres Herzens ſo das Auge bedeckt hat, daß ſie blind in das Feuer meines Zornes rennen, um dort elend zu verderben. Es haben Schaaren dieſer ver⸗ lorenen Söhne die Waffen ergriffen und der Prophet hat in ſeiner Langmuth ihnen die Kraft gegeben, einige Haufen meiner rechtgläubi⸗ gen Streiter niederzumachen und ſtie vordringen laſſen bis unfern mei⸗ ner Kalifenſtadt Kairo, weshalb mein Befehl an Dich ergeht, mit der Pilgercaravane, die Du nach Mecca zu führen beauftragt biſt, auf's Langſamſte vorzurücken, um im Falle, daß jene Verblendeten ſich nicht vor dem Angeſichte unſeres Throns zitternd zum Gehorſam wenden würden, nahe zu ſein, um, ein Auserwählter des Propheten, zurück⸗ zukehren und ſie mit der Schärfe des Schwertes vertreiben zu können. Alſo thue im Namen Gottes und des Propheten.“ Nachdem Muſtapha dies geleſen, ſtarrte er gedankenvoll in das Blatt, und wußte einen Augenblick nicht, was er davon halten ſollte. Daß die Araber der Wüſte die Waffen ergriffen und die Karavanen beunruhigten, war nichts Neues. Aber daß ſie bis in das Gebiet Kairo's drangen, den Kalifen in Schrecken verſetzten, beunruhigte den Emir nicht wenig. Wenn ihm auch der Befehl, nur langſam weiter zu rücken, ſo wie ein anderer, der vielleicht in den nächſten Tagen 4 v — 144 ankommen konnte, und der ihn nach Kairo zurückrief, nicht unangenehm war, ſo ſah er doch wohl ein, daß er beim Ausbruch eines wirklichen Krieges der Araber gegen den Kalifen zuerſt und von allen Seiten angegriffen würde, und wenn er auch eine ſchöne Anzahl gut beritte⸗ ner und wohl bewaffneter Mannſchaft bei ſich hatte, ſo wurden dieſe Streitkräfte doch gelähmt durch den Troß der Weiber und Kinder, welche die Truppen natürlicher Weiſe in ihren Bewegungen hemmten. Der Emir el Hadſch faltete den Ferman des Kalifen nachdenkend zuſammen, legte ihn abermals an Bruſt und Stirn und ſchwor beim Lichte ſeiner Augen, den Befehlen ſeines Herrn auf's Pünktlichſte nach⸗ zukommen. Alsdann dankte er dem jungen Mann für ſeine Botſchaft und fragte ihn, ob er nichts von dieſen Aufſtänden der Araber wiſſe, worauf ſich jener lächelnd verneigte, die Frage Muſtapha's verneinte und hinzuſetzte, daß die Araber ſeines Stammes, die Araber des Schech Almanſors, in tiefſter Ruhe und im größten Frieden lebten. Der Emir el Hadſch ſagte ihm ſeinen Dank für den Eifer, den er bewie⸗ ſen und für die Botſchaft, die er ihm gebracht, worauf der junge Mann ſeine Hand an die Stirn legte und das Zelt verließ. Draußen im Lager war ſchon Alles in Bewegung, da riß man die Zelte ein, belud die Kameele wieder, kurz man rüſtete ſich an allen Seiten zum Aufbruch. Alles lief durcheinander, lärmte, ſchrie, beeilte ſich ſo viel wie möglich, wodurch aber oft Einer dem Andern hinder⸗ lich wurde und hie und da Zank und Streit ausbrach. Die ganze Karavane erſchien in ſolchen Augenblicken wie eine große unförmliche Maſſe, wie ein zuſammengerolltes vielgliederiges Thier, das bei jeder Bewegung andere Farben zeigt. Dort tauchen in großen Maſſen die weißen und grauen Mäntel der Derwiſche auf; dort ſtehen zahlreiche Weiber⸗ und Kinderhaufen zuſammen mit ihren blauen Hemden und weißen flatternden Schleiern und dazwiſchendurch glänzt das reiche Koſtüm der Mameluken oder vornehmen Türken, die neben ihren Pferden halten und ſich bis zum Aufbruch der Karavane die Zeit mit Rauchen aus der langen Pfeife vertreiben, während ein ſchwarzer Sclave im rothen Gewande neben ihnen ſteht, und ein ledernes Säckchen bereit hält, worin ſpäter die koſtbare Pfeife des Gebieters geſteckt wird. Vor dem Zelte des Emirs el Hadſch war Alles auf's Emſtgſte beſchäftigt und man hatte ſchon die Kameele beladen, als der junge Araber aus dem Zelt des Emirs trat. Er blieb zwiſchen den be⸗ Q9 8 ⏑——— N D ſchäftigten Sclaven ſtehen, nahm ſeinen Säbel unter den Arm und ſpähte ruhig vor ſich hin. Obgleich, wie wir ſchon erzählten, ſein Anzug ſehr zerfetzt und zerriſſen war, ſo war dies doch nicht im Stande, ſeiner herrlichen kräftigen Geſtalt Eintrag zu thun; auch lag in den Zügen ſeines Geſichts, beſonders in ſeinem Blicke, etwas ſo Beſonderes, ja Gebietendes, daß er ſelbſt im ärmlichſten Anzuge unter allen jungen Männern hervorgeragt hätte. Es war deshalb kein Wun⸗ der, daß, als Zemire, die Tochter des Emirs, jetzt aus ihrem Zelte hervortrat, um ſich auf ihr Pferd zu ſchwingen, ſte ihren Kopf nach dem ſchönen jungen Mann wandte, und ihn aufmerkſam durch ihren Schleier beſchaute. Ach, hätte er durch das dichte Gewebe ſchauen können, ſo würde es ihn ſicher erfreut haben, zu ſehen, wie ſich die lieblichen Züge des Mädchens zu einem freundlichen Lächeln verzogen, als ſie den jungen Araber erblickte, den ſie ſchon zum Oeftern ge⸗ ſehen und deſſen angenehmes Aeußere ihr gleich aufgefallen war. Wohl hatte das kluge Kind ſchon damals zu Hauſe, im Hofe ihres Vaters, bemerkt, daß jener während ſeinem Streit mit Haſſan zu ihrem Fen⸗ ſter hinaufſchaute; wohl hatte ſte ihn ſpäter in der Karavane nah bei ihrem Zuge geſehen, wie er beſtändig nach ihr hinblickte und in ihre Nähe zu kommen ſuchte. Ach, und die Geſänge, die oftmals in der Nähe vor ihrem Zelte ertönten, konnten nur von ihm herrühren; denn wenn er auch jetzt da ſtand, die Lippen etwas finſter zuſammen⸗ gepreßt, ſo ſah man doch dieſem glühenden ſinnenden Auge an, daß das Herz, dem ſie gehörten, wohl im Stande ſein werde, Worte der heißeſten Liebe zu erfinden und auszudrücken. Zemire winkte ihren Dienern, die das prachtvolle Roß herbei⸗ führten, das ſie heute beſteigen wollte, und das von zweien der Scla⸗ ven am Zügel gehalten, unter ſeiner ſammtenen Decke luſtig tanzte. Man ſtellte es vor die Herrin hin und ſie ſchwang ſich anmuthig und leicht hinauf. Doch kaum hatte ſie ihren Sitz eingenommen und die Zügel erfaßt, als das Pferd munter in die aufſteigende Sonne blickte, und plötzlich hoch empor zu ſteigen begann, wobei es mit den Vorder⸗ hufen um ſich hieb und die Sclaven abzuwehren ſchien, die der Herrin zu Hülfe eilen wollten. Kaum ſah der junge Araber, daß Zemire in Gefahr ſchwebte, mit dem Roß überzuſchlagen, als er hinzuſprang, es mit ſtarker Hand erfaßte und zum Stehen brachte. Darauf legte er ſeine Hand an den Sattel und ſchien das Pferd, indem er es auf ſeinen Hals klopfte, zu beruhigen. Aber zu gleicher Zeit fuhr er mit 10 Hackländer, orient. Sagen. ö-‧ 146 Blitzesſchnelle in den Gürtel und zog dort einen kleinen zuſammen⸗ gerollten Pergamentſtreifen hervor, den er mit einem langen Blick auf das Mädchen unter die Stickerei der Sammtdecke ſteckte und dann, ſich tief verbeugend, zurücktrat. So ſehr Zemire das Steigen des Roſſes erſchreckt hatte, ſo war es ihr doch eine große Freude, als ſie den jungen Araber zu ihrer Hülfe herbeiſpringen ſah, und ſie bemerkte genau alle Bewegungen, die er machte. Auch war er kaum von ihr hinweggetreten, als er ſich noch einmal gegen ſie umwendend zu ſeiner unausſprechlichen Freude ſah, wie Zemire mit geſenktem Kopfe auf die Stickerei der Decke ihre kleine Hand legte. Er warf ihr einen dank⸗ baren Blick zu und rief dann einen Beduinen herbei, der nicht weit von ihm mit zwei prachtvollen arabiſchen Roſſen hielt. Er ſchwang ſich auf eines und ließ es wie zum Gruß hoch empor ſteigen und jagte dann in vollem Galopp in die Wüſte hinaus. Der Emir el Hadſch hatte unterdeſſen in ſeinem Zelte den Ferman noch mehrere Male durchgeleſen und nach einiger Ueberlegung den Ent⸗ ſchluß gefaßt, der Karavane für heute einen Ruhetag zu geben. Er ſandte einige ſeiner Mameluken in das Lager hinaus, die mit lauter Stimme dieſen Befehl des Emirs verkündeten. Mit lautem Jubel wurde er von der Mehrzahl des Volkes aufgenommen, denn nicht weit von dem heutigen Lagerplatze befand ſich mitten in einem Palmenwald eine klare Quelle, ein ſo ſeltenes Labſal auf einer Wüſtenreiſe, daß ſich Alles freute, hier den Tag über bleiben zu können, um die Schläuche mit friſchem Waſſer zu füllen. Sogleich wurden die Ka⸗ meele wieder abgeladen, man ſchlug die Zelte auf und Muſik und Geſang erſcholl in allen Theilen des Lagers, wie bei einem großen Feiertage. Haſſan, der Haushofmeiſter, hatte durch die Zeltvorhänge ſpähend vorhin ſehr gut bemerkt, daß jener junge Araber ſeiner Herrin Zemire zu Hülfe geeilt, und wenn er ſchon früher einen Groll auf ihn hatte, ſo vergrößerte ſich dieſer jetzt noch mehr, nachdem er gehört, wie ihm der Emir für das Ueberbringen des Fermans einige freundliche Worte gegönnt, weshalb er es ſich gleich angelegen ſein ließ, den günſtigen Eindruck, den der junge Mann auf ſeinen Herrn gemacht, ſo viel wie möglich wieder zu verwiſchen. „Wenn Du Deinem Sklaven erlauben wollteſt, ſeine Meinung zu äußern,“ ſagte er,„ſo kann ich nicht umhin, o Herr, Dir zu verſichern, daß mir das öftere Erſcheinen jenes jungen Arabers höchſt 2 ——————ü—— ————4ü—— 147 verdächtig iſt. Sollte dieſer, der doch einem der mächtigſten und größten Araberſtämme angehört, anſtatt, wie er ſagt, zu Deiner Hülfe bereit zu ſein, nicht vielmehr bei uns umher ſpähen, um die Stärke unſerer Züge, ſo wie die Anzahl unſerer Streiter zu erkundigen? daß es kein geringer Beduine iſt, ſieht man an ſeinen ſchönen Waffen, ſo wie an den edlen Pferden, die er reitet. Wer weiß, o Herr, ob er nicht von jenem Schech Almanſor geſandt iſt und die Caravane be⸗ gleitet, um vielleicht den günſtigſten Augenblick zu erſpähen, daß er uns überfallen könne? weshalb ſtreifte er ſonſt während des Marſches durch alle Züge der Caravane und ſchliche in der Nacht beſtändig durch das Lager und um Deine Zelte, o Herr? Bemerkteſt Du denn nicht vorhin ſein liſtiges Lachen, als er Dich verſicherte: ſein Stamm hege keine Feindſeligkeiten gegen unſern Herrn, den Kalifen?“ Der Emir el Hadſch, der von ſeinen frühern Kriegen mit den Arabern der Wüſte, noch immer, da ſtie ihn öfters in die Flucht ge⸗ ſchlagen, ein gewiſſes Vorurtheil gegen ſie hatte, war leicht zum Miß⸗ trauen gegen die Beduinen zu bewegen und wenn er ſich auch das Bild des alten Schech Harun vor Augen rief, der ihm gar nicht ſo erſchienen war, wie einer, dem es möglich ſei, eine Caravane, mit der er Freundſchaft geſchloſſen, hinterliſtig zu überfallen, ſo faßte er doch gegen jenen jungen Beduinen Argwohn und befahl ſeinem Leib⸗ neger Haſſan, ihn noch genauer als früher zu beobachten und ihm von Allem, was er thue, Bericht zu erſtatten. Haſſan war natürlicher Weiſe zu nichts auf der Welt bereitwil⸗ liger als hiezu. Indeſſen waren im Lager die Zelte wieder aufgeſchlagen worden und Alles freute ſich nach der mehrtägigen Reiſe einen Ruhetag zu haben. Die Mannſchaft zog mit den Thieren in das nahe liegende Palmenwäldchen, um letztere zu tränken. Die Kameele lagen in langen Reihen an dem Bache auf den Knieen und nahmen nach ihrer Ge⸗ wohnheit für mehrere Tage Waſſer zu ſich. Die Erwachſenen ſtanden dabei, unterhielten ſich von den Mühſeligkeiten der Reiſe, die Kinder, die den Zug mitmachten, liefen laut jubelnd unter den Bäumen umher. Im Lager ſelbſt herrſchte auch heut die lauteſte Fröhlichkeit und der Klang der Cither, ſo wie der kleinen Pauke ſchallte aus allen Zelten hervor und zeigte deutlich an, daß die Rechtgläubigen ſich bei Geſang und Spiel gütlich thaten. So verging dieſer Ruhetag raſch und als es anfing dunkel zu werden, ließ der Emir die Führer der v 148 Caravane zu ſich kommen, indem er ihnen befahl, den Marſch der Caravane zu ändern, und es ſo einzurichten, daß man morgen nur eine kurze Strecke vorwärts gelange. Als dies geſchehen war, legte Muſtapha ſeinen ſeidenen Kaftan von ſich, nahm den groben Burnus um und ging aus, um ſeine Freunde im Lager aufzuſuchen, theils weil er begierig war, den Schluß des angefangenen Mährchens zu hören, theils auch um zu erfahren, welche Stimmung unter den Leuten herrſchte, und was er im Fall eines förmlichen Krieges mit den Arabern der Wüſte von ihnen zu gewärtigen habe. Der Alte mit ſeinen Begleitern ſaß ſchon um das Feuer vor ſeinem Zelte und alle ſchienen auf ihren Gaſtfreund, den Emir el Hadſch, gewartet zu haben. Dieſer ließ ſich mit einem Gruß des Friedens bei ihnen nieder, nahm ſeine Pfeife hervor und begann zu rauchen. Nach einer kleinen Pauſe nahm der alte Mann das Wort und ſagte zu dem Emir: Du wirſt auch ſchon von den Gerüchten gehört haben, die im Lager umher laufen, daß nämlich zwei Reitende unſers Herrn, des Kalifen, welche wichtige Briefe für den Emir el Hadſch zu überbringen hätten, in der Wüſte, unfern des Lagers ver⸗ gangene Nacht niedergemacht wurden.“ Der Emir el Hadſch nickte mit dem Kopf und verſicherte, ſchon davon gehört zu haben. „Wie es mit ſolchen Gerüchten ſonderbar hergeht,“ fuhr der Alte fort,„und wie man im Volke oft der Wahrheit gemäß über Sachen ſpricht, die doch eigentlich Niemand wiſſen kann, ſo geht es uns auch heute mit dieſen Briefſchaften. Es hat doch gewiß noch kein ſterbliches Auge einen Blick hineingeworfen, als Seine Hoheit der Emir, den der Prophet ſchützen möge, und doch murmelt man im Lager von dem Inhalte derſelben— „Und was?“ fragte haſtig der Emir. „Nun,“ entgegnete der alte Mann,„daß der Kalif dem Emir anzeigen ließ, die Araberſtämme der Wüſte haben ſich vereinigt, und bedrohen unſere Stadt Kairo, ſo wie ſelbſt den Thron des Kalifen.“ Bei dieſen Worten ließ der Emir vor Erſtaunen faſt die Pfeife aus dem Munde fallen, denn es konnte Niemand beſſer, als er wiſſen, wie wahr es ſei, was ihm der alte Mann von dem Ferman des Kalifen geſagt. „Ja,“ fuhr dieſer fort, nes iſt eine böſe Zeit, o Herr, und wenn ſich jene Nachricht beſtätigen ſollte, wenn nämlich jene Empö⸗ ———:;:;— 149 rungen wirklich ſtatt finden, ſo möchte ich nicht an der Stelle des Emir el Hadſch ſein, der alsdann unfehlbar zwiſchen zwei Feuer ge⸗ rathen wird; denn er würde ja mit den Streitkräften, die er zur Deckung der Caravane bei ſich führt, nach Kairo zurückreiſen müſſen, und ich ſetzte den Fall, die Araber hätten über den Kalifen große Vortheile errungen, ſo könnte es wohl möglich ſein, o Herr, daß ſich die eigenen Reiter des Emirs gegen ihn empörten, um mit den Arabern gemeinſchaftliche Sache zu machen.“ Der Emir el Hadſch, der ſich den Stand der Dinge nicht ſo ſchlimm gedacht hatte, wie er jetzt hörte, entgegnete dem Alten, wie es denn aber wohl denkbar oder möglich ſei, daß die kleinen Stämme der Araber, die ſich ſelten zu einem gemeinſchaftlichen Zweck vereinigen mochten, es diesmal thun würden, und nur durch dieſe Vereinigung könnten ſie dem Kalifen gefährlich werden. „Freilich, o Herr,“ entgegnete der Alte,„aber wenn ein Stamm der Wüſte, wenn der Stamm des mächtigen Schech Almanſor, die Fahne der Empörung entfaltet, ſo ſammeln ſich alle kleineren Stämme um ihn, und nicht nur das, ſondern das Volk Kairo's und des ganzen Delta würde den Schech Almanſor mit offenen Armen em⸗ pfangen; denn,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu, nachdem er ſich vorſichtig umgeſehen,„ich will es Euch nur ſagen, alle ältern und weiſen Männer ſind darüber einig, daß jener Schech Almanſor der Bruder unſers Kalifen iſt, der in die Wüſte zu den Arabern floh. Ach, Almanſor war ein guter gelinder Herr, und ſein plötzliches Ver⸗ ſchwinden hat nur dazu gedient, die Liebe und Chrerbietung zu ver⸗ größern, die das Volk für ihn im Herzen trug.“ Bei dieſer Erzählung ließ der Emir el Hadſch nachdenklich ſeinen Kopf ſinken und ſein Herz füllte ſich mit traurigen Gedanken. „Aber warum ſollen wir uns Sorgen machen,“ ſagte der aus Franken lächelnd.„Wir ſind friedliche Männer und keine Krieger, und wenn es ja einmal zum Schlagen käme und wir ſtatt des Stocks den Säbel in die Hand nehmen müßten, ſo ſoll jeder dahin ſchlagen, wo es ihm recht dünkt. Ueberlaßt die trüben Sorgen dem Emir el Hadſch und dem Kalifen. Wenn es Euch recht iſt, werde ich Euch das Ende meines Mährchens erzählen.“ Da dieſer Vorſchlag Allen wohlgefiel, ſo ſäumte der Fremde nicht lange und erzählte ſeinen Zuhörern folgendermaßen den v Schluß der Geſchichte vom Einarm. Wir verließen unſern Helden, in traurige Betrachtungen ver⸗ ſenkt, auf einem Baumſtamm ſitzend und feſt entſchloſſen, die Wieder⸗ kunft des Ritters im nächſten Jahre abzuwarten. Es vergingen ihm auf dieſe Art viele Tage, in denen er unab⸗ läſſig bemüht war, rings das Gehege zu umſpähen, ob er nicht einen Eingang fände. In der Nacht hatte er oft ſeltſame Träume, da war es ihm zuweilen, als ſchwebe die ſchöne Fee bei ihm vorüber und ſehe ihn wehmüthig an; doch wenn er im Schlaf die Hände nach ihr aus⸗ ſtreckte und ſte bat, näher zu kommen, ſo ſchüttelte ſte doch ſeufzend das Haupt und ſchwand langſam vorüber. Auch war ihm zuweilen, als ſähe er ein weißes Reh aus den Gebüſchen hervortreten und lang⸗ ſamen Schritts das Gehege umſchreiten. Dabei horchte aber das Thier aufmerkſam umher und verſchwand bei dem leiſeſten Geräuſch. Auch von jenen ſchwarzen Kobolden erblickte er faſt jede Nacht einen, der ebenfalls das Gehölz umkreiſte und dann wieder verſchwand. So ſaß der Einarm eines Nachmittags auf ſeinem Baumſtamme und dachte mit ſchwerem Herzen an den ſchlechten Erfolg ſeiner Fahrt, da fielen ihm plötzlich ſeine goldenen Kugeln ein, die er bisher nicht mehr be⸗ achtet hatte. Er ſuchte ſie hervor, dachte bei ſich ſelbſt, meine Noth, aus dieſem Spuke einen Ausweg zu finden, iſt doch wahrlich groß genug, als daß es mir die Fee übel nehmen könnte, wenn ich noch eine ihrer Kugeln verwende, und ſte ihr ſelbſt zuſchicke, damit ſie mir dafür einen guten Rath ertheile. Geſagt, gethan! der Einarm lud ſein Gewehr und ſprach zur Kugel, als er ſie den Lauf hinabrollen ließ: dich ſende ich hinauf in die blauen Lüfte, ſchwinge dich hoch und immer höher, bei Mond und Sternen vorbei, bis du Amaranthe, die gütige Fee, gefunden. Klage ihr meine Noth und die Noth der „—-— ——y———— 151 Prinzeſſin und ſage ihr, daß ich ſehnlich ihren Rath und ihre Huͤlfe erwarte. Der Schuß knallte und die goldene Kugel flog wie ein Blitz⸗ ſtrahl gen Himmel. Oben in der Luft zerplatzte ſie mit einem lauten Knall und ein Adler mit mächtigen Schwingen ſchwebte aus ihr empor und ſtieg ſo ſchnell zu den Wolken auf, daß er dem nachblickenden Auge des Jägers bald entſchwunden war. Unruhiger als je erwartete dieſer nun die kommende Nacht, in welcher er ſicher hoffte, von der Fee eine Hülfe, wenigſtens ein Zeichen ihrer Gegenwart zu erhalten, und er hatte ſich nicht geirrt. Wenn es ſonſt um die Zeit kam, wo das weiße Reh und die geſpenſtigen Geſtalten das Gehege umkreiſten, ſo überfiel ihn ein ſo gewaltiger Schlaf, der ihm, trotz allem Be⸗ ſtreben wach zu bleiben, die Augen gewaltſam zudrückte. Heute war das anders und ſobald ihm während der Nacht die Augen trübe wurden, ſäuſelte von den Wipfeln der Baͤume ein erfriſchender Wind herab, der ihm alsbald den Schlaf verjagte und ihn wachend munter hielt. Plötzlich erſchien zwiſchen den Gebüſchen das weiße Reh, ging vorſichtig und leiſe auf dem Mooſe daher und wollte, wie gewöhnlich das Gehege umkreiſen. Doch kaum hatte es ſich genähert, ſo ſtürzte von der andern Seite aus einer Felſenkluft eine ſcheußliche ungeheure Fledermaus herab, auf das arme Reh zu, das vor Schrecken ſtehen blieb und ſich nicht einmal zur Flucht wandte⸗ Dem Einarm ſtockte der Athem, als er ſah, wie das Scheuſal jetzt über dem weißen Reh ſchwebte und die gierigen Krallen ausſtreckte, es zu zerfleiſchen. Raſch griff er nach ſeinem Gewehr, doch ſuchte er vergeblich in der Waidtaſche nach einer gewöhnlichen Kugel. Er fand nur noch die letzte der drei goldenen. Doch da er bedachte, daß die Noth bei dem armen Reh gewiß ſehr groß ſei, ſo lud er ſie, ohne ſich zu bedenken, in ſein Gewehr, legte es auf den Stumpen des rechten Armes, zielte ſorgſam nach dem Kopfe des Ungeheuers und drückte ab. Ein lauter Donnerſchlag krachte durch den Wald, die Fledermaus verwandelte ſich in eine dunkelrothe Flamme; die auf die Erde fiel, da einige Mal zuckend emporſprang und dann verlöſchte. Der Einarm ſtürzte hinzu, um nach dem Rehe zu ſehen; doch blieb er überraſcht und erſtaunt ſtehen und ließ ſich ehrfurchtsvoll auf ein Knie nieder, als er dort zwiſchen Bäumen, leicht wie aus Nebel gewebt, und umgoſſen mit überirdiſcher Schönheit, die reizende Fee ſah, die ihm mit der Hand winkte, ferne zu bleiben und ſie anzuhören. Dann ſprach ſte mit leiſer Stimme:„Du haſt mich durch den Geiſt, den ich in die goldenen Kugeln ſchloß, gerufen, und auch —. ———— ——y 152 ohne daß Du mir Deinen Wunſch nennſt, weiß ich ihn. Glaube nicht, daß ich dem Schickſal meines unglücklichen Kindes gleichgültig zuſah, indem ich nicht früher erſchien, Dir und ihr zu helfen. Doch auch wir Feen können nicht immer nach unſerem Gutdünken handeln. Du haſt mir durch Erlegung jenes Ungethüms einen großen Dienſt erzeugt, und wenn Du es verlangſt, will ich Dir eine Frage in Be⸗ treff jenes ſchwarzen Zauberers beantworten. Doch höre mich zuvor an. Ich habe Dein Herz erkannt, und es für gut und edel befunden; deßwegen betrübt es mich, daß Du in mich dringſt, Dir das Mittel zur Errettung der Prinzeſſin anzugeben, indem ihre Entzauberung durch Dich Dein Ungluͤck ſein wird. Hier entfielen der Fee ein Paar Thränen, die aber nicht ugen Boden erreichten, ſondern ſich in der Luft zu bunten Nachtſchmetker⸗ lingen verwandelten und davon flogen.