———— DA ᷓyuᷓyn ——---ꝛoo-oo— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſſl pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . bieher auf 1 Monat: 1 Mr. Jf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 1 1 — 8 „ 3 7„„ 3 2½ 3„,=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſe ) beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — V 4 K ☛ * 4 Pilder b Soldatenleben im Kriege F. W. Hackländer. Dritte unveränderte Auflage. Stuttgart und Tübingen. J. G. Cotta'ſcher Verlag. 1850. tuttgart Z 8 8 Buchdruckerei der —jüü4— Feldzug in Jtalien. 1849. Dem „Vater Radetzky“ widmet dieſe Blätter als ehrerbietige Huldigung und innigen Glückwunſch zu ſeinem vierundachtzigſten Geburtsfeſte den 2. November 1849 der Verfaſſer. Excellenz! Als ich am 15. Mai 1849 in der Villa Reale zu Mailand zum letzten Male vor Ihnen zu ſtehen die Ehre hatte, ſagten Sie zu mir— mit jenem unbeſchreiblichen, unvergeßlichen Aus⸗ druck väterlicher Güte in Auge und Stimme:— „Kommen Sie recht bald wieder zu uns, Sie gehören zur Familie.“ Ich benütze dieſe Erlaubniß; der verlorne Sohn kehrt in das Haus des Vaters zurück. Und da es ein hoher herrlicher Feſttag dieſes Hauſes iſt, an welchem ich ſeine feierlich geſchmückte Schwelle 1 betrete, ſo komme ich auch nicht mit leerer Hand. en Herzens wieder Einen Strauß Feldblumen bringe ich mit:— Feldblumen, nicht gepflückt unter glän⸗ zendem Mairegen auf grüner Wieſe, in gelbem Korne ſondern Feldblumen, abgeſchnitten auf dem Erndtefeld des Todes, auf blutigem Schlacht⸗ feld, zu des ſiegreichen Feldherrn Füßen, inmitten ſeiner heldenmüthigen Schaar, unter feindlichem Kugelregen. Einen Lorbeerkranz bringe ich mit: Lorbeeren, die aus einem in der Kriegs- und Weltgeſchichte einzig daſtehenden Feldzuge ſtam⸗ men, in zauberiſch raſcher Folge Saame, Blatt, Blüthe, Frucht in vier Tagen gezeitigt und gezogen. Jenen Strauß lege ich am Fußgeſtell Ihres Ehrendenkmals nieder; dieſen Lorbeer hänge ich am Eingange Ihres Siegestempels auf: ſchwache, ärmliche Gabe des deutſchen Schriftſtellers, ver⸗ bleichend vor dem namenloſen Jubel, womit die ‚einzige“ Kaiſerſtadt ihren und Oeſterreichs Retter begrüßte— nichtsbedeutend gegen den kindlichen Dank, womit Oeſterreichs jugendlicher Herrſcher, Oeſterreichs blühende Fürſtentöchter, Oeſterreichs ſieggewöhntes, ſieggekröntes Heer, Oeſterreichs befreites, befriedetes Volk den Vater des Vater— landes umgibt,— werthlos endlich neben den ehernen Zügen, worin die Muſe der Geſchichte den Namen Radetzky einer verdienten Unſterblich⸗ keit überantwortet hat! Aber mir war es ein Bedürfniß, eine Pflicht des Herzens, nicht zu fehlen im Zuge der Feiernden, der Glückwünſchenden, der Hul⸗ digenden; mir, der, obgleich ein Fremdling, — von erſter Stunde an die Heimath wieder fand in Ihrem Hauſe, in Ihrem Zelte, an Ihrer Tafel, und Brüder in Ihrem Heere; der den Siegesflug des öſterreichiſchen Doppelaars mit ſeiner Feder begleiten durfte, von den Thoren Mailands an bis auf die Wälle Novara! 3 von Excellenz, möge der Himmel Sie wunder⸗ bar erhalten, wie er Sie wunderbar verjüngt hat! Feldherr! möge Dein lorbeerumwundener Marſchallsſtab dem italiſchen Oeſterreich den Frie⸗ den geben, wie Dein lorbeerumwundenes Schwert dem deutſchen Oeſterreich den Sieg gegeben hat! Vater! mögeſt Du im„Garten der Erde,“ den Du wieder erobert haſt, noch lange, lange in deiner Kinder Mitte, von allen Ehren und Segnungen der Welt überhäuft, die Früchte Deines Werkes genießen! Dieß der tägliche Wunſch, das abendliche Gebet, welches, wie aus Millionen Hütten und * Herzen, ſo auch aus dem meinigen zum Himmel hemporſteigt!. In unveränderlicher Ehrerbietung und dank⸗ barſter Anhänglichkeit, V Exxcellenz, Ihr treugehorſamſter Stuttgart, 1 den 2. November 1849 F. W. Hackländer. I. Uach Mlailand. Als ich aus meinem vergangenen friedlichen Militärleben die kleinen Garniſonsbilder und Feld⸗ abenteuer niederſchrieb, zu welchen das Nachfolgende einen zweiten und ernſteren Theil bilden könnte, hatte ich nicht, oder nur in meinen kühnſten Phantaſien die Hoffnung, daß es mir einmal vergönnt ſeyn werde, das im Ernſte zu erleben, was mich und Andere ſchon als heiteres Waffenſpiel ſo ſehr ergötzte— einen Feld⸗ zug— das ſchauerliche ſchrecklich wahre Original für die leichte Copie eines Feldmanövers. Dennoch wurde mir, neben manchem andern Guten, was ich viel⸗ leicht nicht verdiente, auch dieſe Vergünſtigung vom Schickſal zu Theil. Ich bekenne es gern, das„Viel⸗ leicht,“ welches ich eben hervorhob, hat nie mein Gewiſſen gedrückt. Ich habe es vielmehr gern, recht Hackländer, Soldatenleben im Krieg. 1 1 gern Andern überlaſſen, das richtige Verhältniß deſſen, * was mir im Leben Schönes zu Theil wurde, zu meinem Verdienſt durch ängſtliche Abwägung aller Verhältniſſe auszumitteln, und durfte mich dabei der tröſtenden Ueberzeugung hingeben, daß dieſe Arbeit von meinen Freunden nicht ungethan blieb. Und wie war der Schauplatz ſo ſchön, auf dem ich das Glück hatte, das ernſte erhabene Schauſpiel eines ganzen Feldzuges, das einer wogenden blutigen Schlacht, an meinem Auge vorüber gehen zu ſehen die Ebene der Lombardei, die ſchon ſo viele Schlachten ————— unter gewaltigen Heerführern geſehen! Im Märzendieſes Jahres mehrten ſich die An zeichen, daß der nach ſo herrlichen Waffenthaten und glänzenden Siegen der Oeſterreicher im vergangenen Jahr mit Sardinien abgeſchloſſene Waffenſtillſtand nicht durch einen Frieden beſiegelt, vielmehr der Mar— ſchall Radetzky, dieſer helle Lichtſtern in einer düſtern Zeit, ſeine tapfern Truppen zu neuen Siegen führen würde. Mit welchem Enthuſiasmus war im vergan⸗ genen Jahre ganz Deutſchland, mit welch' hohem Intereſſe ganz Europa den oft fabelhaft klingenden Siegesnachrichten gefolgt, die von jenſeits der Alpen zu uns herüberdrangen, zu einer Zeit, wo dieſſeits der Alpen Verrath und mancherlei Unſinn Triumphe feierten. Der edle Greis mit dem weißen Haar, in — deſſen gefeiertem Namen die Hauptſtärke der ganzen Armee gleich einem Zauberworte lag, drang plötzlich, als man das öſterreichiſche Heer in der mißlichſten Lage glaubte, unaufhaltſam vor, ſchlug mit ſeinen braven Truppen den an Anzahl weit überlegenen Feind, nahm unbezwinglich geglaubte Städte, ſtürmte feſte Verſchanzungen auf ſchwindelnden Bergeshöhen, und kam daher, ein flammender Komet auf dem ſchwarzen Nachthimmel des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates, an dem alle Sterne zu verbleichen ſchienen!— den Verzagten, aber an ihm gläubig Aufſchauenden neue Sterne: Curtatone und Cuſtozza, Sommacampagne und Vicenza, als Zeichen einer wiederkehrenden beſſern Zeit auf— flammen zu laſſen. So zog er durch die Porta Ro⸗ mana auf ſeinem Schimmel, in ſeinem grauen Röcklein, mit dem kleinen Hut in Mailand ein, und hinter ihm die ſiegende Armee, wohlgemuth und jubelnd, im Innern friſch und muthig, aber im Aeußern alle Spuren des Kampfes und der Strapazen an ſich tragend. Es gab damals wenig Officiere, die mehr hatten, als was ſie gerade auf dem Leibe trugen. Das Schuh⸗ werk der Soldaten war defekt,⸗ ihre Mäntel faden⸗ ſcheinig und durchlöchert. Aber Vater Radetzky, der Alles gut und weiſe eingerichtet hatte, wußte wohl, daß ſeine Soldaten zur Zeit der Winterquartiere in den reichen geſegneten Städten der Lombardei ſeyn und Zeit finden würden, den äußern Schein mit dem innern Gehalt in Einklang zu bringen. Und ſo kam es auch! Die proviſoriſche Regierung, obgleich ſie unnützer Weiſe viel verbraucht, hatte doch noch genug gelaſſen, um die Armee neu zu kleiden und ſie in guten kriegsfähigen Stand zu ſetzen. Nicht als ob in den Kaſſen auch nur ein einziger Lire zu finden ge⸗ weſen wäre, Gott bewahre! dafür hatten die Ver⸗ trauensmänner ſchon geſorgt! Aber Vater Radetzky wußte ſich zu helfen, und der Winter war noch lange nicht vergangen, da hatten die Soldaten ſchon wieder, was ſie brauchten. Es iſt damals viel gefabelt wor— den von den Gütern, die Radetzky eingezogen hätte, von den unerſchwinglichen Contributionen, womit er Städte und Leute gedrückt, von den prachtvollen Pa⸗ läſten der Mailänder Großen, die er in Kaſernen und Spitäler verwandelt und ſie der Zerſtörungsluſt der Soldaten preisgegeben hätte. Aber an Allem dem iſt in dem Sinne, wie es erzählt worden, nichts wahr. Es haben auch nur Leute ſolche Erfindungen ver⸗ breitet oder geglaubt, denen es ein Vergnügen war, das ſtrahlende Bild des großen Feldherrn befleckt zu ſehen. Das iſt aber ja eben der freieſte Geiſt der jetzi— gen Zeit, der bemüht iſt das Edle zu ſchmähen, das 7,—— Erhabene in den Staub zu ziehen!— Doch erhebt ſich wahre Größe über jede Verleumdung, und wie der Name Radetzky ſchon jetzt unangetaſtet und hochverehrt über allen Parteien ſteht— ſo wird auch einſt die Weltgeſchichte das Verdienſt des Hel⸗ den mit einer Glorie umgeben— der ſeinem Herrn und Kaiſer ein Land und eine Krone gerettet und damit noch manchen Thron von Neuem geſtützt und befeſtigt hat. Ich muß meinen Leſer bitten, von nachſtehenden Blättern keine kriegswiſſenſchaftliche Erzählung des italieniſchen Feldzuges vom Frühjahr 1849 zu erwarten. Dazu reichen meine geringen militäriſchen Kenntniſſe nicht hin. Ich vermag außerdem nur Schilderungen zu geben von dem, was ich erfahren und geſehen, und will dieß nach Kräften in den nachfolgenden Blättern thun. Bei ſtarkem anhaltendem Regen reiste ich am 8. März Abends von Stuttgart ab, und hatte gleich zu Anfang meiner Reiſe noch einen harten Kampf mit dem Winter zu beſtehen, der mir als letzter Gruß von der deutſchen Heimath auf der ſchwaͤbiſchen Alb vor Ulm, noch mehr aber auf den Bergen zwiſchen Kemp— ten und Lindau mit mehrere Fuß tiefem Schnee die Reiſe erſchwerte. Bei Lindau befand ich mich in einer halboffenen Beichaiſe und konnte die prachtvollen Winterbilder rings um mich recht genießen. Die be laſteten niedergedrückten Tannenzweige ſchienen weiße Pelzhandſchuhe mit unzähligen Fingern zu tragen, und ſchauten recht melancholiſch in die Gegend. Die andern Bäume gewährten einen Anblick wie eine große Weih— nachtausſtellung mit coloſſalen Figuren vom feinſten Zucker; hinter die Zweige geſchmiegt, lauerten weiße Eisbären und auf den kleinen Straͤuchern, vom Winde auf und abbewegt, ſchienen poſſierliche Figuren zu tanzen. Einen eigenthümlichen Eindruck gewährten die Häuſer im vollſten Winterkleide. Von den weißen Dächern ſah man gegen die weiße Luft gar nichts mehr und die vom Rauche geſchwärzten Schornſteine ſchwebten wie ohne Halt in der Luft. Die rothen und blauen Regenſchirme der Landleute machten in dem Weiß ringsum einen eigenthümlichen Effekt. Von meinen Reiſegefährten will ich nur anführen, daß mich einer davon in der Nacht durch ſeinen Anblick außer ordentlich entſetzte. Als ich nämlich in den Wagen ſtieg, lag dieſer Würdige in der einen Ecke, und zwar von ſo furchtbarem Körperumfange, wie ich nie was Aehnliches geſehen. Er hatte die Beine weit von ſich abgeſtreckt und ſein abnormer Bauch reichte faſt bis zum Netz an der Decke des Wagens. Ich ſchielte beſorgt auf das Ungeheuer hin, denn ich war gezwun— gen, mich ihm gegenüber zu ſetzen. Er ſchlief und ſchnarchte, wobei ſein Bauch auf und abwogte. Endlich ſchlief ich ein und hatte einen eigenthümlich beäng⸗ ſtigenden Traum. Der Bauch dehnte ſich aus und füllte den ganzen Wagenraum an, endlich fällt er mir auf die Bruſt, ich ſtöhnte und erwachte.„Bitt' um Entſchuldigung!“ ſagte mein vis-à-vis.—„Ziehen Sie Ihren Bauch zurück,“ rief ich.—„Verzeihen Sie, es iſt nur mein Nachtſack, den ich der Kälte halber auf meinen Magen gelegt habe,“ wurde mir von meinem Gros erwiedert. So war es auch; da er aber über dieſes voluminöſe Stück ſeinen Mantel zuſammen⸗ geſchlagen hatte, ſo war es verzeihlich, daß ich das Ganze für einen rieſenhaften Bauch hielt. Kempten iſt für mich eine merkwürdige Stadt. Ich bin durch dieſe Stadt nie anders als in der Nacht gekommen und habe da ſtets alle Menſchen im Schlaf⸗ rock geſehen. Poſtmeiſter, Poſthalter und Poſtgehülfen in rothblumigtem Zitz, Poſtdiener und Poſtknechte hatten Schlafröcke an von dunklem Kattun, ſogar der Kemp⸗ tener Poſtillon über der Uniform ein ahnliches Ge⸗ wand von Schaffellen.— In einer lauen Sommernacht fuhr ich früher einmal durch Kempten, da ſtand eine Frau am Fenſter und wiegte ihr Kind, auf der Straße blies der Nachtwächter die zwölfte Stunde, und alle drei, Mutter, Kind und Nachtwächter, hatten Schlaf⸗ röcke an, und daher kommt es denn, daß ich mir die ganze Bevölkerung Kemptens nur im Schlafrock vorſtellen kann— bei der Geburt, bei der Hochzeit und beim Tode. d In Lindau, der kleinen Waſſerſtadt, war Alles 4 ſtill und friedlich. Auf den Straßen ſah man nichts als Schnee und Hühner. Von hier bis Bregenz be⸗ ſtand meine Reiſegeſellſchaft aus einem ziemlich abge— riſſenen Handwerksburſchen, der trotz deſſen, daß wir allein fuhren, beharrlich und augenſcheinlich aus Ehr⸗ furcht gegen mich den Rückſitz behauptete, obgleich ich ihm bemerklich machte, daß in dem einigen Deutſch⸗ land alle Standesunterſchiede gewiſſermaßen aufgehört hätten. In Bregenz wurde es Abends empfindlich kalt, und deßhalb lieh mir der Condukteur, der mich hieher gebracht, eine große wollene Decke, um ſie als Fußſack zu verwenden. Ich habe den Namen dieſes edlen Wohlthäters vergeſſen, will aber die That ſelbſt der Nachwelt überliefern. Die Eilwagen welche von Bregenz nach Chur gehen, ſind im Vergleich mit den ſechsſitzigen bekann ten Marterkaſten, ſchauerlichen Andenkens, höchſt an genehm und bequem. Sie ſind vierſitzig mit zwei Abtheilungen, in denen die Paſſagiere vorwärts fahren und deßhalb wegen ihrer Beine in keine unangenehme Erörterungen mit einem vis-à-vis kommen. Kalt und rauh waren Luft und Himmel, als ich um 5 Uhr Morgens nach Chur kam, und hier hat man die barbariſche Anſicht, daß der Reiſende der die Nacht durchgefahren iſt, keinen erwärmenden Kaffee brauche; denn es öffnet ſich hier keine gaſtliche Wirthshausthür. Menſchen und Häuſer hatten die Augen geſchloſſen und ſchliefen noch; nur auf dem Platze neben der Poſt, aus einem kleinen unſcheinbaren Hauſe, blinzelte ein Lichtſtrahl hervor— es war ein Schfapsladen und darin ſaßen ſechs Geſellen, denen man es anſah, daß ſie vom geſtrigen Sonntag übrig geblieben waren. Sie freuten ſich ihres Lebens in einer Atmoſphäre, die ſo fuſelig und duſelig war, daß mir augenblicklich, als ich in dieſen Raum eintrat, der Athem verging. Es iſt eigenthümlich, wie verſchieden die Gegend dieſſeits und jenſeits von Chur iſt. Dieſſeits üppige Fruchtfelder mit wallendem Korn, ſchöne Obſtgärten, ſaftige Wieſen und ſchöne Bergformen; jenſeits, in dem weiten Rheinthale, ſtarrende Felſen und das breite öde Bett des Fluſſes mit Felsſteinen und Kieſel bedeckt— Alles grau. Dazu die unendlich lange Station nach Thuſis, die man nicht überwältigen zu können glaubt. Die Strecke von Chur bis Andeer, auf der Straße nach Mailand, iſt für mich immer eine höchſt unangenehme geweſen, für deren Lang⸗ weiligkeit man aber glänzend belohnt wird durch den 10 folgenden prachtvollen Splügen-Uebergang, namentlich durch den erſten Theil deſſelben— die Via mala, die in ihrer ſchauerlichen Großartigkeit, begleitet mit dem tiefſten Schweigen einer unbelebten Felſen⸗ und Alpen natur, die Seele in eine eigenthümlich wohlthuende Ruhe verſetzt. Rings eingeſchloſſen von hohen ſteilen Felſenwänden, mit kühn in die Höhe ragenden Spitzen, wilden Schluchten, herabgeſtürzten Felſentrümmern, rauſchenden Waſſerbächen, fühlt man ſich in eine eigenthümliche Welt überſiedelt, in der man gern, fern von den Menſchen, länger weilen möchte, als es der Eilwagen hier dem Wanderer geſtattet. Die Tannen rauſchen geheimnißvoll, das ſpringend herab ſtürzende Bergwaſſer erzählt Schauerliches von den ewigen Schnee⸗ und Eislagern ſeiner Heimath, die es fröhlichen Muthes verläßt, um der Tiefe des fernen Meeres Botſchaft von den himmelhohen Häuptern der ſtolzen Alpen zu bringen. Viele hundert Fuß tief unter den Menſchen braust der Rhein und indem ſich ſeine dahinſtrömenden Fluthen an ſtarren Felſen brechen, läßt er aus der Tiefe leichte Waſſerſtaubwolken emporſteigen. Droben ſtößt ein Raubvogel ein kurzes ſcharfes Geſchrei aus, das zwiſchen den Felſen wieder⸗ hallt. Der Eilwagen, von den Pferden im Schritt den ſteilen Weg hinangezogen, ſchwankt hin und her, der Condukteur ordnet im Gehen die Briefſchaften — — — 11 ſeiner Taſche, der Poſtillon beſſert indeſſen ſeine Peitſche aus, treibt hie und da das Sattelpferd an, wenn es zu nah an den Abgrund kommt, und jodelt bisweilen ein munteres Liedchen. In Chur war ein Italiener in den Wagen geſtiegen, ein junger Menſch, wie mir ſchien von guter Familie. Er hatte ſich eine Zeitlang in der Schweiz und in Baden aufgehalten, und etwas von der deutſchen Sprache erlernt, auch noch von andern Dingen profitirt. Dieß zeigte ſein großer Schlapphut mit rother Feder und eine lange Tabakspfeife, auf deren Kopf das Bild des großen Heckers gemalt war. Bart hatte er noch keinen. Mir ſchien, daß der junge Mann(er war aus Bergamo), in den Aufſtand vom vorigen Jahre verwickelt, ſein Vaterland unfreiwillig verlaſſen hatte. Paß oder ſonſtige Legitimationspapiere, geſtand er ein, nicht zu beſitzen. Er täuſchte ſich nicht darüber, daß ſeinem Vaterlande bald große Ereigniſſe bevorſtänden, und er war feſt entſchloſſen, für die Unabhängigkeit deſſelben Gut und Blut einzuſetzen. Das war von ſeinem Standpunkte vielleicht recht lobenswerth, aber gar nicht lobenswerth war es, daß er von den Oeſterreichern die ſchrecklichſten und lächer— lichſten Geſchichten erzählte, von deren Grundloſigkeit ich ihn in den meiſten Fällen vollkommen überzeugen konnte. Er begnügte ſich dann damit, mir zu erwidern, 12 wenn die Oeſterreicher dieß und jenes auch nicht gethan haben, ſo hätten ſie's doch thun können. Mein Italiener war überhaupt, obgleich ein naſeweiſer Burſch, doch, wie es ſchien, ein»bon enfant.« Im Dorf Splügen ſah's noch rech t winterlich aus. Um das Po ſthaus herum ſtanden kleine Schlitten, mit denen wir weiter befördert wurden, ſo wie wir uns auch deren ſchon eine Strecke hinter Andeer bedient hatten. Das ſchönſte Wetter begünſtigte unſere Fahrt über den Berg. Dazu die herrliche Schlittenbahn, as öſterreichiſche Mauthhaus. In Splügen hatte ſich ein zweiter Italiener zu uns geſellt, ein ſchon ältlicher Herr mit grauen Haaren. Der Condukteur erzählte Brescia und fahre und bald erreichten wir d mir, dieſer Mann ſey aus ſchon ſeit acht Tagen zwiſchen Dorf Splügen und der Spitze des Berges hin und her, wage aber nicht, die Grenze der Lombardei zu überſchreiten, da er ohne Paß ſey, und wahrſcheinlich einer von denen, die der Aufforderung Radetzky's, „unter Zuſicherung vollkommener Amneſtie in ihre Heimath zurückzukehre n,“ bis jetzt keine Folge gegeben. Der alte ſo wie der junge Patriot hatten ſich bald verſtändigt und führten Geſpräche, in welchen die deutſchen Barbaren ſchlecht wegkamen. Namentlich Hoffnung auf einen baldigen der Dinge, und ich bin feſt aber war der Alte voll glücklichen Umſchwung 13 überzeugt, daß er ſchon etwas von der ſo traurigen Erhebung ſeiner Vaterſtadt Brescia wußte. Abgeſehen von den empfindlich kalten Winden, die aus den Schluchten des Splügen hervorbrechen und Einem den feinen Schneeſtaub in's Geſicht jagen, iſt das Fahren auf den kleinen offenen Schlitten nicht unangenehm. Dieſe Schlitten ſind mit einem Pferde beſpannt, das ohne weitere Führung den vor— auseilenden nachläuft, ohne daß man deßhalb, trotz der ſcharfen Wendungen der durch den Schnee ver— engten Zickzackwege, für ſeine Sicherheit zu fürchten hätte.. Im ödeſten und traurigſten aller Felsthäler lag das öſterreichiſche Mauthhaus vor uns. Ich wüßte mir keinen ſchrecklicheren Aufenthalt zu denken. Bei— nahe zehn Monate ununterbrochen Winter, meiſt mit ſechs bis acht Fuß hohem Schnee; das Auge entdeckt, ſo weit es reicht, keinen grünen Halm und das Ohr vernimmt nur das einförmig tönende Klingeln der Maulthiere und Pferde, die in langen Reihen mit ihren Schlitten ankommen und abgehen. Als letzte große Haltſtation dagegen zum Wunderlande Italien iſt das Mauthhaus auf dem Splügen in ſeiner Oede und Traurigkeit ein intereſſanter Uebergangspunkt. Man hat die Höhe des Gebirges erreicht, der Blick ſchweift begierig vorwärts an den weißen und blauen ſeltſam geformten Spitzen der Alpen entlang nach den herrlichen Thäͤlern in der Tiefe. Die Gedanken, dieſe luſtigen Vorpoſten, ſchlüpfen ſchon durch Reben⸗ gelände, ja wiegen ſich mit einiger Phantaſie ſchon unter den laubduftigen Citronen- und Orangengärten, während der ſchwerfällige Körper auf dem Schnee droben erſt den Schlitten wieder beſteigt. Meine beiden Italiener erhielten auf dem Splügen eine Karte, welche ſie auf das Polizeiamt nach Chia— venna wies, das darnach für ihre glückliche Ankunft in der Heimath Sorge zu tragen hatte. Dieſe Leute wurden übrigens freundlicher und artiger behandelt, als ich mir gedacht. Auch in Betreff des Viſitirens unſerer Effekten ging man ſo nachſichtig und ſchonend zu Werke, wie möglich. Abwärts geht es in allen Dingen ſchneller als aufwärts, und ſo erreichten wir bald Campo dolcino und Chiavenna, ungefähr gegen 10 Uhr Abends. Um 11 Uhr fuhr der Wagen weiter auf der ſchönſten Straße der Welt, ganz eben, ohne den kleinſten Hügel, mit den ſchlechteſten Pferden, ganz ſchlechtem Poſtillon und dem allerſchlechteſten Condukteur. Der Wagen ſelbſt war eine jener ſechsſitzigen Menſchen⸗Quälungs⸗ Anſtalten, mit einem Cabriolet, in welches ſich der Condukteur beim Abgehen zum Schlafen niederlegte, ohne ſich weiter um die ganze Welt, incluſive ſeiner 1 5 Paſſagiere, zu bekümmern. Auf der erſten Station mußten wir dem dortigen Poſthalter mit allen Kräften beiſtehen⸗ ſelbigen Ehrenmann zu erwecken, damit er ſeinen Dienſt verſehe. Dafür aber war dieſer Edle ein Lombarde mit großem ſchönem Bart, dichtem wallendem Haupthaar, und verſtand es, ſich ſehr maleriſch in ſeinen Mantel zu wickeln. Der Poſtillon, ein langer magerer, abgeriſſener Geſell, auf einer kleinen dürren Schindmähre, der uns in einem wahren Hundetrab hieher geführt hatte, ließ ſich ein Langes und Breites über ſeinen verſchlafenen Chef aus. Ich konnte bei dieſer Scene nicht unterlaſſen, meine Patrioten auf den Unterſchied aufmerkſam zu machen, wie hier der Dienſt gehandhabt wurde, und jenſeits der Berge, bei den ſchweizeriſchen, reſpective deutſchen Barbaren, den ſie mir auch, fluchend über das ewige Warten auf allen Stationen zu Gunſten der Barbaren zugeſtanden. Es iſt aber auch vielleicht keine Strecke in ganz Italien, wo ſchlechter gefahren wird, als hier auf der ſchönen Straße nach Mailand. Prachtvoll, ja im Mondſchein feenhaft ſind die herr⸗ lichen Gallerien am Comerſee. Aus der mildglänzen⸗ den Nacht fährt man ein in die finſtern Felſenthore, in die rieſenhaften Steintunnels; der Poſtillon klatſcht mit ſeiner Peitſche wahrhaft betäubend, der Wagen dröhnt und raſſelt, und durch die großen Seitenöffnungen 16 fliegt das Bild des vom Mond beſchienenen Sees an den Blicken vorüber. Als nun endlich der Tag graute, lag die reiche ſchöne Lombardei in ihrem ganzen Zauber vor mir, und bald darauf bei aufgehender Sonne am Horizont, mich lebhaft erinnernd an frühere ſchöne Tage, die weiße Marmor⸗Kathedrale von Mailand. Nach Allem, was hier in der Lombardei im letzten Jahre vorgefallen, und nach den traurigen Schilde rungen, die man von Stadt und Land gemacht, war es begreiflich, daß ich Oberitalien mit eigenen Erwar tungen betrat! Man wandle hier auf einem glimmen den Vulkan, heißt es, und wenn man auch keine Flamme ſieht, ſo wird man doch das Dröhnen im Innern des Berges vernehmen, wird ſchwarzen Dampf aufſteigen ſehen und die Verheerungen erblicken, welche die letzte große Eruption hinterlaſſen. Meine beiden italieniſchen Reiſegefährten, wovon der jüngere während der Morgendämmerung auf dem Poſthofe in Lecco verſchwunden war, und der ältere mit nach Mailand fuhr, machten während der ganzen Reiſe von der Stadt Mailand und der Lombardei die oben erwähnten ſchrecklichen Schilderungen, namentlich der jüngere. Durfte man ſeinen Worten glauben, ſo war Mailand eine öde Stadt geworden, halb ein Schutthaufen, von nichts als Geſindel bewohnt, und —* 17 alles Andere wäre aus Furcht vor der öſterreichiſchen Schreckensherrſchaft geflüchtet. Aber die Sache verhält ſich anders. Es war ein wunderbar klarer und ſchöner Mor⸗ gen, als ich die Lombardei wiederſah. Die Sonne beleuchtete die herrliche Ebene— ganz wie früher; ich ſah blühende Obſtbäume und zarte eben hervor⸗ keimende grüne Blätter. Die Reis- und Kornfelder prangten im ſaftigſten Grün, die Bauern arbeiteten auf dem Felde, oder fuhren dahin, faul auf ihre mit Ochſen beſpannten Wagen gelagert— ganz wie früher. Die Maulbeerbäume ſtreckten ihre kahlen Aeſte empor, und dazu läuteten die Glocken von vielen kleinen Dörfern luſtig in die Morgenluft hinaus— ganz wie früher. Endlich lag Mailand dicht vor uns; an der Porta orientale ſieht man von Verheerungen des Kampfes nichts; doch war er hier auch am ſchwäch— ſten. Dagegen haben die Häuſer vor der Porta Ro— mana bedeutend mehr gelitten, doch bemerkt man auch dort nichts von Schutthaufen. Nach dem fortgeſetzten Fahren während vier Tagen und vier Nächten war ich ſehr vergnügt, als ich in dem Hotel Reichmann ankam und eine freundlich gaſt— liche Stube fand. Wenn man längere Zeit unaus⸗ geſetzt im Wagen geweſen iſt, ſo kommt man von dem ewigen Rütteln und Stoßen endlich ganz im Zuſtand Hackländer, Soldatenleben im Krieg. 2. 18 eines Mantelſacks an, gefühl- und theilnahmlos für Alles, und es dauert eine Zeitlang, bis man ſeine Verſtandeskräfte ausgepackt und gehörig geordnet hat. Ich benützte hiezu in dem nicht ermüdenden Geſchäf eines feſten erquickenden Schlafes die lange Nacht und konnte am andern Morgen, vollkommen hergeſtellt, meine nothwendigen Schritte thun. II. Aufkündigung des Waffenſtillſtandes. „ In den Straßen der Stadt ſelbſt herrſchte faſt daſſelbe lebhafte Treiben, wie ich es früher immer in Mailand gefunden. Die Leute gingen ihren Geſchäf⸗ ten nach, die Omnibus raſſelten über das Pflaſter, nur ſah man gegen früher eine große Menge öſter⸗ reichiſcher Officiere, theils wegen der bedeutenden Truppenmaſſen, die herangezogen wurden, theils aber auch, weil die Officiere alle in ihren Uniformen aus— gingen, was früher nicht der Fall war. Mailand war nicht öder, aber auch nicht belebter als ehedem. Es waren größtentheils nur Familien der ſogenannten Nobili, welche, nachdem ſie mit ihrem Gelde den Auf— ſtand eingeleitet, und Tauſende von armen Menſchen ins Unglück gejagt, bei der Rückkehr der deutſchen „Barbaren“ die Stadt und Alle, die ihnen blindlings gefolgt, im Stiche ließen. In den denkwürdigen fünf Tagen der„großen Revolution“ ſoll eine unglaubliche Menge von Fremden und theils angeworbenem, theils hergelaufenem Geſindel die Hauptrolle geſpielt haben. Von dieſen Individuen nun waren immer noch ſehr viele zurückgeblieben und machten der Regierung ſo lange zu ſchaffen, bis ſie als Waffenhehler, Auf⸗ wiegler und Falſchwerber ergriffen und unſchädlich gemacht wurden. Man ſah jetzt hier, wie auch in Deutſchland, was früher nicht der Fall war, eine Menge confiscirter Geſichter, die eigenthümlicher Weiſe, in Preußen wie in Schwaben und Bayerland, ſowohl: „wo die deutſche Rebe blüht, als wo am Belt die Möve zieht!“ eine auffallende Familienähnlichkeit hatten. Die Klaſſe guter Bürger, ſowie die Bauern, welche ihr Hab und Gut im Schweiß ihres Angeſichts ver— dienen mußten, ſind dem Aufſtand nicht hold geweſen und haben auch zum mindeſten Theil mitgewirkt. Hier war es nur das Proletariat, das die Schranken des Rechts und des Geſetzes zu durchbrechen ſuchte, nicht um frei zu werden, ſondern größtentheils um rauben und plündern zu können. Seltſamer Weiſe aber warei die hieſigen Wühler meiſt unter den Großen, Beſitzen den, Fürſten, Grafen und Herren, die durch Chrgeiz angeſtachelt, eine große Rolle ſpielen wollten. Die Häuſer dieſer Nobili ſind nun militäriſch beſetzt, d. h. 21 da ſie der oftmals wiederholten Aufforderung zurück— zukehren, nicht Folge geleiſtet, ſo wurden in ihre Pa— läſte Einquartierungen gelegt, und die öſterreichiſchen Officiere machen es ſich in den Prachtgemächern der Nobili ſo bequem als möglich. Auf den Straßen ſah ich, wie geſagt, nichts Außergewöhnliches, als daß hie und da Gruppen zuſammenſtanden, um die angehefteten Plakate zu leſen oder um gelinde zu politiſiren. Von der Auf— löſung des Reichstages in Kremſier und der octroyirten Verfaſſung hatte man erſt allgemeine Gerüchte, und wußte nichts Beſtimmtes; doch glaubte man, daß die Gutgeſinnten hier, und deren gibt es noch viele, die Verfaſſung mit Freude begrüßen werden, wenn die— ſelbe, was man nicht anders erwartete, freiſinnig und gerecht und den verſchiedenartigen Nationalitäten des großen Kaiſerſtaates Rechnung tragen würde. Für den Zweck meines dießmaligen Aufenthaltes in Mailand wäre mir nichts nöthiger und förderlicher geweſen, als gute Empfehlungen an höhere Officiere ader italieniſchen Armee. Dennoch fehlten mir dieſe ganz. Ich kannte dieſe militäriſchen Größen nur dem Namen nach. Den Feldmarſchall Grafen Radetzky hatte ich vor längerer Zeit einmal hier auf dem Dom⸗ platze, wo er eine Parade kommandirte, zwar geſehen, konnte aber ſogar das Aeußere des Helden in meinem 2* 22 Gedächtniß nicht mehr zuſammen finden. Von früher her hatte ich unter den öſterreichiſchen Officieren einige liebe Freunde und Bekannte, von welchen ich den Grafen Guſtav N. gleich nach meiner Ankunft auf⸗ ſuchte. Bei der Scala im großen Geniegebäude hatte er damals ſeine freundliche Wohnung, in der ich in früherer Zeit ſo manche angenehme Stunde verlebt. Graf N. verbrachte in den langen Friedensjahren, die ja ſchienen nicht aufhören zu wollen, den größten Theil ſeiner Dienſtzeit in Mailand, und widmete ſeine Zeit neben ſeinen militäriſchen Obliegenheiten den Künſten und Wiſſenſchaften. Von vielen und großen Reiſen hatte er Andenken aller Art, in Waffen, Gemälden, Kupferſtichen, Manuſcripten zurückgebracht, welches Alles auf das Geſchmackvollſte in ſeinen Zim— mern aufgeſtellt war. Wer von Kunſtnotabilitäten nach Mailand kam, war an ihn empfohlen, und eine Folge dieſer ſeiner liebenswürdigen Gaſtfreundſchaft war es denn, daß der Eingeweihte Abends bei ſeinem Thee immer einen Kreis der gebildetſten und geiſt⸗ reichſten Menſchen fand. Graf N. wurde beim Beginn der Revolution zum Feldmarſchalllieutenant d'Aspre berufen, nahm Hut und Säbel und verließ ſeine Wohnung, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Das Volk ſtürmte das Geniegebäude, und was es nicht ſtahl, wurde zerſtört. So war denn dem Grafen von 23 ſeiner ſchönen Wohnung und ſeinen intereſſanten Sammlungen nichts als die nackten vier Wände übrig geblieben. Aehnlich iſt es faſt den meiſten öſterreichi— ſchen Officieren damals in Mailand ergangen. Doch laſſen ſich Silbergeſchirr und Möbel mit Geld wieder anſchaffen, aber ein Bild, eine Waffe, ein Manuſcript, an welchem neben dem innern Werth angenehme Er⸗ innerungen haften, iſt oft unerſetzlich. Neben dem Grafen N. wohnte damals in dem— ſelben Gebäude der Oberlieutenant Eberhardt von Kaiſer⸗Jäger, ein junger liebenswürdiger Mann, der ein Weſtphale und freundlicher Verehrer meiner„Sol⸗ datenbilder im Frieden“ war. Außer dieſen beiden Herren kannte ich in Mailand Niemand genauer.“ Ich ſuchte den Grafen ſogleich auf und fand ihn, durch die Ereigniſſe des letzten Jahres zwar ernſter geworden, doch für mich freundlich und liebenswürdig wie immer. Seine Bruſt war während des letzten Feldzugs mit dem Leopoldsorden geſchmückt worden, eine Auszeichnung, die er, wie man allgemein hörte, ſeiner beſondern Tapferkeit und Umſicht verdankt. Gleich bei meinem erſten Beſuch ſagte ich dem Grafen, daß der Zweck meiner Reiſe nach Mailand der ſey, falls es nach dem Ablaufe des Waffenſtill⸗ ſtandes mit Sardinien zu einem Feldzuge kommen ſollte, über die Heldenthaten der öſterreichiſchen Armee 24 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung getreu zu berichten. Graf N. entgegnete mir, daß es zu dieſem Zwecke nothwendig ſey, mich in dem Hauptquartier des Feld— marſchall Radetzky bekannt zu machen, und fügte hinzu:„Wir gehen zum Generalkommando-Adjutanten, Major Eberhardt.“—„Major Eberhardt?“—„Nun ja, unſer Freund, deſſen Sie ſich wohl erinnern wer⸗ den, der neben mir wohnte.“ Ich hatte ſchon früher von einem Major Eber⸗ hardt gehört, der im Hauptquartier ſey und bei dem Marſchall viel gelte, aber daß dieſer und mein mun⸗ terer Lieutenant Eberhardt ein und dieſelbe Perſon ſey, das dachte ich nicht. Ich hatte mir dieſen Major Eberhardt, von dem ich einiges ſehr gut Geſchriebene geleſen, wie eine dicke alternde Perſönlichkeit in ſchon geſetzten Jahren vorgeſtellt. Man kann ſich in unſern Armeen, wo das Avancement ſo ſchlecht iſt, unter einem Major nicht leicht einen jungen Mann vor⸗ ſtellen. Ich ſah aber bald, daß dieß in der italieniſchen Armee ganz anders iſt. Der Feldzug des vergangenen Jahres, bei welchem durch die ausgezeichnete Tapfer— keit der Officiere ſo viele derſelben blieben oder dienſt— untüchtig wurden, hat große Lücken geriſſen, welche durch die nachfolgende Generation, die größtentheils aus jungen Leuten beſtand, ausgefüllt wurde. Graf 25 N., bei dem ich das Glück hatte, dem tapfern Erzher⸗ zog Albrecht vorgeſtellt zu werden, der kurze Zeit darauf in der Schlacht von Novara ſich ſo ruhmvoll ausge— zeichnet, ging denn auch mit mir ins Hauptquartier. Das Hauptquartier des Feldmarſchall Grafen Radetzky war in dem kleinen Palais der Villa Reale in dem ehemaligen Landhauſe des Vicekönigs, welches derſelbe jedoch nur zum Abſteigequartier benützte, wenn er von Monza nach Mailand kam. Es iſt vom Fürſten Belgiojoſo erbaut und heißt auch Villa Bonaparte. Bis jetzt wurde es von den Fremden nicht viel be— ſucht, denn koſtbare Gemälde ſind nicht dort zu finden, und das Gebäude ſelbſt iſt nur noch an der Garten— facade, die mit ſchönen merkwürdigen Basreliefs ver⸗ ziert iſt, ſehenswerth. An der Seite der Anfahrt haben die Franzoſen zwei äußerſt geſchmackloſe Flügel angebaut. Man geht von dem Corſo der Porta orien⸗ tale durch den öffentlichen Garten und befindet ſich ſo vor der kleinen Villa, welche rings von Grün umgeben, ſtill und heimlich da liegt, abgeſondert von dem lärmenden Treiben der großen Stadt, aber jetzt den Mittelpunkt eines eigenthümlich bewegten Lebens bildend. Wie der Reiſende früher nach dem Dom und Triumphbogen verlangte, ſo wird er ſpäter nach der Villa Reale verlangen, wo Vater Radetzky wohnte. Mit feierndem Blick und bewegter Bruſt werden die 26 Nachkommen die Zimmer betreten, die er bewohnte und durch das Fenſter blicken, an welchem er ſo oft ſtand, ſich freuend an dem friſchen Grün und den bunten Blüthen des ſchönen Gartens. Als ich mit Graf N. zum erſtenmal nach der Villa Reale kam, fiel mir das rege Leben beſonders auf. Es ſah hier wie ein kleines Heerlager aus: Officiere aller Waffengattungen kommen und gehen, Ordonnanzen jagen hin und her, geſattelte Pferde ſtehen im Hofe, und auf den Treppen und Gängen hört man nur das Klirren der ſchweren Kavallerie⸗ ſäbel und den einförmigen Tritt der Schildwachen. Ungariſche Grenadiere hatten die Poſten beſetzt. Ich habe dieſe ſchönen Leute immer mit wahrem Ver⸗ gnügen geſehen, mit ihrer imponirenden Haltung, den dunkeln Geſichtern, den großen Bärenmützen und den enganliegenden blauen Hoſen. Sie tragen jetzt einen weißen kurzen Waffenrock, der ſie ſehr gut kleidet. Auch Rothmäntel lagerten am Hofthor, beinahe ganz orientaliſch gekleidet, mit rother Jacke, blauen, bis ans Knie weiten Beinkleidern, im Gürtel die großen Piſtolen und den Yatagan. Major Eberhardt war glücklicher Weiſe für mich derſelbe, den ich früher gekannt, freilich um einige Jahre älter, aber freundlich und heiter und bereit— willig für mich zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand. AA 27 Mein Wunſch, welchen Graf N. ihm mittheilte, im Fall eines Kriegs mit dem Hauptquartier gehen zu dürfen, wurde gut aufgenommen, und ſo war ich denn, Dank ſey es der nie ermüdenden Gefälligkeit des Grafen N., beſtens inſtallirt. In der Villa machte ich auch noch die Bekanntſchaft des Oberſten Schlitter, Generaladjutanten des Feldmarſchalls Gra⸗ fen Radetzky, eines Mannes von kaum ſechsunddreißig Jahren, der ſich durch ſeine militäriſchen Kenntniſſe, ſeine Energie und vielſeitige Brauchbarkeit ſo jung ſchon zu einer ſo hohen militäriſchen Würde empor⸗ geſchwungen hatte. Er war mir für die Dauer meines Aufenthalts im Hauptquartier als lieber freundlicher Bekannter und Gönner von außerordentlichem Nutzen. Ohne ihn hätte ich vieles nicht geſehen, vieles nicht erfahren. Dieſe beiden Herren bewohnten den unteren Stock der Villa Reale, und ihre Wohnungen waren durch mehrere Kanzleizimmer getrennt, wo beſtändig viele junge Leute aller Waffengattungen am Schreib⸗ tiſche beſchäftigt waren. Eberhardt beſorgte neben ſeinen Dienſtgeſchäften einen Theil der Correſpondenz des Feldmarſchalls Radetzky. Ich habe in dieſem Zimmer manche vergnügte Stunde erlebt, und werde mich beſtändig der kleinen angenehmen Frühſtücke erinnern, die wir hier zuſammen 28 —— 4 einnahmen. Jetzt iſt dort Manches anders geworden. Eberhardt ging nach Verona, wo er als General⸗Kom— mando⸗Adjutant ſchon längſt hingehörte. Er war nur nach Mailand bis zur Beendigung des Feldzugs kommandirt, und mit ſeiner Abreiſe ſchloß ſich der freundliche Wandſchrank, der uns ſo manchen guten Steyrer ſpendete. Einige der Bekannten ſind mit der Armee in Florenz oder Ancona, in Meſtre, und jetzt gar in Venedig. Auch Ungarn erhielt von Italien ſein Contingent. Ich erwähne nur unſeres vortreff— liches Freundes und Gönners, des General Reiſchach, des damaligen Chefs von Prohasca, der an der untern Donau mit ſeiner Brigade ſo tapfer gegen die Inſurgenten kämpfte. Den Chef des geſammten öſterreichiſchen General— quartiermeiſterſtabs, Feldmarſchalllieutenant Heß, ſo wie den erſten Generaladjutanten, Feldmarſchall⸗ lieutenant Schönhals, hatte ich ebenfalls die Ehre bald kennen zu lernen und wurde von dieſen vortreff— lichen Männern freundlich und gut aufgenommen. Feldmarſchalllieutenant Heß, etwa ſechzig Jahre alt, iſt ein kleiner magerer Mann, mit ſprechendem geiſtreichem Auge, hellblonden Haaren und friſcher Ge— ſichtsfarbe, ſehr lebendig in Bewegung und Rede. Er iſt von ſeinen ausgedehnten Geſchäften außerordentlich in Anſpruch genommen, dadurch ſehr beſchäftigt und 29 daher meiſtens ſchweigſam, aber durch kurze herzliche Worte die liebenswürdigſte Freundlichkeit bezeugend. Iſt man aber ſo glücklich, in eine Unterhaltung mit ihm zu kommen, ſo ſpricht er lebhaft, überzeugend, mit großem Geiſt, und man gewinnt bei einer ſolchen Unterredung In einer Stunde mehr, Als in des Jahres Einerlei. Heß, ein militäriſcher Stern erſter Größe, iſt Chef der geheimen Operationskanzlei, die ſich neben ſeinen Zimmern im erſten Stock der Villa Reale befindet. In dieſer Kanzlei war der Major Lang⸗ wieler, dem ich manche gute Notiz, manche freundliche Mittheilung verdankte. Feldmarſchalllieutenant Schönhals iſt ebenfalls faſt ſechzig Jahre alt, eine ſchöne große ritterliche Figur. Er iſt ein ſchlanker Mann, und ſein Geſicht mit offenen edlen Zügen würde jugendlich genannt werden können, wenn Haupthaar und Bart nicht ſchneeweiß wären. Er blickt frei und offen in die Welt, und Jedem geht der Blick ſeines glänzenden ſinnigen Auges zu Herzen. Seine Bewegungen ſind ruhig und ſicher, ebenſo ſeine Sprachweiſe gemeſſen und gewählt, dabei aber voll Humor. Man könnte alle ſeine Worte niederſchreiben und drucken laſſen. Die Entwerfung ſeiner herrlichen, poetiſch ſchönen 30 und zu Herzen gehenden Proklamationen und Armee⸗ befehle wird ihm außerordentlich leicht. Ich habe Manuſcripte von ihm geſehen, deutlich und mit feſter Hand geſchrieben, wo auf vielen Seiten nur wenige unbedeutende Worte bei dem Durchleſen geändert wurden. Er iſt, wie ſchon geſagt, erſter General— adjutant des Feldmarſchall Radetzky, und der Perſonal— dienſt der geſammten Armee liegt in ſeiner Hand. Meine Ankunft in Mailand fiel mit den großen Ereigniſſen, deren Zeuge ich ſeyn ſollte, ſo glücklich zuſammen, wie ich es nur wünſchen konnte. Am Tage nach meiner Anklunft, am 12. März, gegen 2 Uhr traf ein piemonteſiſcher Major bei dem Feld⸗ marſchall ein, und übergab nachfolgende Depeſche, worin der Waffenſtillſtand gekündigt wurde: „Die Regierung Sr. Majeſtät des Königs von Sardinien an den Kommandeur der öſterreichiſchen Truppen in Italien. Obgleich der unterm 9. Auguſt 1848 zwiſchen den ſardiniſchen und öſterreichiſchen Armeen abge— ſchloſſene Waffenſtillſtand von den Staatsgewalten Sardiniens nicht ratificirt worden, und nur einen rein militäriſchen und zeitweiligen Charakter trägt, ſo ſind doch alle dem ſardiniſchen Heere darin aufer⸗ legten Bedingungen treu eingehalten worden, dagegen haben die öſterreichiſchen Behörden die Verträge, welche 6 ſie nach jener Uebereinkunft zu erfüllen verpflichtet waren, von Anfang an verletzt und verletzen ſie fort— während. Unter dieſen Verletzungen bezeichnen wir als die allergröbſten: 1) die verweigerte Herausgabe der Hälfte des Artillerieparks von Peschiera; 2) die Beſetzung der Herzogthümer durch Waffengewalt(oc- cupation militaire et politique); 3) die Belagerung der Stadt Venedig zu Land und See und andere gegen dieſe Stadt gerichtete Feindſeligkeiten; 4) die Plackereien aller Art anſtatt der„Protektion“, welche die kaiſerliche Regierung im Art. 5 zugeſagt hatte allen Perſonen und Beſitzthümern des Ländergebiets, welches die ſardiniſchen Truppen räumten. Alle Re⸗ clamationen und Klagen gegen dieſe Verletzungen blieben fruchtlos. Dieſe hartnäckige Weigerung fällt um ſo mehr der kaiſerlichen Regierung zur Laſt, als General Heß, zweiter Generalquartiermeiſter, am 1. Oktober 1848 officiell(dans son office) erklärt hat:„die militäriſche Biederkeit und Loyalität(fran- chise et loyauté) würden ohne Schwierigkeiten die Reclamationen des ſardiniſchen Kriegsminiſters berück⸗ ſichtigen, allein der Marſchall Radetzky ſähe ſich in ſeiner Eigenſchaft als„verantwortliches Organ“ ſeiner Regierung wider Willen(malgré lui) gezwungen, die Maßregeln des Wiener Kabinets zu beobachten.