Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von on Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 7 1„./—„ 1„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiteryerleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 ¹ 4 Des Arztes Lehr⸗ und Wanderjahre auf Reiſen und im Felde. Ein hiſtoriſcher Roman aus den Zeiten der Feldzuͤge in den Jahren 1609— 1815 von Dr. Ewald Chriſt. Vietorinus Dietrich, Decoré du Lys und gew. Koͤnigl. Saͤchſ. und Koͤnigl. Preuß. Ober⸗Wundarit. 1 Meißen, 1 8˙2 3, bei Friedr. Wilh. Goedſche⸗ A8 Virtus repulsae nescia sordidae, Intaminatis fulget honoribus. Horat. 7 1 9* 8 ——— Den Hochwohlgebornen und Hocherfahrnen Herren, Herrn General⸗Staabs⸗Medicus Dr. Wiebel, Leib⸗Arzt Sr. Maj. des Koͤnigs von Preußen, Comthur und Ritter mehrerer hohen Orden ꝛc. Herrn Hofrath, Dr. Kreyſſig, Leib-Arzt Sr. Maj. des Koͤnigs von Sachſen, Ritter des K. S. Ordens fuͤr Verdienſt und Treue ꝛc. Herrn Ritter, Dr. Stummer, General⸗Staabs⸗Med. der K. Poln. Armee ꝛc. meinen Hochzuverehrenden Herren im Hochgefuͤhl ſchuldigſter Verehrung und Dankbarkeit gehorſamſt gewidmet vom Verfaſſer. —— 7 Subſeribenten⸗Verzeichniß. Aſchersleben. Herr Detto, F., Stud. med. et chirurg. Bautzen. Dropiſch, A., Bataillons⸗Chirurgus. Ehrenhauß, F., Compagnie⸗Chirurgus. Fielitz, G., Compagnie⸗Chirurg. Heitmann, A., Ober⸗Regiments⸗ Chirurgus. Kreiß, F., Compagnie⸗Chirurgus. Krengel, C., Compagnie⸗Chirurgus. Kuͤchler, T., dgl. Maͤrker, F. C., dgl⸗ Moſche, E., dgl. Unger, C. A., dgl. Biſchofswerda. Suͤßmilch, Aceis⸗Commiſſarius. Camen:. Roux, Dr, L., prakt. Arzt. Dippoldiswalde⸗ Schuͤtze, J. H. G., Compagnie⸗Chirurgus. Schulze, A. F., Chirurgus. Dresden. Anders, C., Milit. Chirurg⸗ Bierlein, C., Stud. med, Clauß, Dr. W., in der mediz. Academie⸗ Cramer, Militairarzt. Dietrich, C., Milit. Chirurg. Ehrlich, J. G., Stud, chirurg. Fiſcher, A., Stud. med. Fliage, A., Milit. Chirurg. 11 12I1 11 1 1 1 IIIIII1 1 * Franze, E., 3 Stud. chirurg. Fraͤnzel, F. L., Milit. Chirurg. Goltſch, J., Stud. chirurg. Großer, C. F., Milit. Chirurg. Gruͤnert, C., Chirurgus. Haukelt, L., Milit. Chirurg⸗ Hardraht, F. W., Stud. med, et chirurg. Hartmann, G., Stud. med. Hauffe, F. W., Milit. Chirurg. Hedenus, K. F., im Regim. Pr. Maximil. Heinicke, J. G., Stud. med.. Hellinger, W., Stud. med., et chirurg. Hoͤppner, C. H., Milit. Chirurg. Kaͤppner, Ober⸗Wundarzt⸗ Kober, C., Stud. med. et chirurg. Kunze, A., Stud. med. et chirurg. Laue, G. M., Stud. med. et chirurg. Lohſe, K. E., im Regim. Pr. Maximil. Muͤhle, W., Stud. med. Muͤller, J, Milit. Chirurg. Oeſer, A., Milit. Chirurg. an Piper, L. A., Stud. med. et chirurg Preske, E., Milit. Chirurg. Reiche, S., Milit. Chirurg. Richter, O., Bataill. Chirurg. Sahlfelder, Ober⸗Wundarzt b. d. Acad. Scheppahn, R. E., Milit. Arzt. Schier, Milit. Chirurg. Schmidt, E. G., Stud. chirurg. Schreiber, H. A., Stud. chirurg. Schuſter, C. W. C., Unter⸗Wundarzt. Sperber, F., Milit. Chirurg. Steinborn, W., Stud. mecd. et chirurg. Tobert, A., Stud, chirurg. Herr Winkler, C. H., Stud. chirurg. — Wlochatz, Milit. Chirurg. — Zehrer, F., Ober⸗Wundarzt. b. d. Acad. — Ziegner, F. W., Stud. chirurg. Großenhayn. — Riedel, E. A., Chirurg. — Roͤder, J. G., dgl. — Seidel, C. A., dgl. Radeberg. — Schinckell, J., Regim. Chirurg⸗ Schwarzenberg. — Zeune, Dr. Phys. 4 Exemp. Zittau. — Wilhelm, J. F., Milit. Chirurg. Z wickau. — Laurin, Milit. Chirurg. 7 2 5 4 —————— 1 — Die Grenze war uͤberſchritten, Zinnwald er⸗ reicht, der Gruß: Gelobt ſey Jeſus Chriſt! erinnerte den jugendlichen Wanderer, daß er im katholiſchen Lande, und das Oeſtreichiſch-Kayſerl. und Koͤnigl. Boͤhmiſch vereinte Wappen⸗Schild mit der Inſchrift: Salva Guardia, daß er in Boͤhmen ſey.— Er tritt ins Grenzzollhaus ein. „Schaffens halter viſirt zu haben? ruft ihm mit feundlichem Gruß der Mauthner entgegen, nimmt ihm den Paß aus der Hand, uͤberlieſt ſel⸗ bigen, den Juͤngling oft feſt anſehend, und ſchreibt: „Julius Heilmann— Studiosus Medici- nae et Chirurgiae zu Wittenberg, 18 Jahr alt, Geburtsort Ehrenberg, letzter Aufenthaltsort, 1. 2 Dresden; Figur, ſchlank; Groͤße, 72 Zoll; Augen, blau; Haare, blond gelockt; Geſichte, empfehlend; Farbe, friſch und geſund. Geht uͤber Teplitz, Prag, Wien nach Italien zu Ver⸗ vollkommnung ſeiner aͤrztlichen Kenntniſſe. Datum ꝛc. den 20. Juny 1808.“ „Der Paß iſt richtig und gut, von den com⸗ petenten Behoͤrden unterzeichnet, beſtegelt, und von des Oeſterreichiſchen Herrn Geſandten Ex⸗ cellenz beglaubigt. Dieſer da, auf Julius ſelbſt zeigend, eben ſo gut, ſprach jetzt der Grenz⸗ zolleinnehmer. Ein ſchoͤnes offnes Geſicht iſt oft die beſte Empfehlung; ſie gilt, wie ehrliche Hand, durchs ganze Land!— Habe auch ei⸗ nen Sohn,(fuhr er fort,) der in Prag Wundarz⸗ neikunde ſtudirte, nun aber auf Reiſen iſt, und, will's Gott, eine Anſtellung bei der Armee zu er⸗ langen, hofft. Reiſens halter mit Gott, geſtrenger Herr! und treffen Sie einſt meinen Karl(ich heiße Aloyſius Werner, und war einſt K. K. Feld⸗ webel bei Reus), ſo bringen Sie dem braven Jun⸗ gen der Eltern Gruß und ihren Seegen.“ „In Teplitz wird's Gelegenheit nach Wien geben; dort ſind die Chirurgen gar wohl angeſehn, können im Mohren logiren. Nun, Gott befohlen! Ihr Paß iſt ins Hauptbuch eingetragen, zeigen Sie ihn in Teplitz nur bei der Polizei vor.“ Julius dankte dem lieben freundlichen Manne, und pilgerte nun beym ſinkenden Abend wohlge⸗ * do. 2 8 h 3 muth, ſeine elegante Reiſetaſche auf dem Ruͤcken, und die Zierde des Studenten, den klirrenden Hie⸗ ber an der Seite, uͤber die Gebirge.— Das Dunkel des Fichtenwaldes nahm ihn auf. Er betritt den Fußſteig und, noch wenig Schritte, und Sachſens ihm hier noch ſichtbare Gebirge, der hohe Altenberg, der große Geißing, der graue Kahlenberg, und im Hintergrunde der kleinere Lugberg entzieh'n ſich allmaͤhlig ſeinen Blicken. Jetzt erwacht in der Bruſt des jugendlichen Wanderers das Gefuͤhl des Heimweh's, und im ſtaͤrkern Pulſen klopfte ſein Herz der Liebe des Baterlandes, dem er ſo viel Gutes verdankte, das aber auch ſchon die Aſche theurer Eltern um⸗ ſchloß. Das Gefuͤhl wird zu Thraͤnen, und verſun⸗ ken im Anblick der vaterlaͤndiſchen Berge, ſetzt er ſich jetzt da, wo der Weg ſich bergabwaͤrts lenkt, aufs ſchwellende Moos, um noch einmal hier allen ſeinen Lieben und Freunden ein herzliches Le⸗ bewohl zuzurufen. Daß ſie ihm naͤher, gleichſam vergegenwaͤrtiget waͤren, nimmt er aus der Reiſe⸗ taſche, auf welche er ſeine Floͤte geſchnallt hatte, ſein Stammbuch, und lieſ't nun mit wechſeln⸗ den Gefuͤhlen der Wehmuth und der Hoffnung, das, was ſie, die ihm unvergeßlich Theuren, hin zur Erinnerung geſchrieben: 1* „Habe Gott vor Augen und im Herzen, ſo wirſt du in keine Suͤnde willigen!“ Schriebs an Deinem 10. Geburtstage Dein treuſter Freund, Dein Vater Gottfried Heilmann.“ Auf der andern Seite ſtund: Traue, ſchaue! Wem? Deine beſorgte Mutter. Dieſer Rath begleite mich durchs Leben! rief Julius, und Thraͤnen benetzten das Stammbuch— Er blaͤttert weiter, ſieht ſeines Oheims Wahl— ſpruch: 1 Bete und arbeite! und auf der Ruͤckſeite deſſelben Blattes: Das Leben iſt reine Harmonie; nur das Laſter eine Diſſonanz. N. N. Bieger, Muſiklehrer. Ehrlicher Alter! Nie verſtimme dieſe Harmo⸗ nie ſich in dem Herzen Deines Zöglings! „ebe, wie du wüunſchen wirſt, gelebt zu ha, ben, wenn des Lebens Vorhang fällt! Dein Freund und Jugendlehrer M. Muͤller.“ Liegt nicht alle Moral in dieſen Worten? ſprach der Juͤngling zu ſich ſelbſt, und ſieht nun in Hohlfelds frommen Sittenſpruͤchen: „Dem Schauſpiel, Freunde, gleicht das Leben; Und ſeine Buͤhne iſt die Welt. & Drum harret bis der Vorhang fällt; Laßt's uns nicht tadeln, nicht erheben. Den Preis, den einſt ſein Werth erhaͤlt, Wird nach dem Ausgang ihm gegeben. Und: So wie das Pflanzen des Baums dem Sammeln der Fruͤchte vorangeht, Alſo praͤget zuerſt, Bruͤder, den Glaubenin's Herz. Sucht ihr der Tugenden Stamm? Im Glauben nur koͤnnt ihr ihn finden, Aber die diebe allein ſchmuͤckt mit der Krone ſein Haupt.“ das Denkmal ſeiner bewaͤhrten Freunde aus B... Wahr und ſchoͤn geſagt, ruft er, und der horaziſche Spruch: „Aequam memento rebus in arduis Servare mentem!““ fuͤhrt ihm das Bild des klaſſiſchen Scholarchen zu⸗ ruͤck, der ſein Freund und Wohlthaͤter warr. Jetzt roͤthet ſich ſeine Wange in den Roſen der jugendlichen Schaam: Er lieſt: Liebe! aber verliebe dich nicht! Trinke! aber betrinke dich nicht! Erkenne an dieſen Zeilen Deinen Freund, Fritz Matelot, Studios. Chir.. Auch dieſer! eine ehrliche Seele, aber flott und lebensluſtig, eigner Herr und auf ſich ſelbſt, und ſeine Kunſt vertrauend, ſahe er ſchon die Welt und ihre Reize. Seine frohe Seele wuͤnſch' 6 ich mir!. Er wendet das Blatt um, und hoͤher roͤthet ſich ſeine Wange, als er lieſt: „Nur nicht aͤngſtlich! 8 Wilhelmine K.“ Auch du, liebes Minchen! warſt wahrlich das ſchoͤnſte Maͤdchen des ſchoͤnen Dres⸗ dens, das ich kenne. Mit deinem ſchwarzen, liſtigen Auge trafſt du das Herz; doch, die Toch⸗ ter des reichen Viertel⸗ und Baͤckermeiſters, und der junge Student, der erſt lernen ſoll, wie er ſein Brod verdienen kann, iſt keine Parthie. Sey gluͤcklich und gut, auch mir wird ja, will's Gott, der Liebe Genius einſt erſcheinen. Ein reines Herz, ein geſunder Körper, eine unbefleckte Jugend ſey ſein Tempel, und ſtolz moͤge ich einſt ausrufen koͤnnen: Wer nie in ſchnoͤder Wolluſt Schoos Die Fuͤlle der Geſundheit goß, Dem ſteht ein ſchoͤnes Wort wohl an, Das Heldenwort: Ich bin ein Mann! Suͤßer Ahnungen voll, erhob ſich ſein Herz, da ertoͤnte ploͤtzlich der gellende Angſtruf: Jeſus Marial Huͤlfe!l Huͤlfel!] Pferde ſchnaubten, in fremder Sprache aͤchz⸗ te eine rauhe Baßſtimme— Raſch ſpringt Julius auf, betritt bald die Fahrſtraße, und ſieht nun dort, wo ſich ſelbige jaͤh abwaͤrts lenkt, einen im Hohlwege umſtuͤrzen⸗ den Wagen, der ſich nur noch an einer Seite an⸗ — 1 8— 7 legt; der Kutſcher liegt unter den baͤumenden Roſſen, eine Dame an dem Rade, und ein Herr arbeitet mit herkuliſcher Kraft, die Pferde zu be⸗ ſaänftigen. Dieſe haben ſich in die Straͤnge ver⸗ wickelt, und duͤrfen nur anziehn, und Kutſcher und Dame ſind geraͤdert; denn die Enge des Hohl⸗ wegs verhindert beide aufzuſteigen. Julius ſpringt herzu, zieht mit Gewandtheit und Geiſtes⸗ gegenwart die Dame zwiſchen den Hinterraͤdern hervor, zieht ſeinen Hieber und ſchneidet mit der blitzenden, ſcharfen Klinge die Straͤnge durch, hilft dann dem Kutſcher auf, aber in dieſem Au⸗ genblicke fuͤhlt er ſelbſt den Schlag des Hufes und die Schmerzen der Verwundung. Nun endlich er⸗ hebt ſich der Kutſcher. Die Roſſe ſind geloͤſt und ſtehen.— Dieß war das Werk weniger Augenblicke; jetzt kniet die Dame nieder, faltet die Haͤnde und dankt im Gebet ihrem Schutzheiligen.— „Sie kamen uns wie von Gott geſandt,(ruft der aufſtehende Herr ihm zu,) und, kuͤſſend, dan⸗ kend umfaͤngt der knieende Kutſcher ſeine Kniee. Ich fuͤhle wenig Schmerz, ruft jetzt die Dame, und ihr Auge heftet ſich auf Julius, ſie erkennt jetzt ſeine Bläſſe, ſeinen Kampf mit dem Schmerz, wie? fragt ſie, Sie ſind verwundet? der Arm wird gelitten haben! erwiederte er. Um unſertwegen!— antwortete ſie, und — 24 8 die Melodie dieſer Stimme drang tief ins Herz und giebt dem Schmerze Linderung. „Wer Sie auch ſeyn moͤgen,(nahm jetzt der freundliche Herr das Wort,) Sie wurden uns als Retter von Gott geſandt. Er legt uns die Pflicht des heiligſten Dankes auf. Junger Mann! noch iſt Platz im Wagen, bald iſt alles wiederher⸗ geſtellt, der Kutſcher geht nach einem andern Hemm⸗ ſchuh,(der Bruch des erſten war unſer Ungluͤck) Sie fahren mit uns nach Teplitz, lernen Sie die⸗ jenigen naͤher kennen, die Ihnen ſo viel verdanken! Ich heiße Joseph Laszananski dermalen Obriſt im Herzoglich Warſchauiſchen Dienſt, dies meine Tochter Faniska. Teplitz iſt unſer Ziel, dort⸗ hin ſollen Sie unſer Begleiter, Zeitlebens unſer Freund ſeyn. Wer aber ſind Sie? lieber jun⸗ ger Mann?“— Ich bin der Sohn eines Officiers⸗ ſeit mehrern Jayren elteralos, widme mich jetzt dem Studium der Heilkunde, und habe zur Ver⸗ vollkommnung meiner Kenntniſſe eine Reiſe ins Aus⸗ land unternommen. Mein Vaterland iſt Sa chſen. „Willkommen!! erwiedert der Obriſt, der Stand des Arztes iſt in Polen hoch geehrt, wir werden uns weiter daruͤber verſtändigen. So lange Sie in Teplitz ſind, ſind Sie mit uns, dann wird ſichs weiter finden. In einigen Wochen kommt mein einziger Sohn, Jaromir, zu uns. An mir werden Sie einen redlichen Vater, an mei⸗ nen Kindern, Bruder und Schweſter finden! 9 Bruder? ſiel jetzt Fanisca ihrem Vater ins Wort; ol ich theile Ihren Schmerz, der verwundete Arm bedarf Unterſtuͤtzung! Sie nahm den Purpur⸗Swal von ihren Schultern, und leg⸗ te ihn kunſtvoll mit mildem Liebreiz, als eine Tragebinde, um Julius Arm.—— Gluͤcklicher Julius! welche Gefuͤhle durchſtroͤmten dich! laut lopft waͤhrend dieſes Verbandes dein Herz, du fuͤhlſt dich begluͤckter, als der Held, dem ſein Koͤnig auf dem Schlachtfelde das Band der Ehre an den Buſen heftet, ihn kroͤnt der Gott des Siegs und dich, dreimal Gluͤcklicher! der Gott der Liebe: ſo ruft der Erzaͤhler ſeinem Helden zu, und begleitet ihn nun nach Teplitz. Der Kutſcher kam mit huͤlfleiſtenden Maͤnnern und Vorſpann zuruͤck, alles war in Ordnung, und Julius ſaß, ſo wollte es der Obriſt, neben ihm auf dem Vorderſitz, ihm gegenuͤber Fanisca; ſein Stammbuch nahm die Holde zu ſich, Reiſetaſche und Floͤte fand Platz im Wagen, der nun auf dem ſchlimmen Wege ſicher und gemaͤchlich fort⸗ rollte. Die Hoͤhe des freundlichen, einſt durch ſeinen Bergbau ſo reichen boͤhmiſchen Berg⸗ ſtaͤdtchens, Graupen war erreicht. Da lag auf einmal vor ihren Blicken im uͤberraſchendſten Rundgewaͤlde der ſchoͤnſte, frucht⸗ reichſte Theil des Koͤnigl. Böhmer⸗Landes. Welch ein Anblick,! allein faͤhig, dem zu Teplitzens Heilquellen nahenden Kranken Herz⸗ 10 und Geiſt⸗ erhebende Hoffnung in den Buſen zu ſtroͤmen, und das Vertrauen und den feſten Glauben an die Wunderkraͤfte ſeiner gött⸗ lichen Heilquellen zu befeſtigen. Da ſtund ſie ſo nahe vor ihnen, die Ruine der alten Ritterburg Graupen; da thuͤrmten ſich jenſeits der im Thalgrunde des boͤhmiſchen Erzge⸗ birges liegenden unausſprechlich reizenden Landſchaft, die dunklen Gebirge des Mittelge⸗ birges, und unter ihnen hob der hohe Don⸗ nersberg(Milischau) des Pascuapols Koͤnig, ſein ernſtes Haupt, um das die Abendroͤthe feiernd ihre goldne Krone ſchloß. Rechts ſtarr⸗ ten die Zacken des Biliner Felſens(Barſchen genannt), und die Burgen des Schloßberges bei Teplitz(Dovrovskahora) und die von Koſten⸗ blatt gaben ſelbſt in ihren Truͤmmern dem Gemaͤlde etwas Antik⸗ romantiſches, das jedoch der lachende Vordergrund durch Maria⸗Schein ſo wunderſchoͤn gehoben, in das Idylliiſche hin⸗ uͤber zog. Im Mittelgrunde der herrlichen Land⸗ ſchaft verkuͤndigten aufſteigende Rauchſaͤulen die gus gruͤnendem Obſthain ſich erhebende weltbe⸗ ruͤhmte Cur⸗ und Badeſtadt Teplitz(Tepla ulice, Warme Straße).— Entzuͤckung ſtroͤmte durch des Juͤnglings Herz bei der Anſicht aller dieſer Herrlichkeit; dieſe Entzuͤckung wurde zu frommer Ruͤhrung, da ſein 11 Auge auf Fanisca's Antlitz ruhte, welche eben⸗ falls von der ſchoͤnen Gegend begeiſtert war. Aus des Mädchens blauem Auge blickte des Bewußt⸗ ſeyns und der Herzensreinheit goldner Friede. Wie eine Glorie das Haupt der Heiligen um⸗ glaͤnzt, umwallte der blonden Locken Geringel Hals und Schultern. Noch ſchlug des ſchoͤn⸗ ſten Maͤdchens Herz, als Folge des Schrecks, in ſtärkern Schlaͤgen, und der Wange ſilienweiß ver⸗ wandelte ſich allmaͤhlig ins ſchoͤnſte Roſenroth. Jede ihrer Mienen, jede ihrer Bewegungen, jedes Wort, das ſie ſprach, entwickelte eine neue Schoͤn⸗ heit unausſprechlicher Grazie, und dieſes Engel⸗ geſicht umleuchtete das Licht des ſinkenden Abends. So einſt, ſo hold und ſchoͤn erglaͤnzte der Engel des Friedens der jugendlichen Schoͤpfung, ſo leuchtete um ſein Haupt die Glorie der erſten Abendroͤthe.——— Vergluͤht war die Abendroͤthe; in Nebel gehuͤllt ſtand der graue Donnersberg und ſeine Nachbarn. Jetzt ſtieg der Mond, wie ein Bote des Friedens, uͤber die ſchweigenden Berge, und wandelte friedlich unter den funkeln⸗ den Sternen, den ewigen Zeugen der ſchaffenden Allmacht des Unerforſchlichen, und ſeiner unend⸗ lichen Guͤte. Der Abendſtern ergoß ſein mildes Licht, und mit ihm die Sehnſucht reiner Liebe in das Herz der Guten. In dieſer ſchoͤnen Nacht kamen unſere Reiſenden in Teplitz an. 12 Harmonien, die zur Ehre einer eben angekomme⸗ nen Herrſchaft ertoͤnten, empfingen ſie und das Haus, wo der leuchtende Verkuͤndiger der Welt⸗ verſöhnung, der Erz⸗Engel Gabriel, die Hochgebenedeyete unter den Jungfrauen, b Maria, mit himmliſchem Gruß in Ehrerbietung begruͤßt, das Haus des engliſchen Grußes that ſeine gaſtlichen Pforten zu ihrem Empfange auf. Beſitz nahm nun jeder von dem ihm an— gewieſenen Quartier, und des alten Obriſten erſte Sorge war der Arm ſeines leidenden Retters, und die Herbeiholung eines Wundarztes. Der herbeigerufene Stadtwundarzt kommt, unterſucht den Arm, und verſichert nun, wie auch Julius ſich ſelbſt uͤberzeugt hatte, mit entſchiedner Be⸗ ſtimmtheit, daß nur eine ſtarke Quetſchung vor⸗ handen ſey, und mit Huͤlfe der wohlthaͤtigen Quelle des Steinbades und einiger verord⸗ neten, zertheilenden Umſchlaͤge, die völlige Her⸗ ſtellung in wenig Tagen erfolgen wuͤrde. Freude b verklaͤret hier das Geſicht Panisca's, deren Beſchaͤ⸗ digung ebenfalls unbedeutend war, und gleiche. Freude ergoß ſich beſeeligend in das Herz unſers b Helden. Alle gingen jetzt zur Ruh. Mag Julius 1 von ſchöoͤner Zukunft traͤumen. Die Erzaͤhlung ſeines Lebenslaufs ſoll dir, lieber Leſer, jetzt gewidmet ſeyn!—— —(„&⏑8& N 5 1 Julius Heilmann war der einzige Sohn eines buͤrgerlichen Invaliden⸗Officiers, dem die Schlacht bei Kaiſerslautern, in welcher Preußen und Sachſen ſich die Kraͤnze un⸗ ſterblichen Ruhmes erfochten, die goldnen Ver⸗ dienſt⸗Medaillen der preußiſchen und ſaͤchſiſchen Armee erwarb. In ihr hatte er, als Wachtmei⸗ ſter des braven Prinz Karlſchen Dragoner⸗Regi⸗ ments, den kuͤhnen Adjutanten des preußiſchen Feldherrn, einen jungen Polen, aus den ergrimm⸗ ten Feinden herausgehauen, und dann mit ihm die feindliche Batterie erſtuͤrmt. Wunden waren ihm dafuͤr geworden, ſchmerzhafte Wunden, die ihm zum weitern aktiven Dienſt unfaͤhig machten. Er erhielt alſo ſeinen Abſchied, als Officier, und ward ſofort bei einer Compagnie von Invaliden, welche in einem der freundlichſten, am romantiſchen Felſen⸗Ufer der rauſchenden Zſchopa gelegenen Provinzial⸗Staͤdtchen Sachſens in friedlicher Garniſon lagen, als Officier angeſtellt. Den biedern Mann begluͤckte ein wackeres, treues Weib. Es war die Schweſter des Dr. B., eines verdienſtvollen Arztes dieſer Gegend. Unſer Ju⸗ lius war dieſer Ehe Frucht und Gluͤck. Bete und arbeite! war des Vaters Wahlſpruch, und ſo wurde das Kind, das ſich ſchoͤn und kraͤftig entfaltete, zur Froͤmmigkeit und Thaͤtigkeit erzogen. Wackere Lehrer bildeten Geiſt und Herz, und die Eltern, ſo wie des wohlhaben⸗ 8 14 den, kinderloſen Onkels Beiſpiel, lehrte ihn nur Gutes. Ein alter wuͤrdiger Invaliden⸗Haut⸗ boiſt gab dem Knaben Unterricht in Violine und Floͤte. Des Staͤdtchens Organiſt im Clavier und Singen, und er machte, namentlich im letztern, die überraſchendſten Fortſchritte, ſo daß ihn der Vater fuͤrs Schulfach oder die Tonkunſt beſtimmte. Doch, wie kann der Menſch einen unumſtoͤßlich ſichern Plan fuͤr die Zukunft entwerfen, wie ein Ziel ſeines kuͤnftigen Wirkens ſich ſelbſt vorſchreiben? Ein im Staͤdtchen ſich entwickelndes Nervenfieber warf den Onkel aufs Krankenbett. Julius Vater beſucht den kreuen Schwager und Freund, wird angeſteckt und, ehe 14 traurige Tage verfloſſen, toͤnte ſchallend die Ehrenſalve der Compagnie um ſein fruͤhes Grab. Die Thraͤnen aller Invaliden, die ihn herzlich liebten, benetzten es, ach! auch ſein treues Weib lag bereits toͤdtlich krank dar⸗ nieder, und folgte ihm nach wenig Tagen ins and der Ruhe. Der Eltern Segen war des ver⸗ waiſten zwoͤlfjaͤhrigen Knaben Erbtheil, den jetzt der langſam geneſende Oheim feierlichſt an Kin⸗ desſtatt aufnahm. Trauernd zog nun der aͤltern⸗ loſe Knabe ins neue Vaterhaus. Sein Pflegevater hoffte, ſich in ihm eine Stuͤtze fuͤr ſein Alter zu erziehn, und bildete ihn fuͤr ſein Fach.„Ge⸗ horſam iſt beſſer, denn Opfer! war ſein Grundſatz! Lerne gehorchen, wenn du einſt ſelbſtſtändig ſeyn willſt, ſprach er zu ihm —,— 2—2&—,— 15 am Tage ſeiner erſten Kommunion; und damit der Knabe dieſes bei Zeiten lernen und ſich ab⸗ haͤrten moge, that er ihn bei einem ſtrengen Lehr⸗ herrn ſeines Orts in chirurgiſchen Unterricht. Hier mußte der ruͤſtige und geſunde Knabe alle Beſchwerden der Lehrjahre und ihre Entbehrungen aushalten, mußte jeden Dienſt, den ſein Geſchaͤft verlangte, puͤnktlichſt zu verrichten ſich beſtreben, und gewoͤhnte ſich ſo an Gehorſam, Thaͤtigkeit und Ordnungsliebe; er lernte die mechaniſchen Handgriffe der Wundarzneikunſt, welche ſchon ih⸗ rer Wortbedeutung nach, in der Geſchicklich⸗ keit und Gewandtheit der Haͤnde, die Grund⸗ bedingung ihres gluͤcklichen Wirkens enthaͤlt. Die Vormittagsſtunden waren dem Geſchaͤft, und dem theoretiſch⸗ und praktiſch⸗wundaͤrztlichen Un⸗ terricht, nach D. Conſprugks Lehr⸗Plan, ge⸗ weiht, die Nachmittagsſtunden wurden dem Pri⸗ vatunterricht im Lateiniſchen und vorzuͤglich Fran⸗ zoͤſiſchen, das der Rector des Orts lehrte, und ſo derhumaniſtiſchen Bildung, gewidmet. Nach 2 Jahren wurde Julius losgeſprochen, und nun⸗ mehr ſendete ihn ſein Pflegevater auf das Gym⸗ naſtum zu B. Hier ſollte er den Grund zu allen den Wiſſenſchaften, welche den Verſtand bilden, das Herz erheben, und in das Heiligthum des klaſſiſchen Alterthums fuͤhren, legen. Julius machte ſeinem Pflegevater auch hier Ehre, und zeichnete ſich durch Fleiß, Liebe zur Wiſſenſchaft, 16 Geſchicklichkeit im Zeichnen, und einem ſchoͤnen Geſang, der ihm eine Stelle im Singchor ver ſchaffte, bald zur Zufriedenheit ſeiner Lehrer aus. Kein Ort Sachſens iſt fuͤr Schuͤler gaſtfreier und edler, ich moͤchte faſt ſagen, muͤtterlicherge⸗ ſinnt, als eben B. Die Unterſtuͤtzungen, die die Schuͤler dort genießen, gleichen nicht Allmoſen⸗ ſondern elterlichen Spenden; die Zoͤglinge der obern Claſſen nehmen ſelbſt an den Vergnuͤgen der angeſehenern Zirkel Theil. Unter die Primaner gehoͤrte im zweiten Jahre ſeines Dortſeyns, auch Julius, der jetzt aus dem muntern Knaben wirk⸗ lich zum wahrhaft ſchoͤnen Juͤngling gereift war. B. iſt uͤbrigens eine Stadt, die mit dem ſchoͤnſten Beiſpiel eines wahrhaft chriſtlichen Duldungsgei⸗ ſtes, alle jene Humanitaͤt verbindet, die das Herz erheben und den Geiſt zu ſchoͤnern Fortſchritten bilden kann. Der Regiments⸗Chirurg des dort garniſoniren⸗ den Regiments von N., ein Mann von ausgezeich⸗ neten aͤrztlichen und wundaͤrztlichen Kenntniſſen, und, mit Wahrheit koͤnnte man ſagen, der gluͤcklichſte⸗ kuͤhnſte und erfahrenſte Operateur dieſer Gegend, wurde jetzt in die Reſidenz zu einem hoͤhern Wir⸗ kungskreiſe berufen. Kaum hatte Julius Oheim dieſes erfahren, als er auch ſeinen Neffen fuͤr Dresden beſtimmte; denn er hatte die ſehr richtige Ueberzeugung, daß eine wiſſenſchaft⸗ 47 lich wundaͤrztliche Vorbildung die kreu⸗ ſte Fuͤhrerin zu dem hoͤheren aͤrztlichen Wirken ſey, wenn naͤmlich vorher humani⸗ ſtiſche Kenntniſſe den Verſtand gebildet und Geſchmack und die Beurtheilungskraft gelaͤu⸗ tert hat. Mit dem Beginnen der Collegien des Halbjahres ging alſo Julius, nachdem er zuvor in einer ſelbſtausgearbeiteten lateiniſchen Rede, B. der treuen Pflegerin, ſeinen wuͤrdigen Lehrern, und geliebten Mitſchuͤlern ein herzliches Lebewohl zugerufen hatte, nach Dreden ab, und wurde von dem Hochverdienten General⸗Staabs⸗Medikus in die Liſten der akademiſchen Buͤrger dieſer aͤrzt⸗ lich und wundaͤrztlichen Bildungsan⸗ ſtalt eingetragen. Seit dem Eintritte der Franzoſen nach Sachſen, im Jahre eintauſend achthundert und ſechſe, hatte die Bildung der dortigen Zoͤglinge einen neuen hoͤhern Schwung erhalten; der uͤbel⸗ toͤnende Name, Feldſcheerer, war bereits mit dem paſſendern, Wundarzt(oder Chirurg) ver⸗ tauſcht, das Geſetz gebot, jeden Feldwundarzt der unterſten Klaſſe mit Sie zu benennen, und allmaͤhlig wurde der Gebildete der Unterwundaͤrzte in den Regimentern, dem Corps der Officiers vertrauter. Dieſes geſchah vorzuͤglich bei denen, 2 18 die bereits vor Danzig ze. ſtunden, und waͤhrend der Gefahren und Gefechte ſowohl, als in den Hos⸗ pitaͤlern(worunter das zu Fordon die meiſten an der Kriegspeſt toͤdtlich darnieder liegenden Kran⸗ ken aufnahm,) durch regen Fleiß, Unerſchrockenheit und Gleichmuth in Gefahren, ſo wie durch die ſtrengſte und gewiſſenhafteſte Erfuͤllung ihres Dienſtes, ſich die Achtung jedes rechtlich Denken⸗ den erwarben. In dieſem Feldzuge 1807 er⸗ hielten auch bereits Wundaͤrzte zur Belohnung ihres Verdlenſtes die Auszeichnung der Ehren⸗ Medaille.*) Der Stand der Regiments⸗ Chirurgen war bereits, ſo lange disciplinirte ſtehende Heere waren, dem der Auditeurs im Ran⸗ ge gleich geordnet worden, ohngeachtet er damals in den Hofrangordnungen nicht beſonders er⸗ waͤhnt war. Jetzt ſahe man franzoͤſiſche und bayer⸗ ſche Feldwundaͤrzte unter dem Namen der Ge⸗ ſundheits⸗Officiere mit dem beſtimm⸗ ten Range der Officiere und zum Theil mit dem Officiers⸗Pert⸗Epee ihrer Armee; man ſahe die wuͤrdigſten und verdienſtvollſten unter ihnen ge⸗ ziert mit ehrenvollen und glaͤnzenden Ordenskreu⸗ zen; man begriff nun, daß auch des Arztes *) Auch faͤllt in dieſe Zeitperiode die Anſtellung be⸗ ſonderer gratuirter Bataillons⸗Chirur⸗ gen, und die Einfuͤhrung einer neuen zweck⸗ maßigen Uniform des geſammten ſelewundaͤrzt⸗ lichen Perſonals. * 19 Unerſchrockenheit, Beſonnenheit im Augenblicke der Gefahr und Treue im Berufe ſelbſt, zu rit⸗ terlicher Ehre, und zum Range der hoͤhern Staabs⸗Officierefuͤhren koͤnnte, und im hei⸗ ßern freudigern Ehrgefuͤhl ergluͤhte ſchnell das Herz der ſaͤchſiſchen Studioſen, erwachte der innere Trieb nach hoͤherer wiſſenſchaftlicher Bildung, der Grundbedingung des aͤrztlichen Fortſchreitens. Mit Liebe und Wetteifer betrieb man nun das fruͤher nicht beachtete Studium der franzöſiſchen und ſelbſt der lateiniſchen Sprache, und mit Freuden empfing man den Un⸗ terricht der hoͤhern Naturkunde, welche ein wuͤr⸗ diger Geiſtlicher der Hauptſtadt, der Stadtpre⸗ diger M. W r. in den Abendſtunden vortrug. Alle Lehrer, und namentlich der Vorſteher der Akademie, der dirigirende General⸗Staabs⸗ Medikus, D. E. R., ein Mann von der liebens⸗ wuͤrdigſten Herzensgute, naͤhrten dieſen wiſſen⸗ ſchaftlichen Wetteifer, und einer derſelben, der Proſektor, Dr. K. errichtete ſpäͤterhin ſelbſt ein Eraminatorium und Disputatorium; und es war keine Seltenheit mehr, hier anatomiſche und phyſiologiſche Abhandlungen von den dabei admit⸗ tirten Studioſen, welche ſaͤmmtlich Candidati der Univerſitaͤt waren, ſelbſt in lateiniſcher Sprache verhandelt zu ſehen. So bildete ſich die Akademie durch eignen Vollendungstrieb, und erhob ſich wetteifernd allmählig zu der Hoͤhe der Univerſitaͤten. A* 20 Auch Julius Herz folgte dem reinen wiſſenſchaft⸗ lichen Triebe, und ſeine Kenntniſſe ſchritten nach wohlgeordnetem Studienplane, welcher die wahre Grundlage gluͤcklicher Vollendung iſt, raſt⸗ los vorwaͤrts. Eine ſehr gute Einrichtung dieſer Anſtalt war es, und iſt es noch, daß die komman⸗ dirten Comp.⸗Chirurgen und die ausgezeichnetern und bereits erfahrnerern Eleven, unter der Direc⸗ tion des General⸗Staabs⸗Wundarztesund der Aufſicht eines Oberwundarzts(Pensionair- Chirurgi) ſelbſt inſtructive Kranke behandeln muͤſſen. Ihnen liegt die Fuͤhrung des Jour⸗ nals, in welches die Krankheitsbeobachtungen ein⸗ getragen werden, und die Vorrichtung des chirur⸗ giſchen Apparats ob. Im erſtern lernt man den Beobachtungsgeiſt und die Aufmerkſamkeit des zukuͤnftigen Arztes, im letztern die Ord⸗ nungsliebe, Geſchicklichkeit und Humanitaͤt des Wundarztes kennen. Der Scharfblick des General⸗Staabs⸗Wundarztes ſah hierdurch in das Herz ſeiner Studirenden; und ſo gewann er unſern Julius werth und lieb, der in beiden Ruͤck⸗ ſichten ſeine Pflicht genau erfuͤllte. Mit dem Fort⸗ ſchreiten der wiſſenſchaftlichen und ſittlichen Bil⸗ dung der Studirenden, nahm auch die Achtung, die man ihnen ſtets weihte, noch mehr zu. Oefterern An⸗ theil nahmen ſie jetzt an den Zirkeln der gebildeten und höhern Stände, und manchem unter ihnen ſchlug bereits das Herz freundlicher Schoͤnen. — — 21 Mienchen K., die Tochter eines wohlhabenden Baͤckermeiſters, ein Maͤdchen voll Grazie und Bil⸗ dung, welche man in Dresden bei vielen Buͤr⸗ gerseoͤchtern ſo oft vereint ſieht,“ fand den bluͤhenden ſtebzehnjaͤhrigen Juͤngling, der in der obern Etage des großen Palaisartigen Hauſes ihres Vaters(welcher als einer der wohlhabendſten und ehrenwertheſten Buͤrger der Stadt galt,) ſo fried⸗ lich wohnte, angenehm und intereſſant. Sie war erſt 16 Jahr, meinte, daß 3 Jahre wohl hin⸗ reichend ſeyn koͤnnten, den Studioſus zum Doc⸗ tor umzuformen; und beim naͤchſten Caſſino verkuͤndigte unſerm Julius,(denn dieſer war es) bei dem Antritte der Polonaiſe des Balls, des Maͤdchens Haͤndedruck und ihres ſchwarzen Au⸗ ges Feuerblick, daß er ihr werth ſey, und bei der Abendtafel, wo der Schaumwein perlte, der El⸗ tern biedre Freundlichkeit, und die Frage der Mut⸗ ter: ob er nicht bald auf die Univerſität gehen wuͤrde? daß auch ſie ihn liebten.— Wirklich war das Maͤdchen ſo ſchoͤn als gut; doch Julius ſahe nur das, was ihm noch bevorſtand, um das erwuͤnſchte Ziel ſeines Berufs zu erreichen, und zog ſich(laͤchle nicht, weltkundiger Leſer!!)— in jungfraͤulicher Schuͤchternheit von dem bluͤhenden Maͤdchen und ſeinen Hoffnungen zu⸗ ruͤck.—— Faſt zwei Jahre waren ihm ſo auf der medi⸗ einiſch⸗chirurgiſchen Academie zu Dresden verſioſ⸗ 22 ſen. Sein Oheim beſtimmte ihn nun zur Univer⸗ ſitaͤt. Er wurde nach vorheriger Pruͤfung ſeiner wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe von dem Rector der Univerſttät Wittenberg, jener treuen Pflege⸗ rin des wahrhaft wiſſenſchaftlich Guten und Schoͤ⸗ nen inſcribirt. Noch aber ſollte er ſie nicht als acku studens beziehn; er ſollte, ſo war es des Oheims Wille, erſt als Wundarztreiſen, die Welt im wirklichen Leben und Wirken kennen lernen, und ſeine Studien durch die Selbſteinſicht und den Beſuch auswaͤrtiger Hospitaͤler und Kranken⸗Anſtal⸗ ten vervollkommnen. Unter allen Reiſetouren iſt fuͤr denjenigen, der von Dresden aus reiſt, diejenige uͤber Prag, Wien, Trieſt, Venedig, Verona, Florenz und Rom, von dort aus, wenn man Neapel nicht beſu⸗ chen will, ruͤckwaͤrts uͤber Piſa, Bologna, Parma⸗ durch das noͤrdliche Italien, welches in ſeinen Hauptſtädten ſo vorzuͤglich gute Krankenanſtalten zaͤhlt, nach Frankre ichdie vorzuͤglichſte. In Pa⸗ ris muß man laͤnger verweilen; dann uͤber Calais nach ondongehn, und, wenn es die Baarſchaft erlaubt,(denn Großbritannien iſt fuͤr den Lebens⸗ unterhalt das koſtſpieligſte aller europäiſchen Kaͤn⸗ der), Edingburg beſuchen, und nun zu Schiffe die Ruͤckreiſe nach Amſterdam nehmen. Von dort aus beſuche man die hollaͤndiſch⸗niederlaͤndiſchen Rie⸗ ſenſtaͤdte, und nehme nun ſeinen Ruͤckweg uͤber Weſt⸗ phalen, und die Hanſeeſtadte, nach Hannover, Goͤt⸗ tingen, Magdeburg, Berlin, Halle und Leip⸗ 28 zig. Hierzu gehoͤrt allerdings ein Zeitraum von we⸗ nigſtens 3 Jahren, wenn es nicht bloß bey einem ſo⸗ genannten Durchfluge bewenden ſoll, und ein Ca⸗ pital von 1200— 1500 Thalern, wobey der Rei⸗ ſende noch ſehr einfach leben muß. Doch, welche Genuͤſſe bieten ſich ihm dann auch dar! Wie kann er dann ſeine Kenntniſſe bilden und er⸗ weitern? Julius Oheim D,. B. war ſehr wohl⸗ habend, ſein Neffe war ſein Stolz und deshalb verſah er ihn mit gehoͤriger Caſſe, guten Wechſeln und Empfehlungen und entließ ihn mit ſeinem Seegen. So hatte unſer junger Freund die Reiſe be⸗ reits angetreten, hatte ſich in Dresden ſeine Paͤſ⸗ ſe ins Ausland geben laſſen, ſahe ſich im Geiſt ſchon dort, wo die Orangen bluͤh'n,— doch anders wollte es ſein Schickſal.—— Die Harmonien eines Morgenliedes erweckten ihn, und ſie begleitete die Silberſtimme Fanisca's. Er kleidet ſich an und ſein froher Morgengruß, den er dem Obriſt und ſeiner lieblichen Tochter bringt, wird herzlichſt erwiedert. Jetzt, lieber Leſer! einen Blick auf das Haus ſeines neuen Goͤnners, des Obriſten, deſſen Schickſal von nun an mit dem unſers Freundes ſo innigſt ver⸗ webt iſt. Wir wiſſen ſchon, daß er ein Pole iſt. 2 24 Polen(Sarmatien) einſt groß, ſelbſtſtaͤndig und maͤchtig, war eine Republik des Adels, die ihr Oberhaupt, ihren Wahlkoͤnig ſich ernannte. Die ſaͤchſiſchen Auguſte hatten die Cultur ins Land gebracht, und Millionen auf ſelbiges mit koͤniglicher Huld und Freigebigkeit verwendet. Nach ihrem Tode wurde Polen das Wahl⸗Koͤ⸗ nigreich, unter Koͤnig Stanislaus Poniatows⸗ ki, der 1764 den Thron beſtieg, der blutigſte Schauplatz buͤrgerlicher Unruhen, und endlich, ſo wollte es ſein Schickſal, in verſchiedenen Zeitpe⸗ rioden 1773 und 1795 von den drei groͤßten Mo⸗ narchien verkleinert und getheilt. Fuͤr die Cul⸗ tur des Volks war dieß jedoch wohlthaͤtig. Wer⸗ fen wir nun einen pruͤfenden Blick auf das Fami⸗ lienleben der edlen Sarmaten, ſo finden wir in ihren großen Guthsbeſitzern fuͤrſtliche Herrlich⸗ keit und die Pracht des Morgenlandes mit dem geſchmackvollſten Kunſtſinn vereint; in den Haͤu⸗ ſern des aͤrmern Adels aber ſehn wir noch ganz jene gluͤhende Vaterlandsliebe, jene patriar⸗ chaliſche Gaſtfreiheit, ungeſchminkte Froͤmmig⸗ keit und alte Römerſitte mit herriſcher Kraft und maͤnnlicher Feſtigkeit. Kraftvoll ſtehn ſie da, die Soͤhne des Adels, und der Himmel, der den Ebenen Polens ſo manche Reize der Natur verſagte, gab ihm das Herrlichſte, den holden Liebreiz ſeiner edlen Frauen; und dieſe Toͤchter ſeines Adels ſind es, welche mit den — — 25 gluͤcklichſten Anlagen ſich bald zu Kenntniſſen empor ſchwingen, die man im Auslande be⸗ wundert und verehrt. Obriſt Laszanansky liebte ſein Vaterland mit feurigem Heldenſinn; er focht in der großen Entſcheidungsſchlacht bei Raclavice den 4. April 1794 und zog ſich nach der im Octbr. 1795 ge⸗ ſchehenen Theilung Polens, ſelbſt vom Sieger ge⸗ achtet, auf ſein Gut bei Warſchau zuruͤck. Sei⸗ ne Gattin hatte ihm zwei liebenswuͤrdige Kinder in zarter Jugend hinterlaſſen. Der Knabe Ja⸗ romir wurde kraͤftig erzogen, Fanisca aber einer Kloſterſchule in Crakau anvertraut.—— Jetzt nahete durch Napoleons Rieſenplane eine neue Schoͤpfung Polens. Kuͤhn betraten die Franzoſen im Jahre 1806 das Land an der Weichſel, und kamen, durch den Frieden von Til⸗ ſit ſeinem Throne einen neuen Fuͤrſt zu geben. Es war Sachſens angebeteter Herr und Koͤnig, Friedrich Auguſt der Milde und Gerechte. Ohngeachtet Preußen dem Lande Polen, ſo weit es ſein war, unverkennbare große Wohl⸗ thaten durch Berſchoͤnerung ſeiner Staͤdte und innere Ordnung erwieſen hatte, ſo ſchlug doch das Herz der Sarmaten dem neuen Herrſcher des neugeſchaffenen Herzogthums Warſchau entgegen. Der polniſche Adel ſammelte ſich un⸗ ter ſeine Fahnen, und unter dieſen ſtund jetzt der 26 tapfere Obriſt Laszananski. Von unten auf diente ſein Sohn. Nach dem Frieden von Tilſit nahm er Fanisca wieder in ſein Haus, und das funfzehnjaͤhrige Fraͤulein erſchien in aller Herrlichkeit und weiblicher Grazie. Sie begleitete nun den geliebten Vater zu Boͤhmens Heilquellen. Waͤhrend Julius hergeſtellt wurde, erneuerte der Obriſt einige Bekanntſchaften, und bald hatte Fanisca das Gluͤck, einer der edelſten und geiſtreichſten Frauen des Continents bekannt zu werden. Graͤfin Amalia, die Wittwe eines reichen ruſſiſchen Großen, und die Schweſter einer an Geiſtes⸗ und Herzens⸗Adel gleichverehrten Fuͤrſtin, war der Stern und die Zierde ihres Geſchlechts. Den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten hold und vertraut und ſelbſt Dichterin, war ſie jedes wiſſenſchaftlichen Verdienſtes Sechuͤtzerin und Pflegerin und die Schoͤpferin ſo vieles Schoͤnen und Guten. So ſehr ſie in den Zirkeln der Großen als Dame von Welt glaͤnzte, ſo herab⸗ laſſend, mildreich war ſie gegen das beſcheidene Verdienſt und war uͤberall der Geſellſchaft, die ſite verherrlichte, Licht, Geiſt und deben. Wozu ihr Geſchlechtsname? die Welt verehrt ſie, und Teplitz, das ſie vorzuͤglich liebte, verdankt ihr eine ſeiner ſchoͤnſten Zierden, das Denkmal eines biedern, unerſchrockenen deutſchen Mannes, des Zeno ſeines Jahrhunderts. Dieſer Amalia nun, welche Teplitz nur zu A A 27 bald verließ, wurde Fanisca empfohlen; und ſtolzer ſchlug des Maͤdchens Herz, von ihr geliebt zu ſeyn. Auch Julius erhielt jetzt Zutritt in ihrem Hauſe, und hier erkannte er die Wuͤrdewahren Frauen⸗Adels. Ueberhaupt waren die Tage, die er in Te⸗ plitz verlebte, die gluͤcklichſten ſeines debens. Wel⸗ che Genuͤſſe boten die heilſam erwaͤrmende Quel⸗ len, das ſorgenloſe durch Hygiaͤens Zauber ſo heitre Leben, und die reizenden Umgebungen der freundlichen Cur⸗Stadt, dem den Schoͤnheiten der Natur ſo empfaͤnglichen Herzen dar!— Meh⸗ rere Parthieen wurden in den intereſſanteſten und lehrreichſten Geſellſchaften gemacht. Bald ſchwelgte ſein Blick auf den Hoͤhen des Schloßbergs⸗ in dem reizendſten, natuͤrlichen Rundgemaͤlde; bald ſchlug ſein Herz in Gefuͤhlen ſuͤßer Wehmuth in dem elegiſchen Schloßgarten oder in jenem freund⸗ lichen Gebirgsthale, aus welchem ſich die reiche Abtey Oſſegerhebt; bald wurden ſeine Empfin⸗ dungen zur Idylle, wenn er auf Schoͤnaus oder ThurwspProbſthaus und Krzemuſchs, oder des fernerern Bilins reizenden Gefilden weilte, bald zum Epos, wenn er zu Dux, im glaͤnzenden Waffenſaal des großen Friedlandsfuͤrſten(den Schhiller verewigte) ſinnend ſtand.— Doch nicht allein fuͤr den Menſchen, auch fuͤr den Arzt iſt Teplitzwwichtig. Sehr ſchoͤn ſind, wie uͤber⸗ all in den Oeſtreichiſch⸗Kaiſerl. Landen, ſeine Kranken⸗ und Heil⸗Anſtalten, und 28 namentlich das K. Militair⸗Hospital, das Hos⸗ pital fuͤr K. Saͤchſ. der Badecur beduͤrftige Krie⸗ ger, und das fuͤr arme Kurgaͤſte geſtiftete ſo wohl dotirte Johniſche Krankenhaus. Sehr wichtig wird Teplitz auch fuͤr den Arzt noch da⸗ durch, daß er hier ſo vielfache Gelegenheit fin⸗ det, Kranke aller Art zu beobachten, und er von Landsleuten ſowohl, als Fremden gar oft mit herz— licher Vertraulichkeit um Rath gefragt wird. Große Belehrungen geben auch die Beoba ch⸗ tungen der verſchiedenen Heilquellen ſelbſt. Will ſich endlich hier der junge Arzt nun zum Mann fuͤr die Welt bilden, ſo beſuche er, wenn es ſeine Caſſe erlaubt, die glaͤnzenden Wirths⸗ tafeln des Garten⸗Palais, des goldnen Hirſches, der Poſt, des Raſtſaals und der Töpferſchenke ꝛc. Hier wird er die gebildetſten und vornehmſten Bade⸗ gaͤſte kennen lernen; traulicher, freundlicher weilt es ſich im amm, Roß und Adler, wo man meiſtens die Familien ſaͤchſiſcher Honoratioren und Buͤrger antrifft. Fuͤr geiſtige Nahrung durch gewaͤhlte Lectuͤre ſorgen die Herren Gerzabeck, Enders und Helm.— Julius ſchrieb jetzt an ſeinen Oheim, und verheelte ihm nicht, welcher Zauber durch Fa- nisca's Huld ſein Herz beſeligte.— Noch immer betrachtete er das herrliche Mädchen mit ſchuͤchterner Ehrfurcht, noch nennte er ſte ſein gnaͤdiges Fraͤulein; doch inniger ſollten ſich die Bande des Vertrauens ſchließen. Er uͤbergab ——— 29 ihr eines Morgens, als ſie zu einem Morgenbe⸗ ſuche in das ſchoͤne duftende Roſengaͤrtchen des Dr. Johniſchen Hauſes zu einer Freundin war eingeladen worden,(welcher Fanisca ihr Stamm⸗ buch zuruͤckbringen wollte) das Seinige, mit der Bitte an ſie, und den Obriſten, ſelbiges durch ihre Namen zu verherrlichen. Der Obriſt ſchlaͤgt es auf; ploͤtzlich erheitert ſich ſein ernſteres Geſicht: „Iſts moͤglich? iſts Wahrheit? was ich ahnete! Guͤ⸗ tiges Schickſal! du trittſt verſoͤhnend zwiſchen mich und eine alte Schuld. Du, mein Freund! biſt der Sohn meines Retters, des wackern Wachtmeiſters, ja du biſt es, lieber braver Junge! Nicht habe ich Kayſerslautern, nicht ſeine Heldenthat vergeſſen. Meine Wunden erinnern mich in ihren Narben noch daran. Ich war der Adjutant, den er mit flam⸗ mendem Sachſenſaͤbel aus den Feinden heraushieb; jetzt, ja jetzt will ich ganz dein Vater ſeyn. Kuͤſſe meine Fanisca, kuͤſſe mein Goldmaͤdchen! deinen neuen Bruder, deinen Lebensretter! gieb ihm den treuen, warmen Schweſterkuß. Fuͤr mei⸗ nes Sohnes Jaromirs Liebe buͤrge ich. Sprach's und der Schweſterkuß des ſchoͤnſten und edelſten Maͤdchens brannte auf des Juͤnglings Wange. Zwei verwandte Seelen hatten ſich gefunden, be⸗ ſeligt und beſeligendd. Von nun an wurde Julius ganz als Sohn des Hauſes betrachtet, und das trauliche Du gab ihm das Buͤrgerrecht in Faniscas ſchweſterlichem Herzen. Eines Morgens 30 uͤberraſchte ihn Fanisca durch den geſchmackvollſten Anzug, den die Meiſterhand des Herrn Boͤſe, derma⸗ ligen Beſitzer des Hauſes zur Stadt Dresden und des vornehmſten Kleidermachers der Curſtadt, ge⸗ ſchaffen hatte. V Das Herz und der Schoͤnheitsſinn hatten ge⸗ waͤhlt, und in dieſem Kleide war unſer Julius wahrhaft herzerobernd ſchoͤn. Die Familie erwar⸗ tete jetzt taͤglich Ilaromirs Ankunft. 1 Er kam! Kuͤhner Stolz bezeichnete ſein gan⸗ zes Weſen und unverkennbar ſpiegelte ſich in ſei⸗ nen Augen der Heldengeiſt des Sarmaten, der in Friedlands Schlacht ſich das Kreuz der Eh⸗ ren zu erringen wußte. Er behandelte Julius mit Freundſchaft, die jedoch mehr Herablaſſung ſchien, und dem gefuͤhl⸗ vollen, vorurtheilsfreien Herzen Fanisca's nicht ganz genuͤgen wollte. Eines Tages ſaß die Familie zuſammen auf den ſteinernen Sitzen vor dem Engliſchen Gruß, da ſchmetterten Trompeten vom Thurm herab, und verkuͤndeten die Ankunft eines hohen Fremden. Vorreiter ſprengten vorbei, eben rollte ein prachtvoller Reiſewagen von ſechs ſtolzen Iſa⸗ bellen⸗Hengſten gezogen, bei ihnen voruͤber, und hielt am Fuͤrſtenhauſe. Ein Herr, ſchon dem Grei⸗ ſenalter nahe, und eine wunderſchoͤne ſehr junge ——᷑—᷑—V— ——ꝭ—O/᷑—ᷣ———— 31 Dame ſtiegen heraus. Mehrere Buͤrger hatten ſich bereits verſammelt und„das iſt ſie! das i ſt ſie!!“ toͤnte es vom Mund zu Mund! Wer? fragt der Obriſt? und die Antwort war:“ die ſchoͤne Graͤfin mit ihrem Gemahl, dem Staroſt Ulachanski, der durch einen fruͤhern glaͤnzenden Aufenthalt in Teplitz, als einer der genereuſeſten und brillanteſten Kurgaͤſte bekannt iſt. So! ſprach der Obriſt zu ſich ſelbſt, ſollte man nicht eine diplomatiſche Konferenz vermuthen koͤnnen? und wohl gar der Imperator dieſen Stern der Schoͤn⸗ heit glaͤnzen laſſen, daß unter ſeinen Strahlen ſich ſeine Donner ſammleten; und, waͤhrend alle ihn bewunderten, die drohenden Wolken neuer Kriegs⸗ gewitter ſich vielleicht zuſammenzoͤgen?