aranacnganann LlIAe ar aAchührAncTrTr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Tazliher eſenre für ein deutſches Bn 1 Kr. 2„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement belraot: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 1 auf 6 Monat: 2 fl Kr. 3. 41„ 1 ——— EhcDehceSceeneeneenheeheene AIeLIeIe ſseseSenese Fesegeege eeses — G — 3 2 Redeu an be Gebildete weiblichon eecsffhee bon Friedrich Ehrenberg, Königl. Preußiſcher Hofprediger zu Berlin. Zweite, veränderte und vermehrte Auflage, Mit einem Kupfer⸗ — Leipzig 808. Bei Heinrich Büſchler in Elberfeld gedruckt. Ihro Majeſtät Preußens erhabener Koͤniginn. 8 . In ihrer Beſtimmung, ein Ge⸗ maͤhlde edler Weiblichkeit darzuſtel⸗ len, hoffen dieſe Blaͤtter Entſchul⸗ digung zu finden, daß ſie es wa⸗ gen, an ihrer Spitze die Vereh⸗ rung mit aus szuſprechen, worin die Welt der Koniglichen Frau huldigt, Die ſie ſchon lange gewohnt iſt, zu den Trefflichſten Ihres Geſchlechtes zu zaͤhlen, und an Der ſie mit Ent⸗ zuͤcken ſah, wie weiblicher Adel im Ungluͤcke bewaͤhrt und verherrlicht wird. Moge das freundliche Ge⸗ muͤth ſie huldreich und nachſichts⸗ vooll aufnehmen; moͤge dieſe Weihe 1 den Wehrt derſelben erhoͤhen, und die reine, unbefangene Abſicht ihre Maͤngel bedecken. In tiefſter Ehrfurcht nenne ich mich Ew. Koͤniglichen Majeſtaͤt allerunterthänigſter Diener 9 Ehrenberg. Vorrede Lur zweiten Auflage. — Uber die Beſtimmung dieſer Schrift nur ei⸗ nige Andeutungen aus der Vorrede zur er⸗ ſten Auflage. Es war nicht meine Abſicht, die allge⸗ meinen Lehren der Moral mit Anwendung auf die beſondern Verhaͤltniſſen des weiblichen Lebens— die Pflichten des Maͤdchens der Gattinn und der Mutter vorzutragen, zur Bildung des Geiſtes und Herzens fuͤr dieſe Verhaͤltniſſe Anleitung zu geben, vor den Ge⸗ fahren zu warnen, denen die Tugend und das Gluͤck der Frauen am meiſten ausgeſetzt ſind, und auf die Fehler aufmerkſam zu machen, in welche Frauen leicht verfallen. Fuͤr dieſen Zweck iſt ſchon viel Treſfliches gearbeitet wor⸗ den, daß neue Bemuͤhungen fuͤr uͤberſluſſig und anmaßlich koͤnnten geachtet werden. Ich wollte nur die vornehmſten Eigen⸗ ſchaften anzeigen, durch welche das Weib, als Weib, ſich auszeichnen ſoll. Das Bild edler Weiblichkeit nach den Hauptzuͤgen der⸗ ſelben darzuſtellen, und ihre wichtigſten Be⸗ ſtandtheile ſorgfaͤltiger zu entwickeln, daß dar⸗ aus erkannt wuͤrde, was die veredelte Menſch⸗ heit im weiblichen Charakter, und was des Weibes hoͤchſten Wehrt ſey, war meine Ab⸗ ſicht. Das urſpruͤnglich Eigenthuͤmliche der weiblichen Natur iſt dabei nur in ſo weit be⸗ ruͤhrt worden, als es noͤthig war, um fuͤr das Ideal Bewaͤhrung und naͤhere Beſtim⸗ mung zu gewinnen. Daher auch dieſe Schrift nicht mit denen zu wetteifern begehrt, die wir uͤber den Geſchlechtscharakter der Frauen be⸗ ſitzen, von denen viele dem Verfaſſer ſehr lehr⸗ reich geworden ſind. Die nachſichtsvolle freundliche Aufnahme, welche dieſe Schrift bei ihrem erſten Erſcheinen fand, iſt mir Antrieb geworden, allen Fleiß da⸗ 46 eine vollkommnere Geſtalt gewinne. Faſt keine ran zu wenden, daß ſie fuͤt das zweite Erſcheinen Seite iſt ohne Veraͤnderungen geblieben; ein großer Theil iſt ganz umgearbeitet; Neues iſt hinzu gekommen. Ich bin insbeſondre bemuͤht geweſen, dem Ideengange mehr Einfachheit und Leichtigkeit, der Darſtellung mehr Helle, Beſtimmtheit, Rundung und Glaͤtte zu geben. Bei dieſer Ueberarbeitung iſt mir vorzuͤglich einleuchtend geworden, daß die meiſten dieſer Anfſaͤtze, ſtrenge genommen, dem Begriffe einer Rede wenig entſprechen. Es war auch nicht wohl moͤglich, ſie dahin umzubilden. Die Waͤr⸗ me, Fuͤlle und Lebendigkeit redneriſcher Dar⸗ ſtellung vertraͤgt ſich nicht mit der ruhigen Ent⸗ wickelung, welche die meiſten hier verhandelten Gegenſtaͤnde forderten. Nur in einigen Stel⸗ leh konnte ſich dieſe zu jener erheben. Das Buch bekam in der erſten Auflage den Titel, weil es als Fortſetzung meiner Reden an gebildete Men⸗ ſchen verkauft werden ſollte. Ich durfte ihn jetzt nicht andern; weil dadurch mancher haͤtte verleitet werden koͤnnen, die neue Auflage fuͤr ein neues Werk zu halten. Berlin, den 19. Maͤrz 1808. * Der Verfaſſer. Erue Rede: Edle Weiblichkeit. Zweite Rede: Fortſetzung....... Dritte Rede: Weiblithe Bildung.... Vierte Rede: Fortſetzung....... Fünfte Rede: Weibliche Würde...⸗.. Sechste Rede: Weibliche Religioſität... Siebente Rede: Fortſetzung...... Achte Rede: Das häusliche Weib.... Neunte Rede: Die vornehmſien Hinderniſſe der Häuslichkeit in der gegenwärtigen Zeit. Zehnte Rede: Beförderungsmittel der Häus— lichteit............ Elfte Rede: Weiblicher Lebensſinn... Z w olfte Rede: Das reiche Gemüth.... Dreizehnte Rede: Das reine Herz... Vierzehnte Rede: Fortſetzung.... Fünfzehnte Nede: Weibliche Herzensgüte. Sechszehnte Rede: Weibliche Schwäche. Siebenzehnte Rede: Weibliche Seelenſtärke. Achrzehnte Rede: Fortſetzung.... Erſte Rede. 0655⸗ 4N⸗ 46 8 4 65 e. 936 Edle Weiblichkeit. 126. 9 155 4 33— Darin beſteht des Weibes wahrer Adel, daß es ganz Weib iſt, und nichts andres zu ſeyn be⸗ 21 gehrt, als gut in reiner Weiblichkeit. Es iſt in dem Maße liebenswürdig, und alles, was es — ſeyn kann, als es ſich in ſeiner Weiblichkeit ge— 262 bildet zeigt. Die Geiſtesanſtrengungen und Hel⸗ 3¹5 denthaten ausgezeichneter Männer ſetzen uns in 54½ Erſtaunen; der Ernſt ihrer Gedanken und Werke E kann uns tief erſchüttern. Aber das treffliche— 3 Weib feſſelt uns in unſerm ganzen Daſeyn, und 1 — mehr als ein Weib zu ſeyn. Selbſt dieienigen regt alle wohlthuenden Gefühle in unſerm Ge⸗ müthe auf. Wir finden uns bald geſpannt, ll gedrückt, wo wir an der hervor ragenden Größe hinaufſehen. Wir finden uns frei— und das Herz erweitert ſich, wo wir die ſtille Güte be⸗ trachten. Der Bewunderung, welche Kraft und Muth einflößen, wird man müde, indeß man mit immer gleichem Wohlgefallen bei der freund⸗ lichen Erſcheinung eines ſchönen weiblichen Lebens verweilt, und zu ihr zurück kehrt, wenn man, aus ſich ſelbſt gleichſam hinausgetrieben, die Har⸗ monie des Innern wieder herſtellen möchte. Ein Weib, welches die Sphäre der Weiblich⸗ keit verließ, hat ſich und alles aufgegeben, was einem edeln Herzen etwas wehrt iſt. Es iſt nicht möglich, daß ein Weib ſich über das Weibliche er⸗ hebe; es kann nur unter daſſelbe herabſinken Dahin führt offenbar das unglückliche Beſtreben/ Frauen, die, von männlichen Anlagen unterſtützt, ſich durch männliche Thaten auszeichneten, haben dieſen Ruhm mit dem Verluſte von etwas Beſ ſerm bezahlen müſſen. Nie ſind ſie von allen weiblichen Schwäche frei geblieben; und dieſe Schwächen haben es fühlbar genug gemacht, daß hier die Kraft nicht an ihrer Stelle war. M ote Ehn 8 gan lehrt!) Schünn lichkeit thörigte geben! ¹ Eiſchei Wenige und ne und zu vereini che an wohnli ſelbſtſ heftig lich 31 das 5 digen, Züge ſchöne Gemi ſchaft beſſer em Ge⸗ t, Ale n Größe und das Büte be⸗ aft und 6 man freund⸗ Lebens : man ie Hau⸗ Leiblich⸗ 1, wal iſt nicht liche er aöſinken, ſtreben/ ejenigen terſtützt, , haben as Beſ 'n allen d dier ht/ da Möchte doch keine Ihres Geſchlechtes darin ihre Ehre ſuchen! Möchte keine ſich ſchämen, das ganz zu ſeyn, was der beßre Genius ſie ſeyn lehrt! Möchte keine ihr Köſtlichſtes für Glanz und Schimmer verkaufen, und die ſchöne Eigenthüm⸗ lichkeit ihres Weſens an die Befriedigung einer thörigten und faſt immer betrogenen Eitelkeit hin⸗ geben! Aber leider geſchieht dies nur zu oft. Die Erſcheinugen reiner Weiblichkeit ſind nicht häufig. Wenige bewahren die Ausſtattung der Natur, und noch wenigere bilden ſie aus. Abſichtliche und zufällige Eindrücke, Erziehung und Umgang vereinigen ſich bei den meiſten, um alles Weibli⸗ che an ihnen zu vertilgen. Wir legen es ge⸗ wöhnlich mit unſern Töchtern darauf an, ſie ſelbſtſüchtig, anmaßend, vorlaut, zudringlich und heftig, mit Einem Worte, ſo unweiblich als mög⸗ lich zu machen. Sie lernen ihr Herz verſchließen, das Zartgefühl verläugnen, die Delicateſſe belei⸗ digen, und die edle Simplicität verſpotten. Die Züge werden ausgelöſcht, womit der Plan eines ſchönen, genügenden und rührenden Lebens in ihr Gemüth gezeichnet iſt. Künſtlich erregte Leiden⸗ ſchaften unterdrücken die Triebe, die nach einer beſſern Entwickelung ſtreben. Die geſunde Na⸗ 0NN tur iſt in ihnen frech verhöhnt, ſchändlich gemiß⸗ handelt; es iſt tief verdorbene Natur, es iſt ſcheusliche Unnatur, der ſie ſich hingeben müſſen. Was wäre da noch zu bewahren? Wenn indeß manche noch wohl den ernſtli— chen Willen haben, ihrer Beſtimmung getreu zu ſeyn: ſo iſt doch ſehr zu beſorgen, daß ein fal⸗ ſches Ideal ſie verführe. Das Herz deutet zwar auf das rechte Ziel hin; aber andre Andeutungen ſind lebhafter und reitzender. Die Achtung für einen wirklich achtungswehrten Mann hat ſchon manches gradſinnige Weib dahin gebracht, daß es ſich unvermerkt, mit Aufopferung ſeiner Weiblich⸗ keit, ihm nachbildete, oder doch in den Begriff von der Würde ſeines Geſchlechtes manches mit aufnahm, was nur am Manne vortrefflich iſt, das Weib aber entſtellen muß. Andre ſind durch den Umgang mit ſonſt herrlichen Frauen, deren Sinn nur nicht von aller Beimiſchung des Männ⸗ lichen frei war, allmählig daran gewöhnt worden, dieſes Letztere als etwas anzuſehen, das ſich von dem Bilde eines vollkommnen Weibes nicht tren⸗ nen laſſe; ſo ſehr ſich auch Anfangs ihr beßres Gefühl dagegen erklärte. Das Beſtreben, ſich auszuzeichnen, ſich durch paradore Meinungen —j— 50,,, und ein paradoxes Betragen über das Gemeine zu erheben, hat auch vielen den Kopf verſchroben. Selbſt die Neigung zu gefallen, die genau mit einer edeln Weiblichkeit zuſammenhängt, muß ¹ nicht ſelten den Ruin derſelben beſchleunigen hel⸗ fen, da hier ſo oft das blinde Vorurtheil, die gedankenloſe Mode, der falſche Geſchmack, und noch öfter die Sinnlichkeit entſcheidet. Daher die große Menge derer, die ſie methodiſch zu Grunde richten, worunter viele gewiß eines Beſ⸗ 3 ſern wehrt waren. 1 Nur das Urtheil des unbefangenen, verſtän⸗ digen, an Geiſt und Herz gebildeten Mannes darf Ihnen ſagen, was in Ihrem Betragen den Charakter der Weiblichkeit ausſpreche, oder ihn verläugne. Wenn auch in dieſen Zeiten der glat⸗ ten Schmeichelei und der herzloſen Gefälligkeit dieſes Urtheil ſelten zu Ihnen gelangt: ſo wird es Ihnen doch nicht ſchwer werden, zu erfahren, was Sie ihm gelten, welche Eigenſchaften des Gemüthes und welche Formen des Lebens ihn an⸗ ziehen, und Ihnen ſeine Achtung verbürgen. Sie werden darin die Winke der Natur wieder vernehmen, und, im ſtillen Merken auf beide, ſich nach dem edelſten Ideale bilden. Sie erlauben mir, Ihnen die Grundſtriche ——— 46⸗ deſſelben hinzuzeichnen, indem ich Ihnen das mit⸗ theile, was mir mein Gefühl, im Umgange mit Frauen, geſagt, und öfteres Nachdenken über die innern Verſchiedenheiten der Geſchlechter, ihre eigenthümlichen Anlagen, ihre beſondre Bildungs⸗ fähigkeit und die Abſichten der Natur dabei ge⸗ lehrt hat. In der Vereinigung des Erhabenen und Schönen, des Kräftigen und Milden, des Umfaſſenden und Innigen, des Heftigen und Sanften, des Kühnen und Gefälligen, des Ernſten und Fröhligen, des Feſten und Geſchmeidigen, der Würde und der An⸗ muth ſcheint die Ratur allen ihren Werken den Stempel der Vollendung aufzudrücken. Das Ei⸗ ne von jenen Entgegengeſetzten bezieht ſich immer auf das Andre, hat Bedürfniſſe, die nur durch dieſes befriedigt, und Lücken, die nur durch die⸗ ſes ausgefüllt werden. Wo beides zuſammen trifft, und innigſt in einander geht, da iſt jede Sehnſucht geſtillt, da verweilen Auge und Herz mit gleichem Wohlgefallen. Tief iſt der unterſcheidende Charakter der Geſchlechter in den Plan der Natur gewebt. Er wird nicht verläugnet, ohne daß man gegen dieſe anſtrebe, und ſich mit ihr in einen Widerſpruch ſetze, der ſich frühe oder ſpät auf eine traurige Art fühlbar macht. Das bürgerliche und das häusliche Le⸗ ben ſind die beiden Sphären, in welche alle menſchliche Thätigkeit vertheilt wurde. Dort ſol⸗ len Geſchäfte getrieben, Kräfte in Bewegung ge⸗ ſetzt, große Plane entworfen und ausgeführt, Gewalt an Gewalt gebrochen, Klugheit mit Klug— heit bekämpft, umfaſſende Verhältniſſe gegründet, erhalten und veredelt, tiefe, ernſte Wahrheiten erforſcht, das Beſtehen und das Wohl des Gan⸗ zen beſorgt werden. Hier ſoll der ſtille Geiſt der Ordnung und der Liebe walten, hier alles ſich verſchönern. Sanfte Neigungen ſollen hier ihr Spiel haben, ſüße Gefühle Nahrung finden, zarte Bündniſſe geknüpft, und ein künftiges Ge⸗ ſchlecht zur Weisheit und Güte gebildet werden. Dort iſt zu vertreiben die Noth, herbeizuſchaffen das Gut des Lebens— hier zu bewirken des Le⸗ bens Friede. Dort ſoll der äußere Menſch wir⸗ ken in ſeiner Kraft— hier der innere leben in ſeiner Fülle. Dort iſt männliche, hier weib⸗ liche Sphäre. Das hat nicht der Eigenſinn des Zufalles 6e oder die Herrſchſucht der Männer ſo eingerichtet. Die Natur ſelbſt hat gewollt, daß es ſo ſey. Die Verſchiedenheit der Verrichtungen entſpricht genau der Verſchiedenheit der Charaktere. Die eigenthümlichen Anlagen Ihres Geſchlechtes deuten auf eine beſondre Stimmung und ei⸗ nen beſondern Charakter hin, die an Ihnen offenbar werden ſollen. Wenn dieſe Anlagen auch im Ganzen diefelben wären, mit welchen der. Mann ausgeſtattet iſt: ſo muß doch die größere körperliche Schwäche, die man in der Regel bei den Frauen antrifft, vieles verändern. Der⸗ Schwache kann nicht herrſchen; er ſtegt durch Er⸗ gebung. Seine Stärke iſt aufopfernde Liebe; und durch ſtilles, beglückendes Wirken bezwingt er nicht ſelten die rauhe Gewalt des Kraftvollen. Wo das Natürliche zuruͤck bleibt, da zeigt ſich das Sittliche deſto ehrwürdiger und mäͤchtiger. Zur Verlaͤugnung aller Selbſtheit, die ſich von der Vollführung deſſen, was Aufſehen erregt, nicht leicht trennen läßt, leitet die Natur das Weib, das in ſeiner Ohnmacht nicht befehlen kann, und ſich mit ſeinem Thun im Verborgenen halten muß. In dieſer Verläugnung ſpricht es am nachdrücklichſten die Großmuth des Mannes an, und gewinnt am ſicherſten ſein Herz und ſei⸗ nen Schutz. Gerne werden die Wünſche der fle⸗ henden Liebe erfüllt, indeß man auf die unge⸗ ſtüme Forderung nicht hört, der Anmaßung mit Trotz und Widerſtand begegnet. Zum Leben für andre beſtimmte die Schwäche das Weib, daß es dafür von andern angebethet werde, und alles er⸗ lange. Mangel an körperlicher Stärke macht es dem Weibe unmöglich, weit aus ſich ſelbſt herauszu⸗ treten, mit ſeinen Arbeiten viel zu umfaſſen, und ſich über eine große Menge von Gegenſtänden auszubreiten. Sein häuslicher Kreis ſetzt ihm dieſelben engen Gränzen, die ihm ſein natürliches Vermögen angewieſen hatte. Dafür ſollte es mehr Innigkeit, mehr Gefühl, eine leichtere Ein⸗ bildungskraft, und einen empfänglichern Sinn fuͤr das haben, was ſich in dieſem kleinen Kreiſe er⸗ eignet. Es ſollte größere Forderungen thun an Ordnung und Schönheit, ſchneller und treffender merken, was dieſe Forderungen befriedigt, oder ihnen entgegen iſt. Die Welt des Gemüthes ſollte bei ihm reicher und lebensvoller ſeyn. Es ſollte mehr kennen, und mehr zu geben wiſſen, was verſchönert und erfreut.. Kraft und Härte ſind nahe mit einander verwandt. Eine gewiſſe Feſtigleit und Unbieg⸗ 6 ſamkeit ſchickt ſich auch für den, der viel ausrich— ten ſoll. Die Schwäche, nur ſey ſie nicht phleg⸗ matiſche Indolenz, geht mit Weichheit gepaart; ſie macht ſanft und empfänglich für jede ſchöne Empfindung; ſie knüpft Herzen an einander, und weckt edle Theilnahme. Der zartere Nervenbau hemmt die zerreißende Stärke des Gefühles, läßt aber dafür jeden Mißlaut und jede Harmonie mehr hervorſpringen. Die Delicateſſe duldet in dem nicht verbildeten Weibe keine heftige Leiden⸗ ſchaft. Aber auch die geiſtigen Fähigkeiten Ihres Geſchlechtes ſind von denen des unſrigen unläug⸗ bar verſchieden. So ungereimt es ſeyn würde, Ihre Verſtandeskräfte unter die unſrigen herabzu⸗ ſetzen, und Ihnen weniger Einſichten als uns zu⸗ zuſchreiben: ſo liegt es doch am Tage, daß jene bei Ihnen eine andere Richtung haben, und die⸗ ſe in eine andre Sphäre gehören; wie es auch ſeyn mußte, wenn das Ideal der Menſchheit in zwei in einander greifenden Hälften ſollte ausge⸗ führt werden. Ihr Auge erſchöpft die Nähe; das unſrige ſtrebt in die Ferne. Sie lernen die Gegenwart ganz aus; wir forſchen nach der Zu⸗ kunft, ohne immer ihre Keime in jener endeckt zu haben. Ihr Blick ruht auf der Oberfläche, e und läßt da nichts unbemerkt; der unſrige dringt in die Tiefe, und zerſtreut ſelten die Dunkelheit, von der ſie umgeben iſt. Ihre Phantaſie iſt leb⸗ hafter, die unſrige feuriger, ihr Gefühl feiner, das unſeige ſtärker. Bei uns muß der Verſtand den Willen beherrſchen, wenn er nicht in leiden⸗ ſchaftlichem Ungeſrüm alles zerſtören ſoll. Bei Ihnen muß das reine Gefühl den Verſtand re⸗ gieren, damit er überall das Wahre und Gute treffe. Unſer Ernſt darf wohl zuweilen mit lau⸗ ter Freude wechſeln. Eine ſtille Fröhlichkeit aber muß ſich über Ihr ganzes Leben ausgießen. So ſpricht der Wille der Natur aus allen ihren Einrichtungen, aus der Sphäre, welche ſie Ihnen anwies, und aus den Fähigkeiten, die ſie Ihnen zutheilte. Folgen Sie dieſem Willen: ſo werden Sie das Ideal edler Weiblichkeit nicht verfehlen. Doch dies verdient noch etwas weiter aus einander geſetzt zu werden. Die edle Weiblichkeit wird beſtimmt durch das Gefühl der körperlichen Schwä⸗ che, durch die eigenthümlichen Anlagen der weiblichen Natur und durch ſittliche Würde. Wo das Gefühl der körperlichen Schwäche die Stimmungen und Neigungen her⸗ vorbringt, die ihm angemeſſen ſind, wo die ei⸗ genthümlichen Anlagen der weiblichen Natur ſich ohne Mißleitung entfalten, und wo ein reiner moralicher Wille über alle Gemeinheit erbebt, und vor Entweihung bewahrt: da gedeihe ſchöne Weib⸗ lichkeit. Das geiſtig ſittliche Ceben hat eine innere und eine äußere Seite. In jener bleibt es gleichſam bei ſich ſelbſt; in dieſer tritt es mit Ge⸗ genſtänd⸗n und Menſchen in Verbindung, um auf ſie zu wirken. Zu jener gehören Empfänglichkei⸗ ten, Gefühle und Stimmungen, zu dieſer Nei⸗ gungen und Beſtrebungen. Wir wollen die erſte das Gemüth, die zweite den Charakter nen⸗ nen. Indem wir dieſe Unterſcheidung zum Grun⸗ de legen, werden wir am leichteſten zu einer überſicht des ſchönen weiblichen Lebens gelangen. Milde, als Stimmung des Gemüthes, und Ergebung, als das Herrſchende im Charakter, machen das Weſen der edeln Weib⸗ lichkeit aus. Hieraus läßt ſich alles Üübrige ab⸗ leiten. Im weiblichen Gemüthe darf nichts Har⸗ tes, Heftiges, einſeitig Hervorſprin⸗ gendes, Unbiegſames und ſcharf Bezeich⸗ ,„V⸗- 40 netes— alles muß darin gebrochen, weich, beſänftigt, bildſam und geregelt ſeyn. Das Weib muß fühlen, inniger fühlen als der Mann; der heftiger begehrt, weil er mehr wir⸗ ken ſoll. Wo das Herz angeſprochen wird, darf das Weib nie ungerührt bleiben. Was nur auf irgend eine Weiſe das Herz bewegen kann, darf der feinen Empfindſamkeit des Weibes nicht ent⸗ gehen. Freude und Schmerz begegnen ihm allent⸗ halben; die leiſeſten verfehlen den Eindruck auf ſein Gemüth nicht. Vorzüglich ſoll das Weib Empfänglichkeit haben für die Leiden und die Luſt andrer. Dazu iſt es mehr als der Mann organi⸗ ſirt, und ſeine lebhafte Phantaſie kommt ihm mäch⸗ tig zu Hülfe. Der Thränen hat ſich das Weib nie zu ſchämen. Die Thränen der ſanften Rührung und des Mitleidens dienen ihm zur Verſchöne⸗ rung. Wohl aber hat es ſich zu ſchämen der Gleichgültigkeit und der Kälte. Den Mann würde dieſe Weichheit nicht al— lein entehren; ſie würde auch mit ſeiner Beſtim⸗ mung und mit ſeinen Pflichten ſtreiten, ſeine Plane verwirren, und ſeinen Sinn für Ordnung und Recht unkräftig machen. Deſto ſorgfältiger ſollte der weibliche Theil der Menſchheit darüber wachen, daß dieſer ſchöne Zug nicht verloren gehe; ———— deſto angelegentlicher ſich bemühen, durch ſein zar⸗ tes Gemüth, den männlichen Ungeſtüm zu mil⸗ dern. Dieſes zarte Gemüth iſt eine Natur, die, weil es ihr an Körperkraft gebricht, mehr in ſich ſelbſt leben muß, auch allein angemeſſen— die Quelle des Glückes und zahlloſer Freuden im häuslichen Leben. Freilich darf die weibliche Empfindſamkeit nie in allzugroße Reitzbarkeit ausarten, die durch ſolche Dinge, welche das geſunde Gefühl kaum berühren, heftig erſchüttert wird. Die Empfin⸗ delei iſt Krankheit des Körpers oder der Seele. Immer aber— nur ſey ſie mehr als Grimaſſe— bleibt ſie beſſer und achtungswehrter, als das froſtige Weſen, das, von Eitelkeit, Zerſtreuungs⸗ ſucht und Weltſinn erzeugt, ſich der natürlichſten Gefühle ſchämt, und eine Ehre darin ſucht, herz— los zu ſeyn. Ein Weib ohne Empfindung iſt ein Ungeheuer. Das echt weibliche Herz findet noch in dem Nahrung, was dem Manne nur zur Be⸗ ſchäftigung für den Verſtand oder zur Regel für den Willen dient. Vollſtimmig töne in der weib⸗ lichen Seele die Harmonie der Natur, während der Mann ihre Umriſſe mißt, oder ihr Weſen und ihre Wirkungen ſtudiert. Aber nur diejenigen Gefühle ſind der reinen 505⸗⸗⸗ Weiblichkeit angemeſſen, die im Innern bleiben, das Herz wehmüthig oder froh bewegen, und dann in eine ruhig verbeſſernde Thätigkeit über⸗ gehen— nicht diejenigen, die zum glühenden Af⸗ feckte ſteigen, oder zu heftigen Leidenſchaften auf⸗ lodern. Nichts iſt der weiblichen Milde mehr ent⸗ gegen als dieſe. Die ganze Natur hat nichts Eckelhafteres als ein wohllüſtiges, geitziges, ſelbſt⸗ ſüchtiges, neidiſches oder bis zur Wuth aufge⸗ brachtes Weib. Die Sinnlichkeit darf beim Wei⸗ be am wenigſten in ihrer rohen Geſtalt auftreten; ſie muß hier immer geiſtig veredelt und im Bun⸗ de mit ſchönen Empfindungen erſcheinen. Die zahlreichſten und bedeutendſten Vorzüge ſind nicht im Stande, die Verwüſtungen zu verbeſſern, die eine einzige heftige Leidenſchaft in dem weiblichen Weſen anrichtet. Die Natur konnte ihren Ab⸗ ſcheu gegen weibliche Leidenſchaft nicht ſtärker zu erkennen geben, als dadurch, daß ſie es dem Weibe unmöglich machte, ſich Einer Leidenſchaft zu überlaſſen, ohne in derſelben zum Außerſten getrieben zu werden. Leiſe ſeyen die Wünſche, beſchränkt die Be— gierden und ſanft die Neigungen des Weibes. Sanft ſey ſein ganzes Gemüth. Sanftheit ſey in ſeinen Empfindungen und ſelbſt in ſeinen ——— — — — —— 16 Gedanken bemerkbar. Sanftheit ſpreche aus je⸗ dem Blicke, aus jedem Worte und jeder Bewe⸗ gung. Nie rede es mit Heftigkeit, nie begehre und handle es mit Ungeſtüm. Alles Laute, Auf⸗ brauſende und Stürmiſche widerſpricht der Schwä⸗ che und dem zarten Sinne der weiblichen Natur. Darum verkläre es ſich, ehe.s ſichtbar wird, in Sanftheit; oder der ganze Abſcheu des richtig ge— ſtimmten Mannes muß es treffen. Stille des Gemüthes, Mäßigung und Ein- tracht aller innern Bewegungen, die im Außern als Ruhe und leichtes Spiel des Lebens erſcheint, iſt der himmliſche Zauber, der alle Herzen ge⸗ winnt— die heilige Grazie, die Ihnen in glei⸗ chem Grade unſre Liebe und unſre Verehrung ſichert. Möchten Sie es ſich zur wichtigen An⸗ gelegenheit machen, dieſe zu bewahren und aus⸗ zubilden! Mit der Sanftheit verträgt ſich am wenig⸗ ſten jene widrige Affectation von Kraft und Muth, womit viele Ihres Geſchlechtes ſich höheres Anſehn erwerben wollen, oder ſich gar in die Reihe der Männer zu ſtellen verſuchen. Möch⸗ ten dieſe doch nur auf Einen Augenblick fühlen, welche Eindrücke das bei dem unbefangenen Be⸗ obachter herverbringt. Möchten ſie in ſeiner Seele 2 — 17 leſen— und wenn ſie verſtändig wären, könn⸗ ten ſie es an ſeinem Betragen wohl merken— auf welch eine klägliche Art ſie ihre Abſichten ver⸗ fehlen, und wie lächerlich ſie in den meiſten Fäl⸗ len werden! Eine edle Zuverſicht zu ſich ſelbſt iſt dem Weibe ſehr anſtändig. Aber des wahren Mu⸗ thes, der Gefahren Trotz biethet, iſt das Weib ſelten fähig. Die Natur hat ihm die Bedingun⸗ gen desſelben verſagt. Es kann alſo gewöhnlich nicht mehr, als ein eitles Gepränge treiben, das die erſte Probe ſchon in ſeiner ganzen Blöße darſtellt. Im Gefühl ſeiner Schwäche iſt uns das Weib ungemein rührend; in ſeiner Schüchternheit gebiethet es Ehrfurcht; das Bewußtſeyn ſeines Wehrtes und ſeiner Unſchuld iſt ſein kräftigſter Schutz gegen die Angriffe der Frechheit, und mäch⸗ tig genug, auch den Verwegenſten zurück zu ſcheu⸗ chen, oder zu entwaffnen. Aber ein Weib, das kühn ſeyn will, und mit ſeiner Stärke prahlt, hat ſeine Weiblichkeit ausgezogen, und mit ihr ſchon halb ſeine Tugend verkauft. Es lockt nicht allein den Leichtſinn an, es mit ihm aufzunehmen; es erweckt auch den Verdacht, als ob es wohl fähig ſey, noch mehr zu wagen. Hierin das rechte Maß zu treffen wird dem 2 weiblichen Zartgefühle nicht ſchwer, Auch dieſes iſt eine köſtliche Ausſtattung der Natur, die eine angelegentliche Achtſamkeit und Pflege ver⸗ dient. Das zartfühlende Weib wird nie etwas Unanſtändiges, und noch weniger etwas Unſittli⸗ ches ſagen oder thun. Die ſeinſten Züge des Edeln und Schicklichen ſind ſeinem Sinne tief eingeprägt, und bildend wirkt dieſer Sinn auf das ganze Leben. Wo den Mann ſeine Grund⸗ ſätze bewahren, da muß Delikateſſe das Weib ſchützen; und zur tiefſten Verächtlichkeit ſinkt es hinab, wo dieſe von ihm weicht. Sie iſt der gute Geiſt, der ſeine Unſchuld und ſeine Tugend bewacht unter den gefährlichſten Umgebungen. Dem Manne wird zuweilen ein Wort zu Gute gehalten, das den feinern Anſtand und die Sitt⸗ lichkeit beleidigt; ſein Charakter kann dabei un⸗ angetaſtet bleiben. Bei dem Weibe zeugt die ge— ringſte Verletzung des Schicklichen von einer faſt unheilbaren Verletzung des Gemüthes. Das Weib muß ſich verbiethen, was ein frivoler Ton noch etwa für erlaubt erklären möchte. Ein un⸗ bedeutender Verſtoß gegen das, was ſeiner Na⸗ tur und ſeinen Verhältniſſen angemeſſen iſt, kann ſeinen ganzen Werth zweideutig machen. In ſei⸗ nem Betragen, in ſeinen Reden und ſelbſt in ſei⸗ f B D ₰ 19 nen Empfindungen darf nichts ſeyn, was die lei⸗ ſeſten Forderungen des geſunden Gefühles belei⸗ digte. Je genauer Sie es hierin nehmen; je ernſtlicher und gewiſſenhafter Sie alles meiden, was jemand anſtößig, eckelhaft, verfänglich oder nur ſchwankend ſcheinen könnte: deſto ſchöner drückt ſich in Ihnen das Zarte der Weiblichkeit aus. Der echt weiblichen Seele iſt jeder Miß⸗ laut unerträglich; und das ſchönſte Lob, das man einem Weibe ertheilen kann, iſt: daß man ſich in ſeiner Gegenwart wenig erlauben dürfe. Wer un⸗ anſtändige Freiheiten dulden kann, iſt auch im Stande, ſie ſich ſelbſt zu nehmen. Das Zartge⸗ fühl des Weibes iſt die Glorie ſeiner Vergötte⸗ rung. Ich weiß keinen Namen, die Schändlich⸗ keit desjenigen auszudrücken, das ſich zu Grob⸗ heiten, Schimpfwörtern, Fluͤchen, Zweideutigkei⸗ ten und Zoten wegwerfen kann. Hier iſt gewiß auch das Herz laſterhaft. Reinigkeit des Herzens iſt des Weibes Edelſtes. Das Zartgefühl ſoll ſich durch ſittliche Selbſtbildung dahin erheben, daß es dieſe Rei⸗ nigkeit werde. Dies geſchieht, wenn es ſich im Innerſten des Lebens befeſtigt, alle Gedanken und Empfindungen begleitet, und nichts Unlautres mit dem Gemüthe in Gemeinſchaft treten läßt. Ohne Zartgefühl wird das Herz nimmer rein. Der ernſtliche Wille kann das nicht bewirken, wenn nicht Zartgefühl das Schlechte in jeder Verſchleie- rung erkennt, und ſchnell unterſcheidet, woher dem Herzen Verunreinigung kommen möchte. Das weibliche Zartgefühl ſoll auf der an⸗ dern Seite auch regere Empfänglichkeit geben für das Schöne und Gute. Dem weiblichen Sinne bleibt dieſes ſelten unbemerkt; er faßt es in ſeinen feinſten Schattirungen auf; er wird da⸗ von entzückt, wo der Sinn des Mannes kaum berührt wird. Von dieſem Sinne geleitet ſucht die Hand des Weibes es in alles zu verweben. Der Strom der Harmonie ergießt ſich unaufhörlich durch ſein mildes Gemüth, und es lebt, im ewi⸗ gen Genuſſe des Beſſern, ein ſeliges Leben. In ſeinem rauhen Ernſt geht der Mann bei den ſchönſten Blumen vorüber; ſorgſam flicht ſie das Weib in den Kranz ſeines häuslichen Glückes. Das iſt der Reichthum des Weibes, daß nicht leicht etwas Köſtliches von ihm überſehen und un⸗ benutzt gelaſſen wird; und dieſer Reichthum iſt mehr als Männerkraft. Es leuchtet von ſelbſt ein, daß hierzu ein heller Verſtand erfordert werde. Ohne ihn bleibt ſelbſt die zarteſte Empfindung, womit die 21 Natur ein weibliches Weſen ausgeſtattet haben mag, mit einiger Rohheit behaftet, und gelangt nie zu derjenigen Ausbildung, die allein Reife und Wahrheit hat. Der Verſtand muß die feinern Saiten des Herzens ſpannen, wenn ſie hell und harmoniſch tönen ſollen. Ein richtiges Schicklich⸗ keitsgefühl iſt nichts andres, als die Wirkung ei⸗ ner klaren Einſicht in die Angelegenheiten und Verhältniſſe des Lebens. Dieſe ſind auch die ei— gentliche Sphäre für weibliches Wiſſen und weib⸗ liche Aufklärung. Doppelt ehrwürdig wird die Sanftheit des Weibes, zur vollen Entwickelung gelangt nur dann die milde Stimmung, verſchö⸗ nernd wirkt nur dann die Hand im häuslichen Kreiſe: wenn ſich zu jenen noch deutliche und wahre Kenntniß des Innern und der nächſten Umgebungen, nebſt einem weiſen Nachdenken dar⸗ uber, geſellt. Aber kaum giebt es eine unange⸗ nehmere Täuſchung als die, hinter einem ſchönen Geſichte und einem ſanften, anmuthsvollen Be⸗ tragen einen düſtern Verſtand, rohen Aberglau⸗ ben, plumpe Gemeinheit und eine trübe Seele zu entdecken. Leicht verirrt ſich indeß die Kultur des Ver⸗ ſtandes über diejenigen Gränzen, die ihr durch 2 reine Weiblichkeit unverrückbar geſetzt ſind. Auch da iſt es um jene einnehmende Milde geſchehen. Edle Einfalt ſchmücke ſtäts das ſanftere Weib. elzt Nie ſtrebe es nach gelehrtem Wiſſen. Nie wage har 1 es ſich in das dürre und freudenloſe Gebieth der rc eigentlichen Speculation. Nie nenne es ſeine Va Beſchäftigung Phileſophie. Nie glänze es mit V ſt. Kenntniſſen, die nur dem Geſchlechte Ehre ma⸗ N chen, das zum tiefen Denken und umfaſſenden ſ Wirken geboren iſt. Unmöglich kann bei Beſtre⸗ te bungen der Art das ſtille Gemüth, das rege Ge— A fühl, der offne Sinn für alles Schöne und Gu⸗ 1 te, die reiche und bewegliche Phantaſie bewahrt Ei bleiben, womit das Weib gefällt und beglückt. Te Die gelehrten Weiber ſind immer die kaltherzig⸗ al ſten. Der ganze Gewinn, den ſie davon tragen, beſteht gewöhnlich in ſentimentalen Floskeln, un⸗ N verſtandenen Kunſtwörtern, nachgeſprochenen Ur⸗ ſ „ theilen, überſpannten Begriffen und Paradoxien, in die vielleicht in dem Zuſammenhange, woraus ſie E geriſſen ſind, Wahrheit enthielten, aber als Bruch⸗ N ſtücke in einem weiblichen Kopfe zu lächerlichen au Ungereimtheiten werden. Kaum kann etwas wi⸗ ei 8 derlicher klingen, als ein kritiſcher Spruch oder Ai 6 ein wiſſenſchaftlicher Ausdruck im Mnnde eines nn Weibes. Dieſelbe Simplicität beherrſche das Herz, c ⸗ und ſey im Außern des Weibes ſichtbar. Win⸗ kelzüge ſchänden den Mann; denn ſie verrathen charakterloſe Feigheit. Aber nicht weniger uner⸗ träglich ſind ſie am Weibe, deſſen ganzes Weſen Wahrheit ſeyn muß, wie die Natur immer wahr iſt. Durch argloſe Klugheit darf das Weib den Mann leiten; aber Verſtellung und Falſchheit ſind an ihm die haͤßlichſten Laſter. Ein intrigan⸗ tes Weib wird allgemein eben ſo ſehr verabſcheut als ein verbuhltes; beide haben ſich gleich weit von der Lauterkeit der Natur entfernt. Jene Einfachheit muß ſich auch in der Kleidung und im Betragen abſpiegeln. Gezierte Kuünſtlichkeit kann alle guten Eindrücke wieder auslöſchen, die andre Vorzüge hervorgebracht haben. Das Geſuchte; Manierirte, Erzwungene und Abgemeſſene miß⸗ fällt überall; am meiſten aber da, wo die Natur in ihrer Einfalt ſo ehrwürdig, und auf dieſe Einfalt alles ſo berechnet iſt, wie beim Weibe. Reinlichkeit, Geſchmack und dieijenige Feinheit, aus welcher noch das Herz ſpricht, und die von einem wohlwollenden Gemüthe eingegeben wird, ſind hier die ſchönſte Empfehlung; was aber dar⸗ über geht iſt vom Uebel. Endlich zeige ſich die Milde des weibli⸗ chen Gemüthes noch in einem fröhlichen 2 und freundlichen Weſen. Fröhlichkeit und Freundlichkeit ſind die natürliche Erſcheinung ei⸗ ner gefühlvollen, unverbildeten, von keiner hefti⸗ gen Leidenſchaft zerriſſenen, ſanften und reinen Seele. Man kann das Weib, deſſen Gemüth wahrhaft weiblich iſt, ſich kaum anders denken, als fröhlich und freundlich. Es bewegt ſich in ſeinem Elemente, wo es fröhlich und freundlich iſt. Zwar kleidet auch ſtille Trauer, wenn die Umſtände dazu ſtimmen, das Weib wohl; aber nie finſtrer Ernſt, ein mürriſches Geſicht und kalte oder ſtörrige Begegnung. Es iſt wahr, das Weib iſt manchen Leiden ausgeſetzt, die leicht zum Miß⸗ muthe ſtimmen; es muß manche Bürde tragen, unter welcher es ſchwer hält, einen heitern und hellen Sinn zu bewahren. Dafür ward ihm in⸗ deß in der Weichheit ſeines Herzens eine Em⸗ pfänglichkeit für das Angenehme und Genußvolle in ſeiner Lage beſchieden, der auch das Kleinſte ſelten ganz entgeht. Einen unermeßlichen Reich⸗ thum des Schönen und Erfreulichen entdeckt das Weib noch da, 1wo wir alles arm und freudenlos finden; denn es fühlt, und überläßt ſich unge⸗ theilt ſüßen Eindrücken, wo entweder unſer grü⸗ belnder Verſtand alles Angenehme wegraiſonnirt, oder unſer hartes Herz ungerührt bleibt, oder un⸗ ſer geſchäftsvolles Leben unſre Aufmerkſamkeit ab⸗ zieht. Auch durch ſeine Unbefangenheit, ſeinen leichten Sinn und den ſtillen Einklang der Ge— fühle und Neigungen wird das Weib in der Er⸗ haltung eines frohen Muthes ſehr unterſtützt. Dieſen in der Seele herrſchend zu machen, durch ihn das ganze Daſeyn zu verſchönern, ihn ſtäts in einem einnehmenden, gefälligen, ſchonenden, gütevollen Betragen auszuſprechen, dadurch die Wonne des Mannes und des ganzen Hauſes zu werden, ſey das Bemühen des edeln Weibes. Der Ausdruck ſanfter Freundlichkeit im Gefühle und in den Worten, der das gute Herz nicht ver— kennen läßt, iſt es, was das Weib zum Engel macht. Zweite Rede. 96006⸗09⸗ Edle Weiblichkeit. Fortſetzung der vorigen Rede. So erinnern ſich des Unterſchiedes, der in der frühern Rede zwiſchen Gemüth und Charak⸗ ter feſtgeſetzt wurde. Das Gemüth wurde be⸗ ſtimmt als die innere— der Charakter als die äußere Seite des Lebens; jenes als dasjenige, — was Empfänglichkeit, Gefühl und Stimmung— dieſer als dasjenige, was die Neigunge., und 6 Beſtrebungen befaßt. Das Weſen der Weiblich⸗ keit im Gemüthe nannten wir Milde, und ent⸗ wickelten daraus die vornehmſten Eigenſchaften B. —— —— deſſebben. Das Herrſchende im weiblichen Cha— rakter haben wir durch Ergebung beazeichnet. Wir wenden uns jetzt zu dieſer, um das Bild der edeln Weiblichkeit zu vollenden. Die Milde erſcheint mehr im Leiden, die Ergebung mehr in der Thätigkeit. Jene zeigt uns das Daſeyn in ſtiller Beſchloſſenheit, dieſe im Hervortreten aus ſich ſelbſt. Die Milde des Gemüthes bringt zuweilen die Natur ſchon her⸗ vor. Selten iſt indeß die Natur ſo unverdorben, und ſelten entwickelt ſie ſich von ſelbſt ſo glücklich, daß es dabei der eignen Bildung gar nicht be⸗ dürfte. Zur Ergebung werden in höherm Grade Beſonnenheit und Anſtrengung erfordert. Ver⸗ ſtand und Wille müſſen zu ihr mitwirken. In ihr offenbart ſich Freiheit und ſittliche Würde. Aber der Wille erzeugt den Charakter aus dem Gemüthe; darum entſteht nur da die Ergebung, wo die Milde ſchon vorhanden iſt. Die Ergebung iſt etwas dem weiblichen Cha⸗ rakter Eigenthümliches— und daher noch mehr als Wohlwollen und Uneigennützigkeit. Dieſe darf man auch am Manne nicht vermiſſen; auf ihnen beruht der moraliſche Wehrt. Aber im Manne ſollen das Wohlwollen und die Uineigen⸗ nützigkeit beſtimmt ſeyn durch das Bewußtſeyn — der Kraft, im Weibe durch das Gefühl der Schwäche. Der Mann ſoll ſich behaupten in ſei⸗ ner Selbſtſtändigkeit; er ſoöll ſein Recht aufwei⸗ ſen und bewahren; er ſoll die Anſprüche an an⸗ dre geltend machen, ohne deren Anerkennung er nicht mit Erfolg wirken kann. Das Weib ſoll, eingedenk ſeiner Schwäche und ſeiner Beſtimmung für das innerliche und häusliche Leben, die Be⸗ ſtrebungen, welche ſich auf Selbſtheit beziehen, der Innigkeit des Gemüthes, dem Intereſſe für andre und dem Sinne für das Höchſte unterord⸗ nen. Das iſt der Triumph ſeiner Ergebung, daß es nicht mehr begehrt, etwas für ſich ſelbſt zu ſeyn, aber alles in der Liebe und im Glau⸗ ben. Zur Reſignation ward das Weib geboren. Aber indem es darin den Willen der Pflicht voll⸗ zieht, vermag es nicht nur alles über das männ⸗ liche Herz, ſondern zeigt auch eine moraliſche Stärke, die nicht ſelten ein Weſen aus einer an— dern Welt anzukündigen ſcheint. Die Ausbrüche ſelbſtſüchtiger Stärke erregen wohl unſre Bewun⸗ derung— ſie erreichen gewöhnlich ihr Ziel auf Erden; aber die heilige Macht, die ſich ſelbſt be⸗ zwingt, die ihre Anſprüche freiwillig abtritt, die ſich hingibt zum Leben für andre bis zur ſchmerz⸗ E liche gött herr je n wir obt lichen Aufopferung, iſt die Erſcheinung eines göttlichen Weſens im Menſchen, und ſiegt deſte herrlicher in der unſichtbaren Welt der Geiſter, je mehr ihre Exiſtenz in der ſichtbaren verkümmert wird. Darum iſt ihr Leben ſchon hier ſtill nnd göttlich. Weibliche Ergebung iſt zuvörderſt Verzicht⸗ leiſtung auf ſolche Anſprüche, die nur auf eine laute und zudringliche Art können geltend gemacht werden— edle Beſcheidenheit. Es gibt Anſprüche, die man nicht zu machen braucht, weil ſie ſich ſelbſt machen. Solcher beſitzt das treffliche Weib viele in ſeinem gebildeten Geiſte, in ſeiner Tugend und in ſeiner Anmuth. Dieſe erwerben ihm überall Achtung— um ſo mehr, je weniger es ſelbſt dazu thut. Nie ſucht es das Künſtliche, um damit zu glänzen. Alles, was es ſucht, ſoll nur das edlere Bedürfniß befriedigen. Das echt weibliche Weib drängt ſich überhaupt nicht vor; es will kein Aufſehen erregen, und ſtrebt nur den Einen Vorzug zu behaupten, rei⸗ nes Herzens zu ſeyn, der auch ohne weit⸗ läufige Anſtalten und künſtliche Nachhülfe von redlichen und unbefangenen Menſchen leicht er⸗ kannt und geehrt wird, da hingegen die Tugend, die man zur Schau trägt, ſich ſchon eben da⸗ . durch verdächtig macht. Mit ſeiner Bildung oder feinen Lebensart zu prunken, kann ihm nicht ein⸗ fallen, weil ſie reine Natur iſt. Und durch ſei⸗ ne Schönheit oder ſeinen Putz Aufmerkſamkeit zu gewinnen, hält es gar zu klein— tief unter ſei⸗ ner Würde. Unendlich liebenswürdig iſt das Weib, welches ſein Ich ſo weit als möglich zu⸗ rück zieht, und alles, was damit in Verbindung ſteht in der Entfernung zu halten weiß. Das Weib, das ſich in alles miſcht, von allem mit— ſprechen, über alles eine eigne Meinung haben will, und dieſe Meinung zuverſichtlich und ent⸗ ſcheidend vorträgt, muß es ganz vergeſſen haben, was es iſt und ſeyn ſoll. Das edle Weib wird auch dann, wenn es von einer Sache feſt über⸗ zeugt iſt, nie in dem Tone der Behauptung da— von ſprechen; es wird noch weniger ſich ſelbſt da⸗ bei im Munde führen. Schon aus der Art, wie das Weib Schmeicheleien oder verdientes Lob auf⸗ nimmt, läßt ſich zuverläßig auf die Würde ſeines weiblichen und ſittlichen Charakters ſchließen. Die reine Delicateſſe, welche hier allein ge⸗ fällt, kann weder Kunſt, noch Naturgefühl— nur das demüthige Herz kann ſie lehren. Affec⸗ tirte Beſcheidenheit, das abſichtliche Verbergen wahrer Vyrzüge, dem man leicht anmerkt, aus 48 welcher Quelle es komme, manierlerte Präͤten⸗ ſionsloſigkeit ſind der gröbſte weibliche Egoismus, und weit unerträglicher, als die unverhohlenſte Selbſtgefälligkeit, und die ſchamloſeſte Selbſtver⸗ götterung. Das beſcheidene Weib zeigt ſich, wo es dazu veranlaßt wird, wie es iſt— in ſeinen Mängeln und in ſeiner Trefflichkeit. Eine Folge dieſer Beſcheidenheit iſt einge⸗ zogene Schüchternheit. Auch dieſe, wenn ſie nicht ſtudiert und nicht peinlich iſt, trägt un— gemein viel bei, das weibliche Geſchlecht liebens⸗ würdiger zu machen. Je leichter ein Weib, dem es übrigens nicht an Bildung, Kopf und Ge⸗ wandtheit fehlt, in Verlegenheit zu ſetzen iſt; de— ſto reiner iſt ſicher ſein weiblicher Charakter. Diejenige verſteht ſich gewiß ſchlecht auf ihren Vortheil, die ſich darauf etwas zu Gute thut, daß man ſie ſo bald nicht aus der Faßung brin⸗ gen werde. Zu bemitleiden iſt auch der moraliſche Sinn des Mannes, der einer Frau damit etwas Schmeichelhaftes zu ſagen glaubt. Das Weib ge— fällt, wenn es ſich fürchtet— nur ſey die Furcht nicht albern oder kindiſch. In ſeiner Angſt offen⸗ bart ſich oft die Innigkeit des Gemüthes. Das Weib darf nicht überall erſcheinen, wo der Mann erſcheint— am wenigſien da, wo die Ehre oder — die Tugend gefüährdet wird. Das Handeln vor vielen Zuſchauern bleibt für das Weib immer be⸗ denklich. Die meiſten büßen dabei ihre Weiblich⸗ keit ein. Im Zurücktreten vor dem Lauten und Offentlichen, in dem ſanften Erröthen und der V reitzenden Verwirrung, welche eine ungewöhnliche Situation hervorbringt, zeigt ſich vorzüglich des Weibes Anmuth. Dieſe Schüchternheit entwickelt ſich zur V Schamhaftigkeit— einer Eigenſchaft, von welcher entblößt, das Weib zur tiefſten Verächt⸗ lichkeit herabſinkt. Sie iſt Furcht vor Selbſtent⸗ weihung und Selbſtverletzung— die Furcht, et— was Unrechtes oder Unanſtändiges zu thun, et⸗ was zu zeigen, was mißfällt, oder den Schein des Gemeinen hat. Sie zeugt von ſittlichem Zartgefühl und rein bewahrter Unſchuld. Sie greift tief in den moraliſchen Charakter ein, und bleibt der mächtigſte Schutz der nicht ſelten hef— tig angegriffenen und wenig befeſtigten weiblichen Tugend. Wo die Macht der Selbſtſucht ſich in ſanf⸗ ter Beſcheidenheit gebrochen, und in eingezogene Schüchternheit verloren hat, da wird die weibli⸗ che Ergebung von ſelbſt Liebe werden. Zur Lie⸗ be iſt die weibliche Natur organiſiert; zur Liebe 1 1 n 28 wird das Weib von der Fuülle ſeiner Empfindun⸗ gen, von ſeiner zarten, beweglichen Einbildungs⸗ kraft und vom Gefühl ſeiner Schwäche geleitet. Was bleibt denn auch dem leeren, vom leiden⸗ ſchaftlich egoiſtiſchen Intereſſe des Mannes geläu⸗ terten, und gewiſſer Maßen verarmten Herzen anders übrig, als zu lieben? Eine Sehnſucht muß es doch erfüllen; an etwas muß es ſich doch halten; in etwas muß es doch ſein volles, reiches Leben überſtrömen; durch etwez muß es ſich doch aufrichten in ſeiner Ohnmacht. In andern fin⸗ det das Weib wieder, was es für ſich ſelbſt nicht ſeyn kann, und damit mehr als Entſchädigung. In allem, was das Weib liebt, verdoppelt ſich ſein Leben; und in jedem Einzelnen reihen ſich die ſüßeſten Genüſſe an einander. So verſchie⸗ den die Bündniſſe der Liebe ſind: ſo verſchieden ſend auch ihre Empfindungen. Das Maß der Liebe beſtimmt den Reichthum des innern Lebens. Je mehr das Weib liebt: deſto vielfacher geſtaltet ſich ſein Daſeyn in ſtiller Luſt. Liebe iſt immer auch Freude— und zwar diejenige Freude, wel— che ſich für das weibliche Herz am meiſten eig⸗ net. Selbſt das Verlangen und die Schmerzen der Liebe ſind dem weiblichen Gemüthe inkereſ⸗ 9 ſant. Der Frohſinn und die Freundlichkeit des weiblichen Gemüthes ſtimmen zur Liebe, und empfangen von der Liebe neue Stärke. Zu der reinen moöoraliſchen Liebe, wel⸗ che das Werk der Grundſätze iſt, und aus Ach⸗ tung entſpringt, iſt das Weib wohl weniger auf⸗ gelegt, als der Mann; mehr aber als dieſer zur— Liebe des Wohlgefallens, der Sympa⸗ thie und des herzlichen Wohlwollens, zur kindlichen und mütterlichen, zur Geſchwiſter⸗ und Gattenliebe. Das na⸗ türliche Bedürfniß zu lieben, iſt in ihm reiner und geiſtiger. Seine Liebe kann leichter Zärtlich⸗ keit, Streben zu beglücken und ſich aufzuopfern, werden. Sie kann leichter den ganzen Charakter beherrſchen. Und das iſt ihre Beſtimmung. Lie⸗ be ſoll ſeine Empfindungen bilden, ſeine Begier⸗ den mäßigen, in ſeinem Gemüthe Ordnung hal⸗ ten, und der Geiſt ſeiner Geſchäftigkeit werden. Ein Weib, das nicht lieben kann, kann nie glück⸗ lich ſeyn. Die Eitelkeit bemächtigt ſich ſeines Herzens, erweckt in demſelben gefährliche Leiden— ſchaften, bahnt dem Laſter den Weg, verwüſtet die herrlichſten Anlagen, und bereitet ihm zahl⸗ loſe Qualen. Ein Weib ohne Liebe iſt ein ſchöͤner Körper ohne Seele. Je mehr das Weib — und! der in je eckel viele legen ⸗ Liebe von der reinern und edlern Art hat: deſto beſſer werden alle übrigen Züge der Weiblichkeit 4 8 ſich in ihm darſtellen; deſto zarter, geiſtiger und heiliger wird ſein Leben ſeyn. Wo aber dieſe Liebe in rohe Wohlluſt verſinkt; da ſieht man die tiefſte Entehrung der Menſchheit im Weibe. Die Liebe beſteht nicht ohne Offenheit und Zutrauen. Die Natur hat auch durch den mächtigen Trieb ſich mitzutheilen, den ſie in dem Herzen des Weibes weckte, zu erkennen gegeben, daß ſie Offenheit und Zutrauen von ihm verlange. Dieſer Trieb kann, ſorgſam geleitet, und von einem gebildeten Geiſte unterſtützt, eine der ſchönſten Zierden deſſelben werden. Ohne weiſe Pflege, artet er in jene fade Gemeinheit, in jene gedankenloſe Geſchwätzigkeit und in jenen eckelhaften Kleinigkeitsgeiſt aus, wodurch uns ſo viele Weiber verächtlich werden. Tauſend Ange⸗ legenheiten, die uns unbedeutend ſcheinen, die wir für uns ſelbſt verhandeln, und in Anſehung derer wir uns ſchämen müſſen, andre damit zu behelligen, kann das weibliche Herz nicht in ſich verſchließen. Sie würden es zerdrücken, wenn es ſie niemand mittheilen könnte. Die freundliche Offenbarung vervielfältigt ſeine Freude, erleichtert ſeinen Schmerz, und beruhigt ſeine Sorgen. Oft iſt es, als ob eine Laſt von ihm abfiele, wenn das Wort der Bekümmerniß ausgeſprochen iſt. Es gibt ein Talent, gewöhnlichen Gegenſtänden inte⸗ reſſante Seiten abzugewinnen. Das beſitzen die Frauen in hohem Grade. Dadurch erheitern ſie ſo oft unſer ernſtes Gemüth; dadurch lehren ſie uns das Leben in ſeinem Reichthume kennen und genießen. Jemehr von dieſer Art ein Weib mit⸗ zutheilen hat: deſto liebenswürdiger erſcheint es im Umgange. Aber in der Mittheilung muß Herzlichkeit und doch auch Beſonnenheit ſeyn. Das iſt nicht möglich ohne Vertrauen. Durch das Ver⸗ trauen wird die Offenheit erſt achtungswehrte Tugend. Wo unſer Glaube an die Menſchheit wankt, da ſoll ihn der weibliche halten; wo der unſrige geſunken iſt, da ſoll jener ihn wieder auf⸗ richten. Zu zweifeln geziemt dem Weibe nicht. Es iſt Entweihung einer Seele, die ſich nur in der fröhlichen Harmonie aller ihrer Kräfte wohl befinden kann. Bezweifelter Menſchenwehrt zeugt beim Weibe von einem, der Tugend entfremdeten Herzen. Hier iſt vorzüglich wahr, was in einem ehrwürdigen Buche ſteht: Die Liebe glaubt alles. Weil ſie alles glaubt, darum iſt ſie nur da zurückhaltend und verſchloſſen, wo Pflicht und — Delicateſſe es gebiethen. Glaube und Treue ſte⸗ hen in genauer Verbindung. Beſoͤnders wird es dem Weibe ſchwer, dieſe zu bewahren, wo jener gewichen iſt. Hierauf gründet ſich der weibliche Freund⸗ ſchaftsſinn. In der Freundſchaft ſollen weib⸗ liche Liebe, weibliches Vertrauen und weibliche Mittheilung ſich zu höherer Stärke und Innig⸗ keit ſammeln. In Freundſchaft muß ſich ihre Fälle ergießen, ſo lange das Weib noch nicht in den ſüßen Verhältniſſen ſteht, in welchen die Na⸗ tur das Kräftigſte, Reinſte und Mannichfaltigſte der Liebe entwickelt. In der Freundſchaft wird die Ergebung des Mädchens vollkommene Hin⸗ gebung. Eltern⸗ und Geſchwiſterliebe erſchöpfen das Bedürfniß des Herzens nicht, wenn ſie ſich nicht mit Freundſchaft vereinigen, oder in ſie ver— wandeln. Selbſt, wenn das Weib Gattinn und Mutter geworden iſt, bleibt oft noch eine leere Stelle im Innern für die Freundſchaft übrig. Vieles erfährt und duldet, hofft und fürchtet das Weib, was es nur der Freundinn ſagen kann. Ueber vieles iſt auch nur die Freundinn fähig, es zu verſtehen. Ein weibliches Gemüth, dem es an Freundſchaftsſinn fehlt muß entweder von Eitel⸗ keit, oder von heftigen Leidenſchaften ſehr verwü⸗ ſtet ſeyn. Endlich zeige ſich weibliche Ergebung auch im ſtillen Dulden. Daß dies Ihrem Geſchlechte von der Natur ſehr erleichtert worden ſey, iſt all⸗ gemein anerkannt. Davon zeugen auch die vielen Proben von gelaſſenem Ertragen der größten Lei⸗ den, die uns nicht ſelten an ſolchen Frauen, die für ihre ſittliche und religiöſe Bildung wenig ge⸗ than haben, in Erſtaunen ſetzen. Wo der Mann in ſeinem Ungeſtüm dem übel entgegen ſtrebt, und durch ſeine Heftigkeit das Gefühl deſſelben lebhafter, ſeinen Schmerz größer macht: da be⸗ wahrt das Weib in ſeiner Stille die Aufmerk⸗ ſamkeit auf jede Erleichterung, welche ihm ſeine Lage darbiethet. Seine bewegliche Phantaſie legt ſanft ihre Blumen um die traurige Wirklichkeit, und läßt fröhliche Schimmer ihres Zauberlichtes in die freudenloſe Dunkelheit fallen. Der Kum⸗ mer wird ihm erträglicher, weil es nicht im ver⸗ geblichen Widerſtande ſeine Kräfte verzehrt. Dieſe glückliche Faͤhigkeit Ihrer Natur zu ſchützen und auszubilden, ſie gegen jeden Reitz einer bittern Empfindlichkeit zu behaupten, ſie durch Demuth und moraliſche Reſignation zu veredeln, iſt aber auch Ihre Beſtimmung. Das Sanfte darf nicht — 39 laut werden, die Schwäche nicht widerſtreben, die Ergebung ſich nicht auffehnen. Dem Manne ſind Natur und Schickſal eine Gewalt, die er be⸗ kämpfen muß, wenn ſie ſich ſeinem Willen nicht fügen, damit es beſſer werde, und Ordnung herr⸗ ſche. Dem Weibe ſind ſie ein, von höherer Hand entworfener Grundriß des Lebens, in dem nichts verwirrt oder verzogen werden darf, den ein from⸗ mes Gemüth in ſich aufnehmen und nachbilden ſoll. Darum verſchönert der Kummer das weibli⸗ che Angeſicht ſo ſehr, weil ſein Ausdruck mit den Zügen des ſanften Duldens überzogen iſt. Dul⸗ den iſt das einzig würdige Verhalten gegen einen Schmerz, den man nicht entfernen kann. Der Starke mag daran ſeine Kräfte verſuchen, um fie zu üben. Aber bei dem, welchem Stärke ver⸗ ſagt ward, überwindet die Geduld alles im Glau⸗ ben und Hoffen. Hier iſt der Punkt, in welchem die weibliche Ergebung in Religioſität übergeht, um dem Leben des Weibes die letzte Weihe zu geben. Dem überall in enge Schranken gewieſenen und zur Verläugnung aufgeforderten Weibe bleibt nichts, ſeine Selbſtſtändigkeit zu retten, als daß es ſich dem Schutze und der Führung einer hö⸗ hern Macht und Gute anvertraue, und in ſtiller 40 Zuverſicht aus der bedrängten Gegenwart in eine freiere und glücklichere Zukunft ſchaue. Das Weib erträgt den körperlichen Schmerz auch wohl ohne Religion, weil es zu ſchwach iſt zum Wi— derſtande; aber nicht die Schmerzen der Seele— und auch jenen nicht mit der Seelenſtärke, mit dem Gleichmuthe, mit der getroſten Erwartung und der ungetrübten Ruhe, als wenn ihm der Gedanke an einen weiſen Regierer der Schickſale und an ein beßres Leben ſein dunkles Daſeyn er⸗ leuchtet. Zu der Unterwerfung unter den Wil⸗ len und die Gewalt des Guten geſellen ſich Ver⸗ ehrung und Liebe; und ſo entwickelt ſich im Han⸗ deln und im Leiden ein heiliger Sinn, der mit der Weiblichkeit die Tugend ſchützt, mit der An⸗ muth die Würde paart, und das weiche Gemüth bewacht, daß es ſich da nicht ergebe, wo Erge⸗ bung Unſittlichkeit ſeyn würde. Ein Weib ohne Religion kann ſich nicht behaupten; ſeine Weib⸗ lichkeit ſelbſt wird es verderben. Seine Natur iſt im auffallendſten Widerſpruche mit ſich ſelbſt und in ihrer Schwäche unbewaffnet gegen zahlloſe ge⸗ fährliche Angriffe. Aber ein aufgeklärter und ge⸗ rührter Glaube, der ſeinen Bedürfniſſen un Fäh⸗ igkeiten angemeſſen, für den jede Saite des echt weiblichen Herzens geſtimmt iſt, erhält dieſes Herz ſanft, und macht ſeine Liebe, wie ſeine Ge⸗ duſd, gränzenlos. Wo ein mildes Gemüth und ein ergebungs⸗ voller Charakter zuſammen treffen: da entſteht je⸗ ne freundliche Stille, die in allem Denken, Stre⸗ ben und Thun des trefflichen Weibes iſt, und ſich über ſeine Umgebungen verbreitet. Das ſanfte, ſich hingebende Weib fühlt ſich nicht glücklicher, als in dem engen Kreiſe des häuslichen Lebens, unter den Geſchäften und Freuden deſſelben. Um keinen Preis möchte es ſeine Lage gegen eine— 1 glänzendere und geräuſchvollere vertauſchen. Es ſindet hier, was ſein Herz begehrt he Be⸗ ſtimmung und ſeine Welt. Es hat keine andere Sorge, als ſich für dieſes Leben immer mehr aus⸗ zubilden, und zu thun, was ihm hier ebliegt. Je weniger es bemerkt wird: deſto beſſer hält es ſeinen Frieden geſichert; deſto ungeſtörter kann es fröhlich ſeyn in ſich ſelbſt und mit denen, die es liebt. So iſt das Weſen der edeln Weiblichkeit und ſeine Erſcheinung, nach dem Zeugniſſe des Ver⸗ ſtandes und des Herzens. Möchte es mir gelun⸗ gen ſeyn, das Bild derſelben ſo darzuſtellen, daß 3₰ jeder Blick darauf hin in Ihnen die Überzeugung von der Wahrheit, mit welcher unſre Betrach⸗ tung begann, befeſtigte: ein Weib könne nichts Beßres haben, als edle Weiblich⸗ keit in Unſchuld und ſittlicher Würde. Das Unweibliche würde Sie in peinlichen Wider⸗ ſpruch ſetzen mit Ihrer Natur, von welcher Sie ſich nimmer befreien werden— mit den Bedürf— niſſen Ihres Geiſtes und Herzens, die ſich nim— mer vertilgen laſſen— und mit den Verhältniſ⸗ ſen, in welchen Sie immer Ihr Glück ſuchen müſſen. Es macht Sie unzufrieden mit dem Ge⸗ ſchicke, das Ihnen viele köſtliche Genüſſe anbie— thet, zu vielen herlichen Entwickelungen Anlaß und Hülfe gibt. Jedes Streben, das mit einem weiblichen Sinne ſtreitet iſt ein ohnmächtiges, und kann nur ſich ſelbſt zu Grunde richten. Wie wollen Sie ohne Weiblichkeit den Mann beglücken, der in Ihnen das ſanfte, weiche und liebevolle Weſen— das Weſen ſucht, das ſich in⸗ nig an ihn anſchließt, das ſich ihm ganz hingibt, und jede Lücke ſeines Innern ausfüllt— den nur Ihre Zärtlichkeit entzückt, den nur Ihre Schwä⸗ che rührt, der in Ihnen um ſo mehr findet, je weniger Anſprüche Sie machen, den Sie aber in eben dem Maße zurück ſtoßen, in welchem Sie 4. ſich ihm durch Nachbildung zu nähern ſuchen, der ſich elend fühlen muß an der Seite eines harten, affectierten, zudringlichen, vorlauten, ſelbſtſüchti— gen, unbeſcheidenen und rohen Weibes? Die Fülle Ihrer Weiblichkeit kann allein ſeine Zufrie⸗ denheit ſchaffen; und an ſeiner Zufriedenheit hängt die Ihrige. Ohne Weiblichkeit können Sie ſelbſt den Trefflichſten nicht einmal lieben. Wie wollen Sie ohne dieſe einem Hauſe vorſtehen, deſſen An⸗ gelegenheiten nur ein ſtiller Geiſt, ein heller Ver— ſtand, ein feiner und lebendiger Sinn für Ord⸗ nung und ein reiches Gemüth ſchlichten kann? Wie Ihre Kinder erziehen, die nur dann zu wei⸗ ſen, guten und frohen Menſchen hinanwachſen: wenn die Freundlichkeit der Mutter ihren Sinn weckt, wenn ihre Sorgſamkeit über den erſten Eindrücken wacht; wenn ihr bewegliches Gefühl und ihre klare, heitre Anſicht ſich ihnen mitthei⸗ len; wenn mütterliche Geduld nicht ermüdet, ih⸗ rer zu warten, für ſie zu leiden, und um ihret⸗ willen zu entbehren; wenn ausdauernde Aufmerk— ſamkeit ſie nie aus der Acht läßt, wenn mütter⸗ liche Güte das zarte Herz bildet, und mütterliche Milde regiert, wo die ernſten Befehle des Vaters den jugendlichen Leichtſinn nicht bändigen? Was das Weib Gutes leiſten und erſtreben kann, das leiſtet und erſtrebt es durch edle Weiblichkeit. Mit Ihrer Weiblichkeit ſteht und fällt Ihre Sittlichkeit. So viel von jener aufgeopfert wird: ſo viele Tugenden werden auch eingebüßt; und es wird nicht viel koſten, die wenigen Reſte zu ver⸗ tilgen. Sie können die Weiblichkeit nicht ver⸗ läugnen, ohne das zarte Leben des ſittlichen Ge⸗ fühles zu verletzen. Und was könnten Sie dabei gewinnen? Be⸗ friedigung einer Leidenſchaft, die Sie unglücklich machen muß, Kitzel einer kleinlichen Eitelkeit, die Sie nicht ſchadlos halten wird für das, was Sie einbüßen, Beifall von Männern, welche, an Kopf und Herz krank, der kleinſten Aufmerkſamkeit die Sie ihnen ſchenken, nicht wehrt ſind, einen Glanz, der nur die Unverſtändigen blendet, und Sie in den Augen des Vernünftigen tief herab⸗ ſetzt. Schmerzliches Zerfallen mit ſich ſelbſt, und peinigende Unruhe waren noch immer das Loos der unweiblichen Weiber. Darum liege Ihnen alles daran, Milde des ge Ih Gemüthes und Ergebung des Charakters zu be⸗ wahren, und in ſich auszubilden. Sie ſeyen in Ihrem ganzen Weſen ſichtbar, und werden von eder fuͤr ihren köſtlichſten Schmuck geachtet. 6„, Keine ſtrebe durch etwas anders als durch Weib⸗ lichkeit zu gefallen. Weiblichkeit herrſche in Ih⸗ ren Gedanken, Meinungen und Anſichten, und gebe Ihnen Licht, Wärme und fröhliches Leben. Weiblichkeit ſpreche aus Ihren Urtheilen, und würze ſie durch Delicateſſe, Anſtand und Beſchei⸗ denheit. Weiblichkeit ſey in jedem Blicke, in je— dem Zuge und in jeder Bewegung. Klarheit und Güte, Offenheit und Anmuth müſſen Ihnen die Herzen der Beſſern gewinnen. Weiblichkeit wäh⸗ le Ihre Lectüre und Ihren Umgang; in beiden finde Innigkeit der Seele, der Sinn für das Wahre, Schöne und Gute reiche Nahrung. Weiblichkeit ordne Ihren Putz und ihre Beſchäf⸗ tigungen, und entferne daraus alles Üüberladene und Erkünſtelte, alle Affectation und allen erborg⸗ ten Schimmer, alles Laute, Heftige, Geräuſch⸗ volle und Unſittliche. So müſſen in Ihrem Le⸗ ben immer gepaart ſeyn der Adel und die Freude. Dritte Rede. 54563⸗e Weibliche Bildung. Bdang iſt überall die Ehre des Menſchen und die Würze des geſellſchaftlichen Lebens. Man muß gebildet ſeyn, um fortdauernd zu gefallen, um Freude zu geben und ſelbſt Freude zu haben. Alle ſchönen Eigenthümlichkeiten unſrer Natur werden nur durch Bildung zu dem lebenvollen und klaren Ausdrucke gebracht, in welchem ſie die wahre Menſchlichkeit darſtellen, und wohlthuend wirken. Von dem Weibe muß man vorzüglich Bil⸗ dung fordern. Es ſoll ja bilden im Leben; wie 47 kann es das, wenn es ſelbſt nicht gebildet iſt? Seine Beſtimmung iſt zu gefallen in ſeinem Da⸗ ſeyn und Wirken. Dieſe erreicht es noch nicht durch ſeine Schönheit. Wir glauben berechtigt zu ſeyn, die reitzende Geſtalt für die Hülle einer ſchönen Seele zu halten, und wenden uns mit Unwillen hinweg, wenn wir uns hierin getäͤuſcht ſehen. Die Schönheit iſt nichts ohne Anmuth; und dieſe kann ihr nur von der innern Bildung kommen. Vielen hat ihr ungünſtiges Geſchick die Schönheit verſagt. Sie müſſen darauf bedacht ſeyn, dieſelbe durch Gehalt und Wehrt des Gei⸗ ſtes zu erſetzen. Des Mannes Beſtimmung iſt, Zwecke zu erreichen, und dadurch der Welt nütz⸗ lich zu werden. Er vermag, bei verſäumter und einſeitiger Bildung, noch manches zu leiſten. Durch innern Drang entwickeln ſich in ihm Kräf— te, die uns mit ſeinen rohen Seiten einiger Ma— ßen ausſöhnen. Am Manne duldet man auch wohl das Einzelne, Hervorſpringende, wenn er ſich nur in der Würde ſeines Charakters behauptet. Vom Weibe verlangt man fröhliche Harmonie des ganzen Innern. Freilich hat die Natur in glücklichen Anlagen und Diſpoſitionen für das Weib viel gethan. Aber deßwegen kann doch die eigne Bildung nicht ent⸗ 48 0 behrt werden. Einzelne gefällige Zuge kann die in ſich ſelbſt überlaſſene Natur wohl hervor bringen,. nih aber nicht ſle ſo ordnen, daß ſie in den ganzen* ten: Charakter paſſen, und echt weiblich ſeyen, nicht nes Ma verhüthen den Einfluß irre leitender Umſtände, 3 wenn nicht eine ſorgſame Selbſtpflege hinzu dii kommt. Reine Weiblichkeit iſt immer das Pro⸗ un duct einer bildenden Thätigkeit. Wo dieſe nicht di ausſcheidet und anknüpft, trennt nnd verbindet, al werden bald Lücken, bald üppige Auswüchſe ent⸗ ſi * ſtehen, die beide in gleichem Maße verunſtalten. h Vorzüglich dringend iſt das Bedürfniß der ne weiblichen Bildung in den Zeiten der höhern Kul⸗ di tur und der verfeinerten Sinnlichkeit. Wo die für Einfalt in der Denk- und Lebensweiſe immer Jei mehr verſchwindet; wo die öffentliche Meinung ſich eit ummer mehr Anſehen erwirbt, und, losgebunden m von den Geſetzen der Wahrheit und der Würde, ke immer mehr anheim fällt der Kiimmung und der jel Willkühr; wo die Menſchen in vielfacherm Ver⸗ br⸗ kehr ſtehen, und mehr Berührungspuncte für ein⸗ ander haben; wo die Formen des geſelligen Lebens de zahlreicher und künſtlicher, die Sitten freier und iſt der Sittlichkeit mehr entfremdet, wo Luxus und. de Prachtliebe, Mode⸗ und Zerſtreuungsſucht immer da herrſchender werden; wo die Eitelkeit überall Reitz und Nahrung findet: da kann ſich die Natur nicht lange in ihrer eigenthümlichen Richtung hal⸗ ten; da iſt der Grund zu einer verkehrten Sin⸗ nesart gelegt, die bald mit unwiderſtehlicher Macht von allen Seiten in das weiche Herz dringt. Weiſe Bildung muß hier die Gefahren und Nachtheile der Verfeinerung verhüthen, und die regelloſen Eindrücke, die Kopf und Herz über⸗ all empfangen, unſchädlich machen. Die wider⸗ ſinnigſten Formen und die traurigſten Mißver⸗ pältniſſe kommen zum Vorſcheine, wenn nicht ei⸗ ne aufgeklärte Kunſt ihnen entgegen arbeitet. Diejenigen Ihres Geſchlechtes, die, ohne Sinn für Bildung“, ſich den Einflüſſen einer ſolchen Zeit dahin gaben, waren immer die weichlichſten, eitelſten, herzloſeſten Geſchöpfe, Geſchöpfe zu jäͤm⸗ merlicher Gemeinheit und Elendigkeit herabgeſun⸗ ken, verführbar durch jeden Reitz, und fähig zu jedem Laſter, wozu es ihnen nicht an Kraft ge⸗ brach. Faſt widriger als das rohe, iſt das verbil⸗ dete Weib. Wo alles auf Harmonie angelegt iſt: da ſind Mißtöne auffallender und beleidigen⸗ der, und ſchon der leiſeſte greift verwirrend durch das Ganze. Der Mann kann ſich zum Theil ſeis 4 50 ne Lage ſelbſt ſchaffen, und ſie alſo auch ſeinen phyſiſchen und geiſtigen Eigenthümlichkeiten aneig⸗ nen. Die Lage des Weibes im häuslichen Leben iſt von allen Seiten beſtimmt, und es läßt ſich wenig darin verrücken. Es muß ſich ſelbſt nach ihr formen; ſonſt entſtehen überall Widerſprüche, die eben ſo unauflöslich als verderblich ſind. Sie trifft genau zuſammen mit den Forderungen einer geſunden Bildung. Das verbildete Weib iſt nir⸗ gends an ſeiner Stelle, und kann ſich nirgends wohl fühlen. Es erregt Widerwillen, und rich⸗ tet große Verwirrungen an. Und doch ſind die Erſcheinungen einer fal⸗ ſchen, einſeitigen, ungeregelten und unverhältniß⸗ mäßigen Bildung unter dem weiblichen Geſchlechte nicht ungewöhnlich. In unſern Tagen mag es wohl eben ſo viele verbildete als ungebilde⸗ te Weiber geben, und unter den erſten eben ſo viele, die es durch Mißverſtändniß und Irrelei— tung verſchrobener Männer, als die es aus Eitel⸗ keit und abſichtlicher Bemühung ſind. Die Wege der Verbildung ſind zahlreich und verführeriſch. Es iſt nicht ſelten, daß Weiber von Verſtand und feinem Gefühl, vom Schimmer einer falſchen Weisheit geblendet, Eigenthuümlichkeiten anneh⸗ men, die mit den Grundſätzen einer naturgemäͤ⸗ 8 fen nen. wen ein Bil das ne ſa⸗ ßen und gefallenden Bildung nicht beſtehen kön⸗ nen. Ihr Herz würde ſich dagegen auflehnen, wenn es nicht bethört wäre. Sie werden daher einigen Andeutungen über weibliche Bildung, die keinen andern Zweck haben, als das Zeugniß der Natur aufzuklären, und in ſei⸗ ne Rechte zu ſetzen, Ihre freundliche Aufmerk⸗ ſamkeit nicht verſagen. Bildung iſt eine ſolche Entwickelung und An⸗ ordnung aller Gemuthskräfte, die ihrer Natur und ihren gegenſeitigen Verhältniſſen durchaus an⸗ gemeſſen iſt. Der gebildete Menſch hat ſeine Fähigkeiten erkannt, gepflegt, zu einem ſchönen Ganzen vereinigt, und verſteht ſich auf ihre ge—⸗ ſchickte Anwendung. In allen Theilen ſeines Le⸗ bens iſt Geiſt und Harmonie mit ſich ſelbſt. Er beſitzt einen aufgeklärten, kenntniß⸗ und erfah⸗ rungsreichen Verſtand, ein zartes, fein geſtimm— tes und warmes Gefühl und ein ordnungsvolles, edles Herz. Ungetrübt und unverfälſcht ſpiegelt ſich die Welt in ſeiner Seele ab. Er empfindet wahr und lebhaft; er denkt deutlich und richtig; nicht leicht geht ihm ein Eindruck des Schönen und Guten verloren. Und was er richtig gedacht und rein empfunden hat, das eignet ſein Gemuͤth ſich an, das ſtellt er dar in Worten und Bewe⸗ gungen. Das Ziel der Bildung iſt überall daſſelbe, der Menſch in der Vollkommenheit ſeiner geiſtigen Natur. Da indeß dieſe Natur ſich in ſzwei Geſchlechtern verſchieden ausdrückt: ſo enthält ſie auch eine andre Aufgabe der Bildung an den Mann— eine andre an das Weib. In jedem ſoll das Beſondere ſeines Geſchlechts⸗Cha⸗ rakters ſo entwickelt werden, daß in beiden zu⸗ ſammen genommen der vollendete Menſch erſcheint. In jedem ſoll zu der allgemeinen harmoniſchen Entwickelung des Geiſtes und Herzens noch die⸗ jenige eigenthümliche Richtung kommen, welche den natürlichen Anlagen und Diſpoſitionen, der Beſtimmung, der Lage und der Beſchäftigung deſſelben angemeſſen iſt. Weibliche Bildung darf daher keinen andern Zweck haben, als den, reine Weiblichkeit im Denken, Fühlen und Wollen, in den Bewegungen und Beſtrebungen des Ge⸗ müthes, im Betragen und in den Sit⸗ ten hervorzubringen. Männliche Bildung muß es auf das möglichſt größte Maß von körperlicher und geiſtiger Stärke 583 anlegen. Sie ſpricht ſich am glücklichſten in allem Feſten, Beſtimmten und Kräftigen aus. Ernſs und Würde muß in den Außerungen des Mannes ſeyn. Das Weib, dem die Natur Stärke ver⸗ ſagte, ſteht da in ſeiner Vollendung, wo ſeine Schwäche ſich in Milde, Sanftheit, Weichheit, Innigkeit, Fülle des Herzens und Ergebung ver⸗ klärt. Es heißt nur dann mit Recht gebildet: wenn holde Schüchternheit, ſtille Anmuth, leiſes Zartgefühl in ſeinem ganzen Weſen und Thun iſt; wenn freundliche Güte aus jedem Blicke leuchtet⸗ und unzweideutige Offenheit ſeine geheimſten Ge⸗ danken errathen läͤßt. Der Mann muß gebildet werden für die du⸗ ßere Welt, die er beherrſchen ſoll. Sein Ver⸗ ſtand muß zur weitern Überſicht erhellt, ſein Wille zum nie erſchrockenen Muthe geſtählt wer⸗ den; ſonſt fehlt es ſeiner Bildung an Geiſt. Die weibliche Bildung aber wird geiſtlos: wenn ſich die innere Welt, an die das Weib ge⸗ wieſen iſt, nicht klar, reich, mannichfach und lieb⸗ lich geſtaltet; wenn es nicht in ſich ſelbſt würdig und ſelig leben kann; wenn ihm nicht ein reitßba⸗ res Gefühl und eine heitre Phantaſie unerſchöpf⸗ liche Quellen der Beſchäftigung und des Genuſſes ⸗⸗ . ſind, und dadurch ſeinen kleinen Kreis mit Leben und Freude erfüllen.. Der Mann ſoll öffentlich wirken, ſeine Bildung ihn dazu tauglich machen. Seine Sphäre iſt geräuſch- und arbeitsvoll; ſie erfordert tiefe Einſichten, hohe Selbſtſtändigkeit, Kühnheit und Erhebung des Geiſtes. Dem allem muß auch ſein Außeres entſprechen. Nur was ihn hierin unter⸗ ſtützt, iſt für ihn Gewinn. Das häusliche Leben iſt die Beſtimmung des Weibes. Seine Bildung ſoll es damit befreunden, und es in den Stand ſetzen, ſeine Pflichten in demſelben mit Liebe, Treue und Erfolg zu beobachten. Sie iſt um ſo reifer und ſchöner: je mehr die Kenntniſſe und Empfindungen, die ſie mittheilt, die Rich⸗ tung, die ſie dem Verſtande, und die Stimmung, die ſie dem Herzen gibt, die Fertigkeiten, die ſie aneignet, die Sitten, woran ſie gewöhnt, damit harmonieren, und das Gluͤck des Lebens in die⸗ ſem Kreiſe fördern; je mehr ſie diejenige äußere Eingezogenheit verrathen, die mit innerer Erwei⸗ terung unzertrennlich verbunden geht. Die Be⸗ ſcheidenheit, Unbefangenheit, Unſchuld, Delica⸗ teſſe und edle Einfalt des Mädchens, die Zärt⸗ lichkeit, Aufmerkſamkeit und Ergebung der Gat⸗ einn, die Weisheit, Güte und Langmuth der ——, Mutter, von einem, über die Angelegenheiten des Lebens erleuchteten Geiſte, und einem, im beſſern Sinne des Wortes, empfindſamen Herzen beglei⸗ tet, ſind es, wodurch ſich weibliche Bildung un⸗ terſcheiden ſoll. Was darüber hinausgeht, was ſich mit zartem Familienſinne nicht verträgt, was irgend eine Saite zu hoch ſpannt, als daß ſie hier noch harmoniſch einklingen— irgend eine Kraft zu ſehr hinaufſchraubt, als daß ſie hier noch zweckmäßig und mit Luſt wirken könnte, iſt eben ſo widrige als verderbliche Verbildung. Weibliche Bildung muß es ſich dem zu Folge vorzüglich laſſen angelegen ſeyn, die natürliche Milde und Sanftheit des Charakters ganz zu ent⸗ falten, den Reichthum des innern Lebens zu ver⸗ mehren, diejenigen Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens, die das häusliche Wirken unterſtützen, zu den herrſchenden zu machen, und alles zu ent⸗ fernen, was dem widerſpricht. Hieraus laſſen ſich die Erforderniſſe derſelben leicht herleiten. Schte weibliche Bildung muß zuvör⸗ derſt von einer geſunden Stimmung des Herzens ausgehen. Ohne das wird ſie un⸗ permeidlich verunglücken. Bei dem Manne darf 56 be e der Verſtand wohl uͤber das Herz herrſchen: denn hel er iſt hier abgeſonderter, ſelbſtſtändiger, freier ber 1 und wirkſamer; er ſpricht ſeine Grundſätze beſtimm⸗ he H ter und lebendiger aus, und weiß ſich beſſer ge⸗ ra gen die unlautern Eingebungen des Herzens zu ch behaupten. Beim Weibe ſind Verſtand und Herz 4 mehr eins; oder das letztere iſt vielmehr das Or⸗ gan für die Offenbarungen des erſtern. Die ſchönſten Eingebungen des Verſtandes werden nur durch das Herz vernommen, und gelangen nur in ſo fern in ihrer Kraft und Wahrheit zum Leben, als ſie ſich in dieſem ungetrübt abſpiegeln, und 8 dieſes ſie mit reiner Empfänglichkeit aufnehmen— kann. Es gibt freilich auch Außerungen des( Verſtandes, mit welchen das Herz nichts zu ſchaf⸗ b fen hat; aber das ſind nicht diejenigen, die da, W wo von Bildung die Rede iſt in Anſpruch genom⸗ men werden; es ſind nicht diejenigen, welche die b ewigen Regeln des Schönen und Guten darſtel⸗ len; es find diejenigen, welche die gemeinen An⸗ gelegenheiten des Lebens mit Klugheit ſchlichten kkhren. b Was anſtändig, gefällig, recht und gut ſey, 3 weiß das Weib mehr aus lebendigem Gefühle als aus klarer Einſicht. Innere Regungen, von de⸗ nen es ſich ſelbſt ſelten Rechenſchaft geben kann, 57 zeugen dafuͤr. Es iſt der in der Empfindung le⸗ bendig gewordene Verſtand, was wir hier im höhern Sinne das Herz nennen, und wo⸗ raus die Bedürfniſſe entſpringen, die alle weibli⸗ che Bildung leiten müſſen. Iſt dieſes Herz ver⸗ ſtimmt, ſind ſeine Forderungen zu beſchränkt oder überſpannt, einſeitig oder ausſchweifend: ſo kann überall auch nur Verſtimmtes oder Verſchrobenes,⸗ Beſchränktes oder überſpanntes, Einſeitiges oder Ausſchweifendes zum Vorſcheine kommen. Die geſunde Stimmung des Herzens, die der weiblichen Bildung zum Grunde liegen ſoll, zeigt ſich aber vorzüglich in einem richtigen Geſchmacke und einem unverletzten mora⸗ liſchen Gefühle. Jener muß das Schöne, dieſes das Gute ins Leben führen; jener über der Anmuth, dieſes über der Würde wachen. Beide in ihrer Vereinigung erzeugen die edle Simplicität, die nie aus den Gränzen der Na⸗ tur weicht. Ihr Geſchlecht hat viel Anlage zum richtigen Empfinden des Einſtimmigen und Wohlgeordne⸗ ten; aber auch große Verſuchungen, das Koſtbare, Geſchmückte, Glänzende und Exaltirte dem Schlich⸗ ten, Einfachen, Wahren und in ſeiner innern Vollendung Vortrefflichen vorzuziehen. Der Ei⸗ —— ———— 4 58 genſinn der Mode und