“ Die öſterreichiſche Regierung hat aber ebenſo auch dem 32 erklärten Zweck des Waffenſtillſtandes, Friedens⸗ unterhandlungen zu eröffnen, entgegengehandelt: 1) in— dem ſie nichts erwiderte auf das dringende Erſuchen der vermittelnden Mächte, die Conferenzen anzuſetzen; 2J) indem ſie erklärte, ſich auf die Verträge von 1815 zu ſtützen, ganz im Widerſpruch mit den Entwürfen und Grundbedingungen der vorgeſchlagenen Vermitt⸗ lung; 3) indem ſie verſäumte, einen Bevollmächtigten nach Brüſſel zu ſchicken, wohin ſich unnöthigerweiſe die Bevollmächtigten von Frankreich, England und Sardinien begeben. Aus dieſen Gründen hält und erklärt ſich die Regierung Sr. Majeſtät von Sardinien als nicht mehrgebunden, ſondern jedenfalls als unbeſchränkt durch den angeführten Waffenſtill⸗ ſtandsvertrag vom 9. Auguſt 1848, und nur aus all⸗ zugewiſſenhafter Beobachtung der Ehrengebräuche zeigt die genannte Regierung im Namen und auf Befehl des Königs die Aufhebung des Waffenſtillſtands an. Vorſtehendes wird noch am heutigen Tage, den 12. März, an ſeine Adreſſe, dem Marſchall Grafen Radetzky, Kommandeur der öſterreichiſchen Truppen in Italien, oder in dem Hauptquartier von Mailand mitgetheilt werden.“ Turin, 12. März 1849. Zu gleicher Zeit erſchien für das piemonteſiſche Heer nachſtehender Armeebefehl: e Soldaten! „Die Tage der Waffenruhe ſind vorüber, unſere Wünſche erhört. Karl Albert kehrt an die Spitze Eurer tapferen Reihen zurück. Der Waffenſtillſtand iſt aufgekündigt, und die Tage des Ruhmes für die italieniſchen Waffen werden von neuem beginnen. Soldaten! der Augenblick iſt von der höchſten Bedeu— tung, eilt zum Kampfe, der für Euch gewiſſer Sieg ſeyn wird. Nach dem Beiſpiele Eurer Prinzen, die mit Euch kämpfen, auf den Ruf Eures Königs, der Euch führt, eilt herbei und beweist Europa, daß Ihr nicht allein das Bollwerk Italiens, ſondern auch die Wiedererkämpfer ſeiner Rechte ſeyd. Bei der An⸗ näherung Eurer Waffen werden die unterdrückten Be— völkerungen die Klage in Freudenruf verwandeln, und die wiedererlösten Brüder werder in Eure Arme fliegen, die Wonne des errungenen Triumphes zu theilen. Soldaten! je größer Euer Ungeſtüm im An— griff ſeyn wird, deſto raſcher wird der Sieg und kürzer der Kampf ſeyn, deſto ſchneller werdet Ihr mit Lorbeern bekränzt zurückkehren zu dem Frieden Eurer Familien, ſtolz auf ein freies, unabhängiges, glück— liches Vaterland. Hauptquartier Aleſſandria, 14. März 1849. Der Generallieutenant Majorgeneral des Heeres, 5 Chrzanowsky. Hmckländer, Soldatenleben im Krieg 2 3 34 Nach dem Inhalte dieſer Depeſche hätten alſo die Oeſterreicher den Waffenſtillſtand ſchon eigenmächtig gebrochen; doch blieb die Spada d'Italia den Beweis hiezu ſchuldig. Man kann ſich keinen Begriff machen von der Freude, mit welcher der Marſchall dieſe Bot⸗ ſchaft in Empfang nahm und ſie ſeinen Officieren mittheilte. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Nachricht durch das ganze Haus bis zu den Soldaten, die ſich in ihrem Jubel geberdeten, als zögen ſie ſchon durch die Thore Turins ein. Auf den Straßen traten die Officiere in Gruppen zuſammen, oder riefen, mit der wichtigen Nachricht zu ihren Freunden und Be⸗ kannten eilend, einander zu:„Weißt du's ſchon!— Gott ſey Dank!— er hat gekündet!“— Es war ein Enthuſtasmus, eine Freude wegen des bevor⸗ ſtehenden Feldzugs, die nicht zu ſchildern iſt, und der Jubel wurde immer ſtärker, je mehr ſich der Inhalt der Depeſche verbreitete. Der piemonteſiſche Major verließ die Wohnung des Feldmarſchalls in ſolcher Eile, daß er ganz ver— gaß, die Empfangsbeſcheinigung in Empfang zu neh⸗ men, und deßhalb wieder umkehren mußte. Eine Ein⸗ ladung zur Tafel lehnte er ab. Gegen Abend dieſes denkwürdigen Tages füllte ſich der Hof der Villa Reale mit Tauſenden von Soldaten und Officieren. Fackeln warfen ihren rothen 35 Schein an das Haus und die Baumgruppen und zitternde Strahlen auf das Gold der Uniformen und die glänzenden Waffen. Sechs Muſtkchöre, ge— folgt von einer unzähligen Menge Soldaten aller Waffen, zogen feſten Schrittes in den Hof hinein, um dem Feldmarſchall, ihrem„Vater Radetzky“, ein Ständchen zu bringen, einen Dank für die oktroyirte Verfaſſung und einen Dank, daß er ſo gut ſeyn wolle, ſie ein wenig nach Turin, der ſchönen Haupt⸗ ſtadt Sardiniens, zu führen.„Turin muß genom⸗ men ſeyn! Vater Radetzky hat's geſagt, und was der ſagt, iſt ſo gut, wie ſchon geſchehen!“ Don— nernde, ſich immer wiederholende Vivats zerriſſen die Luft, und als endlich der Feldmarſchall auf den Balkon heraustrat, und ſich umſchaute mit den klugen freundlichen Augen und herzliche Worte zu ſeinen Kin— dern ſprach, da wollte der Jubel gar nicht enden, und Manchem ſind Thränen in den langen Schnurr— bart gelaufen. Ich habe ſchon viele Ständchen, viele Vivats gehört, aber nie mit der Begeiſterung wie hier. Mit einer ſolchen Armee muß man ſiegen. Alle dieſe tauſend Herzen ſchlagen ihrem Führer ver— trauensvoll entgegen, alle wollen mit ihm ſiegen oder untergehen. Nach der Serenade zogen die Muſikchöre durch die Straßen der Stadt, luſtige Kriegsmärſche und die 1 36 Volkshymne ſpielend, gefolgt von Tauſenden von Soldaten, Arm in Arm lange Reihen bildend; der Jäger neben dem Grenadier, der Ungar neben dem Deutſchen, Kavalleriſten, Infanteriſten, Artilleriſten, Alles bunt durch einander. Kräftig hallte der Schritt der Männer durch die nächtlichen Straßen, und die Leute in den Häuſern öffneten die Fenſter und die Spazierengehenden eilten erſtaunt näher, um zu ſehen, was es da gäbe. Dazu dröhnte die Feldmuſik von ſechs Banden, daß die Scheiben erzitterten. An den Straßenecken hielt der Zug und abermals donnernde Vivats für Radetzky. In der Scala ſpielte der dritte und letzte Akt dieſes Freudenſpiels. Nach dem erſten Akt der Oper füllten ſich die weiten, aber bis dahin ziemlich leeren Räume des ungeheuren Hauſes mit Officieren aller Waffen und Grade, und ſtürmiſch wurde die Volks— hymne verlangt. Der Vorhang ging auf, und bald klang hell und friſch durch dieſen Saal, der nur italieniſche Weiſen gewohnt iſt, das deutſche Lied: „Gott erhalte unſern Kaiſer!“ Es war ein ſchöner Tag und Abend, und von all den Tauſenden von Soldaten und Officieren wird wohl nicht einer ſeyn, dem im Hinblick auf die kom— menden Tage nicht die Worte des greiſen Feldmarſchalls durch das Herz zuckten und es freudiger ſchlagen — 37 ließen, die Worte des Armeebefehls:„Vorwärts alſo, Soldaten, nach Turin, lautet die Loſung, dort finden wir den Frieden, um den wir kämpfen. Es lebe der Kaiſer, es lebe das Vaterland!“ III. Vater Nadetzky. Man kann ſich leicht denken, wie geſpannt ich war, dem Feldmarſchall Radetzky, der Seele des Gan zen, Auge in Auge gegenüber zu ſtehen. Schon an einem vorhergehenden Tage hatte ich ihn von weitem erblickt, wie er mit ein paar Adjutanten, Ordonnanz officieren und einigen Stabsdragonern ausritt. So viel ich bemerken konnte, ſaß der alte Herr friſch und kräftig zu Pferde, als er im kurzen Galopp ſeiner Begleitung vorausſprengte. In der Stunde, welche mir durch den Marſchall zur Audienz bewilligt war, begab ich mich in die Villa Reale und wurde da durch den Major Eberhardt dem ehrwürdigen Helden vorgeſtellt. Der Marſchall bewohnt den erſten Stock der Villa, eine Reihe großer Säle und Zimmer, ſchön *. 1 „ 39 und geſchmackvoll, jedoch ohne übertriebenen Luxus möblirt. Seine eigenen Sachen, ſeine Möbel, Kry— ſtall, Silbergeſchirr hat Graf Radetzky bei dem Rück⸗ zug aus Malland ebenfalls faſt ſämmtlich verloren. In einem Vorzimmer neben dem Billardſaal befan⸗ den ſich zwei Sereſchaner und einige Kavallerieordon nanzen; im Billardzimmer ſelbſt Ordonnanz-officiere, von denen täglich zwei den Dienſt haben. Major Eberhardt legte dem Marſchall einige Papiere zur Unter⸗ ſchrift vor und forderte mich dann auf, einzutreten. Der Marſchall ſtand an einem Fenſter und hatte ein Blatt der Allgemeinen Zeitung in der Hand. Seine Figur darf eher klein als groß genannt werden und erſcheint vielleicht um ſo kleiner, da er etwas beleibt iſt. Sein Geſicht trägt, mit Ausnahme der hellen, ſehr lieben und freundlichen Augen, Spuren ſei— nes hohen Alters. Dagegen ſind ſeine Bewegungen, ſein Gang, ſeine Sprache, letztere in einem tiefen, wohlklingen⸗ den Organ, ganz wie das eines rüſtigen Fünfzigers. Mit der dem Marſchall eigenen Freundlichkeit trat er mir bei meinem Eintreten entgegen und reichte mir die Hand.„Freund Eberhardt,“ ſagte er,„hat mir Ihre Abſicht mitgetheilt, über uns und über den bevorſtehenden Feldzug der Allgemeinen Zeitung ge⸗ treue Berichte einzuſenden. Das ſoll mich recht ſehr freuen. Gelobt wollen wir nicht ſeyn, wo wir's 40 nicht verdienen; aber meine braven Officiere und Sol⸗ daten werden Ihnen ſchon Gelegenheit geben, manch Schönes und Großes zu ſehen.“ Dann fügte er noch hinzu, daß die Allgemeine Zeitung manchmal über ihn und ſeine Handlungs⸗ weiſe ungetreue Berichte gebracht, ſetzte aber entſchul⸗ digend hinzu:„Freilich muß man in der Nähe ſeyn, um die Wahrheit zu wiſſen, und damit Sie im Stande ſind, dieſelbe bei uns zu erfahren, ſo lade ich Sie mit Vergnügen ein, den Feldzug in meinem Hauptquartier mitzumachen, Eberhardt ſoll das Nö thige für Sie beſorgen.“ Dann kam er auf die deutſchen Verhältniſſe zu iſprechen, und insbeſondere auf den König von Würt— temberg, den er als Regent und Soldat außerordent— lich hochſchätzt. Ich habe dieſe Verehrung für den König bei allen älteren Officieren der italieniſchen Armee gefunden, ſo wie auch bei allen jüngern, die ſich für Krieg und Weltgeſchichte lebhaft intereſſiren. Man war feſt überzeugt, daß, würde das Schickſal den König heute noch an die Spitze einer großen Armee ſtellen, er durch Energie und Tapferkeit das Ende ſeines Lebens mit den ſchönſten Lorbeern ſchmücken würde, wie er als Kronprinz ſeine Laufbahn begonnen. „Der Herr iſt mein lieber Kriegskamerad,“ ſagte der Marſchall ſichtbar bewegt, als ich ihm einen — — freundlichen herzlichen Gruß des Königs überbrachte, und dabei der jetzigen Wirren des Vaterlandes ge— dachte.„Wir waren zuſammen auf dem Schlachtfelde, und das vergißt man nicht.“ Der Marſchall ſprach auch über die Wühlereien unter dem Militär, fluchwürdige Wühlereien, um die Soldaten von einer und derſelben Nation ihrer Fahne und ihrem Dienſteid untreu zu machen, und wieder— holte die Worte:„Untreue ſchlägt ihren eigenen Herrn.“ Ein wahres Wort, was namentlich ſpäter in Baden ſo vollkommen zur Wahrheit wurde.„Sie werden ſehen,“ ſagte er,„wir Soldaten ſind hier eine einzige große Familie. Der Officier kennt ſeine Leute, lebt .—...———* mit ihnen ſo innig, als es thunlich iſt, ſorgt für ſeine Untergebenen, und hat ſich ſo zu ſtellen gewußt, daß der Soldat vertrauensvoll zu ihm empor ſieht. Sie werden aber auch ſehen, wie meine braven Offi— ciere in's Feuer gehen, immer dem Regimente voran, und das flößt dem Soldaten in und außer dem Dienſt Achtung ein. Verführungen durch ein paar elende Gläſer Wein können in meiner Armee nicht leicht vorkommen. Wo ſolche Verſuche gemacht würden, da ließe ich den Soldaten das doppelte Quantum geben, einen luſtigen Steyrer aufſpielen, und ich glaube, es bliebe mir keiner weg.“ Das glaube ich auch! Aber dieſer alte Herr hat 42 auch eine Perſönlichkeit, ſo wunderbar anziehend, wie ich ſelten etwas Aehnliches geſehen. Seine tiefe klang— volle Sprache, ſein treuherziger, etwas öſterreichiſcher Dialekt, dazu das Gute und Liebe in ſeinen Mienen, Alles dieß muß ihm, in Verbindung mit dem Ge— danken an die herrlichen und großen Thaten, die er vollbracht, jedes Herz gewinnen. Ich verließ den Marſchall mit dem Bewußtſeyn, einen der intereſſan— teſten und ſchönſten Augenblicke erlebt zu haben. Die Sereſchaner draußen ſahen mich freundlich an und hielten mich wahrſcheinlich für etwas ganz Beſonderes, weil ihr Vater ſo lange mit mir geſprochen. An demſelben Tage erſchien nachfolgender Armee⸗ befehl des Feldmarſchalls Radetzky, der in ſeiner kräf— tigen Sprache wohl geeignet war, das kriegeriſche Feuer der Soldaten noch heftiger anzufachen, wenn das nämlich nothwendig geweſen wäre. Aber eben ſo, wie ſich der Enthuſiasmus für den bevorſtehenden Feldzug in der Umgebung des Feldmarſchalls geäußert hatte, ſo brach die Kampfluſt erſt in helle Flammen aus, als die Aufkündigung des Waffenſtillſtandes bei den Soldaten in weiteren Kreiſen bekannt wurde. Man konnte hieraus mit Freuden ſehen, von welch' vortrefflichem Geiſte dieſelben beſeelt waren und wie unbeſchreiblich ſie ſich auf den Kampf mit dem Feind freuten. Luſtiger und mit vergnügteren Geſichtern, 43 als in dieſen Tagen, habe ich die Soldaten nie ihre kleinen Einkäufe machen ſehen. Auf allen Helmen, Tſchako's und Mützen wehten grüne Büſche. Bei allen Regimentern brachte der Armeebefehl des Vater Radetzky einen unerhörten Jubel hervor. Bei dem Grenadierbataillon von Franz Karl(es ſind Ungarn) brachen die Soldaten in ein donnerndes„Eljen“ aus, fielen einander in die Arme, küßten die Medaillen und trugen die Decorirten im Triumph umher. Es war ein Leben, eine Bewegung, ein Glanz und eine Freude in den Straßen von Mailand, ſeltſam ab⸗ 6 ſtechend gegen die ſtillen flüſternden Truppen, in wel⸗ chen die Italiener umherſtanden, theils beſorgt für die Zukunft dem Jubel zuſchauend, theils den jauchzend vorübergehenden Soldaten hohnlachend nachblickend, da viele der Lombarden feſt überzeugt waren, daß die Spada d'Italia dießmal dem Barbarenreiche ein ſchnelles Ende machen würde. Der Tagsbefehl Radetzky's lautete wie folgt: Hauptquartier Mailand, den 12. März 1849. Soldaten! 1 Eure heißeſten Wünſche ſind erfüllt. Der Feind hat uns den Waffenſtillſtand aufgekündet. Noch ein⸗ mal ſtreckte er ſeine Hand nach der Krone Italiens aus, daher ſoll er erfahren, daß ſechs Monate nichts an Eurer Treue, an Eurer Tapferkeit, an Eurer 44 Liebe für Euren Kaiſer und König geändert haben. Als Ihr aus den Thoren Verona's auszoget und von Sieg zu Sieg eilend den Feind in ſeine Grenzen zu rücktriebet, gewährtet Ihr ihm großmüthig einen Waf— fenſtillſtand, denn er wollte den Frieden unterhandeln, ſo ſagte er; doch ſtatt deſſen hat er ſich zum neuen Krieg gerüſtet. Wohlan denn, auch wir ſind gerüſtet, den Frieden, den wir ihm großmüthig geboten, wollen wir in ſeiner Hauptſtadt erzwingen. Soldaten! der Kampf wird kurz ſeyn, es iſt derſelbe Feind, den Ihr bei St. Lucia, bei Somma campagna, bei Cuſtozza, bei Volta und vor den Thoren Mallands beſiegt habt. Gott iſt mit uns, denn unſere Sache iſt die gerech— teſte. Auf, auf, Soldaten, noch einmal folgt Eurem greiſen Führer zum Kampf und Siege. Ich werde Zeuge Eurer tapfern Thaten, und es wird der letzte Akt meines langen frohen Soldatenlebens ſeyn, wenn ich in der Hauptſtadt eines treuloſen Feindes die Bruſt meiner wackern Gefährten mit dem blutig und ruhm— voll errungenen Zeichen ihrer Tapferkeit werde ſchmücken können. Vorwärts alſo, Soldaten, nach Turin lautet die Loſung, dort finden wir den Frieden, um den wir kämpfen. Es lebe der Kaiſer, es lebe das Vaterland!“ Zur Zeit der Kündigung des Waffeenſtillſtandes äußerte König Albert zu Turin gegen die Geſandten — 1 45 Frankreichs und Englands, als ſie ihm Vorſtellungen machten, mit wie wenig Ausſichten auf guten Erfolg Piemont den Krieg mit Oeſterreich erneuere:„Meine Herren! der Krieg iſt der Wunſch der Nation; ich muß mich dieſem Wunſche fügen, will ich nicht meine Krone gefährdet ſehen. Ich beginne den Krieg, um der Republik zu entgehen! Wenn Sie, meine Herren, mir nicht die Verſicherung geben können, daß Ihre Regierungen mir meinen Thron garantiren, ſo darf ich nicht länger zögern, das letzte Mittel zu ergreifen, das mir übrig bleibt— den Krieg!“ Der Prinz von Savoyen verſchmähte nicht, in demſelben Augenblicke— während man in Turin jubelt, daß der ſehnlichſte Wunſch des Volkes erfüllt ſey— während man im voraus von den Helden⸗ thaten der Armee, namentlich der Lombarden ſpricht, die nur in den erſten Reihen fechten wollen,— wäh— rend Plakate den alten Helden Marſchall ſchmähen und verſpotten— während man feſt von der Nieder— lage des Barbarenheeres überzeugt war— im Rücken deſſelben die öſterreichiſchen Unterthanen zum Aufruhr und Treubruch zu verleiten und ſchleuderte zu dieſem Zweck das nachſtehende Dekret in die venetianiſch— lombardiſchen Provinzen: „Wir Eugen von Savoyen u. ſ. w. kraft der Machtvollkommenheit, welche uns auf Vorſchlag des Staatsſekretärs für das Innere übertragen worden, nach geeigneter Rückſichtsnahme auf die lombardiſche Conſulta und ihrer Einwilligung— haben verordnet und verordnen: Art. 1. Wird hiermit aufgerufen das Aufgebot in Maſſe aller waffenfähigen Mannſchaft der venetianiſch-lombardiſchen Provinzen. Dieſelbe hat ſich unverzüglich dem Militärkommando zu ſtellen oder in Ermanglung eines ſolchen dem Ortsnotar (sindaco), um in die Liſten eingereiht zu werden. Art. 2. Die betreffenden Behörden werden einem Je⸗ den den Ort angeben, von wo er abzugehen habe, um Waffendienſt zu leiſten gemäß den Inſtruktionen, welche die königliche Regierung verbreiten wird. Art. 3. Jeder, der innerhalb fünf Tagen nach der Veröffent— lichung dieſes Dekrets ſich zum Eintragen in die Li⸗ ſten nicht meldet, oder an dem gemäß Art. 2. ihm bezeichneten Ort nicht einſtellt, wird angeſehen als Deſerteur, und als ſolcher mit denſelben Strafen be⸗ legt, womit die in Kraft beſtehenden Geſetze in den Provinzen, auf die dieſes Statut Anwendung leidet, den Deſerteur bedrohen. Art. 4. Kein anderer Grund von Befreiung wird angenommen, als körperliches, den Waffendienſt hinderndes Gebrechen. Alle, die ſich unter dieſer Ausnahme glauben, müſſen den Be⸗ freiungsgrund innerhalb der gedachten fünftägigen Friſt bei den dafür geeignet zu errichtenden Commiſſionen 47 vorbringen, wofern ſie im Uebertretungsfall als De— 4 ſerteur gelten und die im vorigen Artikel angedrohten Strafen auf ſie Anwendung leiden. Art. 5. Die eben genannten Commiſſionen entſcheiden als letzte Inſtanz über die vorgebrachten Ausflüchte. Art. 6. Ueber die militäriſche Organiſation dieſer Truppen werden vom Miniſterium des Kriegs und der Marine beſondere Vorſchriften und Anleitungen erlaſſen werden. Turin, den 17. März 1849. Eugen von Savoyen. Ratazzi.“ g 3 4 ——— IV. Vorbereitungen zum Feldzug. Die Armee befand ſich in den letzten Tagen vor dem Auszuge in einer außerordentlichen Thätigkeit, welche vom Feldmarſchall bis zum Tambour abwärts durch die ganze ungeheure Kette der großen Armee vibrirte und ſich ſogar auf Thiere und lebloſe Gegen⸗ ſtände, Pferde jeglicher Race und Wagen jeglicher Güte ausdehnte. Die beiden letzten Artikel ſind denn auch für ein ausmarſchirendes Officiercorps von größter Wichtigkeit. Der Officier kann nicht, wie der Soldat, ſeine nothwendigen Habſeligkeiten mit ſich im Torniſter oder Mantelſack herumſchleppen. Er bedarf eines Wagens oder eines Packpferdes. Wenn ich nicht irre, hat jeder Stabsofficier der öſterreichiſchen Armee das Recht, im Feld eine Equipage mit ſich zu führen, die gewöhnlich mit zwei Pferden beſpannt und meiſtens 49 ſehr ſchwer beladen iſt. Da nun aber gewöhnlich der Officier denſelben Wagen benützt, welchen er im täg⸗ lichen Leben gebraucht, ſo ereignet es ſich häufig, daß, da man auf einen Wagen von leichter Conſtruktion mit ſchwachen Federn öfters ſchwere Gegenſtände auf— ladet, bisweilen ſchon am erſten Marſchtage irgend etwas am Wagen zerbricht und dadurch für den Eigen— thümer große Unannehmlichkeiten entſtehen. Wenn man auch auf zwei Packpferde nicht ſo viel laden kann, wie auf einen zweiſpännigen Wagen, ſo ſind ſie doch, nach dem Urtheile vieler Officiere, theils wegen des angeführten Grundes, theils wegen ihrer viel größeren Beweglichkeit einem Wagen weit vorzuziehen. Auf der Landſtraße marſchirt eine Colonne und der ganze Weg iſt mit Infanterie, Kavallerie, mit Ge⸗ ſchützen, Pulverkarren oder gar mit einem Brücken⸗ 4 train bedeckt. Da hält es denn außerordentlich ſchwer, mit einer langen Reihe von andern Fahrzeugen, die ſchneller marſchiren, ohne Anſtoß durchzukommen, wo— gegen ſich das Packpferd leicht durch den Knäul durch⸗ windet. Ich habe auf meinen Reiſen im Orient oft Ge⸗ legenheit gehabt, die Annehmlichkeiten eines guten Packpferdes ſchätzen zu lernen. So hatten ſich denn auch viele Officiere mit dieſem nützlichen Transportmittel verſehen, wozu in Hackländer, Soldatenleben im Krieg. 3 4 8 50 der Regel kleine gedrungene Pferde ausgeſucht wurden. Alle Roßhändler von Mailand waren in jenen Tagen in Bewegung und auf vielen Plätzen und Straßen ſah man Pferde mit allen Künſten vorreiten, andere einſpannen, um ſie oder einen neuen Wagen zu probiren. An meine eigene Equipirung zum bevorſtehenden Feldzug mußte ich ebenfalls ernſtlich denken, und wandte mich deßhalb an Freund Eberhardt, um mir hierüber Raths zu erholen. Dieſer hatte neben ſeinem eigenen Arrangement für die Kanzleien außerordentlich viel zu thun und einzupacken. In ſeinen ſonſt ſo ge⸗ ordneten Zimmern ſah es bunt aus. Käſten jeder Größe und Packtaſchen von allen Arten ſtanden und lagen auf dem Boden umher, bereit dieſes oder jenes aufzunehmen. Kaſſen wurden gepackt und nothwen⸗ dige Aktenſtücke zuſammengeſchnürt. Dazu waren die Vorzimmer angefüllt mit Supplikanten jedes Alters und Geſchlechts, und der Marſchall ſowohl wie ſämmt⸗ liche Officiere in ſeiner Nähe wurden mit den mannig— faltigſten Bittgeſuchen überlaufen. Ich ſpreche hier nur von Civilperſonen, oder Militärpenſionären, die vielleicht eine Zulage wünſchten, oder Soldatenwittwen, die um Vorausbezahlung ihres kleinen Jahrgehaltes baten. Hatte das Hauptquartier bisher ſchon das Bild eines regen bewegten Lebens gegeben, ſo wogte es in 51 dieſen Tagen in der Villa Reale wie ein aufgeſtörter Bienenſchwarm, der eben im Begriff iſt, abzuziehen. Unten in der Perſonalkanzlei kamen und gingen Offi— ciere aller Waffen, die ihr Avancement oder ihre Verſetzung zu einem andern Truppentheil meldeten. Huſaren und Botenjäger ſprengten in den Hof, war— fen ſich von den dampfenden Pferden und übergaben dem Oberſten Schlitter ihre Depeſchen, der als Ge⸗ neraladjutant des Feldmarſchalls Radetzky, namentlich in der letzten Zeit, Tag und Nacht fortwährend in Anſpruch genommen wurde. Ich habe den Oberſten öfter geſehen, daß er, buchſtäblich genommen, bis über die Sporen in heruntergeriſſenen Briefcouverts ſtand, Couverts, die mit den ſchönſten und längſten Titeln beſchrieben waren. Ich habe einigemal gezählt, daß der vollſtändige Titel des alten Herrn in großem Depeſchenformat zehn bis zwölf enggeſchriebene Zeilen ausmachte. Im erſten Stock in der geheimen Operations⸗ kanzlei ging es ebenfalls ſehr lebhaft zu, nur geheim⸗ nißvoller und ſtiller, als unten, und wenn man ſich hie und da über die große Treppe hinaufwagte, ſo ſah man den Feldmarſchall, die Hände auf dem Rücken, nachdenklich auf und abgehen oder mit dem Feld⸗ marſchalllieutenant Heß an einem Fenſter ſtehen und emſig ſprechen. Die wichtigen Couriere für den 5 Marſchall kamen meiſtens in Equipagen und die Offi— ciere des Generalſtabs mit ihren grünen Federn auf den großen Hüten eilten mit Papieren hin und her.— Oben war der Kopf, unten die Fauſt mit dem gezo⸗ genen Schwert— der Kopf ſchaute nachdenkend, aber zufrieden in das Getümmel, und man ſah an dem ruhigen Ernſt, daß große Pläne mit Zuverſicht ent worfen waren und demnächſt der Fauſt zur Ausfüh⸗ rung ſollten übergeben werden. Bei letzterer wurde unterdeſſen auch für des Leibes Nothdurft hinlänglich geſorgt, und ein ſchüchterner Blick, den ich in einen angeblichen Kaſſenkaſten that, überzeugte mich von dem ſehr werthvollen Inhalt. Daß ich bei den ſo vielfach beſchäftigten Herren nur eine leiſe Anfrage wagte, in welcher Weiſe ich mit dem Hauptquartier ziehen ſollte, kann man ſich bei meiner allbekannten Beſcheidenheit denken. Eber⸗ hardt antwortete mir auf ſolch mädchenhaft ſchüchterne Anfrage zwar kurz, aber in einer für mich ſehr an— genehmen Art:„Meinen's denn, wenn der Feldmar⸗ ſchall Sie einladet, mit uns zu gehen, ſo werde man nicht für Sie ſorgen? Hier haben Sie einen Zettel, ſuchen Sie den Herrn, deſſen Namen darauf ſteht, auf, und ſagen Sie ihm, Sie ſeyen der Mann der unſterblichen Werke, von dem er ſchon wiſſe, und jetzt machen Sie, daß Sie weiter kommen.“ Ich nahm das Papier, dankte für die gute Behandlung, nahm zum Abſchied eine gute Cigarre, ein Glas ſehr guten Morgenwein und ſuchte den ‚meine unſterblichen Werke“ Kennenden auf. Draußen in der Wachſtube der Grenadiere und im Hofe war ein Stück Wallenſteins Lager. Ein rieſenhafter Corporal, den die ſchwarze Bärenmütze noch größer machte, hielt ſeinen Untergebenen eine feurige ungariſche Rede, von der ich aber kein Wort verſtand. Auf der Pritſche wurden Torniſter gepackt und Mäntel gerollt, und vor der Villa ſtanden Jäger, Infanteriſten und Huſaren unter einander, und zwi— ſchen ihnen hindurch ſchlichen Kroaten mit ihren gelben verſchmitzten Geſichtern und tauſchten und kauften von Kameraden und Civilperſonen allerlei kleine Kriegs⸗ bedürfniſſe. Auf meinem Zettel ſtand„Graf v. Forgatſch, Chef der Stabsdragoner, Straße ſo und ſo“; ich fand auch bald die angegebene Straße und Hausnummer, aber der Chef der Stabsdragoner war nicht zu Hauſe und ich ſchlenderte unverrichteter Sache davon und durch die Straßen der Stadt. Auch hier ſah man auf allen Straßen und Plätzen an dem ganzen Getreibe der Menſchenmenge, daß etwas Außergewöhnliches im Werke ſey. Mailand glich einem großen Heerlager, dem Heerlager einer ſiegestrunkenen Armee. Jauchzend 23 54 zogen die Soldaten umher oder ſtanden von bevor⸗ ſtehenden Siegen freudig plaudernd beiſammen. Auch von den Lombarden und den Einwohnern der Stadt ſah man viele auf den Straßen; doch hatten die meiſten, trotz des keck umgeworfenen Mantels, von ihrer Gra⸗ vität viel verloren und eilten ſchnell aneinander vor⸗ bei, ſich eilig etwas mit einer Beſorgniß verrathenden Miene zurufend. Vor den Kaffeehäuſern ſtanden dichte Gruppen und verſchlangen mit Begierde die Nachrichten, welche ihnen ein gefälliger Mund aus Piemont mittheilte. Viel Vertrauen ſetzten ſie auf Chrzanowsky, den großen General. Was die Fremden anbelangt, die ſich hier in Mailand aufhielten, namentlich die Deutſchen, deren Zahl nicht gering war, ſo ſah man ſehr erwartungs⸗ volle Geſichter, und bemerkte deutlich, wie man ſich vor dem Abmarſch der Oeſterreicher fürchtete. Eine Menge Familien, und darunter ſelbſt viele italieniſche, traf Anſtalten, zugleich mit dem Heer die Stadt ver⸗ laſſen zu können. In langer Zeit hatte man nicht mehr ſo viel Equipagen auf der Straße geſehen, wie jetzt, freilich nicht um eine Corſofahrt zu verherrlichen. Vor den Häuſern ſtanden Wagen des verſchieden⸗ artigſten Ausſehens, und ſie wurden mit Kiſten und Koffern bepackt, denn wer abreiſen konnte, nahm G natürlich Alles mit, was er von werthvollen Sachen aufzuladen im Stande war. Daß der Feldmarſchall nicht in der Lage war, eine bedeutende Truppenmacht als Beſatzung zum Schutze der Stadt hier zu laſſen, war einerſeits ſehr einleuchtend; andererſeits aber hatte man die Gewalt— thaten noch in zu friſchem Angedenken, welche der Pöbel während der berüchtigten fünf Tage und vor dem Wiedereinmarſch der Oeſterreicher ſich erlaubte, wo er haufenweiſe in Häuſer der wohlhabenden Bürger eindrang und brandſchatzte. Wenn man auch einen Aufſtand, wie im vorigen Jahr, nicht befürchtete, indem die Häupter der Revolution entflohen waren, und mancher, der damals mitgewirkt, voll Schrecken einſah, was es hieß, in die Hände ſchrankenloſer Volkshaufen gegeben zu ſeyn, ſo glaubte man doch, und nicht mit Unrecht, daß wenn dieſe ſogenannten Barrabi(was auf deutſch ſo viel als Lumpen oder Gauner heißt) einen großartigen Putſch, auf commu⸗ niſtiſchen Grundlagen, verſuchen würden, die zurück⸗ bleibende Beſatzung des Caſtells von vielleicht 4000 Mann nicht die Kraft haben würde, genügend einzu— ſchreiten, da dieſe Beſatzung ja auf keinen Fall ihr Caſtell verlaſſen könnte, um ſich in einen Straßen⸗ kampf einzulaſſen. Wer alſo konnte, ſalvirte ſich, indem er abreiste. 56 Bekanntlich beſteht die Stadt Mailand meiſtens aus langen breiten Straßen mit hohen ſehr maſſiv gebauten Häuſern. Der Eingang wird gewöhnlich von einem großen Thorbogen gebildet, und auf meinem Spaziergang durch die Stadt an dem Tage, von welchem ich hier rede, ſah ich in den verſchiedenſten Quartieren, wie eine große Anzahl von Hausbeſitzern damit beſchäftigt war, dieſe Eingänge auf oft komiſche Art zu verrammeln und zu verſchließen. Die großen Thore waren meiſtens faſt alle geſchloſſen, und in denſelben blieb nur ein kleines Ausgangspförtchen offen.“ Der Thorbogen ſelbſt wurde verbarrikadirt mit Fäſſern, Steinen, Brettern und Balken und zum Ueberfluß noch ein ſtarker Baum in die Mauer eingelaſſen, um dem Thore als ungeheurer Riegel zu dienen. Wer vor der Revolution in Mailand war, wird gewiß nicht vexſäumt haben, den Caſtellplatz zu be— ſuchen, weniger des Caſtells halber, dieſem Ueberreſte des alten Schloſſes der Visconti, als um die Arena zu ſehen und den Napoleoniſchen Triumphbogen zu bewundern, nebenbei aber auch um unter den herr⸗ lichen Baumalleen, mit welchen der große Platz dicht beſetzt war, umherzuwandeln. Hier drangen die bren— nenden Sonnenſtrahlen nicht durch, und uralte, rieſen— hafte Bäume bildeten ein dichtes, kühles Schattendach, deſſen erquickende Wohlthat man doppelt empfand, — ◻☛ ₰ wenn man ſich aus den breiten, ſchattenloſen, glühen den Straßen der Stadt nach dem Caſtellplatz flüchtete,— eine grüne Oaſe, in welcher auch für Erfriſchungen aller Art, ſowohl des Geiſtes als des Körpers, ſehr geſorgt war. Wie in einer kleinen Stadt zur Zeit des Jahr markts, ſo ſah man hier Schaubuden aller Art, vom Marionettentheater an bis zum Circus berühmter Kunſt reitergeſellſchaften. Vor den Häuſern, die den Platz umgaben, fanden ſich ambulante Reſtaurationen und kleine Wirthshäuſer, und neben dem Polentaverkäufer lag ein Faß, welches gutes bayeriſches Bier dem Durſtigen ſpendete. Auch für die Kinderwelt der Stadt war hier ein ſchöner geräumiger Spiel- und Tummelplatz. Wie war das Alles aber jetzt anders geworden. Schon auf dem Wege nach dieſem früher ſo herrlichen Platze glaubte ich die Richtung verfehlt zu haben, denn ich forſchte vergeblich nach den grünen Baum⸗ kronen, welche ſonſt ſo freundlich über die weißen Häuſer emporragten. Dudelſack und Violine waren verſtummt und dafür ſchallten mir die dumpfen Schläge der Art und das Aechzen der Säge entgegen, und als ich näher trat, zeigte ſich mir ein Bild der trau— rigſten Zerſtörung. Schon der größte Theil der Baum⸗ allee war niedergehauen, und was noch ſtand, war durch eifrigen Gebrauch der Art und der Säge dem Untergang geweiht. Hier ſtürzte ein Baum krachend zuſammen, dort wurde einer an langen Seilen nieder⸗ geriſſen, und der erzürnte Stamm ſchüttelte in un⸗ mächtiger Wuth ſeine Zweige, die der Frühling ſo eben erſt mit friſchen grünen Blättern geſchmückt hatte. Der Feldmarſchall, der eine kleine Beſatzung tapferer Soldaten inmitten einer größtentheils ſchlecht⸗ geſinnten Stadt zurückließ, mußte, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, zur Sicherung für die Zurückgebliebenen ſorgen. Zu dem Ende wurde das Caſtell möglichſt befeſtigt. Vor dem Haupteingang, der ſich gegen die Stadt kehrt, wurde eine kleine Lünette gebaut und mit ſchwerem Geſchütz beſetzt. Da im Falle eines Angriffs jeder der ſtarken Bäume eine vortreffliche Schutzwehr bilden konnte, von welcher aus die Ka⸗ noniere des Caſtells durch die Angreifenden ſehr be— droht geweſen wären, ſo mußte das Glacis des Caſtells und der Caſtellplatz vollſtändig raſirt werden. So fielen denn die herrlichen Laubgänge des Platzes, des Mailänder kleinen Praters, und gierig drangen auf den weiten Raum die brennenden Strahlen einer un⸗ gewöhnlich heißen Frühlingsſonne— ein unerbittlicher Eroberer! Während ſo hier die Axt dröhnte und die Bäume krachend ſtürzten, ſchlich der Mailänder auf dem kleinen fußbreiten Schatten längs der Häuſer vorüber und blickte ſeufzend auf das für ihn traurig geſchäftige Leben rings um das Caſtell, wo an langen Ketten die rieſenhaften Stämme fortgeſchleppt wurden, jene Bäume, die mit ihm größer geworden, und unter welchen er manches luſtige Spiel geſpielt, manche fröhliche Stunde genoſſen, aber— tu l'as voulu, George Dandin. Verſtimmt ging ich nach dem Corſo zurück. Mir hatte der Anblick im Innern des Herzens wehe ge— than. Ein Baum iſt mir ein Heiligthum, und mir war, als hätte ich ſchon vor Beginn des Feldzugs ein großes Schlachtfeld geſehen. Auf dem Corſo traf ich mehrere bekannte Offi— ciere, die ihre kleinen Einkäufe und letzten Privat⸗ angelegenheiten beſorgten. Einige umſtanden einen leichten hübſchen Wagen, an welchem ein Paar Pferde probirt wurden. Ein Officier in einer mir bis jetzt unbekannten Uniform ſchien der Eigenthümer. „Ich muß Sie,“ ſagte einer meiner Bekannten, „mit dieſem Herrn bekannt machen, an den Sie für den bevorſtehenden Feldzug wahrſcheinlich gewieſen werden— Major Graf Forgatſch“— der Name auf meinem Zettel! Ich wurde ihm vorgeſtellt und fand in ihm einen äußerſt freundlichen liebenswürdigen Officier.„Ei,“ ſagte er lachend,„mir iſt der Hofrath 60 H. ſchon angezeigt; ich ſoll Sie beritten machen, und war, ich will es Ihnen geſtehen, ſchon in Ver⸗ legenheit, ein ſanftes und ruhiges Hofrathspferd zu finden; aber ſo wie Sie mir ſcheinen, kann ich Sie wohl auf jedes Pferd hinaufſetzen;“— ich hatte nämlich die eingeſpannten Pferde mit einiger Sach⸗ kenntniß betrachtet und mit beſprechen helfen.— „Gehen Sie zum Herrn Rittmeiſter F., er wird Ihnen das Nöthige mittheilen.“ Der Rittmeiſter, zu welchem ich mich dann ſo gleich verfügte, nahm ſich meiner ſehr freundlich an, und ſchon am Ende dieſes denkwürdigen Tages ward mir ein Pferd der Stabsdragoner zugetheilt. Mein Schlachtroß, ein Fuchs, war ein kräftiges, gut aus— ſehendes Pferd, von recht freundlichem, umgänglichem Charakter, das mich ſpäter auch nie in Verlegenheit brachte. Dazu bekam ich einen Stabsdragoner zur Ordonnanz. Dieſer Treffliche hieß„Weiler,“ und ich war in jeder Hinſicht außerordentlich zufrieden mit ihm. Möge er dieſe meine ihm öffentlich gezollte Anerkennung als die einzige Ehrenmedaille, welche mir für ſeine Verdienſte um mich zur Verfügung ſteht, annehmen. Ich mußte nun auch ernſtlich an meine eigene Feldausrüſtung denken. In bürgerlicher Kleidung mit rundem Hute im Gefolge eines Hauptquartiers zu 61 reiten, iſt im Allgemeinen mit vielen Widerwärtig⸗ keiten verbunden, und entſprach namentlich meinem Zweck durchaus nicht. Der Soldat, mit dem man beſtändig in Berührung kommt, ſieht„den Mann vom Civil“ mißtrauiſch an, und man fühlt ſelbſt, daß man in bürgerlicher Kleidung nicht zum Ganzen paßt. Der Feldmarſchall erlaubte mir daher freundlichſt, in einer uniformartigen Kleidung den Feldzug mitzu— machen. Ich ließ mir deßhalb den ſo ſehr praktiſchen Officierspaletot machen, der von grauem Tuch und mit der Farbe des Regiments, zu dem man gehört, eingefaßt iſt. Zufälligerweiſe beſetzte der Schneider den meinigen dunkelblau, wodurch ich die Ehre hatte, das Abzeichen des tapferen Regiments Giulay zu tragen. Hiezu nahm ich die kleine zierliche Feldmütze der Officiere, ſchwarz mit Gold, und mein verehrter Freund, der Major Graf Ingelheim von Radetzky⸗ huſaren, machte mir einen tüchtigen Huſarenſäbel zum Geſchenk, mit welchem ich gravitätiſch meine Lenden gürtete. So kriegeriſch ausgerüſtet trat ich vor den Spiegel und— ich gefiel mir! Die noth⸗ wendigſte Wäſche und ein paar unentbehrliche Klei⸗ dungsſtücke wurden in den Mantelſack gepackt; Schreib⸗ zeug, Papier, eine Karte von Piemont fand Platz in einer kleinen Taſche, welche ich auf der rechten Seite A 2 62 trug. Auf der Stite meines Herzens trug ich die unentbehrliche Feldflaſche, mit Kirſchwaſſer gefüllt, und ſo war ich für die kommenden Tage vollſtändig ausgerüſtet und harrte, gleich der ganzen Armee, ſehnſüchtig des Befehls zum Abmarſch. 6 2* . V * Manifeſt des Feldmarſchalls. Hauptquartier Mailand, den 12. März 1849. In dem Augenblick, wo ich noch einmal das Schwert zur Vertheidigung der Rechte des Kaiſers, meines Herrn, und zur Erhaltung der Integrität der Monarchie ziehen muß, bin ich es meiner tapferen Armee und der Heiligkeit der Sache, die ſie verthei— digt, ſchuldig, einen Blick auf das Benehmen meines Gegners, ſo wie auf das meinige zu werfen. Die Macht einer gerechten Sache iſt groß, ihr vertraue ich und überlaſſe unbeſorgt der Mit- und Nachwelt die Entſcheidung, auf welcher Seite das Recht iſt, ob im Lager des Kaiſers oder des Sardenkönigs. Der Beginn dieſes Krieges iſt bekannt. Unter dem Schutze mehrerer italieniſchen Regierungen hatte ſich eine Verbindung gebildet, die als Zweck die Einheit Italiens vorſchob, als Mittel hiezu den Sturz der 64— öſterreichiſchen Regierung beabſichtigte, denn ohne Vertreibung Oeſterreichs aus den Ebenen der Lom— bardei war die Erreichung dieſes Zieles unmöglich. Wer Italien, ſeine Geſchichte, die Entſtehung ſeiner Staaten und Verfaſſungen, ſeine Volksſtämme und ihren Charakter kennt, der wird überzeugt ſeyn, daß ſelbſt die Häupter dieſer Bewegung, deren Spielzeug die Regierungen waren, nicht an die Ausführbarkeit einer italieniſchen Einheit glauben konnten, ſondern daß es ihnen vorerſt nur um den Umſturz aller geſetz⸗ mäßig beſtehenden Regierungen, beſonders der öſter⸗ reichiſchen, zu thun war, um dann ſpäter aus Blut und Trümmern etwa eine rothe Republik hervorgehen zu laſſen. Dem König Karl Albert war die erſte Rolle in dieſer politiſchen Farce zugedacht. Man zählte auf ſeine Armee, auf ſeine Kriegsluſt und die Hülfsmittel, die er in der beabſichtigten Bewegung gewähren konnte. Der Beſitz Oberitaliens war der Köder, mit dem man ihn lockte. Während ſeine di— plomatiſchen Noten die freundlichſten Verſicherungen eines guten Nachbars in den wärmſten Ausdrücken erheuchelten, überſchritten die Colonnen ſeiner Armee den Teſſin und rückten feindlich in die Lombardei ein. Uneingedenk der Bande der Blutsverwandtſchaft, die ſein Haus mit dem Kaiſerhauſe verknüpfen, vergeſſend, wie oft das Haus Savoyen die Erhaltung ſeiner Staaten, er ſelbſt aber ſeine Krone Oeſterreich ver— danke, die Heiligkeit aller Verträge mit Füßen tretend, der Geſetze ſpottend, die alle Völker, ſeit ſie aus der Barbarei hervorgegangen, ehren, fiel er mit ſeinem Heere in unſer Land ein, wie ein Dieb, der die Abweſenheit des Eigenthümers benützt, um ſeinen Raub mit Sicherheit auszuführen. Die durch die allgemein ausgebrochene Empörung bedingte Concen— trirung meiner Streitkräfte im Mittelpunkt meiner militäriſchen Hülfsquellen nahm Karl Albert für eine Flucht, für ein Aufgeben der Lombardei. Das war ein großer Irrthum; es ſtanden mir noch Mittel ge— nug zu Gebot, Mailand ſeine Empörung hart büßen zu laſſen. Ich machte keinen Gebrauch davon, ich wußte, daß die Entſcheidung der Frage nicht in der Zerſtörung der Stadt lag, die ich meinem Herrn und Kaiſer erhalten wollte. Im Triumph zog Karl Albert, ohne auf einen Widerſtand zu ſtoßen, durch die Lom⸗ bardei, ſich ſchon für ihren Herrn haltend, weil er den Unterſchied nicht kannte, der zwiſchen Occupirung und Behauptung eines Landes obwaltet. Am Mineio ſtieß er zuerſt auf die kaiſerliche Armee, und hier hatte auch ſein Siegeslauf ein Ende. Geſchlagen floh er in größerer Eile wieder durch die Lombardei zurück, als er, ohne einen Feind vor ſich zu haben, ſie durchzogen hatte. Noch einmal verſuchte er vor Hackländer, Soldatenleben im Krieg. 