— Bedienten und Jaͤger in der reichſten Livree trugen bereits Viſitenbillets, und bald fuhren Herr⸗ ſchaften vor, die Neuangekommenen zu begruͤßen. Gewiß, ſagte der Obriſt zu Fanisca, wird mor⸗ gen große Vorſtellung ſeyn; auch du, Jaromir, wirſt, en pleine tenue erſcheinen muͤſſen. Alle waren nun beſchaͤftigt, alle von dieſem Ereigniß ergriffen; nur Julius nicht. Fuͤr ihn ſchien dieſer Stern nicht aufgegangen zu ſeyn, ihm dieſe Sonne nicht zu leuchten. Des andern Tages war wirklich großes Ce⸗ remoniel bei dem angelangten Staroſten. Obriſt Laszananski in ſeiner reichen Staats⸗Uni⸗ form, geziert mit den Comthur⸗ Officier⸗ und 8 32 Ritter⸗Kreuzen mehrerer Orden und dem Zeichen der eiſernen Krone Italiens, ging einher, wie ein Held ſeines Vaterlands; und Jaromir im ſchim⸗ mernden Glanz der blendenden Gardelanzenreiter⸗ Uniform mit dem funkelnden Damaſcenerſchwerte an der Seite, glich, in ſeiner jugendlichen Kraft und Schoͤnheit, dem Achilles ſeines Volks. Sie fuhren vor. Bei der Ruͤckkunft fuͤhlten ſie ſich ſehr erfreut und geehrt durch die zuvorkommende Guͤte des Grafen, entzuͤckt von der ſanften Mil⸗ de der ſchoͤnen Graͤfin. Fanisce, ſprach der Obriſt zu ſeiner Tochter: Die Graͤfin fragte mich nach dem ſchoͤnen Maͤdchen, das geſtern an meiner Seite geſeſſen, und als ich dich meine Tochter nannte, laͤßt ſie dir durch mich das ſehr verbindliche Compliment machen, ſie ganz als Landsmaͤnnin und Freundin unter Beſeitigung alles Zwanges der Etiquette, zu betrachten. Morgen iſt große Vorſtellung der Damen, da wirſt du nun deine Schuldigkeit zu beobachten, und die Ehre zu ſchaͤtzen wiſſen, einer ſolchen Frau bekannt zu ſeyn; ſie ſey dein Muſter, nach ihr bilde dich! Fanis- ca horchte mit Wohlgefallen auf dieſen vaͤterlichen Befehl, und des andern Morgens war ſie umfſloſ⸗ ſen von jener Eleganz, welche die geſchmackvolle ma⸗ leriſche Nationaltracht der Polin ſo ſehr erhebt, und die natuͤrliche Schoͤnheit mit dem Schimmer einer Fee umſtrahlt. Jetzt ſah Julius mit neuer Ent⸗ zuͤckung, wie ſchön das Mädchen war, ſah aber auch nun die Kluft, welche beide trennte. Denn wie konnte er zu ihr ſeine Wuͤnſche erheben, wenn auch ihr Vater kein Baron von Etange war, der es fuͤr unmoͤglich hielt, daß ein Roturier ſeine Tochter lieben koͤnne? Sie kam zuruͤck; liebeyoll hatte ſie die Graͤfin ausgezeichnet, ſie um ihre taͤgliche Beſuche gebeten, und ihr zur Weihe der neuen Freundſchaft eine Uhr mit ihrem Bildniß verehrt. Alle bewunderten die bezaubernde Schoͤn⸗ heit dieſes Gemaͤldes, nur Jaromir, der Olimpien (ſo hieß die holde Graͤfin) bereits wie eine Goͤttin ehrte, meinte, das Original wäͤre noch viel ſch d⸗ ner, waͤre unerreichbar. Fanisca ſetzte ihre taͤgliche Beſuche fort, und der Obriſt war oft bei 8 Eonſerenzen des erlauchten und großen Staats⸗ manns. Je mehr Fanisca ihre neue Goͤnnerin kennen lernte, deſto mehr war ſie von ihrer Guͤte be⸗ zaubert; denn wirklich verſtund es Olimpie durch den Zauber ihrer Worte und ihrer Milde uͤberall zu herr⸗ ſchen. Olimpie war erſt 18 Jahr. Sie war die Tochtex. eines der vornehmſten venetianiſchen Nobili, und mehr als einmal hatten die erhabenen Ahnen ihres Hauſes als Dogen den Vermählungsring in den, Buſen der ſtuͤrmiſchen Adria geworfen. Polj⸗ tiſche Verhaͤltniſſe hatten den Glanz ihres Hauſes geſtuͤrzt, und ihr Vater verließ nach ſeinem Tode, der kaum dreizehnjaͤhrigen Waiſe Nichts, als die Erinnerung der fruͤheren Herrlichkeit. Ein Ur⸗ ſulinen⸗Kloſter, welchem ihre Fanilie Stifterin ge⸗ 5 34 weſen war, nahm das wunderſchoͤne Maͤdchen dankbar auf, und erzog ſie in allem dem, was Frauenadel geben und erhoͤhen kann. Staroſt Ulachansky fam nach Venedig; bei einem Feſte, das der Senat in der Signora gab, ſahe er Olimpien, und obſchon in jenem Alter, wo der Mann faſt dem Greiſe naht, ſo brannte ſein Herz für die holde, wunderlieblich aufbluͤhende Schoͤnheit. Olimpia, in dem Frieden des Kloſters erzo⸗ gen, kannte die Männer zu wenig, und kannte noch keine Liebe, als die zu ihren Heiligen. Der Sta⸗ roſt war ein ehrfurchtgebietender, kraftvoller Mann, unermeßlich reich, und praͤchtig in ſeinen Umge⸗ bungen— Olimpia gab ihm ihre Hand und ver⸗ ehrte belohnend ſeine Liebe durch kindliches Ver⸗ trauen.— In Paris fuͤhrte er ſie ein in die Zir⸗ kel der großen Welt, und bald uͤbertraf Olimpia jedes ihrer Muſter. Sie wurde das Vorbild des guten Geſchmacks; ſie wurde genannt, wenn man das Ideal geiſtvoller Weiblichkeit ſchildern wollte. oder wenn man den Ruhm der Schoͤnheit pries; ſie entflammte das Herz der Maͤnner zu Helden⸗ thaten und war ohne prahleriſches Geraͤuſch eine ſtille ſegensreiche Wohlthaͤterin der Armen. Ihrer Schoͤnheit huldigte das Alter, fuͤr ſie entbrannte die feurige Jugend. Heut war ſie die Koͤnigin eines Balles, morgen horchten graue Staatsmaͤnner ihrer Weisheit; jetzt ſah man ſie im Glanze einer Fuͤrſtin und bald einfach und beſcheiden, als einen — 4 · F „. 35 Engel des Wohlthuns in den Saͤlen der Kranken⸗ haͤuſer von Hôtel Dieu und Lapitié. Die ſchoͤn⸗ ſten Maͤnner vergoͤtterten ſie, die geiſtreichſten waren von ihr heanbere, Doch, wie heiß auch in ihrem Herzen das Blut der Italiener ein wallte, ſo wagte es keiner, und waͤre es auch Citherens Lieb⸗ ling ſelbſt geweſen, eine ſchwache Srunde ihr ab⸗ zulauſchen; ihr groͤßter Triumph war es, ſchon von fern den Zudringlichen in den Feſſeln der engſten Beſcheidenheit, der tiefſten Ehrfurcht zu⸗ ruͤckzuhalten und den Beſcheidenen begeiſternd zu erheben. Gluͤcklich ſchien ſie in ihren Verhaͤlt⸗ niſſen, und doch war ſie es nicht; denn ihr fehlte ein Herz, das ſie verſtand. Sie folgte ihrem Eheherrn von Paris nach Teplitz, das in dieſem Jahr vorzuͤglich lebhaft war. Julius war Meiſter auf der Floͤte. Es war ein ſchoͤner Sommerabend, als er von dem in Teplitz ſo beliebten G artenbrunnen zuruͤck⸗ kehrte, und jetzt im Dunkel einer Laube des Fuͤr⸗ ſtengartens ſich nieder ließ. Er gab den viel⸗ fachen Empfindungen ſeines Herzens die begei⸗ ſternde Sprache der Harmonie. In freien, gemuͤth⸗ vollen Harmonieen, wie einſt in Marmontels Alpen⸗ hirten bebten die Toͤne ſeines vorzuͤglich guten In⸗ ſtruments durch die ſtille Abendluft. War es Täuſchung? Er hoͤrte ſie, von den Zauberakkorden einer Harfe begleitet. Waren es Engel, die dieſe 3 36 Saiten ruͤhrten? ſo gefuͤhlvoll, ſo ſchwebend, ſo zum Herzen ſprachen ſie. Jetzt ſpielte ſeine Floͤte die Melodie eines frommen Geſanges, und ein Wunder duͤnkte ihm dieß, der Geſang ſelbſt ſcholl zuruͤck von der Stimme eines Seraphs. Fanisca's Stimme war es nicht.— Er ſchweigt, auch Harfe und Stimme ſchweigen, und ein neues Hochgefuͤhl durchbebt ſeinen Buſen. Er kehrt zuruͤck. Freu⸗ dig verkuͤndet ihm bei ſeiner Heimkehr Fanisc'a, daß morgen der ſchoͤnen Graͤfin Geburtstag ſey, und ſelbige es ſich von ihrem Gemahl erbeten habe, ihn nach idylliſcher Weiſe zu feiern und den Schloßgarten zu Teplitz zu einem Arcadien zu zau⸗ bern. Nicht allein der hohe Adel, und die vor⸗ nehmſten Kurgaͤſte waren eingeladen, auch Gelehrte, Kaufherren, Kuͤnſtler und wuͤrdige Beamte hatten Zutrittskarten erhalten, mit der Bitte und Andeu⸗ tung, in einfach⸗buͤrgerlicher Kleidung ohne alles Ceremoniel, zu erſcheinen. Unter den eingeladenen Gaͤſten fand ſich auch Julius, den die Graͤſin, ganz als Freund und Sohn des Laszananskyschen Hauſes betrachtet wiſſen wollte. Der Tag des Feſtes erſchien, und an Fanisca's Seite wandelte er dem arkadiſchen Feſte, modern verſchoͤnert, ent⸗ gegen. Hoͤher klopfte Fanisca's Herz; denn ſie ſah jetzt in dem bruͤderlichen Freunde auch den ſchoͤnen jungen Mann; Kraft und Grazie hatten ſich in ihm vereint, und das geſunde und heitre Auge und ſeine bluͤhende friſche Geſichts⸗ — 137 farbe waren die unbeſtechlichen Zeugen ſeiner Her⸗ zensreinheit und unbefleckten Jugend. Jetzt treten ſie in den Salon des fuͤrſtlich Clariſchen Gartenpalais ein, Olimpiens Zartſinn hatte ihn zum Tempel der Freude umge⸗ ſchaffen und der ganze herrliche Schloßgarten glich heut dem Hain der Huldinnen, die der Lie⸗ bes⸗Goͤttin Hochfeſt feierten. Die Seele jedes frohen Jeſtes iſt der Wirth und die Wirthin. Olimpia war's bei dem Ihrigen. Ohne thaͤtig zu ſcheinen, war ſie es, ſie wollte, und die froheſte Unter⸗ haltung belebte den Saal. Herzen, die ſeit langen Jahren unter dem Golde der Ordens⸗Ketten in der Sonne der Staatskunde vertrocknet ſchienen, ſchlugen jetzt froher und inniger; hoͤher hob ſich die Heldenbruſt betagter Feldherren in der Näͤhe dieſes Goͤtterweibes; der Kuͤnſtler und Dichter, der nur nach Idealen ſtrebt, ſah in ihr das Urbild der Schoͤnheit, der Gelehrte glaubte ſich durch ſie zu Hella's Huldinnen verſetzt, und, da ſie des Feſtes Konigin, das Muſter aller hier eingeladenen Frauen war, ſo war der Ort des Feſtes ein Tem⸗ pel der Grazien ſelbſt!— Alle Furien, die das Leben vergiften, Eiferſucht, Mediſance, Coketterie, Stolz, Klatſchſucht und Eitelkeit waren verbannt und durften ſich nicht naͤhern, wo Olimpiens Zau⸗ ber herrſchte. Des Weingotts Gaben blinkten in goldnen Bechern und im Cryſtallpokal; und 38 muntrer, lebendiger, traulicher wurde jetzt die Geſellſchaft, als auf Olimpiens Wink das wohl ge⸗ waͤhlte Orcheſter des unſterblichen Schillers Hochgeſang auf die Freude: Freude, ſchoͤner Goͤtter⸗Funken, Tochter aus Eliſtum! Wir betreten wonnetrunken, Himmliſche, dein Heiligthum! anſtimmte, und alle Stimmen mit Geiſt und Herz in die beſeligenden Akkorde einſielen. Die Engel⸗ ſtimmen Olimpiens und PFanisca's foͤnten unter ihnen. Kapellmeiſter C. befand ſich unter den ge⸗ ladenen Gaͤſten, er ſpielte hierauf in der Weihe ſeiner Kunſt eine Arie und bat die Gräaͤſin, ſie zu begleiten. Als ſie geendet hatte, dankte ihr die Thraͤne des Mitgefuͤhls, welche mehr iſt, als das laute B Beifallklatſchen der Menge. Noch ein Duetto! rief nun ein alter wuͤrdiger Praͤlat: Olimpie ſetzte ſich an den Fluͤgel; ein blutzunger Officier, dem der Uebermuth in den Augen blitzte, draͤngt ſich ungeſtuͤm vor; doch Olimpiens Auge weilt jetzt theilnehmend auf Julius, der an Fanisca's Seite ſo ſtill, ſ beſcheiden ſtund, winkte ihn an ihre Seite. Iſt's gefäͤllig? ſprach ſie mit jener Huld, die das Hen⸗ bezaubert und beſeligt, und zeigte ihm den Tert. Das Praͤludium aus dem Innerſten des Herzens hervorſtroͤmend begann, und unter hoch⸗ klopfendem Buſen und erroͤthender Wange, toͤnte Julius Tenor zur Silberſtimme Olimpiens, die 1* 4 —— 39 jetzt nicht mehr die Stimme einer Sterblichen, ſondern eines uͤberirdiſchen Weſens ſchien. Sie endeten, und allgemein war der Beifall, nur des Officiers Auge blickte drohend und wild auf, und Ja- romirs Wange roͤthete ſich dunkler von innerer Qual der Eiferſucht. Ein Volks⸗, ein Baterlands„Liedl rief jetzt ein alter General.„Den Kaiſer ſeg⸗ ne Gott!“ intonirten Olimpia und Julius, und unter voller Begleitung der Inſtrumente ſang Alles in froher Begeiſterung: Den Kaiſer ſegne Gott! Alles erſchoͤpfte ſich in der Ver⸗ goͤtterung Olimpiens, welcher in denſelben Augen⸗ blicken, als Genien gekleidete Maͤdchen, die Hul⸗ digungen ihrer Freunde zum frohen Geburts⸗ feſte des achtzehnten debensjahres, mit Lied und Feſttanz brachten. Der junge Officier aber wendet ſich zu Jaromir und fragt mit Bitterkeit: Wer mag dieſe zudringlich⸗anmaaßliche Perſonage dort wohl ſeyn? hoͤhnend auf Julius zeigend: Gest lämi de mon pere, le sauveur de ma soeur! erwiedert Jaromir, und mit ritterlicher Feſtigkeit blickte er in's Auge des vermeintlichen Nebenbuh⸗ lers.„So wuͤnſche ich der Fraͤulein Schweſter Gluͤck zud ieſer Eroberung des Allgeliebten!“ er⸗ wiederte ſpoͤttiſch laut der Officier. Jaromirs Zorn entbrannte; er faßte des Spoͤtters Hand, und„Wir ſehen uns! Sie geben mir Sa⸗ tisfaction!“ war die kurze bedeutungsvolle Ant⸗ K 40 7 wort.— Jener zog ſich in den Zirkel zurück. Mehrere junge Maͤnner aus ſeiner Bekanntſchaft ſammelten ſich nun um ihn, auch zu Jaromir tra⸗ ken einige Freunde, und bald verließen beide ſchwei⸗ gend den Saal, doch ihre Augen ſprachen, was der Mund verſchwieg. Nichts entgeht dem Spaͤher⸗ gluge einer ſchoͤnen und geiſtreichen Frau; wohl be⸗ merkte es Olimpie. dieut. von. war der zudringlich⸗ ſte aller ihrer Anbeter und als Wuͤſtling allgemein bekannt. Nur der Achtung fuͤr ſeine von ihr verehrte Familie hatte er das Einladungöbillet zu verdanken. Sie ſah den ungezuͤgelten Blick, mit welchem er auf ihr ruhte, als ſie ſang; ſie ſahe die Wuth der Leidenſchaft, und ahndete nun den In⸗ halt ſeines Geſpraͤchs mit Jaromir; ſie bittet einen ihr bekannten Staabs⸗Officier, dieſe Ehren⸗ ſache zu ſchlichten, er geht hinaus; doch ſchon ſind beide auf ſchnellen Roſſen davon geeilt. Ihre Freude iſt geſtoͤrt und allmaͤhlig zerſtreut ſich die Geſellſchaft der Geladenen. Dem abgehenden Julius dankte die Graͤfin fuͤr ſeine Begleitung des Geſangs, und ein Haͤndedruck ſagte ihm, daß er ihr nicht gleichguͤltig ſey.—— Laszananskye kehrten in ihr Quartier zuruͤck. Hier erfuhren ſie, Jaromir wäre haſtig vom Feſte zuruͤckgekommen, haͤtte den Mantel umgeworfen, den Sarazener⸗Saͤbel umgeſchnallt, ſeinen Rap⸗ pen beſtiegen und waͤre eben ſo leidenſchaftlich fort⸗ geſprengt. Fanisea war verſchloſſen und betroffen; 41 und ſtrenger Ernſt thronte auf des Vaters Stirne. Eine Stunde ſpaͤter kam Jaromir, er berief Julius in ſein Kabinet und ſprach:„Was Pflicht Ihrem Vater dem Meinigen, was Sie das Ohngefaͤhr und das Gefuͤhl der Menſchenliebe meiner Schweſter thun lehrte, dafuͤr bin ich Ihnen Dank ſchuldig, ich glaube ihn erfuͤllt zu haben. Dieſes Schwert, nur beſtimmt, im Dienſte des Vaterlands zu blitzen, flammte fur den Freund meines Hauſes, es trank das Blut der Wunde eines Juͤnglings, der es wohl einſah, daß Ihr Standpunkt gegen die Graͤfin, und(warum ſoll ich es Ihnen verhehlen?) gegen meine Schweſter nicht der beguͤnſtigtſte ſey. Die Vertraulichkeit des Bruders wird nur zu oft der Deckmantel der iebe; und unſer Haus iſt kein reiches; mein Leben aber ge⸗ hoͤrt dem Staat, Fanisca ihrem Vater! Eine gluͤckliche Verbindung, ihrem Stande angemeſſen⸗ wird ſein Alter ſchirmen und erfreuen. Sie, junger Mann, ſind Sachſe, ſind Proteſtant, ſuchen Sie ſich in dem ſchoͤnen Lande der ſchoͤnen Maͤdchen den Gegenſtand der Liebe! dort ſeyn Sie gluͤcklich!“ Er verließ Julius in den Gefuͤhlen der innigſten Wehmuth; denn jetzt erſt wurde es unſerm Freunde hell, wie nahe ſeinem Herzen Fanisca, wie ſie ſeinen Wuͤnſchen ſchon mehr als Schweſter war. Des andern Tages verkuͤndete ihm der Obriſt, daß er dem Befehl zu ſeiner Abreiſe ſtuͤnd⸗ lich entgegen ſaͤhe, und die Thraͤne in Fanisca's 4 Auge und das ihm in einem reichen Binde⸗Etui verehrte Souvenir, auf deſſen Umſchlag ſie ihren Namen und das bedeutungsvolle Vergißmeinnicht, nebſt der aus Dornen hervorbrechenden Roſe ge⸗ ſtickt hatte, war ihm der ſichere Zeuge von des Mädchens Schmerz und Kampfe.——— Die kaum aufgegongene Sonne verkändigte einen ſehr heißen Sommertag. Schon blinkte auf den Feldern die Sichel des Schnitters, und in innerem Sehnen und im Kampfe mit ſich ſelbſt verläßt Julius das Haus am fruͤhſten Morgen, um am Buſen der Natur, Frohſinn und Beru⸗ higung zu ſchoͤpfen. Sein Weg fuͤhrte ihn uͤber den Friedhof, deſſen ſinnvolle Inſchrift,*) deſſen blinkende Leichen⸗ ſteine, und die in ihrem Blumenſchmuck duftenden Graͤber ihm die Empfindung ſuͤßer Wehmuth ins Herz ſtroͤmten. Er ſucht das Freie, und pilgert durch friedliche Doͤrfer und reiche Fluren planlos weiter. Die Harmonie der Glocken macht ihn aufmerkſam, er ſteht vor den Pforten des gewe⸗ ſenen Jeſuiter⸗Kloſters Maria⸗Schein, in *) Dieſe Inſchrift heißt: Was wir waren, das ſeyd ihr, Was wir find, das werdet ihr, und ſteht am Hauptthore des Teplitzer Kirch⸗ hofes, der in den neuen Zeiten viele ſchoͤne Mo⸗ numente und des Maunes Seume Ehren⸗ denkmal erhielt.. 43 deſſen weiten, mit hiſtoriſch⸗denkwuͤrdigen Gemaͤl⸗ den ausgezierten Hallen jetzt tauſend fromme Wallfahrer lagern; noch einmal toͤnt der Glockenruf; des Tempels Pforten eroͤffnen ſich, und das Gedraͤnge der wogenden Menge draͤngt ihn mit hinein. Es war ein großer Wall⸗ fahrtstag, auf ihre Kniee werfen ſich die Be⸗ tenden, kuͤſſen die Stufen, uͤber welchen das Gna⸗ denbild der Mutter Gottes thront, und ſuchen bei ihr Huͤlfe und Troſt. Wer aber gab ſolchen Wunderglauben dem Proteſtant? Doch uͤberwäl⸗ tigt vom Gefuͤhle, berauſcht von dem duftenden Weihrauch des Altaropfers, gelobte er ſich ſelbſt treu zu ſeyn im Kampfe ſeines Herzens und der Tugend. Er eilt hinaus, und mit feſtem Muth kehrt er auf Umwegen nach Teplitz zurück. Schwarze Gewitter⸗Wolken haben ſich indeß am Himmel aufgethuͤrmt, und der weiße Streif unter ihnen iſt der Vorbote des Hagels. Schon rollt der Donner, durch das vielfache Echo der nahen Ge⸗ birgskette furchtbar in heulendem Sturme ver⸗ ſtarkt; Blitze flammen, und praſſelnde Schloßen zerſchlagen die ſchwellenden Saaten. Jetzt ergießt ſich der Platzregen aus dem Schoos der tiefhaͤn⸗ genden Wolken, und rieſenhaft waͤchſt der Forel⸗ len⸗Bach des Thals zum donnernden Waldſtrom; leichter wird dem Wanderer das Herz im Sturme der Natur, und(ſein Genius geleitete ihn) er entflieht dem Kampf der Elemente und Eichwalds 4 Forſthaus bietet ihm eine wirthliche Freyſtatt. Ge⸗ gen Abend kehrt er nach Teplitz zuruͤck.— Bald umrauſchen ihn die duftenden Linden des Fuͤr⸗ ſtengartens. Eingetreten in den Vorſaal des Fuͤrſtenhauſes, hoͤrt er eine Stimme ſeinen Namen nennen: Kommen Sie! kommen Sie! euft's ihm zu und dennoch zoͤgernd ſich umſehend, lenkt die Hand der Kammerfrau der Graͤfin ins trau⸗ liche, dunkle, von den Balſamen des Orients duf⸗ tende Badezimmer.„Die Graͤſin war ausgeritten! ſagte ſie aͤngſelich.— Seit geſtern arbeitet in ihrem Innern ein ungewohnter Kampf; ſie achtete der drohenden Gewitter⸗Wolken nicht, das Gewitter erreicht ſie mit allen ſeinen Schrecken, und der fallende Regenguß ſtuͤrzt auf die Erhitzte ein. Sie kommt zuruͤck, verlangt ein Bad, und eben umhuͤllt ſte das waͤrmende Waſſer, als die Ohn⸗ macht ſie in ihre Arme nimmt. Sie ſind Arzt, Sie kennen Ihre Pflicht, andre Ruͤckſichten muͤſſen hier weichen. Schnell zu helfen und zu rathen iſt hier Beruf! Zuruͤck zog jetzt die Matrone den ſeidnen Vorhang, und du, lieber deſer! ſetze dich jetzt an Julius Stelle! Da lag das ſchoͤnſte Weib von dem weiten neſſeltuchenen Badekleide umfloſſen, ohnmaͤchtig in der Wunderfuͤlle ihrer bezaubernden Schoͤnheit; ſchoͤner waren die Gra⸗ zien nicht, und ſchöner nicht Venus, als ſie, noch traͤufelnd vom Schaume des Meeres, die Fluthen 45 heraufſtieg“, als eben jetzt Olimpie. Schon beſtegte die Natur die Ohnmacht, der Buſen ſchlug unter des Gewandes lichter Wolke, das Auge oͤffnete ſich, und ſeine Strahlen flammen— ſtaͤrker, voller ſchlagen ihre Pulſe und, hier iſt des Schmerzes Sitz! ruft ſie, die Hand auf den Lilienbuſen legend, der nun in hoͤhern Wellen wallte. Der junge Arzt findet die Oeffnung einer Ader angezeigt, und,(da er immer ſein Bindezeug bei ſich fuͤhrte), ſo entſtroͤmte ſchnell der geſchlage⸗ nen Wunde in weiter Bogenlinie das reine Blut einer Huldin. Erleichtert fuͤhlte ſich die Graͤfin: Sie hier? war ihre erſte Frage, und mit zau⸗ beriſchem, wonnebeſeligendem aͤcheln reichte ſie ihm den Arm zum Verband. Die Bonne hatte das Zimmer verlaſſen, die Touren der Bandage machten ihn annäaͤhernder, vertrauter— aber ach!— Seine Hand zitterte, der linke Arm des ſchaͤnſten Weibes umfaͤngt ſeine Schultern, ſich auf ſie ſtutzend; er fuͤhlt den warmen Odem, und, war es die Gewalt des ſchalkhaften Gottes, der den goldnen Bogen ſpannt? ſeine lippen beruͤhren die ihrigen und ein langer Kuß flammt im Hochgenuß einer Seligkeit—— ſein beſſrer Genius er⸗ wacht, bis hierherl!— ruft er ihm zul bis hierher! toͤnt es im Buſen der Graͤſin, und beide *) Zachariaͤ. 46 ſtehen jetzt in ſprachloſer Befangenheit ſich gegenuͤber.— Bis hierher! rief noch einmal die Graͤ⸗ fin, wir ſehn uns nicht wieder! Ihr Herz kaͤmpfte, wie das meinige beherrſcht von Sinnes⸗. rauſch. Fortan weihen Sie es ganz Fanisca's Liebe, ich weihe(hier entſtuͤrzten ihr Thraͤnen) das Meinige der Pflicht. Zum Angedenken nehmen Sie, bitte ich, von mir, der Freundin, dieſe kleine Erinnerung, und ſie nimmt einen einfachen Goldring mit ihrem Haar durchflochten, ihn an die Hand des Juͤnglings ſteckend. Meh⸗ rere Kammerfrauen treten nun ein, und Julius enteilt dem gefahrvollen Zauberkreiſe.—— Neue Ueberraſchungen wurden ihm, als er ſeine Wohnung betrat— Laszananskys waren abgereiſt, ſein Paß war nach Prag und Wien geſchrieben, und der Wirth meinte, das Fräulein haͤtte ſehr geweint, ließe ihn herzlich gruͤßen, und ſendete ihm ſein Stammbuch und das Billet. Julius oͤffnet es. Nur die Worte: Sey gluͤck⸗ lich! und meiner eingedenk!„In Prag erfaͤhrſt Du naͤhere Nachricht!“ bezeichnen es. Jetzt war fuͤr ihn kein Bleibens mehr, die Nacht verging ihm ſchlaflos und der jugendliche Mor⸗ gen ſah ſchon den Pilger auf dem Gipfel des Mi⸗ liſchau(Donnersbergs). Raſtlos pilgerte er wei⸗ 47 ter, mehrere Bechetglaͤſer des feurigen Zſcher⸗ nosecker, die er zu kowoſitz, dem Orte der Elb⸗ uͤberfahrt, trank, erhitzen ſein Blut, und, ehe der Abend des gluͤhend heißen Tages ſank, ſank er ſelbſt, vom Bruſtſchmerz uͤberwaͤltigt, in den dunk⸗ len Alleen des Luſtgartens, der Mſchenos ſtaͤrkenden Heilquell umgiebt, aufs feuchte Gras, und fuͤhlt in ſich des Fiebers Beginnen; ein vor⸗ beifahrender Creuzherr ſieht mitleidig ſeine Lage, und nimmt den Kranken mit ſich nach Prag, ihn dort der Pflege der barmherzigen Bruͤder uͤbergebend. Das Entzuͤndungsfieber, durch die Seelenſtimmung des Kranken erhoͤht, durchlief ſeine Stadien, und wich endlich der treuen kunſt⸗ vollen Behandlung und der ſorgſamſten Pflege. Welche Gefuͤhle durchgluͤhten den Geneſenden, der ſich jetzt im weiten, ſo ſchoͤn und zweck⸗ maͤßig dekorir ten hohen Krankenſaale unter hundert von Mitleidenden erblickte? Welche NRuhe, welcher Geiſt der Ordnung und Reinlich⸗ keit, welche Fuͤrſorge fuͤr das Ganze und den Einzelnen herrſchte hier! Die Heiligkeit des Orts, in deſſen Mitte das Altar mit dem Bilde des gekreuzigten Erloͤſers ſtund, der ſchallende Morgengeſang der frommen Väaͤter in ehrfurcht⸗ gebietendem Gewande ihres ſtrengen Ordens, die Milde des Priors, der ſeiner hohen Wuͤrde ohn⸗ geachtet, ſich keines Dienſtes der Krankenpflege 48 entzog, die Freundlichkeit des dirigirenden und ordinirenden Arztes, und der Biederſinn ſeines Aſſiſtenten, des wackern Bruders Anton, er⸗ fuͤllten das Herz des Geneſenden mit Zuverſicht und Freude, und ſein erſter Ausgang war nach ſeiner Geneſung der Beſuch der Kirche ſeiner Confeſſion, und dort dankte er dem Herrn des Lebens und dem Spender der Geſundheit; dort genoß er das Liebesmahl der Erinnerung des gottlichen Mittlers. Bei ſeiner Ruͤckkehr ins Hospital meldete er ſich dem Prior. Mit vaͤter⸗ licher Milde ſprach zener zu ihm:„Sie haben ſchwer getraͤumt, in Ihren Phantaſien riefen ſie oft die Namen Olimpie und Vanisca; Ihr Herz hat gekämpft, und Ihr beſſ erer Genius buͤr⸗ ge Ihnen den Sieg der Tugend über die Leidenſchaft! Sie werden uns bald verlaſſen, benutzen Sie die Tage Ihrer Geneſung, Prags Merkwuͤrdigkeiten und ſeine Kranken⸗ und Wohl⸗ thaͤtigkeitsanſtalten zu Beſrhen leſen Sie dann dieſe Briefe(hier übergab er ihm mehrere,) welche waͤhrend Ihrer araakheit ankamen, und dann reiſen Sie mit Gott!!“ „Doch eins noch rathe ich Ihnen. Verrichten Sie Ihre Reiſen nicht im Fluge! Ihr Plan, vor Belendung ther Univerſitaͤts⸗Studien zu reiſen, gefaͤllt mir nicht. Wien ſey Ihnen ein laͤngerer Aufenthaltsort und haben Sie ſich dort zum tuͤchtigen Arzt und in den neuern Sprachen —— 49 gebildet, ſo giebt es von da aus tauſend Gelegenhei⸗ ten, allen beruͤhmten Staͤdten Europens, unter denen ſo viele hochgerühmte der großen, beſcheide⸗ nen Kaiſerſtadt nachſtehen, Ihren Beſuch zu machen. Selbſt das Morgenland und ſeine Wunder koͤnnen Sie von dort aus beſuchen; denn Wien iſt es, aus welchem ſelbſt die Levante und die Wiege der Wiſſenſchaft, das raͤthſelvolle Aegyptenland ſich ſeine Aerzte zu gewinnen ſucht.“ Julius dankte geruͤhrt, ſetzte ſich in die freund— liche Laube des Apothekergaͤrtchens, und hier ent⸗ faltete er den Brief ſeines Oheims, der ihm neuen Troſt und vaͤterliche Ermahnung gab; er las: „Mein Sohn! a, ſo will ich Dich nennen, Dich, den ich als das Vermaäͤchtniß meiner hingeſchiedenen geliebten Schweſter und ihres theuren Gatten, Deines Vaters, mit eben der Zaͤrtlichkeit, als waͤrſt Du mein eigner Sohn, am Herzen trage, und jede Freude, jede Sorge, die ein Vaterherz nur fuͤhlen kann, fuͤr Dich in vollem Maaße empfinde. Bey der Wahl Deiner kuͤnftigen Beſtimmung, machte ich es mir anfaͤnglich faſt zum Vorwurfe⸗ dem ſchweren Stande und Studium eines Arztes Dich zu widmen, weil ich vielleicht mehr aus Vor⸗ liebe zu einem Stande, der un ſelbſt Ehre und 50 Brod gab, als aus reiner Pruͤfung und Ueber⸗ zeugung, daß derſelbe Stand auch Deiner Nei⸗ gung, deinen Talenten angemeſſen ſeyn wuͤrde, ihn fuͤr Dich erwaͤhlt haben konnte. Doch Dein Eifer, Deine Einſicht, Dein bald in das Innere der Wiſſenſchaft eindringender Fleiß rechtfertigte meine Wahl. Durch Schulwiſſenſchaften gruͤndlich vorbereitet, blieben ſelbſt die aͤltern Lehrer Griechenlands und Latiums, Hippokrates und Galen Dir nicht fremd, und lehrten Dich bei Zeiten begreifen, daß mechaniſche Operatio⸗ nen, Schlendrian und Empirie aus Recept⸗ buͤchern noch lange nicht den wahren Arzt machen, ja oft, wenn nicht gruͤndliche Theorie vorausgeht, und tiefer Beobachtungsgeiſt und Beurtheilungskraft ſolche unterſtuͤtzt, oft ver⸗ derblicher als ſelbſt Unwiſſenheit werden. Frei⸗ lich gehoͤrt zu Beobachtung auch Erfahrung, und Gelegenheit dazu. Dies ſah'ſt Du ſelbſte und glaubteſt mit Recht, daß dieſe Gelegenheit ſich nirgends reichhaltiger, als durch zweck⸗ maͤßiges Reiſen, Beſuchen wohleingerich⸗ teter Krankenanſtalten, Bekanntſchaften und Umgang mit großen Aerzten, Selbſtanſicht und Selbſthandanlegung bei wichtigen Operationen, Sektionen u. d. gl. gefunden und benutzt werden koͤnnen. Gern gab ich alſo meinen Willen zu dem von Dir ſelbſt entworfenen Plane, gern erbot ich 51 mich zu jeder Unterſtuͤtzung ad esse et bene esse, da ich hoffen konnte, Du werdeſt in allen Ver⸗ haͤltniſſen Deines Lebens, Ehrgefuͤhl, Sittlich⸗ keit, Anſtand und Tugend ſo rein und unverletzt erhalten, als Du ſelbſt unter den Gefahren Dei⸗ ner kurzen afademiſchen Laufbahn zu Dresden jede Klippe mit Vorſicht, Beſonnenheit und Klug, heit zu umgehen, gluͤcklich genug geweſen biſt. Reiſe mit Gott, ſagte ich, lerne Laͤnder und Menſchen, ihre Tugenden, Laſter, ihre Fehler und Vorzüge kennen, und beſtrebe Dich nachzu⸗ ahmen das Gute, und zu fliehen das Boͤſe. Um⸗ gang mit Menſchen, Welt⸗ und Karakterkennt⸗ niß, Behandlungsweiſe jedes Individuums, iſt fuͤr jeden gebildeten Stand Beduͤrfniß, am mei⸗ ſten fuͤr den Arzt, und ſo ſchoͤn und lehrreich auch Knigge, Wenzel, Struve und andre Men⸗ ſchenkenner hieruͤber gedacht und geſchrieben haben; ſo gehoͤrt doch immer noch ein ganz eignes Studium dazu, jene Lehren zu faſſen und in Anwendung zu bringen. Der Geiſtliche, wenn er einen Kranken, einen Sterbenden be⸗ ſucht, wenn er ihn belehren, troͤſten, uͤber Zwei⸗ fel beruhigen ſoll, muß nothwendig erſt von ſeinem Seelenzuſtande, von ſeiner fruͤheren Le— bensweiſe, von ſeinen Grundſaͤtzen, ſeinen Re⸗ ligionszweifeln, ja ſelbſt von ſeinen haͤuslichen Verhaͤltniſſen ſich zu unterrichten ſuchen, und ganz anders wird er verfahren miſſeu wenn er einen frommen Beter, einen abgelebten, lebens⸗ muͤden Greis, oder einen wuͤſten, durch Leiden⸗ ſchaften ſich ins Verderben geſeuͤrzten Juͤngling, oder gar einen entſchiedenen Freigeiſt vor ſich hat. Hier kann und muß er zeigen, was pru- dentia pastoralis ſey. Gleiche Vorſicht, Um⸗ ſicht, Gewandtheit und Klugheit muß auch der Arzt beobachten, muß bis in das fruͤhſte Leben ſeines Kranken zuruͤckgehn, nicht bei fluͤch⸗ tigen Prognosen und Diagnosen es bewen⸗ den laſſen, ſondern mit philoſophiſchem Scharf⸗ blick in die Urſache und Entſtehung der Krank⸗ heit eindringen, um, wenn dieſe zum Theil oder gar mehr in moraliſchen, als phyſiſchen Veranlaſſungen liegt, nicht phyſiſch blos, ſon⸗ dern auch wahrhaft pſychiſch, als denkender, gottesfuͤrchtiger, weiſer und heilſamer Arzt ſich bewaͤhren zu koͤnnen. Dooch, lieber Julius! es ſind der Pflichten noch mehrere, ja noch ſchwerere, mit welchen der Arzt zu kaͤmpfen hat. So herzlich, theilneh⸗ mend, mitleidig, huͤlfreich er gegen ſeinen Kranken ſeyn muß, ſo unempfindlich und ſtoiſch⸗kalt muß er gegen ſich ſelbſt ſeyn. Wie oft wird er nicht mit Undank, mit Vor⸗ wuͤrfen belohnt? Welche ſinnloſen, kraͤnkenden Widerſpruͤche vom Patienten, Waͤrterinnen und Gevatterinnen ꝛc. giebt man ihm anzuhoͤren? Wie wagt auch der zudringliche Unwiſſendſte 92 235 ſogenannten guten Rath mitzutheilen, und, wenn der Arzt kaum den Ruͤcken gewendet, auch ſogleich ihn in Anwendung zu bringen? Ge⸗ neſet der Kranke, ſo hat es der gute Rath gethan⸗ und ſtirbt er, ſo traͤgt der Medikus die Schuld. Im Mittelſtande kann nun zwar der Arzt noch am erſten durchgreifen. Wie aber, wenn er zu hoͤheren Perſonen berufen wird? Schonen ſoll und darf er ein⸗ fuͤr allemal nicht. Er muß alte und neue Suͤnden ſo gut, wie beim Armen ruͤgen— er muß ſeinen Anord⸗ nungen, ſeinen diaͤtetiſchen und curativiſchen Vorſchriften Gewicht, und ſich ſelbſt Anſehen zu geben wiſſen; aber, welcher hohe Grad von Klugheit und Geduld gehoͤrt nicht darzu, Ein⸗ wendungen, Widerſpruͤche, ſelbſt beleidigende Haͤrten ſich ſagen zu laſſen, und erſtere mit Anſtand und Ruhe zu widerlegen, letztere mit Gleichmuth zu ertragen, ohne demuͤthig und furchtſam kriechend, ohne unbeſcheiden und lei⸗ denſchaftlich zu werden, ſondern immer nur ſeine Pflicht, ſich ſelbſt erkennend und ſelbſt achtend, vor Augen zu haben, und nie ſeine eigne, gewiſſenhafte Ueberzeugung der Laune des Kranken oder ſeinen Umgebungen aufopfern. Geſchieht es auch, daß ein zweiter, dritter Arzt ihm zur Seite geſetzt wird, ſo gebe er ja nie dem Neide, der Eiferſucht Raum! Er verfech⸗ te nicht mit Disputirgeiſt, wie vom Katheder & 54 herab, ſeine Anſicht, ſondern hoͤre die des an⸗ dern, pruͤfe, unterſuche, gebe nach, wenn er durch einleuchtende Gruͤnde ſich uͤberwunden und eines Beſſern belehrt fuͤhlt. Iſt die Geſund⸗ heit und das Leben eines Menſchen nicht zu wichtig, um es einer eigenſinnigen Beharr⸗ lichkeit auf eigner Mainung freventlich aufzu⸗ opfern?——— Doch, wo gerathe ich hin? Was wiederhole ich, was Tauſende vor mir beſſer, in ganzen Baͤnden, gelehrt haben, und was einem Jeden ſein eigner Verſtand, ſein Pflichtgefuͤhl ſagen muß? Mag auch das:„Dat Galenus opes,“ durch der juͤngern Aerzte neuern Ueberſchwang allmaͤhlig aus der Mode kommen; der pflicht⸗ getreue, rechtſchaffne Arzt muß in ſeinem Dach⸗ ſtuͤbchen, wenn Fortuna ihn einmal dahin ge⸗ wieſen hat, nicht minder treu, ſorgfaͤltig und unverdroſſen ſeyn, als der Beguͤnſtigte des Gluͤcks, der mit herrlicher eigner Equipage von einer Durchlaucht, einer Herrſchaft zur andern faͤhrt.—— Dies alles, Deine Laufbahn ent⸗ wickele ſich nun, wie ſie wolle, wirſt Du gewiß, deſſen uͤberzeuge ich mich, gewiſſenhaft zu beob⸗ achten, und mit aͤrztlicher Wiſſenſchaft auf jede andre Pflicht des Arztes, jede Vorſichts⸗ und Klugheitsregel, ſelbſt Frohſinn zu verbin⸗ den wiſſen. Nur Eins aber, lieber, guter Julius! Eins druͤckt mich ſchwer auf dem — 55 Herzen. Du biſt auf dem Wege, ein Aben⸗ teurer zu werden. Fanisca hat ſich tiefer Deines Herzens bemächtiget, als es dem lei⸗ denſchaftsloſen Juͤngling, der der ernſten Wiſſen⸗ ſchaft huldigt, geziemt. Sey auch dieſes erha⸗ bene Maͤdchen, ſey ſelbſt ihr mit Ahnen und Rang geſchmuͤckter Vater, der biedre Held und Krieger, von jedem Vorurtheile, nach ihrem innren Herzensgefuͤhl, vorjetzt wenig⸗ ſtens, wo noch rege Dankbarkeit ſolches belebt, freh; werden ſie es immer, werden ſie es vor der Welt, vor dem Hofe, vor ihren Verwandten bleiben, und bleiben koͤnnen? Werden ſie nicht— wenn auch unbefangner Verſtand uͤber Vorurtheil ſie erhebt— Fami⸗ lienruͤckſichten nehmen, oder nehmen muͤſſen, und wenn Fanisca's Herz ſelbſt daruͤber vergehen ſollte.—— Wie mancher edle Juͤngling hat dadurch, daß er ſelbſt es wagte, einen Lafon⸗ tainiſchen Roman zu ſpielen, hat durch ſolche gewaͤhnte Mißehen ſich und ſeine Ge— liebte um das Gluͤck und die Zufriedenheit ſei⸗ nes ganzen Lebens gebracht, wenn entweder die entgegenſtehenden Hinderniſſe ſich nicht beſei⸗ tigen ließen, oder wenn es auch wirklich dazu kam, daß durch Entfuͤhrung, Liſt oder ſelbſt durch erzwungne Einwilligung der Familie eine dergleichen Ehe zu Stande kam? Lies doch in Her⸗ mes Sophiens Reiſen, was er, der große 56 Welt⸗ und Menſchenkenner, den ungluͤcklichen Paſtor Groß uͤber Mißheirathen ſagen laͤßt. St. Preur in Rouſſeaus neuer Heloiſe war gegen ſeine Julie von Etange in iebe verſunken, beide liebten ſich heiſſer, als Leander und Hero; aber er uͤberwand ſich und floh, zwar nicht bei Nacht und Nebel, wie Theſeus, ſondern mit weiſer Reſignation, indem er ſelbſt vorher noch an den ſtolzen Vater ſchrieb: Je donne à Julie d Etange le droit de disposer de sa main, sans consulter son coeur, und machte mit Milord Anſon die beruͤhmte Reiſe um die Welt. Nach vier Jahren kam er zuruͤck, wurde im edelſten Sinne des Wortes Hausfreund, und blieb, als ſolcher in treuer Pflichterfuͤlung, der ewig geliebten Julie bis zu ihrem ungluͤcklichen Ende treu. Doch auch dieſer heldenmuͤthige Juͤngling, dieſer Beſieger ſeiner ſelbſt, handelte bei weitem nicht, wie er nach rein⸗ moraliſchem Sinne geſollt haͤtte, her kraͤnkte die Aeltern, und ſetzte ſich und ſei⸗ ner Julie einen ewigen Stachel ins Herz, ſo, daß ſie gewiß, als Frau von Wolmar, eine ſehr ungluͤckliche Ehe gefuͤhrt haben wuͤrde, wenn das kalte, empfindungsloſe Herz ihres Gatten dem Daͤmon der Eiferſucht Raum gegeben hätte. St. Preux ſey daher nicht dein Ideal 57 in der Liebe, wohl aber im Kampf und Sieg. Den bekannten Spruch: Principiis obsta: sero medicina paratuxr. hat ſchon der große Lehrer der Liebe, Naſo, nicht den phyſiſch-Kranken, ſondern den Kranken fuͤr Liebe, ans Herz gelegt.... Eben verbreitet ſich die Nachricht, daß des Kai⸗ ſers Napoleon ungezuͤgelte Eroberungsſucht viel⸗ leicht einen neuen Krieg herbeifuͤhren duͤrfte. Fuͤhlſt Du Dich berufen, der Armee zu folgen und vor der Hand— denn niedrig muß der Buͤrgerliche wohl faſt in jedem Stande anfan⸗ gen— ein untergeordnetes Etabliſſement, als Feldwundarzt zu ſuchen, ſo werden meine Wuͤn⸗ ſche, mein vaͤterlicher Seegen Dich begleiten. Schwer, gefahrvoll und wichtig iſt zwar dieſe Laufbahn— aber Du entfliehſt durch ſolche am leichteſten der Klippe, an welcher Deine Tu⸗ gend ſcheitern koͤnnte. Pruͤfe und dann waͤhle, und Gott leite und lenke Deine Wahl! Lebe wohl.“ Dein treuer Oheim, D. B. Der andere Brief war ein Brief von Fa- nisca. Julius erbricht ihn mit klopfendem Her⸗ zen und ließt: Schweſterlicher Gruß. Die Ordre Seines Monarchen gebot meinem Vater die ſchnellſte Abreiſe, und ruft ihn als ruͤſtigen Kaͤmpfer zu den Grenzen des unru⸗ higen Spaniens. Jaromir iſt zu einem andern Armeecorps verſetzt, ich durch Olimpiens Gute, die ich ewig als Freundin lieben und verehren werde, einer edlen Fuͤrſtin empfohlen, welche ich auf ihren Reiſen begleiten ſoll, und bei der ich bereits hier in Sachſens ſchoͤner Reſidenz⸗ und Hauptſtadt in dem anmuthigen Dresden weile. Wo ich aber auch ſeyn werde, wie ſich auch mein Schickſal lenken mag, wird die Erinne⸗ rung des, der der Retter meines Lebens wurde, jeden meiner Schritte begleiten, und fuͤr ihn in ſchweſterlicher Liebe und reiner Freundſchaft das treue, dankbare Herz ergluͤhen. Ja, mein Bruder! ich bitte Gott und alle Heiligen, daß ſie Dich, Dich Unvergeßlichen! mit all⸗ maͤchtiger Hand ſchuͤtzen, daß Du uͤberall, auf den Wegen der Pflicht wandelnd, der Vorſicht weiſe Vaterhand erkennen moͤgeſt, und wo Du auch ſeyſt, der ſchweſterlichen Freundin Dich er⸗ innerſt, die Dein Bild unvertilgbar in dem treuen Herzen traͤgt. Altſtadt⸗Dresden, im July 1808. Fanisca Laszananska. Beigelegt war ein Stammbuchblatt mit der Inſchrift: — 59 „Was nicht der Verſtand des Verſtaͤndigſten giebi⸗ Das giebt ein Herz, das in Einfalt liebt.“ Fanisca. Mit dem feſten Vorſatze, den Ermahnungen des Oheims zu folgen, war nun ſein Reiſeplan ge⸗ macht und der ſchoͤnſte Nachmittag dem Anſchauen der Herrlichkeiten der ſtolzen Koͤnigsſtadt an der Mol⸗ dau des hehren Prags gewidmet. Die Schrif⸗ ten achtungswerther, beruͤhmte Maͤnner, die Weg⸗ weiſer Polts, Rainholds und des genialen Schuͤß⸗ lers, eines Mannes, dem die deutſche Litera⸗ tur Boͤhmens ſo viel Schoͤnes und Gutes verdankt, der es verſtund, das Wirken des ernſten Geſchaͤftslebens durch die Huldigungen der Cha⸗ ritinnen und Muſen zu erheben und zu ver⸗ ſchoͤnern, waren ſeine Fuͤhrer, und die prachtvolle Ausſicht des Koͤnigsſchloſſes am Ratzſchin, die Anſicht der Domkirche St. Viti, die Bruͤcke, das Kloſter der ritterlichen Kreuzherren, das pracht⸗ volle Univerſitaͤtsgebaͤude mit ſeiner Bibliothek, die freundliche Moldauinſel, Venedig genannt, der Wiſchrath, die Synagoge der Juden, das ehrwuͤrdige Rathhaus, das neue ſchoͤne Schauſpiel⸗ haus, und noch viele andre Merkwuͤrdigkeiten erhoben, begeiſterten und erfreuten ſein Herz. Wichtiger noch war ihm der Beſuch des Colle⸗ giums der Medicin, des großen Militairhospitals, des Stadt⸗Krankenhauſes, wo er gerade durch die Meiſterhand des Profeſſors der Wuͤndarzneikunde 60 D. F. eine der ſchwierigſten Operationen mit Gluͤck verrichten ſah; eben ſo bewunderte er die guten Einrichtungen bei den Eliſabethinerinnen, bei der Verſorgungsanſtalt der Unheilbaren, im Taub⸗ ſtummen⸗ und in dem Blindeninſtitut, nicht minder die im Rettungshauſe der ploͤtzlich Verun⸗ gluͤckten. Jetzt kehrte er in ſein Hospital zuruͤck, und wenige Tage darauf ſagte er zu einer Anſtalt und ihren wuͤrdigen Vaͤtern ſein Lebewohl, wel⸗ chen in wahrem Chriſtenſinne uͤberall das Heil jedes Kranken jedes Glaubens am Her⸗ zen liegt und die der Welt und ihren Freuden entſagten, um mit Tod und eigner dLebensgefahr kaͤmpfend Retter ihrer leidenden Bruͤder ſeyn zu können.—— Mit der Poſt iſt der Weg von Prag nach Wien in wenig Tagen zuruͤckgelegt. Wiens aͤrztliche Heilungs⸗ und Unterrichts⸗ Anſtalten fuͤr Aerzte und Wundaͤrzte gehoͤren zu den beſten Europens, ſeine aͤrztlichen dehrer ſind Maͤnner, deren Ruf und Gelehrſamkeit ihre Welt⸗ beruͤhmtheit verbuͤrgt; es wuͤrde ein Buch aus⸗ fuͤllen, alles das Wiſſenswerthe zu nennen, was der Arzt hier finden kann; denn mehrere der er⸗ habenen Kaiſer und namentlich auch Thereſia, die große Kaiſerin, und ihr Sohn, Kaiſer Joſeph, der Freund und Vater ſeines Volks, haben ſich durch Geſetze fuͤr das koͤrperliche Wohl 61 ihrer Unterthanen, und durch die herrlichſten Stiftungen verewigt, die unter Kaiſer Franz, dem Vielgeliebten, ſo ſegensreich fortbluͤhen. Frei iſt hier der Unterricht fuͤr den Studi⸗ renden, ſelbſtſtaͤndig die Subſiſtenz der Lehrer, und deshalb herrſcht in dem Studienplane und ſeiner Befolgung die muſterhafteſte Einheit. Schwerer als irgendwo iſt es in Wien, ddie hoͤchſte akademiſche Wuͤrde, das Doctorat, zu erlan⸗ gen,(die Rigoroſa entſprechen hier ganz ihrer ernſten Wortbedeutung) doch, iſt ſie erlangt, ſo giebt auch der Staat durch Vollziehung ſeiner Geſetze, dem gepruͤften wiſſenſchaftlichen vater⸗ ländiſchen Arzte Brod und Ehre, und ſchuͤtzt ihn vor den widerrechtlichen Eingriffen der Unbe⸗ fugten. Unter den verſchiedenen Zweigen der Heilkunde*) wird hier der hoͤhern Operations⸗ lehre und der Augenheilkunde beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet, und die groͤßten Aerzte Deutſchlands vollendeten ihre Bildung groͤßten⸗ theils in Wien. 1 *) Unter den Nahmen der aͤrztlichen Lehrer jener Zeit glaͤnzen Collin, Jaquin, Leber, Prochaska in der Leopolds⸗Academie. In der Joſephs⸗Aca⸗ demie aber Schmidt, Vering ꝛc. Als vorzuͤg⸗ lich große Wundaͤrzte und Lehrer der Akiur⸗ gik, Leſer und Ruhdöͤrffer. In der Augenheilkunde iſt Beer weltbekannt. In Hin⸗ ſicht der Krankenbehandlung geben auch hier die Hospitaͤler der Barmherzigen und der Eli⸗ kbethlperinnen, das herrlichſte, lehrreichſte rbild. Auch fuͤr denjenigen, der ſich dem Kaiſerl. Feld⸗Medicinal⸗Dienſt widmen will, beſitzt Wien eine Muſteranſtalt, welche den Stu⸗ direnden den feſten Plan ihres Fleißes und Stre⸗ bens vorſchreibt, und durch oͤfters ſtrenge Pruͤ⸗ fungen ihr Ehrgefuͤhl und ihren Wetteifer belebt. Zu ſelbiger ward Julius empfohlen, und er um⸗ faßte, als der Winter kam, die erſte Baſts alles aͤrztlichen Wiſſens, die Anatomie und Phyſiologie, welche hier in hoͤchſter Vollkommenheit vorgetra⸗ gen wurden, mit raſtloſem Fleiße. Durch Pri⸗ vak⸗Unterricht uͤbte er ſich in der Erlernung der italieniſchen Sprache, und in der Opera⸗ tionskunde, und machte hier, durch Dres⸗ dens Vorbildung uneerſtuͤtzt, die gluͤcklich⸗ ſten Fortſchritte. So ſehr nun Wien das Stu⸗ dium des ernſten Wiſſens unterſtuͤtzt, ſo heiter iſt ſeine Kunſt. Welcher Genuß iſt ſchoͤner, als der des Schauſpiels, und wo kann man dieſes in den verſchiedenſten Geſtaltungen mehr bewun⸗ dern, als eben hier? Jede Stimmung des Ge⸗ muͤths kann hier befriedigt werden. Ueberhaupt herrſcht in der großen genußreichen Kaiſerſtadt, die die Donau mit ihren ſtarken Armen umfaͤngt, auch in koͤrperlicher Hinſicht der frohſte Lebens⸗ genuß, und den Freund der Natur erfreut eine ſchoͤne lachende Umgebung, wie ſie wenig Haupt⸗ ſtaͤdte Europens beſitzen. So verging der Winter, der Fruͤhling kehrte wieder, und unſer Julius 63 hatte ſich bereits durch Fleiß und Ordnungsliebe die Achtung ſeiner verehrten Lehrer und die Liebe mehrerer Mitſtudirenden erworben. Es geſtel ihm hier ſo, daß er nicht weiter wuͤnſchte; und er hatte dies ſeinem Oheim bereits gemeldet. Die Erſchwerung der Reiſepaͤſſe in das mit Frank⸗ reichs Kaiſerthum vereinte Koͤnigreich Italien, rechtfertigte ſeinen Entſchluß. In der zweiten Hälfte des Winterhalbjahres 16 6 wurde das Studium der Operarions⸗ und Verband⸗ lehre mit doppeltem Eifer betrieben, und ſchon ahndete man, daß bei Frankreichs drohender Stel⸗ lung ein Krieg unvermeidlich ſeyn duͤrfte; doch waren es noch politiſche Bermuthungen. Von po⸗ litiſchen Gegenſtaͤnden pflegt man aber in Wien nicht voreilig zu ſprechen. Als aber der Fruͤhling von 1809 Europens Fluren begruͤßte und die erwachende Natur mit jugendlichen Blumen ſich zu ſchmuͤcken begann, ach! da ſollte bald dieſe Blumen das Blut von tauſend Helden benetzen, bald das ſchwellende Gras ein Ruheplatz aufgethuͤrmter Leichen werden.——— Erzherzog Carl, der Held deutſcher Na⸗ tionen, der Bruder ſeines Kaiſers, rief zu den Waffen, und ein Herz und ein Sinn, ſtund in unglaublicher Schnelligkeit das ganze treue 64 Volk bewaffnet da. Oeſtreichs Adel, ſeiner urſpruͤnglichen Beſtimmung eingedenk, trat in die Reihen der Vertheidiger des Vaterlandes, und die Prinzen ſtunden an der Spitze der hoch⸗ herzigen Voͤlker im Waffenſchmuck. Dieſer Sinn der Einheit des gemeinſchaftlichen Wirkens gab Oeſtreich eine ungeheure Macht, und umgab es mit dem maͤchtigſten Bollwerk, mit der Kraft ſei⸗ ner Maͤnner und, kampfiuſtiger, kampfgeruͤſteter Jugend.