die Stimmung des Zeit⸗ geiſtes vermehren dieſe Verſuchungen. Werden Sie denſelben nachgeben; fehlt es Ihnen an Ernſt, den Sinn der Natur zu bewahren, oder an Muth der beſſern Einſicht zu folgen: ſo müſſen ſich un⸗ vermeidlich Neigungen in Ihnen entwickeln und befeſtigen, die Ihre ganze Bildung irre leiten. Wo der Sinn für das Außere verfälſcht iſt, da bleibt der für das Innere nicht mehr lauter. Wenn Ihnen der eigne gute Geſchmack nicht ſagt, wie weit Sie im Anbaue Ihres Verſtandes und Ih⸗ rer Einbildungskraft gehen dürfen, und welche Form für Ihr Betragen die zweckmäßigſte und einnehmendſte iſt: ſo werden Sie es aus dem Un⸗ terrichte andrer nie lernen; Sie können denſelben weder verſtehen, noch wahr finden. überdem ver⸗ mag auch ein ſolcher Unterricht nie, ſo weit in das Beſondre zu gehen, daß nicht dem eignen Ur⸗ theile das meiſte anheim geſtellt bliebe. Noch härter ſtraft das ſittliche Gefühl ſeine Vernachläſſigung. Was ſoll das für eine Bildung ſeyn, welcher moraliſche Widerſprüche nicht anſtößig ſind? und was ſoll dieſe Wider⸗ ſprüche vermeiden lehren, wenn ſich ihnen nicht ein lebendiger und reiner moraliſcher Sinn entge⸗ ger ſetzt? Die Verderbniſſe, welche dieſer Sinn y5JBN von der Erziehung und Lebensart des weiblichen Geſchlechtes in unſrer Zeit erleidet, laſſen einen traurigen Verfall des Innern und der Sitten füͤrchten. Deſto angelegentlicher ſollte jede, die vernünftige Bildung noch zu ſchätzen weiß, dar⸗ über wachen, daß das ſittliche Gefühl ſeine Wahr⸗ heit und Schärfe nicht verliere. Nur wenn dieſe erhalten wurden, keunen Sie ſicher ſeyn, in dem Beſtreben, Ihre Einſichten zu erweitern, und Ih⸗ re Gefühle zu verfeinern, nie die Weiblichkeit zu verletzen, nie die Innigkeit, Sanftheit, Delica⸗ teſſe und Güte, das ſchönſte Kleinod Ihres Ge⸗ ſchlechtes, aufzuopfern. ———— Sie werden aber jene nicht verletzen und die— ſe nicht aufopfern, wenn Sie, zweitens, dar⸗ auf ſehen, daß Ihr Verſtand nicht weiter gehe, als das Herz ihm folgen kann. Weil Verſtand und Herz bei Ihnen eins ſind; darum hat jener auch kein abgeſondertes und ei⸗ genthümliches Intereſſe. Alles ſoll bei Ihnen die Innigkeit vermehren, und dem Gemüthe Nahrung geben. Sie ſind immer nur um ſo viel reicher geworden, als dieſes gewonnen hat. Sie verſte— hen nur das ganz, wobei ihr Herz nicht weniger empfindet, als der Verſtand denkt. Jede neue Einſicht, die Sie kalt läßt, jeder Aufſchwung des Geiſtes in ſolche Regionen, in denen man ſich nur denkend behaupten kann, verträͤgt ſich nicht mit der ſtillen Harmonie, worin alle Ihre Kräfte ſtehen müſſen. Die Theilnahme und Rührung, womit ein Begriff aufgefaßt wird, iſt allein im Stande, ihm die Stelle anzuweiſen, an welcher er ordnungsvoll wirkt. Die Saite, die im Ver⸗ ſtande gerührt wird, muß im Herzen nachtönen, damit der Einklang der Natur vollſtimmig werde. Von jedem Menſchen kann man fordern, daß er das, was er weiß ganz in ſich aufgenommen, und in ſein Weſen verwandelt habe. Dies iſt aber bei Ihnen nur da der Fall, wo es in Ihre Stimmung, in Ihre Gefühle und Wünſche feſt verwebt iſt. Was darüber hinausgeht iſt jämmer⸗ liche Nachbeterei, ſchimmernde Leerheit, eitler Flitterſtaat. Wie ſehr dies aber das Weib ver⸗ unſtalte, an dem alles Simplicität, Natur und Wahrheit ſeyn ſollte, das darf ich wohl Ihrer eignen Entſcheidung überlaſſen. Ich finde das Weib ohne Bildung weit erträglicher, als dasjeni⸗ ge, welches ein elendes Gepränge mit Worten treibt, in Ausdrücken ſpricht, deren Sinn es kaum ahndet, etwas zu wiſſen vorgibt, was es gar 6¹1 nicht wiſſen kann, und ſich in Gegenden derſteigt⸗ in welchen es ſich nicht zu halten vermag. Tief wird das Herz getroffen von einer ſchönen Wahr⸗ heit, aus einem ſchönen Munde, mit einer Wär⸗ me und Gewandtheit geſprochen, die es deutlich verräth, daß ſie aus dem Herzen kommt, und aus dem Leben geſchöpft war. Aber widerlich iſt je⸗ dem verſtändigen Manne die Weisheitskrämerei, die ihre Waare nur auf den Lippen hat. Ich kann es unmöglich für etwas Vorzügli⸗ ches halten, wenn ein Weib viele Kentniſſe be⸗ ſitzt. Aber darin, daß es ſeine Kenntniſſe ſeinem Herzen anbildet, und nach dem Maße ſeiner Em⸗ pfindungsfahigkeit beſchränkt, finde ich eine Treff⸗ lichkeit, die ich eben ſo ſehr bewundre, als ich von ihr gerührt werde. Hiernach laſſen ſich vielleicht die Gränzen des weiblichen Wiſſens und der weiblichen Verſtandes⸗ bildung beſtimmter, als es gewöhnlich geſchieht, angeben. Man ſagt: das Weib ſoll keine Ge⸗ lehrte ſeyn. Nichts iſt wahrer als das. Gelehr⸗ ſamkeit verträgt ſich eben ſo wenig mit der Na⸗ tur als der Beſtimmung des Weibes. Die Zart⸗ heit ſeines Sinnes und ſein häusliches Wirken werden dadurch geſtört. Aber wo fängt das Wiſ⸗ ſen denn an, ein gelehrtes zu werden, und aus 6⸗,e der weiblichen Sphäre heraus zu treten? Offen⸗ bar da, wo es das Herz nicht mehr berührt, wo es in eine Stimmung verſetzt, die ſich mit dem Herzen, der Quelle alles ſchönen, fröhlichen und geſegneten Lebens für das Weib, nicht befreun⸗ den will. Mißverſtändniſſen und Verirrungen iſt da vorgebeugt, wo der Grundſatz feſt ſteht: was klar eingeſehen wird, muß auch lebendig em⸗ pfunden werden, und die Einſicht, die das Ge⸗ müth nicht bewegt, die nicht mit Wärme und Liebe im Herzen gepflegt wird, gehört nicht für das T' ib. Dahin alſo ſtrebe Ihre Verſtandesbildung, daß Sie immer mehr einſehen, und immer taug⸗ licher werden, einzuſehen, was Sie liebenswür⸗ dig und Ihr Wirken nützlich macht, was Ihnen als Mädchen, Gattinnen, Vorſteherinnen des Hausweſens und Müttern allgemeine Achtung er⸗ wirbt, was Sie aufheitern kann in trüben Stun⸗ den, was Ihnen Muth gibt im Dulden, was Ihr inneres und äußeres Leben verſchönert und erhöht, was Ihnen und andern reichen Genuß gewährt, und Sie in den Stand ſetzt, Ihre Pflichten beſſer zu erfüllen. Lernen Sie Ihren Verſtand in Ihrer Sphäre gebrauchen; aber üben Sie ihn nie an Gegenſtänden, die über dieſe 63 hinaus liegen. Gewöhnen Sie ihn zum reinen und richtigen Beurtheilen alles Nützlichen und Gefälligen; aber nie zum Grübeln über das inne— re Weſen und die Urſachen der Dinge. Berei⸗ chern Sie ihn mit aufgeklärter Kenntniß der Re⸗ ligion und Moral, um religiös geſinnet zu ſeyn und tugendhaft zu leben; aber hüthen Sie ſich, die Geheimniſſe der erſten und die höchſten Prin— zipien der andern ergründen zu wollen. Lernen Sie die Natur bennen; aber nicht um über ſie zu raiſonniren, ſondern um ſich ihrer Kunſt und Schönheit zu freuen, um ihre Wahrheit und Reinheit in ſich aufzunehmen, um den Glauben und die Liebe an ihr zu erwärmen. Schauen Sie mit klarem Auge in die Welt, damit Ihnen der Sinn und die Gefahren derſelben offenbar werden, und Sie ihr nie die Würde und den Frieden hingeben. Machen Sie ſich mit dem menſchlichen Herzen bekannt; nicht um mit ſolcher Einſicht zu prunken, ſondern um Ihrer ſelbſt mehr gewiß zu ſeyn, um andre vernünftig zu behan⸗ deln, und vorzüglich um Ihre Kinder gut zu er⸗ ziehen. Bleiben Sie in dieſen Gränzen: ſo wird Ihr aufgeklärter Verſtand viele erfreuen, das Inte⸗ ¹ 64 deſſe des Herzens trefflich beſorgt, und die Menſch⸗ heit in Ihnen herrlich gebildet werden. Hiermit werden Sie denn auch die dritte Forderung der Natur an die Bildung des Wei⸗ bes befriedigen, daß nämlich alles Wiſſen, zu welchem ſie führt, auf das Leben an⸗ wendbar ſey, und in demſelben ſeine An⸗ wendung finde. Der Mann treibt das Den⸗ ken als Geſchäft, und mag es thun; denn er iſt dazu geboren, Licht in dunkle Gegenden zu brin⸗ gen. Das Weib hat keine andern Geſchäfte, als in der häuslichen Welt, und ihm bleibt nur die ſchöne Pflicht, jeden Gegenſtand in die gehörige Beleuchtung zu ſtellen. Es ſoll Kenntiſſe haben, um ſie zu benutzen, Verſtand, um damit gute Anordnungen zu treffen, helle Begriffe, um ſie in lieblichen Formen auszuprägen. Was ſich da⸗ zu nicht verwenden läßt, iſt ihm nicht allein un⸗ nütz, ſondern ſo gar hinderlich. Der neue Ge⸗ danke erhält beim Weibe nur dadurch Wehrt, daß er ſich in den Plan eines weiſen Lebens fügt. Der Mann darf ſich mit manchem befaſſen, um ſeine Wißbegierde und ſeinen Forſchungstrieb zu befriedigen. Das Weib aber muß ſich an nichts — ———. wagen, bloß um es zu ergründen, oder um da⸗ von ſprechen zu können; es ſoll bei allem den be⸗ glückenden Gebrauch beabſichtigen. Darum darf es auch keinen Begriff in ſich aufnehmen, der ihm nicht ganz deutlich geworden iſt, worin es ſich nicht vollkommen ſelbſt verſteht, den es nicht leicht mittheilen und zweckmäßig anwenden kann. Es muß jedes in individueller Klarheit faſſen. Sein Denken muß zugleich ein Schauen ſeyn. Das Allgemeine und Tiefe überlaſſe es dem Man⸗ ne. Was dem weiblichen Herzen genügen, und ihm durchaus als wahr und gut gelten ſoll, muß ſich in der Erfahrung bewähren; die Probe muß für ſeine Wahrheit und Güte zeugen. Die Natur verſagte Ihnen umfaſſende und durchdringende Kraft des Geiſtes. Dafür gab ſie Ihnen einen hellen Blick in die Angelegenheiten des Lebens. O verſchmähen Sie dieſe köſtliche Gabe nicht; Sie würden die Lüſternheit nach der verbothenen Frucht ſchwer büßen müſſen. Mit der höhern Speculation wird es Ihnen nie ge⸗ lingen. Troſtloſes Schwanken, unauflösliche Zwei⸗ fel, oder die wunderlichſten Schwärmereien wür⸗ den der Lohn Ihrer Bemühungen ſeyn. Aber Sie können ſich unausſprechlich verdient machen, 5 4⸗ nach ſolchen Kenntniſſen ſtreben, die Sie in Ih— rem Wirkungskreiſe unterſtützen, und Sie in den Stand ſetzen, ſich in allen Lagen und Verhält⸗ niſſen, in die ſie gerathen möchten, mit Weisheit zu benehmen. Beſorgen Sie nicht, daß dadurch der Erweiterung Ihres Verſtandes zu enge Grän⸗ zen gezogen werden. Ein unermeßliches Feld iſt ihm hier aufgethan. Jeder Augenblick biethet Ihnen neue Erfahrungen an; jede neue Erfah⸗ rung wird Ihnen eine neue, fruchtbare Lehre ſeyn, und Ihre Bildung bereichern; um ſo mehr, je mehr Sie es ſich angelegen ſeyn laſſen, den Zuwachs an Kenntniſſen in einem thätigen Leben zu erproben. Was das Herz umfaßt, das iſt nie ohne Ge⸗ winn für das Leben. Je mehr dieſer hervorgezo⸗ gen wird: deſto beſſer iſt auch wieder das Inte⸗ reſſe von jenen beſorgt. Ein zartes Gefühl führe die Wiſſenſchaft ins Leben, und empfange ſie von dieſem aufgeklärt, berichtigt und vermehrt zurück. So hat die Natur den Plan der weiblichen Bil⸗ dung verzeichnet, und nur ſo gelangt dieſe zu der ihr angemeſſenen Reife. Doch die Gränzen Eines Vortrages ſind zu enge, um in denſelben alles zuſammen zu faſſen, und bleiben dabei Ihrer Natur getreu, wenn Sie 67 was ich über weibliche Bildung zu ſagen wünſchte. Laſſen Sie mich daher den gegenwärtigen hier ſchließen, um in dem nächſten, dieſen wichtigen Gegenſtand wieder aufzufaſſen, und weiter zu verfolgen. Vierte Rede. 6v3vv3bvBbeense Weibliche Bildung. Fortſetzung der vorigen Rede. Meann letzter Vortrag beſchäftigte ſich mit der weiblichen Bildung. Wir haben das Weſen der⸗ ſelben und ihre Forderungen in Beziehung auf den Verſtand kennen gelernt. Jetzt richten wir unſre Aufmerkſamkeit auf die übrigen Vermögen der Seele, welche die Bildung in Anſpruch nimmt. Das Erſte, was uns hier begegnet, iſt die Phantaſie. Sie iſt für das weibliche Gemüth und das weibliche Leben von großer Wichtigkeit 8 Beide koͤnnen von ihr viel gewinnen; beide köne nen aber auch durch ſie ſehr zerrüttet werden. Ein Weib ohne Phantaſie kann nie ein geiſtreiches Weib ſeyn; es kann nicht einmal echte Weiblich⸗ keit rein an ſich darſtellen, und noch weniger ſei⸗ nen Wirkungskreis ausfüllen. Ihm bleibr nichts, als die gemeine Wirklichkeit; es muß ſie nehmen und laſſen, wie ſie iſt. Alle ſeine Gedanken und Empfindungen ſind dieſer abgeborgt. Es weiß nur von dem, was es geſehen oder gehört hat, und hat nur Gefühl für ſinnliches Vergnügen und ſinnlichen Schmerz. Eine rege und geſchäfti⸗ ge Einbildungskraft muß die Anſichten und Stim⸗ mungen mittheilen, wodurch das Weib zur Er⸗ heiterung des ernſten Lebens ſo viel beiträgt, und in ſeinen ödeſten Partieen ſo manche reitzende Blumie hervorlockt. Sie muß die Fülle gewähren, die überall Freude verbreitet. Sie lehrt, häusli⸗ ches Glück auf tauſendfache Art ſchaffen, und im⸗ mer erneuern. Sie gibt kleinen Gegenſtänden und Vorfällen den himmliſchen Glanz, wodurch ſie unerſchöpfliche Quellen des reinſten und dauer⸗ hafteſten Vergnügens werden. Sie erhält dem Herzen ſeine Weichheit, ſein Mitgefühl und alle ſeine ſanftern Neigungen. Sie muß die rohe Leidenſchaft zur weihlichen Milde herabſtimmen — — — 64, helfen. Ihre Bilder, Erinnerungen und Aus⸗ ſichten ſind es, was Sie mit freudenloſen Lagen ausſöhnt, was den harten Druck der Welt er⸗ leichtert, und Sie auch unter den heftigſten Schmerzen ſtaͤrkt zum ſtillen Dulden und frohen Hoffen. Dooch dieſe Vortheile dürfen Sie ſich bloß dann von der Phantaſie verſprechen, wenn die Stimmung und die Außerungen derſelben der weiblichen Natur und dem weiblichen Leben ange⸗ meſſen, wenn ſie durch Weisheit gemäßigt ſind. Die feurige, die zu lebhafte, die innere thätige und die hochfliegende Phantaſie können der weiblichen Seele nicht anders als ver⸗ derblich ſeyn. Die feurige Phantaſie mag dem Manne ofts zu Statten kommen, und ihn zu herrlichen Werken begeiſtern: mit dem ſtillen Sinne des Weibes verträgt ſie ſich nicht. Sie gibt den Ge⸗ fühlen eine Stärke, wobei die Zartheit— den Beſtrebungen eine Gewalt und einen Ungeſtüm, wobei die Sanftheit des weiblichen Gemüthes nicht beſtehen kann. Sie erzeugt leicht die un⸗ natürlichſten und gefährlichſten Leidenſchaften. Sie ſtört auf jeden Fall die Eintracht, in welcher al⸗ lein das Weib gut und glücklich iſt. Bei ihr —ü würde die Reinheit Ihres Herzens und Ihrer Sitten ſchlecht geſichert ſeyn. Sie muß entweder Ihr Inneres verzehren, oder Ihre Tugend auf Proben ſetzen, denen ſie ſich ſelten gewachſen zeigt. 1 Mehr ſtimmt mit den Bedürfniſſen des Wei⸗ bes überein die lebhafte Phantaſie, welche jedes Bild in ſinnlicher Klarheit darſtellt. Sie erleichtert den Ausdruck des Gedankens in Wor⸗ ten und Thaten. Durch ſie vereinigt ſich glück⸗ lich mit dem Leben, was der Geiſt zur Verſchö⸗ nerung deſſelben entworfen hat. Nur iſt zu ver⸗ hüthen, daß ſie die Einbildung nicht unter das Wirkliche miſche, daß ſie den Eindruck des letz⸗ tern nicht verfaͤlſche, daß ſie den Begriffen nicht eine fremde Geſtalt aufdringe, daß ſie das Herz nicht dem Wahren verſchließe, indem ſie es an Wünſche und Träume feſſelt. Eine zu lebhafte Phantaſie erhöht zwar die Freude; aber ſie ver⸗ größert auch oft den Kummer. Sie ſchafft zwar oft fröhliche Paradieſe in ein trauriges Leben; aber ſie führt auch oft finſtre Trauergeſtalten in ein ſchönes. Sie tröſtet zwar oft mit ſchmei⸗ chelnder Hoffnung; aber ſie täuſcht auch oft mit vergeblicher, und verſtimmt noch öfter durch den Schmerz einer nie befriedigten Sehnſucht. ——— * „b,, Der Phantaſie darf nicht zu viel Frei⸗ heit und Gewalt gelaſſen werden. Sie ſoll dem Leben dienen, und es erheitern— nicht. daſſelbe beherrſchen. Thaͤtigkeit iſt des Lebens Zweck, dieſem müſſen die Spiele der Phantaſie untergeordnet bleiben. Sie werden ihn entweder verſäumen, oder doch verfehlen, wenn Sie den letztern ein zu weites Feld einraͤumen. Immer mit ſüßen Träumen beſchäftigt, können Sie Ihre Pflichten nicht erfüllen. Auch Sie haben viele Angelegenheiten zu beſorgen, in welche ſich die Phantaſie nicht miſchen darf. Wenn Sie mehr in einer idealiſchen als in der wirklichen Welt le⸗ ben: dann werden Sie die ſo nöthige Befreun⸗ dung mit dieſer verlieren, für Ihre Beſtimmung unbrauchbar werden, und für Wahrheit und Na⸗ tur alle Empfänglichkeit einbüßen. Endlich darf ſich die weibliche Phantaſie nicht zu weit erheben über das Wirkli⸗ che. Ihre kühnen Flüge können nicht anders, als das weibliche Gemüth mit ſich ſelbſt entzwei⸗ en, Unzufriedenheit mit dem Vorhandenen und endlich Leere des Herzens bewirken. Wo große Gedanken gebildet, wo umfaſſende Plane entwor⸗ fen, wo für ungewöhnliche Zwecke Kräfte ange⸗ Frengt werden ſollen: da muß auch die Phantaſie einen höhern Schwung nehmen. Wo es aber darauf ankommt, dem häuslichen Leben eine ge⸗ fällige Geſtalt zu ertheilen: da muß die Phanta⸗ ſie ſich ſo innig als möglich der Wirklichkeit an⸗ ſchmiegen. Aus der Ferne und Höhe iſt hier nichts zu holen. Was die Erde ihr Freundliches biethet, was ſie in der Nähe Schönes und Gu— tes findet, das ſammle, nach der Weiſung des Herzens, die weibliche Phantaſie, daraus bilde ſie, der Wahrheit und Natur getreu, ihr Ideal, und ſtiller Fleiß arbeite dann, das Beßre wirklich zu erzeugen. Darauf hat alſo die weibliche Bildung zu ſehen: daß die Phantaſie ſich frei und leicht be⸗ wege; daß ſie einen großen Vorrath von Bildern und Ideen habe, die das Leben intereſſant ma⸗ chen; daß Beſonnenheit ſie mäßige und leite; daß ſie den edelſten Formen ſich willig anſchmiege; daß ſie einem hellen Verſtande Stoff und einem ſanften, wohlgeordneten Herzen Nahrung reiche; daß ſie nie den Schein für die Wahrheit gebe, nie der Leidenſchaft diene, ſich nie in Geſchäfte dränge, die mit ruhiger Einſicht vollbracht werden müſſen, nie den Sinn für die äußere Welt ab⸗ ſtumpfe, oder ſich zu hoch über ſie erhebe. Ss wird ſie weiſe Bildung befördern und überſpan⸗ nung, welche die traurigſte Verbildung iſt, ver⸗ hüthen. 4 Da Nicht geringere Pflege als die Phantaſie Ar fordert in der weiblichen Bildung das Gefühl. V de Wie groß der Einfluß deſſelben in die geſammte un weibliche Bildung ſey, iſt ſchon geſagt worden. e Mit einem gefühlloſen Weibe kann dieſe nichts zu V n ſchaffen haben. Keinem fehlt es auch wohl ganz fü an Gefühl. Aber vielen fehlt es an der nöthigen ä Reitzbarkeit und Feinheit deſſelben; vielen fehlt der Sinn für das Geiſtige und die Fähigkeit, 1 be von ſanftern und edlern Eindrücken gerührt zu V we werden. Die meiſten kennen nur ſinnliche Ge⸗ V au 3 fühle. Sie werden nur von dem ergriffen, was u vergnügt oder ſchmerzt, was glänzt und blendet, 6 aber nicht von dem, was die zartern Saiten des V ſi Herzens anregt. Ihre Unempfindlichkeit iſt Gleich⸗ ih güͤltigkeit gegen das, was auf das Innere wirkt, A und nur innerlich verſtanden wird, was das Mit⸗ n leiden, den Geſchmack, die ſittliche und religioſe d Empfänglichkeit in Anſpruch nimmt. Dieſe koͤn⸗ w nen ſelbſt durch die ausgezeichneteſten Fähigkeiten n ufre Achtung nicht gewinnen.⸗ In der Fülle und „ Wahrheit der Empfindungen erweist ſich der Adel der Weiblichkeit. Ein volles Herz iſt auch ein gutes Herz. Das Bedurfniß ſich mitzutheilen weckt in ihm Argloſigkeit, Vertrauen, Wohlwollen und hohen Freundſchaftsſinn. Ihm ſtehen entgegen Kälte und Herzloſigkeit, die, von roher Sinnlich⸗ keit, Eitelkeit oder Leidenſchaft erzeugt, das Weib nicht nur des Beſten berauben, deſſen ſeine Natur fähig iſt, ſondern ihm auch alles Schlechte mög⸗ lich machen. Faſt eben ſo ſchlimm iſt es, wenn ſich in die weibliche Empfindung unlautere Zuſätze miſchen, wenn eine trübe oder unſittliche Stimmung ſie auffaßt und entſtellt, wenn Wünſche, Vorurtheile und Neigungen ſie verunſtalten. Die weibliche Seele ſoll der treue Spiegel der Natur ſeyn; ſie iſt um ſo vollkommener, je reiner ſich, was ihr vorgehalten wird in ihren Regungen abbildet. Aber die Beweglichkeit der weiblichen Einbildungs⸗ kraft führt zu mannichfaltigen Verfälſchungen. Darum muß das Weib ſorgfältig über ſich ſelbſt wachen, und alle Veränderungen in ſeinem Ge⸗ müthe genau beobachten, daß ihm bewahrt bleibe die Reinheit der Empfindungen. Die romanßf⸗ ten Gefühle der Weiber, welche dadurch entſtehen⸗ 7 daß Bilder der Phantaſie ſich mit dem natürlichen Eindrucke der Sache vermiſchen, und dieſen gewalt⸗ nc ſam exaltiren, ſind eine ſehr gewöhnliche Urſache lch ihrer Verſchrobenheit, der Unzufriedenheit mit nic ihrer Lage, und des Elendes im häuslichen Leben. en Nicht ſelten wird dadurch das Herz vergiftet, unnd du mit laſterhaften Neigungen angefüllt, die faſt n unvertilgbar ſind. Das weibliche Gefühl muß wahr ſeyn. Je häufiger man das Gegentheil findet; und je größer 4 die Verſuchung zum Gegentheile iſt: deſto drin⸗ b frt gender wird dieſe Forderung. Die Gewohnheit b 2 andre zu täuſchen geht zuletzt in Selbſttäuſchung über. Die Eitelkeit affectirt beliebte Empfindun⸗ 81 gen ſo lange, bis man ſelbſt glaubt ſie zu haben; L oder man zwingt ſich, ſie zu haben, weil man 1 ſie für liebenswürdig hält— was auch durch 1 Hülfe der Phantaſie leicht gelingt. Die meiſten e geiſtigen Empfindungen, ſelbſt die wehmüthigen,⸗ ſch haben, auf einen gewiſſen Grad gebracht, etwas ti Wohllüſtig⸗Süßes. Man kann nicht ſatt werden, en ſich in ihnen zu berauſchen, und biethet daher n' alles auf, ſie weiter zu entwickeln. Empfindſam⸗ 6 keit, vorzüglich für fremdes Leiden und für die ä pnheiten der Natur und Kunſt, wird gewöhn⸗ fur ſo ehrwürdig gehalten, daß man glaubt, 77 s, 20 darin nicht uͤbertreiben zu können. Das ſind, nächſt ſchwachen Nerven, die Urſachen der weib⸗ lichen Empfindelei, die immer außer ſich— nicht gerührt, ſondern entzückt iſt, nicht trauert, ſondern vor Schmerz und Wehmuth vergeht, und durch die unbedeutendſten Dinge in den Zuſtand der heftigſten Erſchütterung geräth. Hüthen Sie ſich vor dieſer Krankheit einer verbildeten Seele. Die Wahrheit Ihres Charakters geräth dabei in große Gefahr, und es iſt unmöglich, daß damit fröhliche Eintracht des Lebens und Offenheit des Sinnes beſtehen. So ſehr ein weiches und reitzbares Herz dem Weibe zur Zierde gereicht: ſo widrig ſind die Eindrücke der Uebertreibung, ſte mag aus Ziere⸗ rei oder allzu großer Lebhaftigkeit des Gefühls entſtehen. Schön ſind die Thränen, die der echten Rührung fließen; ſie verherrlichen Ihr Ge⸗ ſchlecht. Aber die Thränen, welche die gleichgül⸗ tige Veranlaſſung und die Künſtelei hervorlocken, entweihen das Heiligthum edler Weiblichkeit, und find beleidigende Unnatur. Sparen Sie Ihre Gefühle denjenigen Situationen auf, die es wehrt ſind, Ihr Herz zu beſchäftigen, um ſie dau ihrer vollen, ungeſchwächten Kraft wirken laſſen, und halten Sie eine falſche und 4 ,e ſpannte Empfindſamkeit tief unter Ihrer Würde, wenn ſie auch ihrer Eitelkeit ſchmeicheln ſollte. Sie würden dadurch doch nur bei ſolchen Men⸗ ſchen Ihr Glück machen, deren Beifall wenig Ehre bringt. Der vernünftige Mann ſchätzt ein gefühlvolles Herz, aber eine gar zu große Weich⸗ heit wird ihn mit gerechtem Mißtrauen erfüllen. Sie können dabei auch nicht zufrieden leben, in Widerwärtigkeiten ſtandhaft dulden, Ihre Pflich, ten treu erfüllen, und Ihre häuslichen Angele— genheiten ſo beſorgen, daß dadurch das Wohl de⸗ rer, die daran Theil nehmen, befördert wird. Das wahrhaft gebildete Weib hat Sinn für alles Schöne und Gute, ſein Herz ſteht jedem rührenden Eindrucke offen, menſchliche Leiden und Freuden, werden von ihm innigſt mitempfunden; aber in allem wird das Maß gehalten, welches ſich für eine geſunde Stimmung und die Natur der Sache eignet. Zu bedauern iſt ſo wohl das Weib, das im Entzücken und im Schmerze keine Gränzen kennt, wo man ſich vernünftiger Weiſe kaum freuen oder betrüben kann, als dasjenige, welches bei den fröhlichſien und traurigſten Er⸗ iſſen gleichgültig bleibt. 3 Unter allen geiſtigen Gefühlen muß von dem chen Geſchlechte keins ſorgfältiger erhalten ,, 2⸗ und kultiviert werden, als das religiöſe. Sei⸗ ne Lebhaftigkeit und Reinheit hat den größten Einfluß auf die Lebhaftigkeit und Reinheit der übrigen; es bewahrt am meiſten dem Herzen das Wechie und Zarte, und wirkt am mächtigſten zur Bildung eines edeln weiblichen Charakters. In dem Maße, worin das religiöſe Gefühl im Wei⸗ be geſchwächt oder verfälſcht wird, wird das gan⸗ ze Gemüth verletzt. Von ihm kommt der heilige Sinn, welcher jede Entehrung des Lebens verhü⸗ thet; in ihm zeigt ſich am rührendſten die Innig⸗ keit, die Fuülle und die Hingebung der weiblichen Seele. Das religiöſe Gefühl iſt Empfänglichkeit für diejenigen Bewegungen, welche der Glaube an das Höchſte und Ewige, das über allen Sinn und allen Begriff hinaus liegt, hervorbringt. Es iſt die Fähigkeit, erhoben zu werden und anzu— bethen, Liebe und Vertrauen, wehmüthige Rüh⸗ rung und kindliche Freude zu empfinden beim Ge⸗ danken an Gott und eine beßre Welt. Die Na⸗ tur hat alles, woraus ſich dieſes Gefuhl entwi⸗ ckeln kann, in des Weibes Herz gelegt. Die Or⸗ ganiſation ſeines Geiſtes iſt weit mehr, als die des männlichen darauf berechnet. Es muß ſſchg reich und lebendig entfalten, wenn ihm besf. 0,, ziehung, Weltſinn und Leidenſchaften entgegen arbeiten. Dies zu verhindern muß jede ſich be⸗ mühen, die gerne ein treffliches Weib bleiben möchte. Dahin wirken öftere Sammlung des Geiſtes, ſtilles Leben mit ſich ſelbſt, Beſchäfti⸗ gung mit religibſen Ideen, Verweilen bei ſolchen Gegenſtänden und Erſcheinungen, in welchen gött⸗ liches Weſen ausgedrückt iſt und nie verdunkeltes Bewußtſeyn der weiblichen Schwäche und des weiblichen Bedürfniſſes. Durch Wachſamkeit uͤber ſich ſelbſt, Aufklärung des Verſtandes, eine ge⸗ ſunde Stimmung des Herzens und durch das Le⸗ ſen ſolcher Schriften, die eines echt religiöſen Geiſtes voll ſind, werden Sie dafür ſorgen, daß nicht Sinnlichkeit und verkehrte Neigungen das religiöſe Gefühl entſtellen, daß nicht Angſtlichkeit, Aberglaube und grobe Schwärmerei daſſelbe ver⸗ fälſchen. Wie die weibliche Bildung vom Herzen aus⸗ geht: ſo muß ſie auch wieder zum Herzen zurück kehren, und in der Veredlung der Geſin⸗ nungen und Neigungen ihr Werk am In⸗ görn des Weibes vollenden. Was für den d⸗ die Phantaſie und das Gefühl gewon⸗ 6. n 2 nen iſt, kann nur dann als wahrer Gewinn gel⸗ ten, wenn es im Herzen Reinheit, Liebe nnd Frömmigkeit weckt, ſtärkt und erhöht. Die Reinheit vertilgt alles Schlech⸗ te. Sie läßt keine Leidenſchaft aufkommen, und widerſetzt ſich kräftig jeder, die etwa zufällig ent⸗ ſtehen möchte. Sie duldet keine verkehrte Be⸗ gierde. In ihr ſtellt ſich wieder her der Glanz der durch Erziehung, durch Eindrücke der Welt, durch das Beiſpiel verderbter Menſchen und die vielfachen Verſuchungen des Lebens getrübten Un⸗ ſchuld. Sie gibt dem Weibe zurück die edle Ein⸗ falt und den kindlichen Sinn, bei welchen allein es ſich ſelbſt getreu und glücklich iſt. Sie bringt alle Wünſche und Beſtrebungen in Übereinſtim⸗ mung mit den Forderungen des Gewiſſens. Sie iſt Scheu vor dem Verbothenen, die auch die Geweinſchaft des Gedankens mit dieſem nicht er⸗ trägt. Die Liebe beſiegt allen Egoismus. Sie lehrt freudig vollbringen, was nützt und wohlthut. Sie ſtärkt zu jeder Aufopferung, wo⸗ rin des Weibes Ruhm iſt. Die Liebe gibt dem Weibe ſeinen Wehrt im geſellſchaftlichen und häuslichen Leben, wozu die Bildung es tauglich 6 machen ſoll. Ein Weib ohne Liebe ſtößt um ſo mehr zurück: je heller ſein Verſtand, je ſchärfer ſein Witz, je beweglicher ſeine Phantaſie, je fei⸗ ner ſein Gefühl, je glätter und gewandter ſeine Sitten ſind. Das alles iſt nur Lug und Trug — glänzendes Nichts. Es erregt bittern Unwil⸗ len, die ſchöne Ausſtattung an ein gehaltloſes Weſen verſchwendet zu ſehen. Liebe iſt des Wei⸗ bes Kraft und Leben, und alles andre wird erſt dadurch kräftig und lebenvoll, daß es in Liebe übergeht. So mache denn, was Ihren Geiſt er⸗ leuchtet, auch Ihr Herz wärmer und wohlwollen⸗ der. Jede neue Einſicht vermehre den Drang und die Fähigkeit zu beglücken, die himmliſche Neigung, ſich ſelbſt über andern zu vergeſſen. Je⸗ des Bild Ihrer Phantaſie werde in Liebe empfan⸗ gen und gedacht. Alle Bewegungen Ihres Ge⸗ müthes gehen in Theilnahme und in Freundlich⸗ keit über. Güte lehre Sie, von den erworbenen Schätzen ſtäts einen weiſen und erfreuenden Ge⸗ brauch machen. Wo die Liebe ſich zu einem lebhaften und reinen religiöſen Gefühle geſellt: da entſteht bald auch die Frömmigkeit. In der Frömmigkeit empfängt die Liebe die höchſte Weihe und die höchſte Stärke. In ihr knüpft ſich an das Zeit⸗ liche Kelt Will ſeine iſt ſe gege das Hi ſes kei tral ligke ben zene Jei des 33 liche, das Ewige. Das fromme Weib gehört der Welt an mit ſeinem Daſeyn, Empfinden und Wirken— dem Himmel mit ſeinem Verlangen, ſeinem Hoffen und ſeiner Seligkeit. Frömmigkeit iſt ſein Abſcheu vor dem Böſen, ſeine Schutzwehr gegen die Verſuchung, ſeine Unterwerfung unter das Geſetz der Pflicht. Ehrfurcht vor Gott und Hingebung an Gott paaren in der Erfüllung die— ſes Geſetzes den Ernſt und die Luſt. Frömmig⸗ keit iſt ſeine Gelaſſenheit im Schmerze, ſein Ver⸗ trauen, daß es beſſer werde und die Bereitwil⸗ ligkeit, ſich alles gefallen zu laſſen. Stilles Le⸗ ben mit Gott und dem Himmel iſt ſeines Her⸗ zens Freude und ſein beſtändiger Frohſinn. Das Zeichen der Frömmigkeit iſt an jedem Gedanken des Verſtandes und an jedem Bilde der Phanta⸗ ſie; von Frömmigkeit ſind alle Gefühle erwärmt. Das iſt der höchſte Gipfel der weiblichen Bildung. Solche echte Bildung muß ſich dann endlich beim Weibe vorzüglich auch in den Sitten und in dem ganzen Betragen zeigen. Ein gereifter und ſchöner Geiſt wird zwar über— all dem Außern ein gefälliges Gepräge geben. Aber der Ernſt männlicher Geſchäfte macht dieſes Gepräge oft unkenntlich. In der Anſtrengung, welche die Arbeiten des Mannes fordern, in dem Geräuſche, das ihn immerfort umgibt, verliert er nicht ſelten die Aufmerkſamkeit auf die zufälligern Formen des Handelns. Seine Bildung iſt ener⸗ giſcher, und dringt tiefer; darum mag es ihr oft an Glanz und Glätte fehlen. üÜber den Verdien⸗ ſten, die er ſich erwirbt, mögen ihm wohl einige rauhe Seiten zu gute gehalten werden. Beim Weibe iſt das anders. Sein ausgzeichneteſtes Verdienſt iſt die Anmuth und Schönheit, die es ins Leben führt. Sein Niützen iſt zugleich auf das Gefallen berechnet. Seine Geſchäfte ſind von der Art, daß ſie ſich nicht bloß mit einer freund⸗ lichen lund anſtändigen Behandlung vertragen, ſondern auch durch dieſe noch ungemein viel ge⸗ winnen. Nichts kann es hindern, die Vollkom⸗ menheiten des Geiſtes in einem ſchönen Leben zu offenbaren, als wirkliche Rohheit. Es hat gar keine Bildung, wenn es nicht eine ſolche hat, die ſich in edeln Formen des Außern ausdrückt. Seine Begriffe und ſeine Gefühle ſollen ja nicht uͤber die Welt, worin ſeine Beſtimmung liegt, hinausgehen: wie ſollten ſie ſich denn nicht auch in dieſer abbilden? Sein Wiſſen ſoll ja von ei⸗ ner geſunden Stimmung des Herzens geleitet wetde wohl zarte he u mag wen ode Vie he wa⸗ mus iſt. werden: ſo wird denn dieſe Stimmung doch auch wohl aus Miene und Bewegung ſprechen. Eine zarte Seele duldet keine ſchlechte Umgebung. Immerhin mag man an dem gebildeten Wei⸗ be manches Conventionelle vermiſſen, immerhin mag es die aufgedrungene Form verſchmähen, wenn es ſie durch eine beßre zu erſetzen weiß, oder die Einfalt der Natur vorzuͤglicher findet. Vielleicht iſt eben dies das beſte Zeugniß für ſei⸗ ne Bildung, daß es ſich in den ſteifen Etiketten“ zwang nicht fügen kann, daß ihm der Mechanis⸗ mus erlernter Höflichkeitsbezeugungen unerträglich iſt. Nur herrſche Geſchmack, Wohlwollen und ſittliches Gefühl in ſeinem Leben. Nur würze Güte, Frohſinn und Freundlichkeit ſeinen Um⸗ gang. Nur zeige ſich die Harmonie des reinen Herzens in ſeinem Betragen. Nur handle es mit Anſtand und echter Feinheit. Nie wird ein Vernünftiger das Weib gebildet nennen, bei dem nicht der Geiſt die fremde Form bewegt, bei dem nicht auch das künſtliche Wort voll Natur und Wahrheit iſt, bei dem nicht Gewandtheit und Grazie das Übliche beſeelen, Humanitaͤt und Un⸗ befangenheit ſich innigſt vereinigen. Eitles Ge⸗ pränge, erheucheltes und erborgtes Wefen, verber⸗ gen ſchlecht die innere Armuth. Viele Weiber, die ſich einer reichen Bildung des Verſtandes und des Herzens freuen, ſind nicht in gleichem Maße äußerlich gewandt und ab⸗ geglättet. Die Erziehung, frühere Verhältniſſe, Mangel an Verkehr mit der Welt und natürliche Schüchternheit tragen die Schuld davon. Doch ſpricht ſich auch hier das göttliche Leben des In⸗ nern in manchem ſchönen Zuge des Außern un⸗ zweideutig aus. und ſo wird immer aus den Sitten des Weibes ſicher erkannt, wie weit es mit ſeiner Bildung gediehen ſey. Aus dem bisher Geſagten ergibt ſich von ſelbſt, daß echte weibliche Bildung mehr im Le⸗ ben als durch Lectüre erworben werden muß. Was das Herz beſchäftigen, und im Leben wir⸗ ken ſoll, muß auch durch das Herz gegangen, und im Leben ergriffen ſeyn. Kenntniſſe, die bloß aus Büchern geſammelt ſind, werden uns nie ſo ganz eigen, erlangen nie die hohe Klarheit und Reife, daß wir ſie immer zweckmäßig anwenden können. Was aber Beobachtung lehrt, das nährt den Geiſt, erfüllt das Herz, und theilt ſich von ſelbſt den Handlungen mit. Vieles Leſen gibt entweder der Bildung einen gelehrten Anſtrich, oder der Phan⸗ taſie einen zu hohen Schwung, oder dem Gefuͤh⸗ le eine unnatürliche Reitzbarkeit; es führt entwe⸗ der zur Pedanterei und Wortkrämerei, oder zur Phantaſterei und Empfindelei. Die Stimmung des Gemüthes wird dabei entweder froſtig oder romanhaft, der vielen einzelnen falſchen Richtun⸗ gen, die daraus entſtehen, und der Verſäumung häuslicher Pflichten, die davon unzertrennlich iſt, nicht einmal zu gedenken. Selten wird auch mehr als ein ſchönes Wort, eine ſchimmernde Sentenz oder ein flüchtiger Kitzel der Sinne da⸗ von getragen. Die häusliche, nicht die gelehrte Welt iſt die Heimath des Weibes, für jene, nicht für dieſe muß es gebildet werden. An die weibliche Bildung ergeht noch drin— gender als an die männliche die Forderung, daß ſie Ein Ganzes ſey. Alles Einzelne, Angeflickte, Getheilte, ſo viel darin glänzen mag, verdient nicht Bildung genannt zu werden. Schon in ih⸗ ren Anfängen muß die weibliche Bildung dieſe Geſtalt und Richtung haben. Der Geiſt muß ſich aus ſich ſelbſt erweitern, und freundlich in ſich aufnehmen, was ſich für ihn eignet. Die Bil⸗ dung ſey freie Entwickelung, welche von außen Nahrung bekommt, um ſie in ihr eignes Weſen zu verwandeln. Es iſt offenbar, daß es damit 33 1 e um ſo beſſer gelingt; je mehr die Bildung das Werk des Lebens iſt. Indeß kann das Leben doch allein nicht die Bildung beſorgen. In ihm finden ſich ſelten die Stoffe und Reitze beiſammen, welche dazu erfor⸗ dert werden. Hier muß die Lectüre zu Hülfe kommen; auch muß ſie in den Stand ſetzen, ſich das Leben recht zu Nutze zu machen. Die Ver⸗ hältniſſe, für welche das Weib ſich in unſern Zeiten bilden ſoll, ſind ſo verwickelt geworden, daß ſchon deßwegen diejenige Kunſt, welche ſdurch das Leſen wirkt, nicht entbehrt werden kann. Ein Weib, welches nichts geleſen hat, kann, bei allen Erfahrungen, die es machte, höchſtens gewitzigt worden ſeyn; im übrigen erhebt es ſich nicht über die rohe Gemeinheit. Aus Schriften müſſen Kenntniſſe geſchöpft, durch Schriften müſſen Ge⸗ danken geweckt, durch ſie muß die Phantaſie be⸗ reichert und oft auch das Herz ſerwärmt werden. Aber alles hängt davon ab, was und wie gele⸗ ſen wird. Laſſen Sie mich hierüber noch einige Bemerkungen hinzu fügen. Daß Sie keine unſittlichen Schriften— keine Schriften, welche in künſtlichen Trugſchlüſ⸗ ſen die ehrwürdigſten Wahrheiten beſtreiten, wel⸗ he das Heilige verſpotten, das Laſter vertheidi⸗ gen, oder in üppigem Reitze darſtellen, und der Tugend ihr Anſehen zu nehmen ſuchen, leſen dür⸗ fen, verſteht ſich von ſelbſt. Ihr Verſtand kann dabei nichts gewinnen; Ihr Herz wird unver⸗ meidlich verlieren; es muß ſſchon verderbt ſeyn, um daran Intereſſe zu finden. Der äſthetiſche Wehrt, den eine Schrift dieſer Art haben mag, uͤberwindet bei einem edeln Weibe nicht den Ab⸗ ſcheu vor dem unwürdigen Gehalte. Entbehren Sie lieber die Ehre, von mancher literäriſchen Neuigkeit mitſprechen zu können, und retten Sie dafür die Reinigkeit des Herzens. Sie fühlen es ſelbſt, daß Sie ſich dieſer Ehre nur bei den Ver⸗ bildeten Ihres und bei den Verdorbenen unſers Geſchlechtes würden rühmen können. Leſen Sie keine ſchlechten Schriften, wenn ſie auch in moraliſcher Hinſicht unſchuldig ſind. Zum Zeitvertreibe ſoll man gar nicht leſen; das heißt die Zeit verderben.— Es gibt der weiblichen Beſchäftigungen genug, die zur Ausfüllung ſolcher Stunden, wo Sie ſich zu ernſten Arbeiten nicht aufgelegt fühlen, dienen können, und dazu weit mehr geeignet ſind, als das Leſen. Das ſchlechte Buch verfälſcht Ihren Geſchmack, es befreundet mit dem Unedeln, das Ihnen immer fremd blei⸗ ben müſſe, es wird Ihren Verſtand mit Irrthü⸗ 9⁰ mern erfüllen, Ihr Gefühl verſtimmen, und ſel⸗ ten ohne Einfluß auf Ihren moraliſchen Charakter bleiben. Darum iſt ſo häufig Verſchrobenheit un⸗ ter Ihrem Geſchlechte anzutreffen, weil die mei⸗ ſten ohne Unterſchied leſen, was ihnen in die Hände fällt. es dem Urtheile über das Schöne und Gute noch Am gefährlichſten iſt dies da, wo an Sicherheit und Feſtigkeit fehlt; und doch ge⸗ ſchieht es da am meiſten. Wo dieſes Urtheil ſchon berichtigt und begründet iſt, da entſchließt man ſich nicht leicht ein ſchlechtes Buch zu ſeiner Geſellſchaft zu wählen. Daß eigentlich wiſſenſchaftliche Werke, ſo wie diejenigen, welche bloß für den Verſtand geſchrie⸗ ben ſind, ſich nicht zur weiblichen Lectüre ſchicken, folgt aus dem, was vorhin über weibliche Bil⸗ dung geſagt iſt. Sie dürfen nur Schriften leſen, die in eben dem Maße, als ſie dem Verſtande zu denken— dem Herzen zu empfinden geben. Ihre Lectüre darf Sie nicht den Verhältniſſen abge⸗ neigt machen, in welchen Sie leben ſollen. Sie darf keine Begierden in Ihnen erzeugen, welche mit dieſen Verhältniſſen ſtreiten. Sie darf nicht das Bedürfniß ſolcher Beſchäftigungen in Ihnen wecken, bei welchen Sie unfähiger würden Ihre Pflichten zu erfüllen. Sie darf Sie in keine che Stimmung verſetzen, welche ſich mit dem haͤusli⸗ chen Sinne nicht verträgt. Leſen Sie kein Buch, worin Sie das Mei⸗ ſte nicht verſtehen. Ich würde dieſes nicht be⸗ rühren— ſo weit liegt es von einem geſunden weiblichen Sinne entfernt—: wenn es nicht un⸗ ter Ihrem Geſchlechte immer mehr Mode würde. So hört man denn oft von Frauen Schriften als vortreffliche, als ſolche, die ſie mit Entzücken geleſen haben, rühmen, von welchen keine zu ſa⸗ gen weiß, was ſie enthalten, was ſie darin ange⸗ zogen, wenn es nicht die Dunkelheit ſelbſt war, was ſie daraus gelernt, oder Vortreffliches ſich zu eigen gemacht haben. Wenn auch manche durch anhaltendes Studium, oder durch männlichen Beiſtand noch wohl zum Verſtehen kommen: ſo haben ſie doch wenig Vortheil davon. Das tiefe, mühſame Studium gehört nicht für das Weib. Was ſeinen Geiſt bilden ſoll, muß leicht in den⸗ ſelben eingehen, und ihn in voller Klarheit er— greifen. Es muß bald verſtanden werden, damit es nach ſeinem Gehalte und nach ſeiner Schön— heit deſto länger erwogen werden könne. Leſen Sie keine Schriften, worin Uffecta⸗ tion, ſey es der Gedanken oder des Stiles herrſcht. Dieſe wurden Sie von dem geraden Wege der Natur, auf welchem allein Sie gefal⸗ len können, abführen. Das Künſtliche iſt ſelten das Schöne und noch ſeltener das Wahre und Gute. überlaſſen Sie es denen, die in ihrer Ar⸗ muth ſich durch nichts andres geltend machen können, als durch Sonderbarkeiten. Das Herz empfiehlt Ihnen die Einfalt, aber die Verſuchun⸗ gen, das Gezierte vorzuziehen, ſind zahlreich und mächtig. Das in ſo hohem Grade empfängliche und bildſame Gemüth des Weibes muß ihnen möglichſt ausweichen. Leſen Sie auch kein Buch, worin Verſtim⸗ mung— finſtrer Ernſt, trübe Schwermuth, un⸗ natürliche Empfindelei, kalter oder bittrer Witz iſt. Ihre lebhafte Simpathie eignet ſich dergleichen leicht an, und Ihr Herz leidet dabei unerſetzlichen Verluſt. Es iſt nicht ſo ſchwer, moraliſche Fehler zu verbeſſern, als eine unglückliche Stimmung ab⸗ legen. Der fröhliche Sinn muß Ihnen bewahrt bleiben; daran hängt Ihre Tugend und Ihr Glück. Der verſtimmte Mann kann ſich zerſtreuen in ſeinen Geſchäften. Die Geſchäfte des Weibes dienen größten Theils nur, ſeiner Verſtimmung Nahrung zu geben. Das unglückliche Weib kann ſich erheitern; aber dem verſtimmten iſt alles ge⸗ nommen, was den Frieden des Herzens unter⸗ hält. Leſen Sie nie, um nur ſagen zu können, daß Sie dieſes Buch auch geleſen haben. Ein ſolches Leſen iſt von ſo geringem Nutzen, daß je⸗ des andre Geſchäft die Zeit beſſer verwendet ha⸗ ben würde. Sie werden ſich dabei oft den Zwang anthun müſſen, zu leſen, was Sie auf keine Weiſe intereſſieren kann; und das Gepräge dieſes Zwanges wird an dem wenigen ſichtbar ſeyn, was Sie aus der Lectüre davon tragen. Wie ver⸗ möchte da der Geiſt ſich frei zu entfalten? Nur in der Liebe gedeiht das Vortreffliche. Wer mit ſeiner Lectüre glänzen will, wird ſetten durch ſie belehrt werden. Leſen Sie nicht, um die Neugierde zu be⸗ friedigen. Sie würden dann über dasjenige hin⸗ wegeilen, was am meiſten den Verſtand und das Herz anſpricht, was, recht beherzigt, am meiſten bereichert und gebildet haben würde— und nur das auffaſſen, was Ihnen unbekannt bleiben konn⸗ te, ohne daß Sie deßwegen im mindeſten ärmer geweſen wären. Die Neugierde gehört zu den Schwächen Ihres Geſchlechtes. Darum werden den meiſten ſolche Schriften, in welchen ſich et⸗ was ereignet, erſt dann nützlich, wenn ſie dieſel⸗ ⸗ ben ſchon einige Malen geleſen haben, und ge⸗ nau wiſſen, wie es darin hergeht, beſonders wie alles ſich endet. Dieſe Neugierde muß beherrſcht werden durch das Intereſſe für das Wahre, Schöne und Gute. Leſen Sie nicht viele Bücher. Das kann nur Ihren Geiſt verwirren, und den ruhigen Gang der Entwickelung ſtören. Die Weiber, welche viel leſen, leſen wenig recht, und ſind nicht im Stande, das Geleſene zu verarbeiten. Sie haben mancherlei Gedanken, wie ſie das Ge— dächtniß zufällig aufbewahrt, die nie ein Ganzes bilden, und oft einander widerſprechen. Sie ha⸗ ben über alles etwas zu ſagen, aber ſelten etwas, das gehörig angebracht iſt. Das Beſte iſt, daß bei den vielen Meinungen, die ſie ſchon gehabt haben, die Eine über der andern wieder vergeſſen würde. Zu einer eignen werden ſie es ſchwerlich je bringen. Suchen Sie dagegen in das, was Sie leſen, einzudringen. Leſen Sie nie mit dem Verſtande allein, ſondern ſtäts mit dem ganzen Gemüthe. Was Sie leſen, gebe Ihnen Beleh⸗ rung, es erfreue Sie in ſeiner Schönheit; es be⸗ wege das Herz; es wecke gute Entſchließungen, und ſtärke Sie zur Ausführung derſelben; es ma⸗ che Sie frömmer und beſſer. Leſen Sie darum 00NN⸗„ ſo, daß Ihnen die Anwendung auf das Leben gleich klar werde, und daß jeder Gedanke, den Sie empfangen mit den Angelegenheiten, die Sie zu beſorgen haben, in Verbindung trete. Derjenigen Bücher, welche, neben den vor⸗ hin genannten Eigenſchaften, noch ausgezeichneten Wehrt beſitzen, ſind nicht viele. Leſen Sie das Vortreffliche oft. In geiſtreichen Schriften findet man immer Neues, neuen Unterricht, neue Schön⸗ heiten, neue Erweckung und Belebung des Ge⸗ müthes, wenn man mit Geiſt zu leſen verſteht. Das wiederhohlte Leſen muß ſchon dadurch nütz⸗ lich werden, daß man immer eine andre Stim⸗ mung mitbringt, und darum auch immer etwas andres aus dem Buche heraus nimmt. Endlich legen Sie keinen Gedanken eher in den Schatz Ihres Wiſſens nieder, als bis er Ihnen vollkommen deutlich geworden iſt. Stimmen Sie keinem Urtheile bei, bis Sie es vollkommen ver⸗ ſtanden und wahr gefunden haben. Sprechen Sie nie etwas Geleſenes nach. Das Geleſene eignet ſich erſt dann zur Mittheilung, wenn es ganz in Sie übergegangen iſt, wenn es als Anſicht Ihres Geiſtes wieder gegeben werden kann. Die Probe hierauf iſt, ob Sie den Gedanken mit andern Worten und in andrer Beziehung ausdrücken, ob 96 Sie die Gegenſtände, die zu ihm gehören beſtimmt angeben können, und ob er von den Eigenthüm⸗ lichkeiten Ihres Gemüthes etwas angenommen hat. Streben Sie nie nach Empfindungen, ſpiegeln Sie nie Empfindungen vor, die Sie nur aus Büchern kennen. Wenn das Buch nicht die Em— pfindung ſelbſt erzeugt, oder Ihre Aufmerkſamkeit auf dasjenige lenkt, was, von Ihnen bisher über⸗ ſehen, die Empfindung wekt, dann iſt ſie falſch/ unnatüͤrlich und Ihrem Charakter nachtheilig. Hüthen Sie ſich beſonders, etwas ſchön und gut zu heißen, bloß weil es ſo in Büchern ſteht. über das Schöne und Gute ſteht vieles in Bü⸗ chern, was nicht wahr iſt. Dieſes gedankenloſe Nachſprechen iſt die Urſache vieler Thorheit und Verbildung unter Ihrem Geſchlechte und in der gegenwärtigen Zeit. Darum müſſen Buch und Leben immer neben einander ſeyn— das Eine erläuternd und beſtäti⸗ gend das andre. Verbinden Sie mit dem Leſen Beobachtung der Welt und der Menſchen. Näh⸗ ren Sie Ihren Geiſt an den herrlichen Werken der Natur und derjenigen Künſte, die mit Ihren Bedürfniſſen und mit Ihrem Berufe in Verbin⸗ dung ſtehen. Laſſen Sie nichts von dem, was Sie an ſich und andern erleben, ohne Nutzen und ohne Lehre vorüber gehen. Beherzigen Sie die Urtheile andrer und vorzüglich der Verſtändi⸗ gern zur Berichtigung Ihrer Einſichten, Ihres Geſchmackes und Ihres moraliſchen Sinnes. Auf dieſem Wege werden Sie die Gefahren der Ver⸗ bildung glücklich vermeiden, und ſich einem ſchö⸗ nen und ehrenvollen Ziele immer mehr nähern, Faͤnfte Rede. 6 0600,0000⸗⸗0 Weibliche Wuͤrde. Da echte Bildung des Weibes, von welcher ich zuletzt zu Ihnen redete, hat allerdings einen gro⸗ ßen Wehrt. Sie bringt die Natur zu ihrer voll⸗ endeten Entwickelung; ſie macht das Weib fähig, die Stelle, die es in der Welt einnimmt, mit Ehre auszufüllen, und erwirbt ihm die Liebe al⸗ ler Vernünftigen. Aber es gebt noch etwas, das mehr gilt und höher iſt als die feinſte Ausbil⸗ dung, was zu dieſer erſt das Feſte und Herrliche hinzu thun muß, wodurch ſie ſich überall behaup⸗ tet, und das iſt: weibliche Würde. Sie macht nicht allein fähig zum Leben in der ſichtba⸗ ren Welt, ſondern ſetzt auch dieſes Leben mit der unſichtbaren in Verbindung. Sie erwirbt nicht bloß Liebe, ſondern auch Achtung. Sie iſt der höchſte Triumpf des geiſtigen Daſeyns. Sey Ihr Weſen noch ſo ausgebildet, Ihr Verſtand noch ſo erleuchtet, Ihre Einbildungs⸗ kraft noch ſo beweglich, Ihr Herz noch ſo ſanft und reitzbar, Ihr Betragen noch ſo kunſtlos, edel und anſtändig; zahlreiche Bewunderer werden ſich zwar um Sie drängen; aber Sie ſind noch wenig geſchützt gegen die Zudringlichkeit derſelben. Ihre Vorzüge ſcheinen ſie mehr anzulocken, als zurück zu ſcheuchen. Nur wo die Glorie der Würde Sie umgibt: da wagt es der Freche nicht, ſich Ihnen zu nahen; da hat Ihr Leben jene höhere Weihe empfangen, die nicht bloß das vermeſſene Wort und das ungezogene Betragen, ſondern auch den unheiligen Gedanken aus Ihrer Nähe verbannt. Hiermit ſcheint indeß in Widerſpruch zu ſte⸗ hen eine Behauptung achtungswürdiger Schrift⸗ ſteller, der wir in fruheren Außerungen beigetre⸗ ten ſind, nach welcher allein dem Manne die Würde— dem Weibe dagegen die Anmuth gehört. Beides wird ſich wohl mit einander ver⸗ einigen laſſen. Vielleicht wird hier das Wort Wurde in einem beſchränktern Sinne genommen. Vielleicht zeigt uns die nähere Unterſuchung eine Würde, die das Eigenthum der Menſchheit iſt, und ſich nur auf verſchiedene Weiſe in den Ge— ſchlechtern ausdrückt. Vielleicht entdecken wir noch eine beſondre Würde, die dem Weibe geziemt, und es zwar der männlichen Würde nicht ſtreitig macht, mit Nachdruck ſo zu heißen, aber doch ih⸗ re Anſprüche an das Weſen der Würde nicht auf⸗ giebt. Dieſe Unterſuchung wird uns dann auch die wichtigſten Forderungen der weiblichen Würde kennen lehren. Laſſen Sie uns damit anfangen, daß wir uns den Begriff der Würde überhaupt aufklären. Alle Würde verleiht dem, der ſie beſitzt eine gewiſſe Hoheit und Auszeichnung. Die wahre Würde flößt Achtung ein, wie in ihr das Gefühl der Selbſtachtung iſt. Sie können nur vernünftige Weſen haben; denn nur dasjenige er⸗ weckt Achtung, worin die Vernunft ſich abbildet. Je freier und thätiger ſie wirkt; je reiner und vollſtändiger ihre Form ſich ausdrückt; deſto mehr ſcheidet ſich unſre Achtung von fremdartigen Ge⸗ fühlen; deſto lauterer und heiliger iſt da die Würde.— Das Vernünftige iſt das Edelſte, und, in deßt ſeiner Ausbildung, zugleich das Seltenſte un⸗ ter den Menſchen. Seine Erſcheinungen gehen deßwegen auch mit den Empfindungen gepaart, die das Ungewöhnliche, Große und Geheimniß⸗ volle zu erwecken pflegt. Daher das Feierliche in der Würde. Daher die Erhebung über das Gemeine, die ſich überall an ihr darſtellt, und ih⸗ re Macht, dieſes Gemeine immer weit von ſich entfernt zu halten. Wir ſagen von einer Sache, ſie habe Wehrt, wenn ſie zu etwas brauchbar iſt, und Nutzen ſchafft. Je bedeutender dieſer Nutze, und je größer die Tauglichkeit jener Sache iſt, ihn auf eine leichte und ſichere Art zu befoͤrdern; deſto größer iſt ihr Wehrt. Was Wehrt hat, hat ihn nicht für ſich, ſondern für etwas andres, und durch die Be⸗ ziehung, worin es zu einem andern ſteht. Die Größe dieſes Wehrtes läßt ſich ſchätzen; man kann es erkaufen, indem man etwas von gleichem oder höherm Wehrte dafür hingibt. Es gibt aber noch einen andern Wehrt, der nicht gemeſſen werden kann, weil er unendlich iſt, der ſich mit nichts vergleichen läßt, weil er in jeder Rückſicht das Höchſte und Beſte enthält, der ſich auf keinen Nutzen bezieht, und um ſe edler erſcheint, js weiter er von aller Beziehung 60,, auf Nutzen entfernt bleibt, weil innere Vortreff⸗ lichkeit ihn adelt, weil er feſt auf ſich ſelbſt ruht — einen Wehrt, auf den ſich derjenige noch gar nicht verſteht, der nach dem Vortheile fragt, den man davon habe— einen Wehrt, der ſich darin offenbart, daß er das in ſich Vollendete darſtellt. Sein Weſen ſtammt von der Vernunft her, und er iſt es, den das Wort Würde bezeichnet. Da iſt alſo Würde, wo uns etwas dadurch zur Achtung auffordert, daß die Vernunft in ihm gebildet, es zu einem Unvergleichbaren und ohne alle weitere Rückſicht Schätzenswehrten erhöht, es über alles Gemeine hinausgerückt, und ihm ei⸗ nen überirdiſchen Charakter ertheilt hat. Im eigentlichen Sinne iſt daher nur Würde in der Tugend, in den Anlagen, die zur Tu⸗ gend fähig machen, und in dem Weſen ſelbſt, das, in Vernunft und Freiheit, die Möglichkeit rugendhaft zu werden, beſitzt. Nur die Tugend iſt reines Werk der Vernunft, und gebiethet un⸗ bedingte Achtung. Aber die Tugend liebt gewiſſe Umgebungen, weil ſie in ihnen ihr hohes Weſen am beſten ſinnlich offenbaren kann. Es gibt an⸗ dre Eigenſchaften, die einige bedeutende Momente mit der Tugend gemein haben, die, wie ſie, Ach⸗ tung einflößen, und kein leichtſinniges, unanſtän⸗ diges und unüberlegtes Benehmen in ihrer Nähe dulden. Auf dies alles hat man den Namen der Würde übertragen. Wir wollen diejenige Wür⸗ de, die an der Tugend ſelbſt haftet die innere — diejenige, die dem zuletzt Genannten zukommt die äußere nennen. Innere Würde hat alſo dasjenige, worin ſich Vernunft und Freiheit geſtalten, der morali⸗ ſche Charakter, das heilige Leben, und was damit zuſammen hängt. Außere Wür⸗ de zeigt ſich in dem, was ſich als Bild, Zei⸗ chen und Simbol der Tugend gebrauchen läßt, welchem ſich ihre Form in irgend einer Rückſicht mitgetheilt hat, und was dadurch über das Gemeine empor ragt. So nennen wir Wür⸗ de, was jemand Anſehen verſchafft, eine Art von Gewalt oder Herrſchaft ankündigt; weil es, wie die Tugend, gebiethet, und ein der Ach— tung verwandtes Gefühl erweckt. Dem Ausdrucke von Ernſt und Geſetztheit legen wir Würde bei; weil beide der Tugend ſehr angemeſſen, und ge⸗ wöhnlich in ihrem Gefolge ſind. Würde ſpricht aus einem feſten Muthe und einer ruhigen Stär⸗ ke; weil die Tugend nicht ohne Kraft und Ent⸗ ſchloſſenheit gedacht werden kann. Zarte Delica⸗ teſſe iſt nicht ohne Würde; weil ſie das Schlechte⸗ Unheilige und Verachtliche nicht duldet, wie die Tugend gegen jede Entehrung ſchützt. Endlich iſt ſelbſt die Schönheit nicht ohne Würde, in wie fern ſie nämlich Ehrerbiethung verlangt, und in der Harmonie ihrer Geſtalten die Einigkeit der Vernunft abſpiegelt, die auch in der Tugend iſt. Wir unterſcheiden ferner eine angeborne und eine freie Würde. Die angeborne beſteht in Anlagen, Dispoſitionen und Kräften unſrer Natur, mit welchen wir auf Achtung Anſpruch machen können. Die freie gründet ſich darauf, daß wir die angeborne bewahrt, ausgebildet und erhöht, daß wir zu ihr hinzu gethan haben, was ſonſt noch über das Gemeine erhebt. In An⸗ ſehung der angebornen entſteht die Frage: hat das Weib Würde?— in Anſehung der freien aber die: ſoll das Weib Würde haben: und was iſt wahre weibliche Würde? Daß der Mann angeborne Würde beſitze, iſt keinem Zweifel unterworfen. Die Stärke, wel⸗ che ſeine Vernunft der Leidenſchaft entgegen ſetzen kann, die königliche Freiheit ſeines Willens, in welcher er ſich den Geſetzen der Vernunft zu un⸗ corwerfen, und bei der Befolgung derſelben gegen 105 jeden Reitz und jede Gewalt zu behaupten ver⸗ mag, das Gebiethende, worin ſeine Kraft ſich ausdrückt, die Entſchloſſenheit, womit er ſeine Werke beginnt, der Ernſt, womit er ſie vollen⸗ det, die Beſonnenheit und der tiefe Blick des Verſtandes, der nach großen Wahrheiten forſcht, der Muth, womit er der Gefahr trotzt, und der Hochſinn, womit er ſich aufopfert, wenn Pflicht und Ehre es fordern, zeugen dafür. Von dem allem finden wir freilich beim Wei⸗ be wenig oder nichts, und es wäre ſchlimm ge⸗ nug, wenn wir viel davon bei ihm fänden. Bis zu derjenigen Trefflichkeit und Vollendung, an welchen die Würde iſt, könnte es ſich darin doch nicht erheben;z dagegen wäre es um ſeine Weib⸗ lichkeit, um all' das Glück und all' den Zauber, die von ihr aus über das Leben ſtrömen, geſche⸗ hen, O, beneiden Sie die Männer nicht wegen ſolcher Vorzüge, die Sie nimmer verherrlichen werden, weil ſie ſich für Ihre Natur nicht eig⸗ nen, und Sie Ihrer ſchönſten Eigenthümlichkeit be⸗ rauben müſſen. Darf nur das Würde heißen; ſo halten Sie es nie für Tadel, wenn Ihnen Würde abgeſprochen wird. Sie haben etwas, das wenigſtens eben ſo gut iſt. Aber warum ſoll denn jenes allein Würde N heißen? Wäre es bloß um das Wort zu thun: ſo möchte man daſſelbe leicht hingeben. Aber es ſteht mehr auf dem Spiele. Leichtſinnige Män⸗ ner läugnen die Würde des Weibes, um ſie un⸗ geſtraft zu verhöhnen, um die Verachtung und Despotie, womit ſie das Weib behandeln, die Frechheit, womit ſie ſich ihm nähern, und ſein Heiligſtes antaſten, die Geringſchätzung, womit ſie es zu einem Zeitvertreibe müßiger Stunden, zu einem Spielwerk ihrer Luſt und Laune herabſe⸗ tzen, womit ſie ſeine Ruhe und Zufriedenheit ih⸗ rem Eigennutze oder ihrer Sinnlichkeit aufopfern, um die Schmeicheleien, womit ſie es verſpotten und die glatten Worte, womit ſie ſein Herz ver⸗ giften, zu entſchuldigen, um ſich alles erlauben, um des Zartgefühles, der Schamhaftigkeit und ſelbſt der Tugend des Weibes nicht ſchonen zu dürfen. Dieſe muß man fragen: was habt ihr für Recht dazu? Dieſen muß man es laut und ernſthaft ſagen: das Weib hat Würde, wie ihr; denn in ihm iſt Menſch⸗ heit, wie in euch. Iſt das Weib nicht auch ein moraſiſches We⸗ ſen? Beſitzt es nicht auch in Vernunft und Frei⸗ heit Anlagen zur Tugend— das Vermögen, durch die Erfüllung ſeiner Pflicht groß zu ſeyn? Kan 6s fü f Sch lenoſ heit dage des e Kann es nicht auch ſich behaupten, bei dem, was es für das Rechte erkannt hat, ſo ſehr auch ſeine Schwäche beſtürmt wird? Fehlt ihm die Wil⸗ lensſtärke, die Macht der Vernunft und der Frei⸗ heit, die wir am Manne bewundern: ſo ſind ihm dagegen ſittliche Diſpoſitionen und edle Gefühle des Herzens zu Theil geworden, worin es den Mann weit übertrifft. Was habt ihr denn auf⸗ zuweiſen, das herrlicher wäre, als das Mitge⸗ fühl, die Geduld und die Liebe des Weibes? dringt euch auch ſo die fremde Noth ans Herz? füͤhlt ihr auch alles Rührende ſo tief? könnt ihr auch ſo aushalten im bitterſten Kummer und un— ter den ſchwerſten Leiden? könnt ihr euch auch ſo hingeben, euch ſo über andere vergeſſen, wie die Gattinn ſich über den Gatten, die Mutter ſich uͤber dem Kinde vergißt? Für eure Stärke hat das Weib Anmuth. Für eure Unerſchrockenheit hat das Weib Sanftheit. Für euern Tiefblick hat das Weib Scharfblick. Für eure Hoheit hat das Weib Güte. Liegen in dem allem nicht die gegründeteſten Anſprüche auf Achtung? iſt das al⸗ les nicht fähig über das Gemeine hinauszurücken? Oder ſind die Geſchäfte des Weibes weniger wür⸗ devoll? Iſt es etwas ganz Schlechtes, wenn ſei⸗ ne Stille euern Ungeſtüm leitet, wenn ſeine Hand — tauſend Blumen in euern Lebenskranz flicht, wenn ſein Wohlwollen euer Leben verſchönert, wenn ſein Daſeyn euch allenthalben mit Liebe umgibt und aus freundlichen Einrichtungen an⸗ ſpricht, wenn ein künftiges Geſchlecht voll Weis⸗ heit und Tugend unter ſeiner Leitung aufwächſt? Wer hat vollends die Kühnheit, weibliche Würde zu läugnen, der je ein Weib in der Herrlichkeit eines ſchuldloſen und reinen Herzens ſah? In der angebornen Würde des Weibes iſt auch ſchon die Weiſung auf die freie enthal⸗ ten. Hat die Natur dem Weibe Wirde verlie⸗ hen: dann iſt es auch ihr Wille, daß es dieſelbe bewahre, bilde und erhöhe. Ohne daß Sie eine ſtrenge Aufſicht über Ihr Leben führen, ſtehen tauſend Beeinträchtigungen derſelben gar nicht zu vermeiden, ſind Sie faſt jeden Augenblick in Ge⸗ fahr, etwas zu thun, was Sie von dieſer Würde tief herabſinken läßt. Das Gefühl dieſer Würde muß Ihnen ſtets gegenwärtig ſeyn, und mit ſei⸗ ner ganzen ungeſchwächten Kraft wirken, damit ſie nie entweiht werde. Mit dieſem Gefühle müſſen ſich reine und klare Begriffe verbinden, damit Sie dieſelbe nicht, wie ſo oft geſchieht, in Dingen ſuchen, die ſie mehr verletzen als hervor⸗ heben, und dagegen wahre würdevolle Vorzüge vernachläſſigen. Die angeborne Würde des Weibes beſteht in Anlagen und Diſpoſitionen, die zwar Achtung ein⸗ flößen müſſen, aber ſie nicht als etwas Verdien⸗ tes fordern, und eben ſo wenig vollkommen ge⸗ winnen können. Ein ernſtlicher Wille muß ſie pflegen, ihre Entwickelung leiten und befördern, dasjenige hinzu thun, was den weiblichen Cha⸗ rakter ſonſt noch ehrt und hebt. So geht die angeborne Würde in freie und moraliſche über. Dieſe zu haben, zu be⸗ haupten, und zu verherrlichen iſt Eine der wich⸗ tigſten Aufgaben für das Weib, Einer der heilig⸗ ſten Zwecke ſeines Strebens. Sie verdient, daß wir uns näher mit ihr bekannt machen, und vor⸗ züglich auf das merken, was ſie von der weibli⸗ chen Natur Beſondres annimmt. Das Weib ſoll, zuvörderſt, wie der Mann, innere Würde haber, Ohne dieſe iſt die äu⸗ ßere leere Affectation, ein Gepränge, das bald zum Unwillen, bald zum Lachen nöthigt. Stren⸗ ge Sittlichkeit des Herzens und des Lebens iſt das Erſte, was von einem Weibe gefordert wird, das auf Achtung Anſpruch macht. Die lei⸗ ſeſte Spur einer leichtſinnigen Denkungsart ver⸗ nichtet dieſen Anſpruch ganz und gar. Ein Weib kann ſich nicht tiefer herabwürdigen, als wenn es zeigt, es habe keine Grundſätze, oder es nehme es mit dieſen nicht ſo genau. Der Mann behält dabei, in ſeiner Freiheit und Kraft, noch immer einige Größe. Wir bewundern ihn ſogar, wenn ſein Freiheits⸗ und Kraftgefühl oder die Gluht einer, an ſich nicht ganz unedlen, Leidenſchaft ihn zu Fehltritten fortriß. Aber das Weib hat keine Freiheit und Kraft als in ſeiner Tugend. Bei ſeiner phyſiſchen Schwäche, muß es ſich durch m raliſche Stärke behaupten. In ſeinen Leiden⸗ V ſchaften iſt nichts, was unſern Abſcheu verſöhnt; ſie ſtellen uns nichts dar, als ein entweihtes Ge⸗ müth. Der laſterhafte Mann kann noch Charak⸗ ter haben; aber das Weib ohne Sittlichkeit iſt ge⸗ wiß auch ohne Charakter. Jedes Schutzes und jeder Stütze beraubt, verſinkt es in alle Gemein⸗ heit, zu der es nur irgend Veranlaſſung findet. Mit ſeiner Sittlichkeit ſt alles verſcherzt, was dem Menſchen Würde ver⸗eiht. Das Weib kann nicht befehlen und zwingen; zum Flehen iſt es oft zu ſchwach. Ihm bleibt nichts übrig, ſich vor Zudringlichkeiten in Sicher⸗ heit zu ſetzen, und die Verwegenheit zu beſchaͤ⸗ men, als die Ehrerbiethung, welche es ſich durch die Schuldloſigkeit feines Herzens und die Unbe⸗ ſcholtenheit ſeines Wandels erwirbt. So ſchlecht wird die Welt nie werden, daß nicht der Adel ei⸗ ner reinen Seele, vorzüglich da, wo er in einer reinen weiblichen Geſtalt, im Schmucke der An⸗ muth und Güte erſcheint, die ſonſt unverſchämte Frechheit in Schranken halten ſollte. Die Macht der Sittlichkeit iſt, wo ſie ganz wirken kann, je⸗ der Naturgewalt überlegen, und macht das Ge⸗ müth, in welchem ſie wohnt, dadurch unverführ⸗ bar, daß ſie dem Verführer den Muth benimmt, und ihn nöthigt, ſelbſt den ſtrafbaren Gedanken zu unterdrücken. An der Heiligkeit eines Engels verſündigt man ſich nicht; die unreine Begierde verſtummt vor ſeiner Glorie. Die weibliche Sittlichkeit unterſcheidet ſich von der männlichen dadurch, daß ſich in ihr we⸗ niger die Stärke der Vernunft und des Willens, als die Lebhaftigkeit und Energie des moraliſchen Gefühles, weniger der Kampf gegen die Sinn— lichkeit und Leidenſchaft, als die treu bewahrte Unſchuld und die geheiligte Güte des Herzens of⸗ fenbart, daß aus ihr weniger Ernſt als Liebe ſpricht, daß in ihr mehr Innigkeit als Höhe des Sinnes, mehr Eintracht und friedliches Zu⸗ 112 0,,, ſammenwirken des moraliſchen und natürlichen — Triebes iſt, als mühſame Unterwerfung des letz⸗ tern unter den erſtern. Daher muß die ſittliche Würde des Mannes heroiſch, die des Weibes ſanft ſeyn; jene mehr im Thun, dieſe mehr im Leiden erſcheinen. Durch bloße Strenge in der Tugend iſt weibliche Würde ſchlecht gegründet; wenn jene Strenge nicht den Charakter zarter Empfindung trägt, und mit einer feinen Delicateſſe verbunden iſt. Weibliche Tugend, die einen männlichen Muth affectiert, findet, wie alles, was aus den Grän⸗ 1 zen ſeiner Natur gewichen iſt, wenig Achtung, und ladet wohl eher ein, es mit ihr aufzuneh⸗ men. Aber eine ſolche, die ſich in ihre Schwaͤ⸗ che zurückzieht, fordert nicht allein Schonung, ſondern erfleht ſie auch auf die unwiderſtehlichſte Art. Wo die innere Würde iſt, geſellt ſich leicht, wenn einige Aufmerkſamkeit an ſie ge⸗ wandt wird, die äußere zu ihr: denn dieſe iſt zum Theil Folge, zum Theil die einzig anſtändige 1 Umgebung von jener, und erweiſet ſich immer in ſolchen Eigenſchaften, die mit der Sittlichksit 1 nahe verwandt ſind, und mit ihr daſſelbe Gefühl der Achtung erwecken. Hier wird vorzüglich der Unterſchied zwiſchen der Würde des Mannes und des Weibes merkbar. Die äußere Würde iſt aber eine doppelte: eine Würde des Charakters und eine Wür⸗ de des Umganges. Jene iſt bleibende würde⸗ volle Stimmung, und offenbart ſich in den herr⸗ ſchenden Neigungen, in den Beſchäftigungen und der Lebensart überhaupt; dieſe iſt würdevolles Betragen im geſellſchaftlichen Leben, und vorzüg⸗ lich gegen Männer. Was zuvörderſt die äußere Würde des weiblichen Charakters betrifft: ſo iſt auf zweierlei zu ſehen: daß ſie ſich nicht in die männliche Sphäre verirre; und daß ſie nicht unterg ſich ſelbſt herabſinke. Die äußere Würde des Mannes iſt in dem, was ſeine Selbſtbehauptung bezeichnet, und ſei⸗ nem Wirken Selbſtſtändigkeit gibt, in allem, was ihn als ein Weſen darſtellt, das man nie von ſeinem Platze verdrängen wird, das dagegen wohl noch manchem andern ſeinen Platz verrücken möchte. Sie iſt der gedankenvolle Ernſt, der ihn nie ganz verläßt, die Feſtigkeit, womit er ſich . 8 ſelbſt treu bleibt, die Macht und Freiheit, welche gegen alle Anfälle feſt ſtehen, die weiſe Strenge, die nicht ſchont, wo durchgegriffen werden muß, der immer auf das Große gerichtete Sinn, die immer angeſtrengte Kraft, und die Gediegenheit, 1 welche alles verräth, was von ihm herrührt. So iſt die Erſcheinung ſeiner Tugend im Leben durch ¹ 1 die Einrichtung der Natur beſtimmt. 1 Eine ſolche Würde ſoll das Weib nicht ha— ben. Wenn es dieſelbe hätte: ſo würde ſie auf⸗ hören Würde zu ſeyn. Es müßte, weit entfernt, Ehrfurcht einzuflößen, ein Gefühl erwecken, das nahe an Verachtung gränzt. Das Große, Kraft⸗ volle, Imponierende, wie alles, was herrſchen will, und worin Selbſtheit ſich hervordrängt, paßt nicht zu den Anlagen, die dem Weibe mit⸗ getheilt wurden, und wodurch dieſes unendlich liebenswürdig iſt. Das Weib gebiethet, wo es ſich zu unterwerfen— es fordert Achtung, wo es 3 8 um Schutz und Schonung zu flehen— es er— 6 langt königliches Anſehen, wo es auf alles zu re— I ſignieren ſcheint. Sanftheit, Geduld und Liebe, in Anmuth gekleidet ſind, wie der edelſte Schmuck, ſo auch die Würde des Weibes. Ihre kunſtloſe Erweiſung rührt uns bis zur An⸗ betung, und übt eine ſtille Gewalt über alle Her⸗ zen aus, zu welcher keine Größe und keine Stär⸗ ke gelangt. Energie und Güte ſind die beiden Geſtal⸗ ten, in welchen das Göttliche ſichtbar wird; da⸗ rum ſind beide in gleichem Maße erhaben; da⸗ rum iſt Würde in beiden, und die höchſte Wür⸗ de in ihrer Vereinigung. Doch muß zu dem Sanften und Gu⸗ ten der Weiblichkeit noch etwas hinzukommen, wodurch es mit dem männlichen Ernſte und der männlichen gehaltvollen Feſtigkeit in nähere Be⸗ rührung tritt, damit es ſich zur Würde erhebe. Dieſes Etwas ließe ſich vielleicht am treffendſten Hochherzigkeit nennen. Durch Hochherzigkeit wird das Zweite bewirkt, was zur weiblichen Würde gehört, nämlich: daß das Weib nicht unter ſich ſelbſt herabſinke. Dieſer Hochherzigkeit ſtehen vornehmlich entgegen: die Flachheit, der Kleinigkeits⸗ geiſt und der Wankelmuth. Wenn vom Weibe nicht die Gediegenheit und das Vollkräfti⸗ ge des Mannes verlangt werden kann: ſo darf doch auch nicht alles an ihm Oberfläche ſeyn⸗ Ein ſanfter Blick ohne Seele, Güte ohne Fülle, Geduld aus Phlegma können unmöglich Würde ertheilen; wir erkennen vielmehr darin nichts als 116 bemitleidenswerthe Schwäche. Von der Wärme und Vielſeitigkeit des innern Lebens, von einem Verſtande, der überall Lehrreiches findet, und in ſeiner Eigenthümlichkeit auffaßt, von einem Her⸗ zen, das für jede ſanfte Bewegung Empfänglich⸗ keit hat, von einem Reichthume an Gedanken und Empfindungen, der immer gibt, und doch im⸗ mer noch mehr behält, der uns gleichſam in eine unendliche Tiefe des Gemüthes ſchauen läßt, kommt dem Weibe der Gehalt, der ſich zur Wür⸗ de prägen läßt. Wo es hieran fehlt, da kann keine Achtung beſtehen. Die ernſthafte Stimmung des Mannes, der Sinn und das Streben, die immer nur auf das Große und Bedeutende gerichtet ſind, ziemen dem Weibe nicht, deſſen Sphäre enger, deſſen Wirk⸗ ſamkeit ſtiller, und deſſen Daſeyn inniger iſt. Tauſend Dinge, die der Mann klein, und deren Beherzigung er unter ſeiner Würde findet, ſind dem Weibe wichtig, gewähren ihm eine eben ſo gefällige als ehrenwerthe Beſchäftigung, und wer⸗ den, durch den tiefen Sinn, den das Weib in ſie legt, intereſſant. Aber ein großer Theil Ih⸗ res Geſchlechtes faßt dieſe Dinge da auf, wo ſie keiner ſolchen Behandlung fähig ſind. Was ſie ergötzt, iſt nicht das Schöne und Bedeutungs⸗ volle, ſondern eben das Kleine darin. Je naͤher etwas dem Nichts kommt, und je weniger ſich da⸗ bei denken läßt: deſto mehr ſetzt es ihre Zunge in Bewegung. Stunden und Tage können ſie ihre Leerheit zur Schau tragen, nud das ge⸗ meinſte Weſen treiben, ohne daß ſie das drückt — Stunden und Tage die fadeſten und alltäg⸗ lichſten Sachen ſprechen, die ahgeſchmackteſten Poſſen anhören, und ſich herrlich unterhalten füh— len— Stunden und Tage an Armſeligkeiten den⸗ ken— Stunden und Tage mit Spiel und Putz hinbringen, und ſich noch hinterher der ſchönen Zeitverkürzung und des göttlichen Genuſſes freuen. Rechtfertigen dieſe nicht die Verachtung, wo⸗ mit ihnen oft von Männern begegnet wird? Kön⸗ nen ſie, die ihr ganzes Leben hindurch Kinder bleiben, ſſich wohl beſchweren, daß man ſie ent⸗ ehre, wenn man ſie zu Spielwerken braucht?— ſie, die ſich nie über die Außenſeite des Lebens erheben, ſich beklagen, wenn man ſie zur gedan⸗ kenloſen Beſorgung der Hausgeſchäfte verurtheilt, ihre Beſtimmung auf die Küche oder Kinderſtube einſchränkt, und keine von den Prätenſionen will gelten laſſen, die über das Gefallen durch Schön⸗ heit und Schmuck hinaus gehen, wenn man ih⸗ nen keine Rechte und Vorzüge zugeſteht, als die⸗ mmu⁰, — — —— 118 jenigen, die ſich mit einem ſolchen Kleinigkeits⸗ geiſte vertragen? Können ſie es Härte und Deſpotie nennen, wenn ſie zuweilen etwas un⸗ ſanft und bitter in ihre Sphäre zurückgewieſen, und, wo ſie ſich noch ſo beſcheiden vernehmen laſſen, erinnert werden, ſich nicht in fremde Din⸗ ge zu miſchen? Ich ſpreche nur aus dem Geſichtspunkte weib⸗ licher Würde: ſonſt möchte ſich leicht zeigen laſ— ſen, wie verderblich dieſer Kleinigkeitsgeiſt auf den Charakter, die Verhältniſſe und das geſellige Leben des Weibes wirke, wie dabei Ihr Herz ver⸗ liere, Ihre Pflichten unerfüllt bleiben, und die traurigſten übel in die Geſellſchaft dringen, die durch Sie ſo hoch beglückt werden könnte. Sie ſind zu etwas Beſſerm geboren. Edlere Bedürf⸗ niſſe hat Ihnen die Natur mitgetheilt. Dieſe muß der Kleinigkeitsgeiſt unterdrücken, ehe es ihm gelingt, ſich Ihrer zu bemächtigen: Sie ſin⸗ ken damit tief unter ſich ſelbſt herab, während Sie den ehrenvollſten Rang zu behaupten im Stande wären. Alle Ihre Erwartungen ſind lä⸗ cherlich, alle Ihre Forderungen werden verſpottet: ſo lange Ihnen dieſe Gemeinheit erträglich bleibt. Mögen Sie ſich durch Geburt, Schönheit, Ver⸗ tand, feine Lebensart und wahre Verdienſte aus⸗ e zeichnen: mit wahrer Ehrerbietung wird man Ih⸗ nen nie begegnen: wenn Sie dieſe Vorzüge durch die ſunglückliche Neigung, ſich mit Kleinigkeiten zu beſchäftigen, verdunkeln. Doch mit Kleinigkeiten ſich zu beſchäftigen, ſollen Sie nie aufhören. Das Leben würde da⸗ durch ſeinen ſchönſten Reitz verlieren. Aber ver⸗ ſchmähen Sie es, ſich von Kleinigkeiten durch⸗ dringen zu laſſen, werden Sie ſelbſt nicht klein dabei. Was darin gefällt und erfreut, was ſich benutzen läßt zur Bildung Ihres Gemüthes und Ihrer Verhältniſſe, mache Ihnen das Kleine wichtig; und es werde immer wichtiger durch die Ausſtattung, welche der Geiſt und das Herz ihm ertheilen. In der Art, wie Sie das Kleine be⸗ handeln, erblicke man den Reichthum, die Zart— heit und die Hohheit Ihrer Seele. So bleibt Ihre Würde unbefleckt. Sie wird ſich ſelbſt hier⸗ hin herrlich zeigen. Die Feſtigkeit des Mannes, die ſich auf das übergewicht des denkenden Verſtandes und die Nacht geprüfter Grundſätze gründet, iſt nicht für Sie. Sein Leben in der höhern Welt macht ihn in der ſinnlichen unerſchütterlich. Aber Sie dür⸗ fen ſich nicht jedem Eindrucke dahin geben, Sie dürfen nicht unter der Herrſchaft wechſelnder Launen ſtehen— nicht jetzt ärgerlich, finſter, 1 mürriſch, dann ausgelaſſen luſtig ſeyn— nicht und jetzt dieſes, dann jenes wollen; mit dem Wankel⸗ 8 muthe muß jede Art der Veränderlichkeit fern von hal Ihnen bleiben, damit man Ihnen Würde zuge⸗ del ſtehen könne. In der Würde iſt immer etwas zes 1 Unbewegliches; und dies muß bei Ihnen aus ei⸗ zo 1 ner ruhigen Verfaſſung der Seele, aus einer h heitern Anſicht des Lebens und aus entſchloſſenem 9 Feſthalten am Rechten und Guten entſpringen. Es muß wirken Gleichmuth in frohen und trau⸗ —— rigen Ereigniſſen, Beſtändigkeit im Wollen und A 1 in der Neigung, Treue in der Pflicht und in er(n 1 Liebe. In der Treue vorzüglich erſcheint die a 6 66 Würde des Weibes; darum ſie auch an ihm ſe lic 1 4 hoch geehrt wird. ge A 1 1 ſtr ¹ 4 Die Würde des weiblichen Umganges A 1 beruht auf der Gleichförmigkeit eines ſol⸗ n chen Betragens, das in jeder Rückſicht Lo der Beſtimmung und der zarten Natur n des Weibes entſpricht. 