5 den Thoren Mailands meinem ſiegenden Heere Wider⸗ ſtand zu leiſten; in die Stadt zurückgedrängt, lag es in meiner Macht, ihn hier zur Niederlegung der Waffen zu zwingen. Meine Armee ſtand auf ſeinen Verbindungen; zwei Tage hätten hingereicht, ihm das Entkommen aus Mailand unmöglich zu machen. Die Ueberreſte der feindlichen Armee waren desorganiſirt und demoraliſirt; ich konnte darauf rechnen, auf kein zu beachtendes Hinderniß mehr in meinem Marſche nach Turin zu ſtoßen, und dennoch gewährte ich meinem Gegner einen Waffenſtillſtand. Ich ließ Alles, was ſich compromittirt glaubte, oder ſich unſerer Herr⸗ ſchaft entziehen wollte, ruhig ſich entfernen, und Mailand rechnete wahrſcheinlich nicht darauf, ſo nach— ſichtsvoll von mir behandelt zu werden, wie es be⸗ handelt ward; doch ich glaubte in dem Geiſte der Regierung meines Herrn und Kaiſers zu handeln, als ich jene Mäßigung an den Tag legte. Ich wußte, daß Oeſterreich ſein gutes Recht wahren, einen bei⸗ ſpiellos treuloſen Angriff zurückweiſen, aber keine Eroberungen machen, keinen Anlaß zu einem allge⸗ meinen europäiſchen Kriege geben wollte. So gebot ich am Ufer des Ticino meinen ſiegreichen Truppen Halt! Kaum hatte Karl Albert ſich von dem erſten Schrecken ſeiner Niederlage erholt, und die Ueberreſte ſeines Heeres wieder einigermaßen geſammelt und 67 geordnet, ſo begann das alte Spiel der Intriguen von neuem. Unter den nichtigſten und unwürdigſten Vorwänden wurde die Räumung Venedigs hingehalten und die Erfüllung des vierten Artikels des Waffen— ſtilltandes umgangen. Ich ſah mich zu einer Re— preſſalie genöthigt und gezwungen, den in Peschiera befindlichen Belagerungstrain ſo lange zurückzuhalten, bis die Räumung Venedigs von piemonteſiſchen Trup⸗ pen, der Rückzug der Flotte aus dem adriatiſchen Meere erfolgt ſeyn würde. Endlich verließ die Flotte zwar die Gewäſſer Venedigs, doch nicht um, nach dem Artikel des Waffenſtillſtandes, in die königlich ſardiniſchen Staaten zurückzukehren, ſondern um nach Ancona zu gehen, von wo ſie fortfuhr, das empörte Venedig zu unterſtützen. Karl Albert betrachtete ſich immer noch als den rechtmäßigen Herrn der Lom⸗ bardei; er bildete aus flüchtigen Lombarden eine lom— bardiſche Regierungsconſulta, die Decrete erließ, als wäre ſie die rechtmäßige Regierung des Landes. Die ſchändlichſten Lügenbülletins wurden im Hauptquartier des Königs gedruckt und durch alle Mittel über die Lombardei verbreitet, um das Volk in Täuſchung und Aufregung zu erhalten. Ehrloſe Wichte, Agenten ſempörter Provinzen des Kaiſerſtaates, behandelte der König und ſeine Kammern, als wären ſie Geſandte einer befreundeten Macht. Dieſe Menſchen verbreiteten 68 die lügenhafteſten und aufreizendſten Aufforderun⸗ gen zur Deſertion unter meinen Truppen; Ueber⸗ läufer und Falſchwerber ſpielten im Hauptquartier des Königs eine Rolle. Hätte ich geahnt, daß die königliche Würde in der Perſon Karl Alberts ſo weit herabſinken könne, ich hätte ihr die Schmach einer Gefangenſchaft in Mailand nicht erſpart; ich hatte aus Achtung vor einem Princip, das ich, den anti⸗ monarchiſchen Tendenzen der Zeit gegenüber, auch in meinem Feinde ſchätzen zu müſſen glaubte, nicht ver— geſſen, daß zwiſchen Würde und Perſon noch eine große Kluft liegt. Die politiſchen Verhältniſſe brachten es mit ſich, daß der Waffenſtillſtand ſich länger hin⸗ auszog, als ſich bei ſeinem Abſchluß vorausſehen ließ. Dieſe Zeit war von Piemont zu ununter— brochenen Kriegsrüſtungen benutzt; es war ein Trug, eine Phraſe und ſonſt nichts, als er die Anbahnung des Friedens zum Vorwand eines Waffenſtillſtandes nahm. Noch hatte er den Verluſt der eiſernen Krone nicht vergeſſen, die er ſchon in ſicherer Hand zu halten glaubte, nicht den Gedanken zu ertragen ge— lernt, ſich ſo ſchnell von der vermeinten Stufe des großen Feldherrn herabgeſtürzt zu ſehen. Die Männer der Mäßigung und der erprobten vaterländiſchen Ge— ſinnungen und dynaſtiſchen Anhänglichkeit wurden aus dem Kabinet entfernt; an ihre Stellen traten 69 die eraltirteſten Republikaner, unpraktiſche Phantaſten und intriguirende Mailänder, die den beklagenswerthen König zu den äußerſten und verderblichſten Schritten trieben, der nun in Herrſchſucht und Verblendung das Wohl ſeiner alten angeſtammten Provinzen, die Exiſtenz ſeiner eigenen Dynaſtie auf das Spiel ſetzt. Das Haus Savoyen hat öfter durch eine Ueberläufer— politik Augenblicke ſchwerer Kämpfe benutzt, in welche Oeſterreich ſich verwickelt fand, wie dieſes der Fall im öſterreichiſchen Erbfolgekrieg war, um Stücke der Lombardei an ſich zu bringen. Aber auf den Beſitz des ganzen Königreichs hat Karl Albert zuerſt Anſpruch zu machen gewagt. Auf welche Rechte ſtützt er dieſe Anſprüche? Auf keine. Oeſterreich beſitzt die Lom— bardei kraft derſelben Verträge, denen das Haus Savoyen den königlichen Titel und den Beſitz der Inſel Sardinien verdankt. Etwa auf das Recht der Eroberung? Karl Albert hat nie die Lombardei er— obert; er hat einen Moment der Entblößung des Landes benutzt, um treulos in daſſelbe einzufallen, aber er iſt ſchmachvoll aus demſelben vertrieben worden. Vielleicht alſo auf das Recht der freien Volkswahl, durch die ſogenannte Fuſion? Dieſe Fuſion iſt ſelbſt nichts, als eine Empörung, ein ungeſetzmäßig und gewaltſam erzwungener Akt einer Partei, von dem drei Viertheile der Bevölkerung ſelbſt jetzt noch keine 5 70 Kenntniß, keinen Begriff haben. Karl Albert hat niemals die Sympathien der Lombardei beſeſſen, noch beſitzt er ſie jetzt; das geſtehen ſeine eigenen Generale. Man rechnete auf ſeine Armee, auf die Hülfe ſeiner Macht, darum ſchmeichelte man ſeiner Eitelkeit und Herrſchſucht; als jene gebrochen war, arteten die Sym⸗ pathien in Haß, in die unwürdigſten Beſchimpfungen aus. Wer ſie kennen lernen will, dieſe Liebe der Lombarden zu Karl Albert, der beſuche die Caſa Greppi in Mailand, und er wird die Spuren dieſer Liebe in dem mit Kugeln durchlöcherten Plafond des Saales finden, in welchem Karl Albert ſich befand; der leſe ſeine ſchimpfliche Flucht bei Nacht und Nebel aus der Hauptſtadt ſeiner treuen lombardiſchen Alliirten, und frage ſich dann, ob ein ſo mißachteter König ein König der Volkswahl ſeyn könne. Nie iſt noch ein König unwürdiger behandelt worden, als Karl Albert von den Mailändern, und zwiſchen ihm und den Lombarden ſoll jemals Liebe und Anhänglichkeit geherrſcht haben oder je wieder herrſchen können? Beide Theile betrügen ſich, einer hofft den andern zu überliſten, und, wenn erſt der gefürchtete Oeſterreicher beſtegt iſt, ſich leicht dem Einfluß des andern ent⸗ ziehen zu können. Karl Albert arbeitete an dem Sturze ſeines Thrones und ſeiner Dynaſtie, als ſey er der erſte Agent Mazzini's; er, einſt der abſoluteſte Monarch, 71 der je auf einem Throne ſaß, glaubt nunmehr dieſen Thron durch demokratiſche Gaſſenpolitik befeſtigen zu können! Chrlichkeit und Gerechtigkeit ſind Tugenden, die ein Monarch am allerwenigſten entbehren kann; die Geſchichte weist kein Beiſpiel auf, daß Throne durch Treubruch und Meineid befeſtigt worden ſind; auch Karl Albert wird den ſeinigen, den er durch Eroberungsſucht und grenzenloſen Ehrgeiz ſelbſt un— tergraben, dadurch nicht ſichern. Der Gerechtigkeit unſerer Sache, der Tapferkeit und Treue meiner Ar— mee vertrauend, ziehe ich dem Feind entgegen; hat unſere Mäßigung im Siege den Feind nicht zum Frieden vermögen können, ſo mag das Schwert noch einmal entſcheiden, vielleicht erleichtert der Beſitz Tu— rins die Friedensunterhandlungen. Radetzky, Feldmarſchall. VI. Ausmarſch. St. Angelo. In den letzten Tagen vor dem Ausmarſche der Armee hatte das Kriegsgetümmel auf den Straßen den höchſten Grad erreicht. Ueber den Corſo der Porta Romana zogen oft während ganzer Stunden ungeheure Wagenzüge, beladen mit Kriegsmaterial, Proviant aller Art, mit Kiſten und Kaſten, Säcken und Fäſſern. Daneben marſchirten Infanteriecolonnen und kleinere und größere Abtheilungen von Kavallerie. Da bisweilen am Thore der ungeheure Zug auf Au— genblicke ſtockte, die Pferde und Wagen aufprellten, und die Fuhrknechte und Reiter zuſammenplauderten, oder auch ſchalten und zankten, ſo gab die breite Straße mit dieſem bunten eigenthümlichen Gewoge, mit den prachtvollen Paläſten im heitern Glanz der hellen Frühlingsſonne eines der ſchönſten Kriegsſchau⸗ ſpiele, die man ſehen konnte. 73 Schon Morgens um vier Uhr wurde man, na⸗ mentlich wer in dieſem Theile der Stadt wohnte, von der luſtigen Feldmuſik aufgeweckt. Kavallerie raſſelte in der Dunkelheit durch die Straßen, das Geſchütz dröhnte über das Pflaſter, und große Infan— teriemaſſen wogten in gleichem Schritte daher. Die Banden ſpielten:„Gott erhalte unſern Kaiſer,“ und das luſtige laute Summen des eifrigen Geſprächs der Marſchirenden drang zu den Fenſtern hinauf. Jedes Regiment, jede Batterie ſah der Zurückbleibende an ieſen Tagen in ſtillem Neide abziehen, ſich immer fragend:„Wann kommt an uns die Reihe?“ Endlich am 17. März wurde mir im Hauptquartier angeſagt, ich habe mich morgen früh an der Porta orientale einzufinden, zu Pferd zu ſteigen und dem Hauptquar— tiere zu folgen. Merkwürdiges Zuſammentreffen. Am 18. ſollte das Hauptquartier Mailand verlaſſen, und am 18. vor einem Jahre brach die Revolution aus, in deren Folgen die Armee auch jetzt wieder marſchiren mußte. Am 18. März 1848 wurde in Mailand bekannt ge— macht, daß Kaiſer Ferdinand ſeinen Staaten eine Verfaſſung im Geiſte der Zeit verliehen habe. Die ganze Stadt gerieth in Bewegung und der Stadtrath, den Grafen Caſati an der Spitze, verfügte ſich zum Civilgouverneur, Grafen O'Donel, um Forderungen 74 zu ſtellen. Ein bewaffneter Volkshaufe ſchloß ſich ihnen an; dieſer ſtürzte auf das Regierungsgebäude los, die ſich zur Wehre ſetzende Wache wurde nieder— gemacht. Graf O'Donel aber bequemte ſich zu Aus⸗ ſtellung des Befehls, daß eine Bürgergarde zu errich⸗ ten und daß derſelben die Waffen des aufzulöſenden Polizeiwachcorps zu übergeben ſeyen. Hiemit begannen die denkwürdigen fünf Tage, welche bekanntlich damit endeten, daß die Armee ſich in beſter Ordnung aus Mailand zurückzog und daß der Pöbel in der Stadt Herr und Meiſter wurde. Am 18. März d. J. ſollte die Armee auch wieder zum großen Theile Mailand verlaſſen, aber wie anders waren die Verhältniſſe als damals. Da in der guten Hauptſtadt der Lombardei nicht jedem zu trauen war, ſo geſchah von Seiten des Feldmarſchalls zu Auf⸗ rechthaltung der Ruhe, was nur irgend möglich. Oberſt von Heintzel, welcher das Oberkommando der in Mailand zurückbleibenden Truppen, etwa viertau⸗ ſend Mann ſtark, übernahm, hatte ſeinen Sitz im Ca— ſtell aufgeſchlagen. Der Oberſt de Uodo, der Com⸗ mandant der Gensdarmerie, die etwa vierhundert Mann ſtark war, wurde zum Gouverneur der Stadt ernannt. Demſelben wurden der Podeſta der Stadt und andere Civilperſonen beigeordnet. Der Gouverneur reſidirte im Hauſe Litta, und hatte die Municipalgarde unter 75 ſich, deren Organiſation der Municipalität überlaſſen wurde. Am Tage des Ausmarſches des Hauptquar⸗ tiers erließ der Feldmarſchall einen Warnungsruf an die Bewohner Mailands. „Ich gehe,“ ſagte er im Eingang,„an der Spitze meines Heeres, einen neuen treuloſen Angriff zurück— zuweiſen und den Schauplatz des Kriegs auf das feindliche Gebiet zu verlegen. Zum Schutze der fried— lichen Einwohner laſſe ich hier eine genügende Gar— niſon. Der, dem die Wohlfahrt ſeiner Familie und die Erhaltung ſeiner Habe am Herzen liegt, vereinige ſeine Sorgen mit den meinigen zu der Aufrechthal— tung der Ruhe und Ordnung. Ich hoffe, Mailand werde ruhig den Ausgang des Kampfes abwarten, der nicht zweifelhaft ſeyn kann. Schon iſt ein zwei— tes Heer zum Streit bereit, um für die Rechte unſers Kaiſers und Herrn und die Integrität der Monarchie zu kämpfen.“ Nachdem der Feldmarſchall die Mailänder ferner noch dringend verwarnt, nicht noch einmal eine Re— bellion zu verſuchen, ſagte er weiter:„Ohne Haß und Rache bin ich wieder in Eure mir lieb gewordene Stadt zurückgekehrt, und wenn ich Euch nicht alle vom Krieg unzertrennbare Laſten ſparen konnte, ſo habe ich nichts unterlaſſen, ſie Euch zu erleichtern. Wenn gegen meine Erwartung die Rebellion noch 76 einmal ihr Haupt erhöbe, ſo würde eine eben ſo raſche als furchtbare Strafe die Schuldigen erreichen, denn ich bin ſtark genug, um jeden innern und äußern Feind niederzuwerfen. Daher, ich wiederhole es Euch, horcht auf meine warnende Stimme, ſtürzt Eure Stadt nicht in ein unausweichliches Verderben durch Er— neuerung toller Verſuche, die nur dazu führen könnten, vielleicht auf immer Eure Wohlfahrt zu zerſtören.“ Ich geſtehe, daß ich in der Nacht vom 17. auf den 18. ſehr wenig ſchlief. Das Herz war mir zu voll und die Bruſt zu bewegt. Um drei Uhr begann auch ſchon wieder der militäriſche Lärm auf der Straße und es tobte und raſſelte in Einem fort. Ich ſtand endlich auf und begann mich zu wappnen. Es war noch finſtere Nacht als ich das Haus mit klirrendem Säbel und Sporen und einem Mann verließ, der mir meinen Nachtſack trug, welchen ich zum Ueberfluß noch mitnahm. Major Eberhardt hatte mir für den⸗ ſelben ein Plätzchen auf ſeinem Wagen verſprochen. An der erſten Straße vor dem Corſo der Porta Ro⸗ mana, welche nach der Poſt führt, mußte ich über eine Stunde warten, da mir mehrere Regimenter In⸗ fanterie und Grenadierbataillone entgegen kamen, deren feſte Reihen zu durchbrechen ich weder konnte noch wollte— ich ſah ſie gerne ſo luſtig und hei— ter vorüberziehen— ich wartete. Die Leute ſahen 77 vergnügt und muthig aus, und blickten zuverſichtlich auf den klaren Sternenhimmel, der einen ſchönen Tag verſprach. 4 Da der Morgen friſch war, ſo trat ich in das Kaffeehaus zur Poſt ein, und ließ mir einen erwär— menden Kaffee geben. Dort auf dem Bänkchen, in der halbdunkeln Stube, machte ich ernſte Betrach⸗ tungen, denn es war ein wichtiger, neuer Abſchnitt meines Lebens, dem ich entgegen ging. Was konnte, was würde mir jene Zeit bringen? Gewiß des In— tereſſanten und Schönen ſehr Vieles, doch auch viel— leicht manches recht Unangenehme, antwortete eine innere Stimme auf jene Frage. Es iſt kein Kinder— ſpiel, ſagte ich mir ferner, dem du entgegen gehſt, und was Andern widerfahren kann, kann auch dich betreffen. Wenn ich gleich nicht das Glück hatte den Kämpfenden anzugehören, welche um den blutigen Lorbeer warben, ſo ſtand doch der Vorſatz feſt in mir, alle Gefahren, wie ſie auch kommen könnten, mit de— nen zu theilen, die ſo freundlich waren, mir die Ge— legenheit zu verſchaffen, ein ſo ernſtes und intereſſantes Drama, wie das eines Feldzuges, ſich vor meinen Blicken entwickeln zu ſehen. Durch die Straßen dauerte das Ziehen der In— fanteriemaſſen immer noch fort. Jeden Augenblick ſprang einer der Soldaten in das Haus, ſtürzte eine 78 Taſſe heißen Kaffee's hinunter oder ließ ſich eine tüchtige Portion Liqueur in die Feldflaſche füllen. Endlich begann der Tag zu dämmern und ich begab mich hinaus zur Porta orientale. An der Villa Reale, bei der ich vorbeikam, ſah ich alles in größter Be⸗ wegung, Reiſewagen ſtanden im Hof und die ſchweren Fourgons wurden emſig gepackt. Vor der Porta orientale liegt ein weitläufiges Viereck von Gebäuden, das ehemalige Choleraſpital. Dort waren die Stabsdragoner kaſernirt, bei denen ſich mein Pferd befand, und wo ich meine Ordonnanz finden ſollte. Die Stabsdragoner, eine Art Feld-Gensdarmerie, ſind ein Elitencorps, welches in ſeiner jetzigen Zu— ſammenſetzung und Uniformirung von dem Feldmar⸗ ſchall Radetzky gegründet wurde. Aus faſt allen Ka— vallerieregimentern wurden tüchtige Leute mit guten Pferden genommen und ihnen vorzügliche, mit dem Felddienſt ſehr vertraute Officiere gegeben. So ent⸗ ſtand die ſehr ſtarke Schwadron der Stabsdragoner, welche von dem Major Grafen Forgatſch kommandirt wurde. Die Leute ſahen in ihrer geſchmackvollen Ad juſtirung maleriſch ſchön aus. Ueber einer grauen Reithoſe tragen ſie einen ſchwarzen Waffenrock mit weißen Metallknöpfen. Die Cartouche ſitzt an einem weißen Bandelier, und an einer ebenfalls weißen 79 Säbelkuppel hängt ein ſchwerer, faſt gerader Säbel mit reich verziertem Korb, wie ihn im dreißigjährigen Krieg die Reiter zu tragen pflegten. Der ſchwarze Filzhut in mittelalterlicher Form, den ſie ſtatt des früheren Helmes tragen, vervollſtändigte in würdiger Weiſe den ganzen Anzug. Dieſer Hut, an der rech⸗ ten Seite hinaufgeſchlagen, iſt mit einem ſchwarzen Federbuſch verziert, der über den Rand der Krämpe nach dem Rücken zu herabfällt. Ein weißer weiter Mantel, welcher, bei den Officieren kleiner, durch meiſt ſeidene, mit Quaſten verzierte Schnüre auf der Bruſt feſtgehalten wird, bildet den Schlußſtein einer Tracht, welche dem maleriſchen Aeußern der Stabs— dragoner etwas eigenthümlich Kühnes, ja Abenteuer— liches verleiht. Wenn ich den Grafen Forgatſch oder meinen freundlichen Rittmeiſter F. in dem dunkeln Anzug ſo dahinfliegen ſah, mit dem ſchwarzen Stülp— handſchuh das Säbelgefäß haltend, den ſchwarzen, grün ſchillernden Federbuſch im Winde fliegen laſſend, ſo konnte man glauben, man ſey in eine alte Zeit zurückgeworfen, und ein Reiterofficier aus dem dreißig— jährigen Krieg ſprenge daher. Der Marſchall hält viel auf ſeine Stabsdragoner und freut ſich recht über die ſo wohl gelungene Uni— formirung. Die Schwadron ſelbſt dient zur Bedeckung des Hauptquartiers und außerdem werden von derſelben 80 einzelne Unterofficiere und Reiter zu Ordonnanzen höhern Officieren beigegeben. In dem Hofe der Kaſerne dieſes Corps war ein luſtiges Getreibe. Eine große Menge Packwagen aller Art ſtand angeſchirrt auf der Straße, die Stabs— dragoner zogen ihre Pferde aus den Ställen, die Officiere ordnend und befehlend gingen hin und her, und hie und da ſtanden Gruppen von Soldaten und nahmen von zurückbleibenden Weibern und Kindern den vielleicht letzten Abſchied. Endlich wurde das Zeichen mit der Trompete gegeben, alles ſchwang ſich auf die Pferde und auch ich beſtieg meinen Rothfuchs. Gleich darauf ritten wir der Porta orientale zu, um uns mit dem Haupt⸗ quartier zu vereinigen, welches von der Villa Reale her den großen Corſo herabzog. Der Feldmarſchall ſelbſt, die Generale Heß und Schönhals, ſo wie mehrere andere namhafte Officiere, waren nicht in dem Zuge, ſondern fuhren etwas ſpäter in ihren Reiſewagen zum heutigen Nachtquartier. Ein wunderſchöner klarer Frühlingsmorgen ver— lieh dem ganzen Schauſpiel einen noch höhern Reiz. Wir ritten außerhalb des Wallganges um die Stadt herum gegen die Porta Romana. Auf dem Wallgange ſelbſt, der zu prachtvollen Alleen und Spaziergängen umgeſchaffen iſt, zogen Artillerie und Grenadiere. Es hatte am vorhergehenden Tage etwas gereg— net, von Staub war alſo keine Rede und die Pferde ſchritten munter darauf los, begierig die friſche Mor— genluft einathmend. An der Porta Romana trafen wir mit neuen Heerhaufen zuſammen, die dort ſtanden und uns durch ihre Reihen ließen. Tauſende von Zuſchauern befanden ſich am Thore und auf dem Wallgange, und ſahen lautlos und ruhig der ab⸗ ziehenden Armee nach; aber gewiß war in den Herzen Vieler dieſe Ruhe nicht zu Haus, und mancher böſe Wunſch mag den glänzenden Bajonetten gefolgt ſeyn. Mancher Blick der Officiere aus dem Hauptquartier, welches die Straße nach Melegnano einſchlug, wen⸗ dete ſich noch während des Marſches rückwärts auf die Stadt, die wir ſo eben verlaſſen; denn die meiſten waren vor einem Jahre ebenfalls, wenn auch in an derer Weiſe mit aus Mailand gezogen, und mochten in dieſem Augenblick jener Zeit lebendig gedenken. Damals verließen ſie die Stadt in der Nacht und jedenfalls in anderer und gedrückterer Stimmung als dieſesmal. Die Truppencolonnen, wenn auch äußerſt ermüdet von fünftägigem Straßenkampf und tief be⸗ trübt, ſo manchen braven Kameraden auf dem Pflaſter der Straße in ſeinem Blute zurücklaſſen zu müſſen, ſollen jedoch auch damals in geſchloſſenen Reihen und muthvoll ausgezogen ſeyn. Jener nächtliche, durch Hackländer, Soldatenleben im Krieg 1 6 erſchütternde Scenen aller Art begleitete Zug über die Wälle hat ſich allen, die an ihm Theil nahmen, mit den düſterſten Farben in die Seele eingeprägt. Sämmtliche Glocken der Stadt, die während fünf Tagen lang nicht geſchwiegen, heulten mit erneuter Heftigkeit in die Nacht hinaus. Trommeln wirbelten, Schüſſe krachten von allen Seiten, Verwundete und Sterbende ſtürzten nieder und nahmen den letzten Ab⸗ ſchied von Leben und Freunden, und die übermüdeten öſterreichiſchen Soldaten, ihre Verwundeten, Weiber, Kinder und getreue Beamten mit ſich ſchleppend, zogen über die Wälle hinaus in ein vollkommen inſurgirtes Land. Die lichterlohen Flammen brennender Häuſer leuchteten ſchauerlich zum Rückzug, der über dampfende, von der Feuersbrunſt roth angeſtrahlte Schutthaufen angetreten wurde. Draußen war es tiefe Nacht, aber in dieſer Nacht leuchtete der Armee nur ein Stern, „Radetzky,“ und dieſer Stern ſchritt ihr glänzend voran und führte ſie bald wieder im Triumphzuge zurück. So damals, nun wieder zu dem„Jetzt.“ Die Armee zog im hellen Sonnenlichte, unter ſchmetternder Feldmuſik ſiegestrunken dahin, ſich ihrer Kraft bewußt. Vor uns, ſo weit das Auge reichte, herrſchte auf der Landſtraße das regſte Leben. Helme und Bajonette blitzten zwiſchen den Bäumen hervor, lange Reihen Reiter zogen einförmig dahin, weiße 83 Mäntel zeigten in weiter Entfernung an, daß dort Kavallerie marſchire. Bald hatten wir Melegnano erreicht, das kleine Städtchen, das vor einem Jahre es wagte, der öſterreichiſchen Armee den Durchgang ſtreitig machen zu wollen. Der freundliche Oberſt Graf Wradislaw erzählte mir die Details jenes Kampfes ausführlich, und wie er damals ſehr lange in Lebens— gefahr geſchwebt hatte. Er wurde nämlich in die Stadt geſchickt, um Lebensmittel für die Armee zu verlangen. Doch zogen die fanatiſirten Einwohner die Sturmglocken, nahmen ihn gefangen, ſperrten ihn in ein dunkles Loch und drohten ihm mit dem Tode, wenn er den Marſchall nicht vermöge, mit ſeiner ganzen Armee die Waffen zu ſtrecken. Der Oberſt erklärte natürlich dieſes Verfangen für unſinnig und bemerkte, ſein Leben, das dem Kaiſer gehöre, könne er hier, wenn es ſeyn müßte, eben ſo gut beendigen wie auf dem Schlachtfelde. Kaum hatte der Marſchall aber von der Gefan⸗ gennehmung ſeines Officiers gehört, als er, trotzdem, daß mit Schießbaumwolle aus den Fenſtern der Häuſer geſchoſſen wurde, in die Straßen ſprengte und in Perſon mehrere Haubitzen auffahren ließ. Bald ſchlugen die Granaten platzend und zündend in die Häuſer, und kurz nachher wurde Wradislaw von einer ihm unbekannten Perſon, die ihm ſchon anfänglich unter dem Wüthen der Uebrigen Theilnahme bewieſen, in Freiheit geſetzt und von einem Haufen Jäger im Triumph hinausgebracht. Das Gefecht war unterdeſſen allgemein geworden und viele Häuſer wurden nach Kriegsrecht geplündert und verbrannt. Noch ſah man Spuren dieſes Gefechts und die Einwohner ſtanden, als wir durchritten, mit finſtern Mienen vor ihren Häuſern. Gegen 10 Uhr führte Graf Forgatſch das Haupt— quartier auf eine große Wieſe neben der Straße, um eine halbe Stunde zu raſten. Kaum waren wir da angelangt, ſo fuhr der Feldmarſchall, welchen das Jubelgeſchrei der Soldaten uns ſchon von weitem ver⸗ kündete, an uns vorüber. Die vielen edlen Pferde an der Hand ihrer ſchlanken, gut ausſehenden Reiter, die verſchiedenen Gruppen, welche ſich während der Raſt zu dieſem oder jenem Zweck bildeten, Alles dieſes bot einen ſehr ſchönen maleriſchen Anblick. Da⸗ zwiſchen ritten Ordonnanzen von faſt allen Kavallerie— regimentern, Huſaren, Uhlanen und Dragonern. Andere waren abgeſeſſen und theilten mit ihren Ka⸗ meraden ein Stück Brod und einen Schnaps. Im Allgemeinen wurde dieſe kurze Raſt zum Frühſtücken benutzt, jeder theilte mit, was dem Andern fehlte, und auch ich erhielt als Austauſch für einigen vor⸗ trefflichen Proviant, den mir meine freundliche Wirthin, — 8⁵ Madame Reichmann, mitgegeben, einen außerordent— lich guten Liqueur. Bald erklang die Trompete wieder zum Aufbruch; Alles ſaß auf, unzaͤhlige Cigarren und Pfeifen wur— den angebrannt, und wie die Kinder Iſraels in der Wüſte zogen wir weiter, begleitet von einer großen weißen Rauchwolke. Unſer Zug ſah recht bunt und glänzend aus. Den Vortrab machten einige vierzig Sereſchaner im rothen mit Gold beſetzten Coſtüm, die kleinen muntern Pferde reichlich mit eben ſolchen Quaſten geſchmückt. Nach ihnen kamen die Stabsdragoner in ihren weißen Mänteln, untermiſcht mit luſtigen ungariſchen Huſaren, meiſtens courbettirend oder im kurzen Galopp reitend, denn ſo ein Huſar iſt kaum im Stande, im ruhigen Schritt zu reiten; dann ernſtere Uhlanen mit der langen Lanze, an welchen das ſchwarzgelbe Fähnchen flatterte. Ihnen folgte das eigentliche Hauptquartier, die Suite des Feldmarſchalls, Generale, Stabs- und Subalternofficiere aller Waffengattungen. Die glän⸗ zenden Waffen, das Gold der Stickereien, welches in dem Strahle der Sonne erglänzte, gewährten einen reichen Anblick. Unter den Reitern bemerkte ich an dieſem Morgen auch die Erzherzoge Karl Ferdinand und Leopold mit ihren Gefolgen; letzterer, in der eleganten ungariſchen 86 Huſarenuniform, ritt einen prachtvollen Rappen, der mit dem kühnen Reiter wie ein Vogel über Stein— haufen und Wegeinfaſſungen hinwegflog. Jetzt folgten Packpferde, Handpferde, Equipagen, Gendarmen, Botenjäger, ein ungeheurer Troß! Wo unſer Nachtquartier ſeyn würde, wußten während des Vormittags wenige, und erſt gegen 12 Uhr Mittags hieß es, der Feldmarſchall iſt in St. Angelo, und dort wird das Hauptquartier heute Nacht bleiben. Es wurde für einen ſo langen Zug ziemlich ſchnell geritten, denn wir legten die achtzehn Miglien hieher in etwa fünf Stunden zurück. Oft war der Weg ſtundenlang neben uns mit Batterien, Munitions⸗ wagen, Proviant und Sanitätskarren, Brückentrain und Packwagen bedeckt. Grenadierbataillone, Chevaur⸗ legers und Dragoner ruhten an der Straße, und aus allen umliegenden Ortſchaften hatten ſich Tauſende von Zuſchauern herbeigezogen, welche dem Ganzen eine noch größere Mannigfaltigkeit verliehen. St. Angelo liegt in der Niederung, aus welcher ſich in der Mitte des Orts ein altes Caſtell erhebt, in welches das Hauptquartier gelegt wurde. Dieß Caſtell beherrſcht die ganze Umgebung und iſt mit feſten Thürmen, Mauern und großen Thoren verſehen, im Ganzen recht gut erhalten, ſo daß wir herrliches Quartier bekamen. Breite ſteinerne Treppen führen 87 von der Hauptterraſſe in einen etwas verwilderten Garten; hier halten coloſſale Löwen die Wache; doch iſt ihren Krallen das Wappen der Familie entfallen, die dieſes Schloß gebaut. Rings um den Garten liegen alte Häuſer, die wohl ſchon beſſere Zeiten er— blickt; denn man ſieht es ihren Terraſſen, Veranden und großen Bogenfenſtern an, daß dort meiſtens eine andere Bevölkerung gehaust. Abends wurde hier eine äußerſt intereſſante mili⸗ täriſche Reunion gehalten. Der Feldmarſchall Graf Radetzky ließ nach Tiſch ein Muſikcorps aufſpielen. Die Thore des Gartens wurden auf allen Seiten geöffnet und bald war derſelbe mit Tauſenden von Soldaten und Officieren bedeckt, eine große militäri— ſche Muſterkarte. Die Fenſter der umliegenden Häuſer füllten ſich meiſt mit weiblichen Zuſchauern, auf den Treppen des Caſtells glänzten die verſchiedenſten Uni— formen in Gold, Silber und allen Farben; dazu eine wundervolle Abendbeleuchtung— es war ein unbe— ſchreiblicher Anblick, man hätte das alte Schloß nicht maleriſcher umgeben können. Vom obern Stock ſchauen die verfallenen Fenſter melancholiſch herab, uralter Zeiten gedenkend, wo der Garten vielleicht ebenſo von bunten Maſſen wimmelte und luſtige Menſchen hier ihr Weſen trieben. Ein ewiger Wechſel! Morgen wird es wieder ruhig und ſtill hier ſeyn— 88 doch heute iſt es das fröhlichſte Durcheinander. Das Muſikcorps ſpielt einen heitern Steierer, die Tyroler Schützen, Jäger und Wiener Freiwilligen faſſen ein— ander an und tanzen jauchzend umher, ſo daß ſich am Ende auch die ernſten ungariſchen Grenadiere mit fortreißen laſſen, einen Sprung zu riskiren. Generale und Oberofficiere miſchen ſich in die Tanzunterhaltung, und der alte ehrwürdige Feldmarſchall ſteht mitten in dem Jubel ſeelenvergnügt, und lacht herzlich über den ungeheuern Lärmen, den ſeine militäriſchen Kinder in ihrem Uebermuthe verurſachen. Aber auch an einem ernſten feierlichen Schau⸗ ſpiel fehlte es heute nicht. Nachmittags erſchien eine Deputation von vier Grenadieren des Regiments Waſa beim Feldmarſchall und bat inſtändigſt, bei der näch⸗ ſten Schlacht vorangeſtellt zu werden und den erſten Sturm ausführen zu dürfen. Sie wollten, ſo ſagten ſie, den unbefleckten Namen ihres Regiments wieder herſtellen, den ihre Brüder in Ungarn, leider Gottes! ſehr verdunkelt. Sie erhielten dieſe Erlaubniß und verkündigten es jubelnd ihren Kameraden. Von unſerem Schloß hatten wir eine herrliche Ausſicht auf die Ebene vor uns, und als es Nacht wurde, wechſelte dieſe Anſicht, die uns am Tage ringsum kleine Bivouaks und Lagerplätze geboten, auf eine ſchöne und prächtige Art. Ueberall ſah man die 89 Wachtfeuer leuchten, bald ganz frei im Felde, die umherſtehenden Soldaten in röthlichem Lichte beleuch— tend, bald hinter Scheunen und Häuſern die Con— turen derſelben auf feurigem Grund ſcharf heraus— hebend; ſchattenhaft ſahen die Soldaten aus, die an dem Feuer beſchäftigt waren, ihr Abendbrod zu kochen. Die vordern ſchwarz, die hinter dem Feuer ſtehenden hell angeſtrahlt von der Flamme. In dem Hofe unſeres Schloſſes lag eine Com pagnie Grenadiere, die ſich auf großen Strohhaufen bei ihren Wachtfeuern häuslich eingerichtet hatte. Was wir von unſern Fenſtern in der Ferne ſahen, erblick⸗ ten wir hier in der Nähe. Eine anſehnliche Marke— tenderei war ebenfalls hier aufgeſchlagen und der gute rothe Landwein wurde aus großen Flaſchen und Blech⸗ gefäßen tüchtig verkoſtet. So eine Anzahl Grenadiere im Kreis um das Feuer ſtehend iſt ein prächtiger Vorwurf für einen Maler. Die Hände auf dem Rücken ſtanden verſchiedene da; den rechten Fuß keck vorgeſetzt, ſchaute der Grenadier unter der ſchwarzen Bärenmütze hervor mit dem bronzefarbenen Geſicht nachdenkend ins Feuer. Er mag wohl allerlei Ge⸗ danken dabei gehabt und vielleicht an ſeine Pußta gedacht haben, wo er auch manchmal wie hier am flackernden Feuer geſtanden. In dem Hofe ſummte übrigens luſtiges Geſpräch und die wohlklingenden 90 Laute der ungariſchen Sprache dröhnten im lauten Echo von den Mauern, die den Hof rings umgaben, und die wohl auf dieſes ungewohnte Leben ganz ver— wundert drein ſchauten, bald blaß bald roth werdend, nachdem die Gluth der Feuer durch neu aufgelegtes Reiſach emporloderte oder in ſich zuſammenſank. Bald wurde es aber ſtiller im Hof, die Nacht ſchwang ihren ſchwarzen Schleier, umflorte die müden Augen. Die Grenadiere am Feuer nickten ein, der Weinkrug machte nicht mehr die Runde und bald hörte man im ganzen Hauptquartier nichts mehr als den einförmigen Schritt der Schildwachen. VII. Der Feldmarſchall und ſein Hauptquartier. Bevor ich den Leſer weiter in dem Hauptquartier führe, will ich über daſſelbe, über den Marſchall und ſeine Umgebung, über dieſen Centralpunkt der Armee, von welchem aus Leben und Bewegung in den ge⸗ waltigen Körper ſtrömt, eine Schilderung verſuchen. Das Hauptquartier des Marſchalls iſt verhältniß⸗ mäßig ſehr klein, aber wie alle Hauptquartiere in ſeinem Ganzen mühſam zu bewegen wegen des Troſſes, der ſich erlaubter- ſowie unerlaubterweiſe anhängt. Im Mittelpunkt aller Geſchäfte hier ſteht der Marſchall ſelbſt— wollte man das Bild der rechten Hand ge— brauchen, ſo müßte man ſagen: er hat deren zwei— die Feldmarſchalllieutenants Heß und Schönhals, wie bekannt zwei militäriſche Namen von großer Bedeu⸗ tung, wie zwei Männer von den liebenswürdigſten 92 freundlichſten Formen. Den Marſchall umgeben die Officiere ſeines Generalſtabs, ſeine General- und Flügeladjutanten, Intendantur⸗ und Feldpoſtbeamte, ſowie zahlreiche Ordonnanzofficiere, die berühmten „Kibitze“ des Feldmarſchalls. Wie der Kibitz uner müdlich hin- und herfliegt und ſeinen Weg ſucht durch Röhricht und Moor, durch Geſtrüpp und Sumpf, dabei aber immer heiter und wohlgemuth iſt, ſo auch die Ordonnanzofficiere und deßhalb ihre Namen„Ki bitze.“ Alle dieſe Herren nun führen die nöthigen Hand- und Packpferde mit ſich und die Stabsofficiere obendrein einen Wagen für ihre Effekten, hiezu kommen noch der Generalſtab und die Adjutantur, Feldkanzlei und gewöhnliche Packwagen, die Feldpoſt, unzählige Gendarmen und Botenjäger, Poſt- und Courierwagen, die Intendantur, deren Herren meiſtens in ihren Equi pagen fahren, Kaſſen und Packwagen, ſowie Ver pflegungsbeamte aller Art. An dieſen erlaubten und nothwendigen Troß ſchließt ſich nun der unerlaubte, als Hand⸗ und Packpferde von Officieren anderer Armeekörper, Privatdiener mit überzähligen Equipagen, Bauern mit Weinkarren und Ochſentreiber. Dieß Ganze iſt eingerahmt von den Stabsdragonern und Sereſchanern, der Bedeckung des Hauptquartiers. Auf dem Marſche ſchließt ſich der Troß ſo viel wie möglich an das Hauptquartier ſelbſt an, wird aber durch 93 Truppencolonnen, die auf derſelben Straße marſchiren, oftmals von dem Hauptquartier getrennt und löst ſich dann in eine unabſehbare Linie auf, was Abends bei der Ankunft im Nachtquartier zu vielen Unannehm⸗ lichkeiten Veranlaſſung gibt. Hier fehlen Handpferde, dort iſt ein Packpferd nicht aufzufinden und wahr⸗ ſcheinlich zurückgeblieben, Beamte forſchen nach ihrem Kanzleiwagen, Equipagen haben ſich verirrt und kom— men die Nacht gewiß nicht mehr zum Vorſchein, Hunde ſpringen von den Packwagen und ſuchen ihre Herren, Pferde ſtampfen und ſchlagen, und glücklich iſt der, welcher ſein Quartierbillet hat, wenn ihm nicht unter der Zeit die Ordonnanz mit dem Mantel— ſack, das heißt in ihr Quartier, das man nicht auf— zufinden weiß, geritten iſt. Hiezu kommen immer neue Truppencolonnen, Artillerie, Infanterie, Kaval⸗ lerie, die mit klingendem Spiel durchziehen und den ſchon vorhandenen Lärm bedeutend vergrößern. Der Feldmarſchall, der auf größeren Märſchen in ſeinem kleinen Coupé mit vier Pferden beſpannt fährt, hat zwei große Fourgons bei ſich, auf welchen ſich das Service und Tafelgeräthe befindet, das er für ſich und ſein Gefolge braucht. Auf Märſchen und im Feld nämlich ſind ſämmtliche Officiere und Beamten, die ſich in ſeiner Nähe befinden, beſtändig zur Tafel eingeladen. In dem Hofe des Hauſes, wo 94 der Marſchall wohnt, wird— wenn es die Zeit er⸗ laubt— emſig abgepackt, Küchebatterien, Teller und Beſtecke kommen zum Vorſchein, und der Koch des alten Herrn(dem man die Gerechtigkeit widerfahren laſſen muß, daß er ſein Uebermögliches gethan, um uns im Feld gute Mahlzeiten zu verſchaffen) nimmt Fleiſch und Gemüſe, wo er es findet, und beginnt ſeine Arbeit. Die Tafel wird in irgend einem Zimmer oder in Ermangelung deſſelben im Hofe aufgeſchlagen. Der Marſchall ſetzt ſich in die Mitte der langen Seite, um ihn her(jedoch nicht als unumſtößliche Regel) die Erzherzoge, Feldmarſchalllieutenants und dann alle übrige, wie ſie gerade Platz finden; doch wird nicht darauf geſehen, daß ſich Alles nach der Rangliſte zuſammenfindet— der Feldmarſchall ſitzt neben dem Hauptmann, der General neben dem Lieutenant und ein Band der Fröhlichkeit und guter Laune umſchlingt Alle. Dieſe Mahlzeiten waren einfach: eine Reis⸗ ſuppe, Rindfleiſch, Gemüſe mit Beilage, Braten und Salat, dazu guter rother Wein, den man hier überall und in reichlichen Quantitäten findet. Ich werde mich nur mit großer Freude dieſer Mittagstiſche, der Heiterkeit, die hier herrſchte, und des liebenswürdi⸗ gen Tons, mit welchem hier die Unterhaltung geführt wurde, erinnern, dabei werde ich dann auch die ge⸗ reimten Trinkſprüche unſeres vortrefflichen General— 95 intendanten, des Grafen Pachta, im beſten Andenken behalten, namentlich die, durch welche er am Namens⸗ tage des Feldmarſchalls, dem Joſephstag(es war in St. Angelo) die Geſellſchaft in hohem Grade erhei— terte. Ich bedaure, den launigen Toaſt, dem der Marſchall und die ganze Geſellſchaft ſo großen Beifall zollte, nicht wortgetreu mittheilen zu können. Ueberhaupt iſt dieſes freundſchaftliche Zuſammen⸗ leben des ganzen Hauptquartiers ein ächter Wieder— ſtrahl der ritterlich⸗-militäriſchen Kameradſchaftlichkeit, wie ſolche in der öſterreichiſchen, aber nicht bei allen Armeen zu finden iſt. War man im Quartier ange— kommen, hatte man ſeine Sachen etwas in Ordnung gebracht, ſo fand man ſich ohne Verabredung an irgend einem Orte des Städtchens oder des Dorfes zuſammen, gewöhnlich im Café; mochte es noch ſo armſelig ſeyn, man fand doch überall in Italien eine gute Taſſe des ſchwarzen levantiſchen Trankes. Mit Cigarren half Einer dem Andern gerne aus und ſo blieb nicht viel zu wünſchen übrig. Wo ſich gar kein Kaffeehaus vorhand, fanden des Abends ſich die An— gehörigen des Hauptquartiers oftmals im Hauſe zu— ſammen, wo der Feldmarſchall ſelbſt wohnte und hier machten Oberſt Schlitter und Major Eberhardt die freundlichen Wirthe. Guten Wein fand man überall, den Humor brachte man mit und dieſe geſellige Unter— 96 haltungen am Abend waren mir die angenehmſten Stunden. Es entwickelten ſich hier, namentlich unter den Ordonnanzofficieren, erſtaunliche und ganz eigenthüm— liche Talente. Wenn ſämmtliche Lieder— und deren gab es keine kleine Zahl— abgeſungen waren, ſo wurden noch die merkwürdigſten Concerte aufgeführt. Ich kann nicht umhin, hier unſeres Freundes, des Oberlieutenants Haizinger zu gedenken, der— die Seele dieſer Abendunterhaltungen— in dieſem Augen⸗ blick mit ſeinem Regiment Lichtenſtein-Chevaurlegers in Ungarn ſich befindet. Mögen ihm dieſe Zeilen, wo ſie ihn finden, einen herzlichen Gruß von mir nebſt einem warmen Dank für alle vergnügten Stun⸗ den, welche ich ihm verdankte, ſagen. Wie aber ſo das ganze Hauptquartier des Feld— marſchalls Radetzky in den heiteren Stunden des Le— bens mit einem feſten innigen Band umſchlungen wird, ſo auch wenn die ernſten Stunden ſchlagen. Das Hauptquartier iſt eine einzige große Familie, die einen geliebten Vater an der Spitze hat, die feſt durch— drungen iſt von einer einzigen Idee, der: dem Willen des Führers zum Ruhm des Vaterlandes zu dienen, es iſt ein feſter Körper, durchhaucht und geleitet von dem Geiſte des Feldmarſchalls, von welchem ein Wort hinreicht, um den Gedanken zur That zu machen und —— ſo die glänzendſten Reſultate herbeizuführen. Und ſo wie alle Glieder des Hauptquartiers ihren Führer lieben, ſo ſind ſie auch herzlich geſinnt unter ſich. Es gibt wohl wenige Armeen, wo ein ſo ſchön kamerad⸗ ſchaftliches Verhältniß, wie in der öſterreichiſchen herrſcht, und wo Rang und Stand in dem außer⸗ dienſtlichen Verkehr ſo wenig in Betracht kommt. Nur im Dienſt gilt die Charge, außerdienſtlich aber iſt nur hohe Verehrung und innige Liebe die Scheidewand, welche den Officier vom Feldmarſchall trennt. Ich kann nicht umhin, hier in gerührtem Danke der ehren⸗ vollen und freundlichen Aufnahme zu gedenken, die mir im Hauptquartier von Allen ohne Ausnahme zu Theil wurde, wofür ich um ſo dankbarer bin, als ich mich aus früherem Leben erinnere, daß dergleichen Artigkeiten und Zuvorkommenheiten nicht überall zu Hauſe ſind. Wie oft gaben mir bei wichtigen Ver⸗ anlaſſungen Officiere aller Grade und Generale einen guten Platz und zogen ſich zurück, um mich das In⸗ tereſſante ſehen zu laſſen! Ich will hier in der oben angegebenen Beziehung von dem Feldmarſchall Radetzky gar nicht reden, denn ſeine Güte und Freundlichkeit iſt hinreichend bekannt und von einem ſo hochbejahr⸗ ten und hochgeſtellten Mann wahrhaft rührend. Indem ich nun zu einer kurzen Schilderung der liebenswürdigen Perſönlichkeit des Feldmarſchalls, des Hackländer, Soldatenleben im Krieg. 