„Seit jenem Unglückstag,“ fuhr ſie fort,„hab' ich die Königin der Feen unabläſſig gebeten, mit ihrem mächtigen Zauberſtab jenen ſchwarzen Unhold zu verderben, und in kurzer Zeit wird ſie mir meine Bitte erfüllen, denn ſie zürnte mir bisher, daß ich gegen ihren Willen zuweilen die Erde betrat, um in der Geſtalt eines weißen Rehes nach meinem Kinde zu ſpähen. Darum laſſ' ab mit Deiner Bitte und nimm von mir Ehre und Reich⸗ thum, die ich über Dich ausſchütten will, wenn Du dieſen Wald fliehſt und Dich in fernen Gegenden niederlaſſen willſt. Denn nochmals ſage ich Dir, die Errettung der Prinzeſſin ſtürzt Dich in's Verderben, aus dem Dich nur der ſonderbarſte Zufall, nicht aber meine Hand, ja ſelbſt nicht einmal die Macht der Königin der Feen erretten könnte.“ So entmuthigend dieſe Antwort für den armen Einarm war, ſo war ſte doch nicht im Stande, ſeine glühende Liebe und den Wunſch, die Prinzeſſin befreien zu können, zu erſticken. Er erhob ſeine Augen flehend zur gütigen Fee, und entdeckte ihr, wie das Bild ihrer Tochter und die Liebe zu ihr mit ſeinem ganzen Weſen ſo innig verbunden ſei, daß eine Trennung ihn elend machen, ja tödten würde. Umſonſt verſuchte es nochmals die Fee, ihn auf andere Gedanken zu bringen und zeigte ihm andere glänzende Ausſichten. Der Einarm malte ihr dagegen nochmals ſeine glühende Liebe aus und bat ſie um ihre Hülfe. „So höre mich denn an,“ ſagte traurig die Fee; ndie Zauberkraft, welche meine Tochter hier gefangen hält, iſt nur durch das ſilberne Horn zu löſen, das ich meinem Gemahl hinterließ und das jener ſchwarze Ritter der Prinzeſſin hinterliſtig ſtahl, und das einzige Mittel, 8„;ʒ2/⸗Aö—). —,— — ☛————————— 153 ſte zu befreien, iſt Deiner Hand nur dann möglich, wenn Du jenes Horn wieder erlangen kannſt. Nicht weit von hier iſt tief im Geklüfte der Felſen, die Wohnung jenes Unholdes, der aber das Horn auf das Sorgfältigſte verwahrt und es keine Stunde aus der Hand läßt. Während der Nacht ſchwärmt er mit ſeinen untergebenen Geiſtern auf der Erde herum und ſtiftet Unheil, ſo viel er kann. So wie aber der Morgen anbricht, zieht er ſich in ſeine Höhlen zurück und damit er wenigſtens am Tage den Menſchen kein Uebel zufügen kann, über⸗ fällt ihn mit dem erſten Hahnenſchrei eine Müdigkeit, die, je höher die Sonne ſteigt, beſtändig zunimmt, und um die Mittagszeit, wenn alle andern Weſen wachen, begräbt ihn mit allen ſeinen Geiſtern ein tiefen Schlaf, der mit dem Sinken der Sonne abnimmt und bei der aufſteigenden Dämmerung gänzlich wieder verſchwindet. Wie Du den Weg zu jener Höhle findeſt, weißt Du; doch ziehe mit anbrechendem Morgen fort, daß Du um die Mittagszeit hinkommſt. Bei allen Schreckniſſen, die Dir dann am Eingang der Höhle entgegen treten, denke nur, daß die Ungethüme, welche den Eingang bewachen, feſt ſchlafen und Dir nichts anhaben können. Gehe ihnen nur aus dem Wege und keines wird Dich beläſtigen. Wenn Du durch mehre Reihen dieſer dämoniſchen Wachen glücklich durchgedrungen biſt, kommſt Du an die Höhle ſelbſt, in welcher der Unhold ſchläft. Doch ſo ſchrecklich Dir auch der Eingang zu derſelben erſcheinen mag, ſteige getroſt hinein, nahe Dich dem Schlafenden und nimm ihm mit kecker Hand das Horn, das er in ſeiner Hand halten wird; dann aber beeile Dich, die Höhle zu verlaſſen und nimm Deinen ganzen Muth, Deine ganze Beſonnen⸗ heit zuſammen, halte den Ausgang feſt im Auge, damit Du ihn, es mag um Dich geſchehen, was da will, wieder findeſt. Noch einmal ſag' ich Dir: ſobald Du im Beſitz des ſilbernen Hornes biſt, eile Dich, die Höhle zu verlaſſen, denn wenn Du Dich zurückhalten ließeſt, bis die Sonne ſinkt, wärſt Du unrettbar verloren. Haſt Du aber glücklich die Felſen hinter Dir, ſo wende Dich gegen die Höhle zurück und ſtoße dreimal mit Macht in's Horn; ich werde den Ruf hören und zu gleicher Zeit die Königin der Feen bitten, daß ſie ihren Zauberſtab zum Ver⸗ derben jener feindlichen Geiſter ſchwinge. Dann kehre hieher zurück und Du wirſt die Prinzeſſtn aus ihren Banden erlöſen. Doch merke genau auf meine Worte: es möge erfolgen, was wolle, ſo laſſ' das Horn nicht aus Deinen Händen, bis Ihr Alle dieß Gehege verlaſſen habt; denn der Zauber, wenn auch gelöst, würde Dich auf's Neue — 154 umſchlingen, ſobald Dich die Kraft des Hornes nicht mehr ſchützte. Beherzige ja dieſe Worte,“ ſagte die Fee nochmals, und ſetzte mit trauriger Miene hinzu: nach, und doch ſagt mir eine Ahnung, daß Du meine Warnung nicht ganz beachten und Dich in's Unglück ſtürzen wirſt.“ Mit den feierlichſten Dankſagungen verſprach der Einarm, die Vorſchriften der gütigen Fee genau zu beobachten. Sie aber ſchüttelte ſeufzend das Haupt und verſchwand. Kaum graute der Morgen, ſo machte ſich der Einarm vermittelſt der geheimen Kraft des Halsbandes auf den Weg nach jener Höhle und erreichte ſie, als die hochſtehende Sonne die ſcheußlichen Kobolde, die ſie bewachten, in tiefen Schlaf verſenkt hatte. Der Einarm band den Hund an einen Baum feſt, ſtellte ſein Gewehr daneben, und ging getroſt auf ein Felſenthor zu, das ſich ſeinen Blicken darbot. Doch kaum war er hineingetreten, ſo feſſelte ihm faſt der Schrecken den ſchon aufgehobenen Fuß, um hin⸗ durchzugehen. Rechts und links lagen zwei Unthiere und glotzten ihn mit feurigen Augen an; der Geſtalt nach waren es Tiger, doch hatten ſie Fledermausflügel und Drachenköpfe, aus denen drei blutrothe Zungen dem Eintretenden entgegen fuhren. Doch zu rechter Zeit erinnerte ſich dieſer an den Schlaf, der die Thiere befangen hielt, ſchritt muthig über ſie hinweg, und ein dumpfes Grunzen war das einzige Lebens⸗ zeichen, das ſie von ſich gaben. Als der Einarm nunmehr ſah, wie gefahrlos dieſe Thiere waren, ſo ſchritt er muthig vorwärts durch den Hof zu einem zweiten Thor, an dem andere Scheuſale kauerten, und von deſſen Gewölbe obendrein ſich ungeheure Schlangen herabringelten, die bald mit ihren Köpfen die Erde berührten und ſich dann wieder in die Höhe wiegten, den Eingang frei laſſend. Dieſen Augenblick benutzte der Einarm und ſchlüpfte hindurch. Jetzt ſah er die Felſenburg, in welcher das Ungethüm ſchlummerte, vor ſich liegen; doch war der Palaſt deſſelben nicht ſehr geſchmackvoll angelegt, ſondern gleich einem ungeheuern Felsblock, den man von allen Seiten umgehen konnte. Auch ſah man weder Fenſter noch Thür, und ſo ſehr der Einarm herum ſpähte, fand er auch nicht die kleinſte Spalte, durch welche er hätte in das Innere gelangen können. So ſchmucklos alle Wände dieſer Höhle von außen waren, ſo hatte ſie doch eine ſeltſame Verzierung, die aber dem Jäger ſehr unheimlich vorkam. An einer Seite befand ſich nämlich der ungeheure Kopf eines Drachen, der zwiſchen die Felſenmaſſen eingeklemmt zu ſein ſchien und — △ ———,/—— ᷣ&* ———— 1 u— 155 der bald den blutrothen Rachen öffnete, bald ihn wieder ſchloß und dabei mit ſeinen feurigen Augen immerwährend den Bewegungen des Einarms folgte. Schon unzählige Male hatte dieſer den Felsblock umkreist, ohne nur eine Spur zu finden, die auf einen Eingang hätte deuten können. Die Sonne hatte ihren höchſten Standpunkt verlaſſen und neigte ſich abwärts, und die Thiere an den Thoren, die bei ſeinem Eintritt wie erſtarrt da gelegen hatten, begannen allerhand verdächtige Bewegungen zu machen, ſich zu recken und zu dehnen, als wollten ſie jeden Augenblick aus dem tiefen Schlaf erwachen. Schon fing's dem armen Jäger an, recht unheimlich zu werden und er ſchwankte noch zwiſchen zwei Entſchlüſſen: ob er nämlich die Sache für heute ganz aufgeben wolle, oder wieder hinausgehen um Bello, den Hund, zu holen, der ihm den Eingang gleich würde gezeigt haben. Wie er ſo nachdenkend noch einmal die Höhle umkreiste und wieder bei dem Drachenkopf vorbeikam, riß dieſer gerade auf eine ſo entſetzliche Art den Rachen auf, daß er ihm bis tief in den Schlund ſehen konnte, und plötzlich kam dem Einarm der Gedanke, daß dieß am Ende gar der Eingang zur Höhle ſei, und ſo ſchauderhaft dieß war, ſo wurde es doch allmählig bei ihm zur Gewißheit. Anfangs ſträubte ſich ſeine menſchliche Natur ſehr dagegen, einem ſo ſcheußlichen Drachen geradezu in den Hals zu kriechen, aber da er einmal A geſagt, mußte B folgen, und er entſchloß ſich, das Abenteuer zu beſtehen. Er paßte den Augenblick ab, wo das Ungethüm ſeinen Rachen ſo weit öffnete, daß die untere Kinnlade beinahe den Boden berührte, dann ſprang er zwiſchen die Zähne, die ſo dick waren, daß er mit ſeinen beiden Armen keinen umſpannen konnte und ſchlüpfte etwas tiefer hinein, doch war die Zunge des Ungethüms ſo glatt, daß er ausglitſchte und hinfiel, und da es zu gleicher Zeit ſtockfinſter um ihn wurde, indem der Drache den Rachen wieder ſchloß, fing ihm ſeine Lage einigermaßen an ſehr unbequem zu werden. Doch kroch er muthig zwiſchen den Zähnen weiter, wobei er ſich ſehr in Acht nahm, von denſelben nicht berührt und zermalmt zu werden. Jetzt hatte er das Ende der Zunge erreicht, von wo er bequemer hinabzukommen hoffte; doch o Unglück! 6 der Hals des Drachen verengte ſich hier ſo plötzlich, daß er kaum mit dem Arm, geſchweige denn mit dem ganzen Körper durchdringen konnte. Wie er ſo rathlos und thatlos da ſteckte, und die Muthloſtgkeit und Verzweiflung ſchon ihre gierigen Fänge nach ihm ausſtreckten, ſchwebte ihm plötzlich das Bild ſeines treuen Bello vor, dem einſtens ein Stück Brod ſo im Halſe ſtecken geblieben war, wie er heute dem Lindwurm. Dabei erinnerte ſich der Einarm, wie er, um dem Hund zu helfen, mit ſeinem Finger das Brod und den Schlund des Thieres gedrückt, wodurch die Muskeln des Halſes in Bewegung geſetzt wurden und ſich weit genug öffneten, um es hinabgleiten zu laſſen. In Ermang⸗ lung eines Fingers, der ihm von außen helfen könne, fing deßhalb der Einarm in ſeiner Angſt ſelbſt an, den Drachen ein wenig im Schlunde zu kitzeln und ſtrampelte ſo gewaltig mit Händen und Füßen, daß dieß Manöver glücklich gelang. Zweimal ſetzte das Thier an, den tüchtigen Biſſen hinabzuwürgen; der Hals öffnete ſich und der Einarm ſtürzte hinab und ſah ſich plötzlich in eine dunkle Felshöhle verſetzt, die von einem blutrothen Rubin, der an der Decke hing, matt be⸗ leuchtet wurde. Bei dieſem Scheine ſah der Einarm mit Freude, daß er am Ziele ſei; denn in der Ecke des Gemachs lag der ſchwarze Ritter in Geſtalt eines ungeheuern Rieſen auf einem Ruhebett und ſchnarchte. Zwiſchen ſeinen Krallen hervor glänzte etwas, das der Einarm augenblicklich für das ſilberne Horn erkannte; er näherte ſich leiſe dem Rieſen, ergriff die Schnur, an der das Wunderhorn be⸗ feſtigt war, und verſuchte es jenem leiſe aus der Hand zu ziehen. So wie der Dämon dieſe Bewegung ſpürte, öffnete er bewußtlos die Augen und wandte ſich ſtöhnend auf die andere Seite. Seine Krallen verſuchten das Horn feſtzuhalten; doch der Schlaf ſchien ihm alle Kraft zu benehmen; der Einarm that noch einen kräftigen Ruck und der mächtige Zauber war in ſeinen Händen. Jetzt ſeufzte der Rieſe noch einmal tief auf und zwar mit ſolchem Getoſe, daß der Einarm meinte, das Gewölbe ſtürze über ihm zuſammen, weßhalb er ſich be⸗ eilte, den Ort ſo raſch wie möglich zu verlaſſen. Doch ſo ſchwierig ihm vorhin der Eingang geworden war, ſo ſchien es ihm jetzt faſt ganz unmöglich, einen Ausgang zu finden, und vergebens bemühte er ſich, an der Wand das Loch wieder zu finden, zu dem er hereinge⸗ kommen. Die Wände des Gemachs nämlich drehten ſich wie toll im Kreiſe und mit ſolcher Schnelligkeit, daß das Ganze wie ein grauer Ring bei ihm vorbeiſchwirrte. Zuweilen glaubte er die Oeffnung zu ſehen, doch wenn er hinzuſtürzte, erſchien ſie ihm wieder an einer andern Seite. Hätte er in ſeiner Jugend mit dem treuen Bello nicht hundertmal ein gleiches Spiel getrieben, würde es ihm wahrſcheinlich nicht möglich geweſen ſein, aus der Höhle des Rieſen zu entrinnen. denn damals, als er noch ein kleines Kind war, machte ihm Bello ᷓ 77 ᷣ ————, ðũ ☛&ᷣ☛* 9—·–————— *————— —— ¾ 157 eine Freude, wenn er ſich wie ein Kreiſel herumdrehte, und der Knabe verſuchte, dann ſeinen Kopf oder ſeinen Schwanz zu faſſen, worin er in Kurzem eine große Fertigkeit erlangte. Nachdem er aber trotz dieſer Uebung unzählige Male nach der Oeffnung gehaſcht, war er endlich ſo glücklich, einen dunklen Fleck in der Felswand zu erreichen und ſah zu ſeiner größten Freude, daß es eine eiſerne Thür war, in der ein großer Schlüßel ſteckte. Raſch öff⸗ nete er das Schloß, die Thüre ſprang krachend auf und der Einarm befand ſich mit dem ſilbernen Horn im Freien. Doch es war auch die höchſte Zeit. Die Sonne neigte ſich ihrem Untergange, und als er über die Thiere an den beiden Felsthoren hinwegſtieg, verſuchten ſte aufzuſpringen und da ihnen dieß nicht gelang, ſchnappten ſte we⸗ nigſtens mit ihrem blutrothen Rachen nach ihm. Doch kam der Jäger glücklich hindurch zu ſeinem treuen Bello zurück, der freudig wedelte, und an ihm emporſprang. Eilig wandelte er mit dem erbeuteten Schatze zwiſchen den Felsblöcken fort, die die Höhle des Ungethüms noch in einem weiten Kreiſe umgaben, und erſt als er ſie eine gute Strecke hinter ſich hatte, blieb er nach dem Befehl der Fee ſtehen, wandte ſich um und ſtieß dreimal mit Macht in das Horn. Beim erſten Mal ſchien ein gewaltiger Erdſtoß die Felſen vor ihm zu er⸗ ſchüttern, in die größten Maſſen derſelben riſſen lange Spalten und kleinere Stücke ſtürzten mit lautem Gekrache hinab. Beim zweiten Ton des wunderbaren Hornes wiederholte ſich der Erdſtoß ſtärker und ein fürchterliches Sauſen fuhr durch die Wipfel der Eichen, die Luft ver⸗ finſterte ſich und als der dritte Ton mächtig dahin ſchallte, ſchoß aus den ſchwarzen Wolken, die den Himmel bedeckten, ein blendender Blitzſtrahl herab, zertrümmerte die Felſen zu feinem Staub, der qualmend in die Höhe fuhr und riß in die Erde einen großen Spalt, aus dem eine hochlodernde Flamme emporſtieg. Und dabei zuckte die Erde und borſt an mehren Stellen, bildete hier einen tiefen Schlund, hob dort einen Hügel auf, und man ſah deutlich, daß zwei mächtige Weſen im Kampf begriffen waren. Doch die Königin der Feen ſtegte, die Spalten und Riſſe auf der Stelle, wo noch eben die Felsburg des böſen Zauberers ſtand, vergrößerten ſich immer mehr und bildeten bald eine große Vertiefung; die Flammen, welche anfänglich mit großer Gewalt gen Himmel fuhren, wurden kleiner und ſchwächer durch un⸗ geheure Regengüſſe, die unter fortdauerndem Donner und Blitz vom Himmel herab ſtrömten, und als ſte in Kurzem ganz verlöſchten, drang 158 ein ſtinkendes trübes Waſſer hervor, das im Verein mit den Regen⸗ ſtrömen bald die ganze Vertiefung ausfüllte und ſo die frühere Wohnung des Zauberers zu einem ſtillſtehenden ſchmutzigen See umwandelte. Schaudernd betrachtete der Einarm dieſe Revolution zu ſeinen Füßen, und da er am Ende glaubte, der See könne noch weiter um ſich greifen, die Erde zu ſeinen Füßen und ihn endlich mit hinabreißen, ſo wandte er ſich zur eiligen Flucht und rannte nach ſeinem erſten Aufenthalt bei dem verzauberten Walde zurück, wo er ſich eine Zeit lang ins Gras legte, um ſich von den gehabten Schrecken und der großen Ueberraſchung zu erholen; doch nicht lange duldete es ihn un— thätig, und er bedachte, daß jede Minute, die er zögerte, die ſchöne Prinzeſſin zu befreien, ein Raub an ihrem Leben ſei, weshalb er ſich raſch wieder erhob, vor das Gehege hintrat und einen leiſen ſanften Ton aus ſeinem Horne lockte. Welch' anderes wundervolles Leben rief dieſer Ton jetzt hervor, als der früher vor der Wohnung des Zauberers. Die Sonne, die ſchon tief am Horizont ſtand, ſchien noch einmal mit erneuertem Feuer aufzuflammen. Ein leiſer Wind führte wohlriechende Blüten herbei und ſtreute ſie rings auf den Raſen des Waldes. Die Aeſte der dicht verwachſenen Bäume lösten ſich langſam aus einander und da ſich die Stämme derſelben wie dünne Grashalme rechts und links zur Erde bogen, ſo ſah er alsbald vor ſich auf dem Platze die verzauberte Jagd in wunderbarer Erſtarrung. Hier ſaß ein Jagdpage zu Pferde, den Falken auf der Fauſt, der ſchon die Flügel etwas ge⸗ lüftet hatte, als wollte er eben auffliegen. Dort griff ein Jäger nach ſeinem Geſchoß und ein Anderer blickte ſich erſtaunt um, und der Zauber hatte ihn ſo, das Geſicht nach hinten gekehrt, zur Bildſäule erſtarrt. Hier umgaben mehre Damen einen weißen Zelter, auf dem die Prinzeſſin Amaranthe ſaß, doch konnte er ihr Geſicht nicht ſehen; denn in dem Augenblick der Verwandlung war ſie vor Schrecken rück⸗ wärts geſunken und lag in den Armen ihrer Begleiterin, deren wal⸗ lende Hutfedern das liebliche Geſicht verdeckten. Auf's Neue ſtieß der Einarm in's Horn und wie aus tiefem Schlaf erwachend kam Leben in die ſtarre Geſellſchaft. Die Jagdpagen ſahen ſich überraſcht um; die Falken ſchüttelten ihre Flügel und hoben die Köpfe; die Federn auf den Barretten der Damen bewegten ſich im leiſen Abendwind und mit einem tiefen Seufzer erwachte die Prinzeſſin und richtete ſich langſam auf.