9 Der Mann darf hier edeln Stolz zeigen; er darf entſcheidend auftreten, und ſich mit d Nachdruck vertheidigen, wenn er angegriffen wird.- Zutrauen zu ſich ſelbſt muß aus ſeinem Blicke und aus ſeinen Worten ſprechen. Etwas Anma⸗ ßung wird ihm, wenn er ſonſt nicht ohne Ge⸗ halt und Wehrt iſt, zu Gute gehalten; man ta⸗ delt ſie höchſtens in der Übertreibung. Sein gan⸗ zes Weſen ſoll verrathen, daß er ſich nicht unter⸗ jochen läßt. Je entſcheidender und energiſcher er handelt: deſto beſſer behauptet er ſeine Würde im geſelligen Leben. Nicht ſo iſt es beim Weibe. Es iſt kaum möglich, daß es ſich ärger täuſche, als wenn es durch Geziertheit, Vornehmthun und ein ſüffiſan⸗ tes Benehmen Würde zu erlangen, oder an den Tag zu legen meint. Ein ſtilles, in ſich ſe⸗ liges aber ſich andern nie ankündigendes Selbſt— gefüͤhl iſt der einzige Stolz, den die Natur dem Weibe geſtattet. Jedes Merkbarwerden des Be⸗ ſtrebens, etwas vorzuſtellen, vermindert unſre Achtung gegen das Weib beträchtlich, und pei⸗ nigt uns mit dem widrigen Gefühle aufgeblaſener Leerheit. Aber, was der edle Stolz da wirkt, wo Kraft iſt, daſſelbe wirkt bei der Schwäche die Beſcheidenheit. Beide flößen Ehrfurcht ein. Das Bewußtſeyn Wehrt zu haben, wo ſich ihm die Schüchternheit damit aufzutreten und das Mißtrauen, ob er auch übherall hinreiche, ſich gel⸗ tend zu machen, zugeſellt, hält andre vielleicht noch mehr in Schranken, als ein nachdrückliches und gebietheriſches Weſen. Eine ſolche Beſcheidenheit wird ſich aber, ob ſie gleich wenig aus ſich ſelbſt zu machen ſcheint, nie vergeſſen. Sie muß vielmehr, ihrer Natur nach, eine gewiſſe Geſetztheit und Sitt ſam⸗ keit des Betragens hervor bringen, in der ſie ſich zur vollen Würde erhebt. Das Weib, das in der Beſcheidenheit ſeine Würde ſucht, kann nicht leichtſinnig und flatterhaft ſeyn. Sei⸗ ne Eingezogenheit macht ihm das unmöglich. Die geringe Zuverſicht, die es zu ſich ſelbſt hat, nöthigt es zur Zurückhaltung und zu einer ver— nünftigen Bedächtlichkeit in ſeinem Benehmen. Ob es gleich ſeine Ehre iſt, ſich hinzugeben: ſo folgt es darin doch nicht jedem Eindrucke, und weiß immer eine Selbſtſtändigkeit und edeln An⸗ ſtand zu behaupten. Ob gleich das Herz den Verſtand regieren ſoll: ſo verſchmäht es bei den flüchtigen Aufwallungen des erſten doch nie die Lehre und Zurechtweiſung des andern. So leicht und fröhlich ſein Leben dahin ſchwebt: man wird in demſelben doch nie den Ernſt einer höhern Be⸗ ſtimmung verkennen. Ein freies Betragen, wenn es nicht über die Gränzen der Sittlichkeit geht, gibt dem Manne Würde; denn es verräth hier Kraft, und zeigt ſich in einer feſten Haltung. Beim Weibe kann es nicht anders, als in Unwürde ausſchlagen: denn dieſes trägt darin ſeine Schwäche zur Schau, und läßt Leidenſchaften ohne Hülle ſehen, die, wenn ſie auch nicht entehrend ſind, doch nur ver⸗ ſchleiert auftreten dürfen. Die vollendete Würde im Umgange iſt die Frucht eines erfahrungsreichen Lebens, und eines Charakters, der, unter den Prüfungen häusli— cher Schickſale und in der treuen übung häusli⸗ cher Pflichten, eine höhere Reife erlangt hat. Ven ſelbſt bildet ſich da das ruhig feſte Beneh⸗ men, das ſich von Leichtfertigkeit und ſteifer Fei⸗ erlichkeit gleich weit entfernt hält. Aber es gibt Ferderungen, die auch dem Mädchen, das ſich in der Achtung des Vernünftigen behaupten will, nicht erlaſſen werden können, die für jedes Le⸗ bensalter ihre Gültigkeit behalten. Sich nähern, und doch nicht zudringlich werden; freundlich ſeyn gegen jeden, und ſich doch nichts vergeben; einen frohen Sinn zeigen, und ſich doch nie ver— geſſen; für alles ein offenes Herz haben, und ſich doch nie von den Bewegungen dieſes Herzens uberraſchen und hinreißen laſſen; alles mit Liebe umfaſſen, und doch mit Weisheit behandeln; ſich allem aneignen können, und doch nicht von Einem zum Andern ſchweben: das iſt der goldne Mittel⸗ weg, welcher allein zur wahren Würde führt. Glauben Sie daher nicht, daß eine froſtige Miene, ein finſtres, zurückgezogenes, verſchloſſe⸗ nes und theilnehmungsloſes Weſen, Ihnen Wür⸗ de verleihen werden. Sie können damit nur Wi⸗ derwillen erregen. Kälte und Zwang vertragen ſich nicht mit der reinen weiblichen Natur. Die Würde verſchmäht das Künſtliche. Zeigen Sie durch Ihr Benehmen, daß Ihr Herz von allen Seiten bewaffnet iſt. Heilig ſey Ihnen die lei— feſte Andeutung Ihres Schicklichkeitsgefühles. Bewahren Sie einen frohen Sinn; aber laſſen Sie ihn nicht bis zur unanſtändigen Luſtigkeit ausſchweifen. Stoßen Sie nicht weg; aber drin⸗ gen Sie ſich auch nicht auf. Vor allem hüthen Sie ſich vor den elenden Künſten der Buhleret. Koketterie ſteht mit der Würde des Weibes am meiſten im Widerſpruche. Die Sinnlichkeit des Wollüſtlings und die Aufmerkſamkeit des Uner⸗ fahrnen werden Sie vielleicht damit reitzen; aber bei allen Vernunftigen werden Sie ſich gewiß verächtlich machen. Hier gilt es nicht bloß um unh he zußere Würde. Der innere Adel der Seele wird durch das raffinierte Streben zu gefallen, um ſo unheilbarer verletzt, je verſteckter die Mittel ſind, deren man ſich dabei bedient. Anſpruchloſe Un⸗ befangenheit bei wahren Vorzügen kann allein dauerhaften Beifall erwerben, und neben ihm rei⸗ ne Achtung erhalten. Zeigen Sie überhaupt in Ihrem ganzen Be⸗ tragen eine edle Entſchloſſenheit, und laſſen Sie ſich immer von dem Gefühle Ihrer Beſtimmung, Ihrer Verhältniſſe und Ihrer Pflichten leiten: bemühen Sie ſich, das ganz zu ſeyn, was Sie als Mädchen, Gattinnen und Mütter ſeyn ſollen: ſo werden Sie nie gegen Ihre Würde handeln. Heil dem Weibe, das ſo an ſeiner Würde hält! Es iſt die Ehre ſeines Geſchlechtes und der Stolz der Menſchheit. Größer, als es durch Reichthum, Anſehen, Talente und ein glanzvol⸗ les Leben werden kann, iſt es durch ſein Herz. Still, heilig, und friedevoll fließt ſein Leben dahin. Sechste Rede. Weibliche Religioſitaͤt. Bmachten wir die Religion, wie ſie gewöhn⸗ lich dargeſtellt wird: dann ſcheint das weibliche Gemüth wenig Empfänglichkeit für ſie zu haben; ſie ſelbſt ſcheint wenig geeignet, im weiblichen Herzen zu wohnen, und das weibliche Leben zu bilden. Sie hat einen ernſten, männlichen Cha⸗ rakter. Sie iſt voll von Ideen, welche weder der Sinn noch der Verſtand erreicht. Sie zieht uns von allem ab, was irdiſch iſt. Ihre Gegen⸗ ſtände liegen in einer unſichtbaren Welt. Eine ſtarke Vernunft muß ſich ihrer bemächtigen; ein 127 ⸗ großes Herz muß ſie ergreifen; ein hoch ge ſtimmtes Gemüth muß ſie bewahren. Sie ver⸗ langt einen Zuſtand der Erhebung, zu welchem man nicht ohne mühſame Willensanſtrengungen ge⸗ langt. Man muß ſich losreißen vom Außerlichen, man muß über das Leben hinaus gehen, m ſich ihr mit Intereſſe hinzugeben. Des Weibes Herz hängt aber am Sichtbaren; es findet ſeine Nah— rung in dem, was in ſinnlicher Klarheit und Be⸗ ſtimmtheit vor ihm ſteht. NRicht durch die rohe Gewalt der Begierde— durch edle und ſüße Be⸗ dürfniſſe iſt es an das Irdiſche geknüpft, die man nicht zerſtören kann, ohne ihm den beſſern Theil ſeines Weſens zu nehmen. Man lobt an ihm den Sinn, der die Welt ſo reich findet, und der auch dann noch genug hat, wenn ſie weniger gibt. Wie ſoll es ſich dem in Liebe weihen, wovon es fremd angeſprochen wird? Wie kann es anders, als eine Gegend für öde und traurig halten, der das fehlt, womit es ſich innigſt befreundete? In noch auffallenderm Widerſpruche ſteht die Religion mit der eiteln, leichtfertigen und kleinli— chen Stimmung, die vielen Weibern methodiſch angebildet, von vielen freiwillig angenommen wird. Wie iſt es möglich, daß die Seele, die ſo viele Dinge zerſtreuen, ſo viele abwechſelnde Eindrücke 11 1 4 8 3 4 1 4 —— ——— beſchäftigen, zu der Ruhe und Haltung komme, welche der Ernſt der Religion fordert— daß der Geiſt, der mit Unbedeutendem überfüllt, immer von dem hingehalten iſt, was in die Augen fällt, immer auf das denkt, was ſchimmert und blen— det, für die erhabenen Gedanken und Empfindun⸗ gen, welche der Religion eigen ſind, empfänglich bleibe? Wo das Weltliche das Gemüth beſitzt: da iſt kein Raum mehr für das Göttliche; da fehlt die Kraft der Erhebung. Die umfaſſendern und ernſthaftern Geſchäfte des Mannes erhalten in ihm eine höhere Stimmung, der das Religiöſe nie ganz fremd wird, wenn auch die Sorge und die Leidenſchaft ihn davon entfernen. Aber die weichliche, tändelnde Lebensart der meiſten Wei⸗ ber rottet die Liebe zum Ewigen mit der Wurzel aus. Doch zu dieſen Verzogenen und Verbildeten gehören bei weitem nicht alle. Häufig wird uns vielmehr der religiöſe Sinn des weiblichen Ge⸗ ſchlechtes geprieſen. Sehr oft hört man, daß, in dieſen Zeiten der religiöſen Kälte und des ge⸗ meinen Weltlebens, die Frömmigkeit noch am meiſten bei den Frauen gefunden werde. In der That, wenn man bei den Erſcheinungen ſtehen bleibt, welche gewöhnlich die Religioſität bezeugen: dann muß man in dieſes Lob einſtimmen. Dringt man aber tiefer auf den Grund derſelben, er⸗ forſcht man die Natur der Empfindungen und Gemüthsbewegungen, aus welchen dieſe Erſchei⸗ nungen entſtehen: dann zeigt ſich, daß das nicht immer echte Religioſität iſt, was wohl dafür ge⸗ halten werden möchte. Bei vielen iſt die geprieſene Frömmigkeit nichts andres als religiöſe Sinnlichkeit. Ihre religiöſen Gefühle ſind ſinnliche Genüſſe, welche die Phantaſie mit religiöſen Ideen in Ver⸗ bindung geſetzt, und dadurch verfeinert hat. Es ſind die Freuden und Schmerzen der Erde, ver⸗ klärt im Lichte des Himmels, es iſt die Geſtalt ihres eignen Gemüthes, was ſie in der Religion wieder finden. Sie laſſen ſich gerne von religiö⸗ ſen Gedanken unterhalten, ſie beſuchen die der Andacht geweihten Örter, ſie nehmen Theil an den Feierlichkeiten der Religion, weil das ihr Herz in ſüße Bewegungen verſetzt. Die Innig— keit der weiblichen Empfindungen, die Lebhaftig⸗ keit und der romantiſche Schwung der weiblichen Einbildungskraft und der weibliche Hang das kör⸗ perliche zu vergeiſtigen, befreunden ſie mit den Ideen der Religion und mit den Beſchäftigungen, 9 ⸗ 5 deren Gegenſtände in der unſichtbaren Welt lie⸗ gen; nur müſſen jene Ideen ſich den Lieblings⸗ neigungen anſchmiegen, und dieſe Gegenſtände ſich gefallen laſſen, in die ſichtbare Welt hinab gezogen zu werden, und dem Herzen zu geben, was ihm gelüſtet. Die Thränen der Rührung fließen nicht der Wahrheit, ſondern dem Bilde, welches die Phantaſie daran geknüpft hat. Die Sehnſucht meint nicht das Ewige, ſondern das zeitliche Gut, aber beſſer, dauerhafter, genügen⸗ der, als es hier angetroffen wird. Im Himmel ſucht man, was die Erde nicht gibt, was aber doch von ihr ſtammt; von jenem fordert man das Geliebte wieder, was hier für immer verloren ging. Dunkle Gefühle müſſen die Stellen aus⸗ füllen, welche die klaren Begriffe leer gelaſſen haben. So geht die religiöſe Sinnlichkeit in Schwärmerei über, an welcher gewöhnlich die feinere Geſchlechtsliebe nicht geringen Antheil hat. Eine ſolche Stimmung darf man nicht Reli⸗ gion nennen. Wenn auch die weibliche Religio⸗ ſität ſich nie ganz vom Sinnlichen frei hielte: ſo muß man doch verlangen, daß ſie ihren Urſprung in dem edlern Theile der menſchlichen Natur ha— be, und daß ihr Weſen edlerer Art ſey. Sittli⸗ che Bedürfniſſe des Herzens müſſen der Religio⸗ ſität zum Grunde liegen: denn ſie ſoll das Ge⸗ müth veredeln; und von der ſittlichen Majeſtaͤt Jihrer Gegenſtände iſt die echte Religioſität vor⸗ züglich durchdrungen. Was aus der Sinnlichkeit kommt, das kann keine heilige Geſinnung im Menſchen hervorbringen. Die religiöſe Sinnlichkeit mag wohl die Em— pfindungen und Neigungen läutern; aber das Herz reinigt ſie nicht. Sie hindert ſo gar dieje⸗ nige Beſonnenheit, wodurch die Religion Selbſt⸗ erkenntniß wirkt, welche zur Beßrung unentbehr⸗ lich iſt. Sie bringt das Religibſe dem Gemüthe nahe; aber das Gemüth ſelbſt wird nicht religiös. Indeß iſt dieſe Stimmung viel ehrwürdiger und wohlthätiger, als der froſtige Weltſinn der mei⸗ ſten Frauen, der ſich nur an Irdiſchen in ſeiner Gemeinheit ergötzen kann, und von etwas Hö⸗ herm nicht einmal eine Ahnung beſitzt. Bei vielen iſt die ſcheinbare Religioſitaͤt Wirkung der weiblichen Furcht. Schen das Geheimnißvolle in den religibſen Ideen muß das weibliche Gemüth in ein Erſtaunen ſetzen, das der Furcht verwandt iſt. Was ſich nicht er⸗ gründen läßt, was ſich immer tiefer in das Dun⸗ kel zurück zieht, je mehr man es betrachtet, das erregt Beſorgniſſe, vorzüglich da, wo man ſich ſeiner Schwäche bewußt iſt. Die Bewegung wo⸗ rin die Phantaſie dadurch verſetzt wird, die Bil⸗ der, die ſie an die Vorſtellung des Unbegreiflichen knüpft, vermehren dieſe Beſorgniſſe. Das Erha⸗ bene und Unendliche, welches ſich in der Reli⸗ gion ankündigt, ſcheint alles zu vernichten, was ſich ihr gegenüber ſtellen möchte. Unterwerfung, ſorgfältiges Streben, daß nichts verſäumt werde, wodurch man mit dem Furchtbaren in gutem Ver⸗ nehmen bleibt, ſcheint das einzige Mittel zu ſeyn, ſich ſicher zu ſtellen. Überdem lehrt die Religion ein höchſtes Weſen, in deſſen Hand alles Sterb⸗ liche iſt, von welchem wir in jeder Hinſicht ab⸗ hangen, von welchem Leiden und Freuden über uns verhängt werden; ſie lehrt eine Ewigkeit, welche die Geſinnungen und Thaten der Men— ſchen richtet, und jedem ſein Schickſal beſtimmt. Solche Lehren müſſen auf das weiche, zaghafte Gemüth des Weibes tiefen Eindruck machen. Aber dieſer Eindruck iſt wie jeder andre, den die Furcht hervor bringt; er kann nichts andres er⸗ zeugen, als Bemühungen, ſich dem Gefürchteten gefällig zu machen, wie man ſich den Gewaltigen unter den Menſchen gefällig macht. Daher die Angſtlichkeit, womit ſo viele Wei⸗ ber das Außerliche der Religion beobachten, der we⸗ Bil⸗ chen tha⸗ ſeli⸗ was Enthuſiasmus, den religiöſe Zeremonien bei ihnen finden; daher die Scheu und Spannung, welche alles, was mit der Religion zuſammenhängt, ſelbſt bei denen bewirkt, die es mit der Sittlich⸗ keit nicht ſo genau nehmen; daher die Gewiſſens⸗ ſcrupel, welche ſie ſich über kleine Verſehen dieſer Aet machen, während grobe moraliſche Ausſchwei⸗ fungen ſie nicht beunruhigen. Es iſt dieſer reli— giöſen Furchtſamkeit eigen, das Moraliſche von der Religion zu trennen, und die letztere in einen irdiſchen Dienſt Gottes zu verwandeln. Diejeni⸗ gen, welche keine Luſt haben, der Welt zu ent⸗ ſagen, bleiben doch dadurch mit dem Himmel in Verkehr, daß ſie Sünden abbüßen, und ſich um ſeine Gunſt bewerben. Leicht geſellt ſich zu der religiöſen Furcht der Aberglaube. Das verſchüchterte Gemüth ahnet überall das Spiel höherer Kräfte, und zittert vor ihrer Macht. Die einmal angeregte Phan⸗ taſie unterläßt nicht, überall Bilder des Schre⸗ ckens aufzutreiben, und das Ungewöhnliche zum übernatürlichen zu ſteigern. Dies gelingt ihr um ſo beſſer; je mehr die Seele durch Jugendeindrü⸗ cke und falſche Religionsbegriffe darauf vorbereitet iſt. Hier iſt es, wo die religiöſe Furcht häufig in Bigotterie uͤbergeht. In der Bigotterie iſt 1 —— ——— — — — ——— ꝗͦ—=— — das Religiöſe Affect geworden; es hat ſich mit rohen ſinnlichen Begierden gepaart, und dadurch die Heftigkeit erzeugt, die ſich bei den äußerlichen übungen der Religion an den Tag legt. Alles Edle und Freundliche, alles, was zum weſentli⸗ chen Charakter der Religion gehört, iſt aus ihr verſchwunden. Sie verfinſtert das Leben; ſie be⸗ fördert feindſelige Leidenſchaften; ſie macht das Gemüth bitter; ſie erſtickt den Frohſinn, und en— det nicht ſelten mit Geiſteszerrüttung. Vorzüglich häufig finden ſich jene Erſcheinun⸗ gen der Furchtſamkeit an denjenigen Frauen, wel⸗ che der Welt ohne Beſchränkung gelebt— und nun bei ihr ausgedient haben. Wenn die Sinn⸗ lichkeit ihren Reitz, die Eitelkeit ihren Stachel verloren hat, wenn die Gluth der Leidenſchaft ausgelöſcht iſt, und das rege Bedürfniß vergebens nach Befriedigung ſchmachtet: dann iſt die Ein⸗ bildungskraft noch lebhaft genug, das Herz mit furchtbaren Erinnerungen hinzuhalten, und dem Gedanken an das Höhere und Künftige eine er⸗ ſchütternde Stärke zu geben. Dann erwacht das Bewußtſeyn gehäufter Schuld, eines verſchwende⸗ ten Lebens und der erhabenen Verbindungen, aus welchen man getreten iſt. Das entkräftete Ge⸗ müth iſt nicht mehr im Stande, der Allgewalt ſolcher Erinnerungen zu widerſtehen, und begie⸗ rig wird jedes Mittel ergriffen, das der Wahn Jerdacht hat, den erzürnten Himmel zu verſöhnen. Nicht ſelten dient die Bigotterie denen, die im übermaße des Weltlebens ſtumpf geworden ſind, zum Zeitvertreibe. Das ſinnliche Leben iſt für dieſe Weiber erſtorben; darum ſtreben ſie, das überſinnliche in daſſelbe hinabzuziehen. Unter den Gegenſtanden, die ſie ſonſt erfreuten, ſuchen ſie vergebens nach Unterhaltung; darum nehmen ſie ihre Zuflucht zu ſolchen, die nie aufhören, das Gemüth zu ſpannen, und jede noch reitzbare Seite deſſelben berühren. Endlich wird auch von vielen Frauen die Beſchäftigung mit religiöſen Dingen deßwegen gewählt, weil die Welt ſie ſonſt hat leer ausge⸗ hen laſſen. Es iſt ihnen nicht gelungen, derſel⸗ ben ein Intereſſe abzugewinnen, das ihr Herz hätte ausfüllen können, und ein gebildeter Geiſt hat ſie nicht ſchadlos gehalten; oder ihre Wün⸗ ſche und Anſprüche ſind immer abgewieſen wor⸗ den, ſie haben überall Kränkungen erfahren. In dieſem Unmuthe wenden ſie ſich an die höhere. Aber der Glaube und die Liebe kehren nicht ein in das verſtimmte Herz. Die meiſten unter ih⸗ nen lernen nur bethen, ſingen, läſtern und haſ⸗ ⸗ ſen. Zahlreich ſind unter ihnen die, welche, aus eigner Schuld, in der Liebe unglücklich waren. Es iſt am Tage, daß wir allen dieſen die wahre Religioſität abſprechen müſſen— vielen ſo⸗ gar bis auf die Empfänglichkeit dafür. Die wah⸗ re Religioſität will auf etwas Beßres, als auf Furcht und geiſtige Leerheit gegründet ſeyn. Nur eine reiche und unbefangene Seele iſt ihrer fähig. Furcht kann wohl das Gemüth erſchüttern, aber nicht heiligen. Das Verlangen müßige Stunden auszufüllen, kann wohl ein Spiel mit religiöſen Formen herbei führen; aber nicht mit dem hohen Geiſte der Religion ſo befreunden, daß er Ver⸗ ſtand und Herz durchdringe. Die echte Religio⸗ ſität ſoll die Sittlichkeit befördern; die Bigotte⸗ rie aber arbeitet ihr entgegen. So häufig ſich indeß ſolche Erſcheinungen, wie die eben angeführten, beim weiblichen Ge⸗ ſchlechte für Religioſität ausbiethen: ſo fehlt es doch nicht an würdigern. Um dieſen ihr Recht und ihre Ehre widerfahren zu laſſen: dürfen wir nicht vergeſſen, daß auch die Religioſität ſich in der weiblichen Natur anders als in der männli⸗ chen ausdrückt; wir muſſen das Eigenthümliche, Nn⸗ welches ſie vom weiblichen Charakter annimmt, unterſcheiden. Vielleicht löst ſich auf dieſem We⸗ ge der Widerſpruch, der ſich uns vorhin zwiſchen dem Weſen der Religion und dem weiblichen Sinne darſtellte. Der Hauptſache nach iſt freilich Religioſität in beiden Naturen daſſelbe— das Band, welches beide Naturen im Höchſten und Herrlichſten zu⸗ ſammenknupft. Sie iſt Glaube an das Überirdiſche, Ewige, dem alles Irdiſche und Zeitliche unterworfen iſt, und in welchem alles Irdiſche und Zeitliche Hal⸗ tung, Ruhe und Befriedigung findet— verbunden mit den Gefühlen, Geſinnun⸗ gen und Antrieben, welche ein ſolcher Glaube hervorbringen muß. Sie iſt Verehrung und Liebe, Vertrauen und Ergebung. Betrachten wir indeß die Religion als etwas für ſich, worauf ſich der Glaube und die Geſin⸗ nungen beziehen: ſo entdecken wir an derſelben bald zwei verſchiedene Seiten: eine ernſte und eine erfreuliche. Dies entſpricht der Verſchie⸗ denheit des männlichen und des weiblichen Cha⸗ rakters; doch nicht ſo, als ob die Eine Seite ausſchließend für das Eine— die andre aus⸗ ⸗5N ſchließend fuͤr das andre Geſchlecht ſey. Nie darf es der Religioſität an allem Ernſte— nie darf es ihr auch an allem Wohlt huendem fehlen. Nur ſoll vom Manne mehr die ernſte, vom Weibe mehr die erfreuliche Seite aufgefaßt werden. Ihren Ernſt kündigt die Religion an durch die Erhabenheit ihrer Ideen, durch die Heiligkeit ihrer Gegenſtände, durch die Größe ihrer Forde⸗ rungen und durch die Gewalt, die ſie am Willen des Menſchen übt. Er wird da vorzüglich em⸗ pfunden, wo ſie in ihrer reinen Majeſtät, abge⸗ ſondert vom Leben und von den ſanftern Em⸗ pfindungen erſcheint, wo die Sinnlichkeit lihr mächtige Begierden entgegen ſetzt, wo der Wille mit ihr im Widerſpruche ſteht, und ſie ſich im Kampfe mit demſelben behaupten muß. So iſt es in der Natur des Mannes. Ihre erfreuliche Milde kündigt die Re⸗ ligion an durch ihren Einfluß auf das Herz und Leben, durch ihre leiſen Umgeſtaltungen, durch ihre freundliche Weisheit, durch ihren erquicken⸗ den Troſt. Sie wird da vorzüglich empfunden, wo die Religion ſich gleich dem Gemüthe an⸗ dringt, wo ſie viele ſanftere Neigungen in ſich aufnehmen kann, wo ſie mehr zu bilden, als zu bekämpfen findet, wo ſie ſtilles Dulden und frohe Pflichterfuͤllung lehrt. So iſt es in der Natur V des Weibes. Der Mann beſitzt die Religion ge⸗ wöhnlich als etwas von allem, was nicht ſie ſelbſt iſt, Geſchiedenesz ſie offenbart ſich ihm mehr in ihrem überirdiſchen Charakter; wo ſie ihn beſchäftigt, da fühlt er ſich über das Ir⸗ diſche und Vergängliche hinaus gerückt. Darin iſt zwar das Würdige, aber auch das Einſeitige nicht zu verkennen; das ganze Weſen wird da ſelten ausgefüllt. Von der„Religion ergriffen⸗ lebt der Mann nicht nur in einer andern Gegend als ſonſt, er iſt auch ein andrer Menſch. Das macht ihn der religiöſen Begeiſterung fähig. Zu ſolcher Höhe erhebt ſich das Weib nicht; das Überirdiſche wird ihm nur in ſeinem Zuſammenhange mit dem Irdiſchen ver⸗ nehmbar. Es kennt keine reine Geiſterwelt; aber wohl ein Reich des Lichtes, in welchem das Körperliche ſich verklärt. Es kann ſich nichts an⸗ eignen, als mit ſeinem ganzen Gemüthe und in Beziehung auf alle ſeine Angelegenheiten. In⸗ dem es Gott und die Zukunft denkt, denkt es zu⸗ gleich ſich ſelbſt, ſeine Verhältniſſe und ſeine Wünſche. Es zieht das Überirdiſche zu ſich her— ab, damit es ſich mit ihm befreunden könne; ſo wird es ihm ein veredeltes Menſchliches. Im ſinn⸗ lichen Bilde, als Ideale für das Leben, treten die erhabenen Gedanken der Religion vor es hin, zu göttlichen Weſen, die dem Herzen Vertraute werden können, geſtaltet fich ihm das Unbegriffe⸗ ne, Namenloſe aus. Für religiöſe Begeiſterung hat das Weib ſelten Empfänglichkeit; deſto mehr für fromme Wärme. Dem Manne kann deßwegen auch die Religion Gegenſtand der Betrach⸗ tung werden. Die gedankenvolle Beſchäfti⸗ gung mit ihr veredelt ſeinen Geiſt. Aus dem Nachdenken entwickelt ſich ſeine Religioſität, und vom Nachdenken empfängt ſie fortdauernd Nah⸗ rung. In ihm können Zweifel entſtehen; und dann ſoll er ſie löſen. Es können ihm nähere Beſtimmungen ſeiner Begriffe zum Bedürfniß werden; und dieſes Bedürfniß ſoll er nicht unbe⸗ friedigt abweiſen. Wäre die Befriedigung un⸗ möglich: ſo muß er ſich über dieſe Unmöglichkeit ſelbſt Rechenſchaft geben. Kann er nicht alle Ge⸗ heimniſſe der Religion aufklären: ſo muß er ſie doch bis dahin verfolgen, wo das undurchdringli⸗ che Dunkel anhebt. Für das Weib iſt die Religion nicht Sache des Verſtandes. Das eigentliche Nachdenken über ihre erhabenen Gegenſtaͤnde, das die Natur derſelben ergründen ſoll, iſt ſeinem Herzen zu fremd, und liegt zu weit aus der Sphäre ſeiner natürlichen Wirkſam⸗ keit, es iſt ein zu kaltes Geſchäft, als daß es Intereſſe haben und nützlich werden könnte. Wenn man von dem Weibe religiöſe Aufklärung verlangt: ſo bezieht ſich dieſe Forderung auf den Zuſammenhang der Religion mit dem Leben, auf dasjenige, wodurch ſie zur Beruhigung, zum Gutſeyn und zum Rechthandeln belehrend und ſtärkend wirkt. Das Übrige werde von ihm als Geheimniß verehrt. Dagegen ſey die Reli⸗ gion des Weibes mehr Sache des Her⸗ zens, der Empfindung und der Stim⸗ mung. An ihr entwickele ſich der Reichthum ſei— ner edlern Gefühle. Immerhin mag die Phan⸗ taſie daran Theil nehmen; wenn es nicht in gro⸗ ben Verſinnlichungen geſchieht; wenn ſie nicht un⸗ reine Begierden in das miſcht, was ſoits im Ge⸗ müthe am meiſten rein gehalten werden ſollte. Aus der weiblichen Religioſität ſollen nicht alle ſinnlichen Gefühle verbannt ſeyn. Das Sinnliche gehört ja mit zur menſchlichen Natur, und iſt an ſich nicht ſchlecht. Die Religion ſoll ja Eintracht ſtiften zwiſchen dem Sinnlichen und dem Höhern. Nur erſcheine das Sinnliche in ihr geläutert und 00 hinaufgebildet, in ſeinen edelſten Regungen, dem Moraliſchen ganz untergeordnet und von allem ab⸗ geſondert, was ſich mit der Heiligkeit des Reli⸗ gioͤſen nicht verträgt. Hier offenbart ſich die unendliche Mannich⸗ faltigkeit des religiöſen Lebens unter dem weibli⸗ chen Geſchlechte, wodurch die weiblichen Charak⸗ tere der beſſern Art ſo intereſſant werden. Wenn die Religion in jedem Menſchen überhaupt eine beſondere Geſtalt gewinnen ſoll: ſo muß ſie das noch viel mehr im Weibe, in welchem ſie ſo ge⸗ nau mit dem verwebt iſt, woran die Mannigfal⸗ tigkeit des Lebens hängt, mit der Richtung der Phantaſie, mit den Gefühlen und Stimmungen des Herzens, und dadurch mit allen früͤhern Er⸗ fahrungen, mit allen Lebensſchickſalen, mit allen Verbindungen und mit allen Eindrücken, die man je von Welt und Menſchen empfangen hat. Man kann es ſajar als eine Probe für die Wahrheit des religiböſen Lebens beim Weibe anſehen: ob es ſich ein eigenthümliches Verhältniß zu Gott und zum Himmel bildete, und ob der Gedanke an Gott und den Himmel Empfindungen und Bewe⸗ gungen hervor bringt, die ſich nicht ausſprechen laſſen. Der Antheil, den etwa eine feinere 143 4o Schwärmerei oder ein edlerer Myſticismus daran hat, darf nicht zum Tadel gereichen. Das Eigenthümliche, welches der weiblichen Religioſität in jedem Gemüthe bleiben muß, tritt der religiöſen Mittheilung nicht in den Weg. Niemand ſoll ſich dem andern nachbilden wollen, was nur zur Künſtlichkeit und Heuchelei führen könnte; aber das Eine Gemüth ſoll das andre be⸗ reichern und erwärmen, damit Vielſeitigkeit und Fülle gefördert, und das Leben imwer mehr er⸗ kannt werde in ſeinem Gehalte und in ſeiner Tiefe.*) Was nun die eigentlichen Geſinnungen der Religion betrifft: ſo muß in der Reli⸗ gioſität des Mannes mehr die Vereh⸗ rung— in der Religioſität des Weibes mehr das Vertrauen und die Ergebung herrſchend ſeyn. Die erſte bezieht ſich auf das Große und Unendliche der Religion. Es iſt die Betrachtung der Majeſtät Gottes und der gränzenloſen vergeltenden und vollendenden Zu⸗ kunft, was das Gemüth zur Verehrung ſtimmt. Dieſe findet ſich nur da vollkommen, wo das We⸗ » Göthe'’s Bekenntniſſe einer ſchönen Seele ſind ein ſchönes, le⸗ benvolles und wahres Gemählde ſolcher eigenthümlichen Frömmigkeit— ein treffliches Erbauungsbuch für Frauen, in dem oben angegebenen Sinne. ——— —.— — 8 — — — ſen der Religion an ſich gefaßt worden iſt. Ver⸗ trauen und Ergebung entſtehen dagegen, wo die Beziehung der Religion auf das Herz und Leben im Auge gehalten wird. Wenn das Weib nicht mit dem tiefen Gefühle des Mannes anbethet: ſo hat es deſto mehr Innigkeit im Glauben und Hoffen, deſto mehr freudige Bereitwilligkeit, ſich der Füͤhrung der ewigen Weisheit und Güte zu überlaſſen, den Ausgang ſeines Schickſales abzu⸗ warten, und ſeine Wünſche dem Rathe der Vor⸗ ſehung zu unterwerfen. Der religiöſe Sinn des Mannes iſt mehr auf die großen Ereigniſſe der Welt, auf die Erſchütterungen und Umwälzun⸗ gen derſelben im Ganzen— der religiöſe Sinn des Weibes mehr auf die Veränderungen im eig⸗ nen und im häuslichen Leben, auf die Erfahrun⸗ gen einzelner Menſchen und die Schickſale derer, die es liebt, gerichtet, um darin die Wege der Vorſehung wahrzunehmen. Den Mann ergreift mehr das Gewaltige; das Weib wird mehr be⸗ wegt von dem, worin die ſtille ſanfte Leitung ſich zu erkennen gibt. So iſt es den Bedürfniſſen beider angemeſſen. Den Mann ſoll die Religion kräftigen in ſich ſelbſt; in ihr ſollen ſich ſeine Selbſtſtändigkeit, ſein Muth und ſein Selbſtver⸗ trauen befeſtigen. Das Weib erwartet von ihr de himmliſche Stärkung für der Erde Laſten; es muß ſich an etwas Fremdes halten können, und der Zukunft gewiß ſeyn, damit es getroſt durch das Leben gehe. Indeß darf doch die Verehrung nicht ganz von der Religiodſität des Weibes ausgeſchloſſen werden. Die eigentliche religiöſe Furcht kennt nur das ſinnliche Weib. Aber die Ehrfurcht darf da nicht fehlen, wo echte Religioſität iſt. Sie muß dieſer ihre Hoheit und Würde erhalten; an ihr muß ſich vorzüglich der Antheil, den die Sittlichkeit an der Religioſität hat, und hinwie⸗ derum der Einfluß, den man ſich von dieſer auf jene verſprechen darf, bewähren. Diejenige Ver⸗ ehrung, die ſich als Anbethung äußert, iſt ebenfalls der weiblichen Natur angemeſſen; aber auf beſondere Weiſe. In ihr iſt der Sinn des Mannes mehr auswärts gekehrt, der Sinn des Weibes mehr auf ſich ſelbſt zurück gelenkt. Der Mann blickt gen Himmel, das Weib auf das ei⸗ gene Leben zurück. Dort iſt das Gefühl des Großen im Gedanken Gottes— hier das Gefühl der eignen Schwäche hervorſpringend. Daher ſich die Anbethung des Mannes mehr als Erhebung des Herzens zu Gott— die Anbethung des 10 — —-——— —— 246 Weibes mehr als Demüthigung vor Gott, die zur bleibenden demuthsvollen Geſinnung wird, an den Tag legt. Wenn die religiböſe Demuth des Weibes eine gewiſſe Zuruckziehung des Gemüthes, Fremdheit zwiſchen ihm und Gott verurſachen könnte: ſo iſt eine andre Eigenthümlichkeit der weiblichen Reli⸗ gioſität mehr als hinlänglich, dieſer Wirkung das Gleichgewicht zu halten; das iſt die Gewalt der Liebe in der Religioſität des Wei⸗ bes. Durch ſie tritt das Herz mit Gott in eine weit innigere Gemeinſchaft, als in der Erhebung des Herzens. Die natürliche Diſpoſition zur Liebe iſt im Weibe ſtärker und edler als im Manne; darum kann ſie reiner und kräftiger in das reli⸗ giöſe Leben übergehen. Auch iſt das Religiöſe dem weiblichen Herzen mehr verwandt. Dem Manne ſteht die Religion oft gegenüber, mit der Verurtheilung ſeiner Leidenſchaften, ſeiner An⸗ ſchläge und ſeines wilden Sinnes im Munde. Sie fordert ihn auf, gegen ſich ſelbſt zu kämpfen; ſie verſtärkt den Zwang der Pflicht. Das beß⸗ re Weib hat ſich nie ganz von ihr entfernt. Sie ſucht es daher von ſeinen Verirrungen zurück zu bringen, und an ſeinen eignen Neigun⸗ gungen zu ſich hinüber zu ziehen. Sie verheißt ihm Vertilgung einer Schuld, die ihm ſelbſt ſchon ſo drückend wurde. Sie will nur Beſitz nehmen don dem Herzen, worin noch ſſo vieles iſt, das ihr entgegen kommt. Endlich iſt in der weiblichen Seele mehr Empfänglichkeit für die ſanften und freundlichen Vorſtellungen der Religion. Das Finſtre in der Religioſität des Weibes rührt ent⸗ weder von einem kranken Herzen, oder von ſehr trauriger Verbildung her, und macht immer die Reinheit derſelben verdächtig. Das in ſeiner Frömmigkeit gute Weib denkt ſich Gott am lieb⸗ ſten als Vater; es iſt am meiſten aufmerkſam auf ſeine Wohlthaten; es verweilt am häufigſten bei denjenigen Erſcheinungen, die durch ihre Schön⸗ heit und Luſt an Gott erinnern; es weiß diejeni⸗ gen Verhältniſſe, die ihm die meiſte Wonne ge⸗ ben, glücklich an ſeine Religioſität zu knüpfen. Freude, Bedürfniß und Dank vereinigen ſich in ihm zur Liebe. Und wie könnte die Liebe da fern ſeyn, wo Vertrauen und Ergebung ſind? Dieſe Liebe iſt in der Anbethung des Wei⸗ bes der Demuth zugeſellt. Die ehrerbiethigen Schauer, die ſeine Andacht durchdringen, hindern nicht mehr den warmen Erguß des Herzens. Mag das ewige Geheimniß Erſtaunen erwecken: mäch⸗ tiger iſt doch die ſüße Gewalt, die das Herz zum höchſten und beſten Freunde des Lebens und zu einer ſchönern Welt hinzieht. So empfängt die Religioſität des Weibes jene freundliche Geſtalt, worin der fremde Geiſt, wie ein wohl bekannter, lehrt, warnt und tröſtet. Aus dem bisher Geſagten iſt leicht einzuſe⸗ hen, wie Innigkeit, Einfalt, kindlicher und froher Sinn die Frömmigkeit des Wei⸗ bes vorzüglich unterſcheiden müſſen. Wie ſollte nicht Innigkeit in dem ſeyn, was mit den zarteſten und lebendigſten Empfin⸗ dungen gefaßt, und tief in das Gemüth nieder⸗ gelegt iſt, was ſich ſo genau an das Leben an⸗ ſchließt? Wie könnte die Einfalt fehlen, wo das Herz glaubig ſich hingibt, wo das künſtliche Wiſe. ſen, das mühſame Forſchen und der Zweifel ent⸗ fernt ſind, wo kein Räthſel gelöst, keine Ver⸗ wickelung geſchlichtet, wo nur das aufgenommen werden ſoll, was den reinen Sinn für Wahrheit, das Bedürfniß des Beſſern und die Sehnſucht nach dem Höchſten befriedigt? In Einfalt des Herzens Gott verehren, und ſo dulden das Un⸗ gemach, üben das Gute: das iſt des Weibes Frömmigkeit. Wo Demuth und Liebe ſich vereinigen, da iſt auch kindlicher Sinn, kindliche Scheu, kindliches Zutrauen, kindliche Freude. Nichts Geſpanntes, Peinliches und Fremdes bleibt da mehr übrig— alles wird heiter und herzlich. Wohl kann zuweilen der Schmerz der Reue oder eine Stunde der Lauigkeit einige Verſtimmung erzeugen. Aber im Streben der Beßrung, in der wiederkehrenden Wärme, im Bewußtſeyn der ewigen Liebe, in der andächtigen Betrachtung deſſen, was auf Erden, am Himmel und in der eignen Bruſt von ihr zeugt, findet die Seele ih⸗ re Verſöhnung; ihr Friede kehrt ſchöner zuruͤck. In den erhabenſten und gluͤcklichſten Verhältniſ⸗ fen, wo jeder Streit geſchlichtet iſt, muß das Herz froh ſeyn— froh des Beſitzes ſeiner ſelbſt, froh ſeiner Verbindung mit Menſchen, froh alles Schönen und Guten, das ſich ihm anbiethet, froher noch des Unſichtbaren, woran es glaubt, und worauf ſeine Hoffnung gerichtet iſt. Wo die weibliche Frömmigkeit einmal Platz genommen, und ſich des Herzens verſichert hat; —— — 150 da außert ſie ſich mehr im Ganzen des Lebens, als hervorſpringend in einzelnen Momenten. Dem frommen Weibe ſind die Gefühle gewöhnlich, welche ſich auf Gott und den Himmel beziehen, — wenn gleich nicht immer mit gleicher Lebhaf— tigkeit. Was eine religiöſe Anſicht zuläßt, das ſpricht auch ſeinen religiöbſen Sinn an. Die Ein— drücke, die es empfängt, werden ſchöner und rüh⸗ render, indem es ihre religiöſe Bedeutung wahr⸗ nimmt, indem ſie mit dem Reichthum ſeines in⸗ nerlichen religiöſen Lebens in Verbindung treten. Sein Leiden, wie ſein Thun, iſt ein ſtilles Le— ben mit Gott. Das Bewußtſeyn Gottes heiligt den Gedanken, den Genuß, den Wunſch und das Beſtreben. Sorgfältig wird verhüthet, daß die Gemeinſchaft der Welt nicht ſtöre oder trübe die Gemeinſchaft mit Gott. Aus dem religiöſen Ge⸗ ſichtspunkte wird alles beurtheilt, mit religiöſer Die V Reinheit und Liebe alles behandelt. Die Ver⸗ ehrung Gottes iſt beſtändige Demuth— das Vertrauen auf Gott beſtändige Getroſtheit— die Liebe Gottes beſtändige Freudigkeit des Recht⸗ thuns. Viel von Religion zu ſprechen, iſt dem from⸗ men Weibe nicht eigen. Ohne daß das Herz dringt, kann es nicht von ihr ſprechen; weil ſie ihm ni viel zu von Gefü auch das it ihm nicht Sache des Verſtandes iſt. Sie iſt ihm viel zu heilig, als daß es ſie leichtſinnig und oh⸗ ne Ruͤckſicht auf die Umſtände im Munde füͤhren ſollte. Aber es ſchämt ſich ihrer nimmer. Es hält ſie nicht abſichtlich geheim. Es ſtellt ſich auch unter den frivolſten Weltfrauen nie, als ob es keine Religion habe. Sie zu vertheidigen gegen vielleicht überlegenen Witz findet es ſich nicht be— rufen. Aber es duldet groß und würdevoll den Spott, der gegen ſie gerichtet iſt, wie es das Unrecht duldet, das ihm ſelbſt vom Schickſale und von Menſchen zugefügt wird. Wenn wärmere Gefühle das Gemüth bewegen, dann ſpricht es auch zu Gleichgeſtimmten, wovon es begeiſtert iſt; das Gefühl ſelbſt wird Sprache, und das Wort iſt nicht mehr zurück zu halten. In dem Leben des frommen Weibes gibt es noch manche der Religion beſonders geweihte Stunden— Stunden, wo ſeine religiöſen Ange⸗ legenheiten in höherer Klarheit vor es hintreten, und wo die Empfindung höhere Wärme gewinnt. Es iſt ihm Bedürfniß, durch Sammlung des Geiſtes und religiöſes Nachdenken ſich ſelbſt ſolche Stunden zu bereiten. Dazu dienen ihm auch die öffentlichen übungen und Feierlichkeiten der Reli⸗ gion. Hier erhebt ſich die Seele auf den Fluͤ⸗ geln der Andacht zu Gott und ſeinen beſſern Welten; hier verſchwindet ihm die Erde mit ihren kleinen Sorgen und Bemühungen; hier gewähren ihm die Ergießungen des Herzens Stärkung und Genuß. So iſt die echte Religioſität in der Seele des Weibes. In dieſer Geſtalt ſtreitet ſie nicht mit der Natur, den Fähigkeiten und Beduͤrfniſ⸗ ſen deſſelben, welche vielmehr ganz auf ſie berech⸗ net ſind. Vorzügliche Anlagen zu ſolche Fröm⸗ migkeit ſind dem Weibe verliehen. Sie ſelbſt verherrlicht und begluͤckt mehr als alles ſein Leben. Dies wird mein naächſter Vortrag ausführlicher ſuchen darzuthun. Siebente Rede. Weibliche Religioſitaͤt. Fortſetzung der vorigen Rede. Raaaiun zu haben, iſt überall die Ehre des Menſchen; denn nur durch das Höchſte und Edel⸗ ſte der menſchlichen Natur tritt man mit ihr in Gemeinſchaft. Bei einer vielſeitigen Bildung kommen zahlreiche Bedürfniſſe, Ahnungen und Beſtrebungen, die ſich nicht unterdrücken laſſen, und allein in ihr Aufklärung und Befriedigung finden, zum Vorſcheine. Und wo dieſe noch nicht fühlbar geworden ſind, da fehlt es auch der Bil⸗ dung an Gediegenheit, Reinheit oder Vollſtän⸗ —— digkeit, ſo wie da, wo man ohne Religion mit ihnen auf das Reine zu kommen hofft. Es ge⸗ hört Kraft dazu, wenn man die Ideen und Ge—⸗ fühle der Religion feſthalten, ſie in das Gemüth aufnehmen, und durch ſie das Leben veredeln will. Aberglaube und Bigotterie ſind allerdings Schwä⸗ che; von ihnen frei zu ſeyn, iſt noch kein Zeichen von Geiſtesſtärke. Dieijenigen aber verſtehen ſich eben ſo wenig auf ſich ſelbſt, als auf die Reli⸗ gion, die im Unglauben und in der Religionsver⸗ achtung Stärke der Seele an den Tag zu legen glauben. Die kleinſten Seelen, die unwiſſend⸗ ſten— nicht ſelten auch die abergläubigſten Men⸗ ſchen ſind Verächter der Religion geweſen. Die wahrhaft großen Menſchen haben immer Religion gehabt, wenn nicht Mißverſtändniß oder Leiden⸗ ſchaft ſie von ihr entfernte. Wie ſollte nicht auch das den Menſchen ehren, was ihn über ſich ſelbſt erhebt, was ihm die Schranken ſeines irdiſchen Daſeyns öffnet und ihm die Unendlichkeit hingibt — was ihn fähig macht, ſich zu behaupten in ſeiner Größe und aus allen Stürmen unbeſchä⸗ digt hervor zu gehen? Des Weibes Ehre iſt Religioſität ganz vorzüglich. Sie iſt der Beweis, daß das Heilige in ihm unverletzt geblieben, daß alle wahren Vorzüge ſeiner Natur zu einer ſchönen Entwickelung gekommen, daß es ſein menſchliches Daſeyn, in der hohen Bedeutung deſſelben, be⸗ griffen hat, und zu ſchätzen weiß, daß es ſich für die Alltäglichkeiten eines froſtigen Weltſinnes zu gut hält, und den Muth beſitzt, nach dem höch⸗— ſten Adel des Lebens zu ſtreben. In dieſer Welt des Wechſels und der Flüchtigkeit kann das Weib nie etwas Feſtes gewinnen— nie etwas, das ihm Haltung gebe und Vollendung in ſich ſelbſt, wenn es nicht über derſelben etwas glaubt und verehrt, woher ihm Kraft und Einigkeit komme. Die Religioſität wirkt im weiblichen Geml⸗ the die Tiefe, die uns immer anzieht, und die Wärme, die immer unſer Herz gewinnt, und die Fülle, die immer geben kann Lehre, Liebe und und Freude. Das gebildeteſte Weib, in dem nichts Religiöſes iſt, behält eine gewiſſe Flach⸗ heit, in welcher es nicht lange intereſſant ſeyn kann. Der Mangel an Religion läßt eine Lücke in ſeinem Herzen, die es nur durch gemeine Din⸗ ge auszufüllen vermag. An dieſe hangen ſich ſei— ne lebhaftern Gefühle; und je ſchöner dieſelben an ſich ſind, deſto widriger werden ſie in ſolcher Begleitung. Daher das Triviale und der Klei⸗ nigkeitsgeiſt, womit ſo vieles von irreligiöſen Frauen getrieben wird, was wohl einer wuürde⸗ vollern Behandlung fähig wäre. Die Herzlich⸗ keit fehlt. Die bloße, oft bedeutungsloſe, Sit⸗ te tritt an ihre Stelle, und die Kälte wird im— mer ſchneidender, die Leerheit immer drückender. Das Geiſtreiche, ſelbſt im Weltleben, kann nur von denen empfunden und geübt werden, die ein religiöbſes Gemüth haben. Die Religioſität des Weibes gibt ihm die Hoheit der Seele, die ſich in ſeinem Außern, ohne die Anmuth zu verletzen, als Würde aus⸗ drückt, und überall Achtung einflößt. Dem reli⸗ giöſen Weibe ſieht man es an, daß es mehr iſt, als die Erſcheinung zeigt. Was iſt herzerheben⸗ der und ehrfurchtgebiethender, als das andacht⸗ volle Weib in den Thränen der Rührung, oder mit dem freudetrunkenen gen Himmel gerichteten Blicke, oder mit dem niedergeſenkten Blicke der Demuth— was herzerhebender und ehrfurchtge⸗ biethender, als das Weib handelnd in der Stär⸗ ke des Glaubens und der Liebe? Wie kann ſchon die ſtille Unterhaltung mit Gott es verklären! Und dann, wer fühlt nicht eine gewiſſe Scheu bei dem frommen und zugleich frohen Ernſte, der in dem täglichen Leben des religiöſen Weibes iſt? Ein Weib aber, welches Unglauben affectirt, mit religiöſen Zweifeln, oder gar mit Gering⸗ ſchätzung der Religion Gepränge treibt, iſt noch widriger, als der weibliche Soldat, der durch Rohheit, Ungeſtüm und plumpe Anmaßung zu glänzen vermeint. Je mehr ſolche von der echten Religioſität entblößt ſind: deſto hartnäckiger be⸗ hauptet ſich die religiöſe Furcht und der Aber⸗ glaube hinter dem Scheine der Verachtung. Nichts vermag das Herz ſo wirkſam zu beruhigen im Ungemache, nichts ſei⸗ nen Kummer ſo zu mildern, die Befürch⸗ tung ſo zu zerſtreuen, und über die un⸗ freundliche Lage ein ſo ſanftes Licht zu verbreiten, als die Lehre und der Sinn der Religion. Ihre Lehre biethet dem Geiſte erheiternde Vorſtellungen, ſie verſichert ihm die ſtärkende Nähe eines allmächtigen und liebevollen Weſens, einen wohlthätigen Zweck des Leidens und eine glückliche Zukunft. Ihr Sinn nimmt dem Schmerze ſeinen Stachel, gibt der Seele ei— ne Stille und Feſtigkeit, wobei die Faſſung auch unter heftigen Erſchütterungen nicht leicht verlo⸗ ren geht; er macht fähig und geneigt, an allem die beßre Seite zu ſehen, woran es dem Un—- glücklichen gewöhnlich fehlt. Die Religion reicht 2 158 dem Gebeugten das, woran allein er ſich aufrich⸗ ten kann. Gelaſſenheit und ruhiges Warten ſind die Frucht echter Religioſität, die das Gemüth durchdrungen hat. Wie köſtlich muß ſie dadurch dem Weibe werden, das ſo viele Beſchwerden zu ertragen hat, das oft ſo anhaltend von Leiden verfolgt wird, dem ſo viele Dinge Kummer verurſachen können. Am Körper und an der Seele wird das Weib mehr angegriffen als der Mann; an beiden hat es Schmerzen zu erdulden, wovon wir, bei unfſe⸗ rer ſtärkern Natur, uns keinen Begriff machen können. Seine Anhänglichkeit an tauſend Din⸗ ge, die jeden Augenblick eingebüßt werden können, iſt wärmer und zärtlicher. Es wird ihm ſchwerer von dem zu laſſen, was dem Herzen, wenn auch nur durch Gewöhnung, lieb geworden iſt. In das weiche Herz drückt ſich alles tiefer ein, vor⸗ züglich, was es verwundet. Wo ſoll das Weib Troſt und Hülfe finden unter den bittern Erfah⸗ rungen des häuslichen Lebens, an der Seite ei⸗ nes rohen, despotiſchen oder ausſchweifenden Mannes, unter Familienleiden und Familienſor⸗ gen, am Krankenbette geliebter Kinder, und bei der Trennung von denen, die ſein ganzes Glück ſind? Zwar ward ihm in der Einrichtung ſeiner Natur Theil. riſſe Wei Wer Nelig Angeſe — chung ſeiner ner E unbef Wie thört Natur eine größere Fähigkeit zum Dulden zu Theil. Aber dieſe kann doch nur dann recht wir⸗ ken, wenn ſie ſich zum religiöſen Glauben und Hoffen erhebt, wenn ſich zu ihr die überzeugung geſellt: alles werde noch einmal einen fröhlichen Ausgang gewinnen, der Himmel werde erſetzen, was die Erde genommen hat, mit Entzücken wer⸗ de einſt ſich wieder finden, was hier einander ent⸗ riſſen wurde. Die herrliche Stärke, die das Weib im Dulden zeigt, iſt größten Theils das Werk der Religion— und die Verklärung der Religioſität iſt es, wenn im Kummer des Weibes Angeſicht ſchöner wird. üÜberall iſt das Weib großen Verſu⸗ chungen ausgeſetzt— umgeben von Feinden ſeiner Tugend und ſeiner Ruhe, die ihm in ſei— ner Schwachheit ſehr gefährlich werden, denen es unbeſonnen vertraut, weil es ſie nicht kennt. Wie leicht iſt der Sinn geblendet, das Herz be⸗ thört, der Verſtand beſtochen, und ſeine Gut⸗ müthigkeit zu ſeinem Verderben benutzt; wenn es nicht von einem religiöſen Gemüthe behüthet wird! Wie bald hat die Eitelkeit es überliſtet, die unſchuldige Fröhlichkeit es auf die Wege der Schuld gelockt,— wie bald hat der Leichtſinn ſich ſeiner bemächtigt, und es um ſein Glück be⸗ — —jy—ͤ ———— — 160 trogen, wenn ihm nicht die Erinnerung an den allgegenwärtigen Zeugen ſeines Lebens immer na⸗ he bleibt! Wie oft empfängt es ſchädliche Ein⸗ drücke, wie oft entſtehen in ihm Empfindungen und Wünſche, die es zu großen Fehltritten ver⸗ leiten, wenn dieſe Erinnerung ihm nicht eine be⸗ ſtändige Aufmerkſamkeit einflößt! Wie oft iſt es in Gefahr, ſein edelſtes Kleinod unachtſam zu verſcherzen, und den Frieden ſeines Gewiſſens zu zerſtören, wenn das Bild der Ewigkeit nicht war⸗ nend und kräftigend vor ihm ſteht! Armes Weib was ſoll dich warnen, wo dir von allen Seiten Fallſtricke gelegt ſind, was deine wankende Tugend befeſtigen, was dich in den Stunden ſchwerer Prüfung deinen Vorſätzen treu erhalten, was dich in deiner Unbefangenheit weiſe machen, was dich aufrichten, wo du gefallen biſt, was dich ſicher geleiten über des Lebens ſchlüpferigen Weg: wenn du keinen Gott und keine Zukunft mehr haſt? Das beſte Herz entgeht den Verderbniſſen nicht, die Welt und Verführung ihm bereiten, wenn es nicht unter dem Schutze der Religion ſteht. Wie das Gefühl fuͤr ſie erkaltet, ſinkt al⸗ les dahin, worauf des Weibes Tugend gegrün— det iſt. Das Weib kann ſich von der Religion nicht losſagen, ohne ſich von vielem andern los⸗ 161 zuſagen, woran ſeine Sittlichkeit hängt. Ge⸗ woöhnlich iſt auch ſeine Gleichgültigkeit gegen das Religiöſe Folge anderweitiger Verwüſtungen im Innern— die Verachtung deſſelben iſt es immer. Wie viel muß dagegen des Weibes Tugend durch Religioſität gewinnen! Die Pllicht fordert oft Opfer, die ſelbſt der lei⸗ denſchaftsloſen Seele ſchwer fallen, die ſelbſt die Liebe nur dann darbringt, wenn ein höheres Feuer ſie durchglüht. Und was ſoll da begeiſtern und ſtärken, wo dem natürlichen Zuge der Liebe entgegen gehandelt werden muß, wo das ſittlich Edle mit den mächtigſten Antrieben des Herzens, mit denjenigen Regungen der Weiblichkeit, in welchen dieſe ſonſt ihre höchſte Kraft hat, in Streit geräth; wenn es nicht die Religion thut? Die Religioſität des Weibes bildet ſeine Liebe, und alle Antriebe ſeines Herzens, und alle Re⸗ gungen der Weiblichkeit dahin um, daß ſie über⸗ all mit dem zuſammen treffen, was in jeder Hin⸗ ſicht das Vortrefflichſte iſt; und ſo lange ſie noch nicht ſo weit gediehen iſt, verleiht ſie die nöthi⸗ ge Stärke, dieſes jedem andern vorzuziehen. Mit bluthendem Herzen thut das religiöſe Weib doch ſeine Pflicht, gibt es auf den feurigen Wunſch, 141 —— ——— —————— verſteht es ſich zu der härteſten Verlaͤugnung, und beweist darin den einzigen Muth, der dem Weibe geſtattet iſt. Die Religioſität des Weibes reinigt und erhöht ſein Zartgefühl, daß es bald, ohne lange überlegung und ohne heftigen Kampf⸗ das Beſte übe, weil ſein Sinn ſo iſt, und es nicht anders kann. So kommt von der Religioſi⸗ tät des Weibes ſeiner Pflichterfüllung die Fertig⸗ keit, die Lauterkeit der Abſicht, die beſtändige Treue und die ſtille Freude. Durch ſie bilden ſich die ſchöne Eigenthümlichkeit deſſelben zuſam⸗ men zur Schönheit der Seele, die dann auch ſittliche Schönheit des Lebens wird. Nichts vermag dem weiblichen Leben ſolchen Reitz zu geben, als die Frömmig⸗ keit. Jeder falſche und jeder wahre Schmuck wird von ihrer ſanften Glorie weit überglänzt. Alles, was das Weib ziert, alles, wodurch es dem Herzen wohlthut in Rede und Handlung, empfängt von ſeiner Frömmigkeit das Meiſte und Beſte. Die Anmuth des Weibes iſt der Ausdruck ſolcher Gefühle, an welchen jene mehr oder weni⸗ ger Antheil hat. Und erſcheint nicht die Anmuth am rührendſten in den Schmerzen der Seele, die vom religiöſen Sinne empfunden und mit re⸗ ligiöſem Sinne geduldet werden— und in der demu die N ſpiege wie t um iſt gere und wie 163 0040,00 demuthsvollen Andacht? Wie beſeligend iſt ſchon die Nähe eines wahrhaft frommen Weibes! wie ſpiegelt ſich im Außern ſo klar das reine Innere! wie theilt ſich die Wärme des Innern ſo friſch und einfältig dem Außern mit! wie kunſtlos wahr iſt ſein Denken, wie geiſtreich, auch bei gerin⸗ gerer Bildung, ſeine Unterhaltung! wie lebendig und erquickend ſind die Worte ſeines Troſtes! wie herzlich iſt ſeine Theilnahme, wie freundlich und helfend ſein Beiſtand! Iſt es nicht, endlich, Frömmigkeit, welche dem Weibe, nächſt der Liebe, die ſüßeſten und edelſten Freuden gibt? Wie werden ſelbſt die Freuden der Liebe, und jegliche andre, durch ſie vermehrt und verſchönert! Wel⸗ che Bedeutung legt der Gedanke an Gott und ein himmliſcher Sinn in jeden Weltgenuß, welch eine Mannigfaltigkeit von erheiternden Empfin⸗ dungen, wiſſen ſie daraus zu entwickeln! Wie ganz anders erſcheint dem frommen Weibe die Natur, die Freundſchaft und der Familienkreis! Wie geht ihm alles, was die Erde Erfreuliches beut zuſammen in die Eintracht eines, Gott und dem Himmel geweihten Gemüthes! Wie reich wird ſeine Abgeſchiedenheit— wie erfüllt ſich ſei— ne Einſamkeit mit erquickenden Gedanken und Em⸗ ————— 4 —— — 16 ʃ4 0 2,,, pfindungen! Wie bedeutend wird ſein Lkben mit ſich, da es zugleich ein Leben mit Gott und der beſſern Welt iſt! Welche Genüſſe gewähren ihm die Stunden der Andacht, der Betrachtung und der religiöſen Feier! Wenig darf das fromme Weib entbehren von den Freuden der Welt— nur die rohen und die ſchlechten; und wie ſollte es nicht dieſe gerne entbehren! ſie ſind ja nicht einmal Freude. Dagegen hat es tauſend andre, von welchen die nicht einmal eine Ahnung haben, denen die Welt den Kreis der Gedanken und Ge⸗ fühle begränzt. So groß iſt der Wehrt echter Frömmigkeit für das Gemüth und das Leben des Weibes. Doch die Natur hat auch noch durch die beſondre Empfänglichkeit für Religioſität, die ſie dem Weibe mitheilte, durch mancher⸗ lei Diſpoſitionen, welche dieſelbe be⸗ günſtigen, und durch tief liegende Be⸗ dürfniſſe zu erkennen gegeben, wie ſehr es ihr Wille ſey, daß das Weib in ihr zur höchſten Trefflichkeit gebildet werde. Hierhin gehört, zuvörderſt, der feinere und lebhaftere moraliſche Sinn des Wer bes, „glößte giſe. ſich g mehr ſeyn zum führ noch hält führ men, bendi det ſ ten. Das te un nach iſt i deſto von Frei Jer da Sin das bes. In der ſittlichen Natur des Menſchen liegt größten Theils die Empfänglichkeit für das Reli⸗ giöſe. Auf das Sittliche muß die Religioſität ſich gründen, wenn ſie echt und rein, wenn ſie mehr als religiöſe Sinnlichkeit und bigotte Furcht ſeyn ſoll. Achtung und Liebe des Guten muß zum Glauben und zur Verehrung des Beſten führen. Freilich kann der moraliſche Sinn allein noch nicht die Frömmigkeit erzeugen; aber er ent⸗ hält doch die Weiſungen und Antriebe, die dahin führen. Es muß noch etwas zu ihm hinzu kom⸗ men, damit er lebendiger Glaube und endlich le⸗ bendige Geſinnung werde; aber dieſes Etwas fin⸗ det ſich, wenn nicht beſondre Hinderniſſe eintre⸗ ten. Das Weib iſt darin vorzüglich begünſtigt. Das Gefühl zeugt in ihm kräftiger für das Rech⸗ te und Gute, als der Verſtand. Je weniger es nach den Geſetzen der Tugend forſcht: deſto tiefer iſt ihr herrliches Bild ſeiner Seele eingeprägt; deſto inniger empfindet es ihre Vortrefflichkeit; von ihrer Majeſtät iſt ſein Herz durchdrungen. Freier und weniger von Mißverſtändniſſen und Jrrthümern angefochten, muß die Religioſität ſich da entfalten, wo ſie mehr die Frucht eines klaren Sinnes, als des kalten Denkens iſt, wo mehr das vollſtimmige fröhliche Leben, als die ernſte — — —— —— — —— —— —————— Vernunft— mehr das heitre Spiel aller Ge⸗ müthskräfte, als der ſtrenge Grundſatz aus ihr ſpricht. Die Würde der Tugend wird in der Re⸗ ligioſität zur ſanften Humanität gemildert. Wie ſehr kommt es dem Weibe zu Statten, daß ſich ihm jene Würde, ohne von ihrer Hoheit etwas zu verlieren, gleich in dieſem milden Lichte dar⸗ ſtellt. Aus Einſeitigkeit kann der Mann die Sittlichkeit von der Religion trennen. Nicht ſo das Weib, bei dem alles zwar beſchränkter, aber in der Beſchränktheit vielſeitiger und harmoniſcher iſt. Der moraliſche Sinn iſt hier auch religiöſer, die Tugend zugleich Frömmigkeit. Jede gute That, die das Weib, nach einem edlen Triebe des Herzens, vollbringt, wird ihm zur Ausſicht und Hoffnung— Hieroglyphe des ewigen Lebens. In jedem ſchöoönen Zuge ſeines Innern ſpiegelt ſich ihm der Himmel ab. Zu dem feinern und lebhaftern moraliſchen Sinne des Weibes geſellt ſich der Sinn für das Beßre und das Bedürfniß des Beſ⸗ fern, die nur in den Lichtgegenden, von welchen die Religion Kunde hat, Befriedigung finden. Zwar ward dem Weibe auch viel Sinn für das Wirkliche, viel Fähigkeit ſich des Vorhandenen zu- erfreuen, ſich dem, was nun einmal da iſt anzu⸗ ſchle „Einn tät de in g nicht zart gün des Mä lich frohe bolwe bring ſetn keit nügt hiſch ſieht die werd wit das me hat das ſch ⸗ ſchließen, und darin zu leben, verliehen. Jener Sinn und dieſe Fähigkeit würden der Religioſi⸗ tät des Weibes hinderlich werden, wenn ſie nicht in gewiſſe Gränzen gewieſen wären, wenn ihnen nicht manches andre entgegen arbeitete. Aber das zarte Gefühl des Weibes entdeckt, auch in der günſtigſten Lage, an dem gegenwärtigen Zuſtande des Unvollkommnen zu viel, es wird durch die Mängel dieſes Zuſtandes zu oft und zu empfind⸗ lich verletzt, als daß es ſich nicht gerne in die frohe Ahnung des Beſſern verlieren ſollte. Die beweglichere und lebhaftere Phantaſie des Weibes bringt unaufhörlich freundliche Bilder dieſes Beſ⸗ ſern hervor, und verſchönert damit die Wirklich⸗ keit, ſo daß dieſe dem Weibe oft allein darum ge⸗ nügt, weil es in ihr den Himmel ſieht, den jene geſchaffen hat. Das weiche Herz des Weibes ſieht auf Erden zu ſelten ſein Verlangen geſtillt, die Wuͤnſche eines reinen und ſanften Gemüthes werden hier zu oft abgewieſen, als daß es nicht mit Sehnſucht nach einem Lande blicken ſollte, das reicher iſt, und mehr gewähren kann. Je mehr der innere Menſch uüͤber den äußern Gewalt hat: deſto mehr fühlt man ſich gedrungen, über das Irdiſche hinauszugehen; deſto lebhafter und ſchmerzlicher wird die Nichtigkeit des Vergängli⸗ chen empfunden; deſto höher ſteigt das Intereſſe für das Unvergängliche; deſto mehr ggründet ſich die Üüberzeugung, daß man nicht für das Leben der Erſcheinung geboren ſey, daß man eine andre Heimath habe. Iſt aber nicht dieſe Gewalt des innern Menſchen als eine Eigenthümlichkeit des Weibes von uns erkannt worden? Hiermit hängt die Glaubensfähigkeit des Weibes zuſammen. Vom Glauben wollen die erhabenen Gegenſtände der Religion gefaßt ſeyn, vom Glauben wollen ſie bewahrt werden. Der Verſtand dringt nicht bis in die unſichtbare Welt. Die ſichtbare iſt das Gebieth ſeiner For⸗ ſchungen und Erklärungen; das Ewige bleibt ihm ein Geheimniß. Freilich können religiöſe Wahr⸗ heiten das Nachdenken beſchäftigen; aber nur ſo fern ſich der Glaube ihrer ſchon verſichert hat⸗ vorzüglich aber, wo ſie in das Leben hinüber rei⸗ chen— und dieſes Nachdenken iſt das Werk des höhern Vermögens, das wir Vernunft nennen, von welchem auch der Glaube kommt. Die Män⸗ ner ſind daran gewöhnt, alles mit ihrem Ver⸗ ſtande auszumitteln, alles zu ergründen, zu be⸗ greifen und zu beweiſen. Dieſe Gewohnheit iſt es, was ſie ſo oft der Religion entfremdet. Des Weibes Verſtand iſt oft mehr auf die kleinen An⸗ gelegenheiten des Lebens beſchraͤnkt. Darüber hinaus, wird es ihm nicht ſchwer zu glauben; es muß ja ſo oft. Gerne ehrt es das heilige Ge⸗ heimniß; denn es findet ja der Geheimniſſe ſo viele in ſich und um ſich her. An Geheimniſſen hängt ſeines Herzens Friede; das Geheimniß ſchwebt gedankenvoll um alle Blüthen ſeines Le⸗ bens; und vom Geheimniſſe erwartet es die Be— friedigung ſeiner Sehnſucht nach dem Beſſern. Der Zweifel liegt ganz außer der Richtung des weiblichen Geiſtes. Dem Glauben kommt das warme Gefühl des Weibes willig entgegen; das offne Herz nimmt ihn willig auf, und theilt ihm mit von dem eignen friſchen und kräftigen Leben; und ſo bildet er ſich auch bald zur Geſinnung. Dem Weibe wird faſt jeden Augen⸗ blick ſeine Schwäche und ſeine Abhäng⸗ igkeit fühlbar gemacht. Weil es ſich ſelbſt ſo wenig helfen kann, und ſo leicht überwältigt iſt; darum muß es zu fremder Hülfe ſeine Zu⸗ flucht nehmen. Weil es dieſe Hülfe auf Erden oft vergebens anſpricht; darum muß es ſie über den Sternen ſuchen. Weil es in ſeiner Schwä⸗ che immer bedroht wird; darum muß es ſich ei⸗ nem höhern Schutze und einer höhern Leitung anvertrauen. Seine Abhängigkeit nöthigt es zur 6064N Unterweefung. Wie könnte es aber einem méra⸗ liſchen Weſen zur Pflicht gemacht werden, ſich einem blinden Schickſale oder einem regelloſen Ohngefähr zu unterwerfen? Nein, ſeine Unter⸗ werfung iſt Hingebung an die heilige Macht, die immer mit Güte und mit Weisheit wirkt. Des Weibes Abhängigkeit vom Menſchen, Verhältniſ⸗ ſen und Zufällen wird nur zu oft ſeine Unter⸗ drückung. Mißhandlung und Schmach muß es von der Überlegenheit dulden. Schreckliches Loos des gefühlvollen Herzens, wenn dieſer Überlegen⸗ heit nicht wieder etwas überlegen iſt, wenn ſie keine Verantwortung zu fuͤrchten hat, wenn ih⸗ rem Unrecht nichts entgegen wirkt— nichts da⸗ für Erſatz gibt! Aber dies gefühlvolle Herz zeugt im Weibe dafür, daß es ſo ſeyn müſſe. Stilles Dulden fordert vom Weibe die Natur. Wenn ſie ihm das, auf der Einen Seite, durch begünſtigende Anlagen, erleichtert hat: ſo hat ſie es ihm, auf der andern, auch wieder, durch die großen Laſten, die ſie ihm auf— legt, ſehr erſchwert. Indeß ſchon in jenen na⸗ türlichen Anlagen iſt etwas von religiöſer Art. Sie müſſen in religiöſen Sinn uͤbergehen, damit das Weib gelaſſen ertrage den großen Schmerz, und bei anhaltendem Kummer die Heiterkeit der Seele bewahre. Annehmlichkeiten, die man in einer traurigen Lage entdeckt, wirken erſt dann vollkommen zur Beruhigung des Gemüthes, wenn wir darin das Werk einer Liebe erkennen, an die wir uns zuverſichtlich wenden, von der wir uns noch mehr verſprechen dürfen. Geduld iſt nie oh⸗ ne Ausſicht; von dieſer empfängt ſie ihre hohe Stärke. Ausſicht aber iſt nur da, wo ein Gott üͤber unſerm Daſeyn waltet. Vertrauen und Hoffen iſt dem Weibe natürlich. Es tröſtet ſich, indem es glaubt, es werde noch beſſer werden. Es faßt ſich bald, weil es immer ein fröhliches Ende erwartet. Wird nicht auch dadurch das Ge⸗ muͤth auf Gott und den Himmel gerichtet? Kann dieſe glückliche Stimmung anders, als Religioſi⸗ tät vorbereiten, und ſie beleben, wo ſie ſchon er⸗ wacht iſt? Dem edeln Weibe iſt es Bedürfniß zu lieben. Aber eine gemeine Liebe genügt ihm nicht; es will im höchſten Maße, mit völliger Hingebung, und aus allen Kräften lieben. Sei⸗ ne Liebe ſucht, was ſie innig und ewig umfaſſen, dem ſie ſich ganz aufopfern könne. Wie möchte ſie das auf Erden finden, wo in allem, was das Herz anzieht auch wieder etwas iſt, was das Herz zurück ſtößt, wo ſolche Liebe nicht einmal verſtan⸗ den, noch weniger erwiedert wird? Die Liebe des Weibes wünſcht, ſich alle Neigungen zu un⸗ terwerfen, und alle Regungen des Daſeyns in ſich zu vereinigen. Dies vermag ſie nur da, wo ſie auf das Vollkommne, auf die ewige Liebe ſelbſt gerichtet iſt. Wie nahe liegt hier der Gedanke an Gott und das Gefühl für Gott, den Höchſten und Beſten, den Geber alles Guten, den Stif⸗ ter aller Freude, den Quell alles Lebens, den Urheber alles Schönen, der alles beſitzt, was Menſchen rühren und entzücken kann. Was das zärtlichſte irdiſche Verhältntß nur zum Theil ge⸗ währt, das feiert in der Religion ſeine Vollen⸗ dnng. Sie gibt der weiblichen Liebe einen un⸗ endlichen Gegenſtand und die Kraft, ſich dieſem ganz zu weihen, und darin ſelig zu ſeyn. Das edle Weib hat das Bedürfniß⸗ ſich mitzutheilen. Es iſt ihm unmöglich, ſeine intereſſantern Gedanken, ſeine Wuünſche, Beſorgniſſe, Hoffnungen, Freuden und Leiden in ſich zu verſchließen. Je inniger und beſſer ſein Leben: deſto größer das Verlangen, ein andres Weſen mit in daſſelbe hinein zu ziehen. Alles Drückende wird leichter, und jeder Genuß ſüßer in der vertrauensvollen Offenbarung. Wo könnte aber dieſes Bedürfniß reicher befriedigt werden als in der Religion, als im Glauben an den und in der Zuverſicht zu dem, der alles ſieht und kennt, der unſern Lebensplan angeordnet hat, und von deſſen Gute und Weisheit wir in unſerm ganzen Daſeyn abhangen? Wäre nie die Kunde von einem ſolchen Weſen zu uns gekommen: ſo würde die Ahnung deſſelben im vollen Herzen des Weibes entſtehen. Iſt aber der Gedanke ſchon rege: dann muß er mit hohem Intereſſe und le⸗ bendigem Gefühl in dem weichen Gemüthe ge⸗ pflegt werden, das jenem Weſen ſo viel zu kla⸗ gen hat, und ſich ſo gerne vor ihm freut, das von ſo mancher Laſt gepreßt, von ſo manchem Kummer gequält, von ſo mancher Beſorgniß ge⸗ ängſtigt, von ſo mancher Betrachtung und ſo mancher Sehnſucht bewegt wird, die kein Menſch verſteht, und die es keinem Menſchen anvertrau⸗ en kann. Endlich findet die Religioſität in dem Na⸗ tur⸗ und Schönheitsſinne des Weibes große Unterſtützung. Daß ihm dieſer in einem hohen Grade eigen ſey, iſt nicht zu läugnen. Nur wirken Zerſtreuungsſucht, Eitelkeit und ab⸗ ſichtliche Verkünſtelung ihm zu oft entgegen. Die zarten Nerven und die empfindſame Seele des Weibes machen es vorzüglich fähig, die edle 174 06e Einfalt der Natur zu lieben, ihre ſanften Ver⸗ 1 hältniſſe zu faſſen, von ihrer großen Harmonie 5 gerührt zu werden, ſich ihrer Milde zu freuen, ni 1 und im Vollgenuſſe der reinen Schönheit zu le⸗ 6 · ben. Die Natur aber trägt überall die Zeichen und Bilder des Ewigen; das Schöne iſt der Wi⸗ we derſchein des Himmliſchen. Die Gefühle, welche 9, beide wecken, ſind mit den religiöſen nahe ver⸗ d wandt, und können leicht zu ihnen hinüber ge⸗ T leitet werden. Ein Gemüth das mit der Natur G 4 4 in Befreundung ſteht, iſt dem Weltgeiſte nicht ſir 1 fremd, der ſich in ihr offenbart. Ein Herz voll ko Empfänglichkeit für das Schöne iſt gewiß auch 1 3 empfänglich für die höhern Regungen, die, wenn ſi 1 4 6* 1 ein heiliger Wille ſie nährt und bildet, in thäti⸗ d 7 6 ge Religioſität übergehen. Je mehr das edle ke 1 Weib dieſes Intereſſe unterhält; je mehr ſich ihm N 1 4 in den ſchoͤnen Geſtalten der Natur die hohe Be⸗ al 4 4 deutung aufſchließt; je öfter und theilnehmender ſch ’ 1 6 es bei ihnen verweilt: deſto herrlicher reift ſein ſer 1— Leben der unſichtbaren Welt entgegen. ſt II d So viel hat die Natur für die Religioſität 9 des Welbes gethan. Durch Ihr ganzes Daſeyn, d durch jeden ſchönen Zug, in welchem ſich die Weiblichkeit ausſpricht, werden Sie an ſie ge⸗ wieſen und für ſie gewonnen. Da bedarf es nicht viel, ſie zu erzeugen, ſie zur Reinheit und Stärke zu bilden. Die traurigſten Zerrüttungen müſſen in der weiblichen Seele vorgegangen ſeyn, welcher ſie ganz fehlt. Weltſinn und Leidenſchaft haben ſie dem Höhern entfremdet. Wo das Herz nur an Tand und Schimmer hängt; wo man immer dem Geräuſche und dem Vergnügen lebt; wo alle Be⸗ ſtrebungen auf das Sinnliche gerichtet ſind: da können die ſtillen und einfachen Bedürfniſſe nicht zur Sprache kommen, aus welchen die Religion ſich entwickelt. Sie muß den Gemüthern in eben dem Maße fremd werden, in welchem Weichlich⸗ keit, Modeſucht, Prachtliebe und üppigkeit ihre Macht erweitern. Kein Wunder, daß ſie, bei allen günſtigen Anlagen, die das weibliche Ge⸗ ſchlecht für ſie beſitzt, auch unter dieſem, in un⸗ ſerm Zeitalter, eine ſeltne Erſcheinung geworden iſt. Der Geiſt der Zeit iſt wider ſie, und die verderbliche Stimmung theilt ſich der Einen nach der andern mit. Auch die Beſſern ſind nicht ge⸗ gen ihre Einflüſſe geſichert— unvermerkt ſchwin⸗ det der Sinn für das Unſichtbare dahin. —— 196 Liegt Ihnen daran, daß Ihnen das Edelſte und das Höchſte bewahrt bleibe: dann ſeyen Sie hier auf Ihrer Huth. Geben Sie ſich der ſinn⸗ lichen Luſt nicht ungetheilt, geben Sie ſich ihr nicht zu lange dahin. Sie ſey Ihnen nicht mehr als Erholung. Sie wecke nie die ungeſtümme Begierde. Sie beſtricke nie ihr Gemüth mit der irdiſchen Sorge. Kehren Sie oft in die Stille, da werden die Gedanken und Gefühle geboren, welche die Gemeinſchaft mit dem Ewigen unter⸗ halten, und, ſorgſam gepflegt, in die Wärme und Herzlichkeit eines frommen Gemüthes übergehen. Nie vergehe Ihnen das Bewußtſeyn Ihres Zuſtandes, Ihrer Schwäche, Ihrer Verhältniſſe in der Welt und ihrer Bedürfniſſe. Mit ihm verliert ſich die Empfänglichkeit für Religien. Durch dieſes Bewußtſeyn müſſen vorzügiich die Anlagen wirken, welche die Religioſität in der weiblichen Seele bilden. Erhöhen und verdeutli— chen Sie ſich daſſelbe oft durch angelegentliches Nachdenken. Und wenn es Ihnen klar geworden iſt, woran das Heil Ihres Lebens hängt: dann halten Sie dieſen Gedanken feſt; dann prägen Sie ihn dem Gemüthe tief ein, daß es dem mächtigern Gefühle der Sinnlichkeit nicht ſo leicht gelinge, ihn wieder zu verdunkeln. Seyen Sie aufmerkſam auf die ſanftern und geiſtigern Empfindungen Ihres Herzens, durch welche die Religion ſich deſſelben am meiſten be⸗ mächtigt, und am tiefſten in daſſelbe eindringt. Sorgen Sie, daß das Mitgefühl, der Mitthei⸗ lungstrieb, die Liebe, der Sinn für das Schöne und für die reine Freude nicht geſchwächt oder verfälſcht werden. Auch durch Lektüre müſſen Sie der Religio⸗ ſität des Herzens zu Hülfe kommen. Sie muß Ihnen die Gedanken zuführen, Ihnen die Bil⸗ der vergegenwärtigen, Sie zu den Betrachtungen veranlaſſen, die Gefühle in Ihnen wecken, von welchen die Religioſität Ihre Nahrung bekommt. Es iſt nicht nöthig, daß eine Schrift die religiöſe Erbauung ausſchließend bezwecke, um Ihre An⸗ dacht zu befördern. Jede kann dazu dienen, die das menſchliche Herz in ſeinen ſchönern Eigen⸗ thümlichkeiten darſtellt, die auf religiöſe Ideen leitet, und der Religioſität verwandte Empfindun⸗ gen hervorbringt. Ja, alles, was den Verſtand in der weiblichen Sphäre aufklärt, was Sie be⸗ kannter macht mit ſich ſelbſt, was Ihr Gemüth erwärmt, erhebt und tröſtet kann die Religioſität in Ihnen vermehren. Nur meiden Sie ſolche 42 — Schriften, in welchen ein finſtrer, beſchränkender, quälender Geiſt herrſcht. Das iſt nicht der Geiſt der Religion. Dieſer iſt ein heitrer, freundlicher Geiſt; und er bleibt es, ſo verſchieden auch die Geſtalten ſind, in denen er ſich offenbart. Beſonders ſey Ihnen das Evangelium wehrt. Reiner, ergreifender und mehr dem weiblichen Herzen zuſagend finden Sie das Religiöſe nir— gends. Es iſt eine ſtille, das ganze Gemüth be⸗ ſchäftigende, das ganze Leben ausfüllende und be⸗ ſänftigende— es iſt, im eigentlichen Sinne, die Religion des Friedens und der Liebe, der Sanft⸗ muth und der Demuth, des glaͤubigen Vertrau⸗ ens, des fröhlichen Hoffens und der Freude in Gott, was das Evangelium mittheilen will. Wie die Religion Eintracht ſtiftet im Menſchen, wie ſie Himmelsſinn einflößt, und Ruhe gibt, das zeigt ſich nirgends mehr als hier. Die Lehren Jeſu ſelbſt, und die Schriften des Johannes wer⸗ den Ihrem Herzen am meiſten wohlthun. =Verbinden Sie mit den Stillen Beſchäfti⸗ gungen der Andacht die öffentlichen Ubungen der— ſelben, die ſo ſehr dazu geeignet ſind, dem weib⸗ lichen Gemüthe die Rührungen und Stimmungen zu geben, in welchem die Religion ihm immer vertrauter wird, und ihre Geſinnungen ſich im— mer mehr beleben. Wahrlich, es iſt kein guter Sinn, der dieſe Üübungen für entbehrlich er⸗ klärt. Wie manches weibliche Herz empfieng hier den Eindruck, der es in der Stunde der Verſuchung mit Macht aufrecht erhielt, der ihm in den bängſten Augenblicken zum Troſte wurde! Gewöhnen Sie ſich endlich die Religion mit allen Angelegenheiten, Beſchäftigungen, Wünſchen und Sorgen Ihres Herzens in Be⸗ ziehung zu bringen. Erwägen Sie oft, was ſie hier lehrt und räth, wie ſie hier Licht und Beruhigung gibt. Suchen Sie, unter den mancherlei Erfahrungen des häuslichen Lebens, ihres Einfluſſes inne zu werden. Verſchmähen Sie nicht, ſie einzuführen in die Bündniſſe der Freundſchaft und Liebe und ſie oft zum Gegen— ſtande Ihrer vertraulichen Herzensergießungen zu machen. Verweilen Sie oft da bei ihr, wo ſie mit der Kunſt Hand in Hand geht. Hören Sie oft auf die Mahnungen des erhabenen Fremd⸗ lings in Ihrer Bruſt. So kann es nicht feh⸗ 180 66,, len: es wird immer mächtiger in Ihnen wer⸗ den der Glaube, die Liebe und die Hoffnung. Herrliches Leben, das alſo lhoher Gottesſinn weiht! wer⸗ ſinn Achte Rede. Das haͤusliche Weib. E, iſt nicht bloß Werk unſrer geſellſchaftlichen Verfaſſung, daß dem Weibe das Haus zur Sphäre ſeines innigſten Lebens, zum Kreiſe ſei— nes ſtillen Wirkens und zum Sammelplatze ſeiner. beſten Freuden angewieſen ward. Die geſellſchaft⸗ liche Verfaſſung hat damit den Plan der Natur vollzogen. Daher iſt ſie auch hierin bei allen kultivierten Völkern dieſelbe. Die Natur beſtimm⸗ te das Weib fuͤr das Haus. Alle unterſcheiden⸗ den Anlagen des Geiſtes und Herzens, die ſie ihm mittheilte, bezsugen dies. Es kann jener Beſtimmung nicht untreu werden, ohne daß in ſeinem Weſen die traurigſten Mißgeſtaltungen her⸗ vor treten. Aber eben ſo gewiß führt das Be⸗ ſtreben ihr nachzukommen zur vollkommenen Har⸗ monie mit ſich ſelbſt. Die Körperſchwäche des Weibes iſt auf die Geſchäfte berechnet, die im Hauſe vorfallen;— ſein Verſtand vorzüglich ge— eignet, häusliche Angelegenheiten zu faſſen, zu durchſchauen und in Ordnung zu bringen;— ſei— ne Phantaſie zeigt ſich, wenn ihre Richtung nicht irre geleitet ward, am liebſten in ſolchen Bildern, welche die häusliche Welt und ihre Umgebungen verſchönern;— ſein weiches Gemüth will durch ſanfte häusliche Scenen bewegt ſeyn;— ſeine wärmſte Sehnſucht findet in den Gütern des Fa⸗ milienlebens Befriedigung;— das Beduͤrfniß der Hingebung, der Liebe und der Mittheilung wird in der zärtlichen Vereinigung der Herzen, die hier allein möglich iſt, geſtillt;— ſeine ſchönſten Tugenden zeigen ſich, wenn es im Hauſe ſorgt, leidet, ſchafft, ſich mittheilt und erheitert. Was könnte man deßwegen einem Weibe wohl wünſchen, das ihm mehr zur Ehre und zur Zierde gereichte, als daß es dieſe Beſtimmung immer vor Augen und im Herzen habe, daß es fich dem Hauſe ganz weihe, und ungetheilt für daſſelbe lebe, daß es alle ſeine Kraͤfte ſo bilde, ſeine Gefuͤhle und Neigungen ſo ſtimme, wie es den Geſchäften, dem Wohlſtande und der Glück⸗ ſeligkeit des Hauſes angemeſſen iſt— mit Einem Worte Häuslichkeit? Laſſen Sie uns auch dieſe ſchöne Eigenthüm⸗ lichkeit eines edeln weiblichen Gemüthes einmal zum Gegenſtande unſrer Unterhaltung machen. Wir wollen für jetzt uns das Weſen und die vornehmſten Erſcheinungen der Häus⸗ lichkeit verg enwärtigen und dann unſre Auf⸗ merkſamkeit auf das richten, worin der Wehrt derſelben erkannt wird;— nüächſtens aber die Hinderniſſe und Beförderungsmit⸗ tel derſelben in Erwägung ziehen. Wir nennen das Weib häuslich: wenn es gerne im Hauſe, unter häuslichen Arbeiten und im Kreiſe einer geliebten Familie iſt; wenn es ſich hier vorzüglich wohl und glücklich fühlt; wenn es mit inniger, theilnehmungsvoller Zärtlichkeit an den theuren Menſchen hängt, von denen es ſich hier in ſüßer Verknüpfung umgeben findet; wenn es die Geſchäfte, die hier vorfallen mit Weisheit und Liebe verrichtet; wenn es alle ſeine Wünſche, 284 Zwecke und Hoffnungen auf das Haus beſchränkt,— oder doch mit demſelben in Verbindung zu ſetzen weiß;— kurz wenn ihm das Haus eine Welt wird, worin es, als in ſeinem eigenſten Gebie⸗ the, ſchaltet, in welche es den ganzen Überfluß 1 ſeines Lebens, ſeines Empfindens, Denkens und Wirkens ergießt, und von welcher es in die gro⸗ ße Welt, wie ins Freie, hinaus ſieht. I Wie wenig gebührt daher dieſer ehrenvolle Name denen, welchen es wahre Pein iſt, im Hauſe und unter den Ihrigen zu ayn, der ſie ſo oft und ſchnell als möglich zu entfliehen ſuchenz; die nicht bloß die gewöhnlichen, ſondern auch die⸗ 1 jenigen Geſchäfte durch andre verrichten laſſen, * die das Herz ſo nahe angehen, und die feinſten edelſten Gefühle deſſelben anſprechen, zufrieden daß ſie, wie ſie es nennen, damit nur nicht ge⸗ quält werden; die nicht froher ſind, als wenn ſie d 1 ſich aus dem ihnen angewieſenen Kreiſe entfernen b dürfen, und nicht begreifen können, wie jemand da Freude habe; die, mit den ſtillen Vergnügun⸗ . gen des Herzens unbekannt, allein von abwech⸗ — ſelnden Zerſtreuungen, von rauſchenden Luſtbar⸗ S keiten, von koſtbaren Feſten, und glänzenden, 1 wenn auch ganz geiſtloſen, Geſellſchaften Genuß haben; die immer im Grdränge leben, oder ſich mit Moden und Putz beſchäftigen müſſen; denen die Befriedigung ihrer Eitelkeit über alles geht, denen keine Summe zu groß dünkt, um dieſe da⸗ mit zu erkaufen; die da, wo ſich hierzu Gelegen— heit zeigt, vergeſſen der Sorge und des häusli⸗ chen Elendes, die ſie auf ſich und die Ihrigen la⸗ den; denen es angelegentlichſtes Beſtreben iſt, den Menſchen, welche im Geruͤchte ſind, daß ſie Welt haben, nachzuahmen, ſich zu ihnen hinauf zu ſtimmen, oder ſich ihnen von einer vortheilhaf⸗ ten Seite darzuſtellen? Oder, wie könnten auch nur diejenigen auf den Ruhm der Häuslichkeit Anſpruch machen, die zwar nicht ganz von dieſem frivolen Geiſte er— griffen ſind, die ihrem Weltſinne nicht alle häus— lichen Pflichten aufopfern,— denen es aber doch läſtig wird, wenn ſie lange im Hauſe ſeyn ſollen; die ſich immen nach der Stunde ſehnen, welche ſie zu ihren geſelligen Zirkeln einladet, und denen allein der Gedanke an die nahe Befreiung noch Geduld gibt, ihr häusliches Werk zu Ende zu bringen; die zwar vieles in ihren häuslichen An⸗ gelegenheiten thun, aber nichts ganz und recht, nichts mit Eifer und Theilnahme, nichts ſo, daß ſie Freude daran haben? Dieſe ſind vielleicht noch am meiſten zu bedauren. Sie wiſſen wohl, wo es fehlt und können doch nicht abhelfen. Der 18 Anblick der Verwirrungen und Unordnungen, die ſie ſich gar nicht zu verbergen vermögen, die ſich ihnen an jeder Stelle aufdringen, verbittert ih— nen, ſobald ſie wieder in ihr Haus treten, alles Vergnügen, welches ſie außer demſelben hatten; und wenn ſie nicht ganz leichtſinnig ſind, ſo muß der Gedanke daran, ſchon während des Genuſſes, oft ſtörend, und ängſtigend an ihrem Herzen na— —— gen. Das häusliche Weib zeichnet ſich zuvörderſt aus durch zärtliche Anhänglichkeit an diejenigen Menſchen, mit welchen es in der genaueſten Verbindung zuſammen lebt. Dieſe iſt die Quelle, aus welcher alles 9 fließt, was zum häuslichen Sinne gehört. Was könnte uns auch im Hauſe mehr intereſſiren als ¹ die Weſen, welche Natur oder eigne Wahl, für das ganze Erdenleben, feſt an uns geknüpft hat, f mit welchen wir ſo vieles gemeinſchaftlich erlebten, ſo manche Freude und ſo manchen Schmerz theil⸗ ten, bei welchen wir ſo oft Stärkung und Auf— richtung in trüben Stunden fanden, deren freund⸗ liche Unterhaltung uns ſo oft erheiterte, deren Liebe uns ſo oft froh machte, und mit welchen wir ſchon deßwegen mehr als mit allen andern ſimpathiſieren? Die Familie bildet das Haus, und was in demſelben vorfällt iſt uns nur wich⸗ tig durch die Beziehung auf ſie. Erhalten nicht häusliche Geſchäfte, Sorgen und Angelegenheiten davon den meiſten Wehrt, daß geliebte Menſchen in ſie verwickelt ſind? Würden wir ſo viel Be— ſchwerliches mit Freude thun, und ſo viel Müh— ſeliges gerne tragen, wenn es nicht für diejeni⸗ gen geſchähe, denen wir vor allen wohlwollen, und deren Schickſal uns, wie das unſrige, zu Herzen geht? Jene kalten, eingetrockneten Wei⸗ ber, in deren enger Bruſt nie ein freundliches Gefühl für andre aufglomm, die ihr Daſeyn nur als eine Gewohnheit fortſetzen, und den Nahen wie den Fernen mit derſelben Gleichgültigkeit be— handeln, die nicht einmal eine Ahndung von fe— ſterm Anſchließen und von den Süßigkeiten eines Lebens haben, das ſich durch das Leben befreunde⸗ ter Menſchen hindurch ſchlingt, ſind deßwegen auch der echten Häuslichkeit ganz unfähig. Sie lieben vielleicht noch das Haus, weil ſie für die geräuſch⸗ volle Welt zu viel Phlegma haben, oder weil ſie ihnen, in ihrer Beſchränktheit nichts biethet; ſie verrichten vielleicht viele häusliche Arbeiten mit — einer großen Pünctlichkeit, weil ſie doch etwas zu thun haben müſſen, weil ihr Geitz ſie dafür intereſſirt, weil ſie von Jugend auf dazu ſind an— gehalten worden, und weil ſie dabei bequem fort vegetiren können. Aber wo bleibt hier der fröh⸗ liche und lebenvolle Geiſt, der aus dem wahren häuslichen Sinne ſpricht?