5 7 98 weltberühmten Mannes übergehe, fühle ich die ganze Schwierigkeit dieſer Aufgabe und bitte um die vollſte Nachſicht des Leſers. Könnte ich ſein Bild wieder geben, dieſe Größe mit Liebenswürdigkeit gepaart, wie es in meinem Herzen ſteht, könnte ich ihn ſo darſtel⸗ len, wie ihn Alle, welche das Glück hatten, um ihn zu ſeyn, täglich ſahen und reden hörten und mit Verehrung und Liebe zu ihm aufßblickten, könnte ich dieſe Gefühle in meine Feder legen, ſo wäre es mir vielleicht möglich, eine genügende Schilderung dieſes großen Mannes zu geben. Aber nur ſein Aeußeres wiederzugeben iſt bis jetzt einer andern Kunſt, einer Kunſt für dieſen Fall viel ausreichender, der Malerei, nicht gelungen, obgleich der Feldmarſchall zu Fuß oder zu Pferde etwas ſo Beſtimmtes und Eigenthümliches hat, das ihn vor allen Andern auszeichnet, wie es vielleicht nur bei Friedrich dem Großen und Napoleon der Fall war. Im dichteſten Gewühle des Marſches und der Schlacht reicht ein einziger Blick hin, um Vater Ra— detzky augenblicklich von ſeiner Umgebung herauszu⸗ finden, nicht als ob er eigenthümlich gekleidet ſey, er trägt denſelben hechtgrauen Rock, wie alle übrigen Generale und einen unſcheinbaren Hut mit grünem Federbuſch, auch nicht, als ob ſeine Figur vor Andern hervorragend geweſen wäre, im Gegentheil, er iſt faſt 99* A der kleinſte ſeines ganzen Gefolges und doch wird Jeder ſagen, der ihn auch zum erſtenmal ſieht, dieſer und kein anderer iſt der große Marſchall. Joſeph Wenzel Graf Radetzky von Radetz wird am 2. November d. J. 84 Jahre alt, doch verräth ſein Aeußeres durchaus nicht ein ſo hohes Alter. Er iſt nicht groß, aber kräftig gebaut, ohne jedoch ſtark zu ſeyn und geht gewöhnlich ſehr gerade und aufrecht mit ſchnellen Schritten einher. Iſt er in ſeinem Zim⸗ mer, ſo hat er die Hände gern auf dem Rücken; ſpricht er mit Jemand, den er wohl leiden kann, ſo ſchiebt er ſeinen Arm unter den des Andern oder nimmt ihn auch bei der Hand und ſpaziert mit ihm auf und ab. Seinen Kopf trägt er kaum merklich gebückt, ſchaut aber frei um ſich, die Züge ſeines Geſichts ſind das Einzige, woran man ſein hohes Alter erkennen kann; doch haben ſie dabei einen ungemein gewinnenden Ausdruck und zeigen unverkennbar das Gepräge ſeiner Herzensgüte. Ebenſo gern wie er einen Spaß anhört, macht er auch ſelbſt einen, er hat einen guten Humor und ſagt ſeine guten Einfälle in einer Gutmüthigkeit, die hinreißend iſt; wenn er ſo recht heiter und ver⸗ gnügt iſt, namentlich wenn er lacht und er kann recht herzlich lachen, ſo ſteigert ſich der lebendige Ausdruck ſeines Geſichts ungemein, ſeine biedere große Seele liegt in ſolchen Augenblicken offen da und man ſieht 100 auf den klaren Grund ſeines Herzens, der rein und glänzend iſt, ohne Falſch und Bitterkeit. Wenn er heftig lacht, wiſcht er ſich mit ſeinem Sacktuch zu— weilen die Augen; ſein Kopf iſt eher rund wie länglich, ſeine Stirne hoch, der Blick ſeines Auges freundlich und beredt und wenn er mit Jemand ſpricht, ſieht er ihn feſt an. Dieſer Blick, ohne hart oder ſtreng zu ſeyn, hat etwas ſo Ergreifendes und Gewinnendes, dabei Forſchendes und Gebietendes, daß ich glaube, es iſt unmöglich vor ihm etwas zu verheimlichen, was man auf dem Herzen hat, oder noch unmöglicher, vor dem alten Herrn eine Lüge zu ſagen. Hört er einem wichtigen Vortrag zu, ſo ſenkt er nachdenkend den Kopf und ſtützt wohl eine Hand in die Seite. Sein Haar iſt weiß und ebenſo ſein kleiner Schnurrbart, den er ſeit der Schlacht von Novara ſtehen ließ. Die Stimme Radetzky's iſt tief und kräftig; wenn er vergnügt iſt und einen Officier etwas fragt, ſo weicht er bisweilen von dem förmlichen„Sie“ durch die Worte ab: ‚„meint Ihr's vielleicht nicht auch ſo, Freund?“ ja bei außerordentlichen Fällen der Gewohn— heit ſagt er auch wohl ganz vertraulich: Du. Beim Durchleſen der Berichte über glänzende gelungene Gefechte, oder wenn er ſieht, wie ſeine braven Truppen muthvoll und freudig angreifen, dann lacht er gern laut auf vor Freude. Ich hatte das Glück ſpäter in der 101 Schlacht von Novara lange an ſeiner Seite zu ſtehen und hielt ihm mehreremale ſein Fernrohr, und muß geſtehen, daß ich auf dieſe Dienſtleiſtung mit Recht ſtolzer bin, wie vielleicht mancher Großwürdenträger, der ſeinem Fürſten die Krone vortrug. Wir hatten vor uns eine kaiſerliche Batterie, die unaufhörlich ein furchtbares Feuer auf die Piemonteſen unterhielt, ein Feuer, vor dem die feindliche Artillerie trotz ihres ſchweren Kalibers baldigſt weichen mußte. Da war der alte Herr ganz glücklich;„ſchauen's, ſchauen's,“ ſagte er einmal über das anderemal,„wie die braven Leute ſchießen, denen muß man gleich was Angenehmes ſagen,“ und bei dem dickſten Kugelregen wollte er ihnen entgegen, um ſeinen Kindern mit einigen freund⸗ lichen Worten zu danken. Dagegen umflort ſich ſein Blick, wenn er von den Gefallenen und Verwundeten hört, und tiefe Be⸗ kümmerniß malt ſich in ſeinen Zügen beim Anblick all des menſchlichen Elendes und aus tiefſter Bruſt ſeufzt er zuweilen: Jeſus Chriſtus! In Zorn geräth er ſelten, kann aber dann für den Betreffenden heftig und unangenehm werden, doch kommt dieß nur bei groben Nachläſſigkeiten vor und namentlich bei Vergehen der Verpflegungsbeamten, wenn durch Vergeßlichkeit oder ſchlechte Anordnung der Soldat ſein Brod und ſeinen Wein zu ſpät oder in mittelmäßiger Qualität erhielt. 102 Der Marſchall hat ein offenes gutes Herz für alles Unglück, mag es Freund oder Feind betreffen, und handelt mit der ſtrengſten Unparteilichkeit. In Garlasco, wo die Soldaten, nachdem ſie den Feind bei Gravellone und la Cava zurückgeworfen, einige kleine Exceſſe begingen, das heißt Brod und Wein wegnah⸗ men, beſtrafte er dieſe Leute aufs ſtrengſte, ließ durch den Ortsvorſteher augenblicklich eine Summe Geldes an die Beſchädigten austheilen und gab zu einer Sammlung, welche die Officiere des Hauptquartiers zu demſelben Zweck unter ſich veranſtalteten, eine ſehr reiche Gabe. Die Thaten des Feldmarſchalls, ſowohl als Ge— neral wie als Staatsmann, ſind zu bekannt, ſie lie— gen ſo nahe vor uns und bezeugen ſo glänzend ſei— nen großen Geiſt und ſeine vielſeitige Bildung, um darüber etwas Weiteres zu ſagen; er ſpricht deutſch, franzöſiſch, italieniſch mit gleicher Fertigkeit, unterhält ſich aber am liebſten in der deutſchen Sprache. In ſeinem Salon bei ſeinen Diners iſt er vollendeter Weltmann und freundlicher Wirth. Die tiefe Ver⸗ beugung eines jeden Eintretenden beantwortet er, auch wenn er im Geſpräch begriffen iſt, mit einer vertrau⸗ lichen Handbewegung, und eine gewiſſe Pantomime ſagt augenblicklich, man ſolle Hut und Säbel ablegen; auch hat er für jeden ein paar liebenswürdige Worte 103 und geht gewöhnlich bei der ganzen Geſellſchaft herum, ohne dabei in die Steifheit des gewöhnlichen Cerele— Abhaltens zu verfallen. Hiebei kommt ihm nun na— türlich ſein außerordentlich ſtarkes Gedächtniß zu Hülfe, er kennt das Leben faſt jedes Einzelnen, der zu ihm kommt, und weiß das Geſpräch immer mit einer freundlichen Erinnerung zu beleben; auch erweckt er in hohem Grade das Zutrauen Aller, welche ihm nahen, daher bewegt ſich auch die ganze Umgebung, den großen General und Staatsmann natürlich aufs höchſte achtend und verehrend, doch ſtets ohne Zwang und leere Förmlichkeiten um ihn. Mit den höheren und niederen Officieren ſeiner Umgebung lebt der Marſchall auf vertraulichſtem, angenehmſtem Fuß und läßt die⸗ ſelben nie in einer ſie verletzenden Weiſe die Ueber— legenheit ſeiner Stellung und Perſönlichkeit fühlen. Häufig trat er mitten unter uns, wenn wir zuſammen lachten oder Geſchichten erzählten oder um ein Feuer ſaßen, und miſchte ſich in die Unterhaltung. Er konnte es nicht leiden, wenn Alles von den Sitzen aufſprang und Feldmütze und Cigarren verſchwanden. „Bleiben's ſitzen, Freund',“ rief er dann,„machen's keine Sachen, ſetzt's mir die Mützen auf.“ In frü⸗ heren Jahren, als Kavallerieofficier, hatte er auch ſeine Pfeife, raucht aber jetzt nicht mehr. Mit den Soldaten umzugehen, hat er eine eigene 104 Gabe und die Verehrung und Liebe derſelben für ihn grenzt ans Unglaubliche; er ſpricht gern mit ihnen, tritt zu einer Gruppe Grenadiere, Jäger oder was gerade in ſeiner Nähe iſt, und erkundigt ſich nach ihren Verhältniſſen; wie oft ſah ich, daß er zu ein⸗ zelnen Schildwachen ging und denſelben, da es ihnen verboten iſt, auf dem Poſten etwas anzunehmen, einige Zwanziger in die Patrontaſche ſteckte. In Novara erzählte man, wie der alte Marſchall häufig arme Leute auf der Straße beſchenkt habe; bei dem Vorbeimarſch der Truppen trat er in die Reihen, hier einen alten Unterofficier begrüßend, dort einen Officier auf die Schulter klopfend, oder zu den meiſt blutjungen Wiener Freiwilligen und Jägern freundliche ermunternde Worte ſprechend, und ſo herzlich und liebevoll war er bei allen Veranlaſſungen. Wenn ihm bei ſeinen Diners gemeldet wurde, daß ſervirt ſey, ſo lud er durch freundliche Verbeugung die Geſellſchaft ein, in den Speiſeſaal zu treten, ſchob die älteſten Generale und höheren Perſonen freundlich lachend vor ſich her und wir andern folgten in bunter Reihe. Zuweilen war bei Tiſch eine einzige Dame, die geiſtreiche und ſehr liebenswürdige Gemahlin des Feldmarſchalllieutenant Heß, welche der alte Herr in dieſem Fall zur Tafel führte. Dieſe Diners be⸗ ſtanden meiſtens aus dreißig bis vierzig Perſonen, 105 und waren ſehr angenehm mit großer Heiterkeit ge— würzt; die näheren Bekannten ſetzten ſich zuſammen, ich ſaß gewöhnlich bei Oberſt Schlitter, Eberhardt, Graf Forgatſch und dem Legationsrath Baron Metz⸗ vurg, und mancher luſtige Einfall, der hier entſtand, machte die Runde am Tiſch und wurde lachend dem alten Herrn mitgetheilt. Sein Gedächtniß iſt, wie ſchon geſagt, außerordentlich gut, und wenn er in ſeinen Erzählungen an die letzten Türkenkriege kommt, die er mitgemacht, ſo iſt es ihm nicht ſchwer, ſich, wenn er von gewiſſen Gefechten ſpricht, der Namen an ſich nicht bedeutender Anführer zu erinnern, ſo wie der meiſten ſeiner Kameraden, die damals mit ihm Kadetten oder Lieutenants waren. Im Feldlager war natürlich das ganze Leben ein anderes, wie in der Villa Reale zu Mailand, doch kam man ſich draußen noch näher und lebte herzlicher und vertrauter. Der Marſchall war im Hauptquartier beſtändig wie ein Vater unter ſeinen Kindern und ergötzte ſich namentlich an der Luſt und Fröhlichkeit der jungen Ordonnanzofficiere, ſeiner „Kibitze“.„Sehen Sie,“ ſagte er mir eines Tages nach der Tafel,„im vorigen Feldzug hatten wir nicht ſo viel, wie jetzt, da ging's oft mager her, da hat mir Morgens Freund Haizinger meine Chokolade an⸗ gefertigt,“ dabei lachte der alte Herr laut und fröhlich 106 und fuhr fort:„er ſoll Ihnen ſelbſt ſagen, wo er die Milch dazu hernahm.“ Das Faktum war, der General W. führte eine Ziege mit ſich, von welcher die jungen Officiere in der Morgendämmerung die erſte und beſte Milch heimlich für den alten Marſchall holten. Die Lebensweiſe des Grafen Radetzky iſt außerordentlich regelmäßig und einfach. Morgens um 5 Uhr ſteht er auf, nimmt ſeine Arbeiten vor und frühſtückt ſeinen Kaffee um 6 Uhr mit den Ad jutanten und Ordonnanzofficieren vom Dienſt. Um 10 Uhr kommt ein kleines Gabelfrühſtück und um 4 Uhr Nachmittags das einfache Diner, wozu der Marſchall gewöhnlich eine Flaſche Rothwein trinkt. Abends um 7 Uhr nimmt er ſeinen Thee, ſpielt mit eini— gen eingeladenen Officieren eine Partie Tarock und geht um 9 Uhr zu Bette, wo ihn alsbald ein geſunder Schlaf erquickt, der bis zum andern Morgen dauert. Im Felde hält er die Stunde des Abmarſches mit großer Genauigkeit, bricht wohl hie und da früher auf, aber nie ſpäter. Berichte, die einlaufen, läßt er ſich meiſtens vorleſen, aber Alles, was abgeht, liest er ſelbſt durch. Seine Handſchrift iſt nach der alten Schule, aber deutlich und leſerlich, bei den Dienſtſachen zeichnet er einfach:„Radetzky“, bei Courtoiſieſchreiben aber:„Graf Radetzky.“ Oft, wenn es eilig iſt, unterſchreibt er ſeine Depeſchen auf dem Knie. 107 Der Feldmarſchall reitet feſt und ſicher und liebt die ſchnellen Gangarten, ſo bei Novara wurde mehrere Miglien zwiſchen Truppen, zwiſchen Todten und Ver wundeten vorbei mit ſcharfem Jagdgalopp geritten. Seine Pferde ſind ſtarke Mecklenburger, meiſtens Schimmel, ſein Sattel deutſch mit reich geſtickter Feldmarſchallsſchabracke, das Kopfzeug des Pferdes mit goldenen Nägeln beſetzt. Sein Anzug iſt ein grauer Rock mit goldbeſetztem Kragen, dazu den Ka⸗ vallerieſäbel und Hut mit grünen Federn. So ſteht ſein Bild vor mir in der Erinnerung an die ſchönſten Augenblicke des letzten Feldzuges, ja an die ſchönſten Augenblicke meines Lebens, und mehr als einmal, wenn er ſo daherkam auf der mit Tau⸗ ſenden von Soldaten bedeckten Heerſtraße, ſtimmte ich aus vollem Herzen ein in die Vivats, Zivio und Eljen mit einem tief empfundenen begeiſterten:„hoch lebe Radetzky!“ VIII. Torre bianca. Pavia. Mittags gegen 4 Uhr am 19. März verließen wir St. Angelo und ſetzten uns auf der Straße gegen Pavia in Bewegung. Obgleich wir den ganzen Tag Truppenkörper aller Art ſahen, und obgleich man wohl bemerkte, daß ſich die Armee gegen den Teſſino concentrirte, ſo hatte doch Niemand außer den Ein⸗ geweihten irgend eine beſtimmte Meinung von den Projekten des Marſchalls. Wir zogen dahin, wie geſtern, daſſelbe Getümmel, daſſelbe Leben. Einer der Stabsdragoner hatte einen eigenthümlichen Unfall. Er galoppirte nämlich etwas übermüthig dicht neben einem ſehr ſchmalen Graben; auf einmal ſtrauchelt das Pferd, ſtürzt, wirft den Reiter ab und faͤllt mit dem Sattel zu unterſt in den Graben, wo es, die vier Beine in die Höhe ſtreckend, 109 ſo feſt eingekeilt lag, daß es nur mit großer Mühe wieder losgemacht werden konnte. Doch hatte weder Reiter noch Pferd irgend einen Schaden gelitten. Es dämmerte ſchon als man hörte, daß wir uns in der Nähe unſeres Quartiers befänden. Die Erz⸗ herzoge mit ihrem Gefolge ritten links von der Chauſſee ab, und wir ſahen bald unſer heutiges Nachtquartier vor uns. Es war Torre bianca, wo das Haupt⸗ quartier hin verlegt wurde. Durch unſer geſtriges gutes Quartier verwöhnt, ſah ich anfänglich mit Beſorgniß, daß zum Wohnen für uns Alle nur ein kleines Häuschen vorhanden war, doch— wir waren eben im Felde, und da muß jedes Obdach gut ſeyn. Pferde und Wagen wurden unter den Portici unter— gebracht, die den Hof umgaben. Für den Feldmar⸗ ſchall und einige andere Herren fanden ſich glücklicher⸗ weiſe ein paar Zimmer und für alle Uebrigen wurde der große Salon geöffnet. Dieſer große Salon war zu ebener Erde und hätte eben ſo gut auch Hausflur genannt werden können. Hier wurde ſehr friſches Stroh aufgeſchüttet, das Fußende der Betten durch Bänke und Stühle dargeſtellt, und das Schlafgemach war fertig. An Speiſen war außer einigem Vrod und Wein nichts vorhanden, weßhalb eine große Salamiwurſt, die ich in Mailand gekauft hatte und jetzt zum Vorſchein brachte, mit großem Jubel empfangen und gemein— ſchaftlich verzehrt wurde. Gute Laune brachten die Meiſten mit und ſo hielten wir auch ohne reichen Speiſevorrath doch ein vortreffliches Abendeſſen. Als es gänzlich Nacht wurde, ſuchte ich meinen trefflichen Weiler und meinen Rothfuchs auf, und ließ mir meinen Mantel geben, da die Nacht kalt zu werden verſprach. Heute boten die Pferde und Reiter des Hauptquartiers ein ganz anderes Bild als geſtern. Weniger luſtig, ja viel ernſter; da wegen der großen Heu- und Strohvorräthe im Hofe keine Feuer ange— zündet werden durften, ſo ſah man in der Finſterniß nichts wie ein unerkennbares Durcheinander von Ge⸗ ſtalten aller Art, hörte hie und da einen lauten Pfiff, ein leiſes Geſpräch und dazwiſchen das Schütteln und Schnauben der Pferde. Als ich von meiner nächt— lichen Wanderung zurückkam, fand ich den großen Salon ſo überfüllt, daß es mir unmöglich war, hin— ein zu dringen.„Suchet, ſo werdet ihr finden,“ dacht' ich, und forſchte eifrig auf den Treppen und im Gange des kleinen Hauſes nach, ob ich nicht einen paſſenden Schlafwinkel für mich entdecken könnte. Richtig! dort in der Ecke befand ſich eine Matraze, ſchüchtern in ſich zuſammengerollt. Nachdem ich ſie aus ihrer beklemmenden Stellung befreit und ausge— breitet— der Hauseigenthümer hatte ſie für ſich bei 111 Seite geſchleppt— ſo fand ich auf dem Gange, zwi— ſchen einer alten Mehlkiſte und der Thüre eines un— ausſprechlichen Gemachs, eine herrliche Schlafſtelle, auf welcher ich zwar in der Nacht zuweilen von Ge— ſpenſtern mit großen Bärten, die lachend über mich hinwegſchritten, geſtört wurde, doch im Ganzen treff— lich ſchlief. Morgens, kaum graute der Tag, es mochte vier Uhr ſeyn, wurden wir aber auf eine höchſt unange— nehme Art geweckt. Es ſtürzte nämlich eine Ordonnanz in das Gemach neben mir, wo ſich der Oberſt Schlitter befand, mit dem lauten Rufe, es brenne im Hauſe. Schöne Geſchichten das! im Hofe bei ſechshundert Pferde und Alles mit Stroh und Heu angefüllt. Glücklicher Weiſe war es ein blinder Lärm, herbei— geführt durch Funken, die dem Kamin im Zimmer des alten Herrn entſtiegen; aber eine Reveille von einigen Dutzend Trompetern hätte uns nicht ſo plötz— lich auf die Beine und in die Kleider gebracht, wie dieſe Nachricht. Auch draußen war ſchon Alles durch den falſchen Lärmen in voller tumultuariſcher Bewe— gung. Die Leute ſattelten in der größten Eile ihre Pferde, um ſich möglichſt ſchnell aus dem Staube zu machen, und es koſtete manch ruhiges Wort, ehe man ſie allgemein von dem Unwahren des Lärms überzeugt und die Ruhe wieder hergeſtellt hatte. ———————— — 112 Einmal ſo unſanft von unſern Ruheſtätten auf— geſchreckt, begab man ſich nicht mehr nach denſelben zurück, und bald darauf befanden wir uns in der Küche, um ein großes Kaminfeuer verſammelt, ſehn— ſüchtig nach dem großen kupfernen Kaffeekeſſel ſchielend, der auf Kohlen ſtand. Der Kammerdiener des Feld— marſchalls packte ſeine Taſſen aus, füllte ſie mit dem braunen erquickenden Trank, und Jeder bekam ſein Theil, ſo wie ein gutes Brod, das er, weiß Gott woher, erhalten. Dieſer warme Kaffee that in der frühen Stunde äußerſt wohl, denn es war die Nacht recht kalt und der Schlaf für Manchen auch ein ſehr unterbrochener geweſen, da jeden Augenblick Eſtafetten und Ordon— nanzofficiere gingen und kamen von und zu den Ar— meecorps, die ſich in Eilmärſchen von allen Seiten gegen Pavia in Bewegung ſetzten. Von hier aus wurde dieſes große und glänzende Manöver geleitet, das in wenigen Stunden und ſo gänzlich unvorher⸗ geſehen ſechzigtauſend Mann über den Ticino warf. Man hat aber auch keinen Begriff von der Verſchwie⸗ genheit, von der Stille und Umſicht, mit welcher vom Hauptquartier aus die Fäden des ganzen Unterneh⸗ mens geleitet wurden. So wenig in Mailand als in den folgenden Nachtquartieren wußte Jemand, außer wenigen Perſonen der nächſten Umgebung des 113 Feldmarſchalls, wohin es eigentlich gehe; ebenſo bei den Armeekörpern, und daher kam es, daß dieſer prachtvolle Uebergang ohne alle Beläſtigung vor ſich gehen konnte. Wir verließen Torre bianca gegen 6 Uhr und kamen um 8 Uhr nach Pavia. Dort war ſchon Alles in großer Bewegung. Auf dem weiten Platz am Mailänder Thor ſtanden große Truppenmaſſen, In⸗ fanterie, Kavallerie und mehrere Batterien Artillerie. Wir ritten gegen den Gaſthof„zur Lombardei,“ der die Ecke des Platzes mit der Hauptſtraße von Pavia bildet. Der Marſchall ging in's Haus und wir Andern ſaßen ab, ohne eine Ahnung zu haben, was hier vor ſich gehen würde. Man ſagte uns nur, daß wir zwei Stunden hier bleiben würden. Oftmals hieß es beim Hauptquartier, man raſte nur eine halbe Stunde, aber aus dieſer halben Stunde wurden ganze Stun— den, halbe Tage und halbe Nächte, wie z. B. hier in Pavia. Da man während dieſer Zeit ſich nicht weit entfernen durfte, ſo konnte ich auch oftmals nur die kurzen Berichte anfertigen, welche ich der Allge— meinen Zeitung einſandte. Nachdem wir eine kurze Zeit neben unſern Pferden gehalten, fanden es Alle für beſſer, ebenfalls das Innere des Gaſthofs zu unterſuchen, und bald waren 8 Hackländer, Soldatenleben im Krieg. 114 ſämmtliche gerade nicht im Dienſte befindliche Mit⸗ glieder des Hauptquartiers in den untern Zimmern des Albergo verſammelt und der gute Rothwein, ſo wie vortreffliches Kälbernes ſchmeckten nach dem Ritt in der ſcharfen Morgenluft außerordentlich gut. Daß hier der Uebergang der ganzen Armee ſtattfinden ſollte, wußten bis jetzt noch Wenige, und erſt als Regiment um Regiment, Batterie um Batterie unter klingender luſtiger Feldmuſik an dem Thore des Gaſt⸗ hofes, wo wir ſtanden, vorbeidefilirten und wir uns bei der dampfenden Cigarre und unter muntern Ge— ſprächen des ſchönen, wahrhaft großartigen Schau⸗ ſpiels erfreuten,— da ging uns plöͤtzlich ein Licht auf, um was es ſich handelte. Der Uebergang über den Ticino wurde auf drei Brücken bewerkſtelligt. Neben der großen ſteinernen Brücke wurden in der Nacht— in Einer Nacht— von unſern Pionieren noch zwei andere geſchlagen. Die Ankunft der verſchiedenen Armeecorps in Pavia war ſo ſicher berechnet und ging ſo gut von Statten, daß der Uebergang ohne bedeutende Stockungen ge— ſchah und die Truppen ununterbrochen fortziehen konnten von Mitrags 12 Uhr an den ganzen Tag hindurch, bis in die Nacht um 2 Uhr. Genau um 12 Uhr am heutigen 20. März, an dem Tage und der Stunde, wo der aufgekündete 115 Waffenſtillſtand ablief, traten die erſten öſterreichi⸗ ſchen Truppen an das andere Ufer des Teſſino und der Feldmarſchall ergriff auf dieſe Art die Offen⸗ ſive. Er ſtand während vieler Stunden lang an einem Fenſter der engen Hauptſtraße Pavias, und ließ die Truppen vorbeidefiliren. Der Lärm war wahrhaft betäubend, das Schmettern und Klingen der Feldmuſik, das Dröhnen der Schritte von Men— ſchen und Pferden, das Raſſeln der Batterien, die in langen Reihen vorbeifuhren, das Jubelgeſchrei der Soldaten, als ſie den Marſchall am Fenſter erblickten, donnernde, tauſendſtimmige Vivat, Eljen, Evviva und Zivio(die Grüße in allen Mundarten der öſter⸗ reichiſchen Monarchie), und dieß Alles in der engen Gaſſe, die mit Menſchen gepfropft voll war! Es wogte nun ſo beſtändig unter den lauteſten Eindrücken dahin! Dazu wehende Fahnen, glänzende Säbel und Bajonette, herzliche Grüße an Kameraden, Abſchiede vielleicht für ewig! s' ciab!— Grüß dich Gott! wie geht's?— Gut!— Leb' wohl!— Leb' wohl!— und die bekannten Geſichter verſchwanden in dem allge— meinen Getümmel— ein einziger Händedruck und der munter klingende Marſch mahnt an's Weiter⸗ ſchreiten. Was— dort ſchon hingeriſſen? Da werd' ich Hausrecht brauchen müſſen. 116 Es war wie eine Walpurgisnacht am hellen Tage, und in's Militäriſche überſetzt. Ich ſtieg auf das Dach des Hauſes hinauf, von wo man den Lauf der Straße faſt bis an den Ticino verfolgen konnte. Von hier ſah die Soldatenmaſſe, zwiſchen die Häuſer ein⸗ gedrängt, beſonders merkwürdig aus, einem Strome vergleichbar, der, zwiſchen Felſen eingedämmt, ſchäu⸗ mend und tobend vorwärts rast. Dieſe Wellen ſpielten in allen Farben und glänzten, vom Sonnenlichte be⸗ ſtrahlt, in Gold und Silber. Die ſchwarzgelben Fahnen flatterten gleich den Adlern darüber hin, und das Gebrülle und das Rauſchen dieſes Fluſſes hörte man Stunden weit. Bei den drei Brücken am Fluß war der Lärm und der Jubel wahrhaft betäubend. Die Pferde wieherten gegen das Waſſer, die Balken und Pontons der Brücken ſtöhnten und knarrten unter dem gewaltigen Druck der Kanonen und Wagen, das Hochrufen der Soldaten zerriß die Luft und gewann an Umfang, je mehr man ſich dem Ufer näherte. Huſaren, Dragoner und Infanterie ſangen luſtige Lieder, und die ausgelaſſenen Jägerbataillone, na⸗ mentlich Tyroler und Steirer, ließen ihren volks⸗ und eigenthümlichen Juchzer laut und kräftig nach Piemont hinein erſchallen.. Gravellone, am andern Ufer, war faſt ganz von Einwohnern verlaſſen, doch die Soldaten begingen 117 nicht die geringſten Exceſſe, nur leerten ſie eine Schmug⸗ gelniederlage aus, worin ſich eine große Menge vor⸗ trefflicher Aſti befand. Sehr komiſch ſieht während eines ſolchen Marſches das Schlachtvieh aus. Starke Ochſen, die hinter jedem Bataillon getrieben werden und die der Soldat unterwegs mit Allem behängt, was er nicht tragen mag. An den Hörnern prangt eine unzählige Menge Feldflaſchen, auf dem Rücken hängen Brodbeutel und Torniſter, namentlich aber haben die Privatdiener ein beſonderes Auge auf die Schlachtochſen und belaſten ſie mit allem dem, was ſie gerade bei der Hand haben und nicht ſelbſt ſchlep⸗ pen wollen. Als nun der Abend kam und die Truppen fort und fort durch die Straßen Pavias zogen, nahm das Leben und Treiben einen andern Charakter an und kein Laut war mehr hörbar, kein Ruf erſchallte weiter. Die Nacht fordert ihr Recht. Man vernahm nur den einförmigen Schritt der Männer auf dem Pflaſter und ein gewiſſes unbeſtimmtes Geſumme. Die Kavalleriſten in ihren weißen Mänteln kamen von der Straßenecke an unſerem Hauſe vorbei, wurden einen Augenblick von dem Laternenlicht an dem Thore des Gaſthofes grell beleuchtet und verſchwanden wieder geſpenſterhaft im Dunkel. Die Feldmuſiken ſchwiegen und die Soldaten, die den Tag über ſo laut und 8* 118 luſtig geplaudert, flüſterten nur noch leiſe zuſammen. Die Bedienungsmannſchaft der Kanonen und Raketen⸗ batterien ſaß müde und ſchlaftrunken auf ihren Pferden und Wurſtwagen, und je dunkler die Nacht wurde, deſto heller glänzten die feurigen Spitzen der Lunten; oftmals war die Straße hierdurch auf lange Strecken weit ſolchergeſtalt mit glühenden Punkten bedeckt. Nachdem es mehreremale geheißen, wir werden ebenfalls heute noch mit der Armee über den Ticino ziehen, blieben wir dennoch hier und wurden einquar⸗ tiert. Ich kam in den Gaſthof zum weißen Kreuz, wo ich auf einem Sopha des Vorplatzes ein ziemlich un— behagliches Bett fand. IX. Trumello. Um 4 Uhr Morgens des folgenden Tages, den 21., ritten wir die abhängige Hauptſtraße Pavias hinab gegen den Teſſin, wo die Armee übergeſetzt war. Wir waren vom Wetter begünſtigt, denn ein herrlicher Tag dämmerte auf, als wir des Feindes Land betraten. Da wir von nun an jeden Augenblick auf einen ernſten Widerſtand ſtoßen konnten, ſo ritten wir mit geſpannten Erwartungen in Piemont ein. Der Feld⸗ marſchall ließ durch die Armee nachſtehende Anſprache an die Piemonteſen in den Dörfern, durch welche ſie zog, vertheilen, und wir ſahen ſie an manchen Häu— ſern angeheftet. Sie lautete wörtlich: „Bewohner Piemonts! Bekanntlich brach Euer König vergangenes Jahr wider alles Völkerrecht in das Gebiet des Kaiſers, 120 meines Herrn, ein. Dieſen in der Vöͤlkergeſchichte beiſpielloſen Angriff warfen meine Siege zurück, und meine ſiegreiche Arme ſtand an den Ufern des Teſſin. Euer König konnte Euch nur die Verheerung und Greuel des Krieges erſparen, wenn er den angebotenen Frieden annahm; ſtatt deſſen von ehrgeizigen Pro⸗ jekten geſtachelt, bedroht er von Neuem widerrechtlich die Staaten meines Kaiſers. So zwingt er mich, das Kriegstheater in Euren fruchtbaren Gauen auf⸗ zuſchlagen. Ihm alſo, nicht mir, dankt Ihr das Unheil, welches jener ungerechte Angriff über Euch bringen wird. Ich betrete mit meiner Armee Piemont, um den geängſtigten Völkern endlich Friede und Ruhe wiederzugeben. Das Ungemach, welches im Gefolge des Krieges iſt, kann ich freilich nicht abwenden, aber die Disciplin meiner Armee bürgt Euch für Sicherheit der Perſon und des Eigenthums. Miſcht Euch nicht in das Spiel der Waffen, überlaßt die Entſcheidung den Soldaten, da Ihr anders ohne Hoffnung auf Erfolg nur den Druck des Krieges vermehren, mir aber die Möglichkeit nehmen würdet, ihn nach Kräften zu erleichtern. Niemals wurde ein ſo ungerechter Krieg als von Eurem König ge⸗ gen den Kaiſer, meinen Herrn, begonnen, niemals ein ſo gerechter, als den ich gegen Euch gezwungen führen muß. Mich reizen nicht, wie Karl Albert, 121 Eroberungsgelüſte, ſondern ich glühe für die Verthei digung der Rechte meines Kaiſers und der Integri⸗ tät des Reiches, welche Eure Regierung, im Bunde mit dem Aufſtande, treulos bedroht.“ Am geſtrigen Tag hatte ich die erſten Schüſſe ge⸗ hört, und als ein heimkehrender Ordonnanzofficier meldete, da drüben ſeyen zwei Piemonteſen erſchoſſen worden, beſchlich mich, ich will es geſtehen, ein eigen⸗ thümliches Gefühl. Die Armee war uns heute weit voraus. Wir ſahen am frühen Morgen nichts von ihr; ſie war am vorhergehenden Tage noch in drei Colonnen auf der Straße nach Garlasco vorgerückt; die rechte Colonne nach Cerbolo, die mittlere nach Grobello, die dritte nach Dorna. Vom Feind, der nur einige ſchwache Vortruppen am Ticino hatte, wußte man nichts Genaues; nur ſo viel ſchien ge— wiß, daß ſich ſein rechter Flügel unter dem Herzog von Genua, 20— 25,000 Mann ſtark, in der Linie von Vigevano und Mortara zurückzög. So rückten wir denn nahe jenen denkwürdigen Kampfplätzen, wo die großen blutigen Schlachten am Ende des vorigen Jahrhunderts geſchlagen wurden, deren Beſchreibungen die Weltgeſchichte aufbewahrt. Mit den Schlachten in dieſer Ebene begann General Bonaparte im Jahre 1796 ſeine glänzende Laufbahn. Hier ſchlug wenige Jahre darauf der alte Suwarow 122 an der Spitze der verbündeten öſterreichiſch-ruſſiſchen Heere die Schlachten gegen Moreau und Macdonald und wenige Miglien davon entfernt überſchritt der Conſul Bonaparte den Po, und machte den Namen Marengo's auf ewige Zeit unvergeßlich. Doch iſt die Lombardei, wie die Ebene Piemonts, nicht mehr ſo zum Tummelplatz großer Heere geeignet, wie ſie es damals war. Landwirthſchaft und Kultur, die immer vorwärts ſtreben und ſich jeden Fleck zu eigen machen, haben die Ebenen mit großen Maulbeeran⸗ pflanzungen bedeckt, haben zwiſchen dieſelben leichtes Rebengelände aufgehängt und ſo in allen Feldern grüne Scheidewände gebildet, die es ſogar Infanterie⸗ colonnen an manchen Stellen unmöglich machen, durch— zudringen. Weite Strecken ſind dergeſtalt angepflanzt und bebaut, daß es kaum einer Plänklerkette gelingt, geordnet vorzugehen, und daß es einem gewandten Jägerbataillon kaum möglich iſt, dorten einigermaßen zu manövriren. Was außerdem noch hier die Krieg⸗ führung ſehr erſchwert, ſind die vielen Bauerhöfe und Landhäuſer, welche überall zerſtreut liegen. Häufig findet man auf den Karten von Italien Ortsnamen, denen ein„C“ oder„Ca“ vorgeſetzt iſt, welches„Ca— ſino“—„Landgut“ bedeutet, oder auch„Caſau— „Haus“,„Landhaus“. In der italieniſchen Kriegs⸗ geſchichte aller Zeiten ſpielen dieſe Caſſinen eine 123 wichtige Rolle, die meiſten ſind aus der alten Zeit her, ſehr ſolid gebaut, mit ſchmalen Fenſtern, welche hoch über dem Boden anfangen, verſehen, und haben außer— dem häufig Mauern und Gräben, ſie ſind wie zur Vertheidigung erbaut und können von Truppen, die ſich darin feſtſetzen wollen, mit Leichtigkeit in eben ſo viele kleine Forts umgewandelt werden. In vielen Gegenden iſt demnach nur auf die allerdings ſehr geraden und breiten Chauſſeen zu rechnen, doch ſind dieſelben auf beiden Seiten mit breiten und tiefen Waſſergräben eingefaßt, wodurch es einer Infanteriecolonne ungemein ſchwierig, für Kavallerie aber ganz unmöglich wird, ſich zu beiden Seiten auszubreiten. Letztere iſt denn auch aus dieſem Grunde in Italien ſehr ſchwierig zu gebrauchen, was im vorigen Feldzuge, ſo wie auch bei den Schlachten dieſes Jahres, ſich recht empfindbar machte. Wollte man nun aber glauben, daß hier in Italien die Rei⸗ terei, weil als Schlachtwaffe für ſie keine Verwendung möglich iſt, weil man ſie nicht aufmarſchiren und einhauen laſſen kann, entbehrlich wäre, ſo würde man ſich ſehr irren; wenn ſie auch nicht ſelbſtſtändig manövriren kann, ſo iſt ſie doch für das geſicherte Fortbewegen der ganzen Armee von dem größten Nutzen, und die braven muthvollen öſterreichiſchen Reiter haben auch hier wieder in den letzten Feldzügen 124 die weſentlichſten Dienſte geleiſtet. Die Kavallerie entſendet kleine Trupps vorwärts, um zu erfahren, ob kein Feind auf derſelben Straße marſchirt, ſie ſchickt Patrouillen rechts und links, um zu vernehmen, ob ſich in den Flanken der Hauptarmee nichts Ver⸗ dächtiges bewegt, ſie unterhält die Verbindung der einzelnen Armeekörper unter einander, und von allen Seiten her begegnen ſich Reiterpatrouillen, tauſchen ihre Berichte aus, melden, was hier geſchah, und ver— nehmen, was drüben vorgefallen. Bei dieſem beſtän⸗ digen Dienſt, der viel ſchwieriger iſt als er ſich an— ſieht, kommt auf die Gewandtheit des Reiters ſehr viel an, und der gute Kavalleriſt, der geübte Reiter⸗ officier kann hier eben ſo ſehr wie beim Einhauen zeigen, ob er ſeine Waffe vollkommen verſteht. Noch während des vorigjährigen Feldzuges er⸗ fand ein Officier eine kleine bewegliche Brücke, die in der Geſchwindigkeit über einen ſolchen Waſſergraben geſchlagen wurde und ſo den Uebergang möglich machte. Dieſe Brücke wurde auf einem Wagen nachgeführt, iſt aber meines Wiſſens nie gebraucht worden. Die erwähnten Maulbeeranpflanzungen und Re⸗ bengewinde ſind namentlich in der Lombardei ſo dicht, daß ſie ſogar vor feindlichem Gewehrfeuer ſchützen, dafür aber auch das eigene nicht durchdringen laſſen. Doch iſt die Strecke, auf der ſich unſere Armee jetzt III bewegte, das Land namentlich bis zur Seſia, lange nicht ſo reich und gut, wie der größte Theil der Lombardei, angebaut. Der Boden ſcheint ſchlecht, iſt nicht ſorgfältig gehalten, und die herrliche Bewäſſe⸗ rung, die man in der Lombardei findet, fehlt hier 125 faſt ganz. Zwiſchen Novara und Voghera, am rechten Ti⸗ cinoufer, ſind einige weniger fruchtbare und weniger angebaute Ebenen, die ſich weit hinausdehnen und theilweiſe mit niedrigem Geſträuch bedeckt ſind und nur als Weideplätze gebraucht werden. Doch bieten ſelbſt dort die Landſtraßen für die Manöver großer Heere ein bedeutendes Hinderniß. Theils liegen dieſe Chauſſeen auf großen Dämmen, theils ſind ſie, wie ſchon früher bemerkt, zu beiden Seiten mit breiten Gräben verſehen, wodurch den oft nöthigen Seiten⸗ bewegungen eines Armeekörpers die größten Schwie⸗ rigkeiten in den Weg gelegt werden. Es wird den Piemonteſen, die eigentlich arm an Kavallerie ſind, beſtändig, namentlich in Kriegen mit Oeſterreich, wo dieſe Waffenart ſo glänzend vertreten iſt, von großem Nutzen ſeyn, daß ihr ganzes Land durch eben dieſe Gräben, durch Hecken, Zäune, Garten⸗ mauern, die man auch um das kleinſte Stück Landes aufgeführt ſieht(ſeyen es auch bloß auf einander gelegte Steine), ferner durch Reisfelder und Sümpfe 126 ſo außerordentlich geſchützt iſt. Wäre es der öſter— reichiſchen Kavallerie im vorigen Feldzug vergönnt geweſen, gegen den Feind nach Herzensluſt zu agiren, es wäre wo möglich noch zu ſchnellerem Ende gekom men. Huſaren, Uhlanen, Dragoner und Chevaux⸗ legers brannten auch jetzt wieder vor Kampfluſt und blickten mit innerm Grimm auf die lebendigen Baum— barrikaden, die ſie hinderten, in großen Maſſen auf den Feind einzuhauen. Im vergangenen Feldzug be— friedigten mehrere Kavallerieofficiere, die das Zuſehen nicht aushalten mochten, dadurch ihre Kampfesluſt, daß ſie vom Pferde ſprangen, das Gewehr eines Ge— fallenen ergriffen und mit einer Infanteriecolonne zum glücklichen Sturme von Barrikaden und Verſchanzun⸗ gen vorgingen. So unter Andern mein lieber Freund Graf Ingelheim. Gegen 10 Uhr Morgens erreichten wir unſere Truppenmaſſen, die ſich vor uns her bewegten, und ritten dann faſt eine Stunde lang im dickſten Ge⸗ dränge, bis wir das Dorf Garlasco erreichten, wo der Feldmarſchall das Hauptquartier ein paar Stun⸗ den halten und die Truppen bei ſich vorbeidefiliren ließ. Der Marſchall befand ſich in einem weiten Hofe, in deſſen Mitte ein großer Brunnen war, wo der alte Herr zwiſchen ſeinen Officieren umher ſpazierte. Er war ſehr heiter und guter Laune und theilte mit 127 uns ein frugales Frühſtück, bei welchem ein großer, von Pavia mitgenommener Schinken die Hauptrolle ſpielte. Die Leute des Dorfs hatten ſich herzugedrängt, um den berühmten Marſchall zu ſehen und umſtanden uns mit neugierigen Blicken. Wie ich ſchon früher bemerkte, hatten hier die vorausziehenden Truppen einige kleine Exceſſe began— gen, Brod, Wein und Fleiſch mitgenommen, wofür aber der Feldmarſchall die Bewohner gleich nach ſeiner Ankunft durch den Ortsvorſteher reichlich entſchädigen ließ. Auch die Leute der Beſitzung, in der wir uns befanden, klagten, man habe ihnen Einiges genom— men, worauf der Oberſt Schlitter unter dem Haupt— quartier eine Sammlung veranſtaltete und freiwillige Gaben in ſeinem Federhut einſammelte. Reichlich wurde gegeben und der Hut füllte ſich bald. Auch der alte Herr leerte ſeine Börſe und gab ein paar Goldſtücke und an Zwanzigern, was er gerade bei ſich hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen der letztern einzuwechſeln und als werthes Andenken für den geliebten Feldherrn mitzunehmen. Die Freude der Leute über die ihnen gewiß unerwartet zufließende reiche Entſchädigung war unausſprechlich, und nach⸗ dem wir ihnen noch die Reſte des Frühſtücks gegeben, herrſchte lauter Jubel. Um 4 Uhr Nachmittags verließen wir Garlasco und ritten gegen Trumello. Schon auf dem Wege dorthin hörten wir vor uns, ſowie zu unſerer rechten Seite entfernten Kanonendonner. Die dumpfen Schüſſe ſetzten uns Alle in die feierlichſte Stimmung. Hier hörte ich zum erſtenmal kriegeriſchen Kanonendonner, und die Idee, daß es dort etwas Ernſthafteres gelte, als einen genau vorgezeichneten Manéöverplan auszu⸗ führen, der Gedanke, welch' ſchreckliches Gefolge jeder der dumpfen Schläge hier mit ſich führe, tauſendfachen Jammer bis zum Tode geſteigert, erfuͤllte das Herz mit ſeltſamen Gefühlen. Wir erreichten Trumello ungefähr um 6 Uhr und hier ſollten wir die Nacht bleiben. Trumello iſt ein kleiner unbedeutender Ort, bloß aus einer einzigen Straße beſtehend; doch waren die Quartiere leidlich. Ich kam zu einem alten Manne, der mit einer ſehr hübſchen Tochter hauste, gute, freundliche Leute, die mir ein kleines Zimmer mit einem reinlichen Bett gaben. Wir waren einem Theil der Armee wieder vorausgeeilt. Der Marſchall, der in der Hauptſtraße mit den Generalen Schönhals und Heß ſpazierte, freute ſich ſichtlich, als die Truppen ſo munter und kräftig bei ihm vorbeimarſchirten. Donnerndes Hoch erſchallte, wie ſie des alten Herrn anſichtig wurden, und man ſah, mit welcher Luſt die Soldaten ihrem Vater Radetzky durch dieß Jubelgeſchrei ihre Anhänglichkeit und Liebe bezeugten. Die ganze Einwohnerſchaft wogte auf den Stra— ßen und eine große Menge ſtimmte ein in ein Hoch für Radetzky. Es war überhaupt bemerkenswerth, wie freundlich und wohlgeſinnt ſich die piemonteſiſchen Ort⸗ ſchaften, die wir heute durchritten, uns zeigten, was uns, im Vergleich mit den finſtern Mienen und den wilden Blicken, die man uns in der Lombardei größ⸗ tentheils nachgeſandt, doppelt angenehm berührte. Hier auf der Straße kam eine Deputation von ein paar Einwohnern zu Feldmarſchalllieutenant Schön⸗ hals und bat ihn, einen Mann des Ortes doch wieder in Freiheit ſetzen zu laſſen, den die Piemonteſen ge⸗ fangen nach Vigevano geführt, weil er auf der Straße auf den Feldmarſchall ein Hoch ausgebracht. Die Sache wurde von dem Ortsvorſteher beglaubigt und der Betreffende, ſo viel ich gehört, ſpäter aus dem Gefängniß von Vigevano entlaſſen. Vor dem Orte hörte man deutlicher den Kanonen⸗ donner, er ſchallte von Mortara herüber. Dort war die Diviſion Sr. kaiſerlichen Hoheit des Erzherzogs Albrecht mit 20 bis 25,000 Piemonteſen, die ſich unter dem Herzog von Genua in Mortara feſtgeſetzt hatten, ins Gefecht gerathen. Schon kamen von Zeit zu Zeit Ordonnanzofficiere von dort in vollem Roſſeslauf Hackländer, Soldatenleben im Krieg 6 9 1 * 8 5 4 130 dahergeſprengt und meldeten, die Sachen ſcheinen recht erwünſcht zu gehen, man formire die Sturm⸗ colonnen und der tapfere Oberſt Benedeck an der Spitze des Regiments Gyulai würde wohl ſchon drin⸗ nen ſeyn.— Hurrah! das war ein glänzendes Debut für den erſten Tag. Am andern Morgen erhielten wir die Gewißheit und der Feldmarſchall erließ nach— ſtehendes Armeebulletin: „Hauptquartier Trumello, 22. März. Am 20. war der uns aufgekündigte Waffenſtillſtand abgelaufen; die Armee hatte durch eine raſche Flankenbewegung ihre Kräfte concentrirt, und ging mit gewiſſenhafter Beobachtung der Ablaufsſtunde des Waffenſtillſtandes, 12 Uhr Mittags, bei Pavia über den Ticino. Ein großer Theil der Kräfte des Feindes ſtand bei Novara und Vigevano. Durch unſere Flankenbewegung wahr⸗ ſcheinlich überraſcht, hatte er zur Deckung ſeines be⸗ drohten Rückens den Punkt Mortara ſtark beſetzt. Hier ſtieß unſere Vorhut unter Befehl Sr. kaiſerlichen Hoheit des Feldmarſchalllieutenants Erzherzogs Albrecht auf den Feind; es entſpann ſich ſogleich ein Gefecht, das beſonders heftig mit Kanonenfeuer geführt ward. In⸗ zwiſchen bildeten ſich unſere Sturmcolonnen, die Stadt ward genommen. Gegen 1000 Gefangene, 5 Kano⸗ nen, 10 Pulverkarren und eine Kriegskaſſe ſind die Trophäen dieſes glänzenden Gefechts. Während dieſes 131 in Mortara vorging, beſtanden die Brigaden Straſoldo und Wohlgemuth ein nicht minder glänzendes Gefecht bei Gambolo gegen eine feindliche Colonne, die von Vigevano kam. Die vorläufig bekannten Früchte dieſes Gefechts ſind mehrere hundert Gefangene, worunter ein Stabsofficier. Der Verluſt unſererſeits iſt unbe— deutend, doch können wir denſelben noch nicht an— geben, da die Detailrapporte fehlen. Heute, 22. März, geht das Hauptquartier über Mortara weiter. Die Armee jubelt, der Feldmarſchall genießt des beſten Wohlſeyns.