— Frankreichs Kaiſer war noch in Spanien beſchaͤftigt, mußte ſchnell jetzt ſeine Kraͤfte con⸗ centriren, und 80000 Conſcribirte zu den Fahnen rufen, da Spaniens Krieg bereits hunderttauſende ſeiner alten Krieger aufgerieben hatte. Lluch Oeſtreichs Aerzte beſeelte die Va⸗ terlandsliebe ihres Volks, und wetteifernde Thaͤtigkeit herrſchte von nun an bei der Einrich— tung ihrer Feld⸗Lazarethe und den Pruͤfungen der Wundaͤrzte. So verſammlete ein verdienſt⸗ voller Staabsarzt und Lehrer der Akademie ſeine Eleven im großen Conferenz⸗Saal des Hospitals. Heilige Stille, die Erwartung großer Ereigniſſe, herrſchte, und er nahm das begeiſternde Wort: „Bis jetzt(ſprach er zu den Zuhoͤrern) er⸗ kannten Sie das Vaterland, als eine guͤtige er⸗ naͤhrende Mutter, jetzt ſpricht ſie zu ihren Kindern: „Ich bedarf Eurerl! und welches Herz wird ihr nicht freudig entgegen ſchlagen? Ja, das & 8o AR 65 Vaterland, ſein Herr und Kaiſer ruft! Wir wollen folgen! Ehrenvoll eilt jeder Oeſtreicher dem Kampfe zu, der Gedanke des Sieges zeugt Helden, und verbuͤrgt den Sieg. Ehre denen, die im Kampfe fallen, Bruderhand und Bruderhuͤlfe den Verwundeten! Auch uns Aerzten bluͤht der Kranz des Verdienſtes! Waͤhrend die Jugend jedes Standes die zerſtoͤrenden Waffen ſchwingt, wollen wir ſie begleiten zu den Gefahren der Schlachten und des Todes; in ihren Reihen, wie's unſer Beruf gebeut, helfend, rettend, furchtlos ſtehn! Muthig wollen wir erſcheinen in den Hospitaͤ⸗ lern, wollen kraͤftig den verheerenden Krankhei⸗ ten, den Begleiterinnen des Krieges, nach Wiſſen und Gewiſſen entgegenwirken, wollen, wie's das Schickſal will, handeln, wirken, hoffen, ſterben. Der Gott, der uͤber uns iſt, der der Voͤlker Schick⸗ ſal waͤgt, kennt unſer Herz, erforſcht uns, und wird uns durch ſeine Heiligen ſchuͤtzen oder im Kampfe des Todes troͤſten, und die in der Pflicht⸗ erfuͤllung ſielen, zu ſeiner ſeligen Herrlichkeit er⸗ heben!!“ Alle waren geruͤhrt, alle wuͤnſchten berufen zu ſeyn zum thaͤtigen Wirken. Die Erfahrenſten wurden zu den Regimentern auserwählt, die Juͤngern in die Reſerve⸗Hospitaͤler kommandirt. Auch Julius fuͤhlte die Wichtigkeit des Berufs des Feldarztes, wodurch er durch raſtloſe Selbſtaufopferung ſich den Muhn. eines wahren 66 Freundes der Menſchheit erwerben konnte. Er bat um Dienſt. Sie ſind Auslaͤnder(ant⸗ wortete der Staabsarzt), doch ich will Ihren Wunſch unſerm Chef vortragen und in wenig Tagen werden Sie die Entſcheidung hoͤren. Gehen Sie indeß mit ſich ſelbſt zu Rathe. Julius em⸗ pfahl ſich. Unter mehrern Bekanntſchaften in Wien hatte er die eines alten biedern Feldwebels, der bereits das goldne Ehrenzeichen ſo einer Tapfer⸗ keit trug. Dieſen fragte er um Rath. Wollen's beim Schoppen Ruſter beſprechen, antwortete der ehrliche Kriegsmann. Im Weinhauſe dort giebts der Herren Officiers viele, von denen manches zu hoͤren iſt. Ihr Weg fuͤhrte bei der praͤchtigen Reitbahn voruͤber. So eben entließ ein Ritt⸗ meiſter, ein ſchoͤner kraftvoller, dem Anſcheine nach kaum dreißigjaͤhriger Mann, ſeine glaͤnzende Schwadron, galoppirte dann einem Wagen zu, in welchem ihn eine ſchoͤne junge Dame begruͤßte; hierauf ſprengte er an den alten Feldwebel an, und bewillkommete auch dieſen, mit deutſchem freund⸗ ſchaftlichen Haͤndedruck. Als er voruͤber war, wandte ſich der Feldwebel zu Julius.„Sehn Sie, junger Mann! Dieſer da, den Sie fuͤr den erſten Edelmann halten, und der jetzt Rittmeiſter, Ritter und der gluͤcklichſte Gatte der ſchoͤnen jungen Dame dort, einer gebornen Baroneſſe von Stornhorſt iſt, dieſer da, iſt buͤrgerlicher Abkunft, der 67 Sohn eines Sergeanten. Ich habe ihn exercirt und meiner Compagnie diente er als Fourier. Seine gute Handſchrift, ſeine Kenntniß in der Mathe⸗ matik und im Zeichnen, ſein frommes wackeres Betra⸗ gen und ſeine Tapferkeit erhoben ihn bald zum Officier; er ward zur Reiterei verſetzt, avancirte ſchnell, und ich glaube es noch zu erleben, ihn als Obriſt zu begruͤßen.“ Ja!(kſuͤgte er hinzu) im Erz⸗Hauſe Oeſterreich wird das Verdienſt erhoben, es gehoͤre dem Sohne des Buͤrgers, oder des Edelmanns; ich kenne hochberuͤhmte Feldherren, deren Vaͤter und Großvaͤter buͤrgerliche Beamten, Aerzte, Profeſſoren waren. Nicht umſonſt das Ihnen geſagt. Sie ſind der Sohn eines Offi⸗ ciers, in Ihrem Herzen wallt Soldatenblut, Sie ſind wohlgewachſen, ſtark und geſund, lernten als Student eine gute Klinge fuͤhren, wiſſen ſich zu betragen, Sie zeichnen und ſchreiben eine gute Handſchrift, die bei uns gar Vieles gilt, Sie haben Mutterpfennige und Empfehlungen. Der Herr Rittmeiſter braucht einen Fourier, melden Sie ſich, ich ſteh dafuͤr, Sie werden es, am Avancement wird's nicht fehlen— und ſind Sie durch Gottes Huͤlfe und die Gnade des Monarchen Offccier, dann koͤnnen Sie es gewiß in kuͤrzerer Zeit zum Major bringen, als Sie im gluͤcklichſten Fall vom Unterarzte zum Regimentsarzt erhoben wer⸗ den koͤnnen. Die hoͤhern Beſtallungen ſind fuͤr Landeskinder beſtimmt. 5* 68 Julius wankte.— In welchem Herzen bluͤht nicht der Wunſch einer glaͤnzenden Auszeichnung, welcher Juͤngling fuͤhlte im Bewußtſeyn ſeiner Kraft, nicht einmal den Wunſch, Soldat zu ſeyn? Das glaͤnzende Gluͤck des Rittmeiſters hatte ihn bezaubert. Wie jener der Gemahl der ſchoͤnen Baroneß wurde, ſo konnte ja auch ihn die Gluͤcks⸗ goͤttin beguͤnſtigen, ſo konnte auch er ſich durch Tapferkeit und Heldenmuth einſt ſeine Fanisca erkaͤmpfen, ſo die Kluft uͤberſpringen, die das Wappenſchild der Ahnen der edlen Polin zwiſchen ihm und ihr bildete.— Sie treten in's Weinhaus ein. Unter den oͤſtreichiſchen Officieran, von denen ſo viele durch Kenntniſſe und Bravour von unten auf empor ſtiegen, herrſcht ein herzlicher und freundlicher Ton, und ſie behandeln den verdienſt⸗ vollen Unterofficier, ohne dem Subordinations⸗ Verhaͤltniſſe je etwas zu vergeben, mit einer Art ca⸗ meradſchaftlicher Vertraulichkeit. Ein froher Gruß ſcholl alſo von mehreren Uhlanen⸗Officieren dem alten meritirten Feldwebel entgegen, und an ihn ging die Aufforderung und Frage: ob er nicht mit ihnen in's gelobte Sachſenland zu ziehen wuͤnſchte? Nach Sachſen ꝛc.? fragte jener. Ja, nach Sachſen, uͤber Teplitz und Zinn⸗ wald nach Dresden!! Sachſen gehoͤrt zum Rheinbunde und iſt wider uns! Nach Sach⸗ ſen ſchlug Julius Herz, und dort ſollte er fech⸗ ten, vielleicht dort auf des Zinnwaldshoͤhe, wo ——y ☛ — u—₰—2——8 — ◻☛◻ — d 69 ſeinem Herzen der Genius der Liebe nahte, und nun im Kampfe und Zorn*⁴) gegen Thielemanns muthige Reiterſchaar, gegen ſeine Landesleute den blutigen Saͤbel ſchwingen. Nein! ſprach ſein Herz, der leidenden Menſchheit beſtimmt mich mein Beruf; ihr will ich dienen! Er ent⸗ deckte ſich ſeinem Freunde, und meldete ſich am beſtimmten Tage wieder zum Medicinaldienſt, ward nach vorgaͤngiger ſorgfaͤltiger Pruͤfung ange⸗ nommen, und zu einem Reſerve⸗Hospitale geſtellt. Der Arzt theilt die Beſtimmung des Soldaten, nicht ſeinen Zorn gegen den Feind. Sein Beruf iſt die Pflicht der Menſchlichkeit und der verwun⸗ dete Freund, oder der Gefangene unter den Feinden nehmen, wenn ſie ſelbige beduͤrfen, ſeine Huͤlfe in gleichen Anſpruch. Deshalbkonnte er mit gutem Gewiſſen, in dem jetzt ſeinem Vaterlande feindlichen Heere dienen. Im K. K. Oeſtreichiſchen Medieinaldienſte herrſcht eben ſoviel Strenge, als folgerechte Puͤnkt⸗ lichkeit. Dem Unterarzte liegt mehr, als irgend⸗ wo, die eigentliche Abwartung des Kranken, *) General Thielemann eommandirte das Corps der Sachſen, welches den eindringenden Braunſchweigern und Oeſtreichern ſo muthigen Widerſtand leiſtete. Siehe hieruͤber ein gehaltvolles Buch: Der Feldzug Frankreichs und ſeiner. Ver⸗ buͤndetengegen Oeſtreich im Jahre 1809. Meißen, bei Friedrich Wilhelm Goedſche. 1810.* 70 die ſpecielle Reichung der Medicin und die Be⸗ ſorgniß ſeiner aͤrztlichen Beduͤrfniſſe obp, dem Hos⸗ pital⸗Chirur gus iſt das Hospital ſeine Welt; denn es iſt dafuͤr geſorgt, daß er bei anſtaͤn⸗ diger Behandlung auch anſtaͤndig bekoͤſtigt wird. In den Hospitalern ſelbſt iſt jeder Branche ihr Wirkungskreis genau vorgeſchrieben und die un⸗ unterbrochenſte Oberaufſicht buͤrgt fuͤr die ſtrengſte Befolgung. Durch gute Medicinal⸗Unterrichts⸗ anſtalten Oeſtreichs kann uͤbrigens auf gute und tuͤchtige Subjecte die moͤglichſte Ruͤckſicht genom⸗ men werden. Der brauchbare und geſchickte Wund⸗ arzt genießt alle Achtung und Auszeichnung bei Vorgeſetzten und Officieren, wenn er als Mann von Welt ſich zu betragen weiß, von Anmaßlichkeit und feiler Kriecherei gleich entfernt iſt, und die Geſetze des Anſtandes und der Klugheit wohl zu beobachten verſteht. Den 10. April 1809 gingen Oeſtreichs Heere uͤber den Innfluß bei Braunau und Schaͤrding, und ruͤckten uͤber Markl, Egerfelden, Pfarrkirchen und Ortenburg im Koͤnigreiche Baiern gegen die Vils und den Iſar vor; die baierſchen Kriegs⸗ voͤlker zogen ſich auf Befehl ihres Koͤnigs zuruͤck. An der Iſar kam es zu Vorpoſtengefechten und am 16. April war bereits Baierns ſchoͤne Haupt⸗ ſtadt, Muͤnchen, beſetzt. Am 17. April traf 71 der franzoͤſiſche Kaiſer bei ſeiner Armee an, er erließ einen Aufruf an ſein Heer und marſchirte nun nach der Donau zu; am 19. waren die Franzo⸗ ſen bereits in Regensburg und ohnweit Egg⸗ muͤhl entbrannte in dieſem Kriege das erſte hitzige Gefecht, in welchem viele oͤſtreichiſche Staabs⸗ officiere den Tod des Helden fanden, und eine große Anzahl Verwundeter die im beſten Zuſtande ſich befindenden K. K. oͤſtreichiſchen und K. bairi⸗ ſchen Hospitaͤler fuͤllte. Furchtbarer noch war die Schlacht am 20. bei Abensberg; hier focht der franzoͤſiſche Kaiſer an der Spitze der tapfern Baiern und Wuͤrtemberger gegen Oeſtreichs unerſchrockne Krieger, bald darauf focht man mit gleicher Erbitterung bei Landshut, und darauf in und bei Regensburg, jener uralten maͤchti⸗ gen in der Geſchichte Deutſchlands ſo hochbe⸗ ruͤhmten Stadt. Regensburg und die gegen⸗ uͤberliegende Stadt, Stadt am Hoflgenannt, ſahen, namentlich am 22. und 23. April, Wunder gegen⸗ ſeitiger Tapferkeit. Einzelne Baſtionen und Thuͤr⸗ me wurden ſtuͤrmend erobert und wieder genommen, und der Bajonettkampf tobte in den brennenden und zuſammenſtuͤrzenden Haͤuſern, in denen von Granaden beſchoſſenen Straßen und Gehoͤften. Die brennenden Haͤuſer, das Jammern der Ver⸗ wundeten, das. Wehklagen der herumirrenden im Kampfgewuͤhl ihre Weiber und Kinder ſuchenden Bewohner, bildeten eine furchtbare Scene des 72 Schreckens und der Verheerung. Alles, was den Ebenſtegenden Widerſtand leiſtete, wurde zuſammen gehauen. Oeſtreichs Krieger gaben in allen die⸗ ſen Kaͤmpfen Beweiſe der ausgezeichnetſten Tapfer⸗ keit und ſowohl oͤſtreichiſche als baieriſche, wuͤr⸗ tembergiſche und franzoͤſiſche Aerzte und Wund⸗ aͤrzte theilten ihre Berufspflicht, folgend jeder Ge⸗ fahr. Sie verbanden mitten unter dem Kugelregen, mitten im Kampfe der Bajonette; viele wurden ſelbſt verwundet, viele blieben auf der Wahlſtatt. Wie moͤrderlich dieſe Kaͤmpfe waren, beweiſt ſchon dies, daß ſelbſt der franzoͤſiſche Kaiſer in einem derſelben eine Fußwunde erhielt. Die Fran⸗ zoſen ruͤckten nun dennoch und trotz eines verlornen Gefechtes am 24. April, in welchem der oͤſtrei⸗ chiſche General Hiller Sieger blieb, vor; die Oeſtreicher aber behaupteten das rechte Donauufer. Schon am dritten Mai ruͤckte der franzoͤſiſche Marſchall, Herzog von Rivoli, in Linz ein, ruͤckte dann gegen Ebersberg vor, und nun begann ein ungeſtuͤmer Kampf, welcher, mitten im bren⸗ nenden Staͤdtchen, geliefert wurde. Ueberhaupt, ſagt ein glaubwuͤrdiger Mann, der dieſem Kampfe thätig beiwohnte als Augenzeuge:„uͤberall ſchlu⸗ gen ſich die Kämpfenden mit unbeſchreiblicher Erbitterung. Die Oeſtreicher ſchoſſen in dem beſtgerichtetſten Tirailleurfeuer, ſchoſſen unaufhoͤr⸗ lich von den Daͤchern und aus den Haͤuſern. Wuͤthend drangen die Franzoſen in ſtarken geſchloſ⸗ 7 73 ſenen Haufen vor. Von allen Seiten loderten Flammen. Riemand konnte vorwaͤrts, niemand ruͤckwaͤrts. Ueberall wuͤthete Verzweiflung, uͤberall drohre ſchrecklicher Tod in den Flammen. Graͤßlich toͤnte der Sterbenden Geſchrei durch die uͤfte, nie⸗ mand konnte helfen, niemand retten. Man ſah mehre⸗ re Menſchen auf den brennenden Daͤchern; ſie kletter⸗ ten umher, winkten und ſchrieen nach Huͤlfe, und ver⸗ ſchwanden dann wieder in Rauch und Flammen, bis die brennenden Haͤuſer einſtuͤrzten und die Un⸗ gluͤcklichen unter den Schutt begruben. Es brannte die ganze Nacht; der Mond beleuch⸗ tete den Schauplatz der graͤßlichen Zerſtoͤrung. Die rauheſten Krieger ergriff ein wehmuͤthiges Gefuͤhl, die Wundaͤrzte theilten furchtlos jegliche Gefahr, und die feierliche Stille, die auf der Brandſtaͤtte herrſchte, ward nur hier und dort durch kriegeriſches Getoͤſe und den Jammer der Verwun⸗ deten unterbrochen. Auch in dieſem Gefechte ga⸗ ben, wie ſchon geſagt, Aerzteund Wundaͤrzte der kaͤmpfenden Heere die ſchoͤnſten Beweiſe ihres Muthes, und die kiſten der Verwundeten und Todten dieſer Tage nennen manchen Wackern unten ihnen. Je naͤher nun der Feind nach Wien rückte, deſtomehr Beweiſe gab die edle Hauptſtadt, gab das treue Volk die unverkennbarſten Beweiſe ſei⸗ nes grenzenloſen Vertrauens und ſeines Muthes zu dem allgeliebten Kaiſerhauſe. Eine furchtbare 74 Diverſion machten nunmehro die Tyroler, und er⸗ neuerten auf ihren Gebirgen und Feldſchluchten jene Scenen, die wir in der fruͤhern Heldengeſchichte der Schweizer leſen.—— Wien, um auf ſelbiges zuruͤck zu kommen, zeigte der Welt und der Nachwelt, welcher Drang nach Thaten es beſeelte; und man ſahe in den Soͤhnen denſelben Sinn heroiſcher Begeiſterung und unerſchuͤtterlicher Buͤrgertreue, welche ihre Vorfahren einſt bei den Belagerungen Wiens vor den Tuͤrken bewieſen; uͤberall war ein ruͤſtiges Treiben der waffenfaͤhigen Jugend jeden Standes. Die nahende Gefahr ſchloß die innigſten Bande der Kameradſchaft, und edle Frauen ſorgten mit Mutterliebe und ſchweſterlicher Sorg⸗ falt fuͤr die ankommenden Verwundeten. Die herrlichſten Lokalitäten wurden uneigennuͤtzig zu Etabliſſements der Hospitaͤler beſtimmt, und es herrſchte durchaus ein Geiſt der Hoffnung und der Zuverſicht. Am 10. des Maimondes ſtund der franzoͤſiſche Kaiſer bereits in dem prachtvollen Luſtſchloſſe Schonbrunn, ohnweit Wien. Baiern war bereits ganz von feindlichen Trup⸗ pen befreit, und ſeine kuͤhnen Schaaren mit den Franzoſen vereint. Am 11. Mai wurde Wien, das ſich bereits heldenmuͤthig vertheidigte, von einer nur hundert Claftern von der Stadt entfernten Haubitzenbatter ie beſchoſſen, und bald ſtunden mehrere Haͤuſer in 1 75 praſſelnden Flammen. Um die Stadt vom Brande zu retten, wurde am 13. Mai eine ehrenvolle Capitulation abgeſchloſſen, mehrere oͤſt⸗ reichiſche Hospitäler wurden an andre Orte ver⸗ legt, und am 14. Mai ruͤckts die franzoͤſiſche Ar⸗ mee in Oeſtreichs erhabener Haupt⸗ und Kaiſerſtadt ein.—— Unſer Julius(um von dem Schickſale der Voͤl⸗ ker auf die Begegniſſe des Einzelnen zu kommen, und von dem Großen zu dem Kleinen uͤberzuge⸗ hen,) war von ſeinem Hospitale zu einem jener braven Regimenter verſetzt worden, welche in den verhaͤngnißvollen Schlachten brave Mannſchaften, einſichtovolle Officiere und wackre Wundärzte ver⸗ loren hatten; er ſelbſt nahm die Stelle eines in der Schlacht bei Regensburg gefallenen Kame⸗ raden ein, und eben dieß befeſtigte in ihm den hei⸗ ligen Entſchluß, ſeiner Wiſſenſchaft und der Pflicht ſeines Standes getreu zu leben und zu ſterben, Sein Regiment ſtund bei jener großen Armee, welche der Erzherzog Carl am linken Donau⸗ Ufer befehligte, und in jener merkwuͤrdigen Ebene, welche den bedeutungsvollen Namen des Marsfel⸗ des,(Marchfeldes), fuͤhrt, und Wien gegen⸗ uͤber ſich ausbreitet. Die Donau ktheilt ſich 76 unterhalb Wien, dem Dorfe Ebersdorf gegen⸗ uͤber, durch mehrere Inſeln in 3 Arme, die groͤßte dieſer Inſeln, in der Lobau genannt, hat gegen 42000 Schuh im Umfang, und hier mag die Breite des Fluſſes, die ſte vom Ufer trennt, ohngefaͤhr 420 Schuh betragen. Eine kleinere Inſel, welche vom rechten Ufer gegen 1400 Schuh entfernt iſt, hat etwa 6000 Schuh im Umkreis, Hier nun ſuchten die Franzoſen den Uebergang üͤber die Donau zu erzwingen, und die große Entſcheidungs Schlacht zu ſchla⸗ gen. Die erſten, ſehr wohl, und zum Theil maſſiv gebauten, mit natuͤrlichen Gartenhecken umgebenen Doͤrfer jenſeits des Stroms, heißen Groß⸗Aspern. Eßlingen und der Flecken Enzersdor f, und haben ſich nun in der Welt⸗ geſchichte einen unſterblichen Namen erworben.— Alles harrete dem entſcheidenden Tage entgegen und ein feierlicher Feldgottesdienſt der frommen Krieger Oeſtreichs, entflammte das Gemuͤth zu Muth und freudiger Hoffnung; da naht er,(ez war der ein und zwanzigſte des Maimonds 1809) der große Tag der Schlacht von Aspern. Schoͤn, wie ihn nur der Wonnemond geben kann, war der Morgen, und uͤppig gruͤnte die Saat auf den lachenden Auen, die der Krieg mit ſeinem eiſernen Fuß zertreten, und ehe der 77 Abend den Horizont roͤthete, mit zerriſſenen keichen decken ſollte. Julius folgte ſeiner Compagnie, ſie bildete einen Theil jenes Corps, welches der Erzherzog Carl ſelbſt befehligte. Waͤhrend des katholiſchen Feldgottesdienſtes hatte er Troſt und Ermunte⸗ rung aus dem Buche der Buͤcher, welches er in einer kleinen Taſchenausgabe immer bei ſich fuͤhrte, geſchoͤpft, dann es in ſeinen Buſen unter die Uniform geborgen, und ging nun mit Zuverſicht dem kommenden Schickſale entgegen. Furchtbar war in den Mittagsſtunden des Feindes Angriff. Mehr als 400 Feuerſchluͤnde donnerten aus ihren offnen Rachen und bruͤllten mit des Todes und der Verheerung Stimme. Gegen 4 Uhr, Nachmittags, war bei dem Dorfe Eß⸗ lingen das Gefecht allgemein, welches hier auf franzoͤſiſcher Seite der franzoͤſiſche Marſchall Lannes befehligte. Ueberall floß Blut, und die Franzoſen, die mit den groͤßten Aufopferun⸗ gen den Stromuͤbergang behaupten wollten, ſtunden mitten unter dem ſauſenden Kugelregen, wie Felſen im fallenden Hagel. Einer ihrer Feldherren, der General Eſpagne, welcher an der Spitze ſeiner Diviſion focht, und zwei Vier⸗ ecke durchbrochen hatte, fiel, toͤdlich verwundet an der Spitze ſeiner Diviſton. Die Oeſtreicher zerſtoͤrten jetzt eine Bruͤcke uͤber einen Haupt⸗ ſtromarm der Donau durch Schiffmuͤhlen, die 78 den angeſchwollenen Strom herabgelaſſen wurden, und bereiteten hierdurch den Untergang des Fein⸗ des vor. Die ſinkende Sonne endete fuͤr diesmal den Blutkampf, und das Bild des Friedens, der reine wolkenloſe Sternenhimmel umleuchtete das grauſe Leichenfeld, ſeine ſchweigenden Todten, und ſeine jammernden Verwundeten. Schreckenvoller ſollte noch der kommende Tag ſeyn. Schon fruͤh um vier Uhr den 22ſten des Maimondes ſchwang der Engel des Todes ſein Panier und hielt ſein Erntefeſt hier, wo Aspern ſich mit ſeinen gruͤnen⸗ den Huͤgeln und Obſthecken paradieſiſch erhob. Hier tobte bald im hitzigſten Gefechte der Entſchei⸗ dung die zerſchmetternde Kraft der feindlich zu⸗ ſammenſtoßenden Heere. Schon glaubte der Kern des Heeres Frankreichs, die unerſchrockene alte Garde das nach tauſend Opfern erſtuͤrmte As⸗ pern und ſeinen Kirchhof, eine natuͤrliche Fe⸗ ſtung, behaupten zu koͤnnen, als die Oeſtreicher mit gefuͤlltem Bajonett aus dem brennenden Orte nach dem moͤrderlichſten Handgemenge ſie wieder zuruͤckdraͤngten, und bald wieder Meiſter der gan⸗ zen Aue wurden. Aber auch ſie hatten in dem zerſtoͤrendſten Artillerie⸗Feuer des Feindes furchtbar gelitten. Vier Grenadierbataillone ruͤckten jetzt, ob⸗ ſchon vom Flankenfeuer der Franzoſen beſtrichen, aus der Reſerve im Sturmſchritte vor. Unter dieſen be⸗ fand ſich auch die Compagnie, bei welcher unſer * —— 8 —— —ñx⸗A3-⸗—— 79 Julius ſtand. Jetzt unſere Blicke auf den Ein⸗ zelnen und die Heldenſchaar an bei welcher er dieſen Tag die Ehre zu ſtehen hatte. Erzherzog Carl ſieht die Gefahr.„Ihr entgegen!“ ruft er,„mit Gott! er ſey mit uns und ſeiner Gnade!“ ergreift die Fahne eines oͤſtreichiſchen Infanterieregiments, und ſtuͤrmt mit ihm und den folgenden in die dichten Maſſen der Feinde. Im Sturmſchritte gehet es vorwaͤrts. Ganze Glieder maͤht der Tod, die meiſten Officiere ſind verwundet, mohrere bereits gefallen, und ſelbſt Aerzte bluten, vom feindlichen Eiſen getroffen.„Vorwaͤrts! vor⸗ waͤrts! Bruͤder!“ riefen die verwurideten Grenadiere; vorwaͤrts! ihr Rache gluͤhen⸗ den Bruͤder, eine Batterie des Feindes iſt er⸗ ſtiegen! ihre Donner ſchweigen; da raſſelt, wie vom Himmel ſtuͤrzender Hagel, ein polriiſches Uhlanenregiment herbei; ihm begegnen oͤſtrei chiſch⸗ ungariſche Huſaren; der Saͤbel flammt, die Lanze ſchwirrt, Piſtolen und Karabiner kiuallen, Officiere und Gemeine ſind im Handgem enge. Jeſus Marial ruft ein junger öſtreich iſcher Officier, ſtuͤrzt, aus mehrern Wunden von Lanze und Saͤbel blutend, vor die aufgeſtellte Infa nterie und wird von einigen Hervortretenden in die Arme des nahen Wundarztes getragen. Gheiſtes⸗ gegenwart des letztern, und ſein ſchneller und zweckmaͤßiger Verband ſtillt das Blut, 80 und der Verwundete wird nun zur Ambulance ge⸗ tragen. Die Polen haben ſich indeß zuruͤckgezogen, doch eine ihrer Batterieen ſpeyt nun krachend ihr verderbend Feuer aus, auch ſie wird erſtuͤrmt und die Oeſtreicher ſehen, wie die Leichen, der ſie bedient habenden Kanoniere um die erſtuͤrmte ge⸗ lagert ſind, und hier auch zuckende Verwundete im Kampfe des Todes roͤcheln. Furchtbarer wird dieſe Scene noch dadurch, daß auch dieſe Batte⸗ rie ſich einen Kirchhof(Gottesacker) zu ihrem Standpunkte erwaͤhlt hatte, der jetzt mit zerſchmet⸗ terten Leichenſteinen und zerſchoſſenen Kreuzen bedeckt iſt und wo die fallenden Kugeln in den Graͤbern gewuͤhlt hatten. Unſer Julius blickt jetzt um ſich. Er ſieht, wie ein oͤſtreichiſcher Feldwebel wuͤthend mit einigen in der Kirche Stand gehaltenen und jetzt kuͤhn hervorſtuͤrzenden Franzoſen mit dem Saͤbel kampft, ſieht, wie er dem einen den Kopf ſpal⸗ tet, und von dem andern, welcher nun in der Flucht ſein Heil ſucht, durch Musketenſchuß im Arm verwundet, ſtuͤrzet. Julius ſpringt herzu, richtet den Fallenden auf und erkennt in ihm ſeinen Freund, den alten Feldwebel, der ihm in Wien das Gluͤck des Soldatenſtandes mit ſo ſchoͤnen Farben zeigte. Eben will er ihn fort in die Kirche tragen, als das Regiment vorruͤckt und nun des blutigſten der Tage glaͤnzender Entſcheidung entgegen geht. . — N 2 — b 81 Ein Adjutant mit Staub bedeckt reitet an ſeiner Fronte voruͤber, er ruft:„Wir ſiegen! die Franzoſen ſind von ihrer Reſerve getrennt und der edelſte ihrer Feldherren, Marſchall Lannes, iſt gefallen. Victoria! Mit uns iſt Gott! Der Sieg iſt nahl!“ In aller Augen flammt jetzt des Sieges Zuverſſicht, doch Verzweiflung treibt die franzo⸗ ſiſch⸗polniſchen Lanzenreiter, welche eine reitende Batterie mit ſich fuͤhren, noch einmal in die Phalangen der Oeſtreicher, die jetzt feſt wie Felſen ſtehen. Einer der polniſchen Officiere will toll⸗ kuͤhn ſie durchbrechen, ſein Pferd ſtuͤrzt von Ba⸗ jonetten durchbohrt, er ſelbſt wird verwundet, und liegt bald in den Armen des Wundarztes, unſers Julius. Jener beugt ſich uͤber ihn, der Ver⸗ pundete blickt auf, blickt ſtarr den Wundarzt an, und Julius und Jaromir erkennen ſich. Fanisca?— fragen bebend Julius Lip⸗. pen, da flammt noch einmal die fein ie Bat⸗ terie, wirft ihren Hagel in die oͤſtreichiſchen Schaaren, eine Haubitzkugel ſpringt, d zackige Eiſen trifft Julius Bruſt, heißes Blut entquillt ſeinem Munde, und die Nacht der Ohnmacht um⸗ fäͤngt ihn. — Als er ſeine Beſinnung wieder erlangte, ſah er ſich unter den Verwundeten, welche auf jenem 4 6 1 82. 8 Gottesacker, auf welchem er kurz vor ſeiner Ver⸗ wundung noch ſelbſt thaͤtig geweſen war, die — mitleidige Huͤlfe dort zuſammentrug, um ſie von hier aus den Wagen des fliegenden Feldlazareths zu uͤbergeben. Ein wiederholter Aderlaß erleich⸗ terte ſeinen Bruſtſchmerz, ein freundlicher oͤſt⸗ reichiſcher Unterarzt fuͤhrte ihn nach vollen⸗ detem Verbande zu den Wagen des fliegenden Feldlazareths, auf welchen ſchon mehrere Officiere und Soldaten lagen. Julius Augen ſuchten Ja⸗ romir vergebens. — Der Unterarzt verlangte jetzt ſein National. Julius zeigt auf ſeine Brieftaſche, in welcher noch der alte Paß befindlich war, und ploͤtzlich leuchteten des Unterarztes Blicke voll Freude, als er ihn entfaltete. „Sie ſahen meinen Vater? fragte er Ju, lius, ich heiße Werner und bin der Sohn des Mauthners(Grenzzolleinnehmers) in Zinn⸗ wald,“ und ich, erwiederte mit ſchwacher Stimme Julius, bringe Ihnen Vatergruß und Mur terſegen, die ſchoͤnſte Mitgabe zu den Gefat⸗ ren des Schlachtfeldes.„Dem ich vielleicht mor⸗ gen wieder entgegen gehe,“ antwortete jener. „Sie haben, ſagte jetzt Werner, Ihre Heiligen gar wunderbar geſchuͤtzt, das Buch, das Sie das Buch der Buͤcher nennen, war Ihr Schild Sie trugen es auf der Bruſt, das geſprungene Stuͤck der Granade traf es, und vermochte 83 nicht zu durchdringen. Seh'n Sie(er zeigte hier auf die aufgeſchlagene Stelle,) bis zu welcher Stelle das Eiſen drang, und Julius Blicke er⸗ leuchteten ſich, als er die Stelle las: Herr, ſey mir gnaͤdig! ſiehe an mein Elend unter den Feinden, der Du mich erhebeſt aus den Thoren des Todes, auf daß ich erzaͤhle Allen dei⸗ nen Preis!(Pſalm 9, Vers 14 und 15.) „Bis hierher ging die Kugel, ſo litten Sie nur durch den Stoß, und ich glaube, es wird nicht gefaͤhrlich ſeyn. Seyn Sie nur ruhig! und ſchen⸗ ken Sie mir Ihre Freundſchaft.“„Bis hierher hat der Herr geholfen!“ rief Julius, und zwei Herzen fanden ſich, und ohne Becherklang und Smolles ſchloß nun ein heiliges Gefuͤhl unter den Gefahren des Todes, die Bruͤderſchaft zweier treuen Freunde fuͤr ein Leben.——— ——;;ͦ-ͤↄℳℳℳ⸗— Dichter, Zeichner und Hiſtoriker wetteifer⸗ ten, den Schlachtſcenen das Gewand der Helden Herrlichkeirzu geben, und wirklich jeder Augenzeuge wird mir Recht geben. Sie haben etwas Begeiſterndes und Herzerhebendes, das mitten in der Gefahr die Gefahr vergeſſen laͤßt, und ſo oft jene Begeiſterung einhaucht, die in der Exaltation des Selbſtvertrauens dem . 6 5 84 Manne und dem Patrioten die Ehrenbahn des Helden bricht. Wer aber zeichnet die Scenen nach der Schlacht? wer die mit jammern⸗ I den Verwundeten angefuͤllten Hohlwege? wer die einzeln, aus brennenden Ruinen hervorragenden maſſiven Haͤuſer? wer jene entferntern Scheuern, welche ſo oft die Werkſtaͤtte der fliegenden Feldlazarethe ſind, und wo das rettende Meſſer des Operateurs, hier den Arm, dort den Fuß vom zitternden Koͤrper trennte? Welches Lied war ein Nachklang jener Seufzer nach einer Labung, nach nur einem Tropfen Waſſer, das die verſchuͤtteten Borne, die mit Leichen angefull⸗ ten Baͤche nicht mehr oder nur in ſtinkender Faͤulniß ſpenden konnten? Wie oft war ein Feuer⸗ funken hinreichend, auch dieſe Aſyle zu zerſtoͤren, und in graͤßlicher Gluth die blutenden, jammern⸗ den Krieger und ſelbſt ihre Retter in rauchende Aſche zu verwandeln! Und dieſen Scenen des Elendes und des Schmerzes ſoll der Feld⸗ arzt und der Wundarzt, der zum Theil vorher ſchon die Gefahren der Schlacht theilte, mit Gle ich⸗ muth, Beſonnenheit, Geiſtesgegen⸗ wart und operativer Geſchicklichkeit begeg⸗ nen! Den Soldat in der Schlacht entflammt die Begierde der Auszeichnung, im Geiſte ſieht er den blitzenden Orden, oder die Medaille, ſieht das Gold und Silber des Portepees,— ſieht ſeinen Namen im preiſenden Armeebericht unter den Tapfern des ——— 85 Tages, unter den Auserwaͤhlten fuͤr ſeines Herrſchers Gnade— dies giebt ihm Enthuſias⸗ mus und Kraft.— Wo aber wurde dieſe Hoffnung ſonſt dem Wundarzte, der, was er auch that, nur immer blos ſeine Schuldigkeit gethan hatte, und der, wenn nun die Heere ruhmvoll nach erkaͤmpftem Frieden in die Garniſonen einruͤckten, dann, wenn Officier und Unterofſicier im glaͤn⸗ zenden Ehrengeſchmeide einzogen in die jubelnde Menge, ohne Zier neben ſeinem Bagage⸗Wagen mit dem Medicinkaſten einherging? Der Geiſt der Zeit, welcher, dies iſt ſeine ſchoͤne Seite, jedes Verdienſt ehren ließ, hat auch endlich dieſes nunmehr erkannt, beherzigt— und belohnt.— Alle hinter dem Schlachtfelde gelegenen Doͤr⸗ fer boten Scenen des Schmerzes dar, und waren mit Verwundeten uͤberfuͤllt. Dort wird verbunden, hier geſchrieben, hier operirt, dort gekocht und bruͤllend ſiel der verirrte Stier unter der Art des Schlaͤchters, daß ſein Fleiſch Labung gebe den Hungrigen.. Aerzte, Wundaͤrzte, Lazarethoͤkonomen, Feld⸗ apotheker, Revierinſpeckoren und Krankenwärter (hier und da heredes ab intestato,) waren be⸗ ſchaͤftigt mit Handreichung und Huͤlfe; und, da gegenſeitiger Wetteifer herrſchte, ſo ging Alles ſo ſchnell und gut, als es die Umſtaͤnde zuließen, von Statten. Auch Julius, der ſich jetzt allmaͤh⸗ 86 lich erholte, ſtund wieder an ſeinem Poſten, und bemuͤhte ſich nach Kraͤften thaͤtig zu ſeyn. Der dirigirende Staabsarzt, der Chef, die Seele und das Beiſpiel ſeines Hospitals, revidirte jetzt, und gab die gemeſſenſten Befehle. „Wir haben einen theuer erkauften Sieg er⸗ kaͤmpft, ſprach er, aber einen glorreichen Sieg. Unſer iſt das errungene Schlachtfeld, unſer der Ruhm der Entſcheidung. Der tapferſte der fran⸗ zoͤſiſchen Feldherrn, der hochherzige Lannes, ſtarb an toͤdtlichen Wunden in den Armen ſeines um ihn weinenden Kaiſers, der den groͤßten Theil der Officiere ſeiner Armee unter den Verwundeten und Todten zaͤhlt.— Nur noch ein ſolcher Kampf und ſein zahlloſes ſtolzes Heer iſt vernichtet, und wuͤchſe es auch, wie die Koͤpfe der Hydra.“ Jetzt wendet er ſich zu den Aerzten: „Sie Alle haben treu und brav gethan, was Dienſtpflicht und Menſchenliebe von Ihnen— ———— dert, man wird es zu bemerken wiſſen. Einige Ihrer wackern Kameraden ſind aber auch dieſes⸗ mal geblieben, viele zum Theil ſchwer verwundet; doppelt ſchwer wird der Dienſt fuͤr den Ueber⸗ reſt. Doch nur Muth gefaßt, und es kann Alles noch gut enden.“ „Auch Sie, lieber Sachſe! ſprach er zu Julius, haben ſich brav, recht brav gehalten. Sie wurden, hoͤr' ich, wundervoll gerettet, auf dem Buche ihres Glaubens, das Sie auf der ¹ —.— 87 Bruſt trugen, brach die Kraft der Kugel. Nun laſſen Sie ſich dies eine Beherzigung ſeyn, und fuͤhlen Sie immerfort die Ueberzeugung, daß nur der ein gluͤcklicher Arzt ſeyn wird, welcher ein frommer und guter Chriſt iſt! Fuͤr den ſtrapazenvollen Felddienſt ſind Sie fuͤr jetzt untauglich, ich beſtimme Sie daher zur wundäͤrztlichen Fuͤrſorge eines edlen Ungars, des jungen Reichsgrafen B., jenes tapfern Huſaren⸗ Officiers, den Sie in der Schlacht zu Aspern zuerſt verbanden, ſchon gewannen Sie ſein Ver⸗ trauen. Er iſt des Bruders Sohn eines unſerer einflußreichſten Feldherren, iſt oft eigenſinnig⸗ auffahrend, aber er hat ein gutes Herz, ich kenne ihn von Jugend auf. Haben Sie Geduld mit ihm und Sie werden ihn und mich zur Dank⸗ barkeit verpflichten!— Graf Joſeph wartet Ihrer in ſeiner Equi⸗ page, fuͤr heut iſt ſein Verband beſorgt, begleiten Sie ihn nach Burgthau, und thun Sie dort Ihre Schuldigkeit!!— So kam unſer Freund nach Burgthau. Der edle Graf Bergthold hatte dieſes ſchoͤne Schloß zum Hospital beſtimmt und hielt es fuͤr doppelte Pflicht, den verwundeten jungen Grafen Joſeph von B., der mit ihm blutsverwandt war, hier aufzunehmen. Graf Joſeph war ein Juͤngling von vieler Herzensguͤte, wußte bald die Huͤlfe unſers Freundes, der mit bewunderns⸗ 88 wuͤrdiger Geduld ſo manche ſeiner Schwaͤchen und ſeinen Eigenſinn vertrug, zu ſchaͤtzen, und lernte in ihm den Wundarzt, der ſeiner Pflicht vollkommen Gnuͤge leiſtete, ehren. Nach 14 Ta⸗ gen konnte er bereits wieder das Bette verlaſſen, und die Briefe ſeiner Anverwandten, welche ihm die Schlacht bei Raab und die neue bevorſte⸗ hende, vielleicht baldigſte Entſcheidungsſchlacht, meldeten, beantworten. Vorzüglich ruͤhmte er Julius Fleiß und ſeine Sorgfalt. Unm dieſe Zeit wurde ein ſchwer verwundeter junger Officier ins Hospital gebracht und der di⸗ rigirende Arzt deſſelben, bat Julius, ihm bei der Amputation des Fußes des Kranken, die als un⸗ umgaͤnglich angezeigt ſey, beizuſtehen. Einen Antrag dieſer Art konnte Julius nie ausſchlagen, er uͤbernahm und fuͤhrte daher als ein junger, kraͤf⸗ tiger Mann, auf Bitten ſeines alten ſchwaͤchli⸗ chen Collegen, das rettende Meſſer. Alle Inſtru⸗ mente und Verbandſtuͤcke waren, wie es wohl uͤberall und immer ſeyn ſollte, vorher in beſten Stand geſetzt und geordnet aufgeſtellt, ſo daß die Operation voͤllig vorbereitet war. Mit verdeck⸗ tem Geſicht ſaß, als Julius eintrat, der zu Am⸗ putirende auf dem dazu vorgerichteten Sitze. Mit Ruhe und Praͤciſton wurde ſie kunſt⸗ maͤßig vollfuͤhrt, und der alte aſſiſtirende Arzt zollte Julius Geſchicklichkeit und der ſtandhaften Ausdauer des Kranken gleiche Bewunderung. ———— 89 Jetzt war's vollendet, freier athmete der Wundarzt nach kunſtmäßig vollendetem Verbande, freier der Kranke. Jenem wurde jetzt die Ver⸗ deckung des Geſichts entnommen, beide blickten ſich an, und welche Empfindungen ergriffen ſie, als ſie ſich gegenſeitig erkannten. Es war derſelbe junge Officier, der durch ſein ſtolzes, uͤbermuͤthiges Betragen bei dem Geburtsfeſte der Graͤfin zu Toͤplitz die Veranlaſſung zu dem Zweikampfe mit Jaromir gegeben hatte, derſelbe, der Julius haßte, der in Eiferſucht gegen ihn entbrannt war. „Bluten ſollte ich, ſprach er, durch den Degen Ihres Freundes, bluten jetzt durch den Stahl, den Sie zu meiner Rettung fuͤhren; ich bin von mei⸗ nem Wahn geheilt. Moͤchten Sie es auch ſeyn, ſo ſprach er zu Julius— und nach einer Pauſe— Olimpie iſt jetzt in Wien, denkt vielleicht noch an Sie, rechtfertigt Sie, o! daß auch Sie verzeihen moͤgen.“ Der Kranke wurde jetzt zu weiterer pflege ſeinem alten Arzte uͤbergeben, Julius aber verdop⸗ pekte ſeine Muͤhe fuͤr die Herſtellung des Grafen Joſeph. Unterdeſſen hatte ſich die Armee des Erzherzogs Carl durch eine ungeheure Land⸗ wehr zu faſt 300,000 Mann vergroͤßert, und wurde durch eine ausgezeichnete Artillerie von faſt 800 Feldſtuͤcken unterſtuͤtzt. Die Oeſtreicher, Sieger der Schlacht von Aspern, beherrſchten das ganze * 90 linke Stromufer der Donau, und ein Angriff fauf ſie ſchien nur eine zum Verderben fuͤhrende Vermeſſenheit zu ſeyn. Dem ohngeachtet verlegte der Kaiſer von Frankreich auf die jetzt ſogenannte Napoleons⸗ Inſel ſein Hauptquartier und ließ eine kleinere Inſel, welche den Namen ſeines unſterblichen und hochherzigen Freundes, des gebliebenen Herzogs von Montebello, fuͤhrte, mit Artillerie beſetzen. Am 5. Julius, in deſſen Nacht ein ſchrecken⸗ volles, fuͤrchterliches Gewitter donnerte und blitzte, entbrannte furchtbar die blutigſte und ent⸗ ſcheidende Schlacht von Wagram. Das Gebruͤll des Geſchuͤtzes droͤhnte fuͤrchterlich, bald war die Verſchanzung der Oeſtreicher umgan⸗ gen und die Schlacht waͤre ſchon jetzt dadurch vielleicht entſchieden geweſen, wenn nicht eine Colonne Sachſen und eine Colonne Franzoſen ſich in der finſtern Nacht fuͤr Feinde gehalten und ſich ſo die eignen Vortheile entriſſen haͤtten. Den 6. Julius begann der fuͤrchterlichſte Kampf von Neuem. Sachſen, Franzoſen und Baiern flochten ſich unvergäͤngliche Lorbeeren; denn jeder Schritt, den ſie vorwaͤrts gingen, mußte von den Oeſtreichern mit Blut erkauft, mit Blut be⸗ hauptet werden. Mehrere Doͤrfer wurden mit dem Bajonett genommen, und in einem derſelben, das bereits in helle Flammen aufloderte, rettete ein N ——2— 91 ſaͤchſiſcher Fahnjunker, Verlohren⸗ die ſchon bren⸗ nende Fahne ſeines Regiments. Diesmal entſchied Napoleons ſtrategetiſches Ta⸗ lent die Schlacht. Sie war mit den theuerſten Opfern erkauft und Tauſende von Verwundeten deckten die zertretenen Fluren. Den Wundaͤrzten aller Armeen wurde in ihr Gelegenheit, ihren Muth zu zeigen, und die erworbenen Kenntniſſe zu entwickeln und anzuwen⸗ den. Daß ſtie es thaten, beweiſen die glaͤnzen⸗ den Ehrenzeichen, und der Dank des Vaterlan⸗ des, der den Verdienſtvollſten unter ihnen wurde. Auch in der Ferne hatte man das Donnern „der Schlacht vernommen. Graf Joſeph, obgleich von ſeinen Wunden kaum geneſen, entbrannte von gluͤhendem Eifer, aktiver daran Theil zu neh⸗ men und dann ſeinen aͤrztlichen Freund zum Ba⸗ taillenplatz, Falls dies noch moͤglich ſey, zu be⸗ gleiten. Ein Wagen, mit ſchnellen Rennern be⸗ ſpannt, trug ſie noch deſſelben Tages jener Gegend zu, welche durch ihre aufſteigenden Rauchſaͤu⸗ len, die Zeichen brennender Doͤrfer, ſich als das Schlachtfeld darſtellte, und der Graf Joſeph, mit der Gegend wohl bekannt, ſie fuͤr die von Wagram und Großaspern erkannte. Erſt am 6. Julius aber, wo ſchon die Schlacht fuͤr Frankreich ent⸗ ſchieden war, kamen ſie an, und konnten nur noch Augenzeugen der grauenvollſten Wahlſtatt 92 ſeyn, welche auch hier dem Wundarzte Gelegenheit darbot, nach Kraͤften einigen Leidenden ſeine Huͤlfe zu leiſten. Hier fanden ſie unter Oeſtreichern auch Sachſen und Franzoſen, verwundet in einem Ge⸗ buͤſche liegen. Ein Sachſe erklaͤrte auf Joſephs Fragen, wie ſie hierher gekommen?„Ihren Leuten verdanken wir's, hier zu ſeyn. Oeſtreichiſche Sol⸗ daten haben uns, die verwundeten Feinde, aus dem brennenden Orte getragen und von dem Flammentode gerettet.“ Nicht nennt die Geſchich⸗ te die Namen dieſer Edlen; doch ihr dLohn wird ihnen jenſeits bluͤhn.—— Mit der Retirade der öͤſtreichiſchen Truppen zogen auch Joſeph und Julius ſich wieder nach Mähren zuruͤck, und am 12ten des Monats wur⸗ de zwiſchen den ſiegreichen Franzoſen und ihrem Feinde ein Waffenſtilleſtand abgeſchloſſen, welchem endlich der Friede zu Wien den 14ten Occbr. 1809 folgte. In ihm wurde die K. K. Prinzeſſin, Marie Louiſe, die erhabene, huldreiche Tochter des Erzhauſes, Na⸗ poleons Verlobte, und das Band der iebe und des Vertrauens befreundete nun die erſten Monarchieen Europa's, und verhieß den treuen Voͤlkern der Ruhe dauerhaftes Gluͤck. MNoch waͤhrend des Waffeenſiillſtandes kehrte Graf Joſeph mit ſeinem Freunde nach W ien zu⸗ ruͤck, welche Hauptſtadt ſich in dieſem Kriege gegen 93 Freund und Feind unſterblichen Ruhm der edelſten Wohlthaͤtigkeit erworben hatte. Oeffentlich ſpra⸗ chen's die Franzoſen aus:„Que Dieu vous be- nisse genereux Viennois! Vous avés, les larmes aux yeux accuellis le blessés ran ois eft ses Alliés. Que Dieu Vous benisse! Das heißt: „Gott ſegne euch, edle Wiener! ihr habt, mit Thraͤnen im Auge, die verwundeten Franzoſen und ihre Alliirten aufgenommen, Gott ſegne euch!“ Auch moͤge dieſes Gedicht hier zum Preiſe Wiens auszugsweiſe einen Platz finden! Das Panorama von Wien. Wie? trug ein Engel uͤber den Paskopol*) Miich zu der Donau gruͤnendem Ufer hin? Ward ich von Dresdens Elbgeſtade Maͤchtig in Auſtriens Flur gezaubert? Der deutſchen Staͤdte ſchoͤnſte, Jahrhunderte Der Sitz erhabner Kaiſer, das ſtolze Wien 4 Enthuͤllt in holdem Morgenglanze Prachtvoll ſich meinen entzuͤckten Blicken. Und herrſchend hebt der thronende Stephansthurm Sich in die Wolken; hoher Palaͤſte Pracht, Und raſcher Krieger Waffenſpiele Fefſſſeln mein Auge zu neuem Staunen. *) Paskoyol(Pascua Pole.)(MWeiden, Hutungen) das boͤhmiſche Mittelaebirge, uͤber welches der Weg nach Prag und Wien fuͤhrt. 94 Wo kann es endlich ausruhn? an jener Burg? An jenen Prunkpalaͤſten? am glaͤnzenden, Beſchilften Strom dort, wo die fetten Fluren vom Segen des Landmanns ſtarren? Und wie? ſind dieß die Fluren, die blutigen, Wo juͤngſt der Schlachten Donnergebruͤll erſcholl? Iſt dieß hier Wagram, dieß dort Aspern, Zweimal verheerender Schlachten Wahlplatz? Die ihr an jenen Tagen der heißen Schlacht, Machaons Schuͤler, thaͤtige Zeugen war't, Kommt her, ihr Freunde, denkt noch ein Mal Euch die Gefilde des Rieſenkampfes! Wie Wetterbrauſen, feuriger, als der Blitz, Der ſeine grauſen Schritte beleuchtete, Zog Galliens erprobtes Kriegsheer Ueber der ſchwankenden Bruͤcke Bogen; Und Oeſtreichs Helden donnerten: fuͤrchterlich Begann die Feldſchlacht; blinkender Waffen Stahl War der Karthaunen rother Blitze Graͤßlicher Spiegel, der Krieger Leitſtern. Und Frankreichs Adler ſtuͤrzten mit Goͤtterkraft Auf ihrer Feinde tapfre Phalangen ſich; So brachen vormals der Balliſten Steine die Mauern gethuͤrmter Staͤdte. Nicht wuͤthender tobt Aetna, den Lavaſtrom An ſchwarzen Klippen brechend im Feuermeer, Wenn er mit Blitzen, die den grauſen Krater beſtuͤrmen, den großen Kampf kaͤmpft⸗ Doch, weg von jenen Seenen, Erinnerung! Fuͤhr' zu der Menſchheit ſchoͤnerm Triumph mich hin, Zu Wiens Bewohnern, die mit edlem Herzen, des Freund's und des Feindes pflegten, 95 Des Spruchs gedenkend, welchen der Gottmenſch ſprach: „Liebt eure Feinde!“— Franz und ihr Vaterland War ihnen mehr als Leben, keine Opfer zu ſchwer fuͤr des Herrſchers Rechte. Doch, als von Wunden blutend, der Gallier Her von der leichenſtroͤmenden Lobau kam, Da war's, wo Edelſinn und Milde Menſchen zu goͤttlichem Wohlthun weckten; Wo edle Frauen, bluͤhende Maͤdchen, aus Des weißen Linnens zartem Gewebe ſanft Die Faͤden loͤſ'ten, die Geneſung, Balſam betraͤufelt, den Kriegern ſchufen. Erhab'nes Wienl! der Dank der Geretteten Iſt Dir ein ſchoͤner toͤnendes, hoͤh'res Lob, Als Lieder, die der fremde Juͤngling Schuͤchtern und ſchwach Dir von fernher nachruft. Nur Cherubini's himmliſche Laute kann Zu Liedern toͤnen, welche dein Denis ſang. Dein Barde ſchlaͤft; und er vermocht's nur Dich zu beſingen, Dich, Oeſtreichs Kleinod. Graf Joſeph empfing hier die Nachricht, daß ſein aͤlterer Bruder in der Schlacht bei Znaim die der Wagramer folgte, gefangen und verwundet in einem franzoͤſiſch⸗baierſchen Spital geſtorben ſey und er ſelbſt nunmehr der Majoratsherr der reichen Beſitzungen ſeiner Familie geworden waͤre. Er weinte dem Gebliebenen Thraͤnen der Bruderliebe. Auch empfahler ſeinen Freund und Wundarzt, unſern Julius, ſeinem Oheim, einem 96 oͤſtreichiſchen Feldmarſchall, und die Folge war fuͤr jenen ein Belobungsſchreiben mit der Zier des kleinen Ehrenzeichens des Verdienſtes, welches er durch ſein Benehmen in Asperns Schlacht ver⸗ dient hatte. Noch erfreulicher, als dieſe Auszeichnung war unſerm Freunde das Zuſammentreffen mit den Sachſen und ein Brief ſeines Freundes, des Feldwundarztes Matelot, der als Unterarzt in Presburg bei einem kaiſ. Hospitale ſtund. Jetzt bemerkte Julius neue ſonderbare Sym⸗ ptome an ſeinem Freunde dem Grafen Joſeph. Sein Auge blitzte von ungewohntem Feuer, ſeine Pulſe ſchlugen raſcher, ſeine Traͤume waren, man bemerkte es deutlich, mit irgend einem Gegen⸗ ſtande ſeines Herzens beſchaͤftigt, und ſeine Offenher⸗ zigkeit wurde Verſchloſſenheit, ſein Jaͤhzorn flammte oft ſchnell auf. Er ſuchte die einſamſten Grotten des Praters und Augartens, den man das Paradies von Wien nennt, und welchen der Dresdner ohn⸗ gefähr mit ſeinem groͤßen Garten vergleichen duͤrfte. Oft auch warf er ſich in die glaͤnzendſte Uniform der Edelgarde, und hier mußte er einen Beſuch machen wollen, der dem Herzen galt; denn immer war er dann exaltirt.—— Eben war er einſt ausgeritten, als Julius ihm zu Pferde folgte. Eine glaͤnzende Equipage feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit, da Graf Joſeph ſich zu ihrem Vorreiter und Begleiter anbietet, ſie ₰8 6o— A —2—2& 2 ⏑ -öͤ— 8— 97 rollt nach dem Prater. Julius gewinnt einen kuͤrzern Weg und erreicht ſie. Joſephs Flammen⸗ auge roͤthet ſich ob der unvorhergeſehenen Ueber⸗ raſchung; aber auch Julius Auge ſlammt in Ent⸗ zuͤcken, denn er ſieht in dem Wagen in der ſchoͤnſten Dame Olimpie, die mit dem edelſten Anſtand und der Herzen erobernden Freundlichkeit ihn jetzt be⸗ gruͤßt. Er bleibt nun bei der Geſellſchaft und er⸗ faͤhrt, daß Olimpie als Ehrendame fuͤr die erha⸗ bene neue Monarchin Frankreichs beſtimmt ſey*) und ſein Gluͤck zu befoͤrdern wuͤnſche. Noch im⸗ mer iſt es das herrliche, huldreiche, Weib, das in Erfuͤllung ihrer Pflicht und im Wohlthun ihre Seligkeit findet. Bei einem Feſte hatte ſte Graf Joſeph kennen lernen, und ſte verſtund es wohl, die Leidenſchaft des Juͤnglings, der fuͤr ſie in der Gluth der erſten Liebe brannte, zu zuͤgeln. Auf Thaten lenkte ſie ſeine Blicke und wußte ſeinen Ehrgeiz zu entflammen.