— wo der Friede, den er genießt und verbreitet?— wo die heilige Wär⸗ me, ohne welche er nichts iſt? Häuslichkeit muß tief aus dem Herzen kom⸗ men. Nan muß gerne im Hauſe ſeyn; weil man daxin Menſchen findet, die man über alles ſchätzt, deren Nähe ſchon beſeligend iſt, mit denen man ſich am liebſten unterhält, und bei denen man das meiſte antrifft, was uns erheitern kann; weil da die Bedurfniſſe der Theilnahme und Mitthei⸗ lung befriedigt werden, die bei der Entfremdung, welche im gewöhnlichen Weltleben herrſcht, faſt immer leer ausgehen. Familienſinn, Gattenzärt⸗ lichkeit, Vater-Mutter- und Geſchwiſter- Liebe, das ſind die ſchönen Stimmungen, die in der Seele des häuslichen Weibes herrſchen, alle Ge— danken, Empfindungen und Wünſche leiten. Wo man nichts für einander fühlt, im Umgange mit einander nicht glücklich iſt, für gegenſeitiges Wohl und Wehe gleichgültig bleibt; wo man nicht im —— 189 Beſitze der guten Menſchen, die hier mit uns ver⸗ einigt ſind, alles vergeſſen kann, oder wo gar perſönliche Abneigung die Gemüther von einan⸗ der entfernt: da iſt es doch nicht zu verwundern; wenn man das freudenloſe Haus meidet, und die Luſt nur unter Fremden ſucht; wenn man die Ge⸗ ſchäfte, die kein recht menſchliches Intereſſe mehr haben, entweder liegen läßt, oder ſo mechaniſch, mit ſo viel Verdroſſenheit und Widerwillen ver⸗ richtet, daß von nichts weniger als von Häuslich⸗ keit die Rede ſeyn kann. Denn Liebe zu den häuslichen Ge⸗ ſchäften iſt der zweite Beſtandtheil der Häus⸗ lichkeit. Es gibt allerdings häusliche Geſchäfte, von denen dem Weibe, welches die Erziehung der hoͤ⸗ hern Stände, in einem kultivierten Zeitalter, ge⸗ habt hat, nicht angeſonnen werden kann, daß es ſie ſelbſt verrichte. Sein Körper iſt dazu nicht gehörig abgehärtet; ſie vertragen ſich nicht mit der feinern Bildung des Geiſtes; ſie würden der zar⸗ ten Liebenswürdigkeit, die der gebildete Mann von dem Weibe, das ihn im häuslichen Leben be⸗ glücken ſoll, verlangt, Eintrag thun. Sie ſind aber auch größtentheils von der Art, daß ſie durch andre eben ſo gut perrichtet werden können. ——; 190 Aber das iſt kein günſtiges Zeichen dieſer Zeit, daß zu dieſen Geſchäften immer mehr ge⸗ rechnet wird, was nicht zu ihnen gerechnet wer⸗ den ſollte, daß auch das Vorurtheil, die Mode, die Weichlichkeit, die Trägheit und die Eitelkeit ſich anmaßen, darüber zu entſcheiden, welche Ge— ſchäfte ſich für das Weib ſchicken oder nicht. So iſt denn vielen nichts geblieben, als Üüberfluͤßiges und Thörigtes— vielen nichts, als was außer ihrer Sphäre liegt, was ihre Weiblichkeit verletzt und ihr Herz verdirbt— und vielen nichts, als die peinlichſte lange Weile. An die Stelle der häuslichen Frauen ſind die ennüyirten, die vege⸗ tierenden, die gelehrten und die Weltfrauen ge— treten, und mit ihnen iſt der Jammer in die Häuſer gekommen. Es gibt viele weibliche Geſchäfte im Hauſe, die gar nicht durch andre verrichtet werden kön— nen. Die Sorge für Reinlichkeit und Schön⸗ heit, die Anordnung der häuslichen Angelegenhei⸗ ten, eine Aufſicht über das Ganze, die ſich bis auf das Kleinſte erſtreckt, das Wiſſen um alles, was im Hauſe geſchieht, und die Überzeugung, daß jedes recht geſchieht, ſollte das Weib ſich nicht nehmen laſſen, das darauf Anſpruch macht, ein häusliches zu heißen; um ſo weniger, je ver e derbter und unzuverläſſiger das Geſinde wird. Wie könnte ein ſolches Weib gar die Kinder Fremden anvertrauen, bei welchen ſie gewöhnlich in jeder Hinſicht ſchlecht aufgehoben ſind— phy⸗ ſiſcher Verwahrloſung und geiſtiger Zerrüttung bloß geſtellt? So bald ein häusliches Geſchäft durch andre gar nicht oder nur ſchlecht verrichtet— werden kann, darf keine Rückſicht das häusliche Weib von der eignen Beſorgung abhalten. Ob und wie fern dies irgend der Fall ſey, muß der eignen Beurtheilung anheim geſtellt bleiben; aus der Zartheit derſelben, wird vorzüglich der häus⸗ liche Sinn des Weibes erkannt. Viele häusliche Beſorgungen möchten ſich zwar recht gut durch andre verrichten laſſen; aber ſie vermehren das häusliche Glück, ſie thun erſt dann recht wohl, wenn ſie aus der Hand der Gattinn, der Tochter oder der Schweſter kom⸗ men, wenn in ihnen das liebevolle Gemüth ſich offenbart. Sollte ſich dieſen das gute Weib wohl entziehen? Und würde durch die eigne Verrich— tung eines Geſchäftes auch nur etwas erſpart oder gewonnen, ohne daß dieſelbe mit einem ge⸗ bildeten Geiſte im Widerſpruch ſtände, ohne daß darüber etwas Wichtigeres verſäumt würde: ſollte 192 es dann nicht dem häuslichen Weibe wahre Luſt ſeyn, ſich dieſem Geſchäfte zu widmen? Das iſt überhaupt das Beſtreben des häus⸗ lichen Weibes, immer etwas zu thun, was im Hauſe nützt und Freude macht, immer dasjenige zu thun, was am meiſten nützt und die meiſte Freude macht. Sich den ganzen Tag mit Putz und ſchönen Kleinigkeiten zu beſchäftigen iſt auch noch keine Häuslichkeit. Es iſt ſchlimm, wenn Frauen glauben häus⸗ liche Geſchäfte ſeyen unter ihrer Würde. Was wäre denn das für eine Würde? Hat das Weib anders Würde, als in ſeiner Weiblichkeit, und in dem, was dieſe mit ſich bringt? Kann der äußerliche Glanz eines Standes über dieſe erhe— ben? Wären die Geſchäfte des häuslichen Lebens wirklich an ſich geringfügig: ſo würde ihnen das warme Gefühl und das fromme Gemüth, womit ſie gethan werden, unendliche Wichtigkeit geben. Ein Weib, das die Seinigen liebt, wird nie et⸗ was für unbedeutend halten, was ſich auf dieſe bezieht, was nur einiger Maßen ſie glücklicher machen kann. Es wird auch das Kleinſte mit einer Innigkeit umfaſſen, die ihm den Adel des Großen verleiht. 193 00e Doch, auch hiervon abgeſehen: wer möchte wohl die häuslichen Geſchäfte des Weibes, an ſich geringfügig nennen? Nur ein aus ſeiner Sphäre hinaus gerücktes, an Geiſt und Herz verbildetes Weſen wird es vermögen. Nein, das iſt nicht unbedeutend, was das Reine und Heitre in das Laben bringt, was das Vorhandene zuſammen hält, und das Beßre hinzu thut, was ein reichliches Ausiommen ſichert, den Wohlſtand und das Glück einer ganzen Familie gründet, was gute Anord⸗ nungen rifft, und die Einigkeit der Herzen er⸗ hält. Noch weniger kann die Sorge, welche der Pflege und Erziehung der Kinder gewidmet iſt, unbedeutend heißen. Sie bewirkt das Edelſte, was von Menſchen hervor gebracht werden kann. Freilich wird das häusliche Weib auch für die Bildung ſeines Geiſtes ſorgen; denn dadurch wird es fähiger, dem Hauſe mit Würde und Er⸗ folg vorzuſtehen. Aber es wird nur diejenigen Stunden darauf verwenden, die es von ſeinen häuslichen Sorgen und Verrichtungen abmüßigen kann, ohne daß dieſe dadurch beeinträchtigt wer⸗ den; und dabei wird es nie vergeſſen, daß das arbeitſame Leben ſeine Beſtimmung iſt. Freilich wird es nicht allen Umgang außer dem Hauſe 15 —— fliehen; aber es wird ſich denſelben nicht zur Lei⸗ denſchaft werden laſſen; es wird hier nie Freu⸗ den ſuchen, welche ſchöner waͤren, als diejenigen,, die ihm die Geſchäfte des Hauſes anbiethen. Dieſe Geſchäfte ſind ihm alles. Für ſie lebt es ganz. Von ihnen iſt es immer voll. Ihnen ſind ſeine beſten Gedanken gewidmet. Für ſie regen ſich ſeine ſüßeſten Empfindungen. Die Belohnungen des häuslichen Weibes ſind häuliche Freuden. Es wäre nicht möglich, für die Geſchäfte des Hauſes ganz zu leben, und dabei immer einen friſchen Muth und einen heitern Sinn zu behalten, wenn ſie nicht mit Freuden gepaart gingen. Darum ſind dieſe ſo zahlreich in den Kranz des häuslichen Wirkens geflochten. Sie dürfen dem häuslichen Weibe nicht gleichgültig ſeyn, damit die Liebe zu den übrigen Angelegenheiten des Hauſes bei ihm fortdaure. Sie werden es aber auch nicht, wenn es mit Wärme an den verwandten Menſchen hängt. Sollte nicht dann alles Erfreuliche, was dieſe angeht, die froheſten Empfindungen in ihm wecken? Sollte es ſich nicht freuen der Erleich⸗ terung, die ſeine tröſtlichen Zuſprüche gewähren, des glücklichen Fortganges, den das Hausweſen durch ſeine Bemühungen erhielt, des Segens, der ſeine Arbeiten krönt, der merkwürdigen Tage, die für das Eine oder andre Glied der Familie anbrechen, der häuslichen Feſte, die es veranſtal⸗ tet, der Ruheſtunden, die in traulichen Unterre⸗ dungen dahin fließen, der Theilnahme, die es gibt und empfängt, der Zärtlichkeit, die alle für einander hägen? Sollte es ſich nicht freuen der Ereigniſſe, wodurch ein gefürchtetes Übel abge⸗ wandt wurde, des guten Ausganges, den eine Verlegenheit gewann, der Geneſung des gelieb⸗ ten Kranken, der Wiederkunft des Entfernten, der Rettung des Verlornen, der Schlichtung des Mißverſtändniſſes? Sollte es ſich endlich nicht freuen der allmähligen Entwickelung des Verſtan⸗ des und Herzens ſeiner Kinder, des Zuwachſes an Einſicht und Innigkeit, jedes ſchönen Ge— fühles und jedes ſchönen Charakterzuges, jedes reifern Urtheiles und jedes überraſchenden Ge⸗ dankens, den dieſe verrathen, der Liebe, die ſie bei andern finden, und dos Glückes, das ihnen die Welt darbiethet? Anhänglichkeit an verwandte Men⸗ ſchen, Liebe zu häuslichen Geſchäften und Sinn für haͤusliche Freuden machen —— —,.— — —— — ——— Aü— I 3 „ 8 — 4 4.” „. 1 das Weſen der Häuslichkeit aus, und unterhal⸗ ten in dem Herzen des Weibes eine ſolche Stim— mung, wodurch ihm das Haus der froheſte Auf⸗ enthalt, der angenehmſte Wirkungskreis, und häusliche Freunde die liebſte Geſellſchaft werden. Glückliches Weib, das von dieſem Geiſte be— herrſcht wird! Durch ihn geſchützt und be⸗ wacht, entgehſt du vielen großen Gefah⸗ ren, und bleibſt von vielen Verderbniſ⸗ ſen unberührt, von welchen diejenigen zu Grunde gerichtet werden, die immer in der großen Welt leben. Wie iſt es möoglich, täglich außer ſich ſelbſt zu ſeyn, und doch mit ſich ſelbſt in Befreundung zu bleiben?— täglich ſich bloß mit Tand, Putz und Spiel zu beſchäftigen, und doch nicht den Sinn für das Große und Ernſte zu verlieren?— täglich unter Zerſtreuungen zu ſchweben, und doch die nöthige Beſinnung zu behalten?— täglich die glatten Worte der Schmeichelei zu hören, und doch nicht bethört zu werden?— täglich der Eitelkeit zu fröhnen, und dabei ſchlicht, einfach und gut zu ſeyn?— ſich täglich mit Intriguen zu beſchäfti⸗ gen, ohne daß die Wahrheit, Unſchuld und Geradheit des Lebens darunter leide? täglich von heimlichen und offenbaren Verfuhrern umgeben, täglich von allen Lockungen des Laſters gereitzt, von allem ſeinem Glanze umſſtrahlt, feſt auf ſich ſelbſt zu ruhen, und die Reinigkeit des Herzens hoch empor zu tragen?— täglich eine ſchön ver⸗ hüllte Verdorbenheit neben ſich zu erblicken, ohne daß dieſe unvermerkt das ſchuldloſe Herz ergreife! O, wer zählt die traurigen Opfer eines immer⸗ währenden ſchimmernden und geräuſchvollen Welt⸗ lebens! Wer zählt die Thränen, die der hier verlornen Unſchuld geweint wurden! Wie ſelten iſt doch die Stärke, die ſich hier behauptet, und die Beſonnenheit, die hier der höhern Beſtim⸗ mung nicht vergißt! Beneidenswehrt iſt in dieſer Rückſicht wahr⸗ lich das Loos des häuslichen Weibes. Bekannt mit häuslichen Freuden, kann es der eingebilde⸗ ten, für welche ſo viele ihr Koſtbarſtes verkaufen, entbehren. Sich ſelbſt genug, und ſelig in der Eintracht des eignen Lebens, bedarf es des frem— den Beifalles nicht, am wenigſten aber desjeni⸗ gen, den man durch äußere, zufällige und wehrt⸗ loſe Dinge erlangt. In ſeiner frohen und nützli⸗ chen Geſchäftigkeit bleiben die Thorheiten fern von ihm, die andre unaufhörlich begehen— und die erkünſtelten Bedürfniſſe, die, eine Frucht des Müßigganges und der langen Weile, ſo viele —— ſchädliche Leidenſchaften erzeugen. In ſeiner ge⸗ räuſchloſen Verborgenheit findet ſeine Tugend we⸗ nige Bewunderer, aber auch wenige Feinde. In der großen Welt, unter der Schaar derer, deren Durſt nach Vergnügen nie geſättigt iſt, deren verweichlichtes Herz für jeden Reitz Empfänglich⸗ keit hat, wählt die Verführung ihre Opfer. Menſchliches Gefühl, unvertilgbare Achtung für das Gute, und die gewiſſe Ausſicht, daß es ihm hier nie gelingen werde, verſcheuchen den Schlech⸗ ten von den ſtillen Familienzirkeln, wo Liebe und Frohſinn die Herzen unzertrennlich verknüpfen, und gegen jeden verderblichen Eindruck ſtählen. Einfach iſt das Leben des häuslichen Weibes; darum fallen hier die Lügen und Taäuſchungen weg, womit die Künſte der Welt ſo viele Ge⸗ müther vergiften. Der übertriebene Aufwand, der ſo manches Weib zu Grunde richtet, findet hier kein Intereſſe, das ihn begünſtigt. Die Stimme der Natur ſpricht hier, wo nichts ſie verfälſcht und unterdrückt, rein und laut. Der Sinn für das Ernſte und Große findet hier in allen Beſchäftigungen und Genüſſen Nahrung. Darum bleiben dem häuslichen Weibe Pflicht und Beſtimmung heilig. Man nimmt hier jedes wie es iſt, und muß es ſo nehmen. Darum bleibt das Herz offen für das Schöne und Gute. Die redelſten Gefühle werden hier täglich angeregt. Darum iſt es nicht möglich, daß das Gemüth ganz erkalte. Seine Häuslichkeit ſichert dem Wei⸗ be, zweitens, am beſten die Ruhe des Her⸗ zens. Dies folgt ſchon aus dem Vorhergehen⸗ den. Was unſre Tugend ſchiͤtzt, das erhält auch den Frieden der Seele. Was uns vor Verirrun⸗ gen bewahrt, das verhüthet zugleich den Schmerz, der ſie begleitet. Wie manchem Mädchen und wie manchem Weibe mögen die Stunden des Weltlebens, die es einſt Freudenſtunden nannte, nachher bittre Schmerzensſtunden geworden ſeyn! Wie manche haben Handlungen zu bereuen, die dort im Leichtſinne begangen wurden, und die jetzt nicht mehr gut zu machen ſind! Wie man— che ſehen mit wehmüthiger Erinnerung in die Zeiten zurück, wo ihr Herz noch ohne Schuld war, weil die Laſter der Geſellſchaft es noch nicht verpeſtet hatten, die jetzt das Verderben mit un⸗ beſiegbarer Macht beherrſcht! Wie kann da Ru— he bleiben, wo keine Einfalt, Lauterkeit und Wahrheit mehr iſt— wo das Gleichgewicht der Seele in jedem Augenblicke geſtört wird? Oder iſt es nicht ſo? Wann find jene Unglücklichen —— —— ———— — — wohl zufrieden? Wann höͤren ſie auf von neuem zu verlangen, und ſolche Wünſche zu hägen, die ſie nicht befriedigen— nach ſolchen Dingen zu ſtreben, die ſie nicht erreichen können? Wann ſind ſie wohl mit ſich ſelbſt eins? Wann gehorcht das Herz dem Verſtande, und wann fugt ſich der Verſtand den beſſern Eingebungen des Herzens? Sind ſie nicht von tauſend Dingen abhängig, über welche ſie keine Gewalt haben? Sind ſie nicht gewohnt, mehr auf die Menſchen, als auf den Freund im Innern zu hören? Bemühen ſie ſich nicht mehr um die Gunſt der erſtern als um den Beifall des letztern? Wo ſollen ſie da Ruhe finden? Wer kann die Menſchen befriedigen— wer ihnen alles recht machen, ohne die heiligen Regungen des Gemüthes zu verletzen? Haben ſie nicht immer ſolche Zwecke, die nur auf gefährli⸗ chen Wegen zu erlangen ſind? Werden ſie ſich nicht täglich getaͤuſcht und betrogen ſehen— arm und leer zurück kommen, wo ſie voll Hoffnung hin gingen? Wie viel ruhiger lebt doch das häusliche Weib, deſſen Wünſche beſchraͤnkt, und darum leicht zu erfüllen ſind, in deſſen Bruſt nicht der Streit der Leidenſchaft flammt, das ſich ſelten un⸗ mreu wird, weil es die Natur nicht verläßt, das ſein Glück keinem ungewiſſen Spiele anvertrauen darf, weil es daſſelbe in der Nähe und in ſich ſelbſt hat, das die Menſchen nicht fürchtet, weil es ſie ſelbſt achtet, deſſen Leben eine vollſtimmige Harmonie iſt, weil es ſein höchſtes Glück in der Vollbringung ſeiner Pflichten findet, das die ſchrecklichſten aller Peinigungen nicht kennt, weil es ſich nie mit ſeinem Herzen überwarf! Nichts führt ſicherer zu einer ungeſtörten Ruhe als die Beſchränkung unſers Verlangens und unſrer Nei⸗ gungen auf ein beſtimmtes, nicht gar zu großes Feld, die Angewöhnung an eine gleichförmige nützli⸗ che Lebensweiſe und das innige, feſte Anſchmiegen an diejenigen Verhältniſſe, die für den, der ſich mit ihnen zu befreunden verſteht, eben ſo ſüß als un— abänderlich ſind. Das zeigt ſich beim häuslichen Weibe. Nichts iſt aber unſerer Ruhe ſo gefähr⸗ lich, als jenes unſtäte Schwanken, jener Leicht⸗ ſinn und jene Flüchtigkeit des Gzmüthes, wobei man ins Unendliche ſtrebt, und nichts erhält,— von allem gerührt, von vieldn angezogen, und von vielem heftig erſchüttert wird, bald dieſes, bald jenes treibt, und nichts feſthalten kann. Wo iſt das aber in höherm Grade, als bei den⸗ jenigen Weibern, die immer unter fremden Men⸗ ſchen und Gegenſtänden leben? Freilich wird das häusliche Weib auch man⸗ chen herben Kummer haben. Häusliche Leiden ei ö ſind die ſchmerzlichſten; weil ſie das Herz an der 3 1 weichſten Stelle berühren, und ihren Stachel am fen tiefſten in dasſelbe hineindrücken; weil ſie nicht huu bloß den Einzelnen, weil ſie geliebte Menſchen glc mit treffen. Und gehören ſie etwa zu den unge⸗ 1 wöhnlichen? Wo lebt wohl die Familie, die da— ſc mit verſchont bliebe. Man hält ſie nur deßwegen als S für ſelten, weil ſie ſelten laut— und faſt im⸗ tha 1 mer im Stillen verweint werden. Das Weib d. muß ſie um ſo mehr empfinden, je zarter ſein ſi häuslicher Sinn iſt. Manche ſind von der Art, an daß es faſt darunt er vergehen möchte. Aber blei⸗ d 6 ben denn diejenigen, die das häusliche Leben ſo wi⸗ fro L derlich finden, ohne alle widrigen Schickſale der 36 3 Art? O, es iſt zu beſorgen, daß ſie von noch du weit mehrern darnieder geworfen werden. Für 5 ¹ Augenblicke vergeſſen ſie dieſelben in rauſchenden ſhr 4 1 Zerſtreuungen, um ſich nachher, wenn ſie aus ue 1 dem Taumel erwachen, deſto troſtloſer zu fühlen; 6 1 4 1 denn ganz können ſie doch nicht die Verhältniſſe 1 verläugnen, von denen jeder Sterbliche ſo 1e feſt angezogen wird. Dem häuslichen Weibe ha⸗’ fr ben auch Leiden noch ihr Süßes. Die wehmü⸗ 1 thige Erinnerung an das Vergangene, wo es beſ⸗ ſer war, die Hoffnung auf die Zukunft, wo es beſſer ſeyn wird, das ſtille Vertiefen in ſeinen Schmerz, das gemeinſchaftliche Tragen, und das Bewußtſeyn der Schuldloſigkeit verknüpfen mit jenen noch immer viel Angenehmes. So lebt das häusliche Weib ſelbſt in traurigen Stunden noch gläcklicher, als andere in frohen. Wo könnten ſich aber andre ſo reiner, ſchöner und dauerhafter Freuden rühmen, als diejenigen ſind, wofür ihm der Sinn aufge⸗ than iſt, und die ihm auf allen Wegen blühen? Welchen köſtlichen Erſatz empfängt es in dieſen für alles, was es zu leiden hat! Die Vergnü⸗ gungen, die man unter fremden Menſchen ſuchen muß, haben nie die Herzlichkeit und das friſche, frohe Leben, die dem Fühlenden Bedürfniß ſind. Ihnen fehlt die edelſte Würze, das echt Geſellige— das ungetheilte Hingeben, der Geiſt der Liebe, Geräuſch, Glanz und Blendung, unnatürliche Er⸗ ſchütterung, Wallungen des Blutes, heftige An⸗ regung der Sinnlichkeit ſollen das erſetzen. Er⸗ götzungen des Augenblickes, die gewöhnlich ſchon im Genuſſe ſterben, und faſt immer Verdruß, Eckel und Mißmuth zurück laſſen, nie aber eine frohe Einnerung geſtatten, ſind es was auf die— ſen Wegen gefunden wird— fur das Leben im Ganzen aber, Ueberſättigung, Abſtumpfung der Kräfte, Dumpfheit und Düſternheit des Geiſtes und peinliche Verſtimmung; denn ſie heben die Ordnung des Gemüthes auf. Die Freuden des häuslichen Weibes verlieren nie ihren Werth, ih⸗ re Blüthe fällt nie ab; ihre Farben erlöſchen nie; ihr Reitz geht nicht mit dem Augenblicke vorüber, in welchem er empfunden wird. Sie ſind die köſtlichſte Frucht einer geſunden Verfaſſung des Herzens; darum wird man ihrer nie ſatt, darum kehrt man immer heitrer von ihnen zurück. Sie fordern keine gewaltſame Spannung; darum folgt auch keine Abſpannung. Sie ſetzen alle Kräfte des Lebens in ein freies und frohes Spiel; da⸗ rum ſind ſie zu jeder Zeit und in jedem Alter genießbar. Sie beſtreuen die Wege der Jugend mit Blumen; ſie ſtärken unter den Arbeiten des Lebens; ſie erquicken auf dem Sterbebette mit ſüßen Vorgefühlen des beſſern Lebens, und be⸗ kränzen einſt wieder mit Blumen unſern Aſchen⸗ krug. über unſer ganzes Daſeyn verbreiten ſie den Glanz himmliſcher Verklärung. Dazu kommt noch, daß dieſe Freuden mit der Tugend ſo nahe verwandt ſind. Man genießt ſie nicht allein mit einem ſchuldloſen Herzen, ſondern man iſt auch um ſo viel empfänglicher für ſie, je 26,,e mehr Sinm man fuͤr alles Vortreffliche hat. Nur von reinen Seelen wird die Wonne der edlern Liebe gefühlt. Nur unverdorbene Gemüther ha⸗ ben ſo viel Wohlwollen und ſo viel Anhänglich⸗ keit an andre, daß ſie des fremden Glückes, nie des eigenen, froh werden. Gewiß iſt der ein gu⸗ ter Menſch, der an häuslichen Ereigniſſen und Feſten lebhaften Antheil nimmt, und den die ſchö⸗ ne Entwickelung des jugendlichen Lebens entzückt. Darum reifen, endlich, unter dem Schutze und der Pflege der Häuslichkeit die edelſten Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens, und vorzüglich diejeni⸗ gen, die in der kalten und rauhen Luft des zerſtreuten Weltlebens ſelten gedei⸗ hen. Wo findet man die Freundſchaft ſo wahr und treu, wo die Liebe ſo dauerhaft, ſo herzlich und beglückend, wo eine ſo reine Uneigennützig⸗ keit, als unter häuslichen Menſchen? wo ſo viel Schonung und Nachſicht, ſo viel zuvorkommendes Verzeihen, ſo wiel Bereitwilligkeit, ſich für einan⸗ der aufzuopfern, wo einen ſo feſten Muth im Leiden, ein ſo ſtandhaftes Vertrauen auf Gott, eine ſo unerſchütterliche Geduld, einen ſo ſanften Sinn, eine ſo liebenswürdige Anſpruchloſigkeit, eine ſo rührende und glückliche Zufriedenheit, als — — unter dieſen? Wo gibt es ſo viele Veranlaſſun⸗ gen, Aufforderungen und Gelegenheiten, den Verſtand über die Angelegenheiten des Lebens zu erleuchten, ihm richtige und helle Anſichten zu verſchaffen, und ihn mit heilſamen Erfahrungen zu bereichern, die Empfindungen zu ſchärfen und zu verfeinern, die Maximen und Sitten zu ver— edeln, und überhaupt die Weiblichkeit ganz zu entwickeln, als hier? Immer haben ſich die häuslichen Weiber, durch ihre Geſinnungen und durch ihr Betragen, die meiſte Achtung erworben. In den Tugenden, die ſie unter häuslichen Arbeiten, Schickſalen und Freuden lernten, haben ſie uns die Würde der menſchlichen Natur in ihrer ganzen Herrlichkeit gezeigt. An ihnen erblicken wir das Treffliche in einer Vollkommenheit, die wir nicht genug be⸗ wundern können. Freilich durften dieſe keinen gemeinen Sinn und Denkungsart mit ins häusliche Leben brin⸗ sgen. Das häusliche Leben kann nur da veredeln, wo es Gefühl und Empfänglichkeit für das Edle antrifft. Einem ſchlechten Gemüthe gereicht zur Verſchlimmerung, was andre beſſert, weil es da— rin allein dasjenige ſieht und ſich aneignet, was ſeinen ſchlechten Neigungen zuſagt. Das eitle —— ————— und zerſtreuungsſüchtige Weib kehrt im häusli⸗ chen Leben noch wohl zur Beſcheidenheit und Ein— gezogenheit zurück, wenn es in demſelben findet, was ſein Herz zu feſſeln vermag. Die beſſern Empfindungen, welche nur eingeſchlafen waren, wachen wieder auf von der freundlichen Berüh⸗ rung. Aber das träge Weib wird im häuslichen Leben noch nachläßiger, das an Unordnung und Schmutz gewöhnte noch unordentlicher und eckel⸗ hafter, das geitzige noch habſüchtiger und karger, das unempfindliche noch roher, das niederträchtige ſinkt zur tiefſten Verächtlichkeit herab. In ſol⸗ chen Weibern ſind die beſſern Empfindungen nie recht geweſen. Sie ſind auch nicht fähig an häuslichen Angelegenheiten das reine Intereſſe zu nehmen, durch welches der wohlthätige Einfluß derſelben vermitteit wird. Sie kennen die Liebe und die Zärtlichkeit nicht. Das häusliche Weib iſt aber nicht(bloß für ſich ſelbſt glücklich; ſein ganzes Leben iſt auch eine unerſchöpfliche Quelle von Z u⸗ friedenheit für andre, und beſonders für diejenigen, die am nächſten mit ihm verbunden ſind. 2⁰8 Das Weib, welches ſeine Freude allein au⸗ ßer dem Hauſe, oder in gelehrten Beſchäftigun⸗ gen findet, iſt immer verſtimmt, wenn es ſich um häusliche Dinge bekümmern ſoll, oder auch nur gehindert wird, ſich in den Kreiſen ſeiner Luſt zu bewegen. Ein freundliches Geſicht ſieht man ak⸗ lein dann an ihm, wenn es in die Geſellſchaft oder zum Feſte geht, wenn es gelingt, der Eitel⸗ keit einen glänzenden Triumph zu bereiten. Dar⸗ über wird nun das Nöthigſte verſäumt, alles ge⸗ räth in Unordnung, das Geſinde macht, was es will. Die Kinder erfahren nicht, daß ſie eine Mutter haben, wenn nicht an ihrem Schelten u. Strafen. Der Gatte erfährt nur an der Zer⸗ rüttung ſeines Hausweſens, an der Verſchleude⸗ rung ſeines Geldes, an dem Geräuſche, das ihn umgibt, an dem Aufwande den er beſtreiten, an den Schulden die er bezahlen ſoll, und an den Sorgen, die ihn Tag und Nacht quälen, daß er ein Weib har. Kehrt es nun zurück aus dem Wir⸗ bel der Zerſtreuung: wie viele peinigende Ein⸗ drücke bringt es dann mit, die andern noch mehr fühlbar werden, als ihm ſelbſt! Wirft es einen Blick auf die verrwirrten Angelegenheiten des Hauſes, fängt der Mangel ſchon an bemerklich zu werden, ſoll es nach dem Taumel der Ausge⸗ ⸗ laſſenheit ſich die drückende Einſchränkung, nach dem Schimmer die Alltäglichkeit gefallen laſſen: wie treten dann Mißbehagen und der finſterſte Unmuth an die Stelle der jubelnden Freude! wie müſſen dann Gatte, Kinder und Geſinde ſchwer entgelten, was es ſelbſt verſchuldet hat! Glücklicher Gatte, dem das beneidenswehrte Loos ward, an der Hand eines häuslichen Wei⸗ bes durch die Welt zu gehen! Welch eine treue, ſorgſame Gefährtin haſt du an ihm! wie trefflich ſteht es in deinem Hauſe! welch eine freundliche Ordnung ſpricht dich in allem an, was dich um⸗ gibt! wie gut wird deine Wirthſchaft verwaltet! wie reichlich mehrt ſich dein Wohlſtand! welche Genüſſe gewährt dir dein, wenn auch kärgliches, Einkommen! wie köſtlich wird dir jeder Biſſen ge⸗ würzt von der zärtlichen Liebe! wie gerne weilſt du da, wo der Erfindungsgeiſt deiner Gattin im⸗ mer neue Reitzungen hervorlockt! welche lachende Paradiſe blühen unter ihren ſchaffenden Händen auf! welches namenloſe Vergnügen findeſt du in ihrem Umgange! wie verſcheucht das ſüße Ge⸗ ſpräch deine Sorge! wie tröſtet es dich in deinen Kümmerniſſen! wie entzückt dich jeder Zug von Seelengüte, den du an ihr entdeckſt! 14 ————— 4—n —— — — — 1— Glückliche Kinder, die unter der zäͤrtlichen Pflege und der wachenden Sorgfalt einer ſolchen Mutter aufwachſen! Wie theuer wird euch ſchon frühe der ſüße Mutternahme, und wie ehrwürdig muß er euch euer ganzes Leben bleiben! Worte können es nicht ausſprechen, was ihr von ihr em⸗ pfangt, mit welcher Herzlichkeit euch alles, was euch gut iſt, gereicht, jede ſchuldloſe Freude ge⸗ ſtattet wird, mit welcher Fülle von Wohlwollen ihr überſchüttet werdet. Wie theilt ihr ſanfter, ſtiller Geiſt ſich euch mit! wie dringen ihre Leh— ren euch ſo warm ins Herz! welche ſchöne Ge⸗ fühle weiß ſie in euch zu wecken, zu welchen Ge⸗ ſinnungen euch zu erheben, wie eure zarten Ge— müther zu lenken, euern jugendlichen Ungeſtüm zu mäßigen, und euch für alles Vortreffliche zu in⸗ tereſſiren! O ihr müßt gute Menſchen werden, und veredelnd auf andre wirken, wenn dieſer Sinn nie von euch weicht, wenn ihr dieſe Ein⸗ drücke bewahret. Eine der ehrwürdigſten Verbindungen auf Erden iſt die zu einer Familie. Sie iſt die Menſchheit im Kleinen. Aus Familien ergänzt ſich das menſchliche Geſchlecht, und dieſes zeigt ſich immer in der Geſtalt, die jene an ſich hatten. Seine kraftigen Individuen, ſeine feurigen Pa⸗ trioten, ſeine warmen Verfechter, ſeine weiſen Lehrer, ſeine muthigen Streiter für Wahrheit und Recht empfängt es aus dem Schöooße der Familien. Sein Wohlſtand hängt von dem Wohlſtande der Familien ab; und ein Staat iſt um ſo viel glücklicher, je mehr glückliche Familien er zählt. Wenn es wahr iſt, was einige ſagen, daß die Menſchheit verfalle, und ihr Gehalt, wie ihr Leben, immer mehr dahin ſchwinde: ſo wird der Grund der Verbeſſerung in den Fami⸗ lien gelegt werden, ſo werden dort die Tugenden wieder auferſtehen müſſen, die im Glanze der Welt untergegangen ſind; ſo hat man von dort her die edler Gebildeten zu erwarten, die mit Wort und That eine große Reform bewirken. Sie ſind die Seele dieſer ehrwürdigen und einflußreichen Verbindungen, Ihnen ſind die wich⸗ tigſten Anordnungen darin übertragen. Sie kön⸗ nen hier am meiſten ausrichten. Welch' ein er— habener Beruf iſt damit an Sie ergangen, welch' ein bedeutendes Geſchäft Ihnen aufgetragen! Welch' ein weites Feld iſt Ihren Bemühungen eröffnet, die Ihnen ſo oft geringfügig ſcheinen! Welch' eine ehrenvolle Stelle nehmen Sie in der menſchlichen Geſellſchaft ein! Was Sie in Ih— rem Hauſe thun, das thun Sie für die Welt, und in der Welt wird man den Segen davon ſehen. Jede wohlthätige Anerdnung, die Sie da treffen, iſt ein ſchöner Beitrag zur Veredlung des Zeitgeiſtes. Ausgebreitete, fortdauernde, herrliche Verdienſte erwerben Sie ſich, wenn Sie für ihre häuslichen Angelegenheiten ganz leben, und häusliches Glück jedem andern vorziehen. Es wird nicht verlangt, daß Sie alle un⸗ mittelbare Gemeinſchaft mit der Welt aufheben. Kein, die Welt ſoll Sie ſehen, und ſich Ihrer freuen. Aber das Lob der Welt ſey nicht Ihre Belohnung. Die Weellt darf Sie nicht beſitzen und gefeſſelt halten. Es darf Ihnen nicht ſchwer fallen, wenn Sie derſelben entbehren müſſen. Die Welt ſoll auch zu Ihrer Bildung beitragen, ihre Vielſeitigkeit befördern, und ihr die äußer⸗ liche Glätte geben, die Ihrem häuslichen Daſeyn wieder zur Verſchönerung gereicht. Aber nie dringe ſie Ihnen ihren Sinn auf; nie verleide ſie Ihnen das Stille. Sie müſſen aus dem Hauſe in die Welt treten, wie aus der Heimath in die Fremde. Im Hauſe bleibe Ihnen das Liebſte, zu welchem man ſich immer zurück ſehnt. So werden Sie dem Leben bewahren das Reine und Würdevolle, das Selige und Beſeligende. Neunte Rede. Die vornehmſten Hinderniſſe der Haͤuslichkeit in der gegenwaͤrti⸗ gen Zeit. E. iſt kein erfreuliches Geſchäft, mit dem Bil⸗ de der Hauslichkeit, welches unſre letzte Betrach⸗ tung aufſtellte, das Weſen und Treiben zu ver⸗ gleichen, das wir in unſerm Zeitalter antreffen. Es iſt nicht zu läugnen, der Familien ſind noch viele, in welchen man herzliche und getreue Än⸗ hänglichkeit, liebevollen Zuſammenhang, innige Theilnahme, Eingezogenheit, ſtillen Fleiß und die daraus entſpringenden, eben ſo ſüßen als geräuſch⸗ —— ——— — ——— ———— — -—-——— loſen, Freuden antrifft. In ihnen erſcheint die Häuslichkeit reicher und gebildeter, als man ſie je ſah. Der Verkehr, den ſie hier ſtiftet und die Genüſſe, die ſie hier gewährt, ſind Beweiſe, daß das Zeitalter auch in der echten Aufklärung, in der wahren Veredlung einige Fortſchritte ge⸗ macht hat. Die Häuslichkeit der frühern Zeit können wir uns nicht unbedingt zurück wünſchen. Es war in ihr häufig etwas Finſtres, Strenges, Niederdrückendes, was zwar die Sitte bewachte, und den innern Frieden ſicherte, aber die Freude verjagte, und ſchon frühe einen Hang zum Ernſte und einen Trübſinn erzeugte, der die Luſt des ganzen Lebens vergiftete. Sie trug überall die Zeichen einer Beſchränktheit, die man nicht loben kann, und führte Beſchränkungen herbei, die der ſanften Menſchlichkeit nicht zuträglich waren. Ein beßres Verſtehen des Lebens, ein feinerer Um⸗ gang, eine freiere Herzlichkeit, mehr Berührnngs⸗ punkte der Gemüther, mehr Mittel des ſchönen Genuſſes, und eine zartere Empfindſamkeit, ſind in der Regel jetzt in den häuslichen Familien. Aber daß die Zahl dieſer Familien mit der Zahl derer, in welchen man die Häuslichkeit kaum dem Namen nach kennt, nicht in Vergleichung ⸗ kommt, daß ſie ſich ſehr verringert hat, und noch immer mehr verringert, daß der herrſchende Geiſt Jein ganz andrer, daß er ein wilder, lärmender ein Geiſt des kalten Weltlebens iſt, das kann auch nicht geläugnet werden. Die ſchlichte Ein⸗ falt des häuslichen Lebens, muß künſtlichen Zer⸗ ſtreuungen und rauſchenden Ergötzlichkeiten Platz machen. Häusliche Geſchäfte weichen den Putz⸗ und Spieltiſchen, und häusliche Freuden werden der Sucht zu glänzen aufgeopfert. Bewundert werden gilt mehr, als Wehrt haben,— glück⸗ lich ſcheinen wehr, als glücklich ſeyn. An nichts⸗ würdige Beſchäftigungen wird die koſtbare Zeit verſchleudert, und theure Vergnügungen verzeh⸗ ren den Wohlſtand des Hauſes. Mittel die Zeit zu vertreiben, nennt man jetzt weibliche Arbeiten; immer kleiner wird die Zahl der Verrichtungen, welcher, wie man glaubt, eine vornehme und ge⸗ bildete Frau ſich nicht zu ſchämen hat. Es wird immer gewöhnlicher, daß hinter prunkenden Schim⸗ mer ſich das größte Elend verſteckt, wie es ſelt⸗ ner wird, daß Eintracht und Liebe den Himmel auf die Erde zaubern. Man kann nicht anders, als trauern um eine ſolche Veränderung⸗ Je mehr man den Wehrt einer Sache erkennt: deſto ſchmerzlicher fühlt man ihre Seltenheit und ihren 3⸗⸗ Verfall. Das Klagen dient freilich zu nichts, Aber es dient auch zu nichts, daß man ſich Män⸗ gel verbirgt, die einmal da ſind, und deren Fol⸗ gen ſo allgemein und ſo tief gefühlt werden. Beſſer iſt es, den Quellen des Übels und der Art, wie demſelben entgegen zu arbeiten ſey, nach⸗ zuforſchen. Wir werfen daher jetzt die Frage auf: wo⸗ her rührt der Verfall der Häuslichkeit? was ſteht ihr in der Stimmung der gegenwärtigen Zeit vorzüglich entgegen? Bei den meiſten unter den Unglücklichen, die, einem zerſtreuten Weltleben ganz ergeben, für häusliche Angelegenheiten keinen Sinn, und an häuslichen Geſchäften keine Freude haben, darf uns dieſe Erſcheinung nicht befremden. Wie follen ſie lieben, was ſie nicht kennen— wie gerne thun, wozu ſie nie gewöhnt worden ſind— wie in einer Sphäre ſich glücklich füh⸗ len, die ihnen jeden Augenblick, durch ihre Un⸗ geſchicklichkeit und durch ſolche Hinderniſſe, die zwar an ſich leicht wegzuräumen wären, bei denen ſie ſich aber nicht zu helfen wiſſen, weil ſie es nicht gelernt haben, verleidet wird! Wahrlich es fehlt nicht allen, die auf dieſen Wegen gehen, an Talent für haͤusliches Leben und häusliches - 8 — Gluck. Ich ſahe ſchon viele, ſehr viele, welche „Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens genug be⸗ ſaßen, die ſie zu herrlichen, hoffnungsvollen Mäd⸗ chen, glücklichen und beglückenden Gattinnen, trefflichen Müttern und wuͤrdigen Vorſteherinnen des Hausweſens würden gebildet haben; wenn man ſie nicht irre geleitet, wenn man den Anlagen ihrer Natur nicht entgegen gear⸗ beitet, wenn man ihre beſſern Neigungen nicht unterdrückt, wenn man ſie nicht gezwungen hät⸗ te, etwas andres zu ſeyn, als ſie ſeyn konnten und ſollten. Sie wurden die Opfer eines trauri⸗ gen Vorurtheiles und einer engherzigen Abhäng⸗ igkeit von den Meinungen des Tages. Man glaubte, es ſey nicht vornehm, ſich um die Ange— legenheiten des Hauſes zu bekümmern, wer ſich auf den guten Ton verſtehe, dürfe ſich damit nicht befaſſen, um in der Welt ſein Glück zu machen, müſſe man im Sinne und Glanze der Welt leben. Unſere Töchter werden für alles gebildet, nur nicht für das häusliche Leben; ſie werden in allem unterrichtet, nur nicht in dem, was ſie zu thun haben, um hier zufrieden zu ſeyn, und zu⸗ frieden zu machen. Sie lernen alle Künſte, nur nicht die, ihre Stelle nützlich auszufüllen. Das ——— Leben in den großen Kreiſen der Welt wird ih⸗ nen als ihre Beſtimmung genannt— hier eine Rolle zu ſpielen als das Höchſte, worauf ihr Streben gerichtet ſeyn müſſe. Dazu werden nun auch ſo frühe als möglich alle Anſtalten getroffen. Sie müſſen alle Geſellſchaften beſuchen, an allen Vergnügungen und Spielen Theil nehmen, halbe Tage auf ihren Putz und auf den äußern, oft ſehr falſchen, Schmuck ihres Betragens ſtudieren. Darüber bleiben ihnen ihre nächſten Umgebungen unbekannt. Romanenlectüre verſchlingt die übri— ge Zeit, gibt der Phantaſie eine idealiſche, oft phantaſtiſche Stimmung, und macht ihnen vollends die häuslichen Verbindungen zuwider, worin es ſo alltäglich hergeht. Wo hören ſie denn von ih— ren Pflichten? wo ſollen ſie erfahren, wie ſie es anzufangen haben, dieſen Genüge zu leiſten? O ihr Mutter, iſt es denn noch nicht genug, daß ihr euch ſelbſt unglücklich fühlt? müßt ihr eure Töchter noch zwingen, es auch zu werden? Wollt ihr mit ihnen glänzen: ſo ſchont doch dabei ihres Herzens und ihrer Ruhe. Laßt ſie doch wenig— ſtens ſelbſt wählen. auch einem beſſern Sinne zu folgen, wenn er et⸗ Sekzt ſie in den Stand, wa in ihnen erwachen möchte. Familienſinn wurde, in meiner letzten Rede, als das Weſentliche der Häuslichkeit ange— geben. Auch von dieſer Seite her iſt das Zeitalter der Häuslichkeit nichts weni⸗ ger als günſtig. Die Familienverhältniſſe wer⸗ den immer loſer; der Sinn für das Heilige dar⸗ in verſchwindet immer mehr; das gegenſeitige In— tereſſe für einander verliert immer mehr von ſei⸗ ner Stärke; die Fähigkeit des Anſchließens wird immer ſeltener. Herzlichkeit und Innigkeit des Zuſammenlebens ſind vielen ſo fremd geworden, daß ſie kaum den Begriff davon haben. Was unter dieſen den Namen der Freundſchaft und Zärtlichkeit trägt, iſt entweder bloßer Schein oder eine erkünſtelte Wärme, die von der Phan⸗ taſie eine Zeit lang unterhalten wird, bis ſie in deſto größere Kälte übergeht. Man weicht ſich aus, man bleibt ſich ferne, man ſucht ſich unab⸗ haͤngig zu machen. Den meiſten von denen, die ſich einer höhern Kultur rühmen, ſind diejenigen die Gleichgültigſten, wenn nicht gar die Widrig⸗ ſten und Verhaßteſten, die ihnen am nächſten ſte⸗ hen. Kein Wunder. Die Grundlage des häusli⸗ lichen Vereines iſt die Ehe. Was iſt aber ge⸗ wöhnlicher, als daß Leichtſinn, Noth, Conventio⸗ — — —— nen, Rückſicht auf Geld, Stand und Amt ſlie ſchließen? Wie häufig iſt es der Fall, daß die, welche ſich mit einander verbinden, ſich gar nicht fuͤr einander ſchicken, daß ihre Charaktere ſich widerſprechen, daß ſie die Diſpoſition zu einer unvertilgbaren Abneigung ſchon in ſich tragen! Wie ſelten führt doch wahre Liebe, welche allein glückliche Bündniſſe ſtiften kann, die Menſchen zuſammen! Wie oft wird ein flüchtiger Rauſch der Sinne gedankenlos für Liebe genommen! Wie viele haben die Fähigkeit zu lieben, welche zu dem Tiefſten und Kräftigſten im Menſchen ge⸗ hört, ſchon frühe verloren! Wie viele bringen nichts, als ein verbrauchtes, eingetrocknetes Herz und noch wohl dazu eine befleckte Seele in das neue Verhältniß, das vor allen Dingen Reinig⸗ keit, Fülle und Friſche des Gemüthes verlangt! Zwar hat auch in der ältern Zeii nicht immer die Liebe die Ehen geſtiftet; aber das war da⸗ mals unbedenklicher. Die Gemuther waren noch nicht ſo ſpröde; des Abſtoßenden war noch nicht ſo viel, der Egoismus noch nicht ſo mächtig; die Veranlaſſungen eines unfreundlichen Zuſammen⸗ treffens waren nicht ſo zahlreich. Auch ohne ſon⸗ derliche Zuneigung gewöhnte man ſich an einan⸗ der; durch gemeinſchaftliche Schickſale, durch das . — 2. gemeinſchaftliche Intereſſe, durch gegenſeitige Dienſtleiſtuugen wurde man einander wehrt. Jetzt iſt das anders; nur wahre Liebe kann ver⸗ hüthen, daß man nicht einander fremd und bald zur Laſt werde, nur ſie kann die Gemüther ſo verbinden, daß Theilnahme und Hingebung eine unerſchöpfliche Quelle der Luſt ſeyen. Dazu kommt noch ſo manches andre, was ſich auch auf die übrigen Verhältniſſe des Fami⸗ lienlebens erſtreckt. Die Aufklärung des Jahr⸗ hunderts preist uns die Geringhaltung dieſer Verhältniſſe, als Zeichen der Weisheit und der Weiſtesfreiheit an; ſie glaubt das Ehrwürdige und Bindende, was man ſonſt darin erkannte, unbe⸗ denklich für ein Werk des Wahnes erklären zu dürfen. Viele vermiſſen in dieſen Verhältniſſen den höhern und feinern Ton der großen Geſell⸗ ſchaft, von welchem etwas vernommen zu haben, ſie mit unbegränztem Dünkel erfüllt, und ſie ver⸗ achten läßt, was ihn nicht an ſich hat, wäre es auch das Schönſte und Rührendſte. Die über⸗ bildeten Söhne und Töchter ſchämen ſich der El— tern, die hinter ihren Fortſchritten zurück geblie— ben ſins. Der Hang nach Abwechſelung, dem das Zeitalter ſo viel Nahrung bereitet, findet den häuslichen Zirkel zu enge, das häusliche Weſen — 3 4 4 222 zu einförmig. Wie ſoll endlich das Haus denen ein angenehmer Aufenthalt ſeyn, in welchen die zarten Empfindungen der Geſelligkeit entweder nie erwacht, oder längſt erſtorben,— dagegen alle ſelbſtfüchtigen Neigungen zu einer ungeheuren Stärke empor gewachſen ſind? Die vielfachen Zwecke, nach welchen die Menſchen in der gro⸗ ßen Geſellſchaft ſtreben, das unabläſſige Jagen und Rennen, wobei ſie ſich überall im Wege ſte⸗ hen, die Menge von Künſten, die ſie erfunden haben, und noch täglich erfinden, einander zu übervortheilen, müſſen in die engern geſellſchaft— lichen Verhältniſſe immer nachtheiliger wirr ken, und immer weiter von einander entfer⸗ nen; wenn nicht eine ſorgfältige Erziehung dar⸗ über wacht, daß die heiligſten Regungen der Na— tur nicht verloren gehen; wenn nicht warme Er⸗ wiederung dieſer Regungen, wenn nicht zärtliche Vater⸗ und Mutterliebe ſie lebendig erhält. Indeß wird auch der ſtärkſte Familienſinn der Häuslichkeit noch wenig zu Statten kommen: wenn ſich mit ihm nicht ein ſanfter und biegſamer Charakter verbindet. Was hilft es, daß man innig an einander hängt; wenn eine kleine Colliſion ſchon Störungen ver⸗ urſacht? Was hilft es, daß man ſich gerne ein⸗ ander mittheilt, und gerne von einander em⸗ pfängt; wenn Mißverſtändniſſe, Empfindlichkeit und Heftigkeit ſich oft feindſelig dazwiſchen drän⸗ gen; wenn man nicht ſchoͤnen, tragen und nach⸗ geben kann; wenn man die Leidenſchaft nicht zu mäßigen weiß; wenn man auf jeder Meinung mit Hartnäckigkeit beſteht, jeden Entſchluß aus⸗ führen, und nie ſeiner Laune Gewalt anthun will? Nach und nach ſchleichen ſich da Erbitte— rung und Widerwille ein, und die Gemüther, die ſich Anfangs nahe waren, werden gegen ein⸗ ander empört. Schon manches ſchöne Verhältniß wurde auf dieſe Art aufgelöst. Es iſt wirklich ſo leicht nicht, daß Menſchen, die täglich mit einander umgehen, die ſo vieles mit einander gemein haben, und ſich ſo oft ein⸗ ander in ihrer Schwachheit zeigen, im guten Vernehmen bleiben. Die höchſte Verläugnung der Selbſtſucht wird dazu erfordert. Wenn dieſe nun auch nicht in der natürlichen Lebhaftigkeit ei⸗ nes nur nicht ganz phlegmatiſchen Temperamentes einen mächtigen Widerſacher hätte: ſo wäre ſie doch nicht häufig zu erwarten in einem Zeitalter, wo die Menſchen ſchon frühe gewöhnt werden, jeder ſeinen eignen Weg einzuſchlagen, wo die Anmaßung immer lauter, allgemeiner und unge⸗ — 224 ſtümmer, die Kunſt ſich in andre zu ſchicken, im⸗ mer ſeltener wird. Viele ſind in dieſer Zeit zum häuslichen Le⸗ ben ungeſchickt; weil Eigennſinn und Widerſpruchs⸗ geiſt ſie beherrſchen; weil ſie immer mehr verlan⸗ gen, und immer weniger geben mögen; weil ſie nicht davon abſtehen können, einander wehe zu thun, und ſich kränken zu laſſen; weil häuslicher Deſpotismus und Freiheitsſinn unaufhörlich mit einander im Streite liegen; weil ſie mit keinem Fehler Nachſicht haben, keine Forderung herab⸗ ſtimmen, keinen aufwallenden Affect unterdrücken wollen;— endlich, weil der Unmuth und die Verſtimmung, welche den übergenuß der Freude begleiten, eine Reitzbarkeit erzeugen, die ſich überall verletzt fühlt, und zu einem unfreundli⸗ chen Betragen fortgeriſſen wird. Sehr häuſig iſt es Leerheit und Ge⸗ haltloſigkeit, was ſich dem häuslichen Sinne entgegen ſetzt. Viele Weiber ſind kultivirt ge⸗ nug, um die Geſchäfte und den Gang des häus⸗ lichen Lebens einförmig zu finden, aber nicht ge⸗ bilder genug, um ihm aus eigner Fülle mehr Mannichfaltigkeit zu geben. Das ewige Wieder⸗ kehren derſelben überlegungen und Sorgen, der⸗ ſelben Ereigniſſe und mechaniſchen Verrichtungen erweckt leicht das läſtige Gefühl des Alltäglichen⸗ und damit UÜbardruß. Das Intereſſe an den Menſchen, für welche man jene Überlegungen an⸗ ſtellt, jene Sorgen hägt, jene Verrichtungen un⸗ ternimmt, und die Überzeugung, daß man da⸗ durch auf eine ſchöne Art nützt, mildern zwar dieſes Gefühl einiger Maßen; aber ſie heben es nicht ganz auf. Ein reicher Geiſt, eine ſchöpfe⸗ riſche Einbildungskraft und ein richtiger Ge⸗ ſchmack müſſen hinzukommen, um theils an dem Gewöhnlichen neue Reitze zu entdecken, theils es ſelbſt damit auszuſtatten. Auch in den ſüßeſten Genüſſen ermüdet das Einerlei. Der köſtlichſten Freuden wird man ſatt, wenn kein Wechſel ſie erfriſcht. Das Außere behält aber nun einmal dieſe beſtimmte regelmäßige Geſtalt, wenn zu ihm aus dem Innern nichts hinzugethan wird. Da⸗ rum iſt nur das gebildete Weib im Stande, das häusliche Leben andern angenehm zu machen, und ſelbſt Gefallen daran zu haben. Weiber oh⸗ ne Kopf und Herz mögen ſich wohl auf das Haus beſchränken, weil ſie ſich in die Welt nicht finden — oder weil ſie ihrer Gemeinheit da beſſer nach⸗ gehen können, oder weil ſie für ihre Unbedeu⸗ tendheit da eine angemeſſenere Sphäre antreffen. 15 —— — —-— 4 1 Aber Liebe zum Häuslichen kann nie in ihnen ſeyn, und ohne dieſe Liebe iſt keine wahre Häus⸗ lichkeit möglich. Betrachtet man nun das gewöhnliche Weſen der gegenwärtigen Welt: ſo wird man geſtehen müſſen, daß es von dieſer Bildung ganz und gar entferne. Während einige dieſelbe in ſolchen Din⸗ gen ſuchen, die über die weibliche Natur hinaus liegen, und von welchen ſich kein Gebrauch im häuslichen Leben machen läßt; arbeitet bei andern alles dahin, Geiſt und Herz auszuleeren, ihren Gedankenkreis ſo ſehr als möglich zu verengen, die beſſern Empfindungen im Aufkeimen zu erſti⸗ cken, die Phantaſie unreinen und ungezügelten Neigungen dienſtbar zu machen, und ihr eine Richtung zu geben, wobei ſie nie die Wirklichkeit verſchönernd berührt. Was die Erziehung be⸗ gann, vollendet der eigne Geſchmack. Ohne Sinn für Lectüre, Erfahrung und Selbſtbeobachtung, vernachläſſigen ſie alles, was ihrem Geiſte höhere Reife und mehr Fülle geben könnte, und werden immer ärmer an ſolchen Ideen, immer unfähiger zu ſolchen Entwürfen, die dem häuslichen Wir⸗ ken und Genießen eine reitzende Mannichfaltigkeit derſchaffen. Ihr ganzer Erfindungsgeiſt wird auf die Ausſchmückung des Außern gewendet, und ſo 1 dergeht ihnen auch das Gefühl für das Einfach⸗ ſchöne, wovon die Häuslichkeit ihre Nahrung zieht. Ein eben ſo bedeutendes Hinderniß der weib⸗ lichen Häuslichkeit iſt der eitle Sinn, der ei⸗ nem großen Theile des weiblichen Ge⸗ ſchlechtes nicht ohne Grund vorgeworfen wird. Das eitle Weib muß glänzen, ſeiner Schönheit Bewunderer, ſeinem Verſtande und ſeinem Witze Verehrer erwerben, durch ſeinen Anzug, ſeine Sitten und ſeinen Geſchmack ge⸗ fallen. Entweder beſitzt es nur ſolche Eigen⸗ ſchaften, die für den ſtillen Genuß nichts ſind, deren ganzer Wehrt davon abhängt, daß man ſie bemerkbar machen kann, oder, wenn es beßre hat, iſt es doch nicht gewohnt, dieſe um ihrer ſelbſt willen zu ſchätzen, damit zu nützen und zu er⸗ freuen; ſie gelten ihm nur, in wie fern und weil es ſie zu zeigen vermag. Mit den erſtern iſt im häuslichen Leben nichts auszurichten, und auch die letztern werden, bei einer ſolchen Stimmung, für daſſelbe unbrauchbar. Das eitle Weib fühlt ſich im Hauſe nirgends an ſeiner Stelle; weil die Leidenſchaft unbefriedigt bleibt, die ſein Leben regiert; weil es hier nur ſtilles Glück, durch wah⸗ ren Wehrt erworben, aber keine Anbether gibt, — —— — denen oft ſchon der Schein genügt. Ihm kann nicht wohl ſeyn in der Geſellſchaft ſolcher Men⸗ ſchen, deren Beifall ihm ſchon gewöhnlich gewor⸗ den, oder durch öftern Umgang und genaue Be⸗ kanntſchaft ſehr herabgeſtimmt iſt. Seine Ruhe hängt von der Zahl ſeiner Bewunderer ab. Hier iſt aber nur eine ſolche heimiſch, die aus dem Herzen kommt, die man um ſo reiner empfindet/ je beſſer man ſich auf ſich ſelbſt und auf wenige gute Menſchen beſchränken kann. Das eitle Weib muß auf die Künſte, wo⸗ durch es zu gefallen hofft, ſo viel Zeit verwen⸗ den, daß ihm für die Beſorgung häuslicher Ge⸗ ſchäfte nichts übrig bleibt. Die Art des Beneh⸗ mens, die Kleidung, Haltung und Gebehrdung, womit man die vortheilhafteſten Eindrücke macht, wollen ſo genau ſtudiert ſeyn, daß entweder alles andre darüber vergeſſen, oder in einer Verfaſ⸗ ſung verrichtet wird, die damit im auffallendſten Widerſpruche ſteht; wobei es nothwendig verun⸗ glücken muß. Wie kann man denn daran Freu⸗ de haben? Das ganze Leben wird für das Ge⸗ fallen gebildet; alle Kräfte deſſelben ſind nur in dieſer Richtung thätig, und unfähig zu ſolchen Geſchäͤften, wodurch die Aufmerkſamkeit der Men⸗ ſchen nicht angezogen wird. Überdem führt die ann ten⸗ Eitelkeit, immer mit kleinen Dingen befaßt, zu einer kleinen Denkart, die für das Ernſte und Wichtige keine Empfänglichkeit beſitzt. Ernſt und wichtig ſind häusliche Angelegenheiten aber immer; ſo geringfügig ſie auch oft ſcheinen mögen. Un⸗ glückliche Weiber, die an dieſe Leidenſchaft, die ſo wenig gibt, ſo viel Unruhe und ſo große Ge⸗ fahren hat, mit dem Sinne für das Häusliche, den ſchönen Frieden des Lebens verkauften! Hiermit ſtehen Zerſtreuungsſucht und Prachtliebe in Verbindung,— Feh⸗ ler, an denen unſer Zeitalter vorzüglich kränkelt. So weit als möglich aus ſich ſelbſt her⸗ aus zu treten, zu ſehen und zu hören, und ſich an bunter Mannichfaltigkeit, wenn auch von ſchlechtem Gehalte, zu erluſtigen, das iſt das täglich weiter um ſich greifende Streben der Menge in höhern und niedern Staͤnden. Wo es an innerer Bildung fehlt, wo die feinere Em⸗ pfindungen nicht erwacht ſind, da kann der Ge nuß nur vom Außerlichen kommen. Sey dieſes noch ſo gemein: es wird ergötzlich genug ſeyn, wenn es nur nicht an Abwechſelung fehlt. Die⸗ jenigen werden glücklich gepriefen und beneidet,⸗ denen es geſtattet iſt, ſich mit immer neuen Ge⸗ genſtänden zu umgeben, den Sinnen immer neue 1 . 1 1 —— ᷣ--q-— Reitze zu verſchaffen, und ſich unaufhörlich im Wirbel rauſchender Vergnügungen zu bewegen. Wie man ſich deſſen freuen könne, was ſtets in derſelben Geſtalt erſcheint, das begreifen die mei⸗ ſten nicht, weil ſie nichts wiſſen von den Befreun⸗ dungen des Gemüthes und von den Reichthü⸗ mern des Geiſtes. Nichts findet man läſtiger, als das Einfache; nichts wird mehr gemieden, als die Stille. Man will ſich vergeſſen; man will nicht an ſich ſelbſt erinnert ſeyn; man will nur leben in den Eindrücken, die man empfängt. Wie ſollte nun damit häuslicher Sinn noch be— ſtehen? Iſt nicht im Hauſe alles einfach? Bie⸗ thet es nicht allein denjenigen gefälligen Wechſel an, die ſich auf das Tiefe, Zarte und Bedeutſa⸗ me im Leben verſtehen? Iſt nicht im Hauſe die Stille? muß man nicht ſie lieben, in ihr ſich be⸗ ſchäftigen können, muß man nicht gewohnt ſeyn, mit ſich ſelbſt zu leben, vertraut mit angelegent⸗ lichem Nachdenken und ernſtern Sorgen, um hier Freude zu finden? Welch eine andre Welt iſt die des Hauſes, als die der Geſellſchaft! welche ganz andre Neigungen ſetzt ſie voraus! welche an⸗ dre Gemüthseigenſchaften verlangt ſie! Nein, das zerſtreuungsſüchtige Weib kann ſich in ſeiner Familie nicht glucklich fühlen. Es iſt nicht fähig will nngt. be⸗ Bier ꝛchſel utſa⸗ e die be⸗ ſihn, gent⸗ hiet t it zelche e onf ſein, ſeiner fahic der liebevollen Anhänglichkeit an theure Menſchen, nicht fähig der innigen Theilnahme, der Gatten⸗ zärtlichkeit, des warmen Muttergefühles. Es kann ſeine Pflichten nicht anders als mit Wider⸗ willen erfüllen, dadurch wird ihm das Haus lä⸗ ſtig; es muß die meiſten vernachläſſigen, und ſich dadurch neuen Unmuth bereiten. So lange Schauluſt, Spiel und Luſtbarkeiten den erſten Platz in den Herzen der Menſchen einnehmen, muß ſich der häusliche Sinn beſchränken auf die wenigen Häuſer, die von dem verderblichen Gei⸗ ſte noch nicht angeſteckt ſind. Nicht beſſer iſt es mit der Prachtliebe, die der unerſchöpfliche Erfindungsgeiſt der fork⸗ ſchreitenden Zeit erzeugt. Das ihr ergebene Weib betrachtet das Haus nur als den Schau⸗ platz für ſeine Koſtbarkeiten. Es iſt ihm nur wehrt, weil es hier ſeine Reichthümer, ſeine Li⸗ beralität und ſeinen Geſchmack zeigen, weil es hier viele Menſchen um ſich ſammeln und zur Be⸗ wunderung auffordern kann; weil ſich hier gläu— zende Verzierungen anbringen, und glänzende Fe⸗ ſte veranſtalten laſſen. Was dazu nicht dient, wird für nichts geachtet und entfernt. Die häus⸗ liche Verbindung löst ſich in öffentlichen Verkehr auf. Kaltes Ceremoniell verdrängt die warme * —— — ——— Herzlichkeit. Man wird ſich ſo fremd, wie jedem andern Menſchen. Von häuslichen Freuden, die alles Schimmers entbehren, kann nicht mehr die Rede ſeyn. Aller Sinn dafür muß denen verge⸗ hen, die nur für den Luxus leben, und keinen andern Genuß kennen, als den, andre im Auf⸗ wande zu übertreffen. Wenn der Stolz über⸗ haupt engherzig, hart, ſelbſtfüchtig und unempfind⸗ lich macht: ſo thut dies vorzüglich diejenige Art deſſelben, von welcher die Prachtliebe abſtammt. Familienereigniſſe ſind hier die gleichgültigſten Dinge. Veränderungen, Schickſale und Arbeiten, die bei andern ſo manchen ſchönen Erguß der Ge⸗ fühle veranlaſſen, und ihre Herzen immer unzer⸗ trennlicher verknüpfen, werden hier von ihnen gar nicht bemerkt. Und wie viele zerſplittern durch die ungeheuern Summen, die ſie ihrer Lei⸗ denſchaft aufopfern müſſen, ihren ganzen Wohl⸗ ſtand, verwirren und zertrümmern ihre häusliche Einrichtung, und ſtürzen ſich und die Ihrigen in unüberſehbares Elend! Lange kann ihnen das Zurückgehen nicht verborgen bleiben. Nur in neuen Ausſchweifungen können ſie es vergeſſen. üÜberhäuft ſie nicht alles, was ſie im Hauſe um⸗ gibt, mit den bitterſten Vorwürfen? Hören ſie — ph /RN nicht in allem die fürchterlichen Ankläger ihrer unſinnigen Verſchwendung, ihrer raſenden Leiden⸗ ſchaften und einer Handlungsweiſe, die nicht ge⸗ wiſſensloſer und ſtrafbarer ſeyn kann? Müſſen ihnen die Menſchen nicht ganz verhaßt werden, deren Anblick ihnen unaufhörlich entgegen ruft: wir ſind durch dich elend? Dazu kommt nun noch die Macht der öf⸗ fentlichen Meinung. Dieſe verbreitet ſich nicht bloß über das Zufällige und Gleichgültige in den Verhältniſſen und im Betragen der Men⸗ ſchen, ſondern auch über ihre Anſichten, ihren Glauben und ihre Tugenden. Manche beßre Neigung wird gewaltſam vertilgt, weil ſie aus der Mode gekommen iſt. Manches beſſern Ge⸗ fühls ſchämt man ſich, weil es in der Welt nicht mehr gilt, weil es getadelt oder verſpottet wird von denen, die den Ton angeben. Verzüglich ſcheint das weibliche Geſchlecht dieſer Sclaverei un⸗ terworfen zu ſeyn. Alles muß den Zuſchnitt der Mode haben. Man kleidet ſich nach der Mode, ſpricht nach der Mode, hält den Körper nach der Mode, wird krank und geſund nach der Mode, freut ſich und trauert, iſt empfindſam und here⸗ iſch nach der Mode, man liest und unterhält ſich nach der Mode; warum ſollte man nicht auch nach der Mode ſein Herz und ſeine Maximen bil⸗ den? warum nicht in der Wahl ſeiner Vergnü⸗ gungen und in der Richtung ſeines Verlangens den Geſetzen der Mode folgen, ſeinen Umgang und ſeine Beſchäftigungen nach ihr wählen, über ſeine Beſtimmung nach ihr denken? Der innere Wehrt kündigt ſich ſo leiſe— der öffentliche Bei⸗ fall ſo laut an. Jener iſt in ſchwachen Gemü⸗ thern ſchwankend, dieſer feſt und zuverſichtlich. Welch eine Verſuchung für das weibliche Herz, jenen dieſem aufzuopfern! Durch den erſtern ge⸗ winnt man ſtilles Glück, was wenige kennen, und wozu ein eigner Sinn gehört; durch den letztern Ehre und Glanz, und mit ihnen alles, was ein eitles Gemüth vom Leben heiſcht. Wie viele haben dafür ihre Schuldloſigkeit, ihre Wür⸗ de und ihre Ruhe hingegeben! Die Zahl derer iſt wahrlich nicht gering, die den Sinn für das Häusliche auf dieſe Art einbüßten— die, mit den edelſten Anlagen dazu ausgeſtattet, das Glück deſſelben ſchon oft empfanden, aber nicht Muth und Stärke genug hatten, es gegen einen frivo⸗ len Ton zu behaupten— die es Preis gaben, . um nicht hinter den Fortſchritten der Zeit zurück zu bleiben. Thörigt genug, andre über ſein Glück entſcheiden zu laſſen, und lieber elend zu ſeyn, als für einen Menſchen gehalten zu wer⸗ den, der ſich auf die wahre Kultur nicht ver⸗ ſtehe. —,§a 2 Zehnte Rede. 004900000010⸗0 Befoͤrderungsmittel der Haͤuslichkeit. ——- Nd D. Wichtigkeit der Angelegenheit, welche un⸗ ſre Aufmerkſamkeit zuletzt beſchäftigt hat, wird es entſchuldigen, daß ich Sie auffordere, noch ein⸗ mal mit mir zu derſelben zurück zu kehren. Wir haben die Natur der Häuslichkeit und die Hin⸗ derniſſe, mit welcher dieſelbe, vorzüglich in unfrer Zeit, zu kämpfen hat, kennen gelernt. Laſſen V Sie uns jetzt ſehen: wie dieſen Hinderniſ⸗ ſen begegnet werde, was geſchehen V müſſe, um häuslichen Sinn zu wecken und zu beleben. Aus allem, was wir von den Hinderniſſen der Häuslichkeit erwogen haben, geht hervor, wie bedeutend bei ihr der Einfluß der Erziehung ſey. In den meiſten Fällen hat ſie die Übel verſchuldet, die entweder das Auf⸗ kommen der Häuslichkeit nicht geſtatten, oder ſie doch frühe erſticen. Von ihr muß daher auch das Vorzüglichſte zur Beförderung eines beſſern Sinnes geleiſtet werden. Hat ſie es nicht zu verantworten, wenn unſre Töchter, ohne Kennt⸗ niß der häuslichen Angelegenheiten und Geſchäfte, ehne Familienſinn und Familienliebe, mit einem harten, unbiegſamen Charakter, mit einem lee⸗ ren, ungebildeten Geiſte, zu eiteln, zerſtreuungs⸗ ſüchtigen und prachtliebenden Modenärrinnen her⸗ angewachſen? Und wie iſt zu erwarten, daß ſie, bei dieſer Unfähigkeit, und mit dieſen widerſtre⸗ benden Neigungen, im Häuslichen ihr Glück fin⸗ den? Nur wenige ſtarke Seelen erheben ſich über die frühern Eindrücke; nur glückliche Natu⸗ ren entwickeln ſich, ſelbſt unter den ungünſtigſten Umſtänden, zu einer ſchönen Fülle. Die meiſten werden das, was man ſie ſeyn lehrte, in dem Ma⸗ ße, daß ihnen ſo gar die Empfänglichkeit und Bildſamkeit für erwas andres vergeht. Wo al⸗ les auf die Pflege des Weltlichen ausſchlie⸗ ßend verwandt wird: da erſtirbt auch der letzte Funke des Göttlichen; und das Göttliche iſt es doch, was ſich in der fröhlichen Stille und dem ordnungsvollen Geiſte der Häuslichkeit offen⸗ bart. Auf Euch alſo, Ihr Mütter, kommt es hier vorzüglich an. Ihr habt die meiſte Gelegenheit und das meiſte Geſchick, in dieſer Hinſicht auf den Geiſt und das Herz Eurer Töchter zu wir⸗ ken. Durch Euch werden oft die beſten Anlagen verdorben, und diejenigen elend gemacht, die ſo glücklich leben, und andre in ſo reichem Maße be⸗ glücken könnten. Bei Euch ſteht es aber auch,“ den Sinn für das Häusliche zu wecken, und ihn zu einer herrlichen Reife zu bringen. Eure wei⸗ ſen und treuen Bemühungen können nicht ver⸗ gebens ſeyn. Ihr wollt ſie zufrieden ſehen; wie könnte man etwas anders von Eurem mütterli⸗ chen Herzen erwarten? Aber wie mag es Euch entgehen, daß ſie es auf dem Wege, den Ihr ſie führt, nie werden? Seyd Ihr es denn ſelbſt da geworden? Entweder Ihr lebt eingezogen und häuslich; warum ſollen Eure Töchter nicht auch ſo leben? Ihr haltet doch wohl dieſe Art für die wohlthätigere; ſonſt hättet Ihr ſie nicht ge⸗ wählt. Darf Euch dann der bloße Schinnner ei⸗ ner andern bewegen, dieſe, gegen Eure überzeu⸗ gung, Euern Töchtern aufzudringen?