“ X. Mortara. Vorgo Lavezzaro. Das Hauptquartier gewährt nach einem ſieg⸗ reichen Gefecht einen ſehr heitern Anblick. Es iſt ſtolz wie ein Vater, wenn der Sohn ein ſchwieriges Examen glanzvoll beſtanden. Der Geringſte deſſelben geht mit erhobenem Kopf und jede Miene ſagt: wir haben geſiegt. Heute Morgen in Trumello war denn auch Alles beſonders heiter und guter Dinge. Der Marſchall wohnte am obern Ende des Dorfes in einem alten Schloß, einem weitläufigen Gebäude, in welchem jedoch, ſo viel ich ſah, nur wenige Zimmer eigentlich bewohnbar waren. Feldmarſchalllieutenant Schönhals und Heß und wenige andere Herren wohnten eben⸗ falls dort, ſowie auch der liebenswürdige Graf Pachta, der wunderbare Ernährer der Armee. Wunderähn⸗ liches hatte dieſer Mann im vergangenen Feldzug geleiſtet, namentlich als die Armee nichts inne hatte, 133 als das Terrain zwiſchen Mantua, Verona und Pes⸗ chiera, ein kleines Dreieck mitten in einem feindlichen inſurgirten Land. Trotzdem gelang es ſeinen zweck— mäßigen Anordnungen, für alle die Tauſende das Nothwendige herbeizuſchaffen und ſie damals vor Man⸗ gel an Lebensmitteln vollſtändig zu bewahren. Auch in dieſem Feldzug war er unſer vortreff— licher Erhalter. Aber er ſorgte nicht bloß für unſer leibliches Wohl, auch für unſere geiſtige Erfriſchung war er in einem nicht genug anzuerkennenden Maße bedacht; denn in ſeinen Zimmern war beſtändig eine große Menge von Zeitungen zu finden, deren Benützung er Bekannten und Freunden gerne geſtattete. Auch werde ich nie die vortrefflichen und geiſtreichen Anek⸗ doten vergeſſen, mit welchen er uns häufig regalirte; namentlich an dem Morgen, von welchem ich hier rede, wurde vor dem Hauſe des Feldmarſchalls in dieſer Richtung Außerordentliches geleiſtet. Wir hatten einen engen Kreis gebildet und Anek— doten und Schwänke folgten ſich unter dem heiterſten Lachen der Verſammelten, wie man zu ſagen pflegt, „Schlag auf Schlag.“ Während deſſen beförderte Graf Forgatſch Ordonnanzen nach allen Richtungen und ging mit großen Schritten auf und ab. Seine Stabsdragoner erzählten einander von dem Gefecht bei Mortara, was ſie von Andern darüber gehört 134 hatten, und bedauerten nur, nicht dabei geweſen zu ſeyn. Der alte Feldmarſchall, die Hände auf dem Rucken, ſpazierte mit höchſt vergnügtem Geſicht umher, bald hier mit einem Officier ſprechend, bald dort einem Soldaten freundlich zuwinkend. Es war wirklich eine Seligkeit, dem Manne zuzuſchauen, wie er ſo unter ſei⸗ nen Leuten ſtand und wie jedes Auge an ihm hing und Jeder glückſelig war, wenn er nur einen Blick von ihm erhaſchte. Das Herz war Einem ſo voll, man hätte jeden Augenblick„Hoch, Radetzky!“ rufen mögen. Jetzt ging er zu den Grenadieren, die am Thor auf Poſten ſtanden, zog ſeine Börſe heraus, zeigte jedem zwei Zwanziger, und da die Soldaten auf Poſten nichts annehmen durften, ſo legte er jedem ſeinen Theil auf einen Stein, der ſich hinter ihm befand. Ein ſolch glückſeliges Schmunzeln, wie bei dieſer Gelegenheit auf den Geſichtern der Genadiere glänzte, habe ich lange nicht geſehen. Ich hätte Nie— mand rathen wollen, dieſes geweihte Geld nur mit einem Finger anzurühren. Wir frühſtückten im Hofe an einer langen Tafel und hier bereitete ſich ein ſehr ergöͤtzlicher Vorfall. Schon öfter hatten die älteren Generale den Feldmar— ſchall gefragt, warum er ſich den Bart nicht wachſen laſſe? und er geantwortet:„Na, laßt's mich aus, mit 135 Euren Geſchichten, ich hab' nach dem Reglement ſchon lang keinen Bart mehr getragen und werde jetzt wieder anfangen.“—„Aber,“ entgegnete ihm ein— ſtens Schönhals,„die ganze Armee trägt jetzt Bärte und nur der Erſte derſelben, Euer Excellenz, nicht.“ Dieß Capitel kam während des Frühſtücks wieder zur Sprache und man drang von allen Seiten in den alten Herrn, namentlich Graf Pachta, mit luſtigen Redensarten und Bitten. Endlich rief der Marſchall lachend:„Jetzt paßt's mir auf, ich will Euch was verſprechen; wenn wir die Piemonteſen in einer großen Schlacht tüchtig klopfen, ſo laſſe ich meinen Schnurrbart wachſen.“ Ein allgemeiner Jubel folgte dieſer Erklärung und das Frühſtück wurde mit großer Heiterkeit beendigt. Bald erſchallte das Zeichen zum Aufbruch und wir ritten mit großer Erwartung gegen Mortara. Unter⸗ wegs wurden Einzelnheiten genug von dem Kampfe erzählt. Alle Truppen, die bei Mortara waren, hatten mit wahrem Heldenmuth gekämpft. Namentlich ſtürmte das Regiment Gyulai unter Oberſt Benedeck nach kurzem Feuer mit großer Tapferkeit die Stadt. So gut ſich die Piemonteſen hinter Verſchanzungen, Häu— ſern und dergleichen zu vertheidigen wiſſen, ſo wenig verſtehen ſie es, einen Sturm oder einen Bajonett— angriff abzuſchlagen. Der Anblick der glänzenden, — 3 1 4 4 4 3 18* S— — 136 Verderben drohenden Bajonettſpitzen, das kräftige „Hurrah!“ unſerer Soldaten, der ſichere, todverachtende Schritt, mit welchem ſich die Sturmcolonnen heran⸗ wälzten, Alles dieß imponirte ſtets den Piemonteſen ſo, daß ſie bei Zeiten an den Rückzug dachten. Oberſt Benedeck umging zu Anfang des Gefechts den Ort mit einem Bataillon ſeines Regiments und drang, nachdem er einige Haufen des Feindes zurück⸗ geworfen, in eine der Hauptſtraßen ein, wo ſich ihm plötzlich ein piemonteſiſches Bataillon entgegenwarf. Kaum begann er gegen daſſelbe zu operiren, als in ſeinem Rücken zwei andere feindliche Bataillone er— ſchienen. Der tapfere Oberſt ſah ſich gezwungen, von eroberten Munitionswagen und zuſammengeſto chenen Geſchützpferden in aller Schnelligkeit eine Bar rikade zu errichten. Darauf hielt er mit einem klei⸗ nen Theil ſeines Bataillons das eine feindliche im Schach, warf mit dem Reſt ſeiner Truppen die bei⸗ den andern piemonteſiſchen Bataillone weit zurück und nahm das erſte Bataillon, das ſich nun zwiſchen den Barrikaden und der nachrückenden Truppe befand, vollſtändig gefangen. Gegen zwei Uhr kamen wir nach Mortara auf den Kampfplatz. Von Verwüſtungen, die das Gefecht hinterlaſſen, ſah man hier wenig; auch hatte man Zeit gehabt, den größten Theil Verwundete und Todte 137 auf die Seite zu ſchaffen, Die erſten Häuſer des Orts waren zu kleinen Feſtungen umgeſchaffen worden; man hatte Löcher in die Wände gemacht, um unſere Truppen mit Kleingewehrfeuer beſtreichen zu können. Als wir in Mortara einzogen, war's auf den Straßen noch todt und menſchenleer. Die Einwohner fürchteten Raub und Plünderungen. Doch nachdem ſie geſehen, daß unſere Soldaten in Buden und Wirths häuſern Alles richtig und ehrlich bezahlten, was ſie auf ihre Forderungen erhielten, daß ferner die meiſten Truppen, ohne ihre Glieder zu verlaſſen, mit klingen dem Spiel durch die Stadt marſchirten, um jenſeits zu lagern, da öffneten ſich nach und nach die Fenſter läden und Hofthore, und es war wie kaum an ders zu erwarten der weibliche Theil der Bevöl kerung, welcher ſich zuerſt ſehen ließ und von den Balkonen der Häuſer mit ſchönen ſchwarzen Augen nicht eben unfreundlich auf die deutſchen Barbaren blickte. Goldläden und Kaffeehäuſer blieben länger verſchloſſen. Ich kann dabei nicht umhin, eines Menſchen zu erwähnen, der in einer Straße bemüht war, die Auf ſchrift ſeines Hauſes:»Café della Minerva,« mit weißer Farbe zu überſtreichen, wobei er, auf Anfrage, hoch und theuer beſchwor: hier ſey ſchon lange kein Kaffeehaus mehr geweſen. Dieſer Streich ſchlug ihm ——— — —— 138 aber fehl, und einige Jäger und Wiener Freiwillige bewieſen ihm praktiſch das Gegentheil ſeiner Behaup— tung, und als nun der Kerl gezwungen wurde, ſein Haus zu öffnen, machte er ganz gegen Verdienſt noch obendrein gute Geſchäfte. In einer der Straßen, wo der Kampf heftig ge⸗ wüthet hatte, ſah ich ein maleriſches Bild der Zer⸗ ſtörung. Neben einem Hauſe, deſſen Fenſter von Kartätſchenkugeln ganz zerriſſen waren, ſtand ein pie⸗ monteſiſcher Munitionswagen quer auf der Straße; der Deckel war gewaltſam aufgeſprengt und die vier Zugpferde lagen vor demſelben todt in ihren Geſchirren niedergeſtreckt, als habe ſie das mörderiſche Eiſen in vollem Lauf erreicht. Zerriſſene und blutige Fetzen von Montirungsſtücken lagen umher, und einem der Unſrigen, der dicht neben den Pferden lag, hatte die feindliche Kanonenkugel durch die Bruſt geſchlagen und ein vollkommen rundes Loch hinterlaſſen. Aus einem ziemlich großen Palaſte, nicht weit davon, ſchauten die gefangenen piemonteſiſchen Offi⸗ ciere heraus, und es ſchienen dieſelben über die er— littene Niederlage durchaus nicht untröſtlich. Sie rauchten Cigarren und lachten und ſchäckerten mit gegenüber wohnenden Frauen und Mädchen, was mir in dieſem Moment gerade nicht zu Gunſten des ſittlichen Werthes jener Herren ſprach. Böſe Zungen 139 wollten ſogar behaupten, es ſey manchem piemonte— ſiſchen Officier und Soldaten gerade nicht unangenehm geweſen, in öſterreichiſche Gefangenſchaft zu fallen, und mancher, der wohl die fliehende Armee hätte be— gleiten können, habe ſich hier gern gefangen nehmen laſſen. Vor Mortara ſah ich einen einzigen Gefangenen, der mir Intereſſe einflößte; es war der Muſikmeiſter irgend eines Regiments. Er ſtand, in einen dunkeln Burnus gehüllt, mit unterſchlagenen Armen regungs⸗ los zwiſchen einem Haufen gefangener Soldaten, die am Boden lagen; in ſeinen Zügen war tiefer nagen— der Schmerz zu leſen, obgleich gewiß von den Unſe rigen nichts geſchehen war, was ihm das Peinliche ſeiner Lage hätte verdoppeln können, wie es denn überhaupt ein ſchöner Zug unſerer Soldaten war, daß ſie die Gefangenen ſehr gut und freundlich be— handelten. Ich ſah häufig, wie ſie ihnen beim Vor übergehen einen Schluck Wein, einen Biſſen Brod oder eine Cigarre gaben. Vor einem kleinen Platz der Stadt ſtanden die eroberten feindlichen Kanonen, fünf Stück Achtpfünder, worunter zwei Schrapnells. So luſtig und kriegeriſch eine gut montirte Batterie ausſieht, ſo troſtlos iſt der Anblick einer von der Mannſchaft verlaſſenen, im Kampf eroberten. Die Räder ſind zerſchoſſen, die — — * 140 Lafetten haben große Riſſe, das Rohr iſt mit Staub und Blut bedeckt, ſchwarzer Pulverſchleim liegt auf dem Zündloch, die Protzkaſten ſind aufgeriſſen und todte Pferde und zerfetzte Geſchirrſtücke liegen neben der zerbrochenen Deichſel. Der Feldmarſchall befand ſich mit dem Haupt⸗ quartier in einem weitläufigen Hauſe, das an dem Ende eines großen Hofes inmitten der Stadt lag. Zwei Sereſchaner lehnten am Thor als Wache. Aus den Balkonen und Fenſtern des erſten Stockes ſchau⸗ ten die Officiere in den Hofraum, bald ihren Reit— knechten zurufend, bald etwas von ihren Wagen ver⸗ langend, die in bunter Reihe hier aufgefahren waren. Von den Einwohnern des Hauſes war nichts zu ſehen. Einige von uns ſtanden im Hofe zuſammen, als plötzlich auf einem Balkon des zweiten Stockwerks ein paar allerliebſte Mädchengeſichter erſchienen, die aber wie der Blitz wieder verſchwanden, als ſie ſich entdeckt ſahen. Wir beſchloſſen eine friedliche Recog— noscirung vorzunehmen, welche auch unter dem Oberſt⸗ lieutenant E. mit der gehörigen Umſicht und ſo vortrefflich ausgeführt wurde, daß die lieblichen Er— ſcheinungen durchaus nicht mehr entrinnen konnten. Bei einer kühnen Schwenkung der Avantgarde(zu welcher ich gehörte) um die Treppe des zweiten Stocks befanden wir uns vor der Patrona della casa, die uns auf einem großen Vorplatz empfing, und nach— dem wir ſie verſichert, daß wir es für unſere Schul— digkeit gehalten, unſere Aufwartung zu machen, uns freundlich Stühle anbot und bald darauf mit uns in einer eifrigen Converſation begriffen war. Sie er— zählte von ihrer Angſt und ihrem Schrecken in der vergangenen Nacht, von der ſchlechten Aufführung der Piemonteſen und von der Furcht, die ſie vor den deutſchen Barbaren gehabt; eine Furcht, die aber, ſetzte ſie verbindlich hinzu, gänzlich unbegründet geweſen ſey. Während dieſer Unterhaltung, die mit lauter Heiterkeit geführt wurde, öffnete ſich in der Hausflur eine Thür um die andere und es erſchienen aus den— ſelben Frauen und Mädchen, und miſchten ſich, wenn auch anfangs ſchüchtern, in das Geſpräch. Zuerſt kamen die älteren, dann die jüngeren, und bald waren wir von einem Kreis junger hübſcher Mädchen um geben. Ich habe lange nicht ſo viel ſchöne glänzende Augen, friſche Lippen und köſtliche ſchwarze Haare geſehen als hier; es war ganz, als ſeyen wir in den Convent irgend eines weiblichen Ordens gerathen. Die Patrona löste uns dieſes Räthſel, indem ſie er zählte, ſie habe ſämmtliche junge Mädchen ihrer Be⸗ kanntſchaft zu ſich gebeten, um ſie hier, in dem feſten Hauſe, im öſterreichiſchen Hauptquartier in Schutz zu nehmen. Bloß die Neugierde, den berühmten Marſchall 142 zu ſehen, hatte einige vermocht, ihre Köpfe an dem ſichern Verſteck blicken zu laſſen, wodurch ſie ſich dem Feind verrathen. Vor den Rothmänteln hatten ſie alle eine ungeheure Furcht und eine kleine naſeweiſe Perſon behauptete feſt und ſteif:„ſie wiſſe ganz genau, daß die Sereſchaner Menſchenfreſſer ſeyen.“ Im ganzen Orte waren die Leute gegen das Militär außerordentlich freundlich geſinnt und gaben gern willig, was man verlangte. Da wir nicht ein— quartiert wurden, ließ man ſich nach Gutdünken irgendwo ein Zimmer geben und hiezu öffneten die Leute mit Bereitwilligkeit ihre Häuſer. Da in den Trattorien nichts Eßbares aufzutreiben war, ſo bat ich meine Hauswirthin, mir für mein Geld einige Eier zu kaufen. Sie bereitete mir auch mit Ver— gnügen ein kleines Frühſtück und gab mir aus ihrem Keller eine Flaſche Aſti dazu, die durch einen weiß⸗ wollenen Faden um den Hals als etwas Vorzügliches bezeichnet war. Doch war ſie nicht zu bewegen, et— was dafür anzunehmen, und als ich ſpäter das Geld einem Dienſtboten im Hauſe geben wollte, litt ſie es nicht, indem ſie verſicherte, es habe ihr Vergnügen gemacht, mich zu bewirthen. Zu den verſchiedenen Kriegsbeuten, welche in dem Kampfe von Mortara gemacht wurden, und welche wir Alle mit einem ganz eigenthümlichen Wohlgefallen 143 betrachteten, gehörte auch eine große Anzahl von Kiſten, welche Tauſende von neuen vortrefklichen Gewehren enthielten. Die Hebung dieſes Schatzes verdankte man einem Gensdarmerieofficier. Am 22. März gegen 4 Uhr Nachmittags brach das Hauptquartier von Mortara auf, und rückte auf der Straße gen Novara vor. Von unſern Truppen war das zweite Armeecorps unter Feldzeugmeiſter d'Aspre auf der Straße nach Novara ſchon weit vor⸗ geſchoben; das dritte und das Reſervecorps folgten ihm, und das erſte und vierte bewegten ſich in pa— ralleler Richtung gegen die Rückzugslinie des Feindes, wodurch die Abſicht, ihn von der Straße nach Aleſ— ſandria und Turin abzuſchneiden und in die Gebirge hinein zu werfen, ſpäter vollkommen gelang. Gleich hinter Mortara waren die Straße und die Felder rechts und links von derſelben dicht mit Sol— daten, Kavallerie, Artillerie und Wagen aller Art beſetzt. So wie ſich der Wagen des Marſchalls von weitem ſehen ließ, ſtrömte Alles von den Feldern gegen die Landſtraße zuſammen, um ihn durch freu⸗ digen Zuruf zu begrüßen. Abends erreichten wir Borgo Lavezzaro, wo das Hauptquartier die Nacht blieb. Ich ritt mit meiner Ordonnanz durch die Straßen, um es dem Zufall zu überlaſſen, ob wir ein gutes Nachtquartier bekämen oder nicht. Als ich endlich an ein großes Haus von einladendem Aeußern kam, ſtieg ich ab, führte mein Pferd in den Hof, und wurde ſelbſt von einer alten Frau in ein freundliches, ja ſogar elegantes Zimmer geführt. Doch als ich eben anfangen wollte, mich häuslich niederzulaſſen, kam einer meiner Bekannten, zeigte mir lachend ſein Quartierbillet und ich mußte abziehen. Zur Belohnung hiefür und weil ich zu ſpät zur Austheilung der Quartierbillete kam, wurde ich auch am ſchlechteſten untergebracht. Ich mußte durch einen ſchmutzigen engen Hof eine wackelige und alte Stiege hinauf und kam in ein großes und weites Zimmer, in welchem der Kalk von Wänden und Decke längſt verſchwunden war und die nackten Steine zu Tage traten. Auf einem hölzernen Schragen lag eine große Matraze mit ſchmutzigem Weißzeug, das war das Bett. Daneben figurirte eine Kiſte, auf welcher gebrauchte Strümpfe und Schuhe lagen, als Stuhl, und auf dem Steinboden lag ein grauer Sack, die Stelle des Teppichs vertretend. Ein Brett in der Mitke des Zimmers auf zerbrochenen Füßen hatte die kühne Idee, einen Tiſch vorſtellen zu wollen, und einige halb ausgeleerte Medicinflaſchen auf demſelben gaben mir außerdem noch Stoff zu mancherlei Nach— denken. Dazu war das Gemach ſo niedrig, daß ich mit der Hand die Decke erlangen konnte. — 145 Ich verließ das Haus wieder und war im Be griff, mir ein anderes Quartier zu ſuchen, als mich der neben meinem Hauſe wohnende Generalauditor S. anrief und mir auf meine Klagen ſeine Wohnung und die Hälfte ſeines Bettes anbot. Er wohnte bei Dulcamara, dem Quackſalber des Orts. Dulcamara beſaß ein hübſches Haus und be— wohnte es, wie er behauptete, mit einer alten Magd allein. Doch will ich nicht verſchweigen, daß wir in unſerem Zimmer viele Haarnadeln und mehr Steck— nadeln fanden, als ein Mann gewöhnlich zu ſeiner Toilette braucht. Signor Dottore war überhaupt ein verſchlagener Geſell. Er hielt uns unendlich lange Reden von der größten Freundlichkeit, war der wärmſte Freund Oeſter⸗ reichs, gab uns aber einen fürchterlich ſauren Wein zu trinken. Auf Schränken und Commoden hatte er große Gläſer ſtehen und in denſelben entſetzliche Miß⸗ geburten in Spiritus aufbewahrt, deren genaue Er⸗ klärungen wir anhören mußten, mochten wir wollen oder nicht. Auf dem Tiſch lagen Amputationsſägen und dergleichen andere Inſtrumente, und durch die Erklärungen, welche er uns über tauſend dergleichen Dinge gab, vertrieb er uns zum guten Glück den Appetit gänzlich; ich ſage zum guten Glück, denn der Wein war ja ſauer, Brod hatte er keins und alles Hackländer, Soldatenleben im Krieg 7 10 146. nicht menſchliche Fleiſch im Hauſe reducirte ſich auf eine blinde, jedoch gelehrte Katze, welche die ſchönſten Kunſtſtücke zu machen verſtand;„aber,“ pflegte der preußiſche Unterofficier zu ſagen,„was nützt mich der Mäntel, wenn er nicht gerollt iſt.“ Dulcamara war ein Hauptgauner, und ich bin feſt überzeugt, ein halbes Dutzend ſolider Croaten hätten das beſte Nachteffen aus ihm herausgebracht, ſo wie guten Wein für zwanzig Perſonen. 3 7 ſ 1 3 3 5 Ir I Die Schlacht bei Novara. Am 23. März hatte ſich der Himmel ſeit unſerem Ausmarſch aus Mailand zum erſtenmal überzogen und blickte durch graue Wolkenſchleier trüb auf die Erde herab. Wir befanden uns im Hofe des Hauſes, wo der Marſchall wohnte und hörten mit geſpannter Er— wartung gegen 10 Uhr die erſten Kanonenſchüſſe von Novara her; doch fielen dieſelben nur vrreinzelt, ſo daß anfänglich Alles glaubte, der Vortrab des Feld⸗ marſchalllieutenant d'Aspre beunruhige die Nachhut des Feindes, welche derſelbe vielleicht zu Deckung ſeines Rückzuges gelaſſen habe. Die Gewißheit, es bei Novara mit der Hauptmacht König Alberts zu thun zu haben, war zu ſchön, als daß man ſie un— bedingt hätte glauben können. „Hält uns bei Novara die piemonteſiſche Armee,“ 148 ſagte Feldmarſchalllieutenant Heß(der, wie es ſich auch ſpäter zeigte, meiſterhaft ſeine Berechnungen ge— macht hatte),„ſo kann ihr nur Gott allein weiter helfen.“ Bald wurde das Knallen des Geſchützes andauern⸗ der und ganze Lagen wechſelten häufig mit einzelnen Schüſſen. Ordonnanzofficiere und Adjutanten ſpreng⸗ ten herbei und brachten die Nachricht, daß das Gefecht anfange ernſthaft und hitzig zu werden. Des Hauptquartier bietet in ſolchem Augenblicke, in der Nähe eines Gefechtes, ein ſehr kriegeriſches intereſſantes Bild. Wir hatten im Hofe ſo eben unſer Frühſtück beendet, als die erſten Kanonenſchüſſe den Anfang des Gefechtes bezeichneten. Nachdem das Eßgeſchirr weggeräumt war, bedeckten bald große Land⸗ karten den Tiſch; die Wagen und Handpferde waren bepackt, alle Pferde geſattelt und was zum Haupt⸗ quartier gehörte, ſtand im Hofe in einzelnen Gruppen und plauderte. Der greiſe Marſchall ſpazierte auf und ab, eine Hand in die Seite geſtemut, horchte hie und da auf den fernen Kanonendonner, warf dann einen Blick auf die Karte und ſah ernſt, aber ruhig äus. Vor dem Hauſe wogte eine gewaltige Menſchen⸗ menge, welche ebenſo begierig auf den Ausgang des Gefechtes war, wie wir. Sie hatten vor ihren Lands— leuten, den Piemonteſen, die ſich überall durch Raub 149 und Plünderung ausgezeichnet, einen gewaltigen Re ſpekt, und ſo oft ſich der Marſchall am Thore blicken ließ, brachten ſie ihm ein evviva um das andere. Ungefähr ſechs Mädchen aus dem Dorfe— und es ſchien mir, es waren die ſchönſten— wollten ſich nicht abweiſen laſſen, und verlangten durchaus dem Marſchall die Hand zu küſſen. Einige von uns woll— ten ſie herein begleiten, doch ſchienen ſie kein großes Vertrauen in uns zu ſetzen oder genirten ſie ſich vor den Andern; genug der Graf Pachta, ein alter Herr, mußte ſie in den Hof begleiten, wo ſie der Marſchall auf das freundlichſte empfing und jeder von ihnen die Hand reichte. Man kann ſich denken, mit welchen Fragen ſie draußen, als ſie dorthin zurückgekehrt waren, von der Dorfgemeinde beſtürmt wurden. Unterdeſſen wurde der Kanonendonner von No— vara her immer heftiger. Die Ordonnanzen und Ad— jutanten, die athemlos in den Hof ſprengten, brachten Meldung um Meldung, die Kibitze ſtanden bei ihren Pferden, und für jeden Ritt drängten ſich immer zwei bis drei dieſer tapfern jungen Officiere vor. Die Berichte vom Schlachtfeld— meiſtens mit Bleiſtift und in guten techniſchen Ausdrücken geſchrieben, als: „die und die Brigade dringt vor,— der Feind beißt auf allen Seiten,— man zeigt ihm tüchtig die Zähne“— wurden von dem Marſchall, von Heß und Schönhals 150 geleſen und augenblicklich neue Befehle gegeben, der betreffende Ordonnanzofficier that einen tüchtigen Zug aus irgend einer freundnachbarlichen Feldflaſche, ſchwang ſich in den Sattel und mit Windeseile ging's hinaus auf die mit Wagen und Mannſchaft aller Art bedeckte Landſtraße.»Povere giovine!« riefen die Weiber des Ortes, denn ſie dachten: der kommt nimmer wieder! Bald hielt es aber auch den Marſchall nicht länger im Hauſe. Die Handpferde, zum größten Theil, die Equipagen, Packwagen und aller übrige Troß blieben ganz zurück und wir ſetzten uns gegen 1 Uhr zu Pferd und ritten gegen Novara hinaus. Streckenweiſe war die Landſtraße mit nachrückenden Corps beſetzt, durch die wir uns durchwinden mußten, und bald hatten wir lange Züge von Sanitätswagen erreicht, die dem ſchrecklichen Ort ihrer Beſtimmung entgegen eilten. Ich kann nicht umhin, auf die ſchöne Einrichtung dieſer Wagen aufmerkſam zu machen. Sie ſind leicht, einſpännig mit CFedern und der Sitz iſt von weichen Gurten, auf welche während des Marſches vier bis ſechs leichte Tragbahren gepackt ſind, die beim Gefecht herunter genommen werden, um den verwundeten Sol— daten von dem Kampfplatz zu tragen. Bei den großen Packwagen der Sanitätscorps befinden ſich lange Stangen mit roth und weißer 151 Flagge; ſie ſind beſtimmt, ſchon von fern her dem Suchenden einen Hauptverbandplatz anzuzeigen. Eine ſolche Fahne flatterte ſchon in der Mitte des Wegs nach Novara, und ich kann verſichern, daß mir nicht der rollende Kanonendonner, nicht der Anblick der Todten in Mortara den peinlichen Eindruck machte, wie die kleine blutrothe Fahne, die luſtig im Winde flatternd den Sammelplatz ſo vieles menſchlichen Elends anzeigte. Leicht Verwundete, ſolche, die noch reiten und gehen konnten, begegnen uns ſchon vor dem Dorfe, auch der General Stadion, der in die Bruſt geſchoſ ſen war. Andere Officiere, die vom Kampfplatze kamen, verſicherten, es gehe ſehr heiß her, und ein Kaiſerjäger, der mit verbundenem blutigem Kopf am Graben ſaß, meinte:„Wir ſind heute einmal recht un glücklich!“ und als man ihm entgegnete: ſeine Wunde würde gewiß bald wieder gut ſeyn, ſagte er:„Ja, das habe ich nicht gemeint, wir ſind halt recht un glücklich, weil wir wieder ſo viele von unſern braven Officieren verlieren.“ Jetzt hörten wir auch das Knattern des kleinen Gewehrfeuers, aber daſſelbe war immer von kurzer Dauer, der fürchterliche Kanonendonner verſchlang alles übrige. In Nibiola, einem kleinen Dorf, keine volle —O—— — — 152 Stunde vom Kampfplatz entfernt, wo der Hauptver⸗ bandplatz war, ſah's ſchon recht elend und ſchauerlich aus. In der Geſchwindigkeit hatte man Betten und Stroh herbeigeſchafft, ſo viel nur möglich, und da lagen nun die armen Menſchen mit zerriſſenen Gliedern in ihr Schickſal ergeben. Die wenigen ſchwer Verwundeten lehnten an den Mauern, oder ſaßen auf dem Pflaſter, und hoben öfters die Hand empor, wenn der Mar⸗ ſchall vorbeiritt. Wie man die Fahne grüßt, ſtill und feierlich, ſo grüßte auch der Marſchall und Alle vom Hauptquartier die verwundeten Soldaten; wir Alle ritten mit unbedecktem Haupte vorüber. Viel Schmerz⸗ geſchrei und Stöhnen vernahm man nicht auf dem Verbandplatz, wohl aber während des Marſches, weil die Bewegung den Verwundeten große Schmerzen machte. Doch gab es auch minder ernſthafte Scenen. Hier erzählte einer:„Heut kriegten die Piemonteſen genug, drüben ſchaut es ganz anders aus.“ Zwei Infanteriſten, einer mit einer tüchtigen Kopfwunde, ſo daß ſein Geſicht ganz mit Blut bedeckt war, führten einander ſelbſt und meinten, ſie würden bald wieder nachrücken. Es war überhaupt bemerkenswerth, wie faſt gar keine Soldaten, unter dem Vorwand, Bleſſirte —::::ᷣö—————CQOCO—C—C—C—C—C—— zurückführen zu wollen, ihre Reihen verließen. Schmerz⸗ lich und traurig war es, wenn Ofiiciere, die geſtern noch friſch und geſund im Glied geſtanden waren, 153 denen Einige von uns heute Morgen noch die Hand gedrückt, oder mit ihnen aus einer Feldflaſche getrun— ken, jetzt blutend und faſt unerkenntlich, vorübergetra⸗ gen wurden.— Der Ruf eines Freundes:„Wie geht Dir's?“ Der Verwundete ſchlägt die Augen auf und ſeufzt tief, als er uns ſieht wie geſtern, friſch und geſund. Bald ließen wir den Verbandplatz mit den geſchäftigen Aerzten, ihren ſchrecklichen Inſtrumenten zwiſchen den Haufen blutiger Leinwand, hinter uns. Vor uns zur Linken hatten wir eine kleine Anhöhe und hinter derſelben war Novara, war das Schlacht— feld. Dieſe Anhöhe, mit einem Bauernhofe beſetzt, war am Anfang der Schlacht von unſern Truppen nach hartem Kampfe genommen worden. Todte lagen in Menge umher, wie denn auch heute auf allen Punkten an dem heftigen hartnäckigen Kampfe zu ſehen war, daß es viel Menſchenleben koſten würde. Wir ritten bei dieſen Häuſern vorbei und hatten bald den Anblick der ganzen Schlacht vor uns. Es war ein trüber neblichter Tag; mehreremal fing es an zu regnen, hörte aber bald wieder auf. Es ſchien als ob der furchtbare Geſchützdonner den Regen nicht Herr werden ließe. Die Stadt Novara, früher ſtark befeſtigt, liegt auf einem Hügel und zeichnete ſich durch den Schleier des Pulverdampfs nur grau in grau, aber in 154 deutlichen Umriſſen an dem Horizont ab. Um die Stadt her und dieſelbe als Rücken und Stützpunkt gebrau⸗ chend, ſtanden die Piemonteſen. Alle kleinen Erhöhun⸗ gen des Terrains hatten ſie benutzt, um ihre ſchweren ſechzehnpfündigen Batterien aufzuſtellen, und vier der— ſelben riſſen unter einem fürchterlichen Kreuzfeuer ganze Reihen unſerer braven Leute nieder, ohne daß die Andern deßhalb einen Fuß breit gewichen wären. Fort und fort ergänzten dieſe ihre Linien, immer kräf⸗ tiger vorwärts ſtrebend, aber der Feind war zu ſtark. Zwei unſerer Diviſionen, Erzherzog Albrecht und Feld⸗ marſchalllieutenant Schaffgotſch, mit etwa 20,000 Mann, ſchlugen ſich hier unter d'Aspre ſeit 11 Uhr Vormittags mit der gegen 50,000 Mann ſtarken Hauptmacht des Feindes herum, und man kann ſich eine Vorſtellung machen, mit welcher heldenmäßigen Ausdauer, mit welchem beiſpielloſen Muthe unſere Truppen gekämpft, wenn man bedenkt, daß dieſe furchtbare Uebermacht, unterſtützt von etwa 60 Ge⸗ ſchützen, nicht im Stande war, dieſelbe nur um einen Fuß breit zurückzuwerfen. Erzherzog Albrecht, der ſich mehrere Stunden lang im heftigſten Feuer befand, und auf allen bedrohten Punkten in Perſon bemüht war, die Truppen zu ſammeln und vorzuführen, hat ein ſchönes Blatt aus dem Siegeskranze des heutigen Tages wohl verdient. 155 Der Feldmarſchall hatte nicht ſobald erfahren, daß man es mit der Hauptmacht hier zu thun hatte, als er das dritte Armeecorps und das Reſervecorps in Eilſchritten vorrücken ließ. Ungeheuer war die Luſt, mit welcher die Soldaten dieſem Befehle Folge leiſteten; es ſchienen ſelbſt die Pferde der Batterien begierig, in den Kampf zu kommen, denn Alles ging in kurzem Trabe vorwärts. Man kann ſich von dem Geraſſel und Geklirre auf der Landſtraße keinen Be⸗ griff machen. Von einer einzigen Trommel geführt, marſchirten die Bataillone in ſchnellem Schritt, ja, ſie liefen mehr als ſie gingen. Der Anblick der langen Züge Verwundeter, die ihnen entgegen kamen, friſchte ihren Muth nur noch mehr auf, und tröſtend riefen ſie den Kameraden zu:„Wir werden's ihnen heim geben.“ Wir ſtanden auf einer kleinen Anhöhe bei No vara und hatten das Schlachtfeld wie ein Panorama vor uns. Der Marſchall ſtieg vom Pferde, alle Andern ebenfalls. Große und kleine Fernröhren wurden aus ihren Futteralen herausgenommen und, wie man ſich denken kann, alle Bewegungen des Feindes mit dem größten Intereſſe beobachtet. Das Gefolge des Feldmarſchalls in dieſem Augen blick war nicht groß. Heß und Schönhals ritten ab und zu; die tapfern Flügeladjutanten, die Majore 156 v. Diller und Leykamp, waren faſt immer in den vorderen Reihen der Schlacht, und die Ordonnanz officiere ſahen wir nur auf Augenblicke im Galopp ankommen, neue Befehle in Empfang nehmen und alsdann vergnügt wieder hinausſprengend in den Kugelregen.— Alles war in größter Aufregung und Bewegung; die Stabsdragoner, welche hinter uns ſtanden, ritten ab und zu, die Pferde ſpitzten die Ohren und hie und da ſcheute eins bei dem gewaltigen Schießen; mein Rothfuchs hielt ſich ritterlich und ſtand wie eine Mauer, Weiler belobte ihn deßhalb auch und ſagte zu mir:„das Pferd kennt ſchon dieſe Geſchichten, bei Curtatone wurde ein Hauptmann von demſelben Gaul und demſelben Sattel herunter⸗ geſchoſſen und er hat ſich nicht gerührt“; ich dankte dem trefflichen Weiler ſehr für ſeine Bemerkung und ſah meinen Gaul für den Augenblick etwas befangen von der Seite an. Von dem dritten Armeecorps waren ſo eben auf unſerer rechten Seite ſieben Bataillone in die Schlacht— linie eingerückt, während die übrigen ſieben Bataillone hinter dem Mittelpunkt als Reſerve aufgeſtellt waren. Das ganze Reſervecorps aber eilte heran, und konnte nicht mehr fehlen zur rechten Zeit einzutreffen. Es kam jetzt nur noch darauf an, daß das vierte Armee⸗ corps, welches von Vercelli heranrückte, früh genug ankam, um— noch kräftig an dem heutigen Kampfe theilnehmend— den Feind von ſeiner natürlichen Rückzugslinie abzutrennen, ihn gegen die Gebirge zu werfen oder ganz einzuſchließen. Man kann ſich denken, mit welcher Ungeduld ſich unſere Blicke nach der Straße von Vercelli hin— wandten. Unterdeſſen fingen die eben eingerückten ſieben Bataillone des dritten Corps wacker an zu arbeiten. Die Piemonteſen, die überhaupt heute mit großer Energie und Tapferkeit fochten, blieben ihnen anfänglich nichts ſchuldig. Es war, als hätten die feindlichen Batterien nur auf dieſen Moment gewartet, und auf die friſche Mannſchaft, die ihnen jetzt ent gegen ſtand; denn wie auf ein Zeichen begann der Kanonendonner heftiger als je. Vielleicht 120 Feuer⸗ ſchlünde begrüßten einander und ſpieen Tod und Ver derben. Man kann ſich keine Idee machen von der Maſſe der Kugeln und Granaten, die ſich in der Luft kreuzten: vor und neben dem Platz, wo wir mit dem Marſchall ſtanden, ſchlugen die ſchweren zwölf pfündigen Kugeln in den Boden, hier eine Furche einreißend, daß die Erde hoch emporflog, dort einen ſtarken Baum wie einen Strohhalm zerknickend. Es iſt merkwürdig, wie jede Kugel auf eigen— thümliche Art ſich bemerklich macht. Die ſchwere Geſchützkugel heult tremulirend durch die Luft; die ——— 1 4 158 Flintenkugel pfeift, die Granate ziſcht ungefähr wie eine ſogenannte Sonne bei einem Feuerwerk und zer⸗ ſpringt dann mit einem ſtarken Knall. Von den piemonteſiſchen verſagten viele der letzteren und manche zerſprangen hoch in der Luft und richteten auf dieſe Art wenig Schaden an. Wo aber eine Granate richtig einfiel und zerplatzte, that ſie eine fürchterliche Wir⸗ kung. Einem Officier ſchlug eine Granate vor die Bruſt, zerplatzte in demſelben Augenblick, ſchlug rechts und links einige Mann nieder, und riß dem Officier den ganzen Oberkörper dergeſtalt auseinander, daß das entſetzte Pferd eine Strecke weit mit den Füßen des Todten davonjagte. Man ſieht überhaupt während eines Gefechtes ſchreckliche Todesbilder. Nicht weit von uns lag ein piemonteſiſcher Artilleriſt, den eine ſchon matte ſechspfündige Kugel getödtet, ihm den Kopf ein⸗ ſchlagend, ohne denſelben zu zerſchmettern— ein ſchauerlicher Anblick. Ein Huſar war durch eine Kugel, welche durch den Hals des Pferdes ihm in die Bruſt drang, zu gleicher Zeit mit ſeinem Roß getödtet worden, und Beide waren zuſammengeſtürzt, der Reiter noch feſt im Sattel, den Säbel in der Fauſt. Das Hinſtürzen der Menſchen in voller Lebens⸗ kraft iſt der entſetzlichſte Anblick: hier bricht Einer, von dem tödtlichen Blei getroffen, lautlos zuſammen, dort ſpringt ein Anderer, mit entſetzlichem Todesſchrei, 159 einen unglaublichen Sprung, überſchlägt ſich und liegt ſtarr und todt; ein Grenzer aus dem Banat wankt, das tödtliche Blei in der Stirn, an ſein Gewehr geſtützt, wie ein Betrunkener langſamen Schrittes näher, flüſtert leiſe ein paar Worte von ſeiner Hei— math und ſtürzt zuſammen. Ueber der Stadt hatte der Pulverdampf von den vielen Batterien einen rieſenhaften Fächer gebildet, der, wie die Krone einer Pinie, unbeweglich auf den Häuſern ruhte. Jeder Schuß, jede Lage zeichnete ſich an dem grauen Himmel eigenthümlich ab; der Dampf flog ſchneeweiß empor aus dem Rohr und breitete ſich aus mit feiner, ſo ſonderbarer Zeichnung und haar⸗ ſcharfer Contur, als ſey ſie mit der Nadel auf das Gewölk radirt. Links neben uns und in Novara brannten einige Häuſer, und der Rauch hievon, ſchwerfällig und ſchmutzig grau, vom Winde ſeitwärts getrieben, zerriß den Pulverdampf und färbte ihn mit einem trüben Ton. Dazwiſchen ſah man deutlich den feurigen Bogen, den die Raketen beſchrieben, und die leuch⸗ tenden Blitze der ſchweren Geſchütze— zuerſt der Blitz, dann dicke weiße hervorquellende Rauchmaſſen, dann hörte man den Schlag. Vor uns an einem großen Bauernhofe ſtand eine kaiſerliche ſchwere Batterie und unterhielt ein fürchter⸗ 160 liches Feuer auf die Piemonteſen. Auf dem dunkeln Hintergrunde des Gehöfes leuchteten die Flammen des Pulvers jedesmal ſo grell auf, daß man glaubte, der ganze Hof ſtehe in Flammen. Dieſe Batterie ſchien aber auch ein beſonderes Augenmerk des Feindes zu ſeyn, denn es regnete ordentlich Geſchoſſe aller Art herein, doch nicht ein einziges dieſer Geſchütze wurde demontirt oder zum Schweigen gebracht. Vortrefflich ſchoſſen unſere Leute, mit einer Kalt⸗ blütigkeit und Genauigkeit, als ſeyen ſie auf dem Exercirplatz, bedienten ſie ihre Geſchütze nach allen Regeln der Kunſt, ohne den kleinſten Handgriff zu übereilen. In dieſer Ruhe und Genauigkeit im Laden und Richten der Geſchütze liegt auch der große Vor⸗ theil der öſterreichiſchen Artillerie. Als eines der Geſchütze der zwölfpfündigen Batterie wieder geladen und gerichtet war, ſchlug eine ſechzehnpfündige Kugel zwiſchen Rad und Laffette ein, riß einige Speichen und Felgen weg und ſtreifte die Laffettenwand be⸗ deutend; kaltblütig lehnte ſich der Vormeiſter an ſeine Kanone, überſah Viſir und Korn und ſagte zu dem herbeigeeilten Officier:„Ich melde gehorſamſt, daß die Richtung unverändert geblieben; auch iſt an der Maſchine nichts zerſtört.“ Drunten ging es unterdeſſen ſehr ſcharf her. Das vierte Corps war noch immer nicht eingetroffen, 161 und der Feind hatte uns gegenüber den ungeheuren Vortheil, immer neue friſche Truppen ins Feld führen zu können. So wurden ſeine Plänklerketten jeden Augenblick erneuert, während unſere Leute nicht zu bewegen waren, einen ſo guten ſchönen Platz jemand anderem zu überlaſſen. Wie die böſen Geiſter dran⸗ gen die Jäger vorwärts; behend von Baum zu Baum ſpringend, ſandten ſie ruhig und ſicher aus ihren guten Stutzern das tödtliche Blei in die Reihen der Piemonteſen. Wo ſich auf dem Boden nur irgend eine Erhöhung befand, eine Furche oder dergleichen, da ſtellten ſie ſich auf und ſuchten ihren Mann auf's Korn zu faſſen. Ein junger friſcher Burſch bei dem neunten Jä⸗ gerbataillon, der als Feldzeichen einen ungeheuren Buſch, einen kleinen Wald, auf dem Hute trug, ſtand hinter einem fußdicken Baum heiter und guter Dinge, denn er ſchoß faſt nie fehl; plötzlich fährt eine Ka— nonenkugel daher, reißt den Gipfel des Baumes her⸗ unter, ſchleudert ihn auf die Erde, ſo daß der Jäger unter den Aeſten und Zweigen für einen Augenblick vollkommen begraben liegt. Lachend windet er ſich endlich hervor und ſucht ſich einen tüchtigen Erdhaufen, hinter welchem er ſein Geſchäft eifriger als zuvor fortſetzte. Eben ſo tapfer und unerſchrocken wie die Jäger, Hackländer, Soldatenleben im Krieg 11 162 aber auch mit eben ſo großem Verluſt, haben hier die Wiener Freiwilligen gefochten. Es waren lauter blutjunge Leute von 16— 20 Jahren, und unter ihnen viele hoffnungsvolle Barrikadenhelden der Wiener Vor⸗ ſtädte, aber Reſpekt vor ihnen! Hier auf dem Felde der Ehre, unter guter Führung— denn ſie hatten tüchtige Officiere— haben ſie ſich heldenmüthig ge⸗ ſchlagen, und ſind im mörderiſcheſten Feuer nicht ge— wichen. Einer dieſer Freiwilligen von vielleicht acht— zehn Jahren wurde, durch einen Streifſchuß am Arm verwundet, widerſtrebend zurückgeführt.„Laßt's mich los!“ ſchrie er immer,„iſt ſo ein Streifſchuß der Mühe werth, um ſich verbinden zu laſſen! Ich will ins Feuer zurück zu meinen Kameraden!“ Umſonſt war es ihn zu halten, er riß einem andern Soldaten, welcher das Gewehr ſeines Kameraden trug, dieſes aus der Hand und eilte zurück in die Feuerlinie. Die Kavallerie hatte an dem glorreichen Tage von Novara, wie überhaupt bei beiden italieniſchen Feldzügen, wenig Gelegenheit, ſich auszuzeichnen. Das Terrain, von Waſſergräben und Baumreihen durch⸗ ſchnitten, war auch hier für große Kavalleriemaſſen ſo ungünſtig wie möglich, und auf einzelne Reiter— gefechte, d. h. wenn die Piemonteſen nicht mit großer Uebermacht gegen unſere Leute aufreiten können, ließ ſich der Feind gar nicht ein. Kleine Arbeit gab es 163 heute ſchon hie und da, und bei einem ſolchen Anlaß paſſirte eine rechte gute Geſchichte. In dem Augenblick nämlich, wo ein Piket unſerer Huſaren einen feind— lichen Zug Lanzenreiter attakirte, ſprengt einer dieſer Uhlanen heran und ruft:»Jer hozzaànk müs Magaroth vagyunk!«„Kommt zu uns herüber, wir ſind ja auch Ungarn!“ Ihm jagt aus den Reihen ein Huſar ent— gegen, haut den Uhlanen mit einem furchtbaren Hieb vom Pferde, indem er ihm ebenfalls auf gut Ungariſch in die Ohren ſchreit:„Aber ich bin ein Deutſcher!“ »En pedig Németh vagoth!