„Sie ſind durch den Tod Ihres Bruders Magnat und Herr von mehrern tauſend Unterthanen, werden Sie der Schoͤpfer ihres Gluͤcks, erlauben Sie dieſen ſich auch ihres Lebens zu erfreuen, ſeyn Sie ein Freund der Schulen, ein Verſorger der Armen, und mehr als die Lorbeerkrone des Sieges wird Sie die Palme der Menſchlichkeit auf Ritterehre ehren 94 Dieſe hohe Vermaͤhlung geſchah den Iſten April 2 7 98 und verherrlichen. Verſprechen Sie dies Ihrer Freundin,“ ſprach ſie zu ihm. Joſeph that es— „und nun,“ fuhr ſte fort, ſich zu Julius wendend, „will ich es mir auch zur Pflicht machen, Ihrem Schickſal eine beſſere Wendung zu geben. Die oͤſtreichiſchen Regimenter werden reducirt, das Regiment, wobei Sie ſteh'n, iſt ein illyriſches und faͤllt an Frankreich. Ein Wort meines Ge⸗ mahls bei Baron Karray, dem von ſeinem Kaiſer ſo geliebten Leibarzt, wird Ihnen eine Anſtellung in der franzoͤſiſchen Armee geben. Bleiben Sie ihrem ernſten Berufe immer treu, Frankreich ehrt ſeine Feldaͤrzte wie ſeine Officiere, und eroͤffnet dieſen wie jenen, die Bahnen des Ehrenadels des Verdienſtes, der das Herz zu jeder Tu⸗ gend, jeder ſchoͤnen That entflammt. Wandeln Sie dieſe Bahn, am Ziele ſteht Ihnen ein Engel, er traͤgt einen Kranz von Myrthe und Lorbeer, und dieſer Engel heißt— Fanisca! Sie weilt jetzt in Polen bei ihrem Vater, der ſich von Neuem als Mann und Held zeigte, und die heißen Tage bei Ratczin und Warſchau gegen Oeſtreichs Hel⸗ den, Erzherzog Ferdinand, beſtand, wo Sachſen und Sarmaten in einem Bruderheere fochten. Leben Sie wohl und immer der wahren Freundin ihrer Fanisca eingedenk!“ Sie ſtieg jetzt in den Wa⸗ gen und entließ beide. Sie hatte Julius Schickſal ſehr wohl berechnet. Er erhielt ſeine ehrenvolle Entlaſſung aus dem oͤſt⸗ 99 reichiſchen Dienſt und eine Anſtellung als Aidema⸗ jor eines franzoͤſiſch⸗polniſchen Lanciers⸗Regiments. Herzlich war ſein Abſchied von Graf Joſeph, der ihm ein ſchoͤnes Andenken ſeiner Dankbarkeit ver⸗ ehrte und ihn verſicherte, daß er ſtets an ihm ei⸗ nen Freund wiederfinden wuͤrde. Wohl behagte unſerm Freunde die ehrenvolle Auszeichnung, die glaͤnzende Herzen erobernde Uni⸗ form der franzoͤſiſchen Aerzte und ihr wahrhaft in⸗ niges cameradſchaftliches Verhaͤltniß zu den Officie⸗ ren. Ein Beſuch in Presburg fuͤhrte ihn jetzt in den Kreis alter ſaͤchſiſcher Freunde, die ſich hier im köͤnigl. ſächſiſchen Feldhauptſpital wohl befan⸗ den. Bald erſchien ihm die Ordre des Abmarſches aus Wien.—— Das groͤßtentheils aus Polen beſtehende fran⸗ zoͤſiſche Regiment, bei welchem Julius itzt ange⸗ ſtellt wurde, marſchirte von Wien aus ins Wuͤrz⸗ burgiſche, und erhielt unerwartet Befehl, in der Stadt Wuͤrzburg einige Zeit zu cantonniren. Wie vortheilhaft und wuͤnſchenswerth fuͤr ſeine Aerzte! denn Wuͤrzburg bietet fuͤr das Stu⸗ dium der Heilkunde in allen ihren Zweigen tauſend belehrende Gegenſtaͤnde und den Unterricht der vorzuͤglichſten Lehrer dar. So weit es ſeine Dienſtzeit erlaubte, benutzte Julius dieſen Unter⸗ richt namentlich in der Chemie und Pharmacie und ſah mit Begeiſterung die trefflichen Krankenanſtal⸗ ten des Julius⸗ Hozpitals, welches Bay⸗ 8 100 erns erhabner Koͤnig, der Vater, Veredler und Schutzgeiſt ſeines Volks, ſo reich begabte und wo Sibolds Sonnen glaͤnzten. Ueberhaupt hat Wuͤrz⸗ burg als Univerſitaͤts⸗Stadt entſchiedne Vorzuͤge und Annehmlichkeiten, und Medieinſtudi⸗ rende thun wohl,(wenn es Kaſſe und Verhält⸗ niſſe erlauben) wenigſtens ein Jahr dort ihre Stu⸗ dien zu beginnen oder fortzuſetzen, wenn ſie auch nicht als Landeskinder Bayerns dazu beſonders ver⸗ pflichtet waͤren. Schon die wunderſchoͤne Lage die⸗ ſer Stadt am Main erhebt den Geiſt und erfreut das Herz. Die Einwohner derſelben ſind gegen die Studirenden gefaͤllig und zuvorkommend, und unter den Studirenden ſelbſt herrſcht ein biederer, jovialer, aber durchaus nicht renommiſtiſther Ton. Nur zu bald aber kam nach drey Monaten der Befehl zum Aufbruch der dort im Cantonnements⸗ Quartier liegenden Franzoſen. Sie verließen mit den Gefuͤhlen der Dankbarkeit die ſchoͤne gaſtfreie Stadt, und zogen nun in Eilmaͤrſchen uͤber Aſchaf⸗ fenburg und Frankfurt am Main, wo ſich ebenfalls mediciniſche Lehranſtalten befinden, dem Rheine zu. Mit Freuden begruͤßte Julius den gefeierten Strom und ſeine wunderſchoͤnen Ufer, und ſah in dem verfallenen Dom die Hauptkirche der Stadt Main;, die einſt die Hauptſtadt des reichen Erz⸗ bisthums war, die Vergaͤnglichkeit menſchlicher Werke. In Mainz blieb das Regiment mehrere 101 Tage ſtehn, und ſeinen Aerzten ward es erlaubt, das zwey Stunden von Mainz entfernte Wisba⸗ den und ſeine wohlthaͤtigen weltberuͤhmten hei⸗ ßen Heilquellen und Cur⸗ und Badean⸗ ſtalten zu beſuchen. Der dortige Curſaal iſt ein Meiſterwerk der Baukunſt und die Einrichtung der Badeanſtalten muſterhaft. Mainz gegenuͤber liegt Caſſel; hier erwar⸗ ben ſich im Anfange des Revolutionskrieges Sach⸗ ſen, Preußen und Heſſen die immergruͤnenden Lor⸗ beeren ächten Heldenruhms. Auch dieſen Ort be⸗ ſuchten unſre Aerzte, kehrten nach Mainz zuruͤck und nach einigen Tagen marſchirte das Regiment. Wohl lag es in den herzlichſten Wuͤnſchen unſres Frreundes, waͤhrend dieſer Tage das, aus dem Gar⸗ ten Germaniens, der herrlichen Pfalz, ſo liebiiiß ſich erhebende Heidelberg zu ſehen, welche Stadt eben ſo wie Wuͤrtembergs Tuͤbingen, eine treue Pflegerin alles wiſſenſchaftlichen Guten und Schoͤnen und namentlich durch die mediciniſche Facultaͤt der dor⸗ tigen Univerſitar fur jeden Arzt ein gleich lehr⸗ reicher und intereſſanter Ort iſt; doch dieſe Hoff⸗ nung lag nicht im Bereiche der Erfuͤllung. Bald kam es auf die Gefilde von Kaiſerslautern. Hier war es, wo die ſäͤchſiſche Kavallerie ſich einſt mit Ruhm bedeckte; hier, wo unſers Julius Vater der Retter des Vaters ſeiner Fanisca wurde. Ge⸗ 102 fuͤhle wehmuͤthigen Schmerzes, zärtlicher Dankbar⸗ keit, liebender Sehnſucht durchgluͤhten jetzt des Soh⸗ nes Herz, und er gelobte es ſich ſelbſt, treu zu ſeyn in der Pflicht des heiligen Berufes, daß er wuͤrdig erfunden wuͤrde der Liebe ſeiner Theuern. In Zweibruͤcken(dem Mutterlande der allge⸗ liebten Koͤnigin von Sachſen, Amalia Augu ſt a) erhielt das Regiment Befehl, ſofort nach Paris zu gehn; und jetzt betraten ſie das eigentliche alte Frankreich. Die Deutſchen und Polen hat⸗ ten es ſich ſchoͤner gedacht; denn vergebens ſuchten ſte hier den Wohlſtand und das Wohlleben des ſaͤchſiſchen andmanns, und wunderten ſich, in dem geprieſenen Lothringen, oft in armſeligen Huͤtten, ein aͤrmliches Nachtquartier zu finden. Deſto mehr uͤberraſchte Nangi, welche Stadt man mit Recht und Wahrheit unter die ſchoͤn gebauteſten und freundlichſten Europa's zaͤhlen kann. Nangi's Be⸗ wohner verbanden die Artigkeit der Franzoſen mit der Biederkeit der Deutſchen. Von Nangi fuͤhrte ſie die Marſchroute auf den trefflichſten Heerſtraßen uͤber Toul, Chalons, Chateau- Thierry, Eper- nais(wo der koͤſtliche Champagner wächſt,) Meaux und le Clef, und nach vier Tagen ſtunden ſie im freudigen Staunen vor den Barrieren der ſtol⸗ zen Kaiſerſtadt, vor den Barrieren von Paris, das ſich zu jener Zeit in ſeiner Herrlichkeit, uͤber⸗ muͤthig die Herrin des Continents nannte und jetzt 7 V — 7 103 belebter, praͤchtiger als je war; denn verherrlicht war's durch den Einzug der erhabnen neuen Kaiſerin. Die majeſtätilchen Thore, die reichen Boule- vads. die glaͤnzenden Ausſtellungen der Erzeug⸗ niſſe des Luxus, die ehrwuͤrdigen zur Zeit der Re⸗ volution nur zu oft entweihten Tempel, die herr⸗ lichen Straßen, wo Pallaſt ſich an Pallaͤſte reihte, der Stolz Frankreichs, der Louvre,— die Thuil⸗ lerien mit ihrem Triumphportale und den co⸗ rinthiſchen Roſſen, die durch Menge, Pracht und Anlage imponirenden Bruͤcken der ſtolzen Seine und ihre Quais, die reichen Kaufmannsgewoͤlbe, die prächtigen Badeanſtaltenz alle dieſe Gegenſtaͤn⸗ de feſſelten des Neuangekommenen Herz und Sinn, und zum Staunen erhob ſich die Bewunderung, als er jetzt die maͤchtigſten der Legionen des Conti⸗ nents, die ernſte Kaiſergarde in ihrem ſoldatiſch herrlichen Glanz und ihrer Hoheit, auf dem weiten Platze aufmarſchirt ſah, und ſie mit martialiſchem Gruß, unter den ſinkenden Fahnen und Adlern, den Imperator an der Seite ſeiner Kaiſerin und Huldin begruͤßte. Hier ſah Julius Napoleon von Angeſicht zu Angeſicht, und ſah, wie Ruhe und Entſchloſſenheit auf dem braͤunlichen Roͤmergeſichte ruhte, dem jetzt beim Anblick ſeiner Garden ein ſeltnes heitres Lä⸗ cheln uͤberſtrahlte. Alle eingekommenen Truppen 104 wurden jetzt in Paris ſehr wohl aufgenommen und in die vorzuͤglich ſchoͤnen Caſernen einquartiert. Einige Tage nach ihrer Ankunft erhielten die Aerzte Ordre, vor Baron Larray, dem dir igirenden Oberſt⸗Feld⸗Staabsarzt der geſammten fran⸗ zoͤſtſchen Armee und dem geliebten Feld⸗ Leib⸗ arzte ſeines Kaiſers en grande tenue zu erſchei⸗ nen. Die Vorſäle ſeines Hotels waren mit Aerz⸗ ten von allen Regimentern angefuͤllt; und wer alle dieſe geſchmackvollen und reichen Uniformen, und die ſo vielen an dieſer und jener blitzenden Comtur⸗ und ritterlichen Orden⸗ und Ehrenzeichen ſah, mußte glauben, in dem Vorzimmer eines mit Staabsofficieren angefuͤllten Audienz⸗Saals eines commandirenden Generals zu ſtehen. Jetzt oͤffnete ſich der Conferenzſaal. Larray er⸗ ſchien im Glanze und der Wurde eines Generals mit dem Großkreuz der Ehrenlegion, aber innigſt vereinte ſich mit dieſer Hoheit liebreiche Milde, und ſehr wohl wußte er die Artigkeit und das einnehmende Zutrauen⸗ erweckende Weſen der Franzoſen mit der Grandezza des edlen Hispa⸗ niers zu vereinen. Fern von aller Pedanterie und Kleinigkeitsſinn wußte er den Dienſt in allen ſeinen Verhaͤltniſſen zu muſtern, hatte einen ſchnellen und richtigen Ueberblick, der ihm auch das beſcheidene Verdienſt kennen ließ; wußte in ſeinen Aerzten das wahre Ehrgefuͤhl zu beleben und zu erhalten, leitete das Medicinalweſen mit —— 105 Kraft und Umſicht, war ein durchaus rechtlicher und unerſchrockner Mann, und verdiente es, der Freund eines maͤchtigen Kaiſers zu ſeyn. Er hatte von unten auf gedient, ſich ſelbſt durch Wiſſenſchaft erhoben und allen bisherigen Feld⸗ zuͤgen Buonapartes beigewohnt. Im Halbkreis ſtellten ſich, wie zu einer Audienz, um ihn ſeine Aerzte, zu denen er mit herablaſſender Freundlich⸗ keit ſprach: 4 „Auch Aerzte thaten in dem vergangenen Feldzuge ihre Schuldigkeit. Auf den Schlacht⸗ feldern und in Hospitäͤlern haben ſie ſich in ihrem Berufe treu und eifrig bezeigt; ſie theilten die Strapazen der Armee. Der Kaiſer will, daß ſie auch die Belohnungen ſeiner Braven theilen ſol⸗ len. Jedem Verdienſte ſeine Anerkennung, dem Ausgezeichneten der ſichtbare Dank des Vater⸗ landes.“ Er winkte jetzt einem kaiſerl. Adjutanten und dieſer, ſelbſt Officier der Ehrenlegion, eroͤffnete einen kaiſerl. Armeebefehl, las die Namen der⸗ jenigen, die Decorationen erhielten, vor, und Ju⸗ lius erſtaunte, ſelbſt mehrere Unteraͤrzte(Sous aides) hier mit genannt zu hoͤren. „Meine Herren!“ ſprach jetzt Larray,„ver⸗ dienen Sie dieſe Ehre, um die, die ihrer noch nicht theilhaftig wurden(nicht weil ihnen der gute Wille, ſondern weil ihnen Gelegen⸗ heit zur Auszeichnung fehlte), erwerben Sie „ 106 ſich den Stern des Verdienſtes, der hell und rein im Bewußtſeyn treuer Pfiichterfuͤllung jeglichen Berufs erglaͤnzte und jenſeits unſrer Urnen uns begleitet.— In wenig Tagen mar⸗ ſchiren wir. Der Krieg nach Spanien verlangt neue Voͤlker; er iſt weit gefahrvoller und blu⸗ riger als der gegen Oeſtreich; hier fochten wir gegen disciplinirte, tapfere Heere, dort gegen fa⸗ natiſche Schaaren, die regellos, Mann gegen Mann, des Todes Waffen fuͤhren und mit Gift und Dolch uns zu vernichten droh'n. Dort muß der Arzt alle Muͤhſeligkeiten und Entbehrungen, alle Gefahren des Soldaten theilen; dort kann ihm, wie jenem ein martervoller Tod die Maͤr⸗ tyrer⸗Krone geben. Seyn Sie ſtandhaft und maͤ⸗ ßig und huͤten Sie ſich dort vor den Frauen, in ihnen verwandelt ſich oft der Pfeil der Liebe in die Todeswaffe fanatiſchen Haſſes. Bereiten Sie ſich alſo zu dieſem ſchweren Feldzuge vor, ordnen Sie alle Ihre Inſtrumente und Verband⸗ ſtuͤcke, denn daran erkennt man den Werth des Feldarztes. Ich verlaſſe mich auf Sie, und nun gehn Sie mit Gott!—“ Er ſchloß; die Verſammlung ging ausein⸗ ander.. Als Julius abgehen wollte, erhielt er einen Wink zu bleiben. Der Oberſtfeldarzt ſprach zu⸗ ihm;„Sie, junger Sachſe! ſind mir beſon⸗ ders empfohlen, empfohlen von hoher, ſchoͤner — —— 107 Hand. Doppelt werde ich aufmerkſam auf Ihre Schuldigkeit ſeyn und ſtelle Sie deswegen zur Ambulance der Avantgarde. Ich werde Ihnen Gelegenheit geben, ſich auszeichnen zu koͤnnen, dies iſt das Einzige, was ich jetzt fuͤr Sie thun kann und will. Die Tage, die Sie noch hier ſeyn werden, beſehen Sie Paris und ſeine Merkwuͤrdig⸗ keiten, vorzuͤglich die, welche Sie als Arzt intereſſt⸗ ren, und heben Sie dieſen Wechſel, den ich fuͤr Sie aus Freundes Hand erhielt, folgen Sie meinem Aide-major, der Sie als Freund, Camerad und Fuͤhrer begleiten wird., Leben Sie wohl!“ Julius ging, entzuͤckt von ſo ſchoͤnen Ver⸗ heißungen und beſuchte dieſen und die kommenden Tage die ſo einzig ſchoͤnen Hospitaͤler von Paris, unter denen ich meinen jungen aͤrztlichen zeſern nur das Hotel de Dieu, La Pitié, La maternité, La Salpétriere und das Hospital der Invaliden, das der Veneriens, le Val de Grace,— Bicétre,-Saint Louis des enfants malades,- des Eléves de la patrie, l' höpital de Foux nenne. Die Hospitaͤler von Hatel de Dieu und La Pitié werden, in Hinſicht ihres Kranken⸗ waͤrter⸗ und zum Theil ihres pharmacevtiſchen Dienſtes, von Nonnen aus dem Orden der Barmherzigen(Auguſtinerinnen) bedient, und muſterhaft, wohl kann ich ſagen, u nuͤber⸗ trefflich ſchoͤn iſt hier Ordnung, Reinlichkeit, treue Pflege und ſtille religiöſe Ruhe. Dieſe from⸗ 108 men Nonnen genießen uͤbrigens der groͤßten Ach⸗ tung ſelbſt bei Hofe; denn die Kaiſerin Mutter war ihre Vorſteherin; es ſind durchaus wahr⸗ haft edle und verehrungswuͤrdige Frauen, viele von ihnen noch in der Jugend ſchoͤnſten Bluͤthe. Ein großer Vorzug der Pariſer Hospitaͤler iſt es auch, daß jedes ein abgeſondertes Clinikum inſtructiver Kranken und einen anatomi⸗ ſchen Hoͤrſaal enthaͤlt, in welchem pathologiſche Anatomie, Operationslehre und Akiurgik den Eleven und Wundaͤrzten von den erſten Aerzten*) vorgetragen wird. Die aͤrztlichen Confe⸗ renzen, d. h. die Zuſammenkuͤnfte des ge⸗ ſammten Perſonals zu den Rapports bei den di⸗ rigirenden Chefs⸗Aerzten und die freimuͤthigen Un⸗ terhaltungen uͤber aͤrztliche Gegenſtände und Hos⸗ pitaleinrichtungen ſind auch hier eingefuͤhrt, und — *) Hier alaͤnzten die Nahmen Lepreux et Pelletan — Corvisart Boyer, Dubois, Pinel, Sabatier, L'alle- mand. Unter dieſen waren: Sabatier, Liallemand, Pelletan et Boyer, als vorzuͤgliche große Operateurs bekannt. Durch alle dieſe Maͤnner, ſo wie durch Larray, ſelbſt wurde der Weltruhm der Pariſer Schule begruͤndet.— Was die Koſten eines Aufenthalts in Paris an⸗ betrifft, ſo wird ein gut meublirtes Zimmer fuͤr eine Perſon woͤchentl. mit 5— 8.Fr.— 1 Thlr. 8 gr. — 2 Thlr bezahlt. Die tables d'hòtes ſind 1 2 Fr.— 6— 12 Gr. Plaiſirs hingegen ſind hier wohlfeiler, als iraendwo. Der Franzoſe iſt gegen den Fremden gefaͤllig und freundſchaftlich. Nur huͤte man ſich, von politiſchen Gegenſtaͤnden zu ſprechen. ——= 109 von dem groͤßten Nutzen, ſowohl der Kran⸗ ken als der angeſtellten Aerzte, Wundaͤrzte und Praktikanten ꝛc. Acht Tage waren unſerm Julius verfloſſen; die Ordre zum Marſch hatte ſich verzogen. Er hatte, obwohl nur im Fluge, alle merk⸗ wuͤrdigen Hospitaͤler von Paris, ſeine Rettungs⸗ anſtalten fuͤr ploͤtzlich Verungluͤckte, hatte den praͤchtigen botaniſchen Garten, hatte die Natu⸗ ralienkabinetts, die Sammlung der anatomiſchen und pathologiſchen Praͤparate, die Cabinetts der Inſtrumente ꝛc. geſehen und ſelbſt in einigen Vor⸗ leſungen der operativen Chirurgie und Augenheil⸗ kunde hospitirt, und war voll der Bewunderung von den Herrlichkeiten, die dieſe Rieſenſtadt auch in dieſer Hinſicht in ſo hoher Vollkommenheit dar⸗ beut und wodurch ihr Beſuch fuͤr die ſtudiren⸗ den Aerzte aller dande ſo einzig lehrreich wird. Die Ecole de medicine zu Paris iſt eine der vorzuͤglichſten Europa's, und reger Eifer, Ehr⸗ gefuͤhl und Vaterlandsliebe beſeelt die Herzen ihrer Studirenden. Eben ſo vortrefflich ſind auch die Anſtalten fuͤr Blinde, Taubſtumme, fuͤr Grei⸗ ſende, fuͤr Findelkinder, die Rettungsanſtalten, und die wohlthätige muſterhafte Einrichtung fuͤr ganz Unheilbare. Alle dieſe beſuchte unſer Freund. Am 7ten der Tage, eben als er aus dem Jardin des Plantes, in welchem der Knochenberg des Elephan⸗ ten ſo friedlich wandelt, zuruͤckkehrte, ſagte ſein 110 Begleiter zu ihm: Nun laßt uns auch in der Stadt der Staͤdte, in ihrem ſchoͤnſten, volkreich⸗ ſten Mittelpunkte die Quinteſſenz alles Herr⸗ lichen,. 4 das Palais royal, den Tempel der Lebensluſt und ſeiner Freuden beſuchen. Was ſchwelgender Luxus, was Geiſtes⸗ und Sinnesluſt, was das Herz nur wuͤnſchen kann, das alles iſt dort vereint, alles fuͤr Gold feil. Wuͤnſcheſt du gemahlt zu ſeyn, ein Zeuxis wird dein V Bild vollenden; ſuchſt du Bekanntſchaft mit Ge⸗ lehrten, du findeſt der Hauptſtadt geiſtreichſte Maͤnner, begehrt dein Sinn nach den Freuden der Tafel unter der Zauberharmonie der Toͤne, du findeſt ſte im Saal der tauſend Saͤule und im Lichtſtrom ſeiner Kronleuchter;— biſt du eitel, die Diener der Mode verwandeln dich ſofort in den Adonis jeder Geſtalt und Form;— duͤr⸗ ſteſt du, dort perlt Epernais Schaumwein, dort der edelſte Cyprier, und hier gluͤht neben Burgun— der, neben Rhein⸗ und Moſeler der Capwein, (Conſtantia) Madeira und Malaga, Alicante, Mal⸗ vaſier, Eremitage, oder der dunkle Porter; ver⸗ langſt du endlich Liebe, waͤhle unter den Baja⸗ deren, waͤhle unter den jugendlichen Schoͤnen, die Frankreich und Italien, die ſelbſt das ſtolze Spa⸗ nien, die das Niederland, die Albion und ſelbſt das ferne Afrika und Amerika uns ſandte. Die wolluͤ⸗ ſtige, elaſtiſche Fuͤlle der Brabanterin, das blitzende „ 111 Feuerauge der Tochter Hispaniens und Italiens, der kraͤftige, geſunde Schlag der Deutſchen, der dockende Reiz der blonden Brittin, und die Per⸗ lenzaͤhne der ſchwarzen, noch im fruͤhen kenze ihres Lebens bluͤhenden Schoͤnen, werven deine Sinne berauſchen. Waͤhle dir ein Maͤdchen aus der hoͤhern beſſern Claſſe, und ſo lange ſie ſich dein nennen darf, d. h. ſo lange du ſie bezahlſt und anſtaͤndig unterhaͤlſt, wird ſie dir, und dies gilt namentlich von den Franzoͤſinnen, mit ſeelenvoller ſchwaͤrmeriſcher Liebe anhangen und fuͤr dieſe Zeit ſelbſt treu ſeyn!! Hebe dich weg vonmir, Verſucherl! erwiederte Julius dem luͤſternen Franzoſen. Komm, du biſt Mann genug, dich zu bezähmen, ſprach jener. Auch das Spielgluͤck koͤnnen wir verſuchen; aber es gilt ein gegenſeitiges Ehrenwort, daß jeder nicht mehr als fuͤnf Louisd'or dazu beſtimme, erwiederte jener. Julius, auf ſeine Feſtigkeit trauend, folgte dem Verſucher und beide nahmen eine Lohnkutſche und fuhren beim Palais royal vor. Die kuͤhnſte Erwartung uͤbertraf dieſer Zaubertempel, dieſerz verfuͤhreriſche Sitz jeder Sin⸗ nesluſt, dieſer Pallaſt einer Circe. Schon gluͤhte Cyprier in ihren Adern, den ſie durch das Eis der Gewurze kuͤhlten; genoſſen war die Faſanenpaſtete und das Gelee der koͤſtlichſten Fruͤchte. Schon hat⸗ ten ihre Augen auf den ſchoͤnſten Formen, der eben ſo praͤchtig und reich, als anſtaͤndig gekleideten vor⸗ nehmeren Bajaderen geweidet, als ſie ein alter, ſich 112 ihnen zugeſellender, Major zum Spieltiſch einlud. Sie folgten: Beherrſchedich felbſtl ſprach ſein Freund zu Julius, und du ‚wirſt des Spieles Herr ſeyn. Sie treten ein in den Saal. Mit ern⸗ ſter Miene, wie die Richter eines Hochgerichts, ſitzen die Groupiers um die weite gruͤne Tafel, auf wel⸗ cher Geldbarren, offne 20 Frankenſtuͤcke, Rollen und Scheine zu tauſend bis 10,000 Franks frei daliegen, um die Furie der Gewinnſucht zu reizen. Um dieſe Schickſalstafel ſtehen die Setzen⸗ den, und alle Affecten der Freude, der Hoffnung, der Habſucht, des Schmerzes, der Verzweiflung und des Entſetzens mahlen ſich wechſelſeitig auf ihrem Angeſicht, waͤhrend der Wuͤrfel faͤllt, oder die ver⸗ haͤngnißvolle Kugel des roth und ſchwarzen Kreiſes(Rouge ou noire) rollt. Julius ſetzt zwei Louis auf die Nummer 7. Jeu fait! heißt es; Alles iſt geſpannt,— die Kugel ſteht auf 7. und 78 Louisd'or ſind gewonnen. Er bemerkt es nicht, laͤßt den Gewinnſt noch einmal ſtehn, und noch ein⸗ mal gewinnt progreſſio die verhaͤngnißvolle Zahl. Jetzt wird alles aufmerkſam auf den kuͤhnen uͤber⸗ gluͤcklichen Spieler; er ſelbſt erzittert vor ſeinem Glluͤck und retirirt, ſetzt nun aber mit guͤnſtigem, doch bisweilen abwechſelndem Gluͤck zu je 5 Louis⸗ d'or auf Farben. Sein Gold haͤuft ſich, auch ſein Freund, ſieht er, hat Gluͤck, und wendet ſich nun zum Faro⸗Tiſch. Aber neben Julius ſteht ein ſchoͤnes Maͤdchen, zitternd, und hinter ihr ein Mann mit — ——B—ꝛ—————..—— —————- — 113 der Miene der Verzweiflung, dieſer aber verlaͤßt, da ſein Satz verlohren iſt, haſtig den Saal. Ret⸗ ten Sie! ſagt jetzt das Maͤdchen zu Julius, 59 Louisd'or koͤnnen mein Spiel entſcheiden. Geruͤhrt von dem ſeelenvollen Blicke des Schmerzes und zu⸗ verſichtlich auf ſein enormes Gluͤck, giebt er dieſes Geld, das Maͤdchen ſetzt und gewinnt. Freude flammt in ihren ſchwarzen Augen und ſie zieht ihn jetzt mit ſich fort. Er wechſelt ſchnell ſein Gold in Papiere um und folgt. Sie betreten den Vorſaal; jetzt umfäͤngt das Maͤdchen dankend ſeine Knie und ruft: Rettungsſtoff haben Sie mir gegeben, jetzt vollenden Sie. Schon verließ mein ungluͤcklicher Freund den Saal, wir muͤſſen ihn einholen, ehe er des Stromes Bruͤcke erreicht, und ſich in Verzweif⸗ lung den Tod giebt. In den Parterrevorſälen des Palais royal ſtehen oft Knaben, die den Fremden Wegweiſer zu Freude und keid ſind; aus ſeinen Ge⸗ ſichtszuͤgen erkennen ſie ſeine Stimmung, ſie fuͤhren den gluͤcklichen Spieler zu den Armen des Genuſſes, den ungluͤcklichen an eine Waffen⸗ und Gewehrbude, oder dorthin, wo der Strom am tiefſten iſt. Ge⸗ gen ihre Wohlthaͤter ſind ſie dankbar, und wurden ihnen bei kleineren Verluſten, wenn ſie es vermoch⸗ ten, oft Retter in der Noth. Jeannette(ſo hieß das Maͤdchen an Julius Hand) fragte einen ihrer bekannten Knaben, nach dem eben abgegangenen ihm bekannten Officier, und traurig fuͤhrte ſie der Kleine an die Ecke einer dunflen Seitenſtraße. 114 Hier ſtand, mit dem innern Seelenkampfe uͤber Seyn und Nichtſeyn, der Geſuchte, lud das toͤdtli⸗ che Rohr, jetzt oͤffnet er die Bruſt, betet am Roſen⸗ kranz, faͤllt auf die Kniee, die Hand zittert, der Mund aͤchzt, der Hahn iſt aufgezogen, das Rohr gerichtet. Rettung! ruft Jeannette, entreißt ihm das Piſtol, der Schuß knallt, die Kugel prallt an die Mauer. Rettung, ruft ſie, und eine Rolle Geld in ſeiner Hand ſehend, blickt der Ungluͤckliche auf und der Nebel des Schmerzes faͤllt von ſeinen Augen. Wunderthätige Retterin ruft er;„Nicht mir, nicht mir!“ erwiedert ſie,„den Dank, dieſem edlen Unbekannten bringe ihn!“ Sie fällt Julius in ſeine Arme und beide bebten von freudigem Ent⸗ ſetzen, als Julius Jaromir und dieſer in ihm den Retter ſeines Lebens, den Geliebten ſeiner Schwe⸗ ſter Fanisca erkannte. Wer ſchildert die Scene dieſes Wiederſehens? wer die Gefuͤhle in Jaromirs Bruſt? Nur fluͤchtige Augenblicke waren ihm uͤbrig; denn ſchon verkuͤndete die Glocke von Nö- tre Dame die ernſte Stunde der Mitternacht. Mit gefluͤgelten Worten erzaͤhlte Jaromir, daß Fanisca noch lebe, daß ſie Julius liebe. Ja ſie habe ſei⸗ netwegen eine glaͤnzende Parthie ausgeſchlagen und lebe jetzt als Reiſegeſellſchafterin einer Fuͤrſtin, welche die Heilquellen des ſuͤdlichen Europa's beſu⸗ chen wollte. Olimpie aber glaͤnze als eine Sonne am Hofe zu Paris und ihr alternder Gemahl, den ſie treu und herzlich liebte, als ein leuchtender u —6 —— 115 Stern unter den Diplomatikern des kaiſerlichen Ka⸗ binetts. Was ihn ſelbſt anbelange, meinte Jaromir, ſo ſey er nun von dem Wahne, von Olimpien ge⸗ liebt werden zu koͤnnen, geheilt. Auf dem Schlacht⸗ felde von Aspern haͤtten ihn mirleidige oͤſtereichiſche Aerzte aufgehoben, und in Linz waͤre er hergeſtellt worden. Da die Folge ſeiner Wunden den ſtren⸗ geren Cavalleriedienſt nicht wohl verſtatte, habe man ihn fuͤr jetzt als rechnungsfuͤhrenden Capitain verſetzt. Hier in Paris waͤre die Spielſucht ſein Daͤmon geworden, hier endlich habe er Jeannetten, die ſelbſt im Hauſe der Verfuͤhrung noch immer das wahrhaft ſchoͤne, intereſſante und geiſtvolle Maͤdchen, an Herzensguͤte eine Magdalena geweſen waͤre, ken⸗ nen lernen, hier habe er ſich von inniger Liebe zu ihr angezogen gefuͤhlt, habe ſich entſchloſſen, ſie zu ret⸗ ten, und hier endlich habe er in ungluͤcklicher Stunde ſein Vermoͤgen und die Regimentsgelder verloren. Jeannette hatte ihn mit ihren Erſparniſſen retten wollen, ſie hatten nicht zugereicht, und da dieſe Hoffnung fehl ſchlug, waͤre Selbſtmord der Ent⸗ ſchluß ſeiner Seele geweſen.„Du,“ ſagte er jetzt mit feierlicher Stimme zu Julius,„warſt mein Erretter, ſey gluͤcklich und nie ein Knecht der Leidenſchaft, wie ich es war. Siehſt Du einſt meinen Vater wieder, erzaͤhle es ihm und ſage ihm, ich heirathete Jeannetten. Sie iſt kein ge⸗ meines Mädchen; ihr Vater war ein edler Mann, ein Freund Dumouriers, nur de Slucht rettete 1¹6 ſein Leben, und im Elend ließ er die Tochter ver⸗ waiſet zuruͤck. Eine dunkle Ahndung ſagte es mir, ich werde nimmer meine Lieben wiederſehen, und in dieſer feierlichen Mitternachtsſtunde, in welcher ich ohne Deine Huͤlfe ſchon in der Finſterniß der ewigen Nacht als Selbſtmoͤrder verweilen wuͤrde, gelobe ich neue Treue und werde einen ehrenvol⸗ len Tod von Feindeshand dem Kampfe mit der Leidenſchaft vorziehn. Lebe wohl, Gott ſey mit Dir! mein Freund!“ Sie ſchieden. Um ein Uhr Morgens ſtund Julius vor ſeiner Caſer⸗ ne; das rege Leben in derſelben und der un⸗ ter der Thorwacht ſtehende Officier verkuͤndete ihm den Abmarſch, der noch am heutigen Tage erfolgen ſollte. Ja, es war entſchieden, ein neu⸗ es Armeecorps ſollte mit allen ſeinen Ambulancen und Hospitaͤlern den Krieg der pyrenaͤiſchen Halb⸗ inſel, den blutigſten, heilloſeſten, den Napoleon bis jetzt fuͤhrte, entſcheiden. Hier fochten Napoleons ke⸗ gionen nicht allein gegen Armeen, ein von Fana⸗ tismus entflammtes ſtolzes Volk kaͤmpfte den Kampf der Verzweiflung und wuchs nach jeder Niederlage, wie die furchtbare Hydra. Oft un⸗ eins unter ſich, waren ſie immer ein Herz und Sinn, wenn es dem Fremdling galt, den ſie haßten. Rach monatlichem Marſche ſtund Julius jen⸗ ſeits der furchtbaren ſchoͤnen Pyrenäen auf feind⸗ lichem Boden und war Zeuge jener empoͤrenden —n— 1 117 Graͤuel und Grauſamkeiten, die die ſchrecklichſte der Furien, Buͤrgerkrieg und Fanatismus genannt, erzeugt. Spaniſche Guerilla's, unter Mina's An⸗ fuͤhrung, wagten in den cataloniſchen Feldſchluch⸗ ten einen kuͤhnen Ueberfall, ihre Wuth, ihr ſchnelles Vondringen, durch unwegſam ſcheinende Wege ſcheiterte diesmal an der Wachſamkeit und Tapferkeit der Franzoſen; die Spanier werden, ihren Anfuͤhrer ausgenommen, gefangen, und nun einzeln mit Todesaͤngſten und Todesqual gemartert, da es dieſelben waren, die vor einigen Tagen eine franzoͤſiſche Vorwacht aufgehoben und die Gefangenen verſtuͤmmelt, geblendet, aufgehaͤngt, langſam getoͤdtet, ſelbſt zerſaͤgt und mit tauſend au⸗ dern ſchreckenvollen Martern dem langſam fuͤrch⸗ terlichſten Tode ſpottend Preis gegeben hatten. Franzoͤſiſche Schuͤtzen waren eben beſchaͤftigt, ei⸗ nen jungen verwundeten ſpaniſchen Officier auf⸗ zuhängen, als Julius unter ſie tritt, und jetzt mit iſt des Ungluͤcklichen Retter wird.„Mir laßt ihn!“ rief er,„an ihm verſuche ſich des Arztes ſcharfes Meſſer und einzeln ſollen ſeine Glieder fallen, einzeln ſich Nerv von Nerven zucend tren⸗ nen! Hier! verſuche an dem Feinde die Rache, die Amputation, die Noth und Pflicht am Freun⸗ de gebeut. So nutzt dieſer Verſuch der Kunſt, ſo belehrt er mich und der Feind ſtirbt unter Schmerz und Qual. Ein Bravo! viefen die 118 trunknen Wuͤthrige. Sie uͤbergaben ihm den Verwundeten und gehen zu neuen Moͤrderſeenen uͤber. Julius aber erhebt ihn, verbindet als ein barmherziger Samariter ſeine Wunden, und(fo eben reitet ein edler franzoͤſtſcher Feldherr vor⸗ uͤber) erlangt fuͤr ihn Gnade. Das eigne Be⸗ V wußtſeyn belohnt ſeine Thaten, mehr als der heiße Dank des jungen edlen Spaniers. Einige Zeit darauf wird eine Hauptſchlacht geliefert, die Spa⸗ nier ſiegen durch das Terrain beguͤnſtigt, und Frank⸗ reichs Adler, zu weichen ungewohnt, fallen mit ihren Legionen und Hospitaͤlern in die Haͤnde blut⸗ duͤrſtiger, Rache gluͤhender Feinde. — Im dunkeln dumpfen Keller, verwundet und an ſchwere Ketten geſchloſſen, liegt Julius. Schon mehrere ſeiner Kammeraden haben die grauſam⸗ ſten Martern des Todes erduldet, mehrere durch die eigne Kette ſich erwuͤrgt. Einer nur noch lebt mit ihm an einer Kette angeſchloſſen. Jetzt ſind beide allein unter den Leichen, die in jenem heißen Clima gar bald in Verweſung uͤbergehen und den ſchmerzensvollen Tod erwartend, bete⸗ 2 ten ſie inbruͤnſtig zum Herrn der Gnade und be⸗ fahlen in des Allmaͤchtigen Haͤnde ihren Geiſt. Da oͤffnet ſich die Krankenthuͤre und wie ein Engel des Himmels ſteht vor ihm der junge edle Spa⸗ —— T 119 nier, dem Julius Retter wurde, den die Schlacht aus der Gefangenſchaft befreiete, und der als Sohn eines ſpaniſchen Granden jetzt wieder das Kaſtell commandirte, in deſſen Gefängniſſen die Gefangenen ſchmachteten. „Du biſt frei!“ ſprach Don Alonso,„geh in Frieden! Fuͤr deine Ausloͤſung iſt geſorgt⸗ ich ſelbſt werde dich nach Valencia geleiten laſſen, von dort aus giebt es Gelegenheit nach Livorno oder Ostia. Lebe wohl! und wiſſe, der Spanier ehrt das Recht der Dankbarkeit, und von ritter⸗ licher Tugend ſchlaͤgt ſein Herz. Julius bittet um des ungluͤcklichen eidensgefaͤhrten Be⸗ freiung und auch dieſe wird ihm durch des Spaniers Großmuth. Jetzt ſagt Alonso:„Gott ſey mit dir und mir; nimm dieſes Andenken und denke im biedern deutſchen Vaterlande(ſiehſt du einſt es wieder) eines wahren Freundes.“ Er kuͤßte ihn, druͤckte eine ſchwere Goldboͤrſe in ſeine Hand, uͤbergab ihn ſpaniſchen Jaͤgern, die ihn aus dem Caſtell fuͤhrten. Im ſpaniſchen Lager wurde er gelabt und erquickt und empfing ſeine Marſch route nach Valencia, dem Paradieſe Spaniens. Wunderſchoͤn iſt die Umgebung dieſe reichen tadt. Ein milder, reiner Himmel woͤlbt en uͤber ihr, tauſendfacher Seegen der uͤppigſten Fruchtbarkeit begluͤckt ihre Fluren, ein friſcheres Wohlſeyn ſtroͤmt die reinere Lebensluft in jedes Herz, und die hieſigen Hospitäler ſind mehr ihrer 1 120 Lage als Einrichtung wegen wahre Alſyle der Lei⸗ denden. Hier genas Julius unter der Pflege der barmherzigen Bruͤder, die uͤberall, wo ſie ſind, erhaben uͤber die Leidenſchaft der Rache, als wahre Menſchenfreunde im ſtrengen Gott ge⸗ heiligten Berufe, wahre Aerzte ſind, im ſchoͤnen Sinne des Berufs, des Wortes eingedenk, das der Erloͤſer ſprach: Was ihr den Kranken thut, das habt ihr mir gethan; und der Lehre: Seyd barm⸗ herzig, damit auch Gott barmherzig ſey!!— Ein ſegelfertiges Schiff, nach Oſtia beſtimmt, ſtand im Hafen; Julius findet den jungen Ita— liaͤner, ſeinen Leidensgefaͤhrten, im Hafen, zahlt fuͤr ihn die Ueberfahrt und bald lichtet das Schiff ſeine Anker. Die ſichern Spuren der Seekrankheit zeigen ſich bald. Julius wird krank, doch in wenig Ta⸗ gen, als ſeine geſunde Natur dieſe Krankheit beſtegt hatte, und er jetzt das Verdeck beſteigt, ſteht er die Kuͤſten Italiens, jenes herrlichen Mutterlandes der Wiſſenſchaften und Kunſte, und neuen Genuͤſſen ſchlaͤgt ſein Herz entgegen, da in kleiner Ferne ſich Oſtia's Hafen und die Thuͤrme dieſer uralten, der Herrſcherin Roma ſo nah gelegenen Stadt, ſich ſeinen Augen ent⸗ huͤllen. Das iberiſche Schiff landet an der Muͤn⸗ dung des gelben Tibers und bald ſchwimmt Ju⸗ * 121 lius auf leichter Gondel den claſſiſchen Strom aufwaͤrts zu den Mauern der hehren, heiligen Roma. Jene unbeſchreibliche, uͤber das Irdiſche ſich er⸗ hebende Stimmung der Seele, die hier mitten unter den erhabenſten Werken menſchlicher Groͤße das Reich der Vergaͤnglichkeit ſieht, und dennoch hier mehr als irgendwo an eben dieſes Ewige und Unvergaͤngliche erinnert wird, erhob auch das Gemuͤth unſers Freundes und befluͤgelte ſeine Phan⸗ taſte, ſich uͤber das Irdiſche zu erheben. Vergeſſen waren ihm jetzt die Leiden der juͤngſten Vergangenheit und jener Friede des Herzens, der mit Zuverſicht dem kommenden Schickſal entgegenblicken laͤßt, gab ihm Heiterkeit und Ruhe. Der junge Italiaͤner, der uͤber ſeine Verhaͤltniſſe tiefes Stillſchweigen beobachtete, ſagte ihm jetzt mit heißen Dankes⸗ thraͤnen ſein debewohl. Von dem Ufer der Tiber aus,(ſeine Gondel hielt beim Ponte Sisto, ſonſt Pons Janiculen- sis) ging er von einem Cicerone geleitet, nach des franzoͤſiſchen Gouverneurs Palaſt, um ſich fuͤr ſei⸗ ne kuͤnftige Beſtim mung zu melden. Alles ſprach ihn auf dieſem Wege mäͤchtig an. Die Majeſtaͤt der Kirchen, der Anblick der Truͤmmer, der Wunder⸗ werke der alten Roma, die hohe Engeloͤburg mit ihren wehenden Flaggen, das Capitol, einſt die Beherrſcherin der politiſchen Welt, und der Vatican der Prunkpalaſt des 1000jäaͤhrigen Prieſterreichs, 122 von dem Petri Nachfolger bald den Seegen uͤber die knieenden Voͤlker, bald ihre Blitze auf die Throne ſchleuderten, ließen die groͤßten Scenen der Weltgeſchichte ſeinen Blicken voruͤbergehen. Die praͤchtigen Pallaͤſte der Cardinaͤle und Ne⸗ poten, die Saͤulen und Obelisken, die Corsos, die Bruͤcken, Aquaͤducten und Springbrunnen ga⸗ ben auch ihm die Ueberzeugung, daß Rom ſeit Jahrtauſenden die Stadt der Staͤdte, daß ſie die majeſtaͤtiſche und herrliche, daß ſie die Ewig⸗ genannt 88 werden verdient. Im Gouvernement erfuhr er, daß fuͤr jetzt keine Gelegenheit ſey, ihn zu ſeinem Armeecorps, welches den neueſten Nachrichten nach von Mi⸗ na's und Romana's Guerilla's Horden faſt ganz aufgerieben ſey, zu befoͤrdern; Rom aber beduͤrfe jetzt der Aerzte um ſo mehr, als noch juͤngſt mehrere derſelben zu Carascosas Corps abgegangen waͤren. Im Heiligen⸗Geiſt⸗ Hoopitale ſey ein franzoͤſiſches Transport⸗ Lazareth errichtet, und er wuͤrde hier die beſte Gele⸗ genheit finden, in zweckmaͤßiger Thaͤtigkeit Wiſ⸗ ſenſchaft und Geiſt zu bilden. Julius erhielt hier nach Horherſger Pruͤfung des Dirigenten eine Anſtellung, die ihm ſelbſt⸗ ſtaͤndiges Wirken zur Pflicht machte, und benutzte die dienſtfreien Stunden, nach und nach ſich nicht nur von den Herrlichkeiten und Wunderwerken Roms, in geſchichtlicher Hinſicht nicht nur von 4 W o+N 123 ſeinen wunderſchoͤnen Kunſtwerken, ſondern auch von ſeinen aͤrztlichen Unterrichts⸗ und Kranken⸗ anſtalten zu uͤberzeugen. Letztere beiden bietet Rom ebenfalls zum Theil ſehr wohl eingerichtete und reich begabte dar. Der Streit der Aerzte unter ſich ſelbſt und das Bekanntwerden neuer beſtrittener Theorien, glich, ach nur zu oft dem ſich feindlich zu begeg⸗ nen ſcheinenden ſchneidenden Stahl der Scheeren, die ſich nicht ſelbſt, ſondern das, was zwiſchen ihnen liegt, zerſchneiden. So ſehr auch die Bemuͤhungen jener ehren⸗ werthen Maͤnner, die ſie ſchufen, die Achtung der Welt und Nachwelt verdienen, ſo ſehr ſie oft einem freiern Fortſtreben die lichte Bahn bre⸗ chen und die Finſterniſſe des Aberglaubens fruͤ⸗ herer Zeiten theilten, ſo war eine blinde Nach⸗ ahmung, eine ungluͤckliche Anwendung nur ach zu oft die gewiſſe Leidenbrecherin, d. h. das offne Grab— jener Kranken, an denen ſie angewendet wurde. Die Lehre des geiſtvollen, genialen Broons hatte dieſes Schickſal und Mesmers Lehren, die als Veſtalin den Tempel hoͤhern geiſtigen Em⸗ porſchwingens oͤffnen ſollte, war nur zu oft die liſtige, luͤſterne Zofe des ſinnlichen Genuſſes und der Verfuͤhrung. In Italien war um dieſe Zeit die Lehre des Contrastimulus von vielen Aerz⸗ * 124 — ten empfohlen und angewandt. In wie weit ſie anwendbar ſeyn duͤrfte, wagt der Erzaͤhler nicht, zu entſcheiden. Giovanno Furioso, ein junger Arzt aus Ancona, ein hinterliſtiger, ſchlauer, rachſuͤchtiger Italiäner, der eine oberflaͤchliche vielſeitige, ſelbſt aͤrztliche Bildung beſaß, und ſte durch ein ſchoͤnes Aeußere geltend zu machen vermochte, war dieſer Theorie mehr aus Eigenſinn als Selbſtuͤberzeugung zugethan, und bemuͤhte ſich, ſelbige in dem Hospitale, wo er mit Julius zu⸗ gleich Oberarzt war, in unbedingte Ausuͤbung zu bringen. Hier ſah unſer Freund, der bedaͤch⸗ tige, gewiſſenhafte Deutſche, mit Schrecken, wie ſeines Cameraden Verordnungen ſo vielen Kran⸗ ken die ſichern Anweiſungen zu der Ruhe des Grabes wurden. Er außert ſich daruͤber mit Ernſt und Beſcheidenheit; doch bittrer Hohn von Sei⸗ ten des Italiaͤners iſt ſein Kdohn. Da entbrannte in ihm jenes Gefuͤhl, das des Deutſchen Muſen⸗ ſohnes Herz, ſo wie das der Officiere jeden Heeres für den Freund ſchlagen läßt, waͤhrend durch ſel⸗ biges zu Feindes Trotz der Hieber an der Linken klirrt. Er ſpricht in der erſten Hitze von Genug⸗ thuung, und dieſes eben wollte der Italiäner, dem des Deutſchen Herzensguͤte und Feſtigkeit längſt ein Groll in ſeinen Augen war. Der Zweikampf iſt beſchloſſen und die Secundanten geleiten ſie. In einem jener Gaͤrten, welche auf den hei⸗ 93 AQ& ——3——/ ZZ[Hſ AAA 1 125 ligen Truͤmmern geſunkener Roͤmer Groͤße Oel⸗ baum und Lorbeer gruͤnen laſſen und wo die Myr⸗ the das Bild des ſchoͤnern Lebens neben dem Kirſch⸗ lorbeer ſteht, deſſen Saft das Blut in allen Adern augenblicklich ſtill ſtehen heißt und der Seele die Pforte des Jenſeits oͤffnet, dort blitzten bald die verderblichen Waffen. Das Waffenſpiel iſt ein Spiel, deſſen gluͤcklicher Ausgang nicht Koͤrpergewandtheit und Uebung allein, ſondern vor⸗ zuͤglich Geiſtesgegenwart und Seelenruhe verbuͤr⸗ gen. Sie beſaß Julius, durch ſie vermied er den Stahl, der ſein Herz ſuchte, durch ſie taͤuſchte er die verfuͤhreriſche Finten, durch ſie bemerkt er des Fein des Bloͤſe, benutzte ſie, und im richtigen Dreieck ſaß die Wunde auf dem Bruſtmuskel, ohne jedoch die edlern innern Theile zu verletzen. Der Feind fiel blutend und der Kampf war geendet. Ein Geheimniß durfte daraus nicht gemacht wer⸗ den. Jeder lobte den kuͤhnen jungen Deutſchen und goͤnnte dem uͤbermuͤthigen Italiaͤner dieſe Leh⸗ re. Oft iſt das, was uns Ungluͤck ſchien, der Weg zum Gluͤck. Julius wurde dadurch bekannt. Bekannt zu ſeyn, heißt bei den Franzoſen die launige Fortuna gefeſſelt haben. Der Staabs⸗ arzt wurde ihm, der ſich fuͤr das Wohl ſeiner Kranken ſchlug, Freund, uͤberzeugte ſich von ſeinen ſoliden Kenntniſſen und nahm ihn bei ſeiner weit⸗ laͤuftigen Civilpraris zum Famulus an. Dieſes iſt, wie uͤberall, der Weg zum hoͤheren Aufſchwin 126 gen des aͤrztlichen Wirkens. Der Mann mit der Maſſe von ſoliden Kenntniſſen und mit dem be⸗ ſten Willen, der Mann mit Reils Geiſt und Spren⸗ gels Herz wird unbekannt verkuͤmmern, wenn ſein Licht unter dem Scheffel leuchtet, wenn kein Wohlthaͤter ihm die Hand reicht, daß er ſich empor richte und erhebe. Uleberall ſehen wir, wenn wir das Leben großer und beruͤhmter Aerzte betrach⸗ ten, daß ſie ihre Carrieren durch Famulaturen bei beruͤhmten Aerzten und durch Empfehlungen ihrer Patrone machten. Bald leuchtete das Licht unſers Freundes, er ward bekannt, wurde nun von Frauen bemerkt, und jetzt war ſein Ruf, ſein Gluͤck begruͤndet. Welche Genuͤſſe bot ihm nun die herrliche Roma dar. Eintritt hatte er nun in den Palaͤſten der Nepoten, jenen herr⸗ lichen Tempeln der Kunſt. Eintritt zu den Zim⸗ mern der Erlauchten Fremden, die ihr Geld auf Roma'’s Altaͤren opfern,— lockend winkten ihm die Reize roͤmiſcher Frauen— und zittre fuͤr ſeine unſchuld, jugendlicher Leſer, die ſchoͤnſte der Taͤn⸗ zerinnen, der Opera, die Iris Liebreiz und Hebes Jugend mit Citherens Gürtel zu umſchlingen wußte, Signora Bianca Calpestri, ſie, die erſt den 15. Sommer ihres Lebens nahen ſah, fand ihn wuͤrdig der Ehre, ihr das zu ſeyn, was Ida's Hirt Citheren war.— Dort lag ſie im dunklen Zimmer, hingegoſſen in ihrer zauberiſchen Schoͤnheit auf der duftenden —,— 127 Ottomane, und ſo berief ſie den jungen Arzt, der jetzt das Lieblingsgeſpraͤch der jungen Roͤmerin war, und fuͤr einen keuſchen Joſeph galt. Er glaubt eine Leidende zu finden und ſteht ſie. Bald iſt er mit ihr in ein Geſpraͤch verknuͤpft; geiſtreiche, liebenswuͤrdige Unbefangenheit, ein kindliches Zutrauen, das die heiligen Geheimniſſe der Weiblichkeit, die hier in ihrer knospenden Entfaltung war, dem Arzt ſo treulich offenbart, gewinnt ſein Herz, ſo ſah er noch kein Weib. Olimpie und Fanisca waren ihm Ideale einer hoͤhern Welt; hier aber ſah er das Weib, wie es iſt, wie ſeine Schoͤnheit zu den Sinnen ſpricht und fuͤhlte ſeine mächtigen Zauber. Ein Druck der weichen Hand durchgluͤhte ihn, als ob electriſches Feuer durch die heißen Adern rollte, er ſah des Maͤdchens Buſen wallen, ſah ihr ſchmachtendes Auge, und ſchon durchgluͤhte auch ihn das Gefuͤhl der Sinnlichkeit, als, von der verraͤtheriſchen Zofe eingelaſſen, Bianca's zudring⸗ lichſter Anbeter, der eben ſo gefaͤhrliche und bos⸗ hafte, als reiche Pietro Orlando in's Zimmer ſtuͤrzte und unſern Julius mit rachefunkelndem Blick zu durchbohren ſchien. „Fliehe!“ lispelte die erbebende Bianca, „fliehe, dieſes Zeichen,(ſie uͤberreichte ihm ein Amu⸗ lett) ſey Dein Schutz, und Massacrasso,. der kuͤhnſte und edelſte der Bravos, dein Retter 128 vor den Dolchen gedungener Moͤrder. Lebe wohl!“ Eine Tapetenthuͤre oͤffnete ſich und Julius ent⸗ ſoh.—— Er meldete den Vorfall ſeinem Freunde und Vorgeſetzten, dem Staabsarzt. 3 „Junger Mann!“ ſprach dieſer, Sie ſtehn auf heißer Aſche, am Crater des Verderbens,— denn Feindes Dolche ſuchen Sie,—— noch dieſe Nacht, rathe ich, verlaſſen Sie Rom, ich comman⸗ dire Sie nach Florenz zu einem neapolitaniſchen Re⸗ giment, und der fluͤchtigſte unſrer Feldfuhrwagen bringe Sie ſofort aus den Mauern der Stadt, die Ihnen ſo verhaͤngnißvoll wurde. Der Herr ſey mit Ihnen. Leben Sie wohl!?—— Sie ſchieden. Die Nacht war angebrochen, auf der Heerſtraße traf ſie unſern Freund. Des Mondes blaſſes Licht ließ ihm zauberiſche Geſtalten her⸗ vor gehen. Horch! da ſchallt ein gellendes Pfeifen, Raͤuber umringen den Wagen, eine Schlinge um die Schultern wirft den Trainſoldat von ſeinem Sitze und Banditen bewachen ihn. Der Anfuͤh⸗ rer der Raͤuber, ein Mann von ſchreckenvollem, wilden Anſehen, mit einem großen rothen Bart und flammendem Auge, einen rothen Mantel um die Schulter geworfen, gebeut jetzt Julius auszu⸗ ſteigen, und nun ſagt er zu dem Erbebenden: Sie⸗ he, wie Massacrasso Gericht haͤlt. Dein Feind miethete feile Knechte, dir nachzuſetzen und Dich „ 3 129 zu ermorden. Nichts bleibt mir verborgen. Flie⸗ he zum Ufer des Meeres, ich werde dich errei⸗ chen, verberg dich in das Moor der Suͤmpfe, du wirſt mich finden und auf der Kuppel der Pe⸗ terskirche, wenn du dort Sicherheit glaubſt, wuͤr⸗ de dich meine Macht erreichen. So ſpricht Mas⸗- sacrasso zu ſeinen Feinden und ſo haͤlt er ſein Wort. Du biſt mein Freund, du retteteſt mei, nen Sohn, deinen Leidensgefaͤhrten aus dem Gefaͤngniſſe Spaniens. Ich bin kein Boͤſe⸗ wicht, als Edelmann und Ritter ehrte Frankreich mich vor ſeiner Revolution, die Bosheit hat mich geſtuͤrzt. Der Tyrann beſtimmte mich zum Tode und hat den Fluͤchtigen geaͤchtet. Ein Sohn nur folgte mir, die Mutter ſtarb, die Toch, ter, damals noch ein Kind, blieb in Paris zuruͤck und gewiß, dem Elend Preis gegeben, iſt ſte ret⸗ tungslos dahin gewelkt. Thraͤnen ſtuͤrzten jetzt uͤber des großen Banditen Auge und Jeannette! Jeannetten! aͤchzten ſeine Lippen. Jetzt bin ich, rief er ergrimmt, der Daͤmon der franzoͤſiſchen Blutſauger und der Rachegeiſt ihrer niedertraͤch⸗ tigen geheimen Spione, der tuͤckiſcheſte unter ihnen iſt Orlando. Horch!