— Oder auch Euch beherrſcht der Geiſt, welchen Ihr ih⸗ nen mitzutheilen ſucht; hat Euch denn die Er⸗ fahrung noch nicht gelehrt, daß er ein verderbli— cher ſey? Fandet Ihr denn bei ihm Ruhe? War Euch in den geräuſchvollen Zirkeln der Welt ſo wohl, als andern in ihren ſtillen häuslichen? Ließ die entflohene Freude nie den Stachel der Reue in Euerm Innern zurück? Verurſachte es Euch nie kummervolle Stunden, in Euern näch⸗ ſten Umgebungen ſo viel Unordnung und ſo gro⸗ ße Zerrüttungen zu ſehen? Fühltet Ihr nie den Schmerz der Entzweiung mit Euch ſelbſt? Und dieſes Loos wolltet Ihr auch Euern Töchtern be⸗ reiten? Ihr habt die Sache wohl nie ernſtlich genug erwogen; ſonſt müßtet Ihr einſehen, daß Ihr nur dann hoffen dürft, ihrer einſt recht froh zu werden, wenn Ihr ſie zu häuslichen Men⸗ ſchen bildetet. Darum machet ſie frühe vertraut mit den Pflichten, die das häusliche Leben ihnen auflegt, und mit den Geſchäften, die ſie dort einſt werden zu verrichten haben. Wohl möget Ihr ſie auch das lehren, wodurch ſie in der Welt gefallen, und fäͤhig wer⸗ den, der Welt auf eine ſchuldloſe Art zu genie⸗ ßen; wohl möget Ihr in ihnen entwickeln jedes ſchöne Talent, und ſie unterrichten laſſen, in al⸗ len Künſten, welche dem Weibe zur Zierde gerei⸗ chen. Die wahre Bildung für die Welt beför⸗ dert auch die Tauglichkeit für das häusliche Le⸗ ben. Aber verſäumet darüber nicht, was viel wichtiger iſt, was ſich unmittelbar auf die Füh⸗ rung dieſes Lebens bezieht. Saget ihnen im⸗ mer, daß hier ihre Beſtimmung ſey; laſſet ſie das Große und das Ehrenvolle derſelben fühlen. Saget ihnen, was ſie zu meiden, und was ſie zu thun haben, um dieſer Beſtimmung nachzu⸗ kommen. Nennet ihnen die Pflichten, durch de⸗ ren Erfüllung ſie ihr eignes Glück ſichern, und Freude unter denen verbreiten werden, die ihrem Herzen nahe ſind. Lehret ſie kennen die Ge⸗ ſchäfte des häuslichen Lebens nach ihren Forderun⸗ gen, nach ihrer Würde und nach ihrem Ein⸗ fluſſe. übet ſie in häuslicher Thätigkeit, damit ſich die Wärme des jugendlichen Herzens zu die⸗ ſer geſelle, und die Gewöhnung an ſie das Be⸗⸗ dürfniß und die Liebe erzeuge. Unterhaltet und ſtärket in ihnen diejenigen Neigungen, welche der Erfüllung häuslicher Pflichten und der Beſorgung haͤuslicher Geſchäfte foͤrderlich ſind, und entfernet von ihnen alles, wodurch das Außerliche ihr Ge⸗ müth umſtricken könnte. Bereichert ſie überhaupt mit nützli⸗ chen Kenntniſſen und edeln Gefühlen. Lehrt ſie richtig urtheilen, und alles Schöne und Gute rein empfinden. Das iſt eine unumgängli⸗ che Bedingung des fortdauernden Wohlgefallens am Häuslichen. Mit einem leeren Verſtande, und einem kalten Herzen werden ſie ſich bald in die Welt hinaus ſehnen, die ſie beſſer unterhält und ihnen mehr gibt, als das Haus. Ein auf⸗ geklärter und einſichtsreicher Verſtand wird er⸗ fordert, damit man ſich immer auf eine intereſ⸗ ſante Art häuslich beſchäftigen, die häuslichen An⸗ gelegenheiten leicht und zweckmaͤßig beſorgen, und die Annehmlichkeiten des häuslichen Lebens recht genießen könne. Ein weiches und zartes Gemüth gehört dazu, um ſich häuslichen Ver⸗ hältniſſen mit Liebe hinzugeben, und ſich alles Süße und Rührende in denſelben anzueignen. Noch nie ſahe ich ein wahrhaft gebildetes Weib, das es lange in dem froſtigen Gewühl der Welt aushielt, dem die Geiſtloſigkeit und das Elend der gewöhnlichen Geſellſchaften nicht bald uner⸗ träglich wurden. Wahre Bildung zieht uns im⸗ 26 ——— 24⁹ 000, mer mehr in uns ſelbſt zurück; weil ſie uns das Gemeine, wie es uns jeden Augenblick begegnet, fühlbarer macht, und die überzeugung befeſtigt, daß das reine Glück entweder in der Nähe, oder nirgends gefunden werde. Noch wichtiger iſt, daß Ihr in Euern Töchtern die Einfalt der Natur ehret und ſchonet. Die Verfälſchungen und Miß⸗ handlungen, welche dieſe von dem Eigenſinne und dem Vorurtheile der Menſchen, wie von halber Kultur und einſeitiger Verfeinerung, erleidet, tragen die meiſte Schuld von dem Verfall aller ſtillen Tugenden, alles friedlichen Lebens und al⸗ ler beglückenden Bündniſſe. So lange dieſe Ein⸗ falt dem Weibe beiwohnt, verkennt es ſeine Be⸗ ſtimmung nicht; es wird nicht hinaus getrieben aus ſich ſelbſt; es bleibt bewahrt vor Überſpan⸗ nung und ſclaviſcher Unterwerfung unter fremde Meinung; es ſchätzt jedes nach ſeinem wahren Wehrte; es zieht die äußere Glätte nicht vor dem bewährten Gehalte; es iſt mih wenigem zufrieden; es verachtet keine Freude deßwegen, weil ſie oh⸗ ne Geräuſch und Schimmer iſt; das iſt ihm das Beſte, was die edlern Triebe ſeines Herzens am meiſten befriedigt; wohlwollende und zärtliche Ge⸗ fühle ſind ihm heilig. Hier iſt der hausliche Sinn wenigen Verſuchungen ausgeſetzt; hier kann ꝛer ſich herrlich entwickeln. Darum zerſtöret nicht in Euern Töchtern das Werk der Natur; trübet ihre Anſichten nicht; leitet ſie nicht ab von dem geraden Wege, den das Herz ſie gehen heißt; unterdrückt in ihnen keine Empfindung, deren ſie ſich nicht ſchämen dürfen; künſtelt aber auch keine in ſie hinein; dringt ihnen nichts auf, was ih⸗ nen fremd iſt; weckt in ihnen keine Bedürfniſſe, die dem Vorurtheile und dem Luxus angehören; treibet nichts aus der Richtung, verrücket nichts über die Gränzen, worein es die Natur geſetzt hat. Duldet nicht, daß die Eitelkeit ſie zu Ver⸗ kehrtem verleite, daß die Mode ihr Götze werde. Erhaltet und nährt in ihnen den kindlichen Glau⸗ ben, das kindliche Vertrauen zu einem Höhern und Unſichtbaren— das fromme Gemüth, die mit glücklicher Häuslichkeit ſo genau verbunden ſind. Dann wird ihr guter Genius ſie ſicher füh⸗ ren. Sorget endlich auch dafür, daß ihnen das häusliche Leben ſchon jetzt in einem er⸗ freulichen Lichte erſcheine, daß ſie ſelbſt unter den erquickenden und wohlthuenden Ein— flüſſen deſſelben aufwachſen, daß ihre erſten Ge— fühle ihm angehören, daß ſie ihre ſüßeſten Freu⸗ den von ihm empfangen. Es iſt vergebens, daß Ihr ihnen täglich vorſagt: Häuslichkeit ſey des Weibes Glück; wenn ſie nichts davon erfahren; wenn ſie ſehen, daß es Euch ſelbſt läſtig iſt, im Hauſe zu ſeyn; wenn ſie mehr den Kummer als die Heiterkeit auf Euerm Geſichte leſen; wenn ſie nichts Fröhliches um ſich her wahrnehmen; wenn ſie von Euch mit Härte oder Kälte behan⸗ delt werden, und von dem, was ſie ſonſt umgibt⸗ die widrigſten Eindrücke bekommen. Verwundet ihr zartes Gefühl nicht; ziehet ſie ſo nahe an Euch als Ihr es vermöget. Erwärmt ſie an Eu⸗ rer Liebe, zeiget ihnen immer Liebe, und theilt ihnen Liebe mit. Haben ſie in dieſer Liebe ſich glücklich gefühlt: dann werden ſie auch in ihr le⸗ ben wollen. Sie werden verſchmähen die Huldi⸗ gungen der Schmeichelei; nur das Wort der Lie⸗ be wird zu ihrem Herzen ſprechen. Es wird ih⸗ nen nicht genügen, bewundert und geachtet zu ſeyn, ſie werden das Bedürfniß haben, ſolche Empfindungen zu empfangen und zu geben, wie ſie allein in den innigen Verhältniſſen des häus⸗ lichen Lebens empfangen und gegeben werden⸗ Dankbarkeit, Vertrauen, Theilnahme und Zärt⸗ lichkeit werden ihr Verlangen bleiben. überzeugt ſie Euer Beiſpiel, daß nichts Beſſeres auf Erden ſey, als häusliche Stille und häusliches Glück: dann müſſen große Veränderungen mit ihnen vor⸗ gehen, wenn dieſe Überzeugung wieder erlöſchen, und ſie auf dem unbekannten und gefahrvollen Wege der Welt ihr Heil ſuchen ſollen. Doch die beſte Erziehung iſt nicht hinläng⸗ Ech, die Häuslichkeit des Weibes ſicher zu ſtellen, und ganz auszubilden. Eigne Bemühungen müſ⸗ ſen, was ſie angefangen hat, vollenden, woran ſie es fehlen ließ, hinzu fügen. Die Erziehung verhüthet nicht immer ſpaͤtere Verirrungen. Ss ſehr auch das Weib, welches in der Mitte einer glücklichen Familie aufwuchs, das Häusliche lie⸗ ben lernte: der Verführung kann es doch gelin⸗ gen, ſich des ſchwachen Herzens zu bemächtigen⸗ So ſehr ihm auch die Geſchäfte und Empfindun⸗ gen des haͤuslichen Lebens zum Bedürfniſſe ge⸗ worden ſind: es können doch Augenblicke kommen, wo ihm ſcheint, was die Welt biethe, ſey nicht zu verachten, man koͤnne es ja wohl einmal da⸗ mit verſuchen; und wie bald iſt da die Eitelkeit gereitzt, der Sinn gefangen genommen? Dies iſt vorzüglich dann zu beſorgen, wenn die frühere Eingezogenheit gar zu beſchränkend, und nicht —— —— ohne finſtre Strenge war. Die Erziehung für das häusliche Leben iſt ſelten ſo, daß ſich nichts dagegen zu tadeln fände. Kleine Fehler in der⸗ ſelben ſind aber häufig von traurigen Folgen. Und wie groß iſt die Anzahl derer, die jene Er⸗ ziehung nicht gehabt haben! Bei wie vielen war die Erziehung darauf angelegt, ſie dem Häusli— chen zu entfremden, und ſie für daſſelbe zu verderben! Sollen wir dieſe verloren geben? Sollen ſie durch fremde Schuld elend ſeyn für das ganze Leben? ſein— es iſt zwar ſchwer, ſehr ſchwer, ſich von der unglücklichen Leidenſchaft für die Welt, wo ſie tiefe Wurzeln geſchlagen hat, los⸗ zureißen— aus dem Geräuſche eines glänzenden Lebens in die einſame Stille des Hauſes zurück zu kehren; aber es iſt doch nicht unmöglich. Die meiſten finden freilich die Lebensweiſe ſo anzie⸗ hend, daß es ihnen nie in den Sinn kommt, ſie mit einer beſſern zu verwechſeln. Aber manche fühlen doch ſchmerzlich die Sehnſucht nach dem verlornen Paradiſe der Jugend, wo kindlicher Sinn und kindliche Beſchränktheit, in der An⸗ hänglichkeit an wenige Menſchen, ſie hoch be⸗ glückten. Und manchen iſt es gelungen, die ſchimpflichen Feſſeln von ſich abzuwerfen, in wel⸗ —— c— 247 chen ſie ein Daſeyn vertrauerten, dem es in der Meinung der Welt an nichts fehlte, was zum frohen Genuſſe gehört. Der reine Menſchenſinn kann vielfach beeinträchtigt und verunſtaltet, aber nie ganz vertilgt werden. Er regt ſich auch in den Verdorbenen noch, bald durch laute Forde⸗ rungen, bald durch leiſe Wünſche, bald durch Bedauern, bald durch Verlangen, bald im Un⸗ muthe des Verdruſſes über ſich ſelbſt, bald in der ernſten Entſchließung nach edlern Maximen zu handeln. Solche Augenblicke müſſen Euch hei⸗ lig ſeyn, die Ihr den häuslichen Sinn faſt ganz verloren habt. Überlaſſet Euch da den Ge⸗ fühlen, die ſich Euch aufdringen, und den Be⸗ trachtungen, die ſich an ſie anſchließen. Höret da ernſt und aufmerkſam auf die Stimme des guten Geiſtes, der noch in Euch ſpricht. Samm⸗ let da die Erfahrungen, die Ihr bisher über Euer Betragen und die Empfindungen, welche es zurück ließ, gemacht habt. Erinnert Euch der gu⸗ ten und ſchlechten, der frohen und trüben Stim⸗ mungen, welche die gewöhnlichen Folgen Eures verſchiedenen Verhaltens, des lauten oder des ſtillen, des zerſtreuten oder des eingezogenen Le⸗ bens waren. Erinnert Euch, wie Euch zu Muthe * 248 war, wenn Ihr aus rauſchenden Geſellſchaften, von betäubenden Luſtbarkeiten zurück kamet— und wenn Ihr einen heitern Tag im kleinen Zir⸗ kel der Eurigen, unter nützlichen Arbeiten und ſüßen Erholungen, zugebracht hattet. Erwäget da die wahren und unzerſtörbaren Bedürfniſſe Eures Herzens, und denket ruhiger und gefaßter über die Mittel ihrer Befriedigung nach. Laſſet laut werden, was ſonſt nicht zur Sprache kom⸗ men kann. Hier wird ſich Euch das Beßre, in ſeiner Fülle und Hoheit, offenbaren, und Ihr werdet nicht unſchlüſſig darüber bleiben, was Ihr zu wählen habt. Der Plan eines weiſen und in ſich zuſammen ſtimmenden Lebens ſteht einem je⸗ dem im Herzen, und er würde gewiß über alle entgegen ſtrebenden Neigungen ſiegen, wenn wir nur die Augenblicke, wo er ſich vorzüglich deutlich und lebhaft darſtellt, beſſer zu benutzen wüßten. Zu denjenigen Beförderungsmitteln der Häus⸗ lichkeit, deren ſich anch diejenigen bedienen müſ⸗ ſen, die den häuslichen Sinn noch nicht verloren haben, in denen er aber noch immer der Stär⸗ kung, Erhöhung und weitern Ausbildung bedarf, gehört zuvörderſt: öfteres Nachdenken über das Weſen eines wahren und befriedi⸗ genden Glückes. Das Weib, dem die Reſul⸗ * tate eines ſolchen Nachdenkens ſtäts gegenwärtig ſind, kann jenes Glück nicht in die ſchimmernden Phantome ſetzen, denen die meiſten nachgehen; es wird daſſelbe nicht an öffentlichen Verſamm⸗ lungsörtern und hinter Spieltiſchen, nicht in elenden Mediſieren und in abgeſchmackten Geſprä⸗ chen, nicht in Vergnügungen ſuchen, die nur für Augenblicke ſüß find, und dagegen diejenigen ver— nachläßigen, die ſich immer wiederholen, und auch in der Erinnerung angenehm bleiben. Es wird nicht wähnen, in der Befriedigung einer kindi⸗ ſchen Eitelkeit, eines lächerlichen Stolzes und in dem flüchtigen Kitzel der Sinne das zu erhalten, was nur der Preis eines mit ſich ſelbſt einigen und gebildeten Lebens iſt. Die richtigen Grund⸗ ſätze über das Weſen eines befriedigenden Glückes ſind bekannt genug; aber ſie werden zu wenig be⸗ herzigt; man vergißt ſie gerade da, wo ſie ange⸗ wandt werden ſollen; oder man verliert das Ge⸗ fühl ihrer Wahrheit und Wichtigkeit. Man muß ſie oft erwägen, man muß ſie oft in ernſtem Nach⸗ denken gleichſam von neuem entſtehen laſſen: wenn ſie ſtark genug ſeyn ſollen, über eine herr⸗ ſchende Neigung zu ſiegen. Nur dann, wenn Ihnen der Gedanke: wornach ich verlange, das finde ich allein in froher Geſchäf⸗ — — tigkeit, in warmer Theilnahme und herzlicher Mittheilung nicht bloß klar, ſon⸗ dern auch vertraut geworden iſt, wenn Sie ihn mit Anwendung auf Ihr Leben begriffen und be⸗ währt gefunden haben: werden Sie im Stande ſeyn, Ihre Wünſche und Leidenſchaften nach ihm zu beſchränken. Wenn das Vorurtheil nicht bloß aus dem Kopfe, ſondern auch aus dem Herzen verſchwunden iſt: wird das reine Licht ſeinen Schein über Ihr Leben verbreiten. Rufen Sie, zweitens, das Gefühl Ih⸗ rer Würde zu Hülfe. Ihre Wiürde ſteht mit Ihrer Häuslichkeit in genauer Verbindung. Im häuslichen Wirken zeigt ſie ſich in ihrer vollen Herrlichkeit. Nur in häuslichen Freuden bleibt ſie unentweiht. Nur in der Eingezogenheit des häuslichen Lebens iſt es möglich, ſie, in Unſchuld und Reinigkeit des Herzens zu bewahren. Häus⸗ liche Verhältniſſe entwickeln vorzüglich die Tugen⸗ den, in welchen die weibliche Wuͤrde beſteht. Sie wird verletzt durch die entehrende Abhängig— keit von ſolchen Neigungen, die man allein im Glanze der Welt befriedigen kann, und durch die leidenſchaftliche Liebe zu ſolchen Dingen, die un⸗ ter allen am wenigſten in unſrer Gewalt ſind. Sie beſteht nicht neben dem Kleinigkeitsgeiſte der Eitelkeit, neben flatterhaftem Leichtſinne, nie ge⸗ ſtilltem Vergnügungsdurſte und einer, dem Sinn⸗ lichen ganz hingegebenen Lebensart. Sie geht leicht auf immer verloren im Taumel wilder Zer⸗ ſtreuungen und in der unaufhörlichen Beſchäfti⸗ gung mit unbedeutenden und wehrtloſen Dingen. Das Weib, welches ſich ſeiner Wüͤrde be⸗ wußt iſt: kann nicht begehren, da ſein Glück zu machen, wo es die Thorheit am häufigſten macht, und wo man für ſtille Gröſſe wenig Sinn hat; es kann keine Freude haben an dem, wodurch es ſich erniedrigt fühlt. Das Lob der Gedankenlo⸗ ſen iſt ihm gleichgültig— die Schmeichelei ver⸗ ächtlich. Nichts geht ihm über die Erfüllung ſei⸗ ner Pflichten, wovon ſeine Selbſtachtung ab⸗ hängt. Sanftmuth und Demuth, Feſtigkeit und Lauterkeit achtet es für ſeinen lieblichſten Schmuck; und dieſe wohnen am liebſten in haͤuslicher Ver⸗ borgenheit. Sich nicht zu vergeſſen, ſich nie un— getreu zu werden, das iſt ihm ernſtliche Sorge; wie wäre das aber zu vermeiden auf den rau⸗ ſchenden Sammelplätzen der Welt? Die weibli⸗ che Würde erreicht ihr Höchſtes, wenn ſie Mut⸗ terwürde wird; und wie für dieſe das Häusliche gehört, leuchtet von ſelbſt ein. Wird Ihnen das Gefühl Ihrer Würde immer gegenwärtig ſeyn: dann werden Sie ſich auch bemühen, im Hauſe Ihre Stelle auszufüllen, und wie Träume wer⸗ den die Vorurtheile verſchwinden, die Sie jetzt ſo oft von dieſer Stelle verdrängen. Verſäumen Sie dabei, drittens, nicht, was das Wichtigſte iſt, ſich nach und nach im⸗ mer mehr an das Häusliche zu gewöh⸗ nen, und ſich durch Übung mit den häus⸗ lichen Angelegenheiten zu befreunden. Man muß das häusliche Leben aus Erfah⸗ rung kennen; man muß an demſelben Theil ge⸗ nommen haben; man muß in die Arbeiten, Sor⸗ gen und Ereigniſſe deſſelben verwickelt geweſen ſeyn: um an demſelben Intereſſe zu finden. Aus der Ferne angeſehen, und bloß mit dem Auge des Verſtandes betrachtet, ſcheint es wenige Reitze und ſehr viele Beſchwerden zu haben. Die Fer⸗ tigkeit iſt eine Frucht der Übung, und aus der Fertigkeit bildet ſich der Sinn und die Liebe. Entziehen Sie nur einmal einige Stunden den Geſellſchaften, in welchen Sie dieſelben zuzubrin⸗ gen pflegen, um ſie den Ihrigen zu widmen. Verſagen Sie ſich einige der öffentlichen Ver⸗ gnügungen, an denen Sie ſonſt Theil nahmen. Zwingen Sie ſich einige Geſchäfte, die Sie ſonſt durch andre thun ließen, ſelbſt zu verrichten, ſich 6e einiger Beſchickungen, um die Sie ſich ſonſt nicht bekümmerten, anzunehmen. Wählen Sie dazu zu⸗ erſt ſolche, die ſie am reichſten und früheſten be⸗ lohnen, und den meiſten Genuß in ſich ſelbſt ha⸗ ben. Freilich wird Ihnen das Anfangs einige Anſtrengung koſten; aber deſto ehrenvoller iſt der Sieg, den Sie über ſich ſelbſt davon tragen, und deſto bedeutender der Erfolg, den Sie ſich ver⸗ ſprechen dürfen. Sie werden bald immer mehr Gefallen an Ihrer neuen Einrichtung finden. Die freundliche Ordnung, die rings um Sie her aufgeht, wird Ihnen Muth machen, die begon⸗ nene Weiſe fortzuſetzen, und ſich darin zu ver⸗ vollkommnen. Sie werden ſich immer mehr ver⸗ ſagen und auflegen können, ohne daß es Ihnen ſchmerzlich wird. Sie werden immer mehr unge⸗ kannte und ungeahnete Freuden finden; und die Erfahrung wird ſie belehren, daß Sie erſt jetzt auf dem bisher verfehlten Wege des Gluckes ſind. Es wird dieſe Bemühungen ſehr unterſtützen, wenn Sie den Sinn für die Vergnügun⸗ gen des Herzens zu ſchärfen ſuchen. Die Vergnügungen des Herzens kommen meiſt vom Kleinen und Unſcheinbaren; und gerade das iſt, was Sie auch im Hauſe wieder finden, was ſie — da beſchäftigen ſoll, was Ihnen da die beſten Ge⸗ nüſſe gewährt. Darum köͤnnen ſo viele ſich mit dem Häuslichen nicht befreunden, weil es ihnen an der Fähigkeit fehlt, dasijenige in ſeiner Treff⸗ lichkeit wahrzunehmen, was gemeinen Augen ver— borgen bleibt, und gemeine Herzen nicht rührt. Sind Ihnen die Freuden nicht unbekannt, welche der Umgang mit der Natur, eine wohl gewählte Lectüre, die Erweiterung der Kenntniſſe, die Bil⸗ dung des Verſtandes und Herzens und die trau⸗ ten Verhältniſſe zu gleichgeſtimmten trefflichen Menſchen gewähren: dann dürfen Sie die rau— ſchenden Luſtbarkeiten der Welt nicht aufſuchen, wenn Sie je andrer Ergötzungen bedürfen ſoll⸗ ten, als die, welche Sie unter den Ihrigen an⸗ treffen; Sie werden keine Urſache haben, über die Einförmigkeit des Häuslichen zu klagen; der Geſchmack für die Freuden des Hauſes, die je— nen ſo nahe verwandt ſind, wird zarter und leb⸗ hafter werden. Sie werden es nicht begreifen können, wie Sie im Stande waren, ſo manches zu überſehen und gering zu ſchätzen, was dem Le⸗ ben den höchſten Wehrt und die ſchönſten Reitze gibt. Jeder Tag wird Ihnen neue Situationen zuführen, die für Sie voll des köſtlichſten Ge⸗ — Endlich müßte eine mehr relig uoſe Stimmung, als die unſerer Zeiten iſt, unge⸗ mein viel zur Beförderung weiblicher Häuslichkeit beitragen. Die Frömmigkeit ſteht mit dem Leben für die Welt nicht in dem ſchneidenden Widerſpruche, in welchem man ſie oft zu erblicken glaubte; aber ſie verträgt ſich auch nicht mit der flüchtigen, wandelbaren und charak⸗ terloſen Gemüthsart, welche den meiſten den häus⸗ lichen Aufenthalt unerträͤglich macht. Sie inte⸗ reſſirt für wichtige und nützliche Beſchäftigungen und höhere Freuden. Sie öffnet das Herz ſchö⸗ nen Empfindungen und einer warmen Familien⸗ liebe. Sie weckt und unterhält den Geiſt der Eintracht, der alle engern Verbindungen vor dem Zerfallen bewahren muß. Sie legt in vieles ei⸗ ne tiefere Bedeutung, was wir ſonſt ſehr geneigt ſind, für klein und unwichtig zu halten. Sie verſtärkt das Pflichtgefühl, und gibt Eifer und Muth, das Schwere mit Luſt zu thun. Sie be⸗ günſtigt, mehr als alles, die Stille der Seele und die ſanfte Fröhlichkeit, die im häuslichen Le⸗ ben ſo rührend iſt, und dieſes ſo glücklich macht. Sie verbreitet über das Unangenehme ein heitres Licht, lehrt das Schmerzliche geduldig tragen, und bei den traurigſten Ausſichten nicht die Hoff⸗ — nung fahren laſſen— weſſen das Weid, untei dem Drucke häuslicher Schickſale und Sorgen, ſo ſehr bedarf. Eine auf Gott und die Zukunft ge— richtete, von den Freuden des beſſern Lebens durchdrungene und gehobene Seele, findet nir⸗ gends einen angemeſſenern Wirkungskreis, als den ihr Haͤuslichkeit anweist. Die ſiegreiche Stärke des Glaubens zeigt ſich nirgends herrli⸗ cher, als im Herzen des häuslichen Weibes. O, daß doch dieſe ſchöne Blühte der menſchlichen Na⸗ tur nicht ſo ſelten würde unter den Weſen, in deren weichem Gemüth ſie ſo trefflich gedeiht! Elfte Rede. 9 5 ,b76 1⸗,⸗0⸗,e Weiblicher Lebensſinn. Mn kann leicht die Bemerkung machen, daß die Weiber im Ganzen mehr als die Männer das Leben lieb haben. Einzelne Güter des Le⸗ bens werden wohl von dieſen höher geſchätzt, den beſondern Zwecken deſſelben wird von dieſen mit mehr Leidenſchaft nachgeſtrebt; aber die klare, ru⸗ hige Anſicht, die alles in Ein genügendes Bild vereinigt, die Angenehmes und Widriges ſo glück⸗ lich vermiſcht, daß das Herz auch da, wo es tief verwundet wird, noch eine ſüße Anhänglichkeit an 17 ₰₰ das Leben behaͤlt, iſt gewoͤhnlich nur bei den 1 Weibern zu finden. Die Angelegenheiten der Männer ſind um⸗ 1 faſſender, ihre Wünſche heftiger, ihre Thätigkeit fi mehr ausſchließend auf Ein Ziel gerichter, ſie be— 6 ſtehen hartnäckiger auf ihren Planen und Ent⸗ 1 ſchließungen; darum ſind ſie dem Wechſel des b Glückes mehr ausgeſetzt, darum können Unfälle ſie empfindlicher verletzen. Ein widriges Schickſal, V b Ein unbeſiegbares Hinderniß, Ein zerſtörtes Una ternehmen iſt im Stande, ihnen alles zu neh⸗ 1 men, was ſie am Leben hatten, und ſie dahin zu 5 bringen, daß ſie dieſes leere, beraubte und ge: 4 mißhandelte Leben wie eine Bürde mit finſterm 6 Unmuthe tragen. Das Wirken der Weiber iſt in engere Gränzen gewieſen; darum können ihnen wi. 1 drige Begegniſſe nicht ſo viel verderben. Ihre 4 Neigungen gehen weniger ins Weite; darum wird ¹ 3 ihnen in Einem Male nicht ſo viel nieder geriſ⸗ II ſen. Ihr Intereſſe iſt unter mehr Gegenſtände vertheilt; darum bleibt ihnen, wenn ſie viel ver⸗ I r 1 lieren, noch genug übrig, womit ſie ſich tröſten können. Ihre Angelegenheiten ſind größten Theils von der Art, daß ſie ſich leicht wieder in Ord⸗ nung bringen laſſen, wenn etwas daran in Ver⸗ wirrung kam. den Die aufbrauſende Leidenſchaft will Befriedi⸗ gung, und iſt unglücklich— oft bis zur Ver⸗ zweiflung— wenn ſie dieſe nicht findet. Das iſt nicht ſelten das traurige Loos des Mannes. Das ruhige Gemüth iſt mäßiger in ſeinen Erwartun⸗ gen, beſcheidener in ſeinen Anſprüchen; darum wird es nicht ſo ſtark bewegt, wenn jene nicht er⸗ füllt werden, und dieſen keine Genuͤge geſchieht. Erwacht in ihm eine ſtärkere Begierde: ſo ver⸗ liert ſich der Schmerz der Verſagung in die ſanf⸗ te Stille der Sehnſucht, die ihre eignen Süßig⸗ keiten hat, und ſich ſelten in Lebensüberdruß ver⸗ wandelt. Dies iſt des Weibes Sinn und Schick⸗ ſal. So verwünſcht denn der Mann oft ein Da⸗ ſeyn, das ihm in der That nicht ſchwerer go⸗ macht wird, als dem Weibe, welches daſſelbe noch immer ſchön und liebenswürdig findet. Das leidenſchaftliche Verlangen des Mannes iſt mit Einem Schlage darnieder geworfen. Je kühner er vertraute, deſto ſchneller gibt er verlo⸗ ren. Die weichere, lenkſamere Seele des Wei⸗ des behält den Muth länger, weil ſie leichter ih⸗ re Gedanken und Gefühle wechſelt. Die Hoff⸗ nung bleibt ihr treu, weil die Erfahrung, daß auf das Schlechte wieder etwas Gutes folgt, deutlicher vor ihr ſteht. Es gibt eine gewiſſe Befreundung mit dem Leben, die durch die Macht der Gewohnheit ge⸗ ſtiftet werden muß, und ohne welche es nicht 1 möglich iſt, da, wo man von ſeinen Beſchwerden 1' d 4 hart gedrückt wird, Gefallen an demſelben zu be⸗ ſc halten. Nur das weibliche Herz iſt eines ſolchen I Anſchmiegens fähig; nur die weibliche Innigkeit kann durch langen Umgang etwas ſo lieb gewin⸗ nen, daß es auch dann, wenn es den Reitz ein⸗ W gebüßt hat, noch Bedürfniß bleibt. Die Thätig⸗ 4 6 keit, die Umgebungen und Erfahrungen des Wei⸗ 1 bes, ſeine Gedanken und Gefühle ſind ihm ſo B theuer, daß ſchon die bloße Fortſetzung derſelben ein Intereſſe beſitzt, wovon jedes andre weit über⸗ wogen wird. lf So ward, als ſchöne Eigenthümlichkeit, fro⸗ her Lebensſinn in der weiblichen Natur be⸗ gründet. Laſſen Sie uns ihm auf einige Augen⸗ b blicke unſer Nachdenken widmen. „——— Der frohe Lebensſinn iſt das glückliche Talent, die Harmonie im Ganzen des Lebens und in ſeinen einzelnen Partien ſo anzuſchauen, daß das Gefühl derſel⸗ hen alle Regungen des Gemüthes be 261 herrſcht, und alle Eindrücke, die das⸗ Herz von den Gegenſtänden und Erſchei⸗ nungen der innern und äußern Welt empfängt, ſich in Befriedigung auflö⸗ ſen. Wer dieſen Lebensſinn hat, dem iſt das Lo⸗ hen wehrt, aber nicht um der beſondern Güter willen, die es anbiethet, auch nicht um der Zwe⸗ Ee willen, die darin zu erreichen ſind, ſondern weil es gefällt und genügt, weil es in ſich zu⸗ ſammen ſtimmt, und ſich in einem ſchönen Bilde der Seele darſtellt. Es zieht in heitrer Geſtalt vor ihm vorüber; alle ſeine Theile ſind von einem freundlichen Lichte beleuchtet, und ſelbſt das Un⸗ angenehme hat noch eine intereſſante Seite, in wie fern es nämlich in den Plan des Lebens ge⸗ hoͤrt, und ohne daſſelbe auch das Übrige nicht ſeyn— oder doch in dieſer zweckmäßigen Verbin⸗ dung nicht ſeyn würde. In allem ſpricht ihn ei⸗ ne theure Bekanntſchaft an, von der er ſich un⸗ gerne trennt;— und des Entſlohenen erinnert er ſich immer mit ſchmerzlich ſüßer Wehmuth. Wem er zu Theil ward, der beſitzt wahrlich an ihm etwas Köſtliches. Er iſt die Bedingung jedes andern Genuſſes. Was iſt es doch mit als ten Freuden, wenn wir am Leben ſelbſt keine —— haben? Was hilft es, daß uns das Voruͤberge⸗ hende entzückt, wenn wir gegen dasjenige gleich⸗ güͤltig ſind, was uns immer umgibt und beglei⸗ tet? Sparſame und verkrüppelte Blumen auf ei⸗ nem Felde voll Dornen ſind die Lebensgenüſſe der meiſten; weil es ihnen an Lebensſinn fehlt. Nur ein leicht und ruhig geſtimmtes Gemüth iſt fähig, eines Gutes recht froh zu werden. Nur über ei⸗ ne milde und zufriedene Seele verbreitet ſich das Angenehme in ſanften und gleichförmigen Bewe⸗ gungen. Das beſte Vergnügen erregt bloß flüch⸗ tige Wallungen, und läßt Leerheit und Eckel zu⸗ rück, wenn das Herz an ihm allein hängt, und das, was darauf folgt, nicht auch ſeine Liebe be⸗ ſttt. An das Leben ſind wir gefeſſelt; alles, was wir haben und ſind, haben und ſind wir durch ſeine Vermittelung. In ihm liegt zunächſt unſre Beſtimmung und unſer Wirken. Von ihm er⸗ halten wir zum Theil unſre Bildung— und alle unſre Freuden. Wie unglücklich ſind wir, wenn es uns zuwider geworden iſt! Mit dem Sinne für das Leben fehlt uns der Sinn für alles an⸗ dre. Sind wir mit ihm nicht zufrieden: ſo kön⸗ nen wir auch mit uns ſelbſt nicht zufrieden ſeyn. Denn wir finden und ſehen uns ja immer nur eich⸗ glei⸗ Nur hig, Wwe⸗ nut durch die Umgebung des Lebens. Wo ſoll uns der Muth herkommen, auf eine nützliche Art thä⸗ tig zu ſeyn, wenn uns das nicht anſteht, woran wir unſre Thätigkeit allein erweiſen können? Wie gleichgultig muß uns der Gewinn werden, der vom Leben zu ziehen iſt— wie gleichgültig fein Zweck und ſeine Würde, wenn uns die Luſt an dieſem Leben verging! Wie macht dagegen ein ungetrübter Lebens⸗ ſinn den Menſchen ſo heiter, muthig und ſtark! Wie verrichtet der, welcher von ihm beſeelt iſt, ſeine Geſchäfte ſo eifrig, ſo ausdauernd und mit ſo reichem Erfolge! Wie leicht trägt er an den Bürden, die ihm aufgelegt ſind? Wie bald hat er das Widrige, das ihm begegnet, verſchmerzt; mit welchem Gleichmuthe erduldet er die ſchwer⸗ ſten Leiden! Wie warm ſchlägt ſein Herz für alles Gute! Mit welcher Liebe weiht er ſich dem Dienſte der Menſchheit! Wie theilnehmend füllt er ſeinen Wirkungskreis aus! Wie freudig ar⸗ heitet er an ſeiner Beſtimmung! Nirgends aber iſt dieſer Lebensſinn mehr zu ſchätzen, als da, wo die Natur die größten An⸗ ſtalten dazu getroffen hat, beim weiblichen — 1H 3 1 t 8 Geſchlechte. An ihm hängt die Liebenswuͤrdig⸗ keit des Weibes und jener ſtille Zauber, der alle Herzen gewinnt. Ohne dieſen Lebensſinn würden andre Vorzüge vielleicht unfre Achtung erwecken, aber uns nicht anziehen. Drückend iſt die Nähe des kalten, mürriſchen und launiſchen Weibes; aber wohlthuend ſchen der Blick der Frau, in de⸗ ren Seele ein heitres Bild des Lebens ſteht. Die Ruhe, die Klarheit und ſtille Fröhlichkeit, die aus dieſem Blicke ſprechen, ſcheinen ihr ganzes Weſen zu verklären. Auch der Mißmuthige wird unwillkührlich in dieſe Stimmung hineln gezogen. Alle weiblichen Tugenden entwickeln ſich unter dem Schutze dieſes Lebensſinnes voller und kräfti⸗ ger, und erlangen durch ihn neue Reitze. Der frohe Lebensſinn des Weibes iſt es vor⸗ züglich, was uns ſeinen Umgang ſo wohl⸗ thätig macht. Durch ihn wird es geſchickt, die Wolken unſers Unmuthes zu zerſtreuen, den Ernſt unſrer Gedanken zu mildern, uns von vie⸗ ken Dingen, die uns unangenehm ſind, freundli⸗ chere Anſichten zu geben, und das, was wir im Dunkeln ſehen, in ein freundliches Licht zu ſtek⸗ ken. Wenn ſchwere Sorgen, verwickelte Arbei⸗ ten, mißlungene Unternehmungen und unüber⸗ windliche Hinderniſſe uns alle Luſt am Leben ver⸗ leidet haben: ſo ſohnt uns die Unbefangenheit, womit das Weib über daſſelbe hinſieht, die Faf⸗ fung, womit es alles beurtheilt, die Sanftheit, womit es alles auffaßt, die Harmonie, worin ſich ihm alles darſtellt, die Zufriedenheit, die ſein In⸗ neres erfüllt, und die es in eben dem Maße zu erwecken verſteht, wieder mit dem Leben aus. Unbeſchreibliches Unheil würden wir anrichten, die nützlichſten Verhältniſſe in unſerm Unmuthe zerſtören, oft, entrüſtet über alles und über uns ſelbſt, uns im Grame verzehren: wenn nicht weiblicher Lebensſinn unſre Heftigkeit maͤßigte, den verlornen Frieden in unſer Inneres wieder zurück riefe, und unſern finſtern Weg mit Blu⸗ men beſtreute. Durch ihn werden die Weiber die holden Genien unſers Lebens, die freundli⸗ chen Gefährtinnen auf unſerer oft öden Wall⸗ fahrt. Im, reinen Lebensſinne findet die Häuslichkeit treffliche Unterſtützung. Mehr als irgend etwas befreundet er mit den Angelegenheiten des Hauſes. Mehr als alles öff⸗ net er das Herz für die rührenden Situationen des Familienlebens, für die Genüſſe, die aus der Verbindung mit geliebten Menſchen entſpringen, für die köſtlichen Freuden, die uns durch kleine Vorfälle im Kreiſe der Unſrigen bereitet werden. Mehr als alles gibt er Muth und Luſt zu ſtiller Geſchäftigkeit und zu denjenigen Arbeiten, wo⸗ durch wenig Glänzendes, aber viel wahrhaft Gu⸗ tes bewirkt wird. Der innigere, wärmere, frohere Lebensſinn der Weiber, ſetzt ſie in den Stand, Pflichten, die uns ſchwer werden, mit großer Leichtigkeit zu erfüllen— macht ſie fähig, ſich in verworrenen Lagen bald zurecht zu finden, und dunkle Verhängniiſſe mit Gelaſſenheit zu tragen. Es iſt offenbar, Ihr Geſchlecht müßte unend⸗ lich gewinnen an Anmuth, Liebenswürdigkeit und jeder ehrenden weiblichen Tugend; Ihr wohlthäti⸗ ger Einfluß in das Wohl der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft, in die Zufriedenheit der Familien uud in die Bildung des künftigen Geſchlechtes würde be⸗ trächtlich größer werden: wenn reiner Lebensſinn bei Ihnen ſo allgemein wäre, als er durch die Anlagen der Natur vorbereitet iſt; wenn er nicht fo oft durch das geſtörte Gleichgewicht der Kräfte und Empfindungen gehindert, oder gar aufgehe⸗ ben wuͤrde.. Zuerſt verdienen die weiblichen Launen als eine weit verbreitete und ſehr wirkſame Ur⸗ fache ſolcher innern Unordnungen genannt zu wer⸗ den. Sie ſind eine eigne Gemüthskrankheit. Zu⸗ weilen mögen ſie wohl in einer fehlerhaften Dis⸗ poſition des Körpers ihren Grund haben; aber ge⸗ wiß entſtehen ſie auch oft aus Eigenſinn, verfehl⸗ ter Abſicht, unbefriedigter Anmaßung und geiſti⸗ ger überſpannung oder Erſchlaffung; und nicht felten ſind ſie etwas Erzwungenes— eine Gri⸗ maſſe, durch deren Hülfe man ſeinen Willen beſ⸗ ſer durchzuſetzen, unter deren Schutze man ſich größere Nachſicht und mehr Unabhängigkeit zu er⸗ ſchleichen hofft. Sind ſie indeß auch unwillkühr⸗ lich entſtanden: ſo iſt es doch möglich, ſie zu un⸗ terdrücken— wenigſtens ihrem weitern Eingrei⸗ fen vorzubeugen. Hängt man ihnen Anfangs nach: dann werden ſie freilich immer mächtiger; man findet bald eine Art von Befriedidung da⸗ rin, daß man ſie begünſtigt; und es wird mit der Zeit zum Bedürfniß, Launen zu haben, um mit ihnen zu fechten, verdxießliche Vorſtellungen auf⸗ zuſuchen, um ſich und andre zu quälen. Aber eben ſo gewiß laſſen ſie ſich mit Erfolg bekäm⸗ pfen: wenn man ſich nur den erſten Anwandlun⸗ gen derſelben widerſetzt, die erſten Regungen fin⸗ ſterer, ärgerlicher Gefühle durch erheiternde Ge⸗ danken zerſtreut, und ſich vor allen Dingen hü⸗ thet, ſie nicht, was ſo oft geſchieht, zum Spiele der Unterhaltung, in müßigen Stunden zu ma⸗ chen. Das launiſche Weib verdient allerdings Mitleiden: denn es iſt ein ſehr unglückliches Ge⸗ ſchöpf;— aber von aller Schuld kann man es nie frei ſprechen. Daß der Lebensſinn ſich mit weiblicher Lau⸗ ne nicht vertrage, iſt leicht einzuſehen. Zum Le⸗ bensſinne gehört ein ruhiges und klares An⸗ ſchauen der Lebensverhältniſſe; wie iſt dieſes aber bei einem verſtimmten Sinne, und einer faſt immer gereitzten Empfindlichkeit möglich? We Lebensſinn herrſchen ſoll, da müſſen die Diſſo⸗ nanzen des Außern ſich in der Harmonie des In⸗ nern brechen; iſt aber nicht das Gemüth des lau— niſchen Weibes ſelbſt die ſchreiendſte Diſſonanz? Der Lebensſinn bleibt nur da muthig und friſch, wo alle Verhäliniſſe eine feſte, beſtimmte Geſtalt haben, und bei dem Wechſel des Zufälligen, we⸗ nigſtens ihre Umriſſe und ihre weſentlichen Be⸗ ſtandtheile behalten. Erſcheint aber nicht dem launiſchen Weibe faſt in jedem Augenblicke alles anders? Sind nicht ſeine Anſichten eben ſo wan⸗ delbar, als ſein innerer Zuſiand? Lebensſinn of⸗ fenbaret ſich in einer leichten und fröhlichen Stimmung; die Stimmung des launiſchen Wer bes iſt aber nie leicht, und ſelten froh. Selbſt ſeine glücklichſten Augenblicke haben etwas Ge⸗ zwungenes und Unnatürliches; und die meiſten ſeiner Stunden ſind voll Selbſtquälerei. Der Laune müſſen Sie entgegen arbeiten, ihre Ver⸗ ſtimmungen dürfen Sie nicht aufkommen laſſen, wenn Sie ſich den Lebensſinn mit ſeinem ſchöͤnen Frieden ſichern wollen. Darum iſt auch nöthig, daß Sie für kön perliche Geſundtheit ſorgen. Viele Lau⸗ nen entſpringen, wie wir ſchon bemerkt haben, aus einem krankhaften körperlichen Zuſtande. Es iſt ſchwer jene zu unterdrücken, ſo lange dieſer Zuſtand fortdauert. Überdem ſtehen die Geſund⸗ heit des Körpers und die Geſundheit des Geiſtes in genauer Verbindung. Der Mann kann mit ernſten und großen Arbeiten beſchäftigt, in weit⸗ läufige Plane vertift, von verwickelten Situa⸗ tionon gefeſſelt, ſein körperliches übelbefinden, wenn es ſich nicht gar zu fühlbar macht, vergeſ⸗ ſen. Aber beim ſchwächern Weibe, das mehr in ſich ſelbſt lebt, und weniger hat, wodurch es ſich zerſtreuen könnte, muß ſich dieſes allem mitthei⸗ len, was in ſeine Seele eingeht, und auch den froheſten Ereigniſſen ein trübes Anſehen geben. Keine Empfindung kann ihre natürliche Geſtalt be⸗ — e halten, wo das Organ verletzt iſt, welches ſie dem Gemüthe zuführt. Dem Schmerze der eigentli⸗ chen Krankheit ſetzt das Weib ſeine Geduld ent⸗ gegen, und gewinnt ihm dadurch nicht ſelten hei— tre Augenblicke ab. Gegen das Mißbehagen, welches aus bleibender Zerrüttung und aus der Abſpanung eines zu oft und zu ſtark gereitzten Körpers entſteht, iſt es deſto ſchlechter gewaffnet. Bei einer ſolchen Verfaſſung mag das Weib von erheiternden Gegenſtänden jeder Art umgeben ſeyn, in den ſüßeſten Verhältniſſen ſtehen, die zärtlichſten Erweiſungen des Wohlwollens erfah⸗ ren und das Erwünſchteſte erleben: es wird an dem allen keine Freude haben, weil die Ver⸗ ſtimmung welche vom Außeren in das Innere dringt, ihm keinen angenehmen Genuß geſtattet. Das Leben zieht ihm in einer ſo traurigen und finſtern Geſtalt vorüber, daß es unbegreiflich wä⸗ re, wenn ihm noch einiger Sinn dafür bliebe⸗ Viele ſeiner Stunden ſind voll Schmerzen und dazu geeignet, daſſelbe ganz verhaßt zu machen. Nur im harmoniſchen Zuſammenwirken aller Le⸗ benskräfte kann das Gemüth die Faſſung und Ruhe gewinnen, die es nöthig hat, um am Le⸗ ben Geſchmack— und das Ganze deſſelbelben ge⸗ nügend zu finden. Die üppige, wohllüſtige und weichliche Lebensart des Zeitalters verſchuldet da⸗ her, durch ihren Einfluß auf körperliche Geſund⸗ heit, vorzüglich den Mißmuth und überdruß⸗ womit ein großer Theil des weiblichen Geſchlech⸗ tes an ſeinen Dafeyn ſchleppt, ſo bald die ge⸗ waltſamen Anregungen lärmender Luſtbarkeiten und betäubender Genüſſe nachlaſſen. Nicht ohne tiefes Mitleid kann man ſo manches traurige Op⸗ fer derſelben anſehen, dem ſchon in der Blüthe des Lebens der Sinn für ſeine Reitze, Verhält⸗ niſſe und Freuden vergangen iſt. Heftige Leidenſchaften ſind dem fro⸗ hen Lebensſinne nicht weniger gefähr⸗ lich. Sie erhalten das Herz in beſtändiger unru⸗ hevoller Bewegung und in einem erbitterten Streite mit ſich ſelbſt. Wo ſie herrſchen, da iſt die Seele immer nur auf Eins gerichtet, von Einem voll und jedem Andern verſchloſſen. Gleichförmige Em⸗ pfaͤnglichkeit für alles Schöne und Gute iſt aber ein unerlaßliches Erforderniß zu einem ungetrüb⸗ ten Sinne für das Leben. Wer Leidenſchaften hägt, der liebt nicht das Leben ſelbſt, ſondern was da⸗ rin jenen entſpricht. Er hängt an den zufälligen Erſcheinungen, an den vergänglichen Schatten. Wie oft wird ihn die Verſagung peinigen und die Furcht martern! Wie oft wird er klagen, 27² V 0er Aber vergebliche Bemühungen, uber die Maͤnget und Unnannehmlichkeiten, die an ſeinem Beſitze 2 1 3 haften und über getäuſchte Erwartung! In wel: he cher Spannung werden ihn Verlangen, Sehn⸗ hia ſucht, Schmerz, Hoffnungen und zweifelhafte gui An Ausſichten, Plane und Beſorgniſſe erhalten! Wie de 8 werden die verſchiedenartigen und unvereinbaren 8e Empfindungen, die ſeine Bruſt durchkreutzen, die⸗ zer ſe foltern und zuſammen ziehen! Wie wird er kar zurnen und hadern mit der Welt, dem Schick⸗ ec ſale und ſich ſelbſt, wenn ſine unmäßigen For⸗ eh derungen leer ausgehen! Noch nie war froher dem Lebensſinn bei leidenſchaftlichen Menſchen. Die nnd Augenblicke ſind zu ſelten und zu flüchtig⸗ A wo der innere Aufruhr ſchweigt. Man muß mit die Ruhe anſchauen, fühlen und handeln können, um in das Bild des Lebens von der Seite zu faſſen, tie wo es ſich als ſchönes und genügendes Ganzes ni darſtellt. Man muß von nichts geblendet, von wi nichts ſtark angezogen, und an nichts ungetheilt di gefeſſelt ſeyn, um von ſeinen einzelnen Erſchei⸗ we nungen vortheilhafte Eindrücke zu empfangen. ir Vorzüglich groß ſind die Verheerungen, wel⸗ 4 che Leidenſchaften in der weiblichen Natur anrich⸗ ſ ten. Je ſchwerer ſie in der Stille derſelben zu wecken ſind, deſto heftiger wuͤthen ſie, we ſie einmal erwachten. Je kleiner das Feld iſt, uüber „welches ſie ſich hier verbreiten können; deſto aus⸗ gezeichneter iſt ihre Stärke. Je weniger ſie ſich hier mit umfaſſenden Planen vereinigen, und in großen Wirkungen erſchöpfen; deſto hitziger brennt die innere Gluth. Je weniger ſie ſich an der Beſonnenheit des Verſtandes brechen; deſto mehr zerrütten ſie die Eintracht des Lebens. Daher kommt es, daß das ganze Weſen eines ſonſt gut gearteten weiblichen Gemüthes gleichſam umge⸗ kehrt wird, ſo bald ſich eine Leidenſchaft ſeiner bemächtigt. Alles wird nun auf dieſe bezogen, und nach dem beurtheilt, was es ihr einträgt. Alles zeigt ſich ihm in der Beleuchtung, welche dieſe darauf wirft. Das ganze Leben ſcheint nur um ihrer willen da zu ſeyn. Die ſchönſten Par⸗ tien deſſelben werden überſehen, weil ſie mit ihr nichts gemein haben, und manches Erfreuliche wird drückend, weil es ſich zu ihr nicht ſchicken will. Ein innerer Widerſpruch erhebt ſich, in welchem es nicht möglich iſt, irgend etwas Frohes froh zu empfinden. Das Toben der Begierde un⸗ terdrückt die ſanftern Regungen, welche mit dem Leben eine innige und dauerhafte Befreundung ſtiften. Die Seele des neidiſchen, heftigen, ei⸗ 18 teln, habſüchtigen, ehrgeitzigen oder wohllüſtigen Weibes iſt zu entweiht, als daß ſie noch Liebe für dasjenige haben könnte, wodurch das Leben allein wahrhaft gefällt, und immer friſche Reitze erlangt. Faſt noch mehr als durch heftige Lei—⸗ denſchaften wird der Lebensſinn durch Pflichtverletzungen getrübt. Wie Geſund⸗ heit das körperliche— ſo iſt Unſchuld das geiſtige Organ für alles Gute, was das Leben hat. Nur in reinen Herzen wohnt der Friede, dem das Au⸗ ßere friedevoll entgegen kommt. Das Bewußi⸗ ſeyn des eignen unbeeinträchtigten ſittlichen Wehr⸗ tes iſt die Würze aller Freuden, und das Ver⸗ klärungslicht unſers oft angefochtenen und gekränk⸗ ten Daſeyns. Wo Achtung für die Tugend ver⸗ loren ging: da ſind auch die Gefühle abgeſtumpft, an denen das Intereſſe eines ſchönen Lebens hängt. Aber ſo tief ſinkt nicht leicht ein beſſer gebildetes weibliches Weſen. Die meiſten wer⸗ den die Tugend nicht ohne Unruhe verlaſſen, nicht ohne bittre Vorwürfe und lauten Wider⸗ ſpruch des Herzens ihre Vorſchriften übertreten. Aber wie empfindlich müſſen jene Unruhe und dieſe Vorwürfe ein zartes Herz verwunden! Wie ſchwer muß der Unfriede des Laſters ein weiches 275 00⸗0 Gemüth druücken! Was ſoll uns zum Frohſinn ſtimmen, wenn wir in uns eine unerſchöpfliche Quelle des Mißmuthes haben? Wie kann uns das Leben angenehm und tadellos ſcheinen, wo wir uns ſelbſt über vieles anklagen müſſen, wo wir nicht ohne Verdruß, Beſchämung und Un⸗ willen an unſre Verfaſſung und an unſer Betra⸗ gen denken können? Ein pfilichtvergeſſenes, ſchändliches, entehrtes Leben kann nie ein heitres Leben ſeyn; wenn es auch noch ſo viele Freuden anböthe. Ein unſittliches Weib mag ſich wohl in vorüber gehenden Genüſſen berauſchen; aber den reinen, vollen und ungeſtörten Genuß, wodurch man das Leben im Ganzen lieb gewinnt, wird es nie empfinden. Den gewährt nur ein ſchuldloſes Herz. In dieſem Herzen müßſen Sie ſich den freundlichen Schutzgeiſt treu erhalten, der die ſchönen Blüthen des Lebens bewacht, und mit Entzücken durch das Land führt, das ſie trägt. Bei einem ſolchen Herzen wird es Ihnen leichter werden, über das Leben, über den Einfluß ſeiner Ereigniſſe auf wahre Zu⸗ friedenheit, und über den Wehrt ſeiner Güter richtig zu urtheilen. Auch dies iſt zu einem frohen Lebensſinn ſehr erforderlich. Be⸗ trachten wir das Leben mit den gewohnlichen Vorurtheilen der Menſchen; würdigen wir es nach den Grundſätzen der öffentlichen Meinung: ſo kann es unſer Wohlgefallen nie anhaltend feſſeln. Wir werden dann gegen manches gleichgültig ſeyn, deſſen Natur ganz dazu geeignet iſt, uns zu erfreuen, und dem der Unbefangene ſeine ſe⸗ ligſten Stunden verdankt. Manches wird uns unangenehm— ja unerträglich dünken, worin nichts Beleidigendes iſt, wenn wir es bloß mit geſundem Verſtande anſehen, und auf ſeine wah⸗ re Beſchaffenheit achten. über manches werden wir uns beklagen— nicht weil wir darunter lei⸗ den, ſondern weil andre ſchlecht davon denken. Nach manchem, das wir gar nicht, oder nur un⸗ vollkommen erreichen können, werden wir ſo an⸗ gelegentlich ſtreben, als ob ohne daſſelbe kein Friede für uns wäre, ob es gleich unſre Glückſe⸗ ligkeit nicht vermehren kann. Verſtänden wir al⸗ les ſo zu nehmen, wie es iſt: wir würden des Guten unendlich mehr haben, und über unendlich weniger würden wir trauren. Gerade diejenigen Dinge, von welchen der Lebensſinn die meiſte Nahrung zieht, erfordern die geübteſte Aufmerk⸗ ſamkeit und die größte Unbefangenheit im Ulr⸗ theilen. Der verkennt ſie gewiß, der bloß nach dem äußern Scheine entſcheidet; der immer das . Glaͤnzende, Geprieſene und Bewunderte haben will, der nicht im Stande iſt, den Wehrt deſſen zu ſchätzen, das von wenigen bemerkt— und nur in der Stille göttlich genoſſen wird. An Klei⸗ nigkeiten, wie die Menſchen es nennen, hängt die Lebensfreude, und vorzüglich das, was das weibliche Daſeyn verſchönert. Glückliches Weib, welches den Frieden in der Stille ſucht, wo al⸗ lein ſich die Wahrheit und Bedeutung des Lebens enthüllt, und auch in der unſcheinbaren Umge⸗ bung die Gabe dankbar annimmt, die dieſem Le⸗ ben neue Reitze ertheilt! Es wurde ſchon oben erinnert, daß die Na⸗ tur Ihr Geſchlecht zum Lebensſinne trefflich aus⸗ geſtattet habe, indem ſie Ihnen das glückliche Talent verlieh, ſich an alles inniger an⸗ zuſchmiegen, und ſich ſelbſt mit gleichgültigen Dingen durch Gewohnheit zu befreunden. Die⸗ ſes Talent iſt es wehrt, von Ihnen kul⸗ kivirt zu werden; denn es wird Sie geſchickt machen, die Harmonie des Lebens, welche ſo we⸗ nige kennen, aufzufaſſen. Es wird Sie in den Stand ſetzen, ſich für das Leben ſelbſt, unabhän⸗ gig von dem, was darin erfreulich iſt, zu intereſ⸗ ſiren, und es auch dann noch ſüß zu finden, wenn Sie darin viel Bittres erfahren. Sie werden es ———. für ein Glück halten, ein Daſeyn fortzuſetzen— und für ſchmerzlich, von einem Daſeyn zu ſchei⸗ den, worin ſo manches Ihre zarteſten Gefühle anſpricht, ſo manches Ihrem Herzen theuer ward, worin Sie ſo viel Intereſſantes dachten und ver⸗ richteten, mit Menſchen, die Sie ſehr ſchätzten, in Verbindung ſtanden, und worin zahlreiche Ein⸗ richtungen Sie beglückten. Faſt mit jedem Ge⸗ genſtande kann der weichere Menſch in geiſtigen Verkehr treten, indem er ihn zum Zeugen und Theilnehmer ſeiner innern Lebensgeſchichte macht. In ihm kommt ihm dann ſeen beßres Selbſt ent⸗ gegen, und er hängt an ihm, wie man an ei⸗ nem Freunde hängt. Aber nur füür diejenigen, die mit Innigkeit leben, die im Geräuſche der Welt und unter den Zerſtreuungen ihrer Arbei⸗ ten und Luſtharkeiten ſich ſelbſt nicht verlieren, bei denen das Achten auf ihr Inneres nicht durch die Stärke des äußern Eindruckes überwältigt wird, gibt es ſolcher Gegenſtände viel. Nur der Beſonnenheit kann das Leben auf dieſe Art zum Bedürfniſſe werden. Endlich trägt auch weiſe und nützli⸗ che Geſchäftigkeit nicht wenig zur Unter⸗ haltung eines frohen Lebensſinnes bei. Der vernünftige Menſch hat gewiß mehr Freude e an dem was er thut, als an dem, was er em⸗ efängt. Das Letztere mag noch ſo reitzend ſeyn: es wird uns nicht entzücken, wenn es uns gerade an der dazu erforderlichen Stimmung fehlt, oder wenn wir es nicht in das gehörige Verhältniß mit uns bringen können. Ordnungsvolle Thätig⸗ keit aber iſt immer erfreulich; denn ſie iſt Befrie⸗ digung eines eben ſo ſtarken als reinen Natur⸗ triebes. Leben iſt nur da, wo gewirkt wird, und die Eintracht des Lebens offenbaret ſich am deut⸗ lichſten und wahrſten, wo wir nach richtigen Grundſätzen und mit reifer Überlegung handeln. Schon dadurch, daß ſie uns in einen, den Anla⸗ gen unſers Weſens angemeſſenen Zuſtand verſetzt, erheitert ſie unſer Gemüͤth. So lange der Menſch noch thätig ſeyn kann und mag, wird ihm das Leben nicht zur Laſt, wenn ihm auch noch ſo viel Unangenehmes widerfuühre. Er ſchafft ſich ſelbſt eine beßre Welt um ſich her, und bewährt auf eine erfreuliche Art ſeine Unabhängigkeit von außern Zufällen. Ein neues Intereſſe erhaͤlt das Leben durch dasienige, was wir in ihm zu Stande gebracht haben. Sey es an ſich arm und ohne Freuden: wir entbehren wenig, wenn wir ſelbſt etwas hin⸗ einlegten; es wird uns angenehm, wenn es uns Werke zeigt, die unſerm Fleiße ihren Urſprung verdanken. Je weniger es uns gibt: deſto be⸗ lohnender iſt das Gefühl, daß wir etwas aus ihm zu machen wußten. Auf die Größe und Wich⸗ tigkeit deſſen, was wir verrichteten, kommt es dabei nicht ſo ſehr an, als darauf, daß es etwas Nützliches ſey, und daß wir es mit Liebe, Fleiß und Treue gethan haben. Die ſtillſten Arbeiten, — Bemühungen, die am wenigſten Aufſehen er⸗ regen, ſind oft die belohnendſten, und bringen den keiſten Frohſinn in das Leben. Nie wird ſich der Lebensſinn bei dem Weibe ganz verlieren, das ſeinen häuslichen Wirkungskreis ganz kennt und ausfüllt. Wäre er beſchwerlich und voll Sorgen: die Pünktlichkeit und Ordnung, mit welcher es in demſelben thätig iſt, wird ihm al⸗ les verſüßen. Möge denn auch Ihnen dieſer Lebensſinn ungetrübt erhalten werden, und ſich immer mehr verklären. Möge er Ihre Tugenden ſchmücken, chren Einfluß verſchönern, und Ihnen im irdi⸗ ſchen Leben ſtäts den Widerſchein des himmliſchen zeigen. Ohne ihn ſind Sie ſehr unglücklich, un⸗ empfindlich fuür des Lebens beſte Gaben— un⸗ fähig, daſſelbe je als eine Wohlthat anzuſehen. Das Höchſte, was es Ihnen geben kann, ſind flüchtige Entzuckungen, die Ihren Sinn für ſei⸗ ene Mängel ſchärfen, und Sie ſeine Beſchwerden nachher drückender empfinden laſſen. Beſitzen Sie frohen Lebensſinn: dann wird Ihnen das Leben ein ſchöner Frühlingsmorgen ſeyn, zwar oft ge⸗ trübt, aber nie ganz aller Reitze beraubt. Su⸗ chen Sie in ihm die köſtlichſte Ausſtattung Ih⸗ rer Natur zu bewahren. Verſcheuchen Sie die Laune, die ihn ſtört. Unterdrücken Sie die Lei— denſchaft, die ihn vergiftet. Bewahren Sie die Geſundheit des Körpers und die Reinheit des Herzens, ohne welche er nicht beſtehen kann. Er⸗ halten Sie die Wahrheit und Unbefangenheit Ihres Urtheils, die Aufmerkſamkeit auf die klei⸗ nern Güter und Freuden, die Fähigkeit der Be⸗ freundung und des nähern Anſchließens. Jede Ihrer Stunden ſey mit nützlicher Thätigkeit an⸗ gefüllt. So werden Ihnen ſeine Segnungen reichlich zu Theil werden, und erfreuend wird er Sie begleiten durchs Alter bis ans Grab. Zwolfte Rede. 4 19 1 042096,6656⸗80 S Das reiche Gemuͤth. E⸗ iſt nicht zu läugnen, daß Ihr Geſchlecht in der Regel die Stärke der Gedanken, der Gefühle und Beſtrebungen nicht erreicht, die unter Män⸗ nern gefunden wird; und es würde auch nicht gut ſeyn, wenn es anders wäre. Dem Manne ward die Beſorgung der umfaſſendern Angelegen⸗ herten, die Ausführung der größern Geſchäfte und die Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung zugetheilt. Dazu iſt nöthig, daß er kräftiger an⸗ geregt werde, daß er ſeine Vorſtellungen genauer entwickle, und weiter verfolge, daß er mit Ent⸗ ———, e ſchloſſenheit, Muth, Ernſt und Behaurlichkeit handle. So werden auch die Tugenden am mei⸗ ſten gefördert, welche dem Charakter arigemeſſen find, den er behaupten ſoll. Das Weib müßte ſeine Weiblichkeit, und mit ihr ſeine Liehenswür⸗ digkeit und ſeinen Adel verläugnen, wenn es in einer ausgebreiteten und energiſchen Wirkkſamkeit, in kühnen Anſichten, in einem erhabenen SSchwun⸗ ge des Geiſtes und in heftigen Bewegungen des Herzens ſeine Ehre ſuchen wollte. Sanft und ſtill, wie ſein Gemüth, ſoll ſein ganzes Leben ſeyn. Dafür ward ihm eine andre, nicht weniger ſchätzbare und wohlthätige Eigenſchaft zu Theil. Was beim Manne Kraft iſt, das iſt beim Wei⸗ be Reichthum. Wenn die Gedanken des Mannes höher gehen und weiter reichen: ſo ſind dje des Weibes vielſeitiger, mannichfaltiger und erſchö⸗ pfender. Wenn der Mann heftiger erſchüttert wird: ſo ſind die Gefühle des Weibes inniger, leichter aufzuregen, und an eine größere Menge von Gegenſtänden vertheilt. Wenn der Mann feuriger nach ſeinem Ziele ſtrebt: ſo traͤgt das Weib mehr ſüßes Verlangen, mehr Plane und Wünſche in ſich, welche die Verſchönerung des Lebens bezwecken, und, mit Liebe genährt, in —.—— eine gerauſchloſe Thätigkeit übergehen. Wenn der Mann ſeine Abſichten raſcher und nachdrücklicher verfolgt: ſo opfert ſich das Weib williger in Wohl⸗ wollen auf. Es umfaßt mehr mit dem Herzen, während jener mit dem Verſtande mehr umfaßt, und dabei nur zu oft von ſeinem Egoismus ge⸗ leitet wird. Dieſe intereſſante Erſcheinung einer ſchönen weiblichen Seele iſt es wehrt, daß wir einige Augenblicke bei derſelben verweilen. Wir wollen verſuchen, ſie in ihrem Weſen aufzufaſſen, und uns deſſen, wodurch ſie bewirkt wird, zu ver⸗ ſichern. Reichthum, Fülle des weiblichen Ge⸗ müthes, etwas dem Weibe ganz Eigen⸗ thümliches und von ſeiner Trefflichkeit Unzertrennliches, iſt alſo jetzt der Ge⸗ genſtand unſrer Betrachtung. Dieſe Ei⸗ genſchaft kommt vorzüglich im vertrautern Umgange zum Vorſchein. Sie zeigt ſich in der Mittheilung der Gedanken und Empfindungen, und in den Antrieben des Handelns. Das Weib mit dem rei⸗ chen, vollen Gemüthe hat immer zu geben, und was es gibt iſt lehrreich, anziehend, erfreulich 3 ſinn 2 es gibt darin ſein Eigenſtes; es gibt ſich ſelbſt. 'Es iſt in ſeinem Geben, wie die Natur, einfach, ſinnvoll und unerſchöpflich Wenn man die phlegmatiſchen Weiber ab⸗ rechnet, die ſich ſelten vernehmen laſſen, weil ſie ſelten etwas der dazu erforderlichen Anſtrengung wehrt halten, und die ſelten ſprechen können, weil wenige Dinge ihre Aufmerkſamkeit ſo ſtark reitzen, daß ſie ſich um Kentniß derſelben bemü⸗ hen ſollten: ſo möchten ſich die übrigen in fol⸗ gende Klaſſen bringen laſſen. Der größte Theil bewegt ſich mit ſeinen Ideen in einem ſehr kleinen Kreiſe. Was ſie beſchäftigen ſoll, muß zu den Neuigkeiten des Tages, oder in die Haushaltung gehören; es muß entweder ein Modeartickel, oder eine Stadtgeſchichte, immer aber etwas Alltäg⸗ liches ſeyn, und von einer beſondern Leidenſchaft begünſtigt werden. Was der Lüſternheit, Eitel⸗ keit, Hab⸗ und Klatſchſucht, der Pracht⸗ und Zer⸗ ſtreuungsliebe, der Neigung zum Putze und zur Eroberung keine Befriedigung gewährt, wird von ihnen abgewieſen. Nur über ſehr gewöhnliche Dinge wiſſen ſie etwas ſehr Gewöhnliches zu ſa⸗ gen. Geiſt und Herz haben daran keinen Antheil; darum kann es niemand intereſſant finden, als wer mit ihnen auf der derſelben Stufe der Kul⸗ tur ſteht. Wer Gemüth und ſchönes Leben ſucht, der bringt von ihnen nichts als Eckel und Ver⸗ achtung zurück. Die eigne Armuth macht es ih⸗ nen zum Bedürfniß, ſich mit dem, was ſie um⸗ gibt, oder was ſich in ihrer Nähe ereignet, an⸗ zufüllen. Sie nehmen davon nur das Schlechte⸗ ſte, weil ſie für dieſes doch einige Berührungs⸗ punkte haben; auf das Beßre, das tiefer liegt, verſtehen ſie ſich gar nicht. Andre wiſſen zwar über mehr, und über gar viel zu ſprechen, was mitunter hoch genug klingt; aber es kommt ihnen nicht aus dem Kopfe— geſchweige denn aus dem Herzen. Es iſt nicht ihr Eigenes; darum fehlt ihm die Innigkeit, womit das volle Gemüth ſich ausſpricht. Sie ſtellen etwas zur Schau, worin man ſie ſelbſt nicht wieder findet, weil es mit ihnen in gar keiner Gemeinſchaft iſt, und wobei ſie ſich ſelten recht nehmen können. Es ſind gewöhnlich eingelernte, oft unver⸗ ſtandene Begriffe, wenn nicht gar nur Worte, was ſie vorbringen. Was ſie geleſen oder gehört haben, erzählen ſie wieder, um ſich bewundern zu laſſen. Nichts würde ſie dazu bewegen, wenn es mnicht die Eitelkeit thäte. Sie ſind das Organ eines fremden Verſtandes, und aus ihrem Mun⸗ de vernimmt man die unvereinbarſten Urtheile. Alles iſt ihnen recht, wodurch ſie zu glänzen hof⸗ fen. Wie weit ſind auch dieſe entfernt von der ſchönen Fülle einer weiblichen Seele, worin alles lebendig iſt. Eine dritte Klaſſe bilden die eigentlich Red— ſeligen.— Es ſind ſolche, welche eine flüch⸗ tige Lebhaftigkeit des Temperaments treibt, immer etwas zu thun. Da man ſie aber nichts Wichtiges thun läßt, oder ſie auch zu etwas Wichtigem nicht aufgelegt ſind: ſo er⸗ gießt ſich ihre Unruhe in Worte. Sie ſind nicht ernſthaft und geſetzt genug, um vorher zu den⸗ ken, oder ſie nehmen ſich nicht die Zeit dazu; ſie können ihrer Beweglichkeit nicht ſo lange Gewalt anthun, oder ſie verſtehen ſich gar nicht darauf. Darum ſagen ſie, was ihnen in den Mund kommt; ſie fragen, ohne daß man nöthig hat, darauf zu antworten; ſie erzählen Stunden lang, und wiſſen nachher von allem, was ſie geſagt ha⸗ ben, nichts; ſie kommen ohne Verbindung vom Einen aufs Andre, und hören nicht auf, wenn man nicht mit Gewalt ein Ende macht. Man 233 vernimmt von ihnen Kluges und Albernes, wie es ſich in ihrer Phantaſie an einander kettet⸗ doch gewöhnlich des letztern mehr als des erſtern — im Ganzen wenig, was der Mittheilung wehrt war, viel, was die Geduld auf ſchwere Proben ſetzt. Dergleichen verträgt ſich nicht mit einem wahrhaft reichen Gemüth. Dieſes iſt im⸗ mer auch ein gebildetes, und nie ohne Delica⸗ teſſe. Hätten jene Weiber Geiſt, wie könnten ſie ſo viel Geiſtloſes ſagen? Hätten ſie eigne Ideen, wie könnten ſie mit einem nichts bedeu— tendem Gewäſche die Zeit verbringen? Hätten fie Gefühl, es müßte ſich ja abſtumpfen, da ſie es ſelbſt ſo oft beleidigen. Eine vierte Klaſſe von Frauen iſt nicht we⸗ niger beredt, aber aus einem beſſern Bedürfniſſe. Sie müſſen vieles mittheilen, weil vie⸗ les ſie intereſſiert. Ihr weiches Herz iſt für alles empfänglich, was ein menſchliches Gefühl anſpricht. Tauſend Gegenſtände, Erfahrungen und Ereigniſſe, die weniger reitzbaren Gemüthern gleichgültig ſind, machen auf das ihrige tiefe Eindrücke, die ſie gerne auch bei andern erwecken. Eine ſchöne Eigenſchaft, von welcher die echte Weiblichkeit ihre trefflichſten Züge empfängt! Nur wäre zu wünſchen, daß ſolche Frauen ſich nicht ſo oft an Dinge hingen, die in jeder Hin⸗ ſicht Kleinigkeiten ſind, und denen ſie ſelbſt kein recht menſchliches Intereſſe abgewinnen konnen, daß ſie von einem größern und mehr verarbeiteten Vorrathe zu geben vermöchten, daß ſie mehr Kenntniſſe und feinere Empfindungen beſäßen, und daß ſie von einem mehr geläuterten Ge⸗ ſchmacke geleitet würden, als gewöhnlich der Fall iſt. Das wahrhaft reiche und volle Gemüth iſt bei denen, die, ohne in Gemeinheiten oder in nachgeſprochene Sentenzen zu verfallen, eine un⸗ erſchöpfliche Unterhaltungsgabe beſitzen, welche ſich jedoch mehr in den kleinern Kreiſen, wo das Herz zum Herzen ſpricht, als laut und öffentlich außert, die nicht bloß beobachtet und geſehen, ſondern auch gedacht, empfunden, in ſich aufge⸗ nommen, ihre Erfahrungen zur Bildung ihres Geiſtes treu verwandt, ihre Kenntniſſe zu ihrem Eigenthum gemacht, und mit ſchönen Gefühlen verwebt haben, in denen die Bildung ein fröhli⸗ ches Leben geworden iſt, in deren Gewalt es ſteht, überall erheiternde Gedanken und frohe Stimmungen zu erwecken, und durch die Aus⸗ führung neuer Plane dem Leben neue Reitze zu geben. 29 — Sie werden vielleicht Anfangs am wenigſten dafür erkannt; weil ſie zu beſcheiden ſind, ſich vorzudrängen— zu ſtolz, um das gemeine Weſen mitzutreiben— und zu zartfühlend, um ihr Hei⸗ liges von frivolen Menſchen entweihen zu laſſen. Sie ſchweigen, wo ſie entweder ihre beßre Na⸗ tur verläugnen müſſen, oder nicht verſtanden wer⸗ den. Aber wo ſie eine empfängliche und gleich⸗ geſtimmte Seele gefunden haben: da beglucken ſie mit ihrem ganzen überfluſſe, da ergießt ſich ihr geiſtiges Leben in immer ſchönere Fermen, da legt ſich das Daſeyn in ſtäts wechſelnder Man⸗ nigfaltigkeit aus einander; ihre Reden und ihr Wirken ſind erfreuend. Das reiche Gemuüth des Weibes umſchließt, zuvörderſt, Fülle der Gedanken, und zwar ſolcher Gedanken, die ſich auf das Leben und ſei⸗ ne Verhältniſſe beziehen, die weder durch wiſſen⸗ ſchaftliches Studium erworben, noch von andern erlernt werden können, ſondern allein durch Be⸗ obachtung, Phantaſie, eignes Denken und Reife des Geiſtes zu erlangen ſtehen. Das Weib mit dem reichen Gemüthe beſitzt eine Menge von Ideen zur Einrichtung und Anordnung deſſen, was in ſeiner Sphäre liegt. Es wird nicht leicht in eine Verlegenheit kommen, wo es ſich nicht zu helfen wüßte. Sein fruchtbarer Verſtand findet auch in der verwickeltſten Sache Rath und Aus⸗ kunft. Dem traurigen Ereigniſſe gewinnt es heitre Anſichten ab. Jedes Unangenehme wird ihm durch mancherlei Reflexionen erträglicher ge⸗ macht. Wenn nirgends mehr Troſt iſt; ſo iſt er noch in dem Gemüthe des reichen Weibes, und ſanft lindernd ſpricht er, in ſeiner Einfalt und Wahrheit, zum Herzen. Beſorgniſſe werden von ihm in ein milderndes Licht geſtellt, oder leicht weggeſcherzt. Frohe Begebenheiten werden von ihm durch frohe Bilder und Erinnerungen noch mehr verſchönert. Trefflich verſteht es ſich da⸗ rauf, verſteckte Annehmlichkeiten hervorzuziehen, und durch das zu erfreuen, was noch niemand be⸗ merkt hat. Nie fühlt der gebildete Mann in ſei⸗ ner Nähe Zwang und lange Weile. Jeder Ge⸗ genſtand biethet ihm Stoff oder Veranlaſſung zu intereſſanten und lehrreichen Bemerkungen dar. Gewohnt über alles zu denken, weiß es auch über alles etwas zu ſagen. Gewohnt, alles zur Bil⸗ dung ſeines Geiſtes zu verwenden, wird es leicht an allem unterhaltende Beziehungen entdecken. Ein großer Vorrath angenehmer und nützlicher Gebanken iſt bei ihm immer in Bereitſchaft, und weil jeder zugleich das Herz beſchäftigt, tritt er auch gerne ins Leben, und theilt ſich lichtvoll, wahr und ohne Kunſt mit. Weil jeder in einem zarten und heiligen Gemüthe entſtanden iſt, be⸗ darf er keiner geſuchten Ausſchmückung. Und die⸗ jenigen ſind immer die gefälligſten, in welchen ſich das Innere am treueſten ausſpricht. Was wir von ihm vernehmen, iſt immer ſo natuͤrlich, daß wir uns wundern, nicht von ſelbſt darauf gekommen zu ſeyn. Wir haben es viel⸗ leicht gar tauſendmal gedacht, und glauben doch, etwas Neues zu hören, oder einen tiefern Sinn darin zu finden. Vornehmes Moraliſieren, pe⸗ dantiſche Lehren und trockne Gemeinſprüche hört man nie von dem Weibe mit dem reichen Gemü⸗ the. Da es alles vom Leben hat: ſo iſt auch in allem die Wärme und Luſt des Lebens. Das Weib mit dem reichen Gemüthe iſt un— erſchöpflich an ſolchen Empfindungen, wodurch die⸗ jenigen Verhältniſſe, die uns immer umgeben, und von welchen echte Glückſeligkeit am meiſten abhängt, erfreulicher werden. Im häuslichen Le⸗ ben legt ſich ſein Reichthum zum Entzücken dar, da kommen uns ſeine Wünſche, Plane, Anord⸗ nungen und FJeſte überall mit Liebe entgegen. Fuͤr dieſes gebildet, weiß es in daſſelbe uͤberall ſeine ſchönſten Ideen zu verweben. Hier zeigt ſich, mehr in Handlungen als in Worten, das Vermögen ſeines Geiſtes. Der Reichthum des weiblichen Gemuͤthes iſt⸗ zweitens, Fülle des Gefühls. Die Gefühle des Weibes haben zwar ſelten das Heftige und Erſchütternde, wodurch ſie in zerſtörende Leiden⸗ ſchaften übergehen, und mit großer Kraft in den Willen eindringen könnten. Dagegen ſind ſie vielfacher und inniger; ſie bewegen oft tief; ſie erfüllen das ganze Herz, und verbreiten ihren ſtik⸗ len, gleichwohl überwältigenden Einfluß über alle innere Regungen. Sie beſchäftigen das Gemüuͤth angelegentlicher, ſie bringen ſtärkere und dauer⸗ haftere Stimmungen hervor, und werden mit mehr Intereſſe unterhalten. Darum äußern ſie fich lebhaft in Reden und im Betragen, wenn gleich die Außerung ſelten beabſichtigt wird. Das iſt es, was ſo oft den Schein des Geiſtvollen er⸗ weckt, wo es in der That nicht iſt— immer aber die Anmuth und den Ausdruck des weibli⸗ chen Weſens erhöht. Hierin iſt das Weib mit dem reichen Gemüthe vorzüglich gebildet. Nicht leicht wird von ihm etwas bemerkt oder gedacht⸗ wobei nicht auch das Gefühl angeregt würde. — —————˙˙— Alles, was ſeinen Verſtand beſchäftigt, weckt auch im Herzen die ihm entſprechenden Empfindungen. Jede Situation, die andre kalt läßt, offenbaret ihm noch viele Seiten, die Wehmuth, Schmerz, Beſorgniſſe, Verlangen, Sehnſucht— oder Freu⸗ de, Zufriedenheit, Wonne und Zuverſicht in ihm erzeugen. Und wer kann ſie alle zählen die Be⸗ wegungen, die in einem reichen weiblichen Ge⸗ müthe vorgehen, mit ihren oft wunderbaren Mi⸗ ſchungen von Trauer und Luſt, mit den feinen Nüancen, welche die ſtille Betrachtung oder die Verhältniſſe des Lebens in ſie bringen! Das innere Leben iſt bei dem reichen Weibe nech viel mannichfaltiger als das äußere; und es iſt ungemein wohlthuend, den verſchiedenen Ent⸗ faltungen deſſelben zuzuſehen. Es vergeht kein Augenblick, wo nicht etwas ſehr Intereſſantes dieſes weiche Gemüth ſtimmte. Das Beſte bleibt uns ungenoſſen, wo nicht weibliche Fülle uns darauf aufmerkſam macht. Die zarteſten Em⸗ pfindungen würden wir nicht kennen, wenn nicht die Sprache derfelben, im weiblichen Leben, ihre Mitempfindung in uns veranlaßte. Selbſt die Heiden des Weibes verurſachen bei ihm und uns eine Rührung, welche die edelſten Züge in die menſchliche Natur bildet. Der Reichthum des weiblichen Gemuͤthes zeigt ſich, drittens, in der Fülle ſeiner Ge⸗ duld. Durch ſie kann das Weib ſo viel tragen, und ſo lange aushalten. Das weibliche Herz, in welchem ſie wohnt, iſt nicht unempfindlich gegen den Schmerz; es fühlt vielmehr ſeine kleinſten Verletzungen lebhaft; aber es hat auch immer et⸗ was, das es ihm entgegen ſetzt, und woher ſeine Ruhe neue Unterſtützungen empfängt. Die ſchwer⸗ ſten Leiden ſcheinen nur da zu ſeyn, um dieſer Geduld Gelegenheit zu geben, ihr unerſchöpfli⸗ ches Vermögen an den Tag zu legen. Bei an⸗ haltendem Kummer kann ſie wohl für Augenbli⸗ cke ermüdet werden, und einem jammernden Miß⸗ muthe Platz machen; aber ſie ſammelt ſich bald wieder, und bringt neue Heiterkeit in die Seele zurück. Mit dieſem Reichthume ausgeſtattet, zeigt das Weib heldenmüthige Gelaſſenheit, wo andre und auch Männer klagen. In der Hingebung fühlt es ſich wohl. Es hört nicht auf zu hoffen, daß es noch beſſer werde; ſo oft dieſe Hoffnung auch ſchon getäuſcht wurde. Es wird nicht ver⸗ droſſen, für diejenigen, die es liebt, freiwillig Beſchwerden zu uͤbernehmen. Dem widerſinnigen Betragen, wiederholten Kränkungen, ſelbſt dem verſtockken Unverſtande ſetzt es immer dieſelbe Sanftmuth entgegen; es begegnet ihnen immer mit ſchoͤnender Gelindigkeit, und beſiegt dadurch nicht ſelten den unbiegſamen Starrſinn. Es trägt ſtill die Mißhandlungen der Selbſtſucht und des ſteifen Eigenwillens, und erweckt dadurch oft Einſicht und Reue, wo ſie unmöglich zu ſeyn ſchienen. Es vergibt immer wieder; ſo oft auch ſchon gefehlt worden iſt. Es ſetzt ſeine Bemüh⸗ ungen zu beſſern fort; ſo wenig Anſchein des Ge⸗ lingens da ſeyn mag. Bei den trübſten Ausſich⸗ ten bleibt ihm ſeine Getroöſtheit. Mit immer gleichem Muthe arbeitet es an ſeinem Werke, wenn es auch ſchlecht von Statten geht, wenn ſich große Schwierigkeiten finden, und man faſt glauben muß, es werde alles vergebens ſeyn. Mit immer gleicher Bereitwilligkeit opfert es Ruhe und Bequemlichkeit auf, um an dem Kran⸗ kenbette eines geliebten Kindes zu wachen, und jedes Schmerzgefühl mit ihm zu theilen. Mit bewundernswürdiger Freudigkeit verfagt es ſich alles, und duldet, wenn es auch noch ſo lange dauerte. Im Stillen weint es über den unge⸗ rathenen Sohn, der Kummer über ſeine Ver⸗ wilderung zerſchneidet ihm das Herz; aber es ver- gißt alles gerne, über neuen Verſprechungen, nmer durch 6 und hoft ſeyn auch müh⸗ Ge⸗ sſich⸗ umer Lerke, wenn faſt ſeyn. und Mit ſich lange unge⸗ . und übernimmt noch dazu für ihn Verdruß, Ge⸗ fahren und Aufopferungen, ſo lange es ihn nicht für ganz verloren hält. Voll Reſignation läßt es ſich die wunderlichen Launen des Mannes gefal⸗ len: es ſchweigt zu ſeiner Heftigkeit, zu ſeinen ungereimten Forderungen, zu ſeinen ungerechten Vorwuüͤrfen, es vertrauert ſeine Härte ohne Bit⸗ terkeit. Das iſt die herrliche Fülle ſeiner Geduld. Endlich iſt der Reichthum des weiblichen Ge⸗ müthes auch Fülle des Wohlwollens; und darin gewinnt er ſeinen höchſten Adel und ſeine höchſte Stärke. Alles, was, als ſchöͤner Gedan⸗ ke, als reines Gefühl, und als Kraft der Ge⸗ duld in der Seele des Weibes lebt, vereinigt ſich in Fülle der Liebe. Liebe und Wohlwollen ſind in dem ſüßen Geſpräche des vollherzigen Weibes. In Liebe und Wohlwollen weckt und verbreitet es überall Freude. In Liebe und Wohlwollen theilt es Rath und Troſt mit. In Liebe und Wohlwollen verherrlicht ſich ſeine Trauer. Was wäre aller Reichthum des Geiſtes und Herzens⸗ wenn Selbſtſucht ihn verſchlöſſe, wenn Leiden⸗ ſchaft ihn entweihte, wenn die Eitelkeit damit nur glänzen wollte— wenn nicht Güte ihn be⸗ wahrte, wenn nicht Freundlichkeit durch ihn be⸗ — —— glückte! Das Weib mit dem reichen Gemuͤthe hat nur um zu geben; hier zieht ſich keine Kälte zu⸗ rück; hier verengt kein Egoismus die Geſinnung. Was es beſitzt, muß es theilen; was es mit Wärme dachte und ſchön empfand, muß auch zum Entzücken andrer ausgeführt werden. Unermeß⸗ lich iſt der Reichthum ſeiner Liebe; aus ihm tre⸗ ten immer neue entzückende Schöpfungen hervor. Wohlwollen belebt alle ſeine Neigungen und je⸗ den Wunſch ſeines Herzens. So oft dieſes Wohlwollen ſich ſchon ergoß: die Quelle, woraus es floß, iſt doch nie erſchöpft. So oft es ſeine Gaben an Undankbare verſchwendete: es bleibt ihm doch immer Bedurfniß, ſeine Liebe thätig zu zeigen. Ganz lebt es für die, mit denen Natur und Sympathie es verknüpften; für ſie kann es alles aufopfern. Gränzenlos iſt ſeine Zärtlichkeit gegen Eltern, Gatten, Kinder und Freunde; und ſo viel es auch that, es glaubt doch nie, es habe genug gethan. Empfindliche Beleidigungen er⸗ müden dieſes Wohlwollen nicht; ſelbſt gegen die Störer ſeiner Ruhe wird es daſſelbe nicht ganz verläugnen. Sein ganzes Inneres iſt in Wohl⸗ wollen aufgelöst. Im heftigſten eignen Schmerze und im traurigſten Entbehren hägt es noch liebe⸗ volle Sorgfalt für andre. Wer ſieht nicht ein, wie ſehr das reiche und volle Gemüth, wie wir es jetzt haben kennen ge⸗ lernt, zum Weſen edler Weiblichkeit gehöre! Wo dem Wirken nach außen enge Gränzen geſetzt ſind; da muß die innere Entwickelung deſto rei⸗ cher ſeyn. Wo Gewalt nicht mit Gewalt be⸗ kämpft werden kann; da verherrlicht ſich die Frei⸗ heit im Dulden. Wo Leidenſchaften nicht herr⸗ ſchen dürfen, und kalte Grundſätze wenig vermö⸗ gen; da muß nie ermüdende Liebe das Leben lei⸗ ten. Jede Art der Verſtandes⸗ und Herzensbil⸗ dung, die nicht Fülle des Gemüthes bewirkt, ſtreitet mit den weiblichen Anlagen und der weib⸗ lichen Beſtimmung. Nur was innerlich reicher macht, kann das Weib ehren und beglücken. Das leere und das gelehrte Weib ſind uns in gleichem Maße zuwider. Aber das gedankenreiche, das ge⸗ fühlvolle, das innige Weib feſſelt uns in beſtän⸗ digem Wohlgefallen. Wenn aller Reichthum er⸗ götzt; ſo muß vorzüglich derjenige unſer Herz ge⸗ winnen, in welchem ſich ein blühendes Leben des Geiſtes offenbart. Wenn der überfluß ſtäts frohe Gefühle erweckt; ſo muß er entzückend ſeyn, wo ſich in ihm das Vortrefflichſte unſers Weſens ent— faltet. Nirgends zeigt ſich mehr, wie ſchön die Erde iſt, und mit wie vielen Gaben ſie ihre Be⸗ I8n 500 wohner erfreuen kann, als in der Fülle des Wei⸗ bes. Wenn andre in ſchimpflicher Gemeinheit ihr Leben zubringen: ſo lebt das Weib mit dem rei⸗ chen Gemüthe geehrt und ehrenwehrt, geſchmückt mit den köſtlichſten Vorzügen. Wenn andre ver⸗ armen, und an der Einförmigkeit ihrer Umge⸗ bungen nur überdruß haben: ſo fühlt es ſſich glücklich im vollen Genuſſe des Schönſten und Beſten. Wenn andre unter den Beraubungen des Schickſales alles, was ihnen wehrt war, verlie⸗ ren: ſo findet es in ſeinem Innern immer neue Schätze, in deren Beſitze es jeden Verluſt ver⸗ ſchmerzt, und die nimmer verloren gehen. Wenn andre ihre Freuden vom Zufalle erwarten: ſo verdankt es die ſeinigen dem aufgeklärten Ver⸗ ſtande und dem weichen Herzen; es kann ſie im— mer haben, und ihrer immer froh ſeyn. Wenn andre nur das Schmerzhafte in den Unglücksfäl⸗ len fühlen, und darum von ihnen ganz nieder⸗ geworfen werden: ſo kennt es auch an dem Trau⸗ rigſten noch eine erfreuliche Seite, und tröſtet ſich leicht. Nur das Weib mit innerer geiſtiger Fülle iſt einer edeln und nützlichen Beſchäftigung mit ſich felbſt fähig. Wie traurig iſt aber das Leben oh⸗ ne die Fähigkeit ſich mit ſich ſelbſt zu beſchäftigen! Wie manche müßige Stunde bleibt da übrig, in welcher man allen Peinigungen der langen Weile ausgeſetzt iſt— vorzüglich dem Weibe, deſſen meiſte Arbeiten den Geiſt zu wenig unterhalten, als daß dieſer nicht noch ſeine beſondere Befrie⸗ digung verlangen ſollte! Wie oft wird es ſich Spielen der Phantaſie hingeben, die das Herz verunreinigen und die Unſchuld zerſtören! Zu wie vielen elenden und gefährlichen Unterhal⸗ tungsmitteln wird es ſeine Zuflucht nehmen müſ⸗ ſen! Wie mancher Thorheit wird es, mit der Weisheit unbekannt, zum Zeitvertreibe huldigen, bis ſie zur mächtigen Leidenſchaft anwächſt! Wie manche Geſellſchaft wird es aufſuchen, die ſeine Sitten und ſeinen Geſchmack verdirbt! Wie vie⸗ len Anfällen des Unmuthes wird es ausgeſetzt feyn, die es durch nichts verſcheuchen kann! Wie viel Schlechtes wird ihm genügen, weil es das Beßre nicht kennt! Wie muß es ſich zur Laſt fallen, wenn es zuweilen auf ſich ſelbſt beſchränkt wird! Was ſoll es doch aus ſich nehmen, da es ſich nichts erworben hat? wobei es mit Intereſſe verweilen köͤnnte! Wie muß es die Einſamkeit fliehen, die dem beſſern Weibe eine ſo liebe Freundinn iſt, die ihm im ſtillen Nachdenken die 2 50 2 köſtlichſten Freuden und die wirkſamſten Mittel der Veredlung gewährt! Ja, das Weib, deſſen Verſtand mit nützlichen Kenntniſſen angefüllt iſt, deſſen Herz zart und richtig empfindet, beſchäftigt ſich gerade dann, wenn die gewöhnlichen Arbei⸗ ten und Zerſtreuungen aufhören, am angenehm⸗ ſten und nützlichſten. Es iſt am wenigſten allein, wenn das Geräuſch der Welt verſtummt, und es ganz den Betrachtungen nachhangen kann, die ihm ſein Inneres und die Erfahrungen ſeines Le⸗ bens darbiethen. Kann wohl eine Rolle kläglicher ſeyn, als die, welche das Weib ohne Gehalt und Wärme im geſellſchaftlichen Leben ſpielt? Was bleibt an ihm zu ſchätzen übrig, wenn es von der Natur auch in äußern Vorzügen verſäumt wurde, oder wenn dieſe Vorzüge anfangen, ihren Wehrt zu verlieren, den ſie doch nicht immer behalten kön⸗ nen, wenn der Glanz der Schönheit erliſcht und die Farben des Reitzes vom Alter vertilgt wer⸗ den? Wie wenig iſt aber ſelbſt in der Blüthe des Lebens der gefälligſte äußere Schein im Stan⸗ de, den Mangel an Geiſt zu bedecken! Eine har— moniſch gebaute Geſtalt, die feinſten Geſichtszüge, das anſtändigſte Betragen und die gewandteſte Haltung, was ſind ſie ohne den Ausdruck eines n zarten Gefühles, eines gedankenreichen Verſtan⸗ des und eines wohlwollenden Herzens? Sie dienen nur, durch den Contraſt, jenen Man⸗ gel noch auffallender zu machen, und empören ans durch den Widerſpruch der Natur, die ein ſo ſchlecht ausgeſtattetes Weſen in eine ſo ſchimmern⸗ de Hülle kleidete. Die Glätte, welche die ſinnli⸗ che Kultur des Zeitalters gibt, täuſcht nur auf Augenblicke. Dem verſtändigen Beobachter ent⸗ geht es nicht, daß ſie bloß auf der Oberfläche ſchwebe. Er verlangt geiſtvolle, angenehme, herz⸗ liche Unterhaltung. Er wird den Umgang des Weibes meiden, das ihm nichts als Armſeligkeiten geben kann, das höchſtens auf Augenblicke an⸗ zieht, das nur gefällt ſo lange man es aus der Ferne betrachtet, in der Nähe aber entweder Be⸗ dauern oder Verachtung erweckt. Und wer ſollte ſich wohl wünſchen, für immer an ein Weib ge⸗ feſſelt zu ſeyn, das mit nichts ausgeſtattet iſt, wodurch das häusliche Leben Reitz und Mannich⸗ faltigkeit gewinnen könnte, deſſen Geſellſchaft lang⸗ weilig, wenn nicht läſtig iſt, weil man von ihm nichts als Gemeines, wenn nicht gar Abgeſchmack⸗ tes vernimmt! Das Weib mit dem vollen Geiſte und Her⸗ ten allein verſteht die Kunſt, ſich dauerhafte Ach⸗ 3⁰4 tung zu erwerben. Es wird von Verſtändigen und Unverſtändigen bewundert. Alle fühlen ſich in ſeinem Umgange wohl, angenehm beſchäftigt, belehrt und gebeſſert. Man muß es um ſo mehr ſchätzen, je genauer man mit ihm bekannt wird. Jeder ſegnet den Mann, dem das glückliche Loos beſchieden ward, an ſeiuer Seite durchs Leben zu gehen; und die kleine Welt, die es um ſich her ſchafft, ſteht in ewiger Blüthe. Jeder ſeiner Vorzüge wird unendlich reitzender, durch den Geiſt, der ſich in ihm ausprägt; jedes ſeiner Werke wird vollkommner, durch die Einſicht, womit es verrichtet, und durch die tiefe Bedeutung, die darin niedergelegt wird. Leben und Freude herrſcht in dem Kreiſe, der es umſchließt, und alle Her⸗ zen hangen in unzählbaren Berührungen an ein⸗ ander. Das Schmerzliche wird hier mit Gelaſ⸗ ſenheit getragen; dem Gefürchteten geht man mit Faſſung entgegen; und das Frohe wird doppelt genußvoll. — Wie viel können Sie ſeyn und gewähren in dieſem Reichthume und in dieſer Fülle des Ge⸗ müthes! Wie ſehr verdienen ſie Ihre angele⸗ gentliche Sorge! Sie zu haben, ſie zu vermeh: 7 ren, dahin ſollte ſich vorzüglich der Fleiß Ihrer Bildung richten! Schonen Sie darum, vor allen Din⸗ gen, Ihrer ſelbſt. Retten und bewahren Sie die beſſern Eigenthümlichkeiten Ihrer Natnr. Sie ſind der Fonds, durch deſſen Vermehrung allein Sie reich werden können. Opfern Sie dieſelben nie einer gedankenloſen Sitte auf. Nie müſſe das Bemühen, ſich der Menge gleich zu ſtellen, dieſelben verflüchtigen. Alles, was Sie aus ſich ſelbſt herausführt, was Ihre Gedanken zertheilt, Ihre Innigkeit ſchwächt, was ſie nö⸗ thigt, große Aufmerkſamkeit an Dinge zu wen⸗ den, durch welche höchſtens das Außere gewinnt, alles, was Sie lehrt, auf das Oberflächliche Wehrt ſetzen, und in dem Alltäglichen Unterhal⸗ tung finden, mehr auf die Eindrücke, die Sie bei andern machen, als auf das, was Sie ſich ſelbſt ſind, Rückſicht zu nehmen— das alles macht Sie ärmer. Huͤthen Sie ſich vor dem gewöhnli⸗ chen flachen Weltweſen! Dulden Sie nicht, daß das, was man Ton nennt— ein Intereſſe in Ihrem Innern finde. Vernachläßigen dürfen Sie es freilich nicht; aber es ſoll Sie nicht er⸗ kälten; es ſoll nie die Stelle des Gefühls und 20 . des tiefern Bedürfniſſes einnehmen. Die Zer⸗ ſtreuung führt dem Geiſte zwar mancherlei Ge⸗ danken zu; aber alle ſind flüchtig; keiner haftet in der Seele; keiner läßt ſich zur Bildung des Geiſtes ſo verarbeiten, daß er in die Fülle des Gemüthes eingehen könnte; und, was noch wich⸗ tiger iſt, keine von den Empfindungen wird da⸗ bei aufgeregt, die in der Fülle des Gemüthes das Vornehmſte ſind. Darum leben Sie oft mit ſich allein, um in ſtiller Sorge zu entfalten, was als Anlage ſchon in Ihnen iſt, und was die Erfahrung hinzugethan hat. Denn allerdings muß immer von außen et⸗ was hinzu kommen, damit der innere Reichthum wachſe. In dieſer Hinſicht wird Ihnen beſonders der Umgang mit der Natur nützlich ſeyn. In ihr ſind dem beſchauenden Geiſte unermeßliche Reichthümer aufgeſtellt, von denen er ſich immer mehr aneignen kann. So oft man mit empfänglichem Sinne zu ihr zurück kehrt, entdeckt man an ihr Neues, was das Ge⸗ müth, wie den Blick erweitert. Der Geiſt iſt um ſo reicher, je vielfacher ſich die Natur in ihm abgebildet hat. Die Mannichfaltigkeit ihrer For⸗ men prägt dem Verſtande die zarteſten und ge— fälligſten Verhältniſſe ein. Und welch' eine Men⸗ der ge verſchiedenartiger Eindrücke bringt ſie hervor, woraus zahlreiche edle Empfindungen und Stim⸗ mungen erwachſen. Wer haͤufig mit der Natur lebt, zu dem redet der große ſkille Geiſt derſel— ben immer neue, bald klare, bald geheimnißvolle Worte, die das Gemüth wunderbar bewegen. Der Genuß, den die Natur gewährt, ſchärft den Sinn für beßre Freuden. Ihre unerſchöpfliche Milde ſtimmt zur Güte und zum Wohlwollen, und der Stoff, den ſie zum Nachdenken gibt, vermehrt die Kenntniſſe vorzüglich in denjenigen Dingen, die zunächſt in die weibliche Sphäre ge⸗ hören. Es ſind die Feierſtunden im menſchlichen, vorzüglich aber im weiblichen Leben, wo der An⸗ blick einer ſchönen Natur das Herz ſtärker er⸗ greift und es mit Wehmuth und Freude, mit— Schmerz und Hoffnung, mit Verlangen und Ah— nung, mit Ehrfurcht und Liebe ſo überfüllt, daß die Sprache dem Reichthum der Gedanken und Gefühle unterliegt. Selbſt in der fernſten Erin— nerung gewähren ſie noch eine eben ſo angenehme als edle Beſchäftigung. Auch die Aufmerkſamkeit auf den Gang Ihres Lebens und Ihrer Schick⸗ ſale, muß dem Reichthume des Gemüthes för⸗ derlich werden. Nichts widerfährt uns, was nicht ——yy..