« Von den Lombarden, jenen heldenmäßigen Schaa⸗ ren, die ſtürmiſch verlangt hatten, in das Vorder⸗ treffen geſtellt zu werden, und die nicht anders ge— glaubt, als der Schrecken ihres Namens und ihre furchtbaren Bärte würden ſchon allein im Stande ſeyn, die deutſchen„Barbaren“ in die Flucht zu ſchlagen, war an dieſem Tage nirgends eine Spur zu ſehen. Wie auf ein Sonntagsgericht hatten ſich unſere Leute auf den Moment gefreut, wo ſie einer lombardiſchen Diviſion gegenüberſtehen würden, und in den meiſten Regimentern war man ſtillſchweigend übereingekommen, daß bei einem ſolchen Zuſammen⸗ treffen kein Schuß fallen und nur das Bajonnet ent— ſcheiden ſollte; aber es waren dieß vergebene Hoff⸗ nungen und Vorſätze; denn»i prodi Lombardi,« d. h. die heldenmüthigen Lombarden, wie ſie ſich ſelbſt nannten, wurden, wie geſagt, am Schlachttage bei Novara gar nicht, im ganzen Feldzuge aber nur zweimal geſehen, einmal bei la Cava, wo ſie ſchon auf zweitauſend Schritte vor unſern Jägern davon⸗ liefen(dieſe behaupteten, es ſey wie auf einer Hirſch⸗ jagd geweſen), und an den Ufern des Ticino, wo eines Tages vier Kaiſeruhlanen zweiundzwanzig Mann gefangen einbrachten. Gefallene Lombarden fand man, mit wenigen Ausnahmen nur bei Mortara, in den vordexen Rei— hen, und man wollte behaupten, die eigenen Lands⸗ leute hätten ſie aus Wuth zuſammengeſtochen. Wo aber waren jene Schreier, jene Helden aus den Gaſſen von Genua und Turin, immer bereit zum gemeinen Straßenſcandal, jene, die durch ihre großen Reden über die Unabhängigkeit Italiens und über die Leichtigkeit eines Sieges dem Volk den Kopf erhitzt und es beſtändig zum Krieg aufgeſtachelt? Wo waren jene radikalen Advokaten, jene Demoſthene aus der Turiner Kammer? Wenn ſie ſich zu ſchwach fühlten, um das Schwert für ihre eigene Sache zu ziehen, was haben dann jene Schreier, was hat dieſes kriegs— luſtige Miniſterium für die Armee gethan, was für jene Tauſende von armen Menſchen, die ſie in Schlacht und Tod geſchickt? Im eigenen Lande hatte es den 165 Truppen an ordentlicher Verpflegung gefehlt; bei Novara hatten ſie drei Tage nichts zu eſſen, und doch haben ſich die Piemonteſen und namentlich die Savoyarden brav und tapfer geſchlagen. Achtung vor einem ſolchen Feind! Die lombardiſche Diviſion aber und die Brigade Savona, welche der König Albert in Perſon ins Feuer führen wollte, kam nir— gends zum Vorſchein; aber daran war der König nicht ſchuld, denn er hat ſich bei Novara als geſchick— ter und tapferer Soldat gezeigt, und wo die Kugeln am dichteſten fielen, war er zu finden; man ſagt, er habe den Tod geſucht! Lange ſtanden wir auf unſerer Anhöhe, gingen bald eine Strecke vor, bald links, und warteten mit klopfendem Herzen auf den Ausgang des Kampfes, nicht als ob derſelbe Nachmittags noch ungewiß ge— weſen wäre, aber der Marſchall wünſchte die Sache vor der Dunkelheit beendigt, um den Feind durch das ſchöne glänzende Manöver des vierten Armeecorps vor der Nacht noch gänzlich einzuſchließen. Ruhig und ernſt ſtand er neben ſeinem Pferde, mit ſicherem Blick und feſtem Sinn die Schlacht lenkend. Bald folgt er mit aufmerkſamem Auge den kämpfenden Truppentheilen, ihre Bewegungen vor— ausſagend, bald ſchickt er Ordonnanzofficiere und Adjutanten fort, läßt bei dieſem Nachricht einholen, 11* 166 ſchickt jenem Antwort auf ſeine Berichte, dieſem neue Befehle u. dgl. Auf unſerer rechten Seite war die Landſtraße mit dem nachrückenden Reſervecorps, mit Sanitätswagen und ganzen Zügen Verwundeter be— deckt. Oft mußte ein Gensdarmeriecorporal dorthin reiten, um ſich nach den Verwundeten zu erkundigen oder nach dem Namen eines Officiers, der eben vor⸗ beigetragen wurde. Bei ſolchen Gelegenheiten war auch der ſehr brave und tüchtige Arzt des Feldmar⸗ ſchalls, der Regimentsarzt Dr. Wurzian, hülfreich und thätig, und galoppirte auf ſeinem kleinen Rappen bald hier- bald dorthin, wo gerade dringende Hülfe nothwendig war, und wo er ſolche mittheilen konnte, ohne ſich gerade zu weit von der Perſon des Marſchalls zu entfernen, den er auch im vorjährigen Feldzuge begleitet hatte. Gegen halb 6 Uhr zogen viertauſend Grenadiere, das Reſervecorps, auf derſelben Straße. Bei ihrem Anblick lächelte der Marſchall ganz vergnügt, denn er liebt ſeine Grenadiere außerordentlich. Die Leute kamen gut geſchloſſen, aber faſt in vollem Trabe da— her, und der Marſchall meinte:„Wenn meine Gre— nadiere noch an die Arbeit kommen, da wird's ein ſchnelles Ende haben.“ Aber ſie kamen nicht mehr an die Arbeit. Gegen 6 Uhr tauchten auf unſerer linken Seite Reiter mit 167 weißen Mänteln aus dem Hügellande empor; es war der Vortrab des vierten Armeecorps. Daſſelbe ſtellte ſich à cheval der Straße gegen den Feind auf, und von allen Seiten begann ein letzter, neuer heftiger Angriff. Noch einmal tobte fürchterlich der Kanonen⸗ donner. Es war ein unerhörtes Krachen und der Boden dröhnte unter unzähligen Schlägen. Plötzlich aber hörte das Krachen auf und nur einzelne Schüſſe noch rollten dumpf vom fernſten Punkte des Kampfplatzes zu uns herüber. Bald herrſchte für den Augenblick ringsum tiefe Stille; aber nur für den Augenblick. Erwartungsvoll ſahen wir auf den Kampfplatz, und einer der Offiiciere ſagte:„Da drunten wird von Neuem geſtürmt!“ Und ſo war es auch. Der Geſchützdonner ſchwieg noch immer, aber das Kleingewehrfeuer begann mit furchtbarer Heftigkeit. Tauſende von Schüſſen knackerten durcheinander. Dumpf wirbelten die Trommeln und ungeſtümes, nicht enden wollendes Hurrahgeſchrei zeigte dem Ohre die Stelle, wo der Feind nach einem tüchtigen Bajonnetangriff vollſtändig geworfen wurde, und ſo auf allen Seiten.— Der öſterreichiſche Adler hatte geſiegt. Wohl grollten noch hie und da einige Kanonen— ſchüſſe durch die Dämmerung, wohl ſah man jetzt deutlicher als früher die großen Bogen der Raketen. 8 3 5 1 4 — 168 Das war aber nur ein kleines Nachſpiel. Es begann dunkel zu werden, vom Himmel hingen die Wolken ſchmutzig und grau wie lange Schleier herab auf die blutgetränkte Erde, leiſe und gleichförmig fiel der Regen hernieder und wuſch, die Pflichten weit ent— fernter Lieben übernehmend, manchem Todten mit— leidig das wachsbleiche Antlit.——— Unſere Wachtfeuer erhoben ſich dieſen Abend bis dicht vor Novara, das noch von feindlichen Truppen beſetzt war, welche in der armen Stadt fürchterlich hausten; wildes Geſchrei erſchallte aus den Gaſſen, hie und da knallten Flintenſchüſſe und ſchauerlich ent— ſtieg die Flamme brennender Häuſer gen Himmel und leuchtete weithin durch das Feld. Es war ſpät, als wir unſern Rückzug antraten und wir erreichten die Landſtraße erſt, als es ſchon vollkommen finſter war. Einen Ritt nun wie dieſen werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen. Gegen das Gefährliche deſſelben war Alles Kinderſpiel, was ich bisher in dieſem Genre, ſelbſt in Syrien, im Libanon, geleiſtet. Das Hauptquartier bildete eine lange Linie, an deren Spitze der Marſchall ritt. Die Straße war im wah— ren Sinne des Worts vollgepfropft, und Artillerie, Packwagen ꝛc. ſtanden ſo in einander geſchachtelt, daß die ganze Maſſe ſich nur langſam vorwärts bewe⸗ gen konnte. Und wir kamen ihr in finſterer Nacht 169 entgegen und ſuchten einen Durchweg. Zwiſchen den Wagen war der Durchgang ſo eng, daß man rechts und links an den Knieen die Räder der Wagen ſpürte; zwiſchen den Fuhrweſenspferden mußte man ſich ordent⸗ lich durchdrängen, und man konnte froh ſeyn, wenn Roß und Mann zwiſchen dieſen Beſtien, die wegen ihrer Böswilligkeit bekannt ſind, ohne zerſchlagene Glieder herauskam. Oft machten die Kolonnen auf einer Seite ein paar Fuß breit Platz, und dann führte unſer Weg über die Steinhaufen dicht an dem tiefen mit Waſſer an— gefüllten Chauſſeegraben vorbei, und einigemal über einen herabgeſtürzten Bagagewagen. Tragbahren und Karren mit Verwundeten befanden ſich mitten in dieſem Knäuel, und die tiefen Seufzer und das ſchmerzliche Geſtöhne in der dunkeln Nacht war höchſt ergreifend. Nach ungefähr zweiſtündigem Ritt(wir hatten am Tag für dieſelbe Strecke nicht drei Viertelſtunden gebraucht) erreichten wir Vespolate, einen kleinen Ort, welchem für heute Abend das Glück zu Theil wurde, den Sieger von Novara in ſeinen Mauern zu beherbergen. Man kann ſich denken, daß wir einen lebhaft erregten Abend hatten und am lodernden Ka minfeuer die Ereigniſſe des verfloſſenen Tages immer und immer wieder beſprachen. XI. V Vespolate. Zuſammenkunft mit dem König von Sardinien. Vespolate iſt ein kleiner Ort, ungefähr acht Miglien von Novara. Noch während der Nacht nach der Schlacht von Novara kamen Parlamentäre aus dem feindlichen Lager, welche einen Wafeenſtillſtand wünſchten. Gleichzeitig erhielten wir die zuverläſſige Nachricht, daß der König Karl Albert zu Gunſten ſeines Sohnes, des Herzogs von Savoyen, Victor Imanuel, der Krone entſagt habe. Am andern Mor⸗ gen, am 24ſten fanden wir uns Alle, und wie man ſich denken kann, voll Luſt und Freude in dem Hauſe ein, wo der Feldmarſchall Radetzky wohnte. In aller Frühe traf der piemonteſiſche General Coſſato im Hauptquartier ein, um dem Feldmarſchall von Seiten des Königs von Piemont den Wunſch auszudrücken, einen Waffenſtillſtand abzuſchließen und 171 ſo lange die Feindſeligkeiten eingeſtellt zu ſehen, bis er die Kammern von Turin in Kenntniß geſetzt habe. Dieſen Antrag, der ſchon in der Nacht dem Feldmarſchalllieutenant Heß, welcher auf dem Schlachtfeld blieb, vorgetragen und von dieſem ver— worfen wurde, wies der Graf Radetzky ebenfalls ent— ſchieden und mit dem Bedeuten zurück, daß die Feind⸗ ſeligkeiten Tag und Nacht fortwähren würden. Zugleich wurden aber die früheren Waffenſtillſtands⸗ bedingungen als die einzig annehmbaren angeboten, welche bis zum Abſchluß des Friedens die militaͤriſche Beſetzung der Länderſtrecke zwiſchen dem Ticino und der Seſia, ſo wie jene der Stadt Aleſſandria voll⸗ ſtändig und der Feſtung gleichen Namens mit getheilter Beſatzung, endlich den Abzug der ſardiniſchen Flotte aus dem adriatiſchen Meere, und die ſchnellſten Frie⸗ densunterhandlungen durch eigens hiezu zu beſtimmende Geſandte zwiſchen Oeſterreich und Sardinien feſtſetzten. Zugleich gab der Marſchall dem General würdig und deutlich zu verſtehen, wie wenig das frühere Be⸗ nehmen der piemonteſiſchen Regierung im Stande ſey, Oeſterreich, das ſtets offen und ehrlich verfahren, Vertrauen einzuflößen, und daß man an Friedens⸗ bedingungen nur vermittelſt der kräftigſten Garantien denken könne. Wenige Zeit darauf erſchienen neue Parlamentäre und trugen den Wunſch des neuen Königs Victor Imanuel vor, mit dem Marſchall in der Nähe von Novara perſönlich zuſammenzutreffen, welches auch zugeſagt wurde. Unterdeſſen befleißigte ſich das ganze Hauptquar tier, ſo viel es der Dienſt erlaubte, des emſigſten Briefſchreibens. In einer großen Stube des untern Stocks waren alle Tiſche, deren man habhaft werden konnte, mit Schreibmaterialien aller Art bedeckt. Jeder meldete ſeinen Angehörigen zu Haus Details, ſo viel wie möglich, von der gewonnenen Schlacht und zu⸗ gleich, daß er geſund und am Leben ſey. Vom Haupt⸗ quartier war ein einziger Officier, ein Adjutant des Feldmarſchalls, Major Mollinary, durch einen Schuß in den Schenkel verwundet worden. In der Nacht war man ſehr beſorgt um ihn geweſen, da man nicht wußte, wo er geblieben; doch war er gegen Morgen gebracht worden und ruhte nun beſtens verbunden auf einem guten Bette in den obern Zimmern des Hauſes. Auf der Straße, in den Gängen und Treppen war an dieſem Tage mehr Leben und militäriſches Getriebe, als je. Ordonnanzen und Adjutanten ka⸗ men und gingen, Officiere und Soldaten ſtanden vor dem Hauſe in den dichten Gruppen und blickten er— wartungsvoll auf die Straße gegen Novara, denn es hatte ſich das falſche Gerücht verbreitet, der König von Sardinien werde hieher nach Veſpolate kommen. Uns gegenüber an der Kirche war große Wein⸗ vertheilung. Dort lagen ungeheure Fäſſer auf breiten Wagen, die mit Ochſen beſpannt waren, und die Soldaten ließen ſich in großen Blechgefäßen, in Krü— gen oder in Gefäßen, die ſie gerade vorfanden, den dicken und guten Landwein ausmeſſen. Auch kamen Transporte von verwundeten Soldaten auf Sanitäts⸗ wagen, auf anderen Karren oder getragen von ihren Kameraden, und die meiſten der leicht Bleſſirten wurden nach Pavia gebracht. In meinem Quartier, bei einer Wittwe(ſie hatte den wohlklingenden Namen Roſa Clerici, ob— gleich ihr Aeußeres demſelben keine Ehre machte), fand am heutigen Morgen ein ſeltſamer Auftritt ſtatt. Ich wohnte dort, wie gewöhnlich, mit meinem freund— lichen Hauptmann S., dem Generalauditeur, beiſam— men, und im Nebenhaus waren ungefähr hundert piemonteſiſche Kriegsgefangene eingeſperrt. Dieſe nun waren aus ihren Zimmern ausgebrochen und hatten der Hauswirthin Kiſten und Kaſten geleert. Hände— ringend kam uns Roſa Clerici entgegen und meldete die ſaubere Geſchichte. Natürlich wurden die Sol— daten ſogleich zurückgebracht, Hauptmann S. ließ ſie im Hofe antreten und die ausgemittelten Rädelsführer 174 dieſer Räuberei wurden augenblicklich über die Bank gelegt und jeder erhielt fünfzig wohlgezählt und wohl⸗ gemeſſen. Ein noch vom geſtrigen Pulverdampf ſchwarz— gefärbter Jägercorporal und ein rieſenhafter Grenadier vollführten dieß Geſchäft emſig und feierlich. Gefan⸗ gene piemonteſiſche Officiere, die hinzu kamen, er⸗ klärten ihre Soldaten für eine Räuberbande und dankten recht ſehr für die vorgenommene Cxecution. Heute warteten wir ungeduldiger als je auf den Aufbruch des Hauptquartiers. Endlich Mittags gegen 1 Uhr ſtieg der Feldmarſchall Radetzky zu Pferde und wir ritten hinaus gegen Novara. Bald erreichten wir das Schlachtfeld vom geſtrigen Tage. Heute, hell und glänzend von der Sonne beſtrahlt, zeigten ſich deutlich die ſchrecklichen Verwüſtungen, die na⸗ mentlich die ſchweren ſechzehnpfündigen Batterien der Piemonteſen angerichtet. Fußdicke Bäume waren wie Halme geknickt, breite und tiefe Furchen hatten die Granaten in die aufkeimenden Saaten geriſſen, Weg— ſteine und maſſive Garteneinfaſſungen lagen zerſchmet⸗ tert umher, jubelnde Lerchen, die rechts und links emporſtiegen, ſchienen den armen Gefallenen, die zerriſſen und blutend den ewigen Schlaf ſchliefen, von einer fröhlichen Auferſtehung zu ſingen. Ein Schlachtfeld iſt ein entſetzlicher Anblick, namentlich aber am Tage nach der Schlacht, wo Alles kalt und ſtarr umherliegt und wo man nicht zerſtreut iſt durch das Rollen des Geſchützes, den Hurrahruf der Angreifenden, das Ziſchen der Raketen und Pfeifen der Kugeln.— Vorbei! vorbei!— Bald erreichten wir Bicocca, ein Dorf, wo der Kampf geſtern ſehr heftig gewüthet. Von hier an waren die Truppen längs der Chauſſee aufgeſtellt, und man kann ſich keinen Begriff machen von dem Jubelruf, mit dem der greiſe Marſchall empfangen wurde. Vivat, Evviva und Eljen tönten durch ein— ander und dazu ſpielten die Muſikbanden ernſt und feierlich die Volkshymne:„Gott erhalte unſern Kaiſer,“ und man ſah, daß die ernſten Klänge den Soldaten und Officieren tief zu Herzen gingen.— Gott erhalte unſern Kaiſer!l drang aus mancher treuen Bruſt her— vor; es war ja nicht bloß der Kaiſer, dem ihr Ju⸗ belruf galt, er galt auch dem Waffenbruder, dem hohen Kampfgefährten, der im vergangenen Jahre mit dabei war, als die Kugel ſauste und der Säbel klirrte, der hochherzig Theil nahm an Mühe und Gefahr, und deſſen Anweſenheit Kampf und Sieg verherrlichte. An den Straßen ſtanden die Einwohner und ſchwenkten ihre Hüte. Ich kann es nicht genug wie— derholen, wie freundlich ſich die Phyſiognomien der Leute geſtalteten, ſowie wir die Lombardei verließen 176 und in Piemont einrückten. Gern und willig gaben ſie, was ſie hatten, und man muß es unſern Truppen rühmend nachſagen, daß mit wenigen unbedeutenden Ausnahmen von Plünderung nichts gehört wurde; ja, ich habe ſtets geſehen, wie unſere Leute in Feindes— land ihre wenigen Kreuzer gern für das hingaben, was ſie von den Einwohnern verlangt. So die deut⸗ ſchen Barbaren! Nicht ſo die edlen Italiener! Wir ſind durch keine Stadt, durch kein Dorf gekommen, wo uns nicht die Einwohner wehklagend erzählt, daß ſie von ihren Landsleuten, von den Soldaten ihres eigenen Königs Karl Albert, ausgeplündert worden ſeyen. In Novara nun war die ganze Stadt mit weißen Fahnen geziert und von allen Balkonen winkten uns die Frauen und Mädchen freundlich entgegen. Auch hier waren alle Straßen mit langen Linien öſterrei— chiſchen Militärs beſetzt, und evviva l'imperatore! evviva Radetzky! dröhnte mit der Feldmuſik kräftig in den engen Gaſſen. Wir ritten durch die Stadt gen Vignale, einem kleinen Ort, wo die merkwürdige Zuſammenkunft zwi⸗ ſchen unſerem Feldmarſchall und dem König ſtattfin⸗ den ſollte. Doch es war nicht die Spada d'ttalia, die dorthin kommen wollte, ſondern der Herzog von Sa— voyen, der nunmehrige König von Sardinien. 177 Bis bei Vignale ſtanden unſere Truppen auf der Straße; manches Bataillon erſchien ſtark gelichtet; manches Regiment, das vorgeſtern noch eine große Strecke bedeckte, war klein zuſammengedrängt; doch die Uebriggebliebenen geſund und wohlgemuth, und wo zufällig nur ein Einzelner ſtand, ſchwenkte er die Miütze und ſchrie ſein Vivat, ſo laut er konnte. Rührend war dieß bei den armen Verwundeten zu ſehen, die auf Tragbahren und Wagen, noch elend zugerichtet, bei uns vorbeigeführt wurden. Sowie ſie den alten Feldmarſchall erblickten, ließ ſich ein ſchwaches Vivat, ein dumpfes Eljen hören und die geſunde Hand hob ſich zur Begrüßung in die Höhe. Es iſt etwas Ergreifendes um die Liebe des eben vom Schlachtfeld heimgekehrten Soldaten zu ſeinem Führer, ein Band, das feſter hält, als alle Disciplin. Ich ſah verwundete Soldaten, die den Mann mit den weißen Haaren nur mit einem Blick grüßen konnten, aber dieſer Blick fragte: nicht wahr, du biſt zufrieden? Der Soldat aber hat vor der Schlacht nicht gefragt: wo führſt du uns hin?— er iſt vertrauensvoll ge folgt. Wir haben viele Leute verloren— ſehr viele ſind verwundet, und wer ſich eine Idee von den bra ven öſterreichiſchen Officieren machen will, der höre, daß unter zehn bis zwölf Bleſſirten ein Officier iſt. Doch genug von dieſen ernſten Bildern. Bald Hackländer, Soldatenleben im Krieg 8 12 1 1* — — 178 erreichten wir Vignale, und nachdem der Feldmarſchall, umgeben von ſeinem zahlreichen und glänzenden Ge⸗ folge, in der Mitte des Ortes eine Zeitlang gewar⸗ tet, kam der König von Sardinien in vollem Galopp mit ſeinem Gefolge angeſprengt. Ich könnte nicht ſagen, daß dieſer junge König etwas Imponirendes oder nur etwas ſehr Würdiges in ſeinem Aeußern hätte. Er iſt klein, rollt ſeine Augen auf eine ſonder⸗ bare Art umher, und trägt einen ungeheuern hell— blonden Schnurr- und Knebelbart. Sein Anzug war ganz phantaſtiſch; er hatte eine Art reich verſchnürten polniſchen Rock an, einen eben ſolchen als Dollman, wie ihn die Huſaren führen, und auf dem Kopfe, ſtark auf's rechte Ohr geſetzt, eine Feldmütze mit rother Einfaſſung. In ſeinem Gefolge waren unter Anderen ebenſo phantaſtiſch aufgeputzte unbekannte Größen, die beiden Generale La Marmora, wovon der eine der Chef und Errichter des Corps der Ber⸗ ſaglieri(Scharfſchützen, die beſten piemonteſiſchen Truppen)— er erhielt bei Goito im vorigen Feldzug einen Schuß durch die Backen— und der andere der⸗ jenige iſt, der ſich beſtändig ein Vergnügen daraus macht, alles nur erdenkliche Böſe und Unwürdige über die öſterreichiſche Armee zu ſchreiben. Der König küßte den Feldmarſchall;z das Gefolge grüßte uns, mit welchen Gefühlen kann man ſich denken. Alsdann ritten der König, der Feldmarſchall und Feldmarſchalllieutenant Heß in den Hof eines naheliegenden Hauſes, wo nach viertägigem Feldzug über den Frieden unterhandelt wurde. Es war ein großer hiſtoriſcher Moment. Die drei Männer ſtanden in der Mitte des Hofes zuſam— men und in einem weiten Kreiſe um ſie herum Sere ſchaner in ihren rothen reichverzierten Coſtümen. Einer meiner hieſigen Bekannten, der liebenswürdige junge Graf Schönfeld von Reuß-Huſaren, der dem König entgegengeſchickt worden, um ihm anzuzeigen, daß ihn der Feldmarſchall erwarte, erzählte mir, Se. Majeſtät ſey in vollem Galopp aus einem Bauernhofe ihm ent gegengeſprengt und habe unter Anderem geſagt:„Nun in Mortara habt Ihr mir ſechs Pferde genommen, wie ich in meinem Leben keine mehr bekomme; es iſt ein ſchwarzbrauner darunter; warnen Sie den, der ihn bekommt, er überſchlägt ſich gern.“ Eines dieſer Pferde, einen prachtvollen Rappen, ritt der Stall meiſter des Feldmarſchalls im Gefolge, und als ihn der König bemerkte, gab der alte Herr ihn Sr. Ma— jeſtät mit der größter Liebenswürdigkeit zurück. Die Unterhandlungen dauerten über eine Stunde, und es wurde ein vorläufiger Waffenſtillſtand abge— ſchloſſen; wenigſtens erging, nachdem der König mit ſeinem Gefolge ſich im Galopp entfernt, an alle —y—— 1 1 1 180 Armeecorps der Befehl, nicht mehr vorzurücken, ſon— dern in ihren Stellungen zu verbleiben. Obgleich die Straße nach Novara mit zahlreichen Colonnen Infanterie, Kavallerie, Artillerie und Wa— gen aller Art bedeckt war, ritten wir ſehr ſcharf nach der Stadt zurück, voran die Sereſchaner und Stabs— V dragoner mit ihren flatternden Mänteln. Am Himmel hatte ſich ein Gewitter zuſammengezogen, die Blitze leuchteten, die Wachtfeuer rechts und links qualmten und flammten hoch empor, die Soldaten ſchrien jubelnd ihren Gruß, die Lunten der Artilleriſten glühten wie V Leuchtkäfer durch die Nacht, die Pferde ſprangen und ſcheuten— es war ein wilder Ritt. XIII. Schlachtbericht. Die piemonteſiſche Armee und ihre Operationen. Hauptquartier Novara, 24. März. 12 Uhr Nachts. „Ich hatte die Ehre, einem hohen k. k. Kriegs⸗ miniſterium meine letzte Mittheilung zu überſenden, welche hochdaſſelbe mit dem Vorrücken unſerer Armee bis Mortara und dem glänzenden Gefechte daſelbſt, welches zur Einnahme dieſes Ortes führte, bekannt machte. Ich habe heute dagegen einen viel wichtigern und entſcheidendern Sieg zu verkünden. Die feind⸗ liche Armee, ſchon durch die Wegnahme von Mortara von ihrer eigentlichen Rückzugslinie abgeſchnitten, ent— ſchloß ſich in der Stärke von 50,000 Mann in der Stellung von Olengo vor Novara ihr Glück zu ver— ſuchen. Das die Avantgarde bildende zweite Corps unter dem Befehl des tapferen Feldzeugmeiſters Baron 182 d'Aspre marſchirte geſtern von Veſpolate auf Olengo vor, und ſtieß daſelbſt auf den auf den dortigen Höhen aufmarſchirenden Feind. Die unerwartete Stärke des⸗ ſelben machte das Gefecht einige Stunden zweifelhaft, da das zweite Corps nicht ſogleich von dem hinter ihm marſchirenden unterſtützt werden konnte. Ebenſo hatte ich in die rechte Flanke des Feindes das vierte und hinter ihm das erſte Corps diſponirt, um jenſeits der Agogna denſelben noch gänzlich zu umgehen. Se. k. k. Hoheit der Erzherzog Albrecht, welcher die Avant gardediviſion commandirte, hielt dahier mit Helden— muth durch einige Stunden die Angriffe des Fein— des von der Fronte aus auf, bis Feldzeugmeiſter Baron d'Aspre im Verein mit dem Commandanten des dritten Corps, Feldmarſchalllieutenant, Baron Appel, dieſes letztere Corps mit ebenſo viel Entſchloſſen⸗ heit als Klugheit auf die beiden Flügel der Diviſton Erzherzog Albrecht diſponixte, ich ſelbſt aber das Re⸗ ſervecorps hinter das Centrum dieſer Diviſion beorderte. Bei dem unübertrefflichen Muth und der mit nichts zu vergleichenden Tapferkeit und Entſchloſſenheit meiner braven Truppen gelang es auch, unſere Fronte ſiegreich zu behaupten, bis das vierte Corps durch die umſichtige Leitung ſeines Commandanten, Feldmarſchalllieutenant Graf Thurn, jenſeits der Agogna in die rechte Flanke des Feindes dergeſtalt kräftigſt wirkte, daß bei dieſer 183 entſcheidenden Bewegung der Feind gegen Abend auf allen Punkten ſich in großer fluchtartiger Verwirrung zurückzog und in nördlicher Richtung einen ganz ihm aufgedrungenen Rückzug in das Gebirge zu nehmen genöthigt war. Ich kann bei dieſen Kämpfen nur mit gerührtem Herzen die Ergebung für Ew. Majeſtät Dienſt und die an höchſte Begeiſterung grenzende Tapferkeit meiner würdigen Generale, der braven Officiere und der Mannſchaft meines tapferen Heeres erwähnen. Jeder Einzelne war ein Held. Um gerecht zu ſeyn, müßte ich eigentlich alle nennen, denn der tapfere Einklang von oben herab war der gerechten Sache, die wir für unſern Kaiſer verfochten, im höchſten Grade würdig. Ich wünſche Sr. Majeſtät doer Glück zu ſo einem Heere, Viribus unitis war der Wahlſpruch dieſer Schlacht. Die Verdienſte des Feld— zeugmeiſters Baron d'Aspre, des Feldmarſchalllieute— nants Grafen Thurn, deren Corps in der erſten Linie der Schlacht fochten, verdienen die höchſte Anerkennung. Feldmarſchalllieutenant Baron d'Aspre beſonders hat ſeinen früheren Lorbeeren nun auch dieſe neuen hin zugefügt. Gleich nach ihm kommt das Verdienſt Sr. k. k. Hoheit, des Erzherzogs Albrecht, dieſes erlauchten Herrn, der, um ſeine Leiſtungen vor dem Feinde erſt zu prüfen, ſich freiwillig bei Sr. Majeſtät das Commando einer Diviſion erbeten hatte, obwohl höchſtderſelbe ———— q·,, — 184 ſchon früher Commandirender geweſen. Derſelbe be⸗ wies an dieſem heißen Tage eine bewunderungswür⸗ dige Standhaftigkeit und wich nicht einen Schritt aus ſeiner ſehr gefaͤhrdeten Stellung zurück. Nur Gerech— tigkeit wär' es, dieſen Prinzen des Hauſes mit dem Thereſienorden zu ſchmücken. Ebenſo haben die Feld⸗ marſchalllieutenant Graf Schaffgotſche des zweiten Corps, Feldmarſchalllieutenant Culoz des vierten, Lich— nowsky des dritten, ferner Generalmajor Graf Degen⸗ feld, welcher ein Pferd unter dem Leibe verlor, Fürſt Friedrich Liechtenſtein, Graf Stadion, welcher bleſſirt wurde, Graf Kolowrat, Maurer und Alemann, der ebenfalls verwundet worden, dann der Oberſt und Quabrigadier Baron Bianchi von Kinsky, Oberſt Graf Degenfeld von Erzherzog Leopold, der tapfere Oberſt Benedeck von Giulay, Graf Kielmansegge(ſchwer verwundet), von Baumgarten,¹ Weiler von Erzherzog Franz Karl Infanterie und Weiß vom 9ten Jäger⸗ bataillon, ohne der übrigen Stabs- und Oberofficiere zu gedenken, welche ich in den nächſten Tagen nach— tragen werde, ſich beſonders hervorgethan. An Tro⸗ phäen haben wir zwölf Kanonen, eine Fahne, zwei⸗ bis dreitauſend Gefangene. Der Verluſt des Feindes beträgt, ſo viel bekannt, zwei Generale todt, ſechzehn ¹Er ſtarb nach ſechswöchentlichen ſchweren Leiden zu Pavia an ſeiner Verwundung. 185 todte und verwundete Stabsofficiere, drei⸗ bis vier⸗ tauſend Mann. Unſer Verluſt an dieſem entſcheiden⸗ den Tage war leider ſehr bedeutend. Die Regimenter und Bataillone der erſten Schlachtlinien haben jedes zehn bis zwölf Stabs- und Oberofficiere, theils todt, theils bleſſirt verloren und der Verluſt an Mannſchaft beläuft ſich an Todten und Bleſſirten zwiſchen zwei— bis dreitauſend Mann. Allein Niemand war zu halten, man wollte nicht nur allein nicht der Letzte, man wollte überall der Erſte ſeyn. Die Schlacht dauerte von früh 10 Uhr bis tief in die Nacht. Als ich nun nach vollendeter Schlacht mich in mein Hauptquartier zurückverfügte und den Generalquartiermeiſter der Ar⸗ mee, Feldmarſchalllieutenant Heß, noch zu den Dis⸗ poſitionen der Verfolgung des Feindes auf dem Schlacht⸗ felde zurückließ, wurde demſelben plötzlich der piemon⸗ teſiſche General Coſſato als Parlamentär angeſagt, welcher mit ihm zu ſprechen wünſchte, und mir durch ihn von Seite des Königs von Piemont der Wunſch ausgedrückt, einen Waffenſtillſtand zu ſchließen, mit dem Erſuchen, ſo lange die Feindſeligkeiten einzuſtel— len, bis er die Kammern in Turin davon in Kennt niß geſetzt habe. Dieſer Antrag wurde bei meiner Abweſenheit durch Feldmarſchalllieutenant Heß augen— blicklich verworfen, mit dem Bedeuten, daß die Feind— ſeligkeiten Tag und Nacht fortwähren würden; zugleich b — ——— 186 aber die früheren Waffenſtillſtandsbedingungen als die einzig annehmbaren angeboten, welche bis zum Ab— ſchluß des Friedens die militäriſche Beſetzung der Länderſtrecke zwiſchen dem Ticino und der Seſia, ſo— wie jene der Stadt Aleſſandria vollſtändig und der Feſtung gleichen Namens mit getheilter Beſatzung, endlich den Abzug der ſardiniſchen Flotte aus dem adriatiſchen Meere, und die ſchnellſten Friedensverhand⸗ lungen durch eigens zu beſtimmende Geſandte hiezu zwiſchen Oeſterreich und Sardinien feſtſetzten. Am heutigen Tage erfuhr ich durch den genannten piemon— teſiſchen General, daß Karl Albert abgedankt und nach der Schlacht die Krone an ſeinen älteſten Sohn, den Herzog von Savoyen übertragen habe. Ich werde am morgigen Tage die detaillirten Punkte dieſer Con— vention, deren noch einige beſtimmter feſtgeſetzt werden, einem hohen Kriegsminiſterium ehrfurchtsvoll einſen— den, da die Erſchöpfung und Ermüdung der Einzelnen aus meiner Umgebung keinen ausführlicheren Bericht hierüber für heute geſtatten. Radetzky, Feldmarſchall.“ So war denn mit dieſer einzigen großen Schlacht der Feldzug beendigt, und es war nicht eine Woche ver— gangen, ſeit der Feldmarſchall Radetzky aus Mailand gezogen war. Mit mehr Recht, wie er, hat wohl nach dem großen Sturme Niemand ſagen können: veni, 187 vidi, vici. Und gegen wen waren die glänzenden Ge fechte vom Gambolo und Mortara, ſo wie die Schlacht von Novara gewonnen worden? nicht gegen Land⸗ und Bürgerwehren, nein gegen die wohldisciplinirte und namentlich in einem Haupttheil, der Artillerie, vor trefflich verſehenen piemonteſiſchen Armee; und wie waren in den meiſten dieſer Gefechten die feindliche Uebermacht ſo groß, die Anzahl der piemonteſiſchen Truppen den öſterreichiſchen ſo ſehr überlegen? man betrachte nur die erſte Hälfte der Schlacht bei Novara, wo Feldmarſchalllieutenant d'Aspre bei Olengo mit nicht ganz 20,000 Mann die feindliche Hauptmacht von 50,000 Mann ſo beſchäftigte und im Schach hielt, daß dieſelbe trotz dem furchtbaren Feuer ihrer ſchweren Artillerie keinen Schritt breit Boden gewinnen konnte. Was nun dieſe piemonteſiſche Armee anbelangt, ſo hatte dieſelbe bei dem vorjährigen Feldzug unge— heure Verluſte erlitten. Nach der Capitulation von Mailand verſammelte der König Karl Albert nicht über 30,000 kampffähige Soldaten mehr unter ſeinen Fahnen, die übrigen waren zerſtreut oder lagen in den Spitälern. In dem Moment nach Abſchluß des Waffenſtillſtandes zählte man noch 18,000 Fieberkranke oder Verwundete auf den Liſten. Die Einrichtung des Verpflegungsdienſtes und der Ambulanzen war kläglich, am beſten hatte noch Artillerie und Reiterei 3 1 p 4 4 188 Disciplin und kriegeriſchen Geiſt erhalten. Der Soldat, im Bewußtſeyn, ſich gut geſchlagen zu haben, warf die Verantwortlichkeit der Niederlage auf ſeine Chefs und glaubte überzeugt zu ſeyn, er hätte bei beſſerer Führung hie und da über die Oeſterreicher einen Sieg davon tragen können. Das ſchien ſich auch für den dießjährigen Feldzug beſſer geſtalten zu wollen. Das Heer wurde den, wie man allgemein annahm, ſehr geſchickten Händen des Generals Chrzanowsky anver⸗ traut und bildete eine Maſſe von 120,000 Mann. In dieſer Maſſe mußte man jedoch unterſcheiden, was eigentlich Soldat war, und diejenigen Beſtandtheile, die nur zeitweiſe und im Innern zum Krieg verwen⸗ det werden konnten. Bloß die erſteren waren das aktive Heer, das aus acht Diviſionen beſtand und am Tag der Aufkündigung des Waffenſtillſtands folgende Stellungen inne hatte: Vorhut 3500 Mann in Caſtel— San-Giovanni, Fiancanguola ꝛc. Erſte Diviſion Ge⸗ nerallieutenant Durando(derſelbe, der die päpſtlichen Truppen bei Vicenza befehligte) in Valenza, Mede, Lumello; zweite Diviſion Generallieutenant Bes, in Mortara, Vigevano, Gambolo ꝛc.; dritte Diviſion General Perone, in Caſala, Gattinara, Tornio; vierte Diviſion unter den Befehlen des Herzogs von Genua, zweiten Sohn des Königs, in Novara, Ver⸗ celli ꝛc.; fünfte Diviſion(die lombardiſche) General 189 Ramorino, in Aleſſandria, Bosco, Solero; Reſerve diviſion unter den Befehlen des Kronprinzen, Herzogs von Savoyen, in Caſale, Vercelli, Trino; ſechste Diviſion, Generalmajor Alphons La Marmora, in Sar— zana; ſiebente Diviſion, Generalmajor Solaroli, in Arona; Geniecorps in Aleſſandria; Artilleriereſerve ebendaſelbſt; Guiden zu Pferd, in Vercelli. Die vier erſten Diviſionen und die Reſervediviſion waren jede etwa 10,500 Mann ſtark; die lombardiſche 7500 Mann, die ſechste 7000 Mann, die ſiebente 5000 Mann. Dieſe beide letzteren waren aus den Reſervebataillonen gebildet. Das Geniecorps zählte 2000 bis 2300 Mann. Das aktive Heer beſtand alſo aus einer Streitmacht, die ohne Uebertreibung zu 80,000 Mann berechnet werden kann, darunter 65,000 Mann gute Truppen und 15,000 Mann, die erſt ihre Probe ablegen muß⸗ ten. Die Artillerie beſtand aus 21 Batterien, jede zu 8 Stücken, zuſammen 168 Feuerſchlünde, 18 pie— monteſiſche und 3 lombardiſche Batterien. Die piemonteſiſche Artillerie iſt eine der beſten von Europa und das Material ausgezeichnet gut. Die Reiterei zählte 6 piemonteſiſche Regimenter, je zu 6 bis 700 Pferden. Die Reiter führen eine Lanze, einen geraden Säbel, einen Carabiner, pistolone genannt, der in einen Holfter geſteckt wird, die Kopfbedeckung iſt ein Helm. Dazu kamen 3 Schwadronen Guiden, 190 jede zu 100 Pferden, ein Regiment lombardiſcher Che— vauxlegers und ein noch unvollzähliges Regiment reich gekleideter lombardiſcher Dragoner. Die piemonteſiſche Kavallerie iſt gut, bei 5 bis 6000 Reiter. Ober⸗ feldherr war der König Karl Albert, Chrzanowsky war Generalmajor und übernahm die Verantwortlich keit der militäriſchen Operationen; General Alexander La Marmora war Chef des Generalſtabs, General Coſſato Unterchef, General Roſſi Befehlshaber der Artillerie, Oberſt d'Alberti Befehlshaber des Genie. Das Heer hatte überdieß einen Belagerungspark von 80 Stücken groben Geſchützes zur Verfügung. Auf ſeine Artillerie und Kavallerie hielt Karl Albert große Stücke, bei Beginn des vorjährigen Feld⸗ zugs ſoll er geäußert haben: er ſey auf den Moment begierig, wo ſeine Kavallerie zum erſtenmal mit der öſterreichiſchen zuſammenkommen würde und verſprach ſich ein gutes Reſultat davon, trotzdem er ſelbſt die Tüchtigkeit und Tapferkeit der öſterreichiſchen Reiterei vollkommen anerkannte. Doch hat die piemonteſiſche Reiterei nie etwas ausgerichtet, große Kavalleriegefechte fanden nicht ſtatt, in kleinen Attaquen zog ſie beſtän— dig den Kürzern. So erzählte mir ein Uhlanen⸗Ritt⸗ meiſter, welcher im vorjährigen Feldzug mit ſeiner Eskadron in Santa Lucia auf Vorpoſten ſtand und den Befehl erhielt, eine Rekognoscirung gegen Villa— 191 franca zu machen, welcher Ort vom Feinde ſtark be ſetzt war: die Eskadron rückte alſo vor und die Avant garde derſelben ſtieß vor Villafranca auf eine feindliche Dragonerabtheilung, die ebenfalls zum Rekognosciren gegen Santa Lucia vorrückte; die Uhlanen griffen muthig den Feind an, der ſich ſogleich auf ſeine Haupttruppe zurückzog; dieſe, bei 400 Pferde ſtark, alſo den Oeſterreichern wenigſtens um das Dreifache überlegen, rückte gleichfalls vor und nun attaquirten beide Kavallerien auf einander, wobei ein Lieutenant ſchwer, einige Uhlanen leicht verwundet, die piemon— teſiſchen Dragoner aber über den Haufen geworfen und bis nach Villafranca hineingetrieben wurden, bei welcher Gelegenheit 17 Dragoner heruntergeſtochen und 22 ſammt Pferden zu Gefangenen gemacht wur— den. Ihre Niederlage wäre aber weit bedeutender ausgefallen, wenn es den Oeſterreichern möglich ge— weſen wäre, die Straße zu verlaſſen und ſich auszu— breiten, doch ließ das ungünſtige Terrain, die Waſſer— gräben und Anpflanzungen zu beiden Seiten keine Evolutionen zu. Dieſe Dragoner der piemonteſiſchen Armee ſind ihre beſten Kavalleriſten, ſie reiten auf großen, mehr ſchweren als leichten meiſt deutſchen Pferden und ſind mit ſehr langen ſchweren Lanzen, die ſie aber gewöhn⸗ lich am linken Arm tragen, ſowie mit ſehr langen, 4½, 192 gleichfalls ſchweren Säbeln bewaffnet. Es mag wohl mit an dieſer Bewaffnung und den unbehülflichen Pferden liegen, daß ihr Angriff ſchwerfällig und nicht mit jener Schnelligkeit und Gewandtheit ausgeführt wird, wie es bei der öſterreichiſchen Reiterei der Fall iſt; auch wiſſen ſie mit der blanken Waffe nicht ſo um— zugehen und müſſen daher nothwendig im Handge⸗ menge den Kürzern ziehen. Die piemonteſiſche Artil⸗ lerie iſt, wie ſchon geſagt, vortrefflich, ihre Beſpannung ſehr gut und die Bedienung geht raſch von Statten; dabei haben ſie den ſehr großen Vortheil, daß ihre ſchweren Feldbatterien(16 Pfünder) 4 Pfund Eiſen mehr ſchießen, wie die öſterreichiſchen 12 Pfünder, ſie haben Wandlaffetten mit ſehr hohen Rädern und ſehr kleine Protzkaſten, ihre Munitionswagen ſind von außer⸗ ordentlicher Schönheit und Solidität. Die piemonte⸗ ſiſche Artillerie ſchießt zwar nicht beſſer, wie die öſter— reichiſche, aber um etwas weiter, da ihre Kanonen weni⸗ ger Spielraum für die Kugel haben, das Pulver daher auch mehr Kraft entwickeln kann. Auf 1000 bis 1200 Schritt ſchoſſen ſie am beſten, weßhalb die Oeſterreicher die Vorſicht gebrauchten, ihnen ſo nah wie möglich zu rücken, weil ſie da häufig überſchoſſen, auch mit den Shrapnels wiſſen ſie gut umzugehen und haben na⸗ mentlich bei Novara viel Schaden damit gethan. Was die Infanterie anbelangt, ſo iſt die 193 piemonteſiſche Armee damit nicht gut verſehen, die Leute ſind meiſtens klein, ſchwächlich und nicht beſonders einexercirt, ſie laſſen ſich den Feind nicht gern auf den Hals kommen und ſchießen deßhalb nicht ohne Erfolg auf ſehr weite Entfernung, finden aber einen Kampf im freien Felde ſehr unbehaglich. Es iſt, glaube ich, in beiden Feldzügen kein Fall vorgekom⸗ men, daß ſie einen Bajonnetangriff ausgehalten, ge⸗ ſchweige ihn abgeſchlagen hätten, daher waren ſie auch, im Bewußtſeyn dieſer ihrer Schwäche, wo es eben thunlich war, ſtets bis an die Zähne verſchanzt und ſelten zu bewegen in's Freie zu kommen. Hinter dieſen Verſchanzungen und ſchützenden Gegenſtänden haben ſich dagegen alle italieniſchen Truppen, Pie— monteſen, Römer und Neapolitaner recht ordentlich geſchlagen, und wo ſie ihr Gewehr auflegen oder zu einer Schießſcharte heräusſtrecken konnten, ſchoſſen ſie gut und ſicher. Die braven öſterreichiſchen Truppen dagegen ließen ſich bei ſolchen Gelegenheiten, wo ſie natürlich gegen den gedeckt ſtehenden Feind im Nachtheil waren, nicht viel auf's Schießen ein, ſondern gingen mit dem Bajonnet und einem lauten Hurrah darauf los; die Verſchanzungen waren in den meiſten Fällen bald erſtiegen, die Italiener warfen Gewehre, Säbel, Patrontaſchen, Torniſter und Tſchakos von ſich, ſuchten das Weite und die Hackländer, Soldatenleben im Krieg 9 13 1 1 4 5 b 194 Luft ertönte von ihrem Geſchrei:»Misericordia! Prego la vita!