(man höoͤrte einen Piſtolenſchuß) meine Burſche wittern ihn.— Sey ſtill und ſey Zeuge des Gerichts uͤber den, der, dich aus Eiferſucht zu morden, ausging. Gefeſſelt brachten den erbebenden blaſſen — 9.. 3 85 130 Suͤnder die Banditen, ſeine Helfer waren ge⸗ flohen. Bube! rief ihm Massacrasso entgegen, du warſt der Seelenverkaͤufer meines Sohnes, du zwangſt mir die Rolle des Banditen auf, du biſt der boshafteſte jener blutſaugenden Commiſſaire, die den Fluch der Voͤlker an deines Kaiſers Fah⸗ nen feſſeln, du der Verfuͤhrer der Unſchuld, du der geilſte Bube Roms. Bete! und zwar an dem Roſenkranze des Banditen. Hier druͤckte er dem zaͤhneklappernden den ſeinigen in die Hand. — Erhebe dein Schurkenherz zur Bekehrung! —— und Gnade, rief Orlando. Stirb! ant⸗ wortet Massacrasso, und das kalte Eiſen durch⸗ bohrt ſeine Bruſt.—— Orlando faͤllt, roͤchelt und— ſtirbt. Jetzt zieht Massacrasso den Dolch aus der tiefen Bruſtwunde und ihn erhebend ruft er: Wieder fiel durch mich ein Boͤſewicht,— denn rein iſt Massacrasso's Herz vom Blute der Ge⸗ rechten. Herr, laß ihn den Weg zu ſeinem Heile wie⸗ der findn. Jetzt(er wendet ſich zu Julius) ſahſt du Massacrasso's Werk, verkuͤnde es den Schergen deines Volks, eile!— In Florenz werden dir wichtige Nachrichten werden. Ein neuer Krieg wird entbrennen und ihn wird Nemesis— entſcheiden, kebe wohl! 13¹ Er fuͤhrt ihn in den Wagen, und forr zogen ihn die klingenden Maulroſſe.—— Der Krieg mit Rußland, dem maͤchtigſten der europaͤiſchen Staaten, ſchien entſchieden zu ſeyn. Napoleon wollte ihn, trotz der Abmahnun⸗ gen aller ſeiner Feldherren, und ſein Verhaͤng⸗ niß trieb ihn in's Verderben. Sein Heer beſtund jetzt aus der kraͤftigen Maͤnnerwelt des geſammten Frankreichs und ſeiner Freunde; denn wohl konnte man ſagen, nur ſchwache Greiſe und die zarte Ju⸗ gend war zuruͤckgeblieben. Groß war ſeine Macht, groß die ſeiner Verbuͤndeten; denn nicht allein Italien, nicht allein die maͤchtigen deutſchen Bun⸗ desfuͤrſten, ſelbſt Oeſtreich und Preußen begonnen mit ihm, ſich ſeine Freunde nennend, den Heroenkampf gegen das g ewaltige Rußland. Das Hospital Ambulant wobei Julius ſtand, brach, an calabriſche Regimenter ſich anſchließend, von Florenz aus, auf, und marſchirte uͤber Par⸗ ma und Verona, durch Tyrol und Baiern nach Sachſen. In Baiern ſah er, wie ein Koͤnig, gleich groß an Geiſt und Herz, ſein Volk erhob, begeiſterte, veredelte und jedem Stande den richtigen Wirkungskreis, jedem ein neues kraͤftigeres Leben verlieh. Er ſahe hier die trefflichſten Medicinalge ſettze befolgt, den Stand des Militcairarztes ſehr geehrt, und die thaͤtigſten und verdienſtoollſten 132 derſelben durch eine beſondere Decoration ausgezeichnet. Bald ſahe er ſein herrliches Wuͤrz⸗ burg, den Sitz der Muſen und der Charitinnen wieder. Welche Gefuͤhle aber durchglüßten ſein Herz, als er jetzt(es war im Januar des ewig denkwuͤr⸗ digen Jahres Eintauſend achthundert und zwoͤlf) Sachſen, ſein theures Vaterland, nach ſo vielen Leiden und Erfahrungen, betrat. In Leipzig ſah er mehrere ſeiner Cameraden und alten Mit⸗ ſchuͤler von der Dresdner Academie her, wieder. Sie ſtunden theils bei dem dortigen Regiment, theils widmeten ſie ſich, des Felddienſtes entſa⸗ gend, mit Fleiß und Liebe dem ernſten Studium der Medicin, zu welcher ſie bereits in Dresden einen trefflichen Grund gelegt hatten. Hier lern⸗ te Julius(dem jetzt bereits das Ehrenamt eines neapolitaniſchen Staabsarztes nach vorheriger ernſter Pruͤfung geworden war) unter mehrern wuͤrdigen, verdienſtvollen Lehrern der Heilkunde, auch den anſpruchloſen, menſchenfreundlichen, bie⸗ dern, in die Geheimniſſe ſeiner Wiſſenſchaft mit hoͤhrer Weihe eindringenden Arzt und Profeſſor der Anatomie, D. Roſenmuͤller, kennen. Der liebe, wackere, jedem Menſchen wohlwollende und gern dienende Mann gewann ſein Herz und wur⸗ de unſerm Julius, der jetzt commandirt war, in Leipzig ein Hospital zu etabliren, ein freund⸗ licher Lehrer. Auch Julius Oheim uͤberraſchte 133 ihn, ſich ſeinen ernſten Geſchaͤften auf fluͤchtige Stunden entreißend, in der ſchoͤnen Lindenſtadt und ſelig ward die Freude des Wiederſehens⸗ „Der Herr hat dich geſegnet(ſprach der alte bie⸗ dre Mann) du biſt ein großer geehrter Mann ge⸗ worden, bleibe dir immer gleich! Laß den Ueber⸗ muth nie dein Herz beſiegen, und ertrage dein Gluͤck mit Weisheit. Du gehſt einem gefahrvol⸗ len Kriege entgegen, ich fuͤrchte, fuͤrchte!— Doch, bleibſt du deinem Berufe, deiner Pflicht getreu, bewahrſt du immer ein reines treues Herz, ein gu⸗ tes Gewiſſen, ſo kannſt du jeder Entſcheidung frohen Muths als Chriſt und Menſch ent⸗ gegen ſehen. Ich bin ein alter Mann, die ſiebzig Jahre, von denen ich funfzig ſchon den Muͤhen des Arztes weihe, liegen ſchwer auf mir.— Wer⸗ den wir uns wiederſehen? Nimm meinen Segen im Voraus. Werden wir uns aber wiederſehn, dann wiederhole ich ihn, wo nicht, ſo wird er noch einmal von meinem Sterbebette ertoͤnen, und fuͤr dich, wenn du noch auf Erden wandelſt, beten!“ Sie ſchieden mit innigſter Ruͤhrung. Die dienſtfreien Stunden ſeines Aufenthalts in eipzig, widmete unſer Freund dem Beſuch des vorzuͤglichſt gut eingerichteten und beſorgten anatomiſchen Saa⸗ les, ſo wie den dortigen cliniſchen und poli⸗ cliniſchen Anſtalten, welche durch ihre zweckmaͤ⸗ ſten Einrichtungen und die in ihnen herrſchende Humanitaͤt eine wahre Bildungsſchule fuͤr jun⸗ — ge Aerzte ſind, und das Muſter einer Hospital⸗ einrichtung geben, welche gleich wohlthuend fuͤr die Kranken, als lehrreich fuͤr die dort ſtationirten Aerzte iſt. Vorzuͤglich bemerkenswerth ſind auch die dortigen im Stadtkrankenhauſe befindlichen trefflichen balneotechniſchen Anſtalten. Die Badecuranſtalten in Reichels Garten aber ſind ſplendid, koſtbar und mit glaͤnzendem Aufwand fuͤr die Vornehmern und Reichen eingerichtet, die in der weltberuͤhmten, reichen Univerſitaͤts⸗ und Han⸗ delsſtadt ſo zahlreich ſind. — Im Monat Febr. erhielten die in Sachſen ſtehen⸗ den franzoͤſiſchen Truppen Ordre, uͤber Töorgau und die Niederlauſitz nach dem Herzogthum Warſchau zu marſchiren. Erſtere Stadt war ſchnell zur Feſtung geworden und beherrſch⸗ te drohend den Elbſtrom. In ihr war das ruͤſtig⸗ ſte, kriegeriſche Leben, und tauſend ſtreitbare Maͤn⸗ ner waren beſchaͤftigt, ihre Bollwerke zu erhoͤhen, dem Bruͤckenkopf unuͤberwindliche Baſtionen zu geben, Magazine mit Jahre⸗langem Vorrath an⸗ zufuͤllen, den Strom in feſte Ufer einzuengen, und ſo Torgau zu einer der erſten Feſtungen des Rheinbundes zu machen. Groß war in ihr die Gewerbſamkeit der Buͤrger, deren ſolider Wohl⸗ ſtand ſich jetzt taͤglich mehrte. Die Sachſen hatten hier bereits ein Hospital errichtet, welches 8—— 135 ein Muſter fuͤr alle andre geben ſollte. Die Be⸗ muͤhungen und der aufmunternde Eifer, ſo wie das ſchoͤne Beiſpiel der Humanitaͤt wuͤrdiger Maͤnner, des erſten Staabsarztes D. Schoͤn und der Regimentsaͤrzte Kehmann, Muͤller und Schrickel, werden ſowohl den dort angeſtellt geweſenen Wundaͤrzten, als den ihnen anvertrau⸗ ten Kranken in unvergeßlich dankbarer Erinnerung verbleiben. Ehrenvoll ſchrieben dieſe wuͤrdigen Aerzte ihre Nahmen in das Buch der Zeiten ein, daß ſie unentweiht die Nachwelt ehre. Auch Julius lernte ſie kennen, achten und lieben, und ſie waren ihm ein Beiſpiel kuͤnftigen hoͤhern Wirkens. Torgau war uͤbrigens zu je⸗ ner Zeit(das heißt im Beginnen des Jahres 1812) ein Ort der frohſten Geſelligkeit, und mitten un⸗ ter dem Auffahren der Karthaunen und Mörſer, mitten unter glaͤnzenden Waffenuͤbungen waltete in den frohen Morgenſtunden in dem Hauſe eines ehrenwerthen Buͤrgers dieſer Stadt, des Baͤcker⸗ meiſters Kaiſer,(bei dem unſer Julius gerade ins Quartier kam) oft ſokratiſcher Scherz, heitre Laune und kebensluſt. Denn hier verſammleten ſich oft Officiere und Honoratioren beim koͤſtlichen Imbiß mundender Kuchen zum freundlichen Fruͤh⸗ ſtück. Abends verſammlete man ſich im koͤnigli⸗ chen Schloßkeller, deſſen Wirth, als ein lieber, biedrer Mann allgemein geliebt und geachtet war. Nur wenige Tage konnte Julins in Torgan 136 verweilen; die Ordre rief. Er marſchirte alſo mit einem Hospital zur Niederlauſitz, wo er bis auf weitere Befehle bleiben ſollte. Hier hatten be⸗ reits die Sachſen, ohngefaͤhr 22,000 Mann und 7137 Pferde ſtark, unter General, Edlen von Lecog, ſtehend, ſich geſammelt, und die freundlichen Staͤdte Forſta, Sorau, Triebel, Cottbus, und das herrliche Schloß zu Amtiz, waren die Orte, wo die koͤnigl. ſaͤchſiſchen Hospitaͤler“* ſich etablirt hat⸗ ten, und im gegenſeitigen Wetteifer ſich fuͤr groͤßere Kataſtrophen ihres Wirkens mit dem angeſtrengteſten Fleiß und unverkennbarer von allen ihren Obern ausgehenden Humanitaͤt vorbereiteten. Triebel hatte das unguͤnſtigſte Lokale, doch der derma⸗ lige dirigirende Staabswundarzt dieſes Hospitals, 1— ein junger Mann von eben ſo viel Welt als Dienſt⸗ kenntniß, wußte jede Schwierigkeit zu beſtegen; er verſtund es, fern von jeder altvaͤteriſchen Pedanterie und ſogenanntem(sit venia verbo) mediciniſchen Kamaſchendienſt, das wahre Ehrgefuͤhl aller ſei⸗ ner Wundärzte zu beleben; verſtund es, die gegen⸗ ſeitige Achtung des beguͤnſtigten oͤkonomiſchen und pharmacevtiſchen zu dem wun daͤrztlichen Per⸗ —— 7 *) Der Ausmarſch der K. S. Hospitalbrigaden aus Dresden geſchah am 12. Februar 1812. Nachmit⸗ tags 3 Uhr. Sie gingen denſelben Tag nach Koͤ⸗ nigsbruͤck, das zweite Quartier war Hoyers⸗ werda, das dritte Spremberg. Hier theilten ſie ſich, jede ihrer Beſtimmung entgegen gehend. —jj e— 137 heißt, reell zu verlangen und die ſchoͤne Zeit nicht auf Zeit⸗toͤdtende Nebenſachen, ſondern auf das wahre eigentliche und ſorgfaͤltige aͤrztliche e Kranken⸗ beobachten und die reelle wund ärztlich e Huͤlfe zu verwenden. Streng, ſehr ſtreng im Dienſt⸗ und der hier unumgaͤnglich noͤthigen Subor⸗ dination,(die die Seele jeder Hospitals⸗ Einrichtung ſeyn muß,) war er außer demſelben fuͤr ſeine Untergebenen ganz Camerad, ſorgte auf dem Marſche fuͤr ihr Fortkommen, und indem er ſie ſelbſt mit den Honoratioren des lieben Staͤdtchens bekannter machte; ſo herrſchte hier in Triebel ge⸗ genſeitiges Vertrauen auf Achtung und Liebe gegruͤndet, zwiſchen Buͤrger und Einquartie⸗ rung. Hierdurch wurde ihm der Dank und die Liebe ſeiner Brigade. Triebels biedere Buͤrger wetteiferten in freundlicher Aufnahme ihrer Gaͤſte und Wirth und Einquartierungen ſchienen hier in den meiſten Haͤuſern nur eine Familie zu ſeyn⸗ Dieſes alles war nun ſo ganz nach dem Herzen des dirigirenden Staabsarzts, der die Hospitaͤler oft revidirte, und es wohl einſah, daß die ſteigende Achtung der Wundaͤrzte und die Anerkennung ihres Verdienſtes in der Armee ihr Ehrgefüͤhl und ihren Fleiß erhoͤhte und dadurch das Wohl der Kranken ſelbſt befoͤrderten. Ein zu niederer Rang derſelben, entmuthigt, macht ſie nur zum mechaniſchen Krankenwaͤrter, iſt die Urſache der zu großen Familiaritaͤt mit der niedern Lazarethbedienung; und 3—— —- äää 138 was auch das Vorurtheil dagegen ſagen mag, lei⸗ det eben dadurch der Krankendienſt. Bey dem ge⸗ wiſſenhafteſten Hospitaldienſt, herrſchte in Triebel die frohſte Geſelligkeit der mit wiſſenſchaft— lichen Unterrichtsſtunden wechſelte. Freundliche Tage verſtrichen auch hier unſerm auf neue Ordre wartenden Freunde, und es war ihm die herzlichſte Ueberraſchung, in dem Ober⸗Einnehmer eines Nachbarſtaͤdtchens ſeinen alten wackern Muſik⸗ lehrer wieder zu erblicken. Alle Erinnerungen der Jugendjahre erwachten, Thraͤnen floſſen den heimgegangenen Theuern, gute Entſchluͤſſe reiften, die Vergangenheit rollte ſich auf, froh erſcholl Ju⸗ lius Buſen der verhaͤngnißvollen Zukunft entgegen. Vom Tage erwartete er nun weitere Ordre. Dieſe kam, doch, fuͤr diesmal nur bis Glogau. Hier ſollte er das Etabliſſement und die Direction, eines franzoͤſiſchen Hospitals uͤbernehmen. Laſſen wir ihn hier walten und nun einen Blick auf ſeine Huldin, Fanisca, welche Julius durch falſche Nach⸗ richten getaͤuſcht, noch in Frankreich ſuchte, wo ſie ſich als Geſellſchafterin bey einer Fuͤrſtin befinden ſollte. Im prachtvoll fuͤrſtlich Lanomirskiſchen Pallaſte zu Warſchau, im ſtillen traulichen Krankenzimmer, ſaß Fräͤulein Fanisca Laszananska, am Kranken⸗ bette der frommen Dulderin, ihrer erhabenen fuͤrſt⸗ 1 “ 139 lichen Freundin und Wohlthaͤterin. Die Gefahr der Krankheit ſchien voruͤber; doch große Schwaͤche ließ ihren Ruͤckfall befuͤrchten. Wie ein Engel des Troſtes las ihr Fanisca aus Erbauungsbuͤchern fuͤr Kranke, an denen die katholiſche Religion reichhal⸗ tiger iſt, als ſelbſt die proteſtantiſche, die ſchoͤnſten herzerhebendſten Stellen mit der Stimme des innig⸗ ſten Gefuͤhls, das aus dem Herzen zu dem Herzen geht, vor.*) Die Beiſpiele aus dem Leben der Heiligen, die durch das Leid zum Lichte gingen, erhoben das Herz der Kranken, und jene erhob ſich und ſprach: Fanisca, du biſt mein Engel, und ich ſegne die Stunde, wo ich dich aufnahm, dich from⸗ mes Kind als Tochter lieben lernte. 1 *) Ein laͤngſt gefuͤhltes Beduͤrfniß iſt erfuͤllt. Ein nuͤrdiger Lehrer der evangeliſchen Lehre giebt in einem ſchaͤtzbaren Buche:„Unterhaltungen am Krankenbette, von M. Jaspis zu Dresden ꝛc.“ eine Anweiſung zum Gebet ſuͤr Kranke. Auch ohne pſychiſcher Arzt zu ſeyn, ſpricht ſchon das Herz je⸗ des Chriſten fuͤr dieſe wohlthaͤtige Unternehmung, und die Erfahrung jedes aufmerkſamen Arztes am Kranken⸗ und Sterbebette wird es beſtaͤtigen, wie ſehr Erbauung und Gebet das Herz des Kranken erhebt und ermuthigt, und iſt Geneſung moglich, ſelbſt dieſe wunderſam befoͤrdert; will es aber das Schickſal, daß der Kranke ſterben ſoll, ſein Auge wonnevoll zum Thron der Gnade erhebt, bevor es bricht. Der Verfaſſer haͤlt es alſo fuͤr ſeine Schul⸗ digkeit, ſeine jungen Leter auf dieſes Buch, wel⸗ ches eine wahre Panacee fuͤr jeden ihrer Kranken ſeyn wird, zu ihrer weitern Empfehlung beſtens be⸗ kannt zu machen. Selbſt der Arzt wird in ihm Er⸗ bauung, Beherzigung finden, und durch ſelbige ſei⸗ nen Stand inniger ehren und lieben kernen⸗ 140 „Am Krankenbette biſt du meine Troͤſterin, wie du in frohen Stunden meines Lebens meine Beglei⸗ terin warſt; du verſteh'ſt es, den fremden Schmerz zu mildern, bezwinge jetzt den eigenen. Ich fuͤhle es, meine Beſſerung iſt nur Schein, bald wird meine Stunde nahn, und ich ſegnend von dir ſcheiden. Im Tode iſt Wahrheit; was ich dir verhelen wollte, muß ich dir jetzt ſagen. Du geſtundeſt mir, daß du den jungen Arzt, der der Retter deines Le⸗ bens wurde, mit treuer, heißer, ſchweigender Liebe liebteſt. Er, der innigſt geliebte, treue Juͤngling iſt nicht mehr. Wiſſe es, er war Soldat, that ſeine Pflicht, und(nahm dich Maͤdchen mit Muth) er hat vollendet.“ Hier ergriff die Fuͤrſtin Fanis- ca's Hand, und fuͤhlte ſie zitternd; ſie ſah ihr er⸗ blaſſendes Geſicht und den ſchwellenden Buſen, wie er mit dem Schmerze kaͤmpfte, der zu ſtark war, ei⸗ ner Ohnmacht zu unterliegen. Fanisca, ſprach ſie, ermanne dich, du biſt jetzt die Tochter eines Ge⸗ nerals, du biſt die Schweſter eines Bruders, der als Obriſt wackerer Polen den Tod des Helden fiel. Ertrage die Todesnachricht des Geliebten. Er war treu und gut; dieß ſey dein Troſt! das Wiederſehn jenſeits deine Hoffnung. Fanisca's Thraͤnen mach⸗ ten jetzt dem Schmerze Raum, ich bin gefaßt, ſprach ſie. Jetzt klingelte die Fuͤrſtin. Eine Kammeyrfrau tritt ein, die Fuͤrſtin verlangt Nachrichten von der Armee, und als ſie ſie brachte, legte ſie ſelbige in Fanisoa's Haͤnde. Dieſe Nachrichten kamen aus — ω ᷣ⏑ 141 Spanien, enthuͤllten die Geſchichte der verlornen Schlacht, und nannten unter vielen wackern ge⸗ bliebenen Officieren und Aerzten auch Julius Heil⸗ manns Nahmen. Die Equipage der Regimenter und Hospitaͤler war gerettet worden; man hatte Julius Stammbuch gefunden, eine Anmerkung bei Fanisca's Inſchrift, die die Kuͤnderin heißer Liebe war, fuͤhrte den menſchenfreundlichen General dieſes franz. Armeecorps auf den Gedanken, den Tod des geliebten der Familie Fanisoa's zu melden. Durch die polniſche Geſandtſchaft kam nun Nach⸗ richt und Stammbuch nach Warſchau, und hier an Fanisca's Wohlthaͤterin die Fuͤrſtin. „Er liebt mich bis zum Tode,“ ſprach Fanis- ca, des Arztes Braut, der des Berufes Heiligkeit ſelbſt mit dem Tode beſiegelte, will ich auch ſeiner wuͤrdig ſeyn. Eliſabethens Schleier ſoll mich troͤ⸗ ſten! Krankenpflege bedarf der Krieger, ein verheerender Krieg droht meinem Vaterlande, die Spitaͤler der barmherzigen Schweſtern werden ſich mit deidenden fuͤllen, die Sarmatin zeige hier ſich ihrer Wuͤrde werth. Jugend und Adel ſind ver⸗ gaͤngliche Guͤter; Leben und Geſundheit will ich als Nonne nun der Krankenpflege widmen, und ſo in treuer Berufserfuͤllung wandeln, wirken, ſterben.“ „Nicht ſo! geliebtes Mädchen!“ erwiederte die Fuͤrſtin.„Wohlthaͤtig ſollſt du ſeyn, doch kein Geluͤbde binde dich ans Kloſter. Wandle, wirke in 142 Gottesfurcht, in Tugend und Wohlthun, aber ſey frei; und dies ſey mein Segen, begluͤcke einſt das Herz eines Biedermanns. Damit du nach meinem Tode unabhaͤngig biſt, und fuͤr meine Seele in Czenzochow beteſt, habe ich dich in meinem letzten Willen wohl bedacht. Ein freier andſitz bei Cracau, wo du die erſten gluͤcklichſten Traͤume der Jungfrau traͤumteſt, ſey von jetzt an dein Be⸗ ſitz, und deine Mitgift, und wenn dir's wohl geht, gedenke meiner, bete fuͤr mich an Czenzochows herr⸗ lichen Altaͤren, und wenn das Ungluͤck ſtuͤrmt, ſo huͤlle dich in deine Tugend. So ſprach die edle Fuͤrſtin, erſchöpft ſank ſie im ſuͤßen Schlummer auf dem Krankenbette nieder, an ihm kniete Fanisca mit heißem Gebet. Nach einigen Stunden erwachte die Fuͤrſtin. So eben war ihr Hausarzt, der Di⸗ viſtonsarzt der polniſchen Armee, die ſo eben noch in Warſchau ſtund, ein wakrer, biederer, edler und hoch⸗ herziger Mann, ins ſtille Krankenzimmer eingetreten. Die Fuͤrſtin reichte ihm die Hand. Mir iſt wohl, ſprach ſie nur ſchwach, ich glaube ſanft und lang wird mein Schlummer ſeyn. Des Arztes Auge verkuͤndete Fanisca ſeine Beſorgniß, ſchluchzend, ih⸗ rer nicht mehr ſmaͤchtig, ſank ſte am Krankenbette nieder, die Haͤnde zum inbruͤnſtigen Gebet erhebend. Weine nicht, meine Tochter, ſprach mit ſchwacher Stimme die Fuͤrſtin, meine Rolle iſt ausgeſpielt; wohl iſt mir, denn ich ſteh nun am Ziele. Ich danke Ihnen, ſprach ſie zum Arzt, Ihr Auge ſagt, was 143 Ihr Mund nicht verkuͤndet. Sie haben gethan, was menſchliche Kunſt thun konnte. Der Himmel er⸗ halte Sie der leidenden Menſchheit! Mein See⸗ gen und mein Dank wird Sie begleiten. Jetzt verlangte die Fuͤrſtin nach dem Notar ihres Hauſes; er erſchien, in ſeine Hände legte ſie ihren letzten Willen; hierauf verlangte ſie den Beichtva⸗ ter. Sie empfing die heilige Wegzehrung. See⸗ liger, verklaͤrter erhob ſie ihr Auge. Sie legte nun die Hand aufs Herz, und es ſchlug nicht mehr. Ein edles Weib, eine Fuͤrſtin im ſchoͤnſten Sinne des Wortes, hatte vollendet; ihr folgte der Seegen aller die ſie kannten und der Dank von tauſend Ar⸗ men, denen ſie Wohlthaͤterin geworden war. Fanisca beſorgte ihr glaͤnzendes Leichenbegaͤng⸗ niß; drei Tage nach demſelbigen wurde das Teſta⸗ ment eroͤffnet, und daͤs ſchoͤne Freiguth nebſt einem anſehnlichen Capital war Fanisca's Eigenthum, die nun Warſchau verließ und mit dem erſten Tage des Fruͤhlings dort ein Engel des Friedens und des Wohlthuns wurde. Hier vernahm ſie, daß ihr Vater als Commandant in einer lotha⸗ ringiſchen Feſtung ſtehe, und daß die Wittwe ih⸗ res Bruders Jaromir, der durch ſeine Tapferkeit ſchnell zum Obriſten empor geſtiegen war, durch ſelbige aber auch den Tod des Helden fand, daß Jeannette Herbois(wir kennen ſie bereits von Paris her) jetzt eine troͤſtende Tochter und Freun⸗ din bei ihm ſtehen und ſeine Wirthſchaft fuͤhren. 144 Nach und nach ging ihr Schmerz in ſtille Betruͤb: niß uͤber; und dieſe Betruͤbniß war die Urſache ihres Zuruͤckziehens vom Geraͤuſche der Welt und des Lebens. Als Polin, als katholiſche Chriſtin, wollte ſie jetzt ihren Geiſt erheben und ihr Gemuͤth ſtaͤrken, ſie beſuchte, des letzten Wunſches ihrer Wohlthaͤterin gedenkend in den heiligen Tagen des Oſterfeſtes das weltberuͤhmte Kloſter Czenstochau, welches jetzt durch ſeine kriegeriſche Befeſtigung auf dem Klarenberg ſelbſt in militairiſcher Hinſicht merkwuͤrdig wurde. Wie ein Koͤnigspalaſt prangt die unermeßlich reiche herrliche Abtey auf dieſem Klarenberge. Neben dieſem majeſtaͤtiſchen Ge⸗ baͤude ſteht die große prachtvolle Kirche, mit einem 600 Fuß hohen Thurme. InInnern iſt die Kir⸗ che, man kann wohl ſagen, an pPracht und Herrlich⸗ keit dem ehemaligen Tempel Salomons gleich. Die vergoldeten Altaͤre, die goldnen Leuchter und Kirchengefaͤße, die, in Juwelen blitzenden Um⸗ huͤllungen der Reliquien, die koͤſtlichſten Gemälde, gaben ihr einen unſchaͤtzbaren Werth. Gold, Perlen und Juwelen, wie ſie keine Koͤnigin beſitzt, umfun- keln gleich den Sternen des Himmels das an⸗ ſpruchloſe auf Holz gemahlte Bild der erhabe⸗ nen Himmelskoͤnigin, der Mutter Sottes, der Jungfrau Maria, der Hochgebenedeyeten unter den Weibern. An ihrem Altar knieen zur Zeit der Wallfahrt 9—2+ △⏑ ⏑⏑⏑ — 145 in jeder Stunde des Tages und der Nacht, hun⸗ derte von frommen Betern und Beterinnen, hier ſtrahlt das Auge in Entzuͤckung der Seligkeit, hier bebt die Lippe, was das Herz empfindet, hier er⸗ gluͤht die Wange, in der Himmelsfreude der Er⸗ hoͤrung, und eben die ſe frommen Gemuͤthsbewe⸗ gungen ſind es, die, ohne ein Wunder von außen, durch den Glauben, durch die Zuverſicht ſelbſt Kranke heilen, und das Gemuͤth von ſeinen Sorgen, von ſeinem Gram und Kuͤmmerniß gar wunderſam befreien. Durch dieſe Wunderthaten, durch die Wallfahrten der Fuͤrſten und Reichen iſt dieſe Kirche im Beſitz von mehrern Millionen Tha⸗ lern und eine wahre Schatzkammer Sarmatiens. Das wunderthaͤtige Bild ſoll, ſo verkuͤndet es die Sage, vom Evangeliſten Lucas ſelbſt gezeich⸗ net ſeyn. Helena, die fromme Mutter des Kai⸗ ſers Conſtantin, fand das Bild zu Jeruſalem, brachte es nach Conſtantinopel. Durch einen morgenlaͤndiſchen Kaiſer kam es an Carl den Gro⸗ ßen, von dieſem an den Moskowitiſchen Fuͤrſten Leo, und endlich, nach manchem Wechſel, nach die⸗ ſer Kirche. Vor dieſem Bilde nun knieete Fanisca im freudigen Gebet, neben ihr ein katholiſcher Juͤngling aus Preußenland. Das Auge des Juͤng⸗ lings ruhte, da ſein Gebet vollendet war, auf der frommen Beterin; ſie ſelbſt empfand das Hoch⸗ gefuͤhl einer Liebe, die mehr iſt, als Sinnesluſt. Fanisca ſteht jetzt auf, ſie ſieht auf thn, wohlge⸗ 146 faͤllig ruhen ihre Augen auf der ſchoͤnen Form, und ſie findet in ihm, als er ſie von der Kirche nach dem Staͤdtchen begleitet, ſelbſt Aehnlichkeit mit Julius. Hier erfaͤhrt ſie, daß er Friedrich v. Ehrenheim heiße, der einzige Sohn und Erbe eines ſehr reichen Großhaͤndlers und Guths⸗ beſitzers in Schleſien ſey, jetzt Geſchäfte in Cra⸗ cau habe, und dann ſeinen Großvater vaͤterlicher Seits, einen Patricier, in Danzig beſuchen wollte. Friedrich war ein beſcheidner, braver junger Mann, innig liebte er ſeinen Koͤnig und ſein Vater⸗ land, ohne auf andre Nationen veraͤchtlich herab zu ſehen. Er war fromm und bieder, ein Mann von Weltkenntniß und vielſeitiger Bildung und dem beſten Herzen, und, bald erfuhr es Fanisca, ein ſtiller Wohlthäter vieler Armen. Sie blieben noch einige Wochen in Czenſtochau und all⸗ maͤhlig wurde die Hochachtung gegen den neuen Freund zu ſtiller Verehrung, und Julius Bild er⸗ ſchien ihr nur noch im daͤmmernden Lichte der Abendroͤthe, während ihr Friedrichs Licht im Glan⸗ ze des Morgens aufging. Als ſeine Geſchaͤfte ihn nach Danzig riefen, war ein koͤſtlicher Juwe⸗ lenring, den ſie von ihm annahm, ein beredter Zeuge, wie ſehr ſie den Geber ehrte! ihr reines Herz ſchlug fuͤr ihn in wahrer Freundſchaft, und auch Friedrichen war der ſeligſte Moment im Hoch⸗ gefuͤhl der erſten reinen iebe aufgegangen. Feierlich bat er um des holden Fraͤuleins Hand 147 und Herz. Von ihrem zandſitz aus ſchrieb Fanisca nach Paris; ſie erkundigte ſich, noch dem Todten⸗ bericht nicht trauend, nach Julius, und leider— beſtaͤtigte ſich durch die Unwiſſenheit der dortigen Behoͤrden mit ſeinem Schickſale die Gewißheit des Todes des noch Lebenden. Fanisca war ein Weib, in ſtiller Wehmuth ſchlug ihr Herz fuͤr den Todten, in zarter Hoffnung fuͤr den leben⸗ den Geliebten, der durch ſeinen Reichthum ih⸗ res Vaters Abend erleichtern wollte und konnte.— —ÿÿõÿʒÿʒÿ— Jetzt kam Befehl an die in Schleſien ſtehen⸗ den franz. Hospitaͤler, nach Polen vorzuruͤk⸗ ken, in Eilmaͤrſchen paſſirten ſie die Grenze, trafen auf dem Wege nach Staro die Sachſen, welche ihren Marſch uͤber Sommerfeld, Groſſen, Zuͤllichau genommen hatten, und vereinten mit ih⸗ nen bei dem erſten polniſchen Grenz⸗Adler den ernſten Schwur, ihrem Berufe treu zu ſeyn bis in den Tod. Nun gings raſtlos vor⸗ waͤrts. In Liſſa wurde von dieſen ein kleines Transport⸗Hospital, in Salegov aber ein Haupt⸗ ſpital etablirt. Die weitlaͤuftigen Gebaͤude dieſer ſehr herrlichen Abtei gaben das vortheilhafteſte do⸗ cale, und das Beiſpiel und die Thaͤtigkeit des di⸗ rigirenden Staabswundarztes 8— r belebte das Ganze und wußte den Polen Achtung fuͤr den ſaͤchſiſchen Medicinaldienſt zu erwerben. 10 148 Jenſeits der Bilitze gingen die ſaͤchſiſchen Hospital⸗Brigaden, welche mit jedem oͤko⸗ nomiſchen und pharmacevtiſchen“) Beduͤrf⸗ niſſe, einem neuen vorzuͤglich gut ausgearbeiten Pharmakopar, und den beſten Inſtrumenten des wundaͤrztlichen Wirkens, beſtens verſehen wa⸗ ren, auch mehrere Andachtsbuͤcher und Sammlun⸗ gen frommer geiſtlicher, fuͤr den Soldatenſtand beſtimmter Lieder, bei ſich fuͤhrten, ihrem fernern Schickſale mit Muth und Zuverſicht entge⸗ gen! Bald paſſirten ſie Kahliſch, eine recht wohlgebaute Kreis⸗Stadt, und cantonir⸗ ten dann einige Zeit auf den umliegenden Doͤr⸗ fern, ohnweit des ſonſt ſo reichen Kloſters Opotz⸗ no, wo bereits ein polniſches Feld⸗Hospital eta⸗ blirt war. In den Quartieren der Edelleute und Geiſtlichen fand das Perſonale uͤberall die bie⸗ derſte Aufnahme. Von hier aus zogen ſie der ») Jede Hospital⸗Brigade, welche in der Regel aus 1 Staabs⸗Wundarzt, 3 Ober⸗Wundaͤrzten, 2 ſchrei⸗ penden und 11 dienſtthuenden practiſchen Unter⸗ wundaͤrzten beſtand, hatten ihren Oeconom und Controlleur, und ihre Feld⸗Apotheke, bei welcher 2 Apotheker angeſtellt waren. Das untere dienende Perſonale beſtand gewoͤhnlich aus 6— 12 Kranken⸗ waͤrtern, welche unter den 2 Revieraufſehern und 2 Ober⸗Krankenwaͤrtern ſtanden. Die Direetion des Ganzen aber ſtand unter dem Staabswundarzt. Ein ſolches Spital konnte 800 bis 1000 Kranke aufnehmen. & 88ͤ— u 2— — 149 Armee nach, paſſirten Sieraz, Rotzmatovice und Petricav, und kamen im Maymond in die Gegend von Pſyſuche und einige Tage ſpaͤter nach Radom. Die Armee, welche nun bereits unter dem Ober⸗Commando des Koͤnigs Jerome von Weſt⸗ phalen ſtand,(unter welchem Reynier, le Coq und Gutſchmidt commandirten) harrte indeß der großen Entſcheidung der Monarchen, die ſie ent⸗ weder auf die Felder der Schlachten, und wie ſie ſelbſt glaubte, in einem wahren Heldenzuge ins ferne Indien, oder zum friedlichen Hausaltare zuruͤck fuͤhren ſollte. Demohngeachtet entwickelten ſich bereits viele Krankheiten, unter denen die eine, welche die Achtung fuͤr die nichtaͤrztlichen Leſer zu nennen verbietet, ihren Urſprung in den Huͤtten der polniſchen Juden und den luͤſternen Umarmungen der lockenden Toͤchter Iſraels hatte. Vorzuͤglich traf dieſes in der Geſchichte der Spi⸗ taͤler ſo merkwuͤrdige Leiden, welches Geiſt und Koͤrper gleich fuͤrchterlich zerſtoͤrt, die Franzo⸗ ſen. Die Deutſchen waren ſolider und ſtanden uͤberhaupt in ſtrengerer, moraliſcher Aufſicht. Bei ihnen entwickelten ſich deſto mehr Bruſt⸗Krankhei⸗ ten und Exantheme, welche, da ſie ſchnell um ſich griffen, das Etabliſſement eines Hospitals zu Radom noͤthig machten. Hier verrichteten die Wundäͤrzte mehrerer Brigaden wechſelſeitig ihren Dienſt und gewoͤhnten ſich ſo an das Praktiſche 150 ihres kuͤnftigen, ſo ſchweren Berufs. Die aber gerade nicht dienſtleiſtenden Wundaͤrzte lagen mit dem geſammten uͤbrigen Perſonale, den groͤßten Theil des ſchoͤnen Wonnemonds hindurch, in den umliegenden Doͤrfern und namentlich zu Cze⸗ recev, einem recht freundlichen Walddorfe. So gut nun hier die Quartiere in den Hoͤfen der geiſtlichen Herren und Edelleute die liebenswuͤr⸗ digſte Gaſtfreundſchaft darboten, ſo ſehr war das Unterperſonale auf die armſeligen Huͤtten armer polniſcher Leibeignen oder liſtiger Juden beſchraͤnkt. Demohngeachtet wußte man hier das Fandleben in allen ſeinen Reizen zu genießen. Laubhuͤtten wurden in dunkeln Eichenhainen gebaut, man ge⸗ noß ein arkadiſches Leben, freute ſich der Jagd, uͤbte ſich koͤrperlich in den Waffen, ſchlief im Freien, tummelte, wo es moͤglich war, und es der Jude um einige polniſche Gulden erlaubte, ſein polniſches Roß, und wußte die Freude zu faſſen, ehe ſie entfloh. Inniger ſchloſſen ſich hier die Bande der kameradſchaftlichen Freundſchaft, wel⸗ che der Grund jener Selbſtaufopferung wird, die allein es vermag, die Beſchwerden des Feldle⸗ bens zu erleichtern, und auf gegenſeitiges Beduͤrf⸗ niß gegruͤndet, zu wahrer Bruderliebe waͤchſt. LTruͤbte nun auch hier eine neue Rangbe⸗ ſtimmung, die die ſaͤchſiſchen Wundaͤrzte ſo ſehr hinter die franzöſiſchen zuruͤckſetzte, ſo manche frohe ſchoͤne Ausſicht in die Zukunft, ſo lehrte ſte doch 151 . eben dadurch, daß der wahre Lohn und die un⸗ beſtrittene Ehre aͤrztlichen und wundaͤrztli⸗ chen Verdienſtes in dem reinen Bewußtſeyn treuer Pflichterfuͤllung beſteht. Zu Ende des Mayes ging die Armee uͤber die Weichſel. Ach! tauſend ſollten nicht wie⸗ der zuruͤck kehren. Die Hospitaler folgten, und ihr erſtes Etabliſſement wurde in dem Staͤdt⸗ chen Coſſenitze,(welches ein ſehr ſchoͤnes Grafen⸗ ſchloß beſitzt). Hier begann ſich bereits das N er⸗ venfieber tödtlich zu zeigen, auch begannen die Bruſtkrankheiten, die wohl groͤßtentheils ihre Urſache in einem ſehr erſchoͤpfenden Mandoͤver vor dem Koͤnig von Weſtphalen hatten, einen ſehr verderblichen Charakter anzunehmen. Um dieſe Zeit verſchied auch einer der edelſten ſaͤchſiſchen Feldherren, der General Freiherr von Gut⸗ ſchmidt, der Sohn des unvergeßlichen Mini⸗ ſters dieſes Namens. Er ſtarb zu Pulewi, einem der ſchoͤnſten Schloͤſſer Sarmatiens. Ihm folgten die Thraͤnen ſeines Heeres, das ihn ſo in— nig liebte und ehrte. Nach der Aufhebung des obbenannten Hos⸗ pitals ruͤckten die ſaͤchſiſchen Hospital⸗Brigaden nach einem ſehr intereſſanten Marſche nach Warſchanu, der glaͤnzenden Hauptſtadt des neuen Herzog⸗ thums, und hier wurde zuerſt das große Feld⸗ hauptſpital im Cadertenhofe, vom diri⸗ 152 girenden erſten Staabsarzte etablirt. Das Lokale war mehr ſchoͤn als bequem und fuͤllte ſich ſehr bald mit gefaͤhrlich ſchweren Kranken al⸗ ler Art, die zuvor in den Pragaer Caſernen gelegen hatten. Den ſeben und zwanzigſten Junius 1812 er⸗ ſchien die Kriegserklaͤrung des franzoͤſiſchen Kaiſers, nun war das Schickſal der Voͤlker ent⸗ ſchieden, und Hunderttauſend gingen ihrem Ver⸗ hängniſſe, ihrem Tode entgegen.—— Die Sachſen folgten der großen Armee, und der erſte Staabsarzt, Herr Dr. Schoͤn, ſtellte ſich an die Spitze der in der Operations⸗ Linie activ werden ſollenden Hospitaͤler. Die obere Direction des großen Warſchauer Haupt⸗ Hospitals aber erhielt der zweite Staabs⸗Medicus, Dr. Neumann, ein Mann, den bereits Sachſen als einen ſeiner wiſſenſchaftlich und gluͤcklichſt practiſchen Aerzte kannte. Bei dieſem Hospitale war auch der Ober⸗Feld⸗Apotheker angeſtellt. In der activen Armee wurde in der ſchoͤnen Stadt Bialiſtock, wo das große Depot der Armeebeduͤrfniſſe ſich befand, das erſte Hospital etablirt. Nunmehro trenn⸗ ten ſich die Sachſen. Ein Theil kam zu dem fuͤnften und achten Armeecorps, der groͤßte Theil aber blieb bei dem ſiebenten, unter Rey⸗ niers Commando, und bildete nun die aͤußerſte 153 Spitze des rechten Fluͤgels der großen Armee, die jetzt raſtlos ihrem traurigen Verhaͤngniſſe ent⸗ gegen ſchritt. Jetzt beginnen die blutigen Tage ihres kriegeriſchen Wirkens. In den er⸗ ſten Scenen des großen Trauerſpiels ſehen wir den heißen Kampf vor Kobrin, ſehen das blutige Lanzenreiter⸗Gefecht, ſehen nach dem kuͤhnſten Widerſtande, in der Glut der brennenden Stadt Kobrin, die Brigade von Klengel nach 12ſtuͤndigem Kampfe, von der Uebermacht der Ruſſen umringt und gefangen. (Die Gefangenen wurden nach der alten Ruſſen⸗ Stadt und Veſte Kiew transportirt, und das wundaͤrztlichenPerſonale, vom Regimentschirurg Gorgi commandirt, wurde dort mit aller jener Achtung aufgenommen und behandelt, welche es ſich durch die treue und oft ſo ſchwierige Behand⸗ lung aller ſeiner Kranken auf dem Marſche erwor⸗ ben hatte. Viele fanden in Kiew Gelegenheit, eine lohnende wundaͤrztliche Praxis auszuuͤben.)— Den ſiebenten July, an einem heißen und ſchwuͤlen mit Gewitter drohenden Tage, war die Vereinigung der Sachſen mit den Oeſterreichern, welche derſelbe Fuͤrſt Schwarzenberg com⸗ mandirte, den ein Jahr darauf Europa als ſeinen Heros erkennen ſollte. Den 10. Auguſt war das Gefecht bei Pruszana, und den 12. die 1⁵4 /1— Schlacht bei Podowna, woo die ſächſiſchen Schuͤtzenbataillone und alle in ſelbiger agirenden Truppen ſich unverwelkliche Lorbeerkraͤnze flochten. In der Nacht nach dieſer ging der erſte Staabs⸗ Medicus, Dr. Schoͤn, mit der Feſtigkeit und Un⸗ erſchrockenheit des Kriegers, vom Beruf und der Beſonnenheit und menſchenfreundlichen Mitthei⸗ lung des Arztes, durch die ſchweigenden Reihen der Todten und die jammernden Scenen der Ver⸗ wundeten, um letztern, ſowohl Sachſen als Oeſter⸗ reichern, die hier kein Ambulant bei ſich fuͤhrten, Huͤlfe, Troſt und Rettung zu geben. Mehrere ausgeſuchte Wundaͤrzte*) begleiteten ihn auf der durch das ſumpfige Terrain ſowohl, als durch das hier und da noch fortdauernde kleine Gewehrfeuer der Ruſſen, eben ſo gefahr⸗ als ehrenvoller Bahn, und dieſe ſeine That wurde durch den Dank des Vaterlandes, das ihn laͤngſt liebte, er⸗ kannt. Es beſtimmte fuͤr ihn den ritterlichen Heinrichs⸗Orden, der, ſeiner Stiftungs⸗lr⸗ kunde nach, nur der Tapferkeit und dem per⸗ ſönlichen Muthe gebuͤhrt, und die Bruſt der Tapfern mit dem Bilde des ſaͤchſiſchen Helden, Kaiſers Heinrich des Erſten ziert. Nach *) Die Hospitaͤler dieſer Zeit⸗Periode waren zu Paltu⸗k, Zczerechev, Slonim, Grodno, Brezesz. Die Dirigenten derſelben die Staabswundaͤrzte Dam u Gerſtaͤcker, Siegismund, Kaliſch, Krebs und Ober⸗Wundaͤrzte Reck und Grafe. 155 der Schlacht von Podowna verging kein Tag ohne die muͤhſeligſten Maͤrſche und einzelne blu⸗ tige Gefechte. Jetzt naheten ſich die Sachſen die⸗ ſes Armeecorps wieder der Naͤhe von Loboml, Blodawa, Opalien und den moorigen Ufern des Bugs. Den 11. Octbr. kaͤmpften ſie an der Leszna und verloren hier unter andern einen der bravſten Officiere, den Obriſt⸗Lieutenant Metſch. Sein Grab wurde unter feindlichem Kanonenfeuer am Fuße gruͤnender Buchen errichtet, und ſein Name wird, ſo wie der ſeines gefallenen Freun⸗ des Egydi, der das brave Schuͤtzen⸗Ba⸗ taillon fuͤhrte, der Geſchichte dieſer Tage un⸗ vergeßlich ſeyn. Nach dieſen Gefechten war kein Tag thatenlos und unter denen Geſundheit zer⸗ ſtoͤrendſten Strapatzen der Bivouaks in den naß⸗ kalten Herbſtnaͤchten und des beginnenden wuͤſten Nomadenlebens, theilten die Wundaͤrzte jede Ent⸗ behrungen und Kuͤmmerniſſe des Soldaten, und hatten bald an uͤberhaupt 800 Verwundete zu be⸗ ſorgen. Schon nahete der Winter mit ſeinen Schrek⸗ ken, die epidemiſchen Feld⸗Krankheiten,(welche der Herbſt entwickelt hatte), wurden immer um ſich greifender, und warfen Offiziere, Feldprediger, Wirthſchaftsbeamte und Aerzte aufs ſchmerzen⸗ vollſte Siechbett. Vom 14. bis 15. Novbr. geſchahe nach vor⸗ gaͤngigen einzelnen Gefechten der grauſame Ue⸗ 156 berfall bei Wielkowize, durch die Ruſſen, und bot alle Scenen eines erſchuͤtternden Nacht⸗, Kampf⸗ und Feuergemaͤhldes dar. In dieſem Kampfe ſah man Ruſſen und Franzoſen, Polen und Sachſen, Wuͤrzburger und Italiener unter Gebruͤll und Schlachtruf die toͤdtlichen Waffen der Kolbe, des Bajonetts und des Seiten⸗ gewehrs zum gegenſeitigen Mord ſchwingen. Den Verluſt der Sachſen allein rechnet man an Ver⸗ wundeten, Erfrornen und Todten an 13 Offcciere, und gegen 700 Mann.“) Nach dieſem Ungluͤcke zog die Armee im taͤglichen Gefechte mit dem Feinde und von allen Krankheiten zerſtoͤrend heim⸗ geſucht, wieder der Weichſel zu. Das Hospi⸗ tal zu Warſchau hatte jetzt mehrere ſehr große Lokale, als: Radzivil-Palais, Hôtel des Pauvres, und ein Haus in der Cracauer Vorſtadt, erhalten, und dennoch reichten ſie fuͤr die vielen Kranken nicht zu, da alle diesſeits der Weichſel gelegenen Hospitäͤler, als Grodno, Bialiſtock und Brezeſz, in daſſelbe, ſoviel es moͤglich war, verſetzt wurden. Schon ſah man ganze große Kranken⸗ zimmer mit kranken Wundaͤrzten, die groͤßtentheils auf den Tod lagen, angefüllt, ihr *) Die Ambulance bivouakirte eine Viertel⸗Stunde jenſeit der Stadt, verband in ſtrengſter Kaͤlte auf dem Wahlfelde und gab unter des Regiments⸗ Chirurgi Damms und Gerſtaͤckers Direction die Bevyeiſe des Muths und unerſchrockener Ausdauer. 157 Dienſt mußte von den andern, oft kaum Geneſe⸗ nen uͤbernommen werden. Oft anderte ſich die Scene, und der, welcher heut ſtationirender Wund⸗ arzt hieß, lag ſchon morgen unter der Kranken⸗ decke, in wenig Tagen vielleicht in der Leichenkam⸗ mer, und wurde nun mit ſeinen Kameraden, den Soldaten, ins weite offene Grab des Soldaten⸗ Kirchhofs gebettet. Das Elend war groß, und verdankt ſeine Milderung der unablaͤſſigen Fuͤr⸗ ſorge des dirigirenden Arztes, der das Schickſal der kranken Chirurgen, die keine andere Krankenver⸗ pflegung als die der Soldaten hatten, nach ſeinem beſten Wiſſen erleichterte. Auch war die liebens⸗ wuͤrdige Freundſchaft manches edlen Warſchauer Buͤrgers unverkennbar wohlthaͤtig, und gab einen Beweis, wie treu es der polniſche Hauswirth mit ſeinen militaͤriſchen Gaͤſten meinte, denn eben dieſe unterſtuͤtzten ihren ſonſt einquartierten Chi⸗ rurgen und Soldaten beſtens. Mehrere fanden in den zuruͤckkehrenden dankbaren Geneſenen die Urſa⸗ che ihrer Anſteckung und eines fruͤhen Todes. Waͤh⸗ rend dieſer Trauertage in Warſchau hatte bereits die fuͤrchterlichſte Cataſtrophe der großen Armee ſchon ſeit demn Monat September begonnen. Jetzt zuruͤck zu unſerm Freunde! welcher in den Gefechten von Smolensk und Wittep;, ſich durch raſtloſe Thaͤtigkeit beim Verbande, die Ach⸗ tung aller Vorgeſetzten, das Kreuz der Ehrenle⸗ gion und das des polniſchen Ordens erworben —— 158 hatte. Auf dieſem Marſche war ihm auch die Ueberraſchung geworden, Sachſen von den braven Regimentern von Rechten, Low und Prinz Jo⸗ hann Dragoner zu treffen, welche hier mit allem Ungemache kaͤmpfen mußten. Wir finden ihn auf dem Schlachtfelde bei Moſaisk oder Borodino wieder. Er hatte auf dem beſchwerlichſten Mar⸗ ſche bis dorthin alle Gefahren ſeines Regiments getheilt, und in den blutigen Gefechten von Smolensk und Wittepz ſich die Achtung ſeiner Officiere und das Kreuz der Ehrenlegion erwor⸗ ben. Eben ſank der blutige Abend des furchtbaren Schlachttags, an welchem die Franzoſen, Polen und Sachſen, ſo wie ihre Feinde, die Ruſſen, unermeßliche Opfer gebracht hatten. Die Anzahl der verwundeten Ruſſen konnte an 25,000 Mann angegeben werden; die der Franzoſen und ihrer Verbuͤndeten war vielleicht noch groͤßer, da eben dieſe bei Erſtuͤrmung der Schanzen, die hauptſaͤch⸗ lich durch ſaͤchſiſche Cavallerie⸗Regimen⸗ ter bewirkt worden war, außerordentlich gelitten hatten.. Eben hatte Julius, im Verein braver ſaͤch⸗ ſiſcher Wundaͤrzte, die hier unter den Befehlen ihres geliebten Schrickels und dehmanns ſtun⸗ w—— —— 1—3 n»—õʒ 159 den, eine Menge Polen und Sachſen verbun⸗ den, als das Jammern eines durch viele Wun⸗ den erſchoͤpften ruſſiſchen Officiers ſein Mitleid anſprach. In edlern Naturen uberwindet der Wunſch, zu retten, jeden Groll, der uͤberhaupt im Herzen des Arztes niemals woh⸗ nen darf. Julius alſo nahete ſich dem Verwundeten, linderte ſeinen Schmerz, verband ihn, labte mit dem in ſeiner Feldflaſche befindlichen Waſſer ſeine ſchmachtende Zunge, und trug ſelbſt ihn, den er nun mit Recht ſeinen Gefangenen nennen konnte, auf einen franzoͤſiſchen Ambulance⸗Wagen. Am 14. September ruͤckte die Vorhut des franzoͤſiſchen Heeres in 1 Moska u, der ungeheuern zweiten Rieſenhauptſtadt des ruſſiſchen Kaiſerreichs, ein. Am 15. zog Napoleon mit ſeinen Garden in die Stadt, ließ durch Murat, den damaligen Koͤnig von Reapel, den Kremel, die prachtvolle, im Glanz ihrer goldenen Thuͤrme ſchimmernde, Reſidenz der alten Ruſſenfuͤrſten,(Zaaren) beſeben, und nahm dort ſeinen Wohnſitz. Die Franzoſen bemuͤhten ſich indeß, fuͤr ihre vielen Kranken und Verwundeten, welche dem Kaiſer ſelbſt ſehr am Herzen lagen, Hospitaͤ⸗ ler in den ſchicklichſten Wohnungen zu etabliren. 160 Fuͤr Julius Kranke wurde ein großer, jedoch nicht feuerfeſter Palaſt, zur Errichtung ſeines Hospitals beſtimmt. Eben hatte er hier die erſte Viſite und Or⸗ dination begonnen, mehrere franzoͤſiſche Officiere und ſelbſt ſeinen jungen Ruſſen verbunden, als der furchtbare Schreckensruf in den verſchiedenſten Sprachen:. Feuer! Feuer! durch die weiten Saͤle ſcholl. Der Schloßhof erglaͤnzte. Ein brennendes in Millionen feuriger Funken aufloderndes Stroh⸗ Magazin bedeckte, wie ein flammender Regen, dieſen alten Palaſt, der jetzt aus den Lugen ſei⸗ nes Daches Flammen gleich Cometen ausſpie. Der Wind trieb den Glutſtrom von Dach zu Dach; Feuerzungen leckten aus den klirrenden Fenſtern; Soldaten und Krankenwaͤrter, Ruſ⸗ ſen, Franzoſen und Polen rannten, vom Schrecke gleich ſtark ergriffen, wie Wahnſinnige gegen und durcheinander; die Trommeln raſſelten, die Feuerhoͤrner heulten und die Kanonen riefen den Huͤlfeleiſtenden zu: Rettet! Doch dieſer Palaſt nicht allein, ſondern auch ſeine Nachbarn, ſtun— den jetzt in Rauch und Glut. Aus vielen, vie⸗ len andern ſtiegen bald, immer weiter und wei⸗ ter um ſich freſſend, ſchwarze Rauchſaͤulen im Geheul der Flammen auf und die ganze Stadt 161 ſchien ein wogendes Feuermeer zu ſeyn. Nur wenige Kranke dieſes Hospitals wurden gerettet, da bald die Gewehrkammer, in welcher ſich noch viele Patronen befanden, ergriffen wurde, und mit praſſelndem Getoͤſe der obere Stock des Hau⸗ ſes durch die Gewalt des entzuͤndeten Pulvers in die Luft ging. An Julius Seite mußte ſein Schutzgeiſt gehn; denn er ſah ſich mitten unter den Gefahren des Todes gerettet, den jungen ruſſiſchen Officier an ſeiner Seite. Ein feuerfe⸗ ſter Palaſt, wohin ihn jener fuͤhrte, nahm ſie auf, und dieſer blieb, da ihn feſte Waͤlle und Waſſergraͤben ſchuͤtzten, von den Graͤueln der Pluͤnderung und der Glut geſchuͤtzt. Napoleon verließ nun ſelbſt, von dieſem gräͤßlichen Schau⸗ ſpiele erſchuͤttert, den Kremel und lebte jetzt in Sorgen und Gram zu Petrowsko, einem Luſt⸗ ſchloſſe, eine Stunde von Moskau. Nun er⸗ mannten ſich die Ruſſen, und furchtbar wuͤthete das Racheſchwert derſelben, mitten unter den rau⸗ chenden Truͤmmern von faſt 7000 Haͤuſern und Huͤtten, unter den Franzoſen. Ob die Urſache dieſes Brandes die Ruſſen ſelbſt waren, iſt viel⸗ leicht noch unentſchieden; doch iſt es allgemeine Behauptung. Unſern Julius erreichte da8 Schwert der Rache nicht; denn der Palaſt, wo er ſich barg,. gehoͤrte dem Fuͤrſten Alexius, dem Vater des von ihm geretteten jungen ruſſſchen Officiers. 