— Wenn auch der Einarm durch die wohlgelungenen Bildniſſe der Prinzeſſin, ſo wie ihrer Mutter, ſchon ͤ8eeͤ—& M S „„—. ——p—jü————— 159 genugſam das holde Geſicht der Erſteren kannte, ſo übertraf die Wirk⸗ lichkeit, wie er es vor Augen ſah, doch ſeine ſchönſten Träume. Die Prinzeſſin ſchlug die Augen auf, ſchaute ſich um und ſchien verwun⸗ dert, daß ſtatt der finſtern Nacht, in der ſie ſonſt immer die Kraft des Hornes erweckt hatte, die herrliche Luft des ſchönſten Sommer⸗ abends ſie umſpielte. Ueberraſcht ſah ſte ihre Umgebung an, die in⸗ deſſen ganz munter geworden war. Die Pferde, von dem langen Stehen ungeduldig, fingen an zu treten und in die Zügel zu beißen; die Hunde wedelten um die Jägerburſchen herum, als wollten ſie ſagen: jetzt hat die Jagd wohl lange genug gedauert, wir könnten wohl nach Hauſe ziehen und ein gleicher Gedanke ſchien Alle zu beleben. Die Pagen ſtießen ins Horn und der Hofmarſchall nahte ſich der Herrin und bat um Erlaubniß, die Jagd nach Hauſe führen zu dürfen. Zu gleicher Zeit fiel der Blick der Prinzeſſin auf den Einarm, der vor Staunen und Ueberraſchung ſprachlos daſtand und kein Auge von der holden Erſcheinung abwandte. Er begegnete ihrem Auge und dachte, jetzt wird dich die Prinzeſſin als ihren Retter erkennen und ihr Herz muß flugs für dich ſprechen. Schon wollte er eine raſche Bewegung vorwärts machen, um ſich ihr zu Füßen zu werfen, da ſah er mit Schrecken, wie die ſchöne Prinzeſſin voll Abſcheu das Auge von ihm wandte, ihren Zelter herumwarf und dem Hofmarſchall zurief:„Vor⸗ wärts, eilt, eilt! dort ſteht noch einer der Unholde und ſein verwirrter lauernder Blick ſcheint uns aufs Neue bezaubern zu wollen.“ Dieſe nicht ſehr ſchmeichelhafte Rede wäre wohl im Stande geweſen, einen andern, weniger verliebten Menſchen wirklich verwirrt zu machen, wenn er ſie von der Erkorenen ſeines Herzens hätte hören müſſen. So etwas hatte ſich der Einarm nicht träumen laſſen, denn in ſeinem Eifer die Prinzeſſin zu erlöſen, hatte er ſein entſtelltes Geſicht und den fehlenden Arm ganz vergeſſen. Wie Seifenblaſen zerplatzten ſeine ſchönen Träume und wie das Waſſer einem Ertrinkenden in die Ohren ſaust, ſo brauste ihm die Klauſel vor den Ohren, daß er nur dann der Gemahl der Prinzeſſin werden ſolle, wenn ſie ihn aus freien Stücken hiezu er⸗ wähle, und dazu ſchwanden alle Ausſichten. Die Bewegung des armen Jägers, ſich ihr zu Füßen zu werfen, hatte die Prinzeſſin anders aus⸗ gelegt und um dem Unholde zu entgehen, gab ſie ihrem Zelter die Sporen und flog mit Windeseile in den Wald, umgeben von der ganzen Jagd, die ihre Furcht theilte und nicht geſonnen war, ſich aufs Neue verzaubern zu laſſen. Sprachlos und entſetzt blickte ihr der arme ““ 160 Einarm nach und ſein Schmerz war ſo groß, daß er die Lehren der gütigen Fee ganz vergaß und unwillkührlich das ſilberne Wunderhorn ſeiner Hand entgleiten ließ. Plötzlich verfinſterte ſich die Luft, und der Wind, der vorhin ſo leicht gefächelt, fuhr jetzt brauſend durch den Wald, jagte ſchwarze Wolken über ſeinem Haupte zuſammen und riß mächtige Aeſte von den alten Eichen herunter. Bello, der Hund, fing laut an zu winſeln und ſprang fort. Auch der Jäger wollte ihm folgen, doch zu ſeinem größten Entſetzen fühlte er ſich am Boden feſt⸗ gehalten. Es war ihm unmöglich, auch nur einen Fuß aufzuheben. Dann durchzuckte ein ſeltſames Gefühl ſeinen Körper, ihm war, als befalle ihn von unten herauf ein gewaltſamer Krampf. Jetzt wurden ſeine Finger unbeweglich und jetzt hörte ſein Herz auf zu ſchlagen, und in wenigen Augenblicken konnte er den Mund nicht mehr öffnen und kein Auge ſchließen. Es wurde finſter um ihn und eine gänzliche Bewußtloſigkeit überfiel ihn. Er war in Stein verwandelt. Bello, der Hund, kehrte, als er ſeinen Herrn nicht nachkommen ſah, in den Wald zurück, umlief mehre Male das Steinbild und ſprang dann heulend davon, der Jagd nach, die er auch vor dem Walde antraf. Die Jägerburſchen, die glaubten, er gehöre zur großen Meute, kop⸗ pelten ihn mit den andern Hunden feſt und nahmen ihn mit. Die Freude der ganzen Reſtdenz und beſonders des alten Königs, als die ſchöne Prinzeſſin bei einbrechender Nacht plötzlich mit ihrem ganzen Gefolge zurückkam, läßt ſich nicht beſchreiben. Der König weinte Freudenthränen, das Volk beleuchtete die Stadt aufs Glänzendſte, und da der König in ſeiner Freude zum allgemeinen Gebrauch ſeine Keller öffnen ließ, wurde die Nacht im tollen Jubel und lauter Luſt hingebracht. Natürlich erkundigte ſich der König, welcher von den ausgeſandten Rittern die Prinzeſſin errettet habe, und verwunderte ſich nicht wenig, als dieſe keinen wollte geſehen haben. An den armen Einarm dachte er nicht mehr, und wenn er ihn auch nie für ſchön gehalten hatte, ſo konnte er doch unmöglich glauben, daß er jener Kobold ſei, von dem die Prinzeſſin erzählte, und den ſte in der Er⸗ innerung an die ausgeſtandene Angſt mit den fürchterlichſten Worten als das ſchrecklichſte Scheuſal beſchrieb. So geht es in der Welt. Wenn die Citrone ausgepreßt iſt, denkt Niemand mehr an die Schaale. Wie geſagt, der Einarm war vergeſſen und wenn ſich auch zuweilen der König an ſeinen trefflichen Schützen erinnerte, ſo ließen ihn doch die vielen Luſtbarkeiten, die jetzt 1u——3———* A 88SESE g zu Ehren der wiedergefundenen Prinzeſſin angeſtellt wurden, nie einem ſolchen Gedanken nachhängen. Zur Zeit der Trauer war der Hof wie die Reſidenz verlaſſen geweſen, aber jetzt, wo ſich aufs Neue Luſtbarkeiten und Feſte drängten, füllte ſich die Stadt wieder von allen Seiten mit Fremden, die theils herbeikamen, das neu erwachte, frohe Leben mit zu genießen, theils ihre Hände zu allerhand kunſtreichen Arbeiten anboten. So begab es ſich auch eines Tags, daß drei luſtige Geſellen, als ſie von der wieder⸗ gefundenen Prinzeſſin und den vielen Feſtlichkeiten hörten, bei ihrem alten Meiſter nicht mehr bleiben wollten, ſondern ihre Bündel ſchnürten, um nach der Reſidenz zu ziehen, wo ſie hofften, ihr Glück zu machen. Der eine war ſeines Zeichens ein Gold⸗ und Silberſchmied, der zweite ein Steinmetz und der dritte ein luftiger Schneider; Alle drei hatten viel Muth im Leibe, aber dafür ſehr wenig Geld im Beutel, weshalb ſte die Wirthshäuſer vermieden und ſich Abends im Dickicht des Waldes ein Plätzchen ausſuchten, wo ſie die milde Sommernacht verſchliefen. An einem ſolchen Abend hatten ſte einen langen Marſch gemacht, in⸗ dem ſie morgen die Reſidenz erreichen wollten, und ſchlenderten noch langſam ihren Weg daher, um ſich ein weiches Mooslager auszuſuchen, als der Schneider, der etwas abſeits gegangen war, die Geſellen durch einen lauten Ausruf des Erſtaunens zu ſich rief. Eilig kamen ſie herbei und ſahen zu ihrer nicht geringen Verwunderung mitten im dichten Walde ein Steinbild ſtehen, das nur am Arm und an der Naſe etwas verſtümmelt war. In der einen Hand hielt die Bildſäule ein mit Gold und Silber ſehr ſchön ausgelegtes Gewehr. Die drei Handwerksburſche wußten nicht, was ſte von dieſem Fund halten ſollten, und es dauerte eine Zeit lang, ehe ſte ſich über den Werth der Statue gegenſeitig dahin ausſprachen, daß ſie einen köſtlichen Fund gethan. Der Steinmetz umging das Bild viele Mal und geſtand, er habe nie eine ſo natürlich ſchöne und vollendete Arbeit geſehen; der Goldſchmied betrachtete ſorgfältig die eingelegte Arbeit des Gewehrs, und verſicherte, er ſei nicht im Stande, eine ähnliche zu machen; nur der Schneider, der ebenfalls das Steinbild mit Kennermiene betrachtet hatte, kratzte ſich hinter dem Ohr und behauptete, die Gewänder der Figur ſeien nicht nach dem neueſten Schnitt gemacht. Doch als ihm der Stein⸗ metz erklärte, dieß ſei ein antiker Anzug, gab ſich der Schneidergeſelle zufrieden, denn im Antiken hatte er nie gearbeitet. Nachdem die Ge⸗ ſellen auf dieſe Art herausgebracht hatten, daß ſie hier in der Einſam⸗ Hackländer, orient. Sagen. 11 162 keit des Waldes einen herrlichen Fund gethan, berathſchlagten ſie, auf welche Art ſie denſelben zu ihrem Glücke verwenden könnten. Der Schneider meinte: man ſolle ein Bretterhaus um die Figur herum bauen und ſie für Geld ſehen laſſen; ein Vorſchlag, den die beiden Andern verwarfen, aber dagegen beſchloſſen, die Figur von dem Stein⸗ block, auf dem ſie ſtand, herunterzunehmen, nach der Stadt zu führen und an den König zu verkaufen. Geſagt, gethan! Der Goldſchmied und der Steinmetz nahmen ihre Werkzeuge her⸗ vor und während Erſterer die Silberarbeiten und Beſchläge an dem Gewehr etwas zu putzen verſuchte, begann der Andere unter den Füßen der Statue an dem Steine zu hauen; aber vergebens. Obgleich er in ſeinem Handwerk wohl erfahren war und den Meißel und Hammer zu führen wußte, brachte er doch von dem harten Stein auch nicht das kleinſte Stückchen los. Der Schneider, der dabei ſtand und den Arbeiten der Beiden behaglich zuſah, fing ſchon an, ſeine witzigen Bemerkungen über die ſtumpfen Inſtrumente des Steinmetz zu machen, als Dieſer, dem der Schweiß von der Stirn troff, mit einem lauten Fluch ſeine Arbeit einſtellte und behauptete: der Stein ſei gar nicht zu behauen. Nachdem ſtie alle drei eine Zeit lang ſich über dieſe ſeltſame Stein⸗ art verwundert hatten, kam endlich der Schneider, dem es nie an guten Einfällen gebrach, auf die Idee, den Stein etwas mit Waſſer zu benetzen, wodurch er vielleicht nachgiebiger würde. So ſehr der Steinmetz anfangs dieſen Vorſchlag als unnütz verwarf, ſo ließ er endlich doch den Schneider gewähren, der in den Ranzen der drei Ge⸗ ſellen nach einem Gefäß ſuchte, in das man bei einer Ouelle, die ſich auch wohl finden würde, Waſſer ſchöpfen könne. Doch fand er weder Glas noch Flaſche, denn da das Kleeblatt ſeinen Durſt gewöhnlich an den Brunnen der Dörfer löſchte und kein Geld hatte, um eine Flaſche mit köſtlichem Weine füllen zu laſſen, ſo hielt es auch die leeren Ge⸗ fäße mit Recht für ſehr unnütz und hatte ſich nicht damit verſehen. Der Schneider indeß, der ſein Waſſerprojekt nicht gern wollte zu Waſſer werden laſſen, ſuchte vorab nach einer Quelle, die ſich auch bald zwiſchen den Geſteinen fand. Er ſchöpfte ſeine beiden Hände voll; doch da er ſehr lange dürre Finger hatte, lief Alles zwiſchen durch und er brachte wenig auf den Platz. Auch ſein Hut, den der unermüdliche Schneider vor langen Jahren als waſſerdicht gekauft hatte, wurde unterſucht, fand ſich aber ſo ſchadhaft, daß ſich unmöglich ein 5———— 163 Tropfen Waſſer darin halten konnte. Mit den Stiefeln der drei Ge⸗ ſellen wär's nicht beſſer gegangen; doch wollte der Nadelkünſtler noch einen Verſuch mit ſeiner Kopfbedeckung machen und trollte ſich zu der Quelle. Doch kaum hatte er einen Schritt gethan, als er ſich mit lautem Freudenruf zu Erde bückte und den beiden Andern ein ſchönes blankes Horn zeigte, das er in dem hohen Graſe gefunden. Ueber⸗ raſcht betrachteten Alle den ſchönen Fund und als der Goldſchmied erklärte, daß es pures Silber ſei, prieſen ſie laut das Glück des Schneiders. Dieſer unterſuchte ſeinen Fund genauer, ſetzte das Horn an den Mund, um einen Ton daraus zu blaſen; aber das wollte ihm nicht gelingen. Als er ſich über ſein Glück ſatt gefreut hatte, dachte er wieder an ſein Projekt, ging mit dem Horn zur Quelle und brachte es, mit Waſſer angefüllt, zurück. Darauf begann er den Stein zu beſprengen und lud den Steinmetz ein, noch einmal ſeine Arbeit zu verſuchen. Dieſer wollte anfänglich nicht, ließ ſich aber endlich be⸗ reden und nahm von Neuem Meißel und Hammer zur Hand. Aber, der Stein, der früher felſenhart war, hatte ſich ganz erweicht, und bei den kräftigen Hieben des Steinmetzen flogen die Stücke davon, daß es eine Luſt war, anzuſehen. Der Schneider war ſtolz auf ſeinen Einfall, ohne zu ahnen, das es nur die Kraft des wundervollen Hornes ſei, die den Zauber des Steins gelöst und dem Geſellen die Arbeit ſo leicht gemacht hatte. Dem war aber ein Werk nie ſo raſch von Statten gegangen. Es war, als regiere eine unſichtbare Gewalt ſeinen Hammer und in ganz kurzer Zeit hatte er den Stein, auf dem die Figur ſtand, ſo weit behauen, daß es nur noch einer kleinen Mühe bedurfte, um ſie ganz herabzunehmen. Doch war es unterdeſſen dunkel geworden, die Geſellen verzehrten ein Stück trockenes Brod, das ſie noch bei ſich hatten, tranken dazu das friſche Quellwaſſer aus dem ſilbernen Horn und wurden dadurch in kurzer Zeit ſo munter, als hätten ſie den ſtärkſten Wein genoſſen. Beſonders wußte ſich der Schneider vor Luſtigkeit nicht zu faſſen und tanzte den Andern eine Sarabande vor, bis er erſchöpft auf die Naſe fiel und bald darauf einſchlief. Kaum graute der Morgen, ſo waren die drei munter und be⸗ gannen aufs Neue an dem geſtrigen Werk zu arbeiten. Da ſie die Statue ſo verſtümmelt, wie ſie war, doch nicht gut verkauſen konnten, ſo beſchloß der Steinmetz, ſeine ganze Kunſt zuſammenzunehmen und dem Bild eine neue Naſe, ſo wie einen andern Arm einzuſetzen. Er ————— ————,— .———— 1 8— 164 ging friſch ans Werk und hatte er ſich geſtern ſchon über die Schnel⸗ ligkeit gewundert, mit der ihm Alles von Statten ging, ſo konnte er ſich heute vor Verwunderung nicht faſſen. Sobald er ein paſſendes Felsſtück, aus welchem er einen Arm und eine Naſe meißeln wollte, mit dem Waſſer aus dem Horn beſprengt hatte, wurde es weich wie Wachs, ja formte ſich faſt von ſelbſt, und kaum hatte er einige Stunden gearbeitet, ſo war er mit dem Werke, wozu er ſonſt mehre Monate gebraucht hätte, fertig. Auch war ihm nie etwas ſo gut gelungen, und er mochte ſeine Arbeit von allen Seiten anſehen, er fand nichts daran zu tadeln. Die ganze Bildſäule war aber auch von ſo edlen Formen, von ſo ſchöner Geſtalt, wie man ſie nur ſehen konnte; ſelbſt das Geſicht hatte durch die neue Naſe einen ſo ange⸗ nehmen, überaus edlen Ausdruck bekommen, daß der Geſelle vor ſeinem eigenen Werk erſtaunte. Jetzt blieb nichts anders mehr zu thun, als einen Wagen herbeizuſchaffen, auf welchem man die Bildſäule nach der Stadt führen konnte, um ſie dem König zu verkaufen. Nach einiger Ueberlegung beſchloſſen die drei, den Schneider, der am we⸗ nigſten gearbeitet und dabei die flinkſten Beine hatte, nach der Stadt zu ſchicken, dort das gefundene ſilberne Horn zu verkaufen und aus dem gelöſten Geld einen Wagen mitzubringen. Und ſo thaten ſie. Der Schneider nahm den Weg zwiſchen die Füße und ſchritt ſo tapfer daraus los, daß er noch vor Sonnenuntergang die Stadt erreichte. Das ſilberne Horn hatte er natürlich an ſich gehängt. Wenn Leute bei ihm vorbeikamen, ſo nahm er es in die Hand und ließ es im Sonnenglanz ſpielen, damit man ſeinen Reichthum bewundern ſollte. So that er auch, als er an die Thorwache kam. Die Soldaten, die da ſtanden, ſtaunten das ſchöne Stück an und fragten ihn: woher des Wegs? Aber weil man damals noch keine Päſſe nöthig hatte, ſo glaubte der Schneider auf dieſe Frage nicht antworten zu müſſen, ſondern wollte die Soldaten mit einer vornehmen Antwort abfertigen, als der Kommandant der Wache, ein alter Soldat mit einem ungeheuren Schnurrbart, hervortrat und den leichten Schneider beim Kragen in die Stube zog. Hier begann er ihn zu examiniren und wollte durch⸗ aus wiſſen, woher der Schneider das Horn habe. Und da dieſer ſehr patzig that, und nicht antworten wollte, ließ Jener ihn mit zwei Sol⸗ daten in das königliche Schloß bringen; denn beim Anblick des Horns hatte er gleich an das verloren gegangene der Prinzeſſin gedacht. So luſtig der Schneider anfangs war und ſo laut er über Ungerechtigkeit ——+— ð———,—-——,,———— — — — K-—— 8ᷣ—2 n—Aj—*+ Oo N 0— . 165 raiſonnirte, daß man einen harmloſen Wanderer anhielt, ſo wurde er doch immer kleinlauter, je näher er an die königliche Reſidenz kam. Er hatte ſich das Schloß ungefähr vorgeſtellt, wie das Stadthaus in ſeiner Vaterſtadt, wo er zuweilen wegen nächtlichen Straßenunfugs oder zu lange dauernden blauen Montags vor den regierenden Bür⸗ germeiſter citirt wurde. Da hatte er die beiden Stadtmilizen, die vor der Thür lungerten und Wache thaten, beſtändig geneckt und gefoppt; aber hier wagte er die rieſenhaften Kerle mit langen Spießen, die vor dem ungeheuern Gebaͤude auf und ab ſpazierten, gar nicht einmal anzuſehen. Sein Blick ſenkte ſich zur Erde, um die Füße zu beob⸗ achten, die auch gar nicht mehr im feſten leichten Takt daher hüpften, ſondern nur ſchwerfälliger und matter wurden, je mehr ſie ſich dem Hauptthore näherten. Der Schneider wurde in ein kleines Gemach geführt, das man von außen verſchloß und ihn allein ließ. Doch hatte er nicht lange hier gewartet, als ſich eine andere Thüre öffnete, und der König allein hereintrat. Der Schneider, ſobald er die maje⸗ ſtätiſche Geſtalt, den langen Bart und die goldene Krone erblickt hatte, ſtürzte auf ſeine Knie nieder und all ſein Muth hatte ihn gänzlich verlaſſen: der Monarch hieß ihn aufſtehen, ließ ſich von ihm das ſilberne Horn reichen und da er es mit Freuden für dasjenige ſeiner Gemahlin erkannte, ließ er ſich von dem Schneider, der dachte, daß es hier am beſten ſei, die reine Wahrheit zu ſagen, die ganze Ge⸗ ſchichte erzählen, wie ſie das Horn gefunden, wie ſie damit die Bild⸗ ſäule, der die Naſe und ein Arm gefehlt, beſprengt, und wie ſein Geſelle, der Steinmetz, die fehlenden Theile aufs Künſtlichſte wieder erſetzt habe. Der König konnte ſich kaum von ſeinem Erſtaunen er⸗ holen und dachte gleich, daß es der unglückliche Einarm ſei, deſſen Treue und Muth die Prinzeſſin errettet und der nun dafür ſelbſt dem böſen Zauber verfallen ſei. Da der König ein ſehr vernünftiger Mann war, man auch in damaliger Zeit, wenn einer ſich durch Muth oder Tapferkeit ausge⸗ zeichnet hatte, nicht ſo ſehr auf den Unterſchied der Stände ſah, ſo dachte die Majeſtät gleich daran, den armen Einarm durch die Hand der ſchönen Prinzeſſin glücklich zu machen, geſetzt, daß ſie ihn zum Gemahl annehmen wolle. Doch hatte in dem Punkt der Meiſter Steinmetz die bedeutendſten Schwierigkeiten bei Seite geräumt. Am folgenden Morgen ließ der König in aller Stille mehre Pferde ſatteln, belud einige mit köſtlichen Kleid ern und Waffen und befahl ein Paar 166 Vertrauten, ſo wie dem Schneider, ihm nach dem Walde zu folgen. Als ſie im Hofe auffitzen wollten, kam gerade der Koppelmeiſter daher und führte die Hunde des Königs ſpazieren. Alle dieſe Thiere waren luſtig und ſprangen munter herum, bis auf einen einzigen, der die Ohren hängen ließ und trübſelig daher ſchlich. Sobald dieſer letzte den König erblickte, der ſich eben mit dem ſilbernen Horn zu Pferd ſchwingen wollte, brach er in ein ſo lautes anhaltendes Geheul aus, daß alle Anweſenden aufmerkſam wurden. Selbſt