« Eines ihrer beſten Corps waren die Berſaglieri (ſavoyiſche Scharfſchützen); ſie haben vortreffliche Kammerbüchſen, womit ſie namentlich hinter Deckungen ſchon auf 6— 800 Schritt den Oeſterreichern vielen Schaden zufügten. Was nun die Operationen der piemonteſiſchen Armee unter Chrzanowski in dieſem Feldzug anbe⸗ langt, ſo kann ich nicht umhin, hier einen ſehr ge— diegenen und treuen Bericht eines deutſchen Officiers über dieſelben folgen zu laſſen, wie ihn die Allgemeine Zeitung im April dieſes Jahrs mittheilte: „Wie die politiſche Stellung Oeſterreichs in Ita⸗ lien es mehr als wünſchenswerth erſcheinen ließ, den neu ausgebrochenen Kampf ſo raſch wie möglich zur Entſcheidung zu bringen und zu beenden, was natur⸗ gemäß den offenſiven Charakter der Kriegführung in ſich ſchließt, eben ſo beſtimmt und klar waren die Piemonteſen auf die Defenſive verwieſen, vom mili— täriſchen wie noch mehr vom politiſchen Geſichtspunkt aus betrachtet. Die Ueberlegenheit des Gegners im freien Felde war einmal nicht wegzuläugnen. In taktiſcher, wie in moraliſcher Hinſicht kann keine ita— lieniſche Truppe ſich den Oeſterreichern an die Seite ſtellen; in ähnlichem Verhältniß ſtehen die gegenſeitigen dlà elen 195 Führer zu einander. Oder ſollte Chrzanowski ſich einem Radetzky überlegen gefühlt haben? Von ſolchem Wahn wird er jetzt wohl geheilt ſeyn. Die politiſche Rück⸗ ſicht gebot den Piemonteſen weiter jedem Hauptſchlag auszuweichen, Radetzky ſo lange, wie nur immer möglich hinzuhalten, um den Lombarden Zeit zu ver— ſchaffen, bedeutende Aufſtände in's Leben zu rufen, worauf ſie doch auch nicht wenig gerechnet hatten. Nur vierzehn Tage die Seſia- und Polinie gehalten, was mit ihrer anerkannt guten Artillerie keine zu ſchwere Aufgabe geweſen wäre, und Radetzky hätte ſich wohl zu Entſendungen veranlaßt geſehen, die ſeine kühnen Angriffsdiſpoſitionen gewaltig verändert haben würden. Dann erſt kam der Zeitpunkt für die Piemonteſen, mit mehr Ausſicht auf Erfolg die De— fenſive mit der Offenſive zu vertauſchen. Welche Reſultate eine kräftige Defenſive, ſelbſt mit ſehr mittelmäßig organiſirten Truppen, die übri— gens Muth beſitzen müſſen, liefern kann, zeigen uns ſeit mehreren Wochen die Theißniederungen in Un— garn. Wir ſind überzeugt, daß das polniſche Element im piemonteſiſchen Obergeneral und andern polniſchen Officieren des Heeres den Oeſterreichern auch an dem Po und der Seſia warm gemacht hätte. Nächſt dieſem troſtloſen Bürgerkriege konnte Sar⸗ dinien ſeine im Jahr 1848 gemachten Erfahrungen —— — 196 auch noch zu Rathe ſitzen laſſen. Hatte es die Ope— rationen vom 23. Juli bis 6. Auguſt verfloſſenen Jahrs ſo ganz und gar vergeſſen? Als Sieger hatten ſich ſeine Streiter wie die Maulwürfe am Mincio eingegraben; ſie verläpperten damals die ſchönſte Zeit, bis Radetzky erſtarkt war und ſie dann ſammt allen Schanzen und Poſitionsgeſchützen mit einem Schlage bis Mailand vor ſich hertrieb. Und nun, im jüngſten Monate, fällt es ihnen bei, rein offenſiv zu verfah— ren, wo ihnen richtig angelegte verſchanzte Poſitionen als kräftige Stützpunkte ſo noth gethan hätten! Natürlich verſtehen wir unter kräftiger Defenſive kein ſo ſaumſeliges, unthätiges Verhalten, wie es ſich bei den Piemonteſen in den Mincioverſchanzungen zeigte, ſondern eine richtig verbundene Wechſelwirkung von Angriff und Vertheidigung, und einen beſtimmten Terrainabſchnitt feſtzuhalten. Die piemonteſiſche Grundſtellung und deren Schwä⸗ chen haben wir in einem früheren Aufſatz ſchon be— urtheilt, es bleibt uns deßhalb nur noch zu zeigen übrig, wie Chrzanowski aus dieſer Stellung operirte, und wie er hätte operiren können, um die begangenen Mißgriffe etwas auszugleichen; daß Pavia mit der günſtigen Poſition am Gravellone ſo ganz unbeachtet gelaſſen wurde, iſt ein ſo unbegreiflicher, wie unver— zeihlicher Fehler. Bedenkt man, daß es ſchon Pflicht 197 eines jeden Subalternofficiers auf Vorpoſten iſt, ſich alle Fälle zu vergegenwärtigen, in welche ſeine Feld— wache bei feindlichem Angriff gerathen könne, um ſein Verhalten möglichſt darnach vorherzubeſtimmen, um wie viel mehr mußte man erſtaunt ſeyn, einen Offenſivfeldzug mit einem ſo groben Fehler eröffnet zu ſehen. Nach den Berichten überſchritt Chrzanowski am 20. März mit 20,000 Mann den Ticino bis Buffa⸗ lora und ging bis Magenta vor. Eine Recognoseci— rung bis Sedriano ergab als Reſultat, daß dieſe Straße ganz frei vom Feinde ſey, woraus ſich die richtige Folgerung ergab, daß Radetzky keine Wich— tigkeit auf den Beſitz von Mailand im Augenblick lege, und ſich demnach eine andere Operationslinie gewählt habe. Nun erſt erkannte man den großen Werth von Pavia. Man hatte den Gedanken dort— hin zu gehen. Es blieb aber beim Gedanken, für deſſen Ausführung war es wirklich nicht allein zu ſpät, ſondern dieſe Demonſtration im Rücken der Oeſterreicher bot auch wenig Ausſicht auf Erfolg, daß man richtig ahnte, daß Radetzky, nachdem Mailand ſelbſt nicht gedeckt war, mit vereinter Macht operiren werde, und ſomit es ihm und ſeinen Truppen noch leichter geworden wäre, die ſo getheilten piemonteſi— ſchen Streitkräfte zu ſchlagen und zu vernichten. Nun 12 —— ———— — — 1 4 2 — 198 ging Chrzanowski mit ſeinem Corps wieder auf No⸗ vara zurück. Abermals ein Fehler! Was that er mit dieſen Streitmitteln zu Novara, während es ihm klar ſeyn mußte, daß Radetzky zu Pavia den Ticino über⸗ ſchritten hatte? Er mußte auf kürzeſter Linie von Magenta aus über Abbiate Graſſo nach Vigevano ſich wenden, die beiden Corps vereinigen und mit Uebermacht— da ihm wenigſtens 30,000 Mann auf dieſem Punkte zur Verfügung ſtanden— auf die Verbindung der Oeſterreicher über Gambolo nach Tru— mello losgehen. Hätte er auch da die Oeſterreicher nicht gefunden, ſo war mit dieſem Marſche nichts verloren, ſondern nur gewonnen, da es einmal That⸗ ſache war, daß Radetzky nicht auf Novara, ſondern im Süden manövrire, und er demnach jedenfalls ſeine Kräfte dem Feinde zu concentrirt hätte. Chrzanowski ging zwar ſelbſt nach Vigevano, gab dadurch zu er— kennen, daß ihm die Wichtigkeit dieſer ſtrategiſchen Sachlage nicht entgangen war, führte aber das Flan— kenmanöver nicht mit der Kühnheit und Entſchloſſen⸗ heit aus, mit der es in dieſem großen Moment galt, die Achillesferſe der öſterreichiſchen Operation zu durchſchneiden. Hier mußte ein kecker Wurf geſchehen, der nicht allein alle begangenen Fehler vergeſſen machte, ſondern auch eine Brücke zur wirklichen Of⸗ fenſive erbaute. So aber tritt nur ein Häuflein von 199 12,000 Mann bei Gambolo auf und wird natürlich geworfen. Wäre das Corps des Feldmarſchalllieutenants Wohlgemuth bei Gambolo geſchlagen worden, ſo hätte dieß gewiß eine höchſt mißliche Lage für Radetzky zur Folge gehabt. Wie die Piemonteſen nun Vigevano räumen mußten, ſo wäre es den Oeſterreichern mit dem bereits erſtürmten Mortara ergangen, und die Dinge hätten ſich ehrenvoller, ja unberechenbar vor— theilhafter geſtaltet. Zu Gambolo mußten die Pie⸗ monteſen demnach ſiegen oder untergehen. Statt deſſen gewinnt Radetzky durch dieſes glückliche Treffen und die Räumung von Vigevano eine zweite, bei weitem kürzere Verbindung an den Ticino, welche ihn vor allen bedeutenden Wechſelfällen des Kriegs ſicher ſtellte. Nach dieſen Schlappen concentrirt Chrzanowski ſeine Kräfte bei Olengo und um Novara. Wir fin⸗ den in keinem Bericht ein Beſtreben deſſelben, ſeine letzte ſtrategiſche Verbindung nach Vercelle zu gewin nen. Das war ein neuer Fehler. Sollten die takti ſchen Verhältniſſe der Umgebung von Novara den letzten ſtrategiſchen Athemzug erſtickt haben? Wir kennen dieſe Oertlichkeit nicht, wiſſen aber, daß ein unglücklicher Spieler, um ſich vor dem Bankerott zu retten, ſein Letztes, ſein Alles auf eine Karte ſetzt, und erräth er ſie nicht, verloren iſt. So kommt uns —— 200 die Concentrirung auf Novara vor. Um mit Vorbe— dacht eine ſolche Stellung zu nehmen— wenn gleich taktiſch vortheilhaft— muß man den Sieg auf dem Schlachtfelde halb und halb ſchon in der Taſche haben; worauf aber, wie wir glauben, der piemonte— ſiſche Obergeneral nicht mehr mit jener Sicherheit rechnen durfte, um ihn zur Einnahme einer ſolchen Poſition zu berechtigen. Die erſte Hälfte der Schlacht bei Olengo ent— kräftet ſcheinbar unſern eben gemachten Ausſpruch. Scheinbar, weil nur der Fehler des zweiten Armee— corps den Piemonteſen einige Chancen in den erſten Stunden der Schlacht bot. Wenn Chrzanowski bis hieher nur hauptſächlich ſtrategiſche Sünden beging, ſo vermehrte er dieſelben, am Schluſſe dieſes großen Drama's, noch durch eine taktiſche. Feldmarſchall⸗ lieutenant Baron d'Aspre läßt ſich von Kampfesluſt hinreißen, bei Olengo mit dem Feinde ernſtlich an— zubinden, ohne die Stärke deſſelben zu kennen, und ohne Ausſicht zu haben, raſche Unterſtützung zu er⸗ halten. Höchſtens 20,000 Oeſterreicher kämpfen einige Stunden lang gegen die ganze piemonteſiſche Macht — an 50,000 Mann ſtark! Wer ſchlug ſich nun hier hartnäckig? Doch nicht die Piemonteſen! Als das öſterreichiſche Corps zurückgedrängt war, der Führer nur wieder die alten Bataillone in's Feuer führen 201 konnte und ſich mit ſeltenem Heldenmuth immer auf's Neue den Piemonteſen entgegenwarf, um ſeinen Fehler durch Heldenblut reinzuwaſchen, da mußte Chrzanowski erkennen, wie die Dinge ſtehen und aus der mehr defenſiven Haltung mit Uebermacht— die er aber, ſcheint es, nicht zu benützen verſtand— in die keckſte Offenſive übergehen, um ſeinen Gegner aufzureiben. Daß d'Aspre und der tapfere Erzherzog Al⸗ brecht im Frontangriff einen faſt dreimal überlegenen Feind nicht über den Haufen werfen konnten, iſt natürlich— nicht ſo aber das Umgekehrte. Wir geſtehen, daß wir von Chrzanowski's Fähig— keiten mehr erwartet hätten.“ — — —— — XIV. NMovara. Am 25. März erließ der Feldmarſchall nachfol— genden Armeebefehl: Hauptquartier Novara. „Soldaten! Ihr habt Euer Wortrühmlich gelöst. Ihr habt einen Feldzug gegen einen an Zahl Euch überlegenen Feind be— gonnen und in fünf Tagen ſiegreich beendet. Die Ge— ſchichte wird Euch den Ruhm nicht ſtreitig machen, daß es keine tapferere, keine treuere Armee gibt, als diejenige, deren Oberbefehl mir mein Herr und Kaiſer anvertraute. Soldaten! im Namen des Kaiſers und Vaterlandes danke ich Euch für Eure tapferen Thaten, für Eure Hingebung, für Eure Treue. Mit trübem Blick weilt mein Auge auf den Grabhügeln unſerer im rühmlichen Kampfe gefallenen Brüder; ich kann an die überlebenden mein dankbares Wort nicht richten, 203 ohne mit Rührung der Todten zu gedenken. Sol daten! unſer hartnäckigſter Feind, Karl Albert, iſt vom Thron geſtiegen; ich habe mit ſeinem Nachfolger, dem jungen König einen rühmlichen Wafefenſtillſtand geſchloſſen, der uns Bürgſchaft für den baldigen Ab⸗ ſchluß des Friedens gewährt. Soldaten! mit Jubel hat uns— Ihr waret Zeuge davon— das Land unſeres Feindes empfangen, das in uns Retter von Anarchie und keine Unterdrücker erblickt. Ihr werdet dieſe Erwartungen rechtfertigen und durch Beobachtung ſtrenger Mannszucht der Welt beweiſen, daß Oeſter— reichs Krieger eben ſo furchtbar im Kampfe, wie ehren⸗ haft im Frieden ſind, daß wir gekommen ſind, um zu erhalten, nicht um zu zerſtören. Ich ſehe den Namen jener Tapferen entgegen, die ſich beſonders auszeich— neten, um ihre Bruſt mit dem rühmlich errungenen Zeichen ihrer Tapferkeit entweder ſogleich ſchmücken oder mir dieſelben von Sr. Majeſtät dem Kaiſer er⸗ bitten zu können.“ Am Abend bei unſerer Rückkehr von Vignale dauerte es ſehr lange, ehe ich in mein Quartier in Albergo d'ltalia einrücken konnte. Ich ritt mit Feld⸗ marſchalllieutenant Schönhals voran im Zuge mitten unter den Sereſchanern, und mußte auf meine Ordon⸗ nanz, Weiler, warten, der am Ende des Zugs war und einer der Letzten ankam. Auf einem kleinen Platze in der Stadt wurden die Quartierbillete vertheilt. Es war dort ein großes Durcheinander von Pferden und Reitern; Alles drängte ſich um unſern freundlichen Quartiermacher, Ober— lieutenant Buchheim, der mich während des Feldzugs beſtändig äußerſt zuvorkommend behandelte, wofür ich ihm hier wiederholt meinen herzlichſten Dank ſage. Hier wurde nach Pferden gerufen, dort nach einem Reitknecht, hier fehlte wie bei mir die Ordonnanz, dort forſchte eine andere nach ihrem Herrn, der noch nicht angekommen war. Dazwiſchen fiel ein feiner Regen, und die dunkelrothen Flammen der Fackeln, die aufgeſtellt waren, wehten hin und her und droh— ten kniſternd zu verlöſchen. Einer nach dem Andern verließ endlich den Platz, die Hufſchläge der Pferde klangen nach allen Rich— tungen hin, bald immer entfernter, bald immer leiſer. Endlich war ich allein und um mich her war es ſtill und einſam. Mein Weiler kam immer noch nicht! Hie und da huſchte einer der Einwohner eilfertig und ſchüchtern vorbei, wenn er mich neben meinem Pferde ſtehen ſah. Die großen Häuſer, die den Platz um— gaben, lagen ſchwarz, dunkel und todt vor mir; ich fühlte mich aber durchaus nicht verlaſſen; denn ich hatte in dieſer Stunde, aufgeregt durch den ſchar⸗ fen Ritt, den erſten ſtillen günſtigen Augenblick ſeit 205 mehreren Tagen und Nächten und daher Zeit und Muße, die intereſſanten Bilder, die ſich vor meinen Augen in dieſen Tagen entrollt hatten, noch einmal in ihrer ganzen Friſche an meiner Seele vorüberziehen zu laſſen. War der Feldzug auch kurz, viel zu kurz für un ſere Wünſche, ſo war er gerade in dieſer Kürze um ſo großartiger und ſchöner und trug in das Buch meines Lebens ein Capitel ein, nach welchem ich mich lange ſchon von ganzem Herzen geſehnt hatte. Endlich tönt ein Hufſchlag, der ſich mir eilfertig näherte. Ich ſah einen weißen Mantel und erkannte bald darauf meinen trefflichen Weiler, der, wie er behauptete, mich überall geſucht und ſich freute, mich hier endlich zu finden. Wir hielten unſern Einzug in der Albergo d'Italia und fanden ſchon im geräu migen belebten Hof deſſelben einen luſtigen Contraſt gegen die finſtere ſtille Nacht in den Straßen. Dieſer Hof war, wie bei den meiſten italieni— ſchen Häuſern, mit einem Säulengang umgeben, unter welchem die Pferde, die in den Ställen nicht Platz fanden, untergebracht waren. Große Laternen hingen überall im Hof und warfen ihren unſichern Schein auf die Pferde und ihre Reiter, die im Begriff waren, ſie abzuſatteln. Der innere Raum war mit Wagen aller Art vollgepfropft, oben in den Gängen klirrten Säbel, auf · — ——— 206 dem Steinpflaſter deſſelben liefen die Kellner eilfertig hin und her und aus dem Speiſeſaal im erſten Stock ſchallte ein luſtiges Lachen, ein fröhliches Leben. Dort waren die meiſten Officiere des Haupt⸗ quartiers verſammelt und ich bald mitten unter ihnen. Man hörte hier die intereſſanteſten Details über die große Schlacht. Ein denkwürdiger vergnügter Abend— weiter in meinem Leben. Der Himmel hatte dem Feldmarſchall zu ſeinem Feldzuge ein kleines liebes Stück Vorfrühling verliehen. Seit unſerem Auszug aus Mailand war es warm, ja einigemal ſogar ſehr heiß geweſen und die Felder deßhalb zum großen Vortheil der bivouakirenden Trup— pen trocken und feſt. Ueber uns ſpannte ſich faſt den ganzen Tag ein lichtklarer blauer Himmel; tauſende von Inſekten ſummten um uns her in der würzigen Luft; die Bäume ſteckten zarte grüne Spitzen aus und ſelbſt der Weinſtock— wir ſtanden während der Schlacht von Novara in einem Nebengarten— trieb ſeine friſchen ſaftigen Augen. Aber hier in Novara hatte ſich das Alles auf einmal geändert; es wurde kühl und den erſten Theil der Nacht fiel ein kalter feiner Regen, und als wir am andern Morgen aufwachten, lag auf den Dächern der Häuſer eine weiße Schneedecke. Mich fröſtelte, wenn ich an die armen Leute im Bivouak dachte und 6 i 207 ſpätern Beſchreibungen nach, die wir erhielten, ſoll es neben dem Unangenehmen im Feld draußen recht komiſch geweſen ſeyn, als die Soldaten Morgens auf— wachten und mit weißen Decken eingehüllt dalagen. Doch blieb der Schnee nicht lange und ſchon am Abend dieſes Tages war er in der Stadt verſchwunden. Novara iſt, obgleich der Hauptort einer piemon⸗ teſiſchen Provinz und der Sitz eines Biſchofs, nicht beſonders groß. Die Stadt hat etwas über 12,000 Einwohner; ſie liegt auf einer ſanften Anhöhe, iſt von verfallenen Mauern und Baſtionen umgeben und hat ein altes halbzerſtörtes Caſtell, welches gerade in dieſer Zerſtörung— die geborſtenen Mauern ſind mit dem ſchönſten Epheu bekleidet— einen äußerſt maleriſchen Anblick gewährt. Dieſes Gebäude iſt viereckig, mit Gräben umgeben und ſtammt aus dem 13ten Jahr⸗ hundert. Ueber dem Eingang ſieht man, obgleich ſehr undeutlich, die Schlange aus dem Wappen der Vis⸗ conti. Zwei lange gerade Straßen zerſchneiden die Stadt in vier Theile. Der Feldmarſchall wohnte in der Nähe der Albergo d'talia in einem Palaſte der Familie Bellini, einem prachtvollen weitläufigen Gebäude. Ueber die Dauer unſeres Aufenthalts in Novara war nichts beſtimmt, doch ſollte derſelbe nur wenige Tage betragen und wir nach Mailand zurückkehren, — — — —.— ———— — — — — 208 ſobald der Waffenſtillſtand mit Piemont abgeſchloſſen ſey. Dieſer wurde ſchon am 26. März durch Feld⸗ marſchall Radetzky's und König Victor Emanuels Unterſchrift vollzogen und der Vertrag hierüber lautete folgendermaßen: Art. 1. Der König von Sardinien ſichert be⸗ ſtimmt und feierlich zu, daß er mit Sr. Majeſtät dem Kaiſer von Oeſterreich einen Frieden ehemöglichſt ab— ſchließen werde. Der Waffenſtillſtand ſoll nur das Vorſpiel dazu ſeyn. Art. 2. Der König von Sardinien wird ehe⸗ möglichſt die Truppencorps auflöſen, welche aus lom— bardiſchen, ungariſchen und polniſchen Unterthanen Sr. kaiſerlichen Majeſtät gebildet worden, mit dem Vorbehalt, nach Gutdünken einige Officiere der ge⸗ nannten Corps in ſeine Armee aufzunehmen. Se. Er⸗ cellenz, Feldmarſchall Graf Radetzky, verpflichtet ſich im Namen Sr. kaiſerlichen Majeſtät, daß allen ge— nannten lombardiſchen, ungariſchen und polniſchen Soldaten zu ihrer Rückkehr in die kaiſerlichen Staaten vollſtändige Amneſtie gewährt werde. Art. 3. Der König von Sardinien erlaubt, daß während des Waffenſtillſtandes 18,000 Mann Infan⸗ terie und 2000 Mann Kavallerie kaiſerliche Truppen das Gebiet zwiſchen dem Po, der Seſia und dem Teſſin und die Haͤlfte der Feſtung Aleſſandria beſetzen. 209 Dieſe militäriſche Beſetzung hat jedoch keinen Einfluß auf die bürgerliche und Rechtsverwaltung des bezeich neten Gebiets. Die genannten Truppen können in der Stärke von 5000 Mann die Hälfte der Garniſon der Stadt und Citadelle Aleſſandria bilden, während die andere Hälfte aus ſardiniſchen Truppen beſtehen wird. Se. Majeſtät bürgt mit ſeinem königlichen Wort für die Sicherheit der kaiſerlichen Truppen; die Erhaltung dieſer 20,000 Mann und 2000 Pferde auf Koſten der ſardiniſchen Regierung wird durch eine militäriſche Commiſſion feſtgeſtellt werden. Der König von Sardinien wird das Gebiet auf dem rechten Ufer des Po, die Herzogthümer Modena, Parma und das Großherzogthum Toscana, alſo alle Länderſtrecken, die vor dem Kriege zu Sardinien nicht gehörten, räumen laſſen. Art. 4. Da der Einzug der Hälfte der Garniſon von Aleſſandria, welche durch die kaiſerlichen Truppen gebildet werden ſoll, unter drei bis vier Tagen nicht ſtattfinden kann, ſo verbürgt ſich der König von Sar dinien für den regelrechten Einzug(entrée regulaire) des genannten Theils der Beſatzung in der Feſtung Aleſſandria.. Art. 5. Die ſardiniſche Flotte— Segelſchiffe und Dampfer— verläßt ohne Ausnahme binnen vier— zehn Tagen das adriatiſche Meer und begibt ſich nach Hackländer, Soldatenleben im Krieg 14 210 den ſardiniſchen Staaten. Der König von Sardinien wird ſeinen Truppen den beſtimmteſten Befehl erthei— len und ſeine andern Unterthanen, die in Venedig ſich etwa aufhalten, auffordern, ſich unverzüglich nach den ſardiniſchen Staaten zurückzubegeben, unter An⸗ drohung, daß ſie einer etwaigen Capitulation der ge— nannten Stadt mit den kaiſerlichen Militärbehörden nicht würden einbegriffen werden. Art. 6. Der König von Sardinien verſpricht, um ſeinen lebhaften Wunſch für Abſchluß eines bal⸗ digen und dauerhaften Friedens mit Sr. kaiſerlichen Majeſtät zu bekunden, ſeine Armee in kürzeſter Zeit zu reduciren. Art. 7. Kraft ſeines Rechts, Krieg und Frieden zu ſchließen, erklärt der König von Sardinien in der— ſelben Abſicht dieſen Waffenſtillſtandsvertrag als un⸗ verletzlich. Art. 8. Der König von Sardinien wird unver⸗ züglich einen Bevollmächtigten mit voller Macht ad hoc nach einer durch gemeinſames Uebereinkommen zu beſtimmenden Stadt ſchicken, um dort die Friedens⸗ unterhandlungen zu eröffnen. Art. 9. Der Friede ſelbſt und ſeine beſonderen Beſtimmungen werden, unabhängig von dieſem Waffen⸗ ſtillſtand, nach dem gegenſeitigen Uebereinkommen der beiden Regierungen abgeſchloſſen werden. Se. Exc. 211 der Marſchall Graf Radetzky, wird ſich für verpflichtet halten, unverzüglich den kaiſerlichen Hof von dem lebhaften Wunſche Sr. Majeſtät von Sardinien nach Abſchluß eines dauerhaften Friedens mit Sr. kaiſer lichen Majeſtät in Kenntniß zu ſetzen. Art. 10. Gegenwärtiger Waffenſtillſtandsabſchluß iſt für die ganze Zeit der Friedensunterhandlungen bindend, und im Falle ihres Abbruchs muß der Waf— fenſtillſtand zehn Tage vor Beginn der Feindſeligkeiten gekündigt werden. Art. 11. Die Kriegsgefangenen werden unver züglich von den beiden contrahirenden Theilen her⸗ ausgegeben. Art. 12. Die kaiſerlichen Truppen ſtellen ihr Vorrücken ein, und diejenigen, welche ſchon die Seſia überſchritten, kehren als Beſatzung des eben bezeich neten Gebietes dahin zurück.“— Der König Karl Albert war verſchwunden, und man wußte nur, daß er dem Thron entſagt habe. So viel erfuhr man aber, daß er ſich unſerem hef tigſten Feuer während der Schlacht hartnäckig aus geſetzt und ſelbſt noch am Abend vor den Wällen der Stadt im Kugelregen geſtanden habe, ſo daß der General Durando ihn endlich beim Arm nahm und mit Gewalt von einer Stelle entfernen wollte, wo er ſich unnützer Weiſe der größten Gefahr ausſetzte. — —————— ⸗—-— — — — 212 Karl Albert widerſtand ihm, indem er ausrief:„Laßt mich ſterben, General, dieß iſt der letzte Tag meines Lebens.“ Bald darauf überzeugte ſich der König jedoch, daß jeder Widerſtand fruchtlos ſey und er ſich eben einen Waffenſtillſtand erbitten und harte Bedingungen unterzeichnen müſſe. Er erklärte daher ſein Tagewerk für beendet und ſprach ſeinen feſten Entſchluß aus, zu Gunſten ſeines Sohnes, des Herzogs von Savoyen, abzudanken. Dieſer, ſo wie ſein Bruder, der Herzog von Genua, der Miniſter Cadorna, Generalmajor Chrzanowsky, und die Adjutanten des Königs, welche ſich um ſeine Perſon befanden, drangen in ihn, dieſen Beſchluß zu widerrufen. Doch Karl Albert erwiederte mit großer Ruhe und Feſtigkeit:„Mein Entſchluß iſt gefaßt, ich bin nicht länger der König; dort ſteht Euer Monarch, mein Sohn Victor Emanuel!“ XV. St. Roſalia. An einem dieſer trüben Regentage ging ich in Novara durch die Straße, in der Abſicht, die Spitäler, überhaupt die Orte, wo Verwundete untergebracht worden waren, zu beſuchen. Das große prachtvolle Hoſpital dieſer Stadt, welches ich zuerſt beſuchte, iſt ein weitläufiges ſchönes Gebäude, mit großen gewölb⸗ ten Sälen in Kreuzesform, gut eingerichtet und rein— lich erhalten. Die gewöhnliche Anzahl von Betten waren mit guten Matrazen und reinlichem Weißzeug verſehen, und man hatte außerdem noch herbeige⸗ ſchafft, was man auffand; aber die Zahl der Ver— wundeten war zu groß, und ſelbſt unten in den Kreuzgängen lagen die leicht Bleſſirten auf Stroh und in Decken eingehüllt, geduldig wartend, bis droben ein Platz frei würde, und es wurden leider 14* 214 in den erſten Tagen nach der Schlacht viele, viele Plätze frei!—— Mit einem der Geiſtlichen des Hauſes ging ich durch die Säle, und da lagen die armen Menſchen, der Eine ſtill vor ſich hinbrütend, theilnahmlos gegen Alles, was unten vorging, ein Anderer in wilden Fieberphantaſien liegend, die Meiſten aber einen Gruß freundlich erwiedernd und bereitwillig, ein Geſpräch anzuknüpfen. Die Leichtverwundeten hofften auf baldige Geneſung, die Amputirten dank— ten Gott, daß es überſtanden und waren überzeugt, daß der Kaiſer, für den ſie geblutet, auch ſeiner Zeit das Mögliche thun würde, um ihr künftiges Schickſal zu erleichtern. Von Einem hörte ich na⸗ mentlich:„Wie werden die zu Haus aufſchauen, wenn ich mit Einem Arm heimkehre, und wie werde ich ihnen dagegen erzählen von Vater Radetzky und wie uns Heß und Schönhals gut geführt.“ Viele der hier unter Wunden und Schmerzen Leidenden erkundigten ſich nach ihren Officieren und wollten wiſſen, wie es ihrem Lieutenant oder Hauptmann er⸗ gangen, der neben ihnen gefallen war. Die erwor⸗ benen Medaillen hatten die Soldaten neben ſich auf den Tiſch hingelegt und betrachteten wohlgefällig dieſes um hohen Preis verdiente Zeichen ihrer Tapferkeit. Alles ſprach halb leiſe, um den Nachbar nicht zu 215 erwecken oder zu beunruhigen, und ſo ſummte und flüſterte es durch die weiten Säle des Spitals. Auch Beſuchende waren viele da; dort ſaß ein ungariſcher Huſar und ſchaute ernſt und bekümmert in das An tlitz ſeines Landsmannes, das aus der weißen Lein— wand des Bettes noch dunkler und broncefarbiger wie ſonſt, aber gänzlich theilnahmlos herausſchaute. Hier ſchrieb ein Artilleriſt für den Kameraden einen Brief, weiter hinten lag Einer mit furchtbar zerhauenem Geſicht und hörte zu, wie ſein Waffenbruder ihm ein Schreiben aus der Heimath vorlas, dabei aber wur den die Binden von ſeinen Thränen befeuchtet, und er dachte vielleicht, wird ſie, von der dieſe Zeilen kommen, dich anſehen und aufnehmen, wenn das alte bekannte Geſicht, durch den fürchterlichen Hieb des feindlichen Dragoners faſt unkenntlich gemacht, nim mer zur Thür hereinſchaut. Er küßte den Brief und legte ihn ſeufzend unter ſein Kopfkiſſen. Ueber Novara hing, als ich aus dieſen Räumen des Leidens in das Freie trat, ein grauer, unfreund licher, regneriſcher Himmel, der Wind wehte heftig durch die Straßen und die Soldaten ſtanden in ihre Mäntel gehüllt unter die Portici oder den Eingängen der Häuſer. Von draußen herein kamen vier Mann mit einer Tragbahre, ſie brachten einen Verwundeten und ich ſchloß mich ihnen an, um ein anderes Spital 216 zu ſehen. Dieß fand ich in hohem Grade maleriſcher und poetiſcher, als das, welches ich eben verlaſſen. Es war die Kapuzinerkirche St. Roſalia. Dort lag ſie vor mir mit ihrem großen düſteren Portal; die alten Steinfiguren in den Niſchen hatten in den Fal⸗ ten ihrer Kaputzen und auf ihren Häuptern noch etwas von dem Schnee bewahrt, der geſtern Nacht ſo unerwartet gefallen war. Doch ſchmolz ihn der feine Regen, der herabfiel und an den hageren Ge⸗ ſichtern und langen Steinbärten hingen ſchwere Tro⸗ pfen, wie Thränen über all' das menſchliche Elend, das ſich hinter den alten Mauern befand. Vor der Kirch⸗ thüre lag zertretenes Stroh, von dem der Wind hie und da einen Halm entführte; Leute von der Sanität in ihren blauen piemonteſiſchen Röcken und Aerzte aller Grade, ſowohl Oeſterreicher wie Piemon— teſen, ſtanden in Gruppen bei einander und plauder⸗ ten. Ich hob den ſchweren Vorhang auf und trat in die Kirche. Der Raum war wie erwärmt und äußerſt behaglich gegen die naſſe Kälte draußen. Die Atmoſphäre war geſchwängert mit den bekannten Weih⸗ rauchdüften, die jeder katholiſchen Kirche eigen ſind; unzertrennlich von dem tiefen Ton der Glocke, un— zertrennlich von Orgelton und Geſang, unzertrennlich von der Erinnerung an die Tage unſerer Kindheit. Sind wir Katholiken, ſo erinnert er uns an die heiligen Handlungen, denen wir in der Jugend an gewohnt, ſind wir nicht katholiſch, ſo erinnert er uns an die Stunde, die wir mit Geſpielen in den ſo freundlich jederzeit geöffneten geheimnißvollen Hallen verbracht. Hier namentlich war dieſer Duft ungemein wohlthuend, er ſtand im ſanfteſten Einklang mit der angenehmen behaglichen Wärme und mit dem Halb⸗ dunkel, das in der Kirche herrſchte. Die hohen Bo genfenſter waren verhängt, einige mit alten grünen Gardinen, die vielleicht einſtens für ſie gemacht waren, andere mit allen möglichen Arten von Stoffen und Gewändern, wie man ſie gerade gefunden, herbei— geſchleppt und benutzt; wie in allen Kapuzinerkirchen war das Innere ziemlich ſchmucklos; die Wände in grauer Steinfarbe, alle Verzierungen von dunklem, faſt ſchwärzlichem Holz, die Stühle und Kirchenbänke grob geſchnitzt, ebenſo die Kanzel, über dem Altar ein ganz verdunkeltes Oelbild, vor demſelben bren— nende Kerzen in hölzernen Leuchtern. Aber dieß Alles gab ein ſüßes Bild der Ruhe und durch den erwärmten durchdufteten Kirchenraum ſchwebte ein tiefer innerer Frieden, wohlthuend und beruhigend gegen die traurigen entſetzlichen Bilder, die man auf dem Pflaſter der Kirche ſelbſt wahr— nahm. Dieſes war mit Stroh bedeckt und durch Kopf⸗ kiſſen und Decken nothdürftig für die Verwundeten — — —— — — 218 eingerichtet, die in langen Reihen in den Gängen lagen, Oeſterreicher und Piemonteſen, alle Waffen— gattungen durcheinander, und die verſchiedenſten Krank— heiten, die verſchiedenſten Bleſſuren. Vor den Kranken lagen zerriſſene Monturſtücke und blutige Leinwand, an den Pfeilern lehnten Waffen verſchiedener Art, dort wurde ein Verband friſch angelegt oder erneuert, hier ein Verwundeter, der ſich kaum regen konnte, durch den Krankenwärter geſpeist, weiterhin vor dem Lager eines Unglücklichen, der, ſchwer athmend, mit geſchloſſenen Augen, faſt kein Lebenszeichen von ſich gebend, nach überſtandener ſchrecklicher Opera⸗ tion dalag, ſtanden mehrere Aerzte, einer wuſch ſich die blutigen Hände, und wenn man ihrem Ge— ſpräch zuhörte, und ihre theilnahmvollen Blicke auf den Kranken ſah, ſo konnte man vermuthen, daß dem Armen die vielen Schmerzen, welche er erlitten, das Leben vielleicht doch nicht erhalten würde. Ein ſelt— ſames buntes Licht füllte den Kirchenraum aus, und die vielen verſchiedenen Stoffe, mit welchen die Fen— ſter einer Seite verhängt waren, reflektirten mit eben ſo viel Farben auf die gegenüberliegende Wand. Vor dem Hochaltar, der in tiefer Dämmerung lag, durch welche die vor demſelben brennenden dünnen Wachs— kerzen erſt recht ſichtdar wurden, las ein alter Kapu⸗ ziner eine ſtille Meſſe. Da er erhöht über dem 219 Kirchenſchiff ſtand, ſo traf ſein ehrwürdiges Haupt mit weißem Bart ein vereinzelter Lichtſtrahl, der ſich durch einen Riß des Vorhangs eingeſchlichen, und umgab ihn wie mit einer lichten Glorie. Der heilige Dienſt ſchien auf viele der kranken Soldaten wohlthuend und beruhigend zu wirken, denn manche wandten ihr Ge— ſicht gegen den Hochaltar und andere bewegten die Lippen zu einem leiſen Gebet. Kapuziner gingen theil— nehmend zwiſchen den Liegenden auf und ab, bald einen Troſt ſprechend, bald hülfreiche Hand leiſtend. Noch nie ſah ich eine ſolche Mannigfaltigkeit der Phyſiognomien auf ſo engem Raum wie hier bei— ſammen, und alle die verſchiedenen Nationalitäten, welche dieſe tapferen Verwundeten vertraten, traten aus den verſchiedenen Geſichtszügen dem Beobachter ſcharf entgegen. Deutſche, Böhmen, Steyrer und Ungarn, Croaten, Savoyarden und Piemonteſen, alles lag hier bunt durcheinander; die Letzteren gewährten durch ihre eigenthümlichen Phyſiognomien auf dem Krankenbette und im Tode einen beſonders ſchauer⸗ lichen Anblick. Die gelblich wachsbleichen Geſichter, durch die kohlſchwarzen Haare ſtark hervorgehoben, mit den ſtieren, großen dunkeln Augen und ſchnee— weißen Zähnen, ſtierten einen wahrhaft erſchreckend an. In einer Ecke der Kirche lag ein Piemonteſe mit dem Haupt auf der Stufe eines Beichtſtuhls ruhend und vor ihm kniete ein junges Mädchen, welches leiſe, eindringliche Worte zu ihm ſprach, worauf zu— weilen ein leichtes Lächeln über das bleiche Geſicht des Bleſſirten fuhr, ſo daß die weißen Zähne hervor— blitzten, um aber bald darauf wieder tiefem Schmerz und Gram Platz zu machen. Das Mädchen mußte dem Soldaten, der bis zum Halſe feſt in eine wollene Decke eingewickelt war, eine Frage ſtellen, die er nicht beantworten wollte, denn oft ſchüttelte er mit dem Kopfe. „Sage mir, Carlo, ſage mir, was dir fehlt, du wirſt ja bald wieder geſund werden; ſage mir doch, wo du verwundet biſt;“ er ſchüttelte das Haupt. „Sprich doch,“ fuhr das Mädchen mit weiner⸗ lichen Augen fort,„gib mir deine Hand;“— er zog die rechte unter der Decke hervor—„ſo, das iſt die rechte, jetzt reich mir auch die linke, lieber Carlo;“ er zog den Arm hervor und ſie küßte beide Hände mit einer rührenden Leidenſchaftlichkeit. „Gelobt ſey die Madonna!“ ſagte das Mädchen, „wie haben wir gefürchtet, ſie hätten dir einen Arm abgeſchoſſen; gelobt ſey Gott!“ Dabei rannen ihr die Thränen und über das Ge⸗ ſicht des jungen Italieners zuckte ein wilder Schmerz. „Wir haben aber auch,“ fuhr ſie fort,„vorge⸗ ſtern bei dem furchtbaren Schießen den ganzen Tag 221. auf den Knieen gelegen und für dich gebetet, die Thereſina und ich; auch wollte ich ſchon geſtern zu dir kommen mit der Mutter, aber nachdem mein Bruder zurückgekommen war, er ſah vor Schrecken noch bläſſer aus, wie du— du ſiehſt eigentlich nicht ſo ſehr blaß aus, lieber Carlo,“— unterbrach ſie ſich ſelber, und ſtrich ihm mit leicht bebender Hand die ſchwarzen Haare,„ja, als der Bruder nun kam und ſagte, du ſeyeſt verwundet, wollte ſie mich nicht mitnehmen und auch heute bin ich heimlicherweiſe da, um zu ſehen, was meinem lieben herzigen Carlo eigent lich fehlt.“ Bei den Reden des Mädchens floſſen häufige Thränen über das Geſicht des Soldaten und er winkte mit der Hand, ſie ſolle fortgehen, doch wollte ſie dieß Zeichen nicht beachten und machte ſich an ſeinem Lager irgend etwas zu ſchaffen. „Sie haben dir doch ein Bett gegeben,“ ſagte ſie flüſternd,„die Andern liegen faſt alle auf Stroh.“ Sie taſtete mit ihren Händen auf dem Lager umher und plötzlich überzog eine Leichenbläſſe ihr Geſicht. „Carlo, lieber Carlo!“ ſagte ſie,„ſtrecke deine Füße aus, du mußt dich nicht ſo zuſammenziehen— Carlo!“ „Ich kann nicht, Madonna, eine Kanonenkugel hat mich getroffen,“ gab er mit dumpfer Stimme zur Antwort. — — ————:;—— 222 „Und hat dir deinen linken Fuß weggeriſſen?“ fragte ſie mit trockenen weit aufgeriſſenen Augen. „Ja,“ gab er trotzig zur Antwort und wandte die Augen gen Himmel,„meinen linken Fuß und meinen rechten Fuß— beide— beide!“ Mit einem leiſen, aber doch herzzerreißenden Schrei ſank das Mädchen an dem Lager hin und einer der Kapuziner, der ihr Geſpräch ebenfalls belauſchte, trat näher und hob ſie auf.„Seyd gefaßt, meine Toch— ter,“ ſagte er,„Gott iſt barmherzig.“ Sie ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte leiſe: „In vier Wochen ſollten wir Hochzeit haben!“ Der Kapuziner ſetzte ſie an die Stufen des Beicht ſtuhls, wiſchte ſich mit dem Aermel der braunen Kutte über das Geſicht und den ſchwarzen Bart und ging darauf langſamen Schrittes durch das Schiff der Kirche. Eine alte Frau näherte ſich eilfertig dem Lager des jungen Soldaten und ſetzte ſich dann neben das Mädchen an den Beichtſtuhl— es war die Mut⸗ ter. Alle drei ſprachen eine Zeitlang keine Sylbe, darauf ſchien die alte Frau den Beiden Worte des Troſtes zu ſagen, welchen das Mädchen mit leiden⸗ ſchaftlicher Aufmerkſamkeit lauſchte, während der arme Bleſſirte ſie mit einem bitteren Lächeln anhörte. So blieben ſie lange bei einander ſitzen und ich verließ endlich die Kirche. 223 Abends ging ich nochmals hin und da brannten mehrere Laternen und Lichter in dem hohen Raum. Tiefe Athemzüge verkündigten mir, daß ein wohlthätiger Schlaf vielleicht mit ſüßen Träumen manchen der Lei denden erquickte, während Andere leiſe ſtöhnend ſich auf ihrem Strohlager wälzten. Der alte Kapuziner, der heute Morgen die Meſſe geleſen, ſchlummerte in einem Chorſtuhle. Mehrere Soldaten der Sanität ſaßen am Boden um eine große Laterne und verzehrten ihr Abendbrod. An dem Lager des jungen Soldaten ſaß noch immer die alte Frau, das Mädchen lehnte in der Ecke des Beichtſtuhles und ſchlief, über ihrem Haupte befand ſich eine Mutter Gottes mit dem Jeſuskind, kleine, zierlich aus Holz gearbeitete Figuren, vor welchen eine ewige Lampe brannte; das Geſicht der Madonna war beſtrahlt von dem Lichte und ſchien ſanft und mitleidig auf die arme Schlafende zu blicken, deren ſchöne Züge ich nun deutlicher, als am Tage in dem dämmernden Lichte, ſah. Die kleine Oellampe warf ihren flackernden ungewiſſen Schein auf den Kopf des Mädchens und die Mutter Gottes mit dem Jeſuskinde, ſowie das un glückliche Geſchöpf neben dem Sterbelager ihres Ge liebten, bildete ein rührend-ſchönes Bild mit ſtrahlen den zitternden Lichtern und tiefen ſchwarzen Schatten, wie ein Correggio kaum im Stande iſt, im kühnſten Schwung ſeiner Phantaſie zu ſchaffen. „ʒ˖—mõẽ—¶—y———— —— 224 Zwei Tage darnach beſuchte ich abermals die Kirche St. Roſalia, aber die dichten Reihen von neu— lich waren ſtark gelichtet. Manche waren in das große Spital gekommen, manche hatten die Augen für immer geſchloſſen und ruhten draußen bei den Schlacht— gefährten unter den kleinen hölzernen Kreuzen, welche b die Liebe der Soldaten ihren gefallenen Kameraden ſetzte. Auch das Lager am Beichtſtuhl war leer, und der Arzt, den ich an jenem Abend ſprach, ſagte mir, —— der junge Piemonteſe ſey nicht mehr ins große Spital gekommen!—— XVI. Straßenleben. Deputationen. Das Straßenleben in einer eroberten, vom Feinde beſetzten Stadt iſt ſehr intereſſant, wenn auch, wie es hier der Fall war, dieſer Feind nicht als Feind auftrat, und von den Einwohnern nicht ſo aufgenom— men wurde. Die piemonteſiſche Armee hatte am Abend der Schlacht, wo ſie theilweiſe in die Stadt hinein— geworfen wurde, und während der Nacht fürchterlich in Novara gehaust. Alle Bande des Gehorſams waren gelöst und die meuteriſchen Soldaten achteten nicht mehr der Befehle ihrer Officiere, nicht mehr des Wortes ihres Königs, der umſonſt die Straßen durch— ritt, um dem Plündern und Zerſtören Einhalt zu thun. Raſende erhoben ihre Fauſt gegen ihn und Gewehre wandten ſich gegen das Haupt des Monarchen. Hiedurch veranlaßte, entfernt ſich der König ſchon während der Nacht aus der Stadt und in welch' fürchterlichem Gemüthszuſtande kann man ſich denken. Hackländer, Soldatenleben im Krieg. 10 15 Der Tag von Novara hatte ſein Herz gebrochen, das Herz eines tüchtigen Soldaten. Das war er, er hat es am 23. März bewieſen; denn während der Schlacht war er überall zu finden, wo die Gefahr am größten, der Kugelregen am ſtärkſten war. Dieß unruhige und gequälte Herz hat nun, indem dieß niedergeſchrieben wird, an den Folgen jenes Tages, weit entfernt von der Heimath, aufgehört zu ſchlagen! Friede ſeiner Aſche!— In der Nacht nach der Schlacht von Novara, als ſich der Commandant des vierten Armeecorps, Graf Thurn, in einem kleinen Landhauſe, einige Miglien von der Stadt entfernt, aufhielt, fuhr gegen 1 Uhr, begleitet von Huſaren der Vorpoſten, eine Berline vor, aus welcher ein langer hagerer Mann ſtieg, deſſen ernſtes und düſteres Geſicht von einer erſchreckenden Bläſſe bedeckt war. Er wünſchte den Commandan⸗ ten des vierten Corps zu ſprechen und nachdem er zu demſelben geführt war, ſagte er ihm, er ſey Graf Barge, piemonteſiſcher Oberſt, der den Dienſt verlaſſen habe und nach Nizza gehen wolle. Die Armee, ſetzte er hinzu, ſey vollſtändig geſchlagen und befinde ſich in gänzlicher Auflöſung, ja in offenbarer Meuterei gegen die Officiere, welche oer Plünderung der eigenen Landsleute Einhalt zu thun bemüht ſeyen. Auf die Frage Graf Thurns, ob die Stadt wie⸗ der befeſtigt ſey, antwortete der Oberſt:„Nein, die 227 Baſteien ſind ſchon längſt abgefahren und zerſtört, neue Schanzen ſind nicht errichtet worden und das Caſtell, die Citadelle hat auch keine Befeſtigung mehr.“ Darauf bat er frei paſſiren zu dürfen und Graf Thurn, der ihm in der kalten Nacht— der Regen goß in Strömen herab— eine Taſſe Kaffee anbot, die der Fremde dankbar annahm, läßt ihn ziehen, ſagt ihm aber beim Einſteigen: Sire, je vous souhaite un bon voyage. Ein junger Mann, der draußen gewartet, ſetzt ſich ebenfalls in den Wagen und ſo ſchnell die Pferde laufen konnten, fuhren ſie davon. Es war Karl Albert; ſo verließ er ſein Heer, nachdem er der Krone, wohl mit ſchwerem Herzen, zu Gunſten ſeines Sohnes entſagt hatte. Die Klagen der Einwohner über die Aufführung der eigenen Soldaten war wahrlich nicht übertrieben. Nicht nur, daß ſie Läden geplündert hätten, um Eß⸗ waaren, Wein zu bekommen, nein, ſie hatten auch Goldſchmiedsläden erſtürmt, dieſelben ausgeleert und alsdann Feuerbrände hineingeworfen. Mehrere ſolche Gewölbe zeigten ſich uns, ſowie ſie von den Soldaten verlaſſen worden waren. Das Innere war ausge⸗ brannt, auf dem Boden lagen Schutthaufen und ver— kohltes Holz und das Ganze bot ein grauenvolles Bild der Verwüſtung. Dank ſey es der feſten Conſtruktion · — — MN — der hieſigen Häufer, daß die Stadt kein größeres Brandunglück erlitt. Nur wenige Gebäude waren in Flammen aufgegangen. In der Nähe des Theaters liegt das größte Café V der Stadt, wo die meuteriſchen Soldaten ebenfalls toll gewirthſchaftet hatten. Sie hatten nicht bloß alles Eß⸗ und Trinkbare mitgenommen, ſondern ſie zerſtör⸗— ten auch Stühle und Bänke, ſchlugen die Marmor⸗ tiſche entzwei und zerſchoſſen die Spiegel. Auch in Privatwohnungen hatten ſie es nicht beſſer gemacht, hie und da Thüren und Fenſter eingeſchlagen und mitgenommen, was ſie fanden. Man kann ſich denken, daß unſere Truppen, die in ſtrengſter Mannszucht geordnet einzogen, auch hier auf's beſte und freundlichſte empfangen wurden. In 6 die Stadt ſelbſt kamen vielleicht ſechstauſend Mann, meiſtens Infanterie, nur auf dem Marktplatz lagerte eine Schwadron Kavallerie von Radetzky⸗Huſaren. Sie hatten ihren Pferden unter den Portici, welche den Platz umgaben, gute Strohlager gemacht und campir— ten des Nachts dabei, in ihre weiße Mäntel eingehüllt. „Natürlich wimmelten aber die Straßen der Stadt theils — von den Einquartierten, die Novara beſichtigten, theils von Deuppen, die draußen lagen und die hieher kamen, ihre Einkäufe zu beſorgen. Letztere aber durften nicht nach Gutdünken in die Stadt laufen, ſondern es 229 wurden compagnienweiſe kleine Abtheilungen formirt und von ihrem Corporal ordentlich in die Stadt geführt. Hier ereignete ſich eines Tags ein ſehr guter Spaß. Ein Corporal durchzählte nämlich ſeine Ab⸗ theilung und fragte ſie, ob ſie mit dem nöthigen Geld zum Einkaufen verſehen ſeyen. Als er eine bejahende Antwort erhalten hatte, fügte er weiter ganz ernſthaft hinzu: Jetzt aber, Kinder, nehmt's die Gewehre mit, dann bekommt Ihr drinnen in der Stadt Alles um die Hälfte wohlfeiler.“ Und der alte Corporal, der die Einwohner kannte, hatte ſo Unrecht nicht. Die ſtrenge Mannszucht im öſterreichiſchen Heer ließ der Italiener, wie er wohl hätte thun können, im Handel und Wandel dem armen Soldaten nicht zu Gute kommen, und es war wohl hie und da ſo ein derbes militäriſches Auftreten nothwendig, um den Krämer zu verhindern, daß er dem Soldaten die einzu— handelnden Gegenſtände nicht über die Gebühr vertheure. So zogen denn die vor der Stadt liegenden Sol— daten herein, abwechſelnd von allen Regimentern und ſahen in ihren Mänteln, mit denen ſie ſich über Nacht auf dem naſſen ſchmutzigen Boden herumgewälzt, recht feldkriegsmäßig aus. Die Bärte waren auch ziemlich lang und jeder Einzelne im Bewußtſeyn, daß auch er den Feind mitgeſchlagen habe, luſtig und guter Dinge. Lange Züge Fouragewagen kreuzten ſich in den — 30 Straßen und Reiter von allen Kavallerieregimentern ſah man kommen und gehen. Der ungariſche Huſar courbettirend und im kurzen Galopp, den Schnurrbart hinaufgewichst, keck um ſich ſchauend; der Dragoner dagegen, der deutſche Reiter, ernſt und beſonnen, in der ruhigen Haltung im Schritt und nicht leicht aus ſeinem Gleichmuthe zu bringen. Ebenſo ſind dieſe verſchiedenen Reiter auch im Gefecht. Der Huſar jagt mit wildem kräftigem Hurrah dem Feind in vollem Roſſeslauf entgegen. Sein Choc iſt gewaltig und darauf berechnet, die feindlichen Reitermaſſen im erſten Anlauf zu zerſprengen. Er fliegt mit Windeseile dahin, Pferd und Reiter voll Kampfesluſt; ſein Dollman weht, ſein Auge blitzt, ſein glänzendes buntes Kleid ſpielt in der Sonne, wie die erzürnte Schlange, die auf ihren Raub los— ſtürzt. Weicht der Feind, dringt der Huſar in ſeine Glieder, und kann er einen Flüchtigen verfolgen, ſo geht ſeine Kampfesluſt erſt recht an. Auf leichtem gewandtem Pferde folgt er dem Feind und haut ihn nieder. Findet er dagegen kräftigen Widerſtand und gelingt es ihm nicht im erſten Anlauf, die Reihen zu durchbrechen, ſo kann er eben ſo leicht zurückgeſchlagen werden, denn ſo tapfer der einzelne ungariſche Huſar iſt, ſo iſt doch eine Fechtart mit geſchloſſener Fronte weniger ſeine Lieblingsſache. 