162 Der alte Alerius war ein Mann von fuͤrſtlicher Wuͤrde, voller Hoheit und alter patriarchaliſcher Sitte.„Sie(ſagte er zu ſeinem Gaſte) waren Menſch, wo viele Ihres Heeres wie wilde Thiere wuͤtheten; Sie leiſteten dem verwundeten Feinde Huͤlfe, und dieß wird unvergeſſen ſeyn. Die Macht Ihres uͤbermuͤthigen Kaiſers iſt gebrochen, Ruß⸗ lands Schutzgeiſt hat geſtegt, und ſeine weiten Ebenen werden ein weites Grab ſeiner Feinde ſeyn. Er hatte nur zu wahr geſprochen.— Die Franzoſen verließen endlich alle Moskau nach ohngefähr 5 Wochen, mit einem Verluſte von faſt 50,000 Mann und traten jetzt, ohngefaͤhr 120,000 Mann ſtark, den Ruͤckmarſch an, um bald allen Schreckniſſen des ſtrengſten Winters und einer faſt unerhoͤrten Kaͤlte in Qual und Schmerz zu unterliegen. Soldaten, Officiere und Aerzte theilten hier ein gleiches Schickſal, und den armen Kranken und Verwundeten war es ein Gluͤck, wenn der Schmerzensſieger, der Tod, ihnen bald als ein guter Genius erſchien.—— Als des jungen Fuͤrſten Alexius Wunden ge⸗ heilt waren, folgte er der nachſetzenden ruſſiſchen Armee, und Julius, der bei dieſer Gelegenheit vielleicht auch ſeinen Landsleuten manches Leiden zu lindern vermeinte, und in dieſer Abſicht ruſſi⸗ ſchen Dienſt nahm, war ſein Begleiter. Welch ein Anblick eroͤffnete ſich ihnen, wie ſchlug ihr Herz vor Entſetzen und Mitleid, als 5—— 163 ſie jetzt die große Heerſtraße nach Polen zu betraten, und je weiter ſie kamen, deſto mehr und mehr keichen erblickten, deren entſtellte Ge⸗ ſichter den furchtbaren ſchmerzensvollen Todes⸗ kampf verriethen; denn nicht Schwert und Froſt allein hatten unter den franzoͤſiſchen Heeren ge⸗ wuͤthet, auch der Zaͤhne⸗bloͤckende Hunger hatte ſeine ſchreckliche Erndte gehalten, und was er uͤbrig ließ, das fraß Krankheit und Verſtuͤmme⸗ lung. Hier lagen, um Aaſe gefallener Pferde, Franzoſen, die, an dieſem ungeſunden Fleiſche ſich naͤhren wollend, ein Raub des verzehrenden To⸗ des wurden; dort waren ganze Trupps unter den Lanzen der Coſaken gefallen; hier deckten die Er⸗ frornen, dort verhungerte Verwundete den beſudel⸗ ten Schnee, und dort endlich, am Ufer der Be⸗ rezina, hatten ruſſiſche Kartaͤtſchen, hatte Hun⸗ ger und Kaͤlte hohe Leichenhaufen in langen grauen⸗ vollen Reihen ſchreckenvoll aufgethuͤrmt. Weit mehrere noch lagen in dem Strome begraben. Nur mit Noth war Frankreichs Kaiſer dem trau⸗ rigen Schickſale der Vernichtung des Kernes ſei⸗ nes Heeres fuͤr ſeine Perſon entgangen. Mit den Franzoſen waren auch viele, ſehr viele Sachſen die Opfer dieſes entſetzlichen Zuges geworden. Endlich kam Alexius mit ſeinem Freunde, nach tauſend Gefahren, ins Land der Polen, welches die Ruſſen bereits ganz erobert hatten. Eines Abends naheten ſie ſich nach beſihwerlichen 8 83 164 Marſche einem ſchoͤnen Schloſſe. Fackeln leuchte⸗ ten ihnen entgegen, die Glocken der Kirche toͤn⸗ ten. Trauer, Trauer toͤnte das ernſte Grabe⸗ lied, und ein großer Leichenzug wallte dem Got⸗ tesacker zu. Ihrer Sterblichkeit ſich erinnernd, treten Julius und Alexius jetzt in das Gottes⸗ haus ein, ſtellen ſich hinter einen Pfeiler am Altare und erwarten nun den Zug. Er kommt; der Sarg wird niedergeſtellt, das Requiem er⸗ toͤnt. Jetzt erſcheinen zwei Damen in tiefer Trauer, knieen am Sarge nieder, der jetzt eröͤff⸗ net wird. Die Damen entſchleiern ſich, und wer beſchreibt Julius Gefuͤhle, als er in der keiche Olimpiens Gemahl, und in einer der trau⸗ ernden weinenden Frauen Olimpien ſelbſt er⸗ kennt?— Als das Leichenbegaͤngniß geendet war, mel⸗ den ſich bei Olimpien die neuen Gaͤſte.„Sie kommen, wie von Gott geſandt! ſprach die junge verwittwete Graͤfin zu Julius, den ſie augen⸗ blicklich erkannte. Ich folgte in dieſe Einſamkeit unſers Stammguths meinem Gemahl, der ſich im letzten Jahre ſeines Lebens ganz von der di⸗ plomatiſchen Laufbahn zuruͤckzog. Seiner Schwe⸗ ſter Tochter, die junge Graͤfin Comignecka, die ich Ihnen hiermit vorſtelle, und ſie ſtellte ihnen ein wunderſchoͤnes, zartes Fraͤulein vor, war der Engel unſrer Einſamkeit. Mein Gemahl hatte die Idee, in dieſem Schloſſe eine Freiſtatt 165 fuͤr Ungluͤckliche zu eroͤffnen, und die Groß⸗ muth der Ruſſen hatte es erlaubt, daß ſelbſt verwundete franzoͤſiſche, polniſche und ſa⅛ͤchſiſche Officiere, welche letztere zu dem Oudinotſchen Ar⸗ mee⸗Corps gehoͤrten, hier Huͤlfe und Rettung finden konnten. Auch viele Ruſſen wurden aufgenom⸗ men, und mit Gottes Huͤlfe und der Fuͤrſorge eines edlen Arztes, geheilt. Mein Gemahl war ſelbſt Vorſteher dieſes Hospitals, wir ſeine Krankenpflegerinnen. Auch er unterlag der anſteckenden Kriegs⸗Peſt, ihr unterlag der Arzt des Hospitals, und wir, die unſer Genius wunderbar beſchuͤtzte, ſtehn jetzt allein und ver⸗ laſſen da. Seyn Sie uns Arzt! ſprach ſie zu Julius, ihn mit ſeelenvollem Blick ermunternd, der Himmel wird Ihnen lohnen.“ Juliuns hatte in Olimpien bereits das ſchoͤnſte Weib, die edelſte Wohlthaͤterin erkannt; jetzt ſahe, jetzt verehrte er in ihr eine Heilige, und umfaßte ſie mit jener diebe, welche höher als die irdiſche iſt. Um ſo unbefangener konnte er ihre Wuͤnſche erfüͤllen, als Alexius wieder aufbrechende Wunden Ruhe geboten und dieſer, noch als Freiwilliger, an kein ruſſiſches Armeecorps ge⸗ bunden war. Sie blieben alſo hier, und bald band die Sehnſucht einer reinen Liebe die Herzen Alexius und der ſchoͤnen jungen Graͤfin Aurora Comignecka, der holden, geiſtreichen Nichte Olimpiens.. 166 Moͤgen ſie hier verweilen; doch unſer Blick folge jetzt von neuem den ſaͤchſiſchen Hozpitſlern. Ihre angeſtellten Aerzte, Wundaͤrzte, Apo⸗ theker und Oeconomen hatten uͤberall, und na⸗ mentlich in den uͤberfuͤllten Hospitaͤlern zu War⸗ ſchau, welche unter Oberdirection des Herrn Staabs⸗Medicus, D. Neumann, und den Oireetionen der ſpaͤter angekommenen Herren Staabs⸗Wundaͤrzte, Gerſtaͤcker, Siegis⸗ mund und Krebs ſtunden, unter Noth und Tod, in allen Gefahren der Kriegs⸗Peſt, des Scorbuts, der Ruhr, der Oyſſenterie und aller verheerenden Feld⸗Krankheiten ruͤſtig und muthvoll wi⸗ derſtanden. Viele unter ihnen hatten, nebſt einigen Feld⸗ predigern, bereits das Land des Friedens er⸗ reicht, und viele, viele Unterwundaͤrzte lagen noch im Kampfe des Todes auf dem Schmerzens⸗ bette, oder vekrichteten, als angehende Gene⸗ ſende, den ſchweren, Tag und Nacht nicht Raſt noch Ruh gebenden, Krankendienſt, wobei die Hos⸗ pitalkoſt des Soldaten ihre Labung war, als nach dem Brande der Pragaer Caſernen die Siegenden Rauſſen, am ſiebenten Februar 1813, Warſchau in Beſitz nahmen, und hiermit an 1600 ſächſiſche, 167 groͤßtentheils ſchwere Kranke, mit ihren Aerzten ꝛc. in ihre Haͤnde bekamen. Im Ganzen genom⸗ men wurden ſowohl die Kranken, als auch ihre Wundaͤrzte, menſchenfreundlich behandelt; auch fanden letztere unter den Warſchauer Buͤrgern theilnehmende Freunde und Wohlthaͤter. Späͤter⸗ hin wurden ſie zum ruſſiſchen Dienſte beordert. Ein Theil der Sachſen kaͤmpfte noch bei Kaliſch mit hoͤchſter Tapferkeit, einen ungluͤcklichen Kampf* und mehrere hier von Schleſien abgeſchnittene ein⸗ zelne Truppen, als fruͤher evacuirte Hospitaͤler, zogen jetzt mit einem Theile ihres Perſonals uͤber Petrikau oder Rodom nach Cracau. MNach der Abreiſe des dirigirenden erſten Staabsarztes, des Ritters D. Schön, welcher fuͤr alle in Petrikau und ſonſt liegende Kranke (worunter mehrere hart und toͤdtlich darnieder lie⸗ gende Wundarzte ſich befanden) bruͤderlich, ſa vaterlich ſorgte, bot das dortige kleine Hospital, da faſt alle ſeine Wundärzte und Krankenwaͤrter ſelbſt nach und nach toͤdtlich darnieder lagen, eine Reihe von Jammerſcenen dar. Der einreißende 4 *) In dieſem Kampfe ſprengte der Feldwebel und jeßige Lieutenant und Ritter Vollborn mit acht Schuͤtzen aus dem beſchoſſenen Quarrée heraus, um dem Feinde eine bereits eroberte ſaͤchſ. Kanv⸗ ne zu entreißen. Die ſaͤchſ. Compagnie⸗Chirurgen theilten in dieſem Kampfe mit Muth und Jur⸗ dauer jede Gefahr der tapfern Soldaten⸗ 168 Mangel des Holzes, die von Kranken aller Art überfuͤllten kleinen Stuben, die hin und wieder ausbrechenden Ruhr⸗ und Diarrhoͤ⸗Zufälle, das Jammern und Wimmern derer, die an erfrornen, in Brand uͤbergehenden Gliedmaßen litten und ihre Klagen in das Roͤcheln der Sterbenden miſch⸗ ten, moͤgen nur eine unvollkommene Skizze zu einem Bilde ſein, welches Erzaͤhler, um das Gemuͤth gefüͤhlvoller Leſer und Leſerinnen nicht mit Schaudern und Abſcheu zu erfuͤllen, nicht aus⸗ zumahlen wagt. Als Lichtſeite ſey die treue Fuͤr⸗ ſorge des Oberwundarztes Sahlfelder und Compagnie⸗Chirurgus Hennig, ſey endlich die liebenswürdige Freundſchaft mehrerer Petrikauer Buͤrger erwäͤhnt, unter denen der dortige Apo⸗ theker und der Baͤckermeiſter Schollmeyer(der wackere Mann iſt ein Thuͤringer und ein Bruder des ſehr geachteten Philologen und Päͤdagogen, Rectors D, Schollmeyer in Muͤhlhauſen) of⸗ fentlich dankbar genannt ſey. Freiwillig nahm er die ſchwerſten Kranken in ſein Haus, mit Speiſe und Trank ſte unentgeldlich labend und verpfle⸗ gend. Gott lohn' es ihm! Von Petrikau aus marſchirte dieſe Hos⸗ pital ohne die Aufſicht eines Oberarztes, und nur von Oberkrankenwäͤrtern und einigen Unterwund⸗ arzten gefuͤhrt, in noch ſtrenger Winterkaͤlte, auf den fuͤrchterlichſten Wegen nach Crakau zu. Der Schleier falle uͤber manche zu beweiſende Ereig⸗ 169 niſſe der Vergeſſenheit kameradſchaftlicher Freund⸗ ſchaft und partheilicher Eigenſucht; dagegen aber nenne dieſe Erzaͤhlung die hochherzigſte Unterſtuͤz⸗ zung der polniſchen Edelleute und katholiſchen Prieſter, und ſelbſt die oft unerwartet liebreiche Aufnahme in den Häaͤuſern der fruͤher oft ver⸗ kannten wohlhabendern polniſchen Juden. Endlich, nachdem mehrere Opfer, unter denen zwei eben ſo rechtliche als herzlich gute und flei⸗ ßige Wundaͤrzte, Hahn aus Budiſſin, und Rothe aus Frauenſtein, hier erwaͤhnt ſeyn moͤgen, unter den ſchmerzlichſten keiden er⸗ frorner Gliedmaſſen gefallen waren, kamen die Kranken in der herrlichen Kroͤnungsſtadt des alten Sarmatiens, in Crakau, an. Die liebreichſte Aufnahme, die freundſchaft⸗ lich-biederſte Unterſtuͤtzung, die treueſte Pflege und aͤrztliche Behandlung in dem dortigen pol⸗ niſchen Feldhaupthospitale, welches der Köͤnigl. poln. General⸗Arzt, Ritter von Stummer. befehligte, wird ihnen, ſo wie der edelſte Biederſinn der dortigen Bewohner und die Bemuͤhungen des Staabswundarztes, D. Hahn⸗ hardt, eines edlen und menſchenfreundlichen Arztes, unvergeßlich bleiben. Die kranken Chi⸗ rurgen erhielten alle in den Officierſtatio⸗ nen Verpflegung und Behandlung, welches Gluͤck ihnen ſelbſt in den ſächſiſchen Hospitälern nicht zu Theil ward; und dieſer Behandlung, dieſer 170 arztlichen treuen Fuͤrſorge und Verpflegung ver⸗ dankten ſie Geneſung und dLeben. Den ed⸗ len Wohlthaͤtern Heil und Dank!! Die Recon⸗ valescenten und Geſunden cantonirten auf den nahen ganz armen Doͤrfern, bis ſie duech Boͤhmen in traurigen Maͤrſchen zuruͤck gingen. Jetzt zuruͤck zu unſerm Julius. Sein Wirken war geſegnet und ſeine Kenntniſſe in der lateiniſchen und wendiſchen Sprache, welche letztere mit allen ſlaviſchen verwandt iſt, erleich⸗ terte ſeinen Dienſt ungemein, und allmaͤhlig wurde das Spital durch Geneſung ſeiner Kranken aufpeliſ Der Fruͤhling des Jahres Eintauſend Achthundert und Dreizehn war gekommen und Blumen bluͤhten nun auf Schlachtfeldern und Graͤbern, und zum ſchoͤnſten Sitz der Ruhe und des Friedens verwandelte ſich Olimpiens Ritterſitz, den ein Eichenhain umgab und um welchen ſchlanke Birken, die Zierde der nöordiſchen Lande, ihren Silberguͤrtel zogen. Sie erhielt jetzt Briefe aus Deutſchland und verkuͤndete ihren Freunden, daß große, in der Weltgeſchichte uͤber das Schickſal aller Voͤl⸗ ker Europens, auf ſpaͤte Jahrhunderte entſcheidende Weltereigniſſe geſchehen wuͤrden. Preußen, dieſer Staat, der ſeit Friedrichs des Großen Zeiten durch ſeine moraliſche und intellectuelle 3 2 8 1 171 Kraft, durch ſeinen Volksgeiſt und die treue Liebe zu ſeinem Herrſcherhauſe zu den geachtetſten, ge⸗ bildetſten und maͤchtigſten Europa's gehoͤrte, hatte ſich, ſo war's der Wille des geſammten Volks, ſo der Wille ſeines Koͤnigs, nach umſichtiger Vorbe⸗ reitung gegen Frankreich und ſeinen Machtha⸗ ber feierlichſt erklaͤrt. Erhoben hatte ſich das Volk der Brennen in Begeiſterung und Kraft, hatte aus der Bluͤthe aller ſeiner Männer und Juͤnglinge eine ehrene Mauer der Kraft und der Beſtaͤndigkeit um ſeinen Thron geſchloſſen. Alle körperlichen und geiſtigen Kraͤfte der Nation hat⸗ ten ſich wundervoll, furchtbar ſchnell entwickelt, und damit dem Heldenvolke das Heldenlied nicht fehle, ſo ſang es im Waffengeſchmeide Tyrtaeus Koͤrner.— dluch Frankreichs Machthaber war in ſein Reich zuruͤck gekehrt⸗ auch ihm brachte ſein Volk neue Legionen als Opfer, die er in der ungluͤckſe⸗ ligſten Zuverſicht des fruͤheren Feldherrn⸗Gluͤcks zum Tode fuͤhrte. Dieſe Nachrichten kamen nach Polen und erſchuͤtterten die Nation, waͤhrend Rußlands Kriegsgluͤck und Hoffnung in neuer Be⸗ geiſterung wuchs.“) — *) Geſchichtl. Anmerk. Am 5, Maͤrz 1813 hatten die Ruſſen Berlin, am 28 deſſelben Mo⸗ nats Neuſtadt⸗Dresden, und bald darauf Alt⸗ — 172 Diieß war die eine Nachricht, die die Graͤfin ihren vertrauten Gaͤſten brachte. Als ſie aber einen zweiten Brief erbrach, uͤberzog Blaͤſſe der tiefſten Seelenverwundung ihr ſchoͤnes Angeſicht, und, zu Julius ſich wendend, ſprach ſie: Freund, Sie ertrugen bis jetzt die wechſelnden Launen des untreuen Schickſals; Sie eertrugen die Qualen der Gefangenſchaft und der Todesangſt in dem Kerker des rachſüchtigen Spa⸗ niens, ſtunden als Mann in den Gefahren der Schlachten und der Hospitaͤler, waren ſtandhaft und ſelbſtſtändig. Setzen Sie jetzt der Selbſt⸗ uͤberwindung, jener Tugend, die da mehr iſt, als Heldenmuth, welche zum Märtyrerthum er⸗ hebt, die Krone auf. Wiſſen Sie, Fanisca, das edle Maͤdchen, das ſtie mit ſchwaͤrmeriſcher diebe liebt, ſie iſt——— iſt todt? ſeufzte Julius, und ein Strom heißer Thraͤnen entrollte ſeinen Augen. „Hielt Sie fuͤr todt, antwortete die Graͤfin in der Schoͤnheit des verklaͤrenden, ſchmerzvollen Mitgefühls, betrauerte den geliebten Todten, von deſſen Hintritt in Spanien ihr der Todtenſchein Dresden beſetzt, das jetzt in dem Ruin ſeiner ſchoͤ⸗ nen Bruͤcke ein trauriges Andenken an die Fran⸗ zoſen hatte. Den 31. Maͤrz 1813 kamen die Ruſ⸗ ſen nach Leipzia, und ſchon am 24. April kam der ruſſiſche Kaiſer nach Dresden, welche Stadt bereits mit Hospitaͤlern angefuͤllt war. 173 eine nicht mehr zu bezweifelnde Gewißheit gab; ſie wollte des kranken Vaters Beiſtand und Pflege⸗ rin werden, ihm des Alters frohe Ruhe ſichern und— wurde das Weib eines Andern, ſiel ihr Julius in die Rede. Ja! faſſen Sie ſich, antwortete die Gräͤfin, Fanisca wurde die Gattin eines ehren⸗ werthen, gluͤcklichen und reichen Mannes, und(ſie wandte ſich zu Julius) Ihre Pflicht iſt es, den Schmerz zu uͤberwinden und Fanisca's Herzens⸗ frieden nie zu ſtoͤren. Auch ich kaͤmpfte, fuhr ſie fort, Sie wiſſen es, Sie belauſchten des Weibes erſte ſchwache Stunde, ſchwer, ſehr ſchwer ward mir der Kampf, geſtanden ſey es. Als ich am waͤrmſten fuͤr Sie bei Fanisca ſprach, ſchlug fuͤr Sie mein Herz in heißer Leidenſchaft. Wir uͤber⸗ wanden, neue Kaͤmpfe ſtunden bevor, ihres Freun⸗ des, des Grafen Joſeph, treue, ſchwaͤrmeriſche Liebe nahete, mein Herz wankte zwiſchen Pflicht und Liebe und es hat geſiegt. Auch Graf Joſeph erhob ſich, er bekaͤmpfte ſich ſelbſt, wurde Wohl⸗ thaͤter ſeiner Unterthanen, der reiche Spender ſo vieles Guten, und da ſeine Thatkraft Beſchaͤfti⸗ gung erheiſchte und die deidenſchaft zu mir von neuem ſein Herz bewaͤltigen wollte, ſuchte er in That und Kraft ſeinen Schutz und fand ihn; er lebt jetzt als oͤſterreichiſcher Geſandtſchafts⸗Ca⸗ valier an dem Hofe der hohen Pforte in dem er⸗ habnen Conſtantinopel. Suchen auch Sie, mein Freund, des Schmerzes Linderung in neuer 174 Thaͤtigkeit. Der beginnende Krieg wird viele Tauſende dem Siech⸗ und Schmerzensbette entge⸗ gen fuͤhren, jetzt iſt es Zeit, wo auch Deutſch⸗ land ſeiner Feld⸗Aerzte Werth erkennen und endlich ihrem Stande die laͤngſt verdiente Ehre zu erweiſen lernen wird. Gehn auch Sie wieder Ihran ernſten Berufe entgegen? Jal! ich gelobe es! rief Julius. Auf dann, zum ruͤſtigen Wan⸗ deln und Wirken! Sein fuͤrſtlicher Freund, der Kneiſen Sohn, Alexius, fuͤhlte daſſelbe Beduͤrf⸗ niß, und beſchloſſen war's, ſchnell des naͤchſten Tags zu jenem Lande zu wandeln, wo auf bluti⸗ gem Gefilde neuer Thaten Lorbeer ſproß.—— Sie verließen das Palais der Graͤfin mit wechſelnden Gefuͤhlen; denn den bittern Schmerz einer untergegangenen Hoffnung trug Julius; die Seligkeit der Zuverſicht der erſten treuen Liebe zu Aurora, der Neuverlobten, Fuͤrſt Ale⸗ xius, in ſeinem Herzen. Der Marſch von hier aus nach Warſchau lehrte Julius die furchtbare Macht einer Volksbewaffnung kennen. Ueberall begeg⸗ neten ihnen, außer den Legionen der regulaͤren Truppen, bewaffnete ruſſiſche Bauern, die die friedliche Senſe und Futterſchneide, zu dieſem Ge⸗ brauche vorgerichtet, auf langen Piken als graͤßli⸗ che Waffen trugen, und Aexte und breite Schlacht⸗ meſſer zum Tode ihrer Feinde bei ſich fuͤhrten. Dort zogen Baſchkiren mit ihren Pfeilen und Bo⸗ +—-—„—S„„„„8..6ͤ“ — ☛& u 175 gen, und gelbe Tartarhorden mit dem krummen Sichelſchwerte. Welch eine ungeheure Macht ver⸗ einte Rußlands Rieſenreich, welche Voͤlker⸗ vernichtende Gewitterſtuͤrme kuͤndeten dieſe Ruͤ⸗ ſtungen und Heereszuͤge? So ſprach Julius zu ſich ſelbſt, als er uͤber das vom Feuer verwuͤſtete Praga, jetzt zu dem großen Krankenhauſe War⸗ ſchau an der Seite ſeines fürſtlichen Freundes einzog. Sdiee erhielten ihr Quartier im Luwomirski- ſchen Palaſte.„Dort wird es uns wohlgehen! rief Allexius ſeinem Freunde zu, denn er kannte die Erlauchte Familie in dem glaͤnzendſten Reich⸗ thum ihres fuͤrſtlichen Majoratsherrn. Sie tre⸗ ten ein. Ruhig iſt das Haus, doch oͤde, todt die Fuͤrſtin⸗Mutter, in Wien der Fuͤrſt, und waͤh⸗ rend der Caſtellan des Schloſſes ihnen ihre glaͤn⸗ zenden Zimmer anweiſt, zeigt er ein freundliches Cabinet.„Hier, ſagte der alte Mann, hier weilte noch vor wenig Monden das ſchoͤnſte, tugendreichſte Fraͤulein Warſchau's, die fromme und milde F a- nisca Laszananska, der hochſeligen Frau Fuͤr⸗ ſtin Begleiterin auf Reiſen, ihre Freundin, ihre treue cPflegerin in der Krankheit, und ihre Truͤſte⸗ rin auf dem Sterbebette.“—— Hier weilte Fanisca? rief Julius, und warf ſich in Gefuͤhl des innigſten Schmerzes und der ſchwaͤrmeriſchen Liebe auf den Seſſel nieder— hier weilte ſie! rief er und Thraͤnen entſtuͤrzten 176 ſeinen Augen. Ja! hier, ſprach der Caſtellan, beweinte ſie die Fuͤrſtin, ihre Wohlthaͤterin, hier mit heißern Thraͤnen den Geliebten, einen jun⸗ gen Arzt im franzoͤſiſchen Dienſt, den die Liebe adelte und das Verdienſt erhob!„Moͤchte ich hier ſterben, ſchluchzte Julius, vom Schmerze uͤber⸗ mannt, und folgte mit ſchwankenden Schritten dem Caſtellan, der jetzt das Zimmer verließ, und ſeinen Gaſt mit Staunen betrachtete. Ja, lieber Alter! mein Schmerz ſey dir nicht befremdend, ich bin es, den ſie fuͤr todt hielt, den ſie be⸗ weinte.— Nun gebe Ihnen Ihr heiliger Schutz⸗ patron noch heut die Kraft, an einem Ster⸗ bebette zu verweilen!— meinte der Caſtellan, und erzaͤhlte, wie Fanisca's Vater, jetzt Diviſtons⸗ General, Baron Laszananski, dermalen in War⸗ ſchau ſich befinde, und im großen Militär⸗ Hospital auf dem Krankenbette hart, und wie die Aerzte meinten, toͤdtlich darnieder laͤge, gepflegt von ſeiner Schwiegertochter. Unverweilt, und ohne ſeiner eignen Pflege zu gedenken, geht Julius ins polniſche Militär⸗Hospital. Schon das Aeußere dieſes praͤchtigen palaſtarti⸗ gen Gebaͤudes erweckt eine gute Meinung fuͤr ſeine innere Einrichtung, die ſich auch beſtaͤtigt. Beim Eintritt in daſſelbe begegnen unſerm Freunde die Aides- majors und Pharmaciens, mit ihren Cahiers, welche in dem franzoͤſiſchen Medizi⸗ naldienſte, wie in dem polniſchen, ſtatt der Ordi⸗ 177 nations⸗ und Diaͤten⸗Bogen eingeführt ſind, und allerdings eine ſchnelle und richtige Ueberſicht ge⸗ waͤhren. Die Sous-Aides,(Unteraͤrzte) folgen die⸗ ſen mit den Appareils und Verbandſtuͤcken, und der Medicin en chef geht, von einigen Chirur- giens majors(Staabs⸗Wundärzten) begleitet, Arm in Arm, in ernſter Berathung mit dem Inten⸗ dant, von der Viſite und Ordination zuruͤckkom⸗ mend, in den Conferenz⸗Saal. Hier macht ihnen Julius ſeine Reverenz. Zuvorkommend freund⸗ ſchaftlich iſt ſeine Aufnahme, und als der Medi- cin en chef ſeine Verhaͤltniſſe zu Baron Lasza- nanski erfuhr, fuͤhrte er ihn ſelbſt in die erſte Etage, durch mehrere wohlgeordnete, heitre, hoch⸗ gewoͤlbt und muſterhaft reinliche Krankenſäle, in denen Bett an Bett ſtund, und wo die uͤber je⸗ dem Krankenbette aufgehaͤngten ſchwarzen Tafeln, des Kranken Namen, Regiment, Stand, Krankheit, Tag der Aufnahme in's Hospital, Or⸗ dination und Diaͤt ꝛc. enthielten. Dieſe Krankenta⸗ feln mußten von den Unteraͤrzten in Ordnung er⸗ halten werden, die Krankheitsbeobachtungen und die oͤconomiſche Controlle lag den Ober⸗Arzten ob, die bei jeder Viſite verordneten Aerzneimittel aber ſchrieb ein, bei jeder Viſite gegenwärtiger Apo⸗ theker⸗Gehuͤlfe auf. Den Krankenwär⸗ tern lag die Pflege der Kranken, und vorzuͤglich die Reinlichkeit der Krankenſtuben, ob. In ihrem Dienſte herrſchte die ſtrengſte Subor⸗ 12 478 dination, Praͤciſton und Exactituͤde, welche vor⸗ zuͤglichſt bei der Austheilung der Speiſen bemerk⸗ bar war. Die Medicamentenvertheilung geſchah, durch Unteraͤrzte und Pharmaciens.„Dieß ſind die Stationen fuͤr die Herren Officiere, und alle unſere Geſundheitsbeamten, meinte der Dirigent Ach, ſie reichen jetzt nicht mehr zu. Hunderte von ihnen, wovon ein großer Theil wegen den verhee⸗ renden Folgen des Froſtes, an ſeinen Gliedmaa⸗ ßen operirt wurde, liegen, die Noth gebeut es, vereinzelt in den Buͤrgerhäuſern, doch ich will Ih⸗ nen unſre Sorgen nicht detailliren, ich ſage Ih⸗ nen nur, daß die Ruſſen uns mit edler Humani⸗ zat behandeln.— Die Zeit draͤngt, ich eile, Ih⸗ nen Ihren vaͤterlichen Freund, den ich laͤngſt als den meinigen verehre, zu zeigen.“— Der dirigirende Arzt öffnete jetzt ein ſehr wohl decorirtes, zur Aufnahme der Officiere des erſten Ranges eingerichtetes Zimmer; und Ju⸗ lius erbebte voll wehmuͤthiger Ruͤhrung, als er auf einer köͤſtlichen Ottomane, unter ſeidenen Decken, den theuern Kranken, ſeinen vaͤter⸗ lichen Freund, und neben ihm Jeannetten, ſeine treue Pflegerin, erblickte. Sey willkommen, mein Sohn! ſprach, ſich aufrichtend, der Kran⸗ ke, ſchon erfuhr ich, daß Du noch lebteſt! Olim⸗ pie gab mir die Nachricht. Du weißt alles, Fa- nisca kaͤmpfte mit dem Schmerze; ſie wußte Dich tode, ſte wollte in meines Alters Tagen mich 179 „ troͤſtend ſchirmen. Sie gab einem edlen Juͤng⸗ linge ihre Hand, deſſen wohlthaͤtige Fuͤrſorge mir des Alters Sorge nahm. Sie lebt mit ihm wohlthaͤtig, gluͤcklich. Oft, ach! nur zu oft erweckt des geliebten Gegenſtandes Wiederſehn die alte Leidenſchaft; Du, mein Sohn, gepruͤft in Stuͤrmen der Welt und des Lebens, uͤberwinde Dich ſelbſt; gelobe mir, ſie nicht wieder aufzuſuchen. Schone ihres Herzens Frieden, und als ein Heiliger wirſt Du glaͤnzen. Dort iſt Vergeltung, dort iſt Wiederſehn, nimm ihn hin, des Vaters Segen, und, die Ah⸗ nung ſagt es mir, auch Du wirſt gluͤcklich ſeyn durch treue Liebe! Schwächer wurde ſeine Stimme, Jeannette legte den Roſenkranz in ſeine Haͤnde, ein Amulet auf ſeine Bruſt. Seine ip⸗ pen ſchienen zu beten— ein ſanfter Schlummer ſenkte ſich auf ihn— ſein Antlitz laͤchelt, und der Todesengel, der oft beim Donner der Schlacht, unter Schwertgeklirr bei ihm voruͤbergerauſcht war, nahete ſich ihm jetzt, als der ſanfte Bote des Friedens, der mit leuchtendem Fittig die Seele zu den Wohnungen der Seligen einfuͤhrt. Am dritten Tage darauf war des Generals Leichenbegaͤngniß. Da er nicht an der Kriegspeſt⸗ ſondern an Altersſchwaͤche verſtarb, ſo wurde es mit allen, ſeinem Range gebuͤhrenden Feierlichkei⸗ 12* 180 ten, begangen.— Voran zog der Clerus im flammenden Fackelzuge; dann folgte der Sarg, mit allen militairiſchen und ritterlichen Ehrenzei⸗ chen, und einem Lorbeerkranze verziert. Als Leid⸗ tragender ging Julius hinter ihm, von den zwei hoͤchſten Officieren gefuͤhrt. Nun folgten die Of⸗ ficiercorps, und dann, in herzerhebender Trau⸗ ermuſik, ein ruſſiſches Regiment und eine Batte⸗ rie. So kamen ſie auf Warſchau's ſchoͤnſtem Friedhofe an. Ein junger Offccier hielt eine Standrede, der Weihbiſchof ſprach den Segen, der Sarg ſank in die ſtille Gruft, Feuer! commandirten die Majors, die Batterie donnerte, und die dreifache Salve des Regiments hallte durch die weiten Grabesreihen. Julius erin⸗ nerte dieſe Scene an der fruͤhen Jugend erſten Schmerz; denn als ſein Vater beerdigt wurde, erſcholl auch dieſem Grabe der Trauerruf des ſoldatiſchen Lebewohls.—— Der verwittweten Obriſtin Laszananska, oder wie wir ſie vorher nannten, Jeannettens, Entſchluß war es, von nun an ſich treuer Kran⸗ kenpflege zu weihen. Alle ihre Bemuͤhungen, Nachricht von ihrem Bruder einzuziehen, waren vergebens geweſen, und ihren Vater, der ihr einſt ſo grauſam entriſſen wurde, hielt ſie laͤngſt fuͤr todt. Bei ſeiner Ankunft im Quartiere ver⸗ kuͤndete unſerm Freunde Alexius, daß er Or⸗ 4 — S=2& 2 — — — 181 dre zur Armee, nebſt einem Schreiben an ihn, erhalten habe. Julius erbrach es, fand ſeine Anſtellung in kaiſerl. ruſſiſchen Dienſt, als dirigirender Arzt eines Hospitals und den Befehl, nach Schleſien ſofort aufzubrechen⸗ Schon der fruͤhſte Morgen des kommenden Tages traf beide auf dem Marſche; bald wurde jedoch ihre Marſchroute gen Poſen zu, unterbrochen, und ſie genoͤthigt, ihren Weg durch das mittaͤ⸗ gige Polen nach Ober⸗ Schleſien zu neh⸗ men. Am vierten Tage nahten ſie der Grenze; doch ſchon fuͤhlte Julius in ſich alle Vorboten eines ihn ergreifenden Fiebers. Noch war ihm die Kraft, dieſes ſeinem fuͤrſt⸗ lichen Freunde zu eroͤffnen, und ihn zu bitten, ſeine naͤhere Beruͤhrung zu vermeiden. Die Krankheit wuchs plöͤtzlich, und ſchon lag er in verworrenen Phantaſten, ſchon ſeiner unbewußt, als ſie die k. preußiſche Grenze, wo noch juͤngſt der ſchwarze und der weiße Adler, die gefluͤgelten Boten der Donnerer, ſich drohend gegenuͤber ſtunden, erreichten. Alexius meldete ſeinen Kranken der dort ſtationirten militairiſchen Behoͤrde. Der Stationsofficier des k. preußiſchen Grenz⸗Staͤdtchens, ein alter braver Invalid, nahm den Kranken mit aller kamerad⸗ ſchaftlichen Freundſchaft auf, und meinte, daß es wohlthaͤtige Schickung Gottes ſey, daß, da Krankheit einmal ſein Loos ſeyn ſollte, ſie ihn 7 182 hier uͤberraſchte. Zwei Stunden von hier, mein⸗ te er, laͤge im herrlichen Bergthale das freund— liche Friedrichsthal, der ſchoͤne Ritterſitz eines edeln reichen Patriciers, der im Dienſte des Vaterlandes vor wenig Wochen ſeinen Tod fand und der jugendlichen Wittwe dieſe ſchoͤne Herrſchaft, mit einem prächtigen Schloſſe, teſta⸗ mentariſch, mit der Bedingniß vererbt haͤtte, hier, ſofort, ſo lange der Krieg dauerte, ein von den Staͤnden errichtetes Provinzial⸗Sp.i⸗ tal⸗Hospital zu verpflegen. Dieſe junge Dame waͤre nun ein wahrer Engel, ſo ſchoͤn, ſo gut, und neben der herrlichſten Pflege, wuͤrde der Kranke auch die beſte ärztliche Behandlung finden, da der Arzt dieſes Staͤdtchens D. B. ein wackerer Hallenſer von altem deutſchen Schrot und Korn, dorthin beordert ſey. Mit thraͤnenden Augen ſagt Fuͤrſt Alexius, dem noch im Schlaf verſunkenen Freunde, den er nun in guten Haͤnden wußte, ſein Lebewohl und ein von der jungen Edel⸗Dame in dieſem Grenzorte ſtets ſtationirter zweckmaͤßigſt eingerichteter Krankenwagen, nahm den Leidenden in ſeine warmen Umhuͤllungen auf, und trug ihn in ſeiner Unbewußtheit in das Aſyl*. der treuſten Pflege.—— Nach der erſten Periode der Bewußtloſigkeit umgaukelten liebliche Traͤume die Seele des Lei⸗ denden; zuruͤckgerufen ſchien er ſich den Freuden 183 und Tagen der Kindheit, kindlichen Sinnes ſchlug ihm ſein Herz. Engel kamen zu ſeinem kager, und Engel fuͤhrten ihn an alle jene Orte, wo er einſt ſo gluͤcklich war, und wo er war und wo er zu ſeyn ſich dachte, da weilte Fanisca verklaͤrt und hold wie des Himmels friedliche Bo⸗ tin. Oft, ſo ſchien es ihm, als ob er in Wirk⸗ lichkeitihre Stimme hoͤrte, und ſie in aller ihrer Huld an ſeinem Schmerzensbette weinte. Er fuͤhlte die heißen Thraͤnen des Mitgefuͤhls; er wollte ſich bewegen; doch die Krankheit feſſelte ihn in ſeiner Ohnmacht. Endlich kehrte die Kraft allmaͤhlig zuruͤck; endlich wurde er ſeiner Sinne mäͤchtiger und nun ſahe er, wie ſchoͤn ſein Lager war. Auf Eyderdunen war er gebettet, koͤſtlich ſeidne Decken umrauſchten ihn; in blau und Gold ergoß ſich uͤber ihm des Bettes ſeidner Him⸗ mel, und das Zimmer, wo es ſtand, ſchien ein Wohnſttz der Grazien. So innigſt hatte ſich die Kunſt der reich⸗ ſten Verzierung mit einer wunderſchoͤnen Ausſicht in die Thaͤler und auf die fernen beeiſten Gebirge ver⸗ eint. Es war ein Gartenzimmer, und, wenn ſich ſeine Thuͤren oͤffneten, ſo ergoß das nah gelegne Gewaͤchs⸗ und Treibehaus alle Wohlgeruͤche des Suͤdens. Seine Krankenpflegerinnen waren ehrbare und holde Frauen, und damit dem Zimmer ſeine Heiligen nicht fehl⸗ ten, ſo glaͤnzten auf der einen Seite die Bilder ver⸗ klarter Heiligen, und auf der andern das Bild der erha⸗ benen liebreichen Preußen⸗Königin Louiſe. . 181 Alles dieſes ſchien unſerm Freunde der Zauber einer Feenwelt, der dadurch noch erhoͤht wurde, daß allemal dann, wenn er ſein Morgengebet ver⸗ richtete, die Melodieen einer Harmonica ihm die himmliſche Gewaͤhrung zuzufluͤſtern ſchienen. Wo bin ich? fragte er einſt ſeinen Arzt. In Freundes Haus! antwortete jener. Sind mehr der Kranken hier? fragte er weiter. Ja, ſie ſind hier, erwiederte der Arzt, und taͤglich kom⸗ men Mehrere, doch der Zuſtand Ihrer anſteckenden Krankheit machte Ihre Trennung von dem allge⸗ meinen Krankenſaal zur Pflicht. So genas Julius uͤber alle Erwartung; und an einem der herrlichſten Morgen des ſchoͤnen Fruͤhlings(des Jahres 1813) gebot ihm der Arzt, das Zimmer zu verlaſſen, und geleitete ihn ſelbſt in den nachbarlichen Garten. Pinien rauſchten, Orangen bluͤhten und gluͤh⸗ ten, und ergoſſen hier ihre duftenden Geruͤche bei Hyazinthen, Lorbeer, Myrthen und Oleander. Zu Lauben woͤlbten ſich die ſchattigten Jinden und in bunten Reihen oder auf den Terraſſen der Blumen⸗ Beete ſtunden Floras duftende Kinder, Crocus, Nar⸗ ciſſus, Hyazinthe, die Maylilie und die zarte Roſe, von blauen Veilchen umbluͤht. Dort wand ſich die reine Welle des raſchen Gebirgebachs durch friſches Wieſengruͤn, und unverhofft ſtund er da, wo b luͤ⸗ hendes Vergißmeinnicht— durch kunſt⸗ volle Hand geordnet, die Buͤchſtaban. 185 I. II. bildete, welche eine Trauercyp reſſe mit neigenden Zweigen umſchattete. Eine darneben aufgeſtellte eherne Tafel ſprach in goldnen Buchſta⸗ ben das Wort des Troſtes: „Wiederſehen!!“ Wiederſehn! rief Julius, ja du biſt das Band, das der Erde zertruͤmmerte Hoffnung mit des Himmels Gluͤck vereint, erſcheine auch einſt mir. Bis dorthin will ich wirken, hoffen, dulden. Mit Thraͤnen im Auge wollte er das trauliche Plaͤtzchen verlaſſen, da blickte er auf, und ſeine Knie wankten, ſein Herz klopfte in ſtaͤrkern Schlaͤ⸗ gen, und ſein Auge flammte einer Erſcheinung entgegen, die mit der freundlichen, ſeelenvollen Milde einer Zauberin vor ihm ſtund. Sollte er ſeinen Sinnen trauen? oder waren es Phanto⸗ me, von zuruͤckkehrender Krankheit erzeugt? Vor ihm, dem Ueberraſchten, ſtund in aller ihrer An⸗ muth, Herrlichkeit und Milde Fanisca von Ehrenheim, die Beſitzerin und Herrin dieſes Elderados, die wohlthaͤtige Pflegerin der hier aufgenommenen Kranken. Ja, ſie war es, ſie, die Huldin, die das Gewand der zwiefachen Trauer um ſo ehrwuͤrdi— ger machte. Im Gefuͤhle der erſten freudigen Ue⸗ berraſchung wollte Julius in ihre Umarmung eilen, doch die ſtille Wuͤrde, die dem tugendhaften Weibe immer die Hoheit einer Göttin giebt, 486 hielt ihn plötzlich zurück, mit Ehrfurcht nur nahte er der hohen Geſtalt und huldigte ihr dankend mit ehrerbietigem Handkuß. „Das Schickſal,“ ſprach Frau von Ehren⸗ heim, das uns trennte, das Ihnen gebot, meine Naͤhe zu fliehen, das von einem hoͤhern Weſen geleitete Schickſal, fuͤhrte Sie wunderbar wider ihr Denken, Hoffen und Wiſſen zu mir zuruͤck! Durch Olimpie, der mir ewig unvergeßlichen Freun⸗ din, die meinen Aufenthalt wußte, Ihnen aber ſelbigen vorſichtig verſchwieg, erfuhr ich, wie der Schmerz meiner Trennung Ihr gefuͤhlvolles Herz bekämpfte; ich erfuhr es ſeit wenig Tagen, daß Sie am Sterbebette meines Vaters mich nie wie⸗ der zu ſehen feierlichſt gelobten. Ich erfuhr es aber auch, als ich an Ihrem Krankenbette weilte, daß ich in Ihren Traͤumen lebte. O! ihr guten Seelen! ihr mußtet Fanisca fuͤr ſchwaͤcher hal⸗ ten, als ſie war. Dir! mein Julius! ſprach ſie jetzt herz⸗ lich, und Thraͤnen perlten in dem ſeelenvollen Auge, war des Maͤdchens treue Schweſterliebe, dem edeln hochherzigen Gatten die unverbruͤchlichſte Treue, die ſeine Liebe mir gebot.“ Nun erſt gewann Julius Worte, und Sieger der Leidenſchaft, die einſt in ſeinem Herzen lebte erzaͤhlte er mit Ruhe, wie ſeine ſelig⸗ ſten Wuͤnſche keimten, wuchſen und in duͤſtre Ne⸗ bel ſich verlohren, und wie er ſich nun nur in — 187 treueſter Erfuͤllung ſeiner Berufspflichten den Ernd⸗ tekranz des Arztes, der in der erfuͤllten Pflicht Bewußtſeyn bluͤht und reift, errin⸗ gen, und, gefſiel es Gott, auf des Arztes Eh⸗ renbette ſterben wollte. So gingen ſie, eins durch das andere beſe⸗ ligt, in reiner paradieſiſcher Unſchuld ins Schloß zuruͤck. Noch glaubte er Fanisca'n vermaͤhlt⸗ und daß die tiefe Trauer nur den Verluſt des Va⸗ ters und Bruders gelte. Niemand hatte es ihm eröͤffnet, daß Fanisca Wittwe ſey.— Taͤglich nahm nun Ju lius an Kraft und Geſundheit zu, bald konnte er auch den Andacht⸗ ſtunden in dem Betſaal des Schloſſes, die ein ehr— wuͤrdiger Pater der barmherzigen Bruͤder hielt, ausdauernd beiwohnen, wo Fanisca oft ſelbſt ir⸗ gend eine herzerhebende Betrachtung des erhabe⸗ nen von Weſſenberg, oder des gemuͤthlichen Eckhartshauſen und Welleba, oder ein Lied von Gellert und Hohlfeld vorlas, und den Geſang mit ihrer Harfe oder mit der Har⸗ monika, die ſie eben ſo ſeelenvoll als meiſter⸗ haft ſpielte, begleitete.——. Er genas nun vollkommen, ſeine Kraft ſtreb⸗ te nach wirkſamerer Thaͤtigkeit und Schillers Worte; „Der Mann muß hinaus in das ſtuͤrmiſche Leben!“ 188 und edle Begeiſterung riefen ihn ins Feld und in ſeinen Wirkungskreis mäͤchtig zuruͤck.—— Wichtige Nachrichten liefen indeß von der bereits in Sachſen ſtehenden alliirten Armee ein. Die Franzoſen ſtunden wieder am Rhei⸗ ne und dort, wo vor tauſend Jahren Carl der Große uͤber den deutſchen Strom ging, als er Chriſtus kehre zu den Voͤlkern trug, dort fuͤhr⸗ te Napoleon*) ſeine Heere uͤber die gruͤnlichen Fluten des Reben umguͤrteten Rheinſtroms der Entſcheidung entgegen, die das unabäͤnderlich despotiſch gebietende Schickſal uͤber ihn und ſeine Voͤlker verhangen hatte. Unnd unſerm Freunde ward's zu eng' im Haus, Konnt's laͤnger nicht ertragen, Der Sehnſucht Schmerz trieb ihn hinaus, Sein Gluͤck ſich zu erjagen, Und unter neuem Kampf und Schmerz Sucht Lind'rung er fuͤr's kranke Herz!— Der Tag ſeiner beſtimmten Abreiſe war ge⸗ kommen, und ſeine Feldequipage im Stande. Die ſchoͤne Staabs⸗Arzts⸗Uniform hatte ſeine wieder⸗ *) Geſchichtliche Anmerkung Bereits am 14. Deebr., 1812 war Napoleon in Dresden und 1 am 18ten in Paris angekommen. Am 13. Deebr. hatten die Ruſſen die preußiſche Grenze uͤberſchrit⸗ ten. Den 25. April 1813 traf der franzoͤſiſche Kaiſer wieder bei Erfurth an den Seinen war, davon ſchweige die Stimme der 1 189 aufbluͤhende Schoͤnheit gehoben, der Ulebergang zu dem Stande der Ehre und des perſoͤnlichen Adels, welchen Rußland ſeinen verdienſtvollen Geſchaͤfts⸗ maͤnnern und Aerzten zuerkennt, und die Bahn der Ehre, auf welcher er wandelte, und die die blitzenden Sterne auf ſeiner Bruſt verkuͤndeten, hatte ſeinen Standpunkt Fanisca:s Verhaͤltniſſen naͤher gebracht. Jetzt eilte er, der ſchweſterlichen Freundin ſein Lebewohl zu ſagen, und dann auf ewig zu ſcheiden, da berief ſie ihn ſelbſt zu der in ihrem Garten befindlichen Kapelle. Julius tritt ein. Einfache Wuͤrde herrſchte auch hier, und ſtimmte das Gemuͤth zu heiliger Ruͤhrung. Ohnfern des Altars ſtund ein noch mit Flor verhangenes Monument. Zu dieſem fuͤhrte ihn Fanisca. Hier, ſagte ſie, erhebe Dein Herz, und weihe Deine Bewunderung dem edelſten der Maͤnner, dem, der Dir unſchuldig Deines Schmerzes Schoͤpfer war; ſie enthuͤllte das Mo⸗ nument, und auf der Marmortafel las er die Worte: „Dem Unvergeßlichen, die treue „Gattin, Fanisca von Ehrenheim, „geborne Laszananska.“ Wie! ruft er, erſchuͤttert und ſtaunend aus, wie? Fanisca's Gemahl? lebt, erwiederte die Weinende, lebt in dem ſichte der Verklaͤrung ſchoͤnerer Welten. Was er dem Staate, was er 190 Gattin. Doch, was er ihr war, dieß kuͤnde dieſer ſein letzter Wille. Sie uͤberreichte ihm eine ge⸗ richtliche Abſchrift davon, und er las, wie das rei⸗ che Vermaͤchtniß des Gatten ſie in die Reihe der wohlhabendſten Frauen verſetzte, da das Teſta⸗ ment mit folgenden Worten ſich ſchloß: „Die wahre diebe will uneigennuͤtzig nur des geliebten Gegenſtandes Gluck. Sollte mich, da ich im freiwilligen Dienſte fuͤr mein Vater⸗ land aus dem Stande des Buͤrgers, in den des Wehrmanns trete, ein fruͤher Tod ereilen; ſo bin ich uͤberzeugt, daß meine bräutliche Gattin mit al⸗ lem Schmerz ihrer Liebe mein Andenken ehren und bewahren wird. Doch dieſer Schmerz hindre nie ihr Gluͤck! Findet ſte ein Weſen, ihrer Liebe wuͤr⸗ dig, ſo begluͤcke ſie den kuͤnftigen Geliebten. Moͤchte er es verdienen, und durch ſeine Verdienſte um mein Vaterland, dieſer Gattin werth ſeyn! Meine Familie iſt ſo alt, als das Kreuz an der Oſtſee, und Danzig und Elbingen zaͤhlten in fruͤhern Jahrhunderten die Ehrenheims zu ihren Patriciern. Durch meinen Vater kamen die Eh⸗ renheims nach Schleſten, mit mir, dem Letzten ihres Stammes, werden ſie vergehn. O, koͤnnte der innigſte meiner Wuͤnſche, den ich vielleicht im Vorgefuͤhl eines nahen Todes thue, erfuͤllt ſeyn. Koͤnnte der, den Fanisca als ihren Gemahl an⸗ erkennt, durch Tu gend und durch Thaten, durch die Huld und Gnade unſers Koͤnigs, ein Ehren⸗ 19 heim werden, und dieſen Namen in Wort und That behaupten!. Von hoͤhern Sphaͤren wuͤrde dann mein Geiſt herabſehn, und wenn es Geiſter vermoͤgen, ſich Sterblichen zu nahen, ich als verklärter Schutz⸗ geiſt, meinen Theuren nahe ſeyn und bleiben fuͤr und fuͤr! Dieß iſt mein Wunſch, und dieß mein letzter Wille, den Wappen und Namens⸗lnter⸗ ſchrift beglaubige! Breslau, im März 1813. (L. S.) Friedrich von Ehrenheim, Lieuten. im freiwilligen Jaͤgercorps, dermalen Intendant der Provinz⸗Spitaͤler. Edler, unbegreiflicher Mann! rief Julius, und ſeine Arme umfaßten den redenden Marmor, und ſeine Thraͤnen netzten den Namen unter der Flamme der Dankbarkeit. Ja, ſagte Fanisca, ich kenne dein Herz, ich kenne deine Wuͤnſche! Gott ließ einen Sterblichen zum Engel ſich erhe⸗ ben, um zwei Menſchen zu begluͤcken.—— Mein Gemahl verließ mich, mußte mich ver⸗ laſſen, von ſeinem Koͤnige zum Heer berufen, und dieß geſchah unmittelbar nach unſrer Einſegnung am Vermaͤhlungs⸗Tage; und ſo wollte er es ſelbſt, nur dann ſollte die bräutliche Myrthe fallen, wenn den Ruͤckkehrenden des Sieges Jor⸗ beer kroͤnte, und das wahre Ehrenkreuz der männ⸗ lich-chriſtlichen Tugend, wenn das eiſerne Kreuz die treue Bruſt zierte. So ging er hin, in Bres⸗ lau erhielt er ſein Patent als Officier, und wurde 192 zum Commandant der Hospitaͤler einſtweilen be⸗ ſtimmit. Herzensguͤte, Menſchenkenntniß, ſein weit ausgabreiteter Credit, ſeine Umſicht im Verpfle⸗ gungs⸗Weſen, ließen ihn auf dieſem Ehrenpoſten viel Gutes wirken. Er gab ſich ſeinem neuen Berufe ganz hin, und ſiel ihm, von der Kriegs⸗ peſt angeſteckt, ein theures Opfer. Heute nun wurde eben ſein Denkmal vollendet, heute ehre die Gattin in dankbaren Thraͤnen ſein Andenken— und heute weihe Fanisca den bruͤderlichen Freund zu des neuern ärztlichen Berufes kraͤftigen Volbbrin⸗ gen ſegnend ein!— Sie winkte, und vom Chor der Capelle toͤnte, von einer Freundin geſpielt, die Harmonika.