—— 308 eine Lehre darböthe, und das Gemüth auf eine eigne Weiſe bewegte, worin nicht etwas wäre, oder woraus ſich nicht etwas ergäbe, was zu den Schätzen des Innern gelegt zu werden verdient. Welch' ein reiches Leben müßte es ſeyn, das, ſo ganz mit Beſonnenheit durchgelebt, ſich ſeine merkwürdigſten Erfahrungen und Empfindungen immer gegenwärtig hielte, und dem von den übrigen nichts entſchwände, was durch ſie gewirkt ward. Welch' ein Genuß, uns aller Situatio⸗ nen zu erinnern, die einſt vor uns vorübergin⸗ gen, die uns zur Trauer oder zur Fröhlichkeit ſtimmten! Wie viele klare und richtige Anſichten würden wir ſolcher Aufmerkſamkeit verdanken! Über wie manches würden wir vernünftiger den— ken, und in wie manchen Fällen würden wir we⸗ niger um Rath und Auskunft verlegen ſeyn! Die meiſten Dinge, die wir zu behandeln haben, würden von erworbenen Einſichten ſo viel Licht empfangen, daß ihre rechte Verwendung kaum noch verfehlt werden könnte. Die nützlichſten Kenntniſſe ſind unſtreitig immer diejenigen, die dem Leben ſelbſt entlehnt ſind; man lernt ſich nicht beſſer auf das Leben verſtehen, als wenn man es mit Aufmerkſamkeit gefuͤhrt hat. — ——. uf eine wäre, zu den erdient. das, ſo ſeine dungen on den gewirkt ituatio⸗ bbergin⸗ lichkeit nſichten danken! er den⸗ vir wa n! Dit haben, Lich kaun lichſtn n/ d nt ſih 3 whn Wie müßte ſich dabei der Geiſt im Ganzen entwickeln! wie mußten die Gefühle ſich vielfach ausgeſtallten zu den rührendſten Mittheilungen! Der Gang menſchlicher Schickſale iſt eine Sache, die den Verſtand und das Herz gleich ſehr be⸗ ſchäftigt; darum gewährt ihre Beachtung dem Gemüthe für ſeine Bildung reichen Gewinn. Treues Umfaſſen Ihrer Verhält⸗ niſſe iſt ein nicht weniger glückliches Mittel, den innern Reichthum zu ver⸗ mehren. Machen Sie ſich mit der Lage, wo⸗ rin Sie leben, recht vertraut; lernen Sie die Vorzüge, die ſie hat, und die Befriedigung, die ſie Ihrem Herzen gewährt, kennen; bemühen Sie ſich, ſich immer mehr für ſie zu bilden, und an ſie anzuſchmiegen; ſtreben Sie, das ganz zu ſeyn, was Sie als Töchter, Gattinnen und Müt⸗ ter ſeyn ſollen: ſo wird Ihnen die Bedeutung des Lebens immer deutlicher werden; ſeine tief⸗ ſten und heiligſten Geheimniſſe werden ſich Ihnen aufſchließen; und manches unbekannte, nie geah⸗ nete ſchöne Gefühl wird Ihnen daher entſtehen. Darum iſt das Leben für die Menſchen ſo arm, weil ſie ſo wenig aus dem machen, was ſie zu⸗ nächſt umgibt. Darum bleiben Geiſt und Herz ſo leer, weil ſie die Bildung da nicht ſuchen, „ee, wo ſie ihnen friſch und lebendig entgegen kommt. Wer wird uns mehr Klares und Inniges zu ſa⸗ gen haben, als das Weib, dem ſeine häuslichen Angelegenheiten gleichſam in die Seele gewachſen ſind, in dem ſie ſich mit den beſten Gedanken und Empfindungen verwebt haben? Wer wird ruhiger dulden, als das Weid, das durch häusli⸗ che Schickſale geprüft ward, und ſeinen häusli⸗ chen Verbindungen ganz angehört?— wer wär⸗ mer lieben, als wieder das Weib, das mit Zärt⸗ lichkeit an den Seinigen hängt? Mit dem allem muß ſich jedoch Lec⸗ türe vereinigen, damit es der Fülle des Ge⸗ müthes gedeihlich werde. Dieſe muß Sie in den Stand ſetzen, mit Nutzen Beobachtungen anzu— ſtellen, und Ihrem Herzen die Bildung geben, welche für die zartern Empfindungen empfänglich iſt. Sie ſchärft den Sinn für diejenigen Gegen⸗ ſtände und Ereigniſſe, die uns die nützlichſten Erfahrungen bringen. Sie theilt die Ideen mit, an welche ſich die übrigen glücklicher anreihen, und weist die Geſichtspuncte an, von welchen aus wir uns am beſten erweitern. Durch ſie er⸗ langen die geiſtigen Empfindungen die Stärke, vermöge welcher ſie ſich zu einer eignen innern Lebensgeſchichte verketten. Manche Ideen wür⸗ wer den wir nie— und manche erſt auf großen Um⸗ wegen erlangen, wenn ſie uns nicht in Büchern mitgetheilt wären. Unſer Gedankenvorrath wird mannichfaltiger, und unſre Einſichten werden vielſeitiger, wenn wir ſie mit den Gedanken und Einſichten andrer in Verbindung zu bringen wiſ— ſen. Was wir ſelbſt bemerken, trägt immer, mehr oder weniger, die Form unſers Geiſtes; in— dem wir aber das, was andre ſagten in uns auf— nehmen, werden wir nicht allein mit mehrern Anſichten bekannt, ſondern unſer Geiſt ſelbſt er— weitert ſich auch in mehrern Richtungen. Das nicht wiſſenſchaftliche, aber für echte Bildung ge⸗ ſchriebene Buch kann auch nicht verfehlen, das Herz vielfach anzuſprechen, neue Gefühle und Stimmungen zu erzeugen, ſchon vorhandenen neue Formen und mehr Leben zu ertheilen. Wer⸗ den Sie beim Leſen die Regeln befolgen, die in einem frühern Vortrage angedeutet worden ſind; werden Sie insbeſondre das Buch nicht anders benutzen, als die Erfahrung: dann werden Sie ſich auch hiervon großen Gewinn für den Reich⸗ thum und die Fülle des Gemüthes verſprechen dürfen. Endlich kann auch die Geſellſchaft der Fülle des Gemuthes wohlthätig werden. Nur ſey ſie auf etwas mehr, als auf bloßen Zeitvertreib berechnet; nur habe die Un⸗ terhaltung noch ein andres Intereſſe, als die An⸗ regung der Leidenſchaft. Wo Menſchen ſich menſchlich berühren, da müſſen ſie einander et⸗ was mittheilen. Schon daß ſie ſich Einer dem andern darſtellen, daß ſich, wenn auch nur flüch⸗ tige, Verhältniſſe knüpfen, kann lehrreich wer⸗ den. Noch mehr aber ſteht zu erwarten von der Außerung ihrer Anſichten, Meinungen und Ge⸗ fühle. Es iſt doch immer rein menſchliches Le⸗ ben, was die Fülle des Gemüthes in ſich verei⸗ nigt. Darum muß alles, worin rein menſchli⸗ ches Leben ſich regt, ſie vermehren. Vorzuglich ſind die Verbindungen der Freundſchaft hier von großem Einfluſſe. Ich meine aber nicht jene ober⸗ flächlichen, die der Augenblick ſchließt, die keine wahre Annäherung der Gemuther bewirken, und die ſchnell wieder auseinander fallen, wenn nicht ein ſehr gemeines Intereſſe ſie erhält. Ich mei⸗ ne diejenigen, in denen das Herz ſich dem Her⸗ zen, mit allen ſeinen Angelegenheiten, Bekuͤm⸗ merniſſen und Freuden hingibt, wo man keine Geheimniſſe und keine eigennützigen Wünſche kennt, wo man ſich unverholen mittheilt, was man Beßres dachte und empfand. Wie viel ſteht durch eine ſolche Verdoppelung des Lebens zu ge⸗ winnen! Wie mancher wahre Gedanke und wie manches ſchöne Gefühl wird Sie aus der reinen und warmen Seele der Freundinn anſprechen! Über wie manches werden Sie ſich gegenſeitig be— lehren! Wie manche Erfahrung werden Sie ge⸗ gen einander austauſchen, und wie oft werden Ihre gerührten Gemüther ſich in einander ergie⸗ ßen! Wie manche Situation wird Ihr Ver⸗ hältniß herbei führen, die neue Seiten Ihres Innern enthüllt, und ſchlafende Keime zur Ent⸗ wickelung bringt! Wie viel Gelegenheit hat hier die Liebe, thätig zu ſeyn, und zu welcher Fülle muß das Wohlwollen wachſen in einer Vereini⸗ gung, die von ihm ihren Reitz, ihre Dauer und ihre Würde hat! Unter der Pflege heiliger Freundſchaft werde denn auch Ihr Leben immer reicher, gebildeter und beglückender! Dreizehnte Rede. 0000,76,ee Das reine Herz. . ll allem, was auf die Würde und Gluckſe⸗ ligkeit des Lebens Einfluß hat, iſt die Beſchaffen⸗ heit des Herzens das Wichtigſte. Es iſt umſonſt, daß wir mit den angenehmſten Gegenſtänden um— geben ſind, wenn es dem Herzen an Empfäng⸗ lichkeit für das Angenehme fehlt. Es iſt umſonſt, daß uns die ausgeſuchteſten Freuden zum Genuſſe einladen, wenn eine trübe, mißmuthige Stim— mung uns denſelben verleidet. Es iſt umſonſt, daß wir alle Güter des Lebens im überfluß haben, wenn eine traurige Verfaſſung des Innern uns unfahig macht, ihrer froh zu werden. Was uns ergötzen ſoll, muß Empfindungen im Herzen er⸗ zeugen. Die lebhafteſten Eindrücke vermögen das nicht, wo die innere Natur entgegen iſt. Sie duldet nichts, was ſich nicht gefallen läßt, ihre Farbe anzunehmen. Wie das Herz iſt, ſo iſt alles, was man denkt und fühlt. Ein unordentliches, verwüſte⸗ tes und in ſeinen Wünſchen und Beſtrebungen ſich ſelbſt widerſprechendes Herz hört nicht auf, uns mit ſeinen Peinigungen zu verfolgen; die günſtigſte Lage und die größten Gewährungen mildern dieſe nicht; und nichts auf Erden iſt im Stande, ſeine Unruhe zu verſöhnen. Einem un⸗ zufriedenen Herzen mag der reichſte Wohlſtand, das höchſte Anſehen, der glänzendſte Wirkungs⸗ kreis nicht genügen; überall findet es Mängel oder doch das eigne Mißbehagen. Ein ſchlecht geſinntes, von niedrigen Begierden erfülltes, von elenden Leidenſchaften gefoltertes Herz iſt auch ein entehrtes; aller äußere Schimmer, alle ge— prieſenen und beneideten Vorzüge, ſchützen es nicht gegen das Bewußtſeyn ſeines Unwehrtes und gegen die Verachtung der Welt. Aus dem Herzen muß kommen, was die menſchliche Natur adelt. Es gibt keine wahre Vollkommenheit, die nicht im Herzen ihre Quelle hätte, und im Herzen ihre edelſten Wirkungen offenbarte. Groß und ſelig wird der Menſch nur durch ſein Herz. Das Herz kann in vielen Rück⸗ ſichten die Gebrechen des Verſtandes vergeſſen laſſen; aber der hellſte und ſcharfſichtigſte Ver⸗ ſtand bedeckt nicht die Fehler des Herzens. Die tief⸗ ſten Einſichten und die feinſte Gewandtheit ma⸗ chen eine ſelbſtſüchtige, niederträchtige Denkungs⸗ art um nichts erträglicher. Überhäuft mit den Gaben und Gunſtbezeugungen des Glückes, blei⸗ ben wir arm, wenn uns das Herz nichts gibt. Die reinſten, dauerhafteſten und beglückendſten Freuden ſind diejenigen, die aus dem Gefühle ei⸗ nes tugendhaften und wohlgeordneten Herzens hervorgehen. Vorzüglich iſt bei Ihrem Geſchlechte der Einfluß des Herzens bedeutend. Faſt alles, was Sie ſind, ſind Sie durch Ihr Herz. An jeder Ihrer Angelegenheiten hat das Herz den größten Antheil. Das Herz trägt am meiſten bei zur Geſtaltung Ihrer Gedanken, Meinungen und Entſchließungen. Das Herz muß in Ihrem Le⸗ ben die meiſten Anordnungen treffen. Und wie weich, wie bildſam, wie empfänglich für Eindrü⸗ cke und Veränderungen iſt Ihr Herz! Kleine Verletzungen des Herzens ziehen die größten Zer⸗ rüttungen Ihrer ganzen Natur nach ſich. Bei einer ſchlechten Beſchaffenheit deſſelben können Sie nicht anders, als im höchſten Grade elend ſeyn. Das in jeder Hinſicht geſunde wohlge⸗ ſtimmte Herz iſt das Licht eines ſchönen, glückli⸗ chen und würdevollen weiblichen Daſeyns. Von allen Eigenſchaften aber, die zur Ge⸗ ſundheit und guten Stimmung des Herzens ge⸗ hören, iſt keine wichtiger als die Reinheit deſſelben. Sie iſt die Bedingung der übrigen; ihr drohen die groͤßten Gefahren. Sie erfordert die angelegentlichſte Sorge. Laſſen Sie uns da⸗ her dieſelbe jetzt zum Gegenſtande unſrer Be⸗ trachtung wählen. Ohne Schuld und Flecken iſt das Herz des Kindes. Noch ſind da keine Neigungen, die es verunſtalten, keine Gedanken, die der Vorwurf des Unrechts träfe, keine Wünſche, deren man ſich ſchämen muß. Seine Begierden haben die Mäßigung, in welcher ſie nie auf etwas Uner⸗ laubtes und Schädliches gerichtet ſind, und im. mer wohlthätig wirken. Keine heftige Bewe⸗ Lung, keine tobende Leidenſchaft unterbricht den 76⸗ Frieden des Innern. Alles iſt wahr, einfach, fröhlich, lauter und ohne Tadel. Klar und freundlich fließt das Leben in Unſchuld dahin. Könnte es immer ſo bleiben: dann würde auch das Herz immer rein— und das Edelſte, Gött⸗ lichſte am Menſchen nicht etwas ſo mühſam zu Erſtrebendes und ſo ſchwer zu Behauptendes ſeyn. Aber es bleibt nicht ſo. Der Menſch ſoll ſein Kleinod erringen. Die beßre Natur ſoll er ſelbſt in ſich bilden; was ihn adelt und beglückt, ſoll der Preis ſeiner Arbeit ſeyn. Darum geht die Klarheit ſeines Sinnes ſo frühe unter in den Nebeln der Leidenſchaft und Bethörung. In der Unſchuld liegt ſchon der Same der Schuld. Das Verlangen tritt über die Gränze; die geſiillte Begierde wird neues Gelüſten, und erzeugt die Unerſättlichkeit. Äußere und innere Reitze trei⸗ ben die Neigungen aus dem ſchönen Verhältniſſe, worin ſie einander das Gleichgewicht hielten. Af⸗ fecte erwachen, und brechen in Worte und Hand⸗ lungen aus. Das Herz empfängt tauſend neue Eindrücke, die ſich zu unreinen Empfindungen ausprägen; die Phantaſie befleckt ſich mit unrei⸗ nen Bildern; das Verboth wird ein Stachel der Luſt; man lernt immer mehr Gegenſtände der Be⸗ friedigung kennen. Das alles gibt den erwachten unſittlichen Trieben Nahrung. Viel Unlautres, Verkehrtes und Regelloſes dringt nun, nachdem die Empfänglichkeit dafür einmal da iſt, von au⸗ ßen herein. Die Erziehung verfälſcht die Anſich⸗ ten, erzeugt Vorurtheile, erkünſtelt Gefühle und unterdrückt diejenigen, welche die Natur hervor brachte, lehrt das Verächtliche erträglich, das Schlechte liebenswürdig finden; ſie begünſtigt die fehlerhafte Neigung; ſie gewöhnt zu ſchlech— ten Maximen; ſie weckt den Eigenſinn, die Erbitterung, die Eitelkeit, die Selbſtſucht, ſie bringt in den Charakter Verbildungen, Schiefheiten und Winkelzüge, die ihn ganz verderben. Wer zählt die Irreleitungen, denen der Menſch ausgeſetzt iſt, ehe er zum vol— len Gebrauche ſeines Verſtandes gelangt— die Verwüſtungen, welche die öffentliche Meinung, Beiſpiele, Lectüre und abſichtliche Verführung in den zarten Gemüthern anrichten, die für alles Neue regen Sinn haben! So wird die Morgen⸗ röthe der Unſchuld bald mit trüben Wolken über⸗ zogen, und für viele auf immer verdunkelt. Glückliches Weib, dem die Natur ein ſanf⸗ tes Gemüth gab, und das in der häuslichen Stille unbekannt blieb mit vielen Verderbniſſen der Welt! Glückliches Weib, das mütterliche Frömmigkeit in der Befreundung mit dem Guten erhielt, in dem muͤtterliche Sorgfalt das ſittliche Gefühl ſchärfte und verfeinerte und die aufkei⸗ mende Leidenſchaft ſchnell unterdrückte, das die mütterliche Lehre warnte vor der Gefahr, zu⸗ rechtwies nach der Verirrung, dem ſie immer ra⸗ thend zur Seite ging! Glückliches Weib, dem die mütterliche Liebe bewahrte den köſtlichen Schmuck des Herzens! Viel vermag die gute Natur zu verhüthen, viel Schlimmes die treue Aufſicht abzuwenden, viel Beßres eine weiſe Erziehung zu beſchützen und zu retten. Indeß auch die ungünſtigſten Einwirkungen und die ſchlechteſte Erziehung kön⸗ nen nicht alles Gute aus der Seele des Weibes vertilgen. Hierüber ernſtlich zu wachen, ſich un⸗ ter allen Verſuchungen des Lebens darin zu be⸗ haupten, es mit großem Fleiße zu ſtärken und auszubilden, das iſt das erſte Beſtreben des Wei⸗ bes, dem die Reinheit des Herzens wehrt iſt. Auf der andern Seite entgeht die beſte Na⸗ tur nicht aller Verbildung; die beſte Erziehung wendet nicht alle Beſchaͤdigungen des zarten in⸗ nern Lebens ab. Mit einem ganz unbefleckten Herzen, tritt niemand in die Jahre der Reife 321 2bbeeenee hinäber. Was bloß die Folge kindlicher Einfalt, der Unkunde deſſen, was Schuld bringt und des Mangels an Reitz war, verſchwindet unter den erweiterten Erfahrungen und den zahlreichen Pru⸗ fungen des Lebens. Dagegen ſoll eine andre Reinheit, in muthvoller, ſtandhafter Anſtren⸗ gung errungen werden. Sie iſt die reife Frucht der Selbſterkenntniß, der unaufhörlichen Selbſt⸗ bearbeitung, des nie ermüdenden Kampfes gegen ſich ſelbſt. In ihrer Vollendung gehört ſie zum Höchſten der Tugend. Hier iſt alles unterdrückt und vertilgt, was vor der Heiligkeit des Geſetzes erröthet, was vor Gott und Menſchen nicht laut werden darf. Sollte, ſie auch in dieſer Vollen⸗ dung auf Erden nicht erreicht werden: ſo müſſen wir ſie doch in derſelben kennen lernen, um mit Wärme und Erfolg nach ihr zu ſtreben. Sollte das Weib mit dem ganz reinen Herzen nur ein Ideal ſeyn? dieſes Ideal muß doch jedem vor Augen ſtehen, das ſich zur Reinheit des Herzens bildeu will. 8½ Das Weib, das reines Herzens iſt, kann nicht anders als rein bewegt perden; es iſt keis 23 4e ner andern als reiner Wünſche fähig, und bee ſchäftigt ſich mit keinen andern als reinen Ge⸗ danken. Das Unreine iſt ihm beleidigend, ja empörend. Es ſtreitet gegen ſeine Natur, und verletzt dieſe auf die empfindlichſte Art. Darum iſt es ihm unmöglich, etwas davon bei ſich zu dulden, oder ihm wohl gar nachzuhangen. Nur das Heilige, Ungetrübte und Tadelloſe findet Platz in einer heiligen, ungetrübten und tadello⸗ ſen Seele. Mit dem lebhafteſten Unwillen wird alles verabſcheut und verworfen, was einem rich⸗ tigen Gefuhle und den ſtrengſten Grundſätzen der Moralität zuwider iſt. Das reine Herz empfängt nur reine Eindrücke. Allem, was von außen Unreines in daſſelbe eindringen möchte, iſt es verſchloſſen. Das Weib mit dem reinen Herzen erträgt nicht den Anblick ſolcher Gegenſtände, welche die feine⸗ re Sittlichkeit oder auch bloß die natürliche De⸗ licateſſe beleidigen. Es wendet ſich weg von je⸗ dem rohen, ungeſitteten Benehmen— von jedem, das mit dem edlern Anſtande nicht beſteht. Es duldet keine Reden, vor welchen die Schamhaf⸗ tigkeit erröthet. Das Schuldloſe wird auch ſchuldlos und unbeſangen von ihm aufgenommen. Im Zweideutigen vernimmt es nur den nächſten⸗ einfachſten und argloſen Sinn; von etwas Ver⸗ ſtecktem hat es nicht einmal eine Ahnung; es fällt ihm gar nicht ein, daß eine ſchlechtere Deu⸗ tung möglich ſey. Was wahr, gut und ſchön iſt, bildet ſeine Wahrheit, Schönheit und Güte un⸗ verfälſcht in ihm ab; und keine andre als wahre, gute und ſchöne Nebenideen werden dadurch in ſeinem Innern geweckt. Menſchen, deren Herz unrein iſt, verunreinigen alles, was ſie ſehen und hören. Aus dem unſchuldigſten Worte ſaugen ſie Gift; aus den unbefangenſten Außerungen zie⸗ hen ſie Nahrung für ihr ſchlechtes Gemüth; aus allem wiſſen ſie etwas Gemeines heraus zu er⸗ klären, und an alles etwas Unedles anzuknüpfen. Das Heiligſte iſt vor ihren Mißhandlungen nicht geſichert. Das reine Herz iſt nur reiner Empfin⸗ dungen fähig. Das Reine allein iſt im Stan⸗ de, ſein Wohlgefallen zu gewinnen, und ſelbſt das Reitzendſte entgeht ſeinem Abſcheue nicht, ſo⸗ hald es mit etwas vermiſcht iſt, was dem zarte⸗ ſten ſittlichen Gefühle wehe thut. Von den ſchö⸗ nen Bewegungen der Religion und der Tugend, der Freude an allem Guten und Trefflichen, der Theilnahme, der Freundſchaft, der reinen Liebe zu edelgeſinnten und theuern Menſchen iſt es im⸗ 4...* mer erfüllt; ihnen gibt es ſich ſo gerne hin; was mit dieſen übereinſtimmt, was ſie belebt und nährt, das gewährt ihm die angenehmſte Be⸗ ſchäftigung. Dieſe arten auch nie bei ihm aus; ſie nehmen nie Unlautres zu ſich; ſie werden nie ungeſtüm und leidenſchaftlich. Innig aber doch ruhig, durchdringen ſie in ſanfter Wärme das Ge⸗ müth, und ſtören nie das Gleichgewicht des in⸗ nern Lebens. Darum können ſie dieſes nur ver⸗ ſchönern, nicht verunſtalten. Alles Heftige, Ge⸗ waltſame, und Anſtrengende verträgt ſich nicht mit ſittlicher Reinheit. Das reine Herz kennt keine wohllüſtigen, neidiſchen, ſchadenfrohen und rachſüchtigen Gefühle. Was die Sinnlichkeit entflammt, findet in ihm nichts, woran es ſich wenden könnte. Das Unkeuſche zieht, auch in der angenehmſten Verhüllung, ſeine Neigung nicht an. Was ihm Luſt gewähren ſoll, muß ſich in jeder Hinſicht vor dem Gewiſſen rechtfertigen, und den ſtrengſten Tadel nicht zu ſcheuen haben. Das reine Herz iſt durchaus ſich ſelbſt klar und ſich ſelbſt getreu— in ſeiner Trauer, wie in ſei⸗ nem Entzücken, in ſeinem Fürchten, wie in ſei⸗ nem Hoffen. Jede irdiſche Regung iſt dem Hime mel verwandt. Riein ſind aber auch ſeine Wuͤnſche und Begierden, immer auf das Gute, Schuldloſe, Heilſame und allgemein Wohlthätige gerichtet.. Der Wunſch und die Begierde ſind Kinder der Luſt; iſt in dieſer nichts Sträfliches, dann kann auch in jenen nichts davon ſeyn. Wünſche und Begierden, die ſeiner unwürdig waͤren, wer⸗ den in der Seele des reinen Weibes nicht leicht entſtehen. Damit es aber nicht unvermerkt ge⸗ ſchehe, wird es ſich uͤber alles, was in ihm vor⸗ geht, genau prüfen, und ſchnell unterdrücken, was ſich mit den Anſprüchen des moraliſchen Sin⸗ nes nicht verträgt. Es iſt ihm unmöglich, etwas zu lieben, das mit dem Geſetze der Pflicht ſtrei⸗ tet, die Ordnung der Natur aufhebt, andern Schaden bringt, oder ſeine Geſinnungen verdirbt. Das Schlechte und Verabſcheuungswürdige findet bei ihm keine Schonung, wenn auch allgemeiner Beifall ihm huldigte. Es genügt ihm nicht, vor der Welt gerechtfertigt zu erſcheinen. Seine Ruhe hängt daran, daß es in dem eignen Be⸗ wußtſeyn frei geſprochen ſey. Nicht Eigennutz, Eitelkeit, Modeſucht, Üppigkeit, Genußliebe⸗ nicht Leichtſinn, Flüchtigkeit und Wankelmuth.— kondern Pflichtgefühl, Wohlwollen, Herglichkeit⸗ , Schamhaftigkeit und Delicateſſe leiten ſeine Be⸗ ſtrebungen. Es wünſcht ſich nicht, was andern erſt genommen werden müßte, was nur auf un⸗ gerechten Wegen zu erlangen ſteht, was man nicht beſitzen und genießen kann, ohne ſich ſelbſt zu verletzen. Sein Verlangen iſt ſtäts untadel⸗ haft, beſcheiden und mäßig. Es will nur das Schöne, Löbliche und Achtungswehrte— und dieſes ohne Rückſicht auf Vortheil— bloß um des innern Wehrtes willen. Nicht weniger rein ſind die Gedanken des Weibes, das reines Herzens iſt. Die Ge⸗ danken ſind der Spiegel der Seele. Eine trüͤbe, befleckte, leidenſchaftliche Seele wird auch trübe, befleckte und leidenſchaftliche Gedanken denken. Aber in einem lautern und keuſchen Gemüthe find auch die Spiele der Einbildungskraft lauter und keuſch. Es geſtattet ſich nicht die leiſeſte Erinnerung an das, was es für ſtrafbar erkennt, ſich wohl bewußt, daß ſich an dieſer oft die hef⸗ tigſten und gefährlichſten Begierden entzünden, und daß die geheimſte Schuld ſich mit einem frie⸗ devollen Daſeyn nicht verträgt. Viele unſrer Gedanken werden von der herr⸗ ſchenden Stimmung herbeigeführt; dieſe können in reinen Seelen nicht anders als rein ſeyn. bb⸗ Viele ſind Erzeugniſſe unſrer Umgebungen; viele Fentſtehen aus den unwillkührlichen Verkettungen un⸗ der Phantaſie. Durch dieſe könnte auch das — — =— man reinſte Herz zuweilen getrübt werden. Darum elbſt wird das reine Weib unabläßig über ſich ſelbſt del⸗ wachen, vorzüglich in den Stunden der Zerſtreu⸗ das ung und in den Augenblicken der Abſpannung, wo man gerne in den ſüßen Träumen der Ein⸗ un bildungskraft Erfriſchung und Erheiterung ſucht. Das wird indeß nur ſelten nöthig ſeyn, wo die ken] Reinheit ganz zur Geſinnung geworden iſt. Hier Ge⸗ hat ſie die glückliche Fertigkeit erzeugt, alles Un⸗ lbe, reine von ſich fern zu halten; hier hat ſie ſich dem lbe, Sinne und der Phantaſie ſo mitgetheilt, daß je⸗ = — ken. ner nichts Unreines aufnimmt, und daß dieſe ütht den Geſetzen derſelben die ihrigen ganz unterord⸗ uter net, und kein Bild hervorbringt, was mit ihnen ſe ſtreitet.— nan Iſt nun ſo das Gemüth durchaus zur Rein⸗ h heit gebildet: dann müſſen auch die Reden den und Handlungen rein ſeynz das Reine iſt fi dann gewiſſer Maßen zum Inſtincte geworden, den ſelbſt dasjenige nicht verläugnet, was man 1 ohne große Aufmerkſamkeit ſagt oder verrichtet. Gerade was auf dieſe Weiſe verrichtet wird, läßt am ſicherſten auf die wahre Verfaſſung des In⸗ — —— —— . nern ſchließen. Wie könnte das Weib, das nur reine Eindrücke empfängt, das nur reine Em⸗ pfindungen, Wünſche und Begierden hägt, das keine andre als reine Gedanken duldet, ein un⸗ reines, ſchlüpferiges, oder zweideutiges Wort im Munde haben? Das tadelſüchtige, läſternde, leichtfertige, unkeuſche Geſpräch verräth immer ein Herz, in welchem das ſittliche Gefühl und die weibliche Delicateſſe faſt ganz erloſchen ſind— das am Schlechten, Herabſetzenden, Frechen und Schamloſen Gefallen hat. Dem reinen Weibe iſt es unmöglich, an ſolchen Unterhaltungen den entfernteſten Antheil zu nehmen; es wird denje⸗ nigen, die ſie führen, ſeinen Abſcheu zu erkennen geben; es wird ſie fühlen laſſen, daß es auf eine achtungsvollere Begegnung Anſpruch hatte; es wird die Geſellſchaften meiden, wo dergleichen zum Tone gehört. Tief geſunken aber iſt das Weib, welches ſich nicht ſchämt, das zu thun⸗ womit die Würde des Lebens nicht beſteht, wo⸗ durch die Achtung der Rechtſchaffenen verſcherzt wird. Auch das reine Weib kaun zuweilen von der Übereilung dahingeriſſen, in ſeiner Schwäche beſiegt werden; aber davon wußte das Herz nichts; ſchnell erkennt, in tiefem Schmerze bereut es ſein Vergehen, und der Fehler gereicht ihm zur Be⸗ feſtigung ſeiner Tugend. Ein reines Herz iſt zugleich ein gutes, treues, redliches, wahres, offenes und aufrichtiges Herz. Selbſtſucht iſt nicht in ihm; darum will es allen Menſchen wohl. Alle ſchönen Empfindungen ſind ihm befreundet; da⸗ rum nimmt es gerne Theil an Schmerz und Freude. Wo es ſich hingab, da bleibt es ergeben bis in den Tod; weil keine Leidenſchaft ſich in jeine Bündniſſe draͤngt. Es hat wenig Geheim⸗ niſſe; ſeine Geſinnungen darf es nicht verhüllen, was in ſeinem Innerſten vorgeht kann immer das Licht vertragen; darum kann man ſeinen Worten trauen; wie es ſich äußert, ſo iſt es gemeint. Es würde es als Selbſtverletzung anſehen, wenn es von der Wahrheit wiche. Reinheit iſt edle Ein⸗ falt des Herzens, und edle Einfalt Aufrichtigkeit pollendete Übereinſtimmung. Dieſe Schilderung könnte ſchon hinreichen, von dem Wehrte und der Vortrefflichkeit eines reinen Herzens, und vorzüglich daven zu überzeu⸗ gen, daß es die höchſte Ehre und der reitzendſte Schmuck der weiblichen Natur iſt. Doch es iſt ——— der Mühe wehrt, darüber noch Einiges hinzu⸗ zufügen. Reinheit des Herzens iſt, zuvörderſt, die Bedingung aller menſchlichen Wür⸗ de überhaupt, und der weiblichen ins⸗ beſondre. Wahre Würde beſteht nicht in ſol⸗ chen Vorzügen, die man dem Schickſale oder ei⸗ ner günſtigen Ausſtattung der Natur zu verdan⸗ ken hat, wenn ſie auch nech ſo glänzend wären, und mit ihnen noch ſo viel Großes und Nützli⸗ ches bewirkt werden könnte. Sie erregen wohl Erſtaunen; aber das wunderbare, zugleich demü⸗ thigende und erhebende, Gefühl, das Würde an⸗ kündigt, und da, wo Würde iſt, unſer ganzes Weſen durchdringt, erzeugen ſie nie. Was die⸗ ſes erzeugen ſoll, muß etwas Selbſterworbenes ſeyn, etwas, das dem Innerſten angehört, das uns über das Sichtbare hinausrückt, und Ah⸗ nung des Unendlichen gewährt. In uns wohnt ein göttliches Geſetz, welches Blick und Herz weit über das Irdiſche erhebt, uns des Ewigen verſichert, und eine gränzenleſe Ausſicht eröffnet. Der Gehorſam gegen dieſes Geſetz iſt das Einzi⸗ ge, was wir ganz in unſrer Gewalt haben,— die kräftigſte Erweiſung unſers geiſtigen Lebens. Er allein, wenn er von unedeln Triebfedern un⸗ gbhängig, wenn er das Werk einer uneigennü⸗ tzigen Liebe iſt, erweckt Achtung, und bildet eine Geſinnung, die an Hoheit und Glanz alles über⸗ trifft, was in der ſichtbaren und unſichtbaren Welt mag gefunden werden. Wo eine ſolche Geſinnung iſt, da iſt Würde, und dieſe um ſo herrlicher, je mehr jene das ganze Gemüth belebt. Sie iſt aber nur im reinen Herzen. Heilige Seelen ſind es, die ſie in ſich aufgenommen haben. In ihnen darf keine unlautre Begierde mehr bren⸗ nen; in ihnen ſchweigt der unreine Gedanke vor der Majeſtät des Geſetzes. Reinheit des Herzens iſt ſittliche Vollkommenheit, dasjenige, wodurch wir in jeder Hinſicht groß ſind, in jeder Hinſicht uns ſelbſt genügen. Ohne ſie wird man uns kei⸗ ne Würde zuerkennen; wenn wir uns durch Ta⸗ lente und Verdienſte noch ſo ſehr auszeichneten. Lauterkeit der Abſichten, die aus einem muthigen Kampfe mit ſich ſelbſt hervorgeht, iſt die Weihe der Menſchheit in uns, dasjenige, was jeder be⸗ wunderten Eigenſchaft ihren Adel verleiht. Mit Ehrfurcht blicken wir zu dem Weſen hinauf, das ſein irdiſches Daſeyn zur himmliſchen Reinigkeit verklärt hat. Es gibt noch eine andre, dem Weibe ei⸗ genthümliche Würde, durch welche es ſeiner 0,⸗ Weiblichkeit Achtung verſchafft, und ſich gegen jedes unbeſcheidene und zudringliche Betragen ſichert; ſie iſt Sanftheit und Hochſinn mit edelm Anſtande und weiſer Zurück⸗ haltung gepaart. Sollte es wohl möglich ſeyn, dieſe ohne Reinheit des Herzens zu behaup⸗ ten? Und wäre es möglich, was iſt ſie ohne Reinheit des Herzens? Was andres, als erzwun⸗ genes und erheucheltes Weſen, elende Affectation, die um ſo verächtlicher wird, je mehr ſie ſich aus⸗ nehmen will, die um ſo tiefer in die Gemeinheit herabſinkt, je mehr ſie ſich anſtrengt, ſich aus derſelben zu erheben. Ein reines Herz umgibt das Außere mit einer Glorie, die den Verwe⸗ genſten in den Schranken der Ehrerbiethung hält. Der Blick der Unſchuld zwingt die Zügelloſigkeit zur Diskretion und Mäßigung. Das Bewußt⸗ ſeyn eines unbefleckten Sinnes und eines un⸗ ſträflichen Lebens führt, ohne die Milde der Weiblichkeit zu verletzen, zu einer edeln Ent⸗ ſchloſſenheit und zu einem feſten Muthe, dem nicht leicht einer zu nahe treten wird. Das Weib hingegen, deſſen Herz verdorben iſt, mag ſich noch ſo ſehr hüthen, dieſe Verdorbenheit nicht in Worten und Handlungen kund werden zu kaſſen: man wird ſich doch zu Freiheiten leder Art gegen daſſelbe berechtigt halten, und alle ſer⸗ ne Beſtrebungen, Achtung zu erzwingen, alle an⸗ derweitigen Vorzüge, die es beſitzet, werden es nicht dagegen ſchützen. Keine menſchliche und keine weibliche Würde, ohne Reinheit des Herzens. Wo es an dieſer Reinheit des Herzens fehlt, dua iſt, zweitens, auch die weibliche Tu⸗ gend ſchlecht geſichert, wenn überhaupt hier noch von Tugend die Rede ſeyn kann. Wo ſol⸗ len wir die Tugend ſuchen, wenn nicht im Her⸗ zen? Was iſt das unſträflichſte Benehmen, wenn die Geſinnungen des Herzens nicht damit über⸗ einſtimmen? Das Weib iſt ſchon gefallen, das den Gedanken der Sünde mit Intereſſe denkt. Dem Wunſche folgt die That; wenn nicht Furcht vor der Schande davon zurück hälat. Wenn das Herz nicht rein iſt: dann kann von echter Tugend eigentlich nicht die Rede ſeyn. Laſſen wir indeß der Sitte, die doch auch ihren Wehrt behält, den Namen derſelben: auf welchen morſchen Stü⸗ zen ruht ſie, wenn das Herz das Laſter nicht verabſcheut, wenn das ſittliche Gefühl ſich nicht dagegen auflehnt! Das Weib, das vor den ge⸗ heimen Regungen einer befleckten Sinnlichkeit nicht mehr erröthet, wird auch bald ihre Ausbrü⸗ ce nicht mehr füt ſchändlich halten. Das Weib e das ſich vor ſich ſelbſt nicht mehr ſchämt, wird auch bald ſein Ehrgefühl überwunden haben. Das Weib, das gegen den Tadel ſeines Gewiſ⸗ ſens gleichgültig iſt, wird auch bald das Urtheil der Welt nicht mehr achten. Wie leicht ſiegt der Verführer, wo das Herz ſchen gewonnen iſt! Welch einer geringen Veranlaſſung bedarf es, um die Neigung in Begierde zu verwandeln, und wie ſchnell wächſt die Begierde zur Leiden⸗ ſchaft! Gute Grundſaͤtze bleiben nur ſo lange kräftig, als ſie dem Herzen heilig ſind. Hat die⸗ ſes ſich an Empfindungen und Stimmungen ge⸗ wöhnt, die mit jenen ſtreiten: ſo fehlt nicht viel, daß ihr ganzes Gewicht dahin ſey. Arme, ver⸗ führbare, wenig geſchätzte Tugend des Weibes, wie traurig ſteht es um dich, bei den vielen Ver⸗ ſuchungen, mit denen du umgeben, bei den un⸗ zählbaren Anfechtungen, denen du ausgeſetzt biſt, wenn das Herz dir treulos ward! Iſt es Ihnen etwas wehrt, ohne Tadel Ihr Leben zu führen: o, dann wachen Sie über die Reinheit Ihres Herzens. Wenn alles Sie verläßt, wird dieſe Sie behuthen; unter den größten Gefahren wird dieſe Sie nicht ſinken laſſen; und wo Tauſende unterliegen werden Sie triumphieren; kein Blend⸗ werk wird Sie täuſchen, kein Reitz und keine ☛————— — 2.7 ⏑ñz 4. „Macht der Überredung Sie zum Wanken brin⸗ gen. Nichts geht über die Stärke des rei⸗ nen Herzens. Nichts geht aber auch über ſeinen Frie⸗ den. Das Bewußtſeyn eines reinen Herzens iſt ein ungemein ſüßes und belohnendes; es iſt mehr, als alle Schätze, die die Welt uns anbiethen, als alle Gaben und Gunſtbezeugungen, womit Menſchen uns auszeichnen können. Ohne dieſes Bewußtſeyn, ſind wir im überfluſſe arm, und auf den höchſten Ehrenſtellen elend; mit ihm aber unausſprechlich reich und glücklich, im Staube der tiefſten Niedrigkeit und im Entbehren alles deſſen, was die Menſchen Glück nennen. Nichts kann da unſere Ruhe erſchüttern. Der Kummer mag unsz betrüben; er raubt uns unſre Zufrie⸗ denheit nicht. Den größten Unfällen ſehen wir mit Faſſung entgegen; unſer Beſtes iſt gegen ſie geſichert. Bei ſchmerzlichen Verluſten tröſtet es uns, daß gerettet wurde, was unſer Theuerſtes iſt. Bei verfehlten Abſichten iſt unſre Beruhi⸗ gung, daß wir es doch redlich meinten, daß unſer Herz rein war. Bei zerſtörten Hoffnungen bleibt Schuldloſigkeit unſre Zuverſicht. Mitten unter Drangſalen, im heftigſten Sturme der Wider⸗ wärtigkeit, weicht der Friede eines reinen Her⸗ bnne zens nicht von uns; und wenn alles weicht, bleibt er uns treu. Das reine Herz macht uns vorzüglich fähig⸗ das Gute unſers Lebens froh zu empfinden. Dann erſt iſt die Freude recht erquickend, wenn ſie mit einem ſchuldloſen Sinne genoſſen wird. Die Heiterkeit des Innern erhöht dann jeden Reitz. Kein Vorwurf des Unrechtes verbittert ſie uns; und wir dürfen nicht fürchten, daß einſt ſchmerzliche Reue darauf folgen werde. Jedes Vergnügen wird zugleich entzuͤckende Ausſicht⸗ Werheißung einer glücklichen Zukunft, und ge⸗ währt uns einen ungetrübten Blick uͤber ein ſchönes Daſeyn. Zu allem Erfreuenden muß das Beßte aus uns ſelbſt hinzugethan werden. Wo⸗ her ſoll dies aber kommen, wenn nicht von der Fülle und dem Frieden eines reinen Herzens? Die herrlichſten Güter des Lebens ſind überdem von der Art, daß nur ein reines Herz an ihnen Gefallen finden kann. Was iſt die Natur mit ihren Wundern, die Kunſt mit ihren Reichthuͤ⸗ mern, die Geſellſchaft mit ihren Ergötzlichkeiten, die Religion mit ihren Erhebungen und Erheite⸗ rungen, die Liebe mit ihren Wonnen, das haͤus⸗ liche Leben mit ſeinen Segnungen für entweihte Gemürher! leist V bis, den. venn vird. ſeden tt ſie einſt gedes ſich, ) 90 Soll das Unglück Sie nicht beugen, das Gluͤck Sie hoch erfreuen: dann ſtreben Sie nach Reinheit des Herzens. Dieſe erwirbt und bewahrt Ihnen, viertens, den Beifall Gottes und jedes guten Menſchen. über alles theuer muß ver⸗ nünftigen Geſchöpfen der Beifall des Weſens ſeyn, das wir als das höchſte und beſte verehren, von dem wir in allen Verhältniſſen unſers Lebens abhangen, zu dem wir in allen Verlegenheiten unſre Zuflucht nehmen müſſen, dem wir alles Gu⸗ te verdanken, von dem wir die Entwickelung unſ⸗ rer Schickſale erwarten. Das Bewußtſeyn ſeines Mißfallens iſt, wo es lebendig genug wird, das drückendſte und peinlichſte, das Bewußtſeyn ſei⸗ ner Liebe das ſüſeſte und ſtärkendſte. Dem Wei⸗ be muß das erſtere beſonders quälend werden, das letztere beſonders wohl thun. Ihm wird ſei⸗ ne Abhängigkeit jeden Augenblick fühlbar gemacht; es iſt durch ſein Herz und durch ſein ganzes Le⸗ ben ſo feſt an Gott geknüpft; es hat ſo vieles zu klagen, zu hoffen und zu wünſchen, womit es ſich nur an Gott wenden kann. Bei ihm allein fin⸗ det es Troſt und Aufrichtung in zahlloſen Be⸗ drängniſſen. Wie könnte man aber glauben, dem 22 der Menſchenwehrt unpartheiiſch ſchätzt, der nicht auf äußern Glanz, der nur auf das Innere ſieht, angenehm zu ſeyn, wenn dieſes Innere nicht die Geſtalt hat, die ſeinen heiligen Geſetzen angemeſ— ſen iſt, wenn Gedanken, Empfindungen und Wünſche voll Schuld es entſtellen, wenn aus dem befleckten Herzen verſchwunden iſt, was die Ge⸗ meinſchaft mit Gott unterhält? Nur mit einem reinen Herzen dürfen wir froh vor Gott erſchei⸗ nen, zutrauensvoll an ihn denken, und uns freu⸗ en, daß wir ihn zum Zeugen haben, und von ihm alles erwarten. Dem unverbildeten Weibe kann auch nicht gleichgültig ſeyn, welche Geſinnungen es unter guten Menſchen gegen ſich antrifft. Ein richtiges Selbſtgefühl ſagt ihm, daß es alle Urſache hat, auf ihre Achtung großen Wehrt zu ſetzen. In ihr beſitzt es die Verſicherung ſeiner Würde, das Unterpfand ihrer Theilnahme und ihres Beiſtan⸗ des, und erquickenden Troſt, wenn es von andern verkannt und herabgeſetzt wird. Wie könnte es aber hoffen, von den Beſſern geſchätzt zu werden⸗ wenn es Eigenſchaften an ſich trägt, die ihnen „etächtlich ſind; wenn es ihm an dem fehlt, was 2— ——— 2 ſie als das Höchſte und Vortrefflichſte im Men⸗ ſchen ehren? Nur mit einem reinen Herzen dür⸗ fen Sie muthig vor der Welt auftreten, und den Blick des Rechtſchaffenen eben ſo wenig als den Blick des geübten Menſchenkenners ſcheuen. Das reine Herz gewinnt alle Gemüther. Das reine Herz achtet der Böſewicht noch; und die Verläumdung verwirrt und beſchämt ſich ſelbſt, wenn ſie darauf Angriffe wagt. Endlich zeigt ſich auch darin der Wehrt ei⸗ nes reinen Herzens, daß es unſrer herrlich⸗ ſten und freudigſten Hoffnung, der Ho ff⸗ nung der Unſterblichkeit Stärke und Le⸗ ben gibt. Nicht von der Macht der Gruünde, nicht von der Schärfe des Nachdenkens, nicht von der Tiefe der Speculation, ſondern von der ſittli⸗ chen Geſinnung kommt dem Glauben an ewige Fort⸗ dauer ſeine unerſchütterliche Feſtigkeit. Daher iſt er nirgends lebendiger und inniger als in reinen Herzen. Das Leben, die Geſinnung ſiegt da über alle Zweifel. Man muß es fühlen, daß man der Unſterblichkeit wehrt ſey, um ſich ganz von ihr überzeugr zu halten. Das fühlen aber nur heilige Seelenz ſie fͤhlen, daß das Heilige⸗ was ſie in ſich bewahrt und gebildet haben, nim⸗ mer verloren gehen kann. Auf ein erhöhtes, ge⸗ läutertes, veredeltes, geiſtigeres Daſeyn muß ſich unſer Verlangen richten, wenn das beßre Leben unſre Liebe gewinnen ſoll. Dahin aber iſt nur das Verlangen derer gerichtet, die nichts Ungött⸗ liches an ſich dulden. Dem Himmel ſind ſie ver⸗ wandt, dem Himmel haben ſie gelebt; der muß ſie aufnehmen. Man muß ohne Unruhe das Irr⸗ diſche verlaſſen können, um mit froher Hoffnung dem Überirrdiſchen entgegen zu gehen. Das kön⸗ nen— aber nur die, die muthig kämpften, und frei blieben von aller Befleckung. Man muß Menſchen warm, herzlich und doch mit reinen Gefühlen geliebt haben, um ſich auf die Wieder⸗ vereinigung mit ihnen zu freuen. So liebt aber nur der Edelgeſinnte. Reine Herzen tragen ſchon hier das Bild des beſſern Lebens in ſich, ſie wandeln ſchon hier im Glanze ſeiner Verklärung; darum ſchauen ſie oft voll Wonne zu ihm hinauf; darum wird es ihnen nicht ſchwer, von einer Welt zu ſcheiden, die jenes Bild nie verunſtaltet konnte, aus der ſie den Adel ihrer Seele mit der Weiſung an das 341 0e Jenſeits retteten. Schmerzlich iſt die Trennung von denen, die ihre Zärtlichkeit rein und treu umfaßte— aber ſie iſt auch Vorgefühl eines herr⸗ lichen Wiederſindens. O der Seeligkeit, reines Herzens zu ſeyn! Vierzehnte Rede. Das reine Herz. Fortſetzung der vorigen Rede⸗ Ma der Beſchaffenheit und dem Wehrte eines reinen Herzens beſchäftigte ſich unſre letzte Be⸗ trachtung. Nur Andeutungen vermochte ich Ih⸗ nen zu geben— nicht das, was die Sache ſelbſt in ihrem Leben und in ihrer Herrlichkeit darſtellt. Wie vermöchte dies das menſchliche Wort? Die genaueſte Schilderung erreicht das Vortreffliche nicht. Der Geiſt wird im Buchſtaben verflüchtigt. Was das Innere ergreift und bildet, muß man 345 felbſt erfahren haben, um es zu verſtehen. Rur von denen wird das Göttliche vernommen, die für daſſelbe geſtimmt ſind, die ſich ihm verwandt fuͤhlen. So viel leuchtet indeß doch leicht ein, daß Reinheit des Herzens zu dem Höchſten und Be⸗ ſten gehoͤrt, was das Weib erreichen kann. Zwar wird das vollendet Reine unter den Nebeln und Stürmen der Erde nicht gefunden. In einem beſſern Lande, unter reinern, glücklichern Umge⸗ bungen vermag es erſt zur Reife zu kommen. Doch iſt es des guten Weibes unabläſſiges Be⸗ ſtreben, ſich dem Ideale immer mehr zu nähern. Schon um es dahin zu bringen, wohin man es allerdings bringen ſoll, daß die Geſinnung lauter ſey, daß nichts Unlautres geliebt, gepflegt oder wiſſentlich geduldet werde, bedarf es großer An⸗ ſtrengungen, der beſtändigen Achtſamkeit auf ſich felbſt und auf die Lage, in welcher man ſich be⸗ findet, der ſorgfältigen Benutzung aller Hülfsmit⸗ tel, der weiſen Behandlung aller Umſtände, Ver⸗ hältniſſe und Beſchäftigungeu des Lebens. Sey denn auch die beſte Tugend nicht ohne Mängel: glücklich und verehrungswürdig iſt doch das Weib, das auf die Reinheit ſeines Herzens alle Bemühungen verwendete, die in ſeiner Ge⸗ .., walt waren. Was es in treuem Fleiße errungen hat, das wird der Himmel vollenden; davon trägt es die verbürgte Verheißung in ſich. Laſſen Sie uns dieſen Bemühungen noch ei⸗ ne beſondre Betrachtung widmen. Laſſen Sie uns mit der Theilnahme und Innigkeit, die dem— jenigen gebührt, woran die Würde und der Frie⸗ de des Lebens hängt, was uns den Beifall Got⸗ tes und edler Menſchen erwirbt, was uns mit Entzücken die erhabenſten Hoffnungen faſſen und feſt halten lehrt, jetzt erwägen: was das Weib für die Re inheit ſeines Herzens zu thun habe. Wir haben jüngſt die Bemerkung gemacht: daß zwar die Reinheit der Unſchuld zum Theil ſchon frühe verloren geht, daß die erwachende Leidenſchaft, mancherlei Eindrücke, Beiſpiele, Mißleitungen jeder Art und abſichtliche Verfüh⸗ rung ſie mehr oder weniger verdunkeln, damit einſt eine andre, frei errungene, echt ſittliche, von der Beſonnenheit bewachte und gegen die Verſuchung geſicherte an ihre Stelle trete; daß aber auch alle Mittel der Verderbniß nicht im Stande ſind, die Natur ganz zu verwüſten, daß beſonders eine gute Erziehung, durch Lenkung der Neigungen, durch Schärfung und Belebung des ſittlichen Gefühles, vieles von ihr erhalten kann. Viele Jünglinge und Jungfrauen müßte man glücklich preiſen, wenn ihnen nur das geblieben wäre, was ſie mit in die Jahre der mündigen Selbſtleitung hinüber brachten. Aber die Welt lockte ſie auf die gefährliche Bahn; ſie reitzte ihre Neugier mit dem verräͤtheriſchen Gute; ſie ent⸗ zündete die Leidenſchaft, ſie vergiftete das Herz; ſie nahm ihm den Frieden. Schwach iſt das menſchliche Herz, das weib⸗ liche vorzüglich— leicht zu bethören, zu gewin⸗ nen, zu feſſeln. Gegen zahlloſe Verſuchungen, ſchmeichelnde Einladungen, mächtige Vorurtheile, glänzende Thorheiten, gegen die Reitzungen der Sinnlichkeit, der Habſucht, der Eitelkeit ſoll es vertheidigt werden. Dahin muß die Sorge für die Reinheit des Herzens zuerſt gerichtet ſeyn/ daß bewahrt bleibe, was noch nicht ver⸗ letzt worden iſt. Schon dazu gehört viel; und doch iſt nichts nöthiger. Was hilft es, daß man einſt gut war, wenn man es jetzt nicht mehr iſt? Was hilft es, daß man einſt das Böſe mit Abſcheu dachte, wenn man es jetzt mit Wohlgefallen denkt. O, das Einzige, was man davon hat, iſt die Erinne⸗ rung an das verſcherzte Gut. Welch eine ſchmerz⸗ liche Erinnerung! Welch ein trauriger Abſtand zwiſchen der vergangenen und der gegenwärtigen Zeit! Welch eine qualvolle Sehnſucht nach dem entflohenen Frieden! Iſt die Reinheit des Herzens dahin: dann iſt es ſchwer, ſie wieder zu erlangen; ſchwerer noch, wenn ſie durch eigne Schuld, als wenn ſie, ehe wir Schuld haben konnten, verloren ging. So konnten Erziehung, Jugendeindrücke und die frühen Wirkungen des Beiſpieles das Herz nicht verderben, daß das ſittliche Gefühl gänzlich ver⸗ tilgt, daß jede Regung für das Gute unterdrückt worden wäre; und darin iſt ein reicher Fonds zur Selbſthülfe, ein großes Vermögen, die fehlerhaf⸗ ten Geſinnungen, die aus einer fehlerhaften Be⸗ handlung entſtanden, zu verbeſſern, übrig geblie⸗ ben. Hat man das Edlere, was in der Natur liegt, nur nicht ſelbſt geſtört: dann kann es ſich immer wieder empor arbeiten, wenn man nur auf ſeine Mahnungen und Antriebe achten will. Die Jahre der Beſonnenheit und des eignen Denkens wecken oft den ſchlafenden Funken um ſo ſchneller, je angelegentlicher ſich andre bemulht haben, ihn auszuloͤſchen. Viel größer iſt die Ge⸗ fahr, wenn man von dem Böſen dahin geriſſen wurde, wo man es in ſeiner Gewalt hatte, dem, ſelben zu widerſtehen. Dabei war mehr oder we⸗ niger Beſonnenheit. Man konnte ſich doch das allmählige Wachſen der Leidenſchaft und den Wi⸗ derſpruch mit ſich ſelbſt nicht immer verbergen. Man mußte oft wiſſentlich und porſätzlich dem beſſern Sinne entgegen handeln. Der Wille ſelbſt iſt hier angetaſtet; die Quelle des ſittlichen Lebens iſt in ihm getrübt, durch ihn iſt das ſitt⸗ liche Gefühl abgeſtumpft worden. Hier iſt nicht bloß äußerliche Verunreinigung; hier iſt inneres, tief eingedrungenes, mächtig um ſich greifendes Verderben. Der erſte ſündliche Gedanke wird von dem unſchuldigen Weibe nicht ohne heftiges Widerſtreben, und nicht ohne einen mühſamen Sieg über ſein beßres Selbſt gedacht. Aber eben, daß es zu jenem Widerſtreben fähig war, daß ihm dieſer Sieg gelang, macht ſeinen Zuſtand ſo gefährlich, und verräth auf der Einen Seite eine Entſchloſſenheit, und auf der andern eine Schwa⸗ che, die alles fürchten laſſen. Mit jeder neuen Einwilligung wird die Geneigtheit, Unreines zu denken und zu wuͤnſchen größer, das ſittliche und religiöſe Gefuͤhl ſchwäͤcher, und der Verfacl ſchleu⸗ niger. Unter den Übeln, welche die Reinheit des weiblichen Herzens bedrohen muß zuerſt die Zer⸗ ſtreuungsſucht genannt werden. Es iſt faſt zu beſorgen, daß es einem weiblichen Gemüthe, welches ſich von dieſer beherrſchen läßt, unmög⸗ lich ſein werde, jene zu ſchützen. Bey denjenigen Weibern, die ſich, mit einer Art von Wuth, aus einem Wirbel in den andern ſtürzen, um ſich ſelbſt zu entſliehen, um ſich das Elend ihres innern Zu⸗ ſtandes, das ihnen doch zuweilen fühlbar wird, zu verbergen, und um die Vorwürfe des Gewiſ⸗ ſens von ſich abzuwehren, iſt die Reinigkeit des Herzens ſchon dahin; ſie müſſen immer tiefer ſin⸗ ken; da ihre Leidenſchaften unaufhörlich gereitzt werden; da ſie ſelten aus ihrer Betäubung erwa⸗ chen; da ſie ſich gegen alles zu verhärten ſuchen, was ſie wieder zu ſich ſelbſt bringen, und einen beßern Sinn in ihnen wecken könnte. Nicht viel geringer iſt die Gefahr derer, die, weil ſie von den gewöhnlichen Vergnügungen ſchon überſättigt ſind, und für geiſtige keine Empfänglichkeit ha⸗ ben, immer neuen Arten und Gegenſtaͤnden des ännlichen Genuſſes nachgehen, immer ſtärkere Rei⸗ ge ſuchen, und ſich da am glücklichſten fühlen, wo es am lauteſten tobt, wo das Gedränge das zahlreichſte, und der Wechſel der ſchnellſte iſt. 349 Menſchen, die ganz in den Bewegungen der Sinnlichkeit und den Eindrücken der Welt leben, können den heftigſten Verletzungen des Gemüthes nicht entgehen. Sie haben ſich ſelbſt nicht in der Gewalt; ſie müſſen das werden, wozu jene Be⸗ wegungen und Eindrücke ſie bilden. Wie oft wird aber darin Unreines und Verderbliches ſeyn! Das Herz iſt ſich untreu geworden, dem ſolche gewaltſame Erſchütterungen Bedürfniß ſind; und es iſt unvermeidlich, daß es immer mehr mit ſich ſelbſt zerfalle. Das Sanfte, Stille iſt das Ele⸗ ment des Reinen; mit dem Lauten und Stürmi⸗ ſchen verträgt es ſich nicht. Es gibt noch eine Art von Zerſtreuungsſucht, die, nicht ſo ungeſtüm wie jene, auf den erſten Blick unſchuldig und un⸗ bedenklich zu ſeyn ſcheint. Die bunte Mannich⸗ faltigkeit und die wechſelnden Formen der Luſt ſind ihr der ganze Gehalt des Lebens. Alles ſoll ergötzen, auf eine angenehme Art hinhalten; je⸗ der Augenblick ſoll ihr neue Empfindungen, Ge⸗ danken, Beſchäftigungen, Erhohlungen und Ge⸗ nüſſe zuführen. Doch iſt es nicht ſchwer, einzu⸗ ſehen, wie ſehr auch dieſe dem Herzen gefaͤhrlich wird. Sie bringt das Gemüth in eine ſüße Ver⸗ wirrung, worin es nicht möglich iſt, ſtäts die Stimme des Gewiſſens zu bören, ſich ſelbſt zu N bewachen und zu beherrſchen. Wo Eine Empfin⸗ dung ſtäts die andre verdrängt; da wird manche ſchlechte zum Vorſchein kommen. Wo eine un⸗ zählbare Menge von Bildern die Sinne feſſelt und den Geiſt beſchäftigt; da bleibt dieſer vor ſchädlichen Eindrücken nicht bewahrt. Wo das Blut heftiger wallt, das Leben aufgeregt und die Nerven geſpannt ſind, ſiegt die ſträfliche Begierde leicht, ehe wir ihr Daſeyn ahneten. Das ſchuld⸗ loſeſte Vergnügen kann die Veranlaſſung eines traurigen Falles werden. In wenigen Momen⸗ ten der Selbſtvergeſſenheit kann das reinſte Ge⸗ müth, den Keim des Verderbens aufgenommen haben. Es iſt allerdings Bedürfniß des Menſchen, ſich zuweilen zu zerſtreuen. Aber Zerſtreuungs⸗ ſucht iſt verderbliche Entartung. Iſt Ihnen die Reinheit des Herzens theuer; dann werde Ihnen die Zerſtreuung nie zum Geſchäfte; dann müſſe dieſelbe nie Ihr ganzes Gemüth feſſeln; dann müſſe ſie nie ſo ſtark auf Sie wirken, daß ſie Ihnen die Beſonnenheit raubt; dann müſſe die Erhohlung der Lohn der Thätigkeit, und das Ver⸗ gnügen immer der Pflicht untergeordnet ſeyn. Die ſtärkſte Tugend wankt im Rauſche der Sinne. Mit der Zerſtreuungsſucht iſt der Leicht⸗ ſinn, ſowohl in ſeinem Weſen, als in ſeinen Wirkungen, nahe verwandt. Viel hat daher auch das weibliche Herz, deſſen er ſich ſo leicht bemäch⸗ tigt, von ihm zu fürchten. Die meiſten Ihres Geſchlechtes, die den verlornen Frieden beweinen, haben jenen als die Urſache ihres Unglückes an⸗ zuklagen. Sie fielen, weil ſie ſich von ihm be⸗ herrſchen ließen. Im Leichtſinne gibt man ſich allem hin, was ſich einiger Maßen empfiehlt. Im Leichtſinne ſieht man nur auf den Schein, und läßt ſich vom äußern Glanze bethören. Im Leichtfinne betrachtet man alles von der guten Seite, und bemerkt die ſchlimme nicht. Im Leichtſinne folgt man gerne jedem Eindrucke, ohne die Folgen zu beherzigen. Im Leichtſinne haͤllt man wenige Dinge für bedeutend, oft nicht ein⸗ mal diejenigen, die für das Glück des ganzen Le⸗ bens entſcheidend ſind. Im Leichtſinne iſt man nicht aufgelegt, über die Schritte, die man thut nachzudenken, ſorgfältig zu prüfen, ehe man wählt, Gefahren zu beachten, und auf die Lehren der Weisheit Rückſicht zu nehmen. Im Leichtſinne werden die beſten Grundſätze vergeſſen, die ſtärk⸗ ſten Gefühle, die nachdrücklichſten Erfahrungen, und die deutlichſten Einſichten unwirkſam. Im Leichtſinne ſind wir uns ſelbſt keines Argen be⸗ wußt, und daher geneigt, von allem zu glauben, es ſey unſchuldig. Wie bald iſt da das Herz dem Böſen gewonnen! Wie wenig Widerſtand wird der zudringliche und beredte Verführer finden! Wie wenig wird man dem Drange des Herzens Gewalt anthun, wie wenig im Stande ſeyn, ein feuriges Verlangen zu unterdrücken! Selbſt die Gutmüthigkeit des Leichtſinnes iſt ſein Verderbeg- Das leichtſinnige Weib hat ſeine Unſchuld ſchon verletzt, und iſt der Tugend treulos geworden, ehe es dieſes ſelbſt weiß. Dieſem Leichtſinne müſſen Sie entgegen ar⸗ beiten. Ernſt muß in Ihrem Charakter, Nach⸗ denken und Beſinnung in Ihrem Betragen ſeyn,⸗ wenn Sie mit der Reinigkeit die Ruhe Ihres Herzens bewahren wollen. Alles andre wird Ih⸗ nen erſt durch den Leichtſinn, welchem Sie ſich dabei hingeben, verderblich. Achtſamkeit auf ſich ſelbſt darf Sie nie verlaſſen. Ohne dieſe iſt Ihre Lage auch dann bedenklich, wenn Sie ſich in Ihren Zerſtreuungen da noch ſo ſehr mäßigten, wenn Sie alles, was Sie betrifft mit noch ſo vielem Nachdenken behandel⸗ ten, und die Folgen Ihres Benehmens noch ſo angelegentlich beherzigten. Jede Lage, worin wir uns befinden, bildet an unſerm Herzen. Alles⸗ was wir ſehen, und was ſich mit uns ereignet⸗ 00e macht Eindrücke auf unſer Gemüth. Es vergeht kein Augenblick, der nicht ſeine eigenthümlichen Gedanken, Empfindungen, Wünſche und Vorſaͤtze weckte. Und dieſen ſollten Sie ſich blindlings hin— geben? Dieſe Veränderungen ſollten mit Ihnen vorgehen, ohne daß Sie darum wüßten? Sie ſollten die Verſuchung, der Sie noch entgehen können, und die Sie wahrſcheinlich verderben wird, in der Bethörung nicht einmal bemerken? Sie ſollten es dem Zufalle überlaſſen, was er aus Ihnen machen werde, keine Vorkehrungen treffen gegen das drohende übel, ſich nicht waffnen ge⸗ gen den nahen heftigen Anfall auf Ihre Tugend, keine Kräfte ſammeln für den Kampf, in dem ſo viel zu verlieren iſt? Es ſollte Ihnen entgehen, wo ſich ſchädliche Irrthümer eingeſchlichen, wo ſich laſterhafte Begierden feſtgeſetzt haben, und wo ei⸗ ne unſittliche Denkungsart ſchon anfängt, ſich aus⸗ zubilden? Sie ſollten in Verbindungen ſtehen, und Neigungen in ſich nähren, die Sie nach und nach zu Grunde richten, und nichts davon gewahr werden? Und bei dem allem dürften Sie noch hoffen, die Reinheit des Herzens zu bewah⸗ ren? Zahlloſe und ſehr mächtige Verſuchungen um⸗ 25 ringen den Menſchen allenthalben; ſie theils abzu⸗ wehren, theils muthig zu beſtehen, und ſeine Würde gegen ſie zu behaupten, das muß ſein ſorgfältigſtes Bemühen ſeyn. Er vermag das nicht, wenn er nicht die größte Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt, auf die Lage, worin er ſich befindet, und die Veränderungen, die ſich mit ihm zutragen, beweist. Bei der großen Reitzbarkeit Ihres Ge⸗ müthes, und bei der Leichtigkeit, womit bei Ih⸗ nen Empfindungen entſtehen und ſtark werden, muß Ihnen dieſe Aufmerkſamkeit doppelt wichtig bleiben. Genaue Vorſicht erfordert vorzüg⸗ lich der Umgang, wenn die Reinheit des weib⸗ lichen Herzens bewahrt werden ſoll. In ihm liegt, wo er nicht weiſe gewählt iſt, immer viel Verführeriſches. Der Sinn und die Denkungs⸗ art der Menſchen, mit welchen wir oft zuſammen ſind, theilt ſich uns unvermerkt mit; wir nehmen ihre Sitten an, ohne zn wiſſen, wie wir dazu kommen. Wir gewöhnen uns an ihre Vorurtheile und an ihre Maximen; und manches, das wir ſonſt verabſcheuten, wird uns unter dieſer Em⸗ pfehlung erträglich, wir finden es gar mit der Zeit liebenswürdig. Unſer ſittliches Gefühl wird allmählich ſtumpfer; unſre Begriffe von Achtung und Anſtand verfälſchen ſich. In der Geſell ſchaft ſchlechter Menſchen wird vieles überlegt und vor⸗ genommen, wovon ſich derjenige nicht gut aus⸗ ſchließen kann, der einmal zu ihr gehört. Fal⸗ ſches Ehrgefühl und ſchwache Gefälligkeit machen es beſonders dem Weibe oft ſchwer, ſich von dem zurück zu ziehen, was ſeine Grundſätze verletzt. Die Üüberredung findet im weiblichen Herzen tau⸗ ſend reitzbare Stellen, wo ſie mit ihren Künſten mächtig wirken kann. Man wird immer tiefer in die Verbindung hineingezogen. Man fühlt ſich immer mannichfaltiger und feſter von den Verhaͤltniſſen umſchlungen, in welchen wenige ih⸗ re Freiheit behaupten. Schlechte Menſchen wiſ⸗ ſen ſich derer, die ſich ihnen einmal anvertrau⸗ den, ſchnell genug ganz zu verſichern. Es dürfen nicht einmal ausgemacht ſchlechte — es duͤrfen nur leichtſinnige, gegen Sittlichkeit und Würde gleichgültige Menſchen ſeyn, in de⸗ ren Zirkel Sie ſich miſchen: und Sie werden ſchon vieles hören, was die moraliſche Delikateſſe beleidigt, den Sinn für das Gute ſchwächt, oder ihre Tugend auf ſchwere Proben ſetzt. Man wird von ehrwürdigen Dingen oft im Spotte, oft mit Verachtung reden. Welche Verlegenheit für das beßre Weib, das nicht widerſprechen darf! Wie leicht könnte da in ihm ſelbſt die Achtung für das Hellige herabgeſtimmt werden! Wie leicht könn⸗ te da das religiöſe Gefühl nach und nach erkalten! Wenn man nun gar Ihre Gewiſſenhaftigkeit be⸗ lachte; wenn man ſich kränkende Anſpielungen er⸗ laubte; wenn von Einfalt, Schwäche, Engherzig⸗ keit die Rede wäre: wie viel Entſchloſſenheit wür⸗ de dann dazu gehören, daß Sie ſich ſelbſt getreu blieben! Dürfen Sie ſich dieſe Entſchloſſenheit immer zutrauen? Sind Sie Ihrer Anhänglich⸗ keit an das Wahre und Rechte ſo verſichert, daß Sie nicht beſorgen dürfen, in ſchwachen Augen⸗ blicken durch dergleichen wankend gemacht zu wer⸗ den? Das möchten wohl wenige von ſich be⸗ haupten können. Darum wählen Sie Ihren Um⸗ gang mit Vorſicht. Fliehen Sie die ausgemacht⸗ Schlechten, die Irreligiöſen, die Laſterhaften, die Menſchen ohne Grundſätze, ohne Gefühl und De⸗ licateſſe. Schon ihre Nähe iſt vergiftend. Und können Sie ihnen nicht ausweichen: dann meiden Sie wenigſtens den vertrauten Verkehr; räumen Sie ihnen auch nicht das Kleinſte über Ihr Herz ein. Doch ſelbſt der gewählteſte Umgang iſt nicht ohne Gefahren; der argloſeſte Zeitvertreib und die unbefangenſte Unterhaltung können in Verderb⸗ liches ausſchlagen. Darum wird nur dann Ihr Herz unbefleckt bleiben, wenn Sie es immer ernſtlich bewahren. Wollen Sie die Reinigkeit des Herzens be⸗ wahren: dann dürfen Sie keine Leiden⸗ ſchaft in demſelben aufkommeu laſſen. Jede Leidenſchaft befleckt das Herz, und öffnet es zahlloſen Verderbniſſen, die anderswo her in das⸗ ſelbe dringen möchten. Die Größe und die Hef⸗ tigkeit ſeiner Leidenſchaften beſtimmt den Grad der Verführbarkeit eines Menſchen. Die Leiden⸗ ſchaft unterdrückt das Gewiſſen und das Zartge⸗ fühl; ſie verblendet den Verſtand, und feſſelt den Willen. Seltener erwacht ſie zwar in der Seele des Weibes; aber wenn dies geſchieht, dann flammt ſie deſto gewaltiger auf, dann reißt ſie al⸗ les dahin, und macht alles unkräftig, was man ihr entgegen ſetzen könnte. Und hätte es auch noch etwas gegen ſie aufzubiethen: ſo wird dieſes doch nur da wirken, wo die Leidenſchaft nicht ge⸗ reitzt iſt. In den Augenblicken der innern Em⸗ pörung wird es wehrlos ſeyn. Nichts gleicht den Stürmen, welche die Leidenſchaft im weiblichen Herzen erregt. Wofür das Weib Leidenſchaft hägt, das muß es haben oder durchfetzen, es ko⸗ ſte, was es wolle, Es wäre ein Wunder, wenn dabei keine ſchlechten Anſchläge und kein unredli⸗ 27 4 ches Benehmen zum Vorſchein kämen. Waͤre es aber nicht ſchon genug, wenn ſie die Seele durch unreine Gedanken und ſtrafbares Verlangen end⸗ weihte? Dies gilt nicht bloß von der Einen oder andern; es gilt von allen Leidenſchaften. Was als ſtiller Wunſch oder ruhige Reigung die Wür⸗ de nicht verletzt, das richtet große Verwüſtungen an, ſo bald es die Schranken der Mäßigung überſchreitet. Dagegen müſſen Sie auf Ihrer Huth ſeyn. Meiden Sie die einſame Beſchaͤfti⸗ gung mit ſolchen Begierden, die leicht eine ge⸗ fährliche Stärke erlangen. Laſſen Sie nie die Einbildungskraft mit den Gegenſtänden derſelben ein zügelloſes Spiel treiben. Verſagen Sie ſich die Befriedigung oft mit großer Strenge. Un⸗ terdrücken Sie jeden Gedanken, wenden Sie ſich weg von jeder Erſcheinung, welche ſie begünſtigen. Und iſt eine Begierde laſterhaft: dann widerſetzen Sie ſich den erſten leiſen Aufwallungen; nehnen ſie jede Vorſtellung und jede Kraft zu Fulfe, die ihnen entgegen wirken können. Trefflich wird Sie dabei an halten⸗ de, geräuſchloſe und nützliche Thätig⸗ keit unterſtützen. Indem Ihre Gedanken mit den Arbeiten Ihres Berufes, und mit dem Wohl der Ihrigen beſchäftigt ſind, wird ſich nicht — 359 leicht etwas Strafbares in ſie miſchen. Indem Sie ſich beſtreben, was Ihnen zu thun obliegt, mit Pünktlichkeit und Erfolg zu thun, werden Sie keine Zeit haben, üppigen Gefühlen nachzu⸗ hangen. Indem Sie von wichtigen Angelegen⸗ heiten ganz eingenommen ſind, werden die ver⸗ derblichen Gaukeleien der Einbildungskraft keine Empfänglichkeit bei Ihnen finden. Indem ernſt⸗ hafte Dinge Ihren Fleiß und Ihre Kraͤfte for⸗ dern, werden Sie dieſe auf unbedeutende, die ſeo oft ſchädliche Bewegungen im Herzen hervorbrin⸗ gen, nicht verwenden können, und Sie werden vor Leichtſinn und Eitelkeit bewahrt bleiben. Im⸗ mer mit etwas Anſtändigen und Erſprießlichen be⸗ faßt, werden Sie nie um die elenden Unterhal⸗ tungsmittel verlegen ſeyn, womit auf eine eben ſo unverantwortliche Art die Zeit getödtet, als die Unſchuld vergiftet wird. In müßigen Stun⸗ den erwacht die ſündliche Begierde, und reift zur Leidenſchaft, um bald den Frieden des Lebens zu zerſtören. In müßigen Stunden ſteht das Herz für alles, wovon es ſich Veraͤnderung verſpricht, für jede Vorſpiegelung und für jede UÜberredung offen. Es bedarf da wahrlich ſehr wenig, um ſeine Einwilligung zu gewinnen. Gerne läßt man ſich zu dem ſtimmen, was man ſonſt verabſcheuer, — wenn es das leere Gemüth ausfüllt. Die ver⸗ dorbenſten Weiber findet man unter denen, die nicht gewoͤhnt worden ſind, ſich nützlich zu be— ſchaͤftigen. Das beſte Weib kann nicht lange gut bleiben, wenn Trägheit und lange Weile es der Macht der Verſuchung Preis geben. Ordnungs⸗ volle Thätigkeit wird aber auch das ſchlechte von manchen Ausſchweifungen zurück halten, und all⸗ mählig an Regel und Pflicht gewöhnen. Das Meiſte hängt indeß davon ab, daß Sie ſich bei Zeiten feſte und geprüfte Grundſä⸗ te zu eigen machen. Iſt gleich das Gute beim Weibe mehr das Werk edler Gefühle und Antrie⸗ be, als der kalten Vernunft und des ſich ſelbſt zueignenden Wollens: ſo müſſen doch Grundſätze hinzu kommen, damit es feſt und vollendet wer⸗ de. Ohne Grundſätze gibt es keine bewährte Tu⸗ gend, und am wenigſten iſt es ohne ſie möglich, Reinheit des Herzens zu bewahren. Ohne Grund⸗ ſätze, wird das beſte Weib ein Opfer ſeiner Schwäche. Selbſt diejenigen Neigungen, die an ſich der Sittlichkeit förderlich zu ſeyn ſcheinen, arten aus, und führen zu großen Verirrungen, wenn ſie nicht von Grundſaͤtzen geleitet werden. Nur unter dieſer Herrſchaft ſind ſie im Stande, dauerhaft Gutes, und zwar Gutes im vollen Sin⸗ ne des Wortes zu wirken. Grundſätze müſſen die Begierden läutern, und die Abſichten veredeln. Grundſätze können allein die Leidenſchaft in Schranken halten, und vor dem nahen Falle ſchützen. Das lebhafteſte Gefühl, der regſte Sinn für Ehre und Tugend wird oft der Ver— ſuchung unterliegen, wenn Grundſtze ſie nicht unterſtützen. Dieſelbe Reitzbarkeit, die Sie zum Wohlwollen ſo geneigt macht, und Ihre morali⸗ ſche Delicateſſe ſo ſehr ſchärft, wird nicht ſelten für die Sünde ſprechen, und Ihr Verderben ſeyn, wenn Sie keine Grundſätze haben. Grund⸗ ſatze müſſen Sie das Gefährliche kennen und glücklich vermeiden lehren. Grundſätze müſſen, Ihnen die Art des Verhaltens anzeigen, wobei Sie ſich behaupten in Ihrer Würde. In beſſern Naturen, und vorzüglich in dem zarten Gemüthe des Weibes, hat freilich das Ge⸗ wiſſen große Macht, böſe Gedanken zu entfernen, und Fehltritte zu verhüthen. Aber es wird doch zu oft von aͤußern Zerſtreuungen und ſtarken Ein⸗ drücken überwältigt, durch den Einfluß der Nei⸗ gungen verfälſcht, es hängt zu oft vom Zufalle ab, wie klar und nachdrücklich es ſprechen werde, als daß Sie ihm allein das Köſtlichſte, was Sie beſitzen, anvertrauen dürften. Erſt dann, wenn 4,e Sie ſeine Anſpruͤche in Grundſätze verwandeln, werden ſie feſt, zuverläſſig, dauerhaft wirkſam— die freundlichen Leitſterne des Lebens. Das Weib ohne Grundſätze mag es ſeinem gütigen Geſchicke Dank wiſſen, wenn es dem Verderben entgangen iſt. Die Grundſätze, welche das weibliche Herz bewachen ſollen, dürfen aber nicht bloß verſtändi⸗ ge Wahrheiten, kalte bedächtliche Verhaltungsre⸗ geln, welche die Lehre mittheilt, und das Ge⸗ dächtniß ſich einprägt, ſie müſſen dem Leben ſelbſt entnommen, ſie müſſen den edlern Trieben des Herzens nachgebildet, Fülle und Wörme des Her⸗ zens muß in ſie übergegangen ſeyn. Verſtand und Gefühl muüſſen ſich in ihnen vereinigt haben. Was deutlich gedacht war, muß auch tief em⸗ pfunden, und dann mit Liebe umfaßt werden, damit es im weiblichen Gemüthe dauerhaft wir⸗ ke. Solche Grundſätze zu haben, heilig zu hal⸗ ten und auszubilden, ſey Ihnen daher über al⸗ les wichtig. Vollkommen verwahrt wird aber Ihr Herz erſt dann ſeyn, wenn ſich mit dieſen Grund⸗ ſätzen religiöſer Sinn vereinigt. Von ihm erwarten die Grundſätze ihre ſiegende Kraft. Es iſt überhaupt noch die Frage, ob in der menſchlichen Natur kegährte Sittlichkeit ohne Religion möglich ſepeiſt Daß in der weiblichen die erſtere von der letzeerg ganz abhange, läßt ſich mit Gewißheit behaupten. So viel Sinn für Gott, ſo viel Ehrfurcht vor dem Unſichtbaren, ſo viel Anhängli hkeit an das höchſte und beſte Weſen, ſo viel Empfänglichkeit für den Gedanken des künftigen Lebens und für das Vorgefühl ſeiner Freuden beim Weibe iſt: ſo viel— und nicht mehr Fähigkeit, Grundſätze zu haben, ſo viel— und nicht mehr Kraft in der Ausführung derſel⸗ ben, kann man ihm zutrauen. Das Weib, wel⸗ ches den immer gegenwärtigen Zeugen ſeines Le⸗ bens nicht ſcheut, wird auch die Verletzung ſeines Gewiſſens nicht ſcheuen. Das Weib, dem der verlorne Beifall des unbekannten Freundes nicht ſchrecklich iſt, wird auch vor der Entweihung ſei⸗ ner Würde nicht zittern. Das Weib, das ſich nicht mit Rührung ſeiner Verhältniſſe zu einer höhern Welt erinnert, wird nie wahres Intereſſe für die Tugend hägen. Von dort her muß die Stärke geholt werden, die den Reitz des Irrdi⸗ ſchen überwinden ſoll. Ein weibliches Herz, dem es an Religionsgefühl fehlt, iſt allen Mißhand⸗ lungen der Eitelkeit und der Leidenſchaft Preis gegeben; ſo wie dasjenige, in welchem echte Fröm⸗ 36 q½ ne migkeit lebt, die unreins Kuſt und die ſtrafbare Begierde nicht in ſich di. dal wird. Das Ge⸗ müth, welches der Gedankse.„ Gott und Ewig⸗ keit durchdringt, iſt gegen die Entweihung von unheiligen Dingen geſchützt. . 