231 Der deutſche Reiter dagegen rückt langſam und beſonnen vor, und wirft er auch auf ſeinem gewal tigen Roſſe den Feind nicht zurück, ſo beißt er ſich doch in ſeine Glieder ein und dringt, mit dem ſchwe ren Säbel Alles niederhauend, bedächtig aber unauf haltſam vor; entweder ſein Feind unterliegt oder er. Man erzählte mir von einem ungariſchen Huſaren eine vortreffliche Geſchichte. Bei irgend einem Ge⸗ fecht wird ein Huſar mit einem ſchriftlichen Befehl hinausgeſchickt zu dem Commandanten der Plänker— kette.„Siehſt du dort jenen Tannenbaum?“ ſagt ſein Officier;„dahin reiteſt du, und wirſt in der Nähe deſſelben den Vorpoſten-Commandanten treffen.“— „Gut,“ ſagte der Huſar, faßte den Tannenbaum recht in's Auge, nimmt das Papier, gibt dem Pferde ein paar Sporen und jagt hinaus, was er kann. Mittler weile hat die dieſſeitige, ſowie die feindliche Plänkler— kette eine Schwenkung gemacht, ein Flügel ging zurück, der andere vor, und ſo kam es, daß die feindlichen Vorpoſten bis zum bezeichneten Tannenbaum rückten. Der Huſar, ſein bezeichnetes Ziel feſt im Auge, durch— reitet die eigene Plänklerkette, jagt durch die feindliche hindurch, obgleich viele Schüſſe auf ihn fallen und ſieht endlich, am Tannenbaum angekommen, daß dort kein Officier der Seinigen zu finden. Nachdem er ſich ruhig umgeſchaut, macht er mit ſeinem Pferde 232 Kehrt und jagt zurück. Unterdeſſen aber haben ihn zwei feindliche Uhlanen bemerkt und verfolgen ihn eilfertigſt, was dem Huſaren nicht entgeht. Zwiſchen beiden Plänklerketten hält er und wendet, ſich auf ſein gutes gelenkiges Pferd verlaſſend, gegen die beiden ſchwerfälligeren Feinde. Nach kurzem Gefecht haut er zuerſt den einen vom Gaul, ſchießt den andern nieder, kommt glücklich mit einem Beutepferd bei den Seinigen wieder an und meldet ganz ruhig, daß er an dem Tannenbaum keinen Officier gefunden. Ein Zwiegeſpräch von zwei Dragonern, das mir mitgetheilt wurde, will ich auch dem Leſer nicht vor— enthalten.„Du,“ ſagt der Eine,„kannſt du italie⸗ niſch? Ich weiß mir in einem Land, wo ſie kein Wort deutſch verſtehen, ſchlecht zu helfen.“—„Ja,“ entgegnete der Andere,„was man ſo in's Haus braucht, das kann ich ſchon ſprechen.“—„Und was ſagſt du,“ entgegnete hierauf der Erſte,„wenn du in ein Haus kommſt und haſt Hunger und Durſt?“—„Hah, das iſt einfach: ich nehme halt Brod, Wein und Fleiſch, was ich gerade brauche, und weiter ſage ich kein Wort!“ Auf dem Marſch ſingen die deutſchen Reiter ein ſtilles harmloſes Lied, das, ſo viel ich weiß, nur eine einzige Strophe hat, die ſie aber unzähligemal in einer ſehr einfachen Melodie wiederholen. Dieſe Strophe heißt: 233 „Der Menſch muß a Freud han, Und a Freud muß der Menſch han, Und wenn der Menſch ka Freud hat, Was hat dann der Menſch? Sehr intereſſant ſind die Kroatenregimenter, die Grenzer, ſowohl durch den Eindruck, den ſie im Gan— zen, als auch durch den, welchen die einzelnen Sol— daten machen. Sie haben ſtatt der weißen Röcke, wie die übrige Infanterie, braune und ſind ſehr tüch tige Regimenter. Der Soldat iſt meiſtens groß und ſchlank, ſchön gewachſen, mit fremdartigen, hellbronce⸗ farbigen Geſichtszügen. Die zahlreichen Zigeuner, die ſich unter ihnen befinden, erkennt man auf den erſten Anblick. Der Ausdruck ihres Geſichts iſt ganz eigen thümlich, ihre Hautfarbe dunkler und die Haare ſtraffer und pechſchwarz. Von Jugend auf gewöhn: im Freien zu leben und jedem Geräuſch um ſie her ein aufmerk— ſames Ohr leihend, ſind ſie zum Plänkler- und Pa— trouillendienſt ſehr brauchbar. Soll aber der Kroat in das Feuer gehen, ſo muß vor allen Dingen der Officier vorangehen. Da dieß bekanntlich in der treff⸗ lichen öſterreichiſchen Armee ſtets der Fall iſt, ſo iſt der Kroat ein ſehr brauchbarer Soldat. In geſchloſ— ſener Fronte zu ſtürmen, was der deutſchen Infanterie das größte Vergnügen macht, iſt nicht ſo ſehr ſeine Sache; dagegen weiß keiner, ſo wie der Kroat, beim 234 Vorgehen in der Plänklerkette jeden Terrainvortheil: einen Strauch, einen Graben zu benutzen, um dem Feind unbemerkt näher zu ſchleichen. Auch als nächt⸗ liche Schleichpatrouillen ſind ſie ſehr vorzüglich. Wenn zwanzig Mann des Nachts daher kommen in ihren lan⸗ gen Mänteln mit dem ſchwarzen Lederzeug, das ſich in der Dunkelheit nicht verräth, das Gewehr auf der Schulter, ſo hört man keinen Schritt, keinen Laut. An den Häuſern ſchleichen ſie hin und wenn man auch glaubt, der Grenzer ſehe nur auf ſeine Füße— denn er geht meiſtens mit geſenktem Kopf— ſo ent— ſchlüpft ſeinem Blick doch nicht das Geringſte, was ſich um ihn her bewegt. Von ihrem Talente, ſich fremdes Eigenthum anzueignen, können ſie bei der ſtrengen Disciplin in der öſterreichiſchen Armee nur da Gebrauch machen, wo eine Stadt oder ein Dorf, ſey es wegen Verrath, ſey es wegen hartnäckigem Widerſtand, für eine Zeit lang der Plünderung preis⸗ gegeben wird. Alsdann raffen ſie aber auch Alles zuſammen und nehmen, was ihnen gerade unter die Hand fällt, ob ſie es gebrauchen können oder nicht, und ihr Torniſter enthält in ſolchen Fällen neben einigen Zwanzigern, die ſie gefunden, altes Eiſen, Weiberkleider, Haartouren und Eßwaaren. Mir wurde erzählt, im vorigen Feldzuge habe ein Grenzer eine Standuhr auf ſeinem Torniſter mitgeſchleppt, die mit d0 85 r zwei großen hölzernen vergoldeten Delphinen geſchmückt war; er wollte ſie als Beuteſtück mit in die Heimath nehmen. Bei dem Mailänder Straßenkampf, wo ſo viele Barrikaden erſtürmt wurden, welche theilweiſe aus Equipagen erbaut waren, verbrannten ſie das Holz der Wagen, nachdem ſie das Eiſenwerk und die Meſſing beſchläge ſorgfältig abgelöst und geſammelt. Natürlich mußten ſie, gewiß zu ihrem größten Schmerz, bei dem Rückzug Alles liegen laſſen. Auf dem Marſche und im Bivouak iſt keine Truppe ſo gut mit feineren Lebensmitteln verſehen, wie die Kroaten. Wie ſie es oft herbekommen, weiß der Him— mel, aber immer haben ſie was Apartes, und wenn man den Deckel von ihren Keſſeln abhebt, ſo ſchauen ſehr häufig die gelben Füße einer Ente oder eines Welſchen vorwitzig aus der Suppe; überhaupt haben ſie im Einfangen von Geflügel eine merkwürdige Fer— tigkeit. Was die öſterreichiſchen Jäger- und Schützen— bataillone anbelangt, ſo hat wohl kein Staat ähnliche aufzuweiſen. Die meiſten beſtehen aus Steirern und Tyrolern, die von Jugend auf große Fußmärſche und Bergklettern gewohnt ſind und mit der Büchſe trefflich umzugehen wiſſen. Ihre Bekleidung iſt einfach und zweckmäßig, von grauem Tuch mit grünen Aufſchlägen, dazu den bekannten dunkeln Hut. Die ſteiriſchen „——— — — 4 236 Freiwilligen haben auf demſelben Gemsbart und Spiel— hahnfedern; die andern Schützen einen dunkelgrünen Federbuſch. Ihre Gewehre, die Kammerbüchſe, ſind von ſehr zweckmäßiger Conſtruktion; ſie ſchießen ſicher und weit. Dazu ſind die Schützenbataillone das luſtigſte und vergnügteſte Corps von der Welt; gewandt, un— ermüdlich, vorzüglich ſowohl im Vorpoſtendienſt, wie auch im Sturme, und es iſt in den letzten italieniſchen Feldzügen wohl keine Truppe den feindlichen Batterien ſo gefährlich geweſen und ſo hartnäckig zu Leib ge— gangen, wie die Jäger und die Schützen. Alle dieſe Waffenarten ſah man in den Straßen von Novara, durch Einzelne vertreten, einherſpazieren und ihren Geſchäften oder ihrem Vergnügen eifrig nachgehen. Zwiſchen ihnen wandelte der ernſthafte Artilleriſt, der Entſcheider der Schlachten, im ſtolzen Selbſtbewußtſeyn ſeiner vortrefflichen Waffe. Mit den Einwohnern ſtanden die Truppen auf dem beſten Fuße. Der Markt füllte ſich ſchon am erſten Tag mit dem Nothwendigen und manches Gewölbe, mancher Laden, der beim Einzuge der Oeſterreicher verſchloſſen war, öffnete ſich ſchon am andern Morgen den Soldaten. Vorſichtigerweiſe wurden an die Specereiladen zur Zeit, wenn das Militär ſeine Einkäufe machte, Schildwachen aufgeſtellt, um etwaigen Unbilligkeiten, von der einen oder der andern Seite, ſogleich ſteuern zu können. Auch von den Bekannten, die während des Feld— zugs bei andern Armeecorps waren, fand man hier in Novara und freute ſich des Wiederſehens. So ſuchte ich auch meinen theuren Grafen N. auf, der mit Feld⸗ marſchalllieutenant d'Aspre ſowohl bei Mortara, als bei Novara beſtändig an der Spitze angreifender Colon— nen im heftigſten Feuer geweſen war. Nur ein einzi— gesmal hatte ich während dieſes Feldzugs etwas von ihm erfahren, und zwar während der Schlacht bei No— vara, als einer der Ordonnanzofficiere des Feldmar⸗ ſchalls, mein lieber Graf Schönfeld, der von der Avant— garde zurückkam, mir erzählte, er habe den Grafen N. geſund und wohl, aber in dem kritiſchen Moment geſe— hen, wo eine Granate dicht bei ſeinem Pferde einſchlug und zerſprang, glücklicherweiſe ohne ihn zu verletzen. In Novara wohnte Graf N. in dem Palaſte Caccia Piatti, dem Hauptquartier des Feldmarſchall— lieutenant d'Aspre. Dahin machte ich mich am Abend auf, um ihn aufzuſuchen. Da ich der Straße unkundig war, ſo bat ich eine alte Frau die mir mit einem jungen Mädchen begeg— nete, um Auskunft über den Weg nach dem genann— ten Palaſt. Beide waren anſtändig gekleidet und die Letztere hatte um ihren Kopf den gebräuchlichen ſchwar— zen Schleier geſchlagen, aus welchem ein feines blaſſes, ächt italieniſches Geſicht mit glänzenden ſchwarzen 238 Augen mich freundlich anſah. Sie begleiteten mich gern zu dem Palaſte hin und die Kleine erzählte mir unterwegs, ihr Vater habe eine Sattlerwerkſtatt, und es würde ihn gewiß freuen, wenn ich, falls ich es bedürfte, etwas bei ihm machen ließe. Ich traf den Grafen N. zu Hauſe, leider etwas unwohl, trotz deſſen aber ſehr beſchäftigt, denn das zweite Armeecorps, bei deſſen Generalſtabe er war, hatte die Beſtimmung, wie man ſpäter erfuhr, in das Toscaniſche einzurücken. Meine kleine Bekanntſchaft, deren ich eben er⸗ wähnte, hätte ich faſt vergeſſen und nimmer an ſie gedacht, wenn nicht ein paar Officiere, mit denen ich andern Tags durch die Straßen ſchlenderte, mich auf ein wunderhübſches Mädchen aufmerkſam gemacht hät⸗ ten, das an einem Fenſter ſaß und arbeitete. Plötzlich fiel mir die bezeichnete Straße und das bezeichnete Haus ein. Ohne langes Bedenken trat ich ein, be⸗ ſtellte etwas und das Mädchen freute ſich unbefangen und herzlich, mich wieder zu ſehen. Ich kam von da öfter in das Haus, ſaß manche Stunde an dem großen Kamin und ergötzte mich an dem Geplauder der klei⸗ nen Marietta, die ein gutes, unſchuldiges Geſchöpf war, ſowie an den Erzählungen des alten Großvaters, der ſich der franzöſiſchen Kriege in Italien mit vielen Einzelnheiten genau erinnerte und den großen Kaiſer 239 öfter geſehen hatte. Der Kleinen mußte ich die Aus— ſprache deutſcher Worte lehren, wobei ſie jedesmal über den harten Klang derſelben ausgelaſſen lachte. Marietta klagte ſehr über ihre wilden Lands— leute. Dem Vater hatten ſie viel Geld weggenom⸗ men und ihr den Käfig ihres Kanarienvogels herab geworfen, ſo daß das arme Thier, wie mancher Soldat, an ſeinen Wunden ſtarb. Solch eine flüch tige Bekanntſchaft gehört zum Soldatenleben im Kriege. Als ich fortzog, nahmen wir Abſchied für Nimmer⸗ wiederſehen und die kleine Italienerin ſchenkte mir zum Abſchied eine hochverbotene Kokarde mit den Lan— desfarben: roth, weiß, grün. Der Feldzug war mit der glorreichen Schlacht von Novara kaum zu Ende gegangen, ſo erſchien auch alsbald etwas europäiſche Diplomatie in unſerem Hauptquartier. Die Herren Bois le Comte und Abercrombie, die Repräſentanten Frankreichs und Eng⸗ lands, um mit dem alten Marſchall„im Auftrag der ſardiniſchen Regierung“ das Wohl und Wehe Piemonts in die Hand zu nehmen. Radetzky aber, der zu weiſe war, um vielleicht durch die Feder verderben zu laſſen, was das Schwert ſo eben gut gemacht hatte, ließ ihnen ſagen, daß der Waffenſtill— ſtand abgeſchloſſen ſey, daß er mit ihnen in amtlicher Eigenſchaft durchaus nichts zu thun habe, ſie aber —C—— 240 in ihrer Eigenſchaft als Privatperſonen gerne em⸗ pfangen würde. So kamen ſie denn zu dem greiſen Helden und mit ihnen der Podeſta von Turin, um die Stadt, im Fall der Beſetzung, ſeiner Gnade zu empfehlen. Eine andere freundlichere und für den Marſchall angenehmere Deputation waren Abgeordnete der Com⸗ mune Wien, die dem Helden in dieſen Tagen das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien feierlichſt übergaben. Unter dieſer Deputation befanden ſich der Präſident des Gemeinderaths Dr. Seiler und der Wiener Bür— germeiſter Bergmüller. Der Marſchall empfing dieſen Beweis, wie ſehr man im fernen Vaterland ſeine unſterblichen Verdienſte zu ſchätzen wußte, mit großer Freude. Er legte das Diplom zur Anſicht in ſeinem Zimmer auf und wir Alle durften es betrachten. Die Ausſtattung deſſelben iſt in jeder Hinſicht ein Pracht⸗ werk. Auf dem Ummſchlag befindet ſich in Silber, Gold und Emaille das Wappen des Feldmarſchalls, in der Kapſel und an dem Dokument diejenige des Hauſes Habsburg und der Stadt Wien. Aus der Anrede des Dr. Seiler bei Uebergabe des Diploms an den Feldmarſchall hebe ich folgende Stelle hervor:„Die bedeutſamen Worte, welche Euer Erx⸗ cellenz in jenen Tagen ernſter Siegesfreude(Curtatone und Cuſtozza) uns zuriefen, ſie finden in unſern Herzen 241 noch heute den lebhafteſten Anklang. Ja, der Bürger Wiens wird fortan die oft erprobte Treue mit um ſo größerer Hingebung zu bewahren wiſſen, je tiefer ihn der Makel ſchmerzt, womit ein wahnſinniges Be ginnen entfeſſekter Leidenſchaften den reinen Spiegel ſeiner Ehre zu trüben wagte. Auch wir halten das Glück des Vaterlandes für unzertrennlich von ſeiner Einheit— für einzig möglich durch treues Anſchließen an den Thron eines geliebten Herrſcherhauſes. Auch wir hoffen zuverſichtlich, daß Eintracht und Bruder liebe die Völker des Kaiſerreichs mit einem feſten, mit einem unauflöslichen Band umſchlingen werden. Die Blicke Oeſterreichs, die Blicke Europa's ſind nun von Neuem erwartungsvoll auf die Heldenſchaar ge richtet, welche Euer Excellenz unter ſieggewöhn ten Fahnen vereinigen. Möge uns demnächſt ein ehrenvoller Friede beglücken, mögen neue Siege uns zu neuer Bewunderung aufrufen: der Dank des Vaterlandes für Vollbrachtes, wie für Zukünftiges, lebt in dem Herzen jedes ächten Oeſterreichers.“ Richtiger und zu beſſerer Zeit, wie in dieſem Au genblick, hätte die Deputation Wiens nicht erſcheinen können. Die neuen Siege waren da, und neue Lorbeerblätter wanden ſich um das weiße Haupt des greiſen Heldenmarſchalls; neben Curtatone und Cuſtozza ſchreibt die Geſchichte Mortara und Novara! Hackländer, Soldatenleben im Krieg 11 16 242 Das Schreiben der Stadt Wien in Bezug auf das überſandte Diplom beantwortete der Feldmarſchall folgendermaßen: „Herr Präſident! Die Stadt Wien hat mir durch Sie das Diplom überreichen laſſen, kraft welchem mein Name als Ehrenbürger im goldenen Buche Wiens eingezeichnet ward. Durch dieſe ſchmeichelhafte Auszeichnung ſehe ich mich in eine Bürgergemeinſchaft aufgenommen, die meinem Herzen immer theuer war. Die Stadt Wien wird ſtets meine innigſte Anhänglichkeit beſitzen, denn ihr verdanke ich ſo viele frohe Erinnerungen aus meinem früheren Leben. Ich bitte Sie, Herr Präſident, dem Gemeinderath und der ganzen Bürger⸗ ſchaft Wiens meinen innigſten Dank für eine Ehre auszudrücken, die ich über Alles hochſchätze. Der Tag, wo ich dieſe Geſinnungen meinen neuen Mitbürgern mündlich ausdrücken zu konnen ſo glücklich wäre, würde einer der ſchönſten meines langen Lebens ſeyn. Die politiſchen Stürme des unheilvollen Jahres 1848, die nicht allein die Grundfeſten des europäiſchen Staaten⸗ gebäudes, ſondern auch die moraliſchen Grundpfeiler der Geſellſchaft umzuſtürzen drohten, hatten ſich über dem ſonſt frohen und glücklichen Wien blutig entladen, doch der Sturm iſt gottlob vorübergebraust, und nur noch aus weiter Ferne hört man ſein Toſen. Schon f 1 243 bricht die Morgenröthe einer beſſeren Zeit heran, und aus finſterer Nacht tritt das alte treue Wien mit verjüngtem Glanze wieder hervor. Bald zieht unſer junger und hoffnungsvoller Monarch wieder in die Thore ſeiner Hauptſtadt, in die Hallen ſeiner Väter ein; dort will er ſich die Krone des großen und vereinten Oeſterreichs auf das Haupt ſetzen; wir werden dann ein Feſt der Verſöhnung und Wiedervereinigung feiern, wie noch kein Volk ein ähnliches beging. Vergeſſen und vergeben ſoll die Vergangenheit ſeyn, verſöhnt ſich die Hand reichen, was noch vor Kurzem in unglücklicher Verblendung feindlich einander gegenüber ſtand. Noch mals, Herr Präſident, empfangen Sie als Organ meiner neuen Mitbürger meinen wärmſten Dank und die Verſicherung meiner höchſten Werthſchätzung und Verehrung.“ XVII. Im Hanptquartier nach dem Feldzug. So entzückt auch Alles im Hauptquartier nach einem jeden ſiegreichen Gefecht während dieſes Feld⸗ zugs war, und ſo laut ſich der Jubel ſelbſt bei den geringſten Erfolgen ausſprach, ſo ſah man doch jetzt nach beendigtem Feldzug und abgeſchloſſenem Waffen⸗ ſtillſtande nicht dieſelben freundlichen Mienen, und man hörte häufig bei Alt und Jung darüber klagen, daß Alles ſo bald beendigt worden ſey. Eines unſerer Lieblingslieder auf dem Marſch handelte von dem ſiegreichen Einrücken in Turin, und dieſer ſchöne Traum war leider nicht in eine noch ſchönere Wirklichkeit übergegangen. Es iſt freilich bei einem braven Officier nichts begreiflicher, als daß er Krieg wünſcht, und daß es ihn unangenehm be⸗ rührt, einen glücklichen Feldzug, wenn auch noch ſo 245 glorreich, doch ſo ſchnell beendet zu ſehen. War es doch möglich, daß der Säbel vielleicht für ſehr lange, wenigſtens hier in Italien, in die Scheide geſtoßen wurde, denn der 84jährige Feldherr hatte ſo kräftig und mit der ganzen Spannkraft und Schnelligkeit der Jugend ſein Schwert geführt, daß wohl auf lange Zeit hinaus von einer neuen Schilderhebung nichts zu fürchten ſeyn wird. Schon zogen ſich auch die Truppenmaſſen, die um Novara geſtanden und nur theilweiſe an der großen Schlacht mitgekämpft, auseinander und mar ſchirten nach dem Willen des Feldherrn hier⸗ und dorthin, theils in ihre alten Cantonirungen, theils aber auch nach einzelnen Städten der Lombardei, wo eine Rotte wahnſinniger Menſchen einen neuen Auf ruhr angezettelt hatte, ſich ſelbſt, jedoch leider noch mehr Andern und Schuldloſen zum Verderben. Regi ment um Regiment zog mit klingendem Spiel zurück, und wie beim Auszug aus Mailand, ſo ſah man auch hier in Novara lange Züge Munitions⸗ und Proviantwagen der Armee folgen, heimwärts ziehend. Das ſchlechte Wetter, das wir beſtändig in No— vara hatten, trug auch nicht dazu bei, uns in die heiterſte Laune zu verſetzen. Nebenbei verſtimmten die Nachrichten von dem Aufruhr in Brescia die höheren Officiere, namentlich den alten Feldmarſchall, — —, —— 46 und wenn auch Feldmarſchalllieutenant Haynau wie ein Blitzſtrahl von Meſtre nach Brescia kam, wenn er auch gleich anfangs St. Euphemia, wie ſpäter Brescia, ſiegreich ſtürmte, und der ganzen Sache ein ſchnelles Ende machte, ſo wirkten dagegen die oftmals von den dortigen Commandirenden verlangte Beſtäti gung von Todesurtheilen durch den Feldmarſchall be⸗ ſtändig unangenehm auf das menſchenfreundliche Ge⸗ müth des geliebten Feldherrn. Namentlich erinnere ich mich eines regneriſchen Nachmittags, wo der alte Herr etwas verſtimmt und mißmuthig an das große Kaminfeuer in der Stube des Oberſten Schlitter trat und lange, lange nachdenkend in die verglimmende Glut ſchaute. Feldmarſchalllieutenant Haynau hatte die noth— wendige Erſchießung von mehreren mit den Waffen in der Hand gefangen genommenen Inſurgenten angeordnet und an dieſem Tage die Beſtätigung dieſes Urtheils von dem Feldmarſchall verlangt, die ihm, als unvermeid⸗ lich, mit der Unterſchrift deſſelben Herrn verſehen, auch ſofort geſandt wurde. Ich ſtand in dem Augen blick, als die verhängnißvolle Depeſche abgehen ſollte, am Fenſter, ſchaute hinaus auf den grauen Himmel, von dem ein feiner Regen nieder auf die naſſen Straßen fiel. Unten vor dem Thor hielt die Staf⸗ fette, welche jene Beſtätigung übernahm, um ſie nach 247 Brescia zu bringen. Ich konnte mich des mir ſchwer auf's Herz fallenden Gedankens nicht erwehren:„ſo— bald ſich der Reiter in den Sattel ſchwingt, ſind jene Schuldige ohne alle Rettung verloren.“ Jetzt übernahm die Staffette ihre Depeſche, ſaß auf und galoppirte die Straße hinab. Der Hufſchlag klirrte auf dem Pflaſter, wurde leiſer und immer leiſer und erſtarb endlich in der Entfernung.—— Aber auch an freundlichen Bildern und Scenen fehlte es uns nicht, und namentlich wenn ſich zum Mittagsmahl um 4 Uhr in dem großen Saal des Palaſtes das ganze Hauptquartier verſammelte, ſo erklang das alte luſtige Leben wieder in vollen Ac corden. Der Marſchall war heiter und ſämmtliche Officiere freuten ſich an der Jugendfriſche ihres Va— ters Radetzky. Wie derſelbe immer ſein Wort gehal ten, ſo hielt er auch gewiſſenhaft das uns in Tru mello gegebene Verſprechen, daß er ſich, wenn die Piemonteſen„tüchtig geklopft“ würden, wolle den Bart wachſen laſſen, denn wenige Tage nach der Schlacht von Novara keimte, von uns Allen mit Jubel be— grüßt, aus der Oberlippe des lieben alten Herrn ein grauer Schnurrbart hervor. Dem Marſchall ſelbſt war er, wie er oftmals bemerkte, recht unbequem, aber, wenn er auch darüber klagte, ſetzte er doch immer hinzu:„Da ich's Euch verſprochen, muß ich's ————— nnnn—— 248 halten, und werde ihn zum Andenken an Novara bis an mein Ende tragen.“ Täglich kamen Officiere ſowohl von der öſter⸗ reichiſchen als von andern Armeen an, um an dem neuen italieniſchen Feldzuge, deſſen ſchnelles Ende Niemand ahnen konnte, noch Theil zu nehmen. So ſah ich unter Anderen den Herzog Alexander von Württemberg, der ebenfalls hieher gekommen, um noch einige Lorbeeren zu gewinnen. Ein furchtbarer Sturz von dem Pferde während des vorigen Feldzugs, wobei der Herzog, ein tapferer Soldat und kühner Reiter, die Knieſcheibe brach und wodurch er lange Zeit nicht im Stande war, ſich im Sattel zu erhalten, hatte es ihm leider unmöglich gemacht, den rühmlichen Antheil an dem glänzenden Erfolge jenes Feldzuges zu nehmen, der ihm ohne dieſes Unglück durch manche ſeiner Eigenſchaften gewiß geſichert geweſen wäre. Auch jetzt noch trug er den Fuß in eiſernen Schienen, um nothdürftig gehen und reiten zu können. Ein anderer Anverwandter des Königshauſes, Herzog Wilhelm von Württemberg, Lieutenant bei Kaiſer Infanterie, hatte ſich nach dem Zeugniſſe ſeiner Kameraden in den verſchiedenen Gefechten außer⸗ ordentlich brav und tapfer hervorgethan und wurde in der Schlacht von Novara von einer Flintenkugel unterhalb des Knies ſehr gefährlich verwundet. Ueber⸗ 249 haupt war während dieſes Feldzuges, ſo küͤrze Zeit er dauerte, der Verluſt in der öſterreichiſchen Armee nicht gering. Im Gefecht bei Gravellone, am 20. März, hatten wir 9 Verwundete; im Treffen bei Mortara, 21. März, 2 Officiere, 61 Mann todt, 20 Offiiciere, 236 Mann verwundet; in der Schlacht von Novara, 23. März, 1 Stabsofficier, 13 Oberofficiere, 396 Mann todt, 2 Generale, 7 Stabsofficiere, 94 Oberofficiere, 1747 Mann verwundet; im Ganzen an Todten 1 Stabs officier, 15 Oberofficiere, 457 Mann, an Verwun deten 2 Generäle, 7 Stabsofficiere, 114 Oberofficiere, 1992 Mann. So viel der Todten und Verwundeten aber auch waren, ſo ſtanden auch die Belohnungen für die tapfere und glückliche Armee durch die Gnade des Kaiſers und die Vorſorge des Feldmarſchalls mit den Anſtrengungen und Verluſten im gleichen Verhältniß. Die durch viele gefallene Officiere entſtandenen Lücken wurden augenblicklich durch die Nachrückenden ausge füllt und es machte ſich daher eine ſtarke Beförderung in der ganzen Armee bemerkbar. Ueberhaupt ſind die Beförderungen in letzter Zeit ſehr bedeutend gewe ſen, und Mancher, der noch vor 6—8 Jahren Ober⸗ lieutenant und Rittmeiſter war, iſt jetzt Major und Oberſtlieutenant.. Zu Belohnung der Soldaten iſt die öffentliche 250 Vertheilung der Tapferkeitsmedaillen, bei welcher Ge— legenheit immer für das betreffende Regiment ein ſchönes militäriſches Feſt iſt. Dieſer Medaillen ſind es drei Klaſſen, die große goldene Medaille, die große ſilberne und die kleine ſilberne. Da dieſelben (vor allen die goldene) durch ſehr hervorragende Ta pferkeit verdient ſeyn müſſen, ſo ſtehen ſie auch in ſehr hoher Achtung. Selbſt die Officiere blicken ſehn ſüchtig darnach, können ſie aber nicht erhalten, da ſie nicht an Officiere gegeben werden. Die wenigen von ihnen, welche ſie tragen, erhielten ſie als Unter⸗ officiere oder Cadetten. Im vorigen ſowie im letzten Feldzuge kam mehreremal der intereſſante Fall vor, daß Cadetten, welche zu Lieutenants befördert werden ſollten, dringend baten, dieß Avancement noch zu verſchieben, bis ſie ſich die Medaille verdient haben würden, und manche erhielten ſie auch wirklich nach der nächſten Schlacht. Für den Soldaten haben dieſe Medaillen auch einen pecuniären Vortheil. Für die goldene erhält der Inhaber, ſo lange er lebt, die doppelte Löhnung, und wenn er aus dem Militärverband ſcheidet, lebens— länglich die einfache; für die ſilberne im Dienſte die halbe Löhnung mehr und beim Ausſcheiden dieſe Zu⸗ lage als lebenslängliche Penſion. Ich ſah mehrere ſolche Vertheilungen, unter 251 andern nach unſerer Rückkehr nach Mailand im Giar dino publico, die ſehr feierlich war. Auf dem Corſo, der hinter dieſem öffentlichen Garten erhöht liegt, ſtanden Radetzky⸗Huſaren in voller Parade zu Pferde, und unten im Garten die tapfern Regimenter Kinsky, Latour und mehrere Bataillone Grenzer. Nachdem Feldmarſchall Radetzky mit einem zahl reichen und glänzenden Gefolge, welchem ſich ſämmt liche Erzherzoge und alle hier befindlichen Generale und Feldmarſchalllieutenants angeſchloſſen, bei der Fronte vorbeigeritten war, wobei ihn lautes donnern des Lebehoch empfing und begleitete, ſtieg er vom Pferde und ließ die tapferen Soldaten vor den Regi mentern zuſammentreten. Bei dem namentlichen Auf ruf derſelben fehlten leider Viele, und von Einigen, denen die große goldene Medaille beſtimmt war, mel dete der Oberſt dem Feldmarſchall, der Mann liege hoffnungslos darnieder oder er ſey an ſeinen Wunden geſtorben. Auch von denen, welche vortraten, hatten Einige noch den Arm in der Schlinge, und Andere ſahen blaß und angegriffen aus. Aber als nun der Feldmarſchall vor ſie hintrat, ſie ſelbſt einzeln aufrief und ihnen mit wenigen herz— lichen Worten die Medaillen mit dem roth und weißen Band an die Bruſt heftete, da glänzten die Augen, da färbte ſich manche blaſſe Wange roth, manche rothe — —4— — ʒ—-——— — — — 252 ſchneebleich, aber Alle waren ſichtlich ergriffen von dem ſchönen Moment. Eine herrlichere Erinnerung an dieſe glorreichen Feldzüge kann den Soldaten auch nicht verbleiben, als dieſe hochgeſchätzte Medaille, das Zeichen ihrer Tapfer⸗ keit, verbunden mit dem Gedanken, daß Vater Radetzky ſelbſt ſie ihm angeheftet habe. In der Heimath dieſer dekorirten Soldaten erregt die Nachricht meiſtens eine große Freude. Der Schulze oder Bürgermeiſter des Orts verliest auf öffentlichem Platz, daß„des An— dreſen ſein Sohn“ die Medaille erhalten und eigen händig vom Feldmarſchall Radetzky. Jubel herrſcht in dem Dörfchen und eine luſtige Tanzpartie krönt meiſtens das patriotiſche Feſt. Man hat mir Fälle erzählt, daß die armen Anverwandten eines dekorirten Soldaten bei ſolcher Gelegenheit von dem ganzen Dorfe auf's reichlichſte beſchenkt wurden. Auch mir wurde hier in Novara nach beendigtem Feldzuge für meine Berichte in die Allgemeine Zeitung eine Belohnung zu Theil, großartig und ſchön, wie ſie wohl bis jetzt kein Schriftſteller genoſſen. Graf Radetzky las jeden Tag ſeine Allgemeine Zeitung und wenn namentlich etwas Umfangreiches über die Armee erſchien, ſo kam er oftmals mit dem Zeitungsblatt in der Hand aus ſeinen Zimmern und ließ ſich das Be⸗ treffende von Major Eberhardt vorleſen. Ich glaube, , 253 es war der Bericht aus dem Hauptquartier St. Am⸗ gelo, welcher den guten alten Herrn faſt bis zu Thränen rührte, was ſchon allein für den Verfaſſer eine glänzende Genugthuung geweſen wäre. „Sehr lieb und brav geſchrieben,“ ſagte der Feld marſchall;„H. iſt unſer guter Freund!“ Darauf druͤckte er mir die Hand und gab mir einen herzlichen Kuß, worauf die Reihe des Gerührt« und Ergriffenſeyns nun an mir war. Ich geſtehe, ich hätte mir keinen herrlichern Lohn wünſchen können und werde dieſen Augenblick in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen. Der Dichter ſagt In jedes Menſchen Leben, mag es auch noch ſo arm an Freuden ſeyn, glänzen gleich drei hellen Sternen drei reine heilige Küſſe, bei der Geburt, bei der erſten Liebe und im Tode Wenn der Dichter wahr ſpricht, ſo werde ich glüch licher als alle übrigen Menſchen ſeyn, denn neben jenen drei Weiheküſſen kann man einſt für mich als vierten mit vollem Recht den übrigen an die Seite ſetzen dieſen Kuß des Vater Radetzky. XVIII. Rückkehr. Endlich war der Tag gekommen, an dem wir Novara verlaſſen und nach Mailand zurückkehren ſoll⸗ ten. Da der Krieg nun vor der Hand unwiderruflich beendet war, ſo ſehnte ſich auch Jeder hinweg von der kleinen Stadt in den Kreis ſeiner Freunde und Bekannten, um ihnen das Erlebte und in mancher Beziehung Wunderbare mittheilen zu können. Nicht unwillkommen war daher der Befehl, den wir am 28. März erhielten:„Das Hauptquartier begibt ſich morgen nach Mailand zurück.“ Da das Wetter noch immer regneriſch und un— freundlich war, ſo entſchloß ich mich, mein Pferd und Freund Weiler, den Stabsdragoner, vorausgehen zu laſſen und eine andere Gelegenheit zu benützen, um nach Mailand zu kommen. Dieſe fand ſich für mich auf das allerangenehmſte, indem mir Feldmar— ſchalllieutenant Schönhals einen Platz in ſeinem Wagen anbot. So kehrte ich denn heim aus dem ſiegreichen Feldzug in der Geſellſchaft der Männer, die für mich ſo außerordentlich freundlich geweſen waren, nämlich: Schönhals, Schlitter und Eberhardt, welche beide letztere ebenfalls mitfuhren. Der Regen goß in Strömen herab, als am 29. Morgens um 6 Uhr Marſchall Radetzky ſeinen Wagen beſtieg und vorausfuhr. Trotz des ſchlechten Wetters ſtanden auf der Straße Hunderte der Einwohner, um dem alten Herrn, den Alles auch in Feindes Land liebgewonnen, einen freundlichen Abſchied zuzurufen. Wir hatten unſern Wagen feſt verſchloſſen und un terhielten uns angenehm von den Erlebniſſen der letzten Tage. Ein merkwürdiges Spiel des Zufalls bleibt es immer, daß gerade in den Tagen vom 18. bis 24. März, wo im vergangenen Jahre die öſterreichiſch— italieniſche Armee in ſo großer Noth war, dieſer kurze und glänzende Feldzug geliefert wurde, was bei uns auf dem Wege nach Mailand Stoff zu lebhaften Geſprächen gab. Die Landſtraße war bedeckt mit langen Wagen zügen, mit Truppen und Pferden. Alles war heiter und guter Dinge, und luſtig und vergnügt zog die jubelnde Mannſchaft dahin. Wo der Wagen des 256 Marſchalls von weitem ſichtbar wurde, brachen don⸗ nernde„Hochs!“ aus, die ihn auf der ganzen Straße bis Mailand begleiteten. Auch in den Dörfern, die wir paſſirten, ſtanden die Einwohner vor ihren Häuſern und ſandten dem Wegen manch herzliches Evviva nach. Das Schlachtfeld von Novara ſahen wir durch den niederſtürzenden Regen wie mit einem grauen Schleier verhüllt. Dort lagen gar Viele tief in der Erde, kalt und ſtarr, die noch vor wenigen Tagen, den grünen Buſch auf dem Hute, luſtig ausmarſchirt waren. Rauher Wind fuhr über die Fläche und beugte die kleinen Holzkreuze(welche die Ruheſtellen der Ge⸗ fallenen bezeichneten), daß ſie ängſtlich hin- und her⸗ fuhren. Es war, als wollten ſie ſich der heimkehrenden Armee anſchließen. Bleibt ruhig ſtehen im Regen und Sonnenſchein noch eine kurze Weile, ihr kleinen Zeichen, wo die tapfern Gefallenen liegen! Tief hin⸗ ein in die Erde dringt nicht das Licht der Sonne, nicht der Strahl des Mondes, den ihr genießt; nicht das Raſſeln der Geſchütze, nicht die klingende Feld⸗ muſik, die ihr hört. Es wäre aber auch entſetzlich, wenn der Todte da unten noch etwas vernähme von dem Schnauben ſeines Pferdes, von dem luſtigen Lied, mit dem ſeine Kameraden heimziehen, während er zurückbleiben muß, auf immer, auf ewig; und doch wer weiß!—— 257 Als wir in die Nähe von Mailand kamen vor die Porta Vercelina, hatte das Wetter ſich etwas aufgeklärt; wir fanden hier die Reiter und Pferde des Hauptquartiers und der Marſchall beſchloß, hoch zu Roß ſeinen Einzug in die Stadt zu halten. Es war vor dem Thore ein luſtiges Gewühl, Munitionswagen und Equipagen drängten ſich, links waren die rothen Sereſchaner aufgeſtellt, rechts die Stabsdragoner mit ihren weißen Mänteln und und zählige Officiere bildeten glänzende Gruppen. So ſehr ich auch umherſpähte, konnte ich nirgends Weiler mit meinem Pferd finden. Derſelbe hatte keinen Befehl erhalten zurückzubleiben und war mit mehreren Andern. in die Stadt marſchirt. Glücklicherweiſe fand ich ein lediges Sereſchanerpferd und da mir der orientaliſche Sattel nichts Neues war, ſo beſchloß ich, auf dem kleinen Klepper mit dem rothen phantaſtiſchen Riemen zeug meinen Einzug zu halten. Wenn man von den fabelhaften Schlachtberichten gehört hatte, welche abſichtlich in der Lombardei ver breitet wurden, und worin deutlich zu leſen war, daß die Oeſterreicher faſt überall geſchlagen worden ſeyen, und wenn man dazu bedachte, wie angenehm und glaubwürdig den meiſten Mailändern dieſe Nachrichten ſeyen, ſo konnte man ihre Leichtgläubigkeit nicht übel nehmen, wenn ſie in den ſo raſch wieder heimkehrenden Hackländer, Soldaten’eben im Krieg. 17 —————;ʒ—QOʒ—:—— ——— ——õ——— — — — — 258 Truppen, die allerdings durch die vielen Bivouaks im Regen nicht parademäßig ausſahen, eine geſchla⸗ gene Armee erblickten. Unbegreiflich bleibt es aber immer, wenn man bedenkt, daß Novara von Mailand wenige deutſche Meilen entfernt iſt, ſo daß man den Kanonendonner der Schlacht deutlich in der Hauptſtadt der Lombardei vernahm und daß man die wichtigſten Nachrichten aus dem Feld in wenigen Stunden haben konnte. Das that aber Alles nichts; Radetzky war mit ſeiner Armee geſchlagen, der Marſchall mußte ſich nach Mailand zurückziehen, werde auch morgen ſchon die Stadt wieder verlaſſen und ſich an die Feſtungen Verona und Mantua lehnend, noch einen letzten Verſuch wagen, die ſiegreich vordringenden Piemonteſen aufzuhalten! So hatten ſie es ſich ausgemalt und kamen haufen⸗ weiſe aus der Porta Vercellina, um die geſchlagene Armee zu ſehen, gingen aber meiſtens kopfſchüttelnd zurück, denn das luſtige Ausſehen der Grenadiere, die Fröhlichkeit ſämmtlicher Mannſchaft und namentlich die eroberten piemonteſiſchen Batterien mochten ihnen verdächtig vorkommen. Doch hatte für Letzteres ein geſcheidter Kopf den guten Einfall und ſoll geſagt haben:„Was wollt Ihr? das ſind keine piemonteſiſchen Geſchütze; die Oeſterreicher haben die Laffetten blau gefärbt, um uns irre zu führen!“ Und dieſe tröſtliche Gewißheit fand allgemeinen Anklang. ——„ 259 Gegen 10 Uhr ſtieg der Marſchall zu Pferde, um den erſtaunten und verwirrten Mailändern den Anblick ſeines feierlichen Einzugs zu gewähren. Den Vortrab machten wie gewöhnlich eine Patrouille Dra— goner und Sereſchaner, den Carabiner oder Säbel in der Fauſt emporhaltend, alsdann folgten die Stabs— dragoner und ſämmtliche Sereſchaner, dann zwei Ober officiere des Generalſtabs und hierauf der Sieger ſelbſt inmitten der Erzherzoge Karl Ferdinand und Leopold und einer der zahlreichſten glänzendſten Umgebungen, die ich je geſehen. Alles, was von Officieren aller Waffen und Grade nur ſich möglicherweiſe anſchließen konnte, folgte dem Siegeszuge, und die ganze breite Straße Mailands, durch welche wir zogen, wogte und glänzte in Gold, Silber, Helm und Federbuſch. Der greiſe Feldmarſchall an der Spitze, ritt, wie gewöhnlich, einen Schimmel und ſah heiter und ver— gnügt aus; ihn ſchien es wenig zu kümmern, daß die Stadt ſelbſt ihm keinen feſtlichen Empfang bereitet hatte und ſich auf der Straße nur wenige Hände zum Gruß emporhoben. Nicht als ob es den Straßen und Plätzen Mailands, durch welche wir zogen, an Zu— ſchauern gefehlt hätte, Gott bewahre! Längs den Häuſern ſtanden ſte tauſendweiſe maſſenhaft zuſammen⸗ gedrängt, und die Balkone waren bis in die oberſten Stockwerke dicht mit Menſchen angefüllt, aber kein —————.— n— — — — —yy—ꝛ———— = — 3 —— — — 260 Laut, kein Willkomm, kein Gemurmel hörbar, keine Bewegung in dieſer unzähligen Menge, Alles ſtarr vor Erſtaunen und— Entſetzen! Denn am Ende waren die Berichte über die gewonnenen Schlachten der Piemonteſen doch falſch, am Ende war es doch wahr, was ſie nicht glauben mochten und wollten, am Ende hatten die Oeſterreicher doch bei Novara die piemonteſiſche Armee total geſchlagen und faſt vernichtet. Dieſe Italiener ſind wie die Kinder und ſchon am frühen Morgen, als unter dem Klingen fröhlicher Feldmuſik, geſchmückt mit grünen Siegeszeichen, Regi⸗ ment um Regiment einzog und jubelnd ob dem unge⸗ heuren Erfolg die alten Quartiere wieder bezog, ver— wandelte ſich bei Vielen die Freude über den Fall des öſterreichiſchen Aars in Zorn und Wuth und mit verhaltenem Ingrimm begannen ſie aufs Neue über Verrath zu klagen. Je tiefer wir in die Stadt eindrangen, je finſterer wurden die Mienen der Zuſchauer, je länger die geſtern noch ſo trotzigen Geſichter. Der alte Mann da vornen ſah gar nicht ſo aus, als hätte er eine Schlacht ver— loren, die blaue Farbe der eroberten piemonteſiſchen Batterien, die nachgeführt wurden, ſah doch etwas verwittert und abgeſchoſſen aus, die dunkeln Flecken und Kugelmale auf denſelben ließen ſich nicht weg— läugnen, und die viertauſend Grenadiere, die hierauf 261 folgten, blickten unter ihren Bärenmützen gar ſtolz, ja ſogar etwas verachtend auf die zahlloſe Menſchenmenge. Auf dem Domplatz, wo das Gedränge wahrhaft ungeheuer war, konnten die Stabsdragoner und Sere ſchaner nur mühſam Platz machen für den Feldmarſchall und ſein Gefolge, das ſich hinter ihm aufſtellte, denn der Feldherr ließ die ſiegreich einrückenden Truppen hier vorüberziehen. Wie ſchon beim Einzuge, ſo herrſchte auch hier unter den verſammelten Zuſchauern Todesſtille; es war, als halte Jeder den Athem an ſich und wage auch nicht das geringſte Geräuſch zu machen. Vorüber an dem prachtvollen Dom, der ſchon auf ſo viele Heere herabgeblickt, zogen die Grenadiere mit ruhigen feſten Schritten. Die Feldmuſik ſpielte„Gott erhalte unſern Kaiſer“ und die lauten herzlichen Vivats, Eljens und Evviva's der Truppen begrüßten den Feldherrn, die eroberten feindlichen Kanonen raſſelten auf dem Pflaſter, von den Italienern mit Verwünſchungen be gleitet, ohne daß eine Bewegung unter den Volks haufen ſichtbar geweſen wäre. Plötzlich aber neue ungeheure Vivats der anrücken den Grenadiere. Alles ſchaut nach der engen Gaſſe, aus welcher unſere Soldaten wie endlos hervorkommen, immer neue Bataillone, auf den Balkonen geräth Alles in Bewegung und dieſe Bewegung gewaltig wachſend, — ——— —————— — —— — 262 zittert fieberhaft unter den Zuſchauern auf dem Platze nach, die Menge wogt vor und zurück, ein Gemurmel erhebt ſich und ſchwillt wie Meeresbewegung an; man verſteht kein Wort, aber gewaltige Aufregung zerreißt die Herzen der Zuſchauer, denn über den ſchwarzen Bärenmützen, neben der alten zerſchoſſenen und nur in einzelnen Fetzen flatternden Fahne der Grenadiere weht neu und glänzend eine piemonteſiſche Standarte, roth, weiß, grün, die bekannten Farben mit dem weißen ſardiniſchen Kreuze.———— Wie oft und wie viele derartige Fahnen ſah der alte Platz hier im vorigen Jahr, ſahen alle die Men⸗ ſchen, aber unter welch' ganz andern Verhältniſſen! Daher war auch der Ein⸗ druck, den der Anblick der Standarte hervorrief, ungeheuer. Ueber den Corſo der Porta orientale begleiteten wir den Feldmarſchall nach der Villa Reale, und als er abſtieg, grüßte das Gefolge den geliebten Führer mit einem dreimaligen donnernden Lebehoch für die treffliche Führung des beendigten Feldzugs;— Allen, die ſich zufällig in ſeiner Nähe befanden, drückte er die Hand, Einige küßte er gerührt, und die Andern, die ferne ſtanden, lichen Gruß. die hier verſammelt waren, waren zufrieden mit ſeinem freund— Colour& Grey Control Chart e Cyan Green vellow Hed