— Geh! ſprach ſie nun mit feierlicher Wuͤrde, und unwillkuͤhrlich neigte Julius ſeine Knie an den Stufen des Altars, und ſie legte ihre Hand auf ſein Haupt und ſprach: Gehe, ziehe hin mit Gott! er ſey mit Dir auf allen deinen Wegen, gſeh und handle, und dann moͤge Dich, haſt Du be⸗ ſtanden in Noth und Gefahren, der Dank derer, denen Du Retter und Arzt warſt, dann des Selbſtbewußtſeyns goldner Friede, zu dem Altar dieſes Hauſes zuruͤckrufen, dann— und hier druͤckte ſte ſeine Hand an ihre Lippen,— ſich um die ver⸗ dienten Lorbeern der Kranz der Myrthe und der friſchen Roſen winden! Jetzt muͤſſen wir getrennt ſeyn! Gehe, gehe hin mit Gott;— ſo ſchieden ſie. 1 1 193 Du, edler gemuͤthlicher Van der Velde, du, den in dieſen Gegenden die Muſen mit un⸗ verwelklichem Lorbeer kroͤnten, dem ſie ſegnend der begeiſternden, hinreißend⸗erhebenden, Erzaͤhlung Weihe gaben, du vollendeter Zeichner jener Scenen, die nur das Herz empfinden kann, zeichne das Gemaͤlde dieſes Lebewohls! Der Fruͤhling laͤchelte nun in ſeinem ſchoͤnſten Flor, und in den heiterſten Tagen durchzog Julius das Land Schleſien, das man in einzelnen Theilen mit Recht ein Eliſium nennen kann. Seine Ge⸗ birgsgegenden wetteifern hier und da mit denen der Schweiz, und erheben ſich uͤber das herrliche ſaͤchſiſche Hochland. Zuerſt beſuchte Julius Br es⸗ lau. Dieſe alte ehrwuͤrdige Stadt hatte bereits am 15. Maͤrz die vereinten Monarchen Rußlands und Preußens geſehn; hier hatte Friedrich Wilhelm am 17. deſſelben Monats ſein ganzes Volk zu dem heiligen Kampfe fuͤr Ehre und Vaterland, zu dem großen Kreuzzuge ſeines Jahrhunderts berufen, der weſentlich von hier aus begann. Hier genoß Julins in der evangeliſchen Kirche mit mehreren zur Ar⸗ mee abgehenden Wundaͤrzten das Mahl des Bundes; hier beſuchte er die Ruheſtaͤtte des edlen Gemahls ſeiner Fanisca. Es war ein ſchoͤn⸗ ner, ſchon heißer Morgen, als er die ehrwuͤrdige Stadt und ihren Oderſtrom verließ⸗ und nun durch 2 194 lachende Gefilde dem Gebirgslande zueilte. — Wie an ſeiner Seite, wandelte bald der Zob⸗ tenberg, der ſich(wie Luſatiens Landeskrone) iſolirt erhebt, und in weiter Ausſicht die Lände⸗ reien umher bewacht. In weiter Ferne leuchtete der Schnee der Rieſenberge Ruͤbezahls, in der Kette der Sudeten. Ausgegoſſen hatte die Natur ihre reizendſten Schönheiten, dort, wo Fuͤrſtins⸗Stein ſich ſo romantiſch ſchoͤn erhebt, und nun der Weg aus den Thaͤlern des lachenden Fruͤhlings und des beginnenden Sommers in die winterlichen Regionen der Felsgebirge fuͤhrt, wo, ſo kuͤndet die Sage, ſeit Jahrhunderten der launige, durch Frauenliſt getaͤuſchte Berggeiſt, Ruͤ⸗ bezahl genannt, mit ſeinem luftigen Gefolge ein oft furchtbares Spiel treibt. Von hier aus, es war der 4te Tag nach ſeiner Abreiſe von Bres⸗ lau, beſtieg unſer Freund den Rieſenkoͤnig al⸗ ler dieſer Berge, die durch die fruͤhſten Volksſa⸗ gen beruͤhmte Schneekoppe, und fuͤhlte hier, bei den immer kuͤhner und kuͤhner, immer herrli⸗ cher und romatiſcher erſcheinenden Aufſchichtungen der Felſen, die van der Velde mit Hallers und Thomſons Griffel ſo ſchoͤn und erhaben beſchreibt, alle jene Empfindungen herzerhebender Begeiſterung, die das edle, reine Herz in der reinen Luft der Berge, wunderhold durchgluͤht, und ihn uͤber die Sorgen des Erdenlebens freudiger erhebt. Als nun, auf der hoͤchſten Spitze, welche eben b 195 heute ſo heiter und wolkenlos war, ſein Blick durch die weiten Gegenden ſchweifte, und hier ſich ſeinem Auge, die nachbarlichen Berge, dort die von ſchaͤumenden Bergbaͤchen durchrauſchten Thaͤ⸗ ler und Gruͤnde, und bald die Auen, welche der jugendliche Bober lebensluſtig uͤberflutete, und jenſeits ihrer des Hochwalds immer gruͤnender Guͤr⸗ tel in zauberiſcher Schoͤnheit zeigten, da ergriff ihn das Gefuͤhl des Unendlichen, da jene Sehnſucht einer Liebe, die noch jenſeits der Graͤber lebt. Nicht Worte, Thraͤnen ſprachen ſeine Empfindungen aus, und ernſter, ſchmerzvoller wur⸗ den ſie, als nun ſein Auge auf den Staͤdten des Hochlands, die hier, wie auf einem Ge⸗ maͤlde vor ihm ausgegoſſen ſchienen, ruhte, und mit einem Blicke das gewerbſame Hirſchberg und Schmiedeberg, und in blauer daͤmmern⸗ der Ferne dort den weißen Berg bei Böhmens Prag, und naͤher noch ſein ſeitmeritz uͤberblickte. Dieſe Staͤdte, ſagte ihm ſein Herz in ahnungsvol⸗ ler Vorbedeutung, werden bald des Krieges ſchrek⸗ kenvollen Schauplatz ſehn, und ihre wackern Soͤhne bluten, in dem Heroen⸗Kampfe der Entſcheidung. Hoͤrnerruf weckte ihn aus ſeinen Traͤumen, und die ihm noch unbekannte Weiſe eines im Geiſt des Tyrtaͤus gedichteten Koͤrnerſchen Kriegliedes, erhob ſein Herz zum Muth und zur Andacht, und ſiehe! zu den Hoͤhen der Schneekoppe kam Sile⸗ ſia's muntre Jugend, kam ſie, die Kütowſche 196 verwegne Jagd, oder vielmehr ihre, dem Haupt⸗ Corps nachgeſendete Ergaͤnzung, alles Soͤhne der edelſten Familien, die von hier ihren Lieben den letzten Gruß zurufen wollten. Sie ging von hier zum Heere, das, wie er vernahm, bereits den erſten Ehrenkampf auf Luͤtzens'*) fuͤr Deutſchlands Freiheit ſchon zweimal heiligem Gefilde, denn hier fiel durch Moͤrder⸗Hand der fromme Guſtav Adolph⸗ (und ohnfern von hier focht in fruͤhſter Vorzeit, Kaiſer Heinrich I. auf dem Keuſchberge den Kampf gegen die Hunnen), von ſeinem Koͤnige ange⸗ gefuͤhrt, wahrhaft ritterlich beſtanden hatte.— An der Oberlauſitzer Grenze, dort, wo Koͤ⸗ nigshayns wundervoll ſeltſam geformte Fels⸗ gruppen die Ideen eines Zauberlandes erwecken, trennte ſich die muthige Schaar von unſerm Freunde. Er ſelbſt aber erhielt Ordre, in einer der ſchoͤnſten und aͤlteſten Staͤdte der Oberlauſitz, in 3 Garlicnu, zu verweilen und hier die Kranken des belebteſten Etapen⸗Ortes, die von Tag zu Tage wuchſen, zu beſorgen. Er that es, und Goͤrlitz bot ihm durch ſeine von Natur und Kunſt majeſtaͤtiſche Petri⸗Kirche, und ihre treffliche, koloſſaliche *) Die Schlacht bei Lutzen, auch bei Großaöͤrſchen genannt, war den 2. May 1813; der Verluſt der Franzoſen gegen 20,000 Mann. Faſt alle Staͤdte Thuͤringens und des Leipziger Kreiſes wurden nun allmaͤhlig mit Verwundeten und Kranken uͤberfuͤllt. 4 — * 197 Orgel, nach des Tages Muͤhen tauſend Schöͤnhei⸗ ten und des Sonntags heilige Genuͤſſe der An⸗ dacht dar. Entfeſſelt war die Furie des Kriege, und jeder ihrer donnernden Schritte, den ſie verhee⸗ rend uͤber die blutigen Schlachtfelder ſetzre, trug Verderben und Krankheiten in die zitteenden Staͤdte. 1* Die Namen Luͤtzen, Halle und Waldheim hatten bald die Ehre, in der Geſchichte des Krieges beruͤhmt zu ſeyn, theuer erkauft, und fuͤllten ſich mit Verwundeten und Kranken an. Schon am 8. May war Napoleon wieder Herr der Elbe, Dresden den 10. Mai ge⸗ raͤumt, und beide Elbufer empfanden jetzt das nulla Salus bello etc. doppelt ſtark. In dieſer ungluͤcklichen Zeitperiode ging auch das gewerb⸗ ſame, durch ſeine Tuchmanufacturen beruͤhmte, an der großen Hauptſtraße von Dresden nach Bautzen zu liegende, ſieben Stunden von Dresden und vier von Bautzen entfernte Staͤdt⸗ chen Biſchofswerda, in verheerenden Flammen, die die Fackel des Krieges entzün⸗ det hatte, den 12. Mai auf; und nur drei kleine Haͤuſer wurden durch die Geiſtesgegenwart eines Buͤrgers, mitten aus dem Flammenmeere gerettet. Die ganze uͤbrige Stadt, mit ihrer ſchoͤnen, alten, einſt vom Biſchof Benno erbau⸗ 198 ten Haupt⸗ und Ephoralkirche, mit ihrer Schule, dem Rathhauſe und der Begraͤbnißkirche, war in wenig Stunden eine große dampfende Ruine. Schon in der Mitte des Maimonds ſtunden die Franzoſen, zu denen jetzt wieder einige ſäͤch⸗ ſiſche und polniſche Regimenter geſtoßen waren, im Herzen der ſchoͤnen Oberlauſitz, und kaͤmpften am 19. 20. und 21. Mai in der bluti⸗ gen, durch gegenſeitige Erbitterung der verſchiede⸗ nen Heere, ſo ſchreckenvollen En Hauptſchlacht bei Budiſſin. Die Stellung dieſer Schlacht trug die Muſe der Geſchichte durch ihre geweihteſten Prieſter in das Buch der Zeiten ein. Nur ſoviel ſey hier noch bemerkt, daß Napoleon ſelbſt mit kalter Todesverachtung, ſowohl beim Recognosciren als in dem hitzigſten Entſcheidungskampfe ſelbſt die alte Gluͤcksgoͤttin wieder zu feſſeln hoffte, welche ihm auch hier nach unſaͤglichen Opfern guͤnſtig zu ſeyn ſchien. Bei Goͤrlitz entbrannte der Kampf von Neuem, hier verlor er drei ſeiner vertrauteſten Generale und Freunde, und war nun genoͤthigt, den ihm ſo verderblichen Waf⸗ fenſtilleſtand am 4. Juni zu ſchließen. Der franzoͤſiſche Kaiſer kam am 9. Juni in ſeinem Hauptquartiere, Dresden, wieder an, welches nun Ktärter befeſtiget wurde. ——— 192 V Sachſen war nun bereitz e in weites Krankenhaus geworden; und, wie in jedem Krankenhauſe ſich beſondere Reviere und Statio⸗ nen durch die anſteckenden, wuͤthendſten, ge⸗ faͤhrlichſten und toͤdtendſten Krankheiten auszeich⸗ nen, ſo ſtunden unter des einſt ſo gluͤcklichen Sachſens Staͤdten, das Koͤnigliche Dres⸗ den, das wohlthaͤtige Leipzig und das feſte Torgau⸗ ſchon jetzt vor allen andern, mitten in den Gefahren der Kriegspeſt, und faſt jede Familie, die der Druck der Einquartieruug aͤng⸗ ſtete, lebte in zweifelnder Hoffnung und banger Furcht, vor den wachſenden Schreckniſſen der Zu⸗ kunft, oder beweinte einen oder mehrere theuern Todten. In den kleinern Provinzialſtaͤdten boten ſich gleichfalls tauſend Jammerſcenen dar. Aerzte und Wundaͤrzte wurden hier, oft sit venia verbo! requirirt wie Vorſpann. Viele derſelben, zum Theil Familienvaͤter, ſanken, die ſchwere Pflicht des Berufs treu erfuͤllend, bei Be⸗ ſorgung der giftſchwangern Krankenhaͤuſer, in die frühe Nacht des Grabes, und dieſes Schickſal theilten auch mehrere Amts⸗ und Rathsperſonen, Apotheker, Viertelsmeiſter und Ausſchuß⸗ Buͤrger, die uͤber die Spitäler die Aufſicht fuͤhrten und das Oeconomiſche beſorgen mußten. Ueberhaupt wuͤlde hier und da die innere Detaillirung dieſer kleinen Provinzial⸗Krankenhaͤuſer, die oft ihre Aerzte durch den Tod verloren, und deren Krau⸗ 200 kenwaͤrterdienſt nur der niedrigſten, roheſten, nah⸗ rungsloſeſten Volksklaſſe anvertraut war, und wobei die Verpflegung leider nur zu oft in den Händen accordirender und mitunter ſehr harther⸗ ziger Speculanten war, die herzergreifendſten Scenen manchen Nachtſtuͤcks liefern, und Gegen⸗ ſtaͤnde zu Tage foͤrdern, wie ſie ſelbſt nur Polen in der unglücklichen Periode des Ruͤckzugs der Franzoſen in ihrer Art nachzuweiſen hatte. Demohngeachtet waren dieſe Spitäler den Städten höch ſt koſtſpielig, und legten vorzuͤglich den Grund zu jenen enormen Schuldenmaſſen, die ſie zum Theil noch jetzt druͤcken.— Das aͤrztliche und wundäarztliche Perſonale der K. ſachſiſchen Armee be⸗ ſtund jetzt theils aus denen, welche nicht ohne Gefahr aus Polen zuruͤckgekehrt waren, theils aus neueren Zoͤglingen der mediz. chirurg. Acade⸗ mie, oder aus freiwillig ſich meldenden Studenten der Landes⸗Univerſitäten, oder endlich, und, dieß gebot nun das Geſetz der Nothwendigkeit, aus ſolchen, die aus den Conditionen— unmittel⸗ bar in den Krankendienſt eintraten. Die ſaͤch⸗ ſiſchen Armee⸗Spitaͤler ſelbſt befanden ſich, unter der gewiſſenhafteſten Aufſicht, welche 201 fuͤr die ſtrengaͤrztliche nuhtefüalun, wachte theils in der herrlichen 9 Auguſtusburg, welche das trauernde Land von ihren lichten Sa⸗ hen uͤberſchaute; theils in mehrern gewerbreichen Staͤdten des K. ſächſ. Erzgebirges, welche wetteifernd, Aerzten und Wundaͤrzten, Geſund⸗ heitsbeamten und Kranken, die edelſten Beweiſe der liebreichſten, zuvorkommendſten Aufnahme, und einer wahren chriſtlichen Liebe und Wohlthäͤtigkeit gaben; aber auch gegenſeitig wie⸗ der in den dirigirenden Staabs⸗ und Ober⸗„Aerz⸗ ten, ſelbſt oft wieder die treuſten Freunde und Berather fanden. So lebt noch jetzt in dem bie⸗ dern, freundlichen Sanct⸗A nnaberg, der Name des edeln und wackern Hackenbergers, in der dankbarſten Erinnerung. Als der ver⸗ dienſtvolle Arzt dieſer Stadt, ihr unvergeßlicher Dr. Neuhoff, erkrankte, ward Hackenberger vielen Buͤrgern, die am Lazarethfieber darnieder⸗ lagen, ein Retter, und arme Kranke fanden in ihm den edelſten Wohlthaͤter. Im ſaͤchſiſchen Niederlande eltablirten ſich, außer in Dresden, allmaͤhlig die Kran⸗ kenhaͤuſer zu Schloß Moritzburg und Schloß Hubertusburg, und auch dieſe gaben den 202 Beweis, wie unter Noth und Tod, dennoch wah⸗ rer Eifer, bei treuer Selbſtaufopferung, viel des Guten leiſten kann. So lebt in Moritz⸗ burg der Name des Ober⸗ Wundarztes Recke immer noch in geſegneter Erinnerung. Waͤhrend des verhaͤngnißvollen Waf⸗ fenſtilleſtandes, wo in einem bexbſcchtigeen 3 hohen Monarchen⸗Congreſſe der Friede nicht wie⸗ der hergeſtellt werden konnte, und Oeſterreich nun maͤchtig gegen Frankreich auftrat, wo⸗ durch vorbereitend die große Entſcheidung des Voͤl⸗ kerſchickſals herbeigefuͤhrt wurde, hatten auch Preußen und Ruſſen, ſowohl in Schleſien als in Boͤhmen, mehrere Krankenhaͤuſer errichtet, wor⸗ innen ihre tapfern Krieger beſtmoͤglichſt verpflegt wurden. In einem dieſer Krankenhaͤuſer erhielt jetzt ußſe Julius ſeine Anſtellung. — In innerer energiſcher Kraft wuchs aber Preußen, und Nichts war dieſem Staate zu klein, nichts zu groß, welchem er nicht ſeine Aufmerkſamkeit ſchenken ſollte, wenn es nur, naͤher oder entfernter, zum guten Zwecke fuͤhrte. Nie konnte man eine hochherzigere An⸗ wendung des Horaziſchen Bildes: 203 Duris utilex icta bipennibus, Nigrae feraci frondis in Algido, per damna per caedes ab ipso— Du- cit opes animumque ferro. ſehen, als bei ſeinem in innerer jugendlicher Kraft aufwachſende Heere, fuͤr deſſen Kranke Volk und Staat mit Bruderliebe, mit El⸗ ternmilde ſorgte. Warlich, wollte der Men⸗ ſchenfreund in den Tagen der Furcht und des Schreckens ſein Herz zum Patriotismus entflam⸗ men, ſo mußte er jene Spitaͤler beſuchen, wel⸗ che der ſchoͤnſte Beweis des National⸗Charakters waren. Kein Opfer fuͤr ſie war dem Staate, war dem Einzelnen zu groß; ſie glichen Kranken⸗ ſtuben, die ein wohlthaͤtiger, bekuͤmmerter Va⸗ ter fuͤr ſeine Kinder errichtete. Aerzte, bereits ſeit mehreren Jahren durch Promotion und die ſchwere Staatspruͤfung, die das preußiſche Geſetz befiehlt, zur Ausuͤbung aͤrztlicher Huͤlfe berufen und berechtiget und geſchuͤtzt, ſtellten jetzt ſich freiwillig unter die Reihen der Feld⸗Wund⸗ aͤrzte, und verrichteten, ſich ihres Ranges ent⸗ ſagend, dieſen ſubordinirten Dienſt, mit aller Treue im Beruf. Aber dafuͤr begann nun auch das Volk den feldwundaͤrztlichen Stand, in deſſen Haͤnden die Rettung ſeiner Kinder war, und welchem ein edler, wuͤrdiger Greis, und der innigſt⸗verehrte Keibarzt ſeines Königs, vor⸗ ſtund, zu achten und zu ehren. Dafuͤr auch 204 ſendete es die edelſten, geiſt⸗ und mild⸗ 1 reichſten ſeiner edlen Frauen und Töch⸗ ter, daß ſie, mit jenem Zarkgefuͤhl, das dem Herzensadel des Weibes eigen iſt, die Sorge und zum Theil die Krankenpflege ſelbſt, fuͤr die verwundeten und kranken getreuen und muthigen Vertheidiger des Vaterlandes, uͤber⸗ nehmen moͤchten. Wie einſt in den Zeiten der Krezzuͤge die Edelſten aus dem Volke ſich ent⸗ 4 ſchloſſen, im Verein umſichtiger Kaufherren fuͤr die Krankenpflege derer, die im gelobten Lande gegen den Feind der Chriſtenheit bluteten, ſich hinzugeben, und ſo die Zierde des wahren chriſtlichen Adels wurden, und den Grund zu mildwohlthaͤtigen ritterlichen Vereinen und Ritter⸗Orden legten, ſo entſtunden jetzt, und unter gleichen Veranlaſſungen, die edlen Vereine deutſcher Frauen, denen die des Preußenlandes vorangingen. Sie wurden das fuͤr ihr Vaterland, wurden das im evange⸗ liſchen Jande, was die frommen, gottſeligen Eliſabethinerinnen und Auguſtinerin⸗ nen ſchon laͤngſt in catholiſchen Laͤndern waren. Jeder Verein muß bei ſeinem Zwecke noch irgend einen Gegenſtand, ein leuchtendes Vorbild haben, zu deſſem Ideale er ſich erhebt, und Preu⸗ ßen fand, hatte und verehrte als ein ſolches Ideal, als einen Schutzengel, ſeine angebetete, hoͤchſtſelige Königin Louiſe, welche es im ——— 205 Leben mit ſo innigſter Liebe umfaßte, als es nach ihrem Hintritte von dem Schauplatze der Erde zu den Engeln des Himmels, wie eine Heilige verehrte. Eine nahe Verwandte des Koͤnigs, die huldrei⸗ che und großmuͤthige Prinzeſſin Wilhelm, war Vorſteherin der geſammten Frauen⸗ Vereine, und durch Rath und That jedem Mit⸗ gliede ein Vorbild, jedem Kranken ein Stern der Hoffnung. Ewig wird ihr Name in der Geſchichte der Menſchheit genannt ſeyn und ihr die Palme der Belohnung einſt jenſeits der Graͤber gruͤnen. Wie ſehr uͤbrigens die Gegenwart ſolcher erhabe⸗ benen Frauen und Jungfrauen, wovon viele im Glanze jugendlicher Schoͤnheit und Grazie erſchie⸗ nen, viele als geiſtreiche Schriftſtellerinnen bekannt waren, das Ehrgefuͤhl aller Lazarethe⸗Beamten entflammte und namentlich fuͤr die Verpflegung der Kranken ſo aͤußerſt wohlthaͤtig wirkten, davon wird jeder uͤberzeugt ſeyn, der die Geſchichte jener Tage kennt und ſich davon durch Selbſtan⸗ ſicht unterrichtete.—— In Julius Herzen rief dieſe Anſicht des Handelns und Waltens edler Frauen, welche auch vorzuͤglich in Schleſien taͤglich thaͤtig wa⸗ ren, wohin er jetzt in eine an der boͤhmiſchen Grenze liegenden Stadt berufen ward, das An⸗ denken ſeiner Fanisca zuruͤck, und wo er war und wirkte, da ſtand ihr Bild, wie das Bild eines En⸗ gels vor ſeiner Erinnerung und begeiſterte ihn zu 2⁰6 jenem ſich ſelbſt aufopfernden Hingeben fuͤr das Wohl der Kranken, welches des Arztes Muͤhen durch gluͤckliche Erfolge kroͤnt, ihn aber auch oft als Maͤrtyrer ſeines heiligen Berufs in das Reich des Friedens ſendet. 4 8 4— 2lm 3. Auguſt feierten die bei Goͤrlitz auf den Feldern des Lingkeſchen Ritterguts Mos am Jäckels⸗Berge, im Lager ſtehenden Sachſen, welche zu Goͤrlitz bereits auf der dortigen Schieß⸗ wieſe ein großes Hospital unter der Direc⸗ tion des Staabs⸗Wundarzts Schreiber errichtet hatten, das Namensfeſt Ihres allgeliebten Koͤnigs, Friedrich Auguſts, und dieſer Tag war der ſchoͤne Freudentag des dandes, des Volks und des Heeres. Ach! nur zu bald folgten ihm die Tage des Kampfs, der Trauer und des allge⸗ meinen Jammers. 4 1 Der Waffenſtilleſtand war aufge⸗ hoben, und mit dem 17. Auguſt des Jahres 1813 begann der fuͤrchterlichſte und entſcheidendſte aller Kriege von neuem. Das Hauptheer der Sacha* ſen marſchirte von Goͤrlitz aus, mit mehrern ſelbi⸗ gem unmittelbar folgenden Hospikaͤlern uͤber Hoyerswerda, einen Theil der Niederlauſitz und des Wittenberger Kreiſes nach Berlin zu, und 1 ſah dem Entſcheidungskampfe entgegen. Er kam.— 207 Bereits am drei und zwanzigſten Au⸗ guſt wurde es nach den beſchwerlichſten Maͤrſchen in anhaltendem Regenwetter in den weiten Sand⸗ Ebenen von Großbeeren ein Opfer ſeines kuͤhnſten Vordringens, und lernte den Kronprinz von Schweden, der es in dem oͤſterreichiſchen Feldzuge commandirt hatte, als feindlichen Feldherrn kennen. In dieſem Gefechte ſtunden die Ambulancen mitten im Feuer des.“ Kampfes, und konnten hier die Geiſtesgegenwart ihrer Wundaͤrzte beweiſen, welches ſie auch thaten. Das Heer nahm, durch die Uebermacht des Fein⸗ des genoͤthigt, ſeinen geordneten Ruͤckzug, in die Gegend nach Juͤterbogt zu, und ſendete ſeine Kranken und Verwundeten, ſo weit es ihm moͤg⸗ lich war, nach Torgau. Auch Juͤterbogks Um⸗ gebungen ſollten der Weltgeſchichte bekannt werden, und blutig ſchrieb ſich der Name des nachbarlichen Dorfes dieſer alten ehrenwerthen Stadt, ſchrieb ſich der Name Dennewitz in die Erinnerung der Voͤlker. Die Schlacht, die dieſen Namen fuͤhrte, wurde den ſechsten Sept. geliefert, und gehoͤrt zu den verheerendſten des Krieges; gegenſeitige Erbitterung ließ ſie lange unentſchieden bleiben, und Schwert und Kanonen⸗ kugeln auf den weiten Ebenen die reichſten Erndten halten. Die Sachſen hatten auch hier gegen 208 den tkapfern Feind manniglich gefochten, zaͤhlten viele edle Officiere unter ihren Todten und be⸗ trauerten einen edlen Arzt in ihr. Es war der ſchon erwähnte Staabs⸗Wund⸗Arzt Hackenber⸗ ger. Er ſiel von einer Kanonenkugel am Fuße getroffen, und wurde wahrſcheinlich von den fort⸗ rollenden Wagen erfahren. Es war ein edler, biederer, anſpruchsloſer Mann, der das Wohl ſei⸗ ner Kranken und Untergebenen immer im treuen Herzen trug. Auf dem Ruͤckmarſche nach Tor⸗ gau uͤber Herzberg, der tauſend Schrek⸗ kens⸗ und Jammer⸗Scenen darbot, wurden noch mehrere Wundaͤrzte, als Lehmann, Buſch, Menge und Billig, verwundet.— Das Torgauer Hos⸗ pital aber wurde nun mit Kranken und Ver⸗ wundeten uͤberfuͤllt und nur die treueſte Fuͤrſorge des Ober⸗Regiments⸗Chirurgus Schrik⸗ kel, der es jetzt wieder befehligte, konnte den ge⸗ ſunkenen Muth der Kranken und Wundaͤrzte durch die edelſte Humanitaͤt, die treueſte Behandlung und Liebe erheben und beleben. Die franzoͤſiſchen Spitaͤler hingegen waren, da ſie mit Kranken uͤbermaͤßig angefuͤllt waren, und der groͤßte Theil ihrer Aerzte im thaͤtigſten Berufe ſtarb, ein wahres ſich immer durch neue toͤdtliche Kranke wieder neu fuͤllendes Leid,⸗Trauer⸗ und Ster⸗ be⸗Haus geworden. So weit die Geſchichte des Kriegs⸗Schauplatzes in dieſer Gegend.— Miich aber begleite mein geehrter deſer jetzt V 209 wieder zum mittaͤglichen Sachſen und ſeiner Elbe zuruͤck, wo bereits,— ſo wollte es das Schick⸗ ſal,— ſo große Ereigniſſe geſchehen ſind. Dort, wo jenſeits Alt⸗Dresden über die Felſenufer der rauſchenden Weiſeritz, ſich jene romantiſchen Felſenkuppen erheben, welche die Gruͤnde von Plauen(Plauiſchen Grund) bilden, dort und von vielen andern Orten jener Gebirgs Kette her, zogen ſchon am 25. des Auguſt⸗Monats preußiſche, ruſſiſche undoͤſterreichiſche Heerhaufen der ſchoͤnen Reſidenz des Sach⸗ ſen⸗Koͤnigs in dichten Colonnen entgegen. Jetzt ſtehn die Heere rechts und links weit verbreitet auf jenen Höhen, die Dresden, wie ein gruͤnen⸗ des Amphitheater umſchließen, und das breite, la⸗ chende Thal der hier in ſtarken Kruͤmmungen ſtroͤ— menden Elbe von der einen Seite bilden. Der 25. des Auguſtmonds ſank in ſeinem Abend⸗ rothe, und die morgende Sonne ſollte den Kampf⸗ platz einer der blutigſten Schlachten erleuch⸗ ten. Im Geiſte laßt uns jetzt auf die Höhen von Recknitz ſtellen und das große Feld der Entſchei⸗ dung von ſeinem Mittelpunkte aus uͤberſehn. Die Schlacht hat den 26. wieder begonnen, das Heer der Franzoſen, von ſeinem eben angekommenen Machthaber angefuͤhrt, in deſſem ernſten Ge⸗ ſichte ſich die Vorempfindung ſeines Schickſals ſpie⸗ gelt, entſtuͤrzt jetzt den befeſtigten Barrieren Dres⸗ dens. Karthaunen donnern, und das Echo hallt 14 216 durch der Berge Schluchten furchtbar wieder. Seht, wie die Batterien, die Alt⸗ Dresden um⸗ guͤrteten, wie feurige Drachen, Rauch, Feuer und zerſchmetternde Eiſen heulend von ſich ſpeien, wie dort in den Ebenen ein Kuͤraſſier⸗ Regiment kuͤhner ſich in der Feinde dichte Maſſen droͤhnend ſtuͤrzt! Es ſind Sachſen, es ſind ſeines Koͤnigs Eiſen⸗Männer, ſeine berittene Leib⸗Wacht, dieſelbe, welche ſich auf Friedlands Ebenen des Ruhmes korbeer flochten, dort fechten, dort ſtuͤrmen ſie in die feindlichen Heerhaufen. Hier erſtuͤrmen preußiſche Landwehrmaͤnner und ruſſiſche Grenadiere, durch ihre Batterien un⸗ terſtuͤtzt, mit dem Bajonett, oder das Schwert in der Hand eine der donnernden franz. Haupt⸗Schan⸗ zen. Das Beiſpiel aller Officiere leuchtet voran, da wäͤlzt ſich neuer Feuerſtrom ihnen entgegen, und bald ſtehen alle, die einſt ſo ſchoͤnen Land⸗ haͤuſer des Schlachtfeldes in hellen Flammen, und unter dieſen Flammen raſſelt die Trommel, ſchmettert die Trompete, ruft die Stimme des An⸗ griffs und entbrennt der moͤrderlichſte Kampf. Die Oeſtreicher ſehn ſich im Geiſt auf Asperns Gefilde verſetzt, derſelbe Muth, dieſelbe Treue fuͤr ihren allverehrten Kaiſer entflammt ſie. Sie fochten ſo tapfer, ſo unerſchrocken wie dort; doch nicht mit demſelben ausdauernden Gluͤck. Die Nacht macht dem Kampfe, der durch eine im Großengarten aufgeſtellte ruſſiſch⸗preußiſche 211 Batterie beſonders für Dresden hoͤchſt gefahrvoll war, und wenn Gott nicht durch ſtroͤmende Regen⸗ guͤſſe rettete, die ganze ſchoͤne Stadt in einen Schutthaufen verwandeln konnte, ein Ende. Die⸗ ſer Tag war Dresden ein Schreckenstag. Den 27ſten Morgens um? Uhr begann der Kampf unter oft abwechſelnd fallenden Regenguͤſſen von Neuem, und nun wurde hauptſaͤchlich die Hoͤhe von Plauen und Recknitz durch die franz. Garden angegriffen, und um 9 Uhr war die Bataille auf der ganzen Linie ausgebreitet. Jeder Schritt vorwaͤrts muß⸗ te mit Blut erkauft und jeder Vortheil mit der groͤßten Aufopferung der franzoͤſiſchen unerſetzba⸗ ren Kerntruppen behauptet werden. Doch noch einmal laßt uns eine Scene des vorigen Tages beleuchten, und in ihr einen fallenden Helden betrachten. Auf den Recknitzer Hoͤhen ſeht ihr ſie, die wallenden Fahnen, die vereinten Adler Oeſtreichs, Rußlands und Preußens! hier, kuͤnden ſie, hier! ſtehn der Voöoͤlker treue Fuͤhrer, hier, hier ordnen und ge⸗ bieten ſie das, was entſcheiden ſoll in dem ernſten Spiele des Blutkampfs. Um ſie ſind abwech⸗ ſelnd mehrere der erfahrendſten Feldherrn verſamm⸗ let, ein neuer Angriff ſoll beginnen, eroͤffnen die leuchtenden Thore des Siegs. Da flammt es aus Moſchinskas Garten⸗Batterie, lintz an dem ſchoͤ⸗ 212 nen Palais,*) einſt dem Sitze des Gluͤcks, des Reich⸗ thums und des Luxus; die Batterie donnert, keu⸗ chend durchfleugt das toͤdende Eiſen die zitternden luͤfte. Es faͤllt, und mit zerſchmetterten Fuͤßen ſinkt der General⸗Adjutant des ruſſiſchen Kaiſers, ſinkt Moreau, der große vormalige Republikaner, den Frankreich einſt ſein Bayard nannte, im Kampfe gegen daſſelbe an ſeines Kaiſers Seite todtlich verwundet nieder⸗ Jetzt in dieſem Augenblicke leuchtet der letzte täuſchende Sonnenblick des Gluͤcks den Franzoſen, ſie behaupten, ſich jetzt ſchon Sieger nennend, das ſo theuer erkaufte Leichen⸗bedeckte Wahlfeld der Schlacht bei Dresden, die ſich, wie ſchon geſagt, den andern Tag, den 27. Auguſt erneuerte und entſchied. Genug nun des Blutes! rufen an ihm die Monarchen, und fuͤhren ihre geordneten Heere nach Bohmenzu. *) Die Fuͤrſorge Sr. Maj. des Koͤniags von Sach⸗ ſen fuͤr das Wohl ſeiner wackern Krieger erkaufte ſpaͤterhin dieſes koſtbare Grundſtuͤck und herrliche Gartenpalais, beſtimmte es zum Etabliſſement eines Garniſonſpitals, nel⸗ ches dermalen bereits zweckmaͤßigſt eingerichtet iſt. Die ſelbe landesvaͤterliche Guͤte gab dem Metieinal⸗ weſen der Armee durch die neue Einrichtung der jetzt unter dem Ober⸗Apotheker Herrn Huͤbner ſtehenden Militatrapotheken und Mili⸗ tair⸗Medicamenten⸗Depot, jene Vollen⸗ dung, die den Dank des Inlaͤnders und die Ach⸗ tung des Auslaͤnders ſich erwirbt. 213 Um Moreau, den Schmerzensvoll⸗Verwundr⸗ ten aber, waren bereits unmittelbar nach ſeiner verhaͤngnißvollen Verwundung mehrere der ge⸗ uͤbteſten Aerzte und Wundaͤrzte verſchiedner Na⸗ tionen verſammlet. Hier ſahn ſie, wie wenig menſchliche Kunſt und Kraft zu vollenden vermag. Ihr Entſchluß war, daß nur ſchleunige kuͤnſtli⸗ che Wegnahme der zerſchmetterten Fuͤße eine Moͤglichkeit darboͤte, wie Moreau's theures deben erhalten werden koͤnnte. „Ja, amputirt muß werden! meinte ent⸗ ſcheidend ein wuͤrdiger, oͤſtreichiſcher Oberſtfeld⸗ arzt; doch erſt muͤſſen wir den Verwundeten in eine ruhige dage bringen. Kommen Sie! ſprach er zu einem jungen ruſſiſchen Arzt, der ſo eben den von Blutverluſt und Schmerz Entkraͤfteten in ſeinen Armen hielt. Stehn Sie jetzt in dieſem kritiſchen Augenblicke mir thaͤtig bei, viele, viele der Unſern ſchmachten nach Huͤlfe, und jede Mi⸗ nute iſt theuer. Die andern Aerzte folgen ihrem Beruf, nur der Oeſtreicher und Ruſſe bleiben. Beide erkennen ſich jetzt wieder.—— Seinen alten wuͤrdigen Vorgeſetzten im oͤſt⸗ reichiſchen Dienſt, den Staabs⸗Arzt Z. erkennt Julius und jener freut ſich des Ruhms eines ſolchen Zoͤglings. Doch in dem Augenblicke der Gefahr darf bei dem Arzte keine leidenſchaft herr⸗ ſchen, kein Gefuͤhl, als das des Mitleids und der Pflicht, ſeine Handlungen leiten. Alle 214 Aufmerkſamkeit alſo wird nur auf den verwun⸗ deten Feldherrn verwendet, und er mit jener Vor⸗ ſicht und Schonung, die die Pflicht zum Geſetz macht, mitten unter dem Kugelregen des feindlichen Feuers, das noch immer dieſe Berge beſtrich, weil der Feind neue Angriffe vermuthete, an den Fuͤßen amputirt, dann aus dem Schlacht⸗ felde in Sicherheit gebracht, und, nachdem man unter tauſend Gefahren und Muͤhſeligkeiten das Staͤdtchen Dippoldiswalda erreicht hatte, hier ſorg⸗ ſam verbunden, von hier unter der Begleitung un⸗ ſers Freundes bis zur boͤhmiſchen Grenze, und nun von einigen andern ihn treu beſorgenden Aerz⸗ ten nach Laun, einer Stadt in Böhmen, jen⸗ ſeits des Mittelgebirges gebracht, wo er aller aͤrzt⸗ lichen Huͤlfe ohngeachtet,f den 2ten September, fruͤh um 8 Uhr dieſen Schauplatz ſeiner Thaten verließ. So endete Victor Moreau, ein Ehrenmann, der die republikaniſche alte Roͤmerſitte und die Helden⸗ groͤße eines Camillus und Regu lus mit Bayards und Turennens ritterlichem Helden⸗ muthe zu verbinden wußte, der ein Buͤrger im ſchoͤnen Sinne des Worts, im Gluͤcke nie uͤbermuͤ⸗ thig und im Ungluͤcke immer ſtandhaft und groß war. 3 Nach der Schlacht bei Dresden, wo unter mehrern ſchoͤnen Gebaͤuden und Landhaͤuſern auch die ſchöne Meyerey des Reiſewitziſchen Gar⸗ 215 tengrundſtuͤcks(in welchem fruͤher ein kleines ſächſ. Spit al ſehr anmuthig etablirt war) ein Raub verheerender Flammen wurde,— nach dieſer Schlacht wich alles Gluck von den k. franzoͤſiſchen Adlern, und Unfall auf Unfall verfolgte ſie und ihre durch Feld⸗Krank⸗ heiten aller Art geſchwaͤchten Legionen. Das Heer der hohen Verbuͤndeten hatte ſich— von Dresden in geordneten Zuͤgen auf verſchiede⸗ nen, zum Theil ganz unwegſam ſcheinenden We⸗ gen, nach Boͤhmen zuruͤckgezogen. Das 8000 Mann ſtarke Oſtermanniſche Corps ging uͤber Pirna, Berggießhubel Friedrichsthal(wo ſich ein ſchoͤnes Mine⸗ ralbad befindet) Höllendorf, nach Peterswalde ins Boͤhmenland gezogen. Der kuͤhne und ſtolze franzöͤſiſche General Vendamme, wagte den äußerſt gefaͤhrlichen Einbruch uͤber das Ge⸗ birge nach Bohmen, verfolgte die Verbuͤndeten und traf ſchon am 29. Auguſt auf dem Gebirge bei Nollendorf ohnmeit Culm ein. Moͤge nunmehr ein Augenzeuge ſprechen, und ſeine Worte, die er bei einer Darſtellung von Teplitz, welche zu den gelungenſten gehoͤrt, ausſprach, hier ihren Platz finden. Vendammens Kriegsheer hatte 40006 216 Franzoſen und 100 Kanonen. Er glaubte mit dieſem Corps die Hauptſtraße uͤber Teplitz zu ge⸗ winnen, der verbuͤndeten Armee in die Flanke zu marſchiren, eher als jene die Eger zu erreichen, und nach Prag zu gelangen, indeß Napoleon die Verbuͤndeten draͤngte. Der General Oſter⸗ mann hatte mit ſeinem ſchwachen, aber helden⸗ muͤthigen Corps den Paß von Telnitz gegen Culm vertheidigt. Bei dem Dorfe Schande hin⸗ ter Teplitz, rechts an der Chauſſee hatte er eine Batterie von 25 Kanonen. General Ven⸗ damme ließ ſie mehrere Stunden hindurch durch immer friſche Truppen mit dem Bajonett ſtuͤrmen, die Ruſſen aber wieſen alle Angriſſe nicht nur ab, ſondern brachten den Franzoſen durch ihr Kartaͤtſchenfeuer einen großen Verluſt bei, ſo daß ein elnziges Regiment 715 Todte und 800 Verwundete, die in Gefangenſchaft geriethen, zäͤhlte. 52 Der Feind hatte indeß doch Culm und die Kapelle auf dem Weinberge beſetzt, und Gene⸗ ral Oſtermann ſtellte ſich in die Linie, von dem Dorfe Prieſten uͤber die Chauſſee bis Karbitz gedeckt, Alle Angriffe waren an den vortreffli⸗ chen Diſpoſttionen des General Oſtermann, an dem Muthe und der Beharrlichkeit ſeiner Truppen geſcheitert. So ſtanden die Sachen am 29. Au⸗ guſt. Der mittlerweile mit einigen Truppen von der verbuͤndeten Armee bei Teplitz angekommene 217 Feldmarſchall, Fuͤrſt Schwarzenberg, hatte auf den 30. Auguſt einen allgemeinen Angriff auf das Korps des General Vendamme beſchloſſen; die oͤſterreichiſchen Generale Bianchi und Koloredo, waren zu Angriffen in die Flanken rechts und links uͤber Hohenſtein und hinter Karbitz be⸗ ſtimmt. Um 9 Uhr Morgens begann der An⸗ griff auf allen Punkten; der Feind focht mit Verzweiflung, allein von allen Seiten gedraͤngt, konnte er nicht widerſtehen. Erſt gegen Mittag ſuchte er auf der Chauſſee nach Peterswalde zu⸗ ruͤckzukehren, und hatte beinahe die Hoͤhe vom Nollendorfer Berge erreicht, als der Gene⸗ ral Kleiſt mit ſeinem Korps auf jener Hoͤhe er⸗ ſchien, den Weg verſperrte, und den Feind uͤber Telnitz und Lisdorf bis Culm und Arbeſſau in die Ebene zuruͤckwarf. Zwar ſtuͤrzte die feindliche Kavallerie ſogleich gegen das Kleiſtiſche Korps, und brach es auch durch, auch eine Maſſe Fuß⸗ volk ruͤckte ſogleich nach, allein in dieſem Momente erſchien das Dragoner⸗Regiment, Erzherzog Johann, unter ſeinem braven Oberſten Schuͤck,(er hatte in 44 Stunden kaum einmal ſpaͤrlich abgefuͤttert), hieb in das feindliche Quarree ein, und in einer Stunde war alles niedergeſaͤbelt. Nun war der Sieg entſchieden, Vendamme wurde von Coſaken gefangen, mehrere franzöſiſche Generäle blieben, und der Reſt der Franzoſen ging nach Dreoden, und dort ſeinem Untergange zu.—— 6 1 218 Bei dieſer Schlacht ſehn wir unſern Freund, unſern Julius zu dem wackern Semenovſchen Garde⸗Regimente, welches allein 21 todte und bleſſirte Officiere und 700 Gemeine todt und verwundet zaͤhlt, commandirt; wir ſehn ihn aber auch in einem der gluͤcklichſten Augenblicke ſeines Lebens, jetzt, wo er in einem der Helden⸗Offi⸗ ciere dieſes Tages den jungen Fuͤrſt Alexius, ſeinen Freund und Wohlthaͤter wieder er⸗ kennt und Gelegenheit findet, den Schmerz der ehrenvollen Wunden dieſes wahrhaft fuͤrſtlichen Juͤnglings zu lindern. Teplitz aber wurde jetzt der ewigdenkwuͤrdige Ort der Monarchen⸗Berathung. Hier wurde die große Voͤlkerſchlacht von Leipzig vorbereitet. Und von hier aus ſetzte ſich die geſammte Armee der verbuͤndeten Heere uͤber Kommotau, Seba⸗ ſtianberg und Marienberg nach Leipzig in Bewegung, endlich war ſie dort angekommen und in den unvergeßlichen Tagen des Octobers 1813 entbrannte die Vöoͤlker⸗Schlacht bei Leipzig. Wie in ihr die Heere in jener weiten buſch⸗ reichen Ebene, welche die Pleiße, Elſter, Barde und Luppe in maͤandriſchen Kruͤmmungen durch⸗ ſchneiden, ſtunden, dieß haben bereits große Män⸗ ner aufgezeichnet, und den Annalen der Zeit ein⸗ — verleibt; doch gedenke der Erzähler nur jener ewig * denkwuͤrdigen Augenblicke, wo die Sachſen im 7 219 Momente der Entſcheidung unter dem Hagel*) des zerſchmetternden Kugelregens, dem wankenden Kampfe einen Ausſchlag geben; er zeichne den Sturm aufs brennende Schoͤnfeld, den Heroen⸗ Kampf ergrimmter Heere bei Probſtheide, und jen⸗ ſeits der Stadt die Mord⸗Scenen bei Konnewitz und im Roſenthale; er erwähne der auf dem Wege von éLindenau nach Konnewitz und ringsumher ge⸗ thuͤrmten Leichen; er ſey Zeuge der Erſtuͤrmung der Stadt ſelbſt; er verkuͤnde endlich dort auf Wach⸗ a u's Huüͤgel der Monarchen, der Vaͤter ihrer Voͤlker, Dankgebet, das alle ihre Hoffnungen, Wuͤnſche und fuͤr das allgemeine Wohl ſegensreich werdenden Entſchluͤſſe fortan vereinte. Am 18. Octbr. war die große Entſcheidung des Voͤlker⸗Kampfes. Unmittelbar an Leipzig umguͤr⸗ ten die trefflichſt angelegten Gaͤrten ſeine reizen⸗ den reichen Vorſtaͤdte. Dieſe Gaͤrten, einſt der Sitz der Grazien, des geſelligen Vergnugens und des Wohllebens, waren jetzt Orte, wo der Verzweiflung kein Opfer zu theuer war, wo die Schlacht zum Schlachten, der Maͤnnerkampf zum gegenſeitigen Wuͤrgen wurde. Schreckenvohlere Scenen ſahen Pleiße, Barde und Elſter, als der groͤßte und gluͤcklichſte Zeichner der Schlachten⸗ — *) Bei dieſer Gelegenheit verlor der Chirurgus Bei⸗ rich durch eine Brandrackete den Arm. Er wurde in Hubertusburg kunſtmaͤßig amputirt, und iſt jetzt Dr. med in Pulsnitz. 2²⁰ Vater Homerus ſeine redenden Stroͤme ſehen und beweinen laͤßt. Sie wurden das kalte und naſſe Grab der in der heißen Glut ihres Hel⸗ denmuths entbrannten Helden. Fuͤrſt Poniatovski, der Polen leuchtender Heros, der Bayard ſeines Vaterlandes, ſiel käm⸗ pfend ins offne Wellengrab, dort, wo das ſchoͤne Luſthaus eines dieſer Gaͤrten ſich erhebt, und viele ſeiner treuen Polen ſtuͤrzten ihm, dem allgeliebten Feldherrn, als ein geweihtes Todten⸗Opfer nach. Dort kaͤmpfen noch Ruſſen, Preußen und Schweden gegen die ſich ſetzenden Franzoſen, bei ihren Verwundeten ſtehn ſorgſame Wundärzte, und eben blickt einer auf, der Schweiß rollt von ſeiner Stirn, das heiße Blut von ſeiner Wange, die ein franzoͤſiſcher Saͤbel traf. Freier athmete er jetzt, und wir erkennen ihn, es iſt unſer Julius. So eben erhaͤlt er Ordre in die Stadt zuruͤck zu gehen. Ein furchtbarer Knall verkuͤndet die Spren⸗ gung der Bruͤcke. Die Flucht der Franzoſen iſt nun eine gräuelvolle Niederlage. Sachſen ſieht, ſo ſtand es im Buche des unerforſchlichen Schickſals, ſeinen allverehrten väterlichen Koͤnig jetzt ſein geliebtes Vaterland verlaſſen, und beglei⸗ tet ihn, den Frommen und Guten mit ſeinen Ge⸗ beten. 3* Sachſen ſelbſt kam unter die Verwaltung ruſſiſcher Behoͤrden, an deren Spitze Fuͤrſt —— 221 Repnin ſtund, der, ſo lange Dresden belagert wurde, ſeinen Sitz in Leipzig nahm und die Hospikaͤler oft perſoͤnlich beſuchte. Auf die⸗ ſem moͤgen unſre Blicke fortan verweilen, da wir hier unſern Freund wieder ſinden. Er war in ei⸗ nem dieſer Krankenhaͤuſer angeſtellt und linderte, ſo viel es ſein Dienſt erlaubte, ſelbſt noch die un⸗ ſaͤglichen Leiden der ungluͤcklichen verwundeten Franzoſen. 4 Leipzig war jetzt fuͤr den Beobachtungsgeiſt des Arztes und Pſychologen, das reichſte Feld der Beobachtung; hier konnte man ſehn, wie wah⸗ rer Heldenmuth jeden Schmerz zu beſtegen weißz hier ſahe man oͤſterreichiſche, preußiſche, ruſſiſche und ſchwediſche Krieger, von dem Gluͤck des Siegs begeiſtert, ihre Leiden mit der Staͤrke eines Welt⸗ weiſen, mit der Hingebung eines Chriſten tragen, und, gefiel es Gott, mit Faſſung ſterben. Hier ſahe man auch, wie unendlich viel gute Abwar⸗ tung und eine vorzuͤgliche nicht aͤngſtlich abgemeſ⸗ ſene Verpflegung, an deren Spitze hochherzige und umſichtige Maͤnner ſtunden, leiſten kann. Dieß war in deipzig, in jener Stadt, die, ſo lange ſie ſteht, die reiche und wohlthaͤtige mit Recht heißt. Tauſend und abermal tauſend Kranke der verſchiedenen Nationen ſegnen die Bemuͤhungen und die wohlthatigſten Einrichtungen der dortigen Lazareth⸗Comitée, an deren Spitze zwei edle Kauf⸗ herren, 222 Lampe, La Carriere, ſtunden. Vieles wurde durch ſie vollbracht, und ſie verſtunden es, des Arztes Muth und Hoffnung mitten unter tauſend Leiden und Gefahren zu be⸗ leben und zu erheben, und dadurch ſeine Bemuͤ⸗ hungen wohlthaͤtig zu machen, und ihn, der durch die Entbehrungen des Feldes erſchoͤpft war, ge⸗ ſund zu erhalten. Fortwaͤhrend wuͤthete indeß in Leipzig die Kriegspeſt, jedes Haus beweinte ſeine Todten, die Graͤber gaben nicht mehr Raum, und die brennenden Feuer auf den Straßen ſchienen Altaͤre zu ſeyn, auf welchen man den Geiſt der Verheerung zu verſoͤhnen glaubte. Bald nahm die Kriegspeſt einen noch feindlichern Cha⸗ rakter an, und nun ſielen, aller Vorſicht und der beſten Pflege ohngeachtet, dennoch mehrere Aerzte ploͤtzlich in der Erfuͤllung ihres Berufs, und ver⸗ dienſtvolle Apotheker und Hospitalbeamten aller Art ſanken in des Todes Arm; jetzt fehlte es bald an Wundaͤrzten, zumal ein großer Theil der faͤhigſten und gebildetſten Subjecte dem Rufe der Landesbewaffnung getolgt war, oder bereits freiwillig unter den ſaͤch⸗ ſiſchen Bannern einem glaͤnzenden, viel ver⸗ ſprechenden Korps und der ehrenwerthen Landwehr diente. Fuͤrſt Repnin errichtete nun eine ärztliche Bildungs⸗Akademie zu ſeipzig und war fuͤr die Hospitäler der Landesbewaffnung ſehr beſorgt, welche ſich zuerſt in der Johannis⸗ 223 Kirche etablirten, und durch die Leipziger Frauen⸗ Vereine, an deren Spitze nebſt andern edeln Frauen, auch die Generalinnen von Carlowitz und von Miltitz ſtunden, die ſchoͤnſten Beweiſe wohlthi⸗ tiger Huld erhielten. Julius Wirken in Leipzig war geſegner, ſein Schutzgeiſt bewahrte ihn vor Krankheit, und der Umgang mit den wuͤrdigſten Profeſſoren und gluͤck⸗ lichſten Aerzten dieſer Stadt, lehrte ihn die Wuͤr⸗ de ſeines Standes immer mehr und mehr erken⸗ nen und lieben, und gab ihm Gelegenheit, in je⸗ nen Stunden, die der Dienſt frei ließ, ſeine Kennt⸗ niſſe zu erheben. Sein Hospital ward aufgeloͤſt. Er folgte nun der Armee, die von nun an nur Siegen entgegen ging, da ſie ſich bereits mit den Bayern vereint hatte. Die Tage von Eiſenach, Vacha und Hanau zermalmten die letzten Kraͤfte der Franzoſen in Deutſchland und zwangen ſie, jenſeits des Rheines ihr Heil zu ſuchen, die Alliirten folg⸗ ten, und bald ſtund eine Million wehrhafter Maͤnner auf franzoͤſiſchem Boden. Viele Gefechte wurden geliefert, jeder Schritt des Vor⸗ waͤrtsruͤckens erſchwert, aber die Einigkeit vol⸗ lendete das große Werk. Endlich wagte Napo⸗ leon an der Wiege ſeiner militäriſchen Laufbahn bei Brienne eine Schlacht, uno verlor ſie den erſten Februar 1814. Nun folgten in den letzten 224 Zuckungen des Todeskampfes des franzoͤſiſchen Kai⸗ ſerreichs die verzweifelnden Gefechte von Montereau, Bar sur Aube, Chateau Thiery, DLuaon und Vitri, in welchen allen die preußiſchen Krieger ſowohl als ihre trefflich eingerichteten fliegenden Hospi⸗ täler, die glänzendſten Beweiſe ihres Muths, ih⸗ rer Geiſtesgegenwart, Entſchloſſenheit und Ge⸗ ſchicklichkeit gaben. Mehrere Staͤdte Frankreichs wurden nun Etabliſſements von Feldlazarethen, und lernten die Treue des deutſchen Medicinal⸗ dienſtes kennen und ehren. Endlich am dreißigſten des Maimonds entbrannte im Angeſicht der ſtolzen Kaiſerſtadt Paris, die letzte Entſcheidungoͤſchlacht am Montmartre. Vier Stunden waren bereits voruͤber, jede ihrer Minuten hatte neue Opfer geſehen, in langen blutigen Reihen hingeſtreckt, lagen aͤchzende Ver⸗ wundete und zerriſſene Todte; denn jeder Schritt mußte von den tapfern treu Verbuͤndeten mit Blut erkauft, jede kuͤhn eroberte Stellung unter dem Kreuzfeuer zerſchmetternder Batterieen behaup⸗ tet werden. Wie wird das enden? rief jetzt ein ſchoͤner wuͤrdiger deutſcher Staabsofficier, der zu Deckung der fliegenden, unmittelbar hinter der Schlachtlinie ſtehenden Feldlazarethe der hohen 225 Verbuͤndeten befehligt war, einem ruſſiſchen Staabsarzte, unſerm Julius, zu. Wird die ſtolze Hauptſtadt fallen, wie Saragoſſa fiel? wer⸗ den ihre Catacomben, die ſchweigenden Gruͤfte fruͤher Generationen, ſich donnernd oͤffnen, und in krachender Erploſion die Mine ſeyn, die ihre Palaͤſte verſchlingen ſoll? wird ſie, wie das helden⸗ muͤthige Moskau, ſich ſelbſt ein Brandopfer, in Rauch und Flammen aufgehn? wird ihr Macht⸗ haber in der letzten Scene ſeines großen welter⸗ ſchuͤtternden Trauerſpiels fallen, wie Codrus oder Cyrus ſiel? wird er, der ſo oft mit Roͤmergeiſte ſich erheben wollte, fallen, wie die Catonen? — wird er— ſich ſelbſt endlich erkennend— er⸗ haben uͤber das Schickſal in philoſophiſcher Groͤ⸗ ße, oder als Chriſt, des Lebens letzte Tage einſam verlebend tragen, oder— ein ſchauerlicher Ge⸗ danke— im Todeskampfe der Neronen roͤcheln? — Noch,(näher an Paris donnerten jetzt die Batterieen der Verbuͤndeten) noch ſind nur wenig Augenblicke ihm gegeben,— und der Vorhang faͤllt!!—. Horch! da rufen die Poſaunen der Heere, und die ſchmetternden Trompeten, daß die Waffen ru⸗ hen ſollten. Die Barrieren öffnen ſich, und mit weißer Fahne entſtroͤmen ihnen bittend die Boten des Friedens und der Unterwerfung.— Paris wirft ſich in die Arme ſeiner Sieger; geſtuͤrzt iſt der Koloß des gigantiſthen Kaſſerreichs; Vs ſte bitten um die alten ehrwuͤrdigen Lilien, ſie verlangen ihre Bourbonen, und den im Ungluͤck ſo großen und ſelbſtſtaͤndigen, langerſehnten Lud⸗ wig wieder.—— Des Erzes Stimmen toͤnen von den Thuͤr⸗ men; 2 Gictoria! Victorial donnern die Kanonen der Sieger, die Uebergabe von Paris iſt entſchieden, und alle jene Krieger, die noch vor wenig Minuten Schwert und Aanze ſchwangen, oder im praſſelnden Feuerſtrome ihrer ſtuͤrmenden Schaa ren dem Feinde mit kalter Todesverachtung ent⸗ gegenſchritten, ſchweigend falten ſee jetzt ihre Haͤnde, und ein frommes gottſeliges Gebet entſtroͤmt ihren 4 Lippen, oder wird, und dies geſchahe namentlich bei den frommen preußiſchen Schaaren, lauter im ſchallenden Lobliede ein Hymnus: Herr Gott, Dich loben wir!! Nun aͤußert ſich das Gefuͤhl der Vollendung des Siegs in enthuſiaſtiſcher Freude, in Umar⸗ mung und gegenſeitigem Bruderkuß. Es iſt vollbracht, ruft der deutſche Officier, kuͤßt des erbebenden Julius Wange, und dieſer erkennt jetzt den, den er einſt als oͤſtreichiſchen Rittmeiſter beneidete, unter dem er ſeine mili⸗ tairiſche Laufbahn beginnen wollte.—— 1 227 Der Einzug der hohen Verbuͤndeten nach Paris war ein Triumphzug, wie ihn das ſtolze Rom nie, wie ihn kein Volk der Erde bisher je erblickte. Den erſten April 1814 hatte Bonaparte al⸗ ler Anſpruͤche auf Frankreichs Thron entſagt, und die Koͤnigswuͤrde der Bourbonen, die ein uraltes Erbrecht heiligte, wurde feierlichſt aner⸗ kannt. Bald war Paris von ſeinen Eroberern die es mit ſchonender Guͤte behandelten, beſetzt. Schon wehten auf allen ſeinen Thuͤrmen und auf der Rieſenſaͤule des Platzes Vendôme, die Fahnen der Lilien. Schon begannen einzelne Truppen es wieder zu verlaſſen, als Kudwig der Achtzehnte, am dritten des Maymonds d. J. in feſtlichem Gepraͤnge in die neue Koͤnigs⸗ ſtadt einzog, den uralten Koͤnigsthron beſtieg, und, als ein guͤtiger Vater ſeinen Kindern, dem Volke, in der ſogenannten Charte,(Staats⸗ grundgeſetz) Wuͤrde, Selbſtſtaͤndigkeit und Gluͤck verhieß und gab⸗ 3ueS K⸗ K. 2446 Im hohen Dankgefuͤhle feierten die Preu⸗ ßen dieſen Tag, der langen Voͤlkerfrieden zu ver⸗ buͤrgen ſchien, durch frommen Gortesdienſt, dem das Mahl der Liebe, das heilige Nachtmahl, vom Erloͤſer geſtiftet, folgte, und verherrlichte, Auch in den weiten Krankenſaͤlen des ſo ſchönen und großen Hospitals, la pitié(Ort des Mitleids) toͤnte im evangeliſchen Gortesdienſte das 2 228 Wort der Weihe, und der Feldprediger, ein Mann Gottes in des Wortes ſchoͤnem Sinne, ſprach beim Schluß der Rede: —„Was wir waren, waren wir durch Gott; auf ihn vertrauend, folgten wir des frommen Helden⸗Koͤnigs, unſers Friedrich Wilhelms⸗ Rufe! Klein ſchien unſre Kraft; doch der Wille und die Zuverſicht war groß. Der Glaube war unſer Schild, das Kreuz unſer Panier, und des Kreuzes Weg fuͤr uns der Weg des Heils. So ſtanden wir, eine Bruͤderſchaar im heiligen und gerechten Kampfe; ſo wurden die Schlachtfelder von Kuͤtzen, Budiſſin, Katzbach, von Dresden und Kulm, und alle andern fuͤr uns Al⸗ tare der Pruͤfung; ſo Leipzig und Paris un⸗ ſres Ruhmes Hochaltar. So uͤberwanden wir jede Gefahr, durch Gottes Gnade, uberſchrei⸗ tend die Elbe, den Rhein, die Moſel und die Maasz ſo leuchteten unſere am Altar des Hoͤch⸗ ſten geweihten Fahnen, als glaͤnzende Oriflammen durch den Vogſeus und die weißen Berge der Cham⸗ pagne. So ſtunden wir, von unſerm erhabenen Koͤnig angefuͤhrt, und ſeine Prinzen, als Vorbild der Tapferkeit und des wahrhaft chriſtlichen Helden⸗ muths erkennend, verehrend und bewundernd, vor den Thoren der ſtolzen Kaiſerſtadt und an dem prunkenden Ufer der Seine. Der Herr war mit uns, er ſey gelobt, zum Loblied werde das Dank⸗ gebet. Vom Schmerzensbette der Leidenden und 229 Verwundeten ſchalle das Hoſianna, und dankend nennen dieß Wort die, welche durch ihre Kun ſt und ihr Herz berufen waren, dieſe Leiden zu lindern und jede unſrer Gefahren und Muͤhſelig⸗ keiten theilend, uns Freunde und Retter waren in der Noth; denen aber, die da fielen in dem heiligen Kampfe, die heimgingen in ihrem Be⸗ rufe, ihnen gruͤnt die Palme der Vergel⸗ tung, ihnen folgt der Mitwelt Segen zu der beſ⸗ ſern Welten Seligkeit. Der Friede Gottes iſt mit ihnen— und er ſey mit uns!“— 2n Auch Julius hatte Theil genommen, auf ſeiner Wange perlte die Thraͤne religioͤſer Erhe⸗ bung, und jetzt gedachte ſein Herz der entferntern, theuren Lieben. Da tritt er in ein Seitenzimmer des großen, hellen Krankenſaals, nimmt die Bi⸗ bel, die einſt in der Schlacht bei Aspern ſo wun⸗ dervoll ſeine Retterin wurde, und lieſt mit An⸗ dacht und Erhebung ihre begeiſternde Worte. Siehel jetzt oͤffnet ſich das Zimmer und herein tritt die ſchoͤnſte der frommen Auguſtine⸗ rinnen, Irene— und an ihrer Hand ein ſchoͤnes Weib, ſeine Fanisca.—— So muͤßte es ſeyn,(waͤhnte er in freudigem Erbeben), wenn jenſeits der Erde Graͤber die En⸗ gel des Himmels verklaͤrte Freunde, die des Blutes und des Herzens Bande feſſelten, unter der Harmonie der Sphaͤren in die Arme der neuangekommenen Se⸗ 230 ligen fuͤhren, und nun dieß Wiederſehn, der langerſehnten Seligkeit, zu des Himmels unſaͤgli⸗ G cher Freude erhebt. Ja, Fanisca von Eßrenheim war es. In Erfuͤllung des heiligen Berufs hatte ſte gelebt und gewirkt, hatte ſie viele der verwundeten Krieger der Schlacht an der Katzbach,(die Va⸗ ter Bluͤchern zum Furſt erhob) aufgenommen, gepflegt und im Verein ihrer Freundin Jeannette unter der Aufſicht des wackern Arztes, der unſern 8 Julius herſtellte, gerettet und war jetzt, nach der Evacuation dieſes Hospitals, in Erfuͤllung des wohlthaͤtigen Geſchaͤfts, das viele der Auserkohrnen der Frauenvereine, der fechtenden Armee und ih⸗ ren Hospitaͤlern folgen ließ, die ſie mit Verband⸗ ſtuͤcken, Krankenanzuͤgen und andern milden, oft von den ſchoͤnſten Haͤnden gearbeiteten Spenden verſorgten; war, in treuer Erfuͤllung dieſes Geſchaͤfts, der fechtend und ſiegend fortſchreitenden Armee gefolgt, und hatte hier nach ihren Kraͤften und in ihrem Wirkungskreiſe, den ſie mit allem weibli⸗ chen Zartgefuͤhl ſtreng beobachtete, viel Gutes vollbracht. Auch hierher war ſie gekommen, um Kranke und Verwundete zu laben und zu erfreuen. Da ſie aber ſahe, in wie guten Haͤnden, in wie trefflicher Pflege ſte ſich unter den frommen Auguſtinerinnen befanden, ſo wollte ſie nun zu andern Hospitaͤlern eilen. Hier alſo traf ſie ihren Julius, hier ſah 231 ſie ihn in dem Augenblicke, wo er das Mahl der Kiebe genoß, und hier empfand ſie, wie heilig reine Liebe iſt, die hoͤher iſt, als dieſe irdiſche. Gefallen war der Wittwen⸗Schleier, gefallen die aͤußere Trauer um Vater und Bruder; doch ein neuer deckte ihr ſchoͤnes Angeſicht; er galt der Trauer um ihre Schwaͤgerin, die Oberſtin Jeannette Lascananska, welche mit ihr wirkend, vom Laza⸗ rethfieber angeſteckt, fromm und gottſelig, wie eine Heilige, verſchieden war. Sie hatte in ihrer Sterbeſtunde unſres Julius gedacht, und ihm ihr ſchätzbarſtes Kleinod, das Bild ihres Vaters, auf deſſen Ruͤckſeite das ihrige war, vermacht, und hatte ihn, den Retter ihres Lebens, und⸗wie ſie auch ſagte, ihrer Seele, noch ſterbend geſegnet. Dieſes Bild uͤbergab ihm jetzt Fanisca, und nun ſprach ſie:„Ich folge meinem Berufe, geh' auch Du, und folge dem deinigen. In Jahresfriſt, flammt des Krieges Fackel nicht von neuem auf, ſehen wir uns wieder. Wacker und ruͤſtig erfuͤllte Julius ſeinen Beruf, und benutzte noch einmal alle jene Vortheile, die dem ſtudirenden Arzte Paris darbietet. Doch neue Freude, neue Genüͤſſe erwarteten ihn. Unverhofft traf er ſeinen Goͤnner, und ſtolz konnte er es ſagen, ſeinen Freund Alexius wieder, welcher jetzt, zum Gefolge ſeines erhabenen Monarchen gehoͤrend, ihm ins ſtolze Albion und das den Welthandel beherr⸗ ſchende dondon folgte, und fuͤr Julius die 232 Erlaubniß erhielt, daß dieſer als Arzt dem Ge⸗ folge ſich anſchließen durfte. In Großbritannien ſehen unſern Freund wir wieder, wollen aber in⸗ deß unſre Blicke auf die Sachſen⸗ und ihre Hospiräler wenden. Das faͤchfiſche Heer, jetzt aus Linien⸗ kruppen und Landwehr beſtehend, hatte ſich bereits in den Niederlanden und namentlich vor der Feſtung Antwerpen friſche Lorbeeren gewunden und mehrere harte Kämpfe beſtanden. Hierdurch war nun die Anzahl der Kranken und Verwundeten von Linientruppen und Landwehr hoch angewachſen, und die Hospitaͤler von Malin(Me⸗ cheln), Ath, Gent, ſahen ſich von Sachſen bedient, welche jedoch bald in das große, ſehr gut einge⸗ richtete Hospital zu Louvain evacuirt wurden. In der Geſchichte dieſer Hospitaͤler und des wundaͤrzt⸗ lichen Wirkens dieſer Zeit gehoͤrt der Tod zweier wackern Chirurgen, unter denen einer(Prinz ge⸗ genannt) bei Antwerpen vor dem Feinde blieb, der andere aber durch die Unvorſichtigkeit eines Land⸗ wehrmanns, dem das Wewehe losging, büdrlich ver⸗ wundet wurde. Nach Louvain wurde das alte ehrwurdige, in der Geſchichte der Deutſchen ewig merkwuͤrdige 2 a ch e n, ein Hauptetabliſſementsort der ſaͤchſiſche n Spi⸗ kaͤler und bot durch ſeine wohlthaͤtigen Majadan 233³ die hier die heißen Quellen der Geneſung ſegensreich ſtroͤmen laſſen, den kranken Soldaten den Becher der Geſundheit. Da Aachen zugleich Hauptquartier war, ſo ſtunden die ſächſiſchen Hos⸗ pitalwundärzte jetzt wieder unter den Augen ihres innigſt verehrten Chefs, des erſten Staabs⸗ arztes, D. Schoͤn, und reger Wetteifer befluͤ⸗ gelte ihren Fleiß und erhob ihre Kenntniſſe durch Privatſtudium, das die Staabs⸗ und die Ober⸗ wundaͤrzte thaͤtigſt unterſtuͤtzten. Ueberhaupt bot der Aufenthalt in Aachen, welches einer der glaͤnzend⸗ ſten und weltberuͤhmteſten Kurorte iſt, tauſend Annehmlichkeiten dar. Der ſaͤchſ. Banner ſtund einige Zeit in den Umgebungen von Mainz. Von Aachen aus kamen die Hospitäler der Linienarmee nach Coblenz und zum Theil nach Bonn. Sehr ſchoͤn war hier der Aufenthalt, und auf den Maͤrſchen dorthin und zuruͤck beſtiegen ſie mit einem ihrer Cameraden, dem genialen und ge⸗ muͤthvollen Dichter, D. Emil Reiniger,“) die ſteben Berge und das heilige kand der Nibelun⸗ gen. Coblenz hatte ſein Spital im kurfuͤrſtl. Schloß, die Kranken lagen in den weiten, prachtvollen Saͤlen, und genoſſen einer guten Ver⸗ pflegung, und fuͤr die Wundärzte insgeſammt war *) Itt jetzt praetiſcher Arzt in Hayn, und giebt dem Vaterlande durch die Edition der Feldkriegs⸗ geſänge einen neuen Beweis ſeines ausgezeichneten, vrhhaſe lobenswerthen Talents und Patrio⸗ — 9 234 durch die Einrichtung der Diäten beſtens und anſtaͤndigſt geſorgt. Noch ſey hier bemerkt, daß das geſammte wundaͤrztliche Perſonale neuere und einfachere Uni⸗ form⸗Auszeichnungen und das obere Perſonale ei⸗ e beſtimmtere Rangordnung erhalten hatte, welches ſie mit Dank gegen ihre hohen Vorgeſetz⸗ ten verehrten. Von Coblenz aus wurde bisweilen eine Par⸗ thie nach Ems, der edelſten der Heilquellen des Taunus, und den idylliſch ſchoͤnſten ſeiner Kur⸗ und Badeorte gemacht. Einige Zeit marſchirten nun die ſaͤchſiſchen Truppen ins Heſſenland, und die beruͤhmte Univerſitaͤtsſtadt, Marburg, gab ihr altes ehr⸗ wuͤrdiges Schloß zum Etabliſſement eines Hospi⸗ tals. Die vielen Geſchaͤfte, die die in Marburg liegenden Chirurgen hatten, erlaubten ihnen nur bisweilen an den gehaltvollen Vortraͤgen der dor⸗ tigen Profeſſoren Antheil zu nehmen, und uͤber⸗ haupt war der Aufenthalt in Marburg zu kurz, um lehrreich ſeyn zu koͤnnen. Noch einmal mar⸗ ſchirten die Sachſen nach Coblenz, und ſpaͤterhin von da nach Coͤlln und die Umgegend, und den ganzen Winter uͤber blieb ein ſehr wohl verpfleg⸗ tes und beſorgtes Haupthospital unter Direction des Staabswundarztes, Saalfelder, in dieſer alten, wahrhaft hetzäledigen Stadt, deren Dom, ——C——— 235 das majeſtaͤtiſch⸗herrlichſte Gebaͤude aller aiſ⸗ deutſchen Kirchen iſt. Auch Liege Cuͤttich) ſahe nun die Sachſen— ſahe die Entſcheidung ihres Voͤlker⸗Schickſals. — Sie ſetzten, als ſchon die Flamme des Kriegs durch den von Elba ſich wieder entzuͤndete, uͤber den Rhein, verließen ſeine gaſtlichen Ufer, wo ſie ſo manchen Beweis von biederer Freund⸗ ſchaft und kiebe erhalten hatten, und gaben ſich auf jenen Gefilden, die einſt die Hermanns⸗ ſchlacht in Weſtphalen*) Eichenforſten hei⸗ ligte, den Bruder-Kuß der Trennung. Der Er⸗ zaͤhler aber richte nun uͤber das Meer ſeine Blicke nach Großbritannien, zu dem, der der Held ſeiner Erzaͤhlung iſt. Die hohen Verbuͤndeten waren in London vom Koͤnige und Volk mit unſaͤglichem Jubel em⸗ pfangen worden, und ihr ganzes Gefolge, das ſie wie auf einem Triumphzuge begleitete, genoß die edelſte Gaſtfreundſchaft, und ſah die reichſte der Staͤdte in aller ihrer glaͤnzenden Herrlichkeit. Fuͤr Julius waren die Hospitäler und aͤrztli⸗ chen Unterrichtsanſtalten dieſer unermeßlichen Stadt ein GeJaſand der Veibunderuihe, und er —— 42 Noch ſey hier ein kleines Hospital in Dedere born erwaͤhnt. 6513i 236 fand hier ſelbſt Gelegenheit, Zeuge jener Entſchloſ⸗ ſenheit zu ſeyn, mit welcher die engliſchen Operateurs die groͤßten und ſchwierigſten Ope⸗ rationen mit kaltem Blute und energiſcher Feſtig⸗ keit zu behandeln pflegten. Endlich war er auch Zeuge der glaͤnzendſten und erhabenſten Pro⸗ motionenz er ſahe, wie am 14. Juni des Jah⸗ res 1814 die hohen Verbuͤndeten und Vater Bluͤ⸗ cher, die Doctorwuͤrde zu Oxfort erhielten. Jetzt reiſeten die Monarchen nach London zuruͤck, und von da nach ihren Landen, die ihrer hoff⸗ nungsvoll entgegen harrten. Juͤrſt Alexius aber erhielt fuͤr ſich und Julius die Erlaubniß, Schott⸗ land beſuchen zu duͤrfen. Ein junger, wiſſen⸗ ſchaftlicher Botaniker, der hier den Dollmet⸗ ſcher machte, begleitete ſie. Sie ſahen Edin⸗ burg, und auch hier war Julius von den treffli⸗ chen Einrichtungen der dortigen Unterrichts⸗An⸗ ſtalten fuͤr Medicinſtudirende, und der Kranken⸗ haͤuſer ergriffen und pries jeden jungen Arzt gluͤcklich, welchem eignes Vermoͤgen, oder die Un⸗ terſtuͤzung erhabner Wohlthaͤter es moͤglich ma⸗ chen, dieſe Stadt beſuchen und hier dem Studio der Arzneikunde obliegen zu koͤnnen. Nun ging's in das Schottiſche Hochland, das vor Jahrtau⸗ ſenden die Harfe Oſſians heiligte. Alexius und Julius ſchwelgten, aus einer Ueberſetzung dieſes Altvaters der nordiſchen Dich⸗ ter, dieſes ewig glaͤnzenden Vorbildes, des wahr⸗ — ——— 8 237 haft ſchoͤn Erhabenen, deſſen ſchoͤnſte Stellen ſie ſich oft ſelbſt vorlaſen, in jenen wunderſeligen Ge⸗ nuͤſſen, die den Geiſt erheben, und das Herz er⸗ freuen, und Julius vereinte zu dieſem Genuß auf ſeinen Wanderungen noch das Studium der Pflan⸗ zenkunde, welches dem gebildeten Arzte, ſo un⸗ umgaͤnglich noͤthig iſt, und worin ihm der junge begleitende Britte, ein Mann von gediegenen Kenntniſſen in dieſem und dem pharmacevti⸗ ſchen Fache den beſten Unterricht gab. So war Jeder in ſeiner Art gluͤcklich; doch unter dieſem Monden giebts ja kein dauerhaftes Gluͤck. Auf einer Felſenwanderung der nebel⸗ umrollten Vorgebirge fiel Alexius, und ein Bein⸗ bruch zwang ihn und ſeine Begleiter, laͤnger als einen Monat mitten unter dem biedern, aber ar⸗ men Volke des Hochlandes zu verweilen. Hier nun hatte Julius die ſchoͤnſte Gelegenheit, die Beweiſe ſeiner Freundſchaft, Dankbarkeit und wundaͤrztli⸗ chen Kenntniſſe zu geben. Sobald der edle Kranke transportfahig war, brachte man ihn nach Edin⸗ burg zuruͤck, und hier wurde die Behandlung des ſo gefaͤhrlichen Falls und complicirken Bruchs, un⸗ ter den Augen der erſten Aerzte dieſer Stadt, voll⸗ bracht, welche nun auch unſerm Freunde die Voll⸗ endung der Ausbildung ſolider Kenntniſſe gab. Sie blieben den ganzen Herbſt daſelbſt und den Winter uͤber, wo Alexius eine Geſandtſchafts⸗ Cavalierſtelle bei der ruſſiſchen hohen Geſandtſchaft 238 erhielt, und Julius dem Herrn Geſandten als Arzt ſehr willkommen war, in ondon, und hier nun hatte Julius Zeit und Muße, dieſe großen Spi⸗ taͤler dieſer Welthandelsſtadt mit Ruhe zu beſu⸗ chen, und namentlich den Viſiten im Hospital der Matroſen und in dem ſo beruͤhmten und reich ausgeſtatteten Betlams⸗Spital beizuwohnen. So verging der Winter! Die erſten Fruͤhlingsſtuͤrme braußten; mit ihnen kam Bonaparte von Elba uͤber das Meer nach Frankreich zuruͤck, und die Flamme des Kriegs und der Zwietracht loderte gewaltig von Neuem auf. Alle Völker ruͤſteten ſich, und eine Million bewaffneter Krieger ſtuͤrzte, als Bonaparte ſich wieder Kaiſer nannte, ſchlachtgeruͤſtet und kampf⸗ gerecht, gegen ſeine ſchnell geſammleten Legionen, und Englands Landheer, zog, von Welling⸗ ton gefuͤhrt,(der den jungen Alexius mit ſei⸗ nem aͤrztlichen Freunde, unter der Bewilligung der ruſſiſchen Geſandtſchaft, in das Gefolge ſeines General⸗ Staabs aufnahm,) der groͤßten einfluß⸗ reichſten und blutigſten der Entſcheidungsſchlach⸗ ten, uͤber das wogende und ſtolze Meer, entſchloſ⸗ ſen und furchtbar entgegen. Die in der Geſchichte der Weltgeſchichte ewig denkwuͤrdigen Tage ——.— 239 des 16. 17. und 18. Juni d. J. 1815, die Tage der Schlacht bei Waterloo und la Bel- le alliangc ſahen Napoleon als Sieger beſiegt und vernichtet undſchrieben die Namen Welling⸗ ton und den Heldengreis Bluͤcher in das Helden⸗ buch der Unſterblichkeit ein. Beruͤhmte Maͤnner ha⸗ ben dieſe Tage wuͤrdig dargeſtellt und mit der Weihe eines Archenholz oder Odelebens beſchrie⸗ ben. Darum ſchweige hier die Geſchichte, und preiſe nur im Allgemeinen die ſegensreichen Bemuͤ⸗ hungen aller jener preußiſchen, engliſchen und niederlaͤndiſchen Aerzte und Wundaͤrzte, wel⸗ che ſowohl im mordenden Kampfgewuͤhl der hei— ßen Tage, als in den Hospitaͤlern, unter welchen beſonders fuͤr Preußen Aachen ſich auszeichnet, den Dank ihres Vaterlandes, die Liebe aller Rechtſchaffnen, und die Lorbeer des Verdienſtes ſich erwarben... Mehrere Wundaͤrzte verſchiedener Nationen, und namentlich Preußen, waren in der Schlacht auf dem Bette der Ehre gefallen, theils ſtarben ſie an ihren Wunden in den Hos⸗ pitaͤlern. Von neuem zeigten die edeln Frauen⸗ vereine nun ihren ſegensreichen Einfluß, und erwarben ſich wiederholt den Dank des Vaterlan⸗ des, den Preußens edelſte Muͤtter durch das Kreuz des Louiſenordens erhielten. Da in dieſem Lande, wie in Sachſen, jedem Ver⸗ dienſte ſeine Palme gruͤnt, ſo wurden diejenigen 240 Wundaͤrzte aller Claſſen, die ſich wahrhaft ausge⸗ zeichnet hatten, mit ritterlichen Ehrenzeichen und dem Schmuck des eiſernen Kreuzes durch die Huld und Gnade ihres Königs belohnt, welcher auch allen denen, die ihre Pflicht gethan hatten, ohne unter den Waffen zu ſtehen, das Ehrenzeichen mit der Inſchrift:„Treue im Beruf“ verlieh. Viele der verdienſtvollſten, in den Hos⸗ pitalern kraͤftig und wohlthaͤtig wirkenden Pro⸗ feſſoren und Civilaͤrzte erhielten theils den ro⸗ then Adlerorden, theils das eiſerne Kreuz am weißen Bande. —. 1 Nach der ungluͤcklichen Kataſtrophe ſeines Gluͤcks, und der Vernichtung ſeiner fuͤr ihn ſter⸗ benden treuen Garden, ſuchte Bonaparte Schutz bei den Englaͤndern, und fand durch ſie ſein lebenslaͤngliches Erxil auf der im großen Ocean einſam liegenden Inſel St. Helena. Ludwig der XVIII. kehrte den 8. July zu⸗ ruͤck, und feſtgegruͤndet war nun von neuem der Thron der Bourbons; Paris aber war fort⸗ an vom 7ten July von den Verbuͤndeten beſetzt, und ſeine erſten Hospitaͤler als Feld⸗ und Ar⸗ meeſpitäͤler eingerichtet. Julius erhielt wie⸗ der die Direction eines ruſſiſchen Hospitals, und ——-—— 241 lernte jetzt einen der bravſten und edelſten preuſ⸗ ſiſchen Officiere, den ein inneres Sehnen zu den Bergen des Schweizerlandes zog, kennen und lie⸗ ben, da er ein vertrauter Freund des Fürſt Alexius war. Du aber, lieber Leſer, wende deine Blicke jetzt mit dem Erzaͤhler auf eins der preußiſchen Hospitale, welches, wie alle zahlreiche andere, unter der vaͤterlichen Fuͤrſorge des wuͤrdigſten der aͤrzt⸗ ſichen Veteranen, ſeines General⸗Staabs⸗Arzts, . Goͤrke, eines hochverehrten Greiſes, von ur deutſcher biedrer Sitte, und eines andern Biedermannes, des geliebten Lei bm edikus ſeines Koͤnigs, ſtand. Die ſpecielle Direction dieſes Hospitals fuͤhr⸗ te ein edler und rechtſchaffner Mann, der Oberſt⸗ Staabs⸗Arzt und Ritter, Dr. Kranz, ein Preuße, aus Koͤnigsberg. Bedarf nun jedes Hospital der Fuͤrſorge eines Mannes, der es eben ſo gut und herzlich mit den Kranken, als ſei⸗ nen untergebenen Aerzten meint, ſo war es hier vorzuͤglich der Fall, weil dieſes Hospital faſt gaͤnzlich aus 1 Augen ⸗Kranken beſtund. Hier konnte nur die treueſte ſpecielle Fuͤrſorge fuͤr jeden der ſchwer Leidenden, nur die ſorgfaͤltigſte, genaueſte Beobachtung der oft 16 242 ſo wechſelnden Symptome und die vollkommene Erkenntniß des Leidens und die bruͤderlichſte Ab⸗ wartung erfolgungsreich wirken. Dieſes Hospital glich alſo ganz einer kliniſchen Anſtalt, und die treueſte Fuͤrſorge des Ober⸗Staabs⸗Arztes war das Beiſpiel fuͤr alle andre und wird den Kranken, worunter durch Gottes allguͤtige Huͤlfe und Gnade ſehr viele genaſen, ſo wie allen ſeinen ihm untergebenen Aerzten, fuͤr welche uͤbrigens in Paris beſtens und anſtaͤndigſt durch die Diaͤtengelder geſorgt war, in unvergeß⸗ lich dankbarer Erinnerung bleiben. Die ſpecielle Krankenverpflegung und die Ver⸗ pflegung des Hospitals beſorgten mit gewohnter Treue die frommen Auguſtinerinnen. Dies war das Spital von La pitié. So verging dieſer Winter, und die Heere zogen in ihre neuen Cantonnements, und die Hos⸗ pitaͤler folgten ihnen nach. Alexius eilte auf den Fluͤgeln der Liebe Olimpiens Eldorado, und dem Wiederſehen ſeiner Aurora zu: aber inneres maͤchtiges Sehnen trieb Julius, der jetzt die ehrenvollſte, ſich ſelbſt erbetene Entlaſſung mit glaͤnzender Auszeichnung erhielt, zu der Schweiz und ihren Alpen. 243 In Colmar traf er die Sachſen, wel⸗ che hier ein ſehr wohl eingerichtetes Spital mit gewohnter Treue beſorgten, und deren Aerzte die freien Stunden des Dienſtes, unter wiſſenſchaftli⸗ chem Studium, botaniſchen Excurſionen, und klei⸗ nen Schweizerreiſen theilten. Ihr Heer verehrte jetzt in ſeiner Mitte, die allgeliebten Prinzen des Koͤnigshauſes, mit innigſter Liebe, und ſahn in ihnen die Morgenroͤthe kuͤnftigen Gluͤcks; denn Sie, die Bruderſoͤhne des allverehrten Koͤnigs, wußten jedes Herz zu treuer Liebe zu entflammen. Schon hatte unſer Freund den Rheinfall bewundert, ſchon die herrliche Schweiz begruͤßt, und ſuchte jene Thaͤler, die Mimilis Zauber belebte,(ihre Erzaͤhlung, das ſchoͤne empfindungs⸗ reiche Gedicht des herrlichen Clauren war ihm von einem ſeiner Freunde, verehrt worden) und belebte ſeine Phantaſie, ſie maͤchtig zu anisca's Erinnerung hinziehend. Dort ſtund er nun auf einer jener Alpen und ſeine Augen ſuchten die wunderſuͤße Maid. Da klopft's ihm auf die Schulter, und ein wuͤrdevoller, ſchoͤner und ernſter Mann in Schwei⸗ *) Die Sachſen ſtunden im Jahre 1815 und 1816 im Elſaß, und zuletzt ein Theil derſelben in der Gegend von Calais⸗ 188 244 zertracht, deſſen flammendes ſchwarzes Auge und braͤunliche Geſichtsfarbe jedoch den ſuͤdlichen Franzoſen oder den Italiaͤner verrieth, ſtund hin⸗ ter ihm.„Willkommen, Fremdling, auf meinem Eigenthum!“ ſprach er.„Ehre die Gaſteund. ſchaft⸗ und ſen mein Gaſt!“ Unheimlich war es Julius bei dieſer Anrede, die Stimme ſchien ihm bekannt; doch dieſen Mann mit dem Heldengeſicht ſah er noch nie. Er folgte ihm. Ein Schweizerlandhaus, wie es nur Clau⸗ herrſcht patriarchaliſche Sitte. Der Burgunder glaͤnzt im Goldpokal, und im Cryſtall der Schaum⸗ wein, der Champagner. Jetzt will ich dir dein Zimmer zeigen, ſpricht der Wirth, und dann ſollſt du auch meine Kinder ſehen, und Thraͤnen ſtuͤrz⸗ ten aus ſeinem Auge. Welche Gefuͤhle durchſtroͤm⸗ ten das Herz unſres Freundes, in der Miſchung von Furcht und Freude, die der Anblick dieſes ernſten raͤthſelhaften Mannes in ihm erweckte. Er folge. Sein Zimmer gleicht der ausgeſuchteſten Ge⸗ maͤlde⸗Gallerie, und ſein Blick weilt bald auf Guido Renis, bald auf Annibals und Correggio's gluͤck⸗ lichſten Copien. Auch Originale fehlten nicht— doch jetzt heften ſich ſeine Augen auf einen Kin⸗ derkopf, der befluͤgelt als Engel in den Wol⸗ ren zeichnen konnte, nimmt ihn auf und in ihm ——— 245 ken ſchwebt. Bekannte Geſichtszuͤge leuchten Ju⸗ lius entgegen. Wer iſt es? ruft er begeiſtert, ſein Wirth weint, die Verlorne! ſtammeln ſeine Lippen. Doch jetzt, ſagt er, jetzt, Fremdling, zeig' ich dir das rheuerſte meiner Gemaͤlde, ſiehe und erkenne es. Er luͤftete den Schleier von ei⸗ ner Zeichnung, Julius ſieht, erblaßt, ſeine Kniee wanken, er erkennt ſich ſelbſt in der Mordſcene des Nachtſtuͤcks, Orlando, und ſeine Lippen beben, Massacrasso! Massacrasso!—— „Er iſt es! ruft ſein Wirth, und er ſteht vor dir!“ Ja, er iſt es! ruft Julius, und hell wird es vor ſeinen Augen! „Fuͤrchte dich nicht! ruft jener, kein Mord der Unſchuld hat jemals dieſe Hand befleckt, das Gewiſſen ſpricht mich los und ich war nur der Boͤſen Feind, die im Uebermuth ſich uͤber das Ge⸗ ſetz erhaben glaubten, des Volkes Scorpione und der rechtmaͤßigen Throne Feinde waren.“ „Die Zeit hat mein Wirken gerechtfertigt und Nemeſis hat gerichtet. Nun darf ich meinen Namen nennen. Du zitterſt vor Massacrasso, liebe den, der dich ſeines Sohnes Retter nennt, liebe Jean d' Herbois!“ 246 Jean d' Herbois?— Jeannettens Vater? rief Julius in erneutem Staunen freudig aus. Wie? Wie? du kennſt ſie, ſah'ſt ſie, ſprich, Unbegreiflicher! ſo ſprach im Uebermaß der Va⸗ terfreude, Jean d' Herbois. Wo iſt ſie? Dieß war ſie,(ruft Julius) ihm ihr Miniaturbild zei⸗ gend!— und dort(auf den Engel zeigend), dort iſt ſie! Sterbend vermachte ſie mir dieſes mir ewig theure Angedenken. Sie war die Ge⸗ mahlin eines edlen Sarmaten, Jaromir Lasza- nanski, eines polniſchen Obriſten, und die Schwaͤ⸗ gerin der mir auserkohrnen Braut, in deren Arme ich eilen will, Massacrasso fiel auf ſeine Kniee, betete und rief dann:„Zu viel der Freude! zu viel des Schmerzens auf einmal. Erzaͤhle mir, wenn ru⸗ higer es hier im Buſen ſchlaͤgt!“ Jetzt, Freund meines Herzens, zittre nicht! Sey mein Freund! komm, ſiehe meine Kinder, deren Gluͤck du ſchufſt; ſiehe meinen Sohn, der dich in Baſel ſahe, ohne, daß du ihn erkannteſt, der jedem deiner Schritte folgte, und deinem Herzen ein Feſt bereitete! Komm, lieber Gaſtſrkund: zu des Schweizers Haus⸗ Altar! Eine vollſtimmige Muſtk, ſchoͤn, wie ſte die Hirten der Alpen zu geben pflegen, ſcholl jetzt aus 247 dem Raume des Hauſes. An der Hand des Gaſt⸗ freundes geht Julius in den Speiſeſaal, und in feuriger Umarmung fliegt Capitain d'Herbois, ſein Ungluͤcksgefährte in dem Gefaͤngniſſe Iberiens, in ſeine Arme, und erroͤthend, wie die jugendliche Roſe, ſteht vor ihm d' Herbois Gattin— Bianca — Calpestri.— „Die Verſuchung floh, die Tugend ſiegte,“ rief das holde, jetzt in ihrer Schweizertracht ſo wunderſchone Weib, und ich darf den Freund begruͤßen.— Welch ein Wiederſehen! Clauren! leihe mir deine zauberiſchen Farben, ſiehe, die du verherrlichteſt, ſiehe deine Mim ilil hier ſteht ſie, hold und ſchoͤn, wie der jugendliche Morgen an der Seite ihres Auserwaͤhlten, unter den Gaͤ⸗ ſten dieſes Freudenmahls, und in Mimilis Auserwaͤhlten erkennt unſer Julius jenen preuß. Officier, den er in Paris kennen und lie⸗ ben lernte.— Mimili's Zauber, das haͤusliche Gluͤck und die Liebe, womit ſie ihren Gatten beſeligte, rief ihm Fanisca's Bild zuruͤck; zu ihr hin zog ihn ſein Herz, und noch waͤhrend des Mahls wurde die Abreiſe verabredet. Die gegenſeitigen Schickſale waren die Wuͤrze des herrlichen Sym⸗ poſions. Noch dieſen Abend ſchrieb er an Fanisca, 248 ſeine Ankunft meldend. Schon den andern Tag ſah Julius ſeinen Freund, den alten Herrn von Herbois, der zum Grabe der Tochter wall⸗ fahrten, dort ſeine Seele zu Gott betend und dankend erheben wollte, auf der Reiſe nach Deutſchland. Hier erfuhr Julius d' Herbois Schickſale; hier, wie Bonaparte, der ihn mit Dumourier verbuͤndet hielt, ihn zum Tode verur⸗ theilte; hier, wie er floh, und durch ſeine Flucht geaͤchtet, ein Fuͤhrer ſpaniſcher Guerillas, und ſpaͤterhin die Rolle eines Abaͤllino ſpielend, der Schrecken der Tyrannen Roms wurde. Im Feldzuge gegen Murat war der alte Muth erwacht. Er und ſein Sohn hatten als Helden gefochten, und ſahen ihren Muth, ihre Selbſtaufopferung belohnt. Ludwig des XVIII. Gnade gab den Her- bois die alte adeliche Ehre und ihre Guͤter wieder. Der Vater kaufte ſich in der Schweiz, dem Baterlande ſeines Weibes, dieſe Beſitzung, der Sohn nahm franzoͤſiſchen Dienſt unter den Schweizern, den treuen Leibwachten des geheiligten Thrones der Bourbonen.— f 4 Haͤufige Thraͤnen pergoß er uͤber Jeannettens Schickſal, und, als ihm Julius die Scene im Palais royal erzaͤhlte, da druͤckte er ihn ſtuͤrmiſch an ſein Herz und rief: ———— ———— 249 „Ihre Seele haſt du gerettet, Gott vergelte es dir in jener Ewigkeit!“ Bald fuhren unſre Freunde uͤber die ſpiegel⸗ hellen Fluthen des Bodenſees, betraten das deutſche Land, und ohne Ruh und Raſt durch⸗ zogen ſie des Schwabenlandes fruchtbar ſchoͤne Fluren. 1 Hierauf begruͤßten ſſe Manheim, Hei⸗ delberg, das ehrwuͤrdige Frankfurth a. M., und eilten dann uͤber Fulda den ſaͤchſiſchen Grenzen zu. 7 Weimar war ihnen ein Ruhepunkt. Hier huldigten ſie Goͤthen, dem Heros der deutſchen Saͤnger, hier ſahen ſie ſich auf jenem klaſſiſchen Lande, das Wielands, Her⸗ ders, Schillers und des gemuͤthlichen Mu⸗ ſeus Muſe heiligte.— Hier empfanden ſie Thaliens Zauber in dem freundlichſten ihrer Tempel, den der edelſte der Fuͤrſten dem Apoll und den Muſen weihte, und dadurch ſeine Reſidenz verherrlichte. In Weimar traf Julius einen jener preuß. Ober⸗ Staabsaͤrzte wieder, die er in Paris und Ver⸗ ſailles kennen zu lernen das Gluͤck hatte. Jetzt 250 war dieſer biedre, deutſche, ehrenveſte Mann ſeinem alten Lehramte auf der Univerſitaͤt Jena zurück⸗ gegeben. Wollen Sie nicht auch unſer Jena ſehen? fragte ihn dieſer, und Julius begleitete ihn mit ſeinem Freunde und ſieht die Stadt, die eine Entſcheidungsſchlacht der Weltgeſchichte nannte, ſieht die Hoͤrſaͤle, wo Hufeland's und Starke's, wo Oke's und Wieland's Sonnen leuchteten, und der regſte Fleiß und wiſſenſchaft⸗ liches Forſchen ſich mit jener ſittlich und gei⸗ ſtiger Freiheit vereint, die des Juͤnglings Genius erhebt, ſeinen Geiſtesflug befluͤgelt, und ihn zum feſten, ernſten, ſelbſtſtaͤndigen und eh⸗ renwerthen Biedermann bildet. Dieß ſey der Ort! rief er aus, der mir des Arztes hoͤchſte academiſche Wuͤrde geben ſoll! Eine gluͤckliche Vorbedeutung ſey es mir, hier zu promoviren, wo Hufeland und Starke ſpra⸗ chen, handelten, wirkten, und den Grund ihrer Weltberuͤhmtheit legten. Er meldet ſich bei der medic. Facultaͤt. Seine militaͤriſchen Wuͤrden, des Kaiſers Bild, das auf ſeiner Bruſt im Golde funkelnd ſtrahlt, Frankeeichs Ehrenkreuz von Silberlilien umbluͤht, —— 251 der Polen ritterlichen Orden, Sanct Anna's Kreuz mit ſeinen funkelnden Rubinen, und der Brennen Zier, das Kreuz von Eiſen, das der wahren Ehre Silberſtreif umglaͤnzt; ſie ſind fuͤr ihn, ſo wie der Univerſttaͤten Zeugniſſe, die ehrenwertheſte Empfehlung. Der Tag der Pro⸗ motion iſt angeſetzt, des Rigorosums Zeit be⸗ ſtimmt, und freudiger tritt Julius nun in den weiten Pruͤfungsſaal. In Roma's Sprache wird Galenus Kunſt, in ihr das ernſte Wort der ewig ehrenwerthen Aerzte Griechenlands beſprochen. Es oͤffnet ſich das weite Feld der Wiſſenſchaft. Von des Menſchen Koͤrperbau beginnend, geht die Be⸗ trachtung zu den Kraͤften der Natur, und dann erſt vom geſunden zu dem kranken Organismus uͤber, und bald zeigt ihm nun die Erinnerung die Leiden, die er ſah, mit Gottes Häulfe lin⸗ derte. Jetzt hebt ſich das Geſpraͤch auf Pſyches Fittigen, zum Wirkungskreis des hoͤhern Ner⸗ venlebens auf,— er ſpricht, wie er's empfindet, als ein freier Mann, nicht wie ein Schuͤler, um auf's Wort des Lehrers ſchwoͤrend, und die Pruͤ⸗ fung ſchließt mit Lob fuͤr ihn, und mit der Doc⸗ tor⸗Wuͤrde ernſter Weihe! „Wer ſo, wie Sie, der ernſten Wiſſen⸗ „ſchaft des Lebens ſchönſte Tage weihte, dem ——— „erſcheint ſie ganz in ihrer Herrlichkeit, der „kennt den heiligen Beruf, und wird „ihn nie entweihen; fortſchreiten wird „er immer auf des Forſchers Bahn, und „Gott mit ihm und ſeinem Wirken ſeyn. „Jetzt treten Sie vor Ihn, der Alles „weiß und lenkt, und leiſten, ihm gelobend, „hres kuͤnftigens Wirkens heiliges Ge⸗ „luͤbde!“ Nach dieſen Worten lieſt ihm der Plomnotor laut des Eides Formel vor, die Ju lius mit Herz und Mund gelobend nachſpricht. „Nun nehmen Sie, faͤhrt der Promotor fort, die aͤußern Zeichen Ihrer neuen Wuͤrde.“ Er ſetzt der Geiſtesfreiheir Sinnbild, ſetzt den Hut ihm auf ſein Haupt, vermaͤhlt ihn mit der Wiſſenſchaft durch Kuß und Ring, giebt ihm das Buch, das Sinnbild der Gelahrt⸗ heit, giebt die Feder ihm, daß er durch Worte nicht allein, daß er durch Schrift den Trug, die Hinterliſt, die Afterlehre kuͤhn be⸗ kaͤmpfe, und alles dieſes, daß er ohne Furcht und Tadel, als Gelehrter und als Chriſt, ſpreche, ſchreibe, handle immer⸗ dar, und daß ein Zeugniß ihm der ernſten Stunde bliebe, legt er nun in ſeine Hände das Diplom. —ä 253 So eilt der neue Doctor der Heilkun⸗ de und der Chirurgie in die Arme ſeines harren⸗ den Freundes zuruͤck, und den ſchoͤnen ernſten Tag beſchließt die Theilnahme eines Feſtes in der Roſe, das Jena's edelſte ſtudirende Juͤnglinge, im freundſchaftlichen biedern Kreiſe verehrter deh⸗ rer, geachteter Staatsbeamten und Buͤrger, und im Bluͤtenkranz der ſchoͤnſten und gebildetſten Frauen und Jungfrauen, zu froͤhſter, geſelliger Mittheilung bei Tanz und Becherklang vereinte. Der andre Tag ſieht ſie bereits jenſeits der Saale, die in maͤandriſchen Kruͤmmungen im herrlichen Thuͤringerland ihnen oft wieder begegnet. Schul⸗Pforta, die Pforte des hoͤhern wiſſenſchaftlichen Strebens und ſeiner Vollendung feſſelt ihre Aufmerkſamkeit. Hier war es, rufe Julius, wo Klopſtock das Lied des Welterloͤſers, ſchon als Knabe dachte, und das Unſterbliche ſingend, im Lied un⸗ ſterblich ward! Bei Naumburg, bei Weißenfels und bei Luͤtzens ewig denkwuͤrdigen Schlachtfeldern rollen ſie nun voruͤber; in Leipzig ſchreibt Julius an Fanisca, und eilt,— dahin zieht ihn ſein Herz,— nun zu ſeinem Geburtsort, zu dem 254 Grabe ſeiner Aeltern, und in die Arme ſeines Oheims.— Die ſelben Denkſpruͤche, die die frommen Aeltern in ſein Stammbuch ſchrie⸗ ben, zierten jetzt ihre Leichenſteine, und ſie benetzte Julius mit den Thraͤnen der Dankbarkeit. Jetzt eilten ſie, von dem muntern Greis begleitet, der ſich ſo herzlich auf die neue Tochter freute, wie zuvor auf der ſchnell hinrollenden Extrapoſt, uͤber Meißen, der aͤlteſten der Staͤdte des koͤniglichen Sachſens, uͤber Hayn und mehrere Staͤdte der ſachſtſchen und preußiſchen Lauſitz, Schleſtens ma⸗ jeſtaͤtiſchen Gebirgen, und bald Breslau, der erhabenen Hauptſtadt des ſchoͤnen Landes, zu. Hier wallte Julius zur Gruft der Ehrenheims, und heiße Thränen der Dankbarkeit benetzten den kalten Marmor. Viel Merkwuͤrdiges bietet Bres⸗ lau als Univerſitaͤtsſtadt auch dem Arzte dar, doch ihn rief jetzt nicht Hygiaͤg, der Zauber des ſuͤßen Liebesgottes beſeelte ſeine Wuͤnſche, befluͤgelte ſeine Hoffnungen und zog ihn zu den gruͤnenden, gluͤcklichen Bergthaͤlern ſeines Frie⸗ denthals.— Eine ſchoͤne, milde, ſternenhelle Nacht hatte die Eilenden geſehn, Selene, die Freundin der kiebenden, ſie begleitet. Aus Oſten entſtieg der jugendliche Morgen, begruͤßt von den Saͤngern des Waldes, der jubilirenden erche und des Landmanns fruͤhen frommen diede,— da treten ſie in die heiligen Hallen eines Eichen⸗ K 3— — 255 hains. Muſikchoͤre toͤnen jetzt in der Melodie des Morgenliedes, feſtlich gekleidete Maͤdchen haben Blumenketten vor den Weg gezogen, und ein ſchoͤnes goldgelocktes Kind, als Hygiäa gekleidet, weiht dem ſtaunenden Julius den Kranz der Myrthen, dem Oheim den Eichen⸗ und d' Herbois den Lorbeerkranz. Alle Kinder aber rufen: ſeyd gegrüßt im Friedensthall! Hier! ſchon hier! bebt Julius Herz, und den Wagen verlaſſend, wandeln ſie nun in ſe⸗ ligem Entzuͤcken auf Blumen, womit die Kinder jubelnd ihren Weg beſtreuen. Wenig Minuten vergehn, die Muſik wird zum Choral, und alle Kirchen der ſchoͤnen Herrſchaft toͤnen rings umher von ihren Thuͤrmen in des Erzes heiligen Accorden. Jetzt oͤffnet ſich das Dunkel des Eichenhains, dort glaͤnzt im Morgengold Fa- nisca's Schloß im blauen See ſich ſpiegelnd, und der Freudefahnen wehen von ſeinen Zinnen. Jetzt ſtehen ſie an der Kapelle, an jenem Orte, wo ſonſt die Cypreſſe und jetzt die Myrthe und der Oleander die Vergißmeinnicht⸗Buchſtaben I. H. umſchatten, da wandeln die Vaͤter der Gemein⸗ den, und die ehrbaren Muͤtter im feſtlichen Fei⸗ 256 erkleide, ihm durch die blumigten Auen, von ihrem Clerus angefuͤhrt, entgegen, und gruͤßen ihn mit Gruß und Lied;— doch ſein Auge ſucht die Aus⸗ erwaͤhlte, und ihr, nur ihr klopft ſein Herz in froher Sehnſucht ſtaͤrkern Pulſen— da rauſchen die Fluͤgelthuͤren auf, es oͤffnet ſich das Gottes⸗ haus, Harmonika und Orgel ruft, im Gewand ſeiner füͤrſtlichen Wuͤrde tritt ihm, dem Hochbe⸗ gluͤckten, jetzt Alexius entgegen, fuͤhrt ihn zu dem lichtumglänzten Traualtar; dort ſteht Fanisca, die unentweihte, bräͤutliche Krone in den blonden Locken, an Olimpiens und Aurorens Seite. Der Prieſter im Ornate winkt, es knieen die Vielge⸗ pruͤften, und der Kirche Seegen bindet auf ewig die Herzen, die reine Liebe beſeeligte, die Tugend durch Pruͤfungen bewaͤhrte, und zu jenem Gluͤck erhob, das hoͤher als das irdiſche, ſelbſt jenſeits Grab und Urnen, bluͤht.— — 257 An einem ſchoͤnen Maitage des Jahres 1822 ſaß Herr Julius von Ehrenheim,(dieſen Na⸗ men verdankte er der Gnade ſeines Monarchen), im Prunkfaale ſeines Schloſſes, an ſeiner Seite wiegte Fanisca, die geliebte Gattin, einen klei⸗ nen blondgelockten Engel, und um die Tafel⸗ runde ſaßen verehrte Freunde, es war Fuͤrſt Alexi⸗ us und ſeine Huldin, und die ſchoͤne Wittwe Olimpie. Sie hatte waͤhrend dieſer Zeit ihre Guͤter in Polen und Rußland zu einem Eden um— gewandelt, und die leibeigenen traͤgen Bauern zu freien, gewerbfleißigen, thaͤtigen und gluͤcklichen Unterthanen geſchaffen,— jetzt war ſie hier, um von hieraus mit Ehrenheims Dresden, und ſodann die boͤhmiſchen Curorte zu beſuchen, unter denen Mariaͤbad,(wie von einem guͤti⸗ gen Zauberer hervorgerufen), durch die wohlthaͤ⸗ tigſten ſegensreichen Wirkungen, ſo ſchnell ſich zu wahrer Celebritaͤt emporgeſchwungen hat⸗ ten. Nach Boͤhmen hin ſchlug das Herz Olim⸗ piens, und auch Fanisca wußte es, daß ihr dort nur ſelige Freude bluͤhen wuͤrde. Des andern Tages Morgen ſahe ſie alle auf der Reiſe, und ehe die Woche ſchloß, begruͤßten ſie die ſchoͤne wohlthaͤtige Stadt an der Sprea Felſen⸗Ufer, deren Wappenſchild die goldne Mau⸗ rer⸗Zinne iſt, und Tags darauf das herrliche Dresden. Wie viel hatte es waͤhrend dieſer Zeit 17 258 an zweckmaͤßigen Verſchoͤnerungen gewonnen. Sie waͤhlten eines der ſchoͤn gelegenſten und trefflichſt eingerichteten Hotels, ſie waͤhlten die Stadt Wien zu ihrem Quartier. Tages nach ihrer Ankunft beſuchte Julius die wundaͤrztliche Aca⸗ demie, welche jetzt durch Lage, Einrichtung und Lehre, mit Recht eine der vorzuͤglichſten, zweckmaͤßigſten, fuͤr das Staatswohl wohlthaͤtig⸗ ſten Inſtitute iſt, und dem gerechten Koͤnig, der jedes wahre Gute ſo gern befoͤrdert, ihre jetzige Umwandlung verdankte. Auf den weit umſchauenden Terraſſen des Bruͤhlſchen Gartens traf Julius ſeine Lieben, und ſie wandeln nun hier, wo die Natur tau⸗ ſend Schönheiten, im herrlichſten Rundgemaͤhlde, erſcheinen läßt, und freuen ſich alle dieſer Herr⸗ lichkeit. Aber, ſieh einmal! ruft jetzt Fanisca ihrem Gatten zu, ſieh, welche liebe ſchoͤnen Kin⸗ der hier neben uns wandeln, der Knabe ein ſchwarzaͤugiger Amor, das Maädchen eine Hebe! Wer biſt du, lieber Kleiner? ruft ſie dem Knaben zu, ſeine muntre Antwort leitet ein Ge⸗ ſpraͤch ein, ſie kommen zu dem Pavillon der Wirthſchaft. Nun ſollt ihr meine Mutter ſehn, 1 — —y— 8 2 259 ruft der Knabe, er geht hinein, und ein ſchoͤ⸗ nes Weib kommt ihnen entgegen. Sie ſteht vor Julius, ihre Wangen roͤthen ſich in hoͤherm Purpur, unwillkuͤhrlich entfaͤllt eine Thraͤne ih⸗ rem ſchoͤnen Auge— aber auch er fuͤhlt die Macht der Ueberraſchung— denn vor ihm ſteht Mienchen, eeinſt das ſchoͤne Baͤckermaͤdchen, jetzt Frau von Holm. Sie hatte, ſo erfuhr er nun, da des Maͤdchens erſte ſtille Wuͤnſche, durch ſeine Abreiſe, vereitelt wurden, einen woblha⸗ benden Oeconom die Hand gegeben, gute Wirth⸗ ſchaft, gluͤckliche Pachtung, eine einträͤgliche Hauptlieferung, hatten ihren Mann, vom Pach⸗ ter zum Herrn des Ritterguts, und um dem Verkaufsrechte vorzubeugen, zum Edelmann er⸗ hoben. Die Toͤchter der wohlhabenden Buͤrger Dres⸗ dens lernen fruͤhe die Pflichten der Haͤuslichkeit, des Fleißes und der Thätigkeit kennen, aber ſie genießen auch oft eine Erziehung, daß ſie, in jedem andern hoͤhern Stande, mit Ehre als Frau von Welt und Bildung glänzend auftreten koͤn⸗ nen. Eine ſolche war Mienchen. Sie machte ihrem jetzigen Stande wirklich Ehre, liebte ihren Gatten mit unverbruͤchlicher Treue, und war gluͤcklich, unausſprechlich gluͤcklich im Beſitze der liebenswuͤrdigſten Kinder,— dem Knaben hatte ſie den Namen Julius gegeben. 47* 260 Jaetzt reiſte ſie mit ihrem Eheherrn zu den Heil⸗Quellen von Teplitz. Bald ſchloß Fanisca mit ihr Freundſchaft, und beide freueten ſich der ſchoͤnen genußreichen Tage der dortigen Kurzeit. Wohlan, rief Fanisca, ſchon Morgen brechen wir auf. Sie ſendete ſofort einen Eilboten zur Beſtellung der Quartiere ab, und des andern Tages rollten die Wagen, nach dem von Fanisca gemachten Reiſeplan, auf der Straße uͤber Dip⸗ poldiswalda, Boͤhmens Grenze zu. —— Der Abend daͤmmerte, Zinnwalde iſt er⸗ reicht, die Grenze uͤberſchritten, die Wagen hal⸗ ten, ſie ſtehen am Zollhauſe. Der Mauthner tritt ihnen in feſtlicher Klei⸗ dung entgegen, an ſeiner Hand ſteht ſein Sohn, Bataillons⸗Arzt, Dr. Werner, derſelbe, den Julius in Asperns Schlacht als Freund und Retter kennen lernte. In der Stube des Mauth⸗ ners umwinden Blumen⸗Guirlanden das Frem⸗ den Eintrittsbuch des Jahres 1808, und auf⸗ geſchlagen iſt die Seite, auf welcher der Stu⸗ dent Julius und Obriſt Laszananski ſtehen. Weib! das iſt dein Werk! ruft der Ueberraſchte, ——— 261 und der Feuerkuß der Dankbarkeit brennt auf den Roſenlippen der laͤchelnden Gattin. Nun laßt uns weiter wandeln, ruft ſie, die Wagen ſind ſchon voraus. Sie alle gehen, und Ahnungen neuer, naͤherer Freuden erfuͤllen ihr Herz.—— Von den boͤhmiſchen Forſten her toͤnt ihnen der Inſtrumente Harmonie entgegen— immer naͤher, immer naͤher kommen ſie der Entſchei⸗ dung. Hier, hier war es, ruft Julius; von hier aus lenkte der Himmel mein Schickſal! und hier nehme er meinen Dank, ſpricht Fanisca und zeigt auf ein eben errichtetes Kreuz, das ſie zu Ehren ihrer einſtigen Rettung, auf dieſen Hoͤhen hatte errichten laſſen. Naͤher kommen jetzt der Toͤne Harmonien, ſie toͤnen des frommen Liedes Weiſe: Auf Gott, und nicht auf meinen Rath! alle Herzen ſchlagen in ſuͤßer Wehmuth Hochge— fühl, und aller Augen netzen Freudenthraͤnen. O! waͤren ſie alle— alle hier, die theuern Lie⸗ ben, o genoͤſſen ſie dieſes Augenblicks der beſeli⸗ genden Freude, ruft Julius— des Wiederſehns Olimpie, und ihr Herz ſchlaͤgt in lauten Schlaͤ⸗ gen,— und er iſt, Er iſt erſchienen! toͤnt 262 es aus des Forſtes Dunkel, und aus ihm hervor tritt Fuͤrſt Joſeph, der edle Majorat Un⸗ garns, gebraͤunet durch die Sonne Aſiens, jetzt ein vollendet ſchoͤner Mann.— Er naht Olim⸗ pien,— darf ich? fragt er.— Mehr als Wor⸗ 3 te, ſagt Olimpiens Blick, der Kuß des Wieder⸗ ſehns flammt, und die verwandten Herzen finden ſich, Mienchens Kinder aber treten jetzt(doch dies war Fanisca's Werk) wie Amor und Pſyche 3 in den Vordergrund, und umwinden mit duf⸗ b tenden Roſenguirlanden die Dreimal⸗Gluͤcklichen. Allen Freunden gleiches Gluͤck! ruft Julius, „ waͤren ſie alle hier.— Sie ſind's! ruft es wieder, und es treten aus des Forſtes Dunkel der alte Invaliden⸗Capitain(als den wackern Feld⸗ webel kennſt du ihn, lieber Leſer) und an ſeiner Seite ſein juͤngerer Camerad und nunmehriger Schwie⸗ gerſohn, Capitain X. mit dem Stelzfuß hervor. Ich bin geheilt, ruft jener Olimpien zu,— und zu Julius ſpricht er: Setzen Sie des Wundarz⸗ 2 tes ſcharfes Eiſen kuͤnftighin zu den Gegenmit⸗ teln der Herzenskrankheit, probatum est. Wie⸗ derſehen, wer ſchildert deine Hochgenuͤſſe,— hier ſollteſt du ſie erſchoͤpfen, denn zu den Heil⸗ quellen Teplizia's waran eben auch Major d' Hy- bernois, und der Legationsrath Iberiens am— im Feſte Alonco gekommen,— ſie hatten Joſephs ——— 2 263 Bekanntſchaft gemacht und dieſer ſie zu jener Freude ſeligen Genuß gefuͤhrt. Kuß und Gruß! und nun laßt uns froͤhlich ſeyn! ruft Fuͤrſt Alexius, und ſtimmt den ge⸗ muͤthlichen Geſang Kotzebue's, in ſeiner letzten ſchoͤnſten Strophe an: Und kommen wir wieder zuſammen, Begegnend auf unſerer Bahn, So knuͤpfen aus froͤhlichen Herzen Den froͤhlichen Anfang wir an. Alle ſingen, und der Toͤne Harmonien ſteigen wie ein heiliges Dankopfer zu dem, der nach der Pruͤfung dunklen Naͤchten immer der Hoffnung und der Freude Licht erſcheinen laͤßt. So ſchließe die Erzählung;— du aber, junger aͤrztlicher Leſer, wiſſe, daß, wenn auch des Arztes Gluͤck ſelten glaͤnzend erſcheint, daß des Bewußtſeyns goldner Friede nach treuer Pflicht⸗ erfuͤllung ihm die Ehre unverwelkliche Kraͤnze win⸗ det und ſein wahres Heil begruͤndet. Vom Verfaſſer dieſes Werks erſcheinen mit beginnender Curzeit dieſes Jahres: „Wanderungen zu den Heilquellen Sachſens ꝛc.“ — — — — — — — MnnDIIlnnLInnTnmnmnmnamn 11 AM.