1 So wird es Ihnen gelingen, die Reinheit des Herzens zu bewahren. Beweiſen Sie hierin den nöthigen Ernſt; hüthen Sie ſich vor Zer⸗ ſtreuungsſucht und Leichtſinn; wenden Sie ange⸗ ſtrengte Aufmerkſamkeit auf Ihr Herz und Leben; wählen und behandeln Sie Ihren Umgang und Ihre Vergnügungen mit großer Vorſicht; arbei⸗ ten Sie der aufkeimenden Leidenſchaft mit Nach⸗ druck entgegen; befleißigen Sie ſich einer ord⸗ nungsvollen nnd nützlichen Thätigkeit; bemühen Sie ſich um edle Grundſätze, die religiöſes Ge⸗ fühl heiligt: dann beſorgen Sie zugleich das Vor⸗ nehmſte, was zur Erhöhung und Vervoll⸗ kummung der Reinigkeit des Herzens erfordert wird. Das Reine wird Ihnen immer mehr Bedürfniß— das Unreine wird Ihnen im⸗ mer mehr zuwider werden. Es wird ſich immer mehr aus Ihrem Herzen verlieren, es wird im⸗ iner weniger in Sie hinein kommen, was verun⸗ reinigt. Unwillkührlich wird ſich die Geſtalt des Reinen, die das Meiſte ſchon trägt, den Übrigen mittheilen. Mit Hülfe Ihrer Grundſätze werden Sie bald entdecken, wo noch Verkehrtes iſt, und der fromme Sinn wird Ihnen die Vertilgung deſſelben erleichtern. Es kommt außer dem nur darauf an, daß Sie den Willen haben, es in der Läuterung des Herzens und des Lebens immer weiter zu brin—⸗ gen; und dieſer iſt von dem Willen, das Reine an ſich zu bewahren, unzertrennlich. Halten Sie dann das Ideal der vollendeten Reinheit ſich im⸗ mer gegenwärtig; beſchäftigen Sie ſich oft mit dem Andenken an die Menſchen, die ſich durch Reinigkeit des Herzens und Lebens ausgezeichnet haben, und vorzüglich mit der frommen Betrach⸗ tung des Einzigen, der auf Erden in nie befleck⸗ ter Reinigkeit, unter allen ihren Verſuchungen unverführt, unter allen ihren Verderbniſſen ein Heiliger, gelebt hat; erwägen Sie oft die For⸗ derungen, denen angemeſſen ſeyn muß, was auf Reinheit Anſpruch macht; verwandeln Sie dieſe Forderungen in feſte Entſchließungen; verſäumen Sie nicht, bei jedem Schritte, den Sie thun wollen, und bei jedem, den ſie gethan haben, ſich über den ſittlichen Wehrt deſſelben und die Abſichten, die Sie dabei leiteten, aufrichtig zu prüfen; bewachen Sie ſich auch in dieſer Hin⸗ ſicht mit Sorgfalt, und verſagen Sie ſich mit Strenge was nicht recht iſt; benutzen Sie auch hier die Übungen der Religion, in ſtillen De⸗ müthigungen vor Gott, in frohen Erhebungen zu Gott, in heitern Blicken auf jene Welt, zur Er⸗ wärmung fuͤr alles Gute und Treffliche: dann werden Sie mit Entzücken wahrnehmen, wie al⸗ les an Ihnen täglich reiner, edler, himmliſcher wird. Was iſt aber denen zu ſagen, die ſchon frühe das verſcherzte Glück Ihrer Seele beweinen wuß⸗ ten; da ſie das ſchlechte Werk, das die Erzieh⸗ umg in ihnen anfing, gebilligt und vollendet ha⸗ been. Wahrlich dieſe Unglücklichen verdienen in hohem Grade unſer Mitleiden. Sie haben über ihren Jammer niemand als ſich ſelbſt anzuklagen; das Gefühl ihres Elendes wird ihnen durch bittre Vorwürfe noch ſchrecklich vergrößert. Freilich mag es auch ſolche geben, die nie über ihren Fall trauerten, die, was mit ihnen voörging, natürlich und in der Ordnung finden, die ſich wohl gar glücklich ſchätzen, von den Feſſeln befreit zu ſepn⸗ „„,e welche ſie ſonſt peinlich einengten. Aber zu fol⸗ chen rede ich nicht. Man muß es dem Schickſale uberlaſſen, ſie aus ihrer Gefühlloſigkeit zu wecken. Es fehlt ihnen am Sinn für alles, was man ih⸗ nen ſagen könnte. Möchtet nur Ihr, die Ihr noch wißt, was Ihr in der Welt einbüßtet, die Ihr noch Reue und Thränen habt für die entweihte Würde, für die verlorne Unſchuld— möchtet Ihr nur nicht verzweifeln! Möchte Euch eben das, daß Ihr das Unglück Eures Zuſtandes ſchmerzlich empfin⸗ det, daß Ihr fähig ſeyd, Euch anzuklagen und zu verurtheilen, Zuverſicht zu Euch ſelbſt und mit ihr neuen Muth einflößen! Euerm ernſtlichen Willen wird es gewiß gelingen. Mühe und Ar⸗ beit wird es Euch koſten; aber dieſe werden nicht vergebens ſeyn. Lernet vor allem das entflohene Glück und Euer gegenwärtiges Elend ganz kennen. Blicket zurück in die Zeit, wo es anders war, wo noch kein unreiner Gedanke Eure Seele entehrte, und kein fündliches Ver⸗ langen Euer Herz befleckte, wo noch ungeſtörter, heiliger Friede in Euerm Innern wohnte; wie Ihr da in Eurer Unſchuld ſo unbefangen, ſo of⸗ fen, ſo ſorgenfrei, ſo harmlos und ſo froh waret. — Vergleichet damit die Verfaſſung, worin Ihr Euch jetzt befindet, die Scham, womit Eure Schuld Euch beladen, die Beſorgniſſe, womit ſie Euch er⸗ füllt, die Schüchternheit, die Verlegenheit und den Kummer, worein ſie Euch geſtürzt, die Vor⸗ würfe, die ſie über Euch gehäuft, den Mißmuth und den Streit, den ſie in Euch geweckt hat. Erinnert Euch, mit welcher kindlichen Freude Ihr einſt an Gott hinget, den Ihr jetzt fürchtet, wie heiter Ihr in die Welt ſahet, die Euch jetzt über— all mit dunkeln Geſtalten ſchreckt, wie hoffnungs⸗ voll Ihr in die Zukunft blicktet, die jetzt ſo trau— rig vor Euch liegt, wie reich Euch das Leben dünkte, das Euch jetzt ſo arm und öde ſcheint, wie befreundet Ihr Euch dem Himmel fühltet, von dem jetzt Euer Herz abgewandt iſt. Je mehr dieſe Vergleichung Euch zur wehmüthigen Sehn⸗ ſucht und zum Unwillen über Euch ſelbſt ſtimmt: deſto mehr dürft Ihr Euch von ihr verſprechen; deſto mehr Urſache habt Ihr ſie feſtzuhalten. Ja, haltet ſie feſt die bittern Em⸗ pfindungen der Reue. Es gibt Augenblicke, wo unſer Herz vorzüglich weich, und mehr als ſonſt für ſie empfänglich iſt. Dieſe laſſet nicht ohne ernſtliche Sammlung und angelegentliches Nachdenken vorübergehen. In ihnen wird der 369 beßre Sinn geboren; in ihnen richten ſich die ſchlafenden Kräfte auf— oft entſcheidend für das ganze Leben. Wenn ein hartes Schickſal unſre Bruſt verwundete; wenn ein herber Verluſt, ei⸗ ne fehlgeſchlagene Hoffnung uns demüthigten; wenn der Genuß uns mit Eckel und Überdruß er⸗ füllt hat; wenn die Eitelkeit und Nichtigkeit al⸗ les Irrdiſchen klarer und lebendiger vor uns ſteht; wenn uns das, was uns ſonſt ergötzte, keine Freude mehr gewährt; wenn ein bedeutender Fehltritt unſer Gewiſſen aufregte: dann iſt es Zeit, ſich ganz ſeinem Schmerze hinzugeben. Dann hüthet Euch, die erwachte beßre Empfin⸗ dung nicht wieder in neuen Zerſtreuungen zu er⸗ ſticken. Hier muß die Geſinnung gebildet wer⸗ den, die das ganze Daſeyn läutert. Denn ohne eine gänzliche Umſtim⸗ mung Eurer Denkungsart werdet Ihr nie wieder zu der verlornen Reinheit gelangen. Eure Begriffe von Wehrt und Ehre müſſen ſich berich⸗ tigen und veredeln. Ihr müſſet Euern Bemüh⸗ ungen andre Zwecke ſetzen, als die Euch bisher immer vorſchwebten. Wenn Ihr bisher nur Ver⸗ gnügen ſuchtet: ſo muß Euch jetzt ſittliche Würde über alles gehen. Wenn Ihr bisher nur nach 2 ſinnlichen Genüſſen ſtrebtet: ſo muß Euch jetzt nach höhern Freuden verlangen. Statt, daß Ihr bisher dem Weltlichen ungetheilt ergeben waret, muß jetzt ein göttlicher Sinn Euch leiten. Achtung und Liebe des Guten muß die ſtärkſte Triebfeder Eures Lebens und Thuns ſeyn. Ihr müſſet Euch unbedingt Eurer einzigen Beſtim⸗ mung weihen, die Ihr ſonſt vernachläſſigtet und verkantet. Alles kommt darauf an, daß Ihr Euch einmal ernſt und feſt dazu entſchließt, und dieſen Entſchluß zur heiligſten Angelegenheit macht. Das allein kann Euch retten. Wenn noch irgend etwas in der alten Denkart zurückbleibt, wenn noch irgend etwas Euch an das Sinnliche feſſelt, und die völlige Herrſchaft des Moraliſchen ein⸗ ſchränkt: werdet Ihr Verſuchungen ausgeſetzt bleiben, denen Ihr oft unterliegt. Wenn Ihr Euch, indem Ihr Euch der Tugend unterwerft, nur etwas gegen ſie vorbehaltet, nur Einen Wunſch von ihren Forderungen ausnehmt: ſo rech⸗ net ſicher darauf, bloß die Oberfläche des Herzens wird geglättet, ſein Inneres bleibt unrein, und bald wird wieder alles ſeyn, wie es geweſen iſt. So habt denn den Muth, das, was Ihr ſeyd, ganz zu ſeyn, und der Tugend, die Ihr, auch in der Entfernung von ihr, noch verehret, deren Verluſt Ihr im Beſitze aller Weltfreuden und Herrlichkeiten tief betrauert, alles aufzuopfern. Um die beßre Denkart feſt zu gründen, müſ⸗ ſet Ihr einen andern Umgang wählen. Die Menſchen, die Euch mit ihren Sitten, mit ihren Reden und mit ihren ſtrafbaren Geſinnun⸗ gen verderben, dürfen Euch nicht mehr umgeben. Ein Blick, ein Wort, eine Erinnerung, eine Bit⸗ te, eine Gefälligkeit könnte leicht alles wieder zer⸗ ſtören, was Ihr Euch Beſſeres erworben habt. Gegen Euern Willen würdet Ihr in ihre Plane, in ihre Beſchäftigungen und in ihr ſchlechtes We⸗ ſen verwickelt werden. Schon ihre Nähe wuͤrde verführeriſche Gefühle und Wünſche„in Euch we⸗ cken. Diejenigen ſeyen Eure Geſellſchaft, deren Geſpräche Euch belehren, deren Würde Euch hebt, deren Beiſpiel Euch beſſert, deren Rath Euch un⸗ terſtützt, und deren Vergnügen nie die Geſetze der ſtrengern Sittlichkeit beleidigen. Endlich müſſer Ihr auch eine andre Lebensart anfangen, wenn es Euch gelin⸗ gen ſoll, wieder reines Herzens zu werden. Ihr dürfet nicht mehr ſo oft Eurem Hange zu Zer— ſtreuungen nachgeben; Ihr dürfet nicht mehr ſo oft die Orter beſuchen, wo die Freude lärmt, und die Luſtbarkeiten toben; Ihr dürfet nicht mehr Eurer Eitelkeit fröhnen; Ihr dürfet nicht mehr ſo manche Stunde mit Nichtsthun hinbrin— gen, und ſo manche mit Kleinigkeiten vertändeln; Ihr dürfet nicht mehr ſo leichtſinnig dem erſten Eindrucke folgen, nicht mehr ſo ordnungsles Eure Geſchaͤfte nach Euern Launen und Neigungen treiben. Ihr müſſet in jeder Rückſicht ernſter und beſonnener werden. Man muß Euch mehr im Hauſe und unter den Eurigen finden. Ihr müſſet Euern Pflichten gewiſſenhafter obliegen, in Euerm Berufe unverdroſſener thätig ſeyn, mit mehr Nachdenken und überlegung zu Werke ge⸗ hen, Eure Zeit beſſer eintheilen, was euch anver⸗ trauet iſt, treuer verwalten, und Eure Beſtim⸗ mung angelegentlicher beherzigen. So werdet Ihr nicht allein tauſend Gefahren und Reitzun⸗ gen entgehen, welchen Ihr ſonſt ausgeſetzt waret: Ihr werdet Euch überhaupt an einen beſſern Geiſt gewöhnen, und einer beſſern Stimmung theilhaftig werden. Euer ganzes Weſen wird ei⸗ ne höhere Richtung bekommen, welche die Rein⸗ heit des Herzens begünſtigt. Nach unſrer Lebens⸗ art bildet ſich unſer Sinn. Iſt jene gemein und ſchlecht: ſo wird dieſer nicht lauter bleiben. Ha⸗ ben Sie jene veredelt: ſo wird ſie gewiß auf die⸗ ſen einen ſegensvollen Einfluß zeigen. 375 Ein ernſtliches Erwägen ſeines unglücklichen Zuſtandes, ein entſchloſſener Wille, ſich zu beſ⸗ ſern, veränderter Umgang und veränderte Lebens⸗ art halfen ſchon manchem gefallenen Weibe wieder auf— und führten ſchon manches wieder zur Tugend zurück, in deſſen Herzen faſt alles erlo— ſchen war, was einſt für dieſe ſprach. O, daß doch allen auf dieſe Art Hülfe und Rettung wür⸗ de! Es iſt das Einzige, was unter allen Um⸗ ſtänden aushält, was über alle Unfälle erhebt, was allen äußern Glanz entbehrlich macht, und allen Mangel erſetzt— die ſüßeſte Beruhigung, göttlicher Friede und ſelige Hoheit— reines Her⸗ zens zu ſeyn. Möchtet aber vorzüglich Ihr, die Ihr das bildſame Herz des Kindes in Eurer Hand habt, dafür ſorgen, daß es einſt nicht nöthig habe, mit Muhe, Schmerz und Reue das verlorne Kleinod wieder zu erkämpfen. Hier, Ihr Mütter, wünſch⸗ te ich Eure ganze Zärtlichkeit, Euer ganzes Mut⸗ tergefühl, Eure volle Liebe anregen zu können. Der beſte Schmuck, den Ihr Euern Töchtern be⸗ wahren, die herrlichſte Ausſtattung, die Ihr ih⸗ nen geben könnt, iſt ein reines Herz. Andre . Vorzüge werden ihnen den Beifall der Welt er⸗ werben; den Beifall Gottes erwirbt ihnen nur dieſes Herz. Mit andern werden ſie glänzen; und elend ſeyn; mit dieſen— vielleicht verkannt, aber doch glücklich. Was ſollen ihnen die Künſte, die Ihr ihnen ſo gefliſſentlich beibringt? Wel⸗ chen Erſatz geben ſie für die verſcherzte Einfalt? Hätten ſie nichts als dieſes reine Herz: wahrlich ſie wären reich. Aber mit einem verletzten Ge⸗ wiſſen ſind ſie im größten überfluſſe arm. Der gebildeteſte Verſtand und die feinſten Sitten wer⸗ den ſie nicht zufriedener— vielleicht noch elender machen, wenn ihr Herz nicht in gleichem Maße geläutert iſt. Und doch iſt es gerade dies, was Ihr gewöhnlich am meiſten verwahrloſet— viele, weil ſie nicht daran denken, und viele, weil ſie keinen Sinn dafür haben. Sie ſind nicht bloß gleichgültig bei allem, was in den jugendlichen Gemüthern vorgeht, ſie ſehen nicht bloß allen fal⸗ ſchen Richtungen, die ihre Seele nimmt, allen verderblichen, die ſich darin entwickeln, gedanken⸗ los zu. Ihre Behandlung iſt oft ganz dazu ge⸗ eignet, jene zu veranlaſſen, und dieſe zu beför⸗ dern. Sie lehren ſie für die Welt, und nur für die Welt leben, unbekümmert, was ihr Herz da⸗ hei leiden wird. An dem Beiſpiele ihrer Mütter kernen die Kinder, daß man ſich alles erlauben, und ſich jeder Rückſicht, außer der auf Vergnü⸗ gen, entſchlagen dürfe. Nichts wird geweckt und mitgetheilt, was dem einſt das Gegenge⸗ wicht halten könnte. Wie ſehr muß das Herz verwüſtet werden, zu deſſen Verderben ſich ſchon feühe ſo vieles vereinigt! Wie ſehr iſt zu beſor⸗ gen, daß es nie aus dieſer unglücklichen Betäu⸗ bung erwache! Und erwacht es daraus wirklich: wie viel Anſtrengung, wie viel Thränen und wel⸗ chen Schmerz wird dann ſeine Beßrung keſten! Die meiſten Menſchen werden und bleiben das, wozu ihre Erziehung ſie machte, und die wenigen, die ſich über ſie erheben, müſſen ihre Rettung ſehr theuer bezahlen. Ein, bis in die Jahre der Muündigkeit rein bewahrtes Herz kann zwar nachher noch immer verdorben werden. Aber ſo leicht wird das nicht geſchehen. Es hat an ſeinem regen ſittlich reli⸗ giöſen Gefühle eine zu mächtige Unterſtützung. Seine Neigungen ſind wohlgeordnet, und für äußere nachtheilige Reitzungen beſitzt es wenig Empfänglichkeit. O, eilet doch, die, welche Ihr liebt, in dieſe glückliche Verfaſſung zu bringen. Bewachet Ihre Empfindungen und Wiüunſche. Verhüthet die Ausſchweifungen derſelben. Leitet ihre Gedanken. Schärfet und belebet ihren mo⸗ raliſchen Sinn. Entfernet von ihnen alles, was unreine Eindrücke auf ſie machen könnte. Lehret ſie die erſte ſündliche Regung unterdrücken und den Frieden der Seele höher halten als jedes Gut auf Erden. So werdet Ihr ſie einſt mit Freude auf dem Wege der Tugend wandeln ſehen. Funfzehnte Rede. 0096000000⸗, Weibliche Herzensguͤte. Z. denjenigen Eigenſchaften des Herzens, durch welche das Weib trefflich, ehrenwehrt und ſelig iſt, muß, nächſt der Reinheit, vorzüglich die Güte gezählt werden. Herzensgüte iſt ein Zug, der an dem Bilde ſchöner Weiblichkeit gleich in die Augen fällt. Was das gute Herz ſinnen, denken und verrichten lehrt, enthält das Lieblich⸗ ſte und Rührendſte im Leben des Weibes. Sey die Güte des Herzens am meiſten intereſſant, wo ſie, in glücklicher Unbefangenheit, von ſich ſelbſt kaum zu wiſſen ſcheint: es iſt doch nützlich, 373 03e ſie in ihrem Weſen zu kennen, damit man im Stande ſey, zu entfernen, was ſie ſchwächen möchte, ſie zu ſchützen gegen Verletzungen, ſie zu verwahren vor Verirrungen, und ihr die edelſte Bildung zu geben. Laſſen Sie uns daher die weibliche Herzensgüte einmal zum Gegenſtande unſrer Betrachtung machen. Die Herzensgüte hängt ſo genau mit dem weiblichen Weſen zuſammen, daß man dadurch verleitet werden könnte, ſie ſür etwas demſelben ausſchließend Eigenthümliches zu halten. Wirk— lich trifft man ſie ſo, wie ſie ſich bei den Frauen zeigt, ſelten bei Männern an— unter dieſen nur bei denen, deren Natur ſich zum Weiblichen hinneigt; und auch ſie bringen es darin nicht zu der Stärke, die bei den Frauen etwas Gewöhnli⸗ ches iſt. Was man dagegen bei edeln Männer findet, würde den Namen Wohlwollen beſſer bezeichnen. Dem Wohlwollen edler Männer kom⸗ men oft glückliche Anlagen zu Hülfe; aber, der Hauptſache nach, iſt es die Frucht der eignen ſitt⸗ lichen Bildung. Pflichtgefühl und Grundſätze müſſen die meiſten zu den Handlungen des Wohl⸗ wollens bewegen, welche, oft wiederholt, die Maxime erzeugen, und endlich in die Geſinnung uͤbergehen. Die Maäͤnner haben an ihrem Egois⸗ mus einen böſen und mächtigen Feind; der Drang des Thätigkeitstriebes, die Regſamkeit aller Kräf⸗ te, die Heftigkeit des Temperamentes erſticken häufig ſchon frühe das zarte Gefühl. Unter den Erweiterungen der Menſchenkenntniß erkaltet haͤu⸗ fig das Herz. Nicht ohne große Anſtrengung er⸗ langen ſie es über ſich, auf andre Rückſicht zu nehmen; es wird ihnen leichter, zum Beſten der⸗ ſelben mit bedeutenden Aufopferungen zu wirken, als ihrer zu ſchonen. Haben ſie ſich aber einmal zum Wohlwollen empor gearbeitet: dann, ge⸗ winnt es auch in ihnen eine Hoheit, eine Ener— gie und einen Umfang, zu welchen ſich die weib⸗ liche Herzensgüte nie zu erheben vermag. Män⸗ ner tragen die Menſchheit im Herzen, und wei— hen ſich für ſie freudig der Qual und dem Tode; während die Frauen nur für den Einzelnen füh⸗ len, dulden und thätig ſind, aber darin nicht we⸗ niger herrlich das Edle darſtellen. Die weibliche Herzensgüte iſt mehr Sache des Gemüthes. Die Pflicht hat daran weni⸗ ger Theil, als das Gefühl und der angeborne Trieb. Es iſt den unverdorbenen Frauen ſo ei⸗ gen, gut zu ſeyn gegen jeden, und jedem, ſo viel an ihnen iſt, Gutes und Liebes zu erweiſen. Dazu bedarf es keiner Vorſchrift, keines Grund⸗ — 2 380 ſatzes, keines Zwanges. Es iſt nichts zurück zu drängen oder zu überwinden. Sie denken kaum daran, daß ſo gehandelt werden muß; denn ſie können faſt nicht anders. Freilich bedarf dieſe natürliche Güte des Herzens der Leitung des moraliſchen Sin⸗ nes: freilich muß der Wile ſie nach ſittlichen Re⸗ geln bald beſchränken, bald erweitern, bald in ih⸗ ren Bewegungen umgeſtalten, bald in ihren Rich⸗ tungen verändern, damit ſie aufhören Inſtinkt zu ſeyn, und empfangen die Weihe des Edelſten im Menſchen. Aber auch in dieſer Veredlung iſt ihr Urſprung aus dem Herzen unverkennbar; allem, was durch ſie geſchieht, ſieht man es an, daß es aus dem Herzen gekommen iſt; in allem iſt die Fülle, die Wärme und die Innigkeit des Herzens; in allem iſt etwas, das nur das Herz mittheilen konnte, das aber keine Worte auszuſprechen ver⸗ mögen. Die wahre Güte muß man immer be⸗ wundern; ſie iſt ein ſinniges, reiches, ſchönes Le⸗ ben. Was das gute Weib Erauickendes redet, Erleichterndes und Erfreuendes thut, das läßt ſich weder nachahmen, noch auf Regeln zurück führen; das Herz hat es ſo eingegeben. Daher rührt das Leichte, Unbefangene, Kunſtlofe, Ein⸗ fältige darin. Daher rührt, daß, was das guter Weib gewaͤhrt immer das Wohlthuendſte. Der kalte Verſtand würde das meiſte anders einrichten, aber durchgängig ſchlechter. Er würde mit mehr überlegung zu Werke gehen, aber darüber oft den günſtigen Augenblick verſaͤumen, und nicht ſelten ſſich in feiner eignen Klugheit fangen. Er würde die Gründe gegen einander abwägen, und doch das Beſte verfehlen. Die weibliche Herzensgüte zeigt ſich, zuvörderſt, als innige Theilnahme. Theilnahme iſt mehr als Mitgefühl. Das Mitgefühl iſt eine Gabe der Natur, und ſeine Anregung etwas Zufälliges. Die Theilnahme aber iſt im Gemüthe, und ſteht unter dem Ein⸗ fluſſe des Willens. Was des Menſchen Mitge⸗ fühl in Anſpruch nehmen werde muß er erwar⸗ ten; er kann nichts thun, als die Empfänglichkeit dafür kultivieren; aber woran er Theil nehmen werde, das ſteht bei ihm ſelbſt. Indeß wird die Theilnahme doch durch ein zartes Mitgefühl ſehr erleichtert; wie auf der andern Seite dieſes durch jene wieder belebt wird. Die Theilnahme ent⸗ ſteht aus dem Intereſſe für das Ergehen andrer. In der Seele des theilnehmenden Weibes iſt das — Fremde und Eigne in genauem Zuſammenhange. Alles Menſchliche erſcheint ihm als ſein Eignes. Daß niemand leide, daß jedem wohl ſey, das iſt der mächtigſte Wunſch ſeines Herzens. Darum iſt es immer aufmerkſam auf andre. Es fühlt ſich angezogen, es kann nicht gleichgültig vorüber⸗ eilen, und wenn es das könnte, es würde ſich ſelbſt nöthigen zu verweilen, wo es die Zeichen menſchlichen Schmerzens wahrnimmt. Es iſt ihm Bedürfniß jeden Eindruck deſſelben in ſich aufzu⸗ nehmen, ſich ganz in die Lage deſſen zu ſetzen, dem etwas fehlt. Beſonders ſchön äußert ſich die Theilnahme des weiblichen Herzens bei den Unbequemlichkei⸗ ten und Leiden ſolcher Menſchen, die ihm näher ſind. Es iſt nicht geläufige Sprache des Mun⸗ des, es iſt das Wort der fühlenden Seele, wo⸗ rin es ſich nach unſerm Befinden erkundigt. Das verräth ſein ſtilles Sinnen und Forſchen nach den Veränderungen unſers Zuſtandes, wo es fürchten muß, uns durch Fragen beſchwerlich zu fallen; das verräth ſeine ſtille Trauer, wenn es ſchlim⸗ mer— das verräth ſein heitres Geſicht, wenn es beſſer mit uns geworden iſt. Immer möchte das gute Weib um den Leidenden ſeyn, damit es im— mer wiſſe, wie es mit ihm ſteht, und damit er nicht allein leide. Oft ſtößt die männliche Rauh⸗ heit die liebende Theilnahme, als etwas Läſtiges, zurück; aber ſie hört darum nicht auf. Sie wird nur milder, und innerlich ſorgſamer. Die quaͤ⸗ lendſten Empfindungen können ſie nicht abhalten, dem ſchönen Bedürfniſſe genug zu thun. So tief kann kein Mann fühlen, wie andern zu Mu⸗ the iſt, ſo geſchickt kann kein Mann das fremde Gefühl in ſeinen feinſten Schattirungen auffaſſen, und am Außern vernehmen, was im Innern vor⸗ geht, wie das Weib mit dem guten Herzen. Die weibliche Herzensgüte zeigt ſich, zweitens, als Schonung. Wie könnte es daran dem guten Weibe fehlen, das ſo zart fühlt, und für das Wohl andrer ſo beſorgt iſt. Angelegentlich ſucht es alles zu vermeiden, was einem Menſchen wehe thun möchte. Angelegent⸗ lich hüthet es ſich, an etwas zu erinnern, woran erinnert zu werden jemand ſchmerzlich iſt. Ange⸗ legentlich achtet es auf ſeine Worte, daß darin nichts Beleidigendes oder Anzügliches ſey; und iſt ihm ſo etwas in unvorſichtiger Lebhaftigkeit ent⸗ fallen, ſo empfindet es das nicht anders, als wenn es ſein theuerſtes Geheimniß verrathen hätte. Es koſtet ihm oft mehr Uüberwindung, je⸗ mand Beſchwerliches zu befehlen, als es ſelbſt zu 384 verrichten. Jemand Vorwürfe machen, kann es faſt nur in einem gereitzten Zuſtande. Sanft und freundlich ſind ſeine Verweiſe, wenn auch der Nachdruck und die Strenge noch ſo nöthig ſeyn ſollten. Das ſtrafende Wort verwandelt ſich in ein Wort der Liebe, ehe es über die Lippen kommt. Hat jemand einen Kummer in ſeinem Gemüthe: wie leiſe wird dann das berührt, was mit demſelben in einiger Verbindung ſteht, wie emſig wird dann alles entfernt, was dieſen ver⸗ mehrin würde, welche Anſtrengungen werden auf⸗ gebothen, daß ja nichts Verdrießliches hinzukom⸗ me! Iſt jemand eine unangenehme Nachricht zu bringen: wie weiß das gute Weib ſie vorzuberei⸗ ten, einzukleiden, zu mildern, wie verliert ſie in ſeinem Munde ſo oft den größten Theil ihrer Bitterkeit! Männer können ſich ſelten in die Lage eines weichen Gemüthes verſetzen, weil ſie ſelbſt ſelten weich ſind. Darum ſchonen ſie meiſtens nur das Recht, und vermeiden nur die heftigern Ver⸗ wundungen des fremden Gefühles. Das gute Weib ſchont alles, jede Eigenthümlichkeit, die übertriebene Empfindlichkeit, die Schwäche, das Vorurtheil und den Fehler. Sein zarter Sinn pen nem was wie ver⸗ auf⸗ tome offenbart ihm auch ſchnell und richtig, was wohl im Stande wäre, jemand zu kränken. Die weibliche Herzensgüte iſt, drit⸗ tens, Beſtreben Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen. Dem guten Weibe liegt eine Laſt auf dem Herzen, wenn es andre leiden ſieht, und immer wird es vom Herzen getrieben, zu vermindern, was andre drückt und beengt. Es iſt ihm nicht darum, daß es des unangenehmen Mit⸗ gefühles los werde; daran denkt es nicht, über dem andern hat es ſich vergeſſen. Es denkt an nichts, als daß es beiſtehen muß und will; das Beiſtehen ſelbſt iſt ſein Bedürfniß. Geben ſcheint ihm das Geringſte. Wäre ihm das, was es ge⸗ ben ſoll, glelchſam an die Seele gewachſen; es würde ſich doch nicht weigern, es würde ihm nicht einmal beſchwerlich dünken. Es achtet nicht darauf, daß es ſelbſt entbehren muß; ſein Letztes und ſein Liebſtes gibt es hin, damit andern ge⸗ holfen werde. Wenn es ſich wünſcht, recht viel zu haben, ſo iſt es, damit es recht viel geben könne. Es iſt auch immer bereit, jeden Dienſt zu leiſten, der von ihm gefordert werden mag. Doch es wartet nicht, bis Dienſte gefordert werdenz 25 es ergreift jede Gelegenheit, die ſich ihm anbeut, es forſcht ſelbſt nach, ob nicht irgendwo durch ſeine Dienſte geholfen werden könne; und hier iſt es eben ſo reich im Erfinden als im Leiſten. Sorgſam wird erſpäht, was, wenn auch nur klei⸗ ne, Unterſtützung gewährt; und ſelten bleibt ein wirkſames Mittel verborgen, jedes wird verſucht, wobei einige Hoffnung iſt. Das Läſtige erregt kei⸗ ne Klage, das Langwierige und Mühſame macht nicht müde. Warten und Pflegen iſt ihm ein ſüßes Geſchäft. So kann niemand für ſich ſelbſt bemüht ſeyn, wie das gute Weib es iſt, um an⸗ dern Erleichterung zu verſchaffen. Und wie wird alles ſo herzlich und ſo freundlich gethan! Mit welch einem heitern Geſichte wird alles gereicht? Wie groß iſt das Entzücken, wenn der Leidende ſich erquickt fühlt! Eben ſo iſt das gute Weib im Tröſten. Dee wirkſamſte Troſt kommt immer von den Frauen⸗. Unerſchöpflich iſt ihr Geiſt an Gedanken, die für das Unangenehmne eine frohere Anſicht gewähren; das fromme Gemüth gibt dieſen Gedanken dis Wärme, und das gute Herz läßt ſie nicht ver⸗ droſſen werden, wenn ſie lange mit der Heftig⸗ keit, der Ungeduld und den Vorurtheilen des Lei⸗ denden kämpfen muſſen, ehe ſie Eingang finden⸗ und wenn das kaum beſänftigte Gefühl immer wieder zu neuen wilden Ausbruͤchen erwacht. Das gute Herz gibt dem tröſtlichen Geſpräche der Frauen jene ſtille Gewalt, wodurch es ſich des fremden Herzens bemächtigt, und wodurch mehr ausgerichtet wird, als durch die einleuchtendſte Darſtellung der Wahrheit. Das gute Weib trö⸗ ſtet nicht aus Pflicht, ſondern weil es gerne den Gram mildern möchte. Hiermit iſt verbunden das Beſtreben Freude zu machen. Die Freude, die das gute Weib andern bexeitet, iſt ſeine beſte. Al⸗ lein— möchte es ſich gar nicht freuen. Im In⸗ nerſten der Seele ehut es ihm wohl, wenn es et⸗ was veranſtalten kann, was andre gerne haben. Wenn Männer auch gegen fremde Leiden nicht gleichgültig ſind; ſo iſt ihnen doch die Beförde⸗ rung fremder Freude ſelten nie ein angelegentli⸗ ches Geſchäft. Im mühſeligen Leben wird ihnen ſelbſt die Freude ſo oft fremd. Leichter huldigen ſie der Pflicht zu bilden, zu nützen, im Ganzen Betes zu bewirken. Die Frauen bewahren die Freude in ihren Herzen; und weil dieſes Herz in der Freude ſelig iſt, darum iſt ihnen auch die Freude köſtlich; und weil dieſes Herz voll Güte iſt, darum verbreiten ſie gerne die köſtliche Freu⸗ . de uber alles, was ſie erreichen können. Freude ſollte das Weib ſchon in ſeinem Daſeyn geben; wie viel mehr denn in ſeinem Wirken— und beſonders im Kreiſe derer, die ihm die liebſten ſind! Hier ſteht die Freude in ewiger, tauſend⸗ fältiger Blüthe; hier entkeimt ſie immer friſch und neu dem zarten und reichen Herzen. Endlich iſt die Herzensgüte des Wei⸗ bes Geneigtheit zu reſigniren und zu vergeben. Das gute Herz iſt noch mächtiger, als der Hang zu widerſprechen, und Recht zu be⸗ halten. Das Weib mit dem guten Herzen ſteht willig von gegründeten Anſprüchen ab, wenn es fürchtet, andre durch dieſelben zu beſchränken; es nimmt als Gunſt dankbar an, was es fordern durfte. Wenn ihm Beſcheidenheit und Delica⸗ teſſe geſtatteten, mit Nachdruck zu behaupten: ſo würde es ihm der Sinn des Wohlwollens un⸗ möglich machen. Nichts iſt ihm drückender, als Spannung und Streit; es läßt alles fahren, es läßt ſich jede Behandlung gefallen, die nur ſeiner Ehre nicht zu nahe tritt, damit jene vermieden werden. Es ſchweigt, wenn der Ungeſtüm laut wird; es bleibt gelaſſen, wenn Vorwürfe und harte Reden ſein Herz verwunden; denn ſanft iſt die Güte. Und ſollte es zuweilen der Beleidi⸗ ſteht n es z es dern elica⸗ gung zürnen; es kann das nicht lange, mit Hand und Herz biethet es Verſöhnung an; ein freund⸗ licher Blick bringt alles in Vergeſſenheit, und dann iſt allein ſeine Sorge, daß dem, von wel⸗ chem es gekränkt ward, das Andenken daran nicht ſchmerzlich werde. Gerne nimmt es darum ſchuld⸗ los die Schuld auf ſich. Das wahrhaft gute Weib duldet nicht, daß man es um Vergebung bitte; denn es iſt ihm unerträglich, daß jemand vor ihm gedemüthigt erſcheine. Nur von frohen Empfindungen möchte es alles um ſich her erfüllt ſehen. Heimliches Grollen, mürriſches Tadeln ſolcher Dinge, deren längſt nicht mehr gedacht ſeyn ſollte, ſtill genährte Begierde ſich zu rächen, find freilich Fehler, die man häufig bei den Frau⸗ en antrifft; nie aber findet man ſie bei denen, in welchen die Gute Geſinnung des Herzens ge⸗ worden iſt. Wie könnte man anders, als das Weib, in dieſer Güte ſeines Herzens, bewundern und lie⸗ ben? Was ſind dagegen alle Gaben der Natur und alle Bildungen der Kunſt! Sey das Weib mit dem Beſten ausgeſtattet, was beide zu geben vermögen; man wendet ſich doch kalt von ihm weg, wenn es kein gutes Herzhat; dann ſehlt ihm die Seele edler Weiblichkeit. Nur geiſt⸗ und herzloſe Schmeichler, nur Maͤnner, die ſich nicht verſtehen auf menſchlichen Adel und weibliche Trefflichkeit, können hier noch bewundern. Es iſt eine Art von Entſetzen, womit wir bei Wei⸗ hern, an denen wir viel Achtungswehrtes fanden, ſolche Züge gewahr werden, die auf den Mangel eines guten Herzens ſchließen laſſen. Güte des Herzens iſt derjenige weibliche Vor⸗ zug, der uns nicht nur das Weib zu einer inte⸗ reſſanten Erſcheinung macht, ſondern ihm auch unſer ganzes Gemüth gewinnt. Sie allein ver⸗ mag daſſelbe dauerhaft zu feſſeln. Alles andern wird man endlich ſatt; aber von dem guten Her⸗ zen fühlt man ſich immer angezogen. In der Nähe des guten Weibes iſt jeder gerne, wenn er auch von dieſer Güte nichts erwartete. Aber es gibt kein Verhältniß des Lebens, das nicht durch weibliche Herzensgüte annehmlicher and ſchöner würde. BVon dem guten Weibe erfährt jeder et⸗ was, das ihm im Innarſten der Seele wohl thut⸗ Der verſtändige Mann geht hei dem ſchönen geiſt⸗ reichen Weibe vorüber, und wählt ſich das gute Weib, ob es gleich weder ſchön noch geſſtreich iſt⸗ zur Gateinn; nie kommt die Zeit, wo er Ulrſache ——— 0 000,⸗ hat, das zu bereuen. Nur in dem Maße kann das Weib uns etwas ſeyn, als ſein Herz gut iſt. Güte des Herzens iſt das Belebende in der Geiſtesbildung; von jener kommt dieſer die Fuüͤlle, die Waͤrme und die edle Einfalt. Und was iſt der gebildeteſte Geiſt, wenn nicht das gute Herz ihn lehrt, wie es ſeine Schätze verwenden ſoll! Herzensgüte ſchließt immer ſchon einen großen Reichthum in ſich, wenn auch für den Geiſt we⸗ nig geſchehen iſt. Aus dem guten Herzen quillt unaufhoͤrlich hervor, was das Daſeyn erfreut. Selbſt rohe Menſchen verweiſen oft mit Rührung bei den Offenbarungen weiblicher Herzensgüte: und weibliche Herzensgüte ſpricht oft mildernd und beruhigend in das trauernde Gemuth, das ſonſt nichts zu tröſten vermochte. Es iſt nicht zu läugnen, die ſchwache Gute der Frauen hat vielen Schaden geſtiftet. Muß denn die Güte der Frauen ſchwach ſeyn? Als bloßer Trieb des weichen Gemüthes, iſt ſie es al⸗ lerdings; aber nicht als moraliſche Geſinnung des Herzens, und als ſolche verdient ſie doch erſt den Namen wahrer Gute. Indeß find ſelbſt durch die ſchwache Güte der Mütter lange nicht fo viei Soͤhne verdorben worden, als durch den deſpott⸗ ſchen Eigenſinn, durch die kalte Haͤrte und die 392 . leidenſchaftliche Heftigkeit der Väter. Auch iſt das Verderben, das jene erzeugt, lange nicht ſo groß, als das Verderben, das dieſe verſchuldet. Oft haben gute Frauen durch Schonung und ſanfte Pflege das noch gerettet, was der Unge⸗ ſtüm der Männer verloren gab, oder wohl gar ſelbſt zu Grunde richtete. Zuverſichtlich kann man behaupten: es würde alles viel ſchlimmer in der Welt ſeyn, es würde weit mehr Böſes und Unheilbringendes geſchehen, wenn nicht das gute weibliche Herz, durch ſtille Leitung und milde Uberredungskraft, ſo viel üͤber den rauhern Sinn der Männer vermöchte. Nur die Güta verſteht ſich darauf, das Gute zu ſehen, hervorzuziehen, zu benutzen, auszubilden, und zum frohen Ge⸗ nuſſe zu bereiten. Gewiß muß man den glücklich preiſen, der den erquickenden Einfluß dieſer weib⸗ lichen Güte an ſich erfährt; ihm iſt das freunde lichſte Loos gefallen, das dem Menſchen auf Er⸗ den werden kann. Herzensgüte iſt das vorzüglichſte Talent des Weibes zur Erziehung. Steht ſie unter der Auf⸗ ſicht der Weisheit, dann empfängt das jugendli⸗ che Gemüth von ihr die wohlthätigſten Eindrücke und die edelſte Bildung. Das Weib ohne Her⸗ zensgüte wird entweder ſeine Kinder ganz ver⸗ —N⸗ wahrloſen, oder es wird ſelbſt in ihnen das Schlechteſte hervorbringen, und jedes Gute un⸗ terdrücken. Aus der Herzensgüte entſteht die Liebe. Liebe iſt nichts andres, als Güte, die, tief in das Herz gedrungen, ſich mit aller Wärme des Herzens vereinigt hat, und ſo die lebendige Kraft des Herzens geworden iſt. Das Weib, dem es an Güte des Herzens fehlt, kann wohl durch Sinn und Eitelkeit flüchtig berauſcht wer⸗ den; aber es iſt nicht fähig, ſich dauerhaft für et⸗ was zu intereſſieren, und noch weniger, ſich in ſchönem Selbſtvergeſſen für etwas aufzuopfern. Dem guten Herzen wird es bald Bedürfniß, ſich ungetheilt und ewig hinzugeben. Den dornehm⸗ ſten Theil feiner Beſtimmung, und das, wovon ihm die höchſte Stärke kommt, kann das Weib nicht anders erreichen, als durch Güte des Her⸗ zens. Güte des Herzens ſteht mit allen ſeinen Tugenden in Verbindung, viele ſind allein ihr Werkz; jede wird durch ſie belebt und verebelt. Darum muß Güte des Herzens auch in Ihnen ſelbſt zur Freude warden, wie die Reinheit in Ihnen Friede wird. Die Reinheit bringt Eintracht in Ihr Gemüth, die „ Güte erhebt dieſe zur fröhlichen Harmonie. In ——. — 34N dem wahrhaft guten Herzen kann kein Wider⸗ ſpruch und keine Anklage mehr ſeyn. Die Thoͤ⸗ tigkeit, wozu das gute Herz antreibt iſt der menſchlichen, und beſonders der werblichen Natur am meiſten angemeſſen; ſie wird bald glückliche Gewohnheit; und man fühlt ſich, auch abgeſehen von dem, was ducch ſie gewirkt wird, in ihr ſe⸗ lig. Das erquickende Wort und die hülfreich⸗ That müſſen dem Herzen, das ſie eingab⸗ ſelbſt wohl thun. Was Menſchen glücklicher macht, kann von dem zarten Gemüthe des Weibes nicht anders, als freudig empfunden werden. Die Eu⸗ leichterung, die Sie geben, wird Ihnen ein ſü⸗ ßer Lohn— die Freude, die Sie andern berei⸗ ten, wird Ihnen eine noch viel größere Freude ſeyn. Das gute Herz wird Sie lehren, mit Ent⸗ zücken an Gott denken, es wird Sie lehren Gott lieben, mit dem Himmel in der innigſten Be⸗ freundung leben, und von ihm alles erwarten. Duech dieſe Gute des Herzens trefflich und glücklich zu werden, kann Ihnen nicht ſchwer fal⸗ len; da Sle in dem Eigenthümlichen Ihrer Na⸗ tur ſo vieles beſitzen, was dieſelbe unterſtützt. Selbſtſucht und Sinnlichkeit ſind die bedeutend⸗ ſen Hinderniſſe, mit welchen ſie zu kaͤmpfen hat. Ihnen ward ein ſanftes Gemüth zu Theil; das Gefühl Ihrer Schwäche lehrt Sie Anſpruchsloſig⸗ ket und Ergebung; während im Manne immer die Kraft ſich geltend machen will, während das Bewußtſeyn derſelben ihm eine hohe Meinung von ſich ſelbſt einflößt, und das Vermögen, ſich vieles zu verſchaffen, den Trieb erzeugt, alles an ſich zu geißen. In Ihnen ſind die Begierden der Sinn⸗ lichkeit weniger heftig. Sie ſtehen ſchen von felbſt in einem beſſern Ebenmaße; der milde Sinn and das feinere Gefühl ſetzen Sie in den Stand, dieſelben, ohne viele Mühe, noch mehr zu be⸗ ſchränken. Was den Menſchen vom Menſchen ab⸗ fendert, was ihn dahin bringt, daß er alles auf ſich allein bezieht, das vermag weniger im weibli⸗ chen Herzen. Dagegen iſt dieſes Herz weicher, empfängli⸗ cher für das, was von andern kemmt; leichter nimmt es in ſich auf, und treuer bildet es in ſich nach, was in fühlenden Weſen vorgeht. Durch Hülfe Ihrer lebhaften Phantaſie können Sie ſich beſſer in den fremden Zuſtand verſetzen. Mitge⸗ fühl iſt noch nicht Herzensgüte; aber es iſt die Grundlage derſelben. In tauſendfacher Hinſicht finden Sie ſich ab⸗ hängig von andern. Der Sinn und Wille an⸗ drer entſcheibet ſo oft über Ihr Schickſal. Sie müſſen ſich ſo oft an andre wenden, an andern halten, durch andre aufrichten. Sie haben weit mehr Bedurfniſſe des Geiſtes, des Herzens und des äußern Lebens, die nur durch andre befriedigt werden können. Es iſt unvermeidlich, daß da⸗ durch mehr Intereſſe für andre in Ihnen geweckt wird, das dies Sie mehr gewöhnt, auf andre zu merken, und Ihre Angelegenheiten den Angele⸗ genheiten andrer nachzufetzen. Sie müſſen ſo oft die Menſchen durch Güte gewinnen, daß die Handlungsweiſe der Güte Ihnen dadurch bald eigen wird. Auch die frühern Verhältniſſe des Lebens be⸗ gunſtigen bei Ihnen die Güte des Herzens. Von der mütterlichen Liebe empfangen ſie länger und mehr Eindrücke, als das Geſchlecht der Männer⸗ Wo die Erziehung in dieſen den Verſtand und die Ehrbbegierde anregt, da pflegt ſie in Ihnen die Liebs. Sie bleiben unter dem Einfluſſe der ſüßen, erweichenden, beſänftigenden Verbindun⸗ gen des häuslichen Lebens, während die Männer ſchon frühe hinaus müſſen in die Welt. In dem befreundeten Kreiſe der Ihrigen ſtimmt alles zur Innigkeit, zur Anhänglichkeit, zur Zaͤrtlichkeit und zur Treue, während jene in der Welt bald gereitzt, bald gehärtet, und in beiden Fällen im Egoismus beſtärkt werden. Viel, viel hat die Natur dafür gethan, daß freundliche Güte das Herrſchende in Ihrem Ge⸗ müthe würde. Es kommt nur darauf an, daß Sie die Anlagen zu derſelben bewachen und ſorg⸗ fältig entwickeln, daß Sie die günſtigen Umſtän⸗ de in ſittlich religiöſer Selbſtbildung benutzen, daß Sie durch Pflichtgefühl und Frömmigkeit die edeln Triebe des Herzens heiligen. Dies iſt ſchon an ſich nöthig; weil ohne das das gute Herz zahlloſen traurigen Verirrun⸗ gen ausgeſetzt iſt, und wenig wahren Wehrt hat. Was dem Weibe wahren Wehrt geben ſoll, das muß von einem ſittlichen und religiöſen Geiſte er⸗ füllt ſeyn. Es wird aber noch nöthiger, da in der Natur und in den Verhältniſſen der Frauen auch vieles iſt, was der Güte des Herzens in den Weg treten könnte. Eigenſinn, Eitelkeit, Neid, Hang zum Intriguiren und beſtändiges Weltleben haben ſchon vielen Frauen dieſen köſtlichen Vor⸗ zug gänzlich genommen. Wie ſoll doch das Herz des Weibes gut bleiben, dem es immer Bedürf⸗ niß iſt, einen eignen Sinn zu haben, und die— —— ſem zu folgen? Iſt es nicht unvermeidlich, daß dieſes Herz endlich hart werde, und ganz verler⸗ ne, auf andre zu achten? Das eitle Weib will nur gefallen; es gewöhnt ſich die Menſchen bloß darauf anzuſehen, ob es bei ihnen vdetheilhafte Eindrücke macht; oft ſind ihm Menſchen hinder⸗ lich, es muß ſie bekaͤmpfen; oft kommen ſie ſei⸗ nen Wünſchen nicht entgegen, es muß ſie haſſen. Aus der Eitelkeit entſpringt der Neid, wobei man gegen jeden übel gefinnt iſt, von deſſen Vorzügen man ſich gedrückt fühlt, und die Fähigkeit, ſich wohlwollend zu intereſſieren, ſich immet mehr verringert. Das intrigante Weib kann nichts lieben, als ſeinen Scharfſinn; ſein Herz muß im⸗ mer kälter werden. Im beſtändigen Weltleben verlieren ſich die zarten Empfindungen des Her⸗ zens. Das Weib, welches ſich ihm ergeben hat, wird ſchwerlich an irgend einem menſchlichen Er⸗ gehen Antheil nehmen. Es ſucht nur ſeine Freu⸗ de— und dieſe in ſinnlicher Luſt und Zerſtreu⸗ ung. Es flieht alles, was ſie ſtört— am mei⸗ ſten den Anblick des Elendes. Ihm bleibt wedet Zeit noch Neigung, ſich um andre zu dekümmern. Sinnlichkeit und Selbſtſucht wurzeln immer tie⸗ fer in ſeinem Gemüthe, und führen zu immer größerer Entartung und Verwilderung. daß erler⸗ Es iſt umſonſt, daß Sie die glücklichſten Anlagen zur Herzensgüte empfangen haben, daß die zahlreichſten Umſtände dieſetbe begunſtigen, wenn Sie ſich den genannten Fehlern dahin ge⸗ den. Sie müſſen gegen dieſelben auf Ihrer Huth ſeyn, Sie müſſen ihnen ernſtlich entgegen arbeiten, wenn Ihr Herz gut bleiben ſoll. Sind aber die Empfindungen des Wohlwollens durch jene Fehler ſchon geſchwächt worden: dann thut es vorzüglich Noth, dafür zu ſorgen, daß ſie nicht ganz unterdrückt werden. Verſetzen Sie ſich oft in ſolche Lagen, welche dieſe Empſindun⸗ gen anregen; nöthigen Sie ſich oft zur theil⸗ nehmenden Aufmerkſamkeit auf die Schickſale andrer Menſchen; erinnern Sie ſich in ſolchen Augenblicken, wo Ihr eignes Herz empfindlich angegriffen iſt, der vielen, die auf Erden leiden; prägen Sie ſich da tief ein, wie einem Leidenden zu Muthe iſt, und wie Ihnen der tröſtliche Zuſpruch und die thätige Hülfe andrer ſo er⸗ quickend war; benutzen Sie alles, was das Ge⸗ fühl erweicht und verfeinert; und wenn Sie das Herz zuweilen nicht treiben ſollte, dann fol⸗ gen Sie dem Rufe der Pflicht, Beiſtand zu lei⸗ ſten and Freude zu machen, Sie werden hier Freude empfinden, und dieſe wird das kalte Herz erwärmen; echte Religioſität wird dieſe Wärme erhöhen. So werde denn wohlthuende, freund⸗ liche Güte immer mehr die Stimmung Ihres Ge⸗ müthes, der Geiſt Ihrer Geſchäftigkeit und die Quelle Ihrer ſchönſten Genüſſe. Heri aärme und⸗ Ge⸗ ddie Sechszehnte Rede. 9 000000000,00 Weibliche Schwaͤche. Da weibliche Schwäche iſt faſt zum Spruͤch⸗ worte geworden. Faſt allgemein glaubt man die Natur des Weibes richtig und genau bezeichnet zu haben, wenn man es ſchwach nennt. Mit ſei⸗ ner Schwäche entſchuldigt man ſeine Thorheiten, übereilungen und Fehltritte. Um ſeiner Schwä⸗ che willen macht man ſich Schonung zur Pflicht, und ſieht ſeinen Launen nach. Seiner Schwäche wegen hält man ihm manches zu Gute, was man ihm ſonſt nicht ſo hingehen laſſen würde. Auf 26 ſeine Schwäche beruft man ſich, indem man es von ſolchen Beſchäftigungen ansſchließt, die mit tiefer Einſicht, mit höherm Muthe und mit grö⸗ ßerer Standhaftigkeit behandelt ſeyn wollen. Auf die Schwäche des Weibes baut der Ver⸗ fuͤhrer ſeine Plans. Durch ſeine Schwäche ſucht er es zu bethören, wo die beßre Überzeugung und der edlere Sinn ihm im Wege ſtehen. Er zweifelt nicht, daß es ihm gelingen werde, weil das Weib ſchwach iſt. Mit dieſer Schwäche verſpottet man die Tu⸗ gend und die Würde des Weibes. In allem will man ſie wieder finden. Seine beſten Ge⸗ fühle und Handlungen hat man aus ſeiner Schwäche zu erklren verſucht, oder man hat Verunſtaltungen der Schwäche an ihnen nachge⸗ wieſen. Seine trofflichſten Werke bewundert man mit dem Zuſatze: wenn dech die weibliche Schwä⸗ che daran beſſer verdeckt wäre, oder ſich davon trennen ließe Selbſt ſein Edelmuth ſoll eine: Überwallung des wohlwollend ſchwachen Herzens ſeyn, und wo es alles hingibt ſoll es nur gege⸗ ben haben, weil es den Drang nicht überwinden konnte. Was die Natur nicht beſſer ausſtattete, meint man, das habe ſie auch nicht ehren wol⸗ len, und man dürfe ſich wohl eine geringſchätzen⸗ lem Ge⸗ einer hat hge⸗ man de Behandlung deſſelben erlauben. Die Schwa⸗ che iſt die Entſchuldigung des Leichtſinnes, wenn er das Weib zu ſeinem Spielwerk und Zeitver⸗ treibe erniedrigt, ſeinen Gebrechen ſchmeichelt, und ſich an ſeinen Fehlern beluſtigt. Schwäche iſt die Verantwortung der Frechheit, wenn ſie den Adel des Weibes verhöhnt, und ſeine gehei⸗ ligten Menſchenrechte mit Füßen tritt— und des Uübermuthes, der das Weib gerne nur dulde⸗ te, wo er es achten ſoll. Daß in dieſen Folgerungen und Maximen viel Übertriebenes, Einſeitiges, Falſches und ſich ſelbſt Widerſprechendes iſt, wenn man auch die Behauptung, die ihnen zum Grunde liegt, zuge⸗ ben könnte, bedarf keines Beweiſes. Aber die Behauptung ſelbſt ſcheint nicht unbedingt wahr— ſie ſcheint es nur unter manchen Einſchränkungen und nähern Beſtimmungen zu ſeyn. Wenn uns das Weib auf der Einen Seite eine Schwäche zeigt, die unſer Mitleid fordert: ſo müſſen wir auf der andern nicht ſelten eine Stärke an ihm bewundern, deren wir uns kaum fähig fühlen. Es wird intereſſant und lehrreich ſeyn, hier⸗ über nähere Unterſuchungen anzuſtellen. Sich kennen in ſeiner Ohnmacht und in ſeinem Ver⸗ mögen, iſt das Erſte der Lebensweisheit. Auch Sie müſſen über die Schwäche und Stärke Ihrer Natur richtig urtheilen, um ſich überall ſo zu benehmen, wie es derſelben angemeſſen iſt. Laſ⸗ ſen Sie uns daher jetzt der Frage nachdenken: i ſt das Weib ſchwach? und, wenn wir uns dieſelbe beantwortet haben, die Folgerungen erwägen, die ſich daraus für den Sinn und das Verhalten des Weibes ergeben. Daß phyſiſche Schwaͤche dem Weibe mehr als dem Manne eigen iſt, kann nicht geläugnet werden. Der Körper des erſtern iſt zarter gebaut, darum auch verletzbarer. Die Verhältniſſe ſeiner feinern Theile können leichter zerſtört werden. Seine Organiſation iſt mit größerer Reitzbarkeit und Empfindlichkeit ver⸗ knüpft als die unſrige. Sein Bau ſchon verräth weniger Feſtigkeit, Selbſtſtändigkeit und ein ge⸗ ringeres Vermögen, äußern Erſchütterungen zu widerſtehen. Darum iſt das Weib manchen An⸗ fällen ausgeſetzt, denen wir entgehen. Darum iſt es öfter kränklich. Darum leidet es an vielen Übeln, die wir nur den Namen nach kennen. Darum welkt die blühendſte Geſundheit nicht ſel⸗ ten ſo fruͤhe dahin, um nie wiederzukehren. Für Reichthum ſund Fülle des Geiſtes gebildet, mußte das Weib dieſen köſtlichen Vorzug mit einer zer⸗ brechlichern Umgebung bezahlen. Damit es durch Anmuth und Schönheit entzücke, ward Zartheit und Schwäche ſein Erbtheil. Die körperlichen Kräfte des Weibes ſind, mit wenigen Ausnahmen, in welchen die Natur ſich ſcheint vergeſſen zu haben, viel geringer als die körperlichen Kräfte des Mannes. Es wirkt nicht mit der Energie und mit dem Erfolge, es kann nicht Laſten heben, Mächte bezwingen, Be⸗ wegungen veranlaſſen und Hinderniſſe entfernen, wie dieſer. Damit es Schutz und Schirm beim Manne ſuche, und ihm dafür ein freundlich ſchö⸗ nes Daſeyn im Hauſe bereite, ward es ihm un— tergeordnet. Auf weibliche Körperſchwäche und männliche Körperkraft iſt das Verhältniß gegrün⸗ det, von welchem der Friede und die Vollendung des Lebens ausgehen. In gewiſſer Hinſicht— nur nicht in der ſchlimmen Bedeutung des Wortes— iſt auch der Verſtand des Weibes ſchwächer. Schon daraus muß ein beträchtlicher Unterſchied entſtehen, daß die phyſiſchen Werkzeuge des Den⸗ kens in der weiblichen Natur reitzbarer ſind, daß ſie eine ſo ſtarke Spannung und eine ſo anhal⸗ tende Anſtrengung nicht ertragen, als in der männlichen. Aber auch in den geiſtigen Anlagen iſt der Unterſchied nicht zu verkennen. Das Weib ſieht das Nahe ſchärfer durch; aber ſein Blick reicht weniger in die Ferne. Es erräth, und ſammelt ſich ſchneller; aber es faßt und ver⸗ arbeitet nicht ſo viel. Es erſpäht die feinern Verhaͤltniſſe glücklicher bis ins kleinſte Detail; aber es erliegt dem, was ſich in großen Formen, in einem kühnen Zuſammenhange und in vielfa⸗ chen Verkettungen bewegt, was die Betrachtung lange feſſelt, und in weiten Kreiſen umher führt. Es hat mehr Klugheit, aber weniger Tiefſinn. Es weiß die Angelegenheiten des Lebens trefflich zu ordnen— aber in ſehr verwickelten Dingen ſelten ſich zu helfen. Alles, was einen großen Aufwand von Geiſteskraft erfordert, iſt außer ſei⸗ ner Sphäre. So war es der weiblichen Beſtim⸗ mung für die häusliche Welt angemeſſen. So konnte unter ſeiner Pflege Ordnung und Froh⸗ finn gedeihen. Im Manne wirkt der Verſtand freier und ſelbſtſtändiger. Er iſt das regierende Vermögen im Leben. Mit der Gewalt der Wahrheit, mit der eigenthümlichen Kraft ſeiner Grundſätze zwingt er die Leidenſchaft, und leitet den Willen. Bei ⸗ dem Weibe vermag er für ſich wenig. Er iſt feſt an das Gefühl gebunden, und wirkt nur in der Vereinigung mit dieſem wohlthätig. Die beſte Einſicht beſtimmt das Weib nicht, ſo lange ſie nicht ſein Herz gewonnen hat. Die überzeugung muß Empfindung werden, um ins Leben überzu⸗ gehen. Darum iſt der Gedanke an die Folgen ſeiner Handlungen ſo ſelten im Stande, die An⸗ triebe des gegenwärtigen Eindruckes zu überwin⸗ den. Darum hört es lieber auf das ſtille Be⸗ durfniß, als auf die prachtige Verheißung. Hieraus folgt nun von ſelbſt Schwä⸗ che des Herzens. Schwäche des Herzens iſt das geringe Vermögen, Eindrücke, die man em⸗ pfängt, auf eigenthümliche Weiſe zu verarbeiten, ihnen, wo es nöthig iſt, zu widerſtehen, ſeine Ruhe und ſeine Würde von ihnen unabhängig zu machen, und ſich ſelbſt immer getreu zu bleiben. Dieſes Vermögen muß um ſo geringer ſeyn, je geringer die ſelbſtſtändige Kraft des Verſtandes iſt. So zeigt es auch beim Weibe die Erfah⸗ rung. Wie leicht iſt ſein Herz zu gewinnen! Wie bald hat ein Reitz es gefeſſelt! Der fluͤch⸗ tige Schein, die augenblickliche Empfehlung, die glatte Oberfläche, die entfernte Verwandſchaft mit den jetzt in der Seele herrſchenden Gefühlen ſind oft ſchon hinreichend, es für eine Sache ſo einzunehmen, daß lſie ihm alles wird. Das er⸗ fäf weichende, treuherzige Wort findet ſelten Miß⸗ trauen. Es gibt weniges, wozu die warme, ta ſchmeichelnde Überredung, beſonders wenn die ru V Miene der Ehrlichkeit und des Wohlmeinens ſie 4 begleitet, es nicht zu bewegen vermöchten. Sel⸗ ten widerſteht es der, einiger Maßen beſchönig— ten Neigung, ſo lange es ſich nicht diejenige 1 Stärke erworben hat, welche die Frucht edler V Grundſätze und der angeſtrengten moraliſchen d Selbſtbildung iſt. ij Das weibliche Herz beſſtzt eine große Em⸗ lt pfänglichkeit für Eindrücke jeder Art. Es findet n intereſſant, was uns gleichgültig läßt. Es wird gerührt, wo wir kalt bleiben. Es wird mͤchtig angezogen, wo wir kaum etwas fühlen. Es liebt mit Leidenſchaft, wo wir nicht über die beſonnene Schätzung hinausgehen. Es iſt hingeriſſen, wo wir noch überlegen, ob etwas der Bewunderung wehrt ſey. Die angeregte Empfindung ſetzt ihre 1 Bebungen bis ins Innerſte fort, und läßt ſie da AW noch eben ſo laut tönen. Darum wird es ihm ſchwer zu prüfen, und noch ſchwerer dem zu fol⸗ gen, was die Prüfung gelehrt hat. Darum wird der innere Wehrt ſo oft für die glänzende Ge⸗ ſtalt hingegeben. Wo das Herz voll und warm Riſt, wie ware da noch der richtende Verſtand zu befragen? Unvermeidlich iſt es da, vielfach ge⸗ täuſcht und betrogen zu werden. Der Verfüh⸗ rung koſtet es nicht viel, dieſes Herz ſich ſelbſt zu entwenden; und häufig genug geht ihm durch eignen Verrath der Friede verloren. Ganz vorzüglich zeigt ſich dieſe Schwäche des weiblichen Herzens, die aus dem überwältigenden der Empfindung entſteht, in zwei Fällen, nämlich da, wo die Liebe und da, wo die Eitelkeit in Anſpruch genommen wird. Aus Liebe thut das Weib, wozu es ſich, ohne ſie, um kei⸗ nen Preis verſtehen würde. Die Liebe verblen⸗ det es, zu rechtfertigen, und gut zu heißen, was der beſonnene Verſtand gleich für verwerflich er⸗ klärt. Die Liebe läßt es ſich ſelbſt vergeſſen, da⸗ rum auch alles, was es ſonſt zu beherzigen hat. In ihr ſammelt ſich alle Innigkeit des Gemüthes. Sie ſcheint ſo ſchuldlos und edel zu ſeyn, daß man nicht wohl für tadelhaft halten kann, was ſie eingibt. Was duldet die mütterliche Zartlich⸗ keit nicht! Wie viel kann man über ſie erlangen! Wie vielem ſieht ſie nach, wie vieles begünſtign ſie ſo gar, dem ernſtlich entgegen gearbeitet wer⸗ den ſollte! Wie oft ſchont ſie, wo Schonung oß⸗ fenbar Verderben iſt! Wie ſchwer wird es ihr, am Kinde den Fehler zu ſehen, und ſich zu Ver⸗ ſagungen oder zu einer härtern Behandlung zu zwingen, wo die einleuchtendſte Nothwendigkeit dafür ſpricht! Und was könnte das liebende Weib wohl dem Geliebten abſchlagen! Wie ger⸗ ne willigt es in ſeine Forderungen, wie ſchnell eilt es ſeinen Wünſchen entgegen, wie wenig weiß es von Bedenklichkeiten, wenn ihm eine Freude bereitet werden kann! Wie läßt es ſich leiten von dem, welchem es ſein Herz ergeben hat! Wie bald iſt es durch den Schein der Reue verſohnt! Wie bald hat es die Beleidigung und ſelbſt die Untreue vergeſſen! O, im Übermaße ſeines Wohlwollens, iſt es ihm ein Kleines, ſeine Ruhe aufzuopfern. Schwach zeigt ſich auch gewöhnlich das Herz des Weibes, wo die Eitelkeit in Anſpruch genommen wird. Ich meine nicht jene grö⸗ bere, leidenſchaftliche, im höchſten Grade ſelbſt⸗ ſüchtige Eitelkeit, die nur gefallen will, um zu herrſchen, die alles an ſich feſſeln, und durch je⸗ des Bewunderung erregen möchte. Dieſe verdirbt das Herz, ſie tödtet das ſittliche Leben. Bei ihr kann von Schwäche nicht mehr die Rede ſeyn. Ich meine iene feinere Eitelkeit, die'es eben nicht überall darauf anlegt, zu gefallen, die ſich aber gerne loben läßt, weil es wohl thut, wenn andre uns einen gewiſſen wehrt zugeſtehen. Von dieſer möchten wohl wenige Ihres Geſchlech es ganz frei ſeyn. Bei der vielfachen Abhängigkeit des Weibes, gewährt es ihm ein angenehmes Ge⸗ fühl der Sicherheit, wenn es Aufmerkſamkeit er⸗ regt und Billigung findet. Es iſt ſeine Beſtim⸗ mnng, auch dadurch, daß es ſelbſt gefällt, zur Verſchönerung des Lebens beizutragen. Da ge⸗ ſchieht es denn leicht, daß es das Gefallen etwas mehr bei ſich gelten läßt, als recht iſt. Iſt aber die Eitelkeit einmal rege, dann nimmt ſie bald die Lebhaftigkeit aller Neigungen an, und wird dem Herzen ein Fallſtrick. Man ahmt nach, wo⸗ durch andern Auszeichnung zu Theil ward, ohne erſt darüber nachzudenken, ob es auch das Rechte ſey. Man achtet nicht auf den innern Tadel, der ſich gegen die Thorheit erhebt, wenn man durch ſie gefällt; oder man überredet ſich, das könne doch ſo ſchlimm nicht ſeyn, was ſs viele liebenswürdig finden; oder man glaubt gar, das Urtheil der Welt verdiene dieſelbe Rückſicht, wie das Gefühl für das Wahre und Gute. Wer das eitle Weib lobt, der nimmt nach und nach ſein Herz gefangen. Auf ein günſtiges Vorurtheil ⸗ kann er ſicher rechnen. Kennt er das weibliche Herz, geht er mit Vorſicht zu Werke: dann wird er bald im Beſttze deſſelben ſeyn, und es bald einwiegen in den Rauſch ſüßer Bethörung. Endlich kommt es dahin, daß es zu allem bereit iſt, was der Eitelkeit ſchmeichelt. Man raäumt das Eine nach dem andern ein, bis man nichts mehr einzuräumen hat. Der Wunſch zu gefal⸗ len lockt auf gefährliche Wege, auf welchen man nicht gaut wieder zurück kann. Sie ſind nicht zu zählen die Unglücklichen, die als Opfer der Eitel⸗ keit gefallen ſind. Wenn viele Ihres Geſchlechtes ſchwach ſind durch die Innigkeit und Stäͤrke ihrer Empfindun⸗ gen: ſo ſind es andre durch ihre Flüchtigkeit und durch ihren leichten Sinn. Sie ge⸗ ben ſich jedem Eindrucke hin, ſie folgen jedem lebhaftern Antriebe, ohne darüber nachzudenken. Sie thun, was ihnen einfällt, wozu der gegen⸗ wärtige Augenblick ſie leitet, ohne ſich darum zu bekümmern, was daraus werden wird. Das Wichtige iſt ihnen Kleinigkeit, das Ernſthafte Spielwerk. Sie ſind das, was die Umſtände aus ihnen machen. Es iſt bald die ſinnliche Luſt, bald die Eitelkeit, bald die Zuneigung zu Men⸗ ſchen, wodurch dieſe ſie beſtimmen. Wie ſoll —.—— hier das Herz an ſich ſelbſt halten? Woher ſoll ihm das Vermögen kommen, dem Verderben zu widerſtehen, das es nicht einmal gewahr wird? Das leichtſinnige Weib iſt immer ein ſehr ſchwa⸗ ches Weib, verführbar und wankelmüthig in ho⸗ hem Grade. Es vergißt, was es ſich vorgenom⸗ men hat; es wird gleichgültig gegen das, was ihm das Theuerſte iſt. Seine Tugend ſteht im⸗ mer auf dem Spiele. Endlich iſt das weibliche Herz auch ſchwach durch die Gewalt, welche die jedesmali⸗ ge Stimmung über daſſelbe hat. In der Regel vermag dieſe bei den Frauen mehr, als die Einſicht und das bleibende Bedürfniß. Die Stim⸗ mung bildet ihre Anſichten, ihre Urtheile, ihre Neigungen und ihre Entſchließungen. Leicht ge⸗ winnt das ihr Herz, was der gegenwärtigen Stimmung zuſagt, ſo laut ſich auch das beßre Gefühl dagegen erklären mag. Sie lieben und haſſen, ſie wählen und verwerfen, wie die Stim⸗ mung es ihnen eingibt. Aber die Stimmung iſt wandelbar, und mit ihr des Weibes Sinn und Wollen. Iſt ſie eine würdige, die Stimmung des edeln Ernſtes, der Andacht, der moraliſchen Betrachtung, der heitern Ruhe: dann ſteht es wohl um das Herz. Aber die finſtre Stimmung e weckt den Unmuth, die Ungeduld, die Klage, das verdrießliche, ärgerliche Weſen; die fröhliche führt zur Ausgelaſſenheit, zum leichtſinnigen Selbſtver⸗ geſſen; die kalte macht gleichgültig gegen alles, wofür immer ein lebendiges Intereſſe im Herzen ſeyn ſollte. Daher kommen die einzelnen Stunden der Schwäche, die ſich im weibli⸗ chen Leben ſo häufig finden, und in denen ſo oft das Beſte verloren geht. Indeſſen auch die gün⸗ ſtigſte Stimmung bleibt bedenklich; weil ſie nie für ſich ſelbſt bürgen kann, und ohne anderwei⸗ tige Leitung vor Verirrung ſelten geſchützt iſt. So iſt denn allerdings vielſache Schwäͤche in der weiblichen Natur nicht zu verkennen. Aber aus allem, was wir bisher erwogen haben, folgt noch nicht, daß das Weib in jeder Hinſicht ſchwach genannt werden dürfe. Es beſitzt dage⸗ gen auf der andern Seite Anlagen zu einer aus⸗ gezeigneten Stärke, die ſich nicht ſelten herrlich entwickeln. Sey auch die Kraft des Verſtandes bei ihm geringer: durch die Wärme ſeines religib⸗ ſen Sinnes, durch die Lebhaftigkeit ſeines Pflicht⸗ gefühles, durch die Tiefe ſeines Gemüthes, durch die Feſtigkeit, die, alles was ihm einmal wichtig , geworden iſt, in ſeiner Seele empfangt, iſt es ei⸗ Iner Beſtaͤndigkeit fähig über die wir erſtaunen müſſen. Sogar vieles von dem, woraus ſeine Schwäche entſteht, kann, zweckmäßig geleitet, zur herrlichen Stärke werden. Die Reitzbarkeit und Innigket ſeiner Empfindungen, wodurch es ſo oft hingeriſſen wird, erzeugt in ihm das dau⸗ erhafte Anſchließen, den duldenden Muth, die ſiegende Treue im Herzen. Die Liebe, die es ſo oft bethört, ſetzt es in den Stand die größten Opfer zu bringen, die ſchwerſten Laſten zu tra⸗ gen, die härteſten Leiden zu übernehmen. Die Achtung für fremdes Urtheil, die ſo oft in ſchwa⸗ che Eitelkeit übergeht, beſchirmt nicht ſelten ſeine Tugend unter Stürmen, in welchen ſich die Tu⸗ gend des Mannes nicht aufrecht erhält. Daß, was die Natur angelegt hat, in Schwäche aus⸗ ſchlägt, das iſt größten Theils Schuld der Erzieh⸗ ung. Doch in dem, was Natur und Erziehung für den Menſchen thaten, iſt ſein Adel nicht. Er iſt in dem, was er ſelbſt aus ſich machte. Mag das Herz des Weibes urſprünglich ſchwach ſeyn: es kann ſich doch zur ſittlichen Stärke em⸗ por arbeiten. Dieſe iſt Stärke des Charakters, die Frucht der eignen moraliſchen Bildung. Vom entſchloſſenen Willen geht ſie aus. Das Weib erhebt ſich zu ihr, indem es die günſtigen Anla⸗ gen, die ihm die Natur dazu verlieh, in ſorgfäl⸗ tige Pflege nimmt, und ſie mit dem höchſten In⸗ tereſſe ſeines Lebens in übereinſtimmung bringt. Durch ſie hat es auf hohe Achtung gerechten An⸗ ſpruch. Je leichter das Herz vom Scheine hin⸗ tergangen, von lebhaften Eindrücken überwältigt, vom Leichtſinne bethört wird: deſto bewunderns⸗ würdiger iſt die innere Macht, die ſich dem allem ſiegend entgegen ſetzt. Doch hiervon wird ein andres Mal die Rede ſeyn. Laſſen Sie uns jetzt noch erwägen, was das Bewußtſeyn der Schwäche beim Weibe wirken muß. Das Bewußtſeyn ſeiner Schwäche muß, vor allem, das Weib zur Beſcheiden⸗ heit ſtimmen. Beſcheidenheit adelt ſchon das Verdienſt; es iſt die Krone wirklicher Vorzüge. Selbſt an dem, was ſich auszeichnet dulden wir die Anmaßung nicht; und oft bedarf es nur die⸗ ſer, um alle günſtigen Eindrücke, die es auf uns wachte, wieder zu vernichten. Gerne laſſen wir dem Trefflichen ſeine Ehre wiederfahren; aber es muß ſie nicht fordern. Ihre Erweiſung muß freie Huldigung— nicht Beſchränkung unſers Geiſtes ſeyn. Wo Anſprüche laut und mit Zu⸗ dringlichkeit ſollen geltend gemacht werden, da ſind wir immer geneigt zu widerſprechen. Was ſich in Einfalt und Unbefangenheit ankündigt fſin⸗ det immer die günſtigſte Aufnahme und die mei⸗ ſte Bewunderung. Wie könnte denn gar Unbe⸗ ſcheidenheit der Schwäche ziemen! Wie ſollte ſie uns nicht hier bald lächerlich bald widerlich ſeyn! Wir dulden und ſchonen das Unvollkommne, wenn es ſich nicht für mehr ausgibt, als es iſt. Will es ſich aber bedeutend machen: ſo wird es uns verächtlich in ſeinen Mängeln und in ſeiner Nichtigkeit. Schwäche iſt der Natur des Weibes ange⸗ meſſen; ſie hängt mit den ſchönſten Eigenthümlich⸗ keiten derſelben zuſammen; in ihr erſcheiut es recht liebenswürdig. Darum können wir ihm ein Betragen das ſie verläugnet, oder ihr widerſpricht, nicht vergeben. Alle Bemühungen, die das be— abſichtigen, werden auch immer durch ſich ſelbſt zu Schanden. Denn womit will es doch ſeine Anſprüche beſchönigen? womit ſeine Forderungen unterſtützen? womit ſeine zuverſichtlichen Behaup⸗ tungen bewahren? Die Schwäche des Weibes wer⸗ den wir nie für etwas Fehlerhaftes halten; wenn es 27 . ſich ihrer bewußt bleibt; wenn ſie ſich in allen ſeinen Außerungen ausſpricht; wenn dieſe das Sanfte, Gefällige, Zweifelnde haben, das ſich für ſie ſchickt. Sobald es aber mit kühnen Prä— tenſionen hervor tritt; ſobald es das als ein Recht verlangt, was es nur als Gunſt annehmen ſollte; ſobald es mit Vorzügen prahlt, die es nicht be⸗ ſitzt, ſich heraus nimmt, was ihm nicht geſtattet iſt: gibt es zu erkennen, daß es ſelbſt ſich ihrer ſchämt, und wir können nicht umhin, es um ſei— ner Schwäche willen geringer zu achten. Nur Beſcheidenheit kann uns mit ihr verſöhnen. Die Armuth macht erſt dann Schande, wenn ſie ſich mit erborgten Flittern ſchmückt, oder ſich in einem erbettelten Aufwand hüllt, um für reich gehalten zu werden. Niedrigkeit ſcheint uns erſt dann ein drückendes Loos, wenn ſie ſich mit einem Anſehen brüſtet, das ihr niemand zugeſteht, und eine Rolle ſpielen will, die ſie nicht durchführen kann. Beſcheidenheit verhrrleicht die Schwäche des Weibes, und läßt uns die Vortrefflichkeit einer Seele bewundern, die ſich dadurch über ihr Schick⸗ ſal erhebt, daß ſie dasſelbe billigt, und ſich ihm frei unterwirft. Das Gefühl weiblicher Schwäche muß zweitens zur weiſen Selbſtbeſchraͤn⸗ , kung im Denken, Wollen und Handeln führen, und verhüthen, alles unweiblich kühne Emporſtre⸗ ben; es muß Ihre Bildung und Ihre Beſchäfti⸗ gungen immer in den Gränzen halten, die Ihnen durch Ihre Fähigkeit und Ihre Beſtimmung ge⸗ ſetzt ſind; es muß Ihnen auch dann nicht geſtat⸗ ten, über dieſelben hinaus zu gehen, wenn es an Hoffnung des Gelingens nicht fehlte. Denn da⸗ zu ward Ihnen dieſe Schwäche, daß Sie ſich ge⸗ nau bei dem blieben, was der Weiblichkeit ange⸗ meſſen iſt. In eine engere Sphäre iſt der weibliche Ver⸗ ſtand gewieſen; für das Beſondre, für das Anſchau⸗ liche, für das Nahe und Einfache iſt er organi⸗ ſirt, damit er im häuslichen Leben glückliche Ein⸗ richtungen treffe, und beſorge, was zu einem friedlichen und ſchönen Daſeyn gehört. Schmü⸗ cken Sie ihn mit allen Kenntniſſen, die ihm hier⸗ in behülflich ſeyn können; klären Sie ihn auf über alle Dinge, von welchen die ſtille Freude kommt; erwerben Sie ihm die Geſchicklichkeiten deren die Mutter und die Gattin zur wohlthuen⸗ den Erfüllung ihrer Pflichten bedürfen; üben Sie ihn in dem Nachdenken, woraus gute Anordnun⸗ gen entſtehen. Aber bemühen Sie ſich nicht um ſolche Einſichten, welche nur durch fortgeſetzte tief eindringende Anſtrengungen erworben werden kön⸗ nen. Befaſſen Sie ſich nicht mit verwickelten Unterſuchungen, die nur für das gelehrte Wiſſen oder für das Weltgeſchäft Intereſſe haben; es würde Ihnen damit doch nicht gelingen. Enthal⸗ ten Sie ſich derjenigen Spekulationen, die auf das Große und Ganze gehen, die Angelegenhei⸗ ten des philoſophiſchen Geiſtes ſind. Verſuchen Sie nicht, in das Gebieth vorzudringen, wo ſich die höchſten Begriffe und die letzten Gründe der Wahrheit finden. Solche Verkennung Ihrer Schwäche beſtraft ſich immer mit großen Verun⸗ ſtaltungen Ihrer Natur. Reitzbar und empfänglich für Eindrücke jeder Art bildete die Natur Ihr Gemüth, damit Ihnen das Sanfte und Weiche immer eigen bleibe, da⸗ mit Innigkeit, Herzlichkeit, Theilnahme, Güte, Schonung, gelaſſenes Dulden, freundlicher Fleiß Ihre vornehmſten Tugenden würden, damit Sie das Schöne und Gute in ſich nährten, um ſeiner auch warten zu können im Leben. Werden Sie hierin vortrefflich, das iſt die Veredlung Ihrer Schwäche. Aber ſtehen ſie davon ab, männliche Größe, männliche Energie und Strenge des Cha⸗ rakters zu erringen. Fromme Liebe pflege und erziehe in Ihnen die Sittlichkeit, nicht der finſire ten Ernſt oder der kalte Stolz. Im Wohlwollen iſt Ihre Schwäche liebenswürdig, in der Härte und Unbiegſamkeit häßliche Unnatur. Geringer iſt Ihr Vermögen, außer ſich zu wirken; weniger Mittel und weniger Kräfte ſte⸗ hen Ihnen zu Gebothe, in der Welt Verände⸗ rungen hervorzubringen. Darum halten Sie ſich an das, wozu Sie Gewalt und Beruf haben. Wagen Sie ſich nicht an das, was die Stärke, den Muth, die Unerſchrockenheit des Mannes er⸗ fordert. Setzen Sie ſich kein Ziel, das Ihrem Weſen und Ihren Fähigkeiten fremd iſt. Aber leiſten Sie, was Sie können und ſollen; füllen Sie den Ihnen angewieſenen Kreis geräuſchlos und mit Würde aus. Der Natur in allen Dingen getreu ſeyn, nach nichts verlangen, was ſie verſagt,— auf nichts ausgehen, wozu ſie nicht die Fähigkeit ver⸗ liehen hat, ſich in nichts verrzickeln, was man nicht ganz auszuführen vermag, in jedem das Maß halten, welches ſie beſtimmte: das iſt die erſte Maxime der Lebenskunſt; dabet nur fährt man wohl; die Zufriedenheit iſt geſichert, und man fühlt nie Reue. Man genießt was man hat, und freut ſich auch des kleinen Gutes. Dagegen der⸗ welcher ſein Vermögen an das Unerreichbare ver⸗ ſchwendet, nichts als Kummer und Unmuth ern⸗ tet. Wer ſich auf große Bahnen wagt, iſt auch großen Gefahren ausgeſetzt. Dieſen zu eitgehen iſt das Dritte, was ſich weibliche Schwäche muß angele⸗ gen ſeyn laſſen. Der Muth darf ſtch ſelbſt auf Proben ſtellen; wenn er unterliegt, wird er ſich auch wieder aufrichten. Die bewährte Stär⸗ ke darf vor der Verſuchung nicht fliehen; dieſe wird ſie verherrlichen. Das feſte Herz widerſteht dem verführeriſchen Reitze, ſelbſt in den Augen⸗ blicken des Leichtſinnes, der Unachtſamkeit und der angeregten Sinnlichkeit. Aber die Schwäche muß immer wiſſen, was ſie zu fürchten hat, um es zu meiden. Wie unbeſonnen wäre es von ihr, ſich jedem Eindrucke hinzugeben, da ſo mancher ſie verderben muß— ſich gedankenlos in die Welt hineinzuſtürzen, wo ihr ſo viele Fallſtricke gelegt ſind— ſich dem Strudel der Zerſtreuun⸗ gen anzuvertrauen, in dem die meiſten unterge⸗ hen! Wer ſich auf ſich ſelbſt nicht verlaſſen kann, ſollte doch allem ausweichen, was ſchwache Ge⸗ müther leicht bethört. Die Geſchichte der gefal⸗ lenen Weiber iſt die Geſchichte der weiblichen Schwachheit und der Gefahren, welchen ſie ſich ſelbſt bloß ſtellte. Unbeſorgtheit ſtürzte ſie in das Unglück, dem ſie entgehen konnten. Was kann thörigter ſeyn, als den Feind zu reitzen, deſſen überlegenheit man kennt? Und iſt nicht faſt jede Verſuchung für das weibliche Herz ein ſolcher überlegener Feind, wenn es ſich nicht ſtrenge bewacht, und mit feſten Grundſätzen ge⸗ waffnet iſt! Wie oft verliert ſich aber dieſe Wachſamkeit im Rauſche der Luſt! Was ſind die kräftigſten Entſchließungen und die edelſten Grund⸗ ſaͤtze, wenn das Blut in Wallung und die Sinn⸗ lichkeit in Aufruhr iſt! Es iſt nicht genug, daß die Vergnügungen, welche Sie genießen an ſich ſchuldlos ſind, der Umgang, den Sie haben, an ſich untadelhaft iſt, daß die Geſellſchaften, die Sie beſuchen, aus un⸗ beſcholtenen Menſchen beſtehen. Es muß auch in denſelben nichts für Ihr Herz zu beſorgen— Sie müſſen überzeugt ſeyn; daß Sie hier keine ſchädlichen Eindrücke empfangen; daß Ihre Em⸗ pfindungen hier nicht zu ſtark gereitzt; daß die Neigungen, die Sie Ihrer Pflicht leicht untreu machen, nicht erregt werden, ohne daß ſie es ver— hindern können; daß diejenigen Leidenſchaften, die Ihnen ſchon oft gefährlich geworden ſind, kei⸗ ne Nahrung empfangen; daß Sie nicht zum Leichtſinne und zur Selbſtvergeſſenheit werden hin⸗ geriſſen werden; daß das Geräuſch Sie nicht be⸗ täuben, der gefällige Schein Sie nicht blenden, und durch die Sinne das Herz gefangen nehmen wird, ehe die Vernunft ſprechen kann. Freilich läßt ſich im Kampfe mit der Verſu⸗ chung Stärke erlangen, und im Siege über ſie Stärke zeigen. Aber darauf darf es die Schwä⸗ che noch nicht anlegen. Sie muß erſt einiger Maßen zur Stärke gereift ſeyn, ehe es ihr damit gelingt. Auch darin läßt ſich Stärke der Seele offenbaren und üben, daß man einem Vergnügen entſagt, um ſeine Unſchuld zu retten, daß man die Orter meidet, wo man gerne iſt, die Geſell⸗ ſchaften flieht, in welchen man frohe Stunden hatte, Beſchäftigungen einſchränkt, die man mit Luſt trieb, um rein und gut zu bleiben. Oft habe ich darin große weibliche Seelen bewundert. Alle Gefahren und Verſuchungen dürften ſich aber ſchwerlich vorher ſehen, und noch weniger vermeiden laſſen, deßwegen muß Ihre Sorge auch dahin gerichtet ſeyn, daß Sie ſich gegen die⸗ lelben wafnen, und ſich alles zu eigen zu machen, worin die Schwäche Schutz Qund Sicherung findet. Suchen Sie in dieſer Hinſicht den Einſichten des Verſtandes mehr Kraft und Nachdruck zu geben. Darin hat die Schwäche des weiblichen Herzens ja eben ihr We⸗ ſen, daß auf der Einen Seite ſeine Empfänglich⸗ keit für die Eindrücke der Luſt und des Gefallens ſo groß, und auf der andern die Macht der Be⸗ ſinnung und des vernünftigen Nachdenkens ſo ge⸗ ring iſt, ſo ſſehr von Leichtſinn und Flüchtigkeit gehindert wird. Der erſtern läßt ſich nicht un⸗ mittelbar beikommen— man kann ſie nur da⸗ durch vermindern, daß man die letztere erhöht. Die Neigung wird nach und nach geſchwächt, in⸗ dem man den Verſtand in Thätigkeit ſetzt, ihn zur Bildung richtiger Grundſätze anwendet, für ſeine Einſichten die Gefühle des Herzens gewinnt, und damit die unordentlichen Ausbrüche derſelben bekämpft. Die lebhaften und gefühlvollen Ein⸗ ſichten des Verſtandes werden, zwar nicht immer, aber doch in den meiſten Fällen, wenn die Luſt rege iſt, erwachen, und dieſe in die Schranken der Ordnung und Pflicht weiſen. Der bedeutend⸗ ſte Vortheil aber beſteht darin, daß ſie den Geiſt überhauyt zum überlegen und zur Beherzigung . der Folgen geneigt machen. Es iſt ſchon viel wehrt, daß man helle Begriffe über die Angele⸗ genheiten des Lebens, die Wirkungen der Dinge, den Einfluß und die Rechtmäͤßigkeit der Hand⸗ lungen beſitzt, und im Stande iſt, alles nach richtigen Gründen zu ſchäͤtzen. Die Täuſchungen des erſten Scheines, die dem weiblichen Herzen ſo gefährlich ſind, verlieren dadurch ihren Zau⸗ ber, und die übereilung, worin ſo viel gefehlt wird, wird verhüthet. Noch wichtiger iſt die Fertigkeit, dem erſten Eindrucke widerſtehen, ſich Zeit nehmen, ſeinen Geiſt ſammeln, mit Beſon⸗ nenheit wählen, und ſeine Entſchließungen ſo lange aufſchieben zu können, bis man alles, was dabei zu erwägen iſt, in Betrachtung gezogen, und Vortheile und Nachtheile gehörig mit einan⸗ der verglichen hat. 3 Das Vornehmſte, was dabei zu beobachten bleibt, iſt, daß Sie Ihren Einſichten Deutlich⸗ keit verſchaffen, jede Gelegenheit ſie weiter auf⸗ zuklären, und mit dem Leben in Verbindung zu ſetzen, benutzen, und ſie ſo genau, als möglich fur die Anwendung entwickeln. Die öftere Be⸗ ſchäftigung mit denſelben gibt ihnen dann ſchon mehr Gewicht; und was klar gedacht war, ver⸗ fehlt auch nie ſeines Nachdruckes; unwillkührlich dringt ſich die hellere Einſicht dem Willen zur Befolgung auf. Vernünftige Grundſatze werden aber erſt dann recht wirkſam, wenn ſie ſich mit Kennt⸗ niß Ihrer Beſtimmung und einem er⸗ höhten Gefühle für dieſelbe verbinden. Den Wehrt der Dinge kann man nicht richtig beurtheilen, wenn man nicht weiß, was ſie für uns ſind, und wie ſie ſich zum letzten Zwecke un⸗ ſers Daſeyns verhalten. Was wir ohne ſolche Einſicht ihren Wehrt nennen, kann nur etwas ſehr Zufaͤlliges ſeyn; und die Schätzung deſſelben hängt von einem individuellen, wenn nicht gar von einem vorübergehenden Intereſſe ab. Auf die Kenntniß unſrer Beſtimmung allein laſſen ſich Grundſätze bauen, die eine unveränderliche Gül⸗ tigkeit behaupten. Das Weib, welches ſeine Be⸗ ſtimmung kennt und ehrt, hat in ihr einen ſichern Maaßſtab für ſeine Urtheile und einen mächtigen Schutz für ſeine Schwäche. Oder wodurch ſoll es angetrieben werden, einer geliebten Luſt zu entſagen, eine rege Neigung zu unterdrücken, ſich den Aufwallungen einer heftigen Leidenſchaft zu widerſetzen: wenn ihm der Gedanke des ſittli⸗ chen Verfallens, des Zuruückkommens, der Beein⸗ trächtigung an Geiſt und Herz ein gleichgültiger —— Gedanke iſt? wenn nicht das Geſtreben in ihm lebt, den Adel ſeiner Natur heilig zu halten und zu drhöhen? Weil ſie nicht wiſſen, und tief füͤhlen, daß etwas aus ihnen werden kann und ſoll; darum werden ſo viele die traurigen Opfer ihrer Schwäche. Verſtänden ſie ſich auf höhere Bildung, hätten ſie Sinn für das Göttliche, dem das irdiſche Leben geweiht iſt, wäre es ihnen et⸗ was wehrt, vernünftig zu denken, ſanft und edel geſinnet zu ſeyn, pflichtmäßig zu handeln, ihrem weiblichen Berufe zu genügen, und ihre Stelle mit Würde auszufüllen: ſie würden ſich gewiß ernſtlicher bewachen, der aufkeimenden Thorheit früher und kräftiger begegnen, und nicht dulden die ſchimpfliche Abhängigkeit, die ſie unfähig macht, das Höchſte in der weiblichen Natur zu faſſen, und zu erreichen. Bei aller Schwäche liegen große Kräfte in Ihrer Natur; Sie dürfen dieſelben nur aufbie⸗ then, und mit eben ſo viel Weisheit als Beharr⸗ lichkeit anwenden. Aber dazu werden Sie ſich ſchwerlich entſchließen; wenn Ihnen Ihre Beſtim⸗ mung nicht groß und heilig dünkt; wenn nicht Achtung und Liebe für dieſe Sie zu dem ver⸗ mag, was gemeine Naturen nie leiſten. Lernen Sie Ihre Beſtimmung kennen. Ma⸗ chen Sie ſich deutlich, was ſie von Ihnen fordert. Werden Sie ſich der Würde bewußt, wozu die Anlage in Ihnen liegt. Dringen Sie ein in die tiefe Bedeutung des Lebens. Wagen Sie es ein⸗ mal, für dasjenige thätig zu ſeyn, was Ihr Schmuck und Ihre Ehre iſt: und ſie werden ſich bald mächtig fühlen in Ihrer Schwachheit, und die überwältigung derſelben nicht mehr fürchten dürfen. Doch den beſten Schutz bei ſeiner Schwäche findet das Weib in einer ſittlichedeln Stim⸗ mung ſeines Gemüthes. Wo die Tugend in großer Achtung ſteht, und alles, was gegen ſie ſtreitet mit Widerwillen und Abſcheu empfunden wird: da iſt von der Reitzbarkeit der Sinne nicht viel zu beſorgen. Die heftigſte Aufwallung der Luſt ſchlägt da der Gedanke des Unrechtes und der Selbſtentehrung nieder; der täuſchendſte Schein verſchwindet vor dem klaren Blicke der prüfenden Vernunft, und die günſtigſte Empfehlung wird unwirkſam, wenn man nur gut ſeyn, und ſich ſelbſt genügen will. Die Anlagen zum Guten in der menſchli⸗ chen Natur laſſen ſich zu einer Höhe bilden, wo alles, was ihnen entgegen iſt, unter ihnen bleibt. Das Gewiſſen iſt einer Stärke und Deutlichkeit fähig, welche die Kunſt der Verführung entwaff⸗ nen, die Kraft der Üüberredung unwirkſam ma⸗ chen, und die Lüge des blendendſten Scheines ent⸗ hüllen. Wie die Zartheit des weiblichen Herzens und die Schärfe des weiblichen Gefühles, indem ſie die Empfänglichkeit für alle Eindrücke erhöhen, Schwäche erzeugen: ſo können ſie, wenn das Sittliche und Religiöſe, wenn der Sinn der Lie⸗ be in ihnen gehörig kultiviert wird, zu einer aus⸗ gezeichneten Stärke führen, und den Sieg über die Verſuchung mit der Beharrlichkeit in der Aus⸗ führung guter Vorſätze leicht machen. Schwer wird das Böſe Eingang finden in das Herz, in welchem die Stimmung für das Beßre, Heilige herrſchend geworden iſt. Das ſchwächſte Weib iſt zur Bewunderung ſtark durch ſeine Tugend. So haben viele Vortreffliche Ihres Geſchlechtes den Spott des Leichtſinnes über die Verführbarkeit des weiblichen Herzens auf die ehrenvollſte Art zu Schanden gemacht. Darum ſey Ihnen die Pflege, die Erhöhung⸗ die Augbildung des ſittlich religibſen Gefuühles und einer, mit demſelben übereinſtimmenden Ver⸗ faſſung Ihres Gemüthes vorzüglich angelegen. Ueberhören Sie die leiſeſten Ausſprüche Ihres Gewiſſens nicht. Gehen Sie nie im Leichtſinne Hüber eine beßre Regung weg. Halten Sie nie etwas Schlechtes für gering. Die kleinſte Ver⸗ letzung Ihrer Überzeugung ſey Ihnen zu wich⸗ tig, als daß Sie ſich dieſelbe erlauben ſollten. Genutzen Sie jede Lehre, die Ihre Urtheile über moraliſche Dinge berichtigen, die Sie über Ihre Pflichten aufklären, und die Schätzung derſelben erhöhen kann. Folgen Sie jedem Winke, der Sie zu ſittlichen Reflexionen einladet, daß jeder Ihre Stimmung für das Gute vermehre. Su⸗ chen Sie den Umgang weiſer and edler Menſchen; ſchon die Nähe derſelben ſtärkt den guten Sinn. Liebevoll theilt ſich der Geiſt der Tugend, der ſie belebt, denen mit, die ſie umgeben. Leſen Sie fleißig ſolche Schriften, welche die ſittliche Kraft des Herzens anregen und nähren, welche das Schlechte der verdienten Verachtung Preis geben, für das Vortreffliche erwärmen, begeiſtern, ein⸗ nehmen. Hüthen Sie ſich aber vor ſolchen Schrif⸗ ten, welche mit der weiblichen Schwachheit ein verderbliches Spiel treiben, ihr die Stützen rau⸗ ben, woran ſie ſich noch hält, die Sinnlichkeit reitzen, und ſo das Herz immer weichlicher und kraftloſer machen. Bei dem allem duürfen Sie ſich, end⸗ lich, doch nie vergeſſen, wenn Sie gegen die Angriffe auf das ſchwache Herz im⸗ mer geſchützt ſeyn wollen. Durch die Schwaͤche des unachtſamen Leichtſinnes, wird jede andere erſt gefährlich. So lange ſie noch nicht weggeſchafft iſt, bleibt Ihr Herz ſchlecht verwahrt. Alle Waffen, deren Sie ſich zu Ihrer Vertheidigung bedienen könnten, wer⸗ den Ihnen nichts helfen, wenn Sie dieſelben nicht mit Beſonnenheit und an der rechten Stelle zu führen wiſſen. Sie werden ſich oft überwun⸗ den ſehen, ehe Sie an Ihre Rettung dachten, ehe Sie einmal Gefahr ahneten. Selbſt bei der wärmſten und edelſten Stimmung für das Gute kann die Verſuchung Sie überwältigen, wenn Sie dieſelbe nicht frühe gewahr werden. Schlim⸗ me Neigungen werden ſich in Ihnen feſt ſetzen und zu Leidenſchaften anwachſen, wenn Sie ſich unbeſorgt dem Strome Ihrer Empfindungen über⸗ laſſen. Sie müſſen ſtets über ſich ſelbſt wachen; Sie müſſen immer wiſſen, von welchen Gegen⸗ ſtänden und Erſcheinungen Sie umgeben ſind⸗ und wie dieſe auf das Gennüth zu wirken pflegen welche Eindrücke Sie empfangen, und welche Ver⸗ änderungen in Ihnen vorgehen, Auf die Ehre b und das Glück Ihres Lebens kommt es an; wie könnten Sie hier gleichgültig ſeyn? Sie dürfen ſich nicht ſchämen der Schwäche, die Ihrem Geſchlechte angeboren ward. Sie ge⸗ hört zu dem Eigenthümlichen Ihrer Natur. Das Weib mußte ſchwach ſeyn, damit es deſto liebens⸗ würdiger wäre, und deſto mehr erfreute in ſeiner Weiblichkeit. Die meiſten ſanften und ſchönen Züge, die unſer Herz gewinnen, entſpringen aus des Weibes Schwaͤche. Bleiben Sie ſich derſel— ben in Demuth und Beſcheidenheit bewußt. Stre⸗ ben Sie nie, dieſelbe zu verläugnen; aber ſtreben Sie, alles das Treffliche zu entfalten, was in ihr beſchloſſen liegt. Damit aber das Weib nicht uberwunden werde in ſeiner Schwäche, wurden ihm zugleich höhere Anlagen zur ſittlichen Stärke mitgetheilt. Durch dieſe ſind Sie im Stande, alle Gefahren der Schwäche von ſich abzuwenden, und in der Tugend groß und feſt zu ſeyn. Verdienſt⸗ licher iſt die Würde, die im Kampfe mit der Schwachheit errungen werden mußte. Heller ſtrahlt der Adel des Herzens, der gegen viele Verſuchungen zu vertheidigen war. 28 Dieſe Vereinigung von Schwäche und Kraft, von Milde und Größe allein, wird Ihnen echte Bewunderung und allgemeine Liebe erwerben. Werden Sie ſich aber leichtſinnig der Schwä⸗ che überlaſſen, werden Sie es unbeſonnen verſäu⸗ men, Vorkehrungen gegen ſie zu treffen: o, wie viel haben Sie dann zu fürchten! Sie ſind vor keinem Fehltritte und ſelbſt vor dem größten Ver⸗ falle nicht ſicher. Die verabſcheuungswürdigſten Laſter haben ihre erſte Quelle in der Schwachheit. Aus ihr entſtand die Leidenſchaft, die zur verzeh⸗ renden Gluht aufbrannte. Durch ſie gewann die Verſuchung das Herz, welches ſie nachher immer feſter in ihre Netze verwickelte. Thorheit wurde es Anfangs genannt, was am Ende rettungslos ins Verderben ſtürzte. In ſtiller Anſpruchsloſigkeit wirken, ſich ſei⸗ ner Beſtimmung ganz weihen, der Vernunft und dem beſſern Gefühle immer mehr Übergewicht ver⸗ ſchaffen, für alles Gute ſein Herz erwärmen, und ſich ernſtlich ſelbſt bewachen— das iſt es, was dem weiblichen Leben den höchſten Preis gewinnt. Siebenzehnte Rede. 0000,000e Weibliche Seelenſtaͤrke. 4 Ue allen ſittlichen Eigenſchaften, deren die menſchliche Natur fähig iſt, wird keine mehr und allgemeiner bewundert, als Stärke der Seele. Wenn ein Menſch ſo roh oder ſo verwildert ſeyn könnte, daß er für die Tugend nicht die mindeſte Achtung empfünde: ſo würden ihn doch Handlun⸗ gen und Charakterzüge, die eine ſtarke Seele ver⸗ rathen in Erſtaunen ſetzen. Selbſt die Elenden, die ganz Sinn und Begierde zu ſeyn ſcheinen, ehren den Mann, der freie Gewalt über ſich ſelbſt ubt, und in dar Kraft des vernünftigen Willens die mächtige Leidenſchaft zwingt. Nirgends zeigt ſich mehr, wie herrlich der Menſch iſt, als wo er mit ſtarker Seele auftritt, mit Muth handelt, ſtandthaft duldet, das Übel und den Tod verach— tet. Hier iſt die Natur mit ihren Machten und Schreckniſſen tief unter ihm. Eine ſtarke Seele iſt auch eine große Seele. Mit geringen Näturanllͤgen leiſtet ſie unendlich mehr, als der Schwächling mit den glänzendſten Fähigkeiten. Von aller Unterſtü⸗ tzung entblößt, erreicht ſie ihre Zwecke vollkomm⸗ ner, als der Weichliche, der Verdroſſene, der Verzagte, der Selbſtſuchtige, bei dem günſtigſten Zuſammentreffen der Umſtände. Das Glück ſcheint ſich zuweilen daran zu ergötzen, daß es ſchwache Seelen mit ſeinen Gaben gleichſam ver⸗ folgt; aber ſie werden ihrer nimmer froh, weil ſie in ſich ſelbſt nichts ſind. Nur die ſtarke Seele weiß ſich dieſelben zu Nutze zu machen; ſie weiß ſie aber auch zu entbehren, und zu verachten. Zu allem, was Schwieriges, Heilſames und des Andenkens Wehrtes geleiſtet werden ſoll, wird Stärke der Seele erfordert. Alle wahren Wohl⸗ thäter der Menſchheit ſind ſtarke Seelen geweſen, als ſolche haben ſie gearbeitet und ſich aufgeop⸗ fert. Nicht die Heldenthaten die ſie verrichtet nicht die Siege, die ſie erfochten, nicht die Ver⸗ änderungen, die ſie hervorgebracht, nicht der Glanz, den ſie ihrem Namen gegeben haben— ſondern die Stärke der Seele, welche Schwierig⸗ keiten überwand, Beſchwerden erdultete, die Luſt bekämpfte, und unter den heftigſten Anſtrengun⸗ gen aushielt, ſichert ihnen ihren ehrenvollen Rang; denn nur darin bewährt ſich, daß ſie durch ſich ſelbſt groß waren. Es iſt nicht möglich, daß derjenige ſeiner Pflicht immer Genüge leiſte, und es in ſeiner moraliſchen Bildung weit bringe, dem es an Stärke der Seele fehlt. Wie viele Pflichten gibt es wohl, die ſich ohne Aufopferung erfüllen laſ— ſen? Nach dem Maße von Energie und Selbſt⸗ verläugnung, welche wir dabei bewieſen, wird der Wehrt unſrer tugendhaften Handlungen geſchaͤtzt. Der wahrhaft gute Wille, die uneigennützige Ge⸗ ſinnung, woran die Reinheit und Würde der Pflichtvollbringung erkannt wird, iſt ſchon Stärke der Seele in der Entſagung— in der Erhebung über Selbſtſucht und Leidenſppaft. Stärke der Seele, Beſiegung widriger Antriebe iſt in jedem edelmüthigen Entſchluſſe, der mit Nachdruck gefaßt wird. Und was iſt zur moraliſchen Bil⸗ dung unentbehrlicher als Reſignation? Alber iſt dieſe, an Männern ſo rühmliche Seelenſtärke, auch dem Weibe möglich, das über⸗ all von Schwachheit gedrückt wird? und wäre ſie ihm möglich: eignet ſie ſich auch für ſeine Na⸗ tur? gefällt ſich dieſe nicht beſſer in einer ſanf⸗ ten als in einer rüſtigen Tugend? kann das Weib ſie ohne unnatürliche Anſtrengung und ohne Ver⸗ letzung ſeiner ſchoͤnern Weiblichkeit erlangen? oder muß es, um ſeine Milde zu retten, auf je⸗ de Art der Stärke Verzicht leiſten? Dieſe Fra⸗ gen betreffen einen wichtigen Theil des weibli⸗ chen Wehrtes? Laſſen Sie uns daher über den Gegenſtand derſelben einige Betrachtungen anſtel⸗ len. Wir haben in unſrer letzten Betrachtung Schwäche für das Loos und Erbtheil des Weibes erkannt. Wir haben ſogar gefunden, daß dieſe Schwäche mit der Beſtimmung des Weibes und dem echt weiblichen Charakter genau zuſammen hängt. Das erweckt kein günſtiges Vorurtheil, wo nach weibdlicher Seelenſtärke gefragt wird. Aber die nähere Erwägung zeigt, daß ſich beides wohl mit einander verträgt. Unter den verſchie⸗ denen Arten der weiblichen Schwache, iſt hier al⸗ lein auf die Schwäche des Herzens Ruͤck⸗ ſicht zu nehmen. Wir haben geſehen, daß dieſe ihr Weſen hat in der großen Empfänglichkeit für Eindrücke jeder Art, in der Lebhaftigkeit des Ge⸗ fühles und der Neigungen, wodurch ſich dieſelben der Leitung des Verſtandes entziehen, in dem leichten Sinne, der nichts recht bedenkt, in dem Hange ſich ſelbſt zu vergeſſen und in dem Ein⸗ fluſſe, welchen die Stimmung auf das weibliche Gemüth hat. Das alles taſtet die Stärke der Seele nicht an. Wenn von dieſer die Rede iſt: dann wird das Wort Seele in der edelſten Be⸗ deutung genommen, wo es dasjenige bezeichnet, was über das Herz, über die Empfin⸗ dung, die Stimmung und die Leiden⸗ ſchaft Gewalt beſitzt, wodurch wir im Stan—⸗ de ſind, aus dem Eindrucke, wenn er auch noch ſo tief in das Gemüth gedrungen wäre, zu wi— derſetzen, und das zu thun, was der Neigung, wenn ſie auch noch ſo viel über das Herz ver⸗ möchte, entgegen iſt— das wahrhaft Eigne und Lebendige, das Freie und Göttli⸗ che in unſrer Natur, was nicht angeboren, auch nicht von außen gegeben wird, was aber je— der Macht hat, in ſich anzuregen. 440 Wenn das Herz ſchwach iſt: ſo iſt es da⸗ rum die Seele nicht auch. Die Stärke der letz⸗ tern ſcheint vielmehr eine gewiſſe Schwäche des erſtern veraus zu ſetzen. Kraft zeigt ſich nur da, wo Widerſtand zu beſiegen iſt; wo ſich aber al⸗ les von ſelbſt gibt, wo die Natur ſchon jede Bahn gebrochen hat, da kann ſie ſich weder äu⸗ ßern noch üben. Es verräth Stärke der Seele, wenn man bei angebornem oder angebildetem Leichtſinne mit Nachdenken und nach Grundſätzen handelt; bei einer natürlichen Diſpoſition dazu iſt das etwas Gewöhnliches. Es verräth Stärke der Seele, ſich bei einem lebhaften Temperamente von dem ſtürmiſchen Affecte nicht fortreißen zu laſſen; beim Pflegma iſt dies Indolenz; wenn in der kalten und trägen Natur auch Vernunft wä⸗ re, ſie wuͤrde ſich nicht können kund thun. Ein weiches Gemüth, dem ſich jede Empfindung tief eingräbt, offenbart in der Beſchränkung ſeiner Gefühle durch vernünftige Einſichten eine erhabe⸗ ne Staͤrke, welche diejenigen nicht erreichen, de⸗ ren harte Herzen ſelten, oder nie bewegt werden. Wo ſich die Stimmung in alle Erſcheinungen des innern Lebens miſcht, da hat der Wille Gelegen⸗ heit, ſeine Macht zu verherrlichen— aber nicht richt da, wo er gar nichts findet, das ihm entgegen wirkt. Die Stärke der Seele muß man nicht nach der Größe und dem Glanze ihrer Wirkungen be⸗ urtheilen; dieſe hangen von der Größe des au— ßern Vermögens und der Tauglichkeit der Werk— zeuge ab. Sind die letztern auch gering, ſo wird dadurch doch jene nicht herab geſetzt. Sie iſt deſto herrlicher, je mehr ſie auf ſich ſelbſt ruht, und alles aus der Fülle des eignen Lebens nimmt. Man kann ausgezeichnete Geiſteskraft beſitzen, die verwickelteſten Angelegenheiten ſchlichten, und die bedeutendſten Veränderungen hervorbringen, ohne deßwegen auf den Ruhm der Seelenſtärke Anſprüche machen zu durfen. Seelenſtärke iſt nie natürliches Talent— immer die Frucht einer freien Anſtrengung. Das Innere des Menſchen iſt ihr nächſtes Gebieth. Von dorther erweitert ſie ſich zur äußern Erſcheinung. Sie iſt Sieg uüber die Luſt, die uns geneigt— über die Un⸗ luſt, die uns abgeneigt macht; ſie iſt Verläug⸗ nung des ſinnli chen Intereſſe's, M uth das Schmerz⸗ liche zu thun und zu leiden, dem Geliebten zu entſagen, was man unternommen hat, auszufuh⸗ ren, ſo viel es auch koſte; ſie iſt die Fähigkeit al⸗ les aufzuopfern, wenn es von der Pflicht ver⸗ 6NN langt wird; ſie iſt felſenfeſtes, nie erſchuͤttertes Halten an dem Wahren und Rechten. Der echten Seelenſtärke liegt immer leben⸗ diges Pflichtgefühl, reines und ernſtli⸗ ches Wollen des Guten zum Grunde. Was der vorübergehende Enthuſiasmus wagt, wozu die Leidenſchaft begeiſtert, was der Eigennutz eingibt, wozu die Ausſicht auf Gewinn und Ehee ermun⸗ tert— wer möchte das Stärke nennen, würde dadurch auch Großes beſiegt und ausgerichtet, of⸗ fenbarte ſich auch darin die höchſte Unerſchrocken⸗ heit und Standhaftigkeit? Alles hängt ja hier von der Macht des ſinnlichen Intereſſes ab. Stärke iſt frei und edel, Leidenſchaft und Selbſt⸗ ſucht ſind knechtiſch und unedel. Was aus einer ſo ſchlechten Quelle kommt, kann nie die Ge⸗ meinheit ſeines Urſprunges vertilgen. Das iſt das Herrliche am Menſchen, daß er durch Ver⸗ nunft und Pflicht die ſinnlichen Antriebe über⸗ windet, und die Macht der ſinnlichen Gefühle ſchwächt. Dieſes Herrliche aber zeigt ſich in ſei⸗ ner Stärke, wenn darin nichts geſcheut' und ge⸗ ſchont, wenn dabei auf keine Unannehmlichkeiten geachtet, und muthig ausgehalten wird. Seelen⸗ ſtarke iſt Energie des tugendhaften Wil⸗ bans. Eine laſterhafte Seelenſtärke gibt es gar eries elbſt einer Ge⸗ iſ Ver⸗ über⸗ fühle ſe ie nicht; alles Laſterhafte iſt ſchon an ſich ſelbſt Schwäche— Nachgiebigkeit gegen die ſinnliche Natur Weichlichkeit und Furcht vor der Anſtren⸗ gung, welche die Unterdrückung einer regen Be⸗ gierde koſtet. Nenſchen die kein Gefühl für hö⸗ here Würde haben, die keiner uneigennützigen Liebe zur Tugend fähig find, ſind auch kiner See⸗ lenſtärke fahig. Damit wird nicht geläugnet, daß gewiſſe na⸗ türliche Anlagen und Diſpoſitionen die freie Stär⸗ ke der Seele erleichtern und unterſtützen können. Allerdings kann ſie da eher und in einem höhern Grade Statt finden, wo die Stimmung ernſter, der Verſtand ſelbſtthätiger, das ganze Weſen kräftiger, das ſinnliche Gefühl ſchwächer, die wah⸗ re Ehrbegierde feuriger iſt. Auch wird nicht ver⸗ langt, daß ſie die Hülfe verſchmähe, die ihr daher kommen. Allerdings mag ſie die Triebe und Stimmungen, welche ſie begünſtigen, unterhalten, entwickeln und in ſich aufnehmen. Aber das Herrſchende in ihr darf nichts andres, als leben— diges Pflichtgefühl, reines und ernſtliches Wollen des Guten ſeyn. Wie könnten wir, nach dieſen Erläuterungen noch zweifeln, ob dem Weibe Seelenſtärke mög⸗ lich ſey, ob ſie ſich vertrage mit ſeiner Natur und Beſtimmung, und ob ſie auch ihm zum Ruhme gereiche? Iſt ſie nicht die vollſtändige Entwicke⸗ lung deſſen, was den Charakter der Menſchheit ausmacht? Darf man dem Weibe das Pflichtge⸗ fühl abſprechen? Oder darf man behaupten, es erhebe ſich in ihm nicht zu der Lebendigkeit, die zur Stärke der Seele erfordert wird? Iſt es nicht vielmehr in der Regel bei den Frauen lebendi— ger, als bei den Männern? Oder will man ihm bloß eine weichherzige, ſinnliche, wandelbare Tu⸗ gend zugeſtehen? Würde man dieſe noch wohl Tugend nennen können? Oder ſoll ihm etwa die Fähigkeit, das Gute rein und ernſtlich zu wollen fehlen, weil die Empfindung in ihm mächtiger iſt? Sollte nicht beides recht gut neben einan— der beſtehen? Kann nicht die ſanfte, heitre und gefühlvolle Tugend zugleich eine ſtarke, entſchloſ⸗ ſene, ausdauernde ſeyn? Muß ſie verzagen, ſich überwältigen laſſen, verloren geben, wenn im Dienſte der Pflicht Schweres ertragen oder ver⸗ richtet werden ſoll? Haben wir nicht in unſrer letzten Betrachtung erkannt daß das weibliche Ge⸗ müth, ohngeachtet ſeiner Schwäche, herrliche An⸗ lagen zur ſittlichen Stärke beſitzt, die dem Pflicht⸗ gefühle mächtige Unterſtützung gewähren? Dit t und uhme wicke⸗ hheit hytge⸗ ,, et die nicht hendi⸗ ihm Tu⸗ wohl a die vollen stiger inan⸗ und chloſ⸗ ſch N—N⸗ „Geſchichte hat uns glänzende Beiſpiele genug von weiblicher Seelenſtärke aufbewahrt— Beiſpiele, die hinlänglich darthun, was das beßre Weib ver⸗ mag, was es dulden und aufopfern, welche Re⸗ ſignation es beweiſen kann, Beiſpiele, die in mancher Hinſicht alles übertreffen, was von Män⸗ nern iſt geleiſtet worden. Wer hätte nie ein Weib geſehen, daß im Schmerze groß war, im Unglücke feſt ſtand, der Liebe alles hingab, und mit unerſchütterlichem Muthe die ſchwerſten Pflich ten erfüllte? Freilich iſt in der männlichen Seelenſtärke manches, was zu der zarten Natur des Weibes nicht paßt. Aber das gehört mehr zur Erſchei⸗ nung, als zum Weſen derſelben; es rührt mehr von zufälligen Umſtänden, als von der Sache ſelbſt her. Es ſind Erweiſungen, welche ſich auf die Lage, die Geſchaͤfte und eigenthümlichen Pflichten des Mannes beziehen; wogegen das Weib ſie in ſeiner Sphäre wieder auf eine andre Weiſe of⸗ fenbaret. Unerſchrockenheit in Gefahren, und Entſchloſſenheit, ihnen entgegen zu gehen, worin die Soelenſtärke des Mannes glänzt, kann das Weib nicht zeigen, weil es ihm dazu an Gelegen— heit fehlt; es ſoll ſie auch nicht zeigen, wenn es könnte, weil es durch einen widernatürlichen Zwang geſchehen müßte, und dabei die empfind⸗ lichſte Verletzung ſeiner Weiblichkeit unvermeidlich wäre. Aber was iſt es, was in dieſer Entſchloſ⸗ ſenheit und Unerſchrockenheit ſo ſehr hervorſticht? was andres, als das Nichtachten des Unangeneh⸗ men, die Erhebung über das Außere, die Macht, welche die Seele dem Übel entgegen ſetzt? Und laſſen ſich dieſe nicht auch in der häuslichen Welt, der Sphäre des Weibes, auf tauſendfache Art er⸗ proben? zwar weniger in die Augen leuchtend— aber darum auch weniger groß und ehrenvoll? Wo leuchtet denn das Göttliche der Kraft wohl in die Augen? So zeige ſich denn weibliche Seelenſtärke der Natur und den Verhältniſſen des Weibes ange⸗ meſſen, und zwar zuvörderſt im Dulden. For⸗ dern, daß das Weib gefühllos gegen den Schmerz ſey, das wäre eine Übertreibung, die auf nichts Geringeres, als auf die Zerſtörung ſeines inner⸗ ſten Weſens geht. Schon dem härtern Manne würde man damit etwas Unnatürliches und Schädliches anſinnen. Er müßte, um dahin zu gelangen, gewaltſam vertilgen, was zu ſeiner Na⸗ tur gehört. Mit dem Gefuͤhle für den Schmerz pfind: eidlich ſchloſ⸗ ſticht⸗ aneh⸗ Nacht, Und Welt, rt er⸗ end— o in die ke der ange⸗ For⸗ chmenj nichts inner⸗ Nanne un. hin d r N- hnert ⸗ würde auch die Empfänglichkeit für die Freude, verſchwinden; leer und arm wuͤrde ihm das Leben werden, und er ſelbſt würde zum Barbaren herab ſinken. Wie ſoll der, welcher ſelbſt den Schmerz nicht kennt, ihn andern theilnehmend erleichtern? Was könnte ihn bewegen, ihrer zu ſchonen— was ihn abhalten, ſie zu quälen, wenn ſein In⸗ tereſſe das mit ſich bringt? Und nun gar das Weib mit dem zarten, weichen Herzen! Wie wäre es zu bewirken, daß dieſes, deſſen ganze Seele Empfindung iſt, die Verletzung nicht mehr empfände? Aus ſeinem Schmerz efühle entſprin⸗ gen die ſchönſten Eigenthümlichkeiten ſeines Ge⸗ müthes. Nichts ſpricht rührender zu unſerm Her⸗ zen, nichrs offenbart uns mehr die Fuͤlle der weiblichen Seele, als das, woran das weibliche Schmerzgefühl Theil hat. Würden Sie ohne daſſelbe ſo ſanft tröſten, ſo faeundlich helfen kön⸗ nen? Wuͤrden Ihnen mit demſelben nicht auch tauſend andre intereſſante und wohlthätige Ge⸗ fühle verloren gehen? Müßten Sie nicht in je⸗ der Hinſicht gefühllos werden? Wer wird aber nicht das gefühlloſe Weib verabſcheuen? Wer⸗ wird ihm noch Eine Tugend zutrauen? Nicht die Unterdrückung des Schmerzgefühles, ſondern der muthige Widerſtand gegen daſſelbe/ nicht die Abſtumpfung der Sinne, ſondern die Erhebung der Seele über ſie, nicht der Mangel an widrigen Eindruͤcken, ſondern die Befreiung von ihrer Gewalt iſt diejenige Stärke von welcher ich rede. Die weiblich ſtarke Seele empfindet je⸗ des Leiden in ſeiner ganzen Größe; aber ſie läßt ſich nicht davon empören; ſie zeigt keine Heftig⸗ keit und keinen Ungeſtüm, nichts Finſtres, Mür⸗ riſches, Ungeduldiges; ſie unterdrückt die vergeb⸗ liche Klage; ſie ergießt ſich nicht in ungerechte bittre Vorwürfe; ſie verliert nicht ihre Beſin⸗ nung und ihr Zleichgewicht; ſie verſinkt nicht in Verdroſſenheit und Unthätigkeit; ſie wird nicht unfähig, ihre Pflichten zu erfüllen; ſanft und ge— laſſen bleibt ihre Stimmung; eine freundliche Stille verläßt ſie nicht. Sie hat etwas in ſich, was bei allen Unfällen ſicher ſteht, und unter den härteſten Schickſalen großen Troſt gewährt. Das Gefühl des eignen Wehrtes, feſtes Vertrauen auf die Vorſehung und der Glaube an eine beßre Zukunft halten ſie unter allen Stürmen auf⸗ recht. Sie ſelbſt iſt über das Widrige, was von außen kommt erhaben, und zieht den ſinnlichen Theil ihrer Natur, der davon eegriffan wird, mit in ihre Höhe hinauf. Ihre Würde zu behaup⸗ ten, und Schuld zu vermeiden, das iſt ihre vor⸗ nehmſte Sorge. Im Beſitze eines unentweihten Adels kann ſie alles verachten; nichts iſt da im Stande, ſie zu beugen und ihre Selbſtſtändigkeit zu zerſtören. Wenn eine ſolche Geſinnung für das Weib, wegen der reitzbaren, ſinnlichen Natur und der lebhaften Gefühle deſſelben, zu groß ſcheinen möchte: ſo darf man nur die reichen Huͤlfsmittel betrachten, die ihm in eben dieſer Natur und in eben dieſen Gefühlen wieder verliehen ſind, um an ihrer Möglichkeit nicht mehr zu zweifeln. Die Innigkeit des religiöſen Sinnes, das Bedürfniß der Ergebung, die Kraft, welche die Einpfindung dem Gedanken gibt, der Reichthum ſeines Ge⸗ müthes, die Beweglichkeit der Phantaſie, und das glückliche Talent, allem eine heitre Anſicht abzugewinnen, und ſelbſt in dem Unangenehmen noch Gutes zu finden, leiſten hier treffliche Dienſte. ——— Weibliche Seelenſtärke zeige ſich, zweitens, als Muth. Aber dieſer Muth ſey nicht jener kühne, verwägene, allem Trotz biethende des Mannes; es ſey nicht der Muth, der zur Voll⸗ kührung des Großen erfordert wird, und große 29 Kraft voraus ſetzt. Er treibe nicht an zu ſolchen Beſtrebungen, die außer dem Kreiſe der Weiblich— keit ſind. Er trete nicht auf die gefährliche Bahn, wenn nicht die innere Stimme dahin ruft. Er äußre ſich nicht keck, heftig und in eitler Zu⸗ verſicht; er ſetze ſich nicht zur Wehr, wo es an⸗ ſtändiger wäre, zu dulden oder zu fremder Hülfe ſeine Zuflucht zu nehmen, wo das Flehen um Schonung den Zweck beſſer erreichte; er verletze nie des Weibes Zartgefühl, und ſtelle es nie ei⸗ ner Behandlung bloß, wodurch weibliche Ehre und Delicateſſe beleidigt werden müſſen. Der Mann darf die Gefahr aufſuchen; denn er iſt durch ſeine Stärke berufen, ſie zu beſiegen. Furchtloſigkeit iſt ſeine Ehre. Aber das Weib muß ſie fürchten und ſich bemühen, ſie zu ver⸗ meiden; ſo fordert es weibliche Beſcheidenheit und das Gefühl der Schwäche. Der Mann darf in der Erweiſung ſeines Muthes nichts ſcheuen, als die Verletzung ſeiner Pſlicht; das Weib hat auch die Forderungen des Anſtandes und der fei⸗ nern Sittſamkeit zu beherzigen. Der Mann darf alles wagen, wenn der Preis, um welchen er käwpft, es wehrt iſt. Das Weib darf vieles nicht wagen, weil es die Kraft nicht beſitzt, das übel zu überwinden, weil es dabei mehr und Beßres 451 6 verlieren muß, als es gewinnen kann. Es iſt Hochſinn des Mannes, das Unglück und den Tod zu verachten. Das Weib hat noch viele Güter, die ihm zu theuer ſeyn müſſen, als daß es nicht vor der Möglichkeit ihres Verluſtes zittern ſollte. Angſtliche Beſorgniß für ſein Leben, die mit ſei⸗ nem moraliſchen Sinne genau zuſammen hängt, darf ihm nicht erlaſſen werden; eine Stärke, die ſich hierüber wegſetzte, würde ihm nichts weniger als rühmlich ſeyn. Wo der Mann tapfern Wi⸗ derſtand leiſtet mit gerüſtetem Arme; da muß ſich das Weib oft auf ſeine Unſchuld und auf ſeinen Wehrt verlaſſen. Von ihm kann oft nicht mehr gefoͤrdert werden, als ein dem Unrecht ernſtlich widerſtrebender Wille, als innere Kraft, die durch das Übel nicht erſchüttert wird Des Weibes Muth iſt Erhebung der Seele über dieienigen Übel, welche das Schickſal oder die Pflicht herbei führen könnten. Er iſt Nicht⸗ achtung der Verluſte und Leiden, welche nicht anders zu vermeiden ſind, als durch Verletzung der Pflicht. Er iſt Ruhe, Faſſung, Vertrauen und Reſignation bei der Vorſtellung künftiger Unannehmlichkeiten. Er verhindert, daß der Ge⸗ danke an die Zukunft die Seele verwirre oder niederbeuge. Er läßt getroſt erwarten, was kom⸗ — —— men wird. Er iſt Bereitwilligkeit, zu thun, was man ſoll, und keine Kränkungen, keine Aufopfe⸗ rungen zu ſcheuen, die dabei zu übernehmen ſind. Muth muß das Weib haben, dem treu zu blei⸗ ben, was es für wahr und recht erkannte. Es muß Muth haben, ſich da ſtandhaft zu widerſe⸗ tzen, wo ihm etwas Pflichtwidriges angeſonnen wird, wenn es auch viel dabei leiden müßte. Es muß Muth haben, ſeine Unſchuld gegen je⸗ den Angriff zu vertheidigen, und feſt zu behaupten, wenn auch alles darüber verloren ginge. Es muß eine edle Entſchloſſenheit zeigen, in bedenklichen b Fällen bloß der Stimme des Gewiſſens, ohne Schwanken und Bedenken, zu folgen; es muß nie verzagen, ſo lange es ſich ſeiner Redlichkeit und Reinheit bewußt iſt. Das iſt weibliche See⸗ lenſtärke. 4 Weibliche Seelenſtärke muß ſich, drittens, als Selbſtverläugnung zu erkennen geben; und das iſt ihre höchſte Erhebung, ihre edelſte Erweiſung. Bei aller Standhaftigkeit, womit das Weib ſein Unglück trägt, bei allem Muthe, wodurch es ſich in bedenklichen und gefahrvollen Lagen auszeichnet, wird es immer noch klein ſeyn; ſo lange es in andrer Rückſicht engherzig am eig⸗ nen Vortheile klebt, ſo lange es durch ſeine Ei⸗ telkeit beſchränkt wird, und Selbſtſucht ihm über⸗ all in den Weg tritt. Das Weib, welches wah⸗ re Seelenſtärke beſitzt, kann ſich vergeſſen über andern; es kann ſeinem Herzen jede Gewalt an⸗ thun; es kann ſich zu allem nöthigen, was die Pflicht oder die Liebe verlangt. Keine Meinung iſt ihm ſo theuer, daß es ſie nicht gerne aufgäbe, wenn es ihre Falſchheit erkannt hat. Kein Ge⸗ ſchäft und kein Vergnügen iſt ihm ſo lieb, daß es ihnen nicht mit Freuden entſagte, wenn jemand dadurch geholfen, oder etwas Gutes dadurch ge⸗ ſtiftet wird. Es iſt nie ſo von ſich eingenommen, der eigne Glanz gilt ihm nie ſo viel, daß es ſich nicht willig zurück ſtellte, wo fremde Vorzüge Hul⸗ digung verlangen, daß es nicht dem fremden Ver⸗ dienſte, auf die Gefahr, das ſeinige zu verdun⸗ keln, volle Ehre widerfahren ließe. Keine Nei⸗ gung iſt bei ihm ſo ſtark, daß es nicht im Stan⸗ de wäre, ſie zu unterdrücken, wenn Pflicht und Freundſchaft es nöthig machen. Selbſt das, was ihm zum Bedürfniß geworden, was ihm ans Herz gewachſen— was ihm das Liebſte iſt, op⸗ fert es ohne Schmerz und Klage auf. Es kann alles entbehren, auf alle Freuden Verzicht leiſten, und ſein Leben im Stillen vertrauern, damit an⸗ dre es gut heben. Den eignen Nutzen fahren laſſen, Schmerz und Schaden freiwillig übernehmen, iſt allerdings edel und groß. Aber noch edler und größer iſt es, Demüthigungen zu tragen, Herabſetzung nicht zu achten, Verachtung zu dulden, über Beleidi⸗ gungen nicht entrüſtet zu werden, Bitterkeiten zu vergeſſen, abſichtliche Kraͤnkungen großmüthig zu vergeben, gegen feindlich geſinnte Menſchen ein ſanftes und verſöhnliches Herz zu behalten, wohl⸗ zuthun, wo man gerechte Urſache hatte, ſich zu beſchweren. Das Erſte kann zuweilen mit Rück⸗ ſicht auf einen, daher zu erwartenden, größern Vortheil geſchehen. Aber eine gereitzte Leiden⸗ ſchaft, einen auflodernden Affect bezwingen, dazu gehoͤrt freie vernünftige Selbſtmacht der Seele. Das Gegentheil von dem thum, wozu man ſich faſt unwiderſtehlich getrieben fühlt, das iſt echte Größe. Nicht weniger ſchwer iſt es, ſich ſeine eig⸗ nen Maͤngel, vorzüglich in denjenigen Dingen, durch welche man gerne glänzt, einzugeſtehen, und Fehler, deren man ſich ſchämt, anzuerkennen. Sich ſelbſt möchte jeder in Ehren halten; an ſich felbſt Schlechtes, Tadelhaftes, Erniedrigendes zu bemerken, thut jedem wehe. Wie kann man hof⸗ fen, bei andern etwas zu gelten, wenn man ſich bei ſich ſelbſt in der guten Meinung nicht zu be⸗ haupten vermag? Eigenliebe iſt der Fehler, von welchem der Menſch am ſpäteſten frei wird. Da⸗ her die vielen Vorſpiegelungen von hoher Voll⸗ kommenheit; daher die künſtlichen Verdeckungen, Entſchuldigungen und Beſchönigungen unſrer Ge⸗ brechen. Darüber orhebt die Stärke der Seele. Sie faßt den Muth, ſich ſelbſt zu ſehen wie man iſt. Nur ſtarke Seelen kennen ſich recht, und würdigen ſich ohne Parteilichkeit. Nirgends aber erſcheint die Staͤrke der See⸗ le ehrwürdiger als in der Demuth und in der echten Reue. Nur ein freies und erhabe⸗ nes Gemüth iſt fähig, ſich in ſeinen Verſchuldun⸗ gen klein zu fuͤhlen. Sich ſelbſt herabſetzen, ſich über ſich ſelbſt ſchämen, ſich gar ſelbſt anklagen, ſich mit hohem Unwillen ſelbſt ſtrafen, nicht über verſcherztes Glück, nicht uher ben Schabhen, den man durch Thorheit ſich zuzag e ſondern über Verirrungen und Fehltritte, übar Geſinnungen und Beſtrebungen, über verletzte ſtteliche Würde: das iſt die herrlichſte That der Menſchheit; das iſt nur ſolchen Seelen möglich, die vom Adel der Tugend ſo durchdrungen ſind, daß lihnen kein Intereſſe dagegen in Betrachtung kommt. Endlich zeige ſich die Seelenſtärke des Wei⸗ bes als Standhaftigkeit in der Ausfüh⸗ rung deſſen, was es ſich vorgeſetzt oder begonnen hat. Es gibt Entſchließungen, wel⸗ che faſſen, und Werke, welche beginnen ſchon ei— ne ſtarke Seele verräth. Dieſe finden ſich nicht allein in der Sphäre des Mannes, auch das Weib iſt ihrer fähig, und wird häufig genug da⸗ zu veranlaßt. Denn der Adel derſelben kemmt nicht von der Größe des Gegenſtandes, ſondern von der Erhabenheit der Geſinnung, von der Größe der innern Selbſtüberwindung, die dazu erferdert wird. Selten bedarf es hier ausgezeich⸗ neter Anlagen— immer aber eines Geiſtes, der ſich über das Gemeine des Lebens empor geſchwun⸗ gen hat. So iſt es mit dem Vorſatze, eine mäch⸗ tige Leidenſchaft zu bekämpfen. Engherzige, eitle und ſinnliche Gemüther ſind kaum des Gedankens daran fäͤhig; und wenn ſie ihn hätten, ſie wür⸗ den ihn bei der Erinnerung an das Mühſame und Langwierige dieſes Geſchäftes wieder fahren laſſen. Wahre Stärke der Seele denkt aber nicht bloß jenen Gedanken mit hohem Intereſſe— das könnte auch wohl die augenblickliche Begei⸗ ſterung einer erhitzten Phantaſie ſeyn—; ſie wird nicht bloß durch jene Erinnerung nicht lge⸗ ſchreckt—3 das könnte wohl daher rühren, daß ſie nicht lebhaft und deutlich genug wäre—; ſie führt wirklich aus, was ſie ſich vorgeſetzt und be⸗ gonnen hat; ſo viel ſich auch des Unangenehmen und Hindernden dabei findet. Die Arbeit ver⸗ drießt, das Einförmige und Verwickelte ermüdet ſie nicht; Verſuchungen machen ſie nicht abwen⸗ dig; ſpätere Erfahrungen laſſen ſie den frühern Entſchluß nicht bereuen; vereitelte Hoffnungen verleiden ihr nicht, wofür ſie ſich einmal beſtimmt hat. Sie unternimmt nichts, ohne reifliche Prüfung, ohne ſich von der Nothwendigkeit und Heilſamkeit überzeugt, alle Zweifel und Schwie⸗ rigkeiten erwogen, und ſich auf alles gefaßt ge⸗ macht zu haben. Dann iſt aber auch kein Ur⸗ theil der Welt, kein Lob und kein Tadel, keine Furcht und keine Hoffnung im Stande, ſie da⸗ rin zum Wanken zu bringen. Was ſie verehrt, dem ſie ſich gewidmet hat, das muß pollbracht ſeyn; es koſte auch was— und währe wie lange es wolle. So iſt weibliche Seelenſtärke, weniger hero⸗ iſch, weniger feurig, weniger brauſend und zer⸗ ſtörend als die männliche, aber dafür entſchloſſe⸗ ner, überlegter und zuverläſſiger, weniger in ſchimmernden Thaten, als im muthig feſten Wi⸗ derſtehen— weniger auf dem großen Schaupla⸗ te der Welt, als im ſtillen Gebiethe des häusli⸗ chen Lebens, in der Erduldung häuslicher Leiden, am Krankenbette geliebter Menſchen, in der Auf⸗ opferung für ſie, im Vertrauen auf die Vorſeh⸗ ung, in der Großmuth gegen Beleidiger, in der Treue gegen Grundſätze, in der Selbſtüberwin⸗ dung und Reſignation ſichtbar. Ihre volle Glo— rie ſtrahlt im Heiligthume des Herzens, und of⸗ fenbart ſich nur zuwellen in einzelnen Zügen, die mehr als alles Verehrung des vortrefflichen We⸗ ſens fordern. Von Natur ſchwächer, als der Mann, übertrifft ihn nicht ſelten das Weib in frei errungener und ſiegreich behaupteter Stärke, wo die allmächtige Liebe ſeiner Vernunft zu Hülfe kommt. Dadurch wird denn jene Vereinigung von Sanftheit und innerer Kraft bewirkt, die der Seelenſtärke des Weibes ſo viele Reitze gibt. Wo die überlegenheit ſich ſtäts in Wohlwollen aus⸗ ero⸗ ſpricht: da gewinnt ſie ganz das Herz, da geſellt zer⸗ ſich zur Achtung die Liebe, und wir ſehen nicht iſſe⸗ bloß erſtaunt zu ihr hinauf, wir lehnen uns auch in voll Vertrauen an ſie an, und erwarten von ihr Wi⸗ das Köſtlichſte, was die Erde hat— den Frieden pla⸗ des Lebens. Achtzehnte Rede. 0006,,916-6,e Weibliche Seelenſtaͤrke. Fortſetzung der vorigen Rede. We buche Seelenſtärke war der Gegenſtand unſrer letzten Betrachtung. Wir haben uns über⸗ zeugt, daß das Weib Stärke der Seele haben kann, daß ſie mit der natürlichen Schwäche ſei⸗ nes Herzens nicht in Widerſpruch iſt, und daß man nichts verlangt, wozu nicht die Anlagen da ſind, wenn man ihm dieſelbe anſinnt. Wir ha⸗ ben in der gelaſſenen Ertragung des Schmerzes, in dem Muthe der Pflichterfüllung, in hoher Selbſtverläugnung und in unerſchütterlicher Stand⸗ haftigkeit ihre vornehmſten Erweiſungen kennen gelernt. Jetzt iſt noch übrig, daß wir uns mit ihrem Wehrte bekannt machen, daß wir die Art, wie, und die Mittel, wo⸗ durch ſie erworben wird, näher in Er⸗ wägung ziehenz damit das Herrliche dem Ge⸗ müthe nicht bloß im Bilde vorſchwebe, ſondern auch in ihm Geſtalt und Leben werde. Von dem Wehrte und der Trefklichkeie einer ſtarken Seele überhaupt iſt ſchon Einiges berührt worden. Wie ſich dieſe in der Natur und den Verhältniſſen des Weibes offenba⸗ ren, das ſoll uns jetzt beſchäftigen. Daß ſie auch hiier nicht anders als adeln und beglücken kann, muß ſchon aus dem einleuchten, was wir von dem Weſen und den Außerungen der Seelenſtär⸗ ſtand ke vernommen haben; und es könnte ſcheinen, über⸗, als ob eine Sache, die ſchon von ſelbſt unſre Be⸗ haben V wundrung in Anſpruch nimmt, der weitern An⸗ preiſung nicht bedürfe. Doch iſt es nützlich, die Schätzung aus der Region dunkler Gefühle in en d das Licht der deutlichen Einſicht zu ziehen; damit ir he nicht bloß flüchtige Begeiſterung, ſondern auch en beſonnene, dauerhafte, wirkſame Verehrung ent⸗ hehe ſtehe, und dem Streben das würdevolle Ziel im⸗ dun mer gegenwärtig ſey. ½ =— S.. Alle Staͤrke iſt Vollkommenheit, und verdient als ſolche Auszeichnung. Wie viel mehr denn, wann Sie Stärke des Edelſten in der menſchlichen Natur, wenn ſie Stärke der Seele iſt! Stärke der Seele vergütet alle anderweiti⸗ gen Mängel. Mag das Weib in mancher Hin⸗ ſicht ſchwach ſeyn; man wird ihm das nicht mehr zum Vorwurfe machen, man wird es nur um ſo höher achten, wenn es Stärke der Seele beſitzt. Soll man es in ſeiner Schwäche liebenswürdig finden? dann muß ſich, läuternd, bildend, befe⸗ ſtigend und erhöhend, diejenige Stärke mit ihr vereinigen, welche allein von der Seele, dem Freien und Göttlichen kommet. Ja, alle Eigen⸗ ſchaften, in denen das Weib gefält und entzuͤckt, haben nur in ſo fern wahren Wehrt, als Stärke der Seele in ihnen iſt. Liebe, ohne Stärke der Seele, iſt nicht mehr, als ſchwache Gutmüihig⸗ keit, flüchtige Aufwallung oder ein, in eigner Gluth, ſich ſchnell verzehrender Affekt. Soll ſie ſich zum göttlichen Leben erheben; dann muß ſie, von göttlicher Kraft erfüllt, das ganze Herz durch⸗ dringen, und alles wagen, dulden und aufopfern können. Hingebung, ohne Stärke der Seele, iſt nicht mehr, als Ohnmacht, Trägheit oder Gleich⸗ gültigkeit, die, weit entfernt, uns anzuziehen, —,— hen⸗ nur Bedauern oder Widerwillen erwecken. Schöͤ⸗ ner weiblicher Charakterzug wird ſie erſt dann, wenn richtige Selbſtwürdigung, beſonnene Reſig⸗ nation, ſtille Gewalt des Gemüthes über ſich ſelbſt ſie erzeugt haben. Eine Theilnahme, die nicht von Stärke der Seele gehalten und regiert wird, die bloß aus Weichheit des Herzens und Lebhaftigkeit der Einbildungskraft entſpringt, die in jeder Hinſicht von der Wandelbarkeit der Stimmung abhängt, kann noch nicht für etwas ſehr Vorzüg⸗ liches gehalten werden. Die Gelaſſenheit findet nur dann Bewunderung, wenn ſie nicht Folge der Unempfindlichkeit oder eines ruhigen Tempe⸗ ramentes, wenn ſie das Werk einer feſten Seele iſt, die ſich, in heiligem Pflichtgefühle und leben⸗ digem Glauben, dem Schmerze entgegen ſetzt, die im ſchwerſten Leiden aushält, und im anhalten⸗ den Unglücke nicht ermüdet. Die Sanftmuth iſt nur dann des Weibes hohe Ehre, wenn die See⸗ le geſiegt hat über das bittre Gefühl der Krän⸗ kung, und fähig geworden iſt, dem rohen Unver⸗ ſtande und dem empörendſten Betragen mit Scho⸗ nung zu begegnen. Und was uns vorzüglich am Weibe entzückt, die edle Einfalt des Herzens und Lebens— erlangt ſie nicht dadurch ihr ſtärkſtes Intereſſe, daß vichtiges Gefühl und vernünftige —— Einſicht darin herrſchen, daß in freier Selbſtbe⸗ ſchränkung das Gemüth ſeine Macht verherrlicht? Viel Treffliches hat die Natur in das Weib gelegt; aber nur durch Seelenſtärke kann es ge— ſichert, entwickelt und vollendet werden. Alles empfängt von ihr Weihe, Reinheit und Vollen⸗ dung. Durch ſie iſt das Weib groß, durch ſie er⸗ hebt es ſich über ſeine Schwäche. Iſt etwas vortrefflicher, als die Tugend? Was iſt jeder andre Vorzug, wo ſie fehlt? Sie iſt die köſtlichſte Blüthe der Menſchheit. Von ihr kommt aller wahre in ſich ſelbſt gegründete Wehrt. Sie iſt das Licht des Lebens, die echte Freiheit, der göttliche Adel. Ohne ſie iſt. der Menſch nichts, durch ſie alles. Auch in der weib⸗ lichen Natur iſt ſie das Königliche. Beſteht aber nicht das Weſen der Tugend in dem hohen In⸗ tereſſe für ſittliche Güte und Pflicht, das die Re— gungen der Sinnlichkeit niederſchlägt, die Forde⸗ rungen der Begierde zum Schweigen bringt, dem ſinnlichen Schmerze ſeinen Zugang zum Herzen wehrt, dem Niederbeugenden die Gewalt nimmt, die Anmaßung der Selbſtſucht zerſtört, der Ver⸗ ſuchung widerſteht, und auf den ſchwerſten Pro⸗ ben aushält? Iſt es nicht Stärke der Seele, wodurch die Tugend auch im weiblichen Gemüthe —— Raum gewinnt, und ſich ſiegreich behauptet? Muß nicht von ihr in noch weit höherm Grade gelten, was von der Würde der Tugend gilt? Müſſen wir nicht in ihr verehren, die Majeſtät des höhern Lebens, die Verklärung der Menſch⸗ heit? Nur Stärke der Seele vermag das Weib ganz auszuſöhnen mit ſeinem, in mancher Hin⸗ ſicht traurigen Looſe, der demüthigenden Abhäng⸗ igkeit, der es unterworfen, mit den zahlloſen Be⸗ fehdungen, welchen es ausgeſetzt iſt. Sie rückt uüber das alles hinaus; ſie zerbricht die Ketten der Knechtſchaft, und bringt den Frieden des Da⸗ ſeyns unter die Herrſchaft des Willens. —— Troſtlos iſt das Leben des Weibes, dem es an Stärke der Seele gebricht. Wie viel wird es, bei ſeinem weichen Herzen, bei den phyſiſchen Beſchwerden und dem geiſtigen Kummer, die ihm bereitet ſind, zu leiden haben! Die Schwäche und Reitzbarkeit des weibli⸗ chen Körpers macht dieſen zahlloſen Verletzungen fähig, die nicht zu vermeiden ſind, und immer tief empfunden werden. Seine Geſundheit iſt ſo 50 leicht geſtört. Mannigfaltige äâußere Einwirkun⸗ gen, kleine und größere Unbeſonnenheiten des Betragens richten hier Verwüſtungen an, die oft, unheilbar, den Schmerz durch das ganze Leben führen. Ihre Beſtimmung legt Ihnen ſehr ſchwe⸗ re Bürden auf. Was können Sie den daher kommenden Qualen entgegen ſtellen, außer einer gefaßten und duldenden Seele? Wodurch wollen ſie verhindern, daß dieſe nicht unterliege, wenn nicht durch ihre eigne Stärke? Ihr zartes Gefühl wird von allem, beſonders vom Unangenehmen heftig ergriffen; Ihr feinenes Nervenſyſtem wird von der leiſeſten ſchmerzlichen Berührung nicht ſelten ſo mächtig erſchüttert, daß ſich, durch die kleinſte Veranlaſſung erregt, der Kummer tödtlich vergiftend in ihr Herz gräbt, daß es oft nur eines unbedeutenden Umſtandes bedarf, um ihr Auge mit Thränen zu füllen, die nie trocknen, und ſie zu den unglücklichſten Ge⸗ ſchöpfen zu machen. Wird es an ſolchen Veran⸗ laſſungen und Umſtänden je auf Erden fehlen, wo alles wandelbar iſt, wo das Schickſal ſich ſo wenig zu bekümmern ſcheint, um den Gram oder die Wonne des Herzens? Wer darf hoffen, ver⸗ ſchont zu bleiben, wo nichts verſchont wird? Al⸗ lein eine ſtarke Seele kann verhüthen, daß Ihr zartes Gefühl nicht die Quelle großen Jammers werde. Ihr Herz hägt manches ſtille Verlangen, das nicht unbefriedigt bleiben kann, ohne daß Sie ſich elend fuͤhlen. Werden aber nicht der heißen Wünſche viele immer unerhört zu Ihnen zurück kehren? Tauſend Gegenſtände hangen durch feine, faſt unſichtbare Fäden an dieſem Herzen feſt, wovon nur Einer zerriſſen werden darf, um das Herz mit zu zerreißen. Sind Sie aber wohl einen Augenblick davor geſichert? Dieſes Herz hat ſo viele empfindliche Stellen, die man nur anzufaſſen braucht, um ihnen einen Stachel ein— zudrücken, von deſſen Verwundung es nie heilt. Werden dieſe nie unſanft berührt werden? Was iſt nun hier wieder das Nöthigſte, das einzig Helfende? Was andres, als die Stärke der Seele, die muthig duldet, und gläubig hofft? Sie haben ſo vieles, das Sie nur leiden⸗ ſchaftlich, nur mit aller Fülle Ihres Lebens lie⸗ ben können. Woran wollen Sie ſich wenden, wenn Ihnen dieſes genommen wird? Es ge⸗ ſchieht ſo leicht, daß Sie Einem Gegenſtande Ih⸗ ren ganzen Frieden anvertrauen, daß Sie ſich über nichts mehr freuen können, als was von ihm kommt. Wenn nun dieſer aufhört, für Sie —. da zu ſeyn; woher wollen Sie dann Erſatz neh⸗ men? Was ſoll Sie tröſten über den unerſetzli⸗ chen Verluſt? Nur der Reſignatien einer from⸗ men Seele öffnet ſich der Himmel; nur ſie ent: behrt heldenſtark, und traut dem Worte der Ver⸗ heißung. Sie werden ſo oft getäuſcht und betrogen. Sie erfahren ſo oft die Treuloſigkeit des menſch⸗ lichen Herzens, die Nichtigkeit der heiligſten Ver⸗ ſprechungen und die Eitelkeit der ſchönſten und zuverſichtlichſten Hoffnungen. Die kalte Hand des Schickſales faßt Sie oft ſo hart an. Ihre 2 wichtigſten Angelegenheiten ſind ſo oft das Spiel⸗ l werk leichtſinniger und übermüthiger Männer. 1 Die glänzende Vorſpiegelung wird ſo oft, wenn t Sie ihr alles anvertraut haben, zum leeren Dun⸗ 1 ſte. Was werden Sie da empfinden, wenn Ih⸗ n nen nicht die Faſſung einer ſtarken Seele zu d Theile ward! p Sie ſtehen ſo oft einſam, und ſehnen ſichi vergebens nach einem liebenden Herzen, an wel⸗ 1 ches Sie ſich anſchließen, dem Sie ſich mitthei⸗ len, bei dem Sie Rath und Troſt finden könn⸗ ten. Niemand achtet auf Sie; niemand hört Sie; und wenn auch einige Sie hörten, ſo ver⸗ ſteht keiner, was Sie fühlen. Ihnen bleibt nn⸗ ver⸗ nichts, als bei ſich ſelbſt Rath und Troſt zu ſa⸗ chen, und ſich ſelbſt mit ſtarker Seele alles zu ſeyn. Dagegen iſt auch nichts ſo ſchmerzlich, dem Stärke der Seele nicht widerſtaͤnde, nichts ſo hoffnungslos, dem ſie nicht noch viel abgewönne, und nichts ſo elendsvoll, worin fie nicht noch ei⸗ nige Heiterkeit bewahrte. Staͤrke der Seele iſt, endlich, dem Weibe unentbehrlich zur treuen Erfül⸗ lung ſeiner Pflichten und zur morali⸗ ſchen Bildung des Herzens. Viele Pflich⸗ ten des weiblichen Lebens ſind freilich nicht ſchwer zu erfuͤllen. Sie ſind an ſich einfach und ange⸗ nehm; ſie treffen mit den herrſchenden Gefühlen des Herzens, mit der Stimmung und dem Tem⸗ peramente glücklich zufammen; ſie gewähren große in die Augen fallende Vortheile; das Schoͤnſte und Beſte iſt der Preis ihrer Ausuͤbung; fruͤhe Angewöhnung hat die Geſchicklichkeit, die Fertig— keit und das Bedürfniß gebildet; die zarte Sym⸗ pathie, das angeborne Wohlwollen, die feinere Delicateſſe in dem, was Ehre und Anſtand for⸗ dern, die Weichheit und Fülle des weiblichen Ge⸗ müthes, kommen ihnen ſo gut u Statten, daß Sie ſich nur Ihrer. Neigung überlaſſen dürfen, um dieſen Genüge zu leiſten. Indeß werden auch ſie ſchon beſſer gethan, wenn Stärke der Seele ſie vollbringt, als wenn allein der natürliche Trieb, oder ein, zwar guter, aber ſchwacher Wil⸗ le dazu leitet. Man wirkt mit höherm Intereſſe, mit mehr Nachdruck und mit reiferer überlegung. Es können Umſtände eintreten, die das ſchwer machen, was ſonſt leicht iſt; die begünſtigende Stimmung kann fehlen; eine ungünſtige kann an ihre Stelle treten; und doch will die Pflicht vollbracht ſeyn. Wie übel werden Sie ſich da oh⸗ ne Stärke der Seele berathen finden! Dieſe hängt nicht von Umſtänden ab. Sie leiſtet zu je⸗ der Zeit alles, was man von ihr verlangen kann. Mit ihr ausgerüſtet, handelt man nicht aus Nei⸗ gung, ſondern aus der entſchiedenen und unwan⸗ delbaren überzeugung, daß es recht iſt, ſo zu handeln. Aber das Weib hat auch Pflichten zu erfül⸗ len, die ſchon an ſich ſchwer ſind, und ihm durch widerſtrebende Begierden des Herzens noch mehr erſchwert werden. Sie fordern Verrichtungen, zu welchen man wenig Geſchick hat, oder denen man abgeneigt iſt. Sie verlangen, daß man dem daß fen, auch eele lichhe Wil⸗ jeſſe ung. hwer ende kann licht Joh⸗ Dieſe u je⸗ ann. Nei⸗ wan⸗ 0 z0 rfül⸗ urch meßt gen⸗ ehte dem entſage, dem man gerne immer leben möchte. Sie verlangen einen Ernſt, den man peinlich, ein Nachdenken, das man läſtig findet. Die Stim⸗ me der Luſt lockt verführeriſch irgend anderswo hin. Sie wollen ſich nicht vertragen mit der* Liebe zur Abwechſelung, mit dem Hange zum Neuen oder zum Blendenden, mit dem Durſte nach Vergnügen und Zerſtreuung. Die Eitelkeit hört nicht auf, Einwendungen gegen ſie zu ma⸗ chen. Sie ſind aus der Mode gekemmen. Man könnte ſich, indem man ihnen nachgeht, den Ruf der Engherzigkeit und einer gemeinen Denkungs⸗ art zuziehen. Oder die Aufmunterung iſt bei ih⸗ nen gering: der Unterſtützung iſt wenig; der Er⸗ folg iſt ſchlecht. Eckel und Weichlichkeit ſind zu uͤberwinden; mancherlei Bequemlichkeiten muß ent⸗ ſagt werden; das Einerley ermüdet; daß nichts recht von Statten geht, daß Ein Hinderniß nach dem andern wegzuräumen iſt, verdrießt und er⸗ ſchöpft die Geduld. Bald reichen Einſichten, bald die Kräfte nicht hin, die Sache zur Befrie⸗ digung auszuführen. Bald hat man nichts als Verkennung, Undank und Kummer zum Lohne. Und doch ſind dieſe Pflichten gewöhnlich die wich. tigſten; doch hängt von ihrer treuen Erfüllung des Hauſes Wohl und des Herzens Ruhe oft am meiſten ab. Hier iſt es, wo Staͤrke der Seele ſich verherrlichen muß. Kur ſie vermag, in der Waͤrme der Liebe und im hohen Intereſſe für das Gute, zu erheben über alles, was die Er⸗ füllung der Pflicht erſchwert; nur ſie vermag im Herzen die Kraft zu wecken, die alle entgegen⸗ ſtrebenden Antriebe überwindet, und auch das mit Luſt ergreift, was ſonſt immer läſtig iſt. Eben ſo unentbehrlich iſt Seelenſtärke dem Weibe zur moraliſchen Bildung des Her⸗ zens. Zwar iſt die vollendete Stärke der Seele erſt eine Frucht dieſer Bildung; aber in einem gewißen Maße muß ſie doch ſchon vorhanden ſeyn, damit das Geſchäft der Selbſtveredlung be⸗ ginnen, und ſortgeſetzt werden könne. Seelen⸗ ſtärke wird erfordert, um den Gedanken der höch⸗ ſten moraliſchen Beſtimmung in dem beweglichen Gemüthe des Weibes zu fixiren, ihn in der Flüch⸗ tigkeit deſſelben feſtzuhalten, und ihm unter dem Geräuſche der Geſchäfte und Zerſtreuungen die gehörige Lebhaftigkeit zu ſichern. Bei der Ge⸗ neigtheit, alles leicht zu nehmen, bey der großen Macht aller Eindrücke, bey der Wandelbarkeit al— ler Empfindungen, erſcheint den Frauen die ſittli⸗ che Vervollkemmnung ſelten als die wichtige An⸗ gelegenheit, die ſix wirklich iſt; die Nothwendig⸗ dem die keit derſelben wird ihnen ſelten fühlbar; und noch ſeltener erregt ſie ihr Nachdenken. Die morali⸗ ſchen Regungen, die gewiß oft genug in ihrem Innern aufgehon, gehen in ihrer irrdiſchen Stim⸗ mung bald wieder unter. So können ſie nicht zu kräftigen Vorſätzen erwachſen. Mit Ernſt will die ſittliche Bildung des Her⸗ zens begonnen ſeyn; der echte ausdauernde Ernſt aber iſt eine Frucht der Seelenſtärke. Die ſittli⸗ che Bildung des Herzens ſetzt richtige Selbſter⸗ kenntniß voraus. Gehört aber nicht Stärke der Seele dazu, daß man ſich entſchließe, ſein Inne⸗ res unpartheiiſch zu erforſchen, daß man ohne Schonung ſeine Fehler anerkenne? Mit Stren⸗ ge muß man ſich die Grundſätze vorhalten, nach denen das Leben geführt werden ſoll. Wird das die Seele auch vermögen, der es an Starke fehlt? Um ſich, endlich, zur Befolgung derſel⸗ ben zu gewöhnen: wie viel Unangenehmes und Läſtiges muß man über ſich nehmen, wie vieles Geliebte ſich unerbittlich verſagen, wie oft ſich ſelbſt verläugnen! wie muß man ſich gegen die Verſuchung bewachen! mit welcher Beſonnenheit muß man überall denken und handeln! wie vie— len Regungen des Affectes muß man ſich wider⸗ ſetzen! wie viele Verirrungen find zu bereuen und . zu verbeſſern! wie viele übungen hat man anzu⸗ ſtellen, die nicht zu den erfreulichſten gehören! Die ſittliche Selbſtbildung iſt nie vollendet, ſie verlangt die Arbeit des ganzen Lebens; ſchon da⸗ rum kann es nur der ſtärkern weiblichen Seele damit gelingen. So hat denn Stärke der Seele in der zar⸗ tern Natur des Weibes nicht allein an ſich ſelbſt, als ſiegreiche Tugend, herrlichen Wehrt; ſie iſt auch die Bedingung aller wahrhaft achtungswur⸗ digen weiblichen Vorzüge, die Bedingung der Ruhe und Getroſtheit unter den Schmerzen und Unfällen, die ſo oft des Weibes Loos ſind, die Bedingung der treuen Pflichterfüllung und eines glücklichen Fortganges in der Veredlung des Her⸗ zens. Wahrlich ſie verdient es, daß jedes Weib ſich um ſie bemühe, daß jedes, mit dem Aufbie⸗ then ſeines ganzen Vermögens, nach ihr ringe, ſie zu befeſtigen, auszubilden und zu erhöhen ſuche. Freilich wird dazu nicht wenig erfordert. Was hohen Wehrt hat, das iſt nimmer leicht zu erlangen. Was uns die Menſchheit auf der Hö⸗ he ihrer Verherrlichung zeigt, das will mit gro⸗ ßen Anſtrengungen bezahlt ſeyn. Aber dieſe An⸗ ſtrengungen laſſen ſich vollziehen; die Hinderniſſe laſſen ſich überwinden. Ein ausgezeichnetes Ver⸗ mögen dazu iſt in die weibliche Natur gelegt. Der Gebrauch deſſelben wird bald freudige Luſt; und dann krönt ihn glücklicher Erfolg. Viele Beiſpiele ſolcher Weiber, die, mit wenig glän⸗ zenden Talenten begabt, ſich zu ihr empor ge⸗ ſchwungen, in ihr ſich ſelbſt übertroffen, und der Bewunderung aller Zeiten wehrt gemacht haben, zeugen dafür. Und welches beßre Weib häͤtte nicht an ſich ſelbſt ſchon Proben der ausdauern⸗ den Geduld in ſchweren Leiden, des unerſchrocke⸗ nen Muthes bei drohenden Übeln, der edeln Selbſtverläugnung, wo Pflicht und Liebe theure Opfer forderten, und der beharrenden Standhaf⸗ tigkeit in der Vollführung ſchwerer Geſchäfte ge⸗ macht? Welches Weib hätte nicht wenigſtens einmal an ſich ſelbſt erfahren, daß die innere Kraft mehr vermag, als alles, was den Menſchen verführen und beugen will, und daß man, auch bei weiblicher Schwäche, größer ſeyn kann, als das Schickſal? Was nun im einzelnen Falle möglich war, ſollte das in andern Fällen nicht auch möglich ſeyn? Was die That erreichen konnte, ſollte das nicht auch der Charakter errei⸗ chen können? Alles kommt darauf an, daß Sie Zutrau⸗ en zu ſich ſelbſt faſſen, und ſich des gro⸗ ßen Vermogeus, das in Ihnen liegt bewußt werden. Wer verloren gibt, wird nie ſiegen. Die Unluſt überredet ſich, ſie kön⸗ ne nicht, und ſie bringt nichts zu Stande, weil ſie nichts unternimmt. Man ſucht das Vortreff⸗ liche immer uͤber ſich in der Höhe, und vernach⸗ läſſigt, zu bemerken, was im eignen Herzen da⸗ hin zieht. Der Glaube lehrt wagen, und Wa⸗ gen iſt ſchon Gewinnen, wo es bloß auf Kraft des Willens ankommt. Das Gefühl Ihrer Schwä⸗ che möge Ihnen Beſcheidenheit einflößen, und durch Demuth ſchmücken den Wehrt. Aber es müſſe Ihnen nie die Zuverſicht rauben; es müſſe Sie nie daran zweifeln laſen, daß es in ihrer Gewalt ſteht, ſich über den Schmerz zu erheben, die ſchwere Pflicht zu üben, und der Berſuchung zu widerſtehen. Doch das kann die wahre Be⸗ ſcheidenheit, die echte Demuth nicht; iſt ſich dieſe doch in ihrem Daſeyn ſchon der Beweis von der Möglichkeit wahrer Seelenſtärke. Verſuchen Sie es nur, ſich ſelbſt ſolche Beweiſe recht oft zu ge⸗ 7 2 5 8 den; das freudige Gefühl davon wird Ihnen die⸗ ſelben immer mehr erleichtern. Die Ermannung der Seele iſt ihre Kraft, das Erwachen zur vol⸗ len Selbſtbeſinnung die Geburt des neuen Lebens. Dabei dürfen Sie indeß nicht verſäumen, ſich der Mittel zu bedienen, wodurch die Stärke der Seele erhöht, und die Macht der Reitzungen, welche ſie immerfort anfechten, geſchwächt werden kann. Unter dieſen Mitteln iſt das Erſte richtige Beurtheilung der Angelegenheiten, Gü⸗ ter und Leiden des Lebens. Schätzen Sie die erſten zu hoch; ſtellen Sie ſich die letzten viel größer vor als ſie wirklich ſind: ſo muß es Ih⸗ nen ſchwer fallen, einen Verluſt zu verſchmerzen; Muth zu beweiſen, wo etwas zu wagen iſt, auf⸗ zuopfern, was die Pflicht fordert, und unter widrigen Ereigniſſen Faſſung zu behalten. Es iſt aber ſehr gewoͤhnlich, daß das zu hoch angeſchlagen wird, was man zu den Gütern und Annehmlichkeiten des Lebens rechnet; beſonders iſt es bei Ihrem Geſchlechte gewöhnlich. Man läßt ſich von dem flüchtigen Schimmer blenden; man bleibt bei dem erſten Eindrucke ſtehen; man be⸗ ſtimmt den Wehrt einer Sache nach der Befrie⸗ digung, welche ſie der einzelnen Neigung, die wohl gar eine unordentliche iſt, gibt; man ſtimmt gedankenlos den Vorurtheilen bei, die darüber unter der Menge herrſchend ſind; man verwech⸗ ſelt das äußere Anſehen, das ſie verſchaffen, mit ihrem Einfluſſe auf die Ruhe des Herzens; mit dem, was ſie in der That gewähren, fließen die Verſchönerungen der Phantaſie in einander. So muß Ihnen denn freilich nichts höher gelten, als was der Eitelkeit ſchmeichelt, Reichthum, Pracht, Bequemlichkeit, tägliche Zerſtreuung, ſinnliches Vergnügen; und es wird unendlich viel Dinge geben, die Sie zu betrauern, zu befürchten, zu erſtreben und zu bewahren haben. Alle dieſe werden Ihrer Seele Feſſeln anlegen, ſie beſchrän⸗ ken und niederbeugen, wo ſie ſich in ihrer Stärke erheben möchte; Sie werden ſich kaum zu etwas entſchließen können, was Ihnen den Beſitz und Genuß derſelben zu verkümmern droht. Sind Sie dagegen gewohnt, dieſe Dinge nach ihrer wahren Beſchaffenheit zu betrachten, von ihnen abzuſondern, was ſie von dem Vorurtheile und der Einbildung erborgt haben; würdigen Sie dieſelben nach dem Verhältniſſe, in welchem ſie zu der Glückſeligkeit des Lebens ſtehen; bringen Sie die Veränderlichkeit und Treuloͤſigkeit, die Sorgen und den Kummer, welche ſie verurſachen, die Freuden, deren ſie ſo oft berauben in An⸗ ſchlag: dann kann die Furcht der Beeintraͤchti⸗ gung Sie nicht ſehr beunruhigen; dann kann die Pflicht der Entbehrung Ihnen nicht viel ko⸗ ſten; und Sie werden ſich bald tröſten über den Verluſt. Richtige Schätzung der Güter und Freuden des Lebens iſt ein treffliches Beförde⸗ rungsmittel der Seelenſtärke. Nicht viel anders verhält es ſich mit den Leiden. Die Anzahl derer, die an ſich großen Schmerz verurſachen iſt klein. Die meiſten wer⸗ den durch das, was die Meinung, der Gedanke oder die Einbildung hinzu thut ſo empfindlich. Wir ſehen auch hier die Dinge durch das gefärbte Glas des Vorurtheiles an, und laſſen in der mißmuthigen Stimmung die Phantaſie ſo viel un⸗ angenehme Bilder und Empfindungen an ſich knüpfen, als ihr gefällt. Unſre falſchen Anſich⸗ ten, unſre ungegründeten Beſorgniſſe ängſtigen und quälen uns mehr, als die Übel ſelbſt. Ver⸗ tieft in die finſtern Vorſtellungen, gefeſſelt von bittern Gefühlen, kann die Seele nicht zu ſich ſelbſt kommen; und könnte ſie es, ſo würde ſie doch einen ſchweren Kampf haben. Bei einer ſorgfältigen Prüfung werden Sie gewiß finden, daß gerade da, wo es Ihnen am ſchwerſten wird, Muth und Geduld zu behalten, dieſe Übertrei⸗ bungen und die daher entſtehenden Verwirrungen des Geiſtes daran ſchuld ſind. Ein heller Blick, der das Wahre und Wirkliche gleich trifft, ein ruhiges unbefangenes Urtheil, das jedes für das erkennt, was es iſt, und im Schlimmen das Gute nicht überſieht, müſſen die Stärke der Seele ungemein befördern. VerbindenSie damit, und das iſt hier das Wichtigſte, lebendige, tiefge fuͤhlte Schätzung des Guten. Ein reines und mäch⸗ tiges Pflichtgefühl liegt, wie ich in der letztn Rede dargethan habe, der wahren Seelenſtärke zum Grunde. Alles andre, was dieſe befördert, iſt nur in ſo fern in Anſchlag zu bringen, als es dem Pflichtgefühle zur Unterſtützung gereicht. Je deutlicher und nachdrücklicher es ſich dieſes Pflichtgefühl ankündigt; je mehr es in die Ge⸗ ſinnung gedrungen und ernſtliches Wollen des Guten geworden iſt; deſto mehr wird die Seele von ihm Stärke empfangen. Die richtige Be⸗ urtheilung der Güter und übel des Lebens räumt nur die Hinderniſſe der Seelenſtärke weg; vom Pflichtgefühle kommt die eigentliche Kraft. Gilt Ihnen Pflicht und Tugend mehr als alles: dann werden Sie das widrige Schickſal ſchon deswegen gelaſſen erdulden, weil es nicht anzutaſten ver⸗ — dann wegen 461 mag, was Ihnen das Theuerſte iſt, das Heilig⸗ ◻ thum Ihres Herzens; Sie werden im Bewußt⸗ ſeyn der Schuldloſigkeit und eines edlern Beſitzes, die kränkende Demüthigung und den wehe thuen⸗ den Verluſt ſtandhaft ertragen; Sie werden ſich nicht ſcheuen, um der Tugend willen Unangeneh⸗ mes auf ſich zu laden; Sie werden weder klagen, noch ſich weigern, wenn Sie das Geliebteſte für ſie hingeben, ſich dem Gefürchteteſten ausſetzen, das Schwierigſte vollbringen ſollen. Achtung für Pflicht und Tugend gewährt hohes Sicherheits⸗ gefühl, in welchem man tauſend Dinge gering ſchätzen kann, die andern ſehr wichtig ſind. Ach⸗ tung für Pflicht und Tugend iſt Erhebung über das Irdiſche, und in dieſer Erhebung offenbart ſich vorzüglich die Macht einer ſtarken Seele. Das ſey alſo Ihr Bemühen, daß das Ge⸗ fühl der Pflicht in Ihnen bewahrt, und immer lebendiger, daß die Tugend Ihnen immer ehr⸗ würdiger werde, daß die Vortrefflichkeit derſelben, deutlich erkannt und innig gefühlt, Ihr ganzes Herz durchdringe und bewege. Beſchäftigen Sie ſich oft mit ihr in ſtillen Betrachtungen ihres Weſens, ihres Werthes und ihres beſeligenden Ein⸗ fluſſes auf alle Angelegenheiten, Kräfte, Güter und 51 Freuden des Daſeyns. Vergegenwaͤrtigen Sie ſich die Bilder der Menſchen, die ihr das Leben ge⸗ weiht hatten, in welchen durch ſie jeder Streit verſöhnt, der Geiſt erhöht, und das Herz herrlich gebildet worden iſt. Befreunden Sie ſich mit ihr durch fleißige Ubung ihrer Werke, und hüthen Sie ſich vor allem, was die Achtung für ſie ſchwächen, und das Gemüth entweihen kann. Vorzüglich wirkſam wird das Pflichtgefühl dann, wenn es in Selbſtachtung und in Ge⸗ fühl des eignen Wehrtes übergeht. Auch das Weib ſoll ſich ſelbſt achten, damit es vermei⸗ de, was ſeiner Würde entgegen iſt. Selbſtach⸗ tung iſt ſeiner Beſcheidenheit ſo wenig zuwider, daß dieſe vielmehr ohne jene nicht einmal Statt finden kann. Selbſtachtung hängt mit der Ach⸗ tung für Pflicht und Tugend zuſammen; denn das Geſetz derſelben wohnt im eignen Herzen. Wo aber Pflicht und Tugend in das Leben eingedrun⸗ gen ſind, da geben ſie das Gefühl des perſönli— chen Wehrtes. Man kann ſich ſeines Wehrtes bewußt ſeyn, ohne ſich deſſelben zu überheben, ohne Stolz, Dünkel und Anmaßung. Still, an⸗ ſpruchslos, nicht einmal zur Deutlichkeit entwi⸗ ckelt, lebt das Gefühl des wahren Wehrtes in der Seele des guten Weibes, ſchutzend und ſtärkend, — erhebend die Seele. Dieſes Gefühl wird Sie empor halten, wenn ſich alles vereinigt, Sie nie⸗ derzudrücken. Es wird Sie in der bedenklichen Lage nicht verzagen laſſen. Bei dieſem Gefühle wird Ihnen nur Eins fürchterlich ſeyn— die Möglichkeit, den Wehrt zu verlieren. Selbſt⸗ verläugnung werden Sie gering achten, weil durch ſle der Wehrt erprobt und erhöht wird. Demuth und Reſignation werden Ihnen nicht ſchwer fal— len, weil ſie, weit entfernt, den wahren Wehrt zu rerringern, ihn, als ſeine zuverläſſigſten Zeu⸗ „ gen, immer begleiten. . Eine beträchtliche Unterſtützung, zur Erzeu⸗ gung hoher Seelenſtärke findet das Pflichtgefühl t beim Weibe in der Anlage und dem Be⸗ dürfniſſe der Liebe. Die Stärke der Seele G zeigt ſich worzüglich in der Überwindung der — Selbſtſucht. Die Selbſtſucht tritt dem Menſchen immer in den Weg, wenn geduldet, gkwagt, hin⸗ gegeben, und Standhaftigkeit bewieſen werden foll. Sie flieht, mehr als alles, den Schmerz, das Ungemach, den Verluſt und die unbelohnte Arbeit. Mit der Selbſtſucht liegt die Pflicht im⸗ mer im Kampfe; ſie muß jedes Opfer von ihr er— zwingen. Wo Liebe iſt, da bedarf es deſſen nicht; die Unluſt, das Entbehren und die Anſtrengung 4 4 * werden da kaum gefuühlt. Mit ſanfter Gewalt leitet ſie zu allem, was menſchliche Noth erleich⸗ tert, menſchliches Wohl befördert; mit ſanfter Gewalt hält ſie überall aufrecht, durch den Ge⸗ danken an die, welche man liebt. Iſt die Liebe mächtig in Ihrem Herzen, wie willig werden Sie dann ertragen, was andern zum Beſten gereicht! wie wird der Wunſch, andre nicht zu betrüben, durch die Außerungen Ihres Kummers ſich dem Gefühle deſſelben entgegenſetzen! wie wird der heitre, freundliche Sinn der Liebe dieſes Gefühl mildern! frei und groß im Kummer iſt immer die Liebe. Erfüllt ſie Ihr Herz; wie muthig werden Sie dann der Gefahr entgegen gehen, die ſich von dem Wirken fuͤr andre nicht trennen läßt! wie leicht werden Sie das eigne Intereſſe ver⸗ geſſen! wie ſtandhaft werden Sie aushalten und alles vollenden in dem Werke der Liebe! Faſt in allen Frauen, die durch Stärke der Seele herr⸗ lich waren, hat die edlere Liebe daran Theil ge⸗ habt. Darum hüthen und pflegen Sie das zarte Leben derſelben in Ihrer Bruſt; wenden Sie da⸗ von ab die Reitzungen des Eigennutzes, der Ei⸗ telkeit und der Sinnlichkeit; und machen Sie ſich alles zu eigen, was die Wärme und Innigkeit eines wohlwollenden Herzens vermehrt. —— Wollen Sie ſich von dem bisher Genannten unter allen Umſtänden glücklichen Erfolg verſpre⸗ chen: dann muß ſich die göttliche Kraft der Religion damit vereinigen. Glaube und Hoffnung müſſen hinzu kommen, damit das Pflichtgefühl ſo mächtig, die Liebe ſo rein und feu⸗ rig werde, als es zu einer immer ſiegenden Stär— ke der Seele nöthig iſt. Aber nichts wird Ihre Seele ſo feſt machen unter den Stürmen des Un⸗ gläckes, als der Glaube, daß Sie auch in den dunkelſten Nächten des Lebens von dem Schutze eines allmäͤchtigen Freundes umgeben ſind, daß alle Ibre Schickſale von einer unſichtbaren Hand mit unendlicher Weisheit und Güte geleitet wer⸗ den, daß Sie nur das verlieren können, was Ih⸗ nen ſchädlich ſeyn würde, wenn Sie es behielten, daß jeder Schmerz Prüfung, Mittel, das Herz zu läutern, die Tugend und Glückſeligkeitsem⸗ pfänglichkeit zu erhöhen iſt, und daß alles einſt einen glücklichen Ausgang gewinnen wird. Was wäre ſo hart, das in dieſem Glauben nicht ge⸗ duldet werden könnte? Was ſo ſchrecklich, daß Sie in demſelben dabei verzagen duͤrften? Wenn Vertrauen auf Gott die Seele beherrſcht: dann iſt die Gewalt der Erde für ſie vernichtet; dann iſt ſie ſelbſt, befreundet mit dem höchſten Weſen, über—edes unangenehme Ereigniß erhaben. Die Religion lehrt uns Gott kennen, als den allgegenwärtigen Zeugen unſrer Geſinnungen und Thaten, deſſen Beifall unſer höchſtes Gluck, deſſen Mißfallen unſer tiefſtes Elend iſt. Wird die Seele der Verſuchung zum Böſen leicht nach⸗ geben, in welcher die Erinnerung an ihn ſtäts lebendig iſt? Wird ſie, wenn die natürlichen Be⸗ wegungsgründe der Pflicht nichts mehr vermögen, wenn die Liebe erkaltet, nicht noch Antrieb ge⸗ nug haben, das beſchwerliche Geſchäft, die an⸗ ſtrengungsvolle Arbeit zu vollenden? Wird nicht das Beſtreben, der Liebe dieſes Gottes wehrt zu ſeyn, jede Anwandlung von Widerwillen unter⸗ drücken? Die Religion gewährt uns entzückende Aus⸗ ſichten in eine beßre Welt. Einſt ſoll jede gute That belohnt, jedes Opfer bezahlt, jeder Sieg uͤber uns ſelbſt gekrönt werden; einſt ſoll dem un⸗ bemerkten Verdienſte ſeine Ehre widerfahren. Je⸗ de Verläugnung iſt herrlicher Gewinn, jeder un⸗ terdrückte Wunſch, jedes freiwillig uͤbernommene Leiden Verheißung eines reichen Erſatzes. Kann bei, dieſer Hoffnung Ihnen ije ausgehen der Muth —— 1 Gutes zu thun, und ſich um des Guten willen Schmerz und Demüthigung gefallen zu laſſen. Die Religion iſt Erhöhung unſers Weſens durch Verbindung mit dem Unſichtbaren. Sie er⸗ weitert unſer ganzes Daſeyn; von ihr kommt die echte Begeiſterung, welche ſtarke Seelen in entſchei⸗ denden Augenblicken durchglüht. Je vertrauter Sie mit ihr werden; je beſſer Sie ihre Wahrheiten einſehen; je tiefer Sie dieſelben empfinden; je ver⸗ ſtändlicher und befreundeter der Geiſt der Religion zu Ihrem Geiſte ſpricht: deſto mehr wird Ihre Seele ſich angethan fühlen von überirdiſcher Stärke. Echte Religion kann nur in ſtarken Seelen wohnen, und unwiderſtehlich reißt ſie das Gemüth empor, deſſen ſie ſich einmal bemächtigt hat. Möchten Sie den Wehrt derſelben immer mehr ſchätzen lernen! Möchte der Sinn für ſie in Ih⸗ nen immer gebildeter und zarter, die Achtung für ſie immer wärmer und lautrer werden, daß Ihr Le⸗ ben laut und rührend davon zeugte, welche Stärke die Religion in der Schwäche des Weibes wecken, zu welchem Heldenmuthe ſie ſeine Geduld, zu wel⸗ cher Hoheit ſie ſeine Tugend führen kann! Von dem Verfaſſer der Reden an Ge⸗ ch ſechte ſind noch folgende Werke mit leichem Rechte zu empfehlen: Der Lhargkre und die Beſtimmur ng des Mannes, in Vor leſungen; ein Gegenſtück zu den Reden an Ge⸗ bildere, aus dem weiblichen Geſchlechte. Mir 1 Kupfer. gr. 8. 1808. 1 Rthlr. 20 gGr. bi ſch gle Handbuch für die äſthetiſche, moraliſche und religioſe Bildung des Lebens, mit beſondrer Rückſicht auf das weibliche Geſchlecht. gr. 8. 1 Rcehlr. 18 gGr. Dieſe Schriſt eathilt 1. Entwickelung der wichtigſten Be⸗ griffe, die ſich auf das Schöne, Gute und Heilige im Leben be⸗ ziehen. 2. Anweiſu ng z zu einer edeln Bildung des Lebens. „Feſtpredigten“ von Friedrich Ehrenberg, königl. preuß. Hofprediger in Berlin. gr. 8. 1 Rthlr. 20 gGr. Teſt predigten ſind überhaupt ſeltener als Von dieſen enthält ſich der Verleger etwas wei daß hier neue und eingreifende Gegenſtände bea verweist übrigens auf das Oktober⸗Heft der theol. Reden über wichtige Gegenſtände der höhern Lebens⸗ kunſt. gr. 8. 1 Rthlr. 8 gGr. Keine Predigten, ſondern philoſophiſche Reden über Gegen⸗ ſtände, die jedem denkenden Menſchen intereſſant ſind. Euphranor, über die Liebe, ein Buch für die Freunde eines ſchönen und glücklichen Lebegs. 2 Theile. gr. 3, 3 Rchlr. Auch hiervon erſcheint zur nächſten Mich. Meſſe eine neue veo⸗ änderte und vermehrte Auflage.— Dies wird das geſchmackvolle Publikum vor dem ſchlechten Wiener Nachdrucke warnen. t 82 1 8 Das Schickſal, Schatten⸗ und Lichtſeite. r. 8. Rthlr. 8 gGr. Dieſe Schrift ſcheint durch die Ereigni ſſe der Tage ein noch döberes Intereſſe zu gewinnen. Sie gewaͤhrt über die Begebenhei⸗ ren der Welt Belehruͤng und Troſt. Gedächtnißrede auf Ihre Maj. die verwittwete Köni⸗ gin von Preußen Louiſe Friederike. gr. 8. 3 gGr. Gaſtpredigt, am dritten Advents Sonntage in der H ef⸗ und Domkirche zu Berlin gehalten. gr. 6. 4 gGr. l[dete aus dem weiblichen Ge⸗“ — —. ontrol Chart Magenta — vellow HSd