der König ſah hin und erkannte plötzlich in dem Hund den treuen Bello. Er ließ ihn gleich von der Koppel los machen, nahm ihn mit zum Thore hinaus, und als ſte den Wald erreicht hatten, ſprang das Thier in luſtigen Sätzen durch Dick und Dünn, daß ihm die Reiter kaum folgen konnten. Beſonders mußte der Schneider, dem das Reiten etwas ſehr Ungewohntes war, zum Sattelknopfe ſeine Zuflucht nehmen, um bei den gewaltigen Sätzen, die der Renner mit ihm über Hecken und Gräben machte, nicht in den Sand zu purzeln. Indeſſen hatten die beiden Geſellen im Walde ſich die Zeit ſo gut vertrieben wie möglich. Schon hundertmal hatten ſte den Gewinn berechnet, den ſie aus dem Verkauf der Bildſäule und des ſilbernen Horns löſen würden, und darauf die glänzendſten Luftſchlöſſer gebaut. Sie waren darüber her, an der Bildſäule noch etwas zu putzen und zu reinigen und der Goldſchmid, der gerade zu den Füßen der Statue auf einem Stein ſaß, berechnete ſeinem Gefährten, der ſich mit dem Arm an die Figur lehnte, wie viel ihnen nicht ſchon an ſich das überaus zierliche Gewehr einbringen würde, als ſie plötzlich fern her im Walde den Ton eines Hornes vernahmen, der ſo uͤberaus fein und lieblich klang, wie ſie nie etwas gehört. Der Wind, der früher etwas heftig durch den Wald gerauſcht, hielt plötzlich ein und ein Duft von wohl⸗ riechenden Blüten ſchwamm in der Luft, als ſeien ſie von lauter Roſen und Liliengärten umgeben. Doch wie die Geſellen noch ſo daſtanden und nicht wußten, wie ihnen geſchah, und an ihr Herz griffen, das von dem hellen klaren Tone ſonderbar bewegt wurde, fühlte der Steinmetz auf einmal, daß ſich das lebloſe Steinbild zu bewegen an⸗ fange. Er ſprang mit einem lauten Schrei auf die Seite, und ſein Gefährte, der in die Höhe ſah, ſtürzte der Länge nach in's Gras, als er bemerkte, daß die Figur langſam das Auge öffnete. Wenn der Schneider in dieſem kritiſchen Augenblick da geweſen wäre, würde er davon gelaufen ſein, ſo weit ihn ſeine Beine tragen konnten. Doch — — — —.,— die beiden andern Geſellen, die eben keine Feiglinge waren, ſprangen wohl entſetzt auf die Seite, blieben aber doch hinter einer dicken Eiche ſtehen, um zu erſchauen, was ſich da begeben würde. Das Steinbild hatte jetzt die Augen geöffnet und auf dem grauen Geſicht ſtiegen helle friſche Farben auf; der Mund öffnete ſich, die Figur ſeufzte tief auf, bewegte dann langſam Arme und Beine, ſah ſich er⸗ ſtaunt rings um und ſtieg endlich, zu einem ſchönen jungen lebendigen Menſchen umgewandelt, von dem Steine herunter und ſetzte ſich, wie es ſchien, ermüdet in's Gras. Jetzt kamen die Töne des Hornes näher, und die beiden Geſellen ſahen hinter ihrem Baume, wie das frühere Steinbild aufmerkſam dahin lauſchte, ſahen jetzt mehre Reiter zwiſchen den Bäumen erſcheinen, von denen der Erſte eine goldene Krone auf dem Kopfe trug und das ſilberne Horn, das geſtern der Schneider gefunden, in der Hand hielt. Die Figur ſprang empor, ſtürzte dem Könige mit der Krone entgegen und dieſer ſtieg augenblicklich vom Pferde, um jenen auf das Zärtlichſte zu umarmen. Der Schneider, der ſich ſo lange tapfer auf ſeinem Pferde gehalten hatte, erſchrack nicht wenig, als er ſeine beiden Freunde verſchwunden und ſehen mußte, daß die ſteinerne Figur, die er gleich wieder erkannte, lebendig geworden war. Bei dieſem Schrecken vergaß er den Sattelknopf feſtzuhalten und ſtürzte mit lautem Geſchrei von dem hohen Pferde herunter, wodurch die Beiden hinter dem Baum auf ihn aufmerkſam wurden, und als ſie das Schneiderlein erkannten, hinter ihrem Baum, obwohl noch zagend und zitternd, hervorkamen. Der König empfing ſie ſehr gnädig, ließ ſich vom Einarm, der nun nicht mehr der Einarm war, die wunderbare Ge⸗ ſchichte von der Errettung der Prinzeſſin erzählen; darauf wurden dem Einarm die köſtlichen Kleider und Waffen, die der König mit⸗ gebracht hatte gereicht, und er trat mit dem Schneider in das Gebüſch, der ihm beim Umkleiden behülflich ſein ſollte. Doch hatte der Geſelle noch nicht alle Angſt verloren, und unterſuchte jedes Stück von der alten Kleidung, das der ſchöne Jäger ablegte, konnte ſich auch nicht enthalten, während dem Ankleiden ihn an den linken Arm und beim Umbinden des Halstuches an die Naſe zu tupfen, worauf ſich das Schneiderlein höchlich verwunderte, daß dieſe beiden Theile, die doch ſein Geſelle, der Steinmetz gemacht, eben ſo friſch und warm waren, wie der ganze übrige Körper. Bello, der Hund, der ſich ſehr freute, ſeinen Herrn wieder gefunden zu haben, ſprang freudig um ihn herum ——.—— — 2 4“ —— R—— 168 und erſchwerte dem Schneider ſein Geſchäft, indem er ihm hie und da zwiſchen die Beine lief. Der König hatte einen ſeiner Vertrauten in die Stadt zurückge⸗ ſchickt, der es der Prinzeſſin anſagen mußte, daß man ihren Erretter gefunden, den der König, wenn ſie anders nichts dagegen hätte, zu ſeinem Eidam annehmen würde. Endlich trat der Jäger umgekleidet zur Geſellſchaft und Alle er⸗ ſtaunten über ſeine ſchöne und edle Geſtalt. Der König überreichte ihm das ſilberne Horn, das nebſt ſo vielen wunderbaren Eigenſchaften auch die hatte, gleich dem Gürtel der Venus, ſich alle Herzen geneigk zu machen. Die Pferde wurden vorgeführt und Alle mit Einſchluß der drei Handwerksburſchen, ſtiegen auf und ritten nach der Reſidenz zu. Dort hatte indeſſen der vorausgeſandte Bote Alles in größten Allarm gebracht, ſelbſt das Herz der Prinzeſſin ſchlug ſchneller und war in einer ſeltſamen Aufregung, denn obgleich daſſelbe noch frei war, und kein geliebtes Bild bei ſich aufgeſtellt hatte, ſo war ihr doch die Nachricht, in einigen Stunden vielleicht die Gemahlin eines ganz fremden Mannes zu ſein, etwas überraſchend, ja beängſtigend, und man kann das keinem Mädchen übel nehmen. Trotz dem ſchmückte ſie ſich auf's Beſte und trat auf den Altan hinaus, wo ſie auch bald in der Ferne eine Staubwolke aufſteigen ſah, die immer näher kam. Nach kurzer Zeit ritt der König in den Hof, der Oberceremonien⸗ meiſter ſprang herzu und hielt ihm den Steigbügel und der Oberforſt⸗ meiſter leiſtete denſelben Dienſt ſeinem früher Untergebenen, denn einerſeits die ſchöne Geſtalt des jungen Jägers und anderſeits die Kraft des Wunderhorns imponirten dem alten Herrn, ſo wie dem ganzen Hofgeſinde, das zu allen Thüren und Fenſtern herausſah, gewaltig. Auch auf das Herz der ſonſt ſo ſpröden Prinzeſſin übte dieſe Gewalt einen lieblichen erwärmenden Zauber; denn ſobald der König ihr den ſchönen jungen Mann vorſtellte, ſchlug es heftig und flüſterte leiſe, daß der Papa doch keine ſchlechte Wahl getroffen habe. Wenn ſie es ihrem Erretter auch nicht gleich in's Geſicht ſagte, ſo gab doch ihre Ver⸗ wirrung und ihr Erröthen dem entzückten Jäger deutlich zu verſtehen, daß die acht Tage, die ſie ſich zur Bedenkzeit ausgebeten, nur zum Scheine waren. Das nahm der König denn auch ſo an und ließ großartige Vorbereitungen zu einer glänzenden Hochzeit treffen, wobei die drei Geſellen vollkommen beſchäftigt wurden. Der Schneider, der viel auf Titel hielt, wurde Oberhofkleiderkünſtler und mußte die Ge⸗ 169 wänder herrichten laſſen; dem Goldſchmied wurden große Gold⸗ und Silberbarren übergeben, woraus er mit Hülfe vieler Geſellen eine Menge goldener Gefäße und Ringe verfertigen mußte, und der Steinmetz wurde fortan Herr Hofbaumeiſter genannt und blieb von den Dreien am meiſten in der Gunſt des Herrn ſtehen; denn obgleich es den Großen im Allgemeinen nicht angenehm iſt, wenn man ihnen eine Naſe dreht, ſo hatte doch der Steinmetz dem königlichen Schwiegerſohn durch dieſe That einen großen Dienſt geleiſtet. Nach Verlauf der acht Tage gab die Prinzeſſin Amaranthe ihr Jawort, das Beilager wurde mit großer Pracht und Herrlichkeit gefeiert, und das ſchöne Paar lebte glücklich bis am Ende ſeiner Tage.“— Hier ſchloß der Franke ſeine Erzählung, von der ſeine Zuhörer ſehr befriedigt waren. Auch der Emir el Hadſch hatte auf ein Stündchen ſeine kritiſche Lage vergeſſen, und dankte dem Fremden für ſeine ſchöne Geſchichte. „Doch jetzt, meine Freunde,“ nahm der alte Mann nach kurzem Stillſchweigen das Wort,„iſt es Zeit, daß wir uns trennen. Der Morgen dämmert bereits empor, deshalb geht mit Gott nach Euren Zelten.“ Alle erhoben ſich und folgten dieſem Rathe. Der Emir el Hadſch ging nachdenkend nach ſeinem Zelte. Er war ſehr mißgeſtimmt, und malte ſich die unangenehmen Folgen, die der Einbruch der Araber für ihn haben konnte, mit den ſchwärzeſten Farben. Auch wollte es ihm gar nicht aus dem Sinne kommen, daß der Araberſtamm des Schech Almanſors nicht auch in jene Verſchwörung mit verwickelt ſein ſollte, und er dachte beſtändig an die Worte Haſſans, daß jener junge Araber möglicher Weiſe doch ein Spion ſein könne. Ach, er war wirklich zwiſchen mehrern Feuern gefangen, und im Fall ſich die Araber zwiſchen ihn und Kairo warfen, war er nothgedrungen, ihren Befehlen Folge zu leiſten, da er ſich gegen die Uebermacht nicht wehren konnte. Unter dieſen trüben Gedanken näherte er ſich ſeinem Zelte, und war nicht wenig erſtaunt, als er von dorther lauten Wortwechſel und das Klirren von Schwertern vernahm. Eilig näherte er ſich und er⸗ kannte Haſſans Stimme, der mehrmals die Worte rief:„Haltet ihn auf, haltet ihn feſt! Im Namen des Herrn! Er hat's befohlen!“ Und dann hörte er wieder auf's Neue Schwerter klirren und ſah jetzt hinter ſeinem Zelte einen Trupp Menſchen und unter ihnen Haſſan, die auf äerm - “ , —,y 170 em Rücken gegen ſein Pferd Fauſt die Andrängenden von einen Beduinen eindrangen, welcher mit d gelehnt ſtand und mit dem Säbel in der ſich abwehrte „Was gibts hier?“ rief der Emir ſeinem Haushofmeiſter zu. „Was habt Ihr mit jenem Manne?“ „Ach, Herr, entgegnete Haſſan athemlos, ohne aber von jenem einen Blick zu verwenden, es iſt derſelbe Menſch, o Herr, der heute Morgen die Depeſchen überbrachte, und den wir heute Nacht durch das ganze Lager ſchleichen ſehen und darauf hier bei Deinem Zelte antrafen. Wir riefen ihm zu, er ſolle Rede ſtehen, doch gab er keine Antwort, ſondern verſuchte es, ſich auf ſein Pferd zu ſchwingen und zu entkommen, und da habe ich es denn für nöthig erachtet, Deinen Wachen, o Herr, zu befehlen, ihn feſt zu nehmen.“ In einem andern Augenblick würde der Emir dies Betragen ſeines Dieners gemißbilligt haben, doch jetzt, wo ſein Herz gegen alle duinen, Kann eingenommen war, rief beſonders gegen dieſen jungen N er ihm mit rat: er ſolle die Be⸗ lauter Stimme zu, während er näher t Waffen niederlegen und ſich ergeben,„ſonſt muß ich,“ ſetzte er hinzu, „von meiner Macht Gebrauch machen und Dir die rechte Hand ab⸗ hauen laſſen, weil Du es wagſt, im Umkreis meines Gezelts den Säbel zu entblößen.“ Kaum hörte der junge Mann dieſe Stimm als er ſeine Waffen ſinken ließ und auf ihn zutrat. „O Herr,“ ſprach er,“ glaube ja nicht, daß ich aus Uebermuth in der Nähe Deiner Perſon die Waffen gebrauchte; doch wurde ich durch dieſe da überfallen und gezwungen mich zur Wehre zu ſetzen. Beſchließe über mich, o Herr, was Du willſt, ich bin Deinen Be⸗ fehlen unterworfen.“ Der Emir ſtand einen Augenblick unſchlüßig da, und war ſchon im Begriff, dem jungen Mann zu erlauben, ſich zu entfernen, als Haſſan ihm zuflüſterte:„O Herr, bei der Gnade des Propheten fleht Dich Dein Knecht an, di jungen Mann feſt zu halten. Er iſt keiner der Geringſten aus dem Stamme Almanſors, und kann vielleicht für ſeinen Schech als Geißel dienen. Auch hat er Dir heute Morgen die Unwahrheit geſagt, denn ein anderer Reitender, der dieſen Abend während Deiner Abweſenheit ankam, brachte neue beunruhigende Nach⸗ richten aus Kairo, und verſicherte, daß es hauptſächlich jener mächtige e und ſah den Emir ——————ℳ e —.—————— ————————— 171 Araberſtamm ſei, der als Mittelpunkt der ganzen Empörung zu be⸗ trachten ſei.“ Durch dieſe Worte ſeines Haushofmeiſters aufs Neue beunruhigt, befahl der Emir dem jungen Manne, ſeinen Säbel abzugeben, was dieſer auch ſtillſchweigend that. Er übergab ihn hierauf einigen ſeiner Mameluken, mit dem Geheiß, ihn in ein Zelt zu bringen und genau zu bewachen. Nach dieſen Vorfällen verbrachte der Emir eine äußerſt ſchlafloſe und traurige Nacht. Welchen Beſchluß hatte er am andern Morgen zu faſſen? Sollte er die Karavane weiter gegen Mekka vorrücken laſſen, und mußte er alsdann in den nächſten Tagen nicht befürchten, von ſtreifenden Araberhorden, die auch ſchon um den Aufſtand ihrer Brüder wußten, ausgeplündert und vernichtet zu werden? Sollte er dagegen nach Kairo zurückkehren, ſo mußte er befürchten, daß ſich ihm die Araberſtämme, die ſich auf der Seite befanden, in den Weg treten und ihn aufhalten würden? So wälzte er ſich ſchlaflos auf ſeinem Lager umher und als er beim Anbruch des Tages kaum eine halbe Stunde unruhig geſchlummert hatte, wurde er von Haſſan mit der Nachricht 5 geweckt, daß ſich draußen abermals ein Reitender aus Kairo befinde, der ihm neue Nachrichten mitzutheilen habe. Der Emir ließ ihn eintreten, und der Mameluke, dem man an ſeiner beſtaubten und zerriſſenen Kleidung deutlich anſah, daß er einen langen und ſchnellen Ritt gemacht, verbeugte ſich vor dem Emir, und überreichte ihm einen Ferman des Großherrn, worin ihm dieſer bei ſeinem Zorn befahl, augenblicklich gen Kairo zurückzukehren. Als der Emir dies geleſen, ſagte der Mameluk:„Ich verſichere Dich, o Herr, wenn mich die Gnade des Propheten nicht beſchützt hätte, würde ich nicht haben bis zu Dir gelangen können, denn kaum eine ſtarke Tage⸗ reiſe von hier gen Kairo lagern mächtige Araberſtämme, weit auf der Wüͤſte ausgebreitet, von denen ich, ſobald ſie meiner anſichtig wurden, ergriffen ward. Sie brachten mich vor ihren Schech und ich befürchtete ſchon, mein Leben zu verlieren; doch kaum hatte ich ihm Deinen p Namen genannt, o Herr, und daß ich zu Dir geſchickt ſei, als er mich ſogleich weiter ziehen ließ, und mir noch obendrein einige Reiter zur Bedeckung mitgab.„Bringe dem Emir el Hadſch meinen Gruß,“ ſprach er beim Abſchiede, und ſage ihm, Schech Almanſor ſei es, der Dich zu ihm ſchicke, und der ihn bitten laſſe, mit der Caravane nicht von der Stelle zu rücken, weder vorwärts noch rückwärts.“ 172 Der arme Emir befand ſich wirklich in einer peinlichen Lage. Sollte er dem Befehl ſeines Herrn gehorchen und umkehren? Was konnte ihm das helfen? Denn es war nur zu gewiß, daß ihn die Araber aufhalten würden, auch war er viel zu ſchwach, um ſich den Durchgang zu erzwingen. Der Mameluke, der die Botſchaft gebracht, bat, ſich entfernen zu dürfen und begab ſich nach erhaltener Erlaubniß augenblicklich ins Lager. Unterdeſſen war der Tag herangebrochen, und der Emir, der nichts Beſſeres zu thun wußte, ließ der Karavane ſeinen Befehl ver⸗ künden, auch heut noch einen Ruhetag zu halten. Wenn dieſer Be⸗ fehl geſtern mit einer allgemeinen Freude war empfangen worden, ſo wurde er doch heute dagegen minder gut aufgenommen. „Was will der Emir el Hadſch?“ rief das unruhige Volk. „Sollen wir unſere Vorräthe hier verzehren, um am Ende der Reiſe Hungers zu ſterben?“—„Es iſt ſehr ſchlimm,“ ſagten die klügeren Männer, ſo wie die, zu deren Ohr ſchon die Kunde vom Ueberfall der Araber gedrungen war,„es iſt ſchlimm, und nicht weiſe gehandelt vom Emir,“ ſagten ſie; anſtatt hier liegen zu bleiben, ſollte er uns eilig gen Mecca führen, denn dort könnte er in aller Ruhe den Ver⸗ lauf der Dinge abwarten.“ Am meiſten aber ſchrieen und lärmten die jungen und reichen Türken, die ſich hier zur Unthätigkeit verdammt ſahen, während ſich in Kairo ihre Brüder im Kampfe gegen die Ara⸗ ber Lorbeeren verdienen konnten, kurz, das ganze Lager war in einer ſchlimmen Aufregung, und mehr als einmal im Lauf des Tages er⸗ ſchienen ältere Männer aus dem Volte, um den Emir wegen ſeines ferneren Vorhaben zu befragen. Doch dieſer machte es wie die meiſten vor⸗ nehmen Herrn in ſolchen kitzlichen Fällen und war für Niemanden zu ſprechen. So verfloß auch dieſer Tag, und der Emir, dem heute mehr als je darum zu thun war, die Stimmung des Volkes zu erfahren, legte die ſchlechten Kleider an, die er gewöhnlich bei ſolchen Ausgängen zu tragen pflegte, und begab ſich ins Lager zu ſeinem alten Freunde, den er auch wie immer mit ſeinen jungen Begleitern um das Feuer herum⸗ ſitzen fand. Nach dem Gruße des Friedens brachte der Emir gleich das Geſpräch auf die Gerüchte von den Ueberfällen der Araber, wo⸗ rauf der alte Mann mit leiſer Stimme verſicherte, er wiſſe beſtimmt, daß ſich der Emir el Hadſch in einer ſehr üblen Lage befände.„Es i*ſt eine ſchlimme Zeit für den Herrn,“ ſagte er,„und ich möchte nicht in ſeiner Haut ſtecken!“ O wenn er nur gute Freunde hätte, die ihm die Größe der Gefahr, in der er ſchwebt, ſo recht darſtellen könnten. Denn ſiehſt Du Herr, viele im Lager wiſſen wohl den Befehl des Kalifen, daß er ſich mit der Karavane nach Kairo zurückbegeben ſoll; auch ſehen die klugen Leute wohl die Unmöglichkeit ein, dem Befehl Folge zu leiſten und geben dem Emir Recht, daß er ruhig bleibt, wo er iſt. Andere aber und beſonders die Mehrzahl der fanatiſchen Der⸗ wiſche ſchreien und toben, man müſſe dem Kalifen blindlings gehorchen. Dieſe Letzteren ſind noch obendrein aufgereizt, durch jenen Mameluken, der dem Emir heute Morgen die letzte Botſchaft überbracht, und der, wie ich aus ſicherer Quelle weiß, auch dem Oberhaupt der Derwiſche einen Befehl des Kalifen zuſtellte, des Inhalts, daß dieſer genau auf den Emir Acht haben ſollte, und im Fall der Letztere den Befehl des Kalifen nicht augenblicklich befolge, alle ihm gut dünkenden Schritte zu thun. Ich weiß nicht, wie unſer Herr, der Emir el Hadſch gegen den Kalifen denkt, aber man will behaupten, daß er in ſeinen Ge⸗ zelten einen vornehmen Araber aus dem Stamme Almanſors verwahre, mit dem er in Unterhandlung ſtehe. Der Prophet möge ihn ſchützen und erleuchten, und ihn bewahren, daß er nicht in die Hände der Derwiſche fällt; denn nöthigen Falls würde das Oberhaupt derſelben in der Karavane wohl einen Mann zu finden wiſſen, der mit Gift oder der ſeidenen Schnur umzugehen weiß.“ Bei dieſen Nachrichten erſchrack der Emir el Hadſch ſo heftig, daß er erblaßte und in eine Bewegung verfiel, die den alten Mann auf⸗ merkſam machte. Auf die Frage deſſelben entgegnete er:„Es iſt wahr, das Unglück, welches unſerm Herrn, dem Emir el Hadſch, bevorſteht, hat mich tief erſchüttert, denn ich habe unter ſeinen Dienern einen Bruder, den ich zärtlich liebe, und der bei einem Unglück, das den Herrn beträfe, auch mit zu Grunde gehen würde. Sagt mir aber, was würdet Ihr dem Emir für einen Rath geben, wenn Ihr dazu aufgefordert würdet?“ „Das iſt eine ſchwer zu beantwortende Frage,“ entgegnete der alte Mann,„indem ich nicht weiß, wie der Emir gegen den Kalifen denkt. Hat er keinen beſondern Anlaß, ihn zu lieben,“ ſetzte er leiſer hinzu,„ſo wird er es vielleicht machen wie ein großer Theil des Vol⸗ kes— Ihr ſollt ſchon ſehen. Er wird ſich dann mit den Arabern verbinden und dem gütigen Prinzen Almanſor behülflich ſein, den Thron ſeiner Väter zu beſteigen. Doch laſſen wir von dieſen Geſprächen ab, denn ſolch ein unbedachtſames Wort könnte einem den Kopf koſten. Was ſollen wir uns auch in dieſe Sache miſchen, welche die großen Herrn angeht. Wenn es Euch dagegen genehm iſt, will ich Euch noch ein kurzes Mährchen erzählen, das mir gerade eingefallen.“ Die jungen Leute ſtimmten dem alten Manne freudig bei, und auch der Emir, der wohl fühlte, daß ihm eine augenblickliche Zerſtreu⸗ ung wohl Noth thäte, erklärte ſich ſehr bereit zuzuhören, worauf der Alte, wie folgt, begann. —,,—— — Das Zauberpferd. Es war einmal in der guten alten Stadt Damaskus ein Kameel⸗ treiber, der hatte eine lange Reihe von Jahren dieſem Geſchäft obge⸗ legen. Schon als Knabe war er mit den Karavanen gezogen und hatte ſeit der Zeit die Wuͤſte nach allen Richtungen durchwandert. Er war ſowohl in Kairo als wie in Stambul geweſen und hatte mancherlei Merkwürdiges und Sonderbares geſehen und erlebt. Doch wie es bei all dieſen Leuten geht, die mühſam und kümmerlich ihr bischen Brod verdienen müſſen, ſo hatten ſich wohl ſeine Erfahrungen bereichert, aber ſein Vermögen wollte nie einen rechten Aufſchwung nehmen. So oft er freilich von ſeinen Reiſen zurückkam, legte er eine kleine erſparte Summe in die Hände ſeines Weibes, die ihm zwei Knaben geboren hatte. Doch ſo einfach und ärmlich er auch lebte, er konnte nie viel erübrigen. Wenn er auch ſein ganzes Leben faſt nichts auf dem Leibe getragen hatte, als ein grobes Hemd und ein großes Schaffell, um ſich gegen Wind und Regen zu ſchützen, ſo kam er doch eines Tages zu ſterben, ohne ſeinen beiden Knaben— ſein Weib war ihm ſchon vorangegangen— viel zu hinterlaſſen. „Meine Söhne,“ ſprach er in der letzten Stunde zu ihnen,, ſuchet Euch auf eine redliche und Gott wohlgefällige Art fortzubringen. Strebt darnach, Euer Glück zu verdienen und es muß Euch gelingen, denn es hat mir einſt ein weiſer Mann auf meinen Reiſen eine Pro⸗ phezeihung gethan, die ich wörtlich in meinem Gedächtniß bewahrte. Alle Menſchen ſind nicht dazu beſtimmt, glücklich zu werden, ſagte der weiſe Mann zu mir, und Du biſt einer von denen, die das Glück nie erreichen können. Du wirſt Dein ganzes Leben in Mühe und Arbeit verbringen und wirſt Deine Familie ohne Ausſicht zurücklaſſen müſſen. Aber ſei getroſt und glaube meinem Wort, wenn ich Dir ſage: daß —— 13 ——— of—⁄⁄ ——— ——— — — —— ——— ——— —— —— — 176 einem Deiner Söhne, ein großes ungeheures Glück bevorſteht. Dieſer iſt ein von Gott auserwählter, und die Ehre und der Reichthum wer⸗ den ihn mit ihren Gaben überſchütten, ohne daß er ſelbſt viel dabei zu thun hat. Ach, meine Kinder, die Prophezeihung, daß ich mein ganzes Leben in Dürftigkeit zubringen ſolle, hat ſich erfüllt. Warum ſollen wir alſo auch nicht glauben, daß die andere, die einem von Euch großes Glück verſpricht, ebenfalls wahr werden könne. Möge Euch Gott ſchützen und der Prophet ſegnen.“ Damit ſtarb der Kameeltreiber, und ſeine beiden Söhne ſtanden weinend um ſein Lager und drückten ihm die Augen zu. Nun aber war zwiſchen dieſen beiden Söhnen ein großer Unter⸗ ſchied. Der eine, der ungefähr achtzehn Jahre zählte, war, was Ge⸗ ſtalt und Geſicht anbelangt, gerade nicht ſchön zu nennen. Deſto auf⸗ geweckter aber ſchien ſein Verſtand und um ſo lebhafter ſeine Einbil⸗ dungskraft zu ſein. Er beſchäftigte ſich ſchon ſeit ſeiner früheſten Jugend mit dem Gedanken, recht viel Geld zu verdienen, und trieb zu dem Zweck allerlei kleine Geſchäfte. Bald lief er in den Karavanſe⸗ reien herum und half für ein Geringes beim Abladen der Kameele, bald ſtrich er durch die Bazars und wußte ſich dort durch kleine Gefällig⸗ keiten, die er den Kaufleuten erwies, etwas Geld zu erwerben. Dabei war er ſparſam, legte das Erworbene ſorgfältig zurück, und wenn der Vater ſeine beiden Söhne betrachtete, ſo hatte er, was die Prophe⸗ zeihung anbelangt, auf dieſen ſeine große Hoffnung geſetzt, beſonders da an dem jüngeren Sohn nichts zu entdecken war, was zu dem Glau⸗ ben berechtigte, daß wenn ihm ſelbſt das Glück mit vollem Angeſicht gelächelt hätte, er im Stande ſein würde, es zu verſtehen, oder gar feſtzuhalten. Er war ein träumeriſcher fauler Junge, der auch wohl, wie ſein Bruder, den ganzen Tag in den Karavanſereien und Bazars umherging, aber ohne dort eine Hand anzulegen, oder für irgend Et⸗ was ein lebhaftes Intereſſe zu zeigen. Stunden lang konnte er ſich vor das Gewölbe irgend eines Kaufmanns hinſtellen, um die fremdartigen und ſeltenen Waaren zu betrachten, die dort ausgelegt waren, und konnte ſich dabei in Gedanken vertiefen, wo dieſe Sachen herkämen, und wie es dort wohl ausſehen möge. Auch auf den Straßen konnte er lange Zeit dem prachtvollen Aufzug irgend eines Paſcha zuſchauen und dabei mit offenen Augen träumen und ſich einbilden, er ſelbſt ſitze auf jenem reichgeſchirrten Pferde, und er wäre es, vor dem ſich alle Köpfe ehrerbietig neigten. Als nun der Vater geſtorben war, ſprach der ältere Bruder zu dem jüngeren:„Höre mich, Ibrahim, es iſt jetzt Niemand mehr da, der für uns ſorgt, wo wir Eſſen und Kleidung hernehmen, und es iſt deshalb nöthig, daß wir uns um einen Erwerbzweig umſehen. Ich wollte mir ſchon durch die Welt helfen, wenn ich nur wüßte, was aus Dir werden ſoll. Da Du aber keine Luſt haſt, mit den Karavanen hinauszuziehen und es Dir weit beſſer gefällt, ruhig und träumend zu ſitzen, ſo habe ich für Dich eine Stelle in einem Kaffeehaus geſucht, wo Du nichts zu thun haſt, als den Leuten den Kaffee darzureichen und ihnen die Pfeife zu ſtopfen und anzuzünden. Willſt Du dies Geſchäft übernehmen, ſo folge mir.“ Ibrahim willigte gern in dieſen Vorſchlag ein, und ging mit ſeinem Bruder in eins der großen Kaffeehäuſer, wo er wegen ſeinem angenehmen Aeußern auch von dem Kaffetſchi oder Kaffeewirth gleich aufgenommen wurde. Sein Bruder Ali theilte ihm etwas von ſeiner kleinen Baarſchaft mit, umarmte ihn aufs Zärtlichſte, nachdem er ihm erzählt, daß er nun mit einer Caravane in die Welt hinaus wolle, um ſein Glück zu ſuchen. So ſchieden die beiden Söhne des Kameeltreibers, und Ibrahim trat ſein neues Amt an. Doch wollte es damit gar nicht recht gehen. Anſtatt auf die Gäſte aufmerkſam zu ſein und ihrem Verlangen zu⸗ vorzukommen, horchte er auf die Erzählungen der Fremden, betrachtete die vorüberziehenden reichen Kaufleute, indem er bei ſich dachte, wie angenehm es doch ſein würde, wenn er es auch einmal ſo weit ge⸗ bracht hätte. Der Kaffetſchi verwies ihm täglich und ſtündlich ſein träumeri⸗ ſches, unaufmerkſames Weſen, aber es half Alles nichts. Bald ſchüt⸗ tete er einem Gaſt den Kaffee auf das Kleid, bald reichte er einem Andern eine unangezündete Pfeife, oder er ließ vielleicht einem Dritten eine glühende Kohle auf den Pantoffel fallen. Kurz, ſein Herr hatte nichts wie Aerger und Noth mit ihm, und nachdem er ihn zum Oef⸗ teren vergeblich ermahnt und gewarnt, ſagte er ihm eines Tages, es thue ihm leid, daß er ihn nicht länger behalten könne, und hieß ihn ſeiner Wege ziehen. Ibrahim, anſtatt hierüber betrübt oder niedergeſchlagen zu ſein, war vielmehr luſtig und guter Dinge, und verließ das Kaffeehaus mit dem feſten Vorſatz, jetzt augenblicklich ein reicher und vornehmer Mann zu werden. Mit dieſem Gedanken trieb er ſich in der Stadt umher, Hackländer, orient. Sagen. 12 — —— und verweilte häufig vor dem Palaſt des Kalifen, wo er ſich die vor⸗ nehmen Herren betrachtete, ihre Mienen und Geberden, ſowie den Anſtand, mit dem ſie im Vorhof vom Pferde ſtiegen, und das Alles aufs Beſte nachzuahmen verſuchte. Das gelang ihm auch wohl, denn die Natur hatte ihn mit einem ſo günſtigen Ausſehen beſchenkt, daß man ihn bei beſſerer Kleidung eher für den Sohn eines vornehmen Herrn, als wie für den Sprößling eines Kameeltreibers hätte halten können. Doch bei dieſem Nichtsthun und Umherſchlendern war das wenige Geld, das er beſaß, bald verzehrt, und er fand es für rath⸗ ſam, ſich nach einem neuen Dienſt umzuſehen. Er ſuchte und fand denn auch bald eine Stelle als Reitknecht bei einem reichen Kaufmann, wo er es denn auch längere Zeit aushielt, als bei ſeinem früheren Herrn, dem Kafeetſchi. In ſeiner jetzigen Stellung hatte er nichts zu thun, als neben dem Pferd ſeines Herrn zu laufen, wenndieſer ausritt, oder ihm die Pfeife nachzu⸗ tragen, Geſchäfte, die er denn auch zur ziemlichen Zufriedenheit vollbrachte. Da ſprach eines Tags ſein Herr zu ihm, indem er ihm einen großen Beutel mit Geld einhändigte:„Ibrahim, geh auf den Pferde⸗ markt. Dort wirſt Du neben der großen Moſchee einen Araber fin⸗ den, der einen ausgezeichnet ſchönen Schimmelhengſt hat, welchen ich gekauft. Sage ihm meinen Gruß und händige ihm dies Geld ein, er wird Dir darauf das Pferd geben, welches Du ſorgfältig zu mir her geleiten ſollſt.“ Nach dieſem Befehl ging Ibrahim mit dem Gelde fort und gelangte bald auf den Markt, wo eine große Menge guter und ſchlechter Pferde zum Verkaufe ausgeſtellt waren. Er wandelte zwi⸗ ſchen den Verkäufern umher, die ihn für einen reichen jungen Mann hielten und ihm mit vielen Schmeicheleien ihre Pferde antrugen. Durch dieſe Reden, die ihm ſehr wohl gefielen, vergaß er den Befehl ſeines Herrn, ſich ſo viel wie möglich zu eilen und gelangte erſt nach geraumer Zeit zur großen Moſchee, wo er ſich nach dem Araber mit dem Pferde, das er kaufen ſollte, umſah. Unglücklicherweiſe aber hatte er vergeſſen, daß es ein Schimmel⸗ hengſt ſei, den er für ſeinen Herrn abholen ſolle; und da nebenbei ſeine Kenntniß über die Schönheit eines Pferdes nicht ſehr groß war, ſo wandte er ſich an einen alten Türken, der auf den Treppen der großen Moſchee ſaß und einen alten mageren Rappen am Zügel hielt, der hungrig das Gras zwiſchen den Steinritzen verzehrte. Aha, dachte Ibrahim, dies iſt der Mann, den ich ſuche, und trat mit dem Gruße 179 des Friedens näher. Der alte Türke, der ein kluges, liſtiges Geſicht hatte, erhob die Augen und ſah gleich an dem kecken leichtſinnigen Benehmen des jungen Menſchen, der einen ſo vollen Beutel im Gürtel trug, daß es hier nicht ſchwer werden würde, ein gutes Ge⸗ ſchäft zu machen. Er ſtand daher raſch von ſeinem Sitze auf und näherte ſich. „He, Alter,“ ſprach Ibrahim,„ſeid Ihr es, von dem mein Herr ein Pferd gekauft hat?“ „Ei freilich,“ entgegnete der Türke mit liſtigem Lächeln,„bringt Ihr vielleicht die Kaufſumme und wollt das Thier mit fortnehmen?“ „Ja wohl,“ ſprach Ibrahim mit einer großthueriſchen Nachläſſig⸗ keit, indem er den Beutel aus ſeinem Gürtel hervorzog, den der Alte ſogleich mit einem gierigen Blick zu ſich nahm.„Zählt nach,“ fuhr er fort,„es wird die richtige Summe ſein in vollwichtigen Gold⸗ ſtücken.“ Der Alte that, als ſähe er in den Beutel hinein und ſagte dar⸗ auf ſchmunzelnd:„Nun ja, es fehlen freilich einige Piaſter, aber das macht nichts, Dein Herr iſt ein ſo guter Kunde, daß es mir auf die Kleinigkeit nicht ankommen ſoll. Kommt nur bald wieder, um auf ſolche Art von mir zu kaufen, und der Prophet wird's Euch ge⸗ ſegnen.“ Damit verſchwand der Alte eilig in der Menge. Ibrahim aber ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt keck und ſtolz über den Markt dahin. Wohl hörte er die Leute neben ſich flüſtern und lachen, aber er hielt dieſe Aeußerungen des Spottes für Zeichen des Wohlwollens und der Freude und bezog ſie auf ſein ſtattliches Ausſehen. So gelangte er vor die Thüre ſeines Herrn, brachte das Pferd in den Hof und ſagte darauf zu ſeinem Gebieter, daß er ſeinen Auf⸗ trag pünktlich erfüllt und das Pferd mitgebracht habe. Eilig ging dieſer in den Hof und fragte mit freundlichem Angeſicht:„Nun, wo iſt denn der Schimmel?“ „Der Schimmel, o Herr,“ entgegnete Ibrahim fragend,„ich weiß von keinem Schimmel. Der Mann an der Moſchee hat mir dieſen Rappen für Dich mitgegeben und ich habe nichts anderes, wie dies Pferd mitgebracht.“ „Aber mein Geld?“ entgegnete der Kaufmann ängſtlich werdend; „aber mein Geld? Der Beutel mit den 10,000 Piaſtern?“ „Ei Herr,“ entgegnete Ibrahim,„befahlſt Du mir denn nicht, —— —— — eeee.———— 5— “ das Geld dem Mann an der Moſchee einzuhändigen und das Pferd dafür mitzunehmen?“ „Bei Gott und dem Propheten!“ ſchrie jetzt plötzlich der Kauf⸗ mann, dem die Sache klar zu werden begann, indem er ſich den Bart zerraufte,„o Du ungetreuer und nachläßiger Knecht! Sprich, haſt Du die ganze ungeheure Summe für dieſe elende Mähre hin⸗ gegeben?“ 1 „Ja wohl, Herr,“ entgegnete Ibrahim kleinlaut, denn es ſtieg auch bei ihm eine Ahnung auf, als habe er keinen vortheilhaften Kauf gemacht, ſondern ſei vielmehr tüchtig betrogen worden. Jetzt gerieth der Kaufmann in einen unbeſchreiblichen Zorn. Er griff nach einem Stocke, und wollte über ſeinen Diener herfallen. Doch hielt er ein und beſann ſich eines Andern.„Nein,“ ſchrie er laut, nich will meine Hand nicht an Dir beſchmutzen, Du ſchlechter Diener. Nein, ich will Dich vielmehr vor den Kadi bringen, der ſoll Dich für Dei⸗ nen ſchändlichen Streich zu Tode prügeln laſſen.“ Hierauf rief er einigen von ſeinen Sclaven, welche den armen Ibrahim in die Mitte nehmen mußten, und fort ging es mit ihm auf den großen Markt, nach dem Platze, wo der Kadi der Stadt Damas⸗ kus öffentliches Gericht hielt. Der Kaufmann, der vermöge ſeines Reichthums bei dieſem Be⸗ amten ſehr angeſehen war, wurde augenblich zur Klage vorgelaſſen, und erzählte den ganzen Hergang der Geſchichte, indem er dabei nicht undeutlich zu verſtehen gab, daß es auch wohl möglich ſei, Ibrahim habe dies elende Pferd für einige Piaſter gekauft und den andern Theil der Summe unterſchlagen. Der Kadi ließ ſich den ganzen Verlauf der Sache erzählen und ſo ſehr auch Ibrahim unter Thränen bei Allem, was heilig iſt, betheuerte, er habe nur aus Unachtſamkeit ge⸗ fehlt, aber gewiß von dem Gelde keinen Para unterſchlagen, ſo würde ihm dies doch wenig geholfen haben, wenn nicht zufällig ein paar andere Kaufleute erſchienen wären, die dem Handel an der Moſchee zugeſehen hatten und dem jungen Manne bezeugten, daß er ohne zu zählen, den Beutel jenem alten Manne überreicht hätte. So unlieb auch dieſer Ausſpruch dem Herrn Ibrahims war; denn er hätte ſich in ſeinem Zorn ſehr darüber gefreut, wenn Ibrahim zu einer tüchtigen Gefängnißſtrafe wäre verurtheilt worden, ſo konnte er doch nichts machen und mußte mit dem Urtheilsſpruch des Kadi ͤ.———————*—, S “ zufrieden ſein, der dahin lautete, daß Ibrahim ſeinem Herrn die ganze b Summe zu erſetzen habe. ff⸗ V Wenn er aber dies nicht im Stande ſei, ſo dürfe ihn ſein Herr en auf öffentlichem Markt als Sclaven verkaufen und das Geld, was er h, für ihn und das Pferd bekomme, als Entſchädigung anſehen. n⸗ b Ibrahim wurde darauf wieder nach Hauſe zurückgebracht. Der Kaufmann ließ ihm ſeine guten Kleider ausziehen und dafür ein altes leg V ſchmutziges und zerriſſenes Gewand anlegen, worauf er den Zügel des uf Pferdes in die Hand nehmen und ſeinem Herrn folgen mußte. Umſonſt war ſein Bitten und Flehen, ihn doch zu behalten, um⸗ Er ſonſt ſeine Verſprechungen und Betheuerungen, er würde durch Fleiß ch und gutes Betragen den Schaden wieder einzubringen ſuchen; es half* ich V Alles nichts. Sein Herr war unerbittlich und nicht genug, daß er in, V ihn auf dem Sclavenmarkt an irgend einen anderen Herrn verkauft et⸗ hätte, nein, er ließ ihn ſogar auf den Trödelmarkt bringen, wo nur das lumpigſte Geſindel ſeine Sachen einhandelt, und ſtellte ihn hier 4 zum Verkauf aus. nuf b Lange fand ſich aber kein Menſch, der ein Gebot auf Mann und 1s⸗ Pferd gethan hätte, und wenn zufälligerweiſe ein gut gekleideter Mann über den Platz ging und nach dem Preiſe dieſes Sclaven fragte, ſo Ze⸗ forderte der Kaufmann einen ſo unmäßigen Preis, daß alle achſel⸗ en, zuckend und lachend fortgingen. Kam aber irgend ein zerlumpter Kerl cht— in ihre Nähe, ſo bot ihm der Kaufmann Mann und Pferd für einen im Spottpreis an; denn um den armen Ibrahim empfindlich zu beſtrafen, heil wollte er ihn in recht ſchlechte Hände bringen. Doch was er anfäng⸗ auf lich verlangte, war immer noch zu viel für das Geſindel, was ſich hier bei umher trieb. So mochte es ungefähr Abend geworden ſein, als noch ge⸗ b ein alter zerlumpter Kerl erſchien, der nach dem Preiſe des Sklaven rde und des Pferdes fragte, und der Kaufmann, dem das Ausſehen dieſes aar V Käufers recht paſſend erſchien, forderte eine ſo niedrige Summe, daß hee jener zuerſt glaubte, nicht recht gehört zu haben. zu Als aber der Andere nicht mehr forderte, zog der Alte einen ſchmutzigen ledernen Beutel hervor, zählte die Summe eilig hin, und ar;’ befahl alsdann dem Ibrahim, ihm zu folgen. Dieſer verſuchte noch him einmal, den Kaufmann zum Mitleiden zu bewegen, aber umſonſt. Er nte 1 wandte ſich lachend ab, indem er ihm ſagte, er ſei für ſolche Unacht⸗ adi ſamkeit und Nachläßigkeit noch viel zu gelinde beſtraft. Traurig folgte der arme Sclave ſeinem neuen Herrn, der ihn mit .— ——— —.—— qo¼½⁶‧,“ 182 ſich in ein ſehr ärmliches und abgelegenes Stadtviertel führte, und dort vor einem der ſchlechteſten und zerfallenſten Häuſer hielt. Er öffnete eine kleine Thür und befahl ſeinem Sclaven, ihm mit dem Pferde zu folgen. Beide kamen durch einen dunkeln Gang auf einen kleinen Hof, wo ſich ein ſchlechter Stall befand, den der Alte öffnete und wieder verſchloß, nachdem Ibrahim mit dem Pferde eingetreten war. Hier in dem Stalle war es ziemlich finſter und außer einem hölzernen Trog befand ſich nichts in demſelben. Ibrahim ſetzte ſich auf die Erde hin und überdachte ſein trauriges Schickſal. Er dachte an ſeinen Bruder, wo der in der Welt herumſchwärmen möge, und ob er vielleicht ſchon ſein Glück irgendwo gemacht habe. Je⸗ denfalls aber war er überzeugt, daß es demſelben beſſer erginge, als ihm. Nach einer kleinen Weile kam der Alte wieder in den Stall, warf ein Bund Stroh an den Boden hin und ſchüttete einige Hände voll Gerſte in den Trog für das Pferd. Auch gab er ſeinem neuen Seclaven ein Stück hartes Brod und einen kleinen Krug Waſſer zum Abendeſſen, wünſchte ihm darauf eine gute Nacht und verſchloß die Thür wieder. Ibrahim, der den ganzen Tag nichts gegeſſen hatte, fühlte einen heftigen Hunger und nahm ſogleich ſein karges Nachtmahl zu ſich, und nachdem er einen guten Schluck aus ſeinem Waſſerkruge gethan, ſtand er auf und ſah nach ſeinem Pferde, das in der Gerſte umher⸗ wühlte, ohne davon zu freſſen. Ibrahim glaubte, es ſei vielleicht krank und nahm eine Handvoll davon, die er ihm vor das Maul hielt. Als es auch jetzt nichts davon anrührte, nahm er ſeinen Waſſerkrug und feuchtete die Gerſte ein wenig an, indem er dachte, das Futter ſei dem Thier etwas zu trocken. Doch anſtatt davon zu freſſen, merkte Ibrahim zu ſeiner größten Verwunderung, daß das Pferd den Kopf ſchüttelte und ihn mit einem ſonderbaren Blicke anſah.„Aha,“ dachte er,„mein armes Thier, du fühlſt auch wohl, daß wir in ſchlechte Hände gefallen ſind. Nun, wir wollen ſehen, was zu machen iſt und du kannſt dich darauf verlaſſen, daß der Alte dir nichts zu Leide thun ſoll. Ich will ſchon dafür ſorgen, daß du nicht ſo viel zu arbeiten brauchſt.“ Nach dieſen Gedanken legte ſich Ibrahim auf das Stroh nieder, und Dank ſeinem leichten Sinn und ſeiner Ermüdung, die ihm heute das lange Stehen auf dem Markt verurſachte, ſo ſchlief er ein, und ——————.——— —· erwachte erſt, als der Tag am Himmel heraufzudämmern begann. Jetzt erhob er ſich wieder von ſeinem harten Lager und trat an den Trog hin, um zu ſehen, ob das Pferd während der Nacht nichts gefreſſen habe. Doch wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als er ſah, daß an der Stelle der Gerſte ein ganzer Haufen Gold lag, lauter ſchöne gang⸗ bare Münzen, nagelneu und glänzend, als ſeien ſie eben erſt aus der Münze des Kalifen gekommen. Stumm vor Erſtaunen ſtand Ibrahim einen Augenblick da, und wußte nicht, was er davon zu halten habe und was hier wohl zu thun ſei? Doch als er jetzt plötzlich die Schritte des Alten hörte, nahm er eilig das Geld aus dem Troge und ver⸗ barg es in einem dunkeln Winkel des Stalles. Das Pferd ſchaute ihm zu und nickte mit dem Kopfe, als bezeuge es ſeine Zufriedenheit darüber. Der Alte trat in den Stall und nachdem er ſeinem Sclaven wieder ein Stück Brod gegeben hatte, befahl er ihm, das Pferd hinauszuführen. Draußen gab er ihm einen alten ſchlechten Sattel, ſo wie einen Zaum, und als der Rappe damit angeſchirrt war, ſchickte ihn der Alte in die Stadt hinaus mit der Weiſung, ſich auf einem der öffentlichen Plätze aufzuſtellen und dort zu warten, bis Jemand kommen würde, der ein Pferd zu einem Ritte durch die Stadt miethen wolle. Auch gab er ihm einen vorläufigen Preis an, wie viel er für die Stunde zu fordern habe, und entließ ihn mit der Weiſung, nur ja recht viel Geld mitzubringen. Ibrahim zog mit ſeinem Pferd von dannen und ſchlenderte lang⸗ ſam durch die Straßen, wobei er ſich nach allen Seiten umſchaute, ob nicht Jemand ſein Pferd zu miethen verlange. Doch wenn auch hie und da Jemand des Weges kam, der ſich nach einem Roſſe umſah, ſo hatte man nicht ſo bald die armſelige Geſtalt des Pferdes be⸗ trachtet, als die Leute achſelzuckend und lächelnd weiter gingen. So gelangte Ibrahim an den großen Markt, auf dem Specereien und wohlriechende Sachen aller Art verkauft werden. Hier ſah und roch man alles, was nur eine Naſe erfreuen konnte, vom feinſten Roſenöl bis zum geringen Aloeholz herunter, welches der Rechtgläubige des Wohlgeruchs halber auf ſeine Pfeife legt. An einer Ecke dieſes Markts blieb das Pferd plötzlich ſtehen, blähte ſeine Nüſtern auf und ſchien mit Begier die guten Gerüche einzuſaugen, die aus den Buden hervorſtrömten. Da es dem jungen Manne gleichviel war, wo er mit ſeinem Pferde ſtand, ſo blieb er hier an dem Markte halten, lehnte — — 184 ſich an einen Stein, und ſah ruhig der hin und her laufenden Menge zu. „Ach,“ dachte er bei ſich, als er die vielen reichen jungen Leute ſah, die in prächtigen Gewändern daher ritten und gingen,„wer es doch auch ſo gut haben könnte!“ Und er begann wieder Luftſchlöſſer zu bauen, wie er es immer zu thun pflegte. Anfänglich wollte er ſich mit einem Pferd und einem Anzuge begnügen, bald aber mußten es mehrere ſein, und nach Verlauf einer Viertelſtunde, in der er ſo fortgeträumt hatte, ſah er ſich ſchon als Paſcha von drei Roßſchweifen, wie er über unzählige Sclaven und einen ganzen Marſtall gebot. Es wollte indeſſen immer Niemand kommen, der zu ſeinem Pferde Luſt getragen hätte, was dem jungen Manne eigentlich ganz recht war; denn er ſtand lieber müßig da und hing ſeinen Träumereien nach. Jetzt dachte er auch mit Entzücken an all das Geld, das er zu Haus im Stalle verſcharrt hatte, und was damit wohl zu machen ſei. Wenn er auch V anfänglich bei ſich überlegte, auf welche Art er es am beſten für ſich verwenden konnte, ſo ſprach doch ſeine Ehrlichkeit dagegen, und rief ihm zu: vall das Gold gehöre von Rechts wegen dem Herrn des Pferdes und er dürfe es ihm nicht vorenthalten.“ Nach langem Ueberlegen, wie er ſich des einmal gefundenen Glücks bedienen könne, ohne ſeinem Herrn Schaden zu thun, fiel ihm plötzlich ein Ausweg ein, den er auch gleich am Abend deſſelben Tags, als er mit leeren Händen zu dem Manne zurück kam, einſchlug. Er klopfte leiſe an die Thür der Hütte und machte, als ihm der alte Mann öffnete, ein ſehr verdrüßliches und niedergeſchlagenes Geſicht. „Ach, Herr,“ ſagte er darauf,„Du haſt an mir und dem Pferde einen ſchlechten Handel gemacht. Ich ſtand den ganzen Tag an dem belebteſten Theile der Stadt, an dem Gewürzmarkte, und wenn auch viele Leute vorbeikamen, die ſich nach Reitpferden umſahen, ſo hatte ich das meinige gut anbieten, kein Menſch wollte es nehmen.„Seht V die Mähre,“ ſagten einige,„was iſt das für ein Thier? Der Pro⸗ phet möge uns ſchützen.“ So ſagten Alle und gingen lachend bei mir vorbei.“ Der alte Mann, der gehofft hatte, das Pferd würde ihm eine reiche Erwerbsquelle ſein, ſah ſich unangenehm getäuſcht und murmelte einen tüchtigen Fluch zwiſchen ſeinen Zähnen. „Nun, nun,“ ſagte er darauf,„wer weiß, es wird morgen beſſer gehen. Wir wollen es morgen wieder verſuchen.“ —— Aber es ging morgen nicht beſſer. Ibrahim ſtand den ganzen Tag vergeblich an dem Gewürzmarkte, und wenn er auch am Abende, als ihm der Alte die Thür wieder aufmachte, mit Freude ſtrahlendem Geſichte eintrat, ſo geſchah dies nur, weil es zur Vollendung ſeines Planes, ſeine Freiheit wieder zu erlangen, nöthig war, denn ſeine Taſchen waren leer wie geſtern. „Ach Herr,“ ſagte er,„wenn ich abermals mit leeren Händen zu Dir komme, ſo bringe ich Dir doch eine Hoffnung mit, daß Du die Summe, die Du für mich und das Pferd ausgegeben, doppelt wieder erlangen kannſt. Es iſt nämlich heute mit einer leeren Karavane ein Verwandter meines Vaters zurückgekommen, den ich von meinem trau⸗ rigen Schickſal in Kenntniß ſetzte. Da ihn nun der Prophet auf ſei⸗ nen Reiſen mit Glück geſegnet hat, ſo will er mir eine Wohlthat erzeigen und bittet Dich deshalb, o Herr, die Summe anzugeben, die Du für mich und das Pferd verlangſt.“ Der arme Mann machte bei dieſen Worten ein freundliches Ge⸗ ſicht, und ſagte ſeinem Diener, er wolle ſich bis morgen darüber bedenken. Ibrahim ging in ſeinen Stall zurück, und ſchlief zufrieden, bis an den hellen Morgen, wo er abermals wie auch geſtern und vor⸗ geſtern eine Menge Goldſtücke in dem Trog fand. Er ſcharrte ſie alle zuſammen, und verbarg ſte ſorgfältig in ſeinen Gürtel. Als ihm der Alte die Thür öffnete, nannte er ihm eine Summe, für welche er ihm die Freiheit geben wolle, die allerdings ſehr groß war, die ihm aber Ibrahim, da ſie ſeinen Schatz nicht überſtieg, im Herzen mit Freuden bewilligte. Doch nahm er eine betrübte Miene an, und ſagte zu dem Alten:„Du verlangſt viel von mir, o Herr, und ich fürchte faſt, ob mein Verwandter eine ſolche Summe beſtrei⸗ ten kann.“ Damit ging er mit dem Pferde fort, um, wie er ſagte, ſeinen Vetter aufzuſuchen. Anſtatt aber wie geſtern, ſich an dem Gewürzmarkt aufzuſtellen, ging er in ein anderes ſehr entlegenes Stadt⸗ viertel und miethete dort einen kleinen Stall, in welchem er ſeinen Rappen einſtellte. Darauf kehrte er eilig zu ſeinem alten Herrn zurück und ſagte ihm mit freudiger Miene, daß ſein Verwandter freilich die verlangte Summe etwas ſtark gefunden habe, ſte aber dennoch für ſeine Freiheit geopfert. Der Alte ſtrich ſchmunzelnd die Goldſtücke ein und wünſchte dem jungen Mann Glück und Geſundheit. Ibrahim hatte am Tage, wo er frei geworden war, nicht ſobald 186 das Gold, was er wieder in der Krippe fand, zuſammengeſcharrt, als er eilig auf den Kleiderbazar ging, ſich ſeines alten ſchlechten Gewan⸗ des entledigte und einen ſeidenen Kaftan, weite golddurchwirkte Hoſen und einen ſchneeweißen Turban kaufte. Darauf ging er in eine Barbier⸗ ſtube, ließ ſich den Kopf ſorgfältig ſcheeren und in Ordnung bringen und ſah nunmehr ſo ſtattlich aus, daß man ihn für den Sohn eines mächtigen Paſchas hätte halten können. Als er in ſeinen Stall zu ſeinem getreuen Rappen zurückkehrte, ſah ihn dieſer an, und es war, als freue ſich das Pferd über den neuen ſtattlichen Anzug ſeines Herrn nicht beſonders, denn es ſchüttelte den Kopf und ſtampfte unwillig mit dem Fuße. Auch verſuchte es, ſo oft Ibrahim in den Stall kam, durch allerhand Bewegungen be⸗ merklich zu machen, daß es gern hinaus ins Freie möge. Doch wollte der junge Mann dieſe Bewegungen nicht verſtehen.„Ei,“ dachte er in ſeinem Leichtſinn,„ich werde jetzt doch nicht die Stadt verlaſſen ſollen, nachdem ich Geld genug habe, um glänzend und prächtig leben zu können. Ich will anfangen, um mich für die frühere Zeit, die ich in der Armuth verlebte, zu entſchädigen.“ Das that er denn auch, ſo viel in ſeinen Kräften lag. Er kaufte ſich ein paar ſchöne Pferde, nahm Diener an und miethete ein ſchönes Haus. Bald begannen die Leute von dem Reichthum des unbekannten jungen Mannes zu ſprechen. So ſtanden die Sachen, als eines Tages der Kaufmann, welcher Ibrahim an jenen alten Mann verkauft hatte, dieſen Letzteren zufällig auf der Straße traf. Der Alte ſah weit beſſer aus, wie das erſte Mal, als er den Handel mit ihm abgeſchloſſen; er hatte ſich beſſere Kleider angeſchafft und überhaupt ein ſtattliches Anſehen gewonnen, weshalb der Kaufmann bei ihm ſtehen blieb und lächelnd zu ihm ſagte:„Ei, ei, mein Alter, ſiehſt Du, ich habe Dir wahrſcheinlich einen tüchtigen Selaven verſchafft, der Dir viel Geld einbringt. Wie undankbar, daß Du nicht einmal zu mir gekommen biſt, um mir ein gutes Wort dafür zu ſagen, und mich zu benachrichtigen, wie ſich jener junge Menſch aufführt.“ „Freilich,“ entgegnete der Andere,„habe ich durch jenen Sclaven viel Geld verdient; doch nicht auf die Art, wie Ihr wohl glaubt. Er war nur wenige Tage bei mir, als ihn ein Verwandter, der mit einer Karavane zurückkam, für eine gute Summe von mir losgekauft hat, für eine wackere Summe verſichere ich Euch, die er mir in blanken Goldſtücken ausbezahlt hat.“ „Was Ihr ſagt, in blanken Goldſtücken!“ antwortete der Kauf⸗ mann, plötzlich nachdenkend werdend.„Habt Ihr nicht zufällig eine von dieſen Münzſorten bei Euch?“ Der Alte griff ſtatt der Antwort in den Gürtel und holte zwei von den Goldſtücken heraus, die ihm Ibrahim gegeben, und bei deſſen Anblick der Kaufmann plötzlich ausrief:„Beim Barte des Propheten, ſeht doch den Spitzbuben! das ſind von denſelben Goldſtücken, mit denen ich ihn auf den Markt geſchickt habe, und die er mir alſo den⸗ noch entwendet hat.“ Darauf erzählte er in aller Kürze dem Alten, wie ſich die Sache verhalte und Beide gingen auch eilig zum Kadi hin, um gegen den jungen Mann einen Verhaftsbefehl auszuwirken, den er aßsbald eini⸗ gen Soldaten des Kadi übergab, um ihn in Kraft zu ſetzen, wenn Ibrahim noch in der Stadt ſei. Dieſer machte aber in ſeinem Leichtſinn gar keinen, ehl aus ſei⸗ ner Anweſenheit und es wäre ihm nicht eingefalleft, daß er Urſache hätte, ſich zu verbergen, vielmehr lebte er nach wie vor auf einem großen Fuße und gab täglich das Geld aus, was er des Morgens in der Krippe ſeines Rappen fand. Auch lag er faſt den ganzen Tag in den Kaffeehäuſern oder lief in den Bazars umher, weshalb es denn auch nicht lange dauerte, ſo hatten ihn die Leute des Kadi entdeckt und nahmen ihn zur großen Verwunderung der Leute auf öffentlichem Markte als einen Betrüger gefangen. Man kann ſich leicht denken, wie unangenehm ſeine Ueberraſchung war, als er vom Pferde geriſſen und vor den Kadi geſchleppt wurde, wo er nicht wenig erſtaunt war, ſeine beiden Herren zu finden. „Ja, er iſt es,“ rief der Kaufmann bei ſeinem Anblick freudig aus.„Ja, er iſt es, o Herr, ich ſchwöre, daß es mein Diener Ibrahim iſt, der mir jenen Beutel mit Goldſtücken entwendet hat.“ Ibrahim ſtand bei dieſer neuen Anklage beſtürzt da, und wußte nicht, was er zur Antwort geben ſollte. „Warſt Du es,“ fuhr ihn der Kadi an,„der bei dieſem Herrn als Reitknecht diente, der von ihm mit einem Beutel voll Goldſtücken auf den Markt geſchickt wurde, um ein koſtbares Pferd zu erhandeln, und der dafür einen ſchlechten mageren Rappen mit nach Hauſe brachte, der vorgeblich dieſe ganze große Summe gekoſtet haben ſollte?“ „Ja, Herr, das war ich,“ entgegnete Ibrahim,„aber beim Au⸗ genlichte des Propheten ſchwöre ich, daß jene ganze Summe“— „Schweig,“ fuhr der Kadi fort,„und antworte auf meine Fragen. Darauf hat Dich dieſer Kaufmann jenem alten Manne verkauft, bei welchem Du zwei Tage bliebeſt, und ihm alsdann verſicherteſt, einen Verwandten gefunden zu haben, der dich loskaufen wolle. Nenne mir Deinen Verwandten und ſage, wo er zu finden iſt?“ Natürlicherweiſe konnte der arme junge Menſch dieſen Vetter nicht nennen, und da in der ganzen großen Stadt Damaskus keine lebende Seele war, die ihn kannte, ſo war er auch nicht im Stande, einen andern Menſchen anzugeben, der ihm durch ſein Zeugniß hätte helfen können. Doch gewann hierdurch die Anklage des Kaufmanns an Glaub⸗ würdigkeit und als der Kadi einige Male vergeblich nach dem Namen dieſes Vetters gefragt, zeigte er ihm die Goldſtücke vor, die der Alte bei ſich hatte, und fragte ihn, ob er ſie für dieſelben erkenne, die er jenem für ſeine Freiheit bezahlt. Da Ibrahim dies nicht leugnen konnte, ſo mochte er ſeine Un⸗ ſchuld ſo viel wie möglich betheuern, es war Alles vergebens. Der Kadi verurtheilte ihn zu einer großen Anzahl von Hieben auf die Fuß⸗ ſohlen und zu vielen Jahren Gefängniß, im Fall es ihm nicht möglich ſei, glaubwürdige Männer zu bringen, die ihm bezeugen können, daß er das Geld auf rechtmäßige Weiſe erworben. Was ſollte Ibrahim nun machen? So feſt er ſich anfänglich vor⸗ genommen hatte, nichts von dem Geheimniſſe ſeines Pferdes zu ſagen, ſo ſah er doch jetzt wohl ein, daß dieß das einzige Mittel wäre, ſich vor einer ſchmählichen Strafe zu bewahren, worauf er dann nach ei⸗ niger Ueberlegung dem Kadi ſo wie den beiden andern Männern die ganze Wahrheit erzählte, wie er zu jenem Geld gekommen. Erſtaunt aber ungläubig hörten ſie ihn an und ſchüttelten die Köpfe, denn wenn auch in damaliger Zeit ein ſolches Wunder nichts Seltenes war, ſo glaubte der Kalif doch viel eher, Ibrahim habe es erſonnen, um ſich zu retten. Doch als er mit thränenden Augen die Wahrheit ſeiner Ausſage beſchwor, entſchied der Richter dahin, Ibrahim ſoll während der kommenden Nacht zu ſeinem Rappen in den Stall eingeſperrt und ſtrenge bewacht werden. Alsdann könne man ſich am nächſten Mor⸗ gen leicht davon überzeugen, ob er die Unwahrheit geſagt. Mit Freuden nahm Ibrahim dieſen Ausſpruch an und wurde auf Befehl des Kadi ſogleich zu ſeinem Rappen in den Stall gebracht, und — ͤ— — ——— dort von einigen Dienern der Gerechtigkeit auf's Sorgfältigſte bewacht. Freudig athmete er hier wieder auf und ſah ſich im Geiſte hier ſchon wieder in Freiheit geſetzt. Er war luſtig und guter Dinge und die einzige Bekümmerniß, die ihn zuweilen anwandelte, war nur die Furcht, man möge ihm am andern Tage. beim Anblick des vielen Goldes ſein koſtbares Pferd nehmen. So kam die Nacht heran und Ibrahim warf ſich auf ſein Stroh⸗ lager, wo er alsbald in einen feſten Schlaf verfiel. Da träumte ihm, daß das Pferd ſeinen Kopf zu ihm niederſenkte und leiſe anfieng zu reden.„Unbeſonnener junger Menſch!“ ſchien es zu ihm zu ſprechen, „Dein Leichtſinn iſt Schuld, daß ſich das Glück, welches Dich ver⸗ folgt, beſtändig in Unglück umwandelt. Warum haſt Du nicht die Stadt verlaſſen und etwas gethan, um Dich der Gaben würdig zu machen, die du empfangen? Glaube mir, der Müßige und Unbeſonnene kann nie das Glück an ſich feſſeln. Wehe über Dich.“ So träumte Ibrahim und wälzte ſich unruhig auf dem Stroh umher. Doch als der Tag endlich anbrach, erwachte er heiter und guter Dinge, und ſprang auf, um das Gold aus der Krippe zu nehmen. Doch wer beſchreibt ſeinen Schrecken, als die Gerſte unangerührt wie geſtern in dem Troge lag, ohne daß nur die Spur eines Goldſtücks darunter geweſen wäre. Im erſten Augenblicke ſtand Ibrahim regungslos da, dann aber wühlte er verzweiflungsvoll in der Krippe umher, ſuchte unter derſelben, warf ſein Strohlager aus einander, aber umſonſt, es war nichts zu finden. Laut jammernd zerriß er ſeine Kleider und ſchrie in ſeinem Schmerze ſo laut, daß die Wachen eilig herbeiſtürzten, indem ſie glaubten, es ſei ihm ein Unglück widerfahren. Doch als ſie ſahen, wie ſich die Sache verhielt, zuckten ſie die Achſeln und riſſen den jungen Mann erbarmungslos von ſeinem Lager auf, und brachten ihn auf's Neue vor den Kadi. Dieſer gerieth über die Lüge Ibrahims in einen heftigen Zorn, ſchalt ihn einen abgefeimten Betrüger und befahl, man ſolle ihn au⸗ 8⁸ genblicklich ins Gefängniß abführen. Das Roß aber, welches ſeines ſchlechten Ausſehens halber Nie⸗ mand annehmen wollte, wurde vor die Stadt gebracht, und man ließ* es laufen, wohin es ihm beliebte. In einen tiefen ſumpfigen Thurm hatte man den unglücklichen jungen Mann geworfen, und als er ſich hier allein befand, dachte er über ſein vergangenes Leben nach, und über den letzten ſchrecklichſten Tag, der ihn von der Höhe des Glücks ſo tief hinabgeſtürzt hatte. Dabei ſiel ihm auch der Traum ein, den er in der vergangenen Nacht gehabt und er geſtand ſich ſelbſt, daß ſeine Unbeſonnenheit und ſein Leichtſinn grenzenlos und unerlaubt ſei. Ach, dachte er, wenn mir das Glück noch einmal lächeln ſollte, ich würde es ganz anders be⸗ nutzen. Wie undankbar bin ich nicht gegen meinen Wohlthäter, das arme Pferd geweſen, indem ich ihm nicht gefolgt, als es durch ſeine Bewegungen den Wunſch ausſprach, ſeinen Stall und wahrſcheinlich die Stadt zu verlaſſen. O wär' ich ihm doch gefolgt. Ich wäre jetzt wahrſcheinlich ein freier und glücklicher Menſch. Doch ſchien ſeine Reue zu ſpät zu ſein und ſein Kerker war und blieb verſchloſſen. Er wand ſich in Kummer und Betrübniß auf ſeinem Lager umher und da er von den Vorfällen des Tages an Leib und Seele erſchöpft war, kam alsbald der mitleidige Schlaf und ſchloß ihm die Augen. In der Mitte der Nacht wurde er plötzlich durch ein Geräuſch geweckt, und es ſchien ihm, als wenn eine Maus an ſeinem Kopfe im Stroh umher raſchelte. Er öffnete die Augen und ſah verdrießlich um ſich her. Doch wie ward ihm plötzlich, als er dieſelbe Stimme wie in der vergangenen Nacht vernahm, welche zu ihm ſprach:„Noch einmal kehrt das Glück zu Dir zurück, doch ſei dießmal weiſer und folge mir.“ Erſtaunt und erfreut blickte er auf und ſah wirklich eine Maus, aus deren Munde die Worte zu kommen ſchienen. Raſch ſprang er auf und folgte dem Thierchen, das in eine Ecke des Gefängniſſes lief, wo ein ſtarkes Eiſengitter eine große Oeffnung verdeckte. Kaum be⸗ rührte die Maus daſſelbe, ſo öffnete es ſich und Ibrahim ſäumte nicht, eilig hindurchzuſchlüpfen. Glücklich befand er ſich nun im Freien und ſah, daß er an einem tiefen Graben war, der das Gefängniß umgab. Auf der andern Seite kletterte die Maus empor, er folgte ihr eilig und befand ſich alsbald auf der freien Straße. Hier ſah er, daß das Thier plötzlich verſchwunden war, aber wer beſchreibt ſeine Freude, als er dagegen ſein altes Pferd erblickte, das ihm leiſe entgegen wie⸗ herte. Er ſäumte keinen Augenblick, ſich auf den Rücken deſſelben zu ſchwingen und alsbald jagte das treue Roß mit ihm von dannen. Unaufhaltſam lief es mit ihm durch die langen Gaſſen von Da⸗ maskus; wo ſich eines der Thore befand, die in der Nacht geſchloſſen werden und die Straße verſperren, öffnete es ſich ſelbſt und ließ den Reiter hindurch. So gelangten ſie in wenig Augenblicken vor die Stadt und nach kurzer Zeit in den Sand der Wüſte, die nicht weit vor den Thoren von Damaskus anfängt und ſich in unendlicher Weite gen Oſten ausbreitet. Bald ſtieg der Tag empor und ohne Aufhören jagte das Roß mit einer unglaublichen Schnelligkeit von dannen. Ibra⸗ him, der ſehr erfreut war, ſeinem Gefängniſſe ſo glücklich entronnen zu ſein, war doch nicht wenig erſtaunt, und es befremdete ihn, daß das Pferd in die Wüſte hinausjagte, und er dachte ſchon darüber nach, was wohl den Abend, ganz ohne Lebensmittel, wie ſie waren, zu machen ſei. Doch war er zu ſehr von der Klugheit des Pferdes über⸗ zeugt, als daß ſich ernſtliche Beſorgniſſe ſeiner hätten bemächtigen können. So ritt er dahin den ganzen Tag und als die Sonne am Him⸗ mel hinabzuſinken begann, quälte ihn der Durſt heftig und er ſah ſich begierig nach einer Quelle um. Doch es war, als wenn das Pferd ſeinen Wunſch ahnete, denn es wandte ſich alsbald nach einer andern Seite hin und in kurzer Zeit ſah der junge Mann einen kleinen, mit Stein eingefaßten Brunnen vor ſich, an dem er ſeinen Durſt löſchte. Wunderbar erfriſchte ihn das Waſſer und er fühlte ſeinen Körper von einer ungewöhnlichen Kraft durchdrungen, es regte ſich eine Sehn⸗ ſucht in ihm, ein unbekanntes Gefühl, etwas zu erreichen, was aber noch weit, weit von ihm lag. Er beſtieg ſein Roß wieder und ritt mit erneuerter Schnelligkeit dahin. Gegen Abend ſah er fern am Ho⸗ rizont Gegenſtände auftauchen, die er für eine große Stadt hielt, bei deren Anblick ſein Herz heftiger ſchlug, wobei ihm eine innere Stimme zu ſagen ſchien, er finde dort, was er ſuche. Als er aber näher kam, ſah er zu ſeinem größten Erſtaunen, daß das, was er vorhin für eine Stadt gehalten, nichts anders als eine Menge ſeltſam geformter Felſen war, die aber auch in der Nähe ſonderbarer Weiſe kleinen und großen Häuſern glichen. Es trennte ihn noch eine kleine Anhöhe davon, und als er dieſe erſtiegen, ſah er von Oben herab, wie die ganze Ebene vor ihm mit ſolch ſeltſam geformten Felſen bedeckt war. Zu ſeinen Füßen ſah er andere Steine in großer Menge, die das Anſehen von Zelten hatten; es war ein eigener Anblick, und wenn nicht an dieſen grauen Maſſen die Oeffnungen für die Fenſter und Thuͤren gefehlt hätten und wenn nicht Alles todtenſtill geweſen wäre, hätte man glauben können, es ſei wirklich eine Stadt von Menſchen bewohnt, die ſich ihre Wohnungen aus dem Fels gehauen. Das Pferd wieherte beim Anblick dieſes Thales laut und freudig ———— 192 und lenkte in eine der Gaſſen hinein, die ſich vor den Blicken Ibra⸗ hims öffnete. Seltſam klang hier der Hufſchlag des Pferdes und der Jüngling ſchaute betroffen um ſich her, denn es war ihm gerade, als müſſe jetzt hinter einem dieſer Felsſtücke Jemand hervortreten, der nach ſeinem Begehren fragte. Doch Alles blieb ſtill wie zuvor. Schon hatte Ibrahim eine Menge langer Gaſſen durchritten und das Pferd lenkte jetzt auf einen Platz, an deſſen Ende ſich ein mächtiger und großer Fels erhob, der in ſeiner äußern Geſtalt einer mächtigen Kö⸗ nigsburg glich. Da waren coloſſale Thürme und breite Treppen, hohe Bogengänge mit ſchlanken Säulen, ausgedehnte Gebäude, aber Alles ſchien von der Natur ſelbſt hervorgebracht zu ſein, denn wenn man dieſe Werke ſah, ſo ſchien es faſt unmöglich, daß Menſchenhände ſo etwas hervorbringen können. An einer der großen Treppen dieſer Burg hielt das Pferd und da es dem jungen Mann ſchien, als ſei er hier am Ziel ſeiner Reiſe angelangt, ſo ſtieg er ab, ohne zu wiſſen, was nun zu beginnen ſei. Da aber die Nacht ſchon mächtig hereingebrochen war, er ſich auch von dem langen Ritt etwas ermüdet fühlte, ſo folgte er dem Beiſpiel des Pferdes, das ſich auf den Boden niedergeſtreckt hatte, und legte ſich unter eine der Treppen, wo er alsbald in einen tiefen Schlaf verſank. Am andern Morgen, als kaum der erſte Strahl des Tages die Felſen beleuchtete, wurde Ibrahim durch das Wiehern ſeines Pferdes erweckt, rieb ſich die Augen und als er ebenſo wie geſtern um ſich die ſeltſamen Steingebäude erblickte, war er verſucht, Alles anfänglich für einen Traum zu halten. Doch bald überzeugte er ſich, daß er wache und Alles wirklich ſehe. Er ſprang empor und folgte dem Pferde, welches langſamen Schrittes und oft nach ihm umſchauend, die Mau⸗ ern der Burg entlang wandelte. Endlich blieb es vor einem kleinen Bogen ſtehen, und der Jüngling bemerkte mit Erſtaunen eine ſchmale Treppe, die ungemein ſteil an der Wand empor führte. Hier blieb das Pferd ſtehen und ſah empor, was Ibrahim alsbald für ein Zeichen nahm, daß es ihn bitte, einen Verſuch zu machen, da hinauf zu klet⸗ tern. Raſch war er hierzu entſchloſſen und ſtieg die ſchmale Treppe empor. Doch war's, als wollte dieſelbe faſt kein Ende nehmen. In allen möglichen Wendungen führte ſie über Thürme und Bogengänge hinweg, und oftmals blieb der junge Mann ſtehen, um rückwärts ſchauend die Felſenſtadt zu überſehen, die todt und ſtille zu ſeinen Füßen ausgebreitet lag. R — 9+ᷣ 1——,— 8 ðĩ ◻ V Jetzt führte die Treppe vor eine ſchmale Pforte, durch welche Ibrahim in ein gewölbtes Gemach trat, in deſſen Mitte ſich ein vier⸗ eckiger Stein erhob, auf welchem der junge Mann zu ſeinem größten Erſtaunen ein mächtiges Schwert liegen ſah. Wenn es ihm auch nicht in den Sinn kam, daß er ſtark genug ſei, dieß Schwert zu ſchwingen, ſo trieb ihn doch die Neugierde, den Griff mit der Hand anzufaſſen. Er zog die Klinge aus der Scheide und als er ſie empor hob und ihr Funkeln und Leuchten ſah, ſchien das Schwert ganz für ſeine Größe zu paſſen, und es war ihm, als habe er es von jeher geführt. Nachdem er ſich eine Zeit lang in dem Gemache vergeblich um⸗ geſchaut, um ſonſt noch vielleicht etwas zu entdecken, ſuchte er einen Ausgang, um ſeinen Weg fortzuſetzen. Bald fand er auch die Treppe wieder, und als er auf ihr das Gemach verließ, ſah er, daß er ſich auf einem der höchſten Thürme der Burg befand, auf deſſen Spitze die Treppe führte. Wer beſchreibt aber ſein Erſtaunen, als er auf die Zinne dieſes Thurmes gelangt war und dort einen Adler erblickte, der aber eben ſo wie alle Gebäude in Stein ausgehauen zu ſein ſchien. An einem ſeiner Fänge befand ſich eine goldene Kette, die mit ihrem anderen Ende an die Mauer des Thurmes befeſtigt war. Ibrahim ging mehrere Male um den Adler herum, und je öfter er ihn be⸗ trachtete, je ſeltſamer ſchien ihm der gefeſſelte Vogel. Auf dem Kopfe trug derſelbe eine große goldene Krone, und in ſeinen Fängen hielt er Reichsapfel und Scepter. „Das arme Thier,“ dachte Ibrahim bei ſich,„warum mag es wohl mit dieſer goldenen Kette feſtgeſchloſſen ſein!“ Obgleich der Adler nur von Stein war, ſchien ihm dieß ſehr unpaſſend, und es kam ihm plötzlich die Idee, die goldene Kette zu löſen und die Figur des Adlers von dieſem läſtigen Schmucke zu befreien. Er faßte ſie an, und ver⸗ ſuchte, ſte aus dem Gemäuer herauszuziehen, aber vergebens, ſie ſchien mit dem Stein zuſammengewachſen. Auch von dem Fänger des Adlers wollte ſie ſich nicht abſtreifen laſſen, weshalb der Jüngling nach vielen vergeblichen Bemühungen, kurz entſchloſſen, ſein Schwert zur Hand nahm und mit einem gewaltigen Hieb die Kette löste. Kaum war dies aber geſchehen, ſo hob der Adler ſeinen Kopf empor, ſchlug mit den Flügeln und ſchwang ſich langſam in die Luft. Ueberraſcht blickte ihm der Jüngling nach, doch ſein Erſtaunen ver⸗ größerte ſich, als der Adler jetzt hoch in den Lüften das Scepter ſowie den Reichsapfel in ſeine Hand fallen ließ, und darauf durch eine Be⸗ Hackländer, orient. Sagen. 13 — —— ᷣſ— — 194 wegung ſeines Kopfes ebenfalls die Krone herabwarf, das Haupt des jungen Noch war dieſer nicht zu ſich ſelber gekommen, als er von unten herauf aus der vor wenigen Augenblicken noch ſo ſtillen Felſenſtadt In den Straßen und beſonders auf dem Platz vor der Burg wimmelte es bunt durch einander und alle Köpfe richteten ſich empor und ſahen nach der Spitze des Thurmes, wo Ibrahim ſtand, ſo daß was er davon denken ſollte. Draußen vor der Stadt, auf dem Felde, wo er die Steine erblickt hatte, die wie Zelte ausſahen, erhob ſich ein lautes kriegeriſches Getümmel. Es ſtrahlte und glänzte dort durcheinander, daß einem die Augen faſt erblindeten, und luſtige Muſtk erſcholl, Trompetenwirbel und Hörnerklang. brahim ſchüttelte den Kopf und fuhr mit der Hand über die Augen, denn es war ihm, als habe er einen ſeltſamen Traum. Er beſah Scepter und Reichsapfel in ſeinen Händen und befühlte die Krone auf ſeinem Haupte, aber Alles war und blieb wirklich da, reich mit Steinen beſetzt, eines mächtigen Königs würdig. Immer mehr Volk wälzte ſich auf den Platz heran, wo die Burg ſtand, und ihr freudiges Geſchrei, ihr Plaudern und Jauchzen durch einander klang wie das Brauſen des Meeres, wenn es die felſigen Ufer beſpült. Nachdem Ibrahim Allem dieſem noch einige Minuten zugehört und zugeſchaut, ſtieg er die ſchmale Treppe wieder hinab und gelangte bald in das Gemach, aus dem er vorhin das Schwert mitgenommen. Doch war es nicht mehr leer, wie vor kurzer Zeit, ſondern es befand ſich hier eine Verſammlung alter ehrwürdiger Männer mit weißen Bärten, die ſich tief vor ihm verneigten und die Worte ſprachen: „Gott und der Prophet möge unſern neuen König ſegnen und ihm eine lange glückliche Regierung ſchenken.“ Der Jüngling, der nicht wußte, was dies Alles zu bedeuten hatte, ſchaute die Maͤnner fragend an, worauf einer vortrat und zu —-—— 1 2.— 5— 42 .“ 2 ihm ſprach:„Ehr' und Preis ſei Dir, o Herr und König, und Dank dem Propheten, daß er Dich auswählte, um über dieſe Stadt und iten dieſes Land zu regieren. Du haſt den Zauber gelöſt, der auf uns tadt ruhte und ſollſt fortan unſer Herrſcher ſein. Folge mir, o König, nes um Dich Deinem Volke zu zeigen, das Dich mit Sehnſucht erwartet.“ ren Ibrahim folgte dem Greiſe, der würdevoll voranſchritt und durch eine andere Thür, die ſich jetzt in dem Gemach zeigte, in hohe pracht⸗ urg volle Säle des nun entzauberten Schloßes trat. Sie wandelten durch por eine lange Reihe derſelben, von denen einer immer reicher und ſchöner aß ausgeſchmückt war, als der andere, und traten endlich auf eine große lte. Altane hinaus, wo das Volk, ſeinen neuen König kaum gewahr tte, werdend, ihn mit einem tauſendfachen Lebehoch empfing, und in dies eel. donnernde Geſchrei miſchte ſich der Klang der aufgeſtellten Muſikchöre. nde So war denn aus Ibrahim, dem Sohne des alten Kameeltreibers, en, ein reicher mächtiger König geworden, und er regierte lange Jahre en. in Glück und Freude. Sein Bruder, der mit der Caravane hinaus⸗ aſt gezogen war, hatte ſich ein kleines Vermögen erworben und glaubte g. darnach, er ſei es, an dem die Prophezeiung, er werde ein großes ie Glück machen, in Erfüllung gegangen. Doch wie wunderte er ſich, Er als er ſpäter ſeinen Bruder wiederfand, und ihn dieſer auf dem Kö⸗ te nigsſtuhle ſitzend, mit der Krone auf dem Haupte empfing! Beide g, lebten darauf noch lange Jahre vergnügt mit einander. en„Und hiermit,“ ſchloß der alte Mann, niſt mein Mährchen zu Ende.“ Er ſtieß die Aſche in ſeiner Pfeife zuſammen und ſah ſeine rg Zuhörer an, die aufmerkſam ſeiner Erzählung gelauſcht hatten. ch„Aber das Mährchen kann noch nicht ganz zu Ende ſein,“ nahm en darauf der Emir el Hadſch das Wort; ndenn was iſt eigentlich aus dem Zauberpferde geworden, das ja anfänglich eine zu große Rolle rt ſpielte, als daß es ſo plötzlich verſchwinden könnte.“ te„Ei,“ entgegnete der alte Mann,“ das hätte ich faſt vergeſſen. 1. Ihr köoͤnnt Euch denken, daß ſich der junge König gleich nach dem d Schickſal ſeines treuen Roſſes erkundigte. Doch in der That, es war n nirgends mehr zu finden. Als er darauf die Weiſen ſeines Landes : zuſammenberief, waren ſie einſtimmig der Meinung, das Pferd ſei n der Genius ihres Königs geweſen, der ihn dem Willen des Propheten gemäß zu ſeinem Glücke geführt. Da ich nichs Beſſeres darüber zu n ſagen weiß,“ ſchloß der Alte ſeine Rede,“ ſo müßt Ihr ſchon mit u dieſer Auslegung zufrieden ſein.“ erdr eAat amn n eMESe ees Me Mae e 196 Die Erzählung des alten Mannes hatte für eine kurze Zeit die trüben Gedanken verſcheucht, welche das Herz des Emir el Hadſch erfüllten, doch als er jetzt von dem Feuer aufſtand und allein ſeinen Zelten zuſchritt, war er trauriger als je geſtimmt, denn er konnte nicht abſehen, wie das Gewitter, welches ſich über ſeinem Haupte zu⸗ ſammenzog, abzuleiten ſei. Es herrſchte heute Nacht nicht wie ſonſt zu ſo ſpäter Zeit eine allgemeine Ruhe und Stille in dem Lager, ſondern die meiſten der Feuer brannten noch, und faſt überall ſah man, daß die Leute in den Zelten noch wachten, und eifrig zuſammen⸗ ſprachen. Die Kunde von dem Ueberfall der Araber hatte ſich mit Blitzesſchnelle durch das ganze Lager verbreitet und erregte die mannig⸗ faltigſten Bewegungen. Hier war es Hoffnung auf eine beſſere Zeit, welche dieſen und jenen antrieb, ſtch für die Zukunft die glänzendſten Luftſchlöſſer zu bauen. Dort hielt die Furcht die Leute beiſammen, und ſie erzählten ſich von dem Unheil, das durch einen dauernden Krieg mit den Arabern herbeigeführt würde. Am lebhafteſten und unruhigſten ging es aber heute Nacht in den Zelten der Derwiſche zu, und be⸗ ſonders in dem ihres Oberhauptes, der ſich mit einigen ſeiner Unter⸗ gebenen berathſchlagte, was in dieſer drohenden Gefahr zu thun ſei; denn wie der alte Mann am Feuer heut Abend erzählt, hatte ihm jener Mameluk, der auch dem Emir den Befehl des Kalifen, augen⸗ blicklich zurückzukehren, überbracht, heimlich einen Ferman überreicht, worin ihm befohlen wurde, alle Schritte des Emirs zu bewachen, und im Fall derſelbe nicht augenblicklich gehorche, zu den äußerſten Mitteln zu greifen, und ihn gefangen zu nehmen, oder im Nothfalle ſogar zu tödten. Ueber dieſen Ferman berathſchlagte ſich das Oberhaupt der Der⸗ wiſche und dieſer, der einen unerſättlichen Ehrgeiz beſaß, und gern das Commando der Karavane an ſich geriſſen hätte, ſetzte ſeinen Untergebenen gerade in einer langen Rede auseinander, wie nothwendig es ſei, den Emir noch in dieſer Nacht von ſeinem Poſten zu entfernen, da er keine Miene mache, die Karavane zurückzuführen.„Der Prophet ſei mein Zeuge,“ ſprach der Imam,„aber es ſind die augen⸗ ſcheinlichſten Beweiſe da, daß der Emir auf Verrath gegen unſern Herrn, den Kalifen, ſinnt. Hat mir doch der eigene Haushofmeiſter und Leibdiener deſſelben, der Neger Haſſan, die Mittheilung gemacht, daß er einen vornehmen Araber von dem Stamme Almanſors, unſers mächtigſten Feindes, bei ſich verborgen hält. Warum ſollten wir —————— 7 24 8— “ — alſo zögern, um einen Mann unſchädlich zu machen, der uns in das Verderben führen wird. Ich ſtimme für ſeine Gefangenſchaft oder ſeinen Tod.“ „Und auch wir,“ ſagten die anderen Derwiſche.„Gefangenſchaft oder Tod!“ In dieſem Augenblick öffnete ſich langſam der Vorhang des Zeltes und das ſchwarze Geſicht des Negers Haſſan blickte herein. Er ver⸗ beugte ſich tief vor dem Imam und ſprach dann haſtig aber mit leiſer Stimme:„Verzeih mir, o Herr, daß ich Euch ſtöre, aber ich komme nur, um Dir eine neue Meldung zu machen, die Dich in Schrecken verſetzen wird. Schon heute Nachmittag bemerkte ich am fernen Ho⸗ rizont leichte Staubwolken, die von Zeit und Zeit aufſtiegen, aber anfänglich achtete ich nicht darauf. Doch als die Sonne ſank und ihre letzten Strahlen über die Ebene hinwarf, zuckten aus jenen Sand⸗ wolken einzelne Blitze empor, die meinem geübten Auge verriethen, daß ſich zahlreiche Reiterſchaaren der Caravane näherten. Ich blieb auf meiner Hut und hörte auch bald nachher, als die Nacht herauf⸗ geſtiegen war, in der Ferne deutlichen Hufſchlag, der immer näher kam. O Herr, meine Vermuthung hat ſich nicht getäuſcht, denn ſo eben rückten in aller Stille zwei große Züge Beduinen heran, die ſich, als ſei es verabredet, geräuſchlos bei unſern Zelten lagerten.“ Dieſe Nachricht des Negers brachte bei den Derwiſchen keine ge⸗ ringe Beſtürzung hervor, und als gleich darauf die Berathſchlagung über den Emir fortgeſetzt wurde, beſchloß man einſtimmig ſeinen Tod, der noch in dieſer Nacht erfolgen ſollte, und Haſſan, der ungetreue Diener, ſollte dieſen Beſchluß ausführen. Während ſich dies begab, ſchritt der Emir el Hadſch ſeinen Zelten zu, und da er wohl wußte, daß in der jetzigen Zeit eine verdoppelte Wachſamkeit nöthig wäre, ging er um ſeine Zelte herum, um nach den ausgeſtellten Wachen zu ſehen; doch wie erſtaunte er, als er ſah, daß hinter denſelben eine große Menge Beduinen gelagert war. Er bemerkte trotz der Dunkelheit ihre weißen Mäntel und das Leuchten ihrer Säbel und Lanzenſpitzen. Eilig wandte er ſich um und trat in das Zelt, wo jener junge Araber bewacht wurde. Beim Eintritt des Emirs erhob ſich dieſer raſch von ſeinem Lager und ſagte zu ihm:„Dank ſei dem Propheten, o Herr, daß er Dich zu mir geſandt. Ich war in großer Sorge und Bekümmerniß, und habe umſonſt heute Abend verſucht, zu Dir zu gelangen; doch ver⸗ — u 849—— ———-- — * 198 hinderten mich die Wachen daran. Bei dem Propheten flehe ich Dich an, o Herr, laß mich mit Dir in Dein Gezelt treten und in Deiner Nähe bleiben. Vielleicht daß ich ein Unheil, das Dir droht, von Deinem Haupte abwenden könnte.“ Der Emir el Hadſch, der von den Vorfällen dieſer Tage ſehr beſtürzt war, bewilligte dem jungen Araber gern ſeine Bitte und nahm ihn mit ſich in ſein Zelt. Hier ließ er ihn niederſitzen und klatſchte dreimal in die Hände, worauf auch alsbald der Leibneger Haſſan er⸗ ſchien und ſich tief verneigend in dem demüthigſten Tone fragte, was zu ſeines Herrn Befehl wäre? Der Emir verlangte Pfeife und Scherbet und Haſſan entfernte ſich augenblicklich, um Beides zu beſorgen. Mit funkelnden Augen hatte der junge Araber unabläßig in das Geſicht des Negers geſpäht, und als dieſer jetzt wieder mit den ver⸗ langten Pfeifen und dem Scherbet eintrat, folgte er mit der größten Aufmerkſamkeit allen ſeinen Bewegungen. Der Emir nahm ſeine Pfeife und der junge Araber, der nahe zu ihm hingerückt war, lehnte die ſeinige neben ſich hin, indem es ſchien, als ſei er begierig, zuerſt einen Schluck von dem Trank zu nehmen, den ihm der Neger dar⸗ reichen würde. Haſſan verbeugte ſich vor ſeinem Herrn, indem er ihm die Scher⸗ betſchaale darreichte, und der Emir nahm eine davon. Doch kaum hatte er eine Bewegung gemacht, ſie an ſeine Lippen zu ſetzen, als der junge Mann plötzlich emporſprang, den Neger ergriff und ihn unter dem Ausrufe:„Trink nicht, o Herr, trink nicht, es iſt vielleicht Gift darin!“ zu Boden warf. Leichenblaß ließ der Emir die Hand mit der Schaale niederſinken, ſo daß der Scherbet herausfloß. Doch ſein Geſicht nahm einen noch größeren Ausdruck des Schreckens an, als er jetzt in dem Gefäß einen weißen zuckerartigen Stoff erblickte, den ſein an ſolche Sachen gewöhntes Auge ſogleich als Gift erkannte. „Geſtehe,“ rief der Araber dem Neger zu, der ſich unter der mäch⸗ tigen Fauſt des jungen Mannes wand,“ geſtehe, warum haſt Du Deinen Herrn vergiften wollen?“ Obgleich Hacan bei dieſer Frage die Lippen auf einander biß und dumpf vor ſich hinſtarrte, ſo wußte ihn doch der Araber ſo mit Drohungen in die Enge zu treiben, daß er nach wenig Augenblicken Alles geſtand, und zähnklappernd erzählte, daß ihm das Oberhaupt der Derwiſche zu dieſem Schritt überredet, daß des Emirs Tod be⸗ ſchloſſen ſei, und wenn auch ſein Anſchlag mißglückt wäre, ſo möge ———— — 5 er ſich doch ohne Zögern durch eine ſchnelle Flucht retten, denn es r fänden ſich bald andere Mörder, die ihn nicht verfehlen würden. Der unglückliche Emir konnte kein Wort hervorbringen, denn wenn er ſich auch das Schlimmſte vorgeſtellt hätte, ſo wäre es ihm doch nie in den Sinn gekommen, daß ihn der Kalif ſo ohne Recht r 1 und Urſache in die Hände ſeiner bitterſten Feinde geben würde. Vor 2 Schmerz zerriß er ſein Gewand von oben bis unten, und indem er Gott 2 und den Propheten anrief, ſagte er ſich feierlich von ſeinem Herrn, 3 dem Kalifen los. t Der junge Araber hielt den Neger noch immer mit der Hand feſt und als er Alles, was er wußte, geſtanden, drückte er ihn mit — der rechten Hand auf den Divan nieder, während er mit der linken langſam den Dolch aus ſeinem Gürtel zog. Haſſan, der dieſe Be⸗ 1 wegung wohl ſah und zu deuten wußte, verſuchte in gräßlicher Angſt ihm den Arm feſtzuhalten und wandte ſich mit flehenden Worten an 8* 1 ſeinen Herrn, indem er ihn laut ſchreiend bat, er möge ihn doch von dem gewiſſen Tode erretten. Doch der Emir, von dem Verrath eines Dieners, den er beſtändig hoch gehalten und gut behandelt hatte, aufs Tiefſte erſchüttert, verhüllte das Haupt in ſeinen Mantel und wandte das Geſicht ab. So lang hatte der junge Mann gewartet, und als er durch dieſe Bewegung des Emirs ſah, daß er den unge⸗ treuen Diener ſeinem Schickſal überlaſſen wolle, führte er mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit einen Stoß gegen die Bruſt des Negers, der darauf ohne einen Laut von ſich zu geben, auf den Boden des Zeltes fiel. G Der junge Mann warf ſeinen reich mit Steinen beſetzten Dolch über ihn, zum Zeichen, daß hier kein gewöhnlicher Mord geſchehen ſei; darauf faßte er die Hand des Emirs und rief ihm zu:„Auf, Herr, erhebe Dich, komm und folge mir. Du darfſt keinen Augen⸗ blick länger hier ſäumen. Wir müſſen noch in dieſer Nacht von dannen. Glaube nur, was der Sclave dort ſagte, daß der Imam Hände genug finden wird, die nach Deinem Leben trachten. Wer weiß, ob nicht ſchon der Tod in einer andern Geſtalt über Deinem Haupte ſchwebt.“ Willenlos erhob ſich der Emir, aber an der Zeltwand blieb er ſtehen, indem er die Hände vor das Geſicht hob und den Namen ſeiner Tochter Zemire ausſprach. Bei dieſem Worte blitzte das Auge des Arabers mit einem ungewöhnlichen Feuer und er wandte ſich raſch nach der Seite, wo der Eingang in ihr Zelt war.„O eile,“ ſagte — . er zum Emir,„eile, Deine Tochter zu holen, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Raſch ging der Emir in das anſtoßende Zelt und kehrte nach wenig Augenblicken mit dem Mädchen zurück, das überraſcht, zu ſo ſpäter Stunde aus dem ſüßen Schlaf geweckt zu werden, kaum ihren Augen traute, als ſie jenen jungen Araber erblickte, deſſen Geſtalt ſo ſchön war und deſſen Auge ſo feurig blitzte. Noch größer war aber ihre Ueberraſchung, als ihr der Vater verkündigte, daß ſie augenblick⸗ b lich entfliehen müßten. Doch brauchte er keine lange Ueberredung bei ihr anzuwenden, und als der junge Mann ehrerbietig ihren Schleier faßte, und einen feurigen Kuß darauf drückte, wobei ſich ihre Augen begegneten, faßte ſie den Arm ihres Vaters und alle drei verließen eilig und ſchweigend das Zelt. Langſam ſchritten ſie durch die Wachen, bis zu dem Platz, wo die Beduinen gelagert waren, die heut Abend angekommen, und hier nahm der Araber eine kleine ſilberne Pfeife aus ſeinem Gürtel, mit der er einen einzelnen ſeltſam klingenden Ton angab, worauf die Beduinen, die in tiefem Schlaf zu liegen ſchienen, plötzlich in die größte Be⸗ wegung geriethen. Leiſe erhoben ſich Alle und man vernahm kaum das Klirren ibrer Waffen, als jeder zu ſeinem Pferde trat. Im gleichen Augenblicke erſchienen einige von ihnen, die mehrere Pferde an der Hand führten, worauf ſich der Emir, Zemire und der junge Araber ſchwangen. Zugleich erhoben ſich alle Beduinen in ihre Sättel und es b ſah aus, als hebe ſich eine gewaltige weiße Wolke von der Erde empor. Nun ſetzte ſich der Zug in Bewegung, erſt langſam und leiſe, dann mit größerer Schnelligkeit und als ſie das Lager der Pilgerka⸗ ravane eine Strecke hinter ſich hatten, griffen die Pferde luſtig aus und flogen dahin, wie vom Sturmwind gejagt. Der junge Araber ritt beſtändig neben Zemire und ſagte ihr hie und da bei dem ſcharfen Ritt ein freundliches Wort oder er führte zuweilen ihr Pferd und leiſtete ihr alle kleinen, nur möglichen Dienſte, die das junge Mädchen gerne anzunehmen ſchien. So ritten ſie die I ganze Nacht fort und als der erſte Strahl des Tages im Oſten auf⸗ ————— zudämmern begann, ſahen ſte vor ſich in der Ferne eine Menge Zelte erſcheinen und Waffen blitzten auf der ganzen Ebene empor. Bald hatten ſte jenes Lager erreicht und ritten durch die Zeltgaſſen durch und der Emir ſah, daß ſie ſich bei einem mächtigen Araberſtamme be⸗ fanden. Die Beduinen, die neben ihren Pferden auf der Erde lagen, erhoben ſich beim Herannahen des Zuges und alle legten ihre Hand ehrerbietig an Bruſt und Stirn beim Anblick des jungen Arabers und des Emirs. So gelangten ſie zu einem großen prachtvollen Zelte, wo der junge Mann vom Pferde ſprang, um den Emir, ſowie deſſen Tochter ehrerbietig in das Innere deſſelben zu geleiten. Hier wurden ſie von einigen Sclaven empfangen und einer derſelben reichte dem jungen Mann knieend einen Ferman dar, den dieſer haſtig öffnete und auf⸗ merkſam las. Bei jeder Zeile, die er durchflog, nahm ſein Geſicht einen freu⸗ digeren Ausdruck an und als er zu Ende war, überreichte er das Pergament mit dem Ausruf:„der Prophet ſei gelobt!“ dem Emir, der es in die Hand nahm und mit dem größten Erſtaunen die Worte las: „Mein Sohn Abdallah! Die Gnade Gottes und des Propheten hat mich beſchützt und mir geholfen, und Dein Vater, der Kalif, ſchreibt Dir dieſe Worte vom Throne ſeiner Väter, den er rechtmäßig in Beſitz genommen. Wenn ich auch mit den Waffen in der Hand bis an die Kalifenſtadt Kairo drang, um das Unrecht und die Schmach zu vergelten, die mein Bruder an mir und meinen unglücklichen Brüdern gethan, ſo hat doch die Gnade des Propheten es nicht zugelaſſen, daß ich die Hand gegen meinen Bruder erhob. Der Kalif Abdallah, der in Gott ruhen möge, lebt nicht mehr, und da er ohne Nachkommenſchaft zurück zu laſſen zu den Freuden des Paradieſes einging, ſo nahm ich von dem erledigten Throne Beſitz und ich kann mit Stolz ſagen, daß mich das ganze Volk mit Jubel und Freude empfing. Kehre eilig zu mir zurück und der Prophet möge Dich beſchützen. So geſchrieben in meinem Palaſte zu Kairo. Dein Vater der Kalif Almanſor. Nachdem der Emir el Hadſch dieſe Zeilen geleſen, konnte er vor Verwunderung kein Wort hervorbringen und beugte ſich tief und ehr⸗ erbietig zur Erde nieder. Doch leuchtete Freude und Glück aus ſeinen Augen. Nicht ſo erging es der armen Zemire, und ſie hatte kaum erfahren, daß ihr junger unbekannter Beſchützer durch die Gnade des Propheten ein mächtiger Prinz geworden, als ihr Herz von einer Be⸗ ———— — — ᷣA———— —““ ——— trübniß und einem Kummer erfüllt war, deren Urſache ſie ſich nicht erklären konnte. Prinz Abdallah ließ dem Emir el Hadſch und ſeiner Tochter die prächtigſten Zelte einräumen, worauf er ſich von ihnen beurlaubte und mit einer großen Anzahl Reiter nach der Pilgerkaravane zurückkehrte, wo er Alles in der größten Unruhe und Aufregung antraf. b Schon hatte ſich dort durch einige Reiter, die in der Nacht von Kairo angekommen waren, die Nachricht von der Thronbeſteigung des V neuen Kalifen Almanſors verbreitet, und der größte Theil der Kara⸗ vane war über dieſe Nachricht in Freude und Entzücken ausgebrochen. Hiezu kam aber plötzlich die Schreckenskunde, daß der Emir el Hadſch in der Nacht verſchwunden ſei, daß man ſeinen Leibneger Haſſan er⸗ mordet gefunden habe und wie ein Blitz durchlief ein Gerücht das Lager, daß das Oberhaupt der Derwiſche auf Befehl des verſtorbenen Kalifen den Emir el Hadſch gefangen genommen habe. Das Volk, das den Emir wegen ſeiner Großmuth und ſonſtiger guten Eigenſchaften ſehr liebte, gerieth darüber in Aufruhr und ver⸗ ſammelte ſich ſchaarenweiſe vor den Zelten der Derwiſche, indem es mit wüthenden Worten und ſchrecklichen Drohungen die Herausgabe des Emirs verlangte. Umſonſt betheuerte der Imam, er wiſſe nichts von ihm und bot dem empörten Volke an, man ſolle ſeine Zelte durchſuchen. Vergebens, denn auch ſchon unter den Sclaven des Imams hatte ſich ein Verräther gefunden, der ausgeſagt, daß man geſtern den Tod des Emirs beſchloſſen und daß Haſſan, der Neger, abgeſchickt worden ſei, um ſeinen Herrn zu vergiften. Dieſe Kunde brachte das Volk in vollkommene Empörung. Man riß das Zelt des Imams und aller der Derwiſche, welche bei jener Verhandlung zugegen geweſen waren, in Stücke, und wenn ſich nicht einige angeſehene Männer auf's Eifrigſte und Nachdrücklichſte für die Derwiſche ſelbſt verwendet hätten, ſo würde es ihnen ebenſo ergangen ſein. Doch ſo ſehr ſich auch Prinz Abdallah bemühte, das Volk zu beruhigen, indem er verſicherte, daß dem Emir kein Leides geſchehen ſei, ſo konnte er doch nicht verhindern, daß aus einem der dichten 5¾ Haufen, welche die Zelte der Derwiſche umſtanden, ein Piſtolenſchuß auf das Oberhaupt derſelben geſchah, der den Imam todt zu den Füßen des Prinzen niederſtreckte. Wie es denn nun gewöhnlich bei ſolchen Sachen geht, daß oft mit dem Tod eines einzigen Menſchen ſeine ganze Partei auseinander⸗ ——:ʒ V— ————— fällt, ſo auch hier. Kaum war der Imam todt, der den Verſuch ge⸗ macht hatte, das Volk gegen den Emir el Hadſch aufzuwiegeln, ſo wandte ſich die kleine Partei, die noch als eifrige Anhänger an den Kalifen da war, auch zu dem neuen Herrn und das Lager erdröhnte von dem Rufe:„Heil unſerm neuen Kalifen, Heil dem Kalifen Almanſor!“ Prinz Abdallah verſammelte die mächtigſten und weiſeſten Männer der Karavane um ſich und ließ aus ihrer Mitte einen Mann wählen, den er mit der Würde eines Emir el Hadſch bekleidete, und der die Pilger vollends nach Mekka führen ſollte; denn er kannte wohl den 5 Widerwillen, mit welchem der Oberſchatzmeiſter Muſtapha jenen Poſten V angenommen hatte, und er wollte ihn, und beſonders ſeine Tochter Zemire nicht neuen Widerwärtigkeiten oder gar neuen Gefahren ausſetzen. Als die Caravane darauf am andern Morgen wieder gen Mekka aufbrach, blieben viele Reiter zurück, die ſich dem Prinzen Abdallah anſchloſſen und mit ihm gen Kairo heimkehren wollten. Kaum graute der Morgen, ſo brachen beide Schaaren auf, die Karavane zog gen Oſten und Prinz Abdallah mit ſeinen Reitern gen Weſten, dem Lager ſeines Stammes zu, das er auch mit ſinkender Nacht erreichte. Er theilte dem Emir el Hadſch mit, was er auf Befehl ſeines Vaters, des Kalifen, bei der Caravane angeordnet, worauf ſich der Oberſchatz⸗ meiſter lächelnd den langen grauen Bart ſtrich, und ihm entgegnete: „Der Prophet hat Dich mit ſeiner vollen Weisheit erleuchtet, o Herr, und Du haſt das Beſte erwählt. Sieh, ich bin ein alter Mann, und möchte dereinſt gerne an den Ufern des Nils begraben werden, das r — 8 1 — 4 “ — heißt,“ ſetzte er lachend hinzu,„nachdem ich mich noch einige Jahre unter der weiſen Regierung des Kalifen, Deines Vaters, meines Le⸗ bens gefreut habe. Auch Zemire wird lieber gen Kairo zurückkehren, als aufs Neue eine weitere Reiſe durch die Wüſte antreten.“ Zemire antwortete hierauf nichts, ſah aber den jungen Mann mit einem vielſagenden Blicke an, den dieſer dadurch erwiederte, daß er die Hand auf ſein Herz legte und ihr leiſe zunickte. Am anderen Morgen brach der ganze Stamm gen Kairo auf, und in ſeiner Mitte ritt Muſtapha, der Prinz Abdallah und Zemire. Da 5 man jetzt größere Märſche machte, als es die Karavane gethan, ſo erreichte man nach einigen Tagen Kairo, wo ſich ſchon das Gerücht von der Ankunft des Prinzen Abdallah verbreitet hatte. Die Straßen waren mit zierlich geputzten und geſchmückten Menſchen angefüllt und es herrſchte in der alten Kalifenſtadt faſt ein größeres Leben, als da⸗ —— —·—“ mals, wo die Pilgerkaravane ausgezogen. Das Volk Kairos feierte nämlich große Feſte zur Feier der Thronbeſteigung ihres neuen Kalifen Almanſors, deſſen Güte und Großmuth bei allen älteren Leuten noch in friſchem Andenken ſtand und den deshalb Alt und Jung auf das Herzlichſte liebte. Daher war auch alles Volk nicht wenig begierig, ſeinen Sohn, den Prinzen Abdallah zu ſehen, und eine große Menge Reiter kam ihm ſchon weit vor der Stadt entgegen, denen ſich eine unzählige Menge Volks anſchloß, welche die Ankommenden im Triumph zu dem Thor begleitete. Auf den Straßen ſtand das Volk in dichten Haufen und rief dem Prinzen Abdallah, ſowie dem Oberſchatzmeiſter Muſtapha ihre freudigen Grüße entgegen. „Der Prophet ſei gelobt!“ riefen die Männer,„und Gott ſei geprieſen, daß er dem Kalifen einen Sohn geſchenkt, der durch ſeine Klugheit und Umſicht einen ſo würdigen und tapferen Mann rettete, wie Muſtapha, der Oberſchatzmeiſter iſt.“ „Gelobt ſei der Prophet!“ ſchrieen die Weiber an den Fenſtern, indem ſie ihre langen Schleier herabflattern ließen,„gelobt ſei der Prophet, daß er den Prinzen Abdallah glücklich heimbegleitete. Seht was für ein ſchöner Mann es iſt und wie ſetattlich er zu Pferde ſitzt!“ So gerührt auch die Ankommenden bei dieſer Freude des Volks waren, ſo hielten ſie ſich doch nicht länger in den Straßen auf, als eben nöthig war, um durch die dichte Volksmenge zu dringen, und begaben ſich gleich nach dem Palaſte des Oberſchatzmeiſters, wo ſie alsbald neue Pferde beſtiegen, um ſich zur Burg des Kalifen zu be⸗ geben, der ſie erwartete. Abdallah beſtand darauf, daß auch Zemire bei der Begrüßung ſeines Vaters nicht fehlen dürfe, weshalb alle Drei nach dem Serail ritten, in deſſen Thor ihnen zahlreiche Sclaven entgegen kamen, die ſie nach den Gärten führten, wo ſich der Kalif gerade aufhielt. Dem Oberſchatzmeiſter Muſtapha klopfte gewaltig das Herz, als er jetzt wieder unter dieſen Gängen wandelte, die er vor kurzer Zeit unter ſo traurigen Verhältniſſen verlaſſen, und es war eben ſo ſehr der Gedanke an die Art, wie ihn der verſtorbene Kalif entlaſſen, als ſeine Erwartung, wie ihn der neue Kalif empfangen, was ihm die Bruſt bewegte. Prinz Abdallah richtete ſeine Schritte nach derſelben Laube hin, wo Muſtapha damals die letzte Audienz gehabt, und mit geſenkten Augen trat der Oberſchatzmeiſter, ſowie Zemire, vor ihren neuen Herrn. Doch wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als ihn eine be⸗ kannte Stimme anredete, und er aufblickend in dem Kalifen Almanſor den Schech Harun erkannte, der ihm in der Wüſte von ſeinem Bruder angeblich die Grüße des Friedens überbrachte. Man kann ſich leicht denken, daß Muſtapha mit aller Herzlichkeit empfangen wurde, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß ihm die Aemter, die er unter dem früheren Kalifen beſeſſen, alle wieder ertheilt wurden. Er dankte dem Kalifen gerührt für ſeine Gnade und wußte ſich vor Freude über den glücklichen Ausgang ſeines Pilgerzugs kaum zu faſſen. Doch wer beſchreibt ſein Entzücken und ſeinen Stolz, als Prinz Ab⸗ dallah jetzt die Hand Zemirens ergriff und den alten Mann bat, ſie ſeinem Vater, dem Kalifen, als ſeine geliebte Braut vorſtellen zu dürfen. Alle prieſen Gott und lobten den Propheten und kurze Zeit da⸗ rauf wurde die Vermählung des glücklichen Paars mit unerhörter Pracht gefeiert. Als nach einigen Monaten die Karavane glücklich aus Mekka zurückgekehrt, hatte der Oberſchatzmeiſter Muſtapha, der ſich lebhaft der Mährchen erinnerte, die ihm in der Wüſte jener alte Mann am Feuer erzählt, nichts Eiligeres zu thun, als ihn aufſuchen zu laſſen. Glücklicher Weiſe war er auch nicht den Mühſeligkeiten der Reiſe er⸗ legen, und erhielt zu ſeinem nicht geringen Schrecken einen Befehl, vor dem Oberſchatzmeiſter des Kalifen zu erſcheinen. Doch wie groß war ſeine Freude, und wie erſtaunte er, als er in Muſtapha jenen fremden Mann wieder erkannte, den er für einen Kameeltreiber ge⸗ halten und dem er ſeine Mährchen erzählt. Muſtapha behielt ihn bei ſich und noch lange Jahre verſammelten ſich Prinz Abdallah und Zemire bei ihrem Vater in der ſchönen Halle am Nil, wo ihnen der alte Mann noch manch ſchönes Mährchen er⸗ zählte, von denen ich vielleicht ſpäter noch einiges meinen Leſern mit⸗ theilen werde. . — — 8 — — 2 — — — 8 — 2 8 2 8 02 = 8 „ 8 2 2 — 8 — 8 — — — 2 5 2 — Bei Adolph Krabbe in Stuttgart erſchienen von F. W. Hackländer: Humoriſtiſche Erz ählungen 12 Bogen. Eleg. geh. 8 ggr. oder 30 kr. C. M. Das Soldatenleben im Frieden. Drirre Auflage, 12 Bogen Velinpapier. Eleg. geh. 8 ggr. oder 30 kr. Conv. M. Wachtſtuben-Abenteuer. 11 Bogen. Mit Umſchlag⸗Vignette. Eleg. geh. 8 ggr. od. 30 kr. C. M. Reiſe in den Orient. Zweite verbeſſerte Auflage der: Dagnuerreotypen. Mit dem Bildniß des Verfuaſſers. ae 2 Bände. 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Wer, der je in Wien gelebt hat, dächte nicht mit Genuß zurück, an die edle Kaiſerſtadt, und welcher von ihren Eingebornen hienge nicht mit Liebe an ihrer inhaltreichen Geſchichte, an den Thaten und Leiden ſeiner Vorfahren und an dem früheren Geſchicke ſeines heimiſchen Herds, der ſo oft berufen war, das Schickſal des ganzen deutſchen Volkes zu entſcheiden! Faſt jeder Schritt gibt Zeugniß von denkwürdigen Thaten: und dieſen ein würdiges Denk⸗ mal, wie auch Allen, welche Wien liebgewonnen haben, ein ſchönes Erinne⸗ rungszeichen zu bereiten, iſt die Aufgabe dieſes Prachtwerkes, welches die Geſchichte Wiens behandelt. Das Werk iſt mit neu für dieſen Zweck gegoſſenen Lettern gedruckt und mit mehr als 140 Illuſtrationen von den erſten Künſtlern Wiens, deren Namen auf dem Titel genannt ſind, geſchmückt. Die ausge⸗ zeichnetſten engliſchen Kylographen führen die Holzſchnitte aus